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PROLOG Die Schönste der Schönen Drei Millionen Jahre lang drehte sich Gäa in einsamer Herrlich- keit. Einige von denen, die in ihr lebten, wußten von einem weiteren Raum außerhalb des großen Rades. Lange vor der Erschaffung der Engel durchzogen Flugwesen die emporra- genden Wölbungen ihrer Speichen, blickten zu den Lichtga- denfenstern hinaus und kannten die Gestalt Gottes. Nir- gendwo in der Dunkelheit sahen sie eine andere wie Gäa. Dies war die natürliche Ordnung der Dinge: Gott war die Welt, die Welt war ein Rad und das Rad war Gäa. Gäa war kein eifersüchtiger Gott. Niemand mußte sie anbete...
Autor Anonym
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PROLOG

Die Schönste der Schönen Drei Millionen Jahre lang drehte sich Gäa in einsamer Herrlich- keit. Einige von denen, die in ihr lebten, wußten von einem weiteren Raum außerhalb des großen Rades. Lange vor der Erschaffung der Engel durchzogen Flugwesen die emporra- genden Wölbungen ihrer Speichen, blickten zu den Lichtga- denfenstern hinaus und kannten die Gestalt Gottes. Nir- gendwo in der Dunkelheit sahen sie eine andere wie Gäa. Dies war die natürliche Ordnung der Dinge: Gott war die Welt, die Welt war ein Rad und das Rad war Gäa. Gäa war kein eifersüchtiger Gott. Niemand mußte sie anbeten, und es fiel auch niemals je- mandem ein, das zu tun. Sie verlangte keine Opfer, keine Tempel und keine Chöre, die ihr Loblieder sangen. Gäa sonnte sich in den berauschenden Energien, die in der Nähe des Saturn zu finden waren. Sie hatte Schwestern, die durch die Milchstraße verstreut waren. Auch sie waren Göt- ter, aber die Entfernung zwischen ihnen bekräftigte Gäas Theologie. Ihre Gespräche mit ihnen verteilten sich mit Lichtgeschwindigkeit über die Jahrhunderte. Sie besaß Kinder, die den Uranus umkreisten und Götter darstellten für dieje- nigen, die in ihnen lebten, jedoch spielten sie kaum eine Rol- le. Gäa war die höchste Titanin, die Schönste der Schönen., Für ihre Bewohner war sie keine entfernte Vorstellung. Man konnte sie sehen. Man konnte mit ihr sprechen. Alles, was man tun mußte, um sie zu erreichen, war die Ersteigung von 600 Kilometern. Eine gewaltige Reise, aber eine vorstellbare Entfernung. Sie brachte den Himmel in die Reichweite derer, die den Anstieg wagten. Gäa hatte im Schnitt einen Besu- cher in tausend Jahren. Zu ihr zu beten war nutzlos. Sie hatte nicht die Zeit, um allen zu lauschen, die in ihr lebten, und hätte es auch nicht getan, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre. Sie pflegte nur mit Helden zu sprechen. Sie war ein Gott aus Blut und Seh- nen, dessen Knochen das Land waren, ein Gott mit riesigen Herzen und höhlenartigen Arterien, die ihr Volk mit ihrer ei- genen Milch nährten. Die Milch war nicht süß, aber es gab stets genug davon. Als auf der Erde die Pyramiden erbaut wurden, kamen Gäa Veränderungen zu Bewußtsein, die in ihr vorgingen. Ihr Be- wußtseinszentrum befand sich in der Nabe, und doch war ihr Gehirn nach Art der Dinosaurier dezentralisiert, um örtli- che Selbständigkeit für die mehr alltäglichen ihrer Funktionen zu gewährleisten. Diese Anordnung bewahrte Gäa davor, mit Einzelheiten überschwemmt zu werden, und für eine sehr lange Zeit funktionierte sie gut. Um ihr gewaltiges Rund wa- ren zwölf Satellitengehirne angeordnet, jedes für sein eigenes Gebiet verantwortlich. Alle anerkannten sie Gäas Souveräni- tät; tatsächlich war es zu Beginn kaum angemessen, von ihren Vasallengehirnen als getrennt von ihr zu sprechen. Die Zeit war ihr Feind. Mit dem Tod war sie gründlich ver- traut, kannte alle seine Vorgänge und Kriegslisten. Sie fürch- tete ihn nicht. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie nicht existierte, und sie wußte, daß solch eine Zeit wiederkehren, würde. Diese Tatsache schied die Ewigkeit ordentlich in drei Teile. Sie wußte, daß Titanen für Senilität anfällig waren – sie hatte mitgehört, wie drei von ihren Schwestern in Delirium und Phantasterei degenerierten und dann für immer schwiegen. Aber sie konnte nicht wissen, wie ihr eigener al- ternder Körper ihr die Treue aufkündigen würde. Kein plötz- lich von seinen eigenen Händen gewürgter Mensch hätte ü- berraschter sein können als Gäa, als ihre Provinzgehirne sich ihrem Willen zu widersetzen begannen. Drei Millionen Jahre der Vorherrschaft hatten Gäa auf die Kunst des Kompromis- ses schlecht vorbereitet. Vielleicht hätte sie mit ihren Satelli- tengehirnen in Frieden leben können, wäre sie dazu bereit gewesen, ihren Beschwerden zuzuhören. Andererseits waren zwei ihrer Regionen wahnsinnig und eine weitere von so fins- terem bösen Willen, daß sie genauso wahnsinnig hätte sein können. Einhundert Jahre lang vibrierte Gäas großes Rad unter den Belastungen des Krieges. Beinahe hätten diese epi- schen Schlachten sie zerstört, und sie endeten mit einem rie- sigen Verlust an Leben unter ihren Völkern, die so hilflos wa- ren wie nur irgendein Hindu vor den Göttern der vedischen Mythen. Keine riesenhaften Gestalten durchschritten die Krümmung ihres Rades und schleuderten dabei Donner und Berge. Die Götter dieses Kampfes waren die Länder selbst. Die Vernunft schwand, als sich der Boden öffnete und Feuer aus den Spei- chen fiel. Hunderttausend Jahre alte Zivilisationen wurden ausgelöscht, ohne Spuren zu hinterlassen, und andere fielen in die Barbarei zurück. Gäas zwölf Regionen waren zu eigensinnig und zu wenig zuverlässig, um sich gegen sie zu vereinigen. Ihr treuester Verbündeter war das Land Hyperion, und Okeanos ihr unver-, söhnlicher Feind. Beide Gebiete grenzten aneinander. Beide wurden sie verwüstet, bevor sich der Krieg in einen gerüste- ten Waffenstillstand verwandelte. Aber Aufstand und Krieg sollten noch nicht genug der Schande für einen ältlichen Gott sein; anderswo näherte sich eine größere Katastrophe. In der Dauer eines Augenblin- zelns wurden die Luftwellen mit den erstaunlichsten Geräu- schen überflutet. Zuerst glaubte sie, es handele sich um ein weiteres Symptom fortschreitender Senilität. Sicherlich hatte sie diese unmöglichen Stimmen aus dem All mit Namen wie Lowell Thomas, Fred Allen und Cisco Kid erfunden. Aber schließlich kapierte sie den Trick und wurde eine eifrige Zu- hörerin. Hätte es einen Postdienst zur Erde gegeben, dann hätte sie Ovaltine-Etiketten für magische Dekodierringe ein- gesandt. Sie liebte Fibber McGee und war ein treuer Fan von Amos und Andy. Das Fernsehen traf sie so schwer, wie die Tonfilme das Publikum der späten Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts sprachlos gemacht hatten. Wie in den frühen Tagen des Ra- dios kamen viele Jahre lang die meisten Fernsehprogramme aus Amerika, und die hatte Gäa am liebsten. Sie folgte den Abenteuern von Lucy und Ricky und kannte alle Antworten auf die 64.000-Dollar-Frage, die als manipuliert zu erkennen sie entrüstete. Sie schaute sich alles an und vermutete, daß das nicht einmal die Produzenten vieler Shows taten. Es gab Filme und es gab Nachrichten. Während der elekt- ronischen Explosion der Achtziger- und Neunziger Jahre gab es noch viel mehr, als ganze Bibliotheken gesendet wurden. Aber zu dieser Zeit waren Gäas Studien der menschlichen Kultur schon mehr als nur akademisch. Die Beobachtung von Neu Armstrongs Vorführung bestätigte etwas, das sie schon, lange vermutet hatte. Die Menschen würden ihr immer näher kommen. Sie begann sich auf die Begegnung mit ihnen vorzuberei- ten. Die Aussichten waren nicht gut. Es handelte sich bei ih- nen um eine kriegerische Art, im Besitz von Waffen, die Gäa zu verdampfen vermochten. Man konnte nicht erwarten, daß sie die Anwesenheit eines 1300 Kilometer durchmessenden lebendigen Rad-Gottes in »ihrem« System leichtnehmen würden. Gäa erinnerte sich an Orson Wells’ Halloween- Sendung von 1938. Sie erinnerte sich an This Island Earth (Metaluna 4 antwortet nicht) und I Married a Monster from Outer Space. Alle ihre Planungen wurden zunichte gemacht, als Okea- nos – stets eifrig bedacht, Gäa auf jede Art zu sabotieren, wie er nur konnte – das TRS Ringmeister zerstörte, das ers- te Schiff, das sie erreichen sollte. Aber die Menschen erfüll- ten Gäas schlimmste Erwartungen nicht. Das zweite Schiff, wenn auch bewaffnet und bereit, sie zu vernichten, hielt die Hand lange genug zurück, daß Erklärungen gegeben werden konnten. Dabei halfen Gäa die überlebenden Angehörigen der ersten Expedition. Eine Botschaft wurde eingerichtet, und jedermann ignorierte höflich das Schiff, das in sicherer Entfernung Station bezog, um Gäas Nachbarschaft nie wie- der zu verlassen. Sie machte sich keine Sorgen darüber. Sie hatte nicht die Absicht, es jemals zum Freigeben seiner töd- lichen Fracht zu bewegen, und Okeanos’ Möglichkeiten, Un- frieden zu stiften, waren begrenzt. Wissenschaftler kamen, um sie zu studieren. Später kamen Touristen, um zu tun, was Touristen gewöhnlich tun. Gäa gestattete es jedermann, solange er eine Erklärung unter- schrieb, die sie von jeder Verantwortung freisprach. Nach angemessener Zeit wurde sie von der Schweizer Re-, gierung anerkannt und durfte ein Konsulat in Genf eröffnen. Andere Nationen folgten, und im Jahr 2050 war sie bereits stimmberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen. Sie erwartete, ihre schwindenden Jahre mit dem Studium der endlosen Verwicklungen der menschlichen Rasse zu verbringen. Aber sie wußte, daß – damit sie wirklich in Si- cherheit war – die menschliche Rasse auf sie angewiesen sein mußte. Sie mußte unverzichtbar werden und gleichzeitig deutlich machen, daß es für jede Nation unmöglich sein wür- de, sie als Preis zu beanspruchen. Sie fand schnell einen Weg, das zu erreichen. Sie würde Wunder vollbringen., Die Flagge der Kaprice Die Titanide galoppierte aus dem Nebel, als wäre sie einem Wahnsinnskarussell entflohen. Man nehme einen traditionel- len Zentauer – halb Pferd, halb Mensch – und bemale ihn mit mondrianischen weißen Linien und Quadraten in Rot, Blau und Gelb: das war die Titanide. Sie war eine Alptraumstepp- decke von den Hufen bis zu den Augenbrauen, und sie rann- te um ihr Leben. Sie kam die Deichstraße herabgedonnert, die Arme nach hinten ausgestreckt wie bei der Silberdame auf einem Rolls- Royce, und Dampf quoll aus ihren geweiteten Nüstern. Dicht hinter ihr kam der Mob, auf winzigen Stadträdern fahrend und Fäuste und Knüppel schwingend. Über ihm glitt eine Po- lizei-Maria in Position und bellte Befehle, die über das Hupen ihrer Hörner hinweg gar nicht gehört werden konnten. Chris’fer Minor wich ein Stück weiter in den gewölbten Tun- nel zurück, wo er sich versteckt hatte, als die Geräusche der Aufruhr-Hörner hörbar geworden waren. Er zog sich die Ja- cke fest um den Hals und wünschte, er hätte sich ein anderes Versteck gesucht. Gewiß würde die Titanide das Fort als ein- zige Zuflucht in Sicht ansteuern. Sonst blieb ihr nur die hinter einem hohen Zaun geschützte Brücke, oder die Bucht. Aber die Bucht war es, die sie ansteuerte. Sie flog über den aufgesprungenen Asphalt des Parkplatzes und über- sprang die Kettenabsperrung am Ende des Deiches. Der Sprung war von olympischem Kaliber. Sie war schön in der Luft und segelte weit genug, um die Felsen und den größten, Teil des flachen und schaumigen Wassers zu vermeiden. Das Aufklatschen war ehrfurchtgebietend. Kopf und Schultern tauchten wieder auf, dann mehr von ihr, bis sie aussah wie ein Mensch, der in hüfttiefem Wasser steht. Die Leute waren damit nicht zufrieden. Sie fingen an, Bro- cken aus dem Asphalt zu reißen und hinter der Fremden her- zuwerfen. Chris’fer fragte sich, was die Titanide angestellt hatte. Dieser Mob zeigte nicht die hemmungslose Feststim- mung reiner Fremdenhetzer. Die Leute waren über etwas Be- stimmtes aufgebracht. Der Beamte in der schwebenden Maria schaltete die Hitze- kanone ein, ein normalerweise für den Einsatz gegen bewaff- nete Unruhen reserviertes Gerät. Kleider begannen zu glim- men, Haare zu knistern und sich aufzurollen. Im Nu war der Parkplatz leer, und der eben noch brutzelnde Mob fluchte im kalten Wasser der Bucht. Chris’fer hörte das Dröhnen näherkommender Polizeihub- schrauber. Es handelte sich keineswegs um den ersten Auf- ruhr, dessen Zeuge er wurde. Während ihn noch die Neugier über die Ursache plagte, wußte er, daß ein weiteres Herum- hängen ein sicherer Weg war, um eine Woche im Gefängnis zu verbringen. Er drehte sich um, durchquerte den kurzen Flur und betrat das merkwürdig geformte Backsteingebäude. Im Innern war ein trapezförmiger Betonhof, der von einer dreistöckigen Galerie umgeben wurde. Die äußere Wand war in regelmäßigen Abständen von Löchern mit einem halben Meter im Quadrat durchbrochen. Ansonsten war über das Gebäude nicht viel zu sagen; es handelte sich um eine ver- lassene Ruine, wenn auch eine gut gefegte. Da und dort tru- gen Holzstaffeleien Schilder mit altmodischen Goldbuchsta- ben darauf, die den Weg zu verschiedenen Gebäudeteilen wiesen sowie in kleinem Druck von Geschichte und Einzelhei-, ten berichteten. Nahe dem Zentrum des Hofes befand sich ein Fahnenmast aus Messing. An der Spitze flatterte eine Fahne in der steifen Brise, die durch das Golden Gate kam: ein goldenes Rad mit sechs Speichen im Mittelpunkt eines schwarzen Feldes. Es war unmöglich, zu der Fahne hinaufzublicken, ohne daß das Auge weitergezogen wurde zu dem eindrucksvollen Anblick des Brückenbogens, der ungestützt im Raum hing. Dies war Fort Point, im neunzehnten Jahrhundert errichtet, um den Zugang zur Bucht zu schützen. Die Kanonen waren mittlerweile alle verschwunden. Das Fort wäre eine respekt- gebietende Bastion gegen einen Feind gewesen, der vom Meer kam, aber das war nie geschehen. Fort Point hatte nie- mals einen Schuß im Ernstfall abgefeuert. Chris’fer fragte sich, ob die Erbauer damit gerechnet hat- ten, daß ihre Schöpfung zweihundertfünfzig Jahre lang halten würde, strukturell unverändert seit dem Tage, an dem der letzte Backstein gelegt worden war. Er vermutete, daß sie damit gerechnet hatten, aber verblüfft gewesen wären, dort zu stehen, wo er jetzt stand, und zum orangefarbenen Metall der Brücke hinaufzublicken, die sich so frech über den Backsteinkoloß krümmte. Tatsächlich war es der Brücke nicht annähernd so gut er- gangen. Nachdem das Beben von ‘45 sie gefällt hatte, waren 15 Jahre vergangen, bis eine neue Fahrbahn zwischen die unbeschädigten Türme gehängt worden war. Chris’fer holte tief Luft und schob die Hände in die Taschen. Er hatte versucht, vom Grund seines Herkommens abzulas- sen, aus Angst davor, abgewiesen zu werden. Aber es mußte getan werden. Es gab ein Schild, das ihm die Richtung wies, und es besagte:, ZUR GÄANISCHEN BOTSCHAFT DIE BOTSCHAFTERIN IST | DA | Das Wort »da« stand auf einem schmutzigen Stück Pappe, das an einem Nagel hing. Er folgte der deutenden Hand durch eine Tür und in einen Gang, an dem entlang sich Türen rechts und links zu kahlen Backsteinräumen öffneten. Die Gäanische Botschaft enthielt lediglich einen Metallschreibtisch und einige an einer Wand aufgestapelte Heuballen. Chris’fer trat ein und sah dann, daß eine Titanide hinter dem Schreibtisch lümmelte. Auf ih- rem menschlichen Rumpf trug sie eine Uniform wie aus einer komischen Oper, geschmückt mit Messing und Tressen. Ihr Pferdekörper war palomino, desgleichen die Hände und Un- terarme, die aus den Jackenärmeln hervorragten. Ganz of- fenkundig schlief sie, und sie schnarchte dabei wie eine Ket- tensäge. Sie umarmte einen Militärtschako mit langem, weißem Federbusch. Eine leere Spirituosenflasche lag schräg in dem Hut, und eine weitere neben ihrem linken Hinterbein. »Ist jemand da draußen?« Die Stimme drang durch eine innere Tür mit der Aufschrift: »Tirarsi, führ sie herein, ja?« Es ertönte ein gewaltiges Nie- sen, gefolgt von einem Schnauben. Chris’fer ging zur Tür, öffnete sie zögernd und steckte den Kopf hindurch. Er sah eine weitere Titanide, die hinter, einem Schreibtisch saß. »Ihre… ah… sie scheint nicht bei sich zu sein.« Wieder schnaubte die Titanide. »Sie ist ein er«, sagte Bot- schafterin Cantata. »Und es ist nicht ungewöhnlich. Sie ist so weit vom Rad geflogen, daß sie sich nicht einmal daran erinnert, wie es sich gedreht hat.« »Vom Rad fliegen« stand im Begriff, das »vom Wagen fal- len« und andere Euphemismen für Trinkerprobleme rasch zu ersetzen. Zur Erde gebrachte Titaniden waren notorische Säufer. Es war nicht nur der Alkohol – den sie schön ge- kannt hatten, bevor sie Gäa verließen –, sondern auch die Agave. Deren fermentierter und destillierter Nektar wurde von den Titaniden so verehrt, daß Mexiko eine der wenigen Erdnationen mit Gäanischem Exporthandel war. »Dann kommen Sie rein!« sagte die Botschafterin. »Set- zen Sie sich dort drüben hin! Ich werde mich in einer Minu- te um Sie kümmern, aber erstmal muß ich mich darüber informieren, was mit Tzigane los ist.« Sie machte Anstalten, sich zu erheben. »Wenn Sie eine Art von gesteppter Titani- de meinen, die ist in die Bucht gesprungen.« Die Botschafterin erstarrte mit erhobener Hinterhand und den Händen flach auf dem Schreibtisch. Langsam senkte sie den Pferdekörper wieder. »Es gibt nur eine ›gesteppte Titanide‹ im westlichen Ame- rika, und er ist männlich und heißt Tzigane.« Sie betrachtete Chris’fer mit verengten Augen. »War das ein der Erholung dienender Sprung, oder hatte er einen mehr drückenden Grund?« »Ich würde sagen, er entdeckte die plötzliche Notwendig- keit, das blaue Land aufzusuchen. Es waren etwa fünfzig Leute, die ihn jagten.« Sie verzog das Gesicht. »Hat wieder in Bars herumgehan-, gen. Er hat Geschmack an menschlichem Hintern gefunden und scheint jetzt nicht mehr genug davon kriegen zu kön- nen. Na ja, setzen Sie sich, ich werde versuchen müssen, das mit der Polizei zu regeln.« Sie hob einen altmodischen blinden Telefonhörer ab und gab durch, daß sie mit dem Rathaus verbunden werden wollte. Chris’fer zog den einzi- gen Stuhl im Raum näher an den Schreibtisch und setzte sich. Während sie redete, sah er sich in dem Büro um. Es war groß, wie es auch sein mußte, um einer Titanide gerecht zu werden. Er enthielt zahlreiche Antiquitäten und Kunstgegenstände aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, aber nur sehr wenige Möbel. Eine Wasser- pumpe mit langem Griff war in einer Ecke am Boden festge- schraubt, und die nackte Glühbirne, die in der Mitte des Raumes von der Decke hing, hatte einen bleigefaßten Tiffa- ny-Lampenschirm. Ein freistehender Holzofen befand sich nahe dem einzigen Fenster. An den Wänden hingen Ge- mälde und Poster: ein Picasso, ein Warhol, ein J&G Minton und ein kleines schwarzes Schild mit orangefarbenen Buch- staben, die besagten: »Eines Tages werde ich vernünftig eingerichtet sein müssen!« Hinter dem Schreibtisch hingen zwei Fotos und ein Porträt. Sie zeigten Johann Sebastian Bach, John Philip Sousa und Gäa aus dem All gesehen. Auf dem Schreibtisch stand ein silberner Kübel mit Limonellen. Der halbe Boden war mit einer dünnen Schicht Stroh be- deckt. In einer Ecke waren ganze Ballen aufgestapelt. Bot- schafterin Cantata legte den Hörer auf und langte nach einer offenen Tequila-Flasche und dem Kübel, steckte sich eine Li- monelle in den Mund, zermalmte sie und trank die halbe Fla- sche. Dann schnitt sie ihm ein Gesicht. »Sie haben wohl kein Salz, oder?« Er schüttelte den Kopf., »Zu schlecht. Wollen Sie etwas trinken? Wie wäre es mit ei- ner Limonelle? Ich glaube, ich habe noch ein Messer…« Sie fing an, ihre Schubladen zu durchstöbern, hörte aber auf, als er höflich ablehnte. »Für mich sah er wie ein Weibchen aus«, meinte Chris’fer. »Huh? Oh, Sie meinen Tzigane. Nein, ich kenne diesen Fehler… die Brüste haben Sie irregeführt; wir haben sie alle, aber er ist ein Männchen. Die frontalen Organe bestimmen das. Die zwischen den Vorderbeinen. Tziganes sind aus der Ferne etwas schwer zu sehen bei diesem Muster aus Quadra- ten. Ich bin, zu Ihrer Information, weiblich, und Sie können mich Dulcimer nennen, und wie ist Ihr Name und was kann ich für Sie tun?« Er setzte sich etwas aufrechter. »Mein Name ist Chris’fer Minor, und ich möchte ein Visum. Ich möchte gerne Gäa besuchen.« Sie hatte seinen Namen auf ein Formular von einem Stapel auf ihrem Schreibtisch geschrieben. Jetzt blickte sie auf und schob das Formular weg. »Wir verkaufen Visa auf allen größeren Flughäfen«, sagte sie. »Dazu brauchen Sie nicht mich besuchen. Gehen Sie ein- fach mit dem Betrag hin und stecken Sie ihn in den Verkaufs- automaten.« »Nein«, sagte er, und seine Stimme schwankte etwas. »Ich möchte Gäa selbst sehen. Ich muß sie sehen. Sie ist meine letzte Chance.« Verrückter Major, »Dann sind es also Wunder, die Sie wollen«, sagte die Tita- nide mit fehlerlosem irischen Akzent. »Sie wollen am hohen Ort stehen und Gäa bitten, Ihnen einen großen Wunsch zu gewähren. Sie wollen, daß sie ihre kostbare Zeit einem Problem widmet, das Ihnen wichtig erscheint.« »Etwas Ähnliches.« Er machte eine Pause und schob die Unterlippe vor. »Genau das, schätze ich.« »Lassen Sie mich schätzen. Ein medizinisches Problem. Genauer, ein tödliches medizinisches Problem.« »Medizinisch, nicht tödlich. Sehen Sie, es…« »Halt, warten Sie eine Minute.« Sie hob die Hände, die Handflächen ihm zugewandt. Es würde auf eine Ablehnung hinauslaufen, erkannte Chris. »Lassen Sie mich dieses Formular erst weiter ausfüllen, bevor wir weitermachen. Hat Chris’fer einen Apostroph?« Sie leckte die Spitze ihres Stiftes und trug oben auf dem Blatt das Datum ein. Die nächsten zehn Minuten wurden von Informationen in Anspruch genommen, nach denen auf jedem Amt in der ganzen Welt gefragt wurde: Unident-Nummer, Name der Gattin, Alter, Geschlecht… (»WA3874-456-11.093, keine, neunundzwanzig, hetero-männlich…«) Im Alter von sechs Jahren konnte das jeder Mensch im Schlaf aufsagen. »›Der Grund für den Wunsch, Gäa zu sehen‹«, las die Ti- tanide. Chris’fer legte die Fingerspitzen aneinander und verbarg das Gesicht teilweise hinter ihnen. »Ich habe diesen Zustand. Er ist… schwer zu beschreiben. Es handelt sich um eine Drüsen- oder neurologische Ge- schichte; sie sind sich nicht ganz sicher. Bis jetzt gibt es nur einhundert solcher Fälle, und der einzige Name dafür ist Syndrom 2096 Strich 15. Was passiert, ist, daß ich den, Kontakt zur Wirklichkeit verliere. Manchmal habe ich extre- me Angst. Bei anderen Gelegenheiten begebe ich mich in eingebildete Welten und neige dazu, einfach alles zu tun. Manchmal erinnere ich mich nicht daran. Ich habe Halluzi- nationen, spreche in verschiedenen Sprachen, und mein Rhine-Potential ändert sich deutlich. Ich habe sehr viel Glück, ob Sie es glauben oder nicht. Ein Arzt meinte, es sei dieses Extra-Psi, das mich bis jetzt vor Schwierigkeiten be- wahrt hat. Ich habe niemanden umgebracht und auch nicht zu fliegen versucht, indem ich von einem Gebäude sprin- ge.« Die Titanide schnaubte. »Sind Sie sicher, daß Sie geheilt werden wollen? Die meisten von uns wüßten ein wenig zu- sätzliches Glück zu gebrauchen.« »Das ist nicht komisch, nicht für mich. Es gibt keine Dro- gen dagegen; alles, was ich tun kann, ist, mich unter Beru- higungsmittel zu setzen, wenn es passiert. Jahrelang habe ich jede psychologische Diagnose durchlaufen, die es nur gibt, und dabei kam lediglich heraus, daß das Problem me- dizinischer Natur ist. Es gibt kein Trauma in meiner Vergan- genheit, das die Ursache sein könnte, und auch kein ge- genwärtiges Problem. Ich wünschte nur, es wäre so. Sie können alles Psychologische regulieren. Gäa ist meine letzte Hoffnung. Wenn sie mich abweist, werde ich für den Rest meines Lebens ins Hospital gehen müssen.« Ohne es zu merken, hatte er mit den Händen am Kinn einen harten Knoten gebildet. Er entspannte sie. Die Botschafterin betrachtete ihn mit großen unergründli- chen Augen, blickte dann wieder auf ihr Formular. Chris’fer sah, wie sie schrieb. In dem mit »Grund für Visum« mar- kierten Kästchen schrieb sie »krank«. Sie betrachtete es stirnrunzelnd, strich es durch und schrieb statt dessen, »verrückt«. Er spürte, wie seine Ohren brannten. Er wollte protestie- ren, aber sie stellte eine neue Frage. »Welches ist Ihre Lieblingsfarbe?« »Blau. Nein, Grün… steht das wirklich da drauf?« Sie drehte das Formular leicht und ließ ihn sehen, daß, ja, das wirklich darauf stand. »Bleiben Sie bei Grün?« Verwirrt nickte er langsam. »Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Unschuld verloren?« »Vierzehn.« »Wie lautet sein oder ihr Name, und welche Farbe hatten seine oder ihre Augen.« »Lyshia. Blaugrün.« »Hatten Sie jemals wieder Geschlechtsverkehr mit ihm oder ihr?« »Nein.« »Wer ist Ihrer Meinung nach der größte Musiker der Ver- gangenheit oder Gegenwart?« Chris’fer wurde ärgerlich. Insgeheim hielt er Rea Pashko- rian unbedingt für die Beste; er besaß alle ihre Bänder. »John Philip Sousa.« Sie grinste, ohne ihn anzublicken, und das begriff er nicht. Er hatte mit einer Ermahnung gerechnet, ernsthaft zu sein oder mit dem Versuch aufzuhören, sich ihre Gunst zu erschleichen, aber sie schien den Scherz zu teilen. Mit einem Seufzer machte er es sich für den Rest der Fragen be- quem. Sie wurden immer weniger relevant für seine beabsichtig- te Reise. Immer gerade dann, wenn er ein Muster zu er- kennen glaubte, änderte sich das Hauptthema. Manche Fra- gen befaßten sich mit moralischen Situationen; andere, schienen ein Ergebnis zufälliger Verrücktheit zu sein. Er versuchte, ernst zu bleiben, denn er wußte nicht, inwieweit diese Befragung seine Chancen auf Annahme beeinflußte. Er begann zu schwitzen, obwohl der Raum kalt war. Man konnte unmöglich wissen, welches die richtigen Antworten waren, also blieb ihm keine andere Wahl als die Ehrlichkeit. Man hatte ihm berichtet, daß Titaniden Falschheit bei Men- schen gut erkennen konnten. Aber schließlich hatte er genug. »›Zwei Kinder sind auf dem Weg eines näherkommenden Schwerkraftzuges festgebunden. Sie haben nur Zeit, eines von beiden zu befreien. Beide sind Ihnen fremd, beide gleich alt. Eines ist ein Junge, das andere ein Mädchen. Wel- ches retten Sie?‹« »Das Mädchen. Nein, den Jungen. Nein, ich würde eines retten und zurückkehren und… verdammt! Ich werde keine von diesen Fragen mehr beantworten, bis Sie…« Abrupt hielt er inne. Die Botschafterin hatte ihren Stift quer durch den Raum geworfen und saß jetzt da, den Kopf in die Hände gestützt. Er wurde von einer so plötzlichen und starken Angst gepackt, daß er glaubte, es sei der Beginn eines Anfalls. Sie stand auf und ging zu dem Holzofen, öffnete die Feuer- klappe und suchte verschiedene Holzstücke aus. Sie kehrte ihm den Rücken zu. Ihre Haut hatte dieselbe Farbe und Ge- webestruktur wie die eines kaukasischen Menschen, vom Kopf bis zu den Hufen. Haar hatte sie nur auf dem Kopf und in Form des herrlichen Schwanzes. Solange sie hinter dem Schreib- tisch saß, konnte man leicht vergessen, daß sie nichtmensch- lich war. Wenn sie stand, wurde ihre Fremdheit betont, und zwar genau deshalb, weil die Hälfte von ihr so unauffällig war. »Sie brauchen keine weiteren Fragen mehr beantworten«,, sagte sie. »Dank Gäa spielen sie diesmal keine Rolle.« Als sie Gäas Namen aussprach, klang er bitter. Während sie den Ofen mit Holz fütterte, hob sich ihr Schwanz ruckartig über den Rücken und verblieb so außer- halb der Bahn, denn sie tat, was alle Pferde bei allen Paraden tun – gewöhnlich vor der Ehrentribüne – und mit demselben Mangel an Scham. Es geschah offensichtlich unbewußt. Chris’fer wandte den Blick ab, fühlte sich durcheinanderge- bracht. Titaniden waren eine so merkwürdige Mischung aus Gewöhnlichem und Bizarrem. Als sie sich umdrehte, nahm sie eine an der Wand lehnen- de Schaufel, schippte den Haufen und das Stroh, worauf er gefallen war, hoch und warf alles in einen an der Wand hängenden Behälter. Sie schaute Chris’fer kurz an, als sie sich wieder setzte, und wirkte etwas gezwungen amüsiert. »Jetzt wissen Sie, warum ich nicht zu Parties eingeladen werde. Wenn ich nicht die ganze Zeit daran denke…« Sie überließ es völlig ihm, sich die Konsequenzen vorzustellen. »Was meinen Sie mit ›diesmal spielt es keine Rolle‹?« Ihr Lächeln verschwand. »Ich meine damit, daß es nicht mehr in meiner Hand liegt. Die Zahl der Dinge, die euch Menschen umbringen, ist kaum glaublich, und jedes Jahr gibt es weitere Möglichkei- ten. Wissen Sie, wie viele Leute mich bitten, zu Gäa kom- men zu dürfen? Jedes Jahr über zweitausend, so viele sind es. Neunzig Prozent davon liegen im Sterben. Ich bekomme Briefe, ich bekomme Anrufe, ich bekomme Besuche. Ich empfange Bitten von ihren Kindern, Ehemännern und Ehe- frauen. Wissen Sie, wie viele Leute ich im Jahr zu Gäa schi- cken kann? Zehn.« Sie griff nach der Tequilaflasche und nahm einen tiefen Schluck. Abwesend hob sie zwei Limonellen auf und aß sie, mit einem Biß. Sie betrachtete den Holzofen, aber ihre Au- gen waren in die Unendlichkeit gerichtet. »Nur zehn?« Sie drehte den Kopf und betrachtete ihn geringschätzig. »Junge. Sie sind einer. Sie sind wirklich einer. Sie hatten keine Vorstellung.« »Ich…« »Verschonen Sie mich! Ich glaube, Sie tun sich selbst ganz schön leid. Sie denken, daß es Sie schwer erwischt hat. Bur- sche, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen… egal. Leute studieren jahrelang, um zu lernen, wie man mich austrickst, mich und die drei anderen Botschafter. Um einer von den vierzig zu sein.« Sie schlug mit der Faust auf den Formular- stapel. »Es gibt einen Zoll dicke Bücher, die dieses Formular analysieren und den Leuten sagen, wie sie antworten sol- len. Computer untersuchen, wie frühere Gewinner geant- wortet haben.« Sie hob den Stapel hoch und warf ihn in die Luft; er zerflatterte zu einem kurzlebigen Schneegestöber, das sich im ganzen Zimmer niederschlug. »Wie würden Sie die Wahl treffen? Ich habe alle Möglich- keiten ausprobiert, und es gibt keine gute Antwort. Ich habe versucht, wie ein Mensch zu denken, wie ein Mensch eine Entscheidung zu fällen, und das erste, mit dem Menschen immer anzufangen scheinen, sind ein Dutzend Formulare, also schrieb auch ich eines und hoffte, darin die Antworten zu finden, aber das waren sie nicht, nicht mehr als in einer Kristallkugel und in Würfeln. Ja, ich besitze tatsächlich eine Kristallkugel, und ich habe um Menschenleben gewürfelt. Und neunzehnhundertneunzig meiner Entscheidungen sind immer noch jedes Jahr falsch. Ich habe mein Bestes getan, das schwöre ich, habe versucht, die Arbeit richtig zu ma- chen. Jetzt will ich nur noch zurück zum Rad.«, Sie seufzte so tief, daß ihre Nüstern bebten. »Es spricht einiges für ein Rad, glaube ich. Jede Stunde durchläuft man einen Zyklus. Man kann das eigentlich nicht spüren, aber wenn man es nicht mehr hat, weiß man es. Man kann das Zentrum der Dinge nicht mehr fühlen. Die Uhr der eigenen Seele bleibt stehen. Alles geht auseinander; alles wird ent- fernter.« Als sie eine volle Minute lang geschwiegen hatte, räus- perte sich Chris’fer. »Davon wußte ich nichts.« Wieder schnaubte sie. »Ich bin überrascht, daß Sie herkamen und diesen Job übernahmen, wenn Sie doch solche Gefühle haben. Und… ich bin überrascht, daß sich das anhört, als würden Sie Gäa grollen. Ich dachte, sie wäre – na ja – wie ein Gott für die Titaniden.« Sie betrachtete ihn unbewegt und sprach ohne Betonung. »Das ist sie, Herr Minor. Ich bin hergekommen, weil sie Gott ist und weil sie es mir befahl. Wenn Sie ihr begegnen, wird es das Beste sein, sich daran zu erinnern. Tun Sie, was sie sagt. Was den Groll angeht, natürlich grolle ich ihr. Gäa ver- langt nicht, daß man sie liebt. Sie will einfach Gehorsam, und den bekommt sie verdammt gut. Häßliche Dinge pas- sieren mit denen, die nicht auf sie hören. Ich sage nichts von zur Hölle fahren, aber ich sage etwas über Dämonen, die einen lebendig auffressen. Ich liebe Gäa nicht, aber ich habe enormen Respekt vor ihr. Und Sie hüten sich besser, würde ich sagen. Es gibt einen Hang zum Fatalismus an Ihnen. Sie sind unvorbereitet her- gekommen, ohne die Dinge zu kennen, die Sie aus dem Ab- schnitt in der Britannica hätten erfahren können. So wird es in Gäa nicht klappen.« Chris’fer erkannte langsam, was sie da gesagt hatte,, konnte es aber immer noch nicht ganz glauben. »Ja, Sie werden hingehen. Vielleicht liegt es wieder an Ih- rem Glück. Ich wußte nie etwas über Glück. Aber ich habe eine Direktive von Gäa erhalten. Sie möchte einige Leute, die verrückt sind. Sie sind diese Woche der erste, der dafür qualifiziert ist. Ich kann sogar ein gutes Gefühl dabei haben, wenn ich Sie schicke. Ich war dabei, mich zur Ablehnung eines großen Humanisten zugunsten irgendeines sabbern- den Killers aufzuraffen. Im Vergleich dazu sind Sie gerade richtig. Kommen Sie mit!« Das äußere Büro enthielt eine schwankende, aber wieder- belebte Titanide, und drei Menschen. Einer davon, eine junge Frau mit geröteten Augen, kam auf die Botschafterin zu. Sie versuchte, etwas über ein Kind zu sagen. Dulcimer (Hypomixolydisches Trio) Cantata tanzte behende an ihr vorbei und eilte in den Flur hinaus. Chris’fer sah, wie die Frau Trost in den Armen eines Mannes mit hartem Gesicht suchte. Rasch wandte er den Blick ab. Er hätte keine An- klage in ihren Augen finden können; sie konnte unmöglich wissen, daß er ausgewählt worden war. Im Tunnel holte er die Titanide ein und mußte laufen, um bei ihrem Schrittempo mitzuhalten. Sie gingen um das Fort zur Nordseite der Bucht. »Befreien Sie sich von dem Apostroph«, sagte sie. »Huh?« »In Ihrem Namen. Ändern Sie ihn zu Chris. Ich hasse den Apostroph.« »Ich…« »Zwingen Sie mich nicht zu erwähnen, daß ich nieman- den mit einem so dummen Namen wie Chris’fer zu Gäa schicken würde.« »In Ordnung, das wird nicht… Ich meine, ich werde… ich, werde meinen Namen ändern.« Sie schloß ein Tor im Zaun auf, der die Öffentlichkeit von der Brücke fernhielt. Sie öffnete es, und sie gingen hin- durch. »Ändern Sie Ihren Nachnamen zu Major. Vielleicht wird Sie das von diesem Fatalismus befreien.« »Das… das werde ich.« »Machen Sie es vor Gericht und schicken Sie mir die Unter- lagen.« Sie gelangten an den Fuß eines großen Betonstützpfeilers der Brücke. Eine Metall-Leiter war kürzlich daran verbolzt worden. Sie schwand in der Höhe, schien aber den ganzen Weg bis zur Fahrbahn ohne Sicherheitskäfig zu verlaufen. »Ihr Paß befindet sich oben auf dem Südturm. Es handelt sich um eine kleine gäanische Flagge wie die vor der Bot- schaft. Klettern Sie diese Leiter hinauf, auf das Kabel, holen Sie sie und kehren Sie zurück. Ich warte hier.« Chris’fer blickte zur Leiter, dann zu Boden. Er wischte sich die schwitzenden Handflächen an der Hose ab. »Darf ich fragen, warum? Ich meine, ich mache es, wenn es sein muß, aber was bedeutet das? Es hört sich an wie ein Spiel.« »Es ist ein Spiel, Chris. Zufällig und sinnlos. Wenn Sie diese schäbige Leiter nicht ersteigen können, sind Sie es nicht wert, zu Gäa geschickt zu werden. Los, fangen Sie an, Kind!« Sie lächelte, und er dachte, daß sie trotz ihrer erklärten Sym- pathie für Menschen amüsiert sein mochte, ihn abstürzen zu sehen. Er setzte den Fuß auf die unterste Sprosse, langte hinauf und spürte ihre Hand auf der Schulter. »Wenn Sie in Gäa sind«, sagte sie, »erwarten Sie nicht zu- viel. Von jetzt an befinden Sie sich im Griff einer gewaltigen und kapriziösen Macht.«, Der Heuler Der Koven wurde im späten zwanzigsten Jahrhundert ge- gründet, wenn auch nicht unter diesem Namen. Es handelte sich um eine eher politische als religiöse Sache. Die meisten Berichte über die frühen Tage der Gruppe besagen, daß die ursprünglichen Mitglieder vieles von dem, was sie taten, nicht ernstnahmen. Nur wenige von ihnen glaubten an die Große Mutter oder an die Magie. Die Hexerei war zu Beginn nichts anderes als ein sozialer Leim, der die Gemeinschaft zusammenhielt. Als die Zeit verging und die Dilettanten sich langweilten, als die Gemäßigten und die Kleinmütigen sich absetzten, begann der verbliebene Kern die Rituale tatsächlich ernst- zunehmen. Gerüchte von Menschenopfern wurden hörbar. Man behauptete, die Frauen auf dem Berge würden neuge- borene männliche Babies ertränken. Die sich daraus erge- bende Aufmerksamkeit führte dazu, daß sich die Gruppe gegen eine feindliche Außenwelt enger zusammenschloß. Sie zog mehrere Male um und wurde schließlich in einer ab- gelegenen Ecke Australiens seßhaft. Dort wäre der Koven gewiß untergegangen, da alle geschworen hatten, sich nicht fortzupflanzen, bis die Jungfernzeugung Wirklichkeit wurde. Aber da kam der Heuler und veränderte das alles. Der Heuler war ein Asteroid – Millionen Tonnen von metal- lischem Eisen, Nickel und von Eis, mit Verunreinigungen, die, ihn durchzogen wie Adern ein Stück Katzenaugen-Marmor –, der an einem schönen Maimorgen zu einem zischenden Lichtstreifen über dem südlichen Himmel wurde. Das Eis verdampfte, aber das Eisen, der Nickel und die Verunreini- gungen krachten in die Wüste, und das am Rande vom Grundbesitz des Koven. Die eine der Verunreinigungen war Gold, die andere Uran. Vorteilhaft war, daß der Heuler in Grenznähe auftraf, denn selbst auf diese Entfernung tötete der Aufschlag sechzig Prozent der Getreuen. Die Neuigkeiten von der Zusammensetzung des Asteroiden verbreiteten sich schnell. Über Nacht verwandelte sich der Koven von nur einem weiteren vergessenen Todlehem in eine Religion, die reich genug war, um neben Katholiken, Mormonen und Scientologen zu bestehen. Das brachte der Gruppe auch ungewollte Aufmerksam- keit. Der australische Busch pflegte ein unwahrscheinlicher Ort zu sein, um eine Suche nach einer Zuflucht fern der Ge- sellschaft zu beginnen, aber die Wüste hatte sich als viel zu gut erreichbar erwiesen. Der Koven wollte eine neue Bedeu- tung für das Wort »entfernt« finden. Das war in den 2030ern, und es geschah also, daß sich ein idealer Ort fand, wohin man gehen konnte. Wenn zwei Körper ein gemeinsames Schwerkraftzentrum umkreisen, wie es beim Erde-Mond-System der Fall ist, dann ergeben sich fünf Punkte gravitationeller Stabilität. Zwei befinden sich auf der Kreisbahn des kleineren Kör- pers, jedoch um sechzig Grad versetzt. Einer liegt zwischen den beiden Körpern; ein weiterer jeweils auf der abgelege- nen Seite der Körper. Man nennt sie Lagrange-Punkte und kennzeichnet sie mit L1 bis L5., L1 und L5 enthielten bereits Kolonien, und weitere befan- den sich im Bau. L2 erschien als die beste Wahl. Von dort aus gesehen würde die Erde vollständig durch den Mond verdeckt sein. Sie errichteten dort den Koven. Er war ein Zylinder von sieben Kilometern Länge und zwei Kilometern Durchmesser. Künstliche Schwerkraft wurde durch das Drehmoment er- zeugt, die Nacht durch das Schließen von Jalousien. Aber die Tage der Isolation waren vorbei, kaum daß sie begonnen hatten. Der Koven war eine der ersten regie- rungslosen Gruppen, die sich in großem Maßstab ins All begaben, aber nicht die letzte. Die Techniken der Kolonisie- rung des Weltraums wurden rasch verfeinert, standardisiert und dadurch billiger. Baugesellschaften begannen sie zu pro- duzieren, wie Henry Ford die T-Modelle produziert hatte. In der Größe reichten die Kolonien vom bloß Riesenhaften bis zum Brobdingnagischen. Die Nachbarschaft begann auszusehen wie Levittown, und die Nachbarn waren merkwürdig. Einfach jede ansehnlich gro- ße Verrücktengruppe, Separatistenbande und Schreihälseve- reinigung konnte es sich jetzt leisten, an den Lagrange- Punkten eine Heimstatt zu errichten. L2 wurde bei den Pilo- ten, die ihn sorgfältig mieden, als SargassoPunkt bekannt; diejenigen, die ihn durchfliegen mußten, bezeichneten ihn als Pinballautomat, und sie lächelten dabei nicht. Manche von diesen Gruppen konnten nicht mit der Pflege und Versorgung komplexer Maschinen betraut werden. Sie gingen davon aus, in schlichter idyllischer Verwahrlosung in- nerhalb von etwas existieren zu können, das in Wirklichkeit einfach eine große hohle Kaffeekanne war. Die Entwicklungs- fachleute waren oft glücklich darüber, sie zu versorgen, wobei sie argumentierten, daß all diese teuren Metallwaren, wenn, installiert, nur mißbraucht werden würden. Alle paar Jahre pflegte eine dieser Kolonien auseinanderzufallen und sich selbst und ihre Einwohner über den Himmel zu schleudern. Noch öfter ging etwas bei der Ökologie daneben, und die Leu- te hungerten oder erstickten. Es gab immer jemanden, der bereit war, eines der dabei entstandenen Wracks zu über- nehmen, es vermittels des Vakuums zu sterilisieren und zu einem Spottpreis zu beziehen. Die Erde litt niemals Mangel an Entfremdeten und Unzufriedenen. Die Vereinten Nationen freuten sich, wenn sie sie loswurden, und stellten nicht zu vie- le Fragen. Es war ein Zeitalter der Spekulation – des plötzli- chen Wohlstandes und der Emporkömmlingspraktiken. Ge- schäfte wurden abgeschlossen, die einen Immobilienentwick- ler in Florida schockiert hätten. Der Sargasso-Punkt brütete Kulturen aus, die eher Krebs- geschwüre darstellten als Gemeinschaften. Die repressivsten Regime, die die Menschheit je gekannt hatte, nahmen an den Lagrange-Punkten Gestalt an und starben wieder. Der Koven gehörte nicht dazu. Obwohl sie erst fünfzig Jah- re lang an L2 gewesen waren, qualifizierte sie das als Grün- der. Wie die ersten Siedler überall, waren sie über die Quali- tät der Leute, die dazukamen, entsetzt. Ihre eigenen frühen Tage waren mittlerweile vergessen. Alter, Wohlstand und die unnachsichtige Umwelt hatten sie milder gemacht und dann zu einer lebensfähigen Gruppe gehärtet, die überraschend viel persönliche Freiheit bot. Der Liberalismus hatte sein Haupt erhoben. Reformgruppen hatten die ursprünglichen Vertreter der harten Linie ersetzt. Rituale waren erneut in den Hintergrund getreten, und die Frauen wandten sich dem zu, was – wie die meisten von ihnen nicht wissen konnten – die ursprüngliche Ethik der Gruppe war: lesbischer Separa- tismus. Der Begriff »lesbisch« war nicht mehr exakt in seiner, Bedeutung. Auf der Erde war Lesbianismus für viele Frauen eine Antwort auf die durch das männliche Geschlecht erlitte- nen Ungerechtigkeiten gewesen. Im Raum und in der Isolati- on wurde er zur natürlichen Ordnung, der nicht in Frage ge- stellten Basis aller Realität. Männer wurden zu entfernt erin- nerten Abstraktionen, Ungeheuer für erschreckte Kinder – und obendrein gar nicht so interessante Ungeheuer. Die Parthenogenese blieb ein Traum. Um zu empfangen, mußten die Frauen Sperma importieren. Eugenik war in ge- wissem Sinn einfach: männliche Föten konnten früh ausfindig gemacht und noch im Mutterleib abgetötet werden. Aber mit Sperma waren, wie bei allem anderen, die Losungsworte wei- terhin caveat emptor. Kleine Riesin Robin tappte leichtfüßig durch den gekrümmten Korridor. Die niedrige Schwerkraft in der Nabe kaschierte ihre Müdigkeit, die sie jedoch in Rücken und Schultern spürte. Selbst in der schweren Tiefe hätte sie sie nicht gezeigt, und auch nicht das Gewicht der Depression, das sie stets nach dem Wacheste- hen trug. Sie trug einen weißen, wassergekühlten Vakuumanzug aus alter Produktion, und sie hatte Handschuhe und Stiefel in den Helm gestopft, den sie unter den Arm geklemmt hielt. Der Anzug war rissig und geflickt und seine Metallteile matt, geworden. Am Utensiliengürtel hing ein automatischer Colt.45 in einem handgefertigten Halfter sowie ein mit Federn und einer Vogelkralle geschmückter Fetisch. Barfuß, mit langen und dunkelrot angemalten Finger- und Zehennägeln, blon- dem und ungekämmtem Haar, schmutzig-purpurnen Lippen sowie Glöckchen, die an den durchlöcherten Ohrläppchen und Nasenflügeln hingen, wirkte sie wie eine Barbarin, die die größte Errungenschaft der Zivilisation plünderte. Aber der Augenschein kann täuschen. Ihr rechter Arm begann zu zittern. Sie blieb stehen und blickte auf die Hand, ohne daß sich ihr Ausdruck änderte, a- ber das auf die Stirnmitte tätowierte Smaragdauge fing an, von Schweiß feucht zu werden. Haß kochte in ihr empor, ein alter Freund. Die Hand war nicht ihre, konnte nicht ihre Hand sein, denn das hätte bedeutet, daß die Schwäche ihre Schwäche gewesen wäre, und nicht etwas, das von außen in sie drang. Ihre Augen verengten sich. »Hör auf damit«, flüsterte sie, »oder ich schneide dich ab!« Sie meinte jedes Wort so, wie sie es sagte, und grub den Dau- mennagel in den Fleck narbigen Gewebes, wo ihr kleiner, Finger gewesen war, wie um zu beweisen, daß sie es tat- sächlich so meinte. Am schwierigsten war überraschenderwei- se das Problem gewesen, das Messer mit einer aufs Gerate- wohl zuckenden Hand an die richtige Stelle zu führen. Es hat- te wehgetan, aber der Anfall war in der erstaunlichen Agonie untergegangen. Das Zittern hörte auf. Manchmal war die Drohung genug. Es gab eine Geschichte, die besagte, sie hätte sich den Fin- ger abgebissen, und sie hatte nie ein Wort geäußert, um dem zu widersprechen. Es gab eine Eigenschaft, Labra genannt, die von den Hexen geschätzt wurde. Sie hatte viel mit Ehre zu tun, mit Zähigkeit und Stoizismus, mit östlichen Vorstel- lungen vom Unumgänglichen. Das konnte heißen, für einen Zweck zu sterben oder einfach mit Stil, oder irgendeinen Preis zu zahlen, um eine Schuld zu begleichen, sei es an In- dividuen oder an der Gesellschaft. Das Beharren auf Wache- stehen, wenn man das Opfer von Lähmungsanfällen war, enthielt viel Labra. Sich einen Finger abzuschneiden, um die Anfälle zu beenden, enthielt noch mehr. Die Hexen sagten, daß Robin genug Labra besaß, um die Gebärmuttern zehn gewöhnlicher Frauen zu füllen. Aber Wache zu stehen, wenn sie wußte, daß es die Ge- meinschaft gefährden konnte, enthielt überhaupt kein Labra. Robin wußte das, und ebenso die nachdenklicheren Mitglieder des Koven, diejenigen, die nicht durch ihre junge Legende ge- blendet wurden. Sie stand Wache, weil niemand im Rat es vermochte, in die Glut ihrer Augen zu blicken und es ihr abzu- schlagen. Das dritte Auge, ungerührt und allwissend, fügte nur ergänzendes Gewicht zu ihrer Behauptung, die Anfälle durch bloßen Willensaufwand verhüten zu können. Ein Dut- zend Hexen hatten sich das Recht erworben, das dritte Auge zu tragen. Sie waren alle doppelt so alt wie Robin. Niemand, stellte sich in den Weg Robins der Neunfingrigen. Das Auge wurde als Kennzeichen der Unfehlbarkeit erach- tet. Es gab Grenzen, was alle stillschweigend begriffen, aber es war nützlich. Manche der Trägerinnen benutzten das Au- ge, um absurde Behauptungen zu bekräftigen, um sich alles Gewünschte anzueignen, indem sie einfach sagten, es würde ihnen gehören. Sie verdienten nur Ablehnung. Robin sprach immer nur die absolute Wahrheit über die kleinen Dinge und reservierte das Auge für die Große Lüge. Damit verdiente sie sich Respekt, etwas, das sie mehr brauchte als die meisten. Sie war erst neunzehn Jahre alt, und jeden Augenblick konnte es geschehen, daß ihr Schaum aus dem Mund trat und sie hilflos zu Boden stürzte. Zu solch verwundbaren Au- genblicken brauchte man Respekt. Robin verlor während ihrer Anfälle niemals das Bewußtsein, hatte niemals Schwierigkeiten, sich an das Geschehene zu er- innern. Sie verlor einfach für einen Zeitraum von zwanzig Minuten bis drei Tage jede Kontrolle über ihre willensgesteu- erten Muskeln. Die Anfälle waren nicht vorhersagbar, außer in einer Beziehung: je höher die lokale Schwerkraft, desto öfter kamen sie. Als Ergebnis davon verbrachte Robin ihre meiste Zeit in der Nähe der Nabe und suchte nicht mehr die volle Schwerkraft am Grund des Kovens auf. Das beschränkte ihre Aktivitäten und machte sie zu einer Ausgestoßenen, deren Heimat stets in Sichtweite blieb. Die Enden des Zylinders, der als Koven bezeichnet wurde, waren eine Reihe terrassenförmiger konzentrischer Kreise. Die Hei- me befanden sich unten in den schweren Ringen, wo sich die Leute behaglicher fühlten. Der Boden des Kovens war für Landwirtschaft, den Viehbestand und Parklandschaften reser- viert. In der leichten Höhe befanden sich die Maschinen. Ro- bin begab sich nie unter das Niveau von einem Drittel g., Sie litt nicht unter einer heilbaren Epilepsie. Die Ärztinnen des Koven waren so gut wie alle ihre Kollegen auf der Erde, aber Robins neurologisches Profil war neu für sie und erst in neueren medizinischen Zeitschriften zu finden. Die Terraner bezeichneten es als Hoch-g-Komplex. Es handelte sich um eine genetische Störung, eine junge Mutation, die zu zykli- schen Anomalien an den Nervenscheiden führte, verstärkt durch die Zusammensetzung des Blutes, wenn sich der Kör- per unter dem Einfluß der Schwerkraft befand. Bei Schwere- losigkeit führte die veränderte Blutchemie zur Hemmung der Anfälle. Der Mechanismus des Leidens war unklar, und die Drogen für seine Behandlung nicht zufriedenstellend. Robins Kinder würden es haben oder in sich tragen. Die Ursache für ihre mißliche Lage war bekanntermaßen der in die Tat umgesetzte Witz irgendeines gesichtslosen Labor- technikers. Vor vielen Jahren wurden, ohne daß sie es wuß- ten, ihre Bestellungen menschlichen Spermas von einem Mann ausgeführt, der über sie Bescheid wußte und der Les- bierinnen nicht mochte. Obwohl die Ladungen sorgfältig nach Krankheiten und vielen bekannten genetischen Störungen abgesucht wurden, war es unmöglich, ein Syndrom auszu- sortieren, von dessen Existenz die Ärztinnen des Koven noch gar nichts wußten. Robin und ein paar andere waren das Er- gebnis. Alle außer Robin waren tot. Es gab einen Nebeneffekt dieser Einmischung, von dem noch niemand wußte. Die Frauen hatten Sperma von kleinen Männern erhalten, die von kleinen Eltern geboren worden wa- ren. Ohne eigenen Maßstab erkannten sie ihre Neigung zur Kleinwüchsigkeit nicht. Robin stieß sich durch die Schwingtür zum Duschraum und entledigte sich im Gehen ihres Anzuges. Eine Frau saß auf der Holzbank zwischen den beiden Schließfachreihen und trock-, nete sich das Haar. Am anderen Ende des Raumes stand eine andere reglos und ließ sich Wasser in die becherförmig ans Kinn gehaltenen Hände sprühen. Robin steckte den Anzug in ihren Spind und holte Nasu aus der Schublade darunter. Na- su war ihr Dämon, ihre Vertraute: eine 110-Zentimeter- Anakonda. Die Schlange wand sich um ihren Arm und züngel- te; sie mochte die feuchte Hitze des Duschraums. »Ich auch«, sagte Robin. Sie ging zur Dusche und ignorierte die Frau, die von der Seite her auf ihre Tätowierungen blickte. Die beiden bemalten Schlangen waren im Koven gebräuchlich genug, wo sich jede tätowierte. Das Muster auf Robins Bauch jedoch war allein ihres. Sobald sie die Hähne aufgedreht und einen kalten Wasser- sturz ertragen hatte, erfolgte ein großes Rohreklingen, und die Duschen hörten auf, zu fließen. Die Frau neben ihr ächz- te. Robin sprang zur Düse hinauf und umklammerte sie mit einem Todesgriff, wrang sie wie einen Hühnerhals. Dann fiel sie herab und fing an zu schreien. Ihre Begleiterin fiel ein, und schließlich tat es auch die dritte Frau. Robin schrie aus dem Unterleib heraus, versuchte, wie sie es in allen Dingen tat, lauter zu schreien als alle anderen. Bald huste- ten und kicherten sie, und Robin erkannte, daß jemand ih- ren Namen gerufen hatte. »Ja, was ist los?« Eine Frau, die sie flüchtig kannte – viel- leicht war ihr Name Zynda –, lehnte sich um die Türkante. »Die Fähre hat gerade einen Brief für dich gebracht.« Robins Unterkiefer fiel herab, und für einen Moment sah sie verwirrt aus. Post war selten im Koven, dessen Mitglie- der zusammengenommen nicht mehr als hundert Außen- seiter kannten. Die meiste Post bestand aus Paketen mit Bestellungen nach Katalog, und der Großteil davon kam vom Mond. Es konnte sich nur um eine Sache handeln., Sie sprintete zur Tür. Es war Nervosität und nicht ihr Leiden, die ihre Hände zittern ließ, als sie den dünnen weißen Umschlag in der Hand hielt. Der Poststempel über der Känguruhbriefmarke lautete »Sydney«, und der Umschlag war addressiert an: »Robin Neunfinger, Koven, Lagrange Zwei«. Der Absender war ziseliert und las sich »Gäanische Botschaft, Altes O- pernhaus, Sydney, Neusüdwales, Australien, AS109-348, Indo-Pazifik.« Es war schon über ein Jahr her, daß Robin ge- schrieben hatte. Sie schaffte es, den Brief zu öffnen und zu entfalten, und sie las: Liebe Robin, es tut mir leid, daß es mit der Antwort so lange gedauert hat. Deine Bitte hat mich gerührt, obwohl ich das vielleicht nicht sagen sollte, weil du in deinem Brief deutlich gemacht hast, daß du nicht auf Mitgefühl aus bist. Das ist gut so, denn Gäa schenkt niemals Heilungen für nichts. Sie hat mich darüber informiert, daß sie Vertreter der irdi- schen Religionen zu sehen wünscht. Sie erwähnte eine Gruppe von Hexen im Orbit. Es hörte sich unwahrscheinlich an, und dann kam dein Brief, beinahe, als hätte irgendeine göttliche Vorsehung eingegriffen. Vielleicht hatte deine Gottheit die Hand darin; wenn ich schon daran denke, weiß ich, daß meine das hatte. Du solltest die erste verfügbare Verbindung nehmen. Schreib mir bitte und berichte, wie alles ausgegangen ist. Mit freundlichen Grüßen Didjeridu (Hypoäolisches Duett) Fugue, Botschafter, »Billea hat mir erzählt, Nasu habe ihren Dämon gefressen.« »Es war noch nicht ihr Dämon, Ma, nur ein Kätzchen. Und sie hat es nicht gefressen, sondern erdrückt. Es war zu groß zum Fressen.« Robin hatte es eilig. Ihre Kleidertasche stand halbgefüllt auf ihrem Bett, und sie durchstöberte hastig ihre Kleider- schubladen, warf unerwünschte Gegenstände nach links und rechts, und die Sachen, die sie mitnehmen wollte, auf einen Haufen neben ihrer Mutter. »Wie auch immer die Geschichte lautet, das Kätzchen ist tot. Billea verlangt Entschädigung.« »Ich werde sagen, daß es mein Kätzchen war.« »Kind.« Robin kannte diesen Tonfall. Constance war die einzige, die ihn ihr gegenüber noch gebrauchen konnte. »Ich habe es nicht so gemeint«, gestand Robin. »Küm- mere dich darum, ja? Gib ihr was von meinen Sachen.« »Hier, laß mich das sehen. Was nimmst du da mit?« »Das?« Robin drehte sich um und hielt die Bluse vor sich. »Das ist nur eine Halbbluse. Leg sie zurück.« »Na ja, natürlich ist es eine halbe. Praktisch alles was ich habe ist so, Ma. Hast du dein Blutritus-Geschenk verges- sen?« Sie streckte den linken Arm aus, den mit der Schlan- gentätowierung, die sich vom kleinen Finger bis zur Schul- ter darumwand. »Denkst du, ich reise nach Gäa und zeige das nicht, ja?« »Sie läßt deine Brüste frei, Kind. Komm her! Es gibt da ei- nige Dinge, über die ich mit dir sprechen muß.« »Aber Ma, ich habe es…« »Setz dich!« Sie klopfte auf das Bett. Robin ließ sich Zeit, setzte sich aber. Constance wartete, bis sie sicher war, daß Robin ihr Aufmerksamkeit schenkte. Sie legte den Arm um ihre Tochter. Constance war eine große dunkle Frau. Robin, war klein, selbst für den Koven. Mit bloßen Füßen maß sie 145 Zentimeter und hatte eine Körpermasse von 35 Kilo. Sie hatte wenig von ihrer Mutter an sich, aber das Gesicht und die Haare ihres anonymen Vaters. »Robin«, begann Constance, »bisher schien es nie nötig zu sein, mit dir über diese Dinge zu sprechen, aber jetzt muß ich es. Du gehst in eine Welt, die von unserer sehr verschie- den ist. Dort draußen gibt es Kreaturen, die als Männer be- kannt sind. Sie sind… überhaupt nicht wie wir. Zwischen ihren Beinen haben sie…« »Ma, das weiß ich doch schon.« Robin krümmte sich und versuchte, den Arm ihrer Mutter abzuschütteln. Constance drückte ihr abwesend die Schulter. Sie betrachtete die Toch- ter seltsam. »Bist du sicher?« »Ich habe ein Foto gesehen. Ich verstehe nicht, wie sie es je rausbekommen haben, wenn man es nicht wollte.« Constance nickte. »Das habe ich mich oft selbst gefragt.« Für einen Moment wandte sie den Blick ab und hustete ner- vös. »Egal. Die Wahrheit ist, daß das Leben draußen auf den Bedürfnissen dieser Männer basiert. Sie denken an nichts anderes, als ihren Penis in dich zu stecken. Das Ding schwillt an, bis es so lang ist wie dein Unterarm und doppelt so dick. Sie schlagen dir auf den Kopf und ziehen dich in eine Gasse… oder, vermute ich, in ein leeres Zimmer oder etwas ähnliches.« Sie runzelte die Stirn und fuhr eilig fort: »Du darfst nie einem von ihnen den Rücken zuwenden, oder sie werden dich vergewaltigen. Sie können einem dau- erhaften Schaden zufügen. Denk einfach daran, daß du nicht zu Hause bist, sondern in einer peckischen Welt. Alle dort draußen sind peckisch, Männer und Frauen gleichermaßen.« »Ich werde dran denken, Ma.«, »Versprich mir, in der Öffentlichkeit stets deine Brüste zu bedecken und Hosen zu tragen.« »Na ja, wahrscheinlich würde ich unter Fremden sowieso Hosen tragen.« Robin machte ein finsteres Gesicht. Die Vorstellung von Fremden war ihr nicht vertraut. Obwohl sie nicht alle im Koven mit Namen kannte, waren sie per Defi- nition ihre Schwestern. Sie hatte damit gerechnet, in Gäa Männer zu treffen, aber keine reizbaren Frauen. Was für ein komischer Gedanke. »Versprich es mir!« »Ich verspreche es, Ma.« Robin war überrascht über die Kraft, mit der ihre Mutter sie umarmte. Sie küßten sich, und Constance eilte aus dem Zimmer. Robin blickte für einen Moment zum leeren Eingang. Dann drehte sie sich um und beendete ihr Packen. Bezaubernder Prinz Chris hatte den Rat der titanidischen Botschafterin ange- nommen und einiges über Gäa gelesen, bevor er an Bord des Schiffes ging, das ihn dorthin bringen würde. Er war kein dummer Mann, aber Planungen waren nicht sein Fall. Er hatte so viele seiner Pläne durch Wahnsinnsanfälle rui- niert gesehen, daß er außer Übung gekommen war. Er fand heraus, daß Gäa auf der Liste besuchter Orte im Sonnensystem nicht oben stand. Dafür gab es viele Gründe,, die von entmenschlichenden Zollprozeduren bis hin zum Mangel an erstklassigen Annehmlichkeiten für Touristen reichten. Er fand auch eine interessante Statistik: im Schnitt erreichten täglich 150 Leute Gäa, und etwas weniger verließen sie wieder. Einige der Fehlenden waren Leute, die sich entschlossen hatten zu bleiben. Auswanderung war formlos, und Gäa besaß eine feste Bevölkerung von mehre- ren tausend Menschen. Aber einige waren auch Todesfälle. Gäa neigte dazu, die Jungen und Abenteuerlustigen an- zuziehen. Es kamen Männer und Frauen, die sich durch die Gleichförmigkeit auf der Erde gelangweilt fühlten. Oft ka- men sie nach einer Reise durch menschliche Lebensräume ringsum im Sonnensystem an, wo sie noch mehr vom Sel- ben fanden, wenn auch in Druckkuppeln. Gäa bot ein erd- ähnliches Klima. Das bedeutet Freiheit von den Reglemen- tierungen, die auf feindlicheren Planeten zu finden waren, und Ellbogenfreiheit, die auf der Erde nicht länger geboten wurde. Chris lernte eine Menge über Titanen im allgemeinen, über Gäas Kinder beim Uranus – die nur bevollmächtigten wissenschaftlichen Beobachtern Zugang gewährten und he- rablassend von Gäa sprachen, der Verrückten Titanin. Er studierte Gäas physikalische Struktur und Karten ihres Inne- ren. Sie war ein sich drehendes hohles Rad mit sechs hohlen Speichen. Selbst bei Menschen, die mit Weltraumkolonien an den Lagrange-Punkten aufgewachsen waren, spotteten ihre Dimensionen der Vorstellungskraft. Sie hatte einen Radius von 650 Kilometern und einen Umfang von 4000. Der Lebens- raum im Torus hatte die Form eines Röhreninneren von 25 Kilometern Breite und 200 Kilometern Höhe. Zwischen allen sechs Speichen befand sich ein flacher abgewinkelter Spiegel, der das Sonnenlicht durch transparente Fenster im Randdach, umlenkte, so daß Teile des Rades ständig in Tageslicht lagen und die Gebiete unter den Speichen in fortwährender Dunkel- heit. Gäa war überall bewohnbar; sogar die Speichen beher- bergten Leben, das an den Seitenwänden von 400 Kilome- tern hohen Zylindern hing. Karten von Gäa waren unhand- lich, da sie von Ost nach West sechzehnmal länger waren als von Nord nach Süd. Um sie richtig studieren zu können, mußte man eine Schleife formen und die Enden in die Mitte setzen. Er war froh, seine Zeit damit zugebracht zu haben. Gäa war aus dem All fast unsichtbar. Obwohl er sich mit den anderen um die Fenster drängelte, als das Schiff von Gäas Docktenta- keln eingefangen wurde, konnte er nur wenig sehen. Mit der Ausnahme der reflektierenden Spiegel war ihre äußere O- berfläche vollkommen schwarz, um so besser alles für sie er- reichbare Sonnenlicht zu absorbieren. Chris hatte seine Hausaufgaben gemacht und rechnete nicht mit Überraschungen. Es stellte sich heraus, daß es nur eine gab, und sie war eine Katastrophe. Wie erwartet, wurde seine Gruppe übernommen und mit den anderen Touristen zusammengebracht, die an diesem Tag angekommen waren, um gemeinsam mit der achtund- vierzigstündigen Quarantäne und Entseuchung zu beginnen. Diese Prozeduren waren einer der Gründe, warum Gäa die Reichen und im Trend Liegenden nicht lockte. Der Vorgang war eine Kreuzung zwischen einem Kranken- haus, Ellis Island und Auschwitz. Uniformierte menschliche Quarantäne-Offiziere wiesen alle an, sich auszuziehen und sämtliche persönlichen Habseligkeiten abzuliefern. Das schloß Chris’ Medikamente mit ein. Seinen Einwänden wurde mit entschiedener Ablehnung begegnet. Es durften unter keinen, Umständen irgendwelche Ausnahmen gemacht werden, und wenn er seine Pillen nicht abgeben wollte, stand es ihm frei, sofort zur Erde zurückzukehren. Die Entseuchung geschah im Ernst und wurde mit ent- menschlichender Effektivität durchgeführt. Nackte Körper, männliche und weibliche zusammen, wurden auf Transport- bänder gelegt, um von einer Station zur anderen gebracht zu werden. Sie wurden gewaschen und bestrahlt. Brech- und harntreibende Mittel mußten eingenommen, Einläufe ertra- gen werden. Die Helfer machten keine Konzessionen an die Privatsphäre. Untersuchungen wurden in großen weißen Räumen mit Dutzenden von Tischen durchgeführt, bevölkert von nackten, schlurfenden Leuten. Alle schliefen in gemein- samen Schlafräumen und verzehrten auf stählernen Tabletts ausgegebenes geschmackloses Essen. Chris hatte sich nackt noch nie wohlgefühlt, sogar bei ande- ren Männern nicht. Er hatte etwas zu verbergen. Obwohl man es seinem Körper sicher nicht ansehen konnte, litt er an der irrationalen Furcht, daß er durch Ablegen seiner Kleiderrüs- tung seine Andersartigkeit bloßlegte. Er hielt sich fern von Situationen, wo soziale Nacktheit gebräuchlich war. Als Er- gebnis davon war er auffällig; in einem Meer aus schwarzer, brauner und gebräunter Haut war er so bleich wie Milch. Der Anfall kam früh am ersten Tag. Die Chemikalien in den Pillen hatten nichts damit zu tun, denn sie waren bestimmt noch in seinem Blut vorhanden. Der Placebo-Effekt fehlte jetzt jedoch. Sein Zustand war nicht psychologischer Art, sondern stellte inzwischen etwas Komplexeres dar als das. Er litt unter Angst aufgrund seiner Sorgen wegen des psychochemischen Problems, und die Pointe bestand darin, daß die Angstanfälle diese auslösen konnten. Als seine Handflächen und sein Na- cken zu schwitzen begannen, wußte er, daß es losging., Bald begann er visuelle Verzerrungen zu erleben sowie eine akute Geräuschempfindlichkeit. Er mußte sich jede Minute selbst versichern, daß immer noch alles wirklich war, daß er sich nicht am Rand eines Herzanfalls befand, daß die Leute ihn nicht auslachten, daß er nicht an einem Gehirntumor starb. Seine Füße waren entfernte, blasse, kalte Gegens- tände. Alles war eine Scharade, und er hatte darin seinen Part zu spielen, seine Normalität vorzutäuschen, wo jeder wußte, daß er nicht normal war. Es war wirklich komisch. Er gab vor, zu lachen. Dann gab er zu weinen vor, wobei er heimlich lachte, wußte, daß er jederzeit mit dem Weinen auf- hören konnte, wenn er nur wollte, bis zu dem Moment, als ein Mann ihn an der Schulter berührte und Chris ihm eins auf die Nase gab. Danach fühlte er sich besser. Er lachte den Mann aus, der sich wieder auf die Füße kämpfte. Sie waren im Duschraum – sie verbrachten hier die meiste Zeit, dachte er, fühlte sich für einen Moment ärgerlich. Aber der Verdruß ging vorüber. Der Mann auf dem Boden brüllte, aber Chris hätte sich nicht weni- ger daraus machen können. Er war mehr an der Erektion in- teressiert, die er bekam. Er hielt das für eine feine Sache und wußte, daß die ganzen nackten Frauen ihm darin zustimmen würden. Hinter ihm gab es ein nasses Platschen, und er dreh- te sich um und sah, daß der von ihm geschlagene Mann wie- der zu Boden fiel. Der Idiot hatte von hinten einen Schwinger auf Chris gezielt und war dabei in einer Pfütze ausgerutscht. Chris war danach zumute, etwas zu bumsen. Dabei spiel- te wirklich keine Rolle, was eigentlich. Jedoch reichte der Drang kaum an Besessenheit heran. Er hätte ziemlich leicht von dem Projekt abgebracht werden können, aber es hörte sich nach Spaß an. »Wer will bumsen?« schrie er. Viele von den Leuten unter, der Dusche drehten sich zu ihm um. Er breitete die Arme aus und teilte sein Entzücken über die feine Sache. Ein paar Leute lachten. Die meisten blickten weg. Er ließ sich nicht davon stören. Eine große blonde Frau fing seinen Blick auf. Er liebte sie auf der Stelle wegen des langen nassen Haares an ihrem Rücken und dem feinen Schwellen der Muskeln in ihren Waden. Er ging zu ihr und drückte sein Liebesangebot an ihre Hüfte. Sie blickte hinab und dann rasch empor zu dem Grinsen auf seinem Gesicht, und ohrfeigte ihn mit einer seifigen Hand. Er setzte die Handfläche an ihr Gesicht und stieß sie nach hinten. Sie landete mit einem dumpfen Schlag und einem scharfen Zusammenschlagen der Zähne auf dem Hintern und war dadurch viel zu überrascht, um den Tritt, mit dem er auf sie zielte, abzuwehren, aber der Tritt kam sowieso nicht an, weil ein Mann Chris am Arm packte und herumwirbelte. Sie beide rutschten aus und stürzten in großem Durcheinander zu Boden. Inzwischen kamen aus allen Richtungen Männer, um die blonde Frau zu verteidigen. Es wurde ziemlich kompli- ziert. Chris war das egal. Praktisch von Beginn des Gezänks an fand er sich an dessen Rand, also gesellte er sich zur Mehr- heit der Leute, die losrannten, um sich soweit wie möglich von dem Kampf zu entfernen. Nackte Leiber klatschten gegen die Wände, während die Duschköpfe von oben warmes Was- ser auf die Morgen Haut sprühten, von denen ein großer Teil weibliche Haut war. Chris umarmte aufs Geratewohl, und es dauerte nicht lange, bis er ein Lächeln als Antwort erhielt. Die Frau war klein und dunkelhaarig, was großartig war, denn er hatte es mit großen Blonden gehabt, und sie kicherte, als er sie sich über die Schulter warf und davontrug zu den gro- ßen verlassenen Baracken, wo er sie auf ein Bett schmiß., Bald darauf war er fröhlich am Huren. Und es war wirklich unfair, einfach eine schreckliche Unge- rechtigkeit, weil er spürte, daß er den ganzen Tag damit hät- te weitermachen können, wäre nicht diese faschistische Hel- ferin vorbeigekommen mit der Belehrung, daß sie im Unter- suchungsraum sein sollten für irgendeine verdammte Dick- darmspülung oder eine andere, ähnliche Idiotie, und sie wollte einfach nicht zuhören, als Chris erklärte, daß er das schon mit Schläuchen im Hintern gehabt hatte. Es ärgerte ihn wirklich, also stand er auf und nahm festen Stand mit den Füßen – die Frau gab ein komisches Gurgeln von sich, als Chris sich auf ihre Brust stellte –, und zielte einen Schwinger auf die Uniformierte, die bereits zurückgewichen war und ihre Pistole in der Hand hielt, sorgfältig auf ihn zielte und auch schoß. Er wachte in einem Tümpel von Erbrochenem auf, das mit Blut vermischt war. Und was sonst ist neu? fragte er sich, aber er wollte es nicht wirklich wissen. An seinem Kinn stand drei Tage alter Bart, mit getrocknetem Blut zugebacken. Chris er- innerte sich nicht an viel und wußte, daß das die eine Sache war, für die er dankbar sein mußte. Sie wollten wissen, ob er von jetzt an ein guter Junge sein wollte, und er sicherte es ihnen zu. Die Frau, die ihn niedergeschossen hatte, half ihm beim Säubern. Sie schien darauf aus zu sein, ihm die vollen Einzel- heiten seines Gefängnisaufenthaltes mitzuteilen wie auch die Ereignisse, die dazu geführt hatten, aber er verschloß seinen Geist. Man händigte ihm seine persönlichen Habselig- keiten aus und brachte ihn zu einer Art Aufzug. Als die Tü- ren sich hinter ihm geschlossen hatten, sah er, daß die Kap- sel frei in einer gelben Flüssigkeit mitströmte, die sich durch ein riesiges Rohr ergoß. Als er diese Tatsachen jedoch festge-, stellt hatte, hörte er auf, sich darüber Gedanken zu machen. Die Reise dauerte fast eine Stunde, und während dieser Zeit dachte er an nichts. Er kam unter dem geistbetäubenden gekrümmten Himmel Gäas zum Vorschein und stand auf ih- rem erschreckenden, gekrümmten Boden, sah sich um, und war weder erschreckt noch betäubt. Er befand sich an den Grenzen der Taubheit. Über ihm zog ein tausend Meter lan- ger Blimp vorbei. Er betrachtete ihn ausdruckslos und dachte an Tauben. Er wartete. Die Zeltstadt Nasu war in einer fürchterlichen Stimmung. Robin trug zwei frische Male auf ihrem Unterarm, die vom Zorn ihres Dämonen Zeugnis ablegten. Anakondas reagieren nicht gut auf Waschungen und Herumgestoße; die Schlange war durch die Ereignisse der letzten zwei Tage erschreckt und verwirrt, und ihre Methode, das auszudrücken, bestand im Beißen des nächsten Zieles, in diesem Fall Robin. In ihrer ganzen gemeinsamen Zeit bisher hatte Nasu Robin nur dreimal gebissen. Robin ging es selbst nicht viel besser. Manche Dinge, vor denen sie gewarnt worden war, hatten sich als Schimären erwiesen. Aber die Hitze war schrecklich. Die Temperatur betrug fünfunddreißig Grad. Diese er- staunliche Tatsache hatte sie festgestellt – nach Ankündi-, gung durch den Führer, der ihre Gruppe an der Oberfläche in Empfang genommen hatte –, indem sie ein Thermometer fand und ungläubig darauf starrte. Es war albern, auf diese Weise eine Umwelt zu betreiben, aber die Leute zuckten nur die Achseln darüber. Zwar beschwerten sie sich, brachten aber keinerlei Entschlossenheit zum Ausdruck, etwas dage- gen zu tun. Sie spürte den Drang, ihre Kleider abzulegen. Sie kämpfte dagegen an, solange sie konnte, aber ihre Mutter hatte sich in so vielen Dingen geirrt, daß sie beschloß, es für sicher zu halten, wenn sie in diesem Fall ungehorsam war. Auf den staubigen Straßen von Titanstadt waren viele Leute nackt; warum dann nicht auch sie? Sie schloß einen Kompromiß, indem sie ihre Lenden bedeckt hielt als Signal dafür, daß sie sich gegen jeden Versuch einer Vergewaltigung zur Wehr setzen würde. Nicht, daß sie noch richtige Angst vor einer Vergewaltigung gehabt hätte. Der erste Penis, den sie gesehen hatte – unter der Mas- sendusche bei der Quarantäne –, hatte sie zum Lachen ge- bracht und ihr einen verärgerten Blick des stolzen Besitzers eingetragen. All die anderen waren genauso komisch gewe- sen. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sowas stark ge- nug anschwoll, um ihr zu schaden, hielt sich jedoch mit dem Urteil so lange zurück, bis sie einen Mann beim Vergewalti- gen damit beobachten konnte. In der ersten Nacht gab es jedoch keine Vergewaltigun- gen, obwohl sie lange wachblieb, um darauf achtzugeben und Angreifer abzuwehren. In der zweiten Nacht waren zwei Männer in einer Ecke der Baracken am Vergewaltigen. Die Betten rings um die Paare waren leer, also setzte sich Robin auf eines und sah zu. Die lustigen baumelnden Din- ger waren stärker angeschwollen, als sie es für möglich, gehalten hätte, aber eigentlich nicht sehr. Die Frauen schie- nen keine Schmerzen zu haben. Keine von beiden war be- wußtlos geschlagen worden, und sie lagen auch nicht mit dem Gesicht nach unten. Eine befand sich sogar auf dem Mann. Eine Frau forderte Robin auf, zu verschwinden, aber sie hatte genug gesehen. Wenn es jemand schaffen sollte, sie bewußtlos zu schlagen, würde die Erfahrung widerlich sein, aber nicht sonderlich gefährlich. Sie weitete sich für zervi- kale Untersuchungen regelmäßig in noch stärkerem Maße. Robin beobachtete die beiden Frauen, nachdem die Ver- gewaltigungen vorüber waren, und hielt dabei nach Anzei- chen von Scham Ausschau. Es schien keine zu geben. Also stimmte zumindest soviel; peckischen Frauen hatte man beigebracht, Entwürdigungen zu ertragen. Sklaven taten das üblicherweise, erinnerte sie sich – zumindest äußerlich. Sie fragte sich, welche Rebellionen im Inneren schwelten. Keine hatte normalen Verkehr mit einer anderen Frau, so- lange sie zusah. Sie nahm an, daß sie es vor den Männern verbergen mußten. Titanstadt hatte unter einem großen Baum angefangen, sich aber nach dem Ende des Titaniden-Engel-Krieges vor vielen, Jahren nach Osten ausgebreitet. Die meisten Titaniden leb- ten immer noch unter dem Baum oder in seinen Ästen. Einige waren nach draußen in Zelte aus bunter Seide umgezogen, die eine verrückte Durchgangsstraße säumten – das in Gäa, was am nächsten an eine Touristenattraktion heranreichte. Sie war vollgepfropft mit Salons und Spelunken, Zirkusunter- nehmen und Fünfcentangeboten, Märkten, Unterhaltungen, Hijinks, Delikatessen, Bagatellen, Varietes und Possenreiße- rei. Sägemehl und Titanidenäpfel waren auf dem Boden zer- trampelt, und die staubige Luft war geschwängert mit den Gerüchen von Drogenkonfekt, Parfüm, Bühnenschminke, Ma- rihuana und Schweiß. Der Ort war mit der üblichen titanidi- schen Geringschätzung für formelle Straßen- und Bezirksein- teilung angelegt worden. Ein Kasino stand der Intergalakti- schen Primitiven Baptistenkirche gegenüber, die sich direkt neben einem Inter-Rassen-Bordell befand – alle drei Bauwer- ke so nichtig, wie ein Versprechen. Die süßen Stimmen chor- singender Titaniden vermischten sich mit dem Klappern von Roulette-Rädern und den rhythmischen Lauten der Leiden- schaft, die durch dünne Zeltwände drangen. Bei starkem Wind konnte der ganze verwirrende Tumult in Augenblicken fortgewischt werden, um ein paar Stunden später wieder in neuer Anordnung zu entstehen. Der Aufzug zur Nabe fuhr einmal pro Hektorev – was, wie Robin erfuhr, fünf Koventagen oder vierkommazwei Erdenta- gen entsprach –, also fand Robin sich vor die Aufgabe ge- stellt, sechsunddreißig Stunden totzuschlagen. Titanstadt sah erzieherisch aus, obwohl sie nicht wußte, weshalb. Die Ko- venbegriffe von Amüsement hatten sie nicht darauf vorberei- tet, diese Art Karneval als einen Ort des Vergnügens zu be- trachten. Die Vorstellung der Hexen von einer schönen Zeit gingen in Richtung asketischer Wettkämpfe, Feierlichkeiten, und Feste, wenn sie auch praktische Witze und Lügenerzäh- ler liebten. Robin hatte von ihrer Mutter einige hundert UN-Mark erhal- ten. Sie stand auf dem Plankenbalkon ihres Baumhaus- Hotelzimmers, blickte über die unter ihr liegenden Geräusche, den Staub und die hellen Farben hinweg und spürte wachsen- de Erregung in ihrer Brust. Wenn sie keine Möglichkeit finden konnte, da unten einen draufzumachen, würde sie ihr drittes Auge nach innen wenden. Das Glücksspiel war ein Fehlschlag. Sie gewann ein wenig, verlor ein wenig, verlor ein wenig mehr und konnte sich nicht dazu durchringen, aufzupassen. Geld war ein ver- rücktes, verlockendes Spiel, und sie gab nicht vor, es zu ver- stehen. Ihre Mutter hatte gesagt, daß es ein Mittel war, um bei der großen Zurschaustellung von Dominanz in der peni- len Kultur Punkte gutzuschreiben. Das war alles, was Robin zu wissen brauchte. Sie beschloß, geistig offen zu bleiben, obwohl viele Dinge betreffs des Amüsierens recht wenig versprachen. Als erstes folgte sie den Leuten, die sich am besten zu vergnügen schienen, und tat dann, was auch sie taten. Für eine halbe Mark erwarb sie die Benutzung von drei Messern, die nach einem Mann zu werfen waren, der vor einem hölzernen Ziel hüpfte und höhnte. Er war sehr gut. Sie konnte ihn nicht treffen, und auch sonst schaffte es keiner, solange sie zu- schaute. Sie folgte einem betrunkenen Paar in Professor Potters Wunderzoo, wo kuriose gäanische Tiere in Käfigen ausgestellt wurden. Robin hielt ihn für faszinierend und konnte nicht begreifen, wieso das Paar wieder ging, nachdem es nur ei- nen oberflächlichen Blick hineingeworfen hatte, um nach ir-, gendwelcher »Action« Ausschau zu halten, wie der Mann es ausdrückte. Na ja, dann würde auch sie bestimmt Action finden. In einem Zelt wurde sie Zeuge, wie auf der Bühne ein Mann eine Frau vergewaltigte, und fand es sehr langweilig. Sowas hatte sie nun schon gesehen, und nicht einmal die Verrenkungen konnten es interessanter machen. Dann wiederholten zwei Titaniden die Vorstellung, und dieser An- blick lohnte sich, auch wenn er semantische Probleme auf- warf. Sie glaubte, ein Titanide vergewaltige die andere, a- ber dann zog der Vergewaltiger sein Glied heraus, woraufhin die Vergewaltigte bei ihm eindrang. Wie konnte das logi- scherweise klappen? Wenn beide Geschlechter zu verge- waltigen imstande waren, war es dann noch Vergewalti- gung? Natürlich traf das Problem nur auf Titaniden zu. Je- der von ihnen besaß hinten ein männliches und ein weibli- ches Organ sowie vorne ein männliches oder ein weibliches. Der Anpreiser bezeichnete die Show als »erzieherisch« und erklärte, daß Titaniden sich nichts dabei dachten, sich öf- fentlich mit vorderem Sex zu beschäftigen, aber das frontale Lieben für private Augenblicke aufhoben. Er brachte Robin auch ein neues Verb bei: bumsen. Der titanidische Vorderpenis ängstigte sie. Normalerwei- se in einer Scheide und teilweise durch die Hinterbeine verborgen, war er ein ansehnliches Instrument, sobald einmal sichtbar. Er sah genauso aus wie das menschliche Modell, war aber so lang wie Robins Arm und doppelt so dick. Sie fragte sich, ob ihre Mutter sich geirrt hatte, als die dieses furchteinflößende Ding den menschlichen Männern zugeschrieben hatte. Es gab noch weitere erzieherische und wissenschaftliche Nebenvorstellungen. Viele davon stellten Gewalt dar. Das, überraschte Robin nicht, die von einer peckischen Gesell- schaft nicht mehr erwartet hatte und der Gewalttätigkeit selbst nicht fremd war. In einem kleinen Zelt demonstrierte eine Frau die Macht von irgendeiner Form des Yoga, indem sie sich Nadeln in die Augen steckte, einen Säbel durch ihr Zwerchfell stach, bis er wieder aus dem Rücken hinauskam, und sich dann geschickt mit Skalpell und Säge den linken Arm amputierte. Robin war überzeugt davon, daß es sich bei der Frau um einen Roboter oder ein Hologramm handel- te, aber die Illusion war zu gut, um durchschaut werden zu können. Bei der nächsten Show war die Darstellerin so gut wie neu. Sie kaufte sich eine Eintrittskarte zu einer rein titanidi- schen Produktion von Romeo und Julia, mußte dann aber so- viel kichern, daß sie zum Gehen gezwungen war. Ein geeig- neterer Titel wäre vielleicht Die Montagues und die Capulets gehen zur Kavallerie gewesen. Offenkundig war auch an dem Skript herumgepfuscht worden. Robin zweifelte daran, daß die Dichterin etwas gegen die Übernahme der Rollen durch Titaniden gehabt hätte, glaubte aber, sie hätte es gewiß abgelehnt, daß peckische Revisionisten Romeo in einen Mann verwandelten. Von den Klängen einer Musik angelockt wanderte sie in ein mittelgroßes Zelt und setzte sich dankbar auf eine der vielen langen Bänke. Vorne sang eine Reihe von Titaniden unter der Leitung eines Mannes in schwarzer Jacke. Es schien nur eine weitere Show zu sein, abgesehen davon, daß der Kartenverkauf er fehlte. Worum es sich hierbei auch handelte, es war gut, endlich zu sitzen. Jemand tippte ihr auf die Schulter. Sie drehte sich um und sah noch einen Mann in Schwarz. Hinter ihm stand eine Ti- tanide mit Stahlrandbrille., »Entschuldigen Sie, würden Sie das bitte anziehen?« Er bot Robin ein weißes Hemd an, wobei er ebenso freundlich lächelte wie die Titanide. »Wofür?« fragte Robin. »Das ist hier drin üblich«, sagte der Mann entschuldi- gend. »Wir halten es für unziemlich, uns zu entblößen.« Robin sah, daß die Titanide ein Hemd trug; zum erstenmal stand sie vor einer, die seine oder ihre Brüste bedeckte. Sie streifte sich das Hemd über, willens, groteske Glau- bensformen mit Humor zu ertragen, wenn sie dann sit- zenbleiben und der lieblichen Musik lauschen konnte. »Was für ein Ort ist das hier überhaupt?« Der Mann setzte sich neben sie und grinste schief. »Na, Sie fragen vielleicht«, seufzte er. »Manchmal wird der Glaube des Frömmsten auf die Probe gestellt. Wir sind hier, um das Wort zu den äußeren Planeten zu bringen. Die Titaniden haben genauso Seelen wie die Menschen. Wir sind jetzt seit zwölf Jahren hier. Die Gottesdienste sind gut besucht; wir hatten ein paar Hochzeiten, und ein paar Tau- fen.« Er schnitt eine Grimasse und blickte zu der Gruppe vor ihnen. »Aber ich denke, wenn alles gesagt und getan ist, dann kommen unsere Schäflein wegen des Chorsingens her.« »Das stimmt nicht, Bruder Daniel«, sagte die Titanide auf Englisch. »›Ich–glaube-an-Gott-vater-den-Schöpfer-des- himmels-und-der-erde-und-an-Jesus-christus-seinen-sohn- unseren-herrn…‹« »Christen!« gellte Robin. Sie sprang auf und machte mit einer Hand das zweifingrige Schutzzeichen, streckte mit der anderen Nasu aus und wich mit klopfendem Herzen zu- rück. Sie hörte nicht auf, zu rennen, bis die Kirche weit hin- ter ihr lag., Sie war in einer Kirche gewesen! Das war ihre eine große Furcht, das eine Schreckgespenst aus ihrer Kindheit, an dem sie nicht zweifelte. Die Christen waren die eigentlichen Wurzeln und Zweige der peckischen Machtstruktur. Einmal in ihren Händen, würde eine glückliche Heidin mit Drogen injiziert und schrecklichen körperlichen und geistigen Folte- rungen unterworfen werden. Es würde kein Entkommen und keine Hoffnung geben. Ihre schrecklichen Riten würden schnell den eigenen Geist über alle Hoffnung auf Heilung hinaus entstellen; dann würde die Umgedrehte mit einer namenlosen Krankheit infiziert werden, die den Mutterleib verfaulen ließ. Sie würde bis zum Ende ihrer Tage gezwun- gen sein, unter Schmerzen Kinder zu tragen. Die gäanische Küche war interessant. Robin fand eine Stel- le, wo es gut roch, und bestellte etwas, das Bigmac hieß. Es schien überwiegend aus Kohlehydraten zu bestehen, die Schmalz umhüllten, und es schmeckte köstlich. Sie aß jeden Bissen und fühlte sich unbekümmert. Während sie mit den Fingern den Senf aufwischte, ent- deckte sie, daß eine Frau am nächsten Tisch sie beobachte- te. Sie erwiderte den Blick für eine Weile und lächelte dann. »Ich habe deine Bemalung bewundert«, sagte die Frau, stand auf und setzte sich neben sie. Sie hatte ihren Körper parfümiert und trug eine bewußt schlichte Sammlung dün- ner Tücher, die gerade eben das meiste von ihren Brüsten verhüllten sowie die gesamte Leistengegend. Ihr Gesicht wirkte wie das einer Vierzigjährigen, bis Robin erkannte, daß die Linien und Schatten mit Kosmetik erzeugt wurden, um sie älter erscheinen zu lassen. »Das ist keine Farbe«, sagte Robin., »Es…« Echte Runzeln erschienen auf der Stirn. »Was dann? Eine neue Methode? Ich bin fasziniert.« »In Wirklichkeit eine alte Methode. Tätowierung. Man be- nutzt dazu eine Nadel, um Tinte in die Haut zu treiben.« »Das hört sich schmerzhaft an.« Robin zuckte die Achseln. Es war schmerzhaft, aber es enthielt kein Labra, wenn man darüber sprach. Man heulte und schrie, wenn es geschah, und erwähnte das dann nie wieder. »Ich heiße Trini, nebenbei. Wie macht man es wieder weg?« »Ich bin Robin, möge der heilige Fluß uns vereinigen. Man macht es nicht mehr weg. Tätowierung ist für immer. Oh, man kann sie ein wenig bearbeiten, aber das Muster bleibt.« »Wie… ich meine, ist das nicht eher unbeweglich? Ich mag es, meine Haut für drei oder vier Tage gemacht zu be- kommen wie auch die nächste Persönlichkeit, aber alles wird mir mit der Zeit über.« Robin zuckte wieder die Achseln und fing an sich zu langweilen. Sie hatte geglaubt, diese Frau wolle Sex mit ihr machen, aber es sah so aus, als träfe das nicht zu. »Natürlich überstürzt man das nicht.« Sie reckte den Hals, um die Speisekarte an der Wand zu studieren, und fragte sich, ob sie noch Platz hatte für etwas, das ›Sauer- kraut‹ hieß. »Es scheint dem Teint nicht zu schaden«, meinte Trini, während sie mit den Fingerspitzen leicht über die gewun- dene Schlange fuhr, die Robins Brust umschlang. Die Hand fiel herab und ruhte auf Robins Oberschenkel. Robin betrachtete sie und ärgerte sich darüber, daß sie die Signale dieser peckischen Frau nicht verstehen konnte., Auch das Gesicht bot keine Hilfe, wenn sie es anblickte. Trini schien es eingeübt zu haben, beiläufig zu wirken. Na ja, dachte Robin, ein Versuch tut nicht weh. Sie mußte hin- auflangen, um der größeren Frau den Arm über die Schulter zu legen. Dann küßte sie sie auf die Lippen. Als sie sich zu- rückzog, lächelte Trini. »Was machst du denn so?« Robin beugte sich vor, um die Marihuana-Zigarette von Trini entgegenzunehmen, und stützte sich dann wieder auf die Ellbogen. Sie ruhten nebeneinander und sahen sich an. Trinis zerzauster Haar- mop wurde von hinten durch das offene Fenster ihres Zim- mers beleuchtet. »Ich bin eine Prostituierte.« »Was ist das?« Trini rollte sich auf die Seite und bog sich vor Lachen. Ro- bin kicherte für eine Weile mit, hörte aber wieder auf, lange bevor es Trini tat. »Wo, zum Teufel, bist du nur gewesen? Sag es nicht, ich weiß, da oben in dieser großen Blechkanne am Himmel ein- gesperrt. Hast du wirklich keine Ahnung?« »Ich hätte nicht gefragt, wenn ich Bescheid wüßte.« Robin ärgerte sich wieder, denn es gefiel ihr nicht, sich unwissend zu fühlen. Ihr Blick fiel bei der Suche nach einer Stelle, wo er sich niederlassen konnte, auf Trinis Wade. Sie streichelte sie abwesend. Trini rasierte sich die Beine, aus Gründen, die Robin nicht erkennen konnte, und beließ die Haare nur auf den Armen. Robin rasierte sich überall, wo sie eine Tätowie- rung hatte, also am linken Arm und das rechte Bein sowie einen weiten Kreis um ihr linkes Ohr. »Tut mir leid. Man nennt es das älteste Gewerbe. Ich biete sexuelles Vergnügen für Geld.« »Du verkaufst deinen Körper?«, Trini lachte. »Warum sagst du das? Ich verkaufe eine Dienstleistung. Ich bin eine gelernte Arbeiterin mit einem College-Abschluß.« Robin setzte sich auf. »Jetzt erinnere ich mich. Du bist eine Hure.« »Nicht mehr. Ich bin freiberuflich tätig.« Robin gestand, daß sie nicht begriff. Sie hatte von der Vorstellung, Sex für Geld zu geben, gehört, aber es bereitete ihr Schwierigkeiten, das mit ihren immer noch ver- schwommenen Begriffen von Ökonomie zu integrieren. Ir- gendwo in dem Bild mußte es einen Sklavenmeister geben, der die Leiber der ihm gehörenden Frauen an Männer ver- kaufte, die weniger reich waren als er. »Ich glaube, wir haben ein semantisches Problem. Du sagst ›Hure‹ und ›Prostituierte‹, als sei beides dasselbe. Das waren sie auch, schätze ich. Man kann für eine Agen- tur oder außerhalb eines Hauses arbeiten, und das bedeu- tet, eine Hure zu sein. Oder man kann selbständig tätig sein, und dann ist man eine Kurtisane. Auf der Erde natür- lich. Hier gibt es keine Gesetze, also steht hier jede Frau auf den eigenen Füßen.« Robin versuchte, darin einen Sinn zu finden, hatte aber kein Glück dabei. Es paßte nicht zu dem, was sie von der peckischen Gesellschaft wußte, daß Trini ihr verdientes Geld behalten sollte. Denn dann wäre ihr Körper auch ihr Eigentum, und das war er natürlich in den Augen der Män- ner nicht. Sie war sich dessen gewiß, daß es einen logischen Widerspruch in dem geben mußte, was Trini gesagt hatte, aber war im Moment zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen. Eines schien jedoch klar zu sein. »Wieviel schulde ich dir dann?« Trinis Augen weiteten sich. »Du denkst… o nein, Robin., Das mache ich für mich selbst. Mit Männern Sex zu ma- chen, ist mein Beruf, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Frauen liebe ich, weil ich sie mag. Ich bin eine Lesbierin.« Trini wirkte zum erstenmal leicht abwehrend. »Ich glaube zu wissen, was du jetzt denkst. Warum sollte eine Frau, die Männer nicht mag, sich ihren Lebensunter- halt verdienen, indem sie Sex mit ihnen macht? Es wird ein wenig…« »Nein, das habe ich überhaupt nicht gedacht. Das erste, was du gerade gesagt hast, war zum erstenmal etwas, das Sinn macht. Ich verstehe das vollkommen und sehe, daß du dich deiner peckischen Versklavung schämst. Aber was ist eine Lesbierin?« Himmel der Harmonie Chris mietete eine Titanide, um ihn an eine Stelle zu bringen, die Ort der Stürme genannt wurde, wo – wie man ihm ge- sagt hatte – es einen Aufzug zur Nabe gab. Die Titanide war ein blau-weißes langhaariges Scheckenweibchen mit dem Namen Castanet (Erhöhtes Lydisches Duett) Trübsal, aber es war Chris, der die Trübsal blies. Die Titanide sprach etwas Englisch und versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, worauf Chris nur murrend Antworten gab, also verbrachte sie die Reise, indem sie bei vollem Galopp ihr Messinghorn blies. Chris fing an, sich stärker für die Reise zu interessieren, als, sie Titanstadt hinter sich ließen. Der Ritt verlief so sanft wie die Fahrt mit einer Hoverkraft. Sie kamen zwischen braunen Hügeln hindurch und galoppierten eine Zeitlang neben einem rasch dahineilenden Zufluß des Ophion daher. Dann begann das Land in Richtung der eindrucksvollen Gegenwart des Or- tes der Stürme anzusteigen. Gäa war eine kreisförmige Hängebrücke. Ihre Nabe diente als Anker gegen die zentripetale Kraft. Strahlenförmig in ih- ren Speichen herab verliefen sechsundneunzig Kabel, die die Nabe an die unterirdischen Knochenplatten der Umrandung banden. Jedes Kabel maß fünf Kilometer im Durchmesser und bestand aus gewundenen Strängen. Sie enthielten Leitungen für wärmende und kühlende Ströme sowie Adern für den Transport von Nährstoffen. Einige der Trossen trafen in rech- tem Winkel auf den Boden, aber die meisten traten aus den gewaltigen Speichenmündungen des Daches hervor, um schräg durch eine Dämmerungszone zu verlaufen, bevor sie in einer Tageslichtzone ihren Befestigungspunkt fanden. Der Ort der Stürme war der Hyperion-Endpunkt eines schräg aufstei- genden Kabels. Es sah aus wie ein langer Arm, der aus der Dunkelheit herausgriff und mit seinen Fingern das Land in einer Faust aus Trümmergestein packte. Irgendwo im Irrgar- ten der Grate und durcheinanderliegenden Felsbrocken weh- ten heftige Winde, wo Luft zur Nabe hinaufgepumpt wurde, um dann wieder durch die Speichen herabzusinken. Dabei handelte es sich um Gäas tausendjährigen Luftregler, mit dessen Hilfe sie die Bildung eines Luftdruckgradienten verhin- derte und in einer 600 Kilometer hohen Luftsäule einen a- tembaren Sauerstoffdruck aufrechterhielt. Es war auch die Treppe der Engel zum Himmel. Aber Castanet und Chris hat- ten ein anderes Ziel; der Aufzug lag auf der anderen Seite. Castanet brauchte fast eine Stunde – oder eine Rev*, erin-, nerte sich Chris –, um das Kabel zu umrunden. Die andere Seite war überwältigend. Nicht abzuschätzende Kabeltonnen ruhten über ihnen in der Luft, als wäre ein Wolkenkratzer pa- rallel zum Boden errichtet worden. Das Land unterhalb des Kabels war uncharakteristisch öde. Das konnte nicht ausschließlich am Fehlen des Sonnenlichtes liegen; Gäa war für ihre gewaltige Fruchtbarkeit bekannt; sie unterhielt Lebensformen, die an jedes Umweltextrem ange- paßt waren, einschließlich fortwährender Dunkelheit. Aber nur in der Nachbarschaft der Aufzug-Endstation selbst gab es ir- gendwelches Pflanzenleben. Der Aufzug war eine dunkle, weiche Kapsel, vier Meter lang und drei hoch und mit einer ausgedehnten Öffnung an einem Ende. Das andere war gegen einen Ringmuskel der in Gäa ge- bräuchlichen Art gepreßt. Diese Öffnungen führten zum Zir- kulationssystem, das – wenn man es wagte – als Transport- weg benutzt werden konnte. Bei den Kapseln handelte es sich um Körperchen dieses Kreislaufes, die ein Lebenserhal- tungssystem enthielten – typisch in der Organisation von Doppelfunktionen, die ein gäanisches Warenzeichen darstell- te. Ein sich darin aufhaltendes sauerstoffatmendes Säugetier konnte überleben, bis es Hungers starb. *Rev (Revolution) = Umdrehung Chris kletterte hinein und setzte sich auf das frei verformba- re Couchgebilde im Innern. Von den inneren Wänden wuch- sen Fäden, die dazu dienten, sich anzuschnallen. Chris be- nutzte sie. Es war seine dritte Fahrt in etwas, das von einge- borenen Gäanern als Prellwagen bezeichnet wurde. Er wuß- te, daß die Fahrt rauh werden konnte, wenn das Ding durch wirbelnde Ströme um Schaltpunkte holperte., Das Innere war lumineszent. Als sich die Öffnung hinter ihm geschlossen hatte, wünschte sich Chris, er hätte ein Buch mitgebracht. Ihm stand eine dreistündige Fahrt bevor, bei der ihm nur sein heftig rebellierender Magen Gesellschaft leisten würde und das Wissen, daß er an der Endstation der Linie von einem Gott befragt werden sollte. Er hörte ein Sauggeräusch, als die Kapsel in den schützen- den Irrgarten von Ventilen innerhalb des Kabels gezogen wurde. Sie holperte von Aurikel zu Ventrikel, bis sie mit einem unerwarteten Geschwindigkeitszuwachs Kurs auf den Him- mel nahm. Der Tänzer befand sich unterhalb eines von oben herabhän- genden Scheinwerfers und strömte abwechselnd in und aus einem gelben Kegel, der in der stillen Luft schwebte. Er war ein stepptanzender Narr mit Zylinderhut und Frack, Gama- schen und gestärktem Hemd. Wie bei allen hervorragenden Tänzern erschien sein Tun einfach. Die Sohlen seiner schwarzen Schuhe und der Metallfuß seines Stocks hämmer- ten ein verwickeltes Muster, das in der unsichtbaren Riesen- höhlung der Nabe widerhallte. Er veranstaltete seine Vorführung fünfzig Meter hinter der Tür des öffentlichen, gewöhnlichen Aufzugs, der Chris über die letzte Teilstrecke seiner Reise gebracht hatte. Eine Glocke läutete, und Chris drehte sich um und sah, wie die Tür zu- ging. Der Tänzer beunruhigte ihn. Es war, als hätte er ein Theater betreten, in dem ein obskurer Film bereits halb vorüber war. Der Mann mußte Bezug auf etwas haben; der Künstler mußte sich bei ihm etwas gedacht haben. Aber dort tanzte er, fern aller Bedeutung, sich selbst genügend. Sein Gesicht war im Schatten der Hutkrempe verborgen, unter der nur das blei-, che spitze Kinn ausgemacht werden konnte. Er sollte den Hut absetzen, dachte Chris, um einen leeren Schädel zu zei- gen: das Gesicht des Todes. Oder auch mit dem Tanzen auf- hören und mit seiner elegant behandschuhten Hand Chris den Weg weisen. Aber er gab kein solches Signal, lehnte es ab, sich in ein Symbol für irgend etwas zu verwandeln. Er tanzte einfach weiter. Als Chris sich ihm näherte, machte er endlich seinen Zug. Der Scheinwerfer ging aus, und ein anderer leuchtete in zwanzig Metern Entfernung auf. Die Silhouette des Mannes klapperte durch die Dunkelheit, bis sie wieder unterm Licht zu Fleisch wurde. Eine dritte Lampe ging an, eine vierte, in ab- steigender Reihenfolge. Der Tänzer sprang von einer zur an- deren, hielt an für eine improvisierte rhythmische Aussage, bevor er zur nächsten weitertanzte. Dann erstarben die Lich- ter. Das klackende Geräusch auf Marmor verstummte. Die Dunkelheit in der Nabe war nicht absolut. In größerer Höhe verlief eine einzelne, dimensionslose rote Lichtlinie, so scharf wie ein Laserstrahl. Chris stand zwischen hohen Schatten: Gäas Sammlung von Kathedralen. Spitzen und Türme, freischwebende Strebepfeiler und steinerne Wasser- speier zeichneten sich in kaltem Grau vor abgrundtiefer Schwärze ab. Besaßen sie Innenräume? In seinen Büchern hatte nichts davon gestanden. Er wußte nur, daß Gäa Archi- tektur sammelte und sich auf Anbetungsstätten spezialisiert hatte. Das regelmäßige Tappen von Absätzen in der Ferne wur- de rasch zu einer menschlichen Frau in weißem Sprunganzug, wie ihn auch das Quarantäne-Personal getragen hatte. Sie kam um die Ecke eines gedrungenen Steintempels und blieb stehen, um das Gebiet mit einer Taschenlampe zu untersu- chen. Das Licht blendete Chris, bewegte sich weiter und kehr-, te wieder zurück, um ihn festzunageln wie einen fliehenden Verbrecher, senkte sich dann. »Hierher, bitte!« forderte sie ihn auf. Chris gesellte sich zu ihr, fühlte sich in der niedrigen Schwerkraft unbeholfen. Sie führte ihn einen ungleichmäßi- gen Weg zwischen den Monumenten hindurch. Ihre Stiefel bestanden aus weißem Leder mit hohen Absätzen, die gebie- terisch klapperten. Bei ihr sah es einfach aus, während Chris dazu neigte, wie ein Gummiball zu hüpfen. Das Drehmoment der Nabe erzeugte nur ein Vierzigstel g; er wog nur ein paar Kilogramm. Er fragte sich, wo er sich befand. Während der Quarantäne war es ihm nie eingefallen, die menschliche Natur der dort Beschäftigten zu bezweifeln. Hier oben war das etwas ande- res. Er wußte, daß Gäa lebende Wesen auf Bestellung er- schaffen konnte und das auch oft tat. Sie konnte neue Ras- sen erschaffen wie die Titaniden, die es erst seit zwei Jahr- hunderten als Lebensform gab, und ihnen, den freien Willen und die Gunst ihrer Mißachtung verleihen. Oder sie vermoch- te auch einzelne Individuen zu erzeugen, die genauso frei und unkontrolliert waren. Jedoch schuf sie auch Dinge, die als Instrumente Gäas be- kannt waren. Diese Geschöpfe waren nichts anderes als Per- sonifikationen, als Erweiterungen ihres Selbst. Sie benutzte sie, um maßstabsgetreue Nachbildungen von Kathedralen zu errichten, um mit kleinen Lebensformen in Verbindung zu tre- ten – für alles, was sie durch die normale Ökologie ihrer Exis- tenz nicht erreichen konnte. In Kürze würde er einem dieser Instrumente begegnen, das sich selbst als Gäa bezeichnen würde. In Wirklichkeit umgab Gäa ihn von allen Seiten, je- doch wäre es ein vergebliches Unterfangen gewesen, zu den Wänden zu sprechen., Chris betrachtete wieder die große Frau mit dem fließenden schwarzen Haar. War sie ein Ding oder ein wirklicher Mensch? »Woher stammen Sie?« fragte er. »Tennessee.« Die Gebäude waren planlos errichtet worden. Manche standen so dicht aneinandergedrängt, daß Chris sie innerlich als himmlische Slumbezirke betrachtete; andere wiederum lagen weit auseinander. Die zufällige Anordnung konnte e- bensogut einen Platz bilden wie eine Allee. Sie drückten sich zwischen einer Nachbildung von Chartres und der einer na- menlosen Pagode hindurch und überquerten einen riesigen, mit Marmor gepflasterten Platz auf dem Weg nach Karnak. Der Autor des Buches, das Chris gelesen hatte, hatte zu- gegeben, die Gründe nicht begreifen zu können, warum Gäa diese Dinge errichtete. Und warum ließ sie sie, nachdem sie das getan hatte, in der Dunkelheit stehen, nahezu unsicht- bar? Man fühlte sich darin wie eine Fliege, verloren in den muffigen Tiefen der Spielzeugschachtel eines Kindes. Die Bauwerke hätten Spielmarken in der Monopoly-Ausgabe ei- nes Milliardärs sein können. »Das ist mein Favorit«, sagte die Frau unerwartet. »Welches?« »Das da«, sagte sie und deutete mit ihrer Taschenlampe. »National.« Es wirkte vertraut, aber nach so vielen in so kurzer Zeit fingen die Steinhaufen an, alle gleich auszusehen. »Wo liegt hierin der Sinn? Man kann sie kaum sehen.« »Oh, Gäa benötigt kein sichtbares Licht«, versicherte sie ihm. »Einer meiner Urgroßeltern hat an diesem Bau mitge- arbeitet. Ich habe es in Washington gesehen.« »Es sieht gar nicht danach aus.« »Nein, es ist kaputt. Sie wollen es abreißen.«, »Sind Sie deswegen hergekommen? Um die große Archi- tektur zu studieren, wie sie einmal war?« Sie lächelte. »Nein, um sie zu erbauen. Wo kann man auf der Erde solche Arbeit leisten? Sie haben jahrhundertelang an diesen Bauwerken gearbeitet. Sogar hier braucht man dafür zwanzig oder dreißig Jahre, und das ohne Gewerk- schaften und Bauverordnungen und Kostenprobleme. Auf der Erde habe ich noch viel größere Häuser gebaut, aber wenn sie nicht in sechs Monaten fertig waren, haben sie jemand anderen eingestellt. Und wenn man fertig war, sah das Ergebnis aus wie ein vom Himmel gefallener Scheiß- haufen. Hier arbeite ich am Zimbabwe Mormonentaberna- kel.« »Ja, aber wozu ist das gut? Worin liegt die Bedeutung?« Ihr Blick war voller Mitleid. »Wenn Sie solche Fragen stel- len, werden Sie die Antwort nicht verstehen.« Sie befan- den sich in einem Bereich gedämpfter Beleuchtung. Es war unmöglich, die Lichtquelle auszumachen, aber zum erstenmal konnte man genug sehen, um das Dach der Nabe zu erken- nen, stärker gekrümmt als das des Torus, aber immer noch 20 Kilometer weit entfernt. Es handelte sich um ein kompli- ziertes Korbgewebe, bei dem jeder Faden von einem Tausend- Meter-Kabelstrang gebildet wurde. An der naheliegenden Wand war ein weißes Tuch von den Ausmaßen eines Kyber- schoner-Großsegels angebracht. Ein Film lief darauf. Er war nicht nur zweidimensional, sondern ermangelte auch der Far- be und des Tones. Ein Pianole in der Nähe des Vorführraumes besorgte die musikalische Begleitung. Zwischen Vorführraum und Leinwand erstreckte sich ein Perserteppich von der Größe eines Morgens. Auf Diwanen und Kissen lungerten zwischen vierzig und sechzig Männer und Frauen in lockerer und bunter Kleidung. Einige sahen sich, den Film an; andere unterhielten sich, lachten und tranken. Eine von ihnen war Gäa. Sie wurde ihren Fotos nicht gerecht. Nur wenige Bilder waren von dem speziellen Instrument gemacht worden, das Gäa als »sich selbst« zu präsentieren beliebte. Auf ihnen war der Maßstab nicht erkennbar. Es war eine Sache, zu lesen, daß es sich bei Gäa um eine kleine Frau handelte, aber eine ganz andere, vor ihr zu stehen. Auf einer Parkbank sitzend wäre sie niemandem aufgefallen. Chris hat- te Tausende ihr ähnliche gesehen, die die städtischen ödbe- reiche durchstreiften: kleine, gedrungene Stadtstreicherin- nen. Ihr Hängebackengesicht hatte die Form einer Kartoffel. Ihre weichen, dunklen Augen waren zwischen eine schwere Stirn und Fettrunzeln gequetscht. Ihr krauses, graudurchzogenes Haar war gleichmäßig kurz geschnitten. Chris hatte ein Bild von Charles Laughton gefunden, um zu sehen, ob der oft ge- äußerte Vergleich zutraf. Er traf zu. Sie grinste sardonisch. »Sohn, diese Reaktion kenne ich. Nicht so eindrucksvoll wie ein oller brennender Busch, hm? Andererseits, was meinst du, hat sich Jehovah gedacht, als er das machte? Einen aber- gläubischen jüdischen Ziegenhirten einschüchtern, das wollte er. Mach’s dir bequem, Junge! Schnapp dir ein Kissen und erzähl mir davon!« Es war überraschend einfach, sich mit ihr zu unterhalten. Das eine mußte über ihre unorthodoxe Wahl der göttlichen Gestalt gesagt werden: sie paßte zur Erscheinungsform Gä- as als Erdmutter, und das auf eine Art und Weise, die un- möglich genau zu bestimmen war. In ihrer Gegenwart konnte man sich entspannen. Lange unterdrückte Dinge konnten, hervorgebracht und entblößt werden, in einem Vertrauen, das wuchs, während man redete. Gäa besaß eine Fertigkeit, die alle guten Therapeuten und Eltern haben sollten. Sie hörte zu und vermittelte darüber hinaus das Gefühl, daß sie verstand, was man sagte. Es handelte sich dabei nicht not- wendigerweise um ein mitfühlendes Ohr, und es war auch keine unkritische Liebe. Chris hatte nicht das Gefühl, ihr spe- zieller Günstling zu sein oder auch nur Gegenstand einer grö- ßeren Besorgnis. Aber sie war an ihm interessiert und an dem Problem, das er repräsentierte. Er fragte sich, ob es alles subjektiv war, ob er all seine Hoffnungen auf die rundliche, unscheinbare Frau projizierte. Nichtsdestotrotz weinte er unbewußt, während er sprach, und verspürte nicht die Notwendigkeit, das zu rechtfertigen. Nur selten sah er sie an. Statt dessen schweiften seine Au- gen umher, ruhten auf einem Gesicht, einem Trinkglas, einer Brücke, ohne eigentlich irgend etwas zu sehen. Er beendete, was zu berichten er gekommen war. Es gab keine verläßlichen Berichte über das, was als nächstes passie- ren mochte. Leute, die geheilt zurückgekommen waren, hat- ten sich merkwürdig vage über ihre Gespräche mit Gäa geäu- ßert und über die im Schnitt sechs Monate, die sie nach der Audienz in ihr verbracht hatten. Sie wollten nicht darüber sprechen, egal wie man sie lockte oder drängte. Gäa betrachtete eine Zeitlang die Leinwand und nahm einen kleinen Schluck aus einem langstieligen Glas. »Fein«, sagte sie. »Das entspricht in etwa dem, was ich von Dulcimer erfahren habe. Ich habe dich sorgfältig unter die Lupe genommen, ich verstehe deinen Zustand und kann garantieren, daß eine Heilung möglich ist. Natürlich nicht nur für dich, sondern.`.« »Entschuldigen Sie mich, aber wie haben Sie…«, »Unterbrich mich nicht! Zurück zu unserem Handel. Es ist ein Handel, und wahrscheinlich wird er dir nicht gefallen. Dul- cimer hat dir damals in der Botschaft eine Frage gestellt, und du hast sie nicht beantwortet. Ich frage mich, ob du seitdem darüber nachgedacht und jetzt eine Antwort darauf hast.« Chris überlegte und erinnerte sich plötzlich an das Problem mit den beiden Kindern, die gefesselt vor einem näherkom- menden Zug lagen. »Es liegt keine große Bedeutung darin«, gestand Gäa, »ist aber interessant. Soweit ich erkennen kann, gibt es zwei Antworten, eine für Götter und eine für Menschen. Hast du dir Gedanken darüber gemacht?« »Ja, einmal.« »Und was ist dir dabei eingefallen?« Chris seufzte und beschloß, aufrichtig zu sein. »Es scheint, daß ich wahrscheinlich… daß ich bei dem Versuch, sie beide zu retten, wahrscheinlich sterben würde, während ich das zweite loszubinden versuchte. Ich weiß nicht, welches ich zuerst befreien würde. Aber wenn ich schon eines zu befreien versuche, würde ich es beim anderen auch probieren müs- sen.« »Und dabei sterben.« Gäa nickte. »Das ist die menschliche Antwort. Ihr Leute macht das die ganze Zeit – geht auf einen Ast hinaus, um einen von euch zurückzuholen, und der Ast bricht dabei unter euch. Zehn Retter sterben, die nach ei- nem vermißten Landstreicher suchen. Eine schreckliche A- rithmetik, und natürlich ist sie nicht universal. Viele Menschen würden danebenstehen und zusehen, wie der Zug beide Kinder tötet.« Sie betrachtete ihn mit verengten Augen. »Was würdest du machen?« »Ich weiß nicht. Ich könnte nicht aufrichtig sagen, daß ich mich selbst opfern würde.«, »Für einen Gott ist die Antwort leicht. Ein Gott würde beide sterben lassen. Mit anderen Worten, individuelle Leben sind nicht von Bedeutung. Obwohl ich mir jedes stürzenden Sper- lings bewußt bin, tue ich doch nichts, um den Fall zu verhin- dern. Es liegt in der Natur des Lebens, daß Wesen sterben. Ich erwarte nicht von dir, daß es dir gefällt, du es begreifst oder dem zustimmst. Ich erkläre einfach meinen Stand- punkt. Verstehst du?« »Ich denke schon. Ich bin mir nicht sicher.« Gäa wischte das weg. »Es ist unwichtig, ob du zustimmst, sondern du sollst nur verstehen, daß mein Universum so funktioniert.« »Das verstehe ich.« »Fein. Aber ich bin nicht ganz so unpersönlich. Wenige Göt- ter sind das. Wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe was ne- benbei gesagt nicht der Fall ist, weder in meiner Theogonie noch in eurer –, dann wäre ich wahrscheinlich geneigt, den Burschen zu belohnen, der auf die Gleise springt und bei dem Versuch stirbt, diese Kinder zu retten. Ich würde den armen Bastard in den Himmel aufnehmen, wenn es einen gäbe. Unglücklicherweise…« – sie machte eine weiträumige Geste und schnitt dabei ein bitteres Gesicht – »… ist das hier das nächste, was jemals an einen Himmel heranreichen wird, genau das hier. Ich erhebe keine großen Ansprüche; dies ist ein Ort wie alle anderen. Das Essen ist nicht schlecht. Aber wenn ich jemanden für etwas bewundere, das er o- der sie getan hat, belohne ich ihn in diesem Leben. Folgst du mir?« »Na ja, ich höre zu.« Sie lachte, streckte die Hand aus und tätschelte sein Knie. »Das gefällt mir. Nun, ich gebe nichts umsonst, und gleich- zeitig verkaufe ich auch nichts. Heilungen werden auf der, Grundlage von Verdiensten gewährt. Dulcimer sagte, es wäre dir nichts eingefallen, was du getan hättest, um eine Heilung zu verdienen. Denk noch einmal darüber nach!« »Ich weiß nicht genau, ob ich verstehe, was Sie wollen.« »Na ja, auf der Erde vollbrachte Dinge müßten von unab- hängiger Seite dokumentiert werden. Die Erfindung eines le- bensrettenden Gerätes, das Ausdenken einer lohnenden neuen Philosophie, die Opferung der eigenen Person für andere. Hast du It’s a Wonderful Life von Frank Capra gese- hen? Nein? Es ist eine Schande, wie ihr Leute die Klassiker für die Launen des modischen und populären Geschmacks vernachlässigt. Der Protagonist dieser Geschichte voll- brachte Dinge, die ihn qualifiziert haben würden, aber sie sind nicht dokumentiert worden, und er könnte wohl kaum eine Busladung Zeugen herbeischaffen, die es mir bestäti- gen; also würde er kein Glück haben. Zu schlimm, aber das ist die einzige Methode, nach der ich vorgehen kann. Ist dir irgendwas eingefallen?« Chris schüttelte den Kopf. »Nein, nichts. Ich habe meine Energien wohl überwie- gend nur für mein eigenes Problem eingesetzt. Vielleicht sollte ich mich dafür entschuldigen.« »Nicht nötig, nicht nötig. Jetzt zu unserem Handel. Die Sache ist die, daß ich nur mit Helden solche Geschäfte ma- che. Du glaubst vielleicht, daß ich ein Snob mit kurzlebigen Einfallen bin und irgendwo die Grenze ziehen muß. Ich hätte Wohlstand als Kriterium einsetzen können, und du würdest jetzt vor einer schwierigeren Aufgabe stehen, als es tatsächlich der Fall ist. Reich werden ist schwerer, als ein Held zu werden. Früher hätte ich nicht einmal mit dir gesprochen. Du hät- test zuerst dein Heldentum beweisen müssen. In jenen Ta-, gen war die Probe einfach. Der Aufzug war freien Wesen verschlossen, und wenn sie mich sehen wollten, mußten sie 600 Kilometer durch eine Speiche heraufsteigen. Jeder, der das schaffte, war per Definition ein Held. Viele haben es nicht geschafft, und waren tote Helden., »Auch das verstehe ich.« »Also, da wären wir. Sofern du nicht noch eine Frage hast, kannst du dich auf den Weg machen. Komm zurück, sobald du meiner Aufmerksamkeit wert bist!« Aber sie wandte sich noch nicht ab. »Aber was wollen Sie? – Was soll ich tun?« Sie setzte sich gerader hin und fing an, die Punkte an den Fingern abzuzählen, bei denen es sich um stummelige klei- ne Würstchen handelte, mit Schmuck überkrustet, die Ring- reifen in Fett vergraben. »Erstens. Nichts. Geh nach Hause und vergiß die Sache! Zweitens. Das einfachste. Geh zum Rand und klettere hierher zurück! Du hast eine Chance von etwa eins zu dreißig, es zu schaffen. Drittens…« Sie vergaß das Weiterzählen und machte einen Armschwenk, der die ringsum auf den Sofas liegenden Leute einschloß. »Gesell dich dazu! Bleib amüsant, und ich werde dich für immer gesund erhalten! Diese ganzen Leute sind hier angekommen wie du. Sie haben sich ent- schlossen, auf Nummer Sicher zu gehen. Es gibt reichlich Fil- me, und wie ich schon sagte, das Essen ist gut. Aber die Selbstmordrate ist hoch.« Chris blickte sich um und sah dabei zum erstenmal genau hin. Er konnte sich vorstellen, daß dem so war. Einige Leute schienen überhaupt nicht richtig lebendig zu sein. Sie saßen nur da und starrten auf die riesige Leinwand, dumpfe Ge- genwart, aus der Depression sickerte wie ein graues Kirlian- Miasma. »Viertens. Geh nach unten und tue etwas! Kehre als Held zu mir zurück, und ich werde nicht nur dich heilen, sondern auch den irdischen Ärzten die Antworten geben, die sie in die Lage versetzen, die dreiundsiebzig Leute mit demselben Leiden zu, heilen. So sieht der Grundriß aus. Das weitere liegt an dir. Springst du auf die Gleise, oder bleibst du stehen und wartest darauf, daß es jemand anderes macht? Diese Leute hier hof- fen, daß ein Tapferer kommen wird, der genau ihr Leiden hat. Hier befindet sich sogar in der Tat ein Mann, der dasselbe hat wie du. Der dort ist es, der mit den hungrigen Augen. Wenn du nach unten gehst, lebst oder stirbst, kannst du sein Retter sein. Oder du kannst dich zu ihm gesellen und darauf warten, daß ein wirklicher Dummkopf ankommt.« Chris betrachtete den Mann und erschrak. Mit hungrigem Blick war exakt die Beschreibung, die auf ihn paßte. Für ei- nen Moment der Angst sah Chris sich neben ihm stehen. »Aber was soll ich denn machen?« stöhnte er. »Könnten Sie mir nicht wenigstens einen Hinweis geben?« Er spürte, daß Gäa rasch das Interesse an ihm verlor. Ih- re Augen schweiften immer wieder zu den flackernden Bil- dern auf der Leinwand. Aber sie wandte sich ein letztesmal Chris zu. »Dort unten liegt ein Gebiet von einer Million Quadratki- lometern. Eine Geographie, wie du sie dir nie vorgestellt hast. Es gibt einen Diamanten von der Größe des Ritz, der auf dem Gipfel eines gläsernen Berges liegt. Bring mir die- sen Diamanten! Es gibt Stämme, die in rücksichtsloser Un- terdrückung leben, als Sklaven grausamer Geschöpfe mit Augen, so rot wie glühende Kohlen. Befreie sie! Es gibt ein- hundertfünfzig Drachen, von denen nicht zwei einander gleichen, über meinen ganzen Umfang verstreut. Erschlage einen davon! Es gibt tausend Mißstände zu beseitigen, Hin- dernisse zu überwinden, Hilflose zu retten. Ich empfehle dir, zu einer Umwanderung meines Inneren aufzubrechen. Ich garantiere dir, daß bei der Rückkehr zum Ausgangs-, punkt dein Charakter viele Male auf die Probe gestellt wor- den sein wird. Du mußt dich jetzt entscheiden. Dieser Mann hier und zweiundsiebzig weitere auf der Erde warten auf dich. Sie sind verdammt fest auf die Bahnschienen gefesselt. Es liegt an dir, sie zu retten, und vielleicht wirst du herausfinden, daß du nicht einmal fähig bist, dich selbst zu retten. Aber wenn du stirbst, wird dein Tod etwas bedeuten. Also was nun? Bestell dir was zu trinken, oder geh mir aus den Augen!« Der Flieger Robin wußte es besser, als aufzustampfen. Sie hatte nicht umsonst die letzten zwölf Jahre in die oberen leichten Re- gionen des Koven verbannt zugebracht. Aber emotionell stampfte sie auf. Jemand hätte sie zurück zum Aufzug führen sollen, aber sie ließ sie schnell hinter sich. Wie eine Ameise zwischen Elefanten suchte sich Robin ihren Weg zwischen den Mo- numenten. Lächerliche Dinger. Wurde erwartet, daß sie sich beein- druckt zeigte? Wenn eine Wüste eindrucksvoll war, dann war sie überwältigt. Kathedralen. Stepptänzer. Ein aufgeblasenes, obszönes Wesen, das sich als Große Mutter ausgab, umgeben von, schlaffen Kriechern. Und um die Sache zu vervollständigen? Helden. Sie spie in die allgemeine Richtung von Notre Dame. Warum sollte sie vorhaben, die Retterin von sechsund- zwanzig Fremden zu sein? Einer davon war unzweifelhaft ihr Vater. Gäa hatte sie darauf hingewiesen und als Antwort einen leeren Blick erhalten. Vaterschaft war Robin so fremd wie Börsenoptionen. Es gab nichts umsonst, hatte Gäa gesagt. Was war mit den sechsundzwanzig, die darauf zählten, daß Robin einen schlimmen und gefährlichen Tod fand? Ihr ganzes Wesen rebellierte gegen diese Vorstellung. Wäre auch nur eine der Leidenden vom Koven gewesen, dann hätte Robin Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um ihr zu helfen. Aber Au- ßenseiter? Von Anfang an war sie umsonst unterwegs gewesen. Unnötig, den Fehler noch zu verschlimmern. Bei dieser mit- leiderregenden Bande von Arschleckern zu bleiben, stand ü- berhaupt nicht zur Debatte, und ebensowenig, Gäas Spiel mitzumachen. Sie würde dorthin zurückkehren, wo sie hinge- hörte, und ihr Leben so verbringen, wie es in der Absicht der Großen Mutter lag. Sie fand den Aufzug und drückte den Rufknopf daneben. Ei- ne Glocke erklang, und sie trat ein. Schlechter Entwurf, er- kannte sie, als sie sich nach Haltegriffen umsah. Innen gab es zwei Knöpfe – einen mit der Kennzeichnung »Himmel«, der andere mit »Abwärts!« Sie drückte den zweiten und hob die Hände, um sich an der Decke abzufangen, wenn es zu schnell nach unten ging. In dieser Position und mit dieser Er- wartung ängstigte es sie nicht, als ihre Füße den Halt verloren. Es folgte ein Augenblick der Leere, bevor sie erkannte, daß die Decke nicht näherkam. In der Tat zog sie sich langsam zu-, rück. Robin blickte nach unten. Sie sah ihre Stiefel. Sechshundert Kilometer darunter machte sie Nox aus, das Mitternachtsmeer. Die Zeit verlangsamte sich, bis sie nur noch kroch. Robin spürte, wie das Adrenalin gleich einer brennenden Aufwallung durch ihre Glieder strömte. Bilder wirbelten vor ihren Augen: kurz und doch voller deutlicher Einzelheiten. Die Luft roch gut. Sie spürte rohe Kraft in den Gliedern, als sie Hände und Füße ausstreckte, die in seltsame Ferne gerückt waren. Dann erfolgte die Auflösung, als Furcht und Verzweiflung sie aus- zulöschen drohten. Als sie anfing zu schreien, sank ihre Taille gerade durch die Ebene des Aufzugbodens. Robin sank weiter nach unten, wo- bei sie lebhaft fluchte und kreischte. Die Wände blieben ge- rade eben außer Reichweite, bis sie dann weit über ihr wa- ren. Der Aufzug wurde zu einer kleinerwerdenden Schachtel aus Licht. Robin begann ihre Berechnungen nicht in der Hoffnung, daß die Ergebnisse sie wieder in die Reihen der Lebenden zurück- führen würden. Viele Kilometer unter sich konnte sie ihren Tod sehen. Was sie jedoch wissen wollte, war, wie viele Se- kunden noch. Minuten? Konnte sie eventuell noch Stunden zu leben haben? Es half ihr, daß sie im Koven aufgewachsen war. Sie wußte über zentripetale Bewegung Bescheid, konnte mit dieser Art Problem leichter umgehen, als mit Gravitation. Noch nie hatte sie sich in einem Schwerkraftfeld von irgend- welcher Bedeutung aufgehalten. Sie begann mit einem bekannten Faktor, nämlich dem Vier- zigstel g, das in der Nabe herrschte. Beim Aufgehen des Auf- zugbodens unter ihr hatte ihr Sturz mit einer Geschwindig- keit von einem Viertelmeter pro Sekunde angefangen. Sie würde jedoch nicht mit solchem Tempo schneller werden. Ein, beweglicher Körper innerhalb eines sich drehenden Gegens- tandes fällt nicht entlang einer radialen Linie, sondern scheint sich gegen die Richtung des Drehmomentes zu bewe- gen. Als Folge davon würde Robin in gerader Linie abstürzen, wenn man die Sache von außen betrachtete, während sich das Rad unter ihr drehte. Ihre abwärts gerichtete Beschleuni- gung würde zu Beginn nur leicht sein. Erst nach Erreichen ei- ner beträchtlichen seitwärtigen Geschwindigkeit war der Be- ginn einer wirklichen Beschleunigung zu erwarten, und sie würde das als einen Wind wahrnehmen, der entgegen dem Drehmoment blies. Sie blickte sich rasch um. Der Wind war bereits stark. Sie konnte die Wipfel von Bäumen erkennen, die aus einer senk- rechten Wand wuchsen. Dabei handelte es sich um Gäas be- rühmten horizontalen Wald. Hätte Gäa sich in die andere Richtung gedreht, wäre Robin in Sekunden oder Minuten zer- schmettert gewesen. Da der Fall an der nahen Wand begon- nen hatte, blieb ihr noch Zeit. Es gab ein paar vereinfachte Berechnungen, die sie durch- führen konnte. Dabei behinderte es sie, nicht den genauen Luftdruck Gäas zu kennen. Sie hatte gelesen, daß er hoch war, im Torus etwa zwei Atmosphären. Aber wie stark fiel er in Richtung der Nabe ab? Er wurde nie zu dünn für die At- mung, also konnte sie eine Schätzung machen, indem sie von einer Atmosphäre in der Nabe ausging. Es war merkwürdig tröstend, sich in Mathematik zu verlie- ren. Es machte ihr nichts aus, neu zu beginnen, obwohl ihr die Sinnlosigkeit des Vorhabens bewußt war. Sie blieb auf- grund des Bedürfnisses dabei, zu wissen, wann der Tod sie einholen würde. Das richtige Sterben war wichtig. Sie packte die Schnur des Beutels, der Nasu enthielt, und fing noch einmal an., Sie kam zu einem Ergebnis, das ihr nicht behagte, versuch- te es erneut und dann noch ein drittes Mal, als die Ergebnisse nicht paßten. Im Schnitt kam sie auf eine Zahl von etwa sechzig Minuten bis zum Aufschlag. Als zusätzlichen Bonus fand sie die Aufprallgeschwindigkeit heraus. Dreihundert Stundenkilometer. Sie stürzte mit dem Rücken gegen den Wind. Da sie sich sowohl auf den Rand als auch die näherkommende Wand zu bewegte, beschrieb ihr Körper einen spitzen Winkel. Die Nabe lag nicht direkt unter ihren Füßen, und die zurückweichende Wand erstreckte sich nicht ganz senkrecht zu ihr. Sie sah sich um. Es war atemberaubend. Zu schade, daß sie die Aussicht gar nicht würdigen konnte. Wäre der Koven von ihrem Absturzpunkt aus hinunterge- fallen, hätte er eine durch einen Schornstein fallende Blech- kanne abgegeben. Die Rhea-Speiche war eine hohle Röhre, die sich am unteren Ende weitete und vollständig mit Bäu- men ausgekleidet war, die den größten Sequoia zwergenhaft erscheinen ließen. Die Bäume wurzelten in der Wand und wuchsen nach außen. Robin konnte nicht einmal mehr die größten als einzelne Gewächse ausmachen; die inneren Wän- de bildeten ein gleichmäßiges Meer aus dunklem Grün, überall um sie herum. Die Speiche wurde durch zwei senkrechte Rei- hen von Luken erleuchtet, wenn man diesen Namen für Fens- ter benutzen konnte, die mindestens einen Kilometer Durch- messer hatten. Sie reckte den Hals und blickte in den stürmischen Wind. Nox schien näher gerückt zu sein. Da war noch etwas ande- res, etwas, das am obersten Rand ihres Blickfeldes schwebte. Es waren die senkrechten Rhea-Kabel. Sie hingen an Inseln im Mitternachtsmeer und stiegen senkrecht nach oben, verlie-, fen aufeinander zu, bis sie nahe dem unteren Speichenende zusammentrafen und sich ineinander zu einem riesenhaften Zopf verflochten. Das mußte sie sich anschauen. Sie drehte sich in der Luft und schaffte es, sich mit dem Gesicht gegen den Wind zu stabilisieren. Dann öffnete sie die Augen wieder. Vor ihr lagen die Kabel und wurden von Sekunde zu Sekunde größer. »Oh, Große Mutter, höre mich jetzt!« Sie murmelte den Ersten Todesgesang herunter und war unfähig dazu, den Blick von dem abzuwenden, was eine auf sie zu eilende dunk- le Wand geworden war. Das Kabel schien wie ein Barbierpfos- ten zu rotieren, das Ergebnis ihres schnellen Vorbeisturzes an den gewundenen Strängen. Es dauerte eine volle Minute, bis sie an den Kabeln vorüber war. Bei der nächsten Annäherung hielt sie den rechten Arm fest an die Seite gedrückt. Die Überzeugung war stark, daß sie ihn nur auszustrecken brauchte, um das Kabel zu berüh- ren, obwohl sie wußte, daß sie weiter davon entfernt sein mußte. Als sie daran vorbei war, drehte sie sich wieder in der Luft und sah das Ding hinter sich zurückfallen. Eine Stunde hörte sich nicht nach so furchtbar viel Zeit an. Gewiß konnte man so lange absoluten Schrecken empfinden. Robin begann sich zu fragen, ob mit ihr etwas nicht stimmte, weil sie keinen Schrecken mehr verspürte. Bevor das Näher- kommen der Kabel ihre Angst neu belebt hatte, hatte sie ei- ne Art Frieden erreicht gehabt. Jetzt fühlte sie erneut, wie er sich in sie stahl, und hieß ihn willkommen. Es kann sich eine süße Ruhe einstellen mit der Erkenntnis, daß der eigene Tod nun kommt, daß er rasch und schmerzlos sein wird, daß nichts Gutes zu erreichen ist, indem man schwitzt und in die Luft krallt und das Schicksal verflucht. Es konnte nicht ewig währen. Aber warum konnte es nicht, einfach zwanzig Minuten länger dauern? Sie schwankte zwischen Fatalismus und Angst hin und her. Es genügte nicht zu wissen, daß ihr nichts zu tun blieb. Sie wollte leben, und das würde sie nicht, und es gab keine Wor- te, die den darin liegenden Kummer auszudrücken vermoch- ten. Ihre Religion war keine, die an beantwortete Gebete glaubte. In diesem Sinn betete man im Koven überhaupt nicht. Man bat um nichts. Es gab Dinge zu fordern, Positio- nen im Leben nach dem Tode zu verdienen, aber in einem Punkt gab es nichts zu erwarten. Die Große Mutter würde sich nie in jemandes Schicksal einmischen, und es fiel Robin auch nie ein, sie darum zu bitten. Aber sie wünschte sich, es gäbe etwas, von dem sie Hilfe erlangen konnte, irgendeine Macht in all dieser Gewaltigkeit. Und dann fragte sie sich, ob es das war, was Gäa wollte. Könnte sie es hören, den ganzen Weg hinab, Minuten vor der Vernichtung? Nach dem ersten furchtbaren Schrecken war Robin nicht sonderlich überrascht gewesen, daß Gäa diese entsetzliche Tat verübt hatte. Es schien zu dem Wahnsinn zu passen, den sie geredet hatte. Jetzt jedoch fragte sie sich, warum, und der einzige Grund, der ihr ein- fallen wollte, bestand darin, daß sie durch den Schrecken dazu gebracht werden sollte, Gäa als Herrin anzuerkennen. Wenn das stimmte, dann konnte Gäa vielleicht etwas tun. Robin öffnete den Mund, und nichts kam heraus. Sie ver- suchte es wieder und schrie. Durch irgendeine willkomme- ne spirituelle Alchemie verwandelte sich ihre Angst in einen so verzehrenden Zorn, daß er sie mächtiger schüttelte als die Winde. »Niemals!« schrie sie. »Niemals, niemals, niemals! Du stinkender Krebs! Du Scheusal! Du widerliche, abscheuliche, Perversion! In deinem Grab werde ich dir begegnen, werde ich dich aufschlitzen und dich mit deinen stinkenden Ein- geweiden ersticken! Ich werde dich mit Kohlen vollstopfen, dir die Zunge abbeißen, dich auf kaltes Eisen speien und in alle Ewigkeit braten! Ich verfluche dich! Erhöre mich jetzt, Große Mutter, erhöre mich und merke es dir gut! Ich ver- pflichte meinen Schatten der ewigen Folterung von jeman- dem, der Gäa heißt!« »Gut für dich.« »Ich habe noch nicht einmal angefangen Ich werde…« Sie blickte zu ihren Füßen hinab. Einen Meter darunter befand sich ein grinsendes Gesicht. Viel mehr konnte sie nicht erkennen, bezog man seine Position in Erwägung, nur seine Schultern, die erstaunlich große Brust und die auf dem Rücken gefalteten Flügel. »Du nimmst das sehr ruhig auf.« »Warum auch nicht?« fragte Robin. »Ich dachte, ich hätte es begriffen, und bin mir immer noch nicht sicher, daß ich mich geirrt habe. Schwörst du bei allen Mächten, die dir hei- lig sind, daß Gäa dich nicht geschickt hat?« »Ich schwöre es bei der Staffel. Gäa wußte, daß sie dich nicht in den sicheren Tod stürzte, aber hiermit hat sie nichts zu tun. Ich mache das auf eigene Faust.« »Ich schätze, ich werde in etwa fünf Minuten gegen die Wand prallen.« »Falsch. Das untere Ende der Speiche weitet sich wie eine Glocke, erinnerst du dich? Das genügt für dich, hinauszu- kommen und in einem Sechzig-Grad-Winkel über Osthype- rion zu fallen.« »Wenn du versuchst, mich aufzumuntern…« Aber es hat- te seinen Effekt. Ihre erste Schätzung von sechzig Minuten war richtig gewesen, wie sich nun herausstellte. Aber ihre, Schätzung der Endgeschwindigkeit lag zu niedrig; sie wür- de länger fallen – und schneller. Sie fragte sich, was der Engel wohl tun konnte, um ihr zu helfen. »Es stimmt, daß ich dich nicht tragen kann«, sagte er. »Wirklich, du erstaunst mich. Die Leute zeigen die verschie- densten Reaktionen. Die meisten sagen mir, was ich zu tun habe, wenn sie überhaupt rational sind.« »Ich bin bei Vernunft. Können wir jetzt zusehen, daß wir damit weiterkommen? Die Zeit muß hierbei ein Faktor sein.« »Ist sie aber nicht, weißt du. Ich meine, noch nicht. Ich kann dir erst helfen, wenn wir näher am Boden sind, und was ich dann tun werde, ist, deinen Sturz zu verlangsamen. Bis dahin könntest du dich genausogut entspannen. Aber ich schätze, das brauche ich dir gar nicht zu sagen.« Robin wußte nicht, was sie ihm sagen sollte. Sie befand sich an der Grenze zur Hysterie, und ihre Verteidigung da- gegen wurde schwächer. Die einzige Möglichkeit des Um- gangs damit, die sie gefunden hatte, bestand in der Vor- täuschung, ruhig zu sein. Wenn man das gut genug konn- te, um jemand anderen hinters Licht zu führen, dann doch auch genausogut sich selbst. Er fiel jetzt vor ihr her. Während sie ihn betrachtete, ka- men ihr zwei Dinge in den Sinn: er war einer von vielleicht fünf Leuten, die sie jemals gesehen hatte, die kleiner waren als sie, und sie konnte keinen Grund feststellen, seine Männlichkeit vorauszusetzen. Sie fragte sich, warum sie das dann getan hatte. Er besaß keine äußeren Geschlechtsor- gane, nichts außer einem Flecken irisierender grüner Fe- dern zwischen den Beinen. Es mußte an seiner Drahtigkeit gelegen haben. Während ihrer kurzen Zeit in Gäa war Ro- bin dahingekommen, Eckigkeit mit Männlichkeit zu assozi- ieren. Er schien nur aus Sehnen und Knochen zu bestehen, und war zu gleichen Teilen mit nackter brauner Haut und bunten Federn bedeckt. »Bist du ein Kind?« fragte sie. »Nein. Du?« Er grinste. »Zumindest hast du damit ange- fangen, meinen Erwartungen zu entsprechen. Deine nächs- te Frage lautet: bin ich männlich oder weiblich? Ich bin au- ßerordentlich männlich und stolz auf dieses Leiden. Ich sage Leiden, weil männliche Engel nur etwa halb so lang le- ben wie Weibchen, kleiner sind und eine geringere Reich- weite haben. Aber es gibt einen Ausgleich dafür. Hast du jemals jemanden in der Luft geliebt?« »Ich habe überhaupt nie jemanden geliebt in dem Sinne, an den du wahrscheinlich denkst.« »Möchtest du es versuchen? Wir haben etwa fünfzehn Minuten, und ich kann dir eine Erfahrung garantieren, die du nie vergessen wirst. Wie sieht’s aus?« »Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, warum du das willst.« »Ich bin ein Abweichler«, sagte er heiter. »Ich habe diese Vorliebe für Fette. Es scheint, daß ich nicht genug davon kriegen kann. Ich hänge herum und warte darauf, daß fette Menschenfrauen vorbeifallen. Ich tue ihnen einen Gefallen, und sie tun mir einen. So wird jeder glücklich.« »Ist das also deine Gebühr?« »Nein, keine Gebühr. Ich rette dich auf jeden Fall! Ich sehe es nicht gerne, wenn Leute zu Tode stürzen. Aber was meinst du? Es ist nicht sehr viel verlangt. Bisher war einfach jede scharf darauf, den Gefallen zu erwidern.« »Ich nicht.« »Du bist komisch, weißt du? Ich habe noch nie einen Menschen mit solchen Zeichen gesehen. Bist du damit ge- boren worden? Bist du eine besondere Art von Mensch? Ich, kann nicht verstehen, warum du nicht mit mir vögeln willst. Es ist so schnell vorbei. Es dauert nur ein paar Minuten. Ist das so viel verlangt?« »Du stellst einen Haufen Fragen.« »Ich möchte einfach… hoppla! Es wird Zeit zum Drehen, oder du wirst gegen… Paß auf!« Robin war in Panik geraten, als sie sich vorstellte, der Bo- den sei schon direkt über ihr. Sie geriet mit den Schultern ungünstig in den brausenden Wind und fing an zu torkeln. »Laß dich einfach wieder schlaff werden«, empfahl der Engel. »Damit bringst du es wieder in Ordnung. So ist es besser. Jetzt sieh zu, ob du dich umdrehen kannst. Streck die Arme seitlich aus und winkle sie nach hinten ab!« Robin tat wie geheißen und stabilisierte ihren Flug wie ein Turmspringer. Sie durchquerten jetzt die Dämmerungszo- ne, nah genug am Boden, um das Land unter sich vorbeiei- len zu sehen. Der Engel ging hinter Robin in Position und legte die Arme um sie. Sie waren fest und stark wie Seile, der eine über ihren Brüsten, der andere um die Lenden. Sie spürte den kalten Druck seiner Wangenfedern an ihrem Nacken, dann die Wärme seiner Lippen an ihrem Ohrläpp- chen. »Du bist so weich, so viel entzückendes Polster…« »Bei der Großen Mutter, wenn du mich vergewaltigen willst, mach es jetzt, und sei verflucht dafür, daß du ein lüg- nerischer Pfau bist! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Robin zitterte, aus Furcht vor dem Fallen ebenso wie wegen der drohenden Übelkeit, die gemeinsam ihre Selbstbeherr- schung angriffen. »Was ist in dem Beutel?« fragte er knapp. »Mein Dämon.« »In Ordnung, antworte nicht! Aber halt dich fest, es geht, los!« Seine Arme waren wie Klammern, als er jetzt vorsichtig die großen Flügel zu entfalten begann. Gewicht zerrte an Robin, wandelte den freien Fall in das Gefühl um, kopfunter zu hängen. Sie schaffte es nicht mehr, die Beine hinter sich ausgestreckt zu halten. Als sie sie fallen ließ, ruckte das un- stabile Paar kurz um den Gleichgewichtspunkt der Flügel des Engels, unterhalb seiner Schulterblätter. Der Boden kippte, als der Engel vorsichtig eine Schräglage einnahm. Er hatte vor, sie zum Ophion zu bringen, wo dieser unter das Kabel floß, das den Ort der Stürme mit der Nabe verband. Der Fluß war tief und breit und in dieser Gegend sehr langsam, während er einen südöstlichen Kurs verfolgte. Um dahin zu kommen, mußte der Engel zuerst eine Strecke weit südlich steuern und dann nach Norden, um ihren Gleit- flug in eine parallele Linie mit dem Fluß zu bringen. Dann mußte er Robins Sturz ausdehnen, indem er den Winkel des Sturzfluges abflachte. Andernfalls würde sie das Wasser bei weitem nicht erreichen. Sie überflogen eine Gruppe von Kratern. Robin fragte nicht nach deren Ursprung. Leute konnten es nicht gewesen sein; neunzig Meter pro Sekunde lieferten keine derartige kineti- sche Energie. Aber andere, größere Objekte, die vom selben Startpunkt herabgefallen waren wie Robin, konnten diese Krater erzeugt haben. Der Engel breitete die Flügel jetzt zu voller Spannweite aus. Der Boden unter ihnen war hügelig und bewaldet, aber vor- aus war die gerade Linie des Flusses sichtbar. Es sah nicht so aus, als würden sie ihn erreichen, und es konnte kein Hochziehen erfolgen, denn der Engel vermochte wenig mehr als sein eigenes Körpergewicht zu tragen. »Ich denke, ich werde dich auf siebzig oder achtzig Stun-, denkilometer runtergebracht haben, wenn du auftriffst«, brüllte er in ihr Ohr. »Ich werde versuchen, uns in kurzen Intervallen abzubremsen, wenn ich mir sicher bin, daß du den Fluß erreichst. Du wirst in einem flachen Winkel hineinfal- len.« »Ich kann nicht schwimmen.« »Ich auch nicht. Dort mußt du selbst zurechtkommen.« Es war eine verwirrende Erfahrung. Der Zug seiner Arme wurde wesentlich stärker, und mit hämmerndem Herzen hol- te sie tief Luft. Dann glitten sie wieder dahin, anscheinend immer noch hoch über dem braunen Wasser. Wieder ein Ruck; reflexhaft streckte sie die Hände aus, aber sie wur- den immer noch von der Luft getragen. Der dritte Ruck war der heftigste. Sekundenlang bekam Robin keine Luft. Die Uferlinie kam jetzt näher und raste rechts von ihr da- hin. Voraus krümmte sich der Fluß nach Westen. Sie glaubte, mit dem Rücken aufzutreffen, war jedoch zu betäubt, um es genau zu wissen. Das nächste, woran sie sich erinnerte, war, wie sie sich mit den Händen durch schlammiges Wasser auf das Licht zu kämpfte. Das Schwimmen erwies sich als anstrengend. Erstaun- lich, was man alles auf einmal konnte, wenn einem das Wasser über die Oberlippe stieg. Der Engel stand am Ufer, als sie herausgeklettert kam. Das Stehen war nicht seine Stärke; dafür waren seine Füße nicht geschaffen. Ihr klauenartiger Bau mit langen, skelettartigen Zehen dienten dem Greifen von Ästen. Robin kroch einen Meter weit auf trockenes Land und fiel dann auf die Seite. »Hier, gib mir das!« sagte der Engel und riß ihr den Beutel aus der Hand. »Für meine Arbeit habe ich etwas verdient; das kannst du nicht bestreiten.« Er öffnete ihn, schnappte, nach Luft und schloß ihn hastig wieder, ließ ihn fallen und wich zurück. »Ich habe es dir gesagt«, keuchte Robin. Der Engel war wütend und ungeduldig. »Na ja, was hast du sonst noch?« »Ein wenig Geld. Du kannst alles haben.« »Damit kann ich nichts anfangen. Die einzige Möglichkeit, es auszugeben, besteht im Tollhaus der Titaniden.« Robin setzte sich auf und strich sich mit den Fingern das nasse Haar aus dem Gesicht. »Du sprichst gut Englisch«, meinte sie. »Was weißt du schon? Es kann nette Dinge sagen, wenn es will.« »Es tut mir leid. Wenn ich deine Gefühle verletzt habe das wollte ich nicht. Ich mußte mich über einen Haufen Dinge sorgen.« »Jetzt nicht mehr.« »Das weiß ich zu würdigen. Du hast mir das Leben geret- tet, und ich bin dir dankbar dafür.« »In Ordnung, in Ordnung. Zufällig habe ich die englische Sprache von meiner Großmutter gelernt, und sie hat mir auch beigebracht, daß nichts umsonst ist. Was hast du au- ßer Geld noch?« Da war ein Ring, ein Geschenk ihrer Mutter. Sie bot ihn dem Engel an. Er streckte die Hand aus und begutachtete ihn mürrisch. »Ich nehme ihn. Was noch?« »Das ist alles. Nur noch die Kleider, die ich anhabe.« »Die nehme ich auch.« »Aber all meine anderen Sachen…« »Sind im Hotel. Es liegt dort drüben. Der Tag ist warm. Genieß den Spaziergang!«, Robin zog sich die Stiefel aus und goß das Wasser aus ih- nen. Das Hemd ging leicht ab, aber die Hosen klebten an ihrer nassen Haut. Er nahm alles, stand dann dort und betrachtete sie. »Wenn du nur wüßtest, wie sehr ich fette Menschenfrau- en liebe.« »Diese kriegst du nicht. Und was meinst du mit fett? Ich bin nicht fett.« Sein Blick erfüllte sich mit Unbehagen, mit einer entschieden neuen Empfindung. Robin besaß nicht mehr körperlichen Anstand als eine Katze. »Du hast zwanzig Prozent Fett, vielleicht mehr. Du wirst davon umhüllt. Alles an dir ist voll davon.« Er seufzte. »Und das sind die verfluchtesten Hautbemalungen, die ich je gesehen habe.« Er machte eine Pause und grinste dann. »Zumindest habe ich dich sehen können. Glückliche Lan- dungen.« Er warf ihr die Kleider wieder zu und sprang in die Luft. Die Kraft seiner Flügel warf Robin auf die Fersen zurück und wirbelte eine erstickende Wolke aus Staub und Blättern auf. Für einen Moment bedeckten die majestätischen Schwingen den Himmel; dann stieg er auf und verschwand, die Silhouette eines Strichmännchens in einem Sturm aus Federn. Robin setzte sich wieder und ergab sich einem bösen Zit- teranfall. Sie warf dem Tragebeutel einen kurzen Blick zu; er wand sich wütend, weil eine zutiefst aufgebrachte Anakonda in Freiheit zu gelangen versuchte. Nasu würde warten müs- sen. Sie würde nicht verhungern, auch dann nicht, wenn der Anfall tagelang dauern sollte. Robin schaffte es, sich umzudrehen, fürchtete, vom Starren in die Sonne blind zu werden, und verlor bald jede Herrschaft über ihren Körper. Der zeitlose Hyperiontag zog vorüber,, während sie im bernsteinfarbenen Sonnenlicht zuckte und hilflos darauf wartete, daß der Engel zurückkäme und sie vergewaltigte. Die Freischaffende Gaby Plauget stand auf dem Felsvorsprung und wartete dar- auf, daß das Geräusch der massiven Diastole nachließ. Ein normaler aglaianischer Ansaugzyklus produzierte ein Ge- räusch wie die Niagara-Fälle, aber heute erinnerte er mehr an Luftblasen, die aus dem Hals einer unter Wasser gehalte- nen Flasche sprudelten. Das Ansaugventil mit dem darinste- ckenden Titanbaum war fast völlig untergetaucht. Dieser Ort wurde als die Drei Grazien bezeichnet. Gaby selbst hatte ihn vor vielen Jahren so genannt. In diesen Ta- gen gaben die wenigen in Gäa lebenden Terraner den Dingen immer noch Namen aus menschlichen Sprachen, wobei sie sich üblicherweise an den früheren Brauch hielten, die grie- chische Mythologie als Quelle zu benutzen. In voller Kenntnis der anderen Bedeutung des Wortes hatte Gaby gelesen, daß die Grazien Aphrodite bei ihrer Toilette assistierten. Sie be- trachtete den Ophion, den kreisförmigen Fluß, als die Toilette Gäas und sich selbst als die Klempnerin. Alles strömte letzt- endlich in den Fluß. Wenn er verstopft war, dann war sie diejenige, die ihn wieder freispülte. »Geben Sie mir eine Rohrzange von der Größe der Pitts-, burgh-Kuppel und einen entsprechenden Ansatzpunkt«, hat- te sie einmal einem interessierten Beobachter gesagt, »und ich werde die Welt trockenlegen.« Da sie kein solches Werk- zeug besaß, war sie dazu gezwungen, mit Methoden aufzu- warten, die weniger direkt waren, aber gleichermaßen gewal- tig. Ihr Aussichtspunkt befand sich auf halber Höhe der nördli- chen Klippe des West Rhea-Canyons. Früher hatte der Canyon ein herausragend seltsames Merkmal aufzuweisen gehabt: der Ophion floß nicht aus ihm heraus in die westlich gelegenen Ebenen, sondern in die andere Richtung. Aglaia war es, die das ermöglicht hatte. Jetzt, wo das Ansaugventil der mächti- gen Flußpumpe beschädigt war, hatte der gesunde Verstand die gäagraphische Laune eingeholt. Das Wasser, das nir- gendwo mehr hinkonnte, hatte den Ophion in einen klaren blauen See verwandelt, der den Canyon ausfüllte und bis zu den Ebenen von Hyperion angestiegen war. Für viele Kilo- meter, weit den gekrümmten Horizont Gäas hinauf, bedeckte eine ruhige Wasserschicht alles außer den höchsten Bäumen. Aglaia hauste wie eine drei Kilometer lange purpurne Wein- traube im sich verengenden Hals des Canyons, ihr unteres Ende im See, das hintere Ende bis zum 700 Meter höher lie- genden Plateau ausgestreckt. Sie und ihre Schwestern Thalia und Euphrosyne waren einzellige Organismen mit Gehirnen von der Größe von Kinderfäusten. Drei Millionen Jahre lang hatten sie geistlos den Ophion umgeben und sein Wasser über den West-Rhea-Kamm gehoben. Ihre Nahrung bezogen sie aus dem Treibgut, das ständig in ihre gewaltigen Schlünde strömte, und sie waren groß genug, alles zu verzehren, was aus Gäa stammte, außer den Titanbäumen. Von den Schwes- tern nahm man, weil sie Teil von Gäas lebendigem Fleisch wa- ren, an, daß sie sich niemals ablösten., Aber dies war das Zeitalter der Dämmerung. Alles konnte geschehen, und tat es gewöhnlich auch. Und das, überlegte Gaby, war der Grund dafür, warum ein Wesen von der Grö- ße Gäas einen Entstörer von der Größe Gabys brauchte. Die Ansaugphase war mittlerweile abgeschlossen. Aglaia war auf maximale Größe angeschwollen. Es würde ein paar Minu- ten dauern, bis sich das Ventil zu schließen begann, als ob Ag- laia in Erwartung ihres stündlichen Ausbruchs den Atem an- hielte. Schweigen verbreitete sich im goldenen Dämmerlicht, und viele Augen richteten sich abwartend auf Gaby. Sie senkte sich auf ein Knie und blickte über die Kante hin- ab. Es sah so aus, als sei nichts weiter zu tun. Die Entschei- dung, wann der Zug zu machen war, hatte sich als schwierig erwiesen. Einerseits würde das sich zusammenziehende Ven- til den Baum fester eingekeilt halten als jemals während der systolischen Phase, andererseits würde jetzt das von Aglaia verschluckte Wasser hervorgestürzt kommen und dabei eine enorme Kraft ausüben, um das Hindernis zu beseitigen. Die Operation hing nicht von einer leichten Berührung ab; Gaby plante, dem Baum den größten Ruck zu versetzen, den sie schaffen konnte, und hoffte auf das Beste. Ihre Mannschaft wartete auf das Signal. Sie stand auf, hielt eine rote Fahne über den Kopf und senkte sie dann hef- tig nach unten. Titanidenhörner erschallten an der nördlichen und der süd- lichen Wand des Canyons. Gaby drehte sich um und kletterte hurtig die zehn Meter Felsflanke hinter sich hinauf, sprang dann auf den Rücken Psalterys, des Chefs ihrer Titaniden- mannschaft. Psaltery stieß sein Messinghorn in den Beutel und fing an, den sich zur Radiostation hinabwindenden Pfad entlangzugaloppieren. Gaby ritt ihn stehend, die nackten Fü- ße auf dem Widerrist, und hielt sich mit den Händen an sei-, nen Schultern fest. Als Schutz für sie diente die Eigenart des titanidischen Laufens, wobei der menschliche Torso vorge- beugt und die Arme nach hinten ausgestreckt waren wie bei einem Kind, das ein Kampfflugzeug imitiert. Sie konnte sich an den Armen festhalten, wenn sie ausrutschte, aber seit vie- len Jahren hatte sie nicht mehr darauf zurückgreifen müssen. Sie erreichten die Station, als der systolische Rücklauf fühl- bar wurde. Das Wasser befand sich zehn Meter unter ihnen und das blockierte Ansaugventil einen halben Kilometer wei- ter oben in der Schlucht; trotzdem regten sich die Titaniden nervös, als der reißende Strom anfing, sich in einer schäu- menden Wölbung in den See zu ergießen, und damit das Wasser zu steigen begann. Wieder baute sich das Geräusch auf, diesmal mit etwas Neuem untermischt. Oben auf dem aglaianischen Plateau bei den Unteren Nebeln, wo das Ausflußventil normalerweise ei- nen Wasserstrom mehrere hundert Meter weit in die Luft sprühen würde, kam nichts heraus außer Gas. Das trockene Ventil erzeugte ein Geräusch, das Gaby auf die Blähungen eines Kontrabasses zurückzuführen geneigt war. »Gäa«, brummte sie. »Der Gott, der furzt.« »Was hast du gesagt?« sang Psaltery. »Nichts. Hast du Kontakt mit der Bombe, Mondoro?« Die für die ätherische Überredung zuständige Titanide blickte auf und nickte. »Soll ich ihr die Anweisung geben, sie hochzujagen, meine Anführerin?« sang Mondoro. »Noch nicht. Und hör auf, mich so zu nennen! Boß ge- nügt.« Gaby blickte über das Wasser hinaus, wo drei Kabel zum Vorschein kamen. Sie folgte ihnen mit den Augen, hielt Ausschau nach dem Ausfransen, das einem Bruch vo- rauszugehen pflegte, und betrachtete dann ihre darüber, schwebende improvisierte Flotte. Nach so vielen Jahren vermochte dieser Anblick sie immer noch mit Ehrfurcht zu erfüllen. Es waren die drei größten Blimps, die sie innerhalb weni- ger Tage hatte zusammentrommeln können. Ihre Namen lauteten Furchtlos, Bombasto und Wegfinder. Jeder der drei war gut tausend Meter lang, und jeder ein alter Freund von Gaby. Die Freundschaft hatte sie auch veranlaßt, herzu- kommen und ihr zu helfen. Die größeren Blimps flogen sel- ten zusammen und zogen es sonst vor, bei ihren Luftfahr- ten eine Staffel von sieben oder acht vergleichsweise winzi- gen Zeppis zur Begleitung zu haben. Aber jetzt waren sie an der Arbeit, eine Troika, wie sie in Gäa noch nicht häufig zu sehen gewesen war. Ihre licht- durchlässigen, gazedünnen Schwanzflächen – jede groß genug, um darauf ein Fußballspiel zu veranstalten – peitschten die Luft mit elefantöser Erhabenheit. Ihre el- lipsoiden Körper aus blauem Perlmutt rempelten, schlit- terten und quietschten aneinander wie eine Sammlung von Rummelplatzballons. Mondoro hielt den Daumen hoch. »Jag sie hoch!« sagte Gaby. Mondoro beugte sich über eine Samenhülse von der Größe einer Beutelmelone, die in einem Gewirr aus Reben und Zweigen nistete, das zwischen ihren Vorderbeinen an- gebracht war. Sie sprach mit leiser Stimme hinein, und Gaby wandte sich erwartungsvoll Aglaia zu. Wenig später hustete Mondoro entschuldigend, und Gaby warf ihr einen finsteren Blick zu. »Sie ist böse auf uns, weil wir sie so lange in der Dunkelheit gelassen haben«, sang Mondoro. Gaby pfiff unmelodisch und klopfte mit dem Fuß, während, sie sich nach einem Standardsender sehnte. »Dann sing ihr was von Licht!« sang sie. »Du bist die Über- rederin; du solltest wissen, wie man mit diesen Kreaturen umgeht.« »Vielleicht eine Hymne an das Feuer…«, grübelte die Titani- din. »Mir ist egal, was du singst«, schrie Gaby. »Nur bring das verdammte Ding endlich zur Explosion!« Sie hatten die Bombe an den Stamm des Titanbaumes ge- bunden. Sie war unter beträchtlichem Risiko dort von Engeln angebracht worden, die während des diastolischen Zyklus in die Pumpe eingeflogen waren, als es noch Luft über den ein- strömenden Wassermassen gegeben hatte. Gaby wünschte sich, sie hätte den Engeln eine Ranzenladung Sprengstoff aus Armee-Überschuß geben können, aber statt dessen hatte sie ihnen einen Apparat geschickt, der aus gäanischen Früchten und Gemüsen gefertigt war. Der Explosivstoff war ein Bündel empfindlicher Nitrowurzeln, der Zünder eine fun- kenproduzierende Pflanze und eine weitere mit Magnesium- kern, fest verbunden mit einem Gehirn, erhalten durch müh- seliges Abkratzen pflanzlichen Materials von einem IC-Blatt, um den Silikonchip mit seinem mikroskopischen Schaltsche- ma freizulegen. Der Chip war programmiert, auf einen Radio- samen zu hören, die launischste Pflanze in ganz Gäa. Es wa- ren Radiosender- und Empfänger-Pflanzen, die Botschaften nur dann sendeten, wenn sie schön formuliert waren, die nur funktionierten, wenn das, was sie hörten, des Wiederholens wert war. Die Titaniden waren Meister des Gesangs. Ihre ganze Spra- che bestand aus Gesang; Musik war für sie so wichtig wie Nahrung. Sie fanden an diesem System nichts komisch. Gaby, die nur bescheidene Sangeskünste ihr eigen nannte und, noch nie einen Samen für etwas hatte interessieren können, das sie sang, haßte diese Wesen. Sie sehnte sich nach einer Zündschnur und ein paar Kilometer wasserdichtem Hoch- geschwindigkeits-Primacord. Über ihr hielten die Blimps die Seile gespannt, aber viel länger würden sie nicht mehr durch- halten. Sie besaßen keine Ausdauer. Sie gehörten trotz ihrer Größe zu den schwächsten Geschöpfen in Gäa. Vier Titaniden hatten sich um den Sender versammelt und sangen in komplizierten Kontrapunkten. Alle paar Takte fügten sie die Folge von fünf Tönen ein, auf die das Zünder- gehirn lauschte. An einem Punkt war der Samen beschwich- tigt und begann zu singen. Es erfolgte eine gedämpfte Explo- sion, die Aglaia erzittern ließ, dann kam ein schwarzes Rauch Wölkchen oben aus ihrem Ansaugventil. Die Spannseile wur- den schlaff. Gaby stand auf den Zehenspitzen und fürchtete zu entde- cken, daß die Sprengung nur die Kabel zerrissen hatte. Aber da kamen Splitter aus der Öffnung gewirbelt, die jeder für sich so groß waren wie ausgewachsene Kiefern, und dann jubelten hinter ihr die Titaniden, als der Stamm des Titan- baumes zum Vorschein kam, umherschlingernd wie ein har- punierter Wal. »Stell sicher, daß er fünf oder zehn Kilometer vom Ansaug- ventil entfernt ist, bevor du ihn birgst!« sang Gaby zu Cla- vier, der mit dem Aufräumen beauftragten Titaniden. »Es wird eine Weile dauern, bis das ganze Wasser herausge- pumpt ist, aber wenn du den Stamm jetzt auf Höhe des Wasserspiegels bringst, wirst du ihn innerhalb weniger Revs oben im Trockenen haben.« »Klare Sache, Chefin«, sang Clavier. Gaby sah zu, wie ihre Mannschaft sich um die aus Titan- stadt geborgte Ausrüstung kümmerte, während Psaltery, sich zu Gabys persönlichem Gepäck begab. Mit den meisten dieser Titaniden hatte sie schon vorher bei anderen Aufgaben zusammengearbeitet. Sie wußten, was sie taten. Möglicher- weise brauchten sie Gaby überhaupt nicht, aber sie bezweifel- te, daß irgendeiner von ihnen die Sache ohne göttlichen Be- fehl in Angriff genommen hätte. Zum Beispiel besaßen sie nicht Gabys Kontakte zu den Blimps. Ihr war jedoch nicht befohlen worden, etwas zu unternehmen. Ihre gesamte Ar- beit wurde unter Vertrag durchgeführt und im voraus bezahlt. In einer Welt, wo jedes Wesen seinen vorgeschriebenen Platz einnahm, bestimmte sie den ihren selbst. Sie drehte sich um, als sie Huf schlage hörte. Psaltery kehrte mit ihren Habseligkeiten zurück. Das war nicht viel: die Sachen, die Gaby ständig brauchte oder genug schätzte, um sie stets bei sich zu tragen, hätte man in einen kleinen Tramperrucksack stopfen können. Den größten Wert maß sie ihrer Freiheit und ihren Freunden zu. Psaltery (Erhöhtes Lydi- sches Trio) Fanfare war von den letzteren einer der besten. Er und Gaby waren seit zehn Jahren gemeinsam unterwegs. »Chefin, dein Telephon hat geklingelt.« Die Ohren der anderen Titaniden richteten sich auf, und selbst Psaltery, der daran gewöhnt war, schien überwältigt zu sein. Er händigte Gaby einen Radiosamen aus, der genauso wie alle anderen aussah. Der Unterschied lag jedoch darin, daß dieser eine Verbindung zu Gäa war. Gaby nahm den Samen und zog sich von der Gruppe zu- rück. Allein in einer kleinen Baumgruppe stehend, sprach sie eine Zeitlang leise. Die Titaniden waren nicht scharf darauf zu hören, was Gäa zu sagen hatte – Nachrichten von den Ta- ten der Götter sind selten gute Nachrichten –, aber sie konnten nicht umhin zu bemerken, daß Gaby noch eine Weile schweigend dastand, als das Gespräch offensichtlich vorbei, war. »Hast du vor, zum Melodienladen hinaufzugehen?« fragte sie Psaltery. »Gewiß. Haben wir es eilig?« »Eigentlich nicht. Seit fast einer Kilorev hat niemand Ro- cky gesehen. Ihre Hoheit möchte, daß wir uns anmelden und sie wissen lassen, daß bald Karneval ist.« Psaltery runzelte die Stirn. »Hat Gäa gesagt, worin das Problem bestehen könnte?« Gaby seufzte. »Ja. Wir sollen versuchen, sie nüchtern zu machen.« Der Melodienladen Titaniden waren ganz furchtbar mit zuviel Kraft ausgestattet. Von allen Wesen in Gäa schienen allein sie für ihren Lebens- raum unpassend entworfen zu sein. Blimps waren genauso, wie sie sein mußten, um zu leben, wo und wie sie es taten. Alles an ihnen war so funktionell wie ihre Angst vor dem Feu- er. Engel waren so dicht am Rande des Möglichen angesie- delt, daß sie Gäa keinen Raum für ihre übliche Verspieltheit gelassen hatten. Sie hatte sie bis auf Toleranzen von Gram- men entwerfen und alles ihrer Flügelspannweite von acht Me- tern unterwerfen müssen wie auch den Muskeln, die diese Flügel betätigten. Der Titanide war offenkundig ein Wesen für das flache Land., Warum war es dann nötig, daß er auf Bäume klettern konnte? Ihre untere Körperpartie war pferdeartig – wenn auch mit paarzehigen Hufen –, und in Gäas geringer Schwerkraft wä- ren sie gut mit Beinen ausgekommen, schlanker als die ir- gendeines Vollbluts. Statt dessen hatte Gäa sie mit den Hin- terhänden von Percheronpferden ausgestattet und den Fes- selgelenken von Clydesdales. Ihre Rücken, Widerriste und Hüften waren schwer mit Muskeln bepackt. Es hatte sich jedoch herausgestellt, daß die Titaniden als einzige der Geschöpfe Gäas der irdischen Schwerkraft wider- stehen konnten. Sie wurden Gäas Botschafter bei der Menschheit. Wenn man bedachte, daß es die Rasse der Titan- iden seit weniger als zwei Jahrhunderten gab, dann wurde klar, daß ihre Kraft kein Zufall war. Gäa hatte vorausgeplant. Für die in Gäa lebenden Menschen sprang dabei ein uner- warteter Gewinnanteil heraus. Die Gangart eines Titaniden hatte nichts von dem Geschüttel an sich, das mit irdischen Pferden verknüpft war. Sie konnten sich in der niedrigen Schwerkraft leicht wie Wolken fortbewegen, wobei ihre Körper durch leichtes Auftreten der Hufe eine konstante Höhe einhielten. In der Tat verlief ein Ritt derart sanft, daß Gaby keine Schwierigkeiten hatte, dabei zu schlafen. Sie ruhte auf Psalterys Rücken und ließ dabei die Beine zu beiden Seiten herabhängen. Während sie schlief, erstieg Psaltery den gewundenen Pfad hinauf ins Asteria-Gebirge. Er war ein stattliches Geschöpf von der nackthäutigen Sorte, und seine Farbe war die von Milchschokolade. Seine dicke Mähne aus orangefarbenem Haar wuchs nicht nur aus der Kopfhaut, sondern auch aus dem Hals und einem Groß- teil des menschenhaften Rückens, und er trug sie in einer Reihe langer Zöpfe, genau wie das Schwanzhaar. Wie bei, allen Angehörigen seiner Rasse schienen sein menschliches Gesicht und der Torso zu einer Frau zu gehören. Er war bartlos und besaß große, weit auseinanderstehende Augen mit schwungvollen Wimpern. Seine Brüste waren groß und kegelförmig. Zwischen den Vorderbeinen trug er jedoch ei- nen Penis, der für viele peinlich berührte Terraner allzu menschlich aussah. Einen weiteren, viel größeren trug er zwischen den Hinterbeinen, und unter seinem lieblichen orangefarbenen Schwanz befand sich eine Vagina. Für Ti- taniden machten jedoch die frontalen Organe den Unter- schied. Psaltery war männlich. Der Weg, dem er durch die Wälder folgte, war mit Reben und jungem Wachstum durchflochten, jedoch wurde gele- gentlich erkennbar, daß er früher einmal breit genug für Wagen gewesen war. Auf manchen Rodungen konnte man zerbrochene Asphaltflecken sehen. Es handelte sich um ei- nen Teil der Circum-Gäa-Landstraße, die vor mehr als sech- zig Jahren unter Gabys Leitung gebaut worden war. Für Psaltery hatte es die Straße schon immer gegeben: nutzlos, selten befahren und langsam zerfallend. Er erreichte die Höhe des aglaianischen Plateaus, die Un- teren Nebel. Bald hatte er sie hinter sich gebracht und trot- tete neben dem Aglaia-See her, in der Ferne Thalia, die durs- tig das Wasser einsaugte. Er stieg zu den Mittleren Nebeln hinauf, dann zu Euphrosyne und den Oberen Nebeln. Der Ophion wurde kurz wieder zu einem Fluß, bevor er in das Doppelpumpensystem strömte, das ihn hinauf zum Mitter- nachtsmeer hob. Vor Erreichen der letzten Pumpen wandte sich Psaltery nach Norden und folgte einem kleinen Bergfluß. Diesen durchquerte er in schäumendem Wasser und begann zu klet-, tern. Inzwischen befand er sich in Rhea, und das schon eine ganze Weile, aber in Gäa waren die Grenzen nicht sehr gut definiert. Die Reise hatte inmitten der Dämmerungszone zwischen Hyperion und Rhea begonnen, diesem dunstigen Bereich zwischen dem andauernden schwachen Tageslicht des einen Gebietes und der ewigen monderleuchteten Nacht des anderen. Nun war Psaltery in die Nacht vorgedrungen, und er hatte sie irgendwo an den mittleren Hängen der Aste- rias erreicht. Die rheanische Nacht lieferte keine Sichtproble- me; das titanidische Nachtsehvermögen war gut, und so nah an der Grenze gab es noch viel Licht, das von den sich hinter ihnen emporkrümmenden Ebenen Hyperions reflektiert wur- de. Psaltery erstieg die steile Bergflanke entlang eines engen, aber gut angelegten Weges. Über eine Folge alpiner Zick- zackwege hinweg brachte er zwei Pässe hinter sich und ge- langte in die tiefen Täler der anderen Seite. Die rheanischen Berge waren steil und felsig, mit Abhängen, die im Schnitt siebzig Grad betrugen. Hohe Bäume gab es nicht mehr, aber das Land war mit Flechten gepolstert, so dick und glatt wie der Bezug eines Billardtisches. Gesprenkelt war dieser Teppich mit breitblättrigen Sträuchern, deren Wurzeln sich in das ge- wachsene Gestein gruben und Pfahlwurzeln ausstreckten, die einen halben Kilometer lang werden konnten, bevor sie den nährenden Körper Gäas erreichten, das wirkliche Skelett der Berge. Bald konnte Psaltery das Leuchtfeuer des Melodienladens zwischen zwei Gipfeln aufflammen sehen. Nach Umrundung einer Biegung bot sich ihm ein Anblick, der sogar in Gäa einzigartig war – in Gäa, die die Erschaffung des Unge- wöhnlichen zu ihrem liebsten Hobby gemacht hatte. Zwischen zwei Gipfeln – jeder so scharf zugespitzt wie, das Matterhorn – erstreckte sich ein schmaler Bergsattel. Oben war er flach, und an beiden Seiten gab es senkrechte Abstürze. Das Plateau wurde Machu Picchu genannt, nach einer ähnlichen Stelle in den Anden, wo die Inkas eine stei- nerne Stadt in den Wolken erbaut hatten. Ein einzelner Strahl des Sonnenlichtes entfernte sich unerklärlicherweise aus dem Strom des Lichtes, das durch das ferne Dach Hype- rions drang. In scharfem Winkel verlief er in die Nacht und übergoß das Plateau mit weichem Gold. Es war, als hätte die Sonne ein Nadelöhr in den schwärzesten aller vorstellbaren Wolken an einem stürmischen Spätnachmittag gefunden. Nur ein Bauwerk erhob sich auf Machu Picchu. Der Melo- dienladen war ein zweistöckiges Holzhaus mit getünchten Wänden und einem Dach aus grünen Schindeln. Auf diese Entfernung sah es wie ein Spielzeug aus. »Wir sind da, Chefin«, sang der Titanide. Gaby setzte sich auf, rieb sich die Augen, drehte sich um und blickte über Ci- roccos Tal hinaus. »›Betrachte meine Werke, du Mächtiger, und verzweif- le‹«, murmelte sie. »Salty, dieses Mädchen sollte sich den Kopf untersuchen lassen. Jemand sollte ihr das beibringen.« »Das hast du schon, als wir letztesmal hier waren«, erin- nerte Psaltery. »Ja, habe ich, nicht wahr?« Gaby zuckte zusammen. Die Erinnerung war immer noch qualvoll. »Würdest du bitte weitergehen?« Die beiden stiegen den Weg zur Landenge hinab, die nach Machu Picchu führte. Eine Hängebrücke aus Seilen und Holzplanken überspannte einen tiefen Abgrund unmittelbar vor dem Plateau. Die Brücke konnte mit ein paar Axthieben entfernt und Ciroccos Bollwerk damit gegen jede Annähe- rung isoliert werden, außer eine durch die Luft., Am anderen Ende der Brücke saß ein junger Mann, der Bergsteigerschuhe und einen Khaki-Anzug trug. Aus seinem düsteren Gesichtsausdruck folgerte Gaby, daß er zur endlo- sen Prozession der Freier gehörte, die sich Jahr für Jahr auf den Weg machten, um den geheimnisvollen und einsamen weiblichen Magier Gäas zu erobern. Wenn sie ankamen, fanden sie heraus, daß dieser bei weitem nicht einsam war – mit bereits drei oder vier Liebhabern in Bereitschaft –, und täuschend leicht zu erobern. In ihr Bett zu gelangen, war nicht schwer, wenn ein Mann sich nichts aus dem Ge- dränge machte. Heile wieder herauszukommen, war schon etwas anderes. Cirocco neigte dazu, Männern die Seele auszusaugen, und wenn ihre Seelen flach genug waren, um getrunken zu werden, benötigte sie sie nicht länger. Sie hatte ihnen allen siebzig Jahre voraus. Allein das machte sie faszinierend, aber fünfundneunzig Jahre sexueller Akti- vität hatten ihr eine außergewöhnliche Geschicklichkeit ver- liehen, weit über die Erfahrungen der Männer hinaus. Sie verliebten sich zigweise in sie, und sie warf sie freundlich wieder hinaus, wenn sie diesbezüglich unangenehm wur- den. Gaby bezeichnete sie als die ›Verlorenen Burschen‹. Sie beäugte diesen einen argwöhnisch, während sie die Brücke überquerte. Es war bekannt geworden, daß sie sprangen. Sie entschied, daß er es wahrscheinlich schaffen würde, wenn es ihm gelang, auf ihre nachdrücklichen Geste in Richtung des zurück nach Titanstadt und zu den Bruchstücken seines früheren Lebens führenden Weges hin zu grinsen. Ein kleines Stück vor der breiten Veranda sprang sie von Psalterys Rücken. Obwohl die Türen des Hauses nur wegen der Titaniden so hoch waren, wagte es doch keiner von ih- nen einzutreten, ohne von Cirocco persönlich aufgefordert, worden zu sein. Gaby nahm die vier Stufen der Freitreppe mit einem leichten Sprung und hatte schon die Hand auf dem Messing-Türgriff, als sie einen Arm bemerkte, der seit- lich von der Hollywoodschaukel herabhing. Zwischen deren Seitenleisten erspähte sie einen nackten Fuß. Alles andere wurde von einer schmutzigen Titaniden-Pferdedecke ver- hüllt, die einem Serape sehr ähnlich sah. Als Gaby die Decke zurückzog, blickte sie in ein Gesicht mit offenem Mund, in das Gesicht von Cirocco Jones, frühe- rer Kapitän des Tiefraumschiffes Ringmeister, jetzt Magier Gäas, Hintermutter der Titaniden, Flügelcommander der Engel, Admiral der Blimpflotte; die legendäre Sirene des Tita- nen. Cirocco war bewußtlos; sie schlief ein dreitägiges Saufge- lage aus. Gabys Gesicht konnte ihren Abscheu nicht verhehlen. Sie schwankte am Rande des Wieder-Umkehrens; dann wurde ihr Ausdruck allmählich weicher. Der Geist der Zuneigung kehrte manchmal zu ihr zurück, wenn Cirocco sich so präsen- tierte. Sie strich der schlafenden Frau das ungekämmte schwarze Haar aus der Stirn und wurde mit einem lauten Schnauben belohnt. Hände griffen ziellos umher, suchten nach der Decke, und dann drehte sich Cirocco um. Gaby trat hinter die Schaukel und packte sie an der Unter- seite. Sie zog sie hoch, und oben knarrten die Ketten, als ihr früherer vorgesetzter Offizier hinausrollte und mit einem Plumps auf der Veranda aufschlug. Der Purpurkarneval, Hyperion wurde von vielen für das lieblichste von Gäas zwölf Gebieten gehalten. Tatsache war jedoch, daß nur we- nige genug gereist waren, um einen auf Informationen be- ruhenden Vergleich anzustellen. Aber Hyperion war ein schönes Land: freundlich, fruchtbar und in einen ewigen idyllischen Nachmittag getaucht. Er enthielt keine gezackten Berge, dafür aber eine Vielzahl von Flüssen. (Hyperion wurde stets mit dem männlichen Pro- nomen gebraucht, obwohl keine von Gäas Regionen männ- lich oder weiblich war. Sie waren nach den Titanen benannt, den ersten Kindern von Uranus und Gäa.) Da war der Ophion, breit und langsam und für den größten Teil seines Verlaufs schlammig. In ihn hinein strömten neun größere Nebenflüsse, die nach den Musen benannt waren. Nach Norden und Süden stieg das Land allmählich an, wie in sämtlichen Regionen Gäas, bis es in drei Kilometer hohen Klippen endete. Oben auf den Klippen lagen relativ schmale Simse, die als das Hochland bekannt waren. Hier konnte man Pflanzen und Tiere finden, die seit den Tagen von Gäas Jugend unverändert geblieben waren. Von dort stieg das Land weiter an, bis es keine felsige Schale mehr tragen konnte. Der nackte Körper Gäas wurde sichtbar, immer noch ansteigend, wurde senkrecht und wölbte sich dann über das darunter liegende Land, schloß es vollständig ein, mit einem lichtdurchlässigen Fenster, das dem Sonnenlicht Zugang gewährte. In dieser Höhe war die Luft nicht kalt, wohl aber die Wände. Wasserdampf sammelte sich dort und gefror zu einem dicken Eisband. Aus dem Eis brachen stän- dig Brocken, die hinunter auf die Hänge der Hochlandberge krachten, schmolzen, in dünnen Wasserfällen hinabrausch- ten und über die hochgetürmten Klippen sprangen und sich dann, ruhiger geworden, in den Flüssen der Musen fortsetz-, ten. Schließlich gelangten sie, wie es alle Dinge taten, in den einenden Strom des Ophion. Die westlichen und die zentralen Bereiche Hyperions waren mit dichtem Wald besetzt. Für einen Teil seines Verlaufs wurde der Ophion eher See als Fluß und streckte einen sumpfigen Finger vom zentralen Kabelendpunkt nach Nordosten aus. Größtenteils jedoch war Hyperion eine Prärie, ein Gebiet sanft gewellter Hügel, mit einem weiten Himmel und etwas, das wie bernsteinfarbene Wogen von Getreide aussah. Es war bekannt als Ebene der Titaniden. Das Getreide wuchs wild, und desgleichen taten es die Titan- iden. Sie beherrschten das Land, ohne es zu unterwerfen, bauten wenig, begnügten sich damit, eine Vielzahl von Tieren zu hüten, die sich in den Boden gruben, um Gäas Milch zu trinken. Für die Titaniden gab es keine ernsthaften Konkurren- ten um dieses Land, und ebenso fehlten die natürlichen Raubtiere. Eine Volkszählung hatte nie stattgefunden, aber 100.000 wäre eine gute Schätzung ihrer Zahl gewesen. Hätte es sich um 200.000 gehandelt, wäre das Land ernsthaft über- füllt gewesen, und eine halbe Million hätte eine Hungersnot bedeutet. Gäa hatte die Titaniden nach menschlicher Vorlage entwor- fen. Sie liebten ihre Kinder, denen das Sprechen und Gehen nicht beigebracht werden mußte, und die deshalb, Kind für Kind, weniger Erziehung benötigten als menschlicher Nach- wuchs. Ein Titanidenkind war nach zwei Erdjahren unabhängig und nach dreien geschlechtsreif. Sobald es das Nest verließ, war der Erzeuger begierig auf ein weiteres. Alle Titaniden konnten Kinder haben. Alle Titaniden wollten Kinder haben, gewöhnlich so viele wie möglich. Die Kindersterblichkeit war niedrig, Krankheiten un- bekannt, die Lebenserwartung groß., Das hätte eine Katastrophe bedeuten können, aber in Wirklichkeit war die titanidische Bevölkerung seit siebzig Jah- ren stabil geblieben, und der Grund dafür war der Purpurkar- neval. Die Flüsse Hyperions – der Ophion und die Musen – teilten das Land in acht Regionen, bekannt als Schlüssel: lockere administrative Bereiche analog zu menschlichen Be- zirken. Die Schlüssel bedeuteten nicht sehr viel. Jeder- mann stand es frei, sich von einem in den anderen zu be- geben, jedoch waren die Titaniden keine großen Reisenden und neigten dazu, in der Region ihrer Geburt zu leben. Die wichtigsten Untergruppen innerhalb der titanidischen Spe- zies waren die Akkorde, die den menschlichen Rassen gli- chen. Wie bei den Menschen konnten sich die titanidischen Akkorde ohne ungünstige Auswirkungen kreuzen, aber – den Menschen unähnlich – es gab keine rassischen Span- nungen. Die vierundneunzig etablierten Akkorde lebten über alle acht Schlüssel Hyperions verteilt Seite an Seite. Der größte Schlüssel wurde begrenzt von den Flüssen Thalia und Melpomene sowie einer südwärts verlaufenden Krümmung des Ophion. Es handelte sich um den E- Schlüssel, und er enthielt Titanstadt und den Ort der Stürme. Im Süden befand sich der d-Moll-Schlüssel, im Westen eis- und fis-Moll. Zwanzig Kilometer nördlich von Titanstadt im E-Schlüssel erhob sich ein einsamer Felsen zwischen dem Sumpf und einer weiten flachen Ebene, von niedrigen Hügeln umringt. Der Felsen wurde Amparito Roca genannt. Er war 700 Meter hoch und etwa so breit, mit steilen Flanken, aber ersteigbar, und er war vor vielen Megarevs während der Ozeanischen Rebellion aus unbekannter Entfernung hierher geworfen worden. Das kraterähnliche Gebiet, das er beherrschte, war entstanden, als Amparito Roca noch eine Strecke weit, hüpfte, bevor er liegenblieb und von da an Grandiose ge- nannt wurde. Einmal alle zehn Kilorevs – 420 Erdentage, ein häufig als Gäanisches Jahr bezeichneter Zeitraum – reisten die Titan- iden aus den Hyperionschlüsseln in geräuschvollen und bunten Karawanen zum Amparito Roca, wobei sie genug Vorräte mitnahmen, um für ein Fest von zwei Hectorev Dauer auszukommen. In Titanstadt wurde dann die Haupt- straße geschlossen, die Titaniden falteten ihre Zelte zu- sammen und überließen die menschlichen Touristen sich selbst. Alle Titaniden machten diese Reise, aber von den Men- schen konnten nur Eingeborene und Pilger das Fest besu- chen. Bei ihm handelte es sich um das größte Ereignis im Leben der Titaniden, ein Ereignis, das Weihnachten, Fastnacht, den fünften Mai und Tet zu einer monströsen Feier kombinierte – als hätten sich alle Völker der Erde versammelt, um eine Wo- che lang zu trinken und zu singen. Es war eine Zeit großen Glücks und bitterer Enttäuschung. Vor zehn Kilorevs begonnene und gehegte Träume konnten beim Purpurkarneval Früchte tragen, wurden jedoch in der größeren Zahl von Fällen zunichte gemacht. Die Massen, die Grandiose am ersten Karnevalstag füllten, wurden immer rasch bis auf wenige ausgesondert, und die Massen, die am letzten Tag wieder davonzogen, waren gebändigter als jene, die mit Gesang und Gelächter angekommen waren. Und doch kam es dabei nie zu Verzweiflung. Man gewann oder verlor; es lag ganz daran, wie Gäa sich drehte. Bei dem Preis, der im Kessel von Grandiose zu gewinnen war, handelte es sich um das Recht, Kinder zu tragen. Der Purpurkarneval begann mit der Wiedergabe eines Mar-, sches durch die Schlüssel E Qualität-Plus Marschkapelle, die 300 Mitglieder stark war. Gespielt wurde »On Parade« von John Philip Sousa. Robin, die auf einem fünfzig Meter hohen Sims an der Flanke des Amparito Roca saß, konnte nicht wis- sen, was sie für Erfahrungen machen würde. Sie lauschte den einleitenden Takten, einem Solo-Trompetenruf von bemer- kenswerter Frische, klammerte sich ans Gestein, als das En- semble fortissimo mit drei Tönen von zunehmender Tiefe ein- fiel, die, kaum gespielt, fast schon verklungen waren, jedoch ein Volumen und eine Klarheit besaßen, die man fast wunder- bar nennen konnte. Die Luft zitterte noch, erstaunt darüber, einen solchen Klang getragen zu haben, während die Trom- pete ihre vorherige ungestüme Äußerung wiederholte, nur um wieder vom Erklingen der massenhaften Blasinstrumente verschluckt zu werden, diesmal im Ernst. Die Qualität-Plus Kapelle hatte noch nie etwas von Unifor- men gehört und auch nichts von Dirigenten. Das erste hätten sie gehaßt, das zweite nicht gebraucht. Bei Orchestermusik, die zur strikten Aufführung niedergeschrieben war, war alles, was die Titaniden benötigten, jemand, der den Niederschlag machte. Alles andere stand implizit auf dem Papier und wur- de genauso gespielt, wie es geschrieben stand, vollkommen vom erstenmal an. Die Titaniden brauchten niemals Proben. Sie entwarfen und bauten ihre eigenen Instrumente, konnten jedes Horn spielen, jede Geige, Trommel und jedes Tastenin- strument, mit dem sie sich ein paar Minuten vertraut ge- macht hatten, und sie bauten nur wenige einander gleichen- de Instrumente. Die Musik bewegte Robin. Sie war eine gewaltige Leistung für die Kapelle, obwohl sie sich dessen nicht bewußt war; Ro- bin hatte Marschmusik nie gemocht, sie stets mit peckischen militaristischen Veranstaltungen verknüpft, mit Soldaten und, Aggression. Die Titaniden zwangen sie, die Fülle dieser Musik als reine, eherne Vitalität zu hören. Sie rieb sich die Gänse- haut auf den Armen und beugte sich vor, hing an jeder Note. Das war eine Art zu feiern, die sie verstehen konnte. Die Luft enthielt ein Versprechen, eine vibrierende Erregung von köstlichem Geschmack. Das hatte sie schon vorher wahrge- nommen, als sie die Staubwolke eingeholt hatte, die von der Titanidenkolonne auf dem Weg zum Karneval aufgewirbelt worden war; und sie hatte es trotz der noch anhaltenden Er- schütterung durch ihren Sturz, durch das Zusammentreffen mit dem Engel und ihre lange Hilflosigkeit auf dem Ufer des Ophion gespürt. Die Titaniden hatten sie ohne Vorbehalt will- kommen geheißen. Irgendwie wußten sie alle, daß sie eine Pilgerin war, obwohl Robin selbst sich bei weitem nicht sicher war, ob sie die Qualifikation für diesen Status besaß. Nichts- destotrotz bedachten die Titaniden sie überschwenglich mit Geschenken in Form von Nahrung, Getränken, Liedern und Blumen. Sie hatten sie auf dem Rücken mitgenommen, wo sie den Platz mit Satteltaschen und Säcken voll Nahrung teil- te, und auf den Wagen, die unter erdrückenden Ladungen knarrten und schwankten. Robin hatte sich die Frage gestellt, was im Namen der Großen Mutter sie nur mitführten, das Wagen mit bis zu zwölf Rädern belastete, gezogen von Ge- spannen mit zwei bis zwanzig Titaniden. Jetzt blickte sie über das Becken von Grandiose hinweg und glaubte es zu wissen. Ein großer Teil der Fracht mußte aus Modeschmuck bestanden haben. Obwohl splitternackt, waren die Titaniden oft so am glitzern wie ein Neon-Kaleidoskop, a- ber es reichte ihnen nie. Selbst in der Stadt und aus keinem besonderen Grund trugen sie im Schnitt ein Kilo aus Span- gen, Perlen, Armbändern und Glöckchen. Wenn sie eine kah- le Haut hatten, bemalten sie sie; wenn eine behaarte, dann, färbten, flochten oder bleichten sie das Haar. Sie durchsta- chen ihre langen Ohren, Nüstern, Brustwarzen, Schamlippen und Vorhäute und trugen darin alles, was glänzte oder miß- tönend klang. Sie bohrten Löcher in ihre adamentenen Hufe – klar und rot wie Rubine – und füllten sie mit Edelsteinen in kontrastierenden Farben aus. Nur selten sah man eine Tita- nide ohne eine frische Blume ins Haar geflochten oder hin- ters Ohr gesteckt. Dies hier diente offensichtlich alles nur zum Aufwärmen. Für den Purpurkarneval warfen die Titaniden jede Zurückhaltung in den Wind und schmückten sich. Die Musik erreichte einen zermalmenden Höhepunkt und verklang, wenn sie auch im Gestein nachhallte. Für Robin schien es, daß es etwas so Lebendigem wie diesem Klang nicht erlaubt sein sollte, zu sterben, und in der Tat, das war es auch nicht. Die Kapelle begann mit »National Emblem« von E. E. Bagley. Von diesem Moment an würde es in der Mu- sik keine Pause mehr geben. Aber während der kurzen Unterbrechung sah Robin, daß jemand sich zu ihr gesellen wollte. Sie empfand Verärgerung über die drohende Störung – sie würde mit dieser Frau in den abgetragenen Lederstiefeln, den grünen Hosen und Hemd sprechen müssen, sobald sie sich zu ernsthaftem Zuhören niedergelassen hatte. Sie erwog zu gehen. Die Frau wählte diesen Augenblick, um heraufzublicken und zu lächeln. Ihre Geste schien zu sagen: »Darf ich mich zu dir gesellen?« Robin nickte. Die Frau war gewiß beweglich genug. Sie sprang die Fels- flanke herauf, für deren Ersteigung Robin zehn Minuten ge- braucht hatte, fast ohne dabei die Hände zu benutzen. »Hallo«, sagte sie, setzte sich neben Robin und ließ die Beine vom Sims herabbaumeln. »Hoffentlich störe ich dich, nicht.« »Ist okay.« Robin beobachtete weiterhin die Kapelle. »Natürlich marschieren sie nicht richtig«, meinte die Frau. »Die Musik erregt sie zu sehr, als daß sie im Schritt bleiben könnten. Wenn Sousa sie sähe, würde er schreien.« »Wer?« Die Frau lachte. »Laß das keine Titanide hören. Neben Sex und gutem Wein gehört John Philip Sousa zu ihrer Hit- liste. Und verdammt will ich sein, wenn sie ihn mir nicht schmackhaft machen, so wie sie ihn spielen.« Robin hätte richtiges Marschieren nicht erkannt, auch wenn sie es gesehen hätte, und nichts war ihr gleichgülti- ger. Das Springen und Tanzen der Titaniden gefiel ihr. Sousa mußte der Mann sein, der den Marsch geschrieben hatte, aber auch das war unwichtig. Die Frau hatte gesagt, daß die Musik ihr ungeachtet ihrer selbst gefiele, und Robin ging es genauso. Sie wandte den Kopf, um den Neuan- kömmling zu betrachten. Erfrischenderweise war die Frau nicht viel größer als Ro- bin; seit ihrer Ankunft in Gäa hatte sie entschieden zu viele Riesen getroffen. Sie sah das Gesicht der anderen im Profil. Es war entspannt und besaß einen merkwürdig unschuldi- gen Ausdruck, der Lügen gestraft wurde durch die Art, wie sie ihren Körper bewegte. Sie mochte nur wenige Jahre älter sein als Robin, aber irgendwie glaubte Robin das nicht. Die hellbraune Farbe ihrer faltenlosen Haut sah nach Sonnen- bräune aus. Wie sie so dasaß, bewegte sie nichts außer den Augen, denen nichts entging. Sie schien wie knochenlos entspannt zu sein; eine Illusion. Die Fremde ließ sich von Robin ausreichend lange studie- ren und wechselte dann mit einer leichten Drehung des Kopfes den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit völlig. Ihre, Augen lächelten, bevor es der Mund tat, aber die sich öff- nenden Lippen offenbarten gleichmäßig weiße Zähne. Sie streckte die Hand aus, und Robin ergriff sie. »Ich bin Gaby Plauget«, sagte sie. »Möge der heilige Strom uns…« Robins Augen weiteten sich. »Sag bloß, daß sie sich im Koven wirklich noch an mich erinnern?« Ihr Grinsen wurde noch breiter, und sie drückte Robins Hand. »Du bist sicher Robin die Neunfingrige. Ich hab dich schon den ganzen Tag gesucht.« Die Verlobte Chris kam mitten in einem Tanz heraus. Auf automatischer Ebene funktionierend bewegte sich sein Körper weiter, wie er sich seit einigen Sekunden bewegt hatte, bevor er ihn zum Stehen bringen konnte, wobei von hinten eine große blaue Titanide gegen ihn stieß. Chris hatte ein Grinsen auf dem Ge- sicht, und er brachte es zum Verschwinden. Jemand packte ihn am Ellbogen, zog ihn aus der Reihe der Tänzer heraus und drehte ihn um, und er stand Gesicht zu Brust vor einer anderen Titanide. »Ich sagte, daß wir jetzt losmüssen, oder es wird zu spät für meine eigene Prüfung sein«, meinte sie und hielt die gro- ße Hand in merkwürdiger Haltung. Als er nichts unternahm, harkte sie mit der anderen Hand durch ihr langes Haar und, seufzte. »Nun, steig auf, Chris! Komm schon!« Etwas veranlaßte ihn, den nackten Fuß zu heben und in die Handfläche der Titanide zu stellen. Nenne man es einen Geis- terreflex, eine Erinnerung seines Körpers an einen erlernten Vorgang, den sein Verstand vergessen hatte. Es war genau das Richtige. Sie hob ihn an; er langte nach ihrer Schulter und fand sich rittlings auf ihrem Rücken. Ihre Haut war haar- los und vorherrschend gelb, jedoch wie eine reife Banane mit kleinen braunen Punkten gesprenkelt. An seinen nackten Bei- nen hatte sie genau die richtige Temperatur und das richtige Gewebe: menschliche Haut über ein andersartiges Skelett ge- spannt. Sie drehte sich an der Taille und beugte sich weit genug nach einer Seite, um einen Arm um seine Schultern zu legen. Ihre großen Mandelaugen glitzerten vor Erregung. Zu seiner Überraschung küßte sie ihn auf die Lippen. Sie war so groß, daß er sich nur noch sechs Jahre alt vorkam. »Für Glück, Schatz! Wir haben jeder den Gefährten und den Modus. Al- les, was wir brauchen, ist Glück, und du bist mein Talis- man.« Sie stieß ein Heulen aus und grub mit den Hinterbei- nen in der Erde, sprang dann in vollem Galopp davon, worauf Chris ihre Taille umklammerte und sich so festhielt. Diese Art Vorfall war für ihn nicht völlig neu. Schon bei anderen Gelegenheiten hatte er beim Gehen das Gedächt- nis wiedererlangt, so daß er glaubte, auf fast alles vorberei- tet zu sein. Auf dies war er nicht vorbereitet. Die ganze Welt war erfüllt mit hellem Sonnenlicht, Staub, Titaniden, Zelten und Musik. Vor allem Musik. Sie durch- querten Wogen davon, trafen dabei auf gewiß alles, was Menschen an Formen erfunden hatten, und die weit größere Anzahl von solchen, die den Titaniden bekannt waren. Das, Ganze hätte akustischen Wahnsinn ergeben sollen, was aber nicht der Fall war. Jede Gruppe war sich der Sachen bewußt, die von angrenzenden Gruppen gemacht wurden. Mit improvisierter Fingerfertigkeit spielten sie voneinander ab, arbeiteten Themen um und warfen sie zur Ausführung zurück, mit neuen Metren und weicher. Chris und die Tita- nide kamen an Familien der Musik vorbei: Ragtime neben Cakewalks, Schulter an Schulter mit Swing und neunzehn Variationen von progressivem Jazz, mit kleinen Einschüben unmenschlicher Fremdheit, entweder ganz leise oder laut hervortrompetet. Zu manchem davon fand Chris keinen Zugang. Besten- falls konnte er der Meinung sein, daß es… ja, daß es inte- ressant sein könnte, wenn Musik so wäre. Für Titaniden wa- ren alle Laute Musik. Die von den Menschen geliebten Sor- ten bildeten nur eine Ecke des Theaters, nur eine Teilmenge der Familie Musik. Eine Sache, die Chris hörte, bestand le- diglich aus angehaltenen Noten in Gruppen zu Dreien oder Vieren, jede ein paar Zyklen von der Tonika entfernt. Die Titaniden schafften es, die sich daraus ergebenden Takt- schläge, die Klangunterschiede und -summen, in etwas zu verwandeln, das aus sich heraus Musik war. Ein Gang durch das Gedränge des Purpurkarneval war eine Reise durch das Innere eines 50.000-kanaligen Soundmixers mit lebendiger Elektronik. Irgendwo klimperte ein Titanidenmeister auf dem gewaltigen Schaltpult, ver- stärkte hier, dämpfte dort, erzeugte eine melodische Linie nur, um sie nach ein paar Sekunden wieder auszublen- den. Dinge wurden in Richtung seiner Gefährtin gesungen. (War es passend, sie als sein Reitpferd zu bezeichnen?) Ge- wöhnlich winkte sie daraufhin und erwiderte ein kurzes, Lied. Dann rief ein Titanide etwas auf Englisch. »Was hast du denn da, Valiha?« »Ein vierblättriges Kleeblatt, hoffe ich«, rief Valiha zurück. »Meine Eintrittskarte zur Mutterschaft.« Es war schön, einen Namen für sie zu haben. Sie schien ihn tatsächlich so gut zu kennen, daß es ihn in Verlegenheit brachte, und sie würde von ihm erwarten, daß er auch sie kannte. Nicht zum erstenmal fragte er sich, was er eigentlich vorgehabt hatte. Ihr Ziel war ein Krater mit erodierten Wänden und mit ei- nem halben Kilometer Durchmesser. Chris suchte nach ei- nem Namen gerade außerhalb seiner Reichweite, und brachte Grandiose hervor. Bedeutungslos, aber er hatte das Gefühl, daß er stimmte, wie es manchmal nach einem Zwischenspiel der Fall war. Auch der Felsen, der sich am Kraterrand erhob, besaß einen Namen, aber der fiel ihm nicht ein. Vom Rand Grandioses konnte er zurück über das Titan- idenlager blicken, ein irrsinniger Lärm, als würden Tausende von Orchestern die Instrumente stimmen, ein Durcheinan- der von Farben, das eine Staubwolke weit im Wind hinter sich herzog. Das Innere des Beckens war eine andere Welt. Dort gab es viele Titaniden, aber sie hatten nichts von der anarchischen Festlichkeit der anderen außerhalb an sich. Grandiose war mit einem Teppich aus kurzem, grünen Gras bedeckt und mit einem Netz aus weißen Linien markiert. Die Titaniden hatten sich zu kleinen Gruppen aufgestellt, keine mit mehr als vieren in einem Karree, wie Jetons in einem Spiel. In manchen Karrees gab es protzige, aber vorübergehend aus- sehende Konstruktionen, die wie Blumenflöße wirkten. An-, dere waren fast kahl. Valiha betrat den Irrgarten, ging in drei Karrees hinein und an sieben vorbei. Dann gesellte sie sich zu zwei anderen Titaniden in einer Gruppe, die ein paar Dinge wie Girlanden aus Stechpalmenzweigen und eine Sammlung polierter Steine enthielt, alles zu einem Muster ausgelegt, das Chris nichts sagte. Sie stellte ihn den anderen vor, und er hörte sich als Long-Odds Major bezeichnet. Was hatte er ihr erzählt? Die beiden Titaniden waren ein Weibchen namens Cymbal (Lydi- sches Trio) Prelude und ein Männchen mit dem unwahr- scheinlichen Namen Hichiriki (Phrygisches Quartett) Madri- gal. Wie Chris erfuhr, gehörte auch Valiha zum Madrigal- Akkord, dessen Mitglieder durch ihre gelbe Haut und das baumwoll-kandisfarbene Haar erkennbar waren. Valihas mittlerer, eingeklammerter Name lautete Äolisches Solo. Er bekam mit, daß der mittlere Name der Titaniden die Zeu- gungsart angab. Darüber hinaus war nur wenig klar. »Und all das…« Chris hoffte, durch die Nichtbeendigung des Satzes seine Unwissenheit über die Dinge zu verber- gen, über die er ihrer Meinung nach Bescheid wußte. Er deutete auf die weißen Linien, die Steine und Blumen. »Welcher Modus, sagtest du, sollte das werden?« »Ein zweifach erniedrigtes Mixolydisches Trio«, sagte sie, und sie war offenkundig nervös genug, um über alles zu schwätzen, egal, ob sie es schon vorher diskutiert hatte. »Das steht da vorne auf der Tafel. Weißt du, der Begriff ist eigentlich nicht exakt – ein zweifach erniedrigtes Mixolydi- sches Trio ist musikalisch bedeutungslos; es handelt sich dabei einfach um eine Reihe englischer Wörter, die wir für die wirklichen Wörter benutzen, die du nicht singen kannst. Oh, ich schätze, ich habe es nicht gesagt, aber dieser Modus bedeutet, daß Cymbal die Vordermutter war und Hichiriki, der Vordervater. Wenn wir ausgesucht werden, wird Cym- bal der Hintervater sein.« »Und du die Hintermutter«, meinte Chris, der sich sicher fühlte. »Richtig. Sie haben das Ei produziert, und Cymbal wird es zur Schwängerung in mich einführen.« »Das Ei.« »Genau hier.« Sie griff in ihren Beutel – wie handlich, eine eingebaute Tasche zu haben, dachte Chris – und warf ihm etwas von der Größe eines Golfballs zu. Er ließ es beinahe fallen, und Valiha lachte. »Es hat keine Schale«, sagte sie. »Aber hast du denn noch keines gesehen?« Sie runzelte leicht die Stirn. Chris hatte keine Vorstellung. Dieses hier war ziemlich hart und offensichtlich solide. Es handelte sich um eine vollkommene Kugel, blaßgold und mit braunen gewunde- nen Linien wie bei Fingerabdrücken. In seinen lichtdurch- lässigen Tiefen waren milchige Stellen, und jemand hatte eine Reihe titanidischer Buchstaben draufgedruckt. Er gab es ihr zurück und betrachtete dann die Tafel, die sie zuvor erwähnt hatte. Sie lag auf dem Boden, eine Me- tallplatte, zehn Zentimeter im Geviert, mit eingravierten Symbolen und Linien: »Das W steht für weiblich«, sagte hinter ihm jemand. Er drehte sich um und sah, daß sich dort zwei menschliche, Frauen unterhielten. Beide waren sie klein und ziemlich hübsch. Die Kleinere hatte ein grünes, starrendes Auge auf die Stirn gemalt, und noch weitere Zeichnungen waren auf ihren Armen und Beinen teilweise sichtbar. Sie sah jung aus. Die andere, dunklere, war die Stimme, die er gehört hatte. Ihr Alter konnte er nicht schätzen, obwohl sie nicht älter aussah als in den mittleren Dreißigern. »Das M bedeutet natürlich männlich. Der Stern rechts steht für das halb-befruchtete Ei, das von der Vordermutter stammt, und der von der Grundreihe nach oben führende Pfeil zeigt die erste Befruchtung. Das Ganze ist ein zweifach erniedrigtes Mixolydisches Trio, was bedeutet, daß die Vor- dermutter auch der Hintervater ist. Mixolydische Ensembles sind die mit zwei teilnehmenden Weibchen, außer für Äoli- sche Duette, bei denen das ganze Ensemble weiblich ist. Alle äolischen Modi sind rein weiblich. Lydische Modi haben ein Weibchen und ein, zwei oder drei Männchen, und der Phrygische Modus, von dem es nur das Quartett gibt, hat drei Weibchen und ein Männchen, den Vordervater.« Chris trat zur Seite, als die kleinere Frau niederkniete, um die Legende auf der Tafel genau in Augenschein zu neh- men. Er wollte herausfinden, wie er in das Bild paßte, und hoffte, es durch Lauschen zu erfahren. Das war eine Taktik, die ihm schon in der Vergangenheit nach Gedächtnislücken geholfen hatte, üblich genug bei Leuten mit mentalen Prob- lemen, deren fast universeller Drang es war, das Ausmaß ihres Zustandes nicht zu offenbaren. Die Frau seufzte, als sie sich wieder aufrichtete. »Ich schätze, mir fehlt immer noch was«, sagte sie mit ei- nem schwachen Akzent, den Chris nicht einordnen konnte. Sie deutete auf Chris, als wäre er eine Statue. »Wie paßt er hinein?«, Die Ältere lachte. »In ein Mixolydisches Trio überhaupt nicht. Es gibt zwei Modi, die Menschen einschließen – den Dorischen und Ionischen –, aber von denen ist heute keiner dabei. Man sieht sie nur selten. Nein, wenn überhaupt et- was, dann ist er ein Teil der Dekorationen, ein Fruchtbar- keitsfetisch, ein Glückstalisman. Titaniden sind beim Karne- val sehr abergläubisch.« Sie hatte ihn angesehen, während sie redete, und jetzt begegneten ihre Augen zum erstenmal den seinen, suchten nach etwas und schienen es nicht zu finden, und dann lä- chelte sie. Sie streckte die Hand aus. »Obwohl ich denke, daß du es eigentlich nicht bist, nicht mehr«, sagte sie. »Ich bin Gaby Plauget. Ich hoffe, ich habe dich nicht gekränkt.« Chris war über die Stärke ihres Händedrucks überrascht. »Ich bin…« »Chris Major.« Sie lachte wieder. Es war ein unschuldiges Lachen, das man unmöglich in den falschen Hals bekommen konnte. »Sowas sollte ich nicht machen. Wahrscheinlich hast du gemerkt, daß ich etwas von dir weiß. Aber begegnet sind wir uns noch nicht.« »Ich habe das Gefühl, daß… egal.« Chris glaubte den Namen von irgendwoher zu kennen, aber sie hatte gesagt, sie seien sich noch nicht begegnet, also ließ er das wieder fallen. Wenn er zuviel Zeit mit dem Versuch verbrachte, sich an die in seinem Kopf vergrabenen schattenhaften Erfah- rungen zu erinnern, würde er nie mit etwas fertig werden. Sie nickte. »Später erzähle ich dir mehr. Ich werde dich herumführen.« Sie wedelte mit den Fingern einer Hand, grinste immer noch, und kehrte zu der anderen Frau zu- rück. »Betrachte die obere Symbolreihe als eine Titanide«, erklärte sie. »Hinterbeine links, Kopf rechts. Die obere Reihe, stellt ein Weibchen dar: Vagina hinten, Penis in der Mitte, eine weitere Vagina zwischen den Vorderbeinen. Die zweite Reihe ist auch ein Weibchen, die dritte ein Männchen. Er- gibt es jetzt einen Sinn? Die obere Reihe ist Vordermutter und Hintervater, die mittlere Reihe die Hintermutter, untere Reihe…« Chris drehte sich um und sah Valiha, die nervös wirkte. »Na ja, was habe ich denn zu dir gesagt?« »Daß du sehr viel Glück gehabt hast, und daß du… Du meinst, es stimmt nicht?« Ihre Augen weiteten sich, und sie legte die Hand an den Mund. »Ich scheine Zeiten zu haben, zu denen das Glück mir hold ist«, sagte er, »obwohl es nicht zuverlässig ist. Und ich erinnere mich nicht mehr daran, wie wir uns begegnet sind, oder worüber wir gesprochen oder was wir zusammen ge- macht haben. Ich weiß nichts mehr von… na ja, das letzte, woran ich mich erinnere, ist eine Unterhaltung mit Gäa in einem großen Raum in der Nabe. Es tut mir leid. Habe ich so etwas wie ein Versprechen gegeben?« Aber Valiha war zu ihren beiden Partnern zurückgekehrt. Sie steckten die Köpfe zusammen und sangen eine süße stöhnende Melodie. Chris bekam mit, daß sie die Sache be- sprachen. Er seufzte und sah sich nach Gaby und ihrer Begleiterin um, aber sie waren weit die Reihe hinunterge- wandert und gingen auf ein großes weißes Zelt zu, das am Rande des Beurteilungsfeldes stand. Valiha bat ihn, in der Nähe zu bleiben für den Fall, daß die Überprüfung stattfinden sollte. Sie wollte wissen, ob er Un- glück brachte, wenn er nicht verrückt war, aber er sagte, daß er nicht daran glaubte. Die drei Titaniden waren eindeutig verwirrt und wußten nicht, was sie tun sollten. Er hielt es für das Beste, sich unter die Menge zu mischen und sie nicht mit, dem zu belasten, was für ihn die schwarze Wolke des Ver- hängnisses zu sein schien, das er mit sich führte. Mit dieser Absicht setzte er sich das Feld hinab in Bewegung, ohne sich zu beeilen, und studierte die Gruppierungen der Titaniden. Sie ergab jetzt mehr Sinn. Jedes Karree enthielt ein En- semble, dessen Zweck darin bestand, zur Fortpflanzung bes- tätigt zu werden. Dafür hatten sie entsprechend geheimen eigenen Regeln Entwürfe geschaffen. Sie gruppierten sich zu zweien, dreien oder vieren, wobei jede Gruppe ein Sonderfall der neunundzwanzig möglichen Modi der Zeugung war und bereits ein halb-befruchtetes Ei hervorgebracht hatte: das erste Statium des sexuellen Menuetts der Titaniden. Während er langsam zwischen den Gruppen einherschlen- derte, fragte sich Chris, wie viele dieser Entwürfe denn letzt- lich zum Ergebnis gelangen durften und wer die Entscheidun- gen fällte. Es erforderte nicht viel Einsicht, um zu erkennen, daß Gäa eine begrenzte Welt war. Er vermutete, daß Gäa durch Industrialisierung dazu gebracht werden konnte, viel mehr fühlende Wesen zu unterhalten, als es der Fall war, aber eine Grenze würde schnell erreicht sein. Daraus folgte, daß nur eine kleine Zahl der ihn umgebenden Gruppen zur Zeu- gung erwählt werden würde. Er machte eine Schätzung, wie wenige es sein würden, und glaubte vorsichtig zu sein, erfuhr aber später, daß er um den Faktor Fünf über das Ziel hi- nausgeschossen war. Ein solcher Wettbewerb erzeugte Spannungen, und Span- nungen führen zu Irrationalität. Wären die Titaniden Men- schen gewesen, dann hätte es beim Karneval viele Kämpfe gegeben, aber die Titaniden kämpften nicht gegeneinander. Die Verlierer zogen sich zurück und weinten im geheimen. Nach einer Zeit des Kummers kamen sie wieder zum Vor- schein, um wild zu trinken und zu tanzen und viel über das, nächstemal zu reden. Aber davor griffen sie nach allem, de- korierten die ihnen zugewiesenen Karrees mit Talismanen, Amuletten und Zaubern und wurden für eine Zeit außer- ordentlich abergläubisch, wie Wettende an Rennbahnen o- der Primitive, im Bewußtsein ihres Status als kleine Ge- schöpfe, die ihr Bestes taten, um Gottes Aufmerksamkeit zu erregen. Die Ausstellungen, die sie schufen, um ihre Entwürfe zu steigern, reichten vom Barocken zum Minimalistischen. Chris sah eine Zweiergruppe, die eine wackelige Pagode gebaut hatte, geschmückt mit zerbrochenem Glas, Blumen, leeren Kannen und schönen Keramiktöpfen. Ein anderes Karree war mit weißen, blutbespritzten Federn ausgelegt. Manche führten Darstellungen oder kurze Sketche vor; an- dere jonglierten mit Messern, während sie auf den Hinter- beinen standen. Es gab auch eine völlig einfache Ausstel- lung, die Chris unwiderstehlich fand, die aus einem abge- wetzten Stein mit dem daraufliegenden Ei bestand, wett- gemacht durch einen Zweig und zwei winzige Blumen. Es gab ein Karree mit einem einzelnen Besetzer. Zuerst dachte Chris, die anderen Mitglieder des Ensembles seien noch nicht angekommen, aber als er die Tafel vor dem Ent- wurf studierte, verwirrte ihn das noch mehr: Entsprechend Gabys Erklärungen repräsentierte jede Rei- he auf der Tafel eine Titanide. Demzufolge schien diese Ta- fel anzugeben, daß dieses Weibchen vorhatte, ihres Kindes Vordervater, Vordermutter, Hintervater und Hintermutter zu sein. Chris betrachtete sie. Sie war ein entzückendes Ge-, schöpf mit schneeweißem Fell, und sie saß da, mit ihrem klaren grünen Ei, das zwischen den knotigen vorderen Knien im Gras lag. Er konnte nicht widerstehen. »Entschuldige. Ich glaube nicht, daß ich verstehe, wie…« Sie lächelte ihn an, aber ihr Blick zeigte Unverständnis. Sie sang ihm ein paar Töne vor, hob beredsam die Schul- tern und schüttelte den Kopf. Er ging weg, immer noch neugierig auf das, was sie vorhatte. Er hatte beabsichtigt, sich davonzustehlen, aber irgendwie war er immer noch da, als der Magier Gäas aus dem Zelt trat und anfing, ihre Überprüfungen vorzunehmen. Zufällig war Chris ganz in der Nähe. Er beschloß, eine Zeitlang zuzuschau- en. Der Magier war eine große Frau, und sie unternahm keinen Versuch, diese Tatsache zu verbergen, ging vielmehr auf- recht, die Schultern zurückgebogen, das Kinn vorgereckt. Ihre Haut war hellbraun, das Haar ein feines Mahagoni, und es flatterte unbekümmert zu beiden Seiten eines Scheitels herab. Ihre Stirn sprang ein bißchen zu stark vor, die Nase war zu lang, und der Unterkiefer zu breit. Eine Filmschönheit war sie nicht, aber es lag eine Kraft in ihren Bewegungen, und es war etwas an ihr, das über eine mehr konventionelle Schönheit hinausging. Sie ging auf den Ballen ihrer nackten Füße, eine Viertel-g-Gangart, die Chris schon vorher gesehen hatte und bei der das Knie nur wenig gebeugt wurde, wäh- rend die Hüften die meiste Arbeit verrichteten. Es war kat- zenhaft und sehr sexy, obwohl es nicht Absicht war, sondern einfach die wirksamste Art und Weise, in Gäa zu gehen. Er folgte ihr eine Zeitlang, während sie an den Reihen von Bewerbern auf und ab ging. Begleitet wurde sie von einem Paar titanidischer Gecken vom Cantata-Clan: hellhäutig und, haarlos, abgesehen von Kopf, Schwanz, Unterarmen und Fesseln, und selbst für Titaniden groß. Einer trug ein Clip- brett, der andere eine goldene Schachtel. Offensichtlich waren sie eineiige Zwillinge. Bekleidet waren sie nur mit goldenen Reifen und Bändern um Arme und Beine. Gäas Magier sah weniger königlich aus. Ihr einziges Kleidungsstück bestand in einer verblaßten, ziegelroten Decke, die sie bis zu den Knien verhüllte und die ein Loch aufwies, durch das sie den Kopf stecken konnte. Ihre Arme waren häufig in den Falten der De- cke verborgen, aber wenn sie zum Vorschein kamen, konnte Chris erkennen, daß sie unter der Decke nichts trug. Sie kümmerte sich nicht um die weißen Linien auf dem Boden, und sie ging von Karree zu Karree, wie es ihr paßte. Ihr ti- tanidisches Gefolge und die kleine Zahl anderer Beobachter hielt sich jedoch an die Wege zwischen den Karrees, und auch Chris tat das. Einer der Cantatas stellte sicher, daß sie jede Gruppe in Augenschein nahm, hakte Karrees auf sei- nem Brett ab und rief sie einmal zurück, als sie auf ein fal- sches Ziel losmarschierte. Sie kannte viele der Titaniden. Oft blieb sie stehen und sang mit ihnen, küßte manche, umarmte andere. Sie ging langsam durch die Gruppen hindurch, nachdem sie zuerst die Tafel gelesen hatte, betrachtete die Titaniden von Kopf bis Fuß, ohne daß ihr Gesicht etwas verriet. Manchmal blieb sie stehen und schien in Gedanken versunken zu sein, be- sprach sich dann mit einem Helfer und ging weiter. Bei manchen Karrees stellte sie einem oder mehreren Kandida- ten Fragen. Auf diese Weise ging sie durch die ganze Versammlung und fing dann wieder von vorne an. Chris begann sich zu langweilen. Es beschloß, Valiha und ihrem Ensemble auf Wiedersehen zu sagen und viel Glück zu wünschen., »Wo warst du?« zischte Valiha. »Ich werde dir wirklich nichts nutzen«, meinte Chris. Er bemerkte, daß das liebliche Titanidenei auf den Hals einer leeren Tequilaflasche zu Valihas Füßen gelegt worden war. Er deutete darauf. »Ich werde keinen größeren Effekt haben als dieser Unsinn.« »Bitte, Chris, laß mir in dieser Sache meinen Willen. Du hast versprochen, daß du es würdest.« Ihre Augen flehten, und er dachte unbehaglich, daß er tatsächlich etwas Derar- tiges versprochen hatte. Er wandte den Blick ab, sah zu- rück und nickte. »Du brauchst nichts anderes zu tun, als am Rand der Linie zu stehen. Du kannst während der Überprüfung nicht in das Karree kommen… schhhh! Ruhe, ihr alle, sie kommt!« Chris drehte sich um, und da war sie, kam hinter ihm die Linie herauf. Sie war dabei, die Reihe gegenüber Valiha zu beurteilen, ging ziemlich rasch und kam nur ein paar Meter entfernt an Chris vorbei. Nach ein paar weiteren Schritten blieb sie stehen, neigte leicht den Kopf, drehte sich dann um und betrachtete ihn mit gesenkter Stirn. Er war verlegen, konnte aber nicht den Blick abwenden. Schließlich hob sich einer ihrer Mundwinkel. »Also bist du wieder bei uns«, sagte sie. »Wir sind uns kurz begegnet, vor etwa einer Dekarev. Ich bin Cirocco. Du kannst mich Rocky nennen.« Sie bot ihm nicht die Hand an, begutachtete ihn aber weiterhin. Mit den Shorts, in denen er wieder zu sich gekommen war, fühlte er sich wie unbeklei- det. Gäas Magier warf einen flüchtigen Blick auf Valiha, dann einen zweiten und fixierte sie dann mit dem Starren, das Chris so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Dann trat sie in das potentielle zweifach erniedrigte Mixolydische Trio., »Du bist Valiha«, sagte Cirocco. Die Titanide reagierte mit einem komischen Knicks. »Ich kenne deine Hintermutter gut.« Sie ging um Valiha herum und rieb mit der Hand über deren glatte gesprenkelte Flanken. Sie nickte Hichiriki und Cymbal zu, beugte sich, um Valihas rechte hintere Fessel zu drücken, machte dann mit dem Streicheln weiter. Sie kam wieder nach vorn, langte hinauf und streichelte Valihas Wange, wonach sie niederkniete und ein Vorderbein der Ti- tanidin mit beiden Händen rieb. Dann drehte sie wieder den Kopf und sagte zu Chris: »Du bist in gute Gesellschaft geraten«, meinte sie. »Valiha ist ein Äolisches Solo. Ich glaube, sie ist das einzige, was ich jemals für diese besondere Madrigal-Samba-Mischung zuge- lassen habe. In weiteren zwei- oder dreihundert Kilorevs könnten ihre Nachkommen einen eigenen Akkord bilden. Was sie hier vorschlägt, ist jedoch gut durchdacht. Eine Konsolidierung anstatt des ziemlich dreisten Locrilydischen Duetts, das sie beim letzten Karneval vorgeschlagen hat. Aber sie ist nur… oh, laß sie fünf Erdjahre alt werden, und schon wollen die Jungen alles selbst machen, nicht wahr, Valiha?« Eine rosa Tönung färbte die gelben Wangen der Titanide, als Cirocco aufstand. Valiha sah weg und wurde noch röter, als Cirocco lachte und ihre Hüfte tätschelte. »Ich hatte erwartet, du würdest diesmal ein Äolisches Solo singen«, neckte Cirocco. Sie blickte kurz zu Chris, der sich bei diesem Gespräch unbehaglich fühlte. Für seinen Geschmack glich das alles zu sehr einer Pferdeschau. Er rechnete damit, daß Cirocco die Lippen der Titanide zurück- schob und die Zähne betrachtete. »›Ein Äolisches Solo singen‹ ist ein titanidischer Euphe- mismus für Dünkel«, erklärte Gäas Magier. »Ein Titaniden-, weibchen kann sich effektiv selbst klonen und in einem alle vier Elternteile für ihren Nachwuchs sein, indem sie frontale und hintere Selbstbefruchtung benutzt. Aber ich lasse nicht zu, daß sie es zu oft tun.« Sie legte die Hände auf die Hüf- ten, langte dann wieder hinauf und rieb mit dem Handrü- cken an der Brust der Titanide herab. »Sind diese Brüste bereit für diese große Verantwortung, mein Kind?« »Das sind sie, Käptn.« »Du hast eine gute Wahl bei den Vordereltern getroffen, Valiha. Deine Hintermutter wäre stolz gewesen.« Sie drehte sich um und hob das Ei von seinem Glassockel. Es wurde sehr still, als die Zauberin die Kugel hoch ins Licht hielt und dann an ihre Lippen führte. Sie küßte es, öffnete den Mund und steckte es vorsichtig hinein. Als sie es wieder heraus- nahm, veränderte es bereits die Farbe und wurde innerhalb weniger Sekunden so klar wie Glas. Valiha war jetzt die ein- zige, die sich bewegte, und sie spreizte die Hinterbeine, hob den Schwanz und beugte den Rumpf nach vorn. Das rosa Haar fiel ihr übers Gesicht, und sie wartete. Chris er- lebte eine momentane Wiederkehr des Gedächtnisses: er war dabei, während zwei Titaniden mit vorderem Ge- schlechtsverkehr beschäftigt waren – etwas, was sie wäh- rend des Karnevals oft und mit großem Appetit taten. Was Valiha eingenommen hatte, war die weibliche Haltung, die Bereitschaft, durch den Titaniden bestiegen zu werden, der die männliche Rolle übernahm. Die Zauberin trat hinter Va- liha, die vor Erwartung zitterte. Chris zuckte zusammen und wandte sich ab. Ciroccos Arm verschwand bis über den Ellbogen. Als er wieder zum Vorschein kam, hielt sie das Ei nicht mehr in der Hand. »Empfindlich?« Cirocco benutzte ein Handtuch, um sich den Arm abzutrocknen, und warf es dann einem wartenden, Helfer zu. »Rancher machen sowas oft.« »Ja, aber diese… nun, sie sind denkende Wesen. Es kam mir einfach unwürdig vor. Vielleicht sollte ich das nicht sa- gen.« Cirocco zuckte die Achseln. »Sag, was dir gefällt. Sie ken- nen es nur so. Sie halten unsere Ehegebräuche für ziemlich langweilig, und vielleicht haben sie nicht ganz unrecht.« Sie betrachtete ihn mit verengten Augen. »Sag mal, spielst du mit Valiha Murmeln?« »Ich weiß nicht, was du meinst.« Während er das sagte, litt er an dem unbehaglichen Gefühl, daß er vielleicht doch wußte, was sie meinte. »Egal. Auf jeden Fall scheint sie eine Freundin zu sein.« »Es scheint so. Ich erinnere mich nicht wirklich.« Er blickte Cirocco über die Schulter und konnte gerade noch sehen, wie die drei Titaniden den Kraterwall erklommen, während sie davonrasten, um das Ensemble zu vollziehen. »Muß schwierig sein. Ich verstehe, warum du herkamst. Na ja, auf jedenfall solltest du dort bei der Feier dabeisein. Wenn sie weniger aufgeregt gewesen wäre, hätte sie dich reiten lassen.« Sie sang etwas zu einem der Titaniden, der die Hand in einer vertrauten Haltung ausstreckte. »Das ist Harfe vom Cantata-Akkord. Er spricht kein Eng- lisch, aber er wird dich innerhalb weniger Revs zur Party und wieder zurück bringen. Nüchtern, hoffe ich. Komm dann zu mir in das Zelt da drüben! Wir müssen uns über einige Dinge unterhalten.« Gastfreundschaft, Es war kühl und düster im Karnevalszelt von Gäas Magier. Seine Spitze war schwer und undurchsichtig, während die Seitenwände aus weißer Seide bestanden, geschlitzt, um dem Wind Zugang zu gewähren. Darüber bewegte sich ein Stoffbaldachin langsam hin und her von dem herabhängen- den Schleier und Tücher wehten, die die Firststange schmückten. Gaby, Robin, Psaltery und Chris saßen auf gewaltigen Kissen und warteten auf Gäas Magier. Die Titaniden liebten es, während der Karnevalszeit das Quartier des Magiers prächtig zu gestalten. Lage auf Lage handgewebter Teppiche bedeckte den Boden, beherrscht von einem, der das Bild des großen Sechs-Speichen-Rades trug. Zwei Wände waren mit Kissen zugehäuft. Eine dritte stellte den Schneethron zur Schau. Er bestand aus zwanzig Kilo durchsichtiger Rebenblätterbeutel mit Hochland- Seelenpulver, dem besten Kokain des Universums und Gä- as Haupt-Exportartikel. Die Titaniden bauten den Thorn zu jedem Karneval neu und stapelten die kristallinen Behälter wie Ballastsäcke auf einem Anlegeplatz. Davor standen zwei niedrige, mit feinster titanidischer Speise überhäufte Tische. Das Essen war entweder damp- fend heiß oder lag in schwitzenden Silberschüsseln auf ge- körntem Eis. Ständig kamen und gingen Titaniden, entfern- ten kaltgewordene Speisen und ersetzten sie durch frische Leckereien. »Ihr solltet etwas von diesem Zeug versuchen«, schlug Gaby vor. Sie sah, wie Chris’ Kopf hochfuhr, und lächelte. So ging es Neuankömmlingen in Hyperion. Das Licht ver- änderte sich nie, und Leute blieben vierzig oder fünfzig Stunden lang wach, ohne es zu merken. Sie fragte sich, zu wieviel Schlaf das arme Kind seit dem Beginn des Karnevals gekommen war. Sie erinnerte sich an ihre eigenen frühen, Tage in Gäa, als sie und Cirocco marschiert waren, bis sie buchstäblich umfielen. Das war lange her, und der Gedanke veranlaßte sie, sich sehr alt zu fühlen. Jetzt fragte sie sich, ob sie jemals jung gewesen war. Einst war sie es, an den Ufern des Mississippi in der Nähe von New Orleans. Dort hatte es ein altes Haus gegeben mit einer staubigen Mansarde, wo sie sich jede Nacht zu ver- stecken pflegte bei dem Versuch, den Schreien ihrer Mutter zu entrinnen. Ein Giebelfenster gab es dort, das sie öffnen konnte, um frische Luft hereinzulassen. Bei offenem Fenster verdrängten die Sirenen der Schlepper fast die Geräusche von unten, und sie konnte die Sterne sehen. Später, als ihre Mutter tot war und ihr Vater im Gefäng- nis, nahmen ihre Tante und ihr Onkel sie mit nach Kalifor- nien. In den Rockies sah sie zum erstenmal die Milchstraße. Die Astronomie wurde für sie zur Besessenheit. Sie las jedes Buch, das sie finden konnte, trampte zum Mount Wilson und lernte – dem kalifornischen Schulsystem zum Trotz Mathematik. Um andere Leute kümmerte sie sich nicht. Als ihre Tante wegging, nahm sie die eigenen vier Kinder mit, aber Gaby nicht. Ihr Onkel wollte sie nicht, also ging sie mit den Frauen von der Fürsorge, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Als sie vierzehn war, fiel es ihr leicht, mit einem Jungen ins Bett zu gehen, weil er ein Teleskop besaß. Als er es verkauf- te, traf sie ihn nie wieder. Sex langweilte sie. Sie wuchs zu einer ruhigen und schönen jungen Frau heran. Die Schönheit war ein Ärgernis wie Smog und Ar- mut, aber es gab Möglichkeiten, mit allen drei Dingen fertig- zuwerden. Sie entdeckte einen finsteren Gesichtsausdruck, der die Jungen davon abhielt, sie zu belästigen. In den Ber- gen gab es keinen Smog, also lernte sie es, mit einem Tele-, skop auf dem Rücken zu wandern. Cal Tech würde einen mittellosen Studenten akzeptieren, sogar einen weiblichen, wenn sie wirklich die beste war, die es gab; desgleichen würden es die Sorbonne, Mount Palomar, Zelenchukskaya und Kopernikus. Gaby reiste nicht gern. Trotzdem flog sie zum Mond, weil die Aussicht gut war. Als sie die Pläne der Teleskope sah, die zum Saturn gebracht werden sollten, wußte sie, daß sie diejenige sein mußte, die mit ihnen um- ging. Aber beim Saturn war Gäa und die Katastrophe. Sechs Monate lang wechselte die Besatzung der Ringmeis- ter zwischen Schlaf und totalem Wahrnehmungsentzug im schwarzen Bauch von Okeanos, Gäas Emporkömmling und Lokalgottheit. Für Gaby waren es zwanzig Jahre, von denen sie jede Sekunde lebte. Das war reichlich Zeit, über ein Le- ben nachzudenken und zu finden, daß es unzulänglich war. Es war Zeit zu erkennen, daß sie nicht einen einzigen Freund hatte, daß es niemanden gab, den sie liebte, und niemanden, der sie liebte. Und daß das eine Rolle spielte. Das war vor fünfundsiebzig Jahren gewesen. Seitdem hatte sie nicht einen Stern gesehen und das niemals als Mangel empfunden. Was braucht man die Sterne, wenn man Freunde hat? »Was war das?« fragte Robin. »Tut mir leid. Ich bin nur über die Abgründe meines Geis- tes gesprungen. Wir alten Leute machen das.« Robin widmete ihr einen gereizten Blick, und Gaby grinste. Sie mochte Robin. Selten war sie jemandem mit solch stu- rem Stolz und so vielen scharfen Kanten begegnet. Sie war fremder als ein Titanide, wußte wenig von dem, was ge- meinhin »menschliche« Kultur genannt wurde, war sich ih- rer Unwissenheit bewußt und vermischte blinden Chauvi- nismus mit dem Eifer, mehr darüber zu erfahren. Mit ihr zu, reden, war eine kitzlige Angelegenheit. Sie gab eine zwei- felhafte Gefährtin ab, bis man ihr Vertrauen erworben hat- te. Gaby mochte auch Chris, aber wenn es ihr Drang war, Robin vor sich selbst zu schützen, so wollte sie Chris vor der verrückten Außenwelt schützen. Diese konnte für ihn nicht viel Sinn haben, und doch kämpfte er sich lahm weiter, seine Weltsicht verzerrt durch eine lebenslange Vorherr- schaft übelwollender Geister, die mit seiner Stimme spra- chen, mit seinen Augen sahen und manchmal mit seinen Händen griffen. Emotionelle Beteiligung konnte er sich nicht mehr leisten, denn eines seiner alter egos würde ihn rasch genug verraten. Wer würde ihm noch trauen, wenn er einmal die großen und kleinen Geheimnisse der Liebe of- fenbart hatte? Chris bemerkte, daß Gaby ihn ansah, und lächelte unsi- cher. Sein glattes braunes Haar neigte dazu, über das linke Auge zu fallen, und veranlaßte ihn, es mit dem Kopf zu- rückzuwerfen. Er war ein großer Mann, einsfünfundachtzig oder -neunzig, von mittlerem Körperbau und mit einem eckigen Gesicht, das brutal gewirkt hätte ohne den Aus- druck der Qual um die Augen. Den ersten Eindruck der Härte vermittelten seine leicht abgeflachte Nase und die schwere Stirn. Auch sein Körper hätte kraftvoll aussehen können, und doch wirkte er so kläglich, wie er dort saß in den knappen Shorts und der so blassen Haut, daß man ihn unmöglich als bedrohlich einschätzen konnte. Seine Arme und Beine wa- ren stark, und er hatte breite Schultern, aber gleicherma- ßen zuviel Fett um die Taille. Er war nicht zu haarig, was Gabys Geschmack entsprach. Alles in allem konnte Gaby verstehen, warum Valiha ihn, anziehend fand. Sie fragte sich, ob Chris bereits wußte, daß sie es tat. Cirocco fegte herein, gefolgt von ihrem ebenbildlichen Titan- idenpaar. Sie sah sich um, wischte sich das Gesicht mit ei- nem feuchten Handtuch ab und begab sich in eine Ecke des Zeltes. »Wo steckt Valiha?« fragte sie. »Und sollte nicht ein Titani- de für Robin hier sein?« Sie glitt aus ihrem Serape und trat hinter eine schulterhohe Stofftrennwand. Aus einer über ihr hängenden Düse begann Wasser zu sprühen. Sie hielt das Gesicht hinein und schüttelte den Kopf. »Wenn ihr mich nur für einen Moment entschuldigen wollt, Leute. Es ist so verdammt heiß da draußen.« »Valiha ist noch bei ihrer Gruppe«, meldete sich Chris. »Du hast mir nicht gesagt, daß ich sie mitbringen sollte.« »Du fängst hier zu schnell an, Rocky«, protestierte Gaby. »Warum beginnst du nicht am Anfang?« »Tut mir leid«, sagte sie. »Du hast recht. Robin, wir sind uns noch nicht begegnet. Chris, dich habe ich getroffen, aber du erinnerst dich nicht daran. Die Sache ist die, Gäa hat Gaby berichtet, daß ihr zwei auf dem Weg nach unten wart…« »Auf dem Weg nach unten?« quietschte Robin. »Sie hat mich fallengelassen.« »Ich weiß, ich weiß«, sagte Cirocco besänftigend. »Glaub mir, ich verabscheue das. Ich habe jede Möglichkeit des Pro- testes genutzt, die mir zur Verfügung steht, aber es hat zu nichts Gutem geführt. Vergiß nicht, ich arbeite für sie, und nicht umgekehrt.« Sie betrachtete Gaby ausdruckslos, hielt den Blick für einen Moment lang auf sie gerichtet, und fuhr dann fort, sich einzuseifen., »Jedenfalls wußten wir, daß ihr unterwegs wart, und wir wußten, daß ihr es wahrscheinlich beide schaffen würdet. Merkwürdig genug schaffen es die meisten Pilger. So etwa die einzige Methode, um beim Großen Sturz ums Leben zu kommen, ist, in Panik zu geraten. Manche Leute…« »Man könnte ertrinken«, versetzte Robin finster. »Was soll ich sagen?« fragte Cirocco. »Offensichtlich ist es gefährlich und verabscheuungswürdig. Muß ich mich noch mehr für etwas entschuldigen, woran ich nicht beteiligt war?« Sie betrachtete Robin, die nichts sagte, aber schließ- lich den Kopf schüttelte. »Was ich gerade sagen wollte, manche Leute kämpfen ge- gen die Engel, die ihnen zu helfen versuchen, und mehr können die Engel nicht tun. Also besteht Gäas Absicht darin – wie sie es mir gegenüber ausgedrückt hat, wohlgemerkt; nicht, daß ich es verteidigen möchte –, einem beizubringen, daß man in einer Krise sicher reagiert. Wenn man in Panik gerät, wird man niemals ein Held. Zumindest geht ihr Ge- dankengang dahin.« Chris’ Ausdruck war zunehmend verwirrter geworden. »Wenn all das mir irgend etwas sagen soll, dann fürchte ich, daß mir der entscheidende Teil fehlt.« »Der Große Sturz«, erklärte Gaby. »Wahrscheinlich ist es gut so, daß du dich nicht erinnerst. Gäa läßt Pilger aus ei- nem fehlerhaften Aufzug fallen, wenn sie mit ihr gespro- chen haben. Sie fallen die ganze Strecke durch die Speiche bis in den Toms.« »Erinnerst du dich immer noch an nichts?« wollte Cirocco wissen. Der Wasserstrom hörte auf, und einer der Titaniden reichte ihr ein Handtuch. »Nichts. Von dem Zeitpunkt an, wo ich sie verließ, bis vor kurzem ist alles leer.«, »Das wäre sogar ohne deinen Zustand verständlich«, meinte Cirocco. »Aber ich habe mit einem der Engel gespro- chen.« Sie warf Robin einen flüchtigen Blick zu. »Es war der alte Fette Fred.« Gaby lachte. »Ist der immer noch dabei?« Sie sah Robins Funkeln und versuchte, ihr Lächeln zu unterdrücken, hatte aber keinen Erfolg dabei. »Ist er, und immer noch hinter menschlichen Frauen her. Er hat mir erzählt, er hätte zwei Wildkatzen getroffen. Eine arbeitete schließlich mit ihm zusammen, und er setzte sie in den Ophion. Der andere war einfach nur verrückt. Er konnte sich ihm überhaupt nicht nähern, flog aber hinterher und dachte, der Mann würde wieder zur Vernunft kommen, wenn der Boden näherkam. Stellt euch seine Überraschung vor, als der Bursche mitten auf dem Rücken eines Blimps landete.« »Wer war es?« fragte Gaby. »Der Blimp, meine ich.« »Fred sagte, es wäre Furchtlos gewesen.« Gaby wirkte überrascht. »Das muß gewesen sein, kurz nachdem er und zwei andere mir geholfen haben, Aglaia von einem Hindernis zu befreien.« »Ohne Zweifel.« Cirocco machte eine Pause beim Ab- trocknen, um Chris, der schnell wegsah, einen forschenden Blick zuzuwerfen. Sie trat unter der Dusche hervor und hüllte sich in ein weißes Gewand, das einer der Titaniden hielt. Sie wickelte es um sich und setzte sich mit gekreuzten Beinen vor den drei Menschen und dem Titaniden auf den Boden. Ihr Diener kniete hinter ihr nieder und fing an, ihr nasses Haar zu bürsten. »Ich mache mir über Glück Gedanken«, sagte sie. »Gäa hat mir natürlich von deinem Zustand berichtet und dabei auch Glück erwähnt. Offen gesagt weigere ich mich zu, glauben, daß jemand so viel Glück haben könnte. Es läuft allem zuwider, was ich gelernt habe. Natürlich ist das meis- te davon seit siebzig Jahren überholt.« »Man hält es für ziemlich erwiesen«, sagte Chris. »Nach dem, was ich gehört habe, denken die meisten Leute, daß die Psi-Kräfte niemals so viel ausmachen werden. Sie haben Gleichungen, die beschreiben, was passiert, aber ich be- haupte nicht, sie zu verstehen. Die Partikeltheorie des freien Willens, die Schichten der Realität… ich habe einen Artikel darüber gelesen.« »Hier draußen bekommen wir keine Zeitungen.« Cirocco blickte finster auf ihre Hände. »Mir gefällt es nicht. Hat es noch nie.« »Einstein mochte die Quantenmechanik auch nicht«, sagte Gaby. »Du hast recht«, seufzte Cirocco. »Aber ich bin immer ü- berrascht, wie sich die Dinge entwickeln. Zu meiner Zeit war man sich ziemlich sicher, daß der genetische Kode in wenigen Jahren geknackt sein würde. Wir standen im Beg- riff, alle körperlichen Krankheiten und genetischen Mißbil- dungen auszulöschen. Und niemand hat damit gerechnet, daß wir in kurzer Zeit die psychologischen Probleme würden lösen können. Und genau das Gegenteil passierte. Ein paar Dinge erwiesen sich als verteufelt viel schwieriger, als sich irgend jemand das vorgestellt hatte, und es gab Durchbrü- che in Bereichen, wo sie niemand erwartet hatte. Wer will sowas abschätzen? Wie dem auch sei, wir sprachen über Glück.« »Ich weiß nicht, was das ist«, warf Chris ein. »Aber manchmal scheine ich mehr davon zu haben.« »Es gefällt mir nicht, an die Implikationen zu denken, wenn es stimmt, daß Glück dich zur Landung auf Furchtlos’, Rücken geführt hat«, sagte Cirocco. »Es hängt davon ab, wieweit man seine Überlegungen führt, aber man könnte sagen, daß ein Titanbaum losgerissen wurde und die Ag- laia-Pumpe verstopfte, damit Gaby Furchtlos in dieses Ge- biet rief und du deshalb auf seinem Rücken landen konntest. Aber ich weigere mich zu glauben, daß das Universum so deterministisch ist!« Gaby schnaubte. »Mir geht es genau- so, aber ich glaube an Glück. Komm schon, Rocky! Warum solltest du Einwände dagegen haben, daß ein Puppenspieler an ein paar von deinen Fäden zieht? Weißt du immer noch nicht, wie sich das anfühlt?« Cirocco widmete Gaby ein mörderisches Funkeln, aber für einen Moment hatten ihre Augen einen gehetzten Blick gezeigt. »Okay«, sagte Gaby und streckte die Hände aus. »Es tut mir leid. Wir wollen nicht darauf abfahren, in Ordnung?« Cirocco entspannte sich rasch genug und nickte fast un- merklich. Sie brütete einen Augenblick lang und hob dann wieder den Blick. »Ich vergesse meine Manieren«, sagte sie. »Hornpipe, frag diese Leute, was sie gern trinken möchten, und bring ein paar von diesen Tabletts herüber, wo jeder danach lan- gen kann!« Gaby hieß die Pause willkommen. Das letzte, was sie wollte, war, mit Cirocco in einen Kampf zu geraten. Sie stand auf und half Hornpipe mit dem Essen, stellte Psaltery Robin und Chris vor und Cirocco Robin. Es gab höfliche Be- merkungen über das Essen und die Getränke, und kleine Witze und heitere Bemerkungen wurden ausgetauscht. Sie brachte alle auf einmal zum Lachen mit einer Geschichte von ihrer ersten Bekanntschaft mit einer titanidischen Sup- pe, deren Hauptzutat aus in Salzwasser marinierten leben-, digen Würmern bestand. Nach fünfzehn Minuten und mit etwas Alkoholähnlichem in sich schienen alle entspannter zu sein. »Wie ich schon sagte«, fuhr Cirocco schließlich fort, »hör- ten wir davon, daß ihr herunterkommen würdet. Ich weiß nicht, wie eure Pläne aussehen, aber ich schätze, wenn ihr wieder abfliegen wolltet, hättet ihr das mittlerweile schon getan. Wie steht es damit? Chris?« »Ich weiß nicht. Ich hatte wirklich überhaupt noch keine Zeit, um Pläne zu machen. Es scheint erst ein paar Stun- den her zu sein, daß Gäa mir sagte, was ich zu tun ha- be.« »Und dich vollständig durcheinanderbrachte, kann ich mir vorstellen.« Er lächelte. »Das ist eine passende Be- schreibung. Ich schätze, ich werde hierbleiben, aber ich weiß nicht, was ich machen werde, solange ich hier bin.« »Darin liegt das Wesen der Probe«, sagte Cirocco. »Du wirst nie etwas wissen, bis du ihr gegenüberstehst. Alles, was du tun kannst, ist, dich auf die Suche zu machen. Darum bezeichnen wir dich als Pilger. Wie steht es mit dir, Robin?« Robin blickte auf ihre Hände hinab und sagte eine Zeitlang nichts, sah dann auf und hielt den Blick auf Cirocco gerich- tet. »Ich weiß nicht, ob ich dir von meinen Plänen erzählen sollte. Ich weiß nicht, ob ich dir vertrauen kann.« »Das ist auf jeden Fall direkt«, meinte Cirocco lächelnd. »Sie muß diesen Groll mit Gäa beilegen«, erklärte Gaby. »Sie hat auch mir eine Zeitlang nicht getraut. Vielleicht tut sie es immer noch nicht.« »Ich werde sie umbringen«, sagte Robin mit tödlicher Ruhe. »Sie hat versucht, mich zu töten, und ich habe ge-, schworen, daß ich sie kriege. Du kannst mich nicht aufhal- ten.« Cirocco lachte. »Dich aufhalten? Ich glaube nicht, daß ich dafür gebraucht werde. Hast du ein paar Atomwaffen mit- gebracht?« Sie blickte kurz zu der 45er an Robins Hüfte. »Ist das Ding geladen?« »Was nützt eine ungeladene Pistole?« fragte Robin in ehrli- cher Verblüffung. »Da hast du recht. Jedenfalls kannst du über eine Sache beruhigt sein. Ich bin nicht Gäas Leibwächterin. Sie hat ge- nug Augen und Ohren dafür, ohne auf mich angewiesen zu sein. Ich würde ihr nicht einmal erzählen, daß du hinter ihr her bist. Das geht mich nichts an.« Robin dachte darüber nach. »In Ordnung. Ich habe vor zu bleiben. Und in Kürze werde ich damit anfangen, eine Spei- che hinaufzuklettern, und wenn ich oben ankomme, werde ich sie töten.« Cirocco betrachtete Gaby, und ihre Augen schienen zu sagen: wo hast du die denn her? Gaby zuckte die Achseln und lächelte. »Na ja… ah… okay. Ich glaube nicht, daß ich dazu noch viel sagen kann.« »Warum redest du nicht weiter, Rocky? Vielleicht hat sie immer noch Interesse?« »Das glaube ich nicht«, sagte Robin und stand auf. »Ich weiß nicht, was du vorschlagen willst, aber wenn es etwas damit zu tun hat, hinauszuziehen und Heldenmut zu be- weisen…« – sie schien spucken zu wollen, fand aber keine Stelle, die nicht mit Teppich bedeckt war –, »… kannst du nicht auf mich zählen. Bei so einem Spiel mache ich nicht mit. Ich habe eine Rechnung zu begleichen, und ich habe vor, mich darum zu kümmern und dann hier rauszukom- men, wenn ich noch am Leben bin.«, »Also willst du die Speiche hinaufklettern.« »Das ist richtig.« Cirocco wandte sich wieder Gaby zu, und Gaby verstand den Blick. Das war deine Idee, sagte sie. Mach du von hier weiter, wenn du sie dabei haben willst. »Hör mal, Robin!« sagte Gaby. »Deine Absicht ist es na- türlich, wieder in die Nabe zu kommen, aber da du bereits eine freie Fahrt hattest, würde der Aufzug für dich nicht mehr funktionieren. Die Chance ist etwa eins zu dreißig, daß du lebendig oben ankommst. Eigentlich weniger, da du allein sein wirst. Cirocco und ich haben es geschafft, aber wir hatten verdammt viel Glück.« »Das weiß ich alles«, begann Robin, und Gaby fuhr eilig fort: »Was ich sagen möchte, ist, daß unser Vorschlag dich si- cherer und schneller nach oben führen könnte. Ich bitte dich nicht, Gäas Spiel zu spielen; ich bin selbst strikt dagegen. Ich denke, es… na ja, kümmere dich nicht um das, was ich denke. Aber überleg dir Folgendes: Sie fordert nicht von dir, jemandem wehzutun oder irgend etwas Unehrenhaftes zu unternehmen. Sie hat vorgeschlagen, daß du dich an eine Reise rund um den Torus machst. Das ist auch unser Vor- schlag.« »Da sind einige Dinge, um die ich mich kümmern muß«, sagte Cirocco. »Richtig. Wir gehen zufällig in dieselbe Richtung, und Gäa hatte uns informiert, daß du und Chris hierher unter- wegs wart. Rocky und ich haben sowas schon früher mit an- deren Pilgern gemacht, sowohl zusammen als auch getrennt. Wir versuchen, sie vor Schwierigkeiten zu bewahren, bis sie gelernt haben, ihren Weg zu finden. Was ich sage, ist, daß ihr mit uns kommen könntet. Du, würdest einige Dinge lernen, die dir vielleicht hilfreich sind, wenn du dann immer noch entschlossen bist, den Aufstieg zu wagen. Ich behaupte nicht, daß es nicht gefährlich sein wird. Verlasse Hyperion, und alles in Gäa kann gefährlich sein. Verdammt, sogar ein großer Teil Hyperions kann einen um- bringen. Aber hier ist seine schöne Seite. Auf dem ganzen Weg könnte es passieren, daß du etwas machst, das Gäa als heroisch betrachtet. Es wäre nichts, dessen du dich schämen müßtest, das kann ich dir versprechen. Soviel gestehe ich Gäa zu – sie versteht es, sich ihre Helden auszusuchen. Das gilt aber nur, wenn sich eine Gelegenheit bietet, versteh das richtig! Du mußt es nicht so verstehen, daß du ihr Spiel mit- machst oder etwas Bestimmtes suchst. Komm einfach mit uns. Und wenn du zurückkehrst, wirst du eine freie Fahrt zur Nabe erhalten. Was du dann damit anfängst, ist deine Sa- che.« Sie lehnte sich zurück. Sie mochte Robin, aber sie konnte, verflixt nochmal, nicht mehr tun als das, um sie zu beschützen. In einer Hinsicht fühlte Gaby wie der Fette Fred, der Engel; es gab Leute, die würden einen Arm oder ein Bein für die Hilfe geben, die sie und Rocky anboten, und hier ver- suchte sie, dieser steifnackigen kleinen Puppe die Idee schmackhaft zu machen. Robin setzte sich wieder. Sie hatte die Würde, leicht be- schämt auszusehen. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich bin dankbar für das Ange- bot und komme gerne mit euch. Was du sagst, ergibt Sinn.« Gaby fragte sich, ob Robin dasselbe Bild gesehen hatte, das in ihrer Vorstellung aufgetaucht war: zwei- oder dreihundert Kilometer oben im vertikalen Speicheninneren wird Robin plötzlich von einer Lähmung ergriffen. Niemand, der den Großen Sturz erlebt hat, ist wild darauf, ihn zu wiederholen. »Chris?«, »Ich? Sicher. Es wäre dumm von mir, euer Angebot abzu- lehnen.« »So gefällt es mir«, meinte Cirocco. »Eine realistische Be- wertung.« Sie stand auf, legte das Gewand ab und zog sich wieder das verblaßte Serape an. »Fühlt euch wie zu Hause. Essen und Trinken sind vorhanden, der Karneval ist in etwa achtzig Revs vorüber, also vergnügt euch. Ich treffe euch alle in einhundert Revs bei der Verzauberten Katze.« Gingeroso »He, Liebhaber, wenn du nicht bald wieder da raus bist, komme ich zu dir rein.« Chris blickte auf das von seinem Körper rinnende Wasser hinunter, das auf seine nackten Füße platschte. Er hielt ein Stück Seife in der Hand. Er hob den Blick und erwischte die Dusche im Gesicht. Ungewöhnlich, zweimal in einer Reihe wegzutreten. »Laß mir ein bißchen Wasser übrig, ja?« Es war eine weib- liche Stimme, die Stimme einer Fremden. Wo war er gewe- sen, was war seine letzte klare Erinnerung…? Er stellte das Wasser ab und verließ die winzige Duschkabine. Wände und Boden bestanden aus bloßen Holzplanken. Durch ein offenes Fenster konnte er den Erdboden dreißig Meter unter, sich sehen. Er befand sich auf einem Baum, wahrscheinlich im Hotel von Titanstadt. Vorsichtig lugte er durch die Tür. Der kleine anschließende Raum enthielt einige leichte Mö- belstücke und ein stattliches Bett, und auf dem Bett lag eine ebenfalls stattliche nackte Frau. Sie räkelte sich auf dem Rücken in einer Pose, die verlockend gewirkt hätte, wäre sie nicht so entspannt gewesen. War es vorher oder nachher? fragte er sich, aber sein Körper kannte die Antwort. Es war nachher. »Ah, endlich«, meinte sie und hob den Kopf, als er he- rauskam. »Ich weiß nicht, wieviel mehr Hitze ich noch ertra- gen kann.« Sie erhob sich und stand vor dem Schlafzimmer- fenster, hob sich die Masse schwarzen Haares von den Schultern und steckte sie mit einer Nadel auf. Sie ist rei- zend, dachte Chris und bedauerte, es verpaßt zu haben, sie zu vögeln. Die meisten Dinge, die er verpaßte, waren im Vergessen gut aufgehoben, aber sie schien die Ausnahme, zu sein. Sie hatte lange Beine und einen vollkommenen Teint. Vielleicht waren die Brüste eine Kleinigkeit zu groß, aber er hätte gern die Chance gehabt, das experimentell zu, beweisen. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. »O nein, das wirst du nicht. Nicht schon wieder, Bruder. Hast du noch nicht ge- nug gehabt?« Sie eilte unter die Dusche. Er konnte seine Shorts nicht finden. Beim Herumstöbern fand er einige ungewöhnliche Utensilien und Töpfe mit Cremes und ölen. Er runzelte die Stirn, sah sich noch etwas weiter um, und da war sie an die Wand geheftet. Vergilbt und angerissen, aber es war eine Prostituiertenlizenz, aus- gestellt vor fünf Jahren in Jefferson County, Texas. »Was stimmt denn jetzt nicht?« fragte sie beim Heraus- kommen und trocknete sich Hals und Schultern ab. »Du bist wirklich veränderlich, weißt du?« »Ja, ich weiß. Was schulde ich dir?« »Wir haben darüber gesprochen, erinnerst du dich?« »Nein, tue ich nicht, weil ich dir genausogut sagen könn- te, daß ich mich an überhaupt nichts erinnern kann für die letzten… ich hab keine Ahnung, wie lange. Es muß gewesen sein, bevor ich dich traf. Und so sieht es aus, und ich möch- te nicht darüber reden, aber mir fällt nicht einmal mehr dein Name ein, und ich kann meine Kleider nicht finden, und würdest du mir bitte einfach sagen, wieviel, zum Teufel, ich dir schulde, damit ich hier rauskomme und dich nicht län- ger belästigen muß?« Sie setzte sich neben ihn auf das Bett, ohne ihn zu berüh- ren, langte dann herüber und nahm seine Hand. »Ist es so, huh?« fragte sie ruhig. »Du hast mir davon er- zählt, aber du hast eine Menge gesagt, und ich wußte nicht, was ich glauben sollte.« »Dieser Teil stimmt. Alles andere ist wahrscheinlich gelo- gen. Wenn ich dir erzählt habe, daß ich anderswo eine Menge Geld besitze, dann war das eine Lüge. Bei meiner, Ankunft hatte ich noch ein bißchen, aber nach meiner letz- ten Gedächtnislücke waren mir nur ein Paar Shorts verblie- ben.« Sie band sich das Handtuch um die Taille, ging zu einer hölzernen Kommode und hob etwas von ihr auf. »Du hast deine Shorts weggeworfen, kurz nachdem du mich aufgele- sen hattest«, sagte sie. »Du warst auf dem Weg zurück zur Natur.« Sie lächelte, aber nicht neckend, und warf ihm et- was zu. Es war eine kleine goldene Münze. Auf einer Seite waren das Wort »Blankoscheck« und einige titanidische Symbole gedruckt, auf der anderen Seite stand die Signatur »C. Jo- nes.« Bei Chris meldete sich etwas wieder, und er schloß die Augen, um es in die Erinnerung zurückzudrücken. »Du hast gesagt, das würde dich in Titanstadt zu allem berechtigen, ›genausogut wie Geld‹. Ich hatte noch nie so- was gesehen, aber du warst auf einer spendablen Tour, und alle schienen das Ding anzuerkennen.« »Ich habe dich betrogen«, sagte er und wußte, daß es stimmte. »Nur Titaniden müssen es anerkennen. Ich sollte es benutzen, um… es benutzen, um… mich für eine Reise auszustatten, die ich machen soll.« In plötzlicher Panik stand er auf. »Ich habe eine Menge Sachen gekauft – jetzt fällt es mir wieder ein. Ich sollte… ich meine, wo sind…« »Sachte, sachte. Damit ist alles in Ordnung. Ich habe alles rüber nach La Gata bringen lassen, wie du gesagt hast. Es ist in Sicherheit.« Langsam setzte er sich wieder. »La Gata…« »Das ist der Ort, wo du deine Freunde treffen sollst«, gab sie ihm das Stichwort. Sie warf einen Blick zur gyroskopi- schen gäanischen Uhr auf der Kommode. »In etwa fünfzehn Minuten.«, »Das stimmt! Ich muß…« Er eilte auf die Tür zu, blieb a- ber wieder stehen mit dem Gefühl, daß er etwas vergessen hatte. »Hast du ein Handtuch, das ich mir ausleihen könnte?« Wortlos händigte sie ihm das aus, das sie trug. »Ich… ah… es tut mir leid, daß ich dir nichts geben kann. Ich weiß nicht, was ich dir erzählt habe, bin aber über- rascht, daß du nicht…« »Vorauszahlung? Ich bin nicht von gestern. Ich wußte, worauf ich mich einließ.« Sie ging zum Fenster, stützte die Hände auf das Fensterbrett und blickte auf die Stadt hinun- ter. »Ich bin schon eine ganze Weile hier. Die Erde ist nie gut zu mir gewesen. Ich mag die Leute hier. Zumindest halte ich sie für Leute. Ich schätze, ich fange an, eine Ein- geborene zu werden.« Sie betrachtete ihn, als rechnete sie damit, daß er lachen würde. Als er es nicht tat, ging einer ihrer Mundwinkel nach oben. »Verdammt, ich besitze selbst ein drittes Interesse an einem Titaniden. Wenn man lang genug hier bleibt, beginnt man Murmeln zu spielen.« Sie trat zu ihm und küßte ihn auf die Wange. »Ich kann nicht glauben, daß wir all das gemacht haben, und du dich an nichts davon erinnern kannst. In gewisser Weise verletzt es meinen beruflichen Stolz.« Für einen Moment glaubte er, sie würde weinen, und fragte sich, was nicht stimmte. »Da ist ein Mädchen, das mit dir auf die Reise geht«, sagte sie. »Robin?« »Die ist es. Sag ihr von mir einen Gruß, und daß sie vor- sichtig sein soll. Und viel Glück! Wünsche ihr viel Glück von mir. Wirst du es tun?« »Wenn du mir noch einmal deinen Namen nennst.« »Trini. Sag ihr, sie soll auf die Plauget aufpassen. Die Frau, ist gefährlich. Wenn sie zurückkommt, ist sie immer bei mir willkommen.« »Ich werde es ihr sagen.« Die verzauberte Katze Titanstadt lag im Schutz eines gewaltigen Baumes, der ent- standen war, als sich viele kleinere Bäume zum Organismus einer Kolonie vereinigt hatten. Obwohl die Titaniden niemals der Städteplanung frönten, erlegten doch ihre Vorlieben der Siedlung eine bestimmte Struktur auf. Sie liebten es, inner- halb von 500 Metern Entfernung zum Licht zu wohnen, also neigten ihre Behausungen dazu, einen Ring unter der äuße- ren Peripherie des Baumes zu bilden. Manche Heime waren vernünftig auf dem Boden errichtet, während andere auf gi- gantischen Ästen saßen, die sich horizontal ausbreiteten und von Nebenstämmen getragen wurden, die selbst so groß wa- ren wie Sequoias. Durch den Wohnring verstreut, jedoch vorwiegend inner- halb davon befanden sich die Werkstätten, Schmieden und Eisenhütten. Weiter draußen in Richtung des Sonnenlichtes und manchmal im Freien lagen die Basare, Läden und Märk- te. Durch die ganze Stadt verteilt waren öffentliche Gebäude und Einrichtungen: die Feuerwehren, Bibliotheken, Lagerhäu- ser und Brunnen. Der öffentliche Wasservorrat stammte aus Quellen und gesammeltem Regen, aber das Quellwasser war, milchig und bitter. Robin hatte erst kürzlich viel Zeit im Torus verbracht und mit Hilfe des Medaillons, das Cirocco ihr gegeben hatte, Vor- räte für die Reise eingekauft. Sie konnte feststellen, daß die titanidischen Handwerker höflich und hilfsbereit waren. Sie steuerten sie unweigerlich auf die Ware von höchster Qualität zu, wenn etwas weniger gut Ausgearbeitetes es auch getan hätte. Deshalb besaß sie jetzt ein kupfernes Kochgeschirr mit kunstvollen Filigranziselierungen, die auf einem Bankett des Zaren zu Hause gewirkt hätten. Der Griff ihres Messers war der Form ihrer Hand angepaßt, und er protzte mit einem Ru- bin, der wie ein großes Glasauge aussah. Die Titaniden hatten ihren Schlafsack aus einem so üppig verzierten Material ge- schneidert, daß sie den Gedanken haßte, ihn den Boden be- rühren zu lassen. Hornpipe – der Titanide, dem sie in Ciroccos Zelt begegnet war – hatte sie geführt und Übersetzungen für die Händler gesungen, die kein Englisch sprachen. »Mach dir keine Gedanken darüber«, hatte er gesagt. »Du wirst feststellen, daß auch sonst niemand mit Geld bezahlt. Wir benutzen es nicht.« »Was ist dann euer System?« »Gaby bezeichnet es als zwanglosen Kommunismus. Sie meint, bei Menschen würde er nicht funktionieren, weil sie zu gierig und selbstsüchtig sind. Entschuldige, aber das ist, was sie gesagt hat.« »Ist schon gut. Wahrscheinlich hat sie recht.« »Ich weiß es nicht. Es stimmt, daß wir nicht die mit Macht und Herrschaft verbundenen Probleme haben, wie es bei den Menschen der Fall zu sein scheint. Wir haben keine Füh- rer und kämpfen nicht gegeneinander. Unsere Wirtschaft funktioniert vermittels der Akkorde und erworbener Berechti-, gungen. Jedermann arbeitet, sowohl im freien Handel als auch bei Gemeinschaftsprojekten. Man akkumuliert Ranghöhe – oder vielleicht würdest du es Wohlstand oder Kreditwürdig- keit nennen – durch Vervollkommnung, durch Alter, oder durch Bedürftigkeit. Jeder kann seine Grundbedürfnisse be- friedigen, und die meisten besitzen zumindest ein bißchen Luxus.« »Wohlstand würde ich es nicht nennen«, brachte Robin vor. »Im Koven benutzen wir auch kein Geld.« »Oh? Wie sieht dann euer System aus?« Robin überlegte so unbefangen, wie sie konnte, erinnerte sich an die zugewiesene Gemeinschaftsarbeit, die abgestützt wurde durch ein System von Strafen, bis zu und einschließ- lich der Todesstrafe. »Nenn es Zwangskommunismus, mit einer Menge Tausch- handel nebenher.« La Gata Encantada befand sich nahe dem Stamm des großen Baumes. Robin war schon einmal dort ge- wesen, aber in Titanstadt herrschte fortwährend Dunkelheit, und Stadtpläne gab es nicht. Es gab auch keine Straßen. Man brauchte eine Laterne und viel Glück, um etwas zu finden. Robin betrachtete den Stadtkern als Unterhaltungsbezirk. Die Beschreibung war passend, obwohl es auch hier wie ü- berall in Titanstadt Läden und sogar Heime gab, die zwischen den Tanzhallen, Theatern und Kneipen verstreut lagen. Es gab einen Bereich zwischen dem äußeren Ring und dem Stamm, der nur wenig bebaut war. Er war der düsterste Teil von Titanstadt und wurde von kleinen Gartenparzellen be- herrscht, die in der warmen und feuchten Dunkelheit gedie- hen. Der größte Teil der Stadt wurde von großen Papierlater- nen beleuchtet, aber hier gab es davon nur wenige. Dieser Bereich entsprach von allem, was sie gesehen hatte, am e- hesten ihren Vorstellungen von einem Park. Ihre Mutter hatte, sie vor Parks gewarnt. In ihnen versteckten sich Männer, um hervorzuspringen und Frauen zu vergewaltigen. Natürlich kamen nur wenige Menschen so weit nach Titanstadt hinein, aber es gab auch nichts, was sie daran hinderte. Robin hatte geglaubt, ihre Vergewaltigungssorgen überwunden zu haben, konnte sich ihrer aber nicht ganz erwehren. Es gab Stellen, wo das einzige nutzbare Licht von ihrer eigenen Laterne stammte. Sie hörte ein zischendes Geräusch und machte einen Satz. Sie blieb stehen, um die Ursache herauszufinden, und entdeckte Reihen niedriger fleischiger Pflanzen, die einen fei- nen Sprühregen von sich gaben. Niemand, der im Koven mit seinen puffenden Reihen von Sprinklern quer über den ge- krümmten landwirtschaftlichen Boden aufgewachsen war, hätte umhin können, den Zweck dieses Nebels herauszufin- den. Sie lächelte und atmete tief ein. Der Geruch der feuch- ten Erde erinnerte sie an ihre Kindheit, an einfachere Tage, die sie auf Feldern voller reifer Erdbeeren verbracht hatte, spielend und herumstreunend. Die Kneipe war ein niedriger Holzbau mit der üblichen brei- ten Tür. Draußen hing ein Schild: zwei Kreise, der obere, davon kleiner und mit zwei Spitzen dran, schrägen Augen und einem zähneblitzenden Grinsen. Warum eine Katze? fragte sie sich. Und warum Spanisch? Wenn Titaniden eine menschliche Sprache lernten, war es unvermeidlicherweise Englisch, aber dort stand es über den Eingang gemalt: »La Gata Encantada«, sogar ohne die sonst üblichen Titanidenrunen. Sie waren eine seltsame Rasse, sagte sich Robin. Sie ähnelten auf so vielfältige Weise den Menschen. Die meisten ihrer Fähigkeiten entsprachen de- nen der Menschen, und die Dinge, die sie herstellten, wur- den zum größten Teil auch von Menschen so gemacht. Mit Ausnahme ihrer transzendenten Musik ähnelten ihre Küns- te den menschlichen. Nur das komplizierte Fortpflanzungs- system war eindeutig eigenständig – aus begreiflichen Gründen. Und doch nicht nur, erkannte sie beim Betreten von La Gata, während sie am Wassertrog vorbeiging, der festes Inventar in jedem öffentlichen Titanidengebäude war. Der Boden bestand aus Sand mit einer Lage Stroh. Alles in al- lem bewältigten die Titaniden das Problem der Verbindung von Verstädterung und Nichthaltenkönnen besser als bei- spielsweise New York in seiner vorsintflutlichen Ära. Die Stadt quoll über vor kleinen gürteltierähnlichen Geschöp- fen, deren einzige Nahrung aus den allgegenwärtigen Häuf- chen orangefarbener Bälle bestand. Im privaten Heim wur- de das Problem angegangen, wie es sich jeweils ergab, mit Schaufeln und Abfallbehältern. Aber das war dort unmög- lich, wo sich viele Titaniden versammelten. Sie schlugen Überempfindlichkeit in den Wind und kümmerten sich ein- fach nicht darum. Daher die Wassertröge, damit man sich die Hufe waschen konnte, bevor man nach Hause ging., Ansonsten glich La Gata Encantada sehr einer menschli- chen Taverne, bot jedoch zwischen den Tischen mehr Raum. Es gab sogar eine lange hölzerne Theke, komplett mit Messingleiste. Der Raum war voller Titaniden, die Robin ü- berragten, aber sie hatte es sich abgewöhnt, sich über zer- trampelte Zehen Gedanken zu machen. In einer Men- schenmenge wäre es ihr schlechter ergangen. »He, Menschenmädchen!« Sie blickte auf und sah, daß der Barmixer ihr zuwinkte. Er warf ihr ein Kissen zu. »Deine Freunde sind da hinten. Möchtest du ein Wurzel- bier?« »Ja bitte. Danke.« Von ihrem ersten Besuch her wußte sie, daß Wurzelbier ein dunkles, schäumendes alkoholisches Gebräu war, aus irgendwelchen Wurzeln gebraut. Es schmeckte wie das ihr bekannte Bier, war aber stärker. Sie mochte es. Die Gruppe hatte sich um einen großen runden Tisch in einer hinteren Ecke versammelt: Cirocco, Gaby, Chris, Psal- tery, Valiha, Hornpipe und eine vierte Titanide, die sie nicht kannte. Robins Getränk war in einem monströsen Fünf- Liter-Krug bereits vor ihr angekommen. Sie setzte sich auf ihr Kissen, so daß sich der Tisch auf Höhe ihrer Brüste be- fand. »Gibt es in Gäa Katzen?« wollte sie wissen. Gaby blickte zu Cirocco, und beide zuckten die Achseln. »Ich habe nie eine gesehen«, sagte Gaby. »Dieses Lokal ist nach einem Marsch benannt. Titaniden sind wild auf Mär- sche. Sie halten John Philip Sousa für den größten Kompo- nisten, der je gelebt hat.« »Das stimmt nicht ganz«, warf Psaltery ein. »Er liegt Kopf an Kopf mit Johann Sebastian Bach.« Er nahm einen, Schluck und sah dann, daß Robin und Chris ihn betrachte- ten. Zum Zwecke der Erklärung fuhr er fort: »Ohne herablassend zu sein, beide sind grundlegend und primitiv. Bach mit seiner Geometrie sich wiederholender Klanggestalten, seinem Kalkül inspirierter Monotonie; Sousa mit seinem naiven Entflammen und seiner Bravour. Sie nähern sich der Musik wie jemand, der die Ziegelsteine eines babylonischen Stufenturmes legt: Sousa mit Blech und Bach mit Holz. Alle Menschen tun das in einem gewissen Ausmaß. Eure geschriebene Musik sieht sogar aus wie Zie- gelsteinwände.« »Wir hatten nie daran gedacht«, sagte Valiha. »Ein Lied zu singen und dann zu bewahren, damit es beim nächsten Mal auf genau dieselbe Weise wiederholt wird, war für uns eine neuartige Vorstellung. Die Musik von Bach und Sousa ist sehr hübsch, ohne unnötige Komplikationen, wenn sie auf Papier geschrieben steht. Ihre Musik ist übermensch- lich.« Cirocco blickte eulenhaft von einem Titaniden zum anderen und richtete den Blick dann auf Robin und Chris. Sie hatte Schwierigkeiten, sie auszumachen. »Und jetzt wißt ihr soviel wie vorher«, sagte sie. »Ich selbst habe Sousa nie gemocht. Bach ist mir egal.« Sie blinzelte und blickte von einem zum anderen, als wartete sie auf Einwände. Als keine erhoben wurden, nahm sie ei- nen tiefen Schluck aus ihrem Bierkrug. Eine ganze Menge davon strömte ihr übers Kinn. Gaby legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Sie werden dir an der Bar bald den Hahn zudrehen, Käptn«, sagte sie leichtfertig. »Wer sagt, daß ich betrunken bin?« brüllte Cirocco. Eine braungoldene Schaumwelle spülte über den Tisch, als ihr, Krug umfiel. Im Raum war es für einen Moment still und dann wieder geräuschvoll, als sämtliche Titaniden sich mühten, den Zwischenfall nicht zu bemerken. Jemand er- schien mit einem Handtuch, um das Bier aufzuwischen, und ein neuer Krug wurde vor Cirocco abgestellt. »Niemand hat das gesagt, Rocky«, versetzte Gaby ruhig. Cirocco schien es vergessen zu haben. »Robin, du hast Hautbois glaube ich noch nicht getroffen. Hautbois (Erhöhtes Mixolydisches Trio) Bolero, hier ist Ro- bin die Neunfingrige aus dem Koven. Robin, dies ist Haut- bois. Sie stammt aus einem guten Akkord und wird dich warmhalten, wenn die kalten Winde wehen.« Die Titanide stand auf und führte mit den Vorderbeinen einen tiefen Knicks aus. »Möge der heilige Strom uns vereinigen«, murmelte Ro- bin und verneigte sich aus der Taille heraus, während sie die studierte, die ihrer Vermutung nach als Reisebegleiterin für sie vorgesehen war. Hautbois trug einen sieben oder acht Zentimeter tiefen Plüschteppich aus Haar. Nur die Handflächen, der kleine Hof um die Brustwarzen und Teile des Gesichtes zeigten nackte Haut, die ein tiefes Olivgrün aufwies. Auch das Fell war oliv, jedoch marmoriert mit braunen Windungen wie Fingerabdruckmuster. Kopf- und Schwanzhaar waren schneeweiß. Sie sah aus wie ein rie- sengroßes Flaumstofftier mit großen braunen Knopfaugen. »Hornpipe hast du schon gesehen, oder?« fuhr Cirocco fort. »Der alte Hornie hier ist… na ja, nenn ihn den Enkel der ersten gottverdammten Titaniden, der wir je begegnet sind. Seine Hintermutter war die erste Hornpipe Mix-o- iiioo…« Sie unterbrach sich, hatte Schwierigkeiten mit dem Wort. »Mix-oh-ii-oh-nisch. Mixoionisch. Sie war die erste, mixoionische Hornpfeife. Dann paarte sie sich mit ihrem Vordervater. Das hört sich vom menschlichen Standpunkt aus nicht so heiß an, aber ich versichere euch, daß das bei Titaniden einer außerordentlichen Rassenhygiene ent- spricht. Hornpipe ist ein Lydisches Duett.« Sie rülpste und machte ein feierliches Gesicht. »Wie wir alle.« »Was meinst du damit?« fragte Chris. »Alle Menschen sind Lydische Duette«, meinte Cirocco. Sie malte mit dem befeuchteten Finger ein Muster auf den Tisch. »Guck mal her!« sagte sie. »Das ist ein Lydisches Duett. Die obere Reihe ist weiblich, die untere männlich. Der Stern steht für das halb-befruchtete Ei. Der obere Pfeil zeigt, wohin das Ei kommt, und der untere Pfeil, wer wen bumst, primär und sekundär. Das Lydische Duett: Vorder- mutter und Hintermutter sind weiblich, Vordervater und Hintervater männlich, wie bei Menschen. Der einzige Unter- schied besteht darin, daß Titaniden es zweimal machen müssen.« Sie schielte lüstern zu Chris. »Zweifaches Ver- gnügen, huh?« »Rocky, sollen wir nicht lieber…« »Das ist der einzige Modus, bei dem Titaniden auf dieselbe Weise zusammenkommen wie Menschen«, sagte Cirocco und hieb mit der Faust auf den Tisch. »Von neunundzwanzig Mög- lichkeiten ist das die einzige derartige. Es gibt drei Duette, die ganz weiblich sind. Äolische Duette. Lydische Duette ha- ben alle ein Männchen, aber sehr oft ist es die Hintermutter.«, Sie runzelte die Stirn und zählte mit den Fingern. »Noch öf- ter. Bei vier von sieben. Beim Hipolydischen befruchtet sich das Weibchen selbst frontal, und beim Locrilydischen macht sie es mit sich selbst von vorne. Vorne.« »Rocky…« »Hat sie wirklich Geschlechtsverkehr mit sich selbst?« fragte Chris. Gaby warf ihm einen angeekelten Blick zu, aber es spielte kaum eine Rolle, weil Cirocco ihn nicht ge- hört zu haben schien. Sie nickte und besah sich das Dia- gramm, das sie auf den Tisch gezeichnet hatte. »Nicht wie du denkst«, warf Hautbois ein. »Das wäre kör- perlich unmöglich. Es wird manuell vollzogen. Sperma wird gesammelt und dann eingeführt. Sperma aus einem Hin- terpenis kann eine Frontvagina befruchten, aber nur beim selben Individuum, nicht zwischen…« »Leute, Leute, wie war’s, laßt mich auch mal zu Wort kommen!« Gaby blickte von einem zum anderen und ließ die Augen schließlich auf Cirocco ruhen. Sie schnitt eine Grimasse und stand auf. »Meine Damen und Herren und Titaniden, ich hatte gehofft, diese Reise mit etwas mehr Or- ganisation beginnen zu können. Ich glaube, Rocky hatte ei- nige Dinge sagen wollen, aber, zum Teufel, das kann war- ten.« »K’nn warten«, brummte Cirocco. »Richtig. Jedenfalls ist der erste Abschnitt der Reise höchst einfach. Wir fahren einfach den Fluß hinunter, ohne uns um irgendwas in der Welt zu sorgen. Das einzige, was wirklich zu tun bleibt, ist, alles in die Boote zu laden und ab- zustoßen. Also was würdet ihr dazu sagen, wenn wir auf- stünden und uns auf den Weg machten?« »Auf den Weg machten!« wiederholte Cirocco., »Einen Toast! Auf die Straße! Möge sie uns zu Abenteuern und sicher wieder nach Hause führen.« Sie stand auf und hob den Krug. Robin mußte beide Hände benutzen, um ih- ren heben zu können, den sie dann unter großem Klirren und Bierschwappen mit denen der anderen zusammen- stieß. Sie nahm einen tiefen Schluck und hörte einen Plumps. Gäas Magier war von ihrem Hocker gefallen. Sie war jedoch keinesfalls weggetreten. Robin konnte sich nicht entscheiden, ob das wünschenswert war oder nicht. »Nur eine Minute«, sagte Cirocco und griff mit den Händen in der Luft umher. »Ihr wißt, wie es einem mit Bier ergeht. Müßte mir die Nase pudern. Komme sofort wieder. Okay?« Sie torkelte in den vorderen Teil des Raums. Es erfolgte ein Kreischen. Während Robin sich noch fragte, wer das gewesen sein mochte, hatte Gaby bereits den Tisch übersprungen und schaffte es irgendwie, sich mit den Schultern einen Weg durch das Titanidengedränge zu bah- nen. »Er ist hier, er ist hier! Er ist es!« Sie erkannte die Stimme jetzt als die Ciroccos und wurde neugierig darauf, was sie so fürchterlich erschreckt haben konnte. Robin hatte so ihre Zweifel über den Charakter Ci- roccos, aber als Feigling hatte sie sie nicht eingeschätzt. Eine Menge hatte sich an einem Ende der Theke nahe der Tür gebildet. Es bestand keine Hoffnung, daß sich jemand von Robins Größe einen Blick über die Pferderücken ver- schaffen konnte, also sprang sie auf die Theke und schaffte es, fast bis zum Mittelpunkt des Aufruhrs vorzustoßen. Sie sah, daß Cirocco von einem Titaniden getröstet wur- de, den Robin nicht kannte. Gaby stand ein kleines Stück davon entfernt. In einer Hand hielt sie ein Messer, während, sie mit der anderen Bewegungen in Richtung des Mannes machte, der vor ihr auf dem Boden kauerte. Im flackernden Laternenlicht blitzten ihre Zähne hell und wild. »Steh auf, steh auf!« zischte sie. »Du bist genau wie die anderen Kothaufen auf dem Boden, du Scheusal. Es wird Zeit, daß dich jemand aufwischt, und ich bin es, die es tut.« »Ich habe nichts getan«, stöhnte der Mann. »Ich schwöre es, frag doch Rocky! Ich habe nie mehr was getan, ich bin wirklich gut gewesen. Du kennst mich, Gaby.« »Ich kenne dich nur zu gut, Gene. Ich hatte zweimal die Möglichkeit, dich zu töten, und es war dumm von mir, beide zu verpassen. Steh auf und sieh der Sache ins Gesicht! Zumindest das kannst du machen. Steh auf, oder ich schlachte dich ab wie das Schwein, das du bist!« »Nein, nein, du wirst mir wehtun.« Er krümmte sich zu- sammen, die Hände schützend über sein Glied gelegt, und fing an zu schluchzen. Selbst aufrecht stehend wäre er ein bemitleidenswerter Anblick gewesen. Gesicht und Arme ei- gentlich seine ganze sichtbare Haut – waren kreuz und quer mit Narbengewebe überzogen. Die Füße waren nackt und schmutzig, die Kleider nur noch Lumpen. Er trug eine schwarze Seeräuberklappe über dem linken Auge, und von einem Ohr fehlte der größte Teil. »Steh auf!« befahl Gaby. Robin war überrascht, Cirocco sprechen zu hören, mit ei- ner Stimme, die sich fast nüchtern anhörte. »Es ist in Ordnung, Gaby«, sagte sie ruhig. »Er hat gar nichts gemacht. Verdammt, er hat versucht zu laufen, so- bald er mich sah. Es war einfach so eine Überraschung, ihn wiederzusehen.« Gaby richtete sich etwas auf. Ihr Blick verlor etwas von, seinem Feuer. »Willst du nicht, daß ich ihn töte?« fragte sie tonlos. »Um Himmels willen, Gaby«, murmelte Cirocco. Sie schien jetzt ruhig zu sein, aber teilnahmslos. »Du kannst ihn nicht einfach zerschneiden wie eine Rinderhälfte.« »Ja, ich weiß. Das habe ich schon mal gehört.« Sie senkte sich neben ihm auf ein Knie und drehte seinen Kopf mit der Flachseite ihrer Messerklinge in ihre Richtung. »Was machst du hier, Gene? Was hast du vor?« Er lächelte einfältig und stammelte eine Zeitlang sinnloses Zeug. »Nur was trinken, sonst nichts. Die Kehle eines Man- nes wird trocken bei dieser Hitzewelle.« »Deine Freunde sind nicht hier. Du mußt einen Grund haben, um nach Titanstadt zu kommen, denn du würdest nicht das Risiko eingehen, mir zu begegnen, wenn du nicht einen triftigen Grund dafür hättest.« »Das stimmt, Gaby, das stimmt, ich habe Angst vor dir, in Ordnung. Ja, der alte Gene weiß besseres, als dir über den Weg zu laufen.« Er überlegte einen Moment lang und schien die Implikationen nicht zu mögen, also änderte er sofort den Kurs. »Ich hatte es vergessen, mehr nicht. Ver- dammt, Gaby, ich wußte nicht, daß du hier bist, das ist al- les.« Robin hielt ihn für einen derart ans Lügen gewohnten Menschen, daß er vielleicht tatsächlich die Wahrheit selbst nicht mehr wußte. Offenkundig war auch, daß er wirklich Angst vor Gaby hatte. Er mußte doppelt so groß sein wie sie, aber er dachte keinen Moment daran, zu kämpfen. Gaby stand auf und winkte mit dem Messer. »Steh auf! – Gene? – Ich möchte es nicht noch einmal sa- gen.« »Du wirst mir nicht weh tun?«, »Wenn ich dich jemals wiedersehe, werde ich dir sehr weh tun. Verstehen wir einander? Ich sage, ich würde dich nicht töten, aber wenn ich dich jemals wiedersehe, irgend- wo, jemals, werde ich dir sehr weh tun! Von jetzt an ist es deine Aufgabe, sicherzustellen, daß unsere Wege sich nie- mals mehr kreuzen!« »Das werde ich, bestimmt, Ehrenwort.« »Wenn wir uns wiedersehen, Gene«, sagte sie und winkte mit dem Messer, »werde ich dir das andere rausschneiden.« Der Wink war nicht auf sein unverletztes Auge gezielt, sondern ein beträchtliches Stück tiefer. Der Club der Weltumfahrer Sogar mit der Stützung durch Hornpipes starken Arm fiel Ci- rocco zweimal hin, während die Titaniden beladen wurden. Sie fuhr jedoch fort zu erklären, daß sie es aus eigener Kraft schaffen würde. Die von Chris gekaufte Ausrüstung wartete wie versprochen in einem Schuppen hinter La Gata, zusammen mit den Besitz- tümern der anderen. Die Titaniden hatten Satteltaschen, de- ren Gurte um den Rücken verliefen und unterhalb des Kör- pers geschlossen wurden. Valiha drehte sich nach hinten und befestigte ihre, einschließlich einer geräumigen Tasche aus, Leder und Segeltuch an jeder Seite ihrer Pferdehälfte. Diese Anordnung ließ Platz, damit Chris noch auf ihr reiten konnte. Er sprang hinauf und öffnete die Taschen, die bereits die von Valiha mitgebrachten Sachen enthielten. Sie händigte ihm Stück für Stück sein Gepäck aus und wies ihn an, die Inhalte gleichmäßig zu verteilen. Als er fertig war, war jede Tasche weniger als bis zur Hälfte gefüllt. Valiha sagte, das sei richtig so, denn wenn sie den Fluß verließen und der Straße folgten, würde der überzählige Platz mit Vorräten gefüllt werden, die sich bereits in den Booten befanden. Während er mit dem Packen beschäftigt war, beobachtete Chris, wie Gaby und Hornpipe versuchten, Cirocco zu beruhi- gen und auf einen Titaniden zu hieven. Es war ziemlich be- mitleidenswert und mehr als nur ein wenig störend. Er be- merkte, daß die in ein paar Metern Entfernung auf Hautbois kniende Robin das Spektakel ebenfalls betrachtete. Es war beinahe vollkommen finster, und das einzige Licht stammte aus den von den Titaniden gehaltenen Öllampen, trotzdem konnte er aber Robins Stirnrunzeln sehen. »Hast du Hinter- gedanken bezüglich der Reise?« fragte er sie. Sie blickte überrascht auf. Sie hatten sich noch nicht un- terhalten – oder zumindest erinnerte er sich nicht daran –, und er fragte sich, was sie von ihm hielt. Er fand sie ent- schieden merkwürdig. Er hatte erfahren, daß es in Wirklich- keit Tätowierungen waren, was er für Bemalung gehalten hatte. Schlangen mit Schuppen in vielen Farben wanden die Schwänze um ihren rechten großen Zeh und ihren linken kleinen Finger, und ihre Körper wanden sich den Arm und das Bein hinauf und glitten unter ihre Kleider. Er fragte sich, wie wohl die Köpfe aussahen, und ob Robin noch irgendei- ne andere Kunst zur Schau stellte., Sie widmete sich wieder dem Packen. »Wenn ich zusage, bleibe ich dabei«, sagte sie. Das Haar fiel ihr über die Augen; mit einem Werfen des Kopfes offenbarte sie ihre andere körperliche Merkwürdigkeit. Der größte Teil der linken Kopf- seite war rasiert und zeigte ein kompliziertes fünfeckiges Muster, das konzentrisch um ihr linkes Ohr angeordnet war. Das wirkte insgesamt, als trage sie eine verrutschte Perücke. Erneut blickte sie kurz zu Cirocco und dann zu Chris, wo- bei sie etwas zeigte, das vielleicht ein freundliches Lächeln war. Die Tätowierungen ließen das nur schwer erkennen. »Aber ich weiß, was du meinst«, gestand sie. »Sie können sie als Magier bezeichnen, wenn sie wollen, aber ich er- kenne eine Betrunkene, wenn ich eine sehe.« Chris und Valiha waren die letzten von den acht, die aus der Dunkelheit unter dem Titanstadtbaum hervorkamen. Chris blinzelte für einen Moment im Licht, dann lächelte er. Es war ein gutes Gefühl, unterwegs zu sein. Das Ziel spielte dabei kaum eine Rolle. Die anderen drei Teams ergaben ein hübsches Bild, wie sie den ersten Hügel erklommen und dann die sonnenge- backene Erdstraße zwischen Feldern mit hohem gelben Korn entlangtrabten. Gaby hatte die Führung übernommen, und sie trug ihre Robin Hoodschen Grün- und Grautöne und ritt auf dem schokoladebraunen Psaltery mit seiner oran- gefarbenen Haarflamme. Dahinter kam Hornpipe mit der flach auf seinem Rücken liegenden Cirocco. Nur ihre Beine, die aus dem blaßroten Serape herausragten, waren sichtbar. Bei mattem Licht gesehen schien Hornpipes Haar schwarz zu sein, aber jetzt funkelte es wie ein Satz klarer Prismen, wie, es hinter ihm flatterte. Sogar Hautbois’ braune und olivgrüne Wirbel wirkten großartig im Sonnenlicht, und ihr Löwenzahn aus weißem Kopfhaar war herrlich. Robin ritt mit geradem Rücken und den Füßen auf den Satteltaschen, und sie trug lockere Hosen und ein leichtes gestricktes Hemd. Chris machte es sich auf Valihas breitem Rücken bequem. Er holte tief Atem und glaubte, die schwer bestimmbare Qualität der Luft schmecken zu können, die oft einem sommerlichen Gewitterregen vorausgeht. Im Westen konnte er das Wetter von Okeanos heranrollen sehen: Wolken, fette, feuchte Rollen aus Baumwolle. Sie verliefen langgestreckt von Norden nach Süden. Manchmal kamen sie in Reihen wie Würstchen, und die höheren und dünneren schienen sich zu entrollen und ein dünnes weißes Tuch auszulegen, während sie dahinzogen. Das hatte etwas mit dem Coriolis-Effekt zu tun, was immer das sein mochte. Es war ein großartiger Tag, um irgendwohin unterwegs zu sein. Chris hatte nicht erwartet, auf dem Rücken einer Titanide schlafen zu können, aber es stellte sich heraus, daß er es konnte. Valiha weckte ihn wieder. Psaltery trabte auf einen langen Kai zu, der in den Ophion hineinragte. Valiha folgte ihm, und bald klopften ihre Hufe auf hölzernen Planken. Vier große Kanus waren am Kai vertäut. Sie bestanden aus hölzernen Rahmenwerken und einem über die Streben gespannten silbrigen Material. Sie sahen dadurch aus wie die Aluminiumboote, die für fast zwei Jahrhunderte auf irdischen Seen und Flüssen üblich gewesen waren. Ihre Unterseiten waren mit Planken verstärkt. Mitten in jedem Ka- nu lag ein Berg aus Vorräten, bedeckt mit rotem Segeltuch, und mit Seilen gesichert. Sie lagen hoch im Wasser, aber als Psaltery in das Heck von einem trat, sank es merklich tiefer. Chris sah fasziniert zu, wie sich der Titanide gewandt auf dem schmalen Deck bewegte, die Satteltaschen ablegte und im Bug verstaute. Chris hatte an die Titaniden nie als seefahrende Rasse ge- dacht, aber Psaltery wirkte, als wüßte er mit einem Boot umzugehen. »Du mußt jetzt absteigen«, sagte Valiha. Sie hatte den Kopf herumgedreht, etwas, das bei Chris stets einen psy- chosomatischen Schmerz im Nacken auslöste, wenn er es sah. Er versuchte, ihr mit den Gurten zur Hand zu gehen, war ihr aber bald nur noch im Weg. Die schweren Taschen hätten mit Federn gefüllte Kissenbezüge sein können, nach der Art, wie sie sie herumwarf. »Ein Boot kann zwei Titaniden und etwas Gepäck auf- nehmen, oder vier Menschen«, sagte Gaby gerade. »Oder wir können die Mensch-Titanide-Teams beisammen lassen, eines pro Boot. Wie hättet ihr es denn gerne?« Robin stand am Rand des Kais und blickte finster zu den Booten hinab. Sie drehte sich an der Taille um, immer noch stirnrunzelnd, und zuckte die Achseln. Dann rammte sie die Hände in die Taschen und starrte düster zum Wasser hin- unter, mächtig unzufrieden mit irgend etwas. »Ich weiß nicht«, meinte Chris. »Ich schätze, ich würde es vorziehen…« Er bemerkte, daß Valiha ihn anschaute. Rasch wandte sie sich ab. »Ich bleibe bei Valiha, schätze ich.« »Mir ist das egal«, sagte Gaby, »solange zumindest eine Person pro Boot etwas vom Kanufahren versteht. Tust du das?«, »Ich hab schon mal ein bißchen. Experte bin ich aber nicht.« »Spielt keine Rolle. Valiha kann es dir zeigen. Robin?« »Ich habe keine Ahnung davon. Ich würde gerne vorbrin- gen…« »Dann gehst du mit Hautbois. Später können wir wech- seln, um einander besser kennenzulernen. Chris, würdest du mir mit Rocky helfen?« »Ich würde gerne einen Vorschlag machen«, sagte Robin. »Sie ist total weggetreten. Warum lassen wir sie nicht hier? Die Hälfte ihres Gepäcks besteht aus Alkohol, das habe ich selbst gesehen. Sie ist eine Säuferin, und sie wird…« Weiter kam sie nicht, weil Gaby sie auf den Kai gepreßt hatte, bevor Chris überhaupt richtig merkte, was geschah. Gabys Hände lagen an Robins Hals und zwangen ihren Kopf zurück. Langsam und leicht zitternd lockerte Gaby den Druck und richtete sich auf. Robin hustete einmal, rührte sich aber nicht. »So darfst du niemals von ihr sprechen«, flüsterte Gaby. »Du weißt nicht, was du sagst!« Niemand hatte sich bewegt. Chris verlagerte sein Ge- wicht von einem Fuß auf den anderen und hörte eine Decksplanke laut knarren. Gaby stand auf. Mit hängenden Schultern wandte sie sich ab, und sie sah alt und müde aus. Robin erhob sich, klopfte sich mit eisiger Würde ab und räusperte sich. Sie hatte eine Hand auf dem Kolben ihrer Automatic liegen. »Halt!« sagte sie. »Bleib genau da stehen!« Gaby gehorch- te. Sie drehte sich um, machte aber nicht den Eindruck, als ob die Situation von irgendwelchem Interesse für sie sei., »Töten werde ich dich nicht«, sagte Robin ruhig. »Was du getan hast, verlangt eine Erklärung, aber du bist peckisch und weißt es wahrscheinlich nicht besser. Aber hör mir zu und sei gewarnt! Deine Unwissenheit wird dich nicht ret- ten. Wenn du mich noch einmal anrührst, wird eine von uns sterben!« Gaby blickte kurz zu der Waffe an Robins Hüfte, nickte finster und wandte sich wieder ab. Chris half ihr, Cirocco vorne in eines der Kanus zu legen. Die ganze Situation verwirrte ihn, aber er wußte, wann er den Mund zu halten hatte. Er sah zu, wie Gaby ins Boot stieg und eine Decke über den schlaffen Körper von Gäas Magier zog. Den Kopf bettete sie auf ein Kissen und schaffte es, ihren Schlaf fast friedlich aussehen zu lassen, bis Cirocco sich regte, schnaubte und die Decke wegstrampelte. Gaby kletterte aus dem Boot. »Du setzt dich besser vorne hin!« sagte Valiha, als er sich bei dem Kanu zu ihr gesellte, das ihres sein sollte. Er stieg hinein und setzte sich, fand ein Paddel und tauchte es ver- suchsweise ins Wasser. Es lag ihm gut in der Hand. Wie alle von den Titaniden hergestellten Dinge, war auch das Paddel schön gefertigt, mit Bildern von kleinen Tieren, die in das polierte Holz geschnitzt waren. Er spürte, wie das Boot schwankte, als Valiha hereinstieg. »Wie findet ihr nur die Zeit, um alles so schön zu ma- chen?« fragte er sie und winkte mit dem Paddel. »Wenn ein Ding es nicht wert ist, schön gemacht zu wer- den«, sagte Valiha, »dann ist es überhaupt nicht der Herstel- lung wert. Wir machen nicht so viele Dinge wie die Men- schen, und gar nichts zum Wegwerfen. Wir machen nur eine Sache auf einmal und fangen nicht mit einer zweiten, an, bevor wir die erste erledigt haben. Titaniden haben nie ein Fließband erfunden.« Er drehte sich um. »Ist da wirklich nicht mehr zu sagen? Eine andere Anschauung?« Sie grinste. »Das ist nicht die ganze Geschichte. Nicht zu schlafen hat auch etwas damit zu tun. Ihr Menschen ver- geudet ein Drittel eures Lebens ohne Bewußtsein. Wir schlafen nicht.« »Das muß sehr seltsam sein.« Er hatte gewußt, daß sie nicht schliefen, aber nie wirklich bedacht, was daraus folgte. »Für mich nicht. Aber ich vermute, daß wir die Zeit an- ders erleben als ihr. Unsere Zeit ist nicht unterbrochen. Na- türlich messen wir sie, aber eher als ständigen Fluß denn als Folge von Tagen.« »Ja… aber was hat das mit Kunstfertigkeit zu tun?« »Wir haben mehr Zeit. Wir schlafen nicht, aber etwa ein Viertel unserer Zeit verbringen wir ruhend. Wir sitzen und singen und arbeiten mit den Händen. Es addiert sich.« Reisende auf dem Ophion äußerten sich oft über das Gefühl der Zeitlosigkeit, das der Fluß ihnen vermittelte. Ophion war sowohl der Quell als auch das Ende aller Dinge in Gäa, der Kreis des Wassers, der alle Dinge miteinander verband. Als solcher machte er den Eindruck eines uralten Flusses, weil Gäa selbst uralt wirkte. Der Ophion war alt, aber das war relativ zu sehen. Vom selben Alter wie Gäa selbst, war er ein Kleinkind neben den großen Strömen der Erde, und man mußte auch daran er- innern, daß ihn die meisten Menschen nur in Hyperion sa- hen, wo er sich ausbreitete und die Dinge leichtnahm. An- derswo auf seiner Kreisbahn von 4000 Kilometern war er so, lebhaft wie der Colorado. Chris hatte mit einer schnellen Fahrt gerechnet. Das war es eben, was man in einem Kanu tat: es in eine schnelle Strömung setzen und auf dem schäumenden Wasser reiten. »Du könntest dich genausogut entspannen«, sagte die Stimme von hinten. »Du würdest dich sonst zu schnell müde machen und dann schlafen legen, und Menschen sind extrem langweilig, wenn sie schlafen. Ich kenne diesen Teil des Flusses gut. Zwischen hier und Aglaia gibt es nichts, wonach man Ausschau halten müßte. Hier ist der Ophion nachsichtig.« Er legte das Paddel auf den Boden des Kanus und drehte sich um. Valiha saß gelassen direkt hinter dem persenning- bedeckten Haufen aus Vorräten. Das Paddel in ihren Hän- den war doppelt so groß wie seines. Valiha wirkte mit allen vier Beinen unter sich gefaltet vollkommen entspannt, und Chris hielt das für merkwürdig, denn er hatte von einem so pferdeähnlichen Wesen nicht erwartet, daß es gerne in einer derartigen Haltung saß. »Ihr Leute erstaunt mich«, meinte er. »Ich dachte, ich hätte eine Halluzination, als ich zum erstenmal sah, wie eine Titanide auf einen Baum kletterte. Jetzt stellt sich heraus, daß ihr auch Flußschiff er seid.« »Ihr Leute erstaunt mich«, konterte Valiha. »Wie ihr im Gleichgewicht bleibt, ist mir rätselhaft. Wenn ihr lauft, be- ginnt ihr damit, nach vorne zu fallen, und dann versuchen eure Beine, den Rest von euch einzuholen. Ihr lebt ständig im Rande der Katastrophe.« Chris lachte. »Weißt du, du hast recht. Zumindest bei mir.« Er sah ihr beim Paddeln zu, und eine Zeitlang gab es kein Geräusch außer dem dabei entstehenden leisen Gur-, geln. »Ich habe das Gefühl, daß ich dir helfen sollte. Sollen wir beim Rudern wechseln?« »Gewiß. Ich mache es für drei Viertel einer Rev, und du während des übrigen Viertels.« »Das ist wohl kaum gerecht.« »Ich weiß, was ich tue. Das ist doch keine Arbeit.« »Du bringst uns recht schnell voran.« Valiha blinzelte ihm zu und begann dann, ernsthaft zu paddeln. Das Kanu flog fast, glitt dahin wie ein geworfe- ner Stein. Sie beließ es für ein paar Dutzend Schläge da- bei und fiel dann wieder in ihren entspannten Rhythmus zurück. »Das könnte ich für eine ganze Rev machen«, sagte sie. »Du könntest ebensogut der Tatsache ins Gesicht sehen, daß ich wesentlich stärker bin als du, selbst im Vergleich zu deinen besten Leistungen. Und im Moment hast du keine Kondition. Gewöhne dich allmählich ans Paddeln, okay?« »Du hast wahrscheinlich recht. Aber ich finde immer noch, ich sollte etwas tun.« »Dem stimme ich zu. Lehn dich zurück und überlaß mir die Eselsarbeit.« Er tat wie geheißen, wünschte sich aber, sie hätte einen anderen Euphemismus gebraucht. Es traf den Kern von etwas, das ihm schon die ganze Zeit Kummer bereitete. »Mir ist schon seit einer Weile unbehaglich zumute«, sagte er. »Worauf es hinausläuft, ist… na ja, wir Menschen benutzen euch Titaniden wie… nun, wie Zugtiere.« »Wir können viel mehr tragen als ihr.« »In Ordnung, das weiß ich. Aber ich habe nicht einmal, ein Bündel. Und… na ja, irgendwie habe ich das Gefühl, dich zu mißbrauchen, wenn…« »Es macht dich nervös, mich zu reiten, ist es das?« Sie grinste ihn an und verdrehte die Augen. »Als nächstes wirst du vorschlagen, daß du manchmal gehst, damit ich mich ausruhen kann, stimmt’s?« »Etwas in der Art.« »Chris, es gibt nichts Langweiligeres, als mit einem Menschen spazierenzugehen.« »Nicht einmal, einem beim Schlafen zuzuschauen?« »Du hast mich erwischt. Das ist noch langweiliger.« »Ihr scheint uns ermüdend zu finden.« »In keiner Weise, ihr seid grenzenlos faszinierend. Man weiß nie, was ein Mensch als nächstes machen wird oder aus welchem Motiv heraus. Wenn wir Universitäten hätten, wären die bestbesuchten Klassen die der Abteilung für menschliche Studien. Aber ich bin jung und ungeduldig, wie Gäas Magier bemerkt hat. Wenn du möchtest, kannst du laufen, und ich werde mir Mühe geben, langsamer zu gehen. Ich weiß aber nicht, wie es den anderen gefallen wird.« »Vergiß es!« sagte Chris. »Ich möchte einfach keine Last sein. Buchstäblich.« »Bist du auch nicht«, versicherte sie ihm. »Wenn du auf mir reitest, erhebt sich mein Herz und fliegen meine Füße wie der Wind.« Sie blickte ihm mit einem merkwürdigen Ausdruck in die Augen. Er konnte ihn nicht deuten, aber erweckte in ihm den Wunsch, das Thema zu wechseln. »Warum bist du hier, Valiha? Warum bist du in diesem Boot und machst diese Reise mit?« »Meinst du nur mich oder auch die anderen Titaniden?«, Sie fuhr fort, ohne auf eine Antwort zu warten. »Psaltery ist dabei, weil er Gaby überallhin folgt. Dasselbe gilt für Horn- pipe. Was Hautbois angeht, so vermute ich, daß sie es macht, weil Gäas Magier oft denen ein Kind gewährt, die den großen Fluß umfahren haben.« »Wirklich?« Er lachte. »Ich frage mich, ob sie mir ein Kind gewähren wird, wenn ich zurückkomme?« Er hatte erwar- tet, daß sie lachen würde, aber statt dessen war da wieder dieser Blick. »Aber du hast noch nicht gesagt, warum du mitkommst. Du bist… na ja, du bist schwanger, nicht wahr?« »Ja. Chris, es tut mir wirklich leid, daß ich da vongerannt bin und dich zurückgelassen habe. Ich konnte…« »Mach dir nichts draus. Du hast dich bereits entschuldigt, und überhaupt macht es mich nervös, dabei zuzuschauen. Aber solltest du es jetzt nicht leichter angehen lassen?« »Das liegt noch weit in der Zukunft. Überhaupt bereitet uns die Schwangerschaft nicht viel Mühe. Und ich bin dabei, weil es eine große Ehre ist, Gäas Magier zu begleiten. Und weil du mein Freund bist.« Erneut dieser seltsame Blick. »Kann ich rüberkommen?« Chris sah überrascht auf. Er hatte nicht geschlafen, war aber auch nicht ganz wach gewesen. Seine Knie waren steif von dem stundenlangen Sitzen in derselben Position. »Sicher. Komm an Bord!« Gabys Kanu war längsseits zu dem von Chris und Valiha gekommen. Gaby kam herüber und setzte sich vor Chris hin. Sie neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn zweifelnd. »Alles in Ordnung?« »Wenn du meinst, ob ich im Moment verrückt bin, könn-, test du es am besten beurteilen.« »Tut mir leid, ich wollte nicht…« »Nein, ich meine es ernst.« Und bin ein wenig verletzt, gestand er sich selbst. Einmal mußte man damit aufhören, reumütig über diese Sache zu sein, oder jede Selbstachtung verlieren. »Ich weiß nie, wann ich das habe, was die Ärzte ein Zwischenerlebnis nennen. Mir scheint es dann jeweils ein vollkommen vernünftiges Verhalten zu sein.« Sie blickte mitfühlend. »Das muß schrecklich sein. Ich meine, zu…« Sie drehte die Augen zum Himmel und pfiff kurz und dünn. »Gaby, halt deinen großen Mund!« sagte sie und blickte wieder zu ihm. »Ich bin nicht gekommen, um dich in Verlegenheit zu bringen, egal, wie es wirken mag. Können wir noch einmal anfangen?« »He, wie schön von dir, vorbeizukommen.« »Wir sollten uns öfter treffen!« Gaby strahlte zurück. »Es gibt da ein paar Dinge, die ich sagen wollte, und dann muß ich wieder verschwinden.« Sie schien immer noch verlegen zu sein, denn nachdem sie das verkündet hatte, sagte sie ein paar Minuten lang nichts mehr. Sie studierte ihre Hän- de, die Füße, das Bootsinnere. Sie betrachtete alles außer Chris. »Ich wollte mich für das entschuldigen, was auf dem Kai passiert ist«, sagte sie endlich. »Entschuldigen? Bei mir? Ich glaube nicht, daß ich da der Richtige bin.« »Du bist nicht der, dem ich sie am meisten schulde, ganz offensichtlich. Aber mit ihr kann ich nicht reden, bis sie sich abgekühlt hat. Dann werde ich auf dem Bauch zu ihr krie- chen, oder das tun, was auch immer sie von mir verlangt, um es wiedergutzumachen. Weil sie recht hat, weißt du. Sie, hatte nichts getan, um so was verdient zu haben.« »So sehe ich das auch.« Gaby schnitt eine Grimasse, schaffte es aber, ihm in die Augen zu blicken. »Richtig. Und in einem weiteren Sinn hat es keiner von euch verdient. Wir machen diese Reise gemeinsam, und ihr alle habt ein Recht darauf, daß ich mich besser betrage. Du sollst wissen, daß dieses Recht in Zukunft Gültigkeit besitzen wird.« »Das akzeptiere ich. Betrachte die Sache als vergessen.« Er schüttelte ihr die Hand. Als sie keine Anstalten machte zu gehen, dachte er, daß es Zeit sein mochte, ein wenig tiefer in das Problem einzusteigen. Aber das war nicht leicht vorzu- bringen. »Ich habe mich gefragt…« Sie hob die Brauen und schien er- leichtert zu sein. »Na ja, um überdeutlich zu sein, was kön- nen wir denn von Cirocco erwarten? Robin ist nicht die einzi- ge, die bislang nicht beeindruckt ist.« Gaby nickte und fuhr mit beiden Händen durch das kurze Haar. »Das ist, worüber ich wirklich reden wollte. Du sollst erken- nen, daß du bisher nur eine Seite von ihr gesehen hast. Aber da ist noch mehr. Viel mehr in der Tat.« Er sagte nichts. »Richtig. Was kannst du erwarten? Offen gesagt, für die nächsten paar Tage nicht viel. Robin hatte recht damit, daß Rockys Gepäck überwiegend aus Alkohol besteht. Den größ- ten Teil davon habe ich vor ein paar Minuten in den Fluß ge- kippt. Ich habe drei Tage gebraucht, um sie für den Karneval präsentierbar zu machen, und sobald er vorüber war, fiel sie wieder vom Rad. Sie wird mehr trinken wollen, wenn sie auf-, wacht, und ich werde sie ein bißchen lassen, denn ihr das Zeug langsam zu entziehen ist einfacher, als sofort reinen Tisch zu machen. Danach bewahre ich nur noch ein wenig für Notfälle auf, in Psalterys Satteltasche.« Sie beugte sich vor und blickte ihm ernst in die Augen. »Ich weiß, daß es schwer zu glauben ist, aber in wenigen Tagen, wenn sie die Entziehung überstanden und die Erinne- rungen an den Karneval überwunden hat, wird sie okay sein. Du siehst sie in ihrer schlimmsten Verfassung. An ih- ren besten Tagen hat sie mehr Mumm als wir alle zusam- mengenommen. Und mehr Anstand und Mitgefühl und… aber es ist nutzlos, wenn ich dir das erzähle. Entweder siehst du es selbst, oder du wirst sie immer für einen Trun- kenbold halten.« »Ich bin bereit, offen zu bleiben«, bot Chris an. Sie studierte sein Gesicht mit dem für sie charakteristi- schen forschenden Blick. Er spürte jedes Gramm ihrer be- trächtlichen Energie in sich hineinbohren, als ob ihr ganzes Wesen darauf ausgerichtet wäre, über sein Inneres Bescheid zu wissen, und es gefiel ihm nicht. Es fühlte sich so an, als könne sie Dinge sehen, die selbst ihm nicht bewußt waren. »Ich glaube, du wirst es«, meinte sie schließlich. Wieder senkte sich Schweigen herab. Chris war sicher, daß sie mehr zu sagen hatte, also gab er ihr wieder ein Stichwort. »Ich begreife den Karneval nicht«, sagte er. »Du sagtest, ›die Erinnerungen an den Karneval überwinden‹. Warum ist das nötig?« Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und verschränkte die Finger. »Was hast du auf dem Karneval gesehen?« Sie wartete, nicht auf die Antwort. »Viel Singen und Tanzen und Feiern, viele hübsche Farben, Blumen und gutes Essen. Die Touris- ten würden den Karneval lieben, aber die Titaniden lassen sie nicht hinzu. Der Grund ist, daß es sich bei ihm um eine verdammt ernste Angelegenheit handelt.« »Das weiß ich. Ich verstehe, worum es geht.« »Das glaubst du. Du verstehst den vorrangigen Zweck, soviel gestehe ich dir zu. Er ist eine effektive Methode der Bevölkerungskontrolle, was noch nie jemand gemocht hat, weder Mensch noch Titanide, wenn sie auf ihn gezielt war. Immer ist so was nur für die anderen unnützen Leute gut.« Sie hob die Brauen, und er nickte. »Welche Gedanken hast du dir über die Rolle von Gäas Magier auf dem Karneval gemacht?« fragte sie. Er dachte nach. »Sie schien die Sache ernstzunehmen. Ich weiß nicht, welche Maßstäbe sie benutzt hat, aber sie schien alle Vorschläge ernsthaft zu untersuchen.« Gaby nickte. »Das tut sie stets. Sie weiß mehr von der ti- tanidischen Zeugung als die Titaniden selbst. Sie ist älter als sie alle. Sie geht jetzt seit fünfundsiebzig Jahren zum Kar- neval. Zuerst hat es ihr gefallen.« Gaby zuckte die Achseln. »Wem hätte es das nicht? Sie spielt eine sehr große Rolle hier in Gäa, was Robin und du noch nicht ganz zu begreifen scheinen. Beim Karneval bekommt sie ihr Ich aufgebaut. Das braucht jeder. Vielleicht ist sie ein bißchen zu scharf darauf, aber es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen.« Sie sah wieder von ihm weg, und er glaubte – richtigerwei- se, wie sich herausstellte –, daß sie ein paar Urteile zur Sa- che abzugeben hatte. Er erkannte, daß Gaby zu den Leuten gehörte, die jemandem nicht ins Gesicht sehen können,, wenn sie ihn anlügen. Er mochte sie deswegen; er war selbst so. »Nach einer Weile fing es jedoch an, ihr zu schaffen zu machen. Es gibt viel Verzweiflung auf dem Karneval. Man sieht es nicht, weil Titaniden sich ihrem Kummer nur insge- heim ergeben. Ich sage nicht, daß sie davonziehen und sich umbringen, wenn sie nicht erwählt werden. Ich habe noch nie von einem Titanidenselbstmord gehört. Aber Cirocco war die Ursache für viel Gram. Sie blieb noch lange dabei, als es schon keinen Spaß mehr machte, verstehst du, aus einem Pflichtgefühl heraus, aber vor etwa zwanzig Jahren kam sie zu dem Schluß, alles getan zu haben, was von ir- gend jemandem erwartet werden konnte. Es war Zeit, die Verantwortung an jemand anders abzutreten. Sie ging zu Gäa und bat sie um Entbindung von dieser Aufgabe. Und Gäa lehnte ab.« Sie betrachtete ihn eindringlich und erwartete, daß er verstand. Das tat er jedoch noch nicht vollständig. Gaby lehnte sich im Bug zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sie starrte zu den Wolken hinauf. »Rocky hatte ihren Job mit einigen Vorbehalten über- nommen«, sagte sie. »Ich war dabei, daher weiß ich es. Sie ging die Sache mit offenen Augen an, wie sie glaubte. Sie vertraute nicht darauf, daß Gäa sich vollständig an ihr Wort halten würde; sie war bereit, einige Joker in der Hinterhand zu finden. Komischerweise hielt sich Gäa jedoch an ihren Teil des Abkommens. Es gab einige gute Jahre. Manche knappe Mission, manche böse Schwierigkeit, aber alles in allem die besten Jahre in Rockys Leben, und auch in mei- nem. Du hättest nie gehört, daß sich eine von uns be- schwert, auch nicht, wenn es gefährlich wurde, weil wir, wußten, worauf wir uns einließen, als wir den Entschluß faßten, nicht zur Erde zurückzukehren. Gäa hat uns nicht versprochen, daß es leicht werden würde. Sie sagte, wir könnten ein sehr reifes Alter erreichen, sofern wir auf den Beinen blieben. Und das wurde alles so wie versprochen, ganz genau. »Wir dachten nicht viel ans Älterwerden, weil es nicht ein- trat.« Sie lachte mit einer Spur von Selbstmißbilligung. »Wir wurden wie die Helden einer Fernsehserie oder eines Comic Strip. ›Nächste Wochen sehen sie…‹, und da waren wir dann wieder, unverändert und bereit für ein neues Aben- teuer. Ich habe eine Straße rings um Gäa gebaut. Cirocco wurde von King Kong verschleppt und mußte wieder befreit werden. Wir… verdammt, unterbrich mich bitte! Aber wenn du alte Leute besuchst, bekommst du eben Geschichten zu hören.« »Ist schon in Ordnung«, meinte Chris amüsiert. Die Co- mic-Analogie war ihm bereits selbst in den Sinn gekommen. Die Leben dieser beiden Frauen hatten sich so von der ihm bekannten Wirklichkeit getrennt, daß sie ihm unwirklich zu sein schienen. Und doch war Gaby hier, ein Jahrhundert alt und so wirklich wie ein Tritt in den Hintern. »Und so geriet Rocky schließlich in Konflikt damit. Der Jo- ker, und das war ein verfluchter Trick. Obwohl wir damit hätten rechnen sollen. Gäa verhehlt nicht, daß sie niemals etwas umsonst gibt. Wir hatten geglaubt, unseren Teil des Abkommens zufriedenstellend zu erfüllen, aber sie wollte mehr. Und so funktionierte der Schwindel: Hast du gesehen, wie sie sich auf dem Karneval das Titani- denei in den Mund steckte?« Chris nickte, und sie fuhr fort. »Es veränderte seine Farbe. Es wurde durchsichtig wie Glas., Die Sache ist die: das Titanidenei kann nicht vollständig be- fruchtet werden, bevor nicht diese Veränderung eintritt.« »Du meinst, bis es in jemandes Mund war?« »Beinahe erraten. Ein Titanidenmund würde nicht rei- chen. Es muß ein menschlicher Mund sein. Es muß in der Tat der Mund eines ganz bestimmten Menschen sein.« Chris wollte etwas sagen, hielt inne und setzte sich wie- der zurück. »Nur ihrer?« »Einzig und allein der Mund von Gäas Magier.« Er wollte nicht, daß sie weiterredete. Jetzt wußte er Be- scheid, aber sie bestand darauf sicherzustellen, daß er sämtliche Implikationen begriff. »Bis und sofern nicht Gäa jemals ihre Einstellung ändert«, Erzählte sie erbarmungslos weiter, »ist Rocky allein und vollständig verantwortlich für das Überleben der titanidi- schen Rasse. Als sie das erkannte, ließ sie einen Karneval aus. Sie meinte, keinem mehr entgegensehen zu können. Es war zuviel für einen einzelnen Menschen. Was sollte werden, wenn sie starb? Gäa wollte ihr darauf keine Ant- wort geben. Gäa wäre uneingeschränkt dazu fähig, die ganze Rasse verschwinden zu lassen, wenn Cirocco von hier wegginge, wenn sie aufhören würde, zum Karneval zu ge- hen, oder sogar wenn sie stürbe. Also fing sie wieder an, zum Karneval zu gehen. Was sonst hätte sie tun sollen?« Chris dachte an die Titanidenbotschafterin, damals in San Francisco. Dulcimer hatte sie geheißen. Er hatte sich krank gefühlt, als sie ihm ihre Position erklärte. Jetzt fühlte er sich noch schlimmer. »Ich verstehe nicht, wie…«, »Es wurde brillant eingefädelt. Als Rocky den Job über- nahm, hatte sie Gäa gerade davon überzeugt, einen Krieg zwischen den Titaniden und den Engeln zu beenden. Die Feindseligkeiten gegeneinander war in die Gehirne beider Rassen einprogrammiert, in ihre Gene, schätze ich. Gäa mußte sie alle körperlich zurückrufen und Veränderungen vornehmen. Gleichzeitig unterzogen Rocky und ich uns der Direktübertragung einer großen Wissensmenge aus Gäas Geist. Danach konnten wir beide die Titanidensprache sin- gen und noch viele andere Sprachen, und wir wußten ganz schön viel über das Innere Gäas. Rockys Speicheldrüsen wa- ren so verändert worden, daß sie eine Chemikalie abson- dern; und die Titaniden wurden der Veränderung unterzo- gen, sie in Zukunft für die Fortpflanzung zu benötigen. Rocky fing nicht sofort mit dem Trinken an. Sie pflegte Kokain zu schnupfen, als sie jünger war, hatte es aber jah- relang nicht mehr gemacht. Eine Zeitlang fiel sie darauf zu- rück. Aber Alkohol funktionierte besser, also endete sie da- bei. Jedesmal, wenn bald Karneval ist, versucht sie ihr Bes- tes, um zu entkommen. Aber sie kann nicht.« Gaby stand auf und gab Psaltery ein Signal, dessen Boot mit zehn Metern Abstand parallel zu dem von Chris fuhr. Er kam näher. »All das ist natürlich nur von nebensächlicher Bedeu- tung«, sagte sie brüsk. »Wichtig ist bei einer Säuferin auf einer Reise wie dieser nicht der Grund, warum sie trinkt, sondern ob sie irgend jemandem von Nutzen sein wird, sich selbst eingeschlossen, wenn es schwer wird. Und ich sage dir, sie wird, oder ich hätte euch nicht vorgeschlagen, mitzukommen.« »Ich bin froh, daß du mir alles erzählt hast«, meinte Chris., »Und es tut mir leid.« Sie lächelte schief. »Es braucht dir nicht leid zu tun. Du hast Probleme; wir haben Probleme. Wir haben bekommen, worum wir gebeten haben, Rocky und ich. Es ist unser ei- gener Fehler, wenn wir nicht erkannt haben, worum wir ei- gentlich baten.« Erkenntnis Der Regen, den Gaby erwartet hatte, setzte schließlich ein, als sie seit mehr als fünf Stunden auf dem Fluß waren. Sie brachte die Ölmäntel zum Vorschein und händigte einen Psaltery aus. Die anderen machten dasselbe, ausgenommen Cirocco, die immer noch im Bug von Hornpipes Kanu schlief. Gaby wollte Psaltery schon anweisen, das Boot hin- über zu steuern, damit sie sie vor dem Regen schützen konnte, änderte aber dann ihren Entschluß wieder. Stets hatte sie den Impuls, Rocky zu verhätscheln, wenn sie in diesem Zustand war. Sie mußte sich daran erinnern, was sie Chris erzählt hatte. Cirocco mußte auf sich selbst auf- passen. In diesem Moment hob Rocky den Kopf und starrte in den Regen, als hätte sie noch nie etwas so Unerklärliches gese- hen wie Wasser, das vom Himmel fiel. Sie wollte sich auf- richten, lehnte sich aber dann über die Seite des Kanus und, erbrach sich in das braune Wasser. Es war viel Mühe mit wenig Gewinn. Als sie damit fertig war, kroch sie in die Mitte des Kanus, warf die rote Persenning zurück und fing an, die Vorräte zu durchsuchen. Ihre Suche wurde immer rasender. Hornpipe hinter ihr sagte nichts, sondern paddelte stetig weiter. Schließlich setzte sie sich auf die Fersen und rieb sich mit dem Handballen die Stirn. Plötzlich blickte sie auf. »GaaaaaaBIIIIII!« gellte sie. Sie machte Gaby in zwanzig Metern Entfernung aus, trat dann auf die Kante des Bootes und hinaus auf das Wasser. Für einen Moment sah es so aus, als könne sie tatsächlich darauf laufen. Es stellte sich jedoch heraus, daß das nur ei- ne Täuschung durch die geringe Schwerkraft war, denn mit dem zweiten Schritt geriet sie bis über die Knie hinein, und bevor sie einen dritten machen konnte, schloß sich das Wasser über ihrem leicht verdutzten Gesicht. »Sie mag ein Magier sein«, kicherte Chris, »aber sie ist nicht Jesus.« »Wer ist Jesus?« Robin lauschte der Erklärung für einen Moment, lange genug, um herauszufinden, daß die Sache nicht ihr Inte- resse fand. Jesus war eine christliche Mythengestalt, offen- sichtlich die, auf die die ganze Sekte zurückging. Er war seit über zweitausend Jahren tot, was Robin für das Beste an ihm hielt. Sie blieb vorsichtig, bis sie Chris fragen konnte, ob er an irgend etwas davon glaubte, und als er nein sagte, erachtete sie das Thema für erledigt. Sie beide saßen auf einem Klotz ein gutes Stück von den anderen entfernt, sie alle in einem Kreis um Ciroccos Ges-, talt, die in eine Decke gewickelt neben dem prasselnden Feuer zitterte. Eine große Kanne Kaffee hing von einem Dreifuß herab und wurde in den Flammen langsam schwarz. Robin war wütend. Sie fragte sich, was nur im Namen der Großen Mutter sie eigentlich auf dieser sinnlosen Reise machte, angeführt von einer Frau, der sie nicht zutraute, die eigenen Schnürsenkel richtig zuzubinden. Und Gaby. Je weniger über sie gesagt wurde, desto besser. Vier Titan- iden… die sie wirklich ziemlich gern hatte. Hautbois hatte sich als gewandte Erzählerin von Geschichten erwiesen. Robin hatte den ersten Reiseabschnitt damit verbracht, ihr zuzuhören und von Zeit zu Zeit eigenes Garn einzuflechten, um herauszufinden, wie leichtgläubig Hautbois vielleicht war. Hautbois würde im Koven gut zurechtkommen; sie war nicht leicht hereinzulegen. Dann war da noch Chris. Sie hatte sich davor gedrückt, ihn kennenzulernen, weil sie sich unbehaglich darüber fühlte, tatsächlich soziale Kontak- te mit einem Mann zu haben. Und doch hatte sie mittlerwei- le erfahren, daß vieles nicht stimmte, was man ihr über Männer erzählt hatte, und sie wußte jetzt, daß die Geschich- ten über Männer beim Erzählen gewachsen waren. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich jemals bei ihm wohlzufüh- len, aber wenn sie diese Reise zusammen machen sollten, dann würde sie eben versuchen, ihn besser zu verstehen. Das stellte sich als schwierig heraus, und sie schalt sich selbst dafür. Sein Fehler war es nicht, denn er schien offen genug zu sein. Sie konnte sich einfach nicht dazu bringen, mit ihm zu reden. Mit Titaniden ging das viel leichter. Sie wirkten nicht so fremd wie er., Statt also zu reden, betrachtete sie das Wasser, das vom Rand des Zeltdaches herabtropfte, das sie zwischen zwei Bäumen aufgehängt hatten. Nicht einen Windhauch gab es. Der Regen fiel senkrecht herab, schwer und stetig, aber der grobe Schutz reichte aus, um sie trocken zu halten. Das Feuer war für den Kaffee und Gäas Magier; es war ziemlich warm, wenn auch nicht unangenehm. »Hyperion wird an einem wolkigen Tag viel dunkler als Kalifornien«, meinte Chris. »Wirklich? Das hatte ich nicht erkannt.« Er lächelte sie an, aber nicht gönnerhaft. Auch er schien reden zu wollen. »Das Licht täuscht hier«, sagte er. »Es scheint hell zu sein, aber nur, weil sich die Augen darauf einstellen. Der Saturn erhält nur ein Hundertstel so viel Licht wie die Erde. Wenn etwas den größten Teil davon blockiert, merkt man den Un- terschied.« »Davon wußte ich nichts. Im Koven handhaben wir die Dinge anders. Wir haben die Jalousien schon mal für Wo- chen hintereinander offen, damit die Ernte besser ausfällt.« »Tatsächlich? Ich würde gern mehr darüber wissen.« Also erzählte sie ihm vom Leben im Koven und fand ein weiteres Beispiel für eine Eigenschaft, die bei Männern und Frauen dieselbe ist: es ist leicht, mit jemandem zu reden, wenn er oder sie gut zuhören kann. Robin wußte, daß sie es nicht konnte, und sie schämte sich der Tatsache nicht, aber sie respektierte jemanden wie Chris, der ihr das Gefühl ver- mitteln konnte, daß seine ganze Aufmerksamkeit ihr gehör- te, als ob er wirklich aufnahm, was sie zu sagen hatte. An- fänglich machte sie dieser Respekt, so widerwillig er gege- ben wurde, an sich schon nervös. Chris war ein Mann, verdammt nochmal. Sie erwartete nicht mehr, daß er sie, zweimal pro Tag anfiel, aber es war desorientierend zu er- kennen, daß er ohne diese Bartstoppeln und die Schulter- breite nicht so aussah oder sich verhielt wie etwas anderes als eine Schwester. Sie merkte, daß er viele den Koven betreffende Dinge für seltsam hielt, obwohl er es vermied, das auszudrücken. Zu Anfang störte sie das – wie konnte jemand aus der pecki- schen Gesellschaft ihre Welt für merkwürdig halten? –, aber beim Versuch, gerecht zu sein, mußte sie zugeben, daß alle Gebräuche seltsam aussehen mußten für jemanden, der nicht an sie gewohnt war. »Dann diese… Tätowierungen? Hat sie jeder im Koven?« »Ja. Manche haben mehr als ich, manche weniger. Jede trägt das Pentasma.« Sie warf den Kopf zurück, um ihm die Zeichnung rings um das Ohr zu zeigen. »Gewöhnlich ist es um das Muttermal angeordnet, aber mein Schoß ist ent- weiht und…« Stirnrunzelnd bekundete er sein Unverständ- nis. »Den – wie hat Gaby ihn genannt? – Bauchnabel.« Sie erinnerte sich lachend. »Was für ein verrückter Name! Wir nennen ihn das erste Fenster der Seele, weil er das heiligs- te Band kennzeichnet, das zwischen Mutter und Tochter. Die Fenster des Kopfes sind die des Geistes. Ich bin der Hä- resie angeklagt worden, weil ich mein Pentasma eher als Wache über meinen Geist eingesetzt habe als über meine Seele, aber wegen meiner Entweihung habe ich mich vor dem Tribunal erfolgreich verteidigt. Die Fenster der Seele führen zum Schoß, hier und hier.« Sie legte die Hände auf Bauch und Schamhügel, nahm sie aber hastig wieder weg, als sie sich an den Unterschied zwischen ihr und dem Mann erinnerte. »Ich fürchte, ich verstehe diese Entweihung nicht.«, »Ich kann keine Kinder haben. Sie würden dasselbe Lei- den haben wie ich, sagen zumindest die Ärztinnen.« »Das tut mir leid.« Robin machte ein finsteres Gesicht. »Ich verstehe diesen Brauch nicht, sich für etwas zu entschuldigen, das man nicht getan hat. Du hast doch nie bei der Semenico Samen- bank in Atlanta, Gah, gearbeitet, oder?« »Das ist Georgia«, sagte er lächelnd. »GA steht für Geor- gia. Nein, ich habe da nie gearbeitet.« »Eines Tages treffe ich vielleicht den Mann, der es tat. Sein Tod wäre ungewöhnlich.« »Ich habe mich nicht wirklich entschuldigt«, sagte er. »Nicht in dem Sinn. Wir sagen oft ›es tut mir leid‹, einfach um Mitgefühl zu äußern.« »Ich will kein Mitgefühl.« »Dann ziehe ich das Angebot zurück.« Sein Grinsen war ansteckend. Schon bald mußte sie ebenfalls lächeln. »Gott weiß, daß ich selbst zuviel davon bekomme. Normalerweise lasse ich es an mir abgleiten, sofern ich mich nicht schlecht fühle.« Robin fragte sich, wie er das so sorglos feststellen konnte. Peckische Leute unterschieden sich stark voneinander. Manche begriffen kaum, was Ehre bedeutete. Andere konn- ten sehr kitzlig sein. Bei der Ankunft hatte sie Demütigun- gen hingenommen, die sie von einer ihrer eigenen Leute nie geduldet hätte, und der Grund lag in ihrer Annahme, daß diese Leute es nicht besser wußten. Zuerst hatte sie ge- dacht, keiner von ihnen besäße Selbstachtung, aber sie glaubte, Chris habe welche – wenn auch nicht viel –, und wenn er bereit war, Mitgefühl ohne Protest anzunehmen, dann konnte es nicht sein, daß Mitgefühl immer sein, Selbstvertrauen schmälerte. »Ich bin angeklagt worden, zu schlimm zu sein«, gestand sie. »Von meinen Schwestern. Es gibt Gelegenheiten, wo wir Mitgefühl ohne Ehrverlust annehmen können, solange es keine Herablassung enthält.« »Dann hast du mein Mitgefühl«, sagte er. »Als ein Leiden- der zum anderen.« »Akzeptiert.« »Was meinst du mit ›peckisch‹?« »Es kommt von unserem Wort für euer… Am besten spre- chen wir nicht darüber.« »Okay. Warum willst du dann diesen Mann in Georgia tö- ten?« Sie fand sich in einer Erklärung dessen begriffen, was ihr angetan worden war und warum es geschehen war, und das führte zu einer Erklärung der peckischen Machtstrukturen und wie sie funktionierten. Es dämmerte ihr, daß sie zu ei- nem Mitglied genau dieser Machtstrukturen sprach. Merk- würdigerweise war sie verlegen. Sie hatte einige ganz schön schlimme Dinge gesagt, und schließlich hatte er ihr persön- lich nichts getan. Spielte das eine Rolle? Sie war sich ihrer Sache nicht mehr sicher. »Zumindest glaube ich jetzt zu wissen, was mit ›peckisch‹ gemeint ist«, sagte er. »Ich wollte dich nicht irgendeiner Sache anklagen«, sagte sie. »Ich bin sicher, du siehst es aufgrund deiner Erziehung alles anders, aber…« »Sei da nicht so sicher«, meinte er. »Ich gebe nicht ir- gendeine große Verschwörung zu, verstehst du. Wenn es eine gibt, hat mich niemand zu den Treffen eingeladen. Und ich glaube, du… dein Koven geht von einer veralteten Welt-, sicht aus. Wenn ich dich richtig verstehe, würdest du dem zumindest teilweise selbst zustimmen.« Sie zuckte unverbindlich die Achseln. Zum Teil hatte er recht. »Als eure Gruppe sich vom Rest der menschlichen Rasse trennte, mögen die Dinge vielleicht so schlecht gestanden haben, wie du meinst. Ich war nicht dabei, und ich schätze, wenn ich es gewesen wäre, dann als Mitglied der Unterdrü- ckerklasse und als solcher mit der Ansicht, daß alles genau- so sein sollte. Aber man hat mir beigebracht, daß heute al- les viel besser ist. Ich würde nicht sagen, es sei perfekt. Dinge werden einfach nicht perfekt. Aber die meisten Frau- en, die ich kenne, sind glücklich. Sie glauben nicht, daß noch viele Schlachten zu schlagen sind.« »An dieser Stelle hörst du besser auf«, riet ihm Robin zur Vorsicht. »Die meisten Frauen sind immer über die Lage der Dinge glücklich gewesen, oder zumindest haben sie es be- hauptet. Das reicht bis vor die Zeit zurück, zu der die pecki- sche Gesellschaft den Frauen das Stimmrecht zuerkannte. Nur weil wir im Koven einige Dinge glauben, die, wie ich jetzt weiß, übertrieben oder falsch sind, kannst du nicht den Schluß ziehen, daß wir nur dumm sind. Wir wissen, daß die Mehrheit immer bereit ist, alles so zu belassen, wie es ist, bis man sie zu etwas Besserem führt. Eine Sklavin mag nicht glücklich über ihr Los sein, aber die meisten tun nichts, um es zu verbessern. Die meisten glauben nicht einmal, daß es verbessert werden kann.« Er breitete die Hände aus und zuckte die Achseln. »Da hast du mich erwischt. Und ich würde die Unterdrückung nicht sehen, weil ich ihr Nutznießer wäre. Was glaubst du? Wie schlimm wirkt alles auf dich, als eine Art Besucher vom, anderen Stern?« »Offen gesagt ist alles viel besser, als ich erwartet hatte. An der Oberfläche jedenfalls. Ich mußte eine Menge Vorur- teile ablegen.« »Spricht für dich!« meinte er. »Die meisten Leute würden eher sterben als ein Vorurteil ablegen. Als Gaby mir erzähl- te, woher du stammst, erwartete ich als letztes, daß du ei- nen offenen Geist haben würdest. Aber wie… ah,… wie denken peckische Frauen?« Robin empfand eine merkwürdige Mischung von Gefüh- len. Das Entnervendste überhaupt war die Tatsache, daß sie sich durch seine Meinung über ihre geistige Offenheit ge- schmeichelt fühlte, und das trotz seiner Ausdrucks weise, die als eine Beleidigung des Koven interpretiert werden konnte. Von der geschlossenen und isolierten Gruppe, die Gaby ihm wahrscheinlich beschrieben hatte, würde zu er- warten sein, daß sie fanatisch an ihren Vorstellungen fest- hielt. Der Koven war nicht so, aber es würde schwer seih, ihm das zu erklären. Robin war trainiert worden, das Uni- versum so zu akzeptieren, wie es war, wie sie es beobachte- te, und nicht einen Schwindelfaktor einzuführen, um es ei- ner Gleichung oder sogar der Doktrin entsprechen zu las- sen. Es war leicht gewesen, die Vorstellungen fallenzulassen, daß Männer meterlange Penisse hatten und ihre ganze Zeit damit zubrachten, Frauen zu vergewaltigen oder sie zu kau- fen und verkaufen. (Das letztere war noch nicht widerlegt, aber wenn es zutraf, dann war es ein hintergründiger Be- standteil des sozialen Lebens, den sie noch nicht hatte beo- bachten können.) Robin sah sich einer beunruhigenden Vor- stellung gegenüber: Mann-als-Person. Ein menschliches, Wesen, das nicht völlig der Gnade seines Testosterons aus- geliefert war, das mehr war als nur ein aggressiver Penis, sondern eine Person, mit der man reden konnte, die sogar einen anderen Standpunkt verstehen konnte. Die Verfol- gung dieses Gedankens zu seinem logischen Ende führte sie zu einer fast undenkbaren Möglichkeit: Mann-als- Schwester. Sie erkannte, daß sie zu lange geschwiegen hatte. »Peckische Frauen? Uh, ich weiß wirklich noch nicht. Ich habe kürzlich eine Frau getroffen, die ihren Körper verkauft, obwohl sie sagt, daß das nicht die richtige Betrachtungs- weise ist. Ich verstehe nichts von Geld, also kann ich nicht sagen, ob sie recht hat. Gaby und Cirocco sind in dieser Be- ziehung mehr als nutzlos. Sie haben mit der menschlichen Gesellschaft, wie du sie kennst, noch weniger zu tun als ich. Ich muß feststellen, daß ich deine Kultur nicht gut genug kenne, um die Rolle der Frau darin zu verstehen.« Wieder nickte er. »Was ist in deinem Beutel?« fragte er. »Mein Dämon.« »Darf ich ihn sehen?« »Das ist wahrscheinlich nicht…« Aber er hatte den Beutel bereits geöffnet. Na ja, soll er es auf seine eigene Kappe nehmen, dachte sie. Nasus Biß war schmerzhaft, aber nicht gefährlich. »Eine Schlange!« rief er. Er schien begeistert zu sein und griff in den Beutel. »Eine Py… nein, eine Anakonda, und ei- ne der schönsten, die ich je gesehen habe. Wie heißt er… sie?« »Nasu.« Sie bedauerte jetzt, nichts gesagt zu haben, und wünschte sich, Nasu würde voranmachen und beißen und, die Sache damit erledigen. Robin würde sich dann ent- schuldigen, weil es ein schmutziger Trick gewesen war. Wie sollte er wissen, daß Nasu niemandem außer Robin gestat- tete, mit ihr umzugehen? Aber er machte es richtig, erwies den angemessenen Re- spekt, und, verdammt, wenn sich Nasu da nicht um seinen Arm ringelte. »Du hast Ahnung von Schlangen.« »Ich hatte mal ein paar. Ich habe ein Jahr lang in einem Zoo gearbeitet, damals, als ich noch einem Job nachgehen konnte. Ich komme mit Schlangen zurecht.« Als fünf Minuten vergangen waren und Chris immer noch nicht gebissen war, mußte Robin zugeben, daß er die Wahrheit gesagt hatte. Und es machte sie noch nervöser denn je, zu sehen, wie er mit ihrem Dämon um die Schul- tern gewickelt dasaß. Was sollte sie tun? Die Hauptaufgabe eines Dämonen war es, einen vor Feinden zu warnen. Ein Teil von ihr wußte, daß darin nicht mehr Sinn lag als in der von ihrem dritten Auge gewährten Unfehlbarkeit. Es war Tradition, mehr nicht. Sie lebte nicht in der Steinzeit. Aber ein noch viel tiefer liegender Teil von ihr betrachtete Chris und die Schlange und wußte nicht, was zu tun war. Hellwach, ‘ Gaby hatte gehofft, vor dem ersten Lager die ganze Stre- cke bis Aglaia zurücklegen zu können, erkannte jetzt aber, daß das unrealistisch war. Cirocco war nicht in der Verfas- sung zum Weiterfahren. Eigentlich war die bislang zurückgelegte Strecke gar nicht so klein. Das stetige Rudern der Titaniden hatte sie bis zur letzten nördlichen Biegung geführt, bevor der Ophion sich wieder in seine allgemeine östliche Richtung wandte. Eine mit Treibholz übersäte Bank erstreckte sich in den Fluß und schuf so eine freundliche Bucht für die Landung der Kanus. Oberhalb eines niedrigen Steilufers gab es einen Bestand an Bäumen, und dort errichteten die Titaniden das Lager, wo- bei ihnen Chris und Robin zu helfen versuchten, jedoch ü- berwiegend nur im Weg waren. Gaby schätzte, daß der Regen für mehrere Dekarevs an- halten würde. Sie hätte Gäa anrufen und sich dessen ver- gewissern – sogar aus gutem Grund ein Ende verlangen können. Aber das Wetter war in Gäa weitgehend standardi- siert. Gaby hatte schon erlebt, wie oftmals einem dreißig- stündigen Regen eine Zwei-Hektorev-Hitzewelle gefolgt war, und diesmal sah es wieder nach einer solchen Folge aus. Die Wolkendecke lag überaus niedrig und riß nicht auf. Im Nordwesten konnten sie gerade eben noch den Ort der Stürme ausmachen, den Hyperion-Endpunkt des schräg aufsteigenden Haltekabels, das als ›Ciroccos Treppe‹ bekannt war. Das Kabel verschwand in der Wolkendecke wie eine vage, tiefere Finsternis, bevor es sich irgendwo nördlich von Gaby darüber hinaus erhob. Sie glaubte, eine Helligkeit hinter den Wolken erkennen zu können, wo es über ihnen hing und Licht in seinen eigenen riesigen Schatten, reflektierte. Ciroccos Treppe. Sie lächelte schief, aber ohne jede Bitter- keit. Fast alle schienen vergessen zu haben, daß zwei Perso- nen diesen ersten Anstieg gemacht hatten. Es kümmerte sie nicht. Sie wußte, daß sie, abgesehen von der Landstraße, weit weniger Zeichen auf dieser verrückten Welt hinterlassen hatte als Cirocco. Sie ging das Steilufer hinauf und sah erheitert zu, wie Chris und Robin sich nützlich zu machen versuchten. Die Ti- taniden waren zu höflich, um ihre Hilfsangebote abzulehnen, also dauerten Dinge, die sonst fünf Minuten gedauert hät- ten, eben fünfzehn. Und natürlich war das richtig so. Chris hatte nicht von seiner Herkunft gesprochen, aber abgesehen von ein paar Ausflügen in die gezähmten Wildnisse der Erde war er ein Stadtkind. Robin kam aus einer Hyperstadt, egal ob der Kovenboden eine pittoreske Felder- und Wiesenland- schaft war. In ihrem ganzen Leben hatte sie vielleicht noch nichts gesehen, das wild und ungeplant war. Als es jedoch ans Kochen ging, setzten die Titaniden alle vier Füße auf und scheuchten die jungen Menschen weg. Die Titaniden kochten fast so gut wie sie sangen. Für diesen ers- ten Reisetag gruben sie in den Bündeln herum und suchtet! die Sachen heraus, die am ehesten verdarben, die Zwischen- durchhappen, die zum raschen Verzehr mitgebracht worden waren. Sie fütterten das Feuer und umrahmten es mit glat- ten Steinen, brachten das kupferne Kochgeschirr zum Vor- schein und vollzogen die magischen Dinge, mit denen Titan- iden frisches Fleisch und Fisch in Wunder der Improvisation verwandelten. Binnen kurzem wurden die Früchte ihrer Mühen riechbar. Gaby setzte sich zurück und genoß das Warten, fühlte sich, glücklicher, als sie es lange Zeit gewesen war. Ihre Gedanken wanderten zurück zu einem viel einfacheren Mahl, an dem sie Jahre zuvor teilgenommen hatte, als sie und Cirocco, mitge- nommen, verletzt und ohne die Sicherheit, einen weiteren Tag zu erleben, einander so nahe gewesen waren, wie man es nur jemals sein konnte. Jetzt waren diese Erinnerungen bit- tersüß, aber sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daß man sich zum Überleben an die guten Dinge halten mußte. Sie hätte auch über alles brüten können, was zwischen da- mals und heute falsch gelaufen war, oder sich über Cirocco Sorgen machen können, die sich selbst jetzt noch in ihrem Zelt erbrach und Pläne schmiedete, sich ihren Alkohol aus Psalterys Satteltaschen zurückzuholen. Statt dessen ent- schied sich Gaby dafür, das gute Essen zu riechen und zuzu- hören, wie sich die beruhigenden Geräusche des Regens mit den Liedern der Titaniden vermischten, und zu spüren, wie die langerwartete kühlende Brise aus dem Osten zu wehen begann. Sie war hundertunddrei Jahre alt und stand am Beginn ei- ner Reise, die sie – wie all ihre anderen Reisen – vielleicht nicht würde zu Ende führen können. In Gäa gab es keine Le- bensversicherungspolicen, nicht einmal für Gäas Magier. Ganz gewiß nicht für die freischaffende Plage, die Gäa nur deshalb tolerierte, weil sie zuverlässiger war als Cirocco. Der Gedanke störte sie nicht. Sie würde überleben und Er- folg haben. Es hatte eine Zeit gegeben, als ihr gegenwärtiges Alter eine unmögliche Vorstellung gewesen wäre, aber jetzt wußte sie, daß Hundertjährige unter der Haut stets jung sind; sie hatte einfach Glück genug, auch so jung auszusehen und sich zu fühlen. Sie sah sich selbst: mit sechzehn war sie in den San Bernardino Bergen, hatte ihr Teleskop und das, Feuer, beides mit den eigenen Händen geschaffen –, und sie wartete darauf, daß der Himmel dunkelte und die Sterne hervorkamen. Was konnte man mehr vom Leben wollen? Sie wußte, daß sie nicht mehr wuchs. Sie erwartete es auch nicht länger. Zunehmendes Alter, so hatte sie heraus- gefunden, bringt mehr Erfahrung, Wissen und Perspektiven. Es bringt viele Dinge, die man augenscheinlich für immer an- häufen konnte, aber es ist auch eine hohe Ebene der Weis- heit erreicht. Sie rechnete nicht damit, deutlich verändert zu sein, wenn sie ihr zweites Jahrhundert abschloß. Das hatte ihr um die Zeit ihres achtzigsten Geburtstages einige Sorgen gemacht, aber jetzt kümmerte es sie nicht mehr. Die Sorgen des Tages waren genug. Dieser Tag hielt an seinem Ende nur eine Sorge für sie bereit. Sie sah zu, wie sich Robin beim Feuer herumtrieb, und seufzte tief. Das Mahl erreichte den üblichen hohen Standard der Titan- iden, abgesehen von einer buchstäblich sauren Note. Die titanidische Küche verwendete gelegentlich ein starkes Ge- würz, das aus den zerbrochenen und zubereiteten Samen einer wassermelonengroßen blauen Frucht gewonnen wur- de. Sie besaß im titanidischen Gesang einen eleganten Namen, aber Menschen bezeichneten sie im allgemeinen als Hyperzitrone. Sie war weiß und körnig. Ein paar Körner reichten für jedes Rezept. Als die Mahlzeit beinahe zum Auftischen bereit war, drehte sich Psaltery plötzlich um und spuckte eine Mundvoll Gemüse auf den Boden. Für einen Moment waren seine Lip- pen zu gespitzt, um zu sprechen, als die anderen Titaniden ihn fragend anschauten. Er hielt ihnen einen Löffel hin, und, Valiha berührte ihn mit der Zunge. Sie schnitt eine Grimas- se. Es dauerte nicht lange, bis sie herausfanden, daß ein mit ›Salz‹ gekennzeichneter Beutel in Wirklichkeit Konzentrat der Hyperzitrone enthielt. Der Beutel war von Hautbois ge- kauft worden. Nach einer langen und empörten Diskussion kamen die vier Titaniden zu dem Ergebnis, daß der Verkäu- fer – ein geheilter Tequilasüchtiger namens Kithara – aus irgendeinem Grund den Entschluß gefaßt haben mußte, der Gruppe der Zauberin einen Streich zu spielen. Keiner der Titaniden war erheitert. Gaby hielt das Ganze für keine große Sache, obwohl sogar ein Topf voll Gemüse weggeworfen werden mußte. Sie hatten immer noch reich- lich gutes Salz. Eine Durchsuchung der anderen Vorräte brachte keinen weiteren Austausch zu Tage. Aber für Titan- iden war das Verderben guter Speisen eine Sünde. Keiner von ihnen konnte begreifen, warum Kithara das getan hatte. »Auf jeden Fall werde ich ihm nach unserer Rückkehr ein paar Fragen stellen«, schwor Psaltery finster. »Ich würde dich gerne begleiten«, sagte Valiha. »Warum einen solchen Aufstand machen?« wollte Gaby wissen. »Es war ein harmloser Streich. Manchmal kommt ihr mir ein wenig zu ernst vor. Ich freue mich, daß ihr Streiche spielen könnt.« »Es ist nicht der Streich, gegen den wir Einwände haben«, meinte Hautbois. »Ich schätze sowas ebenso wie jeder ande- re. Aber dieser eine war… nun ja, buchstäblich von schlechtem Geschmack.« Obwohl der Alterungsvorgang an ihr vorbeigegangen war, gab es etwas an Gaby, das sich mit zunehmendem Alter, verändert hatte. Sie brauchte weniger Schlaf als früher. Zwei Stunden von zwanzig reichten im allgemeinen. Oft blieb sie sechzig oder sogar siebzig Revs lang wach, ohne nachteilige Auswirkungen zu verspüren. Die Titaniden meinten, sie würde ihnen Tag für Tag mehr gleichen und die abscheuliche Gewohnheit des Schlafens bald ganz ablegen. Was auch immer der Grund dafür war, sie beschloß, wäh- rend dieses Lagers ohne Schlaf auszukommen. Allein ging sie los, wanderte eine Weile am Fluß entlang, und als sie zu- rückkehrte, war das Lager ruhig, abgesehen von den leisen, summenden Liedern von Titaniden in der Ruhephase. Sie lagen rings um das Feuer ausgebreitet, vier unwahrschein- lich geschmeidige Comic-Alpträume, die Hände mit unwich- tigen Aufgaben beschäftigt und die Geister wandernd. Vali- ha lag auf der Seite und stützte sich auf einen Ellbogen. Hautbois lag auf dem Rücken, der menschliche Torso jetzt in einer Linie mit dem übrigen Körper, die Beine in der Luft gekrümmt, wie bei einem Hündchen, das darauf wartete, den Bauch gekrault zu bekommen. Von allem, was die Ti- taniden machen konnten, hielt Gaby dies für das Komischs- te. In einiger Entfernung vom Feuer standen vier Zelte zwi- schen den Bäumen verteilt. Gaby ging an ihrem unbesetz- ten Unterschlupf vorbei. Im zweiten schlief Cirocco unruhig. Sie hatte zwei harte Drinks in sich und einen Eimer Kaffee, aber Gaby wußte, daß es nicht der viele Kaffee war, daß sie sich hin- und herwarf. Vor Chris’ Zelt blieb sie stehen und wußte, daß es reine Schnüffelei wäre, hineinzuschauen. Mit Chris hatte sie nichts im Sinn, also ging sie zum nächsten weiter. Sie war-, tete draußen für mehrere Minuten, bis sie hörte, daß sich drinnen jemand regte. »Kann ich eine Minute lang mit dir reden?« »Wer ist da? – Gaby?« »Ja.« »Ich schätze schon. Komm rein!« Robin setzte sich in ihrem Schlafsack auf, der auf einem Polster aus Moos lag, das Hautbois dort ausgebreitet hatte. Gaby zündete die von der Firststange hängende Lampe an und sah, daß Robins Augen wachsam, aber ohne besondere Bösartigkeit glitzerten. Sie trug die Kleider, die sie schon den ganzen Tag angehabt hatte. »Habe ich dich gestört?« Robin schüttelte den Kopf. »Ich konnte nicht schlafen«, gestand sie. »Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich dazu kein Bett habe.« »Hautbois würde dir sicher gerne noch mehr Moos besor- gen.« »Daran liegt’s nicht. Ich werde mich daran gewöhnen, vermute ich.« »Es könnte hilfreich sein, wenn du nachts etwas Leichte- res tragen würdest.« Robin hielt das feingemusterte Nachthemd hoch, das Hautbois für sie bereitgelegt hatte. »Nicht mein Stil«, meinte sie. »Wie könnte jemand mit sowas schlafen? Es gehört in einen Schaukasten.« Gaby kicherte, hockte sich dann mit einem Knie auf den Boden und kaute auf einer Nagelhaut. Robin betrachtete sie, als sie den Blick hob. Ich könnte genausogut anfangen, dachte Gaby. Sie weiß, daß du nicht hergekommen bist, um nachzusehen, ob sie frische Handtücher braucht., »Ich schätze, als erstes muß ich mich entschuldigen«, sagte sie. »Ich bedaure, was ich getan habe; es war nicht gerechtfertigt und es tut mir leid.« »Ich nehme die Entschuldigung an«, sagte Robin. »Aber die Warnung bleibt bestehen.« »Schön. Das verstehe ich.« Gaby suchte ihre Wörter so sorgfältig aus, wie sie nur konnte. Etwas mehr als nur eine Entschuldigung war gefordert, aber sie mußte sicherstellen, daß sie nicht gönnerhaft wirkte. »Was ich getan habe, war in meiner eigenen Kultur so falsch wie in deiner«, sagte sie. »Die Entschuldigung steht für die Verletzung meines eigenen Moralkodex. Aber du hast mir mal erzählt, daß ihr Hexen habt, irgendein System der Verpflichtungen, aber ich habe das Wort vergessen.« »Labra«, sagte Robin. »Das war es. Ich gebe nicht vor, es zu verstehen. Ich glaube, ich kann mir dessen sicher sein, daß ich es verletzt habe, auch wenn ich nicht genau weiß, wie. Worum ich dich jetzt bitte, ist deine Hilfe. Gibt es eine Möglichkeit, die Dinge zwischen uns geradezurücken? Gibt es etwas, das ich tun kann, um es so gut wie ungeschehen zu machen?« Robin runzelte die Stirn. »Ich glaube nicht, daß du in…« »Aber das tue ich. Ich bin wirklich willens, etwas zu tun. Gibt es eine Möglichkeit?« »J-j-ja. Aber…« »Was?« Robin warf die Hände hoch. »So ziemlich wie in jeder pri- mitiven Kultur, vermute ich. Ein Duell. Nur wir beide.« »Wie ernst?« fragte Gaby. »Bis auf den Tod?« »So primitiv sind wir nicht. Der Zweck besteht in Versöh- nung, nicht Mord. Wenn ich glaubte, dich töten zu müssen,, würde ich es einfach tun und darauf hoffen, daß meine Schwestern mir gegen das Tribunal beistehen würden. Wir würden mit bloßen Händen kämpfen.« Gaby dachte darüber nach. »Was, wenn ich gewänne?« Robin seufzte gereizt. »Du verstehst nicht. Der Gewinner ist unwichtig; darin Hegt der Sinn nicht. Wir würden nicht zu beweisen versu- chen, wer die Bessere ist. Der Kampf würde nur zeigen, wer die Stärkere und Schnellere ist, und das hat nichts mit Ehre zu tun. Aber mit der Übereinkunft, daß wir einander nicht töten, erkennen wir wechselseitig an, daß die andere würdig ist, und ehren auf diese Weise die Gegnerin.« Sie machte eine Pause und wirkte für einen Moment recht boshaft. »Mach dir keine Sorgen darüber«, sagte sie. »Du würdest nicht gewinnen.« Gaby erwiderte ihr Grinsen und stellte wieder einmal fest, daß sie dieses seltsame Kind mochte. Mehr denn je wollte sie sie fest auf ihrer Seite haben, wenn es zu Prob- lemen kam. »Wie sieht es dann aus? Bin ich denn des Kampfes wert?« Robin brauchte lange für die Antwort. Vieles war Gaby seit dem Vorschlag in den Sinn gekommen. Sie fragte sich, an wieviel davon auch Robin jetzt dachte. Sollte sie Robin gewinnen lassen? Das mochte gefährlich sein, sobald Robin vermutete, daß sie nicht mit ganzer Kraft kämpfte. Wenn Robin tatsächlich verlor, würde sie dann wirklich das Kriegs- beil begraben? Gaby mußte sie da beim Wort nehmen. Sie glaubte die kleine Hexe gut genug zu verstehen, um zu wis- sen, daß deren Ehrbegriff ihr den Vorschlag nicht gestattet hätte, wenn sie sich nicht wie angekündigt verhalten konn-, te. Also würde der Kampf ernsthaft sein und wahrschein- lich schmerzhaft. »Wenn es das ist, was du willst«, sagte Robin. Robin zog sich aus, also tat Gaby dasselbe. Sie befanden sich einen halben Kilometer vom Fluß entfernt, weit genug, damit das Lagerfeuer nur noch ein mattes Licht hinter ei- nem Vorhang aus strömendem Regen war. Der Kampfplatz war eine flachige Niederung im welligen Land. Es gab wenig Gras, aber die Erde war fest genug: hitzegebackener Boden, der nach sechs Stunden ständigen Regens gerade erst be- gann, Feuchtigkeit aufzusaugen. Trotzdem würde es Prob- leme mit der Standfestigkeit geben. An manchen Stellen gab es Pfützen und Schlamm. Sie standen einander gegenüber, und Gaby taxierte ihre Gegnerin. Sie waren einander fast gleichwertig. Gaby war ein paar Zentimeter größer und ein paar Kilo massiger. »Gibt es irgendwelche Formen, die beachtet werden soll- ten? Irgendwelche Rituale?« »Ja, aber sie sind schwierig und würden dir nichts sagen, also warum verzichten wir nicht einfach auf sie? Hokuspo- kus und Alagazam, du verneigst dich vor mir, und ich ver- neige mich vor dir, und wir erachten die Rituale für erledigt, okay?« »Regeln?« »Was? Oh, ich schätze, es sollte welche geben, nicht wahr? Aber ich habe wirklich keine Ahnung, wieviel du vom Kämpfen verstehst.« »Ich weiß, wie man jemanden mit den Händen tötet«, sagte Gaby. »Laß uns vereinbaren, nichts zu tun, was die andere für, dauernd schädigt. Die Verliererin sollte morgen wieder ge- hen können. Abgesehen davon ist alles erlaubt.« »Okay. Aber bevor wir anfangen: diese Tätowierung auf deinem Bauch hat mich neugierig gemacht. Wofür ist sie gut?« Sie deutete auf Robins Nabel. Es hätte besser funktionieren können – Robin hätte eher sich selbst als Gabys deutende Hand anschauen können –, aber sie war immer noch abgelenkt, als Gaby mit dem Fuß zutrat, den sie vorsichtig in den Schlamm gebohrt hatte. Robin duckte sich unter den Tritt, aber ein Matschklumpen traf sie seitlich im Gesicht und blendete ein Auge. Gaby erwartete den Sprung nach hinten und war bereit, ihn auszunutzen, aber Robins Reflexe waren etwas schnel- ler, und Gaby bekam einen Tritt in die Seite. Das bremste sie gerade genug ab, daß Robin ihren eigenen überraschenden Zug machen konnte. Sie drehte sich um und rannte. Gaby lief hinter ihr her, aber es war eine Taktik, an die sie nicht gewöhnt war. Sie erwartete ständig einen Trick und rannte deshalb nicht so schnell, wie sie konnte. Daraus er- gab sich, daß Robin bald einen bequemen Vorsprung hatte. Sie blieb stehen, als sich der Abstand zwischen ihnen auf zehn Meter vergrößert hatte, und als sie sich umdrehte, war das Auge wieder frei. Gaby glaubte, daß sie nicht so gut sah wie zuvor, aber der Regen hatte den größten Teil ihrer Be- nachteiligung beseitigt. Gaby war beeindruckt. Als sie an- fing, sich der jüngeren Frau zu nähern, tat sie es mit äu- ßerster Vorsicht. Es war wie ein Neuanfang. Gaby fühlte sich beeinträch- tigt, weil sie bisher nur selten auf diese Weise gekämpft hatte. Ihre Ausbildung lag lange zurück, und obwohl sie nicht einge-, rostet war, so bereitete es ihr doch Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was in den Übungsstunden durchgenom- men worden war. Während der vergangenen achtzig Jahre waren alle Kämpfe, in die sie sich verwickelt gefunden hatte, absolut ernst gewesen, was bedeutete, daß immer der Tod das Ergebnis sein konnte. Diese Art von Kampf war überhaupt nicht wie eine Übung. Robin ihrerseits mußte derartiges die ganze Zeit machen. Ihre Persönlichkeit würde das praktisch garantieren. Es gab keinen wirklichen Grund, daß der Kampf länger als nur ein paar Minuten dauern sollte, selbst bei Schlägen ohne volle Kraft. Irgendwie glaubte Gaby nicht, daß es sich so ent- wickeln würde. Während sie sich ihrer Gegnerin näherte, ließ sie sich auf ein Glücksspiel ein, indem sie darauf verzichtete, zu schlagen oder zu treten, und überließ damit Robin eine Eröffnung. Gaby glaubte, daß sie damit fertig würde, wenn die jüngere Frau es auszunutzen beschloß. Aber sie tat es nicht, und sie beide suchten nach einem Halt für Ringergriffe. Eine Übereinkunft ohne Worte war erzielt worden, und Gaby würde sie einhalten. Durch eine noch über die vereinbarten Regeln hinausgehende Formalisierung des Kampfes bekun- dete Robin ihren Wunsch, daß keine von ihnen verletzt wer- den sollte. Damit sagte sie, daß Gaby eine ehrenhafte Gegne- rin war, die es nicht verdiente, verletzt zu werden. Es dauerte geraume Zeit. Gaby erkannte, daß sie auf alle Vorteile verzichtet hatte, die sie bei Verfolgung ihrer eigenen Kampftechnik hätte erringen können. Es war ihr egal. Sie er- wartete zu verlieren, aber das hinderte sie nicht daran, alles zu geben, was sie besaß. Robin würde anschließend wissen, daß sie gekämpft hatte., »Frieden!« schrie Gaby. »Onkel, Tante und ein Haufen Vettern und Kusinen!« Robin ließ ihren Arm los, und der Stich des Schmerzes ver- schwand langsam wieder aus Gabys Schulter. Sie hob das Gesicht aus dem Schlamm und drehte sich vorsichtig um. Sie begann zu glauben, daß sie den Arm eines Tages wieder würde gebrauchen können. Sie hob den Kopf und sah, daß Robin mit dem Kopf zwi- schen den Knien dasaß und wie eine Dampfmaschine keuch- te. »Zwei von dreien?« schlug Gaby vor. Robin fing an zu lachen. Sie tat es laut und ohne Befangen- heit. »Wenn ich nur für eine Minute glauben könnte, daß du das auch meinst«, schaffte sie schließlich zu sagen, »würde ich dich fesseln und in einem Käfig halten. Aber wahrscheinlich würdest du die Ketten durchnagen.« »Ein paarmal hatte ich dich fast soweit, nicht?« »Du wirst niemals wissen, wie weit.« Gaby fragte sich, wie sie sich so gut fühlen konnte, wenn sie die Tatsache bedachte, daß es ihr überall weh tat. Sie nahm an, es müsse sich um eine Marathon-Euphorie han- deln, diese völlige Entspannung, die eintreten kann, wenn man eine bis zum Äußersten gehende Anstrengung hinter sich gebracht hat. Und schließlich war sie nicht verletzt. Die Prellungen würden sich geben, die Schulter eine Zeitlang schwach bleiben, aber sie litt überwiegend an den Auswirkun- gen der Erschöpfung, nicht der Schläge. Robin kam langsam auf die Füße. Sie streckte die Hand aus. »Laß uns zum Fluß hinuntergehen! Du mußt dich wa-, schen.« Gaby ergriff die Hand und schaffte es, sich zu erheben. Ro- bin hinkte, und auch Gaby fühlte sich nicht sonderlich stand- fest, also stützten sie einander während der schmerzvollen ersten hundert Meter. »Ich wollte dich wirklich nach dieser Tätowierung fragen«, sagte Gaby, während sie sich dem Fluß näherten. Robin wischte sich mit den Händen über den Unterleib, a- ber es nützte nichts. »Ich kann es jetzt nicht sehen. Zuviel Schlamm. Was hältst du von ihr?« Gaby wollte schon etwas Höfliches und Unverbindliches sa- gen, überlegte es sich aber. »Ich denke, sie ist eines der scheußlichsten Dinge, die ich je gesehen habe.« »Genau! Es ist die Quelle von viel Labra.« Sie gingen vorsichtig ein Stück in den Fluß hinein und setz- ten sich. Der Regen hatte nachgelassen, war zu einem feinen Nieseln geworden, während sich im Norden eine Lücke in den Wolken auf tat, die etwas Licht hindurchließ. Gaby konnte die Tätowierung nicht länger sehen, konnte aber nicht aufhören, daran zu denken. Sie war grotesk und beinahe furchteinflößend. Angelegt wie eine anatomische Zeichnung bildete sie aufgeschnittene Gewebeschichten ab, die mit chirurgischer Präzision zurückgeklammert waren, um die darunter liegenden Organe zu entblößen. Die Eierstöcke glichen verfaulten Früchten, die von Maden wimmelten. Die Eileiter waren vielfach verknotet. Das Schlimmste jedoch war die Gebärmutter selbst, angeschwollen und aus dem »Ein- schnitt« herausquellend, und obendrein tropfte Blut aus ei- ner gezackten Wunde. Es war klar erkennbar, daß die Wunde von innen her verursacht wurde, als ob etwas sich einen Weg nach draußen fräße. Nichts war von der in der Gebär-, mutter steckenden Kreatur sichtbar außer einem Paar roter, wilder Augen. Als sie unterwegs waren, um sich ihre Kleider wiederzuholen, begann der Regen wieder heftig zu werden. Gaby war nicht erschrocken, als Robin stolperte und fiel; der Boden war furchtbar glitschig, und sie litt an einem verstauchten Knö- chel. Aber als Robin schließlich zum viertenmal stürzte, war klar, daß etwas nicht stimmte. Sie taumelte und zitterte, und die Kiefermuskeln waren vor Entschlossenheit verknotet. »Laß mich dir helfen!« sagte Gaby, als sie es nicht länger er- tragen konnte. »Nein danke. Ich schaffe es allein.« Eine Minute später fiel sie wieder und stand nicht mehr auf. Ihre Glieder zuckten in einem langsamen Rhythmus, keines- wegs heftig. Die Augen waren blicklos. Gaby kniete nieder und legte einen Arm unter Robins Knie, den anderen unter ihren Rücken. »Nnnn. Nnnein. Nnnnaaa.« »Was? Sei vernünftig, liebe Freundin. Ich kann dich nicht hier im Regen liegenlassen.« »Ddooch, ddooch. Gggeee weg! Lllaass miich!« Es war ein verflixtes Problem. Gaby legte sie wieder hin und stand über ihr, kratzte sich am Kopf. Sie blickte zum Lagerfeuer, das nicht mehr weit entfernt war, und wieder zu Robin. Sie befanden sich auf einem niedrigen Hügel; anstei- gendes Wasser würde kein Problem sein, und im Regen würde sie auch nicht ertrinken. In diesem Teil Hyperions gab es kein Raubzeug, das ihr gefährlich werden konnte, wenn auch einige kleine Tiere ein Anknabbern probieren mochten. Die Sache mußte später geklärt werden. Irgendeine Ver-, ständigung mußte erzielt werden, denn Gaby würde das nicht noch einmal machen. Aber für den Moment wandte sie sich ab und ging zum Lager zurück. Hautbois stand alarmiert auf, als Gaby allein zurückkam. Gaby wußte, daß die Titanide gesehen hatte, wie sie zu- sammen weggegangen waren; wahrscheinlich wußte sie so- gar, was sie dort draußen im Regen vorgehabt hatten. Gaby beruhigte sie, bevor sie voreilige Schlüsse ziehen konnte. »Sie ist nicht verletzt – glaube ich wenigstens. Sie hat ei- nen Anfall und wollte nicht, daß ich ihr helfe. Wir können sie holen, wenn es Zeit zum Aufbrechen ist. Wohin gehst du?« »Sie zurückholen und wieder ins Zelt bringen, natürlich.« »Ich glaube nicht, daß sie es zu schätzen wissen wird.« Hautbois sah so wütend aus, wie Gaby es noch nie bei ei- ner Titanide gesehen hatte. »Ihr Menschen und eure törichten Spiele«, schnaubte sie. »Ich muß weder nach ihren noch nach deinen Regeln spie- len.« Robin sah Hautbois durch die Regenwand hindurch auf- ragen. Verdammt, Gaby hatte die Kavallerie geschickt; so- viel war klar. »Ich bin auf eigene Faust gekommen«, sagte die Titanide, als sie Robin aus dem Schlamm hob. »Welchen menschlichen Ehrbegriff du auch durch diese Verrücktheit zu verteidigen versuchst, er kann unverletzt bleiben, weil dich kein Mensch von hier wegholt, sondern ich.« Leg mich wieder hin, du zu groß geratenes Schaukel- pferd! versuchte Robin zu sagen, und hörte das gering- schätzige Krächzen und Gurgeln über ihren schlaffen Un- terkiefer treiben., »Ich werde mich um dich kümmern«, sagte Hautbois zärt- lich. Robin war ruhig, als Hautbois sie auf ihren Schlaf sack leg- te. Hör auf zu kämpfen, ergib dich, warte, und gewinne letztlich! Jetzt bist du hilflos, aber du kannst es ihnen heim- zahlen. Hautbois kehrte mit einem Eimer warmem Wasser zu- rück. Sie wusch Robin, trocknete sie wieder ab, hielt sie wie eine defekte Robotstoffpuppe hoch und steckte sie in den mit Stickereien verzierten Putz ihres Nachthemdes. Robin mochte nicht mehr wiegen als ein Blatt Papier, wie Hautbois sie mit einer Hand hob und in den Schlafsack steckte wie in eine Tüte. Sie schloß ihn um Robins Hals. Und fing an zu singen. Robin verspürte Hitze tief in ihrer Kehle. Pas erschreckte sie. In den Schlafsack gesteckt zu sein, gebadet, umgezo- gen… es war ein schrecklicher Affront gegen ihre Würde. Sie hätte fähig sein sollen, mehr Zorn zu empfinden, als es tat- sächlich der Fall war. Sie hätte sich den scharfen verbalen Angriff zurechtlegen sollen, den sie auf diese Kreatur loslas- sen würde, sobald sie die Herrschaft über ihren Körper zu- rückgewann. Statt dessen spürte sie nur den erstickenden Kloß einer Emotion, die sie schon lange vergessen hatte. Weinen war undenkbar. Sobald man sich dem einmal er- gab, würde man vielleicht nie wieder von Selbstmitleid frei sein. Das war ihre größte Furcht, so erschreckend, daß sie sie nur selten überhaupt nennen konnte. Sie hatte schon geweint, zuzeiten und wenn sie ganz allein gewesen war. In Gegenwart von jemand anderem konnte sie es nicht. Und doch war sie jetzt in gewissem Sinn allein. Hautbois hatte es selbst gesagt. Menschliche Regeln, Ehrbegriffe des, Koven brauchten hier nicht zu gelten. Es ging darüber hin- aus; der Koven verlangte von ihr, niemals zu weinen. Das war nur ihre eigene selbsterzwungene Disziplin. Sie vernahm ein Stöhnen und wußte, daß es aus ihrem Mund kam. Tränen strömten aus ihren Augenwinkeln. Den Kloß im Hals vermochte sie nicht hinunterzuschlucken, also würde es herauskommen müssen. Robin ergab sich und weinte sich in Hautbois’ Armen in den Schlaf. Chris ruhte im Halblicht auf seinem Schlafsack und zitterte. Seit Stunden hatte er das Gefühl, daß vielleicht ein Anfall bevorstand, der sich aber einzutreten weigerte. Oder hatte er begonnen? Wie er Gaby erzählt hatte, konnte er es nicht beurteilen, wenn er sich in einer dieser Phasen befand. Das stimmte jedoch nicht ganz. Wenn er einen Anfall gehabt hätte, würde er es nicht wissen, und es würde seinem Verstand vollkommen vernünftig erscheinen, wie eine Ma- schine mit abgenutzten Flaschenzügen und krummem Ge- triebe zu funktionieren, aber er würde nicht hier liegen und schwitzen. Er redete sich ein, daß es am Licht und dem auf das Zelt- dach trommelnden Regen lag. Das Licht stimmte überhaupt nicht. Wie es durch die Zeltwände kam, hätte es entweder früher Morgen und Zeit zum Aufstehen sein müssen oder später Abend und viel zu früh zum Schlafen. Es wollte ein- fach keine anständige Nacht werden. Bei dem Regen war es erstaunlich, was er alles hatte hören können. Da waren die leisen Lieder der Titaniden und das Prasseln und Knacken des Feuers. Jemand hatte sich seinem Zelt genähert und war draußen stehengeblieben, hatte sei-, nen Schatten an die Wände geworfen und war wieder ge- gangen. Später hatte er unterhaltende Stimmen gehört und das Weggehen von Leuten. Viel später war jemand zurückge- kommen. Und jetzt näherte sich jemand anderes. Nicht einmal Ci- rocco hätte einen so großen Schatten geworfen. »Klopf, Klopf.« »Komm rein, Valiha!« Sie hatte ein Handtuch dabei, und während sie Kopf und Torso hereinsteckte, um die Zeltklap- pen offenzuhalten, benutzte sie es, um sich den Schlamm von den Vorderhufen zu wischen, bevor sie auf den Boden aus Zeltleinwand trat. Dasselbe tat sie mit den Hinterbei- nen, drehte sich und lehnte sich zurück, während sie jedes Bein hob, schaffte es, an einen sich hinter dem Ohr kratzen- den Hund zu erinnern, ohne irgendwie unbeholfen auszuse- hen. Sie trug einen violetten Regenmantel, der fast ein eige- nes Zelt war. Als sie ihn abgelegt und an einen Haken neben der Tür gehängt hatte, war bei Chris eine beträchtliche Neu- gier auf den Zweck ihres Besuches entstanden. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich die Lampe an- zünde?« »Mach schon!« Das Zelt war titanidengroß, was bedeutete, daß sie in der Mitte aufrecht stehen konnte und gerade eben genug Platz hatte, um sich umzudrehen. Die Lampe warf phantastische Schatten ihres Körpers, bis sie sie an die Firststange gehängt und sich mit gefalteten Beinen niedergelassen hatte. »Ich kann nicht lange bleiben«, sagte sie. »Vielleicht war es in Wirklichkeit überhaupt ein Fehler, herzukommen, aber wie dem auch sei, hier bin ich.« Wenn sie vorgehabt hatte, ihn zu verwirren, dann hätte, sie es nicht besser machen können. Ihre Hände fummelten nervös am Rand ihres Beutels herum – etwas, dem Chris kaum zusehen konnte. Die Daumen hakte sie hinter den Rand und dehnte ihn wie das elastische Band einer Badehose. »Ich bin ganz durcheinander, seit ich bemerkt habe… daß du dich wirklich nicht an die hundert Revs erinnerst, die wir zusammen verbrachten, nachdem ich dich fand, wie du unter Ciroccos Treppe gewandert bist, nach deinem Großen Sturz.« »Wie lange sind hundert Revs?« »Etwas über vier Tage nach eurer Rechnung. Eine Rev hat einundsechzig Minuten.« »Das ist eine ganze Weile. Hatten wir eine schöne Zeit?« Sie blickte kurz zu ihm auf und widmete sich dann wieder ih- rem Gefummel. »Ich hatte eine, und du auch, nach deinen Äußerungen zu schließen. Was mich bekümmert hat, ist, daß du vielleicht den Eindruck hattest, ich würde dich nur als Glückstalisman be- nutzen, wie ich es sagte, als du wieder zu dir kamst.« Chris zuckte die Achseln. »Und wenn schon, es wäre mir e- gal. Und wenn ich dir Glück gebracht habe, freue ich mich darüber.« »Das ist es nicht.« Sie biß sich auf die Unterlippe, und Chris war überrascht, eine Träne zu sehen, die rasch wegge- wischt wurde. »Gäa verfluche mich«, stöhnte sie, »aber ich kann es nicht richtig ausdrücken. Ich weiß nicht einmal, was ich zu sagen versuche, außer danke. Auch wenn du dich nicht erinnerst.« Sie faßte in ihren Beutel und holte etwas heraus, das sie ihm in die Hand drückte. »Das ist für dich«, sagte sie, stand auf und war verschwunden, bevor er so recht wußte, was passiert war., Er öffnete die Hand und betrachtete das Titanidenei. Seine vorherrschende Farbe war gelb, wie bei Valiha selbst, aber es gab auch schwarze Wirbel. Es hatte eine Inschrift auf der har- ten Oberfläche, und sie bestand aus winzigen spinnenartigen englischen Buchstaben: Valiha (Äolisches Solo) Madrigal: Long-Odds Major 26. Gigarev; 97.618.685. Rev (Anno Domini 2100) »Gäa sagt nicht, warum sie sich dreht.« Ewige Jugend »Wenn du dir Sorgen wegen eines Vaterschaftsverfahrens machst«, sagte Cirocco, »kannst du sie vergessen. Bei Ti- taniden läuft es nicht in der Weise.« »Ich meinte nicht… vielleicht drücke ich mich falsch aus.« Chris war in Ciroccos Kanu. Er saß etwa in der Mitte, wäh- rend sich Gäas Magier im Bug räkelte. Ihr Kopf lag auf ei- nem Kissen. Unter den Augen hatte sie geschwollene blaue Säcke, und ihre Hautfarbe war ungesund. Aber selbst so war eine starke Verbesserung im Vergleich zu einigen Stunden vorher erzielt. Chris hatte sich in der Absicht dazu entschlossen, mit Cirocco zu fahren, sie über Sex zwischen Menschen und Titaniden auszufragen, den Gedanken aber beiseite geschoben, als er ihr Gesicht sah. Er war nicht der einzige, der das Boot gewechselt hatte., Gaby fuhr jetzt mit Hautbois und Robin, während Valiha und Psaltery die Flottille mit Kanus anführten, die vorne hoch im Wasser lagen. Sie waren unter Ciroccos Treppe hindurchgefahren, ein Erlebnis, auf das Chris hätte verzichten können. Das über ihm hängende mächtige Kabel hatte ihn an die Golden Ga- te-Brücke erinnert, an jenen windigen Tag, an dem Dulci- mer seine Füße auf den Weg gebracht hatte, der zu Gäa führte. Ciroccos Treppe sah aus wie ein Brückenkabel, je- doch gab es anstelle des Turms nur die klaffende kegelför- mige Öffnung der Rhea-Speiche, die in der Unendlichkeit über ihnen verschwand und das Kabel mitnahm. Letzteres war eine Exponentialkurve, eine Wirklichkeit gewordene geometrische Abstraktion. Ein Dutzend aneinanderge- hängte Golden Gate-Brücken hätten seine Unermeßlichkeit nicht überspannen können. Jetzt waren sie nur noch wenige Minuten vom Zusam- menfluß des Ophion mit der Melpomene entfernt. Das Wasser strömte bereits etwas schneller, begierig darauf, das Asteria-Gebirge herauszufordern, das im Osten dunkel dräute. Chris hob den Blick vom Fluß und versuchte es dann er- neut. »Zum einen weiß ich, daß sie bereits schwanger ist. Ich vermute, daß ein Kind nicht zur Debatte steht. Habe ich recht damit?« »Du denkst immer noch in Begriffen von Muttis und Va- tis«, meinte Cirocco spöttisch. »Was du hier bist, ist ein po- tentieller Vordervater, und Valiha eine potentielle Vorder- mutter. Das Ei könnte in… oh, sagen wir, in Hornpipe einge- führt werden, zum Beispiel, und er wäre dann die Hinter-, mutter. Dann könnte jeder der anderen drei es befruchten, einschließlich Valiha.« »Aber nicht, bis ich dich sehr viel besser kenne«, sagte Hornpipe hinten im Boot. »Für mich ist das nicht komisch«, meinte Chris. »Tut mir leid. Ein Kind ist ganz entschieden kein Thema. Erstens würde ich dem nicht zustimmen. Zweitens, ein Ti- tanide würde mit dem Vorschlag eines Kindes nicht einmal anfangen, bevor er nicht viel mehr darüber nachgedacht hätte. Und drittens hast du das Ei.« »Worum geht es hier dann? Hat das Geschenk eine große Bedeutung? Was will sie mir damit sagen?« Cirocco sah nicht aus, als wolle sie wirklich Fragen beant- worten, aber sie seufzte und gab nach. »Es muß nicht notwendigerweise etwas bedeuten. Oh, si- cher bedeutet es, daß sie dich mag, soviel ist gewiß. Zum einen hätte sie nicht mit dir kopuliert, wenn sie dich nicht gemocht hätte, und zum anderen hätte sie dir das Ei nicht gegeben, wenn sie es nicht immer noch täte. Titaniden sind sentimental, verstehst du? Geh in ein Titanidenhaus, und du wirst ein Gestell an der Wand finden, das voll ist mit den Dingern. Nicht eines von tausend wird je benutzt oder ist auch nur zum Benutzen gedacht. Sie sind so üblich wie… wie Kondome in einem Seufzergäßchen.« Hornpipe gab ein lautes verächtliches Schnauben von sich. »Eine ziemlich niedrige Vorstellung, nicht?« Cirocco schaffte ein Grinsen. »Was ist ein Kondom?« »Vor deiner Zeit, wie? Ein einmal benutzbares Verhü- tungsmittel. Jedenfalls paßt die Analogie. Jedesmal, wenn, ein Weibchen frontalen Geschlechtsverkehr hat, kommt zwei Hektorevs später eines von den Dingern heraus. Das sind zweihundert Revs, für den Fall, daß man dort, wo du herkommst, noch immer nicht das metrische System lehrt. Weißt du, es ist eine Mordsschande, wenn ein Titanide weiß, was ein Kondom ist – er hat nie eines gesehen –, und ein Mensch nicht. Was bringen sie euch eigentlich bei? Das die Geschichte im Jahre 2096 angefangen hat?« »Ich glaube wirklich, daß sie 2095 jetzt mit behan- deln.« Cirocco massierte sich die Stirn und lächelte schwach. »Tut mir leid. Ich schweife ab. Deine Erziehung oder der Mangel daran gehen mich nichts an. Zurück zu den Titan- iden… die meisten Eier werden weggeworfen. Wenn nicht sofort, dann beim nächsten Frühjahrsputz. Manche werden wegen ihres sentimentalen Wertes behalten, nachdem sie schon lange nicht mehr brauchbar sind. Nebenbei, sie hal- ten etwa fünf Jahre. Was du dir bewußt machen mußt, ist die duale Natur des titanidischen Sex. Hinterer Sex verfolgt zwei Absichten, wo- von eine weit üblicher ist als die andere. Eine ist die reine Erholung, also Hedonismus. Das machen sie öffentlich. Die andere Absicht besteht in der Zuneigung, wenn sie ihnen gestattet ist, was nicht annähernd so oft passiert, wie sie es gerne hätten. Frontaler Sex ist eine andere Sache. Nur sehr selten wird er nur vollzogen, um ein Ei zu erzeugen, sondern fast immer ist er ein Ausdruck inniger Freund- schaft oder Liebe. Nicht genau die Liebe, die wir kennen, weil Titaniden sich nicht paarweise binden. Aber sie lieben. Das ist eines der Dinge, die ich sicher weiß, und meine Liste solcher Dinge ist nur kurz. Ein Titanide wird hinteren Sex, mit jemandem treiben, mit dem er oder sie nicht einmal im Traum frontalen Verkehr zu haben wünschte. Der frontale Sex ist heilig. Inzwischen ist das durch den Umgang mit Menschen et- was gelockert worden, die ja keinen Sex auf diese Weise treiben können. Die liberaleren Elemente des titanidischen Denkens besagen, daß es moralisch ist, des Spaßes wegen frontalen Sex mit Menschen zu haben. Auch dann sollte es im Privaten geschehen, aber es ist nicht nötig, den Men- schen zu lieben oder sein enger Freund zu sein. Hornpi- pe?« »Das stimmt«, sagte der Titanide. »Warum übernimmst du nicht?« schlug Cirocco vor. »Ich habe Kopfschmerzen.« Als Chris sich umdrehte, hörte Hornpipe für einen Mo- ment mit dem Paddeln auf und breitete die Hände aus. »Viel mehr ist nicht zu sagen. Cirocco hat ihre Sache gut gemacht.« »Dann meinst du also, daß das Ei nur ein Andenken ist. Der Grund, warum Valiha verwirrt zu sein schien, bestand darin, daß ich das Geschehene vergessen hatte. Sie ist nicht in mich verliebt.« »O nein, ich meine nichts dergleichen. Valiha ist ein alt- modisches Mädchen, das nie Sex mit einem Menschen hat- te. Sie ist hoffnungslos in dich verliebt.« In Gäa ließ stürmisches Wetter die Nächte mehr Land steh- len, als sie normalerweise bedeckten. Als die Gruppe an der Melpomene-Mündung vorbeikam, gelangte sie in ein Ge- biet, das gewöhnlich als Dämmerungszone klassifiziert war. Jetzt herrschte dort Nacht., Aber in Gäa konnte es nie vollständig Nacht werden. Bei klarem Wetter war selbst das Zentrum Rheas so hell wie eine irdische Vollmondnacht. Unter Wolken verdichtete sich die Dunkelheit, ohne aber jemals undurchdringlich zu werden. Das Land um die Vorberge des Asteria-Gebirges lag unter einem sanften Leuchten, das von oberhalb der Wolkendecke stammte. Laternen wurden an passenden Stellen hinten in den Kanus angebracht. Die Gruppe fuhr weiter. Hohe Bäume begannen am Ufer aufzutauchen. Zuerst waren sie verstreut, wurden aber dann rasch zu einem dichten Wald. Mit ihren geraden Stämmen und dünnen Blät- tern waren sie sehr kiefernähnlich. Es gab nur wenig Unter- holz. Chris sah Herden sechsbeiniger Geschöpfe, die sich mit riesigen Sprüngen fortbewegten, wie Känguruhs. Cirocco berichtete ihm, daß dieses Gebiet, ein Überrest des Proto- waldes war, den Gäa als junge Titanin hervorgebracht hat- te, und daß einfache Pflanzen und Tiere wie die, die sie jetzt sahen, noch immer in den Hochländern gedeihen. Als sie in eine enge Schlucht einfuhren, machte Chris die Erfahrung einer optischen Täuschung. Er glaubte, bergauf zu schwimmen. Die umgebenden Hügel neigten sich nach Osten. Die Bäume wuchsen nur ein paar Grade von der Senkrechten abweichend, die Wipfel zehn oder zwanzig Meter östlich ihrer Wurzeln. Nach längerer Betrachtung fol- gerte das Auge, daß alles in Wirklichkeit senkrecht war und der Fluß der Schwerkraft trotzte. Es handelte sich um einen von Gäas Spaßen. Es fing an zu regnen, als die Titaniden die Boote direkt unterhalb des Anfangs einer steilen Schlucht ans Ufer setz- ten. Es lag ein Mordskrach in der Luft. Chris dachte an ei-, nen mächtigen Wasserfall oder an Wellen, die sich fortwäh- rend donnernd an ein Ufer warfen. »Aglaia«, sagte Gaby, als sie Chris und Valiha dabei half, eines der Kanus an Land zu ziehen. »Wahrscheinlich wer- det ihr sie nicht sehen, bis die Wolken aufbrechen.« »Was ist Aglaia?« Gaby erklärte die Funktionen der drei Flußpumpen, wäh- rend die Titaniden die Kanus auseinandernahmen. Die Ar- beit ging schnell vonstatten. Die silbrige Haut wurde vom hölzernen Rahmenwerk gelöst, zu einem kleinen Bündel ge- faltet und in den Satteltaschen verstaut. Chris fragte sich, was sie mit den Streben, Kielen und Bodenplanken tun würden. Die Antwort war offenkundig: sie zurücklassen. »Wir können neue Kanus bauen, wenn wir sie brauchen«, erklärte Valiha. »Das wird nicht der Fall sein, bis wir das Mitternachtsmeer überquert haben und in Krios sind.« »Wie kommen wir denn dann übers Meer? Wird uns Gäas Magier bei der Hand nehmen und zu Fuß hinübergeleiten?« Valiha ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Die Menschen stiegen auf, und bald waren sie alle in der sich verdichtenden Dunkelheit verschwunden. »Ich habe vor langer Zeit diese Straße gebaut«, sagte Gaby. »Wirklich? Wozu? Und warum ist sie nicht instandgehalten worden?« Sie befanden sich auf dem Streckenabschnitt der Circum- Gäa-Landstraße, den Gaby auf dem Weg zum Melodienla- den benutzt hatte. Die Titaniden wechselten sich dabei ab, den Weg von wuchernden Ranken zu befreien. »Hautbois zeigt da vorn mit der Machete einen Grund. Die Dinger wachsen recht schnell, also würde die Straße viel, Wartung erfordern, zu deren Durchführung niemand bereit ist. Nur wenige Leute haben jemals die Rundreise gemacht. Das Projekt war von Anfang an verrückt. Niemand außer Gäa hat es gewollt, aber Gäas Wunsch ist hier recht wichtig, also habe ich die Straße gebaut.« »Wie?« »Überwiegend mit Titaniden. Um die Brücken zu bauen, habe ich ein paar Hundert von ihnen herbeigeblimpt. Zum Ebnen, Planieren und Asphaltieren habe ich…« »Asphalt? Du machst Witze.« »Nein, man kann immer noch etwas davon sehen, wenn das Licht besser ist. Gäa wollte eine Straße mit Schwarzde- cke, breit genug für Zwei-Meter-Achsen, keine Steigungen über zehn Prozent. Wir haben siebenundfünfzig Seilhänge- brücken eingebaut und hundertzweiundzwanzig Pfahlbrü- cken. Viele stehen noch, aber ich würde es mir zweimal ü- berlegen, bevor ich eine benutze. Wir werden jede einzel- ne nehmen müssen, wie sie kommt.« Gaby hatte die Landstraße schon vorher erwähnt. Chris entschied, daß sie darüber reden wollte, aus welchem Grund auch immer, daß dazu aber ein paar Anstöße nötig sein würden. Er war bereit, sie zu geben. »Willst du mir nicht erzählen… herangeblimpt? Asphalt mit Blimps heran- geflogen. Du hast gesagt, sie würden sich nie einem Feuer nähern, und nebenbei, es hörte sich nach viel Asphalt an.« »War es auch. Nein, Gäa hat sich etwas ausgedacht – so- gar verschiedene Sachen – die den Job sehr erleichtert ha- ben, wenn auch nicht zu angenehm. Es gab eine Kreatur von der Größe eines Tyrannosaurus Rex, die Bäume fraß. Fünfzig von diesen Wesen habe ich eingesetzt. Sie bahnten den Weg durch die Wälder und hinterließen große Haufen, Holzbrei. Ich glaube, sie konnten etwa ein Tausendstel von dem, was sie fraßen, auch verdauen, also fraßen sie verteu- felt viele Bäume. Dann war da noch etwas anderes – und ich schwöre, daß es die Wahrheit ist –, ein Wesen von der Größe eines U-Bahn-Waggons, das den Holzbrei fraß und Asphalt schiß. Du würdest mir nicht glauben, wie es stank. Das war kein guter sauberer Asphalt – der, wenn man es recht bedenkt, auch nicht so gut riecht –, sondern dieser… dieser Mist war mit Estern und Ketonen und ich weiß nicht was durchsetzt. Stell dir einen seit drei Wochen toten Wal vor, das wäre ein guter Anfang. Glücklicherweise mußte niemand zu nahe bei den Bies- tern bleiben. Die Sägemühlen – so nannten wir die Baum- fresser – waren nicht allzu gescheit, aber gelehrig, und konnten darauf abgerichtet werden, nur Bäume zu fressen, die mit einem bestimmten Duft besprüht worden waren. Wir gingen voran, bahnten den Weg, und die Sägemühlen kamen hinterher. Dann gingen wir hinter sie und schaufel- ten den ganzen Holzbrei dorthin, wo wir die Straße haben wollten. Na ja, dann setzten wir die Teerscheißer ein – die Asphaltwesen, verstehst du. Wir nannten sie Teerscheißer. Wir setzten sie auf die Breispur, und sie machten sich an ihre Arbeit. Wir blieben dabei zehn Kilometer entfernt, ge- gen den Wind. Das Risiko, daß sie abschweiften, war gering, denn außer Holzbrei konnten sie nichts fressen. Und nicht nur irgendwelchen Holzbrei, sondern nur das Zeug, das durch den Magen einer Sägemühle gegangen war. Sie hat- ten die Gehirne von Schnecken. Zwei oder drei Wochen später, als das Zeug ausgestun- ken hatte, schaffte ich eine Mannschaft von vierzig oder fünfzig Titaniden heran, die große Walzen zogen und alles, festwalzten. Presto, eine Landstraße. Natürlich gerieten die Teerscheißer, dumm wie sie waren, manchmal in Verwir- rung, als hätten wir die Breispuren von irgendeinem Punkt an ausgewischt. Sie blieben sofort stehen und fingen an zu winseln wie zweihundert Tonnen schwere Hündchen. Wir mußten auslosen, wer hingeht und die verfluchte Sache in Ordnung bringt. Das passierte mehrere Male, und es war beinahe lebensgefährlich, da hinzugehen, das kann ich dir sagen. Bis ich eine Lösung fand.« »Und wie hast du das geschafft?« »Ich fand eine Titanide, die im Engelkrieg ein Schwert ins Gesicht bekommen hatte«, sagte Gaby blasiert. »Ein paar Nerven waren durchtrennt, und sie konnte nichts riechen. Sie ging hin und führte das Wesen am Ende einer Leine. Als alles vorüber war, brachte ich Rocky dazu, ihr beim nächs- ten Karneval eine Hintermutterschaft zu gewähren, so dankbar war ich. Natürlich ist die Straße nicht durchgehend asphaltiert. Das wäre noch dümmer als normal, selbst für Gäas Verhält- nisse. Es ergibt keinen Sinn, Schwarzdecke über Wüsten- sand oder Eis zu verteilen. Ein Drittel von Gäa ist Wüste oder zugefroren. Dort brannten wir die Wege, wenn es ging, und hinterließen eine Reihe von Wegstationen. Wenn du jemals in Schwierigkeiten kommst und eine Hütte mit der Aufschrift ›Plauget Baugesellschaft‹ an der Tür findest, wirst du dann auch Bescheid wissen, wer sie dorthin gestellt hat.« »Wie hast du dann Wagen über das Eis bekommen?« fragte Chris. »Huh? Oh, genauso, wie man es bei jedem Eis macht. Nicht, daß jemals viele Leute Wagen auf dem Circum-Gäa, mitgeführt haben. Man wechselt zu Schlitten über. Man folgt dem gefrorenen Ophion in Thea; das ist in etwa so- wieso der einzige Weg durch das Gebirge. Okeanos ist ein großes gefrorenes Meer, hübsch flach, also ist das kein Problem, wenn man von irgend etwas in Okeanos sagen kann, es sei kein Problem. In den Wüsten findet man ein- fach seinen Weg, so gut man kann, und wir haben einige Oasen angelegt.« Chris erkannte einen merkwürdigen Ausdruck auf Gabys Gesicht, etwas wehmütig, aber überwiegend glücklich. Er wußte, daß sie verliebt auf die alten Tage zurückblickte, und er haßte es, seine nächste Frage zu stellen. Aber er glaub- te, daß es ihr darum ging, weswegen sie in erster Linie ge- redet hatte. »Warum hast du sie gebaut?« »Huh?« »Wozu ist sie gut? Du hast selbst gesagt, daß es keinen Bedarf an einer Straße gab. Es gibt keine Instandhaltung und keinen Verkehr. Warum sie dann bauen?« Gaby erhob sich aus ihrer üblichen Haltung, das Gesicht nach hinten gerichtet und an Psalterys Rücken lehnend. Chris konnte sich an eine derartige Haltung nicht gewöh- nen; er wollte sehen, wohin es ging. Das Problem, wie Gaby es schon vor langer Zeit erkannt hatte, bestand darin, daß der Torso der Titaniden zu hoch und zu breit war, um daran vorbeischauen zu können. »Ich tat es, weil Gäa es mir auftrug, genauer gesagt, mich einstellte. Das erzählte ich schon.« »Ja. Aber du sagtest auch, es sei ein unangenehmer Job gewesen.« »Nicht ganz«, machte sie deutlich. »Die Brücken stellten, eine Herausforderung dar. Das gefiel mir. Ich war kein Straßenbauer – nicht einmal Ingenieur, obwohl es mir nicht schwerfiel, mir die Mathematik anzueignen –, also setzte ich zu Anfang ein paar Leute von der Botschaft ein. Während der ersten fünfhundert Kilometer lernte ich von ihnen. Da- nach arbeitete ich meine eigenen Lösungen aus.« Sie schwieg ein Weilchen und richtete dann den Blick auf ihn. »Aber du hast recht. Ich habe es nicht getan, weil ich es tun wollte. Ich wurde bezahlt, wie für alles, das ich für Gäa tue. Auf diese Arbeit hätte ich verzichtet, aber die Beloh- nung stellte sich als zu gut heraus.« »Und worin bestand sie?« »Ewige Jugend.« Sie grinste. »Oder dem zumindest nahe genug. Rocky bekommt sie umsonst, weil sie Gäas Magier ist. Ich habe ziemlich schnell nach meiner Ankunft heraus- gefunden, daß das Angebot sich nicht auf mich erstreckte. Also traf ich dieses Abkommen mit Gäa. Ich erhalte die Un- sterblichkeit nach einer Art Teilzahlungssystem. Die Sache ist nämlich die bei einer Freiberuflichen, daß man nicht die medizinischen Vergünstigungen einer entlohnten Angestell- ten bekommt. Wenn Gäa jemals nichts mehr für mich zu tun haben sollte, bin ich erledigt. Wahrscheinlich werde ich innerhalb eines Tages verwelken.« »Das kann nicht dein Ernst sein.« »Nein. Ich erwarte, dann einfach mit dem Altern anzu- fangen. Es könnte vielleicht etwas schneller gehen. Aber ich habe diese… he, wo ist Rocky?« Chris blickte zurück und stellte fest, daß Hornpipe nach vorn gegangen war, um den Weg zu bahnen. Ein Nebel hatte sich herabgesenkt und verschlechterte die Sicht noch zusätzlich. Chris konnte kaum Robin und Hautbois erken-, nen, und Hornpipe war völlig vom Nebel verschluckt wor- den. Psaltery drängte sich nach vorn, und Valiha beschleunigte ihr Tempo, um Hautbois einzuholen. Die beiden Teams er- reichten schnell Gaby, die ein hitziges Gespräch mit Hornpi- pe führte. »Sie sagte, sie wollte zurückgehen und mit dir reden, und…« »Bist du sicher, Hornpipe?« »Was willst du… oh. Ich habe es nicht getan, ehrlich. Sie sagte, sie wolle eine Weile mit dir reiten. Vielleicht ist sie verletzt. Vielleicht ist sie gestürzt und…« »Nicht sehr wahrscheinlich.« Gaby machte ein finsteres Gesicht und rieb sich die Stirn. »Du kannst hierbleiben und ein Stück zurückgehen, vielleicht findest du sie. Wir ande- ren gehen inzwischen weiter. Ich glaube ziemlich sicher zu wissen, wo sie steckt.« Macchu Pichu lag hoch über der Decke der baumwollzupfi- gen Wolken. Man konnte auf der Veranda des Melodienla- dens stehen, beleuchtet von dem unglaublichen himmli- schen Scheinwerfer, und hinausblicken über ein ungeheue- res Nebelmeer, das sich zwischen den Wällen der Hochland- klippen im Norden und Süden erstreckte. Dieses Meer ström- te aus der unsichtbaren Speichenmündung über Okeanos her- vor und rollte über Hyperion hinweg. An manchen Stellen hatten Aufwinde flockige, hohle Röhren erzeugt, während sie aufstiegen in die höheren und sich deshalb weniger stark be- wegenden Bereiche der Atmosphäre. Diese Röhren waren zyklonische Störungen, die hochkant standen und sich ver- dünnten, bis sie wie umgekippte Tornados aussahen. Sie wurden als Nebelwalzen bezeichnet. Gelegentlich kamen hef-, tige Stürme aus Okeanos, und die wurden Dampfwalzen ge- nannt. Chris stand da und betrachtete die Wolken, während die anderen hineingingen, um Cirocco zu suchen. Bald darauf vernahm er das Geräusch zersplitternden Glases und eines auf den Boden fallenden schweren Gegenstandes. Jemand schrie. Er hörte, wie Füße eine Treppe hinauf polterten, ge- folgt von dem merkwürdigen Geräusch von Titanidenhufen auf Teppich. Nach einer Weile krachte eine Tür zu, und es wurde still. Er blickte weiterhin in den Nebel. Gaby kam heraus und hielt sich ein feuchtes Handtuch ans Gesicht. »Na ja, es sieht so aus, als würden wir noch einen Tag hierbleiben, um sie wieder auf die Beine zu bringen.« Sie stand neben Chris und schnappte nach Luft. »Stimmt etwas nicht?« »Mir geht’s gut«, log Chris. »Ziemlich raffiniert, was sie gemacht hat«, meinte Gaby. »Sie rief Titanstadt mit einem Radiosamen, den sie versteckt hatte. Niemand weiß genau, was sie sagte, aber es hörte sich an, als sei sie in Schwierigkeiten, weil sie einen Freund auffor- derte, herbeizublimpen und bei der Straße auf sie zu warten. Der Nebel ist ihr Werk. Sie hat Gäa gesagt, sie brauchte De- ckung. Dann hat sie sich davongemacht und den Titaniden aufgesucht, der sie hierher brachte. Und hier ist sie schon seit drei Revs, Zeit genug, um eine Menge zu trinken. Sie wird… he, bist du wirklich sicher, daß es dir gut geht?« Er hatte keine Zeit für ihre Fragen. Der Nebel stieg an wie eine monströse Welle. Finstere Bestien verbargen sich im Keller. Er konnte sie hören. Als er blind hinausgriff, packte er den geschwärzten Arm einer fahlen Leiche, die wimmerte, und aus deren Mund Würmer krochen, die auf ihn zuka- men… Er fing an zu schreien. Wiederbeginn Robin blickte auf, als Gaby sich auf der Veranda zu ihr ge- sellte. Sie hatte auf der Treppe gesessen und in einem ver- gilbten Manuskript gelesen, das sie in Ciroccos Arbeitszim- mer gefunden hatte. Es war ein faszinierendes Werk, eine Beschreibung der Wechselwirkungen von Flora und Fauna und… das einzige Wort für sie war unbestimmte Organis- men, die alle innerhalb eines Kilometers vom Melodienladen lebten. Es war kein gelehrtes Buch, sondern in einem spar- samen Stil geschrieben, den Robin wundervoll lesbar fand. Das Manuskript hatte auf einem Rollpult neben einem Bü- cherregal gelegen, das ein Dutzend Bände aus der Feder von C. Jones enthielt. »Wie geht es den Patienten?« fragte Robin. Gaby sah ab- gezehrt aus. Robin bezweifelte, daß die Frau seit dem Lager am Fluß geschlafen hatte… wie lange war das her? Zwei Dekarevs? Drei? Möglicherweise hatte sie selbst dort nicht geschlafen. »Das Verb stimmt nicht«, sagte Gaby und setzte sich ne- ben sie. »Wie steht es mit der Geduld? Deiner?« Robin zuckte die Achseln. »Ich habe es nicht eilig. Ich er-, weitere meinen Geist. Ich hatte keine Vorstellung, daß Gäas Magier so gut schreiben kann.« Gaby klatschte eine imaginäre Fliege auf ihr Gesicht und sah verbittert aus. »Ich wünschte, du würdest aufhören, sie ›Magier‹ zu nennen. Das schreibt ihr zuviel zu, dem sie erst gerecht werden muß. Sie ist einfach ein menschliches Wesen, wie du.« »Das weiß ich… vielleicht hast du recht. Ich werde damit aufhören.« »Na ja, ich wollte dich nicht verprellen.« Sie blickte über den Rasen hinweg. »Den Patienten geht es den Erwartun- gen entsprechend. Chris hat mit dem Schreien aufgehört, Hegt aber noch zusammengerollt in einer Ecke. Valiha kann ihn nicht dazu bringen, etwas zu essen. Rocky ist in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. Der ganze Schnaps ist die Brücke runter, soweit ich weiß. Natürlich kann man bei ei- ner Alkoholikerin nie sicher sein. Sie könnte irgendwo was versteckt haben.« Sie legte das Gesicht in die Hände, als wolle sie sich für einen Moment ausruhen, aber Robin sah, wie ihr Mund zuckte, und hörte ein mitleiderregendes Ge- räusch. Gaby weinte. »Ich habe sie in ihrem Zimmer eingeschlossen«, schaffte sie zwischen den rauhen Schluchzern zu sagen. »Ich kann es nicht glauben. Ich kann nicht glauben, daß es so weit gekommen ist. Wenn sie mich sieht, flucht sie. Sie kotzt sich die Eingeweide heraus und schwitzt und zittert, und ich kann überhaupt nichts machen. Ich kann ihr nicht hel- fen.« – Robin war wie abgetötet. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Neben einer Frau zu sitzen, die man respektier- te, und zuzusehen, wie sie von Tränen verzehrt wurde, war, eine undenkbare Situation. Sie wußte nicht, was sie mit den Händen anfangen sollte. Sie befingerte die Seiten des Manuskriptes in ihrem Schoß, hörte aber damit auf, als sie merkte, daß sie es zerriß. Mit einem Schock erinnerte sie sich daran, vor Hautbois geweint zu haben. Das war natürlich etwas anderes gewe- sen. Hautbois hatte es gesagt, und sie hatte bald darauf festgestellt, daß das stimmte. Jedoch war die Titanide nicht nur einfach dagesessen. Zögernd legte Robin einen Arm um Gabys Schultern. Gaby reagierte offensichtlich ohne Scham, drehte sich um und vergrub das Gesicht an ihrer Schulter. »Alles in Ordnung«, sagte Robin. »Ich habe sie so sehr geliebt«, stöhnte Gaby. »Ich liebe sie immer noch. Welch ein Witz. Nach fünfundsiebzig Jahren liebe ich sie immer noch.« Gaby hob Ciroccos Kopf vom Kissen und hielt ihr ein Glas an die Lippen. »Trink das! Es ist gut für dich.« »Was ist das?« »Reines, frisches Wasser. Das beste, was es auf der Welt gibt.« Ciroccos Lippen waren bleich in dem feuchten, grauen Ge- sicht. Gaby fühlte die Feuchtigkeit in den verwirrten Haa- ren, während sie Ciroccos Kopf mit einer Hand von hinten stützte. Eine Schwellung war dort, die sie sich zugezogen hatte, als sie gegen die Messingstange am Kopfende des Bettes gestoßen war. Sie nippte und begann dann, geräuschvoll zu trinken. »He, he, nicht zuviel auf einmal! In letzter Zeit hast du nicht allzuviel unten behalten.« »Aber ich habe Durst, Gaby«, wimmerte Cirocco. »Hör, zu, Schatz, ich werde dich nicht mehr anschreien. Es tut mir leid, daß ich es tat.« Ihre Stimme wurde schmeichlerisch. »Aber hör mal, Süße, für einen Drink würde ich fast alles tun. Nur wegen der alten Zeiten…« Gaby umklammerte Ciroccos Wangen mit den Händen und drückte sie zusammen, machte ihr einen Schmollmund, der unter anderen Umständen komisch gewirkt hätte. Ci- rocco krümmte sich zurück, die Augen rot und verängstigt. Sie war bei weitem schwerer als Gaby, schien aber nicht an Kampf zu denken. Aller Kampf war aus ihr gewichen. »Nein«, sagte Gaby. »Nicht heute und nicht morgen. Ich wußte nicht, ob ich beim Nein-Sagen bleiben könnte, also habe ich allen Schnaps im Haus vernichtet. Gib dir nicht die Mühe, mich noch einmal zu fragen, okay?« Tränen strömten aus Ciroccos Augenwinkeln, aber nach genauem Hinsehen fühlte sich Gaby unwohl, als sie die Spur der Verschlagenheit dort erkannte. Also gab es einen geheimen Vorrat, für einen Notfall beiseitegelegt. Zumin- dest befand er sich nicht in diesem Zimmer. Die Tür mußte verschlossen bleiben. »Okay. Ich fühle mich besser. Ich werde bald wieder auf den Beinen sein, und mit dem Trinken bin ich fertig. Du wirst sehen.« »Ja.« Gaby wandte den Blick ab, zwang ihn aber wieder zurück. »Ich bin nicht zu Versprechungen heraufgekommen oder so etwas. Ich wollte wissen, ob du noch zu uns stehst. Zu mir.« »Mit… oh, du meinst… worüber wir gesprochen haben.« Sie ließ den Blick schnell durch den Raum schweifen, als wolle sie versteckte Lauscher überraschen. Sie zitterte und schien sich aufrichten zu wollen. Gaby half ihr. Cirocco zog, die Decken fest um sich. Die Feuerstelle brüllte und prassel- te und hielt das Zimmer auf drückende fünfunddreißig Grad beheizt, aber Cirocco konnte nicht warm werden. »Ich… ich habe darüber nachgedacht«, sagte Cirocco, und Gaby wußte genau, daß sie log. Sie hatte nur daran gedacht, wie sie an einen Drink kommen könnte. Es spielte keine Rolle. Ihre Ängste würden jetzt direkt sprechen, un- zensiert von irgendeinem Schema. »Ich dachte, vielleicht… vielleicht sollten wir… sollten wir noch einmal darüber nachdenken. Ich meine, wir wollen es nicht überstürzen. Es wäre ein großer Schritt. Ich werde… sicher, ich werde nach wie vor mit dir gehen, aber wir soll- ten nicht… sollten es wirklich nicht auf die Spitze treiben, weißt du? Sollten nicht wirklich mit Rhea und Krios spre- chen und…« »Zwanzig Jahre bedeuten eigentlich keine Überstürzung«, bemerkte Gaby. »Na ja, sicher, aber was ich sagen will…« Sie verlor den Faden, war sich offenkundig nicht sicher, was sie eigentlich sagte. »Wenn ich nur einen… uh-oh, nein, ich sage es lie- ber nicht. Ich werde nicht fragen. Ich werde ein braves Mädchen sein, okay?« Sie lächelte matt und gewinnend. »Also willst du aussteigen?« Cirocco machte ein finsteres Gesicht. »Das habe ich nicht gesagt. Okay? Komm, Gaby, du weißt, daß es gefährlich ist. Du hast es selbst gesagt. Was wir tun sollten, ist, uns zu- rückhalten und nichts überstürzen, und in kurzer Zeit… na ja, es wird deutlich sein, was…« Ein weiteres Mal verlor sie die Gedankenkette. »Okay«, sagte Gaby und stand auf. »Ich weiß nicht, ob wir die Zeit haben, aber ich dachte mir schon, daß du etwas, Derartiges sagen würdest. Ich bin nicht sicher, ob Gene uns die Zeit lassen wird. Ich glaube, er hatte etwas vor. Ich weiß nicht, was. Aber wir müssen jetzt anfangen, nicht später. Es ist einfach eine Studie der Durchführbarkeit, Rocky. Sieh die Sache so!« »Ich weiß nicht, ob ich es… ob ich es schaffen kann, ohne Verdacht zu erregen.« »Sicher kannst du.« »Nein. Nein, das ist voreilig. Ich habe es mir überlegt. Warte – dann werde ich dir helfen.« »Nein.« Sie wartete darauf, daß Cirocco sie begriff, und sah das schwache Lächeln langsam verschwinden. »Viel- leicht ist es bereits zu spät. Wenn du es nicht machst, werde ich es tun. Und ich halte es für besser, diesen beiden Pilgern mitzuteilen, daß sie ohne uns möglicherweise besser dran sind.« Cirocco machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber Gaby wollte es nicht hören. Sie verließ den Raum so schnell sie konnte. Bei Entwurf und Bau des Melodienladens hatten die Dimensi- onen von Titaniden Pate gestanden. Die Decken waren hoch und die Türen breit. Die paar Teppiche lagen nur an den Stellen, wo für Menschen passende Stühle standen, eine Erinnerung für die Titaniden, sich dort fernzuhalten. Ein großer Teil des Hartholzbodens war mit Sägemehl oder Stroh bedeckt. Der große Tisch in der Bibliothek hatte eine menschliche und eine titanidische Seite, eine mit Stühlen und die andere mit Strohunterlage. Der Raum hatte hohe, nach Osten zum Mitternachtsmeer blickende Fenster und eine steinerne Feuerstelle, die jetzt kalt war. Gaby hatte die, Versammlung wegen der Aussicht hierher gerufen. Wäh- rend sie sagte, was sie zu sagen hatte, konnten sie hin- ausblicken über das Land, das sie noch bereisen mußten, und auf diese Weise vielleicht eine besser abgesicherte Ent- scheidung treffen. »Ich schätze, es gibt keine leichte Methode, um das zu sagen. Es ist doppelt schwer wegen einiger Dinge, die ich bereits zu einigen von euch gesagt habe. Aber von die- sem Punkt an widerrufe ich alle Versprechungen bezüglich Ciroccos. Es steht viel schlimmer um sie, als ich dachte. Ich weiß noch nicht, ob sie mich begleiten wird, aber ob sie es nun tut oder nicht, es ist Zeit, Entscheidungen zu überden- ken, die ihr auf der Grundlage falscher Informationen ge- troffen habt. Ich sagte euch, daß Rocky sich befreien und nützlich machen und… daß sie eher ein Aktivposten als ei- ne Last sein würde. Dahinter kann ich nicht länger stehen.« Sie betrachtete forschend die sechs Gesichter. Mit der Ausnahme von Hautbois wußte sie, was jeder der Titaniden sagen würde. Bei Chris und Robin wußte sie es nicht so ge- nau. Chris hatte eigene Probleme, die möglicherweise vorü- bergehender Natur waren, und sie würde nie zu vermuten wagen, was Robin tun könnte. »Es läuft auf folgendes hinaus. Ich werde die Randum- kreisung weiterführen, und Rocky gesellt sich vielleicht dazu. Ihr alle seid willkommen, wenn ihr mitmachen wollt. Wenn Rocky geht, wird sie vielleicht den einen oder ande- ren von uns entscheidend lahmlegen. Damit meine ich ein wenig mehr als nur die Tatsache, daß wir uns um sie wer- den kümmern müssen, sollte sie es erneut schaffen, sich zu betrinken. Das ist nicht das Problem. Ob dich das nun er- zürnt oder nicht, Chris, und auch dich, Robin, so könntet ihr, beide uns in dieselbe Lage bringen und werdet es wahr- scheinlich auch. In gewisser Weise hat Rocky keine größere Kontrolle darüber als ihr beide. Ich bin bereit, das zu akzep- tieren. Ich kann nicht sagen warum, schätze ich, aber ich tue es bei euch allen dreien. Ich werde mich um euch küm- mern, wenn ihr ausgeschaltet seid, und zwar zusammen mit sämtlichen Titaniden.« »In der Tat halten wir eure Beeinträchtigungen nicht für ernster als die menschliche Eigenart des Schlafens«, fügte Hornpipe zögernd hinzu. »Für uns ist es dasselbe. Wenn ihr schlaft, müssen wir auf euch achtgeben.« »Es hat etwas für sich, was er sagt«, meinte Gaby. »Je- denfalls habe ich bei Rocky die Befürchtung, daß sie uns durch nervliches Versagen im Stich läßt. Nie habe ich ge- glaubt, einmal so etwas sagen zu müssen, aber so ist es leider. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie das Wohlerge- hen der Gruppe über ihre persönlichen Bedürfnisse stellen würde. Ich habe das Gefühl, sie kaum noch zu kennen. Und ich muß sie als unzuverlässig einstufen. Wie ich schon sagte, gehe ich auf jeden Fall. Was ich wis- sen muß, ist, wie eure Pläne aussehen. Hornie?« »Ich bleibe bei Cirocco. Wenn sie geht, fein.« Gaby nickte. Sie hob die Brauen und sah Psaltery an, der sich kaum die Mühe des Nickens machte. Sie wußte, daß er sie begleiten würde. »Valiha?« »Ich würde gern weiterziehen«, sagte sie. »Aber nur, wenn auch Chris geht.« »Klar. Hautbois?« »Ich muß den Kreis vollenden«, meinte diese. »Ich war bisher noch nicht Hintermutter, und das hier ist meine, größte Chance.« »Okay. Ich freue mich, euch dabeizuhaben. Wie steht es mit dir, Chris?« Es schien für Chris eine Anstrengung zu bedeuten, auch nur den Blick vom Tisch zu heben. Er hatte sich vor Stunden von seinem jüngsten Anfall erholt, aber wie bei Anfällen üb- lich, die nicht mit einer Gedächtnislücke verbunden waren, war er emotional erschöpft und besaß keine größere Selbst- achtung als ein ausgepeitschter Hund. »Ich glaube, du unterschätzt das Problem«, brummte er. »Ich spreche jetzt von meinem Problem. Warum sollte ich von Cirocco mehr erwarten, als ich von mir selbst erwarten kann?« Valiha griff nach seiner Hand, aber er zog sie ruckar- tig weg. »Ich gehe mit, wenn du mich haben willst.« »Wir wissen, worauf wir uns einlassen«, meinte Gaby. »Du bist dabei willkommen. Robin?« Es gab eine lange Pause. Gaby machte sich Sorgen, wäh- rend sich Robin ihre Entscheidung überlegte. Die Alternative für die Hexe bestand, soweit Gaby sehen konnte, im Erstei- gen der Speiche. Robin war es zuzutrauen, sich auf diesen Weg zu machen im Bewußtsein, unterwegs sterben zu kön- nen. »Ich komme mit«, sagte sie schließlich. »Ganz sicher? Könntest du dich nicht ehrenvoll zurückziehen?« »Da du es angeboten hast, ja. Aber ich komme mit.« Gaby hatte nicht die Absicht, ihr weitere Fragen zu stel- len. »Damit stehen nur hinter Rocky und Hornpipe Fragezei- chen. In Ordnung. Holt eure Sachen! Wir treffen uns in ei- ner Rev auf der Veranda.«, Es war ein düsterer Aufbruch. Die Wolken, die sich vor zwei Hektorevs noch an der Klippe von Machu Picchu gebrochen hatten, schickten jetzt rollende Vorreiter über den Melodienladen hinweg. Der himmlische Scheinwerfer war blockiert. Das große weiße Haus stand schweigend in der Düsternis; alles Leben schien erstorben. Drinnen klinkte Gaby die Sturmjalousien zu. Die Satteltaschen der Titaniden waren frisch aufgefüllt. Es gab nur noch wenig zu tun, aber immer noch schwirrte Gaby herum wie eine Urlauberin, geplagt von der Angst, etwas zu vergessen. Chris und Robin wußten beide, daß sie auf das Erscheinen Ciroccos hoffte, erwarteten aber beide nicht, daß sie kommen würde. Ein Blitz zuckte zwischen den Zwillingsgipfeln von Ciroccos Bergzuflucht herab. Die Titaniden reagierten nicht, aber Chris und Robin liefen nervös hin und her. Chris trat in Vali- has Hand und machte es sich auf ihrem Rücken bequem. Robin bestieg Hautbois. Sie alle warteten. Gaby kam heraus und sprang auf Psaltery. Sie blickte zum Haus zurück, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich der Türknopf drehte. Cirocco kam heraus, hochgewachsen in ihrer roten Decke und mit den nackten Füßen. Sie sah aschfahl und schwach aus. Vorsichtig ging sie die Stufen hinunter und hinüber zu Gaby und Psaltery. Sie streckte die Hände über den Kopf. »Ich habe nichts dabei. Schau selbst nach!« »Ich will dich nicht durchsuchen, Rocky.« »Oh.« Es schien für sie keine Rolle zu spielen. Sie ließ die Arme fallen und lehnte sich an Psalterys Seite. »Du hast recht, weißt du. Ich komme besser mit.« »In Ordnung.« Ein Beiklang der Erleichterung war in Ga-, bys Stimme zu vernehmen, aber wenig Begeisterung. Es fing erneut an zu regnen, als sie die Seilbrücke über- schritten. Auf der anderen Seite hörte Robin ein dröhnen- des Geräusch. Bei all den Bergen ringsherum war es schwer, die Quelle herauszufinden. Sie hörte es lauter werden und dann verklingen. Sowohl Gaby als auch Psaltery blickten ängstlich und forschend zu den Wolken hinauf. »Was war das?« Gaby erschauerte. »Frag nicht!« Hände über dem Meer »Wie gut, daß diese Depressionen vorübergehend sind«, meinte Chris. »Das würde ich auch sagen.« Valiha drehte den Kopf, um Chris zu betrachten. »Ich hatte noch nie jemanden so zu- rückgezogen gesehen, wie du es warst. Es muß dir eine Menge rauben.« Chris stimmte ihr schweigend zu. Er hatte es noch nicht vollständig hinter sich, machte aber den Versuch, ein heite- res Gesicht aufzusetzen. Einen Nachtschlaf mehr, und viel- leicht fühlte er dann wieder, daß am Leben noch etwas war. Nach ihrem Ausflug zum Melodienladen waren sie nicht zum Ophion zurückgekehrt. Obwohl die Circum-Gäa-, Landstraße dem Ufer des Flusses durch das Obere Musental folgte, hatten Erdrutsche sie an verschiedenen Stellen un- passierbar gemacht. Statt dessen nahmen sie einen Pfad durch die Asterias. Ihn einen Ziegenpfad zu nennen, wäre genauso gewesen, als hätte man ein Drahtseil als einen Highway ausgegeben. An manchen Stellen mußten die Men- schen absteigen und sich an Seilen festhalten, die von ei- nem vorausgehenden Titaniden gespannt wurden, der Fuß- haltepunkte benutzte, so kärglich im Ausmaß, daß sie ge- nausogut auf den Felsen gemalt hätten sein können. Darin, wie auch in so vielen anderen Dingen, waren die Titaniden viel besser als Chris. Er fing an, das ärgerlich zu finden, tröstete sich jedoch damit, daß Cirocco und Robin nicht besser waren, wenn auch Gaby teils Ziege und teils Fliege zu sein schien. Spalten waren zu überbrücken. Die großen wurden be- wältigt, indem sie an Seilen befestigte Steine hinüberwar- fen und sich Hand über Hand das Seil entlanghangelten. Endlich war Chris einmal besser als alle anderen. Die Ti- taniden schafften es auch, aber nur knapp. Chris konnte kaum hinsehen, wenn sie an ihren Händen baumelten. Jede Kluft von weniger als zehn Metern Breite erforderte je- doch keine solche Seilbrücke. Die Titaniden übersprangen sie einfach. Der erste dieser Sprünge kostete Chris zehn Jahre seines Lebens. Danach hielt er die Augen geschlossen, wenn einer sprang. Schließlich kletterten sie den letzten Abhang hinab. Unter ihnen erstreckten sich ein schmales Band aus Wald, ein noch schmalerer Strand aus schwarzem Sand und Nox, das Mitternachtsmeer. Es schimmerte im silbrigen Licht. In das Wasser eingebettet waren nebelartige Lumineszenzströme,, von kaltem Blau unter den helleren Oberflächenreflexen. Es gab auch härtere und kompaktere Lichtquellen, manche von warmem Gelb und andere tief und grün. »Die Lichtwolken sind Kolonien von Fischen, die etwa so lang sind.« Chris blickte auf und erkannte, daß Hornpipe neben Valiha ging. Cirocco hielt Daumen und Zeigefinger ein paar Zentime- ter auseinander. »Sie sind eigentlich mehr wie Insekten, aber Wasseratmer. Es sind echte Kolonien, mit einem Schwarmgehirn wie bei Ameisen oder Bienen. Aber sie haben keine Königin. Nach dem, was ich lernen konnte, halten sie augenscheinlich freie Wahlen ab, mit Vorwahlen, Kampagnen und Propaganda in Form von Duftstoffen, die zum Wahltermin ins Wasser abge- lassen werden. Dem Gewinner wird gestattet, einen Meter lang zu werden und für sieben Kilorevs zu amtieren. Seine Aufgabe ist hauptsächlich die Moral. Er sondert Chemikalien ab, die den Schwarm glücklich halten. Wenn der Anführer ge- tötet wird, hört der Schwarm auf zu essen und löst sich auf. Zum Ende der Amtszeit wird er vom Schwarm gefressen. Das vernünftigste politische System, das ich je erlebt habe.« Chris betrachtete sie forschend, konnte aber keinen Hin- weis darauf erkennen, daß sie ihn zum besten hielt. Fragen wollte er sie nicht. Es war eine große Überraschung, daß sie überhaupt redete, und er war willens, allem zuzuhören, das zu sagen sie sich bewegt fühlte. Seit dem Verlassen des Melodienladens war sie die ganze Zeit ruhig und erschöpft gewesen. Obwohl er umfassende Belege für ihre menschli- chen Schwächen gesehen hatte, empfand er für sie mehr als nur ein wenig Ehrfurcht. »Nox ist eine der sterilsten Gegenden in Gäa«, fuhr sie, fort. »Hier können nicht viele Geschöpfe leben. Das Wasser ist zu rein. Es gibt dort drin Abgründe von zehn Kilometern Tiefe. Wasser wird herausgepumpt und in die Wärmeaus- tauscherrippen geführt, gekocht und destilliert. Wenn es zurückgeleitet wird, ist es kristallklar. Wenn es hier Licht gäbe, wäre es schön; man könnte Hunderte von Metern tief hineinsehen.« »Auch so, wie es ist, ist es ziemlich schön«, wagte Chris zu sagen. »Vielleicht hast du recht. Ja, ich schätze, es ist ein schöner Anblick. Ich mache mir nicht viel daraus, Nox zu überque- ren. Schlechte Erinnerungen.« Sie seufzte und deutete dann hinaus über das Wasser. »Dieses Kabel in der Mitte ist mit (einer Insel verbunden, die Minerva heißt. Ich schätze, wir müssen sie eine Insel nennen; das Kabel ist praktisch schon die ganze Sache. Es gibt keine wirkliche Uferlinie. Wir wer- den dort für kurze Zeit Pause machen.« »Was sind die anderen Lichter, die Punkte?« »U-Boote.« Als sie den Strand erreichten, befreiten sich die Titaniden selbst von den Satteltaschen und holten schimmernde Stahlkeile hervor, die sich als Axtköpfe erwiesen. Sie bega- ben sich mit ihren Messern in den Wald und fertigten sich rasch Griffe, woraufhin sie anfingen, dutzendweise Bäume zu fällen. Chris sah aus sicherer Entfernung zu, nachdem er seine Hilfe angeboten und wie üblich eine höfliche Zurück- weisung bekommen hatte. Die Bäume waren bemerkenswert. Jeder war fünfzehn Meter hoch und gerade und hatte einen Durchmesser von fünfzig Zentimetern. Sie hatten keine Äste, jedoch wuchsen, an den Spitzen riesengroße, gazeartige Wedel. Chris fühlte sich an Pfeile erinnert, die aus einem Brett hervorstachen. »Wirken die Bäume ungewöhnlich?« Gaby hatte sich zu ihm gesellt, während er zusah. »Wie werden sie genannt?« »Da hast du mich ertappt. Ich habe verschiedene Namen gehört, von denen sich keiner offiziell durchgesetzt hat. Ich habe sie immer Telephonmasten genannt. In den Wäldern werden sie Hüttenbäume genannt von Leuten, die aus ih- nen Hütten bauen, und am Meer bezeichnet man sie als Floßbäume. Aber es ist immer dasselbe Gewächs. Wahr- scheinlich nennt man sie am besten Fällbäume.« Chris lachte. »Jeder Baum ist ein Fällbaum, wenn man ihn umgehauen hat.« »Aber es gibt keinen anderen Baum, der darin so gut ist wie dieser. Er ist ein Beispiel für Gäas kooperative Seite. Manchmal macht sie die Dinge zu einfach. Schau mal!« Sie ging zum Spitzenwedel eines gefällten Baums, nahm ihr Messer heraus und schnitt tief ins Holz. Chris sah, daß die dünne Röhre hohl war. Gaby steckte das Messer hinein und schlitzte aufwärts. Die glatte Rinde trennte sich ab und begann zu reißen. Sie zerriß die ganze Länge des Stamms entlang, faltete sich zurück und entblößte einen feuchten Pfeiler aus gelbem Holz, der aussah wie auf der Drehbank gefertigt. »Ich bin beeindruckt.« »Das ist noch nicht alles. Valiha, kann ich das für eine Mi- nute ausleihen?« Die Titanide reichte Gaby ihre Axt. Chris kniete nieder, während sie das vollkommen flache Ende un- tersuchte, das beim Abschälen der Rinde freigelegt worden war. Ein Gitternetz von Linien war darauf erkennbar. Gaby, schwang die Axt gegen eine der Linien. Es gab einen dump- fen Klang. »Ich bin darin nicht so gut wie sie«, brummte Gaby. Sie zog die Schneide wieder heraus und schwang sie erneut. Mit einem trockenen Knattern teilte sich der Stamm selbst in ein Dutzend glatte Planken. Gaby setzte den Fuß auf den Stoß, hängte sich die Axt über die Schulter und grinste, während sie die Muskeln eines Armes beugte wie ein Bilder- buchholzfäller. »Ich bin beeindruckt.« »Das war gar nichts. Jedenfalls noch nicht das Ende der er- staunlichen Wunder. Man kann die Rinde zu Streifen drehen, die so stark sind wie Stahlbänder, und man kann sie dazu be- nutzen, um die Stämme zu einem Floß zusammenzubinden. Für die nächsten beiden Revs werden die Stümpfe Epoxy- Leim absondern. Nur etwa einer von zwanzig Bäumen teilt sich zu Planken. Wir benutzen die normalen Pfeiler für den Unterbau und die Planken für das Deck. Auf diese Weise ver- hindern wir, daß schon ein vereinzelter Ruck das ganze Ding in ein großes Bündel Nutzholz verwandelt. In etwa vier oder fünf Revs sollte das Floß startbereit sein. Ende der Lektion.« »Nicht ganz«, sagte Chris. »Du nanntest dies hier einen Teil von Gäas kooperativer Seite. Sind diese Bäume neu? Ich meine…« »Wie die Titaniden neu sind? Nein, das glaube ich nicht. Es ist wahrscheinlicher, daß sie sehr alt sind. Älter als Gäa. Sie sind eine der Spezies’, die von denselben Leuten entworfen wurden, die auch Gäas Ahnen bauten, vor Milliarden von Jah- ren. Sie scheinen eine Vorliebe fürs Handliche gehabt zu ha- ben. Also gibt es an einem Ende der Skala Pflanzen, an de- nen Transistoren wachsen, und sowas, und die Grundmodelle, sind diese Bäume und die Lächler – ein Hypervieh, von dem man Fleisch gewinnen kann, ohne es zu schlachten. Entwe- der dachten die Konstrukteure an Perioden des Niedergangs der Zivilisation, oder sie mochten keine lärmenden Fabri- ken.« Chris ging, vage besorgt, allein zum Strand hinunter. Er wußte, daß er dankbar dafür sein sollte, mit Cirocco und Ga- by zusammen zu sein und all die Dinge zu lernen, die sich als nützlich erweisen könnten, sollte er einmal auf eigene Faust losziehen müssen. Statt dessen bedrückte ihn die eigene Nutzlosigkeit im Plan der Dinge. Alles schien gut unter Kontrol- le zu sein. Er konnte nicht kochen, konnte kein Floß bauen oder Kanu rudern – er konnte nicht einmal mithalten, wenn er zum Gehen aufgefordert wurde. Es wurde von ihm erwar- tet, Abenteuer zu suchen und eine Möglichkeit zu finden, ein Held zu werden. Statt dessen war er auf diese Fahrt mitge- nommen worden. Er glaubte nicht mehr richtig daran, daß sie auf etwas treffen würden, mit dem Gaby und die Titan- iden nicht fertig wurden. Der Ufersand war sehr fein und funkelte sogar in der Dun- kelheit Rheas. Es war ermüdend, in der Nähe der Bäume zu gehen, also ging er näher an den Rand des Wassers heran, wo die Feuchtigkeit den Sand in eine feste Oberfläche ver- wandelt hatte. Nox war für eine so große Wasserfläche sehr still. Niedrige Wellen rollten und hoben sich in langsamer Be- wegung. Das Geräusch, das sie erzeugten, war mehr ein Zi- schen als ein Donnern. Schaum spülte über seine Füße hin- weg und verschmolz dann gemeinsam mit dem Sand. Er war mit der Absicht losgezogen, sich zu waschen. Zwei Tage des Bergsteigens und Entlangreitens auf schlammigen Pfaden hatten ihn sandverklebt gemacht. Als er die Mühen, der Titaniden kaum noch hören konnte, entschied er, weit genug gekommen zu sein. Er stolperte über etwas, das auf dem schwarzen Sand fast unsichtbar war. Es handelte sich um einen Kleider häufen. »Hast du Seife mitgebracht?« Er schielte in die Richtung, aus der die Stimme kam, und erkannte einen dunklen Kreis vor dem Hintergrund des Was- sers. Robin erhob sich aus ihrer geduckten Haltung und stand bis zur Taille im Wasser. Konzentrische silberne Ringe breite- ten sich um sie herum aus. »Wie es sich gerade trifft, habe ich das«, sagte Chris und zog den weichen runden Ball aus der Tasche. »Gäas Ma… Ci- rocco hat gesagt, das Wasser sei kalt.« »So schlimm ist es nicht. Würdest du die Seife bitte herbringen?« Sie setzte sich wieder, und nur ihr Kopf blieb sichtbar. Chris entledigte sich seiner Kleider und trat vorsichtig ins Wasser. Es war kalt, aber er hatte schon Schlimmeres erlebt. Das Ufer fiel allmählich ab. Es gab keine glitschigen Geschöpfe unter den Füßen, nicht einmal irgendwelche Schalen. Alles war glatter, gleichförmiger Sand, dazu geeignet, in Stunden- gläser gefüllt zu werden. Er schwamm die letzten paar Meter, stand dann neben ihr und reichte ihr den Seifenfall. Sie begann sich damit den Oberkörper abzureiben. »Laß sie nicht fallen«, riet er zur Vorsicht. »Wir würden sie nie wiederfinden.« »Ich passe auf. Wo hast du das gelernt?« »Was? Du meinst Schwimmen? Ich war so jung, daß ich mich nicht erinnere. Einfach alle Leute, die ich kenne, kön- nen schwimmen. Du auch?«, »Ich kenne niemanden, der es kann. Würdest du es mir beibringen?« »Sicher, wenn wir Zeit haben.« »Danke. Würdest du mir den Rücken abseifen?« Sie reichte ihm den Ball. Die Bitte überraschte ihn, aber er stimmte bereitwillig ge- nug zu. Er benutzte die Hände vielleicht etwas intensiver als nötig, und als sie nicht protestierte, knetete er ihre Schul- tern durch. Feste Muskeln lagen unter der kalten Haut. Sie tat bei ihm dasselbe, mußte aber hoch greifen, um an seine Schultern zu kommen. Er wußte, daß er noch nicht einmal angefangen hatte, sie zu verstehen, und wünschte sich, es sei anders. Bei jeder anderen Frau hätte er sich locker ge- fühlt. Er hätte sie geküßt und ihr die Entscheidung überlas- sen, was von da an zu geschehen habe. Er hätte ihre Ant- wort akzeptiert, ja oder nein. Bei Robin hatte er nicht das Gefühl, daß er es wagen konnte, die Frage zu stellen. Aber warum nicht? fragte er sich. Mußte alles nach ihren Richtlinien verlaufen? Dort, wo er herkam, war es vollkom- men in Ordnung, das Angebot zu machen, solange man darauf vorbereitet war, abgewiesen zu werden. Er hatte keine Vorstellung davon, wie diese Dinge im Koven geregelt waren, sondern wußte nur, daß diese Situation dort niemals zwischen einem Mann und einer Frau entstehen konnte. Vielleicht war Robin in sozialer Beziehung so verwirrt wie er. Also drehte er sich um, nachdem sie aufgehört hatte, sei- nen Rücken abzureiben, legte eine Hand sanft an ihre Wange und küßte sie auf die Lippen. Als er sich zurückzog, machte sie ein verdutztes Gesicht. »Wofür war das?« »Weil ich dich mag. Küßt ihr euch im Koven nicht?«, »Natürlich machen wir es.« Sie zuckte die Achseln. »Wie seltsam. Ich hatte es nicht erkannt, aber du riechst an- ders. Nicht wirklich unangenehm, aber anders.« Sie wandte sich ab und schwamm unbeholfen auf das Ufer zu. Sie we- delte mit den Armen und strampelte mit den Beinen, ohne eigentlich irgendwohin zu kommen, und mußte bald wieder aufstehen und Wasser spucken. Chris ließ sich niedersinken, bis das Wasser sein Kinn um- spülte. Nie zuvor war er in dieser Weise abgewiesen wor- den. Er wußte, daß sie sich nicht bewußt gewesen war, ihn abzulehnen, aber trotzdem wirkte es ernüchternd. »Ich bin in den Fluß gefallen, als ich herkam«, sagte sie, während sie sich durch das flache Wasser auf die Küste zu- arbeiteten. »Ich tat etwas, um ans Ufer zu kommen, weil ich wußte, daß mir nichts anderes übrigblieb. Aber jetzt kriege ich nicht mehr alles zusammen.« »Du hattest es wahrscheinlich nicht weit, oder die Strö- mung hat dir geholfen.« »Kannst du es mir jetzt zeigen?« »Vielleicht später.« Am Strand warf er ihr wieder die Seife zu. Sie stand mit den Füßen im Wasser und wusch sich die untere Körper- hälfte. Er sah ihr zu und wünschte sich, es wäre mehr Licht, damit er endlich einen besseren Blick auf die Tätowierungen haben konnte. Plötzlich beschloß er, daß es besser sei, sich zu setzen. »Was ist los?« »Nichts.« »Ich habe gesehen, was passiert ist.« Sie betrachtete ihn finster. »Sag bloß nicht, du hättest dir gedacht, du könn- test…«, »Man bezeichnet es als Liebesreflex, okay?« Chris war ver- legen und verärgert. »Ein Reflex. Ich habe nicht geplant, dich anzufallen oder irgendwas. Du siehst einfach sehr… sehr gut aus, wie du so dastehst, und… wer könnte was dagegen machen?« »Du meinst, daß einfach durch meinen Anblick…« Sie be- deckte sich mit einer Hand und Unterarm, wobei sie für Chris noch hübscher aussah als zuvor. »Ich habe nicht be- merkt, daß meine Mutter das gemeint hatte, oder vielleicht dachte ich, es sei ein weiterer Irrtum.« »Warum hast du es nicht bemerkt? Du scheinst zu glau- ben, daß wir so verschieden sind. Ich bin genau wie du. Er- regt es dich nicht, wenn du jemanden betrachtest, der se- xuell begehrenswert ist?« »Na ja, sicher, aber ich bin nicht darauf gekommen, daß ein Mann…« »Mach daraus doch nicht so eine fürchterliche Unter- scheidung. Wir haben vieles gemeinsam, ob es dir gefällt oder nicht. Wir beide eregieren, wir erleben beide Orgas- men…« »Ich werde es mir merken«, sagte sie, warf ihm die Seife zu, raffte ihre Kleider auf und eilte den Strand entlang da- von. Chris sorgte sich darum, daß er vielleicht eine keimende Freundschaft zerstört hatte. Er mochte sie, beinahe unge- achtet seiner selbst, oder ungeachtet ihrer. Er wollte ihr Freund sein. Ein wenig später fragte er sich, ob sie ihn aus Zorn verlas- sen hatte. Bei nochmaligem Überdenken des Gesprächs er- kannte er, daß der Punkt, bei dem sie sich zum Gehen ent- schlossen hatte, anders interpretiert werden konnte., Er glaubte nicht, daß Robin großen Gefallen an der Idee finden würde, daß er ihr ähnelte, oder umgekehrt, sie ihm. Das fertiggestellte Floß hätte keinerlei Preise auf einer Bootsausstellung gewonnen, aber allein vom Standpunkt der Größe her war es ein Wunder, wenn man die Zeit be- dachte, die seine Fertigstellung beansprucht hatte. Es rutschte die Rampe hinunter, auf der es gebaut worden war, und schlug mit einem mächtigen Platschen im Wasser auf. Chris fiel in den Jubel der Titaniden ein, und auch Ro- bin schrie. Sie hatten beide bei den letzten Handgriffen ge- holfen. Die Titaniden hatten ihnen gezeigt, wie mit dem Leim umzugehen war, und sie Decksplanken anbringen las- sen, während die Reling installiert wurde. Das Boot hatte für alle acht reichlich Platz. Nahe dem Bug befand sich eine kleine Kabine, die groß genug war, daß alle Menschen gleichzeitig darin schlafen konnten, und ein Baldachin, der aufgehängt werden konnte, um die Titaniden vor Regen zu schützen. Ein mittschiffs angebrachter Mast hielt ein silber- nes Mylar-Segel mit einem Minimum an Takelage. Das Steuern erfolgte mittels einer langen Ruderpinne. Direkt achtern vom Mast gab es einen Kreis aus Steinen für das Kochfeuer. Gaby, Chris und Robin versammelten sich an der Lauf- planke, während die Titaniden Satteltaschen an Bord tru- gen, gefüllt mit Vorräten, die sie in der Nähe des Strandes gesammelt hatten, und Haufen von Feuerholz. Cirocco war bereits auf dem Floß und hatte sich am Bug niedergelassen, wo sie ins Nichts starrte. »Sie wollen, daß ich es taufe«, sagte Gaby zu Robin. »Ir- gendwie habe ich hier in der Gegend den Ruf erworben, die große Namensgeberin zu sein. Ich habe darauf hingewie-, sen, daß wir dieses Floß für höchstens acht Tage benutzen werden, aber sie sind der Meinung, daß ein Schiff einen Namen haben muß.« »Das scheint mir passend zu sein«, sagte Robin. »Oh, meinst du? Dann gib du ihm einen Namen.« Robin überlegte einen Moment lang und sagte dann: »Konstanze. Ist das in Ordnung, ein Schiff nach…« »Das ist hübsch. Viel besser als beim ersten Boot, in dem ich hier gefahren bin.« Für mehrere Kilometer war es möglich, die Konstanze mit langen Stangen anzutreiben. Das erwies sich als glücklicher Umstand, denn zusammen mit dem Regen hatte auch der Wind aufgehört. Alle außer Cirocco legten mit Hand an. Chris hatte Spaß an der harten Arbeit. Er wußte, daß er an der Fortbewegung des Floßes nicht annähernd so viel Anteil hatte wie die Titaniden, aber es war ein gutes Gefühl, einen Beitrag zu leisten. Er stemmte sich voll hinein, bis die Stan- gen den Grund nicht mehr erreichen konnten. An diesem Punkt wurden vier Ruder eingehängt, und sie übernahmen Schichten wie Galeerensklaven. Das Rudern war sogar noch härter als das Staken. Nach zwei Stunden (erlitt Robin einen heftigen Anfall und mußte in die Kabine getragen werden. Während einer seiner Ruheperioden ging Chris um die Kabine herum und entdeckte, daß Cirocco ihren Platz ver- lassen hatte, wahrscheinlich um zu schlafen. Er streckte sich auf dem Rücken aus und spürte, wie seine Muskeln protes- tierten. Der Nachthimmel über Rhea glich nichts, das er sich je er- träumt hatte., In Hyperion war der Himmel an einem klaren Tag ein gleichförmiger, gelber und nebelhafter Eindruck in unbe- stimmbarer Höhe. Nur wenn man dem Bogen des dortigen zentralen Vertikalkabels bis zu dem Punkt folgte, wo es als bloßer Faden durch das Hyperion-Fenster verlief, konnte man wirklich bestimmen, wo der solide Himmel sich er- streckte. Selbst dann mußte man sich entschieden in Erin- nerung rufen, daß das Kabel einen Durchmesser von fünf Kilometern hatte und nicht die schlanke Spindel war, in die es die Perspektive und die furchtsame Tendenz des Auges verwandelten. Rhea war anders. Zum einen befand sich Chris hier näher am zentralen Vertikalkabel als jemals an Hyperions gewalti- ger Säule. Ein schwarzer Schatten, der aus dem Meer sprang, rasch kleiner wurde und zu immer größerer Höhe anstieg, bis er vollkommen verschwand. Zu beiden Seiten davon erhoben sich die Nord- und Süd-Vertikalen, nicht ganz passend benannt, weil sie beide schräg zum Zentrum hin verliefen, wenn auch nicht annähernd so stark wie die anderen hinter Chris im Westen. Die Kabel verschwanden in der Dunkelheit, weil Rhea kein Fenster besaß, das sich über ihr wölbte. Rhea lebte im Schatten des ungeheuren trompetenförmigen Mundes, der als Rhea-Speichen bekannt war. Hätte Chris ihre Höhe und Gestalt nicht von Bildern her gekannt, hätte er ihre tatsächliche Geometrie nie herausge- funden. Was er sehen konnte, war ein dunkles und weites Oval hoch über sich. Tatsächlich befand es sich mehr als 300 Kilometer über dem Meer. Um den Rand dieses Mundes verlief ein Ventil, das sich wie die Iris eines Auges schließen konnte, um den darüberliegenden Raum vom Torus zu isolie-, ren. Jetzt stand es weit offen, und Chris konnte hinaufblicken in einen dunklen und abgeflachten Zylinder, dessen oberes Ende – wie er wußte – weitere 300 Kilometer entfernt lag, wo ein zweites Ventil zur Nabe führte. So weit und durch so viel dunkle Luft konnte er nicht sehen. Aber das, was er zu er- kennen vermochte, glich dem Lauf eines Gewehrs, das Plane- toiden als Geschosse benutzen könnte. Es zielte auf ihn, aber die Drohung war so übertrieben, daß er sie nicht ernst neh- men konnte. Er wußte, daß zwischen dem unteren Ventil und dem Radius des Hyperionfensters – eine senkrechte Entfernung von et- wa hundert Kilometern – die Speiche sich wie der Trichter eines Hornes weitete, bis sie eins wurde mit der relativ fla- chen Wölbung des Daches, das sich über die Tageslichtberei- che zu beiden Seiten Rheas erstreckte. So sehr er es auch versuchte, so konnte er doch diese Weiterung nicht ausma- chen, obwohl sie von Hyperion aus erkennbar gewesen war. Wieder ein Trick der Perspektive, sagte er sich. Es gab Lichter irgendwo dort oben in der Speiche. Er ver- mutete, daß es sich dabei um die Fenster handelte, von de- nen er gelesen hatte. Von ihm aus gesehen verkleinerten sie sich wie eine Flughafenbefeuerung von einem landenden Flugzeug aus gesehen. Allmählich wurde er eines direkten Lichtes gewahr, links von sich und oberhalb seines Kopfes, wie er da auf dem Deck lag. Er setzte sich auf, drehte sich um und sah, daß die Oberfläche von Nox von einer perlblauen Lumineszenz leuch- tete, die von unten kam. Zuerst glaubte er, es sei ein Schwarm der Meeresinsekten, von denen ihm Cirocco erzählt hatte. »Das ist ein U-Boot«, sagte eine Stimme zu seiner Rechten., Er war überrascht; Cirocco hatte sich schweigend zu ihm ge- sellt. »Vor ein paar Stunden habe ich Boten ausgeschickt in der Hoffnung, eines herbeizulocken. Aber es sieht so aus, als sei sie zu beschäftigt, um uns zu schleppen.« Sie deutete zum westlichen Himmel, und Chris entdeckte dort einen gro- ßen Flecken noch tieferer Dunkelheit vor dem Hintergrund der Nacht. Niemand mußte ihm sagen, daß es sich dabei um ei- nen Blimp handelte, und zwar um einen großen. »Das haben noch nicht viele Leute gesehen«, sagte Ci- rocco ruhig. »In Hyperion gibt es keine U-Boote, weil es dort keine Meere gibt. Blimps ziehen überallhin, aber U-Boote bleiben, wo sie geboren werden. Der Ophion würde sie nicht aufnehmen.« Der Blimp gab eine Reihe durchdringender Pfiffe von sich; sie wurde gefolgt von einem Brutzeln und Zischen auf dem hinteren Teil der Konstanze. Chris begriff, daß der Blimp darum gebeten hatte, das Feuer zu löschen, und die Titan- iden dem entsprochen hatten. Er spürte Ciroccos Hand auf seiner Schulter. Sie deutete auf das Wasser hinaus. »Genau dort«, sagte sie. Er beobach- tete, sich ihrer Hand nach wie vor bewußt, sah Tentakel, die sich emporwanden und mit langsamen Bewegungen das Wasser schlugen. Ein dünner Stiel ragte aus ihrer Masse empor. »Das ist das Periskopauge, etwa soviel, wie du jemals von einem U-Boot sehen wirst. Erkennst du die lange Schwel- lung dort auf dem Wasser? Das ist ihr Körper. Weiter heraus kommt sie nie.« »Aber was hat sie vor?« »Paarung. Sei ruhig, störe sie nicht. Ich werde es dir er- klären.«, Die Story war einfach, wenn auch nicht offenkundig. Die Blimps und die U’s waren die Männer und Frauen einer Spezies. Beide entstammten den geschlechtslosen Kindern ihrer Vereinigung, die schlangenähnlich waren und fast ohne Gehirn, bis der Wettbewerb ihre Schwärme auf eine kleine Zahl von zwanzig Meter langen Überlebenden redu- ziert hatte. An diesem Punkt wuchsen ihnen Gehirne, und sie zapften eine rassische Quelle des Wissens an, die weder Gäa noch die Blimp-U’s Cirocco jemals erklärt hatten. Mit Erziehung hatte das nichts zu tun, denn vom Zeitpunkt ihrer Ablaichung an hatten weder die Mütter noch die Väter wei- teres Interesse an ihnen. Aber auf irgendeine geheimnisvolle Weise wurden sie ge- scheit und trafen schließlich eine bewußte Entscheidung, männlich oder weiblich zu werden, Blimp oder U. Beides brachte eine Gefahr mit sich. Im Wasser gab es viele Raub- tiere, die junge U’s fraßen. In der Luft gab es kein solches Risiko, aber ein junger Blimp konnte keinen eigenen Was- serstoff herstellen. Sein Schicksal nach der Metamorphose war es, wie eine leere Blase auf dem Wasser zu sitzen und darauf zu hoffen, daß ein reifer Blimp ihn sozusagen in die Luft blies. Kein Erwachsener konnte jedoch in seiner Staffel mehr als sechs oder sieben unterhalten. Wenn es keine freien Plätze gab, war das reichlich ungünstig. Die Ent- scheidung zur Auseinanderentwicklung war unwiderruflich. Die Blimps und die U’s hatten nur wenig miteinander zu tun. Sie würden vielleicht überhaupt nie an der wässerigen Grenzfläche zwischen ihren Welten zusammenkommen, gäbe es da nicht zwei Tatsachen. Es gab eine Spezies Mee- reskraut, das nur in tiefem Wasser wuchs, ohne das die Blimps aber nicht überleben konnten. Und die Titanbäume, massive Stachel von Gäas Körper selbst, die mehr als sechs Kilometer hoch wurden und nur in den Hochländern wuch- sen – trieben dicht an ihren Wipfeln Blätter, die für die Er- nährung der U’s von lebenswichtiger Bedeutung waren. Gütliche Paarung lag im Interesse beider Geschlechter. Etwas fiel von den Tentakeln herab, die an der Mitt- schiffsausbauchung der riesigen Krümmung des Blimp- Bauches baumelten. Klatschend schlug es im Wasser ein. Die Tentakel der U holten es sich und ließen es verschwin- den. Es folgte ein tiefes Seufzen, als der Blimp Wasserstoff abließ und in die ausgestreckten Arme seiner Geliebten sank. Darüber hinaus gab es nicht viel zu sehen. Die Partner umschlangen einander mit den Tentakeln, die gewaltigen Leiber berührten sich an der Oberfläche des Meeres, und in genau dieser Haltung verharrten sie. Erst als das Floß an- fing, von Wellen geschaukelt zu werden, erkannte Chris, wieviel Aktivität von der Entfernung verheimlicht werden mochte. »Da passiert eine ganze Menge«, bestätigte Cirocco. »Ne- benbei gibt es eine Möglichkeit, näher dabeizusein. Ich war einmal Passagier in einem Blimp, den die Liebe packte. Laß dir sagen… ach, egal. Es war eine stürmische Reise.« Cirocco verschwand so ruhig, wie sie gekommen war. Chris beobachtete weiter. Kurz darauf hörte er Hufe auf dem Deck; Valiha kam um die Kabine herum und gesellte sich zu ihm. Er saß am Rand des Floßes und ließ die Füße herabbaumeln, die gerade das Wasser erreichten. Valiha setzte sich auf dieselbe Weise, und für einen Moment ließ ein Trick der Schatten den pferdeartigen Teil ihres Körpers verschwinden. Sie wurde zu einer sehr großen Frau mit, mageren, spindeldürren Beinen und ins Wasser hängenden Bocksfüßen wie ein Teufel. Das Bild brachte ihn durcheinan- der, und er sah weg. »Schön, nicht wahr?« fragte sie in einem so singenden Englisch, daß er für einen Moment glaubte, es wäre Titani- disch gewesen. »Es ist interessant.« In Wahrheit fing er an, es ermüdend zu finden. Er wollte gerade aufstehen, als Valiha seine Hand nahm, an den Mund führte und sie küßte. »Oh.« »Hmmmm?« Sie blickte ihn an, aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Offenkundig spielte es auch keine Rolle. Sie küßte ihn auf Wange, Hals und Lippen. Er holte tief Luft, so- bald er dazu in der Lage war. »Warte, Valiha, warte!« Sie tat es und betrachtete ihn mit ihren großen, unschuldigen Augen. »Ich glaube nicht, daß ich dazu bereit bin. Ich meine… ich weiß nicht, was ich sa- gen soll. Ich glaube einfach nicht, daß ich es schaffe, jetzt jedenfalls nicht.« Sie sah ihm weiterhin forschend in die Augen. Er fragte sich, ob sie nach Wahnsinn suchte, ent- schied aber, daß da wohl seine eigene Angst sprach. Schließlich drückte sie kurz seine Hand mit ihren beiden Händen, nickte und ließ ihn los. Sie stand auf. »Laß mich wissen, wenn du bereit bist, ja?« Sie eilte da- von. Er fühlte sich schlecht. Obwohl er versuchte, die Gründe zu analysieren, aus denen er sie zurückwies, so befriedigte doch keiner. Teilweise war Valiha eine Erinnerung an et- was, das er zur Zeit seiner Besessenheit getan hatte. Wäh- rend solcher Zeiten war er viel tapferer als sonst, außer wenn mal das genaue Gegenteil eintrat. Es sah so aus, als, sei dies eine tapfere Zeit gewesen, denn so sehr er sich auch bemühte, er konnte nicht mit einer beruhigenden Antwort auf die Frage aufwarten: was machen eine Titanide und ein Mensch? Und eine weitere: wie hoch mußte die Le- bensversicherung vor dem Versuch abgeschlossen werden? Valiha war groß. Sie erschreckte ihn zu Tode. Es war vielleicht fünfzehn Minuten später, als Gaby um die Kabine herum zu ihm kam. Er wollte nichts anderes, als mit seinen Gedanken allein sein, aber sein Versteck verwan- delte sich in einen Paradeplatz. Sie lehnte sich an die Reling und pfiff, gab ihm schließlich einen Anstoß. »Bläst du Trübsal, mein Lieber?« Er zuckte die Achseln. »Es waren komische acht Stunden oder so. Glaubst du, daß etwas in der Luft liegt?« »Was denn?« »Ich weiß nicht. Alle sind in Liebesstimmung. Da draußen liebt der Himmel das Meer. Und am Ufer habe ich mich Robin gegenüber dumm verhalten.« Gaby pfiff. »Armer Junge.« »Ja. Und vor ein paar Minuten wollte Valiha da weiterma- chen, wo mein verrücktes Alter Ego aufgehört hatte; Mur- melnspielen, wie sie sagen.« Er seufzte. »Es muß etwas in der Luft sein.« »Na ja, du weißt, was man so sagt. Sie läßt die Welt sich drehen, die Liebe nämlich. Und Gäa dreht sich verteufelt viel schneller als die Erde.« Er betrachtete sie argwöhnisch. »Du hattest doch nichts…« Sie hob die Hände und schüttelte den Kopf. »Ich nicht,, mein Freund, ich werde dich nicht belästigen. Bei mir pas- siert es alle Jubeljahre einmal, und gewöhnlich mit Mäd- chen. Auch mache ich mir nichts aus den kurzfristigen Ge- schichten. Bei all meinen Beziehungen hatte ich den Wunsch, daß sie dauerhaft sind, bei allen siebzehn.« Sie verzog das Gesicht. »Ich schätze, du hast in diesen Dingen eine andere Perspektive«, wagte Chris zu sagen. »So alt wie du bist.« »Das denkst du, wie? Aber es stimmt nicht. Es tut immer weh. Ich will, daß es ewig andauert, und das tut es nie. Und es ist mein Fehler. Immer messe ich die anderen letztlich an Cirocco, und da können sie nicht mithalten.« Sie hustete nervös. »Na ja, hör mir mal zu! Davon wollte ich eigentlich nichts erzählen. Ich bin gekommen, um meine Nase in deine Angelegenheiten zu stecken. Du brauchst keine Angst vor Valiha zu haben. Nicht emotionell, wenn es das ist, was dir Kummer macht. Sie wäre nie eifersüchtig oder besitzergreifend und würde auch nie erwarten, daß es lange dauert. Titaniden haben nicht den Begriff der Ausschließ- lichkeit.« »Hat sie dich gebeten, mir das zu sagen?« »Sie wäre wütend, wenn sie es wüßte. Titaniden küm- mern sich um ihre eigene Angelegenheit und mögen keine Einmischung. Dies ist eine Einmischung von Gaby der All- wissenden. Ich will dir noch eines sagen und mich dann da- vonmachen: Wenn deine Vorbehalte moralischer Natur sind – Perversität vielleicht? –, dann laß dich informieren, mein Freund. Hast du es noch nicht mitbekommen? Sogar die Ka- tholische Kirche sagt, es sei alles in Ordnung. Der Papst hat entschieden, daß die Titaniden Seelen haben, auch wenn sie Heiden sind.«, »Und was, wenn mein Einwand körperlicher Natur ist?« Gaby lachte fröhlich und tätschelte seine Wange. »O Junge, du hast wirklich immer wieder nette Überraschungen auf La- ger.« Das Auge des Götzen Die U war nicht willens, ihre postkoitale Glückseligkeit zu unterbrechen, um das Floß nach Minerva zu schleppen. Ci- rocco stand am Bug und versuchte, in einer Sprache zu bit- ten, die sich aus den wenig angenehmen Geräuschen von Asthma und Keuchhusten zusammensetzte, aber das Licht der großen Tiefseedame wurde nur noch schwächer, wäh- rend sie davontauchte. Der Blimp hätte vielleicht für kurze Zeit helfen können, aber es stellte sich heraus, daß er Ge- schäfte im Westen hatte. Blimps waren stets bereit, eine Freifahrt zu gewähren, aber nur dann, wenn man in die- selbe Richtung wollte wie sie. Es spielte keine Rolle. Innerhalb weniger Stunden erhob sich eine Brise aus dem Westen, und bald darauf befanden sie sich an der Basis des zentralen Vertikalkabels von Rhea. Robin betrachtete es forschend während der Annähe- rung. Cirocco hatte nicht übertrieben. Minerva war im strengen Sinne keine Insel, sondern eher ein Sims. Er war über die Zeitalter hinweg durch Barnacleoide, Pseudonapf-, schnecken, naheliegende Korallen und andere gäanische Äquivalente sessiler Weichtiere und Krustentiere gebildet worden. Das Problem bestand darin, daß die Wasseroberflä- che tief lag – in der Tat für eine Million Jahre ständig abge- sunken war, während die Kabel sich dehnten und Gäa im Zuge ihrer Alterung langsam expandierte. Das kam zu den saisonalen Tiefständen hinzu, die einen siebzehntägigen Kurzzyklus und einen dreißigjährigen langen Zyklus umfaß- ten. Die Reisenden waren jetzt nahe dem Tiefpunkt der langen Fluktuation angekommen, mit dem Ergebnis, daß der Hauptkörper der »Insel« sich 50 Meter über der Wasser- fläche simsförmig vom Kabel absetzte. Die Breite des, Vorsprungs war unterschiedlich. An manchen Stellen rag- te er über hundert Meter weit hinaus; anderswo war die Masse aus Schalen und Sand durch den Einfluß der Wellen oder das eigene Gewicht weggebrochen, und dort stieg das Kabel senkrecht empor. Es war jedoch überkrustet, so weit Robin sehen konnte. Zwei Kilometer über ihr befanden sich die Überbleibsel von Organismen, die während des irdi- schen Pliozän gelebt hatten. Sie fragte sich, wie die Landung der Konstanze überhaupt vonstatten gehen sollte, wenn der nächstgelegene Ort, wo man stehen konnte, sich in fünfzig Metern Höhe befand. Die Antwort wurde offenkundig, als das Floß zur Südseite des Kabels gelenkt wurde. Dort war einer der Hunderte von Strängen nahe der Wasserlinie durchgebrochen. Das obere Ende krümmte sich in großer Höhe vom Kabel weg. Riffko- rallen hatten das untere Ende in eine Bucht verwandelt, die ein flaches, kreisförmiges Stück Land von nur fünf Metern Höhe enthielt. Bald war die Konstanze vertäut, und Robin folgte Gaby und Psaltery durch einen gezackten Spalt hindurch, wobei sie auf meterbreite Schalen trat, die lebenden Geschöpfen Unterschlupf boten. Sie kamen auf das flache, beschädigte Ende des Kabelstrangs hinaus, das einen Durchmesser von zweihundert Metern hatte. Es war eine seltsame Meeresküste mit ihrer grenzenlosen Lehne in Form der senkrechten Kabelwand. Skelettartige Bäume wuchsen auf sandigen Ablagerungen, und nahe dem Zentrum gab es einen klaren, stillen Teich. Die ganze Gegend war mit knochenweißem Treibholz übersät. »Wir werden einen oder zwei Tage hier bleiben«, sagte Hautbois, als sie mit einer gewaltigen Last Zelttuch an Robin, vorbeikam. »Fühlst du dich besser?« »Mir geht’s gut, danke.« Sie lächelte die Titanide an, aber in Wahrheit fühlte sie sich von ihrem jüngsten Lähmungs- anfall her immer noch wackelig. Hautbois hatte sich gut um sie gekümmert. Ohne von ihr festgehalten zu werden, hätte sich Robin gewiß selbst verletzt. Als Gaby vorbeikam, packte sie sie am Arm und ging ne- ben ihr her. »Wozu halten wir hier?« »Dies ist der Garten von Rhea«, sagte Gaby und machte eine weiträumige Armbewegung. Der Scherz wirkte jedoch gezwungen. »In Wirklichkeit hat Rocky hier einige Geschäfte. Rechne besser mit zwei Tagen, vielleicht dreien. Hast du langsam genug von uns?« »Nein. Reine Neugier. Sollte ich?« »Es wäre vielleicht besser, wenn du nicht neugierig bist. Sie hat etwas zu erledigen, und ich kann dir nicht sagen, worum es sich handelt. Das ist zu deinem eigenen Guten, ob du es glaubst oder nicht.« Gaby eilte davon, zurück zum Floß. Robin setzte sich auf ein Stück Holz und sah zu, wie die Titaniden und Chris das Lager aufschlugen. Vor einem Monat hätte sie sich noch gezwungen, aufzustehen und zu helfen. Die Ehre hätte das erfordert, denn hier zu sitzen war ein Eingeständnis der eigenen Schwäche. Na ja, verdammt, sie war schwach. Sie hatte es Hautbois zu verdanken, daß sie das zu sich selber sagen konnte. Die Titanide hatte ihr während des ganzen letzten Anfalls hindurch vorgesungen, in Englisch und auch in Titanidisch. Sie hatte es Robin nicht erlaubt, sich von ihrer Hilflosigkeit abzuwenden, hatte sie gezwun- gen, mit der Suche nach Bewältigungsmöglichkeiten zu be-, ginnen, die über bloßen Ungestüm hinausgingen. Als Robin wieder die Kontrolle zu erlangen begann, fand sie, daß sie nicht ablehnte, was die Titanide gesagt hatte. Sie erfuhr, daß Hautbois eine Heilerin war, was Arzt, Psychiater, Ratgeber und Tröster umfaßte und möglicherweise noch andere Din- ge. Robin hatte den Eindruck, daß Hautbois willens gewe- sen wäre, sie im geheimen frontalen Modus zu lieben, wenn das geholfen hätte. Was immer Hautbois auch getan hatte, Robin hatte davon mehr geistigen Frieden erlangt als seit… sie konnte sich nicht erinnern. Sie glaubte, mit der Bereit- schaft zum Kampf gegen die ganze Welt aus dem Leib ihrer Mutter hervorgebrochen zu sein. Nasu kämpfte und wollte herausgelassen werden. Robin öffnete den Sack und erlaubte ihr, sich auf den Sand zu schlängeln, vertraute darauf, daß die Schlange sich nicht weit entfernen würde. Sie faßte in ihre Tasche und holte ein in ein Blatt gewickeltes Bonbon heraus, wickelte es aus und saugte daran. Der Sand war für Nasus Geschmack zu kalt, also ringelte sie sich um Robins Knöchel. Cirocco stand allein und reglos dicht an der Wand und be- trachtete einen langen Riß darin. Robin folgte ihr mit den Augen und erkannte, daß dieser Riß eine Lücke zwischen zwei Kabelsträngen war. Drei davon fügten die Insel zu- sammen, die einmal selbst ein äußerer Strang gewesen war, und machten so die kleine Bucht halbkreisförmig. Einen ähnlichen Spalt gab es zwischen dem zentralen und dem linken Strang. Unterhalb der Wasseroberfläche bogen sich die Stränge weit nach außen. Robin erinnerte sich an ein Bild des konischen Berges und seines Strangwaldes in Hy- perion. Hier waren die Lücken zwischen den Strängen nicht mehr als zehn Meter breit und teilweise mit Rankenfußkreb-, sen verstopft. Sie sah auch, daß Gaby vom Floß zurückkam und eine Öl- lampe trug. Sie eilte damit zu Cirocco und reichte sie ihr. Sie redeten miteinander, aber das ständige Rauschen des Mee- res trug die Worte hinweg, bevor sie Robin erreichten. Ci- rocco sagte nicht viel; es blieb Gaby überlassen, den Großteil der Unterhaltung zu bestreiten, und sie tat das lebhaft. Glücklich sah sie dabei nicht aus. Cirocco schüttelte fort- während den Kopf. Schließlich gab Gaby auf. Sie stand Cirocco für einen Mo- ment gegenüber. Dann umarmten sich die beiden Frauen, wobei Gaby auf den Zehen stand, um ihre alte Freundin zu küssen. Cirocco drückte sie noch einmal an sich und betrat dann den Spalt zwischen den Kabeln. Das Licht ihrer Lampe blieb noch eine kurze Zeit lang sichtbar und war dann ver- schwunden. Gaby ging zum Rand der kreisförmigen Bucht, soweit weg von allen anderen, wie die Umstände es erlaubten. Sie setzte sich, stützte den Kopf in die Hände und machte zwei Stunden lang keine Bewegung. Ciroccos Abwesenheit verging mit Entspannung und Spie- len. Den Titaniden und Chris machte sie nichts aus, wäh- rend Gaby einen Großteil der Zeit nervös war. Robin wurde es von Stunde zu Stunde langweiliger. Sie fing an zu schnitzen, was die Titaniden ihr beibrach- ten, hatte aber nicht die Geduld dafür. Sie wollte Chris bit- ten, ihr das Schwimmen beizubringen, konnte sich jedoch nicht des Gefühles erwehren, sich ihm besser nicht mehr nackt zu zeigen. Gaby löste das Problem mit dem Vorschlag, einen Badeanzug zu tragen. Rasch wurde einer improvi- siert. Die Idee eines Badeanzuges war für Robin so unge-, wohnt wie die, unter der Dusche Schuhe zu tragen, aber die Sache erfüllte ihren Zweck. Sie nahm drei Stunden in dem zentralen Teich, den sie fälschlicherweise einen Gezeiten- tümpel genannt hatte. (In Gäa gab es keine Gezeiten.) Als Gegenleistung gab sie Chris Nachhilfestunden im Kämpfen, etwas, wovon er nur wenig verstand. Der Unterricht mußte vorübergehend abgeblasen werden, als sie selbst etwas da- bei lernte, nämlich daß Hoden erstaunlich leicht zu verlet- zen sind und ihrem Besitzer höllische Schmerzen bereiten können. Sie erschöpfte ihren Vorrat an Entschuldigungen, und die Sache tat ihr aufrichtig leid, aber woher hätte sie das wissen sollen? Nur zwei Begebenheiten belebten zwei ansonsten läh- mend langweilige Tage. Zur ersten kam es kurz nach Ciroc- cos Weggehen, als Gaby den Wunsch zu verspüren schien, umherzustreifen. Sie nahm sie entlang eines engen Pfades mit, der vom Lagerplatz zu dem hochgelegenen Sims führ- te, der das Kabel umgürtete. Alle sieben von ihnen brach- ten die nächste Stunde damit zu, vorsichtig auf einem un- regelmäßigen Untergrund zu gehen, der sich zu einem fünfzig Meter tiefen Absturz ins Meer neigte. Sie umrunde- ten das Kabel beinahe zur Hälfte und bis zu einer Stelle, wo der Sims weggebrochen war. In geringer Entfernung davon gab es einen Einschnitt zwischen zwei Kabelsträngen. Dar- innen erhob sich ein gedrungener steinerner Stützpfeiler, und darauf saß die goldene Statue eines fremdartigen We- sens. Sie erinnerte Robin an den Froschkönig aus einem Mär- chen aus Kindheitstagen. Es handelte sich offensichtlich um ein Wasserwesen; obwohl es sechs Beine hatte, endeten sie alle in breiten Flossen. In kauernder Haltung blickte das, Wesen übers Meer hinaus, bucklig und breit. Nichts wuchs darauf, wenn es auch mit getrocknetem Meereskraut ge- schmückt war. Sein einziges Auge bestand aus einer leeren Höhle. »Es steht hier seit mindestens zehntausend Jahren«, sag- te Gaby. »Früher steckte ein Auge in der Höhle, ein Dia- mant, etwa so groß wie mein Kopf. Ich habe ihn gesehen, und er schien zu leuchten.« Sie kickte in den Sand, und die überraschte Robin sah ein Geschöpf vom Format eines gro- ßen Hundes hervorkommen und auf sechs flossenbewehr- ten Füßen davonschleichen. Es war gelb und ziemlich häß- lich, und es hatte nur sehr wenig Fleisch auf den Knochen. Das Wesen hatte keine große Ähnlichkeit mit der Statue, und doch gab es eine Familienähnlichkeit. Es drehte sich einmal um, öffnete ein Maul mit mehreren tausend langen gelben Zähnen, zischte und fuhr dann fort, sich schlurfend davonzumachen. »Diese Wesen waren früher so gemein, daß ein Vielfraß einen Herzanfall bekommen hätte, wäre es ihrer nur ansich- tig geworden. Sie waren so schnell, daß sie einem schon die Eingeweide herausgerissen hätten, bevor man sie über- haupt sehen konnte. Sie haben sich im Sand versteckt wie dieses Exemplar, und sobald das erste heraussprang, kamen auch die anderen schon von allen Seiten. Ich habe mal ge- sehen, wie eines sieben tödliche Treffer aus einem Gewehr erhielt und doch noch lange genug lebte, um den Schützen zu töten.« »Was ist aus ihnen geworden?« fragte Chris. Gaby hob eine große Schale auf und warf sie gegen das Standbild, wo sie zersplitterte. Sofort tauchten ein Dutzend Köpfe mit geöffneten Mäulern über dem Sand auf. Robin, griff nach ihrer Waffe, aber es war nicht notwendig. Die Ge- schöpfe sahen sich verwirrt um und schlängelten sich in ihre Verstecke zurück. »Sie wurden hierher gesetzt, um das Auge des Götzen zu bewachen«, sagte Gaby. »Die Rasse, die ihn schuf, ist schon lange verschwunden. Nur Gäa weiß überhaupt etwas über sie. Ihr könnt sicher sein, daß es nicht wirklich ein Götze war, denn niemand hier drin hat jemals einen anderen ver- ehrt, als Gäa. Eine Art Monument, schätze ich. Jedenfalls ist es mindestens eintausend Jahre her, seit jemand sich darum kümmerte oder es besuchte. Bis vor etwa fünfzig Jahren. Damals ging es mit den Pil- gern los, und Gäa erschuf diese Wesen als Travestien der Ursprünglichen. Sie gab ihnen einen Trieb zum Leben, der darin bestand, das Auge um jeden Preis zu schützen. Sie haben verdammt gute Arbeit geleistet. Das Auge wurde bis vor etwa fünfzehn Jahren nicht weggenommen. Ich weiß persönlich von fünf Leuten, die genau hier starben, wo wir jetzt stehen, und gewiß ist noch viel mehr Leuten dasselbe passiert. Aber nachdem es weg war, gab es für die Wächter nichts mehr zu tun. Gäa hat sie nicht zum Sterben programmiert, also fressen sie ein wenig und beschäftigen sich ein wenig mit dem Altern. Sie warten aufs Sterben; das ist alles, was sie machen.« »Also war das alles nur eine Herausforderung?« fragte Robin. »Immer wieder Leute aufzufordern, daß sie – hi- nausziehen und sich beweisen…« Sie schaffte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, denn wieder stieg Zorn in ihr auf. »So ist es. Aber es gibt noch etwas, das Gäa euch nicht er- zählt hat, nämlich daß sie nach Stellen wie dieser hier stinkt. Ich bin sicher, daß sie euch mit dem ganzen Ge- schwätz von hundertundeinem Drachen und Juwelen in der Größe von Blimpkothaufen vollgestopft hat. Tatsache ist, daß dieser Ort vor fünfzig Jahren von Pilgern durchstöbert wurde, die nach einer Gelegenheit Ausschau hielten, etwas Dummes zu tun. Viele davon sind bei dem Versuch gestor- ben, aber die Sache bei Menschen ist die: wenn ständig nur, genug von ihnen kommen, werden sie schließlich fast alles vollbringen. Den Drachen erging es dabei am schlimmsten. Es sind nicht mehr viele übrig, und es gibt reichlich viel Menschen. Gäa kann jederzeit einen weiteren Drachen er- schaffen, wenn ihr danach ist, aber sie liegt im Hintertref- fen. Sie wird alt und kann nicht mehr mithalten. Sachen gehen kaputt und werden lange Zeit nicht repariert, wenn überhaupt jemals. Ich bezweifle, daß noch ein Dutzend Dra- chen übrig sind oder zwei Dutzend noch nicht geplünderte Monumente.« »Es gibt einen Mangel an Aufgaben«, sagte Valiha und konnte nicht verstehen, warum Robin so hart lachte. Auf dem Rückweg war Chris überwältigt. Robin wußte, daß er Visionen davon hatte, etwas zu unternehmen, was einer Geschichte wert gewesen wäre, selbst wenn er sich dessen nicht bewußt war. Schließlich war er ein Mann und gefangen in peckischen Zinnsoldatenspielen. Robin hätte es nicht weniger ausmachen können, wenn es überhaupt keine Drachen mehr gegeben hätte. Die zweite Begebenheit war jedoch interessanter. Sie ge- schah nach ihrer zweiten Schlafperiode. Gaby, die das ers- temal nicht geschlafen hatte, erwachte und kam aus ihrem Zelt, um riesige Spuren im Sand zu finden. Sie heulte nach den Titaniden, die im Galopp vom Floß zurückkamen. Als sie eintrafen, waren auch Chris und Robin wach. »Wo zum Teufel wart ihr?« wollte Gaby wissen und deutete dabei auf einen meterlangen Fußabdruck. »Wir haben unten an der Konstanze gearbeitet«, sagte Hornpipe. »Hautbois hatte entdeckt, daß die Wellen sie be- schädigt hatten und…« »Und was ist hiermit? Ihr solltet doch…«, »Jetzt warte aber mal!« sagte Hornpipe hitzig. »Du hast mir selbst gesagt, daß man sich hier um nichts zu sorgen braucht. Nichts auf dem Land und nichts…« »Okay, okay, es tut mir leid. Wir wollen uns nicht strei- ten.« Es überraschte Robin nicht, daß Gaby so schnell nach- gegeben hatte. Titaniden werden so selten wütend, daß es ziemlich ernüchternd ist, wenn es mal geschieht. »Schauen wir uns das mal genauer an.« Sie machten sich daran, untersuchten eine Spur im ein- zelnen und folgten der ganzen Reihe, um herauszufinden, wo die Kreatur hergekommen und wo sie hingegangen war. Die Ergebnisse waren erschreckend. Die Spuren tauchten an einem Ende der Bucht auf, machten einen Kreis um Ga- bys Zelt und verschwanden dann wieder am Rand des Was- sers. »Was, denkst du, war das?« fragte Valiha Gaby, die auf einem Knie hockte und im Licht ihrer Lampe eine Spur be- gutachtete. »Ich wünschte mir, verflixt nochmal, daß ich es wüßte. Es sieht aus wie eine Vogelkralle. In Phoebe gibt es Vögel, die so groß sind, aber sie können weder fliegen noch schwim- men, wie sollten sie dann also herkommen? Vielleicht hat Gäa wieder etwas Neues ausgetüftelt. Ich will verdammt sein, wenn das nicht ganz nach einem Riesenhuhn aus- sieht.« »Ich glaube nicht, daß ich ihm begegnen möchte«, sagte Robin. »Ich auch nicht.« Gaby straffte sich, immer noch finster blickend. »Daß mir niemand die Spur verwischt. Rocky sollte sie sich anschauen, wenn sie zurückkommt. Vielleicht kann sie etwas damit anfangen.«, Cirocco kehrte acht Revs später zurück. Sie sah müde und hungrig aus, aber doch zuversichtlicher als vor ihrem Auf- bruch. Robin bemerkte, daß ihr das Lächeln leichter fiel. Was auch immer dort drin geschehen war, es war besser verlau- fen als erwartet. Robin wollte etwas sagen, aber alles, was ihr einfiel, er- schöpfte sich in Fragen wie »Was hast du gemacht?« oder »Wie war es?«, und Gaby hatte sie gemahnt, davon Abstand zu nehmen. Für den Moment ließ sie es also bleiben. »Vielleicht hattest du recht, Gaby«, sagte Cirocco, als sie auf das Lager zugingen. »Ich wollte wirklich nicht…« »Später, Rocky. Wir haben hier etwas, das du dir an- schauen solltest.« Sie wurde zu der geheimnisvollen Spur geführt. Sie war nicht mehr so deutlich wie zuvor, aber noch erkennbar. Ci- rocco kniete im Lampenlicht nieder, und tiefe Furchen bilde- ten sich auf ihrer Stirn. Schon die Vorstellung dieser Krea- tur schien für sie eine Beleidigung zu sein. »Sowas habe ich noch nie gesehen«, sagte sie schließlich, »und ich bin mehrmals rings um das gottverdammte Rad gekommen.« Sie sang etwas auf Titanidisch. Robin blickte zu Hautbois, die ein finsteres Gesicht machte. »Frei übersetzt hat sie gesagt: ›Gäa mag ihre Witze so gern wie die nächste göttliche Idee.‹ Das ist natürlich wohl- bekannt.« »Ein Riesenhuhn?« fragte Cirocco ungläubig. Robin konnte sich nicht mehr halten. »Entschuldigt mich, ich fühle mich nicht gut«, sagte sie und eilte in die Dunkelheit davon. Als sie die Wasserlinie erreichte, kletterte sie in eine Schlucht hinab ähnlich der, wo das Floß vertäut lag. Sobald sie sicher außer Sichtweite war,, fing sie an zu lachen. Sie machte so wenig Geräusche wie möglich, aber sie lachte, bis ihr die Seiten schmerzten und ihr Tränen die Wangen hinabliefen. Sie glaubte nicht, noch heftiger lachen zu können; dann hörte sie Gaby aufschreien. »He, Rocky, komm her! Wir haben eine Feder gefunden!« Robin lachte noch heftiger. Als sie sich schließlich wieder unter Kontrolle hatte, langte sie in einen Spalt zwischen runden Korallengewäch- sen und holte zwei Apparate hervor, die aus Stöcken, Treibholzstücken und Schalen gefertigt waren. Daran hin- gen Seile, die sie sich um die Beine wickeln, und Stellen, wo sie die Füße daraufstellen konnte. »Gaby und Cirocco«, sagte sie. »Die großen gäänischen Experten für wilde Tiere.« Sie küßte einen der Apparate und warf ihn weit hinaus über das Wasser. »Du beeilst dich besser! Gaby wird kommen, um nachzu- schauen, wie es dir geht.« Sie blickte auf und erkannte Hautbois. Sie winkte ihr mit der verbliebenen Stelze zu und warf sie dann der anderen hinterher. »Danke für die Ablenkung.« »Keine Ursache«, sagte Hautbois. »Ich glaube, Valiha hat einen Verdacht, aber sie wird nichts sagen.« Sie grinste breit. »Ich glaube, ich fange langsam an, Gefallen an dieser Reise zu finden. Aber keine Späße mehr mit dem Salz, o- kay?« Sturm und Ruhe, Eine steife Brise aus dem Westen trieb die Konstanze auf ih- rem schlingernden Kurs von Minerva weg. Das waren gute Nachrichten für Gaby. Beim Hinaufblicken konnte sie erken- nen, daß sich das untere Speichenventil geschlossen hat- te. Aus bitterer Erfahrung wußte sie, daß gleichzeitig die Speiche darüber ihren regelmäßigen Winter durchlief. Die Bäume und alles andere würden mit einer Eisschicht be- deckt sein. Nach Einsetzen des Tauwetters würden sich die- ses ganze Wasser und eine ansehnliche Tonnage abgebro- chener Äste auf dem Ventil sammeln. Wenn es sich öffnete, würde sich Rhea in eine ungesunde Gegend verwandeln. In fünfzig Revs stand ein Ansteigen des Wasserspiegels um zwei Meter oder mehr bevor. Niemand fragte danach, wo Cirocco gewesen war. Gaby vermutete, daß es sie überrascht hätte, die Antwort zu er- fahren, und das schloß die Titaniden ein. Cirocco war zu einer Audienz bei Rhea gewesen, dem Sa- tellitengehirn, das das Land in hundert Kilometern Umkreis kontrollierte. Rhea unterstand keiner höheren Autorität als Gäa selbst. Obendrein war sie sehr verrückt. Der einzige Weg, die regionalen Gehirne zu besuchen, war der durch die zentralen Vertikalkabel. Sie alle lebten dort unten am Fuß fünf Kilometer langer spiralförmiger Treppen. Nicht einmal die Titaniden wußten das. Ihr Wissen über die zwölf Halbgötter war begrenzt; als Gäa die Titan- iden erschuf – komplett mit einer Kultur und rassischer Weisheit –, hatte sie keinen Grund dafür gesehen, warum sie sich den Kopf über die Regionalhirne zerbrechen sollte. Sie waren Gäas Anhängsel und nicht mehr, die quasi- intelligenten Servomechanismen, die in ihren eigenen beschränkten Domänen für den reibungslosen Ablauf der, Dinge sorgten. Sie auch nur als untergeordnete Götter zu betrachten, hätte die Fähigkeit der Titaniden gemindert, Gäa zu verehren. Gehorsam wie sie waren, dachten die Ti- taniden nicht mehr an die großen Klumpen neuraler Mate- rie, als die unwissendsten Touristen es taten. Hyperion war für sie ein Ort, keine Person. Die Wirklichkeit hingegen war anders, und das schon seit langer Zeit vor der Geburt der Titaniden. Vielleicht waren die Gehirne tatsächlich Gäa in ihrer Jugend völlig dienstbar gewesen. Gäa behauptete das zumindest. Aber inzwischen gingen alle zwölf in zunehmendem Maße ihre eigenen We- ge. Um ihren Willen durchzusetzen, mußte Gäa ihnen ent- weder gut zureden oder drohen. Bei einem Regionalhirn wie Hyperion war nicht mehr er- forderlich als eine einfache Bitte. Hyperion war Gäas engs- ter Verbündeter im Torus. Und doch zeigte die Tatsache, daß sie bitten mußte, wie weit die Dinge gekommen waren. Gäa konnte nur wenig direkte Kontrolle im Grenzbezirk ih- res Körpers aufrechterhalten. Gaby war verschiedenen Regionalhirnen begegnet; sie war Dutzende von Malen unten bei Hyperion gewesen und hatte in ihm einen dumpfen Automaten gefunden. Sie ver- mutete, daß wie üblich die Schurken weit interessanter wa- ren als die netten Jungen. Hyperion schaffte es, das Wort »Gäa« zweimal in jedem Satz zu gebrauchen. Gaby und Ci- rocco waren unmittelbar vor dem Karneval bei ihm gewe- sen. Das Hyperion-Zentralkabel vermittelte Gaby stets selt- same Empfindungen. Sie hatte es mit Cirocco und anderen von der Ringmeister-Besatzung während ihrer ersten Wo- chen in Gäa besucht. Ohne es zu wissen, waren sie bis we- nige hundert Meter an seinen Eingang herangekommen., Ihn zu finden, hätte ihnen eine schreckliche Reise erspart. Rhea war eine, andere Geschichte. Gaby hatte nie einen von Gäas Feinden besuchen können, während Cirocco allen außer Okeanos begegnet war. Sie konnte das tun, weil sie als Gäas Magier unter deren sicherem Geleit stand. Es gab keine Möglichkeit, Gaby diesen Schutz zu garantieren. Ci- rocco zu töten, würde Gäas vollen Zorn auf die Länder des Mörders herabrufen. Die Tötung Gabys würde Gäa wahr- scheinlich verärgern, aber kaum mehr. Wie auch immer, es war irreführend, Rhea als Feindin Gäas zu bezeichnen. Obwohl sie während der Rebellion O- keanos’ dessen Verbündete gewesen war, so gestattete ihre Unberechenbarkeit es beiden Seiten nicht, sich auf sie zu verlassen. Cirocco war schon einmal bei ihr gewesen und hatte dabei kaum das nackte Leben retten können. Rhea war ein verteufelter Platz für den ersten Schritt, das wuß- te Gaby, aber es hätte keinen Vorteil gebracht, sie auszu- lassen und zurückzukehren, denn ihre Absicht bestand schließlich darin, elf von den zwölf Regionalhirnen zu besu- chen. Es war ihre innige Hoffnung, daß Gäa noch nicht dar- über Bescheid wußte. Es war riskant, ganz sicher, aber Gaby hatte das Gefühl, daß es getan werden konnte, ohne Verdacht zu erregen. Mit völliger Sicherheit rechnete sie nicht; das wäre töricht gewesen. Obwohl Gäas Augen und Ohren nicht das waren, was sich manche Leute darunter vorstellten, so besaß sie doch genügend Kontakte im Torus, um letztendlich von den meisten Dingen zu hören, die geschahen. Sie hofften einfach darauf, es ganz unverschämt durchzu- ziehen. Manches würde leicht sein. Es wären für Cirocco schlechte Manieren gewesen, wenn sie zum Beispiel Krios, durchquert hätte, ohne ihm dabei einen Besuch abzustatten. Falls Gäa vielleicht wissen wollte, warum sie einen Feind wie Iapetus besucht hatte, konnte Cirocco sagen, daß sie sich ganz einfach über den Stand der Dinge im Torus informiert hielt; das war ein Teil ihrer Aufgaben als Magier. Und wenn sie gefragt wurde, warum sie Gäa nicht über diese Vergnü- gungsreise in Kenntnis gesetzt hatte, so konnte sie völlig wahrheitsgemäß protestieren, daß Gäa noch nie von ihr ver- langt habe, über jeden kleinen Vorfall zu berichten. Aber der Besuch bei Rhea wäre schwierig zu erklären. Die arme, verwirrte und launenhafte Rhea konnte das gefähr- lichste Regionalhirn in Gäa sein, wenn man ihr von Ange- sicht zu Angesicht gegenüberstand. Die Reise durch ihre Länder barg keine Risiken. Sie verbrachte so viel Zeit mit sich selbst, daß sie nur selten bemerkte, was über ihr vor sich ging. Aus diesem Grund ging die Landschaft Rhea langsam zum Teufel. Aber man konnte nicht vorhersagen, was geschehen mochte, wenn man hinunterging, um mit ihr zu reden. Gaby hatte versucht, Rocky davon zu überzeu- gen, daß Rhea am besten völlig übergangen wurde, und die Gefahr war nicht der einzige Grund dafür. Es würde nur schwierig zu erklären sein, warum sie als Magier die Reise riskiert hatte. Die geheimnisvolle Kreatur, die sie besucht hatte, war bei Gaby die Ursache für einige üble Momente. Zuerst hatte sie geglaubt, es sei eines von Gäas Werkzeugen gewesen, wie das häßliche kleine Geschöpf, das neue Pilger in der Nabe begrüßte. Jetzt zweifelte sie daran. Wahrscheinlicher han- delte es sich um einen von Gäas Scherzen. Sie verbrachte mehr und mehr von ihrer Zeit damit, sich biologische Späße auszudenken und im Torus loszulassen, wie zum Beispiel, die Flugbomben. Dort wartete ein garstiges Stück Arbeit. Als sie Cirocco fragte, wie die Audienz verlaufen war, schien sie ziemlich zuversichtlich zu sein, daß alles in Ord- nung war. »Ich habe ihr Ego aufgebaut, so vorsichtig ich nur konnte. Ich wollte sie mit dem Gedanken zurücklassen, daß sie weit über Gäa steht, damit sie sich nächstes Mal nicht dazu he- rabläßt, mit ihr zu reden, wenn sie sich meldet. Wenn sie nicht redet, kann sie ihr nicht sagen, daß ich hier war.« »Du hast ihr doch nicht gesagt, daß sie es nicht sagen soll, hoffe ich.« »Schenke mir ein wenig Vertrauen, ja? Ich glaube, ich ver- stehe sie, so gut es überhaupt jemand kann. Nein, ich habe alles offen gelassen und mich so beiläufig wie möglich gege- ben, wenn man bedenkt, daß ich letztes Mal beim Abschied von ihr Verbrennungen zweiten Grades am halben Körper hatte. Nebenbei, du kannst ein großes schwarzes X neben ihren Namen setzen, wenn du das nicht schon gemacht hast.« »Machst du Witze? Ich habe sie nicht einmal auf die Liste gesetzt.« Cirocco schloß für einen Moment die Augen. Sie rieb sich die Stirn. »Als nächstes kommt Krios, und damit ein weite- res X. Ich glaube nicht, daß das irgendwohin führen wird, Gaby.« »Ich habe nie behauptet, daß es das tut. Aber wir müssen es wenigstens versuchen.« Der Wind blies sie an der langen Reihe kleiner Inseln vorbei, die das mittlere Nox sprenkelten, und erstarb dann. Fast einen Tag lang warteten sie auf seine Rückkehr. Als er auf, sich warten ließ, kommandierte Gaby jedermann, ein- schließlich Cirocco, an die Ruder. Das Ventil begann sich zu öffnen, als sie zwanzig Revs ge- rudert hatten. Im Gegensatz zu dem, was vielleicht hätte erwartet werden können, ergoß sich kein Sturzbach aus dem sich rasch vergrößernden Loch über ihnen. Das Ventil wirkte wie ein Schwamm. Es saugte den Großteil des Ge- tauten auf, und während es sich weitete, wurde das Wasser allmählich herausgequetscht. Es stürzte in einer Milliarde Ströme herab und zerbrach in Tröpfchen. Von dort an wurde der Vorgang kompliziert, als kaltes Wasser und fros- tige Luft auf die Warmluftmassen darunter trafen, während sie sich unerbittlich abwärts bewegten. Da die Reisenden sich östlich des Ventils befanden – wenn auch nur ein we- nig –, neigte das Schlimmste der resultierenden Stürme und stürmischen Regenfälle zu Beginn dazu, sie zu verscho- nen, denn es bewegte sich in dieselbe Richtung wie Robin bei ihrem Großen Sturz: westwärts, auf Hyperion zu. Es war unmöglich zu wissen, wann die Winde gefährlich werden würden. Das Schicksal des Schutts auf der Oberseite des Ventils konnte durch einfache physikalische Gleichungen bestimmt werden. Wenn er aufschlug, würde es ein mächtiges Plat- schen geben. Ein Teil des »Schutts« würde aus Bäumen be- stehen, größer als Küsten-Mammutbäume. Gaby wußte, daß das kein Problem war, da er durch atmosphärische Rei- bung kaum beeinflußt wurde und deshalb dazu neigte, in westliche Richtung zu fallen. Sie stemmten sich voll in die Ruder, selbst als sich die er- wartete Brise zu entwickeln begann, und sahen den Sturm herabkommen. Er stürzte stundenlang, traf auf das Meer, und fing an, wie eine umgekehrte Pilzwolke wieder heraus- zuquellen. Sie gerieten in Wellen und verirrte Windböen, die den zä- hen Stoff des Segels peitschten. Gaby konnte den Regen näherkommen sehen, hörte das stetige Zischen lauter wer- den. Als er aufschlug, war es wie eine Wand aus Wasser. Was ihr Vater vor langer Zeit einen »Froschwürger« ge- nannt hatte. Der Wind war nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte, aber sie wußte, daß er noch viel schlimmer werden konnte. Sie waren immer noch einen Kilometer vom Land entfernt. Diejenigen, die nicht mitruderten, begannen die Stangen einzusetzen, um nach dem Meeresgrund zu fühlen. Als sie ihn fanden, überließen die Titaniden das Rudern den Men- schen und fingen an, das Floß auf die Küste zuzustaken. Es ans Ufer zu setzen, erwies sich als schwierig, da es inzwi- schen zwei Meter hohe Wellen gab, jedoch brauchten sie sich wenigstens um Felsen oder Riffe keine Sorgen zu ma- chen. Bald sprang Hornpipe mit einem Seil ins Wasser, schwamm ans Ufer und fing an zu ziehen. Gaby dachte schon, sie hätten es geschafft, als eine Welle über das Heck stieg und Robin ins Wasser schwemmte. Chris war am nächsten; er sprang hinterher und erreichte sie schnell. Gaby ging hin, um ihm wieder an Bord zu hel- fen, aber er entschied, daß es leichter sein würde, Robin direkt ans Ufer zu bringen. Er ritt die Wellen in das flache Wasser, half ihr beim Aufstehen, und daraufhin wurden sie beide von einem großen Brecher umgeworfen. Für einen Moment konnte Gaby sie nicht finden; dann tauchte Chris mit Robin in den Armen wieder auf und schleppte sie aus der Reichweite der Brandung hinaus. Er stellte sie auf die, Füße, und sie sank sofort auf die Knie und hustete, scheuchte ihn jedoch weg. Die Titaniden setzten die Konstanze ans Ufer und ver- brachten fünf Minuten damit, durch die zunehmend wüten- deren Wellen zu traben, um alles auszuladen. Das Segel wurde fortgerissen, als sie es abzunehmen versuchten. An- sonsten konnten sie alles bergen. »Na ja, mit etwas Glück sind wir durchgekommen«, sagte Cirocco, als sie eine La- gerstelle auf hochgelegenem Grund gefunden hatten, mit reichlich Bäumen, die den Wind brachen. »Irgendwas ver- loren, abgesehen von dem Segel?« »Eine Seite meines Gepäcks ist aufgegangen«, sagte Vali- ha. »Es gab Wasserschaden, und das Zelt von Chris ruht jetzt bei den Fischen.« Sie sah so traurig aus, daß Chris sich das Lachen nicht verkneifen konnte. »Er kann meines mit mir teilen«, sagte Robin. Damit hatte Gaby nicht gerechnet. Sie beäugte Robin, die nicht von der Tasse mit heißem Wasser aufsah, die sie zwischen den Hän- den hielt. Sie saß dicht an dem kleinen Feuer, das die Titan- iden entfacht hatten, eine Decke über den Schultern, und sah aus wie eine ertrunkene Ratte. »Ich kann mir vorstellen, ihr Biester werdet diesmal in den Zelten bleiben wollen«, schlug Cirocco vor und sah von einem Titaniden zum anderen. »Wenn ihr Biester uns haben wollt«, meinte Psaltery. »Obwohl ich annehme, daß ihr eine sehr langweilige Gesell- schaft sein werdet.« Gaby gähnte. »Ich denke, du hast recht. Was meint ihr, ihr Kleinen? Sollen wir ins Bett krabbeln und langweilig sein?«, Durch Ciroccos Ablehnung, irgendwas damit zu tun haben zu wollen, war Gaby die Leiterin der Expedition geworden. Seit dem Rücktritt von ihrem Kapitänsrang war Cirocco nie scharf darauf gewesen, diese Art von Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie immer noch gut war, wenn ihr eine solche Position aufgezwungen wurde. Jetzt wollte sie nicht einmal darüber diskutieren; Gaby hatte die Verant- wortung, und damit war die Sache erledigt. Gaby akzep- tierte es, ärgerte sich nicht einmal, wenn die Titaniden un- bewußt zu Cirocco blickten, wenn Gaby ihnen sagte, was zu tun war. Sie konnten nicht anders. Sie war nun mal Gäas Magier, aber sie würden tun, was Gaby sagte, solange Ci- rocco eindeutig keinen Einwand dagegen erhob. Cirocco ging es langsam besser. Am schlimmsten war es immer noch morgens. Sie schlief mehr als alle anderen, aber wenn sie erwachte, sah sie aus wie der Tod. Die Hände zitter- ten, und die Augen zuckten umher, suchten Hilfe und fanden keine. Ihr Schlaf war nicht viel besser. Gaby hatte sie nachts schreien gehört. Aber damit mußte sie selbst fertigwerden. Was Gaby im Moment Sorgen machte, war die einfache Frage der Route. Sie waren an der nördlichen Krümmung der Langen Bucht gelandet. Wenn Gaby auf Nox segelte, legte sie immer in der Schlangenbucht an, dem enger werdenden Finger, der zum Ausfluß des Ophion führte. Ein felsiger Hals aus Land trennte die beiden Buchten. Überland waren es nur fünf Kilometer bis zum Fluß, während es den Strand entlang mindestens fünf- undzwanzig sein würden. Sie kannte diese Gegend nicht gut, konnte sich auch nicht daran erinnern, ob sich der Strand über den gesamten Weg erstreckte. Obwohl sie glaubte, daß es zwischen den Felsspitzen im Norden einen Paß gab, so war, sie sich doch auch dessen nicht ganz sicher. Dann war da noch der Sturm in Rechnung zu stellen. Sie würden starken Wind haben, wenn sie dem Strand folgten. Überland mußten sie mit Schlamm und rutschigen Pfaden kämpfen und der tieferen Dunkelheit des Waldes. Sie wartete ein paar Stunden, um abzuwarten, ob der Sturm nachließ, besprach sich mit Cirocco – die es nicht besser wußte als Gaby –, gab dann den Befehl, das Lager abzubre- chen, und wies Psaltery an, zum Überlandweg aufzubrechen. Sie fand nie heraus, ob es die bessere Wahl war, aber es war jedenfalls keine schlechte. An manchen Stellen mußten sie sich den Weg sorgfältig suchen, und doch war das Land nicht so zerklüftet, wie es ausgesehen hatte. Sie kamen am Südstrand der Schlangenbucht heraus. Es war kein sonderli- cher Strand – die Bucht war so steilwandig wie ein norwegi- scher Fjord –, aber von hier an kannte sie den Weg. Die Cir- cum-Gäa-Straße führte an dieser Stelle wieder zum Ophion, nachdem sie ihren Weg durch Nordrhea und die gewundenen Pässe der westlichen Nemesis-Berge hinab gemacht hatte. Aus irgendeinem Grund war es Gabys Schöpfung auf die- ser 30-Kilometer-Strecke besser ergangen als überall sonst in Gäa. Ein großer Teil des Asphalts war aufgesprungen und verzogen, ein Teil sogar fortgewaschen, aber manchmal konnten sie 50 oder 100 Meter weit auf einer Straßenoberflä- che gehen, die sich nur wenig verändert hatte, seit sie von Gabys Arbeitsmannschaften gewalzt worden war. Die Stra- ßenbettung war in dieser Gegend besonders fest und stabil. Gaby hatte sehr viel gesprengt, nur um einen Weg zu schaf- fen, und doch hätte sie geglaubt, der regelmäßige Regen ha- be alles schon vor langer Zeit ausgelöscht. Trotzdem war sie noch da, und sie schlängelte sich neben, den sieben massiven Flußpumpen nach oben, die die Schlucht in einer Reihe durchzogen. Gaby hatte die Pumpen Doktor, Strahlemann, Nieser, Brummbär, Schnarcher, Däm- lack und Mauerblümchen genannt, und sie entschuldigte sich nicht mehr dafür. Sie konnte es nicht ändern, die griechischen Namen waren ihr ausgegangen. Von allen waren Nieser und Brummbär noch die passendsten, denn die Pumpen machten einen furchtbaren Radau. Der Sturm begann nachzulassen, als sie sich dem Gipfel des Systems näherten. Es war der höchste Punkt am Ophion überhaupt. Von der Wasserhöhe des Nox aus – dem höchst- gelegenen von Gäas zehn größeren Meeren – hoben die Sie- ben Zwerge das Wasser weitere 4000 Meter hoch. Der Gipfel- punkt trug den Namen Rhea-Paß. Von dort aus konnte man nach Westen zur alpinen Wand der Nemesiskette blicken: gezackte Zähne vor dem Hintergrund der fruchtbaren Grün- und Blaufarben von Krios, dessen nördliche Seen und südliche Ebenen sich hinter den Bergen emporkrümmten. Ein stetiger Regen fiel immer noch in den Paß, aber im Osten herrschte klares Wetter. Gaby beschloß, daß Kanus gebaut werden soll- ten und daß die Gruppe wieder den Fluß benutzen und ver- suchen sollte, trockenes Land zu erreichen, bevor das Lager aufgeschlagen wurde. Wieder einmal wurde Gaby von Chris amüsiert. Er war ganz Auge, während er den Titaniden zusah, als sie die passenden Kanubäume auswählten und mit ein paar wohlgezielten Hie- ben eine Ernte perfekt gekrümmter Streben und Bodenplan- ken mähten. Er schüttelte verwundert den Kopf über die Art und Weise, wie sie Rahmenwerke zusammenfügten, die dann nur noch den Hautüberzug brauchten der noch von der ur- sprünglichen Flotte in Hyperion aufbewahrt worden war. In, weniger als einer Rev waren sie zum Aufbruch bereit. Sie ertappte sich dabei, wie sie Chris beobachtete, als die Kanus beladen wurden. Sie war selbst überrascht, aber es war eine Tatsache, daß sie ihn auf vielfältige Weise unwider- stehlich fand. Seine fast kindliche Neugier und Bereitschaft zum Zuhören, wenn sie oder Cirocco ihm von den Wundern Gäas erzählten, machten sie wehmütig und neidisch zugleich. Früher einmal war sie selbst so gewesen, im Gegensatz zu Robin, die gewöhnlich nur so lange zuhörte, bis sie sicher war, daß das Gesprächsthema für sie nicht von Belang war. Sie nahm an, daß Robins hartes Leben sie so gemacht hatte, aber auch Chris hatte kein leichtes Leben gehabt. Das zeigte sich in seinen ruhigen, schwermütigen Zuständen. Er war ziemlich scheu, aber nicht so sehr, daß er mit dem Hinter- grund verschmolz. Wenn er wußte, daß jemand wirklich zu- hörte, konnte er ein guter Erzähler sein. Und – das konnte sie genausogut zugeben – sie verspürte eine körperliche Anziehung. Das war bemerkenswert; ihre letzte Affaire mit einem Mann lag mehr als zwanzig Jahre zu- rück. Aber wenn Chris lächelte, fühlte sie sich gut. Wenn sie der Grund für das Lächeln war, fühlte sie sich riesig. Sein Gesicht besaß eine unsymmetrische Schönheit, und er hatte gute Schultern und Arme und einen wunderbaren Hintern. Die kleine Fettrolle um seine Taille schmolz bereits dahin; ein paar Wochen der Anstrengung würden ihn mager und schmalhüftig machen, so wie die Männer ihr gefielen. Sie spürte oft den Drang, mit den Fingern durch sein Haar zu streichen und ihm in die Hose zu greifen, um zu prüfen, was er zu bieten hatte. Aber nicht auf dieser Reise. Nicht mit Valiha, die schon ver- träumt über ihm wachte, mit einer Cirocco, die nur von den, Auswirkungen ihres Megakaters zurückgehalten wurde, und – begann Gaby zu vermuten – mit Anzeichen der Bereitschaft zur Erforschung zwischenkultureller Beziehungen seitens Ro- bin. Er hatte schon genug Probleme, ohne daß Gaby Plauget versuchte, ihn in die Katastrophe einzufügen, zu der sie ihr Liebesleben gemacht hatte. Und sie wußte, daß er von dem größten potentiellen Problem noch keine Ahnung hatte: Ciroc- co. Chris war nicht bereit für sie, und Gaby beabsichtigte, zu tun was sie konnte, um ihn vor ihr zu beschützen. Der Abschnitt des Ophion, auf den sie jetzt kamen, war ganz anders als die Strecken, die sie in Hyperion befahren hatten. Das erforderte Änderungen. Für die schlimmsten Stromschnellen bestand Gaby auf erfahrenen Kanuten vor- ne und hinten. Die Titaniden waren alle qualifiziert, wie auch Gaby und Cirocco. Chris war noch etwas ungeschickt, aber es würde gehen. Robin war eine absolute Anfängerin und oben- drein Nichtschwimmerin. Gaby setzte sie zwischen zwei Ti- taniden, mit den anderen beiden im zweiten Boot, und Chris, Cirocco und sich selbst im dritten, das das vierte im Schlepp hatte. An ruhigeren Stellen ließ sie Robin die Führung über- nehmen und gesellte sich dabei zu ihr, zeigte ihr, wie mit dem Kanu umzugehen war. Wie bei allem, was sie tat, arbei- tete Robin voll konzentriert mit und zeigte bald, daß sie sich steigerte. Es war eine aufheiternde Reise. Chris war begeistert, aber Robin sprudelte vor Aufregung, wenn sie das Ende einer Strecke mit Stromschnellen erreichten. Einmal schlug sie so- gar vor, umzukehren und sie noch einmal zu nehmen, und sie sah aus wie eine Dreijährige, als sie es sagte. Sie wollte unbedingt allein vorne sitzen. Gaby verstand das gut; es gab, nur wenige Dinge, die Gaby mehr schätzte, als eine heraus- fordernde Fahrt durch schäumendes Wasser. Wenn sie mit Psaltery unterwegs war, trotzte sie dem Fluß und ging Risi- ken ein. Jetzt, obwohl sie selbst Spaß daran hatte, lernte sie etwas, das Cirocco vor langer Zeit herausgefunden hatte. Wenn man der Anführer ist, ist es nicht ganz dasselbe. Die Verantwortung für andere macht einen konservativ und ein wenig zum Griesgram. Sie mußte Robin gegenüber fest dar- auf bestehen, daß sie die aufblasbare Rettungsweste trug. Sie kamen in die Dämmerungszone westlich von Krios, be- vor sie das Lager aufschlugen. Alle waren angenehm er- schöpft. Sie hatten ein leichtes Abendessen und ein reichli- ches Frühstück und brachen wieder auf in eine allmählich hel- ler werdende Landschaft. Wenn irgend etwas den Spaß, auf dem Fluß zu sein, noch steigern konnte, dann den Regen Rhe- as hinter sich zu lassen und in den crianischen Sonnenschein zu gelangen. Die Titaniden führten den Gesang, der mit dem traditionellen gäanischen Reiselied »Der wundervolle Zaube- rer von Oz« begann. Gaby war weder überrascht noch be- schämt, als sie spürte, wie am Ende des Liedes ihre Augen sich mit Tränen füllten. Der Ophion schoß an einer Stelle ins volle Tageslicht hinaus, die etwas nördlich des westlichen Schrägkabels lag, dem Ge- genstück zu Ciroccos Treppe, das sich jedoch in die andere Richtung lehnte. Der Fluß wandte sich dort nach Süden und floß über mehr als hundert Kilometer in diese Richtung wei- ter. Die Stromschnellen wurden seltener, wenn der Fluß auch weiterhin lebhaft blieb. Sie nahmen es leicht, paddelten in ruhigem Wasser kaum, ruhten sich aus und ließen sich von der Strömung tragen., Gaby befahl frühzeitig Halt, als sie eine Stelle erreichten, wo sie schon einmal kampiert hatte. Sie hielt sie für die hübsches- te Stelle in der Nemesis-Kette und erzählte jedem, daß sie acht Revs lang bleiben, schlafen und dann weiterziehen wür- den. Das schien der Zustimmung wert zu sein, besonders für die Titaniden, die zum erstenmal nach mehreren Tagen eine anständige Mahlzeit planten. Als Chris vorschlug, daß sie etwas zu fangen versuchen sollten, was die Titaniden kochen konnten, brachte ihm Ga- by bei, welches Schilfrohr zu Fischerstangen zu schneiden war. Robin zeigte Interesse, also brachte Gaby ihr bei, wie man Köder an Haken befestigte und eine Leine anband, und wie man die einfachen hölzernen Spulen betätigte, die die Titaniden mitgebracht hatten. Sie gingen ins flache Wasser hinaus, glatte Steine unter den nackten Füßen, und fingen an zu werfen. »Was fängt man denn so hier in der Gegend?« fragte Chris. »Was würdest du zu Hause aus einem Fluß wie die- sem holen?« » Wahrscheinlich Forellen.« »Dann sind es Forellen. Ich schätze, wir könnten etwa ein Dutzend gebrauchen.« »Im Ernst? Es gibt hier wirklich Forellen?« »Auch nicht einfach irgendeine gäanische Imitation. Vor langer Zeit plante Gäa, Touristen anzulocken. Jetzt ist sie ihnen gegenüber im großen und ganzen gleichgültig. Aber sie hat damals eine Menge Flüße mit Fischen besetzt, und sie sind gut gediehen. Sie werden hübsch groß. Wie dieser hier.« Ihre Stange bog sich zu einem Halbkreis. Innerhalb weniger Minuten hatte sie einen Fisch im Netz, größer als Chris je einen gesehen, geschweige denn gefangen hatte., Robin riß bei ihrem ersten Anbiß die Leine, aber dann holte sie einen Fisch von etwa derselben Größe ein. In einer halben Stunde hatten sie ihre Quote erfüllt, aber Chris kämpfte noch mit etwas, das sich mehr wie ein Wal anfühlte als eine Forelle. Aber als der Fisch in die Luft sprang, zeigte er die vertrauten Linien und Farben und den Kampfgeist. Zwanzig Minuten lang spielte er damit und konnte dann ei- nen Fisch herausheben, wie ihn selbst Gaby so groß noch nie gesehen hatte. Er betrachtete ihn mit unverhüllter Be- geisterung, hielt ihn dann hoch und blickte zum Himmel hinauf. »Wie wäre es damit, Gäa?« schrie er. »Ist der groß ge- nug?« Die Grotte Diesmal hatte Chris es tatsächlich geschafft, das Ding zu se- hen. Es war nur ein winziger Fleck weit im Norden und hoch in der Luft, aber es mußte die Quelle des anhaltenden Dröhnens sein, das er bereits zweimal gehört hatte. Er be- obachtete, wie es hinter einem Berg verschwand, aber er konnte es noch für fast eine Minute danach hören. »Valiha«, sagte er. »Ich halte mich nach links.« »Ich komme nach.« Chris steuerte zu Gaby und Psaltery. Er hielt die Seite des, anderen Kanus fest, während er sein Ruder verstaute, und sprang dann mit Leichtigkeit von einem ins andere. Gaby sah ihn finster an. »Glaubst du nicht, daß es Zeit ist, uns zu erzählen, was das ist? Du hast gesagt, du würdest uns Dinge beibringen, die wir wissen müssen.« »Habe ich, nicht wahr?« Sie schaute noch finsterer drein, gab aber nach. »Ich habe nicht versucht, euch etwas vorzu- enthalten, wirklich nicht. Es ist nur so, daß ich davon nicht einmal gerne rede. Ich…« Sie blickte auf und sah, wie Robin sich dazugesellte. »Fein. Wir nennen sie Flugbomben. Sie sind neu, sehr neu. Die erste habe ich vor nicht mehr als sechs oder sieben Jahren gesehen. Gäa muß lange an ihnen gearbeitet haben, denn sie sind so verdammt unwahrscheinlich, daß sie ei- gentlich nicht einmal am Leben sein sollten. Es sind die wi- derlichsten Wesen, die ich je gesehen habe. Was sie darstellen, sind lebendige Flugzeuge mit Stau- strahlantrieb, oder möglicherweise auch Impulsantrieb. Die eine, die ich untersucht habe, war ganz schön kaputt und geröstet. Ich hatte eine alte Rakete mit Wärmesucher von der Erde bestellt, sobald die erste aufgetaucht war, und schoß damit eine ab. Sie war etwa dreißig Meter lang und entschieden organisch, obwohl sie eine Menge Metall im Körper hatte, ihre Chemie muß phantastisch sein. Jedenfalls habe ich mich gewundert, wie sie flog. Sie hatte Flügel, und ich wußte, daß sie sie beim Fliegen nicht schlug. Sie funktioniert wie ein Flugzeug mit verstellbaren Flügeln anstelle der kombinierten Höhen- und Querruder. Sie hatte zwei Beine, die im Flug eingeklappt waren, und ich bezweifle, daß sie weit darauf laufen konnte. Und sie hatte obendrein, zwei Kraftstoffblasen, die etwas enthielten, wobei es sich wahrscheinlich um Kerosin handelte, möglicherweise auch Äthanol oder eine Mischung. Sofort habe ich mich gefragt, wie sie denn genug essen konnte, um diese Art Treibstoff in den Mengen herzustel- len, die zum Fliegen nötig sind. Ich meine, sie war offen- kundig auf dem Boden verteufelt unbeholfen. Obendrein, wenn es ein Düsentriebwerk ist, das dieses verdammte Scheusal antreibt, dann würde es nirgendwo zu landen wagen außer auf der Spitze einer Klippe oder einem sehr hohen Baum. Ein solches Triebwerk arbeitet nicht, bevor sie nicht eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat. Also wür- den sie eine Art Katapult brauchen oder die Gelegenheit zu einem langen Sturz, um die Geschwindigkeit zu erreichen, wo sie losbrausen können. Ich wußte nichts davon; ich mußte es nachschlagen. Ich kam zu dem Entschluß, daß sie nicht ihren eigenen Treibstoff herstellen. Die Nahrung, die sie zu sich nehmen, geht in einen mehr oder weniger normalen tierischen Orga- nismus, und sie müssen den Treibstoff aus irgendeiner äu- ßeren Quelle beziehen, oder auch mehreren. Sehr wahr- scheinlich handelt es sich dabei um eine weitere Kreatur, und sie lebt wahrscheinlich in den Hochländern. Ich habe noch nicht herausgefunden, wo.« »Sind sie gefährlich?« fragte Robin. »Sehr sogar. Das Beste an ihnen ist noch, daß es nicht viele gibt. Zuerst glaubte ich, es sei schwer für sie, sich an jemanden anzuschleichen, aber wie sich herausstellte, trifft das nicht zu. Sie fliegen mit etwa fünfhundert Stundenki- lometern. Selbst bei laufendem Antrieb sind sie über einem, bevor man sie überhaupt bemerkt. Aber sie können bei die-, ser Geschwindigkeit auch die Düsen abstellen und über den Boden dahingleiten, und dann wieder losfeuern, nachdem sie getötet haben und bevor sie unter ihre kritische Ge- schwindigkeit geraten. Wenn ihr eine seht, versucht, in ei- nen Graben zu kommen. Sie kehren nicht zu einem zweiten Überflug zurück, sofern die Landschaft nicht so flach ist wie abgestandenes Bier. Hinter einem Felsen seid ihr sicher, und eure Chancen verbessern sich, wenn ihr euch einfach auf dem Boden ausstreckt. Sie verfügen über stachelbe- wehrte Nasen, und damit spießen sie einen auf und tragen einen davon, um den Kadaver anderswo zu fressen.« »Wie entzückend.« »Nicht wahr?« »Was fressen sie?« wollte Chris wissen. »Alles, was sie heben können.« »Ja, aber was ist das? In etwas zu stoßen, das so groß wie ein Mensch ist, drückt sie vielleicht unter ihre kritische Ge- schwindigkeit.« »Es stellte sich heraus, daß sie mit Menschen recht gut zu- rechtkommen, und sie bevorzugen Beute von einer Masse im Bereich zwischen vierzig und sechzig Kilogramm.« »He, danke«, schnaubte Robin. »Das bin ich.« »Ich auch, Kleine. Aber denk nur, wie gut sich der große Bursche hier fühlen muß.« Sie lächelte Chris an, der sich überhaupt nicht so gut dabei fühlte. »Sie werden tatsächlich einen voll ausgewachsenen Menschenbock angreifen, wenn sie die Möglichkeit haben, und bis jetzt konnten sie auch immer alle abtransportieren. Sieben Menschen wurden von ihnen getötet. Sie stürzen sich auch auf Titaniden, aber das liegt eher in der Kategorie des Wunschdenkens. Ich weiß von einem Dutzend Fällen, wo Titaniden weggeschafft, wurden, aber auch von zweien, wo die Flugbomben ab- stürzten und ausbrannten, während sie es versuchten. Ich würde mir nicht zu viele Sorgen über sie machen. Ich ducke mich, wenn ich eine vorüberziehen höre, weil ich diese Wesen ungemein hasse. Ich haßte sie schon, bevor sie einen Freund von mir erwischten. Wenn ich jemals die Treibstoffstation finde, wird es ein phantastisches Freuden- feuer geben. Es sind obszöne, schreckliche Ungeheuer. Sie greifen keine Blimps an, aber scheinen immer wieder um sie herumzufliegen, bis die armen Blimps vor Angst fast ver- rückt werden, und sie haben auch guten Grund dazu. Ein Blimp wurde zufällig von den Auspuffgasen entzündet, und die anderen pfeifen immer noch von dem schrecklichen Un- glück. Aber statistisch gibt es eine Menge Sachen, die noch ge- fährlicher sind. Sie sind so unvorhersagbar wie Haie. Wenn sie einen erwischen, ist man erledigt, aber die Chancen ste- hen dagegen.« Chris mochte Krios. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, aus der rheanischen Nacht herauszukommen, aber in man- cher Hinsicht war es schöner als Hyperion. Krios besaß im Westen das Nemesis-Gebirge, das einen imposanten Hin- tergrund lieferte, und das verbotene Eismeer von Okeanos war nicht mehr zu sehen. Nachdem der Ophion weit im Süden von Krios seine östli- che Richtung wieder eingeschlagen hatte, strömte er rasch durch den Stammvater aller Dschungel. Gaby erzählte Chris, daß er in Wirklichkeit nicht so dicht war wie Teile des westlichen Hyperionwaldes, aber für ihn reichte es. Erdähn- liche Baumarten drängten sich mit fremdartigen Dornen,, Federn, Kristallen, Perlschnüren, Fäden, Kugeln und Spit- zenschleiern aneinander. In ihrem harten Wettbewerb um Licht und Raum lehnten sie sich über das Wasser, und ob- wohl der Fluß breit war, begegneten sie sich an manchen Stellen in der Mitte. Sie schlugen ein Lager im Dschungel auf, und alle blieben munter. Es gab Kreaturen in dem Wald, die Menschen und Titaniden angreifen konnten und würden. Robin erschoß im Schreck ein Geschöpf von der Größe eines Bullen, als es an ihrem Zelt schnüffelte, und erfuhr dann, daß es harmlos war. Sie verzehrten einen Teil davon zum Frühstück. Fünf Minuten, nachdem sie den Kadaver in den Fluß geworfen hatten, wurde er schon von Aalen umschwärmt, die an dem toten Fleisch rissen. Aasfresser, meinte Cirocco und hielt die Behauptung aufrecht, das Wasser sei hier nicht gefährlich. Trotzdem ließ Chris sein Bad ausfallen. Es war das erstemal gewesen, daß Robin ihre Waffe be- nutzt hatte. Cirocco bat darum, sie ihr zu zeigen, und ge- stand ihre Überraschung, daß eine so kleine Frau eine Au- tomatik vom Kaliber 45 handhaben konnte. Robin erklärte, daß sie Raketenkugeln anstelle von Explosivgeschossen be- nutzte. Der größte Teil des Schubs wurde außerhalb des Laufes entwickelt, was besonders in Gäas niedriger Schwerkraft hilfreich war, wo der Rückstoß eines 45er Colt sogar eine schwere Person umwerfen konnte. Robin hatte zwei Arten von Munition in die Siebener-Ladestreifen ge- steckt: Bleikugeln und aufschlaggezündete Explosivge- schosse. Von den letzten Wällen der Nemesis-Kette bis zum Ende des Dschungels waren es 120 Kilometer. Der Fluß half ihnen nicht mehr besonders, aber durch angestrengtes Rudern, gelangten sie innerhalb einer weiteren Schicht auf die Ebe- ne hinaus und kampierten einige Kilometer jenseits des Waldrandes. Während Chris schlief, wurden sie von einer Delegation krionidischer Titaniden besucht, die überglücklich waren, als sie erfuhren, daß Gäas Magier zu den Reisenden gehör- te; und sie baten um einen Karneval. Chris erfuhr später, daß sie guten Grund dazu hatten; während die größeren Hyperion-Akkorde jede Myriarev einen Karneval bekamen, mußten die Akkorde in anderen Gebieten darauf warten, daß die eher zufälligen Reisen Gäas Magier sie zu ihnen führte. Krios war überfällig. Als Chris erwachte, akzeptierten die Krioniden gerade die Gastfreundschaft des hyperionischen Frühstückstisches. Chris gesellte sich dazu, und der Unterschied zwischen den Titaniden von Krios und Hyperion war sofort erkennbar. Während Valiha auf dem Körperbau eines Percheronpferdes basierte, ähnelten die Krioniden mehr den Shetlandponies. Er konnte dem größten von ihnen tatsächlich in die Augen blicken. Sie boten jedoch dasselbe bunte Farbengemisch wie ihre hyperionischen Vettern. Einer besaß ein Fell, das einen annehmbaren Tartan abgab. Keiner von ihnen sprach Eng- lisch – eine Fähigkeit, die in Krios nur selten nützlich war –, aber Valiha stellte ihn allen vor und übersetzte ein paar höf- liche Grüße. Er fand sofortigen Gefallen an einem weißhäuti- gen Weibchen, und erkannte an ihrem scheuen Lächeln, daß das Interesse beiderseitiger Natur war. Ihr Name lautete Siilihi (Locrihypolydisches Duett) Hymne. Hätte sie zwei Bei- ne weniger gehabt, wäre ihre Anziehungskraft auf Chris so- gar extrem stark gewesen. Gaby ging in Ciroccos Zelt, um ihr von der Bitte zu berich-, ten. Es gab ein lautes Stöhnen, und Siilihi sah verlegen von Chris weg. Die anderen crianischen Titaniden scharrten un- ruhig. Chris war plötzlich wütend auf Cirocco. Wie entwür- digend war es, daß ein so schönes Volk kommen und eine so elende Trinkerin anbetteln mußte! Er wünschte sich, ihre Aufgaben durchführen zu können. Wenn irgend jemand es verdiente, ein hübsches Baby zu haben, dann Siilihi. Er fragte sich, ob Gäa, wenn er sie wieder traf, in Erwägung ziehen würde, ihn zu einem Magier zu machen, damit er diesen Leuten helfen konnte. Er war sicher, daß er mit der Verantwortung besser würde umgehen können als Cirocco. Es schien ihm eine so feine Idee zu sein, daß er sofort damit anfangen wollte, sie in die Tat umzusetzen. Der erste Schritt bestand in frontaler Befruchtung, also packte er Sii- lihi bei den Schultern und sah, wie sich ihre Augen weite- ten. Als er wieder zu Bewußtsein kam, lag er auf Valihas Rücken ausgestreckt. Sein Kiefer schmerzte. Als er sich aufzusetzen versuchte, stellt er fest, daß es unmöglich war. Er war fest- gebunden, und die Hände waren ihm vorne zusammenge- fesselt. »Es geht mir besser«, verkündete er dem Himmel. Valiha drehte sich um und blickte auf ihn herab. »Er sagt, es ginge ihm besser!« rief sie. Er hörte Verände- rungen im Rhythmus der Hufe. Bald darauf flankierten ihn Robin und Gaby und sahen auf ihn herab. »Ich wünschte, ich wüßte eine billige Methode, das zu tes- ten«, sagte Gaby. »Das letztemal, als wir dich losban- den, hast du Robin angefallen. Du warst wirklich abscheu- lich.«, »Ich erinnere mich«, sagte Chris tonlos. »Wirst du wohl deine blöde Schnauze halten?« grollte Robin Gaby an. Gaby wirkte überrascht, nickte dann aber. »Wenn du denkst, daß du damit fertig wirst, ja, dann halte ich ihn.« »Dann verschwinde von hier! Ich übernehme die Verant- wortung.« Gaby ritt davon, und Robin wies Valiha an ste- henzubleiben, während sie die Seile zerschnitt, mit denen Chris gefesselt war. Er setzte sich auf, rieb sich die Handge- lenke und bewegte prüfend den Unterkiefer. Es war nur ein kurzer Anfall gewesen und kein sehr starker. Trotzdem hatte er die Zeit gefunden, um die krionidische Delegation zu beleidigen, vor den Titaniden einen Schwinger auf Ciroc- co zu zielen und sich Robin mit sexuellen Absichten zu nä- hern, nachdem er sie alle davon überzeugt gehabt hatte, daß es ihm besser ginge. Dafür hatte er von Cirocco ein blaues Auge erhalten und von Robin einen Tritt in die Hoden und eine wunde Lippe. Offenkundig funktionierte sein wun- dersames Glück nicht gegen Zauberinnen und Hexen. Er verlagerte seine Stellung auf Valihas Rücken, und es tat weh. »Hör zu!« sagte er. »Alles, was ich sagen kann, ist, daß es mir leid tut, so unpassend das klingt. Und danke, daß ihr mich nicht umgebracht habt.« »Das war nicht nötig, und ich wünschte… ich hätte weni- ger gemacht. Aber du hast mich angefallen. Und jetzt weiß ich, wie Vergewaltigung sein muß.« Er zuckte zusammen. Und er hatte gedacht, er könne die- ser Frau ein Freund sein. Er spürte, wie die schwarze De- pression sich auf ihn zu senken begann. »Habe ich etwas Falsches gesagt?« Er schaute sie an und, fragte sich, ob sie möglicherweise scherzte, aber auf ihrem Gesicht zeigte sich lediglich Anteilnahme. »Ich… vielleicht verstehe ich«, meinte sie. »Du mußt mir glauben, wenn ich sage, daß ich nie gedacht hätte, eine An- klage der Vergewaltigung könnte einen Mann beschämen. Ich sehe aber, daß du dich schämst, aber das brauchst du nicht. Ich mache dich nicht verantwortlich. Was ich sagen wollte, ist nur, daß ich jetzt verstehe, warum meine Schwestern traditionell die Vergewaltigung so fürchten. Es war erschreckend, ihr auch nur so nahe zu kommen, sogar mit dem Wissen, daß du mich nicht groß verletzen wür- dest. Und wenn ich jetzt alles nur schlimmer mache, dann sag mir, daß ich den Mund halten soll.« »Nein, das tust du nicht«, sagte er. »Letztes Mal habe ich euch hereingelegt. Woher hast du gewußt, daß ich es jetzt nicht tue?« »Du hast Gaby hereingelegt«, sagte Robin. »Ich hätte dich gefesselt gelassen. Und ich habe keine Ahnung, woher ich das wußte. Aber ich tat es.« »Woher hast du gewußt, daß ich dir nicht weh tun würde, über die…« – es fiel ihm schwer, weiterzureden, aber er zwang sich dazu – »… über die normalen Schmerzen einer Vergewaltigung hinaus, meine ich. Woher wußtest du, daß ich dich nicht schlagen oder verstümmeln oder töten wür- de?« »Habe ich mich geirrt?« »Nein, nein. Ich mache schlimme Sachen, aber ich war nie mörderisch. Ich breche schon einmal einen Kampf vom Zaun, aber nur, um jemanden beiseitezuschieben, der mich ärgert. Nachdem ich sie niedergeschlagen habe, vergesse ich sie vollständig. Ich habe auch Frauen angegriffen, ein-, mal sogar eine vergewaltigt. Aber das ist nur – oder so wurde mir erzählt – nur ein normaler Geschlechtstrieb, bei dem jedes soziale Gewissen kurzgeschaltet ist. Selbst bei den schlimmsten Gelegenheiten hatte ich keine men- schenmörderischen Rasereien oder auch nur Vergnügen dabei, wenn ich jemandem weh tat. Aber damit ist nicht gesagt, daß ich nicht jemandem weh tun kann, wenn ich mir Bahn breche, und zwar böse.« »Ich habe mir etwas in der Richtung auch gedacht.« Er hatte noch mehr zu sagen, das Schwierigste von allem. »Mir ist eingefallen«, sagte er, »daß wir, wenn es uns ein- mal beide gleichzeitig erwischt… weißt du, unter ziemlich unwahrscheinlichen Umständen, nehme ich an, wenn nie- mand dabei ist, der dich beschützt oder mich festhält… daß ich dann vielleicht – ohne es zu wollen, aber unfähig, mich selbst aufzuhalten…« Er konnte den Satz nicht beenden, so sehr er sich auch mühte. »Ich habe daran gedacht«, sagte sie unerwartet. »Sobald mir klar war, welcher Art dein Problem ist, kam mir die Mög- lichkeit in den Sinn. Ich entschied, es zu riskieren, oder ich wäre nicht hier. Wie du sagtest, die Chance ist gering.« Sie langte herüber und drückte kurz seine Hand. »Was ich dir begreiflich machen möchte, ist, daß ich dich nicht verant- wortlich mache. Nicht dich. Ich kann diese Unterscheidung treffen.« Chris betrachtete sie lange und spürte, wie sich allmählich ein Teil des Gewichtes von ihm hob. Er wagte ein Lächeln, und sie erwiderte es. Ihr Ziel war jetzt erneut das zentrale Vertikalkabel. In Krios lag es fünfunddreißig Kilometer nördlich des Ophion., Zu aller Überraschung lud Cirocco sie bei der Ankunft ein, sie zu begleiten. Früher oder später würden sie bemer- ken, daß die Expedition immer im Mittelpunkt einer Region anhielt, und es war nicht nötig, den Besuch bei Krios vor ir- gend jemandem zu verheimlichen. Die Titaniden wollten nicht mitkommen. Die Idee flößte ihnen sichtliches Unbehagen ein. Sie blieben im Sonnen- licht, während Cirocco die drei Menschen in den Wald gi- gantischer Säulen führte, wo die sich entwirrenden Kabel- stränge aus dem Boden hervorkamen. Dort, wo sich das Zentrum befunden haben mußte, war der Eingang zu einer Treppe. Es handelte sich dabei um ein durchsichtiges Bau- werk, das entfernt an eine Kathedrale erinnerte, aber in keiner Weise so beeindruckend war wie die Monumente in der Nabe. Die Stufen verliefen in Form einer Spirale abwärts, die vom unsichtbaren Zentralstrang des Kabels festgelegt wur- de. Der Korridor war breit genug, um zwanzig nebeneinan- der gehenden Leuten Platz zu bieten, und fünfzig Meter hoch. Sie brauchten keine Lampen, da die Decke voller Kre- aturen hing, die in einem rötlich-orangenen Licht glühten. Chris hatte an einen Witz geglaubt, als Cirocco gesagt hatte, die Treppe verliefe fünf Kilometer weit nach unten. Es stell- te sich heraus, daß das wörtlich zutraf. Selbst bei einem Viertel Schwerkraft klettert man nicht so viele Stufen, ohne unterwegs anzuhalten. Schließlich erreichten sie jedoch das Ende. Chris war in besserer Form, als er gedacht hatte, und abgesehen von ein wenig schmerzenden Waden fühlte er sich gut. Sie traten in eine Höhle hinaus, die kleiner war, als er er- wartet hatte. Schließlich handelte es sich hierbei um Krios,, und wenn er auch nur ein untergeordneter Gott war, so erinnerte sich Chris doch an die bizarre Großartigkeit der Behausung Gäas. Krios war ein Gott der Unterwelt, ein Troglodyt, der nie das Licht des Tages gesehen hatte und es auch nie sehen würde. Seine Domäne roch nach sauren Chemikalien und den Abfällen einer Milliarde Geschöpfe, und sie dröhnte vom Schlagen unterirdischer Herzen. Er war ein arbeitender Gott, ein Ingenieur, der Gäas Willen ausführte, ein Gott, der in dem Schmiermittel arbeitete, das die Dinge in Gang hielt. Sie standen auf einer glatten Fläche, die eine stundenglas- förmige, vom Boden bis zum Dach reichende Kristallstruktur einfaßte. Die Höhle hatte einen Durchmesser von 200 Me- tern und Durchgänge, die sich im Osten und Westen öffne- ten. Das Ding im Mittelpunkt war offenkundig die Hauptatt- raktion. Es erinnerte Chris an Einrichtungen der Schwerin- dustrie, obwohl er nicht sagen konnte, warum. Er konnte sich vorstellen, daß Metalle in einer solchen Form ge- schmolzen wurden oder Elektrizität umgewandelt. Er fragte sich, ob Krios darin lebte. Konnte das eigentliche Gehirn so klein sein? Oder vielleicht war es nur der obere Vorsprung einer größeren Struktur. Er saß inmitten eines kreisförmigen Grabens von zwanzig Metern Breite und unbestimmter Tiefe. »Geht nicht darin schwimmen«, warnte Gaby. »Das ist eine Säure von ganz ordentlicher Konzentration. Die We- sen sind dazu programmiert, hier nicht hereinzukommen denkt nur daran, wie gut es bei den Titaniden funktioniert –, aber die Säure ist so eine Art letzte Verteidigung.« »Dann ist das Krios, genau dort?«, »In Person. Wir werden euch nicht vorstellen. Du bleibst mit Robin hinten an der Wand, und macht keine schnellen Bewegungen. Krios kennt Gäas Magier, und mit mir spricht er, weil er mich braucht. Seid ruhig, hört zu und lernt!« Sie sah zu, wie sie sich setzten, und gesellte sich dann am Rand des Grabens zu Cirocco. »Wir werden Englisch sprechen«, begann diese. »Sehr gut, Magier. Ich habe vor neuntausenddreihunder- tundsechsundvierzig Revs nach dir geschickt. Dieser Man- gel an Wirksamkeit fängt an, das einwandfreie Funktionie- ren der Systeme nachteilig zu beeinflussen. Ich dachte schon daran, beim Gott der Götter eine Beschwerde einzu- reichen, habe aber noch damit gezögert.« Cirocco langte in die Falten ihres roten Umhangs und warf etwas auf die Gestalt im Säureteich. Es erfolgte ein hel- ler Lichtblitz, als es Krios traf, und rote Pünktchen jagten wie verrückt über seine Oberfläche. »Ich ziehe die Aussage zurück«, sagte Krios. »Hast du noch weitere Beschwerden?« »Keine. Ich habe mich nicht beschwert.« »Sieh zu, daß du es auch nicht tust!« »Es wird sein, wie du sagst.« Chris war beeindruckt. Das Gespräch war schnell verlau- fen und emotionslos von Seiten Krios. Cirocco hatte die Stimme nicht gehoben. Doch es entstand der Eindruck, als ob ein Kind von einer strengen Mutter gezüchtigt würde. »Du hast etwas von einem ›Gott der Götter‹ gesagt«, meinte Cirocco. »Wer ist das?« »Ich sprach als ein demütiger Diener Gäas, der einen und einzigen Göttin. Der Satz war… metaphorisch gemeint«, schloß Krios, ziemlich lahm, wie Chris dachte., »Und doch hast du das Wort ›Gott‹ im Plural gebraucht. Das ist eine Quelle der Überraschung für mich. Ich hätte nie geglaubt, daß dir eine solche Vorstellung in den Sinn kom- men könnte.« »Man hört Häresien.« »Würdest du von importierter Häresie sprechen oder von einer lokalen Marke? Hast du mit Okeanos gesprochen?« »Wie du weißt, spricht Okeanos mit mir. Es liegt nicht in meiner Macht, einfach nicht mehr zuzuhören. Ich bin je- doch erfolgreich darin, ihn zu mißachten. Was importierte menschliche Begriffe angeht, so bin ich mir ihrer zahlreichen Variationen von Mythen bewußt und davon unbeein- druckt.« Wieder langte Cirocco unter ihre Decke. Diesmal hielt sie inne, und während sie es tat, tauchten weitere rote Pünkt- chen auf Krios’ Oberfläche auf und tanzten ängstlich. Ciroc- co nahm es nicht zur Kenntnis. Eine Zeitlang blickte sie nachdenklich zu Boden; dann brachte sie die leere Hand wieder zum Vorschein. Das Gespräch wandte sich Angelegenheiten zu, die Chris nichts sagten, und ging jetzt um die alltäglichen Begeben- heiten von Krios. Die ganze Zeit behielt Krios eine Haltung bei, die nicht gerade unterwürfig war, aber doch keinen Zweifel daran ließ, daß er sehr wohl wußte, wer das Sagen hatte. Seine Stimme war nicht laut. Sie hatte etwas Sum- mendes an sich und wirkte überhaupt nicht einschüch- ternd. Cirocco gab beiläufig ihre Befehle, als sei ihre Rolle in dem Gespräch durch ein Naturgesetz die einer Königin, die mit einem respektierten Gemeinen sprach, der jedoch trotzdem ein Gemeiner blieb. Sie lauschte dem, was er sagte, und pflegte dann seine Sätze in der Mitte mit ihrer, Entscheidung zu unterbrechen. Krios machte nie den Ver- such, mit ihr zu streiten oder weitere Erklärungen ab- zugeben. Sie sprachen länger als eine Stunde über Fragen der Poli- tik; dann widmeten sie sich wieder prosaischeren Themen, und Gaby wurde eingeladen, sich zu beteiligen. Viel davon war wiederum bedeutungslos, aber an einer Stelle diskutier- ten sie eine Fehlfunktion an einem Teilchenbeschleuniger, der ein Teil von Krios war und tief unter seiner Oberfläche lag. Was Krios mit einem Teilchenbeschleuniger anzufangen vermochte, war Chris ein Rätsel. Ein vorläufiger Vertrag wurde abgeschlossen, in dem Gaby zustimmte, sich vor Ablauf eines Myriarev um die Sa- che zu kümmern, vorausgesetzt, Gäa bot eine akzeptable Bezahlung. Sie sprach von der Kontaktaufnahme mit einer Rasse in Phoebe, die unterirdische Arbeiten gut beherrsch- te. Chris konnte feststellen, daß Robin sich schon nach den ersten zehn Minuten langweilte. Er hielt zwar ein wenig länger durch, gähnte aber bald selbst. Zwar hatte er nicht das Gefühl, daß der Ausflug verschwendete Zeit war – es war interessant zu sehen, wie die regionalen Gehirne aus- sahen, und der Anblick Ciroccos, die etwas anderes tat als trinken, war erzieherisch –, aber die Treppe war doch ganz schön lang gewesen. Ihm graute vor dem Aufstieg. Die Audienz wurde ohne jede Zeremonie abgeschlossen. Ci- rocco drehte sich einfach um, winkte Robin und Chris, und sie alle vier stiegen wieder die Treppe hinauf. Es dauerte fünf Minuten, bis die leichte Krümmung des Korridors die Grotte wieder ihren Blicken entzog., Cirocco blickte kurz zurück und ließ die Schultern hängen. Sie setzte sich und stützte den Kopf in die Hände, warf ihn dann mit einem tiefen Seufzen zurück. Gaby setzte sich hin- ter sie und fing an, ihre Schultern zu massieren. »Das hast du wirklich gut gemacht, Rocky«, meinte sie. »Danke. Gaby, ich könnte einen Schluck gebrauchen.« Sie sagte es ohne Betonung. Gaby zögerte, langte dann in ihr Bündel und holte eine kleine Flasche heraus. Sie goß den Schraubdeckel voll und reichte ihn Cirocco, die ihn mit ei- nem Zug leerte. Sie gab ihn zurück, ohne um einen zweiten Schluck zu bitten, obwohl Chris glaubte, daß Gaby in ihr nicht verweigert hätte. Gaby betrachtete Chris und Robin verärgert. »Ihr könntet etwas Nettes sagen«, schlug sie vor. »Ich würde es tun, wenn ich wüßte, worum es gegangen ist«, sagte Robin. »Ich war beeindruckt«, meinte Chris. »Aber ich dachte, es sei Routine.« Gaby seufzte. »Entschuldigt. Ich schätze, das war es auch, jetzt, wo du es sagst. Aber ich gewöhne mich einfach nicht daran. Selbst bei einem vergleichsweise gesunden Gehirn wie Krios weiß man nie, wie es von einem Besuch zum nächsten sein wird. Er könnte uns zerquetschen wie Fliegen, weißt du. Er ist nicht im geringsten glücklich darüber, daß er Befehle von einer Fremden entgegennehmen muß. Das einzige, was ihn bei der Stange hält, ist seine Angst vor Gäa – oder seine Lie- be zu ihr. Offen gesagt, bei einer Beziehung wie der gibt es da keinen großen Unterschied.« Chris runzelte die Stirn. »Meinst du, daß wir in Gefahr waren?«, »Was ist Gefahr?« Gaby sah ihn an und lachte. »Zehn Mi- nuten, bevor wir dorthin kamen, war die Kammer noch mit Säure geflutet, und inzwischen ist sie wahrscheinlich wieder voll. Es wäre nicht schwer gewesen, einen Unfall zu arran- gieren. Er hätte Gäa vielleicht sogar davon überzeugen können, daß es ein Unfall war.« »Das würde er nie tun«, behauptete Cirocco fest. »Ich kenne ihn.« »Vielleicht nicht. Aber Okeanos hat mit ihm gesprochen. Das weißt du. Ich bekam da unten einen eisigen Schrecken, als er mit seiner ›Beschwerde‹ anfing. Bei Krios hört sich das an, wie wenn ein Milliardär anfängt, Karl Marx zu zitieren.« »Darum habe ich mich gekümmert«, meinte Cirocco zu- frieden. »Reib ein wenig tiefer, ja? Da, da ist es.« Chris war plötzlich danach, sich zu setzen. Er fragte sich, was er hier eigentlich machte. Es war klar, daß er nur wenig von dem verstand, was wirklich vor sich ging. Diese Frauen handhabten Dinge, die ihm oft unwirklich vorkamen, aber dieses Kristallgehirn war so fest und wirklich gewesen wie ein Hammer oder eine Zange. Irgendwo weit entfernt gab es ein weiteres Gehirn, das diesem sehr ähnelte, aber übelwol- lend war, erpicht auf Tod und Krieg. Und über allem stand eine Göttin, die Kathedralen sammelte wie Pokerchips aus einem Spiel von Größenwahnsinnigen. Das war eine gefährliche Idee. Er konnte nicht umhin zu beobachten, daß Sterbliche, wenn sie sich in die Angelegen- heiten von Göttern mischen, das gut angelegte Geld die Götter provoziert, noch mehr davon zu machen., Inglesina »Was meinst du, Rocky?« Cirocco war im besinnungslosen Rhythmus des schier un- endlichen Anstiegs versunken gewesen. Sie blickte über- rascht auf. »Von Krios? Vergiß es! Es könnte eine Möglichkeit geben, ihn bei einer Ad-hoc-Gruppierung zu beteiligen, weißt du, hinterher. Aber vergiß es für den Moment.« »Glaubst du nicht, daß es ein hoffnungsvolles Zeichen war?« beharrte Gaby. »Die Tatsache, daß er davon redete, sich bei Gäa über dich zu beschweren? Was fängst du damit an?« Cirocco schnaubte. »Verdammt wenig.« »Glaubst du nicht, du könntest diesen Funken anfachen?« »Nicht so eifrig, Gaby. Ich weiß nicht, ob das Eis über- haupt noch dünner sein könnte, aber die Art, wie du fort- während die Dinge aufheizt…« »Es tut mir leid. Du weißt, was ich bei der Sache empfin- de.« »Sicher tue ich das. Aber es wäre mir recht, wenn du zu diesen beiden Kindern weniger entgegenkommend sein würdest. Ich spreche von ›wissen müssen‹. Je weniger sie wissen, desto besser für sie, wenn es schiefgeht. Du tust ihnen keinen Gefallen, indem du ihnen von Krios und seiner Loyalität oder seinem Mangel davon erzählst. Wenn das in die falschen Ohren gerät, wenn einer von beiden eine un- schuldige Bemerkung machen sollte, könnte das gewisse, Gedanken hervorrufen, die besser ungedacht bleiben. Ich wünschte, ich hätte sie nicht mit nach unten genommen.« »Du hast recht, schätze ich«, sagte Gaby. »Ich werde vor- sichtiger sein.« Cirocco seufzte und faßte an Gabys Schul- ter. »Mach einfach weiter wie bisher. Mach die Reiseleiterin. Zeig ihnen die Wunder, erzähl ihnen lustige Geschichten und halt sie bei Laune, und vergiß nicht, daß sie dabei sind, Dinge zu lernen, die sie aus Schwierigkeiten heraushalten, nicht um sie in das einzubeziehen, was wir machen.« »Meinst du, du könntest es schaffen, ein wenig offener zu sein? Du könntest ihnen eine Menge beibringen.« Cirocco dachte nach, dann sagte sie: »Ich könnte ihnen das eine oder andere übers Trinken sagen.« »Halte dich nicht so sehr an dich selbst.« »Ich weiß nicht, Gaby. Ich glaubte schon, es ginge mir besser. Aber jetzt kommt Inglesina.« Gaby zuckte zusammen. Sie nahm Ciroccos Hand und drückte sie. Direkt hinter der Reihe vertikaler Kabel begann der Ophion, eine Folge weiter Schleifen zu durchfließen. Das Land war flach und fast ohne jede Neigung, so daß der Fluß langsa- mer wurde, bis er nur noch kroch. Robin nutzte die Zeit, um ihre Beherrschung des Ruders zu verbessern. Sie ruderte den ganzen Tag lang, wobei Hautbois sie in den feineren Details des Bootfahrens unter- wies. Sie ließ Robin immer wieder mal eigenhändig das Boot wenden und es in kürzestmöglicher Zeit durch enge Kreise und Achten steuern. Dann stemmten sich beide wieder hin- ein, um die anderen einzuholen. Robins Schultern wurden, stark, und sie entwickelte erst Blasen und dann Schwielen an den Handflächen. Gegen Ende des Tages war sie er- schöpft, aber jeden Morgen etwas weniger. Sie hatten es nicht eilig. Gruppen von Titaniden erschie- nen am Ufer und sangen für Gäas Magier. Gaby oder Ciroc- co riefen ihnen stets ein Wort zu, woraufhin sie in großer Aufregung davongaloppierten. Das Wort lautete »Inglesi- na«. Robin erfuhr, daß es der Name einer großen Insel im Ophion war und wie Grandiose nach einem der von den Ti- taniden geliebten Märsche benannt. Es war der Ort für den krionidischen Purpurkarneval. Der Karneval sollte 120 Revs nach dem ersten Zusammen- treffen mit den Krioniden abgehalten werden. Das mußte sein, damit die einheimischen Titaniden Zeit hatten, sich zu versammeln. Die Reisenden lagerten frühzeitig und standen erst spät wieder auf. Robin fing an, sich im Schlafsack be- haglicher zu fühlen und weniger den tausend Geräuschen Gäas zu lauschen. Sie entwickelte sogar Freude am Mur- meln des Flusses, wenn sie sich entspannte und auf den Schlaf wartete. Es war nicht so verschieden vom Surren der Luftanlage, die sie ihr ganzes Leben lang gehört hatte. Es kam zu keinen weiteren Pannen mit dem Essen, und sie bekamen auch keine Besuche von unbekannten Kreatu- ren mehr. Aber während eines Lagers, als sich Robin ganz besonders langweilte, nahm sie Chris auf eine Schnepfen- jagd mit. Sie ging davon aus, daß er ihre Behauptung, die Titaniden wünschten ein Schnepfenpaar für das Abendes- sen, nicht in Zweifel ziehen würde, und daß er auch die empfohlene Methode, sie zu fangen, nicht für merkwürdig halten würde. Was war denn letztlich in Gäa nicht merk- würdig?, Sie führte ihn ein gutes Stück vom Lager weg, zeigte ihm, wie der Sack zu halten war, und empfahl ihm, ihn fest zu- zubinden, sobald die kleinen Tiere hineingerannt wären. Danach überquerte sie einen niedrigen Hügel, um sie aus dem Unterholz in seine wartenden Arme zu treiben. Dann kehrte sie ins Lager zurück und wartete auf ihn. Sie empfand dabei ein paar Schuldgefühle. Er war so leicht zu übertölpeln gewesen, daß ein großer Teil der Freude daran verlorengegangen war. Und sie fragte sich nicht zum erstenmal, ob es moralisch vertretbar war, ihren Kameraden Streiche zu spielen auf einer Reise, die, wie je- der sagte, so gefährlich war. Die Schwierigkeit bestand dar- in, daß sie bisher nicht sehr gefährlich ausgesehen hatte, und – das konnte sie genausogut zugeben – daß sie einfach nicht zu widerstehen vermochte. Chris blieb fast zwei Stunden lang weg. Sie wollte gerade gehen und ihn zurückholen, als er von alleine wieder auf- tauchte und verloren aussah. Alle saßen um ein Feuer herum und beendeten gerade ein weiteres süperbes Mahl. Gaby und Cirocco blickten überrascht auf, als er sich setzte und nach dem Topf langte. »Ich dachte, du wärst in dei- nem Zelt«, meinte Cirocco. »Ich auch«, sagte Gaby und blickte dann prüfend Robin an. »Jetzt, wo ich daran denke, stelle ich fest, daß Robin das aber eigentlich nicht gesagt hat. Sie brachte mich einfach dazu, es anzunehmen.« »Es tut mir leid«, sagte Robin, zu Chris gewandt. Er zuckte die Achseln, schaffte es dann sogar, zu grinsen. »Du hast mich wirklich erwischt. Mir fiel gerade etwas ein, das du gesagt hattest, nämlich daß die Hexen Erzähler von Lügengeschichten mögen.« Sie freute sich zu sehen, daß er, keine Bitterkeit empfand. Er zeigte den unvermeidlichen Verdruß, aber offensichtlich verspürten Erdenmenschen e- benso wie Hexen die Verpflichtung, bei einem freundschaft- lichen Beisammensein keinen Zorn an den Tag zu legen. Oder zumindest war es bei Chris so. Die Geschichte kam erst allmählich heraus, weil es für Robin nicht eben ehrenhaft war, sich ihrer zu rühmen, und weil Chris nicht scharf darauf war, seine Leichtgläubigkeit zuzugeben. Als alles klar wurde, fing Hautbois Robins Blick auf und gab ein warnendes Zeichen. Die Titanide beobach- tete Cirocco intensiv. Plötzlich gab sie ein Signal, und Robin sprang über den Felsen hinweg, auf dem sie gesessen hat- te, und fing an zu laufen. »Riesenhuhn!« tobte Cirocco. »Riesenhuhn? Ich werde dir ein Riesenhuhn geben. Du wirst dich einen Monat lang nicht setzen können!« Cirocco machte die längeren Schritte, aber Robin die ra- scheren Bewegungen. Es kam jedoch nie heraus, ob Cirocco sie fangen konnte, denn die ganze Gruppe beteiligte sich an der Jagd und hatte die hysterisch lachende Robin bald in die Enge getrieben. Sie kämpfte heftig, aber die anderen schaff- ten es ohne Schwierigkeiten, sie in den Fluß zu werfen. Am nächsten Tag lasen sie einen Anhalter auf. Er war der erste Mensch, den sie seit dem Verlassen Hyperions gese- hen hatten. Es war ein kleiner nackter Mann mit wallendem Bart, der am Ufer stand und sie grüßte, dann hinaus- schwamm und in Ciroccos Kanu kletterte, als sie ihm die Er- laubnis dazu gab. Chris steuerte sein Boot dicht heran, um ihn sich anzuschauen. Die bleiche, verwitterte Haut war lose, was darauf schließen ließ, daß er in den Sechzigern war. Er sprach eine verstümmelte Slangversion von Eng-, lisch mit einem Einschlag von titanidischem Singsang. Er lud sie ein, in der Siedlung zu essen, wo er lebte, und Ci- rocco akzeptierte im Namen der Gruppe. Der Ort wurde Brazelton genannt und bestand aus meh- reren Kuppeln inmitten eines Bereiches gepflügter Felder. Als sie anlegten, sah Chris einen nackten Mann hinter ei- nem von Titaniden gezogenen Pflug hergehen. Es gab etwa zwanzig Brazeltonier. Sie waren religiöse Nu- disten. Alle trugen sie Barte, Männer und Frauen gleich- maßen. Auf der Erde war weibliches Gesichtshaar eine Schrulle, die im Verlauf des einundzwanzigsten Jahrhun- derts mehrere Male gekommen und wieder gegangen war. Jetzt war sie dort selten, aber der Anblick der bärtigen Frauen erinnerte Chris an seine eigene Kindheit, als seine Mutter einen hübschen Spitzbart getragen hatte. Es gefiel ihm ziemlich gut. Gaby wußte nicht sonderlich viel über die Siedlung, er- zählte ihm jedoch, daß die Gruppe den Inzest praktizierte. Der Mann, den sie aufgelesen hatten, hieß Gramps, und da- bei handelte es sich nicht um einen Spitznamen. Andere trugen Namen wie Mutter2 oder Sohn3. Es gab eine Große Oma, aber keinen Mann ihrer Generation. Wenn Kinder ge- boren wurden, wechselten alle zu einem anderen Namen. Robin hielt diese Einrichtung für außerordentlich seltsam, und Chris hörte, wie sie das zu Gaby sagte. »Das finde ich auch«, meinte Gaby. »Aber sie sind auch nicht verrückter als viele andere kleine Verbanntengruppen, die in Gäa verstreut leben. Und du würdest gut daran tun, dich zu erinnern, daß euer Koven in seinen Anfangen auch ganz schön seltsam gewirkt hat. Verdammt, das würde er immer noch, wenn jemand auf der Erde danach gefragt, würde. Eure Mütter gingen zum Sargassopunkt; heutzutage kommen die Randgruppen hierher, wenn sie klein genug sind, um Gäas Erlaubnis zu erhalten.« Die Gebräuche waren nicht das einzig Seltsame an der Gruppe. Es gab einige komische Individuen. Chris sah seine ersten Mensch-Titanid-Hybriden. Eine ansonsten unauffälli- ge Frau besaß die langen Ohren einer Titanide und einen nackten Schwanz, der ihr bis zu den Kniekehlen reichte. Es gab zwei Titaniden mit menschlichen Beinen und Füßen. Als er sie sah, war Chris schon genügend an Titanidenbeine gewöhnt, daß es die Hybriden waren, die mißgestaltet schienen. Er redete mit Cirocco darüber, aber seine genetischen Kenntnisse reichten nicht aus, um zu verstehen, was sie sagte. Er konnte sich des Verdachts nicht erwehren, daß sie vielleicht auch nicht soviel wußte, wie sie behauptete. Tat- sache war, daß Gäa keine menschlichen Studien der titani- dischen Gene erlaubte, und es hatte auch noch nie ein Hybrid Gäa verlassen. Es blieb ein Geheimnis, wie zwei so ungleichartige Wesen sich gegenseitig befruchten konnten. Inglesina war eine flache Insel von acht Kilometern Länge und drei Kilometern Breite, und sie lag in den östlichen Be- reichen von Krios in der Nähe von Phoebe, dem Meer der Dämmerung. Nahe dem Mittelpunkt der Insel gab es einen perfekten Ring aus Bäumen, sorgfältig gepflegt und von zwei Kilometern Durchmesser. Außerhalb dieses Kreises war alles mit den Zelten der Zelebranten bedeckt. Die Insel war über sechs breite Holzbrücken erreichbar, die jetzt mit Bändern und Wimpeln geschmückt waren. Im Norden und Süden lagen Marinas, an denen breit gebaute, Titanidenkähne vertäut waren. Dicht daneben befanden sich die Ufer für das Anlanden der kleineren Boote. Der Fluß war mit ihnen übersät. Die krionidischen Titaniden ver- brachten mehr Zeit auf dem Wasser als ihre Vettern in Hy- perion. Auf dem Fluß kamen genauso viele an, wie nach Reisen übers Land auf den Straßendämmen. Sie würden die traditionellen zwei Hektorevs bleiben, al- so neun Erdentage lang. Valiha errichtete für Chris ein Zelt hinter der luftigen weißen Konfektion, die etwas seitlich für Cirocco aufgestellt worden war, und die Zelte von Robin und Gaby erhoben sich neben seinem. Er ging hinaus, um die Festlichkeiten zu beobachten. Die Krioniden waren genauso gastfreundlich, wie die Hyperioniden es gewesen waren, aber Chris tat sich schwer, sich zu freuen. Er fürchtete weiterhin, vielleicht auf Siilihi zu treffen. Er hatte andauernd das Gefühl, daß die Ge- schichte seines versuchten Angriffs auf sie die Runde ge- macht hatte, daß alle über ihn Bescheid wußten und sich etwas zurückhielten in der Furcht, er könne den Zwischen- fall noch einmal heraufbeschwören. Niemand tat oder sagte etwas, was diesen Gedanken in ihm erzeugte; niemand war anders als vollkommen freundlich. Gewiß war es seine ei- gene Angst und nicht die von irgend jemand anderem, aber es half nichts, das zu wissen. Er war reserviert und konnte es nicht ändern. Robin verbrachte weiterhin viele Nächte bei ihm, obwohl sein verlorengegangenes Zelt mittlerweile ersetzt worden war. Er wußte nicht genau, warum sie das tat. Er hieß ihre Gefährtenschaft willkommen, aber manchmal war es schwierig. Sie achtete sorgsam darauf, sich nicht vor ihm auszuziehen, und zwar seit ihrer Entdeckung am Ufer von, Nox. Das ärgerte ihn, weil die erforderlichen Mühen, sitt- sam zu bleiben, wenn sie ein Zelt teilten, ihre Unerreichbar- keit aufzeigten. Mehrere Male dachte er daran, sie zu bitten, daß sie hinausging. Und doch glaubte er, daß sie vielleicht so ihre Furchtlosigkeit demonstrierte und auf diese Weise zeigte, daß sie ihn als Freund akzeptierte. Das war eine Geste, die er nicht entmutigen wollte, also warf er sich un- ruhig hin und her, während sie friedlich schlief wie ein Kind. In der fünften Nacht war es schlimmer denn je. Er konnte einfach nicht schlafen, so sehr er es auch versuchte. Er leg- te die Hände hinter den Kopf, starrte in das fahle Licht, das durch das Zeltdach drang, und hegte schwarze Gedanken. Morgen würde er sie auf die eine oder andere Art hinaus- schmeißen. Es gab Grenzen. »Stimmt was nicht?« Er blickte zu ihr hinüber und erkannte überrascht, daß sie wach war. »Kann nicht schlafen.« »Wo liegt das Problem?« Er warf die Hände hoch, suchte nach Worten und dachte dann: Warum taktvoll sein? »Ich bin geil. Ich habe zu lange keinen Sex gehabt. Man ist den ganzen Tag lang von attrak- tiven Frauen umgeben… es baut sich auf, das ist alles.« »Ich habe ein Problem derselben Art«, sagte sie. Er öffnete den Mund, um eine Lösung vorzuschlagen, dachte noch einmal darüber nach und schloß den Mund wieder. Was für eine Verschwendung solch einer symmetri- schen Lösung, dachte er. Du kratzt mir den Rücken… »Du hast gesagt, wir würden uns sehr ähneln«, sagte sie. »Ich dachte, das würde dir Kummer bereiten.« Als er nur, grunzte, öffnete sie ihren Schlafsack und richtete sich auf. Sie streckte eine Hand zu ihm herüber und berührte seine Lippen mit einem Finger. »Würdest du mir zeigen, wie es geht?« Er sah sie an, wagte es nicht zu glauben, spürte aber ein größeres Begehren, als er es seit seinen Teenager-Tagen gekannt hatte. »Warum? Findest du mich attraktiv, oder bist du einfach neugierig?« »Ich bin neugierig«, gestand sie. »Über das andere bin ich mir noch nicht ganz im klaren. Da ist irgendwas. Cirocco hat mir erzählt, daß das, was man mir als Vergewaltigung ein- geredet hat, dem Lieben sehr ähnlich sein kann. Sie sagte, eine Frau könne Vergnügen daran haben. Ich bin darüber im Zweifel.« Sie hob eine Braue. Noch vor ein paar Wochen hätte Chris den Ausdruck hinter den komplizierten Ge- sichtstätowierungen nicht erkannt, aber jetzt spürte er größere Übereinstimmung mit ihr. Er befreite sich von sei- nem Schlafsack und nahm sie in die Arme. Sie schien überrascht zu sein, daß er nicht einfach in sie eindrang und sich an die Arbeit machte. Als sie begriff, daß sie sich auf dieselbe Art lieben konnten, wie zwei Frauen es tun würden, zeigte sie kein Zögern mehr. Sie tat sogar Din- ge, die Trini sicherlich extra berechnet hätte. Es war nichts Scheues an ihr. Sie sagte ihm, was sie wollte und wann sie es wollte, und sie redete dabei, als setzte sie voraus, er ha- be es noch nie zuvor getan. In gewisser Weise hatte sie recht damit. Obwohl er seinen Anteil an Frauen gehabt hatte, hatte er noch nie eine getroffen, die sich ihrer eige- nen Bedürfnisse so sicher war und so bestimmt darin, sie auszudrücken., Sie lernte schnell. Zuerst war sie voller Fragen und Beo- bachtungen, wollte wissen, was er fühlte, wenn sie dies o- der das machte, war überrascht über Geschmack und Ge- fühl der Dinge. Keine der Überraschungen schien unange- nehm zu sein, und als er die Bereitschaft verspürte, weiter- zugehen, hatte sie eine offenkundige Begeisterung für das Vorhaben entwickelt. Ihre Skepsis kehrte zurück, als er in sie eindrang. Sie gab zu, daß es nicht wehtat, sogar, daß es vielmehr eine ange- nehme Empfindung war, stellte aber fest, daß diese Einrich- tung unnatürlich zu sein schien, weil sie es nicht schaffte, ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Er versuchte ihr zu ver- sichern, daß alles richtig hinkommen würde, und stellte dann bestürzt fest, daß er bereits im Begriff dazu war, denn er war bereits dicht vor dem Höhepunkt und konnte es nicht mehr aufhalten. Er hatte noch Zeit zu hoffen, daß Robin willens sein würde zu warten, bis er ein zweitesmal bereit war, bevor er heftig an der Schulter gepackt und grob weggezogen wurde. »Du Idiot, laß sie in Ruhe!« Es war Cirocco. Chris hatte gar nicht die Zeit, darüber hinaus noch etwas zu verstehen, weil zuviel auf einmal passierte. Er rollte auf den Boden, krümmte sich in eine fötale Stellung zusammen und ergab sich zuckend einer heftigen Ejakulation. In einer fiebrigen Verwirrung wuß- te er nicht, ob er verlegen, wütend oder verletzt sein sollte. In einem Moment war es vorüber, und er kam auf die Füße und schlug nach Cirocco. Mit einem perfekten, weit ausholenden Schwinger traf er sie mitten am Kinn. Für einen Moment, während des Zurücktaumelns, sah sie genauso überrascht aus, wie er sich fühlte. Aber sein Triumph dauerte nur eine, Sekunde lang. Als Cirocco wie eine Puppe zusammenklappte, deren Schnüre durchgeschnitten worden waren, fing seine Hand an zu zittern, und Gaby tauchte aus dem Nichts heraus auf, flog gegen ihn, als wäre sie vom Himmel gefallen. Das nächste, dessen er sich bewußt wurde, war die Tatsache, daß sie auf seinem Brustkorb kniete und im Begriff stand, ihre steifen Finger mitten durch sein Gesicht zu treiben. Statt dessen zögerte sie, und das Feuer verschwand aus ihren Augen. Sie schlug mit der Faust auf den Boden, rollte von Chris herunter und tätschelte seine Wange. »Triff mit deiner Faust niemals die Knochen«, riet sie ihm. »Dafür sind Stöcke und Steine da.« Sie half ihm auf die Füße, und er sah, daß Robin noch auf dem Rücken lag und sie verwirrt ansah. Hornpipe hatte sich ins Zelt gezwängt und kümmerte sich um Cirocco, die vor- sichtig ihren Unterkiefer bewegte. Chris’ Zorn war immer noch nicht abgeflaut, aber zwischen Cirocco und ihm befanden sich Gaby und zwei Titaniden, und so war er dazu gezwungen, seine Wut in Worte zu klei- den. »Du hattest kein Recht, das zu tun«, schäumte er. »Ver- dammt, ich kann mir nicht einmal vorstellen, warum du das getan hast. Aber laß dir eins gesagt sein! Entweder du gehst hier raus oder ich!« »Halt den Mund!« sagte Cirocco eisig, scheuchte Hornpipe beiseite und richtete sich auf. »Es besteht eine kleine Mög- lichkeit, daß ich etwas Schlimmes gemacht habe. Wenn das stimmt, werde ich stillhalten, während ihr beide den Verstand aus mir herausprügelt. Aber hört mich zuerst einmal an! Robin, welche Art von Vergütung benutzt du?« »Ich weiß nicht, wovon du redest.«, »Klar. Wie steht es mit dir, Chris?« Chris verspürte ein ausgeprägtes Kältegefühl, schüttelte es jedoch ab. Sie konnte unmöglich recht haben. »Ich nehme Pillen, aber es…« »Ich erinnere mich, daß du mir davon erzählt hast. Wann war das…« »… aber sie kann keine Kinder haben! Das hat sie mir er- zählt, und wenn du…« »Stop! Laß mich ausreden!« Cirocco hielt die Hand hoch, bis sie sicher war, daß ihr alle zuhören würden. »Ich glaube, du hast sie mißverstanden. Sie sagte ›kann nicht‹, und du dachtest, sie meinte, es nicht zu können. Aber in Wirklichkeit sagte sie damit, daß sie sich nicht schwängern lassen will, weil auch ihre Kinder ihr Leiden ha- ben würden. Worin liegt der Nutzen der Sterilisation, wenn der Akt der Empfängnis so kompliziert ist?« Sie blickte Robin an, die verärgert den Kopf schüttelte. »Aber wir haben nur Sex gemacht«, meinte sie. Cirocco ging zu ihr, packte sie an den Schultern und schüttelte sie. »Wie, glaubst du eigentlich, werden Babies gemacht, verflixt noch mal? Überall außer im Koven geht es genauso, wie es für…« »Aber ich vertraue ihm; kannst du das nicht einsehen?« schrie Robin zurück. »Wir haben nur Sex gemacht, kein Baby. Er würde nicht…« Sie schwieg und betrachtete Chris zum erstenmal mit unsicherem Blick. Er mußte wegsehen. Als Cirocco die tatsächliche Situation erklärte, wich lang- sam alle Farbe aus Robins Gesicht. Chris hatte sie noch nie angstvoll gesehen, aber es war klar, daß sie rückblickend erschreckt war, ebenso wie sie zuvor hätte sein können. Das ganze bizarre Mißverständnis entstammte Robins Ver-, sagen, zu erkennen, daß der männliche Orgasmus mit der Ejakulation verbunden war und daß diese sich nicht unter seiner Kontrolle befand, und von dem Eindruck, den Chris gewonnen hatte, daß Robin sterilisiert sei. Das war sie nicht, und er war fruchtbar, wie die Produktion des Eis mit Valiha erwiesen hatte. Tatsache war, daß er seine Pillen während der Quarantänezeit verloren hatte und es ihm nicht möglich gewesen war, sie zu ersetzen. Robin wurde fast auf Tränen reduziert. Sie saß da mit dem Kopf in den Händen, zitterte und sagte: »Ich wußte es nicht, ich wußte es nicht, ich wußte es wirklich nicht.« Chris vermochte nicht abzuschätzen, welche langfristigen Auswirkungen es auf das Verhältnis zwischen ihm und Ro- bin geben würde, aber eine Sache war klar. »Ich muß mich bei dir entschuldigen,« sagte er zu Cirocco. Sie grinste ihn an. »Nein, das mußt du nicht. Ich hätte genauso gehandelt. Das ist keine Situation, wo man sich mit Erklärungen aufhält.« Sie rieb sich den Unterkiefer. »Tatsächlich ist es meine Schuld, weil ich nicht schnell ge- nug ausgewichen bin. Ich glaube, ich werde langsamer.« »Vielleicht werde ich schneller.« »Das wäre möglich.« Wie in wechselseitiger Übereinstimmung kehrten die an- deren in ihre Zelte zurück und ließen Robin und Chris al- lein. Verlegenheit lag in der Luft, und Chris hatte Angst. Wenn Rocky die Ursache erkannt hatte, warum dann er nicht? Vielleicht war er zu scharf auf Sex gewesen. Robin schien teilweise dasselbe zu empfinden. Er konnte erken- nen, daß sie an ihr früheres Gespräch dachte und es viel- leicht erneut abschätzte. Sie wandte sich kurz von ihm ab, um ihre Gedanken zu sammeln, und sagte dann sehr vor-, sichtig, daß es ihr leid täte. Mit wenigen Worten bekundete sie, daß sie ihm keine größere Schuld gab als sich selbst. Es war einfach ein Mißverständnis gewesen, das gerade noch rechtzeitig geklärt worden war. Sie sagte, daß sie jetzt keine größere Angst vor ihm hätte als auch vorher schon immer. Aber sie ging in dieser Nacht zurück in ihr eigenes Zelt. Cirocco kam nach dem letzten Tag des Karnevals hereinge- torkelt, wobei sie lauthals sang. Gaby legte sie ins Bett, lud sie am Morgen in ein Kanu und deckte sie mit einer Decke zu. Sie stießen ab und ließen das nachlassende bunte Trei- ben von Inglesina rasch hinter sich. Der Ophion floß ruhig dahin, während die ziemlich ruhig gewordene Gruppe stetig auf das Meer der Dämmerung zupaddelte. Der Weg des Ruhms Die je zur Hälfte in Krios und Phoebe gelegene Wassermas- se wurde auf Karten üblicherweise als Phoebe oder das Phoebe-Meer bezeichnet, aber niemand nannte sie jemals so. Man durchreiste Phoebe und fuhr auf dem Meer der Dämmerung. Es war ein passender Name. Das westliche Ende des Mee-, res lag in Krios und deshalb im Tageslicht, aber es erstreckte sich durch die Dämmerungszone bis hinein in die Nacht Phoebes. Aus einer Entfernung gesehen, bei der Gäas Krümmung ausreichte, sie hochkant zu stellen, begannen die Wasser der Dämmerung in Schattierungen von tiefem Blau und Grün, verblaßten über Orange und Kupfer und endeten in Schwarz. Etwa im Zentrum lag eine unter dem Namen Unome bekannte große Insel, ewig in der Dämme- rung, und auf ihr waren zwei Seen, die Tarn Gandria und Tarn Concordia genannt wurden. Eine Rasse insektenhafter Kreaturen lebte auf dieser Insel und nirgendwo sonst, und sie waren Menschen und Titaniden als die Eisernen Meister bekannt. Robin erfuhr aus dem wenigen, das gesagt wur- den, daß sie ganz und gar unangenehm waren, angefan- gen mit ihrem Geruch und weitergehend zu fast jedem As- pekt ihrer Kultur und Moralvorstellungen. Sie war glücklich darüber, daß Gäas Magier auf dieser Reise keine Geschäfte bei ihnen hatte. Tatsächlich hatten sie vor, den vorsichtigen Weg zu wäh- len. Die Nordküste des Meeres der Dämmerung lag dicht genug an der geradlinigen Route hindurch, daß es sinnvoll war, in der Nähe eines sicheren Hafens zu bleiben, beson- ders da dieses Meer für seine plötzlichen und heftigen Stür- me bekannt war. Die Überquerung des Dämmerungsmeeres ging ohne Zwischenfälle vonstatten, aber Robin verbrachte ihre Zeit abseits von den anderen. Der Vorfall mit Chris hät- te sie stark aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie gab ihm keine Schuld, konnte sich jedoch eines gewissen zur Übel- keit tendierenden Gefühls nicht erwehren, wenn sie ihn hin und wieder dabei ertappte, wie er sie anschaute. Ihre Politik bestand darin, aus den schlimmen Dingen des Lebens zu, lernen, und was sie aus ihrem Experiment in heterosexueller Liebe lernte, war, daß ihr schlimmster Feind in Gäa gewöhn- lich in ihrer eigenen Unwissenheit bestand. Diese Erkenntnis war nicht neu. Ihr ganzes Leben lang hatte sie dazu geneigt, Sachen wegzuschieben, die keinen unmittelbaren Einfluß auf ihr Überleben zu haben schienen. Indem sie das tat, über- sah sie oft Dinge, die von Leuten bemerkt wurden, die ge- duldiger waren und weniger Unterschiede machten, die al- lem zuhörten und alles beobachteten, ganz egal, wie trivial es sein mochte. Es war an der Zeit, sich von der Ansicht zu verabschieden, daß Cirocco ein alkohol-durchweichter Zombie war, der nur durch einen Magier-Titel und Erzählungen seiner vergange- nen Taten Respekt heischte. Es war wirklich eine kleine Sa- che, und doch war Robin beeindruckt gewesen, sobald sie die Zeit gefunden hatte, darüber nachzudenken. Cirocco konnte sie nicht gehört haben, bis Chris zu stöhnen begann und damit zeigte, daß er bereits am Rande der Katastrophe gestanden hatte. Cirocco hatte blitzschnell überlegt und sol- che Details richtig zusammengesetzt wie die verlorenen Verhütungsmittel und Robins wahrscheinliche Fruchtbar- keit, und hatte dann sofort gehandelt, ohne sich um die Konsequenzen zu sorgen. Es spielte keine Rolle, daß sozial undenkbar war, was sie getan hatte; sie hatte recht ge- habt, es auch gewußt und dann einfach danach gehan- delt. Sie fragte sich, ob Chris’ Hieb Cirocco tatsächlich über- rascht hatte, oder ob sie ihm erlaubt hatte ihn zu landen. Offenkundig war Chris unzufrieden damit, der schlechteste Kämpfer in einer Gruppe aus drei Frauen und einem Mann zu sein. Es geschafft zu haben, sie zu schlagen und für einen, Moment so zu entwürdigen, hatte es ihm erlaubt, etwas Selbstachtung zu bewahren. Das war etwas, was sie nie wissen würde. Das eine wußte sie jetzt jedoch, daß sie Cirocco nicht mehr unterschätzen würde. Der Ophion floß wieder aus dem Dämmerungsmeer heraus, genauso wie er es aus Nox getan hatte: das Meer verengte sich allmählich und wurde schließlich ab einem bestimmten Punkt wieder ein Fluß. Aber statt einer Reihe von Flußpumpen sah sich die Gruppe fünf Kilometern des schnellsten Wassers gegenüber, das sie bis jetzt erlebt hatten. Auf dem letzten stillen Teich hielten sie an und zogen die vier Boote zusam- men, um das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Nur Cirocco und Gaby kannten diesen Teil des Flusses. Die Titaniden hör- ten zu und paddelten langsam rückwärts, um nicht in die Strömung zu geraten. Dann begaben sich die Boote eins nach dem anderen in die Strömung. Cirocco und Hornpipe übernahmen die Führung, Gaby und Psaltery bildeten die Nachhut. Als sie an die Reihe kam, jauchzte Robin über die Geschwindigkeit und den Lärm. Sie kniete im Bug und paddelte heftig, bis Hautbois ihr riet, die Kräfte zu schonen und den Fluß den Großteil der Arbeit machen zu lassen. Sie konnte die Ergebnisse der starken und berechneten Ruderschläge der Titanide spüren, und sie tat ihr Bestes, um eher zu helfen als zu behindern. Ein Rhythmus war zu finden, eine Möglichkeit, in Übereinstimmung mit dem Fluß zu kommen. Zweimal wehrte sie unter Wasser liegende Felsen mit dem Ende ihres Paddels ab und wurde einmal mit einem Ruf der Ermutigung von Hautbois belohnt. Sie grinste immer noch, als sie um eine Biegung schossen und sich hun- dert Metern des Chaos gegenübersahen, das geradenwegs, nach unten zu verlaufen schien. Es war keine Zeit mehr für weitere Gedanken. Robin betete, bevor sie erkannte, was sie tat, und machte angespannt wei- ter. Das Kanu erzitterte. Wasser schwappte herein und sprühte Robin ins Gesicht; dann kämpfte sie darum, den Bug flußabwärts gerichtet zu halten. Sie glaubte Hautbois rufen zu hören, aber das Brüllen des Flusses übertönte alle Worte. Unter ihr zersplitterte Holz, und plötzlich war sie im Fluß und klammerte sich an die Seite des Kanus. Als sie den Kopf über Wasser bekam und die Augen öffne- te, erkannte sie, daß auch Hautbois im Wasser war, jedoch bis zur Taille untergetaucht auf dem Grund stand. Sie hatte sich ans Ufer in einen Bereich relativer Ruhe gekämpft, klet- terte jetzt auf einen Felssims und hob das Heck des Kanus an. »Alles in Ordnung mit dir?« rief sie. Robin brachte ein Ni- cken zustande. Als sie aufsah, erspähte sie Gaby und Psal- tery. Nach einer Inspektion und einer kurzen Beratung ent- schieden sie, daß das Kanu die Fahrt über die Stromschnel- len zu Ende führen konnte; eine glückliche Entscheidung, denn das andere wäre mit den beiden Titaniden und zwei Menschen gefährlich überladen gewesen. Robin mußte bei Gaby mitfahren, während Hautbois das beschädigte Boot vorsichtig den Fluß hinuntersteuerte. Robin stritt nicht, sondern kletterte mit dem Gefühl, versagt zu haben, in Ga- bys Bott. »Ich kann es nicht mehr richten«, sagte Hautbois nach einer Inspektion der gebrochenen Kanustreben. »Wir werden den, Bezug bergen müssen und warten, bis wir einen weiteren Bestand von Kanubäumen finden.« »Robin kann bei mir und Valiha mitfahren«, bot Chris an. Robin zögerte nur einen Moment lang und nickte ihm dann zu. Sie waren an einer ausgedehnten Morastfläche am Zu- sammenfluß des Ophion und der Arges nahe dem Zentrum Phoebes gelandet. Das Land war dunkel, nur gelegentlich von spindeldürren Bäumen bestanden, die silbern und durchscheinend im Mondlicht schimmerten. Phoebe war tatsächlich ein winziges bißchen heller als Rhea. Der Grund dafür bestand im Meer der Dämmerung, von dem ein Teil im Sonnenlicht lag, und es bildete einen besseren Reflektor als die Länder, die sich zu beiden Seiten von Nox em- porkrümmten. Jedoch ging der leichte Gewinn verloren in der Trostlosigkeit der Landschaft. Rhea war zumindest zer- klüftet gewesen; Zentralphoebe war ein Sumpf. Robin haßte es. Sie stand bis über die Knöchel im Morast und blickte über eine Landschaft hinweg, die ein Himmel für Aale und Frösche sein mußte, aber für niemanden sonst. Es erwies sich bereits als schwierig, sich an die Heiterkeit des schäumenden Wassers zu erinnern. Sie war durchnäßt und sah keine Möglichkeit, bald zu trocknen. Wenig hilf- reich war der Gedanke, daß der Zwischenfall, wenn sie nicht im Bug des Kanus gesessen hätte, vielleicht nicht pas- siert wäre. Sie fragte sich wieder einmal, was sie hier tat. Sie war nicht die einzige, der es nicht gefiel. Nasu wand sich unruhig in dem Beutel, den sie unter dem Arm trug. Die Reise war nicht leicht für die Schlange gewesen. Robin wußte, daß sie den Dämon hätte im Koven lassen sollen – so hatte sie es geplant gehabt, im letzten Moment aber, nicht fertiggebracht. Als sie die Schnur lockerte, steckte Na- su den Kopf hinaus und probierte die Luft mit der Zunge. Als sie herausfand, daß es draußen mindestens so kühl und feucht war wie im Beutel, und sah, daß es keine trockene Stelle gab, wo sie sich zusammenrollen konnte, zog sie sich rasch wieder zurück. Hautbois und Psaltery waren damit beschäftigt, das be- schädigte Kanu auseinanderzunehmen und seine Fracht auf die anderen drei zu verteilen. Robin sah, daß die anderen etwas entfernt standen, und zwar auf etwas, das in Phoebe als »höher gelegener Boden« gelten konnte, was aber nur bedeutete, daß ihre Füße sich ein paar Zentimeter über der Wasserfläche befanden. Cirocco saß auf einem Stein und blickte zum zentralen Phoebekabel, das über ihnen empor- ragte, die anderen jedoch schauten nach Norden. Robin konnte nichts Sehenswertes finden, trotzdem kämpfte sie sich durch den Schlamm zu ihnen durch. »Was ist denn hier so interessant?« fragte sie. »Ich weiß noch nicht«, sagte Chris. »Ich warte darauf, daß Hornpipe zur Sache kommt.« Hornpipe stampfte unruhig auf den Boden. »Vielleicht hätte ich es nicht erwähnen sollen«, sagte er. »Das hättest du gewiß nicht tun sollen«, stimmte Valiha mit finsterem Blick zu. Aber Hornpipe fuhr hartnäckig fort. »Na ja, ihr seid hier, um eine Möglichkeit zu finden, Gäa euer Heldentum zu beweisen. Ich dachte nur, ich sollte Ge- legenheiten aufzeigen. Ihr könnt sie ergreifen oder es blei- ben lassen.« »Ich lasse es bleiben«, meinte Robin. Sie blickte zu Chris. »Du meinst es doch nicht ernst, oder?«, »Ich weiß es wirklich nicht«, gestand Chris. »Ich bin mit- gekommen, weil Gaby sagte, es sei besser, als herumzusit- zen und darauf zu warten, daß eine Gelegenheit auf mich zukommt, und das ergab Sinn. Ich habe nie wirklich ent- schieden, ob ich Gäas Regeln zurückweise. Ich bin hier, also kann ich sie nicht vollständig zurückgewiesen haben. Aber ich gestehe, daß ich nicht von alleine viel daran gedacht habe, loszuziehen.« »Und du solltest es auch nicht«, meinte Valiha. »Trotzdem sollte ich vielleicht hören, was da draußen steckt.« Robin schnaubte, mußte aber eingestehen, daß auch sie daran interessiert war, es zu erfahren. »Dieser Berg«, sagte Hornpipe. Robin erkannte einen ke- gelförmigen schwarzen Klecks. »Er liegt ziemlich dicht am nördlichen Wall«, fuhr er fort. »Nach allen Berichten eine schlimme Gegend, wo es nur wenig Leben gibt. Ich selbst bin nie dort gewesen. Aber alle wissen, daß es die Heimat Kongs ist.« »Wer ist Kong?« fragte Chris. »Ein Riesenaffe«, erklärte Gaby, die sich jetzt zu ihnen ge- sellte. »Was sonst? Laßt uns aufbrechen, Leute! Die Kanus sind bereit.« »Nur eine Minute«, sagte Chris. »Ich würde gerne mehr hören.« »Was willst du da hören? Er sitzt dort oben…« Sie machte ein argwöhnisches Gesicht. »Sag mal, du dachtest doch nicht… klar. Komm her, Chris, und ich werde dir von Kong erzählen!« Sie führte ihn ein paar Meter weit weg und warf dabei Cirocco einen flüchtigen Blick zu. Robin folgte, die Titaniden jedoch nicht. Gaby redete mit leiser Stimme., »Rocky hört nicht gerne von Kong«, meinte sie und schnitt eine Grimasse. »Ich kann ihr daraus kaum einen Vorwurf machen.` Kong ist ein Einzelexemplar, etwa hun- dert Jahre alt und der einzige seiner Spezies. Er gehört zur selben Kategorie wie die Drachen, von denen Gäa euch er- zählt hat; jeder anders, und alle ohne Nachwuchs. Sie kommen aus dem Boden hervor, nachdem Gäa sie erschaf- fen hat, leben so lange, wie sie programmiert sind, also gewöhnlich ganz schön lange. Kong basiert auf einem Film, den Gäa gesehen hat, wie der Riesensandwurm in Mnemo- syne. Natürlich werden sie zu Objekten von Aufgaben für Pilger. Ich hasse es, daran zu, denken, wie viele Leute Kong bereits umgebracht hat. Abgesehen von einem baumgroßen Gewehr und verdammt viel Dynamit, ist er nicht zu töten. Glaubt mir, eine Menge Leute haben es versucht.« »Es muß möglich sein«, meinte Chris. Gaby zuckte die Achseln. »Ich schätze, das trifft auf alles zu, wenn man es lange genug versucht. Aber ich glaube nicht, daß du es schaffen würdest. Ich weiß, daß ich es nicht probieren würde. Komm schon, Chris, es gibt leichtere Wege, Selbstmord zu begehen!« »Warum hat Cirocco Angst vor ihm?« fragte Robin. »Oder vielleicht ist ›Angst‹ nicht das richtige Wort.« »›Angst‹ ist genau das richtige Wort«, sagte Gaby fast flüsternd. »Kong frißt alles, was sich bewegt. Gäas Magier ist die einzige Ausnahme. Gäa hat ihn mit einem Tropis- mus konstruiert. Er kann sie über hundert Kilometer hinweg riechen, und ihr Duft ist das einzige, was ihn von seinem Berg lockt. Ich glaube nicht, daß man es Liebe nennen kann, aber es ist ein starker Zwang. Er würde ihr bis an den Rand der Dämmerungszone folgen. Was immer ich vielleicht ü-, ber Gäa sagen könnte, sie läßt doch gewöhnlich eine Fluchtklausel, also gab sie Kong eine Abneigung gegen Licht mit, wie der Sandwurm die Kälte zu beiden Seiten von Mnemosyne haßt. Kong würde Rocky nicht nach Thetys oder Krios folgen. Wenn der Wind aus dem Süden käme, wären wir nicht in Phoebe. Rocky nimmt den Weg entlang dem südlichen Wall, wenn sie kann – wenn sie Phoebe überhaupt besuchen muß –, denn wenn Kong sie riecht, kommt er angerannt. Wenn er sie fängt, nimmt er sie mit zurück zu seinem Berg. Er hat sie einmal erwischt, vor etwa fünfzig Jahren. Es dau- erte sechs Monate, bis sie fliehen konnte.« »Was hat er gemacht?« fragte Robin. »Darüber will sie nichts sagen.« Gaby hob die Brauen und betrachtete Chris und Robin, drehte sich dann um und ging weg. Robin sah zum Berg zurück und bemerkte, daß auch Chris dorthin starrte. »Du willst doch…« »Was hat sie euch erzählt?« Robin war überrascht von der Nähe Ciroccos und fragte sich, wie sie es geschafft hatte, so leise herbeizukommen. »Nichts«, sagte sie. »Ach komm, ich habe etwas mitbekommen, bevor sie so schlau war, euch wegzuführen. Du glaubst das doch nicht alles, oder?« Robin überlegte noch einmal und erkannte mit einigem Verdruß, daß sie es getan hatte. »Nun, es ist nicht alles gelogen«, gab Cirocco zu. »Kong gibt es, und er ist zwanzig Meter groß und hat mich einmal erwischt und gefangengehalten, und ich möchte nicht dar-, über reden, weil es verdammt unangenehm war. Er besu- delt sein Nest. Mittlerweile muß der festgebackene Mist in seiner Höhle neunzig Meter hoch sein. Er liebt es, seine Ge- fangenen von Zeit zu Zeit herauszuholen und anzuschauen, aber was die sexuelle Anspielung betrifft, vergiß sie. Er ist nicht einmal dazu ausgerüstet, weil er ein Neutrum ist. Er hat auch einen enormen Geruchssinn, aber diese Ge- schichte, daß er nur mich riecht, ist Humbug. Er fühlt sich zu allen menschlichen Frauen hingezogen. Er riecht es vor al- lem, wenn man seine Tage hat.« Robin fühlte sich zum erstenmal besorgt. Warum waren sie jetzt nach Phoebe gekommen? »Mach dir keine Sorgen«, beruhigte Cirocco. »Seine Nase ist so gut, daß es eigentlich gar keine Zeit gibt, zu der man sicher vor ihm ist. Überhaupt würde dich dein Geruch in gewisser Weise schützen. Wenn er einen Mann fängt, frißt er ihn, und Titaniden verwirren ihn. Er verläßt sich nicht allzu sehr auf seine Augen, aber wenn er einen Titaniden erwischt, beißt er einen Teil ab und behält den Torso, weil zumindest der richtig aussieht. Dann spielt er damit, bis er ›kaputt- geht‹.« Sie machte ein finsteres Gesicht bei der Erinnerung und wandte den Blick von ihnen ab. »Aber man kann ihn töten«, fuhr sie fort. »Ich könnte mir die eine oder andere Sache ausdenken, mit der es ginge. Es gab vor etwa dreißig Jahren einen Draufgänger, der es sogar schaffte, Kong einzufangen. Ich glaube, er wollte ihn lebendig mit zurückbringen, obwohl ich nicht weiß, wie, denn Kong befreite sich und fraß ihn. Die Sache ist die, der Bursche hat- te ihn gefesselt und hätte ihn töten können. Aber niemand geht zu seinem Berg, um ihn zu töten, weil es etwas gibt, das gerade noch leichter fällt und zum selben Er-, gebnis führt, wenn man ein Pilger ist. Man kann eine seiner Gefangenen retten. Wenn man eine Frau ist, besteht nicht einmal das Risiko, selbst getötet zu werden, denn er tötet niemals Frauen. Nicht daß ich empfehlen würde, sich von ihm gefangennehmen zu lassen; es gibt schönere Methoden, sei- ne Zeit zu verbringen. Nun, er hat üblicherweise jemanden dort oben. Ich weiß mit Sicherheit von einer Frau, die er jetzt seit sechs Monaten hat, und es könnten sogar noch mehr sein.« Sie ging weg, überlegte noch einmal und kam zurück. »Was Gaby euch nicht erzählt hat, ist, wie ich fortkam. Wenn ihr glaubt, daß es darum ging, mein Wissen über Gäa richtig zu nutzen oder den alten Bastard zu überlisten, dann irrt ihr euch. Ich könnte immer noch dort sein, wenn ich mich auf meine eigenen Kräfte hätte verlassen müssen. Tat- sache ist, daß Gaby mich unter großem Risiko für ihre eigene Freiheit herausgeholt hat, und ich spreche nicht davon, weil es, offen gesagt, nicht mit meinem Bild von mir selbst über- einstimmt. Kong ist ein ganz schön verwahrlostes Monster, aber es gibt nichts an ihm, worüber man lachen könnte. Ga- by spielt die Rolle des Ritters in schimmernder Rüstung eben- sogut, wie es jeder könnte, aber ich fürchte, ich war ein arm- seliges Fräulein in Not. Ich hatte nicht mehr viel Selbstach- tung übrig, als sie mich dort herausholte.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Und ich konnte ihr den traditionellen Lohn nicht geben.« Sie eilte davon. Robin blickte noch einmal zu dem Berg hin und dann zu Chris zurück, erkannte einen Verdacht in seinen Augen und erinnerte sich an das, was sie hatte sagen wollen, bevor Cirocco sie unterbrach. »Nein«, sagte sie fest, nahm seinen Arm und zog ihn auf, die wartenden Kanus zu. »Das ist es, was Gäa von dir er- wartet. Sie möchte, daß du ihr eine gute Show hinlegst, und es ist ihr dabei egal, ob du überlebst oder nicht. Sie will ihren Spaß.« Chris seufzte. »Du mußt eine recht niedrige Meinung von meiner Fähigkeit haben, auf mich selbst achtzugeben.« Die Bemerkung überraschte sie, und sie betrachtete for- schend sein Gesicht. »Ist das deine Meinung? Schau mal, ich verstehe dein Bedürfnis, dich selbst zu beweisen. Wahr- scheinlich habe ich es selbst noch stärker als du. Aber per- sönliche Ehre kann nicht Dienst an der Böswilligkeit leisten. Sie muß etwas bedeuten.« »Es würde etwas bedeuten für die Frau dort oben. Ich wette, sie betrachtet es nicht als Spiel.« »Sie geht dich nichts an; sie ist eine Fremde.« »Es überrascht mich, dich das über eine Schwester sagen zu hören.« Robin war selbst ein wenig überrascht gewesen, das von sich zu hören, und suchte unbehaglich nach einem Beweg- grund. Als sie ihn fand, war sie nicht begeistert, sah ihm je- doch ins Auge. Zum Teil verabscheute sie in Wahrheit, daß irgend jemand irgend etwas tat, um die Schleimgöttin Gäa zu beeindrucken. Der andere Teil… »Ich möchte dich nicht verletzt sehen. Du bist mein Freund.« Ausbruch des Feuers, »Dies könnte der gefährlichste Teil der Reise werden«, be- richtete ihnen Cirocco. »Dem stimme ich nicht zu«, sagte Gaby. »Iapetus wird am schlimmsten sein.« »Ich dachte, Okeanos«, warf Chris ein. Gaby schüttelte den Kopf. »Okeanos ist hart, aber ich hatte nie zuviel Schwierigkeiten, hindurchzukommen. Er ruht noch und schmiedet seine Pläne. Ich rechne nicht da- mit, die Ergebnisse noch mitzuerleben. Diese Wesen den- ken in Begriffen von Jahrtausenden. Iapetus ist die aktivste Feindregion. Man kann sich darauf verlassen, daß er merkt, wenn man ihn durchreisen will, und daß er dann versuchen wird, etwas dagegen zu tun.« Die Gruppe war um die Basis des zentralen Phoebekabels versammelt, das – wie es in Hyperion der Fall war – den Boden in einer weitläufigen Flußbiegung erreichte. Eigentlich war es genauer, wenn man sagte, daß das Kabel die Bie- gung durch einen Vorgang geschaffen hatte, den Cirocco als tausendjährige Senkung bezeichnete. Gäalithisches Be- weismaterial unter dem Kabel bewies, daß in früheren Zei- ten der Ophion zwischen den Strängen hindurchgeflossen war. Als der Torus sich gedehnt hatte, war das Land unter der Verbindungsstelle hochgezogen worden, und der Fluß hatte einen neuen Weg gefunden. »Du hast recht mit Iapetus und Okeanos«, meinte Ciroc- co. »Obwohl ich mir nicht so sicher bin, daß Okeanos noch viel länger ruhig bleiben wird. Hier jedoch haben wir den Fall der einzigen Stelle, wo zwei starke Regionalhirne anei- nandergrenzen, die sich Gäas Herrschaft widersetzen. Rhea ist zu verrückt, um als Feind bezeichnet zu werden. Hinter Tethys liegt Tea, die Gäa noch treu ist, und hinter ihr, Metis, die ein Feind ist, aber feige. Dione ist tot, und dahin- ter…« »Eines der Regionalhirne ist tot?« fragte Robin. »Welche Auswirkungen hat das auf den Lauf der Dinge?« »Nicht so viele, wie man vermuten könnte«, sagte Ciroc- co. »Diones Unglück war es, zwischen Metis und Iapetus eingeklemmt zu sein, als der Krieg ausbrach. Sie war zu loyal, um zu kooperieren oder auch nur im Hintergrund zu bleiben, also griffen die beiden sie an und verwundeten sie tödlich. Sie ist seit drei oder vier Jahrhunderten tot, aber das Land selbst ist noch unbeschadet. Iapetus hat ver- sucht, es zu übernehmen, aber er hatte nicht viel Glück dabei. Ich glaube, daß Gäa in der Lage ist, das meiste zu erledigen, was gemacht werden muß.« »Ich hatte dort ganz schön viel Arbeit«, berichtete Gaby. »In Dione geht alles schneller zugrunde, aber es ist dort schön friedlich.« »Es geht darum«, fuhr Cirocco fort, »daß wir nur hier mit Phoebe und Tethys eine Situation haben, wo zwei starke Feinde Gäas aneinandergrenzen. Ich blimpe darüber hin- weg, wenn ich kann, und ich dachte, ihr zwei solltet wissen, daß euch diese Möglichkeit offensteht, wenn ihr uns jetzt verlassen wollt. Wir wollen Phoebe und Tethys so schnell durchqueren, wie es geht, aber es muß auf dem Landweg geschehen, denn obwohl ich einen Blimp dazu bringen kann, herzukommen und uns aufzulesen, so wird doch kei- ner von ihnen uns von Zentralphoebe nach Zentraltethys bringen, was aber genau mein Weg ist.« Sie betrachtete erst Chris, dann Robin. »Ich bleibe dabei«, sagte Robin. »Aber ich würde gern von hier wegkommen. Ich mache mir Sorgen, daß Kong… du, weißt schon. Es dauert bei mir noch zwei Tage.« »Solange der Wind aus dieser Richtung weht, sind wir nicht in unmittelbarer Gefahr«, meinte Gaby. »Wenn er sich dreht, werden wir sehr schnell werden, das verspreche ich euch. Wie steht’s mit dir, Chris?« Chris dachte ebenfalls immer noch über Kong nach, aber nicht auf die Weise, wie Robin zu vermuten schien. Er war nicht scharf darauf, ein Held zu werden, tot oder lebendig, aber es machte ihm das Wissen zu schaffen, daß dies seine erste wirkliche Gelegenheit war. »Ich bleibe hier«, sagte er. Die Titaniden mochten Phoebe nicht. Sie neigten dazu, bei unerwarteten Geräuschen zusammenzufahren. Valiha trat Robin einmal fast auf die Füße dabei. Sie blieben dicht am Feuer in kurzer Entfernung von den außenliegenden Kabel- strängen und sangen ihre Lieder, die sich für Chris wie Pfei- fen im Dunkeln anhörten. Er machte ihnen keine Vorwürfe. Auch er spürte es. Cirocco hatte gesagt, daß sie nicht damit rechnete, lange wegzubleiben. Es war keine Frage gewesen, daß irgend je- mand mit ihr ging, wenn sie Phoebe besuchte, nicht einmal Gaby. Cirocco wußte, daß Phoebe nicht so weit gehen würde, ihren Säureteich trockenzulegen, also würde sie auf der Treppe stehen und sich mit ihr unterhalten müssen, so gut es eben ging. Es schien wenig Grund dafür zu geben, daß das Zusammentreffen mehr als ein paar Minuten dauern sollte. Cirocco würde Phoebe bitten, in Gäas Arme zurückzukehren und die Vergünstigungen ihrer Liebe zu ernten was bedeute- te, die Folgen ihres Zornes zu vermeiden, da Gäa nur wenig tun konnte, um irgend etwas zu verbessern, aber eine Men- ge, um Phoebe wehzutun. Phoebe würde ablehnen und Ciroc-, co wieder wegschicken, möglicherweise mit einer Demonst- ration der Macht, die sie erschrecken, aber nicht ernsthaft verletzen sollte. Phoebe war nicht dumm. Sie war sich der Speiche bewußt, die auf sie zielte wie ein kosmisches Bela- gerungsgeschütz, und sie wußte von der Großen Presse. Cirocco hatte Chris von der Presse erzählt, die Gäas ent- scheidende Waffe während der Ozeanischen Rebellion gewe- sen war. Das Innere von jeder der sechs Speichen war mit einem dicken grünen Mantel ausgekleidet, der sich bei ge- nauem Hinsehen als die Bäume des vertikalen Waldes ent- puppte. Vertikal war er wegen des Bodens; die Bäume wuch- sen horizontal aus den Speichenwänden und ließen jede Ei- bensequoie zwergenhaft erscheinen. Um die Große Presse einzusetzen, entzog Gäa zunächst dem Wald für mehrere Wochen die Feuchtigkeit. Er verwan- delte sich in den größten Haufen Feuerholz, den man sich vorstellen konnte. Gäa mußte dann nicht mehr zu fest pres- sen, um die Bäume millionenfach zu entwurzeln und in die darunter liegende Nacht regnen zu lassen. Sie hatte das bei Okeanos gemacht, wobei sie die Bäume beim Fallen in Brand gesetzt und dann das untere Speichenventil geschlossen hat- te. Der Feuersturm hatte Okeanos bis auf das Grundgestein verbrannt. Offenkundig war er davon beeindruckt gewesen, denn erst zehntausend Jahre später hatte er es gewagt, Gäa erneut zu trotzen. Die Stunden schleppten sich dahin, ohne daß Cirocco zu- rückkam. Sie war oft genug die Treppen zu den Regionalhir- nen hinab- und wieder heraufgestiegen, um innerhalb weni- ger Minuten zu wissen, wie lange sie für den Weg brauchen würde. Es hatte nicht danach ausgesehen, daß sie mehr als eine Stunde bei Phoebe verbringen sollte, aber diese Zeit, kam und ging vorüber, markiert von den langsamen Bewe- gungen der gyroskopischen Uhr, und immer noch kein Zei- chen von Cirocco. Als Gäa eine weitere Einundsechzig- Minuten-Rev vollendet hatte, gesellte sich Chris zu der Kon- ferenz, die entscheiden sollte, ob die Zelte aufzuschlagen wa- ren. Die Idee fand keine große Zustimmung, obwohl Robin und Chris schon lange Zeit wach waren. Gaby machte sich kaum die Mühe, darüber zu reden; unausgesprochen, aber allen bekannt war die Gewißheit, daß sie über kurz oder lang ihrer alten Freundin folgen würde, mit oder ohne Hilfe. Chris entfernte sich von der Gruppe und streckte sich auf dem trockenen Boden aus. Er richtete seinen Körper nordsüd- lich aus und plazierte die gäanische Uhr auf seinem Bauch, ihre Achse in der ostwestlichen Rotationsebene. Er konnte ihren Gang nicht deutlicher wahrnehmen, als er beobachten konnte, wie Wasser gefror, aber wenn er wegsah und dann wieder zurück, wurde die Bewegung augenscheinlich. Sie hatten auch eine mechanische Uhr, die viel nützlicher war, weil sie ständig lief, unabhängig von einer Orientierung, aber die gyroskopische machte mehr Spaß. Er glaubte zu spüren, wie sich Gäa unter ihm drehte. Er erinnerte sich an ein ähn- liches Gefühl in einer klaren Nacht daheim auf der Erde, und plötzlich wollte er wieder nach Hause, geheilt oder nicht. Es war nicht dasselbe, von der Großartigkeit einer sternenkla- ren Nacht überwältigt zu werden, wie hinaufzublicken in die dunkle, hochragende Speiche zu einem ungesehenen und doch greifbaren Himmel. »Schnallt euch diese Taschen um, ihr Quartett vierfüßiger Quacksalber!« »Wie wäre es, wenn ich diesmal auf dir ritte, Käptn?« schrie Hornpipe., »He, Rocky, wie kannst du so lange das Gleichgewicht halten?« Ihre Rückkehr holte Chris von der Grenze zum Schlaf zu- rück. Die Gruppe wurde in einen Energiewirbel verwandelt, den Cirocco dazu formierte, das provisorische Lager abzu- brechen und sich wieder in die Kanus zu begeben. Aber schließlich stellte Gaby die Frage, die sie alle beantwortet haben wollten. »Wie war es, Rocky?« »Nicht schlecht, nicht schlecht, schätze ich. Sie war… red- seliger, als ich sie je erlebt habe. Ich bekam beinahe den Eindruck, daß sie es war, die…« Sie blickte auf und in Chris’ Augen, schürzte dann die Lippen. »Ich erzähl es dir später. Aber ich bin nervös. Nichts, worauf ich die Finger legen könnte, aber ich habe das Gefühl, daß sie etwas im Schilde führt. Je schneller wir rauskommen, desto besser ist mir zumute.« »Mir auch«, sagte Gaby. »Laß uns aufbrechen!« Chris hatte eigene Sorgen, als er sich rittlings auf Valiha schwang. Seine Handflächen waren feucht, er hatte ein Flat- tern im Magen, und Hitzewellen überschwemmten seinen Körper. Als er diese Symptome mit einem Gefühl der Vor- ahnung kombinierte, das über ihn hinwegkroch, war er sich so sicher wie nur je zuvor, daß ein neuer Anfall bevorstand. Also was? Es durchstehen; es geschehen lassen; diese Leute konnten auf sich selbst aufpassen. Wenn irgend je- mand verletzt werden würde, dann er, nicht sie. Es war nicht das erstemal, daß er daran dachte, jemandem zu sa- gen, daß ein Anfall kam. Wieder entschied er sich dagegen, entschloß sich, nichts zu sagen. Ein Teil von ihm wußte, daß diese Unschlüssigkeit die perfekte Verteidigung war, denn es, gab nur eine kleine Chance, daß er handeln würde, bevor es zu spät war. Nein! Nicht diesmal. Er wandte sich Gaby zu, die einen Me- ter rechts von ihm ritt. Als er es tat, sah er im Augenwinkel, daß Valiha den Kopf herumgedreht hatte, um ihn anzuschau- en, und im anderen erkannte er das Aufflackern einer Bewe- gung. Er erkannte es einen Sekundenbruchteil vor Valiha. Nur ein klaffender, vor Dornen strotzender Mund, der sich schwei- gend weitete, ein von einer dünnen horizontalen Linie durch- schnittener Kreis. Eben noch weit entfernt, war es plötzlich über ihnen, einfach nur so. Nur so wenig Zeit. Chris sprang und traf Gaby heftig genug, um sie von Psalte- rys Rücken zu werfen. »Runter! Runter mit euch!« schrie er, während Valiha einen titanidischen Alarm kreischte. Der Lärm schlug zu wie eine Faust, massiv wie eine Lawine, als die Flugbombe ihren Brenner zündete und in nicht mehr als einen Meter Höhe zu beschleunigen begann. Die Luft pul- sierte unter dem Rhythmus der Maschine; dann wurde Chris von etwas geblendet, das ein in seinen Augen explodierendes Blitzlicht zu sein schien, und der Lärm dehnte sich weit die Tonleiter hinunter. Er führte die Hand an den Hinterkopf und spürte, daß sein Haar zu kleinen Knoten versengt war. Gaby kämpfte sich unter ihm hervor und rang nach Luft. Robin lag zehn Meter weiter hingestreckt, und sie hielt die Hände vor sich zusammengepreßt. Eine dünne blauweiße Linie entwuchs ihren Fäusten, rasch gefolgt von einer ande- ren. Die winzigen Sprengköpfe zerplatzten wie Feuerwerks- frösche, weitab von ihrem Ziel. »Sie kam vom Kabel!« rief Cirocco. »Alle unten bleiben!«, Chris tat wie geheißen und wand sich dann auf dem Boden, bis er die vor dem Hintergrund des umgewühlten Sandes von Tethys deutlich hervorstechende Silhouette erkannte. Er er- kannte, daß das sie gerettet hatte; er hatte die Bewegung der Flugbombe gesehen, bevor diese bereit gewesen war, während des letzten Abschnittes ihres Sturzes von einem Sitz auf dem Kabel. »Da ist noch eine!« warnte Cirocco. Chris versuchte, Rückgrat und Bauch zusammenzubringen. Der zweite An- greifer dröhnte rechts von ihm vorbei, Sekunden später in Staffelformation gefolgt von zwei weiteren. »Das gefällt mir nicht!« schrie Gaby unmittelbar neben Chris’ linkem Ohr. »Die Titaniden sind zu groß und der Bo- den ist zu flach.« Chris drehte sich um und sah ihr dreck- verschmiertes Gesicht ein paar Zentimeter vor dem seinen. Er spürte, daß seine Hand leicht gedrückt wurde. »Danke«, flüsterte sie. »Mir gefällt das auch nicht!« rief Cirocco zurück. »Aber wir können noch nicht wieder aufstehen.« »Kriecht zur niedrigsten Stelle, die ihr finden könnt«, schlug Gaby vor. »Komm schon!« sagte sie ruhig. »Psaltery hat schon den tiefsten Fleck hier in der Nähe.« Der braunhäutige Titanide lag zwei Meter hinter ihnen im Zentrum einer Senke, die selbst Wunschdenken nicht tiefer als vierzig Zentimeter machen konnte. Gaby tätschelte Psal- terys Flanke, als Chris sich neben ihnen hereindrängte. »Nicht aufstehen und Umschau halten, alter Freund«, sagte Gaby. »Werde ich nicht. Behalte du den Kopf unten, Boß!« Psalte- ry hustete, ein seltsames und merkwürdig melodiöses Ge- räusch., »Alles in Ordnung?« fragte Gaby. »Ich bin ganz schön hart zu Boden gegangen«, war alles, was er sagen wollte. »Wir werden Hautbois nachschauen lassen, wenn wir he- rauskommen. Verdammt!« Sie wischte sich die Hände an der Hose ab. »Konntest du denn nicht wissen, daß wir auf dem einzigen Flecken feuchten Bodens auf diesem stinken- den Hügel landen würden?« »Nordwest!« rief Valiha von einer Position aus, die Chris nicht sehen konnte. Er versuchte nicht, die näherkom- mende Flugbombe zu erkennen, sondern hatte Erfolg damit, sich kleiner und flacher zu machen, als er je für möglich gehalten hätte. Das Monster dröhnte vorbei, wiederum ge- folgt von zwei anderen. Er wunderte sich, warum die erste nicht mit einer Formation gekommen war. Als er einen Blick riskierte, konnte er tatsächlich sehen, wie eine vom Kabel wegstürzte. Sie war nur ein Klecks und mußte drei Kilometer hoch gehockt haben. Dort hatte sie mit der Nase nach unten gehangen und auf die richtige Gelegenheit gewartet. Sie hätte sich bei ihrer Annäherung an das Kabel auf sie stürzen können, aber Verstand genug gehabt, um zu wissen, daß die Gruppe, wenn sie sich entfernte, ihr den Rü- cken zuwenden mußte. Diese eine schien auch zu wissen, daß es jetzt nutzlos war, einen Angriff zu versuchen. Sie zog fünfzig Meter über ihnen vorbei und schnaubte eine unverschämte Herausforderung. Eine weitere zündete kurz nach dem Absturz vom Kabel und konnte nicht widerstehen, einen Vorüberflug in etwa dersel- ben Höhe zu machen. Das war ein böser Fehler, denn sie bot Robin ein gutes Ziel aus nicht allzu großer Entfernung, viel Zeit, es zu verfolgen, und drei Versuche zu treffen. Der zwei-, te und der dritte Schuß saßen. Chris erwischte noch einen Blick auf die schnelle Gestalt, als sie von den winzigen Blitzen der explodierenden Kugeln erwischt wurde. Es handelte sich um einen spitz zulaufenden Zylinder mit nach hinten ausge- streckten starren Flügeln und einem doppelten Schwanz. Un- ter dem Flügel starrte ein Auge hervor. Die Flugbombe war ein großer schwarzer Hai des Himmels, ganz Maul und Appe- tit, und zusätzlich mit Geräuscheffekten. Für einen Moment sah es so aus, als ob Robins Schüsse der Kreatur gar keinen Schaden zufügten. Dann begann sie Feuer zu bluten, das sich über den Himmel ergoß, und die Land- schaft wurde von einem matt-orangefarbenen Licht über- spült. Chris blickte rechtzeitig auf, um die Explosion zu sehen, und konnte sie kaum hören wegen des schrillen, trällernden Siegesschreies von Robin der Neunfingrigen. Sie alle sahen zu, wie die Kreatur sich aufbäumte und ihr Todes wälzen begann. Ein hochfrequentes Wehklagen ertön- te, kurz bevor sie auf der anderen Seite des Ophion auf- schlug. »Schick mir mehr Flugbomben!« schrie sie., Als zehn Minuten ohne weitere Anzeichen dieser Kreaturen vergangen waren, kroch Cirocco zu Gaby und schlug vor, ein Rennen zu den Booten zu veranstalten. Chris war so- fort dafür; das Reisen auf dem Fluß machte ihm Sorgen, aber alles war besser, als auf diesem kleinen Flecken Erdbo- den zu kauern. »Hört sich gut an«, stimmte Gaby zu. »Hier ist der Plan, Leute: Verschwendet keine Zeit! Wenn ich das Signal gebe, steigen wir auf und halten mit Höchstgeschwindigkeit auf die Boote zu! Reitet mit dem Gesicht nach hinten und haltet die Augen offen! Wir müssen alle Himmelsrichtungen be- achten und bereit sein, uns sofort auf den Boden zu werfen, weil wir vielleicht nicht mehr als zwei oder drei Sekunden haben werden. Irgendwelche Fragen?« »Ich glaube, du mußt dir ein anderes Reittier suchen«, sagte Psaltery ruhig. »Was? Ist es so schlimm? Was ist es, dein Bein?« »Schlimmer, glaube ich.« »Gib mir diese Lampe, ja, Rocky? Danke. Jetzt…« Sie er- starrte, schrie bestürzt auf und ließ die Lampe fallen. In ih- rem weichen Licht hatte Chris gesehen, daß ihre Hände und Arme mit dunkelrotem Blut verschmiert waren. »Was hat sie mit dir gemacht?« stöhnte Gaby. Sie fiel auf den hingestreckten Körper und versuchte, ihn umzudre- hen. Cirocco rief Hautbois zu, sie möge rasch herkommen, und befahl dann Robin und Valiha, Wache zu halten. Chris erkannte, daß der klebrige Schlamm auf seinem eigenen Gesicht und seiner Brust mit dem vergossenen Blut Psalte- rys vermischt war. Entsetzt wich er zurück. Der Titanide hatte schrecklich geblutet und lag in einer großen Lache. »Nicht, nicht«, protestierte er, als Gaby und Hautbois ihn, umzudrehen versuchten. Hautbois hörte auf, aber Gaby be- fahl ihr weiterzumachen. Die Titanidenheilerin hielt den Kopf dicht an den Psalterys und lauschte für einen Moment. »Es hat keinen Zweck«, sagte sie. »Sein Tod ist gekom- men.« »Er kann nicht tot sein.« »Er lebt noch. Komm, sing ihm Auf Wiedersehen, solange er noch hört!« Chris ging weg und kniete neben Robin nie- der. Sie sagte nichts, schaute ihn nur einen Moment lang an und beobachtete dann weiterhin den Nachthimmel. Er erin- nerte sich zitternd, daß er noch Minuten vorher sicher gewe- sen war, ein weiterer Anfall sei im Anzug. Tatsächlich war ei- ner erfolgt, aber nicht von der Art, mit der er gerechnet hatte. Alle schwiegen, als Hautbois und Gaby ihren Gesang an- stimmten. Hautbois’ Stimme war süß und melodiös und oh- ne Gram. Chris wünschte sich, er könne es verstehen. Gaby würde nie eine gute Sängerin werden, aber das spielte keine Rolle. Sie stockte, machte aber stets weiter. Schließlich war nur noch ihr Schluchzen zu hören. Cirocco bestand darauf, den Leichnam umzudrehen. Sie mußten die tödliche Wunde untersuchen, sagte sie, um zu verstehen, wie es passiert war, und um mehr über die Flug- bomben zu erfahren. Gaby wehrte sich nicht dagegen, hielt sich aber ein Stück abseits. Als sie seine Beine anhoben und ihn umzudrehen begannen, ergoß sich ein ganzer Haufen formloser Nässe in den Schlamm. Chris stürzte davon und fiel auf Hände und Knie. Sein Magen würgte noch lange, nachdem er bereits völlig ent- leert war., Später erfuhr er, daß die Wunde über Psalterys ganze Kör- perlänge verlaufen war und beinahe seinen Menschenrumpf vom Unterkörper getrennt hätte. Sie kamen zu dem Entschluß, daß der lange rechte Flügel der Kreatur an seiner Flanke entlanggeschnitten hatte, Sekunden nachdem Chris Gaby zu Boden geworfen hatte. Der Schnitt war zwei Hand- breiten tief; der Flügel mußte vorne rasiermesserscharf gewe- sen sein. Sie brachten Psaltery zum Ufer des Flusses, an eine Stelle, die durch ein paar Bäume vor einem Angriff geschützt war. Chris blieb mit Robin zurück und beobachtete, wie Gaby nie- derkniete und das hell-orangefarbene Haar abschnitt, dann aufstand und es fest verknotete. Ohne Zeremonie versam- melten sich die drei. Die Titaniden rollten den Leichnam ins Wasser und stießen ihn mit langen Stangen in die Strömung hinaus. Psaltery war eine dunkle Gestalt, die in den kleinen Wellen hüpfte. Chris blickte ihr nach, bis er außer Sicht ver- schwand. Sie blieben noch für weitere zehn Revs, denn sie wollten den Toten nicht einholen. Niemandem war danach, viel zu machen, und es wurde nur sehr wenig geredet. Die Titan- iden verbrachten die Zeit mit Weben und leisem Gesang. Als Chris Cirocco bat, die Lieder für ihn zu übersetzen, sagte sie, daß sie sich alle um Psaltery drehten. »Es sind keine besonders traurigen Lieder«, sagte sie. »Keiner von diesen drei hat Psaltery wirklich nahe gestan- den. Aber selbst seine besten Freunde würden nicht auf diese Weise trauern, wie wir es tun. Vergiß nicht, für sie ist er nicht mehr. Er existiert nicht mehr. Aber er hat einmal existiert, und wenn er in irgendeinem Sinn weiterleben soll, dann in Liedern. Also singen sie davon, was er für sie dar-, stellte. Sie singen von den Dingen, die ihn zu einem guten Titaniden machten; sie formen ein Bild von ihm. Das unter- scheidet sich nicht sehr von dem, was wir machen, abgese- hen davon, daß sie nicht an ein Leben nach dem Tode glau- ben. Deswegen ist es für sie doppelt wichtig, glaube ich.« »Ich bin Atheist«, sagte Chris. »Ich ebenfalls. Aber das ist etwas anderes. Wir beide mußten die Vorstellung von einem Leben nach dem Tode zurückweisen, selbst wenn man uns nicht dazu erzogen hätte, daran zu glauben, denn alle menschlichen Kulturen sind von dieser Idee durchdrungen. Man findet sie, wohin man sich auch wendet. Deshalb glaube ich, daß es im Hin- tergrund deines und meines Kopfes – egal, wie sehr wir es leugnen – einen Teil gibt, der hofft, daß wir unrecht haben, sich vielleicht sogar sicher ist, daß der rationale Verstand sich irrt. Selbst Atheisten erfahren außerkörperliche Um- wandlungen, wenn sie sterben und wiederbelebt werden. Das liegt tief in unserer Seele, aber bei den Titaniden exis- tiert so etwas nicht. Was mich überrascht, ist, daß sie an- gesichts dessen eine so fröhliche Rasse sind. Ich frage mich, ob Gäa ihnen auch das einprogrammiert hat, oder ob es ihre eigene Erfindung ist. Ich möchte sie nicht fragen, weil ich es nicht wirklich wissen will; ich ziehe es vor zu glauben, daß es der besondere Genius der Titaniden ist, sich über die Sinnlosigkeit von allem zu erheben, das Leben so sehr zu lieben und nicht mehr von Gäa zu fordern.« Chris hatte nie über die Vorteile eines »anständigen Begräb- nisses« nachgedacht. In seiner menschlichen Art konnte er nicht anders, als den Leib mit der Person identifizieren. Diese Verknüpfung war es, die Menschen dazu brachte, ihre, Toten in Särgen zu verschließen, um die Würmer fernzuhal- ten, oder sie zu verbrennen und damit jede Möglichkeit des Gefressenwerdens zu beseitigen. Das Flußbegräbnis hatte eine gewisse ländliche Poesie an sich gehabt, aber der Ophion scherte sich nicht darum, die Würde der Toten zu wahren. Der Fluß warf Psaltery auf eine Morastfläche drei Kilometer stromabwärts. Als sie an sei- nem zerstörten Körper vorbeifuhren, warfen die Titaniden nicht einmal einen flüchtigen Blick darauf. Chris konnte nicht wegsehen. Der von Aasfressern wimmelnde Leichnam verfolgte ihn noch lange im Schlaf. Triana Karten von Gäa zeigten die sechs Nachtregionen oft schat- tiert, um hervorzuheben, daß die Sonne dort niemals schien. Das machte die Tage um so lebendiger. Tethys wur- de üblicherweise in Gelb oder Hellbraun gedruckt, um anzu- zeigen, daß sie eine Wüstenregion war. Deshalb glaubten Reisende manchmal, die Wüste beginne in der Phoebe- Tethys-Dämmerungszone. Das war jedoch nicht der Fall. Der feste, kahle Fels und der Treibsand umschlossen den zentralen Phoebe-Sumpf und streckten nördlich und südlich davon unfruchtbare Arme vorbei, die im Westen bis zu den Zentralkabeln reichten., Der Ophion durchfloß die Mitte des östlichen Phoebe ge- nau in östlicher Richtung und höhlte dabei augenscheinlich eine hundert Kilometer lange Wasserrinne aus, die als ›Schlucht der Verwirrung‹ bekannt war. Wie der Name schon nahelegte, paßten innerhalb Gäas nur wenige geolo- gische Vorstellungen. Die Schlucht war dort, weil Gäa sie haben wollte; ihre drei Millionen Jahre waren bei weitem nicht genug, daß Wasser so tief schneiden konnte. Trotz- dem war sie eine annehmbare Imitation, wenn sie auch ei- ne engere Verwandtschaft zum marsianischen Tithonius La- cus aufwies als zum hydrologisch geformten Grand Canyon. Warum Gäa sich entschlossen hatte, eine solche planetari- sche Geologie zu imitieren, konnte niemand sagen. Nachdem sie den Fluß einige Zeit hinabgefahren waren, war Robin in der Lage, auf der Spitze der Schlucht zu stehen und nach unten dorthin zu schauen, wo sie vorher gewesen war. Wie in Rhea waren Flußpumpen dafür verantwortlich. Sie hatten zwei schwierige Portagen hinter sich gebracht, wobei Robin ihre bergsteigerischen Fähigkeiten vergrößert hatte. Die Flugbomben hatten die Landstraße zu gefährlich gemacht, da sie durch das nördliche Tafelland führte und damit Angriffen zu sehr offenstand. Die Reisenden waren dankbar für die jäh aufsteigenden schützenden Felswände, selbst während sie sich daran empormühten. Alles in allem dauerte es drei Hektorevs, aus der Schlucht herauszukommen. Das war bis jetzt ihr langsamstes Voran- kommen. Das frische Obst, das die appetitlichere Portion ihrer Mahlzeiten gebildet hatte, war jetzt nicht mehr zu finden. Sie ernährten sich von getrockneten Vorräten aus ihrem Gepäck, und es gab noch Wild zu erlegen. Als sie einmal ein Plateau fanden, wo es eine Menge kleiner, schuppiger, zehnbeiniger, Geschöpfe gab, töteten die Titaniden mehr als hundert da- von und verbrachten drei Tage damit, sie mit Rauch und er- haltenden Mitteln zu konservieren, die sie aus Blättern und Wurzeln gewannen. Robin hatte sich noch nie stärker gefühlt. Zu ihrer Überra- schung hatte sie gemerkt, daß das harte Leben ihr lag. Sie wachte schnell auf, aß eine Menge und schlief am Ende des Tages gut. Sie glaubte, vielleicht wirklich glücklich sein zu können, wäre da nicht Psalterys Tod gewesen. Und seit langer Zeit hatte sie das nicht mehr sagen können. Es war merkwürdig desorientierend, den Ophion am Rand des Tages aufhören zu sehen, aber genau das tat er. Am östlichen Ende der Tagesregion ergoß er sich in einen kleinen braunen See, der Triana genannt wurde, und kam an der anderen Seite nicht wieder zum Vorschein. Der Fluß war bis jetzt auf ihrem Weg der konstante Faktor gewesen; sie hatten ihn nur verlassen, um die Pumpen zu umgehen. Sogar Nox und das Dämmerungsmeer waren nur breite Stellen im Fluß. Dies hier schien Robin ein böses Omen zu sein. Dieses Omen wurde zu nichts vor dem Anblick, dem sie sich gegenübersahen, als sie ihre verkleinerte Flotte ans trianiani- sche Ufer paddelten. Es war eine Knochenlagerstätte. Die Ü- berbleibsel der Skelette von einer Milliarde Kreaturen lagen über den weißen Sandstrand verstreut und formten große stille Wellen und Dünen, aufgehäuft zu krüppelhaften Lei- densstätten. Als sie das Ufer erreichten, standen sie im Schatten einer einzelnen Knochenplatte, die acht Meter hoch war, während sie unter den Füßen die Rippen von Kreaturen zermalmten, die kleiner gewesen waren als Mäu- se., Es sah aus wie das Ende aller Dinge. Robin, die sich selbst nicht für abergläubisch hielt, konnte ein Gefühl der Vorah- nung nicht abschütteln. Selten nur bemerkte sie die fahle Beschaffenheit des gäanischen Tageslichtes. Jedermann sprach von dem »ständigen Nachmittag«, der im Torus herrschte; Robin hatte es auch oft geschafft, ihn sich als Morgen vorzustellen. Aber hier nicht. Das Ufer von Triana war in einem Augenblick kurz vor dem Ende der Zeiten er- starrt. Die aufgehäuften Knochen bildeten die nekropolita- nische Skyline des Todes, in die ungeheure braune Wüste von Tethys gesetzt. Robin erinnerte sich an etwas, das Gaby gesagt hatte, als sie den Ophion mit einer Toilette verglich. Von Triana aus gesehen schien es gewiß so zu sein. All die Toten aus dem großen Rad waren gekommen, um an den Ufern des Sees zu ruhen. Beinahe hätte sie etwas zu Gaby gesagt und konnte gerade noch rechtzeitig innehalten. Psaltery würde wahr- scheinlich hier enden. »Schlechtes Gefühl, Robin?« Sie blickte auf und erkannte, daß Cirocco ihr gegenüber- stand. Sie schüttelte sich, um das Gefühl der Melancholie loszuwerden, das sich in sie gestohlen hatte. Es half nicht viel. Cirocco legte ihr eine Hand auf die Schulter und führte sie zum Strand hinunter. Vor ein paar Wochen noch hätte Robin diese Geste zurückgewiesen, aber jetzt hieß sie sie willkommen. Der Sand war so fein wie Puderzucker und angenehm heiß zwischen den Zehen. »Laß dich davon nicht bedrücken!« sagte Cirocco. »Es ist nicht so, wie es aussieht.« »Ich bin mir nicht sicher, wonach es aussieht.« »Es handelt sich nicht um Gäas Mülleimer. Es ist ein, Friedhof. Aber nicht das Ende des Ophion. Der Fluß setzt sich unterirdisch fort und kommt an der anderen Seite von Tethys wieder hervor. Die Knochen wurden von Aasfressern hergebracht. Sie sind, etwa einen halben Meter lang, und eine Form von ihnen lebt im Sand und die andere im See. Eine komplizierte Ge- schichte, aber sie läuft darauf hinaus, daß keine von beiden ohne die andere zurechtkommt. Sie treffen sich hier am Ufer, um Geschenke auszutauschen, sich zu paaren und zu laichen. Ein in Gäa übliches Muster.« »Mich bedrückt das hier einfach«, meinte Robin. »Die Titaniden lieben diesen Ort. Nicht viele von ihnen kommen hierher, aber diejenigen, die es tun, machen eine Menge Fotos, um sie den Leuten zu Hause zu zeigen. Ir- gendwie hübsch, wenn man sich daran gewöhnen kann.« »Ich glaube nicht, daß ich es könnte.« Robin wischte sich die Stirn, zog sich dann das Hemd aus und trat ans Wasser. Sie durchtränkte das Hemd, wrang es aus und zog es wieder an. »Warum ist es hier so heiß? Die Sonne reicht nicht aus, um einem die Haut zu wärmen, aber der Sand glüht.« »Es kommt von unten. Alle Regionen werden von unterir- disch verlaufenden Flüssigkeiten beheizt oder gekühlt. Die Flüssigkeiten werden in die großen Flossen im All gepumpt, um auf der Sonnenseite aufgeheizt oder auf der dunklen Seite abgekühlt zu werden.« Robin blickte in Ciroccos braunes Gesicht und auf die son- nengebräunte Haut ihrer nackten Arme und Beine. Sie erin- nerte sich daran, daß der Körper unter der roten Decke, die offensichtlich das einzige Kleidungsstück in ihrem Besitz war, genauso braun war. Aber verdammt, es sah aus wie Son- nenbräune, und das machte Robin jetzt schon seit Wochen zu schaffen. Ihre eigene Haut war jetzt noch so milchweiß wie am Tage ihrer Ankunft. »Sind du und Gaby von Natur aus dunkelhäutig? Ihr seht nicht danach aus, aber ich kann nicht glauben, daß ihr diese, Sonnenbräune hier drin bekamt.« »Ich bin ein wenig dunkler als Gaby, aber sie ist so hell wie du. Und du hast recht, die Sonne ist nicht dafür verantwort- lich. Vielleicht erzähle ich dir einmal davon.« Sie blieb stehen und blickte nach Osten. Dort war eine Lücke in den hohen Knochenhügeln, und es wurde möglich, eine Kette niedriger Berge in einigen Kilometern Entfernung zu sehen. Sie drehte sich um und rief nach der Gruppe, die sich in etwa 200 Me- ter Entfernung am Strand aufhielt. »Wenn ihr die Boote auseinandergenommen habt«, rief Cirocco, »kommt hier- her zu uns!« In wenigen Minuten waren alle um Cirocco versammelt, die auf dem Sand hockte und mit den Fingern eine längliche Karte zeichnete. »Phoebe, Tethys, Thea«, sagte sie. »Triana.« Sie formte einen kleinen Kreis und zeichnete daraufhin eine Reihe von Gipfeln unmittelbar östlich davon. »Die Euphonische Kette, und nördlich davon, hier, die Nordwindkette. Und hier draußen für sich, La Oreja de Oro.« Sie warf Chris einen kurzen Blick zu. »Das bedeutet ›Ohr des Goldes‹, und dort stellt sich die Möglichkeit einer Aufgabe, wenn du interes- siert bist. Ansonsten würden wir ihm nicht nahekommen.« »Nicht interessiert«, sagte Chris mit einem amüsierten Lä- cheln. »Okay. Im Osten…« »Bekommen wir die Geschichte nicht zu hören?« fragte Robin erneut gegen besseres Wissen. »Nicht nötig«, meinte Cirocco. »Das Ohr des Goldes kann uns auf keinen Fall zu schaffen machen, solange wir nicht hingehen. Es stellt nicht wie Kong eine bewegliche Drohung dar.« Während Robin sich noch fragte, ob mit ihr gespielt, wurde, zeichnete Cirocco eine lange Reihe von Gipfeln von Norden nach Süden über die ganze Breite von Tethys hin- weg. »Die Königsblaue Kette. Jemand war da in einem poeti- schen Geisteszustand, nehme ich an. Diese Berge nehmen eine blaue Färbung an, wenn die Luft entsprechend ist, aber zum größten Teil sind es recht langweilige Erhebungen. Ein paar felsige Steilhänge, aber wenn man hier die südlichen Hänge hinaufsteigt, kann man ohne große Schwierigkeiten von einem Gipfel zum anderen kommen. Die Straße verläuft vom See aus nordöstlich, durch die große Fläche zwischen den Nordwind- und den Euphoni- schen Bergen, die man Tethys-Lücke nennt.« Sie hob den ausdruckslosen Blick. »Oder, wie sie manchmal genannt wird, der Zahnorthopäden-Paß.« »Wenn man von unserer Übereinkunft absieht, diesen Witz nicht mehr zu gebrauchen«, sagte Gaby. Cirocco grinste. »Ich bitte um Entschuldigung. Jedenfalls geht die Straße nach der Lücke genau in östliche Richtung über eine ganze Menge allmählicher Steigungen und Gefälle, kommt am Zentralkabel vorbei, überquert die Königsblaue Kette, und so weiter, bis zu diesem See mit dem Schrägkabel in der Mitte, der Valencia heißt. Ah ja, er ist gewissermaßen orangefarben.« »Mit einem sehr langen Stiel«, warf Gaby ein. »Richtig. Nun, der Name ist nicht von mir.« Sie richtete sich auf und klopfte sich darauf den Sand von den Hän- den. »Offen gesagt«, meinte sie, »weiß ich nicht, was von hier an das Beste wäre. Ursprünglich hatten wir geplant, der Straße zu folgen und uns nicht zu viele Sorgen wegen der, Sandgeister zu machen, aber wo wir jetzt…« »Sandgeister?« fragte Chris. »Mehr von ihnen später. Wie ich schon sagte, mache ich mir im Moment mehr Sorgen wegen der Flugbomben. Wir hatten noch nie von einem gemeinschaftlichen Angriff ge- hört, wie er in Phoebe passiert ist. Zuvor waren sie stets Einzelgänger. Es könnte sein, daß wir einen Nistplatz ge- stört haben, aber es besteht auch die Möglichkeit, daß sie ein neues Verhalten an den Tag legen. In Gäa kann das passieren.« Gaby hatte die Arme vor sich verschränkt und betrachtete Cirocco fest mit einem Blick, dem diese nicht begegnen wollte. »Es ist auch möglich, daß der Angriff vorsätzlich war«, meinte Gaby. Robin sah von einer zur anderen. »Was meinst du da- mit?« »Mach dir keine Gedanken«, sagte Cirocco schnell. »Ich glaube es nicht, und wenn es doch so war, dann waren sie hinter keinem von euch her.« Robin vermutete daraufhin, daß Gaby und Cirocco sich fragten, ob die Sache etwas mit Ciroccos Besuch bei Phoebe zu tun hatte. Möglicherweise hatte Phoebe einigen Einfluß bei den Flugbomben und sie zu dem Versuch überredet, Gäas Magier zu töten. Wieder einmal wurde sich Robin des merkwürdigen Lebens bewußt, das diese beiden Frauen führten. »Die andere Möglichkeit besteht darin, über die Berge zu gehen«, fuhr Cirocco fort. »Sie würden uns etwas Schutz vor den Flugbomben gewähren, obwohl wir weiterhin wachsam bleiben müßten. Ich schlage vor, daß wir hier die, Euphonischen Berge hinunter gehen.« Sie kniete sich wie- der hin und zeichnete die Route, während sie redete. »Es ist nur ein kurzer Sprung von hier bis zu den Bergen, nicht mehr als zwanzig Kilometer, und es sind etwa dreißig vom Ende der Euphons bis zu den südlichen Ausläufern der Kö- nigsblauen. Wie lange würde das denn dauern, Hornpi- pe?« Der Titanide überlegte. »Da auf einem von uns jetzt im- mer Gaby dazukommt, wird der langsamer gehen. Wir könnten es so einrichten, daß sie im Verlauf der Reise zweimal das Reittier wechselt. Ich würde sagen, wir könn- ten es in einer Rev schaffen, wenn wir selbst das Tempo bestimmen. Eher zwei oder zweieinhalb für die zweite Ü- berquerung, weil wir dann müde sein werden.« »Okay. Egal, wie wir es auch betrachten, auf dieser Route würden wir langsamer sein.« »Vielleicht habe ich etwas überhört«, sagte Robin. »Haben wir eine Verabredung?« Cirocco lächelte. »Damit hast du recht. Besser sicher als schnell. Ich bin mir selbst nicht sicher. Ich schätze, wir könnten unseren Weg zum Zentralkabel machen, uns dort beeilen, und wenn wir bis dahin keine Flugbomben zu Ge- sicht bekommen haben, könnten wir erneut eine Entschei- dung treffen, ob wir uns an die Landstraße halten. Aber ich würde gerne hören, was ihr meint.« Sie ließ den Blick über die Gesichter der anderen schweifen. Robin hatte bis zu diesem Moment noch nicht erkannt gehabt, daß Cirocco die Gruppe übernommen hatte. Es war eine merkwürdige Methode, das zu machen – die anderen sechs um einen Ratschlag zu ihrer Entscheidung zu bitten –, aber die Tatsache blieb, daß es vor einer Woche noch, Gaby gewesen wäre, die die Frage gestellt hätte. Sie blick- te zu Gaby und konnte bei ihr keinen Unmut erkennen. Tatsächlich schien sie glücklicher zu sein, als sie es seit Psalterys Tod gewesen war. Sie kamen zu der Übereinkunft, der Gebirgsroute zu fol- gen, da sie diejenige zu sein schien, die von Cirocco bevor- zugt wurde. Sie stiegen auf, Gaby für das erste Drittel der Reise hinter Cirocco, und brachen auf unter einem Himmel, der sich im Westen zu bewölken begann. Durch die Wüste Die Wolken erreichten sie, als die Titaniden sich nach ihrem langen Lauf durch die Dünen zwischen Triana und den Vor- bergen der Euphons ausruhten. Cirocco blickte kurz zu Hornpipe, der seine Uhr konsultierte. »Die zweite Dezirev der siebenundachtzigsten«, infor- mierte er sie. »Genau rechtzeitig.« Chris verstand einen Moment lang nicht. »Du meinst, daß du…« Cirocco zuckte die Achseln. »Ich habe die Wolken nicht gemacht, aber um sie gebeten. Ich sprach schon in der Schlucht mit Gäa, und sie sagte, sie könne mir eine Bewöl- kung liefern, würde aber nicht so weit gehen, einen Regen, zu erzeugen. Man kann nicht alles haben.« »Ich verstehe nicht, wozu du Wolken haben möchtest.« Oder wie man nur um sie bitten konnte, fügte er in Gedan- ken hinzu. »Weil ich euch noch nichts von den Sandgeistern erzählt habe. Hornpipe, seid ihr bereit, jetzt wieder aufzubrechen?« Als die Titaniden nickten, stand Cirocco auf und wischte sich den Sand von den Beinen. »Laßt uns aufsteigen, und ich erzähle es euch unterwegs.« »Sandgeister sind Wesen auf Silikonbasis. Wir geben ihnen diesen Namen, weil sie im Sand leben und durchscheinend sind. Sie wären verteufelt schwer zu bekämpfen, wenn sie in einer Nachtregion lebten, aber in Tethys kann man sie gut genug sehen. Der wissenschaftliche Name für sie wäre etwas wie Hydrophobicus gäani. Vielleicht irre ich mich bei den Endun- gen. Das beschreibt sie ganz gut. Sie sind intelligent und be- sitzen die entzückende charakterliche Veranlagung tollwütiger Hunde. Ich habe zweimal unter sorgfältig kontrollierten Um- ständen mit ihnen gesprochen. Sie sind so von Fremden- angst erfüllt, daß der Begriff ›Fanatismus‹ mitleiderregend unpassend ist; Rassisten in der zehnten Potenz. Für sie gibt es nur die Rasse der Geister und Gäa, alle anderen sind nur Nahrung oder Feinde. Sie machen nur dann eine Pause da- bei, wenn sie einen töten, wenn sie sich nicht sicher sind, was man ist; wahrscheinlicher ist aber, daß sie einen zuerst um- bringen und dann entscheiden.« »Es ist ein schlimmes Volk«, bestätigte Valiha feierlich. Die Titaniden gingen jetzt zu dritt nebeneinander, so daß Cirocco Chris und Robin von den Geistern erzählen konnte., Chris war sich nicht sicher, ob das eine gute Strategie war, und er fuhr damit fort, nervös den Himmel zu durchforschen. Die Euphonischen Berge waren zerklüfteter als die Dünen, die sie gerade durchquert hatten, aber für seinen Geschmack nicht genug. Er hätte sich besser gefühlt in Schluchten, die so eng waren, daß sie hintereinander gehen mußten. Die voraus liegenden Berge waren höher und ragten manchmal in Tafel- land ähnlichen Formationen empor. Natürlich, je zerklüfteter die Landschaft war, desto langsamer kamen sie voran, und würden so länger im Land der Sandgeister bleiben. Alles in allem fürchtete er die Flugbomben mehr. Vielleicht würde er seine Meinung ändern, wenn er die Geister zu Ge- sicht bekam. »Sie leben im Sand«, sagte Cirocco gerade. »Sie können darin laufen oder schwimmen oder sowas, und sie tun das etwa so schnell, wie ich auf dem Boden laufen kann. Ihre Existenz ist ziemlich gefährdet, da Wasser für sie giftig ist. Ich meine, wenn es ihre Körper berührt, tötet es sie, und es braucht gar nicht viel dazu. Sie würden an einem sonnigen Tag sterben, wenn die Luftfeuchtigkeit stark über vierzig Pro- zent stiege. Der Sand von Tethys ist fast überall knochentro- cken, weil die von unten kommende Hitze das Wasser schon im Boden verdunsten läßt. Die Ausnahme ist nur, wo der Ophion unter dem Sand verläuft. Er fließt in einem tief im Muttergestein liegenden Kanal, aber trotzdem durchfeuchtet er noch den Sand auf zehn Kilometer in jeder Richtung; ›vergiftet‹ ihn, soweit es die Geister betrifft. Also ist ganz Tethys in zwei vollkommen getrennte Geisterstämme un- terteilt. Wenn sie sich jemals begegnen könnten, würden sie sich wahrscheinlich bis auf den Tod bekämpfen, denn sie kämpfen schon ständig gegeneinander in den kleinen Un-, tergruppen, die dort getrennt sind, wo bei plötzlichen Ü- berschwemmungen Wasser verläuft.« »Dann regnet es hier also auch?« fragte Robin. »Nicht viel. Sagen wir, einmal im Jahr, und auch dann nur ein kurzer Schauer. Es hätte die Geister schon lange umge- bracht, aber ihnen wächst eine Schale, in der sie einige Ta- ge ausharren können, wenn sie riechen, daß Regen kommt. Auf diese Weise habe ich mit einem gesprochen: ich kam während eines Sturms her, grub einen aus und steck- te ihn in einen Käfig.« »Immer die Friedensstifterin«, meinte Gaby in neckender Zuneigung. »Na ja, es war einen Versuch wert. Die Sache mit dieser Route ist die, daß die Berge im Moment ganz schön trocken sind. Und wie es sich trifft, verläuft die Landstraße fast pa- rallel zum Weg des Ophion unter der Wüste.« »Das war kein Zufall, glaubt mir«, sagte Gaby. »Ich dach- te, hier auf hohem Grund zu bleiben würde soviel Sinn ma- chen, wie wenn man einen Sumpf durchquert.« »Ja, das stimmt. Nun sieht es so aus, als ob wir hier oben einige Geister treffen könnten. Ich hoffe, die Wolkendecke wird sie dazu bringen, unten zu bleiben, aber ich weiß nicht, wie lange sie anhalten wird. Die guten Nachrichten beste- hen darin, daß sie sich nur selten in Gruppen zusammenrot- ten, die größer sind als ein Dutzend, und ich glaube, wir ha- ben genug Hände, um einen Angriff abzuwehren.« »Ich hätte meine Waffe in eine Wasserpistole umtauschen sollen«, meinte Robin. »Hast du einen Witz gemacht?« fragte Hautbois und griff in ihre linke Satteltasche. Sie brachte zwei Gegenstände zum Vorschein: eine große Schleuder und eine kurze Röhre, mit Griff und Abzug und einem kleinen Loch an einem Ende. Robin nahm es, drückte den Abzug, und ein dünner Wasserstrahl spritzte aus dem Ende und fuhr zehn Meter weit durch die Luft, bevor er den Sand traf. Robin war be- geistert. »Denke es dir als Flammenwerfer«, schlug Cirocco vor. »Man muß nicht genau zielen. Schieß ungefähr und weit- räumig in die Gegend. Selbst ein Fehlschuß würde ihnen weh tun, und genug Schüsse reichern die Luft mit Feuchtig- keit an und treiben sie zurück unter die Erde. Und gebt jetzt keinen Schuß mehr ab!« fügte sie hastig hinzu, als Robin ein weiteres Mal abdrückte. »Die schlechten Nachrichten sind die, daß es in Tethys keine Quellen gibt, und alles Wasser, das wir im Kampf verschießen, können wir nachher nicht mehr trinken.« »Tut mir leid. Wofür ist die Schleuder?« Robin begutachte- te sie neugierig, und Chris konnte sehen, daß sie sie halten und einen Versuch wagen wollte. »Weitreichendes Zeug. Wasserballons. Man legt einen da- von in die Schale, zieht zurück und läßt los.« Cirocco hielt etwas von der Größe eines Titanideneis und warf Chris das Ding zu. Als er es leicht drückte, rieselte Wasser in seine Hand. Auch Valiha ging jetzt ihre Satteltaschen durch. Sie holte eine Schleuder und einen kurzen Prügel hervor, verstaute beides in ihrem Beutel, und händigte auch Chris eine Was- serpistole aus. Er betrachtete sie neugierig, versuchte, ein Gefühl dafür zu bekommen, und wünschte sich, ein paar Übungsschüsse abgeben zu können. »Die Schleuder erfordert Geschick«, erklärte Valiha. »Tu, was Gäas Magier sagt, und sei nicht zu wählerisch in deinen, Zielen. Schieß einfach nur!« Er blickte auf und bemerkte, daß Cirocco ihn angrinste. »Und, fühlst du dich wie ein Held?« fragte sie. »Eher wie ein kleiner Junge, der einen spielt.« »Du wirst deine Meinung ändern, wenn du jemals einen Sandgeist zu Gesicht bekommst.« Rollender Donner »Ich habe nie behauptet, daß es immer funktioniert hätte.« Cirocco stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete wieder forschend den Himmel, ohne zu einem besseren Er- gebnis zu gelangen. Gaby sah ihr zu und spürte zum ers- tenmal seit Jahren diesen irrationalen Wunsch, Gäas Magier möge etwas geschehen lassen. Es half nicht zu wissen, daß Ciroccos Kräfte so nicht funktionierten. Sie wollte, daß sie es regnen ließ. »Sie sagte, sie würde für Bewölkung sorgen«, erinnerte Gaby. »Sie sagte, sie würde es versuchen«, korrigierte Cirocco. »Du weißt, daß Gäa das Wetter nicht völlig beherrschen kann. Es ist zu kompliziert.« »Das behauptet sie immer wieder.« Als sie den Ausdruck auf Ciroccos Gesicht sah, behielt Gaby ihre übrigen Bemer- kungen für sich., »Wir haben bisher keine Geister gesehen«, sagte Robin. »Vielleicht haben die Wolken ausgereicht, um sie vor dem Hochkommen abzuschrecken.« »Sie stecken wahrscheinlich tief im Sand«, pflichtete Hautbois ihr bei. Gaby sagte nichts. Statt dessen griff sie in Hornpipes Sat- teltasche und holte eine baseballgroße Blasenfrucht her- vor. Die Gruppe befand sich am Ende der zu den östlichen Hängen der Königsblauen Kette führenden Vorberge. Nicht weit im Osten erhob sich das zentrale Tethys-Kabel, und kaum sichtbar dahinter erstreckte sich die dünne Linie der Circum-Gäa-Landstraße. Ein letzter Außenposten nackten Gesteins bildete eine mit Sand gefüllte weite Schüssel un- mittelbar vor ihnen, deren Rand an mehreren Stellen eben- falls unter dem Sand lag. Auf Hornpipes Rücken stehend und sich mit einer Hand auf Ciroccos Schulter stützend, warf Gaby eine Blasenfrucht in hohem Bogen in den Mittelpunkt der Schüssel. Das Ergebnis war dramatisch. Neun Linien entfernten sich rasch von der Aufschlagsstelle. An den Spitzen der Li- nien erhoben sich Buckel, und dahinter befanden sich flache Senkungen, die sich schnell mit Sand füllten. Die Buckel bewegten sich so schnell voran wie Taschenratten unter dem Rasen in einem Zeichentrickfilm. Innerhalb weniger Sekunden gab es keinen Hinweis mehr auf sie. Cirocco hatte sich auf die Knie erhoben, als das Geschoß den Sand traf. Jetzt sank sie in eine sitzende Position zu- rück. »Was willst du machen?« fragte sie. »Direkt westlich nach Thea weiterziehen?«, »Nein. Ich bin mir sicher, du erinnerst dich noch daran, wer dies hier machen und wer zu Hause bleiben wollte.« »Und trinken«, fügte Cirocco hinzu. Gaby überging diese Bemerkung. »Ich würde dumm da- stehen, wenn ich dir riete, Tethys zu übergehen, nach all der Zeit, in der ich versucht habe, dich zum Herkommen zu überreden. Wir wollen mal schauen, was sich machen läßt.« Cirocco seufzte. »Wie du meinst. Aber haltet Ausschau, ihr alle! Ich möchte, daß die Menschen den Himmel beo- bachten und die Titaniden den Boden. Gewöhnlich kann man einen Sandstrahl erkennen, bevor die Geister auf die Oberfläche herauskommen.« Im Alter von neun Jahren hatte Robin ein Buch gelesen, dessen Eindruck haften geblieben war. Es handelte von einer alten Fischersfrau, die allein in einem kleinen Boot einen großen Fisch harpunierte und tagelang mit ihm kämpfte, durch Stürme und hohe Wellen. Es war nicht so sehr der Kampf mit dem Fisch, der sie geängstigt hatte, sondern das geistige Bild vom Meer: tief, kalt, dunkel und unnachsichtig. Sie fand es merkwürdig, daß sie sich bei der Überquerung von Nox und dem Dämmerungsmeer nicht an das Buch erin- nert hatte. Und es schien noch seltsamer zu sein, daß sie jetzt daran dachte, wo sie in hellem Tageslicht die dürre Wüste durchquerte. Doch der Sand war ein Meer. Er wogte in breiten Wellen. In der Ferne ließen atmosphärische Effekte ihn wie Glas schimmern, und unter seiner Oberfläche gab es Monster, die schrecklicher waren als der Fisch der alten Frau. »Mir ist gerade etwas eingefallen«, sagte Cirocco. Sie ritt gerade allein auf Hornpipe, gefolgt von Robin auf Hautbois und Chris und Gaby auf Valiha. »Wir hätten nach Norden, zur Straße gehen sollen, und dann in westliche Richtung zu- rück zum Kabel. Da hätten wir einen kürzeren Weg über trockenen Sand gehabt.« Robin erinnerte sich an die von Cirocco gezeichnete Karte. »Aber wir wären länger in ebenem Gelände gewesen«, sag- te sie. »Das ist richtig. Aber irgendwie machen mir die Geister mehr Sorgen als die Flugbomben.« Robin sagte es nicht, aber ihr ging es genauso. Obwohl sie eigentlich den Himmel beobachten sollte, wurden ihre Au- gen ständig zu Hautbois’ Hufen hinabgezogen, die die losen Sandkörner aufwirbelten. Sie konnte nicht verstehen, wie die Titanide das ertrug. Ihre eigenen Zehen krümmten sich vor mitfühlendem Schrecken in den Stiefeln. In jedem Mo- ment konnte jetzt ein scheußliches Maul auftauchen und die Vorderbeine der Titanide verschlingen. Abgesehen davon, daß nach Ciroccos Berichten die Geister keine Mäuler besa- ßen, sondern ihre Nahrung direkt durch die kristallinen Schalen hindurch aufnahmen. Sie hatten nicht einmal Ge- sichter… »Möchtest du zurückgehen und das machen?« rief Gaby aus. »Ich glaube nicht. Wir sind schon halb da.« »Ja, aber wir wissen, daß es hinter uns keine Geister…« Als Gaby aufhörte zu reden, erkannte Robin durch ihre geschärfte Aufmerksamkeit, daß etwas nicht stimmte. Sie hatte eine recht gute Vorstellung davon, was Gaby gese- hen haben mußte, und es brauchte nur ein paar Sekunden des intensiven Anschauens der hinter ihnen liegenden Fünf-Meter-Düne, um die verräterischen Furchen im Sand zu entdecken, vorne tief und nach hinten wie Kometen-, schwänze aussehend. Sie erblickte ein Dutzend davon, stellte dann aber fest, daß es sich dabei nur um eine von fünf oder sechs Gruppen handelte. Es war nicht nötig, Alarm zu schlagen. Robin sah, daß Ci- rocco auf Hornpipe stand und nach hinten blickte. Valiha erhöhte ihr Tempo, bis sie neben Hautbois und Robin war. Gaby reichte Chris und Valiha Blasenfrüchte. »Gib mir auch so eine!« forderte Hautbois, und Robin gab ihm eine, spürte, wie die Titanide schneller wurde. Zum erstenmal spürte sie auf einer Titaniden etwas von dem Holpern, das mit dem Reiten auf Pferden assoziiert war. »Werft noch nicht!« sagte Gaby. »Sie bewegen sich so schnell sie können, und dabei können wir leicht unseren Vorsprung halten.« »Du hast leicht reden«, meinte Valiha. Auf ihrem gelb ge- sprenkelten Fell glänzte schaumiger Schweiß. »Es ist Zeit zum Wechseln«, meinte Hautbois. »Valiha, gib mir Gaby für eine Weile! Robin, geh du nach vorne!« Robin tat wie geheißen und bemerkte, daß sie damit zwischen Hautbois und Gaby genommen wurde, und daß sie – ob- wohl es schmerzlich war, das zuzugeben –, nicht dagegen protestierte. Die ungesehenen Geister jagten ihr mehr Angst ein als alles andere, dem sie in Gäa begegnet war. »Nur eine Sekunde«, sagte Gaby. In Mißachtung ihres ei- genen Befehls drehte sie sich um und warf eine Blasenfrucht in hohem Bogen in den Weg einer der herankommenden Geistergruppen. Sie spürten es schon auf fünfzig Meter Entfernung. Manche wichen weiträumig aus, um den ver- gifteten Bereich zu umgehen, während andere völlig ver- schwanden. »Das hat sie erwischt«, sagte Gaby mit Befriedigung, als, sie auf Hautbois’ Rücken landete. Sie ließ sich hinter Robin nieder. »Die Verschwundenen sind tiefer in den Sand ge- taucht, aber das verlangsamt sie auch stark. Mit Höchstge- schwindigkeit können sie sich nur dicht an der Oberfläche bewegen, wo der Sand loser ist.« Robin blickte wieder zu- rück und erkannte, daß die Ausgewichenen erst jetzt die Jagd wieder aufnahmen, weit hinter der Vorhut. »Wie sieht’s aus, Freunde?« fragte Cirocco an die Titan- iden gewandt. »Könnt ihr dieses Tempo bis zum Kabel durchhalten?« »Das sollte kein Problem sein«, beruhigte Hornpipe sie. »Dann ist alles in Ordnung«, meinte Gaby. »Rocky, du wirfst besser alle paar Minuten eine kleine Bombe nach vorn. Das sollte eventuelle Hinterhalte zerstreuen.« »Das werde ich. Robin, Chris, hört auf, den Boden zu be- trachten!« Robin zwang sich dazu, gen Himmel zu blicken, der immer noch qualvoll klar und glücklicherweise frei von Flugbomben war. Es war eines der schwierigsten Dinge, die sie je getan hatte. Es hätte nicht schwerer sein können, wenn ihre ei- genen Füße das verhaßte Sandmeer berührt hätten; wie ein Mitfahrer auf der Rückbank, der auf eine eingebildete Bremse treten wollte, so ertappte sie sich dabei, wie sie die Füße hob in dem Versuch, Hautbois zu einem vorsichtigeren Schritt zu veranlassen. Die Gruppe hatte eine Düne erklommen und machte sich an den Abstieg die andere Seite hinunter, als Cirocco eine Warnung rief. »Scharf rechts, Leute! Dranbleiben!« Robin legte die Arme um Hautbois’ Rumpf, als die Titanide die Hufe in den Sand grub und sich um fast fünfundvierzig, Grad herumwarf. Der Ritt wurde entschieden holpriger, als Hautbois zu ermüden begann. Robin erhaschte einen kur- zen Blick auf eine Regung am Fuß der Düne und erkannte mehrere verräterische Spuren, als Geister vor der Blasen- frucht ausrissen, die plötzlich in ihrer Mitte explodiert war. Ein Wasserstrahl kam hinter Robin hervor, fuhr nach links und zischte beim Auftreffen. Eine Sandfontäne stieg auf. Für einen Moment wand sich ein geschmeidiger, substanz- loser Tentakel in der Luft. Wo es vom Wasser getroffen wur- de, zischte das Ding und verstreute Glasschuppen, die sich in der niedrigen Schwerkraft langsam drehten. Robin be- freite eine Hand, packte den Griff ihrer Wasserpistole mit der anderen und spähte über Hautbois’ breite Schulter. Sie drückte den Auslöser und besprühte etwas, das sich als harmloser Flecken Wüste entpuppte. »Spar es besser auf!« riet Gaby zur Vorsicht. Robin nickte eilig, gedemütigt dadurch, daß die Pistole in ihrer Hand zit- terte. Sie hoffte, daß Gaby es nicht sehen konnte. Gabys Stimme war ruhig und beherrscht und ließ Robin sich zehn Jahre alt fühlen. Die Titaniden hatten einen weiten Bogen um das von Ci- rocco entdeckte Geisternest gemacht, und nahmen jetzt wieder Kurs auf das Tethys-Kabel. Robin fiel wieder ein, zum Himmel hinaufzublicken, sah nichts, richtete den Blick wieder zu Boden und zwang ihn dann selbst wieder zum Himmel. Das machte sie eine Stunde lang, in der die Kabel- basis nicht näher kam. Schließlich fragte sie Gaby, wie lange sie schon dahineilten. »Etwa zehn Minuten«, sagte Gaby und schaute zurück. Als sie sich wieder umdrehte, machte sie ein finsteres Ge- sicht. Auf dem Kamm einer fünf- oder sechshundert Meter, weit zurückliegenden Düne glaubte Robin eine große Geis- terspur zu erkennen. Sie verlief parallel zu den Abdrücken der Titanidenhufe. »Sie sind immer noch hinter uns, Rocky.« Cirocco blickte zurück, runzelte die Stirn und zuckte dann die Achseln. »So? Sie kriegen uns nicht, wenn wir so weitermachen.« »Ich weiß. Sie müßten das auch wissen. Also warum füh- ren sie die Jagd fort?« Wieder runzelte Cirocco die Stirn, und das gefiel Robin nicht. Schließlich berichtete Gaby, daß sie die Verfolger nicht mehr sehen konnte. Obwohl die Titaniden müde wa- ren, stimmten sie zu, das Tempo nicht zu verlangsamen, bis das Kabel erreicht war. Hautbois erklomm die letzte Düne vor dem Kabel. Robin konnte sehen, wie das Land voraus ununterbrochen weiter anstieg. Sie schätzte die Entfernung bis zu der willkommen heißenden Dunkelheit zwischen den Strängen auf etwa ei- nen Kilometer. »Flugbombe zur Rechten!« rief Chris. »Geht noch nicht zu Boden! Sie ist noch weit weg.« Robin entdeckte sie, wie sie in Schräglage in vielleicht eintausend Metern Höhe um die östliche Seite des Kabels kurvte. »Zurück über die Düne!« befahl Cirocco. »Ich glaube nicht, daß sie uns schon entdeckt hat.« Hautbois warf sich herum, und innerhalb weniger Sekun- den lagen sie alle sieben auf der anderen Seite der Düne ausgestreckt. Alle außer Robin. »Komm runter! Bist du verrückt? Was ist mit dir los?« Sie lag vorgebeugt auf den Knien, und ihre Hände be-, rührten fast den Sand. Sie konnte sich nicht bewegen. Der Sand schien sich vor ihren Augen zu winden. Sie konnte sich nicht dazu zwin- gen, die Hand auszustrecken und seine abscheuliche Hitze zu berühren, konnte nicht ihren Bauch daraufdrücken und die Ankunft der Geister erwarten. Ein großes Gewicht fiel auf sie, und sie schrie auf. Sie kreischte, als sie den Druck des Sandes an ihrem Körper spürte, und begann sich zu erbrechen. »Das ist gut«, meinte Hautbois und lockerte ihren Druck wieder weit genug, damit Robin den Kopf drehen konnte. »Ich wünschte, ich hätte daran gedacht. Diese Feuchtigkeit wird sie fernhalten.« Feuchtigkeit, Feuchtigkeit… Robin hörte nur dieses Wort auf einer bewußten Ebene und blockierte rasch alle anderen Gedanken. Der Sand war naß. Nässe würde die Monster fernhalten. Schwitzen, Weinen, Spucken, Brechen… all diese Dinge waren plötzlich das Gescheiteste, was man tun konnte. Sie drückte sich auf den Sand und dachte daran, wie wundervoll naß er war. »Was ist los? Hat sie einen Anfall?« rief Cirocco. »Ich glaube schon«, sagte Hautbois. »Ich werde mich um sie kümmern.« »Halt sie am Boden fest! Vielleicht sieht uns die Bombe nicht.« Robin hörte das Geräusch einer Flugbombe in großer Höhe. Sie drehte den Kopf weit genug, um sie über den Kamm der Düne ins Blickfeld kommen zu sehen, aber noch in größerer Höhe. Sie machte eine scharfe Wendung, zeigte ihr Schwenkflügelprofil und begann auf sie zuzura- sen., »Aber jetzt«, meinte Cirocco. »Alle unten bleiben! Sie hat keinen günstigen Winkel, um uns zu schaden.« Sie beobachteten die Flugbombe mit wachsendem Zwei- fel, bis klar wurde, daß die Kreatur nicht die Absicht hatte, sie im Tiefflug zu passieren. Sie flog in fünf- oder sechshun- dert Metern Höhe über ihnen und war dabei viel langsa- mer, als Robin vom letzten Erlebnis mit diesen Wesen her in Erinnerung hatte. »Das Ding sieht komisch aus«, meinte Gaby und wagte es, sich etwas aufzusetzen. »Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Cirocco, die aufstand und forschend in die Luft spähte. »Sie wird wieder vorbeikommen. Gaby, halte nach weiteren Ausschau, und ihr anderen fangt an zu graben. Ich hätte gern ein weites Loch von zwei Metern Tiefe, aber mit einem Meter wäre ich schon zufrieden. Es wird schwer werden bei diesem Sand. Werft etwas Wasser in die Gegend, bevor ihr mit dem Gra- ben anfangt. Oh, und wenn jemand auch nur das geringste Bedürfnis zum Pissen hat, dann bitte jetzt und ohne Scheu. In euren Blasen ist das Zeug nutzlos.« Cirocco hörte auf zu reden, als sie den Ausdruck auf Robins Gesicht bemerkte und erkannte, daß der Zustand, in dem sich die Hosen der jüngeren Frau befanden, nicht beabsichtigt war. Robin hatte sich selbst entwürdigt. Sie dankte der Großen Mutter dafür, daß keine ihrer Schwestern dabei war und es miterlebte, jedoch war das nur ein kleiner Trost. Diese sechs waren jetzt ihre Schwestern, und zwar für die Dauer dieser Reise und wahrscheinlich darüber hinaus. Aber die Dinge stehen nie so schlecht, daß sie nicht noch schlimmer werden können. Robin lernte die Wahrheit die- ses Prinzips erkennen, als sie sich zu bewegen versuchte, und herausfand, daß sie es nicht konnte. Die Behauptung von Hautbois – sicherlich in der Absicht geäußert, Robins Gesicht zu retten – war wirklich geworden; sie war paraly- siert. Für einen Moment glaubte sie, gewißlich den Verstand zu verlieren. Sie war hilflos ausgestreckt, mit dem Gesicht nach unten auf dem verhaßten Sand von Tethys, einer Oberflä- che, die sie so sehr fürchtete, daß sie es der ganzen Grup- pe verraten hatte durch ihre Unfähigkeit, sie zu berühren. Aber anstelle des Wahnsinns erreichte sie eine fatalistische Loslösung. Unbekümmert und gelassen hörte sie die Ge- räusche wilder Aktivität und verstand nur wenig davon. Es war nicht mehr von Bedeutung, ob ein Geist unter ihr auf- tauchte und sie in Stücke riß. Sie hatte Sandkörner und den Geschmack von Erbrochenem im Mund, und sie spürte Schweiß an ihrer Nase herabrieseln. Sie konnte ein paar Meter Sand sehen und ihren darüber ausgestreckten Arm. Sie lauschte. Cirocco: »Da sie uns nicht zu nahe kommen können, müssen sie irgendeine Waffe von mittlerer Reichweite be- nutzen. Sie haben sonst immer mit Felsbrocken geworfen, aber in den letzten zehn Jahren sind sie zu einer Art Speer- schleuder oder Pfeil und Bogen übergegangen.« Chris: »Das hört sich schlecht an. In diesem Sand werden wir nicht viel Deckung finden.« Cirocco: »Es ist gut und schlecht. Es waren ganz schön niederträchtige Schüsse mit den Felsbrocken. Sie hatten… nun, du hast sie nicht gesehen und sie sind schwer zu be- schreiben, aber sie waren sehr gut im Felsenwerfen. Sie sind jedoch grundsätzlich feige, und sie mußten ziemlich dicht herankommen, um sie zu werfen. Mit den Pfeilen können, sie weiter entfernt bleiben.« Hautbois: »Und jetzt erzähle uns die schlechten Nachrich- ten, Rocky.« Cirocco: »Das waren sie. Die guten Nachrichten bestehen darin, daß sie lausige Bogenschützen sind. Sie können nicht damit zielen. Aber sie bleiben trotzdem lieber hinten und geben unwaidmännische Schüsse ab.« Gaby: »Sie gleichen es aus, indem sie eine Menge Pfeile abschießen.« Hautbois: »Ich wußte, daß da noch etwas sein würde.« Das vertraute Stakkatodröhnen einer Flugbombe war in einiger Entfernung zu hören. Gaby: »Ich bleibe dabei, daß diese Kreatur etwas Eigenar- tiges an sich hat. Ich kann es nicht genau erkennen, aber es sieht aus, als hätte sie eine Schwellung auf dem Rücken.« Hornpipe: »Ich sehe sie auch.« Cirocco: »Eure Augen sind besser als meine.« Eine Zeitlang waren nur die Geräusche des Atmens und des Scharrens zu hören, wenn jemand über Sand kroch. Einmal spürte Robin jemanden an ihrem Bein. Dann schrie Hornpipe eine Warnung. In Robins Blickfeld fiel etwas in den Sand. Sie hatte ihren Daumennagel angestarrt; jetzt drehte sie die Augen und betrachtete den Eindringling. Es handelte sich um einen dünnen Glaspfeil von einem halben Meter Länge. Ein Ende war eingekerbt, das andere im Sand vergraben. »Jemand getroffen?« Das war Ciroccos Stimme, woraufhin einige negative Antworten erfolgten. »Sie schießen die Din- ger einfach in die Luft. Sie müssen hinter dieser Düne ste- cken. Mit der Zeit werden sie den Mut haben, darüber hin- wegzuschauen, und werden dann etwas genauer schießen., Macht eure Schleudern bereit.« Wenig später hörte Robin das Schwirren der Titaniden- waffen. Chris: »Ich glaube, du hast den da getroffen, Valiha. Huch! Die saßen besser.« Cirocco: »Verdammt, seht euch Robin an! Können wir da nichts machen? Es muß höllisch sein.« Robin hatte gehört, wie die letzte Pfeilsalve im Sand ein- schlug, und spürte ein paar Sandkörner auf ihre Beine reg- nen. Das war nicht von Bedeutung. Sie hörte weiteres Rut- schen, und eine Hand packte den Pfeil, den sie angeschaut hatte, zog ihn heraus und warf ihn weg. Gabys Gesicht tauchte ein paar Zentimeter vor dem ihren auf. »Wie geht es dir, Kind?« Sie nahm Robins Hand und drückte sie, streichelte ihr dann die Wange. »Würde es dir leichter fallen, wenn du alles besser sehen könntest? Ich weiß keine Möglichkeit, dich zu schützen, oder ich würde sie für uns alle nutzen.« »Nein«, antwortete Robin aus großer Entfernung. »Ich wünschte… Scheiße.« Gaby schlug mit der Faust auf den Boden. »Ich fühle mich hilflos. Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht.« Als Robin keine Antwort gab, beugte sie sich wieder näher zu ihr hinab. »Hör mal, macht es dir etwas aus, wenn ich für eine Weile deine Pistole nehme?« »Es macht mir nichts aus.« »Hast du noch welche von diesen Raketengeschossen mit den Aufschlagzündern?« »Drei Ladestreifen.« »Die werde ich auch brauchen. Ich will versuchen, die Flugbombe abzuknallen, wenn sie jemals weit genug herun-, terkommt. Halte einfach durch und versuche, nicht daran zu denken. Wir werden schon bald zum Kabel durchbre- chen.« »Ich bin okay«, sagte Robin, aber Gaby war schon weg. »Und ich werde dich mitnehmen«, sagte Hautbois hinter ihr. Robin spürte, wie die Hand der Titanide um sie herum- kam und kurz ihre Wange berührte, die naß war. »Sei nicht geizig mit den Tränen, Kleine! Sie sind nicht nur gut für die Seele, denn jeder Tropfen schützt uns alle.« Heiße Blitze »Was meinst du, wie gescheit sind die?« fragte Chris, der beobachtete, wie die Flugbombe sich für einen weiteren kreisförmigen Überflug nach links neigte. Auch Gaby sah mit finsterem Gesicht zu. »Es zahlt sich nie aus, die Intelligenz von etwas zu unter- schätzen, dem man in Gäa begegnet. Ein guter Leitsatz lau- tet, daß es zumindest so schlau ist wie man selbst und dop- pelt so niederträchtig.« »Was macht das Ding dann da oben?« Gaby tätschelte den Lauf ihrer geborgten Waffe. »Viel- leicht hat sie von der anderen gehört, die Robin abgeschos- sen hat.« Sie blickte wieder zum Himmel hinauf und schüt-, telte den Kopf. »Aber ich glaube nicht, daß das der einzige Grund ist. Mir gefällt es nicht. Es gefällt mir überhaupt nicht!« Sie schaute auf Cirocco. »Na gut, du hast mich überzeugt. Mir gefällt es auch nicht.« Chris blickte von einer zur anderen, aber keine hatte mehr etwas zu sagen. In der Höhe setzte die Flugbombe ihr Kreisen fort. Sie schien auf etwas zu warten, aber auf was? Periodisch regne- ten die Pfeile der Geister in Salven zu drei oder vier Dut- zend herab. Da fast senkrecht in die Luft geschossen, hatten die Pfeile ihre tödliche Geschwindigkeit schon verloren, wenn sie wieder auf den Boden fielen. Einer traf Hornpipe ins linke Hinterbein. Er drang fünf oder sechs Zentimeter tief in den Muskel ein: schmerzhaft, aber leicht wieder hi- nauszuziehen, da die Spitze nicht mit Widerhaken versehen war. Das Sperrfeuer schien mehr als alles andere die Ab- sicht zu verfolgen, die Gruppe am Boden festzuhalten. Chris hatte irgendwo einmal gelesen, daß in einem Krieg Millionen von Salven allein zu diesem Zweck abgegeben worden waren. Aber wenn die Geister sie an Ort und Stelle festhalten wollten, dann mußte es einen Grund dafür geben. Entwe- der bereiteten sie irgendeine Überraschung vor, oder eine größere Streitmacht war hierher unterwegs. In beiden Fäl- len hielt Chris es für den logischen Zug, zum Kabel durch- zubrechen. Sie hätten es gewiß auch getan, wäre da nicht die Flugbombe gewesen. »Glaubst du, die Geister und die Bombe arbeiten zusam- men?« fragte er. Gaby sah ihn an und antwortete nicht sofort., »Daran zweifle ich natürlich«, meinte sie endlich. »Soweit ich weiß, haben die Geister noch nie mit irgend jemand an- derem zusammengearbeitet als mit anderen Geistern, und auch dann nicht sonderlich gut.« Aber als sie den Blick wie- der zum Himmel wandte, wirkte sie nachdenklich. Sie lieb- koste den Kolben von Robins Pistole und richtete sie auf das ferne Ziel, hielt es im Visier und redete ihm mit sanftem, schmeichelndem Flüstern zu. »Der Pfeilregen hat aufgehört«, stellte Valiha fest. Auch Chris war sich dessen seit einigen Minuten bewußt gewesen, hatte es aber aus der unlogischen Furcht heraus nicht erwähnt, das Sperrfeuer würde aus reiner Boshaftig- keit wieder beginnen. Aber es stimmte; während der halben Stunde, in der sie ihr gemeinschaftliches Fuchsloch gegra- ben hatten, waren die Pfeile in Ein- oder Zwei-Minuten- Intervallen gekommen, und jetzt taten sie das nicht mehr. »Vielleicht bin ich Pessimist«, sagte Gaby, »aber ich glau- be, das gefällt mir auch nicht.« »Vielleicht sind sie weg«, wagte Hornpipe zu vermuten. »Und vielleicht bin ich eine Titanide mit halbem Hinter- teil.« Chris konnte sich nicht mehr beherrschen. Es ergab kei- nen Sinn mehr, sich daran zu erinnern, daß Gaby und Ci- rocco viel älter, weiser und in Dingen dieser Art viel erfah- rener waren als er. »Ich glaube, wir sollten den Spurt zum Kabel wagen«, sagte er. »Hornpipe ist bereits verletzt. Wenn wir darauf warten, daß sie wieder mit dem Schießen anfangen, könnte es noch viel schlimmer kommen.« Er war- tete, aber obwohl ihn alle anschauten, sagte niemand et- was. Also ging er weiter drauflos. »Es ist nur ein Gefühl, a-, ber ich mache mir Sorgen, daß die Flugbombe auf etwas wartet. Vielleicht Verstärkung.« Vielleicht hatte er erwartet, Cirocco würde ihn darauf festnageln. Er wußte nicht, worauf er seine Vermutung stützen konnte, abgesehen von der Tatsache, daß die Flug- bomben einmal zusammengearbeitet hatten bei dem An- griff, der Psaltery getötet hatte. Zu seiner Überraschung sahen Cirocco und Gaby einander an, und beide schienen besorgt zu sein. Er erkannte, daß es über eine bestimmte Wissensgrundlage hinaus sogar für Gäas Magier unmöglich war zu wissen, was Gäa als nächs- tes nach ihnen werfen mochte. So viele Dinge waren mög- lich, und selbst die Dinge, die man zu wissen glaubte, konn- ten sich über Nacht verändern, wenn Gäa neue Geschöpfe erschuf oder die Regeln veränderte, nach denen die alten funktionierten. »Das sagt ein Mann, der sehr viel Glück hat, Rocky«, meinte Gaby. »Ich weiß, ich weiß. Ich lasse an diesem Punkt auch seine Gefühle nicht außer acht. Ich habe sonst nicht mehr viel, wonach ich mich richten kann. Aber es könnte sein, daß der Bastard da oben genau auf das wartet. Egal wie schnell wir gehen, er wird Zeit für zumindest einen Schuß nach uns ha- ben, und der Boden dort draußen ist so flach wie ein Pfann- kuchen.« »Ich glaube nicht, daß ich langsamer sein werde«, meinte Hornpipe. »Ich kann mich um Robin kümmern«, sagte Hautbois. »Verdammt, ihr Titaniden seid es, die da draußen am meisten zu verlieren haben!« rief Cirocco. »Ich glaube, ich könnte mich innerhalb weniger Sekunden in den Sand gra-, ben, aber wenn ihr euch flach hinlegt, reichen eure Ärsche noch anderthalb Meter hoch in die Luft.« »Trotzdem würde ich lieber losrennen«, sagte Hornpipe. »Es gefällt mir nicht, hier zu liegen und in ein Nadelkissen verwandelt zu werden.« Chris begann zu glauben, daß es zu keiner Entscheidung kommen würde. Angesichts zweier unvernünftiger Alternati- ven hatte Cirocco plötzlich die Selbstsicherheit verloren, die sie im Verlauf der Reise gewonnen hatte. Er glaubte eigentlich nicht, daß Führerschaft – in irgendeinem Sinn außer dem, die Moral zu fördern – ihre starke Seite war. Gaby brauchte Zeit, um sich zur Übernahme einer Rolle aufzuraffen, die sie grund- sätzlich verabscheute. Robin war gelähmt, und die Titaniden hatten nie eine Neigung gezeigt, die Befehle von Gaby und dann von Cirocco in Frage zu stellen. Was Chris anging, so war er nie der Kapitän in den Sport- mannschaften seiner Kindheit gewesen und auch nie derjeni- ge, der entschied, wohin er und seine Freunde gingen oder was sie dort machen würden. In seiner kummervollen Er- wachsenenzeit hatte niemand ihn je aufgefordert, der Anfüh- rer von irgend etwas zu sein. Aber in ihm wuchs der Drang, die Kontrolle zu übernehmen. Er dachte sich, daß dies, wenn nicht sehr rasch etwas beschlossen wurde, letztlich doch seine Stunde war. Und dann war innerhalb eines Augenblicks alles verändert. Es erfolgte eine betäubende Explosion, als wäre in nicht mehr als zehn Metern Entfernung der Blitz eingeschlagen, gefolgt von dem hohlen und sich entfernenden Dröhnen einer Flugbombe. Alle legten sich unwillkürlich flach hin. Als Chris aufzublicken wagte, sah er den lautlosen Anflug von drei weiteren Flug-, bomben, die über die Kämme der Dünen glitten, schimmernd und unwirklich in der hitzeverzerrten Luft. Er preßte die Wan- ge in den Sand, hielt aber seine Augen auf sie gerichtet, während sie aufblühten von durch Linien zweigeteilten Punk- ten zu gefräßigen Mäulern mit gewaltigen Flügelspannweiten. Die Schwingen zeigten eine leichte Wölbung, so daß sie aus frontaler Perspektive wie schwarze, erstarrte Fledermäuse wirkten. Sie zogen in einer Höhe von fünfzig Metern vorbei. Chris sah, wie aus einer von ihnen etwas herausfiel. Es handelte sich um einen zylindrischen Gegenstand, der durch die Luft torkelte und hinter einer Düne zu seiner Linken aufschlug. Als die Feuerfontäne auftauchte, konnte Chris die Hitze auf seiner Haut spüren. »Wir werden bombardiert!« schrie Cirocco auf. Sie hatte sich halb aufgerichtet. Gaby versuchte, sie herunterzuzie- hen, aber sie deutete auf ein drittes Flugbombengeschwa- der, das sich aus Nordosten näherte. Sie flogen zu hoch für die Rammtaktik, und unmittelbar bevor sie sich direkt über der Gruppe befanden, zogen sie leicht hoch und zeigten die ebenholzschwarzen Unterleiber mit den eng angezogenen Landebeinen. Weitere der tödlichen Eier wurden abgewor- fen. Hornpipe half Gaby dabei, Cirocco in genau dem Mo- ment herunterzuziehen, als die Bomben explodierten und einen Sandschauer über die hingestreckten Körper warfen. »Du hattest recht!« rief Gaby über die Schulter zurück, als sie auf die Füße sprang. Für Chris war das nur ein geringer Trost. Er stand auf, drehte sich um, wollte nach Valiha schauen, und wurde hochgehoben, bevor er überhaupt wußte, was geschah. »Zum Kabel!« rief Valiha. Chris ließ beinahe seine Wasser-, pistole fallen, als sie losstürmte. Er sah über die Schulter zurück und erblickte einen Feuerstrom, der die hinter ihnen liegende Düne herabströmte, und daraus hervor tauchten alle Bewohner der Hölle auf. Es waren Hunderte, und die meisten standen in Flam- men. Die Geister waren aufgelöste Tentakelhaufen, verwi- ckelte Knäuel, die keine Ähnlichkeit mit irgend etwas be- saßen, das Chris je im Leben gesehen hatte. In der Höhe entsprachen sie großen Hunden. Sie trippelten dahin wie Krabben und taten dies auch genauso schnell und alle gleichzeitig. Sie waren durchscheinend, und ebenso die Flammen, so daß sie im Brennen zu sich windenden Berei- chen intensiven Lichts wurden, das keinen Schatten warf. Chris’ Ohren wurden gequält von einem fast im Ultra- schallbereich liegenden gellenden Kreischen und metalli- schem Knacken wie beim Abkühlen rotglühenden Metalls. »Das war eine tolle Plazierung der Bomben!« rief Gaby, die plötzlich, auf Hautbois sitzend, rechts von ihm auftauch- te. Die Titanide wiegte Robin in den Armen. »Schwer zu glauben, daß die Flugbomben mit den Geistern zusammen- arbeiten.« »Ich würde aber nicht darauf zählen, daß sie auf unserer Seite stehen«, meinte Chris. »Ich auch nicht. Irgendwelche Ideen, was als nächstes zu tun ist?« Sie deutete zum Himmel hinauf, wo Chris drei Ge- schwader zu je drei Flugbomben ausmachen konnte, die zu einem weiteren Überflug wendeten. »Ich würde sagen, weiterrennen«, sagte Valiha, bevor Chris etwas herausbekam. »Mir scheint, daß sie an das Ab- werfen von Bomben nicht gewöhnt sind. Sie hatten zwei Chancen, während wir hilflos waren, und verfehlten uns, beide Male.« Hornpipe und Cirocco hatten das Tempo der beiden ande- ren Titaniden erreicht und galoppierten jetzt neben ihnen einher. »Okay. Aber sie könnten ihre Taktik ändern. Wenn es so aussieht, daß sie im Tiefflug herankommen, sofort zu Bo- den! Und wenn wir rennen, dann nicht in gerader Linie. Und verteilt euch etwas. Mehrere Ziele bringen sie vielleicht in Verwirrung.« Die Titaniden setzten die Befehle in die Tat um. Valiha be- gann mit einem Zickzacklauf zum Kabel, der ganz anders war als ihr sonstiges müheloses Dahingleiten. Chris mußte sich gut festhalten, um auf ihrem Rücken zu bleiben. Als die Flugbomben in Position für einen weiteren Anflug gegangen waren, verdoppelte sie noch einmal ihre Bemühungen und schleuderte große Sandspritzer empor, wenn sie sich mit mahlenden Hufen in die Kurven legte. »Sie halten ihre Höhe«, teilte Chris mit. »Gut. Ich bleibe…« »Auf sie zu!« schrie er. Valiha gehorchte augenblicklich, und Chris duckte sich, als drei Bomben über seinen Kopf segelten, scheinbar dicht genug, um ihn zu berühren. Sie schlugen jedoch fünfzig Meter entfernt auf. Chris sah, daß er recht gehabt hatte. Eine zu kurz, fallende Bombe konnte sie immer noch mit flüssigem Feuer übergießen. Seine Oh- ren dröhnten, aber die Hauptkraft der Geräte verausgabte sich eher in Brandeffekten als in Erschütterung. »Das ist Napalm!« rief Cirocco, als Hornpipe und Valiha auf ihren zufälligen Bahnen kurz einander nahekamen. »Kommt nicht damit in Berührung! Es haftet und brennt.« Chris wollte sowieso nichts abbekommen, ob es nun haf-, tete oder nicht. Er wollte das gerade sagen, als Valiha kreischte und strauchelte. Er wurde nach vorn gegen ihren Rücken geschleudert, schlug mit dem Kinn auf, daß seine Zähne zusammenkrach- ten. Er richtete sich auf, spie Blut und blickte ihr über die Schulter. Glasige Tentakel hatten ihr linkes Vorderbein um- wickelt. Sie wirkten zu zart, um die Kraft auszuüben, die Va- lihas Fleisch zerriß und sie in den Sand hinabzog, und doch taten sie es. Ihre Knie waren bereits vergraben. Er hatte keinerlei Gefühl mehr in der Hand, als er die Pis- tole anlegte und einen Wasserstrahl auf den Sandgeist spritzte. Er ließ Valiha los, wich einen halben Meter zurück und fing an zu zittern. Chris glaubte, er stürbe. »Das Wasser macht ihm nichts!« schrie Valiha. Sie drosch mit dem Knüppel auf das Wesen ein. Zwei Tentakel brachen ab und rutschten unabhängig dahin, bevor sie in den Sand hineinglitten. »Er schüttelt es ab.« Chris konnte es sehen. Obwohl verletzt, begann die Krea- tur sich wieder Valiha zu nähern. Sie war wie ein Nest von Glasschlangen. Irgendwo nahe ihrem Mittelpunkt, jedoch nicht starr an einem bestimmten Punkt, befand sich ein gro- ßer rosa Kristall, der vielleicht ein Auge war. Der Geist äh- nelte mehr einem der wirbellosen Ungeheuer des Meeres als irgendeinem Landlebewesen, und doch besaß er die ge- schmeidige Kraft einer Peitsche. Valiha bäumte sich auf die Hinterbeine hoch, wobei Chris sich nur dadurch festhalten konnte, daß er seine Finger in ihrem Haar vergrub. Sie schien es nicht zu bemerken. Sie fiel mit den Vorderhufen auf den Geist hinab, bäumte sich wieder auf und tat dasselbe noch einmal, übersprang dann die zuckenden Reste und traf sie so schwer mit den Hinter-, beinen, daß Stücke immer noch im Steigen begriffen waren, als sie schon wieder vorwärts sprang. Chris blickte auf – und erstarrte. Der Himmel war voller Flugbomben! Tatsächlich waren es nicht mehr als zwanzig oder dreißig, aber schon eine war zuviel. Ihr pulsierender Abgaslärm er- schütterte die Welt. Als nächstes bekam er mit, daß Valiha vor ihm kniete und ihn an den Schultern schüttelte. Seine Ohren dröhnten. Er bemerkte, daß Valihas Haar an einer Seite versengt war und daß ihr linker Arm und ihre linke Wange bluteten. Ihre gelbe Haut verschwand fast unter einem Überzug aus Sand, der im Schweiß haften blieb. »Du blutest nicht zu stark«, meinte sie und brachte ihn da- zu, an sich hinabzuschauen. Auf seinen Kleidern hafteten Tropfen, darunter war die Haut gerötet. Ein Fleck an seiner Hose schwelte, und er schlug den Brand rasch aus. »Kannst du mich verstehen? Kannst du mich hören?« Er nickte, obwohl er sehr zittrig war. Wieder hob sie ihn hoch, und er tastete mit den Füßen, versuchte, sich rittlings auf ihren Rücken zu setzen. Als er an Ort und Stelle saß, rannte sie wieder los. Sie waren nur noch hundert Meter vom ersten der Kabel- stränge entfernt. Kurz bevor sie ihn erreichten, vernahm Chris eine leichte Änderung im Geräusch von Valihas Hufen. Statt des dumpfen Klopfens auf tiefem Sand wurde es zu ei- nem befriedigenden Hämmern, als sie auf hartes Gestein kamen. Schon bald waren sie nahe genug, um den massiven Strang zu berühren. Valiha warf sich herum, und sie blickten hinaus über die leere Fläche der Wüste. Nirgends konnten sie eine Spur von Cirocco und Hornpipe, Gaby, Hautbois oder Robin entdecken. Obwohl sie den fernen Donner von Impuls-, düsen hörten, war der Himmel doch frei von Flugbomben. »Da drüben«, sagte Valiha. »Im Osten.« Dort herrschte ein Tumult auf dem Sand. Ein Haufen Geis- ter erzeugte eine fließende Wolke über etwas, das reglos am Boden lag. »Es ist Hautbois«, sagte Valiha ruhig. »Nein, das darf nicht sein!« »Sie ist es aber sicher. Und da drüben, rechts von den Überresten. Ich fürchte, das ist unsere Gefährtin Robin.« Die kleine Gestalt war um die Krümmung des Kabels herum in Sicht gekommen. Sie war drei- oder vierhundert Meter von ihnen beiden entfernt. Chris sah, wie sie kurz an der Stelle des Blutbades stehenblieb. Sie kauerte sich zu- sammen, hielt die Hände vor den Mund und richtete sich dann auf, und Chris glaubte sicher zu wissen, was sie jetzt tun würde. »Robin! Robin, nicht!« schrie er. Er sah, wie sie ste- henblieb und sich umdrehte. »Zu spät!« rief Valiha zu ihr hinaus. »Sie ist nicht mehr am Leben! Komm zu uns!« Sie wandte sich Chris zu. »Ich werde sie holen.« Er hielt sie am Handgelenk fest. »Nein. Warte hier auf sie!« Es fühlte sich wie eine ver- flucht unheroische Äußerung an, aber er konnte nicht an- ders. Er sah weiterhin die Tentakel des Geistes, wie sie Vali- ha in den Sand hinabzogen. Er sah nach ihren Beinen und rang nach Luft. »Dieses Ding…« »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, sagte Valiha. »Die Schnitte sind nicht sehr tief, wenigstens die meis- ten.«, Es sah schlimm aus. Ihr linkes Bein war mit gerinnendem Blut bedeckt, und zumindest einer der Schnitte hatte einen Hautstreifen losgerissen. Er wandte hilflos den Blick ab, wandte ihn dorthin, wo Robin auf sie zugerannt kam. Sie lief unregelmäßig, die Beine und Arme flogen ohne viel Kon- trolle. Chris rannte hinaus, ihr ein kurzes Stück entgegen, und kam dann mit ihr unterm Arm zurückgeeilt. Sie brach auf dem Steinboden zusammen und keuchte, konnte nicht sprechen, sondern klammerte sich an den harten Boden wie an einen alten Freund. Chris drehte sie um und nahm ihre Hand. Es war die ohne den kleinen Finger. »Wir waren schon hier«, schaffte sie endlich zu sagen. »Hier unter dem Kabel. Dann sah Gaby die Flugbombe, und… und sie kam tief heran. Die erste. Und sie schoß sie ab! Und etwas sprang mit dem Fallschirm heraus… und sie rannte los, hinter ihm her. Das Wasser hat sie nicht getö- tet! Sie kamen direkt vor uns heraus, und… und…« »Ich weiß«, beruhigte Chris sie. »Wir haben es auch gese- hen.« »… und dann rannte Hautbois los, um nach Gaby zu sehen, und… hat mich nicht mitgenommen. Ich konnte mich nicht bewegen! Aber ich habe mich bewegt, und ich stand auf und ging… hinter ihr her. Sie war da draußen, und dann habt ihr mich gerufen… und Gaby steckt irgendwo dort draußen. Wir müssen sie finden, wir…« »Cirocco und Hornpipe fehlen auch«, sagte Chris. »Aber sie könnten unter dem Kabel sein. Ihr müßt weiter westlich he- reingekommen sein als wir, und Cirocco ist vielleicht in der anderen Richtung. Wir… Valiha, wie lange war ich nicht bei mir?« Die Titanide runzelte die Stirn. »Wir waren auch schon un-, term Kabel«, sagte sie. »Wir waren in Sicherheit und sahen dann Gaby allein losrennen, und wir liefen los, um ihr zu hel- fen, und dabei wurden wir fast getroffen. Ich war selbst ei- nen kurzen Moment lang nicht bei mir, glaube ich.« »Ich kann mich an nichts davon erinnern.« »Es waren möglicherweise vier oder fünf Dezirevs… dreißig Minuten, seit die Bombardierung begann.« »Also hatte Cirocco reichlich Zeit, es zum Kabel zu schaffen. Wir sollten zuerst zwischen den äußeren Strängen suchen.« Er erwähnte nicht seine feste Überzeugung, daß jeder, der sich noch draußen auf dem Sand befand, tot sein mußte. Sie alle hatten ein Gefühl der Dringlichkeit, fanden es aber doch schwer, ihre mühsam erreichte Zuflucht wieder zu ver- lassen. Sie verbrauchten einige Zeit mit der Untersuchung und Behandlung der Wunden. Robin war am wenigsten ver- letzt, und auch Chris fehlte nichts, was ein paar Verbände nicht heilen würden. Valihas Behandlung dauerte langer. Als das verletzte Bein verbunden war, schien sie nicht gerne viel Gewicht darauf zu verlagern. »Was meint ihr?« wandte sich Chris an die anderen. »Sie al- le könnten direkt auf der anderen Seite dieses Stranges sein und auf die Wüste hinausblicken in dem Versuch, uns ausfindig zu machen.« »Wir könnten uns trennen«, schlug Robin vor. »Sie sind wahrscheinlich nicht weit weg vom Rand. Wir sollten in bei- den Richtungen suchen.« Chris kaute auf der Unterlippe. »Ich weiß nicht. In allen Filmen, die ich je gesehen habe, kam die Trennung kurz vor der großen Katastrophe.« »Du gründest deine Taktik auf Filme?« »Worauf sonst? Weißt du mehr darüber?«, »Ich schätze nicht«, gestand Robin. »Wir sind für Angriffe verschiedenster Arten trainiert, aber ich weiß nicht, wieviel davon hier anwendbar ist.« »Wir trennen uns nicht«, sagte Valiha entschlossen. »Trennung bedeutet Verwundbarkeit.« Aber sie hatten keine Zeit, die Entscheidung zu finden. Robin, die auf die Wüste hinausblickte, sah Gaby auf dem Kamm einer Düne auftauchen. Sie machte die langen, leich- ten Niedrig-Schwerkraft-Sprünge, die Chris nicht mehr ko- misch fand. Mittlerweile kannte er diese Bewegungsart gut genug, um feststellen zu können, daß sie völlig erschöpft war. Sie lief leicht gebeugt, als hätte sie Seitenstechen. Sie brachte die Entfernung allmählich hinter sich. Als sie noch einen halben Kilometer entfernt war, winkte sie und rief, aber niemand konnte verstehen, was sie sagte. Und sie verstand die drei nicht, als sie wild zu schreien anfingen und sie vor etwas zu warnen versuchten, was sie nicht sehen konnte, da es sich ihr von hinten näherte. Valiha rannte als erste los. Chris folgte schnell, aber die Titanide ließ ihn leicht zurück. Sie brauchte noch 300 Meter bis zu Gaby, als die Flugbombe die Nase hob und ihre tödli- che Last abgab. Chris beobachtete, wie sie langsam durch die Luft torkelte. Seine Füße hämmerten auf den Sand, u- neingedenk all dessen, was sich in ihm verbergen mochte. Das Ding fiel direkt vor Gaby zu Boden, und sie warf die Hände hoch, als die Feuerwand vor ihr auftauchte. Schnell rennend kam sie daraus hervor. Sie schien beina- he zu fliegen. Und sie brannte! Er sah, wie sie mit den Händen nach den Flammen schlug, hörte ihr Kreischen. Sie wußte nicht mehr, wohin sie lief. Valiha versuchte, sie zu packen, verfehlte sie aber., Chris hielt nicht an. Er roch brennendes Haar und Fleisch, als er sie mit der Schulter traf und mit ausgestreckten Glie- dern zu Boden schickte, war Valiha da und hielt sie fest, während sie sich hin- und herwarf und aufschrie, und Chris warf mit beiden Händen Sand auf sie. Sie rollten sie hin und her, hielten sie am Boden fest und ignorierten den Schmerz, als sie ihre eigenen Hände versengten. »Wir ersticken sie!« protestierte Chris, als Valiha mit dem ganzen Körper Gaby auf den Boden preßte. »Wir müssen das Feuer löschen«, sagte die Titanide. Als Gaby zu kämpfen aufhörte, hob Valiha sie hoch und langte nach Chris, zog ihm dabei fast den Arm aus dem Ge- lenk. Er schwang sich auf ihren Rücken, und sie flog auf das Kabel zu, wobei sie die bewußtlose oder tote Gaby in den Armen hielt. Sie holten Robin ein, die bereits umgekehrt war, kurz vor dem Kabelstrang, von wo aus sie den größten Teil des Dramas beobachtet hatten. Chris packte ihre Hand und zog sie hinter sich hoch. Valiha verlangsamte das Tempo nicht, bis sie sich wieder auf festem Gestein befan- den. Sie wollte Gaby gerade absetzen, als sie sich umsah und den Anflug einer weiteren Flugbombe bemerkte. Unglaub- licherweise zielte sie mit hoher Geschwindigkeit auf das Ka- bel, und das auf einem Kurs, der die Bomben genau dorthin bringen würde, wo Valiha stand. Als sie die Nase hob, um die Bomben abzuwerfen, und ihr Antrieb unter vollem Schub brüllte, um zum Zwecke des eigenen Überlebens hoch genug zu steigen, eilte Valiha tiefer hinein in den dunkler werdenden Irrgarten der monolithischen Kabel- stränge. Hinter ihnen erfolgten Explosionen. Es war unmöglich, festzustellen, ob eine davon den Tod der Flugbombe signali- sierte. Valiha wurde nicht langsamer. Sie raste tiefer in den Strangwald hinein und blieb erst stehen, als sich die Düs- ternis zu Dunkelheit vertieft hatte. »Es kommen immer noch welche«, sagte Chris. Er hatte sich noch nie so hoff- nungslos gefühlt. Hinter ihnen zeichneten sich vor einem Keil Himmel, der zwischen den Strängen sichtbar war, die Silhouetten der konvexen Schattenspäne ab, die frontal ge- sehene Flugbomben kennzeichneten. Er zählte fünf, wußte aber, daß es mehr waren. Eine kippte nach rechts, dann nach links und suchte sich mit selbstmörderischer Ge- schwindigkeit ihren Weg zwischen den Strängen. Es gab eine Explosion weit hinter ihnen, dann eine in größerer Nähe, und die Kreatur stob brüllend über sie hinweg. In der Dunkelheit wirkte ihre blaue Abgasflamme grell. Vor ihnen erfolgte eine gewaltige Explosion, und das Ka- belinnere flammte plötzlich orangefarben auf. Die Schatten der Stränge tanzten im Takt mit den unsichtbaren Flammen; dann erblickte Chris für einen kurzen Moment den zerbro- chenen, abstürzenden Körper der Flugbombe. Valiha rannte weiter. Eine zweite Kreatur kam hinter ihnen heran, und sie hör- ten das Krachen, als eine dritte links von ihnen gegen einen Kabelstrang prallte. Brennender Napalm tropfte am Strang herab und platschte hundert Meter entfernt von ihnen auf den Boden, wie Wachs von einer Kerze. Weitere Bomben explodierten voraus. Die Erschütterungen schüttelten große Steine und andere massive Trümmerstücke aus den enger werdenden Räumen zwischen den sich entwindenden Strängen weiter oben. Ein Felsbrocken, so groß wie Valiha, schlug in einem Funken-, schauer zwanzig Meter vor ihnen auf. Valiha umging ihn ge- rade, als sie den Aufschlag einer weiteren Flugbombe hör- ten, rasch gefolgt von weiteren zwei, unterbrochen von den leiseren Geräuschen abgeworfener Bomben. Valiha blieb nicht stehen, bis sie das steinerne Gebäude sah, das den Eingang zum Regionalgehirn von Tethys mar- kierte. Sie hielt inne, wollte nicht hineingehen. Nur die trei- bende Kraft der Flugbomben hatte sie soweit geführt, zu ei- nem Ort, der von ihrer Rasse traditionell gemieden wurde. »Wir müssen hinein«, drängte Chris sie. »Diese Gegend geht zu Bruch. Eines von diesen Biestern wird uns noch kriegen, wenn nicht ein stürzender Fels uns vorher er- schlägt.« »Ja, aber…« »Valiha, tu was ich sage! Long-Odds Major spricht mit dir. Glaubst du, ich würde dich zu etwas überreden, das nicht eine sichere Wette ist?« Valiha zögerte noch eine Sekunde lang und trabte dann durch den gewölbten Eingang und über einen Steinboden hinweg, bis sie den Anfang der Fünf-Kilometer-Treppe er- reichte. Sie machte sich an den Abstieg. Die verschwundene Armee, Die chemischen Feuer waren schon lange erstorben, als Ci- rocco zu Fuß und gefolgt von Hornpipe die Krümmung des großen Kabels umrundete. Der Titanide bewegte sich in dreibeiniger Gangart, denn das rechte Hinterbein trug er in einer Schlinge um die Körpermitte. Das untere Gelenk des Beines war zersplittert. Auch Cirocco trug Zeichen des Kampfes. Eine Binde war um ihren Kopf gewickelt und bedeckte ein Auge. Ihr Ge- sicht war von geronnenem Blut gestreift. Den rechten Arm trug sie in einer Schlinge, und zwei Finger der rechten Hand waren geschwollen und standen schräg ab. Sie gingen auf dem harten Fels, der die Kabelbasis umgab, und wagten sich nicht auf den Sand. Obwohl die letzten Geister, denen sie begegnet waren, frei von welcher Ver- zauberung auch immer gewesen waren, die einige von ih- nen in die Lage versetzt hatte, Wasser zu ignorieren und sogar tatsächlich mit den Menschen und Titaniden hand- gemein zu werden, ging Cirocco kein Risiko ein. Ein von ihr getöteter Geist hatte im Moment seines Todes eine durch- sichtige, geschmeidige Haut abgeworfen, die sich wie Vinyl angefühlt hatte. Sie erspähte etwas draußen auf dem Sand, blieb stehen und streckte die Hand aus. Hornpipe reichte ihr einen Feld- stecher, den sie unbeholfen an ihr unversehrtes Auge hielt. Es war Hautbois. Sie konnte sich dessen nur sicher sein, weil noch ein paar Flecken grüner und brauner Haut unbe- schädigt waren. Cirocco wandte den Blick ab. »Ich fürchte, sie wird den Ophion nie wiedersehen«, sang Hornpipe. »Sie war gut«, sang Cirocco, die nicht wußte, was sie sonst sagen sollte. »Ich habe sie kaum gekannt. Wir werden, später von ihr singen.« Abgesehen von der einen Leiche gab es nur wenige Hinwei- se darauf, daß hier ein schrecklicher Kampf getobt hatte. Eini- ge Sandflecken waren geschwärzt, aber schon marschierten die unbarmherzigen Dünen über sie hinweg, und der sich erhebende Wind häufte Sandkorn auf Sandkorn über den Leichnam der Titanide. Cirocco hatte Schlimmeres erwartet. Vielleicht waren auch die anderen tot, aber sie würde es nicht akzeptieren, bis sie die Leichen sah. Sie und Hornpipe waren nach Osten gedrängt worden, als ihre Flucht sich in Chaos verwandelt hatte. Hornpipe hatte immer wieder versucht, auf die beiden anderen Titaniden zu- zuhalten, aber jedesmal trafen sie dabei auf eine weitere ver- steckte Stammtruppe wasserfester Geister. Er konnte wenig mehr tun als fliehen. Die Angriffe waren so heftig gewesen, daß sie Cirocco hatten glauben machen, die Geister wären allein hinter ihr her. In der Annahme, sie könne sie auf sich ziehen und so den Druck auf ihre Freunde erleichtern, hat- te sie Hornpipe angewiesen, so schnell er konnte um das Kabel herum nach Osten zu galoppieren. Sie wurden dabei von einer einzelnen Flugbombe verfolgt, die sie beinahe umbrachte, als sie eine Bombe so dicht bei ihnen abwarf, daß sie in die Luft gehoben und gegen einen Kabelstrang ge- schleudert wurden. Aber dann wurde deutlich, daß sie sich geirrt hatte. Die Geister waren nicht hinter ihr hergewesen; weder sie noch die Flugbomben hatten sie verfolgt, außer der einen, die sie verwundet hatte. Unglücklich suchten sie beide Schutz unter den Kabelsträngen und lauschten dem entfernten Kampfes- lärm, hilflos und unfähig, einzugreifen. Sie mußten zuerst die, eigenen Wunden verbinden. Cirocco hatte gerade wieder hinausgehen wollen, als Hornpipe sie zurückrief. Er betrachtete die feste Gesteinsoberfläche. »Einer unserer Leute ist hier vorbeigekommen«, sang er und deutete auf parallele Kratzer, die nur vom harten, klaren Keratin der Titanidenhufe stammen konnten. Ein paar Schritte weiter fand er einen Flecken Treibsand, in dem die Abdrücke zweier Hufe und der eines Menschenfußes zu se- hen waren. »Also hat Valiha es hierher geschafft«, sagte Cirocco auf Englisch. »Und zumindest noch ein anderer.« Sie legte die freie Hand seitlich an den Mund und rief in die Dunkelheit hinein. Als die Echos erstarben, konnten sie nichts mehr hören. »Komm doch! Gehen wir hinein und suchen wir sie!« Bei ihrem Vordringen in die Dunkelheit stießen sie auf em- porragende, unregelmäßige Formen, die ihnen den Weg versperrten. Hornpipe zündete eine Lampe an. In ihrem Licht erkannten sie, daß eine Menge Trümmergestein aus den enger werdenden Räumen über ihnen gefallen war. Die Stränge stiegen mindestens zehn Kilometer weit aufwärts, bevor sie sich verwanden und zusammen einen kompakten Körper bildeten: das Tethys-Kabel. Cirocco wußte, daß die- ser Irrgarten seine eigene komplexe Ökologie enthielt Pflanzen, deren Wurzeln in die Kabelstränge reichten, und Tiere, die an ihnen hinauf- und herabeilten. Cirocco übernahm auf dem Weg zwischen den Trümmern hindurch die Führung, sich dessen bewußt, daß unter jedem größeren Haufen alle vier Freunde liegen konnten. Doch, immer wieder rief ihr Hornpipe zu, daß er weitere Hu- fabdrücke gesehen hatte. Sie gingen immer tiefer hinein, bis sie auf einen massiven Steinhaufen trafen. Da wußte Ciroc- co, daß sie sich im Mittelpunkt unter dem Kabel befand. Sie war früher schon hier gewesen, und an dieser Stelle hatte das übliche, von Kobolden errichtete Eingangsgebäude ge- standen. Jetzt gab es hier nur noch Schutt, und inmitten eines gewaltigen Brandflecks die verdrehten Leichen dreier Flugbomben. Von ihnen war nicht mehr viel übrig außer dem Metall, das die Brennkammerverkleidung und die ge- schwärzten Stahlzäune gebildet hatte. »Sind sie da hineingegangen?« fragte Cirocco. Hornpipe bückte sich, um im Licht seiner Lampe den Bo- den zu untersuchen. »Schwer zu sagen. Es besteht die Möglichkeit, daß sie es ins Gebäude geschafft haben, bevor es einstürzte.« Cirocco atmete tief durch. Sie nahm Hornpipe die Lampe ab und ging ein kurzes Stück um den Schutthaufen herum. Dann kletterte sie behutsam ein paar Schritte hinauf, bis sie aufgeben mußte, beeinträchtigt durch ihren gebrochenen Arm und ein Schwindelgefühl. Sie kam wieder herunter. Sie setzte sich und stützte für einen Moment die Stirn in die Hand, seufzte, stand wieder auf und fing an, kleine Felsbro- cken aufzuheben und ziellos in die Dunkelheit zu werfen. »Was machst du da?« wollte Hornpipe wissen, nachdem er ihr einige Minuten lang zugesehen hatte. »Graben.« Hornpipe blickte sich um. Felsen von Faustgröße bis zu sol- chen von mehreren hundert Kilogramm, die sie beide zu- sammen wahrscheinlich hätten bewegen können, lagen herum, aber die große Masse des Haufens, die Felsen, die, dem kleinen Berg seine massive Gestalt verliehen, hätten Bausteine für eine ägyptische Pyramide abgegeben. Schließ- lich trat er hinter sie und berührte ihren Arm. Mit einem Ruck entzog sie sich ihm. »Rocky, es hat keinen Zweck. Das kannst du nicht schaf- fen.« »Ich muß. Ich will.« »Es ist zu…« »Verdammt noch mal, verstehst du nicht? Gaby ist da un- ten!« Sie zitterte und fiel auf die Knie. Hornpipe ließ sich neben ihr nieder, und sie kam in seine Arme, um an seiner Schul- ter zu schluchzen. Als sie sich wieder unter Kontrolle hatte, zog sie sich aus seiner Umarmung zurück, stand auf und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Ihre Augen brannten mit einer Entschlossenheit, die Hornpipe schon seit langer Zeit nicht mehr an ihr bemerkt hatte. »Hornpipe, mein alter Freund«, sang sie, »bei dem Blut- band, das uns verbindet, muß ich dich bitten, etwas Großes für mich zu tun. Bei unserer beider Liebe für deine Großhin- termutter, ich würde dich nicht darum bitten, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe.« »Befiehl mir, Magier«, sang Hornpipe im formellen Modus. »Du mußt in dein Heimatland zurückkehren. Dort mußt du alle, die wollen, beschwören, in die große Wüste zu kommen, nach Tethys zu kommen um Gäas Magier willen, in der Stunde der Not. Ruf die großen Ungetüme des Him- mels zusammen. Rufe Furchtlos, Wegfinder, den Aristokra- ten, Stahlband, Whistlestop, Bombasto, Durchlaucht und den Alten Späher selbst. Sag ihnen, daß Gäas Magier, Krieg gegen die Himmelsraketen führen wird, daß sie deren Rasse für immer aus dem großen Rad der Welt fegen wird. Sag ihnen, daß Gäas Magier sie als Gegenleistung für diese beschworene Zusage darum bittet, alle aufzunehmen, die kommen wollen, und sie nach Tethys zu bringen. Wirst du das für mich tun, Hornpipe?« »Das werde ich, Magier. Und doch fürchte ich, daß nicht viele von meinem Volk kommen werden. Tethys ist weit entfernt von unserer Heimat, der Weg ist voller Gefahren, und mein Volk fürchtet diese Orte. Wir glauben, daß es nicht in Gäas Absicht liegt, wenn wir hierher kommen.« »Dann sag ihnen folgendes! Sag ihnen, daß ich jedem, der kommt, beim nächsten Karneval ein Baby gewähre! Sag ih- nen, daß ich, wenn sie mir hierbei helfen, einen Karneval für sie veranstalte, von dem die Leute noch während der nächsten tausend Megarevs singen werden.« Sie wechselte zu Englisch. »Glaubst du, das wird sie herlocken?« Hornpipe zuckte die Achseln und erwiderte in derselben Sprache: »Nur so viele, wie die Blimps tragen können.« Cirocco klopfte dem Titaniden auf die Schulter, stand auf und versuchte, ihm auf die Füße zu helfen. Zögernd erhob er sich. Sie betrachtete ihn und streckte sich dann, um ihm einen Kuß zu geben. »Ich werde hier warten«, sang sie. »Kennst du den Pfiff der großen Not, der die Himmelsungetüme herabruft?« »Ich kenne ihn.« »In Kürze wird dich einer aufsammeln. Sei bis dahin äu- ßerst vorsichtig. Komm sicher hin und kehre mit vielen Ar- beitern zu mir zurück! Sag ihnen, sie sollen Seile, Flaschen- züge, ihre besten Winden, Hacken und Hämmer mitbrin- gen!«, »Das werde ich.« Er blickte zu Boden. »Rocky«, sagte er, »glaubst du, daß sie noch am Leben sind?« »Ich glaube, es gibt noch eine Chance. Wenn sie da unten gefangen sind, wird Gaby wissen, was zu tun ist. Sie wird wissen, daß mich nichts davon abhalten kann, sie heraus- zuholen, und sie wird dafür sorgen, daß die anderen am oberen Ende der Treppe bleiben. Es ist zu gefährlich, zu Tethys hinunterzugehen, wenn ich nicht dabei bin, um sie in Schach zu halten.« »Wenn du meinst, Rocky.« »Ich meine es. Jetzt geh mit meiner Liebe, Sohn!« Aufwiegler »Es war Gene«, flüsterte Gaby heiser. »Ich konnte es kaum glauben, aber es war Gene, der aus der Flugbombe sprang, bevor sie aufschlug.« »Gaby, du mußt dich schonen«, meinte Chris. »Das werde ich. In einer Minute schlafe ich. Aber ich wollte euch das zuerst mitteilen.« Robin hatte keine Möglichkeit herauszufinden, wie lange sie vier sich schon auf der Treppe befanden. Sie glaubte, daß es vielleicht bereits ein voller Tag war. Sie hatte einmal ge- schlafen, nur um durch Gabys Schreie wieder aufzuwa- chen., Robin konnte sie kaum ansehen. Sie hatten ihr die Reste ihrer Kleider ausgezogen und sie auf einen ihrer zwei Schlafsäcke gelegt. Valihas Erste-Hilfe-Tasche enthielt Tu- ben mit einer Salbe für die Behandlung von Verbrennun- gen, aber sie war ihnen ausgegangen, lange bevor sie die ganze verbrannte Haut damit hatten bedecken können. Sie hatten nicht einmal genug Wasser erübrigen können, um ihr richtig den Sand abzuwaschen, denn wenn die Wasser- schläuche erst einmal leer waren, würde es nichts mehr ge- ben. Gnädigerweise warf die eine Lampe, schwach eingestellt, um Brennstoff zu sparen, so wenig Licht. Gaby war eine Masse aus Verbrennungen zweiten und dritten Grades, qualvoll anzuschauen. Ihre ganze rechte Seite und der größte Teil des Rückens waren schwarz verkohlt. Wenn sie sich bewegte, brach die Haut auf, und eine durchsichtige Flüssigkeit drang heraus. Sie sagte, daß sie an diesen Stellen nichts spürte, und Robin wußte dadurch, daß die Nerven zerstört worden waren. Aber die geröteten Stellen rings um die vernichtete Haut verursachten Gaby schreckliche Schmerzen. Sie döste immer wieder in unregelmäßigen Ab- ständen und kam dann mit heiseren Schreien wieder zu gepeinigtem Bewußtsein, mit Schreien, die ihre Kehle zer- rissen. Sie bettelte dann immer um Wasser, und sie gaben ihr ein paar kleine Schlucke. Jetzt jedoch schien sie ruhiger zu sein und weniger Schmerzen zu haben, sich der Leute um sie herum stärker bewußt. Sie lag auf der Seite, die Beine angezogen, den Kopf auf Valihas Schoß gebettet, und sprach von den Minu- ten vor ihrer Opferung. »Es war seine Tat. Er nahm mit den Flugbomben Kontakt, auf – sie sind verdammt intelligent, nebenbei. Er nahm auch mit den Sandgeistern Verbindung auf, nur arbeiten sie nicht mit Außenseitern zusammen. Ich wußte das, und er wußte es, und er versuchte, mir nicht zu sagen, wie er sie zur Zusammenarbeit bewegte. Ich habe ihn überredet.« Sie lächelte, ein schrecklicher Anblick auf ihrem halb zerstörten Gesicht. »Eines muß ich ihm zugute halten. Das tolle Ding mit den Geistern überraschte mich vollkommen. Er hat die Bastarde einfach in Plastik getaucht. Er schickte sie alle durch einen Sprüher, der sie in irgendeine wasserabweisende Schmiere kleidete, und dann ließ er sie hinaus in die Schlacht mar- schieren. Aber dann ging er davon aus, daß wir gescheiter wären, als es tatsächlich der Fall war, und damit ist er hereingefal- len. Erinnert euch, auf halbem Wege zum Kabel wies Rocky darauf hin, daß wir, wenn wir uns nördlich zur Straße hiel- ten, darauf kehrtmachten und dann auf das Kabel zuhielten, eine kleinere Strecke durch tiefen Sand zurückzulegen hät- ten. Hätten wir das getan, wären wir mitten in seinen Hin- terhalt gerannt. Seine wasserfeste Armee war zwischen der Straße und dem Kabel aufgestellt, und eine Flottille von Flugbomben versteckte sich in den nördlichen Bergen, um uns zu bombardieren, sobald wir einmal festgenagelt wa- ren. Wo wir tatsächlich entlangkamen, hatte er nur eine kleine und nicht wasserfeste Streitmacht. Er sagte sich, das Plastik könne nicht lange halten, es würde sich im Sand ab- nutzen, und er besaß nur die eine Maschine, um es aufzu- tragen. Er mußte sie bei seiner Hauptmacht stationieren.« Sie hustete, und Robin bot ihr mehr Wasser an. Sie schüt- telte den Kopf., »Wir müssen mit dem Zeug auskommen«, sagte sie. Sie schien durch das lange Reden geschwächt zu sein, und Chris schlug ihr erneut vor, sich auszuruhen. »Ich muß euch das zuerst erzählen«, sagte sie. »Wo war ich? Oh. Du hattest recht, Chris. Wir ließen uns durch die kleine Geisterstreitmacht aufhalten; dann haben wir uns auch noch versteckt, als die Flugbombe auftauchte. Das war Gene, der nach uns suchte. Als er uns sah, rief er über Radio seine Hauptstreitmacht herbei. Wenn wir da losgelaufen wären, dann hätten wir das Kabel erreicht gehabt, bevor die Infanterie oder die Luftwaffe uns hätten erreichen können. Ich glaube nicht, daß Gene seinen Hals riskiert hätte bei dem Versuch, uns aus der Luft zu kriegen, aber ich könnte mich irren. Er hatte ein ganz schön starkes Motiv. Er war nämlich hinter mir her«, sagte sie und fing an zu husten. Sobald sie es unter Kontrolle hatte, nahm sie den Faden ihrer Geschichte wieder auf. »Die ganze Sache und so ziemlich alle unsere Schwierigkeiten auf dieser Reise wa- ren Genes Versuche, mich zu töten. Die Geister und die Flugbomben hatten den Befehl, zuerst mich aufs Korn zu nehmen und die anderen später, wenn es ging. Cirocco sollte nicht verletzt werden, aber ich glaube, Gene hatte andere Vorstellungen.« »Was meinst du damit?« fragte Robin. »Stand er selbst unter Befehl?« »Ja«, sagte Gaby. »Verdammt richtig. Er wollte mir wirklich nichts darüber erzählen. Ich sagte ihm, wenn er es nicht tä- te, würde ich zusehen, daß er zumindest noch einen Tag lebte und ich ihn Stück für Stück auseinandernähme. Ich mußte ihm ein paar Teile entfernen, um sicherzustellen, daß er mir glaubt.«, Robin schluckte nervös. Sie hatte geglaubt, daß ihr selbst die Gewalt nicht unbekannt war, aber der Umfang der jüngsten Ereignisse hatte sie erschüttert. Sie kannte blu- tende Nasen und gebrochene Knochen und sogar den Tod, aber der Krieg war für sie nur eine Geschichte von der zu- rückgelassenen Erde gewesen. Sie wußte nicht, ob sie die Dinge hätte tun können, die Gaby jetzt beschrieb. Sie hätte ihm die Kehle durchschneiden oder ins Herz stechen kön- nen. Folterung war ihr fremd, und doch spürte sie den tie- fen Strom des Hasses in Gaby, dessen Ursache dieser Gene war. Wieder einmal wurde sie sich der gewaltigen Kluft zwi- schen ihren neunzehn Jahren im Koven und Gabys fünfund- siebzig Jahren im großen Rad bewußt. »Wer war es dann?« fragte Chris. »Okeanos? Tethys?« »Ich wollte, daß es Okeanos gewesen wäre«, sagte Gaby. »Aber ich rechnete nicht damit. Gene erhielt seine Befehle von jemandem, den ich schon die ganze Zeit verdächtigt hatte. Es war Gäa, die ihn anwies, mich zu töten und Ci- rocco zu verschonen. Deshalb konnte ich nicht anders, wäh- rend Psaltery starb, als aufschreien, daß sie ihm das ange- tan hatte. Ich glaube, sie hat mich gehört und Gene ge- sagt, er solle seine Bemühungen verstärken. Sie gab ihm einen Vorrat an Napalm und Explosivstoffen.« »Gene stand auch hinter dem früheren Angriff?« »Erinnert ihr euch noch an das, was geschah? Chris sah die Flugbombe und stieß mich von Psaltery. Hätte er es nicht getan, wären wir beide tot gewesen. Danach mußte Gene es so aussehen lassen, als gelte der Angriff uns allen, denn Rocky sollte nicht mitbekommen, daß sie nur hinter mir her waren.« Sie hustete wieder, packte dann Chris am Kragen und stemmte sich mit hysterischer Kraft hoch., »Und das ist, was du Rocky erzählen mußt, wenn sie her- kommt. Sie muß wissen, daß Gäa dahintersteckt. Wenn ich bei ihrer Ankunft schlafe, erzählt ihr das zu allererst. Ver- sprich mir, daß du es tust! Wenn ich phantasiere oder zu schwach zum Sprechen bin, mußt du es ihr sagen.« »Ich sage es ihr, das verspreche ich.« Er warf Robin einen kurzen Blick zu. Er glaubte, daß Gaby bereits phantasierte, und Robin stimmte dem zu. Cirocco war wahrscheinlich tot, und selbst wenn sie es nicht war, gab es wenig Aussichten, daß sie den Berg aus Stein wegräumen konnte, der die Treppe über ihnen versperrte. »Ihr versteht nicht«, sagte Gaby und ließ sich zurücksin- ken. »In Ordnung, ich werde euch berichten, was wir wirk- lich taten, während wir vorgaben, euch zwei zu einem Spa- ziergang im Park mitzunehmen. Wir planten den Sturz Gäas.« Was Gaby und Cirocco gemacht hatten, war eher eine Erfor- schung von Mitteln und Wegen gewesen als eine echte Ver- schwörung. Keine von beiden war sich überhaupt sicher, ob es physikalisch möglich war, Gäa zu stürzen, oder ob das Wesen Gäa beseitigt werden konnte, ohne ihren Körper zu schädigen, von dem ihr aller Überleben abhing. Wie bei so vielen Dingen in Gäa lagen die Wurzeln der Si- tuation in Ereignissen der fernen Vergangenheit. Gaby hatte es schon vor zumindest dreißig Jahren gejuckt, die Dinge zu ändern. Robin saß neben ihr in der flackernden Dunkelheit und hörte sie von Dingen sprechen, die sie nie- mandem außer Cirocco hatte anvertrauen können. »Rocky wollte lange nicht einmal davon hören«, erzählte sie ihnen. »Ich mache ihr keinen Vorwurf. Sie hatte eine, Menge Gründe, um mit der Situation zufrieden zu sein. Ich auch, was das angeht. Ich fand das Leben in Gäa nicht schlimm. Immer wieder fand ich zwar etwas, das mir nicht gefiel, aber, zum Teufel, auf der Erde war es schlimmer. Das Universum ist nicht gerecht und nicht schön, ob es nun von einem lebendigen Gott regiert wird oder nicht. Ich bin ehr- lich davon überzeugt, daß ich, wenn der Christengott exis- tieren würde, ihn mehr hassen würde als Gäa. Sie ist nicht einmal mit ihm im Bunde. Und doch, gerade weil man mit diesem Gott sprechen kann, einfach weil sie tatsächlich da ist und ich mit ihr ge- sprochen hatte und wußte, daß sie verantwortlich ist, daß jede Ungerechtigkeit und jeder sinnlose Tod das Ergebnis einer bewußten Entscheidung ist… machte es die Sache nur noch schwerer. Krebs wäre für mich nur dann akzepta- bel, wenn ich wüßte, daß er sich einfach entwickelt, daß niemand ihn ausgedacht und in den Leuten erzeugt hat. Auf der Erde war es genauso. Wenn ein Erdbeben passierte, dann litt man und leckte seine Wunden und sammelte die Reste auf und marschierte weiter zu, was immer das Univer- sum als nächstes nach einem warf. Man schimpfte nicht über Gott, oder zumindest taten das nicht viele von den Leuten, die ich kannte. Aber wenn die Regierung ein Gesetz verabschiedete, das einem nicht paßte, dann ließ man die Hölle los. Man ver- suchte entweder, die Bastarde bei der nächsten Wahl hi- nauszuwerfen oder organisierte die Übernahme der Macht von ihnen mit anderen Mitteln. Weil diese Ungerechtigkei- ten von Leuten kamen und nicht von einem gleichgültigen Universum, hatte man das Gefühl, etwas dagegen tun zu können., Ich brauchte lange, um zu erkennen, daß es hier genauso ist, aber schließlich tat ich es doch. Das Hindernis lag darin, Gäa für einen Gott zu halten, und ob ihr es glaubt oder nicht, ich schätze doch, daß ich es lange Zeit tat. Es gibt so viele Ähnlichkeiten. Aber sie funktioniert nicht durch Magie. Alles, was sie macht, liegt theoretisch im Bereich der Mög- lichkeiten von Wesen wie uns. Also entfernte ich mich all- mählich von der Gottesvoraussetzung und begann Gäa als Stadtverwaltung zu betrachten. Und verflixt, ich schätze, ich kann nicht widerstehen, die Stadtverwaltung zu bekämp- fen.« Sie mußte mit dem Reden aufhören, weil sie von ei- nem Hustenanfall geschüttelt wurde. Robin hielt ihr den Wasserschlauch an die Lippen, und sie trank, blickte dann mit Tränen in den Augen an sich selbst hinab. »Ihr seht, wohin es mich gebracht hat.« Valiha streichelte sanft Gabys Stirn. »Du solltest dich jetzt ausruhen, Gaby«, sagte sie. »Du mußt deine Kräfte scho- nen.« »Das werde ich auch«, sagte Gaby. »Ich muß nur das zu- erst herausbekommen.« Sie atmete für kurze Zeit schwer, und Robin sah, wie sich ihre Augen weiteten. Sie versuchte, sich aufzurichten, aber Valiha hielt sie fest, sorgsam darauf bedacht, nicht die verbrannte Haut zu berühren. Robin konnte eine Erkenntnis in der anderen Frau wachsen sehen, als diese wild von einem zum anderen blickte. Als sie rede- te, klang ihre Stimme kindlich. »Ich werde jetzt sterben, nicht wahr?« »Nein, du solltest nur…« »Ja«, sagte Valiha mit der titanidischen Direktheit bezüg- lich des Todes. »Es gibt nur noch wenig Hoffnung.« Gaby atmete mit einem quälenden Schluchzer ein., »Ich will nicht sterben«, stöhnte sie. Erneut versuchte sie sich aufzurichten. Sie kämpfte gegen die anderen, sammelte Kraft durch Hysterie. »Ich bin noch nicht bereit. Bitte laßt mich nicht sterben! Ich will nicht sterben, ich… will nicht… laßt mich nicht sterben!« Plötzlich hörte sie auf, Widerstand zu leisten, und brach zusammen. Lange weinte sie bitter- lich, so lange, daß ihre Worte, als sie wieder zu sprechen versuchte, fast zu sehr gebrochen waren, als daß man sie noch hätte verstehen können. Robin beugte sich herab, um ein Ohr dicht vor ihren Mund zu halten. »Ich will nicht… sterben«, sagte Gaby. Und eine gerau- me Weile später, als Robin schon hoffte, sie sei eingeschla- fen: »Ich wußte nicht, daß es so weh tun kann.« Endlich schlief sie ein. Es waren vielleicht acht Stunden vergangen, als sie wie- der redete, vielleicht auch sechzehn; Robin konnte es nicht abschätzen. Keiner von ihnen hatte überhaupt erwartet, daß Gaby wieder erwachen würde. Während der nächsten Stunden erzählte sie ihnen den Rest ihrer Geschichte. Ihre Kräfte hatten alarmierend nach- gelassen; sie konnte kaum noch den Kopf heben, um das Wasser zu nippen, das sie mit zunehmender Häufigkeit brauchte, wenn sie überhaupt sprechen sollte. Sie hatte Flammen eingeatmet. Ihre Lungen füllten sich mit Feuchtig- keit, und der Atem ging rasselnd. Sie verfiel in Träume und kam wieder aus ihnen hervor, redete mit ihrer Mutter und anderen Leuten, die schon lange tot sein mußten, und rief oft nach Cirocco. Aber stets kehrte sie wieder zu der Ge- schichte ihrer privaten Ketzerei zurück, ihrer Don Quichotte- rie und letztendlich tödlichen Mission zur Niederwerfung der despotischen Macht, die das Zepter schwang über ihr Le-, ben und das aller, die ihr teuer waren. Sie erzählte von großen und kleinen Bitterkeiten, und oft waren es die kleinen Dinge, die Ungerechtigkeiten auf einer persönlichen Ebene, die mehr bedeuteten als die großen Mißstände. Sie sprach von der Institution der Aufgaben und wie sie mit immer größerem Abscheu erfüllt wurde in jedem vergehenden Jahr, in dem unglückliche Leute dazu getrieben wurden, zu kämpfen und zu sterben für die Erheiterung eines Gottes, der der kleineren Leidenschaften müde war. Sie be- richtete in Einzelheiten von dem grausamen Scherz mit Ci- rocco und den Titaniden und ging das Register von Gäas ma- kabren Spielzeugen durch: eine lange und infame Liste, de- ren Kulmination die Flugbomben waren. An einem Punkt hatte sie sich schließlich zu fragen gewagt, ob alles so sein mußte. Und als sie einmal diese Überlegung angestellt hatte, wurde sie unerbittlich zur Frage einer mögli- chen Alternative geführt. Zuerst konnte sie niemandem da- von erzählen, nicht einmal Cirocco. Später, als Cirocco plötz- lich Grund hatte, Groll über Gäas Machenschaften zu empfin- den, hatte sie sich vorsichtig dem Thema genähert, war zu- rückgewiesen worden und hatte es für fünf Jahre ruhen las- sen. Aber allmählich entwickelte Cirocco Interesse. Zu Anfang handelte es sich lediglich um ein theoretisches Problem: konn- te jemand oder etwas Gäas Stelle einnehmen? Wenn ja, was? Sie diskutierten Erdcomputer und lehnten sie ab; keiner war groß oder komplex genug. Verschiedene andere Lösungsvor- schläge wurden ebenfalls für nicht ausreichend befunden. Schließlich hatten sie die Zahl der Kandidaten für eine himmli- sche Thronfolge auf Elf begrenzt – die lebenden Regionalge- hirne Gäas. Für lange Zeit war es Cirocco zufrieden, die Sache darauf, beruhen zu lassen. Es schien möglich, daß eines der Gehirne oder ein Team von ihnen vorstellbarerweise Gäas Funktionen übernehmen könnte, wenn sie sterben sollte. Es gab Myriaden von Problemen bei jeder der Möglichkeiten, aber sie waren zumindest denkbar. Und genau an diesem Punkt erschöpfte sich Ciroccos Interesse an der Sache. Gaby glaubte nicht, daß Feigheit der Grund war, obwohl es mit den schlimmsten Sta- dien ihres Alkoholismus zusammenfiel. Es handelte sich le- diglich darum, daß der zweite Teil des Problems im Vergleich zum ersten unbedeutend zu sein schien. Ihre ganzen Diskus- sionen setzten Gäas Abwesenheit voraus. Aber wer wird der Katze die Glocke umhängen? Gaby konnte das übergehen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß die Welt voll törichter Helden war, und sie wußte auch, daß sie dazu gehörte. Ci- rocco ebenfalls, wenn sie in geeigneter Form dazu angesta- chelt wurde. Sie und Cirocco würden Gäa beseitigen. Aber damit gelangten sie zu der Frage, die sich bis dahin als unbeantwortbar erwiesen hatte. Wie beseitigt man Gäa? »An diesem Punkt mußte ich mich völlig geschlagen ge- ben«, gestand Gaby. »Die ganze Sache blieb von da an gute sieben oder acht Jahre liegen. Rocky gefiel es zu vergessen, aber mir war das unmöglich. Die ganze Zeit setzte mir mein Gewissen zu und sagte mir, ich müsse etwas tun. Es gab nur eine Sache, die mir einfiel… laßt mich das zugeben, jetzt scheint die richtige Zeit für Geständnisse zu sein. Ich hatte nie geglaubt, daß ich selbst die endgültige Antwort finden würde. Ich wußte, daß Rocky es schaffen konnte, wenn sie sich einmal das Ziel setzte. Also bestand meine Aufgabe darin, eine Möglichkeit zu finden, ihr Interesse an, entsprechenden Aktivitäten zu wecken. Ich mußte es mög- lich erscheinen lassen. Ich fing an, sie mit dem Vorschlag einer Inspektionsreise zu plagen. Jahrelang lag ich ihr in den Ohren, bis sie kaum noch mit mir sprechen wollte, weil ich so eine Plage war. Aber ich bearbeitete ihr Gewissen – denn ihr gefielen die Dinge, von denen ich euch erzählt habe, auch nicht besser als mir. Es ist nur ein wenig schwieriger, sie in Gang zu bringen, als mich. Schließlich gab sie nach. Wir haben euch benutzt. Ich sagte, ich sei jetzt bei den Geständnissen, nicht? Ich will sagen, wir glaubten nicht, euch in größere Gefahr zu bringen, als sie euch sowieso ge- droht hätte, wenn ihr hiergeblieben wäret. Aber darin ha- ben wir uns geirrt. Ihr hättet größere Sicherheit gehabt, wäret ihr auf eigene Faust losgezogen, denn Gäa hatte von etwas Wind bekommen oder war einfach zu dem Schluß gekommen, daß sie genug von meiner Eigenständigkeit hat- te. Vielleicht konnte sie einfach den Gedanken an jeman- den nicht ertragen, der nicht unter ihrer Fuchtel steht. Ihr einziger Griff an mir war die Notwendigkeit, meine Jugend immer wieder zu erneuern. Und ihr könnt mir das glau- ben oder nicht, ganz wie ihr wollt, ich konterte das mit einer Bereitschaft, die Bedingungen zurückzuweisen, wenn sie zu kostspielig wurden. Ich glaube, ich hätte alt werden und in Würde sterben können. Ich werde es niemals wissen, aber ich fürchtete es nicht so, wie ich das hier fürchte. Was Rocky also gemacht hat, ist folgendes: sie sprach mit den Regionalgehirnen, ohne auch nur ein Wort der Revolu- tion zu reden. Wenn ihr glaubt, Rocky hätte geplant, hi- naufzugehen und einem von ihnen das Gottestum auf ei- nem silbernen Tablett anzubieten, dann seid ihr nicht bei Trost. Sie forschte sie aus, versuchte, versteckten Groll, ausfindig zu machen. Wir hätten am liebsten die Hälfte von ihnen gestrichen, bevor wir überhaupt anfingen, hielten es dann aber doch für ratsam, sie alle aufzusuchen. Auf diese Weise konnten wir Gäa sagen, wir führten eine andere Art von Inspektion durch, gewissermaßen ein Erforschen der Stimmung im Lande.« Sie versuchte zu lachen, brachte a- ber nur ein Husten zustande. »Gäa ist der einzige Ort, wo man das buchstäblich machen kann. Wie das nächste Stadium ausgesehen hätte, weiß ich nicht. Wir hatten soweit überhaupt kein Glück. Rhea ist eine Spionin und Krios ein Speichellecker – er hat wirklich ein paar unerwartete Bemerkungen gemacht -… ach, was nützt das? Das Projekt ist gescheitert, und wir sind im Aus. Warum, zum Teufel, habe ich sie Tethys nicht überspringen lassen?« Sie leckte sich die Lippen, lehnte aber das angebotene Wasser ab. »Ihr werdet dieses Wissen gebrauchen können. Versteht ihr, warum es lebenswichtig ist, daß ihr es Rocky erzählt? Daß Gene dahintersteckte und unter Gäas Befehl stand? Wenn Gäa weiß, was wir taten, ist Rocky in ernsten Schwie- rigkeiten. Sie muß Bescheid wissen, damit sie abschätzen kann, was zu tun ist. Versprecht ihr mir, es ihr zu sagen?« »Wir versprechen es, Gaby«, sagte Valiha. Gaby nickte erschöpft und schloß die Augen. Sie öffnete sie wieder und sah besorgt aus. Ihre Stimme war fast nicht zu hören. »Wißt ihr«, sagte sie, »eigentlich bedaure ich nur, daß Rocky nicht hier bei mir sein konnte. Chris, würdest… nein.« Sie wandte den Blick ab von ihm und fand Robins Augen. Robin nahm ihre Hand. »Robin, wenn du sie siehst,, gib ihr einen Kuß von mir.« »Das werde ich.« Gaby nickte wieder und schlief rasch ein. Nach kurzer Zeit wurde ihr Atem unregelmäßig und hörte dann auf. Als Valiha nach dem Herzschlag lauschte, konnte sie keinen mehr feststellen. Offenbarung Es war seltsam. Gaby hatte von den Erfahrungen Sterbender gelesen. Menschen, die am Rande des Todes gestanden hatten, sa- hen häufig dieselben Dinge, so daß sie jetzt eine gewisse Vorstellung besaß von dem, was zu erwarten war. Die Leute sprachen von heiterer Ruhe, dem Fehlen von Schmerz, von der Erlangung eines so süßen und verlockenden Friedens, daß sie in aller Ruhe Bestandsaufnahme machen und ent- scheiden konnten, ob sie leben oder sterben wollten. Ob es nun Wirklichkeit war oder Halluzination, viele hatten davon berichtet, daß sie sich außerhalb ihrer selbst befanden und auf ihren Körper herabblickten. Jetzt wußte sie, wovon sie gesprochen hatten, und Worte konnten es nicht beschreiben. Es war wundervoll, und es war seltsam. Die anderen glaubten, daß sie tot war, aber sie wußte, daß, es nicht stimmte, noch nicht. Sie würde bald tot sein, weil sie zu atmen aufgehört hatte. Ihr Herz blieb stehen, und sie wartete auf die endgültige Erfahrung mit etwas, das vielleicht heitere Neugier war: Ich weiß, wie es ist, zu sein; aber wie ist es, nicht zu sein? Fällt man in Stücke, hört man allmählich auf zu funktionieren oder erlischt man einfach? Wird es Trompeten und Harfen geben, Feuer und Schwefel, Wiedergeburt oder das ewig gleichbleibende Summen des intergalaktischen Wasserstoffs? Wird da nichts sein? Und wenn, was ist nichts? Ihr Körper hielt sie nicht länger. Es war gut, frei zu sein und in Raum und Zeit zu schweben, zurückzublicken auf die hinter ihr erstarrte Szenerie. Sie ergab ein eindrucksvol- les Bild. Und da war Cirocco, die geduldig auf dem Stein- haufen saß. Einen Arm trug sie in der Schlinge. Es war gut, einen Freund gehabt zu haben. Im frühen Abschnitt ihres Lebens hatte Gaby in ernster Gefahr gestanden, ohne einen zu sterben, und das wäre schlimmer gewesen als jede Höl- le. Danke, Rocky, daß du meine Freundin gewesen bist… Es dauerte länger, als sie erwartet hatte. Jetzt war um sie der offene Himmel und in der Tiefe die gewaltige Wüste, und sie schwebte weiterhin aufwärts. Höher und höher schwebte sie, hinauf durch das Dach und in den Weltraum, höher und immer höher… Wohin? Zum erstenmal begann sie Zweifel zu hegen. Wäre das nicht der kosmische Witz am Ende von allem? Welch eine Überraschung für die Theologen, wenn es sich herausstellte, daß die Antwort wirklich darauf hinauslief… Was, wenn Gäa nicht nur eine Stadtverwaltung wäre? Jetzt konnte das nicht mehr mißachtet werden. Was im-, mer auch Gaby geworden war, ihr Ziel war eindeutig. Sie befand sich auf dem Weg zur Nabe. Sie hätte so gerne gewußt, wie sie schreien könnte. Ausreißer Chris und Robin sprachen die Sache durch, erforschten sie aus allen Richtungen und kamen zu dem Ergebnis, daß die Situation hoffnungslos war. Aber das Menschentier ist selten hoffnungslos, wirklich hoffnungslos in der wirklichen Welt. Wären sie von oben und unten eingeschlossen gewesen, dann hätten sie auf den Tod warten können. Aber solange noch die Treppe lockte, wußten sie beide, daß sie sie hinabsteigen mußten. »Das liegt in der besten Tradition der Helden«, bemerkte Chris. »Zu sterben, während man noch alles versucht.« »Würdest du bitte mit dieser Heldengeschichte aufhören? Wir sprechen vom Überleben. Hier haben wir keine Chance; wenn es also den Eins-zu-einer-Million-Schuß am unteren En- de der Treppe gibt, dann müssen wir ihn wagen.« Es war jedoch nicht einfach, Valiha in Bewegung zu bringen. Die Titanide war ein Nervenbündel. Logische Argumente nützten bei ihr wenig. Sie konnte dem zustimmen, daß sie einen Weg nach draußen suchen mußten und die einzig mög- liche Route abwärts verlief, aber an diesem Punkt blieb ihr, Geist stehen, und etwas anderes übernahm. Es war falsch für eine Titanide, an diesem Ort zu sein. Noch tiefer zu ge- hen, war nahezu undenkbar. Chris begann zu verzweifeln. Zum einen war da Gaby. Es war nicht angenehm, in der Nähe ihres Leichnams zu bleiben. Schon bald… aber daran zu denken ertrug er nicht. Sie nicht begraben zu können, war schrecklich genug. Sie fanden nie heraus, wie lange es brauchte, die Treppe hinabzusteigen. Die Uhren hatten zu Hornpipes Gepäck gehört, und es gab einfach keine andere Möglichkeit, das Verstreichen der Zeit zu messen. Es verwandelte sich in ei- nen endlosen Alptraum, erleichtert nur durch die mageren Mahlzeiten, die eingenommen wurden, wenn der Hunger nicht länger toleriert werden konnte, und durch den traumdurchwobenen Schlaf der Erschöpfung. Sie schafften vielleicht zwanzig oder dreißig Stufen tiefer, bevor sich Vali- ha jeweils wieder setzte und zu zittern begann. Es war un- möglich, sie von der Stelle zu bewegen, bis sie ihren Mut zusammengerafft hatte. Sie war zu groß, um sie mitzu- schleifen, und kein Wort, das sie zu sagen vermochten, be- wirkte etwas. Robins Temperament – selbst zu ihren besten Zeiten nicht allzu ausgeglichen – wurde vulkanisch. Zuerst versuchte Chris, ihren Sprachgebrauch zu bändigen. Später begann er, eigene Kommentare hinzuzufügen. Er hielt es nicht für weise, wenn Robin anfing, die Titanide zu puffen, hinter sie zu gehen und zu stoßen in ihrem verzweifelten Drang zum Aufbruch, aber er sagte nichts. Und er konnte Valiha nicht einfach zurücklassen. Robin stimmte dem zu. »Ich würde sie liebend gerne erwürgen«, meinte sie, »aber ich könnte sie nicht hier zurücklassen.«, »Es müßte kein Zurücklassen sein«, sagte Chris. »Wir könnten vorausgehen und versuchen, Hilfe zu holen.« Robin betrachtete ihn finster. »Mach dir doch nicht selbst etwas vor. Was erwartet uns unten? Wahrscheinlich ein Säureteich. Selbst wenn nicht, und selbst wenn Tethys uns nicht umbringt und wir es in einen dieser Tunnels schaffen – wenn es überhaupt hier unten Tunnels gibt wie an der anderen Stelle –, wird es Wochen dauern, hinauszukom- men und wieder zurückzukehren. Wenn wir sie hier verlas- sen, ist sie so gut wie tot.« Chris mußte zustimmen, daß sie recht hatte, und Robin machte sich wieder an den Versuch, Valiha körperlich zum Gehen zu zwingen. Er glaubte immer noch, daß es vielleicht ein Fehler sei, und Valiha bestätigte ihn. Es geschah plötz- lich und fing damit an, daß Robin sie ohrfeigte. »Das tut weh«, meinte Valiha. Robin schlug sie wieder. Valiha legte ihre mächtige Hand um Robins Hals, hob sie vom Boden hoch und hielt sie auf Armeslänge. Robin trat ein paarmal aus, wurde dann völlig reglos und gurgelte nur noch. »Wenn ich dich das nächstemal hochhebe«, sagte Valiha ohne besondere Drohung in der Stimme, »werde ich dich quetschen, bis dir der Kopf runterfällt.« Sie setzte Robin wieder ab und hielt sie an den Schultern fest, solange sie hustete, ließ sie nicht los, bevor sie nicht sicher war, daß Robin wieder aus eigener Kraft stehen konnte. Robin wich zurück, und Chris hielt es für einen glücklichen Umstand, daß ihre Pistole sicher in Valihas Gepäck verstaut war. Aber Valiha schien keinerlei Groll gegen sie zu hegen, und der Zwischenfall wurde weder noch einmal erwähnt, noch hob Robin jemals wieder auch nur ihre Stimme vor der Titani-, de. Er glaubte, daß sie jetzt mehr als die Hälfte des Weges hin- ter sich hatten. Es war die fünfte Schlafpause gewesen. Aber als er diesmal erwachte, war Valiha nicht mehr da. Sie stiegen wieder hinauf. Eintausendzweihundertneunundzwanzig Stufen weiter oben fanden sie sie. Sie hatte die Beine unter sich gefaltet, hatte glasige Augen und wiegte sich leicht vor und zurück. Sie sah nicht intelligenter aus als eine Kuh. Robin setzte sich, und Chris brach neben ihr zusammen. Er wußte, wenn ihm jetzt die Tränen kämen, würde er viel- leicht nicht wieder mit dem Weinen aufhören, also kämpfte er sie zurück. »Was jetzt?« fragte Robin. Chris seufzte und stand auf. Er legte die Hände an Vali- has Wangen und rieb sie sanft, bis sie die Augen auf ihn richtete. »Es ist wieder Zeit zu gehen, Valiha«, sagte er. »Wirklich?« »Ich fürchte, ja.« Sie erhob sich und ließ sich von ihm führen. Sie schafften zwanzig Stufen, dann dreißig, dann vierzig. Auf der sechs- undvierzigsten setzte sie sich wieder und begann sich er- neut zu wiegen. Als er sie zum drittenmal hochbekam, war er optimistisch und hoffte, daß sie hundert Stufen schaffen würden, aber sie schaffte nur siebzehn. Nach zwei weiteren Schlafzeiten erwachte er durch die Laute von Robins Weinen. Er blickte auf und bemerkte, daß Valiha erneut verschwunden war. Er legte den Arm um Ro-, bin, und sie protestierte nicht dagegen. Als sie fertig war, rafften sie sich auf und machten sich ein weiteres Mal an den Aufstieg. Es schien, als habe jahrelang niemand etwas gesagt. Es hat- te Streit gegeben und einmal war es zu einer Schlägerei zwischen ihm und Robin gekommen. Aber selbst das konn- te nicht lange durchgehalten werden; keiner besaß die E- nergie dafür. Er humpelte nach dem Kampf eine Zeitlang, und Robin stellte ein blaues Auge zur Schau. Es war jedoch überraschend, was ein wenig Adrenalin er- reichen konnte. »Es sieht so aus, als wäre der Boden trocken«, flüsterte Robin. »Ich kann es kaum glauben.« Sie verbargen sich hinter der allmählichen Krümmung der spiraligen Wand und blickten auf das, was unglaublich- erweise das Ende des Weges sein mußte. Die ganze Zeit hatten sie erwartet, einen Säureteich vorzufinden, in dem Tethys sicher untergetaucht war. Statt dessen erkannten sie etwas, das eine Hochwasser- oder Hochsäuremarkierung zu sein schien, nur zehn Schritte von ihrem Standpunkt entfernt, und dahinter ein Stück nackten Bodens. Tethys selbst war hinter der Krümmung außer Sicht. »Das muß eine Falle sein«, meinte Robin. »Richtig. Also umkehren und zurückmarschieren.« Robin zog die Lippen zurück, und für einen Moment blitz- ten ihre Augen; dann entspannte sie sich und brachte so- gar ein schwaches Lächeln zustande. »He, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… es ist so ein Ge- fühl, als wären wir einander fortwährend an die Kehle ge-, gangen… aber wenn das hier schlecht ausgeht… was ich glaube, ist…« »Daß es Spaß gemacht hat?« schlug Chris vor. »So würde ich es nicht ausdrücken. Verdammt.« Sie streckte die Hand aus. »Es war schön, dich zu kennen.« Er hielt ihre Hand kurz mit beiden Händen. »Dich auch. Aber sag nichts mehr. Jedes Wort wird sich später verflixt komisch anhören, wenn wir tatsächlich überle- ben.« Sie lachte. »Ist mir egal. Ich mochte dich nicht, als wir aufbrachen, aber mach dir nichts draus. Ich glaube nicht, daß ich irgend jemanden mochte. Jetzt mag ich dich und will, daß du es weißt. Das ist wichtig für mich.« »Ich mag dich auch«, sagte er und hustete nervös. Seine Augen ließen die ihren los, und als er sich zwang, sie wieder anzusehen, hatte sie ihren Blick bereits abgewandt. Er gab ihre Hand frei, war sich all der Dinge bewußt, die er gerne sagen würde und die er nicht sagen konnte. Er wandte sich Valiha zu und begann ruhig mit ihr zu re- den. Er hatte sich darin verbessert, redete von nichts Be- sonderem, versuchte aber mit der Melodie seiner Stimme, sie in einer gemeinsamen Sprache zu beruhigen. Allmählich arbeitete er dann Bedeutungen ein in das, was er sagte, wiederholte alles und berichtete ihr, was sie zu tun hatte, ohne es so stark zu betonen, daß es ihre stets gegenwärti- gen Ängste aktivierte. Er sprach zu ihr davon, wieder ins Licht der Sonne hinauszugelangen. Ein seltsamer Fatalismus hatte während des letzten Kilo- meters von Valiha Besitz ergriffen. Sie blieb weniger häufig stehen, ging dafür aber langsamer. Sie wirkte, als stünde sie unter Drogen. Einmal hätte Chris geschworen, daß sie, schlief. Es war ihr schwergefallen, die Augen offenzuhalten. Er vermutete, daß es sich dabei um titanidische Angst han- delte, oder was auch immer sie anstelle von Angst empfan- den. Jetzt, wo er daran dachte, fiel ihm ein, daß er noch nie einen Titaniden etwas hatte zeigen sehen, das er für Angst hätte halten können, nicht angesichts der Sandgeister und nicht einmal hier unten auf der matt beleuchteten Treppe. Augenscheinlich fürchtete Valiha Tethys nicht auf irgendei- ne Weise, die Chris verstehen konnte. Statt dessen hatte es zu Beginn einen Widerwillen gegeben, wie eine physi- kalische Kraft, die darauf zielte, sie von Tethys fernzuhalten. Sie war nicht in der Lage gewesen, für viele ihrer Taten eine Erklärung zu geben; wenn er und Robin sie nicht abwärts zwangen, ging sie einfach mit der Unvermeidlichkeit des Anstieges heißer Luft die Treppe wieder hinauf. Diese Kraft hatte nachgelassen, um von körperlicher und geistiger Be- täubung abgelöst zu werden. Ihr Verstand arbeitete träge, ihre Sinne waren abgestumpft, und ihr Körper schien bei- nahe seine Funktionen einzustellen. »In einem Moment… Valiha, hör mir zu!« Er mußte ihr ei- nen Klaps geben, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Er hatte den Eindruck, daß sie es kaum spürte. »Valiha, wir müssen diesen Teil der Reise schnell hinter uns bringen. Es handelt sich nur um ein paar hundert Schritte. Ich glaube nicht, daß wir die Zeit haben werden, uns hinzusetzen und auszuruhen wie bisher.« »Keine Pausen?« »Ich fürchte, nein. Was wir tun werden, ist, die letzten Stufen hinunterzurennen, dicht an der Wand zu bleiben bleib dicht bei mir, und ich bleibe dicht an der Wand – und in den Tunnel zu rennen. Sobald wir da einmal drin sind, sind, wir auf dem Weg hinaus und nach draußen. Verstehst du, Valiha? Um wieder hinaufzugehen, müssen wir noch ein kleines Stück nach unten, nur ein kleines Stück, mehr nicht, und wir werden in Sicherheit sein. Verstehst du?« Sie nickte, aber Chris war sich bei weitem nicht sicher, ob sie tatsächlich begriff. Er dachte daran, noch mehr zu sagen, erkannte aber, daß es wenig Zweck hatte. Entweder klappte es, oder es klappte nicht. Hätte er gewettet, würde er sein Sie begannen den letzten Teil des Abstiegs Hand in Hand. Es dauerte nicht lange, bis sie die Krümmung des Korridors hinter sich gebracht hatten und vor Tethys traten, die reg- los in ihrem Säurebad hockte, wie es auch Krios tat. Tat- sächlich konnte Chris beide nicht auseinanderhalten. Er hoffte, daß auch die Dinge, die er noch nicht sehen konnte, dieselben waren. Er würde es nicht wissen, bis sie wirklich auf den Boden der Kammer gelangten. Geld dagegen ge- setzt haben., »Was hat dich so lange aufgehalten, Magier?« Die Stimme traf Chris wie ein körperlicher Schlag. Er mußte stehenbleiben und tief Atem holen. Bis zu diesem Augenblick hatte er nicht bemerkt, wie erregt er war. Sein Herz hämmerte, und sein Atem ging stoßweise. Glückli- cherweise ging Valiha weiter. Sie alle drei setzten ihren Weg fort und hatten jetzt nur noch zehn Schritte zurückzule- gen. »Ich wußte natürlich, daß ihr da oben wart«, sagte Tethys. »Ich entnehme daraus, daß ihr in Schwierigkeiten seid. Jetzt hoffe ich, daß ihr mir nicht die Schuld daran gebt, denn es war nicht meine Tat, und das könnt ihr Gäa sagen.« Tethys’ Stimme war mit der von Krios identisch, dasselbe flache und keinerlei Menschlichkeit enthaltende Dröhnen: unbestimmt, ohne erkennbare Quelle. Und doch besaß sie eine geringschätzige und einschüchternde Qualität, die Chris’ Blut gefrieren ließ. »Also hast du Gaby mitgebracht. Ich habe mich schon ge- fragt, ob wir uns je begegnen würden. Sie ist sich nicht zu gut, um Geschäfte mit Krios zu machen, nicht wahr? Bist du es nicht, Miß Plauget? Und doch haben wir uns noch nie hier unten gesehen. Ich frage mich, warum?« Robin beugte sich zu Valiha; ihre Augen waren geweitet. »Chris«, flüsterte sie, »das verdammte Ding ist kurzsich- tig!« Chris gab ihr heftige Signale mit den Händen, fürchtete sich zu reden und den Bann zu brechen. Tethys würde die Stimmen nicht verkennen. »Was war das?« fragte Tethys und bestätigte seine Be- fürchtungen. »Warum redet ihr nicht laut? Ist es denn höf- lich, mich so lange warten zu lassen und dann Geheimnisse zu flüstern, wenn ihr herkommt? Ich hasse Geheimnisse.«, Sie hatten jetzt den Boden erreicht, und Chris erblickte die beiden Tunnels, die ihm in der Kammer von Krios aufge- fallen waren, von denen einer nach Westen und der andere nach Osten führte. Jetzt mußten sie nur noch die sechzig oder siebzig Meter zum östlichen Tunnel hinter sich bringen. Chris befingerte nervös die ungewohnte Waffe, die er aus Valihas Satteltasche geholt hatte. Sie fühlte sich beruhi- gend fest, kalt und unnachgiebig an, als er mit dem Dau- men über die zwei scharfen Punkte fuhr. Vielleicht würde er sie nicht benutzen müssen. »Ich gestehe, bis jetzt nicht verstanden zu haben, warum ihr diese Kreatur mitgebracht habt«, sagte Tethys. »Es hätte mir klar sein müssen. Stimmt’s?« Chris sagte nichts. Sie waren noch zehn Meter vom Tun- neleingang und gingen weiter. »Ich verliere die Geduld«, stellte Tethys fest. »Du magst Gäas Magier sein, aber es gibt Grenzen. Ich spreche von der Titanide. Wie aufmerksam von dir, mir etwas zum Essen mitzubringen. Komm her, Valiha!« Valiha blieb stehen und drehte langsam den Kopf. Zum erstenmal blickte sie auf Tethys. Chris wartete nicht ab, was sie wohl machen würde. Er packte fest die große Gabel, die zu Valihas Tranchierset gehörte, ließ sich einen Schritt zu- rückfallen und stieß sie heftig in den fleischigen Teil von Vali- has Rumpf. Für einen schrecklichen Augenblick erfolgte kei- ne Reaktion; dann bewegte sich Valiha so schnell, daß sie zu verschwimmen schien. Er erhaschte einen kurzen Blick auf ihren Schwanz, als sie im Tunnel verschwand, hörte ihr Kreischen und das Klappern ihrer Hufe. Dann wurden alle anderen Geräusche von einem durchdringenden Pfiff er- stickt. Sie waren im Tunnel, verfolgt von einer Hitzeexplosi-, on und einem sich verstärkenden Wind. Erstickende Schwaden hüllten sie ein. Tethys füllte ihren See, so schnell sie konnte. Der Boden, auf dem sie rannten, schien eben zu sein; sobald die Säure über den Grabenrand stieg, würde sie hinter ihnen herfließen. Im Laufen gesellten sich flatternde, fledermausähnliche Kreaturen zu ihnen. Chris erkannte an ihrem orangefarbe- nen Leuchten, daß es dieselben Tiere waren, die ihnen auf ihrem langen Abstieg Licht gespendet hatten. Er hoffte, daß sie auch die Tunnels bevölkerten. Was immer sie auch wa- ren, sie mochten die Säureschwaden genausowenig wie er. Einem Teil seines Verstandes fiel auf, daß er wieder etwas herausgefunden hatte, in dem er Robin überlegen war. Er lief schneller als sie. Sie war zurückgefallen, und er verlang- samte sein Tempo, damit sie ihn einholen konnte. Sie huste- ten beide und ihre Augen tränten, aber die Schwaden waren jetzt schon nicht mehr so dick. Er hörte sie keuchen und stürzen. Und erst in dem Mo- ment, wo er stehenblieb und sich umdrehte, hörte er das Rauschen von Flüssigkeit, und er nahm an, daß es sich nicht um Wasser handelte. Für einen kurzen Augenblick spürte er den Impuls, wegzurennen, aber statt dessen eilte er zu Ro- bin zurück und auf das Geräusch der näherkommenden Säurewelle zu. Es herrschte jetzt fast völlige Dunkelheit, weil die lumineszierenden Kreaturen, weniger altruistisch als er, in ihrer Flucht nicht innegehalten hatten. Er prallte mit Robin zusammen. Wie war er nur darauf gekommen, daß sie beim Aufstehen seine Hilfe benötigte? »Lauf, du Idiot!« schrie sie, und er lief, diesmal hinter ihr her, und das einzige Licht entstammte den schon fernen, Flugwesen, der bleiche Schimmer, der ein Halo um den sich bewegenden Schatten formte, zu dem Robin geworden war. »Wie lange, glaubst du, werden wir weiterrennen müs- sen?« rief sie ihm über die Schulter zu. »Bis ich die Säure hinter mir nicht mehr höre.« »Gut, aber glaubst du, wir können sie abhängen? Kommt sie näher?« »Kann ich nicht sagen. Ich höre sie nur, wenn ich ste- henbleibe.« »Dann müssen wir vielleicht weiterrennen, bis wir umfal- len«, bemerkte sie. »Dann renn!« meinte er. Es schien unwahrscheinlich, daß die Glühvögel schneller flogen. Und doch waren sie jetzt weiter voraus als zuvor, also mußten er und Robin langsamer geworden sein. Sein Atem ging keuchend, und er hatte heftiges Seitenstechen. Er konnte aber noch keinen Anstieg des Bodens feststellen. Nach allem, was er wußte, konnten sie in der Tat sogar tiefer sein als der Boden der Grotte von Tethys. Möglicherweise konnte Tethys die gesamte Länge des 300-Kilometer- Tunnels überfluten, der Tethys mit ihrer Schwester verband, mit Thea. Aber natürlich war es auch möglich, daß dieser Tunnel überhaupt nicht zu Thea führte. Er konnte jeden Moment zu Ende sein. Er konnte sich ebensogut senken und in Wirklichkeit ein Abfluß für überschüssige Säure sein. Trotzdem blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu rennen. Wenn der Tunnel ein Ende hatte, würde Valiha es zuerst finden, und sie hatten sie noch nicht wieder eingeholt. »Ich glaube… es geht… aufwärts… Meinst… du… nicht auch?«, »Vielleicht. Aber wie… weit?« Insgeheim glaubte Chris nicht, daß sie schon irgendwelchen Boden gewonnen hat- ten, aber wenn der Gedanke daran, daß es nach oben ging, es Robin leichter machte, einen Fuß vor den anderen zu set- zen, dann war schon viel gewonnen. »Ich kann… bald… nicht mehr weiter.« Und ich auch nicht, dachte er. Es war jetzt fast vollständig dunkel. Der Boden war nicht mehr so eben wie zuvor, also bestand größere Gefahr, zu stürzen. Wieder nach oben zu steigen würde ein ganz schönes Unternehmen werden. »Noch ein kleines Stück«, schnaufte er. Sie stießen gegeneinander, wichen sich aus und trafen erneut zusammen. Als Chris sich nach rechts wandte, stieß er mit der Schulter gegen die unsichtbare Tunnelwand. Er hielt die Hände vor sich ausgestreckt, denn er wußte nicht mehr genau, ob das Leuchten, dem er folgte – anscheinend viele Kilometer voraus –, wirklich war oder nur ein Nachbild auf seinen Netzhäuten. Er fürchtete, der Tunnel könne eine Biegung machen und er gegen die Wand krachen. Dann er- kannte er, daß er sich so langsam bewegte, daß er sich bei einer Kollision nicht sehr verletzen konnte. »Schluß jetzt!« sagte er und fiel auf die Knie. Robin war irgendwo vor ihm, rang nach Luft und hustete. Für einen unbestimmten Zeitraum war es ihm gleichgül- tig, ob hinter ihm Säure durch den Tunnel kroch. Er drückte die Wange auf den kalten Steinboden und entspannte sich. Nur seine Lungen mühten sich weiterhin, wenn auch mit stetig abnehmendem Tempo. Die Kehle brannte, und der Speichel war dünn, aber so reichlich vorhanden, daß er fortwährend klebrige Fäden davon ausspucken mußte. Schließlich hob er den Kopf, setzte die Handflächen auf den, Boden, richtete sich auf die Knie auf, hielt durch Willens- kraft den Atem einige Sekunden lang an und lauschte. Es nützte aber nichts. Blut trommelte in seinen Ohren, und Robin – nur eine Armeslänge entfernt – keuchte und schnaufte immer noch laut. Er glaubte, daß er vielleicht das Herannahen der Säure hören konnte, wenn es in Form einer brausenden Welle geschah, aber das würde es nicht. Wenn sie kam, dann würde sie lautlos steigen. Er streckte die Hand aus und berührte Robins Schulter. »Komm! Besser, wir gehen weiter!« Sie ächzte, aber rappelte sich dann mit ihm auf. Sie fum- melte nach seiner Hand, und sie gingen weiter. Seine Schul- ter streifte die rechte Wand. Chris berührte kühles Gestein mit der einen Hand, warmes Fleisch mit der anderen. »Es geht bestimmt aufwärts«, meinte Robin endlich. »Wenn es nach unten ginge, hätte das Zeug uns schon lan- ge überspült.« »Das glaube ich auch«, sagte Chris. »Aber ich möchte nicht mein Leben darauf verwetten. Wir müssen weiterge- hen, bis wir Licht finden.« Sie gingen weiter, wobei Chris die Schritte zählte, ohne wirklich zu wissen, warum er es tat. Er vermutete, daß es leichter war, als daran zu denken, was voraus liegen moch- te. Nach mehreren hundert Schritten lachte Robin. »Was ist denn so komisch?« »Ich weiß nicht, ich… ich schätze, mir ist gerade eingefal- len… wir haben es geschafft!« Sie drückte fest seine Hand. Chris war von ihrer Reaktion überrascht. Er wollte gerade darauf hinweisen, daß sie noch bei weitem nicht in Sicher- heit waren, daß der vor ihnen liegende Weg sicher vor Ge-, fahren wimmelte, die sie nicht einmal abschätzen konnten, als ihn auf einmal eine solch mächtige Emotion erfüllte, wie er sie noch nie erlebt hatte. Er stellte fest, daß er grinste. »Verdammt. Wir haben es geschafft, nicht?« Jetzt mußten sie beide lachen. Sie umarmten sich, klopften einander auf den Rücken und brüllten unzusammenhängendes Zeug. Er drückte sie heftig, unfähig sich selbst zu bremsen, aber sie beschwerte sich nicht. Und genauso plötzlich ertappte er sich beim Weinen, noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sie konnten beide den raschen Wechsel ihrer Gefühle nicht be- herrschen, der hervorgebracht wurde von der Auflösung ei- ner unerträglichen Spannung. Nichts von dem, was sie sag- ten, ergab Sinn. Und sie waren so verausgabt, daß sie sich weiterhin aneinanderklammerten, sich sanft wiegten und verirrte Tränen wegwischten. Als Chris schließlich wieder kicherte, stupste Robin ihn an. »Was ist denn jetzt SQ komisch?« »Oh… nichts.« »Komm schon!« Eine Zeitlang wollte er nichts sagen, aber sie drängte ihn weiter. »In Ordnung. Verdammt, ich weiß nicht, wie ich lachen kann. Es ist nicht komisch. Eine Menge unserer Freunde sind tot. Aber als wir… als wir dalagen und nicht wegkonn- ten…« »Ja?« »Na ja, du konntest es nicht sehen, weil du nicht ganz bei dir warst. Du weißt schon.« Er fuhr eilig fort und wünschte sich, nie damit angefangen zu haben, wo er sich jetzt erin-, nerte, wie sehr sie wahrscheinlich diesen Moment verges- sen wollte. »Jedenfalls hatte Cirocco uns gesagt, wir sollten pinkeln. Na ja, verflixt, ich mußte auch. Ich machte die Hose auf und… du weißt schon, holte ihn raus… und ließ los. So richtig in der Gegend herum, verstehst du, damit es am meisten nützte… und plötzlich dachte ich, nehmt das, ihr lausigen Sandgeister!« Robin lachte am schartigen Rand der Hysterie. Chris lachte mit, bis er sich schließlich Sorgen zu machen begann. Es war doch nicht so komisch gewesen, oder? Sie hatten etwa tausend Schritte zurückgelegt, als sie den ersten Glühvogel an der Decke hängen sahen. Zum ers- tenmal konnten sie erkennen, daß der Tunnel um sie her- um weiter geworden war. Die Kreatur hing mindestens zwanzig Meter hoch, wahrscheinlich mehr, und ihr orange- farbenes Licht fiel auf Wände, die dreißig Meter weit ausein- ander lagen. Chris drehte sich um und hielt nach reflektie- render Feuchtigkeit hinter ihnen Ausschau, entdeckte aber nichts. Wenig später kamen sie an einem weiteren Glühvogel vorbei, dann fünfen in einer Gruppe. Sie leuchteten wie Fackeln nach so vielen Stunden der Dunkelheit. »Ich frage mich, was sie hier unten zu fressen finden?« überlegte Chris. »Es muß etwas geben. Ich könnte mir vorstellen, daß es eine Menge Energie kostet, ständig so zu leuchten.« »Gaby hat gesagt, es sei eine katalytische Reaktion«, erin- nerte sich Chris. »Aber trotzdem müssen sie etwas fressen. Vielleicht ist das Zeug auch für uns genießbar.« »Früher oder später werden wir etwas brauchen.« Chris dachte an die Vorräte, die sich noch in Valihas Sat-, teltasche befanden. Er begann sich um die Titanide Sorgen zu machen. Mittlerweile waren die Glühvögel zahlreich ge- worden und beleuchteten einen Tunnel, der sich weit vor ihnen erstreckte. Er konnte 500 Meter weit sehen, aber es gab kein Anzeichen von der Titanide. »Mir ist gerade etwas eingefallen«, sagte Robin. »Was denn?« »Bist du sicher, daß dieser Tunnel nach Osten ver- läuft?« »Was willst du…« Er blieb stehen. »Du weißt so gut wie ich, daß…« Daß was? Die Treppe hatte sich wie eine Schraubenlinie fünf Kilometer nach unten gewunden. Schon frühzeitig während des Abstieges hatte Robin darauf hingewiesen, daß die Orientierung kritisch werden würde, sobald sie unten angekommen waren. Demzufolge hatten sie schwierige Berechnungen durchgeführt, um die Krüm- mungsrate der Spiraltreppe herauszufinden. Sobald sie wußten, wie viele Stufen es brauchte, um eine Umdrehung zu vollenden und wieder in dieselbe Richtung zu blicken, wurde die Orientierung eine Frage des Stufenzählens. Sie waren zu dem Schluß gekommen, sich an der Südseite der Kammer zu befinden, als sie in Tethys herauskamen, also wäre es dann links nach Westen und rechts nach Osten ge- gangen. Und doch hatten ihre Schätzungen immer ein Element der Unsicherheit enthalten. Die Tatsache, daß ihre Berechnungen vielleicht um ein paar Stufen danebenlagen, war nicht rele- vant, aber daß sie ihren Ausgangspunkt nicht genau kann- ten, war ernster. Das Durcheinander bei ihrer Flucht und die Zerstörung des Koboldbauwerkes hatten es unmöglich ge- macht, genau festzustellen, wie viele Stufen Valiha zurückge-, legt hatte, bevor sie anhielt. Und als die Lage sich beruhigt gehabt hatte, war der obere Teil der Treppe mit Trümmern verstopft gewesen. »Du glaubst doch nicht, daß sie eine halbe Umdrehung zu- rückgelegt hat, oder?« fragte er endlich. »Ich glaube nicht. Aber sie könnte es getan haben, und wenn das der Fall ist, führt dieser Tunnel nach Phoebe und nicht nach Thea.« Chris wünschte sich, das aus seinem Bewußtsein verbannen zu können. Ihre Lage war so gefährlich genug; sie hing von so vielen Unwägbarkeiten ab. Es war möglich, daß Thea, wenn sie sie erreichten, auf drei Eindringlinge in ihr Reich nicht gut zu sprechen sein würde, auch wenn sie Cirocco als eine freundliche Region bezeichnet hatte. »Wir werden uns mit diesem Problem auseinandersetzen, wenn es dazu kommt«, meinte er. Robin lachte. »Das kannst du mir nicht erzählen. Wenn am anderen Ende dieses Tunnels Phoebe liegt, werden wir nichts anderes tun, als uns hinsetzen und verhungern.« »Sei nicht so pessimistisch. Wir würden schon lange vorher verdursten.« Der Tunnel vergrößerte sich allmählich und wirkte eher wie eine natürliche Höhle als ein künstlich geschaffener Durch- gang. Obwohl es jetzt mehr Glühvögel gab, war ihr Licht in dem größeren Raum entsprechend weniger wirkungsvoll. Chris erblickte nach Norden und Süden führende Seiten- tunnel, aber sie beide hielten es für vernünftiger, in die Rich- tung weiterzugehen, die, wie sie hofften, Osten war. »Valiha muß noch in Panik gewesen sein, als sie hier durchkam«, meinte Robin. »Ich nehme an, daß sie daher weiter geradeaus gelaufen ist. Wenn sie wieder zu überle-, gen begonnen hätte, wäre sie entweder zurückgegangen, um uns zu suchen, oder hätte gewartet, bevor sie anfing, die Seitentunnel zu erforschen.« »Das glaube ich auch. Aber ich hätte nicht damit gerech- net, daß sie so weit kommt. Und es geht mir nicht aus dem Sinn, daß sie all unsere Nahrungsmittel und das Wasser bei sich hat. Ich könnte ganz gewiß was zum Trinken gebrau- chen.« Der Höhlenboden war ungleichmäßig geworden. Sie stellten fest, leichte Steigungen und Gefälle hinauf- und hinabzugehen, die Chris an die Sanddünen erinnerten, die sie auf der Oberfläche von Tethys überquert hatten. Das Dach war mittlerweile so fern, daß die daran hängenden Glühvögel wie Sterne aussahen, deren Farbe von atmo- sphärischem Dunst in Orange verwandelt worden war. Nur wenige Einzelheiten konnten oben unterschieden werden, und auch nur die vagen Umrisse der Dinge auf dem Boden. Als sie fließendes Wasser hörten, näherten sie sich ihm vor- sichtig, bis sich der Fluß selbst durch kupferfarbene Reflexe verriet. Chris tauchte kurz einen Finger hinein, bereit, ihn trockenzureiben, wenn sich das Wasser als Säure erwies. Als er nicht verätzt wurde, hob er etwas davon an die Lip- pen. Es hatte einen schwach kohlensäurehaltigen Ge- schmack. Sie zogen die Schuhe aus und wateten hindurch, fanden heraus, daß es nur zehn Meter bis zur anderen Seite waren und an keiner Stelle tiefer als einen halben Meter. Jenseits des Flusses veränderte der Boden erneut seinen Charakter. Sie konnten schroffe Felsspitzen sehen, die sich rings um sie erhoben. Einmal fiel Chris einen Zwei-Meter- Absturz hinunter. Eine ewige Sekunde lang wußte er nicht,, ob dieser Sturz nicht vielleicht die letzten Augenblicke sei- nes Lebens waren, bis er auf Händen und Knien aufschlug und mehr aus Erleichterung als aus Ärger laut fluchte. Ein paar blaue Flecken fügten sich zu seinen Schnitten und Kratzern hinzu, aber ansonsten blieb er unverletzt. Seine erhöhte Vorsicht nach diesem Schrecken zahlte sich bald aus. Mehr aus Instinkt heraus als aus sicherem Wissen streckte er die Hand zu Robin hinüber und hielt sie fest. Als sie noch vorsichtiger weitergingen, stellten sie fest, daß Robin sich nicht mehr als einen Meter von einer Klippe entfernt befunden hatte, die dreißig oder vierzig Meter in die Tiefe abstürzte. »Danke«, sagte sie ruhig. Er nickte, abgelenkt von einem Leuchten zu seiner Linken. Er hatte gerade kein Glück bei seinem Versuch, dessen Ursprung zu erkennen, als er die Klänge hörte. Jemand sang. Sie gingen auf das Licht zu. Dabei traten Einzelheiten aus den endlosen Schattierungen von Grau und Schwarz hervor. Gestaltlose Flecken wurden zu Felsen, und dunkle Flechtwer- ke wie Spinnengewebe erwiesen sich als ausgemergelte Re- ben und Sträucher. Es wurde erkennbar, daß das Licht wie eine Kerze flackerte. Es war aber keine Kerze, sondern die Lampe, die Valiha in ihrer Satteltasche gehabt hatte, als sie die Flucht ergriff. In einer letzten Klärung der Wahrnehmun- gen konnte Chris erkennen, daß eine der Gestalten bei dem Licht Valiha selbst war. Sie lag auf der Seite, und das in zwan- zig Metern Höhe auf dem gegenüberliegenden Abhang der kleinen Schlucht. Er rief zu ihr hinüber. »Chris? Robin?« rief sie zurück. »Ihr seid es! Ich habe euch gefunden!« Er hielt das für eine komische Äußerung, entgegnete aber nichts. Er und Robin suchten ihren Weg den Abhang auf ihrer, Seite hinab und kletterten dann zu der Stelle empor, wo sie lag. Es schien ihm ein seltsamer Platz zum Ausruhen zu sein. Noch einmal zwanzig Meter, und sie wäre wieder auf ebenem Grund gewesen. Er hatte geahnt, daß etwas nicht stimmte, und das wurde jetzt zur Gewißheit. Etwas an ihr erinnerte ihn mit einem Aufblitzen der Angst an Psaltery auf dem blutdurchtränkten Boden. Als sie sie erreichten, konnten sie im Licht der Lampe er- kennen, daß ihr Gesicht mit getrocknetem Blut verschmiert war. Sie atmete laut schnaufend ein und fuhr sich mit der Hand über die Oberlippe. »Ich fürchte, ich habe mir die Nase gebrochen«, sagte sie. Chris mußte wegsehen. Ihre Nase war gebrochen – und ebenso ihre beiden Vorderbeine. Es geht weiter Robin saß ruhig in zwanzig Metern Entfernung von Chris und Valiha und hörte zu, wie er die Titanide anschrie. Kurz nach seiner Feststellung der Schwere ihrer Verletzungen hatte Va- liha vorgeschlagen, sie könnten sie genausogut von ihrem Elend befreien. Chris war explodiert. Robins Körper wurde von Minute zu Minute schwerer. Bald schon würde sie eins mit den Felsen und der Dunkelheit sein. Es würde eine Erleichterung bedeuten, ein Ende der Enttäu-, schungen. Jetzt erkannte sie, daß ihre momentane Hoch- stimmung nach dem Entkommen vor Tethys ein Irrtum gewe- sen war. Sie würde ihm nicht noch einmal zum Opfer fallen. Aber sie konnte erkennen, daß Chris es nicht leicht machen würde. Er glaubte immer noch, daß es etwas zu tun gab. Er kam jetzt auf sie zu, und sie war sich sicher, daß er Pläne schmieden wollte. »Kennst du dich mit Erster Hilfe aus?« fragte er. »Ich kann einen provisorischen Verband anlegen.« Er schnitt eine Grimasse. »Das ist in etwa auch die Sum- me meiner Künste. Aber wir werden wohl mehr tun müssen. Ich habe das hier gefunden.« Er öffnete den mitgebrachten Lederbehälter. Dessen Seiten falteten sich nach allen Richtun- gen und waren mit Beuteln und Abteilungen ausgekleidet. Metall glitzerte im Lampenlicht: Skalpelle, Klammern, Sprit- zen und Nadeln, alles ordentlich für den Amateurchirurgen bereitgelegt. »Einer von den anderen muß sich mit diesem Zeug ausgekannt haben, oder sie hätten es nicht mitgebracht. Valiha sagt, daß Hautbois noch viel mehr davon hatte. Mir scheint, wir haben hier genug Ausrüstung für kleinere Ein- griffe.« »Wenn du weißt, was du tust. Braucht Valiha einen chirur- gischen Eingriff?« Chris machte ein gequältes Gesicht. »Sie muß genäht werden. Beide Brüche sind im… wie nennt man das bei einem Pferd? Zwischen Knie und Knö- chel. Ich glaube, im rechten Bein ist nur einer der Knochen gebrochen; jedenfalls kann sie nicht darauf gehen. Aber das linke Bein sieht schlimm aus. Der größte Teil ihres Gewich- tes muß darauf gelastet haben. Beide Knochen sind durch- gebrochen, und eine der Kanten durch die Haut getreten.«, Er hatte ein dünnes Büchlein aufgelesen. »Hier steht, daß sowas ein mehrfacher Bruch ist, bei dem das Problem übli- cherweise darin liegt, Infektionen zu vermeiden. Wir wer- den die Knochen einrichten, die Wunde reinigen und dann nähen müssen.« »Ich möchte eigentlich nichts davon hören. Überleg dir die Sache, und wenn du sie durchschaust, dann ruf mich und sag mir, was ich tun soll. Ich werde es machen.« Er gab eine Zeitlang keine Antwort. Als sie aufblickte, ent- deckte sie, wie er intensiv ihr Gesicht musterte. »Stimmt etwas nicht?« fragte er. Sie konnte nicht einmal lachen. Sie dachte daran zu er- wähnen, daß sie fünf Kilometer unter der Erde im Dunkeln verloren waren, mit wenig Nahrung und noch weniger Licht und verrückten Halbgöttern in Ost und West und einer verletzten Gefährtin, die zu groß war, um sie tragen zu können, selbst wenn sie einen Weg nach draußen finden würden. Sie zuckte müde die Achseln und wandte sich ab. Er betrachtete sie noch für eine geraume Weile, streckte dann die Hand aus und legte sie kurz auf ihr Knie. »Wir werden gut aus allem herauskommen«, sagte er. »Wir müssen nur zusammenhalten und aufeinander auf- passen.« »Da bin ich nicht so sicher«, sagte sie, dachte aber, daß er es vielleicht tatsächlich nicht wußte. Während sie ihn ge- fürchtet hatte, als sie glaubte, er wüßte es, so verursachte seine offensichtliche Unwissenheit in ihr ein Gefühl der Ver- achtung. Konnte es sein, daß ihre Wachsamkeit umsonst gewesen war? Konnte niemand sie durchschauen? Sie spür- te, wie sich ihre Lippen auf der im Schatten liegenden Seite, ihres Gesichtes kräuselten, und legte rasch die Hand dar- über, um es zu verdecken. Ein heißer Schwall der Furcht überschwemmte sie und hinterließ sie schweißgebadet. Was geschah mit ihr? Es tat nicht einmal weh. Es war leicht zu spötteln, leicht den Mund zu halten. Konnte das sorgsam durch eine ganze Lebensspanne hindurch errichtete Ge- bäude der Ehre so leicht weggewischt werden? Er stand jetzt wieder und ging weg, zurück zu Valiha, um sie zu ver- sorgen, und wenn er weg war, würde ihr Geheimnis sicher sein. Ein leises Brausen war in ihren Ohren. Etwas rieselte am Kinn herab. Gewaltsam löste sie den Unterkiefer und spürte einen scharfen Schmerz, als Luft an den frischen Biß in ihrer Unterlippe kam. »Es stimmt nicht!« Sie hatte die Worte nicht aufhalten können, aber als er sich umdrehte und darauf wartete, daß sie fortfuhr, mußte sie sich etwas zurechtlegen, das vor- täuschte, es sei nie geschehen, sie habe nie gesagt, daß es nicht stimmte. »Was stimmt nicht?« fragte er. »Es ist… es… ich habe nie gesagt… du…« Plötzlich spürte sie Übelkeit im Magen. Sie ertappte sich dabei, einfältig auf ein Haarbüschel zu starren, das sie in der Faust hielt. Er hatte dieselbe Farbe wie ihr Haupthaar. Sie lag auf den Knien und Chris war an ihrer Seite und hatte ihr einen Arm um die Schultern gelegt. »Fühlst du dich jetzt besser?« »Viel besser. Da oben, als das Feuer brannte und es die Dinger im Sand gab, die einen beißen und die man nie se- hen kann, weil sie im Meer leben, und sie hinter mir her wa- ren und ich nicht wegkonnte, da fiel mir ein Weg ein, von, dem nie jemand etwas wissen wird, weil es mir immer pas- siert und ich nichts mehr dagegen tun kann, und ich möchte nichts dagegen tun, ich möchte nur weg, weil sie beißen und man sie nicht sehen kann und das nicht fair ist, und ich sie hasse, weil sie ganz tief im Meer leben.« Sie gestattete ihm, sie wegzuführen. Er brachte sie an eine flache Stelle und entrollte den Schlafsack und half ihr, sich darauf auszustrecken. Sie starrte hinauf in das blanke Nichts. Er wußte nicht, was er sonst noch tun konnte, also ließ er sie dort und kehrte zu Valiha zurück. Eine Weile später hörte Robin ihn herbeikommen. Sie hatte weder geschlafen noch war sie sich auch nur dessen unbewußt gewesen, was in ihrer Umgebung ge- schah. Sie beugte die Finger und stellte fest, sie leicht bewe- gen zu können, also hatte sie keinen Anfall. Und doch exis- tierte sie auf keine Art und Weise, die sie gewohnt war. Sie hatte Valiha ächzen gehört, ohne davon berührt zu werden. Einige Male hatte die Titanide vor Schmerz aufgeschrien, aber Robin war sich nicht sicher, wie oft, und die Schreie waren nicht durch rationale Zeitbeträge getrennt gewesen. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, ob sie geweint hatte oder das Weinen noch in der Zukunft lag. Sie konnte es nicht erklären und versuchte es auch nicht. »Möchtest du weiter darüber sprechen?« fragte er. »Ich weiß nicht.« »Ich bin mir nicht sicher, was du vor einer Weile gesagt hast, aber es schien für dich wichtig zu sein. Willst du es noch einmal versuchen?« »Das war kein Anfall.«, »Meinst du, nur…« »Du weißt, was ich meine.« »Während wir in der Klemme saßen. Da oben in der Wüs- te.« »Ja.« »Du hättest dich bewegen können? Du hast es vorge- täuscht? Ist es das, was du sagst?« »Genau das ist es.« Sie wartete, aber er sagte nichts. Als sie ihn anschaute, saß er nur da und betrachtete sie. Sie wünschte sich, er würde es nicht tun. Sie war entschlossen, überhaupt nichts mehr zu sagen. »Nein, das ist es nicht, was ich sage«, meinte sie schließ- lich. »Du konntest sprechen«, bemerkte er. »Dann hast du es gewußt! Du hast nur… warum nicht…« Sie versuchte sich aufzusetzen, aber seine Hände lagen auf ihr und drückten sie sanft auf den Schlafsack zu- rück. Sie leistete einen Augenblick lang Widerstand und gab dann nach. »Ich hatte bemerkt, daß du reden konntest«, sagte er. »Ich hielt das für merkwürdig. Okay?« »Okay«, sagte sie und schloß die Augen. »Die früheren Male konntest du es nicht«, sagte er, als sie eine Zeitlang nichts geäußert hatte. »Du hast dann nur gemurmelt.« »Das liegt daran, daß ein Anfall alle meine willkürlichen Muskeln beeinflußt. Deshalb wußte ich, als ich mich da o- ben nicht bewegen konnte, daß es keiner war, sondern et- was anderes.« Sie wartete darauf, daß er es beim Namen nannte, da er das Recht zu haben schien, die Anschuldigung zu machen, aber es sah so aus, als habe er es nicht vor., »Es war Angst«, meinte sie. »Nein!« rief er. »Das kann nicht dein Ernst sein!« Sie funkelte ihn an. »Für mich ist das nicht komisch.« »Tut mir leid. Es juckt mich immer bei den falschen Gele- genheiten. Okay, was willst du? Ich bin bestürzt, ich schäme mich für dich, ich hätte nie vermutet, daß du dich als solcher Feigling erweisen würdest, und ich bin gedemütigt durch meine Annahme, in dir dem perfekten furchtlosen Men- schen begegnet zu sein, wo sich jetzt herausstellt, daß du es nicht bist.« »Wirst du, zum Teufel noch mal, hier verschwinden und mich allein lassen!« »Nicht bis du die Diagnose des Chirurgen-Anlernlings und Psychologenlehrlings gehört hast.« »Wenn sie so komisch ausfallen wird wie deine letzten paar Informationen, warum sparst du es dir nicht?« »Aha! Ein Lebenszeichen.« »Würdest du bitte endlich abhauen?« »Nicht bis du mich zwingst. Schau mal, vor ein paar Ta- gen noch hättest du mir die Eingeweide herausgerissen für irgendeines von den Dingen, die ich gerade geäußert habe. Es beunruhigt mich zu sehen, wie du einfach da liegst und es schluckst. Jemand muß deine Selbstachtung wiederher- stellen, und ich schätze, das werde ich sein müssen.« »Lautet so deine Diagnose?« »Ein Teil davon, schätze ich. Bedrohlicher Mangel an Selbstwertgefühl und Angst vor der Angst. Du bist pbo- bophobisch, Robin.« Sie stand dicht davor, zu lachen oder zu weinen, und wollte keines von beiden. »Würdest du bitte zu Ende bringen, was du zu sagen hast,, und mich alleinlassen?« »Du bist neunzehn Jahre alt.« »Das habe ich nie bestritten.« »Ich will damit sagen, daß gleichgültig für wie zäh du dich hältst oder gehalten hast, du noch nicht lange genug lebst, um auf vielfältige Weise erprobt worden zu sein. Du gingst nach Tethys hinein in dem Glauben, nichts könne dich ängstigen, und du hast dich geirrt. Du hast dir in die Hosen gemacht und gekotzt und geheult wie ein Baby.« »Ich weiß es stets zu schätzen, wenn du so eindrucksvoll meine Gefühle schonst.« »Es wird langsam Zeit, daß dich jemand mit der Nase draufstößt. Du hast den größten Teil deines Lebens mit den Anfällen gelebt und dich ihnen trotzdem immer noch nicht gestellt.« »Ich habe mich ihnen nicht unterworfen.« »Natürlich nicht. Aber so wirst du keine Anpassung errei- chen. Du gibst ja nicht einmal zu, daß sie überhaupt existie- ren. Du hast im Koven über wichtige Maschinen gewacht und dadurch deine gesamte Welt und all deine Schwestern in Gefahr gebracht.« »Woher…?« Sie legte die Hand an den Mund und biß sich auf einen Finger, bis ein Teil der Schamröte wieder ver- schwunden war. »Du redest im Schlaf«, erklärte er. »Robin, man erlaubt es Epileptikern nicht, Flugzeuge zu fliegen. Das wäre nicht fair den Leuten gegenüber, auf die das Flugzeug fallen könn- te.« Sie seufzte und nickte verbissen. »Ich will nicht mit dir streiten. Aber was hat das mit dem zu tun, was in der Wüste passiert ist?«, »Alles, soweit ich sehe. Du hast etwas Unangenehmes ü- ber dich selbst herausgefunden. Du bekamst Angst und wur- dest dadurch gelähmt. Und du hast dich damit genauso aus- einandergesetzt wie mit deinen Anfällen, nämlich überhaupt nicht. Ich nehme das zurück. Du hast dir deinen Finger abge- schnitten. Und was willst du dir jetzt abschneiden? Wenn du ein Mann wärst, hätte ich einen scheußlichen Vorschlag, aber ich weiß nicht, was bei Frauen die heroische Drüse sein soll. Hast du irgendwelche Vorstellungen? Ich bin dabei, Chirurgie zu lernen. Etwas Praxis könnte mir guttun.« Sie haßte es, ihm zuzuhören, und wünschte sich nichts sehnlicher, als daß er endlich zu reden aufhörte und ver- schwand. Weit, weit weg. Irgendwo in ihrem Innern gab es einen mächtigen Zorn, dessen Druck sich unerbittlich aufbau- te, und sie verspürte die Gewißheit, daß sie explodieren und Chris töten würde, wenn er nicht bald wegging. Und doch konnte sie ihn nicht einmal anblicken. »Was, meinst du, soll ich denn tun?« »Das habe ich schon gesagt. Der Sache ins Auge blicken. Er- kennen, daß es geschah und daß du nicht stolz darauf bist und daß es sogar noch einmal geschehen könnte. Es sieht so aus, als ob du im Moment mit dem Versuch beschäftigt wärst vorzugeben, es sei nicht passiert, und du bringst es nicht zu- stande, also liegst du nur da und kannst überhaupt nichts machen. Sag dir selbst, daß du ein Feigling warst einmal und in einer sehr schlimmen Situation –, und mach von da an weiter. Dann kannst du vielleicht mit der Überlegung begin- nen, wie es beim nächstenmal zu verhindern ist.« »Oder muß der Tatsache ins Auge sehen, daß ich beim nächstenmal dasselbe tun könnte.« »Diese Möglichkeit besteht immer.«, Sie schaffte es endlich, ihn anzuschauen. Zu ihrer Überra- schung war sie nicht mehr böse, als sie sein Gesicht sah. Es zeigte keinerlei Spott. Sie wußte, daß er niemals mehr ein Wort darüber sprechen und niemals jemand anderem davon berichten würde, wenn sie ihn darum bat. Irgendwie schien das aber nicht mehr so wichtig zu sein wie früher. »Du bist sehr davon überzeugt, Dingen ins Auge zu bli- cken«, sagte sie. »Ich bekämpfe sie lieber. Das… befriedigt mehr.« Sie zuckte die Achseln. »Es ist leichter.« »In mancher Beziehung.« »Es wäre einfacher, noch einen Finger abzuschneiden, als das zu tun, was du sagst.« »Ich schätze, auch das kann ich glauben.« »Ich werde darüber nachdenken. Würdest du mich jetzt alleinlassen?« »Ich glaube nicht. Ich werde bald soweit sein, daß ich Va- lihas Beine richten kann. Während ich alles noch einmal durchlese und die Ausrüstung vorbereite, könntest du uns etwas zu essen machen. In Valihas Gepäck sind immer noch ziemlich viel Nahrungsmittel. Auf der anderen Seite dieses Kamms gibt es Wasser. Nimm die Lampe mit; ich habe eine Fackel improvisiert, bei der ich lesen kann.« Sie starrte ihn an. »Ist das alles?« »Nein. Während du Wasser holst, kannst du auch nach etwas Ausschau halten, das zum Schienen taugt. Die meis- ten Pflanzen, die ich gesehen habe, sind ziemlich klein und verdreht, aber vielleicht gibt es doch etwas. Sagen wir, fünf oder sechs gerade Stangen von etwa einem Meter Länge.« Sie rieb sich das Gesicht. Sie wollte ein paar Jahre lang schlafen und eigentlich nicht mehr aufwachen. »Stangen, Wasser, Essen. Sonst noch was?«, »Ja. Wenn du irgendwelche Lieder kennst, sing sie Valiha vor. Sie hat sehr viel Schmerzen, und es gibt nicht viel, wo- mit man sie ablenken könnte. Ich spare die meisten Drogen dafür auf, ihre Beine zu richten und die Wunden zu nähen.« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. »Und du könntest beten, zu wem auch immer du es üblicherweise tust. Ich habe noch nie sowas gemacht, und ich bin sicher, daß ich es schlecht machen werde. Ich habe Angst.« Wie leicht er das sagt, dachte sie. »Ich helfe dir.« Westend Irgendwann während der Anfangszeit ihres Aufenthaltes in der Höhle machte sich Nasu davon. Chris konnte nie sagen, wann genau es passierte; die Zeit hatte sich in eine irratio- nale Dimension verwandelt. Robin machte die Hölle durch bei dem Versuch, die Schlange zu finden. Sie gab sich selbst die Schuld. Chris konnte ihren Kummer nicht erleichtern, denn er wußte, daß sie recht hatte. Gäa war kein Ort für eine Anakonda. Nasu hatte wahrscheinlich mehr gelitten als alle anderen, zu- sammengerollt in Robins Schultertasche, immer nur kurz hinausgelassen. Es geschah mit vielen Zweifeln, daß Robin, sie schließlich hinausließ, um das Lager zu erforschen. Die Felsen waren warm, und Robin hatte die Ansicht zum Aus- druck gebracht, daß ihr Dämon sich nicht weit vom Licht des kleinen Lagerfeuers entfernen würde. Chris hegte seine Zweifel. Er spürte, daß Robin der Schlange unbewußt fast geheimnisvolle Intelligenzkräfte und Treue zusprach, bloß weil sie ihr Dämon war, was immer das bedeuten mochte. Er hielt es für zuviel, das von einer Schlange zu erwarten, und Nasu bestätigte ihn. Eines Morgens erwachten sie, und Nasu war weg. Viele Tage lang durchsuchten sie die Umgebung. Robin durchstöberte jeden Winkel und rief Nasus Namen. Sie ließ frisches Fleisch herumliegen in dem Versuch, sie wieder an- zulocken. Nichts funktionierte. Die Suche kam allmählich zu einem Ende, als Robin erkannte, daß sie das Tier niemals wiedersehen würde. Danach befragte sie Chris und Valiha, wollte von ihnen wissen, ob sie an ein Überleben der Schlange glaubten. Sie sagten stets, daß Nasu keine Probleme haben würde, aber Chris war sich keineswegs si- cher, ob das auch stimmte. Allmählich gingen nach der Suche auch die Fragen zu En- de. Robin akzeptierte ihren Verlust, und der Zwischenfall verschmolz mit dem Ereignishorizont ihrer zeitlosen Exis- tenz. Das Problem lag darin, daß Hornpipe beide Uhren bei sich gehabt hatte. Er besaß sie immer noch, wenn man davon ausging, daß er noch lebte. Chris hatte es schwer, sich zu überzeugen, daß es ein Problem war, sogar als die Beweise sich häuften. Schon auf der Oberfläche hatte er ein Gefühl der Desorientierung verspürt, wo die Intensität des Lichtes nur mit der zurückge-, legten Entfernung wechselte und in geringerem Maße mit dem Wetter. Aber damals stand ihnen noch die Uhr zur Verfügung, um die verstrichene Zeit zu messen, und Gaby hatte sie alle stets auf dem laufenden gehalten. Jetzt stellte er fest, keine klare Vorstellung davon zu besitzen, vor wie langer Zeit sie von Hyperion aufgebrochen waren. Beim Ü- berdenken dieser Frage kam er zu Schätzungen, die zwi- schen fünfunddreißig und fünfundvierzig Tagen schwank- ten. Unten in der Höhle war das Gefühl der Zeitlosigkeit ver- stärkt. Chris und Robin schliefen, wenn sie müde waren, und bezeichneten jede Periode als Tag, obwohl sie wußten, daß eine vielleicht zehn Stunden und andere fünfundfünf- zig betrugen. Aber als die Tage sich anzusammeln began- nen, hatte Chris zunehmend Schwierigkeiten dabei, sich an die Reihenfolge der Dinge zu erinnern. Zusätzliche Verwir- rung resultierte aus ihrer späten Erkenntnis, daß die Füh- rung eines Kerbholzkalenders hilfreich sein konnte. Auf diese Weise vergingen fünfzehn bis zwanzig Schlafperioderi, bevor sie damit anfingen, Kerben in einem Stock zu ma- chen, und all ihre Berechnungen waren plus oder minus eine unbekannte Zahl von Tagen. Selbst der Kalender nützte nur dann, wenn man annahm, daß ihre Tage im Schnitt vierundzwanzig Stunden betrugen, und Chris hielt dies bei weitem nicht für gewiß. Und es spielte eine Rolle. Denn obwohl sie keinen Zeit- messer besaßen, gab es einen fortschreitenden Prozeß, der die Messung der Zeit so zuverlässig ermöglichte, wie es a- tomarer Zerfall tat: Valiha nährte ein Titanidenbaby. Sie schätzte, daß sie in der zwölfhundertsten Rev ihrer Schwangerschaft verletzt worden war, gestand aber ein E-, lement der Unsicherheit ein, denn sie erinnerte sich über- haupt nicht an den Abstieg die Tethystreppe hinab. Nur wenig fiel ihr ein von Gabys Tod bis zur Rückkehr ihres Be- wußtseins nach dem gescheiterten Versuch, den Abgrund zu überspringen, der ihr zwei gebrochene Beine eingetragen hatte. Chris übersetzte 1200 Revs in etwa fünfzig Tage und formulierte das dann als einzweidrittel Monate. Jetzt fühlte er sich etwas besser. Anschließend fragte er sie, ob sie wüß- te, wie lange ihre Beine zum Heilen brauchen würden. »Ich könnte wahrscheinlich in einer Kilorev auf Krücken gehen«, sagte sie und fügte hilfreich hinzu: »Das sind zwei- undvierzig Tage.« »Auf Krücken würdest du hier drin nicht allzu weit kom- men.« »Wahrscheinlich nicht, wenn es was zu klettern gibt.« »Es gibt was zu klettern«, sagte Robin, die das Gebiet bis in zwei oder drei Kilometer Entfernung vom Lager erforscht hatte. »Dann würde die Zeit für die völlige Heilung etwa fünf Ki- lorevs betragen. Möglicherweise vier. Ich bezweifle, daß ich in nur dreien schon viel zustandebringen könnte.« »Soviel wie sieben Monate. Möglicherweise fünf oder sechs.« Chris rechnete alles zusammen und entspannte sich etwas. »Es wird knapp werden, aber ich glaube, wir können dich hinausbekommen, bevor deine Zeit kommt.« Valiha sah etwas verwirrt aus; dann klärte sich ihr Aus- druck. »Ich sehe deinen Irrtum«, sagte sie gelassen. »Du glaub- test, ich brauchte neun von euren Monaten für diese Sache. Bei uns geht es aber schneller.« Chris rieb sich mit der Handfläche über die Augen., »Wie schnell?« »Ich habe mich oft gefragt, warum Menschenfrauen soviel länger brauchen, um etwas hervorzubringen, was nicht so groß ist und noch weit entfernt vom Endzustand – das soll keine Beleidigung sein. Unsere Jungen sind nach der Ge- burt in der Lage…« »Wie schnell?« wiederholte Chris. »Fünf Kilorevs«, sagte Valiha. »Sieben Monate. Mit Sicher- heit werde ich ihn gebären, bevor ich darauf hoffen kann, hier hinauszugehen.« Die Zeitlosigkeit begann Chris Angst einzuflößen. Eines Ta- ges erwischte er sich bei dem Versuch, die Reihenfolge der Ereignisse festzulegen, die der Auffindung Valihas gefolgt waren, und stellte fest, daß er es nicht konnte. Manche Dinge fielen ihm ein, weil sie während einer bestimmten Wachperiode einander gefolgt waren. Er war sich sicher, daß er Valihas Beine kurz nach seinem Gespräch mit Robin gerichtet hatte, weil er sich daran erinnerte, sie verlassen zu haben, um sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Er wußte, wann sie ihren ersten Glühvogel eingefangen hatten, weil es nach ihrer ersten Schlafzeit geschehen war. Die kleinen lumineszierenden Tiere hatten keine Angst vor ihnen, mieden aber Bereiche der Aktivität. Während sie in ihrem Lager umhergingen, pflegten die Glühvögel nicht in die Nähe zu kommen, aber wenn sie sich schlafen legten, kamen die Kreaturen herbeigeflogen und hockten sich in wenigen Metern Entfernung nieder. An jenem ersten »Morgen« hatte es Robin geschafft, sich einem der Tiere zu nähern, konnte sogar so weit gehen, die Hand auszustrecken und es anzufassen. Sie waren dankbar, gewesen für das Licht, das von etwa einem Dutzend der Glühvögel stammte, bis sie nach wenigen Minuten zu ent- schweben begannen. Robin fing den letzten und band ihn an einen Pfosten, wo er den ganzen Tag lang flatterte, und am nächsten Morgen war ein weiteres Dutzend zurückge- kehrt. Diesmal fing er sie alle ein, denn sie gaben sich keine sonderliche Mühe zu entkommen. Es handelte sich um mit Luft aufgepumpte runde Kreatu- ren mit perlenhaften Augen und ohne nennenswerte Köpfe sowie Flügeln, so dünn wie Seifenblasen, und einem einzel- nen zweizehigen Fuß. So sehr er sich auch bemühte, konnte Chris nichts an ihnen finden, das einem Mund ähnelte, und all seine Bemühungen, sie zu füttern, führten zu nichts. Sie starben, wenn sie länger als zwei Schlafperioden gefangen- gehalten wurden, also benutzten er und Robin sie nur für jeweils eine Wachperiode und fingen sich am nächsten Mor- gen eine neue Gruppe. Ein totes Exemplar gab nur noch soviel her wie ein durchlöcherter Ballon, und wenn man sie an der falschen Stelle berührte, konnten sie einem einen scheußli- chen elektrischen Schlag versetzen. Chris hatte eine Theorie, daß sie Neon enthielten – das orangefarbene Licht sah sehr danach aus –, aber sie war so kolossal unwahrscheinlich, daß er sie für sich behielt. Er und Robin hatten eines Tages recht früh während ihres Aufenthaltes Valiha verlegt. Sie alle hatten es satt, auf einem Zwanzig-Grad-Abhang mit einem Zehn-Meter-Absturz unter sich zu sitzen. Chris hatte sich lange den Kopf zerbrochen, wie Valiha am besten bewegt werden könnte. Zu seiner Ü- berraschung funktionierte es. Sie stellten eine Bahre her und verschoben sie jeweils für ein paar Meter, bis sie das höherge- legene Plateau erreichten. Bei einem Viertel g konnten sie, beide die Titanide gerade eben hochheben, wenn sie sie auch nicht weit zu tragen vermochten. Es war auf dem Plateau, wo sie das Lager aufschlugen und sich auf das lange Warten einrichteten. Zur Zeit der Verle- gung waren sie immer noch weit davon entfernt, ihre Überle- benschancen optimistisch einzuschätzen, denn selbst bei strengster Rationierung reichten die Nahrungsmittel nicht für mehr als fünf- oder sechshundert Revs. Aber sie errichteten sich ein Heim, als rechneten sie tatsächlich damit, für die sechs oder sieben Monate hierzubleiben, die Valiha zum Heilen brauchte. Sie stellten das Zelt auf und verbrachten viel Zeit darin, obwohl es kein Wetter gab und die Temperatur kon- stante achtundzwanzig Grad betrug. Es war einfach ein gutes Gefühl, aus der widerhallenden Höhle in das Zelt zu kom- men. Valiha fing an, Sachen für sich zu schnitzen. Sie tat das in so reichlichem Maße, daß Robin damit beschäftigt gehalten wur- de, die spärlich verkümmerten Bäume zu suchen, die das einzige schnitzenswerte Holz in der Gegend lieferten. Die Ti- tanide schien von der Langeweile am wenigsten beeinträch- tigt zu sein; für sie war das Ganze einfach eine ausgedehnte Ruheperiode. Chris glaubte, daß es für sie so etwas war wie ein sechsmonatiger Schlaf für einen Menschen. Sie befanden sich am westlichen Ende einer unregelmäßigen Höhle, die etwa einen Kilometer breit war und sich unschätz- bar weit nach Osten erstreckte. Den Boden bildete ein hoff- nungsloses Durcheinander aus gefallenen Felsen, Klippen, Spitzen, Abgründen und Hängen. Den dimensionslosen Licht- punkten, zu denen die Glühvögel wurden, wenn sie an der Decke hingen, konnten sie entnehmen, daß diese mindestens einen Kilometer hoch war, möglicherweise mehr. Im Norden, und Süden gab es eine verwirrende Vielzahl von Öffnungen. Es handelte sich um Tunnelmündungen zu Korridoren, die sehr dem ähnelten, durch den sie geflohen waren. Viele davon sahen aus, als seien sie durch das Gestein gebohrt worden, und manche besaßen doch tatsächlich hölzerne Stützbalken. Manche verliefen nach oben, andere nach unten. Einige blie- ben eben, aber sie alle verzweigten sich innerhalb von hun- dert Metern in zwei oder drei weitere Tunnels, und wenn man diesen für eine gewisse Entfernung folgte, teilten sich auch die Zweigtunnels wieder. Zusätzlich gab es Spalten in den Felswänden, wie man sie in natürlichen Höhlen fand. Die Welt, die sich dahinter ausdehnte, war so chaotisch, daß ihre Erforschung sinnlos zu sein schien. Sogar verheißungsvolle Wege pflegten sich soweit zu verengen, daß selbst Robin sich kaum noch hindurchquetschen konnte, und dann wieder in einen Raum zu öffnen, dessen Größe sie nur vage schätzen konnte. Zuerst begleitete Chris Robin auf ihren Erkundungsgängen, aber wenn er zurückkam, fand er Valiha stets in einem sol- chen Stadium der Verzweiflung, daß er es bald bleiben ließ. Danach zog Robin auf eigene Faust los, und sie tat es so oft, wie sie Chris zu seiner Zustimmung überreden konnte. Chris war von der Veränderung in Robin beeindruckt. Zwar besaß sie kein revolutionäres Ausmaß, war aber doch drama- tisch für jeden, der sie kannte. Sie hörte ihm zu und tat ge- wöhnlich, was er sagte, selbst wenn es dem zuwiderlief, was sie selbst wollte. Zuerst war er überrascht; er hätte nie ge- glaubt, daß sie Befehle von einem Mann entgegennehmen würde. Bei sorgfältigerer Überlegung kam er zu dem Schluß, daß seine Männlichkeit nicht der entscheidende Punkt war. Robin hatte vernünftig funktioniert als Teil einer Gruppe, die, zuerst von Gaby und dann Cirocco angeführt worden war, aber Chris vermutete, daß sie sie auf der Stelle verlassen hätte, wenn eine von beiden ihr etwas aufgetragen hätte, das sie entschieden nicht tun wollte. Nie hätte sie die Grup- pe geschädigt – wenn man es nicht Schaden nennen konn- te, sie zu verlassen –, aber stets hatte sie die Möglichkeit im Sinn gehabt, auf eigene Faust loszuziehen; sie war keine Mannschaftsspielerin. Keineswegs war sie auf magische Weise zu einer Gefolgsfrau von Chris umgewandelt worden. Und doch gab es einen Un- terschied. Sie war jetzt stärker dazu bereit, seinen Argumen- ten zuzuhören und es einzugestehen, wenn er recht hatte. Es war zu keinerlei Auseinandersetzung gekommen. In gewis- sem Sinn bestand kein Bedarf nach einem Anführer, wo ihre Gruppe jetzt auf drei reduziert war, aber Robin regte nur sel- ten etwas an, und Valiha tat das überhaupt nie, also fiel die Rolle, wie sie nun einmal war, an Chris. Robin war zu selbst- bezogen für eine Anführerin. Manchmal machte sie das für die Menschen in ihrer Umgebung unerträglich. Jetzt zeigte sie al- lerdings ein neues Element, das Chris für eine Mischung aus etwas Bescheidenheit und etwas Verantwortungsgefühl hielt. Die Bescheidenheit gestattete ihr das Eingeständnis, daß sie sich auch irren konnte, und seinen Argumenten zuzuhören, bevor sie ihre eigene Entscheidung traf. Und es war Verant- wortungsgefühl gegenüber etwas Größerem, das sie dazu brachte, einen müden Tag nach dem anderen bei Chris und Valiha zu bleiben, anstatt sich selbständig zu machen und Hilfe zurückzubringen, was alles darstellte, das sie wirklich tun wollte. In vielen Dingen schlossen sie Kompromisse. Das größte Problem wurde von Robins Erforschung der Höhle verursacht., Ungezählte Male hatten sie denselben Streit, mit fast immer denselben Worten, und keiner von beiden machte sich wirk- lich etwas daraus. Die Langeweile war drückend geworden, über jedes ihnen gemeinsame Thema hatten sie sich längst ausgesprochen, und selbst Zwietracht wurde zu einer will- kommenen Abwechslung. »Es gefällt mir nicht, wenn du allein da rausgehst«, sagte Chris zum vielleicht zwanzigsten Male. »Ich habe ein biß- chen über Höhlenforschung gelesen, und das ist einfach nichts, was man allein macht, genausowenig wie man allein in tiefem Wasser schwimmt.« »Aber du kannst nicht mitkommen. Valiha braucht dich hier.« »Es tut mir leid«, sagte Valiha. Robin berührte die Hand der Titanide und versicherte ihr, ihr keine Schuld zu geben, und entschuldigte sich für das Aufbringen des heiklen Themas. Als Valiha beruhigt war, fuhr sie fort: »Jemand muß hinausgehen. Wir werden alle verhungern, wenn ich es nicht mache.« Was sie sagte, entsprach der Wahrheit, und Chris wußte es. In der Höhle lebten noch andere Tiere als die Glühvögel, und auch ihnen fehlte Angst und Aggression. Es war ein- fach, sich ihnen zu nähern und sie zu töten, aber es war nicht einfach, sie zu finden. Robin hatte bis jetzt drei Arten entdeckt, jede etwa von der Masse einer großen Katze, lang- sam wie Schildkröten und alle ohne Haare oder Zähne. Was sie mit ihrem Leben anfingen, war jedermanns Vermutung, aber Robin fand sie stets unbeweglich neben kegelförmigen grauen Massen einer warmen, gummiartigen Substanz lie- gend, die vielleicht ein sessiles Tier oder eine Pflanze war,, jedoch fest verwurzelt und fast mit Sicherheit lebendig. Sie bezeichnete die Gummimassen als Zitzen, denn sie ähnel- ten den Eutern einer Kuh, wie auch die drei Tierarten Gur- ken, Lattich und Garnelen. Nicht wegen des Geschmacks denn sie schmeckten alle mehr oder weniger nach Rind- fleisch –, aber wegen der drei terranischen Organismen, die sie nachäfften. Robin war wochenlang an den Gurken vor- beigelaufen, bevor sie zufälligerweise eine trat, und diese große, verträumte Augen öffnete, die sie anblickten. »Uns geht’s gut«, meinte Chris. »Ich sehe nicht ein, wa- rum du glaubst, öfter hinausgehen zu müssen, als du es bereits machst.« Aber schon während er das sagte, wußte er, daß es nicht stimmte. Sie hatten etwas Fleisch, das war richtig, aber kaum genug für Valihas mächtigen Appetit. »Wir könnten stets mehr gebrauchen«, argumentierte Robin und deutete mit den Augen an, daß sie nicht in Valihas Ge- genwart über das reden sollten, was sie beide dachten. Sie hatten über ihre Schwangerschaft diskutiert und ihr gegen- über auch einige Befürchtungen erwähnt, nur um herauszu- finden, daß sie sie teilte und besorgt darüber war, nicht ge- nug Nahrung oder genug von der richtigen Diät für die Ent- wicklung ihres Kindes zu bekommen. »Diese Dinge sind schwer zu finden«, fuhr Robin fort. »Ich hätte es fast lieber, wenn sie vor mir davonliefen. Wie die Sache steht, kann ich näher als einen Meter herankommen, ohne je was zu sehen.« Die Diskussion ging weiter und weiter, und als sie zu Ende war, hatte sich nichts verändert. Robin ging jeden Tag hinaus, halb soviel, wie sie wollte, und tausendmal öfter, als es Chris recht war. An jedem Moment ihrer Abwesenheit sah er sie zerschmettert auf dem Grund einer Schlucht liegen, bewußt- los und nicht in der Lage, um Hilfe zu rufen, oder zu weit, entfernt, um gehört zu werden. An jedem Moment ihrer An- wesenheit im Lager rutschte sie unruhig hin und her oder lief herum und schrie sie an, entschuldigte sich und schrie dann weiter. Sie beschuldigte Chris, sich wie ihre Mutter aufzufüh- ren, sie wie sein Kind zu behandeln, und er gab zurück, daß sie sich tatsächlich wie ein Kind aufführte und noch dazu wie ein wildes und eigensinniges, und sie beide wußten, daß beide Behauptungen zutrafen, und keiner konnte etwas da- gegen tun. Robin brannte darauf, loszuziehen und Hilfe zu suchen, konnte es aber nicht tun, solange sie für die Jagd gebraucht wurde, und Chris wollte es genau so gern tun, konnte es aber Valihas wegen nicht sagen, also brodelten sie beide und kämpften, und es schien keine Lösung für das Problem zu geben, bis Robin eines Tages wütend das Messer in eine der grauen Zitzen stieß und mit einem Gesicht voll einer klebrigen weißen Flüssigkeit belohnt wurde. »Es ist die Milch Gäas«, sagte Valiha glücklich und leerte unverzüglich den von Robin gefüllten Wasser schlauch. »Ich hätte nie erwartet, sie hier zu finden. In meinem Heimatland fließt sie zwei bis zehn Meter unterhalb des Bodens.« »Was meinst du mit ›die Milch Gäas‹?« fragte Chris. »Ich weiß nicht, wie ich es näher erklären könnte. Es ist einfach das: Gäas Milch. Und sie bedeutet, daß meine Sor- gen gegenstandslos sind. Mein Sohn wird durch sie stark werden. Gäas Milch enthält alles, was zum Leben nötig ist.« »Wie steht es mit uns?« fragte Robin. »Können Menschen sie auch trinken?« »Sie läßt auch Menschen gedeihen. Sie ist die universelle Nahrung.« »Wie schmeckt sie, Robin?« erkundigte sich Chris. »Weiß ich doch nicht. Du hast doch nicht geglaubt, ich, würde sie einfach trinken, oder?« »Die Menschen, die ich kenne und die sie versucht ha- ben, sagen, sie hätte einen bitteren Geschmack«, erzählte Valiha. »Teilweise finde ich das auch, glaube aber, daß sich ihre Qualität von einer Rev zur nächsten wandelt. Wenn Gäa vergnügt ist, schmeckt sie süßer. Wenn Gäa zürnt, wird die Milch säuerlicher, dicker und stärker sättigend, bleibt aber nahrhaft.« »Und wie schmeckt sie jetzt?« wollte Robin wissen. Valiha hob den Schlauch noch einmal hoch und ließ sich die letzten Tropfen in den Mund fallen. Nachdenklich legte sie den Kopf schräg. »Besorgt, würde ich sagen.« Robin lachte. »Worüber sollte sich denn Gäa Sorgen ma- chen?« »Cirocco.« »Wie meinst du das?« »Wie ich sagte. Wenn Gäas Magier noch lebt und auch wir überleben, um ihr von Gabys letzten Augenblicken und letzten Worten zu berichten, wird Gäa zittern.« Robin machte ein zweifelndes Gesicht, und Chris stimmte ihr insgeheim zu. Er konnte nicht einsehen, wie Cirocco je- mals eine Bedrohung für Gäa werden sollte. Aber die Be- deutung ihrer Entdeckung war bei Robin nicht in Vergessen- heit geraten. »Jetzt kann ich losgehen und Hilfe holen«, sagte sie und begann damit eine Auseinandersetzung, die drei Tage lang dauern sollte und bei der Chris von Anfang an wußte, daß er sie gewiß verlieren würde. »Das Seil. Bist du sicher, daß du genug Seil hast?«, »Woher soll ich wissen, wieviel genug ist?« »Wie sieht es mit Streichhölzern aus? Hast du die Streich- hölzer?« »Ich habe sie genau hier.« Robin klopfte auf die Tasche ih- res Mantels, der oben auf den Rucksack gebunden war, den sie aus einer von Valihas Satteltaschen improvisiert hatten. »Chris, hör auf damit! Wir sind die Vorräte ein dutzendmal durchgegangen.« Chris wußte, daß sie recht hatte, wußte auch, daß seine Hektik der letzten Minute einfach nur den Zweck verfolgte, ihren Abschied zu verzögern. Es waren jetzt vier Tage seit seiner endgültigen Kapitulation. Sie hatten die Lage von Gäas nächstliegender Zitze aus- findig gemacht und Valiha mühsam dorthin gebracht. Ob- wohl es in gerader Linie vom alten Lager nur 300 Meter wa- ren, so überquerte diese Linie doch zwei tiefe Schluchten. Sie mußten die Titanide einen halben Kilometer nach Nor- den bringen, um begehbares Land zu finden, dann einen Ki- lometer nach Süden und dann wieder zurück. »Hast du den Wasserschlauch?« »Genau hier.« Sie schlang ihn sich über die Schulter und langte nach dem Rucksack. »Ich habe alles, Chris.« Er half ihr dabei, das Gepäck auf den Rücken zu bekom- men. Sie sah so klein aus anschließend. Sie wurde durch das Gewicht der Ausrüstung niedergedrückt und erinnerte Chris mit einem unwiderstehlich beschützerischen Zug an ein Kleinkind, dazu angezogen, hinauszugehen und im Schnee zu spielen. Er liebte sie in diesem Moment und wünschte sich, für sie sorgen zu können. Genau das konnte er nicht tun und genau das wollte sie auch nicht, also wand- te er sich ab, bevor sie den Ausdruck auf seinem Gesicht, bemerkte. Er wollte nicht, daß der Streit wieder anfing. Aber er konnte seinen Mund nicht halten. »Vergiß nicht, den Weg zu markieren!« Wortlos hielt sie die kleine Hacke hoch und steckte sie dann zurück in eine kleine Gürtelschlaufe. Es war ein wun- dervoller Gürtel, den Valihas geschickte Hände aus haltbar gemachter Gurkenhaut gefertigt hatten. Der Plan lautete, daß Valiha und Chris dem von Robin markierten Weg folgen würden, wenn Valiha soweit war, auf Krücken gehen zu können. Chris dachte nur ungern an diese Möglichkeit, denn wenn Robin es nicht lange vorher nach draußen ge- schafft hatte und mit Hilfe zurückgekehrt war, dann deswe- gen, weil sie ein Unglück ereilt hatte. »Wenn du keine Zitzen mehr findest, dann kannst du noch drei Schlafzeiten über den Punkt hinausgehen, an dem der Wasserschlauch leer ist, und dann zurückkehren, wenn du keine weiteren findest.« »Vier. Vier Schlafzeiten.« »Drei.« »Wir hatten uns auf vier geeinigt.« Sie schaute ihn an und seufzte. »In Ordnung. Drei, wenn es dich glücklich macht.« Sie sahen einander für einen Moment an; dann ging Robin zu ihm und legte ihm einen Arm um die Taille. »Paß auf dich auf!« sagte sie. »Ich wollte gerade dasselbe sagen.« Sie lachten nervös; dann umarmte Chris sie. Es gab einen verlegenen Augen- blick, als er nicht wußte, ob sie geküßt werden wollte; dann entschied er, daß es ihm egal war, und küßte sie trotzdem. Sie drückte ihn an sich und wich dann mit abgewandtem Blick zurück. Dann sah sie ihn doch wieder an, lächelte und setzte sich in Bewegung., »Tschüß, Valiha!« sagte sie. »Auf Wiedersehen, Kleine!« rief Valiha zurück. »Ich wür- de sagen ›Möge Gäa mit dir sein‹, aber ich glaube, du gehst lieber allein.« »Das ist vollkommen richtig.« Robin lachte. »Laß sie in ihrer Nabe hocken und sich Sorgen wegen ihrem Magier machen. Ich sehe euch in etwa einer Kilorev wieder.« Chris folgte ihr mit den Augen, bis sie außer Sicht verschwand. Er glaub- te zu erkennen, daß sie einmal stehenblieb und winkte, konnte sich dessen aber nicht sicher sein. Bald war nichts mehr zu sehen außer dem auf und ab hüpfenden Licht der drei Glühvögel, die sie in einem aus Röhricht geflochtenen Käfig mitführte, und dann war auch das verschwunden. Gäas Milch schmeckte wirklich sauer; ein Eindruck, der sich durch Robins Weggang noch verstärkte. Ihr Geschmack ver- änderte sich leicht von Tag zu Tag, aber bei weitem nicht ge- nug, um die Abwechslung herzugeben, nach der sich Chris sehnte. In weniger als einer Hektorev würgte er beim Gedan- ken an die Milch und begann sich zu fragen, ob Verhungern nicht vielleicht besser war als ein Weiterleben mit Hilfe dieses ekelhaften und magenumdrehenden Zeugs. Er ging auf Nahrungssuche, so oft er nur konnte, achtete aber darauf, Valiha nie zu lange allein zu lassen. Bei diesen Ausflügen sammelte er Holz und brachte von Zeit zu Zeit auch eines der einheimischen Tiere mit. Das war stets ein Signal zum Jubeln, denn Valiha pflegte dann ihre gehorteten Gewürze zum Vorschein zu bringen und jedes Beutestück auf eine andere Art zuzubereiten. Bald wurde ihm klar, daß sie nur sparsam von dem aß, was sie selbst kochte, und er wuß- te, daß es nicht daran lag, weil sie der Milch den Vorzug gab., Er dachte viele Male daran, darauf zu bestehen, daß sie ihren Anteil zu sich nahm, brachte aber nie die Entschlossenheit auf, es tatsächlich zu sagen. Er verzehrte seine Portionen wie ein Geizhals, ließ die Mahlzeiten viele Stunden dauern und nahm stets mehr, wenn es ihm angeboten wurde. Ihm gefiel selbst nicht, was er tat, aber er konnte nicht anders. Die Zeit verschwamm. Sämtliche scharfen Kanten des Ver- gehens der Zeit waren abgeschliffen worden seit dem Tage, an dem er Gäa betreten hatte. Eigentlich schon vorher: auf der Reise im Raumschiff hatte seine Loslösung von der irdi- schen Zeit begonnen. Dann war das Einfrieren der Zeitdauer zu einem ewigen Nachmittag in Hyperion erfolgt, das lang- same Kriechen in die Nacht und dann in einen neuen Tag. Jetzt hatte sich der Prozeß vervollkommnet. Er fing wieder an verrückt zu werden, nach einer langen Lücke, die gedauert hatte vom Karneval in Krios bis zu sei- ner Ankunft in der Höhlenwelt. Er beschrieb es jetzt auf diese Weise – als Verrücktwerden eher denn ein Zwischen- erlebnis, wie es seine Ärzte so geziert genannt hatten –, denn genauso verlief es. Er glaubte nicht mehr daran, daß Gäa ihn heilen konnte, selbst wenn sie wollte, und es fiel ihm kein Grund ein, warum sie das wollen sollte. Mit Si- cherheit war er dazu verurteilt, durch das Leben zu gehen als eine Sammlung manischer Fremder, und er würde mit ihnen zurechtkommen müssen, so gut es ging. Das war in der Höhle tatsächlich einfacher als je zuvor. Oft bemerkte er es buchstäblich gar nicht. Er pflegte an Stel- len wieder er selbst zu werden, wo er sich nicht daran erin- nern konnte, wie er dorthin gekommen war, und er ver- mochte auch nie zu sagen, ob er verrückt gewesen war o- der ob es einfach aus Zerstreutheit passierte. Jedesmal,, wenn es geschah, kehrte er ängstlich zu Valiha zurück, um sich davon zu überzeugen, daß sie keinen Schaden gelitten hatte. Das war nie der Fall. Tatsächlich sah sie oft glückli- cher aus als seit Tagen zuvor. Auch das erleichterte ihm die Verrücktheit: Valiha war sie egal, und tatsächlich schien die Titanide ihn so noch lieber zu haben als anders. Er fragte sich mit einem Schwindelgefühl, ob das die Hei- lung war, die Gäa im Sinn gehabt hatte. Hier unten spielte die Verrücktheit keine Rolle. Ganz auf eigene Faust hatte er seinen Weg in eine Situation gefunden, wo er normal war und so gut wie jeder andere. Ohne eine Diskussion zwischen ihnen übernahm Valiha die Aufgabe, nach jeder seiner Schlafperioden eine Kerbe in den Kalender zu schnitzen. So sehr wie alles andere nahm er auch das als ein Zeichen, daß er wirklich zeitliche Lücken durch manische Stadien erlitt. Er wußte nicht, was er wäh- rend dieser Zeiten tat. Er fragte Valiha nicht, und sie sprach auch nie davon. Aber über alles andere redeten sie. Die Arbeiten im Lager brauchten nie mehr als eine »Stunde« jeden »Tag«, und das ließ ihnen alles zwischen neun und neunundvierzig Stunden, in denen sie wenig anderes tun konnten als reden. Zuerst redeten sie über sich selbst, mit dem Ergebnis, daß Valiha bald nichts mehr zu sagen wußte. Er hatte vergessen, wie unmöglich jung sie war. Obwohl eine reife Erwachsene, so war doch der Schatz ihrer Erinnerungen jämmerlich klein. Aber auch Chris brauchte nicht sehr viel länger, um sein Le- ben ebenfalls zu erschöpfen, und so wandten sie sich anderen Themen zu. Sie sprachen von Hoffnungen und Ängsten und über Philosophie – titanidische und menschliche. Sie erfanden Spiele und entwarfen Geschichten. Valiha erwies sich als nur, mittelmäßig in Spielen, aber als groß in Geschichten. Sie be- saß Vorstellungskraft und eine Perspektive, gerade weit genug von der menschlichen entfernt, um sie in die Lage zu verset- zen, ihn immer und immer wieder mit ihren unbekümmerten und beunruhigenden Einsichten in Dinge zu überraschen, von denen sie eigentlich nichts hätte verstehen dürfen. Er fing an, so gut wie nie zuvor zu begreifen, was es bedeutete, so beinahe Mensch zu sein und dann doch nicht. Er ertappte sich dabei, all die Milliarden von Menschen zu bemitleiden, die vor dem Kontakt mit Gäa gelebt hatten und die demzufolge nie mit dieser unwahrscheinlich einnehmenden Kreatur hatten kommunizieren können. Valihas Geduld erstaunte ihn. Er war dabei, verrückt zu werden, und doch hatte er eine viel größere Bewegungsfrei- heit als sie. Er begann zu verstehen, warum man Pferde mit verletzten Beinen im allgemeinen tötete: ihr Skelett war nicht zum Liegen bestimmt. Die Beine einer Titaniden waren weit biegsamer als die eines irdischen Pferdes, und doch hatte Valiha eine schreckliche Zeit. Für eine halbe Kilorev konnte sie wenig mehr tun, als auf der Seite zu liegen. Als die Knochen sich wieder zu verbinden begannen, fing sie damit an, sich aufzusetzen, konnte diese Position aber nie lange aufrechter- halten, weil dabei ihre steifen und zersplitterten Vorderbeine vor ihr gerade ausgestreckt sein mußten. Sein erster Hinweis darauf, daß sie es nur schwer ertrug, war ihre beiläufige Bemerkung, daß in einem Krankenhaus behandelte Titaniden üblicherweise in eine Schlinge ge- hängt wurden, wobei dann die verletzten Beine herabhingen. Das verblüffte ihn. »Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?« fragte er. »Ich habe nicht eingesehen, was es nützen würde, da…«, »Pferdedreck«, sagte er und wartete darauf, daß sie lächel- te. Das war sein Lieblingsfluch geworden, den er dazu be- nutzte, um sie freundlich zu necken, indem er vorgab, über seine tägliche Aufgabe des Saubermachens zu meckern. Aber diesmal lächelte sie nicht. »Ich glaube, ich könnte etwas Derartiges zusammenbas- teln«, meinte er. »Du würdest dann auf den Hinterbeinen stehen, richtig? Also eine Art Schlinge, die hinter und zwi- schen den Vorderbeinen… ich glaube, das könnte ich ma- chen.« Er wartete, und sie sagte nichts. Sie wollte ihn nicht einmal ansehen. »Was ist los, Valiha?« »Ich will keine Schwierigkeiten machen«, sagte sie fast un- hörbar und fing an zu weinen. Er hatte sie noch nie weinen gesehen. Was für ein Idiot war er gewesen zu glauben, daß alles in Ordnung war, weil sie nicht geweint hatte. Er ging zu ihr und fand sie begierig auf seine Berührung. Es war zuerst schwierig, jemanden, der so groß war, zu trösten, und ihre durch die Verletzung erzwun- gene Haltung erleichterte die Dinge nicht. Und doch entspann- te er sich rasch und konnte sie beruhigen, ohne an etwas anderes zu denken als den Augenblick. Die ganze Zeit hatte sie wirklich nur so wenig gewollt, erkannte er, und er hatte ihr nicht einmal das gegeben. »Mach dir keine Sorgen deswegen«, flüsterte er in die lan- ge, spitz zulaufende Muschel ihres Ohres. »Ich bin so dumm gewesen«, stöhnte sie. »Es war dumm, mir die Beine zu brechen.« »Du kannst dir für einen Unfall nicht selbst die Schuld ge- ben.« »Aber ich erinnere mich daran. Nicht an viel, aber daran. Ich hatte solche Angst. Ich weiß nicht, was da hinten geschah…, da hinten auf der Treppe. Ich erinnere mich an einen schreck- lichen Schmerz, und ich konnte nur daran denken zu rennen. Ich rannte und rannte, und als ich zu der Schlucht kam, bin ich gesprungen, obwohl ich wußte, daß ich es nicht auf die andere Seite schaffen würde.« »Wir alle machen verrückte Sachen, wenn wir Angst ha- ben«, argumentierte er. »Ja, aber jetzt sitzt du wegen mir hier fest.« »Wir sitzen beide hier fest«, gab er zu. »Ich will auch nicht behaupten, daß ich gerne hier bin; das wäre töricht. Keiner von uns möchte hier sein. Aber solange du verletzt bist, bleibe ich bei dir, egal wo. Und ich gebe dir keine Schuld für irgendwas, denn die einfache Wahrheit lautet, daß nichts davon dein Fehler war.« Für lange Zeit sagte sie nichts, während ihre Schultern leicht zitterten. Als sie mit dem Weinen aufgehört hatte, schniefte sie laut und sah ihm in die Augen. »Genau hier möchte ich sein«, sagte sie. »Wie meinst du das?« Er wich etwas zurück, aber sie hielt ihn fest. »Ich meine, daß ich dich sehr liebe.« »Ich glaube nicht, daß du wirklich mich liebst.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was du meinst, und es stimmt nicht. Ich liebe dich immer, ob du ruhig bist oder deiner Raserei verfällst. Du hast so viele Gesichter. Viel- leicht bin ich die einzige, die je alle davon erlebt hat, denke ich mir. Und ich liebe sie alle.« »Ein paar Ärzte haben behauptet, sie alle zu kennen«, sagte Chris unglücklich. Als Valiha keine Antwort gab, ging er zu der Frage weiter, die er sich lange nicht zu stellen get- raut hatte. »Liebe ich dich, wenn ich verrückt bin?«, »Wir machen Liebe in wundervoller Wallung. Du bist mein starker Hengst, und ich deine liebestolle Hermaphrodi- tin. Wir betreiben vorderes Balgen und frontalen Verkehr, und dann spielen wir etwas in der Mitte herum. Dein Pe- nis…« »Halt, halt! Ich habe nicht nach den schmutzigen Einzel- heiten gefragt.« »Ich habe nichts Rhyparographisches gesagt«, meinte Va- liha tugendhaft. »Ich… was hast du nur gemacht? Ein Wörterbuch gefres- sen?« erkundigte er sich. »Ich muß alle englischen Wörter für das Experiment kennen«, meinte sie. »Was… egal, erzähl mir später davon. Ich weiß, daß ich dich bei einer Gelegenheit geliebt habe. Ich wollte nur wis- sen, ob ich es jetzt immer noch mache.« »Erst vor zwanzig oder dreißig Revs.« »Und es macht dir nichts aus, wenn es nur in meiner Ver- rücktheit dazu kommt?« Sie dachte darüber nach. »Ich hatte wirklich Schwierigkei- ten damit, zu verstehen, was du mit ›verrückt‹ meinst. Manchmal verlierst du einige Hemmungen – wieder ein Wort, mit dem ich Probleme habe. Das bringt dich in Kon- flikt mit menschlichen Frauen, die nicht mit dir kopulieren wollen, und mit überhaupt jedem Menschen, der deine Be- gierden zu vereiteln trachtet. Ich habe keine Schwierigkei- ten, denn wenn du einmal ungebärdig wirst, hebe ich dich einfach am Haar hoch und halte dich auf Armeslänge. So- bald du dich beruhigt hast, spreche ich mit dir. Du reagierst sehr gut darauf.« Chris lachte, und selbst für ihn hörte es sich recht hohl an., »Du erstaunst mich«, sagte er. »Ich bin von den besten Ärzten der Erde untersucht worden. Sie konnten nichts an- deres mit mir anfangen, als mir einige Pillen zu verabrei- chen, die absolut wirkungslos sind. Sie werden fasziniert sein, von deiner Heilungsmethode zu hören. Man ziehe ihn an den Haaren hoch, halte ihn auf Armeslänge und spreche mit ihm. Oh, süße Vernunft!« »Es funktioniert«, verteidigte sie sich. »Ich nehme an, es wäre nur in einer Gesellschaft wirksam, wo alle anderen größer sind als du.« »Bringt dich mein Verhalten bei diesen Gelegenheiten nicht aus der Fassung?« fragte er. »Titaniden greifen einan- der nie an, oder? Ich hätte erwartet, daß du mich… na ja, abstoßend findest, wenn ich mich so aufführe. Es ist so… so untitanidisch.« »Ich finde das meiste menschliche Verhalten untitani- disch«, sagte Valiha. »Deines wird, wenn du ›verrückt‹ bist, vielleicht etwas aggressiver als normal, aber alle deine Lei- denschaften sind dann verstärkt, die Liebe ebenso wie die Aggression.« »Ich bin nicht in dich verliebt, Valiha.« »Doch, bist du. Sogar dieser Teil von dir, der vernünftige, liebt mich auf titanidische Art: unveränderlich, aber zu stark, um alles davon nur einer Person zu geben. Das hast du mir versichert, als du verrückt warst. Du hast mir gesagt, dein vernünftiges Selbst würde deine Liebe nur nicht zugeben.« »Er hat dich angelogen.« »Du würdest mich nicht anlügen.« »Aber ich bin hier, um von all dem geheilt zu werden!« rief er in steigender Frustration., »Ich weiß«, stöhnte sie, erneut am Rande der Tränen. »Ich fürchte mich so davor, daß Gäa dich heilt und du nie deine Liebe zu mir erkennen wirst!« Chris hielt dieses Gespräch für so verrückt wie nur ir- gendeines, das er je gehört hatte. Vielleicht war er verrückt, und zwar dauerhaft. Das lag im Bereich der Möglichkeiten. Aber er wollte Valiha nicht weinen sehen, er mochte sie, und auf einmal ergab es keinen Sinn mehr, ihr noch länger zu widerstehen. Er küßte sie. Sie reagierte augenblicklich, ängstigte ihn mit ihrer Kraft und Leidenschaft, hielt dann inne und führte den Mund dicht an sein Ohr. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Ich werde sanft sein.« Er lächelte. Es war nicht leicht, aber letztendlich hatte er die Schlinge fertig, die sie brauchte, um bequem zu ruhen, während ihre Beine heilten. Es brauchte eine ganze Weile, unter den ver- stümmelten Büschen, die in der Höhle Bäume vertraten, drei Stangen zu finden, die lang und kräftig genug waren, aber als er sie erst einmal hatte, dauerte es nicht lange, bis er einen hohen Dreifuß gefertigt hatte. Die zur Verfügung stehende Länge Seil reichte gerade aus, um die Schlinge zu machen und sie mit Materialien aus Kleider zu polstern, die sie in der warmen Höhle nicht brauchten. Sobald sie fertig war, zog sich Valiha selbst vorsichtig mit den Händen hoch, und Chris legte ihre Beine durch die Schlaufen. Sie ließ sich hineinsinken und seufzte vor Zufriedenheit tief auf. Danach verbrachte sie die meiste Zeit mit ein paar Zentimeter über dem Boden baumelnden Hufen. Aber nicht die ganze Zeit. In der Schlinge war die Praxis der frontalen Liebe nicht möglich, und diese Aktivität, wurde rasch zu einem wichtigen Bestandteil ihrer beider Leben. Chris fragte sich, wie er so lange ohne sie hatte über- leben können, und erkannte, daß es natürlich gar nicht so gewesen war, sondern daß er schon die ganze Zeit mit Vali- ha Verkehr gehabt hatte. Jetzt spürte er, daß er höchst- wahrscheinlich der Verzweiflung erlegen oder einfach da- hingeschwunden wäre, inmitten der Fülle verschmachtend. Selbst der Geschmack von Gäas Milch wurde etwas besser, und er fragte sich, ob dies nicht eher an seiner Stimmung lag und nicht an der Ihrer Majestät. Valiha war nicht wie eine menschliche Frau. Schon der Versuch wäre sinnlos gewesen, zu sagen, ob sie besser war oder weniger gut. Es bestand einfach ein Unterschied. Ihre frontale Vagina paßte ihm mit schlüpfrigen Toleranzen, die zu knapp waren, um das Ergebnis eines kosmischen Zufalls zu sein. Beinahe konnte er Gäas Kichern hören. Was für ei- nen Streich hatte sie der Menschheit gespielt, als sie es so einrichtete, daß die ersten intelligenten Aliens, denen die Rasse begegnete, dieselben Spiele wie die Menschen spielen konnten, und noch dazu mit derselben geschlechtlichen Ausstattung! Valiha war ein gewaltiges, fleischiges Spiel- feld, von der Spitze ihrer breiten Nase über ganze Morgen von gesprenkelter gelber Haut bis zur Weichheit direkt o- berhalb der Hufe ihrer Hinterbeine. Sie war in großem Um- fang so vollkommen menschlich, in der Liebkosung ihrer Hände, der Masse ihrer Brüste, dem Geschmack ihrer Haut, des Mundes und der Klitoris. Und gleichzeitig war sie so ve- hement fremdartig in den Ausbauchungen ihrer Knie, in den glatten harten Muskeln des Rückens, der Hüften und Schenkel und in dem beeindruckenden Gleiten ihres Penis’, wenn er feuchtglänzend aus seiner Scheide hervortrat. Als, Chris sie in die Vertiefungen hinter den ausdrucksvollen Eselsohren küßte, duftete sie unwahrscheinlich nach Mensch. Zu Anfang zögerte er, die Gegenwart des größten Teils ihres Körpers anzuerkennen. Er versuchte vorzugeben, daß sie nur vom Kopf bis zur vorderen Beingabelung existier- te, und die in ihr insgesamt enthaltene sexuelle Überfülle zu mißachten. Valiha führte ihn sanft zur Erfahrung der überra- schenden Möglichkeiten ihrer übrigen zwei Drittel. Ein Teil seines Zögerns wurde verursacht durch das beharrliche Miß- verständnis, das er stets bekämpft hatte, wenn er es in an- deren fand, und weil er nicht gewußt hatte, daß er es teilte: ein Teil ihres Körpers war pferdeartig, was bedeutete, daß sie zum Teil Pferd war, und man wird mit Tieren eben nicht intim. All das mußte er ablegen. Er fand es überraschend ein- fach. In vieler Hinsicht war Valiha weniger pferdeartig als er selbst affenartig. Ein weiteres Hindernis hatte Valiha frühzeitig selbst genannt: sie war androgyn – obwohl ›gynandroid‹ das besser passende von zwei Wörtern bildete, die beide nie für Titaniden vorgesehen gewesen waren. Chris kannte Homose- xualität nicht. Valiha ließ ihn erkennen, daß dieses Wort auch keine Bedeutung besaß, wenn er sie liebte. Sie bestand eben aus allem, und es machte keinen Unterschied, daß ihre vorde- ren Organe so gewaltig waren. Und er hatte stets gewußt, daß der Koitus nur einen kleinen Teil des Liebens bildete. Titanidenkrücken waren lange, stabile Stangen mit gepolster- ten Sicheln für die Armgruben, nur wenig verschieden von der seit Jahrtausenden bei den Menschen gebräuchlichen Sor- te. Chris hatte keine Schwierigkeiten, ein Paar herzustellen. Zuerst ging Valiha nur fünfzig Meter, bevor sie sich wieder ausruhte, dann eine annähernd gleiche Entfernung zurück, zum Zelt. Schon bald hatte sie das Gefühl, mehr schaffen zu können. Chris baute das Zelt ab und lud sich alles auf den Rü- cken. Es war eine schwere Last, besonders die Stangen ihrer Dreifuß schlinge. Ohne die geringe Schwerkraft hätte er das alles nie zu schleppen versucht, und selbst bei diesem Vorteil war es hart. Valiha ging, indem sie die Schultern rollte, hob erst eine Krücke und dann die andere und folgte schließlich mit den Hinterbeinen. Dieses Vorgehen legte eine ungewohnte Be- lastung auf ihre Schultern, den humanoiden Rücken und die rechtwinklige Biegung ihrer Wirbelsäule. Chris besaß keinerlei Vorstellung von der Beschaffenheit ihres Skeletts; er war sich lediglich sicher, daß ihre vertebrale Struktur von seiner sehr verschieden sein mußte, um sie in die Lage zu versetzen, den Kopf völlig herumdrehen und die anderen unmöglichen Verrenkungen machen zu können, die er ge- sehen hatte. Aber sie ähnelte ihm genug, um Rücken- schmerzen zu bekommen. Am Ende jeder Tagesreise war ihr Gesicht vor Schmerzen verzerrt. Die Muskeln in der Bie- gung ihres Rückens waren dann wie steife Kabel. Massage reichte nicht, obwohl es Chris versuchte. Letzten Endes mußte er sie mit den Fäusten betrommeln, um ihr über- haupt eine Erleichterung zu verschaffen, als wäre er dabei, Fleisch weich zu klopfen. Beide wurden zäher, obwohl sie wußten, daß es nie leicht werden würde. Eine Zeitlang wurde jede Tagesreise ein wenig länger als die vorangegangene, bis sie ein Maximum erreichten, das Chris auf etwa anderthalb Kilometer schätz- te. Jeden Tag kamen sie an vielen Markierungen vorbei, die Robin bei ihrem früheren Vorbeikommen gemacht hatte. Sie konnten unmöglich feststellen, wie alt sie waren, und es lag, kein Sinn darin zu diskutieren, was sie beide glaubten. Nach allem Ermessen hätte Robin schon lange mit Hilfe zu- rück sein müssen. Sie kämpften sich weiter, und jeden Tag wurde die Frage in ihrem Bewußtsein größer. Wo war Robin? Ein Bravourstück Es war keine Frage des Zugebens mehr, daß Chris recht ge- habt hatte. Robin wußte das schon seit geraumer Zeit. Es war nicht ihre Aufgabe gewesen, an einem Ort wie diesem auf eigene Faust loszuziehen. Sie versuchte wieder einmal, einen Arm zu bewegen. Dies- mal erhielt sie einige Resultate: ein Finger zuckte leicht, und sie spürte eine rauhe Fläche darunter. Vorsichtig schluckte sie. Eine ihrer anscheinend endlosen Ängste bestand jetzt darin, im eigenen Speichel zu ertrinken. Es konnte passie- ren. Sogar noch schlimmere Dinge konnten passieren. Viel- leicht fand sie heraus, wenn sie ihren Körper wieder spürte, daß er gebrochen war. In diesem Fall würde sie für immer hier im Dunkeln liegen, und obwohl der Großteil dieser Zeit in einem friedlichen Nirwana verstreichen würde, versprachen doch die ersten paar Wochen gräßlich zu werden. Wie merkwürdig es war zu erkennen, daß sie noch vor we-, niger als einem Jahr neunzehn gewesen war und ohne Furcht. Es hörte sich nicht nach einem so hohen Alter an, je- doch war es uralt für jemanden, der morgen stolpern und tausend Meter tief in den Tod fallen konnte. Es gab keinen Grund für den Tod, bis morgen zu warten. Während sie hilflos dalag, konnte der Nachtvogel über sie kommen und… tun, was immer er mit hilflosen Hexen tat. Ihr Atem verfing sich in der Kehle, und sie strengte sich er- neut an, den Kopf nur ein paar Zentimeter weit zu drehen, damit sie sehen konnte, ob ihren Vermutungen entspre- chend der Nachtvogel tatsächlich auf dem Felsensims ein paar Meter oberhalb ihres Kopfes hockte. Sie vermochte ihn wiederum nicht zu sehen, aber ein Schweißtropfen lief ihr die Stirn hinab und stach im Auge. Du solltest eigentlich pfeifen, erinnerte sie sich. Dann: das ist ja lächerlich. Du bist neunzehn Jahre alt, vielleicht schon zwanzig. Du hattest keine Angst mehr vor dem Nachtvogel, seit du sechs warst. Aber trotzdem; wäre sie in der Lage gewesen, die Lippen zu spitzen, dann hätte sie geträllert wie ein Kanarienvogel. Sie war halb davon überzeugt, daß die entfernten Geräu- sche, die sie seit kurz nach dem Abschied von Chris und Va- liha gehört hatte, die Echos ihrer eigenen Schritte gewesen waren, das schwache Geflüster von Glühvögeln, die ihre hohen Sitze wechselten, das ferne Geräusch fallenden Was- sers. Aber zur Hälfte überzeugt zu sein, läßt viel Raum für die Vorstellungskraft, und das Bild des Nachtvogels war aus den Erinnerungen ihrer Kindheit hervorgesprungen, um gerade eben außerhalb ihres Blickfeldes zu kreischen und zu schnattern. Sie glaubte nicht, daß es der Nachtvogel war; selbst in ih-, rem augenblicklichen Zustand wußte sie, daß ein solches Tier nie existiert hatte, weder hier noch auf der Erde. Es handelte sich um eine Geschichte, die sich kleine Mädchen gegenseitig erzählten, und sonst nichts. Aber die Sache mit dem Nachtvogel war die, daß ihn niemals jemand sah. Er schwang sich auf Schattenflügeln herab und griff stets nur von hinten an; er konnte Größe und Gestalt verändern, um sich jedem zur Verfügung stehenden dunklen Ort anzupas- sen, und verbarg sich so mit gleicher Leichtigkeit in düste- ren Schlafräumen, unter Betten oder sogar in staubigen E- cken. Was auch immer Robin verfolgte – wenn da überhaupt etwas war –, schien zu dieser Traumwelt zu gehören. Sie sah nichts. Von Zeit zu Zeit glaubte sie zu hören, wie Krallen gegeneinander schlugen oder wie ein gespenstischer Schna- bel klapperte., Robin wußte, daß es in der Höhlenwelt noch mehr leben- de Wesen gab als die Glühvögel, die Gurken, Garnelen, den Lattich und die verschiedenen Pflanzensorten. Es gab win- zige Glaseidechsen mit zwei bis mehreren hundert Beinen. Sie liebten die Wärme und wurden häufiger, je weiter sie kam, so daß ihre erste morgendliche Aufgabe darin bestan- den hatte, ihren Schlafsack von denen dieser Tiere zu be- freien, die hineingekrochen waren. Es gab Wesen wie See- sterne und Schnecken mit Häusern, die so verschiedenartig waren wie Schneeflocken. Einmal hatte sie gesehen, wie ein Glühvogel im Flug von einem unsichtbaren fliegenden Wesen geschnappt worden war, und ein anderesmal hatte sie etwas gefunden, das vielleicht Teil von Gäas allgegen- wärtigem Körper war, befreit von ihrem steinigen Mantel, oder genausogut auch eine Kreatur, neben der ein Blauwal gewirkt hätte wie ein Karpfen. Mit Sicherheit wußte sie nur, daß es warm und fleischig gewesen war und glücklicher- weise schlaftrunken. Wenn all diese Wesen in einer Höhle lebten, die auf den ersten Blick nur aus endlosen Kilometern steiniger Sterilität zu bestehen schien, warum dann nicht auch der Nachtvo- gel? Erneut versuchte sie über die Schulter zu blicken, und schaffte es diesmal, das Kinn ein kleines Stück anzuheben. Bald darauf konnte sie auch die Füße bewegen. Aber noch lange, nachdem sie Arme und Beine bereits wieder bewegen konnte, blieb sie vollkommen reglos, die Füße fast einen Meter tiefer als der Kopf, um sicherzugehen, daß sie sich wieder vollständig unter Kontrolle hatte, bevor sie den Ver- such wagte, den Abhang zu verlassen, auf dem sie gestürzt war., Als sie sich dann bewegte, geschah es mit unendlicher Vorsicht. Sie wich auf Fersen und Ellbogen zurück, bis sie spürte, wie der Boden eben wurde, drehte sich dann um und drückte sich an das warme Gestein. Die Schwerkraft war eine wundervolle Sache, wenn sie einen auf eine stabile Unterlage drückt, aber gar nicht so nett, wenn sie versuch- te, einen von einem unsicheren Hochsitz zu pflücken. Zuvor hatte sie nur selten über die Schwerkraft nachgedacht, ob nun als Freund oder als Feind. Als sie zu zittern aufhörte, kroch sie zum Rand der Senke, in der sie so viele Stunden lang hilflos gelegen hatte. Einer ihrer Glühvögel war beim Sturz unter ihr zerdrückt worden. Der andere flackerte dem Tode nahe, warf aber ausreichend Licht, damit sie hinunterschauen und den Grund sehen konnte, nicht mehr als anderthalb Meter davon entfernt, wo ihre Füße gelegen hatten. Bei ihrer Ankunft in Gäa hatte sie noch über eine solche Entfernung gelacht. Jetzt lachte sie nicht. Schließlich brauchte es keine hundert Meter zum Sterben, nicht einmal zehn. Einer oder zwei reichten schon, wenn man unglücklich stürzte. Sie machte eine Bestandsaufnahme, zuerst von ihrem Kör- per, dann der Ausrüstung. Sie spürte einen stechenden Schmerz in der Seite, kam jedoch nach sorgfältigem Abtasten zu dem Schluß, daß keine Rippen gebrochen waren. Unter der Nase hatte sie getrocknetes Blut; sie war auf sie gefallen, als die Beine nachgaben, unmittelbar vor Beginn ihres furcht- einflößenden Abrutschens mit den Füßen voraus ins Unbe- kannte. Abgesehen davon und von einigen Kratzern und ei- nem gebrochenen Fingernagel war sie in Ordnung. Eine In- ventur der Ausrüstung, die sie nach verschiedenen Ausson-, derungsaktionen noch übrigbehalten hatte, ergab, daß nichts fehlte. Ihr Glühvogelkäfig war zerbrochen, aber sie besaß auch keine Tiere mehr, um sie darin zu halten, und außerdem konnte sie beim nächsten Lagern aus Röhricht und Reben einen neuen machen. Sie wußte nicht mehr, wie oft sie schon eine Katastrophe gestreift hatte, war sich bis zu einem gewissen Grad unsi- cher, was denn als Streifung zählte. Selbst wenn sie alle Gele- genheiten ausschloß, bei denen sie die Hände am Seil abrut- schen gespürt hatte, die momentanen Verluste des Bodens unter den Füßen, die nur wenige Meter entfernt niederstür- zenden Steine, den sich als nur hüfttief erweisenden Treib- sand, die plötzliche Flut, die aus dem Nirgendwo kam und durch eine Rinne donnerte, die sie gerade hatte durchqueren wollen… selbst wenn sie nur die Gelegenheiten zählte, bei denen sie tatsächlich den Griff des Todes als kalte, böswillige Gegenwart gespürt hatte, als hätten seine klammen Hände sie gestreift und eine Spur aus Angst auf ihrer Seele hinter- lassen, war es zu oft geschehen. Sie hatte Glück, daß sie noch lebte, und wußte es. Früher einmal war sie durch Gefahr angeregt worden. Diese Zeit war vorüber. Jeder Tag brachte eine neue Angst mit sich. Mittlerweile waren der Ängste so viele, daß sie sich ihrer nicht mehr schämte; zu niederge- schlagen war sie, zu niedergeschmettert durch den Zu- sammenbruch der Persönlichkeit, für die sie sich einmal gehalten hatte. Wenn irgend jemand einmal wieder aus die- ser Höhlenwelt heraus auftauchte, dann – das wußte sie – würde es nicht mehr Robin die Neunfingrige sein, sondern eine besiegte Fremde. Es war nicht leicht gewesen, Robin zu sein, aber es hatte sich bei ihr um eine Person gehandelt, die man respektierte., Niemand hatte sie jemals herumgeschubst. Wieder einmal fragte sie sich, warum sie eigentlich weitermachte. Es wäre ehrenvoller gewesen, so fühlte sie, ihr Leben hier zu leben, wo niemand sie sehen konnte. Ins Licht hinaustreten würde bedeuten, ihre Schmach offenzulegen. Aber irgendwann später, gedrängt durch eine Kraft, die sie nicht verstand und der sie widerstanden haben würde, hätte sie nur gewußt wie, stand sie auf und setzte ihren langen Weg nach Osten fort. Es war so einfach erschienen, als sie es Chris und Valiha er- klärt hatte. Sie würde sich ihren Weg durch die Höhlenwelt suchen, stets nach Osten gehen, bis sie Thea erreichte. Na- türlich nur unter der Voraussetzung, daß die Richtung, die sie für Osten hielten, auch tatsächlich Osten war, aber wenn nicht, dann gab es auch wenig, was sie dagegen tun konnte. Bald jedoch wurde offenkundig, daß sie über diesen ers- ten und grundlegenden Glaubenssatz hinaus noch so manchen anderen aufstellen mußte. Sie mußte annehmen, daß die Höhle, die an ihrem Westende einen oder zwei Ki- lometer Durchmesser hatte und sich unabschätzbar weit nach Osten erstreckte, weiterhin in diese Richtung verlau- fen würde. Und für diese Annahme gab es keinen Grund. Mit Hilfe der Punktlichter ihrer Glühvögel konnte sie sagen, welchem allgemeinen Trend der Weg für zwei oder drei Ki- lometer folgte. Er schien im Schnitt eine gerade Linie zu er- geben, aber es gab so viele Verflechtungen und Kurven, daß sie dessen nicht sicher sein konnte. Es bestand noch eine andere Möglichkeit. Sie konnte nicht feststellen, ob die Höhle anstieg oder sich senkte. Sie hatten in einer Tiefe von etwa fünf Kilometern unter der O-, berfläche Gäas angefangen, wie Cirocco ihnen gesagt hatte. Sie wußte auch, daß Gäas äußere Haut dreißig Kilometer dick war, es also reichlich Raum gab, um Theas Kammer weit zu verfehlen. Zwei einfache Instrumente hätten ihre Desorientierung be- seitigen können. Das Höherkommen bedeutete in Gäa, daß man leichter wurde, während ein Weg nach unten das Ge- wicht leicht erhöhte. Eine empfindliche Federwaage hätte diese Unterschiede messen können. Ihre eigenen Sinne taugten dafür nicht. Die gyroskopische gäanische Uhr wäre als Kompaß zu gebrauchen gewesen, denn wenn ihre Achse nordsüdlich orientiert war, drehte sie sich nicht mehr. Durch Ausrichten der Uhr, bis sie stehenblieb, und sie dann um neunzig Grad zu drehen, hätte Robin Osten und Westen herausfinden können, indem die Uhr dann entweder rück- wärts oder vorwärts lief. Aber weder Gaby noch Cirocco hat- ten auf ihren Reisen jemals eine Federwaage gebraucht, also hatten sie auch keine eingepackt. Und die Uhr war bei Hornpipe geblieben. Sie verschwendete einen Haufen Zeit mit dem Versuch, durch den Gebrauch einfacher Ausrüstung ihre Position und Richtung zu bestimmen, und endete schließlich in völliger Verwirrung. Insbesondere hätte es eigentlich möglich sein sollen, durch das Verhalten fallender Gegenstände die Lage von Ost und West zu erkennen. Sie versuchte, lange Senk- schnüre anzubringen und Dinge fallenzulassen, und kam zu nicht überzeugenden Ergebnissen. Also tappte sie letzten Endes einfach weiter, verloren in der Dunkelheit. Sie hatte das zumindest drei Kilorevs lang ge- macht, möglicherweise länger. Sie folgte der Nordwand. Das war ihr als gute Idee erschienen, bis sie das Ende des Gangs, erreichte, nach nicht mehr als zwanzig Schlafzeiten ihrer Rei- se. Dann war sie der Südwand zurück gefolgt, bis diese sich zu krümmen begann und das um volle 180 Grad tat, und sie erkannte, daß sie einen Seitengang betreten hatte, ohne es zu merken. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zurückzuge- hen, bis sie wieder die Markierungen erreichte, die sie als Wegweiser für Chris und Valiha gemacht hatte, eine davon auszukratzen und eine neue zu meißeln, die sie in einen anderen Gang wies. Bis auch dieser drei Schlafzeiten später abrupt endete. Von diesem Zeitpunkt an war alles nur ein Alptraum aus langen Märschen und gemütsbrechenden Rückmärschen gewesen, aus langsamem Fortkommen, indem sie falsche Wege einen nach dem anderen eliminierte, indem sie ihnen bis zum Ende folgte. Das war eine strapaziöse und gefährli- che Arbeit. Ihre alles beherrschende Furcht ging dahin, daß es in Wirklichkeit gar keinen Weg nach draußen gab, daß nach allen Tränen und Enttäuschungen und der wachsen- den Erkenntnis, keine wirkliche Vorstellung davon zu besit- zen, wohin sie eigentlich ging, sie eines Tages Chris’ und Va- lihas Lager in der Ferne sehen und wissen würde, daß alles umsonst gewesen war. Die Möglichkeit wuchs, daß Chris und Valiha sie eines Ta- ges einholten. Und es hätte ihr gar nichts ausgemacht. Tat- sächlich fragte sie sich oft, warum sie sich eigentlich nicht hinsetzte und auf ihre Ankunft wartete. Es wäre so nett gewesen, Gesellschaft zu haben. Sie verlangte danach, die beiden zu sehen… oder es konnten mittlerweile sehr gut schon drei sein. Sie fragte sich, wie das Titanidenbaby wohl sein würde. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab, es. Drei, die zusammenarbeiteten, würden es besser schaf- fen als Robin alleine. Es wäre sicherer, daran führte kein Weg vorbei. Chris würde einen Teil der Gefahr des Wegsu- chens tragen, also würde sich ihr Risiko automatisch halbie- ren. Und jedesmal, wenn sie das dachte, drängte sie mit grö- ßerer Entschlossenheit vorwärts als vorher. Wenn sie nicht länger furchtlos sein konnte, dann wenigstens hartnäckig. Wenn sie der Tatsache ins Gesicht sehen mußte, daß sie Angst hatte, dann würde sie auch der Angst selbst ins Ge- sicht blicken und sie überwinden. Sie betrat einen gewölbten Korridor, der dem sehr ähn- lich war, durch den sie und Chris geflohen waren. An die- ser Tatsache gab es nichts Ungewöhnliches; sie hatte Hun- derte erforscht, die genauso waren. Aber mittlerweile erwar- tete sie von ihrer Reise nur noch so wenig, daß es sie mehr als nur überraschte zu sehen, was am Ende dieses Tunnels lag; für einen Moment war sie zu betäubt, um sich zu bewe- gen. Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft. Robin schaute vage nach links und rechts und dann nach unten, wo eine dünne Schicht aus einer klaren Flüssigkeit an ihren Zehen leckte. Die Stiefelspitzen qualmten. Sie sprang zurück und trat sie hastig aus. Sie hätte mitten hinein waten können. Sie hätte aufs Gesicht fallen können. Sie hätte das Zeug in die Lungen bekommen… »Hör auf damit!« sagte sie laut, erschrocken durch den Klang ihrer eigenen Stimme. Es ging nicht an, hier zu stehen und sich Sorgen über die Dinge zu machen, die hätten ge- schehen können, sondern sie mußte sich mit dem auseinan- dersetzen, was noch geschehen konnte. »Thea!« rief sie. Aber was, wenn sie Tethys gegenüberstand, oder Phoebe? Sie bezweifelte, ob sie selbst bei genauem Hin- sehen Unterschiede feststellen konnte, und von ihrem jetzi- gen Standort aus, wo es noch mehrere hundert Meter einen dunklen Korridor hinab waren und das kegelförmige Regio- nalgehirn nur ein Lichtfleck, gab es überhaupt keine Hoffnung. Vielleicht war es am besten, zurückzugehen und sich alles besser zu überlegen, sich vielleicht später dem Problem wie- der zu nähern… »Thea, ich muß mit dir reden!« Sie lauschte intensiv, hielt dabei die Augen auf den Säure- spiegel gerichtet, der nur wenige Meter entfernt den Boden bedeckte. Wenn er zu steigen begann, sei es auch nur um das winzigste bißchen, würde sie den Glühvögeln die eine oder andere Lektion im Fliegen erteilen. Aber die Stimme von Krios war schwach gewesen – kaum ein Klang, der säuregefüllte Tunnels hinaufreichte –, und wenn sich auch Tethys lauter angehört hatte, so wohl wahr- scheinlich doch nur, weil Robin Angst gehabt und an jedem Wort gehangen hatte. Es gab keinen Grund anzunehmen, daß Thea lauter sprechen konnte als die anderen. Robin rief erneut, lauschte und hörte nichts. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte eine Million verschiedener Probleme erwartet, aber nie geglaubt, sie würde es vielleicht nicht schaffen, Thea ihre Gegenwart bewußt zu machen. »Thea, ich bin Robin aus dem Koven, eine Freundin von Cirocco Jones, Gäas Magier, Kaiserin der Titaniden und…« Sie versuchte, sich an all die Titel zu erinnern, die Gaby in einem bitteren Augenblick damals am Melodienladen herun- tergerasselt hatte, schaffte es aber nicht. »Ich bin eine Freundin von Gäas Magier«, schloß sie und hoffte, die Zusicherung würde genügen. »Wenn du mich, hören kannst, dann sollst du wissen, daß ich in Geschäften des Magiers unterwegs bin. Ich muß mit dir sprechen.« Sie lauschte wieder, ohne ein besseres Ergebnis zu erzie- len. »Wenn du mit mir sprichst, kann ich dich nicht hören!« rief sie. »Es ist sehr wichtig für Gäas Magier, daß ich mit dir reden kann! Wenn du den Spiegel der Säure senken könn- test, damit ich näher herankommen kann, wäre es leichter für uns, miteinander zu reden.« Sie wollte schon hinzufü- gen, daß sie Thea nichts zu tun vermochte, aber etwas an Ciroccos Haltung, als sie Krios angesprochen hatte, ließ sie ihre Absicht ändern. Sie besaß keinerlei Vorstellung, ob es gefährlich für sie sein würde, irgendeine von Ciroccos Ge- bärden an den Tag zu legen. Vielleicht wäre es das schlimmste, was sie tun konnte. Und doch war es gleicher- maßen möglich, daß Thea nichts außer Stärke begriff und sie in dem Moment erschlagen würde, an dem sie Schwäche zeigte. Dieser Gedanke brachte sie beinahe zum lachen, so furchterfüllt sie war. Was besaß sie denn außer Schwäche? Es bestand die Möglichkeit, daß sie in Theas Anwesenheit die Kontrolle verlor und hilflos dalag, während das gewalti- ge Wesen entschied, was mit ihr zu tun war. Soll mir doch das alles egal sein, dachte sie. Sie würde nirgendwo hinkommen außer zum hinteren Ende des Korri- dors, zurück in die Dunkelheit der bitteren Niederlage, wenn sie weiterhin solche Gedanken verfolgte. Sie mußte das tun, was gefordert war, und das Zittern ihrer Hände ignorieren. »Es ist nötig, daß ich mit dir spreche«, fuhr sie mit fester Stimme fort. »Damit das möglich wird, mußt du den Säurespiegel senken. Ich sage dir, daß es Gäas Magier, mißfallen wird – und durch sie auch Gäa –, wenn du nicht tust, was ich sage. Bei deiner Liebe und deinem Respekt für Gäa, laß mich näherkommen! Bei deiner Furcht vor Gäa, laß mich näherkommen!« Es hörte sich so hohl an und klang so falsch in ihren Oh- ren. Sicherlich hörte Thea es genauso deutlich wie sie selbst, daß Angst hinter ihren Worten lauerte, bereit, sie zu verra- ten. Doch die Säure zog sich zurück. Sie ging vorsichtig näher und sah, daß dort, wo die Flüssigkeit einige Zentimeter tief gestanden hatte, jetzt nur noch ein glitschiger, rauchender Film lag. Sie setzte sich rasch hin und öffnete ihr Gepäck. In die Stiefel stopfte sie Fetzen eines Hemdes, das ihr schon vor vielen Hektorevs kaputtgegangen war. Als sie sie wieder anzog, waren ihre Zehen eingezwängt. Den Rest des Hem- des und eine ihrer Decken band sie außen um die Stiefel. Dann trat sie vor auf den nassen Boden. Nach einigen Schritten begutachtete sie die Decke. Es sah so aus, als sei die Säure nicht stark genug in dieser Konzentration, um das Material rasch zu zerfressen. Sie mußte das Risiko einge- hen. Aber auch Thea war vorsichtig. Die Säure zog sich mit qualvoller Langsamkeit zurück, während Robin ungeduldig ausschritt. Der Korridor sank nach unten. Bald waren die Wände mit tropfender Säure bedeckt, und auch vom Dach begann sie zu fallen. Robin zog sich den Zipfel einer Decke über den Kopf und ging weiter. Schließlich stand sie auf einem Sims, der identisch war mit den anderen, die sie in den Heimstätten von Tethys und Krios gesehen hatte., »Sprich!« sagte die Stimme, und nie hatte Robin dichter davor gestanden als in diesem Augenblick, sich umzudre- hen und wegzurennen, denn die Stimme war dieselbe, die- selbe wie die von Tethys. Sie mußte sich ins Gedächtnis ru- fen, daß sich auch Krios so angehört hatte, flach und emo- tionslos, ohne menschliche Modulation, wie eine auf dem Oszilloskopenschirm konstruierte Stimme. »Mach keine Bewegung«, fuhr die Stimme fort, »unter Gefahr für dein Leben. Ich kann viel schneller handeln, als du vermutest, also verlaß dich nicht auf frühere Erfahrun- gen. Es liegt in meinen Rechten, dich zu erschlagen, weil dies meine heilige Kammer ist, mir gegeben von Gäa selbst, tabu für jeden außer ihrem Magier. Es ist nur wegen meiner langen Freundschaft mit Cirocco und meiner Liebe für Gäa, daß du lebend so weit gekommen bist. Sprich und berichte mir ganz genau, warum du auch noch weiterhin leben soll- test!« Sie ist nicht für schöne Worte zu haben, dachte Robin. Was die Worte selbst anging… wenn sie von einem Men- schen gekommen wären, hätte sie den Sprecher für verrückt gehalten. Und vielleicht war Thea verrückt, aber das spielte kaum eine Rolle. »Wahnsinn« war ein Wort, dessen Bedeu- tungsinhalt nicht breit genug war, um auf eine fremde Intel- ligenz zu passen. »Wenn du vorhast, dich umzudrehen und wegzulaufen«, sprach Thea, offensichtlich argwöhnisch werdend, weiter, »solltest du wissen, daß ich weiß, was bei eurem Besuch in Tethys geschah. Du solltest wissen, daß sie unvorbereitet war, während ich seit vielen Kilorevs von deiner Annähe- rung weiß. Ich brauche nicht meine Kammer zu fluten; un- ter der Oberfläche des Grabens befindet sich ein Organ mit, der Fähigkeit, einen Säurestrahl abzuschießen, der stark genug ist, um dich in zwei Hälften zu schneiden. Also sprich oder stirb!« Es kam Robin in den Sinn, daß Theas Drohungen ein hoffnungsvolles Zeichen waren, genauso wie ihre Bereit- schaft, überhaupt zu sprechen, unerwartet leutselig für ei- nen Gott der zweiten Garnitur war. »Ich habe gesprochen«, sagte sie so fest es ging. »Wenn du zugehört hast, kennst du die Wichtigkeit meiner Mission. Aber da du offensichtlich nichts gehört hast, werde ich es wiederholen. Ich komme in einem Auftrag von großer Be- deutung für Cirocco Jones, Gäas Magier. Ich verfüge über Informationen, die sie erfahren muß. Wenn ich sie nicht er- reiche, um ihr alles zu berichten, wird die außerordentlich verstimmt sein.« Kaum hatte sie das gesagt, wünschte sie sich schon, sie hätte sich die Zunge abgebissen. Dies war Thea, eine Ver- bündete Gäas, und die Information, die sie Cirocco zu brin- gen im Begriff war, lautete, daß Gäa Gaby ermordet hatte. Das würde keine Rolle gespielt haben, abgesehen von der Möglichkeit, daß Tethys, der mit Sicherheit beteiligt gewe- sen war, Thea gegenüber geprahlt hatte. Da Thea eine Menge von dem zu wissen schien, was in Tethys’ Kammer geschehen war, war eindeutig, daß es eine Direktverbin- dung gab. »Wie lautet die Information?« »Das ist eine Sache zwischen mir und Cirocco. Wenn Gäa wünscht, daß du davon erfährst, wird sie es dir berichten.« Es folgte ein Schweigen, das nicht mehr als nur ein paar Sekunden gedauert haben konnte, aber Robin reichte es, um zwanzig Jahre älter zu werden. Als jedoch der Säure-, strahl nicht kam, hätte sie vor Freude schreien können. Sie hatte sie! Wenn sie etwas Derartiges zu Thea sagen und trotzdem weiterleben konnte, dann nur deswegen, weil Thea mächtigen Respekt vor Cirocco haben mußte. Wenn sie es jetzt nur für ein paar weitere Minuten auf- rechterhalten konnte. Sie begann sich langsam zu bewegen, wollte Thea nicht aufschrecken. Sie hatte drei Schritte in Richtung der Treppe gemacht, die sie an der Südseite der Kammer sehen konnte, als Thea wieder sprach. »Ich sagte, daß du dich nicht bewegen sollst. Wir müssen uns noch über einige Dinge unterhalten.« »Ich weiß nicht, was das sein könnte. Willst du jemanden aufhalten, der eine Nachricht für Gäas Magier hat?« »Die Frage ist vielleicht irrelevant. Wenn ich dich vernich- te – wie es mein Recht ist, in der Tat sogar meine Verpflich- tung nach den Gesetzen Gäas –, dann wird es niemanden geben, der davon erzählt. Gäas Magier braucht nie zu er- fahren, daß du hier vorbeigekommen bist.« »Es ist nicht deine Verpflichtung«, meinte Robin, die er- neut Gebete unter ihrem Atem murmelte. »Ich selbst habe Krios besucht. Ich war in seinen inneren Kammern und lebe, um davon zu erzählen. Es erfordert nur die Erlaubnis von Gäas Magier. Das weiß ich, und auch du müßtest es wissen.« »Meine Kammern sind stets unverletzt geblieben«, sagte Thea. »Genauso muß es auch sein. Kein Geschöpf außer Gäas Magier hat je dort gestanden, wo du jetzt stehst.« »Und ich sage dir, daß ich bei Krios gewesen bin. Und niemand ist Gäa treuer ergeben als Krios.« »Ich schenke meine Treue niemandem außer Gäa«,, meinte Thea rechtschaffen. »Dann kannst du nicht weniger tun, als Krios tat, und mußt mich unverletzt lassen.« Möglicherweise war das ein schwieriges moralisches Di- lemma für Thea; aus welchem Grund auch immer, es gab erneut eine lange Pause. Robin war schweißgebadet, und in ihrer Nase brannten die Säureschwaden. »Wenn du Gäa so treu bist«, gab Robin das Stichwort, »warum hast du dann mit Tethys gesprochen?« Wieder einmal fragte sie sich, ob sie das Richtige gesagt hatte. Aber sie war von einem manischen Drang besessen, die Scharade zu Ende zu spielen, komme was da wolle. Es würde jetzt nicht angehen, am Boden zu kriechen oder zu flehen. Sie spürte, daß ihre Chancen darin lagen, die starke Seite her- vorzukehren. Thea war kein Dummkopf. Sie erkannte, daß ihr eine In- diskretion unterlaufen war, als sie ihr Wissen über Robins Erfahrungen bei Tethys offenbart hatte. Sie versuchte gar nicht, es zu leugnen, sondern entgegnete statt dessen ge- nauso wie Krios, als Cirocco ihm gegenüberstand. »Man kann nicht anders als zuhören. So bin ich gebaut. Tethys ist ein Verräter. Beharrlich flüstert er Häresien. Alles wird unverzüglich Gäa gemeldet, versteht sich. Hin und wieder ist es nützlich.« Robin schloß daraus, daß Tethys entweder nicht wußte, was Gaby ihnen erzählt hatte, oder es nicht an Thea wei- tergegeben hatte. Bei all dem Gerede von Gäas Augen und Ohren war sich Robin einfach nicht sicher gewesen, wie weit Tethys’ eigene Sinne reichen mochten. Sie vermutete, daß die Schwelle zu seiner Kammer, fünf Kilometer über ihm, zu weit entfernt war für ein direktes Spionieren durch, ihn selbst. Aber Thea wußte nichts, denn wenn sie das ge- tan hätte, dann hätte sie es auch Gäa weitererzählt, die nicht scharf darauf sein würde, daß Cirocco die Umstände von Gabys Tod erfuhr. Und in diesem Fall wäre Robin bereits tot gewesen. »Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet«, sagte Thea. »Was soll mich davon abhalten, dich jetzt zu töten und deinen Körper zu vernichten?« »Ich bin überrascht, dich so unloyal sprechen zu hören«, sagte Robin. »Ich habe nichts Unloyales gesagt.« »Und doch ist Cirocco eine Agentin Gäas, und du schlägst vor, sie zu täuschen. Wir können diese Frage für einen Mo- ment beiseitelassen und uns nur die praktische Seite über- legen. Wenn sie lebt, weiß Cirocco…« Sie hustete und ver- suchte dabei, es als Folge der Dämpfe erscheinen zu lassen. Robin, sagte sie zu sich selbst, du hast einen sehr großen Mund. »Du weißt nicht einmal, ob sie noch lebt?« fragte Thea, und Robin glaubte in dieser Frage einen bedrohlich süßen Beiklang zu entdecken. »Ich wußte es nicht«, fügte sie hastig hinzu. »Aber natür- lich ist jetzt offenkundig, daß sie lebt. Wir würden uns nicht unterhalten, wenn sie nicht mehr lebte, oder?« »Diesen Punkt gestehe ich zu. Sie lebt.« Rote Funken jag- ten einander über Theas kegelförmige Oberfläche. Robin wäre alarmiert gewesen, hätte sie nicht etwas Ähnliches ge- sehen, als Krios gezüchtigt wurde. Thea hatte also eine schmerzvolle Erinnerung. »Wie ich schon sagte, Cirocco weiß, daß ich mit meinen Freunden die Treppe hinunterging. Sie sind noch am Leben, und werden es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch blei- ben. Früher oder später wird Gäas Magier kommen und sie finden und…« Es gab noch mehr Funken, und Robin wun- derte sich, was sie wohl gesagt hatte. Sie glaubte, sich viel- leicht auf gefährlichem Boden zu befinden, erkannte dann, daß es noch merkwürdiger war, wenn Cirocco noch nicht unten gewesen war und nach ihnen gesucht hatte. Natür- lich konnte sie betrunken auf der Frontveranda des Melo- dienladens liegen, aber die Implikationen dieses Gedankens konnte Robin in ihrer momentanen Situation einfach nicht weiter verfolgen. Und augenscheinlich war Thea immer noch ausreichend eingeschüchtert durch die Drohung einer Suche durch Cirocco, um weiter zuzuhören. »Gäas Magier wird kommen und nachsehen«, fuhr Robin fort. »Wenn sie sie findet, werden sie ihr sagen, daß ich die- sen Weg genommen habe. Du wirst einwenden, daß ich mich im Labyrinth im Westen verlaufen habe, aber glaubst du, daß Cirocco sich zufriedengeben wird, bevor sie meinen Leichnam gefunden hat? Und nicht nur das, sie wird fest- stellen wollen, ob ich auf natürliche Weise ums Leben ge- kommen bin oder von Säure verbrannt.« Thea schwieg wieder, und Robin wußte, daß sie alles ge- sagt hatte, was ihr einfiel. Nachdem sie die letzte Frage ge- stellt hatte, war sie sich nicht mehr sicher, ob es eine so gu- te war. Würde Cirocco nach ihr suchen? Warum hatte sie es nicht bereits getan? Sicherlich würde sie Gaby nicht im Stich lassen. Sie war doch nicht so weit weg gewesen, oder? Thea glaubte es nicht. »Dann geh!« sagte sie. »Verschwinde schnell, bevor ich meine Meinung ändere! Überbringe deine Nachricht Gäas Magier, und mögest du nie einen glücklichen Tag mehr ha-, ben für deine freche Entweihung meiner Kammern. Geh! Geh rasch!« Robin dachte daran zu erwähnen, daß sie nie hergekom- men wäre, gäbe es einen anderen Weg hinaus, aber genug war genug. Die Säure stieg bereits, und sie begann zu fürchten, daß Thea noch einen plausiblen Unfall in Szene setzen konnte. Sie eilte zur Treppe und nahm fünf Stufen mit jedem Schritt. Sie wurde nicht langsamer, als sie außer Sicht war. Sie hatte nicht vor, überhaupt langsamer zu werden, aber schließlich überkam sie die Erschöpfung, und sie taumelte, fiel auf die Knie und lag dann keuchend da, über drei Stufen ausgestreckt. Sie war entkommen, empfand diesmal jedoch keine Hochstimmung. Statt dessen verspürte sie den Impuls, den sie mittlerweile nur allzu gut kannte: den überwältigenden Drang zu weinen. Aber diesmal kamen die Tränen nicht. Sie schulterte ihr Bündel und fing an zu klettern. Der Eingang zur theanischen Treppe war mit Schnee ver- stopft. Zuerst wußte Robin nicht, worum es sich dabei han- delte, und näherte sich vorsichtig. Bücher hatten sie darüber informiert, daß Schnee weich und flockig war, aber dieser hier war es nicht. Er war festgepackt und aufgehäuft. Sie blieb stehen, um ihren Pullover anzuziehen. Es war mittlerweile fast pechschwarz, wo es die wilden Glühvögel nicht mehr gab. Ihr letzter im neugebastelten Käfig war bei- nahe tot. Bei ihrer eiligen Ersteigung der Treppe hatte sie keine Gelegenheit gefunden, noch einen zu fangen. Zuallererst mußte sie jetzt hinaus ins Freie. Wenn es nicht, bewölkt war, sollte sie das Dämmerungsmeer sehen und auf diese Weise festlegen können, wo Westen lag. Darüber hin- aus fühlte sie sich unsicher. Sie versuchte, sich an die Karte zu erinnern, die sie vor so langer Zeit studiert hatte. Er- reichte das zentrale Thea-Kabel den Boden nördlich oder südlich des Ophion? Sie konnte sich nicht schlüssig werden, und dabei war das eine wichtige Frage. Gaby hatte gesagt, der beste Weg durch Thea sei der gefrorene Fluß. Sobald sie sich einmal orientiert hatte, würde sie nach Süden aufbre- chen, und wenn es den Anschein hatte, daß es bergauf ging, würde sie umkehren, weil sie wußte, daß sich das Kabel sehr dicht am Fluß befand. Bevor sie auch nur den Strangwald verlassen hatte, mußte sie stehenbleiben und alle ihre Kleidungsstücke anziehen. Niemals hatte sie sich eine solche Kälte vorgestellt. Sie fragte sich unbehaglich, ob es ein Fehler gewesen war, die dicke Parka wegzuwerfen, die Chris ihr mitgegeben hatte. Bei der Gelegenheit war es ihr nicht sinnvoll erschienen, denn das Ding hatte fast den halben Raum in ihrem Ruck- sack eingenommen, ihr Gleichgewicht gestört und sie un- beholfen gemacht, und sie war mit Sicherheit davon ausge- gangen, daß die beiden Pullover, die leichte Jacke und ihre anderen Kleidungsstücke für alles reichen würden. Aber er hatte sie angewiesen, die Parka zu behalten, und er war dabei sehr bestimmt gewesen. Wenigstens hatte sie noch ihre Stiefel. Sie waren hilfreich gewesen auf den rauhesten Strecken ihrer Klettereien, ob- wohl sie die Pelzfütterung herausgerissen hatte, weil ihre Füße unangenehm schwitzten. Wie alles, was sie besaß, hat- ten sie viel mitgemacht, aber sie waren gut gemacht und noch ganz. Sie rieb sich Schnee über die säureverätzten Ze-, hen und hoffte, daß die Verätzung nicht weitergehen wür- de, sobald der Stoff einmal mit Wasser durchtränkt war. Sie wollte gerade wieder aufbrechen, als sie sich an ein Stück ihrer Ausrüstung erinnerte, das sie so lange nutzlos mitgeschleppt hatte und das jetzt schließlich doch noch von Nutzen sein würde. Sie grub in ihrem Bündel und brachte ein kleines Quecksilberthermometer zum Vorschein, hielt es dicht an den ausgehenden Glühvogel und blickte mit zu- sammengekniffenen Augen darauf. Sie konnte nicht glau- ben, was sie sah. Aber nachdem sie es geschüttelt hatte, zeigte das Ding immer noch zwanzig Grad minus an. Sie hauchte darauf und sah die dünne Silbersäule steigen und dann wieder langsam fallen. Jetzt mußte sie noch vor etwas weiterem Angst haben. Sie konnte erfrieren, wenn sie nicht in Bewegung blieb. Also erhebe dein Hinterteil, wies sie sich selbst an und gehorchte. Es wäre so schön gewesen, sich eine Weile aus- zuruhen, dachte sie, aber auf Theas Treppe zu schlafen, hatte außer Frage gestanden. Jetzt, wo sie knietief im Schnee steckte, überlegte sie es sich noch einmal. Sie konn- te wieder ein kurzes Stück hinuntergehen, bis es wärmer wurde, dann schlafen und erfrischt wieder aufbrechen. Am Ende tat sie es nicht und glaubte, sich vorsichtig zu verhalten. Sie konnte nicht wissen, ob sie auf der Treppe vor Thea sicher sein würde. Sie schaute noch einmal auf den sterbenden Glühvogel und stellte fest, daß es ratsam war, sich zu beeilen. Wenn sie nicht bald unter dem Kabel hervorkam, würde die Dun- kelheit vollkommen sein. Sie schaffte es nach draußen und lernte unterwegs einige Sachen über Schnee und Eis. Eis war noch viel verräterischer als Fels, selbst wenn es solide, aussah. Was den Schnee anging… sie fand genug von der korrekterweise flockigen Sorte, daß er ihr fürs Leben rei- chen würde. An manchen Stellen lag er höher gehäuft als ihr Kopf, und mehrere Male mußte sie sich ihren Weg um große Schneewehen herum suchen. Aber sie erspähte graues Licht etwa zu der Zeit, als der Glühvogel nutzlos wurde. Sie warf den Käfig weg und eilte darauf zu. Es vermittelte ihr eine seltsame Empfindung, wieder so weit sehen zu können. Das Wetter in Thea war klar. Die Luft war frisch und biß mit einem wechselhaften Wind zu, dessen Böen Geschwindigkeiten zwischen fünf und zehn Stundenkilometern erreichten. Wo er Robins Haut berührte, saugte er die Wärme heraus. Zu ihrer Linken konnte sie das Dämmerungsmeer sehen, also war dort Westen, was be- deutete, daß sie um das Kabel herumgehen mußte, um sich nach Süden wenden zu können. Sofern sie ihr Gedächtnis nicht täuschte. Es mochte sich als klug erweisen, noch einmal zu überlegen, bevor sie einen Marsch um das Kabel herum begann, den sie würde zu- rückverfolgen müssen, wenn sich der Ophion nördlich des Kabels befand. Sie hatte genug vom Zurückgehen, und diesmal mußte sie auch an ihre Zehen denken, die bereits kalt wurden. Sie erinnerte sich daran, daß Thea von einer zerklüfteten Bergkette beherrscht wurde, die vom nördlichen bis zum südlichen Hochland reichte. Der Ophion, der einen beinahe zentralen Kurs durch die Region einhielt, teilte sich ir- gendwo nahe dem Mittelpunkt Theas in einen nördlichen und einen südlichen Arm. Das Zentralkabel war am Boden befestigt in der Nähe des Punktes, wo sich die Arme wieder, vereinten. Der südliche Arm strömte für den größten Teil seiner Länge unter einer der zwei Eisschichten hindurch, die den größten Teil Theas bedeckten, und würde fast un- möglich zu finden sein. Der nördliche Arm war jedoch frei von ständigem Eis. Manchmal taute er während eines Teils von Gäas dreißigjährigem klimatischen Zyklus, und ein schmales Tal in Zentral-Thea erlebte einen kurzen, öden Frühling. Im Moment war keine solche Zeit. Und doch, selbst gefroren sollte er nicht so schwer zu finden sein. Er würde ziemlich eben sein und am Grund eines weiten Tales liegen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker hatte sie das Gefühl, daß ihre erste Erinnerung falsch gewesen war. Der Boden vor ihr fiel langsam ab. Es war zu dunkel, um festzustellen, ob sich voraus der Fluß befand, aber sie glaubte jetzt daran. Und warum, zum Teufel, nicht? Die Chancen standen gleich, und diesen Weg würde sie nicht damit beginnen müssen, das Kabel zu umgehen. Also brach sie in nördlicher Richtung auf. Der Wind wurde stärker, bevor sie einen halben Kilometer zurückgelegt hatte. Bald darauf peitschte Schnee von den Spitzen hoher Verwehungen und stach sie in die Wangen. Wiederum blieb sie stehen, um ihre Bekleidung neu zu ar- rangieren, wobei sie sich diesmal die Decken um den Körper wickelte und eine Kapuze formte, die sie am Hals festhalten konnte, und auf diese Weise alles außer ihren Augen vor dem Wind schützte. Während sie dasaß, näherte sich ihr etwas. Sie schaffte es nicht, durch den wehenden Schnee hindurch einen klaren Blick darauf zu erhaschen, aber es war weiß und etwa von der Größe eines Polarbären, hatte massige Arme und einen, Mund voller Zähne. Es saß da und beobachtete sie, und sie beobachtete es, bis es sich entschloß, für einen näheren Blick heranzurücken. Möglicherweise wollte es guten Tag sagen, aber sie wartete nicht, bis sie das herausfand. Ihre erste Kugel nahm es hin, ohne den Ausdruck zu wechseln, blieb aber stehen, um den sich ausbreitenden roten Fleck auf seinem Fell zu betrachten. Als es dann wieder näher- kam, leerte sie das Magazin, und es klappte zusammen wie ein sauberes weißes Laken und regte sich nicht mehr. Sie kämpfte gegen das Zittern ihrer Hände, während sie die Pis- tole mit ihrem letzten Ladestreifen lud, fluchte unterdrückt und hauchte die Finger an, um sie beugen zu können. Das Geschöpf hatte sich noch nicht wieder bewegt, als sie fertig war, aber sie versuchte nicht hinzugehen. Sie machte einen großen Bogen um den Kadaver und nahm ihren mühsamen Marsch bergab wieder auf. In gewisser Weise stellte es ‘sich als gut heraus, daß sie nicht überlegt hatte, was zu tun war, sobald sie den Fluß einmal erreicht hatte. Denn hätte sie es getan, säße sie viel- leicht noch zusammengekauert unter dem Kabel. Es war besser, sich immer jeweils nur ein paar Schritte weit ein Ziel zu setzen, dachte sie, als sie auf der weiten, flachen, windi- gen Ebene stand, die der gefrorene Ophion sein mußte. Sie blickte nach Osten, dann nach Westen. Jede Richtung sah gleichermaßen unmöglich aus. Sie befand sich hier im Zent- rum Theas, und sie hatte in jede Richtung mehr als 200 Ki- lometer zurückzulegen, bevor sie Tageslicht erreichte. Im Osten lag Metis, wo es warm und einladend aussah, nach Ciroccos Informationen aber nicht war. Metis war ein Feind Gäas, wenn auch nicht so gefährlich wie Tethys. Im, Westen lag natürlich Tethys und damit die Wüste. Irgend- wie sah das von hier nicht so schlimm aus. Sie dachte an die Backofenhitze des Sandes und dann an die Geister unter diesem Sand, und wandte sich nach Osten. Sie hatte nicht wirklich vor einer Wahl gestanden, aber vorzugeben, es stelle sich eine, hatte ihr ein paar Minuten gegeben, in de- nen sie stillstehen konnte und nicht an ihre Füße zu denken brauchte. Das Schreckliche an der Sache war, daß sie verbrannte, während sie zu Tode fror. Sie konnte die Zehen nicht spü- ren, wo gleichzeitig Schweiß an Rücken und Armen hinab- lief. Die Erschöpfung hielt sie warm – tatsächlich sogar ü- berhitzt –, aber der Wind brachte sie um. Gegen keinen der Umstände konnte sie etwas tun; sie ging weiter. Als sie mehrere Stunden später stolperte und dann der Kopf in der Erkenntnis hochruckte, daß sie beinahe einge- schlafen war, zwang sie sich zu einer Bestandsaufnahme. Mittlerweile besaß sie genug Erfahrung mit der berauschten, sorglosen Verzückung, die so üblich war bei Leuten, die in Gäa ohne eine Uhr zu leben versuchten, daß sie wußte, sich tief in ihrem Bann zu befinden. Sie besaß keine Vorstellung, wie lange sie schon wach war, aber wahrscheinlich etwa zwei oder drei Tage. Sie war schon müde gewesen, als sie den zu Thea führenden Korridor erreicht hatte, und hatte sich seit- dem fortwährend verausgabt. Möglicherweise würde sie im Stehen einschlafen, das wußte sie, denn es war ihr mehrere Male auf der Wanderung in der Höhlenwelt so ergangen. Sie mußte einen Platz zum Schlafen finden, und zwar rasch. Nichts sah einladend aus. Beim Versuch, ihr Gehirn zum Ar- beiten zu bringen, erinnerte sie sich plötzlich an etwas über das Sich-Eingraben in den Schnee. Es ergab keinen Sinn,, aber draußen im Wind zu schlafen hörte sich noch verrückter an. Am Ufer des gefrorenen Flusses gab es eine Stelle, wo der Schnee acht Meter hoch aufgehäuft lag. Sie ging zur windab- gewandten Seite und fing an, in den Schnee zu hacken. An der Oberfläche war er hart und krustig, aber das Graben wur- de schnell leichter. Sie schaufelte den Schnee mit beiden Ar- men hinaus, arbeitete fieberhaft daran, eine Höhle zu ma- chen, die gerade eben ihren Körper aufnehmen konnte. So- bald sie das hatte, kroch sie hinein und versuchte erschöpft, Schnee um den Eingang zu packen, rollte sich dann so eng wie möglich zusammen und war sofort eingeschlafen. Sie hatte immer geglaubt, ›mit den Zähnen klappern‹ sei ein bildlicher Ausdruck und obendrein kein sehr guter, wie das ›mit den Knien zittern‹, wenn man Angst hat. Dann stellte sie fest, daß auch ihre Knie zitterten. Ihr ganzer Körper bebte, und sie konnte es nicht zum Einhalten bringen. Sie fing an zu husten, und es kam eine Menge feuchtes Zeug heraus, bevor sie fertig war. Sie war völlig durchnäßt und brannte vor Fie- ber. Sie wußte, daß sie im Sterben lag. Dieser Gedanke reichte aus, daß sie aus ihrem behaglichen Plätzchen hinauskrabbelte und schwankend am Flußufer stand. Wieder hustete sie und konnte nicht damit aufhören, bis die bitteren Inhalte eines fast leeren Magens draußen wa- ren. Sie war überrascht, sich auf den Knien vorzufinden. Noch mehr überraschte sie die Entdeckung, daß sie über das Eis wanderte. Zurückschauend konnte sie die Stelle nicht mehr ausfindig machen, wo sie stehengeblieben war. Sie mußte ei- ne Zeitlang gegangen sein und besaß keine Erinnerung daran. Die Dinge begannen abwechselnd zu verschwimmen und, wieder deutlicher zu werden, während sie ging. Ihr Blickfeld pflegte sich zu verengen, als schaute sie durch eine lange Röhre; dann röteten sich die Ränder, und sie mußte sich wieder von dort aufrappeln, wo sie hingefallen war. Ihre Sil- houette sah komisch aus, wie sie dort schwankend stand und die menschliche Ausstechform betrachtete, die sie ge- macht hatte. Schnee-Engel wurden sie genannt, und sie hat- te keine Idee, woher sie das wußte. Manchmal gingen Leute neben ihr her. Sie hatte eine lan- ge Unterredung mit Gaby und erinnerte sich erst viel später wieder daran, daß sie ja tot war. Sie feuerte einen Schuß auf etwas ab, das entweder ein weiteres Schneemonster war oder nur eine Bö schneebeladenen Windes. Die Pistole war für ei- nige Minuten danach köstlich warm, und sie dachte daran, sie noch einmal abzuschießen, bis sie merkte, daß sie auf ihren Magen gezielt war. Als sie sie in die Tasche zu stecken ver- suchte, ging ein Stück ihrer Haut ab und blieb an dem Metall- griff kleben. Ein Teil des Schwanzes einer ihrer Schlangentä- towierungen ging mit drauf. Schlimmer noch, die Wimpern eines Auges froren zusammen, und sie sah nichts mehr. Als sie es erblickte, war das blitzende Licht zuerst eine Beläs- tigung für sie. Es irritierte sie, denn sie konnte es sich nicht erklären. Sie wollte keinen Anteil haben an übersinnlichen Phänomenen wie dem Geist Gabys oder den Halluzinationen von Chris und Valiha, und sie war sicher, daß dieses Licht et- was Derartiges darstellte. Wenn sie dorthin ginge, würde sie wahrscheinlich Hautbois vorfinden, vollständig gesattelt und bereit, mit ihr davonzugaloppieren. Wenn sie es sich noch einmal überlegte, warum eigentlich nicht? Wenn sie schon starb, dann konnte sie es genausogut auch zusammen mit einem Freund tun. Also was, wenn die, Titanide tot war? Sie hatte keine Vorurteile. Sie würden zu- sammen herzlich lachen, und Hautbois würde zugeben müssen, daß es tatsächlich ein Leben nach dem Tode gab, daß sie und ihre ganze Rasse sich darin geirrt hatten. Sie lachte bei diesem Gedanken und marschierte auf die leichte Steigung los, wo das Licht gewesen war. Sie war beträchtlich ernüchtert, als sie die Stelle erreichte, sich dessen bewußt, wie gefährlich nahe sie dem vollständi- gen Delirium war. Sie mußte ihre Sinne beisammenhalten. Das Licht war wirklich, und obwohl sie keine Ahnung hatte, was es sein mochte, so wußte sie doch, daß es, wenn es nicht ihre Rettung war, keine Rettung für sie geben würde. Ihre Sicht verschlechterte sich weiter. Wäre sie nicht ge- gen das Metallbein gelaufen, hätte sie genausogut daran vorbei und ins Vergessen stolpern können. Aber das Ding erklang, als sie mit dem Kopf daranstieß, und sie rappelte sich ein weiteres Mal benommen auf und starrte hinauf in die Dunkelheit. Ein rotes Licht blitzte dort, einmal alle zehn oder fünfzehn Sekunden. Sie konnte schwach ein Gebäude erkennen, das auf vier durch Metall träger verbundenen Stelzen saß und einem Feuerwachtturm ähnelte. Der Turm war etwa zehn Meter hoch. Eine Leiter mit hölzernen Sprossen verlief daran hinauf bis zur Spitze. Etwas neben der Leiter zog ihren Blick auf sich. Es war ein kleines Schild, unmittelbar unter Augenhöhe angebracht. Sie wischte den Schnee davon weg und las: PLAUGET BAUGESELLSCHAFT SCHUTZHÜTTE NUMMER ELF »WILLKOMMEN, REISENDE!« - Gaby Plauget, Bes., Robin blinzelte es an und las es mehrere Male, um zu se- hen, ob es entschwinden würde wie Gabys Geist. Das tat es aber nicht. Sie leckte sich die Lippen und fummelte in der Gegend herum, versuchte, eine der hölzernen Sprossen zu packen. Ihre Hände wollten nicht funktionieren. Trotzdem war es aufmerksam von Gaby gewesen, die Leiter aus Holz gemacht zu haben, dachte sie, als sie sich an die schreckli- che Kälte des metallenen Pistolenkolbens erinnerte., Also hakte sie die Arme über die Sprossen und zog sich auf diese Weise hinauf. Sie mußte nach unten schauen, um zu sehen, ob ihre Füße sich auf den Sprossen befanden, denn sie konnte sie nicht fühlen. Drei Sprossen und ausruhen, dann fünf und wieder ausruhen, dann drei, dann zwei. Dann nicht einmal eine. Sie kam nicht höher. Sie blickte hinab und erkannte, daß sie fast zur Hälfte oben war, also mußte sie vorübergehend das Bewußtsein verloren haben. Sie blickte hinauf, und es hätte genausogut der Mount Everest sein kön- nen. So nahe. Über ihr ging die Tür auf. Ein Gesicht starrte über einen schmalen Sims herunter. Sie hoffte, es würde Cirocco sein, denn das konnte sie glauben; Gäas Magier hatte Geschäfte in Thea – gute, solide, logische Geschäfte. Handelte es sich um jemand anders, dann würde sie wissen, daß es nur ein Trug- bild war, ein Phantom. »Robin? Bist du es?« Sie roch Kaffee und etwas, das auf dem Herd kochte. Das war zu schön, um wahr zu sein, und nein, es war nicht Ciroc- co, sondern dermaßen lächerlich, daß es nicht einmal Sinn ergab, sich die Mühe zu machen und noch einmal hinzuschau- en, denn das Gesicht, das sie endlich erkannte, gehörte Tri- ne, ihrer Geliebten vor einer Million Jahren damals in Titan- stadt. In diesem Augenblick wußte sie, daß alles nur ein Traum war, wahrscheinlich der Turm ebenso wie Trini. Sie ließ los und landete mit dem Rücken in einer tiefen Schneeverwehung., Der Außenposten Ciroccos Geld hatte sich auf der Erde über mehr als fünfund- siebzig Jahre hinweg aufgehäuft. Es gab die Tantiemen für ihre gelehrten Werke und Reiseberichte von Gäa und für ih- re Autobiographie Ich wählte das Abenteuer (der Titel stammte vom Verlag, nicht von ihr), die ein Bestseller gewe- sen war und das Thema zweier Filme und einer Fernsehse- rie. Zusätzlich besaß sie einen Anteil am Kokainhandel, der ziemlich lukrativ war. Da war sogar noch das NASA-Gehalt, aufgelaufen während der Reise der Ringmeister bis zu Ci- roccos Ausscheiden aus dem Dienst. Sie hatte einen Schweizer Investment-Berater und einen brasilianischen Rechtsanwalt eingestellt und ihnen zwei In- struktionen gegeben: ihren Vorsprung vor der Inflation zu wahren und die Konfiszierung von Besitz durch kommunisti- sche Regierungen zu vermeiden. Sie hatte angedeutet, daß es ihr gefallen würde, wenn ihr Geld in Firmen ging, die mit der Raumfahrt zu tun hatten, und daß es ihr nicht gefal- len würde, wenn es entgegen den Interessen der Vereinig- ten Staaten benutzt würde. Ihr Rechtsanwalt hatte einge- wendet, die letzte Anforderung sei altmodisch und mittler- weile fast unmöglich zu definieren, und sie schrieb zurück, daß die Erde voller Rechtsanwälte sei. Er begriff, was sie meinte, und seine Nachkommen arbeiteten immer noch für sie. Danach vergaß sie alles. Zweimal pro Jahr erhielt sie einen Bericht, den sie zu öffnen pflegte, um einen kurzen Blick auf, die letzte Zeile zu werfen und ihn dann wegzuwerfen. Ihr Vermögen trotzte zwei Depressionen, denen zahllose kurz- lebige Investoren zum Opfer fielen. Ihre Agenten wußten, daß sie eine langfristige Betrachtungsweise besaß und sich nicht über vorübergehende Verluste erregen würde. Es hatte schlechte Jahre gegeben, aber der allgemeine Trend hatte aus unerbittlichem Wachstum bestanden. All das war eine bedeutungslose Abstraktion gewesen. Warum sollte es sie kümmern, daß sie x Kilogramm Gold besaß, y Prozent der Anteile an der Gesellschaft Y, und z Deutsche Mark in seltenen Briefmarken und Kunstwerken? Wenn der Bericht an einem langweiligen Tag eintraf, dann verbrachte sie vielleicht einige Minuten damit, über der Lis- te von Besitztümern zu kichern, die von Flugzeugen zu Aire- dales reichte, von Renoirs zu Mietshäusern. Nur einmal schickte sie einen Brief, als sie zufällig entdeckte, daß sie das Empire State Building besaß und daß es zum Abriß be- stimmt war. Sie gab Anweisung, es statt dessen wieder in- standzusetzen und verlor während der nächsten zwei Jahre Millionen. Danach gewann sie alles zurück, und ihre Agenten zweifelten nicht daran, daß sie ein Finanzgenie war, aber sie hatte das Gebäude bewahrt, weil ihre Mutter sie auf dessen Spitze mitgenommen hatte, als sie sieben Jahre alt gewe- sen war, und dies war eine ihrer liebsten Erinnerungen an ihre Mutter. Von Zeit zu Zeit hatte sie überlegt, ob sie ihr Vermögen jemandem oder etwas vermachen sollte, aber sie war irdi- schen Belangen so sehr entfremdet, daß sie keine Vorstel- lung besaß, wo es etwas Gutes tun würde. Sie und Gaby lachten über Erwägungen, einen Namen aus der Telefon- bank herauszusuchen und alles einer einzigen Person zu, übertragen, oder Pflegeheime für ledige Goldfische zu gründen. Aber jetzt erwies sich das Vermögen letztlich als brauch- bar. Trini sah das Flugzeug schon am Funkeln seiner Lande- leuchten, als es noch ein ganzes Stück entfernt war. Das hohe Wimmern des winzigen Düsenantriebs hörte sie erst viel später. Sie war sich nicht sicher, ob sie damit einver- standen war. Ciroccos Ausrüstung war noch nicht dagewe- sen, als Trini ihre Wache in Schutzhütte Elf aufgenommen hatte; sie war herbeigeblimpt, wie es anständige Leute ta- ten. Einer der Gründe, warum sie nach Gäa gekommen war, bestand in dem Wunsch, den Zwängen der mechanischen Zivilisation zu entrinnen. Wie die meisten Menschen in Gäa betrachtete sie jede Technologie außer der primitivsten mit tiefem Argwohn. Aber sie verstand die Gründe von Gäas Magier. Cirocco führte einen totalen Krieg gegen die Flug- bomben, und Trini zweifelte nicht daran, daß sie in Kürze von den Himmeln gefegt sein würden. Das Flugzeug kroch über die letzten Meter vor dem Auf- setzen, wobei sein Auspuff Schneewolken aufwirbelte. Der Ophion machte nicht den Eindruck eines einladenden Landefeldes, so uneben machten ihn Schneeverwehungen, aber die kleine Maschine schaffte es leicht mit weniger als dreißig Metern Ausrollen. Die niedrige Schwerkraft und Gäas dichte Atmosphäre boten eine Menge Auftrieb und machten das Flugzeug flink wie einen Schmetterling. Es hatte durchsichtige Tragflächen aus einem Plastikmaterial. Als der aufgewirbelte Schnee sich wieder gesenkt hatte, konnte Trini dunkle Formen darin eingebettet sehen, und vermutete, daß es sich um Laserkanonen oder Maschinen-, gewehre handelte. Die Maschine war ein sechssitziger Auf- klärer, der für den Luftkampf umgebaut worden war. Cirocco erhob sich aus dem Pilotensitz, und jemand ande- res von etwa ihrer Größe tat es an der anderen Seite. Trini ging zu ihrem winzigen Herd zurück und drehte den Gasbrenner unter der Kaffeekanne auf. Sie hatte sich freiwillig zum Dienst gemeldet – obwohl sie und alle ande- ren Menschen in Gäa deren Magier keine Treue schuldeten –, als sie gehört hatte, daß Cirocco menschliche Hilfe für eine Rettungsmission suchte, bei der es auch um Robin aus dem Koven ging. Trini hatte seit dem Tage ihres Weggangs nicht aufhören können, an Robin zu denken, und glaubte, das Warten in der Schutzhütte entspräche eher ihren Talenten, als die Treppe zu Thea hinabzugehen. Sie war mit Kisten voller Nahrung, Decken und medizinischer Vorräte herge- bracht worden sowie mit Gasflaschen, um die lange verlas- sene Wegstation auf eine Inanspruchnahme vorzubereiten, sollte irgendeine der vermißten Personen sich einfinden. Ci- rocco hatte ihr dabei geholfen, das Leuchtfeuer wieder in Gang zu bringen, aber abgesehen davon hatte es nicht viel zu tun gegeben. Die Konstruktion war immer noch solide und hielt den Wind draußen. Trini hatte ihre Zeit lesend am Fenster verbracht, aber damit aufgehört, als sie den Turm leicht vibrieren gespürt hatte unter dem Ge- räusch von jemandem, der die Leiter heraufkletterte. Jetzt vibrierte er wieder und diesmal auch stärker, als Ci- rocco und die andere Person draußen herauf eilten. Sie öff- nete ihnen die Tür. Cirocco ging unverzüglich zu Robin, die unter einem riesigen Haufen Decken schlief. Sie kniete ne- ben ihr nieder und berührte ihr Gesicht, drehte sich dann mit betroffener Miene um., »Sie ist schrecklich heiß.« »Sie hat etwas Brühe getrunken«, sagte Trini und wünschte sich, mehr sagen zu können. Ciroccos Passagier war eine vertraute Gestalt für Trini und jedermann sonst, der eine Zeitlang in Titanstadt gewe- sen war. Es handelte sich um Larry O’Hara, den einzigen menschlichen Arzt in Gäa. Niemand interessierte sich dafür, daß er hier war, weil er auf der Erde nicht mehr praktizieren durfte, und niemand fragte auch, warum. Wahrscheinlich war er nicht sonderlich gut in Chirurgie der inneren Organe, aber er konnte einen Knochen einrichten oder eine Verbrennung behandeln und berechnete nichts dafür. Er trug eine echte schwarze Tasche ohne ein Gramm elektro- nischer Ausrüstung darin bei sich. Er setzte sie jetzt ab, während er sich den Pelzmantel auszog. Er war ein großer Mann mit schwarzem Bart und rosigen Wangen, eher ein Holzfällertyp als ein Chirurg. Cirocco hielt sich zurück, wäh- rend er seine Untersuchung durchführte. Er ließ sich dabei Zeit. »Diese Zehen verliert sie vielleicht«, gab er an einer Stelle bekannt. »Unfug«, sagte Cirocco. Trini hielt das für eine komische Bemerkung. Sie betrachtete Gäas Magier zum erstenmal wirklich und war überrascht zu sehen, daß sie auch jetzt trug, was sie schon immer getragen hatte, solange Trini sie kannte: die verblaßte ziegelsteinrote mexikanische Decke mit einem in der Mitte ausgeschnittenen Loch. Sie hing sorglos um ihren Körper herum, reichte bis zu den Knien und war sittsam ge- nug, solange sie dastand, aber nicht mehr, wenn sie sich bewegte. Sie war barfuß. Schnee klebte noch an den Seiten, der Füße, schmolz jedoch rasch. Was war sie eigentlich? fragte sich Trini. Seit langer Zeit wußte sie, daß Cirocco anders war, hatte aber angenom- men, daß sie noch zu den Menschen gehörte. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Vielleicht war Cirocco mehr, aber die Unterschiede waren subtiler Natur. Der ein- zig sichtbare bestand in etwas, das sie mit Gaby Plauget geteilt hatte. All die dunkelhäutigen Menschen in Gäa wa- ren so geboren worden, aber Gaby und Cirocco sahen stets frisch gebräunt aus. Endlich wandte sich Larry von Robin ab und nahm den Becher mit Kaffee entgegen, den Trini ihm anbot. Er lächelte dankbar und setzte sich, während der weiße Becher ihm die Hände wärmte. »Nun?« fragte Cirocco. »Ich würde sie gerne von hier wegbringen«, sagte er. »Aber ich glaube nicht, daß wir sie bewegen sollten, und ich glaube auch nicht, daß ich in Titanstadt viel mehr für sie tun könnte, was das angeht. Sie hat ein paar Erfrierun- gen und eine Lungenentzündung. Sie ist jedoch jung und kräftig, und diese Titanidendroge, die ich ihr gegeben ha- be, wirkt unwahrscheinlich gut gegen Lungenentzündung, und mit der richtigen Pflege sollte sie es schaffen.« »Du wirst hierbleiben und dafür Sorge tragen, daß sie es schafft«, verkündete Cirocco. Larry schüttelte verneinend den Kopf. »Unmöglich. Ich habe eine Praxis in Titanstadt, um die ich mich kümmern muß. Du kannst sie pflegen oder auch Tri- ni.« »Ich sagte…« Cirocco gebot sich selbst Einhalt mit einer Anstrengung, die auf ihrem Gesicht erkennbar war. Sie, wandte sich für einen Moment ab. Larry wirkte interessiert, nicht mehr. Trini wußte, daß es unmöglich war, ihn zu et- was zu überreden. Sobald er sich einmal entschieden hatte, was seine Pflicht war, tat er sie und hielt sich nicht einmal auf, um mit einem zu streiten. Was auch immer mit ihm auf der Erde gewesen war, in Gäa nahm er seinen hippokrati- schen Eid sehr ernst. »Es tut mir leid, daß ich dich angefahren habe«, sagte Ci- rocco. »Wie lang kannst du bleiben?« »An die zwanzig Revs, wenn es sein muß«, beruhigte Larry sie. »Aber ich kann dir wirklich in zehn bis fünfzehn Minuten erklären, was für sie zu tun ist. Die Behandlung ist so alt wie die Berge.« »Vor einer Weile hat sie gesprochen«, gab Trini bekannt. Cirocco drehte sich sofort zu ihr um, und für einen Moment glaubte Trini, sie würde von ihr an den Schultern gepackt und geschüttelt. Aber Cirocco beherrschte sich, während sich ihre Augen in die Trinis bohrten. »Hat sie irgendeinen von den anderen erwähnt? Gaby? Chris? Valiha?« »Sie war nicht richtig wach«, sagte Trini. »Ich glaube, sie hat mit Thea gesprochen. Sie hatte Angst, konnte das Thea aber nicht wissen lassen. Es war so ein Durcheinander.« »Thea«, flüsterte Cirocco. »Mein Gott, wie ist sie an Thea vorbeigekommen?« »Ich dachte, du hättest damit gerechnet, daß sie es tun«, meinte Trini. »Oder warum sonst hast du mich hier statio- niert?« »Um auf alle Möglichkeiten vorbereitet zu sein«, sagte Ci- rocco abwesend. »Du warst eine Reserve für eine recht nied- rige Wahrscheinlichkeit. Ich verstehe nicht, wie sie ihren, Weg durch das alles gefunden hat, noch viel weniger…« Sie runzelte die Stirn und richtete den Blick wieder auf Trini. »Ich habe es nicht so gemeint, wie es sich anhörte. Ich hoffe, du…« »Alles klar. Ich bin froh, daß ich hier war.« Ciroccos Gesicht wurde weicher, und schließlich lächelte sie. »Ich auch. Ich weiß, daß du lange Zeit hiergewesen bist, und weiß es auch zu würdigen. Ich werde zusehen, daß du…« »Ich möchte nichts«, sagte Trini schnell. Wieder bohrten sich diese Augen in die ihren. »In Ordnung. Aber ich werde es nicht vergessen. Doktor, können wir sie wecken?« »Sag Larry zu mir. Am besten läßt du sie für den Moment schlafen. Sie wird mit der Zeit von selbst aufwachen, aber ich verspreche nicht, daß sie dann etwas Sinnvolles sagt. Sie hat hohes Fieber.« »Es ist aber sehr wichtig für mich, mit ihr zu reden. Die anderen könnten in Schwierigkeiten sein.« »Das sehe ich ein. Gib ihr ein paar Stunden mehr, und ich werde sehen, was sich machen läßt.« Cirocco konnte nicht sonderlich gut warten. Nicht, daß sie auf und ab lief oder redete; in der Tat sagte sie überhaupt nichts und erhob sich auch kein einziges Mal von ihrem Stuhl. Aber ihre Ungeduld erfüllte den Raum und machte es Trini unmöglich, sich zu entspannen. Larry hatte eine Menge Übung im Warten. Er verbrachte die Zeit damit, ei- nes der Bücher zu lesen, die Trini während ihrer langen Wa- che durchbekommen hatte. Trini hatte schon immer gern gekocht, und die Schutz-, hütte war voll mit Nahrungsmitteln, die zu benutzen sie bisher keine Chance gehabt hatte. Robin hatte nicht mehr als ein paar Schluck Fleischbrühe zu sich nehmen können. Um überhaupt etwas zu tun, machte Trini Eier, Schinken und Pfannkuchen. Larry nahm gerne davon, aber Cirocco winkte ab. »Thea!« sagte sie einmal und zog damit die Blicke der an- deren auf sich. »Was rede ich überhaupt von Thea! Wie, zum Teufel, sind sie jemals an Tethys vorbeigekom- men?« Sie warteten darauf, daß sie noch mehr sagte, aber es blieb dabei. Larry wandte sich wieder seinem Buch zu, und Trini begann zum siebzehnten Mal damit, aufzuräumen. Robin schlief ruhig auf dem Feldbett. Als Robin ächzte, war Cirocco sofort an ihrer Seite, und Larry nicht weit dahinter. Trini trieb sich hinter beiden herum und mußte rasch ausweichen, als Cirocco Larry an Robin heranließ, damit er ihren Puls fühlte. Robin öffnete die Augen, als Larry ihren Arm berührte, versuchte ihn wegzuziehen und blinzelte langsam. Etwas in Larrys Stimme beruhigte sie. Sie sah erst ihn an, dann Ci- rocco. Trini konnte sie im Schatten nicht sehen. »Ich habe geträumt, ich…«, begann sie und schüttelte den Kopf. »Wie fühlst du dich, Robin?« fragte Cirocco. Robins Augen bewegten sich langsam. »Wo warst du?« fragte sie verdrießlich. »Eine gute Frage. Kannst du der Antwort zuhören? Auf diese Weise würdest du eine Weile nichts zu reden haben.« Robin nickte., »Okay. Zuerst schickte ich Hornpipe nach Titanstadt zu- rück, um eine Mannschaft zum Freiräumen des Treppen- eingangs zu besorgen. Wenn du dich erinnerst, er war voll- ständig zugeschüttet.« Robin nickte wieder. »Es dauerte seine Zeit, alle dorthin zu schaffen, und län- ger als ich geglaubt hatte, um alles wegzuräumen. Die Ti- taniden waren zu der Arbeit bereit, aber sie verhielten sich seltsam unter dem Kabel. Sie wanderten davon, und wenn man sie wiederfand, erinnerten sie sich nicht mehr daran, gegangen zu sein. Also mußte ich auch menschliche Hilfe einstellen und verschwendete noch mehr Zeit. Aber wir schafften es und nahmen ein Team von sieben Menschen mit hinunter nach Tethys. Die Kammer war höher geflutet, als ich es je erlebt habe. Sie wollte nicht mit mir reden, und ich konnte auch nichts dagegen tun, weil selbst Gäa keinen großen Einfluß auf Tethys hat. Also kam ich her. Ich glaubte mit Gewißheit, daß ihr alle tot wart, aber ich wollte es nicht glauben, solange ich eure Leichen nicht gefunden hatte, egal, wie lange das dauerte. Wenn Tethys euch getötet hatte, dann… ich weiß nicht, was ich dann gemacht hätte, aber es wäre etwas gewesen, was sie niemals wieder würde vergessen können. Jedenfalls bestand noch die eine Möglichkeit, daß ihr an ihr vorbeige- kommen und in die Katakomben gelangt wart.« »Waren wir. Und Valiha…« »Sprich jetzt noch nicht! Spar deine Kraft! Nun, soweit ich weiß, sind Gaby und ich die einzigen Menschen, die jemals da unten gewesen sind, und ich wußte wenig über die Kata- komben, außer daß sie endlos weitergehen und man un- möglich einen Weg hindurch finden kann. Jedenfalls suchte, ich Thea auf und sagte ihr, daß sie euch ohne Behinderung durchlassen sollte, wenn sich irgendeiner von euch zeigte. Dann versuchte ich, das Ostende der Katakomben zu erfor- schen, und mußte es nach wenigen Wochen wieder aufge- ben. Ich erreichte nichts damit. Ich entschloß mich, es zu riskieren, daß ich ging und eine Gruppe organisierte, die entsprechend ausgerüstet wieder dort hinunterging und jeden einzelnen Meter der Gegend erforschte, und dazu mußte ich eine Menge Sachen auf der Erde bestellen. Ich glaubte nicht wirklich, daß es irgend jemand von euch ge- schafft hatte, verstehst du, und ich…« »Ich verstehe«, sagte Robin mit einem Schniefen. »Aber Thea… oh, verdammt! Ich glaube, ich hätte… ich glaubte, ich wäre aus eigener Kraft an ihr vorbeigekommen. Aber sie hat nur mit mir gespielt.« Es schien, als würde sie gleich in Trä- nen ausbrechen, aber sie war letzten Endes zu schwach da- zu. Cirocco nahm ihre Hand. »Verzeih mir«, sagte sie. »Das hast du falsch verstanden. Ich habe bei weitem nicht geglaubt, daß Thea sich an einen Befehl von mir halten würde, wenn ich nicht da war, um ihm Gewicht zu verleihen. Sie ist bezüglich ihrer Privatsphäre geradezu besessen. Ich fürchtete, daß sie jeden von euch, der sich zeigte, töten und die Leichen vernichten und dann Tethys die Schuld geben würde; schließlich wußte sie, daß ich bereits glaubte, es sei so geschehen, und es gab nicht eine einzige Sache, die ich machen konnte, sofern ich nicht für einige Monate auf ihrer Türschwelle zelten wollte. Viel- leicht hätte ich das auf jeden Fall machen sollen, denn…« »Es ist in Ordnung«, meinte Robin. Sie lächelte schwach. »Ich habe es geschafft.«, »Gewiß hast du das, und eines Tages möchte ich gerne wissen, wie. Jedenfalls tat ich, was ich konnte – obwohl ich jetzt wünschte, ich hätte mehr getan –, und ich wollte in drei oder vier Tagen zu Thea hinuntergehen, als ich einen Anruf von Trini bekam, du hättest an ihre Tür geklopft. Ich kam her, so schnell ich konnte.« Robin schloß die Augen und nickte. »Jedenfalls«, fuhr Cirocco nach einer Pause fort, »gibt es eine Menge Dinge, die ich dich gerne fragen würde, und wenn dir danach ist, kann ich die Fragen vielleicht jetzt stel- len. Am meisten hat mich beschäftigt, warum zu allererst Gaby euch zu Tethys hat hinuntergehen lassen. Ich kenne sie, und sie kennt mich, selbst wenn wir nicht immer mit- einander auskommen, und sie hätte wissen sollen, daß ich eine Möglichkeit finde, diese Felsen wegzuräumen und euch herauszuholen. Und dann, als sie sich nicht mit euch zeigte, habe ich mich gefragt, warum nicht, und jetzt frage ich mich, ob sie verletzt war und nicht konnte…« Ihre Stimme verklang. Robin hatte die Augen geöffnet, und der Ausdruck des Entsetzens in ihnen war so eindeutig für Tri- ni, daß sie sofort wußte, was geschehen war. Sie wandte sich ab. »Ich dachte, wenn ihr die Felsen weggeräumt hättet…«, wimmerte Robin. Trini drehte sich wieder um, und es war, als wäre Cirocco zu Stein geworden. Schließlich bewegten sich ihre Lippen, aber die Stimme war tot. »Wir haben nichts gefunden«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir haben sie dortge- lassen. Wir wollten sie begraben, aber es gab einfach kei- ne…« Sie fing an zu weinen. Cirocco stand auf. Ihre Augen, blickten ins Nichts, als sie sich umdrehte, und Trini wußte, daß sie diese toten Augen nie wieder vergessen würde, die über sie hinschweiften, als gäbe es sie gar nicht, als Gäas Magier nach der Türklinke tastete und hinaustrat auf den schmalen Vorbau. Sie hörten, wie sie die Leiter hinunter- stieg; dann gab es überhaupt kein Geräusch mehr außer Robins Weinen., Sie machten sich Sorgen um Cirocco, aber als sie hinaus- blickten, stand sie mit dem Rücken zu ihnen hundert Meter weit entfernt knietief im Schnee. Mehr als eine Stunde lang bewegte sie sich nicht. Trini wollte hinausgehen und sie ho- len, aber Larry war der Meinung, daß sie noch mehr Zeit brauchte. Dann sagte Robin, daß sie mit ihr reden müßte, und er stieg die Leiter hinab. Trini konnte sehen, wie er mit ihr redete. Cirocco wandte nicht den Kopf, folgte ihm aber, als er ihr eine Hand auf die Schulter legte. Als sie wieder drinnen war, zeigte ihr Gesicht weiterhin keinerlei Emotion. Sie kniete neben Robins Bett nieder und wartete. »Gaby hat uns etwas erzählt«, begann Robin. »Es tut mir leid, aber ich glaube, sie wollte, daß nur du es hörst, und dieser Raum ist zu klein für Verschwiegenheit.« »Larry, Trini«, sagte Cirocco, »würdet ihr im Flugzeug warten? Ich werde die Lampen kurz aufleuchten lassen, wenn ihr wiederkommen könnt.« Weder Cirocco noch Robin bewegte sich, als sich die bei- den ihre Mäntel und Stiefel anzogen und gingen, wobei sie die Tür hinter sich fest zuzogen. Sie verbrachten eine un- gemütliche Stunde im Flugzeug, beschützt vor dem Wind, aber trotzdem in der Kälte. Keiner von beiden beschwerte sich. Als die Lampen aufleuchteten, gingen sie zurück, und Trini erkannte nicht sofort den Unterschied in Ciroccos Ge- sichtsausdruck, aber er war da. Es war immer noch schmerzlich anzusehen und immer noch tot, in gewissem Sinn. Aber es war nicht tot wie das Gesicht einer Leiche; es war mehr wie in Granit gemeißelt. Und die Augen brannten., Stolzes Erbe Es mußte leichtere Dinge geben, als eine schwangere, ver- letzte Titanide durch ein dunkles Terrain zu führen, das eine Bergziege entmutigt hätte. Auf der anderen Seite konnte sich Chris auch manche Dinge ausdenken, die wahrschein- lich härter waren, und viele, die weniger angenehm waren. Einen gewissen Ausgleich boten die Gesellschaft und die Tatsache, daß der Weg für sie markiert war. Wenn man alles gegeneinander aufwog, dann schien alles so zu sein, wie es sein sollte. Valihas Arme wurden stärker, aber ihr Tempo erhöhte sich nicht, weil sie an Gewicht zu- nahm. Sie mußten vorsichtiger sein denn je, damit nicht ihre wachsende Unbeholfenheit einen Ausrutscher hervor- rief, der ihre immer noch nicht ganz verheilten Vorderbeine erneut verletzte. Je näher sie dem Zeitpunkt ihrer Nieder- kunft kam, desto weniger wurden die neuen Freuden des vorderen Sex und hörten schließlich ganz auf. Dabei hatten sie immer besser zueinander gefunden, als sich der Zustand ihrer Beine verbesserte. Chris verlor allmählich das aufre- gende, exotische Gefühl der Fremdartigkeit, das er früher in ihrer Nähe empfunden hatte, und dieser Prozeß ging bis zu dem Punkt, an dem er sich manchmal fragte, wie sie für ihn je hatte merkwürdig aussehen können. Doch mit der Ver- trautheit wuchs eine leicht fallende Akzeptanz, die sie ein-, ander näherbrachte. Valiha schwoll an wie ein reifender Kürbis. Ihre Schönheit wurde strahlender, und seltsamerweise nahm auch die Zahl ihrer bräunlichen Flecken zu. Es würde nur wenige Überraschungen geben. Zu Anfang war Chris bezüglich der titanidischen Geburt vollkommen unwissend, aber zu dem Zeitpunkt, als Schlange bereit war, geboren zu werden, wußte er so viel wie Valiha. Er hatte viele Voraussetzungen gemacht, die zu nutzlosem Begreifen führten. Er wußte zum Beispiel, daß Valiha kein allgemeines Pro- nomen benutzte, wenn sie ihr Kind ›er‹ nannte. Das war mit den beiden anderen Eltern geplant worden. Er wußte oh- ne es jedoch schon ganz glauben zu können –, daß sie mit dem Fötus auf eine Weise in Verbindung stand, die sie nie zufriedenstellend erklärte. Sie behauptete, mit dem Fötus zusammen den Namen ausgesucht zu haben, wenn sie ihn auch aufgrund eines außerhalb ihrer Kontrolle liegenden Umstandes beeinflußt hatte. Das betraf den titanidischen Brauch, ein Kind nach dem ersten Instrument zu benennen, das er oder sie besaß. Der Brauch war nicht länger univer- sell, aber Valiha war traditionsbewußt und hatte schon eine Zeitlang am ersten Instrument ihres Sohnes gearbeitet: die Schlange, eine gewundene Holzröhre, die wie ein Messing- horn geblasen wurde. In der Höhlenwelt war die Auswahl an Herstellungsmaterial begrenzt. Chris wußte, daß die Geburt nicht schmerzhaft sein und nicht lange dauern würde, und daß Schlange mit der Fähig- keit des Gehens und Sprechens geboren werden würde. Aber als sie ihm erzählte, daß sie hoffte, ihr Sohn würde Englisch sprechen können, hielt er sie im ersten Moment für, einen Dummkopf. Er sagte es nicht, brachte aber seinen Zweifel zum Ausdruck. »Ich weiß«, sagte Valiha. »Auch Cirocco ist skeptisch. Dies ist nicht der erste Versuch, ein Kind mit zwei Milch- sprachen zu gebären. Und doch will selbst Gäas Magier nicht sagen, daß es unmöglich ist. Unsere Genetik ist nicht eure. Vieles läuft in uns ganz anders ab.« »Wie was?« »Ich habe keine Ahnung von der wissenschaftlichen Seite der Angelegenheit. Aber du mußt zugeben, daß wir ver- schieden sind. Die Zauberin hat im Labor erfolgreich Titani- deneier mit der genetischen Materie von Fröschen, Fischen Hunden und Affen gekreuzt.« »Das widerspricht allem, was ich jemals über Genetik ge- lesen habe«, gab Chris zu. »Nicht, daß ich viel wüßte. Aber was hat das mit Schlanges Fähigkeit zu tun, Englisch zu sprechen? Selbst wenn er menschliche Eltern hätte – was nicht der Fall ist, wie du sagst -; alles, das wir nach der Ge- burt tun können, ist schreien.« »Cirocco nennt es den Lysenko-Effekt«, sagte Valiha. »Sie hat zu ihrer eigenen Zufriedenheit demonstriert, daß Titan- iden erworbene Charakteristika vererben können. Wir die- jenigen von uns, die behaupten, daß Englisch weitergege- ben werden kann – spekulieren, daß es geschehen kann, wenn man es erzwingt. Du hast einmal gefragt, ob ich ein Wörterbuch verschluckt hätte. Das stimmt beinahe. Für das Experiment ist es erforderlich, daß alle Eltern alle englischen Wörter kennen. Das ist ein Ziel, das man nie erreichen kann, aber wir haben ein gutes Gedächtnis.« »Das kann ich bezeugen.« Etwas an der Sache störte Chris, und es dauerte lange, bis er den Finger darauflegen, konnte. Selbst als er es hatte, war er sich nicht sicher, warum es ihn eigentlich durcheinanderbrachte, aber das tat es. »Was ich wissen möchte, ist, warum«, sagte Chris viel später. »Warum Englisch, wo doch eure eigene Sprache so schön ist? Nicht, daß ich sie verstünde, aber ich wünschte mir, es zu tun. Nach dem, was man so hört, hat abgesehen von Cirocco und Gaby, die sie einverpflanzt bekommen ha- ben, noch nie ein Mensch mehr als das Pidginstadium im Titanidisch-Singen erreicht.« »Das stimmt. Wir kennen die Sprache instinktiv, und die Menschen hatten trotz ihrer oft großen intellektuellen Er- rungenschaften kein Glück mit ihr. Unsere Lieder lassen sich nicht grammatikalisch analysieren und sind nur selten dieselben, sogar wenn derselbe Gedanke ausgedrückt wird. Cirocco hat Spekulationen darüber angestellt, daß es eine telepathische Komponente dabei gibt.« »Wie auch immer. Mein Punkt – oder vielleicht sollte ich sagen, meine Frage – ist der, warum du so hart daran ar- beitest? Was stimmt mit Titanidisch nicht? Ich halte es für ein Wunder, daß ihr mit der Kenntnis überhaupt irgendeiner Sprache geboren werdet. Warum bemühst du dich um Eng- lisch?« »Vielleicht hast du es falsch verstanden«, meinte Valiha. »Schlange wird wissen, wie man singt. Das steht fest. Es würde mir nicht im Traum einfallen, ihm diese Möglichkeit zu nehmen. Genausowenig, wie ich mir wünschen würde, daß er mit nur zwei Beinen… o Gott. Bitte…« Chris lachte und sagte, daß es in Ordnung sei. »Ich habe auf ein Sprichwort angespielt, das benutzt wird, wenn man die Erfahrung großer Schwierigkeiten macht., Dann sagen wir: ›Es mit zwei Beinen angehen, beide links…‹« »Sicher hast du das.« »Ich verspreche dir, daß… du neckst mich wieder. Ich nehme an, daß ich mich eines Tages daran gewöhne.« »Nicht, wenn ich es verhindern kann. Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du es machst.« »Ich denke mir, es sollte offensichtlich sein.« »Für mich nicht.« Sie seufzte. »Na denn. Was das Englische betrifft, so ha- ben die ersten Menschen in Gäa es gesprochen, und es kam einfach in Mode. Und was überhaupt irgendeine menschli- che Sprache angeht… seit dem ersten Kontakt sind die Menschen hier ständig mehr geworden. Ihr kommt nicht in großen Massen, aber ständig. Es scheint eine gute Idee zu sein, soviel von euch zu wissen wie nur möglich.« »Die unangenehmen Nachbarn, die gekommen sind, um zu bleiben, wie?« Valiha überlegte. »Ich möchte nichts Geringschätziges über Menschen sagen. Als Individuen sind einige von ihnen so nett, wie man es sich nur wünschen kann…« »Aber als Rasse sind wir entsetzlich.« »Ich sollte keine Urteile fällen.« »Warum nicht? Du bist dazu genauso berechtigt wie alle anderen. Und ich stimme mit dir überein. Wir sind ganz schön gräßlich, wenn wir die Köpfe zusammenstecken und anfangen, uns Atombomben und sowas auszudenken. Und was die meisten Individuen angeht… verdammt!« Er erleb- te einen Stich des Chauvinismus, den er nicht mochte, aber auch nicht vermeiden konnte. Er dachte: versuche, irgend- eine Erwiderung zu finden, die du auf sie zurückwerfen, kannst! Er konnte es nicht. »Weißt du«, meinte er schließ- lich, »ich erkenne gerade, daß ich nie einem Titaniden be- gegnet bin, der mir nicht gefiel.« »Ich bin vielen solchen begegnet«, sagte Valiha. »Und ich kenne eine Menge mehr als du. Aber ich habe nie einen Ti- taniden kennengelernt, mit dem ich nicht zurechtkommen konnte. Ich habe nie von einem Titaniden gehört, der einen anderen umbrachte. Und ich bin nie einem Titaniden be- gegnet, den ich haßte.« »Das ist der Schlüssel, nicht wahr? Ihr kommt einfach besser miteinander zurecht als wir.« »Ich würde sagen, ja.« »Sag’s mir. Sag mir die Wahrheit! Vergiß einfach für eine Minute, daß ich ein Mensch bin, und…« »Ich vergesse es die ganze Zeit.« Sie versuchte, es ihm leichter zu machen, aber Chris be- kam es nicht mit. »Sag mir einfach, was du davon hältst, Menschen in Gäa zu haben. Was denkst du, und was denken die Titaniden im allgemeinen. Oder sind sie gespalten?« »Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, aber ich stimme mit den meisten darin überein, daß wir gerne mehr Kontrolle hätten. Wir sind nicht die einzige intelligente Rasse in Gäa und sprechen für niemanden außer uns selbst, aber in den Ländern, wo wir leben, in Hyperion und Krios und Metis, hätten wir gerne ein Wort mitzureden bei der Entscheidung, wer hinein darf. Ich glaube, wir würden neunzig Prozent ablehnen.« »So viele?« »Vielleicht weniger. Du hast mich gebeten, offen zu sein, und das werde ich. Menschen brachten den Alkoholismus, nach Gäa. Wir haben uns stets des Weines erfreut, aber das Getränk, das ihr Tequila nennt und wir…« – sie sang eine kurze Melodie – »… den ›Tod mit einer Prise Salz und der Bitterkeit einer Limonelle‹ nennen, macht uns abhängig. Menschen brachten Geschlechtskrankheiten, das einzige Gebrechen terranischen Ursprungs, für das wir anfällig sind. Menschen brachten Sadismus, Vergewaltigung und Mord.« »Das alles erinnert mich an die Indianer in Amerika«, sagte er. »Es gibt eine Ähnlichkeit, aber sie ist meiner Meinung nach trügerisch. Auf der Erde sind öfters mächtige Techno- logien auf schwächere gestoßen und haben sie überwältigt. Aber nach Gäa bringen Menschen nur das mit, was sie tra- gen können, also gibt es keinen solchen Faktor. Obendrein sind wir keine primitive Gesellschaft. Wir haben jedoch keine Macht, um irgend etwas zu tun, weil die Menschen gute Verbindungen haben.« »Wie meinst du das?« »Gäa mag Menschen, und zwar in dem Sinn, daß sie an ihnen interessiert ist und sie gerne beobachtet. Bis sie ihrer müde wird, müssen wir jeden akzeptieren, der kommt.« Sie sah sein Gesicht und machte plötzlich ein ebenso beküm- mertes wie er. »Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte sie. »Und was?« »Daß, wenn Standards aufgestellt würden, du ihnen nicht entsprächest.« Chris mußte eingestehen, daß sie recht hatte. »Aber du irrst dich. Ich wünschte, ich könnte es dir besser erklären. Du bist unsicher wegen deinen gewalttätigen Epi-, soden.« Sie seufzte. »Wie ich sehe, muß ich dir mehr erzäh- len. Es ist leicht, eine gerechte Schmährede gegen die As- pekte der Menschen zu halten, die einem nicht gefallen. Es gibt viele Menschen, die mein Volk bedingungslos aussper- ren würde: die mit Vorurteilen, die Kleingeistigen, die Treu- losen und die Irregeleiteten. Die schlecht Erzogenen, de- nen, als sie noch unschuldige Kinder waren, nicht beige- bracht wurde, richtige Persönlichkeiten zu werden. Nach unserer Meinung liegt die Wurzel der menschlichen Proble- me in der Tatsache, daß ihr belehrt werden müßt, daß ihr geboren werdet mit nichts außer Wildheit und Appetit und sehr oft dazu gezwungen seid, diese Triebe in eine Lebens- weise zu formen. Und doch haben wir eine Liebe-Haß-Beziehung zu eurer Rasse. Wir bewundern und manchmal beneiden das Feuer eurer Gefühle. Jeder von euch hat eine Spur Gewalttätig- keit, und wir akzeptieren das. Das wird uns erleichtert durch die Tatsache, daß wir viel größer sind; ohne Gewehr gibt es nur wenige Möglichkeiten, daß einer von euch einem von uns etwas tun könnte. Eines der Dinge, die wir gern machen würden, ist die Verbannung dieser gleichmachen- den Waffen. Da wir nicht diesen Sporn der Aggression ha- ben, können wir es uns nicht leisten, daß ihr uns körperlich gleich seid. Und es gibt unter euch Individuen, deren Leben so hell brennt, daß wir von ihrem Glanz geblendet werden. Die Bes- ten von euch sind besser als die Besten von uns. Wir wissen und akzeptieren das. Keiner von euch ist so nett, wie wir es sind, aber wir haben erkannt, daß Nettigkeit nicht alles ist. Wir haben der menschlichen Rasse viel zu bieten. Bis jetzt hat sie nur geringes Interesse gezeigt, aber wir bleiben, voller Hoffnung. Aber wir wollen auch von euch lernen. Wir haben lange versucht, euer Feuer zu absorbieren, indem wir euch kennenlernen. Und da Lysenko in Gäa recht hatte, ver- suchen wir jetzt, euch in uns einzuzüchten. Darum lernen wir Englisch.« Chris hatte sie noch nie lange oder so leidenschaftlich über irgend etwas sprechen hören. Er hatte geglaubt, alles über sie zu wissen, und fragte sich jetzt, warum, da er doch normalerweise nicht so ein Dummkopf war, der glaubte, er könne über irgend jemanden alles wissen. Er wußte und hatte es sogar Valiha gegenüber erwähnt, daß sich ihre Sprechweise seit dem Zeitpunkt, an dem sie sich kennengelernt hatten, ständig verbessert hatte. Jetzt ließ ihn ihr Wortschatz oft weit hinter sich. Wenn sie mußte, konnte sich Valiha in seiner Muttersprache zehnmal besser ausdrücken als er selbst. Das bereitete ihm keinen Kum- mer; er wußte, daß sie ihm mehr von sich offenbart hatte, als sie ihm stärker zu vertrauen gelernt hatte, und das war so, wie es sein sollte. Aber etwas anderes störte ihn. »Ich möchte, daß es sich jetzt nicht grob anhört, aber ich muß diese Frage stellen. Ist es das, worum es bei dieser Sa- che mit dem Ei überhaupt ging? Lysenkoismus?« »Auch ich möchte, daß es sich nicht grob anhört, aber ich will dich nicht anlügen. Ja, das hat damit zu tun. Ich hätte es jedoch nie ohne etwas viel Stärkeres mit dir gemacht. Ich spreche von Liebe, die meines Wissens nach die einzige in Menschen und Titaniden identische Emotion ist.« »Cirocco war anderer Meinung.« »Sie irrt sich. Ich stelle fest, daß Liebe bei Menschen im allgemeinen mit Eifersucht, Besitzverlangen und Territoriali- tät gekoppelt ist, bei Titaniden jedoch nie. Das macht das, Gefühl nicht anders. Es ist einfach so, daß nur wenige Men- schen die Liebe ungefärbt durch diese Dinge erfahren. Du mußt mein Wort darauf nehmen; es ist eines der Dinge, die ich erwähnt habe, mit denen wir besser zurechtkommen als Menschen. Menschen haben seit Jahrtausenden über das Wesen der Liebe geschrieben und gesungen und nie Erfolg darin gehabt, sie in für jedermann zufriedenstellender Weise zu definieren. Für uns ist die Liebe kein Geheimnis. Wir begreifen sie vollständig. Im Lied – und in dessen en- gem Freund Poesie – sind die Menschen am dichtesten he- rangekommen. Dies ist eines der Dinge, das wir die Men- schen lehren könnten.« Chris wollte das glauben, wurde aber immer noch von etwas beunruhigt, das er nicht so recht ans Licht bringen konnte. Sie hatte ihm erklärt, wie sie seine gewalttätigen Anfälle tolerieren konnte. Vielleicht handelte es sich einfach darum, daß er im Innersten nicht daran glauben konnte. »Chris, würdest du bitte kommen und mich anfassen?« fragte sie. »Ich spüre, daß ich dich aus dem Gleichgewicht gebracht habe, und ich mag dieses Gefühl nicht.« Sie mußte sein Zögern gesehen haben, denn Tränen bil- deten sich in ihren Augen. Sie saßen nur einen Meter von- einander entfernt, und doch hatte er das Gefühl, ein Ab- grund habe sich zwischen ihnen aufgetan. Das jagte ihm Angst ein, denn noch vor kurzem hatte er sich ihr so nahe gefühlt. »Ich habe schreckliche Angst«, sagte Valiha. »Ich fürchte, daß wir am Ende einander fremd sein werden. Du wirst mich nie verstehen, und ich werde dich nie verstehen. Und du mußt! Ich muß!« Sie hielt inne und bremste sich. »Laß mich es noch einmal versuchen! Ich werde niemals aufgeben. Ich, sagte, die Besten von euch seien besser als wir. Ich sage dir, daß jeder von uns das sehen kann. Schlange wird es nach der Geburt sofort erkennen, wenn er dich an- schaut. Ich kann es sehen und könnte es doch selbst dann nicht beschreiben, wenn ich tausend Wörterbücher gelesen hätte. Wenn einer dieser besseren Menschen auftaucht, wissen wir es. Aber wenn ich eine Gruppe von ihnen zu- sammenbrächte, würdest du es nicht schaffen zu sagen, was sie gemein haben. Es handelt sich nicht um eine ein- zelne Eigenschaft und nicht einmal um stets dieselben Ei- genschaften. Viele von diesen Menschen sind tapfer, ande- re Feiglinge. Manche sind scheu, andere ungestüm. Viele sind intelligent, aber andere weit von jeder Genialität ent- fernt. Viele sind äußerlich überschwenglich; sie schmecken das Leben besser; sie brennen mit hellerer Flamme, als wir sie je gekannt haben. Andere sind für menschliche Sinne ziemlich niedergedrückt, wie du manchmal, aber für unsere Augen scheint das Licht hindurch. Wir wissen nicht genau, worum es sich eigentlich handelt, aber wenn es geht, wollen wir etwas davon haben, jedoch ohne den Drang zur Selbst- zerstörung, den Fluch eurer Rasse. Vielleicht selbst dann, denn seine Wärme ist so strahlend. Wir haben ein Lied dafür. Es lautet…« Sie sang es, machte aber dann in Englisch weiter, als hätte sie das Ge- fühl, daß die Zeit gegen sie wäre und sie es wieder nicht schaffen würde, ihn zu erreichen. »In der Übersetzung lau- tet es etwa: ›Diejenigen, die eines Tages singen könnten‹, oder wörtlicher: ›Diejenigen, die Titaniden verstehen kön- nen.‹ Wenn sie es wollen. Das Wort wird unhandlich, fürchte ich. Cirocco ist solch ein Mensch. Du hast noch nicht ein Hun-, dertstel ihrer Wärme gespürt. Gaby war einer. Robin ist ei- ner. Eine Handvoll Leute in Titanstadt sind es. Die Siedlung, durch die wir in Krios gekommen sind. Und du. Wenn du nicht so wärst, könnte ich dich nicht mehr lieben als einen Stein, und ich liebe dich ungeheuer.« Das war eine komische Ausdrucks weise, dachte Chris. Und: was für eine Koinzidenz, daß wir alle vier diese schwer faßbare Qualität besaßen! Und wieder: es ist solch eine Schande, denn sie ist eine so große Persönlichkeit, aber wie sage ich es ihr…? Aber das alles wurde von einem Gefühl hinwegge- schwemmt, das Chris später wie das Erlebnis eines ertrin- kenden Menschen beschreiben sollte, dessen ganzes Leben in einem einzigen Augenblick an ihm vorbeizieht, oder möglicherweise das Aufblitzen von Genius, von dem so oft gesprochen wird – mit einem Zusatz, der sich las wie: »Wie konnte ich so lange ein Idiot sein?« –, und am Ende viel- leicht am besten als die plötzliche Erkenntnis ausgedrückt wird, daß auch er sie ungeheuer liebte. Sie sah das Aufleuchten seiner Gefühle – hätte er einen Beweis für ihre Behauptungen haben wollen, das wäre er gewesen, aber er brauchte keinen –, und während er sich etwas Intelligenteres auszudenken versuchte, als »Ich liebe dich auch« zu sagen, küßte sie ihn. »Ich habe dir gesagt, daß du mich liebst«, sagte sie, und er nickte und fragte sich, ob er jemals wieder aufhören würde zu grinsen. Den Vorgang der titanidischen Geburt zu kennen war nicht dasselbe, wie die miteinander verbundenen Geister von Mutter und Kind zu verstehen. Und auch die Natur dieser, Verbindung begriff Chris nicht. Er plagte Valiha mit Fragen darüber und bekam heraus, daß sie tatsächlich Schlange eine Frage stellen und daß er sie beantworten konnte, und daß Schlange ihr nicht sagen konnte, ob er Englisch zu spre- chen verstand. »Er denkt in Bildern und Liedern«, erklärte sie. »Die Lieder sind nur emotionell übersetzbar; in gewissem Sinn kann man titanidische Lieder nie übersetzen, und darum hat es noch nie ein Mensch geschafft, ein Wörterbuch des Titanidi- schen zusammenzustellen. Ich höre und sehe, was er denkt.« »Wie hast du ihn dann gefragt, welchen Namen er will?« »Ich habe Bilder der Instrumente geformt, die man hier unten machen kann, und sie dann im Geist gespielt. Sobald sein Bewußtsein Entzücken anzeigte, wußte ich, daß er Schlange war.« »Weiß er von mir?« »Er kennt dich sehr gut, deinen Namen jedoch noch nicht. Er wird ziemlich bald nach seiner Geburt danach fra- gen. Er ist sich dessen bewußt, daß ich dich liebe.« »Weiß er, daß ich ein Mensch bin?« »Das weiß er sehr wohl.« »Was hält er davon? Wird es ein Problem sein?« Valiha lächelte ihn an. »Er wird ohne Vorurteile geboren werden. Von da an liegt es bei dir.« Sie lag auf der Seite an einer behaglichen Stelle, die Chris hergerichtet hatte. Die Geburt stand dicht davor, und Valiha war ruhig, heiter und entzückt und hatte keinerlei Schmer- zen. Chris wußte, daß er sich so ziellos aufführte wie nur irgendein erstmaliger Vater vor der Tür des Kreißsaales, und konnte nichts dagegen machen., »Ich schätze, ich begreife eine Menge Sachen immer noch nicht«, gestand er. »Wird er herauskommen, sich aufrichten und damit anfangen, seine Ansichten über den Kaffeepreis in Krios bekanntzugeben, oder wird es ein Gu-Gu und Ga- Ga-Stadium geben?« Valiha lachte und unterbrach sich für einen Moment, wäh- rend ihre Bauchmuskulatur arbeitete wie eine Hand, die ei- nen Wasserballon quetschte. Sie nahm einen Schluck Was- ser. »Er wird schwach und verwirrt sein«, sagte sie. »Er wird viel sehen und nichts sagen. Zu dem Zeitpunkt ist er noch nicht wirklich intelligent. Es ist so, als wären seine Gedan- kenwege für die Verschiffung in Schmiere verpackt worden und müßten bei Ankunft erst wieder gereinigt werden, um benutzt werden zu können. Aber dann…« Sie hielt inne, lauschte auf etwas, das Chris nicht hören konnte, und lä- chelte dann. »Du mußt das erstmal warten lassen«, meinte sie. »Er ist beinahe da, und ich muß noch ein Ritual durchführen, das seit Generationen in meinem Akkord weitergegeben wur- de.« »Sicher, mach schon!« sagte er hastig. »Entschuldige mich bitte«, sagte sie. »Ich könnte es wun- derschön mit meinem eigenen Gesang machen, aber da er Englisch sprechen wird, habe ich mich entschlossen, mit der Tradition zu brechen und es in dieser Sprache zu singen… auch deswegen, weil du hier bist. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich es in Englisch auch schön singen kann, also wird meine Prosa vielleicht unbeholfen…« »Entschuldige dich nicht bei mir, um Gottes willen«, sagte er und wedelte mit den Händen. »Mach doch schon! Die, Zeit reicht vielleicht nicht.« »Sehr gut. Der erste Teil ist festgelegt, und ich zitiere bloß. Am Ende füge ich dann meine eigenen Worte hinzu.« Sie leckte sich die Lippen und blickte in den Raum hinaus. »›Gelb wie der Himmel sind die Madrigale.‹« Sie begann zu singen. »›Am Anfang war Gott, und Gott war das Rad, und das Rad war Gäa. Und Gäa nahm von ihrem Körper einen Klumpen Fleisch und machte daraus die ersten Titaniden, und sie ließ sie wissen, daß Gäa Gott war. Die Titaniden stellten sie nicht in Frage. Sie sprachen zu Gäa und sagten: ,Was willst du, das wir tun?’ Und Gäa antwortete: ,Habt keine anderen Götter neben mir. Seid fruchtbar und mehret euch, aber seid euch bewußt, daß der Raum begrenzt ist. Seid zu anderen so, wie ihr wollt, daß sie zu euch sind. Wis- set, daß ihr, wenn ihr sterbt, zum Staub zurückkehrt. Und kommt nicht mit euren Problemen zu mir. Ich werde euch nicht helfen! Und so empfingen die Titaniden die Bürde des freien Willens. Unter den ersten war einer, der hieß Sarangi vom Gelben Fell. Er ging mit vielen anderen zum großen Baum und sah, daß er gut war. Zu seiner Zeit gründete er den Madrigal- Akkord. Er blickte hinaus auf die Welt und wußte, daß das Leben süß schmeckte, und doch würde er eines Tages ster- ben. Dieser Gedanke war traurig, aber er erinnerte sich an das, was Gäa gesagt hatte, und fragte sich, ob er weiterle- ben konnte. Er liebte Dambak, Violone und Waldhorn. Zu viert sangen sie das Erhöhte Mixolydische Quartett, und Sa- rangi wurde die Hintermutter von Piccolo. Dambak war der Vordervater, Violone die Vordermutter und Waldhorn der Hintervater.‹«, Das Lied setzte sich für einige Zeit auf diese Weise fort. Chris lauschte mehr auf die Musik als die Worte, denn die Namenslisten besaßen für ihn kaum eine Bedeutung. Die Abstammung wurde ausschließlich über die Hintermütter verfolgt, obwohl auch die anderen Eltern stets genannt wurden. Chris hätte seine Abstammung nicht durch zehn Genera- tionen zurückverfolgen können, wie es Valiha jetzt tat, aber er wußte, daß seine Vorfahren durch Tausende oder Millio- nen von Generationen bis auf die Affen oder Adam und Eva zurückgingen. Bei Valiha waren zehn Generationen die ganze Geschichte. Schlange würde die elfte sein. Das brachte ihm stärker als alles andere, was er je gehört hatte, wieder ins Bewußtsein, was es bedeutete, Titanide zu sein, Angehöriger einer Rasse, die wußte, daß sie erschaffen worden war. Obwohl er nicht wußte, wie exakt die Ein- gangsworte des Liedes waren, so konnten sie doch wörtlich zutreffen. Die Titaniden waren um das Jahr 1935 herum er- schaffen worden. Selbst eine mündliche Überlieferung ver- mochte eine solche Zeitspanne zu überbrücken, und die Ti- taniden bewahrten Berichte peinlich genau. Aber das Lied war mehr als nur eine Liste ihrer Hinter- mütter und der Ensembles, mit deren Hilfe sie die nächste Generation hervorgebracht hatten. Valiha sang Lieder von jedem, verfiel manchmal in die Reinheit des Titanidischen, blieb aber überwiegend bei Englisch. Sie listete die tapferen und guten Taten auf, die sie vollbracht hatten, verschwieg aber nicht die Fehlschläge. Chris vernahm Geschichten des Leides aus den Jahren des Titaniden-Engel-Krieges. Dann erschien Gäas Magier, und die Geschichten erzählten im- mer öfter von den Kunstgriffen, mit deren Hilfe die Auf-, merksamkeit des Magiers auf die Vorschläge beim Karneval gezogen werden sollte. »›… und Tabla wurde von Gäas Magier begünstigt. Sie sang das Äolische Solo und gebar Valiha, von der bisher nur wenig gesungen wurde und die das Singen ihres Liedes zu- künftigen Generationen überlassen wird. Valiha liebte Hi- chiriki, geboren durch das Phrygische Quartett in einem an- deren Zweig des Madrigal-Akkordes, und Cymbal, ein Lydi- sches Trio aus dem Prelude-Akkord. Sie zeugten das Leben von Schlange (Zweifach Erniedrigtes Mixolydisches Trio) Madrigal, der sein eigenes Lied singen wird.‹« Sie hielt inne, räusperte sich und blickte auf ihre Hände hinab. »Ich habe dir gesagt, daß es nur grob ausfallen würde. Vielleicht wird Schlange es besser machen, wenn seine Zeit kommt. Obwohl das Lied in Titanidisch strömt wie ein Fluß, so doch in Englisch…« »Du warst großartig«, meinte Chris. »Obwohl dies hier nicht der beste Anfang ist, nicht wahr?« Er winkte mit den Händen und deutete in die Dunkelheit und auf das öde Ge- stein. »Du hättest Hichiriki und Cymbal und all deine Freunde hier versammelt haben sollen.« »Ja.« Sie dachte darüber nach. »Ich hätte dich bitten sol- len zu singen.« »Du hättest es schnell bereut.« Sie lachte. »Hm, na denn. Chris, er ist da.« Das war er gewiß. Eine glitzernde Gestalt bewegte sich langsam, aber unerbittlich. Chris verspürte den mächtigen Drang, etwas zu tun: Wasser kochen, einen Arzt rufen, sie trösten, seinen Durchgang erleichtern… irgendwas. Aber wenn sein Eintritt in die Welt auch nur ein bißchen schneller, verlaufen wäre, dann wäre er über den Boden hinwegge- spritzt wie ein herausgequetschter Wassermelonensamen. Valiha hatte den Kopf auf den Arm gebettet und lachte leise in sich hinein. Wenn ein Arzt gebraucht wurde, dann für Chris, nicht für Valiha. »Bist du sicher, daß es nichts gibt, was ich tun sollte?« »Vertraue mir.« Sie lachte. »Jetzt. Du kannst ihn jetzt nehmen – und achte dabei darauf, nicht auf den Nabel zu treten, den er noch eine Weile brauchen wird. Bring ihn zu mir. Hebe ihn mit beiden Armen unterm Bauch. Sein Rumpf wird nach vorne fallen, also laß ihn nicht mit dem Kopf aufschlagen, aber laß dich auch nicht dadurch erschre- cken.« Das alles hatte sie ihm bereits erzählt gehabt, aber es war gut, daß sie es wiederholte. Im Augenblick fühlte er sich nicht kompetent dazu, sich an die eigene Nase zu fassen, um so weniger, mit einem neugeborenen Titaniden um- zugehen. Aber er ging hin, kniete nieder und betrachtete ihn. »Er atmet nicht!« »Laß dich auch dadurch nicht erschrecken. Er wird at- men, wenn er soweit ist. Bring ihn zu mir!« Schlange war ein gestaltloser Wirrwarr aus dünnen Fes- seln und feuchter Haut. Für einen Moment konnte Chris buchstäblich Kopf und Schwanz nicht auseinanderhalten; dann wurde das Bild schlagartig klar, und er erblickte ein kleines Mädchen mit süßem Gesicht und verfilztem rosa Haar, das darin klebte. Nein, kein Kind… sie besaß voll aus- geprägte Brüste. Und auch kein Mädchen. Das war nur der Trick, den alle Titaniden den Menschen vormachten, näm- lich unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht weiblich zu, erscheinen. Der Vorderpenis war zwischen Schlanges Vor- derbeinen zu sehen, komplett mit rosa Schamhaar. Chris wollte sanft vorgehen und es zimperlich machen. Nach ein paar Versuchen gab er es jedoch auf und stemmte sich hinein. Schlange kam Chris an Masse fast gleich. Er war ein schlüpfriges Bündel, und doch war nicht ein Tropfen Blut auf ihm. Er sah aus wie ein hungernder Bengel, mit Streichholzbeinen, die länger waren als die von Chris. Er besaß schmale Hüften, einen kurzen Körper und langen Rumpf, der prompt lose nach vorn fiel, als Chris ihn hoch- hob. Als Chris vorsichtig die Schleifen der Nabelschnur aus- spielte, als er ihn um seine Mutter herum trug, regte sich Schlange und trat Chris mit einem seiner Hinterbeine gegen das Schienbein. Es war nicht zu schmerzhaft, aber dann be- gann er einen anfallartigen Kampf. Valiha sang etwas, und er beruhigte sich auf der Stelle. Chris händigte ihn ihr aus, und sie arrangierte ihn vor sich und hielt seinen oberen Körper an ihrem eigenen. Sein Kopf rollte lose. Chris bemerkte, daß es so war, wie Valiha angekündigt hatte: die Nabelschnur war nicht unten am Bauch befestigt, sondern verschwand in seiner vorderen Vagina, genau wie das andere Ende noch aus Valiha he- raushing. Chris hatte nicht gewußt, mit was er rechnen sollte. Junge Titaniden hatte er bereits gesehen, aber keine so jung wie dieser. Würde er ihn lieben können? Bis jetzt dachte er, daß Schlange… er würde nicht so weit gehen zu sagen, daß er häßlich aussah. ›Komisch‹ war das beste, was ihm einfiel. Aber andererseits hatte er schon immer neugeborene Men- schen für komisch aussehend gehalten, bestenfalls, und sie waren obendrein noch blutig. Er haßte die Zimperlichkeit,, die er jetzt empfand, aber trotzdem empfand er sie eben. Sie paßte nicht gut zu Valihas Beschreibung von ihm als tat- kräftiger, das Leben liebender Mensch, und das war das Netteste, was irgend jemand seit langer Zeit über ihn ge- sagt hatte. Schlange ähnelte außerordentlich einem unter- ernährten vierzehnjährigen Mädchen, das man gerade vom Grund eines Sees gefischt hatte. Mund-zu-Mund-Beatmung schien erforderlich zu sein. Schlange keuchte laut, hustete einmal und begann zu atmen. Er tat es einige Züge lang sehr geräuschvoll, fand dann jedoch seinen Rhythmus. Kurz danach öffnete er die Augen und blickte direkt auf Chris. Entweder war der An- blick zu viel für ihn, oder er konnte nicht allzu gut sehen; er blinzelte und vergrub das Gesicht zwischen den Brüsten seiner Mutter. »Er wird wahrscheinlich noch eine Zeitlang wackelig sein«, meinte Valiha. »Wäre ich an seiner Stelle auch.« »Was hältst du von ihm?« Da wären wir, dachte Chris. »Er ist schön, Valiha.« Sie runzelte die Stirn und betrachtete Schlange erneut, als fragte sie sich, ob sie etwas übersehen hatte. »Das kannst du nicht ernst meinen. Dein Gebrauch des Englischen ist doch eigentlich besser.« Mit einem Gefühl, als würde er seine Haut zu Markte tra- gen, räusperte sich Chris und sagte: »Er sieht komisch aus.« »Das ist es. Er wird sich jedoch ziemlich schnell weiterent- wickeln. Er verspricht viel. Hast du seine Augen gesehen?« Sie beschäftigten sich mit dem Saubermachen. Valiha kämmte sein Haar, und Chris wusch und trocknete ihn., Und Valiha hatte recht gehabt: er wurde besser. Sobald einmal trocken, war seine Haut warm und weich und ver- bannte rasch das Bild eines ertrunkenen Gassenkindes. Die Nabelschnur verwelkte rasch, und er stand auf eigenen Fü- ßen. Es würde noch lange dauern, bis er nicht mehr abgema- gert aussah, aber der Eindruck des Darbens bestand nicht länger. Vielmehr machte er den Eindruck der Geschmeidig- keit und strahlenden Gesundheit, sobald sich seine Muskeln spannten. Binnen kurzem konnte er den Rumpf ohne Hilfe aufrecht halten. Er beobachtete sie mit glitzernden braunen Augen, während sie an seinem Körper herumfuhrwerkten, sagte jedoch kein Wort. Valiha betrachtete ihrerseits auch ihn. Sie war aufgeregter, als Chris sie je erlebt hatte. »Ich wünschte, ich könnte dir das erklären, Chris«, sagte sie. »Das ist das Wundervollste… ich kann mich so gut daran erinnern. Plötzlich das Bewußtsein zu erlangen, zu spüren, wie man aus einem Stadium einfacher Wünsche erwacht und wie eine größere Welt um einen herum Gestalt annimmt, eine Welt voller anderer Geschöpfe. Und der wachsende Drang zu sprechen, beinahe wie das Sich-Aufbauen eines Orgasmus. Die erste Formung der Idee, daß es möglich ist, mit anderen in Verbindung zu treten. Er hat die Worte, weißt du, aber oh- ne die Erfahrung, mit deren Hilfe er ihnen Substanz verleihen kann, bleiben sie Geheimnisse. Er wird voller Fragen sein, a- ber er wird dich nur selten fragen, was etwas ist. Er wird ei- nen Stein sehen und denken: das also ist ein Stein! Er wird ihn aufheben und denken: also so ist das, wenn man einen Stein aufhebt! Er wird sich selbst viele Fragen stellen und selbst die Antworten geben, und die Wahrnehmung des Ent- deckens ist so herrlich, daß die verbreitetste Wunschphanta- sie unter Titaniden darin besteht, wiedergeboren zu werden, und all das noch einmal zu erleben. Aber es wird auch eine Menge Fragen an uns geben. Traurigerweise werden viele nicht zu beantworten sein, aber das ist die Bürde des Lebens. Wir müssen einfach auch bei ihnen unser Bestes versuchen und stets bestrebt sein, freundlich zu bleiben. Ich hoffe, du wirst Geduld haben und ihn seine eigene Rüstung aus Fata- lismus entwickeln lassen, und zwar mit seinem eigenen Tem- po und ohne Drängen von uns, denn es kann…« »Das werde ich, Valiha, Ehrenwort. Ich bin sicher, daß ich dich für eine ganze Weile beobachten werde, um Hinweise darauf zu bekommen, was du willst, und werde soviel wie möglich im Hintergrund bleiben. Aber meine große Frage ist dieses verrückte Experiment von dir, ob er fähig sein wird oder nicht…« »Du bist ein Mensch«, sagte Schlange ziemlich deutlich. Chris starrte in die weit auseinander stehenden Augen, die seinen Blick so offen erwiderten, erkannte, daß sein Mund noch aufstand, und schloß ihn. Schlanges Mund zeigte die Andeutung eines Lächelns, das so schwer faßbar war wie das der Mona Lisa. Der Gesprächsball befand sich in Chris’ Spielhälfte, und er hatte doch nur im Hintergrund bleiben wollen. »Ich bin ein sehr überraschter Mensch. Ich…« Er unter- brach sich, als Valiha kaum merklich den Kopf schüttelte. Chris untersuchte seine Worte. In Ordnung, Witz war nicht gefragt. Er mußte einen mittleren Weg zwischen Gu- gu und der Ansprache von Gettysburg finden, und er wünschte sich zu wissen, wo der liegen konnte. »Wie heißt du?« fragte Schlange. »Ich bin Chris.« »Ich heiße Schlange.«, »Schön, dich kennenzulernen.« Das Lächeln erschien in voller Breite, und Chris spürte, wie es ihn erwärmte. »Ich freue mich auch, dich kennenzulernen.« Er drehte sich zu seiner Mutter um. »Valiha, wo ist meine Schlange?« Sie griff hinter sich und reichte ihm das liebevoll ge- schnitzte und in weiches Leder gewickelte Schlangenhorn. Er nahm es, und seine Augen funkelten, als er es in den Händen hielt und drehte. Er setzte das Mundstück an die Lippen und blies, und ein tiefer Baßton entschwebte in die Luft. »Ich habe Hunger«, verkündete er. Valiha bot ihm eine Zitze an. Seine Neugier war so groß, daß er der Sache nicht seine volle Aufmerksamkeit widmete. Die Augen schweiften umher und der Kopf ruckte, und er schaffte es gerade eben, die Zitze im Mund zu behalten. Er betrachtete erst Chris, dann sein Instrument, das er noch fest in der Hand hielt, und Chris sah einen Ausdruck ehrfürchtigen Staunens in die Augen des Titaniden treten. In diesem Augenblick wußte Chris, daß er und Schlange denselben Gedanken hegten, wenn auch jeder mit einer anderen Bedeutung. Also das ist eine Schlange. Das Kind entwickelte alles, was Valiha angekündigt hatte. Das Wort »übermütig« mochte für ihn allein geprägt wor- den sein. Er war schlaksig, linkisch, eifrig und lebhaft. Als es Zeit wurde zu gehen, taumelte er erst zehn Minuten lang und verlor dann jedes Interesse an allen Gangarten außer einem halsbrecherischen Galopp. Neunzig Prozent von ihm waren Beine, und das meiste davon spitzige Knie. Seine Eckigkeit hatte nichts vom eleganten Betragen der Älteren an sich,, enthielt aber doch die Anlagen davon. Wenn er lächelte, brauchte man keine Glühvögel mehr. Sein Bedarf an Zuneigung war groß, und sie sparten nicht damit. Er war nie weit von einer körperlichen Berührung ent- fernt. Ein Kuß von Chris wurde so eifrig akzeptiert wie einer von seiner Mutter und ebenso eifrig auch erwidert. Er liebte es, gestreichelt und getätschelt zu werden. Valiha versuchte, ihn im Liegen zu säugen, aber er wollte es nicht. Sie stand auf ihre Krücken gestützt, während er sie umarmte. Oft schlief er beim Säugen stehend ein. Valiha konnte dann weggehen und ihn dort stehenlassen, das Kinn auf der Brust. Er würde für drei Kilorevs unregelmäßig schlafen und es dann für immer aufgeben. Viele Tage lang betrachtete Chris ihn als eine Katastrophe, die eine Stelle suchte, wo sie geschehen konnte. Es war schon schwer genug gewesen, Valiha durch die rauhe Ge- gend zu führen. Alles, was ihm noch fehlte, um vorzeitig zu altern, war ein abenteuerlustiger Junge, und Schlange spielte diese Rolle gut. Aber nichts passierte, wie Valiha vor- ausgesagt hatte, und letzten Endes hörte Chris auf, sich Sor- gen zu machen. Schlange kannte seine Grenzen, und ob- wohl er sie ständig zu erweitern suchte, überschritt er sie doch nicht. Titanidenkinder besaßen einen eingebauten Er- zieher; wenn sie auch nicht unfallsicher gemacht werden konnte, so passierten ihnen Mißgeschicke doch nur in etwa demselben Prozentsatz wie erwachsenen Titaniden. Chris wunderte sich darüber – spielte auch mit der Idee, daß der Unterschied zwischen Menschen und Titaniden vielleicht im Fehlen von Draufgängertum bestand –, war aber nicht in der Stimmung, sich zu beschweren., Schlange hatte einen solchen Erfolg darin, die ganze Situa- tion freundlicher erscheinen zu lassen, daß Chris für eine recht lange Zeit nur selten an etwas dachte, das ihm wäh- rend des ersten Teils der Reise viel Kummer gemacht hatte. Aber der Kummer kehrte heftig zurück, als sie Robins schwere Parka und einen Haufen Ausrüstung neben einer ihrer Wegmarkierungen fanden. »Ich habe ihr gesagt, daß sie sie unbedingt behalten soll«, wütete er und hielt die Parka hoch, damit Valiha sie sich an- schauen konnte. »Verdammt, sie hat überhaupt keine Ah- nung von Kälte, oder?« »Wie fühlt sich Kälte an?« wollte Schlange wissen. »Das kann ich nicht beantworten, Kind«, sagte Valiha. »Du wirst warten und es selbst erfahren müssen. Sie hatte noch mehr Kleider, Chris. Wenn sie alle Sachen trägt…« »Wer ist Robin, Chris?« »Eine gute Freundin und Gefährtin«, sagte er, »die, wie ich fürchte, in sehr ernsten Schwierigkeiten sein wird, wenn wir sie nicht bald einholen.« »Darf ich das anziehen?« »Du kannst es anprobieren, aber es wird dir zu heiß wer- den. Dann kannst du es und die anderen Dinge schleppen. Wirst du?« »Sicher, Chris. Wenn du mich fangen kannst.« »Daraus wird nichts, mein Freundchen. Und hör auf, über mich zu kichern! Ich kann nichts dafür, daß ich so langsam bin. Aber bringst du das hier zustande?« Er stellte sich auf eine Zehenspitze – was ihm in der niedrigen Schwerkraft leicht fiel – und vollführte eine Ballett-Pirouette, wobei er einen Finger oben auf den Kopf hielt, sowie am Schluß eine Verbeugung. Valiha applaudierte, und Schlange machte ein, argwöhnisches Gesicht. »Wie, auf einem Fuß? Ich könnte…« »Ha! Hab’ ich dich! Jetzt komm und…« Er hielt inne und drehte sich um. Hinter ihm war ein Licht, heller, als er es seit… er wußte nicht, wann er zum letztenmal so etwas gesehen hatte. Ein tiefes Rumpeln war zu hören, und er erkannte, daß er es schon eine ganze Wei- le am Rande seiner Aufmerksamkeit gehört hatte. Und da erfolgte auch der Lärm einer fernen Explosion. »Was ist das? Ist…« »Still, keine Fragen jetzt! Valiha, sieh zu, daß du ihn hin- ter diesem Felsen auf den Boden bekommst. Bleibt so tief unten, wie ihr könnt, bis…« Plötzlich sprach eine Stimme durch einen Verstärker. Die Echos verzerrten sie fast bis zur Unkenntlichkeit, aber Chris hörte seinen Namen und den Valihas. Weitere Leuchtku- geln flammten auf und schwebten langsam herab. Das Rumpeln verwandelte sich in das vertraute Geräusch von Hubschraubern. Und die Stimme war die von Cirocco. Sie hatte sie endlich gefunden. Einzug der Gladiatoren Als sie den Aufzug verließen, begegneten sie wieder dem tanzenden Mann. Er war genauso elegant und rätselhaft wie, letztesmal, sein Gesicht im Schatten, ein blendender Glanz auf seinen Schuhen, mit weißen Ledergamaschen, Stock, Zylinder und Frack. Robin und Chris standen schweigend da und sahen zu, wagten nicht, ihn zu unterbrechen. Der Tänzer vollführte mit gelassener Selbstsicherheit eine Reihe von Rückwärtsschritten und ging zu einer wirbelnden Be- wegung über, bei der sein Kopf völlig unbewegt zu bleiben schien, bis die Andeutung einer Bewegung ihn vollständig herumdrehte. »Na ja, die Kathedralen verstehe ich auch nicht«, seufzte Chris, als der Tänzer verschwunden war. Robin sagte nichts. Sie erinnerte sich von ihrem letzten Besuch her an die Art von Gesang und Tanz, mit deren Hilfe Gäa die Leute zu ihrem Vergnügen manipulierte. Alles hatte eine Bedeutung, und sie erwartete nicht, jede zu ver- stehen. Der Tanz hatte sie kalt gelassen; jetzt würde sie dem Gesang zuhören. »Ich habe immer noch diesen Traum«, sagte sie. »Wir sit- zen mit Gäa zusammen, und das erste, was sie sagt, lau- tet: ›Und jetzt zum zweiten Teil eures Testes…‹« Er betrachtete sie von der Seite her. »Zumindest hast du dir deinen Sinn für Humor erhalten. Hast du deinen neuen Handsummer mitgebracht?« »Er ist bereits in meinem Gepäck.« »Zu schade. Wie geht es deinen Füßen? Brauchst du Hil- fe?« »Ich kann es schaffen, danke.« Sie hatte bereits bemerkt, daß sie die Krücken hier in der Nabe nicht brauchte. Die Füße waren noch verbunden, aber in der niedrigen Schwer- kraft verursachte das Gehen auf ihnen keine Beschwerden. Sie und Chris suchten sich ihren Weg durch den Wirrwarr, aus steinernen Bauwerken, diesmal ohne Führung. Der Himmel war noch so, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Da lag derselbe monströse Teppich, die verstreuten Sofas und die elefantösen Kissen sowie niedrige, mit Speisen ü- berhäufte Tische. Es herrschte dieselbe Atmosphäre des Frohsinns, bei der man sich in blanker Verzweiflung die Ell- bogen rieb. Mitten zwischen allem saß Gott und hielt fort- währenden Hof für ihr Gefolge aus idiopathischen Engeln. »So sind also die Soldaten aus dem Krieg zurückgekehrt«, sagte sie zur Begrüßung. »Ein wenig niedergeschlagen und etwas weniger schmuck, aber im großen und ganzen unbe- schädigt.« »Nicht ganz«, sagte Chris. »Robin fehlen einige Zehen.« »Ah ja. Nun, sie wird feststellen, daß dafür Sorge getra- gen wurde, wenn sie ihre Verbände zu entfernen wünscht.« Robin hatte schon während des ganzen Weges seltsame Gefühle in den Füßen gehabt, sie aber der Phantombe- wußtheit zugeschrieben, die sie bereits gut kannte. Jetzt hob sie die Füße und betastete die Verbände. Sie waren wieder da, alle zehn. »Nein, nein, danke mir nicht. Ich kann kaum deinen Dank erwarten, weil du schließlich ohne meine Einmischung in dein Leben sie gar nicht verloren hättest. Ich habe mir die Freiheit genommen, das zu berichtigen, was ich für einen Ausrutscher der Tätowierungsnadel gehalten habe, als ich das bißchen Schlange wiederherstellte, das vormals einen fehlenden Finger schmückte. Ich hoffe, es macht dir nichts aus.« Es machte Robin eine Menge aus, aber sie sagte nichts. Sie schwor sich, die Veränderung zu finden, sie vermittels Laser zu berichtigen und alles wieder so zu machen, wie es gewe-, sen war. Gäa hatte recht damit, daß sie niedergeschlagen war – beim ersten Besuch hätte sie Gäa für solch eine An- deutung niedergeschossen –, aber sie besaß noch genug Stolz, um Einmischungen abzulehnen. »Setzt euch doch!« schlug Gäa vor. »Nehmt euch zu essen und zu trinken! Setzt euch und erzählt mir alles!« »Wir bleiben lieber stehen«, sagte Chris. »Wir hatten gehofft, es würde nicht lange dauern«, fügte Robin hinzu. Gäa blickte von einem zur anderen und machte ein un- mutiges Gesicht. Sie hob ein Getränk vom Tisch neben sich und stürzte es hinunter. Ein Speichellecker eilte herbei und stellte ein neues auf den nassen Ring, den das erste hinter- lassen hatte. »So ist das also. Mittlerweile sollte ich damit rechnen, aber es überrascht mich doch immer wieder ein wenig. Ich leugne nicht, daß ihr Risiken eingegangen seid, die ihr bes- ser vermieden hättet. Ich nehme an, ich kann euren Groll zu einem gewissen Grad verstehen, weil ihr euch bewähren mußtet, um meine Gabe zu empfangen. Aber bedenkt doch meine Position. Wenn ich die Dinge, die in meiner Macht stehen, umsonst gäbe, wäre ich bald überschwemmt von allen Bettlern, Bittstellern, Fakiren, Mitverschworenen, Schmarotzern und einfachen Nichtsnutzen vom Merkur bis zum Pluto.« »Ich sehe das Problem darin nicht«, konnte sich Robin nicht verkneifen zu sagen. »Es gibt genug Sitzgelegenhei- ten, und einen guten Anfang hast du bereits gemacht. Du könntest einen Chor bilden.« »Also verfügst du immer noch über eine scharfe Zunge. Ach, wäre ich doch ein Mensch, damit ihr köstlicher Hieb, auch richtig treffen könnte! Aber wehe, deine Verachtung ist mir gleichgültig, warum sie also verschwenden? Bewahre sie für die, die schwach sind, die ihre Kameraden in Zeiten der Not verlassen, die weinen und sich in den Tiefen ihrer eigenen Angst suhlen, kurzum, diejenigen, die sich nicht selbst bewiesen haben, wie ihr es getan habt!« Robin fühlte das Blut aus ihrem Gesicht weichen. »Hat irgend jemand dir schon einmal gesagt«, fügte Chris rasch ein, »daß du redest wie der Schurke in einem billigen Krimi?« »Wenn du mir das jetzt sagen willst, bist du der zwölfte in diesem Jahr.« Sie zuckte die Achseln. »Ich liebe eben die alten Filme. Aber dieser Sache werde ich jetzt müde. In we- nigen Minuten beginnt die zweite Abendvorstellung, also…« »Welche Bedeutung hat eigentlich der Tänzer«, platzte Robin heraus. Sie war überrascht über sich selbst, aber sie hatte aus irgendeinem Grund das Gefühl, es sei wichtig. Gäa seufzte. »Wißt ihr denn kein Geheimnis zu schätzen? Muß alles of- fenkundig sein? Was stimmt denn nicht mit ein paar kleinen Rätseln, die euer Leben mit etwas Würze versehen?« »Ich hasse Geheimnisse«, sagte Chris. »Nun gut. Der Tänzer ist eine Kreuzung zwischen Fred Astaire und Isadora Duncan, mit ein paar Elementen von Nijinsky, Baryshnikow, Drummond und Gray. Nicht die tat- sächlichen Leute, versteht das richtig – obwohl ich sehr gerne ein paar Gräber plündern und die Knochen nach Ge- nen sichten würde, die fürs Kloning geeignet sind –, son- dern Homologe, gefertigt nach Berichten über ihr Leben, in Nukleinsäuren geschrieben von meiner Wenigkeit und mit dem Atem des Lebens ausgestattet. Der Tänzer ist ein sehr, geeignetes Werkzeug meines Geistes, wie auch dieses Fleisch ein Werkzeug ist…« – sie unterbrach sich, um sich auf die Brust zu klopfen –, »… aber nichtsdestotrotz ein Werkzeug. In gewissem Sinn tanzen sowohl er als auch diese Sprecherin hier in meinem Gehirn; diese hier für Ge- spräche mit kurzlebigen Geschöpfen, er für einen Zweck, auf den ich gleich zu sprechen kommen werde. Aber zu- nächst glaube ich erwarten zu können, daß ihr trotz eures Abscheus neugierig darauf seid, die Antwort auf eine be- stimmte Frage zu kennen, nämlich: habt ihr den goldenen Ring gefunden oder nicht? Werde ich euch so, wie ihr seid, nach Hause schicken, oder geheilt?« Sie hob eine Braue und betrachtete sie beide abwechselnd. Robin war ganz Ohr, obwohl es sie schmerzte, das einzu- gestehen. Ein Teil von ihr sagte, es sei in Ordnung, sie wäre nicht aufgebrochen, um Gäas Spiel mitzumachen, und wenn sie unterwegs etwas getan hätte, um den Preis zu gewinnen, dann aus monumentaler Dummheit. Aber etwas tiefer Liegendes flüsterte: ›Verrat. Du hast dich nicht sehr heftig gewehrt, als du zu dieser Posse eingeladen wurdest, sagte es. Du hast den Preis immer gewollt.‹ Aber sie wollte Gäa wenigstens nicht ihren Eifer zeigen. »Ich ziehe es stets vor, die Meinung meiner Kandidaten zu hören, bevor ich meine Entscheidung bekanntgebe«, sagte Gäa. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und ver- schränkte die Wurstfinger über dem fetten Bauch. »Robin, du bist zuerst dran.« »Keine Meinung«, sagte Robin prompt. »Ich weiß nicht, wieviel du von den Dingen weißt, die ich tat oder bei denen ich versagte. Genausogut könnte ich annehmen, daß du alles weißt, bis hin zu den schwärzesten Geheimnissen, meines Herzens. Aber es ist eine interessante Umkehrung, glaube ich. Zuvor war ich es, die deine Regeln verachtete, während Chris von ihnen fasziniert war – zumindest glaubte ich, er sei es. Jetzt weiß ich es nicht mehr. Ich habe viel über das Geschehene nachgedacht. Ich schäme mich über vieles, einschließlich meiner Unfähigkeit, irgendeine menschliche Schwäche zuzugeben, als ich herkam. Was immer du jetzt mit mir machst oder auch nicht, ich habe etwas gewonnen. Ich wünschte, genau zu wissen, was ei- gentlich, und ich wünschte, es würde nicht so weh tun, es zu besitzen, aber ich würde nicht wieder so sein wollen wie vorher.« »Es hört sich so an, als seist du ein wenig wehmütig.« »Ich bin es.« »Die Dinge sind normalerweise leichter, wenn man sich nicht selbst betrachten muß. Aber diese Einstellung wäre nicht von Dauer gewesen.« »Ich schätze, nein.« »Die Zukunft bietet größere Befriedigungen.« »Darüber möchte ich nichts wissen.« Gäa zuckte die Achseln. »Ich könnte mich sehr wohl irren. Ich maße mir niemals den Mantel der Unfehlbarkeit an, wenn ich das Verhalten von Geschöpfen mit freiem Willen vorhersage. Aber ich besitze eine beträchtliche Erfahrung, und ich habe das Gefühl, daß du – genau wie du sagtest stärker geworden bist durch das, was du durchgemacht hast, ob nun als Sieger oder Verlierer.« »Vielleicht.« »Dann lautet meine Entscheidung, daß du eine Heilung verdient hast.« Robin blickte auf. Sie wollte dafür keinen Dank sagen,, und es erfüllte sie etwas mit Trauer, daß Gäa auch gar nicht damit rechnete. »Tatsächlich bist du bereits geheilt worden, und es steht dir frei, jederzeit zu gehen. Ich wünsche dir viel Glück, ob- wohl ich mich frage…« »Moment! Wie ist es möglich, daß ich bereits geheilt bin?« »Es geschah, während du den Tänzer beobachtet hast. Als du und Chris unten auf der Umrandung den Aufzug betra- tet, habe ich euch rasch in Schlaf versetzt, genau wie beim erstenmal. Dann war es erforderlich, das Wesen deines Lei- dens zu bestimmen wie auch die Mittel, es zu heilen, sofern es überhaupt geheilt werden konnte. Manche Dinge entzie- hen sich sogar mir. Ohne diese Untersuchung hätte ich euch nicht den Vertrag anbieten können, wie ich es tat. Diesmal diente es mehr meinem Vorteil als eurem, denn ich mußte wissen, was ihr seit dem letzten Mal alles gemacht hattet. Ich untersuchte eure Erfahrungen, wog sie sorgfältig ab und traf meine Entscheidung. Ihr wart euch keines Übergangs bewußt. Euer Erwachen bekamt ihr selbst nicht mit, denn ich fabrizierte eure Aufzugfahrt und führte euch ins Be- wußtsein zurück, wobei ich den Tänzer in meinem Geist zu dem wirklichen Burschen überblendete, der wirkliche Ga- maschen trägt. Wahrscheinlich habt ihr ein Gefühl des Un- behagens verspürt, aber mittlerweile bin ich sehr geschickt in solchen Dingen, und obwohl ich meine Methoden nicht beschreiben kann, so kann ich euch doch versichern, daß sie. fundiert und wissenschaftlich sind. Wenn ihr protes- tiert, solltet ihr…« »Moment!« sagte Chris. »Wenn du…« »Unterbrich mich nicht!« sagte Gäa und wedelte mit dem, Finger. »Du kommst schon noch an die Reihe… Ihr solltet, wie ich gerade sagen wollte, nicht die alte Warnung verges- sen, keine Freifahrten von Fremden anzunehmen. Beson- ders hier drin.« »Ich erinnere mich an eine sehr lange Fahrt«, sagte Robin in plötzlichem Zorn. »Es war ein langer Weg nach unten, und jetzt stellt sich heraus, daß auch die Fahrt zurück nach oben ein Trick war.« »Ich entschuldige mich nicht dafür. Das brauche ich nicht, und das möchte ich auch nicht. Alle machen diesen Flug nach unten. Er vermittelt ihnen normalerweise den Ein- druck ihrer eigenen Sterblichkeit. Chris, ich glaube, du bist bislang die einzige Person, die sich bis zu ihrem Todestag nicht an diesen Großen Sturz erinnern wird.« »Ich wollte etwas sagen, das…« »Noch nicht! Robin, du wolltest etwas sagen.« Sie bedachte Gäa mit einem harten Blick. »In Ordnung. Woher soll ich wissen, daß ich geheilt bin? Du kannst nicht damit rechnen, daß ich dir vertraue, nach dem, was du letztes Mal getan hast.« Gäa lachte. »Nein, ich glaube nicht. Es gibt hier keinen Verbraucherschutz. Und ich gestehe, daß ich gerne Streiche spiele. In dieser Sache ist mein Ruf jedoch fehlerlos. Ich schwöre dir jetzt, daß – einmal abgesehen von zukünftigen Kopfverletzungen, die bekanntermaßen epileptische Anfälle auslösen – du deinen letzten Anfall hinter dir hast. Chris, jetzt bist du an der Reihe. Was hältst du von…« »Ich möchte etwas sagen. Ich weiß nicht, ob du mich ge- heilt hast oder nicht, aber wenn du es getan hast, dann hättest du es nicht sollen. Du hattest kein Recht dazu.« Diesmal zog Gäa beide Augenbrauen hoch., »Was du nicht sagst. Ich wollte dich gerade fragen, ob du selbst meinst, eine Heilung verdient zu haben, aber du bist so hochnäsig geworden, daß die Antwort gewiß ›ja‹ lauten wird.« »Meine Antwort ist keine Antwort. Aber ich habe eine Meinung. Du hast mich ausgeschickt, damit ich ein Held werde, und ich bin lebendig zurückgekommen. Das allein sollte etwas zählen. Aber ich glaube nicht mehr an Helden. Ich glaube nur noch an Leute, die ihr Leben bewältigen, so gut sie können. Man tut, was-man tun muß, und in man- cher Beziehung hat man auch keine größere Wahlmöglich- keit als ein fallender Stein. Ich habe den ersten Teil meiner Reise damit zugebracht, alles kritisch zu betrachten, was ich tat, ob ich nun die Stromschnellen hinabfuhr oder mir die Zähne putzte. Und ich habe mich jeweils gefragt, ob es heldenhaft war, was ich gerade tat. Dann vollbrachte ich ei- nige Sachen, von denen ich recht sicher war, ob sie den Test bestanden, und erkannte dann, daß der Test ein Schwindel war. Du beziehst deine Maßstäbe aus Comics und beobachtest, wie die Leute tanzen. Ich verachte dich.« »Tatsächlich? Du setzt zuviel voraus. Da du mir meine Frage nicht beantworten willst, will ich dir sagen, daß auch du geheilt bist. Aber woher glaubst du jetzt zu wissen, daß ich meine Entscheidung darauf gründe, wie du in Phoebe Gabys Leben gerettet hast oder die Langeweile ertrugst, an Valihas Seite zu bleiben?« »Du…« Robin konnte sehen, wie der Ärger in Chris koch- te und daß er ihn zügelte. Sie war sicher, daß er sich aus derselben Erkenntnis zurückhielt, die sie plötzlich bei der Erwähnung von Gabys Namen erschreckt hatte: wieviel, wußte Gäa? »Ich möchte nicht geheilt sein«, sagte Chris gerade. »Ich kehre nicht auf die Erde zurück, und hier spielen meine Probleme keine so große Rolle. Und ich möchte keine Hei- lung von dir akzeptieren.« »Weil du mich verachtest«, sagte Gäa und wandte ge- langweilt den Blick ab. »Du sagtest es bereits. Zugegeben, du kannst den Titaniden nicht wehtun, aber wie sieht es mit den Menschen aus, die hier leben? Wer wird auf sie achtge- ben?« »Ich werde nicht in ihrer Nähe leben. Abgesehen davon, habe ich mich selbständig gebessert. Seit ich nach Titanstadt zurückgekehrt bin, sind meine Anfälle gleichförmiger ge- worden und nicht mehr annähernd so gewalttätig. Hör zu, ich… ich gebe es zu. Ich bin nicht zu stolz, um etwas von dir anzunehmen. Ich hätte das nicht behaupten sollen. Ich hatte mir überlegt, daß ich, wenn du mir eine Heilung an- bietest, vorschlagen möchte, daß du statt dessen etwas anderes machst. Ich meine, du hast gesagt, ich würde die Heilung verdienen, ob ich es nun selbst glaubte oder nicht. Ich dachte, du könntest die Vorstellung in Erwägung zie- hen, daß du mir etwas schuldest.« Gäa lächelte jetzt, und Robins Gesicht brannte vor Mitgefühl wegen dem, was ihres Wissens nach eine Demütigung für Chris sein mußte. »Wir hatten einen mündlichen Vertrag«, sagte Gäa. »Ei- nen recht spezifischen. Ich gebe zu, daß ich alle Vorteile hatte und die Bedingungen diktierte und daß letztere nicht veränderlich waren, aber schließlich betreibe ich diese Welt, vergiß das nicht. Aber ich sterbe fast vor Neugier auf das, worin ich deiner Meinung nach einwilligen soll.« Sie nahm eine übertriebene Lauschhaltung ein und blinzelte ihn meh-, rere Male an. »Du hast es für Cirocco und für Gaby getan«, sagte er ru- hig und ohne sie anzusehen. »Wenn du darauf wartest, daß ich bitte, dann wartest du vergeblich.« »Überhaupt nicht«, sagte Gäa. »Ich wußte, du würdest es nicht tun – ich habe eine gewisse Vorstellung davon, was es dich nach deiner hochtrabenden Prosa jetzt kosten muß –, und ich wäre entsetzt gewesen, hättest du es getan. Selbst über einen Menschen habe ich mich noch nie dermaßen ge- irrt. Ich warte einfach darauf, daß du es aussprichst. Sei spezifisch. Was willst du?« »Die Fähigkeit zu singen.« Gäas Gelächter hallte in der leeren Dunkelheit der Nabe wider. Es wollte kein Ende mehr nehmen. Gleich darauf lachten auch alle Stammgäste ihres himmlischen Filmfesti- vals, nach dem wohlbekannten Prinzip, daß auch komisch ist, was der Boß für komisch hält. Robin beobachtete Chris und glaubte, er würde mit Sicherheit diese obszöne, kleine, kartoffelgesichtige Pustel anfallen, aber irgendwie schaffte er es, sich zurückzuhalten. Allmählich erstarb das Gelächter wieder, zuerst das Gäas, dann das aller anderen. Sie legte den Kopf schief und schien darüber nachzuden- ken. »Nein. Nein zu beiden Bitten. Ich werde deine Heilung nicht rückgängig machen, und ich werde dich nicht lehren zu singen. Du hättest das Kleingedruckte lesen und deine eigenen Wünsche kennen müssen, bevor du herkamst. Ich setze den Buchstaben des Vertrages durch. Das mag hart erscheinen, aber du wirst herausfinden, daß die Dinge nicht so schlecht aussehen, wie du denkst. Als ich dich heil- te, erfolgte eine Vermischung deiner unterschiedlichen Per-, sönlichkeiten. Du wirst feststellen, daß du jetzt einen leich- teren Zugang zu den gewalttätigen Neigungen hast, die deine kleine Titanidenhure so scharfgemacht haben. Kom- biniert mit einem geschickteren Gebrauch deines Penis’ sollte das reichen, das Tier zahm und treu zu halten für zumindest…« In diesem Augenblick war Chris über ihr. Robin machte Anstalten, ihm zu helfen, mußte sich aber mit den Schwär- men von Gäas Gästen auseinandersetzen, die – obwohl sie nicht die stärkste Versammlung von tapferen Herzen wa- ren, die Robin je gesehen hatte – alle gleichermaßen danach eiferten, in Gäas Augen zu glänzen, wenn es sie nicht mehr kostete als eine gebrochene Nase. Robin ließ mehrere von ihnen ausscheiden. Nicht viele davon würden schon in Kürze wieder auf den Beinen sein, aber über kurz oder lang wurde sie von den anderen überwältigt und auf den Boden gedrückt. Sie sah, daß auch Chris am Boden lag und Gäa zu ihrem Sessel zurückgeführt wurde. »Laßt sie wieder aufstehen!« sagte sie, als sie wieder saß. Blut tropfte ihr aus dem Mund, aber sie grinste trotzdem, vielleicht aber auch deswegen; das konnte Robin nicht ent- scheiden. Sie stand auf und stellte sich neben Chris. Sie hatte sich an der Hand geschnitten und hob sie an den Mund, um daran zu saugen. »Siehst du, was ich meine?« fragte Gäa, als sei nichts ge- schehen. »Der Mann, der vor so langer Zeit hierher kam, hätte das nicht gemacht. Und es gefällt mir, obwohl du wirklich zu weit gegangen bist, weißt du. Aber ich werde ein Abkommen mit dir treffen. Ich glaube nicht, daß du lange in mir bleiben wirst. Ich weiß von diesen Dingen mehr als du. Ich weiß etwas von titanidischer Liebe und wie sie, sich von der menschlichen unterscheidet. Deine Freundin wird bald anfangen, ihre hübschen Beine für andere zu spreizen… Bitte, es ist nicht nötig, das noch einmal durch- zuspielen!« Sie wartete, bis er wieder ruhiger zu sein schien. »Deine Reaktion geht in Richtung eines Beweises für das, was ich sagte. Ich will nicht leugnen, daß sie dich liebt, aber sie wird auch andere lieben. Du wirst nicht gut damit zu- rechtkommen und in großer Bitterkeit abreisen.« »Willst du darauf wetten?« »So lautet das Abkommen. Komm zurück in… oh, sagen wir, fünf Myriarevs. Nein, ich will großzügig sein: nehmen wir vier. Das sind etwa viereinhalb Jahre. Wenn du dann immer noch willst, daß deine Heilung rückgängig gemacht wird, und wenn du dann immer noch singen willst, werde ich beides für dich tun. Haben wir ein Abkommen?« »Das haben wir. Ich werde zurückkommen.« Robin erfuhr nie genau, ob er noch mehr sagte. Es war schließlich bis in ihren bewußten Verstand durchgedrun- gen, an welchem Teil der Hand sie saugte. Sie sah hin, starrte in wachsendem Entsetzen, kreischte und sprang. Ein weiteresmal taumelte Gäa aus ihrem Sessel, und Robins Er- innerungen an das, was danach geschah, verschwammen bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich auf dem Boden sit- zend und mit einem Schmerz im kleinen Finger wiederfand, dem einen, der nicht hätte vorhanden sein sollen. Sie biß darauf, und Chris versuchte, ihn ihr wieder aus dem Mund zu ziehen. Er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Sie ließ ohnehin los und betrachtete stumm die Zah- nabdrücke. »Ich schaffe es nicht«, sagte sie. »Du konntest es nie«, erinnerte Gäa sie. »Du hattest ihn, mit einem Messer abgeschnitten; fällt es dir wieder ein? Die Geschichte mit dem Abbeißen waren reine PR. Darin warst du damals gut; um dein Image zu steigern, hättest du es fertiggebracht, dir selbst den Bauch aufzuschlitzen. Ich fürchte, du warst ein widerwärtiges Biest, das nur eine Mut- ter lieben konnte.« Sie schnaufte leicht. »Wie auch jetzt wieder. Kinder, das muß wirklich aufhören. Zweimal an ei- nem Tag? Muß ich tätliche Beleidigung erdulden? Welcher Gott würde das hinnehmen, frage ich euch?« Robin kümmerte sich nicht mehr um das, was Gäa sagte. Die traurige Tatsache, die eine, der sie jetzt ins Gesicht se- hen mußte, wie schon so vielen anderen, war die, daß Gäa zumindest teilweise recht hatte. Sie war nicht länger Robin die Neunfingrige. »Macht euch nicht die Mühe, Auf Wieder- sehen zu sagen«, meinte Gäa. »Verschwindet einfach!« Chris half Robin auf, und den ganzen Weg zurück zum Aufzug – der, wie sie wußte, sie vielleicht durch die Rhea- Speiche fallen ließ – fragte sie sich, ob die Tätowierung auf ihrem Bauch noch intakt war, und sie wußte, daß sie so lange wie möglich nicht hinschauen würde. Die Schlacht der Stürme Cirocco saß auf einem flachen Stück zutage tretenden Ge- steins oberhalb des Ortes der Stürme, dem letzten westli-, chen Ausläufer der tafelbergähnlichen Formation, die das als ›Ciroccos Treppe‹ bekannte Kabel so sehr einer Hand gleichen ließ, die den Boden Osthyperions im Griff hielt. Un- ter ihr breiteten sich die Strangfinger über den Boden aus, verknotete Knöchel, die von Jahrmillionen unaufhörlicher Stürme glattgescheuert worden waren. An den Stellen für die Fingerzwischenhäutchen gähnten zwischen den Strän- gen elliptische Abgründe, die die Luft verschlangen und in zwischenräumliche Leitungen innerhalb des Kabels fütter- ten, damit sie in die ferne Nabe gepumpt und anschließend wieder durch die Speichen fallen konnte im großen Zyklus der Anreicherung, der die Essenz von Gäas Leben war. Der Boden war öde, und doch lag das größere Leben darunter und ringsherum und durchdrang ihn in so mancher Weise bis zum letzten Molekül, und es ließ Ciroccos Knochen vib- rieren. Gäa war so gottähnlich und furchteinflößend groß, und es war so leicht zu verzweifeln. Möglicherweise hatte es in Gäas ganzer Geschichte nur einen gegeben, der es gewagt hatte, ihr zu trotzen. Cirocco, ihr Magier, hatte vorgegeben, es zu tun, hatte sich Allüren angemaßt, als könne sie wirklich mit Gäa von gleich zu gleich sprechen, aber nur Gäa selbst wußte, wie leer das gewesen war. Nur Gäa selbst vermochte die abscheuliche Liste ihrer eigenen Verbrechen durchzuzählen. Zuerst war es für sie nötig gewesen, ziemlich dicht bei ihrem Magier auf den Boden zu stampfen, um ihn angemessen gefügig zu machen. Mit der Zeit mußte sie nicht einmal mehr den Fuß heben; Cirocco wand sich darunter wie ein Wurm und emp- fand jeden Druck als das einzig Richtige und Gute. Jetzt war offenkundig, daß diese Vorgehensweise klug, gewesen war. Die einzige, die es gewagt hatte, trotzig zu bleiben, war tot, und ihre Leiche vom zürnenden Boden verzehrt, der Gäas Körper war. Welch mächtiger Denkzet- tel. Ohne jeden Zweifel war Gaby ein Dummkopf gewesen. Ihre Rebellion, so mitleiderregend klein und ohne die ge- ringste Chance, war mit ihrem Leben vergangen. Kaum hatte sie die ersten Schritte getan, als auch schon Gäas ganze Macht über sie gekommen war. Gäa hatte Gaby mit etwa so viel Anteilnahme umgebracht, wie ein schlafender Elefant sie aufbrächte, der sich über einen Floh wälzt. Seit Stunden hatte sich Cirocco nicht bewegt, aber auf ei- nen Ruf hinter ihr wandte sie den Kopf und stand dann auf. Der Engel war nur ein geflügelter Klecks, wurde aber rasch größer. Seine bunten Flügel schlugen geschickt in den tücki- schen Winden. Nicht weit dahinter kamen fünf weitere En- gel. »Sie sind zurück in Titanstadt«, sagte er. Ciroccos Schul- tern entspannten sich etwas. Sie hatten darauf bestanden zu gehen. Offensichtlich waren sie zu klein für Gäas Zorn. Der Engel betrachtete Cirocco mit verengten Augen. »Bist du sicher, daß du das tun willst?« fragte er. »Ich bin mir niemals einer Sache gewiß. Laß uns gehen!« Sie ging mit ihnen an den Rand des Vorsprungs. Unter ihr befand sich die als Großer Heuler bekannte Öffnung, auch Beingabelung Gäas genannt, weil der riesige senk- rechte Schlitz zwischen den beiden steinigen Schenkeln einer Vagina ähnelte. Sie sang fortwährend in einem trau- ernden Baß. Die Engel traten hinter sie. Einer an jeder Seite packte mit drahtigen Händen ihren Arm. Die anderen vier sollten auf dem gefährlichen Flug in totaler Finsternis für Ablösung, sorgen. Cirocco trat über die Kante hinaus, und der Sturm packte sie wie ein Blatt. Sie flog in das Kabel und schoß auf die Nabe zu. Die dünne rote Linie Cirocco nannte es die Verrückte Teeparty und wußte dabei, daß der Name nicht ganz paßte; es war nur so, daß sie sich eine Zeitlang wie Alice gefühlt hatte. Das Gefolge der Ver- zweiflung, das Gäa umgab, hätte eher auf Becketts existen- tialistische Bühne gehört als in Carrolls Wunderland. Und doch wäre sie nicht überrascht gewesen, hätte ihr jemand eine halbe Tasse Tee angeboten. Die Menge war ungemein empfindsam für Gäas Stim- mung. Cirocco hatte sie noch nie nervöser gesehen als jetzt bei ihrer Annäherung, und noch nie so plötzlich wachsam, als Gäa sie endlich erspähte. »Nun, nun«, rief Gäa dröhnend. »Wenn das nicht Käptn Jones ist. Welcher Sache verdanken wir die Ehre dieses spontanen und nicht angekündigten Besuches? Du da, wie du auch heißt, bring ein großes Glas mit etwas Kaltem für meinen Magier. Egal, was drin ist, solange es kein Wasser enthält. Nimm den Sessel dort drüben, Cirocco! Kann ich dir sonst noch etwas besorgen? Nein? Gut.« Im Moment, schien ihr nichts mehr einzufallen, was sie noch sagen konnte. Also saß Gäa nur dort in ihrem riesigen Sessel und murmelte vor sich hin, bis Cirocco ein Glas gereicht wurde. Cirocco sah es sich an, als habe sie noch nie dergleichen erblickt. »Vielleicht bevorzugst du die Flasche«, schlug Gäa vor. Ci- roccos Augen hoben sich, um denen Gäas zu begegnen. Sie blickte wieder zum Glas zurück, drehte es um und be- schrieb damit einen langsamen Kreis, bis sich eine Kugel aus Flüssigkeit gebildet hatte, die langsam zu Boden sank. Dann warf sie das Glas in die Luft, und es war noch im Steigen begriffen, als es den Lichtkreis verließ. Die Kugel wurde flach und begann im Teppich zu versickern. »Ist das die Methode, mir mitzuteilen, daß du auf dem Wagen bist?« fragte Gäa. »Wie wäre es mit einem Shirley Temple? Ich habe gerade von einem Bewunderer auf der Erde den hübschesten Mixer erhalten. Er besteht aus Kera- mik und ist genauso geformt wie Amerikas Herzchen, und ich darf wohl sagen, daß er einen Haufen Geld wert ist. Man kann damit Martinis machen, indem man ihn bis zum Kinn mit Gin auffüllt und dann Vermouth bis zum…« »Halt den Mund!« Gäa legte den Kopf ein wenig schief, dachte darüber nach und tat dann wie geheißen. Sie faltete die Hände auf dem Bauch und wartete. »Ich bin hier, um meinen Rücktritt einzureichen.« »Ich habe nicht darum gebeten.« »Du bekommst ihn trotzdem. Ich wünsche nicht länger, dein Magier zu sein.« »Du wünschst es nicht länger.« Gäa schnalzte bekümmert mit der Zunge. »Du weißt, daß es nicht so einfach ist. Wie, dem auch sei, irgendwie gibt es da einen Zufall. Während der letzten Jahre habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich deine Beschäftigung beenden sollte. Damit würden natürlich auch die Sozialleistungen gestrichen, und es käme somit einem Todesurteil gleich, also habe ich nicht vor- schnell gehandelt. Tatsache ist jedoch, wenn du dich noch an die Eigenschaft erinnerst, die ich bei deiner Einstellung erwähnte, daß du den Anforderungen des Amtes nun schon seit einiger Zeit nicht mehr gerecht wirst.« »Das will ich nicht einmal bestreiten. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß ich mit diesem Job fertig bin, wirksam unmittelbar nach dem nächsten Hyperion-Karneval. Bis da- hin werde ich alle anderen Titanidenländer besuchen, um…« »›Wirksam unmittelbar nach…‹«, platzte Gäa mit geheu- chelter Überraschung dazwischen. »Soll man sich das anhö- ren? Wer hätte für möglich gehalten, daß ein einziger Tag soviel Unverschämtheit mit sich bringen könnte?« Sie lachte und wurde dabei augenblicklich beflissen von einigen ihrer Speichellecker begleitet. Cirocco sah einen der Hofschranzen an und ließ ihn nicht mehr aus den Augen, bis er es für ge- raten hielt, aus ihrem Blickfeld zu verschwinden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war alles wieder ruhig, und Gäa winkte ihr zu, fortzufahren. »Es gibt nur noch wenig hinzuzufügen. Ich habe einen Karneval versprochen, an den sich die Leute erinnern wer- den, und ich werde ihn veranstalten. Aber darüber hinaus verlange ich von dir, den Titaniden eine andere Möglichkeit der Fortpflanzung zu bieten, eine Möglichkeit, die meiner Zu- stimmung bedarf, und obendrein mit einer zehnjährigen Probezeit, während der ich die neue Methode beobachten, und irgendwelche Tricks ausmerzen werde.« »Du stellst Forderungen«, meinte Gäa und schürzte die Lippen. »Das eine will ich dir sagen, Cirocco, du scheuchst mich in dieser Sache ganz schön herum. Offen gesagt habe ich nie daran gedacht, du würdest jemals den Mumm aufbie- ten, dich hier oben blickenzulassen, nach dem, was ich kürz- lich erfahren habe. Daß du trotzdem hier bist, spricht sehr für dich. Es demonstriert die Eigenschaften, die mich ur- sprünglich veranlaßt hatten, dich zu meinem Magier zu ma- chen. Wenn du dich erinnerst, gehörten dazu Mut, Ent- schlossenheit, ein Hang zum Abenteuer und die Fähigkeit zum Heldentum: Eigenschaften, an denen es dir letztlich auf traurige Weise mangelte. Ich wollte gar nicht von meiner kürzlichen Unschlüssigkeit sprechen. Aber jetzt fügst du noch diese dummen Forderungen hinzu, und ich frage mich, ob du den Verstand verloren hast.« »Ich habe ihn wiedergefunden.« Gäa runzelte die Stirn. »Laß uns die Sache mal heraus- bringen, ja? Wir wissen beide, worüber wir hier miteinander reden, und ich gebe zu, überstürzt gehandelt zu haben. Ich gestehe, daß ich überreagiert habe. Aber sie war auch dumm. Es war unklug von ihr, daß sie diese Kinder als Medi- um für ihre Botschaft benutzt hat; ohne Zweifel konnte sie in ihrem Zustand nicht an alles denken. Aber die Tatsache bleibt, daß Ga…« »Sprich ihren Namen nicht aus!« Cirocco hatte die Stimme nur leicht gehoben, aber Gäa wurde abrupt unterbrochen, und die ersten Reihen ihres Publikums wichen unwillkürlich zurück. »Sprich mir gegenüber nie wieder ihren Namen aus!« Gäa war allem Anschein nach ehrlich überrascht., »Ihren Namen? Was hat ihr Name damit zu tun? Sofern du nicht selbst den Geschichten von deiner eigenen Magie auf den Leim gegangen bist, sehe ich den Sinn nicht. Ein Name ist nur ein Laut; er hat keine Macht über irgend et- was.« »Ich will ihren Namen nicht von deinen Lippen hören!« Zum erstenmal sah Gäa böse aus. »Ich lasse mir viel gefallen«, sagte sie. »Ich erlaube dir und anderen Frechheiten, die kein Gott jemals erdulden würde, weil ich keinen Sinn darin sehe, tagein und tagaus zu töten. Aber du stellst meine Geduld wirklich auf die Probe. Ich will nur bis hierher gehen, und das solltest du als Warnung auf- fassen.« »Du läßt es dir gefallen, weil es dir gefällt«, meinte Cirocco ungerührt. »Das Leben ist ein Spiel für dich, und du be- herrschst die Figuren. Je besser die Show, die sie dir bieten, desto größeren Gefallen hast du. Du hast hier all diese Leu- te, damit sie dir jedesmal den Arsch lecken, wenn du es von ihnen forderst. Und ich werde dich beleidigen, wie es mir paßt!« »Auch das würden sie«, sagte Gäa und lächelte wieder. »Und du hast natürlich recht. Wieder einmal lieferst du den Beweis dafür, daß du mir eine bessere Show zu bieten ver- stehst als irgend jemand sonst hier, wenn du es nur ver- suchst.« Sie wartete, glaubte offensichtlich, daß Cirocco weiterreden würde. Cirocco sagte nichts. Sie legte den Kopf an die Sessellehne und sah hinauf zu der fernen, geomet- risch geraden und rasiermesserdünnen Linie aus rotem Licht über ihr. Es war das erste, was sie bei ihrer ersten An- kunft in der Nabe vor so langer Zeit gesehen hatte. Sie und Gaby hatten Seite an Seite gestanden und sich gefragt,, worum es sich bei dieser Linie handelte, aber sie hatte sich so weit über ihnen befunden, daß das Spekulieren wenig Sinn zu machen schien. Nie hätten sie sie erreichen können. Aber selbst damals hatte Cirocco das Gefühl gehabt, daß sie wichtig war. Es war nur ein Gefühl, aber sie vertraute ih- ren Gefühlen. Irgendein vitaler Teil von Gäa lebte dort oben an der unzugänglichsten Stelle einer Welt voller einschüch- ternder Anblicke. Es waren mindestens zwanzig Kilometer von dem Punkt aus, wo sie jetzt saß. »Ich würde meinen, daß du auf die Antworten auf deine Bitten neugierig bist«, sagte Gäa schließlich. Cirocco beugte sich vor und schaute sie wieder an. Ihr Gesicht zeigte kei- nerlei Emotion, was schon seit ihrer Ankunft so gewesen war. »Ich könnte nicht weniger daran interessiert sein. Ich habe dir gesagt, was ich unternehmen würde, und dir dann erzählt, was du tun wirst. Weiter ist nichts zu sagen.« »Das bezweifle ich.« Gäa betrachtete sie mit verengten Augen. »Denn das ist absolut unmöglich. Du mußt das wis- sen, und du mußt irgendeine Drohung in der Hinterhand haben, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was das wohl sein mag.« Cirocco schaute sie einfach an. »Du kannst dir doch wohl nicht einbilden, ich würde dir leutselig deine… nun ja, deinen Forderungen nachkom- men, wenn es dir so lieber ist. Forderung oder Bitte, das spielt kaum eine Rolle, wenn die Antwort nein lautet. Dann mußt du mir erzählen, was du tun willst.« »Die Antwort lautet nein?« »Das tut sie.« »Dann muß ich dich töten.«, Kein Ton war in der ungeheuren Ausdehnung der Nabe zu hören. Mehrere hundert Menschen standen lose grup- piert hinter Gäas Sessel und hingen an jedem Wort. Sie alle waren furchtsame Leute, oder sie wären nicht hier gewesen, und sicherlich fragten sich die meisten von ihnen nur, wie Gäa sich dieser Frau entledigen würde. Aber einige betrach- teten Cirocco und begannen sich zu fragen, ob sie ihre Loya- lität der richtigen Person schenkten. »Du hast wirklich deinen Verstand verloren. Du hast we- der Plutonium noch Uran noch eine Möglichkeit, eins von beiden zu bekommen. Ich bezweifle, daß du eine Waffe bas- teln könntest, selbst wenn du etwas von dem Zeug be- kämst. Wenn du eine nukleare Waffe herbeizaubern könn- test mit der Magie, die du anscheinend zu besitzen glaubst, würdest du sie nicht benutzen, denn sie würde auch die Ti- taniden vernichten, für die du eine solche Zuneigung emp- findest.« Sie seufzte wieder und drehte sorglos eine Hand um. »Nie habe ich behauptet, unsterblich zu sein. Ich weiß, wieviel Zeit mir noch bleibt. Ich bin nicht unzerstörbar. A- tombomben könnten, sofern in großen Mengen und mit Be- rechnung plaziert, meinen Körper zersprengen oder zumin- dest unbewohnbar machen. Abgesehen davon ist mir nichts bekannt, das mir ernsten Schaden zufügen könnte. Also wie gedenkst du mich zu töten?« »Mit meinen bloßen Händen, wenn nötig.« »Oder beim Versuch sterben.« »Wenn es dazu kommt.« »Genau.« Gäa schloß die Augen und bewegte ge- räuschlos die Lippen. Schließlich blickte sie wieder auf Ciroc- co. »Das hätte ich erwarten sollen, daß du es weniger, schmerzlich findest, dein Leben wegzuwerfen, als mit dem zu leben, was geschehen ist. Es ist mein Fehler, das gebe ich zu, aber ich möchte dich nicht verschwendet sehen. Du bist diese ganze Gruppe wert und noch mehr.« »Ich bin nichts wert, sofern ich nicht tue, was ich tun muß.« »Cirocco, ich entschuldige mich für das, was ich tat. Warte, warte, laß mich ausreden! Gib mir diese Chance! Ich glaub- te, meine Tat verbergen zu können, und habe mich geirrt. Du wirst nicht leugnen, daß sie meinen Sturz plante und daß du ihr dabei geholfen hast…« »Ich bedaure nichts außer der Tatsache, daß ich zu lange gezögert habe.« »Sicher, das ist verständlich. Ich kenne die Tiefe deiner Bitterkeit und deines Hasses. Es ist alles so unnötig, denn das, was ich tat, geschah mehr aus Stolz als aus Furcht; du kannst nicht glauben, ich hätte mir ernste Sorgen gemacht, daß ihre lächerlichen Anstrengungen…« »Achte auf das, was du über sie sagst! Ich werde dich nicht noch einmal warnen!« »Es tut mir leid. Aber die Tatsache bleibt, daß nichts, was ihr, sie oder du, tun konntet, mir irgendeine Sorge bereitet hätte. Ich habe sie für die Anmaßung vernichtet, das für möglich gehalten zu haben, und ich habe mich dadurch selbst um deine Treue gebracht. Ich halte das für einen schweren Preis. Ich möchte dich zurückgewinnen, fürchte aber, daß ich es nicht kann, und möchte doch, daß du bleibst, und sei es aus keinem anderen Grund, als dieser Welt eine gewisse Klasse zu geben.« »Die braucht sie auch, aber ich kann sie ihr nicht geben, selbst wenn ich welche hätte.«, »Du unterschätzt dich selbst. Was du verlangt hast, ist unmöglich. Du bist nicht der erste Magier, den ich in mei- nen drei Millionen Jahren ernannt habe. Es gibt nur einen Weg, um aus dem Job auszuscheiden, und zwar den mit den Füßen voraus. Niemand hat ihn überlebt, und niemand wird das jemals tun. Aber es gibt etwas, das ich tun kann. Ich kann sie zurückbringen.« Cirocco stützte den Kopf in die Hände und sagte für lange Zeit nichts. Schließlich regte sie sich, steckte beide Arme un- ter ihre formlose Decke und umklammerte sich selbst, wiegte sich langsam vor und zurück. »Das ist das einzige, wovor ich Angst hatte«, sagte sie zu niemandem. »Ich kann sie wiedererschaffen, genauso wie sie war«, fuhr Gäa fort. »Du weißt, daß ich über Gewebeproben von euch beiden verfüge. Bei eurer anfänglichen Untersuchung und jedesmal bei euren Unsterblichkeitsbehandlungen habe ich euer Gedächtnis angezapft. Ihres ist ziemlich auf dem heu- tigen Stand. Ich kann ihren Körper wieder erstehen lassen und mit ihrem Wesen füllen. Sie wird sie selbst sein, das schwöre ich; man wird unmöglich einen Unterschied erken- nen können. Das werde ich auch mit dir machen, wenn es trotz allem nötig sein sollte, dich zu töten. Ich kann sie dir zurückgeben, mit nur einer einzigen Änderung, und die be- steht darin, daß sie nicht mehr den Drang verspüren wird, mich zu vernichten. Nur das und sonst nichts.« Sie wartete, und Cirocco sagte nichts., »Nun gut«, sagte Gäa und winkte ungeduldig mit der Hand. »Ich werde nicht einmal das ändern. Sie wird in jeder Beziehung sie selbst sein. Mehr kann ich kaum tun.« Cirocco hatte auf einen Punkt unmittelbar über Gäas Kopf geblickt. Jetzt senkte sie die Augen und rutschte in ihrem Sessel. »Das ist das einzige, wovor ich Angst hatte«, wiederholte sie. »Ich habe sogar daran gedacht, überhaupt nicht herzu- kommen, damit ich nicht von diesem Angebot in Versu- chung geführt werde. Denn es ist eine Versuchung. Es wäre eine so hübsche Methode, mich über so viele Dinge besser zu fühlen und eine Entschuldigung für das Weiterleben zu finden. Aber dann habe ich mich gefragt, was Gaby davon gehalten hätte, und wußte genau, was für eine stinkende, korrupte, widerliche Teufelei es sein würde. Sie wäre ent- setzt gewesen von dem Gedanken, von einer kleinen Ga- by-Puppe überlebt zu werden, die du aus deinem eigenen verrottenden Fleisch geschneidert hast. Sie hätte gewollt, daß ich sie auf der Stelle töte. Und wenn ich noch etwas mehr darüber nachdenke, dann weiß ich, daß ich jedesmal, wenn ich diese Puppe sähe, ein weiteres Stück meiner Ein- geweide essen würde, bis nichts mehr da wäre.« Sie seufzte, sah auf und senkte den Blick dann wieder zu Gäa. »Ist das dein letztes Angebot?« fragte sie. »Das ist es. Mach keine…« Es war unmöglich, die Explosionen auseinanderzuhalten. Fünf dicht beieinander liegende Löcher tauchten vorne in Ciroccos Serape auf, und ihr schwerer Sessel rutschte zwei Meter weit zurück, bis sie mit dem Schießen fertig war. Aus Gäas Hinterkopf spritzte Blut hervor. Zumindest drei der, Kugeln waren etwa auf Brusthöhe in ihren Körper einge- drungen. Sie wurde nach hinten geschleudert und rollte ungebremst dreißig Meter weit, bevor sie liegenblieb. Cirocco stand auf, ohne sich um den Tumult zu küm- mern, und ging zu ihr. Sie brachte Robins automatischen 45er Colt unter ihrem Serape zum Vorschein, zielte ihn auf Gäas Kopf und drückte die letzten drei Schüsse ab. Es folgte Totenstille. Mit schnellen Bewegungen holte sie einen Me- tallkanister hervor, öffnete ihn und goß eine klare Flüssig- keit über die Leiche. Sie ließ ein Streichholz fallen und trat zurück, als die Flammen in die Luft schossen und anfingen, über den Teppich zu kriechen. »Soweit die Gesten«, sagte sie und wandte sich dann der Menge zu. Sie wies mit dem Colt zur nächsten Kathedrale. »Eure einzige Chance ist, zur Speiche zu rennen«, erklärte sie ihnen. »Wenn ihr den Rand erreicht, springt. Engel werden euch auffangen und sicher in Hyperion landen.« Nachdem sie das gesagt hatte, vergaß sie die Leute völlig. Es war eine Fra- ge ohne jede Bedeutung für sie, ob sie lebten oder starben. Sie atmete heftig, als sie das leere Magazin herausnahm und ein geladenes aus ihrer versteckten Tasche holte. Sie ließ es einschnappen, zog den Schieber zurück und ließ ihn wieder nach vorn schnalzen. Dann entfernte sie sich vom um sich greifenden Feuer. Als sie weit genug entfernt war, um klar sehen zu können, setzte sie die Füße weit auseinander und hob den Colt über den Kopf. Fast senkrecht nach oben zielend, feuerte sie auf die dünne rote Linie. Sie plazierte die Schüsse, ließ sich Zeit und hörte nicht auf zu schießen, bis das Magazin leer war. Sie holte ein weiteres hervor und ließ es einschnappen., Donner und Blitz Es war nach der Hälfte ihres vierten Magazins, als das Ge- fühl ihr Sorgen zu machen begann. Zuerst konnte sie nicht den Finger darauflegen. Sie schüttelte den Kopf, zielte und feuerte eine weitere Runde. Sie schluckte trocken. Es war recht gut möglich, daß die »Gesten« noch weitergingen; sie konnte es nicht wissen. Selbst wenn sie das Ding traf, so waren ihre Kugeln doch klein und wahrscheinlich harmlos. Trotzdem feuerte sie noch einen Schuß ab und wollte gera- de wieder schießen, als das Gefühl zurückkehrte, stärker als vorher. Etwas gab ihr den Rat davonzulaufen. Daß ihr dies in ihrer gegenwärtigen Situation als ein ungewöhnliches Gefühl vor- kommen sollte, hätte sie zu anderen Zeiten amüsiert, jetzt jedoch nicht. Sie schoß noch zweimal, und der Schieber ging über einer leeren Kammer auf. Sie holte den leeren La- destreifen heraus und ließ ihn neben sich fallen, wo er ge- räuschvoll zu Boden klapperte. Wieder schluckte sie. Das Gefühl kam zurück, stärker denn je. Unerklärliche Tränen traten Cirocco in die Augen und liefen ihr die Wan- gen herab. Verdammt, sie wartete auf den Tod, und es dauerte länger, als sie geglaubt hatte. Aber sie wußte, was sie jetzt fühlte, und die winzigen Härchen auf Armen und Rücken stellten sich auf. Aus wel-, chem Grund auch immer, sie war sich dessen gewiß, daß Gaby ihr den Rat gab, davonzulaufen. Das war irgendein Trick von Gäa. Sie machte ein paar un- sichere Schritte, und es fühlte sich gut an. Aber sie blieb stehen, und das Gefühl setzte erneut ein. Warum war sie zum Sterben entschlossen? Zu Anfang war das in ihrem Plan nicht vorgesehen gewesen, außer in dem Sinn, daß sie zum Sterben bereit gewesen war, wenn es sein mußte. Sie hatte bestimmte Dinge tun müssen, und sie hatte sie vollbracht, und sie hatte vorgehabt, danach zu fliehen. War dies der Trick? Ließ Gäa Gabys Stimme in ih- rem Geist ertönen, um sie zu verwirren, bis die Vergeltung ankommen konnte? Aber plötzlich vertraute sie der Stimme. Sie setzte sich auf die Kathedralen zu in Marsch. Die Luft schien zu zersplittern, als ein Blitz auf die Stelle niederfuhr, wo sie eben noch gestanden hatte. Sie rannte, und Gäas Zorn ergoß sich aus der ganzen Welt rings um sie. Die rote Linie in der Höhe leuchtete heller denn je zuvor. Spring! Sie gehorchte und schnitt scharf nach links, und wieder krachte ein Blitz dorthin, wo sie eben noch gewesen war. In der vernachlässigbaren Schwerkraft der Nabe war es möglich, eine furchterregende Geschwindigkeit zu errei- chen, aber sie baute sich nur langsam auf. Die Füße fanden auf dem Boden nicht genug Halt, um schnell zu beschleuni- gen. Sie hatte mit kurzen, stoßweisen Schritten begonnen und sie dann allmählich verlängert, bis ihre Füße den Boden in vielen Metern Abstand berührten. Und die einmal er- reichte Geschwindigkeit blieb erhalten. Sie schoß dahin und berührte nur selten den Boden, während die Blitze hinter ihr, niedersausten. Am schwierigsten war es, die Richtung zu wechseln. Als sie entschied, nach rechts steuern zu müssen, war es schwer, den Drang in die Tat umzusetzen, aber sie schaffte es und konnte diesmal nicht feststellen, ob es etwas ge- nutzt hatte. Kein Blitz zuckte dorthin, wo sie gewesen war. Der Untergrund bebte. Manche Kathedralen, von mehre- ren Blitzen getroffen und jetzt von unten her angegriffen, zerfielen in Stücke. Steinerne Wasserspeier donnerten rings um Cirocco zu Boden, als sie einige der fliehenden Leute einholte. Turmspitzen schwankten langsam, barsten in Stücke, und gewaltige Steinblöcke begannen unerbittlich herabzuschweben. Obwohl sie vielleicht nur ein paar Kilo- gramm wogen, würde doch ihre Masse alles zerschmettern, auf das sie trafen. Zu spät, um noch umkehren zu können, fand sie sich auf direktem Wege zur nachgebauten Notre Dame. Sie hob beide Füße vom Boden und schwebte dar- über hin, bis sie einen halben Meter Höhe verloren hatte; dann stieß sie sich mit beiden Füßen ab und flog hoch in die Luft. Sie überquerte das spitze Dach, sank langsam wieder nach unten und stieß sich erneut ab. Unter ihr liefen die Überbleibsel der Verrückten Teeparty durcheinander wie ein aufgestöberter Ameisenhügel. Unmittelbar vor sich er- kannte sie den abfallenden Rand der Rhea- Speichenmündung. Sie würde den Grund nicht noch einmal berühren; ihr Impuls trug sie über das Nichts. Ein paar Leute hatten die Kante erreicht und standen dort, starrten in einen Abgrund hinab, in den sie niemals den Sprung wagen würden. Cirocco griff unter ihre Decke und holte eine kleine Flasche mit komprimierter Luft hervor. Sie wandte das Gesicht der, roten Linie zu, hielt ein Ende des Zylinders in ihren Bauch und drehte das Ventil am anderen Ende auf. Es zischte, und ein gleichmäßiger Druck drohte sie umzuwenden, aber sie hielt das Gleichgewicht. Schon bald konnte sie erkennen, daß sie an Geschwindigkeit gewann. Als die Flasche leer war, warf sie sie so heftig weg, wie es ging, legte dann die beiden verbliebenen Ladestreifen für die Automatic ab und warf sie ebenfalls weg, gefolgt vom gesamten Inhalt ihrer Taschen. Sie wollte schon den Colt selbst fortschleudern, zögerte aber. Robin hatte es verdient, ihn zurückzubekommen, wenn das möglich war. Also schlüpfte sie statt dessen aus der roten Decke, rollte sie so fest es ging zusammen und warf sie von sich. Jedes Gramm Reaktionsmasse zählte in ihrer Hast, schneller zu werden. Verdammt! Sie hätte die verbliebenen Kugeln abfeuern sol- len, anstatt sie wegzuwerfen. Vielleicht hätte sie das Serape dann retten können. Aber sie konnte nicht an alles denken, und abgesehen davon, als sie sich umdrehte, erkannte sie, daß es keine so große Rolle spielte, wie es der Fall hätte sein können. Das gesamte zylindrische Innere der Rhea-Speiche prasselte unter Millionen elektrischer Schlangen. Sie hatte gehofft, rasch außer Reichweite zu gelangen, aber jetzt mußte sie mit dieser Herausforderung fertigwerden. Unter sich erspähte sie die langsam kreisenden Gestalten ihrer En- gel-Eskorte, die dort wartete, wo sie es ihnen befohlen hatte. Während sie noch hinschaute, wurde einer von ihnen getrof- fen und schien in einem Federregen zu explodieren. Für einen Moment sah sie weg, verspürte Übelkeit. Als sie den Blick wieder hinwandte, sah sie, daß die übrigen fünf sich nicht ver- streut hatten, wie sie befürchtet hatte. Auf den ersten Blick hätte es so wirken können, als seien sie auf der Flucht, denn, sie konnte nur ihre Füße und die rasend schlagenden Flügel erkennen, aber sie begriff sofort, daß die Engel mit ihren un- vergleichlich besseren ballistischen Sinnen ein Problem aus- gemacht hatten, bevor es ihr aufgefallen war. Ein paar Se- kunden später schoß sie an ihnen vorbei und hatte Gelegen- heit, Erleichterung darüber zu verspüren, daß sie die verblie- benen Kugeln nicht abgefeuert hatte. Ihre Geschwindigkeit war bereits hoch genug, um sie in die Gefahr zu bringen, die Engel hinter sich zu lassen. Sie drehte sich um und fiel jetzt mit dem Rücken nach un- ten. Es hatte keinen Sinn, nach Blitzen Ausschau zu halten, wo sie doch nichts tun konnte, um ihnen auszuweichen. Sie breitete die Arme aus, um an Geschwindigkeit zu verlieren, und die Engel jagten ihren stürzenden Körper durch den fla- ckernden Tunnel. Ruhm und Erfolg Valiha hatte ihre Krücken gegen die titanidische Version ei- nes Rollstuhls vertauscht. Er besaß zwei gummibereifte Rä- der mit einem Radius von einem Meter, angebracht an ei- nem hölzernen Rahmenwerk, das ein wenig breiter war als ihr Körper. Dicke Stangen stützten ihren menschlichen Rumpf vorne und hinten ab, und an ihnen hing ein Segel- tuchbeutel mit Löchern für die Vorderbeine und mit Rie-, men, um die ganze Vorrichtung zu sichern. Chris hielt sie zuerst für absonderlich, vergaß das aber rasch, als er sah, wie praktisch sie war. Valiha würde sie nur noch für kurze Zeit benötigen; ihre Beine waren geheilt, aber die Titan- idenheiler huldigten bei Beinverletzungen besonderer Vor- sicht. Sie konnte mit dem Rollstuhl schneller gehen, als Chris laufen konnte. Das einzige Problem war das Fahren um E- cken, was langsam zu geschehen hatte. Und wie Rollstühle allerorts, so kam auch dieses Ding nur schlecht mit Stufen zurecht. Valiha betrachtete die breite Holztreppe, die aus dem grünen Baldachin am Rande des Titanstadtbaumes he- rabkam, verzog einen Mundwinkel und sagte: »Ich glaube, ich schaffe es hinauf.« »Und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du herunterpur- zelst«, meinte Chris. »Ich bin nur für eine Minute oben, um Robin zu holen. Schlange, wo ist denn der Picknickkorb?« Das Kind sah erst überrascht aus, dann verlegen. »Ich glaube, ich habe ihn vergessen.« »Dann lauf sofort nach Hause und hol ihn, und halt dich nirgendwo unterwegs auf!« »In Ordnung. Bis dann.« Schlange verschwand in einer Staubwolke. Chris ging die Treppe hinauf. Sie besaß einen rustikalen Anstrich, der zur Umgebung paßte: einen Satz Buchstaben, die aus Stöcken bestanden, die mit Schnüren zusammen- gebunden waren, ähnlich dem Eingang zu einem Pfadfin- derlager. Die Buchstaben lauteten ›Titanstadt Hotel‹. Chris stieg zum vierten Stockwerk hinauf und klopfte an die Tür von Zimmer Drei. Robin rief, daß sie offen sei, und er trat ein und fand sie damit beschäftigt, Kleidungsstücke in einen, Rucksack zu stopfen. »Bisher habe ich nie Zeugs angesammelt«, sagte sie und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Es war wieder ein heißer Tag in Hyperion. »Auch so eine Sache, die sich bei mir verändert zu haben scheint. Jetzt kann ich anscheinend nichts mehr wegwerfen. Warum setzt du dich nicht? Ich mache was für dich frei…« Sie fing an, Stapel von Hemden und Hosen aus überwiegend tita- nidischer Fertigung beiseitezuräumen. »Ich gestehe, daß ich überrascht bin, dies hier zu sehen«, meinte er und setzte sich. »Ich dachte, du würdest zumin- dest noch so lange hierbleiben, bis wir herausgefunden ha- ben, ob Cirocco es geschafft hat…« Robin warf ein häßliches Stück Metall neben ihm auf das Bett. Es war ihr Familienerbstück, der 45er Colt. »Das wurde mir vor ein paar Stunden gebracht«, sagte sie. »Hast du es denn noch nicht gehört? Ich dachte, die ganze Stadt summt vor Neuigkeiten. Die Zeichen vor ein paar Tagen wurden richtig gedeutet: es gab eine große Schlacht im Himmel, und Cirocco ist entkommen. Gäa ist alles andere als befriedigt, und ihre Späher sind überall. Der Karneval ist für immer abgeschafft, das Schicksal der Rasse besiegelt. Oder der Karneval findet noch statt, aber dann zu spät. Cirocco ist schwer verwundet. Sie liegt im Koma. Oder es geht ihr gut und sie hat Gäa verletzt. Das sind die Ge- rüchte, die ich gehört habe, und ich habe noch nicht einmal das Hotel verlassen.« Chris war überrascht, aber nicht darüber, daß er die Nach- richten nicht mitbekommen hatte. Er hatte den Tag mit Va- liha und Schlange zu Hause verbracht und war dann gera- dewegs zum Hotel gekommen, als das Picknick eingepackt, gewesen war. Sie hatte über die Unruhe vor mehreren De- karevs gesprochen, als das Ort-der-Stürme-Kabel langsam geschwankt hatte und der Lärm fortwährenden Donners aus Rhea zu vernehmen gewesen war. »Was weißt du mit Sicherheit?« Robin streckte die Hand aus und tätschelte den Colt. »Das. Er ist wieder da, also hat Cirocco es wieder bis in den Torus geschafft. Ich hoffe, sie hat guten Nutzen aus dem Ding gezogen. Was danach mit ihr geschah, kann ich nicht einmal vermuten.« »Vielleicht wagt sie nicht, sich hier blicken zu lassen«, meinte Chris. »Es gibt ein Gerücht in dieser Richtung. Ich hatte ge- hofft… oh, daß sie kommen und mir die Waffe selbst geben würde, damit ich die Chance habe, ihr… na ja, als sie ging, hatte ich mich noch nicht richtig bei ihr bedankt. Jetzt werde ich es vielleicht nie können. Dafür, daß sie Trini geschickt hat, um auf mich zu warten.« »Ich bezweifle, daß dir die richtigen Worte einfallen wür- den. Mir sind sie es nicht.« »Wahrscheinlich hast du recht.« »Und das letztemal, als ich sie sah, hat sie sich ständig da- für entschuldigt, mich in solche Schwierigkeiten gebracht zu haben.« »Bei mir auch. Ich glaube, sie rechnete damit, zu sterben. Aber wie könnte ich ihr eine Schuld geben? Sie konnte un- möglich wissen, was… geschehen…« Sie legte eine Hand auf den Bauch und sah für einen kurzen Moment unsicher aus. »Vorsicht«, riet ihr Chris. »Aber mit dir sollte ich doch darüber reden können, oder nicht?«, »War dir übel?« »Ich weiß es eigentlich nicht. Ich glaube, ich hatte Angst, ich würde mich übel fühlen. Es wird nicht leicht sein, damit zu leben.« Chris wußte, was sie meinte, war jedoch der Meinung, daß sie in wenigen Monaten Gäas Abschiedsstreich kaum mehr wahrnehmen würden. Er hatte ein Rätsel gelöst, aber das Wesen der Lösung hin- derte sie auch daran, irgend jemandem davon zu erzählen. Sie hatten es beide für merkwürdig gehalten – als sie erst einmal Zeit gehabt hatten, darüber nachzudenken –, daß bei all der Erforschung Gäas und den Erfahrungen der Pilger, die sie einer Heilung wegen aufsuchten, kein Buch den Gro- ßen Sturz erwähnt hatte. Der Grund dafür war einfach. Gäa ließ niemanden davon erzählen. Sie konnten auch nichts über ihre individuellen Aufgaben erzählen oder die Aufgaben ande- rer; in der Tat konnten sie nicht einmal erwähnen, daß Gäa- Pilger überhaupt etwas für ihre Heilung tun mußten. Chris war sicher, daß es das bestgehütete Geheimnis des Jahrhunderts war. Wie die mehreren tausend anderen, die es teilten, war er nicht überrascht darüber, daß niemand es ausgeplaudert hatte. Sowohl er als auch Robin hatten sich getrieben gefühlt, das Sicherheitssystem zu testen, von dem ihnen erzählt worden war, kurz nach ihrer Rückkehr nach Ti- tanstadt. Keiner von beiden würde es wieder tun. Chris war nicht stolz auf diese Tatsache, aber er wußte, daß es so war. Gäa hatte ihm einen psychologischen Block einge- setzt. In gewisser Weise war dieser Block flexibel – er konnte sich frei mit Robin unterhalten oder sonst jemandem, der bereits Bescheid wußte. Aber sollte er versuchen, anderen, etwas über den Großen Sturz zu sagen, seine Abenteuer in Gäa oder sonst jemandes Heldentaten in Verfolgung einer Wunderheilung, würde er einen Schmerz erleben, der ihn un- fähig machte, auch nur ein Wort zu äußern. Der Schmerz würde im Magen beginnen und rasch durch alle Muskeln fort- schreiten wie rotglühende Schlangen, die sich durch sein Fleisch gruben. Es gab keinerlei Fluchtklauseln; zumindest hatte man ihn dahingehend informiert. Aber er wußte ja, daß er auch das nie testen würde. Sollte er versuchen, von seinen Erlebnissen zu schreiben, wäre das Ergebnis dasselbe. Sobald ihm Fragen gestellt wurden, die auf verbotenes Terrain abzielten, konnte er nicht einmal ja oder nein sagen; »kein Kommentar« war eine erlaubte Antwort, und »kümmere dich um deine eige- nen Angelegenheiten« war sogar noch besser. Am sichers- ten war es jedoch, einem Fragesteller überhaupt nichts zu sagen. Das System besaß eine gewisse Eleganz – sofern man nicht sein Opfer war. Soweit Chris sehen konnte, war es todsicher. Alle Besucher Gäas mußten das Kapselaufzugs- system benutzen, um auch nur von den Docks an der Au- ßenseite das Innere des Torus zu erreichen, und während sie das taten, wurden sie in Schlaf versetzt, untersucht und zur Freigabe deklariert. Niemand mit irgendeinem verbote- nen Wissen konnte Gäa verlassen, ohne den Block zu erhal- ten. Chris hatte es am besten gefunden, mit jedermann außer Robin, Valiha oder anderen Titaniden absolute Umsicht wal- ten zu lassen. Es gab noch andere Menschen in Gäa, die dasselbe wußten wie er, aber es war schwierig, mit Sicher- heit herauszufinden, wer das war. Sofern er nicht richtig, lag, würde er eine erste kleine Warnung bekommen, wie zum Beispiel einen Zahnschmerz, wenn er den Mund öffne- te, um über die Reise zu sprechen. Das war alles, was er brauchte. Eine Dosis von Gäas aversiver Konditionierung war genug. Robin hatte eine Tasche vollgepackt und machte sich an die nächste. Chris sah, wie sie ein kleines Thermometer zur Hand nahm, nachdachte und es dann in den Sack warf. Er konnte sich ihr Problem vorstellen. Eine Menge Ausrüs- tungsgegenstände, die sie auf die Reise mitgenommen hat- te, hatten einen sentimentalen Wert gewonnen. Obendrein schien seit ihrer Rückkehr jeder Titanide in der Stadt vor- beikommen und ein Geschenk machen zu wollen, das aus irgendwelchem entzückenden Krimskrams bestand. In Vali- has Haus hatten sie mittlerweile keinen Platz in den Regalen mehr, um Chris’ Schätze aufzustellen. »Ich verstehe all das immer noch nicht«, meinte Robin, während sie sorgfältig Seidenpapier um ein fein geschnitz- tes Set hölzerner Messer, Gabel und Löffel wickelte. »Ich beschwere mich nicht – außer, daß ich nicht weiß, wie ich alles verpacken soll –, aber inwiefern verdienen wir das Zeug? Wir haben doch nichts für sie getan.« »Valiha hat es in gewisser Weise erklärt«, sagte Chris. »Wir sind sozusagen berühmt. Nicht wie Cirocco, sondern bescheidener. Wir waren Pilger und kehrten geheilt zurück, also hat Gäa uns als Helden eingestuft. Das bedeutet, daß wir wert sind, Geschenke zu erhalten. Die Titaniden würden sich auch den ganzen Tag lang dagegen beschweren, als abergläubisch bezeichnet zu werden, aber da wir alles über- lebt haben, was uns nun einmal geschehen ist, halten sie uns für Leute mit hübsch viel Glück. Sie hoffen, daß etwas, davon auf sie abfärbt, wenn sie nett zu uns sind, und zwar beim nächsten Karneval.« Er blickte auf seine Hände hinab. »Bei mir gibt es noch einen anderen Grund. Nenn es einen Triumphwagen oder Hochzeitsgeschenke. Ich werde ein Mitglied der Gemeinschaft sein, und sie wollen, daß ich mich wie zu Hause fühle.« Robin betrachtete ihn und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloß ihn dann aber wieder. Sie fuhr mit dem Packen fort. »Du glaubst also, daß ich einen Fehler mache«, sagte Chris. »Das habe ich nicht gesagt. Ich würde es auch nie, schätze ich, selbst wenn ich es glaubte, aber das tue ich nicht. Ich weiß, was Valiha dir bedeutet. Zumindest meine ich, es zu tun, obwohl ich selbst nie so etwas für jemanden empfun- den habe.« »Ich glaube, du machst einen Fehler«, sagte Chris. Robin warf die Hände hoch, drehte sich um und schrie ihn an: »Was du nicht sagst! Auf einmal bin ich diploma- tisch, und du redest alles dumme Zeug, was dir in den Sinn kommt. Verflucht seist du! Ich habe versucht, nett zu sein, aber ich hätte auch sagen können, daß du nicht weißt, was du tust. Du bist dir nicht völlig im klaren. Zum einen wirst du für den Rest deines Lebens Gäa fürchten, und zum ande- ren weißt du noch nicht, was du empfinden wirst, wenn Va- liha ihre anderen Liebhaber mit nach Hause bringt. Du glaubst, du könntest damit leben, aber du weißt es nicht genau.« »Kann ich mich entschuldigen?« »Nur eine Minute, ich bin noch nicht mit dem Schreien fertig.« Aber dann zuckte sie die Achseln, setzte sich neben, ihn auf das Bett und fuhr mit ruhigerer Stimme fort: »Ich weiß nicht, ob ich meinerseits einen Fehler mache. Trini…« Heftig schüttelte sie den Kopf. »Hier drin sind mir über viele Dinge die Augen aufgegangen, und nicht all diese Dinge sind schlecht. Ich fürchte, daß die Art der in mir vor- gegangenen Veränderung es für mich zu Hause sehr schwierig machen wird. Und wenn ich von zu Hause spre- che: an manchen Tagen kann ich mich kaum daran erin- nern, wie es dort aussieht. Ich habe das Gefühl, eine Million Jahre lang hiergewesen zu sein. Ich habe gelernt, daß manches, was meine Schwestern glauben, nur Märchen sind, und ich glaube nicht, daß ich es ihnen werde erzählen können.« »Welche Dinge?« Sie betrachtete ihn von der Seite her und verzog einen Mundwinkel. »Du möchtest den Abschlußbericht der Frau vom Mars hö- ren, wie? Okay. Ich weiß mit Sicherheit, daß der männliche Penis nicht so lang ist wie mein Arm, egal, was sich Männer in dieser Hinsicht vielleicht wünschen mögen. Meine Mutter hat sich darin total geirrt. Und sie lag auch weit vom Schuß mit der Behauptung, daß alle Männer fortwährend alle Frauen vergewaltigen wollen, oder daß alle Männer böse sind. Aber ich habe in den letzten Tagen viel mit Trini gespro- chen. Das war meine erste Gelegenheit, einige Zeit mit ei- ner Frau zu verbringen, die die Gesellschaft auf der Erde kennt. Ich habe erfahren, daß es bei uns einige Übertrei- bungen gibt. Das System der Unterdrückung und Ausbeu- tung ist nicht so schlimm oder offen erkennbar, wie ich es zu glauben gelernt hatte, aber es ist trotzdem vorhanden,, selbst noch nach dem Jahrhundert, in dem sich meine Schwestern davon ferngehalten haben. Ich habe mich ge- fragt, ob ich im Koven Veränderungen empfehlen würde, und meine Antwort lautet nein. Hätte ich eine vollständig gleiche Gesellschaft vorgefunden, sähe meine Antwort viel- leicht anders aus, aber selbst dessen bin ich mir nicht si- cher. Welchen Zweck sollte das haben? Wir kommen gut zu- recht. Es gibt nichts Abnormes an uns. Nur sehr wenige meiner Schwestern könnten jemals einem Mann vertrauen, viel weniger noch einen lieben, also was sollten wir auf der Erde anfangen?« »Ich kann es mir nicht vorstellen«, sagte Chris. Er glaubte, das klänge zu mißbilligend, also fügte er hinzu: »Ich habe keinen Streit mit dem Koven. Ich war nicht darauf aus, daß du mir gegenüber deine Lebensweise verteidigst. Sie benö- tigt keine Verteidigung.« Wieder zuckte Robin die Achseln. »Vielleicht zum Teil doch, sonst hätte ich das wohl nicht so eilig vorgebracht. Aber ich mache mir keine allzu großen Sorgen darum. Zu Anfang wird es schwer sein, den Mund zu halten über man- ches, was ich gelernt habe, aber das wird eine gute Pra- xis sein über all das andere, worüber ich nichts sagen darf.« Sie saßen eine Zeitlang beisammen, ohne etwas zu sagen, jeder in privaten Gedanken versunken. Chris dachte dar- über nach, was beinahe zwischen ihnen geschehen war oder die Tür, die sich beinahe geöffnet hatte, um der Mög- lichkeit, daß etwas geschah, Zutritt zu gewähren. Es war zu entfernt für Spekulationen. Er hatte viel Respekt und Zu- neigung für die wilde junge Frau empfunden, die sie gewe- sen war. Jetzt war sie etwas niedergedrückt, aber bei wei-, tem nicht niedergeschlagen, und seine Zuneigung hatte sich nicht verändert. Er hatte eine Idee und entschied, es zu wagen. »Ich würde mir nicht zuviel Gedanken über deinen Status in der Gemeinschaft machen«, sagte er. »Was meinst du damit?« »Deinen neuen Finger. Es muß gewaltiges Labra darin lie- gen, einen neu wachsen zu lassen.« Sie starrte für einen Moment auf ihre Hand und grinste dann boshaft. »Weißt du, ich glaube, du hast recht!« Er ging zum einzigen Fenster des Zimmers und blickte hinab zu Valiha, die geduldig am Fuß der Treppe wartete. »Wann geht dein Schiff?« Sie schaute kurz auf ihre Armbanduhr, und Chris lächelte. Auch er trug eine. Sie teilten den Zwang, stets wissen zu wollen, wie spät es war. »Ich habe noch eine Deka… zehn Stunden.« »Valiha hat ein Picknick vorbereitet. Sie weiß einen netten kühlen Fleck unten am Fluß. Wir wollten dich sowieso einla- den, aber jetzt kann es eine Abschiedsparty werden. Kommst du mit?« Sie lächelte ihn an. »Liebend gern. Aber laß mich erst die- ses Zeug da einpacken.« Er half ihr, und bald darauf standen drei prallvolle Säcke in einer Reihe auf dem Boden. Robin hob zwei hoch und kämpfte mit dem dritten. »Kann ich dir helfen?« »Nein, ich… was rede ich da? Ich nehme diese beiden und du den. Wir können sie im Büro lassen, und sie schi- cken sie dann auf das Schiff.«, Er folgte ihr aus dem Zimmer und die Treppe hinunter und half ihr dabei, das Gepäck aufzugeben. Dann gesellten sie sich zu Valiha und Schlange. Zu viert wanderten sie ge- mächlich unter dem Titanstadtbaum hervor und fanden sich unter der gigantischen Wölbung von Gäas Hyperionfenster. Der Tag war heiß, eine leichte Brise wehte aus Okeanos her- ein und versprach kühleres Wetter. Ein Dunst lag in der Luft, dessen Quelle ein ferner Punkt in den Hochländern war, wo Ciroccos Luftwaffe eine treibstoffproduzierende Kreatur gefunden hatte, Erzeuger und Helfer der Flugbom- ben. Eine halbe Kilorev lang hatte es dort oben gebrannt. Trotzdem war die Luft jedoch mild und voller Duft durch die erntereifen Titanidengetreide, und für den Moment frei von jeder Bedrohung. Sie wanderten einen staubigen Pfad zwischen leicht gewellten Hügeln entlang. Die gewaltige Krümmung Gäas erhob sich zu beiden Seiten wie die schüt- zenden Arme einer Mutter. Sie breiteten ihre Decke am Ufer des Ophion aus. Wäh- rend sie aßen, betrachtete Chris den Fluß und fragte sich, wie oft das Wasser schon an dieser Stelle vorbeigeströmt war und wieviele Male der Fluß wohl noch Gäa umkreisen würde, bevor ihr langes Leben sein Ende fand. Als die Titaniden zu singen begannen, gesellte er sich ohne Zurückhaltung dazu. Nach einer Weile sang auch Robin mit ihnen. Sie lachten, tran- ken, weinten ein wenig und sangen, bis es Zeit zum Gehen war. EPILOG: Semper Fidelis, Das Rad drehte sich weiterhin, und weiterhin war Gäa al- lein. Das terranische Todesschiff blieb dort, wo es schon immer gelauert hatte, tief im Schwerkraftbrunnen des Saturn. Seine Besatzung wechselte jährlich, damit die Langeweile des Dienstes auf ihm erleichtert wurde. Jedes Jahrzehnt wurde seine Fracht an nuklearen Waffen gewartet, und die für defekt befundenen wurden ersetzt. Es handelte sich nicht um eine leere Drohung, aber Gäa ignorierte sie trotzdem. Sie würde nie einen Grund zum Angriff liefern. Solange die Erde sie brauchte, war sie voll- kommen sicher, und sie würde darauf achten, daß die Erde sie brauchte. Es wäre politisch undenkbar gewesen, daß sie eine Diktatur auf dem Globus ausübte oder auch nur als beratende Macht dort verkörpert wurde. Die Geschichte von den Aufgaben hätte, wäre sie den Leuten auf der Erde zu Ohren gekommen, vielleicht ein kurzzeitiges Unbehagen hervorgerufen, aber kaum mehr. Gäa hatte tausend Gaben zu schenken. Ihr Sicherheitssystem diente ihrem eigenen Vergnügen; es amüsierte sie, daß die Pilger in Unwissen- heit ankamen. Es war ein Maß ihrer Zuversicht, daß sie die Gefahr von der Erde für etwas geringer hielt als die neue Gefahr, die von ihrem abtrünnigen Magier ausging, und selbst die war so klein, daß sie beinahe nicht zu berechnen war. Aber Gäa war ein vorsichtiges Wesen. Hoch in der Nabe wirbelten ihre Gedanken schneller als das Licht durch eine kristalline Matrix des Raumes, deren bloße Existenz schon den Edikten der menschlichen Physik trotzte. Große Löcher gähnten in der Matrix wie die leeren Fassungen verfaulter Zähne, aber selbst im Niedergang noch verfügte ihr Geist über eine, Macht, neben der die Kapazität aller menschlichen Compu- ter zusammengenommen – ein Bettler war. Die Antwort lautete ihren Erwartungen entsprechend. Ci- rocco stellte in keiner Weise eine Bedrohung dar. Die Hochländer waren einzigartig in Gäa. Obwohl jeder Ki- lometer von ihnen zu irgendeinem Regionalgehirn gehörte, so war doch die Kontrolle, die so weit von den Zentren der Macht entfernt ausgeübt werden konnte, nicht der Rede wert. In gewissem Sinn handelte es sich bei ihnen um neutrales Gebiet. In der Dämmerungszone zwischen Rhea und Hyperion stand weit über dem Land in den unzugänglichsten Berei- chen des Hochlandes ein einsamer Titanide Wache vor einer Höhle. Nicht weit entfernt gediehen eine Milliarde Koka- pflanzen. Er hörte ein Geräusch von drinnen, wandte sich um und ging hinein. Cirocco Jones, bis vor kurzem Gäas Magier, aber jetzt ihr Dämon genannt, war aufgewacht und wand sich in kaltem Schweiß. Sie war nackt und so dünn, daß die Rippen her- vorstanden. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen. Hornpipe ging zu ihr und hielt sie am Boden fest, bis das Zittern nachließ. Sie hatte kurz nach der Landung in Hype- rion einen Alkoholvorrat gefunden, obwohl der Melodienla- den durch das einzigartigste Phänomen ausgelöscht worden war, das man in Gäa je gesehen hatte: einen Regen aus Kathedralen. Hornpipe hatte sie gefunden und hierher zu dieser Höhle gebracht. Er hielt ihren Kopf und half ihr dabei, einen Becher Wasser zu trinken. Als sie hustete, ließ er sie zurücksinken. Aber bald darauf öffnete sie die Augen. Zum erstenmal, seit vielen Tagen setzte sie sich aus eigener Kraft auf. Horn- pipe blickte in diese Augen, sah das Feuer, das er schon vor so langer Zeit darin erblickt hatte, und jubelte. Gäa würde von ihrem Dämon hören.]
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