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Kalifornien im Jahre 2025. Durch Psychodrogen aufgeputschte, marodierende Banden terrorisieren das Land; die meisten Menschen haben sich längst in kleine, nach außen abgeschottete Gemeinschaften zurückge- zogen. Lauren Olamina, eine junge schwarze Frau, macht sich auf die gefährliche Reise nach Norden entlang der Küste. Durch eine Erbkrankheit verfügt sie über die Gabe der Empathie: sie kann den Schmerz anderer Menschen spüren – und sie ermög- licht es ihr, jene unscheinbaren Veränderungen in der Gesell- schaft zu erkennen, die zu einer völlig neuen Form menschli- cher Zivilisation führen werd...
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Kalifornien im Jahre 2025. Durch Psychodrogen aufgeputschte, marodierende Banden terrorisieren das Land; die meisten Menschen haben sich längst in kleine, nach außen abgeschottete Gemeinschaften zurückge- zogen. Lauren Olamina, eine junge schwarze Frau, macht sich auf die gefährliche Reise nach Norden entlang der Küste. Durch eine Erbkrankheit verfügt sie über die Gabe der Empathie: sie kann den Schmerz anderer Menschen spüren – und sie ermög- licht es ihr, jene unscheinbaren Veränderungen in der Gesell- schaft zu erkennen, die zu einer völlig neuen Form menschli- cher Zivilisation führen werden., OCTAVIA E. BUTLER

Die Parabel

vom Sämann Roman Aus dem Amerikanischen von KURT BRACHARZ Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

, HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/5997 Titel der amerikanischen Originalausgabe PARABEL OF THE SOWER Deutsche Übersetzung von Kurt Bracharz Das Umschlagbild ist von doMANSKI Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1993 by Octavia E. Butler Erstausgabe 1993 by Four Walls Eight Windows, New York - London Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und Thomas Schlück, Literarische Agentur, Garbsen (#36822) Copyright © 1999 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München http://www.heyne.de Printed in Germany Mai 1999 Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Technische Betreuung: M. Spinola Satz: Schaber Satz- und Datentechnik, Wels Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-453-14896-7, Das Wunder ist in seinem Wesen Anpassungsfähigkeit und anhaltende positive Besessenheit. Ohne Beständigkeit bleibt nur eine augenblickliche Begeisterung übrig. Ohne Anpassungsfähigkeit kann das, was bleibt, in einen destruktiven Fanatismus münden. Ohne positive Besessenheit gibt es überhaupt nichts. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden von LAUREN OYA OLAMINA, Alles, was du berührst, veränderst du. Alles, was du änderst, verändert dich. Die einzige ewige Wahrheit ist der Wandel. Gott ist Wandel. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 20. Juli 2024 Vergangene Nacht hatte ich meinen wiederkehrenden Traum. Ich glaube, ich hätte ihn erwarten sollen. Er kommt zu mir, wenn ich kämpfe – wenn ich mich an meinem ganz persönli- chen Haken winde und so tue, als ob nichts Ungewöhnliches geschähe. Er kommt zu mir, wenn ich meines Vaters Tochter zu sein versuche. Heute ist unser Geburtstag – der fünfzehnte bei mir, der fünfundfünfzigste bei meinem Vater. Morgen werde ich versu- chen, ihm zu gefallen – ihm und der Gemeinde und Gott. Deshalb träumte ich in dieser Nacht etwas, das mich daran erinnern sollte, daß alles eine Lüge ist. Ich glaube, ich sollte über diesen Traum schreiben, weil mich diese Lüge so sehr bedrückt. ✳ ✳ ✳, Ich lerne fliegen, mich in die Luft zu erheben. Niemand bringt mir das bei. Ich lerne es ganz von selbst, in kleinen Schritten, Traumlektion nach Traumlektion. Keine sehr scharfsinnige Metapher, aber eine beharrliche. Ich hatte viele Lektionen und fliege jetzt besser als je zuvor. Ich vertraue dieser Fähigkeit nun mehr, aber ich habe immer noch Angst. Ich kann meine Rich- tung noch nicht gut kontrollieren. Ich lehne mich vorwärts, zum Türrahmen hin. Es ist ein Tür- rahmen wie der von meinem Zimmer zum Gang. Er scheint weit von mir entfernt zu sein, aber ich lehne an ihm. Indem ich meinen Körper steif und angespannt halte, lasse ich alles los, was ich bis dahin umklammert habe, was mich bis dahin vom Fliegen oder Fallen abgehalten hat. Und dann lehne ich in der Luft, biege und strecke mich nach oben, bewege mich nicht wirklich aufwärts, falle aber auch nicht hin. Dann beginnt die Bewegung, als glitte ich etwa einen Meter über dem Boden dahin, in einer Mischung aus Angst und Freude. Ich drifte zur Tür. Kühles; bleiches Licht kommt herein. Dann gleite ich ein bißchen nach rechts; und noch ein bißchen. Ich erkenne, daß ich die Tür verfehlen und neben ihr an die Wand prallen werde, aber ich kann nicht anhalten oder umdre- hen. Ich treibe von der Tür weg, weg vom diesem kühlen Glü- hen in ein anderes Licht. Vor mir brennt die Wand. Das Feuer ist aus dem Nichts ge- kommen, hat sich durch die Wand gefressen, beginnt nach mir zu greifen, erreicht mich. Das Feuer breitet sich aus. Ich gleite hinein. Es flammt um mich herum. Ich schlage um mich und kämpfe und versuche, herauszuschwimmen, fasse Händevoll Luft und Feuer, schlage mit den Beinen aus, brenne! Dunkel-, heit. Vielleicht erwache ich ein bißchen. Das geschieht manchmal, wenn mich das Feuer verschluckt. Das ist schlimm. Wenn ich völlig erwache, kann ich nicht mehr einschlafen. Ich versuche es, aber es gelingt mir nie. Diesmal wache ich nicht völlig auf. Ich gleite hinüber in den zweiten Teil des Traums – den gewöhnlichen, realen Teil, den Teil, der sich vor Jahren ereignete, als ich ein kleines Mädchen war, wobei das Geschehnis damals nicht bedeutsam schien. Dunkelheit. Dunkelheit, die heller wird. Sterne. Sterne verbreiten ihr kaltes, bleiches, glitzerndes Licht. »Als ich klein war, konnten wir nicht so viele Sterne sehen«, sagt meine Stiefmutter zu mir. Sie spricht Spanisch, ihre Mut- tersprache. Da steht sie, klein und ruhig, und blickt hinauf zu dem breiten Band der Milchstraße. Sie und ich, wir beide sind im Dunkeln hinausgegangen, um die Wäsche von der Leine zu nehmen. Der Tag war wie üblich heiß gewesen, und wir mögen beide die kühle Dunkelheit der jungen Nacht. Der Mond scheint nicht, aber wir können gut sehen. Der Himmel ist voller Sterne. Die Mauer der Nachbarschaft ist ein massiver, dräuender Schatten in der Nähe. Mir kommt sie vor wie ein geducktes Tier, das sich vielleicht zum Sprung vorbereitet, eher eine Bedrohung als ein Schutz. Aber meine Stiefmutter ist bei mir, und sie hat keine Angst. Ich halte mich nahe bei ihr. Ich bin sieben Jahre alt. Ich schaue hinauf zu den Sternen und zum tintenschwarzen, Himmel. »Wieso konntest du die Sterne nicht sehen?« frage ich sie. »Jeder kann sie sehen.« Ich spreche auch Spanisch, wie sie es mir beigebracht hat. Es schafft Vertrautheit. »Die Lichter der Städte«, sagt sie. »Elektrische Beleuchtung, Fortschritt, Wachstum, all das, wozu wir heute zu aufgeregt und zu arm sind.« Sie schweigt einen Moment. »Als ich in deinem Alter war, sagte mir meine Mutter, daß die Sterne – die paar, die wir sehen konnten – Fenster zum Himmel seien. Fenster für Gott, der hindurchblickte, um auf uns aufzupassen. Ich habe es ihr fast ein Jahr lang geglaubt.« Meine Stiefmutter gibt mir eine Armvoll Windeln von meinem jüngsten Bruder. Ich nehme sie und gehe damit zurück zum Haus, wo sie ihren großen gefloch- tenen Wäschekorb stehen gelassen hat, und staple die Windeln auf die anderen Kleider. Der Korb ist voll. Ich schaue, ob meine Stiefmutter mich nicht beobachtet, und lasse mich dann rück- wärts auf den weichen Berg steifer, sauberer Wäsche fallen. Einen Augenblick lang ist das Fallen wie Schweben. Ich liege dort und blicke zu den Sternen hinauf. Ich suche ein paar Sternbilder heraus und sage mir die Namen der Sterne, die sie bilden, vor. Ich habe sie aus einem Astronomiebuch gelernt, das der Mutter meines Vaters gehörte. Ich sehe den plötzlichen Lichtstreifen einer Sternschnuppe im Westen über den Himmel ziehen. Ich starre ihr nach, in der Hoffnung, eine zweite zu sehen. Dann ruft mich meine Stief- mutter, und ich gehe zurück zu ihr. »Es gibt auch jetzt elektrische Beleuchtung«, sage ich. »Sie macht die Sterne nicht unsichtbar.« Sie schüttelt den Kopf. »Es sind nirgendwo mehr so viele wie früher in der Nähe. Die Kinder heutzutage haben keine Ah-, nung, was für einen Glanz die Städte früher hatten – und das ist noch nicht so lange her.« »Mir sind die Sterne lieber«, sage ich. »Das Sternenlicht ist umsonst.« Sie zuckt die Achseln. »Ich hätte lieber die Lichter der Städte zurück, je schneller, desto besser. Aber die Sterne können wir uns leisten.«, Ein Gottesgeschenk wird unvorbereitete Finger versengen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Sonntag, 21. Juli 2024 Es ist mindestens drei Jahre her, daß der Gott meines Vaters aufhörte, mein Gott zu sein. Seine Kirche war nicht mehr meine Kirche. Aber weil ich ein Feigling bin, lasse ich mich heute in seine Kirche einführen. Ich lasse mich von meinem Vater in allen drei Namen eines Gottes taufen, der nicht mehr der meine ist. Mein Gott trägt einen anderen Namen. Wir sind heute morgen früh aufgestanden, weil wir zur Kir- che durch die ganze Stadt zu gehen hatten. An den meisten Sonntagen hält Vater in unseren vorderen Räumen Gottesdien- ste ab. Er ist ein Baptistenpfarrer, und wenn auch nicht alle Leute, die innerhalb der Mauern unserer Nachbarschaft woh- nen, Baptisten sind, so sind doch jene, die überhaupt in eine Kirche gehen wollen, froh, wenn sie zu uns kommen können. Auf diese Weise müssen sie nicht riskieren, hinauszugehen, wo alles verrückt und gefährlich geworden ist. Es ist schlimm genug, daß manche Menschen – unter anderen mein Vater – mindestens einmal pro Woche draußen zur Arbeit müssen. Zur Schule geht von uns niemand mehr. Die Erwachsenen werden, nervös, wenn Kinder hinaus wollen. Aber heute war ein besonderer Tag. Mein Vater hatte ein Ar- rangement mit einem anderen Priester getroffen – einem seiner Freunde, der noch ein richtiges Kirchengebäude mit einem richtigen Taufbecken besitzt. Dad hatte früher eine Kirche, die nur ein paar Blocks von unserer Mauer entfernt lag. Er hatte dort angefangen, bevor es so viele Mauern gab. Aber später hatten Obdachlose darin geschlafen, dann hatte es viele Male Raubüberfälle und Vanda- lenakte gegeben, und schließlich goß jemand in der Kirche und rundum Benzin aus und brannte sie nieder. Sieben Obdachlose, die darin die Nacht verbracht hatten, verbrannten mit. Aber Vaters Freund Reverend Robinson hatte es irgendwie geschafft, die Zerstörung seiner Kirche zu verhindern. Wir radelten an diesem Morgen hin – ich, zwei von meinen Brü- dern, vier Kinder aus der Nachbarschaft, die alt genug waren, um getauft zu werden, mein Vater und ein paar Erwachsene aus der Nachbarschaft, die Gewehre bei sich trugen. Alle Erwachse- nen waren bewaffnet. Das ist die Regel. Geh nur im Rudel aus, und geh bewaffnet. Die Alternative wäre die Taufe in der Badewanne daheim gewesen. Das wäre billiger und sicherer und mir recht gewesen. Ich hatte es auch gesagt, aber niemand hatte auf mich geachtet. Für die Erwachsenen war der Ausflug zu einer richtigen Kirche wie eine Erinnerung an die gute alte Zeit, als es überall Kirchen gab und viele Lichter und genügend Benzin für Fahrzeuge statt bloß für Fackeln. Deshalb lassen sie keine Gelegenheit verstrei- chen, sich an die gute alte Zeit zu erinnern, oder den Kindern zu sagen, wie großartig es werden wird, wenn das Land sich, wieder auf seine Hinterbeine erhebt und die guten Zeiten zurückkommen. Ja, ja, ja. Für uns Kinder – für die meisten jedenfalls – war der Ausflug nur ein Abenteuer, ein Vorwand, jenseits der Mauer zu sein. Wir würden pflichtgemäß oder als eine Art Versicherung getauft werden, aber die meisten hatten mit Religion nicht viel am Hut. Ich schon, aber ich habe eine andere Religion. »Warum eine Chance vergeben«, hatte Silvia Dunn vor ein paar Tagen zu mir gesagt. »Vielleicht ist was dran an all diesem Religionszeugs.« Ihre Eltern glaubten genau das, deshalb war sie jetzt mit von der Partie. Mein Bruder Keith, der ebenfalls dabei war, teilt keine mei- ner Überzeugungen. Es interessiert ihn überhaupt nicht. Vater wollte, daß er getauft wurde – also, warum nicht. Es gibt nicht viel, worüber sich Keith Gedanken macht. Er hängt gern mit seinen Freunden herum und tut so, als sei er erwachsen, indem er sich vor Arbeit, Schule und Kirche drückt. Dabei ist er erst zwölf, der älteste von meinen drei Brüdern. Ich mag ihn nicht besonders, aber er ist der Liebling meiner Stiefmutter. Drei kluge Söhne und ein dummer, und den Dummen mag sie am liebsten. Keith schaute mehr in der Gegend herum als jeder andere, während wir radelten. Seine Ambitionen, wenn man das so nennen kann, waren es, die Nachbarschaft zu verlassen und nach Los Angeles zu ziehen. Er äußert sich nie so richtig klar, was er dort vorhat. Er will einfach in die große Stadt und dort das große Geld machen. Nach Ansicht meines Vaters ist die große Stadt ein Kadaver voller Maden. Zu viele Maden. Ich, nehme an, er hat recht, obwohl nicht alle Maden in Los Angeles sind. Hier gibt es ebenfalls welche. Aber Maden sind üblicherweise keine Frühaufsteher. Wir fuhren an Menschen vorüber, die ausgestreckt auf den Gehstei- gen schliefen, aber die wenigen, die gerade aufwachten, beachte- ten uns nicht. Ich sah mindestens drei, die nicht aufwachen würden, niemals wieder. Einem fehlte der Kopf. Ich ertappte mich dabei, nach dem Kopf Ausschau zu halten. Danach ver- suchte ich, überhaupt nicht mehr umherzuschauen. Eine Frau, jung, nackt, schmutzig, stolperte neben uns dahin. Ich erhaschte einen Blick in ihr leeres Gesicht und erkannte, daß sie benommen oder betrunken oder sonstwas war. Vielleicht war sie so oft vergewaltigt worden, daß sie verrückt geworden war. Ich hatte Erzählungen von solchen Geschehnis- sen gehört. Vielleicht war sie auch nur völlig high von Drogen. Die Jungen in unserer Gruppe fielen fast von ihren Rädern, so sehr mußten sie glotzen. Was für wundervoll religiöse Gedan- ken würden sie jetzt eine Weile lang haben! Die nackte Frau beachtete uns nicht. Ich drehte mich nach ihr um, als wir vorbei waren, und sah, daß sie sich ins Gras vor einer Nachbarschaftsmauer hatte fallen lassen. Der größte Teil unserer Fahrt führte an einer Nachbar- schaftsmauer nach der anderen entlang; manche waren einen Block lang, andere zwei, manche fünf… Oben in den Hügeln gab es ummauerte Anwesen – große Häuser mit einer Anzahl kleiner wackliger Gebäude rundum, wo die Dienerschaft wohn- te. An so etwas kamen wir heute nicht vorbei. Tatsächlich passierten wir statt dessen ein paar Nachbarschaften, die so arm waren, daß ihre Mauern aus mörtellos aufeinandergeschichte-, ten Felsbrocken, Betontrümmern und Abfällen bestanden. Und dann gab es noch die jämmerlichen Wohnbezirke ohne Mau- ern. Die meisten Häuser waren völlig verkommen – abge- brannt, von Vandalen verwüstet, von Betrunkenen oder Rauschgiftsüchtigen benützt oder von obdachlosen Familien mit ihren schmutzigen, hohlwangigen, halbnackten Kindern besetzt. Diese Kinder waren hellwach an diesem Morgen und beobachteten uns. Die kleinen taten mir leid, aber die in mei- nem Alter oder älter machten mich nervös. Wir fahren in der Mitte der holprigen Straße, und die Kinder kommen aus den Häusern, stehen am Rinnstein und starren uns an. Sie stehen einfach da und starren. Ich glaube, wenn wir nur zwei oder drei wären, oder wenn sie unsere Waffen nicht sehen könnten, dann würden sie uns niederreißen und unsere Räder stehlen, unsere Kleider, unsere Schuhe, alles. Und dann? Vergewaltigung? Mord? Wir könnten enden wie diese nackte Frau, herumirrend, halb betäubt, vielleicht verletzt, gefährliche Aufmerksamkeit auf sich ziehend, bis sie sich etwas zum Anziehen stehlen konnte. Ich wünschte, wir hätten ihr etwas geben können. Meine Stiefmutter erzählte mir, daß sie und mein Vater ein- mal anhielten, um einer verletzten Frau zu helfen, worauf die Burschen, die die Frau verletzt hatten, hinter einer Wand her- vorsprangen und sie beinahe umgebracht hätten. Wir sind in Robledo – 20 Meilen von Los Angeles entfernt und, laut Vater, einst eine reiche, grüne, nicht ummauerte kleine Gemeinde, die er als junger Mann unbedingt hatte ver- lassen wollen. Wie jetzt Keith hatte er damals der Langeweile von Robledo zugunsten der Aufregungen einer großen Stadt entfliehen wollen. Damals war Los Angeles besser – weniger, tödlich. Er lebte 21 Jahre dort. Dann, im Jahr 2010, wurden seine Eltern ermordet, und er erbte ihr Haus. Wer auch immer es gewesen war, der sie umgebracht hatte, er raubte das Haus aus und zertrümmerte das Mobiliar, zündete aber nichts an. Damals gab es noch keine Nachbarschaftsmauer. Ein verrückter Gedanke, ohne eine schützende Mauer zu wohnen. Selbst in Robledo sind die meisten auf den Straßen lebenden Armen – Hausbesetzer, Säufer, Junkies, Obdachlose – gefährlich. Sie sind verzweifelt oder verrückt oder beides. Das genügt, um jemanden gefährlich zu machen. Schlimmer noch, sie haben miteinander Probleme. Sie ver- wunden einander an Ohren, Armen, Beinen… sie haben unbe- handelte Krankheiten und schwärende Wunden. Sie können kein Geld ausgeben für Waschwasser, und so haben auch die Unverletzten offene Stellen. Sie haben nicht genug zu essen, so daß sie unterernährt sind – oder sie essen schlechte Nahrungs- mittel und vergiften sich damit. Während ich radelte, versuchte ich, sie nicht zu sehen, aber es nützte nichts, ich konnte nicht vermeiden, daß ich einiges von ihrem umfassenden Elend mitkriegte. Ich kann eine Menge Schmerz aushalten, ohne durchzudre- hen. Ich hatte das lernen müssen. Aber heute fiel es mir schwer, in die Pedale zu treten und mit den anderen Schritt zu halten, wenn beinahe jeder, den ich sah, mich schlechter und schlechter fühlen ließ. Mein Vater drehte sich hin und wieder nach mir um. Er sagt immer: »Du kannst damit fertig werden. Du darfst einfach nicht nachgeben.« Er tut immer so, oder glaubt es vielleicht wirklich, daß mein Hypereinfühlungssyndrom etwas sei, das ich abschüt-, teln und vergessen könnte. Diese Teilnahme ist schließlich nichts Reales. Es ist keine Magie oder Außersinnliche Wahr- nehmung, was es mir ermöglicht, an Schmerz oder Freude anderer Menschen teilzunehmen. Es ist eine Illusion. Sogar ich gebe das zu. Mein Bruder Keith spielte oft den Verletzten, nur um zu sehen, wie ich an seinem angeblichen Schmerz teilhatte. Einmal benützte er rote Tinte zur Vortäuschung von Blut, um mich zum Bluten zu bringen. Damals war ich elf, und mir trat Blut durch die Haut aus, wenn ich jemanden bluten sah. Ich konnte nichts dagegen tun, und ich machte mir immer Sorgen, daß es mich an Menschen außerhalb meiner Familie ausliefern würde. Ich habe niemals mehr wegen jemand anderem geblutet, seit ich zwölf wurde und meine erste Periode hatte. War das eine Erleichterung! Ich wünschte nur, alles andere hätte sich damit auch verflüchtigt. Keith brachte mich mit diesem Trick nur einmal zum Bluten, und ich prügelte ihn dafür windelweich. Ich prügelte mich nicht oft, als ich klein war, weil es mir selbst so weh tat. Ich fühlte jeden Schlag, den ich austeilte, als empfinge ich ihn selbst. Wenn ich mich aber zum Kämpfen entschlossen hatte, wollte ich andere Kinder schlimmer verletzen, als es unter Kindern üblich ist. Ich brach Michael Talcott den Arm und Rubin Quintanilla die Nase. Silvia Dunn schlug ich vier Zähne aus. Sie hatten alle drei- oder viermal verdient, was ich ihnen verpaßte. Ich wurde dann jedesmal gezüchtigt, und ich nahm das übel. Es war schließlich eine doppelte Züchtigung, und mein Vater und meine Stiefmutter wußten es. Aber dieses Wissen hielt sie nicht ab. Ich nehme an, sie taten es, um die Eltern der anderen Kinder zufriedenzustellen. Auch als ich, Keith schlug, wußte ich, daß Cory oder Vater oder beide mich dafür züchtigen würden – schließlich war er mein armer kleiner Bruder. Deshalb mußte ich schauen, daß mein armer kleiner Bruder im voraus bekam, was ihm zustand. Was ich ihm antat, mußte der Mühe wert sein, trotz allem, was sie mir antun würden. Das war es auch. Wir bekamen es beide später von Vater – ich für das Prügeln eines jüngeren Kindes und Keith dafür, daß er es wagte, Famili- enangelegenheiten in die Öffentlichkeit zu bringen. Vater legt großen Wert auf Privatheit und auf Familienangelegenheiten. Es gibt eine ganze Anzahl von Dingen, auf die wir niemals außerhalb der Familie auch nur einen Hinweis fallen lassen dürfen. Dazu gehören in erster Linie alles über meine Mutter, meine Hypereinfühlung, und wie beides zusammenhängt. Mein Vater schämt sich für all das. Er ist Prediger, Professor und Dekan. Eine erste Ehefrau, die drogenabhängig war und eine Tochter, die davon einen Schaden davongetragen hat, sind nichts, worauf er stolz sein kann. Das ist ein Glück für mich. Die verletzlichste Person zu sein, die ich kenne, ist ganz sicher nichts, worauf ich stolz bin. Ich kann gar nichts tun ohne meine Hyperempfindlichkeit, ganz gleich, was Vater darüber denkt oder will oder wünscht. Ich fühle, was ich andere fühlen sehe oder was ich glaube, daß sie fühlen. Diese Hyperempathie, wie es die Ärzte nennen, ist für sie ein ›organisch bedingtes Wahnsyndrom‹. Große Scheiße! Es tut weh, das ist alles, was ich weiß. Dank Paracetco, der Weisheitspille, dem Einsteinpulver, der ganz besonderen Droge, die meine Mutter zu mißbrauchen beschloß, bevor meine, Geburt sie umbrachte, bin ich verrückt. Ich habe eine Menge Kummer, der nicht meiner und der nicht einmal real ist. Und der trotzdem weh tut. Ich sollte Freude und Schmerz teilen, aber es gibt nicht mehr viele Freuden, an denen ich teilnehmen könnte. So ungefähr das einzige Vergnügen, an dem mir die Teilnahme Freude macht, ist Sex. Ich empfange das Vergnügen des Burschen und mein eigenes. Es wäre mir fast lieber, wenn ich es nicht so spürte. Ich lebe in einer winzigen ummauerten Gemeinschaft wie in einem kugelförmigen Aquarium (und auf jeden Fall in einer Sackgas- se), und ich bin die Tochter eines Predigers. Es gibt eine deutli- che Grenze für das, was ich hinsichtlich Sex tun kann. Wie auch immer, meine Neurotransmitter sind irgendwie durcheinander und werden das auch bleiben. Aber ich komme über die Runden, solange andere Leute nicht darüber Bescheid wissen. Innerhalb unserer Nachbarschaftsmauer geht es mir okay. Diese Radfahrt war allerdings die Hölle. Ständig kamen und gingen die schlimmsten Empfindungen, die ich je gefühlt hatte – Schatten und Geister, Kniffe und Schläge unerwarteter Schmerzempfindungen. Wenn ich alte Verletzungen nicht zu lange ansehe, tun sie mir nicht allzu weh. Es gab einen kleinen Jungen, dessen Haut eine Masse großer roter Wunden war; ein Mann mit verschorf- tem Stumpf, wo seine rechte Hand sein sollte; ein kleines Mäd- chen, nackt, vielleicht sieben Jahre alt, dem das Blut an den bloßen Schenkeln herablief. Eine Frau mit geschwollenem, blutigem, zerschlagenem Gesicht… Ich muß sehr nervös gewirkt haben. Ich warf schnelle Blicke um mich wie ein Vogel, ließ meinen Blick nie länger auf jeman-, dem oder etwas ruhen als unbedingt nötig war, um zu sehen, daß sie nicht zu mir herliefen oder mit einem Gegenstand auf mich zielten. Vater mag aus meiner Miene etwas von dem herausgelesen haben, was ich fühlte. Ich versuche, nichts davon zu zeigen, aber er ist ganz gut darin, von meinem Gesichtsausdruck abzulesen. Die Leute sagen manchmal, ich sähe grimmig oder zornig aus. Besser, sie glauben das, als die Wahrheit zu ahnen. Besser, sie denken irgend etwas, als zu wissen, wie leicht ich zu verletzen bin. ✳ ✳ ✳ Vater hatte auf frischem, sauberem Trinkwasser für die Taufe bestanden. Natürlich konnte er sich das eigentlich nicht leisten. Wer hätte es gekonnt? Das war der andere Grund für die vier Extra-Kinder: Silvia Dunn, Hector Quintanilla, Curtis Talcott und Drew Balter, zusätzlich zu meinen Brüdern Keith und Marcus. Die Eltern dieser anderen Kinder hatten zur Deckung der Kosten beigetragen. Sie waren der Ansicht, eine richtige Taufe sei wichtig genug, Geld auszugeben und Risiken auf sich zu neh- men. Ich war die Älteste von allen, um ganze zwei Monate. Curtis war der nächste. So sehr ich es haßte, dabeizusein, noch mehr haßte ich, daß Curtis da war. Ich sorge mich mehr um ihn, als ich möchte. Ich mache mir Gedanken darüber, was er über mich denkt. Ich habe Angst, daß es mir eines Tages in der Öffentlichkeit raushängt, und er es sehen wird. Aber nicht heute., Als wir bei der befestigten Kirche ankamen, taten mir die Kiefermuskeln vom ständigen Anspannen weh, und ich war auch sonst erschöpft. Es waren nur fünf oder sechs Dutzend Leute zum Gottes- dienst erschienen – das wären genug gewesen, um die vorderen Räume unseres Hauses zu füllen und wie eine große Menge zu wirken. Aber in dieser Kirche mit ihrer Mauer und ihren Si- cherheitsschranken, ihrem Stacheldraht, ihrem großen leeren Innenraum und mit bewaffneten Wächtern sahen diese Leute wie ein zusammengewürfelter kleiner Haufen aus. Das war in Ordnung. Das letzte, was ich wollte, war ein großes Publikum, das mir möglicherweise heftigen Schmerz zufügen würde. Die Taufe verlief wie geplant. Sie schickten uns Kinder in die Toiletten (›Männer‹, ›Frauen‹, ›Bitte werfen Sie keinerlei Papier in die Toiletten‹, ›Wasser zur Reinigung im Kübel links unten‹), um uns zu entkleiden und weiße Überwürfe anzuziehen. Als wir bereit waren, führte uns Curtis' Vater in einen Vorraum, von dem aus wir die Predigt hören konnten – aus dem ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums und aus dem zweiten der Apostelgeschichte – und wo wir auf unseren Auftritt warteten. Ich kam als letzte dran. Ich nehme an, daß das eine Idee mei- nes Vaters war. Erst die Nachbarskinder, dann meine Brüder, dann ich. Aus Gründen, die mir nicht besonders sinnvoll schei- nen, glaubt mein Vater, ich brauchte mehr Demut. Mir scheint meine besondere biologische Demut – oder Demütigung – schon mehr als genug. Aber was soll's? Jemand muß der letzte sein. Ich wünschte nur, ich hätte genügend Mut aufgebracht, der ganzen Sache einfach zu entfliehen., »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Gei- stes…« Katholiken bringen das hinter sich, solange sie Babies sind. Ich wünschte, es wäre bei den Baptisten auch so. Ich wünschte mir beinahe, ich könnte glauben, daß es etwas Wichtiges sei, wie anscheinend eine Menge Leute glaubt, und mein Vater auch. Da mir das nicht gelang, wünschte ich, es wäre mir gleichgültig. Aber das ist es nicht. Die Vorstellung eines Gottes beschäftigt mich in diesen Tagen sehr. Ich schenke dem Beachtung, was andere Leute glauben – ob sie glauben, und wenn ja, an welche Art Gott. Keith sagt, Gott sei nur ein Trick der Erwachsenen, dich einzuschüchtern, damit du tust, was sie wollen. Das sagt er nicht, wenn Vater um uns ist, aber sonst oft genug. Er glaubt nur an das, was er sehen kann, aber er sieht sowieso nicht allzu viel, auch wenn es sich direkt vor ihm befindet. Ich schätzte, Vater würde dasselbe über mich sagen, wenn er wüßte, woran ich glaube. Vielleicht hätte er sogar damit recht. Aber es würde mich nicht davon abhalten, zu sehen, was ich sehe. Eine Menge Leute scheint an einen Guter-Vater-Gott oder einen Großer-Polizist-Gott oder einen Großer-König-Gott zu glauben. Sie glauben an eine Art Super-Person. Andere glauben, Gott sei ein anderes Wort für die Natur. Und Natur ist alles das, was sie nicht verstehen und kontrollieren können. Manche sagen, Gott sei ein Geist, eine Kraft, eine höchste Realität. Frag sieben Leute, was damit gemeint ist, und du wirst sieben verschiedene Antworten bekommen. Also, was ist dann Gott? Nur ein anderes Wort für das, was dich dazu bringt, dich für etwas Besonderes und für beschützt zu halten?, Da kam doch dieser große Frühjahrssturm aus dem Golf von Mexiko. Er fegte den Golf entlang und tötete Menschen von Florida bis Texas und tief nach Mexiko hinein. Bis jetzt weiß man von über 700 Toten. Durch einen einzigen Hurrikan. Und wie viele Menschen sind verwundet worden? Wie viele werden wegen der Ernteausfälle verhungern? Das ist die Natur. Ist das Gott? Die meisten Toten gab es unter den auf der Straße leben- den Menschen, die nirgendwohin flüchten konnten und die die Warnungen nicht mitkriegten, bevor es zu spät war, um einen sicheren Platz aufsuchen zu können. Und wo fänden sie über- haupt einen solchen Platz? Ist es eine Sünde, arm zu sein? Wir sind selbst beinahe arm. Es gibt immer weniger Arbeit für uns, je mehr von uns geboren werden, und immer mehr Kinder wachsen ohne jede Zukunft auf. Auf die eine oder andere Art werden wir alle irgendwann arm sein. Die Erwachsenen sagen, es würde besser werden, aber bisher war nichts davon zu be- merken. Wie wird Gott – der Gott meines Vaters – uns behan- deln, wenn wir arm sind? Gibt es überhaupt einen Gott? Wenn ja, kümmert er (sie? es?) sich überhaupt um uns? Deisten wie Benjamin Franklin und Thomas Jefferson glaubten, Gott sei etwas, das uns geschaf- fen hat, sich aber danach nicht mehr um uns kümmerte. »Fehlgeleitete«, sagte Vater, als ich ihn nach den Deisten fragte. »Die hätten mehr Glauben an das haben sollen, was ihnen die Bibel sagt.« Ich frage mich, ob die Menschen an der Golfküste noch ei- nen Glauben haben. Menschen haben früher während schreck- licher Desaster ihren Glauben behalten. Ich habe viel darüber gelesen. Wirklich sehr viel. Mein Lieblingsbuch in der Bibel ist, Hiob. Ich glaube, es sagt mehr über den Gott meines Vaters und Gottesvorstellungen im allgemeinen aus als irgend etwas ande- res, das ich gelesen habe. Im Buch Hiob sagt Gott, er habe alles geschaffen und wisse alles, so daß niemand das Recht habe, Fragen zu stellen, was er damit anfängt. Okay. Das haut hin. Dieser alttestamentarische Gott steht nicht in Widerspruch zum heutigen Geschehen. Aber er klingt wie Zeus – ein supermächtiger Mann, der mit seinem Spielzeug umgeht wie mein jüngster Bruder mit seinen Spiel- zeugsoldaten. Peng, peng! Sieben Soldaten fallen tot um. Wenn sie dir gehören, machst du die Regeln. Wen interessiert, was das Spielzeug davon hält. Lösch seine ganze Familie aus, und gib ihm eine neue. Spielzeugkinder sind wie Hiobs Kinder aus- tauschbar. Vielleicht ist Gott ein großes Kind, das mit seinen Sachen spielt. Wenn er das ist, was macht es dann aus, wenn 700 Leute in einem Hurrikan sterben – oder ob sieben Kinder in die Kirche gehen und in einen großen Tank teuren Wassers ge- taucht werden? Aber wie, wenn das alles falsch ist? Was, wenn Gott etwas ganz anderes ist?, Wir verehren Gott nicht. Wir erkennen und beachten Gott. Wir lernen von ihm. Mit Voraussicht und Arbeit formen wir Gott. Schließlich bringen wir Gott hervor. Wir passen uns an und halten durch, denn wir sind Erdensaat und Gott ist Wandel. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Dienstag, 30. Juli 2024 Eine Astronautin der Mars-Mission ist tödlich verunglückt. Etwas ging schief mit ihrem Schutzanzug, und die anderen Mitglieder ihres Teams konnten sie nicht rechtzeitig zurück in die Schleuse bringen, um sie zu retten. Die Leute hier in der Nachbarschaft sagen, sie hätte ja auf dem Mars nichts verloren gehabt. All dieses Geld, das für einen weiteren verrückten Mars- Trip verschwendet wird, während so viele Menschen sich weder Wasser noch Essen noch Unterkunft leisten können! ✳ ✳ ✳, Die Wasserkosten sind wieder gestiegen. In den Nachrichten hörte ich heute, daß wieder Wasserhausierer getötet worden sind. Diese Wanderhändler verkaufen Wasser an Hausbesetzer und an die Leute, die auf der Straße leben – und an die Men- schen, die noch ihre Heime haben, aber die Rechnungen der Stadtwerke nicht mehr zahlen können. Die Händler wurden mit durchgeschnittenen Kehlen gefunden, ihr Geld und ihre Hand- wagen sind gestohlen worden. Vater sagt, Wasser koste nun ein Mehrfaches von Benzin. Aber außer den Brandstiftern und den Reichen haben die meisten Leute den Einkauf von Benzin aufgegeben. Ich kenne niemanden, der noch ein benzingetrie- benes Auto, einen Laster oder ein Motorrad fährt. Solche Fahr- zeuge rosten in Zufahrten vor sich hin und werden wegen ihres Metalls und der Plastikteile kannibalisiert. Es ist sehr viel schwieriger, das Wasser aufzugeben. Die Mode hilft. Man sollte jetzt schmutzig sein. Wenn man sauber ist, macht man sich selbst zum Ziel. Die Leute glauben, man wolle angeben, besser sein, als sie es sind. Unter jüngeren Kindern ist Sauberkeit ein Vorwand, eine Schlägerei anzufan- gen. Cory will uns innerhalb der Nachbarschaft nicht dreckig herumlaufen lassen, aber wir haben alle schmutzige Kleider, um sie außerhalb der Mauer zu tragen. Sogar drinnen beschmieren sich meine Brüder sofort mit Dreck, sobald sie vom Haus wegkommen. Das ist besser, als ständig verprügelt zu werden. ✳ ✳ ✳, Heute fiel das große Mauerfenster-TV in der Nachbarschaft endgültig aus. Wir sahen die tote Astronautin inmitten all des roten Marsgesteins. Wir sahen ein staubtrockenes Reservoir und drei tote Wasserhändler mit ihren schmutzig-blauen Arm- bändern und halb abgeschnittenen Köpfen. Und wir sahen ganze Blocks mit Brettern vernagelter Gebäude in Los Angeles brennen. Natürlich würde niemand Wasser dafür verschwen- den, solche Brände zu löschen. Dann wurde das Fenster dunkel. Der Ton war schon seit Monaten immer wieder mal ausgefallen, aber das Bild war immer geblieben wie angekündigt – als blicke man durch ein großes, weit offenes Fenster. Die Familie Yannis hatte ein Geschäft daraus gemacht, Leute durch ihr Fenster sehen zu lassen. Vater sagte, diese Art unli- zensierten Geschäfts sei illegal, aber er ließ uns manchmal schauen gehen, weil er es für ungefährlich hielt und weil es den Yannis half. Eine ganze Anzahl von diesen Geschäftchen sind illegal, auch wenn sie niemanden verletzen und ein paar Haus- halte am Leben halten. Das Yannis-Fenster ist ungefähr so alt wie ich. Es nimmt die lange Westwand ihres Wohnzimmers ein. Sie mußten einen Haufen Geld gespart gehabt haben, als sie es anschafften. In den letzten Jahren verlangten sie Eintritt – wobei sie nur Leute aus der Nachbarschaft einließen – und verkauften Früchte, Säfte, Eichelbrot und Walnüsse. Sie fanden Mittel und Wege, jeden Überschuß aus ihrem Garten zu ver- kaufen. Sie zeigten Filme aus ihrer Videothek und ließen uns die Nachrichten ansehen, und was sonst auch immer im Fern- sehen kam. Von dem neuen Multisensory-Zeug konnten sie sich nichts leisten, und ihr altes Fenster hätte sowieso das meiste, gar nicht empfangen können. Sie hatten keine Realitätswesten, keine Berührungsringe und keine Kopf-Sets. Ihre Ausstattung war nur das flache, dünne Fenster. Alles, was uns jetzt geblieben ist, sind drei kleine, uralte, lau- sige TV-Geräte in der gesamten Nachbarschaft, ein paar Com- puter, die zur Arbeit gebraucht werden, und Radios. Jeder Haushalt hat zumindest noch ein funktionsfähiges Radio. Der Hauptteil unserer täglichen Information kommt aus dem Radio. Ich frage mich, was Mrs. Yannis jetzt tun wird. Ihre beiden Schwestern sind zu ihr gezogen, und weil sie arbeiten, geht vielleicht alles gut. Eine ist Apothekerin, die andere Kranken- schwester. Sie verdienen nicht viel, aber das Haus gehört ganz eindeutig Mrs. Yannis. Es war ihr Elternhaus. Alle drei Schwestern sind Witwen und haben zusammen zwölf Kinder, die alle jünger sind als ich. Vor zwei Jahren wurde Mr. Yannis, ein Zahnarzt, getötet, als er mit seinem Elektrorad von der ummauerten, bewachten Klinik, wo er arbeitete, nach Hause fuhr. Mrs. Yannis sagt, er sei in ein Kreuzfeuer geraten, wurde aus zwei Richtungen getroffen und dann noch von einem Schuß aus kurzer Distanz. Sein Rad wurde gestohlen. Die Polizei startete eine Untersuchung, kassierte ihre Gebühr und fand absolut nichts heraus. Auf diese Art werden ständig Leute umgebracht. Wenn es nicht unmittelbar vor einer Polizeistation passiert, findet man niemals Zeugen., Samstag, 3. August 2024 Die tote Astronautin wird zur Erde zurückgebracht werden. Sie wollte auf dem Mars bestattet werden. Das sagte sie, als ihr klar wurde, daß sie im Sterben lag. Sie sagte, der Mars sei das gewe- sen, was sie ihr ganzes Leben lang hatte haben wollen, und jetzt könnte sie für immer ein Teil davon werden. Aber der Sekretär für Astronautik sagt nein. Er sagt, ihr Kör- per könnte eine Kontamination darstellen. Was für ein Idiot! Kann er so dumm sein zu glauben, daß irgendwelche Mikro- organismen, die auf oder in ihrem Körper leben, in diesem kalten, dünnen, tödlichen Gespenst von Marsatmosphäre überleben und sich fortpflanzen könnten? Vielleicht kann er das. Sekretäre für Astronautik müssen nicht viel über Wissen- schaft wissen. Sie müssen sich in der Politik auskennen. Ihr Ressort ist das jüngste im Kabinett, und es kämpft bereits ums Überleben. Christopher Morphet Donner, einer der heurigen Präsidentschaftskandidaten, hat bereits versprochen, es nach einem Wahlsieg abzuschaffen. Mein Vater stimmt in diesem Punkt mit ihm überein. »Brot und Spiele«, sagt Vater, wenn Nachrichten über Raum- fahrt im Radio kommen. »Politiker und Großkonzerne be- kommen das Brot, und wir kriegen die Spiele.« »Im Raum könnte unsere Zukunft liegen«, sage ich. Ich glau- be das. Soweit es mich betrifft, gehören Erkundung und Koloni- sierung des Weltraums zu den wenigen aus dem vorigen Jahr- hundert übrig gebliebenen Dingen, die uns eher helfen als verletzen könnten. Es fällt natürlich schwer, das zu begreifen, wenn es außerhalb unserer Mauern so viel Leiden gibt., Vater schaut mich nur an und schüttelt den Kopf. »Du ver- stehst es nicht«, sagt er. »Du hast keine Ahnung, was für eine kriminelle Verschwendung von Geld und Zeit dieses sogenann- te Raumfahrtprogramm darstellt.« Er wird für Donner stim- men. Er ist die einzige mir bekannte Person, die überhaupt wählen geht. Die meisten Leute haben die Politiker abgeschrie- ben. Schließlich waren es die Politiker, die uns die Rückkehr zu Ruhm, Reichtum und Ordnung wie im zwanzigsten Jahrhun- dert versprochen haben, solange ich mich erinnern kann. Davon handelt in diesen Tagen das Raumfahrtprogramm, zumindest für die Politiker. He, wir können eine Raumstation betreiben, eine Mondbasis und bald eine Kolonie auf dem Mars. Das zeigt, daß wir immer noch eine große, in die Zukunft blickende Nation sind, oder etwa nicht? Yeah. Nun, wir sind überhaupt kaum noch eine Nation, aber ich bin trotzdem froh, daß wir noch im All präsent sind. He, wir müssen irgendwo anders hin als die Toilette hinunter. Es tut mir leid, daß die Astronautin aus dem von ihr gewähl- ten Himmel zurückkehren muß. Ihr Name war Alicia Catalina Godinez Leal. Sie war Chemikerin. Ich habe die Absicht, sie im Gedächtnis zu behalten. Ich glaube, sie kann eine Art Vorbild für mich sein. Sie gab ihr Leben für den Mars – bereitete sich vor, wurde Astronautin, kam in eine Marsmannschaft, flog zum Mars, begann über das Terraformen des Mars nachzudenken, begann mit der Einrichtung geschützter Orte, an denen Men- schen jetzt leben und arbeiten können… Der Mars ist ein Felsbrocken – kalt, leer, beinahe ohne Atmosphäre, tot. Und doch ist er in gewisser Hinsicht der Himmel. Wir können ihn, am Nachthimmel sehen, eine vollständige andere Welt, aber zu nahe, zu sehr in Griffweite der Menschen, die die Erde zu einer solchen Hölle gemacht haben. Montag, 12. August 2024 Mrs. Sims hat sich heute erschossen – oder besser gesagt, sie hat sich vor ein paar Tagen erschossen, und Cory und Vater haben sie heute gefunden. Cory war deshalb eine Weile lang etwas durchgedreht. Arme, scheinheilige, alte Mrs. Sims. Sie saß an jedem Sonn- tag in der Kirche in unseren Vorderräumen, hielt eine Groß- druckbibel in den Händen und respondierte laut: »Ja, Herr! Hallelujah! Dank sei dir, o Jesus! Amen!« Den Rest der Woche über nähte sie, flocht Körbe, kümmerte sich um ihren Garten, verkaufte daraus, was nur ging, kümmerte sich um Vorschul- kinder und richtete jeden aus, der nicht so heilig war, wie sie selbst zu sein glaubte. Sie war der einzige mir bekannte Mensch, der völlig allein lebte. Sie hatte ein ganzes großes Haus für sich selbst, weil sie und die Frau ihres einziges Sohnes einander haßten. Ihr Sohn und seine Familie waren arm, aber sie wollten nicht bei ihr wohnen. Zu schade. Eine ganze Anzahl von Leuten machten ihr auf tiefgehende, harte, häßliche Weise Angst. Sie mochte die Familie Hsu nicht, weil sie chinesisch-hispanisch war, und die ältere chinesische Generation noch buddhistisch ist. Sie wohnte viel längere Zeit, als ich am Leben bin, ein paar Türen von ihnen entfernt, aber für sie stammten die immer noch vom Saturn., ›Götzenanbeter‹ nannte sie sie, wenn sie nicht dabei waren. Wenigstens kümmerte sie sich genügend um Nachbarschaftsbe- ziehungen, um über sie hinter ihren Rücken zu tratschen. Sie brachten ihr Pfirsiche und Feigen und ein schönes Stück gutes Leinen, als sie letzten Monat beraubt worden war. Dieser Raubüberfall war Mrs. Sims' erste größere Tragödie. Drei Männer überkletterten die Nachbarschaftsmauer, indem sie den Stacheldraht und den Lazordraht auf ihrem Gipfel durchschnitten. Lazordraht ist ein schreckliches Zeug. Er ist so fein und so scharf, daß er die Flügel oder die Füße von Vögeln zerschneidet, die ihn entweder überhaupt nicht sehen, oder ihn doch sehen können und sich daraufsetzen wollen. Menschen hingegen finden immer einen Weg darüber oder darunter hindurch. Jeder brachte Mrs. Sims nach dem Raub Sachen, trotz ihrer Art. Essen, Kleider, Geld … Wir sammelten in der Kirche für sie. Die Räuber hatten sie gefesselt zurückgelassen – nachdem einer von ihnen sie vergewaltigt hatte. Eine alte Dame wie sie! Sie nahmen alle ihre Nahrungsmittel, ihren Schmuck, der einst ihrer Mutter gehört hatte, ihr ganzes Bargeld. Wie sich heraus- stellte, bewahrte sie es – alles, was sie hatte – in einer blauen Mixer-Rührschüssel oben in ihrem Küchenschrank auf. Arme, verrückte alte Frau. Sie kam dann zu meinem Vater, weinte und jammerte wegen des Raubes, weil sie sich jetzt nicht mehr die zusätzlichen Lebensmittel zur Ernte aus ihrem Garten kaufen können würde. Sie würde ihre Stadtwerkerechnungen und die bevorstehende Grundsteuer nicht zahlen können. Sie würde aus ihrem Haus geworfen und auf die Straße gesetzt werden! Sie würde verhungern!, Vater sagte ihr immer und immer wieder, daß die Kirche das nie geschehen lassen würde, aber sie glaubte ihm nicht. Sie jammerte immer weiter, daß sie jetzt eine Bettlerin sein würde, während Vater und Cory sie zu beruhigen versuchten. Das Komische daran war, daß sie auch uns nicht mochte, weil Vater hingegangen war und ›diese Mexikanerin Cory-a-zan‹ geheira- tet hatte. Es ist nicht so besonders schwierig, ›Corazon‹ zu sagen, wenn man das will. Die meisten nannten sie Cory oder Mrs. Olamina. Cory ließ sich nie anmerken, daß sie verletzt war. Sie und Mrs. Sims waren zuckersüß zueinander. Noch ein bißchen mehr Heuchelei um des lieben Friedens willen. Vorige Woche starben Mrs. Sims' Sohn, seine fünf Kinder, seine Frau, deren Bruder und dessen drei kleine Kinder in einem brennenden Haus – auf Grund von Brandstiftung. Das Haus des Sohnes war in einem nicht ummauerten Gebiet nord- östlich von unserem gelegen, näher an den Vorbergen. Es war keine üble Gegend, aber arm. Nackt. Eines Nachts zündete jemand das Haus an. Vielleicht war es ein Rachefeuer von einem Feind eines Familienmitglieds, oder vielleicht hat es auch nur ein Verrückter aus Spaß gelegt. Ich habe davon gehört, daß es eine neue illegale Droge gibt, die die Leute zum Feuerlegen veranlaßt. Wie auch immer, niemand weiß, wer es den Sims-Boyer- Familien angetan hat. Selbstverständlich hat auch niemand etwas gesehen. Und niemandem ist gelungen, das Haus zu verlassen. Das ist merkwürdig. Elf Menschen, und keiner hat es geschafft. Mrs. Sims hat sich vor ungefähr drei Tagen erschossen. Vater, sagte, er habe von den Cops gehört, daß es etwa drei Tage her sein muß. Das wäre also etwa zwei Tage gewesen, nachdem sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hat. Vater suchte sie heute morgen auf, weil sie gestern nicht in der Kirche gewesen war. Cory zwang sich zum Mitkommen, weil sie das für notwendig hielt. Ich wünschte, sie hätte das nicht getan. Für mich sind Leichen schrecklich. Sie stinken, und wenn sie alt genug sind, sind Maden darin. Aber was soll's? Sie sind ja tot. Sie leiden nicht, und wenn man sie lebend schon nicht mochte, warum sollte man sich dann über ihren Tod aufregen? Cory hat sich sehr aufgeregt. Sie sagt mir, ich solle nicht den Schmerz mit den Lebenden teilen, aber sie versuchte dasselbe mit den Toten. Ich habe über diese Mrs. Sims zu schreiben begonnen, weil sie sich selbst getötet hat. Das ist es, was mich aufregt. Wie Vater glaubte sie, daß man in der Hölle im ewigen Feuer brennt, wenn man sich selbst tötet. Sie glaubte wörtlich an alles, was in der Bibel steht. Und doch, als ihr alles zuviel wurde, entschied sie sich dafür, die gegenwärtige Pein hier gegen die ewige im Jenseits einzutauschen. Wie konnte sie das nur tun? Hat sie überhaupt an etwas geglaubt? Oder war alles nur Heuchelei? Aber vielleicht wurde sie auch nur verrückt, weil ihr Gott zu- viel von ihr verlangte. Sie war nicht Hiob. Wie viele Leute sind das im wirklichen Leben?, Samstag, 17. August 2024 Ich bringe Mrs. Sims nicht aus dem Kopf. Irgendwie haben sie und ihr Selbstmord sich mit der Astronautin, deren Tod und ihrer Vertreibung aus dem Himmel verknüpft. Ich muß über das schreiben, was ich glaube. Ich muß damit beginnen, daß ich die verstreuten Verse, die ich über Gott geschrieben habe, seit ich zwölf Jahre alt war, zusammensetze. Das meiste davon ist nicht sehr gut. Sie sagen, was ich sagen mußte, aber sie sagen es nicht sehr gut. Ein paar sind so, wie sie sein sollten. Sie bedrük- ken mich genauso wie die beiden Todesfälle. Ich versuche, mich hinter all der Arbeit zu verstecken, die hier für den Haushalt zu tun ist, für Vaters Kirche und für die Schule, in der Cory die Nachbarschaftskinder zu unterrichten versucht. Die Wahrheit ist, daß ich mir nicht sehr um all das Gedanken mache, aber es hält mich beschäftigt und macht mich müde, und deshalb schlafe ich die meiste Zeit traumlos. Und Vater strahlt über das ganze Gesicht, wenn die Leute ihm sagen, wie klug und fleißig ich bin. Ich liebe ihn. Er ist der beste Mensch, den ich kenne, und es bedeutet mir viel, was er denkt. Es wäre mir lieber, wenn es nicht so wäre, aber es ist nun einmal so. Was auch immer es wert sein mag – ich sage jetzt, was ich glaube. Ich habe viel Zeit gebraucht, um es zu verstehen, dann noch mehr Zeit mit Wörterbuch und Lexikon, um es richtig auszudrücken – genau so, wie es sein muß. Letztes Jahr habe ich es fünfundzwanzig oder dreißig Mal überarbeitet, in mäßigen, unzusammenhängenden Versionen. Dies hier ist die richtige, die wahre. Dies ist die eine, auf die ich immer zurückkomme:, Gott ist Macht – Unendlich, Unwiderstehlich, Unerforschlich, Indifferent. Und doch, Gott ist erreichbar – Trickster, Lehrer, Chaos, Lehm. Gott existiert, um geformt zu werden. Gott ist der Wandel. Das ist die buchstäbliche Wahrheit. Man kann Gott nicht widerstehen oder ihn aufhalten, aber man kann ihn formen und fokussieren. Das bedeutet, daß man zu Gott nicht beten muß. Fertige Gebete helfen dem Menschen nur bei der Tätigkeit des Betens und führen nur über die Stärkung und Fokussierung dieses Menschen zu einer Lösung. Wenn man daran gewöhnt ist, können sie in unserer wahren Beziehung zu Gott eine Hilfe sein. Sie helfen uns, Gott eine Gestalt zu geben und die Formen, in denen sich Gott uns dann zeigt, zu akzeptieren und mit ihnen zu arbeiten. Gott ist Macht, und am Ende setzt er sich durch. Aber wir können das Spiel zu unseren eigenen Gunsten ge- stalten, wenn wir verstehen, daß Gott existiert, um geformt zu werden, und daß er Gestalt annimmt, mit oder ohne unsere Voraussicht, mit oder ohne unsere Absicht., Das ist es, was ich weiß. Jedenfalls ist es einiges davon. Ich bin nicht wie Mrs. Sims. Ich bin nicht eine Art potentieller Hiob, lang leidend, unbeugsam, dann, am Ende, ziemlich demütig vor einem allwissenden Allmächtigen, oder aber zer- stört. Mein Gott liebt mich nicht und haßt mich nicht und wacht nicht über mich und kennt mich nicht einmal, und ich fühle weder Liebe noch Loyalität zu meinem Gott. Mein Gott existiert einfach nur. Vielleicht werde ich mehr so sein wie Alicia Leal, die Astro- nautin. Wie sie glaube ich an etwas, das meine sterbenden, abweisenden, in die Vergangenheit schauenden Leute brauchen. Ich habe es noch nicht. Ich weiß nicht einmal, wie ich weiter- machen muß. Ich werde es lernen müssen. Es macht mir Sor- gen, wie viele Dinge ich erst lernen muß. Wie kann ich sie lernen? Ist etwas von alldem real? Gefährliche Frage. Manchmal weiß ich keine Antwort. Ich zweifle an mir selbst. Ich zweifle an dem, was ich zu glauben wisse. Ich versuche es zu vergessen. Wenn es real ist, warum weiß es dann niemand anderer? Jeder weiß, daß Wandel un- ausweichlich ist. Vom Zweiten Gesetz der Thermodynamik bis zur Darwinschen Evolutionstheorie, von der buddhistischen Behauptung, daß nichts von Dauer ist und alles Leiden aus unserer Täuschung entsteht, daß es Bleibendes gäbe, bis zum dritten Kapitel des Predigers (»Alles hat seine Zeit…«) ist der Wandel ein Teil des Lebens, der Existenz, der allen gemeinsa- men Weisheit. Aber ich glaube nicht, daß wir realisieren, was das bedeutet. Wir haben noch nicht einmal damit begonnen, damit umzugehen., Wir leisten Lippendienst, indem wir zustimmen, als ob Zu- stimmung genug wäre. Dann machen wir uns daran, Übermen- schen zu erschaffen – Super-Eltern, Super-Könige und - Königinnen, Super-Cops –, damit sie unsere Götter sind und sich um uns kümmern – damit sie zwischen uns und Gott stehen. Aber Gott war immer bei uns, formte uns und wurde von uns geformt, auf keine bestimmte Art oder auf zu viele Weisen auf einmal, wie eine Amöbe – oder wie Krebs. Chaos. Aber auch wenn es so ist, warum kann ich dann nicht so handeln wie die anderen – das Offensichtliche ignorieren. Das Leben könnte ganz normal ablaufen. Das wäre ohnehin schon schwierig genug in dieser Welt. Aber diese Angelegenheit (diese Idee? diese Philosophie? neue Religion?) läßt mich nicht in Ruhe, läßt mich sie nicht vergessen, läßt mich nicht gehen. Vielleicht… vielleicht ist sie wie meine Teilhabe: Noch eine Seltsamkeit; noch eine verrück- te, tiefsitzende Täuschung, der ich erliege. Ich stecke tief drin- nen. Wenn es so weit ist, werde ich etwas dagegen unternehmen müssen. Trotz allem, was mein Vater mir dazu sagen oder antun wird, trotz der giftigen Verrottung der Welt außerhalb der Mauern, wohin ich vielleicht ins Exil gehen muß, werde ich etwas unternehmen müssen. Diese Realität macht mir Todesangst. Mittwoch, 6. November 2024 Präsident William Turner Smith hat die gestrige Wahl verloren. Christopher Charles Morpeth Donner ist unser neuer Präsident – gewählt, aber noch nicht ins Amt eingeführt. Was kommt auf, uns zu? Donner hat schon gesagt, daß er so bald wie möglich nach seiner Inauguration nächstes Jahr beginnen wird, die ›verschwenderischen, sinnlosen, unnötigen‹ Mond- und Mars- programme zurückzuschrauben. Programme im nahen Welt- raum rund um Telekommunikation und Experimente werden privatisiert werden – also verkauft. Außerdem hat Donner einen Plan, den Leuten Arbeit zu ge- ben. Er hofft auf Gesetzesänderungen, will die angeblich zu restriktiven Gesetze hinsichtlich Mindestgehältern, Umwelt- schutz und Arbeitsbedingungen abschaffen, um jene Unter- nehmer zu unterstützen, die bereit sind, Obdachlose anzustellen und ihnen Ausbildung, angemessene Unterkunft und Minimal- einkommen zu bieten. Ich frage mich, was da ›angemessen‹ heißt: Ein Haus oder eine Wohnung? Ein Zimmer? Ein Bett in einem Gemeinschafts- schlafraum? In einer Baracke? Ein Platz auf dem Gehsteig? Und was ist mit den Leuten mit großen Familien? Wird man sie nicht als schlechte Investitionen betrachten? Wird es nicht sinnvoller scheinen für die Unternehmen, Singles einzustellen, kinderlose Paare, oder bestenfalls noch Leute mit ein oder zwei Kindern? Das frage ich mich. Und wie soll das mit diesen vorübergehend suspendierten Gesetzen gehen? Wird es legal sein, die Leute zu vergiften, zu verstümmeln oder zu infizieren – solange man sie nur mit Essen, Wasser und einem Ort zum Sterben versieht? Vater hatte sich zuletzt entschlossen, doch nicht für Donner zu stimmen. Er gab seine Stimme überhaupt nicht ab. Er sagte, Politiker drehten ihm den Magen um., Intelligenz ist eine fortschreitende individuelle Anpassungsfähigkeit. Für Anpassungen, die eine intel- ligente Art möglicherweise in einer einzigen Genera- tion schafft, brauchen andere Arten viele Generationen selektiver Aufzucht und selektiven Sterbens. Aber Intelligenz ist anspruchsvoll. Wenn sie zufällig oder absichtlich mißgeleitet wird, kann sie ihre eigenen Orgien von Aufzucht und Sterben begünstigen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden, Eines von Gottes Opfern kann durch Anpassung mittels Lernen ein Partner von Gott werden. Eines von Gottes Opfern kann durch Voraussicht und Planung jemand werden, der Gott Form gibt. Oder: eines von Gottes Opfern kann durch Kurzsichtigkeit und Angst Gottes Opfer bleiben, Gottes Spielzeug, Gottes Beute. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 1. Februar 2025 Heute hatten wir einen Brand. Die Leute mögen sich noch so viel Sorgen um Feuer machen, die kleinen Kinder spielen damit, sobald sie es in die Hand bekommen. Wir hatten Glück bei diesem Brand. Amy Dunn, drei Jahre alt, legte ihn in der Garage ihrer Familie. Als das Feuer die Wand hinaufzuklettern begann, bekam Amy Angst und rannte ins Haus. Weil sie wußte, daß sie etwas Böses getan hatte, sagte sie niemandem etwas, sondern ver- steckte sich unter dem Bett ihrer Großmutter. Draußen brannte das trockene Holz der Garage schnell und, mit großer Hitzeentwicklung. Robin Balter sah den Rauch und läutete die Alarmglocke auf der Verkehrsinsel in unserer Straße. Robin ist erst zehn Jahre alt, aber ein kluges Kind – eine der besten Schülerinnen meiner Stiefmutter. Sie behielt kühlen Kopf. Wenn sie nicht die Leute alarmiert hätte, sobald sie den Rauch sah, hätte sich das Feuer ausbreiten können. Ich hörte die Glocke und rannte wie jeder andere hinaus, um zu sehen, was los war. Die Dunns wohnen gegenüber von uns, also konnte ich den Rauch nicht übersehen. Der Feueralarmplan funktionierte wie vorhergesehen. Die Erwachsenen erstickten das Feuer mit Gartenschläuchen, Schaufeln, nassen Handtüchern und Decken. Wer keinen Schlauch hatte, vernichtete Feuerzungen, indem er sie mit Erde bewarf. Jugendliche in meinem Alter halfen, wo sie gebraucht wurden, und verhinderten neue Feuer durch Funkenflug. Wir brachten unsere eigenen Kübel zum Füllen mit Wasser, Schau- feln, Decken und Handtücher mit. Wir waren viele, und wir hielten unsere Augen offen. Die sehr alten Leute paßten auf die kleinen Kinder auf, um sie aus dem Weg und aus der Gefahren- zone zu halten. Niemand vermißte Amy. Niemand hatte sie im Hinterhof der Dunns beobachtet, deshalb dachte auch niemand an sie. Ihre Großmutter fand sie später und holte die Wahrheit aus ihr heraus. Die Garage war total niedergebrannt. Edwin Dunn konnte ein bißchen von seinem Garten- und Tischlerwerkzeug retten, aber nicht viel. Der Grapefruit-Baum neben der Garage und die beiden Pfirsichbäume dahinter waren halb verbrannt, würden aber vielleicht überleben. Die Karotten, Kürbisse, Kohl- und, Kartoffelpflanzen waren zertrampelter Matsch. Natürlich rief niemand die Feuerwehr. Niemand würde die Feuerwehrgebühren dafür zahlen wollen, eine unbesetzte Gara- ge zu retten. Die meisten von unseren Haushalten konnten sich keine neuerliche große Rechnung leisten. Das Wasser, das man für das Löschen gebraucht hatte, würde schon schwerlich zu bezahlen sein. Ich frage mich, was aus der armen kleinen Amy Dunn wer- den wird. Niemand schert sich um sie. Ihre Familie füttert sie und säubert sie hin und wieder, aber sie lieben sie nicht, sie mögen sie nicht einmal. Ihre Mutter Tracy ist nur ein Jahr älter als ich. Sie war 13, als Amy geboren wurde. Sie war 12, als ihr 27 Jahre alter Onkel, der sie seit Jahren vergewaltigt hatte, sie auch noch schwängerte. Das Problem: Onkel Derek war ein großer, blonder, gutaus- sehender Mann, komisch und gescheit und allseits beliebt. Tracy war – und ist immer noch – schwerfällig, unansehnlich, mißgestimmt und schmutzig. Sogar wenn sie sich gerade gewa- schen hat, sieht sie fleckig und schmutzig aus. Ein Teil ihrer Probleme mag daher kommen, daß Onkel Derek sie seit Jahren vergewaltigt hat. Onkel Derek war der jüngste Bruder von Tracys Mutter, ihr Lieblingsbruder, aber als die Leute mitkrieg- ten, was er getan hatte, kamen die Männer aus der Nachbar- schaft zusammen und schlugen vor, er solle wegziehen. Sie wollten ihn nicht in der Nähe ihrer Töchter haben. Irrational wie immer, gab Tracys Mutter Tracy die Schuld an seinem Exil und ihrer eigenen Lage. Nicht viele Mädchen aus der Nachbar- schaft kriegen Kinder, bevor sie einen Jungen zu meinem Vater geschleppt haben und von ihm in den heiligen Stand der Ehe, versetzt worden sind. Aber es war keiner da, der Tracy geheira- tet hätte, und kein Geld für pränatale Vorsorge oder für eine Abtreibung. Und die arme Amy wurde mehr und mehr wie Tracy, als sie heranwuchs: mager und fleckig mit dünnen, strähnigen Haaren. Ich glaube nicht, daß sie jemals hübsch werden wird. Tracys mütterliche Instinkte funktionierten nicht, und ich bezweifle, daß ihre eigene Mutter, Christmas Dunn, welche hatte. Die Familie Dunn gilt als verrückt. Sechzehn Familien- mitglieder leben im Haus der Dunns, und mindestens ein Drittel ist nicht richtig im Kopf. Aber Amy ist nicht verrückt. Noch nicht. Sie ist vernachlässigt und einsam, und wie jedes kleine Kind, das zu viel alleingelassen wird, findet sie Wege, sich selbst zu unterhalten. Ich habe nie gesehen, daß jemand Amy geschlagen oder an- geschrien hätte oder sonst etwas. Die Dunns achten darauf, was die Umgebung von ihnen hält. Aber andererseits kümmert sich auch niemand jemals um Amy. Sie verbringt die meiste Zeit damit, allein im Dreck zu spielen. Sie ißt den Dreck und alles, was sie darin findet, Käfer eingeschlossen. Aber es ist noch nicht lange her, daß ich sie rein aus Neugier mit nach Hause nahm, sie säuberte, ihr das Alphabet beibrachte und ihr zeigte, wie man ihren Namen schreibt. Ihr gefiel das sehr. Sie ist ein hungriges, begabtes kleines Kind und liebt Zuwendung. Heute abend fragte ich Cory, ob Amy früher mit dem Schul- besuch beginnen könnte. Cory nimmt Kinder nicht, bevor sie annähernd fünf Jahre alt sind, aber sie sagte, sie würde Amy aufnehmen, wenn ich mich um sie kümmern würde. Ich habe das erwartet, und es freut mich nicht. Ich helfe ohnehin schon, bei den Fünf- und Sechsjährigen. Ich kümmere mich um kleine Kinder, seit ich selbst eines war, und ich habe es allmählich satt. Aber ich glaube auch, daß Amy, wenn sich jetzt niemand um sie kümmert, eines Tages etwas sehr viel Schlimmeres tun wird, als nur die Garage der Familie niederzubrennen. Mittwoch, 19. Februar 2025 Einige Verwandte der alten Mrs. Sims haben ihr Haus geerbt. Sie können sich glücklich schätzen, daß da noch ein Haus zum Erben ist. Gäbe es nicht unsere Mauer, wäre das Haus ausge- plündert, besetzt oder niedergebrannt worden, sobald niemand mehr darin wohnte. So aber holten nur alle Leute sich zurück, was sie Mrs. Sims gegeben hatten, nachdem sie beraubt worden war, und alles, was sie an Lebensmitteln im Haus hatte. Es hat keinen Sinn, das Essen verderben zu lassen. Ihre Möbel, Teppi- che oder sonstigen Einrichtungsgegenstände holten wir nicht. Wir hätten das tun können, ließen es aber. Wir sind keine Diebe. Wardell Parrish und Rosalee Payne sahen das nicht so. Beide sind kleine, rostfarbene, mürrisch aussehende Menschen wie Mrs. Sims. Sie sind die Kinder eines Vetters ersten Grades, mit dem Mrs. Sims Kontakt und gute Beziehungen hatte halten können. Wardell Parrish ist zweifach verwitwet und ohne Kinder, Rosalee Payne einmal, mit sieben Kindern. Sie sind nicht nur Bruder und Schwester, sondern Zwillinge. Vielleicht können sie einander deshalb ertragen. Mit jemand anderem würden sie es wirklich nicht aushalten. Sie sind heute hier eingezogen. Sie waren vorher schon ein, paarmal dagewesen, um sich das Haus anzusehen, und ich nehme an, es muß ihnen besser gefallen haben als das Haus ihrer Eltern. Dort wohnten sie mit 18 anderen Leuten zusam- men. Ich war in der Bude mit meiner Klasse kleinerer Kinder beschäftigt, deshalb habe ich sie bis heute nicht getroffen, aber ich habe Vater mit ihnen sprechen gehört – hörte, wie sie in unserem Wohnzimmer saßen und uns beschuldigten, Mrs. Sims' Haus vor ihrer Ankunft ausgeschlachtet zu haben. Vater blieb ruhig. »Sie wissen, daß sie einen Monat vor ihrem Tod beraubt wurde«, sagte er. »Sie können das bei der Polizei nachprüfen – wenn Sie das nicht schon getan haben. Seit da- mals hat die Gemeinde das Haus beschützt. Wir haben es weder verwendet noch Gegenstände daraus entfernt. Wenn Sie mit uns leben wollen, sollten Sie das begreifen. Wir helfen hier einander und bestehlen uns nicht.« »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so etwas sagen würden«, murmelte Wardell Parrish. Seine Schwester fiel ihm ins Wort, bevor er mehr sagen konnte. »Wir beschuldigen niemanden wegen gar nichts«, log sie. »Wir haben uns nur gefragt… Wir wußten, daß unsere Cousine Marjorie einige sehr schöne Dinge besaß – Schmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte… sehr wertvoll…« »Sprechen Sie mit der Polizei«, sagte Vater. »Ja, sicher, ich weiß, aber…« »Dies ist eine kleine Gemeinde«, sagte mein Vater. »Wir kennen uns alle, und wir hängen voneinander ab.« Es gab eine Pause. Vielleicht begriffen die Zwillinge, was er ihnen sagte. »Wir sind nicht besonders sozial«, sagte Wardell Parrish., »Wir kümmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten.« Wieder unterbrach ihn seine Schwester, bevor er weiterreden konnte. »Ich bin sicher, daß alles in Ordnung kommt«, sagte sie. »Ich bin sicher, daß wir gut miteinander auskommen werden.« Ich mochte sie nicht, als ich das hörte. Ich mochte sie noch weniger, als ich sie persönlich traf. Sie sahen uns an, als würden wir stinken und sie nicht. Es spielt natürlich keine Rolle, ob ich sie mag oder nicht. Es gibt noch andere Leute in der Nachbar- schaft, die ich auch nicht mag. Aber den Payne-Parrishes traue ich nicht über den Weg. Die Kinder scheinen okay zu sein, aber die Alten… von denen möchte ich nicht abhängig sein. Nicht einmal in ganz kleinen Angelegenheiten. Payne und Parrish. Wie gut ihre Namen passen! Samstag, 22. Februar 2025 Wir gerieten heute an ein Rudel verwilderter Hunde. Wir waren zum Schießtraining in die Hügel gestiegen – ich, mein Vater, Joanne Garfield, ihr Cousin und Freund Harold – Harry – Balter, mein Freund Curtis Talcott, sein Bruder Michael, Aura Moss und ihr Bruder Peter. Unser zweiter erwachsener Schutz- engel war Joannes Vater Jay. Er ist ein guter Kumpel und ein guter Schütze. Vater arbeitet gern mit ihm, obwohl es manch- mal Probleme gibt. Die Garfields und die Balters sind Weiße, und der Rest von uns ist schwarz. Das kann in diesen Tagen gefährlich sein. Auf den Straßen wird erwartet, daß die Men- schen jeden fürchten und hassen, der nicht von ihrer eigenen Verwandtschaft ist, aber da wir alle bewaffnet und achtsam waren, starrten uns die Leute nur an, ließen uns aber in Ruhe., Unsere Nachbarschaft ist zu klein für diese Art Spielchen. Zunächst lief alles wie üblich ab. Die Talcotts begannen erst untereinander zu streiten, dann mit den Mosses. Die Mosses schieben immer die Schuld für alles, was sie falsch machen, auf andere, deshalb sind sie mit den meisten von uns ständig zer- stritten. Peter Moss ist der Schlimmste, weil er immer seinen Vater nachzuahmen versucht, und sein Vater ist ein komplettes Arschloch. Er hat drei Frauen. Gleichzeitig. Karen, Nathalie und Zahra. Alle haben alle Kinder von ihm, Zahra, die jüngste und hübscheste, allerdings nur eines. Karen ist diejenige mit der Heiratsurkunde, aber sie ließ zu, daß er erst eine, dann noch eine andere neue Frau ins Haus brachte und als seine Gattinnen bezeichnete. Ich schätze, so wie die Dinge liegen, nahm sie an, sie könne es nicht allein mit ihren drei Kindern schaffen, als er Natalie brachte, und mit fünf, als er Zahra fand. Die Mosses kommen nicht zur Kirche. Richard Moss hat sich seine eigene Religion zusammengebastelt – eine Kombination aus Altem Testament und historischen westafrikanischen Praktiken. Er behauptet, daß Gott die Männer als Patriarchen will, als Herrscher und Beschützer ihrer Frauen und Väter von so vielen Kindern wie möglich. Er arbeitet als Ingenieur für eine der großen kommerziellen Wassergesellschaften, deshalb kann er es sich leisten, schöne, junge, obdachlose Frauen aufzulesen und mit ihnen in polygynen Gemeinschaften zu leben. Er könnte zwanzig Frauen auftun, wenn er sie durchfüttern könn- te. Wie ich gehört habe, passieren solche Sachen in vielen anderen Nachbarschaften. Einige Männer aus der Mittelklasse beweisen sich als Männer, indem sie mit einer Menge Frauen in zeitweiliger oder dauernder Gemeinschaft zusammenleben., Einige Männer aus der Oberklasse beweisen sich als Männer, indem sie eine Ehefrau haben und daneben eine Anzahl junger, verfügbarer, hübscher Dienerinnen. Ekelhaft. Wenn die Mäd- chen schwanger werden und ihre Arbeitgeber sie nicht mehr behalten wollen, setzen die Ehefrauen sie auf die Straße, wo sie verhungern können. Soll das die Zukunft sein, frage ich mich. Ist das die Zukunft: Eine große Anzahl von Menschen befinden sich entweder in einer Sklaverei à la Präsident Donner oder in einer Sklaverei à la Richard Moss. Wir fuhren mit unseren Rädern die River Street aufwärts bis über die letzte Nachbarschaftsmauer hinaus, an den letzten unummauerten Ruinen vorbei, dann über zerrissenen Asphalt vorüber an den Lumpen- und Fetzenhütten der Siedler und Obdachlosen, die uns in ihrer schrecklichen, leeren Art anstarr- ten, und zuletzt auf einer schmutzigen Straße in die Hügel hinein. Schließlich stiegen wir von den Rädern ab und schoben sie den engen Weg in einen der Canyons hinab, den wir zu Zielübungen benutzten. Es sah alles okay aus, aber wir mußten immer vorsichtig sein. Die Leute benützen die Canyons für alles mögliche. Wenn wir Leichen in einem finden, bleiben wir eine Weile weg. Vater versucht, uns von dem, was in der Welt vor- geht, abzuschirmen, aber das funktioniert natürlich nicht. Da er das weiß, versucht er, uns in Selbstschutz zu unterrichten. Die meisten von uns haben zu Hause mit Luftdruckgewehren und selbstgemachten Zielscheiben geübt, oder auf Vögel und Eichhörnchen geschossen. Ich habe das alles auch gemacht. Ich bin ein guter Schütze, aber ich mag nicht auf Vögel oder Eich- hörnchen schießen. Vater war es, der darauf bestand, daß ich es, tat. Er sagte, bewegliche Ziele seien gut für meine Übung. Ich glaube, es steckte mehr dahinter. Er wollte wohl sehen, ob ich dazu in der Lage war oder nicht – ob das Töten eines Vogels oder eines Eichhörnchens meine Supereinfühlung auslösen würde. Das tat es nicht. Ich mochte es nicht, aber es tat nicht weh. Es fühlte sich an wie ein großer, weicher, seltsamer Phantom- schlag, als würde man von einem großen Ball aus Luft getroffen, aber ohne Kühle, ohne das Gefühl von einem Wind. Dieser Schlag war etwas härter – aber immer noch weich – bei den Eichhörnchen oder manchmal auch Ratten als bei den Vögeln. Alle drei mußten getötet werden. Sie fraßen unser Essen oder ruinierten es. Baumfrüchte fielen ihnen besonders zum Opfer: Pfirsiche, Pflaumen, Feigen, Kakis, Nüsse… was auch immer wir anpflanzten, wenn sie drankommen konnten, taten sie es auch. Vögel sind ein besondere Pest, weil sie fliegen können, aber ich mag sie trotzdem. Ich beneide sie um ihre Fähigkeit zum Fliegen. Manchmal stehe ich auf und gehe in der Morgen- dämmerung hinaus, um sie beobachten zu können, ohne sie zu erschrecken oder abschießen zu müssen. Jetzt, wo ich alt genug bin, um am Samstag zum Schießtraining mitzugehen, werde ich keine Vögel mehr schießen, ganz gleich, was Vater sagt. Neben- bei bemerkt – daß ich auf einen Vogel oder ein Eichhörnchen schießen kann, bedeutet nicht, daß ich auf einen Menschen schießen könnte – beispielsweise auf einen Dieb wie den, der Mrs. Sims beraubte. Ich weiß nicht, ob ich es tun könnte. Und wenn, dann wüßte ich nicht, was mit mir geschieht. Würde ich sterben? ✳ ✳ ✳, Es liegt an meinem Vater, daß wir so viel Aufmerksamkeit auf Waffen und Schießen verwenden. Wann immer er die Nach- barschaft verläßt, trägt er eine Neun-Millimeter-Automatic bei sich. Er trägt sie auf der Hüfte, wo die Leute sie sehen können. Er sagt, das verhindere Fehlentscheidungen. Bewaffnete werden getötet – oft in Kreuzfeuern oder von Scharfschützen –, aber Unbewaffnete werden noch viel öfter getötet. Vater hat auch eine schallgedämpfte Neun-Millimeter- Maschinenpistole. Sie bleibt zu Hause bei Cory, falls dort etwas passiert, während er weg ist. Beide Waffen sind deutscher Herkunft – Heckler & Koch. Vater hat nie erzählt, wo er die Maschinenpistole her hat. Da sie natürlich illegal ist, werfe ich ihm das nicht vor. Sie muß eine Menge gekostet haben. Er hat sie nur ein paarmal von zu Hause mitgenommen, damit er, Cory und ich ein Gefühl dafür kriegen konnten. Wenn die Jungen älter sind, wird er dasselbe für sie tun. Cory hat einen alten 38er Revolver von Smith & Wesson, mit dem sie ganz gut ist. Sie besaß ihn schon, bevor sie Vater heira- tete. Heute hatte sie ihn mir geliehen. Unsere Waffen sind nicht die neuesten und besten in der Nachbarschaft, aber sie funktio- nieren. Vater und Cory halten sie in gutem Zustand. Ich muß jetzt dabei helfen. Und sie wenden die nötige Zeit für das Üben und das Geld für die Munition auf. Bei Nachbarschaftstreffen drängt Vater die Erwachsenen immer, daß jeder Haushalt eigene Waffen haben, sie pflegen und mit ihnen umgehen können sollte. »So gut mit ihnen umgehen können«, sagte er mehr als einmal, »daß man sich damit um zwei in der Früh ebenso gut verteidigen kann wie um zwei Uhr nachmittags.«, Anfänglich sprachen sich ein paar Nachbarn dagegen aus – ältere Leute, die meinten, es sei Sache der Polizei, sie zu vertei- digen, Junge, die Angst hatten, ihre kleinen Kinder könnten die Waffen finden, und Religiöse, die der Ansicht waren, ein Predi- ger sollte keine Waffen haben. Aber das ist jetzt schon einige Jahre her. Mein Vater sagte zu ihnen: »Die Polizei kann euch vielleicht rächen, aber nicht verteidigen. Es wird immer schlimmer. Und was eure Kinder betrifft… nun ja, da gibt es ein Risiko. Aber ihr könnt eure Waffen außerhalb ihrer Reichweite aufbewahren, solange sie klein sind, und später könnt ihr sie trainieren. Genau das solltet ihr meiner Meinung nach tun. Ich glaube, sie haben eine bessere Chance, aufzuwachsen, wenn ihr sie vertei- digen könnt. Ich werde zwischen meiner Familie und einem Eindringling stehen, solange ich das tun kann.« Er machte eine Pause. »Das ist das, was ich zu tun vorhabe. Und ihr tut alle, was ihr tun müßt.« Mittlerweile gibt es mindestens zwei Waffen in jedem Haus- halt. Vater sagt, er habe den Verdacht, manche seien so gut verborgen – wie die von Mrs. Sims –, daß sie im Notfall nicht verfügbar wären. An diesem Problem arbeitet er jetzt. Alle Kinder, die die Schule in unserem Haus besuchen, wer- den im richtigen Umgang mit Waffen unterrichtet. Wenn das vorüber ist und sie fünfzehn sind, nehmen zwei oder drei Er- wachsene aus der Nachbarschaft sie zu Zielübungen in die Hügel mit. Das ist eine Art Initiation für uns. Mein Bruder Keith stimmt immer ein großes Gejammer an, wenn jemand eine Schützengruppe zusammenstellt, aber die Altersregel wird strikt eingehalten., Ich mache mir Sorgen darüber, wie Keith an eine Waffe he- ranzukommen versucht. Vater scheint diese Sorge nicht zu haben, ich aber schon. ✳ ✳ ✳ Es gibt immer ein paar Gruppen Obdachloser und ein paar Rudel verwilderter Hunde jenseits der letzten Hütten im Vor- gebirge. Die Menschen und die Hunde jagen Kaninchen, Opos- sums, Eichhörnchen und einander. Beide beseitigen Aas. Die Hunde gehörten den Menschen – zumindest ihre Vorfahren. Aber Hunde sind Fleischfresser. Heute würde niemand von den Armen oder aus der Mittelklasse ein verzehrbares Stück Fleisch einem Hund geben. Die Reichen halten sich immer noch Hun- de, entweder weil sie sie mögen, oder sie verwenden sie als Schutz für Grundstücke, Häuser und Geschäftsräume. Die Reichen haben jede Menge Sicherheitseinrichtungen, aber die Hunde sind eine Extraversicherung. Hunde machen Menschen Angst. Ich war heute gerade am Schießen, lehnte gegen einen Fels- brocken und beobachtete andere beim Schießen, als ich einen Hund in der Nähe entdeckte, der mich beobachtete. Es war nur ein einziger Hund – ein Männchen, gelbbraun, mit spitzen Ohren und kurzhaarig. Er war nicht groß genug, um mich als Mahlzeit betrachten zu können, und ich hatte ja meine Smith & Wesson, deshalb sah ich ihn mir genau an, während er mich betrachtete. Er war dünn, sah aber nicht verhungert aus. Er wirkte wendig und neugierig. Er schnüffelte, und mir fiel ein, daß sich Hunde eher am Geruch orientieren als mit dem Ge-, sichtssinn. »Sieh mal dorthin«, sagt ich zu Joanne Garfield, die in der Nähe stand. Sie wandte den Kopf, schnappte hörbar nach Luft und richte- te ihre Waffe auf den Hund. Der verschwand zwischen Büschen und Felsen. Joanne drehte sich um die eigene Achse und blickte herum, als erwarte sie, noch mehr Hunde zu sehen, die uns belauerten, aber es waren keine da. Sie zitterte. »Tut mir leid«, sagte ich. »Ich wußte nicht, daß du vor ihnen Angst hast.« Sie atmete tief ein und schaute dorthin, wo vorher der Hund gewesen war. »Ich habe es auch nicht gewußt«, flüsterte sie. »Ich bin nie zuvor einem so nahe gekommen. Ich… ich wünschte, ich hätte ihn mir genauer angesehen.« In diesem Moment schrie Aura Moss auf und feuerte die Llama Automatic ihres Vaters ab. Ich sprang von dem Felsen weg und drehte mich um. Aura zeigte laut jammernd mit der Waffe auf eine Felsgruppe. »Es war da drüben!« rief sie, wobei sich ihre Worte über- stürzten. »Irgendein Tier – schmutziggelb mit großen Zähnen. Es hatte das Maul offen. Es war riesengroß!« »Du blöde Kuh, du hättest beinahe mich erschossen!« schrie Michael Talcott. Jetzt sah ich, daß er sich hinter einen Felsen geduckt hatte. Er mußte in Auras Feuerlinie gewesen sein, schien aber nicht verwundet. »Tu die Waffe weg, Aura«, sagte mein Vater. Er sprach ruhig, war aber wütend. Ich merkte es, Aura vielleicht nicht. »Da war ein Tier«, beharrte sie. »Ein großes. Es könnte im- mer noch da sein.«, »Aura!« Mein Vater sprach lauter und härter. Aura sah ihn an und kapierte, daß sie sich um mehr als nur wegen des Hundes Sorgen machen mußte. Sie sah die Waffe in ihrer Hand an, runzelte die Stirn, legte den Sicherungshebel um und steckte die Pistole in den Holster zurück. »Mike?« fragte mein Vater. »Ich bin okay«, sagte Michael Talcott. »Aber das liegt nicht an ihr!« »Es war nicht mein Fehler«, sagte Aura wie auf Stichwort. »Da war ein Tier. Es hätte dich umbringen können! Es belauerte uns!« »Ich glaube, es war nur ein Hund«, sagte ich. »Es hat uns ei- ner beobachtet. Als sich Joanne bewegte, ist er davongerannt.« »Du hättest ihn töten sollen«, sagte Peter Moss. »Worauf wartest du? Wartest du, bis er jemanden anspringt?« »Was hat er getan?« fragte Jay Garfield. »Nur hergeschaut?« »Nur das«, sagte ich. »Er sah weder krank noch hungrig aus. Er war auch nicht sehr groß. Ich denke, er stellte für niemanden von uns eine Gefahr dar. Wir sind zu viele, und wir sind zu groß für ihn.« »Das Tier, das ich gesehen habe, war riesig«, beharrte Aura. »Es hatte das Maul offen!« Ich ging zu ihr hinüber, weil mir plötzlich ein Gedanke ge- kommen war. »Er hat nach Luft geschnappt«, sagte ich. »Sie keuchen, wenn ihnen heiß ist. Es bedeutet weder, daß sie hung- rig noch daß sie zornig sind.« Ich zögerte, sah sie an. »Du hast vorher noch nie einen gesehen, oder?« Sie schüttelte den Kopf. »Sie sind frech, aber sie können einer Gruppe wie unserer, nicht gefährlich werden. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Sie sah nicht so aus, als glaube sie mir, schien sich aber doch ein bißchen zu entspannen. Beide Moss-Mädchen waren ver- schüchtert und beschirmt. Sie durften praktisch nie die Wände der Nachbarschaft verlassen. Sie wurden zu Hause von ihren Müttern nach der Religion erzogen, die sich ihr Vater zusam- mengestellt hatte und die sie vor den Sünden und der Verderb- nis des Rests der Welt warnte. Es hatte mich überrascht, daß Aura zur Waffen- und Zielübung hatte mitkommen dürfen. Ich hoffe, daß ihr das nützt – und daß wir anderen es überleben. »Ihr bleibt alle, wo ihr seid«, sagte Vater. Er warf Jay Garfield einen Blick zu und ging dann ein Stück zwischen die Felsen und Krüppeleichen hinein, um nachzusehen, ob Aura etwas getrof- fen hatte. Er trug seine Waffe entsichert und blieb nicht mehr als eine Minute außer Sicht. Als er zurückkam, konnte ich nichts in seiner Miene lesen. »Steckt die Waffen ein«, sagte er. »Wir gehen heim.« »Habe ich es getötet?« wollte Aura wissen. »Nein. Holt eure Räder.« Er flüsterte einen Moment lang mit Jay Garfield, und dieser seufzte. Joanne und ich sahen den beiden zu und fragten uns, worum es ging, aber wir wußten, daß sie uns nichts sagen würden, bevor sie dazu selbst bereit waren. »Da geht es nicht um einen toten Hund«, sagte Harold Balter hinter uns. Joanne kam her und stellte sich neben ihn. »Es geht entweder um ein Hunderudel oder um Menschen«, sagte ich. »Oder um eine Leiche.« Wie ich später herausfand, waren es mehrere Leichen: eine, Frau, ein Junge von etwa fünf Jahren und ein gerade geborenes Kind, alle angefressen. Aber Vater sagte mir das nicht, bevor wir zu Hause waren. Im Canyon wußten wir nur, daß er aufge- regt war. »Wenn es hier eine Leiche gäbe, würden wir sie riechen«, sagte Harry. »Nicht, wenn sie frisch ist«, entgegnete ich. Joanne sah mich an und seufzte in derselben Art wie ihr Va- ter. »Wenn es so ist, dann frage ich mich, wann wir wohl das nächste Mal schießen gehen werden. Ich frage mich, ob es dann überhaupt ein nächstes Mal gibt.« Peter Moss und die Talcott-Brüder waren in einen Streit dar- über geraten, wessen Fehler es war, daß Aura beinahe Michael Talcott erschossen hätte, und Vater mußte ihm ein Ende ma- chen. Dann sprach er mit Aura, um zu sehen, ob sie okay war. Er sagte ein paar Sätze zu ihr, die ich nicht verstehen konnte, und ich sah, wie ihr eine Träne über die Wange rann. Sie weint leicht. So war sie immer schon gewesen. Vater sah beunruhigt aus, als er von ihr wegging. Er führte uns den Pfad aus dem Canyon hinaus. Wir schoben unsere Räder, und alle sahen sich nach allen Seiten um. Nun sahen wir, daß noch weitere Hunde in der Nähe waren. Wir wurden von einem großen Rudel beobachtet. Jay Garfield ging als letzter und deckte uns den Rücken. »Er sagt, wir sollten zusammenbleiben«, sagte Joanne zu mir. Sie hatte gesehen, wie ich mich nach ihrem Vater umsah. »Du und ich?« »Ja, und Harry. Er sagt, wir sollten aufeinander aufpassen.« »Ich glaube nicht, daß diese Hunde blöd oder hungrig genug, sind, um uns im hellen Tageslicht anzugreifen. Sie werden heute nacht nach einem einzelnen Menschen suchen.« »Halt um Gottes willen den Mund.« Der Weg aus dem Canyon war steil und schmal. Es wäre ein schlechter Ort zur Abwehr der Hunde gewesen. Man konnte stolpern und über den bröckelnden Rand rutschen. Man konnte von einem Hund oder einem von uns über den Rand gestoßen werden. Das hätte bedeutet, mehr als hundert Meter in die Tiefe zu stürzen. Unten hörte ich Hunde kämpfen. Vielleicht waren wir nahe an ihren Unterschlupfen, oder wie immer sie lagerten, gewesen. Oder vielleicht waren wir ihrer Nahrung zu nahe gekommen, dachte ich. »Wenn sie kommen«, sagte mein Vater mit ruhiger, flacher Stimme, »bleibt ruhig stehen, zielt und feuert. Das wird euch retten, nichts anderes. Stehen bleiben, zielen, feuern. Haltet die Augen offen und bleibt ruhig.« Ich wiederholte diese Worte im Geist, während wir die Ser- pentinen hinaufstiegen. Kein Zweifel, daß Vater wollte, daß wir uns das einprägten. Ich sah, daß Aura immer noch weinte und ihr Gesicht beim Abwischen der Tränen mit Schmutz be- schmierte wie ein kleines Kind. Sie war viel zu sehr mit ihrem Elend und ihrer Angst beschäftigt, um von großem Nutzen zu sein. Wir waren fast ganz oben, als es passierte. Ich glaube, wir hatten uns schon etwas entspannt. Ich hatte eine ganze Weile keinen Hund mehr gesehen. Dann fielen vorne drei Schüsse. Wir blieben stehen, ohne sehen zu können, was geschehen war., »Weitergehen«, sagte mein Vater. »Es ist in Ordnung. Es war nur ein einziger Hund, der zu nahe kam.« »Bist du okay?« rief ich. »Ja«, sagte er. »Geht weiter und haltet die Augen offen.« Einer nach dem anderen kamen wir an dem Hund vorüber, der getroffen worden war. Er war größer und grauer als der, den ich gesehen hatte. Er hatte eine gewisse Schönheit. Er sah aus wie die Bilder von Wölfen, die ich gesehen hatte. Er hatte sich unter einen überhängenden Felsen, der sich aus der steilen Canyonwand herauswölbte, gedrängt. Er bewegte sich. Ich sah die blutigen Wunden. Er wand sich. Ich biß mir auf die Zunge, als ich spürte, daß sein Schmerz meiner werden würde. Was tun? Weitergehen? Ich konnte nicht. Noch ein Schritt, und ich würde fallen und im Schmutz liegen, hilflos vor Schmerzen. Oder ich würde in den Canyon fallen. »Er lebt noch«, sagte Joanne hinter mir. »Er bewegt sich.« Seine Vorderbeine machten kleine Laufbewegungen, die Krallen kratzten auf dem Felsen. Ich dachte, ich müsse erbrechen. Mein Bauch schmerzte mehr und mehr, bis ich mich wie aufgespießt fühlte. Ich lehnte mit dem linken Arm auf dem Fahrrad. Mit der rechten zog ich die Smith & Wesson, zielte und schoß den schönen Hund in den Kopf. Ich fühlte den Einschlag der Kugel als harten, festen Schlag – es war etwas jenseits von Schmerz. Dann fühlte ich, wie der Hund starb. Ich sah ihn zusammenzucken, zittern, den Körper lang ausstrecken, dann erstarren. Ich sah ihn sterben. Ich fühlte ihn sterben. Er ging aus wie ein Streichholz, mit einem plötzli- chen Erlöschen der Schmerzen. Sein Leben flammte ganz kurz, auf und ging dann aus. Ich fühlte mich ein bißchen benommen. Ohne das Rad wäre ich zusammengebrochen. Die anderen drängten sich vor und hinter mir. Ich konnte sie hören, bevor ich sie wieder klar sah. »Er ist tot«, sagte Joanne. »Armes Ding.« »Was?« wollte mein Vater wissen. »Noch einer?« Ich richtete mühsam meine Aufmerksamkeit auf ihn. Er mußte eng am Rand des Abgrunds entlanggegangen sein, um den ganzen Weg zu uns zurückzukommen. Und er mußte gerannt sein. »Derselbe«, sagte ich und richtete mich gerade auf. »Er war nicht tot. Wir sahen, wie er sich bewegte.« »Ich habe drei Kugeln in ihn gepumpt«, sagte er. »Er hat sich bewegt, Pfarrer Olamina«, beharrte Joanna. »Er litt. Wenn Lauren ihn nicht erschossen hätte, dann hätte es jemand anderes tun müssen.« Vater seufzte. »Nun, jetzt leidet er nicht mehr. Gehen wir.« Dann schien er erst zu begreifen, was Joanna gesagt hatte. Er sah mich an. »Bist du in Ordnung?« Ich nickte. Ich wußte nicht, wie ich aussah. Niemand reagier- te auf mich, als sähe ich merkwürdig aus, also habe ich offenbar nicht viel davon gezeigt, was in mir vorgegangen war. Ich glaube, nur Harry Balter, Curtis Talcott und Joanne hatten gesehen, wie ich den Hund erschoß. Ich sah sie an, und Curtis grinste mir zu. Er lehnte an seinem Rad und zog mit einer langsamen, lässigen Bewegung eine imaginäre Pistole, zielte sorgfältig auf den toten Hund und feuerte einen imaginären Schuß ab. »Peng«, sagte er. »Als ob sie so etwas jeden Tag täte. Peng!«, »Gehen wir«, wiederholte Vater. Wir stiegen weiter den Pfad hinauf. Wir verließen den Cany- on und kamen auf die Straße. Da gab es keine Hunde. Ich ging und radelte danach in einem leichten Nebel, war immer noch nicht ganz frei von dem Hund, den ich getötet hatte. Ich hatte gefühlt, wie er starb, und ich war nicht gestor- ben. Ich hatte seinen Schmerz gefühlt, als sei er ein Mensch. Ich hatte sein Leben aufflackern und erlöschen gefühlt, und ich lebte noch. Peng., Glaube löst Handlung aus und steuert sie – oder er nützt nichts. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Sonntag, 2. März 2025 Es regnet. Letzte Nacht hörten wir im Radio, daß ein Sturm vom Pazifik herüberkomme, aber die meisten Leute glauben nicht daran. »Es wird Wind geben«, sagte Cory. »Wind und vielleicht ein paar Regentropfen, oder möglicherweise auch ein bißchen kaltes Wetter. Das wäre nur willkommen. Das ist alles, was kommt.« So war es die letzten sechs Jahre gewesen. An die Regenfälle vor sechs Jahren kann ich mich erinnern, als das Wasser rund um die rückwärtige Scheune wirbelte, aber nicht hoch genug war, um ins Haus zu fließen, jedoch hoch genug, um meine Brüder anzuziehen, die in ihm spielen wollten. Cory mit ihrer ewigen Angst vor Infektionen verbot es ihnen. Sie sagte, da würden sie in einer Suppe voll Abwasserkeimen planschen, mit der wir unseren Garten seit Jahren bewässerten. Vielleicht hatte sie recht, aber in der ganzen Nachbarschaft beschmierten sich die Kinder an jenem Tag mit Schlamm und Ungeziefer, und es stieß ihnen trotzdem nichts Schreckliches zu., Aber jener Sturm war beinahe tropisch – ein schneller, hefti- ger, warmer Septemberregen, der Ausläufer eines Hurrikans, der über Mexikos Pazifikküste hinwegfegte. Das heute ist ein kälterer Wintersturm. Alles begann am Morgen, als die Leute in die Kirche kamen. Wir sangen im Chor erhebende alte Choräle, begleitet von Corys Pianospiel und Blitzen und Donnern draußen. Es war wundervoll. Einige Leute versäumten einen Teil der Predigt, weil sie heimgingen, um alle Fässer, Kessel, Kübel und sonstigen Gefäße, die sie finden konnten, aufzustellen, um das Gratiswas- ser aufzufangen. Andere gingen, um die Kübel und Töpfe dorthin zu stellen, wo das Wasser durch die Löcher im Dach rann. Ich kann mich nicht erinnern, wann zum letzten Mal eines unserer Dächer von einem Profi repariert worden ist. Wir haben alle spanische Dachziegel, und das ist gut. Ein Ziegeldach ist, glaube ich, sicherer und hält länger als eines aus Holz oder Dachpappe. Aber Zeit, Wind und Erdbeben haben ihren Zoll gefordert. Auch Baumäste haben Schäden verursacht. Aber niemand hat Geld übrig für etwas nicht Lebensnotwendiges wie eine Dachreparatur. Bestenfalls gehen einige Männer aus der Nachbarschaft her mit irgendeinem Material, das sie auftreiben können, und bringen einen Flicken als Notbehelf an. In der letzten Zeit ist nicht einmal mehr das gemacht worden. Wozu sich Sorgen machen, wenn es ohnehin nur alle fünf bis sechs Jahre einmal regnet? Unser Dach ist soweit in Ordnung, und die Fässer und Gefä- ße, die wir nach dem Morgengottesdienst hinausgestellt haben, sind voll oder füllen sich noch. Gutes, reines, kostenloses Was- ser vom Himmel. Wenn es nur öfter käme!, Montag, 3. März 2025 Es regnet immer noch. Kein Donner heute, aber vergangene Nacht schon. Ständiges Nieseln und gelegentlich, über den ganzen Tag verteilt, heftige Schauer. Den ganzen Tag lang. So anders als sonst, und so schön. Ich habe mich noch nie so überwältigt gefühlt von Wasser. Ich ging hinaus und lief im Regen herum, bis ich ganz naß war. Cory wollte das nicht, aber ich tat es trotzdem. Es war so wundervoll. Wieso kann sie das nicht verstehen? Es war unglaublich und wunderbar. Dienstag, 4. März 2025 Amy Dunn ist tot. Drei Jahre alt, ungeliebt, jetzt tot. Das scheint nicht sinnvoll, nicht einmal möglich. Sie konnte einfache Wörter lesen und bis 30 zählen. Ich hatte ihr das beigebracht. Sie liebte das bißchen Zuwendung so sehr, daß sie sich die ganzen Schulstunden hindurch an mich hängte und mir den Nerv zog. Sie wollte mich nicht einmal allein aufs Klo gehen lassen. Und jetzt ist sie tot. Ich hatte angefangen, sie zu mögen, obwohl sie eine solche Pest war. Heute hatte ich sie nach der Schule heimgebracht. Ich hatte mir das zur Angewohnheit gemacht, weil die Dunns nie jeman- den schickten, um sie abzuholen. »Sie kennt den Weg«, sagte Christmas. »Schick sie einfach los. Sie wird schon heimfinden.«, Daran zweifelte ich nicht. Wenn sie über die Straße und die Verkehrsinsel blickte, konnte sie von unserem Haus aus das ihre sehen, aber Amy hatte einen Hang zum Herumstreunen. Wenn man sie allein nach Hause schickte, ging sie entweder dorthin oder aber in den Garten der Montoyas, wo sie Gras aß, oder zum Kaninchenstall der Moss-Familie, wo sie versuchte, die Kaninchen aus ihren Käfigen zu befreien. Deshalb brachte ich sie hinüber, dankbar für einen Grund, im Regen herumzu- laufen. Amy mochte das auch, deshalb trödelten wir noch unter dem großen Avocadobaum auf der Verkehrsinsel herum. Am anderen Ende der Insel stand ein Orangenbaum, und ich pflückte zwei reife Orangen – eine für Amy und eine für mich. Ich schälte beide, und wir aßen sie, während der Regen Amys dünnes, farbloses Haar an den Kopf klatschte, bis sie wie kahl aussah. Ich brachte sie dann bis zu ihrer Haustür und übergab sie der Obhut ihrer Mutter. »Du hättest sie nicht so naß werden lassen sollen!« beschwer- te sich Tracy. »Sie soll den Regen genießen, solange welcher fällt«, erwider- te ich und ging. Ich sah, wie Tracy Amy ins Haus zog und die Tür schloß. Aber irgendwie muß Amy dann wieder herausgeschlüpft sein, irgendwo in der Nähe des vorderen Tors, genau gegenüber dem Garfield-Balter-Dory-Haus. Jay Garfield fand sie dort, als er nachschauen kam, was das sei, was er zunächst für ein weiteres Bündel hielt, das uns die Leute über das Tor geworfen hatten. Die Leute werfen manchmal Dinge herüber – Geschenke von Neid und Haß: einen von Maden wimmelnden Tierkadaver,, einen Sack voll Scheiße, manchmal sogar abgetrennte menschli- che Gliedmaßen oder tote Kinder. Erwachsene Tote wurden einfach an unserer Mauer liegen gelassen. Aber das waren alles welche von draußen. Amy war eine von uns. Jemand hatte Amy direkt durch das Metalltor erschossen. Es muß ein Zufallstreffer gewesen sein, weil man von außen nicht durch unser Tor hindurchsehen kann. Der Schütze feuerte entweder auf jemanden, der sich vor dem Tor befand, oder auf das Tor selbst, auf die Nachbarschaft, auf uns und unseren vermuteten Reichtum und unsere angenommenen Privilegien. Die meisten Geschosse hätten das Tor nicht durchdringen können. Es sollte kugelsicher sein. Aber es ist schon früher einige Male durchschossen worden, hoch oben, am oberen Rand. Jetzt haben wir sechs neue Einschußlöcher weiter unten – sechs Löcher und eine siebente Einkerbung, die langgezogene, weiche Spur eines Querschlägers, wo ein Geschoß abgeglitten war statt durchzudringen. Wir hören Tag und Nacht viel Gewehrfeuer, einzelne Schüs- se und heftige Feuerstöße aus automatischen Waffen, manch- mal sogar Feuer von schwerer Artillerie oder Explosionen von Granaten und größeren Bomben. Das letzte macht uns am meisten Sorgen, kommt aber selten vor. Es ist nicht einfach, große Waffen zu stehlen, und nicht viele Leute hier herum können sich leisten, illegale zu kaufen – sagt zumindest Vater. Jedenfalls ist es so weit, daß wir soviel Gewehrschüsse hören, daß wir sie nicht mehr wahrnehmen. Von den Balter-Kinder sagten welche, sie hätten Schüsse gehört, aber die seien wie üblich gewesen, deshalb hätten sie nicht darauf geachtet. Schließlich fielen sie außerhalb, jenseits der Mauer. Die meisten, von uns hatten überhaupt nur den Regen gehört. Amy wäre in ein paar Wochen vier geworden. Ich hatte eine kleine Kindergartenparty für sie geben wollen. Gott, hasse ich diesen Ort! Ich will sagen, ich liebe ihn. Es sind ja meine Leute. Aber ich hasse ihn doch. Er ist wie eine Insel, die von Haien umgeben ist – außer, daß Haie einem nichts antun, wenn man nicht ins Wasser geht. Aber unsere Landhaie sind auf dem Weg zu uns herein. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange es braucht, bis sie hungrig genug sind. Mittwoch, 5. März 2025 Ging heute morgen wieder im Regen spazieren. Es war kalt, aber gut. Amy ist schon verbrannt worden. Ich frage mich, ob ihre Mutter Erleichterung empfunden hat. Sie sieht nicht er- leichtert aus. Sie hat Amy nie gemocht, aber jetzt weint sie. Ich glaube nicht, daß sie nur so tut als ob. Die Familie hat Geld aufgewendet, das sie sich gar nicht leisten kann, um die Polizei dazu zu bringen, den Mörder zu finden. Ich denke, das einzig Gute daran ist, daß es die Leute vertreibt, die auf den Gehstei- gen und Straßen vor unserer Mauer leben. Ist das gut? Die Armen werden zurückkehren und uns nicht dafür lieben, daß wir die Cops auf sie gehetzt haben. Es ist illegal, auf der Straße sein Lager so aufzuschlagen, wie sie es tun – wie sie es tun müssen –, deshalb schlagen die Cops sie zusammen, rauben ihnen alles, was es wert ist, gestohlen zu werden, schicken sie weg oder werfen sie ins Gefängnis. Die Elenden werden noch elender. Nichts von alledem kann Amy noch irgendwie helfen., Ich nehme an, der Grund für all das ist, daß die Dunns sich dann besser fühlen, nach allem, wie sie sie zuvor behandelt haben. Am Samstag ist Vaters Begräbnisgottesdienst für Amy. Ich wünschte, ich müßte nicht dabei sein. Begräbnisse haben mir nie etwas ausgemacht, aber dieses schon. »Du hast dich um Amy gekümmert«, sagte Joanne Garfield, als ich mich bei ihr beklagte. Wir aßen zusammen zu Mittag. Wir aßen in meinem Schlafzimmer, weil es draußen immer wieder regnet, und das übrige Haus war voller Kinder, die nicht zum Mittagessen heimgingen. Aber mein Zimmer gehört immer noch mir. Es ist der einzige Ort auf der Welt, den ich aufsuchen kann, ohne von jemandem gefolgt zu werden, den ich nicht eingeladen habe. Ich bin der einzige mir bekannte Mensch, der ein eigenes Schlafzimmer hat. Mittlerweile klopfen sogar Vater und Cory, bevor sie meine Tür öffnen. Das ist etwas vom Besten daran, die einzige Tochter der Familie zu sein. Ich muß zwar meine Brüder ständig hinausschmeißen, aber wenig- stens kann ich sie hinausschmeißen. Joanne ist ein Einzelkind, aber sie teilt ihr Zimmer mit drei jüngeren Cousinen – der jammernden Lisa, die sich immer beschwert und etwas haben will, der schlauen, kichernden Robin mit ihrem Beinahe- Genius-I.Q. und der unsichtbaren Jessica, die flüstert und ihre Füße anstarrt und weint, wenn man ihr einen bösen Blick zuwirft. Alle drei sind Balters – Harrys Schwestern und die Kinder der Schwester von Joannes Mutter. Die beiden erwach- senen Schwestern, deren Ehemänner, ihre acht Kinder und ihre Eltern, Mr. und Mrs. Dory wohnen alle zusammengedrängt in einem Haus mit fünf Schlafzimmern. Das ist nicht das überfüll-, teste Haus in der Nachbarschaft, aber ich bin froh, daß ich nicht so wohnen muß. »Nahezu niemand hat sich um Amy gekümmert«, sagte Jo- anne. »Außer dir.« »Ich hab's erst nach dem Feuer angefangen«, sagte ich. »Da hatte ich Angst um sie. Vorher habe ich sie genauso ignoriert wie jeder andere.« »Dann fühlst du dich jetzt schuldig?« »Nein.« »Doch, das tust du.« Ich sah sie überrascht an. »Ich meine, was ich sage: Nein. Ich hasse die Tatsache, daß sie tot ist, und ich vermisse Amy, aber ich habe ihren Tod nicht verursacht. Ich kann nur nicht ver- drängen, was das alles über uns aussagt.« »Nämlich was?« Ich war nahe daran, ihr Sachen zu erzählen, über die ich nicht zuvor gesprochen hatte. Ich habe über sie geschrieben. Manchmal schreibe ich, um nicht verrückt zu werden. Es gibt eine ganze Welt von Dingen, über die ich mich mit niemandem zu sprechen in der Lage fühle. Aber Joanne ist eine Freundin. Sie kennt mich besser als die meisten Menschen, und sie hat Köpfchen. Warum nicht mit ihr reden? Früher oder später muß ich mit jemandem sprechen. »Was stimmt nicht?« fragte sie. Sie hatte einen Plastikbehäl- ter mit Bohnensalat geöffnet. Jetzt stellte sie ihn auf mein Nachtkästchen. »Fragst du dich nie, ob nicht vielleicht Amy und Mrs. Sims die Glücklichen sind?« sagte ich. »Ich meine, fragst du dich nicht, was mit uns anderen geschehen wird?«, Man hörte gedämpften, rumpelnden Donner und einen plötzlichen Regenschauer. Der Wetterbericht meint, heute sei der letzte von vier aufeinanderfolgenden Tagen mit Unwettern. Ich hoffe, daß das nicht stimmt. »Natürlich denke ich darüber nach«, sagte Joanne. »Ange- sichts von Leuten, die kleine Kinder erschießen, wie könnte ich da nicht darüber nachdenken?« »Menschen haben kleine Kinder getötet, seit es Menschen gibt«, erwiderte ich. »Aber nicht hier, hier nicht. Zumindest bis jetzt nicht.« »Ja, das stimmt, nicht wahr? Wir haben einen Warnruf ge- hört, einen weiteren.« »Wovon sprichst du?« »Amy war die erste von uns, die so umgebracht worden ist. Sie wird nicht die letzte sein.« Joanne seufzte, und man konnte einen kleinen Schauder in diesem Seufzen entdecken. »Dann denkst du das auch.« »Ja. Aber ich wußte nicht, daß du über all das nachgedacht hast.« »Vergewaltigung, Raub, und jetzt Mord. Natürlich denke ich darüber nach. Jedermann denkt darüber nach. Jeder macht sich Sorgen. Ich wünschte, ich könnte hier weg.« »Wohin würdest du gehen?« »Das ist es, nicht wahr? Man kann nirgendwohin gehen.« »Vielleicht aber doch.« »Nicht, wenn man kein Geld hat. Nicht, wenn alles, was du tun kannst, Kochen und Babysitten ist.« Ich schüttelte den Kopf. »Du kannst viel mehr als das.« »Vielleicht, aber es zählt nicht. Ich kann mir keinen College-, besuch leisten. Ich würde keinen Job kriegen und könnte nicht bei meinem Eltern ausziehen, und falls ich doch einen Job kriegte, würde er nicht für meinen Lebensunterhalt ausreichen, und es gibt keinen sicheren Ort, an den ich ziehen könnte. Verflucht, meine Eltern leben noch bei meinen Großeltern.« »Ich weiß«, sagte ich. »Und so schlimm das alles ist, es kommt noch schlimmer.« »Wer braucht es noch schlimmer? Das genügt!« Sie begann, vom Bohnensalat zu essen. Er sah gut aus, aber ich dachte, ich sollte ihn ihr ruinieren. »Im südlichen Mississippi und in Louisiana breitet sich die Cholera aus«, sagte ich. »Ich habe es gestern im Radio gehört. Es gibt zu viele arme Leute dort – Analphabeten, Arbeitslose, Obdachlose, keine richtigen sanitären Anlagen, kein sauberes Wasser. Sie haben zwar jede Menge Wasser, aber es ist ver- seucht. Und hast du von dieser Droge gehört, die den Leuten Lust zur Brandstiftung macht?« Sie nickte kauend. »Sie breitet sich ebenfalls aus. Erst war sie an der Ostküste, jetzt ist sie in Chicago. Die Berichte sagen, sie mache das Zu- schauen bei einem Feuer besser als Sex. Ich weiß nicht, ob die Reporter das beklagen oder Werbung dafür machen.« Ich holte tief Luft. »Tornados zerstören halb Alabama, Kentucky, Ten- nessee und zwei oder drei weitere Staaten. Dreihundert Opfer bis jetzt. Ein Blizzard friert den nördlichen Mittelwesten ein und hat noch mehr Leute getötet. In New York und New Jersey bringt eine Masernepidemie die Menschen um. Masern!« »Ich habe von den Masern gehört«, sagte Joanne. »Seltsam. Selbst wenn die Leute sich keine Impfung leisten können,, sollten Masern nicht tödlich sein.« »Diese Menschen sind schon halbtot«, erwiderte ich. »Sie haben den Winter erkältet, hungrig und an anderen Infektionen erkrankt überstanden. Natürlich können sie sich keine Impfun- gen leisten. Wir hatten Glück, daß unsere Eltern das Geld dafür zusammengekratzt haben. Wenn wir einmal Kinder haben, sehe ich keinen Weg, wie wir dasselbe für sie tun könnten.« »Ich weiß, ich weiß.« Sie klang beinahe gelangweilt. »Die Dinge stehen schlecht. Meine Mutter hofft auf diesen neuen Burschen, diesen Präsidenten Donner, der soll uns zur Norma- lität zurückbringen.« »Zur Normalität«, murmelte ich. »Ich frage mich, was das sein soll. Stimmst du mit den Ansichten deiner Mutter über- ein?« »Nein. Donner hat keine Chance. Ich nehme an, er würde etwas tun, wenn er könnte, aber Harry sagt, seine Ideen seien furchterregend. Harry meint, er wird das Land um hundert Jahre zurückwerfen.« »Sagt mein Vater auch. Ich bin überrascht, daß Harry dieser Ansicht ist.« »Das hat seinen guten Grund. Sein eigener Vater hält Donner für Gott persönlich. Und Harry würde ihm niemals in irgend etwas recht geben.« Ich lachte, abgelenkt vom Gedanken an Harrys Kämpfe mit seinem Vater. Nachbarschaftsfeuerwerk – viele Funken, kein wirkliches Feuer. »Warum willst du über diese Sachen reden?« fragte Joanne und brachte mich zurück zum wirklichen Feuer. »Wir können nichts gegen sie tun.«, »Wir müssen!« »Was müssen wir? Wir sind fünfzehn. Was können wir tun?« »Wir können uns bereit halten. Das ist es, was wir jetzt tun können. Bereit sein für das, was geschehen wird, bereit sein, es zu überleben, bereit sein für das Leben danach. Uns konzentrie- ren auf Überlebensstrategien, so daß wir mehr tun können als uns herumstoßen lassen von Verrückten, Verzweifelten, Mör- dern und von Führern, die selbst nicht wissen, was sie tun.« Sie starrte mich an. »Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst.« Ich war in Fahrt geraten – vielleicht zu sehr. »Ich spreche über diesen Ort hier, Jo, über diese Sackgasse mit einer Mauer rundherum. Ich spreche von dem Tag, an dem eine große Bande von den hungrigen, verzweifelten, verrückten Leuten da draußen beschließt, hier hereinzukommen. Ich spreche davon, was wir tun müssen, bevor das geschieht, damit wir überleben und neu aufbauen können – oder wenigstens überleben und entfliehen können, um etwas anderes zu sein als Bettler.« »Jemand wird unsere Mauer niederreißen und hereinkom- men?« »Sie werden sie sprengen, oder sie sprengen das Tor. Irgend- wann passiert das. Das weißt du so gut, wie ich es weiß.« »Nein, das weiß ich nicht«, protestierte sie. Sie saß aufrecht da, beinahe steif, und hatte für den Augenblick ihr Mittagessen vergessen. Ich biß in ein Stück Eichelbrot voll getrockneter Früchte und Nüsse. Das ist eine meiner Lieblingsspeisen, aber ich brachte es fertig, es zu kauen und zu schlucken, ohne es zu schmecken. »Jo, wir haben Probleme. Das hast du schon vorhin zugege- ben.«, »Klar«, sagte sie. »Mehr Einbrüche, mehr Schießereien. So habe ich das gemeint.« »Und so wird es auch eine Weile lang weitergehen. Ich wünschte, ich wüßte, wie lange. Man wird uns schlagen, schla- gen und schlagen, und irgendwann kommt der ganz große Schlag. Wenn wir dann nicht bereit sind, wird es sein wie Jericho.« Sie hielt sich immer noch ganz aufrecht vor lauter Abwei- sung. »Das kannst du nicht wissen! Du kannst nicht in der Zukunft lesen. Niemand kann das!« »Du kannst es«, sagte ich. »Wenn du es nur willst. Es macht Angst, aber wenn du die einmal überwunden hast, ist es leicht. In L. A. sind schon ein paar ummauerte Gemeinschaften ver- schwunden, die größer und stärker waren als wir. Nichts ist von denen übriggeblieben als Ruinen, Ratten und Hausbesetzer. Was denen passiert ist, kann auch mit uns geschehen. Wir werden hier drinnen sterben, wenn wir uns nicht jetzt daran machen, Überlebensstrategien auszuarbeiten.« »Wenn du das glaubst, warum redest du dann nicht mit dei- nen Eltern. Warne sie und schau, was sie sagen.« »Ich habe die Absicht, das zu tun, sobald mir eingefallen ist, wie ich es ihnen beibringen kann. Abgesehen davon… ich glaube, sie wissen es eh schon. Zumindest mein Vater weiß es. Ich glaube, die meisten Erwachsenen sind sich darüber im klaren. Sie wollen es nicht wahrhaben, aber sie wissen es.« »Meine Mutter könnte mit Donner recht haben. Vielleicht kann er wirklich etwas bewirken.« »Nein, nein. Donner ist eine Art menschliches Treppenge- länder.«, »Ein was?« »Ich meine, er ist wie… wie ein Symbol der Vergangenheit, an das wir uns klammern sollen, während wir in die Zukunft gestoßen werden. Er ist ein Nichts. Er hat keine Substanz. Aber mit ihm an dieser Stelle, als letzter in einer zweieinhalb Jahr- hunderte langen Linie von amerikanischen Präsidenten, glau- ben die Leute, daß das Land, die amerikanische Kultur, mit der sie aufgewachsen sind, immer noch da seien – daß wir diese schlechten Zeiten durchstehen und zur Normalität zurückkeh- ren werden.« »Das können wir«, sagte sie. »Das werden wir auch. Ich glau- be, eines Tages schaffen wir das.« Nein, das glaubte sie nicht. Sie war zu klug, um etwas anderes als die oberflächlichste Beruhi- gung als Abwehr zu verwenden. Aber selbst oberflächliche Beruhigung ist besser als gar keine, schätze ich. Ich versuchte es mit einer anderen Taktik. »Hast du jemals etwas über die Pestepidemien im mittelalter- lichen Europa gelesen?« fragte ich. Sie nickte. Sie liest wie ich sehr viel und alles mögliche. »Ein Großteil des Kontinents wurde entvölkert«, sagte sie. »Einige Überlebende glaubten, die Welt sei an ihr Ende gelangt.« »Ja, aber sobald sie begriffen hatten, daß es nicht so weit war, erkannten sie auch, daß es jetzt eine Menge freien Landes für jene gab, die es sich nehmen wollten, und jene, die ein Gewerbe hatten, begriffen, daß sie bessere Entlohnung verlangen konn- ten. Für die Überlebenden hatte sich einiges geändert.« »Worauf willst du hinaus?« »Diese Änderungen.« Ich dachte einen Augenblick lang nach. »Es waren nur bescheidene Veränderungen verglichen, mit dem, was hier vielleicht geschehen wird, aber es hatte eine Pest gebraucht, damit einige Leute überhaupt begriffen, daß sich etwas ändern konnte.« »Also?« »Auch jetzt ändert sich alles. Die Erwachsenen sind nicht von einer Seuche ausgerottet worden, so daß sie immer noch in der Vergangenheit verankert sein und auf die Rückkehr der guten alten Zeit warten können. Aber die Verhältnisse haben sich schon sehr stark verändert, und sie werden noch ganz anders werden. Sie verändern sich ständig. Nur ist es diesmal einer der großen Sprünge statt der kleinen Schritt-um-Schritt- Veränderungen, die leichter zu nehmen sind. Die Menschen haben das Weltklima verändert. Und jetzt warten sie darauf, daß die alten Tage wiederkehren.« »Dein Vater sagt, er glaubt nicht, daß die Menschen das Kli- ma verändert haben, egal, was die Wissenschaftler sagen. Er sagt, nur Gott könne die Welt auf eine so umfassende Weise verändern.« »Glaubst du das?« Sie öffnete den Mund, sah mich an, und schloß ihn wieder. Nach einer Weile sagte sie: »Ich weiß nicht.« »Mein Vater hat seine blinden Flecken«, sagte ich. »Er ist der beste Mensch, den ich kenne, aber er hat seine blinden Flek- ken.« »Das macht keinen Unterschied«, meinte sie. »Wir können die Klimaveränderung nicht rückgängig machen, ganz gleich, warum sie sich ereignet hat. Du und ich können das nicht. Die Nachbarschaft kann es nicht. Wir können nichts tun.« Ich verlor die Geduld. »Dann bringen wir uns doch um,, dann haben wir es hinter uns!« Sie runzelte die Stirn. Ihr rundes, allzu ernsthaftes Gesicht wirkte beinahe zornig. Sie begann, eine kleine Orange zu schä- len. »Also was?« fragte sie. »Was können wir tun?« Ich schluckte das letzte Stückchen meines Eichelbrots hinun- ter und ging um Joanne herum zu meinem Nachtkästchen. Ich nahm mehrere Bücher aus der untersten Schublade und zeigte sie ihr. »Das ist das, was ich getan habe – ich habe diese Bücher hier studiert während der letzten paar Monate. Diese Bücher sind alt wie alle Bücher in diesem Haus. Außerdem habe ich Vaters Computer verwendet – wenn er mich gelassen hat –, um an neues Material heranzukommen.« Sie sah sie mit gerunzelter Stirn durch. Drei Bücher über das Überleben in der Wildnis, drei über Waffen und Schießen, zwei über Erste Hilfe, eines über die Natur- und Nutzpflanzen Kali- forniens und ihren Gebrauch, und Basisbücher über Blockhüt- tenbau, Tierzucht, Pflanzenanbau, Seifenerzeugung und so weiter. Joanne begriff sofort. »Was hast du vor?« fragte sie. »Versuchst du zu lernen, wie man in der freien Natur überleben kann?« »Ich versuche, alles zu lernen, was mir helfen kann, da drau- ßen zu überleben. Ich denke, wir sollten alle solche Bücher studieren. Ich glaube, wir sollten das Geld und andere notwen- dige Dinge so vergraben, daß Diebe sie nicht finden können. Ich denke, wir sollten Notfalltornister vorbereiten – solche, die man sofort ohne weiteres Packen mitnehmen kann –, falls wir hier plötzlich weg müssen. Geld, Nahrung, Kleidung, Zündhöl- zer, eine Decke… ich denke, wir sollten Orte festlegen, an denen wir uns wiederfinden können, falls wir voneinander, getrennt werden. Verdammt, ich habe an vieles gedacht. Und ich weiß – ich weiß es wirklich –, daß ganz gleich, an wie viele Dinge ich denke, es nicht genug sein werden. Jedes Mal, wenn ich hinausgehe, versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, außerhalb der Mauern zu leben, und mir wird klar, daß ich nichts weiß.« »Aber warum dann…?« »Ich habe die Absicht, zu überleben.« Sie starrte mich nur an. »Ich will alles lernen, solange ich noch lernen kann«, sagte ich. »Wenn ich mich erstmal draußen befinde, wird das, was ich gelernt habe, mir helfen, lange genug zu leben, um mehr lernen zu können.« Sie schenkte mir ein nervöses Lächeln. »Du hast zu viele Abenteuerbücher gelesen«, sagte sie. Ich runzelte die Stirn. Wie konnte ich sie nur erreichen? »Das ist kein Scherz, Jo.« »Was denn sonst?« Sie aß den letzten Schnitz ihrer Orange. »Was willst du mir sagen?« »Ich möchte, daß du ernst bleibst. Ich begreife, daß du nicht viel weißt. Niemand von uns weiß sehr viel. Aber wir können alle mehr lernen. Dann können wir es einander beibringen. Wir können aufhören, die Realität zu verleugnen oder hoffen, daß sie sich auf magische Weise ändert.« »Das ist aber nicht, was ich tue.« Ich blickte eine Weile in den Regen hinaus, um mich zu be- ruhigen. »Okay. Okay, was tun wir also?« Sie sah unbehaglich drein. »Ich bin mir immer noch nicht, sicher, daß wir etwas tun können.« »Jo!« »Sag mir, was ich tun kann, das mich nicht in Schwierigkei- ten bringt oder jeden glauben macht, daß ich spinne. Sag mir irgend etwas.« Zumindest das. »Hast du alle eure Bücher gelesen?« »Einige. Nicht alle. Sie sind nicht alle das Lesen wert. Bücher werden uns nicht retten.« »Niemand wir uns retten. Wenn wir uns nicht selber retten, sterben wir. Jetzt verwende mal deine Einbildungskraft. Gibt es etwas im Bücherregal deiner Familie, das dir helfen könnte, wenn du draußen bist?« »Nein.« »Du antwortest zu schnell. Geh heim und schau noch einmal nach. Und wie ich schon sagte, verwende deine Einbildungs- kraft. Such jede Art von Überlebensinformation aus Enzyklo- pädien und Biographien oder sonst etwas, das helfen könnte, daß du in der Natur überlebst und dich verteidigen kannst. Sogar manche Romane könnte brauchbar sein.« Sie warf mir einen Blick zu. »Darauf wette ich«, sagte sie. »Jo, wenn du diese Information nie brauchen kannst, so wird sie doch auch niemals schaden. Du wirst nur ein bißchen besser Bescheid wissen als zuvor. Also, warum nicht? Nebenbei, machst du dir Notizen, wenn du etwas liest?« Zurückhaltender Blick. »Manchmal.« »Lies das.« Ich gab ihr eines von den Pflanzenbüchern. Es handelte von den kalifornischen Indianern, den Pflanzen, die sie benützten, und wie sie sie benützten – ein unterhaltsames, interessantes kleines Buch. Sie würde überrascht sein. Es ent-, hielt nichts, was sie bedrohlich finden konnte, ihr Angst ma- chen oder sie bedrängen würde. Ich denke, ich hatte diesbezüg- lich schon genug getan. »Mach dir Notizen«, sagte ich. »Du wirst dich dann besser erinnern können.« »Ich glaube es dir immer noch nicht«, sagte sie. »Die Ver- hältnisse können nicht so schlimm sein, wie du sagst.« Ich drückte ihr das Buch in die Hand. »Denk an die Notizen. Beachte insbesondere die Pflanzen, die zwischen hier und der Küste und hier und Oregon entlang der Küste wachsen. Ich habe sie angestrichen.« »Ich sagte, ich glaube dir nicht.« »Das ist mir gleich.« Sie schaute auf das Buch hinunter und strich über den schwarzen Einband aus Leinen und Karton. »So lernen wir, Gras zu essen und im Gebüsch zu leben«, murmelte sie. »Wir lernen zu überleben«, sagte ich. »Das ist ein gutes Buch. Behandle es sorgfältig. Du weißt, wie mein Vater ist, was seine Bücher angeht.« Donnerstag, 6. März 2025 Es hat aufgehört zu regnen. Meine Fenster sind an der Nordsei- te des Hauses, und ich sehe, wie die Wolken aufreißen. Sie werden über die Berge in Richtung Wüste geblasen. Erstaun- lich, wie schnell sie sich bewegen. Der Wind ist jetzt kalt und heftig. Er könnte uns ein paar Bäume kosten. Ich frage mich, wie viele Jahre vergehen werden, bis wir wie- der Regen sehen., Ertrinkende sterben manchmal, weil sie gegen ihre Retter kämpfen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 8. März 2025 Joanne hat gequatscht. Sie hat es ihrer Mutter gesagt, die sagte es ihrem Vater, und der sagte es meinem Vater, worauf dieser eines seiner ernsthaf- ten Gespräche mit mir führte. Verdammt! Dumme Kuh! Heute sah ich sie beim Gottesdienst für Amy und gestern in der Schule. Sie verlor kein Wort über das, was sie getan hat. Wie sich herausstellte, hat sie am Donnerstag mit ihrer Mutter gesprochen. Vielleicht hätte es ein Geheimnis zwischen den beiden bleiben sollen oder so etwas. Aber, oh, Phillida Garfield war ja so besorgt um mich, so sehr in Sorge. Und es gefiel ihr nicht, daß ich Joanne Angst gemacht hatte. Hatte Joanne Angst? Anscheinend nicht genug, um ihr Gehirn einzuschalten. Joanne kam mir immer so verständig vor. Glaubte sie, es würde die Gefahr abwenden, wenn sie mich in Schwierigkeiten brächte? Nein, so war es nicht. Es ist nur ein bißchen mehr von der üblichen Verweigerung: Ein dummes kleines Spiel in der Art von ›Wenn wir nicht über das Böse sprechen, wird es vielleicht, auch nicht geschehen‹. Blöde Gans! Ich werde ihr nie mehr etwas Wichtiges anvertrauen können. Was, wenn ich nun noch offener gewesen wäre? Wenn ich mit ihr über Religion gesprochen hätte? Das hatte ich eigentlich vorgehabt. Wie soll ich jemals darüber mit jemandem sprechen können? Was ich gesagt hatte, kam heute nacht zu mir zurück. Mr. Garfield sprach nach dem Begräbnis mit Vater. Es war wie das Kinderspiel Stille Post. Die Botschaft veränderte sich unterwegs von »Wir sind in Gefahr und werden hart an Überlebensstrate- gien arbeiten müssen« zu »Lauren spricht vom Abhauen, weil sie Angst hat, daß Außenseiter einen Aufstand machen und die Mauer niederreißen und uns alle töten werden«. Na schön, ich hatte manches davon tatsächlich gesagt, und Joanne hatte klargemacht, daß sie da nicht mit mir überein- stimmte. Aber ich hatte ja nicht die bösen Vorhersagen allein stehen lassen: »Wir werden alle sterben, buu-huu!« Was hätte das für einen Sinn gehabt? Wie auch immer, es kam nur das Negative zu mir zurück. »Lauren, was hast du zu Joanne gesagt?« wollte mein Vater wissen. Er kam nach dem Abendessen in mein Zimmer, als er eigentlich seine Arbeit an der morgigen Predigt hätte abschlie- ßen sollen. Er setzte sich auf meinen einzigen Stuhl und starrte mich in einer Art an, die heißen sollte: »Wo hast du dein Ge- hirn, Mädchen? Was ist los mit dir?« Dieser Blick zusammen mit Joannes Name machten mir klar, was passiert war, worum es ging. Meine Freundin Joanne. Die blöde Kuh! Ich setzte mich aufs Bett und starrte zurück. »Ich sagte ihr, daß uns schlimme, gefährliche Zeiten bevorstehen. Ich sagte, ihr, daß wir jetzt lernen müßten, soviel wir nur könnten, um zu überleben.« Daraufhin erzählte er mir, wie aufgeregt Joannes Mutter sei, wie aufgeregt Joanne sei und daß die beiden annahmen, ich brauchte jemanden ›für ein gutes Gespräch‹, weil ich angeblich glaubte, unsere Welt komme an ihr Ende. »Glaubst du, daß unsere Welt an ihr Ende kommt?« fragte Vater, und ich wäre beinahe jäh in Tränen ausgebrochen. Ich hatte viel damit zu tun, sie gerade noch zurückzuhalten. Was ich dabei dachte, war: »Nein, ich glaube, daß deine Welt zu Ende geht, und du vielleicht mit ihr.« Das war schrecklich. Ich hatte mir das vorher nie mit so persönlichen Konsequenzen überlegt. Ich wandte mich ab und blickte aus dem Fenster, bis ich wieder ruhiger war. Als ich ihn wieder ansehen konnte, sagte ich: »Ja. Glaubst du nicht?« Er runzelte die Stirn. Offenbar hatte er nicht erwartet, daß ich so etwas sagen würde. »Du bist fünfzehn Jahre alt. Du verstehst nicht wirklich, was vorgeht. Die Probleme, die wir jetzt haben, sind lange vor deiner Geburt entstanden.« »Ich weiß.« Seine Stirn war immer noch gerunzelt. Ich fragte mich, was er mir sagen wollte. »Was hast du da getan? Warum hast du diese Sachen zu Joanne gesagt?« Ich beschloß, so lange wie möglich bei der Wahrheit zu blei- ben. Ich haßte es, ihn anzulügen. »Was ich gesagt habe, stimmt«, erwiderte ich. »Du mußt nicht mit allem herausplatzen, was du denkst«, sagte er. »Ist dir das noch immer nicht klar?« »Joanne und ich waren Freundinnen. Ich dachte, mit ihr, könnte ich offen reden.« Er schüttelte den Kopf. »Diese Sachen machen den Leuten Angst. Es ist besser, nicht darüber zu sprechen.« »Aber, Vater, das ist… das ist, als ignoriere man das Feuer im Wohnzimmer, weil alle in der Küche sitzen und außerdem Feuer im Haus sowieso kein Gesprächsthema sein kann, weil man es fürchtet.« »Hör auf, Joanne oder sonst eine deiner Freundinnen zu warnen«, sagte er. »Nicht jetzt. Ich weiß, daß du glaubst, recht zu haben, aber du tust damit niemandem etwas Gutes. Du versetzt die Menschen nur in Panik.« Ich versuchte, meinen anschwellenden Zorn durch eine ge- ringfügige Verlagerung des Gesprächsthemas zu unterdrücken. Manchmal bringt man Vater zum Nachdenken, indem man ihn aus verschiedenen Richtungen angeht. »Hat Mr. Garfield dir dein Buch zurückgegeben?« fragte ich. »Was für ein Buch?« »Ich habe Joanne ein Buch über die Pflanzen Kaliforniens und die indianische Nutzung dieser Pflanzen geliehen. Es war eins von deinen Büchern. Tut mir leid, daß ich es ihr geliehen habe. Es schien so neutral, daß ich nicht angenommen hätte, daß es Ärger geben würde. Aber ich schätze, genau das tut es jetzt.« Er sah überrascht aus und lächelte dann beinahe. »Ja, ich muß das zurückbekommen, in Ordnung. Ohne dieses Buch hättest du das Eichelbrot nicht, das du so gerne magst – ganz abgesehen von einer Reihe anderer Dinge, die wir für gegeben hinnehmen.« »Eichelbrot…?«, Er nickte. »Weißt du, die meisten Leute in diesem Bezirk es- sen keine Eicheln. Sie haben keine Tradition im Verzehr von Eicheln, wissen nicht, wie man sie eßbar macht und finden aus irgendwelchen Gründen den Gedanken an ihren Verzehr abstoßend. Einige von unseren Nachbarn wollen alle unsere großen Eichbäume fällen und an ihrer Stelle etwas Nützliches pflanzen. Du würdest nicht glauben, wieviel Zeit ich aufwenden muß, um ihre Ansichten zu ändern.« »Was haben die Leute früher gegessen?« »Brot aus Weizen und anderem Getreide – Mais, Roggen, Hafer… solchen Sachen.« »Viel zu teuer!« »War es früher nicht. Du holst dieses Buch von Joanne zu- rück.« Er holte tief Luft. »So, nun verlassen wir die Nebenspur und kommen zum Hauptthema zurück. Was hast du vor? Hast du versucht, Joanne zum gemeinsamen Durchbrennen zu überreden?« Ich mußte seufzen. »Natürlich nicht.« »Ihr Vater behauptet das.« »Er irrt sich. Es ging um das Am-Leben-Bleiben, um das Ler- nen, in der freien Natur zu leben, damit wir dazu fähig wären, wenn wir einmal dazu gezwungen sein sollten.« Er sah mich an, als könnte er meine Gedanken lesen. Als ich klein gewesen war, hatte ich das geglaubt. »In Ordnung«, sagte er. »Du magst es gut gemeint haben, aber von jetzt an keine Angstmacherei mehr.« »Es war keine Angstmacherei. Wir müssen lernen, soviel wir können, solang dazu noch Zeit ist.« »Das ist nicht deine Sache, Lauren. Du triffst nicht die Ent-, scheidungen für diese Gemeinde.« Ach verdammt. Wenn ich nur eine Balance finden könnte zwischen zu großer Zurückhaltung und dem ständigen Drän- gen. »Ja, Sir!« Er lehnt sich zurück und sah mich an. »Sag mir genau, was du Joanne gesagt hast. Alles.« Ich sagte es ihm. Ich bemühte mich, meine Stimme flach und leidenschaftslos klingen zu lassen, aber ich ließ nichts aus. Ich wollte, daß er wußte und verstand, was ich glaubte. Auch den nichtreligiösen Teil. Als ich fertig war, hielt ich inne und warte- te. Er schien erwartet zu haben, daß noch mehr käme. Er saß eine ganze Weile lang nur da und starrte mich an. Ich konnte nicht sagen, was er fühlte. Andere Leute konnten das nie, wenn er es nicht wollte, aber ich war die meiste Zeit dazu fähig. Jetzt fühlte ich mich ausgeschlossen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich wartete. Schließlich atmete er hörbar aus, als habe er zuvor den Atem angehalten. »Sprich nie mehr darüber«, sagte er in einem Ton, der nicht zu einer Erwiderung einlud. Ich sah ihn einfach nur an, weil ich kein Versprechen abge- ben wollte, das sich als Lüge erweisen würde. »Lauren«, sagte er. »Vater?« »Ich will dein Versprechen, daß du nie mehr darüber spre- chen wirst.« Was sollte ich sagen? Das konnte ich nicht versprechen. »Wir könnten Erdbeben-Notfallrationen packen«, schlug ich vor. »Notfallpacks, die wir uns schnappen können, wenn wir schnell das Haus verlassen müssen. Wenn wir sie Erdbeben-, Notfallrationen nennen, wird die Vorstellung den Leuten nicht soviel Angst machen. Die Leute sind es gewohnt, sich wegen Erdbeben Sorgen zu machen.« Das entfuhr mir fast unwillkürlich. »Ich will dein Versprechen, Tochter.« Ich fiel zusammen. »Warum? Du weißt, daß ich recht habe. Sogar Mrs. Garfield muß es wissen. Warum also?« Ich dachte, er würde mich anschreien oder schlagen. Seine Stimme hatte diesen warnenden Unterton, den meine Brüder und ich die Klapper nannten – wie das warnende Geräusch einer Klapperschlange. Wenn man Vater dann weiter aufbrach- te, bekam man Probleme. Wenn er einen ›Sohn‹ oder ›Tochter‹ nannte, war man nahe daran. »Warum?« insistierte ich. »Weil du keine Ahnung hast, was du da tust«, sagte er. Er zog die Brauen zusammen und rieb sich die Stirn. Als er weiter- sprach, war die Schärfe aus seiner Stimme verschwunden. »Es ist besser, man bringt den Leuten etwas bei, als ihnen Angst zu machen, Lauren. Wenn du ihnen Angst machst und dann geschieht nichts, verlieren sie ihre Furcht, und du verlierst einen Teil deiner Autorität über sie. Es wird schwieriger, ihnen ein zweites Mal Angst zu machen, und noch schwieriger, ihr Ver- trauen wiederzuerlangen. Deshalb ist es besser, sie zuerst zu unterrichten.« Sein Mund verzog sich zu einem winzigen Lä- cheln. »Es ist interessant, daß du deine Bemühungen mit dem Buch beginnen wolltest, das du Joanne geliehen hast. Hast du je daran gedacht, nach diesem Buch zu unterrichten?« »Unterrichten… meine Kindergartenkinder?« »Warum nicht? Fang gleich damit an. Du könntest auch eine, Klasse für ältere Kinder und Erwachsene zusammenstellen. So etwas wie Mr. Ibarras Holzschnitzkurs, Mrs. Balters Nähkurse oder die Astronomielektionen des jungen Robert Hsu. Die Leute langweilen sich. Die hätten nichts gegen eine weitere informelle Klasse, nachdem sie Yannis' Television verloren haben. Wenn dir Wege einfallen, wie du sie unterhalten und ihnen zur selben Zeit etwas beibringen kannst, wirst du deine Informationen anbringen können. Und das alles, ohne daß jemand hinunterblicken muß.« »Hinunterblicken?« »In den Abgrund, Tochter.« Jetzt hatte ich keine Probleme mehr mit Vater. Jedenfalls im Moment nicht. »Du hast den Abgrund eben erst bemerkt«, fuhr er fort. »Die Erwachsenen in dieser Gemeinde balancieren an seinem Rand seit mehr Jahren, als du am Leben bist.« Ich stand auf, ging zu ihm hinüber und nahm seine Hand. »Es wird aber immer schlimmer, Vater.« »Ich weiß.« »Vielleicht ist es Zeit, hinunterzublicken. Zeit, sich nach ein paar Griffen für die Hände und Trittstellen für die Beine umzu- sehen, bevor wir hineingestoßen werden.« »Genau deshalb haben wir wöchentliches Schießtraining und Lazordraht und unsere Alarmglocke. Deine Idee mit den Not- fallpacks ist aber gut. Manche Leute haben schon welche. Für den Erdbebenfall. Manche werden welche machen, wenn ich es vorschlage. Und natürlich werden andere überhaupt nichts tun. Es gibt immer Leute, die nichts tun wollen.« »Wirst du den Vorschlag machen?« »Ja. Auf dem nächsten Treffen der Nachbarschaftsvereini-, gung.« »Was können wir sonst noch tun? Nichts von alledem geht schnell genug.« »Es muß schnell genug gehen.« Er stand auf, eine große, brei- te Mauer von einem Mann. »Warum fragst du nicht herum, stellst fest, ob jemand in der Nachbarschaft etwas über Kampfsport weiß. Du brauchst mehr als ein oder zwei Bücher, um guten, verläßlichen Kampf ohne Waffen zu erlernen.« Ich blinzelte. »Okay.« »Probier es mit dem alten Mr. Hsu und mit Mr. und Mrs. Montoya.« »Mr. und Mrs.?« »Ich denke schon. Sprich mit ihnen über Klassen, nicht über Armageddon.« Ich blickte zu ihm auf, und er sah mehr denn je wie eine Mauer aus, wie er so dastand und wartete. Er hatte mir eine ganze Menge angeboten – wahrscheinlich alles, was ich über- haupt kriegen konnte, nehme ich an. Ich seufzte. »Okay, Vater, ich gebe das Versprechen. Ich werde versuchen, niemandem Angst zu machen. Ich hoffe nur, es hält alles noch lang genug zusammen, daß wir es auf deinem Weg schaffen.« Er erwiderte meinen Seufzer. »Na also, doch noch. Gut. Komm jetzt mit mir nach hinten hinaus. Dort sind ein paar wichtige Sachen im Hof in versiegelten Containern vergraben. Es wird Zeit für dich, zu erfahren, wo sie sind – nur für den Fall.«, Sonntag, 9. März 2025 Heute predigte Vater über Genesis 6, Noah und die Arche: »Der Herr sah, daß auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und daß alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben. Nur Noah fand Gnade in den Augen des Herrn.« Und dann sagt später natürlich Gott zu Noah: »Mach dir eine Arche aus Zypressenholz! Statte sie mit Kammern aus, und dichte sie innen und außen mit Pech ab!« Dad konzentrierte sich auf die Zweideutigkeit dieser Situati- on. Gott entschließt sich, alles außer Noah, seiner Familie und einigen Tieren auszulöschen. Aber damit überhaupt Noah gerettet werden kann, hat er viel harte Arbeit auf sich zu neh- men. ✳ ✳ ✳ Joanne kam nach der Kirche zu mir und sagt, es täte ihr leid, was sich jetzt alles an Narreteien ereignet hatte. »Okay«, sagte ich. »Noch Freunde?« fragte sie. Ich wich ihr aus. »Jedenfalls keine Feinde. Gib mir das Buch meines Vaters zurück. Er will es haben.« »Meine Mutter hat es. Ich hätte nicht gedacht, daß sie sich so, aufregen würde.« »Es gehört ihr nicht. Gib es mir zurück. Oder bring deinen Vater dazu, es meinem zu geben. Mir ist es gleich, wie. Aber er will sein Buch wiederhaben.« »In Ordnung.« Ich schaute ihr nach, wie sie aus dem Haus ging. Sie sieht so vertrauenswürdig aus – groß und aufrecht und ernst und klug – , daß ich immer noch geneigt bin, ihr zu vertrauen. Aber ich kann es nicht mehr. Ich tue es auch nicht. Sie hat keine Vorstel- lung davon, wie sehr sie mich hätte verletzen können, hätte ich ihr noch ein paar Worte mehr gesagt, die sie gegen mich hätte verwenden können. Ich glaube nicht, daß ich ihr jemals wieder vertrauen werde, und das hasse ich. Sie war meine beste Freun- din. Jetzt ist sie es nicht mehr. Mittwoch, 12. März 2025 Vergangene Nacht sind Diebe in den Garten eingedrungen. Sie haben die Früchte der Zitrusbäume in den Höfen der Hsus und der Talcotts gestohlen. Dabei haben sie alles zusammengetram- pelt, was von den Wintergärten übriggeblieben war, und das meiste von den Frühlingsanpflanzungen. Vater sagt, wir müssen eine regelmäßige Wache aufstellen. Er versuchte, ein Treffen der Nachbarschaftsvereinigung für heute abend anzusetzen, aber es ist eine Arbeitsnacht für einige Leute einschließlich Gary Hsu, der immer an seinem Arbeitsplatz schläft, wenn er persönlich berichten muß. Wir werden vermut- lich am Samstag zusammenkommen. Mittlerweile hat Vater Jay Garfield, Wyatt und Karla Talcott, Alex Montoya und Edwin, Dunn dazu gebracht, bewaffnet und paarweise in Schichten in der Nachbarschaft zu patrouillieren. Das bedeutet, daß sich außer den Talcotts, die schon ein Paar sind (und so wütend wegen ihres Gartens, daß mir jeder Dieb leidtut, der ihren Weg kreuzt), jeder noch einen Partner unter den anderen Erwachse- nen der Nachbarschaft suchen muß. »Findet jemanden, dem ihr zutraut, euch den Rücken zu de- cken«, hörte ich Vater zu der kleinen Gruppe sagen. Jedes Paar sollte zwei Stunden patrouillieren, in einem Zeitraum vor Einbruch der Dunkelheit bis nach Anbruch der Morgendäm- merung. Die erste Patrouille, die durch all die Hinterhöfe ging oder zumindest hineinblickte, würde die Menschen an die Idee der Wachen gewöhnen, solange sie noch wach genug waren, um zu begreifen, worum es ging. »Sorgt dafür, daß sie euch sehen, wenn ihr die erste Wache schiebt«, sagte Vater. »Euer Anblick wird sie daran erinnern, daß es die ganze Nacht hindurch Wachen geben wird. Wir wollen nicht, daß sie jemanden von euch irrtümlich für einen Dieb halten.« Das war vernünftig. Die Leute gehen früh zu Bett, um Elek- trizität zu sparen, aber zwischen Abendessen und Dunkelheit verbringen sie Zeit auf ihren Veranden oder in den Hinterhö- fen, wo es nicht so heiß ist. Manche hören auf ihren Veranden auf der Front- oder der Hinterseite Radio. Hin und wieder kommen Leute zusammen, um Musik zu machen, zu singen, Brettspiele zu spielen oder sich miteinander zu unterhalten, oder sie gehen auf den asphaltierten Teil der Straße hinaus und spielen Volleyball, Fußball, Basketball oder Tennis. Früher spielten die Leute Baseball, aber wir können uns die Fensterre-, paraturen nicht mehr leisten. Ein paar Leute finden eine ruhige Ecke und lesen dort ein Buch, solange es noch hell ist. Das ist eine gute, angenehme, entspannende Zeit. Was für ein Jammer, daß man sie jetzt mit Erinnerungen an die Realität stören muß. Aber da kann man nichts machen. »Was wirst du tun, wenn du einen Dieb erwischst?« fragte Cory meinen Vater, bevor er das Haus verließ. Er hatte die zweite Wache, und er und Cory tranken zusammen eine Tasse des selten gewordenen Kaffees, während er wartete. Kaffee war nur noch für ganz besondere Gelegenheiten bestimmt. Ich konnte es nicht vermeiden, den guten Geruch wahrzunehmen, während ich wach in meinem Zimmer lag. Ich lausche gern. Ich drücke keine Wassergläser an Wände oder presse mein Ohr an Türen, aber ich liege oft lange im Dunkeln wach, wenn meine Eltern glauben, daß alle ihre Kin- der schlafen. Die Küche liegt über den Gang vis-à-vis von meinem Zimmer, das Speisezimmer ist daneben am Gangende, und das Zimmer meiner Eltern grenzt an meines. Das Haus ist alt und schlecht isoliert. Wenn eine Tür zwischen mir und einem Gespräch geschlossen ist, kann ich nicht viel hören. Aber nachts, wenn die meisten Lichter abgeschaltet sind, kann ich meine Tür einen Spalt offenstehen lassen, und wenn die ande- ren Türen auch offen sind, höre ich viel. Da lerne ich dann auch viel. »Wir werden sie verjagen, hoffe ich«, sagte Vater. »Darin sind wir uns einig. Wir werden sie kräftig einschüchtern und ihnen klarmachen, daß es leichtere Wege gibt, zu einem Dollar zu kommen.« »Zu einem Dollar?«, »Aber ja. Diese Diebe haben nicht das ganze Essen mitgehen lassen, weil sie hungrig waren. Sie haben die Bäume vollständig abgeräumt – alles mitgenommen, was möglich war.« »Ich weiß«, sagte Cory. »Ich habe den Hsus und den Wyatts heute ein paar Zitronen und Grapefruits gebracht und ihnen gesagt, sie können noch mehr von unseren Bäumen nehmen, wenn sie was brauchen. Ich habe ihnen auch Samen gegeben. Es sind ihnen viele Jungpflanzen zusammengetrampelt worden, aber so früh im Jahr sollten sie diesen Schaden beheben kön- nen.« »Ja.« Mein Vater machte eine Pause. »Aber du siehst, was ich meine. Leute stehlen so, wenn sie damit Geld machen wollen. Sie sind nicht verzweifelt, nur habgierig und gefährlich. Wir können sie abschrecken, wenn sie das Gefühl haben, woanders könnten sie leichter stehlen.« »Und wenn es nicht funktioniert?« fragte Cory, beinahe flü- sternd. Ihre Stimme wurde so leise, daß ich befürchtete, ich könnte etwas versäumen. »Wenn es nicht klappt, erschießt ihr sie dann?« »Ja.« »Ja?« wiederholte sie ebenso leise wie zuvor. »Einfach nur: Ja?« Sie war jetzt ganz wie Joanne – die Fleisch gewordene Ablehnung. In welcher Welt leben solche Menschen eigentlich? »Ja«, sagte mein Vater. »Warum?!« Es gab eine lange Pause. Als mein Vater wieder zu sprechen anfing, klang seine Stimme sehr sanft. »Liebes, wenn diese Leute so viel stehlen, zwingen sie uns, mehr für Nahrung auszugeben, als wir uns leisten können – oder zu hungern. Wir leben ohne-, hin am Rande dieser Situation. Du weißt, wie die Verhältnisse sind.« »Aber… könnten wir nicht einfach die Polizei rufen?« »Wozu? Wir können uns ihre Gebühren nicht leisten, und außerdem sind sie nicht an einem Verbrechen interessiert, bevor es geschehen ist. Selbst wenn wir sie riefen, würde es Stunden dauern, bis sie kämen – möglicherweise auch zwei oder drei Tage.« »Ich weiß.« »Was willst du dann sagen? Daß die Kinder hungern sollen? Willst du, daß die Diebe in unser Haus kommen, nachdem sie unsere Bäume abgeräumt haben?« »Aber bis jetzt haben sie das nicht getan.« »Aber natürlich haben sie das. Mrs. Sims war nur ihr vorläu- fig letztes Opfer.« »Sie hat allein gewohnt. Wir haben ihr immer davon abgera- ten.« »Du glaubst, sie würden dich oder die Kinder nicht verletzen, weil wir zu siebt sind? Liebling, wir können nicht mehr so tun, also sei alles immer noch so wie vor zwanzig oder dreißig Jahren.« »Aber du könntest ins Gefängnis kommen!« Sie weinte – schluchzte zwar nicht, sprach aber mit dieser tränenerstickten Stimme, die sie manchmal gut hinkriegt. »Nein«, sagte Vater. »Wenn wir jemanden erschießen müs- sen, werden wir es zusammen tun. Nachdem wir ihn erschossen haben, bringen wir ihn ins nächste Haus. Es ist immer noch legal, Einbrecher zu erschießen. Danach richten wir ein paar kleine Schäden an und stimmen unsere Geschichten ab.«, Langes, langes Schweigen. »Du könntest trotzdem in Schwie- rigkeiten geraten.« »Das Risiko muß ich eingehen.« Wieder eine lange Pause. »Du sollst nicht töten«, flüsterte Cory. »Nehemia 4, 8«, erwiderte mein Vater. Dann kam nichts mehr. Ein paar Minuten später hörte ich Vater weggehen. Ich wartete, bis ich Cory zu ihrem Zimmer gehen und die Tür schließen gehört hatte. Dann stand ich auf, schloß meine Tür, stellte meine Lampe an einen Platz, wo man ihren Schein nicht unter der Tür würde sehen können, schaltete sie an und öffnete die Bibel meiner Großmutter. Sie hatte eine ganze Reihe von Bibeln besessen und Vater hatte mir erlaubt, diese zu behalten. Nehemia, Kapitel 4, Vers 8: »Ich musterte sie, dann erhob ich mich und sagte zu den Vornehmen, den Beamten und den übrigen Männern: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den Herrn; er ist groß und furchtgebietend. Kämpft für eure Brüder und Söhne, für eure Töchter und Frauen und für eure Häuser!« Interessant. Sehr interessant, daß Vater den Vers bereit hatte und daß Cory ihn kannte. Vielleicht hatten sie diese Unterhal- tung schon des öfteren geführt. Samstag, 15. März 2045 Jetzt ist es offiziell. Jetzt haben wir eine reguläre Nachbarschaftswache – einen Dienstplan für Mitglieder eines jeden Haushalts, die über achtzehn Jahre alt und gut geübt im Umgang mit Waffen sind –, eigenen und fremden – und die von meinem Vater und den Leuten, die bisher schon in der Nachbarschaft patrouilliert sind, für verantwortungsvoll gehalten werden. Da niemand von diesen Wächtern zuvor als Polizist oder Sicherheitswache gearbeitet hat, werden sie weiterhin paarweise arbeiten und einander ebenso im Auge behalten wie die Nachbarschaft. Sie verwenden Pfeifen, wenn sie gegebenenfalls Hilfe brauchen. Außerdem treffen sie sich einmal pro Woche für Studium, Diskussion, Kampfsportübungen und Schießtechnik. Richtig, die Montoyas haben Kampfsportklassen eingerichtet, aber nicht auf meine Veranlassung hin. Der alte Mr. Hsu hat Rückenpro- bleme und wird eine Weile lang nicht unterrichten können, aber die Montoyas scheinen auszureichen. Ich habe die Absicht, so oft wie möglich in diesen Klassen zu sitzen, jedenfalls solange ich die Übungsschmerzen der Leute ertragen kann. Vater hat mir heute morgen alle seine Bücher weggenom- men. Außer meinen Aufzeichnungen ist mir nichts geblieben. Es macht mir nichts aus. Dank der Gartendiebe bereiten sich die Leute jetzt auf das Schlimmste vor. Ich bin den Dieben dafür fast dankbar. Sie sind übrigens nicht zurückgekommen, unsere Diebe. Wenn sie es doch tun, sollten wir ihnen mittlerweile einen Empfang bereiten können, den sie nicht erwarten werden. Samstag, 29. März 2025 Vergangene Nacht haben uns unsere Diebe einen neuerlichen Besuch abgestattet. Vielleicht waren es nicht dieselben, aber ihre Absichten wa-, ren dieselben: Alles wegzunehmen, was andere im Schweiße ihres Angesichts angebaut hatten und dringend brauchten. Diesmal waren sie hinter Richard Moss' Kaninchen her. Die- se Kaninchen sind die einzigen Haustiere in der Nachbarschaft außer ein paar Hühnern, die die Familien Cruz und Montoya vor ein paar Jahren großzuziehen versuchten. Die wurden gestohlen, sobald sie groß genug gewesen waren, um soviel Lärm zu machen, daß man von draußen auf sie aufmerksam werden konnte. Die Moss-Kaninchen waren unser Geheimnis geblieben, bis Richard Moss heuer darauf bestanden hatte, das Fleisch und alles, was seine Frauen aus den Fellen und gegerb- ten Häuten der Tiere herstellen konnten, außerhalb der Nach- barschaft zu verkaufen. Selbstverständlich hatte Moss zuvor uns Fleisch, Felle, Hasenmist als Dünger und so weiter verkauft, alles außer den lebenden Tieren. Die behielt er zum Züchten für sich selbst. Aber dann hatte er aus Dummheit, Arroganz und Gier entschieden, er könne mehr Geld verdienen, wenn er seine Ware draußen verkaufte. Also verbreitete sich die Nachricht von den verdammten Kaninchen auf den Straßen, und vergan- gene Nacht wurden sie abgeholt. Der Moss'sche Kaninchenstall ist eine umgebaute Garage für drei Autos, die laut Vater in den achtziger Jahren errichtet worden war. Man kann sich kaum vorstellen, daß ein Haushalt einmal drei Autos gehabt haben soll und sich den Treibstoff dafür leisten konnte. Aber ich kann mich noch an die alte Garage erinnern, bevor Moss sie umbaute. Sie war riesengroß mit drei schwarzen Ölflecken am Boden, wo die Autos einst gestanden hatten. Richard Moss reparierte Dach und Wände, setzte Fenster für die Luftzirkulation ein und brachte die Garage, so hin, daß auch Menschen darin hätten leben können. Tat- sächlich war sie sehr viel besser als die Verhältnisse, unter denen jetzt die meisten Menschen draußen leben. Er baute Stellagen für die Kaninchenkäfige, legte elektrische Leitungen für das Licht und brachte Deckenventilatoren an. Die Ventilato- ren werden mittels Kinderkraft betrieben, sie sind mit einem alten Fahrradrahmen verbunden, und jedes Kind von den Moss, das alt genug ist, in die Pedale zu treten, muß früher oder später die Energie für die Ventilatoren liefern. Die Moss-Kinder hassen es, aber sie wissen, was mit ihnen geschieht, wenn sie es nicht tun. Ich weiß nicht, wie viele Kaninchen die Familie Moss jetzt hat, aber es sieht so aus, als würden sie ständig schlachten und häuten und widerliche Dinge mit den Pelzen anfangen. Selbst ein kleines Monopol ist eben einigen Aufwand wert. Die beiden Diebe hatten schon dreizehn Kaninchen in Lei- nenbeutel eingesackt, als unsere Wachen sie entdeckten. Ohne jeden Zuruf und ohne jede Vorwarnung schossen sie drei-, viermal in die Luft und pfiffen schrill mit aller Kraft. Sie blieben in Deckung, aber im Moss-Haus wachte jemand auf und schal- tete das Licht im Kaninchenhaus ein. Das hätte ein tödlicher Fehler für die Wachen sein können, aber sie waren hinter Granatapfelbüschen verborgen. Die beiden Diebe rannten wie die Kaninchen. Sie kletterten in Sekundenschnelle mittels einer Aluminium- leiter über die Mauer, wobei sie diese sehr brauchbare große Leiter, Säcke, Kaninchen, Brecheisen, ein langes Seil und Draht- schneider zurückließen. Unsere Mauer ist drei Meter hoch und oben mit Glasscherben, konventionellem Stacheldraht und dem, beinahe unsichtbaren Lazordraht versehen. Der ganze Draht war trotz unserer Vorkehrungen zerschnitten. Schade, daß wir ihn nicht unter Strom setzen oder andere Fallen legen können. Aber zumindest das Glas – der älteste, einfachste unserer Tricks – hatte einen von ihnen erwischt. Wir fanden heute morgen einen breiten Streifen getrockneten Blutes auf der Innenseite der Wand. Außerdem fanden wir eine Glock 19, wo einer der Diebe sie verloren hatte. Mrs. Lincoln und Mrs. Montoya hätten erschos- sen werden können. Wenn die Diebe nicht vor Angst den Kopf verloren hätten, wäre eine Schießerei möglich gewesen. Im Moss-Haus oder in einem der angrenzenden Häuser hätte jemand verwundet oder getötet werden können. Cory fragte Vater danach, als sie abends allein in der Küche saßen. »Ich weiß«, sagte Vater. Er klang müde und elend. »Glaub nicht, daß wir nicht genug über diese Dinge nachgedacht hät- ten. Das ist es ja, warum wir die Diebe erschrecken wollten. Nicht einmal Schüsse in die Luft sind sicher. Nichts ist sicher.« »Diesmal sind sie davongelaufen, aber das werden sie nicht immer tun.« »Weiß ich.« »Also dann, was nun? Ihr beschützt Kaninchen oder Oran- gen, und vielleicht wird ein Kind dabei getötet?« Schweigen. »Wir können so nicht leben!« schrie Cory. Ich machte einen Satz in meinem Bett. So hatte ich sie noch nie gehört. »Genau so leben wir.« Vaters Stimme war kein Ärger anzu- hören, überhaupt keine emotionale Antwort auf ihren Auf-, schrei. Nichts. Müdigkeit, Traurigkeit. Ich hatte ihn noch nie so müde klingen gehört, so… beinahe geschlagen. Dabei hatte er gewonnen. Seine Vorkehrungen hatten zwei bewaffnete Diebe in die Flucht geschlagen, ohne daß jemand von uns verwundet worden war. Wenn sich einer der Diebe selbst verletzt hatte, war das sein Problem. Natürlich würden sie zurückkommen, sie oder andere. Das würde geschehen, was auch immer wir taten. Und Cory hatte recht. Die nächsten Diebe würden vielleicht nicht ihre Waffen wegwerfen und davonlaufen. Also was nun? Sollten wir in unseren Betten liegen bleiben und sie alles nehmen lassen, was wir hatten, und hoffen, sie wären damit zufrieden, unsere Gärten auszuplündern? Wie lange ist ein Dieb mit seiner Beute zufrieden? Und wie würde es für uns sein, zu verhungern? »Ohne dich geht es nicht«, sagte Cory. Sie schrie jetzt nicht mehr. »Es könntest auch du gewesen sein da draußen, den Gangstern gegenüber. Nächstes Mal bist du es vielleicht. Du könntest erschossen werden, wenn du die Nachbarskaninchen bewachst.« Vater sagte: »Hast du bemerkt, daß alle Wachen, die nicht Dienst hatten, auf die Pfiffe reagiert haben? Sie sind herausge- kommen, um ihre Gemeinschaft zu verteidigen.« »Die sind mir gleichgültig! Du bist es, um den ich mir Sorgen mache!« »Nein. So können wir nicht mehr denken. Cory, keiner hilft uns, außer Gott und wir selbst. Ich beschütze Moss' Haus unabhängig davon, was ich von ihm halte, und er beschützt meines, gleichgültig, was er von mir denkt. Wir beschützen uns alle gegenseitig.« Er machte eine Pause. »Ich bin gut versichert., Du und die Kinder solltet keine Probleme haben, wenn…« »Nein!« sagte Cory. »Glaubst du, es drehe sich alles nur um Geld? Glaubst du…« »Nein, Liebes, nein.« Pause. »Ich weiß, wie es ist, allein zu sein. Das ist keine Welt, in der man allein sein kann.« Es gab ein langes Schweigen, so lange, daß ich dachte, sie würden nichts mehr sagen. Ich lag auf meinem Bett und fragte mich, ob ich aufstehen und die Tür schließen sollte, damit ich die Lampe anmachen und schreiben konnte. Aber es kam doch noch etwas. »Was sollen wir tun, wenn du stirbst?« fragte sie, und es klang, als weine sie. »Was sollen wir tun, wenn sie dich wegen ein paar blöder Kaninchen abknallen?« »Leben!« sagte Vater. »Das ist alles, was man noch tun kann. Leben. Aushalten. Überleben. Ich weiß nicht, ob jemals wieder bessere Zeiten kommen. Aber ich weiß, daß das nicht der Fall sein kann, wenn wir nicht diese Zeiten überstehen.« Das war das Ende ihres Gesprächs. Ich lag lange im Dunkeln wach und dachte über das nach, was sie gesagt hatten. Cory hatte recht. Vater konnte verwundet werden. Er konnte getötet werden. Ich wußte nicht, wie ich darüber nachdenken sollte. Ich kann darüber schreiben, aber ich habe kein Gefühl dabei. Im Grunde glaube ich es einfach nicht. Ich schätze, ich bin beim Augen-vor-der-Realität-Verschließen so gut wie jeder andere. Also hat Cory, recht, es spielt aber keine Rolle. Und Vater hat recht, aber er geht nicht weit genug. Gott ist Wechsel, und am Ende setzt er sich durch. Aber Gott existiert, um geformt zu werden. Es kann uns nicht genügen, nur zu überleben, dahinzu- treiben, so zu tun, als bliebe alles beim Alten, während die, Umstände sich ständig verschlimmern. Wenn wir Gott diese Form geben, dann werden wir eines Tages zu weich – zu arm, zu hungrig, zu krank – sein, um uns selbst zu verteidigen. Dann werden wir ausgelöscht werden. Es muß mehr geben, was wir tun können, ein besseres Ge- schick, das wir uns bereiten können. Anderswo. Anderswie. Irgendwie!, Wir sind alle Gottessaat, aber nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Aspekt des Universums. Gottessaat ist alles, was es da gibt – alles, was sich verändert. Erdensaat ist alles, was Erdenleben auf neuen Erden ausbreitet. Das Universum ist Gottessaat. Nur wir sind Erdensaat. Und die Erdensaat ist dazu bestimmt, unter den Sternen Wurzeln zu schlagen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 26. April 2025 Manchmal hilft es einem, etwas zu verstehen, indem man es benennt – der Sache einen Namen gibt oder ihren Namen entdeckt. Wenn ich den Namen einer Sache kenne und weiß, wofür sie gut ist, kann ich besser mit ihr umgehen. Dieses besondere Gott-ist-der-Wechsel-Glaubenssystem, das mir richtig erscheint, soll Erdensaat heißen. Ich habe schon früher versucht, ihm einen Namen zu geben. Das schlug fehl, deshalb versuchte ich, es unbenannt zu lassen. Keine dieser Bemühungen befriedigte mich. Name plus Ursache ergibt für mich den Brennpunkt., Heute also fand ich den Namen, fand ihn, während ich den hinteren Garten jätete und darüber nachdachte, wie sich Pflan- zen selbst verbreiten, durch den Wind, durch ein Tier, durch das Wasser, und damit weit weg von ihren Eltern gelangen. Sie haben gar keine Fähigkeit, aus eigener Kraft große Entfernun- gen zurückzulegen, und doch reisen sie. Nicht einmal sie müs- sen an einem Ort bleiben und warten, bis sie ausgerottet wer- den. Es gibt Inseln, die Tausende von Meilen entfernt sind – Hawaii zum Beispiel, und die Osterinsel – wo Pflanzen sich selbst aussäten und wuchsen, lange bevor Menschen hinkamen. Erdensaat. Ich bin Erdensaat. Jedermann kann es sein. Ich glaube, eines Tages wird es viele von uns geben. Und ich denke, wir werden uns weiter und weiter weg von diesem sterbenden Ort entfer- nen müssen. ✳ ✳ ✳ Mir war es nie so vorgekommen, daß ich etwas davon nur erfunden hätte – weder den Namen Erdensaat noch sonst etwas davon. Es kam mir nie anders als real vor: eher eine Entdeckung als eine Erfindung, eher Erforschung als Erschaffung. Ich wünschte, ich könnte glauben, daß alles übernatürlich wäre und daß ich Botschaften von Gott bekäme. Aber schließlich glaube ich nicht an so eine Art von Gott. Alles, was ich tue, ist beo- bachten und Notizen machen, ich versuche die Dinge so macht- voll, einfach und direkt, wie ich sie fühle, darzulegen. Das schaffe ich allerdings nie. Ich werde es weiter versuchen, aber ich kann es nicht. Ich bin als Schriftstellerin, Poetin, oder was, auch immer ich dafür sein sollte, einfach zu wenig gut. Ich weiß nicht, was ich da tun kann. Es macht mich manchmal fast verrückt. Ich werde zwar besser, aber nur so langsam! Die Sache ist die – auch mit meinem Schreibproblem –, daß ich jedesmal, wenn ich ein wenig mehr begriffen habe, mich fragen muß, warum ich dazu so lange gebraucht habe – wie es möglich ist, daß es jemals eine Zeit gegeben hat, wo ich etwas so Offensichtliches und Wirkliches und Wahres nicht verstanden habe. Das hier ist das einzig Rätselhafte an der ganzen Sache, das einzige Paradoxon oder Unlogische oder ein Zirkelschluß oder wie man es auch immer nennen will: Warum existiert das Universum? Um Gott zu formen. Warum gibt es Gott? Um das Universum zu formen. Ich kann nicht davon loskommen. Ich habe versucht, es zu ändern oder beiseite zu legen, aber es ist mir nicht geglückt. Ich kann einfach nicht. Es kommt mir vor, als sei es das Zutreffend- ste von allem, was ich jemals geschrieben habe. Es ist so ge- heimnisvoll und offensichtlich wie jede andere Erklärung Gottes oder des Universums, die ich jemals gelesen habe, abge- sehen davon, daß mir die anderen bestenfalls unangemessen vorkamen. Der ganze Rest von Erdensaat sind Erklärungen – was Gott ist, was Gott tut, was wir sind, was wir tun sollten, was wir nicht, anders tun können… Bedenke: Ob du nun ein menschliches Wesen bist, ein Insekt, eine Mikrobe oder ein Stein, diese Zeilen sind wahr: Alles was du berührst, veränderst du. Alles was du veränderst, verändert dich. Die einzige immerwährende Wahrheit ist die Veränderung. Gott ist Veränderung. ✳ ✳ ✳ Ich gehe meine alten Aufzeichnungen durch und sammle die Verse, die ich geschrieben habe, in einem Band. Ich werde sie in eines der Aufgabenhefte übertragen, die Cory den älteren Kindern aushändigt, weil es in der Nachbarschaft so wenige Computer gibt. Ich habe genug unnützes Zeug in diese Bücher geschrieben, während ich meine Highschoolzeit durchstand. Jetzt werde ich Nützlicheres zusammenstellen. Eines Tages, wenn die Leute mehr darauf achten werden, was ich sage, statt darauf, wie alt ich bin, werde ich diese Verse verwenden, um die Menschen von ihrer kaputten Vergangenheit loszureißen und sie vielleicht loszusenden, um sich zu retten und eine sinnvolle Zukunft aufzubauen. Voraussetzung ist allerdings, daß alles noch ein paar Jahre lang zusammenhält., Samstag, 7. Juni 2025 Endlich habe ich einen kleinen Überlebenspacken für mich selbst zusammengestellt – einen Nimm-und-renn-Packen. Ich mußte einige Dinge aus der Garage und vom Dachboden her- vorkramen, damit sich niemand darüber beklagen kann, daß ich die Sachen, die ich brauche, einfach wegnehme. Ich habe mir zum Beispiel ein Beil und zwei kleine, leichte Metalltöpfe genommen. Solche Dinge liegen herum, weil niemand etwas wegwirft, was noch einmal nützlich oder zu verkaufen sein könnte. Ich packte meine paar hundert ersparten Dollars dazu – ins- gesamt waren es fast eintausend. Sie könnten mich zwei Wo- chen durchbringen, wenn ich sie behalten kann und sehr vor- sichtig damit umgehe und genau prüfe, was und wo ich kaufe. Ich bin über Preise auf dem laufenden, indem ich Vater regel- mäßig befrage, wenn er und die anderen Nachbarn die wichtig- sten Einkäufe machen. Die Lebensmittelpreise sind verrückt, sie steigen dauernd und fallen niemals. Jedermann beschwert sich darüber. Ich habe eine alte Feldflasche und eine Plastikflasche gefun- den, beide für Wasser geeignet, und mich entschlossen, sie beide sauber und voll aufzubewahren. Ich packte Streichhölzer dazu, eine vollständige Kleidungsgarnitur einschließlich Schu- hen (falls ich in der Nacht aufstehen und sofort losrennen muß), Kamm, Seife, Zahnbürste und Zahnpasta, Tampons, Klopapier, Verbandszeug, Reißnägel, Nadeln und Faden, Alko- hol, Aspirin, Löffel und Gabeln, einen Dosenöffner, mein Taschenmesser, eine Packung Eichelmehl, Trockenfrüchte,, geröstete Nüsse, eßbare Samen, Trockenmilch, ein wenig Zuk- ker und Salz, meine Überlebensaufzeichnungen, mehrere Plastiktragtaschen, große und kleine, eine Menge von pflanzba- ren Samen, mein Tagebuch, mein Erdensaatheft und eine Wäscheleine. Ich habe alles in zwei alten Kopfpolsterüberzügen verstaut, den einen über dem anderen, damit sie besser halten. Ich habe die Polsterüberzüge in eine Wolldecke gewickelt und diese mit einem Stück Wäscheleine so zugebunden, daß ich den Packen sofort nehmen und rennen kann, ohne daß ich Dinge verliere, aber ich habe es so gemacht, daß sich der Packen oben leicht öffnen läßt, damit ich mein Tagebuch herausnehmen und hineingeben kann, das Wasser wechseln kann, um es frisch zu halten, und – weniger oft – die Lebensmittel auswechseln und den Samen kontrollieren kann. Das ist nämlich das Letzte, was ich entdecken möchte, daß ich anstelle von pflanzbaren Samen und eßbaren Lebensmittel eine Ladung von Wanzen und Würmern herumgetragen habe. Ich wünschte, ich könnte eine Waffe mitnehmen. Ich besitze selbst keine, und Vater erlaubt mir nicht, eine von seinen in meinem Zimmer zu haben. Ich glaube, ich nehme einfach eine, wenn es Schwierigkeiten gibt, aber vielleicht bin ich dazu dann doch nicht in der Lage. Es wäre verrückt, sich draußen durch- schlagen zu wollen mit nichts als einem Messer und einem verängstigten Blick, aber es könnte passieren. Vater und Wyatt Talcott nahmen uns heute zu Schießübungen mit hinaus, und danach versuchte ich mit Vater zu reden, damit er mir eine der Waffen im Zimmer läßt. »Nein«, sagte er, während er sich niedersetzte, müde und staubig, hinter den Schreibtisch in seinem schmuddeligen Büro., »Du hast nichts, wo du sie während des Tages sicher aufbewah- ren könntest, und die Jungen gehen in deinem Zimmer dauernd ein und aus.« Ich zögerte, dann erzählte ich ihm von dem Überlebenspak- ken, den ich zusammengepackt hatte. Er nickte. »Ich hielt das schon damals für eine gute Idee, als du es vorgeschlagen hast«, sagte er. »Aber bedenke, Lauren: es wäre für einen Einbrecher ein wahres Geschenk. Geld, Lebens- mittel, Wasser, eine Waffe… Die meisten Einbrecher haben nicht das Glück, das, was sie gerne hätten, schön zusammenge- bunden auf sie wartend vorzufinden. Ich denke, wir machen es etwaigen Einbrechern lieber ein bißchen schwerer, hier nach einer Waffe zu suchen.« »Es wäre nur eine zusammengerollte Decke unter dem ande- ren zusammengerollten und gefalteten Bettzeug in meinem Schrank«, sagte ich. »Niemandem könnte es aus irgendeinem Grund auffallen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Die Waffen bleiben, wo sie sind.« Und das war es dann. Mir scheint, er macht sich mehr Sor- gen wegen der Jungen, die herumschnüffeln, als wegen Einbre- chern. Meinen Brüdern brachte man das ganze Leben lang bei, wie man mit Waffen umgeht, aber Greg ist erst acht und Ben neun. Vater ist noch nicht soweit, sie auf ihrem Weg in Versu- chung zu führen. Markus ist mit 11 Jahren vertrauenswürdiger als eine Menge Erwachsener, aber Keith mit fast 13 ist ein ganz großes Fragezeichen. Er würde nicht von Vater stehlen. Das würde er sich nicht getrauen. Aber er hat mir Sachen gestohlen – bisher nur Kleinigkeiten. Obwohl er so dringend eine Waffe, möchte wie durstige Leute Wasser. Er möchte ganz erwachsen sein – am besten schon gestern. Darum hat Vater vielleicht recht. Ich hasse seine Entscheidung, aber er hat vielleicht recht. »Wohin würdest du gehen?« fragte ich ihn, das Thema wech- selnd. »Wenn wir hier weg müßten, wohin würdest du uns mitnehmen?« Er stieß Luft aus, nachdem er seine Wangen eine Sekunde lang aufgeblasen hatte. »Zu den Nachbarn oder zum College«, sagte er. »Das College hat zeitlich begrenzte Notfallunterkünfte für Angestellte, deren Haus abgebrannt ist oder die aus ihren Heimen vertrieben wurden.« »Und dann?« »Wiederaufbauen, reparieren, machen, was auch immer wir tun können, um zu leben und in Sicherheit zu sein.« »Hast du jemals daran gedacht, von hier wegzugehen, in Richtung Norden, wo das Wasser kein solches Problem und die Nahrung billiger ist?« »Nein.« Er starrte ins Leere. »Meine Arbeit hier unten ist so sicher, wie ein Beruf nur sein kann. Es gibt keine Arbeit dort oben. Neuankömmlinge arbeiten für bloße Nahrung, wenn sie überhaupt Arbeit bekommen. Erfahrung ist wertlos. Schulbil- dung ist wertlos. Es gibt zu viele verzweifelte Leute. Sie arbeiten sich das Leben aus dem Leib für einen Sack Bohnen, und sie leben auf der Straße.« »Ich habe gehört, dort oben wäre es einfacher«, sagte ich. »In Oregon, Washington oder Kanada.« »Die Grenzen sind dicht«, sagte er. »Du kannst dich vielleicht nach Oregon hineinschleichen, wenn du überhaupt bis dorthin kommst. Schwieriger ist es, nach Washington zu gehen. Es, werden täglich Leute erschossen, die versuchen, über die kana- dische Grenze zu kommen. Niemand da oben will den Ab- schaum von Kalifornien haben.« »Aber die Menschen ziehen doch fort. Dauernd brechen Leu- te nach Norden auf.« »Sie versuchen es eben. Sie sind verzweifelt und haben nichts zu verlieren. Aber ich habe etwas zu verlieren. Das hier ist mein Heim. Außer den Steuern brauche ich keinen Penny dafür aufzuwenden. Du und deine Brüder haben hier noch keinen einzigen hungrigen Tag verbracht, und so Gott will, werdet ihr das auch nie müssen.« In mein Erdensaat-Heft schrieb ich daraufhin: Ein Baum kann nicht wachsen im Schatten seiner Eltern. Muß man solche Dinge aufschreiben? Jeder weiß sie doch. Was bedeuten sie jetzt überhaupt noch? Was bedeutet es, wenn man in einer Sackgasse lebt, die von einer Mauer umgeben ist? Was bedeutet es, wenn man sich als verdammt glücklich ein- schätzen darf, in einer von einer Mauer umgebenen Sackgasse leben zu können? Montag, 16. Juni 2025 Heute kam am Radio ein langer Bericht über die Entdeckungen der großen anglo-japanischen kosmologischen Station auf dem Mond. Die Station mit ihren großräumigen Anordnungen von, Teleskopen und der höchstempfindlichen spektroskopischen Ausstattung, die je hergestellt wurde, hat weitere Planeten in der Nähe von Sternen entdeckt. Die Station hat seit einem Dutzend Jahren immer wieder neue Welten entdeckt, und es besteht die Möglichkeit, daß einige der entdeckten Welten Leben beherbergen könnten. Ich hörte zu und schnappte jede Information über dieses Thema auf, und es fiel mir auf, daß es immer weniger Argumente dagegen gibt, daß auf anderen Planeten Leben existiert. Diese Idee findet langsam wissen- schaftliche Anerkennung. Natürlich hat niemand eine Ahnung, ob es sich beim außerirdischen Leben um mehr handelt als um einige Trillionen Mikroben. Die Leute spekulieren über intelli- gentes Leben, und es ist ja auch lustig, darüber nachzudenken, aber niemand gibt vor, er hätte jemanden gefunden, mit dem er da draußen reden kann. Mir ist das egal. Leben allein ist genug. Das finde ich… aufregender und ermutigender, als ich erklären kann, und es ist auch wichtiger, als ich erklären kann. Es gibt Leben da draußen. Es gibt Welten voll Leben, nur einige Licht- jahre entfernt, und die Vereinten Nationen haben es eilig, sich sogar aus den nahen, toten Welten, dem Mond und dem Mars, zurückzuziehen. Ich kann es ja verstehen, aber ich wünschte trotzdem, sie würden es nicht tun. Ich vermute, daß eine belebte Welt leichter für uns zu ver- einnahmen und zu besiedeln wäre, ohne eine lange, teure Nabelschnur zur Erde. Leichter, aber nicht leicht. Doch, das spielt eine große Rolle, denn ich glaube nicht, daß es eine viele Lichtjahre lange Nabelschnur geben kann. Ich glaube, daß Menschen, die zu einer Lichtjahre entfernten Welt reisen, auf sich allein gestellt sein werden – weit entfernt von Politikern, und Geschäftsleuten, von krisengeschüttelter Wirtschaft und geschundener Umwelt – und weit weg von jeder Hilfe. Aus dem Schatten ihrer Elternwelt herausgetreten. Samstag, 19. Juli 2025 Morgen werde ich sechzehn. Erst sechzehn. Ich fühle mich älter. Ich möchte älter sein. Ich muß einfach älter sein. Ich hasse es, eine Jugendliche zu sein. Die Zeit drängt! ✳ ✳ ✳ Tracy Dunn ist verschwunden. Sie war deprimiert, seit Amys Tod. Wenn sie überhaupt sprach, war es über Sterben, Sterben wollen und in Würde sterben. Jeder hoffte, sie würde über ihren Kummer hinwegkommen – oder ihre Schuld – und mit ihrem Leben weitermachen. Wahrscheinlich konnte sie das nicht. Vater sprach mehrere Male mit ihr, und ich wußte, daß er sich Sorgen wegen ihr gemacht hatte. Ihre verrückte Familie war auch keine Hilfe. Sie behandelten sie, wie sie Amy behandelt hatten: sie ignorierten sie. Man sagt, sie sei irgendwann gestern hinausgegangen. Eine Gruppe von Kindern der Moss' und Paynes sah sie gestern aus dem Tor gehen, gerade als sie von der Schule kamen. Niemand hat sie seither gesehen., Sonntag, 20. Juli 2025 Hier ist das Geburtstagsgeschenk, das mir heute morgen einfiel, als ich aufwachte – gerade zwei Zeilen: Es ist die Bestimmung der Erdensaat unter den Sternen Wurzeln zu schlagen. Das ist es, wonach ich vor einigen Tagen suchte, als die Ge- schichte von der Entdeckung der neuen Planeten meine Auf- merksamkeit auf sich zog. Natürlich ist das wahr. Es ist offen- sichtlich. Genau jetzt ist es aber auch unmöglich. Die Welt ist in einer schrecklichen Verfassung. Auch den reichen Ländern geht es nicht so gut, wie es ihnen laut Geschichtsunterricht früher ergangen sein soll. Präsident Donner ist nicht der einzige, der raumfahrttechnische und wissenschaftliche Projekte abbricht und ausverkauft. Niemand investiert in Grundlagenforschung, die nicht einen sofortigen Profit abwirft oder zumindest große zukünftige Gewinne verspricht. Es ist keine Stimmung da, etwas zu tun, das als unnötig oder verschwenderisch gelten könnte. Und doch, Es ist die Bestimmung der Edensaat unter den Sternen Wurzeln zu schlagen. Ich weiß nicht, wie oder wann es geschehen wird. Es gibt so viel zu tun, bevor man damit auch nur beginnen kann. Ich glaube, das war zu erwarten. Es gibt immer viel zu tun, bevor man in den Himmel kommen kann., Um mit Gott klarzukommen, bedenke die Folgen deines Verhaltens. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 26. Juli 2025 Tracy Dunn ist nicht heimgekommen und nicht von der Polizei gefunden worden. Ich glaube auch nicht, daß das noch gesche- hen wird. Sie ist erst eine Woche weg, aber eine Woche da draußen muß wie eine Woche in der Hölle sein. Die Menschen gehen durch unser Tor, wie es Mr. Yannis tat, und alle warten auf sie, aber sie kommen nie mehr zurück – oder aber in einer Urne. Ich glaube, Tracy Dunn ist tot. ✳ ✳ ✳ Bianca Montoya ist schwanger. Das ist kein Gerücht, sondern die Wahrheit, und es berührt mich irgendwie. Bianca ist 17, unverheiratet und ganz vernarrt in Jorge Iturbe, der im Haus der Ibarras wohnt und Yolanda Ibarras Bruder ist. Jorge gibt zu, der Vater zu sein. Ich verstehe nicht, warum sie nicht geheiratet haben, bevor alles öffentlich wurde. Jorge ist 23 Jahre alt, und er sollte zumindest ein wenig bei Verstand sein. Auf jeden Fall heiraten sie jetzt. Die Ibarras und Iturbes liegen deshalb seit einer Woche im Streit mit den Montoyas. Wie, dumm! Man könnte meinen, sie hätten sonst nichts zu tun. Immerhin sind sie alle Latinos. Diesmal ist es also keine ge- mischtrassige Fehde. Letztes Jahr, als Craig Dunn, ein Weißer und eines der vernünftigeren Mitglieder der Dunns, dabei erwischt wurde, wie er es mit Siti Moss trieb, die schwarz und außerdem Richard Moss' älteste Tochter ist, dachte ich, daß jemand umgebracht werden würde. Verrückt. Aber mich interessiert nicht, wer mit wem schläft oder wer sich streitet. Mein Gesichtspunkt – meine Frage – ist: wie, um alles in der Welt, kann jemand heiraten und Kinder zeugen wollen unter den derzeitigen Verhältnissen? Ich meine, ich weiß ja, daß die Menschen immer geheiratet und Kinder bekommen haben, aber jetzt… Jetzt kann man nirgends mehr hingehen, und man kann nichts mehr tun. Ein Paar heiratet, und wenn es Glück hat, bekommt es ein Zimmer oder eine Garage, wo es leben kann – ohne Hoffnung auf etwas Besseres und mit gutem Grund zur Erwartung, daß die Dinge sich verschlechtern werden. Das Leben, das sich Bianca ausgewählt hat, ist auch eine von meinen Möglichkeiten. Es ist nicht das Leben, was ich zu führen beabsichtige, aber es ist ungefähr jenes, was die Nachbarschaft von mir erwartet – von einer jeden in meinem Alter. Ein biß- chen erwachsener werden, heiraten, Babies haben. Curtis Tal- cott sagt, die neue Iturbe-Familie wird eine halbe Garage be- kommen, in der sie nach ihrer Heirat wohnen können. Jorges Schwester Celia Iturbe Cruz und ihr Mann und das Baby be- wohnen die andere Hälfte. Zwei Paare, und keiner von ihnen hat eine bezahlte Arbeit. Das Beste, was sie erhoffen können, ist, als Personal zu reichen Leuten zu kommen und für Kost und, Logis zu arbeiten. Es gibt keinen Weg, Geld zu sparen oder jemals eine bessere Arbeit zu kriegen. Und was, wenn sie nach Norden gehen möchten, um in Ore- gon, Washington oder Kanada ein besseres Leben zu versu- chen? Es wäre viel schwieriger, mit einem oder zwei Babies zu reisen, und sehr viel gefährlicher, sich mit den Kindern an feindlichen Wachmännern vorbei und über Staatsgrenzen oder internationale Grenzen zu schleichen. Ich weiß nicht, ob Bianca mutig oder dumm ist. Sie und ihre Schwester sind eifrig dabei, das alte Hochzeitskleid ihrer Mutter herzurichten, und jedermann kocht und bereitet sich auf die Party vor, als ob es in den guten alten Tagen wäre. Wie können sie nur? Ich mag Curtis Talcott sehr. Vielleicht liebe ich ihn. Manch- mal denke ich es. Er sagt, er liebt mich. Aber wenn alles, was ich erwarten kann, ist, ihn zu heiraten, Babies zu haben und in sich ständig verschlimmernder Armut zu leben, dann denke ich, daß ich mich lieber umbringen würde. Samstag, 2. August 2025 Wir hatten heute eine Schießübung, und zum ersten Mal, seit ich den Hund tötete, fanden wir wieder eine Leiche. Wir sahen sie diesmal alle – eine alte Frau, nackt, von Maden wimmelnd, schon halb aufgefressen und über alle Maßen ekelerregend. Das war zuviel für Aura Moss. Sie sagt, sie würde keine wei- teren Schießübungen mehr machen. Niemals. Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie behauptete, es wäre sowieso Sache der Männer, uns zu beschützen. Sie sagte, Frauen sollten nicht mit, Gewehren üben müssen. »Und was, wenn du deine jüngeren Schwestern und Brüder beschützen mußt?« fragte ich sie. Sie mußte oft genug auf sie aufpassen. »Dafür kann ich schon genug«, sagte sie. »Du rostest ein ohne Übung«, sagte ich. »Ich werde nicht mehr herauskommen«, beharrte sie. »Das geht dich gar nichts an! Ich muß nicht mitkommen!« Ich konnte sie nicht umstimmen. Sie fürchtete sich, und das führte zu ihrer Verteidigungshaltung. Vater sagte, ich hätte warten sollen, bis die Erinnerung an die Leiche verblaßt war, um dann zu versuchen, Aura zu überzeugen. Er hat recht, denke ich. Es ist die Moss'sche Art, die mir auf die Nerven geht. Richard Moss läßt seine Frauen und Töchter alles Mögliche machen. Er behandelt sie wie Sklavinnen in seinem Garten und bei Reinigungsaktionen und rund um das Haus, gibt aber vor, daß sie ›Damen‹ wären, sobald es zu irgendeiner Gemein- schaftsangelegenheit kommt. Das ist ein Grund für schwelende Unzufriedenheit. Keine Moss-Frau hat jemals Wache gestan- den. Ich bin nicht die einzige, der das aufgefallen ist. Die beiden älteren Payne-Kinder waren das erste Mal mit uns. Pech für sie. Obwohl sie nicht sehr erschrocken waren. Doyle und Margaret. Sie sind irgendwie zäh. Sie sind in Ord- nung. Ihr Onkel Wardell Parrish wollte nicht, daß sie mitkom- men. Er machte lästerliche Bemerkungen über Vaters Ego, über Privatarmeen und Schutzbünde – und über seine Steuern: daß er in seinem Leben genug bezahlt hätte, um das Recht zu haben, von der Polizei beschützt zu werden. Bla, bla, bla. Er ist ein seltsamer, einzelgängerischer, weinerlicher Mann. Ich habe, gehört, er sei einmal wohlhabend gewesen. Vater stimmt mit mir darin überein, daß man ihm nicht trauen kann. Aber er ist nicht der Vater von Doyle und Margaret, und deren Mutter Rosalee Payne mag es nicht, wenn jemand ihr sagt, wie sie ihre fünf Kinder aufzuziehen hat. Die einzige Macht, die sie hat, ist die Autorität über ihre Kinder und ihr Geld. Sie besitzt ein wenig Geld, ererbt von ihren Eltern. Ihr Bruder hat seines irgendwie verloren. Daher ist es eine dumme Idee, ihr sagen zu wollen, was sie zu tun habe oder was sie ihre Kinder nicht tun lassen solle. Er hätte es besser wissen können – aber um der Kinder willen bin ich froh, daß er es nicht gewußt hat. Mein Bruder Keith bettelte wie gewöhnlich, mitgehen zu dürfen. Er wird in wenigen Tagen dreizehn – am 14. August –, und der Gedanke, zwei weitere Jahre warten zu müssen, scheint ihm unerträglich zu sein. Ich verstehe das. Warten ist schreck- lich. Warten, bis man älter wird, ist schlimmer als irgendeine andere Art von Warten, weil es nichts gibt, was man tun kann, damit es schneller geht. Armer Keith. Arm aber auch ich. Immerhin läßt Vater Keith auf Vögel und Eichhörnchen mit dem Kleinkalibergewehr der Familie schießen. Keith beschwert sich trotzdem. »Es ist nicht fair«, sagte Keith heute zum zwan- zigsten oder dreißigsten Mal. »Lauren ist ein Mädchen, und sie läßt du gehen. Immer läßt du sie alles machen. Ich könnte lernen, dir zu helfen, Wache zu stehen und Einbrecher in die Flucht zu schlagen…« Er hatte einmal den Fehler gemacht, sein Angebot so zu formulieren, daß er helfen möchte, ›Räuber zu erschießen‹, anstatt sie in die Flucht zu schlagen, worauf Vater ihm eine lange Predigt hielt. Vater schlägt uns fast nie, aber er kann sehr verletzend sein, auch ohne daß er einen Finger rührt., Keith durfte heute natürlich nicht mit. Unsere Übung lief okay, bis wir die Leiche fanden. Diesmal sahen wir keine Hunde. Was mich trotzdem sehr beunruhigte, war, daß es schon wieder neue Hütten aus Lumpen, Stangen, Pappkartons und Palmblättern entlang der River Street in die Hügel gibt. Es scheinen immer mehr zu werden. Ihre Einwohner haben uns bisher nie belästigt, außer daß sie fluchen und betteln, aber sie starren immer so. Es wird schwieriger, an ihnen vorbeizufahren. Manche von ihnen sind lebende Skelette. Haut und Knochen und ein paar letzte Zähne. Sie essen, was immer sie finden. Manchmal träume ich davon, wie sie uns anstarren. Als wir heimkamen, war Keith aus der Nachbarschaft ab- gehauen – durchs Haupttor und weg. Er hatte Corys Schlüssel gestohlen und selbst aufgesperrt. Vater und ich wußten nichts davon, bis wir heimkamen. Keith war noch immer weg, und mittlerweile wußte Cory, daß er draußen sein mußte. Sie hatte die ganze Nachbarschaft befragt, und zwei der Dunn-Kinder, die Zwillinge Allison und Marie, sechs Jahre alt, sagten, sie hätten ihn durch das Tor hinausgehen sehen. Das war gewesen, nachdem Cory heimgekommen war und bemerkt hatte, daß der Schlüssel weg war. Vater, müde, verärgert und verstört, war drauf und dran, wieder hinausgehen, um ihn zu suchen, da kam Keith gerade zurück, als Vater eben durch das Tor hinaus wollte. Cory, Markus und ich waren mit Vater zum Haupttor gegangen, alle drei spekulierten wir, wo Keith hingegangen sein könnte, und Markus und ich boten Vater an, mitzugehen, um bei der Suche zu helfen. Es war schon fast dunkel. »Ihr geht in das Haus zurück und bleibt dort«, sagte Vater., »Es ist schon schlimm genug, einen von uns draußen zu ha- ben.« Er kontrollierte die Maschinenpistole und vergewisserte sich, daß sie voll aufmagaziniert war. »Vater, schau!« sagte ich. Ich hatte eine Bewegung drei Häu- ser weiter unten gesehen – eine schnelle, schattenhafte Bewe- gung vor der Veranda der Garfields. Ich wußte nicht, daß es Keith war. Die Verstohlenheit hatte mich aufmerksam gemacht. Jemand schlich herum und versuchte sich zu verstecken. Vater reagierte schnell genug, um die Bewegung zu sehen, bevor sie hinter dem Haus der Garfields verschwand. Er stand sofort auf, nahm das Gewehr und ging nachschauen. Der Rest von uns beobachtete und wartete. Einen Moment später sagte Cory, sie höre ein seltsames Ge- räusch im Haus. Ich war zu sehr auf Vater und darauf, was draußen vorging, konzentriert, um zu bemerken, was sie hörte, oder ihr überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ging hinein. Markus und ich waren noch auf der Veranda, als sie aufschrie. Markus und ich sahen erst einander an, dann die Eingangs- tür. Markus sprang zur Tür. Ich rief Vater. Er war außer Sicht- weite, aber er antwortete auf meinen Schrei. »Komm schnell«, rief ich und rannte ins Haus. Cory, Markus, Bennett und Gregor waren in der Küche und standen rund um Keith. Keith keuchte und wand sich am Boden, er trug nur seine Unterhosen. Er war abgekämpft, verletzt, blutend und dreckig. Cory kniete neben ihm, unter- suchte und bestürmte ihn mit Fragen und weinte. »Was ist mit dir passiert? Wer hat das getan? Warum bist du hinausgegangen? Wo sind deine Kleider? Was…?«, »Wo ist der Schlüssel, den du gestohlen hast?« unterbrach Vater. »Haben sie ihn dir abgenommen?« Jeder fuhr herum und blickte Vater an und dann wieder auf Keith hinunter. »Ich konnte nichts machen«, sagte Keith immer noch keu- chend. »Ich konnte nicht, Vater. Es waren fünf Burschen.« »Dann haben sie also den Schlüssel.« Keith nickte, bemüht, Vater nicht in die Augen zu sehen. Vater drehte sich um und ging schnell aus dem Haus hinaus. Er rannte beinahe. Es war zu spät, um George oder Brian Hsu das Torschloß auswechseln zu lassen. Das würde morgen getan werden müssen, und man mußte neue Schlüssel machen und austeilen. Ich dachte, Vater ginge hinaus, um die Leute zu warnen und um mehr Wachen aufzustellen. Ich wollte ihm meine Hilfe bei der Alarmierung der Leute anbieten, aber ich unterließ es. Vater sah zu wütend aus, um gerade jetzt eine Hilfe von seinen Kindern anzunehmen. Und wenn er zurückkam, würde Keith dran sein. Wirklich dran sein. Eine Hose, ein Hemd und ein Paar Schuhe waren weg. Cory ließ uns niemals barfuß herumlaufen wie andere Kinder, außer im Haus. Ihre Definition von Zivilisation umfaßte weder dreckige, schmutz- verkrustete Füße noch schmutzige, kranke Haut. Schuhe waren teuer, und wir wuchsen ständig aus unseren heraus, aber Cory bestand auf Schuhen. Jeder von uns hatte zumindest ein Paar tragbare Schuhe, unabhängig von den Kosten, und die waren wirklich hoch. Jetzt mußte man Geld auftreiben, um ein Extra- paar für Keith zu bekommen. Keith krümmte sich am Boden zusammen, beschmierte die Fliesen mit Blut aus Nase und Mund, umarmte sich selbst und, weinte jetzt, nachdem Vater gegangen war. Cory brauchte zwei oder drei Minuten, um ihn hochzukriegen, und sie trug ihn halb ins Bad. Ich versuchte ihr zu helfen, aber sie starrte mich an, als ob ich diejenige gewesen wäre, die ihn geschlagen hätte, daher ließ ich sie allein. Es war nicht so, daß ich wirklich helfen wollte. Ich dachte nur, ich sollte. Keith hatte Schmerzen, und es war hart für mich, sie zu teilen. Ich wischte das Blut auf, damit niemand hineintrat und es in der Wohnung verbreitete. Dann machte ich Abendessen, aß, gab den drei kleineren Jungen zu essen und stellte den Rest für Vater, Cory und Keith auf die Seite. Sonntag, 3. August 2025 Keith mußte an diesem Morgen seine Taten in der Kirche bekennen. Er mußte vor die gesamte Versammlung treten und ihnen alles erzählen, eingeschlossen das, was die fünf Rohlinge mit ihm angestellt hatten. Dann mußte er sich entschuldigen – bei Gott, bei seinen Eltern und bei der Versammlung, die er gefährdet und der er Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Vater zwang ihn dazu, trotz Corys Einwänden. Vater schlug ihn nie, obwohl er vergangene Nacht versucht gewesen sein mußte, es zu tun. »Warum machst du so etwas!« schimpfte er ständig mit ihm. »Wie kann einer von meinen Söhnen nur so dumm sein! Wo ist dein Hirn, Bub? Was hast du dir dabei gedacht, was du tust? Ich rede mit dir! Antworte gefälligst!« Keith antwortete und antwortete und antwortete, aber die Antworten schienen Vater nie vernünftig genug. »Ich bin kein, Baby mehr«, weinte er. Oder: »Ich wollte es dir zeigen. Wollte es dir nur beweisen! Lauren läßt du ständig alles tun!« Oder: »Ich bin ein Mann! Ich will mich nicht im Haus verstecken, hinter der Mauer; ich bin ein Mann!« So ging es immer weiter, weil Keith sich weigerte, zuzugeben, daß er etwas falsch gemacht hatte. Er habe zeigen wollen, daß er ein Mann sei, nicht ein verschrecktes Mädchen. Es sei nicht seine Schuld, daß eine Bande von Jungen sich auf ihn gestürzt, ihn verprügelt und ausgeraubt hatte. Er hatte nichts Falsches getan. Es war nicht sein Fehler. Vater starrte ihn mit äußerstem Abscheu an. »Du hast nicht gehorcht«, sagte er. »Du hast gestohlen. Du hast das Leben und das Eigentum von jedem hier in Gefahr gebracht, eingeschlos- sen das deiner Mutter, deiner Schwester und deiner kleinen Brüder. Wenn du wirklich der Mann wärst, für den du dich hältst, würde ich dich windelweich prügeln!« Keith starrte geradeaus. »Die Schufte kommen auch herein, ohne daß sie einen Schlüssel haben«, murrte er. »Sie kommen herein und stehlen. Das ist nicht meine Schuld!« Vater brauchte zwei Stunden, bis er Keith soweit hatte, daß dieser zugab, es sei sein Fehler gewesen, ohne jede Entschuldi- gung. Er habe falsch gehandelt. Er werde es nicht mehr tun. Mein Bruder ist nicht sehr schlau, aber er bewährt sich in hartnäckigster Sturheit. Mein Vater ist sowohl schlau als auch stur. Keith hatte keine Chance, aber er ließ Vater lange für seinen Sieg arbeiten. Am nächsten Morgen hatte Vater seine Genugtuung. Ich glaube nicht, daß er Keiths erzwungenes Eingeständnis so sah, aber Keiths Gesichtsausdruck sagte mir, daß er es so empfand., »Wie komme ich nur von dieser Familie weg«, murmelte Markus mir zu, während wir die beiden beobachteten. Ich sympathisierte mit ihm. Er muß sich ein Zimmer mit Keith teilen, und die beiden, altersmäßig nur ein Jahr auseinander, haben sich schon die ganze Zeit gestritten. Jetzt stehen die Dinge noch schlechter. Keith ist Corys Favorit. Wenn man sie fragt, sagt sie, sie hätte keinen Liebling, aber sie hat einen. Sie verhätschelt ihn und läßt ihn mit leichter Arbeit davonkom- men, ein wenig lügen, ein wenig stehlen… Vielleicht ist das der Grund, warum Keith denkt, daß es in Ordnung ist, wenn er Mist baut. Die heutige Morgenpredigt behandelte die Zehn Gebote mit besonderer Betonung auf »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren« und »Du sollst nicht stehlen«. Ich denke, Vater wurde durch diese Predigt eine Menge Ärger und Frustration los. Keith, groß, mit versteinertem Gesicht, älter als dreizehn Jahre wirkend, behielt seine Wut für sich. Ich sah ihm an, wie er sie drinnen behielt, sie unterdrückte und an ihr würgte., Alle Kämpfe sind im wesentlichen Machtkämpfe. Wer will herrschen, wer will führen, wer will bestimmen, verfeinern, beschränken, planen, führen? Alle Kämpfe sind im wesentlichen Machtkämpfe, und die meisten sind nicht intellektueller als die zwischen Hammeln, die ihre Köpfe gegeneinander stoßen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Sonntag, 17. August 2025 Das normalerweise gute Urteil meiner Eltern ließ sie diese Woche am Geburtstag meines Bruders Keith im Stich. Sie schenkten ihm ein eigenes Kleinkalibergewehr. Es war nicht neu, funktionierte aber und sah viel gefährlicher aus, als es war., Und es war sein Eigentum. Er mußte es mit niemandem teilen. Ich nehme an, er sollte sich damit besser fühlen angesichts der zwei Jahre, die er immer noch zu warten hatte, bis er eine Smith & Wesson in die Hände bekäme, oder, noch besser, eine Heck- ler & Koch. Und natürlich war gedacht, daß es ihm helfen sollte, über seinen dummen Wunsch, draußen herumzuschleichen, und über die Erniedrigung seines öffentlichen Geständnisses hinwegzukommen. Keith schoß ein paar Tauben und Krähen, drohte, Markus zu erschießen – Markus hat mir das heute nacht erzählt –, und riß gestern mit unbekanntem Ziel aus. Das Kleinkalibergewehr nahm er natürlich mit. Niemand hat ihn seit achtzehn Stunden gesehen, und es gibt keinen Zweifel, daß er hinausgegangen ist. Montag, 18. August 2025 Vater ging heute hinaus, um nach Keith zu suchen. Er rief auch die Polizei an. Er sagte, er wisse nicht, wie wir die Gebühr aufbringen werden, aber er hat Angst. Je länger Keith weg ist, desto sicherer ist, daß er verletzt oder getötet worden ist. Mar- kus sagt, er denkt, Keith geht die Jungen suchen, die ihn ver- prügelt hatten. Ich glaube das nicht. Nicht einmal Keith würde fünf Jungen suchen – oder auch nur einen – mit nichts Besse- rem als einem Kleinkalibergewehr. Cory ist noch viel aufgeregter als Vater. Sie ist verschreckt und nervös und magenkrank, und sie weint dauernd. Ich redete ihr zu, daß sie wieder ins Bett gehen solle, dann unterrichtete ich ihre Klasse. Ich hatte das schon vier- oder fünfmal vorher gemacht, als sie krank gewesen war, deshalb war es nicht zu, ungewöhnlich für die Kinder. Ich verwendete Corys Stunden- plan und tat während des ersten Teils des Tages die Älteren mit meinen Kindergartenkindern zusammen und ließ jedes von den Älteren einmal versuchen, wie es ist, jemand anderen zu unter- richten und von ihm zu lernen. Einige meiner Studenten sind in meinem Alter und älter, und einige davon – Aura Moss und Michael Talcott – standen auf und gingen. Sie wußten, daß ich meine Arbeit verstand. Ich habe meine letzte Highschoolzeit vor fast zwei Jahren abgeschlossen. Seit damals unterstütze ich unbezahlt die Unterrichtsarbeit meines Vater. Michael und Aura wissen das alles, aber sie fühlen sich zu erwachsen, um von jemandem wie mir etwas lernen zu können. Zur Hölle mit ihnen! Obwohl es schade ist, daß mein Curtis einen Bruder wie Michael haben muß – nicht, daß sich einer von uns seinen Bruder aussuchen könnte. Dienstag, 19. August 2025 Keine Spur von Keith. Ich denke, Cory ist dazu übergegangen, um ihn zu trauern. Ich habe mich heute wieder um die Klassen gekümmert, und Vater ging neuerlich hinaus, um nach ihm zu suchen. Als er heimkam, sah er erschöpft aus, und Cory weinte und schrie ihn an. »Du hast es nicht genug versucht!« Das sagte sie vor mir und meinen drei Brüdern. Wir waren gekommen, um zu sehen, ob Vater Keith zurückgebracht hätte. »Du hättest ihn finden kön- nen, wenn du es wirklich versucht hättest!« Vater versuchte auf sie zuzugehen, aber sie drehte sich weg, immer noch schreiend: »Wenn deine altkluge Lauren allein da, draußen wäre, hättest du sie jetzt schon gefunden! Du küm- merst dich nicht um Keith.« So etwas hatte sie nie zuvor gesagt. Ich meine, wir waren immer Cory und Lauren. Sie verlangte niemals, daß ich ›Mutter‹ zu ihr sagte, und ich zog nie in Be- tracht, es zu tun. Ich wußte immer, daß sie meine Stiefmutter war. Aber dennoch… liebte ich sie. Ich fand es verwunderlich, daß Keith ihr Favorit war, aber ich liebte sie deshalb nicht weniger. Ich war ihr Kind, aber eben doch nicht so ganz. Nicht ganz. Nicht wirklich. Aber ich hatte immer geglaubt, sie liebe mich. Vater scheuchte uns alle ins Bett. Er beruhigte Cory und brachte sie in ihr Zimmer. Einige Minuten später kam er, um nach mir zu sehen. »Sie hat es nicht so gemeint«, sagte er. »Sie liebt dich, als ob du ihre Tochter wärst, Lauren.« Ich schaute ihn nur an. »Sie möchte, daß du weißt, daß es ihr leid tut.« Ich nickte, und nach einigen weiteren Versicherungen ging er. Tut es ihr leid? Ich glaube nicht. Hat sie es so gemeint, wie es geklungen hat? Sie hat es so ge- meint. O ja, sie hat es genau so gemeint. Scheiße. Donnerstag, 28. August 2025 Keith ist letzte Nacht heimgekommen. Er spazierte gerade während des Abendessens herein, gerade, so, als ob er draußen gewesen wäre, um Fußball zu spielen, und nicht, als ob er seit Samstag weg gewesen wäre. Und diesmal sah er ordentlich aus. Nicht ein Makel war an ihm. Er trug eine neue Garnitur Kleider – auch neue Schuhe. Alles war von viel besserer Qualität als die, die er angehabt hatte, als er hinausge- gangen war, und viel teurer, als wir es uns leisten konnten. Er hatte immer noch das Kleinkalibergewehr, bis Vater es ihm wegnahm und zerbrach. Keith wollte nicht sagen, wo er gewesen war oder wie er die neuen Dinge bekommen hatte, deshalb schlug Vater ihn blutig. Ich habe Vater vorher erst einmal so erlebt – als ich 12 war. Cory versuchte ihn zu stoppen, versuchte ihn von Keith wegzu- ziehen, schrie ihn erst auf Englisch an, dann auf Spanisch, dann ohne Worte. Gregory warf sich auf den Boden und Bennett fing an zu weinen. Markus ließ die ganze Szene hinter sich und schlüpfte aus dem Haus hinaus. Schließlich war es vorüber. Keith weinte wie ein Zweijähriger, und Cory umarmte ihn. Vater stand über beiden und sah benommen aus. Ich folgte Markus zur Hintertür hinaus, stolperte und fiel fast die Treppe hinunter. Ich wußte nicht, was ich tat. Markus war nicht in der Nähe. Ich saß in der warmen Dunkelheit auf den Stufen und ließ meinen Körper zittern und schmerzen und erbrach in hilfloser Einfühlung in Keith. Dann, glaube ich, wurde ich ohnmächtig. Etwas später kam ich wieder zu mir, als Markus mich schüt- telte und meinen Namen flüsterte. Ich stand mit Markus auf, der mich am Arm hielt und zu stützen versuchte, und ging in mein Schlafzimmer., »Laß mich hier drinnen schlafen«, flüsterte er, während ich auf meinem Bett saß, benommen und immer noch voll Schmer- zen. »Ich werde auf dem Boden schlafen, das macht mir nichts aus.« »In Ordnung«, sagte ich, mir war es gleich, wo er schlief. Ich legte mich auf das Bett, ohne die Schuhe auszuziehen, und zog meinen Körper auf dem Bettzeug zu einer fötalen Haltung zusammen. Entweder schlief ich so ein, oder ich verlor wieder das Bewußtsein. Samstag, 25. Oktober 2025 Keith ist wieder nach draußen gegangen. Er verschwand gestern nachmittag. Cory gab bis heute abend nicht zu, daß er diesmal nicht nur ihren Schlüssel, sondern auch ihre Waffe mitgenom- men hatte. Er hat die Smith & Wesson genommen. Vater weigerte sich, hinauszugehen und nach ihm zu suchen. Vater schlief gestern nacht in seinem Büro. Dort schläft er auch heute nacht wieder. Ich habe meinen Bruder niemals sehr gemocht. Ich hasse ihn für das, was er der Familie antut – was er meinem Vater antut. Ich hasse ihn. Verdammt, ich hasse ihn. Montag, 3. November 2025 Keith kam heute nacht heim, während Vater einen Besuch im Hause der Talcotts machte. Ich vermute, daß Keith herum- strich, das Haus beobachtete und wartete, bis Vater es verließ. Er kam, um Cory zu besuchen. Er brachte ihr eine Menge Geld, in einem dicken Bündel zusammengerollt., Sie starrte es an, dann betastete sie es ganz benommen. »So viel Geld, Keith«, flüsterte sie. »Woher hast du es?« »Es ist für dich«, sagte er. »Alles für dich, nichts für ihn.« Er nahm ihre Hand und schloß sie um das Geld – und sie ließ ihn gewähren, obwohl sie wissen mußte, daß es gestohlenes Geld war oder Drogengeld oder schlimmer. Keith gab Bennett und Gregory große, teure Milchschokola- detafeln mit Erdnüssen. Markus und mir lächelte er nur zu – sein unverkennbares ›Leckt mich am Arsch‹-Lächeln. Dann verzog er sich wieder, bevor Vater nach Hause kommen und ihn hier finden konnte. Cory hatte nicht begriffen, daß er wieder gehen wollte, und sie schrie auf und hängte sich an ihn. »Nein! Da draußen wirst du getötet werden! Was ist nur los mit dir? Bleib doch hier!« »Mama, ich möchte nicht, daß er mich noch einmal schlägt«, sagte er. »Ich brauche das nicht, daß er mich schlägt und mir sagt, was ich zu tun habe. Bald kann ich mehr Geld in einem Tag verdienen als er in einer Woche – oder vielleicht sogar in einem Monat.« »Du wirst getötet werden!« »Nein, das werde ich nicht. Ich weiß schon, was ich tue.« Er küsste sie, dann löste er sich mit überraschender Leichtigkeit aus ihrer Umarmung. »Ich komme zurück und besuche dich«, sagte er. »Ich werde dir Geschenke mitbringen.« Dann verschwand er durch die Hintertür und war weg., Die Zivilisation ist für Gruppen dasselbe, was Intelli- genz für das Individuum ist. Sie ist ein Mittel des Zusammenschlusses der Intelligenz vieler, um eine fortschreitende Angleichung der Gruppe zu erreichen. Zivilisation wie Intelligenz können nützlich sein, an- gemessen sein, oder aber in ihrer Anpassungsfunktion fehlschlagen. Wenn die Zivilisation in dieser Funktion versagt, löst sie sich auf, außer dieser Vorgang wird von internen oder externen Kräften aufgehalten. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden, Wenn sich die vermeintliche Stabilität auflöst, wie es ja kommen muß – Gott ist Wechsel – neigen die Leute zu Furcht und Depression, zu Neid und Gier. Wenn kein Einfluß stark genug ist, die Leute zusammenzuhalten, trennen sie sich. Sie streiten, jeder mit jedem, Gruppen mit Gruppen, ums Überleben, um Positionen, um Macht. Sie erinnern sich alten Hasses und schaffen neuen, sie schaffen ein Chaos und nähren es. Sie töten und töten und töten, bis sie ausgelaugt und zerstört sind, bis sie von äußeren Kräften überwunden werden, oder bis einer unter ihnen ein Führer wird, dem die meisten folgen, oder ein Tyrann, den die meisten fürchten. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden, Donnerstag, 25. Juni 2026 Keith kam gestern heim, größer denn je, so groß und schmal, wie Vater groß und breit ist. Er ist noch nicht vierzehn, aber er sieht schon fast so aus wie der Mann, der er so gern sein möch- te. Wir sind so, wir Olaminas – große, starke, schnell wachsen- de Menschen. Außer Gregory, der erst neun ist, überragen wir alle Cory. Ich bin immer noch die größte, aber meine Größe scheint sie in diesen Tagen abzustoßen. Immerhin liebt sie die Größe von Keith – ihrem großen Sohn. Was sie haßt, ist die Tatsache, daß er nicht mehr bei uns lebt. »Ich habe ein Zimmer«, sagte er gestern zu mir. Wir unter- hielten uns, er und ich. Cory war bei Dorotea Cruz, eine ihrer besten Freundinnen, die soeben ein weiteres Baby bekommen hat. Die anderen Jungen spielten auf der Straße und auf der Verkehrsinsel. Vater ist zum College gefahren und wird über Nacht dort bleiben. Mehr denn je ist es jetzt am sichersten, gleich bei Tagesanbruch hinauszugehen und nicht vor dem Morgengrauen des nächsten Tages heimzukommen. Das heißt, wenn man überhaupt hinaus muß, was bei Vater einmal pro Woche der Fall ist. Die schlimmsten Parasiten lungern nachts herum und schlafen lang in den Morgen hinein. Aber Keith lebt draußen. »Ich habe mit einigen anderen Leuten zusammen ein Zim- mer in einem großen Gebäude«, sagte er. Übersetzung: Er und seine Freunde hocken in einem Abbruchhaus herum. Wer sind seine Freunde? Eine Bande? Ein Haufen Stricher? Ein paar Astronauten auf einem Orbitalflug mittels Drogen? Eine An- sammlung von Dieben? Vertreter von allen genannten Fraktio-, nen? Wann immer er uns besuchen kommt, bringt er Geld für Cory und kleine Geschenke für Bennett und Gregory mit. Wie könnte er das Geld legal verdienen? Es gibt keinen ehrli- chen Weg. »Wissen deine Freunde, wie alt du bist?« fragte ich. Er grinste. »Zum Teufel, nein. Warum sollte ich es ihnen sa- gen?« Ich nickte. »Es hilft manchmal, älter auszusehen. – Willst du etwas essen?« »Kochst du mir etwas?« »Ich habe schon hunderte Male für dich gekocht. Tausende Male.« »Weiß ich. Aber da mußtest du.« »Sei nicht dumm. Du denkst, ich könnte nicht so handeln wie du: meinen Verantwortungen entfliehen, weil mir danach ist? Mir ist nicht danach. Willst du jetzt etwas essen oder nicht?« »Klar.« Ich machte Kaninchenragout und Eichelbrot – genug für Co- ry und alle Buben, wenn sie nach Hause kommen. Er hing herum und sah mir für eine Weile bei der Arbeit zu, dann begann er, sich mit mir zu unterhalten. Das hat er niemals zuvor getan. Wir mochten uns nie, niemals, er und ich. Aber er hatte Informationen, die ich haben wollte, und schien zum Reden aufgelegt zu sein. Ich muß die verschwiegenste Person sein, mit der er sprechen kann. Er hatte keine Angst, mich zu schockieren. Was ich denke, kümmerte ihn nicht sehr. Und er hatte keine Angst, daß ich etwas von dem, was er mir sagte, Cory oder Vater erzählen würde. Natürlich werde ich das nicht, tun. Warum sollte ich sie verletzen? Überhaupt war ich niemals eine Plaudertasche. »Es ist nur ein häßliches altes Gebäude«, erzählte er von sei- nem neuen Heim. »Aber du würdest nicht glauben, wie großar- tig es innen aussieht, sobald du hineingehst.« »Hurenhaus oder Raumschiff?« fragte ich. »Da gibt's Dinge, die du noch nie gesehen hast«, wich er ei- ner Antwort aus. »TV-Fenster, in die du eintreten kannst, anstatt bloß davor zu sitzen und hinzuglotzen. Cyberhelme, Gürtel und Fühlringe… du siehst und fühlst alles, machst alles. Alles! Da gibt es echt verrückte Orte und so, wo du mit dieser Ausrüstung hingehen kannst! Außer um Lebensmittel zu holen, mußt du nie mehr auf die reale Straße gehen.« »Und wem auch immer das gehört, er will dich dabeihaben?« fragte ich. »Yeah.« Er sah mich lange an, dann mußte er lachen. »Es ist nur, weil ich lesen und schreiben kann«, sagte er schließlich. »Keiner von denen kann das. Sie sind alle älter als ich, aber keiner von ihnen kann lesen und schreiben. Sie hatten alle diese großartigen Dinge gestohlen, und sie konnten sie nicht einmal benützen. Bevor ich hinkam, hatten sie schon einiges kaputtgemacht, weil sie die Gebrauchsanweisung nicht lesen konnten.« Corry und ich hatten große Schwierigkeiten gehabt, ihm Le- sen und Schreiben beizubringen. Er war gelangweilt, ungedul- dig, alles andere als eifrig gewesen. »So liest du jetzt also für deinen Unterhalt – du hilfst deinen neuen Freunden, die gestohlene Ausrüstung zu gebrauchen«, sagte ich., »Ja.« »Und was noch?« »Sonst nichts.« Was für ein armseliger Lügner er ist. Immer schon gewesen war. Er hat kein Gewissen. Er ist nicht schlau genug, um Lügen überzeugend bringen zu können. »Drogen, Keith?« fragte ich. »Prostitution? Raub?« »Ich sagte, sonst nichts! Du denkst immer, du wüßtest alles.« Ich seufzte. »Du machst Cory und Vater keinen Kummer, nicht wahr? Nicht auf lange Sicht.« Er sah drein, als ob er mich anschreien oder schlagen wollte. Er hätte wahrscheinlich das eine oder andere getan, hätte ich nicht Cory erwähnt. »Er geht mich einen Scheißdreck an«, sagte er mit einer tie- fen und häßlichen Stimme. Er hatte bereits eine Männerstim- me. Er hatte eigentlich alles außer dem Gehirn eines Mannes. »Ich tue mehr für sie als er. Ich bringe ihr Geld und schöne Dinge. Meine Freunde… meine Freunde wissen, daß sie hier lebt, und sie lassen diesen Ort in Frieden. Er ist ein Nichts!« Ich drehte mich nach ihm um, blickte ihn an und sah das Ge- sicht meines Vaters, mit einer helleren Haut, jünger, schmaler, aber das Gesicht meines Vaters, unzweifelhaft. »Er ist du«, flüsterte ich. »Jedesmal, wenn ich dich ansehe, sehe ich ihn. Jedesmal, wenn du ihn ansiehst, schaust du dich selbst an.« »Scheißdreck!« Ich zuckte die Achseln. Es dauerte lange, bis er wieder sprach. Schließlich fragte er: »Hatte er dich jemals geschlagen?« »Nicht mehr seit ungefähr fünf Jahren.«, »Warum hat er dich damals geprügelt?« Ich dachte nach und entschied mich, es ihm zu sagen. Er war alt genug. »Er fand mich und Rubin Quintanilla zusammen in den Büschen.« Keith lachte schallend. »Du und Rubin? Wirklich? Du hast es mit ihm gemacht? Du machst einen Witz.« »Wir waren zwölf. Was soll's, zum Teufel?« »Du hast Glück gehabt, daß du nicht schwanger wurdest.« »Ich weiß. Zwölf kann ein dummes Alter sein.« Er sah weg. »Ich wette, er hat dich nicht so fest geprügelt, wie er mich geschlagen hat!« »Er schickte euch Jungs hinüber, um mit den Talcotts zu spielen.« Ich gab ihm ein Glas kalten Orangensaft und goß ein zweites für mich ein. »Ich erinnere mich nicht.« »Du warst neun«, sagte ich. »Niemand erzählte dir, was vor- gefallen war. Soweit ich mich erinnern kann, erzählte ich dir, daß ich die hintere Stiege hinuntergefallen sei.« Er runzelte die Stirn, weil er sich vielleicht erinnerte. Mein Gesicht damals war leicht zu erinnern. Vater hatte mich nicht so schlimm verprügelt wie Keith, aber ich hatte schlimmer ausgesehen. Er sollte sich daran erinnern können. »Hat er jemals Mama geschlagen?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Darauf habe ich niemals auch nur den geringsten Hinweis bemerkt. Ich glaube nicht, daß er das tun würde. Er liebt sie, weißt du. Das tut er wirklich.« »Der Bastard!« »Er ist dein Vater, und er ist der beste Mann, den ich kenne.« »Hast du daran gedacht, als er dich geschlagen hat?«, »Nein. Aber später, als ich herausfand, wie dumm ich gewe- sen war, war ich froh, daß er so streng war. Und während es geschah, war ich froh, daß er mich nicht ganz umbrachte.« Er lachte wieder – zweimal innerhalb weniger Minuten, und beide Male wegen etwas, das ich gesagt hatte. Vielleicht war er jetzt so weit, sich ein bißchen zu öffnen. »Erzähl mir über die Außenwelt«, sagte ich. »Wie lebst du da draußen?« Er leerte den letzten Schluck seines zweiten Glases Orangen- safts. »Ich habe es dir ja schon erzählt. Ich lebe richtig gut da draußen.« »Aber was hast du gemacht, als du das erste Mal hinausgingst – als du weggingst, um wegzubleiben?« Er sah mich an und lächelte. So hatte er vor Jahren gelächelt, als er rote Tinte verwendete, um mich zu täuschen, damit ich auf Grund meiner Empathie blutete, für eine Wunde, die er gar nicht hatte. Ich erinnere mich sehr gut an dieses typische garsti- ge Lächeln. »Du willst selbst hinaus, nicht wahr?« fragte er. »Irgendwann einmal.« »Was, anstatt Curtis zu heiraten und ein paar Babies zu ha- ben?« »Ja. Statt dessen.« »Ich fragte mich schon, warum du so nett zu mir bist.« Das Essen roch fertig, deshalb stand ich auf und nahm das Brot vom Ofen und die Schüsseln aus dem Kasten. Ich war versucht, ihm zu sagen, er solle sich sein Ragout selbst schöpfen, aber ich wußte, er würde sich das ganze Fleisch herauslöffeln und für den Rest von uns nur Kartoffeln und Gemüse übriglas-, sen. Daher schöpfte ich ihm und mir, deckte den Topf zu, ließ ihn auf der kleinsten Flamme köcheln und gab ein Tuch über das Brot. Ich ließ ihn eine Weile in Ruhe essen, aber ich dachte, die Buben kämen bald heim, sterbenshungrig. Dann traute ich mich nicht, noch länger zu warten. »Sag es mir, Keith. Ich möchte es wirklich wissen. Wie hast du überlebt, als du das erste Mal hinausgingst?« Sein Lächeln war diesmal weniger teuflisch. Vielleicht hatte das Essen ihn beruhigt. »Ich schlief drei Nächte lang in einem Pappkarton und stahl mir mein Essen«, sagte er. »Ich weiß nicht, warum ich zu dieser Schachtel zurückging. Ich hätte in irgendeinem Winkel schlafen können. Manche Jungs schleppen einen Pappkarton mit sich herum, um darin zu schlafen – damit sie nicht auf dem blanken Boden liegen müssen. Dann bekam ich einen Schlafsack von einem alten Mann. Der Sack war neu, als ob er ihn nie ge- braucht hätte. Dann ging ich…« »Hast du ihn gestohlen?« Er sah mich verächtlich an. »Was glaubst du, was ich ge- macht habe? Ich hatte kein Geld. Hatte nur diese Knarre – Mamas 38er.« Ja. Er hatte sie bei seinem drittletzten Besuch zurückge- bracht, mit zwei Schachteln Munition. Natürlich hatte er nicht erzählt, wie er zu dieser Munition gekommen war – oder woher seine Ersatzkanone kam – eine Heckler & Koch, 9 Millimeter wie die von Vater. Er kam mit solchen Dingen an und beteuer- te, daß man da draußen alles kaufen kann, wenn man Geld hat. Er erzählte aber nie, wie er zu dem Geld gekommen war., »In Ordnung«, sagte ich. »Du hast also den Schlafsack ge- raubt. Und du hast weiterhin Essen gestohlen? Es ist ein Wun- der, daß du nicht erwischt wurdest.« »Der alte Typ hatte ein wenig Geld. Ich verwendete es, um Lebensmittel zu kaufen. Dann ging ich in Richtung Los Ange- les.« Dies war ein alter Traum von ihm. Jede vernünftige Person wäre für die zwanzig Meilen, die uns von diesem ekelhaften Sumpf trennen, dankbar gewesen. »Die Autobahn ist voll von Leuten, die von L. A. wegwollen«, sagte er. »Es gibt auch Leute, die von der Autobahn unten in San Diego weggehen. Sie wissen nicht, wohin sie wollen. Ich redete mit diesem Typ, er sagte, er wolle nach Alaska. Ver- dammt. Alaska!« »Da kann man ihm nur Glück wünschen«, sagte ich. »Er wird in viele Gewehrläufe schauen müssen, bevor er dort ankommt.« »Er wird nicht ankommen. Alaska muß tausend Meilen von hier sein!« Ich nickte. »Mehr als das, und mit feindlichen Bezirks- und Staatsgrenzen auf dem ganzen Weg. Aber auf jeden Fall, viel Glück für ihn! Es ist das Ziel, das den Sinn macht.« »Er hatte 23.000 Dollar bei sich.« Ich sagte nichts. Mir wurde kalt, ich sah ihn mit Abscheu an und fühlte meinen Widerwillen gegen ihn wieder aufsteigen. Aber so ist es natürlich. Natürlich. »Du hast es ja wissen wollen«, sagte er. »So ist es draußen eben. Wenn du eine Knarre hast, bist du jemand. Wenn du keine hast, bist du ein Scheißhaufen. Und eine Menge der Leute da draußen haben keine.«, »Ich dachte, die meisten von ihnen hätten eine – außer de- nen, die zu arm sind, um ausgeraubt zu werden.« »Das glaubte ich auch. Aber Waffen kosten eine Menge Geld. Und es ist leichter, eine zu bekommen, wenn du schon eine hast, verstehst du?« »Was, wenn dieser Alaska-Typ eine gehabt hätte? Dann wä- rest du jetzt tot.« »Ich habe mich an ihn angeschlichen, während er schlief. Verfolgte ihn vorher sozusagen ein bißchen, als er von der Straße wegging, um sich schlafen zu legen. Dann schnappte ich ihn mir. Obwohl er mich von L.A. wegführte.« »Hast du ihn erschossen?« Wieder dieses üble Lächeln. »Er hat vorher mit dir gesprochen. Er ist freundlich zu dir gewesen. Und du hast ihn erschossen.« »Was hätte ich tun sollen? Auf Gott warten, daß er kommt und mir Geld bringt? Was hätte ich tun sollen?« »Heimkommen.« »Scheiße.« »Macht es dir gar nichts aus, daß du ein Leben ausgelöscht hast – daß du einen Mann getötet hast?« Er schien darüber eine Weile nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf. »Es macht mir nichts aus«, sagte er. »Ich war zuerst erschrocken, aber dann, nachdem ich es getan hatte, fühlte ich gar nichts. Niemand hat mich gesehen. Ich habe mir nur seine Sachen genommen und ihn dort liegen gelassen. Außerdem war er vielleicht gar nicht tot. Leute sterben nicht immer, nur weil man auf sie schießt.« »Hast du das nicht überprüft?«, »Ich wollte nur seine Sachen. Er war doch ohnehin verrückt. Alaska!« Ich sagte nichts mehr und stellte keine weiteren Fragen. Er erzählte ein bißchen davon, wie er einige Typen getroffen, sich mit ihnen zusammengetan und bald herausgefunden hatte, daß keiner von ihnen lesen oder schreiben konnte, obwohl alle älter waren als er. Er war ihnen eine Hilfe. Er machte ihnen das Leben angenehmer. Vielleicht war das der Grund, warum sie nicht bloß gewartet hatten, bis er eingeschlafen war und ihn dann getötet und seine Beute für sich behalten hatten. Nach einer Weile fiel ihm auf, daß ich nichts mehr gesagt hatte, und er lachte. »Du heiratest besser Curtis und läßt dir Babys machen«, sag- te er. »Da draußen würdest du nicht einen Tag überleben. Diese Übereinfühlungs-Scheiße, die du hast, bringt dich doch schon herunter, wenn dich noch nicht einmal jemand angegriffen hat.« »Das glaubst du«, sagte ich. »He, ich sah einen Typ, dem wurden beide Augen ausgesto- chen. Danach haben sie ihn angezündet und sahen zu, wie er brennend umherlief und schrie. Glaubst du, daß du das aushal- ten könntest?« »Waren das deine neuen Freunde?« fragte ich. »Himmel, nein! Verrückte waren's. Farbfressen. Sie rasieren sich alle Haare – auch die Augenbrauen –, und sie malen sich die Haut grün oder blau oder rot oder gelb an. Sie fressen Feuer und töten Reiche.« »Sie tun was?« »Sie nehmen die Droge, unter deren Einwirkung sie gern, Feuer anschauen. Manchmal ein Lagerfeuer, eine Müllverbren- nung oder ein brennendes Haus. Oder manchmal fangen sie sich einen reichen Typ und zünden ihn an.« »Warum?« »Weiß ich nicht. Sie sind eben verrückt. Ich habe gehört, daß manche von ihnen selbst einmal Kinder von Reichen waren, deshalb weiß ich nicht, warum sie reiche Leute so sehr hassen. Diese Droge ist wirklich übel. Manchmal gefällt den Farbvisa- gen das Feuer so sehr, daß sie ihm selbst zu nahe kommen. Dann helfen ihnen nicht einmal ihre Freunde. Sie schauen nur zu, wie der Betreffende verbrennt. Es ist wie… Ich weiß nicht, es ist, als ob sie das Feuer fickten, und als sei es der beste Fick, den sie jemals haben könnten.« »Hast du es niemals probiert?« »Himmel, nein! Ich sage dir doch, die Jungs sind verrückt. Weißt du, sogar die Mädchen rasieren ihre Köpfe. Verdammt, schauen die häßlich aus!« »Dann sind sie meistens noch Jugendliche?« »Ja. Von deinem Alter bis zu zwanzig vielleicht. Es gibt ein paar Alte von ihnen, mit 25, sogar 30. Ich habe gehört, daß die meisten von ihnen aber nicht so lange leben.« In diesem Augenblick kamen Cory und die Jungen herein. Gregory und Bennett waren ganz aufgeregt, weil ihre Fußball- mannschaft gewonnen hatte. Cory wirkte glücklich und ver- sonnen und unterhielt sich mit Markus über Dorotea Cruz' neues Baby. Die Stimmung änderte sich sofort, als sie Keith sahen, aber der Abend wurde dann nicht so übel. Natürlich hatte Keith Geschenke für die Jungen mitgebracht und Geld für Cory, aber nichts für Markus und mich. Dieses Mal schien ihm, das allerdings etwas peinlich zu sein. »Vielleicht bringe ich dir nächstes Mal etwas«, sagte er. »Nein, laß das lieber«, sagte ich, während ich an den Alaska- Reisenden dachte. »Es ist schon in Ordnung. Ich brauche nichts.« Er zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder dem Ge- spräch mit Cory zu. Montag, 20. Juli 2026 Heute besuchte mich Keith gerade vor Einbruch der Dunkel- heit. Er stieß zu mir, während ich von den Talcotts heimspazier- te, wo mir Curtis alles Gute zum Geburtstag gewünscht hatte. Wir waren immer sehr vorsichtig gewesen, Curtis und ich, aber von irgendwoher hatte er jetzt einen Vorrat von Kondomen. Sie sind altmodisch, funktionieren aber. Und es gibt einen unbe- nutzten dunklen Raum in der Garage der Talcotts. Keith schreckte mich aus meiner süßen Stimmung auf. Er kam zwischen zwei Häusern hervor, ohne einen Laut von sich zu geben. Er war schon bei mir, als ich ihn wahrnahm und mich umdrehte. Er hob die Hand und lächelte. »Habe dir ein Ge- burtstagsgeschenk mitgebracht«, sagte er. Er drückte mir etwas in die linke Hand. Geld. »Keith, nein, gib es Cory.« »Dann gib du es ihr. Wenn du willst, daß sie es hat, dann gib du es ihr. Ich habe es jedenfalls dir gegeben.« Ich begleitete ihn zum Tor, besorgt, daß eine der Wachen ihn sehen und auf ihn schießen könnte. Er war jetzt so viel größer als damals, als er noch bei uns zu wohnte. Vater war zu Hause, darum kam er, nicht mit hinein. Ich dankte ihm für das Geld und sagte ihm, daß ich es Cory geben würde. Ich wollte, daß er das wußte, weil ich nicht wollte, daß er mir jemals wieder etwas mitbrächte. Es schien ihm gleichgültig zu sein. Er küßte mich auf die Wange, sagte: »Alles Gute zum Geburtstag«, und ging hinaus. Er hatte immer noch Corys Schlüssel, und obwohl Vater weiß, daß er ihn besitzt, hat er das Schloß nicht wieder ausgewechselt. Mittwoch, 26. August 2026 Heute müssen meine Eltern in die Stadt, um den Leichnam meines Bruders Keith zu identifizieren. Samstag, 29. August 2026 Ich war seit Mittwoch nicht in der Lage, eine Zeile zu schreiben. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Die Leiche war die von Keith. Ich habe sie natürlich nicht gesehen. Vater sagte, er habe versucht, Cory davon abzuhalten, sie anzusehen. Was jemand ihm angetan hatte, bevor er starb… darüber möchte ich eigent- lich nicht schreiben, muß es aber doch tun. Manchmal macht einem das Schreiben etwas leichter erträglich. Jemand hat den größten Teil der Haut meines Bruders weg- geschnitten und verbrannt. Überall, außer im Gesicht. Sie haben ihm die Augen ausgebrannt, ließen aber den Rest des Gesichts intakt – als ob sie wollten, daß er identifiziert werden könnte. Sie schnitten und brannten und schnitten und brann- ten… immer wieder ein Stück. Manche der Wunden waren Tage alt. Jemand muß einen abgrundtiefen Haß auf meinen, Bruder gehabt haben. Vater rief uns alle zusammen und beschrieb, was geschehen war. Er sprach mit einer flachen, tonlosen Stimme. Er wollte uns erschrecken, Markus, Bennett und vor allem Gregory. Er wollte, daß wir verstanden, wie gefährlich es draußen war. Die Polizei erzählte, daß Drogenhändler Leute so mißhandel- ten, wie Keith mißhandelt worden war. Sie verstümmeln Leute, die ihnen etwas stehlen oder für sie eine Konkurrenz sind. Wir wissen nicht, ob das bei Keith der Fall war. Wir wissen nur, daß er tot ist. Seine Leiche wurde auf der anderen Stadtseite vor ein ausgebranntes altes Gebäude, eine ehemalige Privatklinik, geworfen. Sie wurde einige Stunden nach seinem Tod auf den zerbrochenen alten Betonbrocken hingeschmissen. Sie hätte ja auch in die eine oder andere der Schluchten, wo nur Hunde sie gefunden hätten, geworfen werden können. Aber jemand wollte, daß sie gefunden wurde, wollte, daß Keith identifiziert würde. Hatte einer der Verwandten oder Freunde seiner Feinde damit eine Rechnung beglichen? Die Polizei schien der Meinung zu sein, wir sollten wissen, wer ihn umgebracht hatte. Ich bekam bei ihren Fragen den Eindruck, sie wären froh gewesen, Vater oder Cory oder beide einsperren zu können. Aber die beiden führen ein ziemlich öffentliches Leben, und keiner von ihnen hatte unerklärbare Abwesenheiten oder Lücken im Tagesablauf. Dutzende von Leuten konnten ihnen ein Alibi geben. Natürlich berichtete ich nichts von dem, was Keith mir erzählt hatte, was er tat. Wozu hätte das gut sein sollen? Er war tot; und auf entsetzliche Art gestorben. Durch Zufall oder mit Absicht waren nun alle seine Opfer gerächt., Wardell Parrish fühlte sich verpflichtet, die Polizei anzurufen und ihr über die große Auseinandersetzung zwischen Vater und Keith im Vorjahr zu berichten. Er hatte sie natürlich mitbe- kommen. Die Hälfte der Nachbarschaft hatte mitgehört. Fami- lienzwistigkeiten sind Theater für die Nachbarn – und Vater ist immerhin Priester! Ich weiß, daß Wardell Parrish derjenige ist, der es den Polizi- sten erzählt hat. Seine jüngste Nichte Tanja ließ soviel durch- blicken. »Onkel Ward sagte, er hätte es nicht gern gesagt…« Oh, ich wette, er sagte es nur zu gern. Verdammter Bastard! Aber niemand hinderte ihn. Die Bullen schnüffelten in der Nachbarschaft herum, aber keiner sonst gab zu, etwas von einem Streit gesehen zu haben. Schließlich wußten sie, daß Vater Keith nicht getötet hatte. Und sie wußten, daß die Bullen Fälle lösen, indem sie Tatsachen ›entdecken‹ bei Leuten, die sie für schuldig halten. Am besten ist, man sagt ihnen gar nichts. Sie haben noch nie geholfen, wenn sie gerufen wurden. Sie kommen zu spät, und in den meisten Fällen verschlimmern sie eine schlechte Situation noch zusätzlich. Wir hatten heute Gottesdienst. Vater bat seinen Freund Re- verend Robinson, ihn zu vertreten. Vater saß mit Cory und dem Rest von uns da und sah alt und gebeugt aus. So alt! Cory weinte den ganzen Tag, meistens tonlos. Sie weint mit gelegentlichen Unterbrechungen seit Mittwoch. Markus und Vater versuchten, sie zu trösten. Auch ich habe es versucht, obwohl sie mich so ansah… als ob ich etwas mit Keiths Tod zu tun gehabt hätte, als ob sie mich schon fast haßte. Ich versuchte weiter, sie zu erreichen. Ich wußte nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Vielleicht wird sie in einiger Zeit dazu in der Lage sein,, mir zu vergeben, daß ich nicht ihre Tochter bin, daß ich lebe, während ihr Sohn tot ist, daß ich die Tochter von Vater und jemand anderem bin…? Ich weiß es nicht. Vater hat noch niemals eine Träne vergossen. Ich habe ihn in meinem ganzen Leben nie weinen gesehen. Heute wünsche ich, er täte es. Ich wünschte, er könnte es. Curtis Talcott hing heute mit mir herum, wir redeten und redeten. Mir kam vor, ich müßte reden, und Curtis wollte sich um mich kümmern. Er sagte, ich sollte weinen. Er sagte, es wäre egal, wie schlimm die Dinge zwischen Keith und mir oder Keith und der Familie geworden waren, ich sollte es mir gestatten, zu weinen. Verrückt. Bis er mich darauf brachte, hatte ich nicht über das Fehlen meiner Tränen nachgedacht. Ich habe überhaupt nicht geweint. Vielleicht hatte Cory das bemerkt. Vielleicht war mein trockenes Gesicht ein Grund mehr für ihre Abneigung gegen mich. Es war nicht so, daß ich mich zurückhielt und stoische Ruhe zeigte. Es war nur so, daß ich Keith genauso sehr haßte, wie ich ihn liebte. Er war mein Bruder – Halbbruder – aber er war auch der soziopathischste Mensch, dem ich jemals nahe gekommen war. Er wäre ein Monster geworden, wenn er es geschafft hätte, erwachsen zu werden. Vielleicht war er es schon. Er kümmerte sich niemals darum, was er tat. Wenn er etwas tun wollte und es ihm nicht sofort körperliche Schmerzen bereitete, dann machte er es. Scheiß drauf! Er zerstörte unsere Familie, zerbrach sie zu etwas, das weni- ger war als eine Familie. Dennoch hätte ich ihm nie den Tod gewünscht. Ich wünsche niemandem einen so schrecklichen, Tod. Ich denke, daß er von Monstern, die viel schlimmer waren als er selbst, getötet wurde. Es ist jenseits meines Verständnis- ses, wie ein menschliches Wesen so etwas einem anderem antun kann. Wenn meine Hyper-Empathie eine allgemeine Krankheit wäre, könnten die Leute so etwas gar nicht tun. Sie könnten töten, wenn sie es müßten, und den Schmerz ertragen oder selbst dadurch getötet werden. Aber wenn jeder den Schmerz des anderen spürte, wer würde dann noch foltern? Wer würde dann jemandem unnötigen Schmerz zufügen? Ich hatte bei meinem Problem noch niemals daran gedacht, daß es etwas Gutes an sich haben könnte, aber so wie die Dinge liegen, meine ich, es würde etwas nützen. Ich wünschte, ich könnte es Men- schen weitergeben. Wenn das nicht geht, fände ich gerne Leute, die es haben, um mit ihnen zu leben. Ein biologisches Gewissen ist besser als gar keins. Aber was das Weinen betrifft: wenn ich überhaupt geweint hätte, wäre es da gewesen, als Vater Keith geschlagen hatte – als die Prügelei vorüber war und Vater sah, was er getan hatte, und wir alle mitkriegten, mit welchem Blick ihn Keith und Cory ansahen. In jenem Moment wußte ich, daß keiner von beiden ihm jemals vergeben würde. Niemals. Es war das Ende von etwas Wertvollem in unserer Familie. Ich wünschte, Vater könnte um seinen Sohn weinen, aber ich sehe überhaupt keine Veranlassung, um meinen Bruder zu weinen. Möge er in Frieden ruhen – in seiner Urne, im Him- mel, wo auch immer., Jeder Wechsel enthält Saatkörner des Nutzens. Such sie heraus. Jeder Wechsel enthält Saatkörner von Nachteilen. Hüte dich vor ihnen. Gott ist unendlich anpassungsfähig. Gott ist Veränderung. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 17. Oktober 2026 Wir treiben auseinander. Die Gemeinde, die Familien, einzelne Familienmitglieder … Wir sind ein Seil, das sich aufdröselt, jeder Strang einzeln. Vergangene Nacht gab es wieder einen Einbruch – oder Ein- bruchsversuch. Ich wünschte, daß das alles gewesen wäre. Diesmal ging es nicht um Gartendiebstahl. Drei Burschen kamen über die Mauer und bahnten sich mit Brecheisen einen Weg in das Haus der Cruz. Die Cruz-Familie hat natürlich eine laute Alarmanlage, vergitterte Fenster, Sicherheitsschlösser an allen Türen wie der Rest von uns, aber das schien sie nicht zu stören. Wenn Leute eindringen wollen, dann dringen sie ein. Die Diebe verwendeten einfaches Handwerkszeug – Brecheisen, hydraulische Bohrer, Dinge, die jeder kaufen kann. Ich weiß, nicht, wie sie die Alarmanlage außer Kraft gesetzt haben. Ich weiß, daß sie die elektrischen und telefonischen Leitungen zum Haus durchtrennt haben. Das sollte nichts ausmachen, weil die Alarmanlage mit wiederaufladbaren Batterien betrieben wurde. Was immer sie auch sonst noch taten, oder was immer sonst schief lief, der Alarm ging nicht los. Und nachdem die Diebe die Brechstange an der Tür verwendet hatten, spazierten sie in die Küche, wo sich gerade Dorotea Cruz' fünfundsiebzigjährige Großmutter aufhielt. Die alte Dame hatte einen leichten Schlaf und sich die Angewohnheit zugelegt, in der Nacht aufzustehen und sich einen Zitronengrastee aufzugießen. Ihre Familie sagte, daß sie deshalb in der Küche war, als die Diebe eingebrochen sind. Dann kamen Doroteas Bruder Hector und Rubin Quintanilla mit Waffen in der Hand angerannt. Sie hatten das Schlafzim- mer neben der Küche und hörten den Lärm – den Einbruch selbst, und wie Frau Quintanilla gegen Tisch und Stuhl fiel. Sie töteten zwei von den Dieben. Der dritte kam davon, vielleicht verwundet. Es gab viel Blut. Aber die alte Frau Quintanilla war tot. Das ist der siebente Vorfall, seit Keith ermordet wurde. Mehr und mehr Leute kommen über die Mauer, um sich zu nehmen, was wir haben oder was sie meinen, daß wir hätten. Sieben Einbrüche in Haus und Garten in weniger als zwei Monaten – in einer Gemeinde mit elf Haushalten. Wenn uns das passiert – wie muß es dann erst für Leute sein, die wirklich reich sind – obwohl sie vielleicht mit ihren Schnellfeuerwaffen, Privatar- meen von Wachleuten und der neuesten Sicherheitsausrüstung besser in der Lage sind, zurückzuschlagen. Vielleicht ist das der, Grund, warum die Diebe uns soviel Aufmerksamkeit schenken. Wir haben ein paar Dinge, die man stehlen kann, und sind nicht so gut geschützt. Von den sieben Einbrüchen waren drei erfolgreich. Die Diebe kamen herein und gingen mit Beute hinaus – ein paar Radios, ein Sack Walnüsse, Weizenmehl, Kornmehl, Schmuckstücke, ein alter Fernseher, ein Compu- ter… Was sie tragen konnten, nahmen sie mit. Wenn das stimmt, was Keith mir gesagt hat, dann haben wir es hier mit der ärmeren Klasse von Einbrechern zu tun. Es besteht kein Zweifel, daß die zäheren, schlaueren und mutigeren Diebe Läden und Geschäfte ausrauben. Aber unsere niederklassigen Diebe töten uns langsam. Nächstes Jahr werde ich 18 – alt genug nach Vaters Ansicht, um eine reguläre Nachtwache durchzustehen. Ich wünschte, ich könnte es jetzt bereits. Sobald ich es kann, will ich es tun. Aber das wird nicht genug sein. Es ist seltsam. Cory und Vater haben etwas von dem Geld, das Keith uns gebracht hat, verwendet, um den Leuten zu helfen, die ausgeraubt worden sind. Gestohlenes Geld, um den Opfern von Dieben zu helfen! Die Hälfte des Geldes ist in unserem Hinterhof für den Fall eines Unglücks versteckt. Hier draußen war schon immer Geld versteckt. Jetzt ist es genug, daß man etwas damit anfangen kann. Die andere Hälfte ging in den Kirchenfonds zur Unterstützung von in Not geratenen Nach- barn. Das wird nicht reichen., Dienstag, 20. Oktober 2026 Etwas Neues beginnt – oder vielleicht lebt auch bloß etwas Altes und Schlimmes wieder auf. Eine Firma mit Namen Kagimoto, Stamm, Frampton und Company – KSF – hat die Herrschaft über eine kleine Küstenstadt namens Olivar übernommen. Olivar, 1980 eingemeindet, ist eine weitere am Strand gelegene Vorstadt von Los Angeles, klein und unproblematisch. Es hat wenig Industrie, viele Hügel, unbebaute Grundstücke und eine kurze, buchtenreiche Küste. Seine Einwohner beziehen Gehäl- ter, wie einige hier in unserer Robledo-Nachbarschaft, die sie einst zu Wohlstand und Komfort hätten kommen lassen. Tat- sächlich ist Olivar viel reicher als wir, aber weil es eine Küsten- stadt ist, sind die Steuern höher, und weil ein Teil der Gegend geologisch unstabil ist, hat es ein zusätzliches Problem. Teile davon bröseln manchmal in den Ozean, wenn sie lang genug unterspült und vom Salzwasser aufgeweicht worden sind. Der Meeresspiegel steigt mit der klimatischen Erwärmung, und es gibt gelegentlich Erdbeben. Olivars flacher, sandiger Strand ist nur noch eine Erinnerung. Olivar braucht Sonderhilfe, wie die Küstenstädte überall auf der Welt. Die obere Mittelschicht, weiß, gebildet, hatte einst großen Einfluß. Man sagt, daß sich jetzt nicht einmal mehr die Politiker, denen sie zum Wahlsieg verholten hat, sich für sie einsetzen. Der ganze Staat, das Land, die Welt braucht Hilfe! Was, zum Teufel, winselt das winzige Olivar dann herum? Einige reichere und geologisch weniger aktive Gemeinden bekommen Hilfe – Deiche, Schutzwälle, Evakuierungshilfe, was immer notwendig ist. Olivar, das zwischen dem Meer und Los, Angeles liegt, hat Einwirkungen des Salzwassers auf der einen und den Zustrom verzweifelter, armer Leute auf der anderen Seite. Es gibt aber eine solarstrombetriebene Entsalzungsanlage auf einem eher flachen und einigermaßen stabilen Landteil, und Olivar kann somit seine Bevölkerung zuverlässig mit Trinkwas- ser versorgen. Aber es kann sich nicht vor der nagenden See schützen, der erodierenden Erde, der zerbröckelnden Ökonomie oder den schwindenden Vorräten. Auch der Weg von und zur Arbeit der wenigen, die nicht zu Hause arbeiten können, wurde für sie so gefährlich, wie er es für uns ist – eine Art schrecklicher Heraus- forderung, die jeden Tag neu bestanden werden muß. Dann kamen die Leute von KSF. Nach vielen Versprechun- gen, Streitigkeiten, Mißtrauen, Furcht, Hoffnung und Rechts- händeln erlaubten die Wähler und die Beamten von Olivar, daß ihre Stadt übernommen wurde, ausverkauft, privatisiert. KSF möchte die Entsalzungsanlage auf riesige Maße ausdehnen. Dieses Projekt ist nur das erste von vielen. Die Firma versucht, in weiten Teilen des Südwestens die Landwirtschaft und den Vertrieb von Wasser-, Sonnen- und Windenergie an sich zu bringen, wo sie für einen Apfel und ein Ei bereits weite Teile fruchtbaren, aber wasserlosen Landes gekauft hat. Insofern ist Olivar eines der kleineren Firmenbesitztümer, aber mit den Einwohnern des Städtchens erhielt das Unternehmen fleißige, ausgebildete Arbeitskräfte, Leute, die ein paar Jahre älter sind als ich und die nur sehr eingeschränkte Optionen hatten. Na- türlich nicht so eingeschränkt wie unsere, aber eben doch limitiert. Und da gibt es nun all das vorher öffentliche Land, das KSF jetzt kontrolliert. Das bedeutet, viel Wasser, Macht und, landwirtschaftliche Industrie in einer Gegend zu besitzen, die die meisten Leute verlassen haben. KSF hat Langzeitpläne, und die Bevölkerung von Olivar hat sich entschieden, ein Teil davon zu sein – niedrigere Gehälter, als ihre sozial-ökonomische Gruppe gewöhnt ist, zu akzeptieren, im Austausch gegen Si- cherheit, garantierte Nahrungsmittelversorgung, Arbeit und Hilfe im Kampf gegen das Meer. Es gibt immer noch Leute in Olivar, die sich bei diesen Än- derungen nicht wohl fühlen. Sie wissen Bescheid über frühere amerikanische Firmenstädte, in denen die Unternehmer die Leute betrogen und ausgenützt haben. Aber jetzt soll alles ganz anders sein. Die Leute von Olivar sind keine verschreckten, eingeschüchterten Opfer. Sie können sich um ihre Rechte und ihr Eigentum selbst kümmern. Sie sind gebildete Leute, die nicht im sich ausbreitenden Chaos des Bezirkes Los Angeles leben möchten. Einige von ihnen sagten das in der Radiodokumentation, die wir gestern abend hörten – als sie ein öffentliches Spektakel aus ihrem Verkauf an die KSF machten. »Denen wünsche ich viel Glück«, sagte Vater. »Das heißt nicht, daß sie auf lange Sicht viel Glück haben werden. Das glaube ich nicht.« »Wie meinst du das?« fragte Cory. »Mir kommt die Idee großartig vor. Es ist doch genau das, was wir brauchen. Wenn nur irgend eine große Firma dasselbe mit Robledo machte!« »Nein«, sagte Vater. »Gott sei Dank macht das niemand.« »Das weißt du doch nicht! Warum sollten sie es nicht versu- chen?« »Robledo ist zu groß, zu arm, zu schwarz und zu spanisch,, um für irgend jemanden von Interesse zu sein – und es hat keine Küste. Was es hat, ist Armut auf den Straßen, Men- schenmassen – und eine Erinnerung daran, wie schön es einst war: schattige Bäume, große Häuser, Hügel und Täler. Das meiste davon ist noch da, aber keine Firma wird uns wollen.« Am Ende der Sendung wurde angekündigt, daß KSF ausge- bildete Krankenschwestern, gute Lehrer und einige andere erfahrene Fachkräfte, die bereit wären, nach Olivar zu ziehen, um für Kost und Logis zu arbeiten, einstellen würde. Das Ange- bot lautete natürlich nicht wörtlich so, aber das war es, was sie meinten. Dennoch notierte sich Cory die Telefonnummer und rief sofort an. Sie und Vater waren Lehrer, beide Ph. D. Sie wollte unbedingt allen anderen zuvorkommen. Vater zuckte die Achseln und ließ sie anrufen. Kost und Logis. Das angebotene Gehalt war so niedrig, daß Vater und Cory, wenn sie beide arbeiteten, zusammen nicht soviel verdienen würden, wie Vater jetzt allein mit dem College. Und in Olivar hätten sie genausoviel Miete und die normalen Ausgaben zu bezahlen. Wenn man alles zusammenzählt, dann ist es in Wirklichkeit klar, daß wir sechs nicht genug zum Leben verdienen könnten. Es könnte funktionieren, wenn ich irgend eine Arbeit finden würde, aber in Olivar brauchen sie mich nicht. Solche wie mich gibt es dort zu Hunderten – vielleicht zu Tausenden. Jede überlebende Gemeinde ist voll von arbeitslo- sen, halbausgebildeten Jugendlichen oder arbeitslosen, unaus- gebildeten Jugendlichen. Jeder, den KSF anstellt, hat eine harte Zeit vor sich, wenn er von diesem Gehalt leben soll. Ich glaube, daß in absehbarer Zeit die neuen Arbeitnehmer bei der Firma hoch verschuldet sein, werden. Das ist ein alter Trick von Firmensiedlungen – die Leute abhängig machen, ihnen im Genick sitzen, um sie härter arbeiten zu lassen. Schuldsklaverei. Das könnte im Amerika des Christopher Donner funktionieren. Die Arbeitsgesetzgebung sowohl des Staates als auch des Bundes ist nicht mehr das, was sie einmal war. »Wir könnten es wenigstens versuchen«, beharrte Cory Vater gegenüber. »Wir wären sicherer in Olivar. Die Kinder könnten in eine richtige Schule gehen und später Arbeit bei der Compa- ny bekommen. Was können sie schließlich von hier aus über- haupt tun, außer hinausgehen?« Vater schüttelte den Kopf. »Setz darauf keine Hoffnungen, Cory. Es gibt keine Sicherheit in der Sklaverei.« Markus und ich waren noch auf und hörten zu. Die beiden jüngeren Knaben waren ins Bett geschickt worden, aber wir vier umringten immer noch den Radioapparat. Jetzt ergriff Markus das Wort. »Olivar klingt nicht nach Sklaverei«, sagte er. »Diese reichen Leute würden sich niemals versklaven lassen.« Vater lächelte traurig. »Nicht jetzt«, sagte er. »Nicht am An- fang.« Er schüttelte den Kopf. »Kagimoto, Stamm, Frampton: Japaner, Deutsche, Kanadier. Als ich jung war, prophezeiten die Leute, daß es so kommen würde. Gut, warum sollen andere Länder nicht aufkaufen, was von uns übrig ist, wenn wir ver- kaufen. Ich wüßte gerne, wie viele Leute in Olivar eine Ahnung davon haben, was sie da tun.« »Ich glaube, nicht viele«, sagte ich. »Ich glaube nicht, daß sie es wissen wollen.« Er sah mich an, und ich erwiderte seinen Blick. Ich lerne, immer noch dazu, wie hartnäckig Leute etwas verleugnen können, sogar wenn ihre Freiheit und ihr Leben dadurch auf dem Spiel stehen. Er lebt schon lange damit. Ich frage mich nur, wie. Markus sagte: »Lauren, du solltest mehr als jeder andere an einen Ort wie Olivar wollen. Du empfindest den Schmerz anderer, jedesmal wenn du siehst, wie jemand verletzt wird. Es muß in Olivar viel weniger Schmerz geben.« »Und dann wären da noch alle diese Wachleute«, sagte ich. »Ich habe bemerkt, daß Leute, sobald sie ein wenig Macht besitzen, dazu neigen, sie auszuüben. Alle diese Wachleute, die KSF mitbringt – man wird ihnen nicht erlauben, die reichen Leute zu belästigen, zumindest anfangs nicht. Aber neue, bettel- arme Leute, die für Kost und Logis arbeiten… Ich wette, mit denen machen sie sich ein hübsches Spielchen.« »Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die Firma so etwas zuließe«, sagte Cory. »Warum erwartest du immer das Schlech- teste von jedem?« »Wenn es mit Fremden eine bewaffnete Auseinandersetzung gibt«, sagte ich zu ihr, »glaube ich, daß Mißtrauen dich eher am Leben erhält als Vertrauen.« Sie stieß einen scharfen, wortlosen Ton des Mißfallens aus. »Du weißt nichts von der Welt. Du glaubst alle Antworten zu haben, aber du weißt nichts!« Ich versuchte nicht, sie zu überzeugen. Es gibt nicht viele Ar- gumente, mit denen ich sie hätte überzeugen können. »Ich bezweifle, daß Olivar überhaupt schwarze oder hispani- sche Familien möchte«, sagte Vater. »Die Balters oder Garfields oder ein paar von den Dunns könnten vielleicht hineinkom-, men, aber ich glaube, wir nicht. Auch wenn ich genug Vertrau- en hätte, um meine Familie in die Hände von KSF zu geben, würden die uns nicht wollen.« »Wir könnten es versuchen«, beharrte Cory. »Wir sollten es tun! Wir sind nicht schlechter dran als jetzt, wenn sie uns abweisen. Und wenn wir hineinkommen und es uns nicht gefällt, können wir hierher zurückkommen. Wir könnten unser Haus an eine der großen Familien vermieten – ein wenig dafür verlangen, und dann…« »Und dann hierher ohne Arbeit und Geld zurückkommen«, sagte Vater. »Nein. Ich meine es wirklich so. Dieses Geschäft klingt halb nach wiedererwachter Vorkriegszeit und halb nach Science Fiction. Ich traue dem nicht. Freiheit ist gefährlich, Cory, aber sie ist auch wertvoll. Du solltest sie nicht wegwerfen oder sie dir Schritt für Schritt nehmen lassen. Du darfst sie nicht für Brot und Wohnung verkaufen.« Cory starrte ihn an – starrte nur. Er weigerte sich, ihrem Blick auszuweichen. Cory stand auf und ging in ihr Schlafzim- mer. Ich sah sie dort einige Minuten später, wie sie auf dem Bett saß, die Urne von Keiths Asche in den Armen hielt und weinte. Samstag, 24. Oktober 2026 Markus erzählt mir, daß die Garfields versuchen, nach Olivar zu gehen. Er hat viel Zeit mit Robin Balter verbracht, und sie hat es ihm gesagt. Sie haßt die Idee, weil sie ihre Cousine Joanne viel lieber mag als ihre beiden Schwestern. Sie befürchtet, daß sie Joanne nie mehr wieder sieht, wenn sie nach Olivar geht. Ich fürchte, damit hat sie recht., Ich kann mir diesen Ort ohne die Garfields gar nicht vorstel- len. Joanne, Jay, Phillida… Wir haben auch zuvor schon Mit- glieder verloren, aber niemals eine ganze Familie. Ich meine… sie sind am Leben, aber… dann sind einfach für immer weg. Ich hoffe, sie werden abgewiesen. Ich weiß, es ist egoistisch, aber das ist mir egal. Nicht, daß es irgendeinen Unterschied macht, was ich hoffe. Oh, zum Teufel. Ich hoffe, daß sie das bekommen, was für ihr Überleben das Beste ist. Ich hoffe, es wird ihnen gutgehen. ✳ ✳ ✳ Mit 13 ist mein Bruder Markus die einzige Person in der Fami- lie, die ich gutaussehend nennen würde. Mädchen in seinem Alter starren ihn an, wenn sie glauben, daß er es nicht sieht. Sie kichern viel um ihn herum und verfolgen ihn wie von Baldrian verrückte Katzen, aber er ist mit Robin zusammen. Sie ist überhaupt nicht hübsch – nur Haut und Knochen und Hirn –, aber sie ist lustig und feinfühlig. In ein oder zwei Jahren wird sie anfangen, zuzunehmen, und mein Bruder wird zu diesem großen Gehirn auch noch Schönheit dazubekommen. Wenn die beiden dann immer noch beisammen sind, wird ihr Leben um einiges interessanter werden. ✳ ✳ ✳ Ich habe meine Meinung geändert. Ich wartete immer auf eine Explosion, den großen Zusammenbruch, das plötzliche Chaos, das die Nachbarschaft zerstören würde. Statt dessen lösen sich, die Dinge ganz allmählich auf, entfernen sich Stück für Stück. Susan Talcott Bruce und ihr Mann haben in Olivar um Auf- nahme angesucht. Andere Leute reden über das Ansuchen oder denken daran. Es gibt in Olivar ein kleines College. Es gibt tödliche Sicherheitsanlagen, um Gangster und Obdachlose fernzuhalten. Es werden mehr Arbeitsplätze angeboten… Vielleicht ist Olivar tatsächlich die Zukunft – zumindest ein Teil davon. Städte, die von großen Firmen kontrolliert werden, sind ein alter Hut in der Science Fiction. Meine Großmutter hinterließ ein ganzes Bücherregal voll Science Fiction- Romanen. Die Unterabteilung Firmenstädte hatte immer einen Helden, der ›die Firma‹ übertölpelte, austrickste oder ihr ent- kam. Ich habe nie einen gelesen, in der der Held wie der Teufel kämpft, damit er hineinkommt und von der Firma unterbezahlt wird. So ist es nur im wirklichen Leben. Und was soll ich tun? Was kann ich tun? In weniger als ei- nem Jahr werde ich 18, eine Erwachsene – eine Erwachsene ohne Aussichten, außer auf ein Leben in unserer sich auflösen- den Nachbarschaft. Oder Erdensaat. Um mit Erdensaat anzufangen, muß ich hinausgehen. Ich weiß das seit langer Zeit, aber die Idee erschreckt mich immer noch genauso, wie sie es immer getan hat. Nächstes Jahr, wenn ich 18 bin, werde ich gehen. Das bedeu- tet, daß ich jetzt anfangen muß, zu planen, wie ich vorgehen werde., Samstag, 31. Oktober 2026 Ich werde nach Norden gehen. Meine Großeltern reisten einst viel mit dem Auto. Sie ließen uns von fast jedem Bezirk und einigen anderen Teilen des Landes alte Straßenkarten zurück. Die neueste von ihnen ist 40 Jahre alt, aber das macht nichts. Die Straßen werden immer noch da sein. Sie werden sich wahr- scheinlich in einem schlechteren Zustand befinden als damals, als meine Großeltern in einem benzinbetriebenen Auto darü- berfuhren. Ich gab Karten der kalifornischen Bezirke nördlich von uns sowie die wenigen, die ich von Washington und Ore- gon finden konnte, in meinen Pack. Ich bin gespannt, ob es draußen Leute gibt, die mir für den Unterricht in Lesen und Schreiben – wenigstens in Grundbe- griffen – etwas bezahlen, oder Leute, die mir dafür, daß ich für sie lese und schreibe, Geld geben. Durch Keiths Berichte hatte ich angefangen, darüber nachzudenken. Ich könnte auch im Lese- und Schreibunterricht ein paar Erdensaat-Verse unter- bringen. Wenn es überhaupt eine Chance gibt, würde ich am liebsten unterrichten. Auch wenn ich andere Arbeiten machen muß, um genug zu essen zu haben, kann ich immer noch unter- richten. Wenn ich es gut mache, werde ich Leute an mich ziehen können – zu Erdensaat. Alles erfolgreiche Leben ist anpassungsfähig, zeitgemäß, fest, miteinander verbunden, und, fruchtbar. Verstehe das. Verwende es. Gib Gott eine Form. Ich habe diesen Vers vor einigen Monaten verfaßt. Er ist wahr wie alle diese Verse. Er scheint jetzt wahrer denn je zu sein, nützlicher für mich, wenn ich Angst bekomme. Ich habe endlich einen Titel für mein Buch der Erdensaat- Verse gefunden – Erdensaat: Das Buch der Lebenden. Es gibt das Tibetische und das Ägyptische Totenbuch. Vater hat Aus- gaben davon. Ich habe niemals von einem Buch gehört, welches das Buch der Lebenden genannt wird, aber es würde mich nicht wundern, wenn ich entdeckte, daß es so etwas gibt. Es wäre mir gleichgültig. Ich versuche, die Wahrheit zu sagen – zu schrei- ben. Ich versuche, klar zu sein. Es interessiert mich nicht, phantasievoll oder nur originell zu sein. Klarheit und Wahrheit werden genug sein, wenn ich sie nur zustande bringe. Wenn es vorkommt, daß draußen irgendwo andere Leute bereits meine Wahrheit predigen, werde ich mich mit ihnen zusammentun. Sonst werde ich mich anpassen, wo ich muß, Gelegenheiten wahrnehmen, die ich finde oder schaffe, dranbleiben, Schüler sammeln und unterrichten., Wir sind Erdensaat, das Leben, das sich selbst in der Veränderung erkennt. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 14. November 2026 Die Garfields wurden in Olivar aufgenommen. Sie werden nächsten Monat umziehen. So bald schon. Ich habe sie mein ganzes Leben lang gekannt, und jetzt sind sie dahin. Joanne und ich hatten unsere Meinungsverschiedenhei- ten, aber wir sind zusammen aufgewachsen. Ich dachte irgend- wie, daß sie noch hier sein würde, wenn ich gehe. Jeder sollte noch hier sein, in der Zeit eingefroren, in dem Zustand verblei- ben, in dem ich ihn verlassen werde. Aber nein, das ist eine Phantasie. Gott ist die Veränderung. »Gehst du gern?« fragte ich sie heute morgen. Wir trafen uns zum Pflücken früher Zitronen und Orangen und der Datteln, die fast reif und glänzend orangefarben sind. Wir pflückten erst bei meinem Haus und dann bei ihrem und genossen die Arbeit. Das Wetter war kühl. Es war angenehm, draußen zu sein. »Ich muß gehen«, sagte sie. »Was gibt es sonst für mich – für irgend jemand? Hier geht alles zum Teufel. Du weißt, wie es ist.«, Ich starrte sie an. Ich denke, es ist jetzt in Ordnung, über sol- che Dinge zu sprechen, da sie einen Ausweg gefunden hat. »Dann gehst du also in eine andere Festung«, sagte ich. »Es ist eine bessere Festung. Dort werden keine Leute über die Mauer kommen und alte Damen töten.« »Deine Mutter sagt, alles, was ihr haben werdet, wird ein A- partment sein. Kein Hof. Kein Garten. Du wirst weniger Geld haben, aber du wirst mehr davon aufwenden müssen, um Lebensmittel zu kaufen.« »Wir werden es schaffen!« Es war ein brüchiger Klang in ih- rer Stimme. Ich legte den alten Rechen nieder, den ich zum Früchtepflük- ken verwendete. Er war gut geeignet für Zitronen und Orangen. »Hast du Angst?« fragte ich. Sie legte ihren eigenen richtigen Früchtepflücker mit seinen unpraktischen Auslegern und dem kleinen Früchteauffangnetz beiseite. Er war für Datteln geeignet. Sie schlang die Arme um den Körper. »Ich habe hier gelebt, mein ganzes Leben mit Bäumen und Gärten gelebt. Ich… weiß nicht, wie es ist, in einem Apartment eingeschlossen zu sein. Es macht mir Angst, aber wir werden es schon hinkriegen. Wir müssen.« »Du kannst hierher zurückkommen, wenn die Dinge nicht so sind, wie du hoffst. Deine Großeltern und die Familie deiner Tanten werden noch da sein.« »Harry wird noch da sein«, flüsterte sie, während sie ihr Haus anblickte. Ich werde aufhören müssen, es als das Garfield- Haus zu betrachten. Harry und Joanne waren so eng befreundet wie Curtis und ich. Ich hatte nicht daran gedacht, daß sie ihn verläßt – wie das für sie sein muß. Ich mag Harry Balter. Ich, erinnere mich, wie überrascht ich war, als er und Joanne anfin- gen, miteinander zu gehen. Sie hatten ihr ganzes Leben im selben Haus verbracht. Ich hatte Harry beinahe als ihren Bruder betrachtet. Aber sie waren Cousins ersten Grades, und trotz dieses Umstandes hatten sie es geschafft, sich ineinander zu verlieben. Oder ich hatte das zumindest geglaubt. Sie waren jahrelang mit niemand anderem gegangen. Jeder dachte, sie würden heiraten, wenn sie ein wenig älter wären. »Heirate ihn und nimm ihn mit«, sagte ich. »Er würde nicht mitgehen«, sagte sie in demselben Flüster- ton. »Wir haben immer wieder darüber gesprochen. Er möchte, daß ich hier mit ihm bleibe, daß wir bald heiraten und nach Norden gehen. Einfach so… ohne konkrete Aussichten. Nichts. Das ist verrückt.« »Warum will er nicht nach Olivar?« »Er denkt so wie dein Vater. Er hält Olivar für eine Falle. Er hat Berichte über Firmenstädte im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert gelesen, und er sagt, ganz egal, wie wunderbar Olivar zu sein scheint, alles, was wir am Ende davon haben werden, sind Schulden und der Verlust unserer Freiheit.« Ich wußte, daß Harry Verstand hatte. »Ja«, sagte ich. »Du wirst nächstes Jahr volljährig. Du könntest bis dahin bei den Balters bleiben und dann heiraten. Oder du sprichst mit deinem Vater, daß er dich jetzt heiraten läßt.« »Und was dann? Zu den Obdachlosen auf die Straße gehen? Bleiben und noch mehr Babies in dieses überfüllte Haus brin- gen? Harry hat keine Arbeit, und es gibt keine wirkliche Chan- ce, daß er eine bezahlte Arbeit bekommt. Glaubt man von uns, daß wir von dem leben, was Harrys Eltern verdienen? Was ist, das für eine Art von Zukunft? Keine! Überhaupt keine!« Feinfühlig. Konservativ und sensibel und reif und falsch. Ty- pisch für Joannes hervorstechende Charaktereigenschaften. Aber vielleicht bin ich diejenige, die falsch denkt. Vielleicht ist die Sicherheit, die Joanne in Olivar finden wird, die einzige Art von Sicherheit, die jemand haben kann, der nicht reich ist. Obwohl für mich die Sicherheit in Olivar nicht erstrebenswerter ist als die Sicherheit, die Keith zuletzt in seiner Urne gefunden hat. Ich pflückte ein paar Zitronen und Orangen und fragte mich, was sie tun würde, wenn sie wüßte, daß ich auch vorhabe, nächstes Jahr wegzugehen. Würde sie wieder zu ihrer Mutter eilen, sich vor mir fürchten und darauf bedacht sein, jemanden zu finden, der mich vor mir selbst beschützt? Möglicherweise würde sie das tun. Sie möchte eine Zukunft, die sie versteht und auf die sie sich verlassen kann – eine Zukunft, die sehr der Gegenwart ihrer Eltern ähnelt. Ich glaube nicht, daß das mög- lich ist. Die Dinge ändern sich zu oft und zu schnell. Wer kann gegen Gott kämpfen? Wir stellten die Körbe mit den Früchten hinter unsere rück- wärtige Verandatür, dann gingen wir zu ihrem Haus. »Was wirst du machen?« fragte sie mich unterwegs. »Bleibst du einfach hier? Ich meine… wirst du hier bleiben und Curtis heiraten?« Ich zuckte die Achseln und log. »Ich weiß nicht. Wenn ich jemanden heiraten werde, wird es Curtis sein. Aber ich weiß nicht: heiraten? Ich möchte hier auch keine Kinder haben, genau wie du. Obwohl ich weiß, daß wir hier noch für eine Weile länger bleiben werden. Vater läßt Cory nicht einmal sich, in Olivar vorstellen. Ich bin froh darüber, weil ich nicht hin möchte. Aber es wird noch andere Olivars geben. Wer weiß, was mir noch alles einfallen wird?« Der letzte Satz klang in meinen Ohren nicht wie eine Lüge. »Du glaubst, daß es noch mehr privatisierte Städte geben wird?« fragte sie. »Das hängt vom Erfolg von Olivar ab. Dieses Land wird stückweise abverkauft als eine Quelle für Billigarbeit und Billig- land. Wenn Menschen wie die von Olivar darauf drängen, sich selbst zu verkaufen, müssen unsere Städte Sonderwirtschaftszo- nen werden für jeden, der sich eine leisten kann.« »O Gott, daraufhin willst du wieder hinaus. Du hast immer eine Katastrophe in der Hinterhand.« »Ich sehe, wie es draußen zugeht. Du siehst es auch.« »Erinnerst du dich daran, wie du dachtest, verhungernde Horden würden über unsere Mauer klettern und wir müßten in die Bergen flüchten und Gras essen?« Erinnerte ich mich? Ich schaute ihr ins Gesicht, zuerst verär- gert – zornig –, dann, zu meiner eigenen Verwunderung, trau- rig. »Ich werde dich vermissen«, sagte ich. Sie muß meine Gefühle gespürt haben. »Es tut mir leid«, flü- sterte sie. Wir umarmten einander. Ich fragte sie nicht, was ihr leid tä- te, und sie sagte nichts mehr. Dienstag, 17. November 2026 Vater ist heute nicht heimgekommen. Er wäre heute morgen fällig gewesen. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich weiß nicht,, was ich davon halten soll. Ich bin zu Tode erschrocken. Cory rief im College an, dann seine Freunde, seine Priester- kollegen, Mitarbeiter, die Polizei, die Klinik… Nichts. Er ist nicht eingesperrt oder krank oder tot – zumin- dest nicht, soweit jemand davon weiß. Keiner von seinen Kolle- gen hat ihn gesehen, seit er den Arbeitsplatz früh am Morgen verlassen hatte. Sein Rad war in Ordnung gewesen. Er selbst auch. Er war mit drei Arbeitskollegen, die in anderen Nachbar- schaften in unserer Gegend wohnten, heimgeradelt. Jeder von ihnen sagte dasselbe: daß sie ihn wie gewöhnlich bei der River Street, wo sie in die Durant Street mündet, verlassen hatten. Das ist nur fünf Blocks von hier. Wir sind am Schluß der Durant Street. Wo ist er also? Im Laufe des Tages fuhr eine Gruppe von uns, alle bewaffnet, mit dem Rad von zu Hause zur River Street und diese entlang hinunter zum College. Fünf Meilen im ganzen. Wir überprüften die Seitenstraßen, Alleen, leere Gebäude, jeden Ort, der uns einfiel. Ich ging ebenfalls. Ich nahm Markus mit; wenn ich es nicht getan hätte, wäre er allein hinausgegangen. Ich hatte die Smith & Wesson, Markus nur sein Messer. Er ist damit schnell und wendig und stark für sein Alter, aber er hat es noch nie gegen etwas Lebendiges verwendet. Wenn ihm etwas passiert wäre, glaube ich nicht, daß ich mich heimgetraut hätte. Cory ist immer noch außer sich vor Sorgen. All das nach dem Verlust von Keith… ich weiß nicht. Jeder half. Jay Garfield wird bald wegziehen, aber das hielt ihn nicht davon ab, die Suche zu leiten. Er ist ein guter Mann. Er tat alles, was er sich ausdenken, konnte, um Vater zu finden. Morgen gehen wir in die Berge und Täler. Wir müssen. Nie- mand möchte, aber was können wir sonst tun? Mittwoch, 18. November 2026 Ich habe niemals mehr Dreck, mehr menschliche Überreste, mehr verwilderte Hunde gesehen als gestern. Ich muß schrei- ben. Ich muß das aufs Papier kippen. Ich kann es nicht für mich behalten. Tote ansehen hat mir vorher nie was ausgemacht, aber das… Wir hielten natürlich Ausschau nach Vaters Leichnam, ob- wohl das niemand aussprach. Ich konnte diese Realität nicht verleugnen oder vermeiden, daran zu denken. Cory hatte wie- der bei der Polizei nachgefragt, in der Klinik, bei jedem, der uns einfiel, der Vater kannte. Nichts. Also mußten wir in die Berge gehen. Wenn wir gingen, um Schießübungen zu machen, schauten wir nicht umher, außer um uns unserer Sicherheit zu vergewissern. Wir schauen ja nicht nach etwas aus, das wir lieber nicht finden wollen. Heute durchkämmten wir die Gegend in der Nähe des Endes der River Street. Ich hielt Markus bei mir – was nicht leicht war. Was ist es, das junge Burschen veranlaßt, alleine herumzuwandern und getötet zu werden? Sie bekommen zwei Barthaare und schon versuchen sie, ihre Männlichkeit zu beweisen. »Du deckst mir den Rücken und ich deinen«, sagte ich. »Ich werde es nicht zulassen, daß du verletzt wirst. Und du reitest mich nicht rein.«, Er zeigte den Anflug eines Lächelns, das besagte, daß er ge- nau wußte, was ich vorhatte, und daß er machen würde, was ihm gefiel. Ich wurde zornig und packte ihn bei den Schultern. »Verdammt, Markus, wie viele Schwestern hast du? Wie viele Väter hast du?« Ich hatte in seiner Gegenwart nicht einmal milde geflucht, bis die Dinge so ernst wurden. Jetzt erhielt ich dadurch seine Aufmerksamkeit. »Mach dir keine Sorgen«, murmelte er. »Ich werde helfen.« Dann fanden wir den Arm. Markus war derjenige, der ihn ausmachte – etwas Dunkles, das neben dem Weg lag, dem wir folgten. Es hing in den niederen Ästen einer verkrüppelten Eiche. Der Arm war frisch und ganz – eine Hand, Unter- und Ober- arm. Der Arm eines schwarzen Mannes, genau in der Farbe meines Vaters, soweit man Farbe sehen konnte. Er war aufge- schlitzt worden und gänzlich zerschnitten, dennoch sah er immer noch kräftig aus – langgliedrig, langfingrig, muskulös und massiv… vertraut? Glatt, aber mit einem weißen Knochen, der aus dem Schulte- rende herausstand. Dieser Arm war mit einem scharfen Messer abgeschnitten worden. Der Knochen war nicht gebrochen. Und, nun ja. Es könnte seiner gewesen sein. Markus erbrach sich, als er ihn sah. Ich zwang mich zur ge- naueren Betrachtung, suchte nach etwas Vertrautem, nach Gewißheit. Jay Garfield wollte mich abhalten, aber ich schob ihn weg und sagte zu ihm, daß er zur Hölle gehen solle. Das tat mir dann leid, und ich sagte es ihm später. Aber ich hatte es wissen müssen. Und doch weiß ich es immer noch nicht. Der Arm war zu sehr zerschnitten und mit getrocknetem Blut, bedeckt. Ich kann es nicht sagen. Jay Garfield nahm die Finge- rabdrücke in sein Notizbuch, aber den Arm ließen wir dort. Wie könnten wir sowas zu Cory zurückbringen? Und wir suchten weiter. Was sollten wir sonst tun? George Hsu fand eine Klapperschlange. Sie biß niemanden, und wir töteten sie nicht. Ich glaube nicht, daß jemand in der Stimmung war zu töten. Wir sahen Hunde, aber sie hielten sich von uns fern. Ich sah sogar eine Katze, die uns unter einem Busch hervor beobachte- te. Katzen rennen entweder wie der Teufel davon oder sie kauern sich zusammen und vermeiden jede Bewegung. Manchmal sind sie interessant zu beobachten. Oder wären es, unter anderen Gegebenheiten. Dann begann jemand loszuschreien. Ich habe niemals zuvor solche Schreie gehört – sie wollten kein Ende nehmen. Ein Mann schrie, bettelte, betete: »Nein! Nicht mehr! O Gott, nicht mehr, bitte. Jesus, Jesus, Jesus, bitte!« Dann hörte man wortlose, kreischende Schreie und etwas wie ein hohes, schreckliches Miauen. Es war die Stimme eines Mannes, nicht wie die meines Va- ters, aber auch nicht so sehr verschieden davon. Das Echo ging in der Schlucht hin und her, verwirrte uns, schickte uns zuerst in eine Richtung, dann in eine andere. Die Schlucht war voll von losen Felsbrocken und dornigen, giftigen Pflanzen, die uns auf Fußwegen zu bleiben zwangen, sofern es welche gab. Das Schreien hörte auf, dann fing es wieder an, als eine Art schreckliches, blubberndes Geräusch. Ich ließ mich ans Ende von unserer Gruppe zurückfallen. Ich hatte noch keine Probleme. Was ich nur höre, veranlaßt mich, nicht zum Mitleiden. Ich muß eine andere Person, die Schmer- zen hat, sehen, bevor die Einfühlung einsetzt. Und da war jemand, den anzusehen ich auf jeden Fall vermeiden wollte. Markus kam zu mir nach hinten und flüsterte: »Bist du in Ordnung?« »Ja«, sagte ich. »Ich will gar nicht wissen, was mit diesem Mann geschieht.« »Keith«, sagte er. »Ich weiß«, sagte ich. Wir schoben unsere Räder hinter die anderen und beobach- teten den Rückzug. Kayla Talcott kam nach hinten, um zu sehen, ob wir in Ordnung wären. Sie hatte nicht gewollt, daß wir mitkamen, aber da wir nun einmal dabei waren, kam sie und schaute auf uns. So ist sie. »Es klingt nicht nach eurem Vater«, sagte sie. »Das klingt gar nicht nach ihm.« Kayla ist aus Texas, wie meine leibliche Mut- ter. Manchmal klingt sie so, als ob sie es nie verlassen hätte, und manchmal so, als ob sie niemals auch nur in die Nähe des Südens gekommen wäre. Sie scheint den Akzent ein- und ausschalten zu können. Sie neigt dazu, ihn einzuschalten, um freundlich zu sein oder um jemandem zu drohen, ihn zu töten. Manchmal, wenn ich mit Curtis zusammen bin, sehe ich sie in seinem Gesicht und frage mich, was für eine Art von Verwandt- schaft – was für eine Art von Schwiegermutter – sie wohl sein würde. Heute glaube ich, daß wir beide, Markus und ich, froh über ihre Anwesenheit waren. Wir hatten die Nähe von jeman- dem mit ihrer Art von mütterlicher Stärke bitter nötig. Das schreckliche Geräusch hörte auf. Vielleicht war der arme Mann tot und von seinem Elend befreit. Ich hoffe es., Wir fanden ihn nicht. Wir fanden menschliche und tierische Knochen. Wir fanden verwesende Leichen von fünf Menschen, die zwischen den Felsbrocken verstreut lagen. Wir fanden die kalten Überreste einer Feuerstelle mit einem menschlichen Oberschenkelknochen und zwei Schädeln, die in der Asche lagen. Schließlich kamen wir heim und zogen unsere Gemeinde- mauer psychisch dicht um uns und versteckten uns in unserer Illusion von Sicherheit. Sonntag, 22. November 2026 Niemand hat meinen Vater gefunden. Fast jeder Erwachsene aus der Nachbarschaft hat eine Zeitlang gesucht. Richard Moss allerdings nicht, aber sein ältester Sohn und seine Tochter. Ich weiß nicht, was die Leute sonst noch tun hätten können. Wenn ich etwas wüßte, ginge ich hinaus und täte es. Aber nichts, nichts, nichts! Die Polizei ist niemals mit einer Spur von ihm dahergekommen. Er ist nirgends mehr aufge- taucht. Er ist verschwunden, dahin. Die Fingerabdrücke des abgetrennten Armes waren nicht die seinen. Seit Mittwoch träume ich jede Nacht von diesen schreckli- chen Schreien. Ich bin noch zweimal mit Gruppen hinausge- gangen, um durch die Schluchten zu streifen. Wir haben nichts gefunden als weitere Tote und die ärmsten der Lebenden – Menschen, die noch nur starrende Augen und sichtbare Kno- chen sind. Meine eigenen Knochen schmerzten im Mitfühlen. Manchmal, wenn ich eine Weile schlafen kann, ohne das Schreien zu hören, sehe ich sie – diese lebenden Toten. Ich hatte, sie immer schon gesehen. Ich hatte sie niemals wirklich gese- hen. Eine Gruppe, bei der ich nicht mit war, fand ein lebendes Kind, das gerade von Hunden zerfleischt wurde. Die Gruppe tötete die Hunde, dann mußte sie hilflos zusehen, wie der Junge starb. Ich predigte heute morgen im Gottesdienst. Vielleicht war das meine Pflicht. Ich weiß es nicht. Die Leute kamen zur Kirche, alle unsicher und aufgeregt, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Ich denke, sie wollten sich versammeln, und es ist seit Jahren ihre Gewohnheit, sich am Sonntagmorgen in unse- rem Haus zu treffen. Sie waren unsicher und zögernd, aber sie kamen. Wyatt Talcott und Jay Garfield boten sich an, Reden zu hal- ten. Beide sagten einige wenige Worte, beide hielten eine form- lose Lobrede auf meinen Vater, obwohl keiner zugab, daß es das war, was er tat. Ich befürchtete, jeder würde das machen und der Gottesdienst würde zu einer unmöglichen Stegreifbeerdi- gung werden. Ich wollte ihnen etwas geben, das sie mit heim- nehmen konnten – etwas, das ihnen das Gefühl geben sollte, daß für heute genug gesagt worden wäre. Ich dankte ihnen allen für die anhaltenden – ich betonte an- haltenden – Anstrengungen, meinen Vater zu finden. Dann… gut, dann sprach ich über Ausdauer. Ich hielt eine Predigt über Ausdauer, wenn man sagen kann, daß eine nicht zum Priester geweihte Jugendliche eine Predigt halten kann. Niemand ver- suchte mich aufzuhalten. Cory wäre die einzige gewesen, die es versucht haben könnte, aber Cory war in einer Art von wan- delndem Koma. Sie tat nichts, was sie nicht unbedingt tun, mußte. Daher predigte ich über Lukas, Kapitel 18, Vers 1-8: Die Pa- rabel der bittenden Witwe. Es ist eine Geschichte, die ich immer gemocht habe. Eine Witwe ist so unnachgiebig in ihrer Forde- rung nach Gerechtigkeit, daß sie den Widerstand des Richters bricht, der weder Gott noch die Menschen fürchtet. Sie macht ihn fertig. Moral: Das Schwache kann das Starke besiegen, wenn das Schwache hartnäckig genug ist. Hartnäckigkeit ist nicht immer das Sicherste, aber oft das Notwendige. Mein Vater und die anwesenden Erwachsenen hatten unsere Gemeinde erschaffen und erhalten, trotz des Mangels und der Gewalt draußen. Jetzt muß diese Gemeinde mit oder ohne meinen Vater weiterbestehen, zusammenhalten, überleben. Ich sprach über meine Alpträume und die Quelle dieser Alpträume. Einige Leute wollten vielleicht nicht, daß ihre Kinder derartige Dinge zu hören bekamen, aber das war mir egal. Wenn Keith mehr gewußt hätte, wäre er vielleicht noch am Leben. Aber ich erwähnte Keith nicht. Die Leute konnten sagen, was Keith passiert war, wäre sein eigenes Verschulden gewesen. Von Vater konnte man das nicht sagen. Ich möchte auch nicht, daß irgend jemand das eines Tages über unsere Gemeinde sagen kann. »Diese meine Alpträume sind unsere Zukunft, wenn wir noch einen Fehler machen«, sagte ich, während ich aufstand. »Verhungern, der Tod durch die Hand von Wesen, die nicht mehr menschlich sind. Zerstückelung. Tod. Wir haben Gott, und wir haben einander. Wir haben unsere Gemeinde als Insel, zerbrechlich und doch eine Festung., Manchmal scheint sie zu klein und zu schwach zu sein, um zu überleben. Wie bei der Witwe in dem christlichen Gleichnis fürchten ihre Feinde weder Gott noch Menschen. Aber wie die Witwe muß die Gemeinde hartnäckig bleiben. Wir bleiben hartnäckig. Das ist unser Ort, egal was kommt.« Das war meine Botschaft. Ich beließ es dabei, obwohl ich das Gefühl verspürte, sie sei nicht vollständig. Ich merkte, daß sie mehr erwarteten, aber dann sahen sie, daß ich nicht mehr sagen würde, und sie schluckten hinunter, was ich gesagt hatte. Gerade im richtigen Augenblick begann Kayla Talcott ein altes Lied. Andere nahmen es auf, sangen langsam, aber mit Gefühl: »Wir werden nicht, wir werden nicht vertrieben wer- den…« Ich glaube, das hätte schwach geklungen oder auch jämmer- lich, wenn jemand mit einer schwächeren Stimme damit be- gonnen hätte. Ich glaube, ich hätte es schwächer gesungen. Ich bin nur eine ganz passable Sängerin. Kayla ihrerseits hat eine großartige Stimme, schön, klar, und sie kann alles singen, was sie will. Und Kayla hat den Ruf, nichts zu tun, was sie nicht wirklich tun will. Später, als sie ging, dankte ich ihr. Sie sah mich an. Ich überrage sie seit einigen Jahren, und sie mußte zu mir aufsehen. »Gute Arbeit«, sagte sie, nickte und ging weiter auf ihr Haus zu. Ich liebe sie. Ich erhielt heute weitere Komplimente, und ich denke, sie waren ernstgemeint. Die meisten meinten auf die eine oder andere Art, »Du hast recht«, und »Ich wußte nicht, daß du so predigen kannst«, und »Dein Vater wäre stolz auf dich.« Ja. Das hoffe ich. Ich habe es für ihn getan. Er formte diese, Ansammlung von Häusern zu einer Gemeinde. Und jetzt ist er vielleicht tot. Ich wollte nicht zulassen, daß sie ihn begraben, aber ich weiß Bescheid. Ich bin nicht gut in Verleugnung und Selbsttäuschung. Es war Vaters Beerdigung, bei der ich gepre- digt hatte – seine und die der Gemeinde. Auch wenn ich noch so sehr wollte, daß alles, was ich gesagt hatte, wahr sei, war es das doch nicht. Wir werden vertrieben werden, okay. Es ist nur eine Frage wann, durch wen und in welchem Zustand., Das nimmt kein Ende, was eine lebende Welt von dir fordert. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 19. Dezember 2026 Heute kam Reverend Matthew Robinson, in dessen Kirche ich getauft worden war, um das Begräbnis meines Vaters zu zele- brieren. Cory arrangierte alles. Es gab keine Leiche, ebensowe- nig eine Urne. Niemand weiß, was mit meinem Vater gesche- hen ist. Weder wir noch die Polizei waren fähig, das herauszu- finden. Wir sind sicher, daß er tot ist. Er würde einen Weg gefunden haben, nach Hause zu kommen, wenn er noch lebte, deshalb sind wir sicher, daß er tot ist. Nein, wir sind nicht sicher. Überhaupt nicht. Ist er irgendwo krank? Verletzt? Gegen seinen Willen festgehalten aus Gott weiß welchen Gründen von irgendwelchen Monstern? Das ist schlimmer als damals, als Keith starb. So viel schlim- mer. So schrecklich es auch war, wir wußten immerhin, daß er tot war. Was auch immer er erlitten hatte, wir wußten, daß er nicht mehr leiden mußte. Zumindest nicht in dieser Welt. Wir wußten das. Jetzt wissen wir gar nichts. Er ist wohl tot. Aber wir wissen es nicht mit Sicherheit! Die Dunns müssen sich so gefühlt haben, als Tracy ver-, schwand. Auch wenn sie verrückt waren, auch wenn Tracy verrückt war, sie mußten sich so gefühlt haben. Wie mögen sie sich jetzt fühlen? Tracy ist nie zurückgekommen. Wenn sie nicht tot ist, was muß ihr dann draußen zugestoßen sein? Eine junge Frau, auf sich allein gestellt, hat da draußen nur eine einzige Zukunft. Ich habe die Absicht, mich als Mann zu ver- kleiden, wenn ich weggehe. Wie werden sich alle fühlen, wenn ich gehe? Für sie werde ich tot sein – für Cory, für die Jungs, für die Nachbarschaft. Sie werden hoffen, daß ich tot bin, wenn sie die Alternativen in Erwägung ziehen. Vater sei Dank für meine Größe und Stärke. Jetzt muß ich Vater nicht verlassen. Er hat es seinerseits schon getan. Er war 57. Was für einen Grund sollten Fremde haben, einen 57 Jahre alten Mann lebend gefangen zu halten? Nachdem sie ihn beraubt hatten, würden sie ihn entweder laufen lassen oder töten. Wenn sie ihn laufen lassen hätten, wäre er heimgekommen, aufrecht, auf allen vieren oder krie- chend. Ergo ist er tot. So ist das. So muß es sein. Dienstag, 22. Dezember 2026 Die Garfields sind heute nach Olivar abgereist – Philida, Jay und Joanne. Ein gepanzerter KSF-Laster kam von Olivar, um sie und ihre Habseligkeiten mitzunehmen. Die Erwachsenen der Gemeinde hatten alle Hände voll zu tun, um die kleinen Kinder davon abzuhalten, auf dem Laster herumzuklettern und die, Fahrer mit ihren Fragen zu Tode zu quälen. Die meisten Kinder im Alter meines Bruders sind einem funktionierenden Auto noch nie so nahe gekommen. Einige von den jüngeren Moss- Kindern haben überhaupt noch nie irgendeinen Laster gesehen. Die Moss-Kinder durften ja nicht einmal das Yannis-Haus besuchen, als das Yannis-TV noch funktionierte. Die beiden Burschen von KSF erwiesen sich als geduldig, so- bald sie kapiert hatten, daß die Kinder weder Diebe noch Van- dalen waren. Diese beiden Kerle mit ihren Uniformen, Pistolen, Peitschen und Knüppeln sahen mehr wie Cops als wie Fahrer aus. Kein Zweifel, daß sie noch schwerere Waffen im Wagen hatten. Mein Bruder Bennett sagte, er hätte drinnen größere Gewehre montiert gesehen, als er auf die Kühlerhaube geklettert war. Aber wenn man in Betracht zieht, wieviel ein Wagen in dieser Größe wert ist und wie viele Leute ihn samt seiner La- dung stehlen möchten, scheint mir diese Bewaffnung nicht besonders überraschend. Die beiden Fahrer waren ein Schwarzer und ein Weißer, und ich bemerkte, daß Cory das hoffnungsvoll registrierte. Vielleicht würde Olivar doch nicht die weiße Enklave sein, wie Vater vermutet hatte. Cory trieb den Schwarzen in eine Ecke und quatschte so lan- ge auf ihn ein, wie er sie ließ. Versucht sie jetzt, uns nach Olivar zu bringen? Ich glaube, das ist ihre Absicht. Schließlich muß sie jetzt, ohne Vaters Gehalt, etwas tun. Ich glaube nicht, daß wir eine Chance haben, akzeptiert zu werden. Die Versicherungsge- sellschaft wird nicht zahlen – zumindest noch lange Zeit nicht. Die Leute ziehen es vor, zu glauben, Vater sei nicht tot. Ohne Beweis kann er legal nicht vor dem Ablauf von sieben Jahren, für tot erklärt werden. Können die unser Geld solange zurück- behalten? Ich weiß es nicht, aber es würde mich nicht überra- schen. Binnen sieben Jahren könnten wir einige Male verhun- gern. Und Cory muß wissen, daß sie in Olivar nicht genug verdienen kann, um uns alle zu ernähren und die Miete zu zahlen. Hofft sie, auch für mich Arbeit zu bekommen? Ich weiß nicht, was wir tun werden. Joanne und ich schwammen beim Abschied in Tränen. Wir versprachen einander anzurufen, Kontakt zu halten. Ich glaube nicht, daß es uns gelingen wird. Es kostet extra, Olivar anzuru- fen. Wir werden uns das nicht leisten können. Sie vermutlich auch nicht. Vermutlich werde ich sie nie wiedersehen. Die Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, fallen aus meinem Leben heraus, einer nach dem anderen. Nachdem der Laster weggefahren war, suchte ich Curtis und nahm ihn in die alte Dunkelkammer mit, um es mit ihm zu machen. Wir hatten es lange nicht mehr getan und ich brauchte es. Ich wünschte, ich könnte mir wenigstens vorstellen, Curtis zu heiraten, hierzubleiben und ein ordentliches Leben mit ihm zu führen. Es ist aber unmöglich. Selbst wenn es Erdensaat nicht gäbe, wäre es nicht möglich. Ich würde der Familie beinahe einen Gefallen tun, wenn ich jetzt abhaute – ein Mund weniger zu füttern. Außer ich bekäme irgendwie einen Job … »Wir müssen auch hier raus«, sagte Curtis, als wir nachher beieinanderlagen, den Nachklang fühlend, das Schicksal heraus- fordernd, das Gefühl für den anderen nicht so schnell verlieren wollend. Aber das war es nicht, was er meinte. Ich drehte den Kopf, um ihn anzusehen., »Willst du nicht weg?« fragte er. »Möchtest du nicht weg aus dieser Nachbarschaftssackgasse, weg von Robledo?« Ich nickte. »Ich habe gerade daran gedacht. Aber…« »Ich will, daß du mich heiratest, und ich will, daß wir hier weggehen«, sagte er fast flüsternd. »Dieser Ort geht zugrunde.« Ich stützte mich auf die Ellbogen und schaute auf ihn hinun- ter. Das einzige Licht in dem Raum kam von einem einzigen Fenster oben nahe an der Decke. Es war nicht mehr verdeckt und das Glas zerbrochen, aber trotzdem kam nur wenig Licht herein. Curtis Gesicht war voller Schatten. »Wohin willst du gehen?« fragte ich. »Nicht nach Olivar«, sagte er. »Das könnte sich als noch grö- ßere Sackgasse herausstellen als das hier.« »Wohin dann?« »Ich weiß es nicht. Oregon oder Washington? Kanada? Alaska?« Ich glaube nicht, daß ich meine plötzliche Aufregung zeigte. Die Leute sagen mir, mein Gesicht drücke nicht aus, was ich fühle. Meine Teilnahme war eine harte Schule. Aber irgendwie sah er es doch. »Du hast schon über das Weggehen nachgedacht, nicht wahr?« drängte er. »Das ist der Grund, warum du nicht über Heirat sprechen willst.« Ich legte meine Hand auf seine glatte Brust. »Du hast gedacht, du gehst allein!« Er faßte mein Handge- lenk und schien es wegstoßen zu wollen. Dann hielt er es aber fest. »Du wolltest einfach von hier abhauen und mich zurück- lassen.« Ich wandte mich ab, damit er mein Gesicht nicht sehen, konnte, denn jetzt hatte ich den Eindruck, meine Gefühle wären nur allzu offensichtlich: Verwirrung, Furcht, Hoffnung… Natürlich hatte ich vorgehabt, allein zu gehen, und natürlich hatte ich niemandem gesagt, daß ich gehen wollte. Und bis jetzt war ich mir noch nicht ganz klar geworden, inwieweit Vaters Verschwinden mein Weggehen beeinflußte. Das warf beängsti- gende Fragen auf. Was sind meine Verpflichtungen? Was wird aus meinen Brüdern, wenn ich sie Cory überlasse? Es sind ihre eigenen Söhne, und sie wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um für sie, für ihre Nahrung und Unterkunft zu sorgen. Aber kann sie das allein? Wie? »Ich will gehen«, gab ich zu und drehte mich in eine beque- mere Lage auf dem Stapel alter Schlafsäcke, die wir auf den Betonboden gelegt hatten. »Ich plane abzuhauen. Erzähl es aber niemandem.« »Wie könnte ich, wenn ich mit dir gehe?« Ich lächelte ihn an. Ich liebte ihn. Aber… »Cory und meine Brüder brauchen Hilfe«, sagte ich. »Wenn mein Vater hier wäre, hätte ich geplant, nächstes Jahr zu gehen, wenn ich 18 bin. Aber jetzt… jetzt weiß ich nicht.« »Wohin würdest du gehen?« »In den Norden. Vielleicht bis nach Kanada. Vielleicht auch nicht.« »Allein?« »Ja.« »Warum?« Warum allein, meinte er. Ich zuckte die Achseln. »Ich könnte getötet werden, sobald ich hier raus bin. Ich könnte verhungern. Die Cops könnten mich auflesen. Die Hunde könnten mich kriegen. Ich könnte, krank werden. Alles Mögliche könnte mir passieren; ich habe darüber nachgedacht. Ich habe damit nicht einmal die Hälfte der schlimmen Möglichkeiten aufgezählt.« »Genau deswegen brauchst du Hilfe!« »Genau deswegen kann ich niemanden bitten, wegzugehen von Essen und Schutz und soviel Sicherheit, wie es hier bei uns doch immer noch gibt. Einfach nach Norden zu gehen und zu hoffen, einen guten Ort zu finden! Wie könnte ich dich darum bitten?« »So schlimm ist es nicht. Weiter im Norden könnten wir Ar- beit kriegen.« »Vielleicht. Aber die Leute strömen seit Jahren nach Norden. Jobs sind auch da oben knapp. Und die Grenzen zwischen den Bundesstaaten und nach Kanada sind dicht.« »Hier unten gibt es gar nichts!« »Weiß ich.« »Wie kannst du dann Cory und deinen Brüdern helfen?« »Das weiß ich nicht. Wir haben nicht herausgefunden, was wir tun können. Bis jetzt ist mir nichts eingefallen, was funktio- nieren könnte.« »Ihnen bliebe mehr von allem, wenn du gingest.« »Mag sein. Aber, Curtis, wie kann ich sie verlassen? Könntest du weggehen und deine Familie zurücklassen, ohne zu wissen, wie sie das Überleben schaffen soll?« »Manchmal glaube ich das schon«, sagte er. Ich ignorierte das. Er kam nicht sehr gut mit seinem Bruder Michael aus, trotzdem war seine Familie sicher die stärkste Einheit in der ganzen Nachbarschaft. Leg dich mit einem von ihnen an und du hast es mit allen zu tun. Er würde sie nie im, Stich lassen, wenn sie in Schwierigkeiten wäre. »Heirate mich jetzt«, sagte er. »Wir bleiben zunächst hier und helfen deiner Familie auf die Beine. Dann gehen wir zu- sammen weg.« »Jetzt nicht«, sagte ich. »Ich sehe nicht, wie jetzt irgend etwas dabei herauskommen könnte. Es ist alles zu verrückt.« »Ja und? Glaubst du, es wird wieder einmal normal! Es wird nie wieder normal. Du mußt weitermachen und leben, ganz gleich, wie.« Ich wußte darauf nichts zu sagen, deshalb küßte ich ihn. Aber damit konnte ich ihn nicht ablenken. »Ich hasse diesen Raum«, sagte er. »Ich hasse es, mich mit dir hier verstecken zu müssen und Spielchen zu machen.« Er hielt einen Augenblick inne. »Aber ich liebe dich. Verdammt! Manchmal wünschte ich beinahe, ich täte es nicht.« »Wünsch das nicht«, sagte ich. Er wußte so wenig von mir und glaubte, alles zu wissen. Beispielsweise hatte ich ihm nie von meiner Hypersensitivität erzählt. Das würde ich tun müs- sen, bevor ich ihn heiratete. Wenn nicht, würde er es herausfin- den und wissen, daß ich ihm nicht genügend vertraut hatte, um ehrlich mit ihm zu sein. Außerdem weiß man nicht viel über diese Empfindlichkeit. Wie, wenn ich sie meinen Kindern vererbte? Dann gibt es da noch Erdensaat. Ich werde ihm auch davon erzählen müssen. Was wird er sich denken? Daß ich verrückt geworden bin? Ich kann es ihm nicht sagen. Nicht jetzt. »Wir könnten in eurem Haus wohnen«, sagte er. »Meine El- tern würden mit Essen aushelfen. Vielleicht könnte ich sogar irgendeinen Job finden…«, »Ich will dich heiraten«, sagte ich. Dann zögerte ich, und es war vollkommen still. Ich konnte nicht glauben, daß ich mich selbst so etwas sagen gehört hatte, aber es war wahr. Vielleicht lag es daran, daß ich mich verwaist fühlte. Keith, mein Vater, die Garfields, Mrs. Quintanilla… die Leute verschwanden so leicht. Ich wollte jemanden bei mir haben, der sich um mich kümmerte und der nicht verschwand. Aber mein Urteilsvermö- gen war noch nicht komplett im Eimer. »Wenn meine Familie sich erholt hat, werden wir heiraten«, sagte ich. »Dann können wir hier weg. Ich muß nur wissen, daß mit meinen Brüdern alles okay ist.« »Wenn wir ohnehin heiraten, warum dann nicht jetzt?« Weil ich dir vorher noch einiges zu erzählen habe, dachte ich. Weil ich nicht herumhängen und dich mit jemandem anderen sehen will, falls du mich zurückstößt oder deine Reak- tionen mich dazu zwingen, dich zurückzustoßen. »Nicht jetzt«, sagte ich. »Warte auf mich.« Er schüttelte mit offensichtlichem Widerwillen den Kopf. »Was denkst du, was ich die ganze Zeit tue?« Donnerstag, 24. Dezember 2026 Weihnachtsabend. Vergangene Nacht steckte jemand das Payne-Parrish-Haus in Brand. Während die Gemeinschaft erst versuchte, das Feuer zu löschen, und dann wenigstens ein Übergreifen des Brandes zu verhindern, wurden drei andere Häuser ausgeraubt. Unseres war eines davon. Die Diebe nahmen sich alle Nahrungsmittel, die wir im La-, den gekauft hatten. Weizenmehl, Zucker, Konserven, Packun- gen… Sie klauten unser Radio – zumindest eines davon. Das Verrückte daran ist: bevor wir zu Bett gegangen waren, hatten wir einem halbstündigen Nachrichtenfeature über das Anstei- gen von Brandlegungen zugehört. Die Leute legen jetzt mehr Brände, um Verbrechen zu vertuschen – aber warum sie sich in diesen Zeiten solche Mühe machen, weiß ich nicht. Die Polizei stellt für Kriminelle keine Bedrohung mehr dar. Sie legen die Brände, um zu tun, was unsere Brandstifter vorige Nacht taten – sie locken die Nachbarn des Brandopfers weg, damit deren Häuser unbewacht sind. Sie legen aber auch Feuer, um jeden loszuwerden, den sie loswerden wollen, von persönlichen Feinden bis zu solchen, die anders aussehen oder sprechen oder einer anderen Rasse angehören. Sie legen ebenfalls Feuer, weil sie frustriert, zornig oder hilflos sind. Sie haben keine Macht, ihr Leben zu verbessern, aber die Macht, das Leben von anderen noch elender zu machen. Und die einzige Möglichkeit, sich der eigenen Macht zu versichern, ist ihr Gebrauch. Und dann gibt es da noch diese Feuerdroge mit ihren Dut- zenden Bezeichnungen: Blaze, Fuego, Blitz, Sonne… Der popu- lärste Name ist Pyro – kurz für Pyromanie. Das ist alles dieselbe Droge, und es gibt sie jetzt schon eine ganze Weile. Wie Keith sagte, wird sie immer populärer. Sie macht das Zusehen bei einem Feuer, beim Tanzen der Flammenzungen zu einem besseren, intensiveren, länger andauernden High, als es beim Sex möglich ist. Wie Paracetco, die Droge, für die sich meine biologische Mutter entschied, verändert Pyro die Neurochemie der Einnehmer. Aber Paracetco begann seine Karriere als legale Droge, die den Opfern der Alzheimerschen Krankheit helfen, sollte. Pyro war ein Zufall. Ein Heimgebräu – eine Designerdro- ge, von jemandem zusammengebastelt, der eine der anderen kostspieligen Straßendrogen herstellen wollte. Der Erfinder machte einen winzigen chemischen Fehler und erschuf Pyro. Das ereignete sich an der Ostküste und führte zu einem immen- sen Anstieg der Zahl großer und kleiner sinnloser Brandstiftun- gen. Pyro machte seinen Weg nach Westen ohne allzu großes Aufsehen. Jetzt wächst seine Verbreitung stark an. Und im strohtrockenen südlichen Kalifornien kann es eine wirkliche Brandorgie auslösen. »Mein Gott«, sagte Cory, als das Feature vorüber war. Und zitierte fast flüsternd mit dünner Stimme aus der Offenbarung: »Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große. Zur Wohnung der Dämonen ist sie geworden…« ✳ ✳ ✳ Und die Dämonen zündeten das Payne-Parrish-Haus an. Ungefähr um zwei Uhr morgens. Ich erwachte vom Gebim- mel der Glocke: Notfall! Erdbeben? Feuer? Eindringlinge? Aber da waren kein Beben, keine ungewöhnlichen Geräu- sche, kein Rauch. Was auch immer geschah, es passierte nicht in unserem Haus. Ich stand auf, zog mich an, überlegte einen Augenblick lang, ob ich meinen Überlebenspack mitnehmen sollte und ließ ihn dann liegen. Unser Haus schien nicht unmit- telbar in Gefahr zu sein. Mein Pack war sicher in seinem Schrank zwischen Decken und Bündeln von alten Kleidern. Wenn ich ihn brauchte, konnte ich zurückkommen und ihn mir, binnen Sekunden schnappen. Ich rannte hinaus, um zu sehen, worum es ging, und sah es auch sofort. Das Payne-Parrish-Haus war von Feuer umgeben. Eine der Wachen läutete immer noch die Glocke. Aus allen Häusern quollen die Menschen heraus und mußten wie ich auf den ersten Blick erkennen, daß das Payne-Parrish-Haus verlo- ren war. Die Nachbarn waren schon damit beschäftigt, ihre Häuser an den Seiten mit Wasser anzuschütten. Ein lebender Eichbaum – einer unserer alten Riesen – brannte. Ein leichter Wind ging und wirbelte brennende Zweige und Blätter in die Höhe und verteilte sie. Ich machte bei den Leuten mit, die Funken ausschlugen und die Ausbreitung des Feuers zu verhin- dern versuchten. Wo waren die Paynes? Und wo war Wardell Parrish? Hatte jemand die Feuerwehr gerufen? Das war immerhin ein Haus voller Menschen, keine brennende Garage. Ich fragte verschiedene Leute. Kayla Talcott sagte, sie hätte die Feuerwehr gerufen. Ich war dankbar und schämte mich. Ich hätte nicht gefragt, wenn Vater noch bei uns gewesen wäre. Jemand von uns hätte angerufen. Jetzt konnten wir uns das nicht mehr leisten. Niemand hatte einen von den Paynes gesehen. Wardell Par- rish fand ich im Hof der Yannis, wo Cory und mein Bruder Bennett ihn in eine Decke wickelten. Er mußte so sehr husten, daß er nicht sprechen konnte, und trug nur Pyjamahosen. »Ist er okay?« fragte ich. »Er hat viel Rauch eingeatmet«, sagte Cory. »Hat jemand die Feuerwehr…« »Kayla Talcott.«, »Gut. Aber es ist niemand am Tor, um sie hereinzulassen.« »Ich werde gehen.« Ich drehte mich um, aber sie faßte mei- nen Arm. »Die anderen?« flüsterte sie. Sie meinte natürlich die Paynes. »Ich weiß nichts.« Sie nickte und ließ mich los. Ich ging zum Tor, wobei ich mir unterwegs Alex Montoyas Schlüssel ausborgte. Er schien seinen Torschlüssel immer in der Tasche zu haben. Er war also der Grund dafür, daß ich nicht zurückging in unser Haus, dort vielleicht die Einbrecher störte – und für meine Störung getötet wurde. Die Feuerwehr kam ohne große Eile. Ich ließ sie ein, ver- schloß das Tor hinter ihnen wieder und schaute zu, wie sie das Feuer löschten. Niemand hatte die Paynes gesehen. Wir konnten nur an- nehmen, daß sie es nicht aus dem Haus heraus geschafft hatten. Cory versuchte, Wardell Parrish mit zu uns heim zu nehmen, aber er weigerte sich wegzugehen, bevor er auf die eine oder andere Art etwas über das Schicksal seiner Zwillingsschwester und seiner Nichten und Neffen herausgefunden hatte. Als das Feuer beinahe völlig gelöscht war, begann die Glocke neuerlich zu läuten. Wir schauten uns alle um. Caroline Balter, Harrys Mutter, riß heftig am Glockenseil und kreischte. »Einbrecher!« schrie sie. »Diebe! Sie haben in die Häuser eingebrochen!« Und ohne Nachdenken rannten wir alle in unsere Häuser. Wardell Parrish kam mit meiner Familie mit, immer noch hustend, keuchend und nutzlos – weil waffenlos – wie wir anderen auch. Wir hätten getötet werden könnten, wie wir so, dahertrampelten. Statt dessen hatten wir Glück. Wir erschreck- ten die Diebe so sehr, daß sie flohen. Außer unseren im Laden gekauften Nahrungsmitteln und dem Radio nahmen die Diebe einen Teil von Vaters Werkzeug und Material mit – Nägel, Draht, Schrauben, Bolzen, solche Dinge. Sie stahlen aber weder das Telefon, noch den Computer, noch sonst etwas aus Vaters Büro. Tatsächlich hatten sie es gar nicht bis ins Büro geschafft. Ich glaube, wir vertrieben sie, bevor sie das ganze Haus durchsuchen konnten. Sie stahlen Kleider und Schuhe aus Corys Zimmer, aber nichts aus meinem oder dem meiner Brüder. Sie nahmen von unserem Geld – das Küchengeld, wie Cory es nennt. Sie hatte es in der Küche in einer Waschmittelschachtel versteckt. Sie hatte geglaubt, so etwas würde niemand stehlen. Tatsächlich haben die Diebe es vielleicht geklaut, um es weiterzuverkaufen, ohne zu bemerken, daß es sich nicht nur um Waschmittel handelte. Es hätte schlimmer kommen können. Das Küchengeld waren bloß ungefähr tausend Dollar für kleinere Notfälle. Den Rest unseres Geldes fanden die Diebe nicht, ein Teil da- von war draußen beim Zitronenbaum vergraben, anderes bei unseren zwei verbliebenen Waffen unter dem Boden von Corys begehbarem Schrank. Vater hatte sich viel Arbeit damit ge- macht, ein Stück des Fußbodens in ein sicheres Versteck zu verwandeln – es war nicht verschlossen, aber vollständig ver- borgen unter einem Teppich und einer beschädigten Kommo- de, deren Schubladen mit Nähzeug gefüllt waren – Stoffresten, Knöpfen, Reißverschlüssen, Ösen, solchen Sachen. Die Kom- mode konnte mit einer Hand verschoben werden. Sie glitt von einer Seite des Kabinetts zur anderen, wenn man sie richtig, anstieß, und man hatte binnen Sekunden Geld und Waffen zur Hand. Der Trick mit diesem Versteck würde niemanden ent- mutigt haben, der Zeit für eine gründliche Suche hatte, aber unsere Diebe hatte er entmutigt. Sie hatten ein paar Schubladen auf dem Fußboden ausgeleert, aber nicht daran gedacht, unter der Kommode nachzusehen. Corys Nähmaschine hatten die Diebe mitgenommen. Es war eine kompakte, bullige alte Maschine mit einem eigenen Koffer gewesen. Sowohl Koffer als auch Maschine waren weg. Das war wirklich ein Schlag. Cory und ich, wir hatten beide die Maschi- ne gebraucht, um Kleider für die Familie herzustellen, zu än- dern und zu flicken. Ich hatte geglaubt, es würde mir sogar möglich sein, mit der Maschine Geld zu verdienen, indem ich für Leute aus der Nachbarschaft nähte. Und jetzt war die Ma- schine weg. Das Nähen für die Familie wird jetzt von Hand gemacht werden müssen. Es wird sehr viel mehr Zeit brauchen, und die Ergebnisse werden vielleicht nicht so aussehen, wie wir es gewöhnt sind. Schlimm. Hart. Aber doch kein entscheiden- der Schlag. Cory weinte wegen des Verlusts ihrer Maschine, aber wir können es auch ohne das Gerät schaffen. Cory ist nur völlig am Boden, weil ein Schlag nach dem anderen kommt. Wir werden uns daran gewöhnen. Wir müssen es. Gott ist Veränderung. Seltsam, wie sehr es mir hilft, mich daran zu erinnern. ✳ ✳ ✳, Curtis Talcott kam vorhin an mein Fenster, um mir zu sagen, daß die Männer von der Feuerwehr verbrannte Leichen und Knochen in den Trümmern des Payne-Parrish-Hauses gefun- den haben. Die Polizei ist da und nimmt Berichte auf über die Diebstähle und die offensichtliche Brandstiftung. Ich sagte es Cory. Sie kann es Wardell Parrish sagen oder das der Polizei überlassen. Er hat sich auf eine unserer Wohnzimmercouchen gelegt. Ich bezweifle, daß er schläft. Obwohl ich ihn nie ge- mocht habe, tut er mir leid. Er hat sein Heim und seine Familie verloren. Er ist der einzige Überlebende. Wie muß das sein für ihn? Dienstag, 29. Dezember 2026 Ich weiß nicht, wie lange das so gehen kann, aber auf irgendeine Art, die ich für nicht ganz legal halte, hat Cory einen Teil des Jobs übernommen, den Vater so lange ausgeübt hat. Sie gibt jetzt die Kurse, die Vater gegeben hat. Mit den Computerver- bindungen, die wir schon haben, wird sie die zugewiesenen Aufgaben erledigen, Heimarbeit erhalten und für Telefon- und Computerkonferenzen erreichbar sein. Den administrativen Teil von Vaters Arbeit macht jemand anderer, der das Extrageld brauchen kann und der bereit ist, öfter als ein oder zwei Mal im Monat persönlich im College zu erscheinen. Es wird sein, als würde Vater immer noch unterrichten, hätte sich aber ent- schieden, seine anderen Verpflichtungen aufzugeben. Cory hat das mit Bitten und Betteln erreicht, mit Weinen und Schluchzen und Anrufen bei jedem Freund und Bekann- ten, der ihr nur einfiel. Die Leute vom College kennen sie. Sie, hat dort vor Bennetts Geburt unterrichtet, bevor sie hier die Notwendigkeit erkannte und mit dem Unterricht im Hinterhof begann, den alle Kinder der Nachbarschaft besuchen. Vater war sehr dafür, daß sie beim College aufhörte, weil er nicht wollte, daß sie hinausgehen und sich all den Gefahren da draußen aussetzen mußte auf Hin- und Rückweg. Die Nachbarn zahlten ein Schulgeld pro Kind, aber nicht viel. Niemand hätte mit der Summe einen Haushalt finanzieren können. Jetzt wird Cory wieder hinausgehen müssen. Sie rekrutiert jetzt schon Männer und ältere Jungen aus der Nachbarschaft, sie zu begleiten, wenn sie hinaus muß. Es gibt hier viele unbe- schäftigte Männer, und Cory wird ihnen einen kleinen Betrag zahlen. So wird in ein paar Tagen das neue Trimester beginnen und Cory Vaters Arbeit tun – während ich die ihre erledige. Ich kümmere mich um den Schulbetrieb, mit Hilfe von ihr und von Russell Dory, Joanne und Harrys Großvater. Er war mal Mathe- lehrer an der Highschool. Er ist vor Jahren in Pension gegan- gen, aber immer noch auf Draht. Ich glaube nicht, daß ich seine Hilfe brauche, aber Cory meint es, und so soll's halt sein. Alex Montoya und Kayla Talcott übernehmen Vaters Predig- ten und sonstige Kirchenarbeit. Sie sind nicht ordiniert, sind aber für Vater in der Vergangenheit auch schon gelegentlich eingesprungen. Beide haben Autorität in der Gemeinde und in der Kirche. Und natürlich kennen beide ihre Bibel. So werden wir überleben und zusammenhalten. Es wird funktionieren. Ich weiß nicht, wie lange es gutgehen wird, aber zumindest jetzt funktioniert es., Mittwoch, 30. Dezember 2026 Wardell Parrish ist wieder zu seinen Leuten zurückgegangen – zu jenem Teil seiner Familie, bei dem er gelebt hat, bevor er und seine Schwester das Sims-Haus erbten. Er hatte bei uns ge- wohnt, seit seine Schwester und alle ihre Kinder getötet worden waren. Cory hatte ihm ein paar von Vaters Kleidern gegeben, die ihm zu groß waren. Viel zu groß. Er lief ziellos herum, redete nichts, schien nichts wahrzu- nehmen, aß zu wenig… dann, gestern, sagte er plötzlich wie ein kleiner Junge: »Ich will heim. Ich kann nicht hier bleiben. Ich hasse es hier: alles ist tot! Ich muß heim.« Also begleiteten Wyatt Talcott, Michael und Curtis ihn heute heim. Armer Mann! Er ist binnen einer Woche um Jahre geal- tert. Ich glaube, er wird nicht mehr lange leben., Wir sind Erdensaat. Wir sind Fleisch – seiner selbst bewußtes, fragendes, problemlösendes Fleisch. Wir sind jener Aspekt des Erdenlebens, der am mei- sten dazu befähigt ist, wissentlich Gott zu formen. Wir sind das reifende Erdenleben, das Erdenleben, das sich vorbereitet, abzufallen von der Welt der Vor- fahren. Wir sind Erdenleben, das Wurzeln schlagen wird in neuer Erde, Erdenleben, das seinen Zweck erfüllt, sein Versprechen, seine Bestimmung., Um aufzuerstehen aus der eigenen Asche muß ein Phönix zunächst einmal brennen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 31. Juli 2027 – Am Morgen Als ich in dieser Nacht der Nachbarschaft entfloh, brannte sie. Die Häuser, die Bäume, die Menschen, alles brannte. Rauch weckte mich, und ich schrie im Gang nach Cory und den Jungen. Ich griff mir meine Kleider und den Notfallpack und folgte Cory, als sie die Jungen hinausbugsierte. Die Glocke läutete nicht. Unsere Wächter mußten getötet worden sein, bevor sie sie erreichen konnten. Das Chaos war rundum. Menschen rannten schreiend und schießend durcheinander. Das Tor war zerstört worden. Unsere Angreifer hatten es mit einem alten Lastwagen durchstoßen. Sie mußten ihn eigens zu diesem Zweck gestohlen haben. Ich glaube, es müssen Pyro-Süchtige gewesen sein – kahle Burschen mit bemalten Schädeln, Gesichtern und Händen. Rote Gesichter, blaue, grüne Gesichter; schreiende Münder; verrück- te, gierige Augen, die im Feuerschein glänzten. Sie schossen auf uns, schossen und schossen. Ich sah, wie Na- thalie Moss rannte, kreischte, dann zurückprallte, das halbe, Gesicht weggerissen, der Körper immer noch nach vorne tau- melnd. Sie fiel flach auf den Rücken und bewegte sich nicht mehr. Ich fiel mit ihr, von ihrem Tod mitgerissen. Ich lag dort, be- täubt, kämpfte darum, mich wieder bewegen zu können, rappel- te mich auf. Cory und die Jungen rannten davon, ohne sich um mich zu kümmern. Sie rannten weiter. Ich kam hoch, griff nach meinem Pack, fand ihn, rannte. Ich versuchte, nicht zu sehen, was rund um mich geschah. Die Schüsse und Schreie zu hören, hielt mich nicht auf. Eine Leiche – Edwin Dunn – hielt mich nicht auf. Ich bückte mich, schnappte mir seine Waffe und rannte weiter. Jemand schrie neben mir auf, packte mich und riß mich zu Boden. Ich drückte in meinem Schrecken reflexartig ab und spürte den Einschlag in meinem eigenen Magen. Ein grünes Gesicht hing über meinem, Mund offen, weit aufgerissene Augen, noch ohne jedes Gefühl für den eigenen Schmerz. Ich schoß noch einmal, voller Angst, sein Schmerz würde mich immobilisieren, wenn er ihn erst einmal spürte. Er schien lange zu brauchen zum Sterben. Als ich mich wieder rühren konnte, stieß ich seinen Körper von mir herunter. Ich stand auf, die Hand immer noch um die Waffe gekrampft und lief zu dem demolierten Tor. Am besten würde es draußen in der Dunkelheit sein. Am be- sten, um sich zu verstecken. Ich rannte die Meredith Street entlang, weg von der Durant Road mit dem Gewehrfeuer und den Schreien. Die Spur von Cory und den Jungen hatte ich verloren. Ich dachte, sie würden sich in die Hügel schlagen und nicht in Richtung Stadtmitte, laufen. Jede Richtung war gefährlich, aber die Gefahr war um so größer, je mehr Leute an einem Ort waren. In dieser Nacht würden eine Frau und drei Kinder aussehen wie ein Geschenk- korb voll Essen, Geld und Sex. Nach Norden in die Hügel. Durch dunkle Straßen nach Nor- den, wo die nahen Hügel und Berge die Sterne verdeckten. Und was dann? Ich wußte es nicht. Ich konnte nicht richtig denken. Ich war noch nie bei solcher Dunkelheit außerhalb der Mauer gewesen. Meine einzige Hoffnung, am Leben zu bleiben, lag im Lauschen und darin, jede Bewegung zu hören, bevor sie mir zu nahe kam, zu sehen, was es im Licht der Sterne zu sehen gab, und mich selbst ganz ruhig zu verhalten. Ich ging die Straßenmitte entlang, spähend und lauschend und ständig versuchend, die Löcher und Verwerfungen im Straßenbelag zu vermeiden. Es gab wenig Müll. Die Leute verwendeten alles, was brennbar war, als Brennstoff. Was irgendwie noch gebraucht oder gar verkauft werden konnte, war eingesammelt worden. Cory hatte dazu immer einen Kommentar gehabt: Armut macht die Straßen sauberer. Wo war sie? Wohin hatte sie meine Brüder gebracht? Ging es ihnen einigermaßen gut? Hatten sie es überhaupt aus der Nach- barschaft hinaus geschafft? Ich blieb stehen. Waren meine Brüder da hinten? Oder Cur- tis? Ich hatte ihn überhaupt nicht gesehen – aber wenn jemand diesen Wahnsinn überleben konnte, dann die Talcotts. Aber es gab keine Möglichkeit, einander zu finden. Geräusche. Schritte. Die Schritte zweier rennender Personen. Ich blieb wie angewurzelt stehen, wo ich war. Machte keine, plötzlichen Bewegungen, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. War ich schon gesehen worden? Konnte man mich überhaupt sehen – eine Gestalt, schwärzer als die Dunkelheit in der sonst leeren Straße? Die Geräusche waren hinter mir. Ich lauschte und hörte, daß die Schritte in eine bestimmte Richtung liefen, zunächst näher kommend, dann sich entfernend. Zwei Menschen, die eine Seitenstraße entlang rannten, unbekümmert um die Geräusche, die sie dabei machten, desinteressiert an einem Schatten mit dem Umriß einer Frau. Ich atmete durch den Mund aus und ein, weil ich wußte, daß ich auf diese Art mehr Sauerstoff bei weniger Geräusch bekam. Ich konnte nicht zurück zum Feuer und zu den Schmerzen. Wenn Cory und die Jungen noch dort waren, waren sie tot oder – noch schlimmer – gefangen. Aber sie waren ja vor mir gewe- sen. Sie mußten es geschafft haben, zu entfliehen. Cory würde sie nicht zurückkehren lassen, um nach mir zu sehen. Es lag ein heller Glanz über dem, was einmal unsere Nachbarschaft gewe- sen war. Wenn sie die Jungen weggebracht hatte, mußte Cory sich nur umdrehen, um zu wissen, daß sie nicht zurückgehen wollte. Hatte sie ihre Smith & Wesson? Ich wünschte, ich hätte sie – und die beiden Kisten mit Munition, die dabeilagen. Alles, was ich hatte, waren das Messer in meinem Pack und Edwin Dunns alte 45er Automatic. Und meine gesamte Munition dafür war die, die in der Waffe war. Wenn sie überhaupt geladen war. Ich kannte die Waffe. Sie enthielt sieben Patronen. Ich hatte zwei verschossen. Wie oft mochte Edwin Dunn sie abgefeuert haben, bevor ihn jemand erwischte? Ich erwartete nicht, das vor dem, Morgen herauszufinden. Ich hatte eine Taschenlampe im Gepäck, aber ich hatte nicht die Absicht, sie zu verwenden, bevor ich nicht sicher sein konnte, daß ich mich damit nicht zum Ziel machte. Im Tageslicht würde die Ausbuchtung in meiner Tasche ge- nügen, um Leute dazu zu bringen, es sich zweimal zu überlegen, ob sie mich ausrauben oder vergewaltigen sollten. Aber wäh- rend der Nacht würde die blauschwarze Waffe sogar in meiner Hand unsichtbar sein. Wenn sie leer war, konnte ich sie nur zum Zuschlagen benützen. Und in dem Moment, wo ich je- manden damit traf, konnte ich genausogut mich selbst schlagen. Wenn ich aus irgendeinem Grund während eines Kampfes das Bewußtsein verlor, würde ich meinen ganzen Besitz, wenn nicht mein Leben verlieren. Heute nacht mußte ich mich verstecken. Morgen würde ich soviel wie möglich bluffen müssen. Die meisten Leute würden mich nicht zum Schießen zwingen, nur um zu sehen, ob die Waffe geladen war oder nicht. Für die Armen auf den Straßen, die sich keinen Arzt leisten konnten, würde schon eine kleinere Wunde fatale Folgen haben. Ich bin jetzt eine von diesen Armen. Nicht so arm wie man- che, aber obdachlos, allein, voll von Buchwissen, ignorant gegenüber der Realität. Wenn ich nicht jemanden aus der Nachbarschaft treffe, gibt es niemanden, dem ich trauen kann. Niemanden, der mir den Rücken freihält. Drei Meilen bis in die Hügel. Ich hielt mich an die vom Ster- nenlicht schwach erleuchteten Nebenstraßen, ständig um mich blickend und lauschend. Die Waffe lag in meiner Hand. Ich hatte die Absicht, sie zu gebrauchen. Ich konnte nicht allzuweit entfernt Hunde im Kampf um etwas bellen und knurren hören., Ich war in kalten Schweiß gebadet. Nie zuvor in meinem Le- ben hatte ich solche Angst gehabt. Aber niemand griff mich an. Niemand fand mich. Ich ging nicht den ganzen Weg bis in die Hügel. Statt dessen stieß ich auf ein ausgebranntes, nicht von einer Mauer umgebe- nes Haus gegen das Ende der Meredith Street hin. Die Angst vor den Hunden hatte mich dazu gebracht, alles, was irgendwie Schutz versprach, zu beobachten. Das Haus war eine Ruine, eine ausgeplünderte Ruine. Es war nicht sicher, mit oder ohne Licht hineinzugehen. Es war eine dachlose Ansammlung schwarzer, aufrecht stehender Trüm- mer. Aber der Boden war über Straßenhöhe. Fünf Betonstufen führten dort hinauf, wo früher die Eingangstür gewesen war. Man sollte unter das Haus gelangen können. Aber was, wenn schon Leute darunter waren? Ich ging rundum, lauschte, versuchte, etwas zu erkennen. Dann wagte ich es doch nicht, darunter zu kriechen, und verzog mich in das, was von der angebauten Garage übrig geblieben war. Eine Ecke stand noch, und es lang genug Schutt davor, daß man mich nicht sehen konnte, wenn ich kein Licht machte. Ebenso konnte ich, falls ich überrascht wurde, schneller durch das Garagenfenster in der einen Mauer hinaus, als ich unter dem Haus hätte hervorkriechen können. Der Betonboden konnte nicht unter mir durchbrechen wie vielleicht der Holz- fußboden in der Hausruine. Es war das Beste, was ich kriegen konnte, und ich war erschöpft. Ich wußte nicht, ob ich schlafen können würde, aber ich mußte eine Pause einlegen. ✳ ✳ ✳, Jetzt ist es Morgen. Was soll ich tun? Ich habe ein bißchen geschlafen, bin aber ständig aufgewacht. Jedes Geräusch ließ mich hochfahren – Wind, Ratten, Insekten, Eichhörnchen, Vögel… Ich fühle mich nicht ausgeruht, aber ich bin ein biß- chen weniger erschöpft. Was soll ich jetzt tun? Wie konnte es nur dazu kommen, daß wir nie einen Treff- punkt außerhalb vereinbart haben – einen Ort, wo sich die Familie nach einem Desaster wiedervereinigen hätte können? Ich erinnere mich, Vater so etwas vorgeschlagen zu haben, aber er hatte nie etwas Einschlägiges unternommen, und ich hatte diese Idee nicht so intensiv verfolgt, wie ich es hätte tun sollen. (Armseliges Formen des Gottes. Mangel an Voraussicht.) Was nun?? Jetzt muß ich heimgehen. Ich will nicht. Die Vorstellung macht mir Todesangst. Ich habe lange gebraucht, um auch nur das Wort hinzuschreiben: ›heim‹. Aber ich muß über meine Brüder Bescheid wissen und über Cory und Curtis. Ich weiß nicht, was ich tun kann, wenn sie tot oder gefangen sind. Ich weiß nicht, was auf mich in der Nachbarschaft warten mag. Noch mehr bemalte Gesichter? Die Polizei? Ich bin auf jeden Fall in Schwierigkeiten. Wenn die Polizei dort ist, muß ich meine Waffe verstecken, bevor ich hineinkomme – meine Waffe und mein bißchen Geld. Das Tragen einer Waffe kann einem eine Menge unerwünschter Aufmerksamkeit seitens der Polizei verschaffen, wenn sie in der falschen Stimmung ist. Beinahe jeder, der eine hat, trägt sie. Der Trick besteht natürlich darin, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Wenn andererseits die bemalten Gesichter immer noch dort sind, kann ich überhaupt nicht hinein. Wie lange bleiben diese, Leute high durch Pyro und Feuer? Bleiben sie nach dem Haupt- spaß da und klauen, was noch übrig ist und töten noch ein paar Menschen zusätzlich? Spielt keine Rolle. Ich muß gehen und nachschauen. Ich muß heimgehen. Samstag, 31. Juli 2027 – Abend Ich muß schreiben. Ich weiß nicht, was ich sonst tun könnte. Die anderen schlafen jetzt, aber es ist nicht dunkel. Ich wache, weil ich nicht schlafen könnte, selbst wenn ich es versuchte. Ich bin durchgedreht und halbverrückt. Ich kann nicht weinen. Ich will aufstehen und davonrennen und rennen… vor allem da- vonrennen. Aber es gibt kein ›davon‹. Ich muß schreiben. Es ist nichts Vertrautes mehr übrig als das Schreiben. Gott ist Wechsel. Ich hasse Gott. Ich muß schreiben. ✳ ✳ ✳ Es gab keine unversehrten Häuser in der Nachbarschaft, obwohl manche schlimmer verbrannt waren als andere. Ich weiß nicht, ob Polizei und Feuerwehr überhaupt gekommen sind. Falls doch, waren sie schon weg, als ich hinkam. Die Nachbarschaft stand weit offen für alle und wimmelte von Plünderern. Ich stand am Tor und starrte dorthin, wo Fremde in den schwarzen Skeletten unserer Heime herumstocherten. Die Ruinen rauchten noch, aber Männer, Frauen und Kinder waren überall, gruben in der Asche, pflückten Früchte von den Bäu-, men, entkleideten unsere Toten, stritten sich oder kämpften wegen ihrer Neuerwerbungen, schleppten in Kleidern oder anderen Bündeln Sachen weg… Wer waren diese Menschen? Ich legte meine Hand auf die Waffe in meiner Tasche – es waren noch vier Kugeln drinnen – und ging hinein. Ich war völlig verdreckt vom nächtlichen Herumliegen in Schmutz und Asche. Vielleicht würde man mich gar nicht bemerken. Ich sah drei Frauen aus einem mauerlosen Abschnitt der Du- rant Road, die in dem herumgruben, was vom Haus der Yannis übriggeblieben war. Sie lachten und warfen mit Holz- und Mauerbrocken um sich. Wo waren Shani Yannis und ihre Töchter? Wo ihre Schwe- stern? Ich ging in der Nachbarschaft umher, sah mir diese Maden in Menschengestalt an und versuchte ein paar von den Leuten zu finden, mit denen ich aufgewachsen war. Ich fand welche, tot. Edwin Dunn lag immer noch dort, wo ich seine Waffe an mich genommen hatte, aber jetzt hatte er kein Hemd und keine Schuhe mehr an. Seine Taschen waren umgedreht worden. Der Boden war mit ascheverschmierten Leichen bedeckt, manche verkohlt oder vom Feuer automatischer Waffen in Stücke gerissen. Trockenes oder beinahe trockenes Blut bildete Pfützen auf der Straße. Zwei Männer demontierten unsere Alarmglocke. Das helle, klare Sonnenlicht dieses frühen Mor- gens ließ alles ein bißchen weniger real aussehen, mehr wie einen Alptraum. Ich blieb vor unserem Haus stehen und sah die fünf Erwachsenen und das Kind an, die in seiner Ruine herum- stocherten. Wer waren diese Aasgeier? Hatte das Feuer sie angezogen? Ist es das, was die Obdachlosen tun? Sie rennen zu, einem Feuer und hoffen auf eine Leiche, die sie ausnehmen können? Ein totes Grüngesicht lag auf unserer Veranda. Ich stieg hin- auf und sah mir ihn an – nein, sie. Das Grüngesicht war eine Frau – groß, schlank, kahl, aber eine Frau. Wofür war sie ge- storben? Was war der Sinn von all dem? »Laß sie in Ruhe«, sagte eine Frau, die mit einem Paar Schu- he von Cory in der Hand neben mich getreten war. »Sie ist für uns alle gestorben. Laß sie in Ruhe.« Nie in meinem ganzen bisherigen Leben hätte ich so gern einen anderen Menschen umgebracht. »Scher dich zum Teufel«, sagte ich, ohne meine Stimme zu heben. Ich weiß nicht, wie ich dabei ausgesehen habe, aber die Diebin verzog sich. Ich stieg über das Grüngesicht weg und ging hinein in das Skelett unseres Heims. Die anderen Diebe schauten mich an, sagten aber nichts. Ein Paar von ihnen war ein Mann und ein kleiner Junge, bemerkte ich. Der Mann zog gerade dem Jungen die Jeans von meinem Bruder Gregory an. Sie waren viel zu groß, aber der Mann zog ihren Gürtel eng zusammen und rollte die Beine auf. Und wo war Gregory, der clownsmäßige Klugscheißer von einem jüngerem Bruder? Wo war er? Wo waren überhaupt alle? Das Dach unseres Hauses war eingestürzt. Alles hatte ge- brannt – die Küche, das Wohnzimmer, das Eßzimmer, mein Zimmer… Der Fußboden war nicht mehr sicher zum Auftre- ten. Ich sah, wie einer der Aasgeier durchbrach, wobei er einen Ruf des Erstaunens ausstieß; dann kletterte er unverletzt auf einen der tragenden Balken. In meinem Zimmer war nichts mehr zu retten. Asche. Der, von der Hitze verbogene Metallrahmen des Bettes, zersprunge- ne Metall- und Keramikreste meiner Lampe, Aschenhaufen, die einmal Kleider oder Bücher gewesen waren. Viele Bücher waren nicht ganz verbrannt. Sie waren unbrauchbar, aber sie waren so dicht gepackt gewesen, daß das Feuer zwar von den Ecken und den Rücken her zugegriffen hatte, aber große Kreise unver- brannten Papiers in der Mitte, von Asche umgeben, übrigge- blieben waren. Ich fand keine einzige vollständige Seite. Die beiden rückwärtigen Schlafzimmer sahen besser aus. Dort waren die Aasgeier, und ich ging hin. Ich fand gebündelte Paare von Vaters Socken, zusammenge- faltete Hemden und T-Shirts und einen extra Holster, den ich für die 45er verwenden konnte. All das war unter den wenig verheißungsvoll aussehenden Resten von Vaters Kommode. Die meisten Sachen waren bis zur Unbrauchbarkeit angebrannt, aber das Beste von dem, was ich finden konnte, steckte ich in meinen Pack. Der Mann mit dem Kind kam herüber, um neben mir zu suchen, und irgendwie, vielleicht wegen des Kindes, weil also dieser Fremde in schmutzigen Lumpen ein Vater war, kümmerte ich mich nicht darum. Der kleine Junge sah uns beiden zu, sein schmales braunes Gesicht ausdruckslos. Er sah ein bißchen wie Gregory aus. Ich nahm eine getrocknete Aprikose aus meinem Pack und hielt sie ihm hin. Er konnte nicht älter als sechs sein, aber er wollte das Essen nicht berühren, bevor es ihm der Mann nicht erlaubte. Gute Disziplin. Auf des Mannes Nicken hin schnappte er sich die Aprikose, biß erst ein kleines Stückchen ab und stopfte sich dann den ganzen Rest in den Mund. So, in Gesellschaft von fünf Fremden, plünderte ich das, Heim meiner Familie. Die Munition unter dem Schrankboden im Zimmer meiner Eltern hatte gebrannt und war ohne Zweifel explodiert. Der Schrank war fast völlig verkohlt. Soviel zum dort versteckten Geld. Ich nahm Zahnseide, Seife und einen Krug mit geliertem Pe- troleum aus dem Bad meiner Eltern. Alles andere war bereits verschwunden. Ich schaffte es, je eine Garnitur Überkleidung für Cory und meine Brüder zusammenzubringen. Vor allem fand ich Schuhe für sie. Eine Frau war gerade auf Beutezug unter Marcus' Schu- hen, und sie starrte mich an, sagte aber nichts. Meine Brüder waren in ihren Pyjamas aus dem Haus gerannt. Cory hatte einen Mantel übergeworfen gehabt. Ich war die letzte gewesen, die aus dem Haus gekommen war, weil ich es riskiert hatte, innezuhalten, um mir Jeans, Sweatshirt, Schuhe und meinen Notfallpack zu greifen. Ich hätte umgebracht werden können. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, was ich tun sollte, wenn ich darüber erst hätte nachdenken müssen, wäre ich ohne Zweifel getötet worden. Ich reagierte so, wie ich mir beigebracht hatte zu reagieren – auch wenn mein Training sicherlich nicht auf dem neuesten Stand war – mehr aus der Erinnerung als sonstwie. Ich hatte so einen Spätnachtsalarm seit ewiger Zeit nicht mehr geübt, aber meine selbstauferlegten Übungen hatten doch eine Wirkung gehabt. Wenn ich jetzt diese Kleider zu Cory und meinen Brüdern schaffen konnte, konnte ich deren Mangel an Training wieder- gutmachen. Insbesondere, wenn es mir gelang, das Geld unter den Felsen beim Zitronenbaum zu holen. Ich stopfte Kleider und Schuhe in einen geretteten Kissen-, überzug und sah mich nach Leintüchern um, entdeckte aber keine. Jemand mußte sie schon vorher mitgenommen haben. Um so mehr Grund, nach dem Geld beim Zitronenbaum zu sehen. Ich ging hinaus zum Pfirsichbaum und erreichte auf Grund meiner Größe ein paar beinahe reife Pfirsiche in einer Höhe, die andere Aasgeier nicht erreicht hatten. Dann blickte ich mich um, als suchte ich noch andere Früchte, und überraschte mich selbst damit, daß ich beinahe zu weinen beginnen mußte beim Anblick von Corys großem, einst gutgepflegtem Garten, der jetzt vollständig zusammengetrampelt war. Paprika, Tomaten, Kürbisse, Karotten, Gurken, Salat, Melonen, Sonnenblumen, Bohnen, Mais… das meiste war noch nicht erntereif gewesen, aber was nicht gestohlen worden war, hatte man vernichtet. Ich erntete ein paar Karotten, ein paar Handvoll Sonnen- blumenkerne von Blütenköpfen, die am Boden lagen, sowie einige wenige Bohnenschoten von den Ranken, die Cory so gepflanzt hatte, daß sie sich an den Sonnenblumenstengeln und Maispflanzen hochranken konnten. Ich kratzte zusammen, was übrig geblieben war, auf die Art, wie es ein spät angekommener Plünderer meiner Ansicht nach gemacht hätte. Und dabei hielt ich ständig Richtung auf den Zitronenbaum. Als ich ihn er- reicht hatte, der schwer mit kleinen grünen Zitronen behangen war, nahm ich jede, die auch nur einen winzigen Schimmer von Gelb aufwies. Ich nahm ein paar vom Baum und ein paar vom Boden. Cory hatte schattenliebende Blumen am Fuß des Bau- mes ausgesät, und sie waren gut gediehen. Cory und mein Vater hatten kleine runde Kiesel unter die Blumen ausgestreut, so daß es dekorativ aussah. Ein paar von ihnen waren umgedreht, worden und hatten die Blumen neben ihnen geknickt. Tatsäch- lich war auch der Stein über dem Geld umgedreht worden. Aber es waren noch ein paar Zentimeter Erde übrig über dem Geldpaket, das dreifach eingewickelt und versiegelt war in Plastikfolie. Ich schnappte mir das Bündel ebenso schnell, wie ich zuvor ein paar Zitronen aufgehoben hatte. Zuerst fixierte ich das Versteck, dann packte ich das Geldpaket zusammen mit einer Handvoll Erde. Danach wäre ich gerne abgehauen, fürchtete aber, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, also nahm ich noch ein paar Zitronen und jagte weiterem Eßbarem nach. Die Feigen waren hart und grün statt purpurn und die Kakis gelbgrün statt orange. Ich fand einen einzelnen Maiskolben an einem abgebrochenen Stengel und benützte ihn, um das Geld- paket tiefer in meinen Polsterüberzug zu stopfen. Dann haute ich ab. Mit meinem Pack auf dem Rücken und dem Überzug im lin- ken Arm, auf der Hüfte aufgestützt wie ein Baby, ging ich die Zufahrt zur Straße hinunter. Die rechte Hand hatte ich frei, um nach der Waffe in meiner Tasche greifen zu können. Ich hatte keine Zeit gehabt, den Holster anzuziehen. Es waren jetzt mehr Menschen in den Ruinen als bei meiner Ankunft. Ich mußte an den meisten von ihnen vorüber, um hinauszukommen. Andere zogen auch mit ihrer Beute ab, und ich versuchte ihnen zu folgen, ohne mich einer bestimmten Gruppe anzuschließen. Das bedeutete, daß ich nur langsamer vorwärtskam, als ich es gerne gehabt hätte. Ich hatte Zeit, einen Blick auf die Leichen zu werfen und Dinge zu sehen, die ich eigentlich nicht hatte sehen wollen., Richard Moss lag splitternackt in einer Lache seines eigenen Blutes. Sein Haus, näher am Tor als das unsere, war vollständig niedergebrannt worden. Nur der Kamin reckte sich geschwärzt und nackt aus dem Schutt in die Höhe. Wo waren Richards überlebende Frauen Karen und Zahra? Hatten sie überhaupt überlebt? Wo waren alle seine vielen Kinder? Die kleine Robin Balter, nackt, verdreckt, blutig zwischen den Beinen, kalt, knochig, kaum halbwüchsig. Und eines Tages hätte sie meinen Bruder Marcus heiraten können. Sie hätte meine Schwester sein können. Sie war immer so ein kluges, gewitztes, großartiges kleines Mädchen gewesen, ernst und gescheit. Von zwölf auf fünfunddreißig in 10 Sekunden, wie Cory gern sagte. Sie lächelte immer dabei. Russell Dory, Robins Großvater. Man hatte ihm nur seine Schuhe gestohlen. Sein Körper war vom Feuer automatischer Waffen beinahe in Stücke gerissen worden. Ein alter Mann und ein Kind. Was hatten die bemalten Gesichter für ihr Töten bekommen? »Sie ist für uns gestorben«, hatte die Plünderin über Grünge- sicht gesagt. Eine Art kranke Verbrennt-die-Reichen- Bewegung, hatte Keith gesagt. Wir waren nie reich gewesen, aber für die Verzweifelten mochten wir so ausgesehen haben. Wir überlebten und wir hatten unsere Mauer. Ist unsere Nach- barschaft dafür gestorben, daß die Süchtigen ein politisches Helft-den-Armen-Statement abgeben konnten? Es waren noch mehr Leichen da. Ich sah mir die meisten nicht genauer an. Sie lagen auf den Vorderhöfen, den Straßen und der Verkehrsinsel. Von unserer Alarmglocke war nichts mehr zu sehen. Der Mann, der sie abmontiert hatte, hatte sie, davongeschleppt – vielleicht, um ihr Metall zu verkaufen. Ich sah Layla Yannis, Shanis älteste Tochter. Wie Robin war auch sie vergewaltigt worden. Ich sah Michael Talcott mit an der Seite eingeschlagenem Schädel. Nach Curtis schaute ich mich nicht um. Ich hatte Angst, ihn irgendwo liegen zu sehen. Ich hatte jetzt schon beinahe die Kontrolle über mich verloren, und ich durfte keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich durfte nichts anderes sein als ein weiterer Aasgeier, der mit seiner Beute von dannen zog. Leichen zogen unter meinen Augen vorbei; Jeremy Balter, einer von Robins Brüdern, Philip Moss, George Hsu, seine Frau und sein ältester Sohn, Juana Montoya, Rubin Quintanilla, Lidia Cruz… Lidia war erst acht Jahre alt gewesen. Sie war ebenfalls vergewaltigt worden. Ich schaffte es zum Tor hinaus. Ich brach nicht zusammen. Ich hatte weder Cory noch meine Brüder in dem Schlachthaus gesehen. Das mußte nicht bedeuten, daß sie nicht dort waren, aber ich hatte sie jedenfalls nicht gesehen. Vielleicht lebten sie. Vielleicht lebte Curtis. Wo sollte ich sie suchen? Die Talcotts hatten Verwandte in Robledo, aber ich wußte nicht genau, wo. Irgendwo auf der anderen Seite der River Street. Ich konnte sie nicht suchen, obwohl Curtis vielleicht dorthin gegangen war. Warum war niemand sonst von ihnen geblieben, um zu retten, was noch gerettet werden konnte? Ich umkreiste die Nachbarschaft, immer in Sichtweite der Mauer, dann in einem größeren Kreis. Ich sah niemanden – zumindest niemanden, den ich kannte. Ich sah bloß andere Obdachlose, die mich anstarrten. Dann ging ich zurück zu meiner ausgebrannten Garage in, der Meredith Street, weil ich nichts anderes anzufangen wußte. Ich konnte die Polizei nicht anrufen. Alle Telefone, die ich sah, waren zerstört. Kein Fremder würde mich sein Telefon benüt- zen lassen, falls er eines hatte, und ich kannte niemanden, dem ich die Gebühr für ein Gespräch hätte zahlen und mich darauf verlassen können, daß er auch wirklich anrufen würde. Die meisten Leute würden mir sowieso aus dem Weg gehen oder versuchen, mir mein Geld abzunehmen, und niemals anzuru- fen. Und außerdem, wenn die Polizei bis jetzt ignoriert hatte, was meiner Nachbarschaft zugestoßen war, wenn ein so großes Feuer und so viele Leichen einfach ignoriert werden konnten, warum sollte ich mich dann an sie wenden? Was würde sie tun? Mich einsperren? Mein Geld als Gebühr einstreichen? Das würde mich nicht überraschen. Es war zweifellos das beste, von den Bullen wegzubleiben. Aber wo war meine Familie? Jemand rief meinen Namen. Ich fuhr herum, die Hand in der Tasche, und sah Zahra Moss und Harry Balter – die jüngste Frau von Richard Moss und der älteste Bruder von Robin Balter. Sie waren ein ungleiches Paar, aber definitiv zusammen. Ohne einander zu berühren, vermit- telten sie unübersehbar den Eindruck, sich aneinanderzuklam- mern. Beide waren blutverschmiert und trugen zerrissene Kleider. Ich sah Harrys zerschlagenes, angeschwollenes Gesicht und dachte daran, daß Joanne ihn geliebt oder das zumindest geglaubt hatte, und daß er sie nicht hatte heiraten und mit ihr nach Olivar gehen wollen, weil er dasselbe glaubte, was sein Vater bezüglich Olivars geglaubt hatte. »Bist du in Ordnung?« fragte er mich., Ich nickte. Robin fiel mir ein. Wußte er es? Russell Dory, Ro- bin, Jeremy… »Haben sie dich zusammengeschlagen?« fragte ich und kam mir dumm und linkisch vor. Ich wollte ihm nichts davon sagen, daß sein Großvater, sein Bruder und seine Schwe- ster tot waren. »Ich mußte mir letzte Nacht meinen Weg erkämpfen. Ich hatte Glück, daß sie mich nicht erschossen haben.« Er schwank- te und blickte sich um. »Setzen wir uns auf den Bordstein.« Zahra und ich blickten herum, um uns zu versichern, daß niemand in der Nähe war. Wir setzten uns hin, Harry zwischen uns. Ich saß auf meinem mit Kleidern vollgestopften Kissen- überzug. Zahra und Harry waren vollständig bekleidet, wenn ihre Kleider auch blutverschmiert und zerrissen waren, aber sie trugen nichts bei sich. Besaßen sie nichts, oder hatten sie ihr Zeug irgendwo versteckt – vielleicht bei den Überresten ihrer Familien? Und wo war Zahras kleine Tochter Bibi? Wußte Zahra, daß Richard Moss tot war? »Alle sind tot«, flüsterte Zahra, als könne sie meine Gedan- ken lesen. »Alle. Diese bemalten Bastarde haben alle umge- bracht!« »Nein!« Harry schüttelte den Kopf. »Wir haben es geschafft. Und es wird auch anderen so ergangen sein.« Er saß da mit seinem Gesicht in den Händen, und ich fragte mich, ob er schlimmer verletzt war, als ich gedacht hatte. Ich teilte keinen ernsthaften physischen Schmerz mit ihm. »Hat jemand von euch meine Brüder oder Cory gesehen?« fragte ich. »Tot«, wisperte Zahra. »Wie meine Bibi. Alle tot.« Ich sprang auf. »Nein! Nicht alle! Nein! Hast du sie gese-, hen?« »Ich habe die meisten von den Montoyas gesehen«, sagte Harry. Er sprach weniger zu mir, als tonlos vor sich hin. »Wir sahen sie in der vergangenen Nacht. Sie sagten, Juana sei tot. Der Rest von ihnen war unterwegs nach Glendale, wo Ver- wandte von ihnen wohnen.« »Aber…«, fing ich an. »Und ich sah Laticia Hsu. Sie hatte 40 oder 50 Messerstiche.« »Aber habt ihr meine Brüder gesehen?« mußte ich fragen. »Ich sag dir, die sind alle tot«, sagte Zahra. »Sie liefen hinaus, aber die bemalten Visagen fingen sie, schleppten sie weg und brachten sie um. Ich hab's gesehen. Einer von denen hatte mich unter sich, und er… ich hab's gesehen.« War sie vergewaltigt worden, während sie sah, daß meine Familie weggeschleppt und getötet wurde? War es das, was sie meinte? Und war es wahr? »Ich bin heute morgen zurückgegangen«, sagte ich. »Ich habe nirgendwo ihre Leichen gesehen. Nicht eine.« O nein. Nein, nein, nein… »Ich hab's gesehen. Deine Mutter. Alle. Ich hab's gesehen.« Zahra umschlang sich selbst mit den Armen. »Ich wollte es nicht sehen, aber ich habe es gesehen.« Wir saßen schweigend da. Ich weiß nicht, wie lange wir so blieben. Hin und wieder kam jemand an uns vorbei und schaute uns an, irgendwelche dreckigen, zerlumpten Leute mit Bündeln. Sauberere Leute fuhren in kleinen Gruppen auf Rädern vorbei. Drei fuhren Motorräder, deren elektrisches Brummen und Winseln in der ruhigen Straße seltsam klang. Als ich aufstand, sahen mich die beiden an. Aus keinem an-, deren Grund als Gewohnheit nahm ich mein Bündel auf. Ich wußte nicht, was ich mit den Dingen darin anfangen sollte. Mir war aber der Gedanke gekommen, ich sollte zu meiner Garage zurückkehren, bevor sich jemand anderer darin einrichtete. Ich konnte nicht sehr gut denken. Aber es war so, als sei diese Garage nun mein Heim, und alles, was ich wollte, war, dort zu sein. Harry stand auf und fiel beinahe wieder hin. Er beugte sich vor und erbrach sich in den Abfluß. Dieser Anblick erregte meinen Magen, und ich mußte mich abwenden, um Harry nicht sofort Gesellschaft leisten zu müssen. Er hörte auf, spuck- te aus, drehte sich um, um Zahra und mich anzusehen, und hustete. »Ich fühle mich beschissen«, sagte er. »Sie haben ihn letzte Nacht auf den Kopf geschlagen«, erklär- te Zahra. »Er zerrte mich weg von dem Kerl, der mich… du weißt schon. Er brachte mich weg, aber sie verletzten ihn.« »Es gibt da eine ausgebrannte Garage, in der ich die Nacht verbracht habe«, sagte ich. »Es ist weit von hier, aber er könnte sich dort ausruhen. Wir könnten uns alle drei dort erholen.« Zahra nahm mein Bündel und trug es. Vielleicht konnte sie etwas daraus brauchen. Wir gingen links und rechts von Harry und verhinderten, daß er stehen blieb, den Weg verlor oder zu sehr stolperte. Irgendwie brachten wir ihn bis zur Garage., Freundlichkeit erleichtert Wechsel. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Sonntag, 1. August 2027 Heute hat Harry den größten Teil des Tages geschlafen. Zahra und ich blieben abwechselnd bei ihm. Er hat mindestens eine Gehirnerschütterung und braucht Zeit zur Heilung. Wir haben nicht darüber gesprochen, was wir tun werden, wenn er kranker wird statt zu gesunden. Zahra will ihn nicht alleinlassen, weil er gekämpft hat, um sie zu retten. Ich will ihn nicht alleinlassen, weil ich ihn mein ganzes Leben lang gekannt habe. Er ist ein guter Junge. Ich frage mich, ob es eine Möglichkeit gibt, die Garfields zu kontaktieren. Sie würden ihm ein Heim geben oder sich zumindest darum kümmern, daß er medizinische Hilfe bekommt. Aber es sieht nicht so aus, als ginge es ihm schlechter. Er tor- kelt in den umzäunten Hinterhof hinaus, um zu urinieren. Er ißt und trinkt, was ich ihm gebe. Ohne das diskutieren zu müssen, essen wir alle sehr sparsam von meinen Vorräten. Sie sind alles, was wir haben. Bald werden wir es riskieren müssen, hinauszugehen, um mehr zu kaufen. Aber heute, am Sonntag, ist für uns ein Tag der Ruhe und Heilung. Harrys heftige Kopfschmerzen und sein zerschlagener, ver-, letzter Körper sind mir beinahe willkommen. Sie lenken mich ab. Zusammen mit Zahras Erzählungen und Weinen um ihre Tochter füllen sie meine Gedanken. Irgendwie erleichtert mir ihr Elend das meine. Es verschafft mir Augenblicke, wo ich nicht an meine Familie denke. Alle sind tot. Aber wie kann das möglich sein? Ist wirklich jeder einzelne gestorben? Zahra hat eine leise Kleinmädchenstimme, die ich immer für unecht gehalten hatte. Sie ist echt, und sie kriegt eine Qualität von Glaspapier, wenn Zahra aufgeregt ist. Sie klingt schmerz- haft, als rauhe sie ihre Kehle beim Sprechen auf. Sie hat zusehen müssen, wie ihre Tochter Bibi getötet wurde, hat das Blaugesicht gesehen, das Bibi erschoß, als Zahra mit ihr auf dem Arm davonrannte. Sie glaubt, daß das Blaugesicht großen Spaß am Schießen auf die beweglichen Ziele hatte. Sie sagte, sein Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der fickt. »Ich stürzte«, flüsterte sie. »Ich glaubte, ich sei tot. Ich glaub- te, er hätte mich umgebracht. Da war Blut. Dann sah ich Bibis Kopf zur Seite fallen. Ein Rotgesicht riß sie von mir weg. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Er packte sie und warf sie ins Haus der Hsus. Das Haus brannte lichterloh. Er warf sie ins Feuer. Dann drehte ich durch. Ich weiß nicht, was ich tat. Jemand packte mich, ich riß mich los, dann rannte mich jemand um und fiel auf mich. Ich kriegte keine Luft, und er zerriß meine Kleider. Dann war er auf mir, und ich konnte nichts tun. Da war es, als ich deine Mutter sah, und deine Brüder… Dann war Harry da und zerrte den Bastard von mir herunter. Später sagte er mir, daß ich geschrien hätte. Ich wußte nicht,, was ich tat. Er schlug den Kerl zusammen, den er von mir heruntergerissen hatte, als sich ein anderer auf ihn stürzte. Den schlug ich mit einem Steinbrocken nieder, und Harry den anderen. Dann hauten wir ab. Wir rannten einfach. Wir schlie- fen nicht. Wir versteckten uns zwischen zwei nicht ummauer- ten Häusern weiter unten an der Straße, weit weg vom Feuer, bis ein Mann mit einer Axt herauskam und uns verscheuchte. Dann sind wir herumgelaufen, bis wir dich fanden. Wir kann- ten uns vorher nicht einmal so richtig. Du weißt ja, Richard wollte nie, daß wir uns mit den Nachbarn abgaben – insbeson- dere nicht mit den weißen.« Ich nickte, als ich an Richard Moss dachte. »Er ist tot, weißt du«, sagte ich. »Ich habe ihn gesehen.« Ich wollte diese Worte zurücknehmen, kaum daß ich sie geäußert hatte. Ich wußte nicht, wie man jemandem sagt, daß der Gatte tot ist, aber es muß eine bessere, freundlichere Art als diese geben. Sie starrte mich fassungslos an. Ich wollte mich für meine Grobheit entschuldigen, aber ich glaubte nicht, daß es helfen würde. »Tut mir leid«, sagte ich in einer Art generellen Ent- schuldigung für alles. Sie begann zu weinen, und ich wiederhol- te: »Tut mir leid.« Ich umarmte sie und ließ sie weinen. Harry wachte auf, trank ein bißchen Wasser und hörte zu, wie Zahra erzählte, wie Richard Moss sie ihrer obdachlosen Mutter abgekauft hatte, als sie erst fünfzehn gewesen war – jünger, als ich bis jetzt geglaubt hatte –, und sie in das erste Haus gebracht hatte, das sie kannte. Er gab ihr genug zu essen und schlug sie nicht, und auch wenn Richards andere Frauen sie haßten, war es hier tausendmal besser, als mit ihrer Mutter auf der Straße zu leben und ständig, zu hungern. Jetzt war sie wieder auf der Straße. In sechs Jahren hatte sie es von nichts zu nichts gebracht. »Habt ihr irgendeinen Ort, wo ihr hingehen könnt?« fragte sie uns schließlich. »Kennt ihr jemanden, der noch ein Haus hat?« Ich schaute Harry an. »Du könntest nach Olivar gehen, wenn du es von hier aus schaffst. Die Garfields würden dich vielleicht aufnehmen.« Er dachte darüber eine Weile nach. »Das will ich nicht«, sag- te er dann. »Ich glaube nicht, daß Olivar mehr Zukunft hat, als unsere Nachbarschaft sie hatte. In unserer Nachbarschaft hatten wir wenigstens Waffen.« »Die haben uns viel genützt«, murmelte Zahra. »Ich weiß. Aber es waren unsere eigenen Waffen, nicht die gedungener Wachleute. Niemand konnte diese Waffen gegen uns wenden. Nach allem, was Joanne sagte, darf in Olivar niemand eine Waffe haben außer der Sicherheitstruppe. Und aus wem, zum Teufel, besteht die?« »Leute von der Gesellschaft«, sagte ich. »Menschen von au- ßerhalb Olivars.« Er nickte. »Das habe ich auch gehört. Vielleicht geht das ja gut, aber es klingt nicht, als sei alles in Ordnung.« »Es klingt besser als Verhungern«, sagte Zahra. »Ihr habt noch nie eine Mahlzeit ausgelassen, nicht wahr?« »Ich gehe nach Norden«, sagte ich. »Ich hatte das ohnehin vor, sobald sich meine Familie wieder erholt gehabt hätte. Jetzt habe ich keine Familie mehr, also gehe ich.« »Wohin nach Norden?« wollte Zahra wissen. »Richtung Kanada. Wie die Dinge jetzt stehen, werde ich es, vielleicht nicht so weit schaffen. Aber ich schaffe es bis an einen Ort, wo Wasser nicht mehr kostet als Nahrung, und wo man für Arbeit Geld bekommt, auch wenn es nur wenig sein sollte. Ich habe nicht die Absicht, mein Leben als eine Art Sklavin des 21. Jahrhunderts zu verbringen.« »Nach Norden wollte ich früher auch«, sagte Harry. »Da oben ist aber nichts. Ich habe über ein Jahr lang versucht, da oben einen Job zu bekommen – irgendeinen Job, der Geld bringt. Es gab aber keinen. Ich will für Geld arbeiten und so etwas wie ein College besuchen. Die einzigen Jobs, für die man wirklich Geld bekommt, sind solche, wie sie unsere Eltern hatten, Jobs, für die man einen Collegeabschluß braucht.« Ich schaute ihn an, wollte etwas fragen, zögerte, platzte dann heraus: »Harry, was ist mit deinen Eltern?« »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich habe nicht gesehen, daß sie getötet worden wären. Zahra hat es auch nicht gesehen. Ich weiß nicht, wo alle sind. Wir sind getrennt worden.« Ich schluckte. »Ich habe deine Eltern nicht gesehen«, sagte ich. »Aber ein paar von deinen anderen Verwandten – tot.« »Wen?« wollte er wissen. Ich glaube, es gibt wirklich keinen anderen Weg, jemandem klarzumachen, daß seine engsten Verwandten tot sind, außer es geradeheraus zu sagen – ganz gleich, wie sehr man das nicht tun möchte. »Dein Großvater«, sagte ich. »Und Jeremy und Robin.« »Robin und Jeremy? Kinder? Kleine Kinder?« Zahra nahm seine Hand. »Die töten kleine Kinder«, sagte sie. »In dieser Welt hier töten sie jeden Tag kleine Kinder.« Er weinte nicht. Oder vielleicht weinte er, als wir beide schliefen. Zunächst allerdings verschloß er sich, hörte auf zu, reden, antwortete nicht, hörte auf, irgend etwas zu tun, bis es dunkel wurde. Bis dahin war Zahra weggegangen und wieder zurückgekommen mit dem Hemd meines Bruder Benny voll reifer Pfirsiche. »Fragt mich nicht, wo ich sie her habe«, sagte sie. »Ich nehme an, daß du sie gestohlen hast«, sagte ich. »Ich hoffe, nicht von jemandem hier herum. Es hat keinen Sinn, die Nachbarn auf die Palme zu bringen.« Sie hob eine Augenbraue. »Ich brauche deine Ratschläge für das Leben hier draußen nicht. Ich bin hier aufgewachsen. Iß deine Pfirsiche.« Ich aß vier davon. Sie schmeckten herrlich und waren sowie- so zu reif für weiteren Transport. »Warum probierst du nicht einmal diese Kleider«, sagte ich. »Nimm dir, was dir paßt.« Es paßten ihr nicht nur Marcus' Hemd und Jeans (bei denen sie die Hosenbeine aufkrempeln mußte), sondern auch seine Schuhe. Schuhe sind teuer. Jetzt hat sie zwei Paar. »Wenn du mich läßt, tausche ich diese kleinen Schuhe gegen Essen ein«, schlug sie vor. Ich nickte. »Morgen. Was du kriegst, teilen wir. Dann breche ich auf.« »Nach Norden?« »Ja.« »Einfach so. Weißt du irgend etwas über die Straßen und Städte und wo man etwas kaufen oder stehlen kann? Hast du genug Geld?« »Ich habe Karten«, sagte ich. »Sie sind alt, aber ich denke, sie sind noch immer nützlich. Niemand hat in den letzten Jahren, neue Straßen gebaut.« »Zum Teufel, nein. Geld?« »Ein bißchen. Nicht genug, fürchte ich.« »Genug Geld gibt es gar nicht. Was ist mit ihm?« Sie wies auf Harrys Rücken. Er lag unbeweglich da. Ich hätte nicht sagen können, ob er schlief oder nicht. »Er muß seine eigenen Entscheidungen treffen«, sagte ich. »Vielleicht will er eine Zeitlang hierbleiben, um nach seiner Familie zu suchen, bevor er aufbricht.« Er drehte sich langsam um. Er sah elend aus, war aber bei vollem Bewußtsein. Zahra legt die Pfirsiche, die sie für ihn aufbewahrt hatte, neben ihn. »Ich will auf gar nichts warten«, sagte er. »Ich wünschte, wir könnten sofort weg. Ich hasse diesen Ort.« »Gehst du mit ihr?« fragte Zahra und deutete mit dem Dau- men auf mich. Er schaute mich an. »Wir könnten einander vielleicht hel- fen«, sagte er. »Zumindest kennen wir uns, und… ich konnte mir noch ein paar hundert Dollar greifen, bevor ich aus dem Haus rannte.« Er bot Vertrauen an. Er glaubte, wir könnten einander vertrauen. Das war keine kleine Sache. »Ich dachte daran, als Mann verkleidet zu reisen«, sagte ich. Er schien ein Lächeln unterdrücken zu müssen. »Das wird sicherer sein für dich. Du bist zumindest groß genug, um die Leute zu täuschen. Du wirst dir aber auch die Haare schneiden müssen.« Zahra grunzte. »Gemischte Paare werden Ärger kriegen, ob die Leute nun denken, daß sie schwul sind oder hetero. Harry wird alle Schwarzen in Rage bringen und du alle Weißen. Viel, Glück.« Ich sah sie an, als sie das sagte, und begriff, was sie nicht aus- sprach. »Du willst mitkommen?« fragte ich. Sie schniefte. »Warum sollte ich. Ich will mir nicht die Haare schneiden!« »Mußt du nicht«, sagte ich. »Wir können ein schwarzes Paar und dessen weißer Freund sein. Wenn Harry eine halbwegs brauchbare Sonnenbräune hinkriegt, könnten wir ihn vielleicht sogar als Cousin präsentieren.« Sie zögerte und flüsterte dann: »Ja, ich will mit.« Und fing an zu weinen. Harry starrte sie überrascht an. »Hast du geglaubt, wir lassen dich einfach hier zurück?« frag- te ich. »Alles, was du tun mußtest, war, es uns wissen zu lassen.« »Ich habe kein Geld«, sagte sie. »Nicht einen einzigen Dol- lar.« Ich seufzte. »Wo hast du diese Pfirsiche her?« »Du hattest recht. Ich habe sie gestohlen.« »Dann hast du immerhin eine brauchbare Fähigkeit, und au- ßerdem weißt du Bescheid über das Leben auf der Straße.« Ich blickte Harry an. »Was meinst du?« »Ihr Stehlen stört dich nicht?« fragte er. »Ich habe die Absicht, zu überleben«, erwiderte ich. »Du sollst nicht stehlen«, zitierte er. »Jahr um Jahr – mein Leben lang hörte ich: Du sollst nicht stehlen.« Ich mußte einen Anflug von Ärger unterdrücken, bevor ich antworten konnte. Er war nicht mein Vater. Es war nicht seine Sache, mir gegenüber die Schrift zu zitieren. Er war ein Nie- mand. Ich blickte ihn nicht an. Ich sagte nichts, bis ich wußte, daß meine Stimme wieder normal klingen würde. Dann machte, ich ihm klar: »Ich sagte, daß ich die Absicht habe, zu überleben. Du nicht?« Er nickte. »Es sollte keine Kritik sein. Ich war nur über- rascht.« »Ich hoffe, es wird nie dazu kommen, daß wir deswegen er- wischt werden oder daß jemand anderer wegen uns hungern muß«, sagte ich und lächelte dabei zu meiner eigenen Überra- schung. »Ich habe darüber nachgedacht. So fühle ich jetzt, aber ich habe noch nie in meinem Leben etwas gestohlen.« »Du machst Spaß!« rief Zahra. Ich zuckte die Achseln. »Es ist die Wahrheit. Ich bin aufge- wachsen beim Versuch, ein gutes Beispiel für meine Brüder zu sein und ein Leben nach den Erwartungen meines Vaters zu führen. Das schien mir das zu sein, was ich zu tun hatte.« »Ältestes Kind«, sagte Harry. »Ich weiß Bescheid.« Er war der Älteste in seiner Familie. »Ältestes Kind, Scheiße«, sagte Zahra lachend. »Ihr beide seid Babies hier draußen.« Und das war irgendwie nicht beleidigend. Vielleicht deshalb, weil es stimmte. »Ich bin unerfahren«, gab ich zu. »Aber ich kann lernen. Du wirst eine von meinen Lehrerinnen sein.« »Eine?« fragte sie. »Wen hast du noch außer mir?« »Jeden.« Sie runzelte die Stirn. »Niemanden.« »Jeder, der hier draußen überlebt, weiß Dinge, die ich in Er- fahrung bringen muß«, sagte ich. »Ich werde sie beobachten, ich werde ihnen zuhören, ich werde von ihnen lernen. Wenn ich es nicht tue, werde ich getötet werden. Und wie gesagt, ich habe die Absicht, zu überleben.«, »Sie werden dir einen Haufen Scheiße verkaufen«, sagte sie. Ich nickte. »Ich weiß. Aber ich werde davon so wenig wie möglich kaufen.« Sie schaute mich lange an, dann seufzte sie. »Ich wünschte, ich hätte dich besser kennengelernt, bevor all dies passiert ist. Du bist eine ziemlich merkwürdige Pfarrerstochter. Wenn du immer noch einen Jungen spielen willst, dann schneide ich dir die Haare.« Montag, 2. August 2027 (aus Notizen erweitert am Sonntag, dem 8. August) Wir sind unterwegs. Heute morgen brachte uns Zahra zu Hanning Joss, dem größten gesicherten Einkaufzentrum von Robledo. Wir konn- ten alles, was wir brauchten, dort bekommen. Die Verkäufer von Hanning bieten alles an von Gourmetnahrung bis zur Entlausungscreme, von Prothesen bis zu Heimgeburt-Kits, von Gewehren bis zum Neuesten bei Touchrings, Kopfhörern und Aufnahmen. Ich hätte Tage damit verbringen können, nur zwischen den Verkaufsregalen umherzuwandern und Sachen anzustarren, die ich mir nicht leisten konnte. Ich war noch nie vorher bei Hanning gewesen und hatte niemals etwas Ähnliches selbst gesehen. Aber wir mußten jeder einzeln hineingehen, zwei blieben immer draußen, um auf unsere Bündel aufzupassen – ein- schließlich meiner Waffe. Hanning war, wie ich viele Male im Radio gehört hatte, einer der sichersten Orte der Stadt. Wenn es einem nicht gefiel, daß es hier Schnüffler, Metalldetektoren,, sehr genaue Verpackungsvorschriften und bewaffnete Wachen gab und die Bereitschaft, jeden vollständig zu durchsuchen, den sie beim Hinein- oder Herausgehen für verdächtig hielten, der mußte anderswo einkaufen. Der Komplex war voll von Kunden, die jede Unbequemlichkeit und Verletzung der Privatsphäre auf sich zu nehmen bereit waren, nur um in Ruhe die benötigten Sachen einkaufen zu können. Niemand durchsuchte mich, allerdings wurde ich gezwun- gen, nachzuweisen, daß ich nicht pleite war. »Zeigen Sie Ihre Hanning-Plakette oder Geld«, forderte eine bewaffnete Wache am massiv gepanzerten Eingang. Ich hatte Angst, daß der Mann mir mein Geld stehlen würde, zeigte ihm aber die Banknoten, die auszugeben ich bereit war, und er nickte. Er berührte sie nicht einmal. Ohne Zweifel wurden wir beide beobachtet und unser Verhalten aufgezeichnet. Ein so auf Sicherheit bedachtes Geschäft würde nicht wollen, daß die Wachen den Kunden das Geld abnahmen. »Kaufen Sie in Frieden«, sagte der Wächter ohne eine Spur von einem Lächeln. Ich kaufte Salz, eine kleine Tube Honig und die billigsten ge- trockneten Nahrungsmittel – Haferflocken, Trockenfrüchte, Bohnenmehl, Linsen und ein bißchen Trockenfleisch – soviel Zahra und ich würden tragen können. Außerdem kaufte ich Wasser und ein paar ungewöhnliche Dinge: Wasserreinigungs- tabletten – nur für den Fall – und Sonnenschutzcreme, die zumindest Zahra und ich brauchen würden, etwas gegen Insek- tenbisse und ein Einreibemittel, das Vater gegen Muskel- schmerzen verwendet hatte. Davon würden wir nämlich eine Menge kriegen. Außerdem kaufte ich Toilettenpapier, Tampons, und Lippenbalsam. Für mich selbst kaufte ich ein neues Notiz- buch, zwei Kulis und teure Munition für die 45er. Als ich das alles hatte, fühlte ich mich besser. Ich kaufte drei billige Vielzweckschlafsäcke – große, starke Kaufhaussäcke, das bevorzugte Bettzeug aller Obdachlosen, die wenigstens ein bißchen Geld aufbringen konnten. Das Land war voll von Menschen, die zwar Essen und Wasser erwerben oder stehlen, sich aber nicht einmal die billigste Hütte leisten konn- ten. Sie schliefen auf den Straßen oder in selbstgebauten Unter- ständen, aber wenn es ihnen irgendwie möglich war, brachten sie einen Schlafsack zwischen ihren Körper und dem Boden. Während des Tages kann man diese Säcke mit ihren eigenen Riemen als Pack tragen. Sie sind leicht, stark und fähig, den meisten Mißbrauch zu überstehen. Sie sind sogar dann warm, wenn man auf einem Betonboden schlafen muß, aber sie sind dünn – eher nützlich als bequem. Curtis und ich liebten uns auf einem Ballen von ihnen. Und ich kaufte drei übergroße Jacken aus demselben dün- nen, atmenden Material wie die Schlafsäcke. Sie werden uns nachts warm halten, wenn wir nach Norden wandern. Sie sehen billig und häßlich aus, und das ist gut, denn so werden sie vielleicht nicht gestohlen. Damit war ich mit meinem Geld am Ende – mit dem Geld, das ich in meinen Notfallpack gegeben hatte. Das Geld, das ich von den Wurzeln des Zitronenbaums genommen hatte, war hingegen noch unberührt. Ich hatte es in zwei Hälften geteilt und jede in einen von Vaters Socken gesteckt. Ich trug sie innen in meiner Hose festgesteckt, unsichtbar und unerreichbar für Taschendiebe., Es ist nicht viel Geld, aber mehr, als ich jemals zuvor beses- sen habe – mehr auch, als irgend jemand bei mir vermuten konnte. Ich befestigte es dort, wo es jetzt ist, eingewickelt in Plastik und in die Socken, in der Samstagnacht, als ich mit Schreiben fertig war und nicht aufhören konnte, nachzudenken und mich zu erinnern und zu wissen, daß ich nichts tun konnte, was die Vergangenheit betraf. Dann hatte ich eine Art taktile Erinnerung daran, wie ich das Geldpaket genommen hatte, zusammen mit einer Handvoll Dreck, und es in meinen Pack gestopft hatte. Ich hatte einen unglaublichen Anfall nervöser Energie, der sich in einem Anfall heftigen Zitterns äußerte. Meine Hände zitterten so, daß ich das Geld kaum finden konnte – nur durch Tasten, im Dunkeln. Ich machte eine Konzentrationsübung daraus, das Geld zu finden, die Socken und die Sicherheitsnadeln, das Geld in zwei Hälften zu teilen, zumindest so genau, wie ich das tun konnte, ohne es zu sehen, es in die Socken zu geben und diese zu befestigen. Ich überprüfte es, als ich am nächsten Morgen zum Urinieren hinausging. Ich hatte es gut gemacht. Man sah die Nadeln auf der Außenseite nicht. Ich hatte sie durch die Nähte unten in Höhe meiner Knöchel gesteckt. Nichts baumelte, alles bestens. Ich trug meine vielen Einkäufe hinaus an einen Ort, der frü- her das Erdgeschoß der Parkgarage gewesen und jetzt zu einer Art halb umschlossenen Flohmarkt umfunktioniert worden war. Viele der Sachen, die man aus Aschenhaufen und von Mülldeponien geholt hatte, tauchten nun hier zum Verkauf auf. Die Regel heißt, daß man erst etwas im Geschäft einkaufen muß, dann kann man etwas von gleichem Wert auf dem Floh- markt anbieten. Die Rechnung, codiert und datiert, gilt als, Händlerlizenz. Es gab Patrouillen, allerdings mehr, um die Lizenzen zu kon- trollieren als wegen der Sicherheit. Aber der Ort war immer noch sicherer als die Straße. Ich fand Harry und Zahra auf unseren Bündeln sitzend, Har- ry wartete darauf, in das Geschäft zu gehen, Zahra wartete auf ihre Lizenz. Sie saßen mit dem Rücken zur Wand, an einer Stelle, die von der Straße und von der größten Ansammlung von Verkäufern und Käufern gleich weit entfernt war. Ich gab Zahra die Rechnung und begann, unsere Neuerwerbungen zu sortieren und zu verpacken. Wir würden gehen, sobald Zahra und Harry ihre Käufe und Verkäufe erledigt hatten. ✳ ✳ ✳ Wir gingen hinunter zur Autobahn – der 118er – und wandten uns nach Westen. Wir würden die 118er zur 23er nehmen und dann die 23er zur U.S. 101. Die 101 würde uns der Küste ent- lang nach Oregon führen. Wir wurden ein Teil eines breiten Stroms von Menschen, die auf der Autobahn nach Westen wanderten. Nur ein paar kämpften sich gegen den Strom nach Osten durch – nach Osten in die Berge und die Wüste. Wohin wollten die, die nach Westen gingen? An ein bestimmtes Ziel, oder nur einfach weg von hier? Wir sahen ein paar Lastwagen – die meisten fuhren nachts –, Schwärme von Fahrrädern und Elektrorädern; und zwei Autos. Alle hatten viel Platz, um auf den äußeren Fahrbahnen dahin- zudonnern. Für uns war es sicherer, die linken Fahrbahnen zu nehmen, entfernt von den Auf- und Abfahrten. Es verstößt in, Kalifornien gegen das Gesetz, auf Autobahnen zu Fuß zu gehen, aber das Gesetz war ein archaisches Relikt. Jedermann, der unterwegs ist, wandert früher oder später auf den Autobahnen. Sie stellen die direkten Verbindungen zwischen Städten und Stadtteilen dar. Vater fuhr oder radelte oft auf ihnen. Eine Anzahl Prostituierte und Händler für Wasser, Nahrungsmittel und andere notwendige Waren leben am Rand der Autobahn in Hütten und Schuppen oder unter freiem Himmel. Bettler, Diebe und Mörder wohnen auch da. Aber ich war noch nie zuvor auf einer Autobahn unterwegs gewesen. Ich fand die Erfahrung sowohl faszinierend als auch angsteinflößend. In mancher Hinsicht erinnerte mich die Szenerie an einen alten Film, in dem ich einmal eine Straße im China der Mitte des 20. Jahrhunderts gesehen hatte – Fußgän- ger, Radler, Leute, die Ladungen aller Art trugen, zogen oder vor sich her schoben. Aber die Menge auf der Autobahn ist heterogen – Schwarze und Weiße, Asiaten und Latinos, ganze Familien sind unterwegs mit Babies auf dem Rücken oder oben auf den Packen in Karren, Wagen oder Fahrradkörben, manchmal auch zusammen mit Alten oder Behinderten. Ande- re Alte, Kranke oder Behinderte humpelten daher, so gut sie konnten, mit Stöcken oder mit der Hilfe gesünderer Begleiter. Manche waren mit in Scheiden steckenden Messern, Gewehren oder mit gut sichtbar umgeschnallten Handfeuerwaffen in Holstern unterwegs. Hin und wieder vorbeikommende Polizi- sten schenkten dem keine Beachtung. Kinder weinten, spielten, hockten irgendwo, taten alles Mög- liche außer essen. Fast niemand aß während des Gehens. Ich sah ein paar Leute aus Feldflaschen trinken. Sie nahmen kurze,, heftige Schlucke, als täten sie etwas, wofür sie sich schämen müßten – oder etwas Gefährliches. Neben uns brach eine Frau zusammen. Ich empfing keinen Eindruck von Schmerz von ihr, außer dem plötzlichen Gewicht ihres Körpers in ihren Knien. Das brachte mich zum Stolpern, aber nicht zu Fall. Die Frau blieb ein paar Augenblicke sitzen, wo sie gefallen war, dann rappelte sie sich hoch und schlurfte weiter, tief gebeugt unter ihrem riesigen Packen. Fast jeder war völlig verdreckt. Ihre Säcke und Bündel und Packen waren dreckig. Sie stanken. Und wir, die wir auf dem Betonboden in Asche und Schmutz geschlafen und drei Tage lang uns nicht gewaschen hatten – wir paßten da ganz gut dazu. Nur unsere neuen Schlafsackpacken wiesen uns als Neulinge auf der Straße oder zumindest als Leute, die etwas Stehlenswer- tes besaßen, aus. Wir hätten die Packs ein bißchen verdrecken sollen, bevor wir loszogen. Das werden wir heute nacht nachho- len. Ich werde mich darum kümmern. Es lungerten ein paar junge Burschen herum, schlank und schnell, manche schmutzig, manche nicht im geringsten. Keiths. Die Keiths von heute. Die, die mir am meisten Sorgen machten, trugen nur sehr wenig bei sich. Manche hatten über- haupt bloß Waffen. Raubtiere. Sie schauten ständig umher, starrten die Leute an, und die sahen weg. Ich schaute weg. Ich war froh, zu sehen, daß Harry und Zahra dasselbe taten. Wir brauchten keinen Ärger. Wenn es Ärger geben sollte, hoffte ich, daß wir ihn beilegen und unseren Weg fortsetzen konnten. Die Waffe war jetzt vollständig geladen, und ich trug sie im Holster, aber halb vom Hemd verdeckt. Harry hatte sich ein, Messer gekauft. Das Geld, das er sich gegriffen hatte, als er aus dem brennenden Haus geflohen war, hatte nicht gereicht, um eine Pistole zu kaufen. Ich hätte eine zweite Handfeuerwaffe kaufen können, aber es hätte zuviel von meinem Geld ver- braucht, und wir hatten noch einen langen Weg vor uns. Zahra benützte das Geld aus dem Schuhverkauf, um sich ein Messer zu kaufen und ein paar persönliche Sachen. Ich hatte mich geweigert, einen Anteil von dem Geld zu nehmen. Zahra brauchte ein bißchen Geld in der Tasche. An dem Tag, an dem sie und Harry ihre Messer benützen müssen, töten sie hoffentlich. Wenn sie es nicht tun, werde ich es tun müssen, um dem Schmerz zu entgehen. Und was werden sie dann denken? Sie sollten wissen, daß ich Empathin bin. Sie sollten es zu ih- rer eigenen Sicherheit wissen. Aber ich habe es niemals jeman- dem gesagt. Empathie ist eine Schwäche, ein schamvoll ver- schwiegenes Geheimnis. Jemand, der davon weiß, kann mich ohne große Mühe verwunden, mißbrauchen, entwaffnen. Ich kann es ihnen nicht sagen. Nicht jetzt. Ich muß es bald sagen, das weiß ich, aber nicht jetzt. Wir sind jetzt zusammen, wir drei, aber wir sind keine Einheit. Harry und ich kennen Zahra nicht sehr gut, und sie uns auch nicht. Keiner von uns weiß, was geschehen wird, wenn wir herausgefordert werden. Eine rassistische Herausforderung reißt uns vielleicht auseinan- der. Ich möchte diesen Leuten vertrauen. Ich mag sie, und… sie sind alles, was mir geblieben ist. Aber ich brauche mehr Zeit, um mich zu entscheiden. Es ist keine Kleinigkeit, sich anderen Menschen auszuliefern. »Bist du okay?« fragte Zahra., Ich nickte. »Du siehst schlimm aus. Und du hast die meiste Zeit so ein verdammtes Poker-Gesicht aufgesetzt…« »Ich denke nur nach«, sagte ich. »Es gibt so viel, worüber ich jetzt nachdenken muß.« Sie seufzte so tief, daß es fast wie ein Winseln klang. »Ja. Ich weiß. Aber halte die Augen offen. Du bist zu geistesabwesend, du könntest eine gefährliche Entwicklung zu spät mitkriegen. Auf der Autobahn werden die ganze Zeit Leute getötet.«, Erdensaat, auf neuen Grund gefallen, muß zuerst wahrnehmen, daß sie nichts weiß. Erdensaat: Das Buch der Lebenden Montag, 2. August 2027 (Fortsetzung der am 8. August erweiterten Notizen) Hier ein paar Sachen, die ich heute gelernt habe: Gehen tut weh. Ich bin vorher noch nie lang genug gelaufen, um das erfahren zu können, aber jetzt weiß ich es. Es geht dabei nicht nur um die Blasen und offenen Stellen, obwohl wir auch solche haben. Nach einer Weile tut einem alles weh. Ich glaube, mein Rücken und meine Schultern würden gerne zu einem anderen Körper desertieren. Nichts kann diesen Schmerz dämpfen, außer einer Rast. Obwohl wir heute spät losgegangen sind, haben wir zweimal Pause gemacht. Wir haben die Auto- bahn verlassen und sind in die Hügel oder ins Gebüsch hinein- gegangen, um uns hinzusetzen, Wasser zu trinken, Trocken- früchte und Nüsse zu essen. Dann gingen wir weiter. Die Tage sind lang in dieser Jahreszeit. Das Saugen an einem Pflaumen- oder Aprikosenkern läßt einen weniger durstig vorkommen. Das hat uns Zahra gesagt. »Als ich ein Kind war«, erzählte sie, »gab es Zeiten, wo ich, einen kleinen Stein im Mund trug. Irgend etwas, um mich besser zu fühlen. Es ist natürlich ein Selbstbetrug. Wenn man nicht genug Wasser trinkt, wird man sterben, ganz gleich, wie man sich fühlt.« Nach unserem ersten Halt gingen wir alle drei mit Kernen im Mund weiter und fühlten uns dadurch besser. Wir tranken nur während unserer Pausen in den Hügeln. So ist es sicherer. Auch sind kalte Lager sicherer als Lagerfeuer. Aber heute abend untersuchten wir das Gelände, gruben ein Loch in den Hügelhang und machten darin ein Feuerchen. Damit kochten wir einen Teil meiner Eicheln mit Nüssen und Früchten. Es war wundervoll. Bald werden wir damit fertig sein und auf der Basis von Bohnen, Mais und Hafer überleben müssen – teuren Le- bensmitteln aus Läden. Eicheln sind heimisches Essen, aber unser Heim ist dahin. Feuer sind illegal. Man kann überall in den Hügeln welche flackern sehen, aber sie sind illegal. Es ist alles so trocken, daß immer die Gefahr besteht, daß Lagerfeuer den Leuten außer Kontrolle geraten und Siedlungen vernichten. Das kommt vor. Aber Menschen, die kein Heim haben, werden sich immer Feuer machen. Sogar Menschen wie wir, die wissen, welches Risiko damit verbunden ist, tun es. Feuer machen das Essen warm, geben Behaglichkeit und ein falsches Gefühl von Sicher- heit. Während wir aßen und sogar noch danach kamen Leute vor- bei und versuchten, sich uns anzuschließen. Die meisten waren harmlos, und wir wurden sie leicht wieder los. Drei behaupte- ten, sie wollten sich nur ein bißchen wärmen. Die Sonne stand noch am Himmel, rot am Horizont, und es war überhaupt noch, nicht kalt. Drei Frauen wollten wissen, ob zwei Hengste wie Harry und ich nicht mehr als bloß eine Frau brauchten. Die Frauen, die das fragten, mußten frieren, so wenig Kleider hatten sie an. Ich fühle mich allmählich ein bißchen komisch in meiner Verklei- dung als Mann. »Könnte ich nicht wenigstens diese Kartoffel in eurer Glut rösten?« fragte ein alter Mann und zeigte uns eine verschrum- pelte Kartoffel. Wir gaben ihm etwas Glut und schickten ihn weg – und beo- bachteten genau, wohin er ging, denn Feuer konnte eine Waffe oder eine Ablenkung sein, falls seine Freunde sich irgendwo versteckt hielten. Es ist verrückt, wenn man so leben muß, daß man hilflose Alte verdächtigt. Aber wir brauchen unsere Para- noia, um am Leben zu bleiben. Verdammt, Harry hätte den Alten bei uns sitzen lassen. Es brauchte Zahra und mich, um ihm klarzumachen, daß das nicht in Frage kam. Harry und ich sind unser ganzes Leben lang gefüttert und beschützt worden. Wir sind gesund und stark und gebildeter als die meisten Leute unseres Alters. Aber hier draußen sind wir einfach nur dumm. Wir wollen Menschen vertrauen. Ich kämpfe gegen diesen Impuls an. Harry hat bisher nicht gelernt, das zu tun. Wir stritten uns nachher deswegen, leise, fast flüsternd. »Niemand, der hier überlebt, ist ungefährlich«, sagte Zahra zu ihm. »Ganz gleich, wie erbärmlich sie aussehen, sie können dir alles stehlen und dich nackt zurücklassen. Kleine Kinder, mager und großäugig, werden sich mit all deinem Geld, Wasser und Essensvorrat davonmachen! Ich weiß das. Ich habe das selbst anderen angetan. Vielleicht sind sie deswegen gestorben,, ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht gestorben.« Harry und ich starrten sie an. Wir wußten so wenig über ihr Leben. Aber für mich war in diesem Moment Harry unser gefährlichstes Fragezeichen. »Du bist stark und zuversichtlich«, sagte ich zu ihm. »Du denkst, du kannst hier draußen selbst für dich sorgen, und vielleicht stimmt das sogar. Aber denk einmal darüber nach, was ein Messerstich oder ein Beinbruch bedeuten würde: Be- hinderung, langsamer Tod durch Infektion oder Verhungern, keine medizinische Versorgung, gar nichts.« Er schaute mich an, als sei er sich nicht sicher, ob er mich weiterhin kennen wollte oder nicht. »Und was nun?« fragte er. »Jeder ist schuldig, bis er seine Unschuld bewiesen hat? Wel- chen Verbrechens schuldig? Und wie können sie dir beweisen, daß sie es nicht sind?« »Ich scheiße darauf, ob sie unschuldig sind oder nicht«, sagte Zahra. »Sie sollen sich um ihre eigenen Angelegenheiten küm- mern.« »Harry, du bist geistig noch immer in der Nachbarschaft«, sagte ich. »Du glaubst noch immer, ein Mißgeschick sei es, wenn dein Vater dich anbrüllt oder du brichst dir einen Finger oder du verlierst einen Zahn oder so etwas. Hier draußen machst du einen Fehler – einen einzigen –, und du bist tot. Erinnerst du dich an diesen Burschen heute? Wie, wenn uns das passiert wäre?« Wir hatten gesehen, wie ein Mann beraubt wurde – ein stämmiger Bursche von 35 oder 40 Jahren, der allein dahinging und dabei Nüsse aus einer Papiertüte aß. Das war nicht klug von ihm. Ein 12 oder 13 Jahre altes Kind riß ihm die Nüsse aus, der Hand und rannte damit davon. Während das Opfer von dem Kind abgelenkt war, stellten ihm zwei größere Kinder ein Bein, schnitten die Träger seines Packens ab, zerrten ihm den Packen von den Schultern und rannten damit davon. Die ganze Sache ging so schnell vor sich, daß niemand hätte eingreifen könnten, auch wenn er es gewollt hätte. Aber niemand versuch- te es überhaupt. Das Opfer hatte keine Verletzungen außer blauen Flecken und Hautabschürfungen – damit hatte ich in der Nachbarschaft jeden Tag zu tun. Aber die Vorräte des Opfers waren dahin. Wenn er in der Nähe ein Heim und weite- re Vorräte hatte, würde er es schaffen. Andernfalls war seine einzige Überlebensmöglichkeit, jemanden anderen zu überfal- len – wenn er dazu fähig war. »Erinnerst du dich?« fragte ich Harry. »Wir müssen nieman- den verletzen, wenn wir nicht dazu gezwungen werden, aber wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Wir dürfen den Leuten nicht trauen.« Harry schüttelte den Kopf. »Was wäre gewesen, wenn ich so gedacht hätte, statt den Kerl von Zahra herunterzuzerren?« Ich übte mich in Geduld. »Harry, du weißt genau, daß ich nicht meine, wir sollten einander nicht vertrauen oder helfen. Wir kennen einander. Wir haben eine Verabredung getroffen, miteinander zu gehen.« »Ich bin mir nicht sicher, daß wir einander kennen.« »Ich schon. Und wir können uns deine Verweigerung nicht leisten. Du kannst dir sie nicht leisten.« Er starrte mich nur an. »Hier draußen paßt du dich an die Gegebenheiten an, oder du wirst getötet«, sagte ich. »Das liegt auf der Hand!«, Jetzt sah er mich an, als sei ich eine Fremde. Ich gab seinen Blick zurück und hoffte, ich kannte ihn wirklich so gut wie ich glaubte, ihn zu kennen. Er war intelligent und hatte Mut. Er wollte sich nur nicht ändern. »Willst du dich von uns trennen?« fragte Zahra. »Willst du deinen eigenen Weg ohne uns gehen?« Sein Gesichtsausdruck wurde weicher, als er sie ansah. »Nein«, sagte er. »Natürlich nicht. Aber wir dürfen uns doch nicht in Tiere verwandeln, um Gottes willen.« »In gewisser Weise schon«, sagte ich. »Wir sind eine Meute, wir drei, und alle diese anderen Menschen da draußen gehören nicht dazu. Wenn wir eine gute Meute sind und zusammenar- beiten, haben wir eine Chance. Du kannst sicher sein, daß wir nicht die einzige Meute hier draußen sind.« Er lehnte sich gegen einen Felsen und sagte einigermaßen verblüfft: »Du redest wirklich genügend machomäßig, um als Kerl durchzugehen.« Ich hätte ihm beinahe eine gelangt. Vielleicht würden Zahra und ich wirklich besser ohne ihn durchkommen. Aber nein, das stimmte nicht. Die Anzahl zählte. Freundschaft spielte eine Rolle. Die Anwesenheit eines richtigen Mannes zählte. »Sag so etwas nicht noch mal«, flüsterte ich, nahe an seinem Ohr. »Sag es nie wieder. Es gibt noch andere Leute in diesen Hügeln; weißt du, wer uns belauscht? Du lieferst mich aus und schwächst dich selbst!« Das kapierte er. »Tut mir leid.« »Es ist schlimm hier draußen«, warf Zahra ein. »Aber die meisten Leute schaffen es, wenn sie vorsichtig genug sind. Selbst Leute, die schwächer sind als wir, schaffen es – wenn sie aufpas-, sen.« Harry lächelte schwach. »Ich hasse diese Welt jetzt schon.« »Sie ist nicht so schlecht, wenn die Menschen zusammenhal- ten.« Er schaute von ihr zu mir und wieder zurück. Er lächelte sie an und nickte. Da wurde mir endlich klar, daß er sie mochte und sich von ihr angezogen fühlte. Das konnte später für sie zu einem Problem werden. Sie war eine schöne Frau, und ich würde niemals schön sein – was mir nichts ausmachte. Jungen waren immer an mir interessiert gewesen. Aber Zahras Ausse- hen zog männliche Aufmerksamkeit auf sich. Wenn sie und Harry zusammengingen, würde sie zwei schwere Lasten nach Norden zu bringen haben. Ich war in Gedanken über die Zukunft der beiden verloren, als Zahra mich mit ihrem Fuß leicht anstieß. Zwei große schmutzige Kerle standen in der Nähe und be- trachteten uns, insbesondere Zahra. Ich stand auf, die beiden anderen auch, links und rechts von mir. Diese Burschen waren uns zu nahe gekommen. Sie hatten es absichtlich gemacht. Im Aufstehen legte ich die Hand auf die Waffe. »Ja?« sagte ich. »Was gibt's?« »Nichts«, sagte der eine der beiden und lächelte Zahra an. Beide trugen große Messer in Scheiden und befingerten sie. Ich zog die Pistole. »Gut so«, sagte ich. Ihr Lächeln verschwand. »Was, willst du uns umlegen, nur, weil wir hier stehen?« sagte der Gesprächigere. Ich legte den Sicherheitshebel mit dem Daumen um. Ich würde den Sprecher erschießen, weil ich ihn für den Anführer, hielt. Der andere würde davonrennen. Er wollte es jetzt schon tun. Er starrte mit offenem Mund auf die Waffe. Wenn ich zusammenbräche, würde er schon weg sein. »He, kein Problem!« Der Sprecher hob die Hände und ging rückwärts. »Immer mit der Ruhe, Mann!« Ich ließ sie gehen. Ich glaube, es wär besser gewesen, auf sie zu schießen. Ich fürchte solche Burschen – Männer, die Aus- schau halten nach Zoff, nach Opfern. Aber wie es aussieht, kann ich nicht jemanden erschießen, bloß weil ich mich vor ihm fürchte. Ich habe in der Nacht des Feuers einen Menschen getötet und nicht viel darüber nachgedacht. Aber das hier war etwas anders. Es war so, wie das, was Harry über das Stehlen sagte. Ich habe mein Leben lang gehört: »Du sollst nicht töten!«, aber wenn man es tun muß, tötet man. Ich frage mich, was Vater dazu sagen würde. Andererseits war er es, der mir das Schießen beigebracht hat. »Wir passen heute nacht besser besonders gut auf«, sagte ich. Ich schaute Harry an und war froh zu sehen, daß er so aussah, wie ich vielleicht noch gerade vorhin: wütend und besorgt. »Deine Uhr und meine Pistole gehen rundum«, sagte ich. »Drei Stunden für jeden.« »Du hättest es getan, nicht wahr?« sagte er. Es klang wie eine ernst gemeinte Frage. Ich nickte. »Du nicht?« »Ja. Ich hätte es nicht tun wollen, aber diese Burschen waren auf Vergnügen aus. Auf ihre Art von Vergnügen jedenfalls.« Er warf Zahra einen Blick zu. Er hatte einen Mann von ihr gezerrt und war dafür zusammengeschlagen worden. Vielleicht würde ihre offensichtliche Bedrohung ihn wachsam halten. Was auch, immer ihn wachsam hielt, konnte nicht schlecht für uns sein. Ich schaute Zahra an und sprach sehr leise. »Du warst nie mit uns schießen, deshalb muß ich jetzt fragen: kannst du mit sowas umgehen?« »Ja«, sagte sie. »Richard ließ seine älteren Kinder mitgehen, aber mich nicht. Aber bevor er mich kaufte, war ich eine gute Schützin.« Also wieder ihre fremde Vergangenheit. Das lenkte mich ei- nen Augenblick lang ab. Ich wartete schon lange auf eine Gele- genheit, sie zu fragen, was heutzutage ein Mensch kostete. Sie war von ihrer Mutter an einen Mann verkauft worden, der für sie nicht viel mehr als ein Fremder gewesen sein konnte. Er hätte ein Wahnsinniger und ein Monster sein können. Und mein Vater machte sich Gedanken über zukünftige Sklaverei und über Schuldensklaverei. Hatte er es gewußt? Er kann es nicht gewußt haben. »Hast du früher eine Waffe wie diese benützt?« fragte ich. Ich sicherte die Pistole und gab sie ihr. »Zum Teufel, ja«, erwiderte sie, während sie die Waffe be- trachtete. »Ich mag sie. Sie ist schwer, aber wenn du jemanden damit anschießt, fällt er um.« Sie nahm das Magazin heraus, überprüfte es, führte es wieder ein, ließ es einrasten und gab mir die Pistole zurück. »Ich wünschte, ich hätte mit euch üben können. Das wollte ich immer.« Ohne jede Vorwarnung spürte ich die Einsamkeit der nie- dergebrannten Nachbarschaft als plötzliches Weh. Es war ein beinahe körperlicher Schmerz. Ich war verzweifelt gewesen, als ich sie verlassen wollte, aber ich hatte erwartet, daß sie dann immer noch da sein würde – verändert, aber lebend. Jetzt, wo es, mit ihr vorbei war, gab es Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich ohne sie überleben könnte. »Leute, schlaft jetzt«, sagte ich. »Ich bin zu aufgedreht, um schlafen zu können. Ich übernehme die erste Wache.« »Wir sollten zuerst noch mehr Holz sammeln«, sagt Harry. »Das Feuer brennt niedrig.« »Laß es ausgehen«, erwiderte ich. »Es beleuchtet uns und vermindert gleichzeitig unsere Nachtsicht. Andere Leute kön- nen uns sehen, lange bevor wir sie erkennen.« »Und wir sitzen hier im Dunkeln«, sagte er. Es war kein Pro- test. Schlimmstenfalls war es eine mürrische Zustimmung. »Ich nehme die Wache nach der deinen«, sagte er, legte sich zurück, zog seinen Schlafsack hoch und legte den Rest seiner Ausstat- tung so hin, daß er als Kopfkissen diente. Dann kam ihm noch ein Gedanke: er streifte seine Armbanduhr ab und gab sie mir. »Ein Geschenk meiner Mutter.« »Du weißt, daß ich auf sie aufpassen werde«, sagte ich. Er nickte. »Du machst das schon richtig«, sagte er und schloß die Augen. Ich zog die Uhr an und den Bund meines Ärmels darüber, so daß die Leuchtziffern nicht zufällig sichtbar würden, dann lehnte ich mich an den Hang, um schnell ein paar Notizen zu machen. Während es noch einen Rest Tageslicht gab, konnte ich schreiben und zugleich Wache halten. Zahra sah mir eine Weile lang zu, dann legte sie ihre Hand auf meinen Arm. »Bring mir das auch bei«, flüsterte sie. Ich schaute sie verständnislos an. »Bring mir Lesen und Schreiben bei.« Ich war überrascht, hätte es aber eigentlich nicht sein sollen., Wo hätten in einem Leben wie dem ihren Geld und Zeit für eine Schule herkommen sollen? Und nachdem Richard Moss sie erst einmal gekauft hatte, hatten ihr die eifersüchtigen Mitfrau- en auch nichts beigebracht. »Du hättest in der Nachbarschaft zu uns kommen sollen«, sagte ich. »Wir hätten dir Extra-Stunden geben können.« »Richard ließ mich nicht. Er sagte immer, ich wisse für sei- nen Geschmack schon genug.« Ich stöhnte. »Ich werde dich unterrichten. Wir können mor- gen früh damit anfangen, wenn du willst.« »Okay.« Sie schenkte mir ein merkwürdiges Lächeln, dann begann sie, ihren Schlafsack und ihre wenigen Besitztümer in meinem Kissenüberzug zurechtzurichten. Sie kroch in ihren Sack und drehte sich auf die Seite, um mich anzusehen. »Ich hätte nicht gedacht, daß ich dich mögen könnte«, sagte sie. »Pfarrerstochter, überall dabei, gibt Unterricht, sagt jedem, was er zu tun hat, steckt in alles die verdammte Nase. Aber du bist nicht übel.« Meine Überraschung verwandelte sich in Belustigung. »Du auch nicht«, sagte ich. »Du hast mich auch nicht gemocht?« Jetzt war es an ihr, überrascht zu sein. »Du warst die bestaussehende Frau in der ganzen Nachbar- schaft. Nein, ich war nicht verrückt nach dir. Und erinnere dich an einen Vorfall vor einigen Jahren, als du dein Bestes tatest, mich zum Kotzen zu bringen, während ich versuchte, das Ausnehmen und Häuten von Kaninchen zu erlernen.« »Warum wolltest du das eigentlich? Blut, Eingeweide, Wür- mer… ich dachte mir nur: Da ist sie schon wieder und steckt, ihren Rüssel in Sachen, die sie nichts angehen. Na gut, sie soll es haben!« »Ich wollte wissen, ob ich das tun konnte – mit toten Tieren umgehen, sie häuten, ausnehmen, zerteilen, die Häute zu Leder machen. Ich wollte wissen, wie das geht und daß ich es tun konnte, ohne daß mir übel würde.« »Warum?« »Weil ich glaubte, daß ich es eines Tages würde tun müssen. Und vielleicht wird das nun hier draußen sein. Aus demselben Grund habe ich mir einen Notfallpack gemacht und dorthin gelegt, wo ich ihn mir im entscheidenden Moment greifen konnte.« »Ich habe mich darüber gewundert – ich meine, darüber, daß du dieses ganze Zeug mitnehmen konntest. Zuerst dachte ich mir, du hättest es mitgenommen, als du zurückgekehrt bist. Aber nein, du warst vorbereitet auf alles. Du hast es kommen sehen.« »Nein.« Ich schüttelte bei dieser Erinnerung den Kopf. »Niemand konnte dafür bereit sein. Aber… ich hatte erwartet, daß eines Tages etwas geschehen würde. Ich wußte nicht, wie schlimm es werden würde, wenn es soweit war. Aber alles verschlechterte sich ja: das Klima, die Wirtschaft, die Verbre- chen, die Drogen; du weißt es ja selbst. Ich glaubte nicht daran, daß wir weiter innerhalb unserer Mauern würden sitzen kön- nen und dick, sauber und reich aussehen für die Hungrigen, Durstigen, Obdachlosen, Arbeitslosen, Schmutzigen draußen.« Sie drehte sich und lag nun auf dem Rücken, blickte zu den Sternen hinauf. »Ich hätte auch etwas davon kommen sehen müssen«, sagte sie. »Aber ich hab's nicht. Diese großen Mauern., Jeder hatte eine Waffe. Die Wachen jede Nacht. Ich dachte… ich glaubte, wir seien so stark.« Ich legte Notizbuch und Kuli hin, setzte mich auf meinen Schlafsack und legte mein eigenes Kissenüberzugsbündel hinter mich. Meines war unregelmäßig und ideal zum Anlehnen. Ich wollte es unbequem haben. Ich war müde. Alles tat mir weh. Mit nur einem bißchen Komfort wäre ich sofort eingeschlafen. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und unser Feuer hatte sich auf ein paar glühende Reste reduziert. Ich zog die Waffe und hielt sie in meinem Schoß. Wenn ich sie überhaupt brauchte, dann schnell. Wir waren nicht stark genug, um Lang- samkeit oder dumme Fehler überleben zu können. Ich blieb an meinem Platz drei sich schrecklich lang hinzie- hende Stunden sitzen. Bei mir tat sich nichts, aber ich konnte rundum Geschehnisse sehen. Menschen bewegten sich durch die Hügel, manchmal sah man ihre Silhouetten gegen den Himmel, wenn sie über die Gipfel der Hügel gingen oder rann- ten. Es gab Gruppen und einzelne. Zweimal sah ich Hunde, in einiger Entfernung, aber doch bedrohlich. Ich hörte viel Ge- wehrfeuer – einzelne Schüsse und die kurzen Ausbrüche auto- matischer Waffen. Das und die Hunde machten mir Sorgen und Angst. Eine Pistole wäre kein Schutz gegen eine Maschinenpi- stole oder ein Selbstladegewehr. Und Hunde würden nicht genug wissen, um sich vor Waffen zu fürchten. Würde ein Rudel weiterrennen, wenn ich zwei oder drei von seinen Mit- gliedern erledigte? Ich saß da, von kaltem Schweiß überströmt, und sehnte mich nach schützenden Mauern – oder wenigstens nach ein oder zwei weiteren Magazinen für die Pistole. Es war beinahe Mitternacht, als ich Harry weckte, ihm Pisto-, le und Uhr übergab und ihn so unruhig machte, wie es nur ging, indem ich ihm von den Hunden, dem Gewehrfeuer und den vielen Menschen, die in der Nacht herumwanderten, er- zählte. Als ich mich hinlegte, sah er hinreichend wach und wachsam aus. Ich schlief sofort ein. Wund und erschöpft, fand ich den har- ten Boden so angenehm wie mein Bett zu Hause. Ein Schuß weckte mich. Dann hörte ich eine Schießerei – mehrere einzelne Schüsse, laut und nahe. Harry? Etwas fiel auf mich, bevor ich aus meinem Schlafsack he- rauskommen konnte – etwas Großes und Schweres. Es nahm mir den Atem. Ich kämpfte, um es von mir herunterzuwerfen, wobei ich wußte, daß es ein menschlicher Körper war, bewußt- los oder tot. Als ich es anstieß und dabei starke Bartstoppeln und lange Haare fühlte, wußte ich, daß es ein Mann war und nicht Harry. Ein Fremder. Ich hörte Scharren und Poltern in der Nähe, Grunzen und dumpfe Schläge. Ein Kampf. Ich konnte sie in der Dunkelheit erkennen – zwei Gestalten, die auf dem Boden miteinander rangen. Die untere war Harry. Er kämpfte mit jemandem um die Waffe, und er war am Ver- lieren. Die Mündung wurde gegen ihn gezwungen. Das durfte nicht geschehen. Wir durften weder die Waffe noch Harry verlieren. Ich packte einen kleinen Granitbrocken aus der Feuerstelle, biß die Zähne zusammen und schlug den Stein mit aller Kraft dem Eindringling auf die Rückseite des Schädels. Das schaffte mich selbst auch. Es war nicht der schlimmste Schmerz, den ich je mitgefühlt hatte, aber er kam ihm sehr nahe. Ich war nutzlos, nachdem ich, diesen Schlag angebracht hatte. Ich glaube, ich war eine Weile lang bewußtlos. Dann tauchte Zahra von irgendwo auf, betastete mich, unter- suchte mich. Sie fand natürlich keine Verletzung. Ich setzte mich auf, wehrte sie ab und sah, daß Harry auch noch da war. »Sind sie tot?« fragte ich. »Denk nicht an sie«, erwiderte er. »Bist du okay?« Ich stand auf, schwankend vom verbliebenen Schock des Schlags. Ich fühlte mich übel und benommen, und der Kopf tat mir weh. Vor ein paar Tagen hatte Harry mich dazu gebracht, mich so zu fühlen, und wir hatten uns beide erholt. Bedeutete das, daß der Mann, den ich geschlagen hatte, sich erholen würde? Ich untersuchte ihn. Er lebte noch, war bewußtlos, fühlte jetzt keinen Schmerz. Was ich spürte, war meine eigene Reakti- on auf den Schlag, den ich angebracht hatte. »Der andere ist tot«, sagte Harry. »Der hier… nun ja, du hast ihm den Hinterkopf eingeschlagen. Ich weiß nicht, wieso er immer noch lebt.« »O nein«, flüsterte ich. »Zum Teufel!« Dann sagte ich zu Harry: »Gib mir die Pistole.« »Wozu?« Meine Finger hatten die blutige, gebrochene Stelle am Hin- terschädel des Fremden gefunden, weich und matschig. Harry hatte recht. Der Mann sollte tot sein. »Gib mir die Pistole«, wiederholte ich und streckte meine blutverschmierte Hand danach aus. »Außer du willst es selber tun.«, »Du kannst ihn nicht erschießen. Du kannst nicht einfach…« »Ich hoffe, du hast den Mut, mich zu erschießen, wenn ich einmal in dem Zustand sein sollte, hier draußen ohne jede medizinische Hilfe. Wir erschießen ihn, oder wir lassen ihn hier lebend liegen. Wie lange braucht er zum Sterben, was denkst du?« »Vielleicht stirbt er nicht.« Ich ging zu meinem Packen, bemüht, es zu schaffen, ohne mich erbrechen zu müssen. Ich zog ihn von dem Toten weg, suchte darin herum, fand mein Messer. Es war ein gutes Messer, scharf und stark. Ich öffnete es und schnitt dem Bewußtlosen damit die Kehle durch. Ich fühlte mich nicht sicher, bevor nicht das heraussprudeln- de Blut versiegt war. Das Herz des Mannes hatte sein Leben in den Boden herausgepumpt. Er konnte nicht mehr das Bewußt- sein wiedererlangen und mich in seinen Todeskampf hineinzie- hen. Aber natürlich war ich alles andere als in Sicherheit. Viel- leicht würden die zwei Menschen aus meiner Vergangenheit mich nun allein lassen. Ich hatte sie geschockt und erschreckt. Ich konnte es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie mich verlie- ßen. »Durchsucht die Leichen«, sagte ich. »Nehmt euch, was sie haben, dann bringen wir sie in die Krüppeleichen unten am Hügel, wo wir das Holz gesammelt haben.« Ich durchsuchte den Mann, den ich getötet hatte, und fand einen kleinen Geldbetrag in seinen Hosentaschen und einen größeren in seiner rechten Socke. Zündhölzer, ein Päckchen Mandeln, ein Päckchen Trockenfleisch und eine Schachtel mit, kleinen, runden, purpurfarbigen Pillen. Kein Messer, keine andere Waffe. Also war es keiner von den beiden, die uns früher am Abend belästigt hatten. Das hatte ich auch nicht angenom- men. Keiner von denen hatte lange Haare gehabt, hier aber beide. Ich steckte die Pillen zurück in die Tasche, aus der ich sie ge- nommen hatte. Alles andere behielt ich. Das Geld würde uns durchkommen helfen. Die Lebensmittel mochten genießbar sein oder auch nicht. Das würde ich entscheiden, sobald ich es klar erkennen konnte. Ich blickte auf, um zu sehen, was die anderen taten, und war erleichtert, als ich sah, daß sie die andere Leiche durchsuchten. Harry drehte sie um und paßte dann auf, während Zahra die Kleider, Socken, Schuhe und Haare untersuchte. Sie war sogar noch gründlicher, als ich gewesen war. Ohne die geringste Zimperlichkeit zog sie dem Mann die Kleider aus und unter- suchte seine speckigen Taschen, Säume und Nähte. Ich hatte den Eindruck, sie habe das schon früher oft getan. »Geld, Essen und ein Messer«, flüsterte sie schließlich. »Der andere hatte kein Messer«, sagte ich, während ich mich neben den beiden hinkauerte. »Harry, was …?« »Er hatte eines«, flüsterte Harry. »Er zog es, als ich sie an- schrie, stehen zu bleiben. Es liegt vermutlich irgendwo am Boden. Bringen wir die zwei zu den Eichen.« »Du und ich machen das«, sagte ich. »Gib Zahra die Pistole. Sie wird auf uns aufpassen.« Ich war froh, daß er ihr die Waffe ohne ein Wort des Protests übergab. Er hatte keine Bewegung gemacht, als ich ihn aufge- fordert hatte, sie mir zu geben, aber das war etwas anderes, gewesen. Wir schafften die Leichen zu den Krüppeleichen und rollten sie dort in Deckung. Dann kickten wir Erde über das ganze Blut, das wir sehen konnten, und über den Urin, den der eine der beiden Männer sterbend abgelassen hatte. Das reichte nicht aus. In stillschweigendem Übereinkommen verlegten wir unser Lager. Das bedeutete nicht mehr, als daß wir unsere Bündel und Schlafsäcke nahmen und sie über die nächste Hügelkuppe an einen Ort trugen, der außer Sichtweite des vorigen lag. Wenn man in den Hügeln zwischen zwei von den vielen, rip- penartigen Hangabbrüchen kampierte, hatte man beinahe die Intimität eines großen, von drei Wänden umgebenen, nach oben offenen Zimmers. Man war verwundbar von den Hügel- gipfeln und von den Abbruchkanten her, aber wenn man auf den Abhängen selbst kampierte, würde man von viel mehr Leuten gesehen werden. Wir wählten einen Platz zwischen zwei Abbrüchen, setzten uns dorthin und schwiegen für eine Weile. Ich fühlte mich von den anderen abgetrennt. Ich wußte, daß ich etwas sagen mußte, aber ich hatte Angst, daß nichts, was ich sagen konnte, helfen würde. Sie würden mich wohl verlassen. Aus Unbehagen, Mißtrauen, Angst würden sie entscheiden, daß sie nicht länger mit mir reisen wollten. Das beste war wohl, ihnen zuvorzukommen. »Ich werde euch jetzt etwas über mich erzählen«, sagte ich. »Ich weiß nicht, ob es helfen wird, daß ihr mich versteht, aber ich muß es euch sagen. Ihr habt ein Recht, es zu erfahren.« Und flüsternd berichtete ich ihnen von meiner Mutter – mei- ner biologischen Mutter – und über meine Hypersensitivität., Als ich zu Ende gesprochen hatte, gab es wieder ein langes Schweigen. Dann sprach Zahra, und ich war so überrascht vom Klang ihrer Stimme, daß ich zusammenzuckte. »Als du diesen Burschen niedergeschlagen hast, da war es also so, als hättest du dich selbst geschlagen?« »Nein«, sagte ich. »Ich erleide keinen Schaden. Ich spüre nur den Schmerz.« »Aber es fühlt sich an, als ob du dich selber schlagen wür- dest?« Ich nickte. »Daran kommt es sehr nahe hin. Als ich klein war, blutete ich zusammen mit Leuten, die ich verletzt hatte, oder sogar schon dann, wenn ich sah, wie sie sich verletzten. Das habe ich jetzt aber seit Jahren nicht mehr gemußt.« »Aber wenn sie bewußtlos oder tot sind, spürst du nichts mehr.« »Das stimmt.« »Dann hast du deshalb diesen Kerl getötet?« »Ich habe ihn getötet, weil er eine Bedrohung für uns dar- stellte. Für mich auf eine ganz besondere Art, aber auch für euch. Was hätten wir mit ihm anfangen sollen? Ihn den Amei- sen, den Fliegen und den Hunden überlassen? Du hättest das vielleicht getan, aber wäre auch Harry bereit dazu gewesen? Hätten wir bei ihm bleiben sollen? Wie lange? Wozu? Oder sollten wir einen Cop aufzutreiben versuchen und ihm erzäh- len, wir hätten gesehen, wie der Mann verwundet wurde, ohne daß wir darin verwickelt waren? Die Bullen vertrauen den Leuten nicht. Ich glaube, sie hätten uns durchsucht, wären uns auf die Pelle gerückt, hätten uns vielleicht unter der Anklage verhaftet, den Burschen angegriffen und seinen Freund getötet, zu haben.« Ich wandte mich Harry zu, der kein Wort gesagt hatte. »Was hättest du getan?« fragte ich ihn. »Ich weiß es nicht«, sagte er, mit vor Ablehnung hart klin- gender Stimme. »Ich weiß nur, daß ich nicht das getan hätte, was du getan hast.« »Ich hätte dich nicht darum gebeten, es zu tun«, erwiderte ich. »Ich habe dich nicht darum gebeten. Aber, Harry, ich selbst würde es wieder tun. Ich muß es vielleicht wieder tun. Das ist der Grund, weshalb ich euch das erzählt habe.« Ich warf Zahra einen Blick zu. »Es tut mir leid, daß ich es euch nicht vorher gesagt habe. Ich weiß, daß ich es hätte tun sollen, aber darüber zu sprechen fällt mir… sehr schwer. Sehr, sehr schwer. Ich habe es nie zuvor jemandem erzählt. Jetzt…« Ich holte tief Luft. »Jetzt liegt alles bei euch.« »Was meinst du damit?« wollte Harry wissen. Ich schaute ihn an und wünschte, ich könnte seinen Ge- sichtsausdruck genau genug erkennen, um zu wissen, ob er wirklich eine Frage stellte. Ich glaubte nicht, daß es eine war. Ich beschloß, ihn zu ignorieren. »Was glaubst du?« fragte ich Zahra. Keiner von beiden sagte eine Minute lang etwas. Dann be- gann Zahra zu sprechen, begann damit, mit ihrer weichen Stimme so schreckliche Dinge zu sagen. Nach dem ersten Augenblick war ich mir nicht mehr sicher, ob sie überhaupt zu uns sprach. »Meine Mama hat auch Drogen genommen«, sagte sie. »Scheiße, dort, wo ich geboren bin, nahm jedermann Mama Drogen – und ging auf den Strich, um sie bezahlen zu können. Und brachte ständig Babies zur Welt und warf sie auf den Müll,, wenn sie starben. Die meisten Babies starben von den Drogen oder bei Unfällen, oder sie hatten nicht genug Nahrung oder wurden zuviel allein gelassen… oder sie waren krank. Immer wurden sie krank. Manche wurden schon krank geboren. Sie hatten überall offene Stellen oder große Klumpen an ihren Augen – Tumore, ihr wißt schon – oder keine Beine oder Krämpfe oder sie konnten nicht richtig atmen… alles mögliche. Manche, die lebten, waren dumm wie Hundescheiße. Konnten nicht denken, nichts lernen, saßen herum, wurden neun oder zehn Jahre alt, pißten sich in die Hosen, wackelten vor und zurück und sabberten. Es gibt jede Menge davon.« Sie nahm meine Hand und hielt sie. »Mit dir ist nichts schiefgelaufen, Lauren – jedenfalls nichts, worum du dir Sorgen machen müßtest. Dieser Paracetco-Scheiß war Kindermilch.« Wie kam es, daß ich diese Frau in der Nachbarschaft nicht kennengelernt hatte? Ich umarmte sie. Sie schien überrascht, dann erwiderte sie meine Umarmung. Wir sahen beide Harry an. Er saß ruhig da, in unserer Nähe, aber weit entfernt – von mir zumindest. »Was hättest du getan«, fragte er, »wenn der Mann nur einen Arm oder ein Bein gebrochen gehabt hätte?« Ich stöhnte beim Gedanken an den Schmerz. Ich wußte schon mehr über das Gefühl gebrochener Knochen, als ich jemals hatte wissen wollen. »Ich glaube, ich hätte ihn in Ruhe gelassen, und ich bin mir sicher, es hätte mir leid getan. Es wäre eine lange Zeit vergangen, bevor ich aufgehört hätte, über die Schulter zurückzublicken.« »Du hättest ihn nicht umgebracht, um dem Schmerz zu ent- kommen?«, »Ich habe früher in der Nachbarschaft niemals jemanden ge- tötet, um mir seinen Schmerz zu ersparen.« »Aber ein Fremder…« »Ich habe gesagt, was ich getan hätte.« »Was, wenn ich mir den Arm bräche?« »Dann würde ich dir nicht viel nützen. Ich würde Probleme mit meinem eigenen Arm bekommen. Aber wir würden zu- sammen immer noch zwei gute Arme haben.« Ich seufzte. »Wir sind miteinander aufgewachsen, Harry. Du kennst mich. Du weißt, was für eine Art Mensch ich bin. Ich würde dir vielleicht nichts nützen, aber solange ich mir selbst helfen kann, würde ich dich nicht verraten.« »Ich habe geglaubt, daß ich dich kenne.« Ich nahm seine Hände und betrachtete seine großen, blei- chen, plumpen Finger. Er hatte viel Kraft in ihnen, aber ich hatte niemals gesehen, daß er jemanden damit bedrängt hätte. Er war den Ärger wert, Harry war es wert. »Keiner ist, wofür wir ihn halten«, sagte ich. »Das ist die Fol- ge davon, daß wir keine Telepathen sind. Aber du hast mir bis jetzt vertraut – und ich dir. Ich hatte mein Leben in deine Hände gelegt. Was hast du jetzt vor?« Verließ er mich jetzt wegen meiner ›Schwäche‹, statt daß ich ihn verließ wegen eines theoretisch gebrochenen Armes in der Zukunft? Ich dachte mir: Ein ältestes Kind zum anderen, Harry: wäre das verantwortungsvolles Verhalten? Er zog die Hände zurück. »Ja, ich wußte doch, daß du ein manipulatives Luder bist«, sagte er. Zahra unterdrückte ein Lachen. Ich war überrascht. Ich hatte ihn nie zuvor ein solches Wort verwenden gehört. Jetzt hörte, ich es im Tonfall der Enttäuschung. Er würde nicht weggehen. Er war ein letztes Bißchen von meiner Heimat, das ich jetzt nicht aufgeben mußte. Wie fühlte er in diesem Punkt? War er zornig auf mich, weil ich beinahe den Zusammenhalt zerbro- chen hätte? Dazu hatte er das Recht, nahm ich an. »Ich kann nicht verstehen, wie du die ganze Zeit so sein konntest«, sagte er. »Wie ist es dir gelungen, deine Empathie vor jedermann geheimzuhalten?« »Mein Vater brachte mir das bei«, erzählte ich ihm. »Er hatte recht. In dieser Welt gibt es keinen Ort mehr für ans Haus gebundene, verschüchterte, zimperliche Menschen, und zu so jemandem wäre ich geworden, wenn jeder über mich Bescheid gewußt hätte – zum Beispiel die ganzen anderen Kinder. Kleine Kinder sind boshaft. Weißt du das nicht?« »Aber deine Brüder müssen Bescheid gewußt haben.« »Mein Vater hat ihnen Gottesfurcht beigebracht. Dazu war er in der Lage. Soweit mir bekannt, haben sie nie etwas ausge- plaudert. Aber Keith machte ›komische‹ Sachen mit mir.« »Dann… dann hast du also alle getäuscht. Du mußt eine ver- dammt gute Schauspielerin sein.« »Ich mußte es einfach lernen, so zu tun, als sei ich normal. Mein Vater versuchte mich immer zu überzeugen, daß ich völlig normal sei. Er irrte sich darin, aber ich bin froh über die Weise, wie er mir das beigebracht hat.« »Vielleicht bist du normal. Ich meine, wenn der Schmerz nicht real ist, dann…« »…ist dieser Schmerz nur in meinem Kopf? Aber natürlich ist er nur dort! Und ich kann ihn nicht loswerden. Glaub mir, das würde ich liebend gern!«, Es trat ein langes Schweigen ein. Dann sagte er: »Was schreibst du jede Nacht in dein Buch?« Interessanter Themen- wechsel. »Meine Gedanken. Die Ereignisse des Tages. Meine Gefüh- le.« »Dinge, die du nicht sagen kannst? Dinge, die für dich wich- tig sind?« »Ja.« »Dann laß mich etwas davon lesen. Laß mich etwas von dir wissen, was du versteckst. Mir kommt es vor… als seiest du eine einzige Lüge. Ich kenne dich nicht. Zeig mir etwas Reales von dir.« Was für eine Frage! Oder war es eine Bitte? Ich hätte ihm Geld dafür gegeben, etwas von den Erdensaat-Stellen in mei- nem Tagebuch zu lesen und zu durchdenken. Aber er mußte da vorsichtig eingeführt werden. Wenn er das Falsche las, würde es nur die Distanz zwischen uns vergrößern. »Das Risiko, dem ich mich da aussetzen soll, Harry… Aber, ja, ich werde dir etwas von dem zeigen, was ich geschrieben habe. Ich will das tun. Das wird ein Neubeginn für mich sein. Alles, worum ich dich bitte, ist, daß du laut liest, was ich dir zeige, damit Zahra es hören kann. Sobald es hell wird, zeige ich es dir.« Als es hell geworden war, zeigte ich ihm dies: »Alles, was du berührst, veränderst du. Alles was du veränderst, verändert dich., Die einzige bleibende Wahrheit ist Wandel. Gott ist Wandel.« Im Vorjahr entschied ich mich, daß diese Zeilen auf der er- sten Seite des ersten Buches von Erdensaat: Das Buch der Le- benden stehen sollten. Diese Zeilen sagen alles! Alles! Ich stelle mir vor, wie er mich danach fragt. Ich muß vorsichtig sein., Umarme die Verschiedenheit. Vereinige dich – oder du wirst abgetrennt, beraubt, beherrscht, getötet von denen, die dich als Beute betrachten. Umarme die Verschiedenheit oder du wirst vernichtet. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Dienstag, 3. August 2027 (erweitert aus Notizen am 8. August) In den Hügeln östlich von uns brennt ein großes Feuer. Wir sahen seinen Anfang als dünne, dunkle Rauchsäule, die sich in einen im übrigen klaren Himmel erhob. Jetzt ist sie massiv – brennt da ein ganzer Hügel oder zwei? Mehrere Gebäude? Viele Häuser? Oder nochmals unsere Nachbarschaft? Wir schauten eine Weile lang hin, dann wandten wir uns ab. Das Sterben anderer Menschen, der Verlust ihrer Familien, ihrer Heime… Auch wenn wir das selbst schon hinter uns gelassen hatten, schauten wir zurück. Hatten das auch die Leute mit den bemalten Gesichtern an-, gerichtet? Zahra weinte im Gehen und fluchte dabei so leise vor sich hin, daß ich nur ein paar von ihren bitteren Worten hören konnte. Früher am heutigen Tag hatten wir die 118er verlassen und den Anschluß zur 23er gesucht und schließlich gefunden. Jetzt sind wir auf der 23er mit verkohlter, überwachsener Wildnis auf der einen und Nachbarschaften auf der anderen Seite. Das Feuer sehen wir jetzt nicht mehr. Wir haben es hinter uns gelassen, sind weit davon entfernt, haben Hügel zwischen es und uns gebracht, als wir uns südwärts zur Küste hin wandten. Aber wir können immer noch den Rauch sehen. Wir schlugen kein Nachtlager auf, bevor es nicht beinahe völlig dunkel war und wir uns alle müde und hungrig fühlten. Wir lagerten in der Wildnis neben der Autobahn, außer Sicht, aber in Hörweite der dahinschlurfenden Menschengrup- pen auf ihrer Wanderung. Ich glaube, das ist ein Geräusch, das wir unsere ganze Reise hindurch hören werden, gleichgültig, ob wir nun in Nordkalifornien Halt machen oder bis nach Kanada hinaufgehen. So viele Menschen hoffen also, einen Platz zu finden, wo es jedes Jahr regnet und jemand ohne Schulbildung einen Job finden kann, für den er Geld statt Bohnen, Wasser, Kartoffeln bekommt und vielleicht sogar noch einen Schlafplatz auf einem Fußboden. Aber das Feuer beschäftigt uns immer noch. Vielleicht brach es durch einen unglücklichen Zufall aus, vielleicht auch nicht. Jedenfalls verlieren die Leute immer noch, was sie nicht erset- zen können. Selbst wenn sie selbst überleben, bringen ihnen heutzutage die Versicherungen nicht mehr viel. Auf der Autobahn haben Leute kehrtgemacht und gehen nun, in Gegenrichtung, nach Norden, um zu dem Feuer zu gelangen. Es ist gut, beim Plündern unter den ersten zu sein. »Sollen wir gehen?« fragte Zahra, den Mund voll Trocken- fleisch. Wir haben heute nacht kein Feuer gemacht. Es ist das beste für uns, mit der Dunkelheit zu verschmelzen und keine Gäste anzuziehen. Wir haben ein paar Zweige und Büsche um uns gelegt und hoffen auf das beste. »Du meinst, zurückgehen und diese Leute berauben?« wollte Harry wissen. »Aufräumen«, sagte Zahra. »Nehmen, was die Leute nicht mehr brauchen. Wer tot ist, braucht nicht mehr viel.« »Wir sollten hierbleiben und rasten«, sagte ich. »Wir sind müde, und es wird lange dauern, bis alles genug ausgekühlt ist, damit man überhaupt etwas wegnehmen kann. Außerdem wäre es ein weiter Weg zurück.« Zahra seufzte. »Ja.« »Wir haben es nicht nötig, so etwas zu tun«, sagte Harry. Zahra zuckte die Achseln. »Jedes kleine bißchen hilft.« »Noch vor kurzer Zeit hast du wegen dieses Feuers geweint.« »Nein.« Zahra zog ihre Knie an den Körper. »Ich habe nicht wegen dieses Feuers geweint. Ich weinte wegen unseres Feuers und um meine Bibi und als ich daran dachte, wie sehr ich die Leute hasse, die solche Feuer legen. Ich wünschte, sie würden selbst verbrennen. Ich wünschte, ich könnte sie verbrennen. Ich wünschte, ich könnte sie packen und ins Feuer werfen… wie sie es mit meiner Bibi getan haben.« Und sie begann wieder zu weinen, und er hielt sie, entschuldigte sich und vergoß, glaube ich, selbst ein paar Tränen. Auf solche Weise schlug der Kummer zu. Etwas erinnerte, uns an die Vergangenheit, unser Heim, an einen bestimmten Menschen, und dann wurde uns klar, daß alles dahin war. Dieser Mensch war tot oder doch zumindest wahrscheinlich tot. Alles, was wir gekannt und geschätzt hatten, war dahin. Alles außer uns dreien. Und wie gut waren wir dran? »Ich glaube, wir sollten weitergehen«, sagte Harry etwas spä- ter. Er saß immer noch bei Zahra, den Arm um sie gelegt, und ihr schien das willkommen zu sein. »Warum?« fragte sie. »Ich möchte an einen höheren Punkt, näher am Straßenni- veau oder darüber. Ich möchte das Feuer sehen können, wenn es die Autobahn erreicht und sich gegen uns hin ausbreitet. Ich will es sehen können, bevor es zu nahe kommt. Feuer bewegt sich schnell.« Ich stöhnte. »Du hast recht«, sagte ich. »Aber jetzt im Dun- keln ist es riskant, weiterzugehen. Wir könnten diesen Lager- platz einbüßen und keinen besseren finden.« »Wartet hier«, sagte er, stand auf und ging in die Dunkelheit weg. Ich hatte die Pistole, deshalb hoffte ich, daß er sein Messer bereit hielt – und daß er es nicht brauchen würde. Es machte ihm immer noch Gedanken, was vergangene Nacht passiert war. Er hatte einen Mann getötet. Das bedrückte ihn. Ich hatte einen Mann in einer, verglichen mit ihm, weit kaltblütigeren Art getötet, und es bedrückte mich nicht. Aber meine ›Kaltblü- tigkeit‹ machte ihm Sorgen. Er war kein Empath. Er verstand nicht, daß der Schmerz für mich die Hölle war. Der Tod war ein Ende dieser Hölle. Keine Bibelverse würden daran etwas än- dern, soweit es mich betraf. Er verstand die Empathie nicht. Wie sollte er auch? Die meisten Menschen wußten wenig oder, nichts darüber. Andererseits hatten meine Erdensaat-Verse ihn überrascht und ihm, wie ich glaube, auch ein bißchen gefallen. Ich war mir nicht sicher, ob er eher den Stil oder die Gedanken mochte, aber es gefiel ihm, etwas lesen und darüber sprechen zu können. »Poesie?« sagte er am Morgen, als er die Seiten durchsah, die ich ihm gegeben hatte – Seiten aus meinem Erdensaat- Notizbuch. »Ich wußte nicht, daß du etwas für Poesie übrig hast.« »Das meiste ist nicht sehr poetisch«, erwiderte ich. »Aber es ist das, woran ich glaube, und ich habe es so gut geschrieben, wie ich konnte.« Ich zeigte ihm insgesamt vier Verse – sanfte, kurze Verse, die ihn vielleicht fesselten, ohne daß er es merkte, und in seinem Gedächtnis weiterlebten, ohne daß er das wollte. Mir war es mit Teilen der Bibel so ergangen, die immer noch in meinem Kopf lebendig waren, obwohl ich aufgehört hatte zu glauben. Ich übermittelte also Harry und durch ihn auch Zahra Ge- danken, über die sie nachdenken sollten. Aber ich konnte Harry nicht von anderem abhalten: zum Beispiel seinem neuen Miß- trauen mir gegenüber (um nicht Mißfallen zu sagen). Für ihn war ich nicht mehr so ganz Lauren Olamina. Das hatte ich den ganzen Tag über in seiner Miene wahrnehmen können. Ko- misch. Joanne hatte den kurzen Ausblick auf die Realität durch mich auch nicht gemocht. Andererseits schien es Zahra nichts auszumachen. Allerdings hatte sie mich damals nicht so gut gekannt. Was sie jetzt von mir erfuhr, konnte sie akzeptieren ohne das Gefühl, früher getäuscht worden zu sein. Harry fühlte sich belogen und fragte sich vielleicht, was für weitere Lügen ich, noch erzählte oder lebte. Diese Wunde konnte nur die Zeit heilen – wenn er das zuließ. Als er zurückkam, zogen wir weiter. Er hatte einen neuen Lagerplatz in der Nähe der Autobahn, aber ohne Einsicht, gefunden. Eines der riesigen Autobahnschilder war umgefallen oder umgeworfen worden und lag da, abgestützt durch ein paar tote Sykomorenstämme. Mit diesen Bäumen bildete es ein massives Schrägdach. Steine und Asche eines Lagerfeuers zeigten uns, daß der Platz schon vor uns benützt worden war. Vielleicht waren diese Leute heute nacht hier gewesen, aber weggegangen, um zu sehen, was sie bei dem Großfeuer plün- dern konnten. Jetzt sind wir hier, glücklich über ein bißchen Ungestörtheit, den Blick auf die Hügel hinten mit dem Feuer und die Sicherheit wenigstens einer Rückendeckung. »Guter Tausch!« sagte Zahra, entrollte ihren Schlafsack und setzte sich darauf. »Ich übernehme heute die erste Wache, okay?« Ich war einverstanden. Ich gab ihr die Pistole und legte mich hin, begierig nach Schlaf. Wieder war ich erstaunt darüber, wie problemlos ich in meinen Kleidern auf dem harten Boden einschlafen konnte. Es gibt kein besseres Narkotikum als Er- schöpfung. Irgendwann in der Nacht erwachte ich in einer leisen, sanf- ten Geräuschkulisse aus Stimmen und Atmen. Zahra und Harry liebten sich. Ich drehte den Kopf und sah sie bei ihrem Tun, aber sie waren zu sehr miteinander beschäftigt, um mich zu bemerken. Und natürlich hielt niemand Wache. Ich war durch meine Teilnahme verfangen in ihrem Liebes-, akt und völlig damit beschäftigt, ruhig zu liegen und still zu sein. Ich konnte ihren Gefühlen nicht entrinnen. Ich konnte also auch nicht aufpassen. Ich konnte mich entweder mit ihnen winden oder mich ganz ruhig verhalten. Das tat ich, bis sie fertig waren – bis Harry Zahra küßte, aufstand, seine Hose hochzog und die Wache antrat. Dann lag ich wach und zornig und besorgt da. Wie, zum Teufel, konnte ich mit ihnen darüber sprechen? Es ging mich nichts an, abgesehen von der Zeit, die sie dafür wählten. Aber so ging das ja nicht! Wir hätten alle getötet werden können. Harry begann im Sitzen zu schnarchen. Ich hörte ein paar Minuten zu, dann setzte ich mich auf, griff über Zahra hinüber und schüttelte ihn. Er fuhr auf, starrte umher und wandte sich dann mir zu. Ich konnte nicht mehr von ihm sehen als eine Silhouette. »Gib mir die Pistole und schlaf weiter«, sagte ich. Er saß nur schweigend da. »Harry, du könntest uns alle umbringen. Überlaß mir Pistole und Wache und leg dich hin. Ich werde dich später wecken.« Er schaute auf die Uhr. »Tut mir leid«, sagte er. »Ich glaube, ich war müder, als ich gedacht hatte.« Seine Stimme klang allmählich weniger schlaf- trunken. »Ich bin okay. Bin jetzt richtig wach. Schlaf du weiter.« Sein Stolz hatte wieder zugeschlagen. Es würde jetzt fast un- möglich sein, ihm Pistole und Wache abzunehmen. Ich legte mich hin. »Denk an die vergangene Nacht«, sagte ich. »Wenn du sie beschützen willst, wenn du willst, daß sie am Leben bleibt, dann denk an vergangene Nacht.« Er antwortete nicht. Ich hoffte, ihn überrascht zu haben. Ich, nehme an, daß ich ihn auch beschämt hatte. Und vielleicht hatte ich ihn zornig und defensiv gemacht. Was auch immer ich getan hatte, ich hörte ihn nicht mehr schnarchen. Mittwoch, 4. August 2027 Heute hielten wir an einer kommerziellen Wasserstelle an und füllten uns und alle unsere Behälter mit reinem, sicherem Wasser. Dafür sind die Wasserhandelsstellen am besten geeig- net. Was man von einem Wasserhändler auf der Autobahn kauft, sollte zwar gekocht sein, ist aber immer noch nicht sicher. Das Kochen tötet Krankheitserreger, aber richtet nichts aus gegen chemische Rückstände – Treibstoffe, Pestizide, Herbizide und was immer vorher in den Flaschen der Händler gewesen sein mag. Daß die meisten Händler nicht lesen können, macht alles noch schlimmer. Manchmal vergiften sie sich selbst. Kommerzielle Wasserstellen lassen einen zapfen, soviel man bezahlen kann (und keinen Tropfen mehr), direkt aus einem ihrer Hähne. Man trinkt, was die lokalen Hausbesitzer trinken. Es kann schlecht schmecken, riechen oder komisch aussehen, aber es wird einen nicht umbringen. Es gibt nicht genug solcher Wasserstellen. Deshalb können die Wasserhändler existieren. Aber Wasserstellen sind auch gefährliche Orte. Die Menschen, die hingehen, müssen Geld haben. Die Menschen, die herauskommen, müssen Wasser haben, das so gut wie Geld ist. Bettler und Diebe hängen an solchen Orten herum, in Gesellschaft von Huren und Drogen- dealern. Vater hat uns vor Wasserstationen gewarnt, wenn er versuchte, uns auf den Fall vorzubereiten, daß wir hinausgehen, mußten und uns weit genug von der Nachbarschaft entfernt hatten, um in die Versuchung zu kommen, Wasser zu kaufen. Sein Rat: »Tut es nicht. Leidet lieber und bringt euern Hintern heil nach Hause.« Ja ja. Drei ist die kleinste sinnvolle Anzahl bei einer Wasserstelle. Zwei, die aufpassen, einer, der abfüllt. Und es ist gut, zu dritt zu sein in Erwartung des Ärgers auf dem Weg zur oder von der Wasserstelle. Drei würden zwar keine entschlossenen Schufte abhalten, aber wenigstens Opportunisten – und die meisten Gauner sind Opportunisten. Ihre Beute sind Alte, einzelne Frauen oder Frauen mit kleinen Kindern, Behinderte… Sie wollen selbst nicht verletzt werden. Mein Vater nannte sie Cojoten. Wenn er höflich war, nannte er sie Cojoten. Wir gingen gerade mit unserem Wasser weg, als wir sahen, wie ein Paar zweibeiniger Cojoten einer Frau, die einen großen Packen und ein Baby trug, eine Wasserflasche wegriß. Der Mann, der bei ihr war, packte den Cojoten, der das Wasser genommen hatte, aber der warf es seinem Partner zu, der damit genau in uns hineinlief. Ich stellte ihm ein Bein. Ich glaube, es war das Baby, das meine Aufmerksamkeit und meine Sympathie auf sich gezogen hatte. Die kräftige Plastikflasche mit dem Wasser brach nicht. Der Cojote auch nicht. Ich biß die Zähne zusammen, als ich seine Überraschung spürte, als er hinfiel, und den Schmerz, als er seine Unterarme aufschürfte. Daheim hatten mich die jünge- ren Kinder jeden Tag mit so etwas getroffen. Ich trat von dem Cojoten zurück und legte meine Hand auf die Pistole. Harry stellte sich neben mich. Ich war froh darüber., Zu zweit würden wir einschüchternder aussehen. Der Gatte der Frau hatte seinen Angreifer weggeschleudert, und die beiden Cojoten rannten davon, als sie sich einer Über- zahl gegenübersahen. Magere, verängstigte kleine Bastarde auf ihrer täglichen Diebestour. Ich hob die Plastikflasche mit dem Wasser auf und gab sie dem Mann. Er nahm sie und sagte: »Danke, Mann. Vielen Dank.« Ich nickte, und wir gingen weiter. Es war immer noch selt- sam, als ›Mann‹ angesprochen zu werden. Es gefiel mir nicht, aber das spielte keine Rolle. »Ganz plötzlich bist du der gute Samariter«, sagte Harry. Aber er meinte es nicht so. Es klang keine Enttäuschung in seiner Stimme mit. »Es lag an dem Baby, nicht wahr?« sagte Zahra. »Ja«, gab ich zu. »Die Familie war's. Alle zusammen.« Alle zusammen. Es waren ein Schwarzer, eine hispanisch aussehende Frau und ein Baby, das ein bißchen wie beide zusammen aus- sah, gewesen. In ein paar Jahren würden die meisten Familien in der Nachbarschaft so ausgesehen haben. Verdammt, Harry und Zahra arbeiteten daran, eine Familie wie diese auf die Beine zu bringen. Und wie Zahra schon einmal gesagt hatte, kriegen gemischte Paare hier draußen noch mehr Schwierigkeiten als andere. Aber da waren Harry und Zahra, gingen so nahe nebenein- ander, daß sie nicht verhindern konnten, hin und wieder anein- ander zu streifen. Aber sie blieben wachsam und spähten in die Runde. Wir waren jetzt auf der U.S. 101, und auf der waren sogar noch mehr Wanderer. Selbst lausig unbeholfene Diebe, würden problemlos in dieser Menge verloren gehen. Aber Zahra und ich hatten an diesem Morgen während ihrer Leseunterrichtsstunde eine Unterhaltung geführt. Wir schienen an dem Klang von Buchstaben und dem Buchstabieren einfa- cher Wörter zu arbeiten. Aber als Harry sich in die Büsche unseres dazu erklärten Toilettenareals verzog, hatte ich die Unterrichtsstunde gestoppt. »Erinnerst du dich an das, was du mir vor ein paar Tagen gesagt hast?« fragte ich sie. »Ich war geistesabwesend, und du hast mich gewarnt. Auf der Autobahn werden jeden Tag Leute umgebracht, hast du gesagt.« Zu meiner Überraschung wußte sie, worauf ich hinauswollte. »Verdammt noch mal«, sagte sie und schaute von dem Papier auf, das ich ihr gegeben hatte. »Du schläfst nicht genug, das ist alles.« Sie lächelte dabei. »Wenn du Privatheit willst, gebe ich sie dir«, sagte ich. »Du mußt es mich nur wissen lassen, und ich suche mir einen Platz für die Wache in einiger Entfernung. Ihr zwei könnt tun, was ihr wollt. Aber nichts mehr von solchem Scheiß, wenn du Wache hast!« Sie schaute verblüfft aus. »Hätte nicht gedacht, daß du solche Wörter verwendest.« »Und ich hätte nicht gedacht, daß du solche Dinge tun wür- dest wie vergangene Nacht. Das war saudumm!« »Ich weiß. Aber es war ein Vergnügen. Er ist ein großer, starker Junge.« Sie machte eine Pause. »Bist du eifersüchtig?« »Zahra!« »Mach dir keine Sorgen. Vergangene Nacht kam das überra- schend über mich. Ich… ich brauchte etwas, jemanden. So, etwas kommt so nicht wieder vor.« »In Ordnung.« »Bist du eifersüchtig?« wiederholte sie. Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ich bin so menschlich wie du«, sagte ich. »Aber ich glaube nicht, daß ich mich hier draußen einer Versuchung überlassen hätte, ohne Zukunftsaus- sichten, ohne eine Vorstellung, was geschehen wird. Die Vor- stellung, schwanger werden zu können, hätte mich sofort ge- stoppt.« »Hier draußen kriegen die Frauen ständig Kinder.« Sie grin- ste mich an. »Wie war das mit dir und deinen Freunden?« »Wir haben aufgepaßt. Wir haben Kondome verwendet.« Zahra zuckte die Achseln. »Nun ja, Harry und ich haben das nicht. Wenn was passiert, passiert es eben.« So war es offensichtlich dem Paar ergangen, dessen Wasser wir gerettet hatten. Jetzt mußten sie ein Baby nach Norden schleppen. Es blieb heute in unserer Nähe, dieses Paar. Ich sah es immer wieder einmal. Der große, stämmige, samthäutige, tiefschwarze Mann, der einen riesigen Packen trug; die kleine, hübsche, stämmige, kaffeebraune Frau mit dem Baby und einem anderen Packen; das mittelbraune Baby, das ein paar Monate alt war – mit riesigen Augen und gekräuseltem schwarzen Haar. Sie machten Rast, wenn wir es taten. Jetzt lagern sie nicht weit hinter uns. Sie sehen mehr wie potentielle Alliierte als wie eine potentielle Gefahr aus, aber ich werde sie im Auge behal- ten., Donnerstag, 5. August 2027 Heute am späten Nachmittag kamen wir zum ersten Mal in Sichtweite des Ozeans. Keiner von uns hatte ihn je zuvor gese- hen, deshalb mußten wir näher hin, ihn betrachten, in seiner Nähe lagern und sein Geräusch und seinen Geruch wahrneh- men. Nachdem wir uns erst einmal dazu entschlossen hatten, liefen wir barfuß mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch die Wellen. Manchmal standen wir auch still und starrten ihn bloß an: den Pazifischen Ozean – die größte, tiefste Wasseransamm- lung der Welt, beinahe eine halbe Welt aus Wasser, ja, und wie das so war, wir konnten nichts davon trinken. Harry zog sich bis auf die Unterhose aus und watete hinaus, bis ihm das kühle Wasser bis zur Brust reichte. Er kann natür- lich nicht schwimmen. Keiner von uns kann es. Wir haben nie zuvor genug Wasser beisammen gesehen, um darin schwimmen zu können. Zahra und ich sahen Harry mit großer Besorgnis zu. Keine von uns beiden fühlte sich frei genug, um ihm zu folgen. Ich soll einen Mann darstellen, und Zahra zieht schon genug unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie vollständig bekleidet ist. Wir beschlossen, bis nach Sonnenuntergang zu warten und dann voll bekleidet ins Wasser zu gehen, um wenig- stens einen Teil unseres Schmutzes und Gestanks loszuwerden. Dann konnten wir uns umziehen. Wir hatten beide Seifen dabei und waren begierig, sie zu benützen. Es waren noch weitere Leute am Strand. Tatsächlich war der schmale Sandstrand überlaufen von Menschen, aber sie bemüh- ten sich, einander aus dem Weg zu gehen. Sie hatten sich ver- teilt und schienen weit toleranter zu sein, als wir sie in der, Nacht in den Hügeln erlebt hatten. Ich hörte keine Streitereien oder Schüsse. Es gab keine Hunde, keine offensichtlichen Diebstähle, keine Vergewaltigungen. Vielleicht lullten die See und die Brise sie ein. Harry war nicht der einzige, der sich ausgezogen hatte und ins Wasser gegangen war. Ziemlich viele Frauen waren darin, fast unbekleidet. Vielleicht war hier ein sichererer Platz als alle, an denen wir bisher gewesen waren. Manche Leute hatten Zelte, andere hatten Feuer gemacht. Wir ließen uns bei den Überresten eines kleinen Hauses nieder. Wie es aussah, hatten wir uns immer Mauern als Schutz ge- sucht. War es wirklich besser, Mauern zu haben und vielleicht gerade dadurch in eine Falle zu geraten oder im Freien zu lagern und nach allen Seiten hin offen und verwundbar zu sein? Wir wußten es nicht, fühlten uns aber jedenfalls besser, wenn wir wenigstens eine Mauer im Rücken hatten. Ich brach ein flaches Holzstück von dem Häuschen ab, ging ein paar Schritte näher zum Ozean und begann im Sand zu graben. Ich grub, bis es feucht wurde. Dann wartete ich. »Was soll das werden?« fragte Zahra. Bis jetzt hatte sie mir schweigend zugesehen. »Trinkwasser«, sagte ich. »Nach dem, was ich in ein paar Bü- chern gelesen habe, sollte das Wasser beim Sickern durch den Sand das meiste Salz durch Filterung verlieren.« Sie schaute in das feuchte Loch. »Wann?« fragte sie. Ich grub ein bißchen tiefer. »Warten wir ab«, sagte ich. »Wenn der Trick funktioniert, werden wir es herausfinden. Möglicherweise rettet uns das eines Tages das Leben.« »Oder vergiftet uns oder macht uns krank«, erwiderte sie. Sie sah auf, um Harry tropfnaß auf uns zukommen zu sehen. Sogar, sein Haar war naß. »Sieht nackt nicht schlecht aus«, meinte sie. Er trug natürlich noch immer seine Unterhose, aber ich sah, was sie meinte. Er hatte einen gutgeformten, starken Körper, und ich nehme an, daß es ihm nichts ausmachte, daß wir ihn ansahen. Und er sah sauber aus und stank nicht mehr. Ich konnte es kaum erwarten, selbst ins Wasser zu kommen. »Macht vorwärts«, sagte er. »Die Sonne geht unter. Ich passe auf unsere Sachen auf. Geht.« Wir holten unsere Seifen heraus, gaben ihm die Pistole, zo- gen Schuhe und Socken aus und gingen ins Wasser. Es war wunderbar. Das Wasser war kalt, und es fiel schwer, aufrecht in den Wellen zu stehen, während der Sand unter unseren Füßen weggezogen zu werden schien. Aber wir spritzen einander an und wuschen alles – Kleider, Körper und Haare –, ließen uns von den Wellen herumstoßen und lachten wie die Blöden. Das war die beste Zeit, seit ich unser Heim verlassen hatte. Als wir zu Harry zurückkamen, hatte sich ziemlich viel Was- ser in dem von mir gegrabenen Loch angesammelt. Ich probier- te es – nahm ein bißchen davon mit der Hand auf, während Harry mich kritisierte. »Schau dir alle diese Leute an diesem verdammten Ort an!« sagte er. »Siehst du irgendwo ein Klo? Was glaubst du, was die hier draußen tun? Du solltest zumindest so viel Verstand haben, eine Wasserreinigungstablette hineinzugeben!« Das reichte, um den Mundvoll Wasser, den ich genommen hatte, sofort wieder auszuspucken. Er hatte natürlich recht. Aber dieser eine Mundvoll hatte mir verraten, was ich hatte wissen wollen. Das Wasser hatte etwas brackig, aber nicht, schlecht geschmeckt – trinkbar. Es mußte gekocht oder mit einer Reinigungstablette desinfiziert werden, wie Harry sagte, und vorher konnte man es noch einmal durch Sand sickern lassen, um noch mehr Salz herauszulösen. Das bedeutete, daß wir auch bei Verknappung unserer Wasservorräte überleben konnten, wenn wir in der Nähe der Küste blieben. Das war gut zu wissen. Wir hatten immer noch unsere Schatten. Das Paar mit dem Baby hatte sich in unserer Nähe niedergelassen; die Frau saß auf dem Sand und stillte ihr Baby, während der Mann neben sei- nem Packen kniete und darin herumkramte. »Glaubt ihr, die wollen sich waschen?« fragte ich Harry und Zahra. »Was willst du tun?« erwiderte Zahra. »Babysitten anbieten?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das ginge zu weit. Habt ihr was dagegen, wenn ich sie einlade, herüberzukommen?« »Hast du keine Angst, daß sie uns bestehlen werden?« fragte Harry. »Das fürchtest du doch bei jedem.« »Die haben eine bessere Ausrüstung als wir«, sagte ich. »Und sie haben hier herum keine natürlichen Verbündeten außer uns. Gemischte Paare oder Gruppen gibt es hier kaum. Kein Zweifel, daß das der Grund ist, warum sie so nahe bei uns bleiben.« »Und du hast ihnen geholfen«, sagte Zahra. »Die Leute hel- fen hier draußen Fremden kaum. Und du hast ihnen ihr Wasser zurückgegeben. Das bedeutet, daß du genug hast, so daß du es ihnen nicht wegnehmen mußt.« »Also, was meint ihr?« wiederholte ich meine Frage. Sie sahen einander an. »Mir ist es gleich«, sagte Zahra. »Solange wir ein Auge auf sie, behalten.« »Warum willst du sie dabeihaben?« fragte Harry und sah mir ins Gesicht. »Sie brauchen uns mehr als wir sie«, sagte ich. »Das ist kein Grund.« »Sie sind potentielle Verbündete.« »Wir brauchen keine Verbündeten.« »Jetzt nicht. Aber wir wären blöde Narren, wenn wir abwar- ten würden, bis wir sie brauchen und sie erst dann fragen. Bis dahin sind sie vielleicht nicht mehr in unserer Nähe.« Er zuckte die Achseln und seufzte. »Na schön. Wie Zahra sagte: solange wir sie im Auge behalten.« Ich stand auf und ging zu dem Paar hinüber. Ich sah, wie sie sich aufrichteten und anspannten, als ich näher kam. Ich achte- te sorgfältig darauf, ihnen nicht zu nahe zu kommen oder mich zu schnell zu bewegen. »Hallo«, sagte ich. »Wenn ihr beide ein Bad nehmen wollt, könnt ihr zu uns herüberkommen und euch uns anschließen. Das wäre sicherer für euer Baby.« »Euch anschließen?« sagte der Mann. »Du fragst uns, ob wir uns euch anschließen wollen?« »Ich lade euch ein.« »Warum?« »Warum nicht? Wir sind natürliche Verbündete – ein ge- mischtes Paar und eine gemischte Gruppe.« »Verbündete?« wiederholte der Mann und lachte. Ich schaute ihn verwundert an. Was gab's zu lachen? »Was, zum Teufel, willst du wirklich?« wollte er wissen. Ich seufzte. »Kommt herüber, wenn ihr wollt. Ihr seid will-, kommen, und wenn es Probleme gibt, ist man zu fünft besser dran als zu zweit.« Ich drehte mich um und ging. Sollten sie sich darüber unterhalten und eine Entscheidung fällen. »Kommen sie?« fragte Zahra, als ich zurück war. »Ich glaube schon«, sagte ich. »Aber vielleicht nicht heute abend.« Freitag, 6. August 2027 Wir machten gestern abend ein Feuer und aßen warm, aber die gemischte Familie kam nicht zu uns. Ich mache ihnen daraus keinen Vorwurf. Man bleibt hier draußen durch Mißtrauen am Leben. Sie gingen aber auch nicht weg, und es war kein Zufall, daß sie sich entschieden hatten, in unserer Nähe zu bleiben. Es war gut für sie, daß sie in der Nähe geblieben waren. Die friedli- che Szene am Strand veränderte sich in der Nacht. Hunde kamen auf den Sandstrand. Sie kamen während meiner Wache. Ich sah eine Bewegung weiter unten am Strand und versuchte zu erkennen, was es war. Dann hörte ich Schreie. Ich hielt es für einen Kampf oder einen Raubüberfall. Ich sah die Hunde nicht, bevor sie sich von einer Personengruppe lösten und landeinwärts rannten. Einer von ihnen trug etwas im Maul, aber ich konnte nicht sehen, was es war. Ich beobachtete sie, bis sie verschwunden waren. Die Leute rannten ein Stück hinter ihnen her, aber die Hunde waren zu schnell. Jemand hatte sein Eigentum verloren – ohne Zweifel Lebensmittel. Nach diesem Vorfall war ich sehr nervös. Ich stand auf, ging an die zum Land hin gelegene Seite unserer Mauer und setzte, mich an einen Punkt, wo ich mehr vom Strand sehen konnte. Dort saß ich still, die Pistole im Schoß, als ich eine Bewegung am Strand bemerkte, die ungefähr so weit entfernt war, wie ein großer städtischer Häuserblock lang ist. Dunkle Umrisse vor hellem Sand. Hunde. Drei Hunde. Sie schnüffelten einen Mo- ment am Sand, dann nahmen sie Richtung auf uns zu. Ich saß so still, wie ich nur konnte, und paßte auf. So viele Leute schlie- fen, ohne Wachen aufgestellt zu haben. Die drei Hunde liefen zwischen den Lagern herum, untersuchten, was sie interessierte, und niemand versuchte, sie zu verscheuchen. Andererseits konnten die Orangen, Kartoffeln und Körner der Leute nicht sehr verlockend für Hunde sein. Unser kleiner Vorrat an Trok- kenfleisch war da vielleicht schon eine andere Sache. Aber kein Hund würde ihn kriegen. Die Hunde hielten jedoch am Lager des gemischtes Paares an. Das Baby fiel mir ein, und ich sprang auf. Im selben Mo- ment begann das Kind zu schreien. Ich stieß Zahra mit dem Fuß an, und sie war sofort wach. Sie konnte das. »Hunde«, sagte ich. »Weck Harry auf.« Dann lief ich zu dem Paar. Die Frau schrie und schlug mit bloßen Händen auf einen Hund ein. Ein zweiter Hund wich den Tritten des Mannes aus und wollte das Kind fassen. Nur der dritte Hund hatte keinen Gegner. Ich blieb stehen, entsicherte und schoß, als der dritte Hund auf das Baby losging. Der Hund fiel ohne einen Laut um. Ich ebenfalls, nach Luft schnappend, mit einem Gefühl, als habe mir jemand gegen die Brust getreten. Es überraschte mich, wie hart der Sand war, auf den ich fiel., Auf den Knall des Schusses hin rannten die beiden anderen Hunde landeinwärts davon. Im Liegen sah ich sie vorüberlau- fen. Ich hätte noch einen von ihnen erledigen können, ließ es aber. Es tat mir schon genug weh. Wie es aussah, bekam ich keine Luft. Während ich noch nach Luft schnappte, wurde mir klar, daß ich in Zukunft am besten im Liegen schoß. Die Empa- thie würde mich weniger schwächen, wenn ich im Liegen schoß, mit beiden Händen an der Waffe. Ich legte diese Er- kenntnis für spätere Benützung ab. Interessant war auch, daß die Hunde von meinem Schuß so eingeschüchtert worden waren. Hatte der Krach ihnen so angst gemacht oder der Tod von einem von ihnen? Ich wünschte, ich wüßte mehr über Hunde. Ich habe Bücher darüber gelesen, daß sie intelligent seien und loyale Gefährten, aber das liegt alles in der Vergan- genheit. Jetzt sind Hunde wilde Tiere, die ein Baby fressen würden, wenn man sie ließe. Ich spürte, daß der Hund, auf den ich geschossen hatte, tot war. Er bewegte sich nicht. Aber eine Menge Leute waren nun aufgewacht und liefen herum. Ein lebender Hund, selbst ein verwundeter, würde jetzt verzweifelt zu entkommen versuchen. Der Schmerz in meiner Brust ebbte ab. Als ich wieder ohne Keuchen atmen konnte, stand ich auf und ging zurück zu unserem Lager. Mittlerweile gab es so viel Verwirrung rundum, daß niemand außer Harry und Zahra Notiz von mir nahm. Harry kam mir entgegen. Er nahm mir die Pistole aus der Hand, dann faßte er meinen Arm und führte mich zurück zu meinem Schlafsack. »Dann hast du also etwas erschossen«, sagte er, als ich, jetzt wieder keuchend von der kleinen Anstrengung, bei ihnen saß., Ich nickte. »Habe einen Hund getötet. Bin bald wieder okay.« »Du brauchst einen Aufpasser«, sagte er. »Die Hunde waren hinter dem Baby her!« »Du hast diese verdammten Typen adoptiert!« Ich lächelte trotz allem, weil ich ihn mochte und daran den- ken mußte, daß ich ihn und Zahra ja auch so einigermaßen adoptiert hatte. »Und was ist daran falsch?« fragte ich. Er seufzte. »Kriech in deinen Sack und schlaf, bitte. Ich übernehme die nächste Wache.« »Ein paar Leute haben einfach den Hund mitgenommen, den du erschossen hast«, sagte Zahra. »Der hätte uns gehört.« »Ich bin noch nicht so weit, daß ich Hundefleisch esse«, er- widerte Harry. »Schlaf jetzt.« ✳ ✳ ✳ Die Mitglieder der gemischten Familie heißen Travis Charles Douglas, Gloria Natividad Douglas und Dominic Douglas, sechs Monate alt, auch Domingo genannt. Sie haben eingelenkt und sich uns heute nacht angeschlossen, als wir lagerten. Wir entfernten uns von der Autobahn, um an einer anderen Stelle des Strandes das Lager aufzuschlagen, und sie sind uns gefolgt. Sobald wir uns niedergelassen hatten, kamen sie zu uns her- über, unsicher und mißtrauisch, und boten uns ein paar Stück- chen von ihrem Schatz an: Milchschokolade mit Mandeln. Richtige Milchschokolade, nicht aus Johannisbrotbaumschoten. Es war das Beste, was ich seit langer Zeit gekostet habe, selbst lange vor dem Verlassen von Robledo. »Warst du das vergangene Nacht?« fragte Natividad Harry., Das erste, was sie uns gesagt hatte, war, daß wir sie Natividad nennen sollten. »Lauren war's«, sagte Harry und wies auf mich. Sie schaute mich an. »Danke.« »Geht's deinem Baby gut?« fragte ich. »Er hat Kratzer und Sand im Mund und in den Augen vom Herumgezerrtwerden.« Sie streichelte das schwarze Haar des schlafenden Babys. »Ich habe Salbe auf die Kratzer getan und ihm die Augen gewaschen. Er ist jetzt okay. Er ist so brav. Er hat nur ein bißchen geweint.« »Weint kaum einmal«, sagte Travis voll ruhigem Stolz. Travis hatte eine ungewöhnlich tiefschwarze Hautfarbe und eine Haut, so weich, daß er in seinem ganzen Leben niemals einen Pickel gehabt haben konnte. Wenn ich ihn ansehe, möchte ich ihn berühren und fühlen, wie sich diese perfekte Haut anfaßt. Er ist jung, gutaussehend und kräftig – ein stämmiger, muskulöser Mann, groß, aber etwas kleiner und schwerer als Harry. Nativi- dad ist auch stämmig – eine milchkaffeebraune Frau mit einem hübschen runden Gesicht und langen schwarzen Haaren, die sie zu einem Ring um den Kopf hochgebunden trägt. Sie ist klein, aber es wundert einen nicht, daß sie einen Packen und ein Baby tragen und damit den ganzen Tag gleichmäßig laufen kann. Ich mag sie und fühle eine Neigung, ihr zu vertrauen. Damit muß ich vorsichtig sein. Aber ich glaube nicht, daß sie uns etwas stehlen würde. Travis hat uns noch nicht akzeptiert, sie aber schon. Wir haben ihrem Baby geholfen. Wir sind ihre Freunde. »Wir gehen nach Seattle«, erzählte sie uns. »Travis hat dort eine Tante. Sie sagte, wir können bei ihr wohnen, bis wir Arbeit gefunden haben. Wir suchen Arbeit, die mit Geld bezahlt wird.«, »Tun wir alle«, stimmte Zahra zu. Sie saß auf Harrys Schlaf- sack neben ihm und hatte ihren Arm um ihn gelegt. Die Nacht würde mühsam werden für mich. Travis und Natividad saßen auf ihren drei Säcken, die ausge- breitet waren, damit ihr Baby Platz hatte, wenn es aufwachte und herumkriechen wollte. Natividad hatte es mit einer Schnur an ihrem Handgelenk befestigt. Zwischen den beiden Paaren kam ich mir allein vor. Ich ließ sie über ihre Hoffnungen und über die Gerüchte hinsichtlich des nördlichen Eden palavern. Ich nahm mein Notizbuch heraus und begann die Tagesereignisse aufzuschreiben, wäh- rend ich immer noch die Schokolade im Mund spürte. Das Baby erwachte hungrig und weinte. Natividad öffnete ihr loses Hemd, gab ihm die Brust und kam zu mir herüber, um zu sehen, was ich tat. »Du kannst lesen und schreiben«, sagte sie verblüfft. »Ich dachte, du zeichnest vielleicht. Was schreibst du?« »Sie schreibt immer«, sagte Harry. »Bitte sie, dir ihre Poesie vorzulesen. Die ist gar nicht so übel.« Ich stöhnte. Mein Name ist androgyn, zumindest in der Be- tonung – Lauren klingt wie das maskulinere Loren. Aber Für- wörter sind spezifischer und immer noch ein Problem für Harry. »Sie?« Travis kriegte es voll mit. »Ihre?« »Verflucht, Harry«, sagte ich. »Wir haben vergessen, das Klebeband für dein Maul zu kaufen.« Er schüttelte den Kopf und lächelte betreten. »Ich hab dich mein ganzes Leben lang gekannt. Es ist nicht leicht, immer daran zu denken, alle deine Fürwörter auszutauschen. Aber ich, glaube, diesmal macht es nichts.« »Ich hab's dir gesagt!« sagte Natividad zu ihrem Mann. Dann schaute sie betreten drein. »Ich habe ihm gesagt, daß du nicht wie ein Mann aussiehst«, erklärte sie mir. »Du bist groß und stark, aber… ich weiß nicht. Du hast nicht das Gesicht eines Mannes.« Ich hatte beinahe die Brust und die Hüften eines Mannes, also sollte ich vielleicht froh sein, wenn mir jemand sagte, ich hätte kein Männergesicht – aber auf der Straße half mir das nicht. »Wir glaubten, zwei Männer und eine Frau wären besser dran als ein Mann und zwei Frauen. Hier draußen besteht der Trick darin, daß man Konfrontationen vermeidet, indem man stark aussieht.« »Wir drei helfen euch nicht gerade, stark auszusehen«, sagte Travis. Er klang bitter. Ärgerte er sich über das Baby und Nati- vidad? »Ihr seid unsere natürlichen Verbündeten«, sagte ich. »Als ich das das vorige Mal sagte, hast du geschnaubt, aber es stimmt trotzdem. Das Baby schwächt uns nicht sehr, hoffe ich, und es wird eine bessere Überlebenschance haben, wenn es von fünf Erwachsenen umgeben ist.« »Ich kann für meine Frau und meinen Sohn sorgen«, sagte Travis mit mehr Stolz als Sinn. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört. »Ich glaube, du und Natividad werden uns verstärken. Zwei Augenpaare mehr, zwei Paar Hände mehr. Habt ihr Messer?« »Ja.« Er klopfte auf seine Hosentasche. »Ich wünschte, wir hätten Pistolen wie ihr.« Das wünschte ich auch, Pistolen im Plural. Aber ich sagte es, nicht. »Du und Natividad, ihr seht stark und gesund aus. Räu- ber werden sich eine Gruppe wie uns fünf ansehen und sich dann eine leichtere Beute suchen.« Travis grunzte unverbindlich. Nun ja, ich hatte ihm zweimal geholfen und mich jetzt als eine Frau herausgestellt. Es mochte eine Weile dauern, bis er mir das vergab, ganz gleich, wie dank- bar er war. »Ich würde gerne etwas von deiner Poesie hören«, sagte Na- tividad. »Die Frau des Mannes, für den wir gearbeitet haben, schrieb Gedichte. Sie las sie mir manchmal vor, wenn sie sich einsam fühlte. Ich mochte das. Lies mir etwas von dir vor, bevor es zu dunkel wird.« Merkwürdig, sich eine reiche Frau vorzustellen, die ihrer Hausangestellten Gedichte vorlas – denn das war Natividad gewesen. Vielleicht hatte ich falsche Vorstellungen von reichen Frauen. Aber schließlich kann jeder einsam sein. Ich legte mein Notizbuch hin und nahm das Heft mit den Erdensaat- Gedichten. Ich wählte sanfte, nicht-predigermäßige Stellen aus, gut für straßenmüde Geister und Körper., Einmal oder zweimal pro Woche ist eine Versammlung von Erdensaat notwendig und gut. Sie lüftet die Gefühle und befreit den Geist. Sie macht aufmerksam, stärkt die Entschlußkraft und vereinigt die Menschen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Sonntag, 8. August 2027 »Du glaubst an dieses ganze Erdensaat-Zeug, stimmt's?« fragte mich Travis. Es war an unserem freien Tag, unserem Rasttag. Wir hatten die Autobahn verlassen, um einen Strand zu suchen, an dem wir einigermaßen bequem einen Tag und eine Nacht verbrin- gen konnten. Der Santa-Barbara-Strand, den wir fanden, schloß einen teilweise abgebrannten Park ein, in dem es Bäume und Tische gab. Er war nicht überfüllt, und wir genossen tagsüber ein bißchen Zurückgezogenheit. Das Wasser war nur ein paar Schritte entfernt. Die beiden Paare verschwanden abwechs- lungsweise, während ich auf ihr Gepäck und das Kind aufpaßte. Interessant, daß die Douglas-Familie mir bereits genügend vertraute, um mir zeitweilig alles zu überlassen, was für sie, wertvoll war. Wir vertrauten ihnen nicht genug, um sie in den beiden Nächten zuvor allein wachen zu lassen, aber wir teilten sie einzeln zu Wachen ein. In der vorigen Nacht hatten wir keine Wand im Rücken gehabt, so daß es nützlich war, zwei Wachen gleichzeitig zu haben. Natividad übernahm die Wache mit mir und Travis die mit Harry. Zuletzt wachte Zahra allein. Ich organisierte das so, weil mir klar war, daß das die Eintei- lung war, die beiden Paaren am meisten entgegenkam. Nie- mand würde den anderen allzu sehr vertrauen müssen. Jetzt, inmitten all dieser Picknicktische, Feuerstellen, Pinien, Palmen und Sykomoren, schien Vertrauen kein Problem zu sein. Wenn man dem Teil, der verkohlt und häßlich ist, den Rücken kehrt, ist das hier ein wundervoller Ort, und er ist weit genug entfernt von der Autobahn, um nicht vom unaufhörlich nach Norden drängenden Strom der Menschen gefunden zu werden. Ich habe ihn gefunden, weil ich Karten hatte – in diesem Fall eine Straßenkarte vom größten Teil des Santa Barbara County. Die Karten meiner Großeltern halfen uns bei der Orientierung abseits der Autobahn, wenn auch die meisten Straßentafeln umgefallen oder verschwunden waren. Es waren immer noch genug übrig, daß wir einen Strand finden konnten, wenn wir in seiner Nähe waren. Es gab Einheimische hier am Strand – Leute, die richtige Heime verlassen hatten, um einen Augusttag am Strand zu verbringen. Ich schnappte ein paar Gesprächsfetzen auf und fand das dabei heraus. Dann versuchte ich, mit ihnen zu sprechen. Zu meiner Über- raschung waren die meisten bereit dazu. Ja, der Park war wun- derbar, abgesehen davon, daß ein paar bemalte Narren ihn, angezündet hatten. Das Gerücht besagte, daß sie es täten, um für die Armen zu kämpfen, indem sie die von den Reichen angesammelten Güter ans Tageslicht zerrten oder zerstörten. Aber ein Park am Meer war kein Privateigentum. Er war für jedermann zugänglich. Warum also niederbrennen? Niemand wußte es. Es wußte auch niemand, woher die Mode kam, sich das Ge- sicht zu bemalen, high zu werden und Feuer zu legen. Die meisten vermuteten, daß alles in Los Angeles angefangen hatte, von wo nach ihrer Meinung die meisten dummen und bösarti- gen Entwicklungen ihren Ausgang nahmen. Ein lokales Vorur- teil. Ich sagte niemandem, daß ich aus dem L.A.-Gebiet kam. Ich lächelte nur und erkundigte mich nach dem örtlichen Arbeitsmarkt. Manche meinten, sie wüßten, wo ich arbeiten könnte für Essen oder für einen ›sicheren‹ Schlafplatz, aber niemand wußte, wo ich Geld für meine Arbeit kriegen konnte. Das bedeutete nicht, daß es solche Arbeitsplätze nicht gab, aber wenn sie existierten, so waren sie schwer zu finden und es war noch schwerer, sich für sie zu qualifizieren. Das würde ein Problem sein, wo immer wir hinkamen. Dabei wissen wir eine Menge, wir drei, wir fünf. Wir wissen eine ganze Menge. Es muß einen Weg geben, all das zusammenzuwerfen und dadurch etwas anderes aus uns zu machen als Hausgehilfen, die für Zimmer und Verpflegung arbeiteten. Wir waren eine interes- sante Gruppe. Das Wasser ist hier sehr teuer – teurer noch als in Los Ange- les oder in den Ventura Countys. Heute morgen gingen wir alle zusammen zu einer Wasserstation. Mit Straßenwasserhändlern lassen wir uns nicht ein., Gestern sahen wir drei männliche Leichen auf der Straße – eine Gruppe, jung, ohne offene Wunden, aber voll Blut, das sie erbrochen hatten; sie waren aufgetrieben und begannen zu stinken. Wir schauten sie uns aus der Nähe an, nahmen aber nichts von ihnen. Ihre Packen – falls sie welche gehabt hatten – waren schon verschwunden. Ihre Kleider wollten wir nicht. Und ihre Wasserflaschen – alle drei hatten welche –, ihre Was- serflaschen wollte nun wirklich niemand haben. Wir haben unsere gestern beim örtlichen Hanning Joss auf- gefüllt. Wir waren erleichtert und überrascht, als wir es sahen – einen vertrauenswürdigen Ort, an dem wir alles kaufen konn- ten, was wir brauchten, von Babynahrung bis zu Seife und Cremes für unsere von Salzwasser, Sonne und Marschieren gereizte Haut. Natividad kaufte neue Einsätze für ihren Baby- träger und wusch und trocknete einen Plastiksack voll alter, verschmutzter. Zahra ging mit ihr in den Waschsalon des Marktes, um einen Teil unserer schmutzigen Kleider zu wa- schen und zu trocknen. Wir trugen unsere im Seewasser gewa- schene Kleidung, die zwar salzig war, aber nicht sehr stank. Für das Waschen zu zahlen, war ein Luxus, den wir uns nicht oft leisten konnten, obwohl sich immer noch keiner von uns im Dreck wohl fühlte. Wir waren daran nicht gewöhnt. Wir hoff- ten alle auf billigeres Wasser im Norden. Ich kaufte sogar ein zweites Magazin für die Pistole – plus Lösungsmittel, Öl und Bürsten zu ihrer Reinigung. Es hatte mich bedrückt, sie vorher nicht reinigen zu können. Wenn das Ding versagte, wenn wir es brauchten, konnten wir das Leben verlieren. Das neue Magazin war auch eine Erleichterung. Es gab uns eine Chance zum schnellen Nachladen und Weiterschießen., Jetzt lagerten wir im Schatten der Pinien und Sykomoren, genossen die Seebrise, ruhten uns aus und plauderten. Ich schrieb, führte die Notizen dieser Woche ausführlich aus. Ich war damit gerade fertig geworden, als Travis sich neben mich setzte und diese Frage stellte: »Du glaubst an dieses ganze Erdensaat-Zeug, stimmt's?« »Jedes Wort«, sagte ich. »Aber… du hast es doch selbst geschrieben.« Ich langte hinunter, nahm einen kleinen Stein auf und legte ihn zwischen uns auf den Tisch. »Wenn ich dies analysieren und dir alles sagen könnte, woraus es besteht, würde das bedeu- ten, daß ich seine Bestandteile hergestellt habe?« Er starrte den Stein an. Dann richtete er seinen Blick auf mich. »Was hast du denn analysiert, um Erdensaat zu erhal- ten?« »Die anderen, mich selbst, alles, was ich zu lesen, hören, se- hen bekam, die ganze Geschichte, die ich gelernt habe. Mein Vater war – ist – ein Priester und Lehrer. Meine Stiefmutter leitete eine Nachbarschaftsschule. Ich hatte die Chance, eine Menge mitzukriegen.« »Was hat dein Vater von deiner Vorstellung von Gott gehal- ten?« »Er hat nie davon erfahren.« »Du hattest nie den Mut, es ihm zu sagen.« Ich zuckte die Achseln. »Er ist der eine Mensch auf Erden, den nie zu verletzen ich mich sehr bemüht habe.« »Ist er tot?« »Ja.« »Tja. Meine Eltern auch.« Er schüttelte den Kopf. »Die Leute, werden heutzutage nicht alt.« Es gab eine Pause. Nach einer Weile fragte er: »Wie bist du auf diese Vorstellung von Gott gekommen?« »Ich suchte Gott«, sagte ich. »Ich suchte nicht Mythologie, Mystizismus oder Magie. Ich wußte nicht, ob man ihn auch finden konnte, wollte es aber herauskriegen. Gott mußte eine Macht sein, der sich nichts und niemand widersetzten konnte.« »Der Wechsel.« »Der Wechsel, ja.« »Aber das ist kein Gott. Das ist keine Person oder Intelligenz, und nicht einmal ein Ding. Es ist nur… ich weiß nicht. Es ist nur eine Vorstellung.« Ich lächelte. War das eine so schlimme Kritik? »Es ist die Wahrheit«, sagte ich. »Die Veränderung ist unaufhörlich. Alles verändert sich irgendwie – Größe, Ort, Zusammensetzung, Frequenz, Geschwindigkeit, Denken, was auch immer. Jedes Lebewesen, jedes bißchen Materie, die ganze Energie im Uni- versum verändert sich ständig. Ich behaupte nicht, daß sich alles ununterbrochen vollständig verändert, aber alles ändert sich irgendwann irgendwie.« Harry, der tropfend aus dem Wasser kam, hörte das. »Das ist ungefähr so, als sagte man, Gott sei der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik«, sagte er grinsend. Er und ich hatten das schon besprochen. »Das ist ein Aspekt Gottes«, sagte ich zu Travis. »Kennst du diesen Zweiten Hauptsatz?« Er nickte. »Entropie. Die Vorstellung, daß der natürliche Strom der Wärme immer von etwas Heißem zu etwas Kühlem fließt – niemals umgekehrt – und folglich das Universum sich, abkühlt, langsamer wird, seine Energie sich ausgleicht.« Meine Miene verriet meine Überraschung. »Meine Mutter schrieb früher für Zeitungen und Magazine«, erklärte er. »Sie unterrichtete mich zu Hause. Dann starb mein Vater, und sie verdiente nicht genug, um das Haus zu erhalten. Dann fand sie keine bezahlte Arbeit mehr. Sie mußte als Aus- hilfsköchin arbeiten, unterrichtete mich aber weiter.« »Sie hat dich über Entropie unterrichtet?« fragte Harry ver- blüfft. »Sie brachte mir Lesen und Schreiben bei«, sagte Travis. »Dann brachte sie mir bei, wie man sich selbst unterrichtet. Der Mann, für den sie arbeitete, hatte eine Bibliothek – einen gan- zen großen Raum voller Bücher.« »Er hat dir erlaubt, sie zu lesen?« fragte ich. »Er hätte mich nicht einmal in ihre Nähe gelassen.« Travis lächelte humorlos. »Ich las sie trotzdem. Meine Mutter steckte sie mir heimlich zu.« Natürlich. Sklaven haben das schon vor zweihundert Jahren so gemacht. Sie lernten heimlich und bildeten sich selbst, so gut sie konnten, und manchmal wurden sie deshalb ausgepeitscht, verstümmelt oder verkauft. »Hat er dich oder sie jemals erwischt?« fragte ich. »Nein.« Travis blickte auf das Meer hinaus. »Wir waren acht- sam. Das war wichtig. Sie nahm niemals mehr als ein einziges Buch. Ich glaube, die Ehefrau wußte Bescheid, aber das war eine feine Frau. Sie sagte niemals etwas. Sie war diejenige, die ihn dazu brachte, daß er mich Natividad heiraten ließ.« Der Sohn der Köchin, der eines der Zimmermädchen heira- tet. Das kam aus einem anderen Zeitalter., »Dann starb meine Mutter und alles, was Natividad und ich hatten, waren wir selbst, und dann das Baby. Ich war Gärtner und Hausmeister, aber eines Tages entschied der alte Bastard, für den wir arbeiteten, er wolle Natividad. Er sah zu, wenn sie das Baby stillte. Rückte ihr nicht mehr von der Pelle. Das war der Grund, warum wir weggingen. Das ist der Grund, warum seine Frau uns geholfen hat. Sie hat uns Geld gegeben. Sie wußte, daß es nicht Natividads Schuld war. Und ich wußte, daß ich den Kerl nicht umbringen wollte. Also gingen wir weg.« Wenn so etwas in den Zeiten der Sklaverei passierte, gab es nichts, was die Sklaven dagegen tun konnten – zumindest nichts, das nicht dazu führte, daß sie geschlagen, verkauft oder getötet wurden. Ich sah Natividad an, die nicht weit entfernt auf ausgebreite- ten Schlafsäcken saß, mit ihrem Baby spielte und mit Zahra sprach. Sie hatte Glück gehabt. Wußte sie das? Wie viele andere Menschen hatten weniger Glück – waren unfähig, der Auf- merksamkeit des Herrn zu entgehen oder die Sympathie der Herrin zu erlangen. Wie weit gingen die Herrschaften in unse- ren Tagen, um unterwürfige Diener in ihren Häusern zu haben? »Ich kann noch immer nicht sehen, warum Veränderung oder Entropie Gott sein sollten«, sagte Travis, um das Gespräch wieder auf Erdensaat zu bringen. »Dann sag mir eine durchdringendere Kraft als die Verände- rung«, erwiderte ich. »Es geht nicht nur um Entropie. Gott ist komplexer als das. Das sollte dir schon das menschliche Verhal- ten zeigen. Und die Komplexität ist noch höher, wenn du mit mehreren Dingen zur selben Zeit zu tun hast – was eigentlich immer der Fall ist. Es geschehen ständig alle möglichen Verän-, derungen im Universum.« Er schüttelte den Kopf. »Mag sein, aber niemand geht hin und verehrt sie.« »Das will ich auch hoffen«, sagte ich. »Erdensaat hat mit der gegenwärtigen Realität zu tun, nicht mit übernatürlichen Auto- ritätsgestalten. Verehrung ist nichts ohne Handlung. Und zusammen mit Handlungen ist sie nur nützlich, wenn sie dich stärkt, deine Anstrengungen bündelt und deinen Geist befreit.« Er lächelte unglücklich. »Das Beten macht es den Leuten auch dann leichter, wenn sie nichts tun können«, sagte er. »Ich glaubte immer, Gott sei das, was für die Menschen gut ist – was den Leuten hilft, durchzustehen, was sie durchstehen müssen.« »Das ist es nicht, wofür Gott da ist, aber es gibt Zeiten, wo das Beten diesen Sinn hat. Und dann gibt es Zeiten, wo diese Verse einen Sinn haben. Gott ist die Veränderung, und am Ende setzt er sich durch. Aber es macht Hoffnung, wenn man das Wesen Gottes versteht – er ist nicht strafend oder eifersüch- tig, sondern unendlich anpassungsfähig. Es ist sinnvoll, sich klarzumachen, daß jeder und alles an Gott teilhat. Es liegt Macht in dem Wissen, daß Gott fokussiert, zerstreut und ge- formt werden kann, von jedem von uns. Es liegt keine Macht darin, Wissen und Kraft zu haben und darauf zu warten, daß Gott Dinge für uns erledigt oder uns rächt. Das weißt du. Du wußtest es, als du deine Familie genommen und das Haus deines Herrn verlassen hast. Gott formt uns jeden Tagen unse- res Lebens. Am besten ist es, wenn man das begreift und den Effekt umkehrt: Forme Gott!« »Amen!« sagte Harry lächelnd. Ich sah ihn an, zwischen Ärger und Belustigung schwankend,, und ließ die Belustigung die Oberhand behalten. »Zieh was an, bevor du dir einen Sonnenbrand holst, Harry«, sagte ich. »Du hast das so gesagt, als könntest du ein Amen brauchen«, sagte er entschuldigend, während er ein weit geschnittenes, blaues Hemd anzog. »Willst du weiterpredigen, oder willst du etwas essen?« Es gab Bohnen mit Trockenfleischstückchen, Tomaten, Pa- prika und Zwiebeln. Es war Sonntag. Im Park gab es offene Feuerstellen, und wir hatten jede Menge Zeit. Wir hatten sogar ein kleines Weißbrot, und das Baby richtige Säuglingsnahrung mit Milch statt zerquetschtem oder von der Mutter vorgekau- tem Was-immer-wir-aßen. Es war ein guter Tag. Hin und wieder stellte mir Travis eine weitere Frage oder forderte mich sonstwie zu einer Äußerung bezüglich Erdensaat heraus, und ich versuchte zu antworten, ohne daß es nach einer Predigt klang – was nicht so einfach war. Ich glaube aber, daß ich es meistens schaffte. Zahra und Natividad fingen an, darüber zu debattieren, ob ich von einem Gott oder einer Göttin sprach. Als ich herausstrich, daß Gott gar kein Geschlecht habe und überhaupt keine Person sei, waren sie leicht verwirrt, aber nicht völlig ablehnend. Nur Harry weigerte sich beharrlich, die Diskussion ernst zu nehmen. Aber ihm gefiel die Idee, ein Tagebuch zu führen. Gestern hat er sich ein kleines Heft gekauft, und jetzt schreibt auch er – außer- dem hilft er Zahra bei ihren Bemühungen, lesen und schreiben zu lernen. Ich würde ihn gerne für Erdensaat anwerben. Ich hätte sie alle gern dabei. Sie könnten die ersten Mitglieder einer Erden- saat-Gemeinschaft sein. Ich würde wahnsinnig gern Dominic, Erdensaat lehren, wenn er aufwächst. Ich würde ihn unterrich- ten, und er mich. Die Fragen, die einem Kinder stellen, machen einen wahnsinnig, weil sie kein Ende nehmen. Aber sie bringen einen auch zum Denken. Aber vorläufig hatte ich es erst einmal mit Travis' Fragen zu tun. Ich nahm die Gelegenheit wahr. Ich erzählte ihm von unserer Bestimmung. Er hatte mich immer und immer wieder gefragt, was bei Er- densaat der springende Punkt sei. Warum sollte man die Ver- änderung personifizieren, indem man sie Gott nannte? Wenn Veränderung nur eine Idee ist, warum sie dann nicht so nen- nen? Man sage einfach, Veränderung sei wichtig. »Weil sie dann nach einer Weile nicht mehr wichtig wäre!« erwiderte ich ihm. »Die Leute vergessen Ideen. Sie erinnern sich eher an Gott – vor allem, wenn sie Angst haben oder verzweifelt sind.« »Und was sollen sie dann tun?« wollte er wissen. »Ein Ge- dicht lesen?« »Oder sich an eine Wahrheit erinnern oder an einen Trost, oder daran erinnert werden, daß sie etwas tun müssen. Das tun die Menschen die ganze Zeit. Sie greifen zurück auf die Bibel, auf den Talmud, auf den Koran oder sonst ein religiöses Buch, das ihnen hilft, mit den erschreckenden Wechselfällen in ihren Leben fertigzuwerden.« »Veränderung macht den meisten Menschen Angst.« »Weiß ich. Gott ist furchteinflößend. Am besten lernt man, damit fertig zu werden.« »Was du sagst, ist nicht gerade tröstlich.« »Nach einer Weile schon. Ich wachse da selber erst hinein., Gott ist nicht gut oder böse, er bevorzugt oder haßt dich nicht, und es ist besser, ihn zum Partner als zum Gegner zu haben.« »Dein Gott kümmert sich doch überhaupt nicht um dich«, sagte Travis. »Umso mehr Grund, mich um mich selbst und um die ande- ren zu kümmern. Umso mehr Grund, Erdensaat- Gemeinschaften zu gründen und gemeinsam Gott zu formen. ›Gott ist Trickster, Lehrer, Chaos, Lehm.‹ Wir entscheiden, welchen Aspekt wir annehmen – und wie wir mit den anderen umgehen.« »Ist es das, was du vorhast? Erdensaat-Gemeinschaften gründen?« »Ja.« »Und was dann?« Jetzt war es soweit. Die Eröffnung. Ich schluckte und wandte mich ein wenig ab, so daß ich das verbrannte Areal überblicken konnte. Es war so verdammt häßlich. Es fiel schwer, sich vorzu- stellen, daß jemand das absichtlich gemacht hatte. »Und was dann?« beharrte Travis. »Ein Gott wie der deine wird keinen Himmel bereithalten für die Hoffnung der Men- schen, was gibt es also statt dessen?« »Himmel«, sagte ich und sah ihn wieder an. »O ja, den Himmel.« Er erwiderte nichts. Er warf mir einen seiner mißtrauischen Blicke zu und wartete ab. »Die Bestimmung von Erdensaat ist es, unter den Sternen Fuß zu fassen«, sagte ich. »Das ist das letztendliche Ziel von Erdensaat, und die letztendliche Veränderung des Menschen, abgesehen vom Tod. Es ist eine Bestimmung, die wir besser, verfolgen sollten, wenn wir etwas anderes sein wollen als weichhäutige Dinosaurier – heute da, morgen weg, unsere Knochen vermischt mit den Trümmern und der Asche unserer Städte, und weiter nichts mehr.« »Weltraum?« fragte er. »Mars?« »Über den Mars hinaus«, erwiderte ich. »Andere Sonnensy- steme. Lebende Welten.« »Du bist völlig verrückt«, meinte er, aber es gefiel mir, wie sanft und ruhig er es sagte – eher bewundernd als belustigt. Ich grinste. »Ich weiß, daß es noch lange Zeit unmöglich sein wird. Jetzt ist die Zeit, die Fundamente zu legen – die Erden- saat-Gemeinschaften –, ausgerichtet auf die Bestimmung. Immerhin existiert mein Himmel real, und man muß nicht sterben, um in ihn zu kommen. ›Die Bestimmung von Erden- saat ist es, Wurzeln unter den Sternen zu schlagen‹ oder in der Asche zu bleiben.« Ich deutete mit einem Nicken auf das Ge- lände. Travis hörte mir zu. Er wies nicht darauf hin, daß ein Mensch, der von einem Punkt nördlich von L.A. nach Gott- weißwohin mit allem seinem Besitztum auf dem Rücken unter- wegs war, sich kaum in der Position befand, den Weg nach Alpha Centauri zu weisen. Er war ein guter Zuhörer. Er lachte ein bißchen – als hätte er Angst, dabei erwischt zu werden, daß er meine Vorstellungen zu ernst nahm. Aber er zog sich nicht von mir zurück. Er neigte sich nach vorn. Er argumentierte. Er stritt. Er stellte noch mehr Fragen. Natividad sagte zu ihm, er solle aufhören, mir auf den Wecker zu fallen, aber er machte weiter. Mir machte es nichts aus. Ich verstehe Beharrlichkeit. Ich bewundere sie., Sonntag, 15. August 2027 Ich glaube, Travis Charles Douglas ist mein erster Konvertit. Zahra Moss ist die zweite. Zahra hat die ganze Zeit zugehört, während die Tage vergingen und Travis und ich immer wieder miteinander debattierten. Manchmal stellte sie Fragen oder strich heraus, wo sie Lücken in der Argumentation sah. Nach einer Weile sagte sie: »Ich habe kein Interesse am Weltraum. Diesen Teil könnt ihr für euch behalten. Aber wenn ihr eine Gemeinschaft zusammenbringen wollt, wo sich die Leute umeinander kümmern und nicht herumgestoßen werden, bin ich dabei. Ich habe mit Natividad gesprochen. Ich möchte nicht so leben müssen, wie sie es tun mußte. Ich möchte auch nicht so leben müssen wie meine Mutter.« Ich fragte mich, wie groß der Unterschied gewesen war zwi- schen Natividads früherem Dienstherrn, der sie wie sein Eigen- tum behandelt hatte, und Richard Moss, der junge Mädchen für seinen Harem gekauft hatte. Zweifellos war das alles eine Sache der persönlichen Empfindung. Natividad hatte es ihrem Dienst- herrn übelgenommen. Zahra hatte Richard Moss akzeptiert und vielleicht sogar geliebt. Erdensaat wurde genau hier auf dem Highway 101 geboren – auf dem Teil des 101, der einst El Camino Real hieß, der Kö- nigsweg aus Kaliforniens spanischer Vergangenheit. Jetzt ist er eine Autobahn, ein Fluß der Armut. Ein Fluß, der nach Norden fließt. Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich in diesem Fluß fi- schen sollte, während ich seinem Lauf folge. Ich sollte die, Menschen beobachten, nicht nur, um die zu entdecken, die uns gefährlich werden könnten, sondern auch, um die wenigen wie Travis und Natividad zu finden, die sich uns anschließen wollen und willkommen wären. Und was dann? Einen Ort finden, den wir besetzen und übernehmen könnten? Vorgehen, als seien wir eine Gang? Nein. Nicht wie eine Gang. Wir sind keine Gangstertypen. Ich will keine Gangster mit ihrem Hang zu Dominanz, Raub und Terror. Und doch werden wir dominieren müssen. Wir müssen vielleicht rauben, um zu überleben, und vielleicht sogar Terror verbreiten, um Feinde abzuschrecken oder zu töten. Wir wer- den uns sehr sorgsam darum kümmern müssen, wie wir unse- ren Bedürfnissen erlauben, uns zu formen. Aber wir brauchen kultivierbares Land, eine entsprechende Wasserquelle und genügend Freiheit von Attacken, daß wir uns etablieren und wachsen können. Es mag möglich sein, einen solchen isolierten Ort irgendwo an der Küste zu finden und einen Deal mit den derzeitigen Bewohnern zu machen. Wenn wir ein paar Leute mehr und wenn wir besser bewaffnet wären, könnten wir Sicherheit im Austausch gegen Lebensraum anbieten. Wir könnten auch Kindererziehung plus Lese- und Schreibunterricht für erwach- sene Analphabeten anbieten. Dafür müßte es einen Markt geben. So viele Menschen, Kinder und Erwachsene, sind heut- zutage Analphabeten… Dann könnten wir es tun – unsere eigene Nahrung anbauen und uns selbst und unsere Nachbarn in etwas vollkommen Neues hineinwachsen lassen. In Erden- saat., Der Boden unter deinen Füssen bewegt sich, verändert sich. Die Galaxien bewegen sich durch den Weltraum. Die Sterne leuchten, glühen, altern, erkalten, entwickeln sich. Gott ist Wechsel. Gott setzt sich durch. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Freitag, 27. August 2027 (aus Notizen am Sonntag, den 29. August, erweitert) Heute gab's ein Erdbeben. Es ereignete sich am frühen Morgen, gerade als wir den Ta- gesmarsch antreten wollten, und es war heftig. Der Boden selbst gab ein tiefes, rumpelndes Rumoren wie begrabener Donner von sich. Alles stieß und erzitterte, dann schien sich der Grund zu senken. Ich bin sicher, etwas senkte sich, obwohl ich nicht weiß, wie weit. Sobald das Schütteln aufgehört hatte, sah alles aus wie zuvor – außer plötzlichen Staubpilzen, die da und dort aus den uns umgebenden braunen Hügeln hochwirbelten., Die Menschen kreischten oder schrien während des Erdbe- bens. Einige verloren unter ihren schweren Packen das Gleich- gewicht und fielen in den Schmutz oder auf den zerbrochenen Asphalt. Travis passierte das beinahe, mit Dominic auf der Brust und dem schweren Packen auf dem Rücken. Er stolperte, strauchelte und schaffte es irgendwie, sich zu fangen. Das Baby, unverletzt, aber aufgeschreckt durch das plötzliche Schütteln, begann zu schreien, und das kam zum Lärm von zwei älteren Kindern dazu, die in der Nähe gelaufen waren, und zu den plötzlichen Redeausbrüchen von fast jedermann und dem Keuchen eines alten Mannes, der während der Erdstöße ge- stürzt war. Ich verdrängte mein übliches Mißtrauen und ging nachse- hen, ob der alte Mann in Ordnung war – nicht, daß ich hätte viel tun können, wenn er es nicht gewesen wäre. Ich holte seinen Stock zurück – er war außer seine Reichweite gefallen – und half ihm auf. Er war leicht wie ein Kind, dünn, zahnlos, und er fürchtete sich vor mir. Ich klopfte ihm auf die Schulter und schickte ihn auf seinen weiteren Weg, und als er mir den Rücken zudrehte, schaute ich nach, ob er mir nicht etwas geklaut hatte. Die Welt ist voll von Dieben. Greise und Kinder sind oft Taschendiebe. Ich vermißte nichts. Ein Mann neben mir lächelte mich an – ein älterer, aber noch nicht alter schwarzer Mann, der noch alle seine Zähne besaß, und der seine Habseligkeiten in zwei Satteltaschen aufbewahrte, die auf einem schmalen, stabilen Einkaufswagen mit Metall- rahmen hingen. Er sagte nichts, aber mir gefiel sein Lächeln. Ich lächelte zurück. Dann erinnerte ich mich daran, daß man mich, für einen Mann halten sollte, und fragte mich, ob er meine Verkleidung durchschaut hatte. Nicht, daß das etwas ausge- macht hätte. Ich ging zu meiner Gruppe zurück, wo Zahra und Natividad Dominic es sich bequem machten. Harry hob etwas von der Straße auf. Ich ging zu ihm hin und sah, daß er einen schmutzi- gen Lumpen, der zu einem kleinen festen Ball zusammengekno- tet war, am Straßenrand gefunden hatte. Harry drehte an dem alten Lumpen und eine Rolle Geld fiel in seine Hand. Hundert- Dollar-Scheine, zwei oder drei Dutzend davon. »Steck es weg!« flüsterte ich. Er steckte das Geld tief in seine Hosentasche. »Neue Schuhe«, flüsterte er. »Gute Schuhe und andere Sachen. Brauchst du etwas?« Ich hatte ihm versprochen, ein neues Paar Schuhe zu kaufen, sobald wir einen vertrauenswürdigen Laden gefunden hatten. Seine waren abgetragen. Jetzt kam mir eine andere Idee. »Wenn du genug Geld hast«, flüsterte ich, »kauf dir eine Waffe. Ich werde dir schon noch Schuhe besorgen. Du schaust, daß du eine Waffe bekommst!« Ich ignorierte seine Überraschung und wandte mich an die anderen. »Seid ihr alle okay?« Jeder war es. Dominic war wieder glücklich, weil er auf dem Rücken seiner Mutter sitzen und mit ihren Haaren spielen konnte. Zahra ordnete ihren Packen und Travis ging vor und warf einen Blick auf die kleine Gemeinde, die vor uns lag. Es war bäuerliches Land. Wir kamen seit Tagen durch nichts anderes als kleine sterbende Städtchen, verwitternde an der Straße liegende Dörfchen und Farmen, einige bewohnt, andere verlassen und von Gras überwuchert. Wir folgten Travis nach., »Feuer«, sagte er, als wir ihn erreicht hatten. Ein Haus am Fuße des Hügels rauchte aus mehreren seiner Fenster. Leute verließen die Autobahn und gingen darauf zu. Das würde Ärger geben. Den Besitzern des Hauses mochte es gelingen, das Feuer zu löschen, danach würden sie aber von den Plünderern überwältigt werden. »Verschwinden wir von hier«, sagte ich. »Die Leute dort un- ten sind immer noch stark, und sie werden sich bald belagert fühlen. Dann werden sie zurückschlagen.« »Vielleicht finden wir etwas, das wir brauchen können«, me- ckerte Zahra. »Da unten gibt es nichts, was es wert wäre, über den Haufen geschossen zu werden«, sagte ich. »Gehen wir!« Ich schritt voran, an dem Dörfchen vorüber, und wir waren fast vorbei, als die Schießerei anfing. Es waren immer noch Leute um uns auf der Straße, aber viele waren in das Dorf abgezweigt, um zu stehlen. Die Menge würde ihr Interesse nicht auf das eine brennende Haus beschränken, und alle anderen Haushalte mußten Widerstand leisten. Es gab weitere Schüsse hinter uns – zuerst einzelne Schüsse, dann unregelmäßige Schußwechsel, dann das unverkennbare Knattern von automatischen Waffen. Wir gingen schneller, in der Hoffnung, daß wir es hinter die Hügellinie schafften, bevor jemand in unsere Richtung schoß. »Scheiße!« flüsterte Zahra, als sie zu mir aufholte. »Ich hätte wissen müssen, daß so etwas passiert. Die Leute hier draußen in der Mitte des Niemandslandes sind harte Knochen.« »Ich glaube nicht, daß es ihnen deshalb gelingt, den Tag zu überstehen«, sagte ich und schaute zurück. Es gab jetzt viel, mehr Rauch, und er erhob sich nun an mehr als einer Stelle. Entfernte Schüsse und Schreie vermischten sich mit Gewehr- feuer. Ein ungünstiger Ort für eine nackte, kleine Gemeinde. Die Leute hätten ihre Heime in den Bergen verstecken sollen, wo Fremde sie nicht hätten sehen können. Das war etwas, das ich mir merken mußte. Alles, was die Leute dieser Gemeinde jetzt noch tun konnten, war, ein paar von ihren Peinigern mitzunehmen. Morgen würden die Überlebenden mit schnell zusammengeklaubten Habseligkeiten auf dem Rücken ebenfalls auf der Straße unterwegs sein. Es ist merkwürdig, aber ich glaube eigentlich nicht, daß je- mand auf der Straße auf den Gedanken gekommen wäre, das Dorf gemeinsam anzugreifen, wenn nicht das Erdbeben – oder etwas anderes – das Feuer entfacht hätte. Ein kleines Feuer war die Bresche, die es den Aasgeiern erlaubte, das ganze Dorf zu verwüsten – was sie jetzt ohne Zweifel taten. Die Schießerei konnte ein paar erschrecken, einige töten oder verwunden und die restlichen in große Wut versetzen. Wenn die Leute dieser Gemeinde sich dafür entschieden hatten, an einem so gefährli- chen Ort zu leben, hätten sie eine überwältigend starke Vertei- digung einrichten müssen – eine vorgeschobene Linie mit Explosivladungen und Brandsätzen oder etwas Ähnliches. Nur eine Einrichtung von solcher Stärke, Zerstörungskraft und Plötzlichkeit würde Angreifer abschrecken, sie in Panik verset- zen und in die Flucht schlagen, die überwältigender war als die Gier und die Not, die sie hierher gebracht hatten. Wenn die Leute in der Gemeinde nichts in dieser Art besaßen, hätten sie ihr Geld und ihre Kinder nehmen und in dem Moment, da sie die Horde kommen sahen, so schnell wie möglich davonrennen, sollen. Sie kannten diese Hügel besser als die wandernden Plünderer. Sie hätten sich Verstecke herrichten oder in den Hügeln zerstreuen sollen, während die Aasgeier ihre Wohnun- gen verwüsteten. Aber sie hatten nichts davon getan, und nun erhoben sich schwere, dicke Wolken hinter uns, die noch mehr Plünderer anzogen. »Die ganze Welt ist verrückt geworden«, sagte eine Stimme neben mir, und ich wußte, bevor ich ihn sah, daß es der Mann mit den Satteltaschen auf dem Einkaufskarren war. Wir hatten unser Tempo ein wenig verlangsamt und zurückgeschaut, und er war aufgerückt. Er hatte sich auch nicht an der Plünderung des Dörfchens beteiligt. Er sah nicht aus wie ein Mann, der plündert. Seine Kleider waren schmutzig und gewöhnlich, aber sie paßten ihm gut und sie sahen fast neu aus. Seine Jeans waren noch dunkelblau und hatten Reste von Bügelfalten. Sein rotes, kurzärmliges Hemd hatte noch alle Knöpfe dran. Er trug teure Wanderschuhe und hatte vor noch nicht allzu langer Zeit einen teuren, fachmännischen Haarschnitt verpaßt bekommen. Was machte er hier draußen auf der Straße als Karrenschieber? Ein reicher Armer – oder zumindest ein ehemals reicher Armer. Er trug einen kurzen, üppigen, grau gesprenkelten Bart. Ich moch- te seinen Blick, wie ich es zuvor getan hatte. Was für ein gutaus- sehender alter Mann! War die Welt verrückt geworden? »Ich habe gelesen«, sagte ich zu ihm, »daß die Welt alle vier oder fünf Jahrzehnte verrückt wird. Der Trick dabei ist, zu überleben, bis sie sich wieder beruhigt hat.« Ich demonstrierte meine Erziehung und Bildung, ich gebe es zu. Aber der alte Mann schien unbeeindruckt., »Die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts waren auch ver- rückt«, sagte er. »Aber sie waren reich. Nicht im entferntesten so übel wie das hier. Ich glaube nicht, daß es jemals zuvor so schlimm war. Diese Leute, diese Tiere dort hinten…« »Ich verstehe nicht, wie sie so handeln können«, sagte Nati- vidad. »Ich wünschte, wir könnten die Polizei rufen – wer auch immer hier die Polizei ist. Diese Haushalte dort hinten sollten sie rufen.« »Das wäre nicht gut«, sagte ich. »Selbst wenn die Bullen heu- te anstatt morgen kämen, würden sie nur den Blutzoll erhö- hen.« Wir gingen weiter, der Fremde mit uns. Er schien zufrieden zu sein, daß er mit uns gehen konnte. Er hätte zurückfallen können oder vorausgehen, da er seine Last nicht tragen mußte. Solange er auf der Straße blieb, konnte er sehr schnell gehen. Aber er blieb bei uns. Ich sprach mit ihm, stellte mich vor und erfuhr, daß er Bankole hieß – Taylor Franklin Bankole. Unsere Nachnamen stellten sofort eine Verbindung zwischen uns her. Wir stammen beide von Leuten ab, die während der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts afrikanische Nachnamen angenom- men hatten. Sein Vater und mein Großvater hatten ihre Namen offiziell geändert, und beide hatten Yoruba-Namen gewählt. »Die meisten Leute haben damals Suaheli-Namen gewählt«, erzählte mir Bankole. Er bestand darauf, Bankole genannt werden. »Mein Vater hat es anders gemacht. Sein ganzes Leben mußte er anders sein als die anderen.« »Ich kenne die Gründe meines Großvaters nicht«, sagte ich. »Sein Familienname war Broome, bevor er ihn änderte, und das war kein Verlust. Aber warum wählte er gerade Olamina…?, Auch mein Vater wußte das nicht. Großvater nahm die Na- mensänderung vor, bevor mein Vater geboren wurde, daher hieß mein Vater schon immer Olamina und wir auch.« Bankole war ein Jahr jünger als mein Vater. Er war in den Siebzigern geboren und damit seiner Meinung nach viel zu alt, um auf der Autobahn mit seiner gesamten Habe in ein paar Satteltaschen zu wandern. Er war 57. Ich ertappte mich bei dem Wunsch, er wäre jünger, damit er länger leben könnte. Alt oder nicht, er hörte die beiden Frauen, die um Hilfe rie- fen, früher als wir. Vor uns war eine Straße, mehr Dreck als Asphalt, die zur Au- tobahn kam, neben ihr verlief und dann von der Autobahn weg in die Berge führte. An dieser Straße stand ein zusammengefal- lenes Haus; der Staub vom Einsturz hing noch darüber in der Luft. Es war wohl schon nicht mehr viel von dem Haus dagewe- sen, bevor es zusammenfiel. Jetzt war es überhaupt nur noch Bauschutt. Und nachdem uns Bankole darauf aufmerksam gemacht hatte, konnten wir von dort schwache Schreie hören. »Klingt nach Frauen«, sagte Harry. Ich seufzte. »Gehen wir hin. Man muß vielleicht nur Holz von ihnen wegräumen oder etwas ähnliches.« Harry faßte mich an der Schulter. »Bist du sicher?« »Ja.« Ich nahm die Waffe heraus und gab sie ihm für den Fall, daß der Schmerz von irgend jemandem mich nutzlos machen würde. »Deck uns den Rücken«, sagte ich. Wir näherten uns mit äußerster Vorsicht. Wir wußten, daß ein Hilferuf eine Falle sein und uns möglicherweise zu Angrei- fern führen konnte. Einige wenige Leute folgten uns von der Straße, und Harry blieb zurück, zwischen ihnen und uns. Ban-, kole schob seinen Karren mit und blieb bei mir. Es waren zwei Stimmen, die aus dem Bauschutt hervordran- gen. Beide klangen weiblich. Die eine bettelte, die andere fluch- te. Wir orteten die beiden Frauen am Klang ihrer Stimmen, dann begannen Zahra, Travis und ich, den Bauschutt wegzu- räumen – trockenes, zerbrochenes Holz, Verputz, Ziegel von einem alten Kamin. Bankole stand neben Harry, hielt Wache und sah einschüchternd aus. Hatte er eine Waffe? Ich hoffte es. Wir zogen eine kleine Schar von Aasgeiern mit hungrigen Augen an. Die meisten Leute schauten nur, um zu erkennen, was wir machten, und gingen dann weiter. Einige wenige blie- ben stehen und starrten. Wenn die Frauen seit dem Erdbeben verschüttet waren, war es erstaunlich, daß noch niemand ge- kommen war, um ihre Habseligkeiten zu stehlen und den Bauschutt anzuzünden, während sie darunter liegengelassen wurden. Ich hoffte, daß es uns gelänge, die Frauen herauszube- kommen und zurück zur Autobahn zu gehen, bevor sich je- mand entschied, uns zu überrennen. Zweifellos hätten sie es bereits versucht, wenn hier irgend etwas von Wert zu sehen gewesen wäre. Natividad sprach mit Bankole, dann steckte sie Dominic in eine der Satteltaschen und sah nach, ob das Messer noch in ihrer Hosentasche war. Mir gefiel das nicht sehr. Es wäre besser gewesen, wenn sie das Baby weiter getragen hätte, damit wir schnell verschwinden konnten, wenn wir mußten. Wir entdeckten ein bleiches Bein, abgeschürft und blutend, aber ungebrochen, eingeklemmt unter einem Balken. Ein ganzer Abschnitt der Wand sowie der Decke und ein Teil des Kamins waren auf diese Frauen gefallen. Wir entfernten die, losen Teile, dann hoben wir zusammen die schwereren Stücke hoch. Am Schluß zogen wir die Frauen an ihren herausragen- den Extremitäten heraus – die eine an einem Arm und einem Bein, dann die andere an beiden Beinen. Mir gefiel das ebenso- wenig wie ihnen. Andererseits war es nicht so schlimm. Die eine Frau hatte hier und da ein wenig Haut verloren, die andere blutete aus Nase und Mund. Sie spie Blut und ein paar Zähne aus, fluchte und versuchte aufzustehen. Ich ließ Zahra ihr aufhelfen. Alles was ich jetzt wollte, war, von ihr wegkommen. Die andere, das Gesicht tränennaß, saß nur da und starrte uns an. Sie war jetzt ruhig auf eine leere, unnatürliche Art. Allzu ruhig. Als Travis versuchte, ihr aufzuhelfen, krümmte sie sich und schrie auf. Travis ließ sie allein. Sie schien außer ein paar Kratzern nicht verletzt zu sein, aber sie mochte am Kopf getroffen worden sein. Sie hatte wohl einen Schock. »Wo sind deine Sachen?« fragte Zahra jene, die blutete. »Wir müssen schnell von hier weg.« Ich rieb meinen Mund, um die irreale Gewißheit zu vertrei- ben, daß zwei meiner Zähne fehlten. Ich fühlte mich schrecklich – zerkratzt und zerquetscht und pulsierend, dennoch ganz und unzerbrochen, unversehrt in einer höheren Art und Weise. Ich hätte mich am liebsten irgendwohin zurückgezogen, bis ich mich weniger miserabel fühlte. Ich nahm einen tiefen Atemzug und ging zu der angsterfüllt zusammengekrümmten Frau. »Kannst du mich verstehen?« fragte ich. Sie schaute mich an, dann blickte sie herum, sah ihre Gefähr- tin, die das Blut mit einer verärgerten Handbewegung entfernte, und versuchte, aufzustehen und zu ihr zu laufen. Sie strauchelte, stürzte beinahe, und ich fing sie auf, froh darüber, daß sie nicht, sehr groß war. »Deine Beine sind in Ordnung«, sagte ich, »aber geh es lang- sam an. Wir müssen hier bald weg, und du mußt dann in der Lage sein zu laufen.« »Wer bist du?« fragte sie. »Ein komplett Fremder«, sagte ich. »Versuch zu gehen.« »Es hat ein Erdbeben gegeben.« »Ja. Geh!« Sie machte einen unsicheren Schritt von mir weg, dann noch einen. Sie stakste zu ihrer Freundin hinüber. »Allie?« sagte sie. Ihre Freundin sah sie, stolperte zu ihr, umarmte sie, be- schmierte sie mit Blut. »Jill! Gott sei Dank!« »Da ist ihr Zeug«, sagte Travis. »Verschwinden wir von hier, solange wir noch können.« Wir ließen sie noch ein wenig das Gehen üben, während wir versuchten, ihnen die Gefahren klarzumachen, die drohten, wenn wir zu lange hierblieben. Wir konnten sie nicht mit uns schleppen, aber was wäre der Sinn gewesen, sie auszugraben, wenn wir sie dann der Gnade der Aasgeier überließen? Sie mußten mit uns kommen, bis sie stärker und wieder in der Lage waren, auf sich selbst zu schauen. »Okay«, sagte die blutende Frau. Sie war die kleinere und zä- here der beiden – nicht daß es da einen großen physischen Unterschied zwischen ihnen gegeben hätte. Zwei mittelgroße braunhaarige weiße Frauen in den Zwanzigern. Sie konnten Schwestern sein. »Okay«, wiederholte die blutende. »Gehen wir.« Sie lief jetzt ohne Stolpern oder sichtbare Mühe, im Unterschied zu ihrer Gefährtin., »Gib mir mein Zeug«, sagte sie. Travis winkte sie zu zwei staubigen Schlafsäcken. Sie nahm einen auf ihren Rücken, dann schaute sie auf den anderen und auf ihre Freundin. »Ich kann ihn tragen«, sagte die andere Frau. »Ich bin in Ordnung.« Sie war es nicht, aber sie mußte ihre Sachen selbst tragen. Niemand kann lange Zeit zwei Packen tragen. Niemand kann mit einem doppelten Pack auf dem Rücken kämpfen. Es stand ein Dutzend Personen herum und glotzte, als wir die zwei Frauen herausbrachten. Harry ging voran, die Waffe in der Hand. Etwas an ihm gab klar zu erkennen, daß er zum Töten bereit war. Wenn man ihn nur ein wenig anrempelte, würde er töten. Ich hatte ihn niemals zuvor so gesehen. Es war beeindruckend, furchteinflößend – und es war falsch. Richtig für die Situation und den Augenblick, aber falsch für Harry. Er war nicht die Art von Mann, die so schauen sollte. Wann hatte ich angefangen, ihn eher als Mann statt als Jun- gen zu sehen? Hol's der Teufel. Wir sind jetzt alle Männer und Frauen, keine Kinder mehr. Scheiße. Bankole ging hinten, er sah besser aus als Harry, trotz seiner grauen Haare und Bart. Er hatte eine Waffe in der Hand. Ich warf einen Blick darauf, als ich an ihm vorüberging. Noch eine Automatik – vielleicht eine Neunmillimeter. Ich hoffte, er konnte gut damit umgehen. Natividad schob vor ihm den Karren, Dominic noch immer in einer der Taschen. Travis ging neben ihr und paßte auf sie und das Baby auf. Ich ging mit den beiden Frauen, voll Furcht, daß eine von, ihnen umfallen könnte oder daß ein Narr sich eine von ihnen schnappen würde. Die eine, die Allie hieß, blutete immer noch, sie spuckte Blut und wischte ihre blutige Nase mit einem bluti- gen Arm ab. Und die andere, Till, schaute immer noch benom- men und verwirrt aus. Allie und ich nahmen Jill zwischen uns. Bevor der Angriff begann, wußte ich, daß es passieren würde. Daß wir den beiden verschütteten Frauen geholfen hatten, machte uns zu Zielscheiben. Wir wären vielleicht schon früher angegriffen worden, wenn nicht die Gemeinde unten an der Straße so viele der gewalttätigsten und verzweifeltsten Leute abgelenkt hätte. Die Schwachen werden heute überall angegrif- fen. Das Erdbeben hat eine solche Stimmung erzeugt. Und ein Angriff konnte andere nach sich ziehen. Wir konnten nur versuchen, bereit zu sein. Aus heiterem Himmel packte ein Mann Zahra. Sie ist klein, hübsch, und sie machte vielleicht einen schwachen Eindruck. Einen Augenblick später packte jemand mich. Ich wurde herumgedreht, stolperte und stürzte. Es war so dumm. Bevor mich jemand schlagen konnte, stolperte und fiel ich. Aber weil mein Angreifer mich zu sich gezogen hatte, fiel ich gegen ihn. Ich riß ihn mit mir zu Boden. Irgendwie gelang es mir, mein Messer herauszuziehen. Ich ließ es aufschnappen. Ich stieß nach oben in den Körper meines Angreifers. Die fünfzehn Zentime- ter lange Klinge drang bis zum Griff ein. Dann riß ich es im heftigen Zucken des mitfühlenden Todesschmerzes unwillkür- lich wieder heraus. Ich kann den Schmerz nicht beschreiben. Die anderen erzählten mir später, daß ich so geschrien hätte, wie sie noch niemanden schreien gehört hatten. Ich bin nicht, überrascht. Nichts hat mir je zuvor so weh getan. Nach einer Weile ebbte die Agonie in meiner Brust ab und erstarb. Das war, weil der Mann über mir verblutete und starb. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte ich etwas anderes als Schmerz wahrnehmen. Das erste, was ich hörte, war Dominic, der schrie. Mir wurde klar, daß ich auch Schüsse gehört hatte – mehrere Schüsse. Wo war ein jeder? Waren sie verwundet? Tot? Gefangengenommen? Ich blieb unter dem Toten liegen. Er war als Leiche schmerz- haft schwer, und sein Körpergeruch war grauenhaft. Er hatte meine Brust vollgeblutet, und wenn ich meiner Nase trauen konnte, hatte er im Tod auf mich uriniert. Aber noch getraute ich mich nicht, mich zu bewegen, bis mir die Situation klar war. Ich öffnete die Augen nur ein wenig. Bevor ich verstand, was ich sah, zerrte jemand den stinken- den toten Mann von mir herunter. Ich sah in zwei verwirrte Gesichter: Harry und Bankole. Ich erholte mich und versuchte aufzustehen, aber Bankole hielt mich nieder. »Bist du verletzt?« fragte er. »Nein, ich bin in Ordnung«, sagte ich. Ich sah, wie Harry das ganze Blut anstarrte, und fügte hinzu: »Das bedeutet nichts. Das ist alles Blut von dem Burschen da.« Sie halfen mir auf, und ich stellte fest, daß mir nichts fehlte. Der tote Mann hatte auf mich uriniert. Ich wollte unbedingt meine schmutzigen Kleider auszuziehen und mich waschen. Aber das mußte warten. Egal wie dreckig ich war, ich würde mich nicht bei Tageslicht ausziehen, wo man mich sehen konn-, te. Für einen einzigen Tag hatte ich schon genug Ärger gehabt. Ich blickte mich um, sah, wie Travis und Natividad es Domi- nic bequem zu machen versuchten, der immer noch schrie. Zahra war bei den beiden neuen Frauen und stand neben ihnen Wache, während sie am Boden saßen. »Sind die beiden in Ordnung?« fragte ich. Harry nickte. »Sie sind verschreckt und aufgewühlt, aber sie sind in Ordnung. Jeder ist in Ordnung – außer ihm und seinen Freunden.« Er deutete auf den toten Mann. Drei weitere Tote lagen daneben. »Es gab Verwundete«, sagte Harry. »Wir ließen sie abzie- hen.« Ich nickte. »Wir sollten besser diese Leichen schnell durch- suchen und dann auch gehen. Wir sind von der Autobahn aus zu gut sichtbar.« Wir leisteten schnelle und gründliche Arbeit, untersuchten alles außer den Körperöffnungen. Wir hatten es noch nicht notwendig, auch das zu tun. Weil Zahra darauf beharrte, ging ich dann hinter die Hausruine, um meine Kleider zu wechseln. Sie nahm Harrys Waffe und stand für mich Wache. »Du bist blutverschmiert«, sagte sie. »Wenn die Leute den- ken, daß du verwundet bist, könnten sie dich angreifen. Heute ist kein guter Tag, um so auszusehen, als ob etwas mit dir nicht in Ordnung wäre.« Ich fürchtete, daß sie recht hatte. Auf jeden Fall war es eine gute Idee, daß sie mich zu etwas überredete, das ich mir selbst schon so sehr gewünscht hatte. Ich gab meine schmutzigen, nassen Kleider in einen Plastik- sack, band ihn zu und gab ihn in meinen Pack. Wenn einer der, Toten Kleider besessen hätte, die mir gepaßt hätten und sie in tragbarer Verfassung gewesen wären, hätte ich meine wegge- worfen. So wie es war, würde ich sie behalten und sie bei näch- ster Gelegenheit reinigen, wenn wir zu einer Wasserstation oder zu einem Geschäft, wo Waschen erlaubt ist, kommen. Wir haben Geld bei den Leichen gefunden, aber es wird das beste sein, es für das Notwendigste zu verwenden. Wir nahmen den vier Leichen alles in allem ungefähr zwei- tausendfünfhundert Dollar ab – zusammen mit zwei Messern, die wir verkaufen oder den beiden Mädchen geben können, und einer Waffe, die von dem Mann gezogen worden war, den Harry erschossen hat. Es stellte sich heraus, daß die Waffe eine ungeladene, schmutzige Neun-Millimeter-Beretta war. Ihr Besitzer hatte keine Munition gehabt, aber wir könnten welche dafür kaufen – vielleicht von Bankole. Dafür werden wir Geld brauchen. Ich fand ein paar Schmuckstücke in der Hosentasche des Mannes, der mich angegriffen hatte – zwei goldene Ohrrin- ge, eine Halskette aus blauen, polierten Steinen, die ich für Lapislazuli hielt, und einen einzelnen Ohrring, der sich als Radio entpuppte. Diesen Radioapparat werden wir behalten. Er kann uns Informationen über die Welt außerhalb der Autobahn geben. Es ist gut, nicht länger abgeschnitten zu sein. Ich frage mich, wen mein Angreifer ausgeraubt hat, um ihn zu bekom- men. Alle vier Toten hatten irgendwo am Körper kleine Pillendo- sen aus Plastik versteckt. Zwei Döschen enthielten ein paar Pillen. Die anderen beiden waren leer. So trugen also diese Leute, die weder Lebensmittel noch Wasser noch angemessene Waffen bei sich hatten, Pillen mit sich herum, wenn sie sie, stehlen oder genug Geld stehlen konnten, um sie zu kaufen. Junkies. Ich fragte mich, was die Droge ihrer Wahl war. Pyro? Das erste Mal in diesen Tagen ertappte ich mich dabei, an meinen Bruder Keith zu denken. Hatte er mit solchen runden dunkelroten Pillen gehandelt, wie wir sie bei unseren Angrei- fern fanden? War das der Grund, warum er hatte sterben müs- sen? Einige Meilen weiter an der Autobahn sahen wir Polizeiau- tos, die in Richtung Süden fuhren, dem entgegen, was jetzt ein ausgebranntes Wrack von einer Gemeinde mit vielen Leichen sein mußte. Vielleicht würden die Polizisten ein paar später angekommene Plünderer festnehmen. Vielleicht würden sie selbst ein wenig plündern. Oder vielleicht würden sie nur einen Blick darauf werfen und wegfahren. Was hat die Polizei für meine Gemeinde getan, als sie brannte? Nichts. Die zwei Frauen, die wir aus dem Schutt ausgegraben haben, wollen bei uns bleiben. Sie heißen Allison und Julian Gilchrist. Sie sind Schwestern, 24 und 25 Jahre alt, arm, und sie laufen vor einem Leben in Prostitution davon. Das Haus, das auf sie gefal- len war, war leer, als sie vergangene Nacht Unterschlupf gefun- den hatten. Es sah schon lange verlassen aus. »Verlassene Gebäude sind Fallen«, erklärte Zahra ihnen im Gehen. »Hier draußen in der Mitte des Niemandslandes sind sie Ziele für alle Arten von Leuten.« »Niemand hat uns belästigt«, sagte Jill. »Aber dann ist das Haus auf uns gestürzt und niemand hat uns geholfen, bis ihr Jungs vorbeikamt.« »Ihr habt großes Glück gehabt«, sagte Bankole zu ihnen. Er war immer noch bei uns und ging neben mir her. »Die Leute, hier draußen helfen einander nicht viel.« »Das wissen wir«, gab Jill zu. »Wir sind dankbar. Wer seid ihr Jungs überhaupt?« Harry lächelte sie ein wenig schief an. »Erdensaat«, sagte er und schaute mich an. Man muß auf Harry aufpassen, wenn er so lächelt. »Was ist Erdensaat?« fragte Jill prompt. Sie hatte Harry ihren Blick zu mir lenken lassen. »Wir haben ein paar gemeinsame Vorstellungen«, sagte ich. »Wir haben die Absicht, nach Norden zu ziehen und da eine Gemeinde zu gründen.« »Wo im Norden?« fragte Allie. Ihr Mund schmerzte noch immer, und ich fühlte es stärker, wenn ich meine Aufmerksam- keit auf sie richtete. Mittlerweile hatte ihr Bluten fast aufgehört. »Wir suchen Arbeit, die Geld abwirft, und wir beobachten die Wasserpreise«, sagte ich. »Wir möchten uns dort niederlas- sen, wo Wasser kein so großes Problem ist.« »Wasser ist überall ein Problem«, rief sie. Dann: »Was seid ihr? Irgend so eine Art Kult oder so etwas?« »Wir glauben gemeinsam an ein paar Dinge«, sagte ich. Sie drehte sich um und starrte mich feindselig an. »Ich den- ke, Religion ist Scheiße«, verkündete sie. »Sie ist entweder verlogen oder verrückt.« Ich zuckte die Achseln. »Du kannst mit uns reisen oder weg- gehen.« »Aber was, zum Teufel, vertretet ihr?« fragte sie. »Wen betet ihr an?« »Uns selbst«, sagte ich. »Wen gibt es denn sonst noch?« Sie drehte sich voll Abscheu um, dann wieder zu mir. »Müs-, sen wir eurem Kult beitreten, wenn wir mit euch reisen?« »Nein.« »Also dann ist es in Ordnung!« Sie drehte sich um und ging von mir weg, als ob sie etwas gewonnen hätte. Ich erhob meine Stimme gerade laut genug, um sie zu erschrecken, indem ich ihr von hinten ein paar Bemerkungen an den Kopf warf. Ich sagte: »Wir haben heute unser Leben für euch riskiert.« Sie zuckte zusammen, weigerte sich aber, sich umzublicken. Ich machte weiter: »Du schuldest uns dafür nichts. Es gibt auch nichts, was du von uns kaufen mußt. Aber wenn du mit uns reist und wir Schwierigkeiten haben, dann bist du bei uns, auf unserer Seite. Wirst du das so halten oder nicht?« Allie schwang herum, steif vor Wut. Sie blieb vor mir stehen und baute sich da auf. Ich blieb nicht stehen oder wich aus. Es war keine Zeit für Umwege. Ich mußte wissen, wohin ihr Stolz und ihr Zorn sie brachten. Wieviel von ihrer offensichtlichen Feindseligkeit war echt, und wieviel nur die Folge ihrer Schmerzen? Machte sie mehr Schwierigkeiten, als sie wert war? Als sie bemerkte, daß ich sie überrollen würde, wenn ich müßte, daß ich es wirklich tun würde, wich sie mir aus, um an meiner Seite zu laufen, als ob sie das immer schon gewollt hätte. »Wenn ihr uns nicht ausgegraben hättet«, sagte sie, »würden wir euch überhaupt nicht lästig fallen.« Sie holte tief und heftig Luft. »Wir können unsere eigene Last tragen. Wir können unseren Freunden helfen und gegen unsere Feinde kämpfen. Wir haben das getan, seit wir Kinder waren.« Ich schaute sie an, dachte daran, was sie und ihre Schwester uns über ihr Leben erzählt hatten: Prostitution, der Vater ein, Zuhälter… eine höllische Geschichte, wenn sie wahr war. Ohne Zweifel wären mehr Details interessant. Wie sind sie überhaupt von ihrem Vater weggekommen? Man wird auf sie aufpassen müssen, aber sie könnten sich als wertvoll entpuppen. »Willkommen«, sagte ich. Sie starrte mich an, nickte, dann ging sie mit langen Schritten vor mir. Ihre Schwester, die neben uns gelaufen war, während wir redeten, beschleunigte jetzt ihren Schritt, um sie einzuho- len. Und Zahra, die zurückgeblieben war, um die Schwestern im Auge zu behalten, grinste mich an und schüttelte den Kopf. Sie ging nach vorn, um Harry einzuholen, der die Gruppe anführte. Bankole kam wieder zu mir her, und ich bemerkte, daß er sich entfernte hatte, sobald er den Ärger zwischen mir und Allie hatte kommen sehen. »Ein Kampf am Tag ist genug für mich«, sagte er, als er be- merkte, daß ich ihn ansah. Ich lächelte. »Ich danke dir, daß du uns vorhin geholfen hast.« Er zuckte die Achseln. »Ich war überrascht zu sehen, daß niemand sonst sich darum kümmert, was einem Haufen Frem- den zustößt.« »Du hast dich darum gekümmert.« »Ja. So etwas wird mich eines Tages umbringen. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich auch gerne mit eurer Gruppe rei- sen.« »Das machst du schon. Du bist willkommen.« »Danke«, sagte er und lächelte zurück. Er hat klare Augen mit tiefbrauner Iris – attraktive Augen. Ich mag ihn schon zu gerne. Ich werde vor- sichtig sein müssen. ✳ ✳ ✳, Heute erreichten wir spät Salinas, eine kleine Stadt. Sie schien von dem Erdbeben und seinen Nachwehen wenig betroffen. Der Boden hatte den ganzen Tag gebebt. Trotzdem schien Salinas von den Horden von übereifrigen Plünderern, die wir heute morgen seit der ersten brennenden Gemeinde immer wieder gesehen hatten, unberührt geblieben zu sein. Das war eine Überraschung. Fast alle kleinen Gemeinden, an denen wir vorbei gekommen waren, hatten gebrannt und waren von Plünderern überschwemmt gewesen. Es war, als ob das Erdbe- ben den stillen, sich redlich abmühenden Armen von gestern die Erlaubnis gegeben hätte, heute zu wilden Tieren zu werden und jedermann, der noch in einem Haus lebte, auszurauben. Ich befürchtete, daß die räuberische Horde von Plünderern immer noch hinter uns war, sich immer noch um die Beute stritt und tötete und starb. Ich hatte mich noch nie so wie heute bemüht, nicht zu sehen, was um mich herum vorging. Rauch und Lärm halfen, die Dinge vor mir zu verschleiern. Ich hatte genug zu tun mit Allies zerschlagenem Gesicht und Mund und mit der elenden Umgebung der Autobahn. Wir waren müde, als wir Salinas erreichten, aber wir hatten entschieden, weiterzugehen, nachdem wir uns versorgt und gewaschen hatten. Wir wollten nicht in der Stadt sein, wenn die schlimmsten der Plünderer ankamen. Sie könnten sich zwar auch beruhigt haben nach ihrem Tag voll Brandschatzen und Stehlen, aber ich bezweifelte es. Ich dachte, sie wären besoffen von Machtgefühl und hungrig nach mehr. Wie Bankole sagte: »Wenn die Leute erst einmal die Vorstellung haben, daß es in Ordnung ist, sich zu nehmen, was sie wollen und den Rest zu zerstören, wer weiß, wann sie damit wieder aufhören werden.«, Aber Salinas schien gut bewaffnet. Polizisten hatten entlang der Autobahnbankette geparkt, sie starrten uns an, einige hielten ihre Schrotgewehre oder automatischen Gewehre, als ob sie nur auf einen Vorwand warteten, sie zu gebrauchen. Viel- leicht wußten sie, was auf sie zukam. Wir wollten unsere Vorräte auffüllen, aber wußten nicht, ob wir das durften. Salinas schaute nach einer ›Bleib auf der Stra- ße‹-Stadt aus – von der Art, die will, daß du bei Sonnenunter- gang verschwunden bist, wenn du nicht dort lebst. Diese und vorige Woche sind wir an einigen Städtchen wie diesem vorbei- gekommen. Aber niemand hielt uns auf, als wir von der Straße weg und in ein Geschäft gingen. Es waren jetzt nur noch wenige Leute auf der Straße, und die Polizisten konnten uns leicht im Auge behalten. Ich sah, wie sie uns ganz genau betrachteten, aber sie hielten uns nicht auf. Wir verhielten uns ruhig. Wir waren sowohl Frauen und ein Baby als auch Männer, und drei von uns waren weiß. Ich glaube kaum, daß uns etwas davon verdächtig machte. Die Sicherheitsleute in den Geschäften waren genauso gut bewaffnet wie die Bullen – Schrotgewehre und automatische Gewehre, und ein paar Maschinengewehre waren in Kabinen über uns auf Dreifüßen montiert. Bankole sagte, er könne sich an Zeiten erinnern, wo solche Sicherheitskräfte nichts als Re- volver oder Schlagstöcke hatten. Mein Vater hatte dasselbe erzählt. Einige der Wächter waren entweder nicht gut ausgebildet – oder sie waren fast so machttrunken wie die Plünderer. Sie richteten ihre Waffen auf uns. Das war verrückt. Zwei oder drei, von uns betraten ein Geschäft und schon zielten zwei oder drei Waffen auf sie. Zuerst wußten wir nicht, was das sollte. Wir erstarrten, warteten ab, was geschehen würde. Die Jungs hinter den Mündungen lachten. Einer von ihnen sagte: »Kauft etwas oder schert euch zum Teufel!« Wir schauten, daß wir hinaus kamen. Das waren kleine Lä- den. Es gab genug davon, daß man auswählen konnte. Es stellte sich heraus, daß nur einige von ihnen so verrückte Wächter hatten. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wie viele Unfälle die Idioten mit ihren Waffen verursachten. Ich nahm an, daß jeder solche Unfall als ein bewaffneter Raubüberfall mit unzweifelhafter Tötungsabsicht hingestellt wurde. Die Wächter an der Wasserstation schienen ruhig und pro- fessionell zu sein. Sie hielten ihre Waffen nieder und grenzten lediglich die Schlangen der fluchenden Menschen ein, damit es schneller ging. Wir fühlten uns sicher genug, um Wasser zu kaufen und unsere Kleider in aller Eile zu waschen und zu trocknen, aber auch um ein paar Kabinen zu mieten – für Damen und Herren – und in einem Wasserbecken zu baden. Das klärte nun die Frage meines Geschlechts für jene Neuen, die es nicht schon herausbekommen hatten. Schließlich gingen wir um einiges sauberer, mit aufgefüllten Lebensmittelvorräten, Wasser, Munition für alle drei Waffen und ein paar Kondomen für meine Zukunft aus der Stadt hinaus. Auf unserem Weg kamen wir durch einen kleinen Straßenmarkt am Stadtende. Es waren nur ein paar Leute mit Waren – hauptsächlich Abfall –, die sie auf Tischen oder auf schmutzigen Lumpen auf dem bloßen Asphalt ausgebreitet hatten. Bankole erspähte ein Ge- wehr auf einem der Tische., Es war eine antike Waffe – eine ›Bolt Action‹-Winchester, natürlich ungeladen, mit einer fünfschüssigen Trommel. Ban- kole räumte ein, daß sie langsam wäre. Aber sie gefiel ihm. Er untersuchte sie mit Augen und Fingern und handelte mit dem alten, gut bewaffneten Mann und der Frau, die sie zum Kauf anboten. Sie hatten einen der saubereren Tische, auf denen die Waren ordentlich ausgebreitet waren – eine kleine mechanische Schreibmaschine; ein Stoß Bücher; ein paar Werkzeuge, ge- braucht, aber geputzt; zwei Messer in abgewetzten Scheiden; ein paar Töpfe; und das Gewehr mit Riemen und Zielfernrohr. Während Bankole mit dem Mann wegen des Gewehres feilschte, kaufte ich von der Frau die Töpfe. Ich möchte, daß Bankole sie in seinem Karren mitnimmt. Sie waren groß genug, um Suppe oder Eintopf oder Haferflockenbrei für uns alle auf einmal zu fassen. Wir waren jetzt neun, und größere Töpfe machten Sinn. Dann traf ich Harry beim Bücherstoß. Es gab keine Sachbücher. Ich kaufte eine dicke Anthologie von Ge- dichten, und Harry kaufte einen Westernroman. Ich hätte mehr Bücher gekauft, wenn ich sie hätte tragen können. Mein Packen war bereits so schwer, wie ich ihn gerade noch tragen und den ganzen Tag damit laufen konnte. Unser Handel ging seinem Ende entgegen, wir entfernten uns ein Stück von dem Tisch und warteten auf Bankole. Und Bankole überraschte uns. Er hatte den alten Mann auf einen Preis heruntergehandelt, den er für angemessen hielt, dann rief er zu uns herüber: »Weiß jemand von euch, wie man ein Über- bleibsel wie dieses Gewehr hier bedient?« fragte er. Nun, Harry und ich wußten es, und er ließ uns das Gewehr ansehen. Am Schluß warf jeder einen Blick darauf, einige mit unzweifelhafter, Abscheu und einige mit Kennermiene. In unserer alten Nach- barschaft hatten Harry und ich mit den Gewehren unserer Haushalte geübt – mit Gewehren und Schrotflinten genauso wie mit Faustfeuerwaffen. Alles, was zu Hause legal war, wurde geteilt, zumindest die Übungen daran. Mein Vater wollte, daß wir mit jeder Waffe, die zu haben war, umgehen konnten. Harry und ich, wir waren beide gute, fähige Schützen, aber wir hatten noch niemals eine gebrauchte Waffe gekauft. Ich mochte das Gewehr, mir gefiel das Aussehen und wie es sich anfühlte, aber das bedeutete nicht viel. Harry schien es auch zu mögen. Dasselbe Problem. »Kommt her«, sagte Bankole. Er wollte, daß wir außer Hör- weite des alten Paares kamen. »Ihr solltet dieses Gewehr kau- fen«, sagte er. »Ihr habt genug Geld von den vier Junkies ge- nommen, um den Preis, den ich ausgehandelt habe, zu bezah- len. Ihr braucht schließlich noch eine genaue, langläufige Waffe, und das ist eine gute.« »Für dieses Geld könnten wir uns eine Menge Lebensmittel kaufen«, sagte Travis. Bankole nickte. »Ja, aber nur lebende Menschen brauchen Lebensmittel. Ihr kauft es, und es macht sich beim ersten Ge- brauch bezahlt. Jedem, der nicht damit umgehen kann, werde ich es zeigen. Mein Vater und ich jagten mit so einem Gewehr Rotwild.« »Es ist alt«, sagte Harry. »Wenn es wenigstens ein automati- sches wäre…« »Wenn es automatisch wäre, könnten wir es uns nicht lei- sten.« Bankole zuckte die Achseln. »Dieses Ding ist billig, weil es alt und legal ist.«, »Und es ist langsam«, sagte Zahra. »Wenn du den Preis die- ses alten Mannes für niedrig hältst, bist du verrückt.« »Ich weiß, daß ich hier neu bin«, sagte Allie, »aber ich stim- me Bankole zu. Ihr Jungs seid gut mit euren Faustfeuerwaffen, aber früher oder später wirst du auf jemanden treffen, der außerhalb der Reichweite deiner Faustfeuerwaffe sitzt und dich auslöscht. Uns auslöscht.« »Und das Gewehr wird uns dann retten?« fragte Zahra. »Ich bezweifle, daß es uns retten wird«, sagte ich. »Aber ein gezielter Schuß könnte unsere Chancen verbessern.« Ich sah Bankole an. »Hast du einmal ein Exemplar von diesem Rotwild getroffen?« Er lächelte. »Ein paar.« Ich lächelte nicht zurück. »Warum kaufst du das Gewehr nicht selbst?« »Ich kann es mir nicht leisten«, sagte er. »Ich habe genug Geld, um durchzuhalten und mir eine Weile das dazu Notwen- dige zu kaufen. Alles andere, was ich hatte, wurde mir gestohlen oder verbrannte.« Ich glaubte ihm das nicht ganz. Aber schließlich wußte nie- mand, wieviel Geld ich tatsächlich hatte. Irgendwie kam mir vor, daß er sich über unsere Zahlungsfähigkeit klarwerden wollte. Hatten wir genug Geld, um unerwartet ein altes Gewehr zu kaufen? Und was hatte er vor, wenn wir es kauften? Ich hoffte, nicht zum ersten Mal, daß er nicht nur ein gutaussehen- der Dieb war. Aber mir gefiel das Gewehr, und wir konnten es brauchen. »Harry und ich sind auch gute Schützen«, sagte ich zur gan- zen Gruppe. »Mir gefällt es, wie sich dieses Gewehr anfühlt, und, es ist das beste, das wir uns leisten können. Hat jemand wirklich Bedenken?« Sie sahen einander an. Niemand antwortete. »Es braucht nur eine Reinigung und etwas 30-06er Muniti- on«, sagte Bankole. »Es wurde eine Weile nicht benützt, aber es schaut aus, als ob es gut erhalten wäre. Ich glaube, wenn du es kaufst, kann ich ein Reinigungsmittel und etwas Munition beschaffen.« Daraufhin sprach ich, bevor jemand anderer etwas sagen konnte. »Es ist ein gutes Geschäft, wenn wir es kaufen. Wer kann noch mit dem Gewehr umgehen?« »Ich kann es«, sagte Natividad. Dafür erntete sie einige über- raschte Blicke. Sie lächelte. »Ich hatte keine Brüder. Und mein Vater brauchte jemanden, dem er etwas beibringen konnte.« »Wir hatten niemals eine Chance zu Schießübungen«, sagte Allie. »Aber wir können es lernen.« Jill nickte. »Ich wollte das immer schon lernen«, sagte sie. »Ich muß es auch lernen«, gab Travis zu. »Wo ich aufwuchs, wurden Waffen entweder weggesperrt oder von bezahlten Wachleuten getragen.« »Also kaufen wir es«, sagte ich. »Und dann laßt uns von hier verschwinden. Es ist bald Sonnenuntergang.« Bankole hielt sein Wort, beschaffte Reinigungszeug und ge- nügend Munition – er bestand darauf, sie zu kaufen, bevor wir die Stadt verließen, denn, wie er sagte: »Wer weiß, wann wir sie brauchen, oder wann wir andere Leute finden, die sie uns verkaufen wollen.« Nachdem das erledigt war, verließen wir die Stadt. Als wir gingen, trug Harry das neue Gewehr und Zahra die, Beretta, beide ungeladen. Beide Waffen mußten geputzt wer- den, bevor man sie laden konnte. Nur Bankole und ich trugen geladene Waffen. Ich führte die Gruppe an, und er machte das Schlußlicht. Hinter uns hörten wir in einiger Entfernung Ge- wehrfeuer, dumpfen Donner und kleine Explosionen., Gott ist weder gut noch böse, nicht liebevoll, nicht haßerfüllt. Gott ist Macht. Gott ist Wechsel. Was wir sonst noch brauchen, müssen wir finden: in uns, in anderen, in unserer Bestimmung. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Samstag, 28. August 2027 (aus Notizen erweitert am Dienstag, den 31. August) Heute oder morgen hätte ein Ruhetag sein sollen, aber wir sind übereingekommen, nicht zu rasten. Die vergangene Nacht war erfüllt von entfernten Schießereien, Explosionen und Feuer. Wir sahen Feuerschein hinter uns, vor uns war es dunkel. Weitergehen schien uns trotz unserer Müdigkeit vernünftig. Heute morgen säuberte ich das kleine schwarze Ohrradio mit Alkohol aus meinem Packen, schaltete es ein und steckte es ins Ohr. Ich mußte weitergeben, was es sagte, denn die anderen konnten es nicht hören., Was wir erfuhren, besagte, daß wir nicht bloß den Rasttag vergessen konnten, sondern auch unsere Pläne ändern mußten. Wir hatten der U.S. 101 entlanggehen wollen, durch San Francisco hindurch und über die Golden Gate Bridge. Das Radio riet uns, von der Bay Area wegzubleiben. Von San Jose hinauf durch San Francisco, Oakland und Berkeley gab es nur Chaos. Das Erdbeben hatte dort hart zugeschlagen, und es sah so aus, als ob die Plünderer, Räuber, Cops und privaten Sicher- heitsarmeen zerstören wollten, was noch übriggeblieben war. Natürlich tut auch Pyro seinen Teil. Da oben im Norden ver- kürzen die Radioreporter die Bezeichnung zu ›Pro‹ oder ›Ro‹ und berichten, daß es jede Menge Süchtige gibt. Die Süchtigen drehen durch und brennen nieder, was vom Erdbeben nicht zerstört worden ist. Ganze Banden von Ob- dachlosen gehen ihnen voran oder folgen ihnen hinterher und greifen sich, was sie noch aus den Läden, den ummauerten Enklaven der Reichen und von den Überresten der Mittelklasse kriegen können. Yeah, so ist es. An manchen Orten fliehen die Reichen mittels Hubschrau- bern. Soweit Brücken noch intakt sind – offenbar doch die meisten –, werden sie von der Polizei oder von Banden kontrol- liert. Beide Gruppen halten sich dort auf, um verzweifelten Flüchtlingen Waffen, Nahrungsmittel, Geld und Wasser abzu- nehmen – und das ist noch das Harmloseste, was sie ihnen antun können. Die Strafen für zu große Armut, um beraubt werden zu können, sind Prügel, Vergewaltigung oder/und Tod. Die Nationalgarde ist zur Wiederherstellung der Ordnung aktiviert worden, und ich hoffe, sie wird das schaffen. Aber ich fürchte, daß auch sie bald nur noch zur Vergrößerung des, Chaos beitragen wird. Was anderes könnte eine gut bewaffnete Gruppe von Menschen in einer so wahnsinnigen Situation tun? Die Vernünftigen werden ihre Waffen und andere Ausrüstung nehmen und abhauen, um ihre Familien zu unterstützen. Andere mögen sich im Bürgerkrieg gegen die eigenen Leute wiederfinden. Die werden verwirrt und ängstlich und gefährlich sein. Natürlich werden auch welche dabei sein, die ihre neue Macht genießen wollen – die Macht, andere zu unterwerfen, die Macht, sich zu nehmen, was man haben will – Eigentum, Sex, Leben… Eine schlimme Situation. Es wird gut sein, die Bay Area lange Zeit zu meiden. Wir breiteten Karten am Boden aus, studierten sie während des Frühstücks und entschieden uns, an diesem Morgen die U.S. 101 zu verlassen. Wir werden einer kleineren, ohne Zweifel aber auch unbelebteren Straße ins Land hinein zu der kleinen Stadt San Juan Bautista folgen und dann entlang der Staatsstra- ße 156 nach Osten gehen. Von der 156 über die 152 zur Inter- state 5. Die I-5 benützen wir, um die Bay Area zu umgehen. Eine Zeitlang gehen wir mitten durch den Bundesstaat, statt entlang der Küste. Vielleicht müssen wir auch die I-5 umgehen und weiter östlich auf die Staatsstraße 33 oder die 99 auswei- chen. Mir gefällt die Leere um den größten Teil der I-5. Städte sind gefährlich. Sogar kleine Städte können tödlich sein. Aber wir müssen in der Lage bleiben, unsere Vorräte zu ergänzen. Insbesondere müssen wir Wasser bekommen können. Wenn das bedeutet, daß wir in die bevölkerteren Gebiete um einen der anderen Highways gehen müssen, werden wir das tun. Bis dahin werden wir vorsichtig sein, jedesmal Wasser fassen, wenn, wir die Chance dazu haben, keine Gelegenheit versäumen, Wasser und Essen aufzumagazinieren, und nichts verschwen- den. Aber, zum Teufel, das sind alte Karten. Vielleicht ist das Gebiet um die I-5 mittlerweile stärker besiedelt. Um die I-5 zu erreichen, müssen wir an einem großen Was- serspeicher vorbei – dem San Luis Reservoir. Vielleicht ist er ausgetrocknet. In den letzten Jahren ist viel ausgetrocknet. Aber es wird dort auf jeden Fall noch Bäume geben, kühlen Schatten, Rastplätze, auf denen man sich erholen kann. Vielleicht gibt es sogar eine Wasserstation. In diesem Fall werden wir dort kam- pieren und einen oder sogar zwei Tage ausruhen. Nach diesem Marsch über eine ganze Reihe von Hügeln werden wir eine Extra-Rast brauchen können. Für die nächste Zeit erwarte ich Plünderer, die von Salinas herauf nach Norden in unsere Richtung getrieben werden, und Flüchtlinge, die von der Bay Area in den Süden zu uns herun- terkommen. Das Beste, was wir tun können, ist, ihnen auszu- weichen. Wir gingen früh los, gestärkt durch das gute Essen, das wir in Salinas gekauft hatten – einige Extra-Lebensmittel, die Bankole in seinem Karren transportierte, obwohl wir alle zum Kauf zusammengelegt hatten. Wir machten uns Sandwiches – mit Trockenfleisch, Käse, Tomatenscheiben –, alles auf Weizenbrot. Und wir aßen Trauben. Es war wirklich schade, daß wir uns so beeilen mußten. So etwas Gutes hatten wir schon lange nicht mehr gehabt. Der Highway nach Norden war heute leerer, als ich ihn je zuvor gesehen habe. Wir waren die größte Gruppe in der Ge- gend – acht Erwachsene und ein Baby –, und andere Leute, hielten sich fern von uns. Einige von ihnen waren Einzelgänger oder Paare mit Kindern. Sie alle schienen es eilig zu haben – als wüßten auch sie, was hinter ihnen kommen konnte. Wußten sie auch, was vor ihnen lag – was auf sie zukam, wenn sie auf der 101 blieben? Bevor wir die Straße verließen, versuchte ich, zwei Frauen, die mit Kindern unterwegs waren, zu warnen, sie sollten die Bay Area meiden. Ich sagte ihnen, ich hätte gehört, daß es da oben eine Menge Ärger gäbe – Feuer, Aufstand, üble Erdbebenfolgen. Sie packten ihre Kinder und flüchteten vor mir. Dann verließen wir die 101 und begaben uns auf unsere enge Hügelstraße, die Abkürzung nach San Juan Bautista. Die Straße war asphaltiert und nicht allzu sehr beschädigt. Sie war verlas- sen. Auf langen Abschnitten sahen wir keinen Menschen. Von der 101 war uns niemand gefolgt. Wir kamen an Farmen vor- über, kleinen Gemeinschaften und Hütten, und die Menschen, die in ihnen wohnten, kamen mit ihren Waffen heraus und starrten uns an. Aber sie ließen uns in Ruhe. Die Abkürzung funktionierte. Wir schafften es, San Juan Bautista vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und zu durchqueren. Wir lagerten östlich von der Stadt. Wir sind alle erschöpft, haben wunde Füße, Schmerzen und Blasen. Ich sehne mich nach ein paar Ruhetagen, aber nicht jetzt. Noch nicht. Ich warf meinen Schlafsack neben den von Bankole, legte mich hin und war schon halb eingeschlafen. Wir hatten Stroh- halme gezogen bezüglich der Verteilung der Wachen, und meine war erst am frühen Morgen. Ich aß ein paar Nüsse und Rosinen, Brot und Käse; und schlief wie eine Tote., Sonntag, 29. August 2027 (aus Notizen erweitert am Dienstag, den 31. August) Früh am Morgen erwachte ich durch das Geräusch von Ge- wehrschüssen, nahe und laut. Kurze Feuerstöße aus automati- schen Waffen. Von irgendwo kam Licht. »Sei still«, sagte jemand. »Bleib liegen und verhalte dich ru- hig.« Zahras Stimme. Sie hatte die Wache vor mir. »Was ist los?« fragte jemand von den Gilchrists. Und dann: »Wir müssen weg!« »Bleibt!« flüsterte ich. »Seid ruhig! Es geht vorüber.« Ich konnte jetzt sehen, daß zwei Gruppen vom Highway wegrannten – es war der 156er –, wobei die eine Gruppe die andere verfolgte und beide ihre Waffen abfeuerten, als wären sie die einzigen Menschen auf der Welt. Wir konnten nur unten bleiben und hoffen, daß sie uns nicht zufällig anschossen. Wenn sich niemand bewegte, war ein solcher Unglücksfall unwahr- scheinlicher. Das Licht kam von einem Feuer, das in einiger Entfernung zu uns brannte. Keine Gebäude. Wir lagerten nicht in der Nähe von Gebäuden. Aber etwas brannte da. Ich kam zum Schluß, daß es ein großer Lastwagen sein mußte. Vielleicht war das der Grund für den Schußwechsel. Jemand, vielleicht eine ganze Gruppe, hatte versucht, einen Lastwagen auf dem Highway zu überfallen, und es hatte nicht geklappt. Was auch immer der Lastwagen transportiert hatte – Nahrungsmittel, wie ich an- nahm –, war jetzt im Feuer verloren. Weder die Straßenräuber noch die Verteidiger würden etwas gewinnen. Wir konnten gewinnen, wenn es uns wenigstens gelang, der, Schießerei fernzubleiben. Ich tastete hinüber, um Bankole anzufassen, weil ich sicher sein wollte, daß er in Ordnung war. Er war nicht da. Sein Schlafsack und seine Sachen lagen da, aber er war weg. Mit einem Minimum an Bewegung spähte ich hinüber zu dem Gebiet, das wir als Toilette abgegrenzt hatten. Dort mußte er sein. Ich konnte ihn nicht sehen, aber wo sonst sollte er sein? Schlechtes Timing. Ich blinzelte, versuchte, ihn auszumachen und wußte nicht, ob ich froh sein sollte oder Angst haben, weil ich ihn nicht sehen konnte. Immerhin konnten ihn auch andere nicht sehen, wenn ich ihn nicht sah. Die Schießerei dauerte an, während wir dalagen, uns ruhig verhielten und Angst hatten. Einer der Bäume, unter denen wir lagerten, wurde zweimal getroffen, aber weit über unseren Köpfen. Dann explodierte der Lastwagen. Ich weiß nicht, was es war, das in ihm explodierte. Er hatte nicht wie ein alter Lastwagen ausgesehen – also einer von denen, die mit Diesel fuhren, aber vielleicht war es doch so einer gewesen. Kann Diesel explodie- ren? Ich weiß es nicht. Die Explosion schien der Schießerei ein Ende gemacht zu haben. Ein paar Schüsse wurden noch ausgetauscht, dann hörte man nichts mehr. Ich sah im Feuerschein Leute zum Lastwagen zurückkehren. Später sah ich andere – ein paar, die sich zu einer Meute zusammengeschlossen hatten – in Richtung Stadt mar- schieren. Beide Gruppen bewegten sich von uns weg, und das war gut so. Also. Wo war Bankole? So leise ich nur konnte, fragte ich die, anderen. »Kann jemand Bankole sehen?« Keine Antwort. »Zahra, hast du ihn weggehen sehen?« »Ja, ein paar Minuten, bevor die Schießerei losging«, erwi- derte sie. Also gut. Wenn er nicht bald auftauchte, würden wir ihn su- chen gehen müssen. Ich schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, daß wir ihn verwundet oder tot finden könnten. »Seid ihr sonst alle in Ordnung?« fragte ich. »Zahra?« »Mir geht's gut.« »Harry?« »Ja. Ich bin okay.« »Travis? Natividad?« »Keine Probleme«, sagte Travis. »Was ist mit Dominic?« »Er ist nicht einmal aufgewacht.« Das war sehr gut. Wäre er erwacht, hätte sein Schreien uns den Tod bringen können. »Allie? Jill?« »Alles in Ordnung«, sagte Allie. Ich setzte mich langsam und vorsichtig auf. Ich konnte außer Insekten und dem entfernten Feuer nichts hören oder sehen. Als mich niemand erschoß, richteten sich auch die anderen auf. Während Licht und Lärm Dominic nicht hatten wecken könn- ten, schaffte es die Bewegung seiner Mutter im Handumdrehen. Er erwachte und begann zu wimmern, aber Natividad beruhigte ihn. Immer noch nichts von Bankole zu sehen. Ich wollte aufste- hen und nach ihm sehen. Ich hatte zwei mentale Bilder von ihm: Eines, wie er verwundet oder tot dalag, und eines, wie er, hinter einem Baum kauerte mit seiner Neun-Millimeter-Beretta im Anschlag. Wenn das zweite mit der Wirklichkeit überein- stimmte, konnte ich ihn dazu bringen, mich aus Angst verse- hentlich zu erschießen. Außerdem konnten da draußen noch andere Leute mit durchgeladenen Waffen und dünnen Nerven sein. »Wie spät ist es?« fragte ich Zahra, die Harrys Uhr bei sich trug. »3.40 Uhr«. »Gib mir die Waffe«, sagte ich. »Deine Wache ist ohnehin fast vorbei.« »Was ist mit Bankole?« Sie gab mir Uhr und Gewehr. »Wenn er nicht in fünf Minuten zurück ist, werde ich mich nach ihm umsehen.« »Warte mal einen Moment«, sagte Harry. »Du wirst nicht alleine gehen. Ich komme mit.« Beinahe hätte ich nein gesagt. Er würde sich wahrscheinlich ohnehin nicht darum gekümmert haben, aber ich sprach es doch nicht aus. Wenn Bankole verwundet und bei Bewußtsein war, würde ich ab dem Moment, wo ich ihn erblickte, nutzlos sein. Es wäre ein Glück, wenn ich mich selbst ins Lager zurück- schleppen konnte. Jemand anderer würde ihn zurückbringen müssen. »Danke«, sagte ich zu Harry. Fünf Minuten später gingen wir zuerst zu dem Toilettenge- biet und suchten dann in der Umgebung. Es war niemand da, zumindest konnten wir niemanden sehen. Aber es war möglich, daß immer noch Menschen da waren – solche, die hier ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten, andere, die in die Schießerei, verwickelt gewesen waren, und welche, die ihrerseits umher- streiften… Trotzdem rief ich einmal laut Bankoles Namen. Ich berührte Harry zur Warnung, und er sprang, duckte sich und sprang neuerlich, als ich rief. Wir hielten den Atem an und lauschten. Es raschelte irgendwo rechts von uns, wo Bäume die Sterne verdeckten und einen Raum von undurchdringlicher Dunkel- heit erzeugten. Dort konnte jemand sein. Es raschelte wieder und man hörte ein Wimmern – das Wimmern eines Kindes. Bankoles Stimme rief: »Olamina!« »Ja«, erwiderte ich, schwach vor Erleichterung. »Hier.« Er kam aus der tiefsten Dunkelheit, ein großer, breiter Schat- ten, der stämmiger schien, als er sein sollte. Er trug etwas. »Ich habe hier ein Waisenkind«, sagte er. »Die Mutter wurde von einem verirrten Schuß getroffen. Sie ist tot.« Ich seufzte. »Ist das Kind verletzt?« »Nein, es hat nur Angst. Ich trage es in unser Lager. Kann jemand von euch seine Sachen nehmen?« »Bring uns zu seinem Lager«, sagte ich. Harry nahm die Sachen des Kindes, ich klaubte die der Mut- ter zusammen und untersuchte ihre Leiche. Wir teilten alles zwischen uns auf. Als wir fertig waren, fing der kleine Junge, der vielleicht drei Jahre alt war, zu weinen an. Das machte mir Angst. Ich verließ die beiden, Harry, der den Packen der Frau in ihrem Kinderwagen transportierte, und Bankole, der das wim- mernde Kind trug. Ich hatte nur die Waffe, gezogen und schuß- bereit. Selbst als wir zurück waren in unserem Lager, konnte ich mich nicht entspannen. Der kleine Junge wollte sich nicht, beruhigen, und Dominic begann deshalb noch lauter zu schrei- en. Zahra und Jill bemühten sich, das neue Kind zu beruhigen, aber es war mitten in der Nacht von Fremden umgeben und wollte seine Mutter zurückhaben! Ich sah Bewegung in der Nähe des ausgebrannten Lastwa- genwracks. Dort brannte es immer noch, aber das Feuer war jetzt viel kleiner und am Erlöschen. Es waren immer noch Menschen in der Nähe. Sie hatten ihren Lastwagen verloren. Würden sie sich um ein weinendes Kind kümmern? Und wenn, würden sie dem Kind helfen oder ihm einfach nur den Mund stopfen wollen? Eine einzelne dunkle Gestalt kam vom Lastwagen her ein paar Schritte auf uns zu. In diesem Augenblick nahm Natividad das neue Kind und gab ihm trotz seines Alters ihre eine Brust und Dominic die andere. Das funktionierte. Beide Kinder beruhigten sich fast sofort. Sie gaben noch ein paar leise Töne von sich und gingen dann zum Trinken über. Die dunkle Gestalt vom Lastwagen blieb stehen, jetzt viel- leicht verwirrt, daß sie nicht länger von Geräuschen geleitet wurde. Nach einem Augenblick drehte sie sich um, ging zurück und verschwand hinter dem Lastwagen außer Sicht. Das war's. Gesehen haben konnte man uns nicht. Wir blickten aus der Dunkelheit der Bäume, unter denen wir lagerten, hinaus auf das Licht des Feuers und den Glanz der Sterne. Aber die anderen konnten nur über die Babygeräusche den Weg zu uns finden. »Wir sollten woanders hin«, flüsterte Allie. »Auch wenn sie uns nicht sehen können, wissen sie doch, daß wir hier sind.« »Halte mit mir Wache«, sagte ich., »Was?« »Bleib wach und paß mit mir auf. Laß die anderen ein biß- chen ausruhen. Es ist gefährlicher, sich im Dunkeln zu bewegen als an einem Ort zu bleiben.« »Also gut. Aber ich habe keinen Revolver.« »Hast du ein Messer?« »Ja.« »Das wird ausreichen, bis wir die anderen Waffen sauber und schußbereit haben.« Wir waren zu müde und zu sehr in Eile gewesen, um uns bis jetzt darum zu kümmern. Außerdem wollte ich nicht, daß Allie oder Till Waffen hatten. Noch nicht. »Halt nur einfach die Augen offen.« Die einzige Verteidigung gegen automatische Waffen sind Deckung und Stille. »Ein Messer ist jetzt besser als ein Revolver«, sagte Zahra. »Wenn man es gebrauchen muß, ist es leise.« Ich nickte. »Ihr anderen ruht euch aus. Ich wecke euch in der Morgendämmerung.« Fast alle legten sich hin, um zu schlafen oder um sich wenig- stens auszuruhen. Natividad behielt beide Kinder bei sich. Trotzdem würde sich morgen jemand von uns um den kleinen Jungen kümmern müssen. Wir konnten die Bürde eines so großen Kindes kaum tragen – eines Kindes, das gerade das ›Renn-umher-und-faß-alles-an‹-Alter erreicht hatte. Aber wir hatten den Kleinen jetzt nun mal, und es war niemand da, dem wir ihn hätten übergeben können. Keine Frau, die neben der Autobahn kampierte, würde Verwandte greifbar haben. »Olamina«, flüsterte Bankole mir ins Ohr. Seine Stimme war leise und sanft und nur ich konnte sie hören. Ich wandte mich um, und er war so nahe, daß ich seinen Bart über mein Gesicht, streifen fühlte. Ein weicher, dicker Bart. Heute morgen hatte er ihn sorgfältiger gekämmt als die Haare auf seinem Kopf. Er hat als einziger von uns einen Spiegel. Eitler, eitler alter Mann. Ich bewegte mich beinahe per Reflex auf ihn zu. Ich küßte ihn, wobei ich mich fragte, wie es sein würde, so eine Menge Bart zu küssen. Erst erwischte ich ohnehin nur den Bart, weil ich seinen Mund in der Dunkelheit ein bißchen verfehlte. Dann fand ich ihn, und er bewegte sich ein wenig und legte seine Arme um mich. So blieben wir eine kleine Weile. Es fiel mir schwer, ihn dann wegzustoßen. Ich wollte es ei- gentlich nicht. Er wollte mich nicht loslassen. »Ich wollte dir dafür danken, daß du hinter mir hergekom- men bist«, sagte er. »Diese Frau war fast bis zum letzten Mo- ment bei vollem Bewußtsein. Ich konnte nichts tun, als bei ihr bleiben.« »Ich hatte Angst, sie hätten dich da drüben erschossen.« »Ich lag platt am Boden, bis ich die Frau stöhnen hörte.« Ich seufzte. »Yeah.« Und dann: »Ruh dich aus.« Er legte sich neben mir hin und rieb meinen Arm – der über- all prickelte, wo er ihn berührte. »Wir sollten bald einmal miteinander reden«, sagte er. »Wenigstens das«, stimmte ich zu. Er grinste – ich konnte seine Zähne blitzen sehen –, drehte sich um und versuchte zu schlafen. ✳ ✳ ✳ Der Junge heißt Justin Rohr. Seine Mutter war Sandra Rohr. Justin ist in Riverside, Kalifornien, vor drei Jahren geboren, worden. Seine Mutter hat ihn von Riverside hier herauf ge- bracht. Sie rettete seine Geburtsurkunde, ein paar Babyfotos und das Bild eines untersetzten, sommersprossigen, rothaarigen Mannes, der laut Aufschrift auf der Rückseite des Fotos Richard Walter Rohr, geb. am 9. Januar 2002 und gestorben am 20. Mai 2026, war. Der Vater des Jungen – erst vierundzwanzig, als er starb. Ich fragte mich, was ihn getötet haben mochte. Sandra Rohr hatte auch ihre Heiratsurkunde und andere Papiere, die ihr wichtig schienen, bei sich. Alle waren in ein Plastikpäckchen gewickelt, das ich bei ihrer Leiche gefunden hatte. Außerdem fand ich ein paar tausend Dollar und einen Goldring bei ihr. Über Verwandte oder ein bestimmtes Ziel war nichts dabei. Es sah so aus, als sei Sandra mit ihrem Sohn lediglich Richtung Norden gewandert in Hoffnung auf ein besseres Leben. Der kleine Junge hielt uns heute ganz gut aus, obwohl er fru- striert war, wenn wir ihn nicht auf Anhieb verstanden. Wenn er weinte, wollte er, daß wir seine Mutter herschafften. Von uns allen war Allie diejenige, die er als Ersatzmutter auswählte. Zuerst widerstand sie ihm. Sie ignorierte ihn oder stieß ihn weg. Aber wenn er nicht im Wagen gefahren wurde, wollte er mit ihr gehen oder verlangte von ihr, daß sie ihn tragen solle. Gegen Abend gab sie ihren Widerstand auf. Die beiden hatten einander gefunden. »Sie hatte einen kleinen Jungen«, erzählte mir ihre Schwester Jill, als wir mit den wenigen anderen, die diese Route gewählt hatten, die Staatsstraße 156 entlanggingen. Die Straße war ziemlich leer. Es gab Zeiten, wo wir überhaupt niemanden sahen, und manchmal konnten wir Leute sehen, die im Gegen- satz zu unserer Nordostrichtung nach Südwesten gingen, zur, Küste hinunter. »Sie nannte den kleinen Jungen Adam«, fuhr Jill fort. »Er war erst ein paar Monate alt, als er… als er starb.« Ich sah sie an. Sie hatte eine große, angeschwollene, purpur- farbene Quetschung mitten auf der Stirn, wie ein mißgebildetes drittes Auge. Ich glaube, sie tat ihr nicht sehr weh, jedenfalls spürte ich nicht viel davon. »Als er starb«, wiederholte ich. »Wer hat ihn getötet?« Sie schaute weg und rieb an der Quetschung. »Unser Vater. Deswegen sind wir weggegangen. Er hat das Baby umgebracht. Es schrie. Er hat mit den Fäusten darauf eingeschlagen, bis es still war.« Ich schüttelte den Kopf und seufzte. Es war keine Neuigkeit für mich, daß die Väter andrer Leute Monster sein konnten. Ich hatte mein ganzes Leben lang von solchen Dingen gehört, aber noch niemanden getroffen, der so deutlich das Opfer seines Vaters war. »Wir haben das Haus niedergebrannt«, flüsterte Jill. Ich hör- te sie das sagen und wußte ohne Nachfrage, was sie nicht aus- sprach. Aber sie sah aus wie jemand, der mit sich selbst spricht und vergessen hat, daß jemand zuhört. »Er lag besoffen am Boden. Das Baby war tot. Wir nahmen unsere Sachen und unser Geld – selber verdientes! – und zündeten den am Boden umherliegenden Müll und die Couch an. Wir blieben nicht, um zuzusehen. Ich weiß nicht, was passiert ist. Wir sind davonge- rannt. Vielleicht ist das Feuer ausgegangen. Vielleicht ist er nicht gestorben.« Sie blickte mich wieder an. »Vielleicht lebt er noch.« Sie klang eher angsterfüllt als sonst etwas. Nicht hoffnungs-, voll oder traurig. Sie hatte Angst. Der Teufel war vielleicht noch am Leben. »Von wo seid ihr weggelaufen?« fragte ich. »Aus welcher Stadt?« »Glendale.« »Da unten in L.A. County?« »Yeah.« »Dann ist er jedenfalls dreihundert Meilen hinter euch.« »… yeah.« »Er hat viel getrunken, nicht wahr?« »Ständig.« »Dann kann er euch nicht einmal verfolgen, wenn das Feuer ihn verschont hat. Was glaubst du, was mit einem Betrunkenen auf der Autobahn passiert? Er würde es nicht einmal aus L.A. heraus schaffen.« Sie nickte. »Das sagt Allie auch. Ihr habt beide recht. Ich weiß es. Aber… ich träume manchmal von ihm – daß er kommt, daß er uns gefunden hat… Ich weiß, es ist verrückt. Aber ich wache schweißgebadet auf.« »Ja«, sagte ich und dachte an meine eigenen Alpträume wäh- rend der Suche nach meinem Vater. »Ja, ich weiß.« Wir gingen ein Weile lang schweigend nebeneinander her. Wir kamen nur langsam vorwärts, weil Justin von Zeit zu Zeit laufen wollte. Er hatte zuviel Energie, um stundenlang sitzen und gefahren werden zu können. Und wenn er laufen durfte, wollte er natürlich überall herumrennen und alles untersuchen. Ich hatte Zeit, stehenzubleiben, meinen Packen zu öffnen und ein Stück Wäscheleine herauszuholen. Ich gab sie Jill. »Sag deiner Schwester, sie soll versuchen, ihm ein Laufge-, schirr zu verpassen«, sagte ich. »Das könnte sein Leben retten. Ein Ende um seine Hüften, das andere um ihren Arm.« Sie nahm das Seil. »Ich hatte schon mit Dreijährigen zu tun«, sagte ich. »Und ich sage dir, sie wird eine Menge Hilfe brauchen mit diesem kleinen Kind. Wenn sie das jetzt noch nicht weiß, wird sie bald draufkommen.« »Wollt ihr Männer ihr die ganze Arbeit überlassen?« fragte Jill. »Natürlich nicht.« Ich sah Allie und Justin vor uns hergehen – die dünne, eckige Frau und die kleine dicke Hummel von einem Kind. Der Junge rannte, einen Busch am Straßenrand zu untersuchen, dann rannte er, aufgeschreckt durch das Auftau- chen von Fremden, zurück zu Allie und klammerte sich an den Stoff ihrer Jeans, bis sie ihn an der Hand nahm. »Sie scheinen einander adoptieren zu wollen«, sagte ich. »Sich um andere Menschen zu sorgen, kann ein gutes Mittel gegen Alpträume wie deine und vielleicht auch ihre sein.« »Das hört sich an, als wüßtest du Bescheid.« Ich nickte. »Ich lebe in derselben Welt.« ✳ ✳ ✳ Noch vor der Mittagszeit kamen wir durch Hollister. Wir füllten unsere Vorräte auf, da wir nicht wußten, wann wir wieder an einem gut ausgestatteten Laden vorüberkommen würden. Wir hatten schon herausgefunden, daß manche der kleinen Gemeinden, die auf den Karten verzeichnet waren, nicht mehr existierten – zum Teil schon seit Jahren. Das Erdbe-, ben hatte in Hollister großen Schaden angerichtet, aber die Einwohner waren noch nicht vertiert. Sie schienen einander bei den Reparaturen zu helfen und sich in ihrer Not umeinander zu kümmern. Stell dir das mal vor!, Das Selbst muß sich seine eigenen Gründe für seine Existenz schaffen. Um Gott zu formen, um das Selbst zu formen. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Montag, 30. August 2027 Im San-Luis-Stausee ist noch immer ein bißchen Wasser. Es ist mehr Süßwasser, als ich jemals an einem Ort beisammen gese- hen habe, aber verglichen mit der riesigen Größe des Staugebie- tes kann ich erkennen, daß es nur eine sehr kleine Menge ist, verglichen mit dem, was da sein sollte – und früher immer da war. Die Autobahn führt einige Meilen durch Erholungsgebiete. Das ermöglichte es uns, auf der Straße zu bleiben, bis wir einen Ort entdeckten, der einen guten Lagerplatz abgeben würde und der nicht besetzt war. In dieser Gegend befinden sich viele Leute – Menschen, die sich hier dauernd niedergelassen haben in allen möglichen Behausungen von Fetzen-und-Plastik-Zelten bis zu Holzhütten, die beinahe tauglich für menschenwürdiges Wohnen aussehen. Wo gehen so viele Menschen aufs Klo? Wie sauber ist das Wasser im Stausee? Zweifellos reinigen die Städte, die es ver-, wenden, das Wasser, das zu ihnen kommt. Ob sie es tun oder nicht, ich glaube, wir müssen jetzt die Wasserreinigungstablet- ten verwenden. Zwischen den Zelten und Hütten befinden sich kleine, ver- kommene Gärten – neue Anpflanzungen und die Überbleibsel der Gärten für das Sommergemüse. Es ist nur noch wenig zum Ernten übrig: verschiedene Kürbisgewächse wachsen noch neben Karotten, Paprika, Grünzeug und einem bißchen Mais. Gute, billige, den Magen füllende Nahrungsmittel. Sie liefern nicht genug Protein, aber vielleicht gehen die Leute jagen. Es muß hier in der Gegend Wild geben, und ich sah eine Anzahl Gewehre. Die Leute tragen Handfeuerwaffen in Holstern, oder sie haben Jagd- und andere Gewehre umgehängt. Insbesondere die Männer tragen Waffen. Sie starrten uns prüfend an. Als wir vorüberkamen, hörten die Menschen auf, in ihrem Gärten zu arbeiten, im Freien zu kochen, oder was immer sie gerade taten, und starrten uns an. Wir hatten uns beeilt, waren begierig gewesen, vor der Meute zu kommen, von der ich annehme, daß sie bald aus der Bay Area heraufkommen wird. Deshalb kamen wir nicht mit dem üblichen Menschenstrom an. Aber wir waren mittlerweile selbst genug, um die lokalen Sied- ler nervös zu machen. Sie ließen uns aber doch in Ruhe. Abge- sehen von solchen von Desastern wie dem Erdbeben ausgelö- sten Irrsinnsausbrüchen ließen die meisten Menschen einander in Ruhe. Ich glaube auch, daß Dominic und Justin es uns leich- ter machen, uns anzupassen. Justin, jetzt von Allie an der Leine geführt, war vorher umhergerannt und hatte sich die Siedler angesehen, bis sie ihn nervös zu machen begannen. Dann wollte, er von Allie getragen werden. Er ist ein lieber kleiner Junge. Dürre Leute mit grimmigen Gesichtern neigen dazu, ihm zuzulächeln. Niemand schoß auf uns oder forderte uns irgendwie heraus, während wir die Straße entlanggingen. Niemand belästigte uns später, als wir sie verließen und uns unter den Bäumen einen Ort suchten, den wir für einen guten Lagerplatz hielten. Wir fanden alte Feuerstellen und Toiletten und mieden sie. Wir wollten nicht in Sichtweite der Straße sein oder in der von irgendeinem Zelt oder Schuppen. Wir wollten Zurückgezogen- heit, nicht zu viele Steine, auf denen wir schlafen mußten, und einen Weg zum Wasser, auf dem wir uns nicht allzu sehr zeigen mußten. Wir suchten über eine Stunde lang, bis wir einen abseits gelegenen alten Lagerplatz fanden, der lang schon ver- lassen war und ein bißchen höher in der Landschaft lag als andere, die wir gesehen hatten. Er paßte uns allen. Dann ruhten wir mit großer Bequemlichkeit und Faulheit, während es immer noch taghell war, in der Gewißheit, daß wir den Rest dieses Tages und den ganzen morgigen fast nichts zu tun hatten. Natividad stillte Dominic, worauf die beiden einschliefen. Allie folgte mit Justin diesem Beispiel, obwohl es etwas komplizierter war, ihm eine Mahlzeit zuzubereiten. Beide Frauen hatten mehr Grund, müde zu sein als der Rest von uns, deshalb ließen wir sie aus, als wir mittels Los die Wachen für Tag und Nacht verteil- ten. Wir sollten es uns nicht allzu bequem machen. Wir stimm- ten auch darin überein, daß niemand allein auf Entdeckungsrei- se oder zum Wasserholen gehen sollte. Ich dachte mir, daß die Paare sich bald trennen würden – und daß es Zeit wäre für jenes Gespräch zwischen Bankole und mir., Ich saß neben ihm und putzte unsere neue Pistole, während er das Gewehr reinigte. Harry hatte Wache und brauchte meine Waffe. Als ich hinüberging, um sie ihm zu geben, ließ er mich wissen, daß er ganz genau begriff, was zwischen Bankole und mir vorging. »Sei vorsichtig«, flüsterte er. »Paß auf, daß der alte Knacker keinen Herzanfall kriegt.« »Ich werde ihm sagen, daß du dir Sorgen machst«, sagte ich. Harry lachte, dann wurde er wieder ernst. »Sei vorsichtig, Lauren. Bankole ist ja vielleicht in Ordnung. Er macht diesen Eindruck. Aber, nun ja… schrei, wenn etwas schiefläuft.« Ich ließ meine Hand einen Augenblick auf seiner Schulter liegen und sagte: »Danke.« Das Angenehme daran, neben jemandem zu sitzen und zu arbeiten, den man nicht sehr gut kennt, ist, daß man mit ihm sprechen kann oder schweigen. Man kann es sich mit ihm gemütlich machen und mit dem Bewußtsein, daß man bald mit ihm schlafen wird. Bankole und ich schwiegen ein bißchen schüchtern eine Weile lang. Ich warf ihm Seitenblicke zu und sah, daß er dassel- be mit mir tat. Dann begann ich zu meiner eigenen Überra- schung mit ihm über Erdensaat zu sprechen – nicht zu predi- gen, nur zu erzählen, als Test, glaube ich. Ich mußte sehen, wie er reagierte. Erdensaat ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich mußte jetzt wissen, ob er es zum Lachen fand. Ich erwartete nicht, daß er zustimmte oder auch nur besonders interessiert wäre. Er ist ein alter Mann. Ich glaubte, er sei vermutlich zu- frieden mit der Religion, die er hatte, was auch immer es für eine war. Während ich sprach, wurde mir klar, daß ich keine, Ahnung hatte, was seine Religion war. Ich fragte ihn. »Ich habe überhaupt keine«, sagte er. »Als meine Frau noch lebte, gingen wir in eine Methodistenkirche. Für sie war ihre Religion wichtig, deshalb ging ich mit. Ich sah, daß es ihr half, und ich wollte auch selber glauben, aber das konnte ich dann doch nicht.« »Wir waren Baptisten«, sagte ich. »Ich konnte mich auch nicht zum Glauben zwingen, konnte es aber niemandem sagen. Mein Vater war der Priester. Ich hielt den Mund und begann, Erdensaat zu verstehen.« »Begann, Erdensaat zu erfinden«, sagte er. »Begann, es zu entdecken und zu verstehen«, sagte ich. »Über die Wahrheit zu stolpern ist nicht dasselbe wie Sachen erfinden.« Ich fragte mich, wie oft ich das neuen Leuten noch sagen mußte. »Es klingt nach einer Kombination von Buddhismus, Exi- stentialismus, Sufismus und ich weiß nicht was noch allem«, sagte er. »Der Buddhismus macht nicht gerade einen Gott aus dem Konzept der Veränderung, aber die Unbeständigkeit alles Seienden ist ein Basisprinzip des Buddhismus.« »Ich weiß«, sagte ich. »Ich habe auch eine Menge gelesen. Einige andere Religionen und Philosophien enthalten Ideen, die gut in das Erdensaat-Konzept hineinpassen, aber keine davon ist Erdensaat. Sie gehen letztlich in andere Richtungen.« Er nickte. »Stimmt. Aber sag mir, was müssen Menschen tun, um gute Mitglieder von Erdensaat sein zu können?« Eine nette, Türen öffnende Frage. Ich erwiderte: »Das We- sentliche ist es, zu lernen, Gott durch Gedanken, Vorsorge und Arbeit zu formen, die Gemeinschaft, die Familien und sich, selbst zu erziehen und zu begünstigen und zur Erfüllung des Schicksals beizutragen.« »Und warum sollten sich die Menschen um das Schicksal kümmern, so weit hergeholt, wie das ist? Was haben sie da- von?« »Ein einendes, sinnvolles Leben hier auf der Erde und die Hoffnung auf den Himmel für sie und ihre Kinder. Einen wirklichen Himmel, keinen mythologischen oder philosophi- schen. Einen Himmel, den sie nach eigenen Vorstellungen formen können.« »Oder eine Hölle«, sagte er. Sein Mund zuckte. »Die Men- schen sind gut darin, sogar im Überfluß Höllen für ihresglei- chen zu schaffen.« Er dachte einen Moment lang nach. »Weißt du, es klingt zu simpel.« »Du hältst es für simpel?« fragte ich überrascht. »Ich sagte, es klingt zu simpel.« »Für manche Leute klingt es überwältigend.« »Ich meine, es ist auch zu… geradeheraus. Wenn du Leute dazu bringst, es zu akzeptieren, werden sie es komplizierter machen, offener für Interpretationen, mystischer und ange- nehmer.« »Aber nicht mit mir!« sagte ich. »Mit oder ohne dich, sie werden es tun. Alle Religionen ver- ändern sich. Denk an die großen. Was glaubst du, was Christus heute wäre? Ein Baptist? Ein Methodist? Ein Katholik? Und Buddha – glaubst du, er wäre heute ein Buddhist? Was für eine Art von Buddhismus könnte er praktizieren?« Er lächelte. »Wenn ›Gott Wandel ist‹, dann kann sich Erdensaat sicher ändern, und wenn es Bestand hat, wird es das auch tun.«, Ich schaute weg, weil er lächelte. Das alles bedeutete ihm nichts. »Das weiß ich«, sagte ich. »Niemand kann den Wechsel verhindern, aber wir alle können ihn formen, ob wir es wollen oder nicht. Ich meine damit, Erdensaat so zu führen und zu formen, daß es wird, was es sein soll.« »Vielleicht.« Er lächelte immer noch. »Wie ernst ist es dir damit?« Diese Frage traf mich zuinnerst. Ich sprach beinahe ohne zu wissen, was ich sagen würde. »Als mein Vater… verschwand«, fing ich an, »war es Erdensaat, was mir das Weitermachen ermöglichte. Als der größte Teil meiner Gemeinde und der Rest meiner Familie ausgelöscht wurden und ich allein war, hatte ich immer noch Erdensaat. Was ich jetzt bin, alles, was ich jetzt bin, ist Erdensaat.« »Was du jetzt bist«, sagte er nach einem langen Schweigen, »ist eine sehr ungewöhnliche junge Frau.« Danach sagten wir beide eine Weile lang nichts. Ich fragte mich, was er denken mochte. Er hatte sich nicht allzusehr lustig gemacht, nicht mehr, als ich erwartet hatte. Er war bereit gewe- sen, sich auf die religiösen Bedürfnisse seiner Frau einzulassen. Jetzt würde er mir meine wenigstens lassen. Ich dachte über seine Frau nach. Er hatte sie nie zuvor er- wähnt. Wie war sie gewesen? Wie war sie gestorben? »Hast du dein Heim verlassen, weil deine Frau gestorben ist?« fragte ich. Er legte den langen dünnen Stab, den er zum Reinigen ver- wendet hatte, hin und lehnte sich mit dem Rücken an den Baum hinter sich. »Meine Frau starb vor fünf Jahren«, sagte er. »Drei Männer brachen bei uns ein – Junkies, Dealer, ich weiß es, nicht. Sie schlugen sie, um aus ihr herauszubekommen, wo die Drogen waren.« »Drogen?« »Sie waren der Überzeugung, daß wir etwas haben müßten, das sie brauchen oder verkaufen konnten. Sie mochten die Sachen nicht, die sie ihnen geben konnte, deshalb schlugen sie sie zusammen. Sie hatte ein Problem mit dem Herz.« Er holte tief Luft und seufzte. »Sie lebte noch, als ich heimkam. Sie konnte mir sagen, was passiert war. Ich versuchte, ihr zu helfen, aber die Schweine hatten ihre Medizin mitgenommen, zusam- men mit allem anderen. Ich rief eine Ambulanz an. Sie kam eine Stunde nach ihrem Tod. Ich versuchte sie erst zu retten, dann wiederzubeleben. Ich habe mich so verdammt bemüht…« Ich schaute von unserem Hügel hinunter auf einen Fleck Wasser, den man in der Entfernung zwischen Büschen und Bäumen glänzen sah. Die Welt ist voll schmerzlicher Geschich- ten. Manchmal sieht es so aus, als gäbe es überhaupt keine anderen mehr, und doch dachte ich mir, wie wunderbar dieser Fleck Wasser zwischen den Bäumen aussah. »Ich hätte nach Norden gehen sollen, als Sharon starb«, sagte Bankole. »Ich habe darüber nachgedacht.« »Aber du bist geblieben.« Ich wandte mich vom Wasser ab und wieder ihm zu. »Warum?« Er schüttelte den Kopf. »Ich wußte nicht, was ich tun sollte, deshalb tat ich eine Zeitlang überhaupt nichts. Freunde küm- merten sich um mich, kochten für mich, reinigten das Haus. Es überraschte mich, daß sie das taten. Die meisten von ihnen waren Leute aus der Kirche. Nachbarn. Eher ihre Freunde als meine.«, Ich mußte an Wardell Parrish denken, wie ihn der Verlust seiner Schwester und deren Kinder zerstört hatte – und wie sein Haus ausgesehen hatte. War Bankole der Wardell Parrish seiner Gemeinde gewesen? »Hast du in einer ummauerten Gemein- schaft gelebt?« »Ja. Aber nicht in einer reichen. Nicht im entferntesten. Die Leute schafften es gerade, ihre Familien durchzubringen und ihr Eigentum zu schützen, nicht viel mehr. Kein Dienstperso- nal. Keine angestellten Wachleute.« »Klingt wie meine alte Nachbarschaft.« »Ich schätze, es klingt nach noch mehr alten Nachbarschaf- ten, die es nicht mehr gibt. Ich blieb, um den Leuten zu helfen, die mir geholfen hatten. Ich konnte nicht einfach abhauen.« »Aber dann hast du es doch getan. Du bist weggegangen. Warum?« »Feuer – und Plünderer.« »Ihr auch? Die ganze Gemeinschaft?« »Ja. Die Häuser brannten, die meisten Leute wurden getö- tet… der Rest zerstreute sich, ging zu Freunden oder Familien- mitgliedern anderswo. Plünderer und Hausbesetzer zogen ein. Ich habe nicht beschlossen zu gehen, ich rannte einfach davon.« Das klang nur allzu vertraut. »Wo hast du gelebt? In welcher Stadt?« »San Diego.« »So weit im Süden?« »Ja. Wie ich schon sagte, ich hätte schon vor Jahren wegge- hen sollen. Damals hätte ich das Geld für einen Flug und für die Niederlassung woanders auftreiben können.« Geld für einen Flug und eine neue Wohnung? Er nannte das, vielleicht nicht ›reich‹, aber wir hätten es schon getan. »Und wohin gehst du jetzt?« »Nach Norden.« Er zuckte die Achseln. »Einfach irgendwohin in den Norden oder an einen be- stimmten Ort?« »Irgendwo, wo man mich für meine Arbeit bezahlen kann und wo ich unter Menschen lebe, die nicht darauf aus sind, mich wegen Nahrung oder Wasser zu töten.« Oder für Drogen, dachte ich mir. Ich betrachtete sein bärti- ges Gesicht und zählte die Hinweise zusammen, die ich heute und an den vorangegangenen Tagen von ihm erhalten hatte. »Du bist Arzt, nicht wahr?« Er sah ein bißchen überrascht aus. »Ja, ich war Arzt. Hatte eine Familienpraxis. Das scheint eine Ewigkeit her zu sein.« »Die Menschen werden immer Ärzte brauchen«, sagte ich. »Dir wird's gutgehen.« »Das hat mir meine Mutter auch immer gesagt«, erwiderte er lächelnd. »Und jetzt bin ich hier.« Ich lächelte zurück, weil ich nicht anders konnte, wenn ich ihn jetzt ansah, aber mir war klar, daß er mich zumindest in einem Punkt belogen hatte. Er mochte noch so sehr vertrieben und gestresst sein, wie er auch aussah, aber er ging nicht einfach nur nach Norden. Er suchte nicht bloß irgend jemanden, der für seine Dienste zahlen würde und ihn nicht umbrachte oder beraubte. Er war nicht der Typ des Mannes, der nach nirgend- wo unterwegs war. Er wußte, wohin er ging. Er hatte irgendwo einen sicheren Hafen in Aussicht – das Heim von Verwandten, eine eigene andere Wohnung, das Haus eines Freundes, irgend so etwas – ein ganz bestimmtes Ziel., Oder er hatte immer noch genug Geld, um sich eine Woh- nung in Washington, in Kanada oder Alaska kaufen zu können. Er hatte wählen müssen zwischen einem schnellen, sicheren, teuren Flug und dem Niederlassungsgeld, wenn er es dorthin schaffte, wohin er wollte. Er hatte sich für das Niederlassungs- geld entschieden. Wenn es so war, dann stimmte ich mit ihm überein. Er nahm ein Risiko auf sich, das es ihm ermöglichen würde, so bald wie möglich einen Neuanfang zu machen – wenn er lang genug lebte. Wenn ich andererseits damit zumindest zum Teil recht hatte, würde er eines Nachts verschwinden. Oder vielleicht würde er es auch ehrlicher machen – einfach eines Tages von mir wegge- hen, eine Seitenstraße nehmen und zum Abschied winken. Das wollte ich nicht. Nachdem ich mit ihm geschlafen hätte, würde ich es noch weniger wollen. Selbst jetzt wollte ich ihn bei mir haben. Ich haßte es, daß er mich jetzt schon anlog – oder ich zumindest glauben mußte, daß er es tat. Aber warum sollte er mir alles sagen? Er kannte mich noch nicht sehr gut, und er wollte – wie ich – überleben. Vielleicht konnte ich ihn davon überzeugen, daß er und ich zusammen sehr gut durchkommen könnten. Bis dahin war es das beste, ihn zu genießen, ohne ihm allzusehr zu vertrauen. Ich irre mich vielleicht mit all dem, aber das glaube ich eigentlich nicht. Schade. Wir beendeten die Reinigung der Waffen, luden sie und gin- gen zum Wasser, um uns zu waschen. Man konnte einfach zum Wasser gehen, einen Topf voll schöpfen und wegtragen. Das kostete nichts. Ich sah mich um, weil ich dachte, jemand würde kommen und uns abhalten wollen oder Geld verlangen. Mir, schien auch, wir könnten beraubt werden, aber niemand küm- merte sich um uns. Wir sahen andere Menschen, die Wasser in Flaschen, Feldflaschen, Töpfen und Plastiksäcken holten, aber es schien alles friedlich zu sein. Keiner belästigte einen anderen. Niemand beachtete uns. »So wird es hier nicht bleiben können«, sagte ich zu Bankole. »Es ist eine Schande. Hier könnte das Leben so schön sein.« »Ich schätze, es ist ungesetzlich, sich hier niederzulassen«, erwiderte er. »Das ist ein staatliches Erholungsgebiet. Es müßte Vorschriften geben, wie lange man hier bleiben kann. Ich bin mir sicher, daß es eine Gruppe gibt – oder zumindest gegeben hat –, die diese Gegend polizeilich kontrolliert hat. Ich frage mich, ob nicht hin und wieder Beamte irgendeiner Art kom- men, um Gebühren zu kassieren.« »Nicht, während wir hier sind, hoffe ich.« Ich trocknete mei- ne Hände und Arme ab und wartete, bis er dasselbe getan hatte. »Bist du hungrig?« »O ja«, sagte er. Er blickte mich eine Weile an, dann griff er nach mir. Er nahm mich an den Armen, drehte mich zu ihm, küßte mich und sprach in mein Ohr. »Du etwa nicht?« Ich erwiderte nichts. Nach einer Weile nahm ich seine Hand, und wir gingen zum Lager zurück, um eine der Decken zu holen. Dann zogen wir uns an eine geschützte kleine Stelle zurück, die wir schon früher bemerkt hatten. Es schien natürlich und einfach, sich mit ihm hinzulegen und seinen glatten, harten, breiten Körper zu erforschen. Er hatte sich fit gehalten. Zweifellos hatte der Marsch über Hunderte von Meilen in wenigen Wochen alles Fett weggebrannt, das er vielleicht an sich gehabt hatte. Er war immer noch groß –, großgewachsen und mit einer Brust wie ein Faß. Das beste war, daß er unkomplizierte Freude an meinem Körper hatte und ich sie mit ihm leicht teilen konnte. Es kommt nicht oft vor, daß ich die gute Seite meiner Hyperempfindlichkeit genießen kann. Ich überließ mich diesem intensiven und wilden Gefühl. Vermut- lich war die Gefahr einer Herzattacke für mich größer als für ihn. Wie hatte ich es nur so lange ohne das ausgehalten? Es gab einen seltsamen, unromantischen Augenblick, als wir beide in unsere zusammengeknüllte Kleidung faßten und Kondome herauszogen. Es war auch komisch, weil wir es wirk- lich genau im selben Augenblick machten, und wir lachten, bevor wir mit dem ernsthaften Geschäft weitermachten, uns zu lieben und Freude aneinander zu haben. Dieser getrimmte und gekämmte Bart, auf den er so stolz ist, kitzelt wie verrückt. ✳ ✳ ✳ »Ich weiß, ich hätte dich in Ruhe lassen sollen«, sagte er, nach- dem wir zweimal miteinander geschlafen hatten und immer noch nicht aufstehen und zu den anderen zurückgehen wollten. »Du wirst mich umbringen. Ich bin zu alt für all das.« Ich lachte und verwendete seine Schulter als Kopfkissen. Nach einer Weile sagte er: »Ich muß mal einen Moment lang ernst sein, Mädchen.« »Wenn's unbedingt sein muß.« Er atmete tief ein, seufzte, schluckte und zögerte. »Ich will dich nicht wieder aufgeben«, sagte er dann. Ich lächelte. »Du bist zu jung«, sagte er. »Ich hätte es besser wissen sollen., Wie alt bist du denn wirklich?« Ich sagte es ihm. Er zuckte zusammen und stieß mich von seiner Schulter. »Achtzehn?« Er wich vor mir zurück, als habe er sich an meiner Haut verbrannt. »Mein Gott«, sagte er. »Du bist ein Baby. Ich bin ein Kinderschänder!« Ich lachte nicht, obwohl ich Lust dazu hatte. Ich sah ihn nur an. Nach einer Weile runzelte er die Stirn und schüttelte den Kopf. Bald danach rückte er näher, berührte mein Gesicht, meine Schultern und meine Brüste. »Du bist nicht erst achtzehn«, sagte er. Ich zuckte die Achseln. »Wann wurdest du geboren? In welchem Jahr?« »2009.« »Nein.« Er dehnte das Wort: »Neiiiiin.« Ich küßte ihn und sagte im selben Ton: »Jaaaa. Hör jetzt mit dem Unsinn auf. Du willst mit mir und ich will mit dir sein. Wir trennen uns doch wohl nicht wegen meiner Jugend, oder?« Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. »Du solltest einen netten Jungen wie Travis haben«, sagte er. »Ich sollte den Verstand und die Kraft haben, dich wegzuschicken, damit du dir einen suchst.« Da mußte ich an Curtis denken, und ich schreckte davor zu- rück, das zu tun. Ich hatte so wenig wie möglich an Curtis Talcott gedacht. Er ist nicht wie meine Brüder. Vielleicht ist er tot, aber keiner von uns hat seine Leiche gesehen. Ich habe seinen Bruder Michael gesehen. Ich hatte Angst gehabt, Curtis selbst zu entdecken, aber das war ja nicht der Fall gewesen., Vielleicht war er gar nicht tot. Für mich ist er verloren, aber ich hoffe, er ist nicht tot. Er sollte mit mir auf der Straße sein. Ich hoffe, er lebt und es geht ihm gut. »An wen habe ich dich erinnert?« fragte mich Bankole mit weicher, tiefer Stimme. Ich schüttelte den Kopf. »An einen Jungen, den ich zu Hause gekannt habe. Wir hätten dieses Jahr heiraten sollen. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt.« »Du hast ihn geliebt?« »Ja! Wir wollten heiraten und weggehen, nach Norden. So hatten wir uns in diesem Herbst entschieden.« »Das ist verrückt! Du wolltest diese Straße entlanggehen, obwohl du damals noch nicht unbedingt mußtest?« »Ja. Und wenn wir früher gegangen wären, wäre er bei mir. Ich wünschte, ich wüßte, ob er noch am Leben ist.« Er legte sich auf den Rücken und zog mich an sich. »Wir ha- ben alle jemanden verloren«, sagte er. »Du und ich scheinen jeden verloren zu haben. Das schafft eine Verbindung, nehme ich an.« »Eine schreckliche«, sagte ich. »Aber nicht unsere einzige.« Er schüttelte den Kopf. »Bist du wirklich 18?« »Ja. Seit letztem Monat.« »Dem Aussehen und Benehmen nach müßtest du um Jahre älter sein.« »Ich bin nun einmal so.« »Du warst das älteste Kind in der Familie, nicht wahr?« Ich nickte. »Ich hatte vier Brüder. Sie sind alle tot.« »Ja«, seufzte er. »Ja.«, Dienstag, 31. August 2027 Ich habe den ganzen Tag damit zugebracht, zu sprechen, zu schreiben, zu lesen und es mit Bankole zu treiben. Es ist so ein Luxus, nicht aufzustehen, zu packen und den ganzen Tag marschieren zu müssen. Wir hingen alle im Lager herum, erholten unsere schmerzenden Muskeln, aßen und taten nichts. Es kamen immer mehr Leute von der Autobahn in unser Ge- biet, aber sie belästigten uns nicht. Ich begann mit Zahras Leseunterricht, und Jill und Allie sa- hen interessiert zu. Ich schloß sie in meine Übung ein, als hätte ich nie etwas anderes vorgehabt. Es stellte sich heraus, daß sie ein bißchen lesen konnten, aber nie schreiben gelernt hatten. Gegen Ende der Lektion las ich ihnen trotz Harrys Stöhnen ein paar Erdensaat-Verse vor. Aber als Allie proklamierte, sie würde niemals zu irgendeinem Gott der Veränderung beten, war es Harry, der sie korrigierte. Zahra und Travis lächelten darüber, und Bankole sah uns mit offensichtlichem Interesse zu. Danach begann Alice, Fragen zu stellen, statt spöttische Er- klärungen abzugeben, die meisten davon beantworteten die anderen – Travis und Natividad, Harry und Zahra. Einmal antwortete Bankole, anknüpfend an etwas, das ich ihm am Vortag gesagt hatte. Dann ertappte er sich selbst dabei und sah ein bißchen beschämt aus. »Ich glaube immer noch, daß es zu einfach ist«, sagte er. »Vieles davon ist logisch, aber es wird niemals funktionieren, wenn man es nicht ein bißchen mystisch überzuckert.« »Das überlasse ich meinen Jüngern«, sagte ich, und er be- schäftigte sich plötzlich damit, eine Tüte Mandeln aus seinem, Packen zu holen, einen Teil davon in seine Handfläche zu schütten und sie in der Runde anzubieten. Kurz vor Einbruch der Nacht begann auf der Autobahn eine Schießerei. Wir konnten von unserem Lager aus nichts davon sehen, aber wir hörten auf, uns zu unterhalten, und legten uns hin. Wenn Kugeln fliegen, liegt man am besten flach. Die Schießerei verebbte und ging wieder los, entfernte sich und kam zurück. Ich hatte Wache, deshalb blieb ich sprungbe- reit, aber bei diesem Schußlärm rührte sich nichts um uns als die Brise in den Bäumen. Es sah alles so friedlich aus, und doch versuchten sich Menschen da drüben gegenseitig umzubringen und hatten ohne Zweifel Erfolge dabei. Es ist seltsam, wie normal es für uns geworden ist, auf dem Boden zu liegen und zuzuhören, wie Leute sich gegenseitig umzubringen versuchen., Wie der Wind, wie das Wasser, wie das Feuer, wie das Leben selbst ist Gott beides, kreativ und destruktiv, fordernd und gebend, Töpfer und Ton zugleich. Gott ist unendliches Potential: Gott ist Veränderung. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Donnerstag, 9. September 2027 Wir haben eine Woche anstrengenden, angstmachenden, an den Nerven zerrenden Marsches hinter uns. Wir haben die Stadt Sacramento ohne ernste Schwierigkeiten erreicht und durchquert. Wir konnten genügend Wasser und Nahrungsmit- tel kaufen und jede Menge leere Plätze in den Hügeln zum Kampieren finden. Aber keiner von uns hatte irgendein Gefühl von Komfort oder auch nur guter Laune auf dem Abschnitt der Interstate 5, den wir jetzt gerade hinter uns gebracht haben. Die I-5 wird trotz des Erdbeben-Chaos weniger begangen als die U.S. 101. Zeitweilig gab es außer uns niemanden zu sehen. Das hielt nie lange an, aber es kam vor., Andererseits gab es mehr Lastwagen auf der I-5. Wir mußten vorsichtig sein, denn diese Lastwagen fahren Tag und Nacht. Auf der I-5 lagen auch mehr menschliche Knochen als irgend- wo bisher. Es war nichts Ungewöhnliches, Schädel, Kieferkno- chen, Hüftknochen oder Torsi zu finden. Arm- und Beinkno- chen gab es seltener, aber hin und wieder sahen wir auch solche. »Ich glaube, es liegt an den Trucks«, sagte Bankole. »Wenn die hier jemanden niederfahren, halten sie deswegen nicht an. Sie könnten es auch nicht riskieren. Und die Junkies und Alko- holiker sind sicher nicht besonders achtsam, wenn sie da ent- langlaufen.« Ich nehme an, daß er recht hat, obwohl wir auf dem ganzen Straßenabschnitt nur vier Leute gesehen hatten, die entweder nicht nüchtern oder nicht geistig gesund wirkten. Aber wir sahen anderes. Dienstags lagerten wir in einem kleinen Tal zwischen den Hügeln westlich von der Straße, und ein großer schwarz-weiß gefleckter Hund kam zu unserem Camp getrottet mit einem frisch aussehenden, noch blutenden Kinderunterarm samt Hand in der Schnauze. Der Hund erblickte uns, erstarrte, drehte sich um und rannte dahin zurück, woher er gekommen war. Aber wir alle hatten ihn gesehen, bevor er verschwand, und wir hatten alle dasselbe gesehen. In dieser Nacht stellten wir Doppelwachen auf. Zwei Wächter, zwei Waffen, keine unnötigen Gespräche, kein Sex. Am nächsten Tag entschieden wir uns, keine Rast mehr ein- zulegen, bis wir ganz durch Sacramento hindurch waren. Es gab keine Garantie, daß es auf der anderen Seite von Sacramento irgendwie besser sein würde, aber wir wollten aus diesem schrecklichen Landstrich weg., In dieser Nacht stießen wir auf der Suche nach einem Lager- platz auf vier schmutzige, in Lumpen gehüllte Kinder, die um ein Lagerfeuer saßen. Ich habe das Bild noch klar im Kopf. Kinder im Alter meiner Brüder – zwölf, dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre alt, drei Knaben und ein Mädchen. Das Mäd- chen war hochschwanger. Offensichtlich würde sie bald gebä- ren. Wir gingen in einem trockenen Flußbett um eine Kurve, und da waren diese Kinder und brieten einen menschlichen Unterschenkel, indem sie ihn so am daranhängenden Fuß drehten, daß er in der Mitte ihres Feuers lag. Während wir zusahen, riß das Mädchen einen Streifen verbrannten Fleisches von dem Schenkel und stopfte ihn sich in den Mund. Sie bemerkten uns nicht. Ich führte unsere Gruppe an und hielt die anderen zurück, bevor sie um die Biegung kamen. Harry und Zahra, die direkt hinter mir waren, sahen dasselbe wie ich. Wir kehrten um und führten die anderen weg, ohne ihnen zu sagen, warum, bevor wir weit weg waren von diesen Kindern und ihrem kannibalische Mahl. Niemand griff uns an. Man belästigte uns nicht einmal. Die Landschaft, durch die wir liefen, war manchmal sogar wirklich schön – grüne Bäume und sanft dahinrollende Hügel, goldenes Heu und winzige Gemeinden; Farmen, viele davon verwildert und verlassen, und leere Häuser. Eine hübsche Gegend, und, verglichen mit Südkalifornien, eine reiche. Hier gab es mehr Wasser, mehr Nahrung, mehr Platz… Und warum fraßen dann die Leute einander auf? Manchmal sahen wir Brandruinen. Es war offensichtlich, daß es auch hier Unruhen gegeben hatte, aber viel weniger als an der Küste. Und doch konnten wir es nicht erwarten, wieder an die, Küste zu kommen. Sacramento war gut für den Kauf von Lebensmitteln und Wasser, aber im übrigen beeilten wir uns, hinauszukommen. Die Sachen waren natürlich billig, wenn man sie mit dem verglich, was man auf der Straße zahlte. Städte waren immer eine Erholung, was Preise betraf. Aber Städte waren auch ge- fährlich. Mehr Gangs, mehr Cops, mehr Verdächtige, mehr nervöse Leute mit Waffen. Durch die Städte geht man auf Zehenspitzen. Man bleibt nicht stehen, hält die Augen offen und versucht gleichzeitig, einschüchternd auszusehen und unsichtbar zu sein. Toller Trick. Bankole sagte, Städte seien seit langem so. Apropos Bankole, ich habe ihm nicht viel Ruhe gelassen an diesem Ruhetag. Das scheint ihm nichts auszumachen. Er sagte mir aber etwas, das ich aufschreiben muß. Er sagte, ich solle mit ihm die Gruppe verlassen. Wie ich vermutet hatte, gibt es einen sicheren Hafen für ihn – so sicher halt, wie ein Hafen sein kann, wenn er nicht von High-Tech-Sicherheitseinrichtungen und bewaffneten Wächtern umgeben ist. Er befindet sich in den Hügeln an der Küste nahe Cape Mendocino, ungefähr zwei Wochen Fußmarsch von hier entfernt. »Meine Schwester und ihre Familie leben dort«, sagte er. »Aber das Objekt gehört mir. Da gibt es auch Platz für dich.« Ich konnte mir vorstellen, wie entzückt seine Schwester sein würde, mich zu sehen. Würde sie versuchen, höflich zu sein, oder würde sie erst mich anstarren, dann ihn, um dann zu fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf sei? »Hast du gehört, was ich gesagt habe?« wollte er wissen. Ich blickte ihn an, erstaunt über den Zorn, den ich in seiner, Stimme hörte. Warum war er zornig? »Was tue ich? Langweile ich dich?« drang er in mich. Ich nahm seine Hand und küßte sie. »Du stellst mich deiner Schwester vor, und sie nimmt an dir Maß für eine Zwangsjak- ke.« Nach einer Weile lachte er. »Ja.« Dann sagte er: »Das ist mir egal.« »Früher oder später wird es dir nicht mehr egal sein.« »Also, du kommst mit mir.« »Nein. Das würde ich zwar gerne tun, aber ich tu es doch nicht.« Er lächelte. »Doch. Du kommst.« Ich sah ihn an. Ich versuchte sein Lächeln zu lesen, aber das fällt bei einem bärtigen Gesicht schwer. Es ist einfacher, zu sagen, was ich nicht sah – oder nicht erkannte. Ich sah weder Herablassung noch die spezielle Art von Nichtbeachtung, die manche Männer Frauen gegenüber zeigen. Er meinte nicht, mein ›Nein‹ heiße ohnehin in Wirklichkeit ›Ja‹. Etwas anderes ging da vor sich. »Ich habe dreihundert Hektar Land«, sagte er. »Ich habe die- ses Land vor Jahren als Investition gekauft. Es gab ein großes Siedlungsprojekt in der Gegend und Spekulanten wie ich sollten tonnenweise Geld scheffeln damit, das Land an die Baugesell- schaft zu verkaufen. Das Projekt scheiterte dann aus irgendei- nem Grund, und ich saß da mit Grundbesitz, den ich entweder mit Verlust verkaufen oder behalten konnte. Ich behielt ihn. Der meiste Boden wäre für Landwirtschaft geeignet. Es gibt auch ein paar Bäume und ein paar große Baumstümpfe. Meine Schwester und ihr Mann haben ein Haus und ein paar Neben-, gebäude errichtet.« »Vielleicht hast du schon Dutzende oder sogar Hunderte Siedler auf deinem Land«, sagte ich. »Glaube ich nicht. Das Hinkommen ist nicht ganz einfach. Es gibt keine einzige richtige Straße, und es ist weit weg von jeder Autobahn. Es ist ein großartiges Versteck.« »Wasser?« »Es gibt Quellen. Meine Schwester sagt, das Gebiet würde trockener und wärmer. Das ist keine Überraschung. Aber der Grundwasserspiegel hat sich noch nicht abgesenkt.« Ich sah allmählich, worauf er hinauswollte, aber er würde alles selbst sagen müssen. Sein Land, seine Wahl. »Es gibt nicht viele Schwarze in solcher Position, nicht wahr?« sagte ich. »Nicht viele«, räumte er ein. »Aber meine Schwester hat noch keinen Ärger gehabt.« »Wie verdient sie sich ihren Lebensunterhalt? Mittels Land- wirtschaft?« »Ja, und ihr Mann macht alles Mögliche als Taglöhner – was gefährlich ist, weil er sie und die Kinder tage-, wochen-, manchmal sogar monatelang allein lassen muß. Wenn wir uns dort niederlassen könnten, ohne ihre mageren Vorräte angrei- fen zu müssen, wären wir nützlich für sie. Wir würden ihr mehr Sicherheit bringen.« »Wie viele Kinder?« »Drei. Moment mal… elf, dreizehn und fünfzehn Jahre alt. Sie ist erst vierzig.« Sein Mund zuckte. Erst. Eben. Sogar seine kleine Schwester war alt genug, um meine Mutter sein zu kön- nen. »Sie heißt Alex. Alexandra. Verheiratet mit Don Casey., Beide hassen Städte. Sie hielten mein Land für ein Gottesge- schenk. Sie könnten Kinder aufziehen, die es vielleicht bis zum Erwachsensein schaffen.« Er nickte. »Und ihre Kinder sind in Ordnung.« »Wie seid ihr in Verbindung geblieben?« fragte ich. »Mittels Telefon?« »Das war ein Teil unseres Übereinkommens: Sie haben kein Telefon, aber wenn Don in eine von den Städten arbeiten geht, ruft er mich an und läßt mich wissen, wie es jedem von ihnen geht. Er weiß nicht, was mir zugestoßen ist. Er erwartet mich auch nicht. Wenn er versucht hat, mich anzurufen, müssen Alex und er in Sorge sein.« »Du hättest fliegen sollen«, sagte ich. »Aber ich bin froh, daß du es nicht getan hast.« »So? Ich auch. Hör zu, du kommst mit mir. Es gibt nichts, was ich lieber hätte als dich. Lange Zeit wollte ich überhaupt nichts mehr. Zu lange Zeit.« Ich lehnte mich zurück gegen den Baum. Unser Lagerplatz war hier nicht so völlig abgeschlossen wie damals der in San Luis, aber es gab Bäume, und die Paare konnten sich einiger- maßen separieren. Jedes Paar hatte eine Waffe, und die Gil- christ-Schwestern kümmerten sich sowohl um Dominic als auch um Justin. Wir hatten sie ungefähr in die Mitte eines Dreiecks gesetzt und ihnen meine Pistole gegeben. Auf der I-5 hatten Travis und sie ein wenig schießen üben können. Unsere Pflicht war lediglich, uns hin und wieder umzusehen und dafür zu sorgen, daß keine Fremden in unser Gebiet hineintappten. Ich schaute mich um. Ich sah Justin, der umherlief und Tauben jagte. Jill hatte ein, Auge auf ihn, versuchte aber nicht, ihn einzufangen. Bankole nahm mich bei den Schultern und drehte mich so, daß ich ihn ansehen mußte. »Ich langweile dich doch nicht, oder?« Das fragte er nun schon zum zweiten Mal. Ich hatte ihn nicht ansehen wollen. Jetzt tat ich es, aber er hatte noch nicht ausgesprochen, was er sagen mußte, wenn er wollte, daß ich mit ihm ging. Wußte er es überhaupt? Das nahm ich doch an. »Ich will mit dir gehen«, sagte ich. »Aber mir ist es ernst mit Erdensaat. Es könnte mir nicht ernster sein. Das mußt du verstehen.« Warum kam mir das selbst merkwürdig vor? Es war die absolute Wahrheit, aber ich fühlte mich seltsam, als ich sie aussprach. »Ich kenne meinen Rivalen«, erwiderte er. Vielleicht hatte es deswegen seltsam geklungen. Ich hatte ihm zu verstehen gegeben, es gebe da noch jemanden – noch etwas. Vielleicht hätte es weniger seltsam geklungen, wenn dieses Etwas ein anderer Mann gewesen wäre. »Du könntest mir helfen«, sagte ich. »Wobei helfen? Hast du irgendeine klare Vorstellung, was du willst?« »Mit der ersten Erdensaat-Gemeinschaft anfangen.« Er seufzte. »Du könntest mir helfen«, wiederholte ich. »Diese Welt bricht zusammen. Du könntest mir helfen, etwas Sinnvolles und Konstruktives zu beginnen.« »Die Welt retten, meinst du?« fragte er mit stillem Amüse- ment. Ich sah ihn an. Einen Moment lang war ich zu zornig, um, etwas sagen zu können. Als ich meine Stimme wieder unter Kontrolle hatte, sagte ich: »Es ist in Ordnung, wenn du es nicht glauben magst, aber lach nicht darüber. Weißt du, was es be- deutet, wenn man etwas hat, woran man glauben kann? Lach nicht darüber.« Nach einer Weile sagte er: »In Ordnung.« Nach einer noch längeren Weile sagte ich: »Erdensaat ist nicht dazu da, die Welt zu retten.« »Die Sterne, ich weiß.« Er lag flach auf dem Rücken, drehte aber den Kopf, um statt des Himmels mich anzusehen. »Diese Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Leute nach den Grundsätzen von Erdensaat leben würden«, sagte ich. »Ande- rerseits wäre die Welt ebenfalls besser, wenn die Menschen nach den Grundsätzen irgendeiner Religion leben würden.« »Das stimmt. Warum glaubst du, sie würden nach den Leh- ren der deinen leben können?« »Ein paar werden es tun. Ein paar Tausend? Ein paar Hun- derttausend? Millionen? Ich weiß es nicht. Aber wenn ich eine Heimatbasis habe, kann ich mit der ersten Gemeinschaft begin- nen. Tatsächlich habe ich ja schon damit begonnen.« »Ist es das, wofür du mich brauchst?« Er tat nicht einmal so, als lächle er oder mache einen Witz. Es war auch keiner. Ich rückte zu ihm hinüber und setzte mich neben ihn, so daß ich hinunter in sein Gesicht blicken konnte. »Du mußt mich verstehen«, sagte ich. »Ich brauche dich, damit du mir auf meinem Weg hilfst, oder du gehst allein zu deinem Grundbesitz.« »Du brauchst mich, damit ich dich und alle deine Freunde von der Straße wegbringe, damit du eine Kirche gründen, kannst.« Er war immer noch vollkommen ernsthaft. »Das oder gar nichts«, sagte ich ebenso ernst. Er lächelte hu- morlos. »Jetzt wissen wir, wie wir stehen.« Ich glättete seinen Bart und sah, daß er vor meiner Hand zu- rückweichen wollte, aber er bewegte sich dann doch nicht. »Bist du sicher, daß du Gott als Rivalen haben willst?« »Ich scheine keine große Wahl zu haben, nicht wahr?« Er bedeckte meine streichelnde Hand mit der seinen. »Sag mal, verlierst du jemals die Beherrschung und schreist und weinst?« »Klar.« »Ich kann es mir nicht vorstellen. Ehrlich, ich kann es nicht.« Und das erinnerte mich daran, daß ich ihm etwas nicht er- zählt hatte, etwas, das ich ihm besser sagen sollte, bevor er es selbst herausfand und sich betrogen vorkam oder zum Schluß kam, ich mißtraute ihm – was ich auch tatsächlich immer noch ein bißchen tat. Aber ich wollte ihn nicht aus Dummheit oder Feigheit verlieren. Ich wollte ihn überhaupt nicht verlieren. »Willst du mich immer noch dabeihaben?« fragte ich. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Absicht, dich zu heiraten, sobald wir uns niedergelassen haben.« Damit hatte er es geschafft, mich zu überraschen. Ich starrte ihn mit offenem Mund an. »Eine wirklich spontane Reaktion«, bemerkte er. »Die werde ich mir merken müssen. Willst du mich überhaupt heiraten?« »Hör mir erst einmal zu.« »Nein, nicht mehr. Bring deine Kirche mit. Bring deine Ge- meinde. Ich bezweifle, daß die Leute sich mehr um die Sterne kümmern als ich, aber bring sie trotzdem. Ich mag sie, und es ist genug Raum für sie da.«, Wenn sie mitkommen wollten. Meine nächste Anstrengung würde sein, sie zu überzeugen. Aber meine gegenwärtige An- strengung war noch nicht vorbei. »Das ist nicht alles«, sagte ich. »Ich muß dir noch etwas ge- stehen. Wenn du mich dann noch willst, werde ich dich jeder- zeit heiraten, wenn du es sagst. Ich will ja. Du mußt wissen, daß ich es will.« Er wartete ab. »Meine Mutter nahm – mißbrauchte – eine rezeptpflichtige Droge, als sie mit mir schwanger war. Diese Droge war Paracet- co. Als Ergebnis habe ich das Hypereinfühlungssyndrom.« Er nahm das ohne ein Zeichen, was er davon hielt, zur Kenntnis. Er setzte sich auf und sah mich an – sah mich mit großer Neugier an, als erwarte er, ein Symptom meiner Hyper- empathie auf meinem Gesicht oder Körper zu entdecken. »Du spürst die Schmerzen anderer Menschen?« fragte er. »Ich teile die Schmerzen und die Lust anderer Menschen«, erwiderte ich. »Es hat allerdings nicht viel Lust zu teilen gege- ben in der letzten Zeit, außer mit dir.« »Mußt du auch mitbluten?« »Nicht mehr. Das war, als ich klein war.« »Aber du… ich habe dich einen Mann töten sehen.« »Ja.« Ich schüttelte den Kopf bei der Erinnerung daran, was er gesehen hatte. »Ich mußte es tun, sonst hätte er mich getö- tet.« »Das weiß ich. Es ist nur… ich bin überrascht, daß du es tun konntest.« »Ich sage dir doch: ich mußte es tun.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe natürlich Literatur über das, Syndrom gelesen, aber nie einen Fall gesehen. Ich erinnere mich, gedacht zu haben, es wäre nicht so schlecht, wenn die Leute die Pein empfinden müßten, die sie verursachen. Natür- lich nicht Ärzte oder anderes medizinisches Personal, sondern die anderen Menschen.« »Eine Schnapsidee«, sagte ich. »Bin mir nicht so sicher.« »Glaub mir's. Eine absolute Schnapsidee. Die Selbstverteidi- gung sollte keine Agonie oder eine Tötung oder beides sein. Ich kann vom Schmerz eines Verwundeten verkrüppelt werden. Ich bin eine sehr gute Schützin, weil mir immer klar war, daß ich es mir nicht leisten konnte, jemanden nur zu verwunden. Und …« Ich hielt inne, wandte einen Moment lang den Blick ab und holte tief Luft, dann sah ich ihn wieder an. »Das Schlimmste ist folgendes: Wenn du verletzt wirst, könnte es sein, daß ich dir nicht helfen kann. Ich könnte von deiner Verletzung oder deinem Schmerz ebenso betroffen sein wie du selbst.« »Ich vermute, du würdest einen Ausweg finden.« Er sprach mit einem kleinen Lächeln. »Vermute das nicht, Bankole.« Und ich suchte nach Worten, um mich ihm verständlich zu machen. »Ich bin nicht auf Kom- plimente oder Beruhigung aus. Ich will, daß du begreifst: Wenn du dir dein Bein kompliziert und schmerzhaft brichst, wenn du angeschossen wirst, wenn dir etwas Ernstes und Behinderndes zustößt, werde ich auch behindert sein. Du mußt ja wissen, wie hinderlich ernsthafte Schmerzen sein können.« »Ja. Ich weiß aber auch ein bißchen über dich Bescheid. Nein, sag mir nicht noch einmal, du wolltest nicht bloß Kom- plimente hören. Ich weiß das. Gehen wir zurück ins Lager. Ich, habe Schmerzmittel in meinem Packen. Ich werde dir beibrin- gen, wie und wann du sie mir oder wer immer sie braucht geben kannst. Wenn du lange genug bei klarem Bewußtsein bleibst, um sie anzuwenden, wirst du tun können, was immer du für notwendig hältst.« »Okay. Nun… willst du mich immer noch heiraten?« Es überraschte mich, wie sehr ich diese Frage eigentlich nicht stellen wollte. Ich wußte, daß er mich immer noch wollte. Und da war ich, und fragte ihn – oder bat ihn fast –, es zu sagen. Ich mußte es hören. Er lachte. Ganz großes Gelächter, so ehrlich, daß ich es ihm nicht übelnehmen konnte. »Daran werde ich immer denken müssen«, sagte er. »Glaubst du einen Augenblick lang, Mäd- chen, ich würde dich gehen lassen?«, Deine Lehrer sind immer um dich. Alles, was du siehst, alles, was du erfährst, alles, was dir gegeben wird, alles, was dir genommen wird, alles, was du liebst oder haßt, brauchst oder fürchtest, kann dich etwas lehren – wenn du nur lernen willst. Gott ist dein erster und letzter Lehrer. Gott ist dein strengster Lehrer: subtil und fordernd. Lern oder stirb. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Freitag, 10. September 2027 Wir mußten vor Sonnenaufgang während einer weiteren Schie- ßerei zu schlafen versuchen. Sie begann südlich von uns in der Nähe der Autobahn und bewegte sich erst auf uns zu, dann wieder weg. Wir konnten Menschen schießen, schreien, fluchen und ren- nen hören… Die immergleiche alte Leier, ermüdend, gefährlich und stumpfsinnig. Das Schießen dauerte insgesamt über eine, Stunde, erst zunehmend, dann abschwellend. Es gab ein ab- schließendes Gefecht, an dem mehr Waffen denn je zuvor teilzunehmen schienen. Dann hörte der Lärm auf. Ich schaffte es, einen Teil davon zu verschlafen. Ich kam über die Angst und sogar über den Zorn hinweg. Am Ende war ich wirklich nur noch müde. Ich dachte: Wenn die Idioten mich wirklich töten wollen, wird es mir nichts nützen, wach zu bleiben. Falls das nicht ganz richtig war, kümmerte es mich nicht. Ich schlief einfach ein. Und irgendwie schafften es zwei Personen, während der Schießerei oder danach, trotz unserer Wachen in unser Lager zu schlüpfen und sich hinzulegen. Sie wollten auch schlafen. Wie üblich, erwachten wir früh, damit wir losmarschieren konnten, bevor die Hitze zu schlimm wurde. Wir hatten gelernt, beim ersten Anzeichen des Tageslichts augenblicklich aufzuwa- chen. Heute morgen setzten sich vier von uns zur selben Zeit in ihren Schlafsäcken auf. Ich kroch gerade aus meinem Schlafsack heraus, um urinieren zu gehen, als ich die beiden Extra- Personen erblickte – graue Lumpenbündel in der Morgendäm- merung, ein großes und ein kleines, aneinander liegend, noch im Schlaf, auf dem bloßen Boden. Dünne Arme und Beine, die wie Stecken aus den Lumpen herausragten. Ich blickte in die Runde und sah, daß die anderen auch an- starrten, was ich anstarrte – alle außer Jill, die auf Wache sein mußte. Wir hatten begonnen, ihr so weit zu vertrauen, daß wir sie zuerst mit einem Partner Wache stehen ließen. Mittlerweile war es ihre zweite Einzelwache. Und was tat sie? War irgendwo zwischen den Bäumen verschwunden. Ich würde mit ihr reden müssen., Harry und Travis reagierten auf die Gestalten am Boden. Je- der der beiden Männer schälte sich in der Unterwäsche lautlos aus seinem Schlafsack und stand auf. Mehr bekleidet näherte ich mich ihnen vorsichtig, und so standen wir drei um die beiden Eindringlinge herum. Der größere der beiden erwachte ganz plötzlich, sprang auf, machte drei schnelle Schritte auf Harry zu und blieb stehen. Es war eine Frau. Wir konnten sie jetzt besser sehen. Sie war braunhäutig und hatte lange, glatte, ungepflegte Haare. Ihre Farbe war so dunkel wie meine, aber sie bestand nur aus Ecken und Winkeln – eine magere Frau mit einem Adlerprofil, der ein paar ordentliche Mahlzeiten und ein Bad gut getan hätten. Sie sah aus wie die meisten Leute auf den Straßen. Der zweite Eindringling erwachte, sah Travis in seiner Un- terwäsche in der Nähe stehen und schrie auf. Das lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich. Es war der hohe, spitze Schrei eines Kindes – ein kleines Mädchen, ungefähr sieben Jahre alt. Sie war das winzige Ebenbild der Frau – ihrer Mutter oder viel- leicht ihrer Schwester. Die Frau lief zurück zu dem Kind und versuchte, es zu beru- higen. Aber das Kind hatte sich zu einem fötalen Knoten zu- sammengezogen und die Frau, die es aufzuheben versuchte, konnte es nicht in den Griff kriegen. Sie stolperte, fiel um und rollte sich augenblicklich selbst zusammen. Mittlerweile waren alle um sie versammelt. »Harry«, sagte ich und wartete, bis er mich ansah. »Würdest du mit Zahra die Wache übernehmen und dich darum küm- mern, daß uns niemand überrascht?« Er nickte. Er und Zahra lösten sich aus der Runde, gingen, weg und nahmen ihre Posten an gegenüberliegenden Seiten des Lagers ein. Harry postierte sich in Richtung Autobahn, Zahra am Zugang zu der Nebenstraße. Wir hatten uns so gut wie möglich in einem verlassenen Gebiet eingenistet, das Bankole für einen ehemaligen Park hielt, aber wir hatten gewußt, daß wir hier nicht allein sein würden. Wir waren der I-5 zu einer kleinen Stadt außerhalb von Sacramento gefolgt, weg vom großen Haufen, aber immer noch umgeben von vielen armen Leuten – örtlichen Armen und Flüchtlingen wie uns. Woher kam dieses Paar zerlumpter, verängstigter, schmutzi- ger Menschen? »Wir tun euch nichts zuleide«, sagte ich zu ihnen, als sie im- mer noch zusammengerollt am Boden lagen. »Steht auf. Kommt, steht auf. Ihr seid unaufgefordert in unser Lager ge- kommen. Dann könnt ihr wenigstens mit uns reden.« Wir berührten sie nicht. Bankole schien das zu wollen, hielt aber inne, als ich seinen Arm anfaßte. Die beiden fürchteten sich fast zu Tode. Ein Fremder, der nach ihnen griff, konnte völlig hysterische Reaktionen auslösen. Die Frau entrollte sich und betrachtete uns zitternd. Jetzt sah ich, daß sie, abgesehen von ihrer Hautfarbe, asiatisch aussah. Sie neigte den Kopf und flüsterte dem Kind etwas zu. Schließlich standen die beiden auf. »Wir wußten nicht, daß dies euer Platz ist«, flüsterte sie. »Wir gehen sofort weg. Laßt uns bitte gehen.« Ich seufzte und betrachtete den entsetzen Ausdruck auf dem Gesicht des Kindes. »Ihr könnt gehen«, sagte ich, »aber wenn ihr wollt, könnt ihr auch mit uns essen.« Beide wollten davonlaufen. Sie waren wie Rehe, starr vor, Angst, trotzdem auf dem Sprung. Aber ich hatte das magische Wort gesagt. Zwei Wochen vorher würde ich es nicht ausge- sprochen haben, aber heute sagte ich es zu diesen zwei Men- schen, die aussahen, als verhungerten sie: »Essen.« »Essen?« flüsterte die Frau. »Ja. Wir werden ein bißchen Essen mit euch teilen.« Die Frau sah das kleine Mädchen an. Ich war jetzt sicher, daß sie Mutter und Tochter waren. »Wir können nichts bezahlen«, sagte sie. »Wir haben nichts.« Das sah ich. »Nehmt einfach, was wir euch geben, und nicht mehr. Das ist genug Bezahlung.« »Wir stehlen nicht. Wir sind keine Diebe.« Natürlich waren sie Diebe. Wie sonst hätten sie leben kön- nen? Ein bißchen stehlen oder plündern, vielleicht ein bißchen huren… Sie konnten nicht sehr gut sein in diesen Disziplinen, sonst hätten sie besser ausgesehen. Aber wegen des kleinen Mädchens wollte ich ihnen wenigstens mit einer Mahlzeit helfen. »Also wartet. Wir werden eine Mahlzeit zusammenstellen.« Sie setzten sich wieder auf den Boden und sahen uns mit hungrigen, hungrigen Augen an. In diesen Augen lag mehr Hunger, als wir mit allen unseren Lebensmitteln hätten stillen können. Ich dachte mir, vielleicht habe ich doch einen Fehler gemacht. Diese Leute waren so verzweifelt, daß sie gefährlich waren. Daß sie harmlos aussahen, spielte keine Rolle. Sie lebten noch und waren kräftig genug, um zu laufen. Sie waren nicht harmlos. Es war Justin, der ein wenig Spannung in diesen abgründi- gen, hungrigen Augen abbaute. Splitternackt tapste er zu der, Frau und dem Mädchen und betrachtete sie eingehend. Das kleine Mädchen starrte nur zurück, aber die Frau begann nach einer Weile zu lächeln. Sie sagte etwas zu Justin, und er lächelte auch. Dann rannte er zurück zu Allie, die ihn lange genug festhielt, um ihn anzukleiden. Aber er hatte seinen Job getan. Die Frau sah uns jetzt mit anderen Augen. Sie sah Natividad Dominic stillen, dann sah sie zu, wie Bankole seinen Bart kämmte. Das kam ihr und dem Kind komisch vor und sie kicherten. »Du bist ein Hit«, sagte ich zu Bankole. »Ich weiß nicht, was an einem Mann, der seinen Bart kämmt, so lustig sein soll«, knurrte er und legte seinen Kamm weg. Ich holte reife Birnen aus meinem Packen und gab der Frau und dem Kind je eine. Ich hatte sie erst vor zwei Tagen gekauft, und es waren nur noch drei übrig. Die anderen begriffen, wor- um es ging, und teilten, was sie abgeben konnten. Walnüsse, Äpfel, eine Grapefruit, Orangen, Feigen… Kleinigkeiten. »Heb auf, was du kannst«, sagte Natividad zu der Frau, als sie ihr Mandeln in einem roten Stoffbeutel übergab. »Wickle die Sachen da hinein und zieh die Enden zusammen.« Wir teilten uns alle Maisbrot mit einem bißchen Honig und die harten Eier, die wir tags zuvor gekauft und gekocht hatten. Das Maisbrot hatten wir in der Asche des Feuers gebacken, so daß wir am Morgen früh aufbrechen konnten. Die Frau und das Kind aßen, als sei dieses simple, kalte Essen das Beste, was sie jemals gekostet hatten, und als könnten sie nicht glauben, daß jemand es ihnen schenkte. Beide krümmten sich darüber, als hätten sie Angst, wir könnten es ihnen wieder wegnehmen. »Wir müssen aufbrechen«, sagte ich. »Die Sonne wird all-, mählich heißer.« Die Frau sah mich an, ihr seltsames, scharfkantiges Gesicht wieder hungrig, aber diesmal nicht nach Nahrung. »Laßt uns mitkommen«, sprudelte sie heraus. »Wir werden arbeiten. Wir suchen Holz, machen Feuer, waschen ab, alles. Nehmt uns mit.« Bankole sah mich an. »Ich nehme an, daß du das kommen gesehen hast.« Ich nickte. Die Frau blickte vom einen zum andern. »Alles«, flüsterte sie – oder winselte vielmehr. Ihre Augen waren trocken, aber dem kleinen Mädchen strömten die Tränen über das Gesicht. »Laßt uns einen Moment nachdenken«, sagte ich und meinte damit: Geht weg, damit meine Freunde mich in Ruhe anschrei- en können; aber die Frau schien nicht zu verstehen. Sie rührte sich nicht. »Wartet da drüben«, sagte ich und zeigte auf die Bäume an der Landstraße. »Laßt uns beratschlagen. Wir sagen euch dann Bescheid.« Sie wollte es nicht tun. Sie zögerte, dann stand sie auf, zerrte ihre noch mehr widerstrebende Tochter hoch und schlurfte hinüber zu den Bäumen, auf die ich gezeigt hatte. »O Gott«, murmelte Zahra. »Wir nehmen sie mit, nicht wahr?« »Das ist es, worüber wir jetzt entscheiden müssen«, sagte ich. »Was, füttern wir sie erst, und dann sagen wir ihnen, sie sol- len abhauen und irgendwo verhungern?« Zahra gab ein Ge- räusch des Abscheus von sich. »Wenn sie keine Diebin ist«, sagte Bankole, »und wenn sie, keine anderen gefährlichen Angewohnheiten hat, dann könnten wir sie mitnehmen. Dieses kleine Kind…« »Ja«, sagte ich. »Bankole, ist Platz für die beiden auf deinem Grund?« »Auf seinem Grund?« fragten die anderen drei. Ich hatte noch keine Chance gehabt, ihnen davon zu erzählen. Und auch nicht den Nerv. »Er besitzt eine Menge Grund und Boden im Norden an der Küste«, sagte ich. »Es gibt ein Einfamilienhaus, in dem wir nicht wohnen können, weil seine Schwester und ihre Familie dort sind. Aber es gibt sonst genug Platz und Bäume und Wasser. Er sagt…« Ich schluckte und sah Bankole an, der fein lächelte. »Er sagt, wir können dort mit Erdensaat beginnen – aufbauen, was wir können.« »Gibt es dort Jobs?« fragte Harry Bankole. »Mein Schwager lebt von Gartenarbeit rund ums Jahr und von Gelegenheitsjobs. Er ernährt auf diese Weise drei Kinder.« »Er kriegt Geld dafür?« »Ja, die Leute zahlen. Sie zahlen nicht gut, aber sie zahlen. Wir sollten aber davon nicht jetzt lang und breit reden. Wir quälen damit die junge Frau da drüben.« »Sie wird stehlen«, sagte Natividad. »Sie sagt, sie tut es nicht, aber sie wird es tun. Man braucht sie nur anzusehen, um das sagen zu können.« »Sie ist geschlagen worden«, sagte Jill. »Die Art, wie sie sich zusammenrollten, als wir sie zuerst sahen, zeigt es. Sie sind es gewöhnt, geschlagen, getreten und verprügelt zu werden.« »Ja.« Allie sah gequält aus. »Man versucht seinen Kopf zu schützen, seine Augen und… seine Vorderseite. Sie glaubten,, wir würden sie schlagen. Sie und das Kind, alle beide.« Interessant, daß Allie und Jill so gut begriffen, was vorging. Was für einen schrecklichen Vater mußten sie gehabt haben. Und was war ihrer Mutter zugestoßen? Darüber hatten sie nie gesprochen. Es war erstaunlich, daß sie lebend entkommen waren und geistig genügend gesund, um noch zu funktionieren. »Sollen wir sie mitkommen lassen?« fragte ich sie. Beide Frauen nickten. »Ich glaube, sie wird eine Zeitlang eine Nervensäge sein«, meinte Allie. »Wie Natividad sagt: sie wird stehlen. Sie wird sich nicht zurückhalten können. Wir werden wirklich gut auf sie aufpassen müssen. Das kleine Kind wird auch stehlen. Stehlen und davonlaufen.« Zahra grinste. »Erinnert mich an mich selbst in diesem Alter. Beide werden Nervensägen sein. Ich stimme dafür, es mit ihnen zu versuchen. Wenn sie Manieren haben oder welche lernen können, behalten wir sie. Wenn sie dafür zu blöd sind, dann jagen wir sie davon.« Ich sah Travis und Harry an, die beisammenstanden. »Und was sagt ihr Burschen dazu?« »Ich sage, du wirst allmählich weich«, meinte Harry. »Du hättest eine Menge Stunk gemacht, wenn wir vor ein paar Wochen versucht hätten, eine Bettlerin und ihr Kind mitzu- nehmen.« Ich nickte. »Stimmt. Das hätte ich getan. Und vielleicht soll- ten wir so auch weitermachen. Aber diese beiden … ich glaube, sie könnten etwas bringen – und ich glaube nicht, daß sie gefährlich sind. Wenn ich mich irre, können wir sie immer noch loswerden.« »Sie werden sich vielleicht nicht so leicht wieder abschütteln, lassen«, sagte Travis. Dann zuckte er die Achseln. »Ich möchte nicht derjenige sein, der jetzt dafür ist, daß das kleine Mädchen als Bettlerin, Diebin und Kinderhure weitermachen soll. Aber denk mal nach, Lauren. Wenn wir sie mit uns kommen lassen und es haut nicht hin, dann wird es verdammt schwierig wer- den, sie wieder loszuwerden. Und wenn sich herausstellt, daß sie hier irgendwo Freunde haben – Freunde, für die sie herum- spionieren, dann werden wir sie vielleicht töten müssen.« Harry und Natividad begannen zu protestieren. Eine Frau und ein Kind töten? Nein! Unmöglich! Niemals! Wir anderen ließen sie reden. Als sie sich beruhigt hatten, sagte ich: »Es könnte so schlimm kommen, nehme ich an, aber eigentlich glaube ich das nicht. Diese Frau will am Leben blei- ben. Noch mehr will sie, daß das Kind überlebt. Ich glaube, sie tut viel für das Kind, und sie würde es nicht in Gefahr bringen, indem sie die Kundschafterin für eine Gang macht. Außerdem arbeiten die Gangs hier draußen viel direkter. Sie brauchen keine Kundschafter.« Schweigen. »Sollen wir es mit ihnen versuchen?« fragte ich. »Oder schik- ken wir sie jetzt weg?« »Ich bin nicht gegen die beiden«, sagte Travis; »Laß sie blei- ben, des Kindes wegen. Aber kehren wir wieder zu Doppelwa- chen während der Nacht zurück. Wie, zum Teufel, sind die beiden überhaupt hier hereingekommen?« Till schrumpfte ein bißchen. »Die können irgendwann in der Nacht gekommen sein. Irgendwann.« »Was wir nicht sehen, kann uns töten«, sagte ich. »Jill, hast du sie nicht gesehen?«, »Die konnten schon da gewesen sein, als ich die Wache übernahm!« »Auch dann hast du sie nicht gesehen. Sie hätten dir die Keh- le durchschneiden können – oder deiner Schwester.« »Ja. Aber sie haben es nicht getan.« »Die nächsten tun's vielleicht.« Ich neigte mich zu ihr. »Die Welt ist voll von verrückten, gefährlichen Menschen. Das sehen wir jeden Tag. Wenn wir uns nicht vorsehen, werden sie uns berauben, töten und vielleicht sogar auffressen. Die Welt ist zu einer Hölle geworden, und wir haben niemanden, der auf uns aufpaßt, als uns selbst.« Betretenes Schweigen. Ich nahm ihre Hand. »Jill.« »Es war nicht mein Fehler!« sagte sie. »Du kannst nicht be- weisen…« »Jill!« Sie hielt den Mund und sah mich an. »Hör mal, niemand will dich verprügeln, um Gottes willen, aber du hast einen Fehler gemacht, etwas getan, das uns in Gefahr gebracht hat. Du weißt, daß du es getan hast.« »Was willst du denn, daß sie tun soll?« wollte Allie wissen. »Soll sie hinknien und um Vergebung bitten?« »Sie muß ihr eigenes Leben und das unsere so sehr lieben, daß sie nicht sorglos wird. Das ist alles, was ich will. Das ist auch, was du wollen solltest, jetzt mehr denn je. Jill?« Jill schloß die Augen. »Oh, Scheiße!« sagte sie. Dann: »Also gut, also gut! Ich habe sie nicht gesehen. Ich habe sie wirklich nicht gesehen. Ich werde besser aufpassen. Niemand kommt mehr an mir vorbei.«, Ich drückte ihre Hand einen Augenblick länger, dann ließ ich sie los. »Okay. Gehen wir jetzt hier weg. Sammeln wir die verschreckte Frau und ihr verängstigtes kleines Kind ein und hauen hier ab.« ✳ ✳ ✳ Diese beiden eingeschüchterten Menschen haben sich als die rassisch Gemischtesten herausgestellt, die ich je kennengelernt habe. Hier ist ihre Geschichte, zusammengestellt aus den Frag- menten, die sie uns während des heutigen Tages und Abends erzählten. Die Frau hatte einen japanischen Vater, eine schwar- ze Mutter und einen mexikanischen Ehemann – jetzt alle tot. Nur sie und ihre Tochter haben überlebt. Sie heißt Emery Tanaka Solis. Die Tochter ist Tori Solis. Tori ist neun Jahre alt, nicht sieben, wie ich geschätzt hatte. Ich nehme an, sie hat ihr ganzes Leben lang nicht genug zu essen bekommen. Sie ist klein, flink, schweigsam und hat hungrige Augen. Sie versteckte kleine Sachen zum Essen in ihren schmutzigen Lumpen, bis wir ihr ein neues Kleid aus einem von Bankoles Hemden machten. Dann hat sie darin Essen versteckt. Tori ist also neun, und ihre Mutter ist erst 23. Mit 13 heiratete Emery einen sehr viel älteren Mann, der versprach, sich um sie zu kümmern. Ihr Vater war da schon tot, geriet in eine Schießerei von anderen Leuten. Ihre Mutter war lange krank gewesen und starb langsam an Tuber- kulose. Sie drängte Emery in diese Ehe, um sie vor einem Leben auf der Straße und vor dem Verhungern zu retten. Bis zu diesem Punkt war ihre Situation schlimm, aber nicht ungewöhnlich. Emery bekam in den nächsten drei Jahren drei, Kinder – eine Tochter und zwei Söhne. Sie und ihr Mann arbeiteten in der Landwirtschaft für Essen, Unterkunft und abgetragene Kleider. Dann wurde die Farm an ein großes Agrobusiness-Konglomerat verkauft, und die Arbeiter fielen in neue Hände. Es wurden Gehälter ausbezahlt, aber in Schecks der Gesellschaft, nicht in Bargeld. Für die Arbeiterhütten mußte man plötzlich Miete zahlen. Die Arbeiter mußten auch zahlen für Essen, Kleidung – neu oder alt –, für alles, was sie brauch- ten, und natürlich konnten sie ihre Schecks nur im Firmenladen einlösen. Die Löhne – große Überraschung! – reichten nie für die Bezahlung der Rechnungen aus. Entsprechend neuen Geset- zen, die es tatsächlich gab oder vielleicht auch nicht, durften Arbeiter keinen Arbeitgeber verlassen, bei dem sie Schulden hatten. Sie waren verpflichtet, diese Schulden abzuarbeiten als Quasi-Arbeiter oder als Verurteilte. Das bedeutete: Wenn sie sich zu arbeiten weigerten, konnten sie verhaftet, eingesperrt und schließlich ihrem Arbeitgeber quasi als Leibeigene ausgelie- fert werden. Mit jeder dieser Methoden konnten solche Schuldsklaven ›diszipliniert‹, das heißt gezwungen werden, längere Arbeitszei- ten für weniger Lohn zu leisten, wenn sie ihr Plansoll nicht erreichten, und konnten mit oder ohne ihre Zustimmung verliehen oder verkauft werden an andere Firmen, die sie zeit- weilig oder permanent verwendeten. Schlimmer noch, Kinder konnten gezwungen werden, die Schulden ihrer Eltern abzuar- beiten, wenn die Eltern starben, arbeitsunfähig wurden oder entflohen. Emerys Gatte wurde krank und starb. Es gab keinen Arzt und keine Medizin, abgesehen von ein paar teuren Medikamenten,, die unter dem Ladentisch gehandelt wurden, und den Kräutern aus den winzigen Gärten der Arbeiter. Jorge Francisco Solis starb in Fieber und Schmerzen auf dem gestampften Boden seiner Hütte, ohne jemals einen Arzt gesehen zu haben. Bankole sagte, es klinge, als sei er an Peronitis auf Grund einer unbe- handelten Blinddarmentzündung gestorben. An etwas so Sim- plem. Aber nichts ist so leicht ersetzbar wie ungelernte Arbeits- kraft. Emery und ihre Kinder mußten Solis Schulden übernehmen. Emery, die das akzeptierte, arbeitete und hielt durch bis zu dem Tag, als man ihr ohne Vorwarnung ihre Söhne wegnahm. Sie waren ein und zwei Jahre jünger als die Tochter und damit zu klein, um ohne beide Eltern aufzuwachsen. Trotzdem wurden sie ihr weggenommen. Emery wurde weder gefragt, ob sie mit ihnen gehen wolle, noch wurde ihr gesagt, was man mit ihnen vorhatte. Sie hatte die schlimmsten Befürchtungen, sobald sie sich von der Droge erholt hatte, die man ihr gegeben hatte, um sie zu ›beruhigen‹. Sie weinte und verlangte die Rückkehr ihrer Söhne und verweigerte die Arbeit, bis ihre Herren drohten, ihr auch die Tochter wegzunehmen. Da entschloß sie sich, wegzulaufen, ihre Tochter mitzuneh- men und den Straßen mit ihren Dieben, Vergewaltigern und Kannibalen entgegenzutreten. Sie hatten nichts, was man ihnen stehlen konnte, und Vergewaltigungen konnten sie auch nicht entgehen, wenn sie Sklavinnen blieben. Und was die Kanniba- len betraf… nun, vielleicht waren sie nur Phantasien – Lügen, die eingeschüchterte Sklaven dazu bringen sollten, ihr Los zu akzeptieren. »Es gibt Kannibalen«, sagte ich zu ihr beim Abendessen., »Wir haben welche gesehen. Ich glaube aber, sie sind eher Plünderer, keine Mörder. Sie ziehen Vorteil aus den Tötungen anderer, schätze ich.« »Plünderer töten«, erwiderte Emery. »Wenn du verletzt bist oder krank aussiehst, dann fallen sie über dich her.« Ich nickte, und sie erzählte ihre Geschichte weiter. Spät- nachts entkamen sie und Tori den bewaffneten Wachen und den Elektrozäunen, den Schall- und Bewegungsdetektoren und den Hunden. Beide wußten, wie man sich ganz still verhält, wie man fast unsichtbar von Deckung zu Deckung schleicht, wie man stundenlang stilliegt. Beide waren sehr schnell. Solche Dinge lernten Sklaven – die, die noch lebten, mußten es gelernt haben. Emery und Tori mußten sehr viel Glück gehabt haben. Emery hatte die Hoffnung, ihre Söhne finden und zurückbe- kommen zu können, aber sie hatte keine Ahnung, wohin man sie gebracht hatte. Sie waren in einem Lastwagen weggefahren worden, soviel wußte sie. Aber sie wußte nicht einmal, welche Richtung der Lastwagen eingeschlagen hatte, sobald er zur Autobahn gekommen war. Ihre Eltern hatten ihr Lesen und Schreiben beigebracht, aber sie hatte nichts Schriftliches über ihre Söhne gesehen. Sie mußte nach einer Weile einsehen, daß die Rettung ihrer Tochter alles war, was sie tun konnte. Sie lebten von Wildpflanzen und allem, was sie ›finden‹ oder erbetteln konnten, und wanderten nach Norden. Emery sagte das so: sie hätten ›Dinge gefunden‹. Nun, an ihrer Stelle hätte auch ich ein paar Sachen gefunden. Ein Bandenkampf brachte sie zu uns. Banden sind in Städten immer eine besondere Gefahr. Wenn man auf der Straße bleibt, während man sich in Bandengebiet befindet, entkommt man, vielleicht ihrer Aufmerksamkeit. Wir haben das soweit ge- schafft. Aber das verwilderte Parkgelände, auf dem wir vorige Nacht gelagert hatten, war laut Emery ein umstrittenes Gebiet. Zwei Gangs schossen aufeinander und schrien einander Belei- digungen und Anschuldigungen zu. Hin und wieder stellten sie die Schießerei wegen durchfahrender Laster ein. Während einem dieser Intervalle waren Emery und Tori, die nahe an der Straße gerastet hatten, weggeschlüpft. »Eine Gruppe kam uns immer näher«, sagte Emery. »Die Leute schossen und rannten abwechselnd. Beim Rennen kamen sie immer näher. Wir mußten weg. Wir konnten nicht riskie- ren, daß sie uns sahen oder hörten. Wir fanden eure Lichtung, aber wir sahen euch nicht. Ihr versteht es, euch zu verstecken.« Das sollte wohl ein Kompliment sein. Wir versuchen, in der Landschaft aufzugehen, wenn das irgendwie möglich ist. Mei- stens klappt es nicht. Heute nacht sicher nicht. Und wir haben wieder Doppelwachen aufgestellt. Sonntag, 12. September 2027 Tori Solis hat uns heute zwei weitere Gefährten gefunden: Grayson Mora und seine Tochter Doe. Doe ist nur ein Jahr jünger als Tori, und die beiden kleinen Mädchen wurden Freundinnen, als sie so auf demselben Weg dahingingen. Wir hatten uns auf dem State Highway 20 nach Westen gewandt und strebten wieder der U.S. 101 zu. Wir verbrachten viel Zeit damit, über unsere Ansiedlung auf Bankoles Land zu sprechen, über Jobs und Ernten und was wir dort anbauen würden. Mittlerweile schlossen die beiden kleinen Mädchen Tori und, Doe Freundschaft und brachten ihre Eltern zusammen. Die Eltern waren sich so ähnlich, daß das meine Aufmerksamkeit erregte. Sie waren ungefähr gleich alt – was bedeutete, daß der Mann ebenso jung Vater geworden war wie die Frau Mutter. Das war nicht ungewöhnlich, aber ungewöhnlich war, daß er sich um das Kind gekümmert hatte. Er war ein großer, dünner, dunkelhäutiger Latino, ruhig, um den Schutz seines Kindes bemüht und doch irgendwie zögernd. Er mochte Emery. Das sah man. Aber auf irgendeiner Ebene wollte er weg von ihr – und weg von uns allen. Als wir die Straße verließen, um das Lager aufzuschlagen, wäre er weiterge- gangen, hätte nicht seine Tochter erst gebettelt, daß sie bleiben sollten, und dann geweint. Zwei Dinge stießen mir auf, als ich mit ihm sprach. Erstens, er mochte uns nicht. Das war offensichtlich. Er mochte uns überhaupt nicht. Ich dachte, er hätte etwas gegen uns, weil wir vereinigt und bewaffnet waren. Man neigt dazu, Leute nicht zu mögen, vor denen man sich fürchtet. Ich sagte ihm, daß wir Wachen aufstellten, und wenn er das okay fände, sei er willkommen. Er zuckte die Achseln und sagte mit seiner weichen, kalten Stimme: »O yeah.« Er wird bleiben. Sein Kind will das und ein Teil von ihm will es auch, aber irgend etwas stimmt da nicht. Etwas jenseits der üblichen Vorsicht von Reisenden. Das zweite ist nur ein Verdacht von mir. Ich glaube, Grayson und Doe Mora waren auch Sklaven. Aber Grayson ist jetzt ein reicher Habenichts. Er hat zwei Schlafsäcke, Essen, Wasser und Geld. Wenn ich mich nicht irre, hat er alles jemandem abge- nommen – vielleicht bloß einer Leiche., Warum glaube ich, daß er ein Sklave war? Sein seltsam zö- gerndes Verhalten erinnert sehr an das von Emery. Und Doe und Tori, die sich sonst überhaupt nicht ähneln, scheinen sich auf Anhieb wie Schwestern zu verstehen. Kleine Kinder können das ja manchmal, ohne daß es irgend etwas bedeutet. Es genügt, daß sie beisammen sind. Aber ich habe noch keine Kinder außer diesen beiden gesehen, die sich auf den Boden fallen lassen und zu fötaler Stellung zusammenrollen, wenn sie er- schreckt werden. Genau das tat nämlich Doe, als sie stolperte und hinfiel und Zahra zu ihr ging, um zu sehen, ob sie sich verletzt hatte. Does Körper schnappte zusammen zu einer zitternden Kugel. War das – wie Allie und Jill glaubten – die Stellung, die Menschen einnehmen, wenn sie erwarten, geschlagen oder getreten zu werden – eine Schutzhaltung, die gleichzeitig Unterwerfung ausdrückt? »Mit diesem Burschen stimmt etwas nicht«, sagte Bankole mit einem Seitenblick auf Grayson, als wir uns nebeneinander das Nachtlager bereiteten. Wir hatten gegessen und dabei noch mehr von Emerys Geschichte gehört, hatten auch noch ein bißchen geplaudert, waren aber sehr müde. Ich mußte noch meine Notizen erledigen, und Travis und Jill hatten die erste Wache. Bankole, der für die Frühmorgenwache zusammen mit Zahra eingeteilt war, wollte noch reden. Er saß neben mir und sprach in mein Ohr, so leise, daß ich nichts mehr hörte, wenn ich mich auch nur ein wenig zurückbeugte. »Mora ist zu ner- vös«, sagte er. »Er schreckt zurück, wenn ihm jemand nahe kommt.« »Ich halte ihn für einen weiteren Ex-Sklaven«, sagte ich, ebenso leise. »Das ist vielleicht nicht sein einziges Problem, aber sein offensichtlichstes.« »Dann hast du es also auch mitbekommen.« Er legte seinen Arm um mich und seufzte. »Ich bin derselben Ansicht. Beide, er und das Kind.« »Und er mag uns nicht.« »Er vertraut uns nicht. Warum sollte er auch? Wir werden alle vier eine Weile lang beobachten müssen. Sie sind… merk- würdig. Vielleicht sind sie dumm genug, den Versuch zu wagen, mit einem Teil unseres Gepäcks nachts abhauen zu wollen. Oder es verschwinden zunächst nur Kleinigkeiten. Die Kinder wird man dabei eher erwischen. Wenn die Erwachsenen blei- ben, ist es wegen der Kinder. Wenn wir mit den Kindern vor- sichtig umgehen und sie beschützen, werden sich die Erwach- senen uns gegenüber loyal verhalten, schätze ich.« »So werden wir nun zur Mannschaft einer modernen Flucht- organisation für entlaufene Sklaven«, sagte ich. Es gab die Sklaverei also wieder – und schlimmer noch, als mein Vater gedacht hatte, oder jedenfalls früher. Er hatte geglaubt, es würde noch eine Weile dauern. »Nichts davon ist neu.« Bankole kuschelte sich an mich. »Als ich in den frühen 90ern auf dem College war, hörte ich von Fällen von Farmern, die sowas machten – Leute gegen ihren Willen festhielten und sie zu unbezahlter Arbeit zwangen. Latinos in Kalifornien, Schwarze und Latinos im Süden. Hin und wieder mußten ein paar dafür ins Gefängnis.« »Aber Emery sagt, es gibt ein neues Gesetz, das es legal ge- macht hat, daß Leute oder deren Kinder Schulden abarbeiten müssen, die sie niemals bezahlen können.«, »Kann sein. Schwer zu sagen, was man glauben kann. Ich halte schon für möglich, daß die Politiker ein Gesetz gemacht haben, das verwendet werden kann, um die Lohnsklaverei zu fördern. Ich habe allerdings nie etwas davon gehört. Jeder, der ein solches Schwein ist, daß er sich als Sklavenhalter betätigt, ist auch Schwein genug, um jede beliebige Lüge zu verbreiten. Du hast doch mitgekriegt, daß die Kinder dieser Frau wie Vieh verkauft wurden – ohne Zweifel zum Zweck der Prostitution.« Ich nickte. »Sie hat es auch verstanden.« »Ja. Meine Güte.« »Es bricht alles mehr und mehr zusammen.« Ich schwieg ei- nen Moment lang. »Ich sage dir, wenn wir Ex-Sklaven überzeu- gen, daß sie durch uns ihre Freiheit behalten können, wird niemand härter dafür kämpfen als sie. Wir brauchen aber bessere Waffen. Und wir müssen äußerst vorsichtig sein. Es wird immer gefährlicher hier draußen. Besonders gefährlich wird es mit all diesen kleinen Mädchen.« »Die zwei wissen sich ruhig zu verhalten«, erwiderte Bankole. »Es sind kleine Hasen, schnell und still. Deswegen sind sie ja noch am Leben.«, Achte Gott. Bete durch Arbeit. Bete durch Lernen, Planen, Tun. Bete durch Schaffen, Lehren, Begreifen. Bete durch Arbeit. Bete, um deine Gedanken zu sammeln, deine Ängste zu stillen, deine Ziele zu stärken. Achte Gott. Forme Gott. Bete durch Arbeit. Erdensaat: Das Buch der Lebenden Freitag, 17. September 2027 Heute morgen lasen wir ein paar Erdensaat-Verse und disku- tierten darüber eine Zeitlang. Das war irgendwie beruhigend – fast wie Kirche. Wir brauchten etwas Beruhigendes und Tröstli- ches. Sogar die Neuen machten mit, stellten Fragen, dachten laut und versuchten die Verse auf ihre Erfahrungen anzuwen-, den. Gott ist der Wandel und am Ende setzt er sich durch. Aber wir können etwas zum Wann und Warum dieses Endes sagen. Yeah. Es war eine fürchterliche Woche. Wir haben sowohl den gestrigen wie den heutigen Tag als Ruhetage verbracht. Es kann gut sein, daß wir auch noch den morgigen dazunehmen. Ich brauche das, ob nun die anderen dasselbe Bedürfnis haben oder nicht. Wir sind alle wund und krank, traurig und erschöpft – und wir triumphieren doch. Seltsam, dieses Triumphieren. Ich nehme an, es liegt daran, daß die meisten von uns noch leben. Wir sind ein Häufchen Über- lebender. Aber das ist ja das, was wir immer schon waren. Folgendes ist geschehen: In unserer Mittagsrast am Dienstag entfernten sich die bei- den kleinen Mädchen Tori und Doe zum Urinieren von der Gruppe. Emery begleitete sie. Sie hatte damit begonnen, sich um Doe wie um ihre eigene Tochter zu kümmern. In der Nacht davor hatten sie und Grayson Mora sich von der Gruppe abge- sondert und waren mehr als eine Stunde weggeblieben. Harry und ich standen Wache, und wir sahen sie gehen. Jetzt sind sie ein Paar – ständig kleben sie beisammen, bleiben aber immer eine Armlänge voneinander entfernt. Komische Leute. Emery nahm die Mädchen zum Pinkeln mit – nicht sehr weit weg. Gerade unter dem Hügel, außer Sicht durch einen Flecken toter Büsche und hohen, trockenen Grases. Wir anderen saßen essend, trinkend und schwitzend in dem bißchen Schatten, das ein Grüppchen von Eichen warf, die nur halbtot aussahen. Die Bäume waren eines Großteils ihrer Äste beraubt, zweifellos, durch Leute, die Feuerholz gebraucht hatten. Ich besah mir gerade die vielen zerrissenen Wunden der Bäume, als das Geschrei losging. Erst hörten wir die hohen, nadeldünnen, nadelscharfen Schreie der kleinen Mädchen, dann Emery um Hilfe rufen. Dann eine fluchende Männerstimme. Die meisten von uns sprangen ohne einen weiteren Gedan- ken auf und rannten zur Geräuschquelle. Im Rennen packte ich Harry und Zahra an den Armen, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich gestikulierte, sie sollten zurückgehen, um auf unsere Packen und auf Natividad und Allie aufzupassen, die bei den Babies zurückgeblieben waren. Harry hatte das Gewehr und Zahra eine der Berettas, und beide ärgerten sich im ersten Moment heftig über mich. Das war mir egal, ich war froh, sie dann doch zurückgehen zu sehen. Sie konnten uns, wenn notwendig, Feuerschutz geben und davor bewahren, überrannt zu werden. Wir fanden Emery im Kampf mit einem großen kahlen Mann, der Tori gepackt hatte. Doe rannte kreischend zurück zu uns, direkt in die Arme ihres Vaters. Er streifte sie ab und rannte in Richtung Highway, wobei er gelegentlich zu uns und unseren Leuten zurückblickte. Es kamen noch weitere Kahlköp- fe vom Highway her. Wie wir, rannten sie in Richtung der Schreie. Ich sah Metall bei ihnen funkeln – vielleicht nur Mes- ser. Vielleicht aber auch Pistolen. Travis erblickte die Gruppe und schrie eine Warnung, bevor ich es tun konnte. Ich blieb zurück, ließ mich auf ein Knie nieder, zielte beid- händig mit meiner 45er und wartete, bis Emerys Angreifer ein gutes Ziel bot. Der Mann war viel größer als sie, und sein Kopf, und seine Schultern waren ungedeckt außer dort, wo er Tori gegen sich gepreßt hielt. Das kleine Mädchen sah aus wie eine Puppe, die er mit dem Arm eingeklemmt hielt. Das Problem war Emery. Klein und schnell, wie sie war, attackierte sie den Mann heftig, zerkratzte sein Gesicht, versuchte, seine Augen zu erreichen. Er versuchte, seine Augen zu schützen und sie be- wußtlos zu schlagen oder wenigstens wegzuschleudern. Hätte er beide Hände frei gehabt, wäre er schnell genug gewesen, um sie niederzuschlagen, aber er wollte die strampelnde Tori nicht loslassen, und Emery wollte nicht niedergeschlagen werden. Als er einen Augenblick lang Emery zurückstieß, nützte ich dieses winzige Zeitfenster und schoß auf ihn, worauf meine Ohren von dem Schlag, den er bekam, klangen. Ich wußte sofort, daß ich ihn getroffen hatte. Er fiel nicht, aber ich spürte seinen Schmerz und war eine kurze Zeitspanne lang zu nichts anderem fähig. Dann brach er zusammen, und ich fiel mit ihm. Aber ich konnte immer noch sehen und hören, und ich hatte immer noch die Pistole. Ich hörte Schreie. Die Glatzköpfe vom Highway waren jetzt fast über uns – sechs, sieben, acht Leute. Ich konnte nichts tun wegen meiner Schmerzen, aber ich sah sie. Augenblicke später starb der Mann, den ich erschossen hatte, oder wurde wenig- stens bewußtlos, und ich war frei – und wurde dringend ge- braucht. Bankole hatte unsere einzige andere Waffe außer denen im Lager. Ich stand auf, bevor ich es hätte tun sollen, fiel fast wieder hin und schoß einen zweiten Angreifer von Travis weg, der Emery schleppte., Ich fiel wieder hin, verlor aber nicht das Bewußtsein. Ich sah, wie Bankole Tori packte und sie Jill praktisch zuwarf. Jill fing sie auf, drehte sich um und rannte mit ihr zum Lager zurück. Bankole kam zu mir, ich schaffte es, aufzustehen und ge- meinsam mit ihm unseren Rückzug zu decken. Wir hatten nur drei halbzerstörte Bäume, hinter die wir uns zurückziehen konnten, aber sie hatten dicke, solid aussehende Stämme. Einer der Angreifer feuerte mehrere Geschosse hinein, als wir sie erreichten. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, daß je- mand auf uns geschossen hatte. Als ich es kapiert hatte, warf ich mich hinter den Bäumen neben den anderen zu Boden und sah mich nach dem Schützen um. Unser Gewehr donnerte hinter mir los, bevor ich etwas aus- machen konnte. Harry tat seinen Job. Er schoß noch zweimal. Ich feuerte auch zweimal, fast ohne zu zielen, kaum unter Kontrolle. Ich glaube, Bankole schoß auch. Dann verlor ich das Bewußtsein und war zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich starb mit irgend jemandem. Das Schießen hörte auf. Ich starb mit jemand anderem. Jemand faßte mich an und ich war ein Fingerzucken davon entfernt, den Abzug noch einmal durchzuziehen. Bankole. »Du dummes Arschloch«, stöhnte ich. »Beinahe hätte ich dich getötet.« »Du blutest«, sagte er. Das überraschte mich. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich getroffen worden war. Vielleicht war ich nur auf ein scharfes Holzstück gefallen. Ich hatte kein Gefühl für meinen eigenen, Körper. Er tat mir weh, aber ich hätte nicht sagen können, wo – oder auch nur, ob es meine eigenen Schmerzen waren oder fremde. Der Schmerz war heftig, aber irgendwie diffus. Ich fühlte mich… körperlos. »Sind sonst alle okay?« fragte ich. »Sei still«, erwiderte er. »Ist es vorbei, Bankole?« »Ja. Die Angreifer sind davongelaufen.« »Dann nimm meine Pistole und gib sie Natividad – falls sie sich zum Zurückkommen entschließen.« Mir schien, ich fühlte ihn die Pistole aus meiner Hand neh- men. Ich hörte gedämpftes Gerede, das ich nicht recht verstand. Da wurde mir klar, daß ich das Bewußtsein verlor. Auch gut. Immerhin hatte ich lange genug durchgehalten, um zu etwas nütze gewesen zu sein. ✳ ✳ ✳ Jill Gilchrist ist tot. Sie war in den Rücken geschossen worden, als sie, Tori mit sich tragend, in Richtung der Bäume lief. Bankole sagte mir das nicht, wollte es mich nicht wissen lassen, bevor es unbedingt sein mußte, weil sich herausgestellt hatte, daß ich selbst ver- wundet war. Ich hatte Glück gehabt. Meine Wunde war klein. Sie schmerzte, aber viel mehr war damit nicht los. Jill hatte kein Glück gehabt. Ich fand heraus, daß sie tot war, als ich zu mir kam und Allies heiseres, verzweifeltes Stöhnen hörte. Jill hatte Tori bis hinter die Bäume gebracht, dort niederge- legt und war dann ohne einen Laut zu Boden gegangen, als, suche sie nur Deckung. Emery hatte Tori gepackt und umarmt und mit ihr zusammen vor Schrecken und Erleichterung ge- schluchzt. Alle anderen waren damit beschäftigt gewesen, erst Deckung zu suchen, dann zu feuern oder das Feuer zu lenken. Travis sah als erster die Blutlache unter Jill. Er schrie nach Bankole, dann drehte er Jill auf den Rücken und sah das Blut aus einer Austrittswunde in ihren Brust strömen. Bankole sagt, sie sei gestorben, bevor er zu ihr gekommen sei. Keine letzten Worte, kein letzter Blick auf ihre Schwester, nicht einmal die Gewißheit, daß sie das kleine Mädchen gerettet hatte. Das war ihr gelungen. Tori hatte Abschürfungen, war aber sonst in Ordnung. Alle waren okay, außer Jill. Meine eigene Wunde war, ehrlich gesagt, ein großer Kratzer. Eine Kugel hatte eine Furche durch das Fleisch auf meiner linken Körperseite gezogen, wenig Schaden angerichtet, nur viel Blut, zwei Löcher in meinem Hemd und viel Schmerz. Die Wunde pulsierte schlimmer als eine Verbrennung, aber sie machte mich nicht einsatzunfähig. »Eine Cowboy-Wunde«, sagte Harry, als er und Zahra nach mir sahen. Sie sahen schmutzig und elend aus, aber Harry versuchte mich aufzumuntern. Sie hatten gerade geholfen, Jill zu begraben. Die Gruppe hatte mit Händen, Stöcken und unse- rem Beil ein flaches Grab für Jill ausgehoben, während ich bewußtlos gewesen war. Sie legten sie in diese Grube zwischen den Baumwurzeln, bedeckten sie mit Erde und rollten große Steine auf ihr Grab. Die Bäume durften sie bekommen, aber die Hunde und die Kannibalen nicht. Die Gruppe beschloß, über Nacht zu bleiben, wo sie war, selbst wenn unser desolater Eichenhain normalerweise als, Nachtlager nicht durchgegangen wäre, weil er zu nahe an der Autobahn lag. »Du bist eine verdammte Närrin und zu groß, um getragen zu werden«, sagte Zahra zu mir. »Also bleib hier und laß Ban- kole sich um dich kümmern. Abgesehen davon, daß ihn eh keiner davon abhalten könnte.« »Du hast bloß eine Cowboy-Wunde«, wiederholte Harry. »In dem Buch, das ich gekauft habe, werden fortwährend Leute in die Seite oder in einen Arm oder die Schulter geschossen, und es bedeutet nichts – auch wenn Bankole sagt, ein hoher Pro- zentsatz von ihnen würde an Tetanus oder einer anderen Infek- tion sterben.« »Danke für diese Aufmunterung«, sagte ich. Zahra warf ihm einen Blick zu, dann tätschelte sie meinen Arm. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Dieser alten Mann schafft jeden Keim. Er ist total zornig, weil du dir einen Schuß eingefangen hast. Er sagt, wenn du auch nur ein bißchen Verstand hättest, wärest du hinten bei den Kindern geblieben.« »Was?« »He, er ist eben alt«, sagte Harry. »Was erwartest du dir denn?« Ich seufzte. »Wie geht es Allie?« »Sie weint.« Er schüttelte den Kopf. »Sie läßt niemanden an sich heran außer Justin. Sogar er versucht, sie zu trösten. Es regt ihn auf, daß sie weint.« »Emery und Tori sind auch ganz fertig«, sagte Zahra. »Sie sind der andere Grund, warum wir nicht weiterziehen.« Sie hielt inne. »Hey, Lauren, ist dir schon einmal etwas komisch vorge- kommen an den beiden – Emery und Tori, meine ich? Und, auch an diesem Burschen Mora?« Plötzlich ging mir ein Licht auf, und ich mußte wieder seuf- zen. »Sie sind wie ich Empathen, nicht wahr?« »Ja, alle – die beiden Erwachsenen und die beiden Kinder. Hast du es gewußt?« »Nein, nicht bis zu diesem Augenblick. Ich habe schon etwas bemerkt: diese Zögerlichkeit und die Berührungsangst – daß sie nicht berührt werden wollten, meine ich. Und alle waren Skla- ven. Mein Bruder Markus sagte einmal, daß Hyper-Empathen gute Sklaven abgeben müßten.« »Dieser Mora will gehen«, sagte Harry. »Dann laßt ihn gehen«, erwiderte ich. »Er hat vor der Schie- ßerei schon versucht, abzuhauen.« »Er ist aber zurückgekommen. Er hat geholfen, Jills Grab auszuheben. Ich meine, er will, daß wir alle gehen. Er sagt, die Gang, die wir vertrieben haben, wird zurückkommen, sobald es dunkel ist.« »Ist er sich da sicher?« »Ja. Er ist halb verrückt vor Angst und will unbedingt sein Kind hier wegschaffen.« »Sind Emery und Tori in der Lage, mitzugehen?« »Ich werde Tori tragen«, mischte sich jemand ins Gespräch. »Emery schafft es.« Grayson Mora natürlich. Zuletzt beim Verlassen des sinkenden Schiffes gesehen. Ich stand vorsichtig auf. Meine Seite schmerzte. Bankole hat- te die Wunde gereinigt und verbunden, während ich bewußtlos gewesen war, und das war ein Glück gewesen. Ich fühlte mich noch immer halb bewußtlos und halb von meinem Körper abgetrennt. Außer dem Schmerz war alles wie durch eine dichte, Lage Watte von mir getrennt. Nur der Schmerz war scharf und real. Dafür war ich beinahe dankbar. »Ich kann gehen«, sagte ich, nachdem ich ein paar Schritte versucht hatte. »Aber ich fühle mich, als ginge ich auf Stelzen. Ich weiß nicht, ob ich wie üblich Schritt werde halten können.« Grayson Mora trat dicht an mich heran. Er sah Harry an, als wolle er, daß dieser wegginge. Harry starrte nur zurück. »Wie oft bist du gestorben?« fragte mich Mora. »Mindestens dreimal«, erwiderte ich, als handle es sich um ein ganz normales Gespräch. »Vielleicht viermal. Ich habe es nie zuvor so oft hintereinander erlebt – wieder und wieder. Krank- haft. Aber du siehst gut aus.« Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich, als hätte ich ihn ge- ohrfeigt. Natürlich hatte ich ihn beleidigt. Es war, als hätte ich gesagt: Wo warst du, ein Mann und Mit-Empath, während deine Frau und deine Gruppe in Gefahr waren? Seltsam. Da stand ich und gebrauchte eine Sprache, von deren Existenz ich nichts gewußt hatte. »Ich mußte Doe außer Gefahr bringen. Und ich hatte keine Waffe.« »Kannst du schießen?« Er zögerte. »Ich habe noch nie geschossen«, gab er zu, seine Stimme zu einem Murmeln gesenkt. Wieder hatte ich ihn beschämt, diesmal ohne es zu wollen. »Wenn wir dir das Schießen beibringen, wirst du dann die Gruppe schützen?« »Ja!« Obwohl er, glaube ich, in diesem Augenblick am lieb- sten mich erschossen hätte. »Es tut höllisch weh«, warnte ich ihn., Er zuckte die Achseln. »Das tut das meiste.« Ich betrachtete sein schmales, zorniges Gesicht. Waren alle Sklaven so dünn – unterernährt, überarbeitet und der Meinung, daß die meisten Dinge weh taten? »Bist du aus dieser Gegend?« »In Sacramento geboren.« »Dann brauchen wir jede Information, die du uns geben kannst. Auch ohne Waffe brauchen wir deine Hilfe, um hier zu überleben.« »Meine aktuelle Information heißt, daß wir hier weg müssen, bevor diese Zombies jenseits des Hügels wieder ihre Gesichter bemalen und anfangen, Leute zu erschießen und Brände zu legen.« »Oh, Scheiße!« sagte ich. »Diese Typen sind das.« »Was hast du denn geglaubt?« »Ich hatte noch keine Chance, darüber nachzudenken. Es hätte aber auch keine Rolle gespielt. Harry, habt ihr die Toten durchsucht?« »Ja.« Er schenkte mir ein dünnes Lächeln. »Wir haben eine weitere Pistole, eine 38er. Ich habe ein paar Sachen von denen, die du getötet hast, in deinen Packen gegeben.« »Danke. Ich weiß nicht, ob ich meinen Packen jetzt tragen kann. Vielleicht kann Bankole…« »Er hat ihn schon auf seinem Karren. Gehen wir jetzt los.« Wir wandten uns zur Straße. »Haltet ihr das so?« fragte Grayson Mora, der neben mir her- ging. »Wer tötet, nimmt das Eigentum des Getöteten?« »Ja, aber wir töten niemanden, der uns nicht bedroht«, sagte ich. »Wir gehen nicht auf Menschenjagd. Wir essen kein Men- schenfleisch. Wir kämpfen zusammen gegen Feinde. Wenn, einer von uns in Gefahr gerät, helfen ihm die anderen. Und wir stehlen einander niemals etwas, niemals.« »Das hat Emery schon erzählt. Ich habe es ihr zuerst nicht geglaubt.« »Willst du so leben wie wir?« »…ja, ich glaube schon.« Ich zögerte. »Also was ist dann los? Ich sehe doch, daß du uns nicht vertraust, nicht einmal jetzt.« Er kam näher, berührte mich aber nicht. »Woher kommt die- ser Weiße?« »Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben lang«, sagte ich. »Und er und ich und die anderen halten uns gegenseitig jetzt schon lange Zeit am Leben.« »Aber… er und diese anderen, die fühlen nichts. Du bist die einzige, die fühlt.« »Wir nennen es Empathie. Ich bin die einzige.« »Aber sie … du…« »Wir helfen einander. Eine Gruppe ist stark. Ein oder zwei Leute sind einfacher zu berauben oder zu töten.« »Ja.« Er sah sich die anderen an. Es war noch immer nichts von Vertrauen oder Zuneigung in seinem Gesicht zu entdecken, aber er sah doch ruhiger aus, befriedigter. Er sah aus, als habe er ein quälendes Rätsel gelöst. Um ihn zu testen, stolperte ich. Das fiel mir leicht. Ich hatte immer noch wenig Gefühl in Füßen und Beinen. Mora trat beiseite. Er berührte mich nicht, bot mir keine Hil- fe an. Ein reizender Mensch. ✳ ✳ ✳, Ich verließ Mora, ging hinüber zu Allie und lief eine Weile neben ihr her. Ihr Kummer und Schmerz waren wie eine Wand gegen mich – gegen jedermann, nehme ich an, aber ich war diejenige, die sie in diesem Augenblick belästigte. Außerdem lebte ich, und ihre Schwester war tot; die Schwester war ihre gesamte verbliebene Familie gewesen, und warum, zum Teufel, ging ich ihr nicht einfach aus den Augen? Sie sagte nichts. Sie tat nur so, als sei ich nicht da. Sie stieß Justin in seinem Wagen voran und wischte sich hin und wieder Tränen von ihrem steinernen Gesicht, mit einer schnellen Bewegung, wie mit einem Peitschenschlag. Sie tat sich dabei weh. Sie rieb ihr Gesicht zu hart, zu schnell, zu rauh. Damit tat sie auch mir weh, und ich konnte nicht noch mehr Schmerz brauchen. Ich blieb trotzdem neben ihr, bis ihre Verteidigung unter einer neuen Schmerzwelle abzubröckeln begann. Sie hörte auf, sich selbst weh zu tun, und ließ die Tränen einfach über das Gesicht rinnen und auf ihre Brust oder auf den zerbrochenen Asphalt fallen. Sie schien unter einem plötzlichen Gewicht zusammenzusinken. Ich umarmte sie. Ich legte ihr die Hände auf die Schultern und hielt sie auf in ihrem halbblinden Dahintappen. Als sie herumfuhr, um mich feindselig und verletzend anzustarren, umarmte ich sie. Sie hätte sich losreißen können. Ich war weit davon entfernt, mich stark zu fühlen, aber nach einem ersten zornigen Versuch, sich abzuwenden, hängte sie sich an mich und stöhnte. Ich hatte noch nie zuvor ein solches Stöhnen gehört. Sie schluchzte und stöhnte da am Straßenrand, und die anderen blieben stehen und warteten auf uns. Niemand sprach. Justin begann zu wimmern, und Natividad kam zurück, um ihn, zu beruhigen. Die wortlose Botschaft war dieselbe für Kind und Frau: Trotz deiner Verluste und deinem Schmerz bist du nicht allein. Du hast immer noch Menschen, die sich um dich küm- mern und die wollen, daß es dir gut geht. Du hast immer noch Familie. Nach einer Weile ließen Allie und ich einander los. Sie ist nicht gerade eine gesprächige Frau, besonders nicht in ihrem Schmerz. Sie nahm Justin Natividad ab, strich ihm über das Haar und hielt ihn. Als wir weitergingen, trug sie ihn eine Weile lang, und ich schob den Wagen. Wir gingen zusammen. Es war nicht notwendig, etwas zu sagen. ✳ ✳ ✳ Auf der Straße gab es ganz ordentlichen Fußgängerverkehr in beiden Richtungen. Ich machte mir immer noch Sorgen dar- über, daß eine Gruppe unserer Größe auffallen und leicht zu lokalisieren sein würde, warum auch immer. Ich machte mir Sorgen, weil ich mir über unsere Angreifer nicht im klaren war. Als Allie einige Zeit später Justin in den Wagen zurücksetzte und den Wagen von mir übernahm, lief ich zu Bankole und Emery und ging mit ihnen weiter. Emery war diejenige, die mir ein paar Dinge erklärte, und sie war die erste, die den Rauch des ersten Feuers sah – zweifellos, weil sie danach Ausschau gehal- ten hatte. Wir konnten es nicht sicher sagen, aber es sah so aus, als brenne das Feuer ungefähr dort, wo wir bei dem Eichenhain gerastet hatten. »Sie verbrennen alles«, flüsterte Emery Bankole und mir zu. »Sie werden nicht aufhören, bis sie ihr ganzes 'ro verbraucht, haben. Die ganze Nacht lang werden sie Sachen anzünden. Dinge und Menschen.« Ro, Pyro, Pyromanie. Diese verfluchte Feuerdroge. »Werden sie uns verfolgen?« fragte ich. Sie zuckte die Achseln. »Wir sind viele, und du hast ein paar von ihnen getötet. Ich denke, sie werden ihre Rache an anderen, schwächeren Wanderern nehmen.« Noch ein Achselzucken. »Für die sind wir alle dieselben. Ein Reisender ist ein Reisen- der.« »Wenn wir also nicht von einem ihrer Feuer erwischt wer- den…« »Werden wir ihnen entwischen, ja. Sie hassen jeden, der nicht zu ihnen gehört. Sie würden auch meine Tori verkaufen, um an mehr 'ro zu kommen.« Ich sah ihr geschwollenes, verschorftes Gesicht an. Bankole hatte ihr etwas gegen den Schmerz gegeben. Dafür war ich dankbar – und halb zornig auf ihn, weil er sich geweigert hatte, mir etwas zu geben. Er verstand meine Benommenheit und Erschöpfung dort im Hain nicht, und sie verstörten ihn. Nun, mittlerweile war das vergangen. Soll er doch drei- oder viermal sterben, dann sieht er schon, wie das ist! Es hat keinen Sinn. Diese kurze und doch endlose Agonie, die einen vollständig einhüllt. Sie hat überhaupt keinen Sinn. Ich ertappe mich selbst dabei, zu denken, wie seltsam es ist, daß ich überhaupt noch lebe. »Emery?« sagte ich leise. Sie schaute mich an. »Du weißt, daß ich eine Hyper-Empathin bin.« Sie nickte, dann warf sie Bankole einen Seitenblick zu., »Er weiß es«, versicherte ich ihr. »Aber… sieh mal, du und Grayson, ihr seid die ersten Empathen, die ich kenne, die Kin- der haben.« Es gab keinen Grund, ihr zu sagen, daß sie und Grayson und ihre Kinder überhaupt die ersten Empathen waren, die ich kennenlernte. »Ich hoffe, selbst eines Tags Kinder zu haben, deshalb muß ich es wissen… vererbt sich die Hyper- Empathie immer?« »Einer meiner Jungen hatte sie nicht. Manche Einfühler – Empathen, wie du sagst – können keine Kinder bekommen. Ich weiß nicht, warum. Und ich kannte ein paar, die zwei oder drei Kinder hatten, die alle keine Einfühler waren. Die Bosse mögen es, wenn man es ist.« »Darauf wette ich.« »Manchmal zahlen sie sogar mehr für Leute, die welche sind, besonders für Kinder.« Ihre Kinder. Aber sie hatten einen Jungen, der keiner war, mitgenommen und ein Mädchen, das eine war, zurückgelassen. Wie lange wäre es gegangen, bis sie wegen des Mädchens zu- rückgekommen wären? Vielleicht hatten sie ein lukratives Angebot für die Jungen als Paar, deshalb verkauften sie sie zuerst. »Mein Gott«, sagte Bankole. »Dieses Land ist um 200 Jahre zurückgefallen.« »Es war noch besser, als ich klein war«, sagte Emery. »Meine Mutter sagte immer, es würde auch wieder besser werden. Die guten Zeiten würden wiederkommen. Sie sagte, es sei immer so gewesen. Mein Vater schüttelte dann bloß den Kopf und sagte nichts.« Sie drehte sich um und hielt Ausschau nach Tori, und sah sie auf Grayson Moras Schultern. Dann sah sie noch etwas, anderes und schnappte nach Luft. Wir folgten ihrem Blick und sahen Feuer über die Hügel hin- ter uns kriechen – weit hinter uns, aber nicht weit genug. Es war ein neues Feuer, das von der trockenen Abendbrise vorange- trieben wurde. Entweder waren uns die Leute, die uns angegrif- fen hatten, gefolgt und hatten Feuer gelegt, oder jemand imi- tierte sie, bildete ihr Echo. Wir gingen weiter, schneller jetzt, und versuchten zu erken- nen, wohin wir gehen konnten, um in Sicherheit zu sein. Auf jeder Seite der Autobahn waren trockenes Gras und lebende und tote Bäume. Bis jetzt war das Feuer nur auf der Nordseite. Wir wechselten auf die Südseite über in der Hoffnung, das sei sicherer. Es mußte ein See vor uns liegen, wenn meine Karte der Gegend stimmte – er hieß Clear Lake. Die Karte zeigte, daß er ziemlich groß war, und die Autobahn folgte einige Meilen seinem Nordufer. Wir würden ihn bald erreichen. Wie bald? Ich rechnete während des Gehens. Morgen. Wir sollten mor- gen abend in seiner Nähe lagern können. Das war nicht bald genug. Ich roch plötzlich Rauch. Bedeutete das, daß der Wind das Feuer auf uns zu trieb? Andere Leute liefen jetzt schneller, und zwar auf der Südseite der Straße nach Westen. Niemand ging jetzt noch in die andere Richtung. Es gab noch keine Laster zu sehen, aber es wurde allmählich Abend. Bald würden sie vorbeidonnern. Und wir sollten bald ein Nachtlager haben. Konnten wir es wagen? Die Südseite hinter uns schien immer noch feuerfrei zu sein, aber auf der Nordseite kroch das Feuer hinter uns her, kam zwar nicht näher, blieb aber auch nicht wirklich zurück., Wir gingen eine Zeitlang weiter, sahen uns oft um, waren alle müde, manche hatten auch Schmerzen. Ich rief eine Marsch- pause aus und winkte alle zu einem Platz südlich der Straße, wo Raum zum Sitzen und Rasten war. »Wir können hier nicht bleiben«, sagte Mora. »Das Feuer kann jeden Augenblick die Straße überspringen.« »Wir können uns hier ein paar Minuten ausruhen«, sagte ich. »Wir können das Feuer im Auge behalten und erkennen, wann wir besser wieder weitergehen.« »Am besten gehen wir gleich!« sagte Mora. »Wenn dieses Feuer richtig Wind kriegt, ist es schneller, als wir laufen kön- nen! Das beste ist, uns so weit wie möglich zu entfernen.« »Das beste ist, wir bleiben stark genug, uns von ihm entfer- nen zu können«, erwiderte ich, nahm eine Wasserflasche aus meinem Gepäck und trank. Wir waren in Sichtweite der Straße und hatten es uns zur Regel gemacht, an so exponierten Orten nichts zu essen oder zu trinken, aber heute mußte diese Regel außer Kraft gesetzt werden. Von der Straße weg in die Hügel hineinzugehen, konnte bedeuten, daß man durch das Feuer von der Straße abgeschnitten wurde. Wir konnten nicht wissen, wann und wo ein vom Wind weggewirbeltes Stück brennender Abfall auf unserer Seite landen würde. Andere folgten meinem Beispiel, tranken und aßen ein wenig Trockenfrüchte, Fleisch und Brot. Bankole und ich teilten mit Emery und Tori. Mora schien uns trotz allem verlassen zu wollen, aber seine Tochter Doe saß halb eingeschlafen neben Zahra auf dem Boden. Er kauerte sich neben ihr hin und gab ihr ein wenig Wasser zu trinken und ein paar Früchte zu essen. »Wir müssen vielleicht die ganze Nacht auf den Beinen blei-, ben«, sagte Allie, fast zu leise, als daß man sie hören konnte. »Das wird vielleicht unsere einzige Rast bleiben.« Und zu Travis sagte sie: »Du setzt Dominic besser zu Justin in den Wagen, wenn er fertig ist mit Essen.« Travis nickte. Bis jetzt hatte er Dominic getragen. Jetzt legte er ihn neben Justin. »Ich werde eine Weile lang den Wagen schieben«, sagte er. Bankole sah nach meiner Wunde, verband sie neu und gab mir diesmal etwas gegen die Schmerzen. Er vergrub die blutigen Bandagen, die er entfernt hatte, indem er mit einem flachen Stein ein Loch aushob. Emery, neben der Tori eingeschlafen war, schaute, um zu erkennen, was Bankole mit mir machte, dann fuhr sie zusam- men und blickte weg, während ihre Hand an ihre eigene Hüfte fuhr. »Ich wußte nicht, daß du so böse verwundet bist«, flüsterte sie. »Bin ich nicht«, erwiderte ich und brachte mich dazu, zu lä- cheln. »Mit dem vielen Blut sieht es schlimmer aus, als es ist, aber es geht schon. Im Verhältnis zu Jill bin ich verdammt gut dran. Und es hält mich nicht vom Marschieren ab.« »Du hast mir keinerlei Schmerzen verursacht beim Laufen«, sagte sie. Ich nickte, glücklich darüber, daß ich sie täuschen konnte. »Es sieht böse aus, aber es schmerzt nicht so sehr.« Sie setzte sich wieder zurecht, als fühle sie sich besser. Ohne Zweifel war das auch der Fall. Wenn ich stöhnte und wimmerte, würden alle vier mitstöhnen und mitwimmern. Die Kinder würden vielleicht sogar mit mir bluten. Ich mußte vorsichtig, sein und zumindest so lange lügen, wie das Feuer eine Bedro- hung darstellte – oder doch so lange, wie ich es aushielt. Die Wahrheit war, daß diese blutdurchtränkten Bandagen mir schreckliche Angst einjagten und die Wunde schlimmer weh tat denn je zuvor. Aber ich wußte, daß ich weglaufen mußte oder verbrennen würde. Nach ein paar Minuten kappten Bankoles Pillen die Spitze meiner Schmerzen, und das machte die ganze Welt erträglicher. Wir hatten ungefähr eine Stunde Rast gehalten, als das Feuer uns zu nervös machte, um noch länger zu bleiben, wo wir waren. Also standen wir auf und marschierten los. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt war das Feuer ein Stück weit hinter uns über die Straße gesprungen. Jetzt sah weder die Nord- noch die Südseite mehr sicher aus. Bis es dunkel wurde, konnten wir in den Hügeln hinter uns nur noch Rauch sehen. Es war eine schreckliche, drohend aufragende, bewegliche Wand. Als es dunkel war, konnten wir erkennen, wie das Feuer sich in unsere Richtung voranfraß. Hunde rannten auf der Straße neben uns her, beachteten uns aber nicht. Katzen und Hirsche rannten hinter uns, und wir sahen ein Stinktier an uns vorbeiei- len. Es galt: Leben und leben lassen. Weder Menschen noch Tiere waren närrisch genug, Zeit damit zu verschwenden, einander anzugreifen. Hinter uns und im Norden begann das Feuer zu brüllen. Wir setzten Tori in den Wagen und Justin und Dominic zwi- schen ihre Beine. Die Babies wachten nie auf, wenn wir sie bewegten. Tori war mehr als halb eingeschlafen. Ich fürchtete, daß der Wagen unter dem Extragewicht zusammenbrechen könnte, aber er hielt stand. Travis, Harry und Allie wechselten, sich beim Schieben ab. Doe setzten wir auf die Ladung von Bankoles Karren. Sie konnte es da nicht gerade bequem haben, aber sie jammerte nicht. Sie war wacher als Tori und war den größten Teil der Strecke seit unserem Zusammenstoß mit den Kidnappern selbst gelaufen. Sie war ein starkes kleines Mädchen – die wahre Tochter ihres Vaters. Grayson Mora half, Bankoles Karren zu schieben. Seit Doe auf ihm saß, schob er ihn tatsächlich die meiste Zeit. Der Mann war nicht angenehm, aber seine Liebe zu seiner Tochter war bewundernswert. Zu irgendeinem Zeitpunkt in dieser endlosen Nacht began- nen Rauch und Asche mehr denn je zuvor um uns herumzu- wirbeln, und ich ertappte mich bei dem Gedanken, daß wir es nicht schaffen würden. Ohne innezuhalten, näßten wir Hem- den, Tücher und was immer wir hatten, und wickelten sie um Nase und Mund. Das Feuer röhrte und donnerte auf seinem Weg hinter uns im Norden, versengte uns Haare und Kleider und machte das Atmen zu einer schrecklichen Anstrengung. Die Babies erwach- ten und schrien in Angst und Pein, husteten und machten mich fast fertig. Tori, die wegen deren Schmerz und ihrem eigenen weinte, hielt sie nieder und ließ nicht zu, daß sie aus dem Wa- gen zappelten. Ich dachte, wir müßten sterben. Ich glaubte, es gebe keinen Ausweg für uns aus diesem Meer aus Feuer, heißem Wind, Rauch und Asche. Ich sah Menschen – Fremde – niederstürzen, und wir ließen sie auf der Straße liegen und auf das Verbrennen warten. Ich hörte auf, zurückzuschauen. Im Röhren des Feuers, konnte ich nicht hören, ob sie schrien. Ich sah die Babies, bevor Natividad nasse Lumpen über sie warf. Ich wußte, daß sie schrien. Dann konnte ich sie nicht mehr sehen, und das war ein Segen. Das Wasser ging uns aus. Man konnte nichts tun als laufen oder verbrennen. Der schreckliche, taub machende Lärm des Feuers schwoll an, dann wieder ab, wieder und wieder. Das Feuer schien sich nach Norden von der Straße wegzuwenden und dann immer wieder- zukommen. Es quälte uns wie ein lebendes, bösartiges Wesen, das Schmerzen und Schrecken hervorrufen wollte. Es trieb uns vor sich her wie Hunde, die ein Kaninchen jagen. Aber es fraß uns nicht. Es hätte es tun können, aber es tat es nicht. Am Ende dröhnte das Schlimmste nach Nordwesten davon. Bankole nannte es später einen Feuersturm. Ja. Wie ein Torna- do aus Feuer war es, zog donnernd umher, verfehlte uns gerade noch, spielte mit uns, ließ uns aber schließlich am Leben. Wir konnten nicht rasten. Es gab immer noch Feuer. Kleine Feuer, die zu großen werden konnten, Rauch, blind und husten machender Rauch… keine Rast. Aber wir konnten unsere Geschwindigkeit verlangsamen. Wir konnten dem schlimmsten Rauch und Aschenregen entge- hen und der Peitsche der heißen Winde. Wir konnten an der Straßenseite einen Augenblick ausruhen und in Frieden Luft holen. Wir holten tief Luft. Wir husteten und keuchten und weinten schmutzige Tränenbäche auf unsere Gesichter. Es war unglaublich. Wir würden überleben. Wir lebten alle noch und waren beisammen – angekokelt und elend, ohne Wasservorräte,, aber am Leben. Wir würden es schaffen. Als wir es später wagten, die Straße zu verlassen, luden wir meinen Packen von Bankoles Karren und holten seine Extra- Wasserflasche heraus. Genauer: er holte sie heraus. Er verriet uns, daß es sie gab, als er das auch verschweigen und sie für sich hätte behalten können. »Irgendwann morgen werden wir den Clear Lake erreichen«, sagte ich. »Morgen früh, glaube ich. Ich weiß nicht, wie weit wir vorangekommen und wo wir jetzt überhaupt sind, deshalb kann ich nur schätzen, daß wir morgen früh dort sein werden. Aber jedenfalls erwartet der See uns morgen.« Die Leute grunzten oder husteten oder nahmen Schlucke aus Bankoles Extra-Flasche. Die Kinder mußten abgehalten werden, zuviel Wasser zu trinken. Deshalb begann Dominic zu husten und zu weinen. Wir kampierten, wo wir waren, in Sichtweite der Straße. Zwei von uns mußten Wache halten. Ich meldete mich freiwil- lig für die erste Wache, denn ich hatte zuviel Schmerzen, um schlafen zu können. Ich bekam von Natividad meine Pistole zurück, überprüfte sie, um zu sehen, ob Natividad nachgeladen hatte – das war der Fall –, und sah mich nach einem Partner um. »Ich halte mit dir Wache«, sagte Grayson Mora. Das überraschte mich. Ich hätte jemanden vorgezogen, der wußte, wie man mit einer Waffe umgeht – jemand, dem ich trauen konnte, wenn er eine Pistole hatte. »Ich werde nicht schlafen können, bevor du es tust«, sagte er. »So einfach ist das. Also verwenden wir beide unsere Schmerzen zu einem guten Zweck.«, Ich sah Emery und die beiden Mädchen an, um zu sehen, ob sie es mitgekriegt hatten, aber sie schienen schon beinahe eingeschlafen. »In Ordnung«, sagte ich. »Wir müssen auf Frem- de und auf Feuer achten. Ruf mir, wenn du etwas Ungewöhnli- ches bemerkst.« »Gib mir eine Waffe«, sagte er. »Wenn mir jemand nahe- kommt, kann ich sie wenigstens zur Einschüchterung verwen- den.« Na klar, im Dunkeln! »Keine Waffe«, sagte ich. »Noch nicht. Du weißt noch nicht gut genug Bescheid.« Er starrte mich ein paar Augenblicke lang an, dann ging er hinüber zu Bankole. Er drehte mir den Rücken zu, als er mit Bankole sprach. »Schau, du weißt, daß ich eine Waffe brauche, um an einem Ort wie dem Wache halten zu können. Sie weiß nicht, wie es ist. Sie glaubt es zwar, aber sie weiß es nicht.« Bankole zuckte die Achseln. »Wenn du das nicht bringst, Mann, dann leg dich schlafen. Einer von uns übernimmt die Wache mit ihr.« »Scheiße.« Mora ließ das Wort lang und übel klingen. »Scheiiiiße. Ich wußte auf den allerersten Blick, daß sie ein Mann ist. Ich wußte bloß nicht, daß sie der einzige Mann hier ist.« Tiefes Schweigen. Doe Mora rettete die Situation, soweit sie noch gerettet wer- den konnte. Sie trat in diesem Augenblick hinter ihren Vater und tippte ihm auf den Rücken. Er fuhr herum, mehr als nur kampfbereit, er drehte sich mit solcher Geschwindigkeit und Heftigkeit um, daß das kleine Mädchen vor Schreck quiekte und zurückprallte., »Was, zum Teufel, machst du denn!« schrie er. »Was willst du?« Das Mädchen schaute ihn nur eingeschüchtert an. Dann streckte sie ihre Hand aus und bot ihm einen Granatapfel an. »Zahra hat uns das gegeben«, flüsterte sie. »Kannst du es auf- schneiden?« Gute Idee, Zahra! Ich drehte mich nicht um, warf ihr keinen Blick zu, aber ich war mir sicher, daß sie hersah. Mittlerweile schaute jeder, der wach war, her. »Jeder ist müde und hat Schmerzen«, sagte ich. »Jeder, nicht bloß du. Aber wir halten uns selbst am Leben durch Zusam- menarbeit und nicht, indem wir Dummheiten machen oder aussprechen.« »Und wenn dir das nicht gut genug ist«, fügte Bankole mit leiser, aber von Zorn verzerrter Stimme hinzu, »dann geh morgen weg und such dir eine andere Reisegruppe – eine Gruppe, die, verdammt noch mal, zu macho ist, um ihre Zeit damit zu verschwenden, deiner Tochter zweimal an einem Tag das Leben zu retten.« Es mußte in Mora einen wertvollen Charakterzug geben. Er erwiderte nichts, sondern zog das Messer und viertelte den Granatapfel für Doe, dann behielt er die Hälfte, weil sie darauf bestand, daß das seine Hälfte sei. Sie setzten sich zusammen hin und aßen die rote, saftige Frucht, dann legte Mora Doe schlafen und suchte sich einen Platz, an dem er waffenlos seine erste Wache antrat. Er hat seither nicht mehr von Waffen gesprochen und sich auch nie entschuldigt. Natürlich verließ er uns nicht. Wohin hätte er gehen sollen? Er war ein entlaufener Sklave. Wir waren, das Beste, was er bis jetzt gefunden hatte – das Beste, was er finden konnte, solange er Doe dabei hatte. ✳ ✳ ✳ Wir erreichten den Clear Lake nicht am nächsten Morgen. Um die Wahrheit zu sagen, es war erst am nächsten Morgen, daß wir einschlafen konnten. Wir waren zu müde und zu wund, um im Morgengrauen aufzustehen – das schon früh während der zweiten Wache begann. Nur das Bedürfnis nach Wasser setzte uns überhaupt in Bewegung – an einem heißen, rauchigen Spätvormittag, gegen elf. Wir fanden die Leiche einer jungen Frau auf dem Weg zur Straße. Es waren keine Verletzungen an ihr zu sehen, aber sie war tot. »Ich will ihre Kleider«, wisperte Emery. Sie war ganz nahe bei mir, sonst hätte ich es nicht gehört. Die Tote hatte ungefähr ihre Größe, und war mit einem Baumwollhemd und beinahe neu aussehenden Hosen bekleidet. Die Sachen waren schmutzig, aber weit weniger als jene, die Emery anhatte. »Dann zieh sie aus«, sagte ich. »Ich würde dir helfen, aber mir geht es heute morgen nicht so besonders.« »Ich helfe ihr«, flüsterte Allie. Justin schlief in seinem Wagen mit Dominic, also hatte sie freie Hand für die gewöhnlichen, unaussprechlichen Dinge, die wir jetzt für unser Überleben zu tun bereit waren. Die tote Frau hatte sich beim Sterben nicht beschmutzt. Das machte die Arbeit weniger widerlich, als sie hätte sein können. Aber die Totenstarre hatte schon eingesetzt, deshalb war das, Ausziehen eine Arbeit für zwei. Außer uns befand sich niemand auf diesem Straßenabschnitt, also hatten Allie und Emery alle Zeit zur Verfügung, die sie brauchten. Wir hatten den ganzen Morgen noch keine Wande- rer gesehen. Emery und Allie nahmen jedes Fetzchen Kleidung, ein- schließlich Unterwäsche, Socken und Stiefel, obwohl Emery dachte, die Stiefel seien zu groß für sie. Das spielte keine Rolle. Wenn niemand sie tragen konnte, würden wir sie verkaufen. Tatsächlich waren es diese Stiefel, die Emery das erste Geld einbrachten, das sie jemals besessen hatte. Auf der Farm, wo sie als Sklavin gewesen war, hatte sie nur Company-Schecks be- kommen, völlig wertlos außerhalb der Farm und fast wertlos auf ihr. In die Zungen jedes Stiefels der Toten waren fünf zusam- mengefaltete 100-Dollar-Scheine eingenäht – insgesamt also tausend Dollar. Wir mußten ihr klarmachen, wie wenig das war. Wenn sie sparsam damit umging und nur in den billigsten Läden einkaufte sowie weder Fleisch, Weizen noch Milchpro- dukte aß, würde das Geld sie zwei Wochen lang ernähren. Beide, Tori und sie, vielleicht anderthalb Wochen. Trotzdem kam es Emery wie Reichtum vor. Später an diesem Tag erreichten wir den Clear Lake – der viel kleiner war, als ich erwartet hatte – und kamen zu einem winzi- gen, teuren Geschäft, das auf der Ladefläche eines alten Lasters in der Nähe einer Ansammlung halb verbrannter, zusammen- gebrochener Hütten betrieben wurde. Es verkaufte Früchte, Gemüse, Nüsse und Räucherfisch. Wir kauften alle ein paar Kleinigkeiten, aber Emery gab viel zuviel Geld für Pfirsiche und, Walnüsse für jeden aus. Sie strahlte, als sie sie herumreichte, weil sie zur Abwechslung einmal uns etwas geben konnte. Die Frau ist in Ordnung. Wir werden ihr ein paar Dinge über den Wert des Geldes und über das Einkaufen beibringen müssen, aber Emery ist wirklich Gold wert. Und sie ist definitiv eine von uns. ✳ ✳ ✳ Irgendwie haben wir unsere neue Heimat erreicht – Bankoles Land in den Hügeln an der Küste des Humboldt County. Der Highway U.S. 101 ist nordöstlich von uns, Cape Mendocino und das Meer westlich. Ein paar Meilen im Süden gibt es Na- turparks mit riesigen Redwood-Bäumen und Scharen von Siedlern. Das Land, das uns umgibt, ist leer und das wildeste, das ich bis jetzt gesehen habe. Es ist mit trockenem Gebüsch, Bäumen und Baumstümpfen bedeckt, alles weit entfernt von jeder größeren Stadt und einen langen Marsch über die Hügel von den kleinen Städtchen entlang der Autobahn. Es gibt hier Farmen und Holzfällerei und völlig isolierte Häuser. Laut Bankole ist es am besten, wir kümmern uns um unsere eigenen Angelegenheiten und achten nicht allzu sehr darauf, womit die Leute auf den angrenzenden Parzellen ihr Geld verdienen. Ob sie nun Lastwagen auf der 101 überfallen, Marihuana anbauen, Whisky brennen oder kompliziertere illegale Substanzen her- stellen… es heißt: Leben und leben lassen. Bankole führte uns eine schmale Asphaltstraße entlang, die bald zu einem noch schmaleren, schmutzigen Weg wurde. Wir sahen ein paar kultivierte Felder, ein paar Geländenarben durch, Feuer oder Holzschlag und viel ungenutzt aussehendes Land. Der Weg verschwand gänzlich, bevor wir unser Ziel erreicht hatten. Das ist gut, wenn man sich isolieren will. Schlecht ist es für den An- oder Abtransport von Dingen. Schlecht für die An- und Rückreise zur und von der Arbeit. Bankole hatte erzählt, daß sein Schwager viel Zeit in verschiedenen Städten verbrach- te, fern von seiner Familie. Das war jetzt leichter zu verstehen. Es gibt keine Möglichkeit, jeden Tag oder jeden zweiten hierher zurückzukommen. Was mußte man dann tun, um Geld zu sparen? In den Städten in Hauseingängen oder Parks schlafen? Vielleicht war es diese Unbequemlichkeit wert, wenn man damit seine Familie zusammen und in Sicherheit halten konnte – weit entfernt von den Verzweifelten, den Verrückten und den Lasterhaften. Das war es, was ich dachte, als wir den Hügel erreichten, an dessen Hang das Haus von Bankoles Schwester und die umlie- genden Bauten stehen sollten. Es gab kein Haus. Es gab keine Gebäude. Es gab beinahe nichts: Einen großen schwarzen Fleck am Hang, ein paar ver- kohlte Bretter, die aus dem Schutt emporragten und aneinan- derlehnten, und einen großen Ziegelkamin, der schwarz und einsam wie ein Grabstein auf einem altmodischen Friedhof aussah. Ein Grabstein über der Asche und den Knochen., Mach dir kein Bild von Gott. Nimm die Bilder an, die Gott bereitgestellt hat. Sie sind überall, sie sind in allem. Gott ist der Wechsel – Samen zu Baum, Baum zu Wald, Regen zu Fluß, Fluß zu Meer; Larven zu Bienen, Bienen zum Schwarm; aus einem werden viele; aus vielen einer; immer Vereinigung, Wachsen, Auflösung – ewiger Wandel. Das Universum ist Gottes Selbstporträt. Erdensaat: Die Bücher der Lebenden Freitag, 1. Oktober 2027 Wir haben die ganze Woche herumgestritten, ob wir hier bleiben sollen bei den Knochen und der Asche oder nicht. Wir, haben fünf Schädel gefunden – drei in den Überresten des Hauses und zwei außerhalb. Es gab noch mehr zertrümmerte Knochen, aber kein komplettes Skelett. Hunde waren an den Knochen gewesen – Hunde und vielleicht Kannibalen. Das Feuer liegt lange genug zurück, daß Gräser aus dem Bauschutt zu wachsen begonnen haben. Ist es zwei Monate her? Drei? Manche der entfernteren Nachbarn mögen Bescheid wissen. Manche der entfernteren Nachbarn haben vielleicht das Feuer gelegt. Es gibt keine Möglichkeit zur Vergewisserung, aber ich neh- me an, daß die Knochen von Bankoles Schwester und ihrer Familie stammen. Ich glaube, Bankole nimmt dasselbe an, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, die Knochen zu begra- ben und seine Schwester abzuschreiben. Am Tag nach unserer Ankunft gingen Harry und er zurück nach Glory, der nächsten Kleinstadt, die wir passiert hatten, und er sprach mit der örtli- chen Polizei. Es waren – oder zumindest behaupteten sie es – Hilfssheriffs. Ich frage mich, was man tun muß, um ein Cop zu werden. Ich frage mich, was das Abzeichen anderes sein soll als eine Lizenz zum Stehlen. Was muß es einmal gewesen sein, daß Leute in Bankoles Alter ihm immer noch vertrauen wollen? Ich weiß schon, was die alten Bücher darüber sagen, aber ich wun- dere mich doch. Die Hilfssheriffs ignorierten Bankoles Geschichte und seine Fragen vollständig. Sie schrieben nichts auf und behaupteten, von nichts zu wissen. Sie behandelten Bankole, als bezweifelten sie, daß er überhaupt eine Schwester hatte oder daß er derjenige war, der er zu sein behauptete. Es gab ja jetzt so viele gestohlene Identitätskarten. Sie durchsuchten ihn und nahmen ihm das, Geld weg, das er bei sich trug. Polizeigebühren nannten sie das. Er hatte klugerweise nur so viel mitgenommen, wie er zu benö- tigen glaubte, um sie bei guter Laune zu halten, aber nicht genug, um ihren Verdacht zu wecken oder sie glauben zu machen, es gebe noch mehr zu holen. Den Rest – ein ganz hübsches Päckchen – hatte er bei mir gelassen. Er vertraute mir genug, um das zu tun. Seine Waffe hatte er Harry gegeben, der einkaufen gegangen war. Gefängnis für Bankole hätte bedeuten können, daß er zu ei- ner Periode harter, unbezahlter Arbeit verkauft würde – in die Sklaverei. Wenn er jünger gewesen wäre, hätten die Sheriffs sein Geld genommen und ihn vielleicht unter irgendeinem Vorwand eingesperrt. Ich bat ihn, nicht zu gehen und keiner Polizei oder sonstigen staatlichen Behörde zu vertrauen. Mir kamen diese Leute mit ihren Räubereien und ihrer Versklavung nicht besser vor als irgendwelche Gangs. Bankole stimmte mir zu, bestand aber trotzdem darauf, hin- zugehen. »Sie war meine kleine Schwester«, sagte er. »Ich muß wenig- stens herausfinden, was ihr zugestoßen ist. Ich muß wissen, wer das getan hat. Aber am dringendsten von allem muß ich wissen, ob nicht eines von den Kindern überlebt haben könnte. Einer oder mehr von diesen fünf Schädeln könnten von den Brand- stiftern sein.« Er starrte die Knochensammlung an. »Ich muß das Risiko eingehen, das Sheriffbüro aufzusuchen«, fuhr er fort. »Aber du nicht. Ich will dich nicht dabeihaben. Ich will nicht, daß sie auf irgendwelche Ideen kommen, wenn sie dich sehen, oder daß sie durch Zufall herausfinden, daß du eine Hyper- Empathin bist. Ich will nicht, daß dich der Tod meiner Schwe-, ster das Leben oder die Freiheit kostet.« Wir stritten uns deswegen. Ich hatte Angst um ihn, er hatte Angst um mich; und wir waren beide wütender aufeinander, als wir es je zuvor gewesen waren. Ich hatte Angst, daß er getötet oder eingesperrt würde und daß wir niemals herausfinden würden, was aus ihm geworden war. Niemand sollte allein reisen in unserer Welt. »Schau«, sagte er schließlich. »Du kannst hier mit der Grup- pe etwas Vernünftiges anfangen. Du wirst eine von den vier Waffen hier haben, und du weißt, wie man sich durchschlägt. Du wirst hier gebraucht. Wenn die Cops entscheiden, daß sie mich einsacken wollen, wirst du nichts dagegen ausrichten können. Schlimmer, wenn sie sich entscheiden, daß sie dich einsacken wollen, werde ich nichts tun können, als Rache nehmen, und dabei werden sie mich töten.« Das dämpfte meinen Eifer – der Gedanke, daß ich seinen Tod verursachen könnte, statt seinen Rücken zu decken. Ich glaubte es zwar nicht ganz, aber es dämpfte mich doch. Dann stand Harry auf und sagte, er würde mitgehen. Er wollte das sowieso. Er konnte ein paar Dinge für die Gruppe einkaufen, und er wollte sich nach einem Job umsehen. Er wollte ein bißchen Geld verdienen. »Ich werde tun, was ich kann«, sagte er, bevor sie aufbrachen. »Er ist kein übler alter Bursche. Ich werde ihn dir zurückbrin- gen.« Sie brachten einander zurück, Bankole war um ein paar tau- send Dollar ärmer und Harry nach wie vor ohne Job – aber sie kamen mit Lebensmitteln und etwas Werkzeug zurück. Bankole wußte nicht mehr als bei seiner Abreise über seine Schwester, und deren Familie, aber die Cops hatten gesagt, sie würden herauskommen und die Brandstätte und die Knochen untersu- chen. Wir machten uns Sorgen, daß sie wirklich früher oder später auftauchen würden. Wir halten immer nach ihnen Ausschau, und wir haben die meisten unserer Wertsachen versteckt – genauer gesagt: vergraben. Wir möchten auch die Knochen begraben, aber wir trauen uns nicht. Bankole macht sich Sor- gen. Eine Menge Sorgen. Ich habe vorgeschlagen, daß wir ein Begräbnis veranstalten, und zwar bald, und dabei die Knochen begraben. Zum Teufel mit den Cops. Aber er sagt nein. Es sei das beste, sie so wenig wie möglich zu provozieren. Wenn sie kommen, werden sie mit Stehlen genug Schaden anrichten. Man sollte ihnen keinen Vorwand zu weitergehenden Maß- nahmen liefern. ✳ ✳ ✳ Unter den Trümmern eines der Außengebäude fanden wir einen Brunnen mit einer altmodischen Handpumpe. Sie funk- tioniert noch. Die solarbetriebene Pumpe in Hausnähe funktio- niert nicht mehr. Wir hätten hier nicht lange ohne Wasserquel- le bleiben können. Mit dem Brunnen fällt es jetzt schwer, weg- zugehen – weg von dieser möglichen Freistatt – trotz aller Brandstifter und Bullen. Bankole gehört dieses Land, ganz eindeutig. Es gibt einen riesigen, halb ruinierten Garten mit Zitronenbäumen voll unreifer Früchte. Wir haben auch schon Rüben und Kartoffeln ausgegraben. Es gibt eine Menge anderer Früchte und Nuß-, bäume, außerdem Pinien, Redwoods und Douglastannen. Von letzteren ist keine wirklich groß. Hier wurden viele Bäume gefällt, bevor Bankole das Gebiet kaufte. Bankole sagt, es sei in den 80ern oder 90ern vollständig abgeholzt worden, aber wir können die Bäume verwenden, die seither nachgewachsen sind, und neue pflanzen. Wir können einen Schuppen bauen und einen Wintergarten anlegen mit der Saat, die ich von zu Hause mitgenommen habe. Sicher, viel davon wird schon zu alt sein. Ich hatte das Saatgut nicht so oft erneuert, wie ich es hätte tun sollen, als ich noch zu Hause war. Merkwürdig, daß ich das nicht getan habe. Zu Hause war alles schlimmer und immer schlimmer geworden, und doch hatte ich dem Packen immer weniger Aufmerksamkeit gewidmet, der mein Leben retten sollte, wenn der Mob kam. Es gab soviel anderes, worum man sich Sorgen machen mußte – und ich glaube, ich machte mir auf meine Art genauso etwas vor wie Cory oder wie Joannes Mutter. Aber das ist alles wie antike Geschichte. Wir mußten uns um das Jetzt Sorgen machen. Was sollten wir nun anfan- gen? »Ich glaube nicht, daß wir es hier schaffen«, sagte Harry, als wir um das Lagerfeuer saßen. Es sollte etwas Fröhliches sein, wenn man mit seinen Freunden und mit vollem Magen um ein Lagerfeuer sitzt. An diesem Abend hatten wir sogar frisches Fleisch. Bankole hatte das Gewehr genommen und war eine Zeitlang verschwunden. Als er zurückkam, brachte er drei Kaninchen mit, die Zahra und ich häuteten, säuberten und brieten. Wir brieten auch Süßkartoffeln, die wir im Garten ausgegraben hatten. Wir hätten also zufrieden sein sollen. Aber alles, was wir taten, war, einen alten Streit der letzten paar Tage, aufzuwärmen. Vielleicht waren es die Knochen und die Asche, die nur gerade außer Sichtweite lagen, die uns dazu brachten. Wir lagerten außerhalb des verbrannten Areals in der Hoffnung auf ein bißchen Einkehr von Ruhe in den Geist, aber es funk- tionierte nicht. Ich dachte mir, wir sollten versuchen, einen Weg zu finden, wilde Kaninchen zu fangen und mit ihnen eine Zucht für den Fleischnachschub anzufangen. War das möglich? Warum nicht, wenn wir hierblieben? Und wir sollten hierblei- ben. »Wir werden weiter nördlich nichts finden, was besser oder sicherer ist als hier«, sagte ich. »Es wird hart sein, hier zu leben, aber wenn wir zusammenarbeiten und Sorgfalt anwenden, sollte es möglich sein. Wir könnten hier eine Gemeinde bilden.« »O Gott, jetzt fängt sie wieder mit ihrem Erdensaat-Scheiß an«, sagte Allie. Aber sie lächelte dabei ein bißchen. Das war gut. Sie hatte in der letzten Zeit nicht oft gelächelt. »Wir können hier eine Gemeinde aufbauen«, wiederholte ich. »Es ist gefährlich, sicher, aber – zum Teufel! – es ist überall gefährlich, und je mehr Leute in einer Stadt zusammengepackt sind, desto gefährlicher wird es. Das ist ein lächerlicher Ort für die Entstehung einer Gemeinde, isoliert, meilenweit entfernt von allem, ohne eine halbwegs brauchbare Zufahrtsstraße, aber für uns und in dieser Situation ist das absolut perfekt!« »Außer daß jemand vor nicht allzu langer Zeit die Häuser niedergebrannt hat«, sagte Grayson Mora. »Was immer wir hier aufbauen, es wird sofort zu einem Ziel werden.« »Was immer wir wo auch immer aufbauen, wird ein Ziel sein«, sagte Zahra. »Aber die Menschen, die vorher hier waren – tut mir leid, Bankole, ich muß es sagen –, sie können keine gute, Wache gehabt haben – ein Mann, eine Frau und drei Kinder. Sie werden den ganzen Tag hart gearbeitet und dann die Nacht durchgeschlafen haben. Es wäre zu hart für zwei Erwachsene gewesen, aufzubleiben und jede Nacht halb durchzuwachen.« »Sie hatten keine Nachtwache«, gab Bankole zu. »Wir wer- den natürlich eine haben. Und wir könnten ein paar Hunde brauchen. Wenn wir sie als Welpen kriegen und zu Wachhun- den ausbilden könnten…« »Fleisch an Hunde verfüttern?« rief Mora zornig aus. »Nicht so bald.« Bankole zuckte die Achseln. »Nicht, bevor wir für uns selbst genug haben. Aber wenn wir Hunde bekom- men können, werden sie uns helfen, die Reste unseres Besitz- tums zu verteidigen.« »Ich würde einem Hund nichts geben als eine Kugel oder einen Stein«, sagte Mora. »Ich habe einmal Hunde gesehen, die eine Frau gefressen haben.« »Es hat keine Jobs in der Stadt gegeben, in der Bankole und ich gewesen sind«, warf Harry ein. »Da gab es nichts. Nicht einmal Arbeit gegen Kost und Unterkunft. Ich habe in der ganzen Stadt herumgefragt. Niemand wußte auch nur das geringste.« Ich runzelte die Stirn. »Die Städte hier sind alle nahe an der Autobahn«, gab ich zu bedenken. »Es müssen viele Leute hier durchkommen, die sich nach einem Ort zur Niederlassung umsehen – oder nach einem zum Rauben, Vergewaltigen, Töten. Die Einwohner werden neue Leute nicht willkommen heißen. Sie werden niemandem trauen, den sie nicht kennen.« Harry blickte von mir zu Bankole. »Sie hat recht«, sagte Bankole. »Mein Schwager hatte eine, harte Zeit, bevor sich die Leute an ihn gewöhnten, und er war hierher gekommen, bevor die Zeiten so schlimm wurden. Er konnte Installateursarbeiten, Tischlerei, Elektrikerarbeiten und Motorenreparaturen. Natürlich war es nicht gerade ein Vorteil, daß er schwarz war. Weil du weiß bist, wirst du die Leute viel- leicht schneller überzeugen können, als es ihm gelungen ist. Ich glaube aber, daß alles Geld, das wir hier ernsthaft machen können, aus dem Boden kommen muß. Nahrungsmittel sind dieser Tage Gold wert, und wir können hier welche anbauen. Wir haben Waffen, um uns zu schützen, also können wir unsere Ernten in den nahen Städten oder auf der Autobahn verkau- fen.« »Wenn wir lange genug leben, um etwas zum Verkauf ernten zu können«, murmelte Mora. »Wenn es genug Wasser gibt, wenn das Ungeziefer nicht unsere Ernte frißt, wenn uns nie- mand verbrennt wie diese Leute da drüben, wenn, wenn, wenn!« Allie seufzte. »Scheiße, es heißt doch Wenn, wenn, wenn, wo immer du hingehst. Dieser Platz hier ist nicht so schlecht.« Sie saß auf ihrem Schlafsack und hielt den Kopf des schlafenden Justin auf ihrem Schoß. Während sie sprach, strich sie dem Kind übers Haar. Nicht zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß, ganz gleich, wie hart Allie sich gab, dieser kleine Junge der Schlüssel zu ihr war. Kinder waren zu den meisten anwesenden Erwachsenen der Schlüssel. »Es gibt nirgendwo irgendwelche Garantien«, stimmte ich ihr zu. »Aber wenn wir arbeiten wollen, stehen hier unsere Chancen gut. Ich habe Saatgut in meinem Packen. Wir können noch mehr kaufen. Was wir jetzt erst einmal tun müssen, ist, mehr Gärtnerei als Landwirtschaft. Alles wird von Hand getan werden müssen – Düngen, Wässern, Jäten, Raupen und Käfer oder was auch immer von den Pflanzen ablesen und eines nach dem anderen töten, das ist es, was es jetzt braucht. Was das Wasser betrifft, nun, unser Brunnen hat welches, jetzt, im Oktober. Ich glaube nicht, daß wir uns Sorgen machen müssen, daß er austrocknet. Zumindest heuer nicht mehr. Und wenn Menschen uns oder unsere Ernte bedrohen, töten wir sie ebenfalls. Das ist alles. Wir töten sie, oder sie töten uns. Wenn wir zusammenhalten, können wir uns verteidigen und die Kinder schützen. Die erste Pflicht einer Gemeinde ist es, ihre Kinder zu schützen – die, die wir jetzt haben, und die, die noch kommen werden.« Daraufhin wurde eine Weile lang geschwiegen, während die Leute das Gesagte verdauten und vermutlich gegeneinander abwogen, was es bedeutete, hier zu bleiben oder nach Norden weiterzuziehen. »Wir sollten uns entscheiden«, sagte ich. »Wir müssen hier bauen und anpflanzen. Wir müssen mehr Nahrungsmittel, Saatgut und Werkzeug kaufen.« Es wurde Zeit, direkt zu wer- den: »Allie, wirst du bleiben?« Sie blickte über das erloschene Feuer zu mir herüber und starrte mich so intensiv an, als erwarte sie, etwas auf meinem Gesicht zu sehen, das ihr die Antwort erleichtern könnte. »Was für Saatgut hast du?« fragte sie. Ich holte tief Luft. »Das meiste ist Sommersaat – Mais, Pa- prika, Sonnenblumen, Auberginen, Melonen, Tomaten, Boh- nen, Kürbis. Aber ich habe auch ein paar Sachen für den Win- ter: Erbsen, Karotten, Kohl, Broccoli, Winterkürbis, Zwiebeln,, Spargel, Kräuter, verschiedenes Grünzeug… Wir können noch mehr kaufen, und wir haben, was in dem vorhandenen Garten übriggeblieben ist, plus alles, was wir von den Eichen, Pinien und Zitronenbäumen brauchen können. Ich habe auch Baumsamen dabei: noch mehr Eiche, Zitronen, Pfirsich, Birne, Nektarine, Mandel, Walnuß und ein paar andere. Sie werden uns ein paar Jahre lang nichts nützen, sind aber eine höllisch gute Investition in die Zukunft.« »So wie ein Kind«, sagte Allie. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich blöd genug sein würde, es zu tun, aber jetzt sage ich doch, verdammt, ja, ich bleibe. Ich will auch etwas aufbauen. Ich hatte vorher nie eine Chance dazu.« Allie und Justin waren also ein sicheres Ja. »Harry? Zahra?« »Klar bleiben wir«, sagte Zahra. Harry runzelte die Stirn. »Wart mal eine Minute. Wir müs- sen nicht.« »Ich weiß. Aber wir tun es. Wenn wir eine Gemeinschaft bil- den können, wie Lauren sagt, und uns nicht an Fremde verkau- fen und Leuten trauen müssen, denen man nicht trauen kann, dann sollten wir das tun. Wenn du aufgewachsen wärst, wo ich aufwuchs, dann wüßtest du, daß wir es tun sollten.« »Harry«, sagte ich. »Ich kenne dich schon mein ganzes Leben lang. Du bist der nächste an einen Bruder für mich herankom- mende Mensch, der noch lebt. Du denkst doch nicht wirklich ans Weggehen, oder?« Das war nicht gerade das beste Argu- ment der Welt. Er war sowohl der Cousin als auch der Liebha- ber von Joanne gewesen und hatte sie gehen lassen, als er mit ihr hätte gehen können., »Ich will etwas Eigenes«, sagte er. »Land, ein Heim, vielleicht ein Geschäft oder eine kleine Farm. Etwas, das mir gehört. Dieses Land gehört Bankole.« »Ja«, sagte Bankole. »Und du wirst es pachtfrei verwenden können – samt allem Wasser, das du brauchst. Was wird dich das alles weiter oben im Norden kosten – wenn du es weiter nördlich überhaupt bekommen kannst –, wenn du es überhaupt aus Kalifornien hinaus schaffst?« »Aber hier gibt es keine Arbeit!« »Hier gibt es überhaupt nichts anders als Arbeit, Junge. Ar- beit und viel billiges Land. Wie billig wird das Land dort sein, wo du und der Rest der Welt hinziehen wollen?« Harry dachte darüber nach, dann breitete er die Hände aus. »Was mir Sorgen macht, ist, daß wir unser ganzes Geld hier anlegen könnten, um dann entdecken zu müssen, daß wir es hier nicht schaffen.« Ich nickte. »Darüber habe ich auch nachgedacht, und es macht mir Sorgen. Aber das ist überall möglich, wie du weißt. Du könntest dich in Oregon oder Washington niederlassen, keinen Job kriegen und kein Geld mehr haben. Oder du könn- test gezwungen sein, unter den Bedingungen zu arbeiten, die Emery und Grayson erlebt haben. Schließlich können bei all den Wanderungsströmen von Arbeitsuchenden nach Norden die Arbeitgeber sich herauspicken, wen sie anstellen wollen, und zahlen, was sie wollen.« Emery legte den Arm um Tori, die dösend neben ihr saß, und sagte: »Vielleicht kannst du einen Job als Fahrer kriegen. Sie wollen Weiße als Fahrer. Wenn du lesen und schreiben kannst und die Arbeit tun willst, könntest du angestellt wer-, den.« »Ich kann nicht fahren, aber ich könnte es lernen«, sagte Harry. »Du meinst, diese großen gepanzerten Laster fahren, nicht wahr?« Emery sah verwirrt aus. »Laster? Nein, ich meine Leute zur Arbeit fahren. Sie zum Arbeiten bringen. Sie veranlassen, schneller zu arbeiten. Sie zu allem zu bringen… was der Besitzer will.« Harrys Gesichtsausdruck hatte sich von Hoffnung über Er- schrecken zu Zorn verwandelt. »Jesus Christus, glaubst du, ich würde das tun? Wie kannst du nur glauben, ich täte so etwas!« Emery zuckte die Achseln. Es verblüffte mich, daß sie so ei- ner Sache gleichgültig gegenüberstehen konnte, aber so schien es zu sein. »Manche Leute halten das für einen guten Job«, sagte sie. »Der letzte Fahrer, den wir hatten, hatte vorher irgendwas mit Computern zu tun. Ich weiß nicht was. Seine Firma ging pleite, und er kriegte den Job, uns zu fahren. Ich glaube, es gefiel ihm.« »Em«, sagte Harry. Er sprach leise und wartete, bis er ihre volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. »Willst du mir sagen, mir würde ein Job gefallen, bei dem ich Sklaven herum- stoße und ihnen ihre Kinder wegnehme?« Sie sah ihn an und versuchte in seinem Gesicht zu lesen. »Ich hoffe nicht«, sagte sie. Und dann: »Manchmal gibt es nur solche Jobs – Sklaven oder Sklaventreiber. Ich habe gehört, daß auf dieser Seite der kanadischen Grenze viele Fabriken nur solche Arbeiten anbieten.« Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Sklavenarbeit in Fa- briken?«, »Ja. Die Arbeiter produzieren Sachen für Firmen in Kanada oder Asien. Sie bekommen nicht viel bezahlt, also geraten sie in Schulden. Sie werden auch krank oder verletzen sich. Ihr Trinkwasser ist nicht sauber, und die Fabriken sind gefährlich – voll Gift und voller Maschinen, die einen quetschen oder schneiden können. Aber die Leute denken zuerst, sie könnten Geld verdienen, und gehen dann sehr schnell wieder. Ich habe mit Frauen gearbeitet, die hinaufgegangen sind, einen Blick auf die Arbeitsplätze geworfen haben, und wieder zurückgekom- men sind.« »Und warst du da oben?« wollte Harry wissen. »Nicht, um dort zu arbeiten. Diese Frauen hatten mich ge- warnt.« »Ich habe von solchen Firmen gehört«, sagte Bankole. »Sie sollten angeblich für Arbeitsplätze für die nach Norden strö- menden Menschen sorgen. Präsident Donner ist sehr für sie. Die Arbeiter dort sind eher menschlicher Ausschuß als Sklaven. Sie atmen toxische Dämpfe ein, trinken kontaminiertes Wasser oder geraten in Maschinen ohne Schutzvorrichtungen… was alles keine Rolle spielt. Sie sind leicht zu ersetzen – es gibt tausende Arbeitslose für jede Stelle.« »Grenzarbeit«, sagte Mora. »Nicht alles ist da oben schlecht. Ich habe gehört, daß manche Bargeld auszahlen, nicht Fir- menschecks.« »Willst du dort hingehen?« fragte ich. »Oder willst du hier- bleiben?« Er schaute auf Doe hinunter, die an einem Stückchen Süß- kartoffel nibbelte. »Ich will hier bleiben«, sagte er zu meiner Überraschung. »Ich bin mir nicht sicher, ob du irgendeine, Chance hast, etwas aufzubauen, aber du bist verrückt genug, damit Erfolg zu haben.« Und wenn ich keinen Erfolg haben sollte, war er immer noch nicht schlechter dran als bei seiner Flucht aus der Sklaverei. Er konnte jemanden berauben und seine Reise nach Norden fortsetzen. Oder auch nicht. Ich hatte über Mora nachgedacht. Er tat viel dafür, sich die Leute vom Leib zu halten – sie davon abzuhalten, zuviel über ihn zu erfah- ren, zu sehen, was er fühlte, oder daß er überhaupt etwas fühlte – ein männlicher Empath, der verzweifelt versuchte, seine schreckliche Verwundbarkeit zu verbergen? Empathie mußte für einen Mann noch härter sein. Wie wäre es meinen Brüdern ergangen als Empathen? Seltsam, daß ich das noch nie zuvor überlegt hatte. »Ich bin froh, daß du bleibst«, sagte ich. »Wir brauchen dich.« Ich blickte Travis und Natividad an. »Euch brauchen wir auch. Ihr bleibt doch, oder?« »Du weißt doch, daß wir bleiben«, sagte Travis. »Obwohl ich glaube, daß ich mit Mora mehr übereinstimme, als mir recht ist. Ich bin mir nicht sicher, ob wir hier eine Erfolgschance haben.« »Wir werden haben, was wir uns machen können«, sagte ich. Und ich wandte mich an Harry. Er und Zahra hatten miteinan- der geflüstert. Jetzt schaute er mich an. »Mora hat recht. Du bist verrückt«, sagte er. Ich seufzte. »Aber das sind verrückte Zeiten«, fuhr er fort. »Vielleicht bist du das, was die Zeit erfordert – oder was wir brauchen. Ich bleibe. Es wird mir vielleicht noch einmal leid tun, aber ich bleibe.« Jetzt ist die Entscheidung getroffen, und wir können aufhö-, ren, uns darüber zu streiten. Morgen werden wir damit begin- nen, einen Wintergarten anzulegen. Nächste Woche werden ein paar von uns in der Stadt Werkzeug, Saatgut und Lebensmittel kaufen. Es ist auch Zeit, mit dem Bau einer Hütte zu beginnen. Es gibt genug Bäume auf dem Grund, und wir können Boden ausheben und in den Hügel hineinbauen. Mora sagt, er habe früher Sklavenhütten gebaut. Er sagt, er sei ganz begierig, etwas Besseres zu bauen, etwas für Menschen Geeignetes. Außerdem wird es hier, so weit im Norden und so nah an der Küste, bald Regen geben. Sonntag, 10. Oktober 2027 Heute war das Begräbnis für Bankoles Tote – die fünf Men- schen, die im Feuer gestorben sind. Die Cops sind nie gekom- men. Schließlich entschied Bankole, daß sie nicht mehr kom- men würden und daß es Zeit sei, daß seine Schwester und ihre Familie ein ordentliches Begräbnis bekämen. Wir sammelten alle Knochen, die wir finden konnten, und Natividad wickelte sie gestern in einen Schal, den sie vor Jahren gestrickt hatte. Es war das schönste Kleidungsstück, das sie besaß. »So etwas sollte den Lebenden dienen«, sagte Bankole, als sie den Schal anbot. »Du lebst«, sagte Natividad. »Ich mag dich. Ich wünschte, ich hätte deine Schwester kennenlernen können.« Er sah sie eine Weile an. Dann nahm er den Schal und um- armte sie. Dann begann er zu weinen und entfernte sich zwi- schen die Bäume, außer unsere Sicht. Ich ließ ihn ungefähr eine Stunde allein, dann ging ich ihm nach., Ich fand ihn, wie er auf einem umgestürzten Baumstamm saß und sich das Gesicht wischte. Ich saß einige Zeit neben ihm, ohne etwas zu sagen. Nach einer Weile stand er auf, wartete, bis auch ich mich erhob, und ging zurück in Richtung unseres Lagers. »Ich würde ihnen gerne einen Eichenhain geben«, sagte ich. »Bäume sind besser als Stein – Leben, das an Leben erinnert.« Er warf einen Blick zurück auf mich. »In Ordnung.« »Bankole?« Er blieb stehen und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht entziffern konnte. »Keiner von uns kannte sie«, sagte ich. »Ich wünschte, wir hätten sie gekannt. Ich wünschte, ich hätte sie kennengelernt, ganz gleich, wie sehr ich sie überrascht haben würde.« Er brachte mühsam ein Lächeln zustande. »Sie würde erst dich angesehen haben, dann mich, und dann hätte sie einfach vor dir zu mir gesagt: Es gibt keine schlimmeren Narren als die alten. Sobald sie das von sich gegeben gehabt hätte, würde sie angefangen haben, dich zu mögen.« »Glaubst du, sie könnte Gesellschaft jetzt ertragen oder ver- zeihen?« »Was?« Ich holte tief Luft und wunderte mich selbst über das, was ich zu sagen vorhatte. Es konnte danebengehen. Er konnte es mißverstehen. Aber es mußte gesagt werden. »Wir werden morgen deine Toten begraben. Ich denke, daß du recht hast, wenn du das tun willst. Und mir scheint, wir sollten ebenso unsere Toten begraben. Die meisten von uns mußten weggehen – oder wegrennen – von unseren unver-, brannten, unbegrabenen Toten. Morgen sollten wir uns alle an sie erinnern und sie begraben, wenn wir das können.« »Deine Familie?« Ich nickte. »Meine, Zahras, Harrys, Allies – beide, ihren Sohn und ihre Schwester – vielleicht auch Emerys Söhne, vielleicht noch weitere, von denen ich nichts weiß. Mora spricht nicht viel über sich, aber auch er muß Menschen verloren haben. Does Mutter vielleicht.« »Wie willst du das machen?« fragte er. »Jeder von uns begräbt seine eigenen Toten. Wir kennen sie. Wir können die passenden Worte finden.« »Worte aus der Bibel?« »Worte, Erinnerungen, Zitate, Gedanken, Lieder… Mein Va- ter bekam ein Begräbnis, obwohl wir nie seine Leiche fanden. Aber meine drei jüngsten Brüder und meine Stiefmutter hatten nichts. Zahra sah sie sterben, sonst hätte ich keine Vorstellung, was aus ihnen geworden ist.« Ich dachte einen Augenblick lang nach. »Ich habe genug Eicheln, um für jeden von uns einen lebenden Eichenbaum für unsere Toten zu pflanzen – genug, um auch einen für Justins Mutter zu setzen. Ich denke an eine ganz simple Zeremonie. Aber jeder sollte die Gelegenheit zum Sprechen haben. Sogar die beiden kleinen Mädchen.« Er nickte. »Ich habe keinen Einwand. Es ist keine üble Idee.« Und ein paar Schritte weiter: »Es hat soviel Tote gegeben. Und es wird noch viele geben.« »Nicht bei uns, hoffe ich.« Er sagte eine Zeitlang nichts. Dann blieb er stehen und legte mir die Hand auf die Schulter, um mich zum Stehenbleiben zu veranlassen. Zuerst stand er nur da und sah mich an. Er schien, mein Gesicht förmlich zu studieren. »Du bist so jung«, sagte er. »Es ist geradezu kriminell, daß du in diesen Zeiten so jung sein mußt. Ich wünschte, du hättest dieses Land kennengelernt, als es noch rettbar schien.« »Es kann überleben«, sagte ich. »Verändert, aber immer noch es selbst.« »Nein.« Er zog mich an seine Seite und legte den Arm um mich. »Natürlich werden Menschen überleben. Ein paar andere Länder werden überleben. Vielleicht saugen sie auf, was von uns übriggeblieben sein wird. Oder vielleicht brechen wir in eine Vielzahl kleiner Staaten auseinander, die sich untereinan- der um die Krumen streiten, die übriggeblieben sind. Das ist jetzt schon beinahe so weit mit Staaten, die sich voneinander abkapseln und Staatsgrenzen als Nationalgrenzen behandeln. So klug du auch bist, glaube ich doch nicht, daß du es verstehst – ich glaube nicht, daß du verstehen kannst, was wir verloren haben. Vielleicht ist das sogar ein Segen.« »Gott ist der Wandel«, sagte ich. »Olamina, das bedeutet überhaupt nichts.« »Das bedeutet alles. Alles!« Er seufzte. »Du weißt doch, so schlecht die Dinge auch ste- hen, sie werden noch schlechter werden. Hunger, Krankheit, Drogenschäden und die Herrschaft des Mobs sind nur der Anfang. Es gibt noch immer föderale, staatliche und lokale Behörden – zumindest auf dem Papier –, und manchmal brin- gen sie noch mehr her, als Steuern einzukassieren und das Militär loszuschicken. Und das Geld ist noch gut. Das erstaunt mich. Wenn man auch jetzt viel mehr braucht, um etwas zu kaufen, so wird es doch noch akzeptiert. Das mag ein Hoff-, nungszeichen sein – oder vielleicht ist es auch nur ein Beweis für das, was ich vorhin gesagt habe: wir haben noch nicht den Tiefststand erreicht.« »Nun, unsere Gruppe hier muß nicht tiefer sinken«, sagte ich. Er schüttelte den struppigen Kopf, wobei seine Haare, sein Bart und sein ernster Gesichtsausdruck ihn mehr als nur ein bißchen einem alten Bild von Frederick Douglass gleichen ließen, das ich einst gehabt hatte. »Ich wünschte, ich könnte das glauben«, sagte er. Vielleicht sprach der Kummer aus ihm. »Ich glaube nicht, daß wir hier eine Chance auf Erfolg haben.« Ich legte meinen Arm um ihn. »Gehen wir zurück«, sagte ich. »Wir haben viel Arbeit vor uns.« ✳ ✳ ✳ So haben wir uns heute an die Freunde und Familienmitglieder, die wir verloren haben, erinnert. Wir sprachen von unseren individuellen Erinnerungen und zitierten Bibelsprüche, Erden- saat-Verse und Stücke aus Liedern und Gedichten, die die Lieblingslieder der Lebenden oder Toten gewesen waren. Dann begruben wir unsere Toten und pflanzten Eichen. Danach saßen wir beisammen und sprachen und aßen ein gemeinsames Mahl und entschieden, daß dieser Ort ›Die Eichel‹ heißen solle. ✳ ✳ ✳, Ein Sämann ging aufs Feld, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte. Wieder ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen, und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Lukas 8, 5-8]
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