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CHESTER POUL ANDERSON & MICHAEL KURLAND DIE DROHUNG AUS DEM ALL Science Fiction – Utopischer Roman Deutsche Erstveröffentlichung WINTHER VERLAG KG. HAMBURG – ZÜRICH – WIEN WINTHER-BUCH Nr. 2001 im Winther Verlag KG. Hamburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: TEN YEARS TO DOOMSDAY Ins Deutsche übertragen von: HELMUT BITTNER Genehmigte Taschenbuchausgabe © Copyright 1966 by Pyramid Publications, Inc. Scan by Brrazo 04/2006 Umschlaggestaltung: Atelier Biehler, Hamburg Satz: K. H. Löding KG. Hamburg Gesamtherstellung: UNIPRINT, Kopenhagen ERSTES KAPITEL Das Raumschiff Terran Beaver, ein lei...
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CHESTER

POUL ANDERSON & MICHAEL KURLAND

DIE DROHUNG AUS DEM ALL

Science Fiction – Utopischer Roman Deutsche Erstveröffentlichung WINTHER VERLAG KG. HAMBURG – ZÜRICH – WIEN, WINTHER-BUCH Nr. 2001 im Winther Verlag KG. Hamburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: TEN YEARS TO DOOMSDAY Ins Deutsche übertragen von: HELMUT BITTNER Genehmigte Taschenbuchausgabe © Copyright 1966 by Pyramid Publications, Inc. Scan by Brrazo 04/2006 Umschlaggestaltung: Atelier Biehler, Hamburg Satz: K. H. Löding KG. Hamburg Gesamtherstellung: UNIPRINT, Kopenhagen, ERSTES KAPITEL Das Raumschiff Terran Beaver, ein leichter Kreu- zer der Konföderierten Raumstreitkräfte, zog lang- sam seine Bahn am Rande der Milchstraße. Es war der siebenundzwanzigste Tag eines völlig norma- len und routinemäßigen Beobachtungsfluges. Für die Besatzung war auch diese Reise wieder, wie al- le anderen vorher, kaum mit Anstrengungen ver- bunden. Alle Arbeiten wurden von der Schiffsau- tomatik erledigt. Um 15.20 Uhr Greenwicher Zeit erschien ein rätselhafter Punkt auf den Radarschirmen der Fernaufklärung. Ritch Hain, D-I-Beobachter der Dritten Klasse, drückte gelangweilt auf einen Knopf. Damit löste er einen Befehlsimpuls aus, und die Beaver begann mit der Aufzeichnung des unbekannten Objektes, das bereits seit drei Minu- ten auch schon die Fernaufklärung automatisch aufzeichnete. Hain wußte nicht, daß er einen histo- rischen Augenblick von größter Tragweite miter- lebte. Er vertiefte sich wieder in ein Magazin, das er gerade las. Um 15.45 Uhr unterbrachen die Kontrollen der Beaver den lesenden Beobachter mit einem lauten Summen. Hain warf einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm. Plötzlich zuckte er zusammen, beugte, sich vor, und die Trägheit tagelangen. Stumpfsinns fiel von ihm ab. Der rätselhafte Punkt war zu ei- nem Raumschiff unbekannter Herkunft geworden! Deutlich konnte man erkennen, daß es sich um ei- nen Kriegsraumer handelte. Wie ein nervöser Pianist ließ Hain seine Finger über die Knopfreihen der Instrumente tanzen. Im ganzen Schiff ertönten Klingeln, Glocken und Alarmsirenen. Überall begannen vorprogrammierte Schaltvorgänge abzulaufen. Ritch Hain, D-I- Beobachter der Dritten Klasse, hatte den ersten Großalarm auf der Terran Beaver seit ihrem Sta- pellauf ausgelöst. Er lehnte sich aufatmend zurück und wartete ab, was weiter geschehen würde. * Auf sämtlichen bekannten Frequenzen wurden den Fremden die üblichen Erkennungssignale zuge- strahlt. Der Kapitän und der Xenologe, Spezialist für fremde Rassen, erschienen beide gleichzeitig im Kommandostand. Beide redeten sie wirr durch- einander. Die Terran Beaver fieberte und pulsierte vor Erregung. Endlich ein Kontakt mit einer fremden Rasse! Das Abbild auf den Bildschirmen wurde immer größer. Es war unverkennbar, daß die Fremden ei-, ner bisher unbekannten Zivilisation angehörten. Damit stieß ein Schiff der Föderation zum ersten Male seit mehr als dreihundert Jahren wieder auf Abgesandte einer unbekannten Welt. Bald mußte die Verbindung hergestellt sein. Man würde die Ankömmlinge einladen, sich der Föderation anzu- schließen. Selbstverständlich würden sie anneh- men. Die Besatzungsmitglieder der Beaver durften damit rechnen, als Helden gefeiert zu werden. Al- len winkten große Belohnungen und … Um 15.51 Uhr eröffnete das fremde Raumschiff aus einer eindrucksvollen Batterie von Waffen das Feuer. Die Abwehrwaffen der Beaver, noch nie zuvor ernsthaft erprobt, reagierten automatisch. Der Computer begann mit seiner Arbeit, Relais klickten, Schaltungen legten sich um Und rasteten ein. Vorprogrammierte Gegenmaßnahmen liefen an. Um 15 Uhr 51,0685 sec. blieb von dem unbe- kannten Raumschiff nur eine sich rasch ausdeh- nende Wolke stark strahlender Gase übrig. So endete diese Kampfhandlung der Konföde- rierten Raumstreitkräfte, die erste, die es innerhalb der letzten eintausend Jahre gegeben hatte. Die Terran Beaver schwang herum und nahm Kurs auf Terra., ZWEITES KAPITEL »Was für eine mutterverdammte Nacht!« Hurd Gar-Olnyn Saarlip lauerte im finstersten Türwinkel, den er hatte finden können. Sein geflü- stertes Selbstgespräch bezog sich auf das Ding, das er drehen wollte. »Hier kommt keine Geldbörse vorüber, keine wohlgefüllte Tasche. Vornehme Leute meiden die- se dunklen Gassen. Hungernd werde ich diese Nacht einschlafen müssen, hungriger als zuvor.« Hurd war ein Dichter. Das rief er sich immer wieder voller Stolz ins Gedächtnis und brachte es auch in seinen. Selbstbemitleidungen zum Aus- druck. Früher war er Hofdichter bei einem unge- wöhnlich noblen Baron gewesen. Dieser vornehme Herr war jedoch unglücklicherweise ohne Nach- kommenschaft verstorben. Dadurch waren Hurd nur zwei Möglichkeiten offengeblieben: Entweder konnte er seine persönliche Begabung anderweitig verkaufen, womöglich an ein reiches altes Weib mit einer Vorliebe für Gladiatorenkämpfe, oder er mußte seiner Begabung untreu werden und einfach davonlaufen, um das Leben eines gesetzlosen Ver- brechers zu führen. Für Hurd Gar-Olnyn Saarlip, Dichter und Sohn eines Dichters, hatte es ange- sichts dieser Lage keine Wahl gegeben. Nicht für einen Mann wie ihn., »Wohlan, die Nacht ist kühl«, setzte er sein Selbstgespräch fort, »und hier kommt niemand vorüber, der reicher wäre als ich selbst. Mutter, erhö- re mein Gebet: Schick mir einen reichen Kaufmann voll des süßen Weines – oder wenigstens den Gehil- fen eines Wirtes, der die Einnahmen dieser Nacht nach Hause trägt! Allerdings«, fügte er nach einer Pause hinzu, »sind diese jungen Männer oft stark und lassen sich nicht gern berauben.« Er erschauerte. Die Gaslaterne an der Ecke flackerte unruhig im schneidenden Winterwind. Das Licht warf drohen- de Schatten über die Gebäude aus schweren Holz- balken in der engen Straße. »Mutter, erhöre das Flehen deines diebischen, aber treu ergebenen Kindes. Nur dieses eine Mal, und …« Hurds Flüstern verstummte beim Geräusch zö- gernder Schritte. Er drückte sich noch tiefer in die dunkle Türnische und verharrte bewegungslos, obwohl er innerlich vor Kälte zitterte. Ein hochgewachsener, schlanker junger Mann in warmer und kostbarer Kleidung kam um die Ecke und blieb unsicher stehen. Offenbar suchte er nach einem Straßenschild. Als er nicht fand, was er suchte, ging er langsam auf Hurds Versteck zu. »Dein nichtsnutziger Abkömmling lobpreiset dich«, flüsterte Hurd für den Fall, daß Mutter zu- hörte., Der Fremde schien sich verlaufen zu haben. Au- ßerdem wies ihn seine Kleidung und die tröstliche Rundung seiner Geldkatze als reichen Mann aus. Da er wohlhabend und zugleich glatt rasiert war, zu einer Zeit, in der alle reichen Männer in Lyff- darg Bärte trugen, mußte es ein Fremder sein. Womöglich ein reicher Kaufmann aus Freydarg, der fernen Hafenstadt im Westen, den niemand vermißte, falls Hurd gezwungen war, ihm das Le- ben zu nehmen, um an seine Börse heranzukom- men. Das Beste aber war, daß dieser Fremde mit langsamen, unsicheren Schritten ging. Vielleicht war er betrunken und hilflos. Hurd berauschte sich an dem, was er gleich tun würde. Bei dem Gedanken daran wurde ihm warm, und er spürte nicht mehr die bittere Kälte. Während der Fremdling an Hurds Versteck vor- beiging, betrachtete er eingehend ein Haus auf der anderen Straßenseite. Dafür sandte Hurd ein stilles Dankgebet zu Mutter empor. Jetzt war der Augenblick gekommen. Jetzt fehlte nur noch der eine, wohlgezielte Hieb mit der Handkante in den Nacken des Fremden. Dann gab es für Hurd einen Monat lang saftige Braten und edle Weine. Hurd sprang zu… … und flog im nächsten Augenblick in hohem Bogen auf das feuchte Kopfsteinpflaster. Wie ein, nasser Sack rollte er ein Stück vor dem Fremden weiter. Aus seiner lang hingestreckten Lage auf den Steinen hatte Hurd einen ausgezeichneten Blick auf den Stiefel des Fremden, der seinem Hals im- mer näher kam. Das war keineswegs ermutigend. »O bitte, Euer Hochwohlgeboren, verschont mich«, wand sich Hurd. »Ich bin nur ein armer Mann. Tagelanger Hunger und das Weinen meiner armen Kinder haben mich zu dieser traurigen Tat getrieben. Nie zuvor habe ich dergleichen getan.« Noch während er um Gnade winselte, dämmerte es ihm, daß er sich in der Lage befand, die er ei- gentlich dem Fremden zugedacht hatte. Er konnte sich diesen unangenehmen Rollentausch gar nicht erklären. Deshalb unterbrach er seine wohlgesetzte Rede und fragte banal: »Was ist eigentlich gesche- hen?« Der Fremdling blieb völlig ruhig. »Hebelwirkung und Drehmoment«, erklärte er ungerührt »Grundbegriffe der Physik, mehr nicht. Würden Sie mir bitte das Haus von Tarn Gar-Ter- rayen Jellfte, des Leibarztes des Königs, zeigen?« »Was mich zu Boden gebracht hat, nennen Sie Physik?« »Ein anderes Wort dafür ist ›Judo‹, falls Ihnen das weiterhilft, was ich bezweifle. Wo wohnt nun Doktor Jellfte?«, Der Mann schien überhaupt nicht zu merken, daß sein Fuß fest und schwer auf Hurds magerem Hals stand. »Werden Sie mich der Garde übergeben?« Hurd spürte den Fuß des Fremden immer stärker. Tat- sächlich, das Gewicht nahm mit jeder Sekunde zu. »Natürlich nicht, Mann. Ich will eine Auskunft, nicht Ihr Blut. Indessen …« Er brach ab. Hurd lag nichts daran, das Ende dieses Satzes zu hören. »In Lyffdarg kann man sich sehr leicht verlau- fen«, plapperte er drauflos, »und man weiß aus Er- fahrung, wie schnell Fremde hier verschwinden. Aber das Haus des Hochwohlgeborenen Königli- chen Leibarztes Tarn Jellfte, des ehrenwertesten Erben eines großen Vaters, von dem ich allerdings nur wenig weiß, wie ich eingestehen muß, ist nur sieben Blocks von hier entfernt. Und ich, der ich mich in allen Straßen dieser Stadt gut auskenne …« Der Fuß auf seinem Hals wurde schwerer. Hurd verlor den Faden. »Ich würde Sie sehr gern dorthin führen, wenn es Ihnen recht wäre, Euer Hochwohlgeboren«, setzte er lahm hinzu. Der Fremde gab Hurd frei und half ihm hoch, drehte ihm dabei jedoch den rechten Arm auf den Rücken. Hurd merkte, daß dieser Griff sehr schmerzhaft wurde, sobald er nur den geringsten, Widerstand zu leisten wagte. »Führen Sie. Ich folge Ihnen, und zwar sehr dicht, wie Sie bemerken werden.« Schweigend gingen die beiden Männer den Block entlang. Für den Fall, daß Mutter ihn immer noch hörte, murmelte Hurd unhörbar eine Reihe von Gebeten und erflehte ihre Hilfe. Aber da sie ihm einen sol- chen unfairen und ausgesprochen häßlichen Streich gespielt hatte, durfte er kaum auf Erhörung hoffen. Der Fremde unterbrach Hurds stummes Flehen. »Sagen Sie mal, bedienen sich alle Einwohner von Lyffdarg der gehobenen Sprechweise. Es dürf- te sich wohl um Blankverse handeln, oder?« »Euer Hochwohlgeboren?« »Ich sagte …« »Nein, Hoher Herr, ich habe Euch beim ersten Male wohl verstanden. Könnte es sein, daß Ihr auch ein Dichter wäret?« Vielleicht war Mutter doch noch auf seiner Sei- te? Die Gilde der Barden hielt zusammen, das war ungeschriebenes Muttergesetz. Der unbekannte Mann seufzte erleichtert. »Dann ist es also nicht nötig, dauernd so gespreizt zu sprechen? Großartig! Darüber habe ich mir schon Sorgen gemacht. Auf den Lehrbändern war davon nichts zu hören. Kein Wort von Poesie. Und ich glaube kaum, daß die übrigen Mannschaftsmitglie-, der damit fertig geworden wären. Die Sprache der Lyffaner ist schon in Prosa schwer genug zu be- herrschen.« »Lehrbänder?« Der Mann war offensichtlich ein Ausländer, das stand fest, aber wo im Verborgenen Garten der Mutter mochte er wohl solche fremdartigen Aus- drücke gehört haben? »Das würden Sie sowieso nicht verstehen. Sagen Sie, alter Knabe, haben Sie auch einen Namen?« »Name?« Hurd überlegte rasch, ob er es wagen konnte, dem Fremden, der doch kein Dichter zu sein schien, seinen richtigen Namen zu nennen. Andererseits, konnte er jetzt eine Lüge riskieren? Sie kamen durch eine enge Gasse. Aus der Dun- kelheit taumelte plötzlich ein vollkommen betrun- kener junger Edelmann heran. Sein Bart war gut einen halben Arm lang. Bei der gegenwärtigen Mode mußte er also mindestens ein Unterherzog sein. »Aus dem Weg, du mutterverdammter sittenlo- ser Strolch«, lallte der Edelmann mit schwerer Zunge. »Was soll das heißen?« mischte sich der Fremde ein. Hurd versuchte, ihn eilends weiterzuziehen. Aber der Unbekannte blieb stehen. Hurd konnte nicht anders, er mußte gleichfalls im Schritt verhalten., »Holla! Die Bürger leisten Widerstand.« Der be- trunkene Edelmann zeigte wildes Vergnügen. »Garlyn, Tchornyo, hierher!« Zwei weitere Edelmänner traten in den Licht- schein. Auch sie trugen Bärte von halber Armes- länge und waren wie ihr Gefährte sehr elegant und farbenfreudig gekleidet Auch sie waren noch sehr jung und ebenfalls nicht mehr sicher auf den Bei- nen. Wie auf Kommando zogen sie ihre Degen. Hurd empfahl seinen Geist der Großen Mutter. »Was wollen Sie?« fragte der Fremde. »Ein wenig sportliche Unterhaltung, du bartloser Bürger«, gab einer der herantaumelnden jungen Leute zur Antwort. »Dein feiges Blut wird zuerst fließen«, fügte der andere hinzu. Der Edelmann, mit dem sie zuerst zusammengestoßen waren, räusperte sich und ver- kündete dann mit weithin schallender Stimme: »Deine Mutter hat sich an fremde Männer ver- kauft!« Diese Worte wären schon in jeder anderen Kul- tur eine Beleidigung gewesen. Hier aber, wo man Die Mutter als Symbol des Göttlichen verehrte, wogen die Worte noch viel schwerer. Sie waren ei- ne tödliche Beleidigung und zugleich die Auffor- derung zum Töten oder Getötetwerden. Der Fremde ließ Hurd los. Dabei flüsterte er ihm zu: »Einen Fluchtversuch würden Sie nicht überle-, ben, Alter.« Dann wandte er sich mit der nüchter- nen Feststellung an die Edelleute: »Jeder Fremd- ling würde ein solches Angebot eurer Mütter zu- rückweisen.« Darauf folgte tödliche Stille. Der Fremde fuhr fort: »Eure Mütter wissen ja nicht einmal, wer euch gezeugt hat.« Noch ehe er eine weitere Variation hinzufügen konnte, stürmten die jungen Edlen auf ihn los. Hurd suchte Schutz und Deckung in der näch- sten Haustür. Aus sicherer Entfernung beobachtete er voll Angst und Ehrfurcht den ungleichen Kampf. Einer der jungen Edelmänner stürzte sich auf den Fremden. Er schwang seinen rasiermesser- scharfen Degen. Der Unbekannte wich tänzelnd der niedersausenden Klinge aus. Zugleich packte er den langen Bart des Angreifers und zerrte kräftig daran. Der Bart erwies sich als falsch. Er blieb in seiner Hand hängen. Ein höhnisches Lachen aus- stoßend, stellte der Fremde seinem bleich gewor- denen Gegner ein Bein und schleuderte im glei- chen Augenblick den künstlichen Bart dem näch- sten Angreifer ins Gesicht. Der Edelmann stürzte und rutschte über das Pflaster. Knapp eine Armeslänge von Hurds Ver- steck entfernt, blieb er liegen. Ein bisher nie empfundenes Glücksgefühl erfüll- te Hurd. Voller Haß schrie er: »Liebe Mutter, ver-, gib deinem armseligen Sohn diese schandbare Freude!« Dabei trat er dem Edelmann gegen den Kopf. Blut sickerte auf die feuchten Steine. Unterdessen setzten die beiden anderen Edlen dem Fremden heftig zu. Ihre Degenspitzen um- zuckten ihn wie tückische, stechbereite Insekten. Es grenzte schon ans Wunderbare, wie der Mann immer dorthin tänzelte, wo sich gerade keine De- genklingen befanden. Andererseits konnte er selbst keinen der Fechter angreifen, ohne vor die Klinge des anderen zu geraten. Trotz der beißenden Kälte standen dem Fremden Schweißtropfen auf der Stirn. »Jetzt ist es mit dir zu Ende!« höhnte einer der Edelleute, »denn ich habe meine Klinge in Mutter- ›Milch‹ getaucht.« Mutter-›Milch‹ war ein Giftgemisch mit sofort tödlicher Wirkung, sobald es in die Blutbahn ge- langte. Es bestand vor allem aus Zyankali und ei- nem Kräuteralkaloid. Der andere Edelmann verhielt sich abwartend. Der Fremde schob sich auf ihn zu. Hurds Blick fiel auf den Edlen zu seinen Füßen. Entsetzt stellte er fest, daß ein Toter vor ihm lag. »Nun, Gütige Mutter, schütze mich«, schrie er, »denn niemand stirbt den Langen Tod mehr als einmal!« Wie einen Wurfspieß schleuderte er den Degen, des Toten gegen den Edelmann mit der vergifteten Klinge. Das kam so überraschend, daß dieser keine abwehrende Bewegung mehr machen konnte. Der Degen fuhr ihm durch die Kehle, und er stürzte rö- chelnd zu Boden. Noch einmal bäumte sich sein Körper auf, dann brach er zuckend zusammen. »Gute Arbeit«, sagte der Fremde mit ruhiger Stimme. Der überlebende Edelmann wagte einen ver- zweifelten Ausfall, traf den Fremden, aber dann verließ ihn der Mut. Hysterisch um Hilfe schrei- end, machte er kehrt und rannte in die Dunkelheit hinein. Den Degen ließ er in der rechten Schulter des Fremden zurück. Sein Geschrei verlor sich in der Ferne. Hurd und der Fremde blickten sich an. Zu ihren Füßen lagen zwei blutige Leichen. Jetzt, als die Erregung ver- ebbte und er wieder klar zu denken vermochte, ü- berfiel Hurd panisches Entsetzen. »Wir – sind – erledigt«, stammelte er. »Man wird uns bestimmt fangen! Und wenn die halbe Stadt ins Gefängnis geworfen werden muß, sie be- kommen uns. Darauf steht die Monatsstrafe! Wis- sen Sie, was das heißt? Kennen Sie den Langen Tod? Dreißig endlose Tage werden wir, dem Ge- setz der Mutter gemäß, ein Stück näher an den Tod herangequält werden. Und dabei haben wir noch einen Zeugen davonlaufen lassen.«, Den Fremden aber schien das kaltzulassen. Er machte sich offensichtlich viel mehr Sorgen um den Degen in seiner Schulter. Langsam und vor- sichtig zog er ihn heraus. Sein Gesicht blieb unbe- wegt. Die Wunde begann stark zu bluten. »Los, mein Freund«, stieß er zwischen zusam- mengebissenen Zähnen hervor. »Bringen Sie mich zu Doktor Jellftes Haus, sofort!« Sie eilten davon. Trotz seiner Angst vergaß Hurd nicht, die Geldbörsen der beiden Toten mit- zunehmen. Als sie prall und schwer in seine Ta- sche glitten, murmelte er: »Auf alle Fälle habe ich gut zu essen, bis ich festgenommen werde.« Tarn Gar-Terrayen Jellfte, Herzog von Lyff, Leibarzt des Königs und Ehrenmitglied der Gilde der Heilkundigen, wurde um eine mutterverdammt späte Stunde aus seinen wohligen Träumen geris- sen. Jemand donnerte an seine Haustür und verur- sachte einen ungebührlichen Lärm. Wie die mei- sten Edelleute von Lyffan neigte der Arzt dazu, wichtigtuerisch, überpedantisch und konservativ, dabei aber auch furchtsam zu sein. Deshalb hätte er am liebsten sofort um Hilfe gerufen, als er seine Tür öffnete und draußen einen zwar reich gekleide- ten, aber verwundeten jungen Mann und einen zer- lumpten Burschen erblickte, der höchstwahrschein- lich ein Verbrecher war. Der Arzt wurde von dem Verletzten auf Terra-, nisch angeredet. Er konnte den schnell hervorge- stoßenen Worten zunächst nicht folgen. Der Arzt hatte diese Sprache seit zwölf Jahren weder gehört, noch selbst gesprochen. Sein erster Gedanke war, daß anscheinend sein Auftrag hier als beendet an- gesehen wurde. Den nächsten Impuls, nämlich ohnmächtig zu werden, unterdrückte er mit vor- nehmer Haltung. Dann sagte er leise auf Terranisch: »Bitte, spre- chen Sie langsamer! Es ist lange her, seit ich diese Sprache gehört habe. Ich kann Sie nicht ganz ver- stehen.« Der Terraner und der Dichter-Ganove schoben sich in den Hausflur und schlossen hinter sich die Tür. »Möchten Sie lieber Lyffanisch mit mir spre- chen?« fragte der junge Mann. »Hm … ich meine nur …« Doktor Jellfte suchte nach Worten. Schließlich meinte er in der Sprache der Lyffaner: »Schließlich ist es wirklich eine lan- ge Zeit her.« »Schon gut. Bitte heben Sie Ihre rechte Hand!« Von der Kette der Ereignisse völlig verwirrt und überzeugt davon, daß der Vagabund sein Haus auf Beute abschätzte (was dieser auch wirklich tat), hob Dr. Jellfte die Hand. Das Lyffanisch des jungen Mannes war genauso schnell und schwer zu verstehen wie sein Terra-, nisch. »Sie schwören bei allem, was Ihnen heilig ist und was Sie zur göttlichen Richtschnur Ihres Lebens erkoren haben, daß Sie die Verfassung der Terranischen Föderation der Planeten bewahren und verteidigen werden, soweit es in Ihren Kräften steht. Sie schwören, daß Sie sich den Gesetzen der Terranischen Föderation der Planeten und dem Re- glement der Raumstreitkräfte der Föderation un- terwerfen, die hiermit als inbegriffen betrachtet werden, und zwar für die Dauer dieses Auftrages. So wahr Ihnen Ihre Gottheit, oder welches Wesen auch immer das Ethos Ihres Lebens bestimmt, hel- fen möge. Sprechen Sie mir nach: ›Ich schwöre es‹.« Benommen, durcheinandergewirbelt und völlig automatisch flüsterte Dr. Jellfte zögernd: »Ich – schwöre es.« »Großartig.« Der Fremde salutierte. »Sir, kraft der mir verliehenen Machtbefugnisse ernenne ich Sie zum aktiven Reserveoffizier und zugleich zum Kommandierenden Befehlshaber. Ihnen ist aufge- tragen, das Kommando über alle Raumstreitkräfte und deren Einrichtungen auf dem Planeten Lyff zu übernehmen. Für die Dauer des gegenwärtigen Notstandes haben Sie eng mit der Sonderabteilung L-2 zusammenzuarbeiten. Hier bekommen Sie al- les schriftlich.« Er zog einen mit Blut beflecktem Briefumschlag, aus der Jackentasche und überreichte ihn dem ver- wunderten Arzt. »Ich heiße John Harlen – und – « Ein Stöhnen entrang sich seinem Mund. Der junge Terraner brach zusammen., DRITTES KAPITEL Fünfundzwanzig Tage vor diesen Ereignissen auf Lyff war die Terran Beaver auf der Mondbasis der Konföderierten Raumstreitkräfte eingetroffen. Kaum weniger als eine halbe Stunde nach Ankunft des Schiffes wurde der Zentral-Computer schon mit den Logangaben der Beaver gefüttert. Das E- lektronengehirn brauchte fast eine weitere halbe Stunde, um das Abenteuer der Beaver mit all dem zu vergleichen, was sich während der letzten tau- send Jahre in der Geschichte der Föderation ereig- net hatte. Die Schlußfolgerungen des Computers gingen sofort an das Nachrichtennetz. Das geschah fünf Stunden, bevor die Mann- schaft der Beaver die Erlaubnis zum Landgang er- hielt. So erfuhr Ritch Hain als einer der letzten durch das Nachrichtengerät in seiner Wohnung, daß er das Eröffnungsgefecht des ersten intergalak- tischen Krieges miterlebt hatte. Admiral der Raumstreitkräfte Edvalt Bellman war der erste, der diese Information erhielt, denn das Zentralgehirn war direkt mit seinem Büro ver- bunden. Den größten Teil des Computerberichtes gab er an das Parlament weiter. Mit einer Ausnah- me. Von dem Absatz, der mit »GEHEIME KOM- MANDOSACHE! ÄUSSERST DRINGEND! STRENG VERTRAULICH!« gekennzeichnet war,, setzte er nur drei weitere Personen in Kenntnis. Das geschah in einer Konferenz am gleichen Nachmittag. Mit langen Schritten durchmaß er das enge Bü- ro. »Wir haben zehn Jahre Zeit«, erklärte der Admi- ral. Die drei jungen Offiziere, zu denen er sprach, zeigten sich erstaunt. »Zehn Jahre? Wo liegt denn da das Problem?« Der Sprecher war Ansgar Sorenstein, der jüngste der drei. Bis zum heutigen Nachmittag war er ein kleiner, verhältnismäßig unbekannter Nachrichten- offizier gewesen, dessen unverkennbare Begabung ihn seinen Vorgesetzten aber bereits seit längerem für Spezialaufgaben empfohlen hatte. »Das Problem«, erklärte Bellman ernst, »liegt darin, daß wir fünfzehn Jahre brauchen.« Er blieb hinter seinem Schreibtisch stehen und warf noch einmal einen Blick auf den vertraulichen Bericht. »Ja«, fuhr er fort, »mindestens fünfzehn Jahre, wenn nicht sogar noch länger. Wissen Sie, daß un- sere gesamte Streitmacht im Augenblick aus elf Schiffen besteht?« Nach einem Augenblick des Schweigens setzte er hinzu: »Wir wissen ja noch nicht einmal, wer uns angreift. Immerhin haben wir es augenschein- lich mit einer ziemlich angriffslustigen Rasse zu, tun. Diese Wesen schießen erst und stellen später Fragen, wenn überhaupt. So ist es der Beaver er- gangen. Das Zentralgehirn hat unwiderleglich ge- folgert, daß genau das gleiche den vierundzwanzig anderen Beobachtungsschiffen zugestoßen ist, die wir während der letzten fünf Jahre verloren haben. Die Beaver wäre ihr fünfundzwanzigster Abschuß gewesen. Aber sie ist ein Kriegsraumer und wußte sich daher zu wehren. Die Angreifer verfügten über fast so gute Waffen wie wir selbst. Das beweisen die Logangaben der Beaver. Und der Feind hat sich auf diesen Krieg vermutlich schon seit langer Zeit vorbereitet.« Pindar Smith hob die Hand. »Sir?« »Ja?« Der junge Offizier erhob sich respektvoll. Sein Eifer war unverkennbar. »Ich meine, Sir, daß wir uns ohne Schwierigkeiten auf den Angriff einstellen können, nachdem wir so viel über den Feind wissen. Schließlich sind zehn Jahre eine lange Zeit.« John Harlen lachte zynisch. »Es gibt nur eine Schwierigkeit, mein Junge. Die anderen kennen uns fünf Jahre länger, als wir sie kennen.« Smith setzte sich zerknirscht hin, und Admiral Bellman fuhr fort: »Das ist ein Teil des Problems, jawohl. Hinzu kommt, daß unsere Gegner ihr Wirt-, schaftspotential bereits auf den Krieg eingestellt haben dürften. Ohne Zweifel haben sie mit dem Aufbau ihrer Streitkräfte in dem Augenblick be- gonnen, als sie uns entdeckten. Wir brauchen min- destens zwei Jahre, ehe wir überhaupt richtig an- fangen können.« »Das ist der Preis für den Frieden«, murmelte John Harlen. Über eine Stunde lang wurde das Problem ein- gehend erörtert. Bellman hörte zu und beobachtete dabei genau seine Gegenüber. Er beschränkte sich darauf, hin und wieder etwas einzuwerfen, um in der Diskussion bestimmte Aspekte deutlich hervor- treten zu lassen. Was er hörte, gefiel ihm. Die Lie- utenants Harlen, Smith und Sorenstein waren der Stolz des Verbindungskorps. Sie waren nicht nur Spezialisten auf vielen Gebieten, sondern – was viel wichtiger war – in der Lage, integrierend und homogen zu denken und so die Erkenntnisse auch anderer wissenschaftlicher Disziplinen für ihre Ar- beit fruchtbar zu machen. Bellman war überzeugt davon, daß diese drei die vor ihnen liegende Auf- gabe meistern würden, wenn sie überhaupt zu schaffen war. John Harlen zum Beispiel war Diplomingenieur und hatte einen Doktorgrad in Mathematik. Einige Zeit war er ferner als Psychotherapeut tätig gewe- sen., Ansgar Sorenstein, der Journalist, war erst vier- undzwanzig Jahre alt. Doch hatte er bereits Dok- torgrade in Physik, Musik, Anthropologie und or- ganischer Chemie erworben. Seine Tätigkeit als Pressemann betrachtete er eigentlich mehr als Hobby. Pindar Smith war Geschäftsmann, ein sehr er- folgreicher sogar. Die von ihm gegründete Firma Pindar Enterprises Ltd. war in verschiedenen Bran- chen tätig. Sie handelte mit Textilien, landwirt- schaftlichen Produkten und Erzeugnissen der me- tallverarbeitenden Industrie. Smith war Spezialist auf diesen Gebieten. Darüber hinaus verstand er etwas von Elektronik und Geschichte. Zur Ent- spannung, wie er es ausdrückte, beschäftigte er sich in seiner Freizeit mit utopischer Soziologie. »Meine Herren«, unterbrach Bellman die Dis- kussion, »Sie scheinen die Situation also erfaßt zu haben. Jetzt möchten Sie wahrscheinlich erfahren, was das alles mit Ihnen zu tun hat.« »Das scheint auf der Hand zu liegen«, antworte- te John Harlen. »Wir gehören alle dem Verbin- dungskorps an, nicht wahr? Das könnte ein Zufall sein. Oder Sie haben eine recht unorthodoxe Art des Vorgehens im Sinn. Jedoch, das Zentralgehirn verläßt sich nicht auf Zufälle. Seit unserer Ankunft wissen wir bereits, was uns erwartet. Wir brauchen nur noch die Einzelheiten zu hören. Was für einen, hinterhältigen Trick haben Sie sich diesmal ausge- dacht, Sir?« Bellman hatte nicht gedacht, daß er noch verle- gen werden konnte. »Das Zentralgehirn hat einen Plan entwickelt …«, begann er. »Einen illegalen Plan, schätze ich«, warf Soren- stein ein. »Etwas außerhalb der Legalität, aber wirksam«, fügte Smith hinzu. »Ich erinnere mich noch an das Ding, das wir auf Maury’s World drehen mußten. Ihr wißt doch, als wir einbrechen und…« »Meine Herren!« Bellman zeigte sich von den Erinnerungen der drei Offiziere wenig beeindruckt. Die jungen Männer verstummten. »Vielen Dank, meine Herren. Ihre nächste Aufgabe betrifft den Planeten Lyff.« »Das habe ich mir gedacht«, flüsterte Smith. »Schon wieder eine Kontaktverletzung.« Bellman ignorierte Smith. »Der Planet Lyff dürfte das erste Gebiet innerhalb der Föderation sein, das der Feind angreifen wird. Nach den Be- rechnungen des Zentralgehirns …« »Aber, Sir«, unterbrach ihn Sorenstein, »Lyff gehört doch gar nicht zur Föderation!« »Noch nicht, aber das wird sich bald ändern. Je- denfalls, bis der Feind losschlägt.« Bellman machte eine Pause, um abermals in den Bericht zu blicken. »Ja«, meinte er dann, »der Pla-, net Lyff wird von einer Rasse bewohnt, die unserer Ansicht nach die Nachkommenschaft eines frühe- ren Kolonisationsversuches darstellt. Wir wissen nicht, wie diese Leute nach Lyff gekommen sind. Sie selbst haben auch keine Geschichtsaufzeich- nungen darüber. Aber es muß ungefähr fünfzehn- hundert bis zweitausend Jahre gedauert haben, bis sie ihren gegenwärtigen Kulturstand erreichten. Die Lyffaner sind die einzigen Säugetiere auf dem Planeten, wenn Sie den Ausdruck gestatten. Selbst angesichts des Fehlens aller weiteren Beweise soll- te dies einen klaren Schluß zulassen.« Bellman blickte die drei Männer nacheinander an. »Vor zwölf Jahren entsandte die Spezialabtei- lung fremde Rassen‹ des Ministeriums für Auswär- tige Angelegenheiten einen Agenten nach Lyff, ei- nen Arzt. Aus seinen Berichten war bisher nur zu entnehmen, daß die Lyffaner menschliche Wesen terranischen Ursprungs seien, was wir bereits wuß- ten. Das Zentralgehirn hat nun bestimmte Pläne mit Lyff. Wie gesagt, es ist anzunehmen, daß der erste Angriff des Feindes in etwa zehn Jahren zu- nächst den Planeten Lyff treffen wird. Die Födera- tion wird zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ge- nügend Raumkreuzer zur Verfügung haben, um Lyff wirksam verteidigen zu können. Deshalb müssen wir die Lyffaner dazu bringen, dies selbst in die Hand zu nehmen. Ist das klar?«, »Ich hätte noch einige Fragen, Sir.« »Schießen Sie los, John.« »Erstens: Wie viele Leute werden Sie zur Ver- fügung stellen?« »Sie drei, dazu kommt dann noch der Arzt, der sich bereits dort befindet.« »Vier Männer? Wie weit ist Lyff jetzt mit den Vorbereitungen, Sir? Ich meine, über welche Raumstreitkräfte verfügen die Leute dort? Wie steht es mit Waffen? Gibt es …« »Halt, John, ich sehe, daß ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe. Die Kultur der Lyffaner hat einen Stand erreicht, den ich als vortechnisch bezeichnen möchte. Ohne äußere Hilfe wird man auf Lyff vielleicht erst innerhalb der nächsten hun- dert Jahre einen Explosionsmotor herstellen kön- nen.« Harlens Kinnlade fiel herab. »Ich verstehe. Und was sollen wir tun?« »Die Entwicklung vom Verbrennungsmotor bis zum Raumflug nimmt für gewöhnlich zwischen achtzig bis einhundert oder einhundertfünfund- zwanzig Jahre in Anspruch. Ihre Aufgabe wird es sein, diese Zeitspanne auf weniger als zehn Jahre zu komprimieren. Das soll, wenn möglich, durch- geführt werden, ohne das bisherige Wirtschaftssy- stem der Lyffaner mehr als nötig durcheinanderzu- bringen. Das Zentralgehirn hat errechnet, daß Ihre, Chancen etwa fünfzig zu fünfzig stehen. Persönlich bin ich der Meinung …« Der Ton einer hellen Glocke unterbrach den Admiral. »Ihr Schiff scheint fertig zu sein. Wir stellen Ih- nen“ die alte Andrew Blake zur Verfügung. Für die Reise brauchen Sie fünfundzwanzig Tage. Das gibt Ihnen genug Zeit, Ihr Vorgehen zu planen. Viel Glück, meine Herren!«, VIERTES KAPITEL »Ich finde, wir sollten Hurd ab sofort zu unserer Mannschaft zählen«, sagte Harlen. »Schließlich kennt er die Stadt genau. Er weiß am Hofe und in der Unterwelt Bescheid. Obwohl er eine gute Er- ziehung genossen hat, kann er auch mit einfachen Leuten umgehen. Er hat Seite an Seite mit mir ge- kämpft. Außerdem weiß er jetzt genug, um uns Schwierigkeiten zu machen, wenn wir ihn einfach laufenlassen.« Dieses Gespräch fand am Morgen nach Harlens nächtlichem Abenteuer statt. Die Sonderabteilung L-2 hatte sich in Doktor Jellftes Büro versammelt, um über Hurd Gar-Olnyn Saar- lips weiteres Schicksal zu entscheiden. Hurd wartete unterdessen in der Küche und hatte keine Ahnung davon, daß man im Büro über ihn sprach. Längst hatte er den Versuch aufgegeben, zu begreifen, was diese seltsamen Fremden vorhatten. Sie waren offensichtlich verrückt. Alle zusammen. Auch sein neuer Freund mit dem merkwürdigen Namen John, mit dem er gemeinsam – Mutter schütze sie! – zwei Edelmänner umgebracht hatte – selbst John war verrückt. Auch John! Föderation! Terra! Erziehungslehrbänder! Bah! Die Hälfte von dem, was diese Leute da- herredeten, war sinnloses Gewäsch, Kinderge- schwätz! Alle gehörten sie in eine Klapsmühle., Im Zimmer des Arztes ging die Diskussion wei- ter. »Aber, John«, gab Pindar Smith zu bedenken, »woher willst du denn wissen, daß wir ihm ver- trauen können? Du mußt zugeben, daß er ein ge- wöhnlicher Strauchdieb ist. Trotz seiner Redeweise und seiner Reime. Was soll ihn daran hindern, uns zu verraten, sofern wir auch nur einen einzigen E- delmann so weit gegen uns aufbringen, daß ein Preis auf unsere Köpfe ausgesetzt wird?« Ansgar, der Journalist, nahm John die Antwort ab. »Mein lieber Pin«, sagte er, »ich glaube, du hast dich mit dieser Kultur nicht genügend befaßt. Was hast du bloß auf der ganzen Reise gemacht, wäh- rend wir uns in den Hypno-Tanks befanden?« Smith gab keine Antwort. »Sieh mal«, fuhr Sorenstein fort, »dieser einge- borene Freund von John hat doch zwei Edelleute getötet und einen dritten entkommen lassen.« Er machte eine Pause, um den anderen dadurch Zeit zu geben, seine Worte zu verarbeiten, ehe er fortfuhr. »Die Religion der Lyffaner besagt, daß al- le Edelleute durch die Große Mutter gesandt wur- den, um als Väter niederen oder höheren Grades zu wirken. Für jedermann, mit Ausnahme eines hö- hergestellten Edelmannes, gilt es als Gottesläste- rung, einen von ihnen zu verletzen. Darauf steht, die Todesstrafe – etwas, was diese Leute den Zorn der Mutter nennen. Ein besonderes Sakrileg ist es aber, einen Edelmann zu töten. Dafür gibt es be- sonders schwere Strafen. Man nennt das hier den Langen Tod, weil das Sterben einen vollen Monat dauert. Und dieser Hurd hat zwei – mach dir das mal klar, Pin! –, zwei hochwohlgeborene Edelleute getötet, deren Bärte ihnen bis auf die geheiligten Nabelknöpfe reichten. Und John ist der zweite Zeuge.« »Das ist richtig«, mischte sich Jellfte ein. »Es ist ein Sakrileg, einen Edelmann zu töten.« Es klang, als glaube er halb und halb selbst daran. »Hurd Saarlip würde sich eher selbst umbringen, um es möglichst rasch hinter sich zu haben, als daß er seine Freundschaft mit Lieutenant Harlen aufs Spiel setzte.« * Um diese Zeit marschierte eine vollständige Em- brace von Gardisten der Großen Mutter, zweihun- dert schwerbewaffnete Lyffaner, durch Lyffdarg. An ihrer Spitze schritt Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte, Großherzog von Lyff und Erbvorsitzender der Gilde der Tuchmacher, ganz zu schweigen von einer langen Reihe weiterer, ebenfalls sehr impo- santer Titel. Hinter ihm ging ein Bediensteter aus, der Gilde der Ausrufer. Tiefes Schweigen machte sich überall breit, wo die Embrace auftauchte. An jeder Straßenecke verlas der Ausrufer die gleiche Proklamation: »Achtung, Achtung! An alle Lyffaner! Einwoh- ner von Lyff an, merket auf! Im unaussprechlichen Namen der Mutter sei es verkündet! Der Zorn un- serer Großen Mutter richtete sich gegen zwei un- bekannte Männer von gewöhnlicher Herkunft, die in der vergangenen Nacht auf feige und hinterhäl- tige Weise die Edelgeborenen Söhne aus zwei Hochwohlgeborenen Familien schwer verwundet und dann getötet haben. Hiermit wird allen Ein- wohnern von Lyffdarg eine Buße von sechs Tagen zur Pflicht gemacht. Während dieser Zeit darf in Lyffdarg weder Fleisch noch Wein noch Bier ver- kauft werden. Keine Musik darf erklingen. Nie- mand darf lachen. Zuwiderhandelnde werden in Mutters Sanfte Zucht genommen. Beim Auf- und Untergang von Mutters Auge hat jeder Einwohner von Lyffdarg täglich im Tempel zu beten. Zuwi- derhandelnde unterliegen Mutters Sanfter Zucht. Sechs Tage lang haben die Stadttore geschlossen zu bleiben. Während der Zeit der Buße darf nie- mand Lyffdarg verlassen oder betreten. Zuwider- handlungen unterliegen Mutters Sanfter Zucht. Lyffaner, merket auf! Im unaussprechlichen Namen der Großen Mutter sei es verkündet! Ihr, Zorn richtet sich gegen die verruchten Mörder. Sie werden den Langen Tod erleiden. Für sie gibt es keine Vergebung. Merket auf! Im Namen der Großen Mutter! Wer immer diese Männer oder einen von beiden an Mutters Embrace ausliefert, wird geadelt und mit Reichtum überschüttet werden. Wer diese Männer aber vor Mutters Embrace in Schutz nimmt, wird den gleichen Tod erleiden wie sie. Hiermit sei es verkündet. Im unaussprechlichen Namen der Gro- ßen Mutter, ihr habt es gehört.« Die Embrace rückte weiter. Überall, wo sie auf- tauchte, wurde es totenstill. Während der ganzen Zeit musterte Tchornyo, der in den Kreisen der Adeligen bereits den Beinamen »Der Überleben- de« erhalten hatte, argwöhnisch die Menge der Lyffaner. Er war darauf vorbereitet, mit einem Schrei die Aufmerksamkeit der Gardisten zu wek- ken, falls er einen seiner nächtlichen Widersacher erkannte. »Na schön!«, fügte sich Smith, »dieser Taschen- dieb sei also unser erster Rekrut. Aber müssen wir ihm alles sagen?« Obwohl Smith heftig protestierte, kam man ü- berein, Hurd in alles einzuweihen und es ihm so oft wie nötig zu erklären, bis er die Vorgänge begriff. »Er soll doch nicht nur als einheimischer Agent, für uns tätig sein«, beharrte Harlen auf seiner Mei- nung. »Wir müssen ihn offiziell in die Raumtruppe aufnehmen. Er sollte nach Möglichkeit Offiziers- rang erhalten und als vollwertiger Partner an dem Projekt behandelt werden. Sonst wird es uns nicht möglich sein, sein Wissen und seine Erfahrung in vollem Umfange zu nutzen. Andernfalls würde er uns immer nur sagen, was wir seiner Ansicht nach hören möchten, bis er von selbst hinter unsere Plä- ne kommt. Großer Gott, da fällt mir etwas ein!« Sorenstein lächelte. »Mir auch, John. Hurd würde demnach unser einziger Soldat auf Lyff sein.« Dieser schwelgte unterdessen in der Küche des Arztes und feierte dort eine wahre gastronomische Orgie. Seit dem Tode seines verehrten Barons hatte er eine solche opulente Mahlzeit nicht mehr zu se- hen bekommen. Und da er erwartete, seinem Brot- herrn bald in den Tod nachfolgen zu müssen, und in einen viel schwereren dazu, begnügte er sich nicht damit, alle die Regale und Fächer, angefüllt mit den feinsten Leckerbissen, nur zu betrachten. Als John Harlen kam, um ihn zu holen, hatte Hurd genug gegessen, um eine Bauernfamilie für eine Woche satt zu machen. Der Poet von Lyffan rülp- ste wohlgefällig, war überaus vergnügt und bereit, sich jedem Schicksal zu stellen, das die Große Mutter für ihn bereithalten mochte., »Hurd, alter Knabe«, rief John, »wir möchten gern mit Ihnen sprechen!« Hurd rülpste von neuem, erhob sich mühsam und watschelte hinter seinem terranischen Freund den Korridor hinunter. Die Verrückten, wie Hurd sie im stillen nannte, saßen in Armsesseln, die im Halbkreis um einen hohen hölzernen Stuhl aufgereiht waren. Die Ses- sel standen im Dunkeln, während der Stuhl in grel- les Licht getaucht war. Hurd wurde unangenehm an die Beichtkammer im Tempel erinnert. Dort hatte man ihn einmal befragt, und zwar zu jener Zeit, als er immer noch ein gesetzestreuer und wohlgeachteter Dichter gewesen war. Dennoch hatte er dieses Erlebnis niemals vergessen können, obwohl die Priester sorgsam darauf achteten, keine sichtbaren Verletzungen zu hinterlassen. Sie hatten sich sogar hinterher entschuldigt. Die Befragung war schlimmer gewesen als Mutters Sanfte Zucht, eine verhältnismäßig leichte Auspeitschung, denn sie traf seine empfindsame Seele. »Bitte setzen Sie sich auf den Stuhl, Hurd«, sag- te eine fremde Stimme. Schwerfällig, mit übervol- lem Magen, ließ Hurd sich nieder. »Hurd Gar-Olnyn Saarlip«, ertönte eine andere Stimme aus der Dunkelheit, »ist es wahr oder nicht, daß Sie in der vergangenen Nacht zwei hochwohlgeborene Einwohner von Lyff getötet, haben? Antworten Sie nur mit ja oder nein.« »Nun«, begann Hurd nervös und ausweichend, »die Vorgänge der vergangenen Nacht – sie könn- ten wohl so gedeutet werden, schätze ich. Ja.« Hurd war unsicher. Er verstand das alles nicht und fand keinerlei Gefallen an dieser Befragung. Er wünschte sich sehnlichst, an irgendeinem anderen Ort zu sein. »Hurd Gar-Olnyn Saarlip, Mörder zweier Edel- leute«, ließ sich eine Baßstimme unheilvoll ver- nehmen, die offenbar dem Arzt gehörte. »Sollten Sie vergessen haben, daß ich, Tarn Gar-Terrayen Jellfte, ein ernannter Herzog von Lyff bin?« Hurd wurde es speiübel. Das opulente Mahl kam ihm auf einmal wie die reinste Henkersmahlzeit vor. »Euer Hochwohlgeboren«, winselte er, »ich schwöre, daß ich mich wirklich geirrt habe. Infolge der Dunkelheit habe ich die Identität der Herren nicht erkannt. Deshalb glaubte ich, ganz gewöhnli- che, niedriggeborene Räuber vor mir zu haben, die Lord John im Schutze der Nacht angriffen. Oh, hochverehrter Herzog, Euer Herrlichkeit, Sire, deshalb wollte ich ihn verteidigen …« Hurds widerliche Kriecherei erstarb in Schwei- gen. Bewegungslos saß er im grausam hellen Licht auf seinem Stuhl. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Der Angstschweiß brach ihm aus, und er, wartete darauf, daß Mutters Garde ihn abholte. Die Stille schien von unendlicher Dauer zu sein. Endlich, Hurd war endgültig am Zusammenbre- chen, unterbrach eine Stimme das Schweigen. So- weit er überhaupt noch etwas empfinden konnte, war Hurd darüber froh. Obwohl er am Ende seiner Kräfte war, wäre es ihm dennoch peinlich gewe- sen, sich vor diesen Fremdlingen so gehen zu las- sen. Er hatte einfach keine Kraft mehr, die Sache mit Anstand und Würde durchzustehen. Es war Johns Stimme, die neue Hoffnung in ihm aufkeimen ließ. »Schon gut, alter Junge«, sagte der Terraner freundlich, »wir werden Sie nicht ausliefern.« Hurd heulte und winselte in beschämender Dankbarkeit. John sah höflich darüber hinweg. »Wir wollten nur sichergehen, daß Sie wissen, was Ihnen bevorsteht. Machen Sie sich keine Sor- gen. Wir werden Ihnen jetzt einiges erklären, damit Sie verstehen, was vor sich geht. Können Sie ein paar einfachen Erläuterungen folgen?« Hurd wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, biß die Zähne zusammen und nickte. »Großartig«, sagte John herzlich. »Fang du an, Ansgar.« Ansgar Sorenstein sprach langsam und deutlich. Seine Stimme hatte etwas Hypnotisches an sich. Hurd war sicher, beim Klange dieser Stimme ein-, schlafen zu können, wenn man es ihm nur erlaubt hätte. »Lyff«, begann Ansgar, »ist der vierte von elf Planeten, die sich rund um Mutters Auge bewegen, und zwar auf einer fast eiförmigen Linie. Mutters Auge ist ein Stern, ganz ähnlich den meisten ande- ren Sternen, die man nachts am Himmel sieht. Er scheint nur deshalb heller und größer zu sein, weil er so nahe an Lyff steht. In Wirklichkeit sind viele andere Sterne heller als Mutters Auge. Aber sie sind so weit vom Planeten Lyff entfernt, daß man diese Entfernung nach Lichtjahren messen muß. Das ist die Zeit, die der Lichtstrahl von Mutters Auge braucht, um Lyff zu erreichen. Aber selbst in Lichtjahren gerechnet sind manche Sterne so weit entfernt, daß sich kaum ausdrückbare Ziffern erge- ben. Es gibt Millionen und aber Millionen solcher Sterne. Um sie herum kreisen unzählige Planeten, ganz ähnlich wie Lyff. Und fast alle bewegen sich auf etwa eiförmigen Bahnen.« Er erteilte Hurd eine zwei Minuten lange Lekti- on in Astronomie. Unter seinen Worten dehnte sich der Geist des Poeten so weit aus wie nie zuvor, bis er eine ganze Milchstraße umfaßte. Hurd vergaß seine persönliche Angst in einer fast religiös zu nennenden Erfassung des physikalischen Univer- sums. »Und dort draußen«, schloß Sorenstein, »so weit, entfernt, daß man ihr Licht von Lyff aus nicht se- hen kann, befindet sich die Sonne, der wir den Namen Sol gegeben haben. Sie ähnelt Mutters Au- ge mehr als alle anderen Sterne. Planeten bewegen sich um Sol genauso, wie Lyff sich um Mutters Auge bewegt. Den dritten dieser Planeten haben wir Terra genannt. Es ist ein ganz ähnlicher Planet wie Lyff. Dort befindet sich unsere Heimat. Wir werden Terraner genannt, genauso wie ihr euch Lyffaner nennt. Wir sind von unserer Heimatwelt hierher zu euch gereist.« Eine Pause entstand, während Hurd alles in sich eindringen ließ, was er gehört hatte. Man sah ihm an, wie sein Gesicht vor lauter Bewunderung und Staunen über das Neue und Gewaltige glänzte. Schließlich fragte John leise: »Haben Sie verstan- den, was Ansgar sagte?« Hurd zögerte, suchte nach Worten. »Ja, ich habe verstanden. Und es ist wunderbar. In dem Buch von Garth Gar-Muyen Garth, das wir das Gesetz unserer Mutter nennen, stehen viele seltsame Dinge, die man kaum verstehen kann. Aber jetzt ist mir vieles klar geworden. Der Heilige Garth, den unsere Mutter liebt, beschreibt darin die Orte der Seligkeit, die Mutter für ihre Kinder ge- schaffen hat. Er nennt sie Die Dritte Welt, den Ort der Schönheit, unser Gelobtes Land.« »Interessant«, meinte John, »aber ich glaube, nicht, daß wir uns im Augenblick mit Theologie befassen sollten. Du bist dran, Pin.« Pindar Smith räusperte sich selbstbewußt und begann. »Vor zweitausendfünfhundert Erdenjahren, das sind beinahe dreißig Lebensalter auf Lyff, falls Ih- nen das mehr sagt, war das Leben auf Terra dem jetzigen Zustand auf Lyff ganz ähnlich. Es gab kaum Verkehrsmittel. Eine Reise von wenigen Meilen war bereits ein gewagtes Unternehmen. Man kann- te auch kaum Maschinen, höchstens zur Erzeugung von Tönen, als Musikinstrumente. Die Verbindung zwischen weit voneinander entfernten Orten konn- te nur durch Briefe aufrechterhalten werden. Das wiederum hing natürlich von den unsicheren Ver- kehrsverbindungen ab, die man damals hatte. In unkontrollierbaren Abständen wurde unsere Welt immer wieder von Seuchen heimgesucht. Millionen Menschen starben oder siechten dahin. Terra war in viele kleine Nationen zersplittert, die sich meistens untereinander bekriegten. Einige we- nige Leute waren ungeheuer reich, während fast al- le anderen arm waren. Sehr viele Menschen ver- hungerten. Später nannte man dieses Zeitalter das Barock. Damals und in den darauffolgenden Jahrhunderten glaubten viele Menschen, das sei das Goldene Zeitalter von Terra gewesen. Nicht, weil man zu, jener Zeit besonders bequem gelebt hätte oder die geistige Entwicklung besonders hoch war oder es sonst etwas gab, was für unsere heutigen Begriffe zum Goldenen Zeitalter gehören würde. Ganz im Gegenteil. Aber zu jeder Zeit hat es Menschen ge- geben, die entweder als Zeitgenossen oder als spä- tere Forscher eine bestimmte Periode als das Gol- dene Zeitalter hingestellt haben. Andererseits be- steht diese Bezeichnung für das Zeitalter des Ba- rock zu Recht, denn damals wurden die Grundla- gen für das gelegt, was Terra auf seinen heutigen Entwicklungsstand gebracht hat. Jahrhundertelang sind auf der Erde Ideen geboren und aufgespeichert worden. In jener Zeit aber begannen die Menschen endlich, die gehorteten Ideen in Taten umzusetzen. Im Zeitalter des Barocks regten sich Erfindergeist und Forscherdrang mit spürbarem Erfolg.« Smith redete weiter. Er beschrieb die Geschichte von Terra seit der Zeit Friedrichs des Großen und des legendären Johann Sebastian Bach bis zu dem jetzigen Stand der Wissenschaft und Technik. Schließlich erklärte Pindar Smith: »Und das ist ein Teil der Gründe, warum wir Terraner nach Lyff gekommen sind. Eure Welt lebt immer noch im Zeitalter des Barock. Wir sind mit dem Auftrag ausgesandt worden, euch innerhalb von zehn Jah- ren die Fortschritte beizubringen, für die wir selbst zweitausendfünfhundert Jahre gebraucht haben.«, Nach einer weiteren Pause fragte John zwei- felnd: »Ist das alles klar, mein Freund?« »Ich fürchte, nein«, entgegnete Hurd. »Die Ge- schichte von Terra ist weitaus verwirrender als das Zusammenspiel der Systeme in der Milchstraße.« Die Terraner lachten laut, was Hurd noch mehr durcheinander brachte. »Schon gut, Hurd«, meinte John. »Ich bin nicht einmal sicher, daß Pindar selbst alles versteht, was er so von sich gibt. Sobald Sie Terranisch lesen können, werde ich Ihnen einige Bücher geben. Das wird Ihnen sicher weiterhelfen. Jetzt ist Dr. Jellfte an der Reihe. Sind Sie bereit, Sir?« Die Stimme des Arztes klang sehr tief und stark. Er beschrieb die Entwicklung der Verkehrsmittel von der Kutsche und dem Vierspänner des Barock bis zu den Raumschiffen der Gegenwart, die mit mehr als Lichtgeschwindigkeit dahinflogen. Im gleichen Zuge beschrieb er auch die Entwicklung der Terranischen Föderation. Jellftes Vortrag war nicht ganz so verwirrend wie der von Smith. Aber Hurd hoffte dennoch, daß sein Freund John auch einige Bücher über die Geschichte der Verkehrs- mittel hatte. * Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte, Erstgeborener und, was der klangvollen Titel mehr waren, war müde und gereizt. Den ganzen mutterverdammten Tag überhatte er sich mit gewöhnlichem Volk abgeben müssen. Und natürlich war er von diesen minder- wertigen Wesen angestarrt worden. Grundsätzlich hatte er zwar nichts dagegen, daß man ihn betrach- tete, denn selbst für einen lyffanischen Edelmann sah er sehr gut aus. Das wußte er genau. Und es be- reitete ihm nicht gerade Mißvergnügen, wenn an- dere zu der gleichen Feststellung gelangten. Er war fast zweiundeinehalbe Armlänge groß und unge- wöhnlich schlank. Wie bei den meisten Lyffanern war sein Haar blond, fast weiß, aber länger, weni- ger lockig, sauberer und feiner als üblich. Er brach- te mit der Pflege seines Haares mehr Zeit zu, als es sich die meisten Lyffaner für diesen Luxus leisten konnten. Und dann sein Bart! Natürlich gewachsen und nicht angeklebt wie bei dem armen, toten, dummen Garlyn, diesem affektierten Sohn eines dekadenten Herzogs! Sein Bart harmonierte in je- der Hinsicht mit seinem Haar. Er fiel majestätisch bis zum Gürtel und war um einen vollen halben Finger länger als die Bärte aller seiner Freunde. Jetzt allerdings waren Bart und Haare von dem vergeblichen Fußmarsch durch Lyffdarg verstaubt. Große Mutter, sein Haar war wirklich schmutzig, stumpf und strähnig! Es mußte jetzt schon ein recht starker Wind blasen, um seine Haarpracht wehen, zu lassen. Mutter möge diese verruchten Mörder bestrafen! Und auch diese dreckigen Bürger mit ih- rem widerwärtigen Schmutz. Seine blauen Augen schossen Blitze, als er auf seinen Vollblutrakan sprang und rasch heimwärts ritt. Rücksichtslos galoppierte er dahin und brachte alle Fußgänger in höchste Gefahr. Zur Zeit der Abenddämmerung erwartete man ihn beim Ge- meinschaftsgebet. Bis dahin mußte er sein mutter- verdammtes Haar waschen. Tod und Verdammnis über diese mutterverhaßten Mörder! * Nach Dr. Jellftes Einführung in die Geschichte des Verkehrswesens eröffnete Pindar Smith eine Dis- kussion darüber, welche Maschinen beim gegen- wärtigen Entwicklungsstand auf Lyff produktions- reif seien. »Ganz besonders wichtig«, sagte er, »sind Ak- kerbaugeräte. Bessere Pflüge, Harken, Spaten und Sensen können sicherlich noch vor der nächsten Aussaat eingeführt werden, ohne daß wir dadurch den ganzen Ackerbau durcheinanderbringen. Die Landwirtschaft muß so hoch wie möglich über das bloße Existenzminimum hinaus entwickelt werden. Erst dann können weitere Neuerungen eingeführt werden. Man kann keine Industrien aufbauen,, wenn nicht eine genügend ausgedehnte und lei- stungsfähige Landwirtschaft dahintersteht. Schließ- lich«, kicherte er, »kann man nicht erwarten, daß Eisenarbeiter von ihrem Eisen leben.« »Danke, Pin, das genügt«, unterbrach ihn John Harlen, als er merkte, daß Smith im Begriffe stand, sich lang und breit in eine schwierige vergleichen- de Analyse der verschiedenen Verfahren zur Me- tallhärtung zu verlieren. »Wieviel davon haben Sie verstanden, Hurd?« »Fast alles, glaube ich, Freund John. Die Ma- schinen sind mir zwar unbekannt, aber die Prinzi- pien habe ich begriffen.« John war voller Bewunderung. »Sie setzen mich in Erstaunen, Hurd«, sagte er. »Sie sitzen nun schon geschlagene zweieinhalb Stunden auf diesem Stuhl. Während der ganzen Zeit haben wir Sie mit einer Fülle von Informatio- nen und neuem Wissen bombardiert, wovon Ihnen das meiste völlig fremd sein muß. Sie haben eine Reihe neuer Daten und Zahlen erfahren, und den- noch scheinen Sie fast alles verstanden zu haben. Sie müssen wissen, daß die meisten Terraner, und ich mache da keine Ausnahme, unter einer solchen Anstrengung längst einen Kreislaufkollaps erlitten hätten und völlig durchgedreht wären. Ich glaube, keiner von uns hier könnte mehr als eine Stunde lang ein solches Überangebot völlig fremder und, neuartiger Informationen aufnehmen und verdauen. Sie aber haben noch alle Sinne beisammen und sind begierig, mehr zu hören.« »Aber ich bin ja nicht völlig unvorbereitet. Das Buch von Garth …« »Schon gut, mein Freund. Im übrigen sind wir auch gleich fertig. Nur noch zwei Lektionen, dann können wir essen gehen. Nun ist Dr. Jellfte wieder an der Reihe.« »Vielen Dank«, sagte der Arzt. Hurd blickte ihn aufmerksam an. Je länger er die grollende Stimme dieses Edelmannes hörte, desto mehr verlor sie für ihn ihre Unheimlichkeit. Auch dieser Mann schien ein Freund zu sein. Seit dem Tode seines verehrten Barons hatte er sich nicht mehr vorstellen können, daß ein Edelmann überhaupt freundlich sein könn- te. »Vor zwölf Jahren hat mich das zuständige Mi- nisterium der Terranischen Föderation nach Lyff entsandt. Meine Aufgabe war es, die lyffanische Kultur zu studieren und die Entwicklung so zu för- dern, daß der Planet schließlich in die Föderation aufgenommen werden könnte, ohne die Bevölke- rung der Lyffaner mehr als unbedingt nötig in Schwierigkeiten zu bringen. Zu jener Zeit dachte man an ein Projekt von langer Dauer. Ich durfte kaum hoffen, seine Vollendung zu erleben. Die Föderation entsendet sofort einen Agenten,, wenn ein bewohnter Planet entdeckt worden ist. Einer dieser Agenten bin ich. Unsere Aufgabe ist es, die natürliche Reifung der unterentwickelten Kulturen unauffällig zu steigern. Ich habe mich bemüht, die Entwicklung der Lyf- faner dadurch zu fördern, daß ich sehr langsam und vorsichtig fortschrittliche medizinische Kenntnisse einführte. Das geht nach einer ganz einfachen Formel vor sich. Bessere sanitäre Verhältnisse fuh- ren zu einer geringeren Sterblichkeitsziffer, zu hö- heren Geburtenzahlen, längerem Leben und schließlich zu einem Bevölkerungsüberschuß. Die- se Dinge, vor allem der Druck der Überbevölke- rung, führen zwangsläufig zu einer rascheren kul- turellen und zivilisatorischen Entwicklung. Oder aber es gibt Kriege und kulturellen Selbstmord. Sollte das der Fall sein, so greifen andere Abtei- lungen der Föderation ein. Mein Lieblingsprojekt war die Errichtung einer medizinischen Lehran- stalt, aus der sich einmal eine wissenschaftliche Akademie hätte entwickeln können. Aber der Ent- scheid der Sonderabteilung hat dieses Vorhaben zunichte gemacht. Nach meinem Auftrag wäre der erste Raumflug von Lyff aus in ungefähr zweihundert Jahren fällig gewesen. Das ist eine unglaublich kurze Zeit. Nun aber ist Harlen mit seiner Gruppe gekommen, um die Bewohner von Lyff innerhalb einer Dekade bis, zur Raumfahrt zu bringen. Vielleicht erklärt er uns, wie und warum.« John Harlen stand auf und trat in den Lichtkreis um Hurd, was bisher keiner der Sprecher getan hatte. »Es sieht so aus«, erklärte er grimmig, »als wenn die Föderation nicht mehr allein in der Milchstraße herrscht. Die Föderation ist die freie und friedliche Verei- nigung fühlender und empfindender Wesen. Sie trägt nur deshalb den Namen Terranische Föderati- on, weil sie von den Terranern gegründet wurde. Die meisten Mitgliedsvölker sind nicht einmal ent- fernt menschenähnlich. Im Augenblick aber spielt es keine Rolle, ob menschlich oder nicht menschlich. Wichtig ist nur, daß alle diese ganz und gar unterschiedlichen Völ- ker und Rassen dazu in der Lage waren, gegensei- tig Verbindung aufzunehmen, um in Harmonie und Frieden miteinander zu leben und zu arbeiten. Je- der Kontakt mit einer neuen intelligenten Rasse hat immer zu einer engen Bindung geführt. Gewiß, es hat Probleme gegeben, aber sie ließen sich alle lö- sen. Nun aber macht sich innerhalb der Milchstraße eine neue Art von Lebewesen bemerkbar, die Mut- ter weiß woher sie gekommen sind. Wir wissen, daß diese Wesen intelligent sind und den Raumflug kennen. Bisher sind wir ihnen nur in Raumschiffen, begegnet. Mehr aber ist uns über sie nicht bekannt. Sie nehmen keine Verbindung auf und lassen sich nicht ansprechen. Bisher ist jede Begegnung zum Zusammenstoß geworden. Die anderen schießen sofort und töten jeden vermeintlichen Gegner oder werden selbst getötet. Bis jetzt ist uns eine Rasse dieser Art noch nicht begegnet. Deshalb sehen wir uns einer schwierigen Situation gegenüber. Bekannt ist uns jedenfalls, daß diese Fremdlinge in unsere Einflußsphäre eindringen. Wir wissen, daß ihr Angriff auf Lyff in etwa zehn Jahren be- vorsteht. Die Zeitspanne kann länger oder kürzer sein. Hoffentlich länger. Wir wissen nicht, was die Fremden unternehmen werden, wenn sie hier ein- treffen. Aber anscheinend töten sie alles, was ihnen an anderen Lebewesen begegnet.« Eine lange Pause entstand. Hurd mußte mit die- sen neuen Informationen erst fertig werden. John ging innerhalb des Lichtkreises auf und ab. Schließlich seufzte Hurd schwer und sagte: »Diese Fremdlinge scheinen demnach keine guten Wesen zu sein.« »Stimmt«, sagte John. »Deshalb sind wir mit un- serem Zehnjahresprogramm hier aufgetaucht. Wir müssen vorbereitet sein, wenn die Fremden eintref- fen. Die beste Möglichkeit, rechtzeitig bewaffnete Streitkräfte bereit zu haben, ist doch die, direkt hier auf dem Planeten Lyff Raumschiffe zu bauen., Natürlich wird das zu einer Reihe von schwer- wiegenden Veränderungen in dem – hm – Lebens- stil der Lyffaner führen. Aber unsere Computer auf Terra meinen, daß sich der Plan verwirklichen las- sen wird. In diesem Falle hättet ihr Lyffaner einer Chance, euch selbst zu verteidigen und der Födera- tion beizutreten.« »Das klingt, als wollten Sie mir etwas anpreisen, Freund John. Diesen Ton hört man sonst nur in der Straße der Kaufleute. Was geschieht denn, wenn euer Programm nicht durchführbar ist?« »Nun …« John zögerte. Er hatte nicht erwartet, daß Hurd so kritisch sein würde. »Ja«, fuhr er dann tapfer fort, »wenn das Programm sich als undurchführbar erweist …« – diesmal legte er absichtlich eine be- deutungsvolle Pause ein – »dann wird Lyff zerstört werden, entweder von den Lyffanern selbst oder von den Fremden. Wahrscheinlich von beiden.« Abermals gab es ein langes Schweigen. * Mutters Auge senkte sich. Aus allen Ecken und Enden von Lyffdarg kamen die Männer zum Tem- pel, um dem Bußgottesdienst beizuwohnen. In dem riesigen Oval des Amphitheaters sollte gebetet werden. Meistens fanden dort nur die Frühlings-, und Herbstfeste statt, an denen alle Lyffdarger teil- nahmen. Nur ein Tor war geöffnet. In Sechserrei- hen schoben sich die Lyffaner hindurch. Drinnen verteilten sie sich auf die Sitzblocks, in denen die Bürger eines jeden Stadtviertels geschlossen bei- sammensaßen. Jeder mußte sich bei dem für sein Wohnviertel zuständigen Priester melden. Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte beobachtete die ankommenden Beter von einem kleinen Balkon über dem offenen Tor. Sein Haar war immer noch feucht und seine Laune alles andere als gehoben. Er hatte es satt, dauernd ungepflegtes, gewöhnli- ches Volk in Augenschein nehmen zu müssen. Der junge Edelmann blickte zur Seite. Neben ihm stand sein ehrwürdiger Vater Spoln Gar-Tchornyen Hiirlte. »Bist du sicher, daß du diese Leute identifizieren kannst, mein Junge?« fragte der ältere Hiirlte be- gierig. »Oh, bei der Nase unserer Mutter, Vater! Natür- lich kann ich die Kerle identifizieren. Niemals werde ich diese gemeinen Gesichter vergessen.« Hiirlte der Ältere schwieg. Er hatte schlechte Er- fahrungen mit seinem Sohn gemacht, wenn dieser übler Laune war. *, »Nun, mein Freund«, meinte John erwartungsvoll, »wir kommen jetzt zum Hauptpunkt der Angele- genheit. Wollen Sie sich uns anschließen?« »Ob ich mich – euch – anschließen will?« »Ja.« »Was verstehen Sie unter ›anschließen‹, Freund John?« »Sie sollen der Sonderabteilung L-2 beitreten und damit den Raumstreitkräften der Föderation. Dadurch sind Sie automatisch der erste Einwohner von Lyffan, der in diesen Planetenbund aufge- nommen wird. Sie würden ein vollwertiges Mit- glied sein, sich verpflichten, unser Vorhaben nach besten Kräften zu fördern, und uns helfen, Lyff binnen kürzester Zeit in das Raumzeitalter zu füh- ren – oder mit uns untergehen, wenn uns der Erfolg versagt bleiben sollte.« Nach mehr als drei Stunden erhob sich Hurd zum ersten Male. Langsam ließ er den Blick über den verdunkelten Halbkreis schweifen. Dabei stell- te er sich die Gesichter vor, die er nicht sehen konnte. Schließlich begann er zu sprechen. »Einfach und schlicht ausgedrückt: Ihr verlangt von mir nicht mehr und nicht weniger, als daß ich euch dabei helfe, meine Welt in Trümmer zu legen. Ich soll all das ruinieren, was ich mein Leben lang gekannt habe. Mit eurer Hilfe soll ich die Kultur zerstören, die mich hervorgebracht hat. Ich soll, mein Volk verraten, meine Nation und meinen Planeten. Inmitten dieser Welt, die ihr verändern wollt und bei deren Veränderung ich helfen soll, habe ich fünfundzwanzig Jahre gelebt. Diese Welt liebe ich mehr als mein Leben. Aber ich mache mit. Ich weiß, daß wir für eine gute Sache kämp- fen. Warum habt ihr so lange gewartet, mich zu fragen?« Die Aufnahmezeremonie war einfach, aber ein- drucksvoll. Hurd erhielt die Zusage, daß er, sobald er lesen konnte, eine Kopie der Verfassung be- kommen würde, auf die er soeben vereidigt worden war. Danach gingen die Abteilung L-2 und der ein- zige Rekrut auf Lyff zum Abendessen. Es war ein guter Tag gewesen., FÜNFTES KAPITEL »Zu allererst brauchen wir einen Laden«, meinte Ansgar. Pindar runzelte die Stirn. »Einen Laden? Wozu? Wir haben doch nichts zu verkaufen. Bisher jedenfalls noch nicht. Wozu brauchen wir denn da einen Laden?« Pindar Smith war durch und durch Geschäftsmann. »Ich glaube, Ansgar meint eine Werkstatt«, er- klärte John ruhig. Er kannte diese Art Gespräche bereits und hatte sich mit der Rolle des Dolmet- schers abgefunden. »Ganz recht«, rief Ansgar aufgeregt, »eine Werkstatt. Wir sind jetzt schon seit drei Wochen auf diesem gottverlorenen Planeten …« »Mutterverlorener«, verbesserte ihn John. Auch diese Rolle fiel ihm zu. »Entschuldige, wir sind jetzt schon seit drei Wo- chen auf diesem mutterverlorenen Planeten … und haben noch nichts unternommen, von Hurds Re- krutierung einmal abgesehen. Und dabei ist uns auch noch ein glücklicher Zu- fall zur Hilfe gekommen. Wir müssen mit unseren Erfindungen anfangen. Dazu brauchen wir zu alle- rerst eine Werkstatt. Ganz klarer Fall.« »Selbstverständlich. Ich bin einverstanden«, er- widerte Smith. »Aber was wollen wir erfinden?«, »Bei Mutters Nase, Pin«, unterbrach John. »Wo bist du gewesen? Ich war der Meinung, ich hätte dich bei unserer Unterredung gesehen, als wir be- schlossen, mit dem Telegraphen anzufangen.« »Warum, in Mutters unaussprechlichem Namen, wollen wir mit dem Telegraphen anfangen? Manchmal …« Müde erhob sich John und zählte die Gründe an den Fingern auf. »Erstens: für den Telegraphen braucht man E- lektrizität; zweitens: Elektrizität führt zur Elektro- nik; drittens: für den Telegraphen braucht man Drähte; viertens: die Herstellung von Draht führt zu einer fortschrittlichen Metallurgie; fünftens: der Telegraph bedingt eine Schule, um Fachkräfte he- ranzuziehen; sechstens: die erste Schule führt zwangsläufig dazu, daß nach und nach alle Leute lesen lernen; siebtens: ein Telegraph bedeutet schnelle Verbindungen; achtens: schnelle Verbin- dungen führen zur Schaffung von Zeitungen; neun- tens: Zeitungen geben uns die Gelegenheit, Propa- ganda zu betreiben; zehntens: eine Telegraphenge- sellschaft braucht Wachleute. Nun habe ich keine Finger mehr, aber elftens: eine Wachmannschaft kann sehr schnell zur Kernzelle einer Armee wer- den.« Er setzte sich wieder hin. »Ach ja«, fügte er hinzu, »eins habe ich noch vergessen. Zwölftens: die technische Entwicklung der Lyffaner ist gerade, so weit gediehen, daß wir den Telegraphen einfüh- ren können, ohne die ganze mutterverdammte Kul- tur durcheinanderzubringen. Noch Fragen?« »Gut«, gab Smith klein bei, »also mieten wir ei- ne Werkstatt. Aber wie geht das vor sich?« Häuser, Läden und Werkstätten wurden auf Lyff genauso vermietet wie auf Terra. Hurd und John begaben sich auf eine lange, heiße und anstrengen- de Tour durch die Geschäftsviertel von Lyffdarg. Überall suchten und feilschten sie um geeignete Räume. »Wir sollten nicht vergessen, mein Freund, daß wir nur sehr wenig Miete bezahlen dürfen. Wenn die Leute auf die Idee kommen, daß wir viel Geld zur Verfügung haben, fallen wir in der Stadt unnö- tig auf. Dann können wir überhaupt nichts unter- nehmen. Vor allem müssen wir unverdächtig blei- ben.« Schließlich fanden sie in der Rakan-Straße ne- ben einer Kneipe gleichen Namens geeignete Räumlichkeiten. Sogar John, der an terranische Architektur gewöhnt war, mußte zugeben, daß er vor einem eindrucksvollen Gebäude stand. Die meisten Häuser in Lyffdarg waren mehr schlecht als recht zusammengehauene Schuppen aus Bal- ken, Mörtelbewurf und schweren, mit der Hand behauenen Baumstämmen. Jedenfalls bot das Ge-, bäude einen imposanten Anblick. Es war ganz aus glitzerndem weißem Stein gebaut, den man sonst nirgendwo in der Stadt sah, und ragte vier Stock- werke empor. Für lyffanische Begriffe also ein richtiger Wolkenkratzer. »Das Haus gehörte einst zum Tempel«, erklärte der Wirt in vertraulichem Ton. »Die Kleinen Schwestern wohnten hier.« Er kicherte. »Deshalb kann ich es trotz seines guten Zustandes zu einem lächerlich geringen Preis vermieten.« »Was verstehen Sie unter einem lächerlich ge- ringen Preis?« fragte Hurd. Da Hurd, was ganz logisch war, die Verhand- lungen führte, wandte sich der Wirt mit der Ant- wort an ihn. »So gut wie gar nichts«, sagte er eif- rig. »Nur siebenundneunzig Cees im Monat.« »Habe ich mir doch gedacht«, knurrte Hurd. »Kommt weiter, Freund John, wir wollen uns einen anderen Vermieter suchen, der nicht versucht, uns auszurauben.« »Aber das ist doch nicht viel«, wollte John ein- wenden. Rasch fing er sich. »Natürlich«, bog er ab, »es ist erheblich mehr, als wir uns leisten können. Aber für ein so gutes Gebäude erscheint es nicht zu hoch gegriffen. Hoffentlich können Sie das Haus eines Tages anderweitig vermieten, Herr Wirt. Auf Wie- dersehen.«, Sie standen auf und schickten sich an zu gehen. »Wartet, wartet«, rief der Wirt. »Weil ihr neu in unserer Stadt seid und weil Mutter es liebt, wenn wir ein wenig handeln, mache ich Ihnen einen Sonderpreis von – na, sagen wir – von neunzig Cees. Wie wäre das?« »Hm«, machte Hurd. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sire, aber wir müssen nun wirklich ge- hen.« Statt dessen setzten sich Hurd und John jedoch wieder und begannen, erst recht zu feilschen. Sie wußten nicht, daß ihr Feind nur wenige Me- ter entfernt war. Nebenan, in der Taverne »Zum Lahmen Rakan«, war Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte dabei, sich sinnlos zu betrinken. Während der letzten drei Wo- chen hatte er eine Schlaflosigkeit entwickelt, der sogar des Königs Leibarzt nicht gewachsen, war. Er konnte nicht vergessen, wie der Mörder über Garlyns falschen Bart gelacht hatte. »Es ist eine Verschwörung«, sagte er zu sich selbst zwischen großen Schlucken aus dem Wein- glas. »Das gemeine Volk steht gegen uns auf. Sie wollen die Regierung stürzen! Sie lieben unsere Mutter nicht mehr!« Er trank allein. Vor zwei Wochen hatten seine Freunde damit aufgehört, ihn den »Überlebenden« zu nennen. Statt dessen nannten sie ihn jetzt ›Dri-, gol‹ Dieser Spitzname hatte mehrere Bedeutungen – »Nasser Filz«, »Spielverderber« oder »Schlapp- schwanz«, je nachdem, wie man zu dem Träger stand. Er war allein, und nur der Wirt hörte ihm zu. Aber selbst dieser bekam allmählich zuviel davon. »Noch ein Glas Wein«, flüsterte er seiner Frau zu. »Diesem mutterverdammten Schwätzer werde ich noch ein Glas Wein geben. Dann werfe ich die- sen mutterverfluchten Trunkenbold eigenhändig hinaus, Edelmann oder nicht!« Nebenan ging der Handel weiter. »Einundfünfzig Cees, meine Herren. Mehr kann ich Ihnen beim Willen nicht nachlassen.« Der Hauswirt schwitzte vor Aufregung. »Sie stehlen jetzt schon meinen Kindern den letzten Bissen vom Mund.« John horchte auf. »Wirt, mehr Wein«, schrie eine Stimme von ne- benan. »Ich weiß nicht«, sagte John zweifelnd. »Wie gefällt Ihnen der Handel, Hurd?« »Es klingt ganz vernünftig.« »Nun, meine Herren, wenn Sie hier unterschrei- ben wollen. Sie können doch schreiben, nicht wahr?« Der Wirt hatte es eilig, den Handel abzu- schließen, ehe John und Hurd damit beginnen konnten, den Preis noch weiter herunterzuhandeln. Sie unterschrieben den Vertrag und versicherten, sich gegenseitig ihrer vollen Freundschaft und ih- res besten Wohlwollens. John und Hurd traten auf die heiße, helle Straße hinaus. Vor ihrem neuen Gebäude blieben sie stehen, um die Augen an das grelle Sonnenlicht zu gewöhnen. In der Kneipe ne- benan war ein Krach im Gange. »Mir ist es vollkommen gleichgültig, wessen Sohn Sie sind. Scheren Sie sich aus meinem Haus hinaus, Sie mutterverdammter Trunkenbold!« schrie eine tiefe Stimme. »Sie verfluchter Mutterhasser«, schrillte eine höhere Stimme zurück. »Ich komme heute abend mit meinen Freunden wieder. Jawohl, das werde ich tun. Das wird Ihnen leid tun. Sie stecken auch mit den Verschwörern unter einer Decke. Jawohl, so ist es.« An der Kneipentür gab es einen kurzen Kampf. Im nächsten Augenblick flog ein farbenfreudig ge- kleideter junger Mann ins Freie. Mühselig erhob er sich vom Pflaster, während der schlicht gekleidete Gastwirt in sein Haus zurückging. »Den Burschen kenne ich doch«, flüsterte John. »Ja, wo haben wir nur – verdammt, jetzt fällt es mir wieder ein!« Tchornyo war unterdessen aufgestanden. Er wisch- te sich mit sinnlosen Bewegungen den Staub vom Anzug. Dabei schaute er sich ärgerlich um, ob etwa jemand Zeuge seiner Erniedrigung geworden sei., Als John und Hurd möglichst ungesehen ver- schwinden wollten, brauchte Tchornyos vom Wein umnebeltes Gedächtnis ein paar Sekunden, bis es die beiden Gestalten richtig unterzubringen wußte. Er hatte die fremden Männer zwar nur im Halb- dunkel gesehen. Aber kaum war er seiner Sache si- cher, handelte er blitzschnell. »He, ihr da!« schrie er. »O Mutter«. murmelte Hurd, »da haben wir es.« Sie begannen zu laufen. »Mörder!« schrie Tchornyo. Er setzte sich mit unsicheren Schritten in Trab und folgte den beiden Männern. »Schneller, Freund John. Schneller!« »Was geht hier vor?« schrie der Gastwirt unter seiner Tür. »Diese beiden dort vorn werden gesucht«, gab Tchornyo zurück. Er deutete auf John und Hurd, die sich schnellen Schrittes der nächsten Ecke nä- herten. Dabei schaute er über die Schulter zum Gastwirt zurück. Tchornyo stolperte über einen wackeligen Stein und fiel schwer auf den Bauch. »Diese mutterverdammten Säufer«, knurrte der Gastwirt und zog sich wieder in seine Kneipe zu- rück. »Haltet diese beiden Männer auf«, schrie Tchor- nyo, sobald er wieder auf den Füßen stand. »Hohe Belohnung für jeden, der sie aufhält.«, Er rannte die Straße hinunter. Dabei taumelte er von einer Seite zur anderen. John und Hurd verschwanden um die Ecke. »Für einen Betrunkenen ist der Bursche ver- dammt gut auf den Füßen«, keuchte John. »Jetzt«, hechelte Hurd, »ist – keine Zeit – für – Gespräche.« Auch Tchornyo erreichte die Ecke und raste hin- ter den beiden her. Dabei stieß er gegen den Ver- kaufsstand eines Händlers. Der Tisch, mit irdenen Töpferwaren beladen, stürzte um. Die Krüge, Töp- fe und Tiegel zerbarsten in tausend Scherben. »Ai!« schrie der Händler, als seine Waren auf dem Kopfsteinpflaster zerschellten. »Ai!« echote seine Frau, während der Händler bereits hinter Tchornyo herrannte. Scherben knirschten unter seinen Füßen. Tchornyo zog den Degen und fuchtelte damit in der Luft herum, um dem Kaufmann Mut zu machen. »Mutter schütze uns«, rief der Händler seinen Nachbarn zu, »der Verrückte hat einen Degen. Er wird uns alle umbringen!« Und seine Frau schrie aus der Sicherheit der La- dentür: »Haltet ihn auf! Den Dieb! Haltet ihn!« Tchornyo riskierte noch einen Blick zurück. Gut! Eine Menge Leute kamen ihm zu Hilfe. Die Mörder waren so gut wie gefangen. Bei diesem Gedanken stolperte er über einen sorgfältig aufge-, stapelten Haufen Feldmelonen. Die runden Früchte mit den harten Schalen rollten nach allen Seiten über die Straße. »Unser Freund scheint einige Schwierigkeiten zu haben«, rief John, nun heftiger keuchend. »Mutter, steh uns bei!« war alles, was Hurd her- vorstoßen konnte. Sie umrundeten eine weitere Ecke und erreich- ten den Rakanmarkt. Rakans sind höchst unruhige Tiere. Irgendwann einmal in der Entwicklungsgeschichte des Planeten Lyff hatte eine mittelgroße Eidechsenart sich nicht recht entscheiden können, ob sie sich zur Form des Dinosauriers oder des Flugfingers weiterentwik- keln sollte. Das Resultat war der Rakan, das scheu- este Reit- und Lasttier in der gesamten Galaxis. An diesem Markttag stand eine Herde von etwa dreihundert Rakans zum Verkauf bereit. Als John und Hurd vorüberliefen, wurden die Tiere unruhig. Ihre sonst hellgrüne Farbe verwandelte sich in ein verwaschenes Chartreuse. Irgend etwas, so fühlten die Rakans, schien nicht in Ordnung zu sein. Die Situation schien bedrohliche Formen anzunehmen. Es entsprach der Wesensart der Tiere, darauf zu reagieren und nervös zu werden. Die Rakans, in aufkommender Panik, drängten sich schutzsuchend zusammen. Die Treiber stießen wilde Flüche aus und versuchten, die Tiere zu beruhigen., Als John und Hurd den halben Häuserblock hin- ter sich gebracht hatten, tauchte Tchornyo Gar- Spolnyen Hiirlte an der Ecke auf. Er schrie laut, fuchtelte gefährlich mit dem Degen herum und scheuchte durch sein Verhalten die Rakanherde noch mehr auf. Hinter ihm lief eine Horde wüten- der Händler. Auch sie machten einen Lärm wie entsprungene Irre. Die Flüche der Treiber gingen in flehentliche Gebete über. Sie kannten die Rakans. Die Tiere schnatterten jetzt wie eine Herde wildgewordener Gänse. Ihre Farbe wechselte zitternd vom verwa- schenen Chartreuse zu entsetztem Gelb. Plötzlich fühlten sie das verzweifelte Verlangen, dieser un- bekannten Gefahr zu entgehen. Wie auf ein Signal hin brachen dreihundert schnatternde Rakans in eine Stampede aus. Ver- geblich flehten die Treiber um Mutters Beistand. »Mörder!« schrie Tchornyo. Hinter ihm erhob sich der Lärm von dreihundert hysterischen Rakans. Den Rakans folgten die Treiber. Sie stießen nicht wiederzugebende Flüche aus, die sich haupt- sächlich mit der Anatomie der Großen Mutter be- faßten. Hinter den Treibern war die Straße voll von schreienden Händlern. »Haltet den Dieb! Haltet ihn auf!«, Ein Gardist, der sich in einen Torbogen gelüm- melt hatte, betrachtete verwundert die Prozession, die an ihm vorbeiraste. Nach den Treibern hörte der Wachmann die Schreie der Händler. Blitz- schnell reagierte er. Er sprang aus dem Torweg und fiel einen der Treiber an. Beide gingen zu Boden. Die Händler hasteten mit schweren Schuhen über die ringenden Männer hinweg, ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen. Tchornyo blickte zurück. Wo kamen auf einmal nur alle diese mutterverdammten Rakans her?! John und Hurd bogen schnell nach rechts ab. Aber der junge Edelmann hatte keine Chance mehr. Die Rakans ignorierten ihn einfach. Sie stampften über Tchornyo hinweg und rannten ge- radeaus weiter, die Straße hinunter und auf den Tempel zu. Ehe Tchornyo seinen arg mitgenom- menen Körper wieder aufrichten konnte, war der Händler bei ihm. »Zweihundert Pfannen«, zählte der Händler fau- chend auf, während er Tchornyo wie einen Staub- lappen schüttelte. »Neunundvierzig große Töpfe. Die zerbrochenen Tiegel muß ich erst noch zäh- len.« Dabei klatschte seine Hand Tchornyo rechts und links ins Gesicht. Und Tchornyo heulte. »Vierhundert Feldmelonen«, meldete sich ein weiterer Händler zu Worte, wobei er Tchornyo ge- gen die Schienbeine trat., »Dreihundert mutterverdammte Rakans« ver- kündete der blutende und mit Beulen bedeckte Treiber, dem man so übel mitgespielt hatte. In der einen Hand hielt er seine Rakanpeitsche und in der anderen einen faustgroßen Stein. »Halt«, rief der Gardist grob. »Um diese Ange- legenheit kümmere ich mich. Sie kommen mit!« Er packte Tchornyo am Kragen und schleppte ihn zum Tempel. »Aber, ich bin ein Herzog«, jammerte Tchornyo. »Inzwischen entkommen uns die Mörder.« »Mutterverdammter Säufer«, knurrte der Gast- wirt, der unterdessen den jungen Edelmann eben- falls eingeholt hatte. * »In Ordnung, herein mit ihm«, knurrte Spoln Gar- Tchornyen Hiirlte. Der alte Herr war wütend. »Vater«, winselte Tchornyo, als er ins Arbeits- zimmer seines Vaters trat, »du verstehst das alles falsch. Ich war …« »Du hast vollkommen recht. Das verstehe ich wirklich nicht. Außerdem will ich es nicht verste- hen. Bis jetzt habe ich heute bereits für zweihun- dertfünfundsiebenzig irdene Töpfe, Pfannen und Tiegel von zweifelhaftem Wert einen Phantasie- preis bezahlen müssen, ferner für vierhundert Feld-, melonen, die aufzuessen ich keine Gelegenheit hat- te. Hinzu kommt das Geld für dreihundert Rakans aus einer zweifellos wertlosen Zucht, obwohl ich den Preis für Vollbluttiere erlegen mußte. Der Schaden, den die flüchtenden Rakans angerichtet haben, ist noch nicht abzusehen. Aber ohne Zwei- fel werde ich auch dafür aufkommen müssen.« »Aber, Vater …« »Ruhe! Deswegen bin ich nicht einmal wütend. Ich werde einfach die heutigen Auslagen von dei- nem Taschengeld abziehen. Ärgerlich bin ich nur deshalb, weil ich, ein Großherzog von Lyff, heute nachmittag zum Tempel gehen mußte – gehen, hörst du! –, um mich dort vor irgendeinem herge- laufenen Gardeoffizier zu demütigen, nur damit mein Sohn entlassen wurde. Mein einziger Sohn! Und zwar aus einer Zelle, in die man sonst ganz gewöhnliche Lumpen einsperrt.« »Aber, Vater …« »Wirst du wohl ruhig sein! Du bist das schwarze Schaf in unserer Familie. Du hast die Namen dei- ner Familien in Unehre gebracht, alle drei. Außer- dem hast du dich selbst der Unehre ausgesetzt, eine Tat, die einfach an Unmöglichkeit grenzt. Und o- bendrein, was das Schlimmste ist, hast du mich ge- demütigt. Ich schäme mich, in den Palast zu gehen. Ja, ich schäme mich sogar, die Delegation meiner Gilde der Tuchmacher zu empfangen. Versteht du, das? Jetzt muß ich mich sogar schämen, ganz ge- wöhnlichen, niedrig geborenen Bürgern ins Ge- sicht zu schauen. Oh … Tchornyo, wenn ich einen zweiten Sohn hätte, würde ich dich auf der Stelle enterben und hinauswerfen. Geh von mir, du be- trunkener Narr! Geh in dein Zimmer und bete um Vergebung oder wenigstens um Einsicht und Ver- stand. Was immer dir auch fehlen möge, für eine Weile möchte ich dich nicht mehr sehen.« Schmutzig, zerlumpt, blutend und bis auf den Grund seiner Seele gedemütigt, trat Tchornyo unter Verbeugungen vom Schreibtisch seines Vaters zu- rück. Eine Verbeugung bei jedem Schritt. Bei sei- ner dritten Verbeugung stieß er eine große, dekora- tive Vase um. »Idiot!« Heulend drehte sich Tchornyo um und rannte den langen Korridor hinunter in sein Zimmer. Dort brütete er sieben mutterverdammte Stunden vor sich hin und schwor Rache, Rache, Rache!, SECHSTES KAPITEL »Walsh?« Admiral Bellman war indigniert. »Was will der der alte Kerl?« »Schscht«, warnte ihn sein Adjutant. »Er steht direkt vor der Tür, Sir.« »Irrtum, junger Mann, ich bin schon im Zim- mer«, ließ sich eine schrille, hohe, nasale Stimme vernehmen. »Hallo, Emsley Walsh!« Der Admiral heuchelte freudiges Erstaunen. »Erfreut, Sie zu sehen.« »Kommen Sie mir nicht damit, Edvalt. Wenn es für Sie erfreulich wäre, mich zu sehen, wäre ich nicht hier.« Nach fünfzigjähriger Tätigkeit im Parlament hat- te Senator Walsh es nicht nötig, überflüssige Höf- lichkeit zu zeigen. »Sie sollten besser verschwinden, mein Sohn«, wandte er sich an den nervösen Adjutanten. »Ihr Chef und ich haben miteinander zu reden.« Während Walsh sich setzte, es sich bequem machte und Bellman gleichzeitig mit einer übelrie- chenden Zigarre für zehn Kredit auf die Nerven fiel, verschwand der Adjutant dankbar nach draußen. »Bellman«, sagte der Senator, nachdem sich die Bürotür geschlossen hatte, »was bedeutet das Ge- rücht, das ich über Sie und Ihre Leute wegen einer Kontaktverletzung gehört habe«?, Emsley Walsh war Altsenator von Australien und seit langem der Führer der Majorität im Senat. Er war ein eingetrockneter, bleistiftdünner, skelett- artiger Mann von fünfundachtzig Jahren. Eigent- lich sah er aus wie ein seniler Greis. Nur seine flammenden Augen und die glatt über seinen kno- chigen Schädel gespannte Haut kennzeichneten ihn als markante Persönlichkeit. Als Begründer und Führer der volkstümlichen Partei der Konservati- ven verfügte er über eine fast uneingeschränkte Macht. Das wußte er. »Was verstehen Sie unter Kontaktverletzung?« Bellman versuchte Zeit zu gewinnen. »Sie wissen genau, was ich meine«, schnauzte Walsh. Dann ging er daran, in peinlichen Einzel- heiten die Tätigkeiten der Sonderabteilung L-2 zu beschreiben. Bellmans bestgehütetes Geheimnis schien verraten. »Sie wissen genau, was wir Konservativen für eine Meinung vertreten«, fuhr er fort. »Diese Ein- mischung in die Angelegenheiten unterentwickel- ter Kulturen ist nichts anderes als Ausbeutung. Sie nutzen diese unschuldigen Leute für ihre eigennüt- zigen Zwecke aus, Bellman, und das läuft im End- effekt auf Sklaverei hinaus. Ich sage Ihnen, die Partei wird hiergegen energisch einschreiten.« Die konservative Partei übte eine übertriebene Menschenfreundlichkeit aus. Immer wieder spielte, sie sich als Beschützer auf, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Und in dieser übersteigerten Hin- gabe für die Unterdrückten suchten ihre Politiker ständig nach Unterdrückten, die oft nur in der Ein- bildung einiger alter Männer bestanden. Bellman war auf dieses plötzliche Interesse der Partei an der Sonderabteilung L-2 nicht ganz un- vorbereitet. Er hatte gehofft, daß die normalen Si- cherheitsvorkehrungen genügen würden, um das Projekt geheimzuhalten. Dennoch hatte er sich nach allen Seiten hin abgesichert und ein paar Maßnahmen für den Notfall vorbereitet, falls Ein- zelheiten über die Sonderabteilung an die Öffent- lichkeit gelangten. Eine dieser Notmaßnahmen er- griff er nun. Sie bestand darin, daß er ein ganzes Bündel gefälschter Dokumente hervorholte, die, über jeden Zweifel erhaben, bewiesen, daß es so etwas wie eine Sonderabteilung L-2 gar nicht ge- ben konnte. Schweigend prüfte der Senator Bellmans sorg- fältig vorbereitete Dokumente. Der Admiral er- laubte sich bereits ein vorsichtiges Lächeln. Der al- te Mann schien überzeugt. Schließlich blickte Emsley Walsh von den Pa- pieren auf und lächelte gnädig. »Unsinn«, sagte er sanft. »Das hier« – er knisterte mit den Papieren – »ist nichts als ein Haufen Lügen. Ich kann nicht abstreiten, daß es sich um sehr sorgfältig ausgear-, beitete Lügen handelt. Aber auch Sie können keine Wahrheit daraus machen.« »Aber, Senator …« Der Senator hob die Hand und gebot Schweigen. Die neuerlichen Beteuerungen des Admirals blieben diesem im Hals stecken. »Die konservative Partei hat unwiderlegbare Beweise dafür, daß die Raumstreitkräfte zu einer unterentwickelten und hilflosen Kultur Beziehun- gen aufgenommen haben. Unsere Informations- quelle hat noch niemals falsches Material geliefert. Und wir haben keinen Grund zu der Annahme, daß sie diesmal irrt. Wir wissen Bescheid über Ihre Sonderabteilung. Wir wissen, wer damit zu tun hat und welchen Zweck Sie verfolgen. Im Augenblick wissen wir noch nicht den Namen des Planeten, den Ihre Sonderabteilung in so verbrecherischer Weise zu zerstören trachtet. Aber das werden wir noch feststellen. Irgendwer wird uns die Informa- tionen liefern. Und wenn wir es nicht durch unsere Leute erfahren, kann eine parlamentarische Unter- suchung jederzeit die Wahrheit erzwingen. In die- sem Falle halten wir uns an Sie, Bellman.« Der Senator stand auf und wandte sich zum Ge- hen. »Ich brauche wahrscheinlich die vielen Verbrechen nicht aufzuzählen, die Sie und Ihre Sonderabteilung zu begehen im Begriffe sind. Sie reichen von der Fälschung offizieller Dokumente –, und diesen Packen hier nehme ich als Beweismate- rial dafür mit – bis zur absichtlichen Vernichtung von Fremdvölkern. Das alles kommt auf Ihr Konto, Bellman. Guten Tag.«, SIEBTES KAPITEL Die Aufgabe, den Telegraphen zu entwickeln, fiel natürlich Pindar Smith zu. Er brauchte dazu fünf Wochen. »Wenn ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, als diesen mutterverdammten Telegraphen zu er- finden, gäbe es überhaupt keine nennenswerten Probleme«, sagte er. »Jeder Schuljunge auf Terra könnte das. Sorge gemacht hat mir nur die Tatsa- che, daß ich den lyffanischen Telegraphen erfinden mußte, also eine Art von Telegraphen, dessen Er- findung man auch einem eingeborenen Lyffaner zutrauen könnte. Das mutterverdammte Ding muß- te eine logische Entwicklung aus dem zeitgenössi- schen Wissen heraus sein. Aber es gibt keine logi- schen Entwicklungen, die aus dem mutterver- dammten zeitgenössischen Wissen dieser Leute möglich wären.« Natürlich übertrieb Smith wieder einmal. Seine Schwierigkeiten lagen darin, daß es noch keine technischen Hilfsmittel gab. Sie existierten ledig- lich in unerwarteten Formen. Zum Beispiel: »Ich höre auf«, hatte er eines Tages zu John ge- sagt. John zeigte sich mitleidig interessiert. »Worum geht es, alter Junge?« »Kupferdraht, ganz einfach. Kein Einwohner in, Lyffdarg weiß, wie man Kupferdraht herstellt. Und ich weiß nicht, wie ich einen Telegraphen ohne Kupferdraht bauen soll. Ehe ich den Telegraphen konstruieren kann, muß ich zunächst einmal Kup- ferdraht erfinden. Ehe ich aber an diese Erfindung herangehen kann, muß ich irgendeine Möglichkeit ersinnen, Kupferdraht für nichtelektrische Zwecke zu gebrauchen. Das kann Jahre dauern.« »Wir haben aber keine Jahre zu verschwenden, Pin. Bist du sicher, daß hier niemand Draht herstel- len kann?« »Ganz bestimmt. Ich habe bei der Gilde der Me- tallarbeiter nachgefragt, bei der Gilde der Rohrma- cher und sogar bei der mutterverdammten Gilde der Juweliere. Sie alle wissen, was Kupfer ist. Aber niemand hat jemals etwas von Kupferdraht gehört. Ich bin am Ende.« »Ich bitte um Entschuldigung«, hatte Hurd ein- gegriffen. »Was ist dieser Kupferdraht, den ihr sucht?« John Harlen und Pindar Smith gelang es in ge- meinsamen Bemühungen, ihm zu erklären, was Kupferdraht ist. »Wenn ihr Metallfäden aus Kupfer meint«, hatte Hurd darauf erklärt, »dann müßt ihr die Gilde der Brokatmacher fragen. Entweder haben sie bereits Kupferdraht, oder sie können euch wenigstens sa- gen, wo man so etwas bezieht.«, »Brokatmacher?« fragten Harlen und Smith wie aus einem Munde. »Natürlich. Sie benutzen Fäden aus Gold und Silber für ihre kunstvollen Arbeiten. Nicht wahr? Wer Fäden aus Silber herstellt, müßte meiner An- sicht nach auch Fäden aus Kupfer machen können.« Danach vereinfachte sich Smiths Aufgabe sehr. Er stellte eine Liste der benötigten Dinge auf und gab sie Hurd, der alles zusammensuchte. Dabei gab es eine Reihe von Überraschungen. Zum Beispiel die Feststellung, daß man Magneten nur bei der Gilde der Zauberer und Beschwörer erhalten konn- te. Aber es gab wenigstens keine weiteren Verzö- gerungen mehr. * »He, Tchornyo, laß uns ein Wettrennen veranstal- ten.« »Schon wieder? Bei der Nase unserer Mutter, Gardnyen, ich habe diese ewigen Rennen satt. Wir tun schon nichts anderes mehr.« Es war ein klarer, windiger Tag. Im Palast seines Vaters war Tchornyo nach fünf Wochen der Un- gnade wieder als Sohn aufgenommen worden. Seit dem mörderischen Anschlag in der dunklen Gasse hatte er sich nicht mehr so gut gefühlt. Muffers Auge strahlte hell über ihm. Sein Haar und Bart, wehten zufriedenstellend im Wind. Ein Wettrennen würde diesen schönen Tag nur verderben. »Ha! Du machst dir nichts aus Rennen, weil du immer verlierst.« Das stimmte zwar, aber Tchornyo fühlte sich trotzdem zu der Bemerkung herausgefordert: »Was soll das Gerede? Mein Boustrophedon schlägt dei- nen alten Galimatias noch jederzeit.« Nach dieser Prahlerei konnte er sich der Heraus- forderung eines Wettrennens nicht mehr entziehen. »Ho, ho!« schrie Gardnyen. »Das sollst du be- weisen. Los, antreten!« Unter dem Spott der übrigen jungen Edelleute, die sich auf der Rakanweide dicht vor den Stadtto- ren vergnügten, brachten Tchornyo und Gardnyen ihre Vollbluttiere an die Startlinie. Wie immer be- griffen die Tiere keineswegs, was von ihnen ver- langt und erwartet wurde. Tchornyos Boustrophe- don war besonders nervös. Er ließ sich nur mit scharfen Sporen und lauten Zurufen lenken. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich. Tchornyo fühlte sich gekränkt. Noch vor dem Start war ihm durch dieses Rennen der Tag verdorben. »Was gilt die Wette?« fragte Gardnyen lächelnd. Die Ehre verlangte es, daß Tchornyo sein nicht vorhandenes Selbstvertrauen durch einen hohen Wetteinsatz ausglich. Die zunehmende Nervosität seines Rakans trieb ihn zur Eile., »Ich setze fünfundzwanzig Cees auf Boustro- phedon«, stieß er hervor. Es war ein mutterver- dammter Tag. »Nur fünfundzwanzig? Was ist das hier, ein Kinderspiel? Ich setze fünfzig auf Galimatias. Willst du erhöhen?« »Oh … nein. Die Wette soll gelten.« Daß niemand in der Menge bereit war, auf Bou- strophedon zu setzen, verbesserte Tchornyos Lau- ne keineswegs. Irgendwer sang in althergebrachter Weise das Startsignal: »Im Namen der Mutter, im Namen des Vaters, im Namen des Königs und – los!« Bei dem letzten laut gerufenen Wort schoß Gardnyens Rakan los. Mit Höchstgeschwindigkeit rannte er die ovale Bahn entlang. Gardnyen brauchte nichts weiter zu tun, als sich festzuhalten. Auf Tchornyos Boustrophedon hatte der Startruf eine ganz andere Wirkung. Das scheue Tier erstarr- te buchstäblich zur Bildsäule. Tchornyo konnte sa- gen oder tun, was er wollte, der Rakan rührte sich nicht vom Fleck. Während Gardnyen auf Galimati- as die Rennstrecke mühelos hinter sich brachte, brachen die anderen Edelleute in Beifallsrufe aus. Tchornyo bekam einen roten Kopf, so sehr bemüh- te er sich, seinen Rakan zum Laufen zu bewegen. Das Gefühl einer tiefen Erniedrigung verstärkte, sich. Der so schön begonnene Tag wurde zu einem Alptraum. Auf dem Rückweg zu den Ställen verhielt sich Tchornyo bemerkenswert ruhig. Bei dem ständigen Kampf um die Führungsrolle im Freundeskreis hat- te er deutliche Rückschläge erlitten. Tchornyo kam es so vor, als sei er auf den verachteten Platz des Letzten geraten. Nun überlegte er krampfhaft, wie sich seine Position von neuem stärken und verbes- sern ließe. »Sei doch nicht so mürrisch«, wandte sich einer seiner Freunde beim Frühstück an ihn. »Es war doch nur ein Rakanrennen.« »Darum geht es nicht«, entgegnete Tchornyo, was durchaus stimmte. In den letzten Wochen hatte er einen Schlag nach dem anderen hinnehmen müssen. »Es handelt sich um die Verschwörung.« Was für eine plötzliche und glückliche Einge- bung! »Eine Verschwörung?« Sein Freund spitzte auf einmal die Ohren. »Ich habe gewisse Informationen« – Tchornyo tat geheimnisvoll und wählte seine Worte sorgfäl- tig – »daß sich mitten in Lyffdarg eine Verschwö- rung gegen den Adel bildet.« Auf einmal hatte er mehrere interessierte Zuhö- rer. »Du meinst einen neuen Bauernaufstand wie vor, dreihundert Jahren?« fragte einer der jungen Män- ner. Ein anderer schwang den abgenagten Knochen eines Kabnonbeines wie ein Schwert. »Wir werden sie in Grund und Boden schlagen«, rief er. »Dies- mal lassen wir keinen davonkommen. Sonst kommt wieder der Zorn unserer Mutter über uns.« Tchornyo beeilte sich, seine neu gewonnene Po- sition zu festigen. »Nicht die Bauern«, tat er noch immer geheimnisvoll. »Meinen Informationen nach sind weitaus mächtigere Kräfte am Werk.« Allmählich überkam ihn das Gefühl imponie- render Wichtigkeit. Das, Mutter sei Dank, war ein Spiel, auf das er sich verstand. »Mehr kann ich im Augenblick nicht sagen«, beendete er seine Andeutungen. Gardnyen schnaufte. »Er redet von den beiden mutterverdammten Gemeinen, die im vergangenen Monat Garlyn und Drebnyo umbrachten, während er wie ein Angsthase davonlief.« Tchornyo warf seinem Freund einen bösen Sei- tenblick zu, ging aber auf die Beleidigung nicht weiter ein. Er richtete sich auf und starrte seine Freunde eindringlich an. »Das war nur der Anfang.« »Du meinst, es kommt noch mehr?« fragte ein anderer aus der Gruppe. »Noch mehr und noch schlimmer«, gab Tchor-, nyo dunkel zurück. »Erinnert ihr euch, wie ich an- schließend die Mörder gesucht habe, ohne sie fin- den zu können?« Alle nickten. »Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, sechs Wochen lang zweimal täglich alle Besucher des Tempels zu inspizieren.« Abermals nickten alle. Tchornyo nahm seinen Vorteil wahr. »Nun, denkt einmal eine Minute darüber nach. Alle Bür- ger von Lyffdarg haben an den Bußgebeten im Tempel teilgenommen. Die Listen beweisen es. Trotzdem konnten wir die Mörder nicht entdecken. Noch etwas kommt hinzu. Während der Gebetsver- sammlung hat eine Embrace von Mutters Gardi- sten die Stadt durchsucht, um sicherzustellen, daß sich nirgends ein Bürger versteckt hielt. Auch auf diese Weise wurden die Täter nicht entdeckt. Trotzdem haben sie sich während der ganzen Zeit in der Stadt aufgehalten.« Man vernahm erstaunte Ausrufe. Sogar Gardny- en war beeindruckt. »Woher willst du das wissen?« »Nun, zum Teil, weil die Stadttore geschlossen waren. Niemand, ob Mörder oder nicht, konnte hinaus. Zur Hauptsache aber«, und Tchornyo machte hier eine Pause, bevor er seinen letzten Trumpf ausspielte, »zur Hauptsache aber deshalb, weil ich die Täter seither in der Stadt gesehen ha- be.«, Auf einmal redeten alle durcheinander. »Wann? Wo? Was haben sie gemacht? Warum hast du sie nicht festnehmen lassen?« Die Fragen schwirrten auf ihn ein, während sich Tchornyo die Antwort zurechtlegte, die den dama- ligen Ereignissen Rechnung trug, ohne seinem neu gewonnenen Ansehen zu schaden. »Ich habe die beiden Mörder vor fünf Wochen in der Rakanstraße gesehen, ganz in der Nähe des Marktes. Ich weiß nicht, was sie dort trieben. In dem Augenblick, als sie mich erblickten, rannten sie davon. Ich habe versucht, sie einzuholen. Aber ihre Organisation hielt mich auf.« »Was soll das heißen, ihre Organisation?« warf Gardnyen ein. Sein Tonfall hatte allen Sarkasmus verloren. »Genau das«, entgegnete Tchornyo beiläufig. »Während ich die Mörder jagte, versuchte jemand, mich daran zu hindern, indem er mich mit Küchen- geschirr bewarf. Ein Stück weiter wollte man mich dadurch aufhalten, daß mir Feldmelonen in den Weg geworfen wurden. Schließlich wurde ich von der Verfolgung abgebracht, weil jemand eine Herde wildgewordener Rakans auf mich hetzte. Und wenn euch das noch nicht Organisation genug ist, dann hört auch noch den Schluß. Als die Rakanherde über mich hinweggestampft war, wurde ich von ei- nem Gardisten unserer Mutter festgenommen! Das,, meine Freunde, nenne ich Organisation.« Niemand wußte darauf eine Antwort. Die jungen Männer saßen still da und starrten vor sich hin. So- gar Tchornyo. Er hatte, ohne es eigentlich zu mer- ken, sich selbst mit überzeugt. Schließlich stellte einer der jungen Adeligen die Frage, die allen auf der Zunge lag. »Was sollen wir jetzt tun?« Im stillen hocherfreut über diesen Wechsel vom gedemütigten Verlierer zum anerkannten Führer, sagte Tchornyo: »Mein Plan sieht so aus …« * »Mein Plan sieht so aus«, sagte auch Smith etwa um die gleiche Zeit an einem anderen Ort. »Nach- dem wir den mutterverdammten Telegraphen end- lich erfunden haben, sollten wir zu allererst Drähte von Lyffdarg nach einer anderen Stadt ziehen. Dann …« »Halt!« »Was gibt es, Hurd?« »Du kannst ohne Erlaubnis des Tempels keine Drähte ziehen.« »Jawohl«, mischte sich Ansgar Sorenstein ein, »du kannst auf diesem mutterverdammten Planeten überhaupt nichts machen, ohne vorher den Tempel zu fragen.«, »Das stimmt nicht ganz«, meinte Hurd nachsich- tig. »Erlaubnis braucht man nur für Dinge, die bis- her noch niemals getan oder gemacht worden sind.« »Hurd, alter Knabe, nach unseren Plänen werden wir hier kaum etwas tun, was schon jemals vor uns getan worden wäre«, erklärte John. »Wie verschaf- fen wir uns also das Einverständnis des Tempels?« Es stellte sich heraus, daß jede Neuerung drei Bedingungen erfüllen mußte, ehe sie vom Tempel zugelassen wurde. Sie durfte keine Ketzerei dar- stellen, mußte im weitesten Sinne des Wortes nütz- lich sein und darüber hinaus einem öffentlichen Verlangen entsprechen. John dachte die ganze Nacht lang über dieses Problem nach. Am nächsten Morgen glaubte er die Lösung gefunden zu haben. »Wir werden zunächst im kleinsten Kreis hier in der Werkstatt unseren Telegraphen vorführen. Da- zu laden wir ein paar Kaufleute ein, einige Adeli- ge, zwei oder drei hohe Offiziere der Armee, den Kommandanten von Mutters Garde und so viele Priester, wie kommen wollen. Sobald diese Leute den Telegraphen in Betrieb sehen, werden sie die sich bietenden Möglichkeiten erkennen. Auf diese Weise werden wir seine Nützlichkeit beweisen und den Wunsch nach seiner Einführung fördern. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.«, »Das ist fein«, kommentierte Ansgar Sorenstein. »Jetzt brauchen wir nur noch zu beweisen, daß un- ser kleines Hexenkunststück den orthodoxen Vor- stellungen entspricht und keine Ketzerei darstellt. Wie machen wir das, großer Meister?« »Oh, das ist ganz einfach«, wußte Hurd Rat. »Ihr braucht euch nur einen Tempel-Advokaten zu nehmen. Wenn der Telegraph überhaupt funktio- niert, wird jeder gute Advokat beweisen, daß die neue Erfindung bereits im Buch von Garth Gar- Muyen Garth geweissagt worden ist. Nach dieser Definition kann es einfach keine Einwendungen mehr geben.« * »Mein Herr Vater, Sire!« Obwohl er seit nunmehr zwei Wochen wieder in Gnaden aufgenommen worden war, zeigte sich Tchornyo immer noch von vorsichtiger Höflichkeit. »Bitte, Sohn, ich bemühe mich zu lesen.« Bei der selbst unter Edelleuten nicht gerade gro- ßen Lesegewandtheit der Lyffaner hatte der ältere Hiirlte wirklich einige Schwierigkeiten mit der handgeschriebenen Einladung. »Aber, Vater …« »Störe mich nicht, Tchornyo! Der Brief scheint ziemlich wichtig zu sein. Dieser Gar-Terrayen be-, hauptet, er könne leise über große Entfernungen sprechen. Du weißt, daß ein solcher Trick uns hier und dort von großem Nutzen sein könnte.« Die rechtzeitige Erkenntnis, das gewisse Tricks hier und dort von großem Nutzen waren, galt unter anderem als ein Grund dafür, daß der ältere Hiirlte Herzog geworden war. »Aber ich muß dir etwas über die Verschwörung berichten!« jammerte der Sohn zaghaft. »Tchornyo, scher dich raus! Deine mutterver- dammten Verschwörungen interessieren mich nicht. Wann wirst du endlich aufhören, mich mit solchem Unsinn zu belästigen?« Völlig niedergeschlagen schlich Tchornyo davon. Großherzog Hiirlte läutete nach seinem Finanz- berater. Dieser Gar-Terrayen und seine Leute hat- ten offensichtlich etwas an der Hand, an dem sich auch Hiirlte seinen Anteil zu sichern gedachte. * »Smith! Dieses verfluch – ich meine, mutterver- dammte Ding arbeitet nicht!« John Harlen beugte sich über den Telegraphen. »Was meinst du damit, es geht nicht?« Pindar Smith kam vom Tisch herüber und starrte in den hölzernen Kasten mit den vielen Kupfer- drahtspulen., »Das heißt, ich drücke diesen mutterverdamm- ten Schalter herunter, und es ist nichts zu hören. Nicht das leiseste Klicken. Deshalb meine ich, das Ding funktioniert nicht.« »Großartig!« Pindar drückte wütend gegen eine der Spulen. »Die Vorführung soll in einer halben Stunde beginnen. Unsere hochwohlgeborenen Gä- ste können jeden Augenblick eintreffen. Großartig! Und du mußtest mit deinen plumpen Fingern hin- einlangen und … aber ich hab’s schon!« Smith deutete auf eine Verbindungsstelle. »Versuch es jetzt noch einmal!« Harlen drückte auf die Taste. Der Apparat rea- gierte mit einem Klingeln. »Was ist das?« fragte Harlen. »Ich mußte einen Resonator aus Keramik ein- bauen«, erklärte Smith. »Los, ich will die Verbin- dung festlöten.« Seit Generationen war es unter den Lyffanern üblich, daß hohe Gäste mit mindestens einer hal- ben Stunde Verspätung einzutreffen pflegten. Nie- mand hatte daran gedacht, daß davon die Terraner natürlich nichts wußten. Als der erste Adelige in seiner vierspännigen Rakankutsche vorfuhr, waren die Nerven der Männer in der Werkstatt daher so dünn geworden, wie die beim Bau des Telegraphen verwendeten Kupferdrähte. Natürlich hatte auch niemand daran gedacht, den, Terranern zu sagen, daß alle Gäste mit ihren Ra- kans kommen würden. Ansgar Sorenstein wurde bei der Vorführung am wenigsten gebraucht. Also war es nur logisch, daß man ihm die Rakans zur Bewachung anvertraute. Als er schließlich fünf- undvierzig schnatternde Tiere unter seiner Aufsicht hatte, war er mit seinen Nerven genauso am Ende wie die anderen Männer der Sonderabteilung. Hof- fentlich, dachte Ansgar, wurde nicht allen Einla- dungen Folge geleistet. Die Besitzer der fünfund- vierzig überscheuen Rakans waren längst nicht alle Gäste, die auf der Einladungsliste gestanden hat- ten. Wenn die Straße draußen vor der Werkstatt auch wie ein Viehmarkt aussah, so wirkte die Werkstatt selbst wie der Ausstellungsstand einer Industrie- messe. An der einen Wand standen die unverklei- deten und auseinandergebauten Teile einer kom- pletten Telegraphenstation. Die zweite Wand war mit graphischen Darstellungen über die Wir- kungsweise des neuen Apparates bedeckt. Die Zeichnungen hatte Ansgar Sorenstein angefertigt. Im Hintergrund stand Hurd auf einem kleinen Po- dium. In blumenreichen, wohlgesetzten Worten er- klärte er den Nutzen und die großen Möglichkeiten der neuen Erfindung. Pindar Smith stand an der Vordertür und schickte Nachrichten durch die Drähte zu John Harlen an der Hintertür., Die erste Mitteilung lautete: »Unsere Mutter hat etwas ganz Besonderes vollbracht.« Dieser Satz stiftete unter den Gästen einige Verwirrung. »Und wie soll man sich vorstellen, daß diese Botschaft durch jene mutterverdammten kleinen Metallfäden geht?« wollte ein Armeeoffizier wis- sen. »Der Geist unserer Mutter, hochverehrter Herr Offizier, lebt in jenen Batterien dort drüben. Wenn eine Botschaft ausgeschickt werden soll, dann eilt unsere Mutter zu Hilfe und jagt sie durch die Dräh- te«, erklärte Hurd geheimnisvoll und höflich. »Was besagt dieser Blinker hier?« wollte der Of- fizier von John wissen. »Daß Elektrizität in den Batterien ist«, entgegne- te John kurz. Er hatte Mühe damit, Smiths schlecht durchgegebene Meldung zu entziffern. Auch fehlte ihm die Geduld zur Beantwortung technischer Fra- gen. Aber er mußte sich auf diese Leute einstellen. Lauter und mutiger werdend, erklärte John, wie er sich die Sache dachte. »Sehen Sie her, meine Herren, diese mutterver- dammten Blinker werden von unserer Mutter höchstpersönlich bedient. Ihr Geist befindet sich dort drüben in jenen irdenen Kästen.« »Ist das nicht Blasphemie, Vater?« wandte sich ein Zuschauer an einen der Priester., »Nein, mein Sohn«, entgegnete der Priester ernst. »Mir erscheint die Sache durchaus klug und vernünftig.« Alles in allem verlief die Vorführung zufrieden- stellend. Jedermann begriff die Nützlichkeit und den Wert des Telegraphen. Nur ein Offizier ver- brannte sich an der Batteriesäure. Aber es war nicht weiter schlimm. Auch die Priester schienen in dem Apparat nichts Ketzerisches zu erblicken. Zunächst enthielten sie sich zwar noch jeder Stel- lungnahme. Aber das war verständlich. Offenbar wollten und sollten sie der bevorstehenden Prüfung im Tempel nicht vorgreifen. * Tchornyo saß nervös im Hinterzimmer der Wirt- schaft. Noch nie zuvor hatte er so eine geheimnis- volle Verabredung getroffen. Er war sicher, daß al- le anderen Gäste ihn beobachteten. So kam es ihm jedenfalls vor. Schlag drei Uhr, genau zur verabredeten Zeit, trat ein kleiner, untersetzter, schlicht, aber ge- schmackvoll gekleideter Mann ein und ging direkt auf Tchornyos Tisch zu. »Sie sind Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte?« fragte der Unbekannte. Tchornyo erhob sich. »Jawohl, Sire. Wenn Sie, bei mir Platz nehmen wollen?« Der Mann ließ sich in den Sessel an der gegenü- berliegenden Seite des Tisches sinken. Tchornyo schaute sich noch einmal nervös um und setzte sich gleichfalls hin. »Ich bin gekommen«, erklärte der Fremde, »um die Interessen einer hochgestellten Persönlichkeit wahrzunehmen, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte. Unser hoher Gönner ist jedoch wil- lens, Ihre Organisation finanziell zu unterstützen, und zwar in Anerkennung der wichtigen Aufgabe, die Sie sich selbst gestellt haben. Ist das klar?« »Jawohl, Sire«, gab Tchornyo zurück, der vor allem die Worte finanzielle Unterstützung sehr ge- nau verstanden hatte. »Gut. Der Ablauf ist wie folgt gedacht: Sie be- kommen von uns jeden Monat eine bestimmte Summe. Die Höhe der Zahlung richtet sich nach der Anzahl der Mitglieder Ihrer Organisation. Sie liefern uns dafür die Mitgliederlisten nach dem je- weiligen neuesten Stand und einen Bericht über al- les, was Sie unternommen haben.« * »… und er fiel darauf herein?« »Wie ein Kabnon ins Kornfeld«, berichtete der geheimnisvolle Mann seinem Auftraggeber. »Je-, desmal, wenn das Wort ›Geld‹ fiel, leuchtete es in seinen Augen auf. Sonst hörte er nichts. Nachdem ich es mehrfach wiederholt hatte, bekam ich end- lich in seinen dicken Schädel hinein, daß er desto mehr Geld bekommt, je mehr Mitglieder er wirbt. Bestimmt hat er bis zum Ende des nächsten Mo- nats jeden jungen Edelmann von Lyffdarg in sein Anti-Verschwörer-Komitee berufen. Er wird ge- naue Berichte und Listen aufsetzen und uns zusen- den.« »Gut.« Der hohe lyffanische Adlige rieb sich die Hände. »Er will eine Verschwörung haben? War- ten wir ab – er soll sie bekommen!« * Die Prüfung im Tempel erschien den Terranern wie ein Vortrag in der Sonntagsschule und nicht wie eine ernsthafte, gründliche Untersuchung. Der Rechtsanwalt, den Hurd beschafft hatte, stand auf und verlas eine Reihe von Abschnitten aus dem Buch von Garth Gar-Muyen Garth. Danach erhob sich Dr. Jellfte als der vornehmste seiner Gruppe und las vor, was Hurd über den Telegraphen ge- schrieben hate. Es klang wie der liturgische Text eines Gesangbuches. Endlich erklärte der Hohe- priester und Vater aller Väter, ein Lyffaner edelster Abstammung: »Die Neuerung widerspricht nicht, den Heiligen Büchern. Deshalb erteilen wir unsere vorläufige Zustimmung, bis sich erweist, ob der neue Apparat schädlich oder unschädlich ist.« Danach wurden Gebete gesprochen, und die ent- scheidende Sitzung war beendet., ACHTES KAPITEL Für alle Beteiligten war das erste Jahr das härteste. So mußten sich die Terraner etwa mit den Schwierigkeiten des lyffanischen Finanzsystems herumplagen. Nachdem der Tempel zugestimmt hatte, mußte zur Auswertung der neuen Erfindung eine Firma gegründet werden. Das schien ganz ein- fach. Aber es gab dabei Formalitäten von unglaub- licher Kompliziertheit zu erledigen. Zunächst erwies es sich als notwendig, einen der Terraner in den Adelsstand erheben zu lassen. Da- für kam nur Pindar Smith in Frage. Nur dann konn- te die Gruppe um Gar-Terrayen mit anderen Adeli- gen auf gleicher Ebene verhandeln. Dr. Jellftes Ti- tel beruhte nur auf einer Ernennung. Er war nicht durch Akklamation gewählt worden, und er stand demnach nicht hoch genug im Rang. Obendrein war dieser Titel nicht erblich, nutzte also wenig gegenüber den stark familiengebundenen und tradi- tionsreichen Adelsgeschlechtern und vor dem lyf- fanischen Gesetz. Also mußte man Pindar Smith zum Baron erheben. Wer immer sich für die neue Erfindung des Te- legraphen interessierte, wohnte Smiths Erhebung in den Adelsstand bei. Das war ungefähr die Hälfte der Einwohnerschaft von Lyffdarg. Natürlich fehl- ten die jüngsten Adeligen vollkommen. Sie gingen, ihren eigenen Interessen nach. Aber alle älteren Edelleute waren versammelt. Ihnen gesellten sich die Vertreter der Kirche und der Armee zu. Die Feier fand in der großen Halle von König Osgard Gar-Osgardyen Osgards Palast statt. Hoch unter der Saaldecke wehten von den schweren Balken die von Rauch geschwärzten Banner der großen Familien von Lyff. Ein Banner hob sich besonders hervor, hauptsächlich, weil es noch neu aussah und deshalb helle Farben aufwies. Es trug als Emblem den Ärztestab mit der Schlange. Bis zu diesem Nachmittag hatte dieses Zeichen unter den Bannern der Edelleute den Clan Gar-Terrayen repräsentiert. Später sollte es im Ver- laufe der Zeremonien entfernt und durch ein nagel- neues Banner ersetzt werden, dessen Emblem ein stilisierter silberner Blitz war. Die Feierlichkeit wurde durch ein anderthalb- stündiges Konzert archaischer dodekaphonischer Musik eingeleitet. Es stammte aus der Zeit, die man oft als das Goldene Zeitalter von Lyff be- zeichnete. Während des Konzertes begannen Smith die Nerven durchzugehen. »Ich sage Ihnen, Doktor, das halte ich nicht durch«, protestierte er flüsternd. Dr. Jellfte hatte das alles schon über sich erge- hen lassen müssen und kannte sich aus. »Das ist nur diese Katzenmusik, mein Junge«,, gab der alte Mann mit stoischer Geduld und Ruhe zurück. »Ich erinnere mich noch genau, wie ich mich seinerzeit darüber aufgeregt habe. Diese ural- ten Klänge gehen einem an die Nerven, wenn man nicht daran gewöhnt ist.« »Nein, Doc, es ist nicht nur die Musik. Mir ge- fällt die ganze Sache nicht. Ein Adeliger soll ich werden. Dabei habe ich niemals an solche Stan- desunterschiede und alles, was damit zusammen- hängt, geglaubt. Sie wissen das genau, und … ich fürchte, ich werde …« »Liebe Mutter, Mann, reißen Sie sich doch zu- sammen! Wollen Sie jetzt etwa schlappmachen?« »Nein, Doc. Ich fürchte nur, ich werde meine sorgfältig einstudierte Rede nicht mehr können.« »Ist das Ihr ganzer Kummer? Nehmen Sie mein Wort dafür, daß Sie sich wegen des Textes keine Gedanken zu machen brauchen. Jeder vergißt, was er in diesem Augenblick zu sagen hat. Inzwischen ist daraus fast eine Tradition geworden. Machen Sie sich nur deshalb keine Sorgen. König Osgard ist ein fortschrittlich gesonnener, gutmütiger Mann. Wirklich! Ihm macht es nichts aus, wenn ein frischgebackener Edelmann seinen Text nicht kennt. Im Gegenteil, er hilft noch dabei aus. Ich habe meinen Text damals auch nicht gewußt. Der König hat mir jede Antwort zugeflüstert wie ein erstklassiger Souffleur.«, Merkwürdig – nachdem Smith diese beruhigen- den Worte des Arztes gehört hatte, fiel ihm seine Rede Wort für Wort schlagartig wieder ein. Die ganze dreistündige Zeremonie ging ohne jede Stö- rung vorüber, was König Osgard offensichtlich überraschte. Der Empfang nach der Erhebung in den Adels- stand erwies sich als weitaus schwieriger. Keiner hatte daran gedacht, Smith über das Duell aufzu- klären, das er mit dem ältesten Edelmann von höchstem Rang auszufechten hatte, ehe die neue Firma unter seiner nominellen Leitung gegründet werden durfte. »Verdammt«, fluchte Smith und verfiel unwill- kürlich wieder in seine terranische Ausdruckswei- se, »daß mir so etwas nicht gesagt wird! Wenn ich vorher gewußt hätte, daß ich ein Duell austragen muß, hätte ich mich auf den ganzen Zauber nicht eingelassen. Ich kann doch nicht hingehen und ir- gendeinen Adeligen totschlagen, während alle an- deren zuschauen. So etwas ist doch unzivilisiert.« »Aber es wird doch gar nicht erwartet, daß Sie ihn umbringen«, beruhigte ihn Hurd. »Das Ganze ist doch ein Ritual, man tut nur so. Genaugenom- men ist es sogar umgekehrt, denn Sie sollen eigent- lich von ihm getötet werden.« »Ich? Das kommt noch viel weniger in Frage. Ich lasse mich nicht umbringen.«, »Doch nicht richtig umbringen, Sie mutterloser Sohn eines blinden Rakans. Ich sagte doch, man tut nur so. Das Duell wird mit stumpfen, völlig unge- fährlichen Schwertern ausgetragen. Man kann sei- nen Kontrahenten damit nicht einmal verwunden. Ihr Gegner vertritt die Aktionäre. Verstanden? Es ist eben alles nur symbolisch gemeint.« So war es auch. Der älteste Edelmann, der drei- undachtzigjährige Herzog Terdryo Gar-Gardnyen Tsolistran, trat als Gegner an. Er wurde gestützt und vorsichtig geführt von zwei anderen Adeligen, die kaum jünger waren als er selbst. Einen Helfer an jeder Seite, näherte er sich Smith mit langsa- men, schlurfenden Schritten. Dann schwenkte er ein dick mit Stoffen umwickeltes Schwert einmal über dem Kopf des frischgebackenen Edelmannes und ließ es schließlich mit der Wucht eines tolpat- schigen Schmetterlings auf Smiths Schulter nieder- sausen. Smith, der diesmal von Hurd gut vorberei- tet worden war, fiel zu Boden und rief: »Ich ergebe mich, Sire, ich unterwerfe mich!« Danach murmelte der alte Herzog Terdryo un- verständliche Worte vor sich hin. Einiges bezog sich auf die Pflichten der Firma gegenüber ihren Aktionären. Smith gab seine Zustimmung zu er- kennen. Und damit war die erste Telegraphenge- sellschaft auf Lyff gegründet. Die Firma durfte ihre Tätigkeit aufnehmen. Wieder waren sie ihrem gro-, ßen Ziel einen kleinen Schritt nähergekommen. * »Zunächst brauchen wir ein Erkennungszeichen, ein Symbol«, verkündete Gardnyen. »Ein Symbol? Was für ein Symbol sollte das sein?« fragte Tchornyo. Sie saßen im Büro des neuen Gebäudes, das ihnen als Hauptquartier dien- te. Die Miete war aus der ersten Zuwendung ihres geheimnisvollen Gönners bezahlt worden. »Wir müßten ein Abzeichen tragen.« »Aber wir wollen doch ein Geheimbund sein.« »Oh, ich meinte nicht, daß man dieses Abzei- chen in der Öffentlichkeit, auf der Straße oder sonstwie sichtbar tragen dürfte. Wir sollten es nur anlegen, wenn wir unsere Zusammenkünfte abhal- ten, wenn wir Übungen veranstalten oder andere Dinge unternehmen, die unmittelbar mit unserem Bund in Zusammenhang stehen.« »Aber, an der Tür werden doch alle Mitglieder schon überprüft, ehe sie überhaupt hereindürfen – sie brauchen also gar kein Abzeichen, um sich zu identifizieren.« »Oh, Tchornyo, du begreifst immer noch nicht, was ich meine – lassen wir es!« Schweigen breitete sich aus. Tchornyo ging ins Nebenzimmer, um die neuen Mitglieder zu begrü-, ßen, die dort gerade vereidigt wurden. Sie standen alle in einer Reihe und hatten die rechte Hand in Brusthöhe über die linke gelegt. Auch das hatte ei- ne uralte symbolische Bedeutung. »Wir schwören«, sprachen sie feierlich im Chor dem Vorredner nach, »dem Anti-Verschwörer- Komitee die Treue zu halten und bedingungslos al- le Befehle unserer Anführer auszuführen, welcher Art sie auch immer sein mögen. Wir wollen auf der Suche nach Verschwörern wachsam sein, wo im- mer sie sich finden lassen. Das schwören wir im geheiligten Namen unserer Großen Mutter«. Tchornyo ging zu dem Mitglied hinüber, das den Neuen den Eid abgenommen hatte. »Wie viele haben wir jetzt?« fragte er. »Mit diesen hier sind es jetzt zweihundertsie- benundsechzig.« Tchornyo lächelte. »Ein guter Fortschritt. Wirklich erfreulich.« Er kehrte ins Büro zurück. »Weißt du«, wandte er sich an Gardnyen, »so ein Eid klingt doch immer wieder feierlich und er- hebend. Ich frage mich nur, warum der kleine Mann darauf bestanden hat, daß er in genau dieser Form abgelegt werden sollte.« Auch Gardnyen hatte dafür keine Erklärung. *, »Verdammt noch mal«, rief Admiral Bellman, »das ist ja noch schlimmer als Raumschach. Beim dreidimensionalen Schach weiß ich wenigstens immer, wie viele Leute ich habe und wo sie sich befinden.« »Tut mir leid, Chef«, entgegnete der junge Si- cherheitsoffizier, der als einziger Zeuge bei Bell- mans Ausbruch zugegen war. »Es tut mir wirklich leid«, wiederholte er, »aber wir haben nirgends ei- ne schwache Stelle gefunden.« »Mann«, brüllte der Admiral aufgebracht, »es muß aber irgendwo eine undichte Stelle geben. Woher sollte Senator Walsh sonst so genaue Infor- mationen über die Sonderabteilung haben?« * Um die gleiche Zeit freute sich Senator Walsh über einen Zettel, der ihm beim Frühstück überreicht worden war. »Sehr aufschlußreich«, kicherte er. »Wirklich, außerordentlich interessant.« Dann rief er mit lau- ter Stimme: »Gordon!« »Jawohl, Sir«, meldete sich dieser. »Gordon«, fuhr der Senator leise fort, »würden Sie für mich bitte etwas in der Encyclopaedia Ga- lactica nachschlagen? Sehen Sie mal nach, was, über einen Planeten namens Lyff in dem Buch steht. L-y-f-f.« Gordon ging hinaus, um sich in die Enzyklopä- die zu vertiefen. Senator Walsh wandte sich wieder mit sichtlichem Appetit seinem Frühstück zu. * »Jawohl«, erklärte Tchornyo stolz, »wir haben jetzt schon mehr als sechshundert Mitglieder.« »Großartig«, entgegnete der gutgekleidete kleine Fremde. »Mein Auftraggeber wird sich sehr über diesen Fortschritt freuen.« »Ich glaube auch, daß die Anwerbung von sechshundert Mitgliedern innerhalb von zwei Mo- naten eine gute Leistung ist«, fügte Gardnyen über- flüssigerweise hinzu. »Das habe ich ja gerade gesagt«, gab der kleine Mann unwirsch zurück. »Hier!« Er überreichte Tchornyo eine Ledermappe, die offenbar mit Geld gefüllt war. »Damit dürften Sie eine Weile aus- kommen. Jetzt möchte ich mir einmal Ihre Räume ansehen.« »Wünschen Sie, daß wir Sie durch das Haus füh- ren?« fragte Tchornyo. Zugleich schüttete er die Tasche auf dem Tisch aus und begann, die schwe- ren Goldmünzen zu zählen. »Nein«, entgegnete der Fremde, »ich möchte die, Räumlichkeiten überprüfen. Dabei finde ich mich am besten allein zurecht. Vielen Dank.« »Aber, Sire, vieles von dem, was hier vor sich geht, ist streng geheim«, wollte Gardnyen einwen- den. Der unbekannte Mann verzog das Gesicht zu ei- nem höhnischen Grinsen. »Das, junger Mann, trifft auf alles zu«, entgeg- nete er und deutete vielsagend auf das Geld auf dem Tisch. Er verließ das Büro und machte sich daran, ein Zimmer nach dem anderen zu untersu- chen. »Das gefällt mir überhaupt nicht«, flüsterte Gardnyen seinem Freund zu. »Warum nicht? Es sieht doch nicht aus wie Falschgeld, oder?« »Nein, du Narr, ich meine nicht das Geld, son- dern ihn.« »Ihn?« »Jawohl, ihn. Wen vertritt er eigentlich? Wo kommt all das viele Geld her? Ich glaube, wir soll- ten uns darum einmal kümmern. Schließlich könn- te er doch … du weißt schon … mit den Ver- schwörern gemeinsame Sache machen.« »Du bist verrückt«, entgegnete Tchornyo. Trotzdem folgten er und Gardnyen dem Frem- den unauffällig, als er das Haus verlassen hatte. Obwohl er nicht zu erkennen gab, daß er die Ver-, folger entdeckt hatte, führte er Tchornyo und Gardnyen auf einem weiten und vielfach gewun- denen Weg durch die schlecht beleuchteten älte- sten Stadtviertel von Lyffdarg. Wären die Straßen nicht völlig unbelebt gewesen, hätten die jungen Edelleute den Verfolgten leicht aus den Augen ver- lieren können. Schließlich hatte Tchornyo keine Lust mehr weiterzugehen. »Wenn wir ein wenig schneller gingen«, sagte er zu Gardnyen, »könnten wir ihm leichter folgen.« »So? Bis jetzt haben wir ihn doch noch nicht aus den Augen verloren.« »Das kommt ganz darauf an. Wo ist er jetzt?« Wirklich – der Fremde war plötzlich ver- schwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Nir- gendwo gab es eine Abzweigung oder Straßen- kreuzung. Keine Ecke, um die der Fremde hätte verschwinden können. Also erschien es nur lo- gisch, daß er eines der niedrigen, schmalbrüstigen Häuser betreten hatte. Die Gebäude standen halb verfallen und windschief an den vielfach gewun- denen Gassen. Keiner der beiden Verfolger hatte eine Ahnung, in welchem der Unbekannte ver- schwunden war. »Mutterverdammte Schweinerei!« fluchte Gard- nyen. »Wo ist er nur plötzlich geblieben?« »Lassen wir es gut sein. Viel mehr interessiert mich, wo wir uns eigentlich befinden?«, »Ich habe keine Ahnung. In dieser Gegend war ich vorher noch nie.« »Pst«, zischte eine Stimme aus der Dunkelheit eines Torweges, »Wollt ihr eine Kleine Schwester?« »Aha«, stellte Gardnyen fest, »damit wissen wir wenigstens, wo wir sind. Wie kommen wir aber wieder nach Hause?« Es dauerte lange, bis sie den Heimweg fanden. Das Stadtviertel der Roten Laternen von Lyffdarg war ungewöhnlich weit ausgedehnt und glich in der Straßenführung einem Irrgarten, aus dem es kaum ein Entkommen zu geben schien. Erst als die Verschwörer zufällig merkten, daß sie ganz in der Nähe des Tempels waren, fanden sie wieder zurück. Trotzdem brauchten sie mehrere Stunden, um nach Hause zu kommen. * Ein Lyffaner von hohem Adel rieb sich mit schlecht verhohlener Freude die Hände. »Die jungen Herren haben also versucht, Ihnen zu folgen, wie? Wirklich lustig.« »Ja«, stimmte der geheimnisvolle kleine Mann zu. »Sie hasteten hinter mir her wie ein paar brün- stige junge Rakans. Es war ein großer Spaß, sie so in die Irre zu führen. Allmählich hatte ich es dann allerdings satt.«, »Ha, ha! – Und wo haben Sie die Burschen zu- rückgelassen?« »In der Straße der Vielen Blumen, drei Häuser- blocks von hier.« »War das nicht ein wenig unbedacht von Ihnen? Die Kleinen Schwestern werden den beiden doch ohne Zweifel auf den richtigen Heimweg helfen.« »Damit rechne ich sogar«, entgegnete der kleine Mann. Dann erstattete er seinem Auftraggeber Be- richt. Es war ein sehr zufriedenstellender Report. * John Harlen marschierte wütend im Telegraphen- büro auf und ab. Sein Zorn entlud sich über dem Haupt des Telegrapheninspektors, der unglücklich vor sich auf den Fußboden starrte. »Beim Auge unserer Mutter, das ist der sieben- undzwanzigste Fall in nur sechs Monaten Betriebs- zeit. Was geht dort draußen eigentlich vor sich?« Der Inspektor seufzte und blickte zur Decke em- por. »Wir wissen nicht mehr, als in unseren Berich- ten steht.« »Und in denen steht nichts Brauchbares. Hier.« Harlen raschelte mit dem Papier vor der Nase des Inspektors. »Der Betrieb auf der Linie von Lyff- darg nach Prymilbos – zufällig unsere einzige Li-, nie – war zeitweilig unterbrochen, weil die Leitung gestört war.« Er schnaubte verächtlich durch die Nase. »Und wenn Sie dort hinkommen, was finden Sie vor? Waren Sie überhaupt dort?« Der Inspektor nickte eifrig. »Sie finden, daß zwei Telegraphenmasten um- gekippt und die Drähte entfernt worden sind«, fuhr Harlen fort. »Das stand bis jetzt in allen Berichten. Nicht wahr?« Der Inspektor blickte zu Boden und nickte wie- der eilfertig. John griff nach seinem viereckigen Hut mit der langen, wippenden Feder. Solche Hüte gehörten in Lyffdarg zur Kleidung eines Edlen. Er stülpte sich den Hut wütend auf den Kopf. »Sie kommen mit, Prudyo, ich will den Fall einmal selbst überprüfen.« Später beschrieb John seinen Partnern, was er vorgefunden hatte. »Banditen, sagen die Leute«, erklärte er wütend. Wie ein Detektiv auf frischer Fährte stelzte er in der geräumigen Werkstatt hin und her. »Banditen, jawohl. Jeweils zwei Pfähle wurden mit Dynamit aus dem Boden gesprengt. Dynamit, stellt euch das vor! Soviel wir wissen, ist Dynamit auf diesem Planeten überhaupt noch nicht erfunden worden. Sie sprengen zwei Pfähle aus dem Boden, entfer- nen die Drähte und verschwinden.«, »Woher haben die Banditen aber das Dynamit?« fragte Sorenstein. »Die Frage müßte eher heißen: Wer stellt das Dynamit her und spielt es ihnen zu?« verbesserte John. »Und«, mischte sich Hurd ein, »warum und wo- für brauchen die Banditen Kupferdraht?« »Ich weiß, woher das Dynamit stammt«, schalte- te sich Pindar Smith ein. Die übrigen drehten sich zu ihm um und warteten auf seine Erklärung. »Ihr müßt wissen«, begann Smith langsam, »wir brauchten doch Dynamit, um Löcher für diese mut- terverdammten Telegraphenpfähle herzustellen. Das Felsgestein draußen in der Wüste ist sehr hart. Deshalb habe ich das Dynamit für diesen Planeten erfunden.« »Wirklich, Pin, eine solche Gedankenlosigkeit können wir uns einfach nicht leisten. Und wie ist dein Dynamit in die Hände der Banditen gekom- men?« »Oh, das – nun, du hast uns doch ausdrücklich gesagt, daß wir so viele selbständige Unternehmer wie möglich beschäftigen sollten …« »Ganz recht. Damit die Leute sich mit den neuen Techniken vertraut machen. Und?« »Also habe ich die Gilde der Pharmazeuten da- mit beauftragt, für uns Dynamit herzustellen.« »Und dir ist nie der Gedanke gekommen, daß, die Gilde das Zeug auch an Dritte verkaufen könn- te?« »Wenn ich ehrlich sein soll – nein. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.« »Schon gut, Pin. Aber vielleicht bist du dir we- nigstens darüber im klaren gewesen, daß man das Dynamit sehr gut als Waffe gegen uns einsetzen könnte?« »Waffe? Oh, jetzt begreife ich, worauf du hin- auswillst. Nein, auch daran habe ich nicht ge- dacht.« »Das wird ja immer besser. Hurd, was wissen Sie über diese Banditen?« »Sie nennen sich selbst die ›Volksarmee‹. Sie stellen eine Art Revolutionspartei dar. Sie sind ge- gen den Adel und gegen die Kirche. Sogar gegen den König – wenigstens ein Teil von ihnen.« »Das habe ich mir beinahe gedacht. Und jetzt haben diese Kerle Dynamit. Das ist genau der An- fang dessen, was zwangsläufig zu einer Revolution führen muß. Die Kerle können uns einen bildhüb- schen Strich durch die Rechnung machen. Ein Aufstand, der nicht von uns kontrolliert wird, könnte all unsere Arbeit über den Haufen werfen.« In eben diesem Augenblick betrat ein Diener der Gilde der Ausrufer die Werkstatt. »Um Vergebung, hohe Herren«, begann er. Dann räusperte er sich und verkündete mit lauter, Stimme: »An die Mitglieder und Beamten der Te- legraphenunion von Lyff. Gruß und Segen zuvor. Der Hohepriester und Vater der Väter – Mutter möge seinen Namen segnen – erwartet von euch eine Begründung dafür, warum die Telegraphen- union von Lyff nicht aufgelöst worden ist und wa- rum die vom Tempel erteilte vorläufige Arbeitser- laubnis nicht zurückgegeben wurde. Der Hoheprie- ster und Vater der Väter, Mutter möge seinen Na- men segnen, erwartet von euch, daß diese Begrün- dung bis spätestens zum Tage der Mutter im ge- genwärtigen Monat vorgelegt werde. Im geheimen Namen der Mutter, so sei es verkündet.« Kaum mit der Litanei fertig, machte der Diener auch schon kehrt, ohne irgendwelche Fragen ab- zuwarten. »Also, was hat das jetzt schon wieder zu bedeu- ten?« tobte John. Keiner wußte eine Antwort. »Sie müssen verstehen, mein lieber Herr«, sagte am nächsten Tag der Hohepriester zu John, »daß wir vom Tempel keine Einwendungen gegen Ihren Telegraphen erheben. In der Tat, die Erfindung hat sich als durchaus nützlich erwiesen. Falls Sie also Ihre Arbeitserlaubnis zurückgeben müssen, wären wir durchaus geneigt, die Arbeit von uns aus wei- terzuführen. Nein, es geht nicht vom Tempel aus, daß Ihnen der Prozeß gemacht werden soll. Die Gilde der Gilden hat dies veranlaßt.«, »Ich verstehe, Hochwürden«, entgegnete John respektvoll. Er hatte zum ersten Male direkt mit dem Tempel zu tun und fühlte sich, zumal in seiner Verkleidung, noch auf recht unsicherem Boden. Höflichkeit und Respekt waren also mehr als ange- bracht. »In erster Linie wird darüber geklagt, daß Sie noch immer keine eigene Gilde gegründet haben oder nicht wenigstens einer der bestehenden Gil- den beigetreten sind. Es ist bemerkt worden – von wem übrigens nicht? –, daß Sie mit Ihrem Telegra- phen viel Geld verdienen. Die anderen Gilden wol- len nun daran teilhaben. Das steckt im Grunde hin- ter den uns vorgetragenen Einwendungen. Diese wiederum beziehen sich vor allem darauf, daß durch die Telegraphenunion andere, bereits seit langem bestehende Gilden brotlos werden. Darüber beklagen sich vor allem die Gilde der Schreiber und die Gilde der Botengänger. Man klagt auch darüber, daß Ihre Schulen dem Tempel das diesem bisher allein vorbehaltene Recht des Unterrichtens streitig machen. Beiden Einwendungen könnten Sie begegnen, indem Sie selbst eine Gilde gründen und sich damit der Gilde der Gilden anschließen. Das jedenfalls empfehle ich Ihnen, allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit.« »Ich weiß Ihren wohlwollenden Rat sehr zu schätzen und werde mich danach richten, Euer, Herrlichkeit«, versprach John. Nach einer Weile höflicher Konversation, einem Glas Wein und dem formellen Segen des Hohenpriesters ging John Har- len nach Hause, um eine eigene Gilde zu gründen. * Osgard Gar-Osgardnyen Osgard, König und Vater von Lyff, war ein durchaus gutmütiger und sogar fortschrittlich eingestellter Mann. Außerdem war er ein hellwacher Politiker und Geschäftsmann. Deshalb beschloß John, sich nach Dr. Jellftes Rat zu richten und dem König einfach alles zu offenba- ren. »Phantastisch«, staunte dieser, als er die ganze Geschichte erfuhr. »Oh, Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen nicht glaube. Verstehen Sie mich nicht falsch. Aber Sie müssen doch wohl selbst zugeben, daß das alles sehr phantastisch klingt.« John nickte. »Aber wenn wir nur zehn – Verzeihung neun, nur noch neun Jahre Zeit haben, um unsere eigene Verteidigung aufzubauen und den geheimnisvollen Invasoren entgegenzutreten, warum schickt uns dann Ihr – hm – Planet nicht eine ausreichende Anzahl von Hilfskräften und bringt die ganze An- gelegenheit rasch hinter sich, anstatt diesen hinter- hältigen Umweg zu wählen?«, Darauf mußte John dem König weiter gestehen, daß die regierende Partei der Konservativen auf Terra die Existenz und Tätigkeit der Sonderabtei- lung überhaupt ablehnte, so daß diese gezwungen war, in den Untergrund zu gehen. Das führte zu ei- ner Erklärung der Grundsätze terranischer Politik. Der König lauschte fasziniert. Die Audienz, die er seinem Gast gewährte, dauerte mehr als eine halbe Stunde. Am Ende der Unterredung erklärte sich der Kö- nig bereit, die Gründung einer Gilde der Telegra- phisten zu unterstützen. »Das ist nicht nur reine Freundlichkeit von mir, müssen Sie wissen«, erklärte er, »noch handle ich so, weil Sie mir Ihre phantastische Geschichte an- vertraut haben. Sicherlich haben Sie schon ge- merkt, daß Ihre Erfindung auch für mich eine sehr lukrative Sache ist. Einmal bezahlt die Telegra- phenunion eine nicht unbeträchtliche Steuer. Und außerdem haben mir meine militärischen Berater gemeldet, daß die neue Erfindung sich für ihre Zwecke als außerordentlich nützlich erwiesen hat.« Der König begleitete den Terraner persönlich zu einer Seitenpforte des Palastes. »Auf diese Weise entkommen Sie ungesehen der wartenden Menge im Empfangssaal«, erklärte Kö- nig Osgard. »Im übrigen, lassen Sie mich wissen, wenn ich sonst noch etwas für Sie tun kann. Ma-, chen Sie sich keine Sorgen. Ich werde Ihrer Bitte entsprechen und mit niemandem über die Angele- genheit reden.«, NEUNTES KAPITEL Das Anti-Verschwörer-Komitee war fast ein Jahr alt und zählte inzwischen mehr als fünftausend Mitglieder. Jede Nacht patrouillierten Mitglieder des Komitees durch die Straßen von Lyffdarg auf der Suche nach etwaigen Verschwörern. Es konnte nicht ausbleiben, daß früher oder spä- ter eine dieser Patrouillen auf Hurd und John sto- ßen mußte. Tchornyos recht phantasievolle Be- schreibung der Mörder verringerte zwar selbst in einem solchen Falle die Gefahr, daß einer von ih- nen erkannt wurde. Als es aber geschah, fügte es ein unglücklicher Zufall, daß ausgerechnet Tchor- nyo persönlich die Gruppe anführte. John und Hurd stießen in der Nähe des königli- chen Palastes auf die Patrouille, unmittelbar nach- dem sie König Osgard für ihre Pläne gewonnen hatten. »Da sind sie!« schrie Tchornyo. Disziplin war nicht gerade die starke Seite der jungen Männer. Es gab einige Verwirrung. Das ge- nügte John und Hurd, wenigstens einen kleinen Vorsprung zu gewinnen. »Wer ist wo?« wollte Gardnyen wissen. »Die Mörder, du Sohn eines Rakans, die Mör- der! Dort laufen sie!« »Wo denn?« fragte ein anderer dazwischen., »Dort drüben, du Trottel! Fangt sie!« John und Hurd eilten um die nächste Ecke und begannen zu laufen. Noch ehe sie zehn Schritte zu- rückgelegt hatten, hörten sie die Streife wie eine Herde wilder Rakans hinter sich. »Hier entlang!« schrie eine Stimme. Sie befanden sich in einer engen, dunklen, ge- wundenen Gasse mit vielen Abzweigungen. Das ganze Stadtviertel, es zählte zu den ältesten über- haupt – war ein einziges Labyrinth. Hurd allerdings kannte sich dank seines erst kürzlich beendeten Vagabundenlebens in dieser Gegend sehr genau aus. Als John und Hurd um die nächste Ecke ver- schwunden waren, hörten sie hinter sich einen scharfen Knall. Irgend etwas flog pfeifend durch die Luft. »Die Kerle haben Gewehre«, flüsterte John be- sorgt. »Gewehre?« »Ja. Wir wollten gerade welche für unsere Tele- graphenpolizei erfinden. Aber irgendwer ist uns zuvorgekommen. Smith und sein verdammtes Dy- namit! Wissen Sie auch wirklich, wohin wir uns wenden müssen?« »Natürlich. Ich habe Freunde in dieser Gegend.« Die Jagd wurde immer wilder und lauter. Über- all in den Häusern gingen die Lichter an., »Dort sind sie!« schrie Tchornyo. Zwei Schüsse dröhnten auf. Die Lichter erloschen ebenso plötz- lich, wie sie angegangen waren. In dieser Gegend hatte es niemand eilig, sich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen. Hurd und John bogen um die nächste Ecke und rannten dann eine Gasse hinunter. Im nächsten Au- genblick hatten sie einen Zaun überklettert. Gleich darauf tauchten sie in einer Nebenstraße unter. »Das dürfte unsere geräuschvollen Freunde zu- nächst einmal eine Weile beschäftigen«, meinte Hurd stolz und selbstzufrieden. »Nun wollen wir sehen, ob Schwester Panja uns auf Schleichwegen nach Hause hilft.« »Wer ist Schwester Panja?« »Sie gehört zu den Kleinen Schwestern«, erklär- te Hurd. »Panja arbeitet nicht mehr, weil sie an- fängt, alt zu werden. Aber sie kennt sich in dieser Gegend bestens aus, soweit man sich in diesem Teil von Lyffdarg überhaupt auskennen kann. Au- ßerdem ist sie nicht ohne Einfluß und kann sogar hier und dort bei Mutters Garde ein Wörtchen mit- reden. Das ist im Distrikt der Roten Laternen be- sonders wichtig. Sie wohnt übrigens gleich hier um die Ecke und – hoppla!« John und Hurd bogen abermals um eine Ecke. Sie gelangten in eine breitere, besser beleuchtete Straße. Sekunden später kamen auch ihre Verfolger, um die gleiche Ecke. Sie blieben überrascht stehen und sahen – nichts! »Folgt mir«, hauchte eine sanfte, ein wenig hei- sere weibliche Stimme. Die Dunkelheit war wie ein dickes schwarzes Tuch. Unwillkürlich spannte John alle Muskeln. »Komm mit«, flüsterte Hurd. John hatte das Gefühl, in einem langen Tunnel oder einem überdachten Gang zu sein. Auf dem steinernen Fußboden war Heu ausgebreitet. Die beiden Freunde waren auf ihrer Flucht in die nächstbeste Toröffnung geschlüpft. Dabei hatten sie keine Zeit gefunden, sich das Gebäude erst nä- her anzusehen. John fühlte sich gar nicht wohl da- bei. Aber Hurd, der sich auch in diesem Teil der Stadt auskannte, zögerte keinen Augenblick. Sie tasteten sich vorwärts, weiter und weiter. Johns Augen gewöhnten sich nur allmählich an die neue Umgebung. Sie legten in völliger Dunkelheit eine Wegstrecke von fünfzehn Minuten zurück. Plötzlich blieb ihre Führerin stehen und stieß eine Tür weit auf. Das in den langen Gang strömende Licht blendete John, obwohl es nur von einer ein- zigen rußenden Funzel herrührte. Ihre Führerin erwies sich als eine junge Frau. »Sie sind da, Mutter«, sagte sie. »Jene verrückt gewordenen Kerle waren ihnen dicht auf den Fer- sen, als ich das Tor aufstieß.«, Aus dem Inneren des Raumes fragte eine silber- helle Stimme: »Hat irgendwer gesehen, daß die Männer hier hereingebracht wurden?« »Nein, Mutter«, erwiderte die junge Frau. »Ich habe aufgepaßt, und niemand hat es gesehen.« »Sehr gut, meine Liebe. Du darfst jetzt zu Bett gehen.« Die silberhelle Stimme lachte glockenhell auf. »Na, ihr beiden Hübschen, wollt ihr nicht einen Augenblick hereinkommen?« John und Hurd traten näher. John schloß erstaunt die Augen, öffnete sie, blinzelte … Die glockenhelle Stimme gehörte der dicksten und unförmigsten Frau, die er je zu Gesicht be- kommen hatte. Sie ruhte lang hingestreckt auf ei- ner uralten Couch, von der sie sich ohne Hilfe wohl kaum zu erheben vermochte, völlig bewe- gungslos, ein unförmiger, wabbeliger Fleischberg. Doch die glockenreine Stimme und die feurigen, wachen Blicke ihrer Augen, die wieselflink zwi- schen ihnen beiden hin- und herhuschten, ließen al- les andere vergessen. »Erschreckt nicht«, sagte sie lächelnd. »Auch ich war einmal eine hübsche Kleine Schwester, als ich noch jung und knusprig war. Ihr gewöhnt euch schon noch an den Anblick.« Hurd wußte, was er jetzt zu tun hatte. »Guten Abend, Mutter«, sagte er höflich. »Mein, Name ist Hurd. Dies ist mein Freund John.« »Du brauchst mich nicht Mutter zu nennen, mein Junge. Nur von den Mädchen verlange ich es. Man hat sie dann besser unter Kontrolle. Ich habe mir sagen lassen, daß ihr draußen einige Schwie- rigkeiten hattet.« Darauf gab es natürlich keine Antwort. Die Ma- trone redete weiter, als habe sie auch keinen Kom- mentar erwartet. »Der kleine Lord Tchornyo und seine Freunde sind wirklich zäh. Sie sind ganz vernarrt in ihre Idee, Verschwörer aufzuspüren, daß sie dabei we- der nach rechts noch nach links sehen. Sehr gefähr- lich, diese Leute. Aber macht euch keine Sorgen, meine kleinen Lieblinge, wir werden euch schon zu behüten und zu beschützen wissen.« Das war zuviel für John. »Alles schön und gut«, ließ er sich vernehmen, »aber wer seid ihr eigentlich?« »Wir sind die kleinen Helferinnen unserer Gro- ßen Mutter«, sagte die Frau, wobei sie zu lächeln versuchte. John blickte in die schwarze, zahnlose Höhle ihres Mundes. Es war schrecklich. * Tchornyo stand der veränderten Situation völlig hilflos gegenüber. Nun wußte man überall in Lyff-, darg von der Verschwörung. Sein Komitee war plötzlich ein wichtiges Element im Leben der Lyf- faner geworden. Und er, Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte, war ein Nationalheld. Es war zu schön, um wahr zu sein, und doch war es die reine Wirklich- keit! Seine unausgegorenen Träume wurden von der Wirklichkeit noch übertreffen. Man trug ihm sogar ein Ehrenamt in Mutters Garde an. Dabei hätten sein Stolz und auch seine jetzige Stellung einen argen Stoß erlitten, wäre ihm auch nur im entferntesten klargeworden, daß er selbst für die Flucht der gesuchten Täter aus der Stadt verantwortlich war. Denn kein anderer als er selbst inspizierte das Haupttor der Stadt, als John und Hurd Lyffdarg verließen. Nur mit Tchornyos per- sönlicher Einwilligung durfte man dieses Tor pas- sieren. In Wirklichkeit aber lag keine Nachlässigkeit auf Tchornyos Seite vor. Ihm wurden lediglich die Papiere von Mutter Balnya und zwei Kleinen Schwestern vorgelegt, die sich auf der Reise zum Tempel von Prymilbos befanden. Einige Stunden außerhalb der Stadt blieb der Wagen stehen. »Hier steigt ihr aus, meine Lieblinge«, ließ sich der Fleischberg vernehmen. Sie wurden von einer kleinen Menschenmenge erwartet. Die meisten waren mehr schlecht als, recht gekleidet und schienen Bauern zu sein. Ne- ben ihnen standen ein paar zerlumpte Individuen, die keinen vertrauenerweckenden Eindruck mach- ten. Alles in allem ein armseliges Häufchen. »Die Volksarmee«, erklärte die Matrone. Ihr Tonfall verriet einen Stolz, der ihren sonst zur Schau getragenen Zynismus und die schäbige Kleidung dieser Leute vergessen ließ. John und Hurd waren als Frauen verkleidet. Die- ser Gewänder ungewohnt, kletterten sie schwerfäl- lig aus dem Wagen. »He, Mutter Balnya«, rief einer der wartenden Männer, »was für Soldaten sind denn das? Wir brauchen hier draußen keine Kleinen Schwestern.« »Meinetwegen lacht mich nur aus«, rief sie zu- rück. »Diese Mädchen sind die besten Soldaten, die ihr jemals zu sehen bekommen habt.« Das laute, wiehernde Gelächter, das darauf folg- te, war Hurd sehr unangenehm. Genauso störend wie die Weiberkleider, die man ihm umgehängt hatte. John aber ließ sich durch die Lachsalven nicht aus der Ruhe bringen. »Vielen Dank, Mutter Balnya«, sagte er leise. Das Gelächter verschaffte ihm einige Sekunden für ein paar persönliche Worte des Dankes. »Ich werde versuchen, mich für Ihre Freundlichkeit erkennt- lich zu zeigen, sobald ich in die Stadt zurückkeh- re.«, Die Frau schüttelte den Kopf. »Hat man es dir noch nicht gesagt? Nein, mein Junge, in die Stadt könnt ihr niemals mehr zurück. Die Volksarmee wird euch nicht gehenlassen. Au- ßerdem wäret ihr eures Lebens nicht sicher. Vergiß das nicht. Ganz gleich, was auch immer geschehen mag – zurückkehren könnt ihr jedenfalls nicht.« Der Wagen wendete und verschwand in einer Staubwolke. John Harlen blickte ihm nachdenklich hinterher., ZEHNTES KAPITEL Die künstliche Beschleunigung der Entwicklung einer Kultur ist wie eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Niemand vermag mit letzter Sicher- heit vorauszusagen, wie sich die plötzlichen Fort- schritte von Wissenschaft und Technik auswirken werden. Das zeigte sich vor allem bei der unerwarteten Weiterentwicklung des Schießpulvers durch die Lyffaner. Im ursprünglichen Plan der Sonderabtei- lung hatte die Entwicklung von Sprengstoffen eine nur untergeordnete Rolle gespielt. Kaum eine Wo- che, nachdem Pindar Smith über die Gilde der Pharmazeuten das Dynamit erfinden ließ, erfand irgendein namenloses Genie unter den Lyffanern das Schießpulver und entwickelte Handfeuerwaf- fen. Drei Wochen später verkaufte die Gilde der Waffenschmiede bereits einfache Trommelrevol- ver. Schon im folgenden Jahr wurde die neue Gilde der Schußwaffenhersteller gegründet. Ein Jahr nach ihrer Gründung begann die Gilde der Schußwaffenhersteller bereits mit Raketen zu experimentieren. Das raubte den Männern von der Sonderabteilung den Schlaf, und sie kamen erst wieder zur Ruhe, als die Gilde diese Experimente offenbar wieder einstellte. Jedenfalls war nichts mehr darüber in Erfahrung zu bringen, und Rake-, ten lassen sich nun mal nicht verheimlichen. Ursprünglich hatte die Sonderabteilung alle Er- findungen selbst ausarbeiten und in ihren Händen behalten wollen. Statt dessen erwies es sich, daß ihre Bemühungen wie ein Katalysator wirkten, der immer neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik einleitete und beschleunigte. Auf Lyff wurde nicht ein langsamer Entwicklungsprozeß eingeleitet, nein, es kam vielmehr zu einer Ent- wicklungsexplosion. So verfolgte etwa Ansgar Sorenstein den gera- dezu lächerlich logischen Pfad des Fortschritts vom handgetriebenen Generator, der ursprünglich dazu diente, die beim Telegraphen benötigten Bat- terien wieder aufzuladen, über den einfachen Dampfgenerator bis zur Dampfmaschine. Als er aber daranging, seine Dampfmaschine in Lyffdarg einzuführen, mußte er feststellen, daß ein paar Her- ren vom Hochadel bereits in Dampfautomobilen durch die Straßen kutschierten. Irgendein lyffani- scher Metallarbeiter hatte völlig unabhängig von Sorensteins sorgfältig ausgeklügelten Planungen eigene Ideen entwickelt. Die einfache Tatsache, daß der Generator mit Rädern arbeitete, hatte den Mann auf die Idee gebracht, mit Dampf angetrie- bene Räder zur Fortbewegung zu benutzen. In den vier Jahren, die dem Verschwinden von John und Hurd folgten, entwickelte sich die Werk-, statt der Terraner zu einem wichtigen Mittelpunkt für Wissenschaft und Technik. Aber es wurde nicht, wie ursprünglich geplant, die einzige, ja nicht einmal die wichtigste dieser Stätten auf Lyff. Lyff hatte bereits seit Hunderten von Jahren auf den Anstoß gewartet, der nun von der Sonderabtei- lung ausgegangen war. Als die Entwicklung aber einmal in Gang gesetzt worden war, verlief sie in ganz anderen – nämlich typisch lyffanischen – Bahnen, als ursprünglich vorgesehen war. Kaum hatte die Gilde der Telegraphen-Techniker Vaku- umröhren eingeführt, als bereits einige Monate später die Gilde der Juweliere mit der Erfindung der Transistoren aufwartete. Die Philosophen unter den Lyffanern hatten aus der Tatsache des Vorhan- denseins der Elektrizität logische Schlüsse gezogen und die Grundlagen für die Entwicklung all dessen gelegt, was man auf Terra unter dem Sammelbe- griff »Elektronik« zusammengefaßt hatte. Während die Männer der Sonderabteilung also voller Sorge in die Zukunft blickten, entwickelte sich ganz im Gegensatz dazu die Anti- Verschwörer-Bewegung sehr zur Zufriedenheit von Tchornyo und seinem geheimnisvollen Hin- termann. Innerhalb weniger Jahre stieg die Mit- gliederzahl von wenigen Hundert auf mehr als Zehntausend an. In allen größeren Städten auf Lyff entstanden Ortsgruppen. Auch das einfache Volk, war jetzt aufgerufen, der Bewegung beizutreten. Die gewöhnlichen Bürger wurden in besonderen Abteilungen zusammengefaßt. Tchornyo wurde immer mehr zu einer bedeutenden Gestalt im poli- tischen Gefüge des Planeten. Eine solche Ballung der Macht hatte es auf dem Planeten noch nie zuvor gegeben. Alles hatte damit begonnen, daß Tchornyo nach jenem Rakanrennen, einer plötzlichen Eingebung folgend, sich als wich- tiger Mann aufgespielt hatte. Die sich daraus erge- benden Konsequenzen und Möglichkeiten kamen Tchornyo aber niemals in den Sinn. Er sonnte sich ganz einfach im Glänze seines Ruhms und seiner Macht und träumte nicht einmal davon, die Kräfte, die ihm zur Verfügung standen, für sich einzuset- zen. Es läßt sich nur schwer sagen, wie sich der ge- heimnisvolle Förderer des Komitees zu dem Machtzuwachs während dieser vier Jahre stellte. Wahrscheinlich war er zufrieden. Jedermann sieht es gern, wenn seine Unternehmungen florieren. Trotz seines immer betonten Patriotismus war es das Anti-Verschwörer-Komitee, das die erste wirk- liche Bedrohung für die Lebensweise auf Lyff seit dreihundert Jahren darstellte. Die Komitee- Mitglieder suchten nicht nur nach Verschwörern, sie bekamen es sogar fertig, welche zu finden. Erst dadurch aber schufen sie eine Verschwörung, die, sie gerade hatten verhindern wollen. Das Komitee führte eine ständige Inquisition durch, eine dauern- de Hexenjagd. Überall fanden die Komitee-Mit- glieder angebliche Konspiratoren. Wenn sich je- mand über die hohen Steuern beklagte – natürlich durfte es nur ein einfacher Bürger sein –, wurde er ganz automatisch eingesperrt und als Verschwörer behandelt. Ganz gleich, ob er verurteilt oder freige- sprochen wurde, er begann das Feudalsystem zu hassen. Es konnte nicht ausbleiben, daß er auf Lei- densgenossen und Gleichgesinnte stieß – und da- mit war der Keim zu einer echten Verschwörung gegeben, fiel auf fruchtbaren Boden, ging auf und wuchs … Die Reihen der Volksarmee füllten sich. Für je- den Mann, der auf Veranlassung der Komitee- Mitglieder festgenommen wurde, schlossen sich fünf unzufriedene Lyffaner den Rebellen an. Bald war es nicht mehr möglich, diese Volksarmee als einen Haufen Banditen abzutun. Immer wieder wurden die Telegraphenleitungen sabotiert, wurden Dörfer überfallen, Priester entführt und andere Verbrechen begangen. Straßenkämpfe und Zusammenstöße zwischen den Einheiten der Volksarmee und den Mitgliedern des Komitees wurden so alltäglich, daß sie nicht einmal mehr in der von Pindar Smith gegründeten Zeitung erwähnt wurden. Und immer wieder waren, die Rebellen siegreich. Das Komitee machte sich zwar alle technischen Neuerungen zunutze und sorgte für die beste Ausrüstung seiner Mitglieder. Dennoch bekamen die Rebellen es fertig, in ihrer Ausrüstung dem Komitee immer um eine Nasen- länge voraus zu sein. Die Männer der Sonderabteilung fühlten sich durch diese Entwicklung in der Durchführung ihrer schweren Aufgabe mehr als behindert. Sie konnten sich schließlich der klaren Erkenntnis nicht mehr verschließen, daß die Zügel für eine fortschrittliche Evolution des Planeten Lyff nicht mehr in ihren Händen lagen. Die technische Weiterentwicklung der Lyffaner ging Wege, die sich nicht mehr kon- trollieren ließen. Trotz allem fühlten sich die Terraner ihrer Sache aber doch noch so sicher, daß sie den fünften Jah- restag ihrer Ankunft auf Lyff mit einem großen Fest in der Werkstatt begingen. Keiner der gelade- nen Gäste – König Osgard ausgenommen – wußte, warum die Gruppe um Gar-Terrayen dieses Fest veranstaltete. Alle aber folgten sie der Einladung. Dieser Jahrestag war das größte gesellschaftliche Ereignis der Saison. Neben König Osgard waren fast alle Mitglieder des Hochadels erschienen, dazu die Spitze der Tempelhierarchie und alle Vor- standsmitglieder der Gilde der Gilden. Die Werk- statt war prunkvoll ausgestattet. Überall war das, soeben eingeführte elektrische Licht installiert. Die Fabrikräume lagen in so gleißendem Glanz, daß Ansgar Sorenstein wünschte, er hätte seine Son- nenbrille von Terra mitgebracht. Es gab gute Weine und erlesene Mahlzeiten, de- ren Zutaten aus den entferntesten Provinzen des Planeten herangebracht worden waren. Dazu hatte man alle Dampflastkraftwagen eingesetzt, die in- zwischen von der Gilde der Metallhersteller gebaut worden waren. Zur Unterhaltung der Gäste gab es die unvermeidliche Kammermusik. Aber es fehlten auch nicht die begehrten erotischen Tanzdarbie- tungen der jüngsten und hübschesten Kleinen Schwestern, die sich auftreiben ließen. Auf dem Höhepunkt der Festlichkeit hielt Pindar Smith eine Rede. »Während der letzten Jahre«, so sagte er unter anderem, »war die Telegraphenunion von Lyff eng mit der technischen Revolution verbunden, die das Leben auf diesem Planeten vor unseren Augen in eine neue Zeit lenkt. Durch die Erfindungen der Union ist das Leben lebenswerter und vor allem für alle Lyffaner bequemer geworden. Die Schulen der Union haben dafür gesorgt, daß jeder Lyffaner des Lesens und Schreibens mächtig ist. Die von den Mitgliedern der Union entwickelte Philosophie hat Lyff zum modernen Fortschritt geführt. Heute abend wollen wir, wie schon so oft zuvor, auf Lyff, eine neue Erfindung einführen. Aber heute soll es zum ersten Mal geschehen, daß wir nicht eine un- serer eigenen Erfindungen vorstellen, sondern et- was, was von einem unserer Mitarbeiter geschaffen worden ist. Ich rede von einem Lyffaner, der vor fünf Jahren weder lesen noch schreiben konnte. Bis dahin hatte er sich nie hervorgetan, und es hatte für ihn keine Hoffnung auf eine Zukunft gegeben, die etwas anderes hätte sein können als eine Wiederho- lung der Vergangenheit. Unsere Große Mutter hat die Bemühungen der Union und damit ganz Lyff gesegnet. Zum Beweise dessen stellen wir mit gro- ßer Freude die neueste Erfindung von Tolnye Gar- Pferdnyan Soltchi vor. Er ist der Sohn eines Schu- sters und hat etwas erfunden, was wir ›Radio‹ nen- nen wollen.« Die Gäste waren von früheren Vorführungen her bereits an Überraschungen gewöhnt. Sie applau- dierten freudig, als ein roter Vorhang zurückgezo- gen wurde. Dahinter kam das erste Radio von Lyff zum Vorschein. Es war ein großer, schwerer Appa- rat, der auf den ersten Blick mehr von der traditio- nellen und hochentwickelten Tischlerkunst der Lyffaner zeugte, als von neuen technischen Errun- genschaften. »Mit diesem Apparat«, fuhr Smith fort, »sind wir in der Lage, uns über größte Entfernungen ge- nauso schnell zu verständigen, wie man sprechen, kann. Wir sind nicht mehr an die begrenzten Mög- lichkeiten des Telegraphen gebunden. Telegraph und Fernschreiber sind schwierig zu bedienen. Die Übermittlung von Nachrichten auf diesem Wege ist schwer zu erlernen. Außerdem braucht sie Zeit. Nun können wir mit den Leuten in Prymilbos ge- nauso leicht und einfach sprechen, wie mit den Personen in diesem Saal. Jeder Teilnehmer wird eine Druckschrift erhal- ten, in der die Wirkungsweise des Radios genau erklärt ist. Deshalb will ich mir jetzt weitere Erklä- rungen ersparen und sofort zur Vorführung schrei- ten. Diesen Kasten hier nennen wir ›Empfänger‹. Die Schachtel oben drauf wird ›Sender‹ genannt. Und das Ding in meiner Hand ist ein ›Mikrophon‹. Wir haben einen gleichen Empfänger nebst Sender und ein Mikrophon im Telegraphenbüro von Astindarg aufgestellt. Der Ort liegt neunhundert Wegstunden von hier mitten in den nördlichen Bergen. Ich spreche jetzt in das Mikrophon. Der Sender wird meine Stimme über die Strecke von neunhun- dert Wegstunden zu dem Empfänger in Astindarg bringen. Dort hört mich im gleichen Augenblick unser dortiger Telegrapheninspektor. Bei ihm be- findet sich der Oberpriester des Tempels von Astindarg. Dann werden diese beiden in ihr Mi- krophon sprechen, und wir werden sie durch unse-, ren Empfänger hören. Das alles geht genauso schnell vor sich wie man sprechen kann. Es gibt keine Verzögerung.« Atemlos und voller Spannung lauschten die Gä- ste. Smith sprach in das Mikrophon. »Hallo, hier ist Lyffdarg. Wir rufen Astindarg. Astindarg, bitte kommen!« Gleich darauf ertönte aus dem Empfänger eine hohe, ängstliche Stimme. »Hilfe! Schickt Truppen! Ein Raumschiff ist ge- rade gelandet. Die ganze Stadt brennt. Hilfe! Um Mutters Willen, schickt …« Im gleichen Augenblick erstarb die Stimme. Ein ständiges Rauschen und Zischen war alles, was aus dem Empfänger kam., ELFTES KAPITEL John drehte sich um und wandte sich an den Mann, der wie der Anführer der schäbig gekleideten Gruppe aussah. »Was meint sie damit, daß ich nicht zur Stadt zurückkehren kann?« Der Mann lachte. »Ganz einfach, ihr schließt euch der Volksarmee an. Die Verpflichtung lautet auf sechs Jahre, ge- nauso wie in der Armee des Königs oder bei Mut- ters Gardisten. Wußtet ihr das nicht?« Der Mann lachte in einer Art, die erkennen ließ, daß diese Frage rein rhetorisch war. Einer aus der Gruppe trat vor John hin und stemmte die Arme in die Hüften. »Hallo, Kleine Schwester, wollen wir mal rin- gen?« Diese Frage war nicht rhetorischer Art. Der Mann versuchte gleichzeitig, John mit bärenstar- ken Armen an sich zu reißen. John reagierte auto- matisch. Im nächsten Augenblick flog der Angrei- fer zu Boden. Er sprang auf und griff John aber- mals an – nur, um erneut auf der Erde zu landen. John begann die Sache langsam Spaß zu machen. Diesmal erhob sich sein Gegner etwas langsamer. Er begann John zu umkreisen. Der Terraner ver- hielt sich abwartend. Er drehte sich langsam mit im, Kreise, um den Mann stets vor sich zu haben. Schließlich spuckte der Soldat verächtlich aus und griff blitzschnell nach Johns Arm. Abermals flog er in hohem Bogen in den Staub. Diesmal aber warf sich John über ihn und drückte sein Gesicht nieder. »Genug gerungen?« fragte John und ließ den Mann hochkommen, damit er antworten konnte. Aber er hielt den Arm seines Gegners auf dessen Rücken fest. »Ja«, gab der Geschlagene zu. »Dann sagen Sie mir, wer gewonnen hat?« »Sie, selbstverständlich Sie«, entgegnete der Angreifer, als John den Druck auf den verdrehten Arm etwas verstärkte. Die ganze Gruppe hatte sich in engem Kreis um die beiden gedrängt. Alle schienen sehr überrascht zu sein, ausgenommen Hurd, der durch die Szene lebhaft an seine erste Begegnung mit John erinnert wurde. Wie lange war das schon her, und was war inzwischen nicht alles geschehen! »Schluß jetzt mit der Spielerei«, mischte sich der Mann ein, den John als Anführer erkannt hatte. »Ihr beide müßt noch auf die Volksarmee vereidigt werden. Ich bin Hauptmann dieser Armee und des- halb ermächtigt, den Eid abzunehmen. Seid ihr be- reit?« John und Hurd steckten die Köpfe zusammen., Viel gab es nicht zu beraten, denn der Haltung der ganzen Gruppe war zu entnehmen, daß es nicht rat- sam zu sein schien, Widerstand zu leisten. So be- schlossen sie, sich jetzt notgedrungen der Volks- armee anzuschließen und bei der ersten sich bie- tenden Gelegenheit zu fliehen, um in die Stadt zu- rückzukehren. Also legten sie den Eid ab. Es war eine kurze und einfache Zeremonie. »Schwört Ihr im Verborgenen Namen Unserer großen Mutter, der Volksarmee treu zu dienen und damit auch den Interessen des Volkes?« fragte der Offizier. Sie beschworen es. Aus einem nahen Gebüsch wurden Rakans her- beigeholt. John und Hurd ritten, umgeben von ih- ren neuen Kameraden, in die Wildnis davon. Der Ritt dauerte einige Stunden. Schließlich lenkte der Anführer sein Tier neben John und redete ihn an. »Das war ein ganz neuer Ringkampfstil, den ich vorhin bei Ihnen beobachtet habe. So etwas habe ich noch nie gesehen.« John erklärte, daß der von ihm angewandte Stil in diesem Teil von Lyff wohl noch nicht bekannt sei. »Ich glaube«, fuhr der Offizier fort, »wir könn- ten euch am besten dafür einsetzen, der Volksar- mee Unterricht in dieser Art von Ringkampf zu geben. Ich werde jedenfalls dem General einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten.«, John horchte interessiert auf. »Dem General? Und wer ist der General?« »Sie werden ihn in einigen Tagen kennenlernen. Er wird dann Ihre Fragen persönlich beantworten.« Von da an ritten sie schweigend weiter. Vier Tage später erreichte die Truppe ein Dorf. Es lag zwischen zwei felsigen Schluchten im Ge- birge. Auf Felsblöcken an dem engen Pfad standen Wachtposten. Sie winkten der Gruppe zu und lie- ßen sie in die Ansiedlung hinein. »Hier befindet sich das Hauptquartier der Volks- armee«, erklärte der Offizier. »Ich werde mich er- kundigen, ob der General bereit ist, euch zu emp- fangen.« Die Reiter stiegen ab, und die Rakans wurden fortgeführt. * John und Hurd warteten auf der Straße, inmitten der anderen Soldaten. Der Offizier ging fort, um sich beim General zu melden. Schon nach fünf Minuten kehrte er zurück. »Folgt mir«, befahl er und ging voraus. Es schien ihm aber zu langsam zu gehen. »Wir kön- nen den General nicht warten lassen«, schrie er über die Schulter zurück. John und Hurd fielen ge- horsam in Laufschritt., Sie trabten ein Stück die Straße hinunter. Schließlich verschwand der Offizier in einem Haus und blieb im Flur vor einem dort aufgestellten Schreibtisch stehen. Er nahm Haltung an und grüß- te militärisch. »Zwei neue Leute zum General«, erklärte er stramm. »Die Männer werden erwartet.« Der Offizier hinter dem Schreibtisch grüßte läs- sig zurück. »Gehen Sie nur hinein«, winkte er ab und deute- te auf die Tür hinter sich. Die drei Männer betraten das Büro. Der General nannte sich einfach Garth. Er ließ den Sippen- und den Familiennamen weg. Auch das gehörte zur Rebellion gegen das System. Dabei stand nicht einmal fest, ob Garth wirklich sein rich- tiger Name war. In der Volksarmee dachte man, daß der General den Namen von Gart Gar-Muyen Garth angenommen habe, des Begründers der Re- ligion von Lyff, um damit zu symbolisieren, daß sich die Revolution nicht gegen die traditionelle soziale Ordnung, sondern nur gegen den Miß- brauch dieser Ordnung richtete. Natürlich wagte niemand ihn danach zu fragen. Andererseits war eine freiwillige Aufklärung auch nicht von ihm zu erwarten. »Der Hauptmann hat mir berichtet, daß ihr eine neue Art von Ringkampf kennt«, wandte er sich, sogleich an John, als dieser zusammen mit Hurd und dem Offizier eingetreten war. »Jawohl, Sire«, antwortete John. »Ich nenne die- se Kampfart Judo.« »Judo, hm«, überlegte der General laut. Während General Garth nachdachte, musterte John den Mann aufmerksam. Was er sah, gefiel ihm. Der alte Soldat war hochgewachsen und ha- ger. Er vermittelte einen Eindruck von sorgsam beherrschter Kraft. Sein graues Haar deutete mehr auf Weisheit als auf hohes Alter hin. Seine Augen waren genauso grau wie seine Haare. Ihr Blick zeigte jene Selbstsicherheit, die geborenen Führer- naturen eigen ist. »Sie sind John Gar-Terrayen Harlen.« »Jawohl, Sire«, gab John zurück. »Hm. Besteht eine Verwandtschaft zu der Sippe Gar-Terrayen, von der die Erfindung des neuen Te- legraphen ausgegangen ist?« John gab zu, daß er einer der Gar-Terrayener sei und erklärte seine Stellung in dieser Sippe. »Ich verstehe. Und was ist mit dem anderen Burschen, diesem Hurd Gar-Olnyn Saarlip?« »Er ist mein Assistent«, erklärte John. »In der Tat, ich kann ihn auch als meinen engsten Mitar- beiter bezeichnen.« »Ihr Mitarbeiter, hm. Nun, im Hinblick darauf, daß ihr keine unwichtigen Leute zu sein scheint,, habt ihr Anspruch auf eine nähere Erklärung. Wenn alles glatt verläuft, könntet ihr uns von gro- ßem Nutzen sein.« John beteuerte, fast ein wenig zu enthusiastisch, daß er keinen anderen Ehrgeiz kenne, als mit allen seinen schwachen Kräften der Volksarmee zu die- nen. Der General nickte anerkennend und begann dann mit seiner Erklärung. »Für die anderen sind wir nur ein Haufen von Banditen. Genau das sollen sie auch von uns den- ken. Deshalb lassen wir euch nicht nach Lyffdarg zurückkehren. In Wirklichkeit sind wir gut organi- siert und wollen die Regierung stürzen. Wenn wir an der Macht sind, wird es auf Lyff keine Korrup- tion mehr geben, die jetzt unser ganzes Volk ver- giftet hat.« Er redete fast eine Viertelstunde. Als Ziel seiner Volksarmee gab der General an, Lyff wieder zu der gesunden Einfachheit des Lebens zurückzuführen, die früher geherrscht hatte. »Lyff vergeudet seine Kräfte in einer Orgie von Dekadenz«, betonte er eindringlich. »Der Adel und die Priesterschaft sehen ihr höchstes Ziel darin, möglichst auf Kosten anderer zu leben. Dabei miß- brauchen sie ihre Stellungen, die ihnen von den Vorvätern überliefert worden sind, um für das Wohl des Volkes zu sorgen. Anstatt aber das einfa- che Volk zu schützen und ihm zu helfen, wie es, das Gesetz unserer Mutter befiehlt, sind die Adli- gen zu Sklavenhaltern herabgesunken. Ihr mutter- lästerliches Tun saugt dem Volk alle Lebenskraft aus. Dabei schwächen sich Adel und Priesterschaft selbst, und mit ihnen gerät das gesamte Volk an den Rand des Abgrunds.« »Sie haben vollkommen recht«, erklärte John, als der General seine Ausführungen beendet hatte. »Von dieser Warte habe ich die Dinge noch nie zuvor betrachtet. Aber es ist vollkommen einleuch- tend, daß Sie recht haben. Unsere Große Mutter weiß, daß in Lyffdarg keine wirkliche Kraft mehr zu finden ist.« »Das stimmt nicht ganz«, widersprach General Garth eifrig. »In Lyffdarg finden Sie noch genauso viel Kraft und Stärke wie eh und je. Aber sie lebt in dem Teil der Bevölkerung, auf den sich alles gründet, nämlich im einfachen Volk. Wir wollen der Stadt keine neue Kraft bringen, sondern ledig- lich die dort vorhandenen latenten Kräfte wecken und stärken. Das ist eines der Hauptziele unseres Unternehmens. Deshalb haben wir uns hier drau- ßen in der Wildnis niedergelassen.« »Aha«, seufzte John, »ja, ich glaube, ich verste- he das alles. Auf den Hauptmann hat unsere neue Art des Ringkampfes einen starken Eindruck ge- macht. Wir können aber weit mehr. Ich habe zum Beispiel ein paar Pläne und Vorschläge für Waf-, fen, die der Volksarmee nützlich kein könnten. Ganz bestimmt sind die neumodischen Gewehre nicht mehr unbekannt. Oder?« »Ja, wir besitzen sogar einige davon.« »Nun, ich habe mich schon seit einiger Zeit mit einer Verbesserung dieser Waffen befaßt. Was würden Sie von einem Gewehr halten, das hundert Schüsse gleichzeitig oder jedenfalls so rasch hin- tereinander abfeuern könnte, wie Sie es wünschen. Ohne jedesmal neu zu laden, meine ich.« »Könnten Sie denn so etwas anfertigen?« »Nein, aber ich könnte dem Waffenschmied zei- gen, wie man es macht. Im Grunde genommen kommt es nur darauf an, Patronen in kontinuierli- cher Folge aus einem Magazin in den Lauf zu bringen. Man könnte mehrere drehbar angeordnete Läufe benutzen, damit sie nicht so rasch von der Hitze unbrauchbar gemacht werden. Als Bezeich- nung dafür würde ich ›Maschinengewehr‹ vor- schlagen.« »Das hört sich an … ja, das klingt ganz so, als ließe sich damit etwas anfangen.« Die Augen des Generals begannen zu leuchten. John hatte ihn für sich gewonnen. »Hauptmann«, rief er, »wie steht es mit passen- den Unterkünften für Leutnant Harlen und seinen Adjutanten? Und sehen Sie zu, daß sich für die beiden noch etwas zu essen finden läßt. Nach der, langen Reise seid ihr sicherlich hungrig. Also, John, nun möchte ich von Ihnen noch etwas mehr über dieses Maschinengewehr hören.« Die Fachsimpelei der beiden über Waffen und Strategie dauerte mehr als vier Stunden., ZWÖLFTES KAPITEL John hatte sich bald an den Alltag des Lagerlebens gewöhnt. Morgens um halb sieben wurden die Sol- daten durch ein Hornsignal geweckt. Nach dem Frühsport wurde zum Essenempfang angetreten. Das Frühstück bestand aus einer Art Haferbrei. Danach begann die Ausbildung, von der John und Hurd befreit waren. John verbrachte den Vormittag mit den Waffenschmieden. Sie bauten unter seiner Anleitung den Prototyp des geplanten Maschinen- gewehrs. Am Nachmittag unterrichtete John eine Sonderabteilung in Judo. Regelmäßig wurden Pa- trouillen ausgeschickt, die zugleich die notwendige Verpflegung besorgten. So vergingen drei Monate. John und Hurd wur- den so sorgfältig bewacht, daß an Flucht nicht zu denken war. Nach einer Weile kam John zu der Überzeugung, daß es für ihn und seine Aufgabe besser war, den Gedanken an Flucht fallenzulassen und sich ganz der Volksarmee zu widmen. Als das Maschinengewehr fertig war, führte John es dem General vor. Dieser zeigte sich begeistert. »Wie viele davon könnt ihr herstellen?« »Ungefähr alle drei Wochen eins.« »Fein, ausgezeichnet. Leutnant Harlen, würden Sie mir die Freude machen, heute abend mit mir zu essen?«, »Es ist mir ein Vergnügen.« Beim abendlichen Essen diskutierten der Gene- ral und John über die weiteren Pläne der Volksar- mee. »In etwa drei Jahren sollten wir so weit sein, daß ich an die Öffentlichkeit treten kann«, sagte der General. »Aber, Sire, warum wollen Sie denn noch drei Jahre warten? Mir scheint …« »Im Augenblick« unterbrach ihn der General, »habe ich ungefähr achthundert Mann zur Verfü- gung. Mit einer so kleinen Truppe kann ich keiner Armee entgegentreten, mögen meine Leute auch noch so gut ausgebildet sein.« »Man braucht doch einer feindlichen Macht nicht unbedingt eine offene Schlacht zu liefern«, wandte John ein. »Ich habe einmal von einer Kampfmethode gehört, für die Ihre Leute ganz be- sonders geeignet erscheinen.« Der General beugte sich interessiert vor. Langsam und sehr weitschweifig erklärte John, was er unter einem Partisanenkrieg verstand. Er er- läuterte den Kampf in kleinen Gruppen, die angrei- fen, zuschlagen und sich sofort wieder zurückzie- hen. Ein Kampf also, der darauf abzielt, einen überlegenen Gegner aus dem Hinterhalt anzugrei- fen und wieder zu verschwinden, ehe dieser Gele- genheit hat, Verstärkung herbeizurufen. Man muß-, te heute an einem Ort angreifen und in der kom- menden Nacht einige Dutzend Wegstunden ent- fernt wieder zuschlagen. General Garth saß da, und die Ideen seines neu- en Leutnants rissen ihn mit. Sein militärisch ge- schulter Verstand erfaßte sofort die neuen Mög- lichkeiten. Frage folgte auf Frage, wie die Kugeln aus dem neuen Maschinengewehr, aber John blieb ihm keine Antwort schuldig. »Wie lange wird es dauern, um eine kleine Ein- heit im Partisanenkrieg auszubilden?« lautete seine letzte Frage. »Etwa drei Monate«, meinte John zögernd – und drei Monate später führten er und Hurd ein Dut- zend Männer in den ersten authentisch verbürgten Partisanenangriff in der Geschichte von Lyff. Ihr Ziel war ein kleiner Außenposten der Garde in der Nähe des Dorfes Penchdarg. Im Schutz der Dunkelheit schlichen sich die vierzehn Rebellen bis auf wenige Meter an den Stützpunkt heran. Der Wachtposten mußte auf Ar- meslänge an ihnen vorüber. Es dauerte nicht lange, und ein einzelner Soldat schlenderte in völlig un- militärischer Haltung vorbei. Dem Mann paßte es offensichtlich ganz und gar nicht, Wache schieben zu müssen. An einen möglichen Überfall schien er keinen Augenblick lang zu denken. Plötzlich tauchte hinter ihm eine schemenhafte Gestalt auf., Gleich darauf brach der Posten lautlos zusammen. John schnalzte leise mit der Zunge. Sechs Parti- sanen huschten wie schwarze Schatten auf den Stützpunkt zu und verschwanden in der Dunkel- heit. Fünfzehn Sekunden später gab John erneut ein Signal. Die zweite Angriffswelle setzte sich in Bewegung. John und Hurd blieben allein im Un- terholz zurück. John Harlen zählte flüsternd die Sekunden. »Dreiundsiebzig – vierundsiebzig – fünfund- siebzig …« Plötzlich schrie er so laut und gellend auf, als läge er im Todeskampf. Die Nacht schien zu explodieren. Kurze Feuer- stöße aus den Maschinengewehren lösten sich mit einzelnen Gewehr- und Revolverschüssen ab. Dazu ertönte ununterbrochen ein irrsinniges Geschrei. Die Gardisten waren zu verschlafen und zu er- schrocken, um ernsthaften Widerstand zu leisten. Bei allem Lärm und aller Aufregung fanden sich die Partisanen vor keiner schwierigeren Aufgabe, als einen Haufen entsetzter Gefangener zusammen- zutreiben. Ein Teil der Rebellen wurde zur Bewachung der Gefangenen eingeteilt. Die anderen gingen daran, den Stützpunkt gründlich nach Beute zu durchsu- chen. Unterdessen richtete John Harlen das Wort an die achtundzwanzig halbangezogenen Gardisten., »Lyffaner«, donnerte er, »ihr seid besiegt wor- den. Aber euer Leben wird von den Soldaten der Volksarmee geschont. Ihr könnt nichts gegen uns ausrichten, weil die Große Mutter auf unserer Seite steht. Ihre Sache und die unsere sind eins. Lyff ge- hört allen Kindern unserer Großen Mutter. Und unsere Mutter ruft: ›Befreit meine Kinder!‹ Wir sind die Helfer unserer Großen Mutter und führen diesen Befehl aus.« Er kehrte den Gefangenen den Rücken und trat auf das nächstliegende Gebäude zu. An der Tür drehte er sich noch einmal um und rief: »Lyff den Lyffanern!« Die Partisanen gaben den Schlachtruf zurück. John verschwand im Innern des Hauses. Hurd gab sich alle Mühe, beim Eintreten des Leutnants nicht zu lachen. »Bei der Nase unserer Mutter, John Harlen«, ki- cherte er, »wenn man Sie so reden hört …« »Habe ich übertrieben?« »Nein, aber ich habe das Gefühl, es macht Ihnen einen Heidenspaß.« John grinste. Dann stieß er abermals seinen Kampfruf aus. Die Partisanen antworteten im Chor. »So, jetzt sind wir fertig!« Die Truppe sammelte sich auf dem Hof zwi- schen den Gebäuden. Die entsetzten Gardisten, wurden einzeln an Bäume oder Pfosten gebunden. Einer der Partisanen brachte John einen tropfenden Pinsel. Der Leutnant malte ein mit der Spitze nach oben gerichtetes Schwert an die nächste Mauer. Dann bestiegen sie ihre mit reicher Beute belade- nen Rakans, schrien noch einmal: »Lyff den Lyf- fanern!« und trabten in der Dunkelheit davon. Die niederschmetternden Erfolge der Partisa- nenangriffe zeigten den Herrschern von Lyff, daß man die Volksarmee keineswegs als eine Bande von Bergbanditen abtun konnte. Das Anti- Verschwörer-Komitee erklärte sofort, daß es sich bei diesen Rebellen nur um bezahlte Söldner der Verschwörergruppe handeln könne. Bald darauf schickte das Komitee eine kleine, von Tchornyo Gar-Spolnyen Hiirlte befehligte Armee ins Feld, um mit den Partisanen aufzuräumen. Weitere Zwangsmaßnahmen ließen nicht lange auf sich warten. Nach einem erfolglosen Versuch, die Bevölkerung zum freiwilligen Eintritt in die Armee zu bewegen, wurden die wehrfähigen Män- ner in die Armee des Königs eingezogen. Nach of- fiziellen Schätzungen sollte die neue Armee binnen Jahresfrist kampfbereit und einsatzfähig sein. Die inoffiziellen Schätzungen waren weniger optimi- stisch. Die Telegraphenunion entsandte Truppen von besonders ausgebildeten Polizisten ihrer Haus-, streitmacht zu allen Telegraphenbüros innerhalb des Partisanengebietes. Binnen kurzem wurde es zu einem Kapital- verbrechen, die Worte: »Lyff den Lyffanern!« zu schreien, zu drucken, zu malen oder sonstwie dar- zustellen, mochte es öffentlich oder privat gesche- hen. Das gleiche galt für das Abbild des ge- schwungenen Schwertes. Das Komitee schickte seine Inquisitoren in alle Städte und Dörfer, um Verschwörer aufzuspüren. Diese Gruppen arbeiteten nach dem Prinzip, daß die Anklage allein als Beweis für ein Verbrechen genügte. Tausende von angeblichen Verschwörern wurden eingesperrt und manchmal sogar vor Ge- richt gestellt. Die Angst vor der Inquisition be- herrschte das Leben der Lyffaner. Ein unbedachtes Wort, vielleicht böswillig entstellt weitergegeben, konnte Verhaftung und Ruin bedeuten. Niemand wagte mehr, frei zu reden. Noch schlimmer, man wagte nicht einmal mehr zu schweigen. Denn auch das konnte verdächtig sein. Jedermann wog seine Worte sorgfältig ab. Das Risiko war nach beiden Seiten hin gleich groß. Bald hatte die Volksarmee mehr Rekruten, als sie unterbringen und ausbilden konnte. Es gab be- reits eine Warteliste. Das Ausbildungsprogramm lief in Schichten vom frühen Morgen bis zum spä- ten Abend. Die Waffenschmiede konnten ihre, Waffenproduktion ungeheuer steigern, weil sich viele Schmiede freiwillig zur Volksarmee melde- ten. Aus den Überfällen wurden allmählich Gefech- te, und ganz langsam wurde aus den Gefechten hier und dort eine Schlacht. Anfangs waren die Partisanenbanden kaum stär- ker als vierzehn Mann. Aber dreieinhalb Jahre spä- ter waren Truppenbewegungen von tausend Mann durchaus an der Tagesordnung. John Harlen brachte den größten Teil seiner Zeit mit der Konstruktion neuer Waffen zu. Er befand sich in einem Wettbewerb nicht nur mit den Gilden von Lyff, sondern auch mit den übrigen Mitglie- dern seiner eigenen Sonderabteilung. Bald aber verlor er die Kontrolle über einen wahren Strom von neuen Erfindungen, die auf seine Initiative von anderen gemacht wurden. Es gelang ihm gerade noch, die Erfindung von Atomgeschossen zu ver- meiden. Aber er kam nicht um den sogenannten »Brenner« herum, eine kleine Handfeuerwaffe, die nach dem Prinzip der Laserstrahlen arbeitete. So vergingen dreieinhalb Jahre. Dann beschloß General Garth, mit seiner Volksarmee einige Städ- te einzunehmen und zu besetzen. Der erste große Angriff sollte dem nahgelegenen Handelsplatz Astindarg gelten., DREIZEHNTES KAPITEL Die Volksarmee marschierte in geschlossener Formation nach Astindarg. Die in Marsch gesetzte Streitmacht bestand aus zwei Infanterieregimen- tern, denen eine Reihe von Kavallerieeinheiten und Artilleriedivisionen zugeteilt waren. Auf der Haupt- straße bildete die Marschkolonne eine Schlange von vier Wegstunden. Die Garnison von Astingard bestand nur aus zwei Embracen von Mutters Gar- disten. Aber General Garth wollte dem Gegner ein eindrucksvolles Bild seiner Armee geben. Der General und John ritten in der ersten Abtei- lung. Voraus und an den Seiten bewegten sich Pa- trouillen und einzelne Scouts, die laufend Bericht erstatteten. Befehle wurden vom Stab des Generals an die nachfolgenden Truppenverbände gegeben. Astindarg lag nur noch eine halbe Wegstunde entfernt, als einer der Scouts in höchster Eile auf die Marschkolonne zugeritten kam. »Ich war gerade auf jenem Hügel dort, von dem aus man Astindarg sehen kann«, rief er, vor dem General nur hastig salutierend. »Die ganze mutter- verdammte Stadt steht in Flammen.« Der General befahl der Armee, sofort Halt zu machen und auf weitere Instruktionen zu warten. Zusammen mit John ritt er in Begleitung des Scouts voraus., »Sire, gleich jenseits des Hügelkammes kann man alles ungehindert überblicken.« Der Scout führte die beiden Offiziere zur höch- sten Erhebung und deutete auf die Stadt im Tal. »Sehen Sie, dort unten, Sire? Die ganze Stadt brennt.« Der General und John blickten vorsichtig über den Rand des Hügels in die Ebene hinab. John war der erste, der etwas Auffallendes an der brennenden Stadt bemerkte. »Sehen Sie, Sire«, sagte er zu dem General, »noch steht nicht die ganze Stadt in Flammen. Es sieht aus, als ob ein Brandstifter durch die Straßen gelaufen sei, und zwar von rechts nach links.« Johns Hand beschrieb einen weiten Bogen quer über den Marktflecken. Als sie den linken Stadt- rand erreicht hatte, hielt sie wie erstarrt inne. Dann deutete er noch ein Stück weiter nach links. Dabei äußerte er laut einige Sätze in einer Sprache, die der General nicht verstand. »Was soll das heißen?« fragte der General. Er blickte nach unten, zu dem Punkt hin, auf den John deutete. Ein großer, glitzernder Gegenstand, offen- bar aus silbernem Metall, stand aufrecht im Gras jenseits der Stadt. Gras? Nein. Früher mochte auch dort, wo der Gegenstand jetzt stand, einmal Gras gewachsen sein, wie die weitere Umgebung zeigte. In unmittelbarer Nähe des Ungetüms jedoch war, der Boden verbrannt. Eine düstere, unheimliche Schwärze, in einem derartigen Kontrast zu dem unheimlichen Gegenstand, der darauf stand, daß den Beobachtern der Atem stockte. »Was, in Mutters Namen, ist das?« »Ein Raumschiff«, entgegnete John, »und es ist fünf Jahre zu früh gekommen.« »Ein – was?« »Hören Sie, General, lassen Sie sofort alle Artil- lerieeinheiten vorrücken, die über schwerste Hitze- strahler verfugen. Außerdem brauchen wir so viel Kavallerie, wie sich in der Eile auftreiben läßt. Während die Truppen anrücken, werde ich Ihnen alles erklären. Es sieht so aus, als hätten wir dies- mal eine richtige Schlacht vor uns!« * Der Pilot des Raumschiffes bahnte sich den Weg zum Aufenthaltsraum, wo sich die Passagiere ver- sammelt hatten. »Wir sind gelandet, meine Herren«, verkündete er. »Das habe ich gemerkt«, entgegnete einer der vier Passagiere. »Aber es sieht so aus, als hätten wir bei dieser Gelegenheit eine ganze Stadt in Brand gesteckt.« Der Pilot starrte ihn wütend an., »Ich bin nur für Landungen auf betonierten Pi- sten ausgebildet. Wenn Sie mir von Anfang an ge- sagt hätten, wohin die Reise geht, anstatt daraus bis zur letzten Minute ein Geheimnis zu machen, und wenn Sie mich nicht außerdem gezwungen hätten, in letzter Sekunde den Kurs zu ändern, hätte ich Ihnen einen anderen Piloten empfohlen. Einen, der an Landungen auf Wiesen gewöhnt ist.« Der Passagier winkte verächtlich ab. »Ich habe Ihnen bereits erklärt, daß wir Mitglie- der eines besonderen Untersuchungsausschusses sind, der von Senator Walsh eingesetzt worden ist. Wir überprüfen gerade eine mögliche Kontaktver- letzung durch Einheiten der Flotte. Glauben Sie wirklich, daß wir für diesen Auftrag einen Piloten der Flotte hätten einsetzen sollen?« »Mir scheint«, entgegnete der Pilot, noch immer ärgerlich, »daß wir selbst so etwas wie eine Kontakt- verletzung begangen haben, als wir hier landeten.« »Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß wir ein Sonderausschuß sind, der einen solchen Fall zu un- tersuchen hat«, erklärte ein Passagier ungeduldig. »Das ist natürlich eine ganz andere Situation, für die ganz andere Maßstäbe gelten.« »Oh, ich verstehe. Ihr Konservativen macht ja die Gesetze. Natürlich ist es dann auch durchaus in Ordnung, daß ihr sie brechen dürft, wann immer es euch paßt. So einfach ist das also.«, Einen Augenblick lang zog etwas wie Verach- tung und Ekel über das Gesicht des Piloten, doch dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Ehe einer der anderen etwas sagen konnte, fuhr er fort: »Nun, ich schätze, Sie sollten jetzt aussteigen und nach- sehen, ob die Eingeborenen uns freundlich gesinnt sind. Allerdings könnte ich mir vorstellen, daß wir mit den guten Leuten wegen ihrer brennenden Stadt Ärger bekommen könnten.« Er wandte sich ab und verschwand in der Pilo- tenkabine. Die vier Kommissare von Terra verließen das Raumschiff. Die Stadtbewohner schienen keine Notiz von ihnen zu nehmen. »Sehr neugierig sind die Eingeborenen offenbar nicht, Stepan«, bemerkte einer der Terraner. »Es sieht beinahe so aus, als wären die Bewohner die- ses Planeten an Raumschiffe gewöhnt, die bei ih- nen auf dem Hinterhof landen.« Stepan, der Anführer der Gruppe, drehte sich um. »Könnte sein«, meinte er, »könnte sein, Alain. Aber es wäre auch möglich, daß die Leute genug damit zu tun haben, das Feuer zu löschen. In die- sem Falle haben sie wirklich keine Zeit, uns gebüh- rend zu begrüßen.« Alain steckte die Zurechtweisung ein und blickte betreten zur Seite., Stepan betrachtete die ruhige Landschaft rund um die Stadt. »Ich frage mich, wie es uns gelingen soll, eine illegale Kontaktaufnahme nachzuweisen«, überleg- te er laut. »Viel können sie in fünf Jahren jeden- falls nicht erreicht haben.« Hinter einem der nächsten Hügel ertönte ein Ge- räusch, das wie ein überlautes Husten klang. Ein Jaulen und Heulen erfüllte die Luft. Alain schaute Stepan betroffen an. »Es hört sich an wie ein Generator«, sagte er. »Stimmt, das könnte es sein«, gab Stepan vor- sichtig zurück. Ein Laserstrahl schoß hinter dem Hügel hervor und schnitt dem Raumschiff die Spitze ab. »Was zum …«, schnappte Stepan nach Luft. Reiter in unübersehbaren Massen stürmten über den nächsten Hügel heran. Sie saßen auf Tieren, die wie kleine Dinosaurier aussahen. Die Reiter hielten gefällte Lanzen in den Händen. Die Terra- ner blieben wie erstarrt stehen, mehr wie unter ei- nem plötzlichen Schock als aus Furcht, wie einer von ihnen später erklärte. Es gab einen unblutigen Sieg der Rebellen …, VIERZEHNTES KAPITEL Noch am Tage des Jahresfestes der Sippe des Gar- Terrayen wurde das 5. und 7. Regiment der könig- lichen Armee nach Astindarg in Marsch gesetzt. Die Truppen waren mit den modernsten Waffen ausgerüstet und in deren Gebrauch tadellos ausge- bildet. Sie gehörten zu den härtesten Kämpfern, die es auf Lyff jemals gegeben hatte. Durch telegra- phisch übermittelte Befehle herbeigerufene Einhei- ten aus anderen Garnisonen schlossen sich unter- wegs an. Als die Streitmacht des Königs vier Tage später die Hügel vor Astindarg erreichte, war die Marschkolonne in Sechserreihen fünf und eine halbe Wegstunde lang. Am Ende des vierten Tages wurde in den Hü- geln oberhalb der Stadt ein weitläufiges Feldlager bezogen. Das Raumschiff war deutlich zu sehen, obwohl es mehrere Stunden entfernt stand und die Luft noch immer vom Rauch der brennenden Stadt erfüllt war. Die Soldaten des Königs hatten in die- ser Nacht einen unruhigen Schlaf. Am nächsten Morgen begann das Gefecht mit schwerem Trommelfeuer der Artillerie. Die Streit- kräfte, die sich in Astindarg verschanzt hatten, ant- worteten mit Kampfraketen und Hitzestrahlen. Die Luft erzitterte unter dem donnernden Dröhnen der explodierenden Granaten. Mit schrillem Pfeifen, zischten Raketen heran. Dazwischen hörte man das leise, aber durchdringende Singen der Laserstrahlen. »Ich will euch mal was sagen«, flüsterte hier und dort ein Soldat, »die ganze mutterverdammte Ge- schichte stinkt doch zum Himmel. Diese Raum- schiffer haben Granaten, die sich selbst in die Luft schießen. So etwas gibt es doch einfach nicht.« Eine Stunde nach Sonnenaufgang kam der Be- fehl zum Vormarsch. Nervös und langsam, teilwei- se unwillig, setzten sich die Soldaten des Königs in Bewegung. Rauchfahnen behinderten die Sicht. Überall explodierten Granaten und Bomben. Die durch andere Garnisonen verstärkten Trup- pen waren sehr unterschiedlich bewaffnet. Einige trugen weitreichende Gewehre, andere hatten Ba- zookas bei sich. Auch ältere Waffen fehlten nicht. So sah man mehr Armbrüste, Lanzen, Schwerter und Streitäxte als moderne Feuerwaffen. Es gab sogar noch Männer, die ihre völlig zwecklosen Schilde mit dem farbenfreudigen Schmuck der Familienwappen vor sich hertrugen. Der Angriff auf Astindarg geriet ins Stocken. Weder Hornsignale noch die wilden Flüche der Of- fiziere konnten die Männer zu schnellerem Marsch veranlassen. Die Maschinengewehre auf den Wäl- len der Stadt mähten die Männer des Königs rei- henweise nieder. Es ging alles sehr schnell. Schließlich sprang der mittlerweile zum General, ernannte Ansgar Sorenstein auf seinen Rakan und galoppierte auf das freie Feld, mitten vor die zö- gernden Truppen. »Folgt mir!« schrie er. Die Soldaten des Königs sammelten sich um ihn und folgten ihm auf die Be- festigungswälle von Astindarg. Ganz plötzlich – Ansgars Soldaten hatten gerade die Stadttore er- reicht – legte sich tiefe Stille über das Schlachtfeld. Sie war bedrückender als der Lärm, der bisher ge- herrscht hatte. »Das Feuer ist eingestellt worden, Sire«, sagte Ansgars Adjutant nach einem flüchtig angedeute- ten Gruß. »Ja, bei uns auch. Was, im Namen unserer Gro- ßen Mutter, geht hier vor?« Trotz der unmittelbaren Gefahr beobachtete John Harlen, Hurd und General Garth den Fort- gang der Schlacht vom Tempeldach aus. Das war der höchste Beobachtungspunkt, der sich in ganz Astindarg finden ließ. »Glauben Sie, daß wir den Ansturm aufhalten können?« wollte der General wissen. »Das sollte uns gelingen. Wenn wir es nicht mit den Raketen schaffen, werden die Laserstrahlen ganze Arbeit leisten. Was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, daß wir gegen eine Übermacht zu kämpfen haben. Das bedeutet eine unnötig hohe Zahl von Toten.«, »Das bringt ein Krieg nun einmal mit sich«, ent- gegnete der General. Trauer schwang in seiner Stimme mit. »Vielleicht ist es gut, wenn wir uns beizeiten daran gewöhnen.« »He, John!« fiel Hurd ihm ins Wort. »Wer ist das dort drüben vor der Front? Ich meine den Offi- zier auf dem Rakan.« »Ich weiß es nicht, Hurd. Er kommt mir irgend- wie bekannt vor. Gib mir mal das Fernglas her!« John schaute lange durch die Gläser. Dann stieß er einen leisen Pfiff aus. »Hurd, laß sofort das Feuer einstellen! Zieh die weiße Flagge auf! Das ist Ansgar Sorenstein.« * »Die Sache ist so«, begann Ansgar, als die Freunde wieder beisammensaßen. »Wir dachten, wir hätten Feinde zu bekämpfen. Wenn ich nur ein wenig nachgedacht hätte, wäre ich wohl darauf gekom- men, daß wir ein Raumschiff der Föderation vor uns hatten. Aber diese Möglichkeit kam mir ein- fach nicht in den Sinn.« Im Anbau des Tempels war rasch ein provisori- sches Telegraphenbüro eingerichtet worden. Wäh- rend die Männer miteinander redeten, lötete ein Nachrichtensoldat die Verbindungen. Er prüfte Stromkreise und brachte das Gerät in Funktion., »Das haben wir zuerst auch gedacht«, nickte John. »Wir kamen erst darauf, daß es ein Raum- schiff der Föderation war, nachdem wir es vernich- tet hatten.« »Aber – ein Untersuchungsausschuß der Konser- vativen!« seufzte Ansgar. »Wenn es nicht so mut- terverdammt dämlich wäre, wäre es beinahe tra- gisch.« »Die Leitung ist jetzt in Ordnung, Sire«, meldete der Nachrichtensoldat respektvoll. »Großartig. Sag mal, Ansgar, wie lange dauert es bei dir, Meldungen zu verschlüsseln? Ich fürch- te, bei mir sind die Kenntnisse dafür während der letzten vier Jahre eingerostet.« »Ich schätze, es wird schon gehen. Wie lautet der Spruch?« Zusammen setzten sie einen Bericht über das Gefecht auf. John fügte ein paar kurze Sätze über seine Arbeit in der Volksarmee hinzu. Obwohl sie sich um eine kurze Fassung bemühten, dauerte es fast eine Dreiviertelstunde, den ganzen Bericht durchzugeben. Draußen mischten sich die Männer aus der Ar- mee des Königs vorsichtig unter die Leute der Volksarmee. Niemand wußte, was eigentlich vor sich ging. Natürlich fiel es den Soldaten beider Sei- ten schwer, mit dem Feinde von gestern Kontakt aufzunehmen., Pindar Smith war es zu danken, daß keiner der Soldaten Schwierigkeiten hatte, sich mit dem un- gewöhnlichen Anblick eines Raumschiffes abzu- finden. Schon vor drei Tagen hatte er seine Männer vorsichtig darauf vorbereitet. General Garth, der Oberbefehlshaber der Volks- armee, hatte die meisten Schwierigkeiten. Er be- griff überhaupt nichts mehr. Von Natur aus mußten die Männer der königlichen Armee seine Feinde sein. Seit fünf Jahren hatte er es nicht anders ge- kannt. Er konnte es noch nicht fassen, daß seine Feinde von gestern heute zu seinen Verbündeten geworden waren. Er lehnte es ab, Stellung zu neh- men und Fragen zu beantworten. Ihm war noch nicht klar, ob seine bisherigen Bemühungen und sein Lebensziel überhaupt einen Sinn gehabt hat- ten. Oder ob er nicht sogar vor dem Höhepunkt seiner Karriere stand. Jedenfalls fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. Ansgar morste das Schlußzeichen seines Berich- tes und lehnte sich müde im Sessel zurück. Aber noch ehe er es sich bequem machen konnte, melde- te sich der Telegraph bereits wieder. John nahm die Meldung entgegen. Während er die Zeichen übertrug, wurde sein Gesichtsausdruck immer grimmiger. »Bürgerkrieg!« hieß es auf dem Streifen. »Streitkräfte des Anti-Verschwörer-Komitees grei-, fen den Palast an. Lyffdarg in Aufruhr. Sendet so- fort Hilfe!« Ohne ein Wort stürmte John davon, um General Garth zu unterrichten. Kurz nach der Morgendämmerung des nächsten Tages stellte sich die nunmehr vereinigte Königs- und Volksarmee auf dem Marktplatz von Astin- darg in Marschformation auf. »Lyffaner!« rief John im Tonfall des geübten Demagogen. »In Lyffdarg herrscht Bürgerkrieg. Verräterische Adelige versuchen, den König zu stürzen. Sie drohen, die ganze Stadt zu verwüsten. Tausende von unschuldigen Bürgern sind bereits hingemordet worden. Der Tempel unserer Großen Mutter wurde beschmutzt und das Gesetz der Mut- ter mit Füßen getreten. Wir wollen unsere Feindse- ligkeiten vergessen und uns zusammentun, um ge- gen den gemeinsamen Feind zu kämpfen. Lyff den Lyffanern! Lang lebe der König!« Die mächtigste Armee, die es auf Lyff jemals gegeben hatte, setzte sich in Bewegung., FÜNFZEHNTES KAPITEL In der Nacht nach dem Fest beim Clan des Gar- Terrayen lernte Tchornyo endlich seinen geheim- nisvollen Wohltäter kennen. Gänzlich unerwartet wurde er von dem dunkelhaarigen kleinen Mann geweckt und zum Hauptquartier des Komitees ge- bracht. Es war der gleiche Mann, der seit so langer Zeit als Mittler zwischen dem Komitee und seinem anonymen Gönner gewirkt hatte. »Was hat das alles zu bedeuten?« fragte er un- terwegs immer wieder seinen Begleiter. Doch er bekam keine Antwort. Die Straßen von Lyffdarg lagen einsam und verlassen. Tiefe Dunkelheit herrschte. Als schließlich der geheimnisvolle Förderer des Anti-Verschwörer-Komitees das Büro betrat, wäre Tchornyo beinahe in die Knie gegangen. »Setz dich hin, Tchornyo«, begann der Edel- mann freundlich. »Wir haben viel miteinander zu besprechen und keine Zeit für Formalitäten.« Demütig setzte sich Tchornyo hinter seinen Schreibtisch und lauschte, während der Adelige langsam in dem engen Büro auf und ab ging. Er beschrieb eingehend seine Pläne, die er mit dem Komitee hatte. »Morgen früh«, begann er, »wird das 5. und 7. Regiment nach Astindarg abmarschieren. Danach, bleiben nur noch drei Embracen von Mutters Gar- disten und ein Regiment der Armee des Königs als Besatzung in Lyffdarg zurück. Wir dürfen kaum hoffen, die Stadt in absehbarer Zeit noch einmal so schwach besetzt zu finden.« »Jawohl, Sire, Euer Hochwohlgeboren«, warf Tchornyo ahnungslos ein. »Höre also, was zu tun ist. Die Regimenter ha- ben Befehl, im Morgengrauen aufzubrechen. Zwei Stunden später wirst du mit Waffengewalt die Gar- nison der Gardisten angreifen. Mehr als eintausend Mann wirst du dazu nicht brauchen.« »Aber, Sire, Mutters Gardisten …« »Mutters Gardisten sind auch nur Soldaten. Während der Angriff auf die Kaserne stattfindet, soll dein Freund Gardnyen weitere zweitausend Männer nehmen und den Palast berennen. Beide Angriffe müssen erfolgreich durchgeführt wer- den.« »Den Palast?« »Ganz recht. Und wenn ihr bei der Kaserne fer- tig seid, bringst du deine Leute zum Palast und hilfst Gardnyen.« »Aber, Sire, der König!« Tchornyo war völlig verwirrt und wußte nicht, was er davon halten sollte. »Mutter verdamme den König!« zischte der E- delmann. »Morgen wird der König gestürzt.«, »Aber, der König ist mein Onkel!« Tchornyo war dem Heulen nahe. »Unsinn. Der König ist dein Feind. Wer, glaubst du wohl, steckt hinter der ganzen Verschwörung, ge- gen die du während der letzten Jahre gekämpft hast?« »Etwa der König?« »Natürlich, nur der König. Wer sonst hätte von einer Verschwörung gegen den Adel einen Vorteil? Osgard hat seit dem Tode seines Vaters nichts an- deres getan, als versucht, die Macht des Adels ein- zuschränken. Du weißt es genau. Mir ist es im üb- rigen völlig gleichgültig, in welchem Verwandt- schafts-Verhältnis er zu dir steht, und wenn er dein eigener Bruder wäre …« Lange Zeit herrschte Schweigen. Der Edelmann stand am Fenster und blickte hinaus über die Dä- cher der Stadt. Tchornyo saß starr wie eine Statue hinter seinem Schreibtisch. Vergeblich versuchte er, zu einem Entschluß zu gelangen. Plötzlich dreh- te sich der Adlige um und donnerte: »Nun?« »Ich werde sofort entsprechende Befehle geben, Sire, Euer Hochwohlgeboren«, seufzte Tchornyo schwach. »Gut so«, strahlte der Edelmann. »Ich wußte doch, daß ich mich auf dich verlassen kann. Nun muß ich gehen. Wir treffen uns morgen nachmittag am Palast. Knie nieder, damit ich dich segnen kann, mein Sohn.«, Mühsam einen Schwindelanfall niederkämp- fend, kniete Tchornyo neben seinem Schreibtisch. Der Hohepriester und Vater der Väter bat die Gro- ße Mutter um ihren Segen für den geplanten Auf- stand und verabschiedete sich dann hastig. »Hat es geklappt?« fragte jemand den Hoheprie- ster. »Es ging alles nach Wunsch«, antwortete dieser. »Ich habe ganz einfach an die Intelligenz des jun- gen Mannes appelliert. Er war nach anfänglichem Zögern und einigen Einwänden schließlich mit al- lem einverstanden.« Zwei Stunden nach Tagesanbruch stürmten ein- tausend Mitglieder des Komitees die Garnison, während weitere zweitausend den Palast belager- ten. Bereits eine halbe Stunde später attackierten fünftausend wütende Lyffdarger die Truppen des Komitees, und zwar so verbissen, daß Tchornyo am Nachmittag gezwungen war, Verstärkung anzu- fordern. Abteilungen der Komitee-Truppen eilten aus allen benachbarten Dörfern und Städten ihrem Anführer zu Hilfe. Der Kampf an den Stadttoren dauerte drei Tage und drei Nächte. Schließlich wurden die schlecht bewaffneten Bürgerstreitkräfte niedergerungen. Die Truppen des Komitees zogen siegestrunken durch die Straßen der Stadt. Aber noch war der Kampf um Lyffdarg nicht zu, Ende. Die Einheiten des Komitees waren nicht im Straßenkampf ausgebildet, und das bekamen sie während der nächsten Tage deutlich zu spüren. Scharfschützen der rasch formierten Bürgerwehr schossen die auffallend uniformierten Komiteemit- glieder wie Tontauben ab. Die Soldaten des Komi- tees hatten andererseits wenig Glück mit ihren Versuchen, die Scharfschützen in ihren Hinterhal- ten aufzuspüren. So rächten sie sich mit einem wil- den Gemetzel, das Hunderten von Adligen das Le- ben kostete. Um diesem sinnlosen Morden ein En- de zu machen, gab Tchornyo schließlich den Be- fehl, die Stadt niederzubrennen. Am Morgen des siebenten Tages seit Beginn des Aufstandes legte man Feuer an das erste Gebäude. Der Rauch erhob sich wie eine dunkle, zerfetzte Kriegsfahne in den klaren Himmel. Mit wütender Wildheit verteidigten die Lyffdarger ihre Heimstät- ten. Jedes in Brand gesetzte Haus kostete minde- stens fünf Edelmännern das Leben. Gegen Mittag waren erst fünfzehn Häuser abgebrannt. Um die Mittagsstunde machten die Beobachter auf den Stadtmauern eine Wolke am Horizont aus. Stunden vergingen. Die Brände breiteten sich aus. Die Wolke am Horizont wurde immer größer, bis auch die schwächsten Augen sie als aufgewirbelten Staub über einer heranmarschierenden Armee er- kennen konnten., Je näher diese Streitmacht rückte, desto größer wurden Tchornyos Hoffnungen. Die Truppen wa- ren bestimmt die Hauptmacht der Verstärkungen, auf die er seit einer ganzen Woche gehofft hatte. Mit der Abenddämmerung brachen jedoch alle sei- ne Hoffnungen zusammen. Der Sieg war zum Greifen nahe gewesen – und dann dies! Die verei- nigte Königs- und Volksarmee stürmte gegen die Stadttore, schlug Breschen in die Mauern und ü- berrannte die Verteidiger. Schwerter blitzten, Ge- wehrmündungen flammten auf, und Laserstrahlen zischten. Die Angreifer schwärmten in die Stadt hinein wie eine Horde wütender Hornissen. Tchor- nyo war einem Nervenzusammenbruch nahe, als er sehen mußte, wie die Mörder, die er bei jenem Zu- sammenstoß vor fünf Jahren in nachtdunkler Gasse vor sich gehabt hatte, an der Spitze der siegreichen Truppen einmarschierten. Der Aufstand wurde zu einer Art Kaninchen- jagd. Überall in der Stadt befanden sich die zittern- den Komitee-Mitglieder auf der Flucht. Sie suchten Schutz in den Häusern, die sie noch vor wenigen Stunden hatten niederbrennen wollen. Dutzende von Komiteesoldaten kamen in den Flammen um, die sie selbst gelegt hatten. Mit Einbruch der Nacht war alles vorüber. John Harlen fand Tchornyo im Büro des Komi- tees. Der junge Adlige saß an seinem Schreibtisch,, mit blicklosen Augen in die Finsternis starrend, ein gebrochener Mann. Harlen trat ein und zündete das Licht an. Lang- sam kehrte Tchornyo in die Wirklichkeit zurück. »Sie sind es«, stöhnte er. »Das hätte ich mir denken können. Vermutlich sind Sie gekommen, um mich zu töten.« Seine gequälte Stimme verriet völlige Apathie und Erschöpfung. »Sie töten?« rief John herzlich. »Unsinn. Ich bin gekommen, um Sie in die Wirklichkeit zu führen, mein Freund. Ja, ich bin Ihr Freund, trotz allem, was Sie getan haben. Und ich hoffe, die zurücklie- genden Tage und Stunden haben Ihnen die Augen geöffnet, wohin Sie gehören. Sie sind nur das Werkzeug der Macht im Hintergrund gewesen, die Sie für ihre Zwecke einzuspannen gewußt hat, auch wenn mir nähere Einzelheiten noch unbe- kannt sind. Ich werde Ihnen die Zusammenhänge erklären, und Sie können dann selbst entscheiden, wohin Sie gehören.« Am Ende des langen Gesprächs hatte John Har- len einen neuen Verbündeten gewonnen., SECHZEHNTES KAPITEL Auch nach Einstellung der Feindseligkeiten kam Lyffdarg nicht mehr zur Ruhe. Die Niederlage des Anti-Verschwörer-Komitees bedeutete zugleich das Ende der Vormachtstellung des Adels über das Bürgertum. Damit aber wurde eine politische und gesellschaftliche Krise heraufbeschworen, die Lyffdarg für weitere sechs Monate in ein wildes Chaos stürzte. Der Adel war geschwächt und ent- machtet. Es erwies sich als notwendig, eine neue Regierung zu bilden. Die Bürger bestanden dabei auf ihrem neuerworbenen Recht, daran beteiligt zu sein. Der politische Wirbel, der der Geburt einer kon- stitutionellen Monarchie auf Lyff vorausging, war nicht die einzige Quelle der Aufregung in Lyffdarg und auch nicht die größte. Diese »Ehre« blieb den Männern der Sonderabteilung L-2 vorbehalten. Die Tatsache, daß in der Nähe von Astindarg ein Raumschiff gelandet war, ließ sich nicht geheim- halten. Zu viele Leute hatten das Schiff gesehen und mit den Raumfahrern gesprochen. Deshalb, so überlegte sich John Harlen, war es nicht mehr nötig und vor allem auch zwecklos, die Arbeit der Son- derabteilung geheimzuhalten. Die Öffentlichkeit mußte unterrichtet werden, und zwar schnell und geschickt. Welches Mittel schien dafür geeigneter, als Ansgar Sorensteins bereits seit einiger Zeit be- stehende Zeitung. Die Männer um John Harlen verstanden es dabei, nicht nur die Hintergründe für die neue Entwicklung auf Lyff aufzuzeigen und die Planetenbewohner von ihren lauteren Absichten zu überzeugen, sondern es gelang ihnen auch, den Lyffanern klarzumachen, daß sie die weitere Arbeit der Terraner mit allen zur Verfügung stehenden Kräften unterstützen mußten, wollten sie nicht Ge- fahr laufen, ihre Heimatwelt an die Invasoren zu verlieren und selbst zu Sklaven herabzusinken oder ausgerottet zu werden. Sechs Monate nach dem Zusammenbruch des Anti-Verschwörer-Komitees äußerte sich die in neue Bahnen gelenkte Begeisterung der Lyffaner auf höchst unerwartete Art und Weise. Die ersten freien Wahlen, die es jemals auf Lyff gegeben hat- te, fanden statt. Die Bevölkerung wählte Hurd zum Ministerpräsidenten, obwohl er sich nicht darum beworben und am Wahlkampf überhaupt nicht teilgenommen hatte. Aber er war der erste Lyffaner gewesen, der sich den Terranern zur Rettung seiner Heimatwelt zur Verfügung gestellt hatte. »Meine Freunde«, sagte Hurd in seiner Regie- rungserklärung, »eine schwere Krise liegt hinter uns, wohl die schwerste, an die wir Lyffaner uns erinnern. Aber eine weit größere Krise steht uns bevor. Unbekannte, noch namenlose Invasoren, schicken sich in diesem Augenblick an, durch ster- nenferne Räume zu unserem Planeten vorzustoßen. Ich spreche für euch alle, wenn ich im Namen der Großen Mutter gelobe, daß wir alles in unseren Kräften stehende tun werden, um dieser Gefahr wirksam zu begegnen. Sie ist zwar namenlos, aber kein Geheimnis mehr, und einen Gegner, den man kennt, kann man auch überwinden. Und wir stehen nicht allein. Terra ist mit uns, die Heimat unserer Freunde, die uns rechtzeitig gewarnt und aufgerüt- telt haben. Terra und die Föderation, der wir bald angehören werden. Die Vergangenheit liegt weit hinter uns. Die Zukunft hat begonnen, eine ruhm- reiche Zukunft für Lyff. Wir werden in die ge- heimnisvollen Weiten des Alls vorstoßen, mit an- deren Wesen Verbindung aufnehmen, lernen und lehren, denn auch wir haben unseren Freunden et- was zu geben. Im Geheimen Namen unserer Gro- ßen Mutter verspreche ich, daß wir euch in eine ruhmreiche, große Zukunft fuhren werden. Lyff den Lyffanern! Die Zukunft gehört uns!« Der Beifall wollte kein Ende nehmen., SIEBZEHNTES KAPITEL »Senator Walsh bittet um eine Unterredung, Sir.« »Gütiger Himmel«, murmelte Admiral Bellman, »schon wieder? Warum muß er mich bloß immer ausgerechnet am frühen Morgen stören?« Dann wandte er sich seufzend an seinen Adju- tanten: »Führen Sie den Senator herein, Harry. Und bieten Sie ihm einen Drink an, vielleicht stimmt ihn das etwas freundlicher.« »Jawohl, Sir.« Der Adjutant verschwand und kehrte in Beglei- tung von Senator Walsh zurück. »Edvalt«, begann der Senator anstelle einer Be- grüßung, »wann haben Sie zuletzt von Ihrer groß- artigen Sonderabteilung gehört?« »Fangen Sie schon wieder damit an? Sie sollten doch endlich einsehen, daß es sich dabei nur um eine Erfindung von Ihnen handelt. Es gibt keine – wie Sie es nennen – Sonderabteilung.« »Ich weiß, ich weiß. Wann sind denn die letzten Berichte eingegangen?« »Überhaupt nicht. Wenn es keine Sonderabtei- lung gibt, kann es auch keine Berichte geben. Aber ich will Ihnen den Spaß nicht verderben und auf Ihr Hirngespinst eingehen – und kann Ihnen selbst dann nicht weiterhelfen. Strengste Geheimhaltung, wissen Sie? Ich erwarte erst im Laufe dieses Jahres, irgendwann einmal die ersten Berichte.« »Sie stecken bis über den Hals in Schwierigkei- ten.« »Daran bin ich gewöhnt. In Schwierigkeiten ste- cke ich immer. Schließlich werde ich dafür bezahlt. Worum geht es denn diesmal?« »Vor knapp einem Jahr hat die konservative Par- tei eine Expedition nach Lyff entsandt.« »Was hat die Partei gemacht?« »Ich sagte, wir haben eine Expedition nach Lyff geschickt und …« »Verdammt! Wie haben Ihre Leute nur heraus- gefunden, daß es sich um Lyff handelt?« »Sind Sie mir also doch auf den Leim gegan- gen? Ein Hirngespinst, was? Aber um Ihre Frage zu beantworten: Wir haben Mittel und Wege, um zu erreichen, was wir wollen.« »Als ob ich das nicht wüßte. Berichten Sie mir von der Expedition.« »Sie bestand nur aus einem Schiff, Ed, mit fünf Mann Besatzung. Wichtig ist aber dies: Sie melde- ten sich zum letzten Male unmittelbar vor der Lan- dung. Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört.« Admiral Bellman seufzte. »Na, und?« »Unsere Leute sind auf Lyff in Schwierigkeiten geraten. Vielleicht sind sie sogar schon tot.«, Bellman behielt seine stoische Ruhe. »Na, und?« Senator Walsh gingen die Nerven durch. »Ich möchte von Ihnen wissen, was Sie in der Angelegenheit zu unternehmen gedenken!« brüllte er. »Was ich zu unternehmen gedenke? Wieso? Na- türlich gar nichts. Warum sollte ich etwas unter- nehmen?« »Diese fünf Männer sind Bürger der Föderation, Bellman. Wenn sie in Schwierigkeiten geraten sein sollten, wäre es Ihre Aufgabe, ihnen zu helfen.« »Nein, da irren Sie sich, Emsley, da irren Sie sich aber gewaltig. Diese fünf Männer sind Geset- zesbrecher. Ich fühle mich ihnen gegenüber zu keiner Hilfeleistung verpflichtet. Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?« »Was soll das heißen, ›Gesetzesbrecher‹?« Der Senator kochte vor Wut. »Beruhigen Sie sich. Ein Mann Ihres Alters soll- te sich nicht so aufregen. Das ist gefährlich.« »Ich bin erst einundneunzig Jahre alt, verdammt noch mal! Das bedeutet, daß ich noch mindestens dreißig Jahre vor mir habe. Und ich kann mich auf- regen, soviel ich will. Also, was meinen Sie damit, wenn Sie meine Leute Gesetzesbrecher nennen?« »Sie sagten, die Leute seien auf Lyff gelandet. Da Lyff immer noch unter Quarantäne steht, be-, deutet das, daß diese Männer sich einer Kontakt- verletzung schuldig gemacht haben. Falls sie in Schwierigkeiten geraten sein sollten, ist das also ganz allein ihre eigene Angelegenheit. Niemand darf von der Flotte erwarten, daß wir unsere Streit- kräfte in der ganzen Milchstraße verzetteln, um hier und dort Leuten aus der Patsche zu helfen, die auf fremden Planeten herumstöbern. Nein, grund- sätzlich nicht, und in einer unruhigen Zeit wie jetzt schon gar nicht. Wenden Sie sich ruhig an die Po- lizei.« »Aber … aber …« Der alte Mann war vor Zorn sprachlos. Er sprang auf und stürmte im Büro hin und her wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig. Schließlich blieb er stehen, ballte die Fäuste, schüt- telte sich und schrie: »Jetzt ist es aber genug! Kon- taktverletzung! Sie haben es gerade nötig, mir Kontaktverletzung vorzuwerfen. Damit kommen Sie mir nicht davon, Bellman! Ich warne Sie!« Mit diesen Worten stürmte er durch die Tür und war verschwunden. »Erstaunlich flink auf den Beinen für seine Jah- re«, grinste Bellman. Seit langem hatte er sich nicht so wohl gefühlt wie in diesem Augenblick. Immer noch lächelnd zog Bellman hinter einem Stapel Akten ein kleines Buch hervor, in dem er vor dem Eintreffen des Senators gelesen hatte. Es han- delte sich um eine Broschüre von sechzig Seiten, Umfang. Sie trug den Titel: Sonderabteilung L-2 – Erster Zwischenbericht. Bellman blätterte vergnügt bis zu der Stelle, wo die Gefangennahme der Konservativen geschildert wurde, die sich als ein von der Partei entsandter Untersuchungsausschuß aufgespielt hatten …, ACHTZEHNTES KAPITEL Unter dem Damoklesschwert der bevorstehenden Invasion und mit der Macht der terranischen Föde- ration im Hintergrand entwickelten sich Technik und Wissenschaft auf Lyff mit atemberaubender Schnelligkeit. Beinahe über Nacht wurde aus der Gilde der Gilden ein gigantischer Industriekonzern. Bisher selbständig gewesene Werkstätten entwik- kelten sich zu Industriezentren oder Forschungs- stätten. Stück für Stück nahmen die Lyffaner das Raum- schiff der Konservativen auseinander. Dann setzten sie es wieder zusammen. Zuvor aber bauten sie je- des einzelne Stück nach. Dabei gelang ihnen sogar eine Reihe von Verbesserungen. Was schwierig nachzumachen war, schafften sie in sechs Mona- ten. Was sich als nicht kopierbar erwies, weil die vorhandenen Mittel dazu noch nicht ausreichten, wurde durch eigene Erfindungen ersetzt. Dann be- gannen sie, ein eigenes lyffanisches Raumschiff zu bauen. Neue Gilden schossen aus dem Boden, Alther- gebrachtes mit Neuem verbindend. Zuerst formier- te sich die Gilde der Ingenieure. Ihr folgten in kur- zen Abständen die Gilde der Mathematiker, der Physiker und der Elektroniker, der Optiker und, merkwürdig genug, die Gilde der Schriftgelehrten., Die Zahl der Gilden aber wurde noch übertroffen durch die rasch aufblühenden wissenschaftlichen Akademien. Bald waren die lyffanischen Wissenschaftler soweit, daß sie die Arme Schwester, ein Planet des Systems, zu dem auch Lyff gehörte, mit Hilfe eines Laserstrahlradars kartographieren konnten. Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern entwickelte einen Digital-Computer. Das erste Modell wog fast eine Tonne. Aber schon die zweite Ausführung wies nur noch das Gewicht von drei Pfund auf. Ganz Lyff schien in einer Art Schöpfungstaumel zu vergehen. Es gab keinen Bewohner des Plane- ten, der nicht davon angesteckt wurde. »Ich kann immer noch nicht verstehen und be- greifen«, sagte John eines Tages zu Hurd, »daß dein Volk es fertigbekommen hat, sich der neuen Situation so leicht anzupassen. Noch vor sechs Jah- ren war Lyff ein landwirtschaftlich kaum genutzter Planet. Nirgends war eine bemerkenswerte techni- sche Entwicklung. Nun sieh dir nur an, was daraus geworden ist. Das gesamte Volk scheint nur noch aus Technikern und Wissenschaftler zu bestehen. Wie war das möglich?« »Ich glaube, das habe ich vor sechs Jahren schon einmal erklärt.« »Dann muß ich damals deinen Worten nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt haben., Wenn du es noch einmal wiederholen könntest?« »Gern. In dem Buch von Garth Gar-Muyen Garth, den unsere Große Mutter …« »Halt ein, mein Freund, halt ein! Theologie?« »Nicht ganz. Jedenfalls gab es in diesem Buch viele Kapitel, deren Bedeutung uns verborgen blieb, bis ihr Terraner bei uns auftauchtet. Ich den- ke da ganz besonders an jene Stellen, deren Sinn uns so unverständlich war, daß wir meinten, es drehe sich um eine besondere Form der Ethik. Bis ihr kamt und uns die Elektrizität brachtet. Plötzlich bekam alles einen neuen und sehr bestimmten Sinn. Die besten Köpfe von ganz Lyff waren bis dahin nicht in der Lage gewesen, hinter das Ge- heimnis dieser alten Aufzeichnungen zu kommen«. »Hurd, wo kann ich mir eine Ausgabe dieses Buches von Garth Gar-Muyen Garth beschaffen?« »Bei der Liebe unserer Mutter, warum fragst du nicht den Hohepriester danach?« * General Garth wurde zum Kommandeur der noch nicht existierenden Raumflotte ernannt. Sofort be- gann er damit, Besatzungen für die Schiffe auszu- bilden und sie auf den Gebrauch von Waffen vor- zubereiten, die erst noch erfunden werden mußten. »Wenn wir auf die mutterverdammten Ingenieu-, re warten, bis sie uns unsere Raumschiffe gebaut haben«, erklärte er, »haben wir keine Zeit mehr, die Besatzungen auszubilden. Auf dem von mir eingeschlagenen Wege wird es vielleicht gelingen, im Moment der Fertigstellung der ersten Schiffe auch genügend geschulte Mannschaften für die Be- satzungen bereit zu haben.« Die Lyffaner erwiesen sich als besonders begabt in der Erfindung und Herstellung neuer Waffen al- ler Art. Innerhalb eines Jahres waren alle Waffen veraltet, die John Harlen einst für die Volksarmee geschaffen hatte. Das gleiche galt für die Bewaff- nungen, die von der Gilde der Gilden und dem Rest der Sonderabteilung für die Armee des Kö- nigs erdacht worden waren. Die Männer, welche die Oberfläche des Planeten Arme Schwester mit Hilfe eines Laserstrahlradars aufgezeichnet hatten, benutzten den gleichen Laserstrahl später, um die- sen Kleinplaneten bei einem Experiment zu einer formlosen Masse zusammenzuschmelzen. Antigravitation, der alte und bisher vergeblich geträumte Traum der Menschheit – hier auf Lyff wurde er Wirklichkeit. Damit wurde nicht nur eine völlig neue Entwicklung der Raumfahrt eingeleitet, sondern auch das Waffenarsenal der Lyffaner um eine neue schlagkräftige Waffe erweitert. Auf der Grundlage einiger bisher kaum ver- ständlicher Andeutungen in dem Buch von Garth, Gar-Muyen Garth entwickelte die Gilde der Elek- troniker eine Reihe sogenannter »Phasengeschüt- ze«. Die Erfinder hatten gehofft, damit Materie in Energie verwandeln zu können. Statt dessen wan- delten die Phasengeschütze Energie in Materie um. Enttäuscht gaben die Elektroniker ihrer Erfindung den Namen »Gerät zur Wirkungsbehinderung«. Danach griffen sie das Problem von einem anderen Punkt her an. Es dauerte ein weiteres Jahr, bis ein Wissenschaftler herausfand, daß dieses »Gerät« dazu umgebaut werden konnte, jede Art von Ener- gie in fast jede Art von Materie umzuwandeln., NEUNZEHNTES KAPITEL Das Erkundungsschiff schien ein Eigenleben ange- nommen zu haben. Es manövrierte nicht mehr normal. Einmal raste es mit Höchstgeschwindig- keit dahin. Gleich darauf verhielt es bewegungslos. Manchmal schien es in sich selbst zu beben, als wolle es auseinanderbrechen. Das Schiff war die Vorhut einer Flotte der Fremden. Seine Besatzung bestand nicht aus Men- schen oder menschenähnlichen Wesen. Sie waren so fremd, daß die bekannte Sprache keine Worte hatte, sie auch nur annähernd zu beschreiben. Und sie waren Wanderer zwischen den Sternen – auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ihr Weg durch die Galaxis war ein Weg des Grauens. Bar jeden Gefühls, nur von einem kalten Intellekt beherrscht, der sie rastlos vorwärtstrieb, vernichteten sie in ih- rer unfaßbaren Verstandeskälte alles, was ihnen auf ihrer Wanderung begegnete und nicht als neue Heimat in Betracht kam, eine Heimat, die sie noch nicht gefunden hatten. Sie ließen ein Chaos zurück: verbrannte und verwüstete Planeten, vernichtete Kulturen, Tod und Verderben. Und es schien niemanden zu geben, der ihnen Einhalt zu bieten vermochte. Das fremde Raumschiff zog seine Bahn, auf der Suche nach dem nächstgelegenen Planeten, um, dort die Ursache der Störung feststellen und das Schiff überholen zu können. Und Lyff lag auf sei- nem eingeschlagenen Kurs. Die Einwohner von Primylbos wurden in der Nacht von einem eigenartigen Geräusch geweckt. Die Atmosphäre wurde in sich selbst erschüttert und begann zu vibrieren. Am Himmel ließ sich ein schwaches Glimmen erkennen, das schnell heller und heller wurde, bis man vor dem harten Glanz die Augen schließen mußte. Es war das Letzte, was die achttausend Einwohner von Prymilbos zu se- hen bekamen. Auch in Lyffdarg war das Geräusch zu hören. Es klang wie das Krachen eines aufflammenden Blit- zes. Und anstelle der Morgendämmerung sahen die Lyffdarger ein klares, grelles Licht. Das Licht war so hell wie das einer plötzlich aufflammenden Sonne, die – einem Kometen gleich – quer über den Himmel zur fernen Küste flog. »Der Meteor muß eine ungeheure Größe haben«, meinte Ansgar Sorenstein. »Ich hoffe nur, es ist einer«, entgegnete John dü- ster. Gleich darauf erhellte sich der Himmel. Wie ein Fächer liefen intensiv leuchtende Lichtstrahlen von Horizont zu Horizont. John begann leise zu zählen. Als die Schockwel- le und der Donner vorüber waren, sagte er: »Das war neunhundert Wegstunden entfernt. Also könn-, te es Prymilbos getroffen haben. Kontrolliere doch mal, ob sich Prymilbos über das Radio meldet.« Ganz Lyffdarg erbebte unter dem fernen Ein- schlag. Prymilbos meldete sich nicht. Über das Ra- dio drangen nur dröhnende atmosphärische Stö- rungen an Ansgar Sorensteins Ohr. Die Königliche Armee von Lyff, Nachfolgerin der Vereinigten Königs- und Volksarmee, entsand- te sofort Streitkräfte nach Prymilbos. Sie verließen Lyffdarg drei Stunden später. Die Abteilungen wa- ren jetzt mit modernsten Lastkraftwagen ausgerü- stet. Auf diese Weise wurde die Stadt an der Küste am frühen Nachmittag erreicht. Nur – Prymilbos gab es nicht mehr. Wo einst die Stadt gelegen hatte, erstreckte sich jetzt ein riesi- ger, von Rauch und Dampf erfüllter Krater. Jenseits des Kraters, immer wieder von Dampf und Rauch verdeckt, stand ein langes, schlankes Raumschiff. »Wenn auf Terra seit unserer Abreise nicht ganz neue Typen entwickelt wurden, haben wir es hier mit einer vollkommen fremden Bauart zu tun«, bemerkte Ansgar. Plötzlich gab es ein scharfes, knirschendes Ge- räusch. Im nächsten Augenblick waren die vorde- ren Reihen der anmarschierenden Truppen ver- schwunden. Die übrigen Einheiten schwärmten so- fort aus und suchten Deckung im Gehölz. Strahl-, techniker bemühten sich, ihr schweres Geschütz so rasch wie möglich in Stellung zu bringen. Aber- mals zischte es hart und knirschend. Ein Dutzend Lastwagen verschwand. Danach blieb alles ruhig. Die Techniker arbeite- ten schweigend und verbissen. Mit unendlicher Sorgfalt setzten sie ihre großen Lasergeräte zu- sammen. Endlich war eines der Strahlengeschütze mon- tiert. Immer noch mit äußerster Sorgfalt arbeitend, stellten die Techniker die Waffe auf das ferne Raumschiff ein und begannen zu feuern. Die Spitze des fremden Raumers wurde kirsch- rot, dann weiß und löste sich schließlich in Dampf auf. Die Luft von Lyff, für die Fremden giftig und todbringend, drang in das fremde Raumschiff und wurde zu einer Welle der Vernichtung. Sie ver- wandelte glänzendes Metall in stumpfes, von Rost angefressenes Material. In kürzester Zeit wurde das stolze Raumschiff zu einem Wrack. Die Fremden loderten in der sauerstoffhaltigen Atmosphäre zu hellgelben Flammen auf. Es gab keine Überleben- den. Als die Lyffaner das Schiff erreichten, waren die stärksten chemischen Veränderungen bereits abge- laufen. John überprüfte das fremde Metall auf Ra- dioaktivität, fand nichts Beunruhigendes und ließ, eine Abteilung seiner Leute das feindliche Schiff durchsuchen. Von den Fremden selbst war nichts mehr zu fin- den. Die gesamte Ausrüstung des Schiffes war durch die feindliche Atmosphäre zerstört worden. Aber die Techniker von Lyff waren sicher, einiges davon rekonstruieren zu können, mochten die In- strumente und Waffen auch noch so demoliert sein. Die Stunde der Entscheidung war gekommen. * Admiral Bellman sah sich vor großen Schwierig- keiten. Nach dem Eingang des Funkspruches von Lyff gab es für ihn keinen Zweifel mehr darüber, was zu tun war. Aber wie er seinen Plan durchfuh- ren sollte, wußte er nicht. Der Admiral konnte nicht ein einziges Schiff nach Lyff entsenden, geschweige denn eine Arma- da von Soldaten und Wissenschaftlern, die eigent- lich sofort hätte in Marsch gesetzt werden müssen. Die Konservativen hätten sofort ihren Verdacht be- stätigt gefunden. Wenn er aber ohne Einschaltung der Regierung handelte, drohte ihm ein sofortiger Prozeß vor dem Kriegsgericht. Plötzlich hatte Bellman eine Idee. Er wählte eine Nummer auf dem Visophon. Als das Gesicht sei- nes Gesprächsteilnehmers auf dem Bildschirm er-, schien, sagte er: »Guten Morgen, Senator Walsh. Erinnern Sie sich noch unseres Gespräches über Ih- re Freunde, die auf Lyff in Schwierigkeiten geraten sind? Nun, ich sehe eine Möglichkeit, wie wir sie retten könnten.«, ZWANZIGSTES KAPITEL Das Erkundungsschiff der Fremden gab den letzten Anstoß, den die Wissenschaftler von Lyff ge- braucht hatten. Das fremde Raumschiff war ein dankbares Forschungsobjekt und veranlaßte die Lyffaner, ihre Anstrengungen noch zu verstärken. Hinzu kam die Tatsache, daß die Fremden in blin- der, sinnloser Zerstörungswut eine Stadt auf Lyff vernichtet hatten. Das alles zusammen rührte dazu, daß die Lyffaner innerhalb weniger Monate nicht nur ein Raumschiff, sondern eine kleine schlag- kräftige Raumflotte besaßen. Die Terraner hatten den Überblick über den Fortgang der Entwicklung auf Lyff völlig verloren, bis die Gilde der Gilden sie zu einer Vorführung ihrer neuen Raumschiffe einlud. Damit und mit der Erprobung dieser Raumschiffe war die Umerzie- hung und Ausbildung der Lyffaner abgeschlossen. »Unser Problem liegt zur Hauptsache darin, daß wir die richtige Wahl treffen müssen«, eröffnete Gelp Gar-Pandyen Teeltl, der Vorsitzende der Gil- de der Physiker, den Terranern. »Wir haben eine Reihe von Antriebsmöglichkeiten für unsere Schif- fe zur Verfügung. Aber wir wissen bis jetzt noch nicht, für welche wir uns endgültig entscheiden sollen. Der heutige Nachmittag soll uns zeigen, welcher Antrieb am besten geeignet ist.«, Das war eine große Überraschung. Die Terraner hatten erwartet, daß die Lyffaner bis zum Raketen- antrieb vorstoßen würden. Mit dieser Methode wa- ren auch die ersten Erdbewohner in den Weltraum gelangt. Die Lyffaner von dem Problem der richti- gen Wahl unter verschiedenen Antriebsmöglich- keiten sprechen zu hören, klang in den Ohren der Terraner sehr befremdend. Ihre Überraschung wuchs, als sie den Raum- flughafen erreichten. Sie hatten einen fest aufge- bauten Vorführstand und allenfalls ein paar kleine Raketenschiffe erwartet. Stattdessen erwartete sie eine kleine Flotte von fünfundzwanzig silbern glänzenden Raumschiffen, alle etwas größer als die leichten Kreuzer der Föderationsflotte. »Jedes dieser Schiffe ist mit einem anderen An- trieb ausgerüstet«, erklärte Teeltl, »einige von ih- nen sind im Grunde genommen nichts anderes als Raketen. Aber wir haben uns mehr um die richtige Anwendung der Prinzipien von Anziehungs- und Fliehkraft bemüht. Ah, der erste Versuch hat be- gonnen.« Das erste Schiff erhob sich langsam auf einer Säule blauer Flammen. »Der einfache Raketenantrieb kommt wahr- scheinlich als endgültige Lösung nicht in Be- tracht«, fuhr Teeltl fort. »Der Nutzeffekt ist zu ge- ring. Die ganze Anordnung ist plump und weist ei-, ne zu geringe Reichweite auf. Wir sehen keinen Sinn darin, Riesenmengen von Antriebsstoffen zu verschwenden, um einen kümmerlichen Rest da- von mit dem Schiff in den Raum zu heben. Trotz- dem wollen wir das System noch einmal erproben. Vielleicht bietet es Vorteile, die wir bis jetzt noch nicht erkannt haben und die sich nicht voraussehen ließen. Ah, dort geht es weiter!« Eine zweite Rakete, diesmal mit roter Auspuff- flamme, folgte dem ersten Schiff. »Wir experimentieren natürlich auch mit ver- schiedenen Treibstoffen«, erklärte Teeltl weiter. Die Terraner waren wie vor den Kopf geschla- gen. »Wie lange arbeitet ihr schon an der Lösung des Problems der Raumschiffahrt?« wollte Pindar Smith wissen. »Seit vier Jahren«, lautete die Antwort. »Wir kamen auf die Idee, als die Volksarmee damit be- gann, Raketen im Gefecht einzusetzen. Es gab ei- nige frühere Experimente mit Dynamit. Aber sie erwiesen sich durchweg als Fehlschläge. Wir ha- ben daraus gelernt, daß Dynamit als Raketentreib- stoff unbrauchbar ist.« Drei weitere Raketenschiffe zischten empor. Die Farbe der Antriebsstrahlen war bei jedem ver- schieden. Nach einer Weile meldete das Kontroll- zentrum, daß alle fünf Schiffe die vorausberechne-, ten Umlaufbahnen erreicht hatten. John Harlen fühlte sich bedrückt und niederge- schlagen. Sicher, seine Arbeit war drei Jahre früher als geplant abgeschlossen worden. Dafür winkten ihm wahrscheinlich Belohnung und Beförderung. Aber er war innerlich noch nicht mit seiner Aufga- be fertig. Die Pläne für drei weitere Jahre waren ausgearbeitet und konnten nun nicht mehr realisiert werden. Seine eigenen, für die Zukunft vorausberechne- ten Pläne waren von der schnellen Entwicklung überrollt und veraltet. John fühlte sich leer und ausgepumpt. Außerdem kam er über eines nicht hinweg. Die Lyffaner waren in sieben Jahren wei- ter fortgeschritten, als er sie nach seinen Plänen in- nerhalb von zehn Jahren hatte bringen wollen. Und das meiste hatten sie aus eigener Kraft vollbracht. In der Entwicklung von Lyff hatte John genauge- nommen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Dennoch sollte er mit seinen Männern von der Sonderabteilung das größte Lob dafür einstecken. Nein, John Harlen war keineswegs glücklich. Die weitere Vorführung war furchterweckend. »Das vorderste Schiff ganz rechts kommt jetzt zuerst an den Start«, verkündete Gelp Gar-Pandyen Teeltl. »Bitte, passen Sie genau auf.« Und wie sie aufpaßten! Wenn das Schiff allein von der Gewalt starrer Blicke hätte bewegt werden, können, wäre es bestimmt ohne eigenen Antrieb in die Luft gegangen. Plötzlich verschwand es. Mit einem donnernden Geräusch schloß sich die Luft über der Stelle, wo es eben noch gestanden hatte. »Ganz hübsch«, murmelte Teeltl. Zehn weitere Schiffe verschwanden auf die glei- che Weise, eins nach dem anderen. Zurück blieben nur aufgewühlte Luftmassen. »Interessant«, sagte John. Er hatte alle Mühe, seine Stimme in der Gewalt zu behalten. »Wie macht ihr das?« »Im Grunde genommen ist das ganz einfach«, erklärte der Wissenschaftler. »Die Idee stammt ei- gentlich von der Gilde der Metallarbeiter. Gleich nach dem Krieg entwickelten sie, Mutter mag wis- sen, wie, einen Gravitationsstrahler, um die schwe- ren Platten für die Raumschiffkonstruktionen leich- ter bewegen zu können. Wir wissen immer noch nicht, wie der Strahl eigentlich arbeitet. Aber durch eine Reihe von Versuchen haben wir immerhin he- rausgefunden, was sich damit anfangen läßt. Einige der Schiffe, die gerade abgeflogen sind, haben sich mit statischen Zugstrahlen an fernen Sternen fest- gehakt. Einige haben als Fixpunkt Mutters Auge benutzt. Diese Schiffe haben sich nicht bewegt, sondern Lyff flog unter ihnen davon. Bei den ande- ren war der Bewegungsvorgang der gleiche, nur daß sie zogen, anstatt zu schieben. Da die Sterne so, groß sind, daß sie sich nicht bewegen lassen, be- wegen sich die Schiffe naturgemäß auf die Sterne zu. Es ist wirklich alles ganz einfach, wenn man einmal darüber nachdenkt.« »Ja, ganz einfach«, sagte Ansgar. »Welche Ge- schwindigkeiten werden erreicht?« »Es gibt eine, allerdings nur theoretische Gren- ze. Das ist die Geschwindigkeit, mit der sich der Strahl selbst bewegt, und entspricht ungefähr der Lichtgeschwindigkeit. Es besteht jedoch eine Mög- lichkeit, daß wir diese Geschwindigkeit in abseh- barer Zeit mit sich selbst multiplizieren können. Bis jetzt ist diese Entwicklung aber noch nicht ab- geschlossen.« Der Test war auf fünf Tage angesetzt, etwa so lange, wie die für die Zurücklegung großer Entfer- nungen konstruierten Gravitations-Schiffe brauch- ten, um von ihrer langen Reise zurückzukehren. Aber John wartete das Ende der Vorführung nicht ab. Er hatte es sehr eilig, sich erneut dringend mit Terra in Verbindung zu setzen., EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Es paßte John Harlen absolut nicht, daß er an die- sem Abend auch noch an einer gemeinsamen Sit- zung der beiden Häuser des Parlaments im Tempel teilnehmen sollte. Aber er war dorthin befohlen worden. »Verdammter Unsinn«, knurrte er, während er seinen besten Anzug anzog. Ansgar Sorenstein und Pindar Smith, die eben- falls erscheinen sollten, stimmten John zu. »Wahrscheinlich handelt es sich wieder nur um irgendeine religiöse Zeremonie«, vermutete Smith mürrisch. »Möchte nur wissen, was wir dabei sol- len.« »Wir müssen hin, weil König Osgard es nun einmal so haben will«, fügte Sorenstein gleichfalls mürrisch hinzu. »In Ordnung«, sagte John, »aber warum hat er uns diesmal befohlen zu kommen und nicht nur um unser Erscheinen gebeten, wie es bisher doch im- mer üblich gewesen ist?« Die gemeinsame Sitzung der beiden Häuser des Parlaments fand im Hauptgebäude des Tempels statt. Es war eine lange, hohe Halle, die wie eine gotische Kathedrale wirkte. Die Terraner trafen erst kurz vor Beginn ein. Der Tempel war farbenfreudig geschmückt. Rie-, sige safrangelbe und purpurne Banner hingen von den Deckenbalken herab. Goldbetreßte Lakaien bildeten Spalier. Dahinter standen die Parlamenta- rier beider Häuser voller Respekt und Ehrerbie- tung. Alle hatten ihre Festgewänder angelegt. Scharlach, Silber, Grün, Orange – eine verwirrende Farbenpracht. Am Ende des Mittelganges hing ein in Schwarz und Silber gewirkter Wandteppich von der Decke herab. Davor saßen zwei Männer auf einfachen Holzstühlen. Einer von ihnen war der Hoheprie- ster. Er trug ein schimmerndes Gewand aus safran- gelbem Stoff. Der andere war König Osgard, der einen ähnlichen Umhang in Purpur trug. Der König und der Hohepriester erhoben sich, als John, Ans- gar, Pindar und General Garth nähertraten. Der Hohepriester hob segnend die Hände. Der Gesang verstummte. »M steht für die Menschheit, die SIE erschaffen hat«, intonierte er eine uralte Litanei. »U steht für die Ursache allen Lebens, das SIE ist«, antwortete der Chor. Diese Litanei wurde, mit ständig neuen Bedeu- tungen der einzelnen Buchstaben versehen, fünf- mal auf das Wort »Mutter« gesungen. Hurd trat neben die völlig verwirrten Terraner. Er trug ein Staatsgewand in Scharlach und Grau. Mit lauter Stimme verkündete er: »Im verborgenen, Namen unserer Großen Mutter, ich möchte spre- chen.« »Im verborgenen Namen unserer Großen Mut- ter, sprich, mein Sohn«, entgegnete der Hoheprie- ster. »Getragen von der Autorität, die unsere Große Mutter mir durch den Willen des Volkes und des Königs gegeben hat, möchte ich vier Kandidaten für Mutters Unsterbliche Dankbarkeit vorstellen.« »Sprich, mein Sohn, damit wir erkennen, ob die- se vier Mutters Unsterbliche Dankbarkeit verdient haben.« Anstelle von Hurd antwortete jetzt der Chor. Er sang eine kunstvoll aufgesetzte Hymne über die Geschichte der Sonderabteilung L-2, über die ter- ranische Föderation und die Niederlage des Komi- tees. Nach der letzten Strophe berieten der Hohe- priester und König Osgard kurz miteinander. Dann sangen sie unisono: »Laßt die Kandidaten vortreten!« Eine lange und komplizierte Zeremonie, in deren Mittelpunkt Gebete des Hohepriesters und weitere Hymnen des Chors standen, schloß sich an. Schließlich dekorierten König Osgard und der Ho- hepriester gemeinsam .General Garth und die drei Terraner mit großen goldenen Orden, die an sa- frangelben und roten Bändern um den Hals getra- gen wurden. Das war der Orden von Mutters Un-, sterblicher Dankbarkeit. Der Chor stimmte einen Jubelgesang an. Unter Führung des Königs und des Hohepriesters verließ der festliche Zug den Tem- pel. »Gratuliere!« rief Hurd, sobald sie wieder im Freien waren. »Vielen Dank«, antwortete John, »aber was hat das alles zu bedeuten? Warum und wozu dieser Orden?« »Mutters Unsterbliche Dankbarkeit! Aber John, das ist die höchste Ehrung, die Lyff zu vergeben hat. Ihr seid jetzt Nationalhelden! Eure Geburtstage werden zu offiziellen Feiertagen erklärt. Herzli- chen Glückwunsch!« »Ja, danke.« Irgend etwas an der ganzen Zeremonie machte John Sorgen. Aber er konnte seine Bedenken nicht in Worte fassen. * »Habt Ihr bereits die Prüfungsergebnisse vorlie- gen?« fragte jemand den Hohepriester. »Ja«, lautete die Antwort. »Sie sind kurz vor der Ordenszeremonie im Tempel eingetroffen.« »Und?« »Das Resultat ist wie erwartet ausgefallen.« »Das bedeutet, wir können weitermachen?«, »Ich denke wohl.« »Hm – seid Ihr wirklich glücklich und zufrieden mit allem?« »Natürlich bin ich das. Warum sollte ich nicht?« »Ich meine, kommen Euch niemals Zweifel?« »Selbstverständlich nicht. Ich weiß, daß alles rechtens ist. Verzeiht, daß ich aus der Schrift zitie- re: ›Und Mutter schaute herab auf ihre Kinder, wobei sie sagte: Ich wünschte nur, irgendwer brächte die Kleinen zur Vernunft.‹ Wollt Ihr etwa gegen die Weisheit eines Garth Gar-Muyen Garth ankämpfen?« »Nein, das wäre Mutterlästerung. Gut denn, wann beginnen wir?« »Zunächst müssen wir wohl abwarten, bis die Invasion abgewehrt ist. Ganz bestimmt wäre es sinnlos, wenn wir mitten in der Entwicklung durch die Invasoren gestört würden.«, ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL »Jetzt sind wir schon seit einer Woche National- helden, aber glücklich bin ich damit nicht«, sagte John zu seinem neuen Adjutanten, Tchornyo Gar- Spolnyen Hiirlte. »Das begreife ich nicht«, entgegnete dieser. »Ganz Lyff ist stolz auf euch. Wie kann man dar- über unglücklich sein?« »Wenn ich das wüßte, wäre ich wohl nicht un- glücklich.« »Vielleicht habt ihr noch nicht ganz begriffen, was Mutters Unsterbliche Dankbarkeit bedeutet.« »Sicherlich nicht. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt die volle Bedeutung der Vorgänge um mich herum begreife. Das Leben auf Lyff kann einen Terraner völlig durcheinanderbringen. « »Die Auszeichnung bedeutet, daß ihr zu den Auserwählten der Mutter gehört. Für euch ist in Mutters Tröstungsort ein Sonderplatz reserviert. Das ist etwas, wofür jeder Lyffaner sein Leben hergeben würde. Ihr – und ebenso die neun oder zehn anderen Träger des Ordens von Mutters Un- sterblicher Dankbarkeit – repräsentiert alles, was unsere Religion bedeutet. Unsere Mütter lehren ih- re Kinder, euch nachzueifern. Unsere Priester ma- chen euer Wirken zur Grundlage ihrer Predigten. Diese einfache Werkstatt wird zum Wallfahrtsort, werden. Ihr hättet allen Grund, glücklich und zu- frieden zu sein.« »Wie kann ich zu den Auserwählten der Großen Mutter gehören, wenn ich nicht glaube … oh!« »Was meint Ihr damit?« »Mir ist gerade aufgegangen, warum ich un- glücklich bin. Ich habe nicht die Mutter erwählt, sondern sie mich.« »Das ist richtig.« »Hm. Das bedeutet also, ich stehe unter dem Gesetz der Mutter, ganz gleich, ob es mir paßt oder nicht?« »Aber, so war es doch immer.« »Jedenfalls nicht in so spürbarer Form. Nicht wie jetzt. Am meisten Kummer aber macht mir die Tatsache, daß ich nicht einmal das Gesetz der Mut- ter kenne. Wo habe ich nur das Buch von Garth Gar-Muyen Garth gelassen?« »Es liegt dort auf dem Tisch. Wartet, ich hole es Euch.« John brauchte zwölf Stunden, um das Buch zu verarbeiten. Das archaische Lyffanisch, in dem es geschrieben war, machte das Studium besonders schwer. Beim Lesen unterstrich John ganze Abschnitte. Darunter waren einige, die ihm durchaus zusagten. Zum Beispiel: »Alles ist möglich. Früher oder spä- ter muß alles geschehen. Es ist unsere Pflicht, zu, leben und soviel wie irgend möglich aus allem zu machen. Und alles ist möglich.« In einem anderen Abschnitt, den John unter- strich, hieß es: »Jede Tat ist entweder schöpferisch oder zerstörend. Ein Drittes gibt es nicht. Jeder schöpferische Akt ist ein Akt der Liebe. Zerstörung aber ist Furcht. Im schöpferischen Akt gibt man sich selbst hin. Das ist die Liebe. Zerstörung aber bedeutet das Ende. Daraus entsteht die Furcht. Und alles, was nicht Liebe ist, ist Furcht.« Die meisten der Abschnitte, die John unterstrich, waren allerdings beunruhigend, wenn nicht sogar furchteinflößend. Auf alle Fälle gewann er beim Studium des Buches die Überzeugung, daß er volle sieben Jahre auf Lyff gelebt hatte, ohne den Plane- ten und seine Bevölkerung auch nur im geringsten zu verstehen. Da stand zum Beispiel auch: »Es liegt in der Na- tur der Liebe, daß sie sich verstärken muß, um so vielen wie möglich Trost zu spenden. Da Mutters Liebe allumfassend ist, sucht sie alle Kreaturen zu lieben, auch jene Wesen, die von ihrer Liebe nichts wissen wollen.« Die Bedeutung dieser Worte beschäftigte John sehr. »Ich muß mit dem Hohepriester sprechen«, sagte er zu Tchornyo. Das Buch von Garth Gar-Muyen Garth mit den, unterstrichenen Abschnitten nahm er mit. »Selbstverständlich, mein Sohn«, sagte der Ho- hepriester. »Ich bin immer froh, wenn ich jeman- dem Erläuterungen zu der Heiligen Schrift geben kann. Ganz besonders gern helfe ich natürlich ei- nem Träger des Ordens von Mutters Unsterblicher Dankbarkeit.« »Vielen Dank, Vater«, sagte John und öffnete das Buch von Garth. »Ich habe ein paar Stellen an- gestrichen, die mir Schwierigkeiten bereiten. Hier ist eine.« »Ah, ja«, murmelte der Hohepriester, nachdem er einen Blick auf die aufgeschlagene Seite gewor- fen hatte. »Die allumfassende Liebe und der Grundsatz, diese Liebe allen Kreaturen zu geben … Was soll daran unverständlich sein? Die Bedeu- tung ist doch absolut klar.« »Die Bedeutung ist klar genug, Vater. Die Schlußfolgerungen daraus sind es, die mir Schwie- rigkeiten machen.« »So?« »Ja. Die Stelle läßt nur den einen Schluß zu, daß die Liebe der Großen Mutter alles überwältigt. Das heißt, die Mutter zwingt ihre Liebe allem auf. Da- bei ist es ihr gleichgültig, ob die von ihr Geliebten diese Liebe überhaupt empfangen wollen.« »Ja, das stimmt allerdings.« »Und wenn wir diesen Abschnitt betrachten:, ›Und Mutter schaute auf Ihre Kinder herab und sprach: Ich wünschte nur, daß irgendwer die Klei- nen zur Vernunft brächtet, dann wird mir ange- sichts der möglichen Schlußfolgerungen angst und bange. Diese Zeilen rechtfertigen doch einen Kreuzzug und jede Art religiöser Inquisition.« »Mein Sohn, habt Ihr jemals daran gedacht, Theologe zu werden?« »Nein, Vater, noch nie.« »Wie schade. Mutter scheint Euch mit einem Talent dafür begnadet zu haben. Es ist wirklich jammerschade, daß so große .Gaben einfach brach- liegen.« Ein paar Stunden später kehrte John nach Hause zurück. Alle seine Befürchtungen hatten sich als richtig erwiesen. * »Bei Mutters Haaren«, sagte jemand überrascht, als der Hohepriester eintrat. »Was macht Ihr hier um diese Tageszeit?« »Ich habe gerade mit John Gar-Terrayen Harlen gesprochen.« »Oh, ja, John. Ein begabter Mann.« »Etwas zu begabt. Ich habe ihm eine Ausgabe des Buches von Garth gegeben. Das war vor ein paar Wochen. Er hat es inzwischen gelesen und, unser Ziel kennengelernt.« »Er weiß also, was wir vorhaben?« »Ja und nein, denn er weiß nicht, daß er das Große Ziel kennt. Er hat sich Gedanken über die möglichen Schlußfolgerungen aus gewissen Ab- schnitten gemacht, mehr nicht.« »Dann weiß er also nicht, was wir vorhaben?« »Wieder nein und ja. Auf alle Fälle weiß er aber, warum wir es tun. Das ist fast genauso schlimm. Wir werden diese Terraner im Auge behalten müs- sen. Eines Tages könnten sie gefährlich werden.« * »Also, der Springer kann nur rechtwinklig, und zwar zwei Felder in der einen Richtung und ein Feld in der anderen geschoben werden. Verstehst du das?« Ansgar Sorenstein bemühte sich, Tchornyo das Schachspiel beizubringen. »Aber warum muß man ihn so komisch bewe- gen?« Tchornyo war nicht gerade der aufgeweckteste Schüler, den Ansgar hatte finden können. »Bei der Nase unserer Mutter! Woher soll ich das wissen? Es ist eben so.« »Als Lehrer«, unterbrach John, »gibt unser Bru- der Ansgar einen großartigen Rakanwächter ab.«, »O nein«, widersprach Tchornyo. »Die Schwie- rigkeit liegt bei mir. Ich bin eben manchmal etwas schwer von Begriff.« Das Gespräch wäre noch stundenlang so weiter- gegangen, wenn nicht Pindar Smith geräuschvoll mit einer Botschaft hereingestürmt wäre, die das Schachspiel völlig vergessen ließ. »Nachricht von General Garth«, rief er aufge- regt. »Hurra für General Garth«, spottete Ansgar. »Was hat er uns denn zu melden?« »Hier steht: Radar meldet Flotte im Anflug auf Lyff.« »Große Mutter«, entfuhr es John, »sie kommen also schon. Drei Jahre zu früh.«, DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Admiral Bellman erfreute sich einer ungewöhnlich ruhigen Stunde im Büro. Er schrak auf, als plötz- lich sein Adjutant hereinstürzte. »Botschaft von Lyff!« Der Adjutant salutierte und legte das eingegan- gene Schriftstück auf Bellmans Schreibtisch. Dann verschwand er geräuschlos. Als der Admiral den Zettel überflog, stöhnte er auf. »Mein Gott, es ist zu spät! Sie sind schon vor einer Woche abgeflogen!« Dann saß er lange da und starrte schweigend vor sich hin. Die Botschaft lautete: »Alle vorausgeschätzten Zeiten für das Projekt Lyff müssen revidiert werden. Flotte von minde- stens fünfundzwanzig Schiffen besteht bereits. Er- bitten Anweisung an alle, Lyff mit größter Vorsicht anzufliegen. Sendet Diplomaten, um Zulassung zur Föderation vorzubereiten. Karlen.«, VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL »Wir erreichen jetzt das Planetensystem um Lyff, Sir«, kam die Stimme des Navigators über das Bordtelefon. »Danke«, entgegnete Kommodore Bayle. Er drückte eine Taste. Das Summen des Bordtelefons verstummte. Obwohl man es ihm nicht ansah, war Kommo- dore Bayle sehr besorgt. Zum ersten Male hatte man ihn vor eine größere Aufgabe gestellt. Noch nie zuvor hatte er einen Konvoi von zweihundert Raumschiffen geführt. Im Grunde seines pessimi- stischen Herzens wußte Bayle, daß irgend etwas passieren würde. Dabei war die Aufgabe selbst recht einfach. Die Schlachtkreuzer sollten lediglich zwei Truppentransportern mit Wissenschaftlern Begleitschutz geben. Immerhin war noch niemals eine Flotte der Föderation von vergleichbarer Grö- ße so weit in fremdes Gebiet vorgestoßen. Jeden Augenblick konnte es zur Feindberührung kom- men. Die Gefährlichkeit der Expedition wurde noch dadurch unterstrichen, daß der einzige Zweck darin bestand, ein erbeutetes Feindschiff genau zu studieren. Kommodore Bayle hatte also genügend Gründe, sich Sorgen zu machen. Das Bordtelefon begann zu summen. Der Kommodore legte den Hebelschalter um, und schnauzte: »Hier Bayle. Was ist los?« »Leutnant Ritch Hain, Sir, im Fernaufklärungs- raum.« »Ja, Hain, was gibt es?« »Bericht von D-I, Sir. Drei- bis vierhundert Schiffe im Fernradarbereich.« Noch während er sprach, drückte Bayle ganz au- tomatisch auf einen roten Knopf. Das bedeutete: Alarm für alle Schiffe. Ohne sich um das plötzliche Ertönen von Glok- ken- und Alarmsignalen zu kümmern, fragte der Kommodore weiter: »Was für Raumer sind es denn? Läßt sich ihre Zugehörigkeit bereits ausma- chen?« »Nein, Sir. Den Typ habe ich bisher noch nie gesehen.« Hain war diesem Unternehmen zugeteilt wor- den, weil er vor sieben Jahren an Bord der Terran Beaver gewesen war, als es den Zusammenstoß mit jenem unbekannten Raumschiff gegeben hatte. Hätte er die nahende Flotte als feindlich bezeich- net, würde Kommodore Bayle Feuerbefehl gege- ben haben. Eine Schlacht wäre wenigstens etwas Handfestes gewesen, und nach dem Erfolg der Ter- ran Beaver auch nichts, worüber er sich hätte Sor- gen machen müssen. So aber wußte er nicht, woran er war. »Kommodore Bayle?«, »Hain? Äh … wie groß ist die relative Ge- schwindigkeit der anderen Flotte, Hain?« »Null eins drei c und gleichbleibend … nein, sie beginnen zu beschleunigen.« »Das bedeutet, wir sind entdeckt worden. An- triebsart?« »Sieht so aus, als hätten sie überhaupt keinen Antrieb, Sir.« »Unsinn, Mann! Raumschiffe müssen nun mal irgendeine Form von Antrieb haben.« »Jawohl, Sir. Aber auf dem Bildschirm läßt sich nichts davon erkennen, Sir.« »Also etwas Neues, schätze ich. Hm! Vielen Dank, Hain. Ende.« Voller Sorgen eilte Kommodore Bayle in die Kommandozentrale. Eine Stunde später trafen die beiden Raum- schiff-Flotten aufeinander. Die Schiffe der Födera- tion schlossen zu einer fächerförmigen Schlacht- ordnung auf. Alle Defensivwaffen waren voll akti- viert. Die Angriffswaffen waren zum Gegenschlag bereit. Doch die andere Flotte hatte eine Schlacht- ordnung eingenommen, die sich mathematisch nicht analysieren ließ. Das steigerte Kommodore Bayles Sorgen. Keine der beiden Seiten schien den ersten Schuß abfeuern zu wollen. Das Verteidigungssystem der Föderationsraumer war aber darauf eingestellt, den, ersten Angriff abzufangen. Merkwürdig war auch, daß die fremde Flotte nicht auf die verschiedenen Funksignale reagierte. Das legte den Schluß nahe, daß man es erneut mit fremden Intelligenzen zu tun hatte. Die fremde Flotte änderte plötzlich den Kurs und schien vor den Schiffen der Föderation zu flie- hen. »Sir, würden Sie sich das bitte einmal ansehen?« Der junge Radarmann sah genauso erstaunt drein wie Kommodore Bayle. Die fremden Schiffe waren in einer eigenartigen Formation aufmarschiert. Es waren Schriftzeichen, die sich aus den schlanken Körpern bildeten. »Willkommen auf Lyff«., FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL »… sobald wir euch auf den Radarschirmen aus- machten, sahen wir natürlich sofort, daß wir Raum- schiffe der Föderation vor uns hatten. Deshalb wollten wir euch eine kleine Überraschung berei- ten.« Zwölf Stunden waren seit dem Zusammentreffen vergangen. Kommodore Bayle saß John Harlen in Lyffdarg gegenüber. »Noch ein paar von diesen kleinen Überra- schungen, und ich drehe durch. Kleine Scherze mit einem Aufwand von dreihundert Raumschiffen sind für mich einfach zu viel. Und woher kommen diese Schiffe überhaupt? Ich dachte, wir flögen ei- nen unterentwickelten Planeten an.« »Das war einmal. Die Lyffaner lernen schnell. Sie haben diese Flotte innerhalb von drei Jahren aus dem Nichts gestampft.« »Unglaublich!« »Dabei wissen Sie noch nicht einmal alles, Kommodore. Auch wir haben bis zum heutigen Vormittag nichts von der Existenz dieser Raum- flotte geahnt. Die Lyffaner haben es fertigbekom- men, alle diese Schiffe zu bauen, ohne daß wir es bemerkten.« »Warum diese Geheimniskrämerei?« »Es wurde nichts geheimgehalten. Wir haben, einfach nicht gemerkt, daß sie es taten. Das lag daran, daß wir eine ganz andere Entwicklung er- warteten. Wir glaubten, die Lyffaner würden die Entwicklung von primitiven Raketen bis zum tech- nisch vollendeten Modell der jetzigen Raumkreu- zer nicht so schnell vorantreiben können. Den jet- zigen Stand der Dinge, diesen Sprung in der Evolu- tion, haben wir nicht erwartet. Es war eben nicht vorauszusehen, daß die Bewohner dieses Planeten ganze Entwicklungsphasen einfach überspringen würden. Deshalb fiel uns nichts auf.« »Eine reichlich verwirrende Angelegenheit.« »Nicht wahr? Ich bin nur froh, daß die Lyffaner auf unserer Seite stehen.« * Hurd Gar-Olnyn Saarlip war ebenfalls verwirrt. Er wußte nicht, wem er die Treue halten sollte. Bald, so hatte er erfahren, würde Lyff aufgefordert wer- den, sich der terranischen Föderation anzuschlie- ßen. Der Ministerpräsident mußte ohne Zweifel die Interessen seines Heimatplaneten wahrnehmen. Ihm fiel es zu, dafür zu sorgen, daß Lyff in der ter- ranischen Föderation den Platz erhielt, der ihm ge- bührte. Andererseits war er als einziger Lyffaner bereits ein Bürger dieser Föderation. Er erinnerte sich noch sehr genau des Tages, da er vor sieben, Jahren vereidigt worden war. Ohne die Abgesand- ten der terranischen Föderation wäre er auch heute wohl noch immer ein ganz gewöhnlicher Straßen- dieb. Alles was er war, hatte er also der Föderation zu verdanken. Sogar sein gegenwärtiges Amt. Auf welche Seite sollte er sich nun stellen, wes- sen Partei ergreifen, falls im Verlaufe der Verhand- lungen ein Punkt auftauchen sollte, in dem die Meinungen der Lyffaner und der Vertreter der ter- ranischen Föderation auseinandergingen? Oder gab es einen Weg, einem solchen Konflikt auszuwei- chen? So intensiv er auch grübelte und nachdachte, Hurd konnte keine Lösung des Problems finden. Schließlich gab er es auf und fragte den Hoheprie- ster um Rat. Und dieser zeigte ihm den Weg., SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL Einen vollen Monat lang blieben die Raumschiffe der Föderation auf Lyff. Die Besatzungen hatten Landurlaub und vergnügten sich, während die ter- ranischen Wissenschaftler das erbeutete Raum- schiff der Fremden untersuchten. Einige Offiziere wurden von den Lyffanern als Lehrer verpflichtet und unterrichteten in der Kunst der Raumkriegfüh- rung. Im Stadtteil der Roten Lampen gab es einen wirtschaftlichen Aufschwung, wie man ihn in der Geschichte des Planeten noch nie erlebt hatte. Die Kleinen Schwestern wurden durch die ständigen Besuche der Terraner endlich so wohlhabend, daß sie ihre eigene Gilde gründen konnten. Binnen kurzem war Mutter Balnya die reichste Frau auf Lyff. Die Wissenschaftler der Föderation interessier- ten sich jedoch besonders für das gänzlich unor- thodoxe Antriebs- und Bewaffnungssystem, das die Lyffaner entwickelt hatten. »Diese Burschen sind uns in vielerlei Beziehung weit voraus«, erklärte Kommodore Bayle. »Mich würde es nicht wundem, wenn sie schon morgen einen Antrieb entwickelten, der ihren Raumschif- fen Überlichtgeschwindigkeit geben würde. Es würde mich sogar nicht einmal überraschen, wenn, ein solcher Antrieb bereits entwickelt ist und von den Lyffanern für irgend etwas anderes benutzt wird. Nur gut, daß sie unsere Verbündeten sind.« Einen Monat lang bot der Planet Einheimischen und Gästen ein idyllisches Leben. Nur hin und wieder kam es zu kleinen Zwischenfällen, die im- mer auftauchen, wenn gesunde junge Männer sich in einer neuen, fremdartigen Umgebung austoben. Ein paar Raumschiffer entweihten den Tempel, nachdem sie zu viel vom lyffanischen Wein ge- trunken hatten. Andere gerieten in Schwierigkei- ten, weil sie ehrbare Hausfrauen mit Kleinen Schwestern verwechselten. Es gab auch ein paar Reibereien und gelegentliche Schlägereien. Im all- gemeinen aber kamen die Lyffaner und die Födera- tionssoldaten gut miteinander aus. Gegen Ende des Monats traf ein Kurier von Ter- ra ein. Er brachte die nötigen Dokumente, um John Harlen als Botschafter der Föderation auf Lyff zu bestätigen., SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL Die angreifende Raumflotte der Fremden war noch weit von Lyff entfernt, als sie vom lyffanischen Radarsystem bereits geortet wurde. »Diese Flotte umfaßt mindestens tausend Schif- fe«, stellte Admiral Garth fest. »Tausend von ihnen gegen fünfhundert von uns«, entgegnete Kommodore Bayle. »Angesichts der Tatsache, daß wir drei Tage im voraus gewarnt wurden, ist das Verhältnis gar nicht mal so schlecht.« Die feindliche Flotte wirkte wie ein riesiger Heuschrecken-Schwarm. Die ungeheure Zahl von Schiffen, die auf verhältnismäßig engem Raum manövrierte, verdunkelte zeitweilig den Bild- schirm. In den ersten Stunden des dritten Tages erreichte die Vorhut des Feindes das lyffanische Verteidi- gungssystem. Sie bestand aus etwa dreihundert Aufklärungsraumern, die dem Schiff glichen, das vor sieben Jahren von der Terran Beaver zerstört worden war. Auch das von der Volksarmee kurz vor dem Zusammenbruch des Komitees eroberte Schiff gehörte zum gleichen Typ. Ohne Zwischenfall kreuzten die Vorhuten die Umlaufbahn des Planeten Große Schwester. Of- fenbar bemerkten sie nicht, daß hinter der Großen, Schwester hundert leichte Kreuzer verborgen la- gen. Der nächste Planet auf dem Weg zu Mutters Au- ge, war die Kleine Schwester, ein unbewohnbares, zerschmolzenes Stück Felsen, auf dem fünfzig Zer- störer der Föderation in Verteidigungsstellung war- teten. Die Kleine Schwester lag direkt auf dem Kurs der Fremden. Anstatt auszuweichen, zerstör- ten ihn die Kundschafterschiffe. Von der Kleinen Schwester und den fünfzig Zerstörern blieb nichts übrig als eine formlose, glühende Wolke, die der Feind, ohne die Geschwindigkeit zu verringern, durchstieß. »Mein Gott!« schrie Kommodore Bayle. »Diese Zerstörer waren ein Viertel meiner Flotte.« Admiral Garth nickte ernst. »Warum mußte die Kleine Schwester überhaupt zerstört werden?« fragte er. »Warum hat man den Planeten nicht ein- fach umgangen? Was für Wesen mögen das sein?« Auf ihrem weiteren Vormarsch kreuzten die Pa- trouillenschiffe die Umlaufbahnen von vier weite- ren Planeten. Die Fremden zerstörten alles, was ih- nen in den Weg kam. Beharrlich, wie vorgezeich- net, blieben sie auf ihrem Kurs. Hinter ihnen folgte die Hauptmacht der feindlichen Flotte. Während die Hauptflotte in das Planetensystem einbrach, kreuzte die Vorhut bereits die Umlauf- bahn der Armen Schwester – und geriet in eine, Hölle der Vernichtung. Auf der Armen Schwester hatten die Lyffaner in aller Eile ihre Gravitations- strahler installiert. Die Gravostrahlen leisteten gan- ze Arbeit. Die Formation der Fremden wurde au- seinandergerissen. Viele Schiffe kollidierten. Vierzig lyffanische Raumkreuzer setzten zum Angriff an. Sie waren mit den modernsten und schwersten Waffen ausgestattet. Unter ihrem Be- schuß wurde die Antriebskraft der feindlichen Schiffe neutralisiert. Die Raumtorpedos der Föde- rationsschiffe gaben den Fremden den Rest. Drei Stunden lang erstrahlte Lyff im Licht zweier Son- nen. Neben Mutters Auge glänzte das Strahlenfeld der sich auflösenden Patrouillenschiffe. Die Hauptmacht der Fremden ließ sich dadurch jedoch nicht aufhalten. Ihre Flotte schoß an der Großen Schwester vorbei, mit unverminderter Ge- schwindigkeit, auf vorgezeichnetem Kurs. Die Lyffaner und ihre terranischen Verbündeten gerieten ernstlich in Sorge, als sie nicht nur den ganzen Umfang der Feindflotte überblickten, son- dern auch die Größe ihrer Schiffe erkannten. »Mein Gott, seht euch diese Monster an«, schrie Kommodore Bayle. »Und sie haben beinahe zwei- tausend Einheiten davon.« Der Normaltyp der feindlichen Schiffe – zu de- nen die Fahrzeuge der Vorausabteilung keineswegs gehört hatten – besaß eine Länge von rund andert-, halb Kilometern. Zahlreiche kastenförmige Anbau- ten enthielten offenbar die Vernichtungswaffen der Fremden. Außer den Begleitfahrzeugen und den Kundschafterschiffen zeigte nicht ein einziges Fahrzeug der angreifenden Flotte auch nur im ent- ferntesten so etwas wie eine Stromlinienform. »Eins steht fest«, überlegte John Harlen, »diese Schiffe sind nicht dafür konstruiert worden, auf ei- nem Planeten zu landen. Jede Lufthülle würde sie in Stücke reißen. Wahrscheinlich würde auch die Schwerkraft eines Planeten zerstört werden. Ich frage mich nur …« Blitzartig kam ihm ein Gedanke. Er stürmte zur Kommandozentrale der lyffanischen Verteidigung. »Natürlich können wir das machen«, ließ sich der Kommandeur vernehmen. »Aber ich sehe nicht recht, wozu das gut sein soll.« »Versuchen wir es einfach.« Unterdessen hatte sich herausgestellt, daß der gesamte Schlachtplan der vereinigten Flotten der Föderation und der Streitkräfte von Lyff geändert werden mußte. Ursprünglich hatte man den ein- dringenden Feind aus dem Hinterhalt angreifen wollen, sobald er die Große Schwester passiert hat- te. Jetzt erkannte man, daß die vordersten Reihen der Fremden bereits Lyff erreicht haben würden, wenn die letzten Schiffe gerade die Umlaufbahn der Großen Schwester kreuzten., »Das schaffen wir nicht«, stöhnte Kommodore Bayle. »Sie sind einfach zu stark und zu groß. Sie … oh, was hat alles noch für einen Zweck? Wir können sie nicht besiegen.« »Wahrscheinlich haben Sie recht«, entgegnete Admiral Garth. »Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Ich lasse jetzt angreifen.« Die Flotten der Verteidiger schwärmten aus ih- ren Verstecken hervor. Die Schiffe feuerten aus al- len Rohren. Aber die Feindflotte machte immer noch keine Anstalten, den Kurs oder die Ge- schwindigkeit zu ändern. Sie beantwortete den An- griff mit einem Sperrfeuer, das einen ganzen Raumabschnitt in eine Zone des Todes und der Vernichtung verwandelte. Während der ersten zehn Minuten des Gefechtes wurden auf beiden Seiten unübersehbar viele Schiffe zu neuen Sonnen. »Wenn es so weitergeht, ist unsere Flotte inner- halb von dreißig Minuten aufgerieben«, fluchte Kommodore Bayle, »und wir brauchen mindestens drei Stunden, um unser Zerstörungswerk … aber, was zum Teufel, ist denn auf Lyff los?« Auf Lyff war John Harlens Idee in die Tat um- gesetzt worden. Mit allen verfügbaren Druck- strahlgeräten wurde von dem Planeten aus ein ständiger Strom metallischer Zylinder in den Raum gejagt. Sie alle explodierten, lange, bevor sie die feindliche Flotte erreichten., »Eine letzte verzweifelte Verteidigungsmaß- nahme«, meinte Admiral Garth mit traurigem Stolz. »Lyff wird kämpfend untergehen. Mutter kann heute stolz sein auf ihre Kinder. Das Volk von Lyff wird … seht euch das an!« Die feindlichen Schiffe lösten sich auf, eines nach dem anderen. Strahlend gelbe Sonnen standen im Raum. »Es ist wie ein Wunder«, flüsterte Bayle. »Gelb ist die Lieblingsfarbe unserer Mutter«, er- klärte Admiral Garth schlicht., ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL »Es war wirklich alles ganz einfach«, berichtete John am nächsten Tag. »Mir war aufgefallen, daß diese riesigen Fahrzeuge niemals dafür gebaut wa- ren, in eine Atmosphäre einzutauchen. Ich erinner- te mich auch an das, was geschehen war, als dem von uns eroberten Raumschiff die Spitze wegge- schossen wurde, so daß die Atmosphäre eindringen konnte. Die Metallzylinder, von denen wir riesige Mengen emporschossen, waren ganz einfach mit komprimierter Luft gefüllt. An den Zylindern wa- ren Granaten befestigt. Sobald diese explodierten, entwich den zylinderförmigen Geschossen eine Wolke reiner lyffanischer Luft. Als die Feindschif- fe in diese Luftwolke eindrangen, oxydierten sie.« »Aber Sie konnten vorher nicht wissen, daß es klappen würde«, wandte Bayle ein. »Nein, aber ich hatte auch keinen Grund anzu- nehmen, daß mein Plan nicht funktionieren würde. Da wir sowieso vor dem Untergang standen, konn- te ein Versuch nicht schaden.« * »Jetzt?« fragte jemand den Hohepriester. »Warum nicht? Jetzt wäre die beste Zeit dafür.« »Unmittelbar nach der Schlacht?«, »Natürlich. Es ist, als wolle uns die Mutter per- sönlich den Erfolg garantieren.« * Die Siegesfeier dauerte fünf Tage und Nächte. Es gab lange religiöse Zeremonien und Prozessionen, eindrucksvolle Vorführungen durch die siegreichen Flotten, Galakonzerte mit alter und moderner Mu- sik und dazu die unausbleiblichen Festbankette, bei denen sich alle Teilnehmer betranken. Auf den Straßen wurde ununterbrochen getanzt. Gelächter und ausgelassene Freude erfüllten alle Städte. Am Abend des fünften Tages sollten die Feiern mit einem großen Fest für die Soldaten der Födera- tion ihren Höhepunkt erreichen. Als Schauplatz war das Amphitheater am Tempel vorgesehen. Je- der nahm daran teil. Ein paar Raumsoldaten wur- den zur Wache eingeteilt. Alle anderen strömten in das weite Oval des Theaters. Auf dem Höhepunkt des Festes erhob sich Kommodore Bayle zu einer Rede. »Wie ihr alle wißt«, begann er, »feiern wir den Sieg und zugleich unseren Abschied. Morgen nachmittag kehren wir nach Terra zurück.« Entsetzte Ausrufe wurden laut. »Unsere Mission ist vollendet – und mehr als das. Wir kamen, um ein erobertes Feindschiff zu, untersuchen, und blieben, um eine ganze Flotte zu vernichten. Es ist wirklich an der Zeit, daß wir heimkehren.« Die letzte Ansprache hielt Ministerpräsident Hurd Gar-Olnyn Saarlip von Lyff. Es war die kür- zeste Rede des ganzen Abends. »Ich darf Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken«, sagte Hurd schlicht, »daß alle Balkone jetzt von der I. und II. Embrace von Mutters Gardi- sten besetzt sind. Die IV. und V. Embrace stehen an den Toren. Auf Befehl von König Osgard Gar- Osgardnyen Osgard und im Verborgenen Namen unserer Mutter sind alle Terraner in Gewahrsam zu nehmen. Euch wird nichts geschehen. Aber jeder Widerstand ist zwecklos.« John Harlens Blicken ausweichend, verließ Hurd das Amphitheater. * Die Wachen bei den Raumschiffen der Föderation waren nicht gerade bester Laune. Von dem Raum- hafen vor der Stadt, auf dem die Flotte stand, konn- te man die Lichter im Amphitheater sehen. Hin und wieder trieb ein Windstoß Geräuschfetzen des Freudenfestes herüber. »Warum löst man uns nach sechs Stunden nicht endlich ab?« wandte sich ein Soldat an den wach-, habenden Offizier, einen jungen Leutnant der Flot- te. »Dann könnten wir wenigstens den Rest des Fe- stes miterleben.« Der Leutnant zuckte mit den Schultern. »Und noch etwas«, fuhr der Soldat fort. »War- um, zum Teufel, und gegen wen bewachen wir ei- gentlich diese verdammten Schiffe?« »Mäßigen Sie sich!« Der Leutnant wurde dienst- lich. »Wir bewachen unsere Schiffe auf Terra und auf Luna. Ich sehe keinen Grund, warum wir unse- re Fahrzeuge nicht auch auf Lyff bewachen soll- ten.« In diesem Augenblick wurde an die Tür ge- klopft. Eine Gruppe Kleiner Schwestern stand draußen. »Ministerpräsident Hurd schickt uns herüber«, begann eine von ihnen. »… und wir möchten fragen, ob ihr vielleicht nette Gesellschaft sucht«, beendete ein zweites Mädchen atemlos den Satz. Einem Beobachter wäre aufgefallen, daß jeder Soldat nach Vollendung seiner Runde das Wachlo- kal betrat, um dort Meldung zu machen. Aber es kam keiner mehr heraus. Die Geräusche im Wach- lokal wurden immer lauter und fröhlicher. Nach einiger Zeit patrouillierten überhaupt keine Wach- posten mehr um die Schiffe. Zehn Minuten, nachdem der letzte Soldat das, Wachlokal betreten hatte, wurde noch einmal an die Tür geklopft. Draußen stand ein Mann in der Uniform eines Majors von Mutters Gardisten. »Das Gebäude ist von einer Embrace umstellt«, verkündete er. »Auf Befehl von König Osgard Gar-Gardnyen Osgard und im Verborgenen Namen unserer Großen Mutter werdet ihr alle in Gewahr- sam genommen. Im Namen unserer Mutter erwarte ich von euch, daß ihr keine Schwierigkeiten macht. In diesem Falle wird euch nichts geschehen.« * »Es war einzig und allein mein Fehler«, stöhnte John. Das Amphitheater lag nun in völliger Dun- kelheit. Alle Festesfreude war vorüber. Mürrische Männer füllten die weiten Ränge. »Woher hättest du vorher wissen sollen, was ge- schehen ist?« Ansgar Sorenstein gab sich alle Mü- he, John Harlen aufzumuntern. Aber ohne Erfolg. »Ich habe es gewußt. Deshalb bin ich so wütend auf mich selbst. Es steht alles in dem Buch von Garth Gar-Muyen Garth. Ich habe es die ganze Zeit gewußt und nichts dagegen unternommen.« »Wovon, zum Teufel, sprichst du überhaupt?« »Von der Großen Mutter rede ich. Sie will alle ihre Kinder um sich versammeln und erwartet, daß irgendwer sie auf den richtigen Weg bringt. Die, Kirche von Lyff will zum ›richtigen Glauben‹ be- kehren! Wir sind die Opfer des ersten interstellaren Kreuzzuges geworden. Ich wußte es die ganze Zeit und habe es nicht erkannt!« * Ehe die Flotte abflog, segnete der Hohepriester persönlich jedes einzelne Schiff. König Osgard fügte eine ernsthafte Ermahnung hinzu. »Ganz Lyff bewundert euch«, sagte er. »Genau- er gesagt, ganz Lyff beneidet euch. Keiner ist unter uns, die wir hierbleiben müssen, der nicht alles da- für hergeben würde, um mit euch ausziehen und das Wort Unserer Großen Mutter unter ihren Kin- dern auf fernen Planeten verbreiten zu dürfen. Aber es ist Mutters Wille, daß wir hierbleiben. Un- sere Aufgabe ist vollbracht. Ihr aber dürft auszie- hen, um die Heiden zu bekehren und den Ort des Trostes wiederzugewinnen. So gehet denn und wisset, daß ganz Lyff euch in seine Gebete ein- schließt.« Die Schiffe starteten. Es klang wie tausend Ge- witter. * »Ihr sollt wissen«, meinte König Osgard, der ge-, heimnisvolle Jemand, etwas später, »daß ich nie- mals geglaubt habe, dies alles könnte Wirklichkeit werden.« »Ihr habt es aber sehr geschickt angefangen«, entgegnete der Hohepriester. »Es war alles Euer Werk, Vater. Ich hätte nie- mals daran gedacht, eine Rebellion gegen mich an- zustiften. Hätte ich entscheiden sollen, dann wäre der Kampf gegen den Adel geführt worden, nicht gegen mich selbst. Unsere Mutter ist sicher sehr glücklich über Euer Werk.« Der Hohepriester lächelte., NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL »Meldung von Lyff, Sir«, sagte der Adjutant. »Von Lyff? Unmöglich!« »Sir?« »Schon gut. Geben Sie her. Ich werde die Mel- dung nachher lesen.« Bellman stopfte das Blatt Papier in die Jackenta- sche und vergaß es. Später, am Abend, als er sich auszog, fiel dem Admiral die Meldung von Lyff wieder ein. Er zog das Blatt aus der Tasche und las es. »Was zum Teufel, soll das bedeuten?« fuhr er auf. Die Meldung besagte: »Seid brav, meine Kinder. Mutter kommt, um euch zu holen.« »Stimmt etwas nicht, mein Lieber?« fragte Mrs. Bellman. »Oh, nichts weiter. Da hat sich nur jemand einen schlechten Scherz erlaubt.« Doch als er am nächsten Morgen erwachte, war der Himmel voller Raumschiffe.]
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