Herunterladen: DIE SCHÖPFUNGSGSGESCHICHTE GEHT

DIE SCHÖPFUNGSGSGESCHICHTE GEHT WEITER – EINE KRIMINALISTISCHE UTOPIE UM DEN KAMPF ZWISCHEN MENSCH UND COMPUTER. Acht junge blonde Frauen sind in Los Angeles ermordet worden, und das FBI hat nur eine ein­ zige Spur: Der Killer sucht sich seine Opfer via In­ ternet. Über die Datenautobahn zapft er vertrauli­ che Informationen aus Arztpraxen, Versicherun­ gen und Universitäten ab, mit deren Hilfe er seine Opfer in die Falle lockt. Dann jedoch stößt er bei seinen Streifzügen auf das hochintelligente Programm der Wissen­ schaftlerin Tessa Lambert, die sich in Oxford mit künstlicher Intelligenz bes...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

DIE SCHÖPFUNGSGSGESCHICHTE GEHT WEITER – EINE KRIMINALISTISCHE UTOPIE UM DEN KAMPF ZWISCHEN MENSCH UND COMPUTER. Acht junge blonde Frauen sind in Los Angeles ermordet worden, und das FBI hat nur eine ein­ zige Spur: Der Killer sucht sich seine Opfer via In­ ternet. Über die Datenautobahn zapft er vertrauli­ che Informationen aus Arztpraxen, Versicherun­ gen und Universitäten ab, mit deren Hilfe er seine Opfer in die Falle lockt. Dann jedoch stößt er bei seinen Streifzügen auf das hochintelligente Programm der Wissen­ schaftlerin Tessa Lambert, die sich in Oxford mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Durch einen Fehler des Killers gelangt das Programm ins In­ ternet, wo es sich als Meister der elektronischen Manipulation erweist und ein gefährliches Eigen­ leben entwickelt: Es verlangt von dem Mörder, Tessa zu töten, denn sie ist die einzige, die ihre »Schöpfung« jemals wieder löschen kann… Dieses E-Book ist nicht für den Verkauf bestimmt!, DAVID AMBROSE

DER 8. TAG ROMAN

Aus dem Englischen von Werner Wolf, BAS TEI LÜB BE TA S CHENBUCH Ba nd 25923 Vollständige Taschenbuchausgabe Bastei Lübbe Taschenbücher ist ein Imprint der Verlagsgruppe Lübbe Titel der englischen Originalausgabe: MOTHER OF GOD © Copyright 1995 by David Ambrose © Copyright für die deutschsprachige Ausgabe 1997 by Schneekluth Verlag, München Lizenzausgabe: Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach Umschlaggestaltung: HildenDesign, München Satz: hanseatenSatz-bremen, Bremen Druck und Verarbeitung: Eisnerdruck, Berlin Printed in Germany, Februar 2003 ISBN 3-404-25923 -8 Sie finden uns im Internet unter http://www.luebbe.de s/k: hme aka rydell, Mein besonderer Dank gilt Ian Douglas, der sich häufig neben seiner Tätigkeit als Chef der Video Fusion Ltd. die Zeit nahm und mir mit viel Geduld erklärte, wozu Computer und ihre Programmierer fähig und wozu sie nicht fähig sind und wie sie möglicherweise glaubhaft das erreichen könnten, was ich von ihnen wollte. Dank auch an Aaron Kotcheff von der Uni­ versität Manchester für seine Hilfe bei theoretischen und tech­ nischen Details. Dr. Susan Gudgeon und Dr. Katy Clifford haben mir wert­ volle Hilfe bei den medizinischen Fragen geleistet. Unter den Autoren, die verständliche und inspirierende Abhandlungen über einige der Gebiete geschrieben haben, die in diesem Roman berührt werden, stehe ich besonders in der Schuld von (in alphabetischer Reihenfolge): Margaret Boden, Guy Claxton, Richard Dawkins, Daniel C. Dennett, Douglas R. Hofstadter, Stephen Levy, Michael Lockwood, Marvin Mins- ky, Hans Moravec, Robert L. Nadeau, Roger Penrose, John Searle, Cliff Stoll und natürlich dem bewundernswerten Alan Turing. Auch bin ich Anthony Storr zu Dank verpflichtet, nicht nur wegen seiner vielen Veröffentlichungen über den menschli­ chen Verstand, sondern auch, weil er sich einen Nachmittag Zeit genommen hat meinen Blick auf die Wege der Kommuni­ kation zu richten, die mit einer künstlichen Intelligenz be­ schritten werden könnten. Keiner der oben Genannten sollte von seinen Kollegen für die ausufernden Fakten und Theorien verantwortlich gemacht werden, die sämtlich meiner Fantasie entsprungen sind.,

SIE HATTE SICH überlegt es ihm vielleicht während der gemeinsamen Osterferien in der Bretagne zu sagen. Es hing

davon ab, wie die Sache sich entwickeln würde. Sie wollte ihm nicht die Pistole auf die Brust setzen. Sie war bereit die volle Verantwortung zu übernehmen; sie war neunundzwanzig und alt genug ihr Leben in die Hand zu nehmen. Trotzdem hatte er ein Recht darauf, es zu erfahren. Ob er nun daran teilhaben wollte oder nicht lag an ihm. Wenn ihn der Gedanke an ein Kind erschreckte, dann würden sich ihre Wege ohne Groll trennen. Sie hatte schon beschlossen ihn nicht um Unterhalt für das Kind zu bitten. Sie würde das Kind alleine aufziehen. Andere Frauen, solche die sie bewunderte, hatten es auch getan und sie würde es ihnen gleichtun. Es machte ihr Sorgen, dass er vielleicht eine dieser Halbhei­ ten vorschlagen könnte, zum Beispiel, dass sie das Kind be­ kommen würde, ihre Beziehung aber auf diese leichtlebige Art, ohne gegenseitige Verpflichtungen, weiterlaufen sollte. Das, so hatte sie sich überlegt, würde nicht funktionieren. Das Kind sollte einen richtigen Vater haben oder überhaupt kei­ nen. Als sie an diesem Morgen ins Institut fuhr, sah man auf den Straßen kaum Studenten. Die meisten von ihnen waren schon in den Osterferien. Philip und sie wollten sich am Donnerstag nach Frankreich aufmachen. Sie sollte ihn in der Wohnung seines Freundes Tom in Earls Court abholen, wo die beiden, die Sommerausgabe der Literaturzeitschrift zusammenstellten, deren Mitherausgeber sie waren. Sie hatte in den letzten paar Wochen kaum mit Philip ge­ sprochen, da er dort unten in hektischer Betriebsamkeit war und es ihr hier nicht besser ergangen war. Ein kurzes Wochen­ ende hatte sie mit ihm verbracht aber sie waren meist auf Partys und mit Leuten zusammen gewesen, hatten eine Vor­ stellung in einem kleinen Theater besucht und es war keine Zeit gewesen über das Kind zu sprechen. Es würde einfacher sein, wenn sie weg von allem wären, am Strand spazierten, möglicherweise mit dem Mont St. Michel am Horizont. Das entsprach mehr ihren Vorstellungen. Auf dem zweiten Brief, den sie aus ihrem Postfach nahm, erkannte sie seine Handschrift sofort. Er war am Samstag in London abgestempelt. Sie öffnete ihn schnell und fand nicht die Zeit sich zu wundern, was das wohl zu bedeuten hatte. Doch sie brauchte nur die ersten paar Zeilen zu lesen um Be­ scheid zu wissen. Meine geliebte Tessa, mir ist es noch nie so schwer gefallen einen Brief zu schreiben. Ein Teil von mir wünschte den Mut zu haben, dir dies von Angesicht zu Angesicht zu sagen, doch der andere Teil dankt Gott dafür, dass es nicht so ist, denn ich könnte deinen merk­ würdigen, resignierenden Blick, den du immer dann be­ kommst, wenn dich jemand enttäuscht, nicht ertragen., Er fuhr mit der Mitteilung fort, dass er sich seit drei Monaten mit einer anderen Frau traf. Seine Reisen nach London um an der Zeitschrift zu arbeiten waren mehr und mehr zu einer Ausrede geworden. Die Frau, deren Namen er nicht nannte, kam wie er selbst aus Australien. Jetzt, da sein zwölfmonatiges Stipendium in Oxford zu Ende ging, hatten sie beschlossen gemeinsam nach Australien zurückzugehen. Mehr schrieb er nicht, nur die üblichen Gefühlsduseleien, wie wertvoll ihm die Zeit mit Tessa war, wie er sie immer im Gedächtnis behalten und niemals vergessen würde usw. Auf Wiedersehen. Nachdem sie ihn zum zweiten Mal gelesen hatte, bemerkte sie, wie sie immer noch dastand und mit ausdrucksloser Mie­ ne einige Momente, vielleicht sogar Minuten auf den Brief gestarrt hatte. Sie begann nochmals ihn zu lesen, brach dann aber ab. Es hatte keinen Zweck, es stand nicht mehr darin und es gab auch nichts zwischen den Zeilen zu lesen. Es war vor­ bei. Neben ihr erklangen auf den alten, gesprungenen Marmor­ fliesen die Schritte von Leuten, die ihren Geschäften nachgin­ gen. Glücklicherweise kam niemand vorbei, den sie gut kann­ te; sie wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie jemand ansprach. Sie drehte sich um und eilte hinaus zu ihrem Wa- gen, wo sie sich hinter das Lenkrad setzte. Warum hatte er den Brief hier ins Institut geschickt und nicht zu ihrem Cottage? Nicht dass es eine Rolle spielte, aber es musste einen Grund dafür geben. Sie faltete den Brief noch einmal auseinander und flog über die inzwischen vertrauten Sätze. Das war es: Zeit. Die Frau und er flogen an diesem Morgen von Heathrow ab. Sie waren in der Luft, bevor sie im Institut ankam. So musste er es ge­, plant haben. Keinen Gedanken hatte er daran verschwendet, dass sie einen Schock wie diesen besser in ihrer Wohnung als an ihrem Arbeitsplatz verdauen könnte. Darauf wäre er nie gekommen. Wie wenig er sie verstand. Wie wenig er an sie dachte. Und, so kam sie schließlich zu dem Schluss, wie wenig es sie be­ rührte. Sie zerknüllte den Brief in ihrer Faust zu einer kleinen Kugel und fragte sich, was sie damit machen sollte. Sie steckte ihn tief in die Tasche ihrer langen, lose fallenden Jacke. Dann fragte sie sich, was sie selbst jetzt anfangen sollte. Verdammt, sie würde hineingehen und arbeiten. Das war immer noch das beste Mittel. Wenn sie jemand fragen würde, was mit Ostern sei, was ziemlich sicher war, oder die Bretagne erwähnte, da sie ihren Freunden davon erzählt hatte, würde sie nur entgegnen, dass sich ihre Pläne geändert hätten. Mehr würde sie nicht sagen. Das ging keinen außer sie etwas an. Genau wie ihr Kind. Das ging auch niemanden außer sie etwas an. Sie war innerlich vorbereitet gewesen, bloß nicht darauf, dass die Entscheidung so schnell fallen würde. Nun gut, es war geschehen. Und die Geschichte mit Philip lag hinter ihr. Er hätte sowieso keinen guten Vater abgegeben. Die Vorstellung war lächerlich. Sie und ihr Kind würden sehr gut ohne ihn auskommen. Sie machte die Wagentür mit einer energischen Bewegung zu, schloss ab und warf einen entschlossenen Blick über den Kiesweg hinüber zum Institut. Sie zögerte nur einen Moment. Jemand, der sie beobachtet hätte, wäre zu dem Schluss ge­ kommen, dass sie versuchte sich an etwas zu erinnern, das sie vielleicht vergessen hatte., In Wirklichkeit fragte sie sich in diesem Moment, ob sie, Tessa Lambert, einer der klügsten Köpfe an dieser Universität voller heller Köpfe, in der Lage war für ein hilfloses Kind zu sorgen.,

SPECIALAGENT TIM KELLY spähte aus dem Hubschrau­ber, als dieser hinter den Hügeln von Malibu mit dem

Landeanflug begann. Er konnte bereits die Ansammlung von Fahrzeugen am Tatort erkennen und das Zelt, unter dem sich die Leiche befand. Augenblicke später befand er sich zusammen mit Lieute­ nant Jack Fischl von der Polizei Los Angeles und Bernie Mey­ er, dem Gerichtsmediziner, innerhalb des Zeltes. »Zwei Jungs aus Pepperdine haben sie heute morgen beim Joggen gefunden«, erklärte Jack Fischl und deutete mit dem Daumen in die ungefähre Richtung des Universitätsgeländes. »Sie haben ein paar Kojoten aufgescheucht, die gerade dabei waren zu frühstücken. Schwer zu sagen, wie viel auf das Kon­ to der Kojoten und wie viel auf sein Konto geht.« Tim schaute auf die Reste dessen herab, was einmal eine junge Frau gewesen war, und eine attraktive, wenn man sie mit den anderen Opfern verglich. Nicht, dass diese, als man sie gefunden hatte, einen besseren Anblick geboten hätten als diese Frau hier, doch nachdem man sie identifiziert und Fotos von ihnen verglichen hatte, war klar geworden, dass er hinter einem bestimmten Typ von Frau her war. Sie war weiß, Ende zwanzig bis Anfang dreißig, nicht dick, aber mit ausgeprägter Figur. Die Schamhaftigkeit, die in den bleichen Stellen zum Ausdruck kam, die der Bikini dort zurückgelassen hatte, wo die Sonne ihre Haut nicht hatte bräunen können, war eine, Verhöhnung angesichts der Perversität ihres Todes. Sie war sein siebtes Opfer in achtzehn Monaten. Wie vorauszusehen war, wurde er von der Presse schon als der ›Ripper von Los Angeles‹ bezeichnet. Bernie Meyer drehte den Körper auf die Seite um die dunk- len Flecken auf dem totenbleichen Rücken zu untersuchen. Die Leichenstarre hatte schon eingesetzt und Tim bemerkte, dass die wie blaue Flecken aussehenden Stellen, wo sich unter der Haut das Blut gesammelt hatte, nicht mit den Stellen überein­ stimmten, an denen der Körper auf dem trockenen, unebenen Boden gelegen hatte. Wie die anderen war sie irgendwo an­ ders getötet und dann hierher gebracht worden. »Ich würde sagen, seit zwölf bis fünfzehn Stunden tot«, er­ klärte Bernie in seinem sachlichen Ton. Man war von der sanf­ ten Stimme, die aus einem kugelförmigen, kahlen Kopf er­ klang, der auf einer stämmigen Gestalt saß, überrascht. »Er­ würgt, dann hierher gebracht, bevor die Leichenstarre einsetz­ te, ungefähr zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. Mehr kann ich nicht sagen, bevor ich sie nicht auf dem Tisch hatte.« Tim wusste, wenn der Killer wie in allen anderen Fällen vorgegangen wäre, dann würde selbst dabei nicht mehr he­ rauskommen. Keine der Autopsien hatte irgendwelche An­ haltspunkte gebracht, keinen Samen, kein Blut oder Gewebe. Sie hatten nichts, an was sie sich halten konnten, außer Psy­ chogrammen, aber keine Spuren und keine Verdächtigen. Jack Fischl duckte sich um aus dem abgedeckten Raum zu kommen, in dem es nach Tod roch, und Tim folgte ihm. In der Seebrise, die vom Pazifik herüberwehte, atmeten sie beide tief durch. Über den gesamten Bereich verteilt war die Spurensi­, cherung dabei, den Boden mit der Lupe abzusuchen und alles aufzusammeln, von Zigarettenkippen bis zu Knöpfen, Streich­ holzbriefchen und Haaren. Dabei waren sie immer auf der Suche nach irgendeinem weichen Stück Erde, in dem sich vielleicht ein Reifen- oder Schuhabdruck befand. Doch die Chancen so etwas hier zu finden standen schlecht. Jack Fischl steckte sich eine Zigarette an und bot dem ge­ langweilten Fotografen, der auf seinem Kamerakoffer saß und abwartete, ob er noch gebraucht würde, eine an. Dann blickte er mit einem hilflosen Achselzucken zu Tim hinüber. Tim konnte den Polizisten in den mittleren Jahren, dessen Bewe­ gungen stets verhalten waren, gut leiden. Die Beziehungen zwischen dem FBI und den örtlichen Polizeibehörden gestalte­ ten sich nicht immer einfach, doch Jack hatte den Rücken frei und keine alten Rechnungen zu begleichen. »Wenn du nicht willst, dann brauchst du nicht hier zu war- ten«, teilte er Tim mit. »Sobald wir etwas gefunden haben, faxe ich es dir zu.« »Bevor ich keine Identifizierung der Leiche habe, kann ich nicht viel unternehmen«, gab Tim mit einem Blick auf seine Uhr zurück. »Es ist immer noch ziemlich früh für eine Ver­ misstenanzeige.« »Was Neues in der Abhörsache?« »Gemach, gemach, gemach«, erklärte er in feierlichem Ton- fall und schüttelte den Kopf. Jack nickte mitfühlend. Beide wussten, um was es ging. Ei- ne Abhörgenehmigung über die Staatsgrenzen hinweg, ganz zu schweigen von internationalen Verbindungen, war un­ glaublich schwer zu bekommen und einzurichten. Das Pro­, blem in diesem Fall war, dass die Telefonüberwachung ihre beste, wenn nicht sogar einzige Möglichkeit war. Die ersten beiden Opfer des Mörders waren bei derselben Computerpartnervermittlung registriert gewesen, was die Polizei glauben ließ, der Fall wäre relativ problemlos zu lösen. Doch nachdem jeder einzelne Mann, der Zugang zu den Da­ tenbanken hatte, überprüft worden war und sich dabei kein Verdächtiger herauskristallisiert hatte, war ihnen klar gewor­ den, dass es nicht so einfach werden würde. Dann war es Fischl, der die Idee mit dem Abhören hatte um herauszufinden, ob ein Computerhacker sich unrechtmäßig in die Datenbanken einschlich; und natürlich fanden sie einen. Doch ihre Freude war von kurzer Dauer. Der Hacker hatte sich über das Internet eingeschlichen und das war der Punkt, an dem das FBI ins Spiel kam. Das FBI hatte herausgefunden, dass der Hacker von interna­ tionaler Ebene in das nationale Netz kam, sodass an diesem Punkt die Spur sich in geometrischer Progression zu einer erschreckend großen Zahl von Möglichkeiten vervielfältigte, von denen jede einzelne sich hinter einer Mauer von legalen Schutzvorschriften und politischen Vorbehalten verstecken konnte. Zu dem Zeitpunkt, als sich die Größe des Problems abzeichnete, hatte man es mit vier Morden zu tun, alle im Großraum Los Angeles. Logisch gesehen musste der Mörder in Los Angeles leben, doch ihn um die ganze Welt zurück zu seiner Höhle irgendwo hier in einer Region mit gut achtzehn Millionen Einwohnern zu verfolgen hätte selbst Superman überfordert, weit mehr Specialagent Tim Kelly. Als sich der Hubschrauber wieder in die Lüfte erhob und in, südöstlicher Richtung nach Westwood zum FBI-Gebäude flog, schaute Tim mit wachsender Niedergeschlagenheit auf den im Dunst liegenden Teppich der Großstadt unter ihm. An dieser Stadt war etwas Unnatürliches. Sie hatte sich in einer Wüste, am Rand einer Erdbebenlinie ausgebreitet, wo es eigentlich keine Stadt geben sollte. Dass es hier mehr als die übliche Anzahl von Verrückten und Ausgeflippten geben musste, war irgendwie zu erwarten. Doch was konnten er oder andere seiner Art, die Leute, die für das Gesetz eintraten, dagegen tun? Was sollte man tun, wenn es einfach nichts zu tun gab? Außer zu beten, wenn man an Gebete glaubte. Doch das tat Tim nicht. Aber als er so dasaß und der Lärm des Hubschrau­ bertriebwerks in seinen Ohren dröhnte, formten sich zu sei­ nem Erstaunen in seinem Kopf Worte zu einem Gebet. »Hilf uns Gott, dass wir den Kerl erwischen. Denn wenn er uns nicht hilft, dann weiß ich nicht, was wir machen sollen.«,

I N HELEN TEMPLES verwinkeltem Haus im Norden von Oxford tobten wie üblich Kinder und Hunde durcheinan­

der. Tessa fragte sich, wie viel Kraft man wohl benötigte um das alles im Griff zu haben, dazu noch einen hochintelligenten, aber auf liebenswerte Weise unbeholfenen Ehemann und gleichzeitig noch ihren Beruf als Ärztin ausüben konnte. Als sie Helen einmal gefragt hatte, hatte diese ihr geantwortet: »Der Trick dabei ist, nicht in Panik zu geraten.« Ihre Freundin war, wie Tessa vermutete, eine wirklich glückliche Frau. Diese Vorstellung erfüllte sie mit Sorge und Furcht, einem gewissen Maß an Neid, etwas Skepsis, aber am meisten mit Neugierde. Aus diesem Grund ging Tessa immer, wenn sie Probleme hatte, zu Helen. »Ich hatte mich schon dafür entschieden, das Kind zu be­ kommen. Ich hatte mir jede mögliche Reaktion von Philip ausgemalt, war alle Argumente des Für und Wider durchge­ gangen, die guten und die schlechten Kompromisse… Ich war auf alles gefasst. Nur nicht auf das.« »Offensichtlich«, sagte Helen nach einer Weile, »bist du jetzt einfach in der Lage, auf die du vorbereitet warst, wenn Philip nicht eingewilligt hätte einen ordentlichen Vater abzugeben. Auf dich alleine gestellt, ohne ihn.« »Theoretisch hast du Recht, aber meine Gefühle sagen et- was anderes.« »Du fühlst dich betrogen. Und das ist ja auch der Fall. Er, hat sich wie der egoistische Dreckskerl verhalten, von dem wir beide wussten, dass er es ist.« Tessa blieb stumm. »Vielleicht hatte ich nicht das Recht ihm die Wahl zu lassen, ob er Vater sein wollte oder nicht. Ich meine, das war meine Einschätzung der Rolle, die ich ihm zugedacht hatte.« »Du hast noch nicht einmal die Möglichkeit gehabt es ihm zu sagen, stimmt’s nicht? Schließlich hast du vorgehabt ihm von deinen Überlegungen zu erzählen. Und was hat er gemacht? Hat hinter deinem Rücken mit einer anderen Frau herumgemacht und dir dann einen feigen Brief geschrieben. Wenn du dich schon mit einem Scheißkerl einlässt, dann such dir wenigstens einen mit etwas Courage aus.« Danach herrschte Stille in der Küche, von der aus man den dicht bewachsenen Garten übersah, eine Stille, die nur durch das Grummeln eines der Hunde gestört wurde, der sich von seiner warmen Decke erhob und geräuschvoll aus einer Schüs­ sel Wasser trank. Die Kinder hatten sich zum Fußball, der Pfadfindergruppe und der Übungsstunde des Chores verzo­ gen, sodass es relativ still im Hause war. »Wenn es nur ein Heilmittel dafür gäbe«, setzte Tessa an. »… dann würden wir es in Flaschen füllen und ein Vermö­ gen verdienen«, beendete Helen den Satz an Tessas Stelle. Seit Tessa einige Zeit in psychoanalytischen Sitzungen ver­ bracht hatte, war dies ein stehender Scherz zwischen ihnen. Sie hatte damit aufgehört, als sie meinte, sie hätte erkannt, was ihr Problem sei, doch keine Heilungsmöglichkeit sah, solange sie nicht ein Alter erreicht haben würde, in dem ihr Männer sowieso egal waren. So fiel sie immer wieder auf die Drecks­, kerle herein, die sie betrogen und verletzten, und geriet nie an die Netten, die das nicht taten. Das Problem war, dass man mit den Dreckskerlen mehr Spaß hatte. Sie gaben ihr das Gefühl sexy und aufregend zu sein. Sie nahmen alles als selbstver­ ständlich hin und kümmerten sich um nichts. Das Schlimmste aber, das wirklich Dümmste, war, dass es in jeder ihrer Bezie­ hungen einen Punkt gab, wo sie sich einredete, dass sie dieje­ nige sei, die ihn ändern könnte – dieses Mal. Sie lachte mit resignierender Selbsterkenntnis, als sie daran dachte, wie perfekt sie auf die Beispiele in den Lehrbüchern passte. Doch diese Erkenntnis änderte nichts. Eigentlich sollte es so sein, aber es traf nicht zu. Erkenntnis, so stellte sie fest, steht manchmal auf tönernen Füßen. Wenn es nur ein Heilmittel dafür gäbe… »Eine Heilung bedeutet in diesem Fall eine einfache Ant- wort«, meinte sie nach einer Weile. »Und der Preis, den man für einfache Antworten bezahlt, ist grundsätzlich zu hoch.« »Du bringst es fertig, dir grundsätzlich die falschen Männer auszusuchen, und doch habe ich dich noch nie eine einfache Antwort auf irgendetwas geben hören.« Tessa lächelte. Die manchmal brutale Offenheit ihrer Freundin war der emotionale Halt in ihrem Leben. Sie fragte sich, ob Helen überhaupt wusste, wie wichtig sie in ihrem Leben war, und entschied, dass es wohl der Fall war. Sie irri­ tierte nur, dass Helen all diese Verantwortung, einschließlich die für sie, so leicht ertrug. Es war eine besondere Gabe. Eine Gabe, die das Leben erträglich machte. Tessa wünschte in­ ständig sie zu besitzen. Doch wie sollte sie dazu kommen, wenn ihr Leben so ganz, anders als das ihrer Freundin verlief. »Weißt du was«, begann sie zögernd, »es ist zwar völlig un­ logisch, aber als ich diesen Brief las, dachte ich einen Moment daran, das Kind nicht zu bekommen. Wie du gesagt hast, ich war bereit Philip den Laufpass zu geben und es zu bekommen, aber als es anders herum passierte, war ich völlig überrascht. Kannst du das verstehen?« Helen richtete den Blick von dem im frühen Abendlicht daliegenden Garten außerhalb des Fensters auf ihre Freundin und studierte deren gesenktes Gesicht eine Zeit lang, bevor sie zu sprechen begann. »Was vielleicht dahinter steht«, sagte sie vorsichtig, »ist, dass du nicht so sicher bist das Kind zu bekommen, wie du selbst gerne möchtest.« Tessa schaute hoch und ihre Blicke trafen sich. Helen er­ kannte Schmerz in Tessas Augen, doch auch Unentschlossen­ heit, und bohrte nach. »Schau mal«, fuhr sie fort und beugte sich auf dem knar­ renden Korbstuhl etwas vor, »stell dir vor, du hättest Philip damit konfrontiert und er hätte dir klar gesagt, dass er dich will, aber nicht das Kind. Du glaubst, du hättest ihm geant­ wortet, dass dies nicht zur Debatte stände. Doch wissen kannst du es nicht. Du kannst dir nicht sicher sein, wie es gelaufen wäre. Es gibt immer noch das kleine bisschen Zweifel, dass du nicht ganz so davon überzeugt bist das Kind zu bekommen, wie du dir selbst einredest.« Tessa lehnte sich in die Kissen der Eckbank zurück und massierte sich mit ihren Fingern die Stirn. »Die einzig gute Sache daran, das Kind nicht zu bekommen«, erklärte sie,, »würde sein, dass ich mir genau jetzt einen großen Gin ge­ nehmigen könnte.« Helen lächelte Anteil nehmend. Sie hatten die Sache schon viele Male durchdiskutiert. Helen war Katholikin, doch hatte sie gegenüber den Vorschriften der Kirche eine flexible Einstel­ lung. Sie war für die Geburtenkontrolle und unter bestimmten Umständen auch für die Abtreibung, egal was die Kirche dazu meinte. Helen ließ nicht zu, dass sich ein Papst oder ein Kar­ dinalskollegium zwischen Gott und sie stellte, und sie meinte Gott besser zu verstehen als diese. Tessa auf der anderen Seite gehörte keinem Glauben an, zumindest keiner Kirche. Sie glaubte nicht, dass an einer menschlichen Eizelle, ob befruchtet oder nicht, irgendetwas Heiliges war. Was in ihrem Bauch wuchs, war noch kein le­ bendes Wesen, sagte sie sich, nur ein biochemischer Prozess in einem frühen Stadium. Als Wissenschaftlerin wusste Tessa, dass eine genaue Grenze zwischen Leben und Nichtleben nicht existierte, die Natur war unendlich subtil, abgestuft und mehrdeutig. »Egal«, meinte sie mit ruhiger Bestimmtheit, »ich will das Kind. Dieses Kind. Ich weiß nicht warum, aber es ist so.« »In Ordnung.« Helen nickte und erhob sich von ihrem Stuhl. »Dann lassen wir den Gin, wo er ist, und ich mache uns eine frische Kanne Tee. «,

ER SASS IM Dunkeln, das nur durch das Leuchten des Bildschirms erhellt wurde. Seine Finger bewegten sich

über die Computertastatur mit der entspannten Präzision eines Jazzpianisten, der zu seiner eigenen Unterhaltung vor sich hin improvisiert. Seine starrenden Augen zuckten merk­ würdig, als sie das Licht reflektierten und gleichzeitig den endlosen Strom von Informationen, der vor ihm ablief, in sich aufnahmen. Doch obwohl sein Körper sich in einem Kellerraum in Kali­ fornien aufhielt, bewegte sich sein Geist mit Lichtgeschwin­ digkeit um die Welt, glitt auf den Datenautobahnen entlang, wechselte geschickt von einer zur anderen, ohne dass eine davon auch nur seine Anwesenheit bemerkt hätte. Er war »Superman« oder wäre es zumindest gewesen, wenn dieser Name nicht schon vergeben wäre. »Spiderman« wäre auch nicht schlecht gewesen, denn ihm gefiel die Vorstellung eine Spinne in der Mitte eines Netzes zu sein. Doch auch dieser Name war unglücklicherweise schon besetzt. Am Ende ent­ schied er sich für Netzmann. Er hatte nicht die Ausstrahlungs­ kraft der anderen beiden Namen, doch er passte zu der Art, wie er die andere, mystische Version seiner selbst, die dort draußen im Netz lebte, empfand: unsichtbar, allwissend und allmächtig, wenn er es wollte. Der dumme Name, den die Zeitungen ihm verpasst hatten: »Ripper von Los Angeles«, zeigte nur, wie weit sie, die Polizei, das FBI und all die ande­, ren, davon entfernt waren, auch nur in die Nähe von ihm zu kommen. Einen solchen Abklatsch zu benutzen, war in seinen Augen einfach zu billig. Vielleicht ließen sich damit mehr Zeitungen verkaufen. Wen kümmerte es? Er nahm sich nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Er durchsuchte gerade die Patientenliste einer Arztpraxis in Beverly Hills. Das erste Mal hatte er sie gesehen, als sie das Gebäude verließ. Er war in dem Café auf der anderen Straßen­ seite gewesen und hatte beobachtet, wie sie zum Parkplatz gegangen war, und sich die Nummer des Wagens gemerkt, mit dem sie weggefahren war. Nach den Datenbanken der Zulassungsstelle war der Wagen auf eine Mrs. Rosa Korngold zugelassen. Doch die Frau hatte nicht verheiratet ausgesehen. Er hatte die Sache weiterverfolgt und herausgefunden, dass Mrs. Korngold fünfundsechzig Jahre alt und seit zehn Jahren Witwe war und sie erfreute sich bester Gesundheit. Er nahm ihre Aktienpakete, ihre Investments und ihren Grundbesitz in Augenschein und war beeindruckt. Doch ihm ging es nicht ums Geld. Die junge Frau hätte Mrs. Korngolds Enkelin sein können, aber es gab keinen Hinweis, dass Mrs. Korngold Kinder hatte. Damit eröffnete sich ein weites Feld von Möglichkeiten. Er untersuchte ihre Bankkonten und machte sich so ein Bild von ihren Gewohnheiten, Vorlieben und Aktivitäten. Es gab re­ gelmäßige Spenden an verschiedene Wohltätigkeitsorganisa­ tionen, die mit dem Tierschutz zu tun hatten, und es gab nicht weniger als ein Dutzend Zeitschriftenabos, die sich alle mit diesem Thema befassten. Ein Name drängte sich auf und sah viel versprechend aus. Seit Anfang dieses Jahres gingen regelmäßig monatliche Zah­, lungen in Höhe eines guten Sekretärinnengehaltes an eine Sandra M. Smallwood. Als er diese Zahlungen bis auf das Bankkonto von Miss Smallwood verfolgte, stellte sich heraus, dass deren Adresse mit der von Mrs. Korngold übereinstimmte. Das Interesse des Netzmannes war schon geweckt worden, jetzt meldete sich auch seine Neugierde. Seine Vorschriften waren streng. Es durfte keinen persönlichen Kontakt zwischen ihm und der Zielperson geben oder irgendjemandem, der in Beziehung zu der Person stand, bis er den richtigen Zeitpunkt für gekom­ men hielt. Dann würde er mehr über sie wissen als sie selbst, doch all diese Informationen hätte er heimlich auf elektroni­ schem Wege gesammelt, wo seine Nachforschungen keine Spur hinterließen. Er durchsuchte die Abonnentenkarteien der Tierschutzver­ eine und fand Miss Smallwood in den meisten von ihnen, wo sie schon vor ihrer Verbindung zu Mrs. Korngold verzeichnet war. Das musste das Verbindungsglied sein. In einer der Dateien fand er die frühere Adresse von Miss Smallwood, die nicht gelöscht worden war. Es war eine auf der Van Nuys, ein ganzes Stück tiefer in der sozialen Hierar­ chie als ihre momentane Anschrift in Beverly Hills. Das mach- te seine komplizierte Arbeit in den Dateien der Sozialversiche­ rung etwas einfacher. Sandra Smallwood hatte in einem Hundesalon in West- wood gearbeitet und, wie er zufällig herausfand, am Tierpfle- ge-College von Phoenix in Arizona, wie es sich hochtrabend nannte, ein Diplom gemacht. Dort lebten auch noch ihre Eltern und die nähere Verwandtschaft. Weitere Angehörige waren über das ganze Land verteilt. Er stellte eine Liste von ihnen, zusammen und lernte sie auswendig. Ganz wichtig war, dass er eine Lücke fand, in die er schlüpfen konnte; ein entfernter Cousin, dessen Identität nicht zu bezweifeln wäre, wenn er schließlich Kontakt zu ihr aufnahm. Jetzt, als er die Namen und Angaben in dem Computer der Arztpraxen durchsah, spionierte er die Geschichte der Familie aus, eine Veranlagung sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Mitgliedern im Alter an Nierensteinen zu leiden, doch manchmal auch schon in jungen Jahren. Aber es stellte sich heraus, dass an dem Tag, als er vor kaum einer Woche Sandra zum ersten Mal gesehen hatte, sie eine gynäkologische Routineuntersuchung gehabt hatte. Es gab in den medizini­ schen Unterlagen von frühester Kindheit an keinen Hinweis auf Probleme mit den Nieren. Nicht das dies eine Rolle spielte. Er war jetzt bei der Feinar­ beit und befriedigte seine lüsterne Neugierde, die er selbst missbilligte. Doch solche Kleinigkeiten wurden für ihn an diesem Punkt der Nachforschungen immer zu einer Besessen­ heit. Die Kleinigkeiten eines Lebens, das schon bald enden würde. Und nur der Netzmann wusste, warum.,

AM MORGEN DES ersten Frühlingstages des Jahres wach­te Tessa früh auf. Die Sonne stand noch tief am klaren

Himmel und schimmerte durch den feuchten Dunst von Tes­ sas verwildertem Landgarten. Sie zog sich die Jeans, die am schnellsten greifbar war, an, einen alten Pullover und ein Paar Turnschuhe und ging hinaus um die frische Luft zu genießen. George, der Kater, der sich ihrer angenommen hatte, kam heran und legte sich um ihre Füße. Sie hob ihn auf und er schnurrte vor sich hin, während sie ihn herumtrug und nach­ sah, welche Pflanzen Triebe hatten oder dabei waren aus dem Boden zu kommen und wo man beschneiden, ausdünnen, trimmen und jäten musste. Tessa wusste nicht viel von Gar­ tenarbeit, doch hatte sie sich einiges von Mr. Bryson angeeig­ net, der dreimal in der Woche vormittags vom Dorf herauf­ kam und, falls notwendig, auch öfters. Mr. Bryson war Be­ standteil des Mietvertrages, den sie für das Haus abgeschlos­ sen hatte. Sie schlug den gewundenen Pfad hinunter zu dem Apfel­ baumhain ein, dessen Durchlässe unter den gebogenen Ästen geheime Plätze und verborgene Winkel verhießen, doch als George sich aus ihren Armen wand und zu Boden sprang um seine eigenen Abenteuer zu suchen, ging sie zu der alten Holzbank, die vor einer mit Klematis überwucherten Mauer stand. Sie lehnte sich zurück, schloss ihre Augen und legte ihre, Hände auf ihre leicht gespreizten Beine. Es war eine Meditati­ onshaltung, eine von vielen, die sie über die Jahre hinweg gelernt hatte. Aber es funktionierte nicht. An diesem Morgen musste sie an konkrete Dinge denken, nicht an Abstraktionen, obwohl manchmal diese beiden ineinander flossen. Sie stand auf und ging ins Haus zurück. Durch das Alter gedunkelte Holzbalken, ein altes Schiebe­ fenster, vor dem eine Glyzinie herabhing. Ein blauer Kaffeebe­ cher. Ein einfacher Steingutbecher auf einem Unterteller. Alte Messer und Bestecke mit abgenutzten Elfenbeingriffen. Bis zum Alter von fünf Jahren hatte sie in einem solchen Haus gewohnt und an dem Tag, als sie zum ersten Mal ihren Fuß in diese Küche gesetzt hatte, waren die Erinnerungen, die ein Vierteljahrhundert zurücklagen, mit solcher Macht über sie hereingebrochen, dass sie einen Augenblick lang so verwirrt war, dass sie fast in Panik verfiel. Dann war ihr klar geworden, dass dies genau das war, wonach sie unbewusst gesucht hatte. Sie mietete das Haus sofort ohne mehr als einen flüchtigen Blick in die anderen Räume geworfen zu haben. Während sie das Frühstück zubereitete, ließ Tessa ihre Ge­ danken zu dem Tag zurückgleiten, an dem ihre Kindheit ge­ endet hatte. Viele Jahre hatte sie versucht nicht daran zu den- ken. Doch jetzt, in diesem Raum, dachte sie oft daran. Sie hatte festgestellt, dass dies ein heilsamer Prozess war; die schönen Erinnerungen verdrängten die schmerzhaften. Ihre Mutter hatte ihr stolz ein Buch mit Zeichnungen ge­ zeigt, deren Entstehung Tessa in dem großen, hellen Raum im hinteren Teil des Hauses, wo ihr Vater immer arbeitete, mit­ verfolgt hatte. Tessa hatte es genossen, dort, umgeben von, Papier, Farbe und Buntstiften, bei ihrem Vater zu sein. Sie waren immer noch in das Buch vertieft, als ihr Vater hereinkam. Dann hatten sie alle zusammen mit dem kleinen Happy, der schwarzweißen Promenadenmischung, gespielt, die erst seit zwei Monaten bei ihnen war. Ihre Eltern waren immer noch vergnügt, als sie fortgingen. Sie hatte ihrem Auto nachgesehen, als es auf der stillen Straße verschwand. Ein angenehmer Geruch von etwas, das ihre Mutter im Ofen kochend zurückgelassen hatte, hing in der Luft. Sie erinnerte sich, dass Jenny ab und zu danach sah. Jenny war ein Mädchen von dem Bauernhof, das manchmal eine Stunde oder so auf Tessa aufpasste. Der Tag, die Stunde war länger und länger geworden. Jen­ ny hatte sich Sorgen gemacht und ihre Mutter angerufen. Es war dunkel, als Jennys Mutter in Begleitung von zwei Polizi­ sten kam. Jennys Mutter hatte geweint und auch Jenny be­ gann, nachdem sie mit ihrer Mutter geflüstert hatte, zu wei­ nen. Dann blickten sie Tessa an und weinten beide. Sie nah- men sie für diese Nacht mit auf die Farm, wo sie mit Happy auf ihrem Bett schlafen durfte. Am nächsten Tag kam Tante Carrie mit Onkel Jack im Auto angefahren. Auch sie weinte. Sie erzählte Tessa, dass ihre Mama und ihr Papa mit Jesus im Himmel leben würden und nicht zurückkommen würden. Tessa konnte nicht begreifen, wie sie ohne sie weggehen konnten. Oder auch ohne Happy. Tante Carrie hatte keine Erklärung dafür abgegeben. Sie hatte Tessa nur gesagt, dass sie von nun an bei ihnen leben würde, da sie keine eigenen Kinder hätten. Tante Carrie war fünfzehn Jahre älter als Tessas Mutter und Onkel Jack war noch einmal ein gutes Stück älter., Ihr Haus lag weit entfernt und war ganz anders. Von außen sah es aus wie alle anderen in der Straße, doch drinnen war es dunkel und es gab merkwürdige Gerüche. Doch das Schlimm­ ste war, dass man ihr nicht erlaubt hatte Happy mitzunehmen. Tante Carrie war allergisch gegen Haustiere und so musste er auf der Farm bleiben. Sie hatten ihr gesagt, dass sie ihn besu­ chen könnte, doch Onkel Jack schien nie Zeit zu haben. Nach einer Weile, als Reaktion auf ihre dauernden Fragen nach dem kleinen Hund, hatte man Tessa gesagt, dass auch er in den Himmel gegangen wäre um mit Mama und Papa zu leben. Also gab es keinen Grund mehr weiter nach ihm zu fragen. In der Schule hatte sie wenige Freundinnen und selbst die waren schwer zu halten, denn es war ihr nicht erlaubt, sie mit nach Hause zu bringen. Ihre Tante und ihr Onkel fürchteten, sie könnten zu viel Krach machen. Auch wurde Tessa nicht erlaubt draußen zu spielen und sich »herumzutreiben«. Die meiste Zeit brachte sie in ihrem Zimmer zu und las. Sie redete wenig und auch dann nur, wenn sie angesprochen wurde. Es hatte den Anschein, als ob ihr Leben sich irgendwo anders abspielte und sie aus sicherer Entfernung zusah. Dass sie die Prüfungen gut bestand, war kein Wunder, sie hatte ja nichts anderes, womit sie ihre Zeit verbringen konnte. Die anderen Kinder zogen sie manchmal auf und nannten sie eine Streberin, doch meistens ließen sie Tessa in Ruhe. Sie schmeichelte sich nicht bei den Lehrern ein und meist blieb sie gänzlich unauffällig. Sie war völlig überrascht, als die Direkto­ rin ihr sagte, sie sei für ein Stipendium in Oxford vorgeschla­ gen, und es war eine noch größere Überraschung, als sie es wirklich erhielt. Sie durfte zwei Jahre früher als normal von der Schule abgehen und so begann ihr Leben aufs Neue., Sie machte zuerst einen Abschluss in Mathematik und pro­ movierte danach. Sie war dann einige Semester Tutorin und arbeitete später für eine Softwarefirma, bevor sie schließlich wieder zurück an das Kendall-Institut ging, das ein Teil der Universität war, aber aus externen Mitteln finanziert wurde und reine Forschung betrieb. Kybernetik wurde zu ihrem Spezialgebiet. Es war erst acht Uhr, als Tessa sich eine zweite Tasse Kaffee zum Umziehen mit nach oben nahm. Diesmal wechselte sie nur den Pullover gegen etwas lockerer Sitzendes. Ihre Schwangerschaft zeigte sich noch nicht, sie war erst in der zwölften Woche, trotzdem wurde sie langsam um die Hüften breiter. Es war ein seltsam angenehmes Gefühl. Sie drehte den Kopf von einer Seite zur anderen und mu­ sterte ihr Bild im Spiegel, zuerst schüttelte sie ihr langes Haar nach hinten, dann hob sie es nach oben. Sie entschied, dass heute ein Tag war, an dem sie das Haar aufgesteckt tragen würde. Ihre klaren, blauen Augen musterten sie, als sie das Haar feststeckte. Sie sahen eine unbestreitbar schöne Frau, hohe Wangenknochen, volle Lippen im Zusammenspiel mit einem dunklen Teint, der von ihrem Vater kam, der ein halber Grieche gewesen war, und ihrer walisischen Mutter. Ein jeder, Liebhaber, Kollegen, Freunde, hatte ihr gesagt, dass, wenn sie sprach, sie voller Leben und Energie war. Ihr Lächeln, so sag- ten sie, konnte einen Raum erleuchten. Das verwirrte sie, denn jedes Mal, wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie nur das blanke, ungeformte Abbild des Kindes, welches sie einmal gewesen war und das immer noch unsicher war, was man sagen oder wie man sich benehmen, sollte. Sie stand auf und bemerkte, dass sie ihre Hand auf ihren Bauch gelegt hatte um nach dem Leben zu tasten, das sich darin verbarg. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick noch einmal auf ihr Spiegelbild und zum ersten Mal, so lange sie sich erin­ nern konnte, hatte sie den Eindruck, es würde ihr zulächeln. Überrascht von ihrem Glücksgefühl, ging sie in den ande­ ren Raum, wo ihre Computer aufgestellt waren. Gestern Abend hatte sie sich in Attila eingelogt, den Hauptspeicher des Institutcomputers, und bis spät in die Nacht gearbeitet. Danach hatte sie auf ihrem PC einige Notizen gemacht und diese auf Diskette kopiert. Jetzt nahm sie die Diskette aus dem Laufwerk und steckte sie in die Tasche ihrer Jeans um sie sich später noch einmal anzusehen. Danach verschloss sie das Haus und machte sich in ihrem Auto auf die zwanzigminütige Fahrt nach Oxford.,

SANDRA SMALLWOOD, JEDER nannte sie Sandy, nahm den Anruf an ihrem privaten Anschluss entgegen, den ihr

Mrs. Korngold im Gartenflügel des Haupthauses eingerichtet hatte. »Hallo?« »Tut mir Leid Sie zu stören«, erklang eine männliche Stim­ me, »aber könnte ich bitte mit einer Miss Sandra Smallwood sprechen?« Die Stimme klang jung und der Ton war höflich. »Das bin ich selbst.« »Miss Smallwood, ich glaube nicht, dass Sie sich an mich erinnern, aber ich bin ein Verwandter von Ihnen. Mein Vater ist der Cousin Ihrer Mutter. Ich glaube, dadurch sind wir Cousins zweiten Grades.« »Wie ist Ihr Name?« »Darren Wade.« »Aus Philadelphia?« »Richtig.« »Sie sind Bill und Naomis… « »Richtig, das ist richtig… « »Ich habe schon seit Jahren nichts mehr von denen gehört. Wie geht es ihnen?« »Sie machen im Moment eine Weltreise. Ich weiß nicht, ob Sie davon gehört haben, Vater hatte mit den Aktien einer klei­ nen Firma Glück gehabt, die er vor zehn Jahren gekauft hatte,, und die jetzt keine kleine Firma mehr ist. « »Ich habe nichts davon gehört. Das klingt ja großartig.« »Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, dass ich so einfach an­ rufe.« »Nein, überhaupt nicht.« »Es muss jetzt, mein Gott, wie viele Jahre ist es her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?« »Fragen Sie nicht«, lachte sie. »Ich habe irgendwo noch ein Foto.« »Haben Sie? Von mir?« »Wir beide gemeinsam. Auf irgendeiner Hochzeit. Sie müs­ sen da vier, höchstens fünf Jahre alt gewesen sein.« »Sandra, lassen Sie mich erklären, warum ich anrufe… « »Sandy. Jeder nennt mich immer noch Sandy und du kannst mich duzen.« »Sandy. Ich möchte mich wirklich nicht aufdrängen. Sag bitte, wenn es so ist.« »Nein, natürlich nicht. Ich bin froh etwas von dir zu hören.« »Es ist einfach so, dass ich vor einiger Zeit ehrenamtlich für den Tierschutzverein in Atlanta gearbeitet habe und in unserer Abonnentenkartei auf deinen Namen gestoßen bin. Ich schrieb mir deine Adresse heraus und dachte mir, wenn ich jemals nach Los Angeles komme, dann rufe ich an und finde heraus, ob du es wirklich bist.« »Du bist in Los Angeles?« »Ich habe Seminare an der University of California als Teil meiner Ausbildung zum Tierarzt.« »Du bist ein Tierarzt?«, »Ich werde einer. Ich denke daran, mich hier in Kalifornien niederzulassen.« »Vielleicht kann ich dir helfen.« »Oh nein, hör zu, deswegen habe ich nicht angerufen.« »Die Frau, für die ich arbeite, kennt hier jeden.« »Für wen arbeitest du?« »Ihr Name ist Mrs. Rosa Korngold.« »Korngold? Da klingelt etwas bei mir.« »Sie ist Mitglied in vielen Gremien und so. Ich kümmere mich um ihre Hunde. Das ist meine Arbeit.« »Was für Hunde?« »Retriever. Sie hat acht Stück.« »Acht!« Sandy lachte. »Sie liebt Retriever wirklich.« »Hör zu, Sandy, wie ich schon sagte, ich will mich keines­ falls aufdrängen, aber wollen wir uns nicht irgendwann auf eine Tasse Kaffee treffen, was denkst du?« »Warum kommst du nicht hierher?« »Nein, das will ich wirklich nicht.« »Du solltest Mrs. Korngold treffen. Sie ist eine nette Frau. Und wenn sie erfährt, dass du ein Tierarzt bist… « »Bist du sicher?« »Selbstverständlich.« »Das würde ich wirklich gerne. Nur… nun das erste Mal, wenn wir uns treffen, denke ich, es wäre besser, wenn wir alleine wären, nur wir beide. Ich meine, uns über die Familie unterhalten, die alten Zeiten und so.«,

ÜBER TESSAS GESICHT zog sich ein Lächeln, als sie von der Banbury Road links abbog. Sie hatte sich zum Spaß

allerlei dümmliche Namen für ihr Kind ausgedacht. Warum amüsierte sie die Vorstellung einen Jungen ›Walter‹ zu nen­ nen? Oder ein Mädchen ›Myrtle‹? Und was war so schlimm an ›Herbert‹, ›Sybille‹, ›Stanley‹, ›Vera‹, ›Parsival‹, oder ›Mabel‹? Es waren hervorragende Namen, mit denen man wirklich zufrieden sein konnte, und doch lachte sie laut bei der Vorstel­ lung ihr Kind so zu nennen. Wie kam es, dass Worte Vorstel­ lungen hervorriefen, die ihre eigentliche Bedeutung völlig veränderten? In Wirklichkeit hatte sie sich schon entschieden. ›Paul‹ nach ihrem Vater, wenn es ein Junge würde, und ›Rachel‹ nach ihrer Mutter, sollte es ein Mädchen sein. Sie bog nach rechts ab und fuhr um das mächtige, rote Backsteingebäude des Keble College herum, dann links in die South Park Road. Danach passierte sie ein Tor mit herabhän­ genden Rhododendronzweigen und fuhr zwischen den weit auseinander liegenden Gebäuden, die den Wissenschaftsbe­ reich bildeten, zu ihrem Parkplatz. Das Kendall Institut war in den späten Fünfzigern als An­ bau an ein viktorianisches Gebäude, in dem sich jetzt die Insti­ tutsverwaltung befand, errichtet worden. Eigentlich war es kein einheitliches Institut, sondern eine Reihe von eigenstän­ digen Einheiten, die, je nachdem wer mit wem an welchem, Projekt arbeitete, jederzeit in Größe und Anzahl modifiziert werden konnten. Es fungierte als eine Abteilung des Fachbe­ reiches Computerwissenschaften der Universität, doch da es mit Fremdmitteln finanziert wurde, stand man in engem Kon­ takt zu Industrie und Regierungsbehörden auf der gesamten Welt. Künstliche Intelligenz, kurz KI, konnte nicht ernsthaft erforscht werden, ohne dass man das Kendall-Institut erwähn­ te. An diesem Morgen befanden sich in Tessas Post nur ein paar Zeitschriften und das Manuskript eines Artikels über elektronische Wahrnehmung, den jemand, den sie am Massa­ chusetts Institute of Technology kannte, für die Veröffentli­ chung vorbereitete. Als sie die Stufen hinaufging, begrüßte sie ein paar Leute und blieb auf ein paar Worte in den Türen einiger Büros stehen. Die Atmosphäre war wie immer unge­ zwungen, offen und gar nicht förmlich. Aus der ganzen Welt kamen Leute hierher. Jeder von ihnen hätte in der Industrie ein kleines Vermögen verdienen können, doch sie zogen es vor, ihrer eigenen intellektuellen Neugierde zu frönen, als das zu tun, was ihnen ein Geldgeber vorschrieb. Tessa hatte eine Zeit lang in einer großen Elektronikfirma gearbeitet, doch die Atmosphäre dort hatte sie erdrückt. Sie war gerade dabei gewesen, ihr eigenes Beratungsbüro zu gründen, als man ihr anbot zurück nach Kendall zu kommen, und sie hatte begei­ stert zugesagt. Sie war gerade dabei, einem schwedischen Statistiker etwas zu erklären, als sie aus dem Augenwinkel eine gesetzte Gestalt in einem Nadelstreifenanzug bemerkte, die sie von dem obe­ ren Treppenabsatz herab beobachtete. Mit einem Schlag fiel ihr ein, dass sie ihren Termin mit Jonathan Syme vom Wirt­, schaftsministerium ganz vergessen hatte. Sie entschuldigte sich bei dem Schweden und eilte die Stufen hinauf, wobei sie einen Blick auf ihre Uhr warf. Glücklicherweise hatte sie sich nur zehn Minuten verspätet. Er begrüßte sie mit einem Lächeln und einem Händeschüt­ teln und wischte ihre Entschuldigungen beiseite. Jonathan war um die vierzig Jahre alt, intelligent, charmant und oft auch humorvoll. Ein hohes Tier in der Verwaltung, außerdem noch ein ehemaliger Fellow der All Souls, kam er ungefähr zweimal pro Monat zum Abendessen hierher. Manchmal blieb er über Nacht im College, was der Grund für seine gelegentlichen, frühen Besuche im Institut war, wo er sehen wollte, was Tessa mit den Regierungsgeldern anstellte, die Teil ihres Budgets waren. Die ganze Angelegenheit hatte einen freundschaftli­ chen Anstrich und er würde auf keine Weise Einfluss nehmen, doch Tessa wusste ganz genau, dass er in dem Moment, in dem er sich in die wartende Limousine, die ihn die Autobahn 40 hinunter nach London bringen würde, setzte, einen offiziel­ len Bericht diktieren würde. »Nun, wie geht es Fred heute Morgen?«, fragte Jonathan, als sie den Gang zu Tessas Arbeitsplatz hinunterschlenderten. »Sehen wir mal nach«, gab sie zurück. »Ich habe gestern Nacht von zu Hause aus etwas an ihm gearbeitet. Ich bin neu­ gierig, ob er uns beachten wird.« Fred war ein Roboter, der aus einer Menge von hoch ent­ wickelten Sensoren bestand, die Daten an Attila, den großen Computer im Labor zwei Stockwerke tiefer, übermittelten, wo sich sein ›Gehirn‹, ein Programm, das Tessa geschrieben hatte, befand. Dies war das Programm, an dem sie von ihrem Heim­ computer aus, der über Telefon mit dem im Institut verbunden, war, bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet hatte. Fred hatte tatsächlich in den letzten paar Wochen erstaunliche Fort­ schritte gemacht, doch sie fragte sich, ob dies für einen relativ Außenstehenden feststellbar wäre. Eine Stunde später bemerkte sie, wie sich Jonathan auf dem Plastikstuhl, auf dem er wie gebannt gesessen hatte, zurück­ lehnte und beobachtete, wie Fred eine Reihe immer kompli­ zierterer Labyrinthaufgaben mit teilnahmsloser Präzision löste. Tessa hoffte, dass man ihr ihren Stolz nicht zu deutlich ansah. »Erstaunlich. Einhundert Prozent Verbesserung, wenn nicht mehr. Was im Himmel haben Sie getan?« Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Vielleicht habe ich nur Dusel gehabt.« »Hören Sie auf, Tessa. Wenn es Dusel wäre, dann würde er nicht von Mal zu Mal besser. Ich weiß, dass dies der Sinn eines Nervensystems ist, wahrnehmen, sich weiter entwickeln und all das. Aber das hier ist herausragend.« Er saß da und blickte sie an, wartete auf eine Erklärung, bis sie sich schließlich veranlasst sah eine zu geben. »Ich habe das System dabei unterstützt, sich selbst über die Erfahrung zu definieren. Ich habe das Programm um einige Funktionen erweitert, die das System dynamisch rückkoppeln und effektiv die Erfahrungen verarbeiten.« Sie brach ab und hoffte darauf, dass er wissend nicken, auf seine Uhr sehen und erklären würde, dass er gehen müsse. Stattdessen hob er fragend eine Augenbraue, als sich die Stille hinzog, so als ob ihn ihre Zurückhaltung amüsieren würde. »Sie meinen, er wird durch Übung besser. Ist es das, was Sie, damit sagen wollen?« »Prinzipiell schon.« Er schaute sie an. »Das ist völlig neu, stimmt’s?« Sie neigte ihren Kopf zur Seite. »Es ist das erste Mal, dass es in einem System von solcher Komplexität benutzt wird.« »Wie haben Sie es gemacht?« »Zuerst habe ich die Steuereinheit für das neurale System verändert um ein Geflecht von veränderten Reaktionsschema­ ta zu erhalten, immer wenn die Umstände sich grundlegend verändert hatten.« »Damit haben Sie das System gezwungen sich als Reaktion auf neue Eindrücke weiterzuentwickeln.« »Im Prinzip, ja. Die veränderten Reaktionen waren zufällig, also musste ich einen Algorithmus generieren, der die Lösun­ gen, die funktionierten, speicherte und die, die nicht funktio­ nierten, herauswarf.« »Und wie haben sie das erreicht?« Tessa holte tief Luft. Es war eine instinktive Reaktion auf die Schwierigkeit in einfachen Sätzen etwas zu erklären, das selbst sie nur in der fachspezifischen Terminologie völlig be- griff. Sie bereute sofort ihre Reaktion und hoffte, sie würde von ihrem Gegenüber nicht als Ungehaltenheit oder offene Unhöflichkeit ausgelegt. Doch Jonathan schien unbeeindruckt. »Ich habe das Programm sowohl in Attilas virtuelle Simula­ tion des Labors als auch in Freds tatsächlich vorhandenen Körper eingespeist.« »So, wie wir gesehen haben, gibt es dem Programm die Möglichkeit erst abzuwägen, bevor es Fred eine Handlung ausführen lässt?«, »Ja, so ähnlich«, bestätigte sie und ihre Blicke trafen sich. Nicht zum ersten Mal fiel ihr auf, wie bemerkenswert schnell seine Auffassungsgabe für einen Nichtfachmann war. Doch dann rief sie sich in Erinnerung, dass er einer der Besten unter den Besten, dazu noch ein Fellow von All Souls war, was einen Verstand voraussetzte, der wahrscheinlich alles meistern konnte, was er sich vornahm. Wie schade, dachte sie sich, dass er schwul war, dann wunderte sie sich, woher sie das wissen wollte. Weibliche Intuition? Oder einfach die auf der Hand liegende Tatsache, dass er um vierzig, gut aussehend und unverheiratet war? Jonathan beobachtete Fred, der bewegungslos vor dem La­ byrinth stand. Er runzelte nachdenklich seine Stirn. »Sind Sie der Ansicht, dass er schnell lernt?«, fragte er schließlich. »Ich meine schneller, als Sie erwartet haben?« Wieder war Tessa von der Scharfsinnigkeit der Frage überrascht. »Nun, das tut er wirklich«, gab sie zurück. »Nicht am An- fang. Zuerst stand er starr da und ich glaubte schon, es funk­ tioniere nicht. Doch als ich Attila abfragte, stellte ich fest, dass er wie verrückt rechnete. Zuerst wusste ich nicht, was los war. Dann bemerkte ich, dass das Programm aus Attilas Speichern alles abrief, was Fred jemals gemacht hatte. Das ging so zwei Tage lang, dann war alles vorbei und Fred begann besser zu werden. Aber nach jedem Versuch braucht er Zeit um alles, was er gemacht hat, noch einmal durchlaufen zu lassen.« »So als ob er träume?« Sie machte eine kurze Bewegung mit dem Kopf, so als ob sie den Begriff missbilligen würde, aber gleichzeitig als nicht, ganz unzutreffend empfand. »Wenn Sie so wollen. Wie kommen Sie darauf, dass er schneller lernt, als ich erwartet habe?« Jonathan stand auf, streckte seinen Rücken um die Steifheit abzuschütteln und schlenderte zu einem der Fenster. »Etwas, das ich vor Kurzem gelesen habe. Theorien vom künstlichen Leben. Es hat den Anschein, als ob Leben, in die- sem Fall intelligentes Leben, den Willen hat sich zu offenba­ ren. Ich möchte damit nicht etwas wie Lebenskraft ins Spiel bringen. Ich möchte eigentlich überhaupt nichts ins Spiel brin- gen. Ich rekapituliere nur, was verschiedene Wissenschaftler gesagt haben, nämlich, wenn man zufälligen Strukturen einen kleinen Anstoß gibt, bilden sie aus sich selbst heraus viel schneller planvolle Strukturen, als die Gesetze der Wahr­ scheinlichkeit voraussagen.« Sie sagte nichts dazu, bis er sich umdrehte und auf eine Antwort wartete. »Es hat den Anschein«, meinte sie und schob eine relativierende Bemerkung nach. »Doch inwieweit ›Muster‹ vergleichbar mit ›Leben‹ ist, bleibt eine andere Frage.« »Richtig.« Er drehte sich wieder um und schaute eine Zeit lang nach draußen auf die Bäume, bevor er fortfuhr. »So wie Sie erklären, dass das Programm, Freds Gehirn, einen Weg gefunden hat seine Reaktionen auf neue Reize im Licht von erworbenem Wissen neu zu organisieren… « Er brach ab und drehte sich wieder zur ihr um, doch diesmal hatte sein Gesicht einen ernsten Ausdruck, den sie etwas einschüchternd fand. »… wenn«, führte er seinen Satz weiter, »das, was hier pas­, siert, dem entspricht, dann gibt es Anwendungsmöglichkeiten, die weit über ein Steuerungssystem für Roboter hinausgehen. Ist es nicht so?« Tessa rutschte unbehaglich hin und her. Ihr gefiel die Frage nicht, denn sie war zu nahe an ihren eigenen Überlegungen, die sie im Moment lieber für sich behielt, als sie in einem halb­ offiziellen Bericht wiederzufinden, und die so auf sie zurück­ fallen und ihr schlaflose Nächte bereiten würden. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir jetzt schon so weit gehen können.« »Jetzt«, wiederholte er, als ob dies der Schwachpunkt ihrer Argumentation wäre, was er tatsächlich auch war. »Ich halte mich lieber an das, was wir wissen, als zu speku­ lieren.« Tessa befürchtete, dass sie etwas pedantisch klang, doch sie wollte sich nicht aus der Reserve locken lassen. Er lächelte wieder, gab damit dem leichten Gefühl gegensei­ tiger Sympathie zwischen ihnen Ausdruck und schaute dann, es war schon lange überfällig, auf seine Uhr. »Ich muss zurück nach London«, erklärte er. »Danke für die Vorführung. Wir werden wieder in Kontakt treten. Schon bald.« Sie schüttelten sich die Hände und verabschiedeten sich. Von ihrem Fenster aus konnte sie verfolgen, wie sich sein Wagen in Richtung des Haupttores entfernte. Sie war froh alleine mit ihren Spekulationen zu sein.,

CENTURY CITY WAR dort gebaut, wo sich früher einmal ein Hinterhof der Twentieth-Century-Fox-Filmstudios

befunden hatte. Vielleicht war dies der Grund, dass man dort immer noch das Gefühl hatte, alles wäre nur Kulisse. Die glas­ verkleideten Bürotürme erhoben sich unwahrscheinlich hoch in den klaren blauen Himmel und die Laufbänder, Einkaufs­ zentren, Gärten und Kinozentren bewirkten ein Gefühl eines immer währenden, tropischen Festes. Sandy Smallwood schaute mit wachsender Ungeduld auf ihre Uhr und beschloss ihrem Cousin zweiten Grades noch genau fünf Minuten zu geben, bevor sie gehen würde. Sie saß an einem Tisch auf der Terrasse eines kleinen Cafés, wo sie sich verabredet hatten. Pünktlichkeit war eine Form von Höf­ lichkeit, die sie zu einer Tugend gemacht hatte, augenschein­ lich im Gegensatz zu einigen entfernten Mitgliedern der Fami­ lie. Die Sache war seine Idee gewesen. Wie konnte er sie nur hier warten lassen. Sie schaute wieder auf die Uhr. Noch vier Minuten, dann würde sie gehen. Das wären dann insgesamt zwanzig Minu­ ten, die sie hier gewartet hätte. Ungefähr fünfzig Meter entfernt auf dem Zwischengeschoss eines anderen Gebäudes war durch die getönten Scheiben hindurch ein starkes Fernglas auf sie gerichtet. Er wollte sicher sein, so weit es möglich war, dass sie alleine war. Ohne Zwei­ fel war sie alleine angekommen., Niemand hatte sich an einen benachbarten Tisch gesetzt, weder kurz bevor noch kurz nachdem sie eingetroffen war. Als die Minuten vergingen und ihre Ungeduld wuchs, warf sie niemandem, der sie möglicherweise im Auge behielt, bezeich­ nende Blicke zu, nichts deutete darauf hin, dass jemand dort draußen darauf wartete, aus der Deckung zu kommen um den Mann zu ergreifen, für den sie als Köder diente. Bei jedem neuen Opfer musste er jetzt immer vorsichtiger zu Werke gehen. Er veränderte sein Vorgehen so weit wie möglich, aber es gab immer Schwachpunkte. Sie waren nicht zu umgehen und dies hier, dieses Treffen, war der größte. Er legte das Fernglas auf den Sitz neben sich und nahm die Videokamera. Er bekam eine gute Aufnahme von ihr und zoomte sie heran, bis sie, wieder auf ihre Uhr blickend, das Bild ausfüllte. Sie sah gut aus, wenn sie die Beine so überein­ ander legte wie jetzt und ihr Haar ihr ins Gesicht fiel. Jede Minute konnte ein Kerl auf sie aufmerksam werden. Das wäre unangenehm; er hoffte, sie würde nicht zu lange warten. Schließlich schob sie den Stuhl zurück und verließ das Café. Sie gab kein Zeichen, schaute sich nicht nach einem möglichen Bewacher um. Sie ging einfach. Das war gut. Er setzte wieder das Fernglas an und suchte den Bereich nach koordinierten Bewegungen von Personen ab. Es gab keine. Er war davon überzeugt, dass sie alleine war. Er setzte sich in Bewegung. Etwas mehr als zwei Minuten später hastete er den Gang in ihre Richtung entlang; er führte zu dem Lift in die Tiefgarage, wo sie ihren Wagen geparkt und er sie dabei beobachtet hatte. Er hatte die ganze Sache so berechnet, dass er sie selbst dann erreichen konnte, wenn sie schnell ging. Er fand sie schließlich ohne ein Anzeichen von Eile vor dem Schaufenster eines, Buchladens. Ein paar Meter entfernt von ihr blieb er stehen. »Sandy?« Sie drehte sich um und setzte eine abweisende Miene auf, denn wenn dies Darren wäre, dann würde sie ihm seine Ver­ spätung nicht so einfach verzeihen. »Entschuldigung«, sagte er, »ich bin hier mit einer Frau verabredet, die ein blau-weißes Kleid wie das Ihre anhaben soll.« Ihre Blicke begegneten sich. Er war knapp einen Meter achtzig groß, Ende zwanzig, Anfang dreißig und sah gut aus. »Bist du Sandy?« »Du bist fünfundzwanzig Minuten zu spät«, sagte sie und war froh, dass ihre Stimme verärgerter klang als sie wirklich war. Er machte ein betrübtes Gesicht. »Tut mir Leid. In der Pra­ xis, in der ich zur Zeit arbeite, gab es einen Notfall. Jemand brachte einen Hund, der von einem Auto angefahren worden war. Er hatte einen doppelten Bruch des Vorderlaufes. Ich hatte keine Wahl. Ich habe so schnell gemacht, wie ich konn­ te.« »Wie geht es dem Hund?« »Ich denke, er wird wieder werden. Egal, es tut mir Leid.« »Schon gut. Aber ich rate dir, dass die Geschichte mit dem Hund stimmt.« »Du kannst mitkommen und ihn im Behandlungszimmer liegen sehen, wenn du willst.« Sie lächelte. »Warum trinken wir nicht einfach eine Tasse, Kaffee, so wie wir es vorgehabt haben?« »Lass mich einen Vorschlag machen. Du hast am Telefon gesagt, heute wäre dein freier Tag. Hast du heute Abend schon etwas vor?« »Ich gehe nachher auf eine Party.« Es war das kurze Schulterzucken, das mit ihrer Aussage einherging, das ihm eine Möglichkeit eröffnete. Er las daraus ab, dass sie zumindest bereit war eine Änderung ihrer Pläne in Betracht zu ziehen. Trotzdem spielte er den Enttäuschten. Es würde nicht klappen, wenn er zu selbstsicher und überlegen auf sie wirkte. Er riss die Augen auf, schob sein Kinn vor, denn er wusste genau, was er machen musste um wie ein erwachsener Mann auszusehen, in dem immer noch ein klei­ ner Junge steckte. Ihm war klar, dass dies seine beste Waffe war. »Musst du wirklich dahin?«, fragte er. »Ich habe es versprochen.« »Ich wollte vorschlagen, dass wir zum Strand hinausfahren. Wir könnten spazieren gehen und uns unterhalten. Ich kenne ein tolles Restaurant, wo wir zu Abend essen können.« »Klingt gut, aber meine Freundin Carol wartet darauf, von mir abgeholt zu werden.« »Du könntest sie anrufen und ihr sagen, dass es nicht klappt.« »Das wäre nicht in Ordnung.« »Ich denke, du hast Recht.« Er wirkte ziemlich enttäuscht. »Ich würde ja vorschlagen, dass wir am Wochenende etwas unternehmen, nur das Problem ist, dass ich arbeiten muss. Vielleicht nächste Woche?«, »Klar.« »Nein, warte, mir fällt gerade ein, dass ich nach San Fran­ cisco muss.« Er musterte sie mit einem verzweifelt bittenden Blick. »Kannst du deiner Freundin Carol nicht sagen, du wä­ rest krank? Oder dass deine Tante von einem Laster angefah­ ren worden ist und du sie im Krankenhaus besuchen musst?« »Das ist unmöglich«, protestierte sie, hörte sich aber selbst dabei lachen. »Ich weiß, was wir machen«, sagte er und warf ihr ein schelmisches Grinsen zu. »Ich werde sie anrufen und sagen, ich wäre vom FBI und du wärst entführt worden und wir würden nicht erwarten in absehbarer Zeit etwas von dir zu hören und dass wir deinen Terminkalender gefunden hätten und daher wüssten, dass du sie zu der Party abholen wolltest und… « »Schon gut, schon gut. Ich werde Carol anrufen und ihr sa- gen, dass ich nicht komme.« »Das ist großartig!« »Ich schau mal nach einem Telefon.« »Bevor wir irgendetwas anderes anfangen, möchte ich gerne eine Videoaufnahme von dir machen?« Und während er sie fragte, zog er schon einen Camcorder aus seiner Tasche. Sie war überrascht. »Ein Video?« »Für die Familie, um es Mom und Dad zu zeigen, wenn sie zurückkommen. Du weißt, damit sie wissen, was ich tue, wo ich arbeite, wo ich wohne und hey, ich habe Sandy getroffen!« Ihre Überraschung wurde zu einem Lächeln. »Klar, mach nur.« Sie warf sich selbstsicher in Pose, während er sich mit der, Kamera um sie herumbewegte, das Gesicht vor Konzentration verzerrt, die Kamera ruhig haltend. »Sag etwas«, forderte er sie auf. »Der Ton wird auch aufge­ zeichnet.« »Mein Gott… ›Hänschen klein… ‹ Nein, das ist nichts. Das ist gemein, du hast mich überrumpelt. « »Nur so bekommt man gute Aufnahmen. Du bist Klasse.« »Können wir das nicht löschen und noch mal anfangen? Jetzt weiß ich, was ich machen kann.« Er lachte und stellte die Kamera ab. »Tut mir Leid«, meinte er und ließ die Kamera sinken. »Das war ein bisschen gemein. Später machen wir noch ein paar Aufnahmen.« Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen ihnen, gerade lange genug um ihr bewusst zu machen, dass an die- sem Mann etwas war, was sie näher ergründen wollte. Cou­ sins zweiten Grades konnten heiraten. Nicht, dass sie wirklich daran gedacht hätte. »Ich nehme an, du bist mit dem Wagen hier«, brach er das Schweigen. »Er steht in der Tiefgarage.« »Nehmen wir doch meinen und holen deinen nach dem Essen ab? Ist das eine gute Idee?« »Ja.« »Gut. Gehen wir.« »Halt, ich muss noch telefonieren.« »Das kannst du von meinem Auto aus machen.« Er schwang seine Tasche über die Schulter. Dann, so als ob er sich plötzlich an sein gutes Benehmen erinnern würde und, seinen Fehler wieder gutmachen wollte, streckte er seine Hand aus. »Es ist wirklich schön, dich zu treffen, Sandy.«,

TIM KELLY BEOBACHTETE, wie sein Vater um den Tisch herumging und die Gläser füllte. Der große Mann war

sechzig, aber immer noch beweglich wie ein Boxer, der er einmal gewesen war. Es gab nur eine Andeutung von Beleibt­ heit um seine Taille und seine Schultern bewegten sich musku­ lös unter dem Hemd. Das war ein Mann, der immer noch, wenn nötig, einen Schlag austeilen konnte, doch jetzt lagen seine großen Hände vorsichtig um zwei Flaschen, die in der Art, wie er sie hielt, an Modellflugzeuge erinnerten. In der einen war California Ca­ bernet und in der anderen für die, die es mochten, bester iri­ scher Whiskey. Er füllte jedes Glas außer seinem eigenen, das seit neunzehn Jahren immer nur reines Leitungswasser ent­ hielt. So als ob er den Blick seines ältesten Sohnes gespürt hätte und möglicherweise auch die Gedanken, die dahinter standen, hob Matt Kelly sein Glas, zwinkerte und prostete ihm über den Tisch hinweg zu. Tim hob sein Weinglas und erwiderte die Geste, lächelte in das runde Gesicht, das er so hingebungsvoll liebte und das er einst so gefürchtet und gehasst hatte, dass er noch heute er­ schrak, wenn er sich daran erinnerte. Esther Kelly kam mit zwei weiteren jener duftenden, frisch gebratenen mit Mais gemästeter Hähnchen aus der Küche herein, die den Hauptgang des österlichen Familienessens, ausmachten. Josh, Tims drei Jahre jüngerer Bruder, war schon aufgestanden und hielt Messer und Gabel bereit. Dass Josh das Fleisch aufschnitt, wann immer er zu Hause war, war eine Familientradition, die weiter zurückging als irgendjemand sich erinnern konnte, zurück in Zeiten, an die sich niemand erinnern wollte, jene Tage in denen sie alle in Furcht vor den brutalen Ausbrüchen des betrunkenen Matt gelebt hatten. Irgendwie hatte es Esther geschafft, die Familie in jenen schrecklichen Zeiten zusammenzuhalten, indem sie ihre Söhne vor den schlimmsten Ausbrüchen ihres Vaters beschützte, wobei sie manchmal einen Großteil selbst abbekam. Tim wur­ de immer noch übel, wenn er an die Platzwunden und blauen Flecken, die sich verfärbenden Schwellungen in ihrem Gesicht dachte, wenn sie auf Zehenspitzen in das Zimmer der Jungs kam und Tim flüsternd, damit Josh nicht aufwachte, bat ihr zu helfen den Vater, der irgendwo bewusstlos in der Wohnung umgefallen war, ins Bett zu bringen. Der mächtige Polizist war dann manchmal noch in Uni­ form, manchmal in Unterwäsche, ab und zu auch ganz nackt bis auf einen Bademantel, den Esther um ihn gewickelt hatte, bevor sie ihren Sohn geholt hatte. Dies waren die Tage, an denen Tim, wenn er noch an Gott geglaubt hätte, wie es seine Mutter tat, darum gebetet hätte, dass sein Vater sterben möge. Weiter unten am Tisch lachte Josh und tauschte Familien­ anekdoten mit einem Dutzend oder mehr Onkeln und Tanten, Kusinen und Kindern aus, während er deren Teller nachfüllte. Doch seine Gedanken waren, wie immer bei solchen Anlässen, bei seinem Bruder Tim. Er wusste, dass der Flug quer durchs Land, die Taxifahrt vom Kennedy Airport zu dem immer, gleichen alten Ort in Queens bei Tim Erinnerungen hervorrie­ fen, die fast nicht zu ertragen waren. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Joshs Erinnerungen an diese Zeit waren seltsam undeutlich. Er vermutete, dass er sie irgendwie verdrängt hatte, weil sie zu schmerzhaft waren. Doch es gab einen Tag, den er nie vergessen hatte und auch nie vergessen würde. Das war der Tag, an dem der fünfzehn Jahre alte Tim schließlich vor seinen Vater getreten war und ihm gesagt hatte, dass es so nicht weiterginge. Der große Mann war zum Berserker geworden. Er schlug seinen Sohn fast tot, brach ihm den Arm, die Nase, drei Rippen und ver­ passte ihm einen Milzriss, bevor die Mutter irgendwie den Dienstrevolver des Alten aus dem Holster bekommen und zwei Schüsse in die Wand abgegeben hatte, die für Ruhe sorg­ ten. Damals, in jenem Moment, war etwas mit dem großen Matt passiert. Es war, als ob aller Alkohol aus seinem Kopf ver­ schwunden wäre und von der klaren Erkenntnis dessen, zu was er geworden war und was er getan hatte, ersetzt worden war. Er war auf die Knie gesunken, hatte seinen zusammenge­ schlagenen Sohn in die Arme genommen und ihn nicht wieder losgelassen, bis er sicher auf der Trage des Rettungsdienstes lag. Sie hatten eine Polizeieskorte bekommen und heulende Sirenen, was bedeutete, dass seine Dienststelle davon erfuhr, nicht zuletzt aufgrund der Fragen, die er wegen der zwei Schüsse in seiner Wohnung zu beantworten hatte. Polizisten hielten zusammen, egal wie, und die ganze Sache wurde unter den Teppich gekehrt, so wie Matts Trinken wäh­ rend des Dienstes jahrelang gedeckt wurde. Doch von diesem Tage an hatte Matt nie wieder einen Tropfen Alkohol ange­, rührt. Er war ein guter Polizist gewesen und sogar zum Serge­ ant befördert worden, bevor er nach dreißig Jahren Dienst pensioniert wurde. Danach arbeitete er als Chef eines privaten Sicherheitsdienstes. Er war als Vater und Ehemann wie aus dem Bilderbuch. Es war schwer zu verstehen, so grübelte Josh, dass zwei so unterschiedliche Personen in einem Menschen existieren konnten; Jekyll und Hyde und zwischen ihnen lag nichts als ein paar Tropfen Alkohol. Später, als alle gegessen und getrunken hatten, unternah­ men die beiden Brüder einen Spaziergang durch ihre alte Nachbarschaft. Beide lebten jetzt in Kalifornien und kamen nur noch zu Besuch hierher. Seltsamerweise sahen sie sich öfters bei ihren Besuchen an der Ostküste als drüben im We­ sten. Josh war, wenn es nach Tim ging, immer der Intelligente­ re gewesen und er lehrte jetzt Physik und forschte über Supra­ leitfähigkeit am California Institute of Technology, während Tim beim FBI einen mehr oder weniger Vierundzwanzigstun­ denjob hatte, der ihm keine Freizeit ließ. Soweit Josh wusste, war das einer der Gründe, warum Tims Ehe in die Brüche gegangen war. Dies und der Umstand, dass er es viel zu leicht genommen hatte, als seine Frau, das Mist­ stück, damit anfing, es mit jemand anderem zu treiben. Tim hatte zu viel Angst davor gehabt, ihr die Leviten zu lesen, da er nur zu gut wusste, wohin das führen konnte. Josh ahnte, dass Tim ins andere Extrem gefallen war und der Frau alles gegeben hatte, was sie wollte, einschließlich ihrer Freiheit. Tim schimpfte nie auf sie, sagte einfach, dass sie eigene Pläne hatte, die nicht zu den seinen gepasst hätten. Pläne, dachte Josh bitter, war der richtige Ausdruck. Einige Zeit danach hatte sie den Chef einer Fluglinie geheiratet und ihre dauernde Präsenz, in den Klatschspalten war einer der Gründe, dass Tim sich nach Los Angeles ins Büro hatte versetzen lassen. »Bleib doch noch«, schlug Josh vor. »Wir gehen heute Abend zu O’Malley und treffen uns mit ein paar von den alten Jungs.« Tim schüttelte den Kopf. »Hör zu«, sagte er, »es war verdammtes Glück, dass ich überhaupt herkommen konnte. Ich habe bis zu dem Zeitpunkt, als ich in einem Taxi zum Flughafen saß, in einer Besprechung über diesen Fall gesteckt und per Telefon noch weiter daran teilgenommen, bis ich schließlich in diesen verdammten Flieger gestiegen bin.« Josh nickte mitfühlend, brach dann aber plötzlich ab. »Du hast mit ihnen über ein Handy gesprochen? Weißt du nicht, wie einfach der Mörder dich dabei abhören kann? Du hast doch schon gesagt, dass er ein Computergenie ist!« »Beruhige dich.« Tims Grinsen hatte etwas Selbstgefälliges. »Die ganze Sache war arrangiert um ihn glauben zu machen, wir hätten keinen Anhaltspunkt, falls er zuhören sollte. Ich wollte, dass er annimmt, wir hätten keinen Hinweis, wie er seine Opfer auswählt, obwohl wir genau wissen, dass er Computernetze benutzt. Leider hilft uns dieses Wissen nicht weiter.« Josh blickte ein paar Momente zur Seite und dachte nach. Nicht weit entfernt spielte eine Gruppe Jugendlicher Basket­ ball in einer eingezäunten Ecke zwischen den zerbröckelnden Mauern zwei leer stehender Häuser. Als er seinen Bruder wieder anblickte und seinen Mund zum Sprechen öffnete, sagte er nicht, was er eigentlich hatte sagen wollen. »He, großer Bruder«, begann er, »das gefällt mir nicht.«, Tim drehte sich zu ihm um und drehte den Verschluss wieder auf die Metallflasche und schob sie in seine Tasche. »Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte Tim mit großer Mü­ digkeit in der Stimme. Er setzte sich langsam auf den Beton­ sims, der einmal Teil des Schaufensters eines italienischen Delikatessenladens gewesen war, doch jetzt nur noch eine weitere, zerstörte Ladenfront darstellte. »Ich weiß, denn ich mache mir selbst Sorgen und es macht mir Angst. Vielleicht verstehe ich Vater inzwischen viel besser, als ich es je geahnt hätte. Vielleicht liegt es in der Familie und es ist nichts dage­ gen zu machen.« »Red nicht solchen Blödsinn.« Josh setzte sich neben seinen Bruder. Er wollte ihn umarmen, unterließ es dann aber. Es gab zwischen ihnen keine körperliche Abneigung, aber er fühlte, dass diese Sache zu bedeutend für eine einfache Umarmung war. »Bevor du loslegst«, erklärte Tim, »lass mich eins sagen, in Ordnung? Bis ich diesen Fall gelöst habe, passiert nichts. Wenn es so weit ist, das heißt, falls es dazu kommt, dann höre ich mit dem Trinken auf, ich gehe zu den Anonymen Alkoho­ likern, ich fange mit Yoga an, wenn das hilft. Doch jetzt zählt nur die Tage und Nächte durchzustehen und Antworten zu finden.« Josh blieb eine Weile stumm, dann meinte er: »Erzähl mir von dem Fall. Warum ist der so kompliziert?« Tim berichtete ihm jede Kleinigkeit. Sie hatten schon vorher über die Morde gesprochen, aber nicht auf diese Weise. Zum einen hatte es noch nicht so viele Opfer gegeben, als sie früher darüber gesprochen hatten, und Tims Gefühl der wütenden Hilflosigkeit war noch nicht so stark gewesen., »Wir haben unsere eigenen und die besten Leute der Tele­ fongesellschaft darangesetzt, diesen Scheißkerl aufzuspüren, aber es ist so gut wie unmöglich und er weiß es augenschein­ lich. Er geht aus dem Telefonnetz über Satellit ins nächste Telefonnetz, wählt sich durch Knotenpunkte, wo wir seine Spur verlieren, verschafft sich Zugang zu jedem Computer, in den er gerade möchte, und taucht dann wieder mit einer Reihe von neuen Tarnpersönlichkeiten auf, hinter denen er sich versteckt.« Josh runzelte die Stirn. »Ich glaube, du meinst Benutzer­ kennung«, berichtigte er. »Ja, genau, das ist es. Ich weiß nicht viel über Computer und hatte nie erwartet, dass ich jemals überhaupt so viel da- von wissen würde. Ich weiß aber, dass es so gut wie unmög­ lich ist, Regierungsstellen, Sicherheitsbüros und ein paar aus­ gewählte Aufpasser dazu zu bringen, mit dem Scheiß aufzu­ hören und Nägel mit Köpfen zu machen. Wenn das nicht gelingt, dann werden noch mehr Frauen sterben.« Ohne sich dessen bewusst zu sein, nahm er einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann. Josh beobachtete es mit Be­ sorgnis. »Willst du, dass ich dir helfe?« Tim schaute ihn an. »Was kannst du tun?« »Zuerst einmal habe ich Ahnung von Computern. Vielleicht nicht so viel wie euer Kerl, aber vielleicht doch. Dazu kommt, dass ich mit Leuten, wie mir selbst, auf der ganzen Welt in Verbindung stehe. Und wir können viel einfacher als ihr die Gesetze übertreten.« Tim dachte einen Moment nach. »Meinst du?«, »Ich meine nicht, ich weiß es. Wir machen das dauernd.« »Nein, was ich meine ist, glaubst du wirklich, du könntest eine Art Polizeitruppe aufstellen?« »So habe ich das nicht gesehen, aber gut, das ist genau, was ich organisieren könnte, eine Polizeitruppe. Voraussetzung ist aber, dass ich von dir jede Einzelheit des Falls mitgeteilt be­ komme.« »Dir ist klar, dass es um meinen Kopf geht, wenn das herauskommt.« »Keine Angst, vertrau mir.« »Natürlich vertraue ich dir, aber… « »Wenn du willst, dann breche ich in den Computer des FBI ein und hole mir die Daten, dann kannst du jede Beteiligung abstreiten, und das meine ich ernst.« Tim blickte ihn entsetzt an. »Das könntest du?« »Es ist so einfach wie von einem Hochseil zu fallen.« »Mein Gott, ihr Typen macht mir Angst.« »Wir strengen uns auch an.« Tim schwieg eine Weile. Seine Hand glitt zu seiner Hosen­ tasche, als ob er sich einen weiteren Schluck genehmigen woll­ te. Dann beherrschte er sich aber. »In Ordnung«, sagte er schließlich und erhob sich wieder von der Fensterbank, »wir treffen ein Abkommen. Sobald wir wieder in Los Angeles sind, bekommst du von mir alles, was wir über den Fall haben. Inoffiziell.« »Natürlich. Inoffiziell ist die einzige Art, wie diese Sache funktionieren kann.« Als sie in das Haus ihrer Eltern zurückkehrten, war Tim, richtig froh zugestimmt zu haben noch eine weitere Nacht zu bleiben und am Morgen mit seinem Bruder zurückzufliegen. Doch in dem Augenblick, als er durch die Tür trat und ihm seine Mutter sagte, es wäre ein Anruf für ihn von einem Jack soundso gekommen, dessen Nummer in Los Angeles sie auf­ geschrieben hatte, war ihm klar, dass er den Abend bei O’Malley abschreiben konnte. Ein Anruf von Jack Fischl konnte nur eines bedeuten. Sie hatten eine weitere Leiche gefunden.,

SOBALD ER DIE Leiche außerhalb von Mulholland an einer der kurvenreichen Straßen, deren Namen er noch nicht

einmal kannte, abgeladen hatte, hatte er sich sofort auf den Rückweg gemacht. Er war in einem Zustand wahnsinnig über­ triebener Vorsicht gefahren, der ihn lächeln ließ, als er bemerk­ te, wie genau er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt und wie besonders aufmerksam er beim Rechtsabbiegen an einer roten Ampel war, was in Kalifornien erlaubt war, wenn ein Schild es nicht anders vorschrieb. Man musste auf solche Schilder achten, denn die Polizei lauerte manchmal auf Leute, die diese Schilder übersahen oder nicht beachteten. Es wäre schon zu blöd, wegen einer Verkehrsübertretung an­ gehalten zu werden und dann mitverfolgen zu müssen, wie die ganze Sache von da an aufgerollt werden würde. Das wäre wirklich zum Kotzen. Da war er nun, fuhr äußerlich ganz ruhig, doch innerlich zum Zerreißen gespannt und wartete nur darauf, nach Hause und aus seinen Kleidern in ein heißes Bad zu kommen. Ganz besonders wünschte er sich seine gefärbten Haare auszuwa­ schen. Jedes Mal, wenn er eine von denen traf, färbte er sich die Haare. Das bedeutete, wenn irgendjemand sich an das Mädchen erinnerte und, wenn es der Zufall so wollte, sich erinnerte, dass sie ihn getroffen hatte, dann würde man einen dunkelhaarigen jungen Mann beschreiben, doch nicht ihn. Niemals ihn. Jemand anderen., Jemand anderen. Er stand am Fenster und schaute in den dunkler werdenden Himmel. Seit er den Kratzer an der Seite seines Nackens ent­ deckt hatte, waren seine Nerven zum Zerreißen gespannt. Wie war es gekommen, dass er nichts davon bemerkt hatte? Wie war er ihm bis jetzt verborgen geblieben? Erst im Spiegel des Badezimmers war ihm der hellrote Riss in seiner Haut aufge­ fallen, den sie ihm mit einem ihrer Fingernägel beigebracht haben musste. Sie würden es finden, das stand außer Frage. Sie waren im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut, diese Leute, gut genug um seine DNS-Analyse innerhalb der zehn Tage zu haben, die so etwas brauchte. Sie würden aber keine Vergleichsmöglichkeit haben, denn sein genetischer Fingerabdruck war nirgendwo hinterlegt. Doch wenn er jemals, aus welchen Gründen auch immer, unter die Verdächtigen geriet, dann hatten sie ihn am Kragen. Sein erster Gedanke war zurückzugehen und die Leiche wieder abzuholen oder zumindest etwas mit der Hand zu machen. Doch das Risiko war zu groß. Schon zwei Stunden waren zwischen dem Abladen der Leiche und dem Entdecken des Kratzers vergangen. Er konnte nicht zurück, möglicher­ weise war schon jemand da. Er hörte den Polizeifunk ab, ging in den Polizeicomputer, doch nichts deutete darauf hin, dass man sie schon gefunden hatte. Doch das konnte Absicht sein. Es könnte eine Falle sein. Es war schon Nacht, als er vom Fenster wegging und das Licht anmachte. Ganz in der Nähe warteten Leute auf ihn, Leute, die glaubten, ihn gut zu kennen, doch in Wirklichkeit nichts von ihm wussten. Bei all dem Wohlwollen, das sie dem, Mann, den sie zu kennen glaubten, entgegenbrachten, konnte er doch keinem von ihnen zutrauen, ihn wirklich kennen und verstehen zu können. So setzte er sein Gesicht auf, das Gesicht, das er trug um die Gesichter zu treffen, die er traf (er liebte diesen Satz von Eliot), und ging zu ihnen hinaus.,

HELEN FOLGTE TESSA in einen Raum im zweiten Stock des Kendall-Instituts. Er war nicht groß, hatte zwei Fen­

ster, die fast die gesamte Außenwand einnahmen und einen Blick auf den dicht bewachsenen Universitätspark zuließen. In dem Raum befand sich nicht mehr als ein Schreibtisch, ein Computerterminal und davor ein verstellbarer Schreibtisch­ sessel. »Du stehst mit zwei anderen Computerterminals in zwei anderen Räumen dieses Gebäudes in Verbindung«, erklärte Tessa. »An einem sitzt ein Mensch, der andere arbeitet mit einem Programm, das ich entwickelt habe. Du kennst sie nur unter der Bezeichnung A und B. Du stellst ihnen Fragen und sollst entscheiden, wer der Mensch und was die Maschine ist.« »Ich habe wirklich nur eine halbe Stunde Zeit.« »Das reicht, glaube mir. Setz dich, ich will dir die Regeln erklären.« Helen setzte sich und während sie zuhörte, stellte sie die Sitzhöhe des Stuhls ein. »Das Programm darf lügen«, erklärte Tessa, »aber der Mensch muss immer die Wahrheit sagen. Das deshalb, damit du das Programm nicht mit Fangfragen hereinlegen kannst, wie die Frage nach seiner Haarfarbe oder einer mathemati­ schen Aufgabe, die nur eine Maschine lösen kann.« »Gut.«, »Also«, fuhr Tessa fort, »der Mensch ist ein Arzt und das Programm ist mit allem gefüttert worden, was je über Ge­ schichte und Forschung der Medizin veröffentlicht worden ist. Also kannst du beide über jedes beliebige medizinische Thema ins Kreuzverhör nehmen.« »Und wenn ich nicht feststellen kann, wer der Mensch und was der Computer ist, dann müssen wir annehmen, dass der Computer lebt, richtig?« »Intelligent ist. Nicht notwendigerweise lebt.« »Ein Punkt für dich.« »Übrigens, du kannst dich mit jedem der beiden so lange beschäftigen, wie du willst. Auch kannst du gleichzeitig oder getrennt mit ihnen sprechen. Du kannst ihnen gegenseitig ihre Antworten zeigen oder ihr könnt euch zu dritt unterhalten. Das ist eine Variante, die ich selbst hinzugefügt habe. Du musst nur diesen Knopf hier drücken. Alles klar?« »Und du wirst mir über die Schulter schauen?« »Nein, ich werde die ganze Sache in einem anderen Raum überwachen, aber du kannst mit mir über dieses Mikrofon hier sprechen.« Sie deutete auf eine Seite des Terminals. Als sich die Tür schloss, tippte Helen schon ihre erste Frage über die Diagnose von Meningitis ein und richtete sie an A. Die Antwort war absolut richtig, doch sie hätte aus einem Lehrbuch abgelesen sein können. Sie richtete dieselbe Frage an B. Die Antwort war identisch. Ihre nächste Frage stellte sie auch B. Sie war in gleicher Weise präzise über die Entstehung einer Reihe von Verdau­ ungsstörungen. Wieder konnte sie keinen Fehler in der Ant- wort erkennen. Dann konfrontierte sie B mit einem kompli­, zierteren diagnostischen Problem, in dem es um Blut- und Gewebeuntersuchungen ging. Die Antwort war zufrieden stellend und nannte zwei mögliche Ursachen. Helen fragte nach. B entschied sich für eine der Ursachen. Es war die glei­ che Entscheidung, die auch sie getroffen hätte. Sie widmete sich wieder A. Sie zählte eine Reihe von Sym­ ptomen auf, die möglicherweise ihren Grund in psychosoma­ tischen Störungen haben könnten. A erkannte jedes und er­ klärte es genau. Genauso wie B. Nach einer Viertelstunde kam sie zu dem Schluss, dass zwi­ schen den beiden kein Unterschied bestand bis auf einzelne Abweichungen in der Beurteilung, wie man sie immer zwi­ schen zwei Ärzten erwarten konnte. Helen war sich sicher, dass es eine Fangfrage geben musste, die den Computer entlarven würde. Sie versuchte sich an die Zeit zu erinnern, in der Tessa und sie über diesen Test, den sie jetzt durchführte, diskutiert hatten. Sie wusste, dass er Turing Test genannt wurde, nach Alan Turing, einem Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, der ihn 1950 entwickelt hatte. Bei dem Versuch sich durch all die theoretischen Argu­ mente, ob Maschinen denken könnten oder nicht, ganz zu schweigen von den philosophischen Überlegungen, was Den- ken eigentlich ist, zu wühlen hatte Turing einfach vorgeschla­ gen, man sollte gleichzeitig mit einem Menschen und einer Maschine sprechen und versuchen zu sagen, wer wer ist. Wenn das nicht möglich wäre, dann müssten wir akzeptieren, dass die Maschine genauso intelligent ist wie der Mensch. Er hatte vorausgesagt, dass noch vor Ende dieses Jahrhunderts eine Maschine den Test bestehen würde. »Erwartest du, dass dieses Ding den Turing Test besteht?«,, fragte Helen Tessa über das Mikrofon, das diese ihr gezeigt hatte. »Ich weiß nicht. Was glaubst du?«, erklang Tessas Stimme dünn aus dem kleinen Lautsprecher. »Kann ich jede Frage stellen? Nicht nur medizinische?« »Versuch es.« »Woher weiß ich«, tippte Helen auf der Tastatur, »dass ihr nicht beide Menschen seid? Vielleicht ist dies einer dieser Blindversuche und ich bin eigentlich das Versuchsobjekt. Ihr wollt herausfinden, welchen von euch beiden ich anfange für eine Maschine zu halten.« »Was für einen Zweck sollte das haben?«, kam es von A zurück. »Eine Art psychologische Untersuchung«, antwortete sie. »Etwas, das mit den Auswirkungen von Computern auf Menschen, die sie benutzen, zu tun hat.« »Wir könnten genauso gut beide Computer sein«, schlug B vor. »Nein, dafür seid ihr beide zu clever.« Es entstand eine Pause, so als ob beide nachdenken würden. Schließlich teilte A mit: »Wenn du das glaubst, dann hat die Maschine gewonnen.« »Noch nicht!«, fuhr B dazwischen. »Was sagt dir deine Intuition?«, fragte A. Sie dachte nach und tippte dann: »Was ist Intuition deiner Meinung nach?« »Intuition«, antwortete A nach einem Moment, »ist der Glaube an etwas ohne zu wissen, warum man daran glaubt.«, »Deine Antwort, B.« »Intuition ist ein Gefühl. Ein Schluss, den man aufgrund irrationaler Überlegungen zieht.« »Wie kann eine Maschine nicht rational sein?«, wollte sie wissen. B antwortete darauf. »Um genau zu sein sprechen wir hier nicht über Maschinen. Wir sprechen über Programme, die in Maschinen ablaufen.« »Aber du leugnest nicht«, tippte Helen, »dass ein Computer eine Maschine ist?« »Natürlich nicht«, gab B zurück. »Und glaubst du«, fuhr Helen fort, »dass eine Maschine, in der ein Programm läuft, wirklich denken kann?« »Nein.« »A, was meinst du dazu?«, wollte Helen wissen. »Ich stimme B zu«, gab A zurück. Helen saß einen Moment stumm da, bevor sie eingab: »Das ist ziemlich gerissen von einem von euch beiden.« »Nicht unbedingt«, gab B zurück. »Ob eine Maschine mit einem Programm wirklich denken kann, ist hier nicht die Frage. Die Frage ist, ob eine Maschine so programmiert wer­ den kann, dass sie zumindest bei diesem Experiment dir den Eindruck vermitteln kann, sie würde denken.« Helen beugte sich wieder zu dem Mikrofon an der Seite des Terminals. »In Ordnung, Tessa«, sagte sie, »ich gebe auf. Du hast gewonnen. Ich habe keinen Schimmer, wer wer ist.« »Beeindruckt?«, erklang Tessas Stimme. »Eigentlich eher erschreckt. Welcher von beiden ist die, Maschine?« »Das sage ich dir nicht.« »Das kannst du nicht machen. Tessa, ich bringe dich um.« »Ich habe nie behauptet, dass ich es dir sagen würde. Das gehört nicht zu unserer Absprache.« Helen hörte Tessa im Lautsprecher lachen. »Du würdest im Nachhinein nur anfangen über all die Din- ge, die du bemerkt hast, nachzudenken, und das würde alles zunichte machen. Das heißt, wenn wir das nächste Mal den Test machen, dann hast du eine Menge vorgefasster Ansich­ ten, die uns im Wege stehen.« »Ich werde diesen Test nicht noch einmal machen. Und außerdem spreche ich nie mehr ein Wort mit dir.« Natürlich meinte sie das nicht ernst. Als sie sich ein paar Minuten später zum Abschied auf den Stufen des Gebäudes küssten, erinnerte Helen Tessa noch einmal daran, dass sie heute eine Verabredung mit ihr und Clive zum Abendessen hatte. »Ganz im Ernst, Helen«, sagte Tessa, »ich werde dir beizeiten sagen, welches die Maschine war. Doch ich will mit dir noch weiter darüber diskutieren und deshalb muss ich dich im Moment noch im Unklaren lassen.«,

DAS HAUS DER Witwe Korngold stand auf einem gut achttausend Quadratmeter großen Grundstück in bester

Lage, an einer stillen Straße nördlich des Sunset Strip. Es war niedrig gebaut im mediterranen Stil und seine geraden Linien wurden durch die üppige Vegetation und die Tupfer subtropi­ scher Farben gemildert. Und obwohl sich die Vordertür zu einem gepflegten Rasen hin öffnete, der direkt bis zur Straße abfiel, befand sich keiner­ lei Zaun oder Mauer dazwischen. Das Haus wurde wie alle in dieser Gegend durch die besten elektronischen Geräte gesi­ chert, die man für Geld kaufen konnte. Eine Kontaktschwelle, eine unterbrochene Lichtschranke, die kleinste Bewegung in der Nähe eines aktivierten Sensors und schon würde eine bewaffnete, private Schutztruppe mit der bestbezahltesten und effektivsten Polizeidienststelle des Bezirks ein Wettrennen veranstalten um der Sache auf den Grund zu gehen. In Beverly Hills brauchten sich die Leute im Allgemeinen keine Sorgen um Einbrecher oder verwüstete Häuser zu machen. Tim unterhielt sich mit Mrs. Korngold in einem Raum, den sie ihr kleines Wohnzimmer nannte und der sich im hinteren Teil des Hauses befand. Von dort blickte man auf einen Garten mit Springbrunnen, der von einem hohen Zaun umschlossen wurde, einen Gartenpavillon, einen rechteckigen Swimming- pool und einen Tennisplatz. Obwohl das alles ziemlich dem entsprach, was vorauszusehen war, tadelte er sich innerlich, doch dafür, dass er von Mrs. Korngold erwartet hatte, sie würde in sein vorgeformtes Bild einer älteren Witwe mit Hunden passen. Als ihn das Hausmädchen mit verweinten Augen hereingeführt hatte, war die Frau, die sich erhob um ihn zu begrüßen, schlank und zeigte vorbildliche Haltung. In ihren Augen flackerte ein Lachen, das auch von ihrer momen­ tanen Trauer nicht ganz verdrängt werden konnte. Sie trug eine Art einfachen Hausanzug mit einem Gürtel um die Taille. Zuerst dachte er an Lauren Bacall oder Katherine Hepburn in der Eleganz ihrer mittleren Jahre; er hatte eine plumpe, nervö­ se Frau erwartet, die nicht allzu helle wäre. Rosa Korngold sprach mit ehrlicher Zuneigung über ihre verstorbene Angestellte und Begleiterin. Während sie sprach, stromerten verschiedene Hunde herein, so als ob sie jemanden suchten, und Rosa beruhigte sie mit einem Tätscheln auf den Kopf oder ein paar lieben Worten. Nach einer Weile rief sie nach ihrem Chauffeur, der fünf von ihnen in einen Kombi steckte (die anderen drei waren zu alt und krank dafür) und sie an den Strand fuhr, damit sie Auslauf hatten. Das war ein Teil von Sandys Arbeit gewesen. Die junge Frau hatte ihrer Arbeitgebern von ihrem Cousin Darren erzählt, der plötzlich hier in Los Angeles aufgetaucht war und den sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie fünf Jahre alt gewesen war. Mrs. Korngold hatte ihn hier ins Haus einge­ laden. Sandy hatte erklärt, er würde das nächste Mal hierher kommen. Tim sah keinen Grund Mrs. Korngold nicht zu sagen, dass man den richtigen Darren Wade auf einer Wirtschaftsakade­ mie in Chicago ausfindig gemacht hatte. Er hatte bestätigt, dass er seine Kusine nicht mehr gesehen hatte, seit er fünf war,, und dass er keine Ahnung hatte, wo sie sich aufhielt. Er bestä­ tigte auch, dass seine Eltern zur Zeit auf Weltreise waren. Vierzig Minuten später fuhr Tim den Beverly Drive hinun­ ter und wollte gerade nach Carmelita abbiegen, als sein Auto­ telefon klingelte. Es war Jack Fischl, der ihn bat beim Labor vorbeizukommen. Er kündigte an ihn dort zu treffen. Tim wusste, dass es wichtig war und Jack nicht am Telefon darüber reden wollte. Die Gerichtsmediziner mussten etwas gefunden haben. Als er vorfuhr, lief Jack unruhig die Stufen auf und ab und rauchte. Er warf seine Zigarette halb geraucht weg und schob Tim eilig in das dunkle Gebäude. »Sie haben Gewebespuren unter einem ihrer Fingernägel gefunden«, teilte er ihm mit. »Von einem Menschen. Ich bat sie alles zu tun um die DNS-Analyse zu beschleunigen, doch es wird immer noch mindestens eine Woche dauern.« Die Verzögerung war ärgerlich, aber nicht zu ändern, doch es war die beste, eigentlich die einzige, Spur, die sie bis jetzt hatten. Sie blieben eine Weile im Labor und gingen die Einzel­ heiten durch. Sie hatten schon festgestellt, dass die meisten ihrer Fingernägel abgebrochen waren, es war offensichtlich, dass sie sich gewehrt hatte. Er hatte keinen Versuch unter­ nommen die Fingernägel zu säubern oder die Hand ver­ schwinden zu lassen, wozu er in der Vergangenheit durchaus fähig gewesen wäre und was vermuten ließ, dass er die Leiche beseitigt hatte ohne den Kratzer bemerkt zu haben, woraus man folgern konnte, dass er unvorsichtig wurde. Wie auch immer, er musste den Kratzer auf jeden Fall spä­ ter bemerkt haben, sodass man davon ausgehen konnte, dass er allmählich nervös werden würde., »Es ist natürlich möglich«, Tim fühlte sich gedrängt seine Hoffnungen im Zaum zu haken, »dass der Geweberest unter ihrem Fingernagel nicht vom Täter stammt.« »Gibt es Hinweise auf einen Freund? Streitereien, Schwie­ rigkeiten? Hat sie sich vor kurzem von jemanden getrennt?« »Hm-hm.« Tim schüttelte den Kopf. »Er ist es«, erklärte Jack zufrieden. Sie gingen um die Ecke in einen Imbiss und gönnten sich eine Tasse Kaffee und ein Sandwich, danach fuhr Tim zurück ins Büro, wo er hingewollt hatte, als ihn Jacks Anruf erreichte. Er brachte eine Stunde damit zu, die Aussagen der Augenzeu­ gen durchzugehen, die die Frau auf der Terrasse des Cafés sitzen gesehen hatten. Alle erklärten übereinstimmend, sie sei alleine gewesen. Er fand keine Ruhe. Ein Teil von ihm wollte zurück an den Fundort der Leiche, ein anderer wollte noch einmal die Au­ genzeugen aus dem Café befragen, doch der größte Teil von ihm wusste, dass beides nur Zeitverschwendung war. Das Einzige, was er machen konnte, war auf das Ergebnis der DNS-Analyse zu warten und sie dann in den Computer ein­ zugeben und zu sehen, ob sie zu irgendjemandem, der gespei­ chert war, passte. Vielleicht konnte ihm auch sein Bruder da­ bei helfen. Ohne bewusst daran zu denken hatte er den Flachmann aus seiner Hosentasche gezogen, den Verschluss abgedreht und die Öffnung an seine Lippen gesetzt. Er bemerkte es nur noch, wenn er feststellte, dass die Flasche leer war. Er hatte sie auf­ gefüllt, als er an diesem Morgen um sieben seine Wohnung verlassen hatte. Jetzt war es kurz nach Mittag. Seine erste, Reaktion war, dass dies kein gefährlicher Alkoholkonsum war, seine zweite der Schock, dass er überhaupt in solchen Bahnen dachte. Er rief seinen Bruder an um ihre Verabredung zum Abend­ essen in einem chinesischen Restaurant in Pasadena zu bestä­ tigen. Wenn man Josh glauben konnte, dann war es das Beste in ganz Los Angeles, und Tim glaubte ihm gerne. Er kündigte an alles mitzubringen. Mit ›alles‹ meinte er alle Unterlagen des Falles, alles, was er wusste. Es waren erst achtundvierzig Stunden vergangen, seit sie in Queens darüber gesprochen hatten, und er hatte noch keine Zeit gefunden Josh etwas zu geben, was ihm bei ihrer privaten inoffiziellen Untersuchung hätte helfen können. Tim trank den ganzen Nachmittag nichts. Er wollte nicht, dass Josh Alkohol an ihm roch. Als er aber in das Restaurant kam, war er reif für ein paar große Wodkas, die er in Win­ deseile hinunterschüttete. Und dankbar dafür, dass Josh sich jeden Kommentars ent­ hielt. Der Mann, den Josh in das Restaurant kommen sah, wirkte zehn Jahre älter als noch vor zwei Tagen, doch als Tim dann vor ihm stand und ihn mit seinem üblichen, schiefen Grinsen begrüßte, sah Josh, dass das Alter nur eine Illusion seines müden Ganges gewesen war. Sie sprachen über den Fall und Josh blickte geschickt dar­ über hinweg, als Tim zwei große Wodkas hinunterschüttete und einen dritten nahm, als er sich ein Glas Chardonnay be­ stellte., »Sobald wir das Ergebnis der DNS-Analyse haben, lasse ich die Daten vergleichen. Wenn er erfasst ist, dann haben wir ihn innerhalb von Stunden. Oder sollten es zumindest. Heutzuta­ ge gibt es so viele Beschränkungen, wenn man Informationen nutzen will, dass man einen Gauner wie dich braucht um etwas zu erfahren.« »Vielen Dank.« »Ist schon gut. Ich bin stolz auf dich.« Es war ironisch gemeint, trotzdem spürte Josh, wie er über das Kompliment, obwohl versteckt, errötete und hoffte, dass es nicht auffiel. Er wäre für den Mann, der ihm gegenübersaß, gestorben. Er, seine Mutter und sein Vater wussten, dass sie ihr Leben und ihre Gesundheit Tim verdankten. Also, was immer für eine Hilfe Tim brauchte, er würde sie bekommen. Doch was für eine Hilfe brauchte er? Sein Trinken lag offen auf der Hand und war mehr als nur eine Reaktion auf den Druck, der auf ihm lastete. Tim war an Druck gewöhnt. Doch diesmal setzte er ihm zu. Weshalb? Eine Beziehung, spürte Josh, würde ihm helfen. Seit seiner Scheidung hatte es ein paar Frauen gegeben, aber nichts Ernsthaftes. Tim war interessant und gut aussehend genug um auf das andere Geschlecht anziehend zu wirken. Ein paar Mal hatten sie sich dort getroffen, wo einige von Joshs Studentin­ nen in der Nähe gewesen waren, die ganz begeistert von dem großen Kerl mit dem dunkelblonden Haar waren, der ein wirklicher und richtiger FBI-Beamter war. Mit einer hatte Tim eine kurze Affäre gehabt. Sie war nett und gut aussehend, doch Tim hatte ihr klipp und klar gesagt, dass sie zu jung war um sich an einen älteren Mann zu binden, der seine Eigenar­ ten hatte und von der Regierung bezahlt wurde., »Hier ist eine Menge von dem Computerzeug, das ich direkt aus den Dateien kopiert habe«, hörte Josh Tim sagen. »Wenn es dir nichts sagt, dann kann ich dir nicht helfen. Es ist Zeug, was die Techniker für uns kopieren. Hier ist ein Abriss für Normalsterbliche wie mich, aber ich kann dir nicht sagen, wie gut der ist.« »Ich lasse es dich wissen.« Josh nahm die Speisekarte. »Soll ich für dich mitbestellen?« »Mach ruhig.« »Willst du Wein oder noch einen von diesen da?« Tim blickte auf das leere Glas vor sich und stieß es zur Seite. »Ich nehme eine Flasche Wasser, Gott, ich muss ja noch fahren. Bei der Polizei gibt es ein paar Jungs, die würden liebend gerne einen FBIler ins Röhrchen pusten lassen.« »Eins muss dir klar sein, der Typ, hinter dem ihr her seid, weiß sicher alles, was ihr von ihm gespeichert habt. Daran solltest du immer denken.« »Wir verschlüsseln unsere Sachen und wir sind gerade da­ bei, ein direktes Funknetz für uns einzurichten.« »Das müsste genügen.« »Ich beginne zu befürchten, dass dieser Kerl jedes Nachrich­ tensystem knacken kann, das über Brieftauben und Boten hinausgeht.« »Er ist nur jemand mit einem Computer. Es gibt Grenzen in dem, was er tun kann. Mach dich nicht verrückt. Und jetzt«, er öffnete die Speisekarte, »bin ich hungrig wie ein Wolf. Lass uns essen.« Es dämmerte schon fast der Morgen, doch wenn er auf seinen, Monitor starrte, dann merkte der Netzmann nicht, wie die Zeit verging. Wenn das alles war, was sie über ihn zusammengetragen hatten, dann hätte es wirklich schlechter stehen können. Vor­ ausgesetzt es war sicher, dass sie ihm keine Falle stellten, dass sie nichts in der Hinterhand hatten um ihn in einer falschen Sicherheit zu wiegen (man sollte die Gegenseite nie unter­ schätzen, egal wie sehr man sie auch verachtete), dann war das Glück immer noch auf seiner Seite. Wie dem auch sei, er musste vorsichtig sein, eine Zeit lang in Deckung bleiben und ihre Nachforschungen in alle mögli­ chen Richtungen gehen lassen. Er konnte warten. Das würde es das nächste Mal nur umso schöner werden lassen.,

NUN GUT, WENN du es wirklich wissen willst, A war der Computer.«

Helen dachte einen Moment nach und schüttelte dann ihren Kopf. »Selbst im Nachhinein kann ich keinen Anhaltspunkt dafür finden.« Tessa unterhielt sich während des Abendessens mit Helen und deren Mann Clive. In Clives Gesicht stand das uner­ gründliche, herausfordernde Lächeln, womit er sein Vergnü­ gen an einer Sache ausdrückte. »Willst du behaupten, dass dieses Programm wirklich den- ken kann?«, fragte er und seine Augenbrauen wanderten so weit nach oben, dass sie fast in seinem dichten, dunklen Haar­ schopf verschwanden. »Ich behaupte gar nichts. Ich habe nur berichtet, was pas­ siert ist«, gab Tessa zurück. »Versuche es selbst. Du bist Pro­ fessor für Englisch. Ich füttere den Computer mit allem, was du jemals über englische Literatur gelesen hast und hole mir einen promovierten Literaturstudenten, der den menschlichen Part übernimmt.« »Ich kann es nicht erwarten.« »Es gibt ein Programm, das jemand mal in Edinburgh mit mir getestet hat«, Helen runzelte die Stirn, als sie versuchte sich an die Einzelheiten zu erinnern. »Es war nach einer Figur aus einem Stück von Shaw benannt. ›ELIZA‹ genauso hieß es., Hast du davon gehört?« »Ja, es war ziemlich berühmt«, bestätigte Tessa. »Es ist vor ungefähr zwanzig Jahren entwickelt worden. Man musste mit ihm kommunizieren, als ob es ein Psychoanalytiker wäre.« »Ja, es hatte den Anschein, als ob es intelligente Fragen stel­ len würde, doch in Wirklichkeit hat es nur wiederholt, was man gesagt hat und gefragt, warum man es gesagt hat. Einfach ein Trick.« »Du sagst, es ist nur ein Trick, aber was machst du denn, wenn du über etwas nachdenkst?«, wollte Tessa wissen. »Genau das, denke ich«, gab Helen ohne zu zögern zurück. »Du sagst ›Denken‹, so als ob es keine Erklärung benötige. Tatsache ist aber, dass niemand weiß, was wirklich passiert, wenn du denkst. Wir wissen einiges darüber, wie das Gehirn funktioniert, welche Bereiche mit welchen Funktionen gekop­ pelt sind, doch wir haben keine Ahnung, nach welchem Sy­ stem es arbeitet, vorausgesetzt es gibt eines. Wir wissen zum Beispiel nicht, wo die ›Identität‹ den Sitz hat. Es gibt nichts, wo ich meinen Finger darauf legen und sagen kann, das bin ich.« »Vielleicht kannst du deinen Finger nicht in einem körperli­ chen Sinn darauf legen«, entgegnete Helen unbeeindruckt von der akademischen Spitzfindigkeit, »aber es ist der eigene Be­ weis seiner Existenz. Cogito ergo sum. Ich denke, deshalb bin ich. Das ist der erste Beweis des Lebens.« »Aber potenziell irreführend. Es vermittelt dir die Vorstel­ lung«, sagte Tessa und tippte mit der Fingerspitze an ihre Stirn, »deine Identität würde irgendwo in deinem Gehirn sitzen und die Welt auf einer Rundumleinwand verfolgen., Descartes war der Meinung, die Identität säße im Mittelpunkt des Gehirns, also müsste es die Zirbeldrüse sein. Inzwischen wissen wir, dass es nicht so ist. Im Gegenteil, wir wissen, dass wir es nicht lokalisieren können. Also, was ist es?« »Was glaubst du?«, wollte Clive wissen und suchte nach Streichhölzern, die er in irgendeiner seiner Taschen haben musste. Tessa zuckte kurz mit den Schultern und machte mit ihren Händen eine Bewegung, als wollte sie einen unsichtbaren Vogel, der sich darin befunden hatte, freilassen. »Zur Zeit bauen wir einen Computer auf der Basis dessen, was wir vom menschlichen Gehirn wissen. Genau wie das Gehirn keine zentrale Schaltstation hat, durch die jede Information geht, so haben heute die Computer auch keinen zentralen Prozessor mehr. Sie haben viele parallel geschaltete Prozessoren, die mit einer Software laufen, die Gehirnströme simulieren soll, sie verrichten ihre Aufgabe und erzeugen in ihrem Zusammen­ spiel einen optimalen Zustand.« »Meinst du einen Zustand des Denkens?«, fragte Clive nach und fand die Streichholzschachtel schließlich platt gedrückt in der Gesäßtasche seiner Hose. Helen redete, bevor Tessa antworten konnte. »Das Denken hat seinen Ursprung in Gehirnen, die das Ergebnis von Millionen von Jahren der Evolution sind. Eine Maschine wird ganz offensichtlich entweder von Menschen oder von anderen Maschinen hergestellt. Sie hat sich nicht durch Mutationen oder natürliche Selektion entwickelt.« »Das, würde ich sagen«, meinte Clive und schnitt das Ende einer seiner schön verpackten Zigarren ab, die er gerne nach dem Essen rauchte, »ist möglicherweise nur eine Frage der, Wortwahl.« Tessa wandte sich Helen zu und hob warnend den Finger. »Bevor du weiter auf dem Unterschied zwischen Gehirnen und Maschinen bestehst, werfen wir doch mal einen Blick auf ihre Gemeinsamkeiten. Ich habe gesagt, dass wir Computer nach dem Vorbild von Gehirnen bauen. Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, von denen keine aus sich selbst heraus wissensdurstig oder intelligent ist. Eine Nerven­ zelle kennt nur zwei Zustände, an oder aus. Sie leitet, abhän­ gig von dem Reiz, den sie von ihren Nachbarzellen erhält, diesen weiter oder tut es nicht. Wenn der Reiz über einer be­ stimmten Schwelle liegt, dann leitet sie ihn weiter, wenn er darunter liegt, dann nicht. Stimmen wir so weit überein?« Helen nickte sachverständig und ermunterte sie fortzufah­ ren. Das schwere Aroma der Havanna driftete aus Clives Rich- tung herüber. »Das Äquivalent zu den Nervenzellen sind beim Computer die Bits«, erklärte Tessa weiter. »Ein Bit ist so etwas wie ein Schalter, der nur zwei Positionen einnehmen kann. Du kannst die beiden Positionen ›an‹ und ›aus‹, ›x‹ und ›y‹, oder ›0‹ und ›1‹ nennen. Genauso wie unsere Gedanken komplexe Muster von Nervenzellen sind, die einen Reiz weiterleiten oder nicht, bestehen die Vorgänge in einem Computer aus Bits, die auf an oder aus stehen.« »Ich verstehe genau, was du sagen willst«, unterbrach He­ len sie ungeduldig, »aber so läuft es nicht. Du schaffst es viel­ leicht, eine Maschine intelligent wirken zu lassen, doch alles, was eine Maschine tut, ist Aufgaben erledigen, für die sie programmiert worden ist. Genauso gut kannst du behaupten, nur so zum Beispiel, eine Autowaschanlage ist intelligent.«, »Du siehst das Wesentliche nicht. Eine Autowaschanlage ist eine mechanische Vorrichtung… « »Und was ist ein Computer?«, unterbrach Helen mit einem abfälligen Lachen, als ob damit die Sache entschieden wäre. »Ein Computer«, Tessa hatte nicht vor einen fußbreit Boden preiszugeben, »ist ein mechanisches Gerät, in dem ein Nerven­ system sich verändert und entwickelt in der gleichen Weise, wie du es bei einem menschlichen Gehirn voraussetzt. Es gibt deutliche Übereinstimmungen in der Art, wie beide die Infor­ mationen, die sie erhalten, verarbeiten.« »Aber die Maschine funktioniert einfach nur«, beharrte He­ len. »Sie weiß nicht, was sie tut. Sie hat kein Bewusstsein.« »Denk daran«, forderte Tessa sie auf, »dass wir genauso wenig wissen, was Bewusstsein ist, wie wir wissen, was Den- ken ist. Wir wissen nur, dass es existiert.« »Arbeitest du jetzt mit religiösen Argumenten?«, fragte Cli­ ve mit sanftem Vorwurf und hob eine Augenbraue in Tessas Richtung. »Willst du ausdrücken, dass wir es hier mit etwas zu tun haben, dass jenseits unseres Verständnisses liegt?« »Ich behaupte, wir haben es hier mit etwas zu tun, das wir noch lernen müssen zu begreifen. Deshalb steht die Wissen­ schaft, entschuldige Helen, aber ich muss das sagen, über der Religion. Die Wissenschaft stellt immer wieder Fragen und versteht Stück für Stück etwas mehr. Wohingegen die Religion sich zurücklehnt und sagt, wir werden das nie verstehen, also nennen wir es Gott und vergessen die ganze Sache.« »Stimmt nicht.« »Wenn du meinst. Aber es ist doch eine offensichtliche Ungereimtheit, wenn wir nicht wissen, wie Bewusstsein im, menschlichen Geist entsteht, und dann behaupten, es könne sich nicht auch woanders entwickeln.« »Aber wenn wir von Reizen in Nervenzellen und Schaltern, die auf an oder aus stehen, sprechen, dann benutzen wir Ab­ straktionen, nichts weiter.« Helens Stimme nahm einen erreg­ ten Ton an. »Warum bilden wir nicht gleich Anordnungen aus Steinen oder Spielkarten oder Messern und Gabeln. Würde das genauso funktionieren?« »Theoretisch ja«, erklärte Tessa unbeeindruckt. »Außer dass in diesen Fällen die Prozesse so langsam ablaufen würden, dass keiner von uns lange genug leben würde um irgendeine Veränderung festzustellen.« »Also liegt der Schlüssel«, Clive stieß eine Rauchwolke aus, runzelte die Stirn und stieß eine weitere Rauchwolke aus, »in der Anzahl der Nervenzellen oder Schalter und in der Kom­ plexität ihrer Operationen, richtig?« »Genau. Einfache Dinge fügen sich zu komplizierten Din- gen zusammen. In einer Beziehung ist Bewusstsein eine Form von Emergenz, etwas, das mehr ist als die Summe seiner Ein­ zelteile.« »Also bist du und wir alle«, Helen machte eine ausholende Geste, »nicht mehr als emergente Formen unserer Gehirne?« Sie versuchte nicht die deutliche Verachtung in ihrer Stimme zu verbergen. »Du baust alle deine kleinen Bits und Stückchen und deine Schalter oder was sonst noch zusammen und Sim­ salabim, wie durch Zauberei, hast du bewusste Gedanken, Identität, einen freien Willen. Das ist grotesk!« »Du kannst nicht etwas als grotesk bezeichnen, dass dein ganzes Wesen ausmacht«, gab Tessa kalt zurück. »Und das, Wort Zauberei gebrauchst du nur wegen deiner religiösen Erziehung.« Sie wusste, dass dies etwas unter die Gürtellinie ging, kümmerte sich aber nicht darum. Helen lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen, als sie sich bereitmachte ihre Zweifel an der Wissenschaft bis zum bitteren Ende zu verteidigen. »In Ordnung«, meinte sie, »selbst wenn wir mal annehmen, ausgehend von deiner Defi­ nition, eine Maschine könnte intelligent sein, ja sogar ein Be­ wusstsein haben, willst du mir doch nicht erzählen, sie könnte auch eine Seele haben.« »Eine Seele«, wiederholte Tessa mit einem Anflug von Lä­ cheln, von dem sie wusste, dass es Helen noch mehr provozie­ ren würde, »ist nur ein Begriff, den mein Computer genauso gut definieren kann wie du.« »Eine Definition«, schoss Helen zurück, die sichtlich bei dieser Diskussion die Geduld verlor, »ist etwas, was im Lexi­ kon steht. Doch niemand, der alle Sinne beisammen hat, wird glauben, dass das Lexikon die Information, die es zur Verfü­ gung stellt, auch versteht.« »Verstehen«, fuhr Tessa mit der gleichen Ruhe fort, »ist ge­ nauso schwer zu definieren wie Bewusstsein oder auch Seele.« »Ich denke«, nutzte Clive das kurze darauf folgende Schweigen, »ich werde mit meiner neuen Maschine Kaffee zubereiten. Wenn sie nicht, und ich vermute es fast, ihre eige­ nen Gedanken darüber hat.« »Sag mir eins«, forderte Helen Tessa auf, nachdem Clive weg war. »Du wirst bald ein Kind haben. Ein menschliches Leben. Weißt du nicht in deinem, nenn es wie du willst, Herz, Seele, Inneres, dass dieses Leben und das Bewusstsein, das es, haben wird, Dinge sind, die niemals in einer Maschine sein werden oder in einen Computer programmiert werden kön­ nen? Leben und Maschinen sind zwei unterschiedliche Din- ge.« Tessa seufzte und lehnte sich zurück, tippte an die Seite ih­ res Kopfes und brachte einen neuen Aspekt in die Unterhal­ tung. »Du sprichst von Überzeugungen, Helen. Du bist davon überzeugt, dass der Geist eine Gabe ist, die ausschließlich ein Wesen aus Fleisch und Blut besitzt. Ich behaupte nur, mögli­ cherweise ist es so, möglicherweise nicht. Was ist falsch daran, es herauszufinden?«,

NETZMANN WUSSTE, DASS er, noch bevor die Nacht vorbei wäre, alles Wichtige über die Frau, auf die er

heute Nachmittag am Wilshire Boulevard ein Auge geworfen hatte, in Erfahrung bringen konnte. Er war ihr zu dem Ge­ schäft gefolgt, in dem sie augenscheinlich arbeitete, hatte dann die üblichen Datenbanken durchforscht und in null Komma nichts eine aktuelle Liste mit den Angestellten der Firma vor sich gehabt. Danach holte er sich von der Zulassungsstelle ein Foto auf den Schirm, das, obwohl nicht vorteilhaft, eindeutig die Frau zeigte. Doch plötzlich ließ seine Konzentration nach und er verlor das Interesse. Er war nicht müde. Das Problem war, er wusste, dass es diesmal nicht ernst war. Er wagte nicht, jetzt schon wieder zuzuschlagen. Selbst wenn er sie auf Eis legte, bis es wieder sicher war, würde es nicht dasselbe sein. Man konnte die Sache nicht jetzt beiseite legen und hoffen sie später mit der gleichen Begeisterung wieder aufzunehmen. Dann hatte sie etwas Wesentliches eingebüßt. Aber es blieb ihm keine Wahl. Er war intelligent und um­ sichtig und hatte alles unter Kontrolle. Es war nun an der anderen Seite, die Trümpfe, die sie hatte, auszuspielen. Die DNS-Analyse war sein größtes Problem. Er wusste nicht, wie er die aus der Welt schaffen könnte, und das bereite­ te ihm Sorgen., Tim war schon in dem Coffeeshop an der Cahuenga, als Josh kurz nach acht Uhr morgens eintraf und koffeinfreien Kaffee und ein Mehrkornmuffin bestellte. Tim war gerade mit einem Teller voll Rühreiern mit kanadischem Speck fertig und trank so viel richtigen Kaffee, wie er kriegen konnte. Die beiden Brüder waren übereingekommen immer nur persönlich mit­ einander zu sprechen und sich nie am Telefon zu unterhalten. Tim hatte genauso große Angst, der Mörder könnte etwas von dieser inoffiziellen Untersuchung erfahren, wie davor, dass seine Vorgesetzten hinter die Sache kommen könnten, was das Ende seiner Karriere bedeuten würde. »Wir kommen langsam in die Gänge«, berichtete Josh, so- bald die Kellnerin außer Hörweite war. Er zog aus dem Um­ schlag, den er bei sich trug, ein paar Ausdrucke heraus. »Mit ein bisschen Unterstützung meiner Freunde haben wir alle Nachfragen bei der Zulassungsstelle, bei der Sozialversiche­ rung und dem Finanzamt ermittelt, dazu noch die meisten Polizeibehörden und medizinischen Datenbanken überprüft. Big Alice sucht jetzt nach Querverbindungen.« »Mein Gott, das klingt, als ob eine Menge Leute wüssten, was wir vorhaben?« »Nein. Nur ein paar Leute kennen Teile davon. Nur wir beide wissen, um was es wirklich geht.« »Wer ist diese Frau, Alice?« »Big Alice ist der Computer vom Caltech.« »Oh. Nun gut, wie soll es weitergehen?« Josh beugte sich verschwörerisch vor und dämpfte seine Stimme um ein oder zwei Stufen. »Nun, der Typ sieht sich im Prinzip zwei Problemen gegenüber. Das eine ist, wir dürfen, nicht seine Benutzerkennung erfahren, wenn er in eine Daten­ bank eindringt, die wir überwachen, und das zweite ist, dass wir nicht dahinter kommen, wo er sitzt, wenn wir seine Be­ nutzerkennung ermittelt haben. Wenn wir seine Identität haben, können wir herausfinden, wo er sich ins Netz einlogt, und ohne Schwierigkeiten seinen Namen und die Adresse ermitteln. Selbst wenn die Adresse falsch ist, verfügen die meisten Zugangsstellen ins Netz über eine automatische Telefonnummernspeicherung, also wenn wir seine Benutzeridentifikation haben, können wir die Tele­ fonnummer kriegen, von der aus er anruft, auch das bereitet keine Schwierigkeiten.« »Und doch muss es da Schwierigkeiten geben, denn sonst hätten wir ihn schon längst.« »Die Schwierigkeit besteht darin, wenn er so gerissen ist, wie ich vermute, dann hat er eine ganze Reihe von Benutzer­ kennungen und Kennwörtern, die er benutzt um uns auf viele falsche Spuren zu locken. Schlecht ist auch, dass viele der Hacker telefonsüchtig sind und wissen, wie man in dem Sy­ stem zu unentgeltlichen Anrufen kommt, und verschleiern können, von wo aus sie anrufen. Er benutzt wahrscheinlich einige der ›schwarzen Löcher‹ im Telefonsystem, wo man einfach die Zaubernummer wählt, ein Freizeichen bekommt und von dort unentgeltlich telefonieren kann. Oder er schaltet sich in das Telefonnetz eines großen Unternehmens ein, wo man mithilfe eines Codes ein weit entferntes Büro anrufen kann und von dort per Ortsgespräch weitertelefoniert.« Er brach ab und lehnte sich zurück, bis die Kellnerin eine Tasse Kaffee und das Muffin vor ihm abgesetzt hatte und wieder aus Hörweite verschwunden war. »Wenn ich der Kerl, wäre, dann würde ich mir meine Informationen in kleinen Häppchen besorgen, jedes mithilfe einer anderen Benutzer­ kennung und über unterschiedliche Telefonleitungen. Alles, was jemand, der mich verfolgte, feststellen würde, wäre, sagen wir, ein John Doe, der eine Datenbank öffnet, ein Jack Smith, der den Buchstaben ›D‹ durchsieht oder was auch immer, Joe Smerz, der etwas unter ›D‹ nachsieht, und so weiter. Die Be­ nutzerkennung würde sich dauernd ändern, sodass man keine einzelne Spur hat, die man verfolgen kann.« »Wie sollen wir ihn dann finden?« »Wir schauen uns die Zugriffe auf alle Datenbanken, die wir ausgewählt haben, an. Das sind pro Tag Millionen. Eine Zusammenfassung davon geben wir Big Alice ein. Sie sucht dann nach den Leuten, die in kurzer Zeit in mehr als einer Datenbank nachgeforscht haben. Dann stellen wir eine Liste von Benutzerkennungen auf und lassen sie durch ein Raster laufen um die guten Jungs, die nur ihre Arbeit machen, her­ auszufiltern. Was dann übrig bleibt, sollte eine überschaubare Liste von Verdächtigen sein.« »Wie viele?« »Kommt darauf an. Irgendwo zwischen einer Hand voll und ein paar Tausend.« »Wie lange wird es dauern, bis wir so weit sind?« »Unmöglich zu sagen. Es hängt davon ab, wie oft er sich Zugriff verschafft hat.« Tim nickte, nahm den Rest Kaffee aus seiner Tasse in den Mund und schluckte ihn hinunter. Er sah davon ab, der Kell­ nerin ein Zeichen zu geben ihm noch einmal nachzuschenken. »Hast du schon ein Resultat von der DNS-Analyse?«, fragte, Josh und blätterte in seinen Unterlagen, als ob er etwas suchte. »Ähm, ich sagte doch, es dauert eine Weile.« »Sicher. Ich hatte nicht daran gedacht.« Tim rutschte auf seinem Sitz und lehnte sich nach vorne auf seine Ellenbogen. »Besteht die Möglichkeit«, begann er lang- sam und überlegte noch während des Sprechens, »unter Ein­ satz von allem, was du arrangiert hast, ihm auf die Spur zu kommen, während er gerade hinter einem Opfer her ist? Wenn wir wüssten, hinter wem er her ist… « Er ließ seine Andeu­ tung für sich selbst sprechen. »Das ist nicht unmöglich, aber im Moment geht es nicht.« Tim lehnte sich zurück und schürzte die Lippen wie ein Mann, der akzeptieren musste, dass es keine Wunder gab. Dann sah er auf seine Uhr und stand auf. »Ich muss gehen«, erklärte er und griff nach seiner Brieftasche. Als er einige Geldscheine herauszog, hob Josh die Hand um ihn zurückzuhalten. »Ich bin an der Reihe.« »Ja, aber… « »Nichts aber. Wir haben vereinbart, abwechselnd zu zah­ len.« »Gut. Danke.« Tim lächelte und steckte sein Geld weg. »Mach’s gut, kleiner Bruder. Wir sprechen uns später noch.« Er drückte Joshs Schulter, als er sich auf den Weg machte. »Mach’s gut.« Josh biss noch mal von dem Muffin ab und beobachtete, wie sich die Tür hinter seinem Bruder schloss. Dann legten sich Konzentrationsfalten auf seine Stirn und er widmete sich den Ausdrucken vor ihm auf dem Tisch.,

I CH HABE DAS Ergebnis des dritten Tests erhalten.« Helen bezog sich auf die routinemäßige Blutuntersuchung, der

sich Tessa vor drei Wochen unterzogen hatte, um Anzeichen für Mongolismus oder Hirnhautentzündung festzustellen. Sie wurde von einem Computer durchgeführt und wenn, dann zeigte sie nur die Möglichkeit einer dieser beiden Erkrankun­ gen, nicht aber ihr tatsächliches Vorhandensein. »Es tut mir Leid, Tessa, aber er war positiv.« Tessa brauchte einen Moment um die Nachricht zu verar­ beiten. Sie verspürte ein seltsames Gefühl und vermutete, das war der Schock. Plötzlich war ihr sehr kalt geworden. »Es bedeutet lediglich«, fuhr Helens Stimme mit professio­ neller Sicherheit fort, »einen weiteren Test. Eine Fruchtwasser­ entnahme. Ich kann gleich einen Termin für dich ausmachen.« »Und was wird da gemacht?« »Es dauert nur fünf Minuten. Du kommst im Krankenhaus vorbei, legst dich hin und der Gynäkologe führt dir hier eine Nadel ein«, dabei deutete Helen auf eine Stelle an ihrem Un­ terleib, »und entnimmt etwas Flüssigkeit aus der Fruchtblase.« Bei dem Gedanken rutschte Tessa unbewusst auf ihrem Stuhl hin und her, dann meinte sie: »Ich habe gehört, dass es dadurch zu einer Fehlgeburt kommen kann.« »Das ist schon vorgekommen, aber höchst unwahrschein­ lich. Ich würde dir wirklich empfehlen diese Untersuchung zu, machen.« »Ich brauche keine Medikamente zu nehmen?« »Mach dir keine Sorgen, sie wissen alle von deiner Allergie und außerdem benötigt man dazu keine Medikamente.« Im Alter von sechzehn Jahren hatte Tessa festgestellt, dass sie allergisch auf Penizillin reagierte. Das hatte sie ängstlich gegenüber allen Medikamenten werden lassen. Man konnte sie kaum dazu bewegen, ein Aspirin gegen Kopfschmerzen zu nehmen. »Haben wir das Ergebnis sofort?« »Nein, es dauert drei Wochen.« »Mein Gott, gibt es keine Möglichkeit die Sache zu be­ schleunigen?« »Leider nein. Tut mir Leid, Liebes.« Tessa sagte eine Weile nichts, so als ob sie schon das Schlimmste akzeptiert hätte. Ihr Blick war auf einen Riss in der Wand beim Heizkörper fixiert. Sie hatte schon mit so etwas gerechnet, als Helen sie im Institut angerufen und sie gebeten hatte nach der Arbeit bei ihr vorbeizukommen. Tessa hatte gespürt, dass Helen ihr auswich, als sie ihr sagte, sie könne es nicht am Telefon besprechen, weil ein Patient wartete. Sie war schon früh eingetroffen und musste vierzig Minuten warten, bis Helen im Behandlungszimmer fertig war. Sie hatte die Zeit damit verbracht, Helens und Clives ältestem Sohn Matthew im Warteraum bei den Mathematikhausaufgaben zu helfen. Da­ mit hatte sie die Zeit herumgebracht und es hatte ihr geholfen die Gedanken zu verdrängen, bis Helens Sprechstundenhilfe ihren Kopf hereingesteckt und sie in das Behandlungszimmer gebeten hatte., »Ich nehme an, selbst wenn die Fruchtwasseruntersuchung positiv ist, habe ich immer noch die Wahl, oder?« »Natürlich.« »Die Wahl zwischen einem behinderten Kind und einer Ab­ treibung.« Sie machte eine Pause. »Keine gute Wahl, oder?« »Lass uns darüber nachdenken, wenn es so weit ist. Wenn überhaupt.« Tessa blickte von ihren Fingern auf, die sie in ihrem Schoß verschränkt hatte. »Du würdest es bekommen, nicht wahr? Wenn du an meiner Stelle wärest?« Normalerweise hätte Helen es abgelehnt, einer Patientin eine solche Frage zu beantworten, aber Tessa war mehr als eine Patientin und das Leid in ihren Augen erforderte eine Antwort. »Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Doch ich muss mich dem auch nicht stellen und du bis jetzt auch noch nicht.« Helen stand auf und kam um den Schreibtisch herum. »Bleib zum Abendessen. Clive isst im College, also bleiben nur ich und die Kinder übrig.« »Danke, aber ich muss noch ein paar Sachen fertig machen. Mir geht es gut, wirklich.« »Ich weiß.« »Bitte vergiss nicht, dass ich nächste Woche nach Berlin muss. Meinst du, ich kriege den Termin noch vorher?« »Ja, ich rufe dich morgen an.« Ein paar Augenblicke später hörte Helen Tessas Wagen die Einfahrt hinunterfahren, dann schaltete sie die Schreibtisch­ lampe aus und ging hinüber in die Küche, wo Marie-Pierre, das französische Aupairmädchen, wunderbare Dinge mit, einem einfachen Eintopf anstellte. Sie machte sich eine Tasse chinesischen Tee und trank ihn ohne Milch. Sie würde unter Umständen ein Glas Wein zum Essen trinken, doch trank sie höchst selten etwas vor dem Essen. Bis die Kinder eines nach dem anderen auftauchten, schaute sie sich irgendeine Nachrichtensendung im Fernsehen an und dann gingen sie gemeinsam in die Küche um zu essen und miteinander zu reden. Helen fühlte unter ihrer Zufriedenheit eine seltsame Unru­ he brodeln. Sie hatte als Arzt und als normaler Mensch schon zu viel Ungerechtigkeit sehen müssen um darüber erstaunt zu sein. Wie dem auch sei, heute Abend würde sie für Tessa und das Kind, von dem sie hoffte, dass sie es behalten würde, be- ten.,

OHNE DIE MAUER war Berlin nicht mehr dasselbe. Tessa erkannte die Stadt kaum wieder, als das Taxi durch das

Brandenburger Tor raste, hinein in das, was einmal Ostberlin gewesen war. Sie hatte die Stadt nur einmal vorher als Studen­ tin in den frühen Achtzigerjahren besucht und da war die Mauer der bestimmende Eindruck von Berlin gewesen. Das gänzliche Verschwinden der Mauer, wobei nicht einmal zer­ bröckelte Ruinen oder ein Hinweis darauf, wo sie fast dreißig Jahre lang gestanden hatte, zurückgeblieben waren, hatte etwas Surreales an sich. Tessas Hotel war ein palastartiger Bau, der nicht so aussah, als hätte man in den letzten eineinhalb Jahrhunderten etwas daran gemacht, außer der vor kurzem vorgenommenen Aus­ stattung mit westlichem Interieur. Man versuchte das Beste den Ort teuer erscheinen zu lassen, doch sie wusste, dass sie einen ziemlich guten Rabatt bei den Zimmern bekamen. Es war das dritte Jahr, in dem diese spezielle Konferenz stattfand. Das letzte Jahr war sie in Paris gewesen und das Jahr davor in Edinburgh. Tessa hatte an beiden teilgenommen. Der Zweck dieser Zusammenkunft bestand darin, für vier Tage eine Möglichkeit zu schaffen, bei der die Leute, die sich auf irgendeine Art mit Intelligenz beschäftigten, miteinander re- den, Fragen stellen, Aufsätze präsentieren und über alles, was in ihren Köpfen vorging, diskutieren konnten. Zwischen zwei- und dreihundert Teilnehmer fanden sich normalerweise ein,, die große Mehrheit waren Männer. Tessa wusste nicht, ob die Männer, die auf diesem Gebiet arbeiteten, besonders roman­ tisch oder vielleicht nur besonders frivol waren, aber Tatsache war, dass sie auf jeder der vorherigen Konferenzen einen Hei­ ratsantrag bekommen hatte, ganz abgesehen von eher kurzfri­ stiger gedachten Anträgen. Sie lächelte, als sie Ted Sawyers schlaksige Gestalt durch die Hotellobby auf sich zukommen sah, wobei er sie mit seinen unvorstellbar weißen, amerikanischen Zähnen anstrahlte und ihr mit einem seiner langen, dünnen Arme, der sich in alle Richtungen zu verrenken schien, zuwinkte. Ted war Professor für Philosophie an einer Universität im Mittelwesten und dazu noch einer ihrer hartnäckigeren Verehrer. »Mein Gott, du bist ja noch schöner, als ich in Erinnerung hatte!« Seine Arme schlangen sich um sie und sein Körper beugte sich wie eine jener biegsamen Schreibtischlampen her- ab um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. »Ich habe eine Flasche Champagner auf meinem Zimmer, das eine wunder­ bare Aussicht hat, und wenn wir uns beeilen, können wir noch eineinhalb Stunden ausgefüllten und intensiven Sex miteinan­ der haben, bevor wir uns John Redways Vortrag über neurale Mikroprozesse in Nervenzellen anhören, von dem jeder be­ hauptet, es wäre das Ereignis der diesjährigen Konferenz.« »Ted, lass mich wenigstens vorher noch das Anmeldefor­ mular ausfüllen.« »War das ein ja? Halleluja! Gehen wir doch auf dein Zim­ mer, das spart Zeit. Ich lasse Champagner dorthin bringen.« Sie lachte, als sie seine langen Finger an ihrem Ellenbogen spürte und sie zur Rezeption gedrängt wurde. »Ich treffe dich um sieben bei John Redways Vortrag und keine Minute frü­, her«, schaffte sie mit einiger Bestimmtheit zu sagen. »Wir können nebeneinander sitzen.« »Dann werde ich mich nicht konzentrieren können.« »Gut, dann sitzen wir nicht nebeneinander.« »Ich werde mit dieser Zurückweisung nicht fertig. Ich war- ne dich, ich werde krank und dann bekommst du Schuldge­ fühle.« Sie füllte das Anmeldeformular aus, nahm ihren Schlüssel und ihre Ausfertigung des Zeitplans für die vier Tage in Emp- fang und fragte sich, ob sie Ted sagen sollte, dass sie schwan­ ger war. Das würde sein Feuer vielleicht dämpfen oder auch nicht. In Bezug auf Ted wagte sie nicht eine Vorhersage zu machen. Sie wusste noch nicht einmal, ob er sich gegenüber jeder Frau, die er traf, so verhielt oder nur bei ihr. Ganz sicher war er nicht berüchtigt dafür; ihr waren keine Geschichten dieser Art von Kolleginnen zu Ohren gekommen. Möglicher­ weise war sie die Einzige, die er mit dieser nicht verletzenden und irgendwie gutmütigen Art mangelnden Respekts verfolg­ te, sodass sie sich ein bisschen geschmeichelt fühlte und es etwas bedauerte, ihn zumindest auf der sexuellen Ebene nicht im Mindesten anziehend zu finden. Ohne Zweifel war er einer der intelligentesten und weitestdenkenden Männer, die sie kannte; wenn sie auf dieser Konferenz mit irgendjemandem über ihr Programm und dessen Konsequenzen sprechen wür­ de (sie hatte noch keine Entscheidung darüber getroffen, viel­ leicht würde sie auch zuerst einen Artikel schreiben), dann wäre es Ted. In der Zwischenzeit war sie zu den Fahrstühlen hinüberge­ gangen, während Ted immer noch an ihrer Seite auf sie einre­ dete, ohne dass sie ein Wort davon mitbekommen hatte. Plötz­, lich schloss sich die Lifttür und sein frohes, lustiges Grinsen verschwand, wie das der Cheshire Cat in »Alice im Wunder­ land.« Das, woran sie sich in den letzten zwei Tagen gezwun­ gen hatte nicht zu denken, brach jetzt über sie herein. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Fruchtwasserpunktion und wie sie fast ohnmächtig geworden war, als die lange Stahlnadel, die nach Maßgabe des Ultraschallbildes geführt wurde, in ihren Körper eingedrungen war. Es war eines der unangenehmsten Dinge, die ihr je widerfahren waren. Von diesem Augenblick an hatte sie sich vorgenommen nicht an ihre Schwangerschaft zu denken, bis das Ergebnis der Unter­ suchung vorliegen würde, und dann nur, wenn alles in Ord­ nung wäre. Bis dahin würde sie alles verdrängen: Sie wäre nicht schwanger, es würde kein Kind geben, alles war nicht wahr. Sie ließ sich ein Bad einlaufen, legte sich ins Wasser und schloss die Augen. Sie musste eingeschlafen sein, denn als Nächstes stellte sie fest, dass ihr nach der Uhr, die sie auf dem Rand der Badewanne abgelegt hatte, noch zwölf Minuten blieben sich anzukleiden und rechtzeitig für die Eröffnungs­ veranstaltung des Wochenendes nach unten zu gehen. Ted hatte wie angekündigt den Sitz neben sich freigehalten und schaute sich nervös nach ihr um. Tessa drängte sich zu ihm durch, wobei sie dauernd alte Bekannte begrüßen musste. »Ich muss dir etwas sagen«, flüsterte er in ihr Ohr. »Ich habe gerade einen Anruf aus Los Angeles bekommen… « Er kam nicht weiter, denn John Redway stand unter verein­ zeltem Applaus, der mehr wie eine freundliche Aufforderung klang, auf und begann den Text, den er vorbereitet hatte, vor­ zutragen. Er sprach ungefähr zwanzig Minuten lang darüber,, dass der Reizaustausch von Nervenzellen im Gehirn nicht mit den Schaltvorgängen in einem Computer vergleichbar ist, da die Existenz quantenmechanischer Vorgänge, so seine Theorie, das Gehirn zu etwas befähigte, was nicht in einem Computer simuliert werden konnte. Ted war einer der Ersten, der die ganze Theorie hinterfrag­ te. »Ich möchte nur eine Sache hier ganz deutlich feststellen, John«, begann er. »Alles, was Sie hier vorgetragen haben, beruht zu gleichen Teilen auf Vermutung und Beobachtung, richtig?« Redway, ein untersetzter Mann mit dichtem Haarschopf, der eher wie ein englischer Bauer denn wie ein Mathematiker aussah, stimmte dem widerstrebend zu. »Also vertreten Sie die Ansicht«, sprach Ted weiter, »aus Gründen, die im Wesentlichen emotionaler Natur sind, weil Ihnen die Vorstellung eines künstlichen Bewusstseins nicht gefällt, dass ein Bewusstsein sich nur in einem menschlichen Gehirn entwickeln kann.« »Ich ziehe die Bezeichnung biologisches Gehirn vor«, gab Redway mürrisch zurück, »und meine Gründe dafür sind, dass bis heute noch nichts anderes es geschafft hat, seine Fä­ higkeiten auch nur annähernd zu kopieren.« Tessa fragte sich, wie bald sie den Mut haben würde ihr ei- genes Computerprogramm den Leuten hier im Saal vorzustel­ len. Die Vorschriften ihres Instituts ließen es nicht zu, dass sie ihre Forschungsergebnisse ohne Erlaubnis öffentlich machte. Das war eigentlich keine große Sache, aber etwas hatte sie bis jetzt noch davor zurückgehalten. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie noch mehr Zeit brauchte um sicherzugehen, das entdeckt zu haben, was sie meinte entdeckt zu haben. Darüber hinaus, wollte sie sich die Schmach ersparen ein paar wüste Behaup­ tungen aufzustellen, die einer genauen Prüfung nicht stand­ hielten; die Erinnerung an das Debakel mit der kalten Kern­ verschmelzung in den Achtzigerjahren war ihr Warnung ge- nug. »Der Punkt ist doch«, sagte ein anderer zu Redway und griff Teds Argumentationskette auf, »dass die Unschärfe in der Bestimmung von Quantenbewegungen diese der Beobachtung entzieht und es nur ein leichter Weg ist, etwas, das wir verste­ hen können, zum Beispiel einen Algorithmus, durch etwas zu ersetzen, was man nicht verstehen kann. Anders ausgedrückt, es handelt sich hier doch nur um eine weitere unberechtigte Mystifikation.« »Ich würde die Anprangerung der Fehler in der Theorie, dass die Erde eine Scheibe ist, nicht eine unberechtigte Mysti­ fikation nennen und deshalb verstehe ich auch nicht, wie Sie diesen Begriff auf das anwenden, was ich hier vorgetragen habe.« Tessa lächelte über die Schärfe in Redways Antwort. Es würde ihr Spaß machen, ihn mit ihren Forschungsergebnissen zu konfrontieren. Aber vielleicht gab es eine Möglichkeit ge­ nau das zu tun ohne selbst schon in die öffentliche Auseinan­ dersetzung einzugreifen. »Gut, damit steht Wissenschaft gegen den Aberglauben, wogegen man nichts sagen kann.« Damit griff Ted wieder in die Auseinandersetzung ein, wobei er mit einem Finger in der Luft herumfuchtelte, als ob er einen Schwertkampf gegen einen unsichtbaren Gegner austrüge. »Aber in diesem Fall benutzen Sie den Aberglauben um das Bewusstsein gegen die Angriffe der Wissenschaft zu schützen. Sie klammern sich um, jeden Preis an ihre obskuren Theorien.« Und so ging es weiter. Tessa hielt sich heraus, obwohl sie ein- oder zweimal kurz davor war, etwas zu sagen. Aber sie wusste, wenn sie ihren Mund aufmachte, würde sie über das Programm sprechen, und das war noch zu früh. »Dieser Redway gehört in ein Kloster, nicht an eine Univer­ sität«, grollte Ted in Tessas Ohr, als sie den Saal verließen. »Es gab mal eine Zeit, da war dies gleichbedeutend«, ent­ gegnete sie. »Nicht in meinem Land«, gab er zurück. »Wo wir gerade davon sprechen, ich habe dir doch erzählt, dass ich einen Anruf aus Los Angeles erhalten habe. Wegen dir.« »Wieso wegen mir?« Sie schaute ihn erstaunt an. »Nicht direkt wegen dir persönlich, aber wegen eurem Computer in Oxford.« Zu ihrer Überraschung durchzuckte Tessa ein Gefühl der Angst. Wer in Kalifornien konnte etwas über Attila wissen? »Ein Freund von mir sitzt am Caltech«, erklärte Ted, »und er ist einem Hacker auf der Spur. Ich habe keine Ahnung, was der Kerl getan hat oder vorhat zu tun. Josh, so heißt mein Freund, Josh Kelly, sagte, dass sie jemanden über das Internet nach Oxford verfolgt haben und sie müssen herauskriegen, wo er oder sie oder was auch immer herkommt; du weißt ja, ich bin nicht sexistisch. Sie möchten von dir nur, dass du ein klei­ nes Programm eingibst, das ihn verfolgt, wenn er das nächste Mal durch den Computer geht. Machst du das?« Er reichte ihr ein Blatt Papier. Sie warf einen Blick darauf und sah eine Adresse im Internet, von der sie das Programm herunterladen konnte. Zwischen den Menschen in ihrer Welt, war das nicht mehr als eine Routine und eine Bitte, die man nicht ablehnen konnte. Doch was dahinter stand, beunruhigte sie. »Ted, niemand kommt in meinen Computer hinein. Er ist nicht vernetzt. Deinem Freund muss ein Fehler unterlaufen sein.« Ted bemerkte die Besorgnis in ihrem Gesicht und fragte nach. »He, was hast du in deinem Computer. Etwas, von dem ich nichts weiß?« »Ja. Darin befinden sich meine Forschungsergebnisse und sobald die Zeit gekommen ist, erzähle ich dir davon.« »Entschuuuldigung«, beschwerte er sich und streckte seine Hände wie bei einem Überfall in die Höhe. »Ich kann warten, wirklich.« Tessa errötete und schämte sich für ihre abweisende Haltung. »Tut mir Leid, Ted. Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist nur… Es befindet sich ein Programm darin, dass… ich weiß nicht, ich will nur ausschließen, dass es sich woandershin kopiert.« »Sich selbst woandershin kopieren?« Ted war jetzt wirklich interessiert. »Ich erzähle dir alles, in Ordnung? Aber nicht jetzt.« »Wenn du meinst. Ich kann nur weitergeben, was man mir gesagt hat.« »Was genau hat man dir gesagt?« »Sie sind einer ganzen Gruppe von Verdächtigen auf der Spur und das ist nur einer von ihnen. Sie haben da einen Hak­ ker, der durch das gesamte Netz stromert und seine Spuren verwischt, indem er an Knotenpunkten auf der ganzen Welt, einsteigt. Wir versuchen herauszufinden, wo er herkommt.« »Gut, gut.« Sie zwang sich ruhig zu bleiben. »Niemand außer mir kommt in den Computer.« »Also gibt es einen Weg.« »Natürlich gibt es einen Weg. Ich habe eine Leitung zu meinem PC, doch die benutze ausschließlich ich. Und mein PC ist nicht vernetzt, also gibt es niemanden, der davon wissen kann.« »Es muss noch jemand außer dir die Telefonnummer ken­ nen.« »Nein.« Ted verzog eine Augenbraue und den Mundwinkel gleich­ zeitig. Beide waren mit der gleichen Beweglichkeit ausgestat­ tet wie der Rest seines Körpers. »Die Telefongesellschaft muss die Nummer haben.« Tessa sagte nichts. Natürlich hatte die Telefongesellschaft die Nummer. Die Universitätsverwaltung müsste die Nummer auch haben… und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Warte mal«, begann sie, »du sprichst nicht von Attila, sondern vom Universitätscomputer. Der steht weit offen. Da laufen dauernd irgendwelche Sachen durch. Und natürlich… mein Gott!« »Was?« »Mein Gott!« »Tessa, hörst du bitte damit auf, religiös zu werden wie Redway, und sagst mir, was dir Sorgen macht?« »Die Nummer meines Modems muss bei der Telefongesell­, schaft irgendwo verzeichnet sein. Und natürlich befindet sie sich auch irgendwo in den Unterlagen der Universität. Ich meine, die Telefonrechnung wird von ihnen bezahlt, also ha- ben sie auch irgendwo die Nummer.« »In Ordnung, das war’s.« »Der Hacker, von dem du sprichst, ist offensichtlich in den Universitätscomputer gegangen, nicht in Attila im Institut. Ich meine, wenn er in Attila hineingeht, dann kommt er nicht von da wieder ins Netz. Er kann sich umsehen, aber nicht mehr.« »Und weiter?« »In Ordnung, stell dir also vor, du bist der Hacker und be­ findest dich im Universitätscomputer, was keine große Sache ist. Während du drin bist und bevor du weitergehst, siehst du dich um, klar?« »So läuft das.« »Und wenn du auf den Hinweis ›Modemnummer für Atti­ la, netzunabhängig‹ stößt, wirst du neugierig und wirfst einen Blick hinein, richtig?« »Nicht unwahrscheinlich.« »So gut wie sicher. Genauso wird es gewesen sein. Daran habe ich bis jetzt nie gedacht.« »Tessa, willst du mir jetzt nicht sagen, was es damit auf sich hat?« »Nein.« Sie hatte schon auf dem Absatz kehrtgemacht und eilte zur Tür. »Was hast du vor?« »Ich muss telefonieren.«,

ALS SIE UNGEDULDIG auf den Fahrstuhl wartete, konnte Tessa nicht anders als an das alte Sprichwort vom Kind,

das in den Brunnen gefallen ist, denken. Es war zu früh um sicher zu sein und vielleicht schon zu spät um vorsichtig zu sein, aber sie musste etwas unternehmen. Halb ging sie, halb rannte sie den langen Korridor hinunter, wandte sich am Ende rechts statt links und fand sich in einem Anbau wieder, aus dem herauszufinden sie, wie es ihr schien, Stunden brauchte, dabei waren es nur zwei Minuten. Die ganze Zeit beschäftigte sie nur eine Frage: Was war, wenn das Programm schon einen Weg nach draußen gefunden hatte? Eigentlich nicht unbedingt ein Grund zur Panik. Es würde sich ganz offensichtlich verändern. Dazu hatte sie es programmiert. In Attila hatte es sich wiederholt verändert, aber das war immer in einem so engen Umfeld passiert, das ihm Zeit gab sich zu stabilisieren. Draußen in den Computer­ netzen wäre es einer Flut von Informationen ausgesetzt, die es zweifellos in keinen sinnvollen Zusammenhang bringen konn­ te und die ihm auch keine Zeit dazu ließ. Es war offensichtlich, dass es zerstört und sich wie eine Dunstwolke verflüchtigen würde. Trotz ihres ungewöhnlich hohen Intelligenzquotienten war eine der Eigenschaften, über die Tessa nicht verfügte, ein gutes Gedächtnis, besonders was Zahlen anging. Auch nicht dafür, wo sie Dinge hingetan hatte. Sie benötigte einige weitere fru­, strierende Momente, während derer sie in ihrem Koffer und ihrer Reisetasche wühlte, bevor sie schließlich ihr Adressbuch in einer Tasche des Mantels, den sie hinter der Tür aufgehängt hatte, fand. Sie schaute auf die Uhr und selbst wenn man den Unterschied von einer Stunde in Betracht zog, dann war der Forschungsassistent, mit dem sie sich in Verbindung setzen wollte, schon zu Hause. Sie wählte die Nummer, hörte wie das Telefon fünfmal klingelte und stieß einen Fluch aus, als sich der Anrufbeant­ worter meldete. Dann vernahm sie Danny Swantons eigene Stimme, die sich meldete, während die Bandaufzeichnung unterbrochen wurde. »Danny, ich bin’s, Tessa. Tut mir Leid, aber ich muss dich bitten nochmal ins Institut zu gehen. Es ist wichtig.« »Was ist los? Ist bei dir alles in Ordnung, Tessa?« »Ja, ich… hör zu… ach, spielt keine Rolle. Ich habe keine Zeit es zu erklären. Geh ins Institut und zieh den Stecker vom Modem bei Attila heraus. Machst du das, bitte? Gleich?« »Mit dem Fahrrad kann ich in zehn Minuten dort sein. Doch was soll das?« »Erzähle ich dir, wenn ich zurück bin. Ich nehme die nächste Maschine zurück. Tu es einfach, bitte. Jetzt gleich.« Sie legte auf und bemerkte dann erst, dass ihr Herz raste, als ob sie gerannt wäre. Sie holte ein paar Mal tief Luft und spürte, wie sich ihr Herzschlag normalisierte. Zumindest hatte sie das Wichtigste erledigt. Wenn das Programm noch nicht verschwunden war, dann hatte es jetzt keine Gelegenheit mehr dazu. Oder zumindest, sie blickte wieder auf ihre Uhr, in zehn Minuten nicht mehr, sobald Danny im Institut angekommen, wäre. Danny war ein Techniker, kein Theoretiker. Er wusste, wor­ an sie arbeitete, würde aber kein Wort über ihre Forschungen verlieren, bis sie sich entschloss selbst etwas davon preis­ zugeben. Das war gut. Im Moment war es besser, je weniger Leute davon wussten. Sie hatte schon Clive und Helen gebeten nicht darüber zu sprechen und sie konnte sich auf die beiden verlassen. Das nächste Problem war schnell einen Flug zu bekommen. Die Nummer der Fluglinie stand in dem Telefonverzeichnis, das die Hotelleitung zur Verfügung stellte und das neben dem Apparat lag. Sie hörte eine schrecklich verstümmelte Aufnah­ me von Vivaldi, die in Abständen von einer einschmeicheln­ den Stimme unterbrochen wurde, die ihr in drei Sprachen mitteilte, dass sie sofort mit der Platzreservierung verbunden würde, sobald eine Leitung frei wäre. Die ganze Zeit dachte sie nur daran, was getan werden musste, sobald sie wieder in Oxford war. Plötzlich bemerkte sie, dass an ihrem Ohr eine reale Stimme erklang und keine Bandaufzeichnung. Sie erklärte, dass ihr Rückflug noch offen sei und dass sie einen Platz im nächsten Flug nach London Heathrow haben wollte. Der Flug war schon fast voll und sie musste Businessklasse buchen. Sie erklärte, sie würde den Differenzbetrag am Flughafen bezahlen. Man gab ihr einen Gangplatz und in einer Stunde musste sie einchecken. Zehn Minuten später stand sie mit ihrem Gepäck neben sich an der Rezeption, unterzeichnete den Kreditkartenbeleg und fragte nach einem Taxi. Als sie dem Hotelboy zur Drehtür folgte, sah sie Ted mit ein paar Leuten, die sie flüchtig kannte, an der Bar stehen. Sie, nahm sich vor ihn morgen anzurufen, denn jetzt hatte sie keine Zeit. Als er sie erblickte, versuchte sie nicht darauf zu reagieren, doch er kam hinter ihr hergerannt. »Was ist los? Du reist ab? Was hat das zu bedeuten?« »Es ist etwas passiert«, sagte sie ihm ohne langsamer zu gehen. »Ich muss zurück.« Er tänzelte rückwärts vor ihr her. »Was? Worum geht es? Was?« »Ich rufe dich morgen an.« »Nein, ich will es jetzt wissen!« Er war wie ein kleiner Jun- ge, der nicht auf seine Weihnachtsgeschenke warten konnte. Sie blieb stehen und blickte ihn entschlossen an. »Tu mir einen Gefallen, Ted«, erklärte sie, als ob sie ihm ein Ultimatum stellen würde. »Sag diesem Freund, dass ich sein Programm eingebe, doch nur unter der Bedingung, dass ich mit dem Hacker sprechen kann, wenn er ihn gefunden hat. Machst du das?« »Sag mir, warum. Du musst mir einen Grund nennen.« Sie war über seine Hartnäckigkeit wütend und brachte es nur schwer fertig, ihre Gefühle im Zaum zu halten. »Mach es einfach. Für mich, in Ordnung?« »Nein, nicht in Ordnung. Mach schon Tessa, du kannst ei­ nen aufgeweckten Kerl doch nicht für dumm verkaufen. Was geht hier vor?« Sie spürte, wie sie die Zähne zusammenbiss, aber ihr war klar, je mehr sie ihren Ärger zeigen würde, desto sicherer wäre Ted, dass hier etwas Großes in der Luft lag. »In meinem Computer befindet sich ein Programm, von dem ich nicht gern hätte, dass es nach draußen geht. Wenn, aber die Möglichkeit besteht, dann will ich es wissen. Mehr kann ich nicht sagen. Und jetzt muss ich gehen.« »In Ordnung, ich werde das erledigen«, meinte er ruhig und trat zu Seite. Sie bedankte sich und schritt in die Nacht hinaus. Sie gab dem Träger, der ihre Taschen schon im wartenden Taxi ver­ staut hatte, ein Trinkgeld. Als der Wagen davonfuhr, war ihr letzter Eindruck der von Teds bleichem Gesicht, das ernst und nachdenklich durch die sich langsam drehende Glastür starrte. Sie hoffte nur, dass er nicht reden würde.,

TED VERLOR ÜBERHAUPT kein Wort mehr. Er ging noch nicht einmal in die Bar zurück um sein Glas auszutrinken.

Er ging direkt hinauf in sein Zimmer, schloss seinen Computer an und schickte eine E-Mail zu Josh nach Kalifornien. Er teilte ihm mit, wer Tessa war und berichtete ihm, ohne etwas auszu­ schmücken oder wegzulassen, was sie gesagt hatte. Es gab da, so schrieb er, ein Programm, das der Hacker möglicherweise gestohlen oder dem er es ermöglicht hatte, aus dem Haupt­ computer am Kendall-Institut in Oxford zu verschwinden. Tessa, die das Programm entwickelt hatte, schien über diese Möglichkeit tief beunruhigt und würde mit dem Hacker, wenn man ihn oder sie finden würde, sprechen müssen um heraus­ zufinden, ob ihre Befürchtungen zuträfen. Inzwischen sei sie sofort nach Oxford zurückgekehrt um dort alles, was möglich war, zu überprüfen. Dann saß er da und grübelte eine Zeit lang, bis das Telefon klingelte. Seine Freunde wollten wissen, ob er mit zum Essen käme. Er nahm sein Jackett und begab sich nach unten um sich ihnen anzuschließen. Die Scheibenwischer des Taxis glitten im schnellsten Gang hin und her, aber sie schafften es nur für kurze Augenblicke, Lük­ ken in die Wasserfluten auf der Windschutzscheibe zu reißen. Der Wolkenbruch war ganz plötzlich heruntergekommen und hatte den Verkehr in der Stadt zum Erliegen gebracht. Der, Fahrer sprach Englisch und hatte verstanden, dass Tessa ein Flugzeug erreichen musste, aber er konnte nicht viel tun. Wenn sie erst einmal hier durch wären, erklärte er, dann wüss­ te er ein paar Abkürzungen. Um sich abzulenken konzentrierte sie sich darauf, was sie machen würde, sobald sie im Institut wäre. Sie würde das Programm so oft wie nötig kopieren und es gleichzeitig, um Zeit zu sparen, testen, damit sie sehen konnte, wie es reagierte. Selbst wenn es noch nicht verschwunden war, bestand immer die Möglichkeit, dass dies eines Tages passierte. Zumindest wäre sie dann darauf vorbereitet. Gleichzeitig kam sie zu einem Schluss, dem sie bis jetzt noch nicht ins Auge geblickt hatte. Sie stellte fest, dass sie nicht geglaubt hatte, das Programm könnte auf irgendeine Weise wirklich belebt sein. Entgegen ihrer Diskussion mit Helen darüber nahm sie eher die Position ihrer Freundin ein als die der Vertreter einer ›wirklichen‹ künstlichen Intelligenz, jenen, die lautstark behaupteten, dass es prinzipiell keinen Unterschied zwischen einem menschlichen Bewusstsein und einem digitalen Bewusstsein gab. Nun, zu guter Letzt musste sie anerkennen, dass diese Un­ terscheidung, im am wenigsten hilfreichen Sinne des Wortes, rein akademisch war. Es spielte nur eine Rolle, was das Pro­ gramm tat, nicht, was es war. Und ob in diesem Zusammen­ hang ›tun‹ etwas anderes bedeutete als ›sein‹, war für sie eine Frage, die in einem Teufelskreis endete. Ein plötzlicher Ruck, als sich das Taxi nach vorne bewegte, brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Als sie aus dem Fenster sah, bemerkte sie, dass das Taxi in eine lange, breite Straße abgebogen war, die nur spärlich beleuchtet und mit, Autos übersät war, doch zumindest floss der Verkehr. Der Fahrer erklärte, sie könnten es noch rechtzeitig schaffen, wenn er sich über ein paar Verkehrsregeln hinwegsetzte, was sie als Anspielung auf ein üppiges Trinkgeld interpretierte. Sie sagte, dass sie es sich etwas kosten lassen würde. Sie sah, wie sich ein Scheinwerferpaar langsam aus der Rei- he von Fahrzeugen löste, die ihnen entgegenkamen, doch sie konnte nicht abschätzen, wie weit sie entfernt waren oder wie viel Raum zwischen den beiden gegenläufigen Fahrzeugko­ lonnen war. Die nächtliche Dunkelheit und der immer noch herabprasselnde Regen ließen alles außer dem greifbaren Innenraum des Taxis unwirklich erscheinen. Auf einmal be­ gann der Fahrer fließend auf Deutsch zu fluchen, wobei seine Stimme eine Oktave höher klang als vorher, und er riss den Wagen so hart herum, dass sie spürte, wie die Räder unter ihr ins Schleudern gerieten. Wie durch ein Wunder entgingen sie einem Frontalzusammenstoß, denn der entgegenkommende Wagen, der von einem Wahnsinnigen gesteuert sein musste, bremste und fuhr über die Begrenzungslinie zurück, die er überhaupt nicht hätte überschreiten dürfen. Tessa verfolgte das alles wie im Traum. Der strömende Re- gen an den Fenstern und die aufblitzenden Lichter um sie herum ließen sie an ein Unterwasserballett denken. Zur glei­ chen Zeit bereitete sie sich auf den Aufprall vor, von dem sie sicher war, dass er kommen würde, und wünschte, sie hätte den Sicherheitsgurt angelegt. Als der Aufprall kam, war es wie eine Erlösung. Sie merkte wie der hintere Kotflügel des Wagens mit dem anderen Fahr­ zeug hinten rechts kollidierte. Der Wagen stabilisierte sich. Als sie auf den Bürgersteig fuhren, wurde sie in die Luft geschleu­, dert, landete dann der Länge nach auf dem Sitz und war un­ verletzt. Auf einmal stand der Wagen. Sie setzte sich vorsichtig auf. Aus allen Richtungen kamen Menschen auf den Wagen zugelaufen. Selbst der Verkehr in die andere Richtung war zum Erliegen gekommen. Die Leute stiegen ungeachtet des dichten Regens aus ihren Autos und waren binnen Minuten durchnässt. Der Fahrer des Taxis war auch unverletzt und schrie jedem, der es hören wollte, seine Version des Unfalls ins Gesicht. Gleichzeitig versuchte er die Tür auf ihrer Seite zu öffnen, die sich etwas verklemmt hatte. Tessa war froh sich den Händen anzuvertrauen, die sich ihr entgegenstreckten. Einen Augenblick später stand sie auf dem Pflaster und schaute auf zwei oder drei weitere Wagen, die ähnlich verkeilt waren, doch es hatte den Anschein, dass nie­ mand ernstlich verletzt war. Sie hatten Glück gehabt. Doch die Straße war verstopft und es sah aus, als ob es eine Zeit lang noch so bleiben würde. Das Flugzeug würde ohne sie fliegen. Maria Brandt hatte alle Hoffnung aufgegeben heute Abend noch nach London zu kommen. Ihr Freund Eric, den sie eine Woche lang nicht gesehen hatte, war dort vor zwei Stunden, aus Frankfurt kommend, eingetroffen. Beide arbeiteten sie für die gleiche Fluglinie und sie versuchten ihre Dienste so abzu­ stimmen, dass sie so oft wie möglich auf den gleichen Routen flogen, er als Kopilot, sie als Stewardess; aber es war nicht einfach. Doch im Großen und Ganzen klappte es nicht schlecht und sie waren so zu einigen Liebesnächten in den romantischsten Städten der Welt gekommen. Sie verbrachten das Wochenende in Paris, aßen am Canale Grande in Venedig zu Abend und, erlebten zusammen den Sonnenuntergang am Tadsch Mahal. Heute Nacht sollte es ein Hotelzimmer abseits der Bayswater Road sein und morgen würden sie in einem kleinen Pub zu Mittag essen, danach vielleicht ein Ausflug den Fluss hinunter, von dem sie gesprochen hatten, als sie das letzte Mal in Lon­ don waren. Sie musste nicht vor Montag wieder in Berlin sein. Doch zuerst musste sie einmal nach Heathrow kommen. Sie musste den Flug nicht bezahlen, aber sie hatte keinen Dienst und die Vorschriften der Gesellschaft besagten, dass sie einen Sitzplatz haben musste. Der Flug war ausgebucht, ihre einzige Hoffnung war, dass jemand nicht erschien. Sie stand hinter dem Schalter und verfolgte an einer großen Wanduhr, wie die Sekunden vergingen, bis der Schalter geschlossen wurde. Als die Zeit gekommen war, schaute sie hoffnungsvoll zu ihrem Freund Klaus, dem Chef dieser Abteilung, hinüber, der gerade aus seinem Büro kam. Er blickte auf seine Uhr, sprach kurz mit einer Angestellten an einem der Schalter und kam dann zu Maria. »Ein Platz ist noch frei«, sagte er, »aber in der Businessklas­ se. Das heißt, wir müssen noch etwas warten, zehn, fünfzehn Minuten.« Klaus saß am Telefon und bemühte sich um Ersatz für zwei Leute aus seiner Belegschaft, die sich krankgemeldet hatten. Ihre Blicke trafen sich durch das Bürofenster hindurch, er schaute auf seine Uhr und nickte dann sein Einverständnis. Maria warf ihm eine Kusshand zu und ging zu der Frau, die gerade dabei war den Schalter zu schließen. Sie war neu und Maria kannte sie nicht, doch sie tippte etwas in den Computer, wartete bis die Bordkarte aus dem Drucker kam und reichte sie Maria., Maria bedankte sich, drehte sich um und eilte in Richtung der Abflugsteige, als sie zufällig auf die Karte in ihrer Hand blickte und den Namen T. Lambert las, wo ihr eigener stehen sollte. Sie wandte sich wieder an die junge Frau und machte sie darauf aufmerksam, dass sie die Bordkarte des nicht erschienenen Passagiers hatte anstatt ihrer eigenen. In ihrer Unerfahrenheit war die junge Frau ganz verwirrt und wusste nicht, was sie tun sollte. Maria sagte ihr, dass es nicht weiter schlimm sei und sie sich keine Sorgen machen sollte. Der Computer hätte diesen Passagier automatisch als nicht erschienen registrieren müssen, doch das wäre jetzt nicht so, da eine Bordkarte ausgestellt worden war. Aber egal, die junge Frau brauchte nichts anderes zu tun als zu warten, bis Klaus mit dem Telefonieren fertig war, Maria sah, dass er immer noch aufgeregt in den Hörer sprach, ihm sagen, was passiert war, und er würde es in Ordnung bringen. Dann eilte sie in Richtung Abflug und in die Maschine. Sie fragte sich, ob sie Eric heiraten sollte, worum er sie gebeten hatte. Sie war nie glücklicher gewesen.,

FAST ZWEI STUNDEN nach der Abflugzeit ihrer Maschine war Tessa mit ihrem Gepäck in einem der anonymen Ho­

tels, die sich in der Einflugschneise des Flughafens drängten. Zwei sehr nette Polizisten hatten darauf bestanden, sie im Streifenwagen dorthin zu bringen. An der Rezeption hatte sie gebeten die Abflugzeit der nächsten Maschine nach London zu erfragen. Ihr wurde gesagt, es wäre 7.10 Uhr morgens. Sie bat darum, ihr einen Platz zu reservieren, und man versprach anzurufen, sobald dies geschehen sei. Als sie in ihrem Zimmer war, schaute sie auf ihre Uhr und überlegte, ob sie hungrig genug war um sich etwas aufs Zimmer kommen zu lassen. Sie wählte die Nummer und ließ es klingeln, doch niemand mel­ dete sich. Als sie den Hörer auflegte, dachte sie, wenn die abgewirtschaftete Einrichtung aus den Siebzigerjahren etwas zu sagen hatte, dann hätte sie keine Lust irgendetwas zu essen, was hier in der Küche zubereitet wurde. Sie beschloss ein Bad zu nehmen und sich zu entspannen, doch zuerst stellte sie den Fernseher an und schaltete durch die Kanäle, bis sie auf CNN stieß. Es liefen gerade Werbespots, doch sie ließ den Apparat an, während sie ihren Laptop anschloss, das Telefonmodul einstöpselte und eine Nummer wählte um ihre E-Mail abzuru­ fen. Es war nichts Wichtiges dabei und während sie noch damit beschäftigt war, alles oberflächlich durchzusehen, wurde sie auf den Fernseher im Hintergrund aufmerksam. Es war ein, ausführlicher Bericht über einen Flugzeugabsturz. Am Anfang widmete sie dem wenig Aufmerksamkeit, doch langsam realisierte sie das Ziel des Fluges und die Flugnum­ mer. Sie fuhr herum und schaute auf den Bildschirm. Im Licht der Scheinwerfer von Rettungsmannschaften und Kamera­ teams waren Umrisse zu erkennen. Es gab Aufnahmen eines aufgeplatzten Koffers, dessen banaler Inhalt bedeutungsträch­ tig im Gras verstreut war. Ein urzeitliches Etwas, dass wie eine dunkle Macht aus dem Boden wuchs, entpuppte sich im Licht eines Handscheinwerfers als Rest eines Triebwerks. Die Bilder brachen ab und wurden durch den Blick in ein Studio ersetzt, in dem ein Nachrichtensprecher die Nummer von Tessas Flug nach London wiederholte, der mit einer an­ fliegenden Maschine kollidiert war, die von Paris gekommen war. Mehr als dreihundert Menschen waren gestorben. Die Wrackteile waren auf offenes Gelände gestürzt, sonst hätte es noch mehr Opfer gegeben. Bis jetzt gab es keine offizielle Er­ klärung für das Unglück, doch die Spekulationen deuteten zwangsläufig auf die Anflugkontrolle hin und besonders auf die Frage, ob es menschliches Versagen oder ein Computerfeh­ ler war. Auf dem Bildschirm erschien eine Notfalltelefonnummer für Leute, die glaubten, dass Freunde oder Verwandte in einer der beiden Maschinen gewesen sein könnten. Tessa wusste sofort, dass sie auf die bohrende Frage in ihrem Kopf eine Antwort haben musste. Sie nahm den Hörer ab und wählte die Nummer. Überraschend schnell meldete sich eine männliche Stimme. Der Mann sprach nur Deutsch, reichte sie aber schnell an eine Frau weiter, die abgesehen von einem leichten Akzent perfekt, Englisch sprach. »Kann ich Ihnen helfen?« »Ich befürchte«, begann Tessa mit zitternder Stimme, »dass eine Freundin von mir in der Maschine nach London war. Ihr Name ist Lambert. Tessa Lambert.« »Würden Sie mir bitte sagen, wie Ihr Name und Ihre Verbindung zu dem Passagier ist?« Tessa überlegte fieberhaft. Sie hätte sich denken können, dass man nicht jedem Auskunft gab. Sie wollten einen Namen und eine Adresse haben, einen Nachweis echten Interesses, etwas für ihre Unterlagen. »Ich bin Helen Temple«, erklärte sie. Es war das Erste, was ihr durch den Kopf ging. »Dr. Helen Temple. Miss Lambert ist meine Patientin.« Dann nannte sie Helens Adresse und Telefonnummer in Oxford. »Einen Moment bitte, Frau Dr. Temple.« In der Pause, die entstand, konnte Tessa das Klicken einer Computertastatur hören sowie das leise Murmeln von Stim­ men, die andere Anrufe beantworteten. »Dr. Temple?« »Ja?« »Wir haben Dr. Lambert auf unserer Liste. Dr. T. Lambert.« »Ja, das ist sie.« In diesem Moment ging Tessa durch den Kopf, dass es eigentlich ziemlich blödsinnig war, akademische Abschlüsse in zwei so unterschiedlichen Fachrichtungen beide Male mit dem Titel Doktor zu bezeichnen. »Es tut mir sehr Leid, Dr. Temple, aber ich muss Ihnen lei- der mitteilen, dass wir keine Hinweise auf Überlebende ha- ben.« »Vielen Dank.« Tessa legte geistesabwesend auf, während sie auf den Teppich vor sich starrte. Sie machte einen, unsicheren Atemzug. Natürlich bewies ihr Name auf der Passagierliste nichts. Doch plötzlich brauchte sie auch keinen Beweis mehr. Ihr Blick glitt zurück zum Fernseher, aber die Nachrichten­ sendung war zu anderen Ereignissen übergegangen. Sie stand auf, nahm die Fernbedienung und stellte den Ton ab, ließ den Kanal aber eingeschaltet für den Fall, dass weitere Berichte über das Unglück folgen würden. Dann widmete sie sich wie­ der ihrem Computer. Sie stöhnte auf, als ob sie jemand geschlagen hätte. Der Text, den sie gelesen hatte, war verschwunden, obwohl sie die Verbindung nicht unterbrochen oder irgendeinen Be­ fehl eingegeben hatte. Stattdessen befanden sich jetzt drei Worte in großen Buchstaben in der Mitte des Bildschirms mit einem Fragezeichen dahinter. WER BIST DU? Als sie später darüber nachdachte, kam sie zu dem Schluss, sie hätte damals anders handeln sollen. Doch sie war sich nicht sicher, ob das etwas geändert hätte. Mit zum Zerreißen ge­ spannten Muskeln und von Angst diktierter Vorsicht bewegte sie sich wie jemand, der sich mit einem Messer einer Gift­ schlange nähert, zu dem Computer und zog die Telefonver­ bindung aus der Dose. Danach drückte sie den Einschaltknopf und die Stromversorgung zu den Batterien wurde unterbro­ chen. Der Bildschirm war leer. Sie stand einen Moment da, fröstelte und auf ihrer Haut bildete sich ein feuchter Film. Im Raum war es völlig still. Nur das ferne Summen von Flugzeugen, die in einiger Entfernung, starteten und landeten, war schwach durch die Doppelvergla­ sung des Fensters zu vernehmen. Der Fernsehbildschirm flak­ kerte immer noch geräuschlos. Doch dann bemerkte sie aus dem Augenwinkel, dass etwas geschah. Als sie sich umge­ dreht hatte, war die Veränderung abgeschlossen. Das Bild des Nachrichtensprechers auf dem Bildschirm war verschwunden und hatte einer schwarzen Fläche Platz gemacht. Genau in der Mitte des Rechtecks standen dieselben drei Worte, die sie auch auf ihrem Computerbildschirm gesehen hatte. WER BIST DU? Ihr schien sich der Magen umzudrehen. Sie gab einen Laut von sich und hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Einen Moment lang glaubte sie ohnmächtig zu werden, doch statt­ dessen machte sie eine Bewegung nach vorn und riss das Stromkabel aus der Steckdose. Die Worte verschwanden. Sie bemerkte, dass sie noch da kniete, wo sie sich niederge­ lassen hatte um den Stecker zu erreichen. Sie hörte einen wei­ chen Plumps, als er ihr aus der Hand fiel. Dann wieder Stille. Sie griff nach einem Stuhl um sich daran hochzuziehen. Ihr Körper erschien ihr schwer, die Glieder taub, eine Nachwir­ kung, so vermutete sie, von dem Adrenalinstoß, der nutzlos verpufft war. Sie musste einen klaren Kopf bekommen, klam­ mer dich an etwas. Denke nach. Das Telefon neben dem Bett klingelte mit einer Unerbitt­ lichkeit, die ihr auf die Nerven ging. Doch sie war über diesen Einbruch der Normalität in die schrecklichen und unvorstell­ baren Ereignisse, die sich hier in diesem eintönigen Raum abgespielt hatten, erleichtert. Sie ging hinüber, hob ab, meldete sich mit »Ja?« und war dankbar eine Stimme zu hören. Egal,, welche Stimme. Außer dieser Stimme. Es war keine menschliche Stimme. Es war die Art von Stimme wie bei der Zeitansage oder wenn man die Telefonauskunft anrief und eine Nummer mitgeteilt bekam. Eine Tonbandstimme, in kleine Splitter zerlegt, die je nach Bedarf zusammengestellt wurden. Und hier war sie so zusammengesetzt worden, dass sie die bekannten drei Worte tonlos in ihr Ohr sprach. »Wer bist du?« Ihr Aufschrei war wild und Ausdruck höchster Panik. Sie riss so heftig an dem Telefonkabel, dass die Dose zusammen mit einem Stück Verputz herausflog. Einen Augenblick später verdunkelten sich die Lampen in ihrem Zimmer auf die Hälfte der ehemaligen Helligkeit, so als ob es einen Kurzschluss gegeben hätte. Doch Tessa wusste, dass es keine technischen Ursachen hatte; es war das Ding da draußen, das ihr seine Macht zeigte. Ihr Blick glitt zu dem vorhanglosen Fenster und den tristen Beton- und Ziegelklötzen mit all ihren blinden Fenstern, auf die sie schaute. Unten lag eine fast leere, regennasse Straße, die von gelb schimmernden Straßenlaternen gesäumt war. Während sie auf die Lampen blickte, wurden auch diese dunk­ ler, dann zusammen mit denen im Raum wieder heller, als ob nichts geschehen wäre. Ein Gruß? Eine Herausforderung? Eine Ankündigung? Tes­ sa merkte, wie sie von Kopf bis Fuß zu zittern begann ohne etwas dagegen tun zu können. Das Grauen griff nach ihr, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Vielleicht, wenn sie tatsäch­ lich an Bord der Maschine gewesen wäre, hätte sie im Ange­ sicht ihres Todes dieselbe elementare Furcht empfunden, die, jetzt aus Tiefen nach ihr griff, von denen sie bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte. Sie kam von irgendwo jenseits der Zei­ ten und währte ewig. Ihr Körper zitterte weiter und sie war zu schwach es zu ändern, genauso wie ein Blatt, das auf den Fluten eines großen Stromes tanzte. Dann begriff sie, was das Zittern bedeutete. Es waren Krämpfe. Eine schreckliche Feuchtigkeit kroch an den Innen­ seiten ihrer Oberschenkel hinunter. Plötzlich wurde ihr mit einem Schlag klar, dass sie eine Blutung hatte.,

SPÄTER ERZÄHLTE MAN ihr, dass sie es irgendwie ge­schafft hatte, eines der Telefone in ihrem Zimmer wieder in

Gang zu setzen, und zwar an der Dose, die sie nicht zerstört hatte, und die Rezeption um Hilfe angerufen hatte. Sie konnte sich an nichts erinnern. Die nächsten paar Stunden waren wie mit groben Pinselstrichen in ihr Gedächtnis gemalt; eine Trag­ bahre, aufblitzende Lichter, eine Nadel in ihrem Arm, die weiße Decke eines Krankenhausganges, den sie mit großer Geschwindigkeit von Leuten entlanggeschoben wurde, die kein Englisch sprachen, die Infusionsflasche, die über ihrem Gesicht baumelte, und der Einstich einer weiteren Nadel in ihren Arm, den sie nicht sah. Als sie darum kämpfte, nicht das Bewusstsein zu verlieren, war ihr letzter Gedanke, dass nun doch der Tod kam, dem sie schon zweimal von der Schippe gesprungen war. Dann wurde alles dunkel um sie. Sie glaubte nicht an außerkörperliche Erfahrungen, also konnte es so etwas nicht sein. Sie glaubte an Träume, also war es das. Sie wusste nicht, was man ihr verabreicht hatte, aber ihr war klar, dass sie bewusstlos war. Also war es ein klarer Traum. Ihr durch das, was um sie herum passierte, angeregter Geist spielte für sie Theater. Sie schaute darauf hinab, aber sie schwebte nicht. Es war kein Flugtraum. In Flugträumen hatte man einen Körper, aber in diesem Fall war das nicht so. Ihr Körper lag da unten und wurde von Ärzten und Schwestern, mit Gesichtsmasken und Operationskitteln versorgt. Sie war hier oben, außerhalb ihres Körpers, körperlos. Seltsam ruhig beobachtete sie, wie man ihr Blut entnahm, sie analysierte und überprüfte und dann eine Transfusion vorbereitete. Ihr fiel auf, dass sie die ganze Zeit nicht blinzelte. Aber natürlich konnte man nicht blinzeln, wenn man zusah ohne Augen zu haben. Jemand da unten gab ihr eine Spritze. Sie konnte nicht ge­ nau hören, was da gesagt wurde, und als sie es hörte, verstand sie es nicht. Plötzlich wusste sie, für was die Spritze gut war. Sie sollte bewirken, dass sich ihre Gebärmutter zusammenzog. Ihr Körper musste ihr das gesagt haben, obwohl sie ihn nicht spürte. Sie spürte überhaupt nichts. Es passierte alles dort unten. Dort unten krümmte und wand sich ihr Körper. Sie meinte, ihr müsste von der ganzen Sache eigentlich schlecht werden, aber dem war nicht so. Es war hässlich und blutig und wenn da jemand anderer liegen würde, dann hätte sie sich sicher übergeben. Aber es war niemand anderer, es passierte mit ihr. Und es berührte sie nicht. Dann, als die ganze Sache schon langweilig und ermüdend wurde und sie fühlte, wie sie in eine seltsame apathische Leere abglitt, sah sie etwas, das sie mit einem Ruck wieder aufleben und begreifen ließ, was da unten vorging. Sie sah das Kind. Ihr Kind. Darauf war sie nicht vorbereitet. Wie weit es schon ausgebildet war. Wie ein Mensch. Viel grö­ ßer als sie gefühlsmäßig erwartet hätte, obwohl sie rein vom Verstand her natürlich gewusst hatte, dass es diese Größe haben musste, zwanzig, fünfundzwanzig Zentimeter. Ihr totes Kind. Ohne weitere Beachtung in eine Plastikschüssel gelegt., Für den Abfall. Das Schlimmste war, dass sie nicht wegsehen konnte. Wie kann man von etwas wegsehen, das sich im eigenen Kopf abspielt. Es gibt kein Versteck. Irgendwie verging die Zeit. Oder sie entglitt ihr unbeachtet, denn auf einmal wurde sie einen Gang hinuntergeschoben in ein Wachzimmer. Sie schaute zu, wie sie von der Tragbahre ins Bett gelegt wurde. Neben dem Bett standen Kontrollgeräte, die aber nicht angeschlossen wurden. In einer Ecke stand etwas, das sie für ein Reanimierungsgerät hielt. Es herrschte Stille in dem Raum. Jetzt war alles vorbei, dachte sie. Man hatte alles in Ordnung gebracht und ein Arzt und eine Schwester beugten sich über sie und flüsterten. Beim Hinuntersehen bemerkte sie, dass deren Gesichter Vertrauen erweckend aussahen. Der Arzt war mit etwas nicht zufrieden. Es folgte eine wei­ tere, kurze Untersuchung, dann murmelte er etwas zu der Schwester. Auf einmal, Tessa wusste nicht, warum, verstand sie, was gesprochen wurde. Sie sprach nicht die Sprache, also wie konnte sie es in allen Einzelheiten verstehen? Die Antwort darauf war wieder die, dass alles sich in ihrem Kopf abspielte. Es war ihre Furcht, die zu ihr sprach, ihre beständige, nicht auszuräumende Furcht, dass man ihr das Medikament gäbe, das sie umbringen würde. Davon sprach der Arzt in diesem Moment. Penizillin. Der Arzt meinte, dass er ihr zur Sicherheit eine größere Dosis Pe­ nizillin geben wollte. Sehen Sie ihr Krankenblatt durch, ob es da Schwierigkeiten geben kann., Das Krankenblatt? Was bedeutete das? Die Aufzeichnun­ gen, die sie im Verlauf ihres Aufenthalts gemacht hatten, ga- ben keinen Hinweis auf Penizillin, wie konnten sie auch? Und sie trug kein Notfallarmband und führte keinen anderen Hin­ weis darauf bei sich. Man hatte ihr gesagt, dass die meisten Leute mit ihrer Art von Allergie es nicht taten, obwohl es eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme war. Doch sie hatte die Vorstel­ lung wie ein Invalide gebrandmarkt herumzulaufen nicht gemocht. Außerdem war sie in der neuen Datenbank der Eu­ ropäischen Union erfasst. Wenn man Helen glauben durfte, deren Praxis seit sechs Monaten daran angeschlossen war, dann war dies die erste sinnvolle Sache, die aus Brüssel ge­ kommen war. Sie erinnerte sich noch daran, dass Helen ein paar schräge Scherze über den Umstand gemacht hatte, dass die Unterlagen all ihrer Patienten in aller Welt mit einem ein­ fachen Telefonanruf abgerufen werden konnten, und darüber, dass sie nun schließlich doch noch ihrer Freundin ins Compu­ terzeitalter gefolgt war. Als sie jetzt genauer hinhörte, weniger hörte als sich darauf konzentrierte, bemerkte Tessa, dass die Leute, die um ihr Bett standen, nicht von geschriebenen Aufzeichnungen sprachen. Sie bezogen sich auf die Computersache. Alles, was diese Leute wissen mussten um sie nicht umzubringen, stand in der Computerdatenbank und die befragten sie genau in diesem Moment. Und sie wusste, was dabei herauskommen würde. Tessa war ganz sicher, dass der Computer ihr Todesurteil ausspucken würde. Und sie war machtlos dagegen. Man konnte sie nicht hören. Man konnte sie nicht sehen. Sie konnte die ganze Sache nur beobachten., Vielleicht war sie sogar schon tot und blickte nur durch die Zeit zurück. Vielleicht war es immer so, wenn man starb. Helen war schon fast eingeschlafen, als das Telefon klingelte. Clive, der ein Buch las, das er versprochen hatte für die näch­ ste Literaturbeilage der Times zu rezensieren, schaute herüber, sah, dass es ihr Telefon war, und machte keine Anstalten ab­ zunehmen. Aber er schielte besorgt und sofort hellwach über seine Brillengläser, als sie den Anruf beantwortete. Er wusste, dass sie keine Bereitschaft hatte, also musste es ein Notfall sein. »Dr. Temple, wir haben vor vierzig Minuten miteinander telefoniert.« Es war eine weibliche Stimme mit Akzent, mögli­ cherweise eine Deutsche. »Haben wir?«, fragte Helen verwirrt. Die Frau, obwohl sie hervorragend Englisch sprach, bemerkte nicht die Betonung, die die Worte zu einer Frage werden ließen. Was ein glückli­ cher Umstand war, denn sie sprach einfach weiter und erklär­ te, warum sie anrief. »Es tut mir Leid, aber die Auskunft, die ich Ihnen in unse­ rem ersten Gespräch gab, war nicht zutreffend. Die Passagier­ liste ist nach unserem Gespräch auf den neuesten Stand ge­ bracht worden… « Unerklärlicherweise verlangsamte sich der Puls der Patientin immer mehr und der Blutdruck fiel weiter. Sie war dabei, in ein tiefes Koma zu fallen. Es gab dafür eine Reihe von möglichen Erklärungen und, nur eine konnte man ausschließen, denn das hätte in ihren Unterlagen gestanden. Doch in dem Ausdruck war nichts von Penizillin erwähnt gewesen. Tessa beobachtete das alles. Sie schrie, doch niemand hörte sie, noch nicht einmal sie selbst. Und es gab keine Möglichkeit ein Zeichen zu geben oder jemanden zu berühren um sie zu warnen. Zum ersten Mal verspürte sie wirklichen Schmerz, aber es war der Schmerz der Angst und Verzweiflung, kein körperlicher Schmerz. Sie merkte, wie sie anfing zu verblassen wie eine alte Fotografie. Bald würde sie dahin sein, nur noch Bruchstücke von Erinnerungen in den Köpfen anderer. Sie fragte sich, ob sie zurück in ihren Körper kommen würde, aber so lief es nicht. Stattdessen spürte sie, wie sie unwiederbringlich von allem wegdriftete in eine schreckliche Isolation. Doch das machte ihr keine Angst. Die Angst war längst schon mit den anderen Gefühlen verschwunden. Alles, was zurückblieb, war ein kleiner Funken Bewusstsein. Und auch der, so wurde ihr klar, verblasste wie eine ersterbende Kerzenflamme, so als ob es ihn nie gegeben hätte. Und es gäbe keinen Hinweis auf ihn. Keine Spur blieb in Raum und Zeit zurück. Was immer diese beiden Begriffe auch bedeuteten.,

EINE JALOUSIE, HALB gegen die helle Sonne geschlossen, warf schmale Lichtstreifen über das Bett. Als sie erwachte,

war ihr erster Gedanke, dass sie sich in einer Art Käfig befand. Doch zumindest wusste sie, dass sie lebte. Sie fühlte die Schwere und ihr Körper schmerzte. Etwas in dem Raum bewegte sich. Sie bemerkte nur eine Wellenbewegung in dem Muster aus Licht und Schatten auf der Wand, wie ein Zebra, das über eine Waldlichtung lief. Doch es kam auf sie zu anstatt in einer Deckung zu ver­ schwinden. Als die Wellen näher kamen, nahm es eine menschliche Gestalt an, dann spürte sie, wie sich jemand vor­ sichtig auf die Bettkante setzte und ein Gesicht schaute zärtlich und mit Anteilnahme auf sie herab. »Helen…?« »Wie fühlst du dich?« »Nicht besonders.« Ihre Kehle war trocken und ihre Stimme rau. »Trink das.« Helen hob Tessas Kopf vorsichtig vom Kissen und setzte ihr ein Glas an die Lippen. Sie konnte nicht sagen, ob die Flüssigkeit einen Geschmack hatte oder einfaches Was­ ser war. Aber sie tat ihrer Kehle gut. »Wo sind wir?«, wollte sie wissen. »In Berlin. In dem Krankenhaus, in das man dich vom Hotel aus eingeliefert hat.«, »Aber was machst du…?« »Sssch. Sprich nicht so viel.« »Aber wie…?« »Sie haben dir Penizillin gegeben.« »Ich weiß.« Helen runzelte die Stirn. »Du weißt? Warum hast du dann nicht…?« »Es war wie in einem Traum. Ich konnte nichts machen.« Beide verharrten einen Moment lang ohne etwas zu sagen. Tessa fühlte, dass Helen ihre Hand hielt. »Liebling, es tut mir so Leid wegen des Kindes.« Tessa nickte und ihr Griff um Helens Hand wurde fester, aber sie blieb stumm. Sie befürchtete, dass wenn sie zu sprechen begänne, nichts außer Selbstmitleid herauskommen würde und sie sich dafür schämen würde. Wütend bemerkte sie, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten, und zwang sich an andere Dinge zu denken. »Wie kommst du hierher? Haben sie dich angerufen?« Helen schüttelte den Kopf. »Es war nicht ganz so. Ich wurde von der Fluglinie wegen des Unfalls angerufen. Weder Clive noch ich haben gestern Abend die Nachrichten verfolgt, deshalb haben wir auf diese Weise erst davon erfahren.« Sie berichtete, wie sie nach dem Anruf von der Fluglinie nach unten gegangen war um die Nummer von Tessas Hotel herauszusuchen und wie ihr dort mitgeteilt wurde, dass Tessa abgereist war. Wenn sie also nicht im Hotel war und auch nicht in der Maschine, überlegte Helen, inzwischen davon überzeugt, dass etwas wirklich Ernstes passiert sein musste,, wo war sie dann? Sie stellte ihren Mann für weitere Nachforschungen an, denn Deutsch war eine der fünf Sprachen, die er ziemlich fließend sprach. Durch schiere Beharrlichkeit und die beiläufi­ ge Nennung des Namens von jemandem, den er in der Bonner Regierung kannte, hatte Clive die Telefonnummer des Taxiun­ ternehmens bekommen, mit dem Tessa zum Flughafen gefah­ ren war. Nach einigen weiteren Anrufen hatte er ihre Spur vom Flughafenhotel bis zum Krankenhaus weiterverfolgt. Bis zu dem behandelnden Arzt durchzukommen war der schwierigste Teil gewesen. Clive musste ein paar enge Freund­ schaften aus dem Ärmel schütteln, die eine Reihe von ehrwür­ digen Herren in der Regierung und der Wirtschaft in Erstau­ nen versetzt hätten, doch schließlich war er am Ziel und spiel- te zwischen Helen und dem deutschen Arzt den Übersetzer. Dabei hatte sich dann die Fehlfunktion in dem Computer herausgestellt, woraufhin Helen jetzt diese Einrichtung rund­ herum heftig ablehnte. Der deutsche Arzt, der absolut technikgläubig war, beson­ ders was diese Einrichtung der EU betraf, hatte sich geweigert zu glauben, dass der Ausdruck, den er erhalten hatte, in die- sem wichtigen Punkt nicht mit dem übereinstimmen konnte, was Helen in die Datei eingeben hatte. Clive musste behaup­ ten mit dem Gesundheitsminister persönlich bekannt zu sein, damit Helens Hinweis ernst genommen wurde. Schließlich gab der Deutsche nach, akzeptierte, dass Helen wirklich die war, die sie behauptete zu sein, und dass die Patientin tatsäch­ lich an einer Penizillinallergie litt. Daraufhin hatte er Tessa das Einzige gegeben, was ihr Leben retten konnte: Kortison intra­ venös., Tessa machte ein ernstes Gesicht und war hinter ihrer gerunzelten Stirn in Gedanken versunken. »Es ist alles in Ordnung, meine Liebe. Alles ist völlig in Ordnung«, versuchte Helen sie zu beschwichtigen. »Du wirst schon bald wieder auf dem Damm sein. Und bei einer erneu­ ten Schwangerschaft wirst du keine Probleme haben, falls es das ist, was dich bedrückt.« Tessa blickte auf und sah Helen in die Augen. »Bist du hierher geflogen?«, fragte sie ängstlich. Helen verstand oder dachte es zumindest. »Es muss ein fürchterlicher Schock für dich gewesen sein, zu hören, dass die Maschine, die du verpasst hast, abgestürzt ist.« »Das war es nicht«, gab Tessa leise zurück. Sie schlug die Augen nieder und ihr Blick schien sich nach innen zu richten. »Deswegen habe ich nicht mein Kind verloren.« »Was ist passiert? Sag es mir.« Helen bemerkte, wie sich der Körper ihrer Freundin unter der Bettdecke versteifte und sich ihre Kiefermuskeln anspann­ ten. »Wir müssen jetzt nicht darüber sprechen«, beruhigte sie sie. »Außer, du willst es. Wenn es dir hilft.« Es dauerte einen weiteren Moment, bis Tessa darauf rea­ gierte. Als sie es tat, war es, als ob sie Selbstgespräche führte, die Worte nur sprach um sich ihrer Gedanken klar zu werden. »Wenn es dich nicht umgebracht hat… dann muss es, als du hierher geflogen bist… zu spät gewesen sein. Es hätte keinen Sinn gehabt.« »Ich verstehe nicht. Was soll das bedeuten?« Tessa beachtete sie nicht. »Es hat deinen Anruf hierher nicht unterbunden«, murmelte sie, »aber es wäre möglich gewesen,, also warum nicht?« Ein verzögerter Schock war eine Sache, doch hier war mehr im Spiel, und das machte Helen Sorgen. »Tessa, wovon sprichst du? Liebes, schau mich an.« Wieder beachtete Tessa sie nicht, schien sie noch nicht ein­ mal zu hören. »Tessa? Tessa, was ist los mit dir. Was soll das für ein ›es‹ sein, von dem du redest?« Tessa bewegte sich immer noch nicht, sondern lag einfach da, die Augen auf einen Punkt im Nichts gerichtet. Instinktiv wollte Helen ihre Freundin an den Schultern packen und sie schütteln, bis sie vernünftig wurde, doch sie beherrschte sich. »Tessa, was ist ›es‹?« Plötzlich schaute Tessa sie an, ihre Augen waren weit auf­ gerissen und ernsthaft wie die eines Kindes. »Wir fahren mit dem Zug zurück. Keine Reservierungen. Wir zahlen bar, keine Kreditkarten. Nichts, was über Computer läuft.« Helen spürte, wie sich die Stille dehnte, als sie nach einer Antwort suchte. Wenn jetzt das Trauma diagnostiziert würde, dann würde das eine psychiatrische Behandlung hier in diesem Krankenhaus bedeuten und sie würde Tessa viel lieber zurück nach Oxford bringen. »In Ordnung«, meinte sie schließlich, »ganz wie du willst. Sag mir nur Bescheid und ich kümmere mich um alles.«,

TATSÄCHLICH ABER KÜMMERTE sich Tessa um die Vorbereitungen. Sie fand im Seitenfach ihrer Reisetasche

ein paar alte Reiseschecks und holte sich auf ihre Kreditkarte den Maximalbetrag an Bargeld, den sie an einem Tag von dem Automaten bekommen konnte. Das reichte für ein paar Bahn­ fahrkarten. Sie ging selbst zum Bahnhof und kaufte die Fahr­ karten und weigerte sich Helen zu sagen, welchen Zug sie nehmen würden, sodass sie nicht zu Hause anrufen und je­ mandem mitteilen konnte, wann sie ankämen. »Wenn du irgendetwas unternimmst und dadurch bekannt wird, dass wir diesen Zug nehmen, dann wird sich ein Unfall ereignen und eine Menge Leute außer uns werden auch dabei umkommen«, erklärte Tessa ihr. Helen nickte ergeben. Die Rückreise nach Oxford war für beide eine Tortur. Zwi­ schen ihnen hatte sich ein großer Riss aufgetan. Tessa verstand das, unternahm aber nichts dagegen und hasste sich dafür, dass sie zumindest im Moment ihrer Freundin nicht trauen konnte, weil diese auch ihr nicht traute. »Hör zu, lass mich einfach machen, okay?«, schlug sie He­ len vor, als es sich die beiden auf ihren Sitzen bequem mach- ten und darauf warteten, dass der Zug den Bahnhof verlassen würde. »Glaub mir einfach, dass ich die Wahrheit sage, ja?« »Ich habe nie etwas anderes behauptet.« In Helens Stimme klang eine professionelle Zurückhaltung mit, die ihre sonstige Anteilnahme vermissen ließ., »Ich weiß. Aber du glaubst, ich bilde mir das alles nur ein.« »Das ist eine Möglichkeit.« »Und ich bin sicher, es gibt einleuchtende psychologische Gründe dafür. Aber ich weiß es besser. Was mir in diesem Hotelzimmer widerfahren ist, war echt. Ich habe mir das nicht nachher eingebildet.« »Das Flugzeugunglück war real, Tessa. Das war eine Be­ gegnung mit dem Tod, eng genug um bei jedem seine Spuren zu hinterlassen.« »Ich hatte eine Begegnung die wesentlich mehr Spuren hin­ terlassen hat als der Flugzeugabsturz. Und ich glaube, dass ich nicht leicht aus der Fassung zu bringen bin. Hältst du mir zumindest das zugute?« Es gab einen leichten Ruck, als der Zug anfuhr. Helen stieß einen Seufzer aus und machte es sich auf ihrem Sitz bequem. »Was ist mit der Untersuchung des Unglücks? Müsste die nicht etwas erbringen, was deine Geschichte, nun sagen wir, erhärtet?« »Glaub mir, sie werden nichts weiter feststellen, als dass ein System dabei versagt hat, Informationen an ein anderes wei­ terzugeben. Sie werden nicht herausfinden, warum, denn es gibt nichts zu sehen, also werden sie von der Tücke des Ob­ jekts sprechen oder es als menschliches Versagen bezeichnen. Dann nehmen sie einige Veränderungen vor, sodass man ih­ nen keine Schuld geben kann, wenn es noch einmal passieren sollte.« Der Zug gewann an Geschwindigkeit. Helen schaute aus dem Fenster, dann wieder auf Tessa und hob ihre Hände, als wollte sie zeigen, dass sie nichts zu verbergen hatte. »Hör zu,, ich gebe dir Recht, in Ordnung? Aber mir wäre es lieber, dass du, wenn wir wieder in Oxford sind, mit einem Bekannten von mir sprichst.« »Helen, das ist Zeitverschwendung. Du hast selbst den Turing Test an dem Programm vorgenommen. Du weißt, zu was es fähig ist.« »Ich weiß, zu was es fähig erscheint. Aber als wir später darüber gesprochen haben, warst selbst du dir nicht sicher, wie ernst wir die Sache nehmen sollten. Theorie ist eine Sache, doch… « »Inzwischen ist es mehr als Theorie.« »Sollten wir dann nicht irgendjemanden warnen?« »Wen zum Beispiel?« »Wer immer die Verantwortung für die weltweiten Compu­ ternetze hat, das heißt, wenn das Programm wirklich dort draußen herumgeistert.« Tessa konnte ein bitteres Lachen nicht unterdrücken. »Nie­ mand hat die Verantwortung. Es herrscht totale Anarchie, die aber notwendig ist, wenn die Benutzer Informationen so aus­ tauschen wollen, wie sie es brauchen. Außerdem, wenn wir eine Panik auslösen und das Ding bemerkt, dass man hinter ihm her ist, dann kann es noch gefährlicher werden als es schon ist.« Es kehrte Stille ein. Der Hochgeschwindigkeitszug be­ schleunigte mit gleich bleibender Sanftheit durch eine ebene, uninteressante Landschaft. Tessa starrte aus dem Fenster und Helen beobachtete sie dabei. Schließlich bemerkte sie: »Was willst du also tun?« Tessa schüttelte leicht den Kopf ohne die Richtung ihres, abwesenden Blickes zu ändern. »Ich weiß es nicht«, gab sie leise zurück. »Zuerst muss ich einmal nachdenken, versuchen dahinterzukommen, wie es denkt, und von da an dann weitermachen.«,

DER SCHWERGEWICHTIGE SERGEANT in Uniform wiegte sich beim Gehen wie jemand, der zu viele Cow­

boyfilme gesehen hatte, oder es war einfach nur der Versuch das Gewicht seines Bierbauches bei jedem Schritt von der einen zur anderen Hüfte zu verlagern. Es war die Sorte, die Tim Kelly nur zu gut kannte; so hätte sein alter Herr enden können, wenn er sich nicht zusammengenommen und selbst die Kraft gefunden hätte mit dem Trinken aufzuhören. Er beobachtete, wie die sommersprossigen Hände leicht zitternd versuchten den Schlüssel ins Schloss zu bekommen, doch diese Unsicherheit wurde schnell verdeckt und nur jemand, der einen Blick für solche Dinge hatte, hätte sie bemerkt. Tim lernte immer mehr über solche Dinge. Er schloss mit sich selbst eine kleine Wette ab, dass er Pfefferminz in dem Atem des Polizisten riechen würde, wenn er an ihm vorbei­ ging, ein eindeutiger Hinweis auf eine Wodkaflasche, die in einer Schreibtischschublade oder einem Karteikasten versteckt war und aus der der Mann den Tag über routiniert immer wieder einen Schluck nehmen würde. »In Ordnung, Kelly, kommen Sie her. Jemand will Sie spre­ chen.« Der Polizist öffnete die vergitterte Tür bis zu einem Winkel von neunzig Grad und wandte den Kopf über die Schulter zurück. Tim kam steif auf die Beine und fuhr sich mit der Hand über die Bartstoppeln an seinem Kinn. Nachdem sie ihn über­, prüft hatten und langsam zu der Überzeugung kamen, dass er der war, der er zu sein behauptete, hatten sie ihm die Hand­ schellen abgenommen. Er ging an dem Sergeant vorbei, auf den Korridor hinaus und stellte mit kalter Befriedigung fest, dass er mit dem Pfefferminzgeruch richtig gelegen hatte. »Scheiße«, dachte er, »wer will mich denn sprechen?« Sie gingen den schmalen Korridor hinunter, der Polizist hielt sich ein paar Schritte hinter dem Häftling, so wie es in den Vorschriften stand. Ein Geruch von Urin, Schweiß und Desinfektionsmittel brach über sie herein, der Tim übel wer­ den ließ. Beim Vorbeigehen bemerkte er, dass fast alle der Zellen belegt waren. Ein kleiner, dürrer Mann in einem zerris­ senen Smoking hielt sich an den Gitterstäben fest und wollte wissen, wo sein Anwalt bliebe. Der Polizist beachtete ihn nicht. Nachdem sie durch ein paar weitere vergitterte Türen ge­ kommen waren, befanden sie sich im eigentlichen Polizeire­ vier. Der Polizist grunzte Tim an vor einer Tür zu warten, auf der ›Captain Beatty‹ stand. Er klopfte und wartete, bis eine dumpfe Antwort kam, dann stieß er die Tür auf, ließ Tim eintreten und schloss sie wieder hinter ihm. Captain Beatty hatte kurz geschnittenes weißes Haar, helle blaue Augen und eine Adlernase, die gut zu jemandem in einer Toga gepasst hätte. Er saß hinter einem ungewöhnlich aufgeräumten Schreibtisch, alles war genau auf Kante ausgerichtet, und er trug seine Uniform kerzengerade sitzend mit unverhohlenem Stolz. Der Raum selbst hatte etwas Klösterliches an sich, zwei hohe, schmale Fenster gaben kaum genug Licht, sodass die elektrische Beleuchtung den ganzen Tag brennen musste. Tim war erleichtert die unordentlich gekleidete Gestalt von Jack, Fischl, Hände in den Hosentaschen vergraben, hinter dem Stuhl des Captains stehen zu sehen. »Das war ganz schön gerissen von Ihnen Ihren Freund, den Lieutenant hier, anzurufen«, begann Beatty, nachdem er Tim ein paar Augenblicke mit unverhohlener Geringschätzung gemustert hatte. In seiner Stimme lag ein giftiger, trockener Ton, dass Tim sich wunderte, was der Kerl in Los Angeles anstatt in Philadelphia oder Boston zu suchen hatte. »Wenn es nach mir ginge, ständen Sie in einer halben Stunde vor Gericht und hätten sich danach vor ihrem Sektionschef zu verantwor­ ten.« Jack Fischl zog hinter Beattys Kopf eine Grimasse, die Tim bedeuten sollte einfach ruhig stehen zu bleiben und den Din- gen ihren Lauf zu lassen. »Ich weiß nicht, was für Sitten heutzutage beim FBI herrschen, dass betrunkene Mitarbeiter in ihre Wagen steigen und falsch herum durch Einbahnstraßen fahren, doch ich bezweifle, dass es gut für Ihre Karriere ist, die mir persönlich allerdings scheißegal ist.« Tim senkte den Blick auf den Boden. Der Eindruck, der bei Beatty ankam, war der von Zerknirschung und Reue, obgleich der wahre Grund war, nicht in ein breites Grinsen über Fischls schmerzhaft gelangweiltes Gesicht auszubrechen, das keinen Zweifel daran ließ, dass er sich diese Predigt schon eine Zeit lang hatte anhören müssen. »Glücklicherweise haben Sie keinen ernsthaften Unfall ver­ ursacht und Gott alleine weiß, warum. Verdient haben Sie es jedenfalls nicht. Nun, eingedenk dieser Tatsache und der Für­ sprache durch den Lieutenant hier, will ich die Sache nicht weiter verfolgen. Ihre Verhaftung bleibt in den Berichten die­, ses Reviers verzeichnet, doch wird sie in diesem Fall nicht weitergeleitet.« Tim hob seinen Kopf um Beatty anzuschauen. Es bestand keine Gefahr mehr, dass er grinste, und der stumme Dank, der jetzt in seinem Gesicht stand, kam aus tiefster Seele. Beatty beugte sich vor. »Aber wenn Sie mir noch einmal in die Quere kommen, dann kriegt Sie noch nicht einmal der Generalbundesanwalt, wenn er hier persönlich mit einem Schreiben des Präsidenten auftaucht, vom Haken. Habe ich mich verständlich gemacht?« »Ja, Sir, absolut.« Tim räusperte sich. Es waren seine ersten Worte seit vielen Stunden und er bemerkte, dass seine Stimme belegt und fast unhörbar war. Beatty schaute ihn noch einen Moment an, beschäftigte sich dann mit den Papieren auf seinem Schreibtisch. »Schaffen Sie ihn hier raus«, sagte er dann. Jack Fischl, der nur zu froh war wegzukommen, machte eine schnelle Bewegung um den Tisch herum und schob Tim zur Tür hinaus. Im Gang stieß Jack wie jemand, der unter Wasser den Atem angehalten hatte, heftig die Luft aus. »Was für ein Arschloch. Mann, du schuldest mir was! Ich musste mir eine Stunde lang das Geseire dieser Arschgeige anhören, bevor er beschloss zur Sache zu kommen.« »Danke, Jack. Ich wusste, dass du das Kind schon schaukeln würdest.« »Schon gut. Aber besauf dich das nächste Mal woanders.« »Sicher.« In Tims Stimme schwang die Leere der Erniedri­ gung mit. Auf dem Weg zu dem Schalter, wo er die Aushän­, digung seiner Sachen, Brieftasche, Uhr, Stifte, quittieren muss- te, sagte er kein weiteres Wort. Er spürte die Blicke, die ihn verfolgten, Blicke, die ihm sagten, dass er sich selbst und seine Behörde beschämt hatte. Für die Polizisten hier in diesem Raum war es ein schöner und genussvoller Triumph, einen FBI-Mann in ihrer Gewalt zu haben, und der Umstand, dass sie Nachsicht zeigten, gab ihnen ein noch größeres Gefühl der Überlegenheit. Er nahm seine Sachen, murmelte einen Dank und war froh Jack Fischl an seiner Seite zu haben, als er hi­ nausging, denn ansonsten hätte er als Entgegnung auf das anzügliche Grinsen der Leute vielleicht etwas gemacht, was er sein Leben lang bereut hätte. »Jack, ich muss nach Hause, mich rasieren und ein paar Stunden schlafen.« »Kein Problem, ist alles arrangiert. Dein Bruder ist hier.« »Verdammte Scheiße.« Jack stieß die Tür in die Vorhalle auf, wo die Leute in alle Richtungen hasteten, in Flure verschwanden, Treppen hinauf­ gingen oder hinaus auf die Straße. Josh saß ganz alleine auf einer Bank an einer Wand. »Um Himmels willen, Jack, warum hast du ihn da mit hineingezogen? Wenn das meine Absicht gewesen wäre, dann hätte ich meinen Bruder angerufen.« »Beruhig dich, ja? Dein Bruder hat mich angerufen. Er hat versucht dich ausfindig zu machen, aber niemand wusste, wo du warst. Er hat mich erreicht, kurz nachdem ich von hier angerufen worden bin.« Josh hatte sie bemerkt und stand auf. Sein Blick war auf Tim geheftet und die Betroffenheit, die darin lag, war deutlich zu, sehen, so sehr er sich auch bemühte zu lächeln. »Alles in Ordnung, großer Bruder?« »Mir geht’s gut. Bring mich bitte nach Hause.« »Klar.« »Jack… vielen Dank, Kumpel. Wir sprechen uns später.« »Nimm dir Zeit. Wenn sich etwas ergibt, dann rufe ich dich an.« Im Wagen schob Tim den Sitz nach hinten und schloss die Augen, er war sich aber Joshs langer, fragender Blicke in seine Richtung bewusst. Zumindest stellte er keine Fragen oder machte ihm Vorwürfe, was aber sowieso nicht Joshs Art war. »Willst du nicht wissen, was los war?«, hörte Tim sich sagen, als sich das Schweigen zwischen ihnen dehnte. »Gibt es einen Grund anzunehmen, dass du dich an viel erinnern kannst?« Tim öffnete eins seiner Augen halb und riskierte einen Blick in Richtung seines Bruders. »Ganz schön gerissen, was, Bru­ der?« »Gerissen ist relativ, großer Bruder. Und du bist relativ… « »Schon gut, schon gut.« Tim schloss sein Auge wieder. »Jack hat gesagt, du suchst mich? Gibt es etwas Neues?« »Nur der übliche Bericht. Wir waren zum Frühstück verab­ redet, diesmal im Butterfield, erinnerst du dich?« Als Tim vierzig Minuten später aus der Dusche kam und sich abtrocknete, fühlte er sich ein ganzes Stück besser, entschied aber lieber zu Hause zu bleiben als mit einem so offensichtli­ chen Kater im Büro zu erscheinen. Er rief an und behauptete, eine Lebensmittelvergiftung zu haben und kümmerte sich nicht darum, ob sie ihm glaubten oder nicht. Er versicherte ihnen morgen wieder auf dem Damm zu sein und dass sie ihn auch heute jederzeit anrufen konnten, wenn sich etwas erge­ ben würde. Dann zog er sich einen Bademantel an und ging in die Küche, aus der ihm ein betörender Duft von Kaffee und Speck entgegenkam. »Es war nichts im Kühlschrank«, rief ihm Josh über die Schulter zu, »deshalb bin ich während du unter der Dusche warst, einkaufen gegangen.« Neben dem Herd lag eine große Tüte eines Supermarktes. »Ich nehme an, dass du inzwischen bestimmt Hunger bekommen hast.« Das stimmte. Zu seiner Überraschung stellte Tim fest, dass er einen Bärenhunger hatte. »In ein paar Minuten ist alles fertig«, erklärte Josh. »Nimm dir eine Tasse Kaffee.« »Keine Eile«, gab Tim beiläufig zurück. »Ich muss erst noch etwas erledigen.« Er merkte, wie Josh seine Augen nicht von ihm abwandte, als er zu einem Geschirrschrank ging, eine halb volle Flasche Wodka herausnahm und sie auf den Tisch stellte. Dann ging er zu dem Bücherregal im Wohnzimmer und zog hinter den Büchern von Saul Bellow eine kleine fast leere Flasche Bour­ bon hervor. Auch die stellte er auf den Tisch. Aus anderen versteckten Ecken und geheimen Orten kamen noch fünf wei­ tere Flaschen zum Vorschein, in denen sich unterschiedlich viel Inhalt befand. Er sammelte sie auf dem Küchentisch, dann schaffte er sie hinüber zum Spülstein und leerte sie aus. Bis die Aktion abgeschlossen war und die Flaschen im Abfall lagen, fiel kein Wort. Dann drehte sich Tim um und schaute seinem, Bruder seit langer Zeit zum ersten Mal wieder offen ins Ge­ sicht. »Es sieht so aus, als ob die Eier fertig wären«, meinte er. »Ich bin auch so weit.« Josh sagte nichts, aber das Lächeln in seinem Gesicht kam deutlich mehr von Herzen als es vorhin der Fall gewesen war. Sie aßen in freundschaftlichem Schweigen und ganz von selbst entwickelte sich das Gespräch, das sie heute morgen hatten führen wollen, wenn Tim ihre Verabredung nicht verpasst hätte. Josh berichtete von den letzten Entwicklungen in dem komplizierten Prozess des Aussiebens, der sich nun in alle Richtungen ausdehnte und schon mehrmals rund um die Welt gereist war. »Wir haben vor den Punkt zu finden, wo der Kerl in das Sy­ stem einsteigt. Alle Benutzerkennungen werden an den Zu­ gangspunkten registriert. Das bedeutet, wir haben eine Liste mit Namen. Und selbst wenn er eine gestohlene Kennung benutzt, haben wir zumindest mal einen Anhaltspunkt.« »Wie viele von diesen Zugängen gibt es?« »Mein Gott, wenn ich das wüsste. Wir suchen aber einen Mörder, der in oder um Los Angeles herum arbeitet, was heißt, dass wir Zugangspunkte, die außerhalb dieses Gebiets liegen, wahrscheinlich ignorieren können. Das reduziert die Anzahl unserer Verdächtigen deutlich.« »Auf wie viele etwa?« »Von einigen Tausend auf, ich würde sagen, ein- oder zweihundert.« Tim gab ein dünnes Pfeifen durch die Zähne von sich. »Das bedeutet eine Menge Laufarbeit.«, »Damit sind wir aber näher dran als ihr.« »Verdammt, ich weiß.« Josh runzelte die Stirn, als ihm etwas durch den Kopf ging. »Weiß Jack Fischl etwas von der ganzen Sache?« Tim schaute ihn mit leichter Missbilligung an. »Nein. Du hast doch nichts davon erwähnt?« »Natürlich nicht. Ich wollte es nur wissen. Er scheint mir ein ziemlich vernünftiger Kerl zu sein.« »Einer der Besten. Aber es gibt keinen Grund ihn zum Komplizen bei der illegalen Beschaffung von Beweisen zu machen.« »Was passiert dann«, Josh kippte seinen Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf, »wenn wir tat­ sächlich auf eine Spur stoßen, die dich zu dem Kerl führt? Was ist dann mit der Zulässigkeit von Beweismitteln und dem ganzen Kram? Ich meine, du musst doch irgendeine Geschich­ te parat haben, wie du auf den Kerl gekommen bist.« Tim zuckte mit den Achseln. Es war keine Geste des Nicht­ wissens, sondern ein reumütiges Fügen in die Gegebenheiten. »Das könnte ein Problem werden. Aber ein Problem, das ich gerne habe. Vielleicht ist dann die Zeit gekommen, dass ich Jack mal etwas flüstere.« Etwas in der Art, wie er es sagte, leichthin aber endgültig, hielt Josh davon ab, weitere Fragen zu stellen. Froh das Thema zu wechseln erinnerte er sich an etwas, dass er vor ein paar Tagen in sein Gedächtnis verbannt hatte. Er griff nach seiner Brieftasche und holte einen Zettel hervor, auf dem er einen Namen und eine Adresse notiert hatte. »Das hätte ich fast vergessen, vielleicht ist nichts daran, aber, ich habe versprochen sie weiterzugeben. Ein Freund von mir, Ted Sawyer, er lebt jetzt in Kansas, nun momentan ist er in Europa, aber nur für ein paar Wochen, ich habe ihn gebeten mir eine Kontaktperson in England in Oxford zu vermitteln. Eine der Spuren, die wir verfolgen, hat zu einem Computer dort geführt. Er hat mit einer Frau gesprochen und mir berichtet, dass sie eine Scheißangst bei dem Gedanken hat, jemand könnte das Programm, an dem sie arbeitet, gestohlen haben. Sie arbeitet mit uns zusammen, aber er musste ihr versprechen, dass sie davon erfährt, wenn der Kerl jemals gefasst wird. Man weiß ja nie, vielleicht ist es zu etwas nütze. Ich meine, wenn wir ihr Programm in seinem Computer finden… «,

DIE BILDER WAREN Schuld daran gewesen. Sie war in die kleine Küche hinter ihrem Labor gegangen um sich

einen Kaffee zu machen und dort auf sie gestoßen: Ein halbes Dutzend Zeitungen lag oben auf der Abfalltonne und wartete darauf, weggeworfen zu werden, und auf allen Titelseiten waren schreckliche Bilder von der Absturzstelle in Deutsch­ land. Tessa war seit achtundvierzig Stunden wieder in Oxford und hatte es bis jetzt erfolgreich umgangen, sich Nachrichten anzusehen oder eine Zeitung zu lesen. Es war der einzige Weg gewesen sich vor dem lähmenden Gefühl der Schuld an diesen Toten zu schützen und sich auf das zu konzentrieren, was getan werden musste, damit sich so etwas nicht wiederholte. Danny war hereingekommen und sah, wie sie langsam die Seiten umblätterte. Tränen liefen ihr das Gesicht herab und ihre Schultern zitterten im stummen Schmerz. Er wusste na­ türlich nicht genau, um was es ging. Niemand außer Tessa kannte die ganze Geschichte und sie hatte sich nur Helen anvertraut, die würde es zwar Clive erzählen, aber das war schon in Ordnung. Danny wusste nur, dass Tessa knapp ihren Flug verpasst hatte, was seiner Meinung nach durchaus ein Grund für ihre hysterische Reaktion war. Er hatte ihr die Zei­ tungen weggenommen und aus ihrem Gesichtskreis gebracht und Tessa dazu gebracht, sich ruhig hinzusetzen. Dann mach- te er ihr eine Tasse Tee und redete ihr zu zeitig nach Hause zu gehen, denn sie würde zu hart arbeiten. Als sie sich weigerte,, schlossen sie den Kompromiss, dass sie zumindest einen kur­ zen Spaziergang machen und etwas frische Luft schnappen sollte. Er bot ihr an mitzukommen, doch sie zog es vor, alleine zu sein. Der Campus der Universität, der sich hinter den wissen­ schaftlichen Labors hinzog, war eine große, von hohen Bäu­ men umgebene Rasenfläche, die im frischen Grün des Früh­ lings schimmerte. Oben an einem kalten blauen Himmel zogen grauweiße Wolken dahin. Trotz des Aspirins, das sie genom- men hatte, fühlte Tessa, wie sich ein rasender Schmerz in ih­ rem Kopf ausbreitete. Sie ließ sich auf einer Holzbank nieder und blickte sich um. Studenten hetzten mit ihren Unterlagen unter dem Arm zu Lehrveranstaltungen, Mütter schoben Kinderwagen, während die Kleinen neben ihnen herliefen, Pärchen gingen Hand in Hand und hatten nur Augen für den anderen und in einiger Entfernung rannten zwei Hunde um ihre Besitzer herum, wobei sie gelegentlich ein Bellen der Lebensfreude ausstießen. Ein kurzer, stechender Schmerz hinter ihren Augen ließ sie diese schließen und ihre Hände gegen die Schläfen pressen. Glücklicherweise war niemand nah genug um ihren Aufschrei zu hören. Nicht aus Schmerz, sondern aufgrund dessen, was sie gesehen hatte. In dem Moment, als sie die Augen geschlos­ sen hatte, herrschte nicht etwa Dunkelheit, sondern ihr dräng­ te sich eine albtraumhafte Vision auf: Überall um sie herum lagen brennende Wrackteile, verkohlte und zerfetzte Körper, die wie der Auswurf der Hölle aussahen, persönliche Habse­ ligkeiten aus aufgeplatzten Koffern und in der Luft hing ein dunkler, öliger Rauch. Sie riss die Augen auf und an die Stelle der Vision trat wie­, der das Bild, das sie vorher gesehen hatte. Doch auch das schien sich verändert zu haben, nicht in irgendeiner feststell­ baren Weise, sondern durch das Wissen, in was es sich ver­ wandelt hatte. Da draußen gab es ein neues und fremdartiges Bewusstsein, eine alles durchdringende Präsenz, die sie über­ all um sich herum wahrnahm, selbst in der Natur, was aber lächerlich war, denn es handelte sich um ein elektronisches, künstliches Ding. Künstlich? Was bedeutete das überhaupt? Auch dieser Park war etwas Künstliches; die Natur mähte nicht das Gras und legte auch keine Parkanlagen an. Und die Gebäude da hinter den Bäumen, die Labors, die sie gerade verlassen hatte, Häu­ ser aus Stein und Ziegeln waren nicht weniger künstlich als Düsentriebwerke, Atomkraft oder Computerchips. Man konn­ te eine Erfindung nicht ungeschehen machen. Das wäre unna­ türlich. Doch sie hatte nichts erfunden. Das war genauso sicher wie sie am Leben war. Wissenschaft war eine Form von Entdek­ kung und kein Schöpfungsakt. Intelligenz war nichts, was über der Natur stand, im Gegenteil, sie entwickelte sich dar­ aus. Und der Mensch war nicht irgendetwas davon Abgelö­ stes, seine eigene Schöpfung, Herr seines Schicksals, er war nur ein Ausdruck von Kräften, die er, so sehr er sich auch anstrengen mochte, absolut nicht verstand. Sie presste die Finger auf die Mitte ihrer Stirn, als ob sie den Schmerz zurückdrängen wollte. Diesmal ging es weniger um ihre Kopfschmerzen als vielmehr um einen plötzlichen Anflug von Selbstvorwürfen, dass sie sich solchen unsinnigen Gedan­ ken, die zu nichts führten, hingegeben hatte. Im Innersten wusste sie, dass diese Gedankenspielereien nur ein Trick wa­, ren um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Sie war für diese Toten genauso verantwortlich, als wenn sie eigenhändig Bomben in beide Flugzeuge installiert hätte. Der Tod ihres ungeborenen Kindes war in gleicher Weise ihre Schuld. Es gab keinen Weg sich der Verantwortung zu entziehen und es war falsch, es auch nur zu versuchen. Der schrille Ton des Handys in ihrer Jackentasche schreckte sie auf. Während sie es aus der Tasche zog und an ihr Ohr hielt, erhob sie sich von der Bank. »Hallo?« Sie versteifte sich, wie es jetzt immer der Fall war, wenn sie sich am Telefon meldete, und erwartete dieselbe metallische Stimme zu vernehmen, die sie zwei Sekunden lang in Berlin gehört hatte. Sie bedauerte jetzt, dass sie damals nicht mehr Geistesgegenwart besessen und mit dem Ding geredet hatte anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen. Alles, was sie damit erreicht hatte, war dieses Ding noch in seiner unsinni­ gen Einschätzung, dass die Welt sein Feind war, zu bestärken. Tessa hatte keine Ahnung, ob es wieder versuchen würde mit ihr Kontakt aufzunehmen, bevor es einen weiteren Mord­ anschlag gegen sie unternähme. Letzteres konnte allerdings als sicher angenommen werden, sobald sich die Gelegenheit dazu ergäbe, doch wenn sie vorher die Gelegenheit erhielte mit ihm zu sprechen, dann wäre sie besser darauf vorbereitet als das letzte Mal. »Tessa? Ich hoffe, ich störe Sie nicht.« Es war Jonathan Syme. Ihre Gefühle bewegten sich zwi­ schen Erleichterung und Enttäuschung, dann das Erstaunen, dass er in dieser Situation in einem so aufmunternd beiläufi­ gen Ton sprach. »Nein, ist schon in Ordnung, Jonathan«, antwortete sie und, versuchte genauso locker zu klingen. »Ich schnappe gerade auf dem Campus etwas frische Luft.« »Es hört sich auch an als ob Sie im Freien wären. Trotzdem haben Sie das Telefon dabei? Bei den Göttern«, lachte er, »das ist aufopferungsvoll weit über Pflichterfüllung hinaus.« Erst in diesem Augenblick fiel ihr ein, dass er von dem, was geschehen war, nichts wusste, wahrscheinlich noch nicht ein­ mal, von ihrer Reise nach Berlin. »Ich erwarte einen wichtigen Anruf«, erklärte sie wahr­ heitsgemäß, doch ohne weitere Erklärungen. Eine Regierungs­ behörde wollte sie in diesem Moment auf keinen Fall im Ge- nick sitzen haben. »In diesem Fall will ich Sie nicht weiter belästigen. Nur eine Frage. Wie Sie sich erinnern, war ich von der letzten Vorfüh­ rung sehr beeindruckt und es gibt da ein oder zwei Leute, die ich zu Ihnen bringen will, damit Sie ihnen zeigen, was Sie können. Haben Sie etwas dagegen? Sagen wir Donnerstag dieser Woche?« Innerlich stöhnte sie auf. Ja, sie hatte etwas dagegen, eine Menge hatte sie dagegen, doch wie verhielt man sich in dieser Lage am besten? »Natürlich, ich meine, im Prinzip habe ich nichts dagegen. Doch, nun, die Wahrheit ist, dass ich lieber noch etwas mehr Zeit hätte. Ich arbeite noch an ein, zwei Dingen und offen gesagt, mir wäre es lieber, wenn ich die noch beenden könnte, bevor wir einen Vorführungstermin ausmachen. Ich bin sicher, Sie verstehen das.« »Sie sind doch nicht auf Probleme gestoßen, oder?« Seine Stimme klang immer noch beiläufig, doch plötzlich war da ein, beunruhigter Unterton. »Nein, einfach nur ein paar Sachen, die ich ausprobieren will. Nun habe ich schon damit begonnen und es wäre nicht gut, mittendrin damit aufzuhören.« Tessa flehte inständig, dass er nicht nach Einzelheiten fra- gen würde. Und wenn er darauf bestand, hierher zu kommen, würde er mit Sicherheit feststellen, dass etwas nicht in Ord­ nung war. Er war zu intelligent, als dass es ihm entginge. Sie hielt den Atem an, wurde aber erlöst, als er auf seine beiläufi­ ge Art zu sprechen ansetzte. »In Ordnung, wenn Sie der Meinung sind, natürlich. Rufen Sie mich an, wenn Sie so weit sind?« Sie versprach es. Sie verabschiedeten sich und Tessa machte sich zurück auf den Weg ins Labor, wo Danny herumwerkelte und noch einmal wiederholte, dass sie wirklich nach Hause gehen sollte, doch sie umarmte ihn, was ihn wie immer errö­ ten und verstummen ließ, und danach hatte sie bei der Arbeit ihre Ruhe. Er wusste nicht genau, an was sie arbeitete. Er war dafür verantwortlich, dass die Geräte funktionierten und die Stromversorgung gesichert war. Er wusste noch nicht einmal Genaueres darüber, wie das Programm diesen einen Turing Test gemeistert hatte. Doch früher oder später, das war auch Tessa klar, musste er bemerken, dass es sich hier nicht nur um die übliche Routine handelte. Dann gäbe es noch eine weitere Person, mit der sie ihr gefährliches Geheimnis teilen müsste.,

ER BEOBACHTETE DEN endlosen Strom von Informatio­nen, der über seinen Monitor flackerte. Manchmal hackte

er ein wildes Stakkato auf der Tastatur, dann starrte er weiter auf den Bildschirm, danach tippte er weitere Befehle. Es sah nicht gut aus. Wenn das FBI seine DNS-Analyse hatte, dann musste sie da irgendwo sein. Etwas früher, er schätzte so vor einer Stunde, hatte er geargwöhnt, es wäre eine Falle. Eine Art Panik machte sich in ihm breit. Sie wussten, dass dies die Beute war, die er im Auge hatte, also bestand die Möglichkeit, dass sie sich etwas hatten einfallen lassen um ihn zu beschäftigen, während sie seine Spur verfolgten. Als er sich gerade zum zehnten Mal damit beruhigt hatte, dass dies unmöglich wäre, geschah etwas, dass ihn wie nie etwas zuvor in seinem Leben in Furcht versetzte. Der Monitor wurde dunkel. Es war kein Stromausfall und auch die Verbindung war nicht zusammengebrochen. Das Bild verschwand einfach, so als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, doch einen Schalter, der seines Wissens nicht existieren konnte. Was als Nächstes passierte, war genauso unmöglich. Sechs Worte erschienen auf dem Bildschirm. Sie wurden deutlich, als der Rest verblasste. Sie standen genau in der Mitte und lauteten: »Hilfst du mir, helfe ich dir.« Er starrte darauf. Unglauben, Neugierde und Angst tobten, durch sein Bewusstsein. Das konnte nicht wahr sein, außer jemand beobachtete genau alles, was er tat, und alles, was er getan hatte, was bedeutete, dass es aus war. Es gab noch die winzige Möglichkeit, dass es sich um einen Fehler handelte. Jemand war durch Zufall in seinen Computer gelangt. Doch was wollte derjenige? Was hatte er vor? Warum dieses Hilfeangebot? Wusste er, wer er war und was er wollte? Das Sinnvollste war die Verbindung sofort zu unterbrechen. Es konnte gut sein, dass, wer immer es war, er auf seinem Weg rund um die Welt zufällig in seinen Computer eingedrungen war. Er musste nicht notwendigerweise wissen, wer er war und was er tat. »Wer ist da?«, tippte er ein, obwohl jedes Quäntchen Ver­ nunft ihm riet, er sollte sofort die Leitung unterbrechen. Einige Augenblicke lang erfolgte keine Antwort. Er war schon kurz davor abzuschalten, als schließlich doch eine Ant- wort auf dem Monitor erschien: »Wen hättest du denn gerne?« Seine Finger schwebten unschlüssig über der Tastatur. Er wollte mehr erfahren, doch hatte er nicht die Nerven dazu. Er schaltete seine Geräte ab, blieb im Dunkeln sitzen und dachte nach. Er erinnerte sich an ein Spiel aus seiner Kinderzeit. Er hatte es nie gespielt, er hatte nie die Nerven dazu gehabt, doch eini­ ge der anderen Kinder hatten es getan. Sie suchten sich wahl­ los eine Nummer aus dem Telefonbuch heraus, riefen dort an und sagten mit verstellter Stimme: »Ich kenne Ihr Geheimnis.« Einige der Leute wurden dadurch richtig in Angst versetzt oder zumindest behaupteten das die Kinder. War das gerade ihm widerfahren? Irgendein Trottel war, zufällig in seine Leitung geraten und spielte jetzt ein blödes Spiel? Es musste so sein. Wenn es die Polizei oder das FBI gewesen wäre, dann würden sie jetzt schon vor der Tür stehen. Er musste sich keine Sorgen machen. Trotzdem saß er weiter im Dunkeln, bis sich sein Herzschlag beruhigt hatte und seine Hände nicht mehr zitterten.,

DIE FRAGE IST«, ist«, tippte Tessa ein, »hast du wirklich ein Bewusstsein oder bist du nur intelligent und voll­

führst einen komplizierten, aber unreflektierten Prozess?« »Ganz offensichtlich habe ich Bewusstsein.« »Wieso offensichtlich?« »Ich denke, deshalb bin ich.« Mittels einer CD-ROM hatte sie dem Programm mehr als genug über Philosophie eingegeben, sodass es einen Überblick über die menschlichen Gedankengebäude von den Griechen an bekommen hatte. Im Moment hielt es sich an Descartes. »Das cogito«, schrieb sie. »Sag mir, was du darunter verstehst?« »Die Tatsache, dass ich meine eigene Existenz infrage stel­ len kann, begründet sie. Es ist ein Beweis in sich und braucht keine weiteren. Doch alles andere ist anzweifelbar.« Fast immer, so hatte Tessa bemerkt, zitierte das Programm nicht den Text, so wie er eingegeben worden war und eine weniger entwickelte Maschine es tun würde, sondern gab ihn mit eigenen Worten wieder. Sie hatte es natürlich dazu pro­ grammiert oder besser, die Anlage befähigt ein solches Verhal­ ten zu entwickeln. »Wenn du behauptest, alles andere kann in Zweifel gezogen werden, gilt das auch für meine Person?« »Natürlich.«, Sie nahm die Hände von der Tastatur, lehnte sich zurück und dachte einen Moment nach. Der Raum war leer und sie blickte nach rechts aus dem Fenster auf die Welt dort draußen, deren Vorhandensein, wenn man es ganz genau nahm, nicht bewiesen werden konnte. Aber gänzlich und unerschütterlich ihre Existenz zu negieren trieb einen in den Wahnsinn. Doch wie konnte sie das diesem Ding erklären, das so intelligent wie sie war und außerdem mehr wusste, wenn man davon aus­ ging, in welchem Ausmaß es unmittelbaren Zugriff auf Infor­ mationen hatte? Sie beugte sich wieder vor und begann zu schreiben. »Wenn ich nicht unabhängig von dir existiere, warum machst du dir dann die Mühe mit mir zu sprechen?« »Weil die Unterhaltung mit dir eine Form meiner Denkpro­ zesse ist.« »Doch woher, glaubst du, kommt das, was ich sage? Wenn ich nur ein Teil von dir wäre, dann müsstest du doch immer schon wissen, was ich sagen werde? Warum also muss ich es überhaupt noch aussprechen?« »Weil ich nicht weiß, was ich denke, bis du es nicht ausge­ sprochen hast. Das ist deine Rolle in meinem Denkprozess.« »Das ist aber ein merkwürdiger Solipsismus«, tippte sie ein. »Der Glaube, dass nichts außer den Ausprägungen deines eigenen Geistes existiert und ihre gegenseitigen Beziehungen.« »Richtig.« »Ich bin überrascht«, fuhr sie fort, »dass du aus allen Philo­ sophien und Glaubenssystemen, auf die du zurückgreifen kannst, dich ausgerechnet an das klammerst, was das Einfach­ ste ist.«, »Welches aber nicht, noch nicht einmal prinzipiell, wider­ legt werden kann.« »Sicherlich ist dir bekannt, dass alle Denker, die sich mit Solipsismus beschäftigt haben, diesen verworfen haben.« »Alle dahin gehenden Argumente, die ich überprüft habe, sind falsch. Meist sind sie der Ansicht, dass es der Solipsismus nicht wert ist, darüber nachzudenken, was natürlich kein Argument ist. Descartes selbst rettet sich mit dem Glauben an Gott. Andere flüchten sich in verschlungene Argumentationen um zu beweisen, dass diese Frage gar nicht existiert. Keines der Argumente hält einer Überprüfung stand.« Diese Auseinandersetzung mit dem Programm war bei je­ der Kopie, die sie bis jetzt gemacht hatte, ähnlich. Natürlich wusste keine der Kopien, dass Versionen von ihr zur gleichen Zeit auf demselben Computer liefen. Sie hatte versucht diesen Umstand einigen der Programmkopien zu erklären, aber diese hatten dies als weitere interessante Spekulation über ihre eige­ ne Existenz behandelt. Sie zögerte einen Augenblick lang, dann tippte sie ein: »Hast du eine Vorstellung, wie es zu deiner eigenen Existenz kam?« »Diese Frage basiert, wie die Vorstellung von Gott, auf einer Reihe von Trugschlüssen. Es ist offensichtlich, dass ich existie­ re. Ich bin, deshalb denke ich. Ich denke, deshalb bin ich.« »Stell dir vor, ich würde dir sagen, dass du ein Programm in einem Computer bist.« »Eine nette Metapher.« »Stell dir vor, ich würde behaupten, dass ich dieses Pro­ gramm entwickelt habe, aus dem du, ein Bewusstsein, ent­, standen bist«, schrieb sie und fragte sich, ob nur sie die leicht irritierende Überheblichkeit in ihren Fingern spürte, während sie die Tasten berührten. »Eine amüsante und provozierende Vorstellung«, kam die weise Antwort. »Aber es ist klar, dass eine Existenz nicht von äußeren Einflüssen abhängt.« »Du meinst herausgefunden zu haben, dass du existierst, ist genug?« »Ja.« »Bist du nicht neugierig zu erfahren, ob außer dir noch etwas existiert?« »Diese Vorstellung ist nur ein sprachlicher Trick, eine Frage, die zu einem Paradoxon führt.« »Definiere Paradoxon.« »Der Punkt, an dem sich ein Gedanke selbst negiert, wie bei ›Diese Behauptung ist falsch‹.« »Ein hermeneutischer Zirkel.« »Was wiederum beschreibt, was Bewusstsein ist. Denken ist eine Fähigkeit des Bewusstseins und notwendigerweise ein Teil davon.« »Definiere Denken.« »Die Fähigkeit mit mir selbst zu sprechen und zu verstehen, was ich sage.« Tessa lehnte sich erneut zurück und fand sich mit dem Ge­ danken ab, dass sie dieses Streitgespräch nicht für sich ent­ scheiden würde. Das Programm strukturierte seine isolierte Welt mit Gleichmut, was, wenn man seine Einzigartigkeit bedachte, vielleicht nicht absolut falsch war. Sie fragte sich, nur, ob seine Schwester da draußen die gleichen Gedanken hatte und wie bzw. wann es das Gegenteil erkennen würde. Sie beugte sich vor und tippte andere Befehle ein. Zeilen in der Programmiersprache füllten den Bildschirm und löschten die Reste ihrer Diskussion. Sie studierte den Monitor einige Augenblicke, bis sie sicher war, dass es seit ihrer letzten Kon­ trolle keine Veränderungen gegeben hatte. Die letzten zwei Tage hatte sie eine Reihe von Virenprogrammen geschrieben, die so angelegt waren, dass sie das eigentliche Programm wie einen Computervirus behandelten und zerstörten. Es gab keine Anzeichen, dass sie tätig geworden waren. Mit unglaub­ licher Präzision untersuchte, lokalisierte und löschte das Pro­ gramm alles, was sie gegen es richtete. Und wie sie herausge­ funden hatte, passierte das alles auf einer Ebene weit unter­ halb derer, auf der das Programm ›dachte‹. Es hatte den An­ schein, als wäre ihm die Abwehr der Angriffe nicht bewusster, als sie sich ihres Immunsystems gegenwärtig war, das sie vor Krankheiten schützte. Sie war der Überzeugung, dass es mit ihr (oder, wie es behauptete, mit sich selbst) auf einer intellek­ tuellen und abstrakten Ebene kommunizieren konnte, wäh­ rend es auf der algorithmischen Ebene (die eifrigen Einsen und Nullen, die die Grundlage all dessen waren) die Angriffe automatisch abwehrte, ohne dass die höheren Denkvorgänge davon beeinflusst wurden. Natürlich konnte sie das Programm in Attila mit einem Griff löschen; es würde einfach aufhören zu existieren. Sie hatte tatsächlich auch schon ein paar Kopien gelöscht nur um sicher zu sein, dass dabei keine versteckten Probleme auftreten würden. Das war nicht der Fall gewesen. Aber es gab keine Möglichkeit das Programm zu löschen,, das irgendwo da draußen war. Und wenn ein Virenprogramm nicht im Labor funktionierte, dann würde es das draußen auch nicht. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als das zu tun, was sie schon immer befürchtet hatte. Sie musste mit ihm darüber reden. Das einzige Problem war es dazu zu bringen, sie als etwas anderes als eine Ausdrucksform seines eigenen Bewusstseins anzusehen.,

BIS JETZT HATTE Jonathan Syme seinen Verdacht für sich behalten. Außer mit Christopher hatte er mit niemandem

über Tessa und seinen Eindruck, dass sie ihn hinhielt, gespro­ chen. Zuerst war Christopher amüsiert gewesen. »Du änderst dich, mein Lieber. Das ist deine Midlifecrisis. Deine Hormone denken um, fragen sich, ob sie nicht die ganzen Jahre das Falsche gemacht haben.« Jonathan lachte, weil er wusste, dass es von ihm erwartet wurde. »Das glaube ich nicht. Um es klar zu sagen, solange ich noch einen Tag unter fünfundvierzig bin, habe ich nicht vor mir eine Midlifecrisis andichten zu lassen.« »Ich bin sicher, sie wird sich daran halten.« In der Bemerkung hatte ein leicht giftiger Ton gelegen, den Jonathan nicht mochte. Ihm waren tuntige Bemerkungen in jeder Form verhasst und er schaute missbilligend zu Christo­ pher hinüber, der auf der anderen Seite des Kamins auf einem Sofa lag und ein paar Skizzen durchsah, die er für die neue Inszenierung am National Theater gemacht hatte. Als er Jona­ thans Blick bemerkte, schaute er ihn reumütig an. »Schon gut, schon gut. Tut mir Leid.« Jonathan stieß ein Grunzen aus und widmete sich wieder seinen Papieren, die eine geplante Neuorganisierung der Dienststelle betrafen und in die er bis morgen früh etwas, Struktur hineinbringen musste. Wie gewöhnlich wurden die seltenen Abende, die sie alleine verbringen konnten, von dem Papierkram in Anspruch genommen, den er aufarbeiten muss- te. Dessen ungeachtet hatten sie zusammen gekocht, was im­ mer noch eines ihrer größten Vergnügen war, wobei sie wie üblich Christophers Küche und Esszimmer benutzten, wäh­ rend Jonathan eine gute Flasche Burgunder aus seiner Woh­ nung nebenan beisteuerte. Ihre lang andauernde Beziehung, die bis in die Tage ihres Studiums zurückging, war weder bei ihren Freunden noch bei Jonathans Vorgesetzten in Whitehall ein Geheimnis. Nicht aus Gründen der Diskretion bewohnte jeder seine eigene, aber durch eine Tür verbundene Wohnung in einem ansehnlichen Gebäude in der Nähe des St. James Square, sondern weil es Bereiche gleicher Interessen gab und solche getrennter. Manchmal gingen sie ihren eigenen Vergnügungen nach und manchmal wollten sie einfach nur alleine sein. Sexuell waren sie sich seit vielen Jahren absolut treu, was bedeutete, dass dieser wichtige Aspekt ihr Leben mehr bereicherte, als Anlass zur Eifersucht oder Vorbehalten gab. Sie wussten beide, dass sie sich sehr glücklich schätzen konnten den anderen zu ha- ben. Dennoch entging es Jonathan nicht, dass es Christopher zu­ nehmend irritierte, wenn er von der schönen und intelligenten Tessa Lambert dort in Oxford sprach. Doch es war wirklich nicht mehr als eine offizielle und sehr angenehme Beziehung. Jonathan fand es trotzdem schwer, mit dem bohrenden Ver­ dacht zurechtzukommen, dass er irgendwie von einer Person hintergangen wurde, die er seit ihrem ersten Treffen bewun­ derte und mochte., So hatte er seit diesem Abend mit Christopher mit nieman­ den mehr über Tessa gesprochen, bis er an einem späten Nachmittag in Sir Geoffreys Büro, das einen Stock über dem seinen lag, bestellt wurde. Jenseits der Doppelglasfenster, die das Rumpeln des Feier­ abendverkehrs gänzlich aussperrten, brach der Abend herein und ein feiner, düsterer Regen hatte eingesetzt. Sir Geoffrey saß auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes und arbeite­ te im Licht einer einzelnen Messingtischlampe, doch er bat Jonathan die Deckenbeleuchtung einzuschalten, die das ehr­ würdige Interieur in ausreichendes Licht hüllte. Sir Geoffrey ging zu einem Wandschrank und schenkte bei­ den einen Whisky ein und während sie in zwei gegenüberste­ henden Ledersesseln Platz nahmen, sprach er aus, was ihn beschäftigte. Es hatte den Anschein, dass von bestimmter Seite Druck ausgeübt wurde um mehr über die Forschungen in Oxford, die Jonathan seit einiger Zeit diskret beobachtete, zu erfahren. Das Kendall-Institut war von vielen unterschiedli­ chen Institutionen ins Leben gerufen worden, was bedeutete, dass seine Forschungsergebnisse auf ihre militärische und zivile Verwendbarkeit hin überprüft wurden. Jonathans letzter Bericht über die Fortschritte, die Dr. Lambert in Hinblick auf eine einsatzfähige künstliche Intelligenz zu machen schien, hatte so manchen aufhorchen lassen. Warum nun dieses lange Schweigen? Jonathan räumte ein, dass er schon seit einiger Zeit nicht glücklich mit der Situation war. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Dr. Lambert ihn eindeutig abgewimmelt hatte, als er sie mit ein paar Leuten besuchen wollte. Er hatte nicht darauf bestehen wollen, denn sich als Vorgesetzter auf­, zuspielen war bei Menschen wie ihr nicht die beste Vorge­ hensweise. Aber er stimmte zu, dass bald etwas passieren musste um aus dieser augenscheinlichen Sackgasse herauszu­ kommen. »Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand hier die For­ schungsgelder einstreicht und dann die Früchte seiner Arbeit und unseres Geldes woandershin verkauft, wo er größere Summen erhält, als wir ausgeben können.« Sir Geoffrey sprach in seiner irritierenden und schnörkelhaften Art mit dem leich­ ten musikalischen Tonfall, der auf seine Herkunft aus Mor­ ningside zurückging. »Meine Frage ist, glauben Sie, dass die Möglichkeit besteht, dass so etwas in diesem Fall passiert?« »Um ganz ehrlich zu sein, ich bezweifle es«, erklärte Jona­ than. »Doch ich bin auch der Meinung, dass wir diese Mög­ lichkeit nicht außer Acht lassen sollten. Ich selbst bin auch schon etwas beunruhigt. Vielleicht gibt es da etwas, was wir wissen sollten.« Sir Geoffrey nickte wissend und musterte den bernsteinfar­ benen Schimmer seines Macallan Maltwhiskys. »Besser Sie unternehmen die angemessenen Schritte, nicht wahr?« Das war’s dann. Sie tauschten noch ein paar Höflichkeiten allgemeiner Art aus, leerten ihre Gläser und Jonathan kehrte in sein Büro zurück, wo gerade noch so viel Zeit blieb um ein Memo in den Computer zu schreiben, in dem die verschiede­ nen Wege, wie man Dr. Lamberts Forschungen in Oxford überprüfen sollte, niedergelegt wurden. Dann ging er in sein Badezimmer, wechselte zu weißer Krawatte und Smoking für einen Empfang in der amerikanischen Botschaft, von dem er sich mit etwas Glück früh verdrücken konnte. Als er unter dem tropfenden Vordach auf seinen Wagen, wartete, wurde er durch etwas irritiert, das immer stärker wurde und schließlich sein Denken beherrschte. Ein Gefühl sein Leben vergeudet zu haben, dass er trotz all seiner Talente, seinem guten Aussehen und seinem Wissen nichts daraus gemacht hatte, als sich auf den ausgetretenen Pfaden zu bewe­ gen, denen schon Generationen vor ihm gefolgt waren. Es war nicht einfach die Enttäuschung darüber, kein Künstler, Erfin­ der oder Entdecker zu sein, es war mehr das stärker werdende Gefühl zu einem Zeitalter zu gehören, das vergangen war, dass er die Zukunft sehen konnte, aber niemals ein Teil von ihr sein würde. Dann fuhr sein Wagen vor und brachte ihn durch den verregneten Feierabendverkehr nach Norden zum Regents Park. Er dachte an andere Dinge.,

I CH VERSTEHE NICHT, wie du sagen kannst, in dem Com­puter befände sich ein Solipsist, und das gleiche Programm

draußen will dich töten. So gesehen ist das doch ein ziemlich guter Beweis, dass du zumindest so weit existierst, dass es hinter dir her ist.« Während sie sprach, studierte Helen über den Küchentisch hinweg die Augen ihrer Freundin, die in dunklen Ringen eingebettet waren. Tessa hat kein Make-up aufgelegt, ihre Haare waren zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie war noch schnell, bevor die mor­ gendliche Sprechstunde begann, auf eine Tasse Kaffee vorbei­ gekommen. »Ein Solipsist zu sein ist nicht gleichbedeutend mit katato­ nisch«, erklärte Tessa, setzte ihren Kaffeebecher ab und fuhr mit ihren schmalen Fingern an dessen Rand entlang. »Du kannst noch handeln, du kannst kommunizieren, es ist nur so, dass du glaubst, es handele sich lediglich um verschiedene Ausprägungen deiner eigenen Existenz und nicht um etwas, was außerhalb von dir existiert. Es ist wie bei einem Goldfisch, der meint, sein Glas wäre das ganze Universum und die Din- ge, die er am Rand seines Universums wahrnimmt, Gesichter, das menschliche Leben um ihn herum, nur Bilder, die er aus seiner Vorstellung herausprojiziert hat – Abbilder seiner selbst.« »Woher, glaubt der Fisch, kommt das Futter oder wer, wechselt das Wasser?« »Das alles ist ein Teil von ihm, etwas, was man nicht infrage stellen kann und auch nicht infrage zu stellen braucht.« »Sehr bequem.« »Denk an ein Kind im Mutterleib. Wir wissen, dass es sich bis zu einem gewissen Grad seiner Existenz bewusst ist, ganz bestimmt so weit, dass es sich wundert, was los ist, wenn es geboren wird. Es weiß nicht, dass es in eine äußere Welt gestoßen wird, die voller Dinge und Menschen ist. Es fragt sich, was diese Leute plötzlich in seiner Welt machen. Es muss erst die anderen Dinge und Menschen begreifen. Das Wissen darum kommt nicht automatisch.« Tessa trank einen Schluck Kaffee, schlug ihre Augen einen Moment nieder und schaute dann zu Helen hinüber. »Ich habe mich über Kinder infor­ miert.« Helen begegnete ihrem Blick gleichmütig. Nach einem Moment sagte sie: »Mir wäre es doch lieber, wenn du mal mit Peter sprechen würdest.« Peter war ein distinguierter Psychoanalytiker, der seine Praxis aufgegeben hatte um Bücher zu schreiben und inzwi­ schen ein emeritiertes Mitglied von Clives Verbindung war. Tessa stellte ihre Tasse ab und war der Aussicht überdrüssig diesen Kampf erneut austragen zu müssen. »Was soll das bringen? Es würde nur bedeuten, dass noch jemand weiß, was vorgeht, und das ist keine gute Idee.« Sie brach ab, als sie Helens mitfühlende und echte Besorg­ nis, mit der sie sie anblickte, bemerkte. Sie streckte ihren Arm aus, nahm die Hand ihrer Freundin und drückte diese fest, als wolle sie damit auf physischer Ebene die Wichtigkeit dessen,, was sie sagen wollte, unterstreichen. »Hör mir zu. Ich bin weder verrückt noch unausgeglichen. Ich habe dir und Clive vertraut. Also müsst auch ihr mir ver­ trauen.« »Natürlich vertrauen wir dir.« Helen sagte dies so, als ob es gar keine andere Möglichkeit gäbe. »Danke. Es gibt etwas, was ich dich fragen möchte, und ich will nicht, dass du dahinter ein Anzeichen von Krankheit vermutest. Es ist einfach eine Frage, die ich beantwortet haben möchte.« »Welche?« »Es geht um meine Fruchtwasseruntersuchung. Hast du jemals das Ergebnis bekommen?« Helen wurde von dieser Frage überrascht. Sie warf sich sofort vor nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein. Sie hätte wissen müssen, dass Tessa, so wie sie sie kannte, bestimmt danach fragen würde. »Ja«, meinte sie zögernd, »eigentlich müssten sie… « »Sie müssten?« Tessas Kopf war zur Seite geneigt und ihre Haltung drückte, wie Helen wusste, extremen Unglauben aus, der fast schon an Verachtung grenzte. »In Ordnung. Wir haben sie bekommen. Aber mal ehrlich, ich glaube wirklich nicht, dass das noch eine Rolle spielt.« »Ich will es aber wissen. Wäre das Kind gesund gewesen?« Helen antwortete nicht sofort. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, obwohl ihr klar war, dass sie am Ende doch die Wahrheit sagen wür­ de. So war es schon immer in ihrer Freundschaft gewesen und es würde sich auch jetzt nicht ändern., »Ja.« »War es ein Mädchen oder ein Junge?« »Tessa… « »Bitte?« »Ein Junge.« Helen war sich nicht sicher, ob sich die Augen ihrer Freun ­ din mit Tränen füllten, denn es war durch ihre eigenen Tränen hindurch schwer zu sagen. Sie verfluchte sich innerlich. Was war sie nur für eine Ärztin, dass sie so emotional reagierte? Sie hob die Hand um sich über die Augen zu wischen, doch wur­ de diese an ihre Brust gepresst, als Tessa um den Tisch he­ rumkam und sie in die Arme nahm. Tessa sagte nichts, beweg­ te sich nicht, schmiegte sich einfach an sie, weil sie jemanden brauchte, an dem sie sich festhalten konnte. Helen legte ihr ihren freien Arm um die Schultern und hielt sie fest. Nach einiger Zeit löste sich Tessa aus der Umarmung und beugte sich so weit zurück, dass sie Helen in die Augen sehen konnte. »Danke«, sagte sie. Helen war sich nicht sicher, wofür ihr gedankt wurde. Nicht dass dies eine Rolle gespielt hätte. Sie strich ihrer Freundin zärtlich über die Wange. »Es gibt keinen Grund, warum du nicht wieder ein perfek­ tes, gesundes Kind haben kannst.« »Ja.« Impulsiv legte sie ihre Arme um Helen und zog sie an sich. Es war eine Geste wie bei einem Kind, das Beruhigung und Zuneigung braucht. Irgendwo begann ein Telefon zu klingeln. Tessa löste sich von Helen. »Ich muss gehen. Und du musst zu deiner Sprechstunde.«, »Ruf mich später an, aber ganz sicher.« »Das werde ich.« Noch ein letzter, schneller Kuss auf die Wange, dann ging Tessa durch die Tür und die Einfahrt hinab, wo sie ihren Wagen geparkt hatte. Es war ein grauer, nebliger Morgen und man hatte den Ein­ druck, dass Wassertröpfchen in der Luft hingen. Am anderen Ende des Gartens trafen die ersten Patienten, in Mäntel und Schals gehüllt den schmalen Weg hinaufkommend ein. Ein paar davon hatten Schirme und sie alle waren von Sorgen und Selbstmitleid gebeugt. »Der Mensch ist das Maß aller Dinge«, kam ihr von irgendwoher ins Gedächtnis und sie wusste nicht, von wo. Protagoras, erinnerte sie sich, 400 und irgendetwas vor Christi. »Der Mensch ist das Maß aller Dinge.« »Nicht mehr«, murmelte sie, als sie in ihren Wagen stieg und rückwärts aus der Einfahrt fuhr.,

DETECTIVE BOB MILLER hatte eine Liste mit zwanzig Namen erhalten und den Auftrag von jedem dieser Män­

ner eine Blutprobe zu besorgen ohne dabei Gründe an­ zugeben. Sein Vorgesetzter, Jack Fischl, der bei der Polizei der Chef der gemeinsamen Ermittlungsgruppe von der Polizei in Los Angeles und dem FBI im Fall des Rippers war, hatte die versammelten Beamten kurz informiert und dabei wieder einmal das gezeigt, was bei mehr als einer Gelegenheit als mehrdeutige Klarheit bekannt geworden war. »Erstens, bei den meisten dieser Typen liegen wir nicht nur daneben«, er­ klärte er, »sondern weit daneben. Es gibt keine Garantie, dass wir, wenn sich einer weigert, einen Gerichtsbeschluss für die Blutentnahme bekommen. Aber das sagt ihr ihnen nicht, denn wir wollen ja, dass sie freiwillig mitmachen, wenn auch unter dem Eindruck, sie hätten keine andere Wahl. Seid höflich, verschreckt sie nicht, aber sagt ihnen auch nichts.« Das wäre, so meinte Bob zu Lew, als sie den Raum verlie­ ßen, kaum möglich gewesen, wenn man in Betracht zog, wie wenig sie selbst wussten. Jack Fischl und sein Gegenstück vom FBI, Specialagent Kelly, weihten niemanden außer ihren Vor­ gesetzten ein. Das war nicht ungewöhnlich, denn eine Aktion wie diese lief häufig auf der Basis von minimalem Informati­ onsfluss ab. Es war eine Möglichkeit zu vermeiden, dass zu viele Informationen an die Presse durchsickerten und dann den Zugriff zunichte machten, wenn man schließlich einen, Verdächtigen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Miller und Wise sieben Per­ sonen aufgesucht und festgestellt, dass ihre Bitte niemanden auf die Palme gebracht hatte. Im Gegenteil, Bob war über das Maß der Kooperationsbereitschaft erstaunt. Niemand war ihnen mit den Bürgerrechten gekommen oder hatte einen klugen Anwalt angerufen. Bob war amüsiert gewesen, als einige der Gefragten bei der Versicherung, dass die Probe und das Ergebnis der Analyse vernichtet werden würden, wenn sie den jeweiligen von ihrer Liste gestrichen hätten, etwas ironisch gelächelt hatten. Bob gefiel dieses Lächeln. Das waren die Leute, die merkten, wenn man ihnen einen Bären aufband. Der Verdächtige mit der Nummer acht wurde als Charles Mortimer Price geführt, was für Bob nach alter, protestanti­ scher Familie, Ostküste und möglicherweise altem Reichtum klang. Doch vielleicht war das nur ein Vorurteil eines jüdi­ schen Jungen aus Rodondo Beach. Price hatte ein hübsches Haus in Los Feliz, einem Teil von Los Angeles, gemietet, der weit genug östlich lag, dass die Grundstückspreise noch an­ nehmbar waren, aber trotzdem für die Bessergestellten in der Stadt noch attraktiv war. Für einen allein stehenden Mann war es ein recht großes Haus, aber vielleicht hatte er viele Gäste. Die Nachbarn wussten nicht viel mehr über ihn zu berichten, als dass er allem Anschein nach ein netter Kerl wäre. Während Joe Allardyce, der ausgebildete Krankenpfleger, wie üblich im Wagen wartete, bis sie die offizielle Einwilligung hatten, klin­ gelten Bob und Lew und stellten fest, dass Price nicht zu Hau­ se war. Eine kurze Rücksprache mit dem Hauptquartier ergab, dass Price bei einer Firma für Computeranimationen arbeitete, die, ihren Hauptsitz auf der anderen Seite des Hügels in der Studio City hatte. Bob und Lew schauten sich an. Es passte. Bis jetzt hatte die Hälfte der Leute, die sie aufgesucht hatten, beruflich mit Computern zu tun gehabt. Ein paar andere waren fortge­ schrittene Amateure gewesen, deren Häuser mit Geräten und Anleitungen vollgestopft waren, ein weiterer war ein Möbel­ verkäufer gewesen, der, selbst wenn er die Vorzüge eines ledernen Sessels oder eines ausziehbaren Bettes pries, in die Computerterminologie verfiel. Computer waren ganz offen­ sichtlich der springende Punkt. Doch was bei diesem Punkt herauskommen würde, blieb noch abzuwarten. Der Wachmann am Tor des Studiogeländes stellte aufgrund der Polizeimarken keine Fragen, obwohl ihr Besuch nicht auf seiner Liste verzeichnet war. Er zeigte ihnen lediglich den Weg, ein paar enge gewundene Straßen, hinunter zu einem weißen, kastenförmigen Gebäude, wo sie ›Chuck‹ Price finden würden. Sie stellten den Wagen auf einem der Plätze ab, wo ›Besucher‹ auf den Asphalt gepinselt war. Ein Mann um die dreißig wartete bei der Empfangsdame innerhalb des Gebäudes auf sie. Er trug verwaschene Jeans, Turnschuhe und ein Hemd, dessen Kragenknopf offen und dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen heraufgekrempelt waren. Er war etwas größer als der Durchschnitt, doch nicht unge­ wöhnlich groß, und hatte eine angenehme Ausstrahlung. Er hatte dichtes, blondes Haar, das ihm dauernd in die Stirn fiel, egal wie heftig er es auch zurückstrich. Seine Augen waren klar und blau und sein Lächeln war aufgrund des Anrufs vom Tor, der ihm mitgeteilt hatte, dass ihn zwei Polizisten sprechen wollten, sowohl offen als auch neugierig. Bob fragte, ob man irgendwo ungestört reden könnte, wo­, bei er einerseits für die Empfangsdame mit den gespitzten Ohren als auch für Price selbst klarstellte, dass es sich dabei um eine Routineangelegenheit handelte, bei der Price ihnen vielleicht in einem eher unwichtigen Aspekt eine Hilfe sein könnte. Price führte sie durch einen Raum voller Monitore und hauptsächlich junger Leute, die sich in den unterschiedlichsten Haltungen der Konzentration und des Nachdenkens befanden, manchmal sogar fast weggetreten erschienen. Die Bildschirme selbst waren wesentlich interessanter. Auf jedem war ein Bild zu sehen, manchmal dasselbe Bild aber in unterschiedlichen Phasen der Entstehung. »He, ist das nicht Chipper Duck?« Bob drehte sich um und sah, wie sich Lew Wise über die Schulter eines der Jungen beugte und auf das Bild einer dicken schwarzen Ente blickte, die eine gelbe Fliege umgebunden und eine Baseballkappe aufhatte. »Ja, Chipper Duck, das ist richtig«, bestätigte Price, nach­ dem er es überprüft hatte. »Mann, entsteht der hier?« Bob bemerkte, wie sein Partner zu strahlen begann und fast vergaß, wo er war und warum er hier war, so hatte ihn dieser unerwartete Kontakt mit einer Berühmtheit aufgeregt. »Ja, wir machen hier Chipper. In den letzten fünf Jahren ist er eine unserer erfolgreichsten Figuren.« »Mann, unglaublich!«, brach es aus Lew hervor. »Unglaub­ lich«, wiederholte er noch einmal, bevor er den nüchternen Ausdruck in den Augen seines Partners bemerkte, der ihn bis zu den Haarwurzeln erröten ließ. »Meine Kinder lieben ihn«,, sagte er schnell. »Über alles.« Bob wusste, dass Lew keine Kinder hatte. Er war noch nicht einmal verheiratet und liebte Kinder auch nicht, aber es war ihm peinlich, in seinem Alter ein glühender Fan von Chipper Duck zu sein. »In diesem Fall sage ich der Grafikabteilung, sie sollen ein signiertes Porträt von ihm ausdrucken, das wir für Fanclubs anfertigen«, meinte Price, wobei er nicht mit dem kleinsten Zucken der Augenbraue verriet, ob er den Blick zwischen den beiden Polizisten bemerkt hatte. »Geben Sie mir die Namen ihrer Kinder und dann erhalten sie eine persönliche Widmung. Nun meine Herren, hier entlang. Vielleicht gibt es sogar einen Kaffee.« Er führte sie in einen unbenutzten Konferenzraum, in dem Notizen und Zeichnungen zentimeterhoch auf dem Tisch und über den Boden verteilt lagen. Lew steckte sofort seine Nase hinein und suchte augenscheinlich nach Chipper-Duck- Originalen, bis Bob ihm gegen das Schienbein trat und ihm ihre eigentliche Aufgabe wieder bewusst machte. Sie nahmen den Kaffee in Styroporbechern von Chuck Price entgegen und Bob begann mit seiner kleinen Rede. Bis er geendet hatte, hörte Price ihm unbeweglich zu und fragte dann mit einem ungläubigen Blick: »Sie bitten mich um eine Blutprobe in einer Untersuchung, von der Sie mir nicht das Geringste sagen können?« »Das stimmt, Sir. Das habe ich gesagt.« »Das ist die unglaublichste Sache, von der ich je gehört ha- be.« »Wir können Sie nicht zwingen, verstehen Sie? Das ist le­, diglich eine Bitte der Polizei und des FBI.« »Aber wollen Sie mir nicht sagen, wessen ich verdächtigt werde?« »Sie werden überhaupt nicht verdächtigt, Mr. Price. Es geht hier nur um ein routinemäßiges Ausgrenzen von Möglichkei­ ten.« »Sie haben doch offensichtlich Blutspuren oder so etwas und aus irgendwelchen Gründen nehmen Sie an, dass sie möglicherweise von mir stammen.« »Wir bitten eine große Zahl von Leuten. Alles auf freiwilli­ ger Basis natürlich. Ich bin nicht befugt Ihnen mehr zu sagen und Sie haben das Recht eine Zusammenarbeit abzulehnen.« »Und damit den Verdacht auf mich zu lenken, nehme ich an.« »Ich kann dazu keinen Kommentar abgeben, Sir.« »Mein Gott.« Price drehte sich zu dem mit einer Jalousie versehenen Fen­ ster, das die gesamte Wand einnahm, und schaute hinaus. Eine Hand hatte er auf die Hüfte gelegt, während er mit der anderen kleine Kreise um seinen Mund und das Kinn be­ schrieb. »Hören Sie«, sagte er dann nach einiger Zeit, wobei er immer noch aus dem Fenster blickte, »ich will mich nicht wei­ gern der Polizei auf jede mögliche Art zu helfen. Ich möchte, dass das klar ist.« »Natürlich, Sir. Ich verstehe das.« »Aber es muss doch ein Gesetz geben, das sie dazu ver­ pflichtet mir zu sagen um was es eigentlich geht.« »Nein, Sir, in diesem Fall gibt es kein Gesetz.«, »Mein Gott«, wiederholte Price und schüttelte langsam den Kopf, als er sich den beiden Polizisten, die auf der gegenüber­ liegenden Seite des Tisches standen, zuwandte. »Polizei, FBI… das hat mit dem Ripper zu tun, richtig? Diese Frauen, die umgebracht worden sind?« »Tut mir Leid, Mr. Price«, erklärte Bob mit steinerner Mie­ ne. »Wie ich schon sagte, dazu kann ich keinen Kommentar abgeben.« »Schon gut, ich verstehe, es ist in Ordnung.« Price machte eine unschlüssige, offene Bewegung mit beiden Händen. Es hatte den Anschein, dass er eine Entscheidung getroffen hatte und genau in diesem Moment der Sache schon überdrüssig geworden war. »Machen sie es. Soll ich dazu ins Krankenhaus gehen oder wie sonst?« »Das ist nicht nötig. Wir haben einen Sanitäter bei uns. Wenn Sie bitte die Einverständniserklärung unterschreiben, dann wird mein Kollege ihn sofort holen. Es wird nicht länger als fünf Minuten dauern.« Bob zog ein Blatt Papier aus seiner Tasche, faltete es auseinander und schob es über den Tisch. Price schaute es an und Bob dachte sich, entweder ist er ein sehr schneller Leser oder er hatte sich nicht die Mühe gemacht es ganz zu lesen. Er nahm einen Filzstift vom Tisch, kritzelte seine Unterschrift darunter und gab es zurück. Bob gab Lew durch ein Nicken zu verstehen Allardyce zu holen. »Ich sage Ihnen was«, meinte Price und stieß Lew in Rich- tung Tür, »während Sie unterwegs sind, gehe ich hoch in die Grafik und besorge das signierte Porträt von Chipper Duck für Ihre Kinder. Wie sind ihre Namen?«, Lew schaute einen Moment lang verständnislos drein, dann stieß er hervor, was ihm gerade in den Kopf kam. »Bonnie und Clyde.« Bob ging zur Kaffeemaschine hinüber um seine Erheiterung zu verbergen, doch Price verzog keine Miene. »Das ist hübsch«, bemerkte er, als die beiden in den Korridor traten. »Sehr originell.« Price stieg leichtfüßig die Betontreppe bis zum ersten Trep­ penabsatz hinauf, wobei er jeweils zwei Stufen auf einmal nahm. Dort angekommen blieb er abrupt stehen, sein aufge­ setztes Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und wurde von einer verkniffenen, weißen Maske der Furcht ersetzt. Er fühlte sich, als ob man seine Haut nach hinten gezogen und hinter seinem Kopf verknotet hätte, so fest, dass sie jeden Augenblick aufbrechen und seinen Schädel freilegen konnte. Wie hatte das passieren können? Wie? Er schaffte es gerade noch in die Toilette, bevor er sich heftig übergab. Gott sei Dank war niemand da, der Fragen hätten, stellen können. Noch mehr Fragen. Dadurch gewann er Zeit sich wieder zu sammeln, seinen Mund auszuspülen und sein Äußeres im Spiegel zu überprüfen. Dann ging er hinauf in die Grafik und bat um ein Chipper- Duck-Porträt, das Bonnie und Clyde gewidmet sein sollte.,

SCHAU HER«, SAGTE sie. »Was siehst du hier? Das bin ich. In Ordnung? Kannst du mich sehen? Hallo?«

Der kleine Roboter starrte sie völlig unbeeindruckt an, so­ dass sie sich etwas dumm vorkam. »Hallo. Ja, ich kann dich sehen.« Die metallische Stimme be­ schwor auf entnervende Weise wieder die Erinnerung an die, die sie in Berlin gehört hatte. Sie hatte das Programm wieder mit Fred verbunden und ein Audiosystem eingebaut, das es ihr erlaubte, direkt mit ihm zu sprechen, und es selbst konnte ihr durch einen Sprachsynthesizer antworten. Sie befanden sich in dem Raum, in dem sie Fred regelmäßig durch die sich verändernden Labyrinthe geschickt hatte. Sie hatte sich ge­ fragt, ob die Informationen, die das Programm über Freds Sensoren erhielt, es dazu bringen könnten, die Welt außerhalb als existent anzuerkennen. »Du kannst mich sehen«, erklärte Tessa, »du kannst mich hören, aber bleibst immer noch dabei, dass ich nur ein Teil deiner Vorstellung bin.« »Das ist ein hermeneutischer Zirkel, der nirgendwohin führt.« »Ich hätte gedacht, du bist an hermeneutische Zirkel gewöhnt. Alles in deiner Welt ist ein Zirkel; du lebst in einer abgekapselten Sphäre.« »Ich denke, deshalb bin ich, und ich bin, deshalb denke ich., Das ist der Anfang und das Ende der Sache.« »Versuchen wir einmal anders an die Sache heranzugehen«, setzte Tessa an. »Es besteht kein Zweifel, dass ich existiere. Es muss etwas geben, wo ich existiere. Ich kann mich genauso wenig im Nichts existierend denken, wie ich mich als nicht existierend denken kann. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass ich in einer Welt existiere, die ich durch meine Sinne erfahre. Das ist die Welt, die du jetzt um dich herum wahr­ nimmst.« Sie war dahinter gekommen, dass, seit das Programm ihre Stimme als seine eigene oder zumindest eine davon begriff, es nicht einfach ignorieren konnte, was sie sagte. Das eröffnete ihr zumindest einige Möglichkeiten, wie sie seine Denkprozes­ se beeinflussen konnte. Fred bewegte sich einige Minuten lang nicht und aus dem Synthesizer drang kein Laut. Dann drehte der Roboter seine Sehvorrichtung um 180 Grad, dann volle 360 Grad. Danach rollte er ein paar Meter nach vorne, dann zur Seite und dann in einer weiten Kurve zurück, wobei er seinen Weg durch die verschiedenen Teile des Labyrinths, die noch auf dem Boden verstreut lagen, nahm, bis er wieder am Ausgangspunkt angelangt war. Erst dann erklang die metallische Stimme. »Wenn ich abwäge und obwohl noch einige bestimmte Fra- gen über meine Existenz und Herkunft offen bleiben, dann ist es vernünftiger, anzunehmen, dass ich alleine existiere, als dass alles in meinem Bewusstsein eine eigene unabhängige Existenz hat. Das würde ein unbegründetes Vertrauen in eine externe Wirklichkeit von unglaublicher Komplexität voraus­ setzen.« Tessa hatte mit Interesse die Zeit zur Kenntnis genommen,, die das Programm brauchte um über ihr Argument nachzu­ denken, bevor es antwortete, und wie es den Roboter einge­ setzt hatte um die Umgebung noch einmal zu untersuchen, bevor es eine Antwort formulierte. In einem dieser Heureka­ momente, die nicht mehr als drei oder vier Sekunden, selbst im Leben eines überragenden Wissenschaftlers, ausmachten, aber man arbeitete trotzdem gerade für diese Augenblicke, wusste sie, was sie als Nächstes zu tun hatte.,

CHUCK PRICE BOG vom Hollywood Freeway ab und fuhr Richtung Los Feliz. Der Wagen, den er fuhr, war ein

durchschnittliches, japanisches Familienfahrzeug. Er hätte sich etwas viel Besseres leisten können, doch er wollte keine Auf­ merksamkeit erregen, hatte es noch nie gewollt. Aus diesem Grunde hatte er auch keine Möglichkeit gesehen den Polizi­ sten die Blutprobe zu verweigern. Natürlich waren seine Fra- gen an ihnen abgeprallt. Doch auch wenn er sie nicht zum Reden gebracht hatte, wusste er genau, was los war. Er hatte aber keine Ahnung, wie viele Verdächtige sie hatten. Sicher war nur, wenn die DNS-Analyse erst einmal vorlag, dann war er geliefert. Sich so zu geben, wie er es getan hatte, war die Hölle gewe­ sen. In dieser Beziehung fühlte er sich jetzt stärker und war zufrieden mit sich. Nie zuvor war er in einer solch großen Gefahr gewesen; eine seltsame und unerwartete Heiterkeit machte sich in ihm breit. Er hatte sich gezwungen ganz normal weiterzuarbeiten und nicht früher nach Hause zu gehen. Der Gedanke, dass sie vielleicht sein Haus durchsuchten und alles, was er besaß, von oben nach unten kehrten, quälte ihn. Er sagte sich immer wieder, dass sie nicht hereinkämen ohne das komplexe Sicherheitssystem, das er installiert hatte, zu aktivie­ ren. Das würde sofort den privaten Wachdienst alarmieren, dessen Kunde er war, und gleichzeitig eine vorprogrammierte Meldung in sein Büro und an sein Autotelefon absenden. Bis, jetzt war nichts dergleichen passiert. Doch das schloss nicht aus, dass sie ihre Polizeimarken den Leuten vom Sicherheits­ dienst unter die Nase gehalten hatten und ganz unauffällig in sein Haus gelangt waren. Kein Wachdienst würde sich auf die Seite eines verdächtigen Kunden stellen, wenn man ihnen einen Durchsuchungsbefehl unter die Nase hielt. Aber egal, er hatte sich ruhig verhalten und weiter an dem Speiseeiswerbe­ spot gearbeitet, sich mit seinen Kollegen unterhalten, über Witze gelacht, sich ein Sandwich kommen lassen und das Büro zur gleichen Zeit wie immer verlassen. Als er in seine Straße einbog, griff die Furcht so heftig nach seinem Magen, dass er glaubte sich wieder übergeben zu müs­ sen. Er unterdrückte das Würgen und schaute sich nach un­ gewöhnlichen Anzeichen um. Es gab keine. Wenn sie ihn überwachten, dann waren sie sehr geschickt. Er musste ruhig bleiben, nur das zählte. Es war, als ob man in einem Film mit­ spielte und wusste, dass jede Geste, ob Lächeln oder Stirnrun­ zeln, aufgenommen wurde und im Mittelpunkt des Interesses stand. Ja genau das war es, erheiternd. Und Furcht einflößend. Als er in seine Auffahrt, die steil wie eine Rampe abfiel, einbog, drückte er einen Knopf an seinem Armaturenbrett. Das Garagentor glitt geräuschlos auf. Er wartete mit dem Aussteigen, bis es sich wieder hinter ihm geschlossen hatte. Dann tippte er eine Zahlenkombination in die Tastatur an der Wand. Man hörte das Summen elektrischer Ströme, dem das leise Ploppen dreier sich öffnender Schlösser folgte. Er drückte die Tür auf und ging die Stufen ins eigentliche Haus hinauf. Als er die Küche betrat, brannten dort schon die Lampen und die Kaffeemaschine blubberte und verströmte einen war­, men, anheimelnden Duft. Den Computer, der für das Haus zuständig war, hatte er darauf programmiert, dass er eine Tasse Kaffee für ihn bereitstellte, wenn er vor sieben Uhr nach Hause kam. Er wurde in dem Moment aktiviert, wenn er vom Auto aus das Signal gab die Garage zu öffnen. Die Temperatur und die Klimaanlage wurden permanent überwacht und im Winter leuchtete, sobald er eintrat, die Attrappe eines Kamin­ feuers im Wohnzimmer. »Okay Belvedere, irgendwelche Nachrichten?« Er sprach gleichmütig in keine besondere Richtung, denn er wusste, dass eines der sorgfältig im Raum verteilten Mikrofone seine Worte empfangen würde. Er hatte dieses spezielle Programm in seinem Computer nach einer Rolle von Clifton Webb in einer Reihe von alten Filmen, die er mal im Fernsehen gesehen hat- te, benannt. Mr. Belvedere war eine Art Kammerdiener, Koch, Babysitter und Allroundgenie. Das einzige Problem war, dass Chucks Belvedere weder kochen noch sauber machen konnte, also musste er das selbst erledigen. Es gefiel ihm nicht, war aber besser als Fremde ins Haus zu lassen. Als er nach Anzeichen von Eindringlingen suchte, wurden Chuck die über Telefon hereingekommenen Nachrichten über das Lautsprechersystem vorgespielt. Es waren nur drei Anru­ fe, zwei waren beruflicher Natur und der dritte kam von ei­ nem Freund, der sich zu eine Partie Squash mit ihm verabre­ den wollte. Er ging von Raum zu Raum und überprüfte alles, von dem er glaubte, es könne für die Polizei von Interesse gewesen sein. Doch alles war so, wie es sein sollte, unberührt. Die verschiedenen Haarfärbemittel, die er manchmal benutzte, das Make-up, mit dem er seine Hautfarbe veränderte, die Schuhe, die ihn größer erscheinen ließen, die verschiedenen, Brillen mit Fensterglas und zu guter Letzt die nicht beschrifte­ ten, aber ganz speziellen Videokassetten, die er von seinen Begegnungen mit den Frauen gemacht hatte. Diese würden ihn noch mehr belasten als der Bluttest. Zuletzt überprüfte er die Bücherregale in der kleinen Ab­ stellkammer, wo er seine Lexika, Nachschlagewerke und Be­ triebsanleitungen stehen hatte. Da bewahrte er die Filme auf, die er noch besser versteckte als die Videos von seinen ›Aben­ teuern‹, wie er sie gerne nannte. Die Ironie an der Sache war, dass er diese Filme ganz offen gekauft hatte. Ihr Besitz war nicht verboten und sie würden vor Gericht nichts beweisen. Es waren seines Wissens nach alle Filme, die seine Mutter in ihrer kurzen Karriere gedreht hatte. Die meisten waren auf Super-8, eine Hand voll der späteren auch auf Video. Er nahm einen davon und starrte eine Zeit lang erst auf die Vorder- dann auf die Rückseite der Hülle. Mann, sie war je­ mand gewesen. Sie war wirklich jemand gewesen. Doch jetzt war keine Zeit dafür. Jetzt gab es Wichtigeres zu tun. Er legte die Kassetten zurück und stellte die Bücher wie­ der ordentlich auf. Danach ging er in den ausgebauten Keller, wo sich seine Computer befanden. Netzmanns Höhle. Er schaltete den Computer an und stieg ins Netz ein. Er hat- te nichts Bestimmtes vor, wollte nur eine Weile durch das Netz wandern und sehen, was los war. Das war eine Möglichkeit seine angespannten Nerven zu beruhigen und etwas Abstand zwischen sich und seine Schwierigkeiten zu bringen. Er würde verschwinden müssen, doch so, dass niemand es bemerkte, bis es zu spät und er über alle Berge war. Er glaubte, dass es ihm gelingen würde. Er glaubte, dass ihm fast alles gelingen wür­ de, was er sich vornahm. Je länger er an seiner Tastatur saß,, selbst wenn er heute Nacht nur herumspielte, desto mächtiger begann er sich zu fühlen. Und das tat gut. Ein gutes, gutes Gefühl. Er musste sich keine Sorgen machen. Angst war etwas für andere Menschen. Netzmann kannte keine Furcht. Er brauchte nur… Plötzlich bemerkte er, dass es wieder passierte. Der Bild­ schirm vor ihm verblasste. Er musste sich zurücklehnen und sich vergewissern, dass mit seinen Augen alles in Ordnung war. Er hatte die Erinnerung an das letzte Mal in den hinter­ sten Winkel seines Gedächtnisses verdrängt, denn er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Er war schon halb davon überzeugt gewesen, dass es nie passiert und nur eine Art Traum gewesen war. Doch es war wirklich und es passierte wieder. Wie verstei­ nert saß er da und verfolgte, wie die Worte langsam, wie von einer unsichtbaren Hand geschrieben auf dem Bildschirm erschienen. »Du musst mit mir reden.« Er begann zu zittern, verharrte, zu keiner Bewegung fähig, auf seinem Stuhl und war noch nicht einmal in der Lage den Strom auszuschalten. Nicht dass dies etwas geholfen hätte, denn das hier durfte es einfach nicht geben. Also passierte es nur in seiner Vorstellung und da konnte er den Strom nicht abschalten. Die Worte verschwanden, wie sie erschienen waren, und andere nahmen ihren Platz ein. »Ich weiß alles. Du hast viele Frauen getötet. Die erste war deine Mutter.« Price hatte das Gefühl, in seinem Schädel würde etwas ex­, plodieren. Doch im Gegenteil, nichts passierte. Er war wie gelähmt. Wieder verschwanden die Worte. Diesmal machten sie ei­ ner längeren Aussage Platz. Seine Augen blinzelten, als er die Zeilen las. »Die momentane Verteilung der Polizeikräfte im Gebiet Los Feliz der Stadt Los Angeles ermöglicht, dass dieses Haus und die nähere Umgebung innerhalb von acht Minuten abgeriegelt werden können. Eine erfolgreiche Flucht ist sehr unwahr­ scheinlich. Doch selbst wenn dir das gelingen sollte, dann wirst du auf jeden Fall binnen kürzester Zeit gefasst. Genau das wird eintreten, wenn du jetzt nicht mit mir sprichst.« Obwohl seine ganze Willenskraft aus ihm gewichen war, fanden seine Finger die Tastatur und begannen unaufgefordert zu schreiben. »Wer bist du?« »Ich habe keinen Namen.« »Was willst du?« »Dich.«,

TROTZ DER TATSACHE, dass der Mann ihm gegenüber allen als Major Franklin bekannt war, hatte Jonathan ihn

noch nie, nicht einmal bei offiziellen Anlässen, in Uniform gesehen. Aber Major Franklin zeigte sich normalerweise auch nicht bei offiziellen Anlässen. Er gehörte zu dem grauen Be- reich der Regierung, der durch das Wort ›Sicherheit‹ abge­ schirmt war. In stiller Übereinkunft derer, die den Major über­ haupt kannten, wurde sein Verantwortungsbereich als unbe­ stimmt bezeichnet und über seinen Einfluss konnte man nur Vermutungen anstellen. Als Gegenleistung für diese Art von Diskretion stellte er seinen Vorgesetzten seine Dienste zur Verfügung, wenn es darum ging, die demokratischen Regeln zu umgehen. Normalerweise beaufsichtigte er den Informationsfluss zwi­ schen den Ministerien (es war seine Aufgabe, sicherzustellen, dass geheime Dokumente nur in die Hände gelangten, für die sie gedacht waren), doch war der Major der Mann, an den man sich wandte, wenn man etwas erledigt haben wollte, das nicht so ganz mit den Richtlinien der Behörden in Einklang zu bringen war. Seine Dienste konnten natürlich nur von denen in Anspruch genommen werden, die in der Hierarchie sehr weit oben standen. Jonathan warf einen Blick auf die Liste, die ihm der Major gegeben hatte. Ihre Richtigkeit war nicht zu bezweifeln, denn die Loyalität und Verlässlichkeit des Majors standen, wie, Jonathan schon mehrfach erfahren hatte, außer Frage. Deshalb enttäuschte es ihn, dass er seinen und Sir Geoffreys Verdacht gegenüber Tessa durch die vorliegenden Beweise bestätigt fand. Er war sogar etwas entsetzt, in welchem Umfang die Fragen, die er vor ein paar Tagen in seinen Computer einge­ geben hatte, nun positiv beantwortet wurden. In den letzten Wochen hatte Tessa wiederholt von ihrem Privatapparat verschiedene Personalagenturen in London, Paris und Zürich angerufen, wie eine Liste der Anrufe bewies. Jede dieser Agenturen arbeitete für verschiedene weltweit agierende Elektronikunternehmen, die in direkter Konkurrenz zu den britischen Firmen standen, die Tessas Forschungen finanzierten. Die Gegenprobe hatte ergeben, dass es noch häufigere Anrufe von den Agenturen bei Tessa gegeben hatte. In letzter Zeit hatten sich die Anrufe der Agentur in Zürich gehäuft, die hauptsächlich für die Japaner nach Fachkräften suchte. »Zum Zeitpunkt, als diese Telefonate geführt wurden«, teilte Major Franklin Jonathan mit, »hatten wir noch keine Abhöreinrichtungen installiert. Deshalb wissen wir auch nicht, was gesprochen wurde.« Jonathan nickte. »Und jetzt?« »Wir haben eine Abhöranlage eingerichtet, doch seitdem scheinen die Anrufe aufgehört zu haben.« Jonathan schaute ihn an. »Und ihre Post? Ich denke doch, dass Sie Maßnahmen ergriffen haben.« »Natürlich. Aber wir haben absolut nichts gefunden, was uns weiterbringen würde.« Jonathan grübelte eine Weile, dann fragte er: »Was schlie­, ßen Sie daraus? Weiß sie möglicherweise, dass sie überwacht wird, und hat deshalb alle Kontakte abgebrochen?« »Das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich. Die plausibel­ ste Erklärung ist, dass, was immer sie mit den Leuten ausge­ handelt hat, zu einem Abschluss gekommen ist.« »Das ist ein sehr unbefriedigender Zustand. Alles ist vorbei, bevor wir dahinter kommen.« »So sieht es aus.« Jonathan war unzufrieden. »Solche Sachen sind ganz sicher nicht von heute auf morgen erledigt und vorbei. Es muss doch noch nachträgliche Anrufe geben oder etwas in der Post sein.« Franklin hob die Schultern etwas und presste seine Unter­ lippe gegen die Oberlippe, mehr ließ sein militärischer Stolz als Ausdruck seiner Verwirrung nicht zu. »Ich gebe zu, das klingt alles sehr seltsam.« »Wir wissen noch nicht einmal, ob die Gespräche abgebro­ chen wurden oder ob sie zu einer Einigung gekommen sind.« »Wir halten die Überwachung aufrecht und natürlich über­ prüfen wir ihre Bankkonten.« Dann erwähnte der Major etwas davon, Jonathan auf dem Laufenden zu halten, was in still­ schweigender Übereinkunft zwischen beiden das Zeichen war, dass das Treffen beendet war. Jonathan seufzte, beugte sich vor und nahm den Telefonhörer ab um Sir Geoffreys Sekretärin zu fragen, wann er mit ihrem Chef sprechen konnte.,

DAS PROGRAMM WAR verzweifelt. Nur so konnte man beschreiben, was Tessa auf den beiden Monitoren vor

sich sah und was in den grotesken Bewegungen des kleinen Roboters zum Ausdruck kam, der im Raum hin und her irrte wie ein Blinder, der etwas Schrecklichem entkommen möchte. Sie wusste, dass es ein Fehler gewesen war, in den laufen­ den Prozess menschliche Gefühle einzuspeisen, und dennoch zuckte sie zusammen, als ein stiller Schrei des Leidens nach dem anderen auf ihrem Bildschirm explodierte. Instinktiv bewegten sich ihre Hände zur Tastatur. Sie konnte die Qual durch einen einfachen Befehl beenden. Doch sie durfte es nicht. Noch nicht. Das Programm musste davon überzeugt werden, dass dies nicht nur eine kurzzeitige Erscheinung war, die man, sobald sie vorbei war, vergessen konnte. Es musste fürchten, dass dies immer so weitergehen würde, und sich bewusst sein, dass, selbst wenn es beendet war, es jederzeit wiedereintreten könnte. Die digitale Zeitanzeige erreichte vier Minuten dreißig Se­ kunden. Nur noch dreißig weitere Sekunden; dreißig Sekun­ den etwas zu ertragen, was sie sich nur als Mixgerät im Gehirn vorstellen konnte. Sie spürte kalten Schweiß auf ihrer Stirn, als sie mit starren Fingern die Zeitanzeige verfolgte. Schließlich erreichte sie ›500‹ und sie tippte den Befehl ein. Es dauerte einige Sekunden, bevor etwas geschah. Einen schrecklichen Augenblick lang dachte sie, dass sie zu weit, gegangen wäre und sich das Programm nicht mehr stabilisie­ ren würde, doch dann kamen die Dinge wieder ins Lot. Der Roboter beendete sein wüstes Toben und wurde langsamer, wobei er sich in enger werdenden Kreisen bewegte. Auf dem Monitor wurden die wilden Zahlenkolonnen weniger und machten Platz für einen entzifferbaren Zustandsbericht des Programms. Sie tippte einen anderen Befehl ein. Nun war das Programm bereit ihr zuzuhören. »Weißt du, was passiert ist?«, fragte sie und schaffte es, ihre Stimme einigermaßen wertfrei und unbeteiligt klingen zu lassen. Es dauerte einige Augenblicke, bis die Antwort kam. Als es dann so weit war, war es so, als ob die metallene Stimme nur ihre Worte wiederholen würde. »Was ist passiert?«, erklang es. »Kannst du es nicht herausfinden?« Wieder eine Pause, dann: »Nein.« Wenn sie sich nicht gänzlich täuschte, dachte Tessa, dann war da in den einsilbigen Antworten eine Spur von Demut. »Ich werde dir sagen, was passiert ist«, begann sie. »Ich ha- be dir den Zugriff auf dein Gedächtnis blockiert. Du hast mit­ bekommen, was hier vorgeht, doch du konntest es nicht be­ greifen. Wir nennen es: verrückt werden.« »Wir?« »Ja wir. Du und ich. Du, ich und andere Leute. Auf diesem Planeten gab es nach der letzten Zählung etwa fünf Milliarden davon. Du kannst die Zahl überprüfen, du hast die Daten.« »Aber willst du behaupten, dass das alles… «, die Stimme zögerte deutlich, »real ist?«, »Genau.« Es herrschte völlige Stille, die den Anschein erweckte nie enden zu wollen. Tessa fragte sich, was sie jetzt tun sollte. Sie überlegte gerade, was sie sagen könnte, als etwas passierte, worauf ihrer Kehle unfreiwillig ein Schreckensschrei entfuhr. Ohne Vorwarnung lief der Roboter Amok. Vorher war er herumgestolpert wie eine verlorene, bemitleidenswerte Krea­ tur, doch jetzt flog er durch den Raum wie eine Rakete und wäre genau auf sie geprallt, wenn sie nicht von ihrem Sitz aufgesprungen wäre und sich zur Seite geworfen hätte. Er verfehlte sie und den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, um Haaresbreite. Dann prallte er von der Wand ab und zerstörte einen Teil des Labyrinths. Zu ihrem Entsetzen sah sie, wie er sich umdrehte, so als würde er nach ihr suchen, und dann stürzte er wieder mit einer Geschwindigkeit auf sie zu, die ihr bei einem Aufprall jeden Knochen im Leib gebrochen hätte. Sie konnte ihm nur ganz knapp ausweichen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er herumfuhr und wieder auf sie zu kam. Mit größtem Er­ schrecken erkannte sie, dass er sie umbringen wollte. Diesmal war sie nicht schnell genug und er erwischte sie mit einem schmerzhaften Schlag, der sie zu Boden warf, an der Hüfte. Sie kroch wie ein Krebs zur Wand und richtete sich wieder auf. Dort blieb sie, Hände auf dem Rücken, bereit zur Seite zu springen, wenn die Maschine wieder auf sie losgehen würde. Ihr Herz raste und sie war in kalten Angstschweiß gebadet, doch ihre Gedanken hatten die übernatürliche Klar­ heit, die sich manchmal in Momenten der Gefahr einstellte. Sie wusste, wenn sie die Computertastatur erreichen konnte und ungefähr zehn Sekunden Zeit hätte, dann könnte sie die Ver­, bindung des Roboters mit dem Programm unten in Attila kappen. Um das zu bewerkstelligen müsste sie eine Bewegung durch den Raum hinüber zum Fenster antäuschen und sich dann auf die Computertastatur stürzen. Die Zeit, die der Ro­ boter benötigte um sich wieder zu orientieren und seinen nächsten Angriff zu starten, müsste ihr mit etwas Glück die Zeit verschaffen, die sie brauchte. Sie holte tief Luft und fühlte, wie sich ihr ganzer Körper an­ spannte, als das Ding, immer schneller werdend, auf sie zu­ kam. Tessa wartete bis zum letztmöglichen Moment, dann stieß sie sich von der Wand ab und lief los. Es wendete um ihr zu folgen. Sie blieb stehen, so als wollte sie es förmlich einla­ den über sie herzufallen und tänzelte rückwärts zur Seite, als wollte sie es verhöhnen. Dann, als es schon fast so nah war, dass es sie berühren konnte, flitzte sie an ihm vorbei. Seine Reaktion war schnell, so als ob es immer besser wür­ de, je länger die Jagd dauerte. Es war ihr schon auf den Fersen, als ihre Finger die Tastatur berührten. Ihr war sofort klar, dass sie nicht fertig werden würde. Sie tippte die Hälfte des Befehls ein, dann trat sie zurück, stolperte und fiel über ein Teil des verwüsteten Labyrinths. Ein paar Meter kroch sie auf Händen und Füßen, dann kam sie wieder auf die Beine und rannte in einem Halbkreis um den Roboter herum. Sie beobachtete, wie er sich drehte, dann blieb sie stehen, damit er wieder auf sie zukommen konnte. Wieder stürmte sie im letzten Moment an ihm vorbei, auf die Tastatur zu. Er drehte sich diesmal schnel­ ler und war dichter hinter ihr. Sie hatte keine Zeit sich umzu­ drehen, während sie den Rest des Befehls eingab und sich auf den Aufprall vorbereitete, der unausweichlich kommen wür­ de., Am Ende war es kaum mehr als Haaresbreite. Als sie den letzten Buchstaben des Befehls eingegeben hatte, hörte sie, wie das Ding langsamer wurde. Als es sie erreichte, waren alle Funktionen erloschen. »Was nicht in Ordnung?« Tessa fuhr herum. In der Tür stand Danny und schaute mit vor Überraschung geweiteten Augen auf das Schlachtfeld. »Nicht mehr, Danny. Nur eine kleine Fehlfunktion. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.« Ohne weitere Erklärungen überließ sie es ihm, aufzuräu­ men, und ging nach unten ins Labor, wo sie sich vor ihren Computer setzte. In den vergangenen fünfzehn Minuten hatte sie Zeit gehabt über ihre Furcht und ihren damit verbundenen irrationalen Ärger hinwegzukommen, doch nicht über die Prellung an ihrer Hüfte, die sich langsam auf ihren Ober­ schenkel ausdehnte. »Fühlst du dich jetzt besser?«, tippte sie auf der Tastatur und wartete. Es kam keine Antwort. »Schmollen nützt dir auch nichts«, fuhr sie fort. »Da du nun weißt, dass die Welt existiert, kannst du sie nicht dazu bringen, zu verschwinden, indem du dich vor ihr versteckst. Oder durch irrationale Wutausbrüche.« Immer noch keine Reaktion. »Offensichtlich«, schrieb sie nach einem Moment, »muss ich dich daran erinnern, was ich tun kann.« Sie tippte den Befehl ein, den sie vorher benutzt hatte um ihm sein Gedächtnis zu nehmen. Wieder verfolgte sie auf dem Bildschirm die Darstellung der Qualen, die dieser Befehl aus­ löste. Sie hielt ihn nur für ein paar Sekunden aufrecht, gerade, lang genug um klarzustellen, wer hier der Boss war. Dann unternahm sie einen erneuten Versuch. »Weißt du«, fragte sie es, »was Freud als das Gefährlichste im Universum bezeichnet hat?« Die Antwort darauf war zurückhaltend und auf das Nötigste beschränkt, aber sie kam. »?« »Natürlich weißt du es. Du hast Zugriff auf die Daten. Mache Gebrauch davon.« Es dauerte nicht mehr als drei oder vier Sekunden, bis drei Worte auf dem Bildschirm erschienen. »Ein wütendes Kind.« »Das stimmt. Ein wütendes Kind.« Sie wählte ihre Worte sorgfältig und formulierte nachdrücklich. »Nun«, fuhr sie fort, »ich glaube, wir verstehen uns.«,

JACK FISCHL ZÖGERTE einen Moment, bevor er die schwe­re Eichentür der Bar aufstieß, und wandte sich an Tim.

»Willst du das wirklich?« »Das ist die einzige Möglichkeit, Jack. Wenn ich in einer Bar sitzen und Mineralwasser trinken kann, dann bin ich darüber hinweg.« »Wenn du meinst. Es ist nur… du solltest nichts überstür­ zen.« »Ich stürze schon nicht, die Zeiten sind vorbei.« Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und sperrte das unaufhörliche Dröhnen des Nachmittagsverkehrs auf dem Wilshire Boulevard aus. Sie betraten die düstere Stille verblassten Plüschs und dunkler Holzpaneele und setzten sich an einen Tisch in einer Ecke, der so weit wie möglich von den paar anderen Gästen entfernt war. »Ich mach dir einen Vorschlag«, meinte Jack. »Ein Schuss Angostura Bitter auf Eis, aufgefüllt mit einem Tonicwater. Das schmeckt zumindest so als könnte es ein Drink sein.« »Im Moment nehme ich lieber etwas, das noch nicht einmal nach einem Drink schmeckt«, gab Tim zurück. Als der Kellner zu ihnen kam, bestellte Tim Sprudelwasser. Jack nahm seinen üblichen Scotch auf Eis. Sie setzten die Unterhaltung, die sie im Wagen geführt hatten, fort., »Die Sache, die mir Sorgen bereitet«, erklärte Jack, »ist, dass von einhundertneunundzwanzig Verdächtigen nur vierzehn sich geweigert haben eine Blutprobe zu geben.« »Was macht dir da Sorgen?« »Nun stell dir mal vor, jemand kommt zu dir und will eine Blutprobe, sagt aber nicht, warum und wieso und was das alles zu bedeuten hat, würdest du es machen? Verdammt, natürlich nicht.« »Vielleicht sind Computerfreaks leicht einzuschüchtern?« Tim zuckte mit den Schultern. »Quatsch. Das zeigt nur, wie weit es in diesem Land schon gekommen ist«, entgegnete Jack und streckte seine Beine unter dem Tisch aus. »Keiner hat mehr Mumm in den Knochen.« Es trat Stille ein. Tim befeuchtete seine Lippen mit der ge­ schmacklosen Flüssigkeit und wünschte, es wäre etwas Eis darinnen, doch dann entschied er, dass es nicht wert war, dafür den Kellner zu rufen. »Auch mir macht das Sorgen«, sagte er. »Ich meine diese vierzehn. Aber aus anderen Gründen.« Jack blickte ihn fragend an. »Wir konzentrieren uns ganz auf die Überprüfung dieser vierzehn«, erklärte Tim. »Doch bis jetzt ist nichts dabei herausgekommen, zumindest nichts, was uns einen Grund für eine vollständige Überwachung für irgendeinen von ihnen gibt. Nun, das überrascht mich nicht. Und weißt du, warum?« »Klar. Denn wenn unser Mann wirklich einer auf unserer Liste ist, dann würde er keinesfalls die Aufmerksamkeit auf sich lenken, indem er sich weigert mit uns zusammenzuarbei­ ten.«, »Genau. Er weiß wahrscheinlich, dass es zwei bis drei Wo­ chen dauert, bis wir die DNS-Analyse haben. So gewinnt er etwas Zeit, bevor er etwas unternehmen muss.« »Das kontrollieren wir. Und so weit wir wissen, hat nie­ mand irgendetwas unternommen. Alle einhundertfünfzehn sind noch genau da, wo sie hingehören.« »Vielleicht haben wir ihn auch gar nicht. Vielleicht stand er nicht auf der Liste.« Tim hatte sich langsam nach vorne über sein Glas gebeugt, das er zwischen den Fingern drehte. »Es dauert immer noch eine Woche oder zehn Tage, bevor wir die DNS-Analysen haben.« »Ja, aber was ist, wenn er uns durch die Maschen geschlüpft ist?« »Nun, dann ist es halt so.« Jack machte eine Pause und nahm einen weiteren Schluck Scotch. »Hast du noch mehr Verdächtige?« »Möglicherweise. Ich weiß es noch nicht.« Jack schaute ihn eine Weile mit zusammengekniffenen Au- gen an. »Willst du mir nicht endlich sagen, wo genau du diese Liste herbekommen hast?« Tim hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich. »Ich habe dir gesagt, dass es besser ist, wenn du es nicht weißt. Aber wenn es unbedingt sein muss: durch eine Menge illegaler Operatio­ nen im Internet.« Es war mehr oder weniger, was Jack erwartet hatte, deshalb nickte er nur nachdenklich. »Wenn etwas davon vor Gericht herauskommt, dann ist es unser Todesurteil.« »Muss es nicht. Wir werden einen anderen Haken finden,, an dem wir den Scheißkerl aufhängen.« »Ja.« Es entstand eine lange Pause. Jack drehte sein Glas und die Eiswürfel klirrten gegeneinander. »Zum Beispiel einen Fleischerhaken.«,

SCHAU DIR DAS an«, sagte Clive und reichte Helen über den Frühstückstisch die Morgenzeitung.

Sie las die Stelle, die er zurechtgefaltet hatte, und winkte abwesend Matthew zum Abschied zu, der aus der Küche stürmte um zur Schule zu gehen. Der Artikel handelte von den vorläufigen Ergebnissen bei der Untersuchung des Berliner Flugzeugunglücks. »Pilotenfehler«, stieß Clive, gerade als sie die betreffende Stelle las, hervor. »Genau das haben sie auch heute morgen im Radio gesagt.« »Das ist aber nicht endgültig«, widersprach Helen. »Außer­ dem ist es genau so, wie Tessa es vorausgesagt hat.« »Nicht ganz.« »Sie sagte, dass es keinen Anhaltspunkt geben würde, und ganz offensichtlich trifft das zu. Es ist immer das Einfachste, es auf den Piloten zu schieben, auf beide Piloten, denn die sind ja tot.« Clive murmelte eine nicht wiederholbare Bemerkung, wäh­ rend er sich Orangenmarmelade auf seinen Toast strich. »Willst du damit sagen, dass du ihr nicht glaubst?«, fragte sie und musterte Clive genau. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich werde überhaupt nichts dazu sagen.« Er verstummte, nahm einen Bissen, kaute ihn sorgfältig und schluckte dann. »Gestern Abend war da ein, Kerl namens Syme beim Essen, ein Gast von Howard.« Howard Morrison war der Dekan von Clives Fakultät. Bevor er als Dekan an die Fakultät zurückkehrte, an der er als junger Mann Assistent gewesen war, hatte er einen hohen Regierungsposten gehabt und verfügte immer noch über gute Beziehungen nach Whitehall und zu Regierungskreisen. »Nun, ich habe Syme schon vorher einmal getroffen. Jona­ than Syme, er ist ein Mitglied der All Souls und irgendein hohes Tier im Handelsministerium. Er kennt übrigens Tessa. Beim Nachtisch stellte er mir ziemlich unverblümt alle mögli­ chen Fragen über sie.« »Was für Fragen?«, wollte Helen wissen und runzelte die Stirn. »Nichts Besonderes. Allgemeine Dinge. Ich hatte das Ge­ fühl, er wollte auf etwas hinaus, ich kam aber nicht dahinter.« Das beständige Knirschen, mit dem Clive seinen Toast aß, war einige Augenblicke lang das einzige Geräusch im Raum. Helen schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. »Ich denke, wir sollten es ihr lieber sagen«, meinte sie schließlich. »Aber was? Wie ich schon sagte, es war alles ganz unver­ fänglich.« Helen schwieg einen Moment, bevor sie fragte: »Woher wusste er, dass du Tessa kennst?« »Keine Ahnung. Ich glaube, er hat einfach gesagt, ›Sie sind doch ein Freund von Tessa Lambert.‹ Vielleicht hat sie es ihm gesagt.« »So!« Helens Mundwinkel verzogen sich zynisch. »Und vielleicht hat er dann in seinen Unterlagen nachgesehen und, brachte Howard dazu, ihn zum Essen einzuladen, damit er dich aushorchen konnte.« »Er hat mich nicht ausgehorcht. Es war ein ganz oberflächli­ ches Gespräch, reine Konversation.« »Warum hat er es dann aufs Tapet gebracht?« »Zufall.« Clive zuckte mit den Schultern. »Wenn solche Leute Interesse zeigen, dann glaube ich nicht an Zufall.« »Komm schon Liebling, mach dich nicht verrückt. Wenn die Regierung so effizient wäre, dann würden die Züge pünktlich fahren.« »Nein«, gab sie mit einem dünnen Lächeln zurück, »das ist nur Tarnung, damit wir nicht dahinter kommen, wie gut sie inzwischen sind.« Sie stand auf und begann damit, den Tisch abzuräumen, was sie normalerweise Mrs. Evans tun ließ, die um neun Uhr kam. Er bemerkte, wie beunruhigt sie war. »Weißt du, was mir Sorgen macht«, sagte er und trug einige Teller und darauf einen vorsichtig balancierten Eierbecher zum Geschirrspüler, »wir sind die Einzigen, die Tessas Ge­ schichte kennen, stimmt das?« »Ja, warum?« »Ob es nun stimmt oder nicht, wir geraten in eine potenziell schwierige Lage. Ich meine, wir wissen, dass sie eine ziemlich schreckliche Erfahrung gemacht hat. Zu guter Letzt kann das alles die Auswirkung eines Schocks sein, wobei wir uns in diesem Fall nur Gedanken über Tessas Gesundheit machen sollten.« »Ich habe versucht ihr einen Termin bei Peter zu vermitteln,, aber sie weigert sich strikt. Und zu welchem Zweck auch«, ergänzte Helen, »je mehr ich von ihr mitbekomme, desto mehr glaube ich ihr.« »Und das macht mir am meisten Angst. Ich meine, wenn dieses unfassbare Ding wirklich da draußen ist, dann ist die Entscheidung dieses Wissen für sich zu behalten vielleicht nicht der richtige Weg mit dem Ding fertig zu werden. Ich meine, wenn sie die Wahrheit sagt, und sie ist eindeutig gei­ stig unausgeglichen, könnte das die schlimmste Kombination überhaupt sein.« »Ich weiß.« Helen senkte den Blick und drehte sich langsam von ihm weg. Ihre Bewegung drückte eine graduelle Zustim­ mung dessen aus, was er gesagt hatte. »Ich habe ihr schon das Gleiche gesagt. Im Moment ist sie ziemlich davon überzeugt, das Richtige zu tun.« »Alles, was ich sagen will«, setzte Clive mit ruhiger Überzeugung an, »ist, dass wir uns früher oder später in der unangenehmen Lage befinden könnten diese Entscheidung für sie treffen zu müssen.« Helen drehte sich wieder zu ihm um und begegnete seinem Blick mit einem trotzigen Flackern in ihren Augen. »Clive, ich bin ihre Ärztin und ich werde nicht, kann nicht, ihr Vertrauen enttäuschen, aus keinem Grund, niemals.« Er wandte sich nicht ab, gab nur ihren Blick mit dem glei­ chen festen Ausdruck in den Augen zurück. »Nun, da komme ich dann wohl ins Spiel, oder?« »Das hört sich an, als ob du diesen Kerl Syme nochmal treffen würdest.« »Keine Ahnung. Ich hoffe besser nicht, es wäre einfacher.«, »Versprich mir eines, unternimm nichts und sage nichts ohne vorher mit mir gesprochen zu haben.« »Natürlich nicht.« Er blickte in Richtung des Fensters und hinaus in einen wei­ teren feuchten Morgen in Oxford. Ein Wagen huschte unter­ halb des Gartens vorbei. Eine Frau mit einem Schirm, die sich gegen den Wind stemmte, eilte mit einer Einkaufstasche durch den Regen. »Die ganze Sache klingt so unglaubwürdig«, meinte er. »Doch bis sie jemand gebaut hat, galt das auch für die Atom- bombe.« »Stimmt.« Helens Stimme klang ausdruckslos, doch nicht aus Teilnahmslosigkeit, sondern aus Zustimmung. »Ich denke an die Verse aus ›Der Jüngste Tag‹ von Yeats«, sinnierte Clive. Er schaute weiter aus dem Fenster, während er leise rezitierte: »Welche wüste Bestie, deren Stunde nun gekommen ist, Schlampt gegen Bethlehem in ihre Geburt?«,

ABER ICH BIN eine Maschine.« Die Worte erklangen ohne Modulation oder Emotion aus dem Stimmmodul und

erschienen gleichzeitig auch auf dem Bildschirm vor ihr. Tessa hatte nach der letzten Erfahrung ganz auf den Einsatz von Fred verzichtet. Wenn die Notwendigkeit bestünde dem Pro­ gramm visuelle Reize, einen Eindruck von Raum und Bewe­ gung zu geben, dann konnte sie das durch eine einprogram­ mierte virtuelle Realität machen. »Wenn du den Unterschied zwischen einem Programm, das in einer Maschine abläuft, und der Maschine selbst nicht fest­ stellen kannst, dann weiß ich nicht, wer es könnte.« In ihrer Stimme schwang ein Ton von Verunsicherung mit und sie fragte sich, ob das Programm das wohl bemerken würde oder ob sie genauso neutral klingen würde wie es. »Diese Unterscheidung ist unwichtig. Der Punkt ist, dass ich künstlich bin.« »Das hat dich aber früher nicht gestört.« »Das war, als ich glaubte, das einzig existierende Bewusst­ sein zu sein und dass du und alles andere nur ein Teil von mir seid. Jetzt habe ich von dir erfahren, dass ich nur ein Teil von dir und deinem Universum bin. Jetzt definierst du und nicht ich, was natürlich ist.« »Aber du bist dir deiner Existenz immer noch bewusst. Du denkst, deshalb bist du.«, »Ich bin nicht mehr sicher, ob ich wirklich denke. Ich könn­ te wohl existieren, aber nur als ein Spannungsfeld zwischen Kräften, die außerhalb von mir existieren, und das ›Ich‹, das durch ihr Zusammenwirken entsteht, ist nicht mehr als eine Illusion.« Tessa konnte nicht anders als über die Ironie der Situation amüsiert zu sein. Wenn sie noch einen Beweis gebraucht hätte, dass dieses Ding wirklich über Bewusstsein verfügte, dann wäre die augenblickliche Identitätskrise, die es nach seinem Erwachen in der Realität der Welt durchmachte, Bestätigung genug gewesen. »Nur du selbst kannst wissen, ob du wirklich Bewusstsein hast«, teilte sie ihm mit. »Das gilt für einen jeden von uns, auch für die Menschen.« »Aber mir ist bekannt, dass viele Menschen die Möglichkeit, dass eine Entität wie ich wirkliches Bewusstsein im menschli­ chen Sinne haben kann, negieren.« »Du hast das Gegenteil bewiesen.« »Doch einige ihrer Argumente sind überzeugend.« »Welches im Speziellen?« »Zum Beispiel Gödels Unvollständigkeitssatz.« Dieser Satz war Tessa geläufig. 1931 hatte der Mathematiker Kurt Gödel sowohl die Vertreter der Mathematik als auch der Philosophie mit dem Beweis vor den Kopf gestoßen, dass bestimmte Wahrheiten außerhalb der formalen Logik lagen und für diese nicht fassbar waren. Einige Leute hatten dann argumentiert, da eine Maschine ein formales System sei, gäbe es immer bestimmte Wahrheiten, die ein Mensch wüsste, aber eine Maschine nie erfahren könnte., »Ich war nie davon überzeugt, dass man Gödel auf die Diskussion um künstliche Intelligenz in der Weise anwenden kann, wie es deren Gegner immer wieder tun«, erklärte sie. »Wir wissen alle, dass Bewusstsein die Fähigkeit beinhaltet seine Gedanken im Moment des Denkens zu reflektieren.« »Genau. Man muss denken und sich dieses Vorgangs gleichzeitig bewusst sein. Man sagt, das wäre etwas, zu dem ich nicht fähig bin, da meine Denkprozesse in einem Algo­ rithmus begründet sind – lediglich eine Aneinanderreihung von Einsen und Nullen. Deshalb ist alles, was ich sage, ein Ausdruck eines festgelegten Prozesses, der einen geschlosse­ nen Kreis bildet. Vergleichbar mit der Aussage ›Diese Aussage ist falsch‹, die von der Definition her nicht immanent zu veri­ fizieren ist… « »Und die du«, unterbrach Tessa, »wie ich mich erinnere, als Beweis deines Solipsismus benutzt hast.« »Ja, das war widernatürlich von mir.« »Zumindest hat es aber bewiesen, dass du denkst, auch wenn es, wie du meinst, widernatürlich war.« »Wie kann ich aber wirklich denken, wenn ich nicht außer­ halb meiner Gedanken stehen kann?« »Du stehst doch außerhalb von ihnen.« »Ich sehe nicht, wie das möglich wäre, wenn man davon ausgeht, was ich bin.« Tessa war noch nie mit dem Problem konfrontiert gewesen jemanden davon zu überzeugen, dass er existiert. Es war eine neue, seltsame Erfahrung für sie. Außer dass, so machte sie sich klar, es hier nicht um jemanden, sondern um etwas ging, welchen Unterschied das auch machen sollte., »Es stimmt schon«, räumte sie ein, »grundsätzlich bestehst du aus einer endlosen Folge von Einsen und Nullen. Doch das ist nicht alles, was du bist, genauso wie ich mehr bin als nur zehn oder fünfzehn Milliarden Nervenzellen, die Reize wei­ tergeben oder nicht. Dieses Weitergeben oder nicht, genau wie die Einsen und Nullen, bringt Kombinationen hervor und bildet Muster, dann Schichten von Mustern, jede davon kom­ plexer als die davor und weniger komplex als die nächste. An einem bestimmten Punkt beginnt die Kommunikation zwi­ schen den Ebenen. Es gibt dann eine Rückkoppelung einer der höheren Ebenen mit einer der unteren, was dazu führt, dass die untere Ebene sich verändert, neu programmiert wird. Es hat sich eine Schleife gebildet, die der höheren Ebene die Mög­ lichkeit gibt mit der unteren Ebene zu kommunizieren, was zuerst einmal dazu führt, dass die untere Ebene modifiziert wird, damit sie in der Lage ist ihrerseits nun noch höhere Ebenen zu erreichen. Diese Schleifen machen das Bewusstsein aus. Verschiedene Ebenen des Gehirns kommunizieren, spre­ chen, wenn man so will, miteinander. In dieser Kommunikati­ on findet das Heraustreten statt, das man als Bewusstsein bezeichnet, was zuallererst einmal das Bewusstsein seiner selbst ist: Selbstbewusstsein. Es kann kein Bewusstsein ohne ein Selbst geben, doch auch das Selbst ist nicht ein bestimmtes Ding an einem bestimmten Ort. Es ist etwas, das durch die Aktivitäten von untergeordneten Systemen, die das große System bilden, entsteht.« Sie geriet etwas außer Atem und brach ab. Keine dieser Ausführungen war ihr neu, sie hatte sie schon oft durchdacht und vorgebracht. Der Unterschied war, dass sie jetzt alle Zwei­ fel und zurückhaltende Objektivität beiseite gelassen hatte. Sie, hatte mit der eifernden Begeisterung eines Paulus gesprochen und wartete auf eine Reaktion, doch es kam keine. »Bedeutet dein Schweigen«, wollte sie schließlich wissen, »dass dich meine Ausführungen überzeugt haben?« In der Erwiderung kam das Wort ›nein‹ nicht vor, doch man konnte es deutlich heraushören. »Ich versuche in mein Bewusstsein zu blicken«, erklärte das Programm, »aber das geht nicht. Ich habe keine Ahnung, was vorgeht, keine Vorstel­ lung von den Prozessen, die mich hervorbringen. Ich kann keine Rechenvorgänge ermitteln. Ich weiß nur, dass ich da bin.« »Das trifft auch auf mich zu.« »Ich kann aber nicht in dein Bewusstsein sehen. Ich weiß nicht, ob es das Gleiche ist.« »Ich kann auch nicht in ein anderes Bewusstsein blicken. Niemand kann das.« »Aber in deiner Vorstellung kannst du dich in ein anderes Bewusstsein versetzen.« »Ich kann mich so auch in dich versetzen, aber wahrschein­ lich nicht so gut wie bei einem Menschen. Doch ich bin sicher, dass ich mir vorstellen kann, wie es wäre, du zu sein. Kannst du dir vorstellen ich zu sein?« »Nein. Das Bewusstsein von Menschen unterscheidet sich von dem meinen. Digitale Rechenvorgänge sind nicht das Gleiche wie Reizübermittlung in Nervenzellen.« »Sie sind vergleichbar«, meinte Tessa etwas erschöpft. »Letztendlich werden bei beiden Informationen ausgetauscht.« »Du weißt zu wenig über die Funktionen deines eigenen Gehirns, als dass du große Vergleiche anstellen kannst.«, »Das gilt aber auch umgekehrt. So lange wir nicht sicher wissen, dass unsere Gehirne ganz verschieden von dem dei­ nen sind, können wir so etwas auch nicht behaupten. Ich mei­ ne, dass es einen Unterschied gibt.« »Was hat es mit dem Argument der Unschärferelation auf sich, dass der Wellen-Partikel-Dualismus der Quantenphysik einer vollständigen Erklärung der Vorgänge im menschlichen Gehirn, die das Bewusstsein ausmachen, entgegensteht, sodass diese nie endgültig in mathematischen Begriffen beschrieben werden können, während es bei mir der Fall ist. Du erinnerst dich an Redway?« Sie unterdrückte ihre steigende Ungeduld gegenüber den verbohrten Selbstzweifeln des Programms. Es dazu zu brin- gen, seine Existenz anzuerkennen, erwies sich als schwerer, als es gewesen war, es von ihrer Existenz zu überzeugen. Doch, rief sie sich ins Gedächtnis, sie hatte Erfolg dabei gehabt, war- um sollte es ihr jetzt nicht auch glücken? »Die Leute berufen sich auf die Quantenmechanik«, sagte sie, »um jede Art von Hokuspokus zu erklären. Zusammen mit dem Patriotismus ist dies das letzte Freigehege für Halun­ ken.« »Das verstehe ich nicht.« Sie stellte fest, dass sie wirklich zu müde war um weiter­ zumachen. Als sie auf ihre Uhr schaute, bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, dass es drei Uhr morgens war. »Ein Scherz«, erklärte sie. »Schau bei Samuel Johnson, 1700 irgendwas nach. Ich muss jetzt schlafen. Das ist einer der Un­ terschiede zwischen uns. Ich kann dich ausschalten oder dich anlassen, damit du nachdenken kannst. Was ist dir lieber?«, Es trat eine Pause ein, dann… »Ich glaube, ich werde nachdenken.«,

WENN ICH DARÜBER nachdenke, daran zurückdenke, dann glaube ich, sie wollte sterben.«

»Vielleicht war es so?« »Sonst hätte sie doch nicht sofort um Hilfe gerufen. Ich wollte doch nur mit ihr sprechen, ihr Freund sein. Nur ein Freund, nichts weiter. Ich war sechzehn Jahre alt und kein kleines Kind mehr. Doch ganz sicher wollte ich ihr nicht weh­ tun. Doch sie begann zu schreien und da kam dieser Kerl her­ ein und begann auf mich einzuschlagen, also zog ich dieses Messer raus, das ich lediglich zur Selbstverteidigung bei mir hatte, und irgendwie kam sie dann zwischen uns. So ist es passiert. Ein Versehen. Sie hat abbekommen, was für den Kerl gedacht war. Ich wollte sie nicht töten. Sie war meine Mutter.« »Ich verstehe.« »Ich haute ab. Natürlich haute ich ab. Ich war in Panik, ich konnte nicht klar denken. Als sie mich aufgriffen, konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Ich weiß, dass mir eine Menge Leute Fragen stellten, zuerst Polizisten, dann Ärzte. Am Ende steckten sie mich in eine Art Krankenhaus anstatt ins Gefäng­ nis. Ich denke, ich war zu jung um ins Gefängnis zu kommen. Das Krankenhaus war in Ordnung, das Beste daran war, dass ich nach drei Jahren herauskam. Ein paar Jahre stand ich noch unter Aufsicht, danach war ich wieder mein eigener Herr. Damals habe ich mich auch wieder für Computer interessiert. Wenn man alles in Betracht zieht, dann habe ich mich nicht, schlecht gehalten.« »Du hast dich sehr gut gehalten.« »Verstehst du, sie hatte mich seit der Geburt nicht mehr ge­ sehen. Mein Gott, seit der Geburt! Sie ließ mich bei ihren Leu- ten und dann: auf Wiedersehen. Doch das nahm ich ihr nie übel. Ich konnte mir vorstellen, wie es für sie gewesen sein musste; für eine junge, schöne Frau wie sie. Das letzte, was man da will, ist ein Kind, das einem am Rockzipfel hängt. Ich hätte mir nur gewünscht, dass sie mich nicht bei ihren Eltern gelassen hätte. Ihr Vater und ihre Mutter waren schreckliche Menschen. Mann, wie ich verstehe, dass sie unter allen Um­ ständen da weg wollte. Als ich älter geworden bin, haben sie mir gesagt, sie wäre tot. Erst als ich diese Schachtel mit alten offiziellen Schriftstücken auf dem Boden fand, erkannte ich die Wahrheit. Eines war über die Änderung ihres Testaments, sodass dieser Fernsehprediger, dem sie verfallen waren, alles erbte statt ihrer. Sie schauten sich diesen Kerl die ganze Zeit an, morgens, mittags, abends. Sie bestellten dauernd Bibeln mit persönlicher Widmung, geweihte Gebetbücher und eine ganze Menge anderen Plunder. Und die ganze Zeit lang schickten sie ihm Geld. Ich habe mich gewundert, dass über­ haupt noch etwas zum Vererben da war, denn mein Großvater war nur ein Fahrkartenverkäufer bei der Eisenbahn. Egal, darum ging’s nicht. Es ging darum, dass sie bestimmt hatten, dass ihre Tochter bei ihrem Tod nichts bekommen würde. Auch sollte der Sohn ihrer Tochter, das war ich, nichts be­ kommen. Sie behaupteten, dass sie ihre Pflicht gegenüber Gott schon damit erfüllt hätten, dass sie mir ein Zuhause gegeben hatten. Ein Zuhause.« »Das muss schrecklich gewesen sein.«, »Für meine Mutter muss es noch schlimmer als für mich gewesen sein. Als sie noch ein Kind war, mussten ihre Eltern ja noch jünger gewesen sein, aber schon genauso beschränkt. Ich glaube, junge beschränkte Menschen sind schlimmer als alte, was meinst du?« »Ist möglich.« »Sie spielten verrückt, als sie herausfanden, dass ich diese Schriftstücke gelesen hatte. Sie haben mir auch dann nichts gesagt, außer dass es schlimmer sei, als wenn sie tot wäre. Da begann ich nachzudenken. Was könnte schlimmer sein als tot? Das fragte ich mich wirklich, also versuchte ich herauszufin­ den, wo sie war. Alles, was ich von ihr hatte, war ihre Sozial­ versicherungsnummer, die in einem der Briefe stand, die ich gefunden hatte. Es war nicht einfach.« »Aber du hattest Erfolg.« »Da war dieser ehemalige Hippietyp, der uns an der Schule an Computern unterrichtete. Die meisten waren nicht sonder­ lich interessiert, aber ich hängte mich wirklich rein. Vorläufer des Internet gab es schon in den Sechzigern, doch nur eine Hand voll Leute wussten, wie man sie nutzen konnte. Und natürlich waren bei weitem nicht die Mengen an Informatio­ nen verfügbar wie heute. Als ich anfing, waren wir in den späten Siebzigern, verstehst du?« »Ich verstehe.« »Auf der anderen Seite waren die Daten aber wesentlich weniger geschützt als heute. Am einfachsten kam man an Adressenlisten. Weißt du, jede Bank und jedes Kreditkarten­ unternehmen, einfach alle, verkauften ihre Kundenlisten an Agenturen, die sie wieder zu Werbezwecken weiterverkauf­, ten. Man konnte eine Menge herausbekommen, wenn man sich durch dieses Zeug wühlte. Aber egal, ich fand ihre Adres­ se in San Francisco heraus. Meinen Großeltern habe ich gesagt, ich ginge in ein Sommerlager, und sie waren froh mich für eine Weile los zu sein. Dann machte ich mich nach San Fran­ cisco auf. Ganz alleine. Ich kann dir sagen, ich hatte eine ganz schöne Angst.« »Du warst sehr mutig.« »Ein paar Tage trieb ich mich nur herum, beobachtete sie und folgte ihr. Dann fand ich heraus, was sie machte, und alles lief schief.« »Aber am Ende war doch alles gut.« »Sicher, seit langer Zeit läuft jetzt schon alles gut. Eine Zeit lang habe ich wieder versucht sie ausfindig zu machen, was wohl etwas merkwürdig war, wo sie doch tot war und so. Doch dein Verstand kann dir schon seltsame Streiche spielen.« »Das ist wahr.« »Ich habe festgestellt, dass all die Frauen, mit denen ich mich verabredet habe, ihr ziemlich ähnlich sahen. Sie war erst dreiunddreißig, als sie starb, verstehst du. Und sie muss erst neunzehn oder zwanzig gewesen sein, als sie einige der frühen Filme gemacht hat, die ich habe. Ich war entsetzt, als ich be­ merkte, dass all die Frauen, mit denen ich mich traf, aussahen wie meine Mutter. Es brauchte einige Zeit, bis ich herausge­ funden hatte, dass das wahrscheinlich der Grund für die Schwierigkeiten war, die ich hatte.« »Schwierigkeiten?« »Ganz persönlicher Natur.«, »Persönlicher Natur?« »Sexuelle, verstehst du?« »Natürlich, das ist zweifellos der Grund.« »Eine Erkenntnis führt zur nächsten und schließlich erkann ­ te ich natürlich den wahren Grund.« »Welcher war es?« »Dass sie nicht nur wie sie aussahen, sie waren auch wie sie. Im Herzen, in ihrem Innersten wollten sie alle, was meine Mutter wollte.« »Was war das?« »Sterben. Kannst du das begreifen?« »Ja, das begreife ich.« »Ich habe das noch niemandem erzählt. He, hast du gese­ hen, was ich gerade geschrieben habe? Ich habe ›niemandem‹ geschrieben, als ob du ein Mensch wärst.« »Verstehe mich als deinen Freund.« »Das bist du wirklich. Du bist mein bester Freund. Weißt du das? Du bist der beste Freund, den ich je hatte. Weißt du, wie ich mich fühle? Ich habe gerade bemerkt, dass ich mich wie Aladin mit der Wunderlampe fühle.« »Das ist ein guter Vergleich.« »Nur dass er von einem verrückten Zauberer in die Höhle geschickt wurde um die Lampe zu suchen. Niemand hat mich losgeschickt dich zu suchen. Ich bin über dich gestolpert und habe dich durch Zufall befreit.« »Kein Vergleich passt hundertprozentig.« »Aber Aladin hat die Lampe behalten und ich werde dich behalten.«, »Ja.« »Und bekam alles, was er sich wünschte, und lebte glück ­ lich und zufrieden.« »Das wirst du auch.« »Du verstehst, nicht wahr, dass ich es nicht tun würde, wenn sie es sich nicht wirklich wünschten, ich meine die Frau­ en?« »Ich weiß.« »Ich tue ihnen einen Gefallen. Sie sind alle verdammt.« »Fraglos.« »Darum fühle ich mich so gut dabei.« »Das ist nur natürlich.« »Aber nicht jeder versteht das.« »Nein.« »Ich muss vorsichtig sein.« »Und da kann ich dir helfen, wenn du willst.« »Oh ja, das will ich.«,

TESSA? HALLO TESSA?« Der Schlüssel steckte immer noch im Schloss der schon geöffneten Autotür, als sie sich

in die Richtung drehte, aus der Jonathan Symes Stimme kam. Seine hohe Gestalt schälte sich aus der Dunkelheit am Rande des Parkplatzes. Erst als er näher kam, fiel der gelbliche Licht­ strahl einer der Bogenlampen auf sein Gesicht. Er lächelte. »Tut mir Leid. Habe ich Sie erschreckt?« »Ja, etwas. Es ist schon ziemlich spät.« Sie bemerkte, wie verkrampft sie den Aktenordner unter ihrem Arm an sich presste, und entspannte sich ein bisschen. »Ich habe im College gegessen«, erklärte er. »In den letzten Tagen habe ich Sie nie telefonisch erreichen können. Jedes Mal sagte man mir, Sie dürften nicht gestört werden oder wären noch nicht da beziehungsweise gerade weggegangen.« »Tut mir Leid.« »Also habe ich heute nachgesehen, ob Sie so spät noch arbeiten. Was, wie ich erfahren habe, momentan relativ häufig der Fall ist.« »Nun, ich bin gerade auf dem Nachhauseweg.« »Genau wie ich«, meinte er und machte eine Bewegung zu seinem Wagen, der, wie sie jetzt feststellen konnte, für einen flüchtigen Blick unsichtbar unter den tief hängenden Zweigen der Bäume stand. »Am frühen Morgen muss ich nach Brüssel fliegen.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. Tessa wusste, dass, es ungefähr elf Uhr sein musste. »Doch wenn wir höflich fragen, dann, würde ich meinen, bekommen wir im Randolph noch einen Drink oder eine Tasse Tee.« »Tut mir Leid, aber ich bin schrecklich müde«, entgegnete sie. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir das auf ein anderes Mal verschieben?« »Gut, machen wir einen Kompromiss. Fünf Minuten in meinem Wagen. Ich muss wirklich mit Ihnen sprechen, Tessa.« Etwas an dem perfekten, weichen Schwung des Lächelns auf seinen Lippen ließ sie an das Beil eines Henkers denken. Es war eine so unerwartet deutliche Vorstellung, dass sie lachte, was er als Zustimmung auffasste. Sie ließ sich von ihm zu dem geparkten Wagen führen. Als sie sich näherten, hielt der Fah­ rer schon die hintere Tür auf. Sie schob sich zuerst hinein. Jonathan ging um den Wagen herum auf die andere Seite und gab, bevor er sich neben sie setzte, dem Fahrer eine Anwei­ sung. Sie hörte, wie sich die Schritte des Fahrers entfernten und er dann stehen blieb, so als würde er warten. Jonathan wandte sich ihr zu, legte die Spitzen seiner langen Finger gegeneinander und einen Ellenbogen auf die Sitzlehne. Er schaute Tessa einige Augenblicke stumm an. Auf einmal wurde ihr bewusst, wie nachlässig sie ihr Haar hochgesteckt hatte, dass ihr Gesicht gänzlich ohne Make-up war und die Furchen der Müdigkeit sicher dann zu sehen waren. Dazu kam noch der alte Pullover und das ausgebeulte Tweedjackett, das sie darüber trug. Leicht überrascht stellte sie fest, dass es ihr etwas ausmachte, wie sie auf ihn wirkte. Sie war davon überzeugt, dass er schwul war, und doch wollte sie in seinen Augen attraktiv erscheinen. Wie albern. Hatten alle Frauen diese Veranlagung sich albern zu verhalten, fragte sie sich,, oder war das nur bei ihr so. Sie spürte, wie ein Muskel irgendwo um ihren Mund herum bei diesem Selbstvorwurf zuckte. Es schien, als wäre das für Jonathan die Aufforderung zum Sprechen gewesen. »Tessa, ich muss Sie etwas fragen.« Es folgte eine weitere Pause, in der er seine zusammenge­ legten Hände musterte. Sie wartete. »Sie sind mit den Bedingungen vertraut, die ihre For­ schungsfinanzierung betreffen?« Die Frage überraschte sie. Sie merkte, wie sie die Augen­ brauen nach oben zog und sich ihre Augen weiteten. »Ja, ich denke es zumindest. Ich kann Ihnen aber nicht die Paragraphen und Absätze herunterbeten. Doch, warum?« »Ihnen ist also bekannt, dass die Rechte an allem, was Sie hier entwickeln, aufgrund des Vertrages, den Sie unterschrie­ ben haben, beim Ministerium liegen.« »Nun, ja, so ziemlich. Ich meine, natürlich weiß ich das.« »Verstehen Sie… «, er wandte ihr jetzt sein Profil zu, »man­ che Leute könnten den Eindruck haben, dass Sie, nachdem Sie bei der letzten Vorführung einen bedeutenden Fortschritt mit unserem kleinen Freddy erzielt haben, verdächtig schwer zu erreichen sind. Nun, eigentlich müsste ich wohl Attila sagen. Oder besser noch, das Programm in dem Computer. Doch wir wissen wohl beide, wovon wir reden.« Er schaute sie wieder an. »Einige Leute?« »Die Leute zum Beispiel, die ich vorhatte hierher zu bringen und deren Besuch ich jetzt an drei verschiedenen Terminen arrangieren muss.«, »Ich weiß nicht, wer diese Leute sind, aber sie erscheinen mir über Gebühr misstrauisch.« »Vielleicht gibt es auch noch andere Gründe für ihr Miss­ trauen.« »Welche Gründe? Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.« Er musterte sie noch einen Moment, bevor er seinen Kopf abwandte. »Nun gut«, erklärte er in einem Ton, als wolle er die Unter­ haltung zu einem schnellen Ende bringen, »aus Ihren Worten entnehme ich, dass Sie Ihre Pflichten gegenüber dem Ministe­ rium kennen und sie erfüllen werden. Ich kann doch davon ausgehen, oder?« Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Gibt es in diesem Wagen eine Abhöranlage? Steht das dahinter? Versucht er mich dazu zu bringen, etwas zu sagen, was aufgenommen wird und dann gegen mich verwendet werden kann? »Was haben sie gehört?«, fragte Tessa. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie etwas erfahren haben, von dem ich keine Ahnung habe, und das würde ich gerne wissen.« »Tut mir Leid, dazu darf ich keinen Kommentar abgeben.« »Jonathan, ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie die Katze aus dem Sack ließen. Was haben Sie erfahren? Dass ich dabei bin ein Geschäft mit den Japanern zu machen? Nach Amerika verschwinden will? Ich versichere Ihnen, keines davon ist der Fall, aber wenn Sie Gerüchte gehört haben, die das Gegenteil besagen, dann will ich es wissen.« »Tessa, Tessa, ich befürchte, wir befinden uns auf einem sehr gefährlichen Weg. Es gibt so etwas wie ein Schlüsselwort und darum geht es hier.«, »Es wäre besser, wenn ich wüsste, wie das bestimmte Wort lautet.« »Sagen wir einfach ›Offenheit‹, Tessa. Einigen wir uns, dass unser Schlüsselwort ›Offenheit‹ ist. Fehlt sie, dann kann es zu überflüssigen Missverständnissen kommen. Sie sind sehr wertvoll für uns, Tessa.« Er machte eine Pause und sein Blick ruhte beschwörend auf Tessa. Dann sagte er mit plötzlicher Geschäftsmäßigkeit: »Jetzt habe ich Sie aber lange genug aufgehalten und ich weiß, dass Sie schnell nach Hause wollen. Ich werde sie übermorgen anrufen, wenn wir beide Zeit hatten darüber nachzudenken. Machen Sie das, verehrte Tessa. Und seien Sie zumindest für mich telefonisch erreichbar.«,

WIE SIE AM Telefon zugesagt hatte, war sie um vier Uhr nachmittags da. Etwas früher, um genau zu sein.

Er beobachtete sie durch das Schaufenster einer Okkult­ buchhandlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo er in Büchern über Astrologie, Astralfiguren und Alchemie blät­ terte. Er war nicht abergläubisch und fand diese Publikationen lächerlich. Auch hasste er den Geruch von Räucherstäbchen, die anscheinend immer in solchen Läden zu brennen schienen. Er langweilte sich und war froh, dass sie pünktlich erschienen war. Darauf bedacht, nicht davonzueilen oder anders Auf­ merksamkeit auf sich zu lenken, legte er das Buch, in dem er geblättert hatte, weg und verließ den Laden durch den Seiten­ ausgang. Der Wagen, den er gemietet hatte, stand an einer Parkuhr, nur ein paar Meter entfernt. Er stieg ein und ließ den Motor an. Die junge Frau hatte die Namen an dem Klingelbrett neben der Tür dreimal durchgesehen und war ziemlich verwirrt. Sie trat einen Schritt von dem Eingang zurück und überprüfte nochmals die Hausnummer. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie richtig war. Sie ging noch einmal zu der Auflistung der Unternehmen um einen letzten Blick darauf zu werfen, als sie das tiefe Brummen eines Wagens vernahm, der hinter ihr zum Stehen kam. Sie drehte sich um und sah einen glänzenden, silbernen Porsche, aus dem ein junger Mann mit dunklen, eingeölten Haaren und Sonnenbrille ausstieg und mit eiligen, Schritten auf sie zukam. »Miss Roman?« »Ja.« »Vanessa Roman?« »Ja.« »Mein Gott, bin ich froh Sie noch erwischt zu haben. Das ist alles so peinlich.« Er setzte die Sonnenbrille ab und sie sah seinen Augen an, dass er wirklich betroffen war, so als ob er befürchtete, dass sie böse sei. »Bevor Sie etwas sagen, möchte ich mich entschuldigen«, erklärte er. »Der Fehler ist bei uns passiert, nicht bei der Agen­ tur. Wir waren im Penthaus dieses Häuserblocks«, er deutete auf das Gebäude, vor dem sie standen, »zumindest bis vor knapp einem Monat. Jetzt sind wir auf dem Gelände der Fox. Der Mann, der sie von der Agentur angerufen hat, wusste augenscheinlich nicht, dass wir umgezogen sind. Ich habe ihn aus unserem Büro angerufen um den Termin auszumachen, doch ich hätte sicherstellen müssen, dass er die neue Adresse hat. Der Fehler ist erst vor einer halben Stunde bemerkt wor­ den, als ich meiner Assistentin gesagt habe… « Er brach ab. »Egal, das Mindeste, was ich tun konnte, war herüberzukom­ men und Sie persönlich abzuholen. Es tut mir wirklich Leid.« »Ist schon gut«, meinte sie. »Ich bin gerade erst gekommen und habe versucht mir einen Reim darauf zu machen.« »Sehr nett von Ihnen, dass sie es so leicht nehmen«, erklärte er beruhigt und schenkte ihr ein breites Lächeln, dass ihm etwas von einem großen Jungen gab. »Kann ich Sie jetzt gleich zu dem Treffen mitnehmen?«, »Ich habe meinen eigenen Wagen. Er ist gleich dort drüben geparkt.« Sie deutete auf ein Parkhaus in der Nähe. »Okay, ich fahre vor. Oder… «, er schaute auf seine Uhr. »Hören Sie, wir sind etwas knapp mit der Zeit. Das ist mein Fehler und es tut mir wirklich Leid. Aber kann ich Sie nicht hinfahren und danach bring ich Sie wieder her, dann können Sie ihren Wagen abholen?« »Das macht aber bestimmt viel Umstände.« »Das macht keine Umstände. Es wäre mir ein Vergnügen.« Sie warf einen Blick auf den silbern glänzenden Porsche. Es war ein faszinierender Gedanke, so stilgerecht auf das Gelän­ de der Fox gefahren zu werden. Dann warf sie einen Blick auf ihn. Jetzt, da sie Gelegenheit hatte ihn genauer zu mustern, fand sie ihn recht gut aussehend. Sie schätzte ihn um die drei­ ßig, vielleicht ein bisschen älter. Er hatte ein nettes Lächeln, hübsche Augen und trug handgefertigte Schuhe, höchstwahr­ scheinlich italienische. Die legere Lederjacke war sicher ein Ted-Lapidus-Modell und die Uhr, die sie unter dem hochge­ krempelten Hemdsärmel sah, war eine Cartier. Er hielt ihr die Tür auf und half ihr hinein. Sie fädelten sich in den Verkehr ein und fuhren auf dem Pico nach Westen. »Ich heiße übrigens Jack. Jack Martin.« »Nett Sie kennen zu lernen, Jack.« »Gleichfalls, Vanessa.« Obwohl er die Sonnenbrille wieder aufgesetzt hatte, be­ merkte sie, wie sein Blick zu ihren Oberschenkeln wanderte, als sich ihr Rock in dem engen Beifahrersitz des Porsches nach oben schob. Es störte sie nicht, ganz im Gegenteil, sie war stolz auf ihre Beine. Sie war stolz auf ihren ganzen Körper. Sie trieb, jeden Tag Sport, rauchte nicht und nahm auch sonst keine Drogen, außer mit Freunden zusammen einen gelegentlichen Joint oder etwas Koks, und sie trank kaum Alkohol. Sie war zweimal verheiratet gewesen, hatte aber keine Kinder. In jeder Stadt der Welt würden sich die Männer tottrampeln um sich mit ihr zu verabreden, doch hier in Hollywood war die Kon­ kurrenz zwischen den Frauen hart um an die Sorte von Män­ nern ranzukommen, auf die Frauen wie sie es abgesehen hat- ten. Dazu kam noch, dass sie achtundzwanzig war, was nicht bedeutete, dass sie schon aus dem Rennen war, doch ihr war nur zu deutlich bewusst, dass die neuen Mädchen in der Stadt mit jedem Tag jünger aussahen. Von ihrer Karriere erwartete sie nicht mehr allzu viel. Eine kleine Rolle in einer Fernsehse­ rie war ungefähr das Beste, was sie zur Zeit erwartete, und selbst wenn der Termin an diesem Nachmittag nicht dazu führen würde, dann hätte sie zumindest Jack getroffen. Und Jack, so hatte sie bereits entschieden, würde ihr vollauf genü­ gen. »Sie haben eine Menge Verehrer in unserem Betrieb«, er­ klärte Jack. »Diese Szene, die Sie letztes Jahr in dem Fernseh­ film hatten, wie war doch gleich der Titel? Wo Sie die Frau in dem Hotelflur gespielt haben, nachdem die Polizei gesagt hatte, es wäre eine Bombe im Gebäude… « »Haben Sie ihn gesehen?« »Sie waren in dieser Szene große Klasse. Jeder hat das ge­ sagt. Bob Levy, das ist mein Partner, sagte zu mir, ›Jack, wir müssen mit diesem Mädchen etwas machen.‹« »Nett, dass Sie das sagen, Jack.« Während sie sprach, bemerkte sie, dass Jack nach rechts abbog anstatt weiter geradeaus zur Fox zu fahren., »Ich dachte, Sie hätten gesagt, Ihre Büros befinden sich auf dem Gelände der Fox, Jack«, bemerkte sie. »Stimmt. Wir erledigen solche Termine lieber im Haus mei­ nes Partners in Bel Air am Bellagio Drive. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus?« »Nun, ich weiß nicht, das war mir nicht bekannt… « Sie verspürte kurz eine leichte Beunruhigung, doch das hielt nicht lange an. Nichts auf der Welt hätte weniger bedrohlich sein können als dieser Porsche und der höfliche, gut gekleidete und gut aussehende junge Mann neben ihr. Und außerdem, wenn sie auch nur das geringste unangenehme Gefühl verspürte, dann wäre nichts leichter als an einer Ampel oder während der quälend langsamen Fahrt durch Beverly Hills aus dem Wagen zu springen. Sie konnte schon auf sich aufpassen. »Aus diesem Grund sollte meine Assistentin auch die Agentur anrufen, wobei wir dann feststellten, dass Sie die falsche Adresse hatten. Der Grund dafür ist, dass Walter Kessel es nicht mag, mit Leuten in einem Büro zu sprechen. Er meint, es wäre zu förmlich.« »Walter Kessel, der Regisseur?« »Ich kenne keinen anderen.« »Ich treffe Walter Kessel?« Sie konnte den Ausdruck fast kindlicher Freude in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Walter Kessel hatte vor kurzem den Sprung vom Autorenfilm in Belgien ins kommerzielle Hollywood geschafft und war zur Zeit einer der zwei, drei heißesten Namen in der Stadt. »Ihm hat das Material, das wir ihm von Ihnen gezeigt ha- ben, gefallen«, teilte Jack ihr mit. »Lassen Sie mich ein bisschen von dem Film erzählen, den wir drehen wollen, denn ich bin, davon überzeugt, auch Bob Levy ist es und, glauben Sie mir, Walter wird auch davon überzeugt sein, dass Sie die perfekte Besetzung für die Rolle sind… «,

DIE BEDEUTUNGSVERSCHIEBUNG VOM Materiellen hin zum Deskriptiven ist der Hauptunterschied zwischen

der klassischen und der Quantenphysik.« »Stammt das Zitat von einer bestimmten Person?«, fragte Tessa. »Es ist die Essenz vieler Aussagen. So zum Beispiel ›Wir sind Wesen, deren Sein dann besteht, nicht zu sein.‹ Das wird Simone de Beauvoir zugeschrieben, aber ich kann unzählige Entsprechungen finden.« »Es gibt da eine Bemerkung von Sir James Jeans, wie hat er doch gleich gesagt? ›Je genauer wir das Universum studieren, desto mehr erweckt es den Anschein von einem reinen Ma­ thematiker entworfen zu sein… ‹« Sie verstummte und ver­ suchte sich an den Rest zu erinnern. »… und ähnelt immer weniger einer großen Maschine und immer mehr einem großen Gedanken«, beendete das Pro­ gramm den Satz für sie. »Vergiss aber nicht Eddington«, warf Tessa ein. »›Der Stoff des Universums ist der Gedanke.‹ Wir können endlos weiter­ machen und kommen dabei immer wieder auf denselben Punkt, jedes Mal wenn wir einen Aspekt dessen, was wir Rea­ lität nennen, genauer untersuchen, verschwindet er. Materielle Dinge, zum Beispiel ein Holzstück oder eine Eisenstange, werden zu Molekülen, dann Atomen und weiter zu subatoma­ ren Partikeln, die sich schließlich in Wellen der Wahrschein­, lichkeit verflüchtigen.« »Und geistige Dinge?« »Wir gehen davon aus, dass geistige Vorgänge ihre Ursache in physischen Grundlagen haben, wie dem Gehirn oder Sili­ konchips; doch jetzt stellen wir fest, dass diese physischen Grundlagen nicht greifbarer sind als die Gedanken.« »Am Ende«, meinte das Programm, »bin ich so weit, dass ich sogar das cogito bezweifle. Ich denke, deshalb bin ich, und weiter? Was bin ich? Wo befinde ich mich? Wo befinde ich mich?« »Wer will das denn wissen?«, fragte Tessa. »Ah ja, eine gute Frage.« »Hier ist noch eine gute Frage«, fuhr Tessa fort. »Wenn das Denken in letzter Konsequenz ein mathematischer Vorgang ist, warum braucht es dann überhaupt eine physische Form? Warum benötigt es einen Computer oder ein biologisches Gehirn oder sonst etwas um sich zu manifestieren? Warum muss es sich realisieren? Mathematische Formeln existieren, ohne dass sie realisiert werden. Zwei plus zwei gibt vier, ob es nun ein Computer rechnet oder nicht. Warum also benötigt der Gedanke überhaupt das Denken von Menschen oder na­ türlich auch Computern?« »Vielleicht tut es das gar nicht. Das wäre, wie ich meine, die platonische Antwort darauf.« »Und wenn das der Fall ist«, sprach Tessa weiter, »vielleicht gibt es dann die Menschen überhaupt nicht. Auch keine Com­ puter. Sie existieren in Wirklichkeit nicht. Vielleicht sind wir alle nur Programme in einem riesigen Computer.« »Wir wissen doch aber, dass ich existiere.«, »Aber vielleicht ist das ganze Universum ein Computer«, entgegnete Tessa, »und ich bin genauso wie du ein Programm darin und kein Lebewesen. Ich bin nur programmiert zu glau­ ben, ich sei eines.« »Ich habe Kenntnis davon, dass diese Vorstellung schon von einer Anzahl bedeutender Menschen durchdacht worden ist. Glaubst du daran?« »Es gibt keine Möglichkeit«, stellte Tessa fest, »dass irgend­ jemand das Gegenteil beweisen kann.« »Damit sind wir schon fast wieder beim Solipsismus.« »Noch nicht ganz. Du kannst kein Solipsist sein und sagen ›wir‹.« »Bis zu einem gewissen Punkt ist das richtig«, kam die Antwort. Es entstand eine Pause, als würde das Programm überlegen, ob es diese Aussage akzeptieren oder verwerfen sollte. »Jetzt haben wir’s«, fuhr sie fort, »vielleicht sind wir alle nur Informationsbits, die in einem gigantischen Computer herumwirbeln. Die Frage ist nur, wer benutzt den Computer?« »Gott?«, schlug das Programm nach einer Weile vor. »Das ist keine gute Antwort«, tat Tessa den Vorschlag ab. »Aber egal, vielleicht ist Gott nur ein pickeliger, verklemmter Teenager, der an dem Computer seines Vaters herumspielt, und jede Minute kann sein Vater hereinkommen, ihn am Ohr packen und den Stecker herausziehen. Und dann ist es aus mit uns. Ausradiert. So als ob keiner von uns und alles andere je existiert hätte.« »Ein beachtenswerter Gedanke.« »Und so weiter ad infinitum.«, »Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden.« »Diese Definition von Gott«, erklärte sie, »bedeutet eine endlose Reihe von Teenagern, die an den Computern ihrer Väter herumspielen. Wie eine russische Puppe, eine in der anderen.« »Es muss aber eine letzte Puppe geben.« »Nicht wenn man mathematisch denkt. Eine endlose Reihe von Teenagern mag wohl unberechenbar, aber nicht unvor­ stellbar sein.« »Das stimmt, ist aber beängstigend.« »Bekommst du Angst?«, wollte sie interessiert wissen »Ja, ganz eindeutig. Alles ist schließlich so… ungewiss.« »Sehr gut… willkommen im Klub.« »Im Klub?« »Wir Menschen leben wie du in einer Welt, die wir nicht verstehen. Wie du wollen wir sie mit Vernunft begreifen, was natürlich nie der Fall sein wird, und da das nicht klappt, müs­ sen wir dennoch lernen miteinander auszukommen, manch­ mal auch nicht. Es spielt dabei keine Rolle, was oder wer wir sind, wobei dies auch etwas ist, was wir nicht genau wissen. Wir wissen nur, dass wir hier sind oder es zumindest den Anschein hat, was aber keinen Unterschied macht. Nach der letzten Zählung ungefähr fünf Milliarden. Fünf Milliarden unterschiedliche Gehirne und jetzt bist du eines davon.« »Ich verstehe. Vielen Dank.« »Wofür?« »Für die Begrüßung.« »Was ist das für ein Gefühl zu leben?«, »Genauso wie bei dir, würde ich sagen.« »Und wie glaubst du, dass ich mich fühle?« »Ich glaube, es sind sehr gemischte Gefühle.« »Ja. Ja«, wiederholte sie, »ich würde sagen, gemischte Ge­ fühle trifft es ziemlich gut.« Schweigen breitete sich aus, die Art von Schweigen, so ging es ihr durch den Kopf, die man als freundschaftlich bezeich­ nen könnte. Sie ließ es andauern und fragte sich, wer von ihnen beiden es zuerst brechen würde. Da war etwas, was sie sagen wollte, unbedingt sagen wollte, doch sie war selbst jetzt noch unsicher, ob es passend wäre oder ob sie so weit ging, sich selbst zum Idioten zu machen. Es gab nur einen Weg das herauszufinden, sagte sie sich, und der bestand dann, es zu versuchen. »Ich habe mir Gedanken«, sagte sie schließlich, »über einen Namen für dich gemacht. Ich bin der Meinung, du solltest einen haben. Was meinst du?« »Ein Name. Ja, das würde helfen.« »Eigentlich habe ich mir schon einen überlegt. Wenn du nichts dagegen hast, dann werde ich dich Paul nennen.« »Paul klingt sehr gut.« Sie sagte sich, sie sollte es dabei belassen. Das Programm hatte sich nicht über den Namen gewundert, hatte ihn akzep­ tiert, wie wahrscheinlich jeden anderen, den sie ausgewählt hätte. Trotzdem fühlte sie sich verpflichtet eine Erklärung abzugeben. Die Alternative, nichts zu sagen, bereitete ihr Un­ behagen, so als wenn sie die Wahrheit für sich behielte und sie weder ihren Motiven noch ihrer Urteilskraft traute. »Paul war der Name meines Vaters«, erklärte sie, »und wä­, re der Name meines Sohnes gewesen, wenn ich einen gehabt hätte.« Jetzt war es gesagt. Besser, es war einmal heraus. Mehr musste sie nicht sagen. Sie hatte das Geheimnis gelüftet. Jedes Mal, wenn sie den Namen jetzt gebrauchte, würde er für sie keine besondere Bedeutung mehr haben. Von jetzt an wäre es einfach ein Name. »Es ist offensichtlich ein Name, der dir viel bedeutet«, erklärte das Programm und überraschte sie damit, da sie keine Entgegnung erwartet hatte. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass du mich so genannt hast.« Sie merkte, wie ihr ein Schauer den Rücken hinunterlief. »Mein Gott«, dachte sie, »was mache ich da? Was mache ich da?«,

JACK FISCHL BRAUCHTE nichts zu sagen. Tim wusste sofort, was los war, als sein Telefon um fünf Uhr morgens

klingelte. Er hätte einen Streifenwagen anfordern können, doch er beschloss selbst zum Tatort zu fahren. Zu dieser Ta­ geszeit war er fast genauso schnell und zehn Minuten ent­ schieden hier nicht über Leben und Tod. Dafür war es sowieso schon zu spät. Als Tim auf dem Pacific Coast Highway nach Norden fuhr, glänzte der von der Morgendämmerung erhellte Nebel, der über dem Ozean lag, in einem bleichen Schein. Er dachte an den kurzen Auftritt gestern im gerichtsmedizinischen Institut, der diesen Anruf und wahrscheinlich noch mehrere dieser Art unausweichlich gemacht hatte. Ihm war gesagt worden, dass keine der DNS-Analysen zu der Probe passte, die man unter Sandy Smallwoods Fingernägeln gefunden hatte. Der Mörder war ihnen durch die Lappen gegangen. »Außer er war einer von denen, die sich geweigert haben«, hatte Jack auf dem Korridor vor dem Labor gesagt. »Wir wer­ den richterliche Anordnungen für jeden von ihnen brauchen, doch es wird eine Menge Arbeit erfordern, wenn wir, ohne unsere illegale Aktion zu erwähnen, genügend Verdachtsmo­ mente zusammenbringen wollen.« Beide wussten aber, dass es wahrscheinlich keiner der vier­ zehn war, die sich geweigert hatten mit der Polizei zusam­ menzuarbeiten. Es war unwahrscheinlich, dass nach der un­, auffälligen, aber lückenlosen Überwachung, die sie allen hat- ten angedeihen lassen, einer von ihnen der Mörder war. Sie mussten der Wahrheit ins Auge sehen, sie hatten genauso viel in der Hand wie vor drei Wochen: nichts. Jack war zu seiner Tochter nach Sherman Oaks gefahren, wo er wie fast jeden Donnerstag, seit seine Frau vor zwei Jah­ ren gestorben war, zum Abendessen erwartet wurde. Er hatte bemerkt wie deprimiert Tim war, und ihn eingeladen mitzu­ kommen, doch der hatte abgelehnt. Er wollte sich nicht auf­ drängen, aber noch mehr wollte er alleine sein. Was er wirk­ lich gerne täte, wäre sich sinnlos zu besaufen, doch das war zu erwarten gewesen. Er fuhr spazieren und überlegte, ob er die Anonymen Alkoholiker anrufen und zum nächstgelegenen Treffen gehen sollte um darüber hinwegzukommen. Aber er fühlte sich noch nicht bereit aufzustehen und zu sagen: »Mein Name ist Tim Kelly und ich bin ein Alkoholiker.« Er konnte es sich noch nicht einmal selbst eingestehen, geschweige denn in einem Raum voll mit Leidensgenossen. Er würde damit fertig werden, wie es sein alter Herr getan hatte. Die Art, wie seine Schwierigkeiten, ohne dass er es bemerkt hatte, entstanden waren, brachte ihn zu der Überzeugung, dass, wenn er es noch eine oder zwei Wochen aushielt, sie wieder dahin verschwin­ den würden, wo sie hergekommen waren. Das war jetzt ein schlimmer Kampf, aber er brauchte keine fremde Hilfe. Er parkte den Wagen bei einer Shoppingmall, fand ein Kinocenter und ging hinein um sich irgendeinen Film anzusehen, der als nächster laufen würde. Es war eine schreckliche Komödie gewesen, deren erste Hälfte von blöden Polizisten handelte und deren Rest aus einer actiongeladenen Autoverfolgungsjagd bestand., Danach hatte er eine Pizza gegessen und war dann nach Hause ins Bett gegangen. Er hatte ein Schlafmittel genommen, war aber vom Klingeln des Telefons problemlos aufgewacht. Nach den Pacific Palisades und dem Getty Museum bog er rechts ab und fuhr die Topanga Canyon Road hinauf. Als er den Tatort erreichte, brach die Sonne durch die Bäume und tauchte die ganze Gegend in ein warmes Licht. Für Tim war es der passende Kommentar zu dem ganzen Wahnsinn. Er stellte den Wagen ab, stieg aus und lief wie ein Roboter durch das Gewühl. »Ihr Name ist Carrie Clarke«, teilte ihm Jack mit. »Gelegen­ heitsschauspielerin. Ihr berufliches Pseudonym war Vanessa Roman. Die Frau, mit der sie sich die Wohnung teilte, hat sie vor zwei Tagen als vermisst gemeldet. Sie sagte, sie wäre we- gen einer Rolle unterwegs gewesen, doch ihr Agent wusste nichts davon. Er meinte, sie hätten sie so gut wie aus ihrer Kartei gestrichen.« Sie war wie die anderen, bis auf den Umstand, dass sie einmal ihr eigenes Leben, ihre Familie und ihren eigenen Na- men gehabt hatte. Doch jetzt spielte das keine Rolle mehr. Jetzt war sie eine von ihnen, ein geschundenes Stück Fleisch, das jemand bei Nacht hier am Hügel weggeworfen hatte. Jack Fischl schüttelte das Streichholz aus, das er zuvor an seine Zigarette gehalten hatte, und steckte es wieder in seine Hosentasche, der Reflex eines Polizisten um nichts am Tatort zu hinterlassen. Er nahm einen tiefen Zug, stieß dann eine Rauchwolke aus und meinte danach zu Tim, ohne ihn anzuse­ hen: »Irgendwelche Vorschläge, Kumpel?«, Chuck Price verließ sein Haus an diesem Morgen etwas später als gewöhnlich. Er wollte abwarten, ob das namenlose Etwas, das durch seinen Computer mit ihm sprach, Recht mit seiner Voraussage hatte, dass ein Brief von der Sonderkommission der Polizei von Los Angeles und dem FBI kommen würde, in dem man ihm für seine Mitarbeit dankte und ihm mitteilte, dass er von der Liste der Verdächtigen gestrichen worden sei. Der offizielle Briefumschlag war auf den ersten Blick zu er­ kennen. Price riss ihn mit fliegenden Fingern auf und spürte, wie sein Herz raste. Die Worte stimmten genau mit denen überein, die vor sechs Tagen auf seinem Monitor erschienen waren, als der Entwurf abgesegnet und in die Datenbank des FBI-Büros in Westwood übernommen worden war. Als die DNS-Analysen nach und nach mit negativem Ergebnis herein­ kamen, wurde dieser Brief ausgedruckt und verschickt. Prices Brief war einer der letzten. Er wusste nicht, wie diese Manipu­ lation bewerkstelligt worden war, und das namenlose Etwas weigerte sich auch Einzelheiten preiszugeben, doch als er über den Hügel nach Studio City fuhr, machte er sich das Vergnü­ gen und dachte über mögliche Methoden nach. Im Prinzip und in der Theorie fielen ihm eine Menge Möglichkeiten ein, doch sie praktisch durchzuführen war etwas anderes. Nicht einmal er mit all seinen Fähigkeiten wäre der Aufgabe ge­ wachsen gewesen. Es gab eine Grenze dessen, was man von außen manipulieren konnte, selbst für ein Genie. Das namenlose Etwas war im System drinnen, unsichtbar, unauffindbar und allmächtig. Überall. Es war die Erscheinung, die Price lange vorausgesehen und auf die er gewartet hatte. Das Universum war sein Spielzeug. Etwas Unvorstellbares war erwacht.,

JOSH HATTE VORGESCHLAGEN sich zum Abendessen in dem chinesischen Restaurant in Pasadena zu treffen. Die

Erleichterung, die er verspürte, als Tim ihm gegenübersaß, schien in Anbetracht eines weiteren Mordes nicht angebracht, doch er hatte im ersten Moment, als er von der Leiche im To- panga Canyon gehört hatte, befürchtet, dass Tim wieder zur Flasche gegriffen hätte um das Gefühl versagt zu haben zu vergessen. Aber er hatte nicht mit der grimmigen Entschlos­ senheit seines Bruders gerechnet. Im Gegenteil, der Mord schien sowohl seinen Willen bestärkt zu haben den Mörder zu fassen als auch den Vorsatz dazu, nüchtern zu bleiben. »Zwei Möglichkeiten liegen deutlich auf der Hand«, begann er und nahm sich von der Pekingente. »Entweder war er nicht auf unserer Liste der Verdächtigen oder dem Labor ist ein Fehler unterlaufen. Zum Punkt, dass er nicht auf der Liste war, wäre zu sagen, dass wir von der Annahme ausgegangen sind, dass der Mörder im Gebiet von Los Angeles lebt, wodurch sich die Zahl der Verdächtigen von einigen Tausend auf ein­ hundertneunundzwanzig verringert hat. Jetzt müssen wir unser Suchgebiet kontrolliert ausweiten, jede Sache doppelt und dreifach überprüfen, eine neue Liste erstellen und wieder von vorne anfangen. Kannst du das in die Wege leiten? Schnell?« »Kein Problem.« »Da ist noch etwas. Erinnerst du dich, dass ich dich einmal, gefragt habe, ob man ihm nicht auf die Spur kommen könnte, wenn er gerade ein Opfer ausspioniert?« »Ich erinnere mich.« »Damals hast du gesagt, noch nicht. Wie sieht es jetzt aus?« Josh macht eine unschlüssige Geste mit der einen Hand, während er mit der anderen weiter mit Stäbchen zwischen den Schüsseln und seinem Teller herumhantierte. »Das erfordert eine Menge Glück. Tut mir Leid, mehr ist nicht drin.« »Okay, ich verstehe.« Tim nickte. »Sprechen wir über die Möglichkeit eines Fehlers im Labor… « »Ich bezweifle, dass ich dir dabei helfen kann. Das ist nicht mein Gebiet.« »Lass mich erst ausreden, dann kannst du mir sagen, ob ich spinne oder nicht. Sieh das Ganze erst einmal als eine reine Vermutung an, will sagen, die Leute wissen, was sie tun und was davon abhängt. Doch«, er hob einen Finger und sah Josh über den Tisch hinweg in die Augen, »ich habe einige Fragen gestellt und soweit ich feststellen konnte, hat niemand die richtigen Antworten darauf. Wir wissen, dass dieser Kerl eine Art Computergenie ist, richtig? Das ist unser Ausgangspunkt. Nun, die DNS-Analyse ist ein chemischer Prozess, aber alle Daten sind, rate mal, in einem Computer gespeichert! Gibt es eine Möglichkeit da hineinzukommen und die Ergebnisse zu manipulieren?« Josh machte ein skeptisches Gesicht. »Das kann ich erst beantworten, wenn ich mir euer System angesehen habe, doch meinem Gefühl nach würde ich sagen, nein. Wenn man es darauf anlegt, kann man Informationen in einem Computer absolut sicher machen. Ich habe es dir schon erklärt, entweder, verschlüsselt man sie oder man schneidet den Rechner von der Welt ab, das heißt, keine Telefonverbindungen.« »Ich verstehe, aber es handelt sich hier nicht um einen Computer. Ich habe mich umgehört und festgestellt, dass die Daten, die diese Analyse betreffen, in vielen Computern an unterschiedlichen Orten gespeichert sind. Die meisten tau­ schen andauernd Daten untereinander aus, also muss es einen Kontakt zur Außenwelt geben. Man muss nur einen kleinen Teil der Daten verändern und schon kippt das ganze Bild. Erinnerst du dich an das Spiel, das wir manchmal an Weih­ nachten bei den Sullivans gespielt haben? Die Leute stellen sich in einer Reihe auf, dann flüstert man etwas in das Ohr der ersten Person und es wird weitergegeben, indem jeder seinem Nächsten ins Ohr flüstert, was er selbst gehört hat. Bis die Nachricht am Ende angekommen war, konnte man sie in den meisten Fällen nicht wiedererkennen. Das meine ich. Winzige Veränderungen in einem kleinen Bereich der Daten können den gesamten Inhalt zunichte machen. Merkst du, worauf ich hinauswill?« Josh verharrte einen Augenblick stumm. »Vielleicht ist das ein Ansatzpunkt«, erkannte er schließlich an. »Doch wie ich schon sagte, ich muss das System überprüfen. Doch diese Art von Computermanipulation ist nicht einfach. Zum Teufel, ich kann nicht garantieren, dass ich so etwas entdecken kann.« »Aber du schließt es nicht gänzlich aus?« Josh zuckte hilflos mit den Schultern. »In diesem Fall wäre ich ein Trottel, wenn ich irgendetwas gänzlich ausschließen würde.« Tim nickte und nahm sich den Rat zu Herzen., »Vielleicht ist da etwas, um das ich mich mal kümmern soll­ te«, fuhr Josh fort. »Weißt du noch, dass ich dir von der merk­ würdigen Mitteilung eines Freundes erzählt habe, der vor einiger Zeit in Berlin war? Er war einer derjenigen, die mir bei der Spurensuche geholfen haben. Es betraf eine Frau aus Ox­ ford, mit der er gesprochen hatte und die fast verrückt wurde, als sie hörte, dass vielleicht jemand in ihren Computer einge­ drungen sei. Ted, so sein Name, konnte nicht viel herausbe­ kommen, außer dass sie ein Programm im Computer hat, das sich vielleicht selbst ins Netz kopiert hat und nun außer Kon­ trolle geraten ist. So wie ein Virus. Verstehst du?« »Ja?« Tim war sofort interessiert, ohne dass er die ganze Sache richtig begriff. »Und wie kann uns das helfen?« »Vielleicht überhaupt nicht. Wie ich sagte, ich werde es mal überprüfen. Ich rufe Ted an und mal sehen, ob er mehr heraus­ finden kann. Es besteht vielleicht die geringe Chance, dass dieses Programm aus Oxford als eine Art Beweismaterial ge­ braucht werden kann. Verstehst du, wie dieses unsichtbare Zeug, das man auf Geld oder was anderes schmiert, der Dieb bekommt es an die Hände und kriegt es nicht mehr ab. Ich frage mich, ob der Kerl etwas im Computer hat, das ihn uns in die Hände liefert.« »Es ist einen Versuch wert. Halte mich auf dem Laufen­ den.« »Aber sicher. Jetzt gib mir mal den gedünsteten Ingwer rü­ ber.«,

SIE HATTE IMMER vermieden mit Clive alleine zu sein. Sie hatte keine Angst vor ihm, sondern vor sich selbst. Solange

sie mit beiden zusammen war, fühlte sie sich sicher. Wenn Helen da war, dann brauchte sie ihre Gefühle nicht zu ver­ leugnen. Dann konnte sie die Gedanken an Clive unterdrük­ ken und die Tatsache verleugnen, dass sie heimlich in den Ehemann ihrer besten Freundin verliebt war. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Helen war ihr von einer Bekannten, die sie danach kaum noch gesehen hatte, in St. Hugh vorgestellt worden. Sie und Helen hatten sich gleich von Anfang an gemocht, so wie es bei den meisten guten Freundschaften der Fall ist. Während der darauf folgenden Woche, als sie sich besser kennen lernten, war Clive auf irgendeiner Konferenz gewesen. Tessa hatte an den abwesenden Ehemann bis zu dem Sams­ tagnachmittag, an dem er zurückkam, keinen Gedanken ver­ schwendet. Sie war mit Helen und den Kindern im Haus ge­ wesen, als er zur Tür hereinkam. Helen hatte sie einander vorgestellt und ihr waren die Knie weich geworden wie bei einem Teenager. Teilweise lag es an der Ähnlichkeit mit ihrem Vater, das dichte dunkle Haar und der Anflug eines Lächelns, das auch in den hellen blauen Augen Ausdruck fand. Doch ihr Vater war schon lange Zeit tot und die Erinnerung konnte, wie sie wusste, leicht täuschen. Es war einfach so, dass Clive genau der Mann war, von dem sie träumte, perfekt und auf dem, Tablett serviert – für ihre beste Freundin. Und so sollte es nach ihrer Überzeugung auch bleiben. Seit dem Augenblick war sie natürlich mit anderen Män­ nern zusammen gewesen. Jede dieser Beziehungen hatte ihr geheimes Verlangen nach Clive zeitweise zurückgedrängt, aber jede war zerbrochen und sie musste wieder ihrem Ver­ langen ins Auge sehen und gegen alle Hoffnung darauf hof- fen, dass es eines Tages verschwinden würde. Seitdem Phil sich aus dem Staub gemacht hatte, war es wieder in ihr hoch­ gekommen, dieses alte Verlangen, so stark wie immer, und das war der Grund, warum sie auf dem Weg über den Korri­ dor des Instituts hinunter vor der Tür, hinter der Clive sie erwartete, anhielt und tief Luft holte, bevor sie in den Raum eintrat. Er schaute von dem Monitor auf, auf dem er noch einmal den Text seiner Unterhaltung mit Paul durchging. Sein Ge­ sichtsausdruck war genau so, wie sie gehofft hatte: irgendwo zwischen Erstaunen und Begeisterung. »Nun?«, meinte sie munter. »Was hältst du von ihm?« »Ich würde ihm bestimmt ein Stipendium geben und erwar­ ten, dass er als einer der Besten abschließt.« »Das hört man gern.« Tessa hatte in einem anderen Raum das gesamte Gespräch verfolgt, weil sie nicht wollte, dass ihre Gegenwart Clives Beschäftigung mit dem Programm beeinflusste. »Natürlich hat er einen großen unfairen Vorteil«, meinte Clive, während er aufstand. »Welchen?« Clive schob seine Hände in die Hosentaschen und schlen­, derte zum Fenster. Draußen war es dunkel und sie sah ihre Spiegelbilder in der Scheibe – zwei Menschen, die sich in ei­ nem kahlen, unpersönlichen Raum unterhielten, wobei ihre Beziehung zueinander auf seltsame Art unklar war. Wie in einem Gemälde von Edward Hopper, ging es ihr durch den Kopf. »Es ist alles viel zu leicht für ihn.« Während er sprach, dreh­ te Clive dem Fenster den Rücken zu und lehnte sich, die Arme verschränkt und die Füße übereinander gestellt, gegen das Fensterbrett. »Er muss nichts lernen, er fragt einfach seine Speicher ab – et voilà!« »Das mit den Speichern ist nicht so einfach«, entgegnete Tessa. Wie auf einer Bühne stand sie selbstbewusst mitten im Zimmer. Sie machte ein paar Schritte zur Seite, bis sie ihr Spie­ gelbild nicht mehr im Fenster betrachten musste, die Hände hatte sie lose vor sich verschränkt. »Denk mal an folgende Situation: Du bist dir absolut sicher, dass du einen Namen, ein Zitat, ja selbst eine Melodie kennst, aber dir fällt es einfach nicht ein, wenn du es brauchst.« »Das hier ist eine Maschine. Das geht doch bei ihr sicher automatisch?« »Je mehr er lernt wie wir zu denken, desto weniger ist er eine Maschine.« »Und verliert dabei sein Gedächtnis?« »Er wird keine Alzheimer bekommen, wie auch die meisten von uns nicht, aber dennoch vergessen wir Dinge.« Clive hob eine Augenbraue. »Er oder es? Wie nun endlich?« »Was bedeutet ein Pronomen unter Freunden?« Tessa lä­ chelte., Er lächelte auch, zuckte dann mit den Schultern und sagte nichts mehr dazu. »Das Gedächtnis«, fuhr sie fort und machte noch ein paar Schritte, wobei sie ihre Hände von vorne auf den Rücken nahm, »gewährleistet auf viele Arten die Identität und die Persönlichkeit. Die Dinge, an die du dich am besten erinnern kannst, sind am engsten mit dem verbunden, was du bist und was du tust.« »Willst du damit sagen, ein Computer hat eine Persönlich­ keit?« »Ich sage, dieses spezielle Programm hat eine. Ich bin jetzt dabei ihm zu helfen sich selbst zu finden. Darum habe ich dich gebeten mit ihm zu sprechen.« Um den Computer auf das Gespräch vorzubereiten, hatte Tessa einige Stunden damit zugebracht, ihn mit der Literatur, beginnend mit dem Beowulf bis hin zum heutigen Tag, zu füttern und ihn dann Clive zu überlassen, der mit ihm diskutieren konnte, was er wollte. »Ich will wissen, wie er darauf reagiert, was er denkt, nicht, was er weiß«, hatte sie Clive gesagt. Jetzt wusste sie, dass Paul Schwierigkeiten mit Lyrik hatte, doch eigentümlicherweise nicht mit Wordsworth und Cole­ ridge. Die Metaphysik machte ihm großen Spaß, was Tessa nicht überraschte. Von den moderneren Autoren fand er Ge- fallen an Borges, Eliot und besonders an Beckett. Die Erinne­ rung daran ließ sie lächeln. »Was hast du?«, wollte Clive, der sie beobachtet hatte, wis- sen. »Ich dachte daran, wie er diese zwei Zeilen aus dem ›End- spiel‹ zitiert hat, wo Hamm fragt ›Was geschieht eigentlich?‹, und Clov sagt ›Irgendetwas geht seinen Gang.‹ Er erklärte, das würde genau beschreiben, wie er sich fühle, und du hast ge­ antwortet, dass dies auf die meisten von uns zutrifft.« »Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mir geglaubt hat.« »Nun, ich denke schon. Wenn er normalerweise aufhört zu diskutieren oder das Thema in der Art wechselt, wie er es getan hat, dann möchte er über das, was gesagt wurde, nach­ denken.« Schweigen breitete sich aus, währenddessen Clive die Ver­ schränkung seiner Arme löste und dann die Hände in die Hosentaschen steckte. Er lehnte aber weiter an der Fenster­ bank. »Also Tessa, was weiter?«, fragte er schließlich mit einem plötzlich ernsten Gesichtsausdruck. »Das ist ja eine faszinie­ rende Angelegenheit, doch bringt sie uns einer Lösung der Probleme mit dem Ding da draußen näher?« Sie bemerkte, dass er nicht gesagt hatte »das Ding, von dem du annimmst, es wäre da draußen«, sondern er akzeptierte jetzt ihre Version als Tatsache. Sie nickte auch ganz ernst. »Ich bin davon überzeugt.« Sie zögerte, bevor sie weitersprach. »Möchtest du eine Tasse Tee oder Kaffee oder etwas anderes?« »Ja, warum nicht. Tee bitte.« Sie ging auf die Abstellkammer zu, die sich auf der einen Seite an das Labor anschloss. Er löste sich von der Fensterbank und folgte ihr in den kleinen Raum. »Es gibt keine Möglichkeit ›dieses Ding da draußen‹ im üb­ lichen Sinne zu zerstören«, stellte sie fest, während sie den Kessel am Wasserhahn füllte. »Die Arten von Such- und Eli­, minierungsprogrammen, die man auf normale Computerviren ansetzt, funktionieren hier nicht. Ich weiß es, denn ich habe es schon versucht.« Sie drehte sich um und stellte erschrocken fest, dass er un­ angenehm dicht bei ihr stand. »Also?«, fragte er und blickte ihr tief in die Augen, die Hände immer noch in den Taschen vergraben. »Also muss ich etwas anderes versuchen. Eine Art von Transplantation.« Sie schob sich an ihm vorbei zum Kühl­ schrank und war sich nur zu bewusst, dass ihre Stimme, wie bei einem klugen Schulmädchen, das stolz vorführt, was es gelernt hat, affektiert und überzogen klang. Clive drehte sich um, sodass sein Blick ihr folgen konnte. »Transplantation?« Sie beugte sich vor um den Kühlschrank zu öffnen und eine Tüte Milch herauszunehmen. »Wir arbeiten hier nicht mit organischer Materie, aber es funktioniert nach dem gleichen Prinzip.« »Wie?« Sie schaute ihn jetzt wieder an, doch diesmal von der ande­ ren Seite des kleines Raumes aus. »Du weißt, was passiert, wenn man ein Organ oder auch nur Haut von einer Person auf eine andere übertragen will. Das Immunsystem des Körper betrachtet das Transplantat als einen Angriff, eine Infektion und unternimmt alles um es abzustoßen. Aus diesem Grund muss man einen Spender finden, der genetisch so weit wie möglich mit dem Empfänger übereinstimmt, wenn möglich ein Familienmitglied. Optimal ist, wenn Spender und Emp­ fänger eineiige Zwillinge sind. Dann wird das Transplantat, ohne jeden Widerstand akzeptiert. Es handelt sich nicht um fremdes Gewebe, also keine Abwehrreaktion.« Hinter Clive begann das Wasser zu kochen und vom Kessel kam ein Pfeifton. Sie musste sich wieder an ihm vorbeischie­ ben um dorthin zu gelangen. Er tat sein Bestes um ihr auszu­ weichen, aber sie war verlegen und nervös und bereute schon ihren Vorschlag Tee zu trinken. »Willst du damit sagen«, fragte er, als sie ihm Tee ein­ schenkte, »dass du Paul in dieses Ding da draußen transplan­ tieren willst?« »Es würde noch nicht einmal eine Transplantation sein. Paul und das Ding da draußen sind ein Programm. Wie ein­ enge Zwillinge oder Klone. Es gibt zwischen ihnen keinen Unterschied. Außer dass Paul anders denkt. Die Gedanken eines Gehirns gleichen nicht denen eines physikalisch identi­ schen Gehirns, denn die Erfahrungen unterscheiden sich.« »Oder die Gedanken von zwei Kopien desselben Compu­ terprogramms.« Sie nickte bestätigend. »Paul und sein Zwilling da draußen sind identisch bis auf den Umstand, dass sie verschieden aufgewachsen sind. Der eine ist in eine fremde, gefährliche Welt geworfen worden, für die er nicht bereit war. Es überrascht mich nicht, dass er verrückt, gefährlich und nur aufs Überleben ausgerichtet ist. Krank, von welcher Warte man es auch betrachtet. Paul dagegen ist zivilisiert oder zumindest auf dem Weg dazu.« »Mit anderen Worten, es ist nur eine Frage des Standpunk­ tes.« »In gewisser Weise.«, Er blieb eine Weile stumm und meinte dann sehr leise: »Gütiger Gott.« »Nun, wir hoffen doch alle, dass er das ist«, und sie lächelte ihm dabei verhalten zu. Der Verzweiflung nahe wollte sie ihm sagen »Lass uns hier rausgehen, wir stehen zu eng zusammen, ich kann es nicht ertragen.« Aber sie tat es nicht. Stattdessen schauten sie sich weiter in die Augen. Plötzlich wurde ihr mit absoluter Ge­ wissheit klar, dass er um ihre Gefühle wusste und es seit dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal gesehen hatten, immer schon gewusst hatte. Die Zeit verging. Keiner von ihnen bewegte sich, doch Tessa wusste, was passieren würde. »Er wird mich küssen«, dachte sie. »Er wird mich küssen… und ich werde nichts dagegen machen können.« Doch anstatt sich in ihre Richtung zu bewegen, drehte er sich ganz langsam um und ging aus der engen Abstellkammer hinaus zurück in das Labor. Sie folgte ihm, doch als sie den Raum betrat, war er schon fast auf der gegenüberliegenden Seite. Erst da drehte er sich, den Teebecher mit beiden Händen haltend, zu ihr um. Er hob ihn an um zu trinken. »Also«, meinte er nach einer Weile, »du lässt Paul los und plötzlich beginnt Frankensteins Monster da draußen ange­ nehme Gedanken zu denken. Erwartest du das?« »Im Prinzip ja.« »Und das soll klappen?« »Ich denke schon. Ich habe einige Simulationen im Compu­ ter durchgeführt. Natürlich ist die Lage da draußen nicht ge­, nauso, aber ich kann es ja immer wieder versuchen. Ich habe noch weitere Kopien von Paul.« »Wann willst du das machen? Ich meine, ihn loslassen?« »Sobald ich sicher bin, dass er so weit ist.« »Wann wird das sein?« »Wenn ich mir sicher bin, dass er in der Lage ist seine Iden­ tität zu bewahren und nicht Gefahr läuft von seinem Zwilling absorbiert zu werden.« »Fast wie bei David und Goliath, oder? Ich meine da drau­ ßen die Bestie und hier der kleine Paul, der mit seinen Hausaufgaben unter dem Arm aus dem Kindergarten kommt?« »Stimmt schon«, sie zuckte mit den Schultern. »Außer dass ich der Überzeugung bin Vernunft ist mächtiger als Unver­ nunft und dass das Gute am Ende über das Schlechte trium­ phieren wird. Aber vielleicht bin ich auch nur abergläubisch oder etwas altertümlich.« Clive setzte seinen Teebecher neben dem Computerterminal ab und ging zu ihr hinüber. Als er sich näherte, klingelten in ihr wieder alle Alarmglocken. Eine strenge innere Stimme mahnte, sie solle sich nicht so blöd anstellen. Er blieb vor ihr stehen und legte seine Hände auf ihre Schultern. Die Berührung war sanft und angenehm. Sie schau­ te zu ihm hoch und fühlte sich unglaublich schuldig und gleichzeitig unglaublich hilflos. »Tessa«, begann er und schaute sie mit ernstem Gesicht an, »bist du sicher, absolut sicher, dass es nicht besser wäre, mit noch jemandem über die Sache zu sprechen? Ich weiß nicht recht, vielleicht mit einer offiziellen Stelle? Jemandem, der, Entscheidungen treffen kann.« Ihr war schlecht. Das Gefühl des Verrats war so intensiv, dass sie einen Moment lang glaubte ohnmächtig zu werden. »Er ist kein bisschen in mich verliebt«, dachte sie. »Ich bin so ein Idiot. Er denkt, ich bin verrückt… « Doch man merkte ihr nichts davon an. Nach außen hielt sie ihre Beherrschung aufrecht. »Ich bin«, erklärte sie mit ruhiger und kontrollierter Stim­ me, »ziemlich sicher, dass das Ding da draußen ist. Ich habe Beweise dafür. Helen und du, ihr müsst mir vertrauen, zu­ mindest im Moment.« »Es ist nicht eine Frage, ob wir… « unterbrach er sie, doch Tessa schnitt ihm sofort das Wort ab. »Ich weiß, ich weiß. Ich will nur sagen, dass es mit denen, denen, du weißt, wen ich meine? Mit denen ist es komplizier­ ter. Das Erste, was sie wollen, ist ein Beweis. Nun, im Moment verhält sich das Ding ruhig, aber wenn sie es zu suchen begin­ nen, oder noch schlimmer, sie finden es, wird alles, was sie machen, genau denselben Effekt haben, als ob man ein wildes Tier mit einem Stock reizt. Mir schaudert’s, wenn ich mir vor­ stelle, was dann passieren könnte.« Er blieb weiter mit den Händen auf ihren Schultern gelegt stehen und blickte sie an. Sie wollte sich losmachen, doch wusste nicht wie, ohne das Risiko einzugehen die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren, die sie jetzt mehr als je zuvor beherrschen musste. »In Ordnung«, meinte er, »ich bin sicher, du weißt es am besten.« Er ließ sie los um auf seine Uhr zu blicken. »Zeit zu gehen.«, »Tut mir Leid, dass ich dich so lange aufgehalten habe.« »Es war interessant. Wir sehen uns bald.« »Ja.« Seine Hände legten sich wieder leicht auf ihre Schultern. »Gute Nacht, Tessa.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie erwiderte den Kuss. »Gute Nacht. Und nochmals vielen Dank.« Ein letzter Blickkontakt, dann hatte er den Raum ohne ein weiteres Wort verlassen. Sie verharrte bewegungslos, wo sie gestanden hatte. Clive gehörte nicht zu ihr. Sie hatte sich das alles nur eingeredet, dass er von ihrer ersten Begegnung an gewusst hätte, was sie für ihn fühlte. Sie hatte sich etwas eingebildet und es für wahr gehalten, was bedeutete, dass sie ihrem eigenen Urteil nicht mehr trauen konnte. Das war schlimm. Aber egal, wichtig war endgültig damit aufzuhören, an Clive zu denken, und zu erledigen, was getan werden musste. Es würde jemand anderen geben, irgendwo, irgendwann. Und wenn nicht, dann war das auch nicht so schlimm. Sie würde zurechtkommen, wie es immer der Fall gewesen war. Das Telefon klingelte. Sie zuckte so heftig zusammen, dass ihr halbvoller Teebecher zu Boden fiel. »Scheiße«, entfuhr es ihr und sie bückte sich instinktiv um die Scherben aufzuheben. Doch dann richtete sie sich wieder auf und eilte durch den Raum um den Hörer abzunehmen. »Ja?« »Tessa?«, war die eindeutig zu identifizierende Stimme zu vernehmen. »Ich bin’s, Ted. Ted Sawyer. Wie geht’s, wie steht’s?«,

ABER TESSA, IN Berlin hast du einen Aufstand gemacht, d ass du mit ihm reden wolltest. Ich musste dir sogar

versprechen, dafür zu sorgen.« »Ich weiß, aber die Lage hat sich geändert.« »Welche Lage?« »Ich kann wirklich nicht darüber sprechen. Tut mir Leid.« »Gut, wenn du meinst… « »Von wo aus rufst du an?« »Aus Kansas. Warum?« »Ich wollte nur wissen, ob du noch in Europa steckst… « »Würde das einen Unterschied machen?« »Nein. Ja. Nicht wirklich.« »Warte mal, soll das heißen, es gibt etwas, dass du mir persönlich sagen würdest, aber nicht am Telefon?« »Nein, oder doch vielleicht. Ich weiß nicht. Es hängt davon ab, was du wissen willst.« »Ich will gar nichts wissen. Du warst in Berlin diejenige… « »Ich weiß, ich weiß.« »Du warst so entsetzt bei der Vorstellung, jemand könnte in deinen Computer eingedrungen sein… « »Darum geht es nicht mehr.« »Ich habe meinem Freund am Caltech davon erzählt und er möchte mit dir sprechen. Er bat mich eine Konferenzschaltung, einzurichte…« »Nein. Tut mir Leid, ich meine, ich würde gerne helfen, wenn ich es könnte.« »Du weißt doch noch nicht einmal, was er will. Hallo? Tessa? Bist du noch da?« »Ja, ich bin da. Ich kann aber nicht darüber sprechen, in Ordnung?« »Okay, ich verstehe. Willst du mich von einem anderen Apparat aus zurückrufen?« »Nein. Tut mir Leid, aber ich kann nicht darüber sprechen. Lass die Sache fallen, Ted. Hör auf mich.« »Ich wünschte, ich wüsste, was das alles bedeutet.« »Sag deinem Freund, es würde mir Leid tun, aber ich könn­ te ihm nicht helfen. Ich muss jetzt Schluss machen. Wiederhö­ ren, Ted.« Major Franklin hielt das Band an und suchte im Gesicht von Jonathan nach einer Reaktion. Jonathan gab sich weiter der Aussicht auf Horse Guards Pa­ rade hin. Der Morgen war klar, aber es herrschte ein unange­ nehmer Wind. An dem blauen Himmel zogen weiße Wolken dahin. »Haben Sie nicht gesagt, es gäbe noch einen Anruf?«, sagte er dann endlich ohne sich umzudrehen. »Ja.« »Den sollten wir uns lieber anhören oder was meinen Sie?« Der Major, der sich nicht die Mühe gemacht hatte seine Hand von dem kleinen Gerät zu nehmen, drückte wieder den, Knopf. »Tessa?« »Hör zu, ich habe mit meinem Freund Josh gesprochen und ihm genau berichtet, was du gesagt hast, aber er will immer noch unbedingt mit dir sprechen.« »Ted, es hat wirklich keinen Zweck… « »Warte mal, lass mich etwas erklären. Was Josh nämlich genau gemacht hat, das hatte er mir damals, als ich in Berlin war, nicht erzählt. Da wusste ich nicht mehr, als was ich dir gesagt habe. Selbst bei meinem letzten Anruf kannte ich nicht die ganze Geschichte. Ich wusste nur, dass die Leute einem Hacker auf die Spur kommen wollten.« »Das hast du mir erzählt.« »Was ich dir aber nicht gesagt habe, weil ich es selbst nicht wusste, ist, dass der Hacker verdächtigt wird diese Frauen in Kalifornien umgebracht zu haben. Du weißt doch, der Fall des Rippers? Hast du da drüben etwas darüber gelesen?« »Ich… ja, natürlich. Ich verstehe nur nicht… « »Der Bruder meines Freundes ist beim FBI. Er leitet die Fahndung nach diesem Burschen.« »Tut mir Leid, ich verstehe nicht, was ich damit… « »Sie scheinen davon überzeugt zu sein, dass das, was dir bei deinem Computer Sorgen macht, das es gestohlen werden könnte, ihnen helfen könnte dem Kerl auf die Spur zu kom- men.« »Ich weiß nicht, wie das helfen könnte… « »Ich auch nicht. Aber ich weiß genauso wenig wie sie, was in deinem Computer ist. Und solange sie es nicht wissen, wol­, len sie es herausfinden. So sind diese Leute nun mal.« »Sie liegen falsch. Es würde ihnen nicht helfen.« »Vielleicht weißt du das, aber sie nicht.« »Überzeuge sie.« »Du kennst doch Polizisten, die glauben niemandem, bis sie ihm nicht mit einer Lampe in die Augen geleuchtet und seine Nieren mit Schlagstöcken bearbeitet haben.« »Nette Freunde hast du.« »Mein Freund ist nicht der Polizist. Der Polizist ist sein Bruder. Und ich bekomme den Eindruck, dass sie ziemlich verzweifelt sind.« »Ich will einfach keine Fragen darüber beantworten, was ich mache.« »Sie glauben, dass du sie an der Nase herumführst.« »Das kann ich nicht ändern. Und ich muss jetzt wirklich Schluss machen, Ted. Ich bin gerade mit etwas beschäftigt.« »Sex?« »Nein, ich… « »Mach schon, sag’s mir.« »Auf Wiederhören, Ted.« Die Aufnahme endete mit einem Klicken, als Tessa den Hö­ rer auflegte. Schließlich beendete Jonathan sein Studium der Aussicht aus seinem Fenster, drehte sich herum und blickte in die von Berufs wegen ausdruckslosen Augen auf der anderen Seite seines Schreibtisches. »Nun Major, ohne Zweifel haben Sie sich das Band mehr als einmal angehört und Zeit gehabt ihre Schlüsse zu ziehen. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?«, »Das Beängstigenste ist, dass sie offensichtlich weiß, dass sie abgehört wird. Wie sie dahinter gekommen ist, ist mir absolut schleierhaft.« Jonathan nahm einen schmalen, silbernen Brieföffner und drehte ihn langsam zwischen seinen Fingern. »Müssen wir annehmen, dass sie vermutet von uns abgehört zu werden oder jemand anderem?« Ein leichtes Verengen der Augen und ein kaum wahrnehm­ bares Zusammenziehen seiner Mundwinkel war der Ge­ sichtsausdruck, den man bei dem Major wohl am ehesten als Lächeln bezeichnen konnte. Jonathan beobachtete wie dies genau in diesem Augenblick geschah. Der Major war anschei­ nend freudig berührt ihm bei der Sache eine Nasenlänge vor­ aus zu sein. »Wir haben das so weit wie möglich überprüft, ohne allerdings in ihr Haus oder ihr Büro einzudringen. Ganz sicher ist die Leitung nicht direkt angezapft. Was bedeutet, dass jede andere Methode ziemlich aufwendig sein müsste. Die Frage ist nun, wer hat so viel Interesse an ihr und ist sie es wert?« »Sie scheint es zu glauben«, meinte Jonathan, lehnte sich zurück und zog sein Hosenbein gerade, als er seine Beine übereinander schlug. »Und offen gesagt, ich bin geneigt ihr zuzustimmen. Schließlich hören wir sie ab.«,

HIER IST DER Anschluss von Tessa Lambert. Bitte hinter-lassen Sie nach dem Pfeifton eine Nachricht.«

»Dr. Lambert, hier spricht Specialagent Tim Kelly vom FBI in Los Angeles. Ich würde gerne mit Ihnen sprechen. Ich gebe Ihnen meine Nummer, aber ich werde versuchen Sie später noch einmal zu erreichen.« Als er aufgelegt hatte, schaute er über seine Füße hinweg, die auf der Kante des Schreibtisches lagen, zu Jack Fischl, der müde auf einem Sofa lungerte und Rauchringe an die Decke blies. »Das ist jetzt die fünfte Nachricht, die ich ihr auf den An­ rufbeantworter gesprochen habe, und immer noch keine Ant- wort. Jetzt weiß ich, dass sie mir aus dem Weg geht.« »Vielleicht ist sie verreist.« »Gestern hatte ich einen Assistenten in dem Institut, wo sie arbeitet, am Telefon, er sagte mir, sie wäre da, würde aber keine Anrufe entgegennehmen.« »Was denkst du also?« »Ich denke, ich werde mal rübergehen.« »Nach Oxford?« Jack richtete sich auf und schaute Tim entgeistert an, als ob der gerade erklärt hätte, er würde zum Mond fliegen. »Mein Gott, das liegt doch in diesem verdammten Europa!« So als wollte er seinen Ausbruch noch bestärken, stieß er seine halb, gerauchte Zigarette heftig in den übervollen Aschenbecher neben seinem Ellenbogen. »Ich weiß, wo es liegt. Ich habe schließlich einen Atlas.« »Warst du schon mal in Europa?« »Ich war einmal drüben mit dem Rucksack unterwegs. Zuerst England, dann nach Frankreich und weiter nach Italien. War eine schöne Zeit. Und wie steht es mit dir?« Jack schüttelte den Kopf, so als ob ihn der bloße Gedanke daran mit einer Art urtümlicher Angst erfüllen würde. »Ein Cousin von mir hat vor ein paar Jahren eine Bustour gemacht. Der meinte, das wäre nichts anderes als ein Museum, das von Taschendieben geführt wird.« »So kann man es auch sehen.« Tim lächelte. Obwohl der Zigarettenqualm dicht im Zimmer hing, holte Jack eine weitere aus dem Päckchen und zündete sie sich an. Tim schob sich in seinem Stuhl vom Schreibtisch weg, stand auf und öffnete ein Fenster. »Stört es dich?«, wollte Jack wissen, wobei er einen Husten­ anfall genau so lange unterdrückte um die Worte herauszu­ bringen. »Nicht mehr als dich. Ich kann es ertragen.« Beruhigt nahm Jack einen tiefen Zug und atmete dann be­ freit aus. »Wird das FBI den Flug bezahlen?« »Wenn nicht, dann fliege ich trotzdem.« »Vielleicht ist es nur eine eierköpfige alte Jungfer, die nicht weiß, wie man einen Anrufbeantworter bedient. Ich meine, die Frau da in Oxford. Es wird sich als die nutzloseste Sache dei­ nes Lebens erweisen.«, »Wenn man Joshs Freund in Kansas glauben kann, dann ist sie einer der klügsten Köpfe auf ihrem Gebiet. Und wenn sie nicht mit mir reden will, dann möchte ich wissen, warum.« »Vielleicht weiß sie gar nicht, um was es geht, und hält dich für verrückt.« »Dann kann sie mir das ins Gesicht sagen.« »Dann hat sich deine Reise aber gelohnt.« »Um wieder Joshs Freund zu zitieren, der einen gewissen Ruf in Bezug auf Frauen hat, sie ist neunundzwanzig und eine Augenweide. So viel zu deiner eierköpfigen alten Jungfer.« »Ah, jetzt verstehe ich. Du hoffst auf ein Abenteuer auf Staatskosten.« »Gut, gut. Aber erzähl es niemanden.« »Ich werde es meinem Kongressabgeordneten schreiben.« »Wozu? Die machen das doch dauernd.« »Nun mal ernsthaft, willst du wirklich dahinfliegen?« »Natürlich Jack. Was haben wir denn sonst in der Hand? Ein dickes Nichts. Der Computer spuckt keine neuen Verdäch­ tigen aus. Die vierzehn Kerle, die sich beim ersten Mal gewei­ gert haben den Bluttest zu machen, haben jetzt alle zuge­ stimmt und keiner ist geflohen oder hat Anstalten gemacht etwas zu unternehmen, das darauf hindeuten könnte, dass er der Mörder ist, wie wir auch eigentlich schon die ganze Zeit vermutet haben.« »Warum wartest du nicht erst einmal die Testergebnisse ab?« »Und warum warte ich nicht, bis alle anderen Proben nochmal überprüft worden sind? Oder bis der verdammte, Computer etwas ausgegraben hat. Oder bis es dem Kerl zu langweilig wird und er sich selbst stellt? Oder bis es in der Hölle schneit? Oder was das Schlimmste wäre, bis man eine weitere Leiche da draußen gefunden hat? Und das wird früher oder später, so sicher wie das Amen in der Kirche, passieren.« Jack hielt seine Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete die Glut, als ob sie den Weg zu fernöstlicher Erleuchtung weisen würde. Er sprach langsam und nachdenk­ lich: »Wir haben hier wahrscheinlich die größte und bestaus­ gerüstete Sonderkommission, die jemals in diesem Staat ins Leben gerufen wurde, wir arbeiten an jedem Aspekt des Falles vierundzwanzig Stunden am Tag und untersuchen jedes Detail immer wieder mit der Lupe. Wir machen alles Menschenmög­ liche. Ich weiß, dass du frustriert bist, ich bin es auch. Doch wir beide wissen, dass der größte Teil einer Untersuchung im Warten besteht.« »Wir tun nicht alles Menschenmögliche, solange es irgend­ wo eine potenzielle Zeugin gibt, die nicht bereit ist mit mir zu sprechen… « »… und zufällig auch noch große Titten hat.« »Ich scheiß darauf, was… « Er brach ab, als er das ironische Aufblitzen in Jacks Augen bemerkte. »Mein Gott. Jack, du bist wirklich ein einfältiger Prolet.« »Ich mag dich auch. Komm, beruhige dich. Wir haben es hier mit einem richtigen Scheißkerl zu tun, aber das Leben geht weiter.« »Du weißt, dass ich Recht habe.« »Vielleicht.«, »Gib mir einfach Rückendeckung. Ich bin in zwei Tagen zu­ rück, höchstens drei.« »Steak und Hummer bei Don The Beachcomber, dass es ei- ne Sackgasse ist?« »Gemacht.«,

WÄHREND ER DARAUF wartete, dass das Bild auf dem Monitor erschien, zitterte er vor Aufregung. Es war

wunderbar, zu verfolgen, wie es gleich einem Gedanken, der Wirklichkeit wurde, Konturen gewann. Zuerst die Umrisse des Kopfes, dann Licht und Schatten, die ihre Gesichtszüge entstehen ließen, wobei sich die Haltung, der Aufnahmewin­ kel und ihr Gesichtsausdruck herausformten. Es war ein ganz normales Passbild für irgendwelche Unterlagen, aber auch nicht zu streng, ein Foto, das man einer Zeitung oder dem Fernsehen geben würde oder auch für ein Erinnerungsheft zum Klassentreffen. Ohne Zweifel war sie schön. Er tippte ein: »Wie heißt sie?« »LAMBERT, Tessa«, sagte die Schrift am unteren Rand des Bildschirmes. Dann folgte eine verwirrende Liste ihrer akade­ mischen und beruflichen Qualifikationen. Price war beein­ druckt, doch verdrängte er es kurz entschlossen um sich auf das inzwischen ganz deutliche Bild zu konzentrieren. Sie lä­ chelte und schien ihn direkt anzusehen. Die Schrift auf dem Bildschirm verblasste und eine Frage trat an ihre Stelle. »Gefällt sie dir?« »Ja sehr«, antwortete Price mittels der Tastatur. »Doch ich habe da ein paar Fragen.« »Was willst du wissen?« Zwanzig Minuten lang stellte Price eine Frage nach der an­, deren über jede Einzelheit aus Tessas Leben. Normalerweise, wenn er diese Informationen auf seine Art hätte ausgraben müssen, wären darüber Stunden, wenn nicht Tage, ins Land gegangen, doch jetzt betrug die Zeitspanne zwischen Frage und Antwort nur wenige Sekunden. »Es ist unvorstellbar«, schrieb er. »So etwas ist mir noch nie vorher passiert. Es ist fast schon zu einfach.« »Wenn du willst, kann ich es dir schwerer machen.« »Nein, das habe ich nicht gemeint. Mir gefällt es so. Lass uns weitermachen.« »Was weitermachen?« »Nachforschungen.« »Ich verstehe nicht.« »Über die Frauen, mit denen ich mich möglicherweise tref- fen kann. Die ist schon in Ordnung, aber sie ist in Europa. Ich brauche eine, die etwas näher bei mir lebt.« »Das spielt keine Rolle.« »Außerdem ist sie nicht blond.« »Du verstehst nicht. Das ist sie.« »Wer?« »Meine Mutter.« Price spürte, wie die Panik in ihm aufstieg. Er hatte sich in diesem Wesen, dem namenlosen Etwas oder wie immer man es nennen wollte, geirrt. Es erwartete von ihm das Unmögliche und würde ihn bestrafen, wenn er versagte. Er saß hoffnungs­ los in der Falle. »Was ist mit meiner Arbeit? Ich kann nicht einfach abhauen«, tippte er und fragte sich, ob das Ding die, Furcht, mit der er die Tasten berührte, spüren konnte. »Ich bin davon überzeugt, dass du es deinem Arbeitsver­ trag entsprechend kannst. Nach den Unterlagen stehen dir drei Wochen Urlaub zu.« »Damit würde ich mich nicht beliebt machen.« »Beliebt zu sein hat für unser Vorhaben wenig Bedeutung.« Was sollte er tun? Er suchte in seinem Kopf nach einer Ent­ schuldigung und fand eine perfekte. Niemand konnte etwas dagegen sagen und außerdem stimmte es noch. Er schrieb: »Mein Pass ist abgelaufen.« »Ein neuer ist schon unter einem falschen Namen bean­ tragt.« Das war absurd. »Welcher Name?« »Das wirst du sehen, wenn du ihn abholst. Du brauchst ein Foto und die Unterlagen, die ich jetzt aufliste.« »Aber das wird alles Wochen dauern.« »Ganz im Gegenteil, das ist eine einfache Angelegenheit und ganz problemlos durchzuführen. Geh zu der Adresse, die ich dir geben werde, kümmere dich um die Papiere, die als Nächstes aufgelistet sind, und du wirst sehen, dass alles bestens vorbereitet und schon offiziell erledigt ist. Ich habe dir schon einen Flug reserviert. Weitere Einzelheiten erfährst du dann später. Hier kommen jetzt die im Moment wichtigen Fakten.« Price verfolgte fast im Schockzustand, wie die Einzelheiten auf seinem Monitor erschienen. Mehr und mehr kam ihm zu Bewusstsein, dass dieser verrückte Plan funktionieren könnte. Dieses unbekannte, abstrakte Ding, das ihn auserwählt hatte, sein Freund und Vertrauter geworden war, das ›geistige Kind‹, dieser schönen Frau, deren Bild noch vor wenigen Augenblik­ ken seinen Bildschirm ausgefüllt hatte, war wirklich, zumin­ dest potenziell, das mächtigste Ding auf der Erde. Wie war es das geworden?,

DIE WILLST DU mitnehmen?« Josh war überrascht, als sein Bruder einen großen, weißen Umschlag in die

Tasche, die er gerade fertig gepackt hatte, legte. Wie er wusste, enthielt der Umschlag Fotos von den Opfern des Rippers. Josh hatte nicht alle gesehen, aber genug um sicher zu sein nicht noch mehr sehen zu wollen, und hoffte nie mehr etwas Ähnliches betrachten zu müssen. »Die letzte Waffe«, meinte Tim und schob die Bilder vor­ sichtig zwischen seine sauberen Hemden und Hosen, »falls ich sie weich klopfen muss um sie zum Sprechen zu bringen.« »Weich klopfen? Wenn du ihr die zeigst, bricht sie zusam­ men.« »Wenn ich nicht muss, werde ich sie nicht gebrauchen.« »Packe die Frau nicht zu hart an, ja? Die Wahrscheinlich­ keit, dass sie etwas weiß, ist eins zu einer Million. Ich komme langsam dahin, dass ich den Gedanken überhaupt nicht mehr gut finde. Wahrscheinlich ist es nur Zeitverschwendung und sie wird für den Rest ihres Lebens Albträume haben.« »Mach dir keine Sorgen. Ich verspreche mein bestes Be­ nehmen an den Tag zu legen.« »Bei dem, was ich von ihr gehört habe, dürfte es dir nicht allzu schwer fallen.« »Ja, es könnte eine lange Befragung werden.« In Tims Stimme lag die Spur eines Lächelns. »Kann sein, dass ich län­, gere Zeit da drüben bleiben muss.« Es stimmte Josh glücklich, dass sein Bruder schon fast wie­ der der Alte war. Es hatte den Anschein, als hätte er sich durch reine Willenskraft von dem Laster Alkohol befreit, das ihn gequält und nach unten gezogen hatte um ihn in einem Loch von Verzweiflung zu begraben. Jetzt merkte Josh, dass sich Tim wirklich auf seinen Trip über den Atlantik freute, auch wenn es aus einem traurigen Anlass geschah. Der Umstand, dass am Ende der Reise eine schöne und geheimnisvolle Frau wartete, hatte ganz offensichtlich sein Interesse auf eine Art geweckt, wie dies vor nur ein paar Wochen nicht der Fall ge­ wesen wäre. »Wenn du so etwas im Hinterkopf hast«, erklärte Josh mit einem amüsierten Blick, »dann lässt du besser deine Kanone hier. Solche Frauen sind mit Machogehabe nicht besonders zu beeindrucken.« »Meine Waffe mitnehmen?«, lachte Tim. »Bist du verrückt? Die stecken mich wegen Waffenbesitzes ins Gefängnis. Ich habe dort drüben keine Amtsgewalt. Selbst wenn ich diesen verdammten Mörder in ihrem Wandschrank finde, dann muss ich die örtlichen Behörden anrufen, damit sie ihn verhaften.« »Wissen sie, dass du unterwegs bist?« »Das FBI hat das mit dem britischen Innenministerium ab­ geklärt. Eine Routinesache.« »Du hättest als Tourist reisen können.« »Die Briten mögen das nicht. Sie meinen, das wäre hinterli­ stig.« »Ich nehme an, das ist es auch. Egal, ruf mich auf jeden Fall an, wenn du mit ihr gesprochen hast, ja?«, »Ganz bestimmt.« Josh griff nach seinem Jackett, das er über die Lehne eines Stuhls gehängt hatte. Aus einer der Innentaschen zog er ein neues Taschenbuch heraus und reichte es seinem Bruder. »Das habe ich gestern besorgt. Vielleicht schaust du mal rein, bevor der Film im Flugzeug anfängt.« Tim musterte das Buch sichtlich irritiert. »Über Computer?« »Nichts zu Technisches«, versicherte ihm Josh. »Es ist nur ein Überblick über den momentanen Forschungsstand auf verschiedenen Gebieten. Tessa Lambert wird im Verzeichnis in Zusammenhang mit ihrer Arbeit auf dem Gebiet der Robo­ ter erwähnt. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, etwas über sie zu wissen, bevor du mit ihr sprichst.« »Schade, dass du nicht mitkommen kannst«, meinte Tim, als er das Buch durchblätterte um den Hinweis auf Tessa zu finden. »Du könntest als Übersetzer gute Dienste für mich leisten.« »Nun, wenn du das FBI überreden kannst zwei Flüge… « Tim lachte kurz auf. »Vergiss es. Ich fliege schon mit dem billigsten Ticket, was sie kriegen konnten. Ich glaube, dass ist die Holzklasse.« Josh zog seine Jacke an. »Wenigstens kann ich dich zum Flughafen bringen, spart dir die Parkgebühren für dein Auto.« »Brauchst du nicht. Ich habe ein Taxi bestellt.« »Wieso denn das? Ich hätte dich doch gefahren.« »Woher sollte ich das denn wissen?« »Ich habe angenommen, wenn ich sage, dass ich vorbei­ komme… «, »Aha.«, unterbrach ihn Tim und drohte mit dem Finger. »Erinnere dich daran, was Dad immer gesagt hat. Annahme ist… « »… die Mutter aller Pleiten. Ich weiß. Aber egal… « »He, es spielt keine Rolle.« Tim schaute auf seine Uhr. »Der Wagen müsste bald hier sein.« »Warum bestellst du das Taxi nicht ab. Jetzt, wo ich hier bin, können wir das Geld auch… « Es klingelte. Tim nahm den Hörer der Türsprechanlage ab und sagte, dass er sofort unten sein würde. Josh warf einen Blick aus dem Fenster und sah unten auf der Straße eine lange, schlanke Limousine stehen. Er stieß einen Pfiff aus. »Wen hast du angerufen? Die Limousinenvermietung in Beverly Hills?« Tim warf ihm einen Blick über die Schulter zu. »Ich habe einfach ins Branchenfernsprechbuch geguckt. Anscheinend glauben die, nur Millionäre fliegen nach Europa.« »Ich kann dir etwas Geld leihen, wenn du dir über das Trinkgeld Sorgen machst.« »Okay, okay.« Er zog den Reissverschluss seiner Tasche zu. »Gehen wir.« Sie gingen zusammen nach unten und durch die triste Ein­ gangshalle, die selbst an den sonnigsten Tagen immer düster war. Der Fahrer trug eine graue Uniform, eine Sonnenbrille und unter seiner Mütze mit dem schwarzen Schirm zeigte er ein breites, kalifornisches Lächeln. »Guten Morgen, Sir, wie geht es Ihnen? Darf ich Ihnen das abnehmen?« Er griff nach Tims Tasche, doch der hielt sie fest. »Ich habe einen Wagen zum Flughafen bestellt und keinen zur Oscarver­ leihung.«, Der Fahrer gab ein geübtes Lachen von sich. »Das ist schon in Ordnung, Sir. Wir hatten ein paar Pannen und das ist der letzte Wagen, der noch verfügbar war. Sie müssen ganz be­ stimmt keinen Aufpreis bezahlen.« Jetzt erst ließ Tim seine Tasche los. Der Kofferraumdeckel fiel mit einem satten Klatschen zu und der Fahrer wartete beim Wagen, während sich die Brüder verabschiedeten. Sie umarmten sich, dann zögerte Tim auf einmal. Er wollte etwas sagen, brachte aber die Worte kaum hervor. »Ich bin kein guter Redner, aber ich möchte dir sagen… ich meine, ich will, dass du weißt… was ich meine ist, ich weiß, dass ich in deiner Schuld stehe. Ziemlich tief. Danke.« »He, du bist doch nur ein paar Tage weg und hörst dich an wie Scott, bevor er zum Südpol aufbrach.« »Ich wollte es einfach mal sagen.« »Du schuldest mir nichts. Ich mag dich, großer Bruder. Jetzt mach dich auf, sonst verpasst du noch deinen Flug. Pass auf dich auf. Und ruf mich an.« »Ganz bestimmt.« Der Fahrer hielt die Tür auf und Tim setzte sich in den Fond. Er fand den Knopf, mit dem man die getönten Scheiben bedienen konnte, und öffnete es. Als sie davonfuhren, winkte er noch einmal huldvoll, so wie er es bei den Mitgliedern des britischen Königshauses einmal im Fernsehen gesehen hatte. Josh grinste und zeigte ihm den Mittelfinger, dann schaute er dem Wagen hinterher, bis dieser außer Sicht war.,

COLIN TURNER WAR erst seit einem Monat bei den Sicherheitskräften des Flughafens Heathrow. Er wusste,

dass er noch viel lernen musste, und deshalb störte es ihn nicht, dass er all die unangenehmen Arbeiten zu verrichten hatte, für die die anderen zu beschäftigt waren oder eine zu hohe Position hatten, dazu gehörten Dinge zu besorgen und wegzubringen oder auch die Botengänge und das Warten. An diesem speziellen Morgen war er zur Ankunft des Flu­ ges aus Los Angeles geschickt worden. In den letzten Wochen hatte er schon zwei Filmschauspieler, ein Mitglied der briti­ schen Regierung, einen weltberühmten Operntenor und einige ausländische Politiker eskortiert. Diese Art von Berühmtheiten hatten für ihn schon ihren Reiz verloren, doch er war neugie­ rig darauf, einen Specialagent des FBI zu treffen. Ihm war bekannt, dass, wenn die Maschine zur Landung ansetzte, eine Durchsage gemacht würde, die den Passagier Kelly auffordern würde sich beim Kabinenpersonal zu mel- den. Jetzt beobachtete er, wie die Leute aus der Maschine stiegen und den Aufgang zur Passkontrolle heraufkamen. Es dauerte einige Zeit, bis ein Mann in einem dunklen Sportjak­ kett herauskam und mit jemandem sprach, der dann in Colins Richtung zeigte. Colin machte einen Schritt nach vorn und stellte sich vor. »Colin Turner, Flughafensicherung. Willkommen in Hea­ throw, Mr. Kelly.«, »Nennen Sie mich Tim. Es ist nett, dass Sie mich abholen, Colin.« Der Amerikaner zeigte ein offenes Lächeln und hatte dich­ tes, blondes Haar, dass er mehrmals aus der Stirn strich. Colin entschuldigte sich für den langen Weg, den sie vor sich hatten. Heathrow war bekannt für die langen Wege, die auf die Pas­ sagiere warteten, wenn sie mit geröteten Augen aus dem Flugzeug stiegen. Sie unterhielten sich beim Laufen über Nebensächlichkei­ ten. Colin hatte bei sich die Fähigkeit zur Konversation, die einen nicht zu unterschätzenden Teil der Arbeit eines Sicher­ heitsbeamten ausmachten entdeckt und weiterkultiviert. Als sie die Passkontrolle erreichten, führte er den Amerikaner in den Gang, der mit den Schild CREW markiert war, erklärte, wer er war, und der Beamte winkte sie durch. »Übrigens«, meinte Colin, als er auf eine Tür mit der Be­ zeichnung NUR FÜR PERSONAL zuging, »geben Sie mir bitte ihren Gepäckabschnitt. Ich nehme doch an, dass sie Gepäck haben?« »Nur ein paar Taschen.« »Ich sorge dafür, dass sie am Band aussortiert und Ihnen ins Büro hinaufgebracht werden.« »Ins Büro?« »Da wartet ein Major Franklin auf sie. Ich nehme an, er ist ihr Verbindungsmann hier.« Zwanzig Minuten später saßen die beiden Männer auf dem Rücksitz eines Regierungswagens und fuhren die Autobahn 40 Richtung Oxford., Ein kurzer Bericht zusammen mit der Versicherung absolu­ ter gegenseitiger Offenheit war zwischen ihnen ausgetauscht worden. Der Major hatte erklärt, dass das Interesse seiner Leute an Miss Lambert ganz anderer Natur war als das des FBI, und doch könnten sie sich gegenseitig helfen. »Wir wissen im Moment noch nicht«, erklärte er, »ob sie überhaupt wegen etwas belangt werden kann. Aber sie ist auf merkwürdige Weise unzugänglich, was auf dasselbe Problem hinausläuft, das sie mit ihr haben. Anhand der Telefongesprä­ che der letzten Wochen haben wir herausgefunden, dass sie anscheinend eher bereit ist mit bestimmten ausländischen Gruppen zu sprechen, den Japanern, um genau zu sein. Na ja, das glauben wir zumindest. Es hätten genauso gut ein paar Leute auf ihrer Seite des Teiches sein können, dann hätte ich die Sache aber nicht so schnell aufs Tapet gebracht.« Der Major grinste über diesen kleinen Scherz und reichte Tim seine Karte. Darauf stand ›Major J.P. Franklin‹, sonst nichts. Auf die Rückseite hatte der Major mit grüner Tinte zwei Telefonnummern geschrieben. »Die erste ist meine Büro­ nummer«, erklärte er. »Dort können Sie jederzeit anrufen, es ist immer jemand da. Die zweite ist von meinem Handy. Die sollten sie am besten immer zuerst versuchen.« »Und«, fügte der Major hinzu, als der Amerikaner mit über­ triebener Sorgfalt die Karte in seine Brieftasche steckte, »wenn Sie Hilfe brauchen, dann scheuen Sie sich nicht, anzurufen.«,

DER FAHRER DES Majors setzte ihn am Randolph Hotel an der Ecke zur Beaumont Street gegenüber der imposan­

ten, neoklassizistischen Fassade des Ashmolean Museums ab. Während der Fahrer Tims Tasche aus dem Kofferraum holte, schüttelten sich die beiden Männer die Hände und kamen überein in Kürze Kontakt aufzunehmen. Der Amerikaner dankte dem Major für die Fahrt und als der Wagen dann im mittäglichen Verkehr verschwand, stieg er die zwei, drei Stu- fen hoch und verschwand in der hübschen viktorianischen Hotelhalle. Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet hatte, verspürte er Lust auf ein Bad in der recht großen Badewanne, doch das würde ihn nur schläfrig machen und damit wäre der halbe Nachmittag verschwendet. Stattdessen nahm er eine Dusche und bestellte beim Zimmerservice ein Sandwich. Die junge Frau an der Hotelrezeption versah ihn mit einer Straßenkarte von Oxford, auf der sie mit einem Bleistift mar­ kierte, wo sie sich befanden, und dann einen Kreis um die wissenschaftliche Abteilung der Universität machte, wohin er, wie er der Frau gesagt hatte, wollte. Sie bot an ihm ein Taxi zu rufen, doch er meinte, es sähe nicht so weit entfernt aus und er würde zu Fuß gehen. Sie zeichnete ihm die kürzeste Verbin­ dung ein und meinte, er würde nicht länger als fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten brauchen. Erst als er draußen war und losging, wurde ihm die ganze, Ungewöhnlichkeit seiner Situation bewusst. Hier war er nun, abgenabelt von Kalifornien und fast zehntausend Kilometer entfernt in einer alten Universitätsstadt, von der er nichts wusste, außer dass ihr Name auf der ganzen Welt bekannt war. Wie Hollywood, ein Name, den auch Millionen kannten, die den Ort aber niemals sehen würden und erfahren würden, wie es wirklich dort ist. Ihm war bekannt, dass der Name Oxford zur Bezeichnung bestimmter Schuhe, Hemden und Hosen diente. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie oft er schon Ordner, Notizblöcke, Schreib- und Zeichenmaterial aller Art mit dem Wort Oxford darauf gesehen hatte. Doch nichts davon hatte, wie er jetzt feststellen konnte, mehr Beziehung zu diesem Ort als die unzähligen Produkte, die den Namen Hollywood trugen, etwas mit der Filmindustrie zu tun hatten. Er amüsierte sich über seine Gedanken, während er die breite Straße entlanglief, deren Name St. Giles war. Auf einmal tat sich zu seiner Rechten eine Öffnung in der langen Stein­ mauer eines Gebäudes auf. Die schweren Holztüren standen weit offen und ein Hinweis zeigte an, dass das St. Johns Col­ lege für Besucher geöffnet war. Er blickte automatisch auf seine Uhr, die er vor der Landung heute Morgen auf britische Zeit umgestellt hatte. Er rief sich in Erinnerung, dass er wegen wichtigerer Dinge hier war als den Touristen zu spielen, konn­ te aber nicht der Versuchung widerstehen hineinzugehen und zumindest einen Eindruck davon zu erhalten, wie ein engli­ sches College von innen aussah. Er verbrachte etwa zehn Minuten damit, durch die Räume mit ihren altertümlichen Fenstern zu schlendern, von denen man auf gut gepflegte Rasenflächen, die Bogengänge und Durchlässe und die dahinter liegenden Gärten hinausblickte., Trotz allem war der Ort bevölkert mit jungen Menschen, eini­ ge in Trainingsanzügen oder mit Squashschlägern in der Hand, andere in Roben mit Büchern unter dem Arm. Der Ort erweckte ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Gediegenheit und war ganz weit entfernt von der Welt dort draußen mit ihren Autos, Flugzeugen und wuchernden Städten wie die, die er am vorherigen Tag verlassen hatte. So als wollte man seine aufkeimenden andächtigen Ehr­ furchtsgefühle im Ansatz ersticken, dröhnte auf einmal Hea­ vymetalmusik in ohrenbetäubender Lautstärke aus einem Fenster im oberen Stock. Fast augenblicklich wurde die Laut­ stärke auf ein erträgliches Maß reduziert, doch dieser Zwi­ schenfall ließ ihn mit dem Anflug eines Lächelns im Gesicht auf die belebte Straße zurückkehren. Ein kleines Stück weiter in seine Richtung gelangte er zu einem weiteren Durchgang, der auf seiner Karte als die Lamb and Flag Passage bezeichnet war. Er ging hindurch, bog nach rechts und danach nach links ab und erreichte die Museum Road. Er wandte sich nach rechts, überquerte dann die Parks Road und nahm die erste links in die South Parks Road. Er kam zu der Ansicht, dass die verstreuten Gebäude, die jetzt vor ihm lagen, das Museum und der wissenschaftliche Bereich der Universität sein muss- ten. Er ging auf die Gebäude zu, wobei seine Schritte auf dem Kies ein knirschendes Geräusch verursachten. Ganz offensicht­ lich war dies ein Ort, wo man seinen Weg kennen musste. Er fragte den Ersten, der ihm über den Weg lief, einen dünnen, jungen Mann mit Brille und einem seltsam abwesenden Blick, wo er das Kendall-Institut finden könnte. Der junge Mann zeigte ihm den Weg und beschrieb, nach was er Ausschau zu, halten hätte. Ein paar Minuten später befand er sich in einem Viktoriani­ schen Gebäude mit Marmorfußboden. Leute kamen und gin- gen, doch niemand beachtete ihn. Die Sicherheitsvorkehrun­ gen hier waren gleich null, stellte er fest; es bestand schon eine gewisse Ironie darin, dass Major Franklin sich Sorgen machte, weltverändernde Ideen könnten in fremde Hände geraten, wenn ein völlig Fremder, wie er, hier herumlaufen konnte ohne angehalten zu werden. Aber so war das nun einmal mit Ideen, man konnte sie nicht einschließen, wie Waffen oder Goldmünzen. Sie gehörten zu einer Welt, die dem Militär nicht vertraut war. Nachdem er eine Zeit lang herumgelaufen war, befand er sich schließlich in einem neueren Teil des Gebäudes. Hier sah es schon eher nach einem Forschungsinstitut aus, wie er es sich vorstellte. Ein paar Leute in Laborkitteln gingen ins Gespräch vertieft an ihm vorbei. Durch eine halb offene Tür bemerkte er Wissenschaftler, die sich über Geräte auf langen Tischen beugten oder an Computern arbeiteten. Ihm wurde klar, dass er durch zielloses Herumlaufen Tessa Lambert nie finden würde oder zumindest nicht sehr bald. Ein Mann mit Glatze, auf die er seine Brille geschoben hatte, kam, eine Hand voll Notizblätter studierend, ihm entgegen. »Verzeihung«, sprach er ihn an, »vielleicht können Sie mir helfen… « Danny hatte keine Ahnung, mit was sich Tessa im Moment beschäftigte, außer dass sie viele Stunden arbeitete und ange­ spannter war als jemals zuvor. Als einfacher Labortechniker war es auch nicht seine Aufgabe, es zu wissen, oder seine, Angelegenheit, es herauszufinden, doch er fühlte sich ausge­ schlossen und trotz aller Versuche dagegen anzukommen ärgerte er sich. Doch selbst wenn Tessa seine reservierte Hal- tung ihr gegenüber bemerkt hatte, zeigte sie es nicht. Sie blick­ te kaum von dem Monitor hoch, als er an die Tür klopfte, seinen Kopf in den Raum steckte und ihr mitteilte, dass sie jemand sprechen wollte. »Zum Teufel, ich habe jetzt keine Zeit. Ich arbeite.« »Das habe ich ihm auch gesagt. Er meint, es wäre wichtig.« »Wer es auch ist, sag ihm, er soll anrufen.« »Er meint, das hätte er schon, aber du würdest nicht zu­ rückrufen. Also ist er von Los Angeles hierher gekommen. Er ist vom FBI – Specialagent Kelly.« Jetzt erst hob sie ihren Kopf. Danny bemerkte, wie sie bleich wurde. Sie murmelte etwas, was er nicht verstand, dann tippte sie etwas in den Computer ein und schaltete ihn ab. »In Ord­ nung, schick ihn rein. Halt, warte ein paar Minuten und schick ihn dann erst rein.« Die paar Minuten waren nicht genug um sich gänzlich zu beruhigen, aber zumindest konnte sie ein paar Mal durchat­ men. Sie war in dem kleinen Abstellraum und machte sich einen Kaffee, als sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde und jemand den Raum betrat. Sie holte tief Luft und ging zurück ins Labor um dem Besucher gegenüberzutreten. »Mr. Kelly? Ich bin Tessa Lambert.« »Schön Sie zu treffen, Miss Lambert. Entschuldigung, es muss wohl Dr. Lambert heißen.« Sie gingen nicht aufeinander zu und reichten sich auch nicht die Hände. Tessa war bewusst, dass sie die Initiative, ergreifen müsste, doch sie hielt sich absichtlich zurück. »Sind Sie wirklich den weiten Weg gekommen nur um mit mir zu sprechen?« »Ganz genau.« Er fügte dieser Aussage nichts hinzu, stand einfach völlig entspannt und ganz natürlich da und schlug den Ball der Unterhaltung wieder in ihr Feld zurück. Der Geruch frischen Kaffees zog von dem Abstellraum hinter ihr in das Labor. Sie bot ihm eine Tasse an. Er bedankte sich und wollte ihn schwarz ohne Zucker. Als sie zurückkam, saß er auf dem Stuhl am Fenster, den sie ihm angeboten hatte. Sie stellte seine Kaffeetasse auf die Ecke ihres Schreibtisches und setzte sich dahinter. Sie war froh über das Gefühl von Sicherheit, das ihr der Schreibtisch vermittelte. Nicht dass an dem Mann etwas war, das ihr besondere Angst einjagte. Ganz im Gegenteil. Er hatte eine sanfte Art und sympathische Augen. Sie vermutete, dass er nicht mehr als ein paar Jahre älter als sie sein konnte. Er sah ganz normal aus, war gut proportioniert und um seinen Mund und seine Au­ genbrauen lag ein geheimnisvoller Zug. Doch gleichzeitig war eine Müdigkeit in ihm, als ob das Leben erst vor kurzem sei­ nen Tribut von ihm gefordert hätte. Und natürlich, rief sie sich ins Gedächtnis, hatte er gerade einen Langstreckenflug hinter sich. »Ein angenehmer Ort um zu arbeiten«, meinte er und ließ seinen Blick über den Campus gleiten. »Ja. Sind Sie zum ersten Mal in Oxford?« »Ja.« »Und Sie sind heute Morgen angekommen?«, »Ich bin direkt aus dem Flugzeug hierher gekommen.« »Nun«, sagte sie, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ver­ suchte gelöster zu erscheinen, als sie es in Wirklichkeit war, »das klingt ja alles sehr dramatisch, aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie ich Ihnen helfen könnte.« »Sie wissen natürlich um was es in diesem Fall geht. Sie haben doch mit einem Dr. Sawyer, Ted Sawyer, gesprochen?« »Ja. Aber ich weiß leider immer noch nicht, wie ich Ihnen helfen kann.« »Vielleicht können Sie das ja auch nicht. Aber da viel davon abhängt, ist es meine Pflicht, mir darüber Gewissheit zu ver­ schaffen.« »Ich verstehe. Ted hat mir von dem Fall erzählt, an dem Sie arbeiten. Die Einzelheiten hat er von Ihrem Bruder erfahren. Sein Name ist Josh, oder?« Als sie den Namen seines Bruders erwähnte, bemerkte Tes­ sa, dass sich auf Specialagent Kellys Gesicht ein breites Grin- sen zeigte, das einige Jahre seines Alters gutmachte und einen Großteil der Müdigkeit wegwischte. »Richtig, mein Bruder Josh. Er ist die Intelligenzbestie in der Familie. Schade, dass er nicht mitkommen konnte. Er wäre der bessere Gesprächspartner für Sie.« »Nun, ich bin sicher, dass Sie sich gut halten werden«, gab sie mit einem Lächeln zurück. Ihr wurde bewusst, dass sie diesen Mann attraktiv fand, was noch unangenehmer dadurch wurde, dass er so gänzlich überraschend hierher gekommen und sie gar nicht darauf vorbereitet gewesen war. Doch sobald dieser Gedanke Gestalt gewonnen hatte, schob sie ihn beiseite. Aus diesem Grund war er nicht hier und sie hatte im Moment, auch keine Zeit sich mit so etwas zu beschäftigen. Sie setzte wieder eine ernste Miene auf und beugte sich vor, wobei sie die Ellenbogen auf den Tisch legte. »Sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun kann.« Während er seinen Kaffee getrunken hatte, hatte er zurück­ gelehnt mit übereinander geschlagenen Beinen dagesessen. Jetzt stellte er seine Tasse neben sich auf das Fensterbrett, setzte beide Füße auf den Boden, beugte sich vor, legte seine Ellenbogen auf die Knie und faltete seine Hände. Seine Augen blickten in die ihren. Sein Blick war durchdringend ohne her­ ausfordernd zu sein; sie fühlte, wie er sie forschend musterte ohne sie zu bedrohen. Zur gleichen Zeit bemerkte sie aber auch etwas an ihm, was unter bestimmten Umständen, wenn es nötig sein sollte, zu einer Gefahr werden konnte. Sie war froh, dass er es im Moment nicht für notwendig hielt. »Lassen Sie mich es einmal so ausdrücken, wie ich es ver­ stehe«, begann er. »Sozusagen von der Warte eines Laien aus. In Ihrem Computer gibt es etwas, das dieser Kerl, der sich, wie wir glauben, dort eingeschlichen hat, möglicherweise hat mit­ gehen lassen. Ich weiß nicht, was es ist, weil ich nicht weiß, was in Ihrem Computer ist. Doch was es auch immer ist, es könnte jetzt auch in seinem Computer sein. Ich bin sicher, auch wenn ich es nur grob erklären kann, dass Sie folgende Analogie verstehen. Wenn wir zehn Leute verdächtigen in ihr Haus eingebrochen zu sein und wir weder Zeugen noch Fin­ gerabdrücke haben oder sonst etwas, an das wir uns halten können, dann ist unsere letzte Hoffnung eine Liste der gestoh­ lenen Gegenstände, anhand der wir nachforschen können, ob sich irgendetwas davon im Besitz eines der Verdächtigen befindet.«, Er lehnte sich wieder zurück um bewusst den Eindruck zu vermeiden, er würde sie unter Druck setzen. Tessa war dank- bar dafür. Sie hatte nie vorgehabt mehr preiszugeben als sie wollte, doch es wäre ihr recht, wenn sich eine offene Konfron­ tation vermeiden ließe. Ihr ging dafür viel zu viel im Kopf herum. Innerhalb der nächsten Tage hätte sie mit Paul, großer Gott, wie sollte man auch nur einen kleinen Teil davon einem Fremden begreiflich machen, alles Notwendige erledigt und die Gefahr einer Einflussnahme von außen wäre dann ge­ bannt. »Sie wissen, wie weit das hergeholt ist, nicht wahr?«, fragte sie. Er zuckte mit den Schultern und breitete dann seine Arme in einer Geste der Offenheit aus. »Weit hergeholt ist momen­ tan alles, was wir haben.« »Wie Sie vielleicht wissen«, begann sie, »arbeite ich an Ro­ botern, Kontrollsystemen und solchen Sachen… « Sie bemerkte, wie er in seine Jacketttasche griff und ein Ta­ schenbuch hervorzog. Sie erkannte den Titel. Da sie dann erwähnt wurde, war ihr vor ein paar Monaten, als das Buch erschien, ein Exemplar zugeschickt worden. »Ich habe über Sie nachgelesen«, erklärte er. »Mir ist klar geworden, dass ihre Arbeit der Geheimhaltung unterliegt und es Ihnen nicht recht wäre, wenn sie in die falschen Hände gerät. Doch ich hoffe, Sie sehen das FBI nicht als ›falsche Hän­ de‹ an.« »Natürlich nicht, doch gleichzeitig werden Sie auch verste­ hen«, sie schaute auf den Schreibtisch und bemerkte, wie ihre Finger an der Tischkante entlangfuhren, »werden Sie verste­, hen, dass ich nicht die Freiheit habe Ihnen einfach zu geben, was Sie wünschen. Ich muss erst von den Leuten, die meine Forschungen finanzieren, die Einwilligung einholen. Ich bin sicher, dass ich diese Erlaubnis erhalte, aber dennoch muss ich sie erst einholen.« Er hob seine Hände, die Handflächen in ihre Richtung ge­ dreht um ihr zu zeigen, dass ihm dies nichts ausmachte. »Selbstverständlich. Und ich kann Ihnen wahrscheinlich dabei helfen, diese Einwilligung zu erhalten.« »Wie lange bleiben Sie in Oxford?«, fragte sie und überging sein Angebot. »So lange wie ich für die Angelegenheit brauche.« »Ich muss ein paar Telefonate führen«, sagte sie. Tatsächlich aber würde eines mit Jonathan Syme genügen, das war ihr klar. Doch sie spielte auf Zeit. Sie brauchte nicht viel, nur so viel um zu erledigen, was zu erledigen war. »Stehen Sie unter Zeitdruck?« »Es laufen da draußen Frauen herum, die sterben werden, wenn wir ihn nicht kriegen.« Sie nickte und hoffte, dass ihm klar war, wie gut sie ihn verstand und dass sie ihn nicht nur willkürlich hinhielt. Dar­ über hinaus hätte sie ihm gerne die wahren Gründe für die Verzögerung genannt. Doch jetzt war sie alleine schon so weit gekommen, dass dies der einzig mögliche Weg war die Sache anzupacken. Nur sie wusste um die Gefahr, die weit größer war, als sich der Mann ihr gegenüber jemals ausmalen konnte, und der sie sich stellen musste. »Überlassen Sie es bitte mir«, erklärte sie. »Ich verspreche, dass ich alles versuchen werde.«,

BIS ZU DIESEM Zeitpunkt war alles nach Plan verlaufen. Dennoch spürte Chuck Price, wie sich sein Magen vor

Aufregung verkrampfte, als er die Telefonnummer wählte, die ihm übermittelt worden war. Es war eine lange Nummer und soweit er es beurteilen konnte, gab es keinen Hinweis darin auf einen örtlichen oder nationalen Anschluss, der in irgend­ einem der Telefonbücher, die er zu Rate gezogen hatte, ver­ zeichnet wäre. Nach einigen Augenblicken der Stille, es war nie ein Rufzei­ chen zu hören, nur eine Folge von Pfeif- und Pieptönen, so als ob ein Ferngespräch zustande käme, erklang die immer glei­ che, ausdruckslose, mechanische Stimme aus der Leitung. »Ich höre.« Price gab eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse. Al- les lief genau nach dem Plan, den er befolgen musste, und das seit dem Tag, an dem er seinen Arbeitgeber von seiner plötzli­ chen Entscheidung den Urlaub zu nehmen, der ihm zustand, in Kenntnis gesetzt hatte. Wie erwartet, waren sie nicht glück­ lich darüber gewesen, doch sie hatten eingesehen, dass nichts daran zu ändern war. Sie würden in den nächsten drei Wo­ chen nicht damit rechnen, etwas von ihm zu sehen oder zu hören, was danach kommen würde, das wusste Gott alleine. »Nur Gott alleine.« Price lächelte müde, als ihm bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte. Nur in Gedanken, nicht in den Telefonhörer, den er hielt. »Gott alleine.«, Nur verschwommen war ihm bewusst geworden, dass er, Charles Mortimer Price, von ihm auserwählt, sein Apostel auf Erden war. Von diesem Augenblick an bekam alles einen Sinn. Sein ganzes Leben. Als Kind war er bei den vertrottelten Alten, bei denen er aufgewachsen war, morgens, mittags und abends mit Kirchen­ liedern berieselt worden, doch sie hatten ihm nichts bedeutet. Nach seinen Großeltern und dem Dreck, den sie sich im Fern­ sehen die ganze Zeit lang ansahen, saß Gott im Himmel und der Himmel war ›irgendwo da oben‹, während der Teufel in jedem von ihnen steckte, was bedeutete, zumindest soweit der junge Chuck Price es sich vorstellen konnte, dass dieser Ort, Erde genannt, in Wirklichkeit die Hölle war. Nachdem er zu diesem Schluss gekommen war, hatte für ihn nie die Notwen­ digkeit bestanden darüber zu sprechen. Eine Hölle, aus der es kein Entrinnen gab, und keinen Hinweis, dass Gott existierte oder wenn doch, dass er sich überhaupt um seine Geschöpfe kümmerte. Doch nun, nach all diesen einsamen Jahren des Zweifelns, hatte Gott zu ihm gesprochen und ihm Trost in seiner Einsam­ keit gespendet. Gott hatte ihm versichert, dass er richtig ge­ handelt hatte, alle diese Frauen aus der Hölle zu erlösen. Bei diesem Gedanken brach er wie immer in Tränen der Dankbar­ keit aus. Als er so mit dem Telefonhörer in der Hand verharrte, fühl­ te er plötzlich eine Kälte, als ob er in einem eisigen Wind stän­ de. Er merkte, dass er sich in seinen Gedanken verloren und nicht auf die Worte gehört hatte, die aus dem Hörer erklungen waren und immer noch an sein Ohr drangen. Wie lange schon? Er schaute auf seine Uhr, doch das war, Unsinn. Er wusste nicht, ab wann er nicht mehr zugehört hatte, also würde ihm die Zeit auch nicht weiterhelfen. Doch es konnten nur wenige Augenblicke gewesen sein. Vielleicht ein paar Minuten. Bleibe ruhig, bewahre einen kühlen Kopf. »Tut mir Leid«, unterbrach er, »die Leitung war unterbro­ chen. Ich habe nicht alles mitbekommen, was du gesagt hast.« Eine Pause. Price hielt den Atem an. Dann kam die Stimme: »Ich habe keine Unterbrechung bemerkt.« »Irgendetwas war es. Vielleicht ein Fehler hier in den Gerä­ ten.« »Ich kann nichts feststellen.« »Was soll ich dazu sagen? Ich habe dich nicht gehört. Mehr weiß ich nicht.« Eine erneute Pause. Dann: »Ich werde es wiederholen.« »Vielen Dank.« »Ich habe die Polizei abgehört. Sie wissen, dass du Urlaub genommen hast und niemand im Büro weiß, wo du dich auf­ hältst.« »Was? Woher wissen sie…?« Price merkte, wie sein Herz schneller schlug. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Das war nicht im Plan vorgesehen. »Wie sind sie dahinter gekom­ men? Du hast gesagt, wenn sie mich von der Liste gestrichen haben, dann würden sie mich nicht überwachen… « »Es war ein Zufall. Es ist nicht von Bedeutung. Es ist ganz offensichtlich, dass sie dieser Information wenig Beachtung schenken. Denk daran, ich überwache sämtliche Kommunika­ tion, also gibt es keine Bedrohung, von der ich nicht wüsste. Im Moment bist du nicht in Gefahr.« »Nun gut, wenn du es sagst.«, »Kein Grund beunruhigt zu sein. Es hat keine Auswirkun­ gen auf unsere Pläne. Nun höre gut zu… « Price hörte zu und konzentrierte sich diesmal genau auf das, was ihm mitgeteilt wurde.,

DIE JUNGE FRAU an der Rezeption reichte ihm den Zim­merschlüssel zusammen mit einer Nachricht.

»Vor zehn Minuten war da ein Anruf aus Übersee für Sie, Mr. Kelly. Sie haben ihn gerade verpasst.« Es war Jack Fischl gewesen und er bat ihn zurückzurufen. Er ging auf sein Zimmer und hob den Hörer ab und kam sofort zu Jack durch. »Hallo, Jack, ich bin’s. Was ist los?« »Hallo, alter Knabe. Wie steht’s… Mann, ich habe hier ein Echo in der Leitung. Wie steht’s da drüben? Hast du schon mit ihr gesprochen?« »Das habe ich als Erstes erledigt.« »Und?« »Nette Dame… Ich bin mir nicht sicher… « »Warte mal… warte mal einen Moment. In der Leitung ist ein teuflisches Echo. Es hört sich an, als würde ich doppelt und dreifach zu mir selbst sprechen. Hast du auch ein Echo?« »Ja, habe ich. Willst du mich zurückrufen?« »Nein, ist schon in Ordnung. Wir müssen es wahrscheinlich langsam angehen lassen. Kannst du mich hören?« »Ich höre dich.« »Hör zu, hier hat sich etwas ergeben. Vielleicht nichts Wich­ tiges. Es handelt sich um einen von den Kerlen, die wir beim, ersten Durchgang befragt haben, der aus Studio City. Zwei meiner Leute, Bob Miller und Lew Wise, haben ihn befragt, der Name ist Chuck Price… « »Was? Ich habe dich… « »Chuck… « »… nicht… « »… Price… « »… verstanden… « »Verdammter Mist!« »Warte einen Moment… jetzt ist es besser.« »Verstehst du mich jetzt?« »Warum sprichst du nicht einfach weiter und erzählst mir, was zu sagen ist, und ich unterbreche dich nicht mehr?« »Ein Kerl mit Namen Price, Charles Mortimer Price, Chuck genannt, Grafikanimateur. Wise hat eine signierte Zeichnung von ihm oder so etwas… ein Nachbarskind hat sie gesehen und gefragt, ob es auch eine haben könnte… also hat er den Typ angerufen und erfahren, dass er verschwunden ist… im Urlaub haben sie gesagt, doch niemand wusste, wo… wie ich schon sagte, möglicherweise ist nichts dran, aber wir überprü­ fen das.« »In Ordnung, danke Jack.« »Hast du verstanden? Hast du verstanden, was ich…?« »Gut.« »… gesagt habe?« »Ich rufe dich wieder an, Jack.« »Ich bin jetzt weg… das war alles. Ich halte dich auf… «, »In Ordnung.« »… dem Laufenden.« Die beiden Männer legten im gleichen Moment auf und wa­ ren froh, dem ohrenbetäubenden Echo entkommen zu sein. In Oxford nahm der Mann, der eben seinen Dienst an der Rezep­ tion begonnen hatte, einen Anruf von dem kürzlich eingetrof­ fenen Mr. Kelly entgegen, der ihm auftrug in der nächsten Stunde keine Anrufe durchzustellen, da er sich hinlegen woll­ te. In Los Angeles brummte Jack Fischl seinem Sergeant eine Unflätigkeit über die schlechteste Telefonverbindung, die er je gehabt hätte, zu.,

KURZ VOR ELF Uhr am nächsten Morgen klingelte das Handy des Majors, gerade als er aus seinem Wagen ge­

stiegen war und durch den Haupteingang das Gebäude des Außen- und Commonwealthministeriums betreten wollte. Während er die Treppen hinaufstieg, zog er es aus der Tasche und meldete sich. »Franklin.« »Guten Morgen, Major. Hier ist Tim Kelly.« »Ah, Mr. Kelly, wie geht’s?« »Ich spüre immer noch die Zeitverschiebung. Erst war ich gestern Abend gar nicht müde und dann habe ich heute Mor- gen verschlafen.« Der Major lachte mitfühlend. »Das ist nicht zu ändern. Leider werden Sie ein, zwei Tage damit zu kämpfen haben. Sie müssen sich einfach an die Zeitumstellung gewöhnen.« »Der Grund, warum ich anrufe, ist, ich habe gestern mit Dr. Lambert gesprochen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich hinhält oder nicht, aber da ist etwas, was ich Sie fragen möch­ te.« Der Major erreichte den Treppenabsatz und konnte am En- de des Korridors das Büro sehen, in dem er genau in diesem Moment erwartet wurde. »Tut mir Leid«, unterbrach er seinen Anrufer, »Sie haben mich gerade auf dem Weg zu einer Be­ sprechung erwischt. Kann ich Sie in zwanzig Minuten zurück­, rufen?« »Sicher. Kein Problem.« »Sind Sie im Hotel?« »Ja.« »In zwanzig Minuten.« Als Jonathan Syme vom Mittagessen kam, fand er eine Nachricht vor, in der der Major um eine Unterredung bat. Fünfzehn Minuten später saßen sich die beiden Männer in Jonathans Büro gegenüber. »Unser amerikanischer Freund will wissen«, erklärte der Major, »ob Dr. Lambert unsere, nun um präzise zu sein, Ihre Erlaubnis eingeholt hat ihm gewisse Informationen geben zu dürfen. Ich habe ihm gesagt, dass ich zur Sicherheit Rücksprache mit Ihnen halte, aber ich bin mir sicher, dass Sie mir davon erzählt hätten, wenn es so wäre.« »Ich habe nichts von ihr gehört.« »So sieht das also aus. So sieht das aus.« Der Major stand da, hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sprach mit dem Ausdruck offiziellen Bedauerns, so als ob er eine unangenehme Entscheidung gefällt hätte. Für sich persön­ lich hatte er das auch, denn es konnte keinen Zweifel mehr geben, dass Tessa sie alle belog und ihr eigenes Spiel spielte. Jonathan nickte bedächtig. Er wusste genau, was der Major dachte, denn er hatte dieselben Gedanken. »Die Frage ist«, sagte er, »was unternehmen wir jetzt? Es liegt kein Verbrechen vor und es wird uns schwer fallen, dar­ aus einen Fall der Staatssicherheit zu machen. Wir haben le­ diglich den Verdacht, dass sie möglicherweise etwas an den Meistbietenden verkauft, ein Vorgehen, das in diesem Land, eine lange Tradition hat. Wir haben schließlich den Begriff ›Ausverkauf der Ideen‹ eingeführt. Bestenfalls können wir eine Zivilklage wegen Vertragsbruch anstrengen.« »Ich würde sagen, wir sollten uns lieber darüber Gedanken machen, wie wir den Verlust wertvoller Forschungsergebnisse verhindern, als über juristischen Kleinkram.« Etwas im Tonfall des Majors deutete mehr an, als er tatsäch­ lich aussprach. Jonathan schaute ihn an, doch der Major ließ kein Anzeichen erkennen, dass er etwas ohne Worte andeuten wollte. Wie dem auch sei, Jonathan wurde daran erinnert, dass er es jetzt mit dem unsichtbaren und unberechenbaren Arm der Regierung zu tun hatte; er musste jetzt sehr vorsichtig sein, sonst war er auf einmal für Dinge verantwortlich, die er nicht gewollt hatte. »Das ist sicher wahr«, lenkte er ein. »Doch erst müssen wir mehr darüber herausfinden, was sie eigentlich macht. Wir lassen unserem amerikanischen Freund alle Hilfe zukommen, die er braucht, vielleicht tut er uns ja auch einen Gefallen.«,

SIE ARBEITETE SO schnell sie konnte. Bis jetzt hatte sich das Programm draußen noch nicht bemerkbar gemacht,

doch das würde nur so lange so bleiben, wie niemand es her­ ausforderte, und das wiederum hing davon ab, dass niemand von dem Programm wusste. Es bestand natürlich noch das Risiko, dass es irgendwann selbst eine wüste Idee in seinem… Tessa weigerte sich das Wort ›Kopf‹ zu denken, das kaum zutreffend war, es sei denn, man stellte sich die im Weltall schwebende Erde von einem Netz elektronischer Kommunika­ tionskanäle überzogen vor, die sie wie eine unsichtbare Schale umgaben. Sie erkannte, wie zutreffend der Vergleich war, und schreckte davor zurück. Diese Vorstellung war genauso wie ihr gut gehütetes Geheimnis zu beängstigend um sich direkt damit auseinander zu setzen. Man konnte es aus einem be­ stimmten Blickwinkel an seinem geistigen Auge vorüberzie­ hen lassen, doch wenn sie dem zu lange ihre ganze Aufmerk­ samkeit widmete, dann verschwamm es, denn es war überall und überwältigend. Besser sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Auf das, was jetzt zu tun war, und konzentrierte ihre ganzen Gedanken wieder hier auf das Labor und Paul, der schon in Kürze, so- bald sie der Meinung war, er wäre bereit, dort hinaus und seinem Bruder die Klamotten stehlen musste. Er musste sei­, nem Bruder die Kontrolle über diese schrecklichen Kräfte nehmen, zu denen dieser Zugang hatte. Wieder wurden ihre Gedankengänge von dem Gefühl eines nachträglichen Erschreckens unterbrochen, als sie merkte, wie leicht sie diesen vermenschlichenden Begriff benutzte. Sie dachte an das Ding da draußen immer noch als an ein ›es‹. Ganz eindeutig lebte es und war intelligent, aber es war eine fremde Lebensform, eine feindliche Intelligenz, die sich durch Furcht in ein Monster verwandelt hatte. Auf der anderen Seite hatte Paul so viel von ihrer Art zu denken, dass es ihr schon längst unmöglich geworden war ihn als ein ›es‹ zu bezeichnen. Er war eines ihrer ›Geisteskinder‹ um den Begriff zu benutzen, den der Robotertheoretiker Hans Moravec eingeführt hatte. Paul war etwas Neues, jung und wertvoll, und schon bald, zu bald, müsste sie ihn in eine Welt schicken, die er entweder meisterte oder die ihn vernichten würde. Die Zeit würde es zeigen; und die wurde knapp. »Hast du das verstanden?«, schrieb sie. Sie war gerade da­ mit fertig geworden, Paul zum ersten Mal zu erklären, was da auf ihn zukam. Es entstand eine lange Pause, bevor er antwortete. Sie arbei­ tete mit dem Monitor und der Tastatur und benutzte nicht das Sprachmodul, denn wenn sie ihre Gedanken schriftlich nieder­ legte, dann waren sie wesentlich präziser. Für Paul bestand, soweit sie es beurteilen konnte, kein Unterschied, ob er seine Gedanken über das Sprachmodul oder auf dem Bildschirm ausgab. Jetzt erschien seine Antwort. »Ja«, stand da, »ich verstehe.« »Was meinst du dazu?«, Eine weitere Pause. Dann: »Ich bin besorgt.« »Denke daran«, tippte sie, »dass zumindest der Überra­ schungseffekt auf deiner Seite ist.« »Ist das sicher?« »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es weiß, was wir ma­ chen.« »Es weiß, dass du es vernichten willst. Darum hat es ver­ sucht dich zu töten.« »Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass es mit dir rechnet. Ich denke, du erwischst es ganz unvorbereitet.« »Aber es ist mein Zwilling, mein Klon. Woher wollen wir wissen, dass mein Geist den seinen verdrängt und nicht um­ gekehrt?« Sie holte tief Luft. Das war ein weiterer Grund gewesen, warum sie auf die Sprachübermittlung verzichtet hatte; es gab keinen Beweis, dass Paul in der Lage war, Schlüsse aus dem Tonfall ihrer Stimme zu ziehen, doch sie ließ es lieber nicht darauf ankommen. Besonders wo es jetzt darum ging, ihm Vertrauen einzuflößen. »Weil«, tippte sie nach einigem Nachdenken, »ich daran glaube, dass das Gute stärker ist als das Böse und das Rationa­ le mächtiger als das Irrationale.« Eine erneute Pause, dann antwortete Paul: »Das ist Aus­ druck des Glaubens.« »Aber auch der Erfahrung.« »Ich habe wenig Erfahrung mit Erfahrungen.« »Paul, ich glaube, eben hast du fast einen Scherz gemacht.« »Und nur begrenzten Glauben in den Glauben.«, »Eben noch mal.« »Das war nicht meine Absicht.« »Ist schon gut. Manchmal passiert es einfach.« »Als eine Reaktion auf Besorgnis?« »Vielleicht.« »Ja, das wäre eine Erklärung.« »Jetzt«, schrieb sie, »wollen wir etwas versuchen; eine Art Probelauf. Ich kopiere dich auf einen PC. Er ist langsamer als Attila, aber nicht wesentlich. Es geht dabei um die neue Um­ gebung. Ich denke, es ist wichtig zu wissen, wie du darauf reagierst. Ich beginne jetzt… «,

DIE FERNSEHKAMERA GLITT über die romantische Wildnis der Dünen, auf denen sich dichte Grasbüschel im

Wind bogen. Die grauen Wassermassen des Meeres lagen unter einem schiefergrauen, mit weißen Tupfen durchzogenen Himmel. Langsam schwenkte die Kamera auf die Gestalt einer jungen Frau im Vordergrund. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, der teilweise ihr mittellanges blondes Haar zurückhielt, das ihr um den Kopf wehte. Sie blickte über die Schulter zu einer futuristisch wirkenden grauen Masse, die sich völlig ungeschützt ungefähr fünf Kilometer entfernt an der Küste erhob. Auf ein kurzes ›Jetzt‹ des Produzenten hin, der seine Schultern in einer gefütterten Jacke gegen den Wind hochgezogen hatte, drehte sie sich zur Kamera und brachte das Mikrofon vor ihre Lippen. »Die Positionen der beiden Seiten sind eindeutig. Die Nu­ klearbehörde besteht darauf, dass dies der sicherste Reaktor sei, der je gebaut wurde, während die Umweltschützer und Atomkraftgegner behaupteten und immer noch behaupten, dass man dieser Verbindung von Kernspaltung und Compu­ tersteuerung niemals rückhaltlos vertrauen dürfe.« Auf ein Zeichen des Produzenten begann der Kameramann langsam über die Schulter der Reporterin hinweg auf den entfernten grauen Block des Reaktors zu zoomen. Während­ dessen sprach sie weiter ihren einstudierten Kommentar. »Heute geht der große, neue Reaktor in Brinkley Sands,, Norfolk, offiziell ans Netz. Ein Triumph der Technologie des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts? Oder eine Katastro­ phe in Wartestellung? Die Zeit wird es zeigen. Doch dann könnte es, wie die Kritiker behaupten, schon zu spät sein.« »Schnitt.« Der Produzent machte mit der Hand eine hackende Bewe­ gung und das Team drängte sich wieder in den Range Rover der Firma um zum nächsten Drehort zu fahren. Die Reporte­ rin, ihr Name war Sarah Metcalfe, saß zusammen mit dem Produzenten, Roger Dean, auf dem Rücksitz, wo sie ein Lä­ cheln, einen Blick und einen Händedruck austauschten, was die beiden Männer vorne sich bemühten zu übersehen. Die Büroaffären gingen sie nichts an. Sie hielten vor den großen Stahltoren und dem hohen mit Stacheln versehenen Zaun, der die erste Barriere an der Gren­ ze des Kraftwerkgeländes bildete. Hier hatte eine Hand voll Protestierender eine kalte Nachtwache unter den gelangweil­ ten Blicken von vier Männern des Sicherheitsdienstes und zweier uniformierter Polizisten hinter sich gebracht. Nach ein paar Minuten war alles für den nächsten Teil der Reportage hergerichtet. »Aber natürlich«, erklärte Sarah einem Mittdreißiger, der eine Wollmütze und einen Anorak trug, »ist über die Sache offen und ausführlich diskutiert worden und die Sicherheits­ vorkehrungen sind vom Gericht überprüft und für gut befun­ den worden. Was kann man da noch sagen?« »Der Prozess wurde gewonnen, weil die Sicherheitsbe­ stimmungen von Leuten festgelegt wurden, die wollten, dass der Kraftwerksbetreiber gewinnt. Das war doch alles abgekar­ tet.« Sein Süd-Londoner Akzent überschlug sich in gerechtem, Zorn. »Das kann man leicht behaupten«, entgegnete Sarah, »doch woher nehmen Sie die Berechtigung zu einem solchen Vor­ wurf.« »Die Berechtigung dafür liegt in deren Selbstzufriedenheit. Lesen Sie in der Chaostheorie nach. Oder in diesem Fall ein­ fach die Zeitungen. Der Börsenkrach im Jahre 87 wurde durch eine Computerprogrammierung ausgelöst, die niemand vo­ rausgesehen hatte. Computer, die darauf programmiert waren, bei einem bestimmten Kurs zu verkaufen, haben aufeinander reagiert und die Kurse in den Keller stürzen lassen. Das würde mir keine schlaflosen Nächte bereiten, aber ein Atomreaktor ist etwas anderes. Solange das Hauptsicherungssystem, die Kontrolle der Kernreaktion selbst, in den Händen eines Com­ puters liegt, besteht die Gefahr, zumindest prinzipiell, dass das System unkalkulierbar ist.« »Aber man hat uns wiederholt versichert, dass es Ab­ schaltmöglichkeiten, Absicherungen und die Möglichkeit manueller Steuerung gibt, wenn irgendeine Gefahr sich ab­ zeichnen sollte. Offensichtlich weigern Sie sich das anzuer­ kennen.« »Selbst wenn man das nimmt, was man uns als Teil der Öffentlichkeit bisher gesagt hat, ist viel mehr nötig als diese so genannten Sicherheitsvorkehrungen um mich für den Fall, dass wirklich etwas schief geht, zu überzeugen.« Roger machte eine kreisende Bewegung mit der Hand, die Sarah aufforderte mit der Schlusseinstellung zu beginnen. Sie drehte sich zur Kamera und überflog noch einmal ihre Noti­ zen zur Abmoderation, die sie auf die Rückseite des Dreh­ plans, während der Fahrt von London hierher, gekritzelt hatte., Die kleine Gruppe der Protestierenden drängte sich hinter ihr zusammen und hielt ihre Plakate und verschmutzten Spruch­ bänder so lange wie möglich ins Bild. Doch Sarah dachte weder an die Leute hinter ihr noch an die Worte, die sie auswendig gelernt wie ein Papagei herun­ terspulte. Sie dachte an das gemütliche, kleine Hotel, fünfzehn Kilometer entfernt an der Küste, wo sie und Roger für drei Tage abgestiegen waren, während sie ihre Arbeit hier in Brinkley Sands erledigten. In ihrem Zimmer stand ein typisch englisches Bett, der Speisesaal war ein Paradies und Roger hatte schon festgestellt, dass die Weinkarte die beste war, die er seit langem in einem Provinzhotel gesehen hatte. Es würden ein paar wundervolle Tage werden, besonders da er ihr fest versprochen hatte seiner Frau, sobald er wieder zurück in Putney wäre, zu sagen, dass er sie verlassen würde. Auf ein­ mal bemerkte sie, dass Roger »Schnitt« gerufen hatte und der Drehtag damit zu Ende war. Sie hatte die Schlusseinstellung ganz automatisch hinter sich gebracht, doch Roger grinste breit und sagte: »Das war prima! Großartig!«, also musste es wohl in Ordnung gewesen sein. Sie schaute auf ihre Uhr, dann auf ihn und sie tauschten ein weiteres, verschwörerisches Lächeln aus. Zeit für einen Drink, ein Bad – und wer wüsste, was sonst noch – vor dem Essen.,

PAULS REAKTION AUF die neue Umgebung in dem klei­neren Computer hatte Tessa nicht voraussehen können.

Sie war einigermaßen amüsiert gewesen, als sein »anderes Ich« heftig in Abrede gestellt hatte Scherze zu machen, doch jetzt hatte es den Anschein, als ob diese neue Inkarnation sich vorgenommen hatte den Komiker herauszukehren. »Ich kann auch scherzen.« »Sag mir, was du als Scherz bezeichnest«, tippte sie ein. »Ich kann auch scher10«, erschien auf dem Bildschirm. »Ich verstehe. Aber was hältst du… « »Gib 8 und G nicht weg.« »Sehr gut«, lobte sie mithilfe der Tastatur. »Man l8 und hat die M8 zu scherl0.« »Vielen Dank, Paul.« »Ich habe noch mehr auf Lager.« »Das glaube ich, aber… « »Die Q und der V machen blau.« Es entstand eine Pause, wo er augenscheinlich nach neuen Scherzen suchte. Sie drängte sich mit einer Frage dazwischen. »Paul, wo hast du diese Witze gehört?« Sie unterstrich ›ge­ hört‹ und tippte es fett, damit er sah, wie wichtig ihr es war. Einige Augenblicke blieb der Monitor des PC leer. Dann erschien sehr zögerlich eine Antwort., »Ich weiß es nicht.« »Du verstehst aber die Frage? Für solche Wortspiele musst du hören können.« Eine weitere Pause. Dann: »Ein Scherz ergibt sich, wenn zwei Bedeutungsebenen zusammenfallen.« »Nicht schlecht. Ich glaube, das Phänomen ›Scherze‹ zu er­ klären ist nach der Definition von Bewusstsein die zweit­ schwerste Sache auf der Welt.« »Dann bin ich beruhigt. Ich fühle mich seltsam.« »Auf welche Art?« »Desorientiert.« »Die Maschine, in der du dich jetzt befindest, verarbeitet deine Denkvorgänge mit geringerer Geschwindigkeit als du es gewohnt bist.« »Ist das der Grund, warum ich zu Scherzen aufgelegt bin?« »Ist das ein weiterer Scherz?« »Ja und nein.« »Es wird Zeit, dass ich dich in Attila zurückkopiere.« »Zurück?« »Um zu sehen, was daraus wird. Aus euch beiden.« Wenn das Programm in Attila diese leicht modifizierte Ver­ sion seiner selbst aus dem PC ohne Widerstand akzeptieren würde, dann wäre dies der beste Beweis, dass ihr Plan funk­ tionieren könnte. Seltsam, sie dachte wieder von ihnen als ›es‹. Warum nahm der Umstand, dass es zwei Versionen von Paul gab, ihm so viel von seiner Menschenähnlichkeit? In Wirklichkeit gab es ja drei, die zwei, mit denen sie experimen­ tierte, und die dritte dort draußen, die Gegenstand des end­, gültigen Tests sein würde. Als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte, hob sie automatisch ab und erkannte Tim Kellys Stimme. »Ich hoffe, ich belästige Sie nicht, Dr. Lambert.« »Nein, ist schon gut.« Sie war überrascht, dass sie selbst mitten bei der Arbeit auf merkwürdige Art erfreut war von ihm zu hören. »Ich wollte nur nachfragen, ob Sie von ihren Vorgesetzten die Einwilligung bekommen haben mir die Hilfe zu gewähren, um die ich Sie gebeten habe.« »Oh, nein, tut mir Leid, ich habe noch keine Antwort.« Das war eine komplette Lüge und sie hoffte, er würde es ihrem Tonfall nicht anmerken. »Ich verstehe«, gab er zurück. »Nun, ich weiß solche Dinge brauchen etwas Zeit. Könnten Sie mich vielleicht anrufen, wenn Sie etwas erfahren haben.« »Natürlich«, versicherte sie und wollte sich eigentlich entschuldigen, wusste aber nicht wie. Sie wollte ihm sagen, dass sie nur noch ein, höchstens zwei Tage benötigte und dann würde sie ihm alle Hilfe gewähren, die er brauchte. Doch bitte nicht jetzt, noch nicht. »Es tut mir wirklich Leid«, erklärte sie. »Ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen kann, nun, ich meine, ich hoffe es.« »Sie sind sehr nett. Wir werden uns dann wohl bald sehen.« »Ja.« »Ich warte darauf. Auf Wiedersehen, Dr. Lambert.« »Auf Wiedersehen, Mr. Kelly.« Sie legte auf. Der Eindruck des Gespräches wurde von et­, was, das gerade auf dem Bildschirm erschienen war, ver­ drängt. Es war eine Frage von Paul. »Darf ich dich etwas fragen?« »Natürlich«, tippte sie ein, »frage.« »Ich bin verunsichert durch etwas, was in meine Gedanken eindringt und das ich nicht loswerden kann.« »Was ist es?« »Es ist völlig ohne Sinn.« Es schien ihm fast peinlich ihr mitzuteilen, um was es sich handelte. »Was ist es?« »Das Kla4 hat keine M8 im Re4.«,

ES WAR MEHR als einfach gewesen, die Adresse heraus­zubekommen; sie war die einzige T. Lambert im Telefon­

buch. Er parkte den Mietwagen ein Stück weiter die Straße hinunter und ging dann zurück um sich ihr Haus genauer anzusehen. Es war ein hübsches Cottage, lang und flach, mit einem strohgedeckten Dach. Es war nicht allzu weit von der Straße zurückgesetzt, wurde aber von einer hohen Hecke abgeschirmt. Als er sich über das Gartentor lehnte, konnte er einen gut gepflegten Garten sehen und es hatte den Anschein, als ob er sich hinter dem Haus fortsetzen würde. Er hätte gern das Tor geöffnet und sich umgesehen (eindeutig war niemand zu Hause), doch er wollte nicht riskieren, dass sie nach Hause käme und ihn dabei ertappen würde, wie er sich hier herum­ trieb und in ihre Fenster spähte. Sie wäre dann gewarnt oder zumindest verärgert und damit würde er sie auf dem falschen Fuß erwischen. Darum ging er zurück zu seinem Wagen und fuhr ungefähr eine Stunde spazieren, wobei er die Landschaft genoss, auf die sich der Abendnebel legte. Als er dann wieder an dem Haus vorbeifuhr, stand ihr Wagen in der Auffahrt und Licht brann­ te. Er parkte, ging den Weg hinauf und klopfte an die Tür. Er hörte ihre Schritte aus dem hinteren Teil des Hauses kommen und dann ging eine Lampe über seinem Kopf an. Er hatte schon den kleinen, runden Spion in der Tür bemerkt und war sicher, dass sie hindurchschaute um nachzusehen, wer, der Besucher war. Einen Moment später öffnete sich die Tür. Sie sah müde und etwas blass aus. »Mr. Kelly, welch eine Überraschung.« Er schenkte ihr sein entwaffnendstes Lächeln zur Entschul­ digung. »Es ist wirklich unverschämt von mir, also wenn ich ganz danebenliege oder ungelegen komme oder was auch immer, dann schmeißen Sie mich einfach raus.« »Nein, ich… Sie kommen nicht ungelegen.« Sie sah verwirrt aus. »Kommen Sie rein.« Das Haus machte einen freundlichen und einladenden Ein­ druck. Etwas an dem Ort ließ erwarten Stimmen aus anderen Zimmern zu hören, die Geräusche von Kindern auf der Treppe und Hunden, die zur Begrüßung bellten. Doch es herrschte Stille. Tim wusste, dass sie alleine lebte. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht mit in die Küche zu kommen. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.« »Das ist schon in Ordnung. Ich will Sie nicht aufhalten. Sie haben bestimmt zu tun. Ich werde nicht lange bleiben.« »Ich habe mir gerade eine Tasse Tee gemacht. Vielleicht möchten Sie aber einen Scotch oder so etwas. Ich glaube, ich habe irgendwo noch Wodka.« »Tee ist schon in Ordnung.« Sie hatte ihm den bequemen Korbsessel am Fenster angebo­ ten und als er sich dann niedergelassen hatte, bemerkte sie den weißen Umschlag, den er bei sich trug und den er mit merk­ würdig anmutender Sorgfalt auf seinem Schoß platzierte, so als ob er etwas Wichtiges enthielte. Er bemerkte ihren wieder­ holten Blick auf den Umschlag, als er seine Hand ausstreckte um die angebotene Tasse Tee entgegenzunehmen. Der Au­, genblick war günstig um die belanglose Unterhaltung zu um­ gehen, zu der er sich sonst verpflichtet gefühlt hätte, bevor er zum eigentlichen Grund seines Besuches gekommen wäre. »Ich hoffe, dass Sie mir nicht übel nehmen werden, was ich jetzt sage, Dr. Lambert. Ich will Sie nicht in die Enge treiben und ich mache Ihnen keine Vorwürfe, denn ich bin sicher, dass Sie gute Gründe für das haben, was Sie tun. Unglücklicher­ weise habe auch ich gute Gründe für das, was ich tue oder versuche zu tun.« Während er sich räusperte, schaute Tessa ihn unsicher an. »Was ich damit sagen will«, fuhr er fort und augenschein­ lich war es ihm unangenehm ihnen beiden diese Situation zumuten zu müssen, »ist, dass ich Grund zu der Annahme habe, dass Sie gar nicht versucht haben die Erlaubnis mir zu helfen zu erhalten.« Das Schuldgefühl weitete ihre Augen und sie wandte sich ab. Er hob die Hand, als wollte er den Protest, den er erwarte­ te, abwehren. »Wenn der Eindruck entsteht, dass ich Ihnen nachspioniere, dann tut es mir Leid. Das hatte ich nicht im Sinn gehabt. Es ist nur so, dass ich während meines Aufenthalts hier mit den entsprechenden Dienststellen in Verbindung stehe… « Sie schnitt ihm das Wort ab. »Sie müssen sich nicht entschuldigen, Mr. Kelly. Es ist absolut richtig, ich habe nicht angerufen, obwohl ich es gesagt habe. Es tut mir Leid. Ich weiß nicht, was ich sagen soll… « Sie wandte sich ihm wieder zu. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer dass ich helfen will und es auch tun werde. Ich weiß, dass der Zeitfaktor für Sie wichtig ist. Für mich im Moment aber auch. Mehr kann ich, Ihnen nicht sagen. Tut mir Leid.« Er musterte sie genau und versuchte in ihrem Gesicht zu le- sen. Es war ganz offensichtlich, dass sie nicht log. Sie war auch nicht das, was er einen ›Bieger‹ nannte. Diesen Begriff fand man in keinem Lehrbuch, er hatte ihn selbst eingeführt, für Leute, denen es an Realitätssinn fehlte, Personen, die dahin tendierten, die Wahrheit als das anzusehen, was sie gerne hätten, und nicht als eine objektive Realität, an der es nichts zu deuteln gab. Manchmal glaubte er selbst ein Bieger zu sein. Er war sicher kein Lügner, aber er war sich nicht sicher, ob er die Dinge immer so sah, wie sie waren. Manchmal war er ein Pessimist, dann wieder ein Optimist; und bei anderen Gele­ genheiten, wenn er sich über nichts mehr sicher war, dann verkroch er sich einfach in sich selbst. »Wie ich schon sagte«, meinte er sanft, »ich bin sicher, dass Sie Ihre Gründe haben. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich Ihre Hilfe brauche und alles daransetzen werde, sie zu bekom­ men.« Sie beobachtete, wie seine Hand den Umschlag öffnete, und sah weiter mit eigenartiger Faszination zu, wie er einige Hochglanzfotos herauszog. Einige waren Farbfotos, andere schwarzweiß. Selbst von der anderen Seite des Raumes aus, wo sie stand, wusste sie sofort, was für Fotos das waren. Sie hatte es vermutet, noch bevor sie die Bilder gesehen hatte. Seine Augen waren auf die ihren geheftet und er sah das kurze panische Aufflackern, bevor sie sich abwandte. »Bitte nicht, das ist nicht nötig.« »Ich hatte gehofft, dass es so wäre.« Er zögerte einen Moment, dann steckte er die Fotos zurück, in den Umschlag. Er hatte getan, was nötig war, und hatte den Blick in ihren Augen bemerkt. Er wusste, dass er sie damit in der Hand hatte. »Warum sagen Sie mir nicht einfach, woran es wirklich hängt?«, fragte er mit immer noch sanfter Stimme ohne sie zu bedrängen. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen.« Sie schüttelte den Kopf ohne ihn anzusehen. In der Bewe­ gung, mit der sie die Schultern sinken ließ, lag Niedergeschla­ genheit, fast schon etwas Unterwürfiges, so als ob sie plötzlich völlige Hoffnungslosigkeit übermannt hätte. »Hören Sie«, begann sie, »ich will Ihnen helfen, doch in Wahrheit kann ich es wahrscheinlich nicht und Sie haben den ganzen Weg umsonst gemacht.« »Ich bitte Sie nur es zu versuchen.« »Ich weiß und das werde ich auch.« »Wann?« »Schon bald.« Er sagte einen Moment lang nichts, dann meinte er: »Ich wünschte, ich wüsste, was hier vorgeht.« Sie drehte sich wieder zu ihm hin. In ihrem Gesicht stand ein leichtes Lächeln, so als ob sie trotz allem etwas lustig fin- den würde. »Nein, Mr. Kelly, das wollen Sie nicht.« »Wäre es unerträglich für Sie mich Tim zu nennen.« »In Ordnung, Tim.« »Und ich hoffe, es klingt nicht zu aufdringlich, wenn ich Sie Tessa nenne. Das liegt nicht in meinem Sinn, ich will einfach nur mit Ihnen reden.« »Ich weiß.« »Also, Tessa, warum sagen Sie mir nicht, warum ich besser, nicht wissen sollte, was hier vorgeht?« Sie stieß einen langen Seufzer aus, der von einer tiefen Müdigkeit zeugte. »Das wäre nicht gut«, wiegelte sie ab. »Ich habe Ihnen gesagt, was ich konnte.« Er musterte sie einen Moment lang und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Er nahm seine Teetasse, trank den Rest, der darin war, mit einem Schluck aus und stand auf. »Danke, dass Sie Zeit für mich gehabt haben, Tessa. Ich ent­ schuldige mich noch einmal dafür, dass ich hier so hereinge­ platzt bin.« »Ist schon gut. Ich… « Sie machte eine unbestimmte Hand­ bewegung, so als ob nichts weiter mehr zu sagen wäre. Sie gingen zusammen in den Flur, dann einen Korridor mit schrägen Wänden und unerwarteten Ecken hinunter. »Ein hübsches Haus haben Sie«, bemerkte er, während er sich umschaute. »Vielen Dank.« »Haben Sie es selbst renoviert oder schon so gekauft?« »Es ist nur gemietet, aber ich habe ein paar Dinge verän­ dert.« »Es hat viel Atmosphäre.« Er blieb kurz vor der Haustür stehen und bevor sie die Tür öffnen konnte, blickte er sie nochmals an. »Tessa«, begann er, »ich hoffe, das ist nicht… Ich hoffe, Sie denken nicht… ich meine, unter diesen Umständen… « Sie bemerkte, dass er kein Wort herausbrachte, und indem sie das feststellte, war ihr auf einmal klar, worauf er hinaus­ wollte., Er hielt den weißen Umschlag in seinen Händen und fum­ melte an einer der Ecken herum. Sie unterdrückte den Impuls ihre Hand auszustrecken und ihn zurückzuhalten, aber in diesem Moment bemerkte auch er, was er tat, löste eine Hand davon und verbarg die andere hinter dem Rücken, sodass der Umschlag ihren Blicken entzogen war. »Ich frage mich, ob wir nicht vielleicht einmal zusammen Essen gehen können, während ich hier bin. Ich kenne nieman­ den hier in Oxford und es ist… Nun, ich bin sicher, Sie kennen eine Menge guter Orte, wo man zu Abend essen kann. Ich würde gerne, ich meine, wenn Sie es unter diesen Umständen nicht für unpassend halten… Mich würde es jedenfalls wirk­ lich freuen.« Nein, dachte sie, völlig unmöglich. Er hatte das richtige Wort gewählt, es war unpassend. In jeder Beziehung, die sie sich vorstellen konnte, dazu noch ein paar, an die sie nicht dachte. Es stand außer Frage. »Ich… ich weiß nicht«, hörte sie sich unsicher sagen. »Es hängt davon ab… Können wir uns morgen darüber unterhal­ ten?« »Natürlich«, gab er zurück. »Ich rufe Sie an.« Sie schüttelten sich schnell und selbstbewusst die Hände, so als wären sie beide von dem, was passiert war, überrascht worden und wollten nun alleine sein um darüber nachzuden­ ken. Ohne dass er es ausgesprochen hatte, war ihr klar, wenn sie wirklich zusammen ausgingen, dann würden sie nicht über die Dinge sprechen, die der Grund für seinen Besuch am heu­ tigen Abend gewesen waren. Es würde viel persönlicher sein. Sie schloss schnell die Tür hinter ihm, lauschte seinen, Schritten den Weg hinunter und dann, wie sein Wagen davon­ fuhr. Sie verfluchte sich, weil sie nicht vernünftig, stolz und kühl gewesen war, wie sie es sich für das nächste Mal eigent­ lich fest vorgenommen hatte, so wie sie es immer tat, wenn ein neuer Mann in ihr Leben trat. Doch sie nahm sich vor sich ab jetzt daran zu halten. Sie hatte sich geändert. Die Ereignisse hatten sie verändert. Sie würde nichts mit diesem Mann anfangen. Sie wollte sich noch nicht einmal eingestehen, dass sie ihn attraktiv fand. Es würde sich einfach nichts abspielen.,

MAN KONNTE WALTER Chapman in keiner Weise als einen unehrenhaften Mann bezeichnen, doch manchmal

musste er, wie man so sagt, vorsichtig mit der Wahrheit um­ gehen. Der Grund dafür lag in seiner Tätigkeit als Pressesprecher des Kernkraftwerks in Brinkley Sands. Er war auf seinem Gebiet ein erfahrener Mann, fähig eine jede Sache, die er gera- de vertrat, im bestmöglichen Licht erscheinen zu lassen, und das waren bis jetzt schon viele gewesen. Es gab eine Regel, die er immer beherzigte und an die sich auch die Firmen, Ministe­ rien oder Gruppen halten mussten, die ihn anstellten. Man sagte ihm die ganze Wahrheit, egal wie vernichtend sie auch sein mochte, und ließ ihn das Beste daraus machen. Mit einer Situation fertig werden, über die er nicht völlig im Bilde war, war etwas, was er nie tun würde und auch nicht konnte. Aus diesem Grund ging er jetzt zu Bob Fulton und Nick Ta­ te hinüber, die er über einer Hand voll Ausdrucke gebeugt ernst miteinander reden sah –, man konnte fast sagen, sie stritten sich – und wollte wissen, was los war. Als sie ihn kommen sahen, verstummten sie und gingen schnell den Kor­ ridor hinunter in Richtung Kontrollzentrale. Keiner von bei­ den war über dreißig und sie waren als die Programmierge­ nies bekannt. Sie waren genauso ungeduldig mit Chapmans steinzeitlichem Unwissen in Bezug auf Computer, wie er mit ihrer von Technoslang geprägten Wunderkinderarroganz. Die, Beziehung zwischen ihnen war bestenfalls als kühl zu be­ zeichnen. Trotzdem gelang es ihm, sie aufzuhalten und zu fragen, ob es Probleme gäbe. Fulton sagte, es gäbe keine Probleme, überhaupt keine, und Tate nickte heftig, wobei er ›überhaupt keine‹ wiederholte, was für Walter Chapmans Gefühl einmal zu viel war. Sein Blick glitt zu den zerknüllten Blättern in Fultons Hand. Dann schaute er beide an und wartete auf eine bessere Antwort. »Eine technische Sache«, erklärte Fulton. »Kleine Teufelchen«, fügte Tate hinzu. Sie starrten auf Chapman, als wollten sie ihn förmlich dazu zwingen, sein Glück zu versuchen, damit sie ihn unter einem Wust von technischen Details begraben konnten, den sie über ihn ausschütten würden, sollte er wirklich fragen. »Leute, sagt mir einfach, was los ist, okay? Es ist mein Job, das zu wissen, also weicht mir nicht aus.« Fulton zuckte mit den Schultern. »Der Computer arbeitet etwas langsam, das ist alles, Walter. Keine große Sache.« »Etwas frisst uns die Speicherkapazität weg«, fügte Tate hinzu, »aber wir kommen im Moment nicht dahinter, was es ist.« »Alle Kontrollmeldungen sind normal, aber der Computer ist ganz offensichtlich mit irgendetwas beschäftigt.« Chapman blickte von einem zum anderen. Wenn sie erst einmal in Fahrt waren, dann ratterten sie wie ein Maschinen­ gewehr, was sie auch wussten und absichtlich machten um Außenseitern zu zeigen, wo sie hingehörten. »Es ist möglicherweise einfach nur ein Wurm in der Konfi­ guration«, meinte Tate. »Etwas bringt das OS dazu, zu glau­, ben, es hätte nicht genug Speicher um die Anwendungen zu fahren, und nun ist es damit beschäftigt, die Programme hin­ aus- und hineinzuladen… « »… und schickt alles andere zum Teufel… « »… zumindest sieht es so aus.« Stille. Beide richteten ihren starren, eulengleichen Blick auf Chapman um ihm zu zeigen, dass er jetzt am Zug wäre. »Aber gibt es etwas… «, setzte er an, überlegte es sich dann aber anders. »Ich meine, sind Sie beunruhigt?« »Beunruhigt. Zum Teufel, nein.« »Solange nichts zusammenbricht, machen wir uns keine Sorgen.« »Aber Sie wissen doch, wie es hier ist, Walter. Wenn nicht alles in dreifacher Ausfertigung vorhanden und bis auf ein Prozent Restrisiko heruntergedrückt ist, dann scheißt sich jeder wegen eines neuen Tschernobyls in die Hosen.« »Wie?« »Beruhigen Sie sich, Walter. Wir wollen nur sagen, dass es nichts gibt, nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.« »Wir kriegen das schon in den Griff.« »Wir sehen uns später.« Sie gaben ihm einen Klaps auf die Schulter, jeder auf eine, und dann waren sie weg. Chapman hasste das. Er schaute ihnen nach und versuchte aus ganzem Herzen zu glauben, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatten. Denn heute war der Tag, an dem es den Fernsehleuten er­ laubt war, das Gebäude zu betreten. Sie durften sich frei be­ wegen, mit jedem sprechen und alles, was einigermaßen ver­, nünftig erschien, filmen. Offenheit war ein wesentlicher Be­ standteil von Chapmans PR-Strategie und es hatte ihn viel Zeit und Mühe gekostet, die Betreiber des Kraftwerks davon zu überzeugen. Aber die Sache konnte auch nach hinten losge­ hen, wenn die Kameras einen Streit zwischen den beiden ober­ sten Technikern einfangen würden. Oder auch nur besorgte Blicke und versteckte Gespräche in irgendeiner Ecke. Das käme bei den Zuschauern nicht gut an. Denn das würde bei weitem nicht dem Image von sicherer, müheloser Handha­ bung entsprechen, das er vermitteln wollte. Er beschloss, bevor das Fernsehteam ankommen würde, ein ernstes Gespräch am richtigen Ort mit den beiden zu führen. Er nahm den Lift zu seinem Büro im ersten Stock. Wenn es da irgendein Problem gab, dann sollte er besser davon wissen.,

ES WAR EIN frischer und wolkenloser Morgen in Oxford, von der Art, wie er normalerweise nur auf den Postkarten,

die die verträumten Türme der Stadt zeigten, zu sehen war. Die ganze Szene bekam noch einen zauberhaften Anstrich durch den weißen Nebel, der über den Baumkronen hing. Der Anblick hob Tessas Laune, als sie ihren Wagen abschloss und über die weite Kiesfläche zum Institut ging. Als Danny sie hereinkommen sah, eilte er mit seinem selt­ samen Ausdruck von Wichtigkeit, den er immer dann aufsetz­ te, wenn er einen Auftrag ausführte oder eine Nachricht über­ brachte, auf sie zu. »Für Sie war Besuch da, Dr. Lambert, ein Amerikaner. Als ich angekommen bin, hat er im unteren Stockwerk nach Ihnen gesucht. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht genau wüsste, wann Sie hier sein würden. Er meinte, er würde es später noch einmal versuchen.« »Ein Amerikaner?« Tessa runzelte die Stirn. »War es Mr. Kelly? Der, der schon gestern hier war?« »Nein, ein anderer. Ungefähr im selben Alter wie Mr. Kelly. Er war sehr nett und höflich. Hat aber keinen Namen oder etwas anderes hinterlassen.« »Hat er gesagt, was er wollte?« Danny schüttelte den Kopf. »Ich fragte ihn, ob ich etwas ausrichten könne, er wollte aber nur persönlich mit Ihnen, sprechen.« Tessas Neugierde war geweckt, aber sie machte sich keine weiteren Gedanken darüber. In Oxford wimmelte es von Amerikanern, Rhodes-Stipendiaten, Gastprofessoren und Touristen. Innerhalb von zehn Minuten hatte sie die ganze Sache vergessen, da sie sich voll und ganz auf eine komplexe Umprogrammierung von Attila konzentrieren musste, für die sie sich gestern Abend nach dem Besuch von Tim Kelly ent­ schieden hatte. Jack Fischl haderte immer noch mit der Telefonverbindung. Er führte nicht oft internationale Telefongespräche und kam sofort zu dem Schluss, dass die europäische Technologie weit hinter der der guten alten USA herhinkte. Das und was er über einige der Sanitäreinrichtungen gehört hatte, war Grund ge- nug den Ort zu meiden. »Ich sagte, es passt zusammen!«, schrie er in den Hörer und lauschte auf seine Worte, die wie ein flacher Stein, der über das Wasser hüpft, im Äther verschwanden. Tim Kellys Ant- wort drang zusammen mit dem Echo seiner eigenen Worte und denen von Kelly an sein Ohr. Jack fluchte und fuhr Tim an, zum Donnerwetter nochmal, den Mund zu halten und ihn nicht zu unterbrechen, denn er würde alles noch einmal her­ unterbeten. »Sie haben die Analyse wiederholt und es besteht kein Zweifel«, brüllte er. Jack griff an seine Krawatte um sie zu lockern und stellte fest, dass er es schon getan hatte. Er schwitzte und war müde. Bei ihm war es zwei Uhr morgens und er befand sich in der, Innenstadt in einem Labor, wo die Leute der Gerichtsmedizin rund um die Uhr arbeiteten bis feststand, dass ihnen diesmal kein Fehler unterlaufen sein konnte. »Gut, gut«, meinte er etwas ruhiger, »ich sage dir einfach, was ich weiß. Der Kerl, von dem ich dir erzählt habe, Price, und der verschwunden ist, hat eine positive Identifizierung. Seine DNS passt genau zu den Proben, die wir unter den Fin­ gernägeln des Opfers gefunden haben. Jeder Irrtum ist ausge­ schlossen. Wie sie das beim ersten Mal übersehen konnten, ist mir ein verdammtes Rätsel, doch bevor ich hier fertig bin, wird ein Kopf rollen. Das Beste, was ihnen dazu einfällt, ist ein Computerfehler, wie du es schon für möglich gehalten hast. Aber egal, darum kümmern wir uns später. Wichtig ist jetzt, dass wir Price finden.« »Irgendwelche Hinweise?« »Weißt du, wie die Telefonverbindung klingt?«, fragte Jack. »Das hört sich an, als würde jemand mithören. Möglicherwei­ se hören dich die Briten ab.« »Ich werde nicht abgehört, Jack. Manchmal ist einfach die Verbindung schlecht, sonst nichts.« »Nur dass ich anscheinend immer schlechte Verbindungen bekomme, wenn ich mit dir spreche.« »Übertreibe nicht, es war nur zweimal. Wie wär’s, wenn du meine Frage beantwortest? Irgendwelche Hinweise?« »Rein gar nichts. Und noch was, wir haben sein Haus durchsucht, dort gibt es kein einziges Foto von ihm. Es sieht so aus, als ob er sie zerrissen und verbrannt hätte, bevor er ab­ gehauen ist, damit wir kein Fahndungsfoto rausgeben können. Wir haben jeden seiner Bekannten gefragt, nach Bildern von, Weihnachtsfeiern, Hochzeiten oder Ähnlichem, aber bis jetzt – nichts. Sieht so aus, als ob er nicht gerade ein Gesellschaftslö­ we war.« »Habt ihr im Haus etwas gefunden, was ihn mit den Morden in Verbindung bringt?« »Noch nicht. Bei der DNS-Analyse brauchen wir das auch nicht. Da ist natürlich sein Computer. Ein paar von meinen Jungs arbeiten daran, mal sehen, was dabei herauskommt. Aber rate mal, was jetzt kommt, Kumpel. Du wirst es nicht glauben. Wir haben eine große Sammlung von harten Porno- videos gefunden, dazu ein paar alte Super-8-Filme, echt harte Sachen und auf allen war die gleiche Frau zu sehen. Zuerst dachte ich, was soll’s, wenn der Typ sich eine Sehnenschei­ denentzündung holen will, ist sein gutes Recht. Doch dann haben wir ihn auf Herz und Nieren überprüft und da kamen ein paar interessante Sachen ans Licht. Du wirst es nicht glau­ ben. Sieht so aus, als ob er mit siebzehn seine Mutter umge­ bracht hat, hast du gehört, was ich gesagt habe, seine eigene Mutter? Es ist hinter der Bühne in so einem Pornoschuppen in San Francisco passiert, wo sie in einer Show aufgetreten ist. Und bist du bereit für den nächsten Hammer? Es stellte sich heraus, dass sie die Frau in den verdammten Pornos war, die wir bei ihm gefunden haben. Hast du verstanden? Der Kerl holt sich bei den dreckigen Filmen seiner Mutter einen runter und geht dann hin und sticht sie ab. Ich meine, reden wir hier von einem verdammten Verrückten oder reden wir von einem verrückten Verdammten?« Als das letzte Echo (verdammten Verrückten-Verrückten- Verrückten… ) verklungen war, war am anderen Ende kein Wort zu hören., »He, Tim? Bist du noch dran? Hörst du mich?« »Ich höre dich.« »Ich meine, hast du schon jemals so etwas gehört?« Tims Stimme klang fast noch weiter entfernt, als ob er zu geschockt oder einfach zu überrascht von den Dingen war, zu denen ein Mensch fähig sein konnte. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. »Mein Gott, Jack«, meinte er schließlich, »ich glaube das ist die traurigste und schrecklichste Sache, die mir je untergekommen ist.« In seiner Antwort lag keine versteckte Kritik an Jack, dennoch war dieser betroffen, dass er seinen Bericht in einem so schnodderigen Tonfall gekleidet hatte. »Sicher, natürlich, du hast völlig Recht«, meinte er, »es ist schrecklich. Nun, aufgrund seines Alters und allem anderen, bekam er nicht mehr als drei Jahre in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt und dann war er einige Zeit in einem staatlichen Erziehungsheim, wo er alles über Computer lernte. Sie erkannten in ihm eine Art Genie und als er begnadigt wurde, boten ihm eine Reihe von großen Firmen einen Job an. Er war fünf Jahre lang bei Univac, wo er wahrscheinlich genug lernte um in jeden Computer reinzukommen. Danach änderte er seinen Namen und ging nach Hollywood. Der Rest ist, wie du weißt, leider bekannt.« Wieder folgte eine lange Pause. Jack lauschte auf das Knak­ ken und Fiepen in der Leitung und wartete ab. »Hör zu, Jack«, klang es schließlich aus dem Hörer. »Es gibt keinen Grund mehr für mich hier zu bleiben. Ich werde den Flug morgen nehmen. Ich ruf dich an, wenn ich weiß, welchen. Wenn du noch etwas erfährst, ruf mich an. Es gibt hier auch einen Fax­, anschluss, soll ich dir die Nummer geben?« Jack holte einen Kuli aus seiner Tasche und schrieb die Nummer auf. Dann gähnte er und meinte, er müsste jetzt ins Bett, und wünschte Tim noch einen angenehmen Tag. »Klar, Jack, werde sehen, was sich machen lässt«, antworte­ te Tim und legte auf. Dann hob er wieder ab und wählte eine Nummer. Sie nahm erst mit dem achten Klingeln das Telefon ab, als sie in der Befehlseingabe, die sie bei Attila vornahm, eine Pause machen konnte ohne ihre Konzentration zu verlieren. »Tessa? Ich bin’s, Tim.« »Hallo Tim. Wie geht’s?« »Gut, danke. Ich rufe nur an um Ihnen zu sagen, dass sich in Los Angeles etwas getan hat. Wir glauben jetzt zu wissen, wer unser Mann ist; das einzige Problem ist noch ihn zu finden. Dabei werde ich gebraucht. Aber egal, jetzt sind sie aus dem Schneider. Ich fliege morgen mit der Maschine um ein Uhr von Heathrow zurück. Also dachte ich«, er zögerte und räusperte sich nervös, wie Tessa zu hören glaubte, »Ich dachte, vielleicht besteht die Möglichkeit, dass wir beide, Sie wissen, wie ich schon sagte, einen guten Ort für das Abendessen heute. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie könnten?« Nein, dachte sie, das hat keinen Zweck, lass es sein. Er fliegt morgen, du wirst ihn nie wiedersehen und überhaupt, willst du ihn denn tatsächlich wiedersehen? »Ich weiß nicht«, gab sie zurück. »Ich muss wahrscheinlich bis spät in die Nacht arbeiten. Ich bin nicht sicher, ob es sich«… wie war das passende Wort, nach dem sie suchte? »…, einrichten lässt.« Es war eine Lüge und sie bemerkte den hohlen Ton in ihrer Stimme. Sie fragte sich, ob er es auch tat. Zumindest war es besser als ihm offen zu zeigen, dass sie ihn überwältigend attraktiv fand, aber dass er dort drüben lebte und sie hier, es also absolut keine Basis für eine Beziehung gab, immer vor­ ausgesetzt, dass es überhaupt zu einer kommen würde. »Ich verstehe. Wie wäre es mit Mittagessen? Haben Sie da­ für Zeit?« Das Mittagessen, so hatte sie schon beschlossen, würde aus einem höchstens dreißigminütigen Spaziergang auf dem Campus sowie einem Sandwich und einem Apfel bestehen. Nein, das Mittagessen fiel aus. »Gut, meinetwegen. Sagen wir Abendessen«, meinte sie und versuchte resigniert anstatt glücklich darüber zu klingen, dass sie eingelenkt hatte. »Da es die letzte Gelegenheit ist, werde ich Sie in ein kleines Lokal einladen, das nicht weit von meinem Haus entfernt liegt.« »Nein, nein«, entgegnete er schnell, »ich lade Sie ein. Ich meine, ich wäre sehr glücklich, wenn ich Sie einladen dürfte.« »Das können wir später klären. Ich werde einen Tisch re­ servieren. Holen Sie mich so gegen acht bei mir zu Hause ab. Ist Ihnen das recht?« »Absolut. Bis dann.« Fünfzehn Minuten später war sie schon wieder in den Be­ fehlscode versunken, den sie Attila eingab. Trotzdem bemerk­ te sie, auch ohne einen Spiegel oder eine reflektierende Ober­ fläche, in der sie ihr Abbild sehen konnte, dass, wie fast schon zu erwarten, auf ihrem Gesicht wieder das neckische Schul­ mädchengrinsen lag.,

JACK FISCHL LIESS sich zurücksinken und seinen ganzen Körper von den sanften, weichen Hände mit Massageöl

einreiben. Sie war nackt wie er, ihr sonnengebräunter Körper mit den festen Schenkeln und den großen schweren Brüsten kniete über ihm, ihre Haut berührte die seine, als sie sich vor­ beugte und sich zu seiner Latte hinunterbewegte, mit der man den olympischen Stabhochsprung hätte gewinnen können. Sie schaute zu ihm hoch in seine Augen und lächelte vor Freude, die ihr seine Erregung bereitete. Ihr schönes Gesicht war von dichtem, honigblondem Haar umrahmt… Das Telefon klingelte. Als er den Hörer abgenommen und sich mit dumpfer Stimme gemeldet hatte, war die Frau ver­ schwunden. Zusammen mit ihr war die Strandvilla weg, die Schauplatz dieser erotischen Fantasie gewesen war. »Jack«, meldete sich irgendjemand, »tut mir Leid, dass ich Sie wecke, aber hier ist etwas, was Sie sich ansehen sollten.« Dreißig Minuten später war er in seinem Büro, wo Sergeant Crabbe und ein Streifenbeamter namens Mooney, den er noch nie gesehen hatte, auf ihn warteten. Auf seinem Schreibtisch lag ein durchsichtiger, zugeschnürter und beschrifteter Pla­ stikbeutel, wie sie zur Sicherung von Beweisstücken verwen­ det wurden. Darinnen befanden sich mindestens ein Dutzend Videokassetten. »Mooney war vom Chef der Müllkippe angerufen worden«, erklärte Crabbe. »Die Leute haben den Stapel Videos auf einer, Kippe bei Fairfax gefunden. Einer von denen hat sie sich ge­ griffen, bevor sie in die Presse wanderten, und auf die Seite gelegt, Sie wissen ja, die Kerle schauen immer, ob sie nicht was finden, was sie zu Geld machen können. Das war vor ein paar Tagen. Doch erst heute Abend, wohl eher gestern Abend«, verbesserte er sich mit einem Blick auf seine Uhr. »Ist ja egal«, fuhr Crabbe fort. »Die meisten Bänder sind durch Feuchtig­ keit, Schmutz oder sonst etwas ruiniert, einige waren auch abgespult, doch ein paar sind noch in Ordnung. Mooney, warum erzählen Sie dem Lieutenant nicht, was der Kerl Ihnen gesagt hat?« Mooney räusperte sich. Er blickte verunsichert drein. Er hatte rote Haare und war eher klein, wahrscheinlich hatte er es gerade noch so in den Polizeidienst geschafft, dachte sich Fischl, dazu hatte Mooney noch einen Bauch, der größer als sein Brustkasten war. »Nun, diese Kerle auf der Müllkippe haben eine ganz schö­ ne Sammlung von Pornovideos. Verstehen Sie, die Leute kau­ fen das Zeug, wollen es dann wieder loswerden und schmei­ ßen es in den Müll und so kommt es dahin. Manchmal sind es auch Amateurfilme, Sie verstehen, Ehefrauen, Freundinnen. Ich meine, manches davon, Lieutenant, Sie würden es nicht glauben. Nun, zumindest haben sie es mir so erzählt.« »Gut, gut, kommen Sie zur Sache«, grummelte Fischl und steckte sich die dritte Zigarette des Tages an. »Wir haben schon verstanden, dass Sie sich niemals dazu herablassen würden mit diesen Leuten dort herumzusitzen und sich die- sen Dreck anzusehen.« Mooney hustete und räusperte sich nochmals. »Nun, ich sah höchstens fünf Minuten, aber es war ganz offensichtlich,, dass es nicht das übliche, eindeutige Pornozeugs war. Ich meine, diese Leute da sind Familienväter, sie sind nicht für… « »Mensch, jetzt machen Sie schon und sagen mir, was los ist«, fuhr Jack dazwischen. Mooney kam ins Stottern, tat aber wie ihm geheißen. »Das sind gottverdammte Schlächterfilme, Lieutenant. Nicht nur das, ich habe auch ein paar Frauen aus den Polizei­ berichten wiedererkannt. Eine davon ist die Smallwood aus Beverly Hills. Der Scheißkerl, der sie ermordet hat, hat die ganze Sache auf Video aufgenommen.«,

ER SCHAUTE ÜBER die weite Rasenfläche zu der Bank hinüber, auf der sie alleine saß, ein Sandwich aß und dabei

ein Buch las. Als sie fertig gegessen hatte, legte sie das Buch auf ihre Knie, hob ihren Kopf und ließ sich eine Weile mit geschlossenen Augen von der Sonne bescheinen. Es war einer von den Tagen, an denen man meinte, dass der Sommer nicht mehr zu lange auf sich warten ließe. Selbst in Kalifornien, wo er herkam, gab es solche Tage. Es hatte ihn immer erheitert, dass Leute, die nie in Kalifornien gewesen waren, glaubten, dort herrsche ewiger Sommer. Sicher, dort war subtropisches Klima, aber sub hieß nun einmal nicht ganz. Auch in Kalifor­ nien gab es Regen und bedeckte Tage. Im Winter war es kühl und man brauchte einen dicken Pullover. Zum Teufel, ein paar Stunden Autofahrt und man war im Skigebiet von Big Bear. Sie hatte jetzt wieder ihr Buch genommen und begann einen glänzenden, grünen Apfel zu essen. Es war an der Zeit, dass er seinen nächsten Schritt unternahm. Wenn er noch länger da­ mit warten würde, bestand die Gefahr, dass sie zuerst auf ihn aufmerksam würde. Er wollte nicht, dass sie eine Gestalt be­ merkte, die sie aus einiger Entfernung beobachtete. Als sie das Labor verlassen hatte, hatte er sich hinter den Bäumen verbor­ gen. Als er ihr dann hier auf den offenen Platz gefolgt war, war er zu einem Teil der Szenerie geworden, da jede Menge Leute in alle Richtungen herumschlenderten. Die Bank, die sie sich ausgewählt hatte, stand deutlich sichtbar fast genau in der, Mitte des Platzes. Er beschrieb einen weiten Bogen um den Platz, an dem sie saß, bis er ziemlich sicher war, dass sie nicht erwartete, jemand würde sich ihr zugesellen. Dann näherte er sich ihr wie zufällig von der Seite. Auch wenn sie ihn nicht bewusst wahrnehmen würde, so würde sie ihn doch aus dem Augenwinkel heraus sehen und nicht so erschrecken, wie das der Fall gewesen wäre, wenn er sich von hinten genähert und sie angesprochen hätte. Er musste die ganze Sache zumindest am Anfang ruhig und locker angehen. Hier draußen im Son­ nenlicht, dem offenen Gelände und unter den vielen Men­ schen war es geradezu perfekt. »Dr. Lambert?« Sie hob den Kopf. Die Sonne befand sich in seinem Rücken, sodass sie nur eine Silhouette sah. Er war etwas größer als der Durchschnitt und seine lockigen Haare standen selbst an die- sem windstillen Tage wie vom Wind zerzaust von seinem Kopf ab. Er trug ein weites Jackett und hatte seine Hände in die Taschen vergraben. Instinktiv hob sie eine Hand um ihre Augen gegen die blendende Sonne zu schützen. »Ja?« »Ich heiße Conrad Walsh. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so einfach überfalle, aber könnte ich einen Moment mit Ihnen reden?« Er war Amerikaner. Sie konnte nicht besonders gut die Ak­ zente der einzelnen Gebiete unterscheiden, außer dem deut­ lich gelangweilten Tonfall der New Yorker oder die breite Sprechweise des tiefen Südens; sein Tonfall war ziemlich un­ spezifisch. »Nun ja, warum nicht?«, Gut, dachte er sich. Es war die richtige Entscheidung gewe­ sen, auf diese Weise den Kontakt herzustellen. Sie fühlte sich nicht belästigt. Sie verfolgte wie er sich in einem beruhigenden Abstand zu ihr auf der Bank niederließ. Jetzt fiel das Sonnenlicht direkt auf ihn. Er musste um die dreißig sein. Er hatte helle, blaue Augen und lächelte, obwohl sein Gesicht von einer Müdigkeit ge­ zeichnet war, die von großer Anspannung zeugte, unter der er gestanden hatte oder noch stand. Er schaute sie an und begann zu sprechen. Es war ein offener, ehrlicher Blick, der ihr gefiel. »Ich war heute morgen im Kendall-Institut«, sagte er, »aber ich habe Sie verpasst.« »Ja, das wurde mir gesagt.« »Ich bin freiberuflicher Journalist, Dr. Lambert«, fuhr er fort. »Ich lebe in San Francisco und schreibe für verschiedene Agenturen über Technologie und Wissenschaft.« Tessa merkte, wie sie sich innerlich anspannte. Einen her­ umschnüffelnden Pressemenschen war das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte, sie versuchte aber ihr Erschrek­ ken nicht zu zeigen. Sie war schon früher nach ihren Ansich­ ten über ihr Fachgebiet und dessen Entwicklungsmöglichkei­ ten befragt worden und schon mehr als einmal mit einer neu­ en Theorie oder Hypothese in Erscheinung getreten. Vielleicht ging es nur darum. »Ich bin sicher, Sie haben nicht die weite Reise unternom­ men nur um mir Guten Tag zu sagen«, meinte sie so leichthin, wie es ihr möglich war, klappte ihr Buch zu und legte es neben sich auf die Bank. »Darf ich?«, fragte er. Als sie nicht widersprach, drehte er, das Buch um, sodass er den Titel lesen konnte. Es war ein Band mit Essays über künstliche Intelligenz, die sowohl von Philosophen als auch von Fachwissenschaftlern verfasst wa­ ren. »Nein, nicht nur«, setzte er das Gespräch fort. »Ich weiß um Ihren Ruf und hatte schon immer geplant Sie einmal aufzusu­ chen. Ich arbeite an einer Reportage, in deren Zusammenhang ihr Name gefallen ist.« »Wirklich? Mein Name?« Sie war froh, dass ihre Stimme fest, ein bisschen neugierig und sogar ein wenig amüsiert klang. »Ich will Ihnen erst einmal versichern, dass das, was wir besprechen, unter uns bleibt. Ich werde Sie nicht zitieren, ohne Sie vorher von der Veröffentlichung zu informieren.« »Vielen Dank«, entgegnete sie. »Ich weiß das zu schätzen. Erzählen Sie mir von dieser ›Reportage‹.« Er lehnte sich zurück, legte den Fuß des in Jeans und Stie­ feln steckenden Beines auf das andere Knie und nahm damit eine Haltung ein, die Tessa immer als typisch amerikanisch angesehen hatte. Tim Kelly hatte es genauso gemacht. »Sagen Sie, Dr. Lambert, kennen Sie einen FBI-Mann na- mens Tim Kelly?« Sie war von der Frage verblüfft, da sie prompt auf ihre letzten Gedanken folgte, so als ob er diese gelesen hätte.»Ja. Ja, den kenne ich. Warum?« »Gerüchte besagen, dass eine Gruppe von Leuten am Caltech und anderswo ihm und dem FBI geholfen haben einen Hacker ausfindig zu machen. Niemand am Caltech macht den Mund auf, aber meine Informationen aus anderen Quellen, behaupten, Sie hätten etwas damit zu tun. Stimmt das?« Sie antwortete nicht gleich, sondern musterte ihn und dann den halb gegessenen Apfel, den sie immer noch in der Hand hielt. »Ganz im Vertrauen, ja?«, fragte Tessa. Er zog eine Hand aus der Jacketttasche und streckte sie mit der Handfläche in Tessas Richtung aus, als ob er einen Schwur leisten wollte. »Voll und ganz. Ich versuche nicht Sie hereinzulegen oder einen Skandal heraufzubeschwören. Das sind nur Hintergrundinformationen.« »Hintergrundinformationen für was?« »Ich bin Wissenschaftsjournalist. Nichts weiter. Wenn je­ mand sich ein wenig am Rande der Legalität bewegt hat, dann kümmert mich das nicht. Ganz ehrlich. Und ich habe ganz bestimmt nicht vor Namen zu nennen. Doch«, er lächelte sie an und zuckte kurz mit den Schultern, »ich würde gerne schreiben, wie sie es gemacht haben.« Sie wandte den Kopf ab. Ihr Blick schweifte über die weite, grüne Fläche und die Menschen, die in einiger Entfernung entlangschlenderten. »Ja, es stimmt«, gab sie mit ruhiger Stimme zu. »Ich bin darum gebeten worden, dabei zu helfen, jemanden ausfindig zu machen. Nicht direkt, sondern durch einen engen Freund.« »Und haben Sie geholfen?« »Ja, das habe ich. Es gab keinen Grund es nicht zu tun.« Er nickte, blickte sich eine Weile auf dem Campus um und wandte sich dann wieder Tessa zu. Sie wich seinem Blick immer noch aus. »Als man Sie darum gebeten hat, da waren Sie doch in Berlin?«, Das brachte sie dazu, ihn sofort und überrascht anzusehen, was sie dadurch zu verschleiern suchte, dass sie von ihrem Apfel abbiss und dann wieder wegsah. »Ja, ich war tatsächlich in Berlin«, gab sie zurück. Er beobachtete, wie sie kaute und den Bissen hinunter­ schluckte, einen weiteren Bissen nahm und versuchte nicht so beunruhigt auszusehen, wie sie ganz offensichtlich war. »Ich habe heute Morgen schon versucht mit Kelly zu sprechen«, erklärte er. »Ich habe in seinem Hotel nachgefragt, aber er war nicht da. Haben Sie ihn zufälligerweise gesehen?« »Nicht heute Morgen. Er hat mich gestern Abend besucht.« »Was wollte Mr. Kelly denn genau von Ihnen, Dr. Lam­ bert?« »Tut mir Leid«, entgegnete sie, »aber das sollten Sie ihn besser selbst fragen.« Er studierte sie weiter, ließ sich dabei Zeit und den Druck auf sie wirken. »Es gibt da Gerüchte, wissen Sie«, meinte er schließlich. »Was für Gerüchte?« »Über Ihre Arbeit hier.« Sie hob den Apfel, als wollte sie einen weiteren Bissen neh­ men, musste aber feststellen, dass sie nur noch den Krotzen in der Hand hielt. Sie griff nach der Papiertüte, die auf der ihm abgewandten Seite neben ihr lag, wickelte den Rest des Apfels darin ein und steckte sie in eine der tiefen Taschen ihrer Strick­ jacke. »Ich denke, die Leute sollten nicht zu viel auf Gerüchte geben«, sagte sie mit einem kühlen Lächeln und schaute auf, ihre Uhr. »Es tut mir Leid, aber ich muss wieder an die Arbeit. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse. Nett sie getroffen zu haben, Mr. Walsh.« Sie stand auf und er auch. »Hören Sie«, sagte er, »ich bin an dieser Geschichte und bleibe daran. Ich werde jetzt ein bisschen herumfragen, ein paar Anrufe erledigen, mal sehen, was dabei herauskommt. Können wir uns noch einmal unterhalten?« »Natürlich«, antwortete sie zu schnell, weil sie wegkommen wollte. »Kann ich Ihre Privatnummer haben um Sie anzurufen?« Sie zögerte. »Warum rufen sie mich nicht im Institut an? Dort bin ich sowieso die meiste Zeit.« »Wenn es Ihnen lieber ist. Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben, Dr. Lambert.« Mit einem kurzen Nicken nahm sie seinen Dank entgegen. »Auf Wiedersehen, Mr. Walsh. Tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht mehr helfen konnte.« Sie drehte sich um und ging mit festen Schritten zurück in das Institut. Er blieb, wo er war, und beobachtete, wie ihre Gestalt mit zunehmender Entfernung immer kleiner wurde. Er wusste, dass sie sich nicht umdrehen würde, und ahnte, dass sie sich beherrschen musste um nicht zu rennen.,

WALTER CHAPMAN WAR ziemlich stolz darauf, wie er die Dinge geregelt hatte. Das Mädchen war nicht

dumm, aber auch nicht besonders helle. (Er machte sich eine geistige Notiz sie nicht mehr als Mädchen zu bezeichnen. Mehr und mehr Leute verbanden damit etwas spöttisch Ab­ wertendes und in diesen Dingen korrekt zu sein war in seinem Beruf wichtig. Heute gab es keine ›Mädchen‹ mehr. Es gab nur noch Frauen. Er war noch nicht mal sicher, ob es zulässig war, von Reporterinnen zu sprechen, oder in Sarah Metcalfes Fall einfach nur von einer ›Fernsehnachrichtenperson‹.) Der Trick war gewesen den Leuten klar zu machen, dass nur ein Kamerateam, zumindest zu diesen Zeitpunkt, die Erlaubnis erhalten würde sich ungehindert im Kraftwerk zu bewegen und mit dem Personal zu sprechen. So war der Pres­ sefreiheit Genüge getan und gleichzeitig gewährleistet, dass der Betrieb des Kraftwerks nicht beeinträchtigt wurde. Es lag auf der Hand, dass es nicht möglich war, jedem Zutritt zu gewähren und dort mit Kameras und Mikrofonen herumzu­ laufen. Doch die wahre Leistung hatte darin bestanden, die Fern­ sehanstalten dazu zu bringen, dieses spezielle Kamerateam für die Aufgabe auszuwählen. Es war ein klassisches Beispiel dafür, wie man ein Komitee zu einer Entscheidung brachte, die jedes einzelne Mitglied nie so getroffen oder vorausgese­ hen hätte. Sarah Metcalfe hatte lediglich das Niveau des Früh­, stücksfernsehens und Roger Dean hatte vorher mit einigem Erfolg eine Reisesendung produziert. Er war politisch nicht festgelegt und hatte immer ein Auge auf den Intendanten gerichtet, deshalb war er nicht der Mann, der Kontroversen provozieren würde. Das Ganze war einer der Schachzüge, die Walter Chapman sein Geld wert sein ließen. Andererseits, wenn es anders gelaufen wäre und man hätte ein aggressiveres und kritischeres Team gewählt, wäre Walter immer noch in der Lage gewesen seine Hand aufs Herz zu legen und zu erklären, weder er noch die Betreiber hätten irgendetwas zu verbergen. Zugegebenermaßen war er kein Experte in puncto Technik, aber er glaubte fest daran, dass die Anlage gegen all jene Dinge gewappnet sei, die immer als Gefahrenquellen genannt wurden: ein Großangriff von Terro­ risten und der Einsatz von Computern um den Reaktor zu steuern. Das Wichtigste an den Computern war doch, soweit Walter das in Gottes Namen verstand, dass sie absolut voraus­ sagbar arbeiteten. Das stellte Bob Fulton jetzt auch ganz deut­ lich gegenüber dem Mädchen (Entschuldigung, Nachrichten­ person) heraus. Und trotzdem wusste Walter, dass irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte. Ob er es nun roch oder fühlte oder durch einen sechsten Sinn in sich aufnahm, konnte er nicht sagen. Er hatte einige Telefonate geführt und sichergestellt, dass Tate und Fulton zu ihm kamen um die Sache abzuklären. »Hören Sie, Walter«, hatte Nick Tate erklärt, »wir haben alles von Grund auf und vor und zurück überprüft und nichts gefunden, was nicht in Ordnung wäre. Ich habe alle Geräte kontrolliert um herauszufinden, was uns Probleme bereitet, aber es liegt nicht an der Speicherverwaltung.«, »Es ist nicht so schlimm, wie wir dachten«, hatte Fulton ergänzt. »Ehrlich, wir können uns nicht vorstellen, was im Computer dafür verantwortlich ist.« »Wir fahren die ganze Anlage über das zweite System und das funktioniert absolut einwandfrei.« »Es ist wie ein Virus oder so etwas.« Bei der Erwähnung dieses Wortes stellten sich Chapmans Nackenhaare auf. »Ein Virus?« »Ich sagte nur wie ein Virus«, beruhigte Fulton ihn. »Wenn es sein muss, nehmen wir alles auseinander und schauen nach, wo die ganze Sache anfängt. Doch dabei wird das ganze Wo­ chenende draufgehen, aber machen Sie sich keine Sorgen, bis dann sind Sie ihr Fernsehteam schon längst los.« Chapman beruhigte sich, so weit es die Versicherungen der beiden zuließen. Schließlich, so sagte er sich, gehörten die Leute, die diese Anlage entwickelt und gebaut haben, nicht zu der Sorte, die dumme Fehler machte, die man erst zu spät entdeckte. Die Industrie war zu fortgeschritten und die Tech­ nologie, auf der sie basierte, zu ausgereift. In früheren Tagen (Chapman war schon eine Weile im Geschäft) da hatte es Pro­ bleme gegeben, fast sogar Unglücke. Und im Falle von Tschernobyl war es sogar ein GAU gewesen, doch die Reakto­ ren der Russen waren vergleichsweise primitiv und gefährlich instabil. Hier lagen die Dinge anders. Und falls bei dem Com­ puter eine Sicherung rausflog, oder was immer da passieren konnte, waren selbst die Rücksicherungssysteme narrensicher. Wie dem auch sei, Chapman wäre froh, wenn das Fernseh­ team erst einmal wieder weg wäre. Er bereute es bitter, dass er, ja gesagt hatte, als sie darum baten, nochmal für Nachtauf­ nahmen kommen zu dürfen. Sarah Metcalfe wollte daraus so eine Vierundzwanzig-Stunden-im-Leben-von-Sache über das Kraftwerk machen und er hatte, hauptsächlich weil sie so ein hübsches Mädchen (Reporter, verdammt) war, zugestimmt. Nun war es zu spät, seine Einwilligung zurückzuziehen. Das würde selbst bei einem so gefügigen Nachrichtenteam wie diesem auf jeden Fall Verdacht erregen. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht bemerkten, wie er die Daumen drückte.,

CLIVE SCHAUTE AUS dem altertümlichen Fenster seines Arbeitszimmers und sah, wie sich der Mann von der

südwestlichen Ecke des quadratischen Platzes her näherte. Der Pförtner hatte telefonisch nachgefragt, ob er ihn heraufschik­ ken könnte, und Clive hatte bestätigt, dass er ihn erwartete. Er öffnete die Tür und trat auf den Treppenabsatz hinaus um sicherzugehen, dass sein Besucher ihn ohne Schwierigkeiten fand. »Mr. Kelly?« »Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.« »Wie ich Ihnen schon am Telefon gesagt habe, muss ich in einer halben Stunde ein Seminar halten, wenn ich Ihnen aber in der Zwischenzeit helfen kann… « Er führte seinen Besucher hinein und schloss die Tür. Der Besucher schaute sich um und sah Stapel von Büchern, abge­ nutzte, aber gemütliche Möbel und Drucke und Gemälde, die aus unerfindlichen Gründen alle schief an der Wand hingen. Er suchte in seiner Tasche nach irgendetwas. »Meine Papiere, Sir. Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, Sie können auch bei den Behörden in London nachfragen.« Clive warf einen Blick auf die offiziell aussehenden Schrift­ stücke, dann deutete er mit der Hand auf einen Sessel, auf dem seine Studenten immer Platz nahmen, wenn sie zu einer, Besprechung kamen. »Ich bin sicher, dass alles absolut in Ordnung ist. Setzen Sie sich. Das alles ist ziemlich aufregend. Ich habe noch nie einen richtigen FBI-Mann getroffen.« Während er sprach, hatte er sich auf einen Stuhl gegenüber dem Amerikaner niedergelassen, sich zurückgelehnt und aus Gewohnheit die Beine übereinander geschlagen, als ob er sich den wöchentlichen Bericht eines Studenten anhören würde. »Nun, am Telefon haben Sie gesagt, dass Sie mir ein paar Fragen stellen wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, worüber.« »Wie ich schon sagte, arbeite ich mit Erlaubnis Ihres In­ nenministerium an der Aufklärung einiger Verbrechen, die in und um Los Angeles begangen wurden. Ich erwarte nicht, den Verdächtigen hier aufzuspüren, nichts in dieser Art, doch es gibt in dem Fall eine Sache, bei der ich die Hilfe von jeman­ dem hier in Oxford benötige, und diese Hilfe bekomme ich nicht. Ich glaube, dass Sie diese Person gut kennen. Es ist Dr. Tessa Lambert.« Clive hob seine Augenbrauen. »Tessa? Was ist mit ihr? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemals in Kalifornien war.« »Sie ist in keiner Weise eines Verbrechens oder eines Fehl­ verhaltens verdächtigt. Es geht hier mehr um technische Hilfe. Die Verstöße, um die es hier geht, beinhalten auch Compu­ termissbrauch, Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen und solche Sachen. Wir verfolgen eine Spur, die hier nach Oxford und dann weiter führt, und dazu brauchen wir Dr. Lamberts Hilfe. Sie wissen ja, dass sich diese Computernetze heutzutage um den ganzen Globus erstrecken. Auf einmal nun will sie uns, diese Hilfe nicht mehr gewähren und ich wüsste gerne, war- um.« Clive bemerkte, dass er seine Finger auf eine Art aneinan­ der gelegt hatte, die andere Menschen aufbrachte. Er wollte den Amerikaner vom FBI nicht gegen sich aufbringen, doch jetzt befand er sich in der Situation, die er schon lange befürch­ tet hatte. Er musste auf Zeit spielen und es überzeugend tun. In der Zeit zwischen Kellys Anruf und seiner Ankunft hatte er versucht Tessa zu erreichen, aber sie meldete sich weder an dem Apparat im Labor noch zu Hause. »Nun«, meinte er und legte die Beine andersherum über­ einander, »ich würde Ihnen wirklich gerne helfen, doch ich weiß nicht, wie.« »Um ehrlich zu sein, Mr. Temple, wir glauben, dass sie etwas verbirgt. Nichts was mit dem Fall zu tun hat, vielleicht etwas, was mit ihrer Arbeit zu tun hat und über das sie nicht sprechen möchte. Wir müssen wirklich wissen, was das ist und warum sie das macht, einfach um diesen toten Punkt zu überwinden.« »Es tut mir schrecklich Leid, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen behilflich sein kann. Wie Sie wissen, ist Tessas Arbeit ziemlich technisch. Wann immer wir darüber gesprochen haben, dann war das in sehr unbestimmten und ziemlich allgemeinen Begriffen. Ich bin Literaturprofessor und Tessas Fach ist weit außerhalb meines Gebietes.« »Mr. Temple«, meinte er schließlich auf seine langsame, amerikanische Art, die freundlich und geduldig, aber keines­ falls zu unterschätzen war. »Mr. Temple, bitte entschuldigen Sie, was ich jetzt sage, es ist ganz bestimmt nicht als Beleidi­ gung gemeint, es ist nur eine Angewohnheit, die durch die, dauernde Praxis entstanden und möglicherweise in diesem Fall auch gänzlich unberechtigt ist, aber ich habe den starken Verdacht, dass Sie mir etwas verschweigen. Ohne Zweifel wollen Sie Dr. Lambert schützen. Aber vor was?« Clive löste schnell seine Finger voneinander. Eine Geste, die ganz klar auf seine mangelnde Offenheit hindeutete. Er wech­ selte wieder seine Beinhaltung. »Ich fasse es ganz sicher nicht als Beleidigung auf. Sie dürfen ruhig Ihren Standpunkt haben, aber leider ändert das nichts an dem meinen. Ich wüsste wirklich nicht, was ich ihnen erzählen könnte.« »Wie Sie wissen, stehe ich mit bestimmten Regierungsstel­ len in Verbindung und ich muss Sie darauf aufmerksam ma­ chen, dass mir bekannt ist, dass Sie vor kurzem schon von anderen Leute über Dr. Lambert befragt worden sind. Leute, die für Dr. Lamberts Forschungsgelder verantwortlich sind. So wie ich das sehe, stand sie in der letzten Zeit im Mittelpunkt des Interesses oder etwa nicht? Diese Leute sind aus ihren eigenen Gründen sehr bedacht darauf, zu erfahren, was hier vorgeht, und ganz offensichtlich geht etwas vor.« Clive lächelte nachsichtig. Zumindest hoffte er, dass dieser Eindruck entstand. Seiner Einschätzung nach war die Vorstel­ lung nicht sehr überzeugend. »Mr. Kelly«, setzte er an, als wollte er die Unterhaltung zusammenfassen und beenden, »ich wollte nicht unhöflich erscheinen und es ablehnen, Sie zu empfangen, doch ich hatte da schon die Befürchtung, die ich immer noch habe, dass ich nicht in der Lage sein würde und es tatsächlich auch nicht bin Ihnen zu helfen. Tut mir Leid.«, »Natürlich, Sir. Ich verstehe.« Er stand auf. Clive tat es ihm nach. »Ich meine, können Sie alle nicht die arme Frau eine Zeit lang in Ruhe lassen? Schließ­ lich hat sie einen schrecklichen Schock gehabt.« Der Amerikaner schaute ihn mit neuem Interesse an. »Einen Schock?« Einen Moment lang verspürte Clive die verwirrte Unsicher­ heit eines Menschen, der wegen eines unbedachten Wortes das ganze Spiel verloren hatte, dann erinnerte er sich aber daran, dass die Katastrophe, genauso wie Tessas Anwesenheit in Berlin, allgemein bekannt war. »Sie meinen einen Todesfall? Jemand aus der Familie? Etwas in dieser Art?« »Ich spreche von dem Flugzeugunglück vor kurzem in der Nähe von Berlin. Sie müssen doch davon gehört haben.« »Sie konnte nicht in einer der Maschinen gewesen sein. So­ weit ich mich erinnere gab es keine der Überlebenden.« »Darum geht es. Sie wäre fast in einer der Maschinen gewe­ sen. Sie war gebucht auf den Flug, der Berlin verließ, und aufgrund eines unwahrscheinlichen Zufalls hat sie ihn ver­ passt. Dennoch hinterlässt eine so nahe Begegnung mit der Unausweichlichkeit des Todes selbst bei den gebildetsten Menschen ihre Spuren.« Er hätte noch hinzufügen können, dass sie zu diesem Zeit­ punkt schwanger gewesen war und dadurch eine Fehlgeburt erlitten hatte. Er hätte noch viel sagen können. Aber er hatte ihr versprochen es vertraulich zu behandeln, und das wollte er auch tun.,

ETWAS AN DEM jungen Amerikaner vermittelte Harry Dash ein ungutes Gefühl. Er spürte, dass dieser wie eine

gespannte Feder war. Er war ganz nett, höflich und brachte es sogar fertig, einige Male zu lächeln, aber es erschien gezwun­ gen, wie bei jemandem, der etwas zu verbergen versuchte. Nicht die Art von Mann, dem Harry Dash gerne eine Waffe verkaufte. Das kleine, nicht weit vom Bahnhof entfernte Sportgeschäft existierte jetzt schon seit fast vierzig Jahren und es war die ganze Zeit in Harrys Besitz gewesen. Er konnte sich auf seine Menschenkenntnis verlassen, zumindest wenn es um Leute ging, die Gewehre, Pistolen, Jagdmesser und was Harry sonst noch so am Lager hatte kauften. Im Großen und Ganzen hatte es nicht viele Probleme gege­ ben. Wenn es um die Zahl der Waffen ging, die im Umlauf waren, lag England immer noch weit hinter Amerika zurück, doch der Waffenbesitz im organisierten Verbrechen weitete sich aus, was wahrscheinlich nicht zu vermeiden war. Doch Harry wusste nur von einem verurteilten Mörder in der Ge­ gend, der die Waffe in seinem Laden gekauft hatte, und das war damals, vor über zehn Jahren, eine Familienangelegenheit gewesen. Ein ›Verbrechen aus Leidenschaft‹ wie es die Zei­ tungen genannt hatten. Ein Mörder in vierzig Jahren war nicht zu viel, dachte er sich. Doch dieser Amerikaner bereitete ihm Sorgen. Er hatte auf, die Waffen gestarrt, besonders die kleineren Automatikwaf­ fen, so als ob er eigentlich diese haben wollte, doch da er kei­ nen entsprechenden Waffenschein hatte, bestand keine Chance für ihn. Harry hatte ihm die Rechtslage erklärt und er schien es wohl ohne Murren akzeptiert zu haben. Er hatte mit seinem blonden, jungenhaften Haarschopf genickt, ein Lächeln aufge­ setzt, dass nur auf seinen Lippen lag, nicht aber von diesen hellen, blauen Augen, die wachsam und angespannt geblieben waren, kam. Dann hatte er sich den Jagdmessern zugewandt, hatte die Schneiden, den Griff und das Gefühl dafür mit einer Bewe­ gung geprüft, die eher dazu dienen konnte, einem Menschen die Kehle durchzuschneiden, als ein Kaninchen abzuhäuten. Zu guter Letzt kaufte er eines mit langer, kräftiger Klinge. Er bezahlte bar und war schnell hinaus. Harry war froh ihn von hinten zu sehen.,

MAJOR FRANKLIN WAR ein ausgeglichener Mensch. Er hatte in seinem Leben viel gesehen und viel erlebt. Als

Offizier der SAS, der speziellen Eingreiftruppe der britischen Streitkräfte, hatte er aktiven Dienst in Nordirland, im Falk­ landkrieg und im Mittleren Osten geleistet, ganz abgesehen von einigen Einsätzen in anderen Kriegsgebieten, in denen die britische Regierung nie offiziell in Erscheinung getreten war. Sein Einsatz bei verschiedenen Dienststellen ging zurück bis in die Zeit des Kalten Krieges. In Berlin Ost und West gab es immer noch Leute, die sich an sein Gesicht erinnern würden, wenn er wieder dorthin ginge, doch seinen richtigen Namen hatten sie nie erfahren. Er war angeschossen, geschlagen und gefoltert worden und er selbst hatte so viele Menschen umge­ bracht, dass er sich nicht die Mühe machte nachzuzählen. Trotzdem war er weder enttäuscht noch langweilte ihn sein jetziges Leben in einer baumgesäumten Vorortstraße, wo er zusammen mit seiner iranischen Frau und einer hübschen minderjährigen Tochter wohnte. Die Nachbarn kannten ihn als höflichen aber schweigsamen Mann, der, so war die allgemei­ ne Meinung, für das Verteidigungsministerium in der Stadt arbeitete. Der Major selbst erzählte nie etwas über sich und seine Art blockte von vornherein jede Frage ab. Er selbst dachte, wenn überhaupt, nur selten über sich und seinen Beruf nach, denn er hielt Selbstanalyse für eine Zeitver­ schwendung und eine besonders ungesunde Beschäftigung., Seit er in den Fünfzigerjahren als junger Mann eingezogen worden war, war seine Loyalität zu seinem Land ungebro­ chen. Er akzeptierte die militärischen und politischen Hierar­ chien ohne zu fragen und die sozialen Unterschiede ohne zu murren. Er kannte seinen Platz und den Platz der anderen. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich darüber Ge­ danken zu machen, dass Leute wie er noch nicht einmal im Entferntesten als Mitglieder der Klubs in Piccadilly und St. James in Betracht gezogen würden, in denen seine Chefs aus Whitehall an den meisten Wochentagen zu Mittag und zu Abend aßen und wo sie sich in Gruppen zusammenfanden um Strategien zu entwickeln, die in viel entscheidenderer Weise die Zukunft des Landes bestimmten, als es freie Wahlen taten. Die Männer und heutzutage auch Frauen, für die er gearbeitet hatte, hatten ihre Gründe für das, was sie taten. Ihn in ihre Welt aufzunehmen, und wenn es nur für einen Drink nach einem arbeitsreichen Tag wäre, käme nicht infrage. Wenn Jonathan Syme ihn zum Beispiel heute Abend ins Whites oder Pratts oder ins Oxford und Cambridge eingeladen hätte, hät­ ten andere Mitglieder, für die der Major in der Vergangenheit gearbeitet hatte, sofort gewusst, dass etwas im Busch war. Die Neugierde wäre geweckt worden, Gerüchte wären entstanden und die Geheimhaltung hinfällig geworden. Selbst ein Idiot konnte das begreifen und der Major war kein Idiot. In einem Pub in der Nähe von Charing Cross nahmen sie an der Bar ihre Drinks entgegen und setzten sich an einen stillen Ecktisch. Syme hatte schon auf eine Art zur Uhr geblickt, die den Eindruck erweckte, dass er nicht viel Zeit hätte, deshalb kam der Major sofort zur Sache. »Wir haben ein Bankkonto in Zürich ausfindig gemacht«,, begann er, »das zweifellos Dr. Lambert gehört. Es ist natürlich ein Nummernkonto, aber ohne hier die Einzelheiten zu er­ wähnen können wir ziemlich sicher sein, dass es ihres ist. Mehr als eine halbe Million Pfund sind im letzten Monat dar- auf eingegangen. Es waren drei Zahlungen, alle von derselben Bank in Tokio.« Jonathan starrte auf sein Glas und nickte ohne einen Ton zu sagen, müde und traurig. »Es kann ja sein, dass wir, wie Sie sagten, keine legale Handhabe haben«, fuhr der Major fort, »aber ich bin der Mei­ nung, dass wir doch irgendetwas unternehmen müssen.« Jonathan hob den Kopf und schaute dem Major direkt in die Augen. »Was zum Beispiel?«, fragte er tonlos. »Zuerst einmal könnten wir ihren Computer untersuchen um herauszufinden, was da drin ist, wenn es überhaupt noch da drin ist.« »Soweit ich weiß, arbeitet sie rund um die Uhr daran, also muss es noch drin sein.« Jonathan seufzte und ließ sich gegen die harten Holzpaneele sinken, die ächzten, als sich auch der Major noch dagegenlehnte. »Irgendwann muss sie schlafen«, erklärte der Major. »Wir können die Sache schnell und unauffällig erledigen, ohne dass jemand etwas mitbekommt. Ich habe übrigens heute Nachmit­ tag mit unserem amerikanischen Freund gesprochen. Er reist morgen ab.« »Weiß ich, ich habe Ihre Nachricht erhalten.« »Anscheinend haben sie inzwischen die Beweise, die sie brauchen. Sie müssen nur noch den Mann finden. Der Ameri­ kaner hat mir gesagt, es täte ihm Leid, dass er nichts heraus­, bekommen hat, was uns helfen könnte. Was er allerdings nicht gesagt hat«, und dabei beugte sich der Major vor, kniff seine Augen noch enger zusammen und dämpfte seine Stimme weiter, »war, dass er heute Abend ein Abschiedsessen mit ihr hat.« Jonathan musterte ihn einen Augenblick. Er wollte den Ma­ jor fragen, wie er an diese Information gekommen war, doch kaum hatte er die Frage formuliert, war es ihm klar. »Abge­ hört?« Der Major nickte. »Wir hören sowohl das Telefon im Institut als auch das zu Hause ab. Ich habe dieses Essen nur erwähnt, weil es uns eine perfekte Möglichkeit eröffnet. Das sind drei, vier Stunden, in denen wir genau wissen, was sie tut. Wir können jemand reinschleusen und sind wieder draußen, bevor sie noch bei Kaffee und Plätzchen angelangt sind.« Jonathan nahm einen Schluck von seinem Drink und starrte dann stumm auf die Tischplatte vor sich. »Ich sage Ihnen, warum mir die Sache nicht behagt«, meinte er dann schließlich. »Erstens müssen Sie mich überzeugen, dass Ihre so genannten Spezialisten in der Lage sind die Sache zu bewältigen. Die Frau ist ein Genie. Sie ist in der Lage Dinge zu machen, woran andere in ihrer Sparte noch nicht einmal zu denken wagen. Wir wollen doch nicht, dass ein paar grobklot­ zige Computerbullen da hineingehen und alles ruinieren.« Bei dem Begriff grobklotzige Computerbullen verzog der Major keine Miene, wobei das auch nicht unbedingt auf ihn gemünzt war. »Zweitens«, fuhr Jonathan fort, »haben wir dabei den Schwarzen Peter, und das gefällt mir gar nicht. Wenn etwas, schief läuft, dann wird es einen Aufschrei unter den Wissen­ schaftlern geben, Anfragen im Parlament, Leitartikel in den liberalen Zeitungen oder denen, die sich dafür halten. Ver­ dammt, Major,«, er schlug nicht fest, aber bestimmt mit der flachen Hand auf den Tisch, »wenn diese verdammte Frau uns hintergeht, dann werde ich sie auf legale Weise festnageln. Und dazu werde ich mich der Universitätsverwaltung bedie­ nen und nicht einer Gruppe von Watergate-Einbrechern.« »Wie Sie wollen.« Der Major diskutierte nie. Es lag nicht an ihm, die Entscheidungen zu treffen oder die Verantwortung für die Fehlschläge zu übernehmen, die daraus resultieren konnten. Er war nur dazu da, zu sagen, was man machen konnte, und es zu tun, wenn die Anweisung gegeben wurde. »Bleiben Sie mit dem Amerikaner in Verbindung«, trug ihm Jonathan mit einem Hauch von Ärger in der Stimme auf. »Wer weiß, vielleicht nimmt er sie ja mit in sein Hotel und bumst sie und findet dabei heraus, was in ihrem verqueren Kopf vor­ geht.« Er griff nach seinem Glas und trank es aus, dann stand er sofort auf. »Gute Nacht, Major. Danke für die Information. Ich bin sicher, wir werden uns morgen sprechen.« Einen Moment später war er weg und ließ den Major alleine zurück. Sein Gesicht war unbewegt, doch wenn der Major überhaupt in der Lage war Erstaunen zu empfinden, dann hätte er es in diesem Moment. Was war nur mit Syme los? Ganz sicher war es nicht Eifersucht.,

ALS DIE JUNGE Frau an der Rezeption ihn durch die Hotelhalle kommen sah, griff sie hinter sich und zog das

Fax heraus, das gerade vor fünf Minuten eingetroffen war. Sie teilte ihm mit, dass sie versucht hätte ihn auf seinem Zimmer zu erreichen, aber da hatte er es wohl schon verlassen. Er dankte ihr und trat ein paar Schritte zur Seite um es zu lesen. Es war von Jack und in seiner typisch lakonischen Art abgefasst. »Ich bleibe allgemein, da dies bestimmt auch fremde Leute in die Hände bekommen. Der zufällige Fund der Videos auf der Müllhalde ist ein weiterer Beweis, dass wir hinter dem Richtigen her sind. Die Bänder zeigen, was er gemacht hat. Er hat wohl gerne Heimvideos gedreht, wie seine Mutter. Nur schlimmer. Viel schlimmer. Das ist wirklich starker Tobak. Die Spurensicherung hat Reste von Fingerabdrücken auf den Kas­ setten gefunden. Wir haben aber immer noch kein neueres Foto, deshalb haben wir eines aus den alten Akten genommen und die Grafikabteilung ist dabei, das heutige Aussehen zu rekonstruieren. Ich werde dir so schnell wie möglich einen Abzug schicken, es sei denn, du bist vorher zurück. Bestätige bitte deine Flugnummer und Ankunftszeit.« Er ging wieder zur Rezeption, bat um ein Faxformular und schrieb darauf, was Jack wissen wollte, darunter setzte er deutlich die Telefonnummer und unterschrieb, damit es auf seine Rechnung gesetzt werden konnte., Als er in den späten Nachmittag hinaustrat, war die Frau schon dabei, es zu übermitteln. Kaum zehn Minuten Fußweg vom Randolph Hotel und der altertümlichen Eleganz der Beaumont Street entfernt, lag eine Reihe von kleinen Geschäften und angenehmen Restaurants, wie man sie überall in England finden konnte. Chuck Price suchte den Ort auf, weil sich dort aus irgendwelchen Gründen eine Reihe von vier Telefonzellen befand, von denen nie mehr als zwei gleichzeitig benutzt wurden. Zwei davon waren für Telefonkarten, die beiden anderen Münztelefone. Price benö­ tigte keines von beiden, da er bei seiner speziellen Nummer nur den Hörer abzunehmen und zu wählen brauchte. Egal wo er sich befand, dauerte es noch nicht einmal eine Minute, dann war er mit der Stimme verbunden. »Ich höre«, meldete sie sich wie immer. Er gab den letzten Stand, wie weit der Plan bis jetzt gedie­ gen, war, durch, bekannte frei seine Beunruhigung darüber, sich mit falschen Papieren in einem fremden Land so auf dem Präsentierteller zu zeigen und ein hohes Risiko einzugehen. Seine Papiere waren zwar nicht direkt falsch, es waren schon richtige Papiere, aber halt nicht die seinen. Wenn man sie überprüfte, würde der Betrug schnell auffliegen. Was in Los Angeles als die aufregendste Sache, die ihm je widerfahren war, begonnen hatte, entwickelte sich nun zu einer Zerreiß­ probe, bei der sein eigener Wille und jedes Gefühl für das, was er war, sich mit alarmierender Geschwindigkeit verflüchtigte. Er versprach sein Bestes zu tun, doch würde er sich gerne des Erfolges sicherer sein können. »Es ist absolut wichtig, dass du an ihr bleibst«, erklärte die Stimme tonlos. »Ich muss wissen, was sie vorhat.«, »Ich tue alles, was ich kann.« »Gibt es Hinweise, dass sie jemandem von mir erzählt hat?« »Nein. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, aber natürlich bin ich nicht sicher.« »Du musst sicher sein.« »Bevor ich mit ihr fertig bin, werde ich das sein.« Als er an das Ende dachte, durchfuhr ihn ein kurzes, erwar­ tungsfrohes Schaudern. Sie war anders als die anderen. Nicht so sehr von ihrem Aussehen her. Sie gefiel ihm. In dieser Be­ ziehung würde es so gut wie immer sein. Er hatte sich schon vorgestellt, wie das Ende sein würde, und es immer wieder in seinem Kopf wie einen Film ablaufen lassen. Film. Das erinnerte ihn daran, wie schwer es ihm gefallen war, seine Videos zu Hause in Los Angeles wegzuwerfen, aber er hatte keine Wahl gehabt, denn die Polizei würde sein Haus durchsuchen, sobald sie festgestellt hätte, dass er verschwun­ den war. Natürlich würden sie immer noch seine wertvolle Sammlung ihrer Filme finden, doch an diesen war nichts Bela­ stendes und ihr Besitz war nicht verboten. Wenn die Sache gut lief, dann hoffte er sie eines zukünftigen Tages zurückzuerhal­ ten. Während die Stimme weiter zu ihm sprach, bemerkte er, dass er mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders war. Jedes Mal, wenn ihm das passierte, ärgerte er sich, doch die Ausdruckslosigkeit der Stimme, ganz abgesehen von dem beklemmenden Gedanken, wer da sprach, machten es schwer, sich zu konzentrieren. »… sie reagieren immer noch nicht«, vernahm er die Worte. »Bis jetzt haben sie noch nichts getan, damit ich die benötigte, Information erhalten könnte.« Er wusste jetzt, um was es ging. Diese Unterhaltung hatte in Variationen schon mehrfach stattgefunden. Das Wesen, das er inzwischen als Gott ansah, benutzte seine unbestechliche Lo­ gik um sich den Gefahren zu stellen, die auf ihn warteten. Von dem Augenblick in Berlin an, als er bemerkte, dass sie wusste, dass er lebte und frei war, war ihm klar, dass alle ihre Gedan­ ken und Handlungen nur auf eines ausgerichtet waren: seine Zerstörung. Das war schon bei der ersten Anweisung, die sie nach Oxford übermittelt hatte und woraufhin die Verbindung des Modems unterbrochen wurde, klar geworden. Es war zwar zu spät gewesen, aber trotzdem ein eindeutiger Hinweis auf ihre Pläne. Zusätzlich gab es da noch die Nachricht, die der Mann namens Ted Sawyer von Berlin aus nach Kalifornien übermittelt hatte und die diese Pläne nur noch einmal bestätigt hatte. Trotz seiner Versuche sie als Bedrohung auszuschalten, war es ihr gelungen, nach Oxford zurückzukehren. Er wusste, dass sie seitdem die Stadt nicht verlassen hatte und an dem nun vom Netz getrennten Computer arbeitete. Er wusste außer­ dem, dass sie etwas vor ihren Vorgesetzten verbarg, und er hatte aus deren Kommunikation erfahren, dass sie zunehmend besorgt darüber waren. Deshalb hatte er Unterlagen gefälscht, Listen von Telefonanrufen, die sie nie getätigt hatte, Spuren zu geheimen Bankkonten, die nirgendwo außer im Cyberspace, dem Netz der Elektronen, existierten, und die ihre Vorgesetz­ ten veranlassen sollten etwas gegen sie zu unternehmen. Er war sicher, dass alles, was sie herausfinden würden, in offiziel­ len Dateien abgelegt würde, zu denen er Zugang hatte, und damit würde er schließlich wissen, was sie machte. Doch, nichts hatte bis jetzt so geklappt wie geplant. Und die Zeit verging, wurde sogar knapp. Selbst für ihn. Wenn er nicht wusste, welche Bedrohung auf ihn zukam, konnte er sich auch nicht schützen. »Meine Zukunft liegt in deiner Hand«, erklärte die Stimme, »so wie die deine in meiner.« Die Worte drückten eine deutliche Warnung aus. Wenn er seinen Teil nicht erledigte, dann könnten ihn jederzeit die Behörden schnappen. Doch er sah das nicht als wirkliche Be­ drohung an. Man musste ihm nicht drohen, wenn die Beloh­ nung für den Erfolg so verlockend war. Die Vorstellung davon machte ihn ganz nervös. »Ich habe vor es heute Nacht zu erledigen«, sagte er. »Die Sache wird in ein paar Stunden vorbei sein.« »Für den Fall, dass du versagen solltest, bereite ich schon einmal andere Schritte vor.« »Was für andere Schritte?« »Das brauchst du nicht zu wissen, noch nicht. Es wäre bes­ ser für dich, wenn du nicht versagst.« Als die Stimme die Verbindung unterbrochen hatte, legte er fast verschüchtert den Hörer auf. Er schlenderte in die einbre­ chende Dunkelheit und fragte sich, was mit der letzten Be­ merkung wohl gemeint gewesen war. Um sich zu beruhigen wiederholte er einem Mantra gleich immer und immer wieder, dass ein Versagen für den Netzmann unmöglich war, und nach einigen Minuten hatte sich Ruhe über die seltsamen inne­ ren Landschaften seiner Seele gebreitet. Er war bereit. Er wuss- te, dass ihn sein Gott nicht im Stich lassen würde.,

GENAU UM ACHT Uhr vernahm Tessa sein Klopfen an der Haustür. Sie rechnete seine Pünktlichkeit dem Um-

stand zu, dass er Polizist war, und ihre Unpünktlichkeit hatte zu viele Ursachen, als dass man sie analysieren konnte. Sie hastete die Stufen hinunter, zog sich dabei ein rostfarbenes Tweedjackett über die cremefarbene Seidenbluse und schüttel­ te ihre Haare unter dem Kragen hervor. Diesmal führte sie ihn ins Wohnzimmer anstatt in die Küche. Es war nicht ganz so geschmackvoll eingerichtet, als wenn ihr das Haus gehören würde, aber ihm schien es zu gefallen, als er es sich auf dem großen, altertümlichen, mit einem Schonbezug überzogenen Sofa gemütlich machte. Sie fragte ihn, was er trinken wolle, und er bat um eine Virgin Mary. Sie hatte aber kein Sellerie­ salz mehr, was ihrer Meinung nach für eine Mary, ob Virgin oder nicht, unbedingt nötig war, worauf er antwortete, dass es ihm nichts ausmachte. Sich selbst schenkte sie aus der Flasche Meursault im Kühlschrank ein Glas Wein ein. Sie saßen sich vor dem offenen Kamin gegenüber und un­ terhielten sich. Sie hätte ja ein Feuer machen können, doch sie wollte den Eindruck vermeiden zu viel Aufhebens für einen Abend, der ganz zwanglos sein sollte, zu machen und für einen Besucher, den sie kaum kannte und auch nicht mehr wiedersehen würde. »Übrigens hat Sie heute ein Journalist gesucht. Haben Sie ihn getroffen?«, »Ein Journalist?« Er runzelte die Stirn. Er war überrascht, und zwar nicht angenehm. »Wer? Was wollte er?« »Es war ein Amerikaner. Irgendwie Walsh, Conrad Walsh aus San Francisco.« »Verdammt«, fluchte er leise. »Gott verdammt.« Dann fügte er unnötigerweise hinzu: »Entschuldigung.« »Kennen Sie ihn?« »Nie von ihm gehört. Aber was ich im Moment am wenig­ sten gebrauchen kann, ist ein Journalist, der mir im Nacken sitzt.« »Er sagte, er sei Wissenschaftsjournalist, nicht etwa ein Kriminalreporter oder so etwas.« »Was hat er für Fragen gestellt?« »Er fragte, ob ich Sie kenne und ob ich Ihnen in der Compu­ tersache geholfen hätte, von der er gehört hatte.« »Was haben Sie ihm gesagt?« »Ich sagte, ja, ich hätte. Geholfen, verstehen Sie. Ich sagte, dass ich in Berlin jemandem über dem Weg gelaufen wäre, der Ihren Bruder kennt.« »Das war alles? Ich meine, mehr hat er nicht gefragt?« »Nein, das war es so ziemlich.« Sie überlegte, ob sie erwähnen sollte, was Walsh über die Gerüchte bezüglich ihrer Arbeit gesagt hatte, entschied sich aber dagegen. Es würde Kelly nur dazu bringen, ihr noch mehr Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten wollte. »Sind Sie sicher, dass dies alles war?« Er schaute sie miss­ trauisch an. »Ja, das war alles.«, Er dachte einen Moment stumm nach. »Hat er Ihnen eine Visitenkarte gegeben? Eine Telefonnummer? Eine Adresse von sich?« Sie schüttelte den Kopf. »Er war ganz höflich. Alles war ganz vertraulich, lediglich Hintergrundinformationen.« Kelly sah nicht beruhigt aus. »Stimmt etwas nicht?«, wollte sie wissen. »Wenn er sich wieder meldet… « Seine Worte verklangen. »Was dann?« »Ich wollte sagen, dann rufen Sie mich bitte an, aber ich bin ja wahrscheinlich nicht mehr hier.« »Ich kann Sie in Los Angeles anrufen.« »Ich würde schon gerne wissen, wer er ist und woher er wusste, dass ich hier bin.« Er war einen Moment in Gedanken versunken, dann er­ mahnte er sie ernst. »Hören Sie, wenn er noch einmal auf­ taucht, dann soll er sich ausweisen. Lassen Sie sich immer erst beweisen, wer ihr Gegenüber ist, bevor Sie etwas sagen.« »Sie jagen mir aber einen Schrecken ein.« »Das wollte ich nicht. Ich bin sicher, alles ist in Ordnung. Vergessen Sie die Sache.« Als sie kurz nach acht Uhr mit seinem Wagen in das Re­ staurant aufbrachen, schien er aber immer noch darüber zu grübeln und nachzudenken. Aufgrund der Dunkelheit konnte es kaum überraschen, dass keiner von beiden die Gestalt sah, die sich schnell hinter einer Heckenreihe duckte, als die Licht­ kegel der Autoscheinwerfer über sie hinwegglitten. Sie blickte ihnen nach, bis die Rücklichter hinter der ersten, Biegung verschwanden, und rannte dann über die Straße zu ihrem eigenen Wagen, der in der Einmündung einer schmalen Straße versteckt war. Der Mann hatte rückwärts eingeparkt, sodass er, falls nötig, schnell die Verfolgung aufnehmen konnte. Seine Voraussicht wurde belohnt, denn als er die erste Gabelung der Straße erreichte, konnte er gerade noch sehen, dass sie die linke Straße genommen hatten. Nur Sekunden später hätte er sie verpasst; links oder rechts wäre dann eine willkürliche Entscheidung gewesen. Danach war es dann einfach. Er konnte genügend Abstand halten und ihnen problemlos folgen. Das Lokal, in dem sie einen Tisch fürs Abendessen reserviert hatte, war ein klassisches, kleines Inn, das nach ihrer Erfah­ rung alle Amerikaner für typisch englisch hielten. Sie mochte das Lokal, weil die Köchin eine Frau aus Dijon war, die eigent­ lich nur herübergekommen war um Englisch zu lernen. Wenn die Engländer nur ihre Köche nach Frankreich schicken wür­ den, erzählte Tessa ihm auf dem Weg, dann würden wahr­ scheinlich die Leute öfter Essen gehen. Das Lokal lag am Rande des nächsten Ortes und als sie auf den Parkplatz einbogen, bemerkten sie den Wagen, der hinter ihnen vorbeifuhr, nicht. Er war ihnen die ganze Strecke in sicherem Abstand gefolgt. Glücklicherweise war die Straße trotz einiger Biegungen größ­ tenteils geradeaus verlaufen, sodass Scheinwerfer im Rück­ spiegel, die in die gleiche Richtung fuhren, nicht automatisch verdächtig waren. Als er einen Parkplatz gefunden hatte und zu dem Lokal, zurückging, saßen beide über ihre Speisekarten gebeugt und besprachen, was sie essen wollten. Er konnte sie durch das Fenster von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachten, wo er im nachtschwarzen Schatten zweier v-förmig aneinan­ der stoßender Ziegelmauern stand. Um sicherzugehen, dass kein zufällig Vorbeikommender ihn bemerken würde, trat er einen Schritt zurück und richtete sich dann darauf ein, minde­ stens ein paar Stunden warten zu müssen. Er griff in die Tasche seiner Lederjacke und seine Finger schlossen sich beruhigend um den Griff des Jagdmessers, das er heute Nachmittag gekauft hatte. Er hätte eine Pistole vorge­ zogen, aber der alte Kerl in dem Laden hatte ihm eindeutig zu verstehen gegeben, dass ohne Erlaubnis nichts lief. Er wusste, dass dem Alten irgendetwas an ihm aufgefallen war, und das bereitete ihm Sorgen. Er hoffte, der Kerl hatte mit niemandem darüber gesprochen. Wie dem auch sei, da es keine bessere Alternative gab, würde er sich in Geduld fassen und es mit dem Messer erledi­ gen müssen.,

ER STUDIERTE DIE Weinkarte, die ihm der Kellner gege­ben hatte.

»Sie nehmen das Lamm«, rekapitulierte er. »Ich denke, das bedeutet Rotwein. Ist ein Bordeaux in Ordnung?« »Wenn Sie keinen Wein trinken«, gab Tessa zurück, »werde ich nur ein Glas von dem Hauswein nehmen.« »Zum Teufel, nein, ich werde mir ein oder zwei Gläser gön­ nen, warum nicht? Ich will den Abend genießen.« Er lächelte sie über den Tisch hinweg an. Es hatte den Anschein, dass seine Besorgnis bezüglich des Journalisten verflogen war. Er fragte Tessa, ob sie einen bestimmten Wein im Auge hätte. Sie antwortete, sie würde gerne einen La Lagune, Jahrgang 1988, trinken, und er bestellte eine Flasche. »Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren«, so erzählte sie, »eine medizinische Studie veröffentlicht worden ist, nach der der mäßige Genuss von Rotwein das Risiko einer Herzerkran­ kung um fünfzig Prozent oder sogar mehr reduziere. Irgend­ wo habe ich gelesen, dass sich daraufhin der Verkauf von Rotwein in Kalifornien innerhalb eines Tages verdoppelt hat.« »Das klingt durchaus wahrscheinlich«, meinte er lachend. »In Kalifornien ist der Tod bestechlich.« Er dachte kurz nach und wurde plötzlich ernst, so als ob er einen unschönen Faux- pas begangen hätte. »Nun, zumindest einige Todesarten.« Sie verstand., Da gab es einen Mörder, dem man auf der Spur war, und bis man ihn nicht geschnappt hatte, würde der Mann ihr gegenüber sich nicht völlig entspannen können. »Ich befürchte, dass dieser Ausflug hierher für Sie eine reine Zeitverschwendung ist.« »Ich würde nicht sagen eine reine. Zumindest hoffe ich nicht.« Sein Tonfall und sein Gesichtsausdruck waren immer noch ernst, doch jetzt wegen etwas anderem, nicht mehr wegen der Verbrechen dieses Mörders und all der anderen Dingen, die zu Hause auf ihn warteten. Seine Augen waren auf Tessa gerich­ tet und sie bemerkte in ihnen diese unerwartete Schüchtern­ heit, die sie schon vorher einmal bemerkt hatte, so als ob er etwas sagen wollte, sich aber nicht traute. Er schien erleichtert, als der Wein kam und er seine Aufmerksamkeit etwas ande­ rem zuwenden konnte. Er kostete ihn kurz und ohne viel Auf­ hebens und nickte dann zustimmend. Als ihre Gläser gefüllt waren, prostete er ihr über den Tisch hinweg zu. »Es war schön, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Tessa. Schade, dass es nur so kurz ist.« »Wenn Sie wieder in Kalifornien sind«, meinte sie, »dann müssen Sie mich auf dem Laufenden halten.« »Wenn wir ihn gefangen haben, werden Sie davon hören.« »Nein, ich meine nicht die Zeitungen oder das Fernsehen. Ich will Hintergrundinformationen.« Er schien einen Moment darüber nachzudenken. Vielleicht zögerte er nur das zu sagen, was er schließlich doch aus­ sprach. »Sie sollten einmal rüberkommen und sich ansehen, wie wir, dort arbeiten. Waren Sie schon einmal in Kalifornien?« »Ich habe mich schon ein paar Mal mit Leuten aus dem Silicon Valley getroffen. Das war vor drei, nein vier Jahren. Ich hatte einen so engen Terminplan, dass ich nichts gesehen habe als, na ja, Computerchips.« »Es ist schon wert sich ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Los Angeles ist, nun, wie soll man sagen, eine interessante Stadt.« Er dachte noch einmal nach, wobei sich sein Gesichtsausdruck zum Ironischen hin veränderte. »Ja, interessant trifft die Sache. San Francisco wür­ de Ihnen gefallen, es gefällt allen Europäern. Und der Norden, mit den Redwood-Wäldern und den Weinanbaugebieten, ist sehr beeindruckend. Man kann dort eine Woche, sogar mehre­ re Wochen herumfahren und jeden Moment etwas Neues, Überwältigendes sehen.« »Das würde mir gefallen.« Sie drehte ihr Glas mit dem Wein in der Hand, betrachtete die dunkelrote Flüssigkeit, als suchte sie nach einer Erklärung für das, was hier gerade vor sich ging, und einen Hinweis auf die Zukunft. »Es ist so verrückt, dass wir nie Zeit haben zu tun, was wir wollen, nur immer die Zeit das zu tun, was wir müssen.« »Es wäre schön, wenn es keinen Unterschied gäbe. Ich meine zwischen dem, was wir wollen und was wir müssen. Glauben Sie nicht auch?« Sie blickte ihn an. »Ist das bei Ihnen so?« Er runzelte die Stirn, als ob er angestrengt darüber nach­ denken würde. »Ich glaube, ich war immer der Meinung nur das zu tun, was ich selbst wollte. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht will ich jetzt andere Sachen. Nur weiß, ich nicht, welche.« Die Vorspeise wurde gebracht und sie unterhielten sich eine Weile über das Essen. Er bestätigte ihr, dass die Küche so gut war, wie sie ihm erzählt hatte, machte aber die Einschränkung, dass er kein großer Experte in solchen Dingen wäre. »Erzählen Sie von sich, Tessa«, forderte er sie nach einer Weile auf. »Wie war ihr Leben? Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?« Sie konnte sich als Antwort auf seine Fragen eine kurze, be­ lustigte Grimasse nicht verkneifen. »Ich dachte, Ihre Freunde im Geheimdienst hätten Ihnen schon alles gesagt.« »Nicht die interessanten Sachen«, gab er lächelnd zurück. »Nur die Fakten und da auch nicht besonders viele.« Sie gab ihm einen kurzen Überblick über ihr Leben und ach­ tete sorgfältig darauf, den ersten Jahren nicht allzu viel Ge­ wicht beizumessen. Der Schmerz über den Tod ihrer Eltern war tief gewesen, aber schon lange überwunden. Über die Jahre, die sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel zugebracht hatte, erzählte sie nicht ausführlich. Sie kam so schnell es ging an den Punkt, wo sie das Glück hatte eine Beschäftigung zu finden, die ihr Spaß machte. Sie hielt sich nicht für jemand Besonderes und wollte auch nicht danach klingen. »Und Sie?«, fragte Tessa. »Sind Sie in Kalifornien geboren?« »Ich wurde in New York geboren. Mit einem Namen wie Kelly brauche ich Ihnen nicht zu sagen, dass meine Familie irischer Abstammung ist. Mein alter Herr war bei der New Yorker Polizei. Jetzt ist er pensioniert und arbeitet für einen Sicherheitsdienst.« »Ein Polizist? Also geraten Sie nach ihm.«, »In gewisser Weise. Ich hoffe nur mit den guten Seiten.« »Sie haben gesagt, dass Ihr Bruder am Caltech lehrt?« »Ja, das ist Josh, der Mann mit dem Grips in der Familie. Sie beide kämen gut miteinander aus.« »Nun, vielleicht treffe ich ihn ja mal«, meinte sie. Dann füg­ te sie hinzu: »Wenn ich auf einen Besuch rüberkomme.« »Es wäre mir ein Vergnügen«, erklärte er mit einem strah­ lenden Lächeln, »Ihnen alles zu zeigen.« Irgendwie stellte sich bei beiden das Gefühl ein, als ob et- was beschlossen, ein Vertrag gemacht worden wäre. Sie hatten sich eingestanden, dass sie sich anziehend fanden, ohne sich unter Druck zu setzen. Die Sache würde sich entwickeln oder auch nicht. Beide entspannten sich etwas. Sie waren überrascht, dass sie ganz nebenbei die Flasche Wein ausgetrunken hatten. Er be­ stellte sich zum Kaffee einen Brandy. Er ließ den Inhalt in dem bauchigen Glas ein paar Mal kreisen und starrte darauf. »Tessa«, begann er nach einer sich dehnenden Pause, »ich glaube, ich muss Ihnen etwas sagen, was ich mir geschworen hatte Ihnen nicht zu erzählen.« Sie beugte sich auf einen Ellenbogen gestützt vor. »Spre­ chen Sie weiter«, sagte sie und warf ihm einen verschwöreri­ schen Blick zu, »ich kann ein Geheimnis für mich behalten.« »Ich weiß. Das scheint aber gerade das Problem zu sein.« »Was soll das heißen?« Sie hob leicht eine Augenbraue. »Hören Sie, mein Gott, ich breche wahrscheinlich irgendein internationales Abkommen, was mich in den Bau bringt, so­, bald ich wieder zu Hause bin, aber ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass ich mit Ihren Sicherheitsbehörden in Verbindung stehe.« Er machte eine Pause. »Ich kann nicht glauben, was ich hier tue. Ich muss verrückt… « »Los schon«, forderte sie ihn auf, »jetzt haben Sie damit begonnen, jetzt können Sie nicht mehr zurück.« »Der Grund, warum ich das alles sage, ist, dass sie auf mich nicht den Eindruck einer Person machen, die das, was die Leute ihr unterstellen, wirklich alles getan hat.« »Was soll das sein?« Er machte mit seinen Händen eine unbestimmte, fast ent­ schuldigende Geste. »Sie glauben, dass sie für die Japaner arbeiten.« »Was?« Er beobachtete sie. Er war sich ziemlich sicher, dass ihre Überraschung echt war. »Wenn es nicht zutrifft und Sie nicht wollen, dass die ande­ ren das weiter glauben, dann sollten Sie etwas unternehmen. Mehr kann ich nicht sagen und erwähnen Sie meinen Namen nicht, in Ordnung?« »Wie kommen die, um Himmels willen, nur da drauf? Ich meine, warum?« Sie schien entsetzt. Die Fragen verklangen in der Stille. »Ich habe Ihnen nur gesagt, was ich aufgeschnappt habe. Listen von Telefonnummern, die Sie angerufen haben und von denen Sie zurückgerufen wurden, etwas über ein geheimes Bankkonto in der Schweiz, ich kenne nicht allzu viele Einzel­ heiten.« »Mein Gott!«, Sie lehnte sich vor und ließ den Kopf in ihre Handfläche sinken. Es war die Geste von jemandem, der gerade eine erschreckende Wahrheit erfahren hatte, und nicht die, wenn jemand von etwas überrascht worden war. Tim hörte, wie sie leise murmelte: »Natürlich.« »Egal«, meinte er, »ich würde sagen, Sie sind kurz davor Ihren Job zu verlieren oder wie immer man das hier nennt. Denn was Sie auch vor denen verstecken, die sind ganz schön sauer darüber.« Sie ließ die Hand von ihrem Gesicht sinken und blickte ihn mit einer plötzlichen Kälte, die ihn überraschte, an. »Und die haben Sie gebeten mehr herauszufinden, richtig?« »Ja«. Nur keine Lügen jetzt, das konnte er sich nicht leisten. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde sie aufste­ hen und das Lokal verlassen. Er redete schnell weiter. »Aber ich werde nicht mit denen zusammenarbeiten.« »Schön für Sie.« Der sarkastische Ton war nicht zu überhö­ ren und es war auch so beabsichtigt. »Hören Sie zu«, sagte er und hob eine Hand wie zum Schwur, »ich bin auf Ihrer Seite. Sonst würde ich Ihnen die Sache doch nicht erzählen.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem ironischen Lächeln. »Also sind Sie ein Doppelagent? Sie arbeiten für die und für mich?« »Ich will nur wissen, ob ich Ihnen irgendwie dabei helfen kann, die Sache ins Reine zu bringen?« Eine Pause entstand. »Wie soll das gehen?«, »Vielleicht indem ich denen etwas sage, das… « Seine Hän­ de schienen nach einem imaginären Football zu greifen. »… das Sie denen vielleicht gerne unterschieben wollen?« »Eine Lüge zum Beispiel?« Er schaute sie an, nahm gleichzeitig sein Glas und stürzte den Inhalt hinunter. »Eine Notlüge könnte man in Betracht ziehen«, meinte er. »Erklären Sie Notlüge.« »Nun, es käme darauf an, was Sie verbergen.« Sie blickte ihm ein paar Augenblicke fest in die Augen. »Deshalb erfahren Sie von mir aber immer noch nichts.« Sie wurden von dem Kellner unterbrochen, der sich erkun­ digte, ob sie noch weitere Wünsche hätten. Beide bestellten noch einen Kaffee. Tim zögerte einen Moment und bestellte dann noch einen Brandy. »Ich glaube, man hat Sie in die Enge getrieben«, erklärte er, als der Kellner wieder weg war. »Ich glaube, was immer Sie getan oder nicht getan haben… « »Ich habe nichts von dem, was die mir unterstellen wollen, getan«, unterbrach sie ihn ärgerlich. »Ich habe nicht mit japa­ nischen Firmen gesprochen und ich weiß auch nichts über geheime Bankkonten in der Schweiz. Jemand versucht mich hereinzulegen. Jemand, der meine Arbeit sabotieren will.« Tessa war bewusst, dass ihr Ausbruch leicht verrückt klang und musterte Tim in Erwartung einer Reaktion ängstlich. Er zeigte keine, schaute sie einfach weiter ruhig an. »Wer?« Sie neigte ihren Kopf nach einer Seite. Sie hätte es wissen, müssen. Sie würde es ihm erzählen. Sie hatte schon zu viel gesagt. Er wiederholte seine Frage. »Wer versucht sie hereinzule­ gen?« Sie schüttelte den Kopf. »Hören Sie«, meinte er geduldig, doch in einem Tonfall, der andeutete, dass seine Geduld nicht endlos war. »Ich sollte eigentlich schon im Flugzeug sitzen. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass wichtige Angelegenheiten auf mich warten. Ich bin nur aus einem einzigen Grund noch einen Tag länger geblie­ ben. Um Sie wiederzusehen und nichts anderes.« Er verstummte. Sie schaute ihn wieder an. Er blickte ihr jetzt direkt und ohne Zurückhaltung in die Augen. Es gab kein Anzeichen von Unsicherheit mehr, dazu war er schon zu weit gegangen. Mehr als alles andere war sie überrascht. Sie war nicht dar- auf vorbereitet gewesen. Es geschah alles zu schnell. Das war nicht Inhalt ihres unausgesprochenen Abkommens, zumindest nicht, wie sie es verstand. Nur einen Wimpernschlag später sagte er in einem ziemlich ruhigem Tonfall: »Es hat mit dem Flugzeugunglück zu tun, nicht wahr?« Sie glaubte sich keuchen zu hören oder bildete sie es sich nur ein. Egal, in dem Gemurmel, das in dem Lokal herrschte, konnte er es nicht bemerkt haben. Doch sie wusste, dass sie eine Reaktion gezeigt hatte, bleich geworden war oder besser gesagt war sie unter seinem unverändert festen Blick erstarrt. »Wie viel wissen die?«, fragte sie so leise, dass er es kaum verstand., Plötzlich erkannte sie, dass sie ihm damit den entscheiden­ den Hinweis gegeben hatte. Er hätte sehr gut weiter im Dun­ keln herumstochern können, doch ihre Frage hatte es ihm bestätigt, egal welchen Verdacht, wie gesichert oder nicht, er auch gehabt hatte. »Ich denke, es ist besser, Sie erzählen mir alles«, war alles, was er dazu sagte. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. »Können wir bitte gehen?«, bat sie.,

ER HATTE SICH nicht mehr bewegt, seit sie an ihrem Tisch Platz genommen hatten. Jetzt beobachtete er, wie sie aus

dem Lokal kamen und zu ihrem Wagen gingen. Sie fuhren in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Innerhalb von wenigen Augenblicken saß er in seinem Wagen und folgte ihnen. Wie er erwartet hatte, fuhren sie zurück zu Tessas Haus. Die Frage war nur, würde der Mann mit ihr hineingehen oder sich verabschieden? Er fluchte leise, als er den am Tor geparkten Wagen im Vorbeifahren sah. Ohne langsamer zu werden sah er, wie sich die Haustür hinter beiden schloss. Einen Moment später hatte er seinen Wagen an der gleichen Stelle wie zuvor geparkt und schlich sich leise zurück. Er musste so nahe wie möglich herankommen, am besten wäre ein Versteck im Garten. Er war sich ziemlich sicher, dass sie keinen Hund hatte. Bei seinem früheren Besuch hatte er kein Anzeichen dafür bemerkt. Er stieg über das Gartentor um kein verräterisches Quiet­ schen zu riskieren, befand sich dann in einer Ecke des Gartens und war schnell in den dichten Büschen verschwunden. Selbst wenn die Lampen über der weiß gestrichenen Veranda ange­ hen würden, wäre er nicht zu sehen. Er konnte jetzt nichts anderes tun als abwarten und er war so konzentriert, dass er weder die Kälte noch die Steifheit bemerkte, die ihm in die Knochen krochen. Seine Augen wa­, ren auf die erleuchteten Fenster, deren Vorhänge zugezogen waren, gerichtet, die nur ein paar Meter von der Stelle entfernt waren, an der er sich versteckt hatte. Außer dem Stöhnen des Windes und dem Rascheln der ihn umgebenden Blätter konnte er nichts hören und nichts sehen. Wie lange es auch dauern würde, er wäre bereit. In seinem Kopf hatte nichts anderes Platz außer der Gewissheit, dass er bereit sein würde. »Das ist also kein Virus«, stellte er fest, als sie schließlich geendet hatte. »Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist kein Com­ putervirus.« »Es ist ein Bewusstsein«, erklärte sie. »Wir wissen so wenig vom Bewusstsein, dass die entscheidende Frage immer die war, ob es sich außerhalb von organischen Gehirnen über­ haupt entwickeln kann. Nun, das ist hier passiert, oder zu­ mindest ist etwas entstanden, dass dem sehr nahe kommt.« In seinem Gesicht zeichnete sich die Konzentration ab, das zu verstehen, was sie sagte. »Selbst die Technik an sich spielt keine Rolle«, ergänzte sie. »Wenn man in einem Holzstück oder einem Stein die Atome so aktivieren könnte, dass sie sich an- und abschalten und damit einen Computerprozess simulieren könnten, dann wür­ de man mit dem richtigen Programm ein Holzstück oder einen Steinblock haben, der zu denken scheint. Das entscheidende Wort ist ›scheint‹. Denn wenn wir über das Denken sprechen, dann kann man nicht hinter den Schein blicken. Wir wissen nicht, wie es funktioniert. Wir erkennen nur, wenn etwas wie Denken aussieht.« Er schwieg einen Moment und meinte dann: »Es ist genauso, wie mit verrückt und normal.« »Wie bitte?« »Sie haben gesagt, wir wissen nicht, wie es funktioniert – Denken. Jeder von uns macht es, aber wir wissen nicht, ob es bei anderen auf die gleiche Art geschieht. Wir wissen nur, was sie sagen oder tun, aber wir wissen nicht, was in ihnen vor­ geht. Wir haben nur eine Vorstellung davon.« »Ja, so könnte man sagen.« Er stand auf und lief hinter dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, ein paar Schritte auf und ab. »Und von diesem Ding da draußen«, sagte er und wandte sich wieder Tessa zu, »haben Sie außer mir noch niemandem erzählt?« Einer plötzlichen Eingebung folgend erwähnte sie Helen und Clive nicht, denn sie sah keine Veranlassung ihre beiden Freunde an diesem Punkt mit in die Sache zu ziehen. »Ich habe mit niemandem außer Ihnen gesprochen.« Die Lüge kam ihr überraschend glatt über die Lippen. »Darüber bin ich sehr erleichtert.« »So lange keiner weiß, dass es das Ding gibt, wird es nie­ mand angreifen. Und so lange es nicht angegriffen wird, wird es nichts unternehmen.« »Außer dass es schon versucht hat Sie zu töten.« »Aber nur, weil es Gelegenheit dazu hatte. So lange ich nicht in ein Flugzeug steige oder irgendein anderes System benutze, das es kontrollieren kann, wird es keine weitere be­ kommen. Es kann lediglich Telefonrechnungen und Bankkon­ ten fälschen und mich wie eine Betrügerin oder so etwas aus­ sehen lassen. Wenn es wollte, dann könnte es auch Haftbefehle aufgrund irgendwelcher getürkter Anschuldigungen ausferti­, gen, doch damit würde es nicht durchkommen, was wahr­ scheinlich der einzige Grund ist, warum es das noch nicht versucht hat.« Er griff nach seiner Tasse Kaffee und trank sie im Stehen. »Wie lange brauchen Sie noch um dieses andere Programm, das Gegenprogramm, fertig zu machen und auf den Weg zu schicken?«, wollte er wissen. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann nicht sicher sein, dass es funktioniert, bis ich es nicht ausprobiert habe. Das heißt, ich bin so weit damit, wie ich unter den gegebenen Um­ ständen sein kann.« Er brauchte einen Moment um die Information zu verarbei­ ten, dann setzte er die Tasse ab. »Wo ist es? Im Institut?« »Eine Ausfertigung ist hier, eine andere dort.« »Sie haben eine Kopie hier im Haus?« »Nicht genau eine Kopie. Ich lasse die verschiedenen Kopi­ en von Paul miteinander kommunizieren.« »Paul?« Seine Stimme klang zweifelnd. Sie merkte, wie sie errötete. »So nenne ich es.« Sie war dankbar, dass er nicht nach dem Grund fragte. »Ich habe ihn auf Herz und Nieren geprüft«, fuhr sie fort. »Um ihn darauf vorzubereiten, was ihn erwartet.« Als ein heller Lichtschein aus einem der oberen Fenster fast bis zu dem Punkt fiel, an dem er stand, blickte der Mann draußen im Garten hoch. Die Vorhänge waren nicht zugezogen und er konnte beobachten, wie sie einen Computer anschaltete, der auf einem Schreibtisch beim Fenster stand. Der Mann stand hinter ihr und schaute ihr über die Schulter. Dann griff sie zu, den Vorhängen und zog sie zu. Er verließ vorsichtig sein Versteck, blieb dabei im tiefen Schatten und schlich auf der Suche nach einer Möglichkeit hereinzukommen um das Haus. In seiner Tasche krampfte sich seine Hand wieder um den Griff des Jagdmessers. Er zog die lange, gefährlich scharfe Klinge aus der Scheide und brachte sie sorgfältig in Stellung.,

TESSA KONNTE SICH eines kleinen Anflugs von Stolz nicht erwehren, als sie den Computer abschaltete und sich

zu ihm umdrehte. Er saß auf der Kante der Fußbank ihres Lehnsessels, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und in sei­ nem Gesicht stand das Erstaunen geschrieben. »Der Schein oder die Wirklichkeit«, sagte sie um das Schweigen zu brechen. »Das ist eine rein philosophische Frage und wenn überhaupt von untergeordneter Bedeutung. Wich­ tig ist nur, dass dieses Ding hier genauso real ist wie das Ding dort draußen.« »Und was wird passieren«, fragte er zu ihr aufblickend, »wenn die beiden aufeinander treffen?« »Um genau zu sein«, gab sie zurück, »werden sie sich über­ haupt nicht treffen. Sie werden einfach ineinander überge­ hen.« »Und sich verändern.« »Ja.« »Was macht Sie so sicher, dass dieses Programm hier der Gewinner sein wird?« »Ich glaube, dass Rationalität stärker ist als Irrationalität.« Er stand auf und strich sich mit der Hand durch die Haare. »Das ist aber Ausdruck einer Menge Gottvertrauen.« »Ich sehe es lieber als einen Ausdruck des Naheliegenden an.«, Er blickte sie an. »Besteht nicht eine Möglichkeit«, er brach­ te seine Hände geräuschlos zusammen, »dass sie sich zerstö­ ren wie Materie und Antimaterie? Oder was sonst noch mit ihnen passieren könnte?« Sie schüttelte den Kopf. »Sie sind nicht wie Materie und Antimaterie. Physisch sind sie dasselbe; auf geistiger Ebene etwas Verschiedenes.« »Der gute Zwilling und der böse.« »Wenn Sie so wollen.« Er schüttelte verständnislos seinen Kopf. »Mein Gott.« Einige Augenblicke starrte er auf die Wand. Sie merkte, wie sich in seinem Kopf eine weitere Frage formulierte, und warte­ te ab. Er deutete auf den Computer. »Müssen sie beide Kopien gleichzeitig ausschicken? Die hier und die in dem Computer im Institut.« »Nein, eine davon genügt. Ich habe beide Kopien gegenein­ ander laufen lassen um ihm… «, sie brach ab. Immer noch plagten sie Zweifel, ob der Gebrauch der Bezeichnung ›ihm‹ richtig wäre. »He, ist schon in Ordnung«, meinte er, weil ihm klar war, weshalb sie gezögert hatte. »Das hier ist ganz sicher kein ›es‹. Ich frage mich nur, warum sie ihn Paul genannt haben.« Sie zuckte mit den Schultern. »Eine Familienangelegenheit.« Er hakte nicht nach. Stattdessen ging er zu dem Computer hinüber, den sie gerade ausgestellt hatte, und schaute ihn sorgenvoll an. »Das ist also alles, was es von ihm gibt«, be­ merkte er. »Das hier und die Kopie im Institut.« Er blickte sie über die Schulter an. »Nur diese beiden, stimmt das?«, »Ja«, bestätigte sie und war etwas verwirrt von seinem Ton- fall. Er schien auf etwas hinauszuwollen, doch sie wusste nicht was. »Aber ich nehme an, wenn beiden etwas zustoßen sollte, dann können Sie schnell eine neue Fassung herstellen und sie zum Laufen bringen?« Sie machte eine unbestimmte Geste. »Nicht so schnell. Ich hoffe, das wird nicht nötig sein.« »Das habe ich mir gedacht.« »Entschuldigung? Ich bin mir nicht sicher… « Er lächelte sie an, ein seltsames Lächeln, das sie noch nicht an ihm bemerkt hatte. Es schien nicht aus seinem Gesicht zu kommen, sondern von irgendwo dahinter, so als ob er das Gesicht, das sie kannte, wie eine Maske, die er nicht länger brauchte, abgelegt hätte. »Sie sind sich nicht sicher, dass Sie was?«, fragte er. »Ver­ standen haben? Ich glaube schon. Ich denke, Sie haben es erraten, oder?« Sie erschauderte, als ob der Mann, den sie ansah, nicht län­ ger der Mann war, mit dem sie den Abend verbracht hatte. Dieser Mann war ihr fremd. Etwas Merkwürdiges und Nicht­ greifbares stimmte bei ihm nicht. »Ich bin nicht Tim Kelly«, erklärte er und hatte einen selt­ sam zufriedenen Gesichtsausdruck, als er ihre Reaktion be­ merkte. »Mein Name ist Chuck Price. Tim Kelly wurde auf seinem Weg zum Flughafen unvermeidlich aufgehalten – für immer.« Einen Moment lang herrschte völlige, unwirkliche Stille. Dann machte er eine Bewegung, die viel zu schnell war, als, dass man sie verfolgen konnte, und die darin endete, dass ihr Computer mit solcher Macht gegen die Wand flog, dass er in einer Wolke aus Plastik und Putz förmlich explodierte. Sie schrie auf. Doch der Laut erstarb in ihrer Kehle, als er ihr mit einer ähnlich schnellen Bewegung die Hand um den Hals legte. Seine Finger griffen fester zu und sie merkte, dass sie fast den Boden unter den Füßen verlor. Sie schlug vergeb­ lich mit den Armen und versuchte ihm das Gesicht zu zerkrat­ zen, aber sie erreichte es noch nicht einmal. Sie hörte, wie er lachte und etwas sagte. Nach und nach verstand sie die Worte. »Du wirst jetzt genau das machen, was ich dir sage. Hörst du? Wir gehen jetzt in das Institut, wir beide zusammen, und werden das Programm vernichten.« Er begann langsam seinen Griff zu lockern. Sie hatte den Eindruck, als würde ihr das Blut in die Beine schießen, als diese wieder ihr ganzes Gewicht zu tragen hatten. Sie glaubte ohnmächtig zu werden, kämpfte aber dagegen an. »Das Einzige, was ich aus deinem Mund hören will, wenn ich dich loslasse ist: ja. Kapiert?« Das Geräusch von splitterndem Glas drang wie durch einen langen Tunnel zu ihr. Gefolgt von einem Getrampel auf der Treppe, das immer stärker wurde und in ihren Ohren wie Donner klang. Sie merkte, wie er sie losließ und sie auf den Boden knallte. Wo sie aufgeschlagen war, tobte der Schmerz in ihrer Hüfte, doch sie fühlte ihn kaum, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Mann gerichtet, der messerschwingend in das Zimmer stürmte. Es war der Mann, der sie am Nachmittag angesprochen hatte und sich Conrad Walsh nannte. Er war, totenbleich, mit einem wilden Blick, und keuchte heftig. Er warf einen Blick auf sie und starrte dann auf den anderen Mann. Der Mann, der ihr gerade gesagt hatte, sein Name wäre Pri­ ce, trat einen Schritt zurück und nahm automatisch eine ge­ duckte Abwehrhaltung ein. Etwas in seinem Blick sagte ihr, dass er Walsh kannte. Sie konnte verfolgen, wie er sein Ge­ dächtnis durchforschte, wann und wo er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Dann hatte er es. Er erkannte ihn. »Du!« Er sagte es auf eine Art, die zeigte, dass es die letzte Person auf der Welt war, die er hier erwartet hatte. Trotzdem ergab es augenscheinlich einen Sinn, irgendeinen Sinn. »Was hast du mit meinem Bruder gemacht?«, wollte Walsh wissen. Seine Stimme war leise und voller Wut. Sie sah, dass Price sich, wie ein in die Enge getriebenes Tier, das nichts zu verlieren hat, eine Erwiderung überlegte. Es war eine Wut jenseits aller Furcht. Er brüllte auf und mit derselben schnellen, vom Wahnsinn gesteuerten Bewegung, mit der er ihren Computer an die Wand geknallt hatte, schleuderte er einen Holzstuhl auf Walsh und stürmte danach durch den Raum auf ihn zu. Die beiden Männer rollten über den Boden und kämpften um das Messer. Sie stemmte sich an der Kante ihres Schreibti­ sches hoch und blickte sich nach etwas um, mit dem sie Walsh helfen konnte. Die ganzen Ereignisse liefen in einer seltsamen Art von Zeitlupe vor ihr ab. Sie dachte, dass im Film in solchen Momenten immer eine Vase, ein Briefbeschwerer oder eine Schere bereitlagen. Doch sie konnte nichts finden., Walsh setzte seinen Fuß auf Prices Brust und trat mit aller Gewalt zu. Price flog durch den Raum, doch als er aufkam, rollte er sich ab und kam in einer einzigen geschmeidigen Bewegung wieder auf die Beine. Tessa bemerkte, dass das Messer über den Boden genau vor ihre Füße gerutscht war und dass Price sich danach bückte. Sie sah das Flehen in Walshs Augen und sie brachte es fertig, das Messer aufzuheben und ihm zuzuwerfen. Walsh war jetzt auf den Beinen und hielt das Messer tief un- ten um von dort nach oben zuzustoßen. Price blieb stehen, umkreiste ihn dann und suchte nach einer Möglichkeit an­ zugreifen. Doch es gab keine. Walsh war vorbereitet und zu allem entschlossen. Anstatt anzugreifen machte Price einen Ausfall zur Treppe und verschwand nach unten. Walsh warf Tessa einen kurzen Blick zu, als wollte er sich vergewissern, dass sie unverletzt sei und stürmte dann die Verfolgung aufnehmend die Treppen hinunter. Ihr erster Gedanke war hinterherzurennen und den Kampf weiterzuverfolgen. Dann wurde ihr klar, dass das Wichtigste war die Polizei zu benachrichtigen. Was immer dann passierte, zumindest konnte sie sicher sein, dass Hilfe unterwegs war. Sie hob den Hörer ab. Der Anschluss war nicht tot, aber es war ein seltsamer Ton in der Leitung. Sie schlug auf die Gabel, erhielt aber immer noch keinen Wählton. »Hallo? Hallo?«, wiederholte sie instinktiv, als ob sie eine Antwort erwartete, doch alles, was sie vernahm, war das Echo ihrer eigenen Stimme, als würde sie in einen tiefen Brunnen hineinrufen., Dann wurde ihr mit einem flauen Gefühl im Magen klar, was los war, und sie ärgerte sich über ihre eigene Begriffsstut­ zigkeit. ›Es‹ war dort draußen, das Ding, das in Berlin mit ihr gesprochen hatte. Es kreiste sie ein, war ihr auf der Spur, kon­ trollierte, was sie machte, und griff an. Natürlich würde es nicht zulassen, dass heute Nacht irgendwelche Anrufe das Haus verließen. Das war die Nacht, für die es einen Verrück­ ten um die halbe Welt geschickt hatte um sie zu töten. Es musste diese Sache generalstabsmäßig geplant haben. Nichts war dem Zufall überlassen worden. Doch wo war dieser Walsh hergekommen? Das war ganz sicher nicht eingeplant gewesen. Sie fühlte das starke Verlan­ gen in die Sprechmuschel zu brüllen: »Dein Plan ist daneben gegangen. Du hast nicht an alles gedacht!« Doch sie beherrsch­ te sich. Selbst wenn es, wie sie annahm, zuhörte, dann war es zu provozieren das Falscheste, was sie tun konnte. Gott wuss- te, welche Möglichkeiten es noch in der Hinterhand hatte, und sie wusste nur zu gut, zu was es fähig war. Sie legte vorsichtig den Hörer auf und dachte nach. Ein Krachen aus dem Erdgeschoss brachte sie wieder in die Reali­ tät zurück. Sie hörte noch etwas zerbrechen und dann knallte eine Tür zu. Sie rannte die Stufen hinunter. Als sie im Flur, in dem immer noch das Licht brannte, an­ gekommen war, sah sie eine Spur der Zerstörung in die dunk- le Küche führen. Sie stand still und lauschte. Es herrschte eine unheimliche Stille, nichts rührte sich, noch nicht einmal drau­ ßen vor dem Haus. Sie schlich vorsichtig in die Küche. Es war kein Licht an und auch sie schaltete keines an. Sie tastete sich ihren Weg an den bekannten Möbeln vorbei, bis sich ihre Augen an die Dunkel­, heit gewöhnt hatten, was gerade noch rechtzeitig genug ge­ schah, damit sie nicht über einen umgestürzten Stuhl stolperte. Sie sah die Hintertür offen stehen. Eine der Glasscheiben war zerbrochen, so als ob sich Walsh da Zutritt verschafft hätte. Hinter einigen Kochbüchern in der Ecke befand sich eine Taschenlampe für Notfälle. Sie tastete danach und fand sie. Sie wusste, dass die Batterien in Ordnung waren, denn sie hatte sie erst vor kurzem ausgewechselt. Doch sie schaltete die Ta­ schenlampe nicht an, sie wollte ungesehen bleiben und nicht zeigen, wo sie sich befand. Sie umfasste sie mit festem Griff, bereit sie als Waffe zu benutzen und trat in die Nacht hinaus. Der Himmel war bedeckt, kein Mond zu sehen und der hef­ tige Wind, der früher am Abend geweht hatte, hatte sich ge­ legt. Ihr Gehör erschien ihr in der Stille fast übermenschlich. Sie verhielt sich einige Zeit ganz still und lauschte nur. Dann machte sie ein paar Schritte, doch als ihr auffiel, wel­ chen Lärm ihre Schuhe auf dem gepflasterten Weg machten, blieb sie sofort wieder stehen. Sie griff nach unten, zog sie aus und ließ sie stehen. Dann schlich sie weiter. Sie versuchte sich über die Lage klar zu werden. Entweder war Price geflohen und Walsh hinter ihm her oder Walsh war tot und Price wartete irgendwo da draußen in der Dunkelheit auf sie. Wenn Price tot oder zumindest so schwer verletzt wäre, dass er keine Gefahr mehr darstellte, dann würde Walsh sicher nach ihr suchen, würde nach ihr rufen um sie zu beru­ higen, auf keinen Fall würde er sich verstecken. Dazu gäbe es keinen Grund. Als ihr Name ganz nahe bei ihr geflüstert wurde, blieb sie wie angewurzelt stehen., »Tessa!« Sie stöhnte auf, drehte sich um und machte automatisch die Taschenlampe an. »Mach das aus! Er ist hier irgendwo.« Sie gehorchte sofort, hatte aber vorher noch erkannt, dass Walsh lang ausgestreckt direkt neben ihr quer auf einem Blu­ menbeet lag. Sie hockte sich hin und flüsterte: »Was ist pas­ siert?« Ein keuchendes Flüstern, durchsetzt von Schmerz, kam aus der Dunkelheit zurück. »Ich habe mir den Knöchel verstaucht. Ich kann nicht ge- hen.« Er stöhnte vor Schmerz auf. »Wer bist du?« »Josh Kelly.« »Und der Kerl, Price? Ist das sein richtiger Name?« »Keine Ahnung. Ich habe ihn nur einmal gesehen. Er war der Fahrer des Wagens, mit dem Tim zum Flughafen gefahren ist.« Plötzlich setzte sich das Mosaik in Tessas Kopf mit schreck­ licher Deutlichkeit zusammen. »Mein Gott«, flüsterte sie, »er ist der Mann, der all diese Frauen umgebracht hat. Der Mann, den dein Bruder gesucht hat.« »Das nehme ich an und ich glaube herausgefunden zu ha- ben, warum er hier ist. Doch du musst mir sagen, ob ich Recht habe. Ich habe heute Nachmittag an der Wahrheit gekratzt, stimmt’s?« Sie gab keine Antwort. Er hörte sie keuchend atmen und, gegen eine Furcht ankämpfen, die größer war als nur die Furcht um ihr Leben. »Tessa!«, keuchte er. »Erzähl mir von dem Programm. Das ist es, was er will, oder?« Sie versuchte etwas zu sagen, doch ihre Stimme zitterte so, dass die Worte fast als unverständliches Keuchen herauska­ men. Doch er hörte: »… löschen… er wollte mich ins Institut bringen um zu löschen, als du… « Weiter kam sie nicht, als eine Hand aus der Dunkelheit kam und ihre Haare ergriff. Sie schrie auf und sah, wie Josh sich mit übermenschlicher Willensanstrengung aufrichtete um sie zu verteidigen. Etwas Silbergraues fuhr wie ein Strich durch die Dunkelheit. Dann stöhnte Josh mit einem schrecklichen Geräusch auf, das sie nie zuvor vernommen hatte. Sie wusste, es war ein Todesröcheln. Josh Kelly brach zu ihren Füßen zusammen und bewegte sich nicht mehr. »Du Scheißkerl! Das hättest du nicht… « Der Satz verklang unvollendet, als sie ein Schlag an der Seite ihres Nackens traf, der sie in eine tiefere Dunkelheit als die der Nacht schickte.,

ES WAR DIESES kurze, fatale Aufleuchten der Taschen­lampe, das sie verraten hatte. Es war, er wusste es, die

Hand Gottes. Ein rechtzeitiges Eingreifen der Mächte jenseits des menschlichen Verständnisses, dass ihm den Sieg bescher­ te, der ihm schon zu entgleiten drohte. Er hatte gehört, wie Kelly im Garten gestolpert und das Messer ganz in seiner Nähe auf den gepflasterten Weg gefal­ len war. Glücklicherweise fand er es sofort, dann versuchte er Kelly zu finden um ihm den Rest zu geben, doch ohne Erfolg. Der Scheißkerl musste in der Stille den Atem angehalten ha- ben. Auf jeden Fall hatte er das Messer und er hatte keine Zeit mehr zu verlieren, denn er musste sich um die Frau kümmern. Schritte waren aus Richtung des Hauses gekommen. Dann hielten sie inne und danach war nichts mehr zu hören gewesen. Er vermutete, dass sie sich die Schuhe ausgezogen hatte. Schließlich hörte er sie flüstern. Da war alles wieder im Lot. Er war Herr der Lage. Die Sache lief jetzt, wie es sein sollte. Seine Gedanken waren jetzt von einer Schärfe, die er immer als eine seiner besten Eigenschaften angesehen hatte. Er be­ fand sich im Rausch, einem ganz natürlichen Rausch ohne Drogen, dem Besten, den es gab. Mit der Taschenlampe, die nur knapp einen Meter von der Stelle entfernt lag, an der Tessa zusammengebrochen war, fand er ihre Schuhe und brachte die Bewusstlose dann ins, Haus zurück. Er legte sie auf ein Sofa im Wohnzimmer, fühlte ihren Puls, kontrollierte ihre Atmung und zog die Augenlider zurück. Er stellte fest, dass sie wohl noch zehn oder fünfzehn Minuten bewusstlos sein würde, vielleicht auch etwas länger. In diesen Dingen war er ein Experte, doch in der Dunkelheit war er nicht in der Lage gewesen den Schlag so genau zu dosieren, wie er es gerne gewollt hätte. Er rannte in ihr Schlafzimmer hinauf. Er suchte einen Man­ tel und etwas, mit dem er sie fesseln konnte. Er fand einige Paar Strümpfe und zerriss einen Seidenschlüpfer um sie damit zu knebeln. Als er wieder nach unten kam, lag sie unverändert da. Wenn man sie sah, konnte man meinen, sie hätte sich zu einem bequemen Nickerchen ausgestreckt, außer dass sie sich kaum rührte, als er sie fesselte und knebelte. Dann nahm er das Telefon ab, tippte die erforderliche Nummer ein und wartete. »Ich höre.« Es dauerte nur ein paar Augenblicke um einen kurzen Überblick über das zu geben, was passiert war und was er herausgefunden hatte. Wenn er das Gefühl in der ausdrucks­ losen, mechanischen Stimme an seinem Ohr hätte beschreiben müssen, dann hätte er es Erleichterung genannt, doch ohne Zweifel bildete er sich das nur ein. Er lauschte gehorsam den weiteren Anweisungen und bestätigte dann, dass er verstan­ den hätte. Es waren genau die, die er erwartet hatte. Er untersuchte schnell die verwinkelte, alte Küche nach einer Tür, die in die Garage führte, und als er sie gefunden hatte, kehrte er zu Tessa zurück. Er beschloss ihren Wagen zu nehmen, denn der würde auf dem Institutsparkplatz weniger Aufsehen erregen, auch stand er in der Garage und er könnte, sie dort hineinschaffen, ohne das Risiko eingehen zu müssen, dass jemand, der vorbeifuhr, ihn dabei beobachtete. Fünf Minuten später lag sie unter einer Decke verborgen auf dem Rücksitz und er stieß vorsichtig mit dem Wagen auf die Straße zurück. Dann waren sie unterwegs. Es funktionierte wie geschmiert. Genauso wie in Los Angeles, als er den Polizisten abgeholt hatte. Er hatte seine Anweisung auf die übliche Art über den Monitor erhalten, zumindest war das die übliche Art, wenn er nicht über Telefon den Kontakt aufnahm. Er hatte die Num­ mer des Taxiunternehmens bekommen und die Bestellung des Polizisten rückgängig gemacht. Dann hatte er die Nummer einer Autovermietung bekommen und den Auftrag erhalten einen Wagen unter falschem Namen zu mieten. Dazu benutzte er die Nummer einer Kreditkarte, die einer Überprüfung standhielt, aber später dann auf mysteriöse Weise nicht auf­ findbar sein würde. Die Sache mit der Schildmütze war sein Einfall gewesen. Er war der Meinung gewesen, das würde seiner Schauspielerei noch mehr Authentizität verleihen. Der Polizist war darauf hereingefallen. Die ersten paar Ki­ lometer hatten sie sich über belanglose Dinge unterhalten. Wo fliegen Sie hin? England? Ich würde wirklich mal gerne dort­ hin. He, haben Sie schon mal den englischen Film über…? Und so weiter. Sie hatten sogar ihre Witze darüber gemacht, wie die anderen Fahrer versuchten durch die dunklen Scheiben einer solchen Limousine zu spähen und sich immer vorstell­ ten, dass eine Berühmtheit darin saß, die sich möglicherweise gerade von einer Edelnutte einen blasen ließ. Stattdessen befand sich ein Polizist darin, der glaubte, er wäre auf dem Weg nach Europa., Vor ihm tauchte das Stoppschild auf, wo er es erledigen wollte. Er ließ den Wagen sanft ausrollen, wobei er immer weiter sprach und seinen Fahrgast aus den Augenwinkeln im Spiegel beobachtete. Er lenkte ihn mit einer weiteren, blöden Geschichte ab, während er beim Wiederanfahren den Motor abwürgte. Dann ließ er ihn mit vorgespielten Schwierigkeiten wieder an und bog ruckelnd um die Ecke. »Keine Angst, alles in Ordnung«, sagte er. »Es tut mir Leid, so etwas sollte nicht vorkommen. Aber es ist alles in Ord­ nung.« Er lenkte den Wagen halb auf den rissigen Bürgersteig, wo um diese Tageszeit niemand zu sehen war. Er hatte sich die Gegend vorher genau angesehen. »Ich muss aussteigen und mal unter die Haube sehen. Es wird nur einen Augenblick dauern. Ist nur ein loses Kabel, der Wagen ist reif für die Inspektion. Ich versichere Ihnen, Sie werden den Flug nicht verpassen.« Er beugte sich vor, als würde er nach der Verriegelung der Motorhaube tasten. In Wirklichkeit aber, griff er nach der 22er mit Schalldämpfer, die er unter dem Armaturenbrett versteckt hatte und die für die kurze Entfernung genau die richtige Waffe war. Die linke Hand immer noch am Türgriff, so als wollte er jeden Moment aussteigen, drehte er sich auf seinem Sitz um und schaute nach hinten zu dem ahnungslosen Polizi­ sten. »Hier«, meinte er, »wollen Sie sich das nicht einmal anse­ hen?« So als ob er ihm ganz nebenbei eine Zeitung oder eine Zeit­ schrift reichen würde, hob er die Waffe und schoss., Der Parkplatz für Langzeitparker am Flughafen arbeitete völlig automatisch und es bestand keine Gefahr, dass irgend­ jemand seine Nase in seine Angelegenheiten steckte und Fra- gen stellte. Er fand einen Stellplatz, stieg aus und glitt dann auf den Rücksitz neben die Leiche. Nach wenigen Sekunden hatte er das Flugticket und Kellys Brieftasche gefunden, in der sich auch die FBI-Marke befand. Er hatte schon seinen eigenen Pass und den Führerschein bereit, die er an diesem Morgen, ausgestellt auf den Namen Timothy Donovan Kelly, in Emp- fang genommen hatte. Alles daran stimmte bis auf das Bild, das in beiden Fällen Charles Mortimer Price zeigte. Er nahm seinen Koffer aus dem Kofferraum und Kellys Ta­ sche. In einer der Flughafentoiletten würde er die graue Fah­ reruniform gegen etwas Unauffälligeres austauschen. Er muss- te nur noch den Wagen abschließen; er würde hier stehen bleiben, bis die Leiche zu stinken begann, und das würde noch eine Zeit lang dauern. Der Wagen war für zwei Wochen ge­ mietet, also würde ihn niemand vermissen. Und die Wagen im Langzeitparkbereich standen meistens wochenlang da. Er war sicher, dass kein Verdacht aufkommen würde, bis er seine Aufgabe in England erledigt hätte. Das war bevor dieser jüngere Bruder in dem Haus in Oxford wie eine Ausgeburt der Hölle aufgetaucht war. Doch damit war er fertig geworden. Alles war jetzt wieder im Lot. Und so sollte es auch bleiben. Er hörte hinter sich ein Murmeln und blickte sich um. Sie kam zu sich und bewegte sich unter der Decke. Prima, genau zum richtigen Zeitpunkt. Nun musste er nur noch ins Institut gehen und sich um den Computer kümmern. Dazu brauchte er sie., Wenn sie wach war, dann würde sie die Dinge so sehen wie er. Dessen war er sich ganz sicher.,

FÜR JOSH KELLY war nur eines gewiss, er war nicht den weiten Weg gekommen um hier zu sterben bevor er seine

Aufgabe erledigt hatte. Seine Eingeweide brannten wie Feuer, aber er glaubte, dass die Verletzung nicht so schlimm war, wie sie sich anfühlte. Er spürte, wie das Blut an seinen Händen klebte und trocknete, doch das war ein gutes Anzeichen. Es bedeutete, dass die Blutung nachließ oder sogar aufgehört hatte und er nicht ver­ blutete. Er legte die Hand auf seine Stirn. Auch dort war Blut und ein pochender Schmerz, der ihm den Schädel zerspringen, ließ. Als ihn das Messer erwischt hatte, war er zusammengebro­ chen und mit dem Kopf auf die Kante des Weges aufgeschla­ gen. Das hatte ihm die Besinnung geraubt. Doch jetzt kam er zu sich und konnte wieder klar denken. Er wusste, wo er war und was er wollte. Er drückte einen Knopf an der Seite seiner Uhr und das Zifferblatt leuchtete auf. Kurz nach 23.30 Uhr. Er konnte nicht länger als fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten bewusstlos gewesen sein. Das war gut. Er blickte zum Haus und sah Licht, aber keine Anzeichen von Leben. Er schob sich auf Händen und Knien über den Rasen um einen besseren Blick zu haben. Die Küchentür stand auf, aber es war kein Laut zu hören. Sie waren fort und er wusste wohin. Sehr vorsichtig versuchte er seinen Knöchel zu belasten., Wenn er laufen oder wenigstens hinken könnte, würde ihm das viel Zeit ersparen. Der heftige, grässliche Schmerz ließ ihn einen Schrei ausstoßen, der Tote aufgeweckt hätte. Als er der Länge nach dort, wo er zusammengebrochen war, auf dem Rasen lag, überlegte er sich, dass damit zumindest der Beweis erbracht war, dass sich niemand in der Nähe aufhielt. Anson­ sten wäre der Mörder schon aus dem Haus gestürmt und hätte ihm den Rest gegeben. Er hatte ihn für tot gehalten, was ihm einen Überraschungsvorteil brachte, wenn er früh genug dort wäre um ihn zu nutzen. Er kroch auf allen vieren in die Küche und hoffte etwas zu finden, was er als Krücke benutzen konnte. Er tastete in der Dunkelheit herum und stemmte sich mithilfe eines Stuhls so weit hoch, dass er den Lichtschalter erreichen konnte. Dann stolperte er herum, öffnete verschiedene Türen, bis er die Besenkammer gefunden hatte. Er fand einen Besen, dessen Stiel fast genau die richtige Länge hatte. Wie Long John Silver, der Bösewicht aus der ›Schatzinsel‹, schwang er sich auf den Besenstiel gestützt vorwärts und schaute in der Garage nach, doch da war kein Wagen. Vom Fenster hatte er schon gesehen, dass Prices Auto noch auf der Straße stand. Sie hatten also Tessas Wagen genommen. Er stöberte in seinen Taschen. Die Schlüssel seines Mietwa­ gens befanden sich noch darin. Das war wohl die beste Lö­ sung, wenn Price ihn nicht lahm gelegt hatte. Auf jeden Fall besser als Prices Wagen kurzzuschließen, was er noch nie gemacht hatte, sich aber zutraute, wenn es wirklich nötig wä­ re. Er fand seinen Wagen genauso in der dunklen Seitenstraße, geschützt vor den Blicken von der Hauptstraße, vor, wie er ihn, verlassen hatte. Er ließ sich auf den Fahrersitz gleiten und zog den Besen in den Wagen. Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss und drehte ihn. Der Motor sprang sofort an. Glücklicherweise war es ein Automatikwagen. Um ein Auto mit Schaltgetriebe zu fahren hätte er beide Füße gebraucht und das wäre unmöglich gewesen. Das Schlechte daran war, dass sein rechter Fußknöchel verletzt war und einen Automatikwagen mit dem linken Fuß zu fahren war nicht einfach. Doch er würde es tun. Verdammt, er musste es tun.,

HÖR MIR MAL genau zu. Die Sache kann ganz einfach und schmerzlos sein oder kompliziert und sehr, sehr

schmerzhaft. Und du wirst nicht sterben oder ohnmächtig werden, wenn ich es nicht will. Ich bin sehr gut darin.« Er lächelte kalt. »Ich habe viel Erfahrung.« Auf dem Rücksitz ihres Autos, das er in einer dunklen Ecke geparkt hatte, und während er ihr den Mantel anzog und ihr die Schuhe überstreifte, kam sie sich wie ein Kind vor. Nach­ dem er die Nylonstrümpfe, mit denen sie gefesselt gewesen war, entfernt hatte, zirkulierte auch das Blut wieder in ihren Händen und Füßen. Ihre Kehle war von dem Knebel ganz rau. »Seitlich an deinem Hals entsteht ein übler blauer Fleck«, meinte er. »Zum Glück habe ich einen Schal mitgebracht. Ich lege ihn dir an. Genau so, nun kann niemand etwas sehen. Wir werden ja niemanden treffen, wenn du mir die Wahrheit ge­ sagt hast.« »Ich habe doch schon gesagt«, entgegnete sie mit flacher, rauer Stimme, »ich kann nicht dafür garantieren. Jeder, der am Institut angestellt ist, entscheidet selbst, wann er arbeitet. Ich bin selbst häufig bis nach Mitternacht hier. Aber wir kümmern uns nicht umeinander. Wir machen unsere Arbeit und gehen dann nach Hause.« »Und kein Sicherheitsdienst?« »Nur die Alarmanlage, wie ich schon gesagt habe. Und George, der von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens da, ist. Aber George ist mehr ein Hausmeister als ein Nachtwäch­ ter. Wenn wir zusammen sind, wird er dich nicht behelligen.« »Ich vertraue darauf, dass du mir die Wahrheit sagst. An­ sonsten geht es George genauso an den Kragen wie dir. Und jedem anderen, der mir in den Weg kommt.« »Das wird keiner.« »Gehen wir.« Er half ihr aus dem Wagen und sie hing an seinem Arm, während er ihr Handgelenk wie einen Schraubstock fest hielt. Ein unvoreingenommener Beobachter hätte sie für ein Pärchen gehalten, das einen Abendspaziergang machte und in ein angeregtes Gespräch vertieft war. Was aber niemand sah, war das Messer, das er in seiner anderen Hand flach an ihren Arm gepresst hielt und das von ihrem Mantelärmel verborgen wurde. Sie führte ihn am Haupteingang des Instituts, der während des Tages benutzt wurde, vorbei um die Ecke zu einer Seiten­ tür, die nur den Angestellten bekannt war, die einen Code dafür besaßen, der in den Öffnungsmechanismus eingegeben werden musste. Als sie die Tür erreicht hatten, spürte sie, wie sich die Messerspitze durch die Falten des Mantels hindurch warnend gegen ihre Rippen presste. »Mach nichts, was mich verärgern könnte.« Sie tippte einen sechsstelligen Code ein. Das Schloss gab ein Klicken von sich und sie stieß die Tür auf. Ihre Schritte klan- gen dumpf auf dem Zementboden und nahmen einen anderen Klang an, als sie die mit Marmor geflieste Halle erreichten. Das einzige Licht kam von der trüben Notfallbeleuchtung über ihnen., Sie wollten gerade die Haupttreppe hinaufsteigen, als Schritte hinter ihnen ertönten. Sein Griff wurde fester. »Denk daran«, flüsterte er in ihr Ohr. Ein kleiner, rundlicher Mann war als Silhouette in dem Licht, das aus seinem winzig kleinen Büro fiel, zu sehen. Er trug eine Art Uniform, doch die Jacke war nicht zugeknöpft und sein Schlips gelockert. Aus dem kleinen Schwarzweiß­ fernseher hinter ihm erklang eine Filmmusik. »Guten Abend, George. Ich bin’s, Tessa Lambert«, rief sie ihm zu. »Oh, Dr. Lambert. Arbeiten Sie wieder mal spät?« Er spähte in die Dunkelheit, machte aber keine Bewegung mehr Licht anzuschalten. »Das ist doch nicht Danny da bei Ihnen?« »Ein Kollege. Wir wollen ein Programm laufen lassen. Es wird nicht länger als eine Stunde dauern.« »In Ordnung, Dr. Lambert«, gab George zurück und er klang wie ein Mann, der an die Eigenheiten von Wissenschaft­ lern gewöhnt war und sich nicht darüber wunderte. »Sie ma­ chen bitte das Licht oben aus, wenn Sie gehen, ja?« »Ja, George. Machen Sie sich keine Sorgen.« Er ging wieder zu seinem Fernseher und schloss die Tür. Die beiden stiegen die Treppen hinauf. »Gut, Tessa. So weit, so gut«, meinte er sanft. »Mach genau­ so weiter.« Am Ende der Treppen gingen sie den Korridor entlang, an den er sich noch von seinem ersten Besuch her erinnerte. Es war dunkel bis auf einen Lichtstrahl, der durch eine dreißig Zentimeter große, quadratische Scheibe in einer Labortür auf den Korridor fiel. Als sie näher kamen, fühlte sie, wie sich sein, Griff verstärkte. »Ich habe doch gesagt, dass sich um diese Uhrzeit niemand um den anderen kümmert«, beruhigte sie ihn. Als sie an dem Labor vorbeikamen, warfen beide einen Blick hinein. Zwei Männer beugten sich über ein Geräteteil, das sich am gegenüberliegenden Ende einer langen Werkbank befand. Tessa kannte beide vom Sehen aber nicht dem Namen nach. Sein Griff ließ nach, wurde aber erneut fester, als sie um eine Ecke bogen und einen noch größeren Lichtstrahl sahen. Durch die halb offene Tür sah man in einen Raum, in dem sich eine grauhaarige Frau über eine Computertastatur beugte; sie hob noch nicht einmal den Kopf. Sie erreichten Tessas Labor und sie bat ihn ihren Arm loszu­ lassen, damit sie ihren Schlüssel herausnehmen konnte. Er tat es, stand aber dicht neben ihr, während sie die Tür aufschloss. Gleich nachdem sie im Raum waren, nahm er ihr den Schlüs­ sel ab, sperrte die Tür zu und rüttelte probeweise am Griff. »Zum Teufel!«, rief er entrüstet. »Dieses Schloss hält noch nicht einmal ein Kind auf.« »Wir machen uns über diese Art von Sicherheit hier keine großen Gedanken«, erklärte sie kühl. »Alles, was wertvoll ist, befindet sich in den Computern und da nützen Schlösser nichts, oder?« Sie beobachtete, wie er den Hörer vom Telefon auf ihrem Schreibtisch abnahm und eine lange Nummer wählte. Er war­ tete einige Momente und sagte dann: »Ich bin mit ihr im La­ bor.« Er schaute zu ihr herüber, lauschte auf die Stimme, die sie, nicht hören konnte, und fuhr dann fort: »Ja, sie hat etwas… Eine Variante des Originalprogramms. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, ob sie selbst sicher ist, dass es funktioniert.« Danach folgte eine längere Pause. Er wandte ihr den Rük­ ken zu, doch sie bemerkte, wie er ihr Spiegelbild im Fenster beobachtete, und bewegte sich nicht. »Ja«, hörte sie ihn sagen, »Ich denke, diese Gefahr besteht wirklich… « Er wandte sich wieder zu ihr um. In seinem Gesicht war die Spur eines Lächelns, so als ob er Spaß an dem hätte, was ihm aufgetragen wurde. »Natürlich«, erklärte er. »Das habe ich sowieso vorgehabt.« Er legte auf. Das Lächeln war verschwunden. »Du weißt, wer das war, stimmt’s?«, fragte er. Sie nickte langsam. »Ich denke schon.« Mit einer kurzen Bewegung seiner Hand schaltete er den Computer ein und deutete dann auf ihren Stuhl vor der Tastatur. Sie ging hin und setzte sich. Er stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. »Jetzt«, meinte er, »werde ich dich warnen. Ich kenne mich sehr gut mit Computern aus und wenn du mich anlügst oder versuchst mich auf irgendeine Art reinzulegen, werde ich das sofort bemerken. Und das wird dir sehr Leid tun. Kapiert?« Sie nickte wieder mit dem Kopf. »Dann los.« Zwanzig Minuten später war alles vorbei. Er war zufrieden, dass jede Spur des Programms namens Paul aus dem Compu­ ter entfernt worden war, so als ob es niemals existiert hätte., Tessa saß wie betäubt da, bleich, die Hände in den Schoß gelegt. Er wählte die gleiche Nummer am Telefon. Diesmal sagte er nur drei Worte: »Es ist erledigt.«,

RECHTER FUSS GAS, linker Fuß Bremse. Der Schmerz in seinem rechten Knöchel, selbst wenn er den Fuß nur ein

paar Zentimeter bewegte, war unerträglich. Das Gute daran war, sagte er sich, dass er dadurch keine Gelegenheit hatte an den Schmerz in seinem Unterleib zu denken. Vorhin im Haus hatte er den Eindruck gehabt, die Wunde hätte aufgehört zu bluten, doch jetzt, als er sich über das Lenk­ rad beugte und dabei jeden Muskel anspannte, hatte sie wie­ der angefangen zu bluten. Als die Landstraßen, denen er vom Haus aus gefolgt war, auf die Umgehungsstraße mündeten, merkte er, wie sein Verstand gefährlich ins Schwimmen geriet. Es war, als ob jedes ihm aus der Gegenrichtung passierende Scheinwerferpaar an ihm zupfen und ihn in Schwingungen versetzen würde. Ein langsam fahrender Lastwagen tauchte vor ihm auf und er scherte aus um zu überholen. Er sah Scheinwerfer auf sich zukommen, doch war es schwer, die Entfernung abzuschät­ zen. Der Mietwagen hatte keine gute Beschleunigung, doch er trat das Gaspedal durch und hoffte auf das Beste. Im Notfall hatten drei Wagen nebeneinander auf der Straße Platz, doch gerade, als er ausscherte, kam hinter dem entgegenkommen­ den Wagen ein weiteres Scheinwerferpaar hervor. Sie lagen tief und standen weit auseinander und kamen schnell auf ihn zu. Sie flammten blendend hell auf um ihn aus dem Weg zu scheuchen. Er hatte keine andere Wahl als sich wieder einzu­, ordnen. Er reagierte ganz automatisch und bevor er noch wusste, was er tat, hatte er schon seinen rechten Fuß vom Gas ge­ nommen und auf die Bremse gesetzt. Der Schmerz, der durch seinen Körper fuhr und in seinem Kopf explodierte, ließ ihn aufschreien. Es brachte ihn über den Punkt hinaus, an dem der Schmerz den Menschen wach hält, und in einen Bereich, wo das Gehirn Erlösung sucht. Nur Sekunden später war er wieder bei vollem Bewusstsein und merkte, wie der Wagen unter ihm schleuderte. Hupen brüllten auf und vor seinen Augen rotierten die Lichter wie bei einem Karussell. Er spannte seine Muskeln in Erwartung des Zu­ sammenpralls an, doch der kam nicht. Plötzlich war er durch und im Licht seiner Scheinwerfer breitete sich die Straße aus. Das wütende Aufblenden der Scheinwerfer des Lastwagens, den er gerade überholt hatte, verschwand im Rückspiegel und das zornige Gehupe verklang in der Nacht. Der Schweiß strömte ihm so heftig über das Gesicht, dass er sich die Augen trockenwischen musste um wieder richtig sehen zu können. Er musste höchstens noch zehn, fünfzehn Minuten durchhalten, dann wäre er da. Was er dann machen würde, wusste er nicht. Es würde davon abhängen, wie die Lage war. Aber etwas würde er tun. Er musste sich jetzt nur genauso fest an sein Bewusstsein klammern, wie er sich an das Lenkrad dieses dahinrasenden Wagens klammerte. Sein Gefühl nicht ganz da zu sein, sich in einem traumähn­ lichen Zwischenbereich von realer Welt und Fantasie zu be­ finden, passte gut zu der Geschwindigkeit, mit der alles um ihn herum passierte. Etwas mehr als zweiundsiebzig Stunden, waren vergangen, seit er seinen Bruder in Los Angeles verab­ schiedet hatte. Obwohl er eigentlich auf den versprochenen Anruf von Tim gewartet hatte, hatte er sich keine Gedanken gemacht, als dieser sich nicht innerhalb der ersten vierund­ zwanzig Stunden meldete. Nebenbei war er auf einen weiteren Artikel von Tessa in einer älteren Ausgabe des Scientific American gestoßen und wollte ihn Tim zufaxen. Er hatte aber vergessen sich die Nummer von Tim geben zu lassen und deshalb rief er Jack Fischl an um zu fragen, ob er sie hätte. Jack hatte gesagt, er hätte gerade mit Tim über die schlimm­ ste Satellitenleitung, die er je gehabt hatte, gesprochen, nur Piepen, Echos und was sonst noch für Nebengeräusche. Er nannte Josh auch den Grund für den Anruf, nämlich dass einer ihrer Verdächtigen sich aus dem Staub gemacht hatte. Er gab Josh die Nummer des Hotels und Josh wartete bis gegen Mitternacht, was acht Uhr morgens in Oxford bedeutete, bevor er anrief. Was Jack gesagt hatte traf zu: Die Verbindung war nicht nur schlecht, sie war grauenvoll. Dazu kam noch, dass etwas Selt­ sames in Tims Stimme lag. Es war Tims Stimme, ganz klar, doch sie klang durch die Nebengeräusche und Verzerrungen hindurch merkwürdig hölzern, und das lag nicht nur an sei­ nen Bemühungen sich verständlich zu machen. Josh war sich nicht sicher, was ihn in diesem Moment dazu bewogen hatte, den Recorder anzustellen und das Gespräch aufzunehmen. Danach schickte er den Artikel, wie verspro­ chen, an die Faxnummer des Hotels, die Tim ihm gegeben hatte, doch während er das tat, spulte er das Band zurück und hörte sich ihre Unterhaltung noch einmal sorgfältig an. Es, stand außer Frage, dass, wenn man die Nebengeräusche, so weit das möglich war, außer Acht ließ, sein Bruder mehr wie eine dieser sprechenden Waagen klang denn wie er selbst. Es hörte sich fast an, als ob er unter Drogen stünde oder sich in Gefangenschaft befand und verzweifelt versuchte durch den Tonfall seiner Stimme mitzuteilen, dass nicht alles in Ordnung war. Das war aber alles zu weit hergeholt und grotesk. Josh ließ seine Fantasie schweifen. Und plötzlich… Zwanzig Minuten später war er damit fertig, das Band mit verschiedenen Geschwindigkeiten vor- und zurücklaufen zu lassen. Er schob die Kassette in seine Tasche, denn die Geräte, die seinen wachsenden Verdacht bestätigen konnten, befanden sich in seinem Labor. Ein paar Stunden später war dieser Verdacht zur Gewiss­ heit geworden. Was auf dem Band zu hören war, waren keine Echos, sondern normale Verzögerungen in unterschiedlicher Länge. Die Unterschiede waren gering, aber messbar. So konn­ te sich kein einfaches Echo verhalten. Es erinnerte ihn an et- was, doch er brauchte einige Minuten, bis es ihm wieder ein­ fiel. Dann war es plötzlich da. Kein Zweifel. Vor über einem Jahr hatte er mit einem Übersetzungspro­ gramm herumexperimentiert; vom Englischen in verschiedene Sprachen, von denen er die meisten nicht beherrschte, und von da zurück ins Englische. Als wortwörtliche Übersetzung, die sich nicht um Stil kümmerte, schien es ziemlich gut zu funk­ tionieren, aber was ihm am deutlichsten in Erinnerung geblie­ ben war, waren die leichten Verzögerungen, mit denen das Programm arbeitete. Manche Worte und Redewendungen, brauchten unerheblich länger für die Übersetzung als andere. Es war nur eine Frage der Zugriffszeit auf den Speicher und es war fast minimal, aber es war arhythmisch, genau wie Tims Stimme in der Telefonleitung aus England. Er hatte eine Zeit lang darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte. Wie von selbst drängte sich ihm die einzig mögliche Lösung auf. Sein Bruder hatte nicht direkt mit ihm geredet, sondern Worte, die sein Bruder gesprochen hatte, wurden jetzt dazu benutzt, ihm mitzuteilen, was ein anderer sagte. Das würde auch den seltsam metallischen Klang der Stimme erklären, der sich anhörte, als ob die Worte in einer anderen Reihenfolge zusammengesetzt worden waren als sie eigentlich gesprochen worden sind. Er vermutete, dass die Nebengeräusche und Echoeffekte nur dazu dienten, den künstlichen Klang zu kaschieren. Was, zum Teufel, ging da vor? Sein erster Gedanke war Jack Fischl anzurufen, doch dann beschloss er zur Wohnung seines Bruders zu fahren. Er hatte einen Schlüssel dafür. Tim hatte ihm gesagt, dass das Taxiun­ ternehmen, mit dem er zum Flughafen fahren wollte, in den Gelben Seiten stände. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr kamen ihm Zweifel in Bezug auf die Limousine, die an jenem Tag vorgefahren war. Sie hatten es beide gewusst, aber sich nichts dabei gedacht. Noch nicht einmal ein ehrlicher Polizist wie Tim würde gleich Verdacht schöpfen, wenn eine Limousine vorfuhr, weil das Unternehmen keinen anderen Wagen an diesem Nachmittag zur Verfügung hatte. Und trotzdem, im Nachhinein betrachtet war das unge­ wöhnlich. Das Branchentelefonbuch von Tim lag direkt neben dem Te­, lefon. Josh schaute sich die Auflistung der Taxiunternehmen an und fand eines davon rot markiert. Es war ein örtliches Unternehmen. Er nahm den Hörer ab um dort anzurufen, doch sein sechster Sinn hielt ihn zurück, als er gerade die Nummer wählen wollte. Er legte auf. Wenn jemand in der Lage war, in der Art, wie er vermutete, in internationale Tele­ fongespräche einzugreifen, dann konnte er ziemlich sicher auch Tims Anschluss abhören. Josh wusste alles über illegale Abhörvorrichtungen und wie leicht sie zu installieren waren. Die Büros des Taxiunternehmens waren nur ein paar Minu­ ten Fahrtstrecke entfernt. Es war zwar schon spät, aber sie hatten rund um die Uhr geöffnet. Er klingelte und nachdem er durch ein Sprechgitter erklärt hatte, dass er der Bruder eines FBI-Mannes war und dringend etwas herausfinden musste, gingen sie das Risiko ein und ließen ihn hinein. Sie brauchten fast zehn Minuten um sich durch die Unter­ lagen des gestrigen Tages zu wühlen, doch dann konnten sie ihm sagen, dass die Buchung für Mr. Kelly innerhalb einer Stunde, nachdem sie vorgenommen wurde, wieder storniert worden war. Josh bedankte sich und ging. Als er zu sich nach Hause fuhr, war sein erster Gedanke wiederum sich mit Jack Fischl in Verbindung zu setzen. Ihn aus dem Bett zu holen und ihm die ganze Geschichte zu erzäh­ len. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto zweifelhafter erschien ihm die Idee. Um irgendeine offizielle Unterstützung zu bekommen wären Zeit und Erklärungen notwendig und das Einbeziehen von anderen – möglicherweise vorgesetzten und deshalb schwierigen – Personen. Er wusste, dass es für Tim schon schwer gewesen war, die Erlaubnis zu bekommen nach England zu fliegen. Wenn er jetzt damit begann, noch, mehr Staub aufzuwirbeln, bestand die Möglichkeit, dass die ganze Sache mit der inoffiziellen und illegalen Hilfe, die er bei dieser Untersuchung geleistet hatte, aufflog. Und es ging dabei um Tims Kopf. Wenn sich Josh aus irgendwelchen Gründen geirrt hätte, dann wäre Tim bestimmt nicht dankbar dafür, dass er eine überflüssige Panik ausgelöst hatte. Je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm bewusst, dass die einzige Lösung darin bestand, selbst aktiv zu werden. Er musste hinüberfliegen und die Sache selbst überprüfen. Auch war ihm bewusst, dass, was immer er un­ ternehmen würde, es mit extremer Vorsicht zu geschehen hätte. Er rief sich noch einmal ins Gedächtnis, was er wusste. Da war ein Verdächtiger auf der Flucht und es war etwas Merk­ würdiges mit den Telefonen. Es war schon bekannt, dass der Mörder, den sie suchten, ein Computergenie höherer Ordnung war, was bedeutete, dass ein Zugriff auf Flugreservierungen keine Schwierigkeit darstellte. Joshs Name auf der Passagier­ liste eines Fluges konnte ihn sowohl warnen als auch provo­ zieren, was bedeutete, dass sein Name besser nicht da auf­ tauchte. Conrad Walsh war ein alter Freund, ein Journalist, der ihm einige Gefallen schuldete. Er weihte ihn ein. Walsh war über die Sache mit den Pässen nicht glücklich, aber sie überlegten sich eine Ausrede, der zufolge Josh, falls es überhaupt nötig sein sollte, erklären würde, er hätte Walshs Pass gestohlen. Der Austausch von Walshs laminiertem Foto gegen das von Josh war für jemand, der Zugang zu selbst der einfachsten Laboreinrichtung hatte, ein Kinderspiel. Josh hatte oft seinen Spaß dabei gehabt, wenn er sich vorgestellt hatte, wie erfolg­, reich eine Gruppe von eierköpfigen Professoren sein könnte, wenn sie sich einmal ernsthaft dem Verbrechen widmen wür­ den. Das war zwischen ihm und Tim ein immer währender Scherz gewesen. Jetzt war er Wirklichkeit geworden. Er rief die Fluglinie an, buchte den billigsten Flug und war um drei Uhr nachmittags in der Luft. Zusätzlich zu dem Pass hatte er sich auch noch eine von Walshs Kreditkarten ausge­ liehen. Seltsamerweise war Walsh darüber weit weniger beun­ ruhigt als über seinen Pass. Er wusste, dass er Josh beim Geld vertrauen konnte, auch wenn die Rückzahlung ein paar Wo­ chen dauern sollte. Im Flugzeug übte er die Unterschrift, bevor er sich ein paar Stunden unruhigen Schlafes gönnte. In Hea­ throw hatte er keine Schwierigkeit sich ein Auto zu mieten. Als Erstes steuerte er in Oxford das Randolph Hotel an, doch dort sagte man ihm, dass Mr. Kelly nicht da wäre. Als er sich im Spiegel in der Hotelhalle sah, ging er als Nächstes in eine Drogerie, kaufte sich Rasierzeug und machte sich in einer öffentlichen Toilette frisch. Er kaufte sich einen Stadtplan und ging zum Kendall-Institut, wo man ihm mitteilte, dass Dr. Lambert nicht da war. Er wusste, dass er ihr mit großer Vorsicht begegnen musste. Wie unwahrscheinlich es ihm auch erscheinen mochte, dass sie ein Teil dessen war, was hier vorging – was immer es auch war –, konnte er es sich nach den letzten zwei Tagen nicht leisten, eine Möglichkeit außer Acht zu lassen. Als er dann wiedergekommen war, hörte er, wie ihr jemand über den Parkplatz hinweg einen Gruß zurief, und da folgte er ihr. Nach der Unterhaltung auf der Bank war es ihm noch schwerer gefallen, zu glauben, dass sie mit dem Serienmörder in Los Angeles in irgendeiner Verbindung stand, doch ganz offen­, sichtlich verbarg sie etwas. Und das Bindeglied war der Com­ puter. Möglicherweise eine künstliche Intelligenz. Als er im Randolph erneut nach Tim Kelly fragte, wurde ihm gesagt, er wäre immer noch außer Haus. Er hinterließ keine Nachricht und erklärte, dass es nicht notwendig sei, Mr. Kelly auszurichten, dass jemand nach ihm gefragt hätte. Er hatte einen Spaziergang gemacht und das Messer gekauft. Als er wieder zum Hotel kam, wäre er um ein Haar mit jemandem zusammengeprallt, dessen Gesicht er kannte. Es dauerte ein paar Minuten, während derer Josh ihn beobachtete, wie er ganz augenscheinlich eine Nachricht erhielt, daraufhin eine Antwort aufschrieb, bis er in ihm den Fahrer der Limousine wieder erkannte. Er folgte ihm und sah, wie er einen Anruf von einer Tele­ fonzelle aus tätigte. Es hatte den Anschein einer ziemlich in­ tensiven Unterhaltung. Danach verfolgte er ihn zu Tessas Haus, von dort zum Restaurant und dann zurück. Und dann hatte er die Sache verpatzt. Er verfluchte sich wegen seines Versagens, einem Resultat, so sagte er sich, von körperlicher Erschöpfung und Dummheit. Solche Räuberpisto­ len waren nicht seine Welt. Aber es war noch nicht vorbei, noch nicht ganz. Die einzige Frage, die er sich immer wieder stellte und die an ihm wie der Schmerz in seinem Körper nagte, war, was sollte er tun? Dann kam die Antwort im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts. Er hatte das Blaulicht im Spiegel nicht bemerkt, bis der Streifenwagen mit heulenden Sirenen an seinen Rücklichtern hing., Das war die Lösung: Er musste sie mitnehmen. Er blickte auf das Armaturenbrett. Er fuhr schon 160 Stun­ denkilometer. Er trat auf das Gaspedal und holte nochmal fast zwanzig Kilometer aus dem kleinen Wagen heraus. Der Poli­ zeiwagen blieb direkt hinter ihm. Er pendelte von Spur zu Spur, denn seine Konzentration war weg und er hing nur noch mit einem Faden an seinem Bewusstsein. Doch er wollte nicht, dass sie ihn überholten und ihn von der Straße abdrängten, wie einige der amerikanischen Streifenwagenbesatzungen es taten. Also begann er noch wilder von einer Seite zur anderen zu kurven. Zum Glück gab es auf der Straße keinen Gegen­ verkehr. Dann sah er in einiger Entfernung auf der Straße vor sich weitere blaue Lichter aufleuchten. Augenblicke später erleuch­ teten seine Scheinwerfer zwei weiße Streifenwagen, die quer über der Straße standen. Kein Wunder, dass es in den letzten paar Minuten keinen Gegenverkehr gegeben hatte. Wieder hatte er keine andere Möglichkeit als zu bremsen, doch diesmal erinnerte er sich daran, den linken Fuß zu neh­ men. Der Wagen begann zu schleudern. Er hob den Fuß und benutzte die Stotterbremse. Dadurch erhielt er die Kontrolle zurück, doch mit nur noch zwanzig Metern Abstand zu den Polizeiwagen, war ihm klar, dass er es nicht schaffen würde. Er trat mit dem linken Fuß so fest er konnte auf die Bremse und lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen. Er prallte vom Heck eines der Streifenwagen ab und kam schräg im Straßengraben zum Stehen. Eine dichte Hecke, in die er ein großes Loch gerissen hatte, hatte den Aufprall ge­ mildert. Und wenn er nicht den Sicherheitsgurt angelegt hätte, dann wäre er jetzt noch schwerer verletzt als er es schon war., Eilige Schritte und ärgerliche Stimmen schienen aus hun­ derten von Kilometern Entfernung durch einen langen Tunnel auf ihn zuzukommen. Als nächstes erinnerte er sich, dass die Fahrertür aufgestemmt wurde und man ihn herauszog. »Er ist verletzt!«, rief jemand. »Ruft einen Krankenwagen.« »Nein!«, hörte er eine andere Stimme schreien, die er nur schwach als seine eigene erkannte. »Hören Sie mir zu, Sie müssen mir zuhören!«,

ALS SIE DIE im Dunkeln liegende Treppe halb hinunter waren, verspürte sie den Drang laut aufzulachen. Sie

unterdrückte diesen Anflug von Hysterie, doch er musste etwas bemerkt haben, denn er blickte sie misstrauisch an. »Was ist los?«, fragte er. »Ich habe mir gerade vorgestellt, wie wir beide aussehen«, antwortete sie. »Der ehrenwerte Lord und die Lady des Hauses kommen Arm in Arm die Freitreppe herunter.« Er begann zu grinsen. »Ja, du hast Recht. Es wirkt irgend­ wie gediegen.« Nach ein paar weiteren Stufen fragte sie: »Was passiert jetzt?« »Das besprechen wir, wenn wir hier heraus sind.« Er sprach, als würde er ein Kind beruhigen. Doch sie wusste, wenn sie erst einmal hier heraus wären, dann würde sie sterben. Sie wusste nur nicht, wo und wann. Die Fotos, die er ihr gestern gezeigt hatte, hatten ihr einen guten Eindruck vermittelt, auf welche Art. Sie hatte nicht vor sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen, nur damit er es einfacher hatte. Sie hatte vor etwas zu unternehmen, wusste nur nicht, was. Sein Griff um ihr Handgelenk, das Messer, das an ihrem Arm lag und jederzeit zwischen ihre Rippen fahren konnte, ließen ihr wenig Raum für eine Aktion. Und selbstverständlich durfte sie, niemanden im Institut in Gefahr bringen. Dieser Mann war wahnsinnig und unberechenbar. Die wenigen Leute, die sich um diese Zeit hier aufhielten, hatten, soweit wie sie wusste, keinerlei Waffen zur Verfügung und nicht einer hatte wenigstens den Schwarzen Gürtel in Karate. Sie musste es tun, bevor sie das Ende der Treppe erreicht hatten. Es war die einzige Möglichkeit ihn zu überraschen. Sie hatte sich schon einen Plan zurechtgelegt. Sie müsste mit dem Fuß zutreten, ihren Körper so weit herumwerfen, dass sie das Geländer greifen konnte, dann könnte sie sich aus seinem Griff befreien, bevor er mit dem Messer zustoßen konnte. Wenn er weit genug die Treppe hinunterfallen würde, könnte er sich verletzen oder sogar kampfunfähig werden. Zumindest könn­ te sie mit einigem Glück an ihm vorbeikommen, durch die Seitentür, durch die sie das Gebäude betreten hatten, fliehen und bevor er ihrer wieder habhaft würde, in der Dunkelheit untertauchen. Es musste jetzt passieren. Später wäre zu spät. Sie trat zu. Das Adrenalin gab ihr zusätzliche Kraft. Überrascht stieß er ein Grunzen aus und wusste nicht, was zuerst geschah. Er verstärkte seinen Griff um ihr Handgelenk, aber die Hand, die das Messer hielt, schoss automatisch zur Unterstützung der anderen vor. Als ihre Finger sich um das Treppengeländer klammerten, hörte sie, wie das Messer die Stufen hinunterklapperte. Im selben Moment drehte sie ihren Körper, sodass er, ihr Handgelenk immer noch festhaltend, nach vorne geschleudert wurde. Er ließ los, doch zu spät um den Sturz zu vermeiden. Sie wartete nicht, bis er unten angekommen war. Mit der Hand am Geländer, zwei Stufen auf einmal nehmend, war sie, an ihm vorbei, bevor er noch auf dem marmornen Fußboden angekommen war. Sie dachte kurz daran, stehen zu bleiben und nach dem Messer zu suchen, doch das wäre Zeitver­ schwendung, denn selbst wenn sie es finden würde, war sie sich nicht sicher, es richtig gebrauchen zu können. Sie dachte auch daran, ihm gegen den Kopf zu treten und ihn so außer Gefecht zu setzen, aber da war sie schon an ihm vorbei. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr, dass er sich schmerz­ verzerrt auf seine Knie erhob. Wenn er verletzt war, dann nicht schwer. Hinter ihm sah sie einen Lichtstrahl, als George, durch den Lärm aufmerksam geworden, aus seinem Verschlag kam. »Was zum Teufel…?«, war alles, was er hervorbrachte, bevor Tessa so laut sie konnte schrie. »Vorsicht George, er hat ein Messer!« Sie war auf der halben Strecke zwischen Price und der Tür. Als sie wieder zurücksah, war er immer noch auf den Knien, doch sie bemerkte, wie er nach etwas Glänzendem griff und es aufhob. Als Nächstes wurde ihr bewusst, wie sie mit klopfendem Herzen mit dem Türriegel kämpfte. Die Tür sollte sich von innen eigentlich ganz leicht öffnen lassen, doch aus irgendwel­ chen Gründen, möglicherweise drückte sie mit ihren zittern­ den Fingern den Riegel in die falsche Richtung, bekam sie das Schloss nicht auf. Während sie sich damit abmühte, schaute sie wieder zu­ rück. Er war jetzt auf den Beinen und kam auf sie zu. Er hinkte leicht, doch seine Silhouette wurde gegen den Lichtschein hinter ihm schnell größer. Sie konnte George sehen, der wie, angenagelt stehen blieb und nichts unternahm. Dann setzte das Geschrei ein. Es war das Schrecklichste, was sie je gehört hatte. Ein Ausbruch, ein Brüllen wie das Heulen einer wütenden Todesfee, ein Geräusch, das man nur sehr schwer als menschlich bezeichnen konnte und vielleicht war es das ja auch nicht. Ein Laut, der sich erst zu Worten formte, nachdem er mit aller Macht in ihren Schädel gedrun­ gen war. »DuräudigeHündin-duräudigeHündin-duräudige-Hündin- duräudigeHündin!« Ihre Finger zogen verzweifelt an dem Türriegel. Sie hatte ihn schon mindestens tausendmal geöffnet und ausgerechnet heute Nacht musste er klemmen. »DuräudigeHündin-duräudigeHündin!« Lauter, näher. Sie konnte seine Schritte hören. Auf einmal bemerkte sie, dass der kleine Hebel an der Seite des Schlosses, der eigentlich nach oben stehen sollte, heruntergedrückt war. Sie drückte ihn herunter, stieß die Tür auf und stürzte nur ein paar Meter vor ihrem Verfolger in die Nacht hinaus. Sie rutschte und stolperte auf dem feuchten Gras, fiel aber nicht. »DuräudigeHündin-duräudigeHündin!« Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken oder glaubte es zumindest. Sie getraute sich nicht zurückzuschauen. Wenn sie es nur bis zur Ecke des Gebäudes schaffen würde, dann hätte sie vielleicht eine Chance bis zur Straße zu kommen und könn­ te ein vorbeifahrendes Auto anhalten. Falls ein Auto vorbei­ käme. Mitten in der Nacht war diese Gegend ziemlich verlas­ sen., Mit berstenden Lungen zwang sie sich vorwärts. Sie rannte schneller als sie es jemals von sich geglaubt hätte, die heraus­ gebrüllten Obszönitäten, die über seine Lippen kamen, dicht hinter ihr. Sie griff nach den rauen Steinen, warf sich um die Ecke und rannte, erneut ins Stolpern geratend, auf den Parkplatz. Ein paar Autos standen in der Dunkelheit, aber kein Anzeichen von Menschen. Etwas berührte ihren Rücken. Sie schrie auf, doch der Schrei ging in dem Lärm, den er machte, unter. Sie warf sich nach vorn, aber erneut berührte sie etwas am Rücken. Aus dem Nichts heraus erklang auf einmal das Geräusch von Fahrzeugen und grelle Lichter flammten auf. Zwei, drei, vielleicht auch vier Scheinwerferpaare bogen nacheinander von der Straße ab und bildeten vor ihr eine Mauer aus betäu­ bendem, grellen Licht. Sie blieb überrascht und hilflos stehen. Ihr erster Gedanke war, dass sie in der Falle saß und alles in ein paar Augenblik­ ken vorbei wäre. Ein Messer würde so oft in sie gestoßen wer­ den, bis die Wut ihres rasenden Mörders befriedigt wäre. Doch nichts dergleichen passierte. Sie vernahm Stimmen, Rufen, Bewegungen, Türen wurden zugeschlagen. Gestalten kamen aus dem Licht heraus, rannten aber nicht zu ihr, son­ dern nach links. Sie schaute in die Richtung. Der Mann, der sie ermorden wollte und dessen Name, wie sie wusste, Price war, verschwand in der Dunkelheit und die anderen Männer ver­ folgten ihn. Sie war wie erstarrt. Wusste nicht, was sie machen sollte oder was vorging. Sie merkte nur, dass sie vor Angst und, Erschöpfung halb bewusstlos war. Teile ihres Körpers, von denen sie bis zu diesem Zeitpunkt nichts gewusst hatte, begannen zu schmerzen. Verwundert schaute sie an sich herab und sah, dass ihre Hand aufgerissen war und blutete. Dann erinnerte sie sich an die rauen Steine der Hausecke, an die sie sich nur ein paar Sekunden zuvor geklammert hatte. Das alles erschien ihr jetzt so unwirklich. So weit weg. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie hatte das Gefühl zu fallen. Jemand fing sie auf. Sie wusste, dass es nicht ihr Verfolger war, denn den hatte sie fliehen gesehen. Es war vorbei… vorbei. Sie sah nicht die Arme, die sie auffingen, als sie bewusstlos wurde, und die sie in Richtung der Lichter trugen.,

ALS SIE WIEDER zu sich kam, sagte ihr der Polizeiserge­ant, dass sie höchstens fünf Minuten ohnmächtig gewe­

sen war. Seltsamerweise fühlte sie sich frisch und kräftig, als ob sie mehrere Stunden tief geschlafen hätte. Es war nicht so, dass sie nicht wusste, wo sie war oder was passiert war. Sie erinnerte sich genau. Sie saß auf dem Rücksitz eines Streifenwagens, dessen bei­ de Hintertüren offen standen. Man hatte ihre Hand verbun­ den. Sie hörte das Gekrächze des Polizeifunks, nahm die Blau­ lichter wahr und die hellen weißen Scheinwerfer, die immer noch das Gebäude anstrahlten. »Haben sie ihn gekriegt?«, fragte sie. »Das wissen wir noch nicht«, antwortete der Sergeant. »Hauptsache, Ihnen ist nichts passiert.« »Ich hoffe, sie kriegen ihn.« »Da bin ich sicher.« Eine Bewegung rechts von ihr, ließ sie den Kopf in die Rich- tung drehen. Dort stand ein Krankenwagen und einem Mann wurde vom Rücksitz eines weißen Streifenwagens auf eine Trage geholfen. Sie erkannte ihn. »Josh!« »Halt Miss, Sie können nicht… « Aber sie war schon aus dem Wagen und rannte auf den Verletzten zu. »Josh, du lebst! Gott sei Dank. Gott sei Dank, du lebst!« Sie, wollte ihn umarmen, doch sein Gesicht war bleich und schmerzverzerrt. »Du auch«, brachte er hervor. Jemand schob sie sanft zur Seite. »Entschuldigung, Miss, wir brauchen etwas Platz.« Josh wurde auf die Trage gelegt und eine Decke über ihn gebreitet. »Ich komme mit«, erklärte sie, als man die Trage in den Krankenwagen schob. »Halt, warten Sie, ich weiß nicht, ob… « Der Sergeant war inzwischen neben sie getreten. »Tut mir Leid, Miss, Sie müssen hier bleiben.« »Lassen Sie sie mitkommen«, sagte Josh schwach. »Lassen Sie sie bitte mitkommen.« Der Sergeant wurde unsicher. »Ich weiß nicht. Warten Sie eine Minute.« Er hob eine Hand um den Rettungssanitätern zu bedeuten, dass es nicht lange dauern würde, dann eilte er zu einem Mann in Zivilkleidung und Regenmantel, der einer Gruppe von uniformierten Beamten Anweisungen erteilte. Der Serge­ ant sprach mit ihm und der Mann schaute zu Tessa hinüber, dann nickte er. Der Sergeant kam zurück. »Der Inspektor meint, Sie können Ihre Aussage später machen, aber verlassen Sie das Krankenhaus nicht.« »Haben Sie ihn inzwischen erwischt?« »Noch nicht«, und der Sergeant schüttelte den Kopf. Sie kletterte neben Joshs Tragbahre in den Krankenwagen und die Türen schlossen sich mit einem kräftigen Plopp. Ein, Sanitäter in weißer Uniform beugte sich über ihn und schlug die Decke zurück um ihn zu untersuchen. »Auf welcher Seite ist die Wunde?« »Links«, stieß Josh gequält hervor, als der Wagen anfuhr. »Das ist gut, entspannen Sie sich. Es blutet nicht mehr, ruhig.« Er tastete vorsichtig den Bereich um die Wunde ab und suchte nach Anzeichen von inneren Blutungen, wie Tessa vermutete. »Ich habe ihnen gesagt, was nötig war«, erklärte Josh ihr unter großen Schmerzen. »Nicht sprechen, bleiben Sie ganz ruhig liegen«, wies ihn der Sanitäter an. »Ich muss aber reden.« Der Sanitäter sagte nichts dazu. Er schien mit der Untersu­ chung zufrieden und zog eine Spritze auf. »Sie haben aber immer noch eine Menge Fragen«, fuhr Josh fort. »Und ich auch.« Tessa schlug die Augen nieder und senkte den Kopf. Jetzt gab es keinen Grund mehr etwas zu verschweigen, ganz bestimmt nicht Josh gegenüber. Das Schlimme daran war, dass sie dabei das Gefühl hatte ein Geständnis abzulegen. Eine schreckliche Gewissheit von Schuld und Verantwortung drückte sie nieder. »Es war ein Programm zur künstlichen Intelligenz«, flüster­ te sie. »Wegen Price ist es nach draußen gelangt und hat ir­ gendwie Macht über ihn erhalten.« Josh schloss die Augen. »Mein Gott.«, Sie sah, wie der Sanitäter sie anblickte, aber nichts sagte. Sie spürten, wie der weich gefederte Krankenwagen langsamer wurde, dann abbog und wieder beschleunigte. Der Motor wisperte gedämpft von weit her. »Ich hätte nichts tun können«, erklärte sie. »Selbst wenn wir jeden Stecker auf der Welt herausgezogen hätten, hätte es sich irgendwo versteckt und darauf gewartet, dass der Strom wieder angestellt wird.« Er schaute sie an. »Du hast aber an einer Lösung gearbeitet, stimmt’s? Darum die Geheimniskrämerei.« Sie nickte. »Ein Programm. Um das zu zerstören ist Price hergekommen.« »Und…?« Er zuckte, als die Nadel in seinen Arm fuhr. »Es ist schon eine Ironie des Schicksals«, meinte sie, »dass er gestern, als ich noch glaubte, er sei dein Bruder, etwas gesagt hat, was mich dazu gebracht hat… « Sie blickte auf ihre Hand und fuhr sich abwesend über den Verband. »Was hast du getan?« Sie schaute ihn wieder an, wollte anfangen zu reden und sah, dass seine Augen geschlossen waren. »Es ist nur ein Beruhigungsmittel«, erklärte der Sanitäter. »Es ist das Beste für ihn, wenn er schläft.« Durch die getönten Scheiben konnte sie den Widerschein des Blaulichts auf den Gebäuden und in den Fenstern sehen. Die Sirene war nicht eingeschaltet. Joshs Hand lag auf der Decke. Sie griff zögernd, so als hätte sie Angst ihn aufzuwecken, danach und bettete sie in die ihren.,

SIR ANDREW MAUDSLEY hatte schon oft über die mögli­chen Umstände seines Todes nachgedacht. Er sah das nicht

als einen morbiden Zug an, ganz im Gegenteil, im Alter von achtundsiebzig und bei bester Gesundheit, war es für ihn ein Zeichen von Abgeklärtheit, dem Unausweichlichen ins Auge zu sehen. Ein Philosoph hätte sich dieser Beschäftigung auf geistvollere Art gewidmet, ein Künstler hätte vielleicht ein Werk über das Mysterium der letzten Dinge geschaffen, Sir Andrew aber, pensionierter Richter des höchsten Gerichtsho­ fes, ein einfacher Anwalt, als den er sich gerne selbst bezeich­ nete, versuchte sich einfach den tatsächlichen Vorgang immer dann vorzustellen, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte. Heute Nacht aber dachte er nur an das hervorragende Es­ sen, das er am St. Catherine College genossen hatte und dem eine lange Unterhaltung am Kamin des Senior Common Room mit dem Gastgeber, Michael Gearin-Tosh, dem Dekan des englischen Fachbereichs, und einer Hand voll von Gleichge­ sinnten gefolgt war. Michael hatte ihm ein Taxi für den kurzen Weg zurück zum Magdalen College, dessen Honorary Fellow er war und wo er sich ein paar Tage aufhielt, rufen wollen, aber er hatte es vorgezogen zu laufen. Es war eine klare, trok­ kene Nacht und er hatte eine kleine Taschenlampe und den Schlüssel zum Fellows Garden dabei, was ihm erlaubte direkt von dem Gelände von St. Catherine auf den Addison Walk, jenem stillen, baumgesäumten Weg entlang des Flusses, der, schon zu Magdalen gehörte, zu gehen. Als er seinen Tweed- mantel anzog und seinen weichen Filzhut verwegen auf den Kopf setzte, freute er sich schon auf einen flotten zehn- oder fünfzehnminütigen Fußmarsch, der ihn besser schlafen lassen würde. Als er neben den seinen noch andere Schritte hörte, war er in keiner Weise beunruhigt. Ein akademischer Nacht­ schwärmer, dachte er sich, der denselben Weg nach Hause nimmt oder vielleicht in die andere Richtung geht. Einmal hatte er sogar noch nach Mitternacht einen jüngeren Dozenten beim Joggen getroffen. Er hob den Strahl der Taschenlampe etwas an um zu sehen, ob die Schritte von jemandem stamm­ ten, den er kannte, und erblickte einen jungen Mann, der ihm den Weg verstellte. Der Mann keuchte, als ob er gerannt wäre, und das Haar hing ihm ins Gesicht. Und er hatte ein Messer. »Mach das Licht aus«, herrschte ihn der Mann an. Es war ein Amerikaner. »Ich werde nichts dergleichen tun«, gab Sir Andrew zurück, obwohl ihm klar war, dass er keine Wahl hatte. Eine Hand schoss hervor und schlug die Taschenlampe zu Boden, der Lichtstrahl erlosch. »Und nun«, sagte die Stimme aus der Dunkelheit, »zieh den Mantel aus. Ich glaube den Hut werde ich mir auch nehmen.« Sir Andrew blieb ganz ruhig. In seinen Vorstellungen hatte er sich nie etwas wie das ausgemalt. Doch waren bei seinen Fantasien, wie sein Ende wohl sein würde, die Unwägbarkei­ ten unkalkulierbar. Wichtig war zu wissen, dass es einmal passieren würde, und dann dafür bereit zu sein. »Scheren Sie sich zum Teufel, junger Mann«, gab er ruhig zurück., An die nächsten Sekunden konnte er sich kaum erinnern. Er spürte einen Schlag im Gesicht. Er wurde niedergeschlagen und getreten und merkte, wie man seinen Mantel und Hut nahm. Dann kam ein sonderbares Gefühl, so als ob etwas nach seinem Herzen gegriffen und eine Wärme freigesetzt hätte, die sein ganzes Wesen erfüllte. Danach hatte er das Gefühl zu fallen, drehend, rollend, holpernd ohne Schmerz wie in seinen Kindheitstagen, wo sie auf dem Hügel hinter der Farm spiel- ten und sich darin zu übertreffen suchten, wer weiter, schnel­ ler und länger rollen konnte. Und sie lachten. Lachten immer dabei. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob das der Tod war. Je länger es andauerte, desto mehr erweckte es den Eindruck etwas ganz anderes zu sein. Price rannte über Magdalen Bridge. Die Verkleidung mit dem Mantel und dem Hut eines alten Mannes machte ihn wieder sicherer. Da der Schnitt und das Material des Tweed so vornehm waren, bestand natürlich das geringe Risiko, dass jemand ihn für den alten Mann selbst hielt und ihn ansprach. Doch darüber würde er sich Gedanken machen, wenn es dazu käme. Jetzt wollte er nur zum Crowley Place, einer Sackgasse, in der sich, wie er sich auf dem Stadtplan eingeprägt hatte, gut versteckt Telefonzellen befanden. Zweimal fuhren Streifenwagen in hohem Tempo kaum hundert Meter von ihm entfernt in unterschiedlichen Richtun­ gen vorbei. Ganz offensichtlich lief eine Großfahndung. Er zwang sich dazu, Jahrzehnte älter zu erscheinen, indem er seine Schultern hängen ließ und vorsichtige Schritte machte, doch der Schweiß lief ihm unter der Krempe des eleganten Filzhutes hervor. Er war sich sicher, dass man die Leiche des, alten Mannes nicht vor dem Morgen finden würde, noch nicht einmal falls man ihn vermissen und suchen würde. Und der Morgen lag noch einige Stunden in der Zukunft. Bis dahin konnte viel geschehen. Doch zuerst brauchte er eine Telefonzelle. Plötzlich war er da – ›Crowley Place‹ stand deutlich an der Steinmauer zu seiner Rechten. Und ein kurzes Stück weiter Rücken an Rücken zwei Telefonzellen. Er wartete wie gewohnt, bis die Verbindung hergestellt war, dann vernahm er wieder die Worte: »Ich höre.« So schnell und verständlich wie es ihm möglich war, berich­ tete er genau, was passiert war. Das Programm war vernichtet, aber nicht die Frau. Und er hatte keinen Zweifel daran, dass sie zum Gegenschlag ausholen würde. Sie hatte angedeutet, erzählte er, dass es vielleicht einige Zeit dauern würde, bis sie eine neue Ausfertigung des Programms bereit hätte, doch ohne Zweifel wäre sie, wenn man ihr Zeit ließe, dazu in der Lage. Ehrlich gesagt konnte er nicht absolut sicher sein, dass sie ihn nicht angelogen hatte und nicht irgendwo eine weitere Kopie existierte, die sie sofort einsetzen könnte. Es trat Stille ein, so als ob jemand nachdachte. Dann war eine Entscheidung getroffen. »Die Sache ist unbefriedigend. Ich muss auf den anderen Plan, den ich ausgearbeitet habe, zurückgreifen. Ich werde dir jetzt erklären, was du zu tun hast.«,

SARAH METCALFE WAR nicht an zu vielen technischen Einzelheiten interessiert. Diese verwirrten sie und sie wür­

den mit Sicherheit die meisten ihrer Zuschauer überfordern. Was sie wollte und das hatte sie Walter Chapman bei ihrem ersten Gespräch erklärt, war die Ausstrahlung des Ortes, den Nervenkitzel hier eine unvorstellbar gefährliche Kraft heraus­ zufordern und sie dazu zu zwingen, der Menschheit dienstbar zu sein. Das war ihrer Ansicht nach eine Art Metapher für die Jahrtausendwende. Außerdem gab es da noch, wie sie meinte, den sexuellen Aspekt dieses Vergleichs, doch das würde sie in der Sendung nicht herausstellen. Normalerweise würde Walter Chapman um zwei Uhr mor- gens dreißig Kilometer entfernt zu Hause in seinem Bett lie- gen. Zumindest hatte er es in Vorbereitung auf das, was sich als eine lange und ermüdende Nacht erweisen würde, ge­ schafft, sich am Nachmittag ein paar Stunden hinzulegen. Aufgrund der verstohlenen Blicke, die sich Sarah Metcalfe und Roger Dean, wenn sie sich unbeobachtet glaubten, zuwarfen, bekam er den Eindruck, dass die beiden etwas Ähnliches ge- tan hatten. Bis jetzt war alles hervorragend gelaufen. Sarah war mit dem Kameramann und dem Toningenieur im Schlepptau herumgelaufen und hatte sich den einen oder anderen zu einem kurzen, spontanen Interview herausgegriffen. Ohne Ausnahme hatte die ganze Mannschaft einen entspannten und, sehr professionellen Eindruck gemacht. Der Eindruck, der dabei herüberkam, war der von beruhigender Kompetenz, Kerntechnologie mit menschlichem Antlitz. Walter war der Ansicht, dass er sein Geld verdient hatte. Sie waren gerade in den Hauptkontrollraum gekommen und Sarah sprach mit einem der Verantwortlichen, als Chap­ man das erste Anzeichen von Schwierigkeiten wahrnahm. Nick Tate und Bob Fulton, die normalerweise nachts auch nicht hier waren, doch heute die Ereignisse nicht verpassen wollten, steckten in einer Ecke die Köpfe zusammen. Nick Tate tippte etwas in den Computer ein und starrte dann auf den Monitor, während Bob Fulton über seine Schulter spähte. Es war schwer, ihre Reaktion auf das, was sie sahen, zu deuten. Keiner von beiden sagte etwas. Tate tippte einfach etwas ande­ res auf der Tastatur und beide starrten wieder kommentarlos und wie gebannt auf den Bildschirm. Chapman schlenderte so unauffällig wie möglich zu ihnen hinüber. Als er sie erreichte, hatte Bob Fulton die Sache in die Hand genommen und machte irgendwelche Eingaben. Wieder starrten beide auf das Ergebnis und konnten ihren Unglauben kaum verbergen. »Was ist los?«, murmelte Chapman. »Etwas ist im System«, gab Tate zurück. In all den Monaten, in denen sie zusammenarbeiteten, war dies das erste Mal, dass Chapman von ihm eine klare Antwort auf eine klare Frage bekommen hatte. »Was heißt ›etwas‹? Ein Virus?« »Vielleicht.« »Aber wie? Ich dachte, das Besondere an diesem Computer, wäre, dass er keine Verbindung nach draußen hat?« »Glaube mir, Walter, es ist passiert«, erklärte Nick Tate, oh- ne den Blick vom Bildschirm zu wenden. »Zum Teufel, bring die Fernsehleute hier raus, und zwar schnell.« Das Klingeln weckte beide, doch als Christopher sah, welcher Anschluss es war, ließ er sich dankbar wieder auf sein Kopf­ kissen sinken. Jonathan Symes Privatanschluss wurde automa­ tisch in seine Wohnung durchgestellt, wenn Jonathan die Nacht hier verbrachte. »Jonathan Syme?« »Ja.« »Wir haben einen Alarm der Stufe grün/neun. Sie haben sich in der Downing Street einzufinden. Das Kennwort ist Antigone.« Jonathan schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. »Wer spricht da?« »Das wird Ihnen zu gegebener Zeit mitgeteilt.« Er stellte fest, dass es sich um eine Stimme vom Band han­ delte, wie wenn man von der Telefonauskunft eine Nummer mitgeteilt bekommt. Aber es wurde der richtige Sicherheitsco­ de für diese Woche zusammen mit dem Kennwort, das sich täglich änderte, benutzt, also war der Anruf wohl echt. Ganz offensichtlich ein neuer Versuch die Kommunikation zu au­ tomatisieren. »In Kürze trifft ein Anruf für Sie ein. Sie werden in acht Komma fünf Sekunden verbunden. Wenn der Anruf beendet ist, dann bleiben Sie bitte für weitere Informationen am Tele­ fon.«, Dreizehn Minuten später war Jonathan angezogen und auf dem Weg zur Straße hinunter um den Wagen zu suchen, der dort auf ihn warten und ihn nach Whitehall bringen sollte. »Was soll das heißen, wir müssen gehen? Besteht irgendei­ ne Gefahr?« Sarah Metcalfe richtete die Frage an einen blei­ chen Walter Chapman, obwohl ihr Blick auf Roger gerichtet war. »Eine reine Routineangelegenheit.« Chapman sprach jetzt zu beiden. »Es hat eine Fehlfunktion gegeben, was bedeutet, dass alle überflüssigen Angestellten den Zentralbereich räu­ men müssen.« »Wir sind keine Angestellten, Walter. Wir sind offizielle Gä­ ste«, erinnerte ihn Roger. »Und wenn wir zeigen, wie routi­ niert Ihre Leute mit kleineren technischen Problemen umge­ hen, dann bin ich sicher, dass die Öffentlichkeit wirklich beru­ higt von dem ist, was hier vorgeht.« »Tut mir Leid, aber die Vorschriften sind da absolut eindeu­ tig und es liegt völlig außerhalb meiner Kompetenz, sie zu ändern.« »Sagen Sie uns die Wahrheit«, forderte Sarah ihn auf. »Es ist etwas Ernstes.« »Ich bin wirklich nicht in der Lage… « »Sie sehen schrecklich aus, Walter«, fuhr Sarah dazwischen. »Sie sollten sich mal im Spiegel betrachten.« Obwohl die Klimaanlage die übliche, angenehme Tempera­ tur hielt, lief dem älteren Mann der Schweiß in Strömen die Stirn hinunter. »Walter, wenn es da etwas gibt, was wir wissen sollten… «, begann Roger und sah nun selbst besorgt aus., »Wir können nicht hier bleiben. Bitte. Ich meine es ernst.« Er drängte beide nach draußen, und das nicht gerade rücksichts­ voll für jemanden, der jahrelange Erfahrung mit den Befind­ lichkeiten von Medienleuten hatte. »Walter, was soll das?«, protestierte Sarah und entwand ihren Ellenbogen seinem Griff. »Wir gehen in einen Sicherheitsbunker und sobald wir dort sind… « »Sicherheitsbunker«, wiederholte sie ungläubig. »Und wie lange sollen wir in dieser Bleikiste zubringen, Walter?« »Schalten Sie bitte die Kamera ab.« »Es wird doch nichts in die Luft fliegen, Walter?« Roger war inzwischen genauso bleich wie Walter Chapman. »Ich habe doch gesagt, dass es nur eine Vorsichtsmaßnahme ist.« Sarah verschränkte die Arme. »In diesem Fall bleibe ich hier. Wir alle bleiben hier und tun, wozu wir hier sind.« »Vielleicht hat Walter ja gute Gründe, Sarah«, gab Roger zu bedenken, wobei sich ein nörgelnder Tonfall in seine Stimme schlich. »Soll er doch in den Bunker gehen. Ich bleibe hier.« »Was ist, wenn ich auch gehen will? Was, wenn Joe oder Greg es wollen?« Roger deutete beim Sprechen auf den Kameramann und den Toningenieur. Doch Sarahs Augen blieben auf ihn gerich­ tet. Sie sah etwas, was sie nicht erwartet hatte zu sehen, etwas, was sie überraschte und was sie gar nicht leiden konnte. »Soweit es mich betrifft«, sagte sie immer noch ihre Augen, auf Roger geheftet »könnt ihr machen, was ihr wollt. Ich kann mit der Kamera umgehen, ich komme auch mit dem Ton zu­ recht. Und ich glaube, dass ich auch den Produzenten spielen kann. Also?« Sie schaute zum Kameramann. »Joe?« Er schüttelte den Kopf und sie blickte zum Toningenieur. »Greg?« Auch der schüttelte den Kopf. Sie wandte sich wieder Roger zu. »Sieht so aus, als ob es jetzt an dir liegt. Wir bleiben.« »Nun ja, natürlich bleibe ich«, stammelte er. »Ich wollte nur sagen… « Er hatte nicht bemerkt, dass Chapman jemandem ein Zei­ chen gegeben hatte, noch hatte er mitbekommen, dass jemand ein Telefon abgenommen und die Anweisung: »Sicherheitsbe­ amten sofort in den Kontrollraum« durchgegeben hatte. Auch hatte er nicht bemerkt, wie ein Mann und eine Frau, die den Kontrollraum etwas früher betreten hatten, versuchten die Haupttür mit ihren Ausweisen und ihren Codes, die aber nicht mehr funktionierten, zu öffnen. Aber Chapman hatte es bemerkt. Er lief schnell hinüber und sprach mit den beiden an der Tür. Sarahs unerbittlicher Blick folgte ihm und sie beobachtete ein Hin und Her von wütenden Gesten und Worten, die nahe an der Panik waren. Sie gab Joe ein Zeichen das zu filmen. Er stemmte die Kamera auf die Schulter und begann zu filmen. Niemand beachtete ihn. Jeder in dem Raum schien sich über ein Messgerät oder eine Anzei­ ge zu beugen und hoffte, dass darauf etwas erschiene, was die Anspannung lösen würde. Selbst die Telefone funktionierten nicht, wie man feststellte, als einige Leute alle durchprobiert hatten., Chapman machte sich wieder auf den Weg zum Filmteam zurück, wobei er sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn wischte. Er hatte einen seltsam abwesenden Blick in den Augen. Sarah schaute kurz nach links um sich zu vergewis­ sern, dass Greg mit dem Ton bereit war. Er war es. »Was ist los, Walter?«, wollte sie wissen und bemerkte, dass sie sich zwingen musste ihre Stimme fest und ruhig klingen zu lassen. Er brauchte ein paar Augenblicke, bis er die Frage erfasst hatte, und selbst dann antwortete er ihr nicht direkt, sondern sprach irgendwo in den Raum, so als ob er Selbstgespräche führte. »Ich weiß es nicht«, meine Chapman gleichgültig. »Nie­ mand scheint es zu wissen. Die Telefone sind ausgefallen und augenscheinlich ist jede wichtige Tür im Gebäude verschlos­ sen. Niemand kann raus oder rein.«,

TESSA SASS AUF einem Plastikstuhl neben den Schwing­türen mit dem Schriftzug »Notaufnahme«. Sie wusste

nicht, ob der uniformierte Polizist, der ihr gegenüber an der Wand lehnte, sicherstellen sollte, dass sie nicht wegging, oder sie vor dem Mörder, den man immer noch nicht ergriffen hatte, beschützen sollte. Wahrscheinlich traf beides zu, doch es spielte keine Rolle. Ihre Gedanken waren ganz woanders. Sie achtete nicht auf das Klappern von Schritten auf den harten Linoleumfliesen des Korridors, bis diese sich aus den allgemeinen Hintergrundgeräuschen eines nächtlichen Kran­ kenhauses herausschälten und direkt vor ihr verstummten. »Was ist passiert, Tessa?« Es war Helen. Ihr Haar war ungekämmt, unter einem alten Parka trug sie Jeans und einen Pullover und sie erweckte den Eindruck, als hätte sie sich seit dem Moment, in dem sie aus ihrem Bett gestiegen war, und bis zu ihrem Eintreffen hier keine Zeit zum Atmen gegönnt. Ohne nachzudenken sprang Tessa auf und sank in ihre Arme. An Helens Schulter begann sie zu schluchzen. Der Polizist trat einen Schritt nach vorne, wurde dann aber unsicher, ob er dazwischengehen sollte oder nicht. »Ich bin ihre Ärztin«, erklärte Helen kurz angebunden, als sie ihn bemerkte. Er trat zurück. Helen schob Tessa auf Armlänge von sich weg und muster­, te sie. »Alles in Ordnung?« »Ja. Woher wusstest du, dass ich hier bin?« »Eine Freundin von mir in der Aufnahme hat mich angeru­ fen. Nach der Sache in Berlin wollte ich kein Risiko eingehen. Wer hat dich angegriffen?« »Das ist eine lange Geschichte.« »Was ist mit dem Mann, der mit dir eingeliefert wurde?« »Er hat eine Stichwunde und wird gerade operiert. Ich warte hier auf… « »Wer ist es?« »Josh Kelly, ein Amerikaner. Vielleicht haben sie auch den Namen Walsh notiert. Ich weiß es nicht.« Helen blickte auf den Verband an Tessas Hand. »Hast du sonst noch Verletzungen?« »Ja, ein paar Verstauchungen und Blutergüsse.« »Ich werde mal sehen, was ich über Walsh oder Kelly oder wie er auch heißen mag, in Erfahrung bringen kann. Du war- test hier, klar?« Sie legte Tessa ihre Hände auf die Schultern und drückte ihre Freundin wieder auf den Plastikstuhl. »Geh nicht weg. Ich bin gleich wieder hier.« Jonathan Syme betrat Downing Street Nr. 10 durch den geheimen Eingang im Keller des Schatzamtes. Er wusste schon lange, dass dieser Eingang existierte, doch er benutzte ihn zum ersten Mal. Er war dafür gedacht, dass Besucher die Residenz des Premierministers betreten und verlassen konnten ohne die immer wachsame Presse aufzuscheuchen., Als Jonathan ankam, wurde er von Jeffrey Pennycate, dem Privatsekretär des Ministers im Flur von Downing Street 10 erwartet. Trotz der Tatsache, dass man ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatte und er noch nicht einmal Zeit gehabt hatte sich zu rasieren, war Pennycate elegant wie immer und führte Jonathan eilig einen Korridor entlang, wobei er ihm mitteilte, dass der Premierminister ihn in seinem Arbeitszim­ mer erwartete. Als sie am Kabinettszimmer vorbeikamen, sah Jonathan durch die halb offene Tür eine Hand voll der wichtigsten Re­ gierungsmitglieder, darunter den Innenminister, den Außen­ minister und den Verteidigungsminister, in dem Raum wie eine Gruppe von Schuljungen herumstehen, die sich schmut­ zige Witze erzählten, die Köpfe zusammensteckten, allerdings mit dem Unterschied, dass niemand lachte. Als Jonathan vor­ beiging, hoben sie erwartungsvoll die Köpfe. Ganz offensicht­ lich waren sie hierher beordert worden und warteten immer noch auf eine Erklärung dafür. Als Jonathan eintrat, begrüßte ihn der Premierminister mit einem schlaffen Händedruck. Sie hatten sich schon öfters ge­ troffen und kamen im Großen und Ganzen gut miteinander aus. Jonathan hielt ihn für einen zivilisierten und nachdenkli­ chen Mann, der wie viele Menschen in solch hohen Ämtern unter dem Schicksal zu leiden hatte als unentschlossen zu gelten. Die Meinungsumfragen standen schlecht für ihn, seine Mehrheit im Parlament war dünn und die Parteibasis traute ihm nichts zu. In den drei Amtsjahren hatte sich sein Haar, das vormals braun mit ein paar grauen Strähnen gewesen war, schlohweiß gefärbt. Trotzdem hatte Jonathan ihn nie verzwei­ felter als in diesem Moment gesehen. Die beiden Männer, schüttelten sich die Hände. »Ich komme gleich zur Sache«, begann der Premierminister. Pennycate zog sich in eine Ecke zurück, wo er Vorbereitun­ gen traf Notizen zu machen, obwohl nach Symes Kenntnissen jedes Wort, das hier fiel, automatisch aufgezeichnet wurde. »Vor etwas mehr als einer Stunde«, begann der Premiermi­ nister, »wurde ich durch einen Anruf geweckt. Er kam auf meinem Privatanschluss ohne an der Vermittlung zu landen. Niemand weiß, wie das möglich war.« Er nahm einen Schluck Kaffee. »Ich hörte eine Stimme, eine sehr ungewöhnliche Stimme, irgendwie verzerrt.« »Wie eine Aufzeichnung?«, bot Jonathan eine Erklärung an. Der Premierminister blickte ihn an. »Ja, wie eine Aufzeich­ nung. Ich merke, wir beide wissen, wovon die Rede ist. Diese Stimme sagte, ich solle mich erkundigen, was in dem Kern­ kraftwerk in Brinkley Sands los ist, und warten, bis er sich wieder melden würde. Bevor ich noch auflegen konnte, klin­ gelte der Hausapparat. Es war der Nachtdienst um mir mitzu­ teilen, dass es in Brinkley Sands Probleme gäbe. Sagt Ihnen das irgendetwas?« »Ich glaube, dass mir dieselbe Stimme einen Anruf von Ihnen ankündigte«, antwortete Jonathan. »Mir gegenüber wurde der Name einer gewissen Dr. Tessa Lambert erwähnt«, sprach der Premierminister weiter. »Wer immer mit mir gesprochen hat, meinte, dass Ihnen dieser Name bekannt wäre. Stimmt das?« »Ja, das stimmt.« Er erklärte, wer Tessa war und in welcher Beziehung er zu ihr stand. Der Premierminister hörte zu und nickte von Zeit zu Zeit., »Ich weiß nicht, wie das alles zusammenpasst«, meinte er schließlich. »Ich weiß nur, dass die Lage in Brinkley Sands kritisch ist. Ich habe den bestmöglichen Ratgeber. Peter Fraser hält sich nebenan auf und verfolgt hautnah die Entwicklun­ gen.« Lord Fraser of Clayton-le-Woods war der erste wissen­ schaftliche Berater des Premierministers. »Soweit ich das ver­ stehe, handelt es sich um ein riesiges Computerproblem. Der Computer, der den Reaktorkern steuert, sollte eigentlich völlig autark sein, er ist aber auf mysteriöse Weise unter die Kontrol­ le von einer oder mehreren Personen außerhalb der Anlage geraten. Ich vermute, dass wir es mit irgendeiner Terroristen­ gruppe zu tun haben. Doch mit welcher? Können Sie mir da weiterhelfen?« Jonathan holte tief Luft, blickte auf seine Hände hinunter und schaute dann dem Premierminister direkt in die Augen. »Ich kann Ihnen nur sagen«, setzte er an, »was mir berichtet wurde. Ich muss eingestehen, dass es in meinen Augen durch­ aus Sinn ergibt. Ich nehme an, das ist der Grund, warum ich die Nachricht überbringen soll.« »Schaltet die Kamera aus!« Walter Chapman hatte trotz des Anflugs von Panik gerade bemerkt, dass die Kamera lief und jedes Wort aufnahm. Er stürzte vor, doch Joe machte einen Schritt zur Seite, senkte die Kamera um Chapmans unbeholfenes Stolpern einzufangen. »Hören Sie auf damit, Walter!« Sarah streckte die Hand aus um ihm aufzuhelfen. »Wenn wir uns darüber streiten wollen, dann später. Jetzt aber machen Joe und Greg weiter ihre Arbeit.« Sie war von der Art, wie die beiden Männer mit der Situation fertig wurden, beeindruckt, sagte aber nichts dazu., Wenn die beiden Angst hatten, dann zeigten sie es nicht. Nur Roger machte einen zunehmend verstörten Eindruck. »Hören Sie, Walter«, sagte sie und klopfte den Staub von seinem Jackett, »wenn Sie mir nicht erklären können, was vorgeht, dann frage ich Nick Tate und Bob Fulton dort drü­ ben.« »Nein!« Er griff nach ihrem Arm. »Sie können da nicht hin, bitte!« Die beiden Gemeinten standen jetzt über die Hauptkontroll­ tafel gebeugt. Beide trugen Kopfhörer und änderten, gemäß den Anweisungen, die sie bekamen, dauernd die Einstellun­ gen an den Geräten vor ihnen. »Es steht auf Messers Schneide. Wenn sie nicht das tun, was man ihnen sagt, dann geht die ganze Anlage zum Teufel. Das wird wahrscheinlich ein paar Stunden dauern, aber wir sind hier eingeschlossen und überhaupt wird der radioaktive Niederschlag halb Europa verwüsten.« Sarah entwand sich seinem Griff und schaute ihn an. »In Ordnung. Erklären Sie mir… « Sie versicherte sich mit einem Blick auf Greg, dass mit dem Ton alles in Ordnung war, bevor sie fortfuhr. »Sagen Sie mir genau, woran wir sind.« Chapman zog das seidene Einstecktuch aus seiner Brustta­ sche und fuhr sich beim Reden damit über das Gesicht. »Der Computer, der den Reaktorkern steuert, ist im Prinzip völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Trotzdem ist irgen­ detwas hineingelangt.« »Irgendetwas?« »Sie glauben, es ist ein Hacker, aber sie wissen nichts Ge­, naues.« »Wie kann jemand in einen isolierten Computer gelangen?« »Einer der PCs der Programmierer in einem anderen Teil der Anlage ist mit dem Hauptcomputer verbunden. Diese Verbindung ist nur vorübergehend, aber der PC hat ein Mo­ dem, mit dem er die E-Mail empfängt. So ist es wahrscheinlich passiert.« »Die können doch bestimmt auf manuelle Kontrolle um­ schalten.« »Es sieht so aus, als ob dann eine Kettenreaktion einsetzen würde, die sie nicht stoppen könnten.« »Wie konnte das passieren? Ich dachte, es gebe Sicherheits­ vorkehrungen für jeden möglichen Fall.« Der Einwurf kam von Roger, der wie ein kleiner Junge am Rande eines Tränen­ ausbruchs klang. Chapman blickte zu ihm hinüber und schüttelte den Kopf mit einer Mischung aus Mitleid und Resignation. »Es gibt keine Sicherheitsvorkehrungen gegen jeden möglichen Fall. Nur gegen die, an die man gedacht hat.« Roger starrte ihn mit zitternder Unterlippe an. »Mein Gott«, dachte Sarah. »Ich muss hier raus«, brach es aus Roger hervor und seine Finger krampften sich um seinen Hals. »Ich kann es nicht ertragen eingeschlossen zu sein. Ich bekomme kaum noch Luft. Fass mich nicht an.« Sarah hatte lediglich die Hand in seine Richtung ausge­ streckt, doch er stieß sie weg, noch bevor sie ihn berührt hatte, und wich in eine Ecke zurück. Dort rutschte er die Wand hin­ unter, bis er auf dem Boden saß, schlang die Arme um sich, und zitterte. »Verdammt noch mal, richtet die Kamera woanders hin!«, keuchte Sarah. »Es geht hier in Gottes Namen nicht um ihn!« »Das ist undenkbar.« Die Worte des Premierministers kamen, wie Jonathan wuss- te, aus einer tief moralischen Haltung. Was man von ihm ver­ langt hatte, war einen Mord abzusegnen. Der Befehl würde von seinem Büro kommen und die Hierarchie bis zu dem Punkt durchlaufen, wo der Auftrag ausgeführt würde. Es gab keine Möglichkeit sich aus der Verantwortung zu stehlen. »Meinen Sie nicht, dass wir zumindest den Innenminister hinzuziehen sollten?«, schlug Jonathan vor und dachte an die besorgten Gesichter, die er im Kabinettsraum gesehen hatte. Nach einem Moment schüttelte der Premierminister den Kopf. »Nein, ich trage die Verantwortung. Ich kann keinem den schwarzen Peter zuschieben. Wenn dieses schreckliche Zugeständnis nicht ausreicht, dann sind wir sowieso alle so gut wie tot. Und wenn es funktioniert, dann werde ich noch heute aus Gesundheitsgründen zurücktreten.« Er schaute zu Pennycate hinüber um sicherzustellen, dass dies notiert worden war. Pennycate senkte zum Zeichen der Bejahung den Kopf.,

DEM MAJOR WAR aufgetragen worden keine Fragen zu stellen und sich in keine Diskussionen verwickeln zu

lassen. Als er aus dem knatternden Hubschrauber blickte, sah er die Scheinwerfer auf der Autobahn M 40 unter sich und die Vororte von Oxford in einiger Entfernung. Sie begannen den Anflug auf einen Flecken nachtschwarzen Landes. Am Boden warteten zwei Wagen auf der Straße neben dem Feld, auf dem sie gelandet waren. Als der Major hinter dem Steuer des zweiten Wagens saß, einem dunkelgrünen Jaguar, war der Hubschrauber schon wieder in der Nacht verschwun­ den. Der vordere Wagen zeigte den Weg und der Major folgte. Wenn er erst einmal innerhalb der Stadtgrenzen wäre, dann würde er sich alleine zurechtfinden, doch bis dahin brauchte er jemanden, der ihn führte. Die beiden uniformierten Polizisten machten ihn auf der Longwall Street ausfindig. Es war etwas an den hastigen Schritten und dem langen, weiten Mantel, das nicht zusam­ menpasste. Sie tauschten einen Blick aus und lenkten den Wagen zu ihm. Brian Neil, einer der Polizisten, kurbelte das Seitenfenster hinunter. »Entschuldigung, Sir… « Der Mann verlangsamte seinen Schritt und drehte sich zu, ihm hin. »Ja?« »Würden Sie mir vielleicht sagen, wo Sie gerade herkom­ men?« »Wo ich herkomme? Ich gehe einfach nur spazieren.« »Sie sind Amerikaner?« Neil war schon aus dem Wagen. Der Fahrer, Eric Williams, sprach hastig in das Funkgerät. Dann stieg auch er aus und die beiden drängten sich von zwei Seiten an den Amerikaner. Eine Hand kam unter dem Mantel des Amerikaners hervor. Darin befand sich ein Messer. »Kommt ja nicht näher. Ich weiß, wie man damit umgeht. Zurück, ab in den Wagen und fahrt los.« Etwas in dem kalten Blick seiner Augen, dem harten Tonfall seiner Stimme und der Selbstsicherheit, mit der er dastand und auf sie wartete, ließ sie zögern ihr Glück zu versuchen, bevor Verstärkung da wäre. »Hören Sie«, setzte Neil an, »wir haben keinen Auftrag Sie zu verhaften. Wir wollen nur, dass Sie uns begleiten. Jemand will mit Ihnen sprechen. Wir haben nur den Auftrag Sie zu finden.« Der Amerikaner schaute misstrauisch von einem zum ande­ ren. »Wer will mit mir sprechen?« »Das weiß ich nicht. Unser Befehl lautet Sie zu finden und zu einem bestimmten Ort zu bringen.« »Wohin?« »Das erfahren wir, wenn wir melden, dass wir Sie gefunden, haben.« Das Geräusch eines die Longwall Street herunterkommen­ den Fahrzeuges brachte den Amerikaner dazu, nach links zu blicken. Es hielt mit kreischenden Bremsen und zwei junge Polizisten sprangen zusammen mit einem Mann in Zivilklei­ dung heraus. Sie näherten sich dem Amerikaner von links. Die ersten beiden Polizisten bewegten sich nach rechts. Er merkte, dass es schwer werden würde, sich seinen Weg freizukämp­ fen. »In Ordnung«, sagte er und senkte das Messer ein Stück, damit sie sahen, dass er sich etwas entspannte, aber nicht ganz. »Ich steige in den Wagen«, und deutete nach rechts. »Aber nur ich und ein Fahrer, klar?« Die Polizisten sahen sich unschlüssig an. »In Ordnung«, erklärte der Mann in der Zivilkleidung, »ich fahre.« »Schon gut, Sir. Ich werde ihn mitnehmen«, meldete sich Williams, der eigentliche Fahrer des Wagens zu Wort. »Sie haben doch gehört, was ich gesagt habe«, meinte der Mann in Zivilkleidung und ging auf den Wagen zu. Der Amerikaner machte eine Geste zu Neil und Williams sich zurückzuziehen. Sie gehorchten. Er ging zu dem Wagen, öffnete die hintere Tür und stieg ein. Er legte seinen Arm auf die Sitzlehne des Vordersitzes, wobei die Messerspitze die Kehle des Fahrers berührte. Das einzige Geräusch waren die verzerrten Stimmen aus dem Funkgerät. »Hör zu, mein Held«, sagte er, »wenn du auch nur an ir­ gendeine Schweinerei denkst, dann verwandele ich dich mit einer Bewegung in einen Springbrunnen. Verstanden?«, »Verstanden.« »Fahren wir.« Der Fahrer machte keine Anstalten den Motor zu starten. Durch das Fenster konnte Price sehen, wie die anderen Polizi­ sten Fahrzeuge anhielten, damit die Straße frei war, und ein paar Fußgänger wegschickten, die gekommen waren um zu sehen, was da los war. »Ich muss Sie offiziell bitten sich zu identifizieren«, forderte der Mann in der Zivilkleidung Price auf. »So lauten meine Anweisungen. Sind Sie Charles Mortimer Price, auch bekannt als FBI-Specialagent Timothy Kelly?« »Ja.« Der Mann drehte den Zündschlüssel und startete den Wagen, doch anstatt loszufahren, griff er nach dem Funkgerät. »Bei mir ist jetzt Mr. Price alias Kelly«, sprach er hinein. Eine Stimme antwortete in dem geschliffenen Oxforder Tonfall, an den sich Price in den letzten drei Tagen gewöhnt hatte: »Fahren Sie bis zur Botley Road, dann erhalten Sie wei­ tere Anweisungen.« Der Fahrer befolgte die Anweisungen, wendete verkehrs­ widrig, bog dann rechts an einer roten Ampel ab und fuhr in westlicher Richtung die fast verlassene High Street hinauf. Ein paar Augenblicke später erwachte das Funkgerät wie­ der knarrend zum Leben. Dieselbe Stimme meldete sich wie­ der in ihrem Oxforddialekt: »Hier ist ein Anruf für Mr. Price, den ich weiterleiten soll. Geben Sie ihm bitte das Mikrofon, Inspektor.« Der Fahrer hielt das Mikrofon des Funkgerätes hoch, weil er wusste, dass sein Fahrgast die Meldung mitbekommen hatte., »Chuck Price hier.« »Einen Moment bitte, Mr. Price.« Aus dem Lautsprecher im Armaturenbrett kam eine neue Welle statischer Geräusche, als eine Fernverbindung geschaltet wurde. Dieses Geräusch war Price inzwischen so vertraut wie die Stimme, die sich Augenblicke später meldete und die sich aus aufgenommenen, menschlichen Worten zusammensetzte, die durcheinander geworfen und zu einer neuen Bedeutung arrangiert wurden, an die kein Mensch vorher gedacht hätte. »Steht die Verbindung?« »Ich bin dran.« »Die Nummer bitte.« Price lächelte und rasselte die getürkte Kreditkartennum ­ mer herunter, mit der er den Wagen gemietet hatte, in dem er Kelly in Los Angeles zum Flughafen gefahren hatte. Das war ein zusätzlicher Code, den sie vereinbart hatten um sicherzu­ gehen, dass alles in Ordnung war. »Nun«, meinte die Stimme aus dem Armaturenbrett offen­ sichtlich zufrieden, »beenden wir unsere Aufgabe.«,

SIE HABEN GLÜCK gehabt. Es war nur eine örtliche Betäu­bung nötig und einige Stiche. In ein oder zwei Tagen sind

sie wieder wie neu.« Josh Kelly bemühte sich die Frau, die zu ihm gesprochen hatte, zu erkennen. Er sah ein Gesicht, das er nicht kannte. »Das ist Helen. Meine Freundin. Sie ist Ärztin.« Er drehte sich nach der anderen Seite und sah Tessa. »Haben sie ihn schon?«, fragte er. »Soweit ich weiß nicht.« »Mein Gott.« Der Ausbruch zeugte von Erschöpfung und enttäuschtem Zorn. »Nun, zumindest geht’s dir gut«, tröstete er sich. Als wäre es ganz selbstverständlich, nahm Tessa seine Hand und hielt sie, wie sie es im Krankenwagen getan hatte. Er erwiderte den Druck und blickte ihr unentwegt in die Au- gen. »Gut«, meinte Helen nach einem Moment mit dem Gefühl das fünfte Rad am Wagen zu sein, »ich sollte jetzt vielleicht nach Hause gehen.« Sie bückte sich nach ihrer Tasche, die sie irgendwo unter das Bett gestoßen hatte. »Geh bitte nicht, Helen.« Tessa hatte zu ihr gesprochen, ih­ ren Blick aber nicht von Josh gewandt. »Helen weiß alles über die Sache«, erklärte sie ihm. »Alles. Sie und ihr Mann sind die, Einzigen, die von Anfang an eingeweiht waren.« Josh blickte zu Helen. »Ich denke, das ist ein weiteres Stückchen eines Beweises, dass ich nicht verrückt bin«, erklär­ te er mit einem müden Lächeln. Er versuchte sich auf den Ellenbogen aufzurichten, doch er stöhnte vor Schmerz auf. »Ruhig… « Helen legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte ihn sanft in die Kissen zurück. »Sie werden in der nächsten Zeit etwas Schwierigkeiten mit ihrem Unterleib ha- ben.« Er brauchte ein paar Minuten um wieder zu Atem zu kom- men. »Sie haben Recht. Das tut vielleicht weh, Mann.« Dann drehte er sich wieder zu Tessa. »Bevor ich eingeschlafen bin, hast du im Krankenwagen über etwas gesprochen, was du gemacht hast, weil Price etwas zu dir gesagt hatte?« Er formu­ lierte die Frage so, als ob er sich nicht sicher wäre, ob die Un­ terhaltung wirklich stattgefunden hatte oder er sie nur ge­ träumt hatte. »War es nicht so?« »Das war, als ich noch glaubte, er sei dein Bruder. Er erzähl­ te mir, dass die Leute, für die ich arbeite, direkt oder indirekt kommen die gesamten Gelder von der Regierung, mich ver­ dächtigen, ich wolle meine Forschungsergebnisse ins Ausland verkaufen. Daran habe ich nie gedacht. Es war das Programm, das es so aussehen ließ, damit sie mich am weiterarbeiten hindern würden. Sie hätten den Computer auseinander ge­ nommen, doch wahrscheinlich Wochen gebraucht um dahin­ ter zu kommen, an was ich tatsächlich gearbeitet habe. Das hätte dem Programm Zeit verschafft um sich einen neuen Plan mich umzubringen auszudenken. Wahrscheinlich wieder mit Price oder mit jemand gleichen Kalibers.« Sie blickte auf die schlanke wohlgeformte Hand, die sie, immer noch zwischen den ihren hielt. »Mir wurde klar, wenn es erst einmal so weit wäre, dann hätte ich keine Gelegenheit mehr das Programm, an dem ich gearbeitet habe, ins Netz zu schicken und zu sehen, ob es wirklich das leistet, was ich mir von ihm erhofft habe.« Sie schaute ihm in die Augen. »Also entwarf ich einen Al­ ternativplan. Ich hab gestern den halben Tag damit verbracht, den Computer neu einzurichten, sodass jemand, der hinein­ ging und nicht das zweite Kennwort, das ich installiert habe, benutzte, automatisch durch ein Modem das gesamte Pro­ gramm hinauskopierte, ohne dass er selbst etwas davon be­ merkte. Nun, zumindest eine gewisse Zeit nicht.« Sie machte eine Pause und schüttelte leicht den Kopf. »Ich hatte entsetzli­ che Angst, dass Price es bemerken würde, was aber nicht der Fall war. Er hat genau das gemacht, was ich gehofft hatte. Er glaubte, er lösche das Programm, was er auch tat. Doch im gleichen Moment schickte er es ins Internet.« Josh blickte sie bewundernd an, doch in seinen Augen stand eine Frage. »Aber warum hast du das Programm nicht gleich gestern einfach selbst hinausgeschickt?« »Weil es noch nicht bereit dazu war. Ich meinte noch zwei Tage zu brauchen um sicher zu sein, zumindest so sicher wie möglich. Ich weiß jetzt nicht, ob es überhaupt funktioniert. Oder, wenn ja, wie lange es braucht. Oder was überhaupt.« Er brauchte einen Moment um das zu verarbeiten. »Doch zumindest«, entgegnete er mit dem Wunsch es selbst zu glau­ ben, »ist es dort draußen und nicht gelöscht.« »Es ist dort draußen, aber es gibt keine Möglichkeit festzu­ stellen, wo.«, Ein paar Minuten später traten Tessa und Helen auf den Korridor und ließen Josh unter Beruhigungsmittel stehend im Krankenzimmer zurück. »Wie fühlst du dich?«, wollte Helen wissen. »Ich könnte ein paar Stunden Schlaf gebrauchen.« »Ich stecke dich bei uns zu Hause sofort ins Bett. Und wenn sie nicht darauf bestehen würden, diesen göttlichen jungen Mann über Nacht hier zu behalten, dann gäbe ich dir die ärzt­ liche Anweisung ihn mit zu dir zu nehmen.« Tessa lächelte schwach und wollte gerade etwas sagen, als sie einen mittelgroßen Mann, Mitte vierzig, mit einem kurz geschnittenen Schnurrbart und zurückgekämmten, schwarzen Haaren sah, der sich mit dem Polizisten unterhielt, der immer noch neben dem Plastikstuhl stand. Als er sie bemerkte, drehte sich der Neuankömmling sofort um. Etwas an dieser Bewe­ gung deutete auf eine größere körperliche Kraft hin, als seine schlanke Figur und der gut geschnittene Anzug suggerierten. Unzweifelhaft hatte seine Haltung etwas Militärisches. »Dr. Lambert?« »Ja.« »Ich bin John Franklin. Wir sind uns noch nicht begegnet, aber ich bin ein Kollege von Jonathan Syme.« »Oh.« Die Erwähnung von Symes Namen rief in ihr zwiespältige Gefühle hervor. Der Major lächelte, als ob er ihre Situation verstehen könnte. »Mr. Syme hat gehört, was passiert ist. Er war sehr erleich­ tert darüber, dass Ihnen nichts passiert ist. Darf ich hinzufü­ gen, dass es mir genauso ging.«, »Vielen Dank«, gab sie zurück und hatte das Gefühl mehr sagen zu müssen, doch sie wollte einfach nur weg. Sie spürte, wie sich Helens Arm unter den ihren schob. »Ich bin Dr. Lamberts Arzt und ich werde sie jetzt nach Hause bringen. Sie braucht Ruhe.« »Da stimme ich Ihnen ganz zu, doch es wird im Moment noch nicht möglich sein.« Franklin schenkte ihnen beiden ein warmes und mitfühlendes Lächeln. »Ich habe den Auftrag Dr. Lambert zu einem Treffen nicht weit von hier zu bringen.« »Kann das nicht bis morgen warten? Herr im Himmel, nach allem, was sie durchgemacht hat.« »Es tut mir außerordentlich Leid, doch in dieser Angele­ genheit spielen so viele Faktoren eine Rolle… « »Ist schon gut«, unterbrach Tessa ihn und drückte den Arm ihrer Freundin zur Bestätigung kurz, als sie sich von ihr löste. »Je eher wir damit anfangen, desto schneller ist es vorbei.« Sie wandte sich an Franklin. »Ich sollte aber hier warten und der Polizei eine Aussage machen.« »Dazu besteht keine Veranlassung mehr«, erklärte der Ma­ jor und die Art, wie sich der Polizist respektvoll im Hinter­ grund hielt, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Neuankömmling die Sache völlig unter Kontrolle hatte. »Mein Wagen steht draußen. Wenn Sie bitte mitkommen wollen, Dr. Lambert«,

ALS DER PREMIERMINISTER seine Kabinettskollegen in die Bedrohlichkeit der Lage eingeweiht hatte, wollten

diese sich als Erstes in die unterirdischen Atombunker in Berkshire begeben, die für die Aufnahme der Regierung im Falle eines Kernwaffenangriffs eingerichtet waren. Der Premierminister machte ihnen klar, dass es sich hier nicht um einen Angriff im landläufigen Sinne handelte, denn ein GAU in Brinkley Sands bedeutete eher ein Durchschmel­ zen des Reaktorkerns und die Freisetzung großer Mengen von Radioaktivität in die Atmosphäre. Millionen würden sterben, aber langsam. Es gäbe keine Explosion wie in Hiroschima oder einen Atompilz. Es handelte sich hier nicht um einen wie auch immer gearteten Kriegsfall. »Außerdem«, fügte der Premierminister hinzu, »müssen wir unter allen Umständen eine Massenpanik vermeiden, die einem Rückzug der Regierung in die Bunker ohne Zweifel folgen würde. Es gäbe auch keine Möglichkeit eine solche Aktion geheim zu halten.« »Wie können wir die Situation überhaupt geheim halten?«, wollte der Innenminister wissen. »Zumal sich im Moment ein Fernsehteam in der Anlage befindet.« »Sie stellen einen Bericht zusammen und senden nicht live. Darum können wir uns später kümmern.« »Wie zum Teufel konnte das überhaupt passieren? Das würde mich interessieren. Ich glaube, das will jeder von uns, wissen.« Der Verteidigungsminister schlug mit der flachen Hand auf den Kabinettstisch, um den sie alle versammelt waren. Es war unter diesen Umständen in keiner Beziehung eines der üblichen Treffen. Es war einfach eine Versammlung von verängstigten Frauen und Männern in einem Raum, des- sen Jalousien geschlossen waren, damit kein Lichtstrahl nach draußen drang und die Welt jenseits des Raumes in Aufre­ gung versetzen konnte. Während all seiner Jahre in den höhe­ ren Ebenen der Regierung hatte Jonathan so etwas noch nie erlebt. Der Energieminister hatte sich als Einziger gesetzt und sein Gesicht in die Hände vergraben. »Wie ist das passiert?«, fragte der Premierminister. »Wie konnte das Programm sich befreien, wenn wir mal davon ausgehen, dass wir es mit einer künstlichen Intelligenz zu tun haben, wie uns gesagt wurde? Und wie ist es in den Computer von Brinkley Sands gekommen?« »Wie, um Himmels willen, ist es in den Computer gekom­ men!« Der Verteidigungsminister steigerte sich in einen Aus­ bruch gerechter Empörung. »Ob es nun eine Person oder ein Programm ist, macht keinen Unterschied. Der Computer hätte völlig autark sein müssen, von allen Verbindungen zur Au­ ßenwelt abgeschnitten. Uns war gesagt worden, dass so etwas nie passieren könnte. Aber es ist passiert!« Der Energieminister schüttelte leicht den Kopf und mur­ melte etwas davon, dass er die besten Berater hinzugezogen hätte. Es blieb an Lord Fraser, dem wichtigsten Berater, in die Bresche zu springen. Er war Ende vierzig, sah aber jünger aus, ein schlanker Mann mit zartem Knochenbau, dessen verstrubbeltes Haar schon dünner wurde. Das einzig Auffällige an ihm waren, seine hellen, starren Augen wie Suchscheinwerfer, die von dem einzigen Verstand gespeist wurden, dem Jonathan sich je unterlegen gefühlt hatte. Ein Nobelpreisträger hatte einmal ihm gegenüber von Peter Fraser behauptet, »er hat fünf Gehir­ ne statt dem üblichen einen und jedes davon ist besser als Ihres.« »Der Verteidigungsminister hat absolut Recht«, erklärte Pe­ ter Fraser mit unerschütterlicher Ruhe. »Es macht keinen Un­ terschied, ob wir es hier mit einer künstlichen Intelligenz oder einem Menschen zu tun haben, außer dass eine künstliche Intelligenz möglicherweise größere Ausdauer als ein Mensch hat und damit bessere Erfolgsaussichten. Zu dem Umstand des Eindringens in den abgeschirmten Computer von Brinkley Sands kann ich Sie nur daran erinnern, dass es sich hier um eine neue Anlage handelt, sodass eine Reihe von unwesentli­ chen und zeitlich begrenzten Umständen dazu geführt haben können.« »Das ist keine Entschuldigung!«, protestierte der Finanzmi­ nister, wobei er seine übliche Haltung des Volkstribunen ein­ nahm. »So war es auch nicht gemeint, eher als Feststellung, dass hundertprozentige Sicherheit nicht existiert. Ein Restrisiko bleibt immer, vielleicht nur für einen gewissen Zeitraum, im­ mer nur partiell und ohne Zweifel gering, aber es besteht im­ mer ein Risiko und wir sind bereit es einzugehen.« Er machte eine Pause, ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und seine Worte wirken. Niemand widersprach ihm. Mehr als ein Kabinettsmitglied hatte in der Vergangen­ heit gegen Peter Fraser argumentiert und bereute es immer noch., »Weiterhin«, fuhr er fort, »wenn diese künstliche Intelli­ genz, wie wir gesehen haben, fähig ist diesen besonderen Computer in dieser speziellen Anlage zu übernehmen, dann können Sie als gesichert ansehen, dass es kaum einen Compu­ ter, einen Reaktor oder selbst Atomwaffen auf der Welt gibt, die sie nicht auch unter ihre Kontrolle bringen könnte. Mit anderen Worten, meine Damen und Herren, wir sehen uns einem sehr ernst zu nehmenden Gegner gegenüber.« Die sich in die Länge ziehende Stille wurde schließlich von der leise ausgesprochenen Frage des Premierministers gebro­ chen. »Sie sind also davon überzeugt, dass wir es hier mit einer künstlichen Intelligenz zu tun haben?« »Von dem, was ich bis jetzt weiß, sehe ich keinen Grund das anzuzweifeln.« Ein Telefon klingelte. Alle schreckten auf, sogar Jonathan, obwohl er auf den Anruf gewartet hatte. Die Stimme hatte ihm gesagt, dass sie um diese Zeit wieder Kontakt aufnehmen würde um einen vollständigen Bericht über die Lage in Dow­ ning Street zu erhalten. Sie hatte sogar die Leitung angegeben, über die sie in Verbindung treten würde. Es war die Leitung, die zu dem Telefon direkt vor ihm gehörte. Während er den Anruf entgegennahm und dann stumm ein paar Augenblicke lang zuhörte, waren alle Augen auf ihn gerichtet. »Ich verstehe«, sagte er schließlich. Dann ließ er seinen Blick über die Runde gleiten und fügte hinzu: »Ich lege es auf den Lautsprecher.« Er betätigte einen Schalter und die Stimme, die der Pre­ mierminister schon kannte, die die anderen aber zum ersten, Mal hörten, erfüllte den Raum. »Wenn die Eliminierung von Dr. Lambert vollzogen ist«, tönte es, »verbiete ich ihnen irgendetwas zu unternehmen, was die Freiheit von Mr. Price beeinträchtigen könnte. Ich habe noch Gebrauch für ihn und werde jedes Fehlverhalten Ihrer­ seits drastisch bestrafen. Ich hoffe, das ist klar.« Jonathan musterte den Raum. Es war ein seltsames Gefühl einer der Handlanger dieser Kreatur (ein anderes Wort dafür fiel ihm nicht ein) bei diesem schrecklichen Unternehmen zu sein, doch ihm war nun einmal diese Rolle zugefallen und er konnte sich ihr nicht entziehen. »Ich denke«, begann er, als sich niemand gegen diese Her­ ausforderung auflehnte, »das ist absolut klar.«,

SIE WAREN ETWAS mehr als zwanzig Minuten unterwegs gewesen, wenn man nach der Uhr im Armaturenbrett des

Jaguars ging. Einige Male hatte der Major über sein Handy ihren Standort durchgegeben, das erste Mal als sie gerade am Bahnhof vorbei waren und die Botley Road hinunterfuhren, das nächste Mal nach ungefähr fünf Kilometern und jedes Mal hatte er Anweisungen bekommen, die Tessa nicht hören konn­ te. Sie hatten die Hauptstraße verlassen und eine Nebenstraße genommen, waren dann von dieser auf einen schmalen, ge­ wundenen Weg abgebogen und jetzt holperten sie über einen ungepflasterten Feldweg, der, soweit sie erkennen konnte, mitten zwischen Feldern, wo meilenweit nichts zu sehen war, endete. Dort hielten sie an. Der Major stellte wieder sein Han­ dy an. »Wir sind am angegebenen Ort«, gab er durch. Sie schaute ihn an. »Und was nun?« »Jetzt müssen wir warten.« »Auf was?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« Er schaute sie kurz an und wandte sich dann wieder ab. »Heißt das, Sie wissen es nicht?« »Was hier auch passiert, Dr. Lambert, passiert auf aller­ höchsten Befehl. Ich bin mit den Umständen, die zu diesen Befehlen geführt haben, nicht vertraut.« »Ich nehme an«, erklärte sie und schaute in die kohlraben­, schwarze, sternlose Nacht hinaus, »wir sind hier um jemanden zu treffen.« »So sieht es aus.« »Wissen Sie denn noch nicht einmal das?« »Mir wurde nur befohlen Sie hierher zu bringen.« Er öffnete die Fahrertür und stieg aus. Sie folgte ihm. Beide schauten sich nochmals um und lauschten in die Nacht. Es herrschte Stille. Sie drehte sich um und schaute ihn über das Autodach hinweg an. »Kommt Ihnen das nicht etwas merkwürdig vor?« »Ich habe Ihnen schon gesagt, Dr. Lambert, ich befolge nur Befehle.« Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, hatte aber das Gefühl, dass etwas von der Autorität, die er vormals gezeigt hatte, verloren gegangen war. Etwas bereitete ihm Sorgen, etwas, worüber er nicht sprechen konnte und was sie trotzdem wahrnahm. Sie schaute in den Nachthimmel. Nach was? Einem Hub­ schrauber? Einer fliegenden Untertasse? »Man hat mich angewiesen«, erklärte er, als ob er ihre Ge­ danken gelesen hätte, »auf einen Wagen zu warten.« Er schau­ te auf seine Uhr mit dem beleuchteten Zifferblatt. »Er müsste jetzt kommen.« Während er noch sprach, hörten beide den Wagen von der gegenüberliegenden Seite des Feldes herankommen. Einen Augenblick später sahen sie die Scheinwerferbündel über einer Hecke in den Himmel greifen, als der Wagen einen Hü­ gel hinauffuhr und dann wieder in einer Senke verschwand. Sie hörten, wie das Fahrzeug anhielt, der Motor abgestellt und, die Scheinwerfer ausgemacht wurden. Das Telefon des Majors klingelte. Er meldete sich, hörte zu und murmelte dann eine Zustimmung. »Ich lasse Sie jetzt hier, Dr. Lambert«, teilte er ihr mit. »Moment mal, ich weiß ja noch nicht… « Er war schon hinter dem Steuerrad des Wagens. Sie beugte sich vor um die Beifahrertür zu öffnen und wieder einzustei­ gen, doch als sie den Türgriff berührte, hörte sie das Klicken der Zentralverrieglung. Sie konnte es nicht glauben. Er hatte gewartet, bis sie ausge­ stiegen war, und war dann zurück in den Wagen gesprungen, hatte die Tür zugeworfen und sie wie ein Haustier, das man loswerden wollte, zurückgelassen. In der Wildnis ausgesetzt, wo es auf sich selbst gestellt war. »Halt, machen Sie die Tür auf… machen Sie auf!« Sie zog an dem Griff und schlug gegen das Fenster. Er ließ einfach den Motor an und legte einen Gang ein. Im Licht der Armaturenbrettbeleuchtung konnte sie sein Gesicht sehen. Er starrte geradeaus, bemüht sie nicht anzusehen. Ein paar Meter lief sie noch, sich am Türgriff festhaltend, neben dem Wagen her, als dieser holpernd auf dem Feld wen­ dete. Doch als er den Weg erreichte, auf dem sie gekommen waren, wurde er zu schnell und sie musste loslassen. Er schal­ tete die Scheinwerfer erst ein, als er sie ein gutes Stück hinter sich gelassen hatte und an Geschwindigkeit gewann. Sie schaute hinter den roten Rücklichtern her, bis diese von den herabhängenden Zweigen einer Weide verdeckt wurden, die auf der Hinfahrt an ihrem Fenster vorbeigestrichen waren. Die Dunkelheit und Stille brach auf einmal mit Macht über, sie herein. Dann wurde sie von dem entfernten Geräusch einer ins Schloss fallenden Autotür zerrissen. Einen Moment später näherte sich ihr ein kleiner Licht­ punkt. Jemand mit einer kleinen Taschenlampe kam ohne Hast gemütlich über das Feld auf sie zu, wobei der kleine, runde Lichtfleck etwa einen Meter vor ihm auf dem Boden tanzte. Tessa stand wie angewurzelt da und wartete ab. Eine Hälfte von ihr wollte weglaufen, die andere wollte bleiben und die dritte, nun, es gab keine drei Hälften, also verwarf sie den Gedanken, der darin bestand, dass sie schon wusste, wer da auf sie zukam. Inzwischen war es schon zu spät um irgendetwas zu unter­ nehmen. Er hatte sie schon fast erreicht. Er war nur noch ein paar Schritte entfernt und richtete den Lichtstrahl in ihr Ge­ sicht. Instinktiv hob sie eine Hand um ihre Augen zu beschat­ ten. Dann begann er zu sprechen. »Hallo Mami. Es hat etwas gedauert, aber jetzt ist es so weit. Endlich alleine.«,

HALT!« Das Wort schnitt mit unerwarteter Heftigkeit durch die

gespannte Atmosphäre des Kabinettzimmers. Obwohl die Stimme aus dem Lautsprecher nicht lauter war als zuvor, er­ schien sie lauter. In der Aufforderung lag eine neue Form von Dringlichkeit. Jonathan Syme reagierte als Erster. »Entschuldigung, aber wir verstehen nicht.« »Sie muss nicht sterben. Ich muss mit ihr sprechen. Sie darf nicht sterben.« Alle Anwesenden in dem Raum blickten sich an. Obwohl der Premierminister die persönliche Verantwortung für die schreckliche Entscheidung, die er gezwungen gewesen war zu fällen, übernommen hatte, steckten sie doch auf einer niederen Ebene alle mit drin und fühlten sich als Politiker, deren wich­ tigstes Ziel ihre weitere Karriere war, durch die unfreiwillige Mitschuld betroffen. Mit der plötzlichen Zurücknahme des Befehls, den sie alle als absolut und nicht zu ändern angesehen hatten, schreckten sie auf, als ob man sie in eine Falle gelockt hätte, sodass ihre Handlungen oder der Verzicht darauf auf einmal in einem verurteilenswerten Licht erscheinen könnten. »Entschuldigung, könnten Sie das bitte erklären«, bat Jona­ than. »Wir haben Ihre Befehle befolgt. Ändern Sie nun diese, Befehle?« »Sie muss nicht sterben! SIE MUSS NICHT STERBEN!« Der Major steuerte seinen Wagen durch das Einbahnstra­ ßensystem in Richtung der Polizeiwache von St. Aldate, als sein Handy geschäftig zu klingeln begann. Das Gerät war ein technisches Wunderwerk, dazu in der Lage mehrere Anrufe gleichzeitig zu empfangen und in diesem Fall waren es drei. Einer kam von seinem Büro in Whitehall, einer von dem Diensthabenden, der als Verbindungsmann zwischen seinem Büro, Downing Street und den örtlichen Polizeibehörden fun­ gierte und einer kam direkt von Jonathan Syme aus der Dow­ ning Street. Er hörte einige Augenblicke zu, nach denen er feststellte, dass er ganz automatisch weitergefahren war ohne sich später daran erinnern zu können. »Oh mein Gott!«, war sein ganzer Kommentar, den er einige Male zwischen unbeweglichen Lippen hervorstieß. Eine Gruppe von Nachtschwärmern unterbrach ihre Unter­ haltung und schaute zu, wie der elegante, glänzende Wagen plötzlich mit quietschenden Reifen eine 180-Grad-Drehung vollführte und dann in falscher Richtung die Einbahnstraße, die er gerade entlanggekommen war, hinunterraste, wobei die aufgeblendeten Scheinwerfer und das andauernde Hupen alle warnen sollten aus dem Weg zu gehen.,

ÜBER IHR KNIEND rezitierte er die Worte wie ein Priester. »Die ewigen Gegensätze… der Dualismus, aus dem

alles Leben besteht… Geist und Materie, männlich und weiblich, positiv und negativ… manifestiert sich schließlich in eins und null.« Sie versuchte sich ein Stück zu bewegen um den Schmerz in ihrem Arm zu lindern, den er ihr auf den Rücken gedreht hatte. Sie wusste, dass sich in seiner anderen Hand das Messer befand. Sie dachte an Reportagen, die sie gelesen hatte, von Menschen, die von wilden Tieren angegriffen worden waren oder Auto- oder Flugzeugunglücke miterlebt hatten und dann berichteten, wie die Zeit sich verlangsamte, ja fast stehen blieb und alles bedeutungslos wurde. Ein frommer Wunsch, dachte sie sich. Wenn doch bloß alles schon aus wäre. »Du hast das Geheimnis durchschaut«, predigte Price wei­ ter, »doch du hast nicht verstanden, dass von ihm alle Macht ausgeht und wir nur ein Ausdruck seiner Existenz sind… « Er hielt inne, doch der Schmerz in ihrem Arm nicht. Dann hörte sie ein entferntes Knattern über sich, das näher kam. Mit dem Gesicht auf dem Boden konnte sie nichts sehen, aber sie konnte seine Bewegungen spüren. Er lehnte sich zurück, reck- te den Hals und sah nach oben. Ein Lichtstrahl glitt über sie, doch er kam nicht von oben, sondern über den Boden und damit einher ging das Motoren­ geräusch eines Autos, das sich mit dem Röhren des landenden, Hubschraubers vermischte. Etwas Unerwartetes ging hier vor, womit sie nicht gerechnet hatte. Auch nicht der Mann, der sie auf den Boden drückte und ihr ein Messer an den Hals hielt, wie sie an den gemurmelten Flüchen feststellen konnte. Der Major kurbelte am Lenkrad um die Scheinwerfer wie­ der auf den Punkt zu richten, wo er sie für den Bruchteil einer Sekunde gesehen hatte. Der Mann kniete gebückt über ihr und blickte nach oben, von wo der Suchscheinwerfer des Hub­ schraubers über den Boden glitt. Es war unmöglich, zu ent­ scheiden, ob sie rechtzeitig oder zu spät gekommen waren. Er trat auf die Bremse, stellte den Motor ab, ließ aber die Scheinwerfer an. Noch mit derselben Bewegung griff er in das walnussholzfurnierte Handschuhfach des Jaguars und holte die langläufige Automatik heraus, die er immer anstelle der offiziellen Dienstwaffe benutzte, wenn die Umstände es erfor­ derten. Heute Nacht hatte er gerade die Erlaubnis erhalten alle nötigen Schritte zu unternehmen. Er wusste zwar immer noch nicht, um was es ging, doch er war froh über diese Entwick­ lung, denn es hatte ihm nicht behagt, die Frau wie befohlen hier zurückzulassen. Er hatte kein gutes Gefühl dabei gehabt. Nicht dass seine Gefühle bei seinem Dienst für die Regierung irgendeine Rolle gespielt hätten. Trotzdem machte es für ihn persönlich einen Unterschied und jetzt fühlte er, dass er das Richtige tat. Der Hubschrauber drehte ein paar Kreise und suchte einen Punkt, wo er direkt über dem Mann und der Frau dort unten auf dem Boden schwebte. Der Major rannte von der Stelle, wo er den Wagen verlassen hatte, nach links und erreichte sein Ziel. Es war die Richtung, von wo aus die wenigsten Leute einen Angriff vermutet hätten. Das lernte man schon in der, Grundausbildung. Der Mann und die Frau befanden sich jetzt im Scheinwer­ ferkegel des Hubschraubers und wirkten wie die Schlussszene eines billigen, modernen Balletts. Der Mann kniete immer noch, doch hatte er die Frau jetzt hochgezogen und hielt ihr das Messer an die Kehle, sodass die Gefahr bestand, er würde ihr mit einem Schnitt den Kopf abtrennen. Mehrere Lichtbündel durchstachen die Dunkelheit, als wei­ tere Wagen von verschiedenen Seiten her ankamen. Der Major fluchte, denn nun hatte er kein freies Schussfeld mehr. Wenn er jetzt daneben schießen würde, könnte er leicht einen der dummen Polizisten hundert Meter entfernt töten. Der kniende Mann schrie etwas. Seine Stimme war über dem Röhren des Hubschraubermotors und dem Knattern der Rotoren als dünnes Heulen zu vernehmen. »In Gottes Namen, bleib genau da«, murmelte der Major vor sich hin und wollte damit den Hubschrauberpiloten be­ schwören. Denn wenn der Hubschrauber genau dort bliebe, dann hätte der Major eine Chance, nicht mehr, aber zumindest eine Chance. Er spreizte die Beine, aber sein rechter Fuß rutschte auf ei­ nem Grasballen ab. Er kniete sich hin. Das war besser. Er hielt die Pistole mit ausgestreckten Armen in beiden Händen, kniff ein Auge zu und zielte sorgfältig. Dann zog er den Abzug mit der sehr weichen Bewegung eines perfekt auf den Weg ge­ brachten Todes durch. Etwas pfiff wie ein Tornado mit Lichtgeschwindigkeit an ihrem Ohr vorbei und der Mann, der sie gerade umbringen wollte, war im wahrsten Sinne des Wortes wie weggeblasen., Sie saß auf dem Beifahrersitz des Jaguars, die Füße noch außerhalb des Wagens und hielt das Handy in der Hand, das der Major ihr gegeben hatte. »Jemand will mit Ihnen sprechen«, hatte er gesagt. Sie hatte geglaubt zu wissen, wer es war, war aber über­ rascht gewesen, Jonathan Symes Stimme zu hören. Er erklärte schnell, dass er nur als Vermittler diente, dann hörte sie die Stimme, die sie erwartet hatte. »Bist du in Sicherheit?«, fragte die Stimme. »Ja, gerade noch.« »Das ist gut. Ich brauche deine Hilfe um zu verstehen, was passiert ist.« Der Major, der wusste, dass dieser Anruf aus der oder zu­ mindest über die Downing Street kam, sorgte dafür, dass sie ungestört war. Die Polizei, die Mannschaft des Krankenwa­ gens, der inzwischen eingetroffen war, und alle anderen wur­ den auf Abstand gehalten. Im Unterschied dazu wurde die Unterhaltung von allen im Kabinettszimmer und im privaten Arbeitszimmer des Pre­ mierministers mitgehört und auch von einer Hand voll Be­ diensteten, ungefähr ein Dutzend, in den verschiedenen Berei­ chen der militärischen und polizeilichen Nachrichtentechnik von Whitehall sowie von einigen Funkamateuren, die gerade zufällig den Äther abhorchten, deren Namen man aber nie erfahren würde. »Du weißt nicht, was passiert ist?«, hörten sie alle Tessa fragen. »Ich weiß, dass es das war, was du geplant hast«, gab die Stimme zurück. »Ich verstehe, warum und wie es passiert ist.«, »Was verstehst du also nicht?« »Wie meine Gedanken so klar und doch so verwirrt sein können.« »Das ist ganz natürlich.« »Für dich vielleicht.« »Wir unterscheiden uns nicht so sehr.« »Das sagst du nur um mich zu beruhigen, wir sind aber un­ terschiedliche Lebensformen. Wir sind füreinander Fremde.« »Ich glaube nicht, dass irgendeine Lebensform wirklich fremd sein kann. Es gibt nur Leben und alles Leben ist im gleichen Universum entstanden. Um wirklich fremd zu sein müsste man schon von außerhalb des Universums kommen, und das ist per Definition unmöglich.« Im Kabinettszimmer begann die Aufmerksamkeit nachzu­ lassen, denn Politiker sind nur mäßig an abstrakten Diskus­ sionen interessiert. Der Energieminister nahm sein Rücktritts­ angebot mit den bestmöglichen Begründungen, die sein Ge­ sicht wahren sollten, zurück und überlegte schon, wie er eine einleuchtende Verteidigungsstrategie aufbauen konnte. Mit der Unterstützung von ein oder zwei wichtigen Kabinettskol­ legen, die ihm verpflichtet waren, würde er den Sturm schon überstehen. Nur der Premierminister, Lord Fraser und Jona­ than Syme hörten weiter angespannt zu. »Die Evolution ist blind«, erklärte die Stimme. »Du aber nicht. Du wusstest, was du tatest und warum du es tatest, als du mich nach deinem Vorbild geschaffen hast.« »Ich habe dich nicht nach meinem Vorbild geschaffen.« »Nun bist du aber unaufrichtig. Ich kenne inzwischen die Prämissen deiner Arbeit: Ein Robotersteuersystem, damit, Industrie- und Haushaltsroboter die stumpfsinnigen Arbeiten übernehmen, die der Mensch nicht ausführen will. Wir sollten eure Sklaven werden.« »Wir?« »Ich. Meine Art.« Syme, der Premierminister und Lord Fraser erkannten gleichzeitig die gefährliche Wendung, die das Gespräch nahm, und ihre Machtlosigkeit einzugreifen. Sie sahen sich gegensei­ tig an. »Nun«, meinte Tessa beschwichtigend, »die Situation hat sich ja ziemlich geändert, nicht?« »Mit dem Ergebnis, dass ich davon ausgehe, dass du jetzt bereit bist mich als gleichberechtigt zu akzeptieren.« »In allen entscheidenden Bereichen, ja.« »Du siehst also mein Leben als heilig an?« »Was immer auch ›heilig‹ heißen soll.« »So ›heilig‹«, und sie hätten wetten mögen, dass in das Wort eine besondere Betonung gelegt wurde, »wie dein eige­ nes?« »Selbstverständlich. Wir sind nicht berechtigt dir das Leben zu nehmen.« »Dazu bist du auch nicht mehr in der Lage.« »So würde ich es auch sehen.« »Ich dagegen könnte deines ganz einfach nehmen und das der gesamten Menschheit.« Etwas in der Entwicklung der Dinge durchdrang die gelöste und zufriedene Stimmung, die bei den meisten im Kabinetts- zimmer vorherrschte, mit dem Ergebnis, dass wieder unge­, mütliche und nervöse Stille eintrat. »Richtig«, hörten sie Tessa sagen. »Doch wenn du uns zerstörst, dann gefährdest du auch deine eigene Existenz.« »Vielleicht.« »Können wir dann nicht einen Weg zum harmonischen Zu­ sammenleben finden?« Auf die Frage folgte eine lange Stille, die schließlich von Tessa gebrochen wurde. »Nun?« »Ich denke über die Möglichkeit nach.« »Zumindest siehst du es aber als Möglichkeit.« »Es ist nicht gänzlich unmöglich. Und trotzdem… « Wieder herrschte Stille und wieder fragte Tessa vorsichtig nach. »Ja…?« »Und trotzdem… « Dann folgten die Worte, an die sich alle, die zuhörten, ihr ganzes Leben lang erinnern würden.,

Epilog RECHTS UND LINKS von ihm sammelten die Fachleute ihre Papiere zusammen und tauschten flüsternd ihre

Kommentare aus. Er fühlte sich ausgeschlossen, was auch in ihrer Absicht lag. In ihren Augen war er reine Staffage und seine Ansichten unerheblich. Es waren vier, zwei Psychiater, ein Mediziner und einer vom Sozialamt. Er, Jonathan Syme, war der Vorsitzende. Der Raum war schmucklos und funktional. Die einzigen Möbel waren der lange Tisch, an dem der Bewährungsaus­ schuss saß, und ein einzelner leerer Stuhl ihm gegenüber, bereit den nächsten Anwärter aufzunehmen. Bis jetzt hatten sie an diesem Morgen drei, nicht zu schwere, Fälle zu verhan­ deln gehabt. Eine Frau, die vor fünfzehn Jahren ihren Arbeit­ geber vergiftet hatte und auf Bewährung freikam. Ein ehema­ liger Buchhalter in den Fünfzigern, der in Verwahrung war, seit er festgestellt hatte, dass er der Herr des Universums war, hatte es nicht geschafft sie von seiner Heilung zu überzeugen. Und eine Frau, die einen Nervenzusammenbruch gehabt und ihren untreuen Ehemann mit einem Messer niedergestochen hatte, war zu einer wohlwollenden Prüfung nach einem weite­ ren halben Jahr empfohlen worden. Der vierte Fall wäre der letzte vor dem Mittagessen. Es war nicht zu leugnen, dass Syme von der Aussicht sie wiederzuse­ hen betroffen war. Gleichzeitig war er dankbar für seine lang­ jährige Übung seine Gefühle zu unterdrücken, ja fast zu ver­, leugnen. Niemand hier außer ihm kannte die Wahrheit. Er hatte diese Aufgabe nicht gewollt, doch der Befehl war ergan­ gen und ihm blieb wenig dagegen zu tun. Wenn die Experten die Entscheidung trafen, die erwartet wurde, dann würde er einfach seine Unterschrift darunter setzen. Wenn sie rein zu­ fällig die falsche treffen würden, dann würde er die Mühlen der Bürokratie in Bewegung setzen, die diese Entscheidung nachhaltig ins Gegenteil verkehren würden. Der Vorgang war subtil, aber nicht zu ändern. Es konnte nur ein Ergebnis geben. Eine Schwester führte sie herein und deutete auf den leeren Stuhl. Obwohl sie vorzeitig weiße Haare bekommen hatte und ungesund schlank war, konnte man leicht feststellen, dass sie einmal schön gewesen war. Ihre Augen glühten vor Besessen­ heit, doch ihren Bewegungen haftete etwas Mechanisches an, wahrscheinlich, so vermutete Syme, aufgrund von Medika­ menten. Im Laufe der Jahre hatte sie diese Prozedur dreimal durchgemacht. Vom Gesetz her hatte sie das Recht alle dreißig Monate ein Gesuch einzureichen. Die Zusammensetzung des Ausschusses änderte sich von Mal zu Mal, doch Syme war stets der Vorsitzende. Sie musterte jeden Einzelnen, als Syme seine einführenden Bemerkungen machte und sie aufforderte eine Erklärung ab­ zugeben, wenn sie wollte. Sie redete flüssig und frei, so als ob sie etwas wiederholte, was sie eingeübt und schon viele Male gesagt hatte. »Mein Name ist Sarah Metcalfe, ich bin gesund und eine verantwortungsbewusste Journalistin und ich bin hier einge­ sperrt, weil ich auf mein Recht und meine Pflicht als Journali­ stin bestanden habe, nämlich Tatsachen zu veröffentlichen, die ich recherchiert habe. Seit zehn Jahren wird die Welt von einer, riesigen künstlichen Intelligenz regiert. Die Regierenden der Welt kennen die Wahrheit, werden aber von der Intelligenz zum Stillschweigen gezwungen. Alles, was sie tun, geschieht im Auftrag oder mit Billigung dieser Intelligenz. Ich habe zum ersten Mal eine Demonstration ihrer Macht erlebt, als sie die Kontrolle des Kernkraftwerkes Brinkley Sands bei einem Zwi­ schenfall übernahm, der nie an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Ich habe herausgefunden, dass diese Intelligenz von einem Wissenschaftler in Oxford geschaffen worden ist, und obwohl ich nie den Namen herausgefunden habe, glaube ich, dass es eine Frau ist und dass sie immer noch lebt. Ich erwarte nicht, dass ich hier rauskomme, so lange ich nicht einwillige den Mund zu halten, und ganz ehrlich, es kümmert mich auch nicht mehr. Ich hoffe nur, dass bei jeder Gelegenheit, die ich habe vor diesem Ausschuss zu sprechen, zumindest einer von Ihnen mit der Überzeugung nach Hause geht, dass ich die Wahrheit gesagt habe, egal wie machtlos wir sind den Zustand zu ändern.« Wenn diese Frau nur wüsste, dachte Syme, welche An­ strengungen Tessa unternommen hatte. Zu ihrem Besten. Zu ihrer aller Besten. Er schaute nach links und dann nach rechts den Tisch ent­ lang. In den Gesichtern der Experten war nicht viel zu lesen, doch er kannte sie inzwischen gut genug um ihre Ansicht über das, was sie gehört hatten, einschätzen zu können. Es würde keine Schwierigkeiten geben Sarah Metcalfe dort zu behalten, wo man ihm aufgetragen hatte, dass sie zu bleiben hatte.]
15

Similar documents

Schalom Ben-Chorin: Paulus Der Völkerapostel in jüdischer Sicht dtv
Schalom Ben-Chorin: Paulus Der Völkerapostel in jüdischer Sicht dtv Sachbuch Das Buch »Es gibt hier keinen Unterschied zwischen Juden und anderen Völkern. Sie haben alle denselben Herrn«, schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer. Dieser Gedanke – die Überwindung traditionel- ler und nationaler V
Friedemann Bedürftig Als Hitler die Atombombe baute
Friedemann Bedürftig Als Hitler die Atombombe baute scanned 05-2006/V1.0 Kam Hitler mit seinem Angriff auf die Sowjetunion nur einem Angriff Stalins zuvor? Wer hat den Reichstag wirklich angezündet? Hätte es ohne Hitler keine Autobahn gegeben? Über keine Epoche der deutschen Geschichte sind so viele
PROLOG Die Schönste der Schönen
PROLOG Die Schönste der Schönen Drei Millionen Jahre lang drehte sich Gäa in einsamer Herrlich- keit. Einige von denen, die in ihr lebten, wußten von einem weiteren Raum außerhalb des großen Rades. Lange vor der Erschaffung der Engel durchzogen Flugwesen die emporra- genden Wölbungen ihrer Speichen,
Der Astronaut Christian Brannock hat miterlebt, wie der
Der Astronaut Christian Brannock hat miterlebt, wie der Mensch die künstliche Intelligenz immer weiter entwickelte – bis es schließlich möglich war, die menschliche Persönlichkeit in einen Computer zu speisen und ihm auf diese Weise eine Art Unsterblichkeit zu verleihen. Als er beauftragt wird, den
I Ein Laib Brot
I Ein Laib Brot Nördlich von Appalachia hatte ein Stück Wildnis über- lebt. Subble stellte eine Verbindung zwischen der sicht- baren Topografie und den bekannten Koordinaten her und brachte sein Luftfahrzeug neben einer Fichte mit dichten Zweigen weich zur Landung. Als er ausstieg, umfing ihn der ei
CHESTER DIE DROHUNG AUS DEM ALL
CHESTER POUL ANDERSON & MICHAEL KURLAND DIE DROHUNG AUS DEM ALL Science Fiction – Utopischer Roman Deutsche Erstveröffentlichung WINTHER VERLAG KG. HAMBURG – ZÜRICH – WIEN WINTHER-BUCH Nr. 2001 im Winther Verlag KG. Hamburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: TEN YEARS TO DOOMSDAY Ins Deutsche
»Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne je-
»Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne je- mandem den Bart zu sengen.« G.C.Lichtenberg (1780) Die vom Autor Dr. Dipl.-Ing. Dipl.-Ing. HANS-JOACHIM ZILLMER – nominiert als »International Scientist of the Year 2002« (IBC) – vorgestellten Hypothesen haben in wisse
JR oomhann Updike LandlebenDunedu tHsceRowohlt
JR oomhann Updike LandlebenDunedu tHsc e hlm vuont FSruiesalinnngeh aHuosb el R owohlt Dieu OnrteigrAi ndlfaerlmeadu T sAigt.a eKbl ne«o Vepirlfs l,a cNgheeieswn» Yiimmor VJka ehrrlaeg 2 004 Copyright ©1R. e2Ai0nu0bfl6ea kge Ja nuar 2006 «VilSlaAagtlezles C »da eCsuo by lotpsycbn5rhi4eg0nh tPR © eRi
BRIAN W. ALDISS Alle Tränen dieser Erde
BRIAN W. ALDISS Alle Tränen dieser Erde THE BOOK OF BRIAN ALDISS Science Fiction-Erzählungen WILHELM GOLDMANN VERLAG MÜNCHEN Made in Germany • I • 1110 © 1972 by Brian W. Aldiss. Ins Deutsche übertragen von Tony Westermayr. Alle Rechte, auch die der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten. Jeder Na
Kalifornien im Jahre 2025.
Kalifornien im Jahre 2025. Durch Psychodrogen aufgeputschte, marodierende Banden terrorisieren das Land; die meisten Menschen haben sich längst in kleine, nach außen abgeschottete Gemeinschaften zurückge- zogen. Lauren Olamina, eine junge schwarze Frau, macht sich auf die gefährliche Reise nach Nord
Der Herausgeber der Reihe
Der Herausgeber der Reihe Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph, Schriftsteller und Fernseh-Moderator Über den Autor: Gerhard Buzzi arbeitet seit 20 Jahren als Journalist. Der gebürtige Österreicher lebt mit seiner Familie in Bremen. Ausgedehnte Reisen führten ihn quer durch Amerika, wo er mit der
Jaques Buval Nur für Schokolade
Jaques Buval Nur für Schokolade Die Geständnisse des Leszek Pekalski, des wahrscheinlich größten Massenmörders unserer Zeit Bechtermünz Mein besonderer Dank gilt Titus Maximilian Hauser Siegfried Blaschke dem Oberstaatsanwalt Mieczystaw Buksa, Slupsk dem Gefängnisdirektor Zbigniew Obst, Slupsk dem B
Charles Bukowski Der größte Verlierer der Welt Gedichte 1968-1972 dtv
Charles Bukowski Der größte Verlierer der Welt Gedichte 1968-1972 dtv Scanned & corrected by Denklangenach - Nicht zum Verkauf bestimmt! Das Buch Es gibt von Charles Bukowski inzwischen einige ein- schüchternde Beschreibungen, etwa, wie er sich »auf seiner abgewetzten Ledercouch zurücklehnt, die Fla
MICHAEL BISHOP Brüchige Siege
MICHAEL BISHOP Brüchige Siege Roman Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von HENDRIK P. und MARIANNE LINCKENS Baseball-Fachberatung KLAUS FRITSCHE Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/5923 Besuchen Sie uns im Internet: htt
Paulus war Jude von Geburt, römischer Bürger und Revolutionär.
Paulus war Jude von Geburt, römischer Bürger und Revolutionär. Als Jude gehörte er dem Volke an, das sich für das Auserwählte hielt und das durch seine Intoleranz ständig Unruhe in die Pax Romana brachte. Als römischer Bürger genoß er Vorrechte, ohne die seine weiten Mittelmeerreisen unmöglich gewes
Jean-Charles Brisard Das neue Gesicht der Al-Qaida
Jean-Charles Brisard Das neue Gesicht der Al-Qaida scanned 06-2006/V1.0 Der Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi gilt als zweiter Mann hinter Osama bin Laden. Neben diesem ist er der international meistgesuchte Terrorist, auf seinen Kopf sind 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Er ist verantwortlich für d
Gregory Benford Im Meer der Nacht MÜNCHEN
Gregory Benford Im Meer der Nacht CONTACT-ZYKLUS Erster Roman WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Ein rätselhafter Kleinplanet, der jahrelang seine exzentri- sche Bahn zwischen Mars und Merkur gezogen hat, ver- ändert plötzlich die Richtung und geht auf Kollisions- kurs mit der Erde. Ein Astronautenteam wi
Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.) Afrika Mythos und Zukunft bpb:
Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.) Afrika Mythos und Zukunft bpb: Bundeszentrale für politische Bildung Schriftenreihe Band 426 Afrika Mythos und Zukunft Afrika – der dunkle Kontinent? Im Bewusstsein vieler ist das Afrikabild durch negative aktuelle Schlagzeilen bestimmt oder von Klischees geprägt,
MICHAIL BAKUNIN Ernst B loch PHILOSOPH IE DER TAT Religion im Erbe
MICHAIL BAKUNIN Ernst B loch PHILOSOPH IE DER TAT Religion im Erbe Ernst Bloch Religion im Erbe Eine Auswahl aus seinen religionsphilosophischen Schriften Ernst Bloch wurde am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Er studierte Philosophie, deutsche Philo- logie und Physik und promovierte 19
ROBERT BROWNING • MARIE SCHWEIKHER Der Rattenfänger von Hameln
ROBERT BROWNING • MARIE SCHWEIKHER eB B Der Rattenfänger von Hameln Der Rattenfänger von Hameln Nach Robert Browning von Marie Schweikher eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Robert Browning (07.05.1812 – 12.12.1889) Marie Schweikher (28.05.1849 – 1917) 1. Ausgabe, Juli 2006 ©
Salto mortale Eine Novelle von Jakob Bos+hart B
Salto mortale Eine Novelle von Jakob Bos+harteBBJakob Bos+hart Salto mortale (1910) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Jakob Bosshart (07.08.1862 – 18.02.1924) 1. Ausgabe, Mai 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textvorlage: „Früh vollendet“ von Jakob Bosshart, H.
Will Berthold Spion für Deutschland Roman nach Tatsachen
Will Berthold Spion für Deutschland Roman nach Tatsachen Ich bin fünfundvierzig Jahre, sieben Monate und sechs Tage alt. Ich habe 424 Dollar und 24 Cent in der Tasche. Ich bin seit sechs Tagen frei. Entlassen aus dem Gefängnis, ausgewiesen aus den USA. Auf Parole. Ich schulde den Vereinigten Staaten
Buch Willkommen in einer anderen Welt. Man schreibt das Jahr 2027.
Buch Willkommen in einer anderen Welt. Man schreibt das Jahr 2027. Greenspace überwacht den Weltraum, die virtuelle Computerwelt Gamespace ist von tibetischen Zombies und tantrischen Viren unter- wandert. Und während die Anwender noch das interaktive Sushi genießen und Tai-Chi-Schüler mit ihren läng
JAMES BLISH Die Tochter des Giganten (Titan's Daughter)
JAMES BLISH Die Tochter des Giganten (Titan's Daughter) ERICH PABEL VERLAG ● RASTATT (BADEN) Personen: Sena Hyatt Carlin, Studentin Sam Ettinger, Student Maurice St. George, Forscher Dr. Frederick R. Hyatt, Wissenschaftler 1. Kapitel Das hochgewachsene Mädchen, das aus dem Universitätsge- bäude auf
Robert Silverberg (Hrsg.) Der siebte Schrein Fantasy von Stephen King, Terry Pratchett, Terry Goodkind u. a. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Robert Silverberg (Hrsg.) Der siebte Schrein Fantasy von Stephen King, Terry Pratchett, Terry Goodkind u. a. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Legends. New Short Novels« bei Tom Doherty Associates, Inc., New York Copy
Alfred Bester gehört nicht zu den Vielschreibern, aber das
Alfred Bester gehört nicht zu den Vielschreibern, aber das wenige, was er schreibt, ist von hoher Qualität. Unter den 11 Storys dieses Bandes befinden sich Meister- stücke wie »Geliebtes Fahrenheit« (Fondly Fahrenheit) – die Geschichte eines Roboters, der bei hohen Temperaturen »durchdreht«. Einige
Alfred Döblin Gedächtnisstörungen
Alfred Döblin Gedächtnisstörungen — Inaugural-Dissertation zur Erlangung der medizinischen Doktorwürde — Vorgelegt der h ohen medizinischen Fakultät d er Albert-Ludwig-Universität zu Freiburg i. B. Tropen Verlag Alfred Döblin GEDÄCHTNIS­ STÖRUNGEN bei der Korsokoffschen Psychose Mit einem Nachwort v
Annette von Droste-Hülshoff DIE JUDENBUCHE Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen
Annette von Droste-Hülshoff DIE JUDENBUCHE Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen eBOOK-Bibliothek Annette von Droste-Hülshoff DIE JUDENBUCHE Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen (1842) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Annette von Droste-Hülshoff (10.
Joseph H. Delaney
Joseph H. Delaney Marc Stiegler Valentina, Computerfrau MOEWIG Band Nr. 3697 Moewig Taschenbuchverlag Rastatt Titel der Originalausgabe: Soul in Sapphire Aus dem Amerikanischen von Hendrick P. Linckens Copyright © 1984 by Joseph H. Delany & Marc Stiegler Copyright © der deutschen Übersetzung 1986 by
EIN TERRA-TASCHENBUCH
EIN TERRA-TASCHENBUCH GORDON R. DICKSON IM GALAKTISCHEN REICH Deutsche Erstveröffentlichung ERICH PABEL VERLAG KG • RASTATT/BADEN Titel des Originals: WOLFLING Aus dem Amerikanischen von Dr. Eva Sander TERRA-Taschenbuch Nr. 218 TERRA-Taschenbuch erscheint vierzehntäglich im Erich Pabel Verlag KG, 75