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ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Leben Eine Geschichte für Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Le- ben Im Auftrage hergestellte Sonderausgabe Neubearbeitung: Trude Wilhelmy Lizenzausgabe des Tosa Verlages, Wien Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten bei Hoch Verlag GmbH, Düsseldorf Umschlag: Johannes Schlicker Illustrationen: H...
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ELSE URY

PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Leben

Eine Geschichte für Jungen und Mädchen TOSA VERLAG, Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Le- ben Im Auftrage hergestellte Sonderausgabe Neubearbeitung: Trude Wilhelmy Lizenzausgabe des Tosa Verlages, Wien Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten bei Hoch Verlag GmbH, Düsseldorf Umschlag: Johannes Schlicker Illustrationen: Helmut Preiss, IN DEN FLEGEL JAHREN »Hurra – durchgekommen!« schallte eine laute Jungenstimme durch das stille »Sternenhaus« in Göttingen. Die Tür zum Wohnzimmer wurde un- gestüm aufgerissen und blieb sperrangelweit hin- ter dem Hereinstürmenden offen. »Hurra – durchgekommen!« kam das Echo eine Sekunde später von einer hellen Mädchenstimme. Ein schlankes, vierzehnjähriges Mädel eilte freu- destrahlend hinter dem Bruder her. Erwartungsvoll wendete sich die Mutter ihren Kindern zu. »Mutti, hier siehst du zwei Schüler mit guten Zeugnissen«, überschlug sich die Jun- genstimme. Manchmal klang sie im tiefen Baß, dann wieder in den höchsten Tönen. Herbert war nämlich im Stimmwechsel. »Wirklich – alle beide habt ihr gute Zeugnisse bekommen?« Erfreut schloß die Mutter ihre Zwil- linge in die Arme. »Ich habe es auch nicht anders von euch erwartet, denn auch der Vater erfüllt seine Pflichten als Professor der Astronomie und Direktor der Sternwarte. Er war euch immer ein leuchtendes Beispiel. Ihr könnt ja gar nicht aus der Art schlagen.« »Sage das nicht, Mutti«, meinte der Sohn und zog die Augenbrauen hoch. Das gab seinem noch kindlichen Knabengesicht einen altklugen Aus- druck. »Der Sohn von Professor Bart ist in der vierten Klasse klebengeblieben. Sechs Schüler, gerade ein halbes Dutzend, haben sie bisher nicht aufsteigen lassen.« »Bei uns kommen immer alle durch – Mädchen sind eben fleißiger als Jungen!« frohlockte die, Schwester. »Das wollen wir erst einmal an deinen Noten feststellen, mein liebes Kind!« Obwohl Herbert und Suse an demselben Tag geboren waren, spielte sich der Zwillingsbruder doch immer als der Klügere und Überlegenere auf. Das war von klein auf so gewesen. Herbert tat sich stets vor der bescheideneren Suse hervor. »Die Hauptsache ist, daß man durchkommt, nicht wahr, Mutti?« Suse holte ein wenig umständlich ihr Zeugnis hervor. »Aha, da stimmt was nicht«, meinte der Bruder, schnappte Mutters Brille vom Tisch und setzte sie sich auf die Nasenspitze. »Dummer Junge, gib her!« Ungestüm riß Suse dem Bruder den Bogen aus der Hand, als dieser, das Zeugnis mit der Miene eines strengen Kriti- kers zu studieren begann. Ritsch – ratsch – jeder der Zwillinge hielt eine Hälfte des wichtigen Dokuments zwischen den Fingern. »Mutti, Mutti, Herbert hat mir mein Zeugnis zer- rissen – was mache ich denn nun bloß?« Suse brach in Tränen aus. »… zeigt nicht in allen Fächern zufriedenstellende Ergebnisse«, stellte Herbert mit Gemütsruhe fest. »Natürlich, da steht ein Mangelhaft und hier im Mündlichen bist du auch nur genügend. Wahr- scheinlich in Mathematik, was?« Herbert hielt die Noten, Suse die Lehrfächer in der Hand. »Geht dich nichts an!« schluchzte Suse in ihrem Schmerz über das zerrissene Zeugnis. Die Mutter war ernst geworden. »Kinder, müßt ihr mir denn die Freude an eurem Erfolg zerstö- ren?« sagte sie vorwurfsvoll. »Ich kann nichts dafür, Mutti, Herbert hat…« »Mädchen sind die unausstehlichsten Geschöpfe in der Zoologie«, bemerkte der Junge sachlich. »Wenn man sie nur schief anschaut, heulen sie schon.« »Und Jungen in den Flegeljahren sind frech und rücksichtslos. Vater hat das neulich erst gesagt«, verteidigte sich Suse, immer noch weinend. »Puh – und eine große Schülerin heult wie ein Schloßhund!« Herbert ging wieder zum Angriff über, weil ihm die Erinnerung an den Ausspruch des Vaters nicht gerade angenehm war. »So, Kinder, jetzt verlaßt ihr beide mein Zimmer. Wenn ihr eingesehen habt, wie wenig nett ihr euch benommen habt, könnt ihr euch wieder bei, mir melden.« Das klang sehr ernst und bestimmt. Frau Winter wandte sich ab und setzte sich zu ihrem Schreibtisch. »Und – und unsere Zeugnisse?« schluchzte Suse. »Du hast sie ja noch gar nicht angesehen, Mutti«, begehrte der Junge auf. »Mir ist die Lust dazu vergangen – später.« Die Mutter war jetzt nicht mehr für ihre Zwillinge zu sprechen. Suse schlich schuldbewußt aus dem Zimmer. Herbert schmetterte vor Ärger, daß sein gutes Zeugnis gar keine Beachtung gefunden hatte, rücksichtslos die Tür ins Schloß. »Schließ die Tür leise, wie sich’s gehört«, rief die Mutter hinter ihm her. Brummend kam der Sohn der Aufforderung nach. Sich offen zu widersetzen, wagte Herbert doch nicht. Im Hausflur sprang Bubi schwanzwedelnd an Herbert empor. Er konnte gar nicht begreifen, warum sein junger Herr heute so finster drein- blickte. Dann begrüßte er Suse genauso liebevoll. Er war froh, daß sie aus der Schule daheim wa- ren. Bubi sprang von einem zum andern, als wol- le er beide versöhnen, denn das kluge Tier merk- te sofort, daß wieder einmal nicht alles in Ord- nung war. »Kusch, Bubi!« befahl Herbert. Jedesmal, wenn es mit Suse Streit gegeben hatte, empfand er vor seinem Hund ein peinliches Gefühl. Der hatte ja schon die kleinen Zwillinge wie eine treue Kinder- frau bewacht. Aus diesen Empfindungen heraus gab Herbert der bekümmerten Schwester zur Aufmunterung einen Stoß mit dem Ellbogen., »Au!« schrie Suse auf. »Bist du aus Zucker? Du bist immer noch das Marzipanpüppchen von früher, und das will eine Sportlerin sein!« höhnte der Bruder. Suse steckte gekränkt das Gesicht in ihr Taschen- tuch. Dabei bemerkte sie nicht, daß hinter ihr die Tür zum Zimmer der Großmutter aufging und die alte Dame auf den Hausflur trat. Sie war durch den lauten Wortwechsel in ihrer Ruhe gestört worden. »Tränen, Suschen?« fragte sie erschreckt. »Was hat denn mein Goldkind?« Suse schluchzte jetzt herzzerbrechend. Denn wenn man sie bedauerte, kam sie sich selbst am bedauernswertesten vor. »Ist ja nur halb so schlimm, Omama. Suses Zeugnis ist…«, begann Herbert kleinlaut die Er- klärung. Denn vor den lieben, alten Augen der Großmutter hielt sogar seine Ruppigkeit nicht stand., »Aber Suschen«, unterbrach ihn die Großmutter, »das macht doch nichts, wenn du auch kein so gutes Zeugnis hast. Latein und Mathematik ist nun einmal nichts für ein Mädchen. Du mußt ja nicht unbedingt ins Gymnasium gehen.« Allzu begeistert war die alte Dame sowieso nicht da- von. »Aber ich habe ja gar kein schlechtes Zeugnis, Omama – in Latein habe ich sogar gut!« Da brach bei Suse doch der Stolz wieder durch, trotz der Tränen. »Ihr Zeugnis ist bloß entzweigerissen, darum heult sie«, setzte Herbert seine Erklärung fort. »Na, wenn’s weiter nichts ist, Suschen, das läßt sich doch kleben.« Die alten, runzligen Hände streichelten liebevoll das junge, verweinte Ge- sicht der Enkelin. Es ging eine merkwürdige Be- ruhigung von diesen gütigen Händen aus. Selten versagten sie in ihrer Kraft. Suse ließ das Taschentuch sinken. »Ja, Papier läßt sich kleben«, wiederholte sie und wußte ei- gentlich nicht mehr, warum sie geweint hatte. »Es läßt sich vieles wieder kleben«, betonte auch Herbert, »bloß Suse ist immer gleich beleidigt.« Seine Stimme schnappte dabei über. Das hörte sich so komisch an, daß die Großmama und Suse lachen mußten, trotzdem Herbert unmißverständ- lich gegen seine Stirn getippt hatte. Die Anwesenheit ihrer »kleinen Omama«, auf die der lange Herbert und die eben auch nicht kleine Suse jetzt schon herabblickten, schien noch an- deres zu kleben als nur auseinandergerissenes Papier. Auch der Riß, der das gute Einvernehmen der Zwillinge gestört hatte, war plötzlich wieder, heil. Suse mußte noch immer über Herberts drol- lige Geste lachen. Obwohl sie sehr empfindlich war, nahm sie es ihm nicht übel. Herbert klopfte ihr wohlwollend auf die Schulter: »Na, wieder normal, Mensch?« Und die Großmutter meinte lächelnd: »Ihr seid doch wie der erste April, Kinder, Weinen und La- chen, Regen und Sonnenschein, alles in einem Sack.« Bubi aber bellte so stolz, als ob die Versöhnung sein Werk sei. Einträchtig stiegen die Zwillinge ins obere Stock- werk, in dem ihre Zimmer nebeneinander lagen und beugten sich über die Zeugnisse. Sie waren gut ausgefallen. Herbert hatte in Naturgeschich- te, Physik und Mathematik sogar ein »Sehr gut«, während Suses Mathematikkenntnisse nicht ganz befriedigend waren. Das sonst gute Zeugnis ver- unstaltete noch ein »Mangelhaft« in Turnen. »Menschenskind, wozu box’ ich denn mit dir, wenn du noch immer keine anständigen Muskeln kriegst!« Herbert nahm gleich Boxerstellung ein. »Ach, nein, Herbert, heute haben wir uns schon genug verkracht.« Suse wußte aus Erfahrung, daß die Boxrunden meistens mit einer ganz un- sportlichen Keilerei endeten. »Ich habe ja auch bloß deshalb ›Mangelhaft‹ im Turnen, weil ich vor dem Bockspringen Angst habe und mich bei der Kniewelle nicht loszulassen traue.« »Warum bist du denn bloß so feig? Noch dazu, wo du keinen Blinddarm mehr hast?« ereiferte sich der Bruder. »Das Genick kann man sich auch ohne Blinddarm brechen.«, Gegen diese sachliche Feststellung war nichts mehr einzuwenden. Herbert begann Suses Zeugnis kunstgerecht zu- sammenzukleistern, während Suse sich den Pfleglingen in ihrem Reich zuwandte. Es war eine stattliche Schar, die Suse in ihrem Zimmerchen betreute. Da waren die Goldfische, die in einem Glasbehälter munter umher- schwammen. Sie schienen ihre junge Pflegerin zu kennen, denn sie schössen alle auf ihre Seite zu und hoben erwartungvoll die Köpfe, als ob sie sagen wollten: »Achtung, jetzt gibt es Futter!« Auch die umfangreiche Kakteenzucht an den Fen- stern bedurfte Suses sorgender Hand. War die, Erde auch noch nicht zu trocken? Zwischen den Fenstern standen kleine Porzellantöpfe mit bun- ten Primeln, blauen und gelben Krokussen. Sie blühten den Eisschloßen zum Trotz, von denen der erste April gerade wieder eine Handvoll wie ein ungezogener Schlingel gegen die Fenster- scheiben prasseln ließ. Wie pflegte Suse aber auch ihre Blumen! Sie empfand sie als lebende Wesen, deren Wohl und Wehe ihr anvertraut war. Ein prächtig grünender Myrtenstock war ihr be- sonderer Liebling. Sie hatte ihn vor Jahren von einer armen, alten Frau geschenkt bekommen, weil sie ihr Gutes getan hatte. Die Erinnerung daran erfreute noch immer Suses Herz, wenn sie ein welkes Blättchen ablöste oder eine junge Ranke festband. In der Fensternische stand ein Vogelbauer. Darin plusterte sich wie ein gelber Federball Mätzchen, der Kanari, auf seiner Stange. Suse klopfte mit zärtlichem Finger gegen das Gitter. Aber das »Piep«, das Mätzchen als Gegengruß hören ließ, klang trübselig, als ob er krank wäre. »Du, Herbert, du verstehst dich doch auf Tiere. Ich weiß nicht, Mätzchen wird diesmal gar nicht fertig mit dem Mausern. Sonst hat er doch so herrlich gesungen.« »Der Vogel hat am Ende auch Stimmwechsel wie ich.« Der im tiefen Baß begonnene Satz klang im höchsten Diskant aus. Suse mußte sich jedesmal darüber ausschütten vor Lachen. Aber das nahm ihr der Zwillingsbruder nicht übel. Er war ja nicht so empfindlich wie seine Schwester. »Laß es nur erst Frühling werden, dann wird dein Piepmatz schon wieder schlagen.«, »Wir haben doch schon seit elf Tagen Frühling. Aber es sieht freilich noch nicht danach aus.« Su- se ging zum Fenster und schaute über den Bal- kon hinweg in den noch winterlichen Garten. Die kahlen Bäume bogen sich unter der harten Faust des Sturmes. Nackt und frierend standen die Pappeln an der Straße, die aus dem Tal zu den Anhöhen emporführte. »Es will in diesem Jahr nicht Frühling werden«, setzte sie seufzend hin- zu. Plötzlich brach die Sonne durch die dicken, schwarzen Wolken und brachte mit hellem Strah- lenglanz Licht und Wärme in die Stube. Aber kaum eine Minute später hatten sie düstere Wol- kenungeheuer wieder verschluckt. Als ob Mätzchen nur auf dieses Frühlingssignal gewartet hätte, trillerte er auf einmal los. Doch dann versank er ebenso schnell wieder in seine Teilnahmslosigkeit. »Und dräut der Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden, und streut er Eis und Schnee umher, es muß doch Frühling werden,« begann Suse vor sich hinzusingen, während sie die Decke vom Katzenkorb in der Ecke hob. Da lag Piccola, Suses weiße Katze. Sie war eine geborene Neapolitanerin und von Suse aus Italien mitgebracht worden. Das Tier blinzelte seine jun- ge Herrin aus bernsteingelben Augen verschlafen an. »Piccola, du wartest auch sehnsüchtig auf den Frühling, nicht wahr, meine Alte?« fragte Suse und streichelte Piccola liebevoll über den Buckel. Ein zustimmendes Miau ertönte. »Was findest du denn bloß an der altersschwa-, chen Miez?« Herbert zeigte großes Interesse an Tieren, aber über die stumpfsinnig vor sich hin- schnurrende Katze schüttelte er doch den Kopf. »Du könntest längst Katzenurgroßmutter sein, Suse, wenn du die Jungen von Piccola nicht im- mer verschenkt hättest. Gib doch die Alte weg, wenn es Sommer ist, und behalte lieber eines von den Kleinen.« »Meine Piccola weggeben? Ebenso kannst du mir raten, dich wegzugeben, Herbert. Du würdest leichter ohne mich fertig werden als meine Picco- la.« »Koch sie dir sauer«, brummte der Bruder. Er zankte sich häufig mit Suse und wollte immer den Überlegenen bei seinem Zwilling spielen. Er ging in sein Zimmer, um nach seinen Laubfröschen zu sehen. Vielleicht prophezeiten die besseres Wet- ter. Plötzlich schrie er in den höchsten Fisteltönen: »Suse, Suse, eine Überraschung – komm schnell!« Die Schwester wollte neugierig zu ihm hinüber- laufen, blieb aber mit einemmal stehen. »Nein, ich komme nicht – du schickst mich nur in den April.« Das laute Lachen aus dem anderen Zimmer zeig- te, daß sie ihren Zwillingsbruder richtig einge- schätzt hatte. Suse setzte sich zu ihrem Schreibtisch und starr- te nachdenklich auf das geklebte Zeugnis vor sich. Eigentlich konnten die Eltern mit ihren No- ten ganz zufrieden sein. Daß Suse in Mathematik keine Leuchte war, wußten sie ja. Ob Mutti noch böse war? Suse hatte immer ein unbehagliches, Gefühl, wenn sie jemanden erzürnt hatte, und nun gar ihre Mutti! Ach was, sie ging einfach mit ihrem Zeugnis zu Mutti hinunter, Mutti würde schon wieder gut sein oder es zumindest werden. Doch da – am Fenster hemmte das junge Mäd- chen plötzlich den Schritt. Suse traute ihren Au- gen nicht. Von der Leine herauf schwangen sich silbrige Schwärme. In sanftem Fluge überquerten sie die Weinberge und Hügel. »Die Schwalben! Herbert, die ersten Schwalben sind wieder da!« rief sie aufgeregt ins Nebenzimmer. »Jawohl, erster April – für solche Scherze bin ich nicht zu haben«, kam von dort die Antwort. »E…. Herbert!« Man kürzte jetzt alles ab, auch das »Ehrenwort« war von den Schülern der Stadt, Göttingen in »E« verwandelt worden. »Großes oder kleines?« erkundigte sich Herbert noch vorsichtig. »Das große Ehrenwort, Herbert! Rasch – sonst sind sie dahin!« Nun war Herbert doch zur Stelle. »Ob sie wieder bei uns am Sternenhaus nisten werden, Herbert?« Suse war ganz aufgeregt. »Schwalben kehren immer zu ihrem Nest zurück. Nur wenn dem Hause ein Unglück zustößt, Feuer oder Blitz, ziehen sie davon.« Suses braune Augen blickten bei den Worten des Bruders ängstlich drein. Eine Heldin war sie nun einmal nicht, unsere Suse Winter. Die Zwillinge traten auf den Balkon hinaus, der rund um das Landhaus lief. Wirklich, ein Schwal- benpaar schoß aus der Vogelschar blitzschnell hinab zum Sternenhaus. »Fabelhaft, was diese Tiere für ein Gedächtnis haben. Keines vergißt in den fernen, warmen Ländern sein Nest. Jedes findet nach so langer Zeit sein Haus wieder«, meinte der Junge aner- kennend. »Quiwitt – quiwitt«, zwitscherten die Schwalben am Dachfirst. Es klang wie Wiedersehensfreude. »Nun wird es Frühling!« sagte Suse. Sie dachte nicht mehr daran, daß Mutti vielleicht noch ärger- lich auf sie sei. Beschwingt eilte sie hinunter, um die frohe Botschaft zu melden. »Mutti! Omama! Unsere Schwalben sind wieder da!« Jubelnd klang es durch das Haus., »ZIGARETTE GEFÄLLIG?« Mit den Zeugnissen ihrer Zwillinge waren die El- tern zufrieden. Trotzdem meinte der Professor, als er aus dem Institut für Erdbebenforschung heimkam: »Suse, du als Tochter eines Professors, der den Gang der Gestirne auf viele Jahre voraus berechnet, hast gerade in Mathematik keine gu- ten Noten? Unser Ferienkind Paul soll dir Nachhil- festunden geben. Es ist großartig, wie begabt der Junge für Mathematik und Physik ist!« »Bitte sehr, ich habe auch sehr gut in Mathema- tik, Physik und Naturkunde«, meldete sich der Sohn, der es nicht vertragen konnte, wenn ein anderer mehr gelobt wurde als er. »Ich könnte Suse mindestens so gut Nachhilfestunden geben wie Paul, denn ich bin Gymnasiast.« Herbert war mächtig stolz darauf und sehr eingebildet. »Paul hat im Waisenhaus sicherlich nicht so guten Un- terricht gehabt.« »Um so anerkennenswerter ist es, mein Junge, daß Paul das in einem Jahr alles nachgelernt hat! Besonders, da er nur abends nach Arbeitsschluß die Kurse besuchen kann – du weißt, er ist in den Zeiss-Werken beschäftigt«, meinte die Mutter, während sie die Suppe austeilte. »Für deine Nachhilfestunden danke ich, Herbert«, lehnte Suse ab. »Sobald ich etwas nicht begreife, fängst du zu boxen an.« »Wenn du in Mathematik so begabt bist wie ein neugeborenes Rhinozeros, dann darfst du dich nicht wundern, wenn ich dir die mathematischen Formeln einbleue«, spottete Herbert. »Ich werde mir meine Tochter selbst vornehmen., So viel Zeit muß mir bei meiner wissenschaftli- chen Arbeit verbleiben. Was, Suschen, wir beide werden mit der Mathematik schon fertig wer- den!« Der Professor fuhr zärtlich über das gold- braune Haar seines Lieblings. »Das beste wäre, Suschen läßt Mathematik Ma- thematik sein«, mischte sich die Großmutter in das Gespräch. »Es ist unnötig, daß sie ihren ar- men Kopf mit dem Zeug anfüllt, für das sie nicht begabt ist. Es müssen doch nicht alle Mädchen studieren. Ich habe auch keine Matura und glau- be, daß ich trotzdem gebildet bin. Ich weiß nicht, ob ihr so viel von Goethe und Schiller gelesen habt wie ich!« »Oho, Omama, natürlich wissen wir auch aller- hand über Goethe und Schiller!« rief Herbert auf- gebracht. »In einigen Wochen machen wir eine Studienfahrt nach Hildesheim. Dort werden wir die römischen Ausgrabungen, den romanischen Dom und die Fachwerkbauten aus dem Mittelalter besichtigen. Hast du darüber vielleicht auch eini- ges gelesen?« fragte Herbert seine Großmutter überheblich. »Wir machen auch einen Ausflug nach Hildes- heim. Professor Werner fährt mit uns. Seine Füh- rungen sind immer sehr interessant und span- nend. Inge und Helga freuen sich schon darauf.« »Na, du hast wohl mehr Interesse für deine Freundinnen Inge und Helga, die beiden Martins- gänse«, zog der Bruder sie auf. Suse war belei- digt. Immer nannte Herbert ihre Freundinnen »die Martinsgänse«. Unerhört! Die Mutter schüttelte den Kopf: »Kinder, müßt ihr denn immer streiten? Ihr habt euch so gut ver-, tragen, als ihr noch klein wart. Da wart ihr ein Herz und eine Seele, wie es bei Zwillingen auch sein soll.« »Ja, die Flegeljahre!« Suse stieß einen Seufzer aus. »Sie meinen es nicht so«, sagte die Großmutter gütig. »Im Grunde haben sich unsere Kinder noch genauso lieb wie früher, nicht wahr?« »Nein!« rief Herbert, denn ein Junge zeigt seine Gefühle nicht. »Wenn Suse ausnahmsweise nicht spinnt, ist sie ja ganz verdaulich. Aber meistens ist sie total verdreht.« Suses Augen wurden feucht. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Löffel in die Hand nahm. Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Wenn sie sich doch nur ihre Empfindlichkeit abgewöh- nen könnte! Zum Glück brachte Minna Gemüse und Fleisch herein. Herbert schnupperte wie sein Hund Bubi, was es Gutes zu essen gäbe. »Also das ist heute die Henkersmahlzeit, Minna«, scherzte der Professor. »Wieso Henkersmahlzeit, Vater?« erkundigte sich Herbert, der allen Dingen auf den Grund ging. »Es ist die letzte Mahlzeit, die Minna uns gekocht hat. Sie verläßt uns doch heute«, erklärte die Mutter. »Aber sie wird ja nicht hingerichtet, sie heiratet ja nur«, meinte Herbert. Eine Hinrichtung hätte er entschieden interessanter gefunden. »Na, hoffentlich geht’s mir nicht an den Gragen«, lachte Minna, die schon mehrere Jahre bei Familie Winter war. Sie sprach als Thüringerin zum Gau- dium der Zwillinge das K wie G aus., »Die Neue muß aber Sie und ›Fräulein Suse‹ zu mir sagen«, überlegte das Töchterchen bei den grünen Bohnen. »Nicht wahr, Mutti? In der Schu- le sagen sie auch Sie zu uns. Wir sind doch schon erwachsen.« »Dann habt ihr auch die Verpflichtung, euch da- nach zu benehmen«, meinte die Mutter und droh- te mit dem Finger. »Wenn ihr euch immer wie kleine Kinder herumbalgt, könnt ihr unmöglich die Rechte der Großen beanspruchen.« »Ist ja Wurscht wie Schinken«, meinte der Sohn und zuckte mit den Schultern. »Aber, Mutti, wie kannst du unser Boxen als Balgerei bezeichnen! Wenn wir erst einmal einen Preis im Boxen ge- winnen, wirst du deine Meinung schon ändern!« »Vorläufig bestehen deine Preise in zerrissenen Anzügen«, meinte die Mutter belustigt. Nach dem Essen begleitete Suse die Omama in ihr Zimmer. Ihr behagte der gemütliche Raum mit den alten Mahagonimöbeln. Das war eine Welt für sich, die längst versunken war, aus der aber die Großmutter hin und wieder sehr lebendig Geschichten auferstehen ließ. Suse bettete ihre Omama liebevoll in den be- quemen Lehnstuhl am Fenster und legte eine warme Wolldecke über ihre Beine. Wie gebrech- lich die alte Dame in letzter Zeit doch geworden war! Frau Annchen, Großmamas altes Faktotum, sagte immer: »Unsere Frau Omama wird jeden Tag weniger!« Das war Suse komisch vorgekom- men. Jetzt, wo Frau Annchen nicht mehr hier war, mußte Suse oft an ihre Worte denken. »Danke, mein Liebling«, sagte die alte Frau zärt- lich und schloß die müden Augen. Suse schlich, auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer. Was sollte sie nun tun? Draußen war es heute nicht schön. Es hagelte schon wieder. Die Mutter war bei Vater in dessen Arbeitszimmer. Er diktier- te ihr eine wissenschaftliche Abhandlung in die Maschine. Minna hatte auch keine Zeit für sie. Die wirtschaftete in der Küche herum, um ihrer Nach- folgerin alles blitzblank zu übergeben. Aber wozu hatte Suse denn ihren Zwilling? Herbert würde schon wie immer Rat wissen. Und er wußte Rat. »Wir machen es uns auf meiner Bude gemütlich und rauchen eine Friedenspfeife miteinander«, schlug er vor. »Wir sind doch schon längst wieder gut«, wandte Suse ein, die mit diesem Vorschlag nicht sehr einverstanden war, »und überhaupt, du hast ja keine Pfeife«, fügte sie erleichtert hinzu., »Mensch, bist du dumm? Wenn ich Pfeife sage, meine ich natürlich Zigarette! Übrigens hängt Va- ters Studentenpfeife unten in seinem Arbeits- zimmer.« Herbert zog wie ein richtiger Kavalier ein Zigarettenetui aus der Tasche. »Zigarette ge- fällig?« bot er der Schwester galant an. »Woher hast du denn die Zigaretten?« fragte Su- se erstaunt. »Nicht gestohlen, sondern ehrlich gekauft. Wenn man so alt ist wie ich, raucht man natürlich. Man ist ja schließlich schon erwachsen.« Herbert zün- dete gekonnt seine Zigarette an. Suse bewunderte ihren Zwilling. Lässig saß er mit überschlagenen Beinen im Lehnsessel und stieß genußvoll Rauchwolken in die Luft. »Bitte, bediene dich«, er schob ihr die Zigaretten hin. Zögernd nahm Suse eine. »Vati hat neulich ge- sagt, wir sollten nicht zu früh mit dem Rauchen anfangen, es sei ungesund.« Sie drehte unent- schlossen die Zigarette zwischen den Fingern. »Damals waren wir noch in der vierten Klasse, als er das gesagt hat. In der fünften hat man die Verpflichtung zu rauchen. Und überhaupt, wenn die Neue ›Sie‹ und ›Fräulein‹ zu dir sagen soll. Zünd dir doch endlich das Ding an! Schmeckt prima!« Schon hielt ihr der Bruder ein brennen- des Streichholz hin. »Kamel, du darfst doch nicht in die Zigarette blasen wie in eine Trompete, sondern du mußt die Luft einziehen – so – na, jetzt brennt sie endlich.« Widerwillig zog Suse den Rauch ein. Wenn Herbert meinte, daß sie die Verpflichtung hätten zu rauchen, durfte sie sich wohl nicht länger sträuben. Er wußte ja immer, alles besser als sie. Aber der Zigarettenrauch reizte sie abscheulich im Hals. Ein starker Hu- stenanfall unterbrach Suses ersten Rauchversuch. »Siehst du, meine Lunge ist bereits angegriffen«, stieß sie hustend hervor. Sie warf die brennende Zigarette auf den Tisch. »Dreimal gehörntes Nashorn – du brennst ja ein Loch in das Tischtuch!« Erschreckt blickte Suse auf den Brandfleck. »Jetzt mach aber deine Ohren auf. Ich werde dir Unterricht im Rauchen geben, sonst blamierst du mich das nächste Mal vor meinen Freunden! Hier, nimm die Zigarette, lutsch nicht daran wie ein Säugling am Schnuller. So – ziehen mußt du, Rauch ausstoßen – nicht husten – na, nun geht’s bald!« Herbert stellte einen Blumentopf als Aschenbecher auf den Tisch. Er blies genußvoll Rauchringe in die Luft. Obwohl Suse vom Husten schon hochrot im Ge- sicht war, versuchte sie es als gelehrige Schülerin ihrem Lehrer gleichzutun. Wenn sie nun alle bei- de lungenkrank würden! Aber schließlich rauchten doch so viele Leute! Mit vierzehneinhalb Jahren war man eben noch nicht erwachsen, wenn man es auch sein wollte. Mit Todesverachtung hielt Suse die Zigarette zwischen ihren Lippen. Sie schmeckte abscheulich, gar nicht prima. Wenn sie sich vor Herbert nicht geschämt hätte, hätte sie das ekelhafte Ding schon längst in den Blumen- topf geworfen. Bubi saß vor seinem jungen Herrn und war stolz auf ihn. Suse schielte zu den Laub- fröschen, zu den Bewohnern des Aquariums und Terrariums und zu den weißen Mäusen. Ob ihnen der Rauch nicht schadete? Glücklicherweise wur-, de das glimmende weiße Röllchen immer kleiner, auch wenn man nicht daran zog. Es verbrannte von selbst. Herbert hatte bereits seinen Zigarettenstummel kunstgerecht abgetötet. Jetzt griff er nach der zweiten Zigarette. »Suse, du bist noch nicht fer- tig? Du mußt schneller rauchen, wenn du mit mir mithalten willst.« Ritsch – da brannte die Zigaret- te Nummer zwei. »Herbert, um Himmels willen, du bekommst be- stimmt eine Lungenentzündung, wenn du so viel rauchst. Bitte, bitte, wirf das stinkende Zeug weg«, beschwor ihn Suse. »Red keinen Unsinn. Man muß Ringe durch die Nase blasen können, wenn man in die fünfte Klasse geht.« Ach, lieber Himmel – was verlangte man nicht alles von ihr. So weit verstieg sich Suses Ehrgeiz nicht! »Ob Paul auch Ringe blasen kann?« über- legte sie. »Unser Ferienkind Paul? Na, der ist – der Richti- ge? Als er an einem Sonntag bei uns war, hat ihm Vater aus Spaß nach Tisch eine Zigarette angebo- ten. Er bekam einen roten Kopf und lehnte dan- kend ab. Er rauche nicht.« »Vater fand das sehr vernünftig von ihm. Dabei ist Paul doch schon sechzehn Jahre alt. Wenn Paul nicht raucht, brauch’ ich es auch nicht zu können!« Entschlossen warf Suse die Zigarette in den Aschenbecher. Vier Augen sahen sie mißbilligend an: zwei schwarze Hundeaugen und zwei blaue Knabenau- gen. »Wie kannst du verlangen, daß das neue Mädchen Sie und ›Fräulein Suse‹ zu dir sagt,, wenn du ein solches Baby bist und nicht einmal rauchen kannst«, brummte Herbert. »Sie wird sich doch nicht gleich was von mir vor- rauchen lassen – und, und – ach Gott, mir ist auf einmal ganz schlecht!« »Mensch, kannst du nicht einmal eine halbe Ziga- rette vertragen?« Geringschätzig blickte Herbert auf seine Schwester und paffte genußvoll weiter. »Du bist ganz grün- und gelbgefleckt im Gesicht, Suse. Geh auf den Balkon an die frische Luft.« Er lachte Suse aus. Aber Suse kam nicht mehr so weit. Sie mußte sich übergeben. Das Mittagessen ließ sich nicht länger im Magen zurückhalten. »Da haben wir die Bescherung! Und noch dazu in meinem Zimmer. Du bist wirklich noch nicht reif für das Rauchen«, schimpfte der Bruder. Suse hörte ihn gar nicht. Ihr war hundeelend. Sie wankte in ihr Zimmer, wusch sich und legte sich auf ihr Bett. Sie wollte nichts sehen und nichts hören. Ihr Zwilling kam mit seiner zweiten Zigarette auch nicht bis ans Ende. Gerade als er Minna bit- ten wollte, sein Zimmer zu reinigen, wurde ihm plötzlich schwarz vor den Augen. Und dann er- ging es ihm ähnlich wie Suse. Bubi begleitete sein Würgen mit Gejaule. Als die Zwillinge nicht zum Kaffee erschienen, schüttelte die Mutter verwundert den Kopf. Un- pünktlichkeit bei den Mahlzeiten war sie von ihren stets hungrigen Zwillingen nicht gewöhnt. Und gerade heute hatte Vater aus der Konditorei eine gute Obsttorte als Belohnung für die Zeugnisse mitgebracht., Aber Professors Zwillinge konnten die Torte nicht genießen. Als die Mutter sie in ihren Zimmern suchte, fand sie beide bleich und krank in ihren Betten. Bubi lag vor dem Bett seines Herrn und winselte. Der Zigarettenrauch in dem Zimmer, die Besche- rung auf dem Fußboden – da wußte die Mutter Bescheid. Ihre Zwillinge hatten heimlich geraucht und dafür Lehrgeld bezahlen müssen. Es schade- te den beiden gar nicht, daß sie einen Denkzettel erhalten hatten. »Ausbruch des Vesuvs«, erklärte Herbert mit Galgenhumor, obwohl ihm elend zumute war. Daß Minna mit ihrem Gepäck inzwischen auszog und die neue Emma mit ihren Sachen einzog, machte kaum Eindruck auf die beiden. Was fragte Suse augenblicklich danach, ob man ›Sie‹ und ›Fräulein‹ zu ihr sagte. Sie lag mit dem Gesicht zur Wand und wollte nichts als schlafen. Auch Herberts ›Männlichkeit‹ hatte einen Dämp- fer erhalten. Fürs erste hatten Professors Zwillin- ge genug vom Rauchen., DER SONNTAGSGAST Jeden Sonntag war der junge Paul Liedtke Gast bei Familie Winter. Die ganze Woche freute er sich auf das ›Sternenhaus‹, so hieß das hübsche Landhaus, in dem die Familie wohnte. An seinen Hausmauern konnte man auf blauem Grund die bekanntesten Sternbilder betrachten. Paul war ein Waisenkind. Vor Jahren, als Profes- sors Zwillinge noch in Berlin wohnten, war Paul in der Waldschule ihr Freund gewesen. Später, als er nach dem Tode seiner Mutter in ein Waisen- haus kam, verbrachte er die Ferien mit Herbert und Suse. Paul freute sich schon das ganze Jahr darauf. »Unser Ferienkind« hieß Paul im Sternenhaus. Dort kehrte er regelmäßig zu Weihnachten und in den Ferien ein. Professor Winter und seine Frau hatten Paul sehr gern, weil er ein strebsamer und wohlerzogener Junge war. Er sollte sich richtig erholen und sich bei ihnen wie zu Hause fühlen. Auch die Zwillinge hatten Paul in ihr Herz ge- schlossen. Von Ferien zu Ferien machte man Plä- ne, was man alles unternehmen wollte, wenn »Paulchen« wiederkam. Die Eltern begrüßten die Freundschaft zwischen den Kindern. Konnten doch die beiden sehen, wie gut es ist, ein Eltern- haus zu haben und nicht im Waisenhaus auf- wachsen zu müssen. Außerdem wirkte Pauls be- scheidenes Wesen günstig auf Herbert, der öfters vorlaut war. Der Professor aber hatte noch ein besonderes Interesse an dem »Ferienkind«. Er hatte bald die Intelligenz des Jungen erkannt, vor allem aber, seine außergewöhnliche Begabung für Physik und Elektrotechnik. Als Paul aus dem Waisenhaus in Berlin entlassen wurde, setzte sich Professor Win- ter mit dem Direktor der Anstalt in Verbindung. Dieser wollte den Jungen zu einem Uhrmacher in die Lehre geben. Professor Winter ließ ihn aber nach Göttingen kommen und verschaffte ihm eine Lehrstelle in den Zeiss-Werken, die in der ganzen Welt bekannt sind. Gleichzeitig erhielt Paul durch die Fürsprache des Professors ein Stipendium. Mit diesem Geld war es Paul möglich, sich weiterzu- bilden. Als Lehrling bezog er auch ein Taschen- geld. So konnte er sich bei seinen geringen An- sprüchen selbst erhalten. Er bewohnte ein einfa- ches Zimmer in einem alten Haus in der inneren Stadt. Frau Winter hätte Paul gerne zu sich ins Haus genommen, um ihm die Miete zu ersparen. Das Fremdenzimmer im Sternenhaus stand ja meistens leer. Aber Professor Winter, der ein er- fahrener Mann war, stimmte nicht zu. Er gab sei- ner Frau zu bedenken, daß es nicht gut für Paul sei, ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Paul war von klein auf an Sorgen und Entbehrungen gewöhnt. Er war deshalb schon sehr selbständig und konnte mit seinen beschei- denen Mitteln auskommen. Sogar das Mittages- sen, das ihm Frau Winter täglich geben wollte, erübrigte sich. Er hatte die Möglichkeit, in der Werkskantine gut und billig zu essen. So besuch- te Paul nur an Sonn- und Feiertagen das Ster- nenhaus. Während der Woche hatte er keine Zeit dazu. In Pauls Zimmer brannte bis spät in die Nacht das Licht. Er saß über seinen Büchern, stu- dierte Mathematik und Physik, rechnete und, zeichnete, bis ihm die Augen zufielen. Das alles tat er trotz seiner anstrengenden Arbeit an seiner Lehrstelle. Er wollte, er mußte vorwärtskommen. »Freie Bahn dem Tüchtigen« hatte ihm Professor Winter als Wahlspruch für den Beruf mitgegeben. Daran dachte Paul immer wieder. Er hatte ein großes Ziel vor sich. Er wollte die Universität be- suchen. Dazu war das Abitur notwendig. In Abendkursen bereitete er sich darauf vor. Profes- sor Winter lieh ihm Bücher und gab ihm die not- wendigen Anleitungen. Am Sonntag besprach er mit Paul den Lehrstoff der vergangenen Woche. Der Professor förderte damit den strebsamen Jungen in jeder Hinsicht. Dabei stellte er immer wieder fest, wie begabt Paul für Mathematik und Physik war. Auch Herbert war außergewöhnlich für Naturwis- senschaft interessiert und in diesem Fach der Be- ste in seiner Klasse. Schon sein Großvater war Professor der Naturwissenschaften. Diese Bega- bung lag offenbar in der Familie. Die Zwillinge halfen ihrem Freund, wo sie nur konnten. Aber sie taten das auf ganz verschiede- ne Weise. Herbert wußte immer alles besser. Er prüfte Paul streng und tat sehr überlegen. In allen Fächern wußte er mehr. Dabei war es gar nicht sein Ver- dienst, er hatte eben eine bessere Schulbildung als Paul. Aber bald mußte Herbert erkennen, daß Paul mit eisernem Fleiß das Fehlende nachgeholt hatte. Was er einmal gelernt hatte, vergaß er nicht so schnell. Das konnte man von Herbert nicht sagen. Er faßte zwar sehr leicht auf, behielt es aber nicht lange. Er war leicht ablenkbar und, zerstreut. An einem Sonntag unterhielten sich die beiden Freunde über ein elektrotechnisches Pro- blem. Zum erstenmal wagte Paul Herbert zu wi- dersprechen. Dieser war empört darüber. Paul, der mit vierzehn Jahren aus der Schule ausgetre- ten war und weder Latein noch Griechisch konn- te, wollte etwas besser wissen als er? Eine solche Frechheit! Der Vater mußte den Schiedsrichter spielen. Er gab Paul recht. Zu seinem Sohn aber sagte er: »Sei künftig vorsichtiger mit deinen Behauptun- gen!« Seither hatte Herberts Freundschaft zu Paul einen leisen Knacks bekommen. Er konnte es nun einmal nicht vertragen, daß ein anderer ihn ausstach. Suse hatte schon als kleines Mädchen Mitleid mit dem armen Paulchen gehabt. In der Waldschule, hatte er immer geflickte Anzüge getragen, die ihm außerdem oft zu klein gewesen waren. In der ersten Stunde waren ihm manchmal die Augen vor Müdigkeit zugefallen, da er schon in aller Herrgottsfrühe Semmeln für einen Bäcker ausge- tragen hatte. Dann waren die Zwillinge und Paul auseinandergekommen. Die Familie Winter ver- brachte ein Jahr in Italien. Später übersiedelte sie nach Göttingen. Trotzdem hatten die Zwillinge ihre Verbindung zu Paul nie abgebrochen. Als Pauls Mutter starb, bat Suse ihre Eltern so lange, bis sie Paul in den Ferien zu sich einluden. Da hatten die Kinder erstaunte Augen gemacht. Aus dem Paulchen von früher war inzwischen ein Paul geworden. In der Waldschule hatte man gar nicht gemerkt, daß Paul beinahe um zwei Jahre älter war als sie. Er war immer klein, schmächtig und schüchtern gewesen. An der Freundschaft hatte sich nichts geändert. Paul hatte Suse und Herbert genauso lieb wie früher. Mit dem streitsüchtigen Herbert auszukommen war nicht immer sehr leicht. Um so netter war Suse. Sie hatte eben ein mitleidiges Herz und war darum stets um Paul besorgt. So sah sie auch, daß Paul sein bester Anzug nicht mehr paßte. Er war abgetragen und sah schäbig aus. Herbert machte dumme Witze darüber. Sehr taktlos meinte er zu Paul: »Hof- fentlich fällst du nicht einmal aus deinem Anzug.« Suse war die Bemerkung peinlich, und sie wurde vor Verlegenheit ganz rot. Sie schämte sich für Herbert, der so herzlos sein konnte. Paul aber lachte über Herberts »Witz«. So kam es, daß die Zwillinge darüber nachdachten, wie sie Paul zu einem neuen Sonntagsanzug verhelfen könnten., Paul konnte sich von seinem bescheidenen Ein- kommen kaum etwas zum Anziehen kaufen. Das war selbst der vierzehnjährigen Suse klar. Die Zwillinge legten ihr erspartes Geld zusammen, denn auch Herbert war im Grunde seines Herzens gutmütig. Aber das Geld reichte höchstens für ein neues Hemd. Von Herberts Anzügen kam für Paul keiner in Betracht. Obwohl sie Paul gepaßt hät- ten, konnte man die abgelegten Anzüge höch- stens einer Vogelscheuche anbieten. Alle trugen Spuren von heißen Boxkämpfen. Aber wieder einmal wußte die Mutter Rat. Im Ka- sten hing ein gut erhaltener Anzug des Vaters, den er nicht mehr anzog. Der Schneider mußte ihn nur etwas ändern, und schon hatte Paul einen prächtigen Sommeranzug. »Als Osterei, Mutti, ja, als Osterei verstecken wir Paul den Anzug«, schlug Suse freudestrahlend vor. »Aber er braucht auch eine schicke Krawatte da- zu«, äußerte Herbert sachverständig. »Er soll ein Sporthemd dazu tragen, das ist viel bequemer für euch«, meinte die Mutter. »Ein Sporthemd paßt nicht zu diesem Anzug.« Als Gymnasiast war Herbert in allen Modefragen auf dem laufenden. So erklärte er sich sogar bereit, Paul zu Ostern von seinem Spargeld eine Krawat- te zu kaufen. Eigentlich hatte er das Geld für ei- nen Igel gespart gehabt. Er wollte damit seine zoologische Sammlung bereichern. »Ihr Weiber wißt ja doch nicht, was wir Männer jetzt tragen«, meinte er überheblich zu Suse. Suse war ihm aber nicht böse. Zärtlich umarmte sie ihren Bruder. Sie wußte, er hatte ein gutes, Herz. Herbert aber schüttelte seine Schwester ab. Die- ses gefühlvolle Getue war ihm in tiefster Seele zuwider und schien ihm außerdem unmännlich.,

OSTEREIER

Und nun war der Ostersonntag gekommen. Pe- trus meinte es gut. Er hatte dem launigen April das Handwerk gelegt. Schnee, Hagel und Sturm hatten ausgetobt. Die grauen Wolken waren da- vongezogen. Ein blauer Frühlingshimmel wölbte sich über der alten Universitätsstadt. Zarte Wölk- chen segelten über die nahen Hügel und spiegel- ten sich im eisbefreiten Fluß. Noch war alles kahl. Aber es lag ein leises Frühlingserwachen über Baum und Strauch. Die Sonne erweckte alles zu neuem Leben. Suse trat am Ostermorgen in den Garten hinaus. Sie ließ neugierig ihre Blicke in alle Winkel und unter alle Sträucher schweifen. Suchte sie in aller Frühe schon Ostereier? O nein. Sie atmete tief den frischen Erdgeruch ein. Ihr Naschen schnupperte in die Luft. Roch es da nicht nach Veilchen? Ja, in einem geschützten Sonnenwinkel nahe am Haus schimmerte es blau – die ersten Veilchen! Hurra, ihre Nase hatte sie nicht betrogen! Nun konnte sie den Eltern und der Großmutter den ersten Frühlingsgruß auf den Frühstückstisch stellen. Die Sonne hatte ihre Freude an dem schlankge- wachsenen, jungen Madchen. Nur die Wangen waren etwas zu blaß. Aber diese Blässe kam nicht vom Stubenhocken, sondern war noch eine Nachwirkung ihres ersten Rauchversuches. Aus dem Küchenfenster hörte man das Surren der Kaffeemaschine. Die neue Emma steckte den Kopf aus dem Fenster. »Guten Morgen, gnädiges Fräulein. Ich wünsche, Ihnen ein frohes Osterfest!« Das »gnädige Fräulein« fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. Suse wurde so verlegen, daß sie vergaß, für den freundlichen Ostergruß zu danken. Um Himmels willen, was würden ihre Freunde dazu sagen, wenn sie hörten, daß sie mit »gnädiges Fräulein« angesprochen wurde! Ge- stern war sie dem neuen Mädchen aus dem Weg gegangen. Sie fürchtete, daß dieses du zu ihr sa- gen könnte. Aber »gnädiges Fräulein«, das war noch schlimmer, als wie ein Kind geduzt zu wer- den. Das ging schon gar nicht, wenn sie auch beinahe erwachsen war. Suse überlegte, wie sie Emma am besten bei- bringen konnte, nicht »gnädiges Fräulein« zu ihr zu sagen. Plötzlich hörte sie ein höhnisches Ge- lächter. Herbert stand halb angezogen auf dem Balkon und hielt sich die Seiten vor Lachen. Bubi stand neben ihm und wedelte vor Vergnügen mit dem Schwanz. »Wollen das gnädige Fräulein geruhen, zu mir zu kommen, dann möchte ich mit Ihnen überlegen, wo wir die Ostereier für Herrn Paul verstecken wollen«, rief Herbert übermütig und verschwand vom Balkon. Suse hörte ihn wieder lachen. So ein Schlingel! Wie konnte er sie vor dem neu- en Mädchen nur so bloßstellen! Suse war ihm ernstlich böse. Dann ging sie ent- schlossen zum Küchenfenster und sagte: »Emma, ich bin kein gnädiges Fräulein – wenn ich auch schon beinahe erwachsen bin – Herbert und ich werden im November erst fünfzehn. Und…« – es genügt, wenn Sie Fräulein Suse zu mir sagen, wollte sie noch hinzufügen. Aber Emma unter-, brach sie mit freundlichem Lachen: »Schön, dann sage ich noch du zu dir, Suschen. Das ist doch viel gemütlicher.« Nun, das fand Suse ganz und gar nicht. Im Ge- genteil, diese Anrede behagte ihr auch nicht. In der Schule wurde schon Sie zu ihnen gesagt! Vor Wut schössen ihr die Tränen in die Augen. Daran war nur Herbert wieder schuld. Eine solche Ge- meinheit! Herbert begrüßte seine Schwester mit einer tiefen Verbeugung. »Wie haben gnädiges Fräulein ge- schlafen? Wollen gnädiges Fräulein geruhen, meine bescheidene Hütte zu betreten?« – Klatsch, da hatte Herbert von Suse auch schon eine Ohrfeige. Vor Staunen blieb ihm der Mund offen. »Bist du ganz übergeschnappt, Mensch? Du hast schon lange keinen Kinnhaken bekommen! Also bitte, wenn du durchaus willst.« Herbert ballte seine Fäuste. Aber Suse hatte keine Lust zum Boxen. Sie brach sogar in Tränen aus. Nicht nur, weil Emma sie gekränkt hatte, sondern vor allem, weil sie ihrem Zwilling am Feiertag als Osterei eine Ohrfeige versetzt hatte. Das kam nicht oft vor, denn meist war die Sache umgekehrt. »Du bist schuld, nur du«, schluchzte sie. »Woran denn?« fragte Herbert gleichgültig und bearbeitete seine Haare mit der nassen Bürste. »Daß ich dir eine ’runtergehauen habe und daß – und daß die neue Emma jetzt du zu uns sagt.« Da war es heraus. »Die sagt du zu uns? Wie kommt sie denn dazu? Das soll sie nur einmal probieren! Dann sage ich, zu ihr auch du«, begehrte Herbert auf. »Na, da wir doch Zwillinge sind, spricht sie dich sicher auch mit du an.« Suse trocknete ihre Trä- nen. Sie war wieder etwas getröstet. Sie überlegte, wo man wohl am besten die Oster- eier für Paul verstecken konnte. Das lenkte sie von ihrem Schmerz ab. Wenn man anderen Freu- de bereiten will, vergißt man sein eigenes Leid. Die Ostereier für Paul waren ziemlich groß. Wo sollte man den Anzug verstecken? »Wir lassen ihn am besten in Vaters Kasten hängen«, schlug Herbert vor. »Aber wie weiß dann Paul, daß der Anzug für ihn bestimmt ist?« ereiferte sich Suse. »Dazu ist Paul viel zu bescheiden, um auf solche Gedanken zu kommen. Wir müssen den Anzug einpacken. Die Schachtel schieben wir dann unter ein Bett oder...« »Wir stellen sie einfach auf den Kleiderkasten. Das merkt er nicht. Auf das leichteste kommt man am schwersten, und die Krawatte hänge ich an einen Stachelbeerstrauch im Garten. Der steht ganz versteckt hinten am Zaun«, überlegte Her- bert. »Die Wurst für sein Nachtmahl habe ich in rosa Seidenpapier gewickelt. Ich werde sie als Rose auf einem Blumenbeet wachsen lassen. Der arme Paul ißt jetzt immer nur trockenes Brot, um sich Bücher kaufen zu können, die er notwendig braucht. Er hat es mir erzählt«, berichtete Suse. »Hm«, machte Herbert und dachte einen Augen- blick daran, wie gut er selbst es hatte. Er bekam alle Bücher, die er zum Lernen brauchte. Zum Abendessen gab es auch nie trockenes Brot. War, das nicht ganz selbstverständlich für ihn? Der Professor frühstückte an den Sonn- und Fei- ertagen gerne gemütlich mit seiner Familie, denn an den Wochentagen hastete ein jeder, um recht- zeitig an seine Arbeit zu kommen. Obwohl der Osterkuchen verlockend aussah und die Veilchen süß dufteten, war es recht ungemütlich am Früh- stückstisch. Die Zwillinge saßen unruhig auf ihren Sesseln. Immer wieder fiel ihnen ein besseres Versteck für ihre Ostereier ein. Obendrein be- schwerte sich auch Suse, daß das neue Mädchen sie duzte. Die Eltern lachten darüber. »Sei froh, Suschen, wenn du so lange wie mög- lich ein Kind sein kannst. Diese glücklichen Zeiten kommen nie wieder«, meinte die Mutter. Suse war allerdings anderer Meinung. Gegen zehn Uhr kam gewöhnlich Paul. Er blieb dann den ganzen Tag im Sternenhaus. Bei schö- nem Wetter unternahmen die Eltern mit den Kin- dern einen Ausflug in die nähere Umgebung von Göttingen. Manchmal wanderten die Kinder auch allein. Ein Sonntag ohne Paul war für die Zwillin- ge undenkbar. Die Ostereier waren endlich gut versteckt. Her- bert und Suse standen am Gartentor. Ungeduldig spähten sie die Pappelallee hinab und warteten auf Paul. Es war herrlich, keinen Wintermantel mehr tragen zu müssen. Die Ostersonne meinte es schon recht gut. Zärtlich strich Suse mit der Hand über die kahlen Sträucher. »Ist es nicht wunderbar, Herbert, wie alles wieder zum Leben erwacht? Das ist Ostern, die Aufer- stehung in der Natur«, sagte sie nachdenklich. »Was soll denn daran wunderbar sein«, meinte, Herbert nüchtern und sachlich. Er zuckte die Ach- seln. »Nach dem Winter kommt der Frühling, und darauf folgt der Sommer und der Herbst. Das ist seit Adams Zeiten so gewesen.« »Ach, du willst mich nicht verstehen. Paul ver- steht mich schon. Er denkt oft so wie ich.« »Natürlich wieder Paul – laß ihn dir doch in Gold fassen! Schade, daß er nicht dein Zwilling ist. Er würde viel besser zu dir passen. Wir Männer ha- ben für Gefühlsduselei wenig übrig.« Seine Stimme schnappte über. Der vierzehnjähri- ge »Mann« warf sich gewaltig in die Brust. Her- bert war schon immer eifersüchtig auf Paul gewe- sen. Paul war zu Suse stets nett und freundlich, deshalb zog sie ihn ihrem Bruder oft vor. Herbert gab natürlich Suse die Schuld daran. Daß aber seine rücksichtslose Art die Ursache war, daran dachte er nicht. Pünktlich um zehn Uhr tauchte Paul am Ende der Pappelallee auf. Suse lief ihm entgegen. Sie dachte nicht mehr daran, daß man sie heute schon »gnädiges Fräulein« genannt hatte; wie ein Kind rannte sie die Straße hinab. Bubi sprang mit ihr um die Wette. Sein junger Herr aber folgte langsam und gemessen, wie es sich für einen Mann gehört. »Paul, Herbert hat ein wunderschönes Zeugnis bekommen, meines ist soso lala«, rief sie ihm schon von weitem entgegen. »Gratuliere, Suse«, Paul kam mit langen Schrit- ten auf sie zu und begrüßte sie herzlich. Vor Freude wurden seine blassen Wangen rot. »Habe ich es dir nicht gesagt, daß du keine Angst zu haben brauchst, Suschen? Dir fehlt nur das, Selbstvertrauen.« »Vater sagt, Herbert hätte genug Selbstvertrauen für uns beide. Aber ich wünschte wirklich, ich hätte etwas mehr.« »Was habe ich?« fragte Herbert, der seinen Na- men gehört hatte und neugierig näher kam. »Allzuviel Selbstvertrauen«, zog ihn Suse auf. »Besser als zu wenig!« antwortete Herbert prompt. »Grüß dich, Paul, du siehst heute fein aus, geradezu elegant!« scherzte er. Er dachte nicht daran, daß er jemanden durch Spott für etwas verletzte, wofür der andere nichts konnte. Paul bemühte sich, seine Verlegenheit zu verber- gen. »Elegant, du lieber Himmel? Das kann man bei meinem Anzug wirklich nicht sagen. Ich bin zufrieden, wenn er noch diesen Sommer über, aushält. Vielleicht kann ich mir während des Ur- laubs etwas dazuverdienen, damit ich mir im Winter einen neuen leisten kann«, sagte er mit der Ehrlichkeit, die ihn stets auszeichnete. Suse war erschrocken über die taktlosen Worte ihres Bruders. Es war gemein, den armen Paul mit seinem abgetragenen Anzug aufzuziehen. Suse schaute ihren Bruder vorwurfsvoll an. Der aber zwinkerte ihr mit seinen blauen Augen höchst vergnügt zu und grinste. Jetzt hatte Paul sicher doppelte Freude mit seinem Osterei, dem neuen Sommeranzug. »Er ist nun einmal in den Flegeljahren, da muß man manches in Kauf nehmen«, entschuldigte Suse ihren Bruder. Indessen untersuchte Herbert interessiert einen Nistkasten für Stare an einem Baum. Gab es viel- leicht schon Junge darinnen? »Herbert hat es nicht so gemeint. Man muß nicht jeden harmlosen Scherz krummnehmen«, stimm- te Paul zu. Es war erstaunlich, wie reif der Junge schon war, obwohl er kaum zwei Jahre älter war als die Zwillinge. Paul hatte ja auch den Ernst des Lebens schon früh kennengelernt. Suse ging neben ihrem Freund und spielte mit ihrem Täschchen. Paul war um einen Kopf größer als Suse. Schön war er auch nicht, das konnte man bei aller Freundschaft nicht behaupten. Hel- ga und Inge Martin, ihre beiden Freundinnen, nannten Paul sogar »die lange Latte«. Sicher, er war überschlank, und sein Gesicht war schmal und farblos. Das kam wohl, weil er sehr beschei- den leben mußte. Seine klugen Augen aber gefie- len Suse., »Warum schaust du mich so an, Suse?« sagte Paul plötzlich. »Habe ich etwas Besonderes an mir?« »Ach wo – nur – nur – ich finde, du siehst müde aus, Paul. Du mußt mehr essen und weniger ler- nen. Könntest du nicht mehr Milch trinken? Milch ist nahrhaft und billig. Das weiß doch jeder.« »Gib doch deinem Wickelkind lieber gleich das Fläschchen mit dem Schnuller«, mischte sich Herbert ein. Er hatte die beiden inzwischen ein- geholt. »Hier in Göttingen trinken junge Leute Bier und Wein, wir sind doch in einer Universi- tätsstadt.« Herbert wäre gar zu gern schon Stu- dent gewesen. Paul blieb auf dem Gartenweg stehen. »Es ist schön bei euch hier oben«, sagte er und holte tief Atem. »Man kann die Vögel zwitschern hören, weil es so ruhig und friedlich ist.« »Ja, wenn wir beide uns nicht gerade streiten, Suse und ich«, lachte Herbert. »Weiß Paul schon, daß er jetzt ›gnädiges Fräulein‹ zu dir sagen muß, Suse?« begann er sie schon wieder zu nek- ken. »Sei still, bitte, Herbert, du mußt nicht alles aus- tratschen!« bat Suse verlegen und hielt ihrem vorlauten Bruder den Mund zu. »Ja, aber nur, wenn du mir die Hälfte von deinen Ostereiern gibst«, entgegnete der Bruder. Ob- wohl er auf seine männliche Würde bedacht war, naschte er gerne. »Alles sollst du haben, Herbert, nur verrate nichts – «, bettelte Suse. »Das nennt man Erpressung!« lachte Paul. »Su- se, ich denke, wir sind gute Freunde. Was ver-, heimlichst du mir denn?« Paul blickte sie for- schend an. Auf einmal kam sich Suse sehr kin- disch vor. War es nicht egal, ob Emma du oder Sie zu ihr sagte? Paul hatte ganz andere Sorgen. »Wirklich, es war nur eine Dummheit von mir, Paul, es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen.« Suse sah Paul bittend an. Er verstand Suse und fragte nicht weiter. »Was hast du denn da für einen Besen?« erkun- digte sich Herbert, als er einige Zweige in Pauls Hand entdeckte. »Es sind die ersten Weidenkätzchen und Birken- zweige, die ich gefunden habe. Sie standen an einer geschützten Stelle. Ich wollte sie eurer Mut- ter als Ostergruß mitbringen.« Paul hätte noch gerne hinzugefügt, an Stelle von Blumen, die aber leider jetzt noch zu teuer sind. Aber Herbert unterbrach ihn: »Hahaha, den Reisigbesen kannst du unserer neuen Emma verehren. Die kann ihn für den Hühnerstall brauchen.« Herbert war wie- der einmal flegelhaft. Suse wurde rot und griff nach den geschmähten Zweigen, als könnte sie Paul dadurch vor den übermütigen Worten des Bruders schützen. »Wie lieb von dir, Paul, daß du an Mutti gedacht hast. Ich habe Weidenkätzchen schrecklich gern, sie sind so weich wie meine Piccola.« Suse ließ die flaumigen Kätzchen zärtlich durch die Finger gleiten. »Und die winzigen Blättchen an den Bir- kenzweigen werden im Wasser sicher noch wei- terwachsen. Ich beobachte gerne, wie sich die Blätter entfalten. Blumen wachsen in der Vase nicht mehr.« »Das kannst du alle Tage im Garten haben«,, brummte Herbert. Er merkte, daß Suse seine bö- sen Worte gutmachen wollte. Paul warf ihr einen dankbaren Blick zu. Frau Winter freute sich sehr über den ersten selbstgepflückten Frühlingsgruß. Sie dankte Paul herzlich dafür, so daß er darüber Herberts »Rei- sigbesen« vergaß. »Aber nun wollen wir endlich Ostereier suchen«, drängte Herbert ungeduldig. »Erst muß Paul frühstücken«, ordnete der Profes- sor an. »Er hat doch einen weiten Weg hinter sich«, und sein Frühstück wird sehr bescheiden gewesen sein, dachte er. »Kinder, ihr sorgt für Paul.« Die Mutter nahm den Arm ihres Mannes, und beide schritten in den Garten hinaus, um den ersten Frühlingssonnen- schein zu genießen. Frau Winter meinte: »Paul greift beim Frühstück tüchtiger zu, wenn die Kin- der unter sich sind.« Die Mutter konnte unbesorgt sein. Suse schenkte Paul Kakao ein, schnitt ihm ein Riesenstück vom Osterkuchen ab und paßte auf, daß er auch ein weiches Ei dazu aß. »Ein Osterei, Paul, von unse- ren Hühnern. Es ist extra groß!« Suse freute sich, daß es Paul so gut schmeckte. Aber mehr als Ku- chen, Ei und Kakao freute ihn die Fürsorge, mit der ihn Suse umgab. Herbert steckte von Zeit zu Zeit den Kopf zur Tür herein: »Sag, ißt du denn immer noch? Du wirst dir bestimmt den Magen verderben.« So sorgte Herbert für Paul. Auch der hungrigste Magen wird einmal satt. Paul erklärte: »Danke, jetzt habe ich für den ganzen Tag gegessen!« »Das Ostereiersuchen kann beginnen«, schmet-, terte Herbert in den Garten hinaus. »Mit wem fangen wir an?« »Die Ostereier sind für euch alle bereits im Haus und im Garten versteckt. Ihr könnt sie gemein- sam suchen«, verkündete der Professor. »Was ihr findet, gebt ihr hier in den Korb; nach- her wird alles gerecht verteilt«, fügte die Mutter hinzu. »Ach, erst sammeln, das ist ja langweilig«, erhob Herbert Einspruch. »Herbert sammelt lieber gleich in seinen Magen«, lachte Suse, die ihren Zwilling am besten kennen mußte. »Die Ostereier, die Herbert findet, werden wir nicht zu sehen bekommen.« »Die Ostereier sind gezählt, mein Sohn. Schwin- deln gibt es nicht. Was an der Gesamtzahl nach- her fehlt, wird dir abgezogen«, erklärte der Vater. »Als ob die anderen keine verschwinden lassen werden«, brummte Herbert und benahm sich noch wie ein Kind bei diesem Spiel. »Suse ist ehrlich. Wenn sie verspricht, nichts vorher zu naschen, hält sie es auch. Auch auf Paul kann man sich verlassen.« »Na, wenn er eben erst so viel Kuchen gefuttert hat.« »Aber Herbert, was soll denn das schon wieder heißen!« sagte die Mutter entsetzt. Als ob er nichts Unrechtes gesagt hätte, begann er unbekümmert zu pfeifen: »Auf in den Kampf, Torero! – Also los!« kommandierte er. »Bubi, hierher! Such, such, Hund, such die schönsten Ostereier« feuerte er den Hund an. »Nein, Mutti, das gilt nicht. Bubi darf nicht mitsu- chen. Der findet sie doch gleich alle«, rief Suse, empört. Sicher hätte sie wieder geheult, wenn sie sich nicht vor Paul geschämt hätte. »Herbert, ruf den Hund zurück!« verlangte der Vater. Unwillkürlich mußte der Professor lachen. Es war auch zu komisch, wie Bubi seinem jungen Herrn verständnisvoll zublinzelte und dann wie ein Pfeil davonschoß. Unter dem großen Lehnses- sel hatte er ein herrliches Schokoladenei ent- deckt. Er nahm es behutsam in sein Maul und kam damit zu Herbert. Aber unterwegs muß er wohl auf den Geschmack gekommen sein. Denn anstatt das Ei seinem Herrn zu Füßen zu legen, hatte er es plötzlich hinuntergeschluckt. Jetzt stand er mit gesenktem Schwanz vor seinem Herrn und schleckte sich genießerisch die Schnauze. Er wußte nur zu gut, daß er etwas an- gestellt hatte. »Schämst du dich denn gar nicht, du Kerl. So verfressen zu sein?« schrie Herbert Bubi an. Der Missetäter senkte sein Schwänzchen noch tiefer. Auch die Ohren ließ er beschämt hängen. »Bubi hat das erste Osterei gefunden – das muß Herbert aber abgezogen werden«, verlangte Su- se. Alle lachten herzlich. »Er hätte das Ei ja doch nicht mehr essen kön- nen, mein Herzchen«, beruhigte sie die Omama. »Warum denn nicht, Omama? Ich hätte das Ei abgewaschen«, verteidigte sich Herbert. »Dann wäre Schokoladesuppe daraus geworden«, lachte Suse. Herbert war nach dem mißglückten Versuch da- mit einverstanden, Bubi vom Ostereiersuchen auszuschließen. Der Hund wurde ins Arbeitszim- mer des Vaters gesperrt. In diesem und im Zim-, mer der Omama waren keine Ostereier versteckt. Wie eine wilde Jagd ging es jetzt durch Haus und Garten. Über jedes gefundene Ei wurde ein Freudengeschrei angestimmt wie in Kindeszeiten. Selbst Paul wurde fröhlich wie die anderen. Der Korb füllte sich langsam. Als Suse in der Küche das Unterste zuoberst kehrte, schaute ihr die neue Emma belustigt zu. Dann meinte sie verräterisch: »Tiefer, Suschen, in die Töpfe mußt du gucken.« »Das gilt nicht, Emma, verraten dürfen Sie nichts, wenn auch Suse Ihre Du-Freundin ist«, beschwerte sich Herbert. »Aber Herr Herbert, Sie müssen sich verhört ha- ben. Ich verrate kein Sterbenswörtchen«, lachte Emma. Suse aber hatte sich nicht verhört. Sie lachte nicht. Sie hatte schon wieder Tränen in den Au- gen. Was – zu Herbert sagte Emma Sie und sogar »Herr Herbert«? Na, das war ja noch schöner, wo sie doch Zwillinge waren. »Emma, bitte, sagen Sie doch zu Herbert auch du, wenn Sie zu mir du sagen«, rief sie aufge- regt. »Der ist ja auch nicht älter als ich!« »Du bist wohl total verrückt, Mensch?« Herbert traute seinen Ohren nicht. Seine schüchterne Su- se war ja gar nicht wiederzuerkennen. »Erstens bin ich zwei Stunden älter als meine Schwester, Emma, und zweitens verbitte ich mir Ihr ›Du‹.« »Aber Kinder, wenn ihr wollt, sage ich zu euch Sie«, lachte“ Emma. »Darauf soll es mir nicht ankommen, Suschen.« Das Wort »Kinder« fanden die Zwillinge zwar wieder sehr unpassend, aber so war die Sache zu, ihrer Zufriedenheit geordnet. Suse war über das Sie glücklicher als über das große Osterei, das sie im Küchenschrank fand. Sie war froh, daß Paul nichts von all dem gehört hatte. Sicher hätte er sie für kindisch gehalten. Der Professor hatte Paul in sein Zimmer gerufen. Dort übergab er ihm den Anzug und gleichzeitig die Adresse des Schneiders, der ihn ändern sollte. Er wollte Paul ersparen, das Geschenk in Gegen- wart der Zwillinge annehmen zu müssen. Aber Paul war so erfreut, daß er gleich Herbert und Suse sein Osterei zeigte. Professor Winter meinte wieder: »Ein Prachtkerl!« Es gab noch mehr Überraschungen. Außer den süßen Eiern hatte der Osterhase noch für die Zwillinge und für Paul eine Theaterkarte für »Wallenstein« im Stadttheater gebracht. Keiner wollte der Osterhase gewesen sein. Aber die Zwil-, linge waren schlau. Sie wußten, daß der Osterha- se weiße Haare und eine Brille auf der Nase hatte wie die Großmutter. Auch Paul hatte in seiner Tasche Überraschungen mitgebracht; für Suse einen Kaktus und für Herbert eine Taschenlampe. »Herrlich, Mensch!« rief Herbert begeistert. Suse war ganz gerührt. Sicher hatte Paul, um diese Geschenke kaufen zu können, abends trockenes Brot gegessen. Aber jetzt bekam er dafür eine gute Wurst. Ja, wo war denn die hingekommen? Die Zwillinge zogen Paul in den Garten. Herbert aber schaute vergeblich nach der Krawatte und Suse nach ihrer Wurst aus. Kahl stand der Stachelbeerstrauch, keine Krawatte wuchs daran, soviel man ihn auch auseinanderbog und suchte. Die Krawatte mußte jemand anders gefallen haben. Und wo war Suses Wurst? Der war es nicht viel anders ergangen. Auf dem Rosenbeet lag einsam das rosa Seiden- papier. Auch die gute Wurst hatte jemand anders gefallen. – Fragt nur Bubi!, BÖSE ABSICHTEN UND EINE ZERRISSENE HOSE Nirgends kam Suse das Erwachen der Natur so schön vor wie in ihrem Garten. Diesmal hatte sich der Frühling Zeit gelassen, jetzt aber kam er mit Macht. Täglich zauberte er ein neues Wunder hervor. Die silbrigen Blätter der Pappeln glänzten in der Sonne, Baum und Busch öffneten ihre Knospen. Selbst die Kastanienblättchen schauten schon neugierig in die Welt. Eines Morgens stand das Mandelbäumchen im rosenroten Blütenkleid, als wolle es zu einem Fest gehen. Suses Schul- weg dauerte jetzt noch einmal so lang. Sie schau- te, staunte und begeisterte sich immer wieder am Knospen und Grünen. Ihr Zwilling aber schaute nur nach Vogelnestern aus. Die fand er viel interessanter als den Früh- ling, der ja jedes Jahr wiederkehrt. Im Schwalbennest unter dem Dach des Sternen- hauses sperrten schon fünf junge Schwälbchen die hungrigen Schnäbel auf. Die Zwillinge konn- ten von ihrem Balkon aus stundenlang zuschau- en, wie die Alten hin und her flogen, um die Jun- gen zu füttern. Herbert wollte selbst einen so jungen Vogel besitzen, aber ein Singvogel mußte es sein, am besten ein Fink. Der Junge kannte jedes Nest und jede Vogelstimme. »Paß auf, Suse, wenn ich einen Vogel gefangen habe, wie fein ich ihn dann abrichten werde. Der soll viel schöner singen als dein Kanarienvogel.« »Du hast schon lange einen Vogel«, antwortete Suse schlagfertig, denn Herberts Flegel jähre hat- ten auch auf sie abgefärbt., Der Junge nahm so etwas nicht weiter krumm. »Ich baue mir selbst einen Vogelkäfig und…« »Zuerst mußt du den Vogel haben, dann kommt der Käfig«, meinte Suse lachend. »Denkst du, die jungen Vögel werden dir zuliebe aus dem Nest fallen, wenn du darauf wartest?« »Schlimmstenfalls hilft man ein bißchen nach«, meinte Herbert verschmitzt. »Nein, Herbert, das darfst du nicht tun! Nester auszuheben ist gemein und Tierquälerei dazu! Wenn du so etwas machst, sage ich es dem Va- ter!« erregte sich Suse. »Alte Tratschgans! Gerade dir werde ich es auf die Nase binden. Im Frühling fallen oft Vögel, die noch nicht fliegen können, aus dem Nest. Du hast eben keine Ahnung von Vogelkunde.« »Wenn du wirklich ein Tierfreund bist, dann darfst du den Eltern die Jungen nicht wegneh- men. Die lieben ihr Kind genauso wie die Men- schen«, gab Suse ihrem Bruder zu bedenken. »Hör bloß mit deiner Gefühlsduselei auf, Suse. Elternliebe bei Vögeln – der Kuckuck legt seine Eier in fremde Nester!« »Na ja, der ist aber auch der einzige…« Da schlug die Kirchturmuhr dreiviertel acht. Jetzt hieß es aber laufen, um noch pünktlich in die Schule zu kommen. Professors Zwillinge jagten nach verschiedenen Richtungen davon. Der Frühling machte sich auch in der Schule be- merkbar. Die Schüler waren nicht bei der Sache, ihre Gedanken irrten zu Sonnenschein und Vogel- sang. Wer sollte auch an einem so herrlichen Tag Interesse für die alten Römer haben? Wie konnte man aufmerksam Ovid übersetzen, wenn man, ans Fußballspielen und ans Rudern denken muß- te. Der Klassenvorstand Dr. Dense, der mit seiner Klasse bis zur fünften Klasse aufgestiegen war, hatte zum Glück volles Verständnis für seine Jun- gen. Diese hingen auch an ihm wie an einem äl- teren Kameraden. Sie würden für ihren Lehrer durchs Feuer gehen. Wehe dem, der sich gegen Dr. Dense flegelhaft benahm. Er wurde von der ganzen Klasse von allen Sportveranstaltungen ausgeschlossen. Das traf den Missetäter meistens mehr als eine Strafe des Lehrers. Musterknaben waren sie alle nicht. So wie Herbert Winter waren auch seine Kameraden in den Flegeljahren und für jeden dummen Streich zu haben. Trotzdem waren sie aufgeweckte Schüler, an denen man seine Freude haben konnte. Das meinte auch der Lehrer, obwohl der Ovid heute nicht fehlerfrei übersetzt wurde. »Weiter, Weber«, rief der Lehrer, da er sah, daß Weber unter dem Tisch mit etwas anderem be- schäftigt war. Der blasse Weber wurde rot bis zu den semmelblonden Haaren. Schnell versuchte er etwas unter dem Tisch zu verbergen und griff hastig nach dem Lateinbuch. Man sah, daß er keine Ahnung hatte, wo der letzte stehengeblie- ben war. »Sauerteig, zeigen Sie dem Weber, wo es weiter- geht«, wandte sich der Lehrer an dessen Nach- barn. Aber auch Sauerteig bekam einen roten Kopf. Auch er stand da, ohne zu wissen, wo man anfangen mußte. »Setzen! Ich will nicht wissen, was ihr beide da für Dummheiten getrieben habt. Es ist Sache der, Klasse, das herauszubekommen. Klassensprecher Schmidt soll das untersuchen und für Ordnung sorgen. So, nun übersetzen Sie einmal weiter, Winter.« Herbert schnellte empor. Er war es noch gar nicht, gewöhnt, daß Dr. Dense jetzt Sie zu ihnen sagte. Eigentlich war das Du netter gewesen. »Wo waren wir denn stehengeblieben?« erkun- digte sich Herbert. »Gerade das will ich von Ihnen wissen. Haben Sie etwa geschlafen, Winter?« »Geschlafen nicht – aber – « »Aber nicht aufgepaßt. Menschenskind, in der Pause habt ihr Zeit genug, an euren Sport zu denken – euer Fußballmatch ist bestimmt viel interessanter als der Ovid! Aber wir sind in der Schule und müssen zusammen lernen. Wir sind auf Seite 27, letzter Absatz, Winter.« Doch Herbert begann noch immer nicht. »Ich ha- be überhaupt nicht an das Fußballmatch ge- dacht«, verteidigte er sich. »Na, dann an die nächste Wanderung oder ans Tennisturnier, stimmt’s, Winter?« »Aber nein!« piepste Herbert. »Also meinetwegen an Würstchen und Bier. Aber nun weiter, Winter – dalli – dalli –!« drängte Dr. Dense. Herbert begann zu lesen und zu übersetzen. Es klappte tadellos. Da Herbert während seines Auf- enthaltes in Italien gut italienisch sprechen ge- lernt hatte, fiel ihm Latein leicht. Dr. Dense schrieb eine gute Note in seinen Katalog. Nach- dem Herbert mit dem Übersetzen fertig war, flo- gen seine Gedanken wieder dem Frühling zu. Heimlich beobachtete er die frechen Spatzen, die zwischen dem Dach und der Linde im Schulhof hin und her flogen. Er mußte sich einen Vogel fangen. Aber einen Spatzen wollte er nicht. Sperlinge waren gemein,, dreist und frech. Er wollte einen Fink oder ein Rotkehlchen. Oh, er würde schon ein Nest ausfin- dig machen. Er hatte ja scharfe Augen. Suses Worte fielen ihm wieder ein. Blödsinn – was wuß- te Suse schon von der Zoologie. Mädchen denken nicht, sondern fühlen nur. »Du, Krause, wie würdest du es anstellen, wenn du einen Vogel fangen willst?« erkundigte sich Herbert auf dem Heimweg von der Schule bei seinem Freund. Denn wenn ihn etwas beschäftig- te, kam er nicht davon los. »Ich würde ihm Salz auf den Schwanz streuen«, lachte der. »Sei nicht so blöd, Hans. Kann man mit dir nie ernst reden?« Hans Krause, ein hübscher, blonder Junge, dach- te nach. »Nun ja, dann würde ich mir einen Vogel zum Geburtstag oder zu Weihnachten wün- schen.« »Schafskopf, dazu brauch’ ich dich nicht.« »So kauf dir doch selber einen«, schlug Hans un- freundlich vor. »Kommst du heute nachmittag zum Fußballmatch, Herbert?« »Ich weiß es noch nicht. Ich möchte lieber einen Vogel fangen.« »Mensch, hör auf mit deinem Vogel – bei dir piepst es ja!« Hans Krause tippte dem Kamera- den gegen die Stirn. Für Herbert war das eine Aufforderung zum Bo- xen. Beide warfen ihre Schultaschen zur Seite und gingen aufeinander los. Nach sechs Stunden Unterricht will man sich austoben. »Gib’s ihm, Krause, fest!« »Los, Winter, schlag zu – fester – der Winter ge-, winnt – nein – bum – das war ein Schlag – Krau- se ist besser – nicht gegen den Bauch – au – der ist gesessen!« Im Nu hatte sich ein Ring von Schülern um die Boxer gebildet. Die kämpften nach allen Regeln der Kunst, nicht, als ob sie die besten Freunde wären. »Bravo, Winter – der Leberhaken war sauber!« schrien die Zuschauer. »Au, Winter – das war gemein!« riefen die Freunde Krauses. »Leberhaken ist nicht erlaubt, das ist gemein. Tut’s sehr weh, Krause?« Der hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Sei- te; er hatte Tränen in den Augen. Schnell wandte er sich ab, denn ein Junge darf nicht weinen, wenn es auch noch so weh tut. Der Boxkampf war zu Ende. Erhitzt griffen die beiden Kampfhähne nach ihren Schultaschen. Herbert reichte seinem Gegner die Hand, als ob weiter nichts geschehen sei. »Wiedersehen, Krause.« – »Wiedersehen, Winter.« Der Box- kampf hatte der Freundschaft nicht geschadet. Am Nachmittag zog Herbert mit seinem großen Lederball zum Spielplatz. Suse arbeitete daheim im Garten. Bubi wäre gerne bei Suse geblieben, er war schon etwas bequem. Aber ein Pfiff seines jungen Herrn brachte ihn auf Trab. Die Vögel zwitscherten in den Zweigen. Herberts Wunsch nach einem Vogel wurde dadurch um so stärker. Halt – das war ein Fink. Herbert spitzte seine Oh- ren; ganz bestimmt, dieses Schlagen kannte er. Er blieb stehen und schaute in die Zweige der Buche. Aber er konnte das Nest nicht entdecken. So legte er sich ins Gras und beobachtete den, Baum. Bubi legte sich müde neben ihn. Mochten die anderen ohne ihn Fußball spielen. Herbert war es viel wichtiger, einen Vogel zu fangen. Lange lag Herbert unter dem Baum, ohne daß sich etwas bewegte. Aber er kannte keine Lan- geweile. Neben ihm krochen Käfer, schleppten Ameisen ihre Eier; um ihn brummten Fliegen und surrten verschiedene Insekten. Er beobachtete sie mit regem Interesse. In den Wipfeln der Bäume jubilierte ein ganzes Vogelorchester. Horch – das war das langgezogene Flöten eines Pirols, und jetzt schlug eine Amsel. Da saß sie ja, groß und schwarz, und blickte auf den Jungen und seinen vierbeinigen Begleiter herunter. Wo aber war der Fink? So sehr sich auch Herbert bemühte, er konnte weder den Vogel noch sein Nest entdecken. Herbert dachte nach, wie er am besten zu seinem Fink kommen könnte. Sollte er ein Netz oder eine Leimrute verwenden? Aber zuerst mußte er zu- mindest einen Fink sehen, ehe er ihn fangen konnte. Es war zu dumm. Wäre es nicht besser, er gäbe die ganze Sache auf und ginge zum Fußballspiel? Er zögerte aber nur eine Sekunde, dann wies er diesen Gedanken weit von sich. Was er sich ein- mal in den Kopf gesetzt hatte, das mußte er auch durchführen. Eine kleine Fliege umschwirrte seinen Kopf. Her- bert verfolgte sie mit seinen Augen. Ein bunter Vogel flog aus der Nachbarbuche, und ver- schwunden war die Fliege. »Hurra – ein Fink!« schrie Herbert und schlug sich gleich darauf erschreckt auf den Mund. Er, konnte ja den Fink damit verscheuchen, oder er lockte Spaziergänger an. Beides war gleich schlimm. Bubi sprang auf und begann laut zu bel- len. Jetzt kam der Fink bestimmt nicht wieder. Wenn er doch bloß den Hund zu Hause gelassen hätte! »Ruhig, Bubi, kusch! Ganz ruhig!« flüsterte Her- bert und legte den Finger auf den Mund. Der klu- ge Hund verstand seinen Herrn. Beide saßen da und horchten angespannt. Es war mucksmäu- schenstill. Sie ließen die Nachbarbuche nicht aus den Augen. Da – der Fink schlug aufs neue – ganz deutlich – und dann flog er davon in die blaue Luft. Bubi kläffte ihm wütend nach. »Still, dummer Hund!« Aber Bubi hörte nicht mehr. Er umkreiste wie besessen die Buche und machte einen Höllenlärm. Es war ein herrlicher, alter Baum. Seine Äste waren breit ausladend und weit verzweigt. Hatte der Buchfink da oben irgendwo sein Nest? Oder hatte er sich auf dem Baum nur ein wenig ausgeruht? Eins, zwei, drei, warf Herbert die Jacke in das Gras und schwupp – saß er bereits am untersten Ast. Er war ein guter Turner und konnte daher ohne Schwierigkeiten auf den Baum klettern. Bu- bi gebärdete sich wie verrückt. Er wollte auch hinauf. Immer wieder sprang er gegen den Baumstamm. Inzwischen schwang sich Herbert von Ast zu Ast. Immer höher stieg er hinauf. Es schwirrte um ihn herum. Tausende von Insekten bevölkerten die alte Buche. Je höher Herbert stieg, um so schwieriger wurde es. Angstvoll flat- terte der eine oder andere Vogel davon, den er aufgescheucht hatte., Ganz oben, fast schon im Wipfel, entdeckte Her- bert schließlich das gesuchte Nest. Auch er war bereits entdeckt worden. Die Vogel- mutter blickte ihn ängstlich an. Ihre Flügel waren über das Nest gebreitet, sie brütete auf ihren Ei- ern und wollte sie nicht im Stich lassen. Sonst wäre sie schon längst davongeflogen. Sollte er das Finkenweibchen fangen? Blitzschnell überlegte der Junge. Nein, Weibchen singen nicht, nur die Männchen. Er wollte lieber warten, bis die Jungen ausgeschlüpft waren. Dann war es ja leicht, das Nest auszuheben. »Also zurück, zurück, Don Rodrigo, zurück, zu- rück, stolzer Cid!« deklamierte Herbert und be- gann den Abstieg. In den Zweigen knackte es bedenklich, auch Her- berts Hosennaht krachte. Aber das durfte ihn nicht stören, er mußte hinunter. Das Finkenweibchen piepste erleichtert, als Her- bert verschwand. Er rutschte an dem glatten, grauen Buchenstamm hinunter – und dann stand er da – mit zerrissener Hose! Voll Freude um- sprang ihn Bubi, als ob er von einer weiten Reise glücklich heimgekehrt sei. »Hör mit dem blöden Bellen auf, dummer Hund!« Aber Bubi ließ sich nicht stören und kläffte um so lauter weiter. Er hatte doch Charakter! Herbert schielte auf seine geplatzte Hosennaht. Wie kam er jetzt nach Hause? Zum Fußballspielen war es sowieso zu spät geworden, und so konnte er sich auch nicht sehen lassen. Wäre nur Suse dagewesen. Sie hatte immer Näh- zeug in ihrer Tasche. Aber der Vater sagte ja stets von ihm, Herbert sei findig wie ein Polizei-, hund. Er würde auch diesmal Rat wissen. Da erblickte Herbert seinen Fußball im Gras. Und schon wußte er einen Ausweg. Wie jeder richtige Junge hatte er ein Stück Schnur in der Hosenta- sche. Damit hängte er sich den Lederball vor sei- ne zerrissene Kehrseite. Er sah damit schon ein bißchen komisch aus und mußte auf Umwegen nach Hause pirschen. Aber zuerst wollte er sich noch die Buche mit dem Finkennest merken. Es war schwierig, denn ein Baum sah wie der andere aus. Da zog Herbert sein Taschenmesser und ritzte ein großes H in die silbergraue Rinde. So, nun würde er das Finken- nest wiederfinden. Über einen Seitenweg kam Herbert zur Haupt- straße. Bubi trottete gemächlich hinter seinem Herrn. Doch plötzlich hob er seine schwarze Nase und witterte. Dann stieß er ein kurzes Gebell aus und schoß wie ein Pfeil davon. Was hatte der Köter? Hoffentlich kam kein Be- kannter. Herbert blieb stehen. Er wollte nicht, daß ihn je- mand mit seiner geplatzten Hose sah. Aber da rief schon eine Mädchenstimme, die ihm bekannt vorkam: »Herbert – Herbert – wo bist du?« Auf einmal erklang es dreistimmig: »Herbert – Her- bert –!« Es waren Suse und ihre Freundinnen. Himmel, was sollte er tun? Er wollte ihnen mit der zerrissenen Hose nicht begegnen. Aber es half nichts, Bubi hatte ihn bereits verraten. In die beiden »Martinsgänse« eingehängt kam ihm Suse entgegen. »Na, wo kommt ihr denn her?« fragte Herbert nicht gerade begeistert. Guten Tag zu sagen oder, ihnen die Hand zu geben, fand er Suses Freun- dinnen gegenüber nicht nötig. Suse war über sein Benehmen wieder einmal verärgert: »Warum nimmst du nicht die Kappe herunter, hast du Vögel unter ihr?« fragte sie. Herbert war über diese Bemerkung verärgert und wurde rot. »Blöde Rederei!« sagte er noch unhöflicher. »Was habt ihr denn hier zu suchen?« »Na, erlaube einmal«, begehrte da Helga Martin auf, »das ist ein öffentlicher Park. Daher hat je- der das Recht, hier spazierenzugehen.« »Ich denke, du wolltest zum Fußballmatch«, be- gann Suse wieder. Herbert zuckte die Achsel. Das sah sie ja, daß er nicht dort war. Wenn er die drei Mädchen nur schon angebracht hätte! »Warum hast du denn deinen Fußball hinten an- gehängt?« Und damit war die gefürchtete Frage gefallen. »Weil ich ihn nicht tragen will – laßt euch nur durch mich nicht aufhalten, ihr könnt ruhig wie- der weitergehen«, drängte er. Aber Suse kam die Sache nicht geheuer vor. Da stimmte etwas nicht. Sie kannte ja ihren Zwilling. Ein Gedanke durchblitzte sie. »Herbert, du hast doch nicht – « Sie riß ihm seine Kappe vom Kopf, um zu sehen, ob er etwa wirklich einen Vogel darunter habe. »Dummes Ding, was fällt dir ein?« Empört nahm Herbert Kampfstellung ein. Dabei löste sich der Bindfaden, mit der der Lederball an seiner Hinter- seite befestigt war. »Herbert, du hast ja deine Hose zerrissen«, riefen, Helga und Inge Martin lachend. Das war zuviel. Die beiden Mädchen, die er im stillen verehrte, machten sich jetzt über ihn lu- stig. Darüber vergaß Herbert sogar das Boxen. »Blöde Gänse!« knurrte er, packte den Ball und verzog sich wie ein Krebs in die Büsche. »Bleib doch da, Herbert«, rief Suse gutmütig, »ich habe Nadel und Zwirn bei mir, ich nähe sie dir – « Aber Herbert hörte seine Schwester nicht mehr. Sobald er in den Büschen verschwunden war, gab er Fersengeld. Bubi konnte ihn kaum einholen. Das Lachen der drei Mädchen klang hinter ihm her., DER VOGELDIEB Herbert konnte das spöttische Lachen der Mar- tinsgänse über seine zerrissene Hose nicht so schnell vergessen. Seine Mutter allerdings lachte nicht darüber. Sie mußte die Hose ja wieder flik- ken. Und so hatte Herbert einige Zeit vom Vogel- fangen genug. Aber bald hatte er das Mißgeschick wieder vergessen. Es ließ ihm keine Ruhe. Er mußte doch nachsehen, ob die kleinen Finken schon aus den Eiern geschlüpft waren. Diesmal ließ er Bubi zu Hause. Dafür nahm er eine kleine Schachtel mit, die er mit Blättern auslegte, und in die er Luftlöcher bohrte. »Willst du Maikäfer fangen?« erkundigte sich sei- ne Schwester neugierig. »Ja«, brummte er, denn er schwindelte nicht gerne. »Dazu bist du doch viel zu groß – ein Schüler, zu dem man Sie sagt!« zog sie ihn auf. »Das geht dich nichts an.« Er drehte sich um und ließ seine Schwester stehen. Er forderte sie nicht einmal auf, mitzukommen. Aber das war Suse von ihrem Bruder schon gewohnt. Sie waren nicht mehr so unzertrennlich wie in den Kindertagen. Nach einiger Zeit hatte Herbert die Buche mit dem eingeritzten H gefunden. Er legte sich wieder in das Gras auf die Lauer und beobachtete den Wipfel des Baumes. Er wußte ja, wo sich das Nest befand. Allzulang brauchte er nicht zu warten. In dem saftiggrünen Buchenwipfel flogen die Vö- gel ein und aus. Da sah er den Finken. Mit hellem Gezwitscher schwang sich der Vogel in die Luft. Jetzt hörte er noch einen Fink schlagen und, gleich darauf flog auch dieser davon. Das war sicher das Weibchen. Wenn es das Nest verließ, mußten die Eier bereits ausgebrütet sein. Die Al- ten schaffen jetzt Nahrung herbei für die junge Brut, überlegte Herbert. Die Gelegenheit war günstig. Aber es dämmerte bereits. Schnell vergewisserte sich Herbert noch, ob nicht ein Wächter in der Nähe sei. Denn wenn er er- wischt wurde, ging es ihm an den Kragen. Aber da die Luft rein war, schwang er sich geschickt in die grünen Buchenzweige hinauf. Diesmal hatte er vorsichtshalber seine Lederhose angezogen. Wieder flogen die Vögel erschreckt aus der Baumkrone. Behutsam näherte er sich dem Fin- kennest. Fünf junge Finklein drängten sich darin zusam- men. Sie sperrten die Schnäbel auf und ließen ein, zartes »Piep« hören. Rasch, ehe die Alten zu- rückkamen – jetzt oder nie mußte er sie nehmen! Ein Griff – da hatte der Schlingel zwei flaumige Finklein in der Hand. Er steckte sie in die vorbe- reitete Schachtel und kletterte eiligst den Baum hinunter. Aber kaum hatte er wieder festen Boden unter sich, da hörte er ein jämmerliches Piepsen über sich. Die Vogelmutter war zurückgekehrt und vermißte zwei von ihren Kindern. »Sie hat ja noch drei«, beruhigte Herbert sein Gewissen. Er nahm die Schachtel mit den ängst- lich piepsenden Jungen unter den Arm und lief davon, so rasch er nur konnte. Aber schneller als er war die Finkenmutter. Sie verfolgte den Räuber mit kläglichem Gezwitscher. Bis ins Sternenhaus flog sie ihm nach. Vielleicht ließ er sich doch erweichen und gab ihr die ge- raubten Kleinen zurück. Was wußte eine Vogel- mutter von den unbarmherzigen Wünschen eines neugierigen Jungen! Herbert schmiedete großartige Pläne. Er wollte einen großen Vogelbauer in seinem Zimmer auf- stellen. Die jungen Finken sollten die ersten Vö- gel darin sein. Dann konnte er ornithologische Studien betreiben! Inzwischen hatte Herbert einen kleinen Holzkäfig bereitgestellt. Suses Mätzchen hatte darin seine Reise von Berlin nach Göttingen gemacht. Her- bert hatte den Käfig in der Bodenkammer gefun- den. Zwei Malschüsselchen stellte er mit frischem Wasser hinein. Die Finkenzwillinge würden sich bei ihm schon wohlfühlen. Er hatte ja Tiere so gern., Aber als er jetzt die Schachtel öffnete, sahen die beiden Gefangenen sehr traurig aus. Sie hatten noch kaum Federn und piepsten so schwach und elend, daß es einen Stein erbarmen konnte! Herbert streichelte sie, um sie zu beruhigen, trug sie im Zimmer umher und schaukelte sie wie eine Kinderfrau ein weinendes Baby. Aber die Vogel- kinder wollten nicht aufhören zu klagen. Plötzlich waren sie still. Vom Balkon hörte man ein beruhigendes Piepsen. Die Kleinen hatten die Stimme der Mutter erkannt. Zwischen Winden und Kressen, die in den Blumenkästen wuchsen, saß die Vogelmutter. Hoffentlich geschah ihren Jungen kein Leid. »Suse – Suse – komm schnell her«, rief Herbert ins Nebenzimmer. »Schau, was es hier zu sehen gibt.« »Nein«, rief Suse, die gerade einen kleinen Kak- tus umtopfte, »für deine Viecher habe ich nichts übrig.« »Aber das ist hier wirklich toll, Suse – ich habe zwei kleine Finken – Zwillinge – dort sitzt die Frau Mama.« Suse kam eilig ins Zimmer. Herbert zeigte la- chend auf die Finkenmutter, die noch immer zum Fenster hereinpiepste. Suse brauchte nur einen Blick auf die jungen Fin- ken im engen Holzkäfig zu werfen und schon hat- te sie die Geschichte durchschaut. »Pfui!« rief sie empört. »Pfui, Herbert, das ist eine Gemeinheit! Du hast der armen Vogelmutter ihre Kinder weg- genommen. Gleich trägst du sie wieder in das Nest zurück, aus dem du sie gestohlen hast.«, Herbert sah ganz betroffen auf seine Zwillings- schwester. Daß sie so energisch mit ihm sein konnte, wo er doch zwei Stunden älter war als sie. Na, Suse konnte lange reden. Er dachte gar nicht daran. Wozu hätte er sich sonst so bemüht? »Ich kann das traurige Piepsen der armen Mutter gar nicht mehr hören.« Suse hielt sich beide Oh- ren zu. »Herbert, sei lieb, gib ihr doch ihre Jun- gen zurück.« Sie versuchte es jetzt mit Bitten. »Hör nur, wie die Vogelmutter klagt und dich da- bei vorwurfsvoll ansieht.« »Aber Blödsinn – sie schaut mich überhaupt nicht an. Sie hat nur Augen für ihre Jungen. Du hast wieder einmal sentimentale Anwandlungen, Suse. Wenn meine beiden Buchfinken erst richtig schla- gen werden, wirst du dich schon darüber freuen.« »So, und ich sage es jetzt den Eltern, dann mußt du die Vögel freilassen«, drohte die Schwester. »Tu, was du nicht lassen kannst. Aber du wirst heute wenig Glück dabei haben, denn Vater und Mutter sind in ein Konzert gegangen«, lachte sie ihr Bruder aus. Richtig, daran hatte Suse nicht gedacht. Sollte sie zu ihrer Großmutter gehen? Herbert hatte die alte Dame sehr lieb und würde sie sicher nicht krän- ken wollen. Aber die Großmutter war in letzter Zeit etwas kränklich. Der Arzt hatte ihr Ruhe ver- ordnet. Nein, die liebe Omama wollte sie nicht auch noch aufregen. Als die Zwillinge zu Bett gingen, schliefen die kleinen Finken auch schon. Aber ihre Mutter schlief nicht. Sie kam bis auf das Fensterbrett geflattert und piepste kläglich in der Nacht. Herbert, der sonst bei offenem Fenster schlief,, schlug die Fensterflügel zu. Ekelhaft, das Ge- piepse, wer sollte denn dabei schlafen können? Er stopfte sich die Deckenzipfel in die Ohren. Aber trotzdem konnte er nicht einschlafen. Immer wieder hörte er die jammervollen Töne vor sei- nem Fenster. Endlich war er eingeschlafen. Doch wer kam da auf ihn zu, als er gerade vom Baum steigen wollte? Es war der Parkwächter. Der packte ihn und sperrte ihn in ein Gefängnis. Vor dem vergitterten Fenster stand seine Mutter und weinte – ach nein, es war die Finkenmutter, die noch immer keine Ruhe gab. Herbert hatte einen unangenehmen Traum. Ob eine Vogelmutter sich um ihre Kinder auch so sorgt wie eine Menschenmutter? Sicher, sonst würde sie nicht die ganze Nacht hier auf seinem Fensterbrett sitzen und klagen. Herberts Gewis- sen erwachte. »Ich werde morgen früh einem von den Kleinen die Freiheit schenken, ich werde ihr einen Vogel zurückgeben. Aber den anderen be- halte ich mir«, überlegte er und schlief dann end- lich fest ein. Suse fand auch keine Ruhe. Jedes »Piep« der jammernden Finkenmutter schnitt ihr ins Herz. Sie wollte ihren Bruder bei den Eltern nicht verra- ten. Sollte sie sich an Paul wenden? Der hatte ein gutes Herz und konnte Herbert beeinflussen. Aber inzwischen würde die arme Finkenmutter vor Kummer sterben. Nein, sie mußte selbst han- deln, sie war fest entschlossen dazu. Als es dämmerte, stand Suse leise auf. Auf Ze- henspitzen schlich sie in das Nebenzimmer, in dem Herbert schlief. Gott sei Dank war er nicht wach geworden!, Das Mädchen hob den kleinen Käfig vorsichtig in die Höhe. Wenn die Finken nur nicht flatterten, sonst ließ sie womöglich noch den Käfig fallen! Nein, die beiden rührten sich überhaupt nicht, und Suse kam gut auf den Balkon. Ängstlich flatterte die Finkenmutter auf, als sie Suse kommen sah. Beinahe hätte das Mädchen vor Schreck den Käfig fallen lassen. Aufgeregt flog das Weibchen hin und her. Was würde mit ihren Kleinen geschehen? Suse stellte den Käfig zwischen die Winden und Kressen und öffnete das Türchen. Gespannt beo- bachtete sie die Vogelmutter. Diese kam immer näher heran und hatte bald das offene Türchen entdeckt. Vorsichtig steckte sie den Kopf in den Käfig und piepte ihren Kindern zärtlich zu. Dann streichelte sie die beiden liebevoll mit ihrem Schnabel und flog schließlich davon. Bald kehrte sie wieder und brachte Futter mit. Suse freute sich über das dankbare Piepsen der glücklichen Finkenmutter. Warum flogen die Kleinen nicht mit ihrer Mutter fort? Himmel, sie können ja noch gar nicht flie- gen! Sie waren ja noch so klein und noch gar nicht flügge. Was sollte sie tun? Jetzt war guter Rat teuer! Wenn Herbert nur die glückliche Finkenmutter sehen könnte! Er würde sicher auch gerührt sein so wie Suse. So hartherzig konnte er gar nicht sein und – Suse blickte zur Balkontür, die in Her- berts Zimmer führte. Da sah sie sein verschlafe- nes Gesicht hinter der Fensterscheibe. Herbert war aufgewacht und hatte alles beobachtet. »Herbert, lieber Herbert, schau doch nur, wie lieb, die Vogelkinder mit ihrer Mutter sind. Sei mir nicht böse, aber ich konnte den Jammer nicht länger ertragen. Komm, wir ziehen uns an und tragen die Jungen zu ihrem Nest zurück.« Suse blickte ihren Bruder bittend an. »Ich hätte sie sowieso zurückgebracht, denn bei diesem Gepiepse kann kein Mensch schlafen«, brummte Herbert. Er wollte Suse nicht zeigen, daß er auch Mitleid mit den Tieren hatte. Daß er zuerst eines der Jungen behalten wollte, hatte er längst vergessen. Die Zwillinge zogen sich an und verließen heim- lich mit dem Vogelkäfig das Haus. Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Wieder erklang angstvol- les Piepsen über ihnen in der Luft. Die Finken- mutter traute dem Frieden noch nicht recht. Bald hatten die zwei die Buche mit dem einge- schnittenen H erreicht. Sie öffneten den Käfig und legten die Finkenjungen ins weiche Moos. Sogleich kam die Vogelmutter herbeigeflattert. Sie schnäbelte mit ihren Kleinen und versuchte eines mit dem Schnabel zu fassen, um mit ihm ins Nest zurückzufliegen. Aber die Mühe war ver- geblich. Obwohl das Vogelkind so klein war, war es ihr doch zu schwer. Es half nichts, Herbert mußte wieder auf den Baum steigen. Er legte die geraubten Jungen wohlbehalten in das Nest ihrer Eltern. Die Zwillinge aber liefen glücklich nach Hause. Hinter ihnen erklang jubelnder Finkenschlag.,

PROFESSORENKINDER

In der fünften Klasse des Mädchen- Realgymnasiums wurden die Aufsätze zurückge- geben. Jedes Mädchenherz klopfte bang. Man wußte ja nicht, ob einem der Aufsatz gut gelun- gen war. Meistens gab es ohnehin gute Noten. Es dauerte immer eine Ewigkeit, bis das eigene Heft an die Reihe kam. Trotzdem wünschten sich die Schülerinnen, daß ihre Hefte bei den letzten wa- ren, denn Professor Werner gab gewöhnlich zu- erst die schlechten Arbeiten zurück. Professor Werner wurde von seinen Schülerinnen sehr verehrt. Er verstand es, das Interesse der jungen Mädchen an einem Aufsatz zu wecken. Die Themen, die er stellte, waren meist aus dem Leben genommen. Die Schülerinnen sollten sich ein eigenes Urteil bilden und es dann auch be- gründen. Professor Werner erzog seine Klasse zum selbständigen Denken. »Was mir an unserer Schule nicht gefällt, und wie ich den Lehrplan verbessern würde« war das Thema des letzten Aufsatzes gewesen. Zuerst wußten die Mädchen nicht, was sie schreiben soll- ten. Sie trauten sich nicht recht, ihre Meinung zu sagen. Es ist immerhin etwas peinlich und oft auch nicht sehr klug, seine Schule und die Lehrer öffentlich zu kritisieren. Untereinander tat man es natürlich ohne Scheu. Aber Professor Werner kannte seine Schülerinnen. »Schreibt nur frei von der Leber weg«, hatte er zu den Mädchen gesagt. »Es liegt mir daran, einmal eure Ansicht über unsere Schule zu hören. Eine ehrliche Kritik ist immer nützlich, nur müßt, ihr auch gleich Vorschläge machen, wie man die Dinge ändern kann.« In den Aufsätzen gab es allerdings merkwürdige Vorschläge. Die faulsten Schülerinnen meinten, daß viel zu wenig Ferien seien im Vergleich zu der Arbeitszeit des ganzen Jahres. Das sei nicht gerecht. Sie verlangten, daß die Hälfte des Jahres Ferien und die andere Hälfte Unterricht sein sollte. Professor Werner erklärte den jungen Faulpelzen, daß jede Klasse ein bestimmtes Lehrziel vorge- schrieben habe. Dieses Ziel müsse man errei- chen, um in die nächsthöhere Klasse aufsteigen zu können. Wie sollte man das in einem halben Jahr schaffen? »Gerade ihr habt jede Deutsch- stunde bitter nötig«, meinte er. »Seht euch eure Aufsätze an! Sie strotzen nur so von Rechtschrei- bund Satzzeichenfehlern. Vom Inhalt der Aufsät- ze will ich lieber gar nicht sprechen! Wie wollt ihr bei noch geringerer Stundenanzahl euer Lehrziel erreichen und das Abitur machen?« Der Professor griff nach dem nächsten Heft. Suse Winter, die neben ihrer Freundin Inge saß, drück- te deren Hand vor lauter Aufregung. Suses Hand war eiskalt. »Paß auf, jetzt komm ich dran. Ich habe sicher eine schlechte Note«, flüsterte sie aufgeregt. Aber es war das Heft einer anderen Schülerin – Gott sei Dank! »Wir kommen jetzt zu einem Mädchen, das gerne lang schläft«, Professor Werner blätterte das Heft durch. »Elisabeth Müller kritisiert an unserer Schule, daß der Unterricht so zeitig in der Früh beginnt. Können Sie denn so schwer aufstehen,, Elisabeth?« »Nein, ich stehe immer schon um sechs Uhr auf«, erwiderte Elisabeth, die ganz rot geworden war. »Was? Sie brauchen so lange zum Anziehen? Oder frühstücken Sie so lang?« scherzte der Leh- rer. Die Klasse lachte. Elisabeth war rot geworden. »Ich muß vor der Schule meine kleinen Geschwi- ster anziehen und einkaufen gehen«, sagte sie leise. »Meine Mutter ist krank, und eine Hausge- hilfin können wir uns nicht leisten!« Da reichte Professor Werner der Schülerin aner- kennend die Hand. »Ja, Elisabeth, dann sind Sie doch keine Langschläferin, sondern viel fleißiger als wir alle zusammen. Hoffentlich geht es Ihrer Mutter bald wieder besser. Ihr Aufsatz ist eine gute Arbeit, bis auf ein paar Flüchtigkeitsfehler. Aber daran sind wohl Ihre Hausfrauenpflichten schuld.« Professor Werner wollte nämlich nicht nur wissen, was seine Schülerinnen können, er wollte ihnen auch helfen, wenn sie zu Hause in Schwierigkeiten gekommen waren. Mehrere Schülerinnen hatten vorgeschlagen, die Zeugnisse abzuschaffen, weil man dadurch nur Aufregung und Ärger habe. Der Professor lachte herzlich. »Das sind natürlich die, die die ›besten‹ Zeugnisse nach Hause brin- gen. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag: Lernen Sie, was man von Ihnen verlangt und er- füllen Sie Ihre Pflicht. Dann brauchen Sie sich nicht mehr aufzuregen und zu ärgern, im Gegen- teil, Sie werden sich freuen, wenn die Zeugnisse kommen. Probieren Sie das einmal!« Suses Aufsatz war noch immer nicht an der Rei-, he. Gehörte er zu den guten, oder war er so schlecht, daß Professor Werner ihn als letzten hergab? Das war natürlich auch schon vorge- kommen. Suse war so bescheiden, daß sie nur an eine schlechte Note dachte. Jetzt bekam Helga Martin ihr Heft zurück. Der Professor sah die Schülerin prüfend an. »Helga, Ihnen ist der Sport so wichtig, daß er sogar in Ihrem Aufsatz die erste Rolle spielt. Sie schrei- ben, man sollte die Anzahl der Unterrichtsstun- den in allen Lehrfächern kürzen und dafür mehr Turnstunden einsetzen. Ich glaube, an unserer Schule wird genug Sport betrieben. Wir haben Turnen, Gymnastik, Schwimmen, im Winter Eis- laufen und Schikurse. Außerdem geht ihr fast alle Tennis spielen oder segeln. Ist euch das noch immer nicht genug? Dazu kommen noch die Ausflüge außerhalb der Schule. Sie schlagen vor, Helga, die Hausaufga- ben abzuschaffen und den ganzen Lehrstoff und alle Übungen in der Schule zu erledigen, damit Sie den Nachmittag für den Sport frei haben. Nein, mein Kind, das geht wirklich nicht, und au- ßerdem soll man den Sport nicht übertreiben. Beim Sport sollten Sie sich von der geistigen Ar- beit entspannen und erholen. Die Hausaufgaben sind nun einmal notwendig. Wenn Sie sich den Nachmittag vernünftig einteilen, wird Ihnen ge- nug Zeit für Sport übrigbleiben. Ich selbst habe sehr viel für ihn übrig, aber zuerst muß man sei- ne Pflicht erfüllen!« Helga warf zornig ihren Kopf zurück. Sie ärgerte sich, daß ihr der Lehrer vor der ganzen Klasse eine Moralpredigt gehalten hatte. Sie war so er-, regt, daß sie ganz dunkle Augen hatte, als sie ihr Heft zurückbekam. Früher war Helga eine sehr gute Schülerin gewesen. Jetzt aber war sie so für den Sport begeistert, daß ihre Leistungen in der Schule sehr nachgelassen hatten, weil sie einfach keine Zeit mehr für das Lernen hatte. Ihr »Sport- fimmel«, wie es in der Klasse hieß, war allgemein bekannt. Professor Werner besprach nun andere Hefte. »Eine Reihe von euch ist dafür, daß die Schular- beiten und die Prüfungen abgeschafft werden. Man wird dabei nur nervös, so schreibt ihr, und man leistet weniger, als wenn man zu Hause in Ruhe arbeiten kann. Nein, Kinder, das geht nicht! Nur bei einer Schularbeit oder einer mündlichen Prüfung kann der Lehrer feststellen, was der Schüler weiß oder nicht weiß. Daheim habt ihr so viele Hilfen, zweibeinige und gedruckte, von de- nen ihr euch Rat holen könnt. Ihr sollt nicht ner- vös sein, auch dann nicht, wenn Schularbeit ist. Hier kann euch der Sport im Freien helfen, kräfti- ge Nerven zu bekommen, die sich auch durch eine Schularbeit nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Sehen Sie, Helga, jetzt kommt auch Ihr Sport zu seinem Recht. Ihr sollt euch daran gewöhnen, in jeder Lebenslage überlegen und kaltblütig zu bleiben, dazu erzieht euch die Schularbeit und die Prüfung.« Die Hefte wurden verteilt. Die Mädchen strahlten, denn es waren die Aufsätze, die die Noten zwei erhalten hatten. Professor Werner beurteilte die Schularbeiten immer ziemlich streng. Eine Arbeit, auf die man »gut« bekam, war wirklich gut. Suse Winter und Inge Martin waren noch immer, nicht dabei. Die beiden Freundinnen hielten sich aufgeregt an den Händen. Was war nur mit ihren Heften los? Es lagen nur noch wenige Schularbei- ten auf dem Lehrertisch. »Suse Winter«, rief Professor Werner. Suse sprang auf, sie fühlte ihr Herz bis in den Hals klopfen. Der Lehrer schlug das Heft auf. »Natürlich, Suse, unser Angsthase! Suse Winter gehört zu den Schülerinnen, die die Reifeprüfung abschaffen wollen. Sie fürchtet, daß sie vor Aufregung nicht weiß, was sie sagt, und daß sie das, was sie weiß, auch noch vergißt. Gerade das sollen Sie nicht, Suse. Was ich vorhin von den Schularbeiten und mündlichen Prüfungen gesagt habe, das gilt auch für die Reifeprüfung. In jeder Lebenslage muß man kaltblütig sein und ruhig überlegen! Wenn man etwas gelernt hat, braucht man keine Angst zu haben. Sie schreiben dann weiter: die Ab- schlußprüfung wäre eigentlich gar nicht nötig, da die Lehrer nach achtjähriger Schulzeit ja eigent- lich wissen müssen, ob jemand reif für das Uni- versitätsstudium ist oder nicht. Ja, das läßt sich schon eher hören, Suse. Zu Ihrem zweiten Vor- schlag: die naturwissenschaftlichen Fächer sollten in den Sommermonaten im Freien unterrichtet werden. Das ist eine hübsche Idee. Man merkt gleich, wie sehr Sie die Natur lieben. Aber dieser Vorschlag ist kaum durchzuführen. Was glauben Sie, wie sich Ihre Schulkolleginnen im Freien ab- lenken ließen. Da muß man schon wirklich Inter- esse haben, um in der Botanikstunde im Freien etwas zu lernen.« »Aber in der Berliner Waldschule haben wir im-, mer im Garten Unterricht gehabt«, wagte Suse zu entgegnen. »Ja, dort seid ihr schon daran gewöhnt gewesen! Es käme auf einen Versuch an. Ich kann ja in der nächsten Konferenz darüber sprechen und den Unterricht im Freien vorschlagen. Sonst bin ich mit Ihrem Aufsatz recht zufrieden, Suse. Sie ha- ben eins bis zwei darauf bekommen.« Suse strahlte vor Freude. Immer wieder mußte sie die gute Note unter ihrer Schularbeit anschauen. »Ich bin mit Ihrem Aufsatz recht zufrieden, Su- se« – das war das Schönste, was der Professor Suse sagen konnte. Suse schwärmte für »ihren« Professor Werner. Wenn ihr Lehrer nur immer mit ihr zufrieden war, dann war sie schon glücklich! Als letzte erhielt Inge ihr Heft zurück. Sie war die einzige, die eine Eins bekommen hatte. »Inge hat die Eins verdient. Sie hat eine gute Sprache in ihrem Aufsatz und einen klaren Stil. Inge hat die Schule von einer höheren Warte, nämlich vom sozialen Standpunkt aus betrachtet. Sie meint, daß Lehrer und Schüler viel mehr zusammenar- beiten sollten. Sie sollen sich klar sein, daß sie gemeinsam dasselbe Ziel erreichen wollen. Die Schüler sollten im Lehrer nicht den Feind, son- dern den Freund sehen. Der Lehrer will seine Schüler ja doch nur fördern. Er will seine Schüler nicht strafen, sondern er will sie führen und will ihnen bei ihren Schwierigkeiten helfen. Besonders aber hat mir gefallen, daß Sie schreiben, auch die Schüler sollten sich gegenseitig helfen und nicht nur ehrgeizig oder egoistisch sein.« Später in der Pause gab es noch ein Nachspiel. Helga und Inge stritten, das heißt, eigentlich nur, Helga. Sie war auf ihren Zwilling neidisch, daß Inge eine Eins hatte und sie selbst nur eine Drei. »So eine Ungerechtigkeit! Nur weil ich für den Sport bin, hat mir der Werner eine schlechte Note gegeben. Es können doch um Gottes willen nicht alle ein Bücherwurm sein wie Inge!« »Er ist der gerechteste Lehrer, den es gibt, Hel- ga«, verteidigte Suse empört ihren Professor. »Du bist ungerecht, wenn du so etwas sagst.« Die sanfte Suse war ganz energisch geworden. »Ich bin kein Bücherwurm, aber zuerst kommt die Pflicht und dann der Sport«, verteidigte sich Inge. »Hör auf, Scheinheilige! Heute nachmittag auf dem Tennisplatz, da kannst du sehen, wer die erste ist!« rief Helga mit blitzenden Augen. »Da werde ich es euch zeigen! Körperliche Kraft und Geschicklichkeit sind mehr wert als eure Bücher- weisheiten. Aber jetzt, Inge, borg mir dein fran- zösisches Vokabelheft. Ich muß noch schnell was abschreiben!« »Bücherweisheit ist also doch nicht ganz zu ver- achten«, sagte Inge mit feinem Spott. Trotzdem gab sie der Schwester das Heft. Inge und Helga waren sich äußerlich sehr ähnlich. Beide hatten lichtblondes Haar. Helga hatte eine Kurzhaarfrisur, während Inge das Haar zu einen Knoten aufsteckte. Beide hatten dunkelblaue Au- gen. Nur sprühten sie bei Helga unternehmungs- lustig, Inge dagegen blickte ruhig und klar. Ihre Augen verrieten Innenleben. In ihrer Wesensart waren die Martinschen Zwillinge ganz verschie- den. Als sie noch Kinder waren, hatte man das weniger bemerkt. Bei den heranwachsenden, Mädchen aber traten die Gegensätze immer deut- licher hervor. Deshalb hatten sie auch in letzter Zeit häufiger Meinungsverschiedenheiten. Suse fühlte sich zu Inge mehr hingezogen. Inge war lieb, freundlich und bescheiden. Helga dage- gen wußte sich immer in den Vordergrund zu drängen. Sie war übermütig und spöttisch. Suse fürchtete sich manchmal vor Helgas scharfer Zunge. Öfter gab es auch Eifersüchteleien. Bald war Helga auf Inge eifersüchtig, weil sie sich mit Suse besser verstand als mit ihr. Dann wieder war sie auf Suse eifersüchtig. Trotzdem ging man nach Schulschluß freundschaftlich zu dritt einge- hängt nach Hause. »Also heute nachmittag um vier Uhr auf dem Tennisplatz. Kommt die ›lange Latte‹ auch mit?« fragte Helga und rümpfte die Nase. Suse schoß das Blut ins Gesicht. »Natürlich kommt Paul hin. Es hat Mühe genug gekostet, bis wir ihn soweit hatten, daß er dem Tennisklub beigetreten ist. Vater mußte seine ganze Überre- dungskunst aufwenden«, berichtete sie eifrig. »Die Mühe hättet ihr euch sparen können«, mein- te Helga trocken. »Hast du schon einmal beo- bachtet, Inge, wie der die Bälle gibt? Als ob einer Fliegen fängt. Der wird sein Lebtag lang kein gu- ter Tennisspieler.« »Dafür ist er ein anständiger Mensch – und das ist mehr wert!« erwiderte Suse erregt. Immer ließ Helga ihren Spott an Paul aus. »Na, dann nimm du ihn dir auch gefälligst als Partner. Wir danken für das Vergnügen. Nicht wahr, Inge?« »Er muß ja erst Tennisspielen lernen«, besch-, wichtigte Inge mit ruhiger Stimme die erregten Gemüter. »Paul ist eben auf einem anderen Ge- biet begabt.« Dankbar drückte Suse Inge die Hand, weil sie Paul so wacker verteidigte. »Er wollte sich auch durchaus nicht beteiligen. Er braucht jeden Pfennig, der arme Junge, und obendrein hat er auch keine Zeit. Paul ist mit der Zeit und mit dem Geld sparsam. Aber Vater hat ihn dazu überredet, Sport zu betreiben. Er brau- che Sport als Ausgleich für das viele Stubenhok- ken. Mutti hat ihm ihren Tennisschläger ge- schenkt; sie meinte, sie spiele ohnehin nicht mehr. Und da Paul Samstag nachmittag frei hat, hatte er gar keine Ausrede«, erklärte Suse. »Es wird ihm sicher guttun, die Bewegung in fri- scher Luft«, pflichtete Inge bei. »Frischluft soll der doch in den Zeiss-Werken su- chen und nicht in unserem Tennisklub«, brummte die unverbesserliche Helga. »Pfui, Helga, du bist wirklich ekelhaft. Ich hatte gehofft, daß gerade du dich seiner annehmen würdest. Ich spiele selbst nicht gut. Aber bei dir könnte er etwas lernen.« »Nein, danke für die Ehre. Ich habe kein Talent zum Opferlamm. Inge ist viel mehr dazu geeig- net. Für die ›lange Latte‹ spielt ihr beide noch viel zu gut.« »Helga, du sollst Paul nicht immer ›lange Latte‹ nennen. Das tut mir weh«, bat Suse mit Tränen in den Augen. »Du Mimose! Du paßt gut zu Paul. Stell ihn dir doch in einen Glaskasten«, spottete Helga neuer- lich. »Suse hat ganz recht«, mischte sich Inge in die, Streiterei ein. »Man soll seine Freunde verteidi- gen und sie nicht von anderen beschimpfen las- sen. Vor Paul muß man wirklich Respekt haben. Er ist zielbewußt und fleißig.« »Mir imponieren Stubenhocker nun einmal gar nicht!« Helga zuckte die Achsel. »Dein Bruder, den lasse ich mir eher gefallen. Das ist ein guter Sportler.« Man hatte die Ecke erreicht, an der sich Professors Zwillinge mittags meistens trafen. »Ga – ga – ga – gack – die Martinsgänse, alle miteinander.« Herbert sprach absichtlich so laut, daß die Mädchen seine schmeichelhaften Worte hören konnten. Mit seiner Höflichkeit war es nicht weit her. Er steckte eben noch zu sehr in den Flegeljahren. Helga nahm ihm einen solchen Scherz nicht übel. Aber Inge und Suse waren empört darüber. »Also um vier Uhr auf dem Tennisplatz!« Dann trennten sich die Zwillingspaare., DIE BÄLLE FLIEGEN ÜBER DAS NETZ Die Sportplätze von Göttingen lagen jenseits der Leine zwischen Wiesen und prächtigen Parkanla- gen. Ein lustiges Völkchen tummelte sich dort: Studenten und Studentinnen, Gymnasiasten und Teenager, barfüßige Buben und Mädel, die die Bälle aufhoben. Die Tennisbälle wurden kraftvoll über das Netz geschlagen und geschickt zurückgeschleudert. Die jungen Leute waren sehr eifrig bei ihrem Spiel. Es war ein Vergnügen, ihnen zuzuschauen. An den Drahtgittern der Tennisplätze sammelten sich die Zuschauer. Auf einem der Plätze wurde meisterhaft gespielt. Ein großes, blondes Mädel zog die Blicke aller Zaungäste auf sich. Es war großartig, wie gewandt es jeden Ball zurückgab und mit welcher Leichtigkeit es selbst die gefähr- lichsten Bälle haarscharf über das Netz schleuderte. Wohin auch der Ball flog, es verfehlte keinen. Leichtfüßig sprang Helga Martin selbst dem schwierigsten Ball nach. In ihrem blonden Haar trug sie ein schwarzes Stirnband. Ihre blauen Augen sprühten vor Freude und »LeSbpeienls!«lu srti.e f sie triumphierend und schwenkte ihren Schläger wie eine Siegesfahne. »Vier zu zwei!« erklang es von dem hohen Stuhl des Schiedsrichters. »Krause hat gegen Helga Martin mit Glanz verloren.« Herbert, der Schieds- richter, sprang mit einem Satz von seinem Thron herab. »Die nächste Partie spielen wir, Helga.« Aber da hatte sich bereits ein junger Mann vor der Siegerin verneigt. »Haben Sie Lust, gegen mich zu spielen, gnädi-, ges Fräulein?« Der Teenager nickte gnädig. Helga kannte den jungen Mann. Er war ein Student und verkehrte im Hause ihrer Eltern. Aber bisher wa- ren sie und Inge von den Studenten noch nicht für voll genommen worden. Ihr Tennisspiel aber hatte ihr einen Platz unter den Erwachsenen er- obert. Sogar »gnädiges Fräulein« nannte man sie. Es war daher kein Wunder, daß sie Herbert, den sie sonst als tüchtigen Partner schätzte, heute den Laufpaß gab. Herbert ballte die Hände vor Ärger. Na warte, Martinsgänschen, das wirst du mir büßen! Alle seine Schulkameraden würde er gegen Helga aufhetzen. Keiner durfte sie mehr zu einem Spiel auffordern oder mit ihr tanzen. Mit ihm hatte sie die ganze fünfte Klasse beleidigt. Sie sollte auch so kaltgestellt werden, wie sie ihn soeben kaltge- stellt hatte. So etwas ließ sich Herbert nicht bie- ten. Oh, wäre er doch nur schon ein Student! Helgas Schwester Inge hatte den Vorfall beobachtet. »Komm, Herbert, willst du mit mir spielen?« fragte sie ihn freundlich. Es tat ihr leid, daß ihre Schwester so unhöflich gewesen war und ihn abgewiesen hatte. Sie konnte es verstehen, daß Herbert darüber sehr wütend war. Was, statt mit Helga sollte er mit Inge spielen? Nein, das war keine ebenbürtige Partnerin für ihn. Auf einen Ersatz konnte er verzichten. »Ich spiele überhaupt nicht mehr mit euch Martins- gänsen«, sagte er grob und wandte Inge unhöf- lich den Rücken zu. Er verließ das Spielfeld und ging zu Suse. Diese versuchte auf dem Neben- platz Paul die Grundbegriffe des Tennissportes, beizubringen. Paul machte keine gute Figur beim Tennisspielen. Er hatte eine schlechte Haltung und sah sehr un- sportlich aus. Im Gegensatz zu den weißen Ten- nisanzügen der anderen Sportler sah sein zu- sammengestückelter Sportdreß merkwürdig aus. »Paul, versuch doch einmal die Bälle recht flach und scharf über das Netz zu geben.« Suse war sehr geduldig mit ihm. Paul gab sich Mühe, Suses Anweisungen zu be- folgen. Aber trotzdem flog der Ball hoch in die Luft. »Mensch, zielst du nach der Sonne? Da unten auf der Erde ist das Netz«, rief Herbert dazwischen. Paul mußte über sich selbst lachen. »Du hast einen recht ungeschickten Schüler, Su- se. Ich habe euch ja gleich gesagt, ich tauge nicht dazu – an mir ist Hopfen und Malz verlo- ren.« »Das macht nichts. Du wirst es schon noch ler- nen. Du spielst ja noch nicht lange. Und einen Pudel richtet man schließlich auch ab«, meinte Herbert. »Mehr Kraft, Paul, hau doch hin, was du kannst, aber nicht in die Luft, den Ball mußt du treffen – fest!« Paul holte aus – ein Schrei – o weh, er hatte ein Ballmädchen vom Nebenplatz getroffen. Die Klei- ne wollte soeben einen verschlagenen Ball zu- rückholen. Sie weinte und hielt sich den linken Arm. »O Gott, tut es sehr weh, Kleine? Hoffentlich ha- be ich dich nicht verletzt!« Entsetzt blickte Paul auf das weinende Kind. Auch Suse und Herbert liefen herbei., »Auweh! Auweh! Mein Arm – ich kann ihn gar nicht bewegen. Den haben Sie mir kaputt ge- schlagen. Huhuhuhuhu!« Sie schlug beide Hände vor das Gesicht. »Zeig einmal her, Mädchen, wo tut’s denn weh?« fragte Herbert die Kleine. Die hob den Kopf. Ein sommersprossiges, verweintes Gesicht kam zum Vorschein. »Das ist ja Tinchen Grimm!« rief Suse überrascht aus. Als Tinchen Suse erkannte, hörte sie sofort zu weinen auf. Das waren ja Suse und Herbert aus dem Sternenhaus! Ihre Mutter half Frau Win- ter zeitweise im Haushalt. Suse war immer gut zu dem Kind gewesen. Blitzschnell zogen diese Ge- danken durch Tinchens Kopf. Dann dachte Tin- chen wieder an ihren wehen Arm. Sie brach aufs neue in Tränen aus., Suse streifte behutsam den Ärmel von Tinchens Kleid hoch. Am Oberarm hatte die Kleine einen roten Fleck, dort hatte sie der Tennisschläger ge- troffen. »Wir müssen die Stelle mit Wasser kühlen«, schlug Suse verständig vor. »Herbert, dort drü- ben ist die Wasserleitung. Bitte, feuchte unsere beiden Taschentücher an.« Sie zog ihr sauberes Tuch aus der Tasche. »Das geht nicht! Ich habe eine wunderbare Rau- pe in meinem Taschentuch. Ich muß beobachten, wie der Schmetterling daraus auskriecht.« Die Raupe war Herbert wichtiger als Tinchen Grimm. »Davon wird’s auch nicht wieder gut«, jammerte Tinchen. »Sie haben mir meinen Arm kaputtge- schlagen. Ich kann nun überhaupt keine Bälle mehr aufklauben. Das Geld, das ich dadurch ver- lieren tu, müssen Sie mir ersetzen«, wandte sich Tinchen an Paul, der ganz betroffen dastand. Es war erstaunlich, wie das kleine Mädchen sofort Nutzen aus ihrem Unfall zu ziehen wußte. Paul erschrak sehr. Er sollte für die Verletzung des Mädchens aufkommen, Schadenersatz leisten – um Himmels willen, wovon denn? Er hatte wirk- lich keinen Pfennig übrig. Professor Winter hatte ihn zum Tennisspielen eingeladen. Er wollte, daß Paul nicht nur über seinen Büchern hocke, son- dern auch Sport betreibe. Paul sah Suse ratlos an.Die fühlte sich verpflichtet, ihrem Freund zu hel- fen. »Paul hat kein Geld, Tinchen«, erklärte sie dem weinenden Mädchen. »Aber wir werden alle zusammensteuern. Sicher bekommen wir drei Mark, und mehr hättest du heute bestimmt nicht, verdient«, beruhigte sie das Kind. Bei dem Worte »drei Mark« stellte Tinchen ihr Geheul ein. Sie überlegte blitzschnell, daß das zu wenig sei und begann aufs neue zu jammern. Inzwischen war Herbert mit dem nassen Taschen- tuch zurückgekommen. Suse machte Tinchen ei- nen Verband. Aber diese wehrte sich und schrie: »Es brennt – es brennt immer mehr.« Fünf Mark war das mindeste, was man ihr an Schmerzens- geld bezahlen mußte. Helga rief vom Nachbarplatz: »Bälle! Bälle! Wo sind denn meine Tennisbälle! Tinchen, wenn du so langsam bist, können wir dich nicht brau- chen.« Suse berichtete Helga von der Verletzung, denn Herbert wollte mit der »Martinsgans« nichts mehr zu tun haben. »Wie kann so etwas nur geschehen!« murrte Hel- ga in ihrem Spieleifer. »Habe ich dir nicht gleich gesagt, Suse, daß Paul zu ungeschickt ist? Also weiter, weiter, schick uns jemand anders, der die Bälle aufhebt.« Helga wollte sich keine Minute entgehen lassen. Inge, die dem Tennisspiel ihrer Schwester zuge- schaut hatte, begleitete Suse zu dem verletzten Kind. »Die Verletzung ist sicher nur äußerlich«, meinte Inge, als sie den roten Fleck sah. »Nein, sie ist innerlich – ganz tief innerlich«, heulte Tinchen. »Dann muß man eine Röntgenaufnahme machen lassen«, schlug Herbert vor. »Tut das weh?« erkundigte sich Tinchen ängst- lich., »Und wie!« meinte Herbert wichtig. »Wenn der Arm wieder eingerenkt werden muß.« »Dann heilt es am Ende auch von allein? Wenn ich fünf Mark bekomme, dann brauche ich mor- gen nicht zu arbeiten und kann meinen Arm schonen.« Keiner gab eine Antwort. Fünf Mark war viel Geld für Gymnasiasten. Tinchen aber tat es leid, daß sie nicht noch mehr verlangt hatte. »Aber am Ende kann ich die ganze Woche nicht auf den Tennisplatz kommen, dann kostet es noch mehr.« Helgas Partner hörte auf zu spielen. »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, ich bin Mediziner. Ich hal- te es für meine Pflicht, mich um das verletzte Kind zu kümmern.« »Ach was, wir sind gerade im schönsten Spiel. Wollen wir es nicht wenigstens beenden?« Helga war sehr ungnädig, weil sie mitten im Spiel un- terbrechen sollte. Der ungeschickte Paul – was hatte der auch auf dem Tennisplatz zu suchen? Helga war wütend. Der Medizinstudent untersuchte inzwischen den verletzten Arm der Kleinen. Er drehte ihn nach rechts und nach links, nach oben und nach unten. Da sich Tinchen vor der Röntgenuntersuchung fürchtete, stieß sie keinen Schrei aus, sondern blieb stumm. »Der Arm ist richtig im Gelenk drinnen«, stellte der junge Mediziner fest. »Was der davon versteht!« brummte Herbert sei- nem Zwilling zu, denn er hatte es noch nicht verwunden, daß er ihn bei Helga verdrängt hatte. »Ob ein Knochen abgesplittert ist, kann man nur beim Durchleuchten mit Sicherheit feststellen«,, stellte der Student sachkundig fest. »Habe ich ja gleich gesagt«, triumphierte Her- bert, der Wichtigtuer. »Womit durchleuchtet man einen Arm – mit Feu- er?« erkundigte sich Tinchen unbehaglich. »Nein, mit Röntgenstrahlen, mein Kind. Wenn die Schmerzen nicht nachlassen, muß man eine Röntgenaufnahme von dem Arm machen.« »Es ist schon besser – viel besser ist es schon«, behauptete Tinchen. Sie dachte nämlich, daß eine Röntgenaufnahme »mächtig« weh tun könnte. Paul überlegte schon, wie er das Geld auftreiben konnte, falls man ihn für die ärztlichen Behand- lungskosten haftbar machen sollte. Er kam zu dem Entschluß, am Abend nur trockenes Brot zu essen. »Wenn Sie mir fünf Mark geben, dann werde ich versuchen, ob ich mit dem gesunden Arm allein Bälle aufklauben kann«, schlug Tinchen Paul vor. Paul kramte in seiner Hosentasche und brachte eine Mark zum Vorschein. Mehr hatte er im Au- genblick selber nicht. Aber Herbert drängte sich dazwischen. »Du bist wohl total verrückt, Tinchen! Wenn du weiter Bäl- le aufklauben kannst, brauchst du keine Entschä- digung. Dein rechter Arm ist ja gesund«, ent- schied er. Tinchen warf ihm einen bitterbösen Blick zu. Inzwischen hatten Suse und Inge die Köpfe zusammengesteckt und miteinander geflü- stert. »Wir werden Tinchen jeder eine Mark Schmer- zensgeld geben, nicht wahr, Herbert?« wandte sich Suse an den Bruder. »Wir sind Zwillinge, da genügt eine Mark für uns, beide.« »Sei nicht so ein Geizkragen, Herbert. Für deine Viecher hast du immer Geld übrig«, warf Suse ihm vor. »Die sind auch viel interessanter als Tinchen Grimm«, brummte er zurück. Der Medizinstudent steuerte zu Tinchens Schmerzensgeld auch eine Mark bei. Als Herbert das sah, kramte auch er in seinem Hosensack. Und siehe da, unter mehreren Knöpfen und Bindfäden fand er eine Mark. Hinter dem Studenten wollte er nicht zurückstehen. Tinchen Grimm wurde mit vier Mark als geheilt entlassen. Beim Bälleaufklauben vergaß sie so- gar, welcher Arm verletzt war, der rechte oder der linke. Die jungen Leute setzten ihr Tennisspiel fort. Helga gewann wie immer. Von fünf Spielen hatte sie nur eines verloren. Als sich der Medizinstu- dent von dem »gnädigen Fräulein« verabschiedet hatte, wandte sich Helga an Herbert. Er aber hat- te von seinem Freund Krause das Ehrenwort ver- langt, daß über Helga Martin der »große Bann« verhängt werden solle. Für jeden aus seiner Klas- se würde sie künftig Luft sein. Dieses Ehrenwort war nicht so einfach zu geben, denn die lustige Helga war allgemein beliebt. »Wer von euch traut sich gegen mich zu spie- len?« rief Helga herausfordernd zu Herbert und Hans Krause hinüber, die gegen Suse und Inge spielten. Helga tat, als ob sie gar nicht wisse, daß sie Herbert tödlich beleidigt hatte. Paul spielte nicht mehr, er sah zu. Er gab vor, sich nach den Anstrengungen ein wenig erholen zu müssen. Im Grunde aber wollte er den anderen Gelegenheit, geben, sich von ihm zu erholen. Paul war immer bescheiden und rücksichtsvoll. Herbert blinzelte seinem Freund Hans Krause zu. Luft! besagte dieser Blick, sie ist Luft für uns. Keiner von den beiden gab eine Antwort. Hans fiel das Schweigen sehr schwer, denn er verehrte Helga. »Seid ihr taubstumm?« lachte Helga sie aus. »Ach, die gekränkte Leberwurscht – und Krause tut das, was ihm Winter befiehlt. Na, viel Vergnü- gen; ihr seid mir beide zu blöd!« Stolz wie eine Königin ging sie zum nächsten Tennisplatz. »Abgeblitzt!« triumphierte Herbert. »Ich finde, eigentlich sind wir die Abgeblitzten«, meinte Hans Krause kleinlaut. »Vielleicht sprecht ihr euch aus. Beleidigt sind nur Mädchen – das ist unmännlich.« »Oho – ich bin durchaus nicht beleidigt«, heu- chelte Herbert. »Ich habe aber den großen Bann über die Martinsgans verhängt. Wenn du mein bester Freund sein willst, mußt du sie auch ver- achten.« Wehmütig schaute Hans der blonden Helga nach. Dann siegte die Freundschaft. Er verachtete sie befehlsgemäß. Inge und Suse, die beiden Freundinnen, spielten inzwischen weiter. Aber es tobte kein erbitterter Kampf zwischen ihnen. Da sie beide nur mittel- mäßige Spielerinnen waren, flogen die Bälle ge- mütlich hin und her. Ein lustiges Lachen begleite- te jeden verschlagenen Ball. Für Helga, die jeden Sport ehrgeizig und leiden- schaftlich betrieb, war ein solches Spiel unfaßbar. »Hoppla, Suse, lauf, spring doch! Menschenskind,, sei doch nicht so faul, du bewegst dich ja wie ei- ne Schnecke«, regte sich Helga auf. Dann gab sie wieder ihrer Schwester Ratschläge: »Nimm die Bälle gleich am Netz, Inge – so – scharf nach un- ten hauen, backhand hättest du ihn besser ge- nommen. Ach, Kinder, ihr spielt ja unter aller Kri- tik!« Jetzt wandte sie sich an Paul, der im Schat- ten eines Baumes lag. Er wunderte sich noch immer, daß der Arm von Tinchen so schnell ge- heilt war. Denn daß das Mädchen nur Theater gespielt hatte, um Geld herauszuschlagen, auf diese Idee kam er nicht. Er war viel zu weltfremd dazu. »Na, du Unglückswurm, soll ich einmal mit dir trainieren?« fragte Helga gutmütig. »Aber dir wird dabei die Luft ausgehen, Paul.« Zu ihrer Erleichterung schüttelte Paul den Kopf. »Laß nur, Helga – das kann ich dir nicht zumu- ten«, lehnte er lächelnd ab. »Du paßt auch zum Tennisspiel wie eine Seerob- be zum Flieger«, lachte das Mädchen ausgelas- sen. »Das ist aber kein sehr schmeichelhafter Ver- gleich, trotzdem wirst du recht haben«, stimmte Paul zu. »Sag einmal, Paul«, Helga setzte sich neben ihn auf die Bank, »warum büffelst du eigentlich so viel? Du siehst ja ganz käsig aus. Wenn du Me- chaniker in den Zeiss-Werken werden willst, brauchst du doch nicht so viel zu lernen. Betreibe doch lieber mehr Sport. Das ist gesünder! Oder willst du vielleicht gar Professor an einer Universität werden?« fragte Helga spöttisch. Ja, wollte Paul erwidern. Ich weiß wohl, daß ich, mir mein Ziel unbescheiden hoch gesteckt habe. Schon manch großer Gelehrte hat sich aus be- scheidenen Verhältnissen emporgearbeitet. Je- doch vor der spöttischen Helga wagte er das nicht zu sagen. Er schwieg und wurde rot. Helga lachte jetzt erst recht. »Haha, Paul, du wirst rot wie eine Tomate«, hänselte sie ihn. »Also, Herr Professor, warum willst du nicht gleich auch Ten- nismeister werden?« Das eine schien Helga so unmöglich wie das andere. Suse wurde durch das spöttische Lachen Helgas aufmerksam. Sie wußte, wie taktlos Helga oft sein konnte. Ihren Freund Paul ließ sie nicht be- leidigen. »Helga, willst du für mich einspringen?« unter- brach sie die Unterhaltung der beiden. »Ich bin müde und möchte mich ein wenig ausruhen.« »Schon müde? Du und Paul, ihr beide zusammen könnt euch das nächste Mal um die Tennismei- sterschaft bewerben, Suse.« Helga war sogleich bereit zu spielen. Suse setzte sich zu Paul unter die Akazie. Sie schaute verträumt in die Blüten- pracht des Baumes. »Sieh nur, wie schön, Paul, wie ein Blütenhim- mel. Bei uns im Garten ist es jetzt auch herrlich – die Buschrosen blühen, und die Stockrosen haben schon ganz große Knospen. Du wirst morgen Au- gen machen, wenn du zu uns kommst! Ich habe dir einen kleinen Rosenstock eingesetzt und einen Ableger von unserer Zimmerlinde. Die mußt du dir ans Fenster stellen und sorgfältig pflegen. Sonst weißt du ja gar nicht, daß wir Sommer ha- ben.« »Wie lieb von dir, Suse, daß du an mich gedacht, hast.« Merkwürdig, wenn Suse mit ihm sprach, wurde ihm immer warm ums Herz. Er spürte die Zuneigung, die Suse ihm entgegenbrachte. Helga dagegen stieß ihn durch ihr spöttisches Wesen ab. Als ob Suse Gedanken lesen könnte, fragte sie: »Warum hat dich Helga vorhin ausge- lacht, Paul?« »Sie hat mich aufgezogen, weil ich so viel lerne. Sie fragte mich, ob ich vielleicht Universitätspro- fessor werden will. Meine Arbeitskollegen lachen mich auch aus, weil ich immer über Büchern hok- ke. Aber ich kümmere mich nicht darum. Ich werde mein Abitur schon machen!« Pauls blasses, schmales Gesicht hatte plötzlich energische Züge bekommen. »Laß sie ruhig lachen, Paul. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Du bestehst sicher dein Abitur. Du erreichst alles, was du dir vorgenommen hast«, sagte Suse überzeugt. »Ja, Suschen, glaubst du an mich? Oh, dann ist es viel leichter, die Schwierigkeiten zu überwin- den. Wenn einer an mich glaubt, darf ich selbst den Glauben an mich nie verlieren«, sagte Paul erleichtert. »Unser Vater setzt große Hoffnungen auf dich, Paul. Erst neulich sagte er zu Mutti: ›Paul wird sicher einmal ein tüchtiger Assistent für mich. Ich wünschte, unser Herbert hätte bei all seiner Be- gabung nur halb so viel Fleiß und Ausdauer.‹« »Ich will deinen Vater nicht enttäuschen, be- stimmt nicht!« nahm Paul sich vor. »Ich kann ihm nur so für seine Güte danken.« Ihre Unter- haltung wurde plötzlich durch Helgas laut schal- lende Stimme unterbrochen. Sie schimpfte. Es, fehlte ein Tennisball. Tinchen Grimm, die ihn auf dem Nebenplatz suchen sollte, kam ohne ihn zu- rück. Helga fragte auch Herbert und Hans nach dem Ball. Die beiden gaben ihr aber keine Ant- wort. Das war Helga noch nicht passiert. So et- was ließ sie sich von den »dummen Jungen« nicht gefallen. Deshalb ließ sie ihren Ärger an Tinchen aus. »Du mußt den Ball finden, du bist für die Bälle verantwortlich. Wir haben neun gehabt, jetzt sind nur noch acht da. Wenn du den Ball nicht herbei- schaffst, mußt du ihn ersetzen.« Tinchen begann zu weinen. »Ich kann doch nichts dafür, wenn sie die Bälle verschlagen tun – hu – hu – hu«, heulte sie. »Und Geld habe ich auch keines.« Sie schluchzte herzzerreißend. Suse und Paul kamen herbei und ließen sich be- richten, was geschehen war. »Sicher hat das Mä- del den Ball geklaut«, sagte Helga verärgert, »die Balljungen und -mädel stehlen wie die Raben.« »Nein, ich habe ihn nicht gestohlen«, behauptete Tinchen und weinte weiter. »Wo soll ich ihn denn überhaupt haben, hä?« »Hier – da hast du ihn, du Kröte«, schrie Herbert sie plötzlich an. Wenn er auch auf Helga böse war, die Sache war doch zu interessant, um nicht dabeizusein. Mit seinen scharfen Augen hatte Herbert sofort einen runden Auswuchs in der Ma- gengegend bei Tinchen erspäht. Er versetzte ihr einen Stoß, und der gesuchte Ball fiel zu Boden. »Warte, du diebische Elster! Hier hast du ein An- denken an den gestohlenen Tennisball.« Empört gab Herbert dem Mädchen noch einen Schlag. »Laß das, Herbert. Ein Mädchen schlägt man, nicht.« Paul und Hans hielten den angriffslustigen Herbert zurück. »Tinchen Grimm darf nicht mehr auf den Tennis- platz kommen! Keiner nimmt sie mehr als Ball- mädchen!« verkündete Inge aufgeregt. Tinchen heulte zum Steinerweichen. »Pfui, Tinchen, schäme dich«, sagte Suse traurig. »Wie konntest du nur so etwas Häßliches tun, einen Ball stehlen und dann noch schwindeln. Du darfst nicht mehr zu uns ins Sternenhaus kom- men, auch wenn deine Mutter bei uns arbeitet.« »Will ja gar nicht«, rief Tinchen und war wütend, daß nicht einmal Suse zu ihr hielt. Diese hatte sie doch sonst immer in Schutz genommen. Das un- gezogene Mädchen zeigte Suse die lange Nase und lief blitzschnell davon. Auf dem Tennisplatz ließ sie sich aber nie mehr blicken., AUSFLUG NACH FRANKFURT AM MAIN Der Monat Mai hatte eine Fülle von Blüten über die Stadt gestreut. Wohin man schaute, überall leuchteten Rosen in allen Farben. Selbst in dem kleinsten Hofgärtchen, in dem vergessensten Winkel blühte und duftete es. Im Sternenhaus auf dem Berghang hatte die Sonne alle Rosenknospen hervorgelockt. Im Win- ter hatte Suse ihre Rosen gegen den Frost ge- schützt, im Frühjahr hatte sie sie geschnitten, gestützt und gepflegt. Jetzt dankten sie der jun- gen Gärtnerin ihre Mühe durch üppiges Blühen. Wie im Schloß des Dornröschens rankten sich die purpurroten Kletterrosen um das Sternenhaus. Die Großmutter hatte ihr Lieblingsplätzchen zwi- schen den gelben Rosen. Der süße und dabei doch etwas herbe Duft der Teerosen sagte ihr in ihrem Alter mehr zu als der der wilden Kletterro- sen. »Ich bin selbst solch eine der Erde zustre- bende Blume«, hatte sie mit wehmütigem Lä- cheln gemeint, »wie lange noch, und die Blume entblättert.« Suse hatte zuerst den Sinn dieser Worte gar nicht erfaßt. Die Jugend denkt ja nicht an das Verge- hen, aber als sie es begriff, schlang sie die Arme um ihre kleine Omama, fest, ganz fest, als könn- te sie sie so gegen alles kommende Unheil schüt- zen. Hatte nicht auch der Vater neulich gemeint: »Un- sere Omama gefällt mir nicht, sie geht nicht mehr so gern aus und ist lange nicht mehr so munter wie in den vergangenen Jahren.« Heute aber war die Großmama ganz die alte. Sie, war frisch und lebhaft wie früher. Das hatte das Wort »Frankfurt am Main« zuwege gebracht. Es war am Sonntagnachmittag. Die Familie ein- schließlich Paul, dem ständigen Sonntagsgast, saß in der Veranda beim Nachmittagskaffee. Durch die geöffneten Schiebefenster strömte der Duft der Rosen. »Ich hätte Lust, mich am nächsten Sonntag in der Sternwarte vertreten zu lassen und mit euch nach Frankfurt zu fahren«, sagte der Professor zu seinen Kindern. »Ihr seid jetzt alt genug, um die Gedenkstätten unseres größten Dichters würdi- gen zu können.« »O ja«, rief Suse begeistert, »Paul muß aber auch mit!« »Natürlich kommt Paul mit. Wir fahren am Sams- tag, da habt ihr ja alle frei.« »Dr. Dense wollte ohnehin mit uns einmal nach Frankfurt fahren«, erzählte Herbert, der sich ein Stück Kuchen in den Mund stopfte. »Ja, Professor Werner hat auch neulich davon gesprochen«, fiel Suse ein. Der Vater schüttelte den Kopf. »Ich habe den Wunsch, meinen Kindern selbst Frankfurt und die Goethe-Gedenkstätten zu zeigen. Wenn ihr mit der ganzen Klasse einen Ausflug dorthin macht, treibt ihr ja doch nur Unsinn und denkt an sonst nichts als ans Essen und Trinken.« »Aber, Vater, wir sind doch keine Erstkläßler mehr!« begehrte Herbert in seiner Ehre gekränkt auf. »Also ehrlich gesagt, ich finde es netter, wenn du und Mutti mit uns nach Frankfurt fahren, Vati- chen. Aber Inge und Helga hätte ich auch gerne, dabei«, erklärte Suse. »Natürlich, ohne die Martinsgänse kann man nie etwas unternehmen«, murrte Herbert. Er lebte noch immer mit Helga auf Kriegsfuß. »Da machen wir gleich eine Familienlandpartie. Nimm doch auch noch unsere Emma mit.« »Aber vielleicht die Omama – wie ist es denn mit der? Willst du die auch nicht dabei haben, mein Junge?« fragte die alte Dame mit einem feinen Lächeln. Herbert bekam einen roten Kopf. »Doch, Omama, wirklich, wenn du mitkämst, das wäre großartig!« Die Großmutter war die einzige, gegen die Her- bert stets ritterlich war. Denn selbst seiner Mutter gegenüber hatte er manchmal ein loses Mund- werk. »Ja, Omama, kommst du mit? Fein!« jubelte Su- se. »Frankfurt möchte ich wohl noch einmal sehen«, meinte die Großmama, und ihre Augen leuchte- ten. »Frankfurt bedeutet für mich sehr viel. Ich habe viele Jahre dort gelebt.« »Recht so, Muttchen, du fährst mit uns nach Frankfurt«, rief der Professor erfreut. Er war glücklich, daß seine alte Mutter wieder so interes- siert und unternehmungslustig war. »Und wenn uns einmal die Besichtigungen zuviel werden, dann streiken wir beide, nicht wahr, Omama?« meinte die Schwiegertochter lächelnd. »Ich streike nicht, Fränzchen, mich macht Frank- furt wieder jung«, behauptete die alte Dame. So war also die Fahrt nach Frankfurt beschlosse- ne Sache. Professor Winter hatte die Familie seines Kollegen, Martin eingeladen. Freudig stimmten sie zu und schlössen sich mit ihren Zwillingen gerne an. Durch lichtgrüne Buchenwälder, bunte Wiesen, weite Felder und rotdachige Dörfer führte sie die Bahn. Doch bald näherten sie sich den Vororten von Frankfurt. Sie waren am Ziel. War das ein Gedränge in der riesigen Bahnhofshalle! Bubi, den Herbert nicht zu Hause gelassen hatte, raste zwischen den Reisenden und den Gepäckstücken hin und her. »Auf die Omama und auf Bubi wirkt Frankfurt wirklich anregend«, stellte Herbert fest, denn die alte Dame war nicht zu bewegen, die Straßen- bahn zu benutzen. In den Straßen, in denen Goe- the gewandelt war, wollte auch sie zu Fuß gehen. »Auch Goethe ging zu Fuß«, meinte eigensinnig die Großmutter. Es war gut, daß man vorher Zimmer bestellt hat- te. Herbert und Suse freuten sich sehr auf das Schlafen in einem Hotel. Die andern Zwillinge wohnten bei ihren Großeltern, die hier ansässig waren. »Ich freue mich, daß in Frankfurt gerade die Festwochen abgehalten werden«, stellte Profes- sor Winter fest. »Aha, daher die vielen Menschen, die man überall in den Straßen sieht«, sagte seine Frau interes- siert. »Das sind kunstbegeisterte junge Menschen. Sie kommen hier her, um Ausstellungen, Theaterauf- führungen und Konzerte zu besuchen. In den Festwochen hat man Gelegenheit, berühmte Künstler aus dem In- und Ausland zu bewundern. Es ist selbstverständlich, daß man gerade in, Frankfurt das Andenken an Goethe pflegt und daher eine Auswahl aus seinen Werken bringt. Der Jugend soll Goethe nicht nur ein leerer Name sein, den sie in der Schule aus den Büchern ken- nengelernt haben. Sie sollen vielmehr seine Wer- ke erleben und so sein Wesen begreifen lernen.«, »Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist ein- geweiht«, zitierte die Großmutter. »Na, ihr Gym- nasiasten, wo kommt das vor?« Eine peinliche Frage, wenn man sie nicht zu be- antworten weiß. Die jungen Leute standen mit nicht sehr klugen Gesichtern da. Herbert aber wollte nicht zugeben, daß er etwas nicht wußte. »Das kommt in Goethes ›Faust‹ vor«, riet er auf gut Glück. Er hatte einmal gehört, daß die mei- sten Zitate aus dem Faust wären. »Falsch geraten!« rief Inge Martin, die vorausge- gangen war, »das kommt in ›Torquato Tasso‹ vor.« »Bravo!« rief Frau Winter. »Inge ist doch die klügste von euch.« »Wir haben den ›Tasso‹ in der Schule noch gar nicht gelesen«, brummte Herbert. Er ärgerte sich, daß die Martinsgans gebildeter war als er. »In der Schule bekommst du die Anregung, Her- bert, zu Hause sollst du dich selbst weiterbilden und die Werke studieren«, sagte Professor Mar- tin. »Du solltest eben nicht nur für deine Tiere und für Boxen Interesse haben, mein Junge«, stimm- te der Vater dem Kollegen lachend zu. Die Omama scherzte: »Unser Herbert wird sicher jetzt denken, ich wollte ihn ’reinlegen, nicht wahr?« Die Großmutter war in Frankfurt ganz verändert. Sie war frisch und humorvoll wie in früheren Zeiten. »Morgen abend spielt man Schillers ›Don Carlos‹. Was meint ihr, sollen wir gehen? Allerdings könn- ten wir erst mit dem Nachtzug nach Göttingen zurückfahren«, meinte Professor Winter., »Oh, fein, das ist herrlich!« riefen die jungen Leute begeistert. Auch die Erwachsenen waren mit dem Vorschlag einverstanden. Alle freuten sich auf den Kunstgenuß am Abend. Auf Wunsch der Großmutter hatten alle nachmit- tag das Goethehaus Am Hirschgraben besucht. Dieses stille Fleckchen, in dem Goethe viele Jahre zugebracht hatte, liebte die kleine Omama sehr. Man schritt durch einen kleinen Garten. Ein safti- ger Rasen breitete sich unter den Bäumen aus. Rosen verströmten ihren Duft. Der Garten war gepflegt und sauber. Neugierig sahen sich Herbert und Suse um. Die jungen Leute hörten mit ihrem Geblödel auf. Weihevolle Stille umfing sie. Man hörte nur das Singen und Pfeifen der Vögel in den alten Bäu- men. »Hunde dürfen in das Museum nicht mitgenom- men werden«, sagte der Führer ärgerlich. Herbert fühlte sich nicht betroffen. Er hatte Bubi vor dem Eingang gelassen, wie es ihm der Vater befohlen hatte. Aber kaum hatte er das gedacht, war Bubi schon bei ihm. »So rufen Sie doch endlich den Hund zurück!« Der Führer wandte sich aufgeregt an Professor Martin, den er für den Besitzer des Hundes hielt. »Aber ich habe doch gar keinen – «, wunderte sich der. »Sollte am Ende – «, sagte Frau Winter er- schrocken. »Herbert, dein Köter ist im Museum!« rief Helga aufgeregt. Herbert horchte auf. »Bubi ist hier? Wo ist er?«, stieß Herbert erschrocken aus. Ein Hund hatte hier wirklich nichts zu suchen. Das leuchtete so- gar Herbert ein. Ja, wo war Bubi? Er besichtigte bereits die Zim- mer im oberen Stockwerk. Er jagte vom Schlaf- zimmer in die Bibliothek. Auf einem Teppich ließ er sich gemütlich nieder. Dort fand ihn Herbert. Schnell nahm er ihn an die Leine und führte ihn wieder vor die Eingangstür. Dort band er ihn fest. Herbert wollte zurück in das Museum. Da begann Bubi jämmerlich zu heu- len. Was blieb Herbert übrig? Er mußte Bubi Ge- sellschaft leisten. Eine solche Gemeinheit! Warum hatte er seinen vierbeinigen Freund nicht zu Hau- se gelassen! Himmeldonnerwetter! Wo blieben denn die ande- ren nur so lange? Er war doch wirklich nicht nach, Frankfurt gekommen, um vor dem Goethemuse- um Schildwache zu stehen. Da öffnete sich die Tür. Ein großes, blondes Mä- del trat heraus – es war Helga. Sollte er so tun, als ob sie nicht da wäre? »Du, Herbert, wenn du Lust hast, kannst du jetzt hineingehen. Ich bleibe gern hier draußen und bewache deinen Köter. Ich habe das Museum oh- nehin schon gesehen. Außerdem interessiere ich mich nicht so dafür wie Inge«, sagte sie ganz harmlos. Sie tat so, als wüßte sie nichts von ih- rem Streit. Herbert zögerte. Der Vorschlag war sehr verlok- kend. Andererseits, was würde Hans Krause dazu sagen, wenn er den großen Bann brach? Aber es war doch nett von ihr, daß sie wieder gut werden wollte. Er reichte Helga die Hand. »Bist ja doch ein feiner Kerl«, sagte er und über- ließ ihr Bubi. Der Vater hatte auf Herbert gewar- tet. Er wollte ihn durch das Haus führen, während die anderen bereits im Garten waren. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Goethehaus war nach alten Stichen einschließlich der Inneneinrichtung wieder genauso errichtet worden, wie es einst gewesen war. »Siehst du, Herbert, an dem Schreibtisch hat Goethe gearbeitet. Dort, auf dem Kanapee saß er oft mit Freunden im Gespräch. Das Feuer im al- ten Kamin hatte behagliche Wärme verbreitet.« »Dort hängt ein Vogelbauer, Vater. Was für einen Vogel hielt man da drinnen gefangen?« Das in- teressierte Herbert am meisten. Und ich durfte mir nicht einmal den kleinen Fink behalten, den ich mir mühselig aus dem Nest geholt hatte,, dachte der Junge empört. »Das weiß ich nicht, mein Junge.« Der Professor ging mit seinem Sohn in den Garten. »Man kann verstehen, daß Goethe hier Ruhe fand, Gedichte zu schreiben.« Herbert hatte für Gedichte wenig Verständnis. Es fesselte ihn viel mehr, daß Goe- the auch Sport betrieben hatte, um sich abzuhär- ten. »Konnte er auch boxen, Vater?« wollte der Junge durchaus wissen. »Goethe und boxen? Der Dichter der ›Iphigenie‹ und des ›Tasso‹?« Der Vater mußte bei diesem Gedanken lächeln. »Nein, Herbert, Boxkämpfe gab es noch nicht zu Goethes Zeiten. Ich glaube auch nicht, daß sie ihm gefallen hätten. Er liebte edleren Sport: Rei- ten, Jagen, Fischen, Eislaufen, Tanzen und Fech- ten.« Herbert zuckte ein wenig mitleidig mit der Achsel. Für ihn war Goethe kein Sportler gewesen, wenn er vom Boxen keine Ahnung hatte. »Goethe liebte es, in lauen Sommernächten auf einem Strohsack im Garten zu schlafen. Er beo- bachtete gern den Mond und den Sternenhim- mel.« »Beim Schlafen?« wunderte sich Herbert. »Aber Junge, sei doch nicht so dumm. Natürlich, wenn er wach war.« »Nein, Vater, da irrst du dich«, beharrte Herbert, »das war ja Schiller, der die Sterne studiert hat, nicht Goethe.« Herbert wußte wieder einmal alles besser. »Du kannst dich schon darauf verlassen, was ich dir sage, mein Junge. Auch Goethe hat die Ge- stirne beobachtet. Er war sowohl mit den schönen, Künsten auch als mit der Naturwissenschaft ver- traut. Goethe besaß Sammlungen auf jedem Wis- sensgebiet.« »Auf die zoologische Sammlung freue ich mich schon mächtig – « »Und ich auf die botanische«, fiel Suse ihrem Zwilling ins Wort, denn inzwischen hatten sich alle wieder im Garten versammelt. »Herbert, den schönen Garten mußt du auch noch sehen. Das sind Malven, sie blühen erst später. Goethe hat sie sehr geliebt.« Suses Hand strich liebevoll über die Blumenblätter. »Unser Großvater hat uns erzählt, Goethe gab öfters eine Teegesellschaft zu Ehren der Malven- blüte«, berichtete Inge und hängte sich in Suse ein. »Das muß fein gewesen sein«, stimmte Suse zu. »Die Kinderfeste waren noch viel schöner, Suse«, mischte sich Professor Martin in die Unterhaltung. »Goethe lud die Kinder seiner Freunde ein. Sie mußten ohne Eltern und ohne Erzieher kommen. Bei ihm durften sie tun und lassen, was sie woll- ten. Goethe versteckte zum Beispiel in seinem Garten Ostereier. Die mußten die Kinder suchen. Auch Kinderbälle veranstaltete er. Im Galakleid eröffnete Goethe mit einem kleinen Mädchen den Ball. >Ihr kleinen Menschengesichter pflegte er sie anzusprechen.« »Lustig, nicht, Herbert?« »Na, ich sage lieber ›du Affengesicht‹ zu dir, Su- se«, lachte der Bruder. »Pfui, Herbert, wie kannst du nur so etwas zu Suse sagen«, entrüstete sich Paul. Suse war aber solche »Zärtlichkeiten« von ihrem Bruder ge-, wohnt. Auf einer Bank im Schatten saß die kleine Oma- ma. Sie ruhte ein wenig aus. Mit ihren Gedanken war sie ganz weit weg. Sie dachte an ihre Ju- gendzeit. Auch damals saß sie gerne hier auf ei- ner Bank, aber nicht allein. Vor dem Tor traf man Helga, die Bubi Gymnastik- stunde gab. »Du, Helga, Goethe hat auch Sport betrieben, sogar fechten konnte er«, rief Herbert ihr zu. Nach dem Nachmittagskaffee fand man sich wie- der im Museum ein. »Ja, Goethe hat die Jugend geliebt, aber er wur- de auch manchmal von ihr enttäuscht. Sie ken- nen doch die Geschichte vom Peter im Baumgar- ten?« fragte Professor Martin, der ein eifriger Goetheforscher war. »Nein, erzählen – bitte, erzählen!« Alle lauschten gespannt. »Nun, einmal im Sommer erschien bei Goethe ein zwölfjähriger Schweizer Hirtenknabe. Er hatte eine Tabakspfeife im Mund. Ein schwarzer Spitz, er rief ihn Hänsli, begleitete ihn. ›Peter im Baum- garten‹ hieß der Schweizer Bub, weil man ihn in einem Obstgarten als kleines Kind gefunden hat- te. Man wußte nicht, wer seine Eltern waren. Goethe hatte sich bei seinem Aufenthalt in der Schweiz für den Waisenknaben interessiert. Er wurde in einer Erziehungsanstalt erzogen. Dort tat er nicht gut, er war ein verwildertes Kind. So schickte man ihn zu Goethe, seinem Gönner. Da war nun der Peter da und wollte bei ihm bleiben. Er stellte bald das Haus auf den Kopf. Von mor- gens bis abends rauchte er Pfeife. Als Hirtenkna-, be war er daran gewöhnt und ließ sich auch nicht davon abbringen. Er zerstörte kostbare Samm- lungen und beschmierte wertvolle Schriften. Er lief auf Stelzen durch die Stadt und trieb noch so manchen dummen Streich. Schließlich gab ihn Goethe zu einem Förster. Aber noch viele Jahre hatte Goethe Sorgen mit seinem Schützling.« Ehe man in den ersten Stock hinaufging, wandte sich Professor Winter an seine Zwillinge: »Hier in diesen Räumen, umgeben von seinen Kunstwer- ken und naturwissenschaftlichen Sammlungen arbeitete Goethe unermüdlich. Ihr werdet stau- nen, wie vielseitig der große Meister war.« Die Abbildungen römischer und griechischer Kunstwerke, die Gemälde und Zeichnungen inter- essierten die Kinder nicht. Bei den naturwissen- schaftlichen Sammlungen aber blieben sie ste- hen. Die Farbenlehre, die optischen Geräte und Apparate waren etwas für Paul. Herbert war nicht von der zoologischen Sammlung wegzubekom- men. Er betrachtete die Schädel und Skelette von Säugetieren, die ausgestopften Vögel, die Insek- ten-, Korallen- und Muschelsammlungen. Schließ- lich aber meinte er: »Im Aquarium von Neapel sieht man das alles viel schöner. Und außerdem sind die Tiere dort lebendig.« Selbst an Goethe übte Herbert Kritik. Auch Suse war heimlich enttäuscht. Die botani- sche Sammlung bestand ja nur aus getrockneten Pflanzen und Zeichnungen. Sie hatte sich auf Blumen gefreut. Statt dessen war in den großen Glaskästen nur getrocknetes Zeug. Der Garten gefiel ihr viel besser. Nach dem Besuch des Goethehauses erfolgte eine, Stadtrundfahrt. Am Abend ging man ins Theater. Es wurde ›Don Carlos‹ gegeben. Begeistert folgten die Kinder dem Schauspiel. Sie hatten ›Don Carlos‹ noch nicht gelesen. Die Anfangsworte: »Die schönen Tage von Aran- juez sind nun vorüber«, unterbrach Herbert: »Mutti, es heißt doch: ›Die schönen Tage von Oranienburg sind nun vorüber.‹« »Pst – Ruhe – « »So hat Onkel Ernst aber immer gesagt«, beharr- te Herbert, wenn auch etwas leiser. Suse aber meinte in der Pause der Vorstellung: »In diesem Stück sind ja lauter Zitate. Die hat Schiller da hineingedichtet. Das ist doch keine Kunst.« »Du dreimal gehörntes Nashorn, die Worte hat doch Schiller zuerst gedichtet, und dann sind sie zu Zitaten geworden«, regte sich ihr Zwilling auf. Auch die anderen lachten über Suse, selbst ihre Freundin Inge. Es war nur gut, daß sich der Vor- hang wieder hob und es dunkel wurde. So konnte niemand die Tränen in Suses Augen sehen. Es flossen aber noch mehr Tränen. Die Mädchen beweinten den frühen Tod des Titelhelden und seines Freundes Roderich. Herbert nannte die Mädchen Heulsusen. Aber alle waren sich einig: Die Aufführung war ein Erlebnis! Nach Schluß der Vorstellung galt es rasch eine Straßenbahn zu bekommen, um den Nachtzug nach Göttingen zu erreichen. Bald war der richti- ge Zug auf einem der zwanzig Geleise des Hauptbahnhofes gefunden, und dann ratterte die Elektrolok in die dunkle Nacht.,

ELEFANTENJAGD

Bunte Anschlagzettel klebten an den Plakatwän- den in Göttingen. Die Kinder und auch die Er- wachsenen standen neugierig davor und studier- ten die Ankündigungen. Ein Zirkus kam in die Stadt und hatte sein Programm angeschlagen. Was hatte er nicht alles zu bieten: Seiltänzer, Trapezkünstler, Feuerfresser, Kunstreiterinnen, dressierte Pudel, Elefanten und aufregende Raub- tiernummern. Herrlich! Das war etwas für die schaulustigen Buben und Mädchen. Nach der Deutschstunde kamen drei Mädchen aus der fünften Klasse zu Professor Werner. Die Klas- sensprecherin bat: »Bitte, Herr Professor, dürfen wir unsere Hausarbeit erst ein paar Tage später abliefern? Wir wollen nämlich gerne den Zirkus besuchen.« Professor Werner hatte Verständnis für seine Schülerinnen. »Ausnahmsweise will ich es erlau- ben. Einen Zirkus kann man sich nicht entgehen lassen.« »Mich interessieren eigentlich nur die Boxer, höchstens noch die Elefanten«, meinte Herbert beim Mittagessen. »Aber der Pudel, Herbert, der kann genau aus- rechnen, wie alt man ist«, rief Suse, »das ist doch fabelhaft.« Mathematik war ihre schwache Seite, daher imponierten ihr die angekündigten Rechenkünste des Pudels besonders. »Omama, du mußt in den Zirkus mitgehen, dann wollen wir schauen, ob der Pudel wirklich bis dreiundsiebzig rechnen kann. Ich bin neugierig, ob er herausbe- kommt, wie alt du bist«, schlug Suse vor., »Ja, dann werde ich freilich hingehen müssen«, lachte die Omama. »Und Emma muß auch mit, die hat noch nie Clowns gesehen. Ich habe die Clowns am lieb- sten, weil man so viel über sie lachen muß.« Su- se war ganz aufgeregt. »Heute nachmittag kommt der Zirkus mit dem Zug an. Wir sind natürlich an der Bahn, Krause und ich. Wir wollen beim Ausladen der Tiere zu- schauen. Kommst du mit, Suse? Oder hast du dich mit den Martinsgänsen verabredet?« »Ja, Helga und Inge sind auch am Bahnhof, ich glaube, unsere ganze Klasse wird dort sein«, er- zählte Suse. »Geht ihr auch hin?« fragte sie ihre Eltern. »Freilich, ich lasse meine Vorlesung heute an der Universität ausfallen, nur um die Zirkuskünstler feierlich von der Bahn abzuholen«, lachte der Professor sein Töchterchen aus. »Die Boxer und Seiltänzer sind bestimmt interes- santer als der langweilige Sirius, von dem du da sprichst«, behauptete Herbert. Der Vater lachte. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß sich sein Sohn nicht für die Sternkunde interessierte. »Und du, Mutti?« erkundigte sich Suse. »Du mußt ja nicht auf die Universität, du kannst doch mit- kommen.« Obwohl Suse schon so groß war, die Mutti hatte sie doch am liebsten bei sich. Sie war noch immer ein Mutterkind. »Ich bin heute mit Frau Martin und anderen Freundinnen in einem Kaffeehaus verabredet«, erwiderte die Mutter. »Ich wollte euch einladen mitzukommen. Es ist ein herrlicher Sommertag.« »Nein«, sagte Herbert und schüttelte den Kopf,, »da sind mir zuviel Weiber.« »Aber Herbert, das sagt man doch nicht«, er- mahnte ihn der Vater. »Ja, die Flegeljahre«, nickte Suse und machte ein sorgenvolles Gesicht, »wie lange sollen die noch dauern?« Auch die Mutter seufzte. »Wenn es nicht zu spät wird, Mutti, können wir ja noch nachkommen, Inge, Helga und ich«, fügte sie schnell hinzu. Wenn Suse auch manchmal et- was vorlaut war, sie bemühte sich immer, es gleich wiedergutzumachen. »Gut, Kind, wir sind bis sechs Uhr dort«, stimmte die Mutter zu. »Und ich bleibe im Garten bei meinen lieben Ro- sen. Mich kann an diesem heißen Tag weder der Kaffee noch die Seiltänzer und ihre Elefanten lok- ken«, schloß die Großmutter die Unterhaltung. Viele Leute waren zum Bahnhof gekommen. Die Buben und Mädel, die Studenten und die älteren Leute hatten ihren Nachmittagsspaziergang dort- hin verlegt. Ein Zirkus kam nicht alle Tage nach Göttingen, noch dazu mit Elefanten. Die fünfte Klasse des Mädchengymnasiums war fast vollzählig versammelt. Auch Herbert und sei- ne Klassenkameraden reckten die Hälse, als der Zug einfuhr. Bubi, der ebenfalls mit dabei war, bellte ein herzliches Willkommen. Zuerst war nichts Besonderes zu sehen. Ver- schiedene Reisende stiegen aus den Personenwa- gen. Suse, die geglaubt hatte, daß die Zirkus- künstler in ihren Kostümen kommen würden, war enttäuscht. Die sahen ja aus wie ganz gewöhnli- che Menschen! Die Damen trugen Kostüme oder, Reisemäntel – und das sollten Zirkusprinzessin- nen sein! Nicht einmal die Clowns waren zu er- kennen. Alle Herren sahen ernst und würdig aus. Suse konnte sich nicht vorstellen, daß einer von ihnen ein lustiger Clown war. »Du, Inge, ich glaube, das sind gar nicht die Zir- kusleute. Die Herren sehen wie Universitätspro- fessoren aus«, wandte sich Suse an die Freundin. »Blödsinn – natürlich sind sie’s. An der Nasen- spitze siehst du’s ihnen nicht an«, mischte sich Herbert drein, der in der Nähe stand. »Der da, der Dicke mit der Glatze, der so fürch- terlich schwitzt, das ist sicher der Direktor. Er kommandiert mit den anderen herum. Du, Krau- se, glaubst du, sind das die Boxer? Die haben aber Muskeln.« Herbert musterte fachmännisch die Zirkusleute. »Sag einmal, Herbert, wo ist denn der Pudel, der so gut rechnen kann?« fragte Suse aufgeregt. Sie schaute neugierig nach allen Seiten. Herbert wußte ja immer alles besser, folglich mußte er auch das wissen. »Na dort – du Nashorn! Hast du denn keine Au- gen im Kopf? Der schwarze Köter, der immer dem Dicken nachläuft.« »Der – das ist ja ein ganz gewöhnlicher Pudel, und der soll so gut rechnen können?« Suse be- trachtete ihn mißtrauisch. Auch Bubi beobachtete den fremden Hund aufmerksam. Plötzlich schoß er auf den Pudel zu und begrüßte ihn mit fröhli- chem Schwanzwedeln. Er wußte ja, was sich ge- hörte. »Vielleicht lernt er von dem Pudel rechnen«, be- ruhigte Suse ihren Zwilling. Herbert versuchte, Bubi durch lautes Pfeifen zurückzurufen. »Du hättest es nötiger, Mathematik zu lernen!« Das war gemein von Herbert, sie so vor den Schulkameradinnen bloßzustellen. Suse hatte aber keine Zeit, sich darüber zu är- gern. Durch die Zuschauer ging ein Ruck – »die Elefanten – jetzt werden die Elefanten ausgela- den.« Herbert und Krause liefen zum Ende des Zuges, wo die Tiere in Viehwaggons untergebracht wa- ren. Auch die Mädchen drängten hinterdrein. Su- se kam gerade zurecht, um zu sehen, wie ein Waggon geöffnet und eine Brücke niedergelassen wurde. Ein langer, grauer Rüssel kam zum Vor- schein. Mit seinen dicken Säulenbeinen stampfte der Elefant über die Brücke. Und da stand das riesige Tier auf dem Bahnsteig der alten Universi- tätsstadt. Es war Murphy, hinter ihm folgten Ali und Toni, seine Kinder. »Die sind sicher auch Zwillinge wie wir«, flüsterte Suse den Martinsgänsen zu. »Man kann sie kaum voneinander unterscheiden.« Mit einem Hurra wurden die grauen Riesen be- grüßt. Diese trabten durch die Zuschauerreihen. Wärter führten sie an dicken Stricken. »Hoch Murphy, hoch Ali und Toni!«, schrie die Jugend. Die Wärter bemühten sich, so schnell sie konn- ten, die Tiere aus der lärmenden Menge heraus- zubringen. Die Elefanten waren schon ein wenig unruhig geworden. Aber die Jugend ließ sich nicht abhängen. Sie gab den Dickhäutern das Ehrenge- leit durch die Stadt. Bubi hatte mit dem schwarzen Zirkuspudel be-, reits Freundschaft geschlossen. Jetzt umkreiste er die Elefanten mit feindseligem Gebell. Solche gewaltigen Tiere hatte er noch nie gesehen. Sie hatten ja den Schwanz vorne auf dem Kopf an- statt hinten wie jeder normale Vierfüßler. Diese Tatsache regte ihn sehr auf. »Von diesen Biestern soll das Elfenbein kommen, das glaube ich nicht«, sagte eine bekannte Stim- me neben Suse. »Die Beine sehen nicht nach El- fenbein aus.« Es war Tinchen Grimms Stimme, die nirgends fehlte, wo etwas los war. Sie wollte mit Suse wieder gut werden. »Aber Menschenskind, das Elfenbein kommt doch nicht von den Elefantenbeinen, sondern von den langen Stoßzähnen«, belehrte sie Suse eifrig. Um Gottes willen, Tinchen war aber dumm. Und Suse hatte einmal geglaubt, sie sei eine Enkelin der Gebrüder Grimm! Murphy und seine beiden Kinder wurden plötzlich unruhig. Was war schuld daran? Hatte die Jugend zu laut geschrien? Hatte Bubi zu laut gebellt? Oder war es der Schlag, den Herbert, frech wie immer, Ali versetzte? Keiner wußte es zu sagen. Plötzlich rissen sich die Elefanten von ihren Wär- tern los, setzten sich in Trab und versuchten, die Stadt auf eigene Faust kennenzulernen. »Die Elefanten sind wild geworden, du lieber Himmel, sie werden alles niederstampfen« – Die Menge stob voll Entsetzen nach allen Seiten aus- einander. In wilder Flucht überrannte einer den anderen. Dazwischen hörte man den Zirkusdirek- tor rufen: »Haltet sie – haltet sie!« Inzwischen trotteten die Dickhäuter geradewegs dem Rathausplatz zu. Unter schattigen Linden, saßen die Leute in den Gasthausgärten. Mit ihren langen Rüsseln stießen die Tiere Gläser, Flaschen, Tische und Stühle um und jagten den Gästen Angst ein. Hinter den Elefanten rannten die Wär- ter und Zirkusangestellten. Sie versuchten, die Tiere wieder einzufangen. Aber die wilde Jagd um den Stadtbrunnen ging weiter. »Herbert – Herbert –!« Suse wollte ihren Bruder, der den Elefanten nachlief, zurückhalten. Aber ihre Stimme ging im allgemeinen Geschrei unter. Die Wärter bemühten sich, den Tieren den Weg abzuschneiden. Die grauen Kolosse stampften alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Als eine Schaufensterscheibe klirrte, ließen die Geschäftsleute schnell die Rollbalken nieder. To- ni, der kleine Elefant, trabte selbstbewußt in das alte Rathaus, irrte dort durch die Gänge und kam wieder ins Freie. Dann verschwand er in einem Haus. Hier gelang es zwei Wärtern, Toni einzu- fangen. Murphy und Ali aber jagten weiter durch die Straßen. Murphy steckte jetzt seinen Rüssel in den Ein- gang der Universität. Aber es gefiel ihm hier nicht. Schnell drehte er wieder um und lief in den Hof. Hier verirrte er sich in den Bogengängen und jagte immer im Kreis herum. Professoren und Studenten nahmen an der aufregenden Jagd teil. Schließlich konnte man auch Murphy einfangen. Wo aber war Ali? Der war der unternehmungslustigste von den drei Elefanten. Er war in ein Kaufhaus eingedrungen und hatte die kreischenden Verkäuferinnen in die Flucht gejagt. Dann hatte er in der Stoffabteilung mit seinem Rüssel Stoffballen durchwühlt und, schließlich in der Lebensmittelabteilung Schoko- lade und Äpfel gefressen, und jetzt – wollte er wieder aus dem Geschäft hinaus. Aber leider – seine Verfolger hatten das Gittertor vor dem Ausgang geschlossen – Ali war gefan- gen. Auf der Straße johlte die Menschenmenge. Die Schuljugend jubelte: »Ali ist gefangen – Ali kann nicht heraus.« Herbert kitzelte den Elefanten mit einem Zweig durch die Gitterstäbe. Bubi bellte dazu. Einen Augenblick stand Ali wie erstarrt, dann durchbrach er, bevor die Wärter eintrafen, mit einem gewaltigen Stoß das schwere Gittertor. Die Leute schrien entsetzt auf. Jetzt jagte Ali die Menschen, nicht die Menschen ihn. Herbert war, noch rechtzeitig zur Seite gesprungen, Bubi aber bekam einen Stoß, daß ihm das Bellen verging. Suse hatte sich mit Inge im Hintergrund gehal- ten. Sie wußte nicht, was geschehen war. Sie hörte nur plötzlich gellende Angstrufe und sah die Leute davonlaufen. Und schon kam das graue Ungetüm auf sie zuge- stampft. Suse war ganz erstarrt – sie konnte sich nicht bewegen. Sie wurde zur Seite gerissen – dann wußte sie nichts mehr. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einem har- ten Bett in einem kleinen Zimmer. Inge beugte sich über sie und kühlte ihre Stirne. Paul saß am Bettrand und fühlte ihren Puls. Er hatte noch sei- nen Arbeitsanzug an. Wie von ferne hörte Suse eine Kinderstimme: »Sie stirbt – das Mädchen aus dem Sternenhaus stirbt – ujeh – ujeh – und sie war immer so gut zu mir.« Langsam wurde Suse klar, wo sie war. Sie er- kannte Tinchen Grimm, die um sie weinte, Inge und Paul. »Suschen, mach doch die Augen wieder auf, der Elefant ist ja fort, er kann dir nichts mehr tun.« »Paul hat dir das Leben gerettet, Suse«, erzählte Inge. »Ach hör doch damit auf, Inge«, wehrte Paul be- scheiden ab. »Ich kam gerade von der Arbeit, da sah ich, wie der Elefant auf dich losging, Suse. Und da meine Wohnung gleich in der Nähe war, brachten wir dich hierher.« Suse sah sich in dem kleinen Raum um. Natür- lich, das war Pauls bescheidenes Zimmer. Sie hatte es, als er einzog, mit Blumen geschmückt. Herbert hatte ihr dabei geholfen. »Herbert – wo, ist Herbert?« Suse setzte sich besorgt auf. »Der ist sicher noch mit Helga auf der Elefanten- jagd. Die beiden geben doch nicht früher Ruhe, bis der Elefant gefangen ist. Was aus uns gewor- den ist, das kümmert sie nicht.« Inge lachte, aber trotzdem meinte sie es sehr ernst. Ja, Herbert, ihr Zwilling, dachte nicht an sie, aber Paul – hatte sie gerettet. Sie reichte ihm die Hand. »Ich danke dir vielmals, Paul.« Der Junge wurde ganz verlegen. »Aber Suse, das ist doch selbstverständlich, jeder an meiner Stelle hätte das getan.« Paul umfaßte behutsam Suses Hand. Suse trank ein paar Schluck Wasser, dann fühlte sie sich wieder frisch. Sie konnte aufstehen. Sie ging zum Fenster und betrachtete die Blumen, die sie Paul geschenkt hatte. Inge bewunderte die vielen Bücher, die auf dem Tisch lagen. Sie blät- terte darin. »Das ist mir zu schwer, dazu bin ich zu dumm«, meinte sie schließlich. Es waren Lehr- bücher für Physik und Elektrotechnik. Tinchen Grimm wich nicht von Suses Seite. Sie war glücklich, daß es Suse wieder besser ging. »Wirst du jetzt wieder mit mir sprechen?« erkun- digte sie sich. Da nickte Suse. Sie konnte Tinchen nicht länger böse sein. »Ich bringe euch nach Hause«, sagte Paul, »sonst spießt der Elefant Suse am Ende doch noch auf.« »Hoffentlich haben sie den Dickhäuter schon ein- gefangen?« meinte Inge. Suse dachte erschreckt: »Er wird doch nicht ins Sternenhaus gelaufen sein? Unsere Omama ist allein zu Hause.« »Ach, Unsinn, Suschen, das Tier ist längst in sei-, nem Stall«, beruhigte sie Paul. Nein, im Sternenhaus war Ali nicht, aber im Gar- ten der Sternwarte. Professor Winter zeigte gerade seinen Hörern, wie nahe der Sirius im Frühling der Erde sei. Man könne ihn mit bloßen Augen sehen. Da wurde die Stille durch lauten Tumult unterbrochen. Ein Ele- fant stampfte durch die Dunkelheit geradewegs auf Professor Winter zu. Die Hörer schrien: »Ein Elefant – ein Elefant ist hier!« »Licht!« rief der Professor seinem Assistenten zu, »Licht einschalten!« Plötzlich flammte grelles Licht auf. Geblendet blieb Ali stehen. Er war so überrascht, daß er sich von den Wärtern fangen ließ. Der »sternkundige Ali«, wie ihn die Göttinger später scherzhaft nannten, war allseits beliebt. Die Schüler fütterten ihn mit Zucker und Näsche- reien. Auch Herbert hatte ihn in sein Herz ge- schlossen. Und als in den nächsten Tagen der Zirkus mit einer Galavorstellung seine Schau be- gann, war ganz Göttingen zugegen. Nur Suse war nicht zu bewegen, den Zirkus zu besuchen. Nicht einmal der Pudel, der so glän- zend rechnen konnte, lockte sie. Seit der Elefan- tenjagd hatte sie genug vom Zirkus., VOM LEHRLING ZUM STUDENTEN In den Zeiss-Werken ertönte das Mittagspausen- zeichen. Wie mit einem Schlag ruhte die Arbeit. In den Waschräumen drängten sich die Arbeiter. Aus den Hallen der Fabrik strömten Männer, Frauen und junge Burschen in ihren Arbeitsklei- dern. Wie in einem Ameisenhaufen wimmelte es plötzlich in den Fabriksanlagen. »Es ist halb zwölf – Mittagspause«, sagte man in Göttingen. Die Leute stellten ihre Uhr nach der Fabrikssirene, und die Hausfrauen setzten die Kartoffeln auf das Feuer. Die Sirene war der Uhr- pendel der Stadt. Eine Schar jugendlicher Arbeiter drängte sich la- chend aus den Werkshallen. Es waren Burschen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren. »Den Liedtke hat der Werkmeister zurückbehalten« – »Au weh, da setzt’s was« – »Schadet ihm gar nicht, so eine kalte Dusche, sonst weiß der doch nicht, ob er auf dem Mars oder auf der Erde lebt« – »Der Liedtke ist immer nett und gefällig« – »Jawohl, er ist ein guter Kamerad« – »Nein, ich kann nun einmal einen solchen Bücherwurm nicht leiden« – »Der kommt sich zehnmal gescheiter vor als wir« – »Ist ja Unsinn, Liedtke ist immer bescheiden« – so gingen die Ansichten der Lehr- linge hin und her. Karl Neumann, ein hübscher, frischer Junge, setzte sich auf eine Bank in den Anlagen vor dem Fabriksgebäude. »Ich warte hier auf Liedtke. Ich möchte gerne wissen, was der Alte von ihm woll- te.« »Neugierige Nase!« Damit machten sich die an-, deren davon. Viele Arbeiter, Werkmeister, Feinmechaniker, Op- tiker, Maschinenbauer und Maschinenschlosser gingen an Neumann vorüber. Auch Dreher, For- mer, Metallgießer, Tischler, Zimmerleute und Klempner kamen aus den Fabrikshallen. Jetzt sah er schon die Elektromonteure und Beamten, die waren sonst immer die letzten. Nur Paul Liedtke ließ noch auf sich warten. Hatte er wirklich etwas ausgefressen? Er war doch als verläßlicher Lehr- ling bekannt. Endlich tauchte Pauls schmale, hochaufgeschos- sene Gestalt hinter einigen Ingenieuren auf. Karl lief auf ihn zu. Pauls Gesicht war vom vielen Stubenhocken immer blaß. Heute aber war es gerötet. Er sah erregt aus. Sicher war es ihm an den Kragen gegangen. »Na, was war los?« empfing Karl den Kameraden. Paul fuhr aus seinen Gedanken auf. »Wie nett von dir, daß du auf mich gewartet hast, Neumann.« »Na ja, ich wollte doch wissen, warum dich der Alte gerufen hat und mit dir geschimpft hat.« »Geschimpft? Ach so!« lachte Paul. »Du scheinst dir ja nicht viel daraus zu machen«, meinte Karl. »Hast du etwas verpatzt?« »Aber wo! Es handelt sich doch um etwas ganz anderes.« »Na, um was denn? Mensch, du bist doch heute ein zweibeiniges Rätsel!« Karl platzte vor Neu- gier. »Der Werkmeister hat mir gesagt – « Paul mach- te eine Pause. »Na, was denn, Menschenskind?« drängte Karl., »Er wäre recht zufrieden mit mir und hätte des- halb beantragt, mich schon vorzeitig zum Opti- kergehilfen zu machen.« Obwohl Paul sonst im- mer sehr bescheiden war, heute war er ein wenig stolz auf sich. »Was?« Karl sperrte Mund und Augen auf. »Du schon Gehilfe? Nach noch nicht drei Jahren Lehr- zeit? Mensch, hast du aber Schwein.« »Ja, der Werkmeister meinte, ich beherrschte bereits alle Lehrlingsarbeiten. Als Gehilfe könnte er mich besser brauchen.« »Gratuliere, Paul. Mensch, das wird einen Wirbel geben. Hinze wird fluchen, er ist jetzt schon fast vier Jahre im Werk und noch immer Lehrling. Er hätte als nächster Gehilfe werden sollen. Und auch die anderen, die alle schon weit über drei Jahre Lehrling sind. Aber ich gönn’ es dir, weil du immer ein anständiger Kerl warst. Wenn dich die anderen nur nicht verprügeln.« »Warum sollten sie mich verhauen? Ich habe ih- nen doch nichts getan«, wunderte sich Paul. »Nein! Aber sie werden grün und gelb vor Neid werden. An den Alten können sie ihre Wut nicht auslassen, also mußt du daran glauben. Sie kön- nen dich sowieso nicht recht leiden.« »Warum können sie mich denn nicht leiden?« fragte Paul bestürzt. »Ich bin doch immer nett zu ihnen gewesen.« Mit seiner Freude war es vorbei. »Weil du anders bist als sie. Weil dir Raufen kei- nen Spaß macht, sondern das Bücherlesen. Sie können nun einmal Bücherwürmer nicht ausste- hen.« »Aber alle, die etwas werden wollten, mußten doch auch von morgens bis abends studieren., Das wären dann auch Bücherwürmer gewesen?« »Ja, wenn du dich mit den Studierten ver- gleichst«, lachte ihn Karl aus. Währenddessen hatten beide das Fabriksgelände verlassen und waren auf der Straße. Karl führte sein Rad. Nachdenklich ging Paul neben ihm und meinte: »Nein, du darfst mich nicht für anma- ßend halten. Aber mein Vorbild ist der berühmte Jenaer Physiker Abbe. Er war der Sohn eines Ar- beiters und so arm wie ich. Aber trotzdem strebte er nach einem höheren Ziel. Nur durch seinen Fleiß und seine Ausdauer hat er dieses Ziel auch erreicht und machte schließlich unser Werk zu einer Stiftung.« »Mahlzeit, Paul, ich muß nach Hause. Die Suppe wird kalt, und dann schimpft die Mutter.« Karl schwang sich auf sein Rad und fuhr davon. Paul seufzte unbewußt. Auf ihn wartete weder eine Mutter noch eine warme Suppe daheim. Die Lehrlinge erhielten vom Werk einen Geldzuschuß für das Essen. Paul verbrauchte sehr wenig dafür. Er begnügte sich mittags mit Brot und Milch, die in den Werkstätten ausgeschenkt wurde. Am Abend hob ihm seine gutmütige Wirtin für wenig Geld vom Mittagessen meistens einen Teller Sup- pe oder Gemüse auf. Am Sonntag hatte er ja im Sternenhaus sein gutes Essen. Freilich würde Professor Winter sehr ungehalten darüber sein, wenn er gewußt hätte, daß Paul das Geld für das Essen zum Bücherkaufen verwendete. Familie Winter machte ihm immer wieder Vorwürfe, weil er so blaß war. Frau Winter hatte ihn zum tägli- chen Mittagstisch eingeladen. Aber das ging ja gar nicht, denn im Sternenhaus aß man viel spä-, ter. Der Professor kam erst gegen zwei Uhr von der Universität nach Hause. Auch Herbert und Suse kamen so spät heim, daß Pauls Mittagspau- se längst vorbei war. Und es war auch gut so. Der Sonntag im Sternenhaus sollte für alle ein Festtag bleiben. Er sollte sich vom Alltag abhe- ben. Paul konnte sich schon die ganze Woche darauf freuen. Was würden sie im Sternenhaus zu seiner vorzei- tigen Freisprechung wohl sagen? So schnell hat- ten sie sie sicher nicht erwartet, wenn auch der Professor große Hoffnungen auf Paul setzte. Wie würde sich Suse mit ihm freuen! Als Paul an Suse dachte, wurde er wieder heiter. In Gedanken sah er Suses Augen aufleuchten. Wenn ihm auch die Kollegen neidig waren und ihn vielleicht hänseln wollten, er würde unbeirrt seinen Weg weiterge- hen. Paul warf einen Blick zurück auf die Fabrik. Sie war eine steinerne Stadt, eine Stadt der Arbeit, in der jeder seine Pflicht tat, wo immer er zu arbei- ten hatte. Paul strebte einem großen Gebäude zu. Es war das Volksbildungshaus, in dem er jede freie Minu- te, die ihm seine technische Arbeit ließ, verbrach- te. Er fühlte sich in den behaglich eingerichteten Räumen sehr wohl. Am Schalter der Jugendbücherei drängten sich Buben und Mädchen. Sie bestürmten die Biblio- thekarin mit ihren Wünschen. »Ein schönes Buch – ein Buch über Erfindungen – ach bitte, mir eins von Indianern – bitte mir ein recht lustiges Buch mit lauter dummen Strei- chen.« Und jeder fand, was er suchte., Der Lesesaal war in der Mittagszeit gut besucht. In bequemen Lehnsesseln saßen junge und alte Leute. Wer von seiner Mittagszeit ein Viertel- stündchen erübrigen konnte, kam hierher. Alle Tageszeitungen lagen auf. Paul begrüßte einige Bekannte, die wie er die Mittagszeit oft im Volks- bildungshaus verbrachten. Paul stapelte mehrere Folianten vor sich auf und vertiefte sich in seine Arbeit. Im März wollte er zur Prüfung antreten. Als Hauptfächer hatte er Physik und Mathematik gewählt. Er zeichnete und rechnete. Er war derart in seine Bücher vertieft, daß er gar nicht merkte, daß jemand hinter ihm stand. Erst als eine Stimme hinter ihm sagte: »Ja, Paul, das soll deine Mittagspause sein?« fuhr er aus seiner Arbeit auf. Hinter ihm stand Profes-, sor Winter. Paul erhob sich und begrüßte seinen väterlichen Freund. »Na, Junge, nennst du das Mittagessen?« fragte der Professor und drohte mit dem Finger. »Ich habe schon etwas gegessen, und am Abend bekomme ich bei meiner Wirtin etwas Warmes«, verteidigte sich Paul. »Das ist für einen jungen Menschen nicht genug. Du mußt mittags unbedingt auch etwas Warmes essen, Paul. Das Geld, das du im Werk für das Essen bekommst, mußt du auch dafür ausge- ben.« »Das brauche ich für etwas anderes notwendi- ger«, meinte Paul zögernd. »Wofür denn? Für Wäsche und Kleidung?« »Nein, für Bücher.« »Hast du hier nicht genug zur Verfügung, Jun- ge?« Der Professor zeigte auf die vielen Bücher in den hohen Regalen. »Manche Bücher, die ich hier gelesen habe, möchte ich gerne besitzen, um sie zu Hause ge- nauer zu studieren«, erklärte Paul bescheiden. »Ich kann dann im Physikalischen Institut gleich die Versuche machen, die ich aus den Büchern kennengelernt habe.« Professor Winter bewunderte im stillen den Ernst des Jungen. Es war imponierend, wie er seinen Weg zielbewußt verfolgte. Nur mußte der Körper mit dem Geist Schritt halten. Er musterte den schmächtigen, blassen Burschen. Dann meinte der Professor: »Aber zuviel ist zu zuviel! Du brauchst neben deiner Arbeit in der Fabrik viel Bewegung in frischer Luft und eine kräftige Kost. Am Abend kannst du über den Büchern sitzen., Bist du beim Fußballklub und beim Turnverein eures Werkes?« »Nein, Herr Professor, ich habe noch keine Zeit dazu gehabt. Und dann – die anderen sind viel geschickter als ich. Die lachen mich aus!« »Macht nichts«, entschied der Professor. »Meine Kinder müssen auch Sport betreiben. Nur in ei- nem gesunden Körper kann ein gesunder Geist wohnen. Auch den Sport kann man erlernen. Du wirst viel leichter arbeiten, wenn du turnst, als wenn du ständig über den Büchern hockst.« »Der Werkmeister ist recht zufrieden mit mir, Herr Professor. Er hat meine Lehrzeit abgekürzt und mich heute zum Optikergehilfen freigespro- chen.« Aus Pauls Worten sprach bescheidener Stolz. »Das ist ja herrlich – meinen Glückwunsch, Herr Optikergehilfe. Das nenne ich eine rasche Beför- derung«, rief der Professor erfreut. »Was sagen denn deine Kameraden dazu?« Paul zögerte mit der Antwort. »Sie werden wohl neidig sein. Neumann meinte sogar, sie werden mich verprügeln.« »Hau zurück! Das ist eine gute Muskelübung. Du kannst bei Herbert boxen lernen. Am Sonntag werden wir den Optikergehilfen bei einer Pfirsich- bowle feiern. Suse hat die Pfirsiche selbst gezo- gen. Inzwischen aber versprich mir, daß du mit- tags etwas Warmes ißt. So, Hand darauf! Und diese schöne Birne hier hat mir Suse in die Ta- sche gesteckt. Da hast du sie und laß sie dir gut schmecken.« Damit ging der Professor zu seiner Arbeit zurück. Paul mußte sich sehr beeilen, um rechtzeitig in die Fabrik zurückzukommen. Es, fehlten nur noch fünf Minuten, und die Nachmit- tagsarbeit begann wieder. Karl Neumann hatte richtig vorausgesagt. Kein Lehrling gönnte Paul Liedtke seine schnelle Be- förderung. Sie waren alle darüber empört, daß dieser Bücherwurm tüchtiger war als sie. Jeder fühlte sich benachteiligt. Eine Mauer von Neid, Mißgunst und Gehässigkeit richtete sich plötzlich zwischen Paul und seinen Kameraden auf. Alle waren gegen ihn verbündet und zeigten ihm bei jeder Gelegenheit, daß sie ihn nicht mochten. Selbst seine früheren Freunde ließen ihn im Stich. Nicht einmal Karl Neumann, der Paul gern hatte, konnte ihm helfen. Paul hatte in seinem Leben schon viel Bitteres erfahren. Im Waisenhaus in Berlin war er der Prügelknabe der großen Buben gewesen. Er war dennoch immer freundlich geblieben, so daß ihn am Ende dann doch alle mochten. Hier war das anders. Freundlichkeit nützte nichts. Man hielt Paul für berechnend. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich nicht darum zu kümmern, was sie von ihm dachten. Zumindest schien es so nach außen hin. Trotzdem taten ihm die Bosheiten weh, die sie ihm bei jeder Gelegenheit zufügten. Einmal fand er ein wichtiges Werkzeug nicht, für das er verantwortlich war. Er mußte sehr lange danach suchen. Dadurch ging ihm kostbare Zeit verloren, die ihm vom Lohn abgerechnet wurde. Sollte er es seinem Meister melden? Nein, seine Kollegen würden es um so ärger treiben. Noch etwas bedrückte Paul. Er hatte Professor Winter versprochen, dem Sportklub beizutreten. Aber Hinze, Pauls größter Feind, war der Sportwart., Bei ihm mußte man sich melden. Sollte es Paul wagen? Er sprach mit Karl Neumann darüber. Der zuckte mit den Achseln. »Du wirst nicht viel Freude da- bei haben, Liedtke. Wenn sie dich in der Werk- stätte schon so ärgern, dann werden sie es beim Sport, wo sie ganz unter sich sind, erst recht tun. Wenn ich dir raten kann, laß es lieber bleiben.« Es war ein ehrlicher Rat, denn Karl Neumann hat- te Paul gern, und er tat ihm leid. Aber er allein konnte ihm nicht helfen. Paul aber tat gerade das Gegenteil. Schwierigkei- ten reizten ihn. Er wollte sie überwinden. Er entschloß sich schnell, ehe es ihm wieder leid tat, und ging in einer Arbeitspause zum Sport- wart. »Du, Hinze, ich möchte mich beim Sportklub an- melden.« »Du?« Hinze lachte höhnisch. »Solche Kerle wie dich können wir nicht brauchen. Wenn wir nur husten, liegst du schon auf der Nase. Nein, für Bücherwürmer ist der Sportklub nichts.« Das war deutlich. Paul schoß das Blut ins Gesicht. »Der Sportverein ist für alle Arbeiter da, nicht nur für die starken und kräftigen. Wenn du mich nicht aufnehmen willst, muß ich zum Abteilungsleiter gehen.« Paul sprach ruhig und sachlich und zuck- te mit keiner Wimper. »Ich will nur mein Recht, das jedem zusteht. Hier sind alle gleich.« »So – na, dann muß das auch für die Beförde- rung gelten. Aber du hast ja den Alten einge- seift«, empörte sich Hinze., »Dafür kann ich nichts. Das war ganz gerecht. Es ging nach dem, was man leistet«, erwiderte Paul ruhig. »Hahaha – ich verstehe immer: ganz gerecht. Na, dann zeig einmal, was du im Sportklub lei- sten kannst. Schön, ich schreibe dich ein. Jam- mere aber nachher ja nicht, wenn du blau und, grün geschlagen bist.« Damit ließ ihn Hinze ste- hen. So ruhig, wie Paul sich nach außen zeigte, war er innerlich ganz und gar nicht. Er fürchtete sich sogar vor dem Sportverein und vor der Rache der Kollegen. Aber das half nichts. Was sein muß, das muß sein! Statt eines guten Buches, das ihm Frau Winter empfohlen hatte, kaufte sich Paul eine Turnhose. Am nächsten Samstag um drei Uhr ging Paul auf den großen Sportplatz, wo sich die Fußballmann- schaften schon versammelt hatten. Sehr wohl war ihm nicht zumute, als er sich unter seine Kameraden mischte. Es waren lauter kräftige, sonnengebräunte Jungen. Mit spöttischen Blicken musterten sie den schmächtigen, unterernährten Paul. Als Schüler hatte Paul sehr selten Fußball gespielt. Schon als Kind mußte er jede Minute ausnützen und seiner Mutter zu Hause helfen. Nebenbei hatte er sich schon damals mit Zei- tungs- und Brotaustragen Geld verdient. Von den glücklichen Jahren in der Waldschule abgesehen, hatte Paul immer wenig Zeit zum Spielen gehabt. Nun stand er hier wie der Ochs vor dem Berg. Er hörte Fachausdrücke und hatte kaum eine Ah- nung von den Spielregeln. Wenn ihm doch Her- bert oder Helga Martin vorher die Regeln erklärt hätten. Das Fußballspiel dauerte bis fünf Uhr. Der große Ball wurde von den Stürmern hin und her geworfen. Die Spieler liefen hinter dem Ball her, einmal vor, einmal zurück – das erschien Paul nutzlos. Welchen Sinn sollte das haben? Er tat dasselbe wie der andere Verteidiger. Er lief wie ein Schaf in der Herde mit., Hinze spielte in der Gegenpartei. Er war immer an der Spitze der Stürmer. Er versuchte den Tor- wächter Karl Neumann zu bluffen und ein Tor zu schießen. Und Paul als Verteidiger sollte das ver- hindern. Hinze schleuderte den Ball. Er holte weit aus – er zielte gut – o weh – Paul schrie vor Schmerz auf und wurde niedergestoßen. Die Spieler jagten an ihm vorbei. »Will denn der Liedtke nicht vom Platz gehen? Er hält uns doch auf, so ein wehleidiger Kerl«, schimpfte Hinze. »Jetzt sieht er endlich, was er kann.« Paul stöhnte. Sein rechtes Schultergelenk schmerzte so, daß er kaum atmen konnte. Karl Neumann rüttelte ihn. Paul schrie laut auf. »Aber Mensch, wie kann man nur so wehleidig sein. Nimm dich doch zusammen, die anderen lachen über dich. Geh aus dem Spielfeld. Du hältst das Spiel auf.« Auch Karl ärgerte sich. Paul stand auf. Er biß die Zähne zusammen. Er wollte nicht mehr jammern. Er wollte den Kame- raden nicht zeigen, wie weh es ihm tat. Nach wenigen Schritten wurde Paul schwarz vor den Augen. Er taumelte – stolperte und fiel zu Boden. Dort blieb er regungslos liegen. Karl Neumann lief zu Paul. »Du, Liedtke, steh doch auf.« Er beugte sich über ihn. Da sah er, daß Paul ganz weiß im Gesicht war und die Augen geschlossen hatte. »Halt!« schrie Karl den Spielern entsetzt zu, »halt! Paul Liedtke ist verletzt!« Alle eilten herbei. »Wasser!« rief einer und raste zum Brunnen., Hinze fühlte Paul den Puls. Er war kaum mehr zu spüren. »Ich habe ihn nicht treffen wollen, ich habe auf das Tor gezielt – es war ein unglücklicher Zufall!« Obwohl niemand Hinze beschuldigt hatte, vertei- digte er sich aufgeregt. »Der arme Liedtke – der sah ja schon vorher wie eine Leiche auf Urlaub aus.« – »Hinze war immer schon gemein zu ihm«, schrien die Burschen er- regt durcheinander. Jetzt hatten alle Mitleid mit Paul. Ein Spieler kühlte ihm die Stirne mit Wasser. Paul schlug die Augen auf, schloß sie aber gleich wie- der und stöhnte. »Wir müssen ihn ins Spital bringen. Er muß rönt- genisiert werden. Vielleicht hat er innerliche Ver- letzungen«, sagte ein Lehrling. Hinze holte ein Taxi. Das war hier nicht leicht zu bekommen. Es dauerte ziemlich lange. Paul lag inzwischen am, Boden und stöhnte. Die Spieler wagten nur zu flüstern. Dann trugen ihn die Burschen zum Auto. Neumann und Hinze stiegen mit ein. Karl fuhr aus Freundschaft mit, und Hinze drückte sein schlech- tes Gewissen. Der Arzt untersuchte Paul, der starke Schmerzen hatte. »Das Schultergelenk ist ausgerenkt. Schwester, eine Narkose, damit ich es wieder einrenken kann. Bereiten Sie auch eine Röntgenaufnahme vor. Es wäre möglich, daß ein Knochen abgesplit- tert ist.« Paul lag nun schon vierzehn Tage in der chirurgi- schen Klinik. Der Arm tat noch immer weh, er konnte ihn nicht bewegen. Trotzdem erholte sich Paul. Die Schwestern pflegten ihn mit besonderer Aufmerksamkeit. Jeden Mittwoch und Sonntag nachmittag kamen die Zwillinge auf Besuch. Sie freuten sich, daß sich Paul schon ein wenig erholt hatte. An den Sonntagen kam Suse meistens al- lein. Manchmal kam auch Frau Winter oder Inge Martin. Herbert und Helga hatten wenig Zeit für einen Spitalbesuch. Sie ließen sich vom Sport nicht gerne abhalten. Auch andere Besucher er- schienen. Karl Neumann, Pauls bester Freund, kam jeden Sonntag, aber auch Hinze und die an- deren Kameraden vergaßen den Kranken nicht. Ja sogar der Werkmeister besuchte seinen Gehil- fen. Suse brachte Paul aus dem Garten Pfirsiche und Birnen, später Weintrauben und bunte Astern. Ja, der Herbst war indessen gekommen. Endlich wurde Paul aus der Klinik entlassen. Aber der Arm war noch immer steif. Er durfte noch, nicht arbeiten. Um so eifriger las er in seinen Bü- chern und lernte. Er war aber immer noch in ärzt- licher Behandlung. Der verletzte Arm wurde be- strahlt und massiert. Paul war glücklich, daß er jetzt den ganzen Tag studieren konnte. Er war Hinze nicht mehr böse. Von den Zeiss-Werken erhielt er ein Krankengeld, davon konnte er ganz gut leben. So kam es, daß er seine Prüfungsarbeit schon im November abgeben konnte, nicht erst im Febru- ar. Die physikalische Abhandlung erregte großes Aufsehen bei den Professoren. Daraus sprach ein großes Talent. Paul bestand glänzend das Abitur, für das er sich so lange und ausdauernd vorberei- tet hatte. Jetzt war er endlich ein Student!,

WINTERSNOT

Bis in den Dezember hinein merkte man nicht viel vom Winter. Die jungen Leute wurden schon un- geduldig, weil man keinen Wintersport betreiben konnte. Herbert und Helga wollten sich am Wett- bewerb im Schispringen beteiligen. Jeder von ih- nen hoffte, den ersten Preis zu erringen. Aber es wollte nicht schneien. Da, eines Nachts kam der Schnee. Er deckte die alte Universitätsstadt mit weißen Flocken zu. Die spitzen Giebel, die Gassen und Tore trugen schneeweiße Pelzmützen. In den Straßen war es still. Nur die Kinder jubelten über den vielen Schnee. Der Neujahrstag war eisig kalt. Fluß und Teiche waren zugefroren. Ein scharfer Nordostwind blies über die weißen Schneehänge. Die Spatzen fro- ren und hungerten. Jeden Morgen streute Suse in ihrem Garten Futter für die Vögel. Die gefiederten Bettler balgten sich um die Körner. Aber Bubi und Piccola verscheuchten sie bald. Nicht nur die Vögel froren und hungerten im Frei- en. Auch die Menschen in den Häusern suchten die Wärme. Glücklich war der, der heizen konnte, denn durch die große Kälte gab es nicht genug Brennmaterial zu kaufen. Im Sternenhaus hatte man schon im Sommer Kohlen für die Zentralheizung eingelagert. Dort fror man nicht. Trotzdem mahnte der Professor, mit dem Heizmaterial sparsam umzugehen. Be- sonders Emma sollte sich das zu Herzen nehmen. Die feuerte gerne drauflos. Paul freute sich immer auf das warme Wohnzim- mer im Sternenhaus. Dort wärmte er sich jeden, Sonntag auf, denn er fror entsetzlich. Kohlen ko- steten Geld, und Paul hatte kein Geld für Kohlen. Er hatte seine Stelle als Gehilfe bei den Zeiss- Werken aufgeben müssen. Ursprünglich wollte er vormittags in der Fabrik arbeiten und nachmit- tags studieren. Aber das ging leider nicht. Sein Arm war noch immer nicht ganz in Ordnung. Wenn er länger körperlich arbeitete, bekam er Schmerzen. Selbst die elektrischen Massagen und die Bestrahlungen halfen nicht viel. Paul mußte die Arbeit aufgeben. Das war ein bitterer Schlag! Jetzt mußte er mit noch weniger Geld auskommen. Zwar hatte Pro- fessor Winter ein Stipendium an der Universität für ihn durchgesetzt. Er konnte auch in der Mensa umsonst zu Mittag essen. Aber für Kohlen reichte das Geld nicht, sooft Paul auch die Pfennige um- drehen mochte. »Heizt deine Wirtin auch gut?« erkundigte sich Suse an einem kalten Sonntag im Januar fürsorg- lich. Wie gut, daß sie Paul zu Weihnachten einen warmen Wollschal gestrickt hatte. Paul lachte. »In der Küche wird sie wohl heizen, denn dort kocht sie ja.« »Und dein Zimmer, Paul? Arbeitest du bei dieser Kälte in einem ungeheizten Raum?« fragte Suse entsetzt. »Aber wo«, behauptete er. »Du schwindelst, Paul! Du bist ja ganz rot gewor- den. Also beichte!« bestürmte ihn das Mädchen. »Ich arbeite immer in geheizten Räumen. Entwe- der bin ich in der Universität oder in der Biblio- thek. Dort ist es wirklich warm«, beruhigte sie Paul., »Ja, aber am Abend! Abends sind die Bibliothek und die Universität geschlossen. Du hast mir selbst erzählt, daß du oft bis in die Nacht hinein studierst. Und beim Abendessen sitzt du sicher im kalten Zimmer, du armer Junge du!« regte sich Suse auf. »Ist ja nur halb so schlimm, Suschen. Ich lerne eben, bis mir der Kopf raucht, dann kann ich nicht frieren«, scherzte Paul. »Dann kriech ins Bett, wenn dir kalt ist«, ent- schied Herbert. Dem ging es weniger nah als der weichherzigen Suse, daß Paul nicht heizen konnte. »Im kalten Zimmer schlafen ist sogar sehr gesund.« »Ja, du hast ein warmes Zimmer, Herbert, da kann man leicht reden«, sagte Suse empört zu ihrem Bruder. Und zur Mutter meinte sie: »Mutti- chen, der arme Paul muß frieren, er hat keine Kohlen, um sein Zimmer bei dieser eisigen Kälte zu heizen. Unser Fremdenzimmer steht doch leer. Die Heizung darf man dort auch nicht ganz ab- sperren, weil sonst die Rohre einfrieren. Kann Paul während dieser Kälte nicht bei uns im Frem- denzimmer wohnen?« Sie sah die Mutter bittend an. »Aber natürlich, Paul.« Frau Winter war sofort damit einverstanden. »Du kommst auf ein paar Wochen zu uns, bis es wieder wärmer ist.« Der Vorschlag lockte Paul sehr. Er stellte es sich wunderbar vor, bei diesen lieben Menschen woh- nen zu dürfen. Hier konnte er sich richtig zu Hau- se fühlen. Es gehörte viel Kraft dazu, die freundli- che Aufforderung abzulehnen. »Es ist wirklich nicht nötig, ich danke Ihnen herzlich, aber die, paar kalten Wochen gehen schnell vorbei. Wäh- rend des Tages bin ich nicht zu Hause und am Abend lege ich mich ins Bett, so wie es Herbert mir geraten hat.« Daß ihm nicht einmal im Bett warm wurde, verschwieg Paul. Er wollte den El- tern der Zwillinge nicht noch mehr zur Last fallen. Sie taten schon so viel für ihn. Paul hatte auch seinen Stolz. Suse war damit gar nicht einverstanden. Sie kannte ihren Freund besser als die anderen. Sie durchschaute, weshalb er die Einladung ablehnte. »Vatichen, Herbert und ich, wir haben die Hei- zung in unseren Zimmern immer nur auf halb gestellt. Herbert sagt, im kalten Raum schlafen sei gesünder. Man härtet sich damit ab. Erlaubst du, daß wir Paul die Kohlen, die wir in unseren Zimmern einsparen, hinbringen? Der arme Junge hat kein Heizmaterial«, bat Suse am nächsten Tag den Vater. Der zog die Augenbrauen hoch. »Suse, es ist leichtsinnig, bei dieser Kälte Kohlen herzuschen- ken. Man weiß nicht, wie lange sie dauern wird. Es sind schon Stockungen in der Brennmaterial- versorgung eingetreten. Ich gebe Paul lieber Geld dafür. Vielleicht kann ihm seine Wirtin Kohlen besorgen.« »Geld nimmt Paul nicht«, sagte Suse und war traurig, weil der Vater ihren Vorschlag ablehnte. »Sei vernünftig, mein Kind. Denke nur, wenn wir keine Kohlen mehr hätten, dann müßte unsere alte Omama frieren. Das wäre doch noch schlim- mer. Paul ist ein junger Mensch«, hielt der Pro- fessor seiner Tochter vor. »Dann stellen wir der Omama einfach den elek-, trischen Ofen auf«, schlug Herbert vor. »Und wer bezahlt ihn?« fragte der Vater. »Du nimmst den Mund sehr voll. Du weißt noch nicht, wie schwer es ist, sein Geld zu verdienen. Du verstehst nur, es auszugeben.« »Also, wir werden Pauls Wirtin fragen, ob sie in seinem Zimmer heizt, wenn wir es ihr bezahlen«, wandte Suse ein. »Du brauchst uns das Geld gar nicht zu geben, Vati. Wir nehmen unser Weih- nachtsgeld von Onkel Ernst, nicht wahr, Her- bert?« »Nein«, lehnte Herbert eindeutig ab. »Fällt mir nicht im Traum ein. Mit dem Geld sollten wir uns etwas kaufen, was uns Freude macht. Ich denke jeden Tag darüber nach, was ich alles dafür kau- fen werde.« »Aber freuen wir uns nicht am meisten darüber, wenn Paul nicht mehr frieren muß? Stell dir seine Freude vor, Herbert, wenn er abends nach Hause kommt und sein Zimmer warm ist«, suchte Suse ihren Bruder zu überzeugen. »Wir sollen uns freuen, und nicht Paul, hat Onkel Ernst geschrieben«, stellte Herbert sachlich fest. »Weiber sind furchtbar unlogisch. Ich kaufe mir für das Geld entweder eine Schildkröte oder dres- sierte Flöhe«, überlegte Herbert. »Um Gottes willen, alles, nur keine Flöhe! Die sind vielleicht nicht genug dressiert und springen in mein Zimmer«, rief Suse entsetzt. »Und über- haupt, Paul braucht ein warmes Zimmer viel dringender als du deine Flöhe!« »Du hältst immer zu Paul, als ob er dein Zwilling wäre und nicht ich«, knurrte Herbert eifersüchtig. »Kinder, jetzt hört einmal zu«, schlichtete der, Vater den Streit. »Ich habe mir die Sache über- legt, Suse möchte Paul so gerne mit einem war- men Zimmer überraschen. Ihr dürft soviel Kohlen auf euren Schlitten aufladen, als ihr ziehen könnt. Die bringt ihr Paul hin.« »Hurra!« rief Suse begeistert und schlang ihre Arme um den Hals des Vaters. »Du bist mein al- lerbestes Vatichen!« »Kleine Schmeichelkatze!« Voll Stolz blickte der Vater auf sein hübsches Töchterchen. Sie war schon fast so groß wie er. Am Nachmittag waren Professors Zwillinge sehr fleißig. Im Keller füllten sie einen großen Sack mit Kohlen an. Emma war sehr dagegen. Sicher würde der Professor glauben, sie hätte wieder mehr verheizt. Herbert zog vorne den Schlitten, und Suse schob hinten an. Das ging prächtig. Brrrrr – war das eine Kälte! Man sah kaum Men- schen auf der Straße. Und die wenigen, die man sah, hatten es sehr eilig. Die Zwillinge hatten ihre Wollmützen über die Ohren gezogen. Aber der kalte Wind schnitt ihnen ins Gesicht, und die Hände wurden ihnen ganz steif, obwohl sie dicke Wollhandschuhe trugen. »Der Eislaufplatz ist wegen der Kälte geschlos- sen, weil ja doch niemand kommt. Ist das nicht paradox?« stieß Herbert hervor und rieb sich sei- ne Finger. Man sah seinen Atem wie eine Dampf- wolke in der kalten Luft. »Du rauchst wie der Ve- suv«, fand Suse. Sie hüpfte von einem Fuß auf den anderen, um sich zu erwärmen. »Paradox – was ist das? Heißt das gemein?« fragte Suse. »Hahaha«, trotz der Kälte brach Herbert in ein, wieherndes Gelächter aus. »Mensch, bist du blöd! Und du gehst seit dem Herbst in die sechste Klas- se? Du kennst wohl nur Paragraph und Paraplu- ie.« »Parapluie heißt Regenschirm, aber paradox ha- ben wir im Französischunterricht noch nicht ge- lernt«, verteidigte sich Suse. »Das ist doch griechisch, du Kamel.« »Na, was bedeutet es denn?« »Es bedeutet – das bedeutet, wenn man – « »Das bedeutet, wenn man…. so darf man keine Erklärung beginnen, sagt Professor Werner im- mer.« »Na, dann frage doch gefälligst deinen Profes- sor.«, »Nein, das ist mir peinlich, wenn er mich für dumm hält, aber ich frage Inge, die weiß das si- cher besser als du.« »Da wird ja ein Hund in der Pfanne verrückt!« schrie Herbert empört. »Kann die Martinsgans vielleicht griechisch? Ist sie an einem humanisti- schen Gymnasium oder ich? Na also!« Herbert konnte nicht vertragen, daß einer etwas besser wußte als er. »Also, jetzt mach deine Ohren auf. Paradox ist ein weißer Neger, schwarzer Schnee, eine bergige Ebene, salziger Zucker – verstehst du?« »Nein«, sagte Suse verständnislos. »Was hat der Neger, der Schnee und der Zucker mit dem Para- doxen zu tun?« »Aber mit dem Ochsen, der bist nämlich du! Das Eigenschaftswort drückt beim Paradox gerade den Gegensatz zum Hauptwort aus. Klar, Mensch?« Suse zuckte die Achsel. Ganz hatte sie es noch immer nicht begriffen. »Dir ist sicher der Verstand bei der Kälte einge- froren.« Herbert begann zu laufen, denn es war wirklich zu kalt für eine weitere Unterhaltung. An der Straßenecke stieß er mit einem Mädchen zu- sammen, das mit gesenktem Kopf gegen den Wind lief. »Achtung! Lauf nicht wie ein Stier!« rief Herbert dem Mädchen grob zu. Das verfrorene Gesicht von Tinchen Grimm wurde sichtbar. »Grüß dich, Tinchen. Wo willst du denn bei der Kälte hin?« »Zur Bahn, ob ich nicht ein paar Kohlen beim Ab-, laden erbetteln kann. Meine Mutter ist krank, und ich kann nicht einmal Feuer machen, um ihr et- was Warmes zu kochen.« »Nimm doch Holz«, schlug Herbert vor und wollte weitergehen. Suse hielt ihn zurück und tuschelte ihm was ins Ohr. Durch die dicke Wollmütze verstand Herbert aber nichts. »Du kannst mir das alles zu Hause erzählen. Komm jetzt endlich. Ich bin schon ein Eiszapfen.« »Wir wollen Tinchen die Hälfte von den Kohlen geben, Herbert. Ihre Mutter ist krank, und Paul ist gesund«, sagte Suse mit lauter Stimme. »Meinetwegen«, brummte Herbert. »Hoffentlich hat das Mädchen nicht wieder gelogen.« Er traute Tinchen nicht recht. »Du willst mir Kohlen schenken?« Tinchen stand starr vor Kälte und vor so viel Güte. »Ich möchte dir auch einmal etwas zuliebe tun«, sagte sie dankbar zu Suse. Sie bogen mit dem Schlitten in die Grimmallee ein, in der Tinchen wohnte. »Du sollst uns nur keine Tennisbälle mehr steh- len«, sagte Herbert grob. Tinchen wurde feuerrot. Im Grunde war sie ein gutes Mädchen. Sie hatte Suse besonders lieb. Die Hälfte des Heizmaterials – Herbert zählte die Stücke gewissenschaft – wurde bei Tinchen abge- laden. Die andere Hälfte erhielt die Wirtin von Paul. Sie wurde ersucht, ihm jeden Tag sein Zimmer zu heizen. »Die heizt sicher auch ihr Zimmer mit Pauls Koh- len. Ich hätte ihr sagen sollen, wie lange sie da- mit auskommen muß«, überlegte Herbert auf dem Heimweg., »Die Zimmerfrau sah so elend aus – es macht nichts, wenn sie ihr Zimmer auch mitheizt«, meinte Suse mitleidig. »Du kannst nicht die ganze Welt glücklich ma- chen. Es hungern und frieren noch mehr Leute.« In ihrem warmen Zimmer dachte Suse über die Worte Herberts nach. Sie dachte an die Men- schen, die es nicht so gut hatten wie sie. Dann aber dachte sie an Paul und an Tinchens Mutter. Paul hatte am Abend sein warmes Zimmer und Tinchens Mutter eine warme Suppe. Da wurde sie wieder froh. Die Kälte wurde immer ärger. Alle Schiwettbe- werbe wurden verschoben. Kein Mensch hatte Lust, sich Nase und Ohren zu erfrieren. Selbst der sportlichen Helga war es zu kalt. In den Schulen konnte nur sehr ungenügend ge- heizt werden. Die Kinder hatten Schnupfen und Husten, und die Grippe breitete sich aus. Im Sternenhaus stand immer heißer Kaffee be- reit. Emma durfte niemand abweisen, der um et- was Warmes bat. Suse hatte Tinchen ihren alten Wintermantel geschenkt. Das arme Kind hatte keinen gehabt und bei der grimmigen Kälte jäm- merlich gefroren. Alle Schüler und Schülerinnen wurden aufgefordert, armen und alten Leuten zu helfen. Die Lehrer nannten dies Altershilfe. Be- reitwillig meldete sich die Jugend dazu. Alle woll- ten helfen. Die alte Frau Kahlert war Suses Schützling. Schon im vorigen Jahr hatte ihr Suse den Schnee vor dem Haus weggeschaufelt. Zum Dank hatte sie damals die kleine Myrthe bekommen. Auch in diesem Jahr wollte sie ihr helfen. Ob wohl ihr, Sohn, mit dem sie damals zusammen wohnte, noch für sie sorgte? Auch die anderen Mitschülerinnen hatten Schütz- linge. In der Freizeit ging man nicht wie sonst eislaufen. Nein, man half, wo man konnte, und tat Gutes, wo es nötig war. »Vor allem müßt ihr einmal schauen, was den alten Leuten fehlt«, meinte die praktische Helga. »Die können sicher eine Menge brauchen«, über- legte Inge. »Aber keine seidenen Blusen, keine Halbschuhe mit hohen Absätzen, wie Hilde und Ruth sie für ihre Schützlinge mitnehmen wollten. Ein Stück Speck ist ihnen sicher lieber.« Helga dachte eben sehr vernünftig. Suse machte sich gleich nach der Schule auf, die alte Frau Kahlert zu besuchen. Sie wußte noch genau, wo sie wohnte. Vor den Fenstern waren immer blühende Topfpflanzen gestanden. Heute blühten Eisblumen an den Fensterscheiben. Suse klopfte an die Tür. Sie trat ein. »Guten Tag, Frau Kahlert, ich wollte sehen, wie es Ihnen geht«, sagte Suse mit heller Stimme. Der Fensterplatz, an dem die alte Frau sonst saß und strickte, war leer. »Wer ist da?« fragte eine schwache Stimme aus der Ecke, wo das Bett stand. »Ich bin es, Suse Winter, der Sie die kleine My- rthe geschenkt haben, Frau Kahlert. Der Myrthenstock gedeiht prächtig. Er hat einmal schon geblüht«, berichtete Suse. »Ich weiß – ich weiß – Sie sind ein gutes Kind, ein braves Kind! Sie haben mir beim Schnee- schaufeln geholfen. Wie lieb von Ihnen, daß Sie, mich besuchen, Fräulein Winter«, hüstelte die alte Frau. »Ich möchte Ihnen auch jetzt gerne wieder hel- fen, Frau Kahlert. Deshalb bin ich ja gekommen. Aber ›Fräulein Winter‹ dürfen Sie nicht zu mir sagen. Ich bin im Herbst erst fünfzehn Jahre ge- worden. Sind Sie krank, weil Sie im Bett liegen?« erkundigte sich Suse fürsorglich. »Nein, das nun gerade nicht. Nur die Gicht plagt mich so arg, daß meine Hände und Füße ganz steif sind. Und auf der Brust hat’s mich auch – ist ja kein Wunder bei dieser Kälte.« Die alte Frau bekam einen Hustenanfall. Suse blickte sich im Zimmer um. Man sah, daß die alte Frau nichts arbeiten konnte, denn das Stübchen, das damals blitzsauber gewesen war, sah verwahrlost aus. Auch die Blumen an den Fenstern waren vertrocknet und ließen ihre Köpfe hängen. Es war so kalt im Zimmer, daß man sei- nen Atem sah. »Wo ist denn Ihr Sohn, der bei Ihnen gewohnt hat, Frau Kahlert? Kann denn der nicht für Sie sorgen?« forschte Suse. »Der Karl – nun ja! Der ist fort. Er hat geheiratet und arbeitet jetzt in Hamburg. Da muß er froh sein, wenn er selber mit seiner Familie durch- kommt.« »Und wer sorgt für Sie?« erkundigte sich Suse teilnahmsvoll. Es war schrecklich, wie verlassen das alte Mütterchen hier lag. »Wer für mich sorgt? Unser lieber Herrgott da droben! Manchmal sieht auch eine gute Nachba- rin nach mir und bringt mir einen Teller warme Suppe oder einen Topf heißen Kaffee. Viel, braucht man ja nicht, wenn man alt ist.« Wieder unterbrach sie der abscheuliche Husten. Suse stand ganz still da. O Gott, war das traurig! Wenn sie daran dachte, wie liebevoll ihre »kleine Omama« umhegt wurde. War es da nicht selbst- verständlich, der verlassenen alten Frau zu hel- fen? Was sollte sie nur zuerst tun? Heizen – für ein warmes Zimmer sorgen! Entschlossen legte Suse ihre Schultasche auf einen Stuhl. »Ich will Ihnen ein bißchen einheizen, Frau Kah- lert. Es ist so kalt hier im Zimmer. Kohlen haben Sie wohl keine?« »Nein, Kohlen sind keine da. Aber Holz muß noch da sein. Wir haben von der Gemeinde Holz be- kommen. Alle Leute, die über siebzig Jahre sind, haben Holz bekommen. Es liegt in der Küche draußen. Wenn Sie mir ein bißchen einheizen würden, täten Sie ein gutes Werk, Fräuleinchen.« Suse lief in die Küche, holte einen Arm voll Holz und Streichhölzer. Zum erstenmal in ihrem fünf- zehnjährigen Leben sollte sie Feuer machen. Da- heim hatten sie schon eine Zentralheizung. Zwar hatte sie schon oft zugeschaut, wenn Emma Feu- er machte. Es konnte gar nicht schwer sein. Suse öffnete die Ofentür, entzündete ein Streich- holz und hielt es gegen ein Holzscheit. So – nun brenn an! Aber das Holz dachte nicht daran. Es begann nicht einmal zu glosen. Ein Streichholz nach dem anderen entzündete Suse – die Schachtel war schon halb leer. Wenn doch Her- bert da wäre! Er war praktischer als sie., »Sie müssen sich erst kleines Holz machen, Fräu- lein, so wird es nicht brennen«, sagte die alte Frau, die ihr vom Bett aus zusah. »Womit denn?« fragte Suse unsicher. »Nun, mit einem Messer. Aber am Ende schnei- den Sie sich dabei, Kind. Das ist nichts für so kleine Hände. Schauen Sie einmal im Backrohr nach. Vielleicht liegt dort noch etwas Kleinholz.« »Ich habe gar keine feinen Hände. Ich mache doch immer im Sommer die Gartenarbeit«, mein- te Suse ein wenig beschämt. Trotzdem war sie heilfroh, als sich kleines Holz im Rohr fand. »So, nun tun Sie etwas Papier in den Ofen. Das kleine Holz kommt darauf. Nun können Sie’s an- zünden«, erklärte ihr die alte Frau auf dem Bett. Suse tat, wie ihr befohlen worden war. Lichterloh, brannte es – hurra! Bald legte sie größere Scheite Holz auf. Auf den besten Schulaufsatz war Suse nie so stolz gewesen wie auf das erste Feuer, das sie glücklich zustande gebracht hatte. »Ich werde Ihnen noch eine warme Suppe ko- chen – haben Sie etwas zu Hause – haben Sie vielleicht Milch oder Fleisch daheim?« »Nun ja – nun ja – Fräuleinchen. Wenn Sie mir nur den Topf Kaffee auf den Ofen stellen. Ich hole ihn mir dann später. Es wird schon gehen, wenn ich auch schwach auf den Beinen bin.« Suse tat, was die Alte wünschte. Dann holte sie den Besen aus der Küche. »Ich werde ein bißchen zusammenkehren. Das Fenster kann ich ja leider nicht aufmachen – « »Barmherziger – das wäre mein Tod!« stieß die alte Frau hustend hervor. »Frische Luft ist gesund, auch für Kranke, sagt meine Mutter; aber die Fenster sind eingefroren. Die Blumen werde ich noch begießen.« Auf die Blumen zu vergessen, das brachte Suse nicht fer- tig. »Vergelt’s Gott – vergelt’s Gott tausendmal, was Sie Gutes für mich getan haben, Fräulein.« Suse versprach, am nächsten Tag wiederzukom- men. Auf der Straße pfiff ein eisiger Wind. Aber Suse merkte es kaum. Ihr war noch warm ums Herz, weil sie helfen durfte. Daheim berichtete Suse von ihrem Schützling. »Mutti, ich muß ganz schnell bei Emma kochen lernen, damit ich der armen, alten Frau Kahlert etwas Kräftiges zubereiten kann. Sie sieht so krank aus, die Ärmste.« »Am Ende hat sie Grippe! Hoffentlich hast du dich, nicht angesteckt!« Die Mutter war ja sehr einver- standen, daß ihre Tochter der alten Frau half. Aber um Suses Gesundheit war sie doch besorgt. »Sie hat Gicht und Husten«, beruhigte Suse die Mutter. Frau Winter nahm sich vor, am nächsten Tag selbst bei Suses Schützling nach dem Rechten zu sehen. »Ich muß Vorräte einkaufen, Frau Kahlert hat gar nichts im Haus. Ich nehme die zehn Mark von Onkel Ernst dazu«, überlegte Suse, »was meinst du Mutti, soll ich ein Suppenhuhn kaufen?« »Das ist ein guter Gedanke, Suschen«, lobte die Mutter. »Aber ich schlage vor, daß Emma eine kräftige Hühnersuppe kocht. Die kannst du dann der alten Frau hintragen. Sie kann sich täglich etwas davon wärmen. Denn bis du kochen ge- lernt hast, ist Frau Kahlert hoffentlich wieder ge- sund!« »Ist auch ratsamer«, fiel Herbert ein. »Suse steckt das Huhn samt den Federn in den Koch- topf.« »Blödsinn – man bekommt es doch überall koch- fertig zu kaufen«, widersprach Suse lebhaft. Sie fühlte sich aber doch erleichtert, daß Emma das Huhn kochen sollte und sie es ihrem Schützling nur bringen brauchte. »Was soll ich sonst noch für Vorräte kaufen, Mutti? Vielleicht Rum für den Tee? Das ist gut gegen die Grippe, hat Vater ge- sagt. Und Sandtorte, Sandtorte ist leicht verdau- lich, nicht wahr, Omama?« Die Großmama und die Mutter lachten. »Ich glaube, die arme Frau Kahlert braucht andere Dinge notwendiger als Rum und Sandtorte«, meinte die Mutter. »Zum, Beispiel Kaffee, Milch und Kakao, Haferflocken, Reis, Grieß und Zucker. Das muß man zuerst kaufen, Kind, das braucht man täglich.« »Vor allem wird das arme, alte Frauchen bei die- ser Kälte Holz und Kohlen brauchen«, fiel die Großmutter ein und wickelte sich fest in ihr war- mes Wolltuch, obwohl sie neben dem Heizkörper saß. »Ja, viel Holz war nicht mehr da«, gab Suse zu, »aber werden denn die zehn Mark von Onkel Ernst dazu reichen? Damit muß ich viel einkau- fen!« Sie machte ein besorgtes Gesicht. »Nun, das Huhn schenke ich deinem Schützling«, beruhigte die gute Großmama ihre Enkelin. »Dann muß ich wohl die Kohlen bezahlen«, stimmte die Mutter lächelnd ein. »Fein!« Suse strahlte. »Nun soll es die alte Frau Kahlert gut haben.« »Und wer hilft mir bei meinen alten Leuten?« er- kundigte sich Herbert ein wenig neidig. »Du hast auch Schützlinge? Und das erzählst du erst jetzt! Wer sind denn deine alten Leute?« forschte die Schwester eifrig. »Ein altes Ehepaar – schon ein bißchen wurmsti- chig. Sie hat einen Star – « »Kann er sprechen?« unterbrach Suse. »Wer? Der Mann?« »Nein, der Star. Stare sind gelehrig, sie können sprechen lernen.« Alle mußten herzlich lachen. Auch die Eltern und die Großmutter lachten, bis ihnen die Tränen ka- men. Suse blickte erstaunt von einem zum anderen. Dann kamen ihr die Tränen. Auslachen ließ sie, sich nicht. »Herbert meint doch keinen Vogel, Kind, sondern eine Augenkrankheit, den grauen oder den grü- nen Star«, erklärte ihr schließlich der Vater, der noch immer mit dem Lachen kämpfte. Nun mußte auch die empfindliche Suse lachen. »Sehr begeistert waren die Alten von meiner Hilfe nicht«, berichtete Herbert wahrheitsgemäß. »Der Mann fragte mich, was ich bei ihnen zu suchen hätte. Und als ich ihm sagte, daß ich ihnen helfen wollte, meinte er, ich solle ihm nur hundert Mark auf den Tisch legen, dann könnten sie sich selber helfen. Na, dann macht euch euren Kram allein, dachte ich und wollte verschwinden. Aber da mischte sich die Frau – die mit dem Star – drein und sagte, daß es doch nett von mir sei, daß ich mich um sie kümmern wollte. Ich solle ihr einen Eimer mit frischem Wasser vom Brunnen holen, weil die Leitung eingefroren ist, und auch einen Eimer Kohlen aus dem Keller. Sie wäre mir sehr dankbar dafür. Na, das tat ich dann auch, und morgen soll ich wiederkommen. Aber meine zehn Mark von Onkel Ernst behalte ich für mich.« »Suse ist nicht so geizig wie du«, urteilte die Mutter. »Dafür ist sie auch ein Mädel!« Herbert fand, daß es von ihm genug war, wenn er Wasser und Koh- len schleppte. Es sollte bald noch mehr für Professors Zwillinge zu tun geben. Die Grippe kam auch ins Sternen- haus. Fast in jeder Familie in der Stadt gab es schon einen Kranken. Der Vater war der erste, der sich mit Fieber ins Bett legen mußte. Seine Frau pflegte ihn, bis sie, selber nicht mehr weiterkonnte. Dann lag auch sie mit hohem Fieber im Bett. »Wenn nur die Omama nicht angesteckt wird«, meinte Herbert, »bei alten Leuten ist die Grippe gefährlich.« »Unkraut verdirbt nicht«, scherzte die Großma- ma. Aber eines Tages, als die Zwillinge von ihren Schützlingen heimkamen, war es im Sternenhaus wie im Dornröschenschloß. Wohin sie auch sahen, überall lag ein Kranker im Fieberschlaf. Auch die Großmama und Emma hatte die heimtückische Krankheit erwischt. Was nun? Wie soll der Haushalt weitergehen?, »Ich schicke eine Krankenschwester«, versprach der Arzt, der die Kranken im Sternenhaus behan- delte. Schwester Martha rückte ein. Aber sie konnte sich nicht zerteilen. Es blieb noch immer sehr viel zu tun. So mußten auch die Zwillinge helfen. Zum Glück hatten sie Kälteferien. Herbert übernahm die Bedienung der Zentralheizung, was ihm Spaß machte, und das Schuheputzen. Allerdings brauchte er nur Suses und seine Schuhe putzen. Suse half fleißig im Haushalt mit. Sie kehrte den Boden, klopfte die Teppiche und wischte den Staub ab, daß es nur so blitzte. Sie wusch das Geschirr ab und half Schwester Martha beim Ko- chen. Daneben hatte sie noch Zeit, ihrem Vati, als er zum erstenmal aufstehen durfte, eine warme Decke über die Knie zu legen. Ihrer Mut- ter brachte sie heiße Limonade und der lieben kleinen Omama strich sie liebevoll über die heiße Stirn. Emma aber, die so erbärmlich hustete, brachte sie Milch mit Emser Pastillen ans Bett. Als Frau Winter das Bett verlassen durfte, mußte sich Suse niederlegen. Auch sie hatte die Grippe nicht verschont. Herbert meinte selbstbewußt: »Ich werde nicht krank!« Aber bald folgte er als getreuer Zwilling Suse ins Bett nach. Im Sternenhaus blieben nur Bubi und Piccola von der Grippe verschont., AUFREGENDE TAGE Auch die grimmigste Kälte und die stärkste Epi- demie gehen einmal zu Ende. Das Thermometer stieg! Die Leute waren nicht mehr so vermummt und gingen wieder auf den Straßen spazieren. Die Kinder liefen mit den Schlittschuhen zum Eislauf- platz. Der Wettbewerb im Schispringen fand bei herrlichstem Sonnenschein statt. Herbert Winter war sehr enttäuscht, daß er nicht den ersten Preis gewann. Der silberne Pokal wurde ihm von Helga Martin weggeschnappt. Ausgerechnet eine Martinsgans mußte gewinnen – es war empö- rend! Sonne und Schnee wechselten einander ab. Aber die Sonne behauptete sich – es wurde langsam Frühling. Der Fluß war ganz vereist gewesen. Die Eisdecke zerbrach, und das Wasser stieg über die Ufer. Das Land entlang dem Fluß wurde über- schwemmt. Wieder mußte die Jugend helfen. Studenten und Gymnasiasten halfen Dämme bauen, die Ufer befestigen und gefährdete Häuser räumen. Die Mädchen sorgten, daß die Obdachlo- sen in Heimen und Familien untergebracht wur- den und das Nötigste erhielten. Suse war noch etwas blaß von der überstandenen Grippe. Sie wollte sich aber nicht schonen und half eifrig mit. Mit Inge und Helga ging sie von Haus zu Haus, um für die armen Geschädigten zu sammeln. Man brauchte nicht nur Geld, sondern auch Hausrat und alle Arten von Kleidungsstük- ken. Wenn die Mädchen etwas erhielten, bedank- ten sie sich herzlich im Namen der Obdachlosen., Bereitwillig gab man den netten Professorentöch- tern, was man entbehren konnte. Unter den Op- fern des Hochwassers befand sich auch Frau Grimm mit ihrer Tochter Tinchen und dem klei- nen, fünfjährigen Otto. Alle Heime waren über- füllt. Man wußte nicht mehr wohin mit den Leu- ten. Suse nahm die arme Witwe mit ihren Kin- dern kurzentschlossen mit sich ins Sternenhaus. Das Fremdenzimmer stand ja leer. Frau Grimm half Mutti ja immer bei der großen Wäsche. Frau Winter war nicht sehr begeistert von den Gästen, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Alle Bewohner des Sternenhauses waren von der Grippe noch etwas angegriffen, besonders die Großmutter. Sie brauchten Ruhe. Nun brachte Suse eine ganze Familie ins Haus. Wenigstens fragen hätte sie können. »Dazu war keine Zeit, Mutti. Wo sollten denn die Armen inzwischen hin?« verteidigte sich Suse. »Inge und Helga haben auch zwei Kinder mit nach Hause genommen.« Die Großmutter half ihrem Liebling, obwohl sie selbst nicht über den Besuch erfreut war. »Unser gutes Suschen hat schon das Richtige getan.« Frau Winter half der Familie Grimm, so gut sie konnte. Auch der Professor war mit dem Famili- enzuwachs einverstanden. Aber sein kostbares Fernrohr brachte er in Sicherheit. Für neugierige Kinder war das kein Spielzeug. Herbert aber war entrüstet. Warum mußte gerade Tinchen zu ihnen kommen. »Sperrt nur alles ab«, sagte er. »Wer Tennisbälle mitnimmt, läßt sicher auch noch anderes mitge- hen.«, »Pfui, Herbert, wie kannst du das arme Tinchen nur so verdächtigen«, beschützte Suse entrüstet das Mädchen. »Tinchen bemüht sich sehr und benimmt sich bei uns gut.« »Na, Bubi kann sie auch nicht ausstehen. Er bellt sie an, wo er sie nur sieht. Der Hund hat eine gute Nase. Paß auf, mit deinem Tinchen werden wir noch was erleben«, sagte Herbert weise. Das Stehlen hatte sich Tinchen schon abgewöhnt, dafür naschte sie; das allerdings tat sie gründlich. Nichts war vor ihr sicher. Die Marmelade, der Ho- nig, die Zuckerdose, ja selbst die Butter zeigten Spuren von Tinchens schmutzigen Fingern. Emma war unglücklich. Obwohl man die Tür zur Vorrats- kammer verschlossen hatte, stieg Tinchen durch das Fenster ein. Nichts mehr war vor ihr sicher. Ihr kleiner Bruder, war dagegen harmlos. Für die Speisekammer in- teressierte er sich nicht, dafür hatte er es auf die Tiere im Sternenhaus abgesehen. Er trank der Katze Piccola die Milch aus dem Schüsselchen und wagte sich sogar an Bubis Futternapf. Aber Bubi ließ das nicht zu. Otto lief davon und schrie: »Bubi hat mich gebissen!« Suse steckte täglich ihrem Mätzchen eine Apfelspalte zwischen die Gitterstäbe des Käfigs. Aber auch die ließ sich Otto gut schmecken. »Die Kinder sind ausgehungert. Es war ein stren- ger Winter. Bei uns werden sie bald satt werden. Dann geben sie das Naschen von selbst auf, Fränzchen«, sagte die Großmutter gütig, wenn sich die Schwiegertochter beschwerte. Aber Tin- chen und der kleine Otto wurden nicht satt, soviel man ihnen auch zu essen gab. Eines Tages geschah ein Wunder: Tinchen wollte nichts mehr essen. Sie klagte über heftige Bauchschmerzen und erbrach. »Kein Wunder, die ist ja überfressen. Was die alles nascht«, stellte Herbert sachlich fest. Suse aber bedauerte das arme Tinchen. Tinchens Mutter regten die Bauchschmerzen ihrer Tochter nicht auf. »Ach was, Unkraut verdirbt nicht. So etwas geht bald vorbei.« Frau Winter war nicht so ruhig. Die Schmerzen ließen nicht nach, ja wurden sogar immer schlimmer. Tinchen bekam jetzt auch Durchfall. »Ich glaube, es sollte doch der Arzt kommen«, meinte Frau Winter besorgt zu ihrem Mann. »Das Kind sieht elend aus und windet sich vor Schmer- zen. Es wird doch nicht die Ruhr sein?« »Warum nicht gar! Du siehst immer gleich Ge-, spenster, Fränzchen.« Der Professor eilte in das Institut für Erdbebenforschung. Er mußte dorthin, weil der Seismograph ein Fernbeben aus der Mit- telmeergegend gemeldet hatte. Der Seismograph ist ein empfindlicher Apparat, der die leisesten Schwankungen bei Erdbeben anzeigt und auf- zeichnet. Der Professor kam zum Abendessen nicht nach Hause. Er mußte die ganze Nacht im Institut bleiben und den Apparat beobachten. Paul war auch bei ihm. Er war sehr aufgeregt, weil er zum erstenmal sehen konnte, wie der Seismograph ein Erdbeben aufzeichnete. Die Erd- stöße mußten in der Nähe von Skoplje in Jugo- slawien aufgetreten sein. Im Sternenhaus war man auch sehr aufgeregt. Frau Winter hatte den Arzt zu Tinchen gerufen. Der stand vor einem Rätsel. Er verschwieg Frau Winter nicht, daß die Sache ernst sei. Typhus konnte es nicht sein. Dafür war das Fieber nicht hoch genug. Aber trotzdem schien es eine schwe- re Erkrankung zu sein. Er ordnete eine Untersu- chung im bakteriologischen Institut an. Dem Ge- sundheitsamt meldete er Tinchen als ruhr- oder choleraverdächtig. »Um Gottes willen, wie ist so etwas möglich, Herr Doktor? Ist Ihnen noch ein anderer Fall in Göttin- gen bekannt?« Frau Winter war sehr aufgeregt. »Das Kind muß sofort in ein Spital gebracht wer- den. Es kann uns ja alle anstecken.« »Wenn die Untersuchung tatsächlich Cholera er- gibt, so muß Ihre ganze Familie in eine Isoliersta- tion zur Beobachtung. Hoffen wir, daß es nicht so schlimm ist.« Der Arzt verabschiedete sich und ging., Tinchen Grimm machte Frau Winter große Sor- gen. Und gerade jetzt war ihr Mann nicht daheim. Den Kindern sagte Frau Winter nicht, was der Arzt befürchtete. Die Zwillinge mußten in ein an- deres Zimmer ziehen. Außerdem verbot ihnen die Mutter, Tinchen zu besuchen. Ängstlich beobach- tete Frau Winter ihre Kinder beim Abendessen. Hatten sie schon Bazillen erwischt? Aber die bei- den aßen mit dem größten Appetit. Vor dem Schlafengehen suchte die Großmutter ihre Abführschokolade. Die Schachtel stand sonst immer auf dem Nachttisch. Sie war noch ganz voll gewesen. Jetzt war sie nicht zu finden. Emma behauptete, daß sie am Vormittag noch dort ge- legen sei. Man suchte und suchte. Aber sie war nicht zu finden. »Vielleicht hat Tinchen sie genommen«, meinte Herbert schlau wie ein Polizeihund. »Tinchen?« riefen alle wie aus einem Munde. Tinchen – ja, das war ein Gedanke. Sollte ihre Krankheit daher kommen? Frau Winter lief in das Krankenzimmer. Sie vergaß alle Vorsicht. Tinchen lag im Bett und jammerte. »Nun, Tin- chen, wie geht es dir?« fragte Frau Winter. »Schlecht, furchtbar schlecht. Ach, liebe Frau Winter, muß ich sterben? Ujeh – ujeh! Die Mutter sagt, die Kusine ihrer Stiefschwester wäre auch daran gestorben – ujeh!« Tinchen war entsetzlich aufgeregt und begann zu weinen. »Aber Frau Grimm, wie können Sie Tinchen nur so etwas erzählen«, schimpfte Frau Winter mit der unvernünftigen Mutter. »Du wirst sicher bald wieder gesund werden, Kind. Nur muß man wis- sen, woher deine Krankheit kommt. Sag einmal,, Tinchen, hast du vielleicht eine kleine Schachtel mit Schokolade gesehen? Sie stand auf dem Nachttisch in Großmutters Zimmer.« »Nein«, sagte die Kleine und drehte sich zur Wand. »Überleg noch einmal ganz genau, Tinchen; viel- leicht hast du von der Schokolade genascht. Du kannst es mir ruhig sagen. Wenn du davon Bauchweh bekommen hast, dann ist deine Krankheit nicht schlimm«, fragte Frau Winter das Kind. Aber Tinchen blieb dabei: »Nein, ich hab’ sie überhaupt nicht gesehen.« Log Tinchen, oder sagte sie die Wahrheit? Man wurde aus ihr nicht klug. Jedenfalls wusch sich Frau Winter die Hände, bevor sie zu ihrer Familie zurückging. »Natürlich schwindelt die Kröte, sie stiehlt und lügt!« sagte Herbert, als die Mutter ihnen von Tinchen erzählte. »Herbert, man darf niemand beschuldigen, wenn man es nicht genau weiß«, erklärte Suse ihrem Zwilling. »Denk nur einmal, was du dir für Vor- würfe machen würdest, wenn Tinchen ernstlich krank wäre.« Suse traten Tränen in die Augen. Sie beweinte Tinchens Los schon im voraus. »Unkraut verdirbt nicht, hat ihre Mutter selbst gesagt«, brummte Herbert. Am Abend war es sonst immer recht gemütlich im Sternenhaus. Heute aber kam keine Fröhlichkeit auf. Der Vater war nicht da und die Abführscho- kolade auch nicht. Tinchen verbrachte die Nacht nicht in ihrem Bett, sondern auf der Toilette. Ihr war hundeelend zumute., Am frühen Morgen kam Paul. Der Professor hatte ihn geschickt. »Frau Winter, ich soll Ihnen mittei- len, daß Ihr Gatte sofort in das Erdbebenzentrum verreisen muß. Das Institut hat ihn mit wissen- schaftlichen Untersuchungen beauftragt. Sie möchten ihm bitte schnell alles für die Reise zu- sammenpacken.« Frau Winter war im allgemeinen sehr ruhig. Aber diese Nachricht erschreckte sie sehr. Ihr Mann sollte in diese gefährliche Gegend fahren? War denn sonst niemand da, den man hinschicken konnte? Dazu kamen noch die Aufregungen mit Tinchen. Paul beruhigte die aufgeregte Frau, so gut er konnte. »Bis Ihr Mann dorthin kommt, ist die Ge- fahr längst vorbei.« Paul sah sehr übernächtig aus. Er frühstückte mit den Zwillingen, die zur Schule mußten. Herbert war ganz aus dem Häuschen, weil sein Vater so plötzlich verreisen mußte. Wie gerne wäre er mitgefahren. »Wir haben einmal in Neapel ein Erdbeben mit- gemacht. Erinnerst du dich noch, Suse? Das war phantastisch!« Suse war ganz blaß. Wie die Mutter sorgte auch sie sich um den Vater, der in das gefährliche Ge- biet fahren mußte. »Das Erdbeben in Neapel war furchtbar. Damals hast du es gar nicht phantastisch gefunden, Her- bert.« »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Su- schen«, beruhigte Paul das junge Mädchen. »Der Vater wird sich nicht in Gefahr begeben, er denkt doch an euch.«, »Der Vater hat einmal gesagt, wenn die Erde ir- gendwo vulkanisch ist, kann es überall zu einem Ausbruch kommen. Man ist nirgends davor si- cher.« Für Herbert konnten die Ereignisse nicht aufregend genug sein. »Mutti, können wir heute nicht die Schule schwänzen, wenn Vater abreist? Wir müssen uns doch von ihm verabschieden. Wer weiß, wann wir ihn wiedersehen.« Das war für die anderen zuviel. Suse brach in Tränen aus. »Heulsuse! Vorläufig ist der Vater doch noch hier!« »Schaut, daß ihr beide in die Schule kommt. Ich werde den Vater von euch grüßen.« Die Mutter brauchte Ruhe, um alles erledigen zu können. Da läutete das Telephon. Es war Dr. Rotter, der Hausarzt. Er berichtete, daß die Untersuchung Tinchens nichts Positives ergeben habe. Trotzdem müßten alle Hausbe- wohner auf Anordnung des Gesundheitsamtes in eine Isolierabteilung. Dort könne man alle besser beobachten. Um zehn Uhr käme der Krankenwa- gen. »Hurra!« schrie Herbert. »Jetzt müssen wir doch nicht in die Schule gehen.« »Hurra!« rief auch Suse. »Jetzt darf der Vater nicht wegfahren. Auch er muß zur Beobachtung in die Anstalt.« Frau Winter war ganz außer sich. Die Einweisung in die Isolierabteilung machte ihr viel Kopfzerbre- chen. Die Familie würde dort getrennt werden, weil die Zwillinge in die Kinderabteilung mußten. Aber andererseits fiel ihr ein Stein vom Herzen. Ihr Mann konnte nicht reisen. Er mußte mit zur, Beobachtung. Die Isolierstation schien ihr weit weniger gefährlich als das Erdbeben. Sie ging zum Telephon und teilte ihrem Mann das Not- wendigste mit. Professor Winter war wie vom Donner gerührt. »Das ist ausgeschlossen. Wie sollte das Kind zu so einer bösartigen Krankheit kommen? Unter- sucht lieber, was es gegessen hat. Ich muß auf alle Fälle fahren.« Er hatte bereits den Hörer wie- der aufgehängt. Nun hieß es, an die Arbeit zu gehen. Herbert er- zählte der Großmutter, was geschehen war. Die alte Dame blieb merkwürdig ruhig. »Wir müssen abwarten, Fränzchen, reg dich nur nicht auf. Was man nicht ändern kann, muß man gelassen hin- nehmen«, sagte sie abgeklärt. »Und Paul, Mutter – wenn ihm etwas zustößt?« seufzte Frau Winter. »Dein Mann steht hier wie dort in Gottes Hand«, antwortete die Großmutter schlicht. Die Ruhe der alten Frau gab auch Frau Winter ihr Gleichgewicht zurück. Sie dachte wieder an ihre Arbeit. Zuerst mußte sie den Koffer für ihren Mann herrichten, dann für jeden das Nötigste für die Isolierstation zusammenpacken. Herbert war schon eifrig am Werk. Er dachte nicht an das Verbot. Er ging in sein Zimmer, das neben dem Krankenzimmer lag. Eifrig ordnete er seine zoologische Sammlung. »Bubi und Piccola sind reisefertig, Mutti. Sie sind sicher auch Bazil- lenträger. Muß der Vogel und mein Salamander auch mit zur Beobachtung?« Für ihn war die gan- ze Sache ein lustiger Familienausflug. »Herbert, für so unwichtige Fragen habe ich jetzt, wirklich keine Zeit.« Sie lief zu Frau Grimm und zu Tinchen, um ihnen zu sagen, daß auch sie zur Beobachtung ins Spital müßten. Frau Grimm jammerte: »Ich hab’s ja gleich ge- sagt. Unser Tinchen muß daran glauben. Sehen Sie doch nur, wie elend das arme Würmchen aus- schaut. Wenn sie erst ins Krankenhaus muß, dann kommt sie nicht so schnell heraus. Ist das ein Jammer, jetzt, wo sie mir schon bei der Arbeit helfen kann!« Frau Grimm brach in Tränen aus. Und Tinchen, die wirklich elend aussah, fiel jäm- merlich ein: »Ujeh – ujeh – jetzt muß ich ins Spi- tal!« Als der kleine Otto die Mutter und die Schwester weinen sah, brüllte auch er los. Das Konzert war ohrenzerreißend. »Beruhigen Sie sich doch, Frau Grimm. Tinchen, Otto, hört mit dem Geheule auf. Machen Sie sich fertig, in einer halben Stunde kommt der Wa- gen.« »Ujeh – ujeh – jetzt kommt schon der Kranken- wagen«, schluchzte die Kleine in ihrem Bett. Frau Winter ergriff die Flucht! Plötzlich fiel ihr Blick auf Ottochen. Er spielte mit einer Blechschachtel, die ihr bekannt vorkam. Mit einem Schritt war sie bei ihm und riß dem ver- dutzten Kind die Schachtel aus der Hand. »Dar- mol, bestes Abführmittel« stand darauf. Die Schachtel war leer. »Das ist ja die Schachtel, die wir gestern gesucht haben, Frau Grimm. Wie kommt das Kind dazu?« fragte Frau Winter aufgeregt. »Nun, der Bub hat sie gefunden. Er spielt ja nur ein bißchen damit, außerdem war sie leer«, ent-, schuldigte die Mutter den Kleinen. »Tinchen, du hast die Schokolade gegessen. Die Schachtel war ganz voll. Ich weiß es genau. Sag sofort die Wahrheit!« verlangte Frau Winter ener- gisch. »Nun ja, eine so kleine Schachtel mit Bonbons, das ist doch nicht schlimm. Ja, ich habe sie ge- gessen«, gab Tinchen kleinlaut zu. Wozu sollte sie noch lügen, wenn sie doch ins Spital mußte. »Dann ist ja alles gut!« rief Frau Winter erleich- tert. Und plötzlich brach sie in lautes Lachen aus. Das war also die »Cholera« – kein Wunder, wenn man eine ganze Schachtel von diesem Abführmit-, tel genascht hatte. Und deshalb sollten alle zur Beobachtung in die Isolierstation! Frau Winter telephonierte mit dem Hausarzt und klärte ihn über Tinchens Genäschigkeit und ihre Krankheit auf. Dieser versprach, den Krankenwa- gen sofort abzubestellen und die Einweisung in das Spital rückgängig zu machen. Nur Herbert war unglücklich. Er hatte sich schon so auf die Abwechslung gefreut. Die Schule hatte er ja heute Gott sei Dank geschwänzt. Er beglei- tete daher den Vater zum Bahnhof. Der Professor beruhigte seine Frau und erklärte ihr, daß seine wissenschaftlichen Forschungen in Jugoslawien ganz und gar ungefährlich seien. Dann verab- schiedete sich der Vater von den Seinen, der Zug rollte aus der Station. Am nächsten Tag war Tinchen wieder gesund. Ein wenig matt sah sie schon noch aus. Aber das Na- schen hatte sie sich abgewöhnt. Noch in dersel- ben Woche zog Frau Grimm mit ihren Kindern in ihre inzwischen wieder instand gesetzte Woh- nung. Aus Jugoslawien aber kamen Schreckensnach- richten. Der größte Teil der Stadt war zerstört. Die Häuser lagen in Trümmer. Das Erdbeben hat- te zahlreiche Tote und Verletzte gefordert. Im Sternenhaus bangte man um den Vater. Als Suses Rosen blühten, kam der Professor von seiner weiten Reise zurück., WIR BAUEN EIN JUGENDHEIM Die großen Ferien standen vor der Tür. Die Großmutter sollte zur Erholung auf das Land fah- ren. Frau Winter begleitete sie. Sie hätte Suse auch gerne mitgenommen. Doch die wollte davon nichts hören. Inge und Helga fuhren auch nicht fort. Suse war nicht erholungsbedürftig. Sie hatte fleißig im Garten gearbeitet und fühlte sich wie- der ganz gesund. Dem Vater war es auch ange- nehmer, wenn sie für ihn sorgte, während die Mutter verreist war. Emma sollte nicht allein den Haushalt führen. Auch war es der Mutter lieber, daß Suse bei Herbert blieb. Sie hielt ihn doch von manchem dummen Streich zurück. Vor allem aber wollte sie beim Bau des Jugendheimes mit- helfen. Jeder, der später in das Heim kommen wollte, mußte jetzt mitarbeiten. Also fuhren die beiden Damen ohne Suse fort. Suse kam sich als Hausfrau sehr wichtig vor. Sie besprach mit Emma den Speisezettel. Sie steckte dem Vater ein Frühstücksbrot, das er nie mit- nehmen wollte, in die Tasche. Sie teilte beim Mit- tagessen die Suppe aus und bevormundete Her- bert. Sie hatte vergessen, daß sie zwei Stunden jünger war als er. Suse forderte ihren Bruder auf, die Türen leise zu schließen und sie nicht zuzu- schlagen. Sie befahl ihm, ein sauberes Taschen- tuch zu nehmen, weil seines von einem Boden- tuch nicht mehr zu unterscheiden war. Sie er- mahnte ihn, die Fingernägel zu putzen. Herbert ließ sich diesen Ton von seiner »jüngeren Schwe- ster« natürlich nicht gefallen. So kam es zwi- schen den beiden oft zu Streit. Emma dachte oft,, es wäre besser gewesen, wenn Suse mit ihrer Mutter und Großmutter fortgefahren wäre. Dann hätte wenigsten Ruhe im Haus geherrscht. Bubi und Piccola machen genug Lärm! Zum Glück waren die Zwillinge selten zu Hause. Sie waren mit dem Bau des neuen Jugendheimes vollauf beschäftigt. So hatten sie keine Zeit mehr zum Streiten. Um sechs Uhr in der Früh fuhren die Zwillinge schon auf ihren Fahrrädern zur Bau- stelle. Am Stadtrand, in einem Wäldchen, hatte ein Fabrikant der Jugend von Göttingen einen Baugrund geschenkt. Dort wollten sie ihr neues Heim bauen. Der Bauplatz war vermessen worden, und die Pläne waren fertig. Die Baupläne hatten mehrere Primaner gezeichnet. Allerdings hatten ihnen Vä- ter und Onkel, die davon etwas verstanden, ge- holfen. Aber vorher war es noch heiß hergegangen. Schließlich mußte ein jeder seine Wünsche schriftlich niederlegen. Die besten Vorschläge wurden angenommen und dem Ausschuß vorge- legt. Dann wollte man die fertigen Zeichnungen bei der Baupolizei einreichen. Herbert war mit den Plänen auf keinen Fall ein- verstanden. Er hatte ja überall etwas auszuset- zen! Er überredete auch seine Freunde, Suse und die Martinsgänse gegen den Vorschlag zu stim- men. Sie waren schließlich auch nicht dümmer als die Schüler der oberen Klassen und wußten eben- sogut, was zu einem Jugendheim gehörte. Na also! Aber als Herbert die fertigen Zeichnungen kritisch betrachtete, mußte er zugeben, daß man an alles, gedacht hatte. Es war ein großer Aufenthaltsraum vorgesehen, ein Schlafraum für die Burschen und einer für die Mädchen. Im Vorraum war Platz für die nassen Kleider. An die Küche schloß eine gro- ße Terrasse an. Auch Waschräume und einen Ge- räteschuppen hatte man nicht vergessen. Es war wirklich alles praktisch durchdacht. Erst jetzt war Herbert mit den Vorschlägen ein- verstanden, ja, er war sogar begeistert davon. Nun gab auch er seine Zustimmung, und die Baupläne konnten bei der Behörde eingereicht werden. Die jungen Leute warteten gespannt auf die Bau- erlaubnis. Eines Tages war sie endlich da. Hurra! Sie konnten mit dem Bau ihres Heimes beginnen. Das war nicht so einfach. Der Grund allein nützte ihnen nichts. Zum Bauen brauchte man auch Geld. Da hatte Herbert eine glänzende Idee. Er schlug seinen Kameraden folgendes vor: »Wir wollen ein Theaterstück aufführen. Wir verkaufen Eintrittskarten und kommen so zu Geld. Jeder von euch muß mindestens fünf Karten anbrin- gen.« Mit dem Vorschlag waren alle einverstanden. Nur welches Theaterstück sollte man wählen? Am En- de einigte man sich für einen bunten Abend. Je- der sollte etwas zum Programm beitragen. War das eine Aufregung! Eine Tanzgruppe studierte Volkstänze ein. Das Schulorchester führte die Kindersymphonie von Haydn auf. Inge spielte auf ihrer Geige, und Suse begleitete sie am Klavier. Andere Burschen und Mädchen trugen Gedichte vor, und Herbert trat als Boxer auf. Den Schluß bildete ein kleiner, lu-, stiger Einakter. Die Aufführung war ein glänzender Erfolg. Es wurde eine Menge Geld eingenommen. Was noch fehlte, wurde durch freizügige Spenden ergänzt. Aber nicht nur Geldspenden wurden entgegenge- nommen, auch Werkzeuge wie Schaufeln, Äxte, Hämmer, Maurerkellen, Sägen und Eimer waren willkommen. Alles konnte man gebrauchen. Zu Beginn der großen Ferien wurde alles auf einem Lastwagen zum Bauplatz geschafft. Dort wartete die Jugend auf die Befehle der »Maurerpoliere« und »Gesellen«. Mit frischem Mut ging man ans Werk. Zuerst mußte der Waldplatz gerodet werden. Da krach- ten die Äxte und Beile. Die kräftigsten Burschen fällten die dicken Baumriesen. Ein Maurermeister,, dessen Sohn auch zur Jugendgruppe gehörte, überwachte die Bauarbeiten. Nach seinen Anord- nungen wurde der Grund für das Fundament aus- gehoben. Die Mädchen hatten die Aufgabe, für das Essen zu sorgen. Es wurde im Freien ge- kocht. Nur Helga hatte am Kochen keine Freude. Sie half den Burschen tatkräftig bei der schweren Arbeit. Professors Zwillinge hatten Paul eingeladen mit- zuhelfen, was er auch gerne tat. Mit seinem kranken Arm konnte er allerdings keine schweren Arbeiten verrichten. Er zeigte den Burschen aber, wie sie die Rohre für die Wasserleitung legen mußten. Wasser war unbedingt notwendig. Seine besonnene Art hatte einen günstigen Einfluß auf die stürmischen jungen Leute, die das Heim am liebsten an einem Tag erbaut hätten. Es ging manchen von ihnen, vor allem Herbert, viel zu langsam. Sie hätten die notwendigen Vorarbeiten gerne gestrichen und gleich mit dem Bau des Hauses begonnen. Das ging aber nicht. Ein festes Fundament ist für jedes Haus eine Grundbedin- gung. Von einem Baumeister hatten sie alte Ziegel ge- schenkt bekommen. Sand und Zement hatte man auch schon – der Beton konnte gemischt werden. Das war eine Arbeit für die Kleineren von ihnen. Das Mischen machte ihnen große Freude. Die Mädchen rührten lieber in ihren Kochtöpfen. Langsam begann das Fundament aus dem Boden zu wachsen. Dann wurden die Mauern aufgestellt, und bald sah man, wo die Fenster ihren Platz ha- ben sollten. Ein Teil der Burschen übernachtete in einer nahen Scheune, um nicht täglich in die, Stadt fahren zu müssen. Herbert wäre gerne da- beigewesen. Aber er durfte Suse nicht allein mit dem Fahrrad nach Hause fahren lassen. Das meinte wenigstens der Vater. Er selbst war ande- rer Ansicht. Sie fuhr ja nicht allein, sondern mit den Martinsgänsen und vielen anderen Mädchen nach Hause. Als man mit dem Aufstellen der Zwischenwände fertig war, gab es ein kleines Fest. Es wurde Ku- chen und Tee zur Feier des Tages aufgeteilt. Nur Herbert schmeckte der Kuchen nicht. Ärgerlich würgte er ihn hinunter. Er hatte nämlich eine kleine Zwischenwand, die er mit viel Mühe aufge- baut hatte, wieder niederreißen müssen. Herbert war wieder einmal zu wenig sorgfältig bei der Ar- beit gewesen. Bei einem Hausbau ist das aber notwendig. Der Maurerpolier hatte zu ihm ge- sagt: »Na, Winter, das soll vielleicht senkrecht sein? Baust du den schiefen Turm zu Pisa?« Em- pört warf Herbert die Maurerkelle weg. »Bau dir die Wand doch selber, wenn du es besser kannst!« antwortete er trotzig. Der große Junge lachte gutmütig. »Na, wer von uns beiden immer alles besser weiß, ist ja bekannt!« Es half nichts. Herbert mußte seine schiefe Wand niederreißen und noch einmal von vorne begin- nen. Solche Kleinigkeiten waren aber schon am nächsten Tag wieder vergessen. Bald brauchte man zum Weiterbauen ein Außen- gerüst. Aus Brettern, Balken, Baumstämmen und Stricken wurde dieses Gerüst aufgestellt. Würde es auch halten? Vorsichtig wagten sich die jungen Männer darauf. Da, ein lautes Geschrei – und Krause fiel hinunter. Er hatte sich aber zum Glück, nichts getan. Der Waldboden war ja weich. Die Zimmerleute hatten ihren Bauplatz auf der Wiese vor dem Haus errichtet. Dort wurden die großen Balken, die die Decken tragen sollten, kunstgerecht gezimmert. Paul, der Ingenieur und Monteur in einer Person war, hatte die Aufzüge für das Baumaterial konstruiert. Endlich war es soweit – der Dachstuhl konnte aufgesetzt werden. Die Mädchen flochten Girlan- den und Kränze. Sie kochten Schokolade und kauften Kuchen ein. Helga durfte den Richtkranz auf das Dach hängen. Lustig flatterten die bunten Bänder im Wind. Auf der Wiese aber feierte man das Richtfest bei Schokolade, Kuchen, Gesang und Tanz. Die Vögel zwitscherten im Wald. Was hatten denn die fleißigen Handwerker heute? Warum ruhte die Arbeit? Aber bald ging es wieder mit frischen Kräften ans Werk. In der Küche und in der Diele wurden Steinfliesen gelegt. Die ließen sich leicht sauber- halten. Türen und Fensterstöcke wurden einge- setzt. Die Wände im Tagraum wurden mit Holz verkleidet. Der Ofen in der Küche wurde aufge- stellt. Die Burschen und Mädchen waren fleißig wie die Heinzelmännchen. Alte Tische und Sessel wurden gereinigt und frisch gestrichen. Das Anstreichen machte allen großen Spaß. Jedes Zimmer wurde anders ausgemalt. Dabei durften sogar die Mäd- chen helfen. Dann wurden Strohsäcke genäht und ausgestopft. Suse Winter überließ man es, den Garten zu ge- stalten. Sie war darüber sehr glücklich. Die Erde wurde umgegraben und gedüngt. Die Wege wur-, den abgesteckt und mit Kies bestreut. Sie setzte Herbstastern ein und säte Blumensamen für das nächste Jahr. Auch kleine Fichten und Tannen pflanzte sie ein und an besonders sonnigen Stel- len sogar ein paar Obstbäume. Sie freute sich jetzt schon auf die Ernte. Der ganze Garten wur- de mit einem Zaun aus Holzlatten umgrenzt. Die großen Ferien gingen viel zu schnell zu Ende. Die jungen Handwerker legten Spaten, Maurerkelle, Säge und Pinsel zur Seite und griffen wieder zu den Schulbüchern. Frau Winter war überrascht, wie gut ihre Zwillin- ge aussahen. Suse war braun gebrannt. Sie hätte sich nirgends so gut erholen können. Bis auf einige Kleinigkeiten war das Jugendheim fertig. Viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende. Trotzdem hatte man noch an jedem Sonn- tag genug zu tun. Das Schönste aber für alle war, als sie zum erstenmal im selbsterbauten Heim schlafen konnten., Im Oktober wurde das Heim eingeweiht. Die El- tern und Verwandten wurden herzlich dazu einge- laden. Paul hatte die elektrischen Leitungen ge- legt und die Gäste mit einer selbstgebastelten Radioanlage überrascht. Dafür wurde er zum Eh- renmitglied ernannt. Es wurde ein höchst lustiges Einweihungsfest. Die jungen Leute waren stolz auf ihre Arbeit. Die El- tern waren erstaunt, was die Jugend mit Ausdau- er und Arbeitsfreude geleistet hatte. Nur wenn man fest zusammenhält, kann man Schwierigkei- ten meistern. Bei der Taufe erhielt das Heim den Namen »Hein- zelmännchennest«.,

EINSEGNUNG

In selbsterbauten Heim traf sich die Jugend von Göttingen. Die Mädchen schmückten die Räume mit Bildern und Blumen. Die Burschen aber ach- teten darauf, daß nicht zuviel unnützer Kram ein- geschmuggelt wurde. Sie waren mehr für das Zweckmäßige. Bis in den Spätherbst verbrachten die jungen Leute die Sonn- und Feiertage im Heinzelmänn- chennest. Von dort aus unternahmen sie ihre Wanderungen. Hier kamen sie immer wieder zu- sammen, um zu spielen, zu musizieren, zu singen und zu tanzen. Aus dem Norden blies ein eiskalter Wind. Jetzt wurde zum erstenmal der große Kamin geheizt. Wie das selbstgeschlagene Holz prasselte und knisterte. Es wurde allmählich warm und gemüt- lich im Raum. Nun hieß es aber, den neuangelegten Garten vor dem Winterfrost zu schützen. Suse gab die Anlei- tungen dazu. Die Burschen und Mädchen folgten ihr gern. Der einzige, der das nicht tat, war Her- bert. Er wollte nicht zugeben, daß Suse von der Gärtnerei mehr verstand als er. Die Rosen wurden mit Tannenzweigen zugedeckt. Die Krokus- und Tulpenzwiebeln wurden in einem Beet gesetzt. Zu Ostern würden sie in allen Far- ben blühen. Es war erstaunlich, wie sicher und selbständig die schüchterne Suse war. Sie blieb aber bescheiden, obwohl sie den anderen Anwei- sungen gab. Darum ordneten sich ihr alle lieber unter als ihrem Bruder. Die ersten Schneeflocken wirbelten übermütig, durch die Luft. Man war mit allen Wintervorberei- tungen im Heim fertig. Die Kartoffeln waren im Keller eingelagert. Vor dem Heim lag eine sanftgeneigte Wiese. Dar- auf tummelten sich die Anfänger im Schisport. Herbert kam auf die Idee, eine Sprungschanze zu bauen. Helga war davon begeistert. Großartig, wenn man auf eigenem Boden trainieren und Wettkämpfe austragen konnte. Aber leider ließ sich der Plan nicht durchführen. Man hätte im Herbst schon daran denken müssen. Jetzt, wo Schnee lag, konnte man keine Schanze bauen. Es war ganz gut, daß noch eine Arbeit für das näch- ste Jahr blieb. Der Winter zog ins Land. Die Zwillinge mußten sich in der Schule sehr anstrengen, um in der Klasse mitzukommen. Suse fiel manches Unter- richtsfach recht schwer. Besonders mit Mathema- tik hatte sie ihre liebe Not. Ohne die Nachhilfe- stunden, die ihr Paul dreimal in der Woche gab, hätte sie das Lehrziel wohl nie erreicht. Nur durch die ruhige Art, mit der ihr Paul alles erklärte, überwand sie die Hindernisse. Selbst die schwie- rigsten mathematischen Probleme konnte er ihr begreiflich machen. Paul arbeitete nicht mehr in den Zeiss-Werken. Sein Arm war glücklicherweise ganz ausgeheilt. Er war jetzt technischer Assi- stent bei Professor Winter im Planetarium. Ne- benbei gab er Nachhilfestunden. Mit diesem Geld und einem Stipendium der Universität kam er ganz gut durch. Seine praktische Arbeit in den Zeiss-Werken kam ihm jetzt sehr zustatten. Dar- auf baute er seine erste schriftliche Prüfungsar- beit in Physik auf. Sie beschäftigte sich mit der, Verbesserung des Mikroskops für medizinische Untersuchungen. In diesem Winter brannte oft bis in die Nacht das Licht in Pauls Zimmer. Auch im Sternenhaus war alles fleißig bei der Ar- beit. Der Vater diktierte der Mutter sein neues wissenschaftliches Werk über Erdbebenforschung. Darin wertete er seine Erfahrungen, die er auf seiner Reise nach Jugoslawien gemacht hatte, aus. Die Zwillinge hatten für die Schule viel zu lernen. Außerdem besuchten sie noch den Kon- firmationsunterricht. Zu Ostern sollten sie einge- segnet werden. Herbert wäre für sein Leben gern in diesem Win- ter in die Tanzschule gegangen. Zwar waren die Tänzer alle schon älter als er, aber gerade des- halb wollte der ehrgeizige Herbert auch dabei-, sein. Die Eltern erlaubten es jedoch zu seinem Leidwesen nicht. Vor der Konfirmation gehörte es sich eben nicht, daß man Tanzstunden nahm. Suse sah das vollkommen ein. Aber Herbert war sehr verärgert, wenn es ihm auch nichts nützte. Dafür wurde im Sternenhaus viel musiziert. Suse spielte recht gut Klavier, weil sie auch täglich fleißig geübt hatte. Auch Herbert gab sich jetzt mehr Mühe, seitdem er Cello spielen gelernt hat- te. Am liebsten aber spielte er am Sonntag mit Paul Schach. Die Krokusse im Garten vor dem Sternenhaus blühten blau und gelb. Die Zwillinge hatten gute Zeugnisse bekommen. Auch Suse hatte in Ma- thematik eine befriedigende Note erhalten. Am Palmsonntag fand die Einsegnung von Professors Zwillingen statt. Mit ihren Freunden und Freun- dinnen legten sie in der Kirche ihr Glaubensbe- kenntnis ab. »Bleibt nur so brav wie bisher!« flüsterte die Mut- ter ihren Zwillingen zu und schloß sie nach der kirchlichen Feier in die Arme. Der Vater fügte hin- zu: »Werdet aufrechte Menschen, erfüllt immer eure Pflicht, und vergeßt dabei nicht euer Eltern- haus.« Die kleine Omama aber sagte gar nichts. Gerührt schloß sie ihre Lieblinge in die Arme. Suse war sehr ernst und bewegt. Sie hatte viele gute Vorsätze für ihr weiteres Leben gefaßt. Sie wollte hilfreich zu allen Menschen sein. Herbert dagegen schüttelte alle guten Vorsätze schnell ab. Ihm war die Taschenuhr, die er von der klei- nen Omama geschenkt bekommen hatte, viel wichtiger. Die Großmutter hatte sie ihm mit fol-, genden Worten überreicht: »Es ist die Uhr deines Großvaters. Halte sie immer in Ehren. Es mögen dir nur frohe Stunden schlagen.« »Sie schlägt ja gar nicht, sondern tickt nur, Omama«, stellte Herbert sachlich fest. Die Großmutter lächelte nachsichtig. Die Jugend von heute war nun einmal anders. Man mußte sich damit abfinden. Sie hatte ja trotzdem das Herz auf dem rechten Fleck, auch wenn sie sach- licher und weniger gefühlvoll war. Suse dagegen war noch vom alten Schlag. Sie herzte und küßte ihre kleine Omama. Sie war glückselig, als ihr die Großmutter einen goldenen Anhänger an einem feinen Kettchen um den Hals hängte. Die Groß- mutter hatte ihn selbst als junges Mädchen ge- tragen. Aber das schönste war, daß man den An- hänger öffnen konnte. Darin war ein Foto von der kleinen Omama. Die Großeltern aus Freiburg und Onkel Ernst wa- ren ebenfalls zur Einsegnung der Kinder gekom- men. Lachend meinte Onkel Ernst: »Ihr seid uns ja über den Kopf gewachsen. Großpapa und ich sind durchaus nicht klein.« Der lustige Onkel Ernst hatte seine Zwillinge lange nicht gesehen. Er war mehrere Jahre in Griechenland gewesen und hatte dort Ausgrabungen geleitet. Er konnte sich nur schwer damit abfinden, daß aus seinen kleinen, herzigen Zwillingen solche Riesen ge- worden waren. Wie lange war es denn her, daß er Suse auf seinen Knien geschaukelt hatte. Jetzt war sie eine junge Dame und Herbert ein flotter Bursche. Natürlich durfte Paul Liedtke bei der Familienfeier nicht fehlen. Der Großvater aus Freiburg freute, sich, daß Herbert nach dem Abitur Zoologie stu- dieren wollte. Er war selbst Professor für Natur- wissenschaften. »Und du, Suse, studierst Bota- nik, gelt?« wandte sich der alte Herr an seine En- kelin. Suse sah ihn mit großen Augen an und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ich studieren werde, Großvater. Ich habe schon genug mit dem Abitur.« Suse bekam bereits jetzt die Gänsehaut, wenn sie an die Abschlußprüfung dachte. »Und deine Liebe zu den Blumen, Mädi, willst du die nicht beruflich auswerten?« erkundigte sich die Großmutter aus Freiburg. Sie nannte Suse noch immer mit dem Kosenamen aus der Kinder- zeit. Bevor Suse noch antworten konnte, sagte die kleine Omama: »Gott sei Dank, unser Suschen ist kein modernes Mädchen. Sie braucht durchaus nicht einen Beruf neben dem Haushalt zu haben. Sie bleibt bei uns im Sternenhaus und pflegt ihre Blumen im Garten.« »Nein, Omama«, sagte Suse bestimmt, »das würde mich nicht befriedigen. Ich muß auch ei- nen Beruf haben wie die anderen jungen Leute. Mir ist klargeworden, daß ich für das Studium nicht tauge. Ich liebe Pflanzen, pflege sie gerne und bin glücklich, wenn sie gedeihen. Getrockne- te Pflanzen sind tot, die interessieren mich nicht, die tun mir nur leid.« »Suschen wird später sicher einmal Gärtnerin, dazu eignet sie sich«, unterstützte die Mutter ihre Tochter. »Warum nicht lieber gleich Mistbauer«, lachte Onkel Ernst. »Der Misthaufen spielt doch eine, wichtige Rolle bei der Gärtnerei.« Er wandte sich jetzt an Paul. »Und Sie, Herr Liedtke, welche Zu- kunftspläne haben Sie?« Paul wurde rot. Erstens, weil man ihn mit »Herr Liedtke« anredete, und zweitens, weil er nicht zu unbescheiden scheinen wollte. Er hatte sich ja ein hohes Ziel gesteckt. Während er noch überlegte, erwiderte Suse: »Paul wird Universitätsprofessor.« Sie sagte das so selbstverständlich, als ob es gar keinen ande- ren Beruf für ihn gäbe. Alle sahen sich zuerst erstaunt an. Dann lachten sie los. Paul selbst lachte herzlich mit: »Wenn es nach Suse geht, werde ich gleich Rektor«, scherzte er. Sie alle kannten den harten Lebens- weg Pauls. Sie wußten, unter welchen schwieri- gen Bedingungen er studieren mußte. Vom Stu- dent bis zum Professor war noch ein mühevoller Weg! »Zu deinem heutigen Ehrentag, Herbert, wollte ich dir einen Fotoapparat schenken«, sagte Onkel Ernst. »Fein!« rief Herbert, »den habe ich mir schon lange gewünscht.« »Ja, aber nun ist leider nichts daraus geworden. Jetzt will ich dir dafür einen anderen Vorschlag machen. Ich muß in dieser Woche noch zu einem Archäologenkongreß nach Wien. Was ist, willst du mit mir fliegen?« schlug ihm Onkel Ernst vor. Da blieb Herbert vor Staunen der Mund offen. Dann aber schrie er: »Bum, das ist toll!« Er pack- te Suse und wirbelte mit ihr durch das Zimmer. Auf seine Würde als Konfirmand vergaß er ganz. »Um Himmels willen«, rief die kleine Omama er-, schreckt, »das ist doch nicht etwa dein Ernst?« »Natürlich ist das Ernst, sogar Onkel Ernst«, lachte Herbert. »Fein – wir haben Osterferien, da habe ich Zeit. Ich wollte so gern einmal nach Wien. Der Tiergarten von Wien ist der älteste von Europa. Vor allem interessiert mich das neuange- legte Aquarium.« Vor Freude war Herbert ganz aus dem Häuschen. »Na, und du, Suse? Du schweigst ja in allen Sprachen. Hast du keine Lust mitzufliegen?« er- kundigte sich der Onkel. Suse schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht zugeben, daß sie viel zu große Angst vor dem Fliegen hatte. Sie sollte den festen Boden verlassen und sich der Luft anver- trauen? Sie mußte sich am Tisch festhalten. »Kamel.« Herbert gab Suse einen kleinen Rip- penstoß zur Aufmunterung. Suse zuckte zusammen. Das schmeichelhafte Wort paßte sehr wenig zum heutigen Festtag., »So eine günstige Gelegenheit kommt nicht so bald wieder, Suse!« »Soll auch gar nicht – ich will nicht fliegen. Ich würde bestimmt die ganze Zeit seekrank sein«, lehnte die Schwester entschieden ab. »Du meinst luftkrank«, verbesserte ihr Zwilling. »Unser Suschen denkt: ›Wasser und Luft haben keine Balken‹«, lachte der Vater. »Gottlob, daß wenigstens eins von unseren Kin- dern vernünftig ist und sich nicht unnötig in Ge- fahr begibt«, sagte die Omama erleichtert. Auch Frau Winter hatte eine Abneigung gegen das Flie- gen. Es gab ja die Eisenbahn. Herbert hatte inzwischen nachgedacht. »Onkel Ernst, dann kannst du Suse ja den Fotoapparat schenken, wenn sie nicht mitfliegen will.« Der Onkel lachte. »Da schau her, du Schlaumei- er. Ich glaube, daß du den Apparat dann mehr benützen wirst als Suse.« »Wir sind ja Zwillinge, da gehört er auf jeden Fall uns beiden.« »Hättest du keine Freude damit, Suschen, oder hast du einen anderen Wunsch?« Suse überlegte. Sie wurde ganz rot. Dann gab sie sich einen Ruck. »Geld würdest du mir statt des- sen nicht schenken, Onkel Ernst?« fragte sie zag- haft. »Aber Suse«, rief die Mutter, »wozu brauchst du denn Geld? Du bekommst doch alles von uns. Für die kleinen Ausgaben hast du dein Taschengeld.« »Ich weiß es«, ihr Zwilling machte ein schlaues Gesicht, »Suse will sicher eine Fahne für unser Heim stiften.« »Ja, Schnecken!« Suse schüttelte den Kopf., »Nun, dann willst du dir sicher ein neues Kleid oder einen modernen Mantel kaufen«, versuchte Onkel Ernst zu raten. »Ich glaube, ich habe recht«, fügte er lachend hinzu. »Du wirst ja ganz rot«, zog Herbert seine Schwe- ster auf. »Ich werde gar nicht rot, nicht ein bißchen!« Su- se fühlte, wie ihr immer heißer wurde. O Gott, nun log sie an ihrem Einsegnungstag. Aber sie wollte nicht sagen, wozu sie das Geld haben woll- te. Sie brauchte keinen neuen Mantel, aber Paul einen neuen Anorak. Dafür hatte Paul kein Geld, er hatte es notwendiger für andere Dinge ge- braucht. Er war mehrere Male bei den Wanderun- gen bis auf die Haut naß geworden. Sie wollte in ein Geschäft gehen und Paul den Anorak anonym schicken lassen. Er sollte nicht wissen, daß er von ihr stammte. Onkel Ernst vergaß seine Nichte nicht. Am Tag, an dem Herbert in Frankfurt das Flugzeug nach Wien bestieg, brachte der Briefträger Geld für Suse. Es war mehr, als sie für Pauls Anorak brauchte. Onkel Ernst hatte sein Wort gehalten. So wurde jedem Zwilling sein Herzenswunsch er- füllt., EINE FLUGREISE NACH WIEN Onkel Ernst wollte Herbert durch Frankfurt am Main führen. »Ach, ich möchte lieber gleich auf den Flugplatz, Onkel Ernst. Die Stadt kenne ich schon. Da waren wir doch mit den Martinsgän- sen.« Heute interessierte ihn nur der Flughafen. »Der Flughafen läuft uns nicht davon, mein Jun- ge. Zuerst wollen wir Frankfurt gründlich genie- ßen. Weil ich Archäologe bin, mußte ich dem be- rühmten Liebig-Museum einen Besuch machen.« »Na, ich bin ein Kind des zwanzigsten Jahrhun- derts. Mir können alle alten Museen gestohlen bleiben. Für mich ist der Flugplatz tausendmal interessanter«, erklärte Herbert großspurig. Onkel Ernst lachte. »Alles zu seiner Zeit. Wir flie- gen mit dem letzten Flugzeug, das von Frankfurt nach Wien startet. So haben wir den ganzen Tag für Frankfurt Zeit. Das muß dir doch Freude ma- chen, diese interessante, moderne Stadt kennen- zulernen.« Herbert hatte nur Augen und Ohren für das Flie- gen. »Mit dem letzten Flugzeug fliegen wir erst? Das dauert ja noch schrecklich lang. Dann ist es vielleicht schon dunkel, und ich kann das Land unter mir nicht mehr sehen. Wie findet denn der Pilot bei Nacht den Flughafen in Wien?« gab er zu bedenken. »Der Flugzeugführer findet seinen Weg auch in der Finsternis. Er empfängt über Funk seine Posi- tion. Es gibt ja Nachtflüge. Aber habe keine Angst. Wir fliegen noch bei Tag von hier fort. Nur bei der Landung in Wien wird es wohl schon, dämmrig sein.« »Ich hab’ keine Angst – ich bin doch nicht Suse«, brüstete sich Herbert. Er gab sich erst zufrieden, als Onkel Ernst die Flugtickets nach Wien gelöst hatte. Dennoch ging Herbert während der Stadtbesichti- gung der Flughafen nicht aus dem Kopf. Als On- kel Ernst den Römer bewunderte und seinem Nef- fen von den Kaiserkrönungen in Frankfurt erzähl- te, überlegte Herbert, ob sein kleiner Koffer das vorgeschriebene Gewicht nicht übersteige. Und bei der Fahrt ins Museum rief Herbert plötzlich begeistert: »Onkel Ernst – ein Starfighter – noch einer – zwei – drei – vier – fünf – ein ganzes Ge- schwader. Schade, daß wir sie nicht landen sehen können.« Aufgeregt zeigte er gegen den Himmel. »Fabelhaft, dieses Zusammenspiel zwischen Wis- senschaft und moderner Technik!« meinte Onkel Ernst gedankenvoll. »Die landen sicher auf dem Militärflughafen. Dort ist noch ein Flugzeug. Onkel Ernst, das ist eine Caravelle.« Onkel Ernst lächelte. Die heutige Jugend war ganz anders. Bei jedem Auto wußte Herbert die Marke, und die Flugzeugtypen kannte er auch. Das Mittagessen im gemütlichen Kaiserkeller ent- schädigte Herbert dafür, daß er mit seinem Onkel nicht sofort zum Flughafen gefahren war. Für Es- sen und Trinken hatte der junge Mann viel übrig. Er konnte tüchtig zugreifen. Onkel Ernst freute sich darüber, wie es ihm schmeckte. Nach dem Essen zog der Onkel seine Zigaretten aus der Ta- sche., »Na, wie ist’s, Herbert? Willst du eine rauchen oder wird dir schlecht darauf?« fragte er lächelnd. »Aber, Onkel Ernst, in meinem Alter ist man doch schon Gewohnheitsraucher«, prahlte Herbert und zündete sich eine Zigarette an. Unwillkürlich mußte er an die erste Zigarette denken, die er vor Jahren mit Suse geraucht hatte. Da war es beiden sehr schlecht ergangen. Daheim saßen sie jetzt sicher beim Mittagessen und malten sich aus, was Herbert alles erlebte. Na, der Vater würde die ängstlichen Damen schon beruhigen. Am Nachmittag, in dem herrlichen Botanischen Garten, wurde Herbert etwas nervös. Immer wie- der schaute er auf seine Uhr, auf das Erbstück von Großvater. Wenn der damals geahnt hätte, daß sein Enkel mit der Uhr nach Wien fliegen, würde! »Schau nur, sind diese Blumenbeete nicht präch- tig?« unterbrach Onkel Ernst die Gedanken seines Begleiters. »Diese Farbenpracht, das müßte Suse sehen!« »Ja, die wäre ganz begeistert. Sie möchte sowie- so nach dem Abitur in eine Gartenbauschule ge- hen.« »Das ist eine gute Idee. Aber wozu macht sie dann überhaupt die Reifeprüfung, wenn sie nicht weiterstudiert?« erkundigte sich der Onkel. »Ehrensache! Wenn die Martinsgänse ihr Abitur machen, will Suse nicht zurückstehen. Und als mein Zwilling ist sie dazu verpflichtet. Aber jetzt ist es wirklich höchste Zeit, daß wir gehen, Onkel Ernst. Sonst kommen wir noch zu spät zum Flug- hafen«, drängte Herbert ungeduldig. »Also meinetwegen, Junge. Wir haben aber noch zwei Stunden bis zum Abflug Zeit. Du gibst ja früher keine Ruhe, bis wir nicht auf dem Flugha- fen sind.« »Und unsere Koffer, Onkel Ernst? Die müssen wir doch erst holen«, erinnerte Herbert. »Die sind bereits vom Stadtbüro der Lufthansa mit dem Zubringerwagen auf den Flugplatz ge- bracht worden.« Herbert war sehr aufgeregt, be- mühte sich aber, es nicht zu zeigen. Zum er- stenmal in seinem Leben sollte er fliegen. Schon von weitem hörte man das Brummen der Flugzeuge. »Schnell, Onkel Ernst, komm schnell, sicher star- tet eben ein Flugzeug!« rief Herbert und wollte hinlaufen. »Es starten viele Maschinen am Nachmittag.«, Onkel Ernst folgte nur langsam. Nun standen beide vor dem neuen Flughafenge- bäude. Herbert ging es in der Abfertigungshalle viel zu langsam. Onkel Ernst überzeugte sich zu- erst, ob ihre Koffer auch da waren. Herbert hatte inzwischen seine Augen überall. »Hier werden unsere Koffer abgewogen – hoffentlich ist meiner nicht zu schwer. Zur Zollkontrolle müssen wir auch noch. Schau nur, Onkel Ernst, ein Luftpostamt gibt es auch. Ich muß Suse unbedingt eine Karte schreiben. Die Briefmarke soll sie mir aufheben.« Sie traten ins Freie. Das Geheul einer Düsenmaschine begrüßte »siDe.e r Flugverkehr wird von diesem Kommando- turm aus geregelt«, erklärte Onkel Ernst seinem Neffen. Er flog ja nicht zum erstenmal. Herbert wünschte sich in diesem Augenblick tau- send Augen. Er wollte alles Neue in sich aufneh- men. Den Kommandoturm mit dem Radarschirm, die verschiedenen Flugzeuge auf dem Rollfeld – und da surrte auch schon ein Riesenvogel heran, tiefer, immer tiefer – jetzt hatte er Boden unter sich, rollte auf seinen Rädern über das Rollfeld und blieb dann allmählich stehen. »Phantastisch!« rief Herbert begeistert. »Heute ist der herrlichste Tag meines Lebens.« »Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben«, meinte Onkel Ernst. »Hoffentlich wirst du mir nicht luftkrank.« »Aber Onkel Ernst – das kann doch mir nicht pas- sieren!« entrüstete sich Herbert. »Bitte, komm doch näher, damit wir den Fluggästen beim Aus- steigen zusehen können.« »Das Flugzeug kommt aus Berlin«, stellte Onkel, Ernst fest. »Woher weißt du das?« »Die Ankunft und der Abflug der Flugzeuge ist auf den Plänen angeschlagen. Herbert, und – « »Es sind nur dreiundzwanzig Passagiere ausge- stiegen! Wenn ich denke, daß ich heute auch da drinnen sitzen werde – einfach unglaublich.« Herbert fragte eine Stewardeß, welches Flugzeug nach Wien fliege. »Die Boeing 727 dort drüben.« »Wann starten Sie?« »Um achtzehn Uhr dreißig.« Onkel Ernst ging zurück in die Empfangshalle. »Komm, Herbert, wir wollen uns noch für den Flug stärken. Ich muß auch noch einige Briefe aufgeben.« »Gibt’s im Flugzeug nichts zu essen?« »Einen Speisesaal gibt es dort nicht. Dazu ist es nicht groß genug. Bei einem Kurzflug bekommt man aber einen Imbiß und Erfrischungen ser- viert.« »Dann wollen wir uns doch lieber im Flugzeug stärken, Onkel Ernst.« Herbert war viel zu aufge- regt, um etwas essen zu können. »Dort ist die Flugwetterwarte. Sie hat die Aufga- be, den Verkehrsflugzeugen die Windverhältnisse und die Wetterlage in den verschiedenen Höhen- schichten mitzuteilen. Jeder Pilot erhält vor Be- ginn des Fluges einen Wetterzettel. Auf dem sind die Wettermeldungen der einzelnen Stationen verzeichnet.« »Eine großartige Einrichtung!« begeisterte sich Herbert. »Ja, das ist wahr. Auf dem Flugplatz regiert die, Technik. Hier spielen Entfernungen und Grenzen keine Rolle.« »Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß es einmal anders gewesen ist«, meinte Herbert. »Onkel Ernst, es ist gleich sechs Uhr, und du hast dir noch ein Glas Bier bestellt! Hoffentlich versäumen wir nicht unser Flugzeug.« »Wie kann man nur so aufgeregt sein. In der Zeit der Technik braucht man gute Nerven. Die Abflü- ge werden in den Wartesälen rechtzeitig be- kanntgegeben. Wir haben noch lange Zeit.« Herbert jedoch hatte keine Zeit. Er stand bereits wieder am Fenster und behielt »sein Flugzeug« im Auge, damit es ja nicht ohne ihn abflog. Ein Lautsprecher ertönte: »Einsteigen zum Flug nach Wien auf Perron sechs!« Mehrere Gäste standen auf. Man zahlte rasch und begab sich zum Ausgang auf das Flugfeld. Ein Kleinbus mit Anhänger brachte die Fluggäste zur Maschine. Hier war das Bodenpersonal schon damit beschäf- tigt, das Gepäck einzuladen. Was hatte nicht alles in einem Flugzeug Platz. Die ersten Fluggäste schritten schon über die Gangway. Herbert drängte nervös nach vorn. Er wollte noch schnell einen Blick in die Flugkanzel werfen. Vor Freude klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Nun saß er auf seinem bequemen Sitzplatz. Er schaute zu dem kleinen Fenster hinaus. Der Onkel hatte ne- ben ihm Platz genommen., Plötzlich begannen die Düsen aufzuheulen. Eine Stimme sagte: »Die Passagiere werden gebeten, das Rauchen einzustellen und sich anzuschnal- len.« Die Durchsage wurde auf englisch wieder- holt. Die Maschine glitt über die Rollbahn und er- hob sich steil in die Luft. »Jetzt lösen wir uns von der Erde«, sagte der Onkel. Herbert war still. »So, mein Junge, wirf noch einen Blick auf die Stadt. Dort unten siehst du den Main. Nimm Ab- schied von Frankfurt.« Herbert wagte nicht in die Tiefe zu schauen. Ihm war mulmig im Magen. Sein Gesicht wurde grün und gelb. »Herbert, ist dir nicht gut?« Herbert hätte das nie zugegeben. »Aber nein«, stieß er mit gezwungenem Lächeln hervor. Der Onkel lachte. »Für alles muß man bezahlen. Wenn dir nicht gut ist, hier hast du für alle Fälle ein Säckchen.« Herbert wagte nicht mehr zu antworten. Wenn er noch ein Wort gesagt hätte, dann…! Gerade ihm mußte das passieren. Was würde Suse dazu sa- gen, wenn sie es erfuhr. Eine Stewardeß hatte ihn schon die längste Zeit beobachtet. Sie gab Herbert eine Pille und reichte ihm ein Taschentuch, das mit Kölnischwasser ge- tränkt war. Damit wischte er sich über die Stirn. Allmählich beruhigte sich sein Magen. Er atmete wieder leichter, und es ging ihm wieder besser. Die meisten Fluggäste lasen oder unterhielten sich mit ihrem Nachbarn. Onkel Ernst sah auf die Uhr. »In fünfzehn Minu-, ten landen wir. Siehst du im Abendschein die Al- penkette?« »Schon?« Herbert hatte in seinem Zustand der Übelkeit jedes Gefühl für Zeit verloren. »Na, wie ist’s«, fragte der Onkel mit einem prü- fenden Blick auf seinen Neffen. »Willst du aus- steigen und mit der Bahn weiterfahren?« »Kommt gar nicht in Frage. Mir geht es ausge- zeichnet. Ich war zu aufgeregt vorher.« »Du warst aber sehr tapfer. Jetzt ist alles wieder gut.« Nun wagte Herbert auch einen Blick in die Tiefe. Trotz der Abenddämmerung unterschied er, noch dunkle Waldstreifen, Seen und Dörfer. Erst jetzt kam ihm die Freude am Fliegen. Unter ihm leuchteten Lichter auf. Zuerst vereinzelt, dann immer mehr und mehr. Es wurde ganz hell. Sie überflogen eine Stadt. »Allmählich bekomme ich Hunger.« Herbert hatte ganz vergessen, wie elend ihm noch vor kurzem zumute gewesen war. »Warte, bis wir in Wien sind. In wenigen Minuten landen wir auf dem Schwechater Flugplatz. Du wirst gleich die Scheinwerfer sehen! Da, siehst du die Beleuchtung? Das ist der erste Gruß des Wie- ner Flughafens.« »Was ist dort für ein rotes Licht, Onkel Ernst?« »Das sind die roten Blinklichter auf dem Lan- dungsplatz. Sie weisen dem ankommenden Flug- zeug den richtigen Weg.« »Hoffentlich landen wir nicht in der Donau«, meinte Herbert spaßhaft. »Das ist ja ein Lichter- meer auf dem Flugplatz«, rief er erstaunt aus. Eine Stimme forderte die Gäste wieder zum An- schnallen auf. Schon senkte sich das Flugzeug von seiner großen Höhe herab, und bald spürte man das Aufsetzen der Räder auf der Rollbahn. Das Flugzeug wurde immer langsamer – und schon stand man auf dem Wiener Flughafen. Es war eine andere Welt. Man stand wieder auf seinen eigenen Füßen. Der Onkel nahm die Koffer bei der Zollabfertigung in Empfang. Dann saßen Onkel Ernst und Herbert in einem Taxi und fuhren in die Stadt. Die Stra- ßen waren hell beleuchtet, es herrschte reger Verkehr. Grelle Lichtreklamen flammten auf und erloschen wieder. Das Taxi fuhr über den Ring,, Wiens Prachtstraße. »Dort, Herbert, rechts, ist die berühmte Wiener Staatsoper.« Über die Mariahilfer Straße fuhren sie dann zum Parkhotel. Aus dem Kaffeehausgar- ten klang leise Musik bis in ihr Zimmer. Das war Wien. Am nächsten Tag besuchte Herbert mit seinem Onkel den Tiergarten bei Schloß Schönbrunn, auf den er sich so gefreut hatte., FREIE BAHN DEM TÜCHTIGEN Zwei Jahre waren vergangen. Sie hatten Sommer und Winter, Regen und Sonnenschein, Gutes und Böses gebracht. So manches hatte sich inzwi- schen in Göttingen und im Sternenhaus verän- dert. Die Stadt war gewachsen. Neue Häuser, freundli- che Siedlungen mit kleinen Gärten waren ent- standen. In der Altstadt hatte man ein großes, modernes Warenhaus gebaut. Es nahm sich recht eigenartig neben den alten ehrwürdigen Häusern aus. Auch Studenten kamen und gingen. Die älteren Semester machten ihre Schlußprüfungen und verließen die Stadt, die jungen traten an ihre Stelle. Herberts Wunsch hatte sich erfüllt. Als Student ging er auf der Universität aus und ein. Professors Zwillinge hatten ihr Abitur gut bestan- den. Herbert hatte sogar mit Auszeichnung seine Reifeprüfung abgelegt. Suse war recht und schlecht durchgerutscht – sie hatte nun einmal keine Nerven bei Prüfungen. Nächtelang vorher hatte sie schon nicht geschlafen, tagelang nicht viel gegessen. Wie sollte sie da die Prüfung gut bestehen! Professor Werner hatte für Suse ein gutes Wort bei der Prüfungskommission einge- legt. Sie war ja immer eine fleißige Schülerin ge- wesen. Bei der Schlußprüfung jedoch gab sie vor lauter Angst ganz wirre Antworten. Ihre Freundin Inge hatte ebenfalls mit Auszeichnung bestanden. Helga aber wäre fast durchgefallen. Selbst vor der Reifeprüfung war ihr der Sport wichtiger ge-, wesen als die Bücher. Aber sie hatte den Mund am rechten Fleck und blieb so leicht keine Ant- wort schuldig, wenn sie auch manchmal nicht ganz stimmte. Dem Himmel sei Dank – sie waren alle durchge- kommen! Das war doch schließlich die Hauptsa- che. Im ersten Semester wollte Herbert noch in Göttingen bleiben. Im Winter aber wollte er nach Berlin, um dort weiterzustudieren. Suse dagegen hatte ihren Willen durchgesetzt und würde in Stuttgart eine Gartenbauschule be- suchen. Herbert fand, es täte Suse einmal ganz gut, auf eigenen Füßen zu stehen, damit sie end- lich selbständig würde. Die Eltern gaben ihm recht, wenn es ihnen auch schwer wurde, die schüchterne Tochter in eine fremde Stadt zu schicken. Im Sternenhaus wurde es still. Die Großmutter war im Herbst gestorben. Still und schmerzlos war sie hinübergeschlummert, die kleine Omama. Ihr Tod riß eine große Lücke in den Familienkreis. Der Tod der Großmutter war der erste große Schmerz im Leben der Zwillinge. Suse betrauerte ihre kleine Omama sehr. Wenn Suse an sie dachte, wurden ihre Augen feucht. So vieles erinnerte sie an die liebe, alte Dame. Ver- geblich blickte sie auf das Fenster im Parterre. Keine Großmutter begrüßte sie liebevoll, wenn sie von der Schule heimkam. Auch Herbert war durch den Tod der Großmutter ruhiger geworden. Er hatte sie sehr liebgehabt. Zu ihr war er immer rücksichtsvoll gewesen. Auf ihre Worte hatte er gehört. Und nun war sie nicht mehr da., Aber die Jugend vergißt schnell. Im Jugendheim feierte man das Abschiedsfest. In wenigen Tagen verließen die meisten die Stadt. Jahrelang waren sie gemeinsam gewandert und hatten Sport be- trieben. Würden sie alle wieder einmal zusam- menkommen? Paul war es, der älteste von ihnen, der solchen ernsten Gedanken nachhing. »Wir treffen uns jedes Jahr zu Ostern in unserem Nest«, schlug Helga Martin vor. »Jeder ist verpflichtet, sich pünktlich einzustellen. Entschuldigungen gibt es nicht! Und wenn ich als Tennismeisterin in Amerika sein sollte, am Oster- sonntag bin ich sicher hier!« »Willst du über den Ozean schwimmen, Helga?« erkundigte sich Herbert interessiert. Er hatte längst vergessen, daß er einmal den großen Bann über Helga ausgesprochen hatte. Heute verehrte er das schöne blonde Mädchen. »Nicht sofort, aber später sicher einmal. Zum Internationalen Tennisturnier in Nizza habe ich mich bereits angemeldet. Und wenn ich dort die amerikanische Meisterin besiegt habe, fordern sie mich bestimmt auf, hinüberzukommen.« Helga warf siegessicher den Kopf zurück. Sie zweifelte keinen Augenblick an ihrem Sieg. »Helga ist beneidenswert«, sagte Suse leise zu Paul, »sie hat so viel Selbstvertrauen und ist überzeugt von ihrem eigenen Können. Ich fahre nur nach Stuttgart, das ist doch nicht so weit ent- fernt. Trotzdem erscheint mir die Reise dorthin so weit wie nach Amerika.« »Mir auch!« entfuhr es Paul. »Aber du wirst uns in den Ferien sicher wieder besuchen«, setzte er tröstend hinzu., »Ferien – die gibt es jetzt nicht mehr für mich, Paul. Ich habe im ersten Jahr nur vierzehn Tage Urlaub, vielleicht auch etwas mehr. Aber sicher komme ich erst zu Weihnachten nach Hause.« »Nun, so besuche ich dich, Suschen«, versprach Paul. »Ja, Paul, wirst du das tun?« Freude leuchtete aus ihren Augen. »Aber du hast doch kein Geld dazu«, setzte sie gleich wieder entmutigt hinzu. »Dafür muß das Geld einfach da sein; es geht mir jetzt ganz gut. Und wenn ich meine Doktorarbeit über das Farbfernsehen fertig habe – dann wirst du sehen, Suse, dann geht es aufwärts!« Auch aus Pauls Worten sprach bei aller Bescheidenheit ein gesundes Selbstvertrauen. »Großartig, du denkst schon an deine Doktorar- beit«, mischte sich Herbert in das Gespräch. »Dann bist du ja mit zweiundzwanzig Jahren fer- tig, Paul.« »Professor Abbe war auch nicht älter, als er sei- nen Doktor machte«, meinte Paul. Es war ganz selbstverständlich, daß er seinem Vorbild nach- strebte. »Ich arbeite übrigens wieder in den Zeiss-Werken, und zwar als technischer Assi- stent. Dort steht mir das Material für meine Ver- suche zur Verfügung.« »Willst du das Farbfernsehen weiter ausbauen, Paul?« erkundigte sich Suse. »Ja und nein. Das Fernsehen ist natürlich noch sehr zu vervollkommnen, aber ich mochte den Bildfunk auch beim Telephon anwenden. Das ist eine Aufgabe, die mich reizt. Vorläufig ist das noch viel zu teuer. Es muß so billig werden, daß man sich zu jedem Telephonapparat auch eine, Fernsehanlage leisten kann.« »Dann würde mir der Abschied von zu Hause viel leichter fallen, wenn ich meine Lieben telepho- nisch sehen könnte,« meinte Suse nachdenklich. »Suse ist und bleibt ein Mutterkind«, lachte Helga die Freundin aus. »Wirst du’s denn überhaupt ohne deinen Zwilling aushalten?« »Wenn Suse Sehnsucht nach mir hat, fliege ich schnell zu ihr hin.« Herbert tat so, als ob es für ihn keine andere Verbindung mehr gäbe als durch, die Luft. »Es ist ganz gut, daß sich Zwillinge ein- mal trennen. Schließlich ist doch jeder ein Ein- zelwesen.« »Wir Zwillinge trennen uns ebenfalls zum ersten Mal. Helga geht nach Berlin«, sagte Inge, als sie sich den Kaffee einschenkte. »Wirklich, Helga, du kommst nach Berlin? Fein! Willst du dort als Fecht- oder Tennismeisterin an- treten?« fragte Herbert erfreut. »Keines von beiden«, sagte Helga. »Ich studiere an der Universität Leibeserziehung. Vater steht auf dem altmodischen Standpunkt, daß Tennis und Fechten kein Beruf, sondern nur ein Vergnü- gen sei. Er wünscht, daß ich Sportlehrerin werde und so eine solide Ausbildung, wie er sich ausdrückt, erhal- te.« Übermütig ahmte Helga die Sprechweise ih- res Vaters nach. »Vater hat recht, Helga. Wenn du kein bestimm- tes Ziel vor dir hast, wirst du niemals etwas er- reichen«, mischte sich ihre Zwillingsschwester ein. »Darüber gehen unsere Meinungen auseinander. Mein Ideal ist, Tennismeisterin zu werden. Ich will nicht als unbekannte Sportlehrerin in einem Nest versauern. Dein Ziel, Inge, als gutbürgerli- che Mittelschullehrerin zu leben, hat wenig Ver- lockendes für mich«, meinte die Schwester abfäl- lig. »Kinder, streitet nicht. Jeder von euch tut das, was zu ihm paßt. Helga will berühmt werden, und Inge strebt nach Sicherheit«, vermittelte Suse. »Und du, Herbert, gehst nach Berlin, um die Vie- cher zu studieren?« neckte Helga den jungen, Studenten. Das verächtliche Wort »Viecher« kränkte Herbert. »Ich werde mich neben meinen zoologischen Studien mit dem Ausbau eines Tiergartens und eines Aquariums beschäftigen«, erklärte er groß- artig. Alle in der Runde lachten. Es war bekannt, daß Herbert den Mund oft zu voll nahm. »Berlin wartet auf dich, Herbert. Welche Verbes- serungen wirst du vorschlagen?« zog ihn sein Freund, stud. jur. Krause, auf. »Verschiedenes, was ich im Aquarium zu Neapel, dem größten der Welt, und im Tiergarten in Wien als vorteilhafter erkannt habe.« Herbert ließ sich nicht beirren. »Aber, Junge, in Neapel warst du doch erst zehn Jahre alt?« lachte ihn Suse aus. »Der eine lernt es früh, der andere nie«, gab Herbert überheblich zur Antwort. Dann hatte man aber Besseres zu tun, als sich herumzustreifen. Man trank Kaffee und ließ sich die Brötchen gut schmecken. Frohe Lieder klan- gen durch das Heim. Am Abend tanzte und musi- zierte man auf der Terrasse, bevor man Abschied voneinander nahm. So schwer hatte sich Suse den Abschied vom Sternenhaus doch nicht vorgestellt. Zum letzten Mal sah sie sich in ihrem Zimmer um. Sie nahm Abschied von ihrem Mätzchen, das Paul bekom- men sollte, von den Goldfischen und Kakteen. Zärtlich streichelte sie über das weiche Fell von Piccola. Die Katze war schon sehr alt, wer weiß, ob es ein Wiedersehen mit ihr gab. Dann nahm Suse kurz entschlossen ihren Myrtenstock mit., Den ließ sie nicht hier. Keiner würde ihn so gut pflegen, wie sie es tat. Nun ging sie noch einmal durch den Garten. Je- den Baum und jeden Strauch kannte sie. Heim- lich wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Herbert hatte recht, sie tat so, als ob sie zur Hin- richtung ginge. Dabei wurde doch nur ihr Wunsch erfüllt, und sie wurde Gärtnerin. Dann lehnte sie am Fenster des Zuges nach Stuttgart. Draußen auf dem Bahnsteig standen ihre Eltern, ihr Zwilling und Paul. Herbert ver- suchte mit einigen lustigen Worten sich und ihr den Abschied zu erleichtern. Nur Bubi winselte betrübt, als müßte er für alle trauern. Die Waggontüren wurden geschlossen, der Zug setzte sich in Bewegung. Durch einen Schleier von Tränen sah Suse ihre Lieben zum letzten Mal. »Kopf hoch, Suse, laß dir’s gut gehen«, munterte Herbert seinen Zwilling auf. »Ich komme einmal zum Wochenende zu dir!« Pauls Worte waren die letzten, die Suse hörte. Sie gaben ihr Trost für den Beginn in der neuen großen Stadt. Gleichmäßig ratterten die Räder des Zuges. Herbert behielt wieder einmal recht. Suse fühlte sich in Stuttgart bald recht wohl. Sie wohnte bei einem Professorenehepaar, das sich ihrer sehr annahm. Ihre Arbeit war zwar anstrengend, aber sie tat sie mit Freude und Lust. Überall kam man ihr wohlwollend entgegen. Wie sollte das auch anders sein, dachte Paul, zu so einem lieben Mädel muß doch jeder gut sein. Er fand sich noch immer sonntags im Sternen- haus ein. Er entbehrte Suse fast noch mehr als, ihr Zwilling. Ihre Güte, die sie ihm immer entge- gengebracht hatte, fehlte ihm sehr. Briefe schrie- ben sie einander nur selten. Jeder von ihnen hat- te von morgens bis abends seine Pflicht zu erfül- len. Die Lehrer in der Schule fanden bald heraus, daß Suse Winter vom Gartenbau mehr verstand als so mancher Lehrling. Nach dem Unkrautjäten und Umgraben durfte sie säen und pflanzen. Ja, sie beauftragten sie mit der Betreuung der Treib- hauspflänzchen und der Beaufsichtigung der an- deren Schüler. Das hätte sie leicht unbeliebt ma- chen können. Aber durch Suses bescheidenes Wesen kam kein Neid auf. Wohin sie kam, öffne- ten sich ihr die Herzen. Sie war freundlich und entgegenkommend. Für Gemüse- und Obstbau interessierte sie sich besonders. Sie selbst wollte später im sonnigen Garten ihrer Eltern Edelobst- bäume pflanzen. So lernte Suse, auf eigenen Fü- ßen zu stehen und für sich und für andere ver- antwortlich zu sein. Sie legte ihre Schüchternheit ab und gewann viel Selbstvertrauen. Herbert hätte nie gedacht, daß ihm die sanfte Schwester so fehlen würde. Die Zwillinge hatten sich in den letzten Schuljahren ein wenig ent- fremdet. Aber jetzt, wo sie getrennt waren, wuß- ten sie, wie lieb sie einander hatten. Herbert, der sonst nie Zeit gehabt hatte, schrieb Suse lange Briefe. Er berichtete seinem Zwilling, was es in Göttingen und im Jugendheim Neues gab. Dabei ließ er seinem losen Mundwerk freien Lauf. Suse erheiterten seine Briefe immer sehr. Paul schrieb seltener, aber sinnvoller. Er schrieb nicht wie Herbert über ein Fechtturnier mit Helga, von ei-, nem Boxkampf oder von einer durchzechten Nacht bei Mondschein. Nein, Paul schrieb über seine wissenschaftlichen Arbeiten. Er berichtete, daß er noch so manche Klippe überwinden muß- te. Dann war es wieder an Suse, ihm Mut zu ma- chen. Das Vertrauen, das Suse in Paul setzte, gab ihm Zuversicht und Hoffnung. Der Herbst war in das Land gezogen. In der Gar- tenbauschule reifte das Spalierobst, Riesenpfirsi- che, goldene Edelbirnen und duftende Apfelsor- ten. Suse lernte das Obst fachmännisch abneh- men, sortieren, lagern und versenden. Es herrschte Hochbetrieb in den Gärtnereien. Suse hatte nicht einmal Zeit, ihren Zwilling und Bubi vom Bahnhof abzuholen. Herbert hatte auf der Durchreise nach Berlin kurz haltgemacht. Auch die Eltern und Paul hatten Su- se öfter besucht. Allein war Paul allerdings nur zweimal bei Suse gewesen. Er hatte wenig Zeit und wenig Geld. Aber diese beiden Sonntage wa- ren die schönsten gewesen. Zu Weihnachten kam Suse das erste Mal wieder heim ins Sternenhaus. Nun war sie wieder in ih- rem lieben Heim. Im ersten Augenblick kam es ihr doch ein wenig fremd vor. Das Haus schien ihr plötzlich so groß und ihr Zimmer leer; Herbert war noch in Berlin, Mätzchen bei Paul, und die Goldfische waren eingegangen. Die Kakteen hatte die Mutter im Wintergarten untergebracht. Piccola lag unten in der Küche beim warmen Ofen. Sie hatte mehr Interesse für ihre Milch als für Suse. Auch die Eltern kamen Suse im ersten Moment verändert vor. Hatte der Vater schon immer so viele Falten im Gesicht gehabt? Hatte Mutter im-, mer schon Silberfäden in ihren braunen Haaren gehabt –? Auch die Tochter erschien den Eltern anders. Sie war durch die ständige Arbeit im Freien größer und kräftiger geworden. Aber merkwürdig, als der Vater ihr zärtlich über das Haar strich und die Mutter sie liebevoll in die Arme nahm, war sie wieder daheim. »Mein Mädichen, nun habe ich dich endlich wieder!« sagte der Vater liebevoll. Da versank alles Fremde um sie. Herbert hielt mit Bubi geräuschvoll Einzug. Er war ein schneidiger junger Mann geworden. Bubi wurde ganz verrückt vor Freude, als er Suse wie- dersah. »Donnerwetter, Suse, du bist verteufelt hübsch geworden«, sagte Herbert anerkennend und schüttelte Suse den Arm fast aus dem Gelenk. Er konnte nicht genug von seinem Leben in Berlin erzählen. Er berichtete, daß er beim Direktor des Tiergartens ein und aus ging. Professor Winter meinte später zu seiner Frau: »Du brauchst keine Sorgen zu haben, daß sich der Junge in Berlin verbummelt. Der geht seinen Weg.« Neben dem lauten Herbert wirkte Paul heute doppelt still. Er starrte Suse ununterbrochen an. Es kam ihm wie ein Wunder vor, daß sie wieder da war. Er hatte viel zuviel zu staunen, um fra- gen zu können. Die Weihnachtskerzen waren abgebrannt. Paul hatte sich verabschiedet. Die Eltern waren schla- fen gegangen. Nur die Zwillinge saßen noch in Suses Zimmer und waren in ein Gespräch ver- tieft. Schon lange waren sie einander nicht so nahe gewesen wie heute., Paul fand auf den gemeinsamen Spaziergängen seine Sprache wieder. Er berichtete von seiner Doktorarbeit. Zu Ostern wollte er sich zur Prüfung anmelden. Auch Herberts und Suses Freunde verbrachten die Weihnachtsferien zu Hause. Nur Helga befand sich in Holland, um dort als Fechtmeisterin einem Turnier beizuwohnen. Inge war glücklich, Suse wiederzusehen. Sie erzählte, daß Helga von ei- nem sportlichen Wettkampf zum anderen eilte. Für das Studium blieb ihr nur wenig Zeit. Sie hat- te auch bereits verschiedene Meisterschaften ge- wonnen. Herbert konnte das bestätigen. Obwohl auch Helga in Berlin war, sahen sie einander nur selten. Zu seinem Erstaunen bemerkte Herbert aber jetzt, daß Inge viel netter und klüger war als Helga. Suse machte einen Besuch bei ihren Schützlin- gen. Die alte Frau Kahlert hatte der Sohn zu sich nach Hamburg genommen. Tinchen Grimm war bereits eingesegnet und in den Zeiss-Werken be- schäftigt. Sie arbeitete fleißig und war ein nettes Mädchen geworden. Als das neue Jahr ins Land zog, trennten sich die Jugendfreunde aufs neue. Ein jeder ging wieder an seine Arbeit und sein Studium. Paul lebte noch wochenlang in der Erinnerung. In seine physikali- schen Versuche und wissenschaftlichen For- schungen spukte manchmal Suses liebes Gesicht. Professor Winter hatte zu ihm gesagt: »Freie Bahn dem Tüchtigen.« Diese Worte hatte er sich als Geleitwort für sein Leben gewählt. Sie gaben ihm immer wieder frische Kraft, wenn er erlah- men wollte. Das Ziel, das er sich selbst gesetzt, hatte, wollte er auch erreichen. Aber trotzdem waren seine Gedanken oft bei Suse. So vergingen die Tage, die Monate, die Jahre… Zehn Jahre waren seit dem Abschiedsfest im Ju- gendheim vergangen. Zum ersten Mal waren die Freunde wieder alle vollzählig beisammen. Ein wenig verändert waren sie schon. Hatte sich das erfüllt, was ein jeder vom Leben erhofft hat- te? Professors Zwillinge hatte das Leben getrennt. Aber es hatte beide auf den richtigen Platz ge- stellt. Was das Leben mit der einen Hand nahm, gab es mit der anderen zurück. Jeder Zwilling hatte sei- nen Partner für das Leben gefunden. Seit fünf Jahren war Suse die Frau ihres Jugendfreundes, des jungen Professors Paul Liedtke. Aus eigener Kraft hatte er erreicht, was er erstrebt hatte. Er war jetzt Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Zeiss-Werke und Professor für Physik an der Universität. Mit seinem Schwiegervater arbeitete er gemeinsam in der Sternwarte und im Institut für Erdbebenforschung. Das junge Ehepaar bewohnte das obere Stock- werk im Sternenhaus. In der Küche waltete Suse als umsichtige Hausfrau und Mutter. Freilich, Klein Renatchen steckte meistens unten bei der Omama. Vor vielen Jahren war auch bei der »kleinen Omama« der Lieblingsplatz von Suse gewesen. Wie die Zeit vergeht! Der Garten war immer noch Suses Reich. Jede freie Minute verbrachte sie bei ihren Blumen und Bäumen. Und wie war es Herbert ergangen? Hatte auch er, erreicht, was er sich mit großen Worten vorge- nommen hatte? Professor der Zoologie war er noch nicht. Aber er war Erster Assistent an der Universität in Berlin. Sein größter Wunsch war es, die Tiere nicht in Käfigen, sondern in Freigehegen zu halten. Das Leben hatte ihn ruhiger und be- scheidener gemacht. Oder war vielleicht seine junge Frau daran schuld? Vor Jahren hatte er Fräulein Doktor Inge Martin geheiratet. Sie unter- richtete an einem Gymnasium in Berlin. Helga, ihr Zwilling, irrte noch immer draußen in der Welt umher. Einmal war sie in Europa, einmal in Amerika. Sie hatte viele Preise errungen, war Tennisweltmeisterin geworden, aber ein eigenes Heim mußte sie entbehren. Dazu hatte sie keine Zeit. In dem Heinzelmännchennest klangen die Gläser und die Stimmen wie einst. Menschen, die das Leben gereift hatte, erneuerten ihre Freund- schaft. Glück auf – Professors Zwillinge!]
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