Herunterladen: SCHLAG NACH BEI SHAKESPEARE

SCHLAG NACH BEI SHAKESPEARE Während der Proben zu dem Stück »Der Sturm« kommt auf merkwürdige Weise fast die gesamte Schauspielerriege ums Leben. Kevin Gore ist einer der wenigen Überlebenden. Elf Jahre später will er das Theaterprojekt wieder aufnehmen. Doch plötzlich wird die Welt von Massenhalluzinationen heimgesucht, und die Stimmen in Kevins Kopf geben verwir- rende Hinweise auf deren Ursache: Außerirdische? Die CIA? Oder ist er einfach nur verrückt? Was aber alles nicht erklären würde, warum sein Blut sich blau färbt… Der aufsehenerregende Debüt-Roman von Paul Voermans: »Von visionärer K...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 1

Dokumentinhalt

SCHLAG NACH BEI SHAKESPEARE Während der Proben zu dem Stück »Der Sturm« kommt auf merkwürdige Weise fast die gesamte Schauspielerriege ums Leben. Kevin Gore ist einer der wenigen Überlebenden. Elf Jahre später will er das Theaterprojekt wieder aufnehmen. Doch plötzlich wird die Welt von Massenhalluzinationen heimgesucht, und die Stimmen in Kevins Kopf geben verwir- rende Hinweise auf deren Ursache: Außerirdische? Die CIA? Oder ist er einfach nur verrückt? Was aber alles nicht erklären würde, warum sein Blut sich blau färbt… Der aufsehenerregende Debüt-Roman von Paul Voermans: »Von visionärer Kraft, apokalyptisch und elegisch – ein Buch, wie Sie es garantiert noch nicht gelesen haben.« Interzone, Paul Voermans

Die letzte Vorstellung

Roman Aus dem australischen Englisch von BARBARA OSTROP Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

, HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/6327 Titel der australischen Originalausgabe AND DISREGARDS THE REST Deutsche Übersetzung von Barbara Ostrop Das Umschlagbild ist von Ian Miller Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1992 by Paul Voermans Erstausgabe 1992 by Victor Gollancz, London Mit freundlicher Genehmigung des Autors und Victor Gollancz, London Copyright © 1999 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München (Die Shakespeare-Zitate sind der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel entnommen; das Gedichtfragment von W. H. Auden übersetzte Barbara Ostrop) http://www.heyne.de Deutsche Erstausgabe Printed in Germany 8/99 Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Technische Betreuung: M. Spinola Satz: Schaber, Satz- und Datentechnik, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-453-15666-8, Für Fiona Ich möchte allen danken, die mir bei diesem Roman geholfen haben, und zwar: Chris und Leigh Priest, Christina Lake, Judith Hanna und natürlich meinem Verleger Richard Evans.,

PROLOG

················································································································· aus: Alle Reize dahin von MARTIN LEYWOOD Scheue ich zurück und nenne die Gewalttat, die uns an jenem Abend zerschmetterte, das Werk eines achtlosen Gottes, werde ich gewiß verrückt. Ich wünschte, die Gerechtigkeit selbst triebe mich an, Ihnen Hinterhältigkeit und Verrat zu offenbaren, doch für mich geht es hier eher um die simple Notwendigkeit, mei- nen Kopf vorm Zerspringen zu bewahren. Ums Überleben. Einem Menschen gleich der spürt, wie der Sand unter seinen Füßen nachgibt und ihn nach unten zieht, werfe ich mich von Angst erfüllt wild in alle Richtungen. Das hier ist kein Melo- dram. Als Schauspieler sollte ich das wissen. Plappernd und Fratzen schneidend umschwirren mich die Einzelheiten unserer Geschichte, und ich werde keine Ruhe finden, bis ich mich durch alles hindurchgearbeitet habe. Doch ich bin kein Shakes- peare. Ich bitte Sie um Geduld, wenn diese Ereignisse zu un- glaubwürdig erscheinen. Schauen Sie, es war wirklich Mord. Und jetzt stellen Sie sich die Killer vor, wie sie unseren vom Entsetzen durchspülten Abend planen. An einem für Frühling in Adelaide untypisch trüben Sonntag treffen sich irgendwo innerhalb der Grand Prix-Linie, die die, Stadt durchschneidet, zwei Männer in einem provisorischen Büro über einer Frittenbude. Im Gegensatz zu uns haben sie keinerlei Beziehung zur Bühne. Selbst unsere Buchhalter sind farbenfroher gekleidet als diese Typen. Ein Hauch von Tugend- haftigkeit umgibt ihre keiner Beschreibung werten Anzüge und Gesichter – eine Andeutung von hochgezogener Augenbraue, die leicht zurückgenommenen Schultern – und doch passen sie nicht recht ins Schema eines Zeugen Jehova. Es sind Männer der Tat, doch eindeutig irgendeine Art von Elite. Zwischen ihnen auf dem Tisch liegen leergegessene Hamburger- Schachteln. Der kleinere und eingebildetere der beiden leckt sich die Fingerspitzen der linken Hand; mit der Rechten strei- chelt er über die Tastatur von etwas, das wie ein altmodischer PC mit einer kleinen Satellitenschüssel darauf wirkt, tut so, als schenkte er seinem Partner nicht die geringste Aufmerksamkeit. Der blonde, größere, zurückhaltendere Mann gibt Instrukti- onen. Sie betreffen eine Theateraufführung, die im Nordosten der Stadt stattfinden wird, und insbesondere ein Mitglied der Truppe, das nach den Erkenntnissen der beiden ein Verbrechen plant. Da jedoch alle Spuren des Verbrechens und ihr eigenes Eingreifen in die Operationen einer verbündeten Nation ver- wischt werden müssen, müssen alle leiden. Zum Wohl der Ganzen Vereinigten Freien Welt. Kommt Ihnen dieser Satz nicht bekannt vor? Und obgleich die Anweisung lautet, mit Hilfe des streng geheimen Geräts auf dem Schreibtisch den Verbrecher und seine eigene Version des Geräts auf die ein- fachste Weise zu neutralisieren, wird diese Mission auch all denen, die dumm oder verrückt genug sind, ihr Leben dem Theater zu widmen, eine Lehre sein. War nicht der letzte Atten-, tatsversuch auf den Präsidenten von einem Theaterstück inspi- riert? Das war eine Tatsache. Der Blonde zieht eine Landkarte aus der Innentasche seines Jacketts; der Eingebildete stopft den Müll auf dem Schreibtisch in die Hamburgertüte zurück und bindet sie oben ordentlich ab. Die Karte wird ausgebreitet, und nun geht es wieder zur Sache. »Hier.« Mit dem Stift wird ein Gebiet hinter einer Bergkette eingekreist. »Das ist die Zielzone.« Der kleinere Mann bewegt kurz die Lippen. »Verflixt, mit nur einem Operator schafft das Baby hier die Entfernung nicht.« »Darum gehen wir ja auch nach da.« Der Größere zeigt auf einen unterstrichenen Namen nicht weit von einem Salzsee. »Sobald wir mit den Tests fertig sind.« Langsam buchstabieren sie den Namen der Stadt. »Wirklich komische Namen haben die da. Von den Aborigines, hm?« »Ja. Meinst du, das ist nah genug?« »Darauf kannst du deinen Arsch verwetten. Halt die Augen auf, Alter, wird total surreal.« »Wenn es nur hinhaut.« »Aber gewiß.« Er gestattet sich ein wissendes Lächeln. Und so war unser Schicksal bestimmt. Der Kleinere, der mit den braunen Augen und dem etwas rundlichen Gesicht, machte seine Arbeit wirklich hervorragend. Von den Überlebenden wollte kaum einer über das sprechen, was in jener Nacht tief im Herzen unseres Landes geschehen war, und diesen Wenigen schenkte keiner Glauben. Anders als der Rest dieses Berichts ist das Obenstehende nur ein Ausfluß meiner Phantasie; daß die beiden Männer gedungene Killer waren, weiß ich jedoch. Als, ich hinterher im Krankenhaus lag, kamen zwei Amerikaner, um mich zu befragen. Ich meinte, den Grund zu kennen. Sie ver- sprachen eine gründliche Untersuchung und verschwanden anschließend. Weil ich ihnen versprochen hatte, einen Monat lang Stillschweigen zu bewahren, ›damit die Täter keinen Wind von unseren Untersuchungen bekommen‹, ließ ich meinen besten Freund im Stich, als er versuchte, der Welt von diesen Mördern zu berichten. Wir hatten eine Auseinandersetzung; seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Und später: Keiner hatte sie kommen oder gehen gesehen; keiner bezeugte, daß es sie gab; keiner wollte etwas mitbekom- men haben. Weil ich gewartet hatte und anschließend wegen einer Verschwörung tobte, ließ meine Version der Geschichte allenfalls Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit aufkommen. Nun bin ich schon eine ganze Weile allein. Ich habe ge- schrieben, die Leute angefleht, bedroht und belogen, damit sie mir zuhören. Journalisten, Wissenschaftler, Parlamentarier, Verleger, Botschafter, Polizei: Keiner hört hin, und nur die wenigstens erinnern sich auch nur noch an die ausgelöschten Menschenleben. Hier sitze ich mit meinem Schulheft, einem Bleistift und starkem schwarzem Kaffee vor den endlosen Spiegeln im Pelegrini's, wo wir früher oft nach der Vorstellung hingegangen waren. Meine Augen sind rot, doch nicht vom Make-up. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so früh am Morgen aufgestanden bin. Martin Leywood, sehr erfreut. Vielleicht kennen Sie mich noch aus einem alten Fernsehfilm – aber andererseits, vielleicht auch nicht. Dieses verwüstete Gesicht erkenne ich nicht einmal selbst wieder. Meine Reize sind dahin. Aber hören Sie zu. Bitte.,

EINS

················································································································· Als das kleine Stimmchen zum ersten Mal deutlich zu ihm durchdrang, stand er bis zu den Knöcheln in Entenmist. Kevin warf einen sehnsuchtsvollen Blick aus der Tür des Entenstalls und den Hügel zu seinem baufälligen Haus hinauf. Wenn man Stimmen hört, wird es Zeit, Urlaub zu machen. Ein einfacher Gedanke, säße man nicht in dieser ätzenden Sauerei fest, einen Haufen wütender Enten auf den Fersen. Auf der Farm war noch soviel zu tun, bevor er sich für eine längere Reise freimachen konnten, ganz zu schweigen von den Aufträgen, die er absagen müßte, wenn er ginge. Er räusperte sich und spuckte aus, daß die Staubschwaden um seine Waden durcheinander wirbelten; aus ihrem Nest in der Ecke beäugte Hyacinth ihn wütend. Kevin beachtete sie nicht und versuchte durchzurechnen, was er von seinem Bankkonto und von der noch ausstehenden Bezah- lung für Jobs als Gartengestalter schon wieder anderweitig schuldete. Als wolle sie sich über seine Geldsorgen lustig ma- chen, erhob sich eine andere Stimme, hell, doch von einem Echo von Kopfschmerz gefolgt:, Lauf, Mr. Metalhead, sonst ist dein Freund schon weg. Erklär es kurz und lauf ihm nach, schon biegt er dort ums Eck. Lauf, Mr. Metalhead, eins, zwei, drei und mehr, Beim Klingeln ist die Pause um und du – bist – er! Kevin schmiß seinen Spaten an den Türpfosten. Enten sto- ben auseinander. Hyacinth flatterte unter Gequake auf und ließ sich dann wieder nieder. Das Hämmern hinter seinen Augen verebbte. Er fuhr sich mit den Fingern ins glatte, schwarze Haar, zerrte es sich aus den Augen und seufzte. Das Ganze mußte mit dem Engagement zusammenhängen, mit dem seine Zeit als Schauspieler damals zu Ende gegangen war. Wenn man die Hälfte seiner besten Freunde in einer nicht ganz so natürlichen Katastrophe verliert, tut man sein Bestes, der Sache auf den Grund zu gehen. Es glaubt aber keiner, daß die Katastrophe nicht natürlich war, der einzige andere Überle- bende, der etwas weiß, hält den Mund, und so findet man nach einer Weile die allgemein akzeptierte Geschichte plausibler als die eigene. Schließlich war es ein ganz schön ausgefallener Plan; im Innern Australiens kommt es ja tatsächlich manchmal zu plötzlichen Überschwemmungen, selbst wenn weit und breit nichts auf schlechtes Wetter hindeutet. Vorbei. Seit elf Jahren vorbei. Und jetzt das. Kevin nahm die Schaufel wieder zur Hand und hielt damit den Teppich aus Federn, Stroh und Fäkalien fest, während er die Füße herauszog. Zunächst unentzifferbares, aber vertrautes Gemurmel, das abbrach, wenn man hinhörte. Dann eine Kin- derstimme. Er kratzte die Stiefel mit der Schaufelkante sauber. Botschaften seines Unterbewußtseins oder was auch immer. Es, war nicht gesund, sich wider besseres Wissen taub zu stellen. Er streute frisches Stroh auf den gesäuberten Bereich. Und fertig. Noch ein paar Fahrten nach Sydney, das würde es tun. Viel- leicht fuhr er sogar noch weiter, an Newcastle vorbei und zu Paul. Der würde aber staunen, das alte Rumfaß. Kevin trat aus dem Entenhaus und ließ die Schaufel bei der Tür stehen, ob- wohl er wußte, daß er erst in einer Woche wieder Zeit für die Enten finden würde. Doch als er seine Kleider abgestreift und in den Wäschekorb in der Küche geworfen hatte, war klar, daß Sydney es bei wei- tem nicht tun würde. Die andere, bisher von Störungen überla- gerte Stimme, drang nun so deutlich durch wie der sonnige Tag draußen, so schmerzlich wie eine Breithacke direkt am Ohr. Es war Martin Leywoods Stimme. ich könnte einen sud brauen, der das gedächtnis konserviert, so daß man nie mehr vergessen kann, aber stell dir einmal gedächtnisse in formaldehyd vor, die sich in einmachgläsern ohne etikett nach und nach zersetzen, anonym, widerlich und nach verfall stinkend, die würdest du doch bei der ersten besten gelegenheit wegschmeißen & wärest froh, sie los zu sein. Als machte er einen Unterwasser-Striptease, zupfte und zip- felte Kevin in einer Art Zeitlupe an seinen Kleidern herum, womit er kein bißchen weiter kam. Bisher hatte Kevin Gore das Gemurmel der Stimme nur gehört, wenn er sich im kühlen Bad, hinter dem Haus oder im Bett entspannte. Da war es beinahe angenehm gewesen. Jetzt wußte er warum. Die Stimme dieses alten Schweinehunds brachte ihn zwar einerseits zur Weißglut, doch gleichzeitig vermißte er sie auch. Was bedeutete das? Während er seinen hageren Körper entkleidete, versuchte er auszuknobeln, was seine Psyche ihm damit sagen wollte. Martin stand für die Vergangenheit. Und auch für den anderen Weg, wie sehr das Kevin auch aufbrachte. Nach diesem Fortschritt gelang es ihm, sein T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Und wofür stand dann die Stimme des Kindes? Für die Zukunft, nahm er an. Er riß an seinem Hosenschlitz die Hälfte der Knöpfe ab, und von da an ging es leicht. Wenn er Martin nicht besuchte, den, der um die Ecke bog, würde Kevin steckenbleiben, und die Erinnerungen, die er nach Kräften verleugnet hatte, würden in Fäulnis übergehen. So war das. Er spähte die Treppe hinauf. Er konnte Kirsten anrufen und ihr genaue Anweisungen auf dem Eßtisch hinterlassen, dann nach seiner Ankunft seine nächsten beiden Gartenjobs mit ein paar unterwürfigen Telefonaten absagen. Familienprobleme. Lächelnd trat er unter die Dusche. Martin war einmal fast so etwas wie Familie gewesen. Die Pumpe, die das Wasser zum Obergeschoß hochpumpte, schlug klappernd gegen die Außen- wand, noch etwas, was repariert werden mußte. Scheiß drauf. Er seifte seine drahtigen Glieder ein und schrubbte sich die Nägel, als könnte er sich mit dieser Energie von dem Gefühl des Verlusts befreien, das nun nach elf Jahren frisch in ihm aufstieg. Genau dieses schreckliche Gefühl hatte er verleugnet, als er sich mit Martin zerstritten hatte. Beinahe hätten sie sich geprügelt. Martin, der gemütlich in, seinem bequemen Sessel am Kaminfeuer seines Fitzroy- Reihenhauses saß, hatte einfach die Arme vor der Brust ver- schränkt und den Kopf geschüttelt. Er lehnte es ab, sich mit Kevins Erklärung für die Unfallkatastrophe während des Stücks, in dem sie beide aufgetreten waren, zu befassen, sie anzuneh- men oder sie zurückzuweisen. Er schürzte einfach nur seine dicken Lippen zu einem verhaltenen Lächeln und erklärte Kevin rätselhaft, alles werde am Ende in Ordnung kommen. Gepeinigt vom Schuldgefühl des Überlebenden und vom abrupten Ende einer Liebe, hatte Kevin die knochigen Fäuste geballt und ein wortloses Knurren ausgestoßen, als er da auf dem Perserteppich stand, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu sehen, daß auch Martin verletzt war. Martins Geheimniskrämerei hatte etwas Brüchiges gehabt. Das erkannte Kevin jetzt. Und doch hatte er damals darauf beharrt, daß Martin dem geheimen Plan ins Auge sehen müsse, in den sie beide verwickelt gewesen waren, was den armen Kerl wohl nur noch mehr aus der Fassung gebracht hatte. Das sagten ihm die Stimmen jetzt. Ein Teil der Schuld traf ihn selbst. Kevin drehte das Wasser ab und trat aus der Duschzelle. Er empfand eine gewisse Befriedigung, daß es ihm gelungen war, den Grund für die Botschaften in seinem Kopf herauszufinden, wenn auch der Kinderreim noch nicht vollständig hineinpaßte. Mit einem Handtuch machte er sich energisch über seine dunk- le Haut her und nahm sein Gesicht im Spiegel an der Wand gegenüber in Augenschein, zog eine Rasur in Erwägung. Er legte sich das Handtuch über die Schulter und rieb sich mit der Hand über die Stoppeln auf der kantigen Kinnpartie, trat näher an den Spiegel heran. Ich sollte möglichst gut aussehen, dachte, er. Als er sich abwandte, rutschte er auf einer Plastikbürste aus, und als er nach dem Waschbecken grapschte, um sich festzu- halten, spürte er, wie eine kalte Klinge in seinen Zeigefinger einschnitt. Er hatte das Rasiermesser auf dem Beckenrand liegen sehen, hatte aber nicht mehr in der Bewegung innehalten können. Mit der anderen Hand fing er seinen Sturz auf und zuckte mit der zerschnittenen zurück, als hätte ihn etwas gesto- chen. Dunkle Tropfen flogen durch den Raum und fielen auf die Kacheln. Er spürte ein schwaches, schmerzhaftes Pochen. Nun wieder sicher auf beiden Beinen, hob er die Finger hoch, um die Wun- de in Augenschein zu nehmen. Entsetzt starrte er den Schnitt durch Fingernagel und Fingerspitze an. Dann schaute er in den kleinen Spiegel über dem Waschbecken: Vor Schreck weit aufgerissen und immer wieder von einem flatternden Blinzeln durchzuckt, begegneten graugrüne Augen forschend seinem Blick. Sein Atem wurde keuchend; sein Kinn zitterte; er preßte die unverletzte Hand an die Brust. Langsam ließ er den Blick wieder zu seiner Fingerspitze hinuntergleiten. Mit unsicherer Hand griff er nach seinem Finger und drückte mit dem Dau- men von unten gegen die Schnittstelle. Der halb geronnene Tropfen auf seinem Nagel riß auf, als ein neuer Tropfen darun- ter hervorquoll, ihn beiseite schob, über Schwielen und Schrun- den den Finger entlang nach unten lief und sich im Netz der Hautrillen am Ansatz von Mittel- und Zeigefinger verlor. Einfach nur ein kleiner Blutstropfen. Und doch mußte er darum kämpfen, nicht laut aufzuschrei- en. Es war eine neonblaue Flüssigkeit mit einem pink opalisie-, renden Schimmer. Das konnte kein Blut sein. Kevin drehte den Hahn auf und hielt den Finger unter das kalte Regenwasser. Das Zeug vermischte sich nicht. Stimmen, und jetzt – ich werde doch wohl nicht verrückt werden, nein, das kann nicht sein. Ich fühle mich nicht verrückt. Über diesen Gedanken lachte er. Etwas zu hysterisch. Er war niemals verrückt gewesen, also konnte er auch nicht wissen, wie man sich dabei fühlte. Natür- lich kommt so etwas langsam angekrochen. Er hatte einen Onkel, der verrückt geworden war, den man um drei Uhr morgens oben auf dem Denkmal von Burke und Wills gefunden hatte, wo er über ein vermeintliches Schlangengewimmel auf dem Boden geiferte. Der war aber immer schon ein Spinner gewesen. Redete über jemandes ›Essenz‹, als wäre das etwas, das man anfassen könnte, und ließ einen kaum je einmal zwei Worte am Stück sagen. War Kevin selbst etwa genauso? Letzt- hin war er ein wenig nervös gewesen. Aber gewiß nicht so schlimm. Gewiß nicht. Ich will nicht den Verstand verlieren! Er stolperte aus dem Bad zu seinem Bett und sackte darauf zusammen, atmete durch die Zähne in sein Kissen. Schlaf, dachte er. Der Schlaf heilt alles. Die Laken über den Kopf gezo- gen versank er in einem Chaos offener Fragen und schließlich in einen unruhigen Schlaf. Er rollte sich auf den Rücken und begann zu träumen. Im Traum sah er sich dabei zu, wie er aus dem Bett aufstand und zum Fenster ging. Die obere Hälfte der Wände fehlte, als hätte ein Riese das Dach weggebissen. Es war Nacht, doch unten brannten Lichter und ergossen sich nach oben über sein Ge- sicht. Er wußte, daß unten das Stück aufgeführt wurde. Er sollte, eigentlich mitspielen. Jetzt fiel ihm ein, daß er diesen Traum schon früher gehabt hatte. Er sah, wie er selbst die Arme hoch- reckte und die glühenden Bäuche der Wolken über ihnen anrief. Es begann zu regnen. So geht das doch normalerweise nicht, dachte er. Ich konnte nichts dafür. Von unten stoben Funken auf, man hörte Metall an Metall reiben und das Kra- chen von zersplitterndem Holz. Jetzt steckte er wieder in seinem eigenen Körper und schaute auf das Wasser hinunter, suchte nach Köpfen. Tausende von zerfetzten Schmetterlingen und papierähnlichen Platanensamen trieben im Schaum vorbei. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Sich umwendend erblickte er Martin Leywood, noch immer im Kostüm und mit ver- schmiertem Gesicht, von dem die Latexfetzen herunterbaumel- ten; Martin schwebte einen halben Meter über dem Boden. Das hast du angerichtet, sagte er. Jetzt bezahlst du dafür. Als Kevin beschwichtigend die Hände hob, sah er unter jedem Fingerna- gel blaues Blut glitzern. NEIN! schrie Kevin. Er wachte auf. Mittägliches Sonnenlicht wurde vom Tank vor dem Fenster gegen die Decke geschleudert und überzog sie mit schmelzflüs- sigen Formen. Kevin befreite seine Hände aus den verschwitz- ten Laken und reckte sie nach oben. Eine braune Kruste unter einem Fingernagel. Behutsam führte er den Schnitt an die Zunge, bereit auszuspucken – und seufzte dann auf. Mit dem Unterarm wischte er sich ganz normalen Schweiß von seiner ganz normalen Stirn und schluckte sein ganz normales Blut hinunter. »Es war nicht meine Schuld«, murmelte er verschla- fen. Als er etwas wacher war, dachte er: Es wäre nur dann meine, Schuld, wenn wir die Flut verursacht hätten. Wie hieß das noch? Telekinese. Zweifellos war da etwas dran, aber warum sollte ein Theaterstück eine solche Auswirkung haben? Selbst wenn Martin und ich dem Rest der Truppe von dem Gerät erzählt hätten, wäre das Stück nicht abgebrochen worden. Keiner würde einer so verrückten Idee Glauben schenken. Er schwang sich herum, um die Füße auf den Boden zu setzen, doch sie kamen nicht auf dem Teppich an. Einen Moment lang lag er da und fand sich mit dem Gedanken ab. Was auch immer er sich einzureden versuchte, wenn er nicht herausfand, was in jener Nacht, als er zum letzten Mal Theater gespielt hatte, tatsächlich passiert war, würden seine Schuldge- fühle ihn mit weiteren Alpträumen verfolgen; die Halluzinatio- nen würden vielleicht noch schlimmer werden. Er konnte sich da nicht herausmogeln. Kevin stieß sich vom Bett ab und stand auf unsicheren Füßen da, arbeitete sich dann langsam die Treppe hinunter zum Telefon, um einen Anfang zu machen und gerissene Fäden zusammenzuknoten. »Hallo, Huuhu!« Kevin rannte weg, die baufällige Treppe hinauf, die immer wieder repariert worden war und mit Hilfe eines Teppichbelags nun schon seit Jahren zusammenhielt. Eine riesige marineblaue Shorts lag in einem Kleiderhaufen bei der Kommode; er hüpfte hinein und zwängte sich ins erste T-Shirt, das er zu fassen bekam. »Im Schlafzimmer!« schrie er und schlüpfte in ein Paar ausladender Socken. Kirsten kam hochgestampft. Kevin roch an seinen Wander- schuhen, zuckte die Achseln und zog sie an, als Kirstens Kopf, um die Ecke lugte. »Mein Gott, was ist das Ding steil? Wie stellst du das an, wenn du hier mal eine Frau hochlotsen willst, Kev?« Grinsend warf sie ihr blondes Haar über die Schultern zurück, während der Schweiß auf ihren runden Backen schon trocknete. Das Mädchen im Teenageralter war die Tochter des Architekten, der kürzlich sein Sommerhaus auf dem Nachbargrundstück gebaut hatte. Sie und ihre Freundin kamen ständig uneingela- den vorbei, um »nur schnell mal reinzuschauen.« Insbesondere Kirsten schien sich wirklich mit ihm anfreunden zu wollen, zum Teil auch aus Mitleid, was Kevin ebenso verärgerte, wie ihm die Tatsache schmeichelte, daß sie sich offensichtlich von ihm angezogen fühlte. Er konzentrierte sich darauf, seine Schu- he zu schnüren. Mein Lieber, ich kenne weder das eine noch das andere, doch wenn ich mir eine fehlerlose Liebe oder das künftige Leben vorzustellen versuche, höre ich das leise Rauschen unterirdischer Flüsse und sehe eine Karstlandschaft. Wieder Martin. Schon gut, wegen Martin und der Sache in Inneraustralien würde er etwas unternehmen, aber jetzt benutz- te seine Psyche diese Stimme, um ihn wegen seines Liebeslebens aufzuziehen, oder vielmehr wegen seines fehlenden Liebesle- bens. Es gab nämlich keines. Heftig schnürte er sich die Schuhe und setzte sich zurück. Er atmete den Schmerz aus. »Kevin?«, »Oh, hallo Kirsten. Ich suche nur gerade den letzten Rest meines Verstandes zusammen. Wie geht's?« »Wie geht es dir?« Sie setzte sich neben ihn. Kevin war sich sofort seiner zerknüllten, nach Schweiß riechenden Laken bewußt, viel zu intim. »Bist du dir sicher, daß du fahren kannst? Du siehst völlig fertig aus.« »Danke.« Er tastete unter dem Bett nach seinem alten, leder- nen Matchsack und schaute dabei auf den Druck von Max Ernsts Mond über einem versteinerten Wald. »Entschuldigung. Du bist doch in Ordnung, oder?« Sie faßte ihn mütterlich ins Auge. »Mhm. Ja. Komische Träume vergangene Nacht – muß dar- an liegen, daß ich ständig diese Babies erwürge.« Er lachte. »Was war's denn?« »Kann mich nicht erinnern. Wahrscheinlich habe ich mit meinem Vater geschlafen und meine Mutter umgebracht. Ich erinnere mich, wie ich mir die Axt an der Hose sauberrieb, nachdem ich die kleine alte Dame ausgeweidet hatte, dann hackte ich sie in…« »Kevin!« »Ich weiß nicht, was ich geträumt habe. Es könnte genauso- gut das gewesen sein; jetzt tut es irgendwie weh. Vielleicht fällt es mir wieder ein.« »So was kommt vor. Letzte Woche habe ich mich an einen Traum erinnert, den ich vor drei Jahren hatte. Das war viel- leicht komisch? Ich saß in diesem Faß voll Sahne, und alle Leute…« »Ich muß los. Sherelle erwartet mich um vier.« »Das schaffst du nie!«, »Ich ruf sie von unterwegs an!« Er stand auf. »Tut mir leid. Komm schon; du kannst mir von deinem Traum erzählen, während ich dir zeige, was zu tun ist. Ich bin dir wirklich dank- bar. Das Haus steht dir offen, okay?« Nachdem er Kirsten zur Tür gebracht hatte, warf er seinen Matchsack auf den Hintersitz des Kombis und eilte dann hin und her, um sich von allen Vögeln und Tieren zu verabschie- den. Der staubige Volkswagen sprang beim ersten Versuch an. Ein paar Meter vor dem Tor bremste Kevin. Er zog die Hand- bremse so fest wie möglich an, ließ den Motor laufen, krabbelte aus dem Auto, klemmte den Stein unter das Vorderrad und rannte über die matschige Spur zurück zum Haus. Nachdem er ein paar Minuten an einer verklemmten Tür herumgefummelt hatte, stellte er den Generator aus und eilte in die Küche, wo er Kirsten eine Notiz über die Eigentümlichkeiten der Elektrizi- tätsversorgung hinkritzelte und dann bergauf zum Auto zu- rückrannte, die gebräunten Beine glänzend von Schweiß. Als er das Tor aufstieß, dabei das Auto nur knapp verfehlte und anschließend seinen in Blüte stehenden Lieblingseukalyp- tus damit rammte, wimmerte er auf. »Junge, Junge«, flüsterte er. »Ein paar Minuten mehr als drei Stunden Verspätung werden für Sherelle keinen großen Unter- schied machen.« Er kramte seine Champion Ruby und ein Messingfeuerzeug aus seinen riesigen Hosentaschen, setzte sich auf die Haube des Volkswagens und drehte sich einen dünnen Glimmstengel. Unten, am Fuß des Hangs, kollerten die Truthähne. Glocken- vögel trillerten. Enten stritten sich. Ein Lachender Hans lachte, einmal auf und brach dann plötzlich ab, als hätte der Witz zu gut gesessen. Es war ein schöner, aber nicht unangenehm heißer Spätsommernachmittag. Kevin Gore war von Entsetzen erfüllt. Wenn andere enge Freunde ihn schon zum Schlottern brach- ten, was würde dann erst ein Besuch bei Martin mit ihm anstel- len? Eine so lange Zeit der Isolation ließ sich nicht einfach abschütteln. Vor einem Monat war er die gewundene Bergstra- ße zum Meer hinuntergebrettert, singend und mit den Ellbogen flatternd. Losgefahren, um Tracy Little zu besuchen, eine Flamme aus der Schauspielschule. Daß er nie zurückschrieb hatte Trace nie gehindert: Noch immer schickte sie ihm schwatzhafte Einladungen, doch einmal bei ihnen vorbeizu- schauen. Und doch war schon die Haustür der Littles ein Schock gewesen. Ein finsterer Apparat, übersät mit Sensoren und häßlichen Rüsselöffnungen. Nach ein wenig Smalltalk hatten sie versucht, ihm den Vorschlag der Opposition schmackhaft zu machen, den ›Treibhaus-Flüchtlingen‹ der ersten Generation die Bürgerrechte abzuerkennen. Er hatte sie ins Gebet genommen, und im Verlauf einer hitzigen Diskussion war herausgekommen, daß die Tochter der beiden von einer Bande salvadorianischer Jugendlicher vergewaltigt worden war. Es waren dieselben toleranten Menschen, als die er sie früher gekannt hatte, verstört, aber intelligent und bemüht, ihre Angst in den Griff zu bekommen. Als wäre er vom Himmel gefallen, hatten sie ihn schließlich gefragt, was für einen Rat er als Au- ßenstehender zu geben hätte. Wahrheitsgemäß hatte er geant- wortet, er habe die Sache noch nicht richtig durchdacht; einfa- che Lösungen gebe es nicht. Wie, zum Teufel, sollte ich das wissen? hätte er am liebsten geschrien. Mit einer Entschuldi-, gung war er gegangen. Mit weniger guten Freunden war es einfacher gewesen. Und doch fühlte er sich auch da wie eine alte Dampfmaschine, die der leichtgängigen Technik seiner Zeit nicht angepaßt war, hatte die Empfindung, daß er nicht mit seinen alten Kameraden Schritt halten konnte, nicht für ihre Nischen geschaffen war und nicht am selben Informationsstrom hing. Während er jetzt den kräftigen Rauch und den staubigen Geruch seiner kleinen Farm einatmete, durchlief immer wieder ein unkontrollierbares Schaudern der Angst seinen Unterleib. Am Telefon hatte She- relle Martin als übergeschnappt bezeichnet. Was hieß überge- schnappt? Weswegen? Noch etwas bereitete ihm Sorgen. Wie wenn man Sand im Strumpf hat, den man nicht recht finden kann, machte ihm irgend etwas an Martins Stimme, die er am Morgen gehört hatte, zu schaffen. Er sann darüber nach, während er sorgsam seine Zigarette ausdrückte und ins Auto stieg. Auf dem Weg durchs Tor würgte er den Motor ab und rollte rückwärts, be- wegte sich einen schrecklichen Moment lang auf die Klippe über dem Entenhaus zu, bevor der zerbeulte Passat wieder ansprang und mit durchdrehenden Rädern durchs Tor hin- durch auf den ebenen Teil hinausschoß. Er stieg aus, ohne dem aufgewirbelten Staub Zeit zum Setzen zu lassen; seine Lunge bezahlte dafür, als der das Tor schloß. Beim Einbiegen auf die Straße wäre er dann fast in das meilenweit einzige Auto hinein- gefahren. Doch der Fahrtwind blies den Staub weg, und das Gefühl, daß er den Grund für die Stimmen noch nicht wirklich heraus- gefunden hatte, entschwand mit ihm durchs Fenster. Die Stim-, men waren sein Unterbewußtsein, das ihm klarmachte, wovor er nicht mehr zurückscheuen durfte. Die Kopfschmerzen, die mit den Stimmen zusammen auftraten, waren psychosomatisch. Was zählte, war das, wofür die Stimmen standen. Das Kind: Die ZUKUNFT, die er sich mit seiner Verbitterung verdarb. Martin: Nicht wirklich Martin Leywood, sondern die VERGANGEN- HEIT, das, womit er sich beschäftigen mußte, um den Kreis zu schließen und zur ZUKUNFT weiterzugehen. Was die Stimmen sagten, war unwichtig. Oder vielleicht doch nicht? Ach, scheiß drauf, dachte er. Das wäre der Weg zum Wahnsinn. Und heute ist einfach ein zu schöner Tag, um wahnsinnig zu werden. Kevin war entzückt von der vor ihm liegenden Straße. Er winkte seinen Lieblingsstränden zu, die, wenn auch kleiner geworden, hinter den Bäumen hervorschimmerten. Er entblöß- te sogar die Zähne und winkte Grumpy Gordon, dem Postboten zu, als er sein Fahrrad überholte. Als der inzwischen beschotterte Highway nach unten abfiel und das Fischrücken-Blau des Pazifiks vor ihm auftauchte, wurde Kevin plötzlich klar, was ihn irritiert hatte. Martins Stimme hatte viel älter geklungen, als er sie in Erinnerung hatte. Na wenn schon, seine Vorstellungskraft hatte eben die elf Jahre dazugerechnet. Und dabei übertrieben. Er schaute auf seine Hand hinunter, die das Steuerrad hielt, und dirigierte das Auto weiter zum rechten Straßenrand. Daß sein Zeigefinger einen frischen Schnitt vom Fingernagel bis zum Knöchel aufwies, war nichts Ungewöhnliches. Bei der Arbeit auf der Farm zog er sich oft Verletzungen zu. Daß die Wunde aber so schnell heilte, war ungewöhnlich., Mit den vorderen Schneidzähnen kratzte er an den Überres- ten der Blutkruste unter seinem Nagel, normales Menschenblut, eine braun eingedunkelte Schicht. Die spuckte er durchs knat- ternde Fenster hinaus. Er schaute auf den Schnitt hinunter, wieder hoch auf die sanft kurvige Straße, hinunter, hoch und wieder hinunter. Als er die Grenze von Victoria erreichte, hatte er schon dreimal beschlossen, daß die ganze Episode eine von Schuldgefühlen verursachte Halluzination sein mußte, zu der auch der Schnitt in den Nagel gehörte. Wenn er sich blaues Blut einbilden konnte, war ein Schnitt im Fingernagel eine Kleinig- keit. Vielleicht hatte er sich ja überhaupt nicht geschnitten. Die Narbe hob sich von der Haut und dem braunen Steuer- rad ab. Der Fingernagel war glatt, glänzend und unversehrt. »Morgen werde ich endlich etwas wegen dieser Schuldgefüh- le unternehmen«, sagte er zu sich selbst. In dem stillen Auto klang es laut und falsch. Er drehte die Scheibe herunter und sagte es noch einmal. Unter einem blauen Himmel fegte ein flacher, gerader Free- way von Albury-Woodonga durch relativ baumarmes Farmland bis nach Melbourne. Kevin beschloß, so lange zu bleiben, wie er brauchte, um für seinen alten Freund wirklich etwas zu bewir- ken. Sie waren so verschieden gewesen, daß die Leute oft Witze darüber gerissen hatten. Der wortkarge Kevin und der ständig babbelnde Martin. Die Witze über Martin waren grausamer gewesen. Wie auch immer die Zeit die Dinge verändert haben mochte, er schuldete Martin einen fairen Versuch, selbst wenn die Angst davor Kevin fast den Verstand raubte. Mach dir keine Sorgen, alter Junge, sagte er sich, Wahnsinn ist nicht anste- ckend. Er versuchte, sich nicht die Frage zu stellen, wer hier, eigentlich der Übergeschnappte war. Er stellte das Radio an, um sich mit den Nachrichten abzu- lenken. Wieder zwei Großstädte durch Überschwemmungen verwüstet, die Australische Regierung war bereit, trotz der kürzlich vorgefallenen Rassenunruhen in Queensland weitere Flüchtlinge aufzunehmen; Hautkrebs hatte um mehrere Prozent zugenommen; der König kam anläßlich der Unterschrift unter die neue Verfassung zu Besuch, wahrscheinlich seine letzte Visite als Monarch Australiens; irgendein argentinischer Ire hatte die Jungfrau Maria in seinem Weizenmüsli gesehen; ein weiterer Bombenanschlag im Rauschgiftviertel, die Polizei ging der Sache nach. Er stellte das Radio ab. Die Polizei ging der Sache nach. Ge- nau so hatte es auch vor elf Jahren in den Nachrichten gehei- ßen, als er mit seiner Anklage bezüglich der Überschwemmung an die Öffentlichkeit getreten war. Dabei hatten sie noch nicht einmal eine richtige Zeugenaussage von ihm aufgenommen. Für sie war Kevin Gore einfach noch so ein argentinischer Ire gewesen. Nun, diesmal würde er für Beweise sorgen. Auf eigene Faust. Vielleicht würde es Jahre dauern, aber mit seiner jetzigen Reise sollte er die Dinge eigentlich ins Rollen bringen. Und mit der Polizei würde er sich diesmal nicht mehr abgeben. Als er an einem Schild mit der Aufschrift: ›Radarkontrollen über fünfundzwanzig Kilometer‹ vorbeikam, preßte er den Fuß gegen den verrosteten Boden und schoß an einer langen Kolon- ne vollautomatisierter Autos vorbei. Wenn das kein Witz war.,

ZWEI

················································································································· aus: Alle Reize dahin Normalerweise hätten mich keine zehn Pferde in eines der Ausstattungsstücke der Flagship Theatre Company gebracht, doch meine Ma war bei der Show dabei und ebenso ein paar gute Freunde. Meine Mutter sorgt zwar dafür, daß mein Vater immer tüchtig unter Bundaberg Rum steht, doch dieser verab- scheut unser Gewerbe und setzt keinen Fuß in einen Zuschau- ersaal, wenn dort nicht dicke Männer mit den Fäusten aufein- ander eindreschen, und so war eben ich gefragt, um familiäre Unterstützung zu demonstrieren. So lernte ich Rob kennen und wurde in das unselige Geschehen verwickelt. Es war das regenreichste Frühjahr seit Jahren. Damals war der Treibhauseffekt noch etwas Neues für uns, und alle schoben es darauf. Ich trat hüpfend ins Foyer und schüttelte das eine Bein aus, weil ich gerade in ein Loch getreten war, wo eigentlich ein Sperrpfosten hätte stehen sollen, so daß nun die Hose meines weißen Seidenanzugs bis zum Knie durchweicht war. Wie ich so fluchend auf der Kokosmatte herumtänzelte, stieß ich mit Enzo zusammen, der hinter mir durch die Tür getreten war. Ein schlacksiger Halbstarker mit angeklatschtem Haar und in schwarzem Leder, der sich über mich beugte (dabei bin ich, nicht klein) und mich volltropfte. »Mr. Carmoni.« Ich begrüßte ihn mit einem Nicken. »Martin.« Er lächelte widerwillig und entblößte dabei braun- gelbe Zähne. Ich schüttelte das Wasser von meinem Kamelhaarmantel. »Immer noch fleißig dabei, den Mars zu beobachten?« fragte ich. Er hatte ein absolut phantastisches Dreißig-Zentimeter- Teleskop in seinem Cottage in Greenwich, Sydney. Einmal hatte er mich sogar hindurchschauen lassen. »Derzeit sind es die Monde des Jupiter. Also, ich würde nur zu gerne noch ein paar Takte mit dir schwatzen, aber ich bin für die Show verantwortlich und habe schon Verspätung. Bis später mal.« Er schlüpfte an mir vorbei und hastete die Treppe zum Theater hoch, immer drei Stufen auf einmal. Man konnte nicht direkt behaupten, daß Enzo mich mochte – warum, wußte ich auch nicht; Dave Abrahams, einer seiner engsten Freunde, hatte uns miteinander bekannt gemacht. Noch etwas, das ich nicht recht verstand: Warum einer der gewieftesten Geschäftsleute im Theaterbereich sich ausgerechnet mit so einem UFO-Spinner zusammentat, es sei denn, natürlich, weil Enzo ein ausgezeich- neter Beleuchtungsdesigner war. An der Kasse begrüßte mich ein weiteres bekanntes Gesicht, oder besser ein bekanntes Hinterteil. Gillian Portman-Smith, der einzige mir bekannte Mensch ohne Feinde. Sie stöberte unter der Theke in den Umschlägen mit vorbestellten Karten herum. Nachdem ich mir meine eigene Freikarte hatte geben lassen, winkte ich dem enormen Hinterteil zu und flötete: »Hi, Gillian!« Sie fand, was sie gesucht hatte, und tauchte auf. »Hallo, Mar- tin; schau, ich möchte nicht unhöflich sein, aber…« Sie verzog, das Gesicht und wippte entschuldigend mit dem Kopf wie so ein Plastikhundchen auf der Kofferraumabdeckung. »Ja, ich weiß. Treffen wir uns doch nachher auf einen Drink und ein bißchen Gequatsche, okay?« »Phantastisch. Bis dann.« Sie schlüpfte unter der Absperrung durch und entschwand, eine wogende schwarze Seidenlokomo- tive. Normalerweise bin ich beliebter. Da ich sonst keine Bekannten mehr entdeckte, setzte ich mich, sobald die Tür aufging. Ich hätte mir nicht die Mühe machen müssen, einen so guten Platz zu finden. Das Stück war grauenhafter Quatsch. Ich wand mich vor Verlegenheit, schäm- te mich für meine Freunde und meine Mutter. Glücklicherweise hatte Ma nur eine Nebenrolle als die Schwiegermutter des Bösewichts. Der arme Sam Schuyler mußte, nur mit Laserlicht bekleidet, (es waren die Neunziger) als irgendein Vogelgeist der Aborigines zwischen Ausschnitten von ›Höhlenmalereien‹ herumstolzieren. Eine Beleidigung für jeden Koori. Der größte Teil der Truppe strömte jenen Geruch von Unbehagen aus, der solche Bemühungen meist begleitet. Eine glückliche Ausnahme bildete eine hinreißende Schau- spielerin, die mir schon in mehreren Außenseitershows aufge- fallen war. Jedesmal, wenn sie auftrat, hätte ich am liebsten begeistert gebrüllt. Ich weiß nicht, wie sie es schaffte, eine solche Würde zu bewahren. Allein schon das Geschwanke ihres schweren Schnabels aus italienischem Marmor hätte mich jeden Abend in Tränen ausbrechen lassen. Hinterher stellte sich heraus, daß ein paar meiner Leidensge- nossen Bekannte von mir waren, und so tauschten wir unsere, Kritik aus, während ich auf Gill wartete. Dave Abrahams, der immer nett ist, sagte, ihm habe der Teil gefallen, wo auf der Bühne ein Traktor auffuhr, weil das ein bewußtes Bemühen um ungeschliffenes Theater erkennen lasse. Der Freund meiner Agentin widersprach ihm. Lachend wandte ich den Kopf, um einen Blick auf die Menschenmenge zu werfen, und sah Gill mit Sam Schuyler am einen Arm und der von mir so sehr bewun- derten Schauspielerin am anderen aus dem Künstlerzimmer treten. Enzo Carmoni folgte, wie immer verstimmt. Während alle außer Enzo sich umarmten und küßten, gierte ich insge- heim nach der Frau, die ich nun gleich kennenlernen würde. Sie war mittelgroß, hatte breite Schultern und war offensicht- lich sportlich. Sie trat mit dem launischen Tänzelschritt einer Balletteuse auf uns zu, dabei hatte ich gesehen, daß sie als Schauspielerin auf jede nur denkbare Art gehen konnte. Ihre Hüften waren breit und sahen kraftvoll aus; ihre Brüste müssen ihr beim Tanzen die Hölle heiß gemacht haben. Ihr Hals ent- wuchs dem Rumpf auf eine ganz besonders elegante Art. Sie hatte ein Gesicht, wie man es bei vielen Schauspielern findet: Große Augen, einen kräftigen Mund und eine Nase, die für ein Model zu eigen wäre. Ihre Iris war grün, mit unregelmäßigen braunen Flecken gesprenkelt; sie erfaßte mich mit einem einzi- gen Blick, von meinem mausbraunen Haar bis zu meinem verfleckten Hosenbein. Als ich Robyn Ho vorgestellt wurde, machte ich ein paar Bemerkungen über ihren Auftritt, die möglichst aufrichtig und auf keinen Fall schmeichlerisch klingen sollten. »Ach was«, erwiderte Robyn. »Das Stück gehört eigentlich auf den Müll!« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und steckte, die Daumen in den breiten Gürtel. »Gefällt dir der Teil, wo ich meine Klamotten ablege?« Ich antwortete wahrheitsgemäß, das sei mir völlig unmoti- viert erschienen. »So groß sind sie doch gar nicht, oder?« Robyn schaute an sich hinunter und ich genauso. Ich muß wohl errötet sein. »Ach, diese weißen Elefanten«, seufzte ich. Robyn kreischte vor Lachen. »Ich weiß nicht, warum ich mich dazu habe überreden lassen«, schloß sie. Ich beugte mich über den Tisch, nicht nur der Wirkung we- gen, sondern auch um den Geruch ihres kurzen, schwarzen, noch duschfeuchten Haares zu erschnuppern. »Die Knete«, flüsterte ich. »Mhm.« Und um Rex Palmers Gesicht zu sehen, als er sich auszog. Ich lachte. »Möchtest du noch einen Drink?« »Ich dachte schon, du würdest nie fragen. Einen Blackand- Tan bitte, Martin.« Als ich jedem einen ausgegeben hatte und wieder saß, sagte Robyn: »Deine Leistung in Hamstring finde ich wirklich toll, Martin, alter Junge.« »Danke. Hör mal, Mersey hat ein Zweipersonenstück ge- schrieben, das sehr gut zu dir passen würde.« »Für dich ist wohl auch ein guter Part drin?« »Naturellement.« »Hmmm«, sagte Robyn. »Hmmm«, sagte ich. »Hmmm«, wiederholte Robyn. »Laß uns darüber reden.« Sie, warf einen Blick auf die Uhr. »Mist. Ich muß gleich los. Dave hat deine Nummer, oder? HEY, DAVE! IST DAS OKAY, WENN MARTIN SONNTAG VORBEIKOMMT? BIG BUSI- NESS!« rief Robyn durch den Raum. »Eigentlich ist es eine Besprechung«, vertraute sie mir an, »aber du kannst ja im Anschluß kommen, dann gehen wir spazieren und unterhalten uns; es ist ein phantastisches Grundstück.« Dave wollte antworten, besann sich dann, schaute einen Moment lang nachdenklich in die Luft und kam zu uns an den Tisch. Dave, dachte ich, wenn du wirklich mein Freund bist, dann… »Eigentlich gibt es keinen Grund, warum er nicht auch zur Besprechung kommen sollte«, meinte er mit ruhiger Stimme. Er blickte mir in die Augen, plötzlich wieder der gewiefte Ge- schäftsmann, als den ich ihn kannte und liebte. »Hast du Lust, am Sonntag ein absolut verrücktes Projekt zu diskutieren?« Er entblößte sein billiges Gebiß; seine grauen Augen kannten meine Antwort im voraus. Robyn grinste. In diesem Moment war mir wohl schon deut- lich bewußt, daß ich mehr über sie herausfinden wollte. Es war nicht nur das Begehren nach ihrem Körper, der mich anzog. Sie liebte Herausforderungen; wahrscheinlich war der einzige Grund, aus dem sie mit mir reden wollte, die Rolle, die ich erwähnt hatte. Mit ihrer etwas verrückten Art, wenn sie nicht auf der Bühne stand, kaschierte Robyn einen Fanatismus, den sie für abschreckend hielt. In einer klassenlosen Gesellschaft lernt man, nichts allzu ernst zu nehmen, ein Trick, den ich nie richtig kapiert habe. Vielleicht etwas englisch Elitäres in mir? Auf jeden Fall lächelte ich zu Robyn zurück, ein Spiegelbild, ihres eigenen Blicks, so hoffte ich. Dann beugte sich Robyn, bevor sie wegrannte, quer über den Tisch, ohne auf die im Weg stehenden Gläser zu achten, und gab mir einen zärtlichen und recht zweideutigen Kuß. Ich lehnte mich zurück und sah zu, wie sie durch die sich verlau- fende Menge entschwand, von wilden Hoffnungen erfüllt und bereit, all meine bisherigen Vorstellungen in Frage zu stellen. Ich war noch immer wie vor den Kopf geschlagen, als meine Mutter herangewackelt kam und mich auszankte, weil ich ihr nicht im Namen meines Vaters ein Telegramm und Blumen geschickt hatte. Nach einer Stunde im Hypothekengürtel, einer weiteren Stunde durch steil eingeschnittene, farnige Bachtäler und feuchte Eukalyptuswälder in den Bergen (wobei ich mich verirrte) und schließlich einer halben Stunde über rötliche Staubwege, wäh- rend derer ich in der Frühlingssonne bei King Sunny Ade and His African Beats mittobte, fand ich Daves Briefkasten, eine zerbeulte Bühnenlampe, auf der säuberlich mit weiß auf mari- neblauem Untergrund ›Abrahams‹ stand. Wenn meine Erinnerung mich nicht trog, war auch jetzt noch eine hübsche Strecke zurückzulegen. Das Grundstück maß über fünfhundert Hektar, und anders als viele andere Farmen im Umkreis gehörte es keiner Besitzergemeinschaft. Dave und Pat hatten in der Werbung ein kleines Vermögen verdient; in ihrer Abgeschiedenheit hatten sie einen lebenslan- gen Traum verwirklicht und stellten eine echte Alternative zu den gängigen Produktionsgesellschaften dar, die sich mit einer aufgewärmten Version von West-End- und Broadway-Shows, zufrieden gaben. Obwohl meine Mutter mit ihrer Ausbildung an der Royal Acadamie of Dramatic Art selbst zu einer Art Institution geworden war, hatte ich über zehn Jahre gebraucht, um mir eine halbwegs passable Existenz aufzubauen, aber dennoch und trotz meines Mangels an Geschäftstüchtigkeit neidete ich den Abrahams ihren raschen Erfolg nicht. Von Anfang an hatten sie einen Mut gezeigt, der an Tollkühnheit grenzte, und ich bewunderte ihre Lebensweise. Zu meiner Rechten lag ein Staubecken, in dem es von dunklen Fischen wimmelte. Zu meiner Linken rieselte ein Bach (der den Fisch- teich füllte) von bewaldeten Hängen herunter. Wilde Orchideen wucherten in orangefarbenen Flecken zwischen dem Blattlaub vom Vorjahr; Boronia und unzählige andere kleine Blumen schwankten im frischen Wind und erfüllten mich mit großer Zuneigung zu jemandem, der dem australischen Busch so seinen Willen ließ. Und dann das Haus. Genau im Zentrum der A-förmigen Konstruktion stieg in einem wilden Aufstand von Engeln, Dämonen und sich abkämpfenden Sterblichen die großartigste schmiedeeiserne Freitreppe empor, die ich je gesehen habe, eine spiralförmig nach oben strebende Opfergabe an den Himmel; es war eine Arbeit, als wäre Rodin für einen letzten Auftrag exklu- siv für Pat noch einmal zur Erde zurückgekehrt. Sie hatte alles entworfen und zum größten Teil auch selbst gebaut und gefer- tigt, Lehmziegel um Lehmziegel, von dem Art Nouveau- Bleichlicht bis zum riesigen, dem siebzehnten Jahrhundert nachempfundenen Kamin. Wie immer brachte der stille Ernst des Hauses mich etwas aus der Fassung. So merkte ich bei der ganzen Umarmerei und, Küsserei nicht gleich, daß Robyn noch nicht eingetroffen war. Was soll's, dachte ich, sie ist erwachsen. Es geht ihr bestimmt bestens. »Ach, Martin?« Sarah Witchell kam auf ihren unmäßig lan- gen Beinen heran. Sie war die Regisseurin einer Mini-Serie, die kürzlich toll eingeschlagen hatte, eine der wenigen Fernsehleu- te, die sich gleichzeitig auch ums Theater bemühten – tatsäch- lich mit ganz ungewöhnlichem Geschick. »Robbie kommt später«, flötete sie. »Okay, Chef?« Dann flüsterte sie: »Also, immer mit der Ruhe«, und kicherte. Anschließend entschwand sie zu Gillian, die sich gerade beim Hommuz bediente. Offensichtlich sah man mir alles an. Ich trieb mich rum, zunächst auf der Suche nach einem Drink und einem Satay-Stäbchen, dann auf der Suche nach einem Gesprächspartner. Normalerweise bin ich nicht schüch- tern, doch Robyns Abwesenheit verwirrte mich ein wenig. Natürlich kannte ich die meisten der Gäste und hatte auch ihre Leistungen schon oft gesehen; hier war ein Haufen wirklich fähiger Leute versammelt. Ich war sehr beeindruckt. Kevin Gore, ein kleines, braungebranntes Strichmännchen in über- großen Army-Shorts, stand bei der Hintertür und schaute zu den Bäumen hinauf. Wir beide hatten damals in den Achtzigern die Schauspielerschule gemeinsam besucht. Als ich ihm auf die Schulter klopfte, sagte Kevin: »Martin, du alter Schweinehund«, und versuchte, mir die Wangen mit seinen Bartstoppeln aufzu- reißen. Zwei Leute könnten kaum unterschiedlicher sein: Ich bin eher groß, überschwenglich, habe mausbraunes Haar und einen fast zu rosigen Teint (in meinen Twen-Jahren heimste ich mit meinen regelmäßigen Gesichtszügen und den großen,, braunen Augen Hauptrollen als der jugendliche Held ein, was mir den Bauch füllte, mir aber auch sehr schlechte Gewohnhei- ten einbrachte); Kevin war die Art Typ, der in der Schule als ›Streber‹ gehänselt wird, ein hakennasiger Ken Rosewell des Theaters, zurückhaltend, unermüdlich und fähig, auf der Bühne wie im Leben alles anzupacken außer einer Liebesgeschichte. Er war ein Außenseiter. Ich war ihm so nahe, wie das überhaupt möglich war. »Wie war's in China?« fragte ich. »Es ist ein hartes Leben. Wenn es früher noch schlimmer war, bin ich froh, hier zu wohnen. Wir sind da gut angekom- men. Die haben einen ganz eigenartigen Sinn für Humor, denn sie lachen an den unwahrscheinlichsten Stellen.« »Engagements?« »Nicht viel letzthin. Aber ich denke, daß hier etwas Gutes bei rauskommt.« Pat, der das Organisatorische und die Buchhaltung oblag, bat dann um Ruhe. Wir ließen uns plaudernd nach draußen trei- ben. Als wir uns setzten, fragte ich mich, welche schlauen Pläne wohl in Daves Schädel lauern mochten. Bis jetzt war ich inner- lich zu sehr mit Robyn beschäftigt gewesen, um an ein Engage- ment zu denken. Außerdem war ich gerade mit einer kleinen Fernsehkomödie fertiggeworden, bei der ich sehr gut verdient hatte, und so war ich eigentlich im Urlaub. Ich schaute mir die versammelte, inzwischen zu einer stattlichen Gruppe ange- wachsene Menge an und unterhielt mich mit einem müßigen Ratespiel. Sagen wir einmal, ich wollte eine Truppe für den Mittsommernachtstraum zusammenstellen. Nein, für diese Versammlung wäre The Tempest – Der Sturm das Richtige., Neben mir brachte gerade Jenny Drape ihre Körperfülle auf ihrem Stuhl unter: Ariel! (»Hey, Jen.« »Hey, Martin. Schmach- test du immer noch nach Anne?« »Nö, seh' ich so aus?« »Nö.«) Fred Carol als Caliban – seine Nase brachte ihn als ersten ins Rennen – Kevin konnte, ein wenig auf alt gemacht, König Alonso geben, Pete Stanopoulos könnte der böse Antonio sein und… Innerhalb weniger Minuten hatte ich jedem seine Rolle zugeteilt. Ich selbst würde den gutaussehenden Ferdinand spielen, gegen Robyn Ho als exquisite Miranda… Nun ja, vielleicht folgten wir ja irgendeiner Himmelsmusik. Nicht, daß Dave einen Bischofsstab geschwenkt hätte und sein einziges Buch Aufbruch zum schlechten Theater gewesen wäre, aber wir hätten die schwachen Stellen in seinem und Sarahs Plan eigentlich gleich zu Beginn erkennen müssen. Vielleicht kam ihnen auch mehr als nur die Magie des Theaters zur Hilfe. Entscheiden Sie selbst, ob Sie den beiden mitten ins Nirgendwo gefolgt wären, ich kann es nicht sagen. Als der undisziplinierte Haufen sich schließlich auf allen Gartenmöbeln und leeren Bienenkörben niedergelassen hatte, räusperte Dave sich und begann: »Also, um gleich einmal alle Zweifel zu zerstreuen, die ihr über Eure unmittelbare Zukunft haben könntet, mein Vor- schlag schließt ein Honorar ein.« Worauf jedermann lachte, da häßliche Gerüchte (falsche) über Zahlungsprobleme bei seinem Idiot – als Musical – im Umlauf gewesen waren. »Ein Teil des Honorars wird schon heute ausgezahlt, wenn ihr auf diesen Vorschlag eingeht.« Ein paar Hochrufe ertönten. »In den nächs- ten drei bis sechs Monaten ziehen wir eine radikal neue Pro- duktion in Süd-Australien auf, direkt im Norden von Flinders, Ranges.« Das Netz von Falten um Daves Augen vertiefte sich, während er darauf wartete, daß seine Worte Wirkung zeigten (oder auf etwas anderes.) Er schlug die langen, mit weißen Flanellhosen bekleideten Beine übereinander und entflocht sie wieder. Er beugte sich vor, strich sein silbriges Haar mit der Hand zurück und stützte die Ellbogen auf die Knie. »In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir zusehen müssen, wie die Theater dieses Landes von kastrierten Buchhaltern übernom- men wurden. Nimm's mir nicht übel Pat, du weißt, was ich meine. Wenn du nicht gleich zu Beginn beweisen kannst, daß eine Aufführung zum Hit wird, bleibt dir beim geringsten Ansatz von Originalität nur noch übrig, ein Zweimannstück auf einem Parkplatz aufziehen. Vielleicht denkt ihr, wir hätten diesem Unsinn mit Regenbogen der Schwerkraft ein Ende ge- macht, aber ich möchte weiter gehen, möchte eine Aufführung machen, die noch viel weniger aufs Publikum angewiesen ist. Ein radikaler Schachzug, genau jetzt, und sei's auch nur, um die Sache einmal klarzustellen.« Aus dem Mund eines Ex- Werbemannes klang das zwar erstaunlich, war aber in sich nicht unlogisch. »Okay, Sarah«, schloß er, »deck die Karten auf.« »Gut.« Sarah stand auf, unter schwankenden Ginsterzweigen von Lichtsprenkeln übergossen, mit gelb glänzenden Flecken auf dem hüftlangen blonden Haar. Sie strich sich über den Rock. »Also, was Dave und ich im Sinn haben, das ist eine Inszenierung an einem absolut einsamen Ort, wo wir eigens ein Theater errichten und das Stück ohne jede Werbung auf die Bühne bringen. Also, bis die Show läuft, werden wir sie tatsäch- lich geheimhalten. Allmählich wird die Neuigkeit durchsickern, und die Leute werden kommen. Aber es wird keine Interviews, geben, keine festen Spielzeiten, keine geladenen Gäste, keine Journalisten oder Besuche von Geldgebern, nichts. Manche Leute werden vielleicht einfach nur aus Neugier so weit ins Hinterland reisen, aber auf jeden Fall muß jeder fest entschlos- sen sein. Es wird ein Erfolg der Mund-zu-Mund-Propaganda im reinsten Sinne des Wortes werden. Und nicht nur das, unsere Abgeschiedenheit wird uns helfen, eine originelle Annä- herung zu finden. Gutes Theater besteht nicht aus PR. Genau das werden wir unter Beweis stellen.« Sarah schwenkte eine getippte Besetzungsliste. »Ab morgen laufen die Vorbereitun- gen; wir werden noch jenseits der Bahnhofsstation Arkaroola eine Inszenierung von The Tempest in Angriff nehmen.« Jetzt raten Sie mal, wer den Caliban bekam. Im Rückblick erscheint die Idee unglaublich lächerlich. Und dabei hatte ich noch nicht einmal den Ferdinand bekommen. Dennoch stimmte ich zu. Wir stimmten alle zu. Hatten wir kleine Sender im Kopf? Drogen im Drink? War es einfach Daves Ausstrahlung? Ob Dave damals nun irgendwelche au- ßernatürlichen Überzeugungsmittel zur Hand hatte oder nicht, eine Theorie habe ich zumindest: Weniger als ein Drittel von uns waren Kinder der Sechziger. Ich war immer ein bißchen neidisch auf die Angehörigen einer Generation gewesen, die einfach so auf Abenteuerfahrt gegangen waren, mit verbunde- nen Augen und Kaftanen am Leib, in der Hand Narzissen. Wie sehr wir uns auch über die Hippies lustig gemacht haben mö- gen, glaube ich doch, daß viele von uns Nachgeborenen von Herzen gern gegen ein zähes Spießertum rebelliert hätten, gern etwas Kühnes und absolut Unsinniges im Namen der Liebe vollbracht hätten.,

DREI

················································································································· Es war wie ein Stück England. Seine Steinmauer setzte jeder australischen Gartengestaltung ein Ende, Akazie wich Rosenbü- schen, Stringybark-Eukalyptus wich Birken und Red-River- Gum-Eukalyptus machte Koniferen und Ahorn Platz. Es gab sogar eine ausladende Kastanie mit welkenden Blütenkerzen an der Einfahrt. Die ließ hochrote Blütenblätter auf Kevins Volks- wagen fallen, als er darunter parkte. Während er auf den Blaustein der alten Abtei schaute und mit zusammengekniffenen Augen versuchte, die Jahreszahl über der Tür aus Chrom und Glas zu entziffern, kam ein Mann im untadeligen Smoking vorbei. Er blieb stehen, als hätte er Kevin gerade erst bemerkt, faßte seine Brust ins Auge und sagte: »Haben sie eine Krawatte mit? Wenn nicht, habe ich eine Reservekrawatte, die ich Ihnen leihen kann, vorausgesetzt Sie geben sie zurück, hier gibt nie jemand irgendwas zurück, gehn einfach weg und sagen am nächsten Tag, sie hätten's vergessen, das erzähle ich auch Mr. Anderson, aber der unternimmt nie was dagegen…« Er schaute Kevin in die Augen, eifrige Tümpel gesprenkelten Blaus. »Sie kommen auf Besuch?« fragte er schüchtern., »Ich besuch 'nen Freund.« Der Mann starrte Kevin noch ein paar Momente an, kratzte sich die linke Schulter mit der linken Hand und schaute dann in den Baum hinauf. »Bis bald mal.« Er sprach, ohne den Blick zu senken. »Bis bald mal.« Kevin setzte sich dahin in Bewegung, wo er den Empfang vermutete. Der Mann im Smoking rief noch etwas und stolzier- te dann davon. Sherelle hatte Kevin in der vergangenen Nacht mit Umar- mung und Küssen auf der Schwelle empfangen, obwohl sie nur ein einziges Mal gemeinsam aufgetreten waren. Sie hatte seine Entschuldigungen für sein spätnächtliches Eintreffen beiseite gewischt, ihm ein Stück Braten zum Abendessen aufgewärmt und eine Flasche Coopers Sparkling Ale geöffnet (es schmei- chelte ihn, daß sie sich daran erinnerte). Sie umschwirrte ihn geschäftig, strahlte, weil sie dachte, er arbeite noch immer beim Theater. Ihr Mann John war Bankangestellter, und beide spiel- ten sie in einer Amateurtruppe, wo Sherelle, die als ehemaliger Profi noch immer gelegentlich Nebenrollen annahm, alle über- ragte. John hielt den Blick auf Kevins Knie gerichtet. Er hatte den beiden eine Anstands-Stunde lang zugehört und war dann zu Bett gegangen. Der große, sommersprossige Lockenkopf war jedesmal errötet, wenn seine Frau Kevins Hände in die seinen nahm oder ihn bei den Schultern packte und sagte: »Es tut so gut, wieder mal einen aus der alten Truppe zu sehen. Wirklich.« Auch Kevin war das peinlich gewesen. Bei der ersten sich bie- tenden Gelegenheiten hatte er ihr von seiner Tätigkeit als Gartengestalter erzählt. Seit The Tempest sei er nicht mehr, aufgetreten. »Ach, ach, wirklich«, entfuhr es ihr. Danach war sie schnell wieder fröhlich geworden. Sie hatten über ein paar gemeinsame Bekannte gelacht. Natürlich hatten sie über das Unangenehme hinweggeplaudert. Doch sie war ihrem Mann bald gefolgt. Weil es kein Schild gab, fand Kevin den Empfang nicht. Hinter ihm rief eine schwer gebaute Hilfsschwester: »Wohin des Wegs?« Kevin wandte sich von dem leeren Büro weg. Er lächel- te. »Ich suche einen Mann.« »Ich auch. Wen suchen Sie?« »Martin Leywood.« »Ach, den Schauspieler. Kommen Sie mit.« Die kräftig gebaute Frau führte ihn den Korridor entlang. Keiner von beiden sprach. Sie durchschritten eine weitere chromblitzende Doppeltür, eine japanische Hofanlage mit Holzbrücken, Ahorn, Bambusdickicht, einem Fischteich und einem Steingarten. Er beobachtete, wie ihre kräftigen Pobacken sich unter der lockeren Hose bewegten. Sie hatte Ähnlichkeit mit irgend jemandem – na, egal. Sie durchquerten eine neue Cafeteria. Dann gingen sie einen breiten Queckenrasen entlang. Schließlich blieben sie vor einem Gebäude stehen, das wie ein ländlicher Tanzsaal aussah, außen mit grünem Witterungs- schutz verkleidet, über der Tür in braun der Name ›Donview‹, ein Gebäude, das auf diesem gepflegten Gelände mit den restau- rierten Bauwerken so unangemessen wirkte, daß Kevin ein winziges Lachen entschlüpfte, fast nur ein Schnaufen, und doch mußte sie es gehört haben, denn sie warf ihm ein freundliches, Lächeln zu. »Fragen Sie einfach irgend jemanden; dort kennt ihn jeder.« »Danke.« »Haben Sie – hinterher schon was vor?« »Hm…?« »Hätten Sie Lust, nachher noch was mit mir zu trinken?« »Äh.« Kevin fragte sich, warum große, kräftige Frauen so auf ihn standen. Er sah doch nicht aus wie Mamis kleiner Bubi. Vielleicht konnte sie ihm ja helfen, vielleicht wäre sie eine angenehme Gesellschaft. Das könnte er, weiß Gott, brauchen. »Okay. Warum eigentlich nicht?« »Por qua pa, genau!« Sie hob die fein gezeichneten Augen- brauen und lächelte, wie eine Aufforderung, sie nicht allzu ernst zu nehmen. »Bis dann in der Cafeteria.« Kevin nickte und trat ein. Nicht jeder in dieser Abteilung schien plemplem. Dennoch zuckte Kevin zusammen, als ihm in der Eingangshalle der scharfe Geruch von Männerurin entgegenschlug. Er fragte zwei Leute nach Martin, jedoch vergeblich. Sie wirkten noch desori- entierter als Kevin selbst. »Als man mir Besuch ankündigte, dachte ich, es müßte mei- ne alte Ma sein.« Das kam von hinten. Als Kevin sich umdrehte, sah er, daß der Mann in Begrüßungshaltung dastand, die Arme ausgebrei- tet, lächelnd. »Martin?« Das kam ganz gegen seinen Willen als Frage heraus. Der Mann war kleiner, als er Martin in Erinnerung hatte, grau geworden, mit beginnender Glatze und den Tränensäcken und, dem schlaffen Kinn eines Alkoholikers, obwohl er kaum älter als vierzig sein konnte. Zumindest gab ihm der weiße Japanan- zug, Haute Couture aus dem vergangenen Jahrzehnt, wenn auch zerknittert, ein wenig den Anstrich von Martin Leywood. Er hielt sich leicht schief und stützte sich auf seinen Hickorystock. Sie standen und standen. »Martin.« »Kevin, alter Schurke. Komm hier entlang, ich muß mich hinlegen. Nicht mehr lange in dieser Welt, leider. Komm.« Sie gingen an einem verkrümmten Mann vorbei, der mit der einen Hand die Hose oben hielt und mit der anderen eine Reihe Spielzeugautos hinter sich herzog. Die Autos waren nach Alter geordnet, vom neuesten, computergesteuerten elektronischen Modell bis zu etwas, das Kevin für einen Ford Model T hielt. Der Mann ging, ohne sich seiner Knie zu bedienen. »Die Geis- ter sagen neit so snell! Wir schleudern, schleudern, Ihr Schwei- ne!« brüllte er ihnen hinterher. »Er sollte nicht hier sein«, meinte Martin und klopfte mit dem Stock auf den Boden. »Das hier ist nur für – leichte Fälle.« »Wie du?« »Noch ein Fehler. Mein Leben ist vorüber.« Er wandte sich um und blickte Kevin ins Gesicht, hielt seine Augen fest. Der Stock schlenkerte schmerzlich gegen Kevins Hüfte. Martin schaute wieder weg, auf die Vinylfliesen. »Du mußt etwas für mich tun.« Seine Stimme brach, was durchaus Schauspielerei sein konnte, aber Kevin hielt es nicht dafür. »Schau…« Er ließ Kevins Schultern los, machte kehrt und ging weiter. Jetzt sprach er nüchtern. »Ich werde bald sterben.«, Kevin ging ihm nach, blieb dann stehen. Er gähnte: Ein lan- ger, schaudernder Atemzug. Dann folgte er ihm. Martin Leywood streckte sich auf seinem schmalen Bett aus, die Hände hinter dem Kopf gefaltet. Sein Jackett hatte er nicht ausgezogen. Das Zimmer war holzgetäfelt und voller Licht. Unter dem Fenster wurde eine Hortensie von einem Jasmin erwürgt. Mitten auf dem Queckenrasen erblickte Kevin einen Aborigine, der mit schmerzlich schief zurückgelegtem Kopf und offenem Mund dastand. Kevin hatte keine Ahnung, welche unsichtbaren Ereignisse er anstarrte, doch hin und wieder winkte er etwas herbei und brach in wieherndes Lachen aus. Dann hüpfte er schadenfroh, als hätte er Rache genommen und die ganze Welt hereingelegt. Kevin hätte am liebsten herausge- brüllt. Er kochte vor Wut. »Keiner hat mir gesagt, daß du krank bist«, bemerkte er. »Warum sollten sie? Ein Märtyrer ist das letzte, was sie brau- chen können. Erinnerst du dich an das Lied?« Lied? Hatten wir einmal ein Lied? rätselte Kevin. »Doch als ich dann auszog die Kinderschuh«, sang Martin, »Eia, bei Regen und bei Wind – Schloß vor Buben und Dieben die Türen man zu. – Und als ich vertreten die Kinderschuh, Hop heißa, bei Regen und Wind! Da schloß man vor Dieben die Häuser zu.« – »Yeah«, sagte Kevin. »Denn der Regen, der regnet jeden Tag… – Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.« – »Yeah«, wiederholte Kevin. Martin imitierte seine nasale Stimme perfekt. »Ja. Noch im-, mer derselbe alte Harold Gore.« Kevin schüttelte den Kopf. »Nein.« »Das muß wohl die Landluft sein. Du wirkst nahezu unver- ändert – aber andererseits hattest du auch schon mit zwanzig viel von einem Vierzigjährigen.« Kevin schaute weg. Der Mann auf dem Rasen reckte flehend beide Arme zum Himmel. »Halleluja«, schrie Kevin. »Laß das. Sonst läuft er mir wieder nach.« »Wieder?« »Schön, dich zu sehen. Du hättest das hier verhindern kön- nen…« »Ich…« »Hättest du es gewußt. Es ist nicht deine Schuld, mein Lieber. Ein Zeitlang hatte ich es darauf angelegt.« Er schaute zum Fenster. »Weißt du«, sagte er, »es ist wirklich recht erstaunlich, wie viele Typen hier drinnen sind, weil sie glauben, daß etwas kommt oder uns erwartet oder schon unter uns ist. Manche haben außergewöhnlich ausgefeilte Wahnvorstellungen, beina- he so klug wie die meinen. Letzthin habe ich mit Dr. Cain gesprochen, und er sagte, in den letzten Jahren hätte sich das Vorkommen solcher wahnhafter Ideensysteme dramatisch vermehrt.« »Massenmedien. Wirrköpfe.« »Nein. Der Einfluß der Massenmedien auf so was ist gut do- kumentiert. Er hatte seinen Höhepunkt Anfang der Neunziger und hat seitdem stetig abgenommen.« »Die Marslandung.« »Sicher, sicher. Dr. Cain sagt…«, »Woran stirbst du denn, Martin?« »Meine Leber geht hops, mein Lieber. Danke der Nachfrage.« »Wie wär's mit einer neuen?« »Was, ein Zwangsgewächs? Igitt! Anscheinend habe ich ein verblüffend eigenwilliges Immunsystem, Harold. Alten Abfall will es nicht. Nur Fleisch vom Besten, mein lieber Junge, nur vom Besten.« »Du siehst ganz gesund aus.« »Danke, Harold, ich weiß, wie ich aussehe. Etwas von mei- nem verblüffenden Schwung habe ich bewahrt, wie ich zu behaupten wage, aber leider…« »Was soll das eigentlich immer mit diesem Harold?« »Ein Teil meines… ähm… Problems, mein Lieber. Ich glau- be, daß ich früher Freunde hatte; die nenne ich bei ihrem mitt- leren Namen, wie so ein Spitzname.« Kevin stand da und seufzte. Der Aborigine hörte auf zu la- chen und grub jetzt den Rasen auf, zerrte mit den Fingern das rauhe Gras heraus. Kevin wandte sich dem Kleiderschrank zu. Das Oberteil bildete einen Toilettentisch für Herren, Fünfziger- jahre-Stil, in dunklem Holz. Auf der dazugehörigen Kommode lag unter dem Spiegel und von einem jadebesetzten roten Steinbrocken beschwert ein Manuskript. Er hörte ein Stöhnen. Draußen versuchte ein kleiner, dünner Mann im Schlafanzug den Grabenden wegzuzerren. Beide fielen in das Loch. Sofort waren sie mit schwarzem Dreck beschmiert. »Kevin.« Er blickte Martin an, während die kräftige Hilfsschwester die beiden Kampfhähne beim Kragen packte. Sofort wurden sie zahm., »Kevin, früher habe ich dich einmal geliebt und bewundert. Sei nicht böse. Bitte, das könnte ich nicht ertragen. Macht diese Umgebung hier dich wütend? Ich? Es tut mir leid, so bin ich eben. Daran mußt du dich doch erinnern?« Die beiden Patienten wurden hochgezerrt und auf die Beine gestellt. »Hast du es denn vergessen?« »Ich habe mir die größte Mühe gegeben, alter Junge.« »Es ist aber unsere Pflicht, uns daran zu erinnern, selbst jetzt noch.« Kevin lachte auf. »Sprich mir nicht von irgendwelchen Scheiß-Pflichten. Nicht nach dem, was du getan hast.« Die Hilfsschwester blickte dem Mann im Schlafanzug nach, wäh- rend sie gleichzeitig den Grasausreißer ausschimpfte, der zu Boden sah. »Hör mal, das hier ist mein letzter Auftritt als Bittsteller. Gib mir doch wenigstens die Hauptrolle in dieser Szene.« »Das hier ist kein Stück, Scheiße noch mal.« »Aber gewiß doch; und es wird höchste Zeit, daß wir bei der Regie ein Wörtchen mitreden.« Draußen bekam der Aborigine von der Hilfsschwester sein Fett weg. »Kevin, ich habe mich damals von dir überreden lassen, Pa- cketts Machenschaften zu vereiteln. Wie sehr ich auch unsere Geheimhaltung und das, was im Anschluß geschah, bereue, unsere Vorgehensweise in jener Nacht bereue ich nicht. Es tut mir leid, daß ich dich verleugnet habe. Du mußte meine Versi- on der Vorfälle in meinem Flugblatt gelesen haben und daher wissen, warum ich das Gerät damals nicht erwähnte. Ich bin, betrogen worden. Aber ich habe es wiedergutgemacht.« »Du Glückspilz.« »Kevin, sei nicht so kindisch.« »Wirst du wirklich bald sterben?« »Ja. Willst du, daß ich in Ohnmacht falle, kraftlos hüstle und mit flatternden Lidern daliege?« Martin ließ einen Arm über die Bettkante baumeln und legte sich die andere Hand mit dem Handrücken auf die Stirn. »Ähä-Ähä! Sorge dich nicht um mich, ich bleibe hier und nehme vor dem Abtreten ein paar von den Fritzen mit. Du aber schreite voran! Sag Ermintrude, daß ich sie erwarte, und gib dem alten Sergeant in meinem Namen eins in die Fresse, okay?« Darauf verstarb er unter gurgelndem Röcheln. Kevin setzte sich zwar noch nicht, lächelte aber. Sie sprachen von anderen Produktionen, von den schnellebigen Tagen, als ihre einzige wirkliche Sorge ihrem Beruf und der Sicherstellung der nächsten Mahlzeit galt. Kevin wurde immer rastloser, je länger sie sich unterhielten. Seiner alten Gewohnheit folgend verhielt er sich jedoch ruhig und kontrolliert. Martin sah ko- misch aus, zu städtisch, völlig angepaßt, aalglatt, verdammt noch mal. Kevin ließ sich treiben. Jetzt fiel es ihm ein. Sie hatten mehr Spaß gehabt, als ihm all diese Jahre in Erinnerung gewe- sen war. Selbst der Schmerz fühlte sich jetzt erlesen an. Seine Glieder summten. Ist das verrückt, Kev? »…dieser Entwurf. Er heißt Alle Reize dahin wie die Prosa- version, aber scheu dich nicht, Änderungen vorzunehmen. Ändere soviel du nur willst, mein Lieber.« Warum habe ich mich mit diesen schrecklichen Schuldgefüh- len arrangiert?, »Du kennst die Wahrheit, du weißt, wie es sein sollte. Natür- lich sollte es unterhaltsam sein. Wir wollen Zuschauer.« »Ja.« Kevin nahm das Manuskript entgegen. Es war sehr dick. Der Aborigine stand nun wieder allein da, verzückt, den Kopf in den Nacken gelegt, das zum Himmel gereckte Gesicht vom Licht poliert. Das war doch Scheiße. Kevin blätterte ungeduldig durch das grün eingebundene Manuskript. Die Hilfsschwester, die er durch das Fenster beobachtet hatte, würde bald da sein, und er wollte seine Gedanken in Ordnung bringen, bevor sie kam. Er stand auf, um sich die vor Sauberkeit glänzende Cafeteria anzusehen. Mit der Bohnermaschine gewienerte Fliesen. Beru- higende Braun- und Grüntöne. Pflegten die Patienten Pflanzen und Grundstück? Kevin ging murmelnd im Raum umher. Warum nicht diese Frau ausfragen? Irgendwie wollte er sich lahmlegen lassen. So, wie er sich fühlte, würde er allein viel- leicht gefährlich werden. Ein Mann, den Mund voll Kuchen oder Brot, mit dem er sich das ganze Gesicht vollkrümelte, mit leuchtend blauen Jeans und einem frisch gewaschenen blauen Segeltuchhemd bekleidet, trieb sich lächelnd beim Fenster herum; er hob die Hand, um das Glas zu berühren, hielt aber in der Bewegung inne, als hätte man ihm klar gemacht, daß er das Glas nicht verschmieren dürfe; soviel wußte er also und kämpf- te nun mit dem Verlangen, es dennoch zu berühren. Ich habe es versprochen, dachte Kevin. Ich habe es versprochen. Er konnte das Manuskript nicht beurteilen, bis er den ganzen Stapel gelesen hatte, und er hatte weiß Gott kein Auge für Talent. Überließ die Literatur immer den anderen., »Schau dir das mal an.« Er warf dem Fenstermann das geöff- nete Manuskript von Alle Reize dahin zu, und der drehte sich um und rannte mit steifen Hüften und Trippelschritten davon, nach vorn geneigt, so daß er Kuchen über sein schönes, saube- res Hemd verkleckerte. Deinesgleichen hat gesprochen. Lauf! Er würde es später lesen, wenn er sich wieder konzentrieren konnte. Ob Martin nun im Sterben lag oder nicht, das mußte er ihm wert sein. »Was stimmt nicht mit ihm?« fragte er die große, muskulöse Frau, als sie eintrat, das Haar geöffnet, Make-up aufgelegt und eine Strickjacke über der Uniform. »Mit wem? Ach, mit Patrick. Eigentlich nicht viel. Er wurde festgenommen, als er ein Reklameplakat verschmierte, und dabei sagte er sonderbare Dinge zu den Polizisten, also brachten sie ihn hierher. Sowieso sind die Gefängnisse voll mit Krawall- machern. Das ist jetzt etwa sieben Jahr her.« »Hoppla?« »Es gefällt ihm hier.« Sie setzte sich hin und stieß einen Fei- erabendseufzer aus. Mit dem Kinn winkte sie ihn zu sich. »Ich heiße übrigens Angie.« Kevin eilte verwirrt stockend zur Tür und dann zu ihr zu- rück. »Kevin. Freut mich, Sie kennenzulernen. Es ist also schlimmer geworden mit seiner Verrücktheit?« »Ein bißchen.« Angie schaute zu ihm auf, lebensfroh und erwartungsvoll trotz ihrer gerade zurückliegenden Strapazen mit dem Lachenden. Sie erinnerte ihn an jemanden. Oh, dachte er. »Meistens ist er voll dabei«, fuhr Angie fort. »Die Leute gehen zu ihm, wenn sie sich einmal normal unterhalten wollen. Er schaut Nachrichten, liest die Zeitung. Wenn du etwas über, die letzte Umweltkatastrophe erfahren willst, dann ist er dein Mann.« O nein, dachte Kevin. »Was trinken Sie?« Sie stand auf und ging hinter die Theke. Sie sah ihr so ähnlich (oder trog ihn da etwa die Erinnerung), daß es weh tat. Jetzt wühlte sie mit einer Hand unter der Theke. »Whisky oder Gin?« »Hier? Gut, also Whisky.« »Dachte ich mir. Mit Soda?« »Pur bitte. Eis?« »Aber natürlich. Natürlich gegen die Regeln, aber wir haben hier alles.« Kevin setzte sich langsam hin. Das kann nicht sein, dachte er. In seiner Verwirrung stieß er hervor: »Wird Martin wirklich bald sterben?« »Wer? Ach, Ihr Freund.« Sie lächelte. Dieses Lächeln ließ sie mehr denn je wie die Frau aussehen, die er verloren hatte. Sie lachte. »Ich sollte wohl nicht lachen: Er ist ja Ihr Freund.« Sie lehnte sich gegen die Theke und lachte noch ein bißchen mehr. »Es tut mir leid… Nein, wohl nicht –, aber er redet ständig davon! Meiner Meinung nach glaubt er es wirklich. Ich weiß es nicht, ich bin kein Arzt. Schätze, irgendwann sterben wir alles, wenn man es recht betrachtet.« Er konnte sich nicht verstecken. Sein ganzes Leben lang nie wieder handeln. Aber es gab auch noch andere Frauen in der Stadt. Mußte er sich das wirklich sehenden Auges antun? Was das betraf, warum überhaupt noch mal mit irgendeiner Frau schlafen? Seit seinen frühen Twen-Jahren war er eigentlich nicht mehr auf One-night-stands aus gewesen. Das war es nie, was ihm fehlte. Auch jetzt wäre es ein Fehler. Kevin nahm seinen Drink, und Angie setzte sich ihm gegen-, über. Sie hoben die Gläser und stießen an. »Auf den Wahn«, sagte Kevin. Er trank einen Schluck. »Ein bißchen schadet keinem nichts.« Angie schnitt dem Whisky eine vergnügte Grimasse. Plötzlich sah sie überhaupt nicht mehr aus wie Gillian Portman-Smith. Trotzdem würde er sich vor jeder Zudringlichkeit hüten. Die Idee war ohnehin absurd. Aber sie könnten miteinander ausgehen und tanzen. Wenn sie überhaupt nach etwas aussah, dann nach Spaß.,

VIER

················································································································· Ihr müßt deutlich sagen, was ihr wollt, hatte ihr Vater die Stammesältesten immer gemahnt. Wenn ihr einfach nur lächelt und mit den Wimpern klimpert, trampelt man über euch weg. Gemma hätte am liebsten eine geraucht; in solchen Zeiten, wenn man seine Gedanken in Ordnung bringen mußte und alles andere einen nur ablenken würde, war das nützlich. Doch vor drei Wochen hatte sie sich ihre vierzig pro Tag gestrichen, und sie wußte, wenn sie sich jetzt auch nur eine genehmigte, würde das einschlagen wie ein Krokodil im Schwimmbecken. Um etwas zu tun zu haben, ging sie ihre Liste noch einmal durch, obwohl sie jeden einzelnen Punkt schon lange auswen- dig kannte. Dieser Schnarler konnte ihren Fragen sowieso ein schnelles Ende bereiten, wenn er das wollte. Alles hing von seinem guten Willen ab. Wenn er ihr die Vertraulichkeit, die sie ihm zusicherte, nicht abnahm, würde er Strafverfolgung wit- tern, und das war's dann. Sorg also von Anfang an dafür, daß er sich nicht bedroht fühlt. Sie warf einen Blick auf die Uhr und überprüfte die Video- phon-Anzeige des Snit, ob sie auch wirklich die richtige Num- mer eingegeben hatte. Mit solchen Geräten war sie nicht ver- traut, da sie selbst nichts Komplizierteres als einen Videorecor-, der besaß. Sie schaute quer durch den Raum zur Bar und über- legte, ob sie sich nicht ein Glas vom Whisky des Ministers genehmigen sollte (er hatte sie aufgefordert, sich ruhig zu bedienen), entschied sich aber dagegen, als sie schon halb aus dem Sessel heraus war. Also ließ sie sich wieder gegen den Sesselbezug sinken und sah ein paar Minuten lang zu, wie auf dem Chronometer des Snit die blaßrosa Ziffern einander folg- ten, bevor sie sich losriß und sich im Raum umblickte, um wieder eine normale Perspektive zu gewinnen. Das Stadthaus des Ministers für Aborigines-Angelegenheiten ließ wenig von seinem Zweck erkennen, abgesehen von zwei großen Acryl-Leinwänden mit Traumzeitfiguren auf beiden Seiten des gefliesten Kamins und dem Regierungs- Datenzentrum, an dem Gemma saß. Das Licht der Spätnach- mittagssonne ließ die Terrassenfenster im zweiten Stock fast undurchsichtig erscheinen, brachte aber noch immer den reichen Glanz der Möblierung aus dunklem Holz zum Vor- schein. Der Raum erinnerte Gemma an all die anderen durch und durch gewöhnlichen Politikerhäuser, die sie damals Mitte der Achtziger mit ihrem Vater besucht hatte, ein ungelenkes, sommersprossiges Mädchen, das sich im Trägerkleidchen statt der üblichen Shorts unbehaglich fühlte und nur zu gut wußte, daß es nicht herumzappeln durfte, während ihr Vater seine Lobbyarbeit für das Volk machte, das ihn adoptiert hatte. Ihr Vater hatte sie nicht mitgenommen, weil er keinen Babysitter zur Hand gehabt hätte; sie war ein drahtiger kleiner Eisbrecher gewesen und hatte es ihrem Vater so ermöglicht, über die Formalitäten hinwegzugehen und gleich zu dem vorzustoßen, was er konnte: Druck machen. Als Jack Stranger gestorben war,, hatte eine ganze Nation innerhalb einer Nation getrauert. Damals hatte Gemma weit weg an der Schauspielschule der Universität Bristol studiert und kein Geld zusammenbekom- men, um nach Hause zu fliegen und richtig Abschied zu neh- men. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie sich dieser hoffnungslosen Sache verschrieben hatte, weshalb sie diesem Martin Leywood half. Er ähnelte ihrem Vater, obgleich er nur zehn Jahre älter war als Gemma und sein eher überkandidelter Stil wenig mit den kontrollierten Ausbrüchen ihres Vater gemein hatte. Das Snit zirpte dreimal. Gemma nahm im Sessel eine präsen- table Haltung an und sah zu, wie das Videophon die lange amerikanische Nummer wählte. Die Luft über der Projektions- scheibe war von einem schimmernden Nebel erfüllt, während die Verbindung hergestellt wurde. Während des Läutens er- schien das Symbol der Global Telecom darin. Gemma wickelte sich eine ihrer leuchtendroten Haarsträhnen um den Finger, bis sie merkte, was sie da machte. Darauf verschränkte sie ihre knochigen Hände im Schoß. Sie wollte auf keinen Fall verführe- risch wirken. Der Gedanke brachte sie zum Lachen. »Hallo – Ms. Strange, nehme ich an?« fragte der Mann im Rollstuhl, der nun über der Projektionsscheibe Gestalt annahm. Er war in den Fünfzigern, hatte das kurzgeschorene Haar eines Soldaten und fiel Gemma sofort durch seine Ausstrahlung von Tugendhaftigkeit und Sauberkeit auf. Scheinheiliger CIA- Schleimer. Dennoch gab sie höflich zurück: »Oh, Stranger heiße ich, Mr. Schnarler. Freut mich, Sie kennenzulernen.« »Ganz meinerseits. Also, was kann ich für Sie tun? Unser Ge-, spräch muß doch enorme Telefonkosten verschlingen.« Er ergriff das eine Bein mit beiden Händen und hob es hoch, schlug die offensichtlich gelähmte Gliedmaße so über die ande- re, wie ein Bauchredner das vielleicht mit seiner Puppe machen würde. »Nein, Mr. Schnarler, das hier ist ein Regierungs-Snit, und so kann ich Ihnen versichern, daß es hier keine Wanzen gibt und wir alle Zeit der Welt haben.« »Also, ich nicht«, erwiderte er sarkastisch. »Bringen wir die Sache hinter uns, damit ich rausgehen und Golf spielen kann.« Golf? wunderte sich Gemma ungläubig. »Okay«, begann sie. »Zunächst einmal möchte ich wiederholen, wie ich Ihnen schon in meinen Briefen versichert habe, daß unser Gespräch absolut vertraulich ist und sie absolut anoynm bleiben…« »Zum Teufel, es wird Ihnen doch sowieso keiner glauben«, antwortete der frühere CIA-Agent. »Schuß.« »Okay«, sagte Gemma. »Ich gehe also davon aus, daß sie Ihre Beteiligung an der Verschwörung zugeben, durch die vor elf Jahren die Schauspieler und Bühnenarbeiter, die an der Auffüh- rung von The Tempest beteiligt waren, zu Tode kamen.« Gem- ma mußte eine Pause einlegen, um Luft zu holen. »Verschwörung? Es gab keine Verschwörung. Es war eine geheime Operation auf dem Gebiet eines befreundeten Staates, um US-Interessen gegen ein Leck in der Geheimhaltung eines neuen Waffensystems zu schützen. Zum Nutzen der ganzen Vereinigten Freien Welt.« »Schön. Das geben Sie also zu?« »Gewiß. Warum nicht?« Weil Ihnen eine lange Gefängnisstrafe drohen könnte, dar-, um, dachte Gemma. Trotz seiner gelassenen Pose muß der Mann Angst haben aufzufliegen. Und er muß randvoll mit Bitterkeit gegenüber seinem alten Arbeitgeber sein, sonst würde er gar nicht erst mit mir reden. Der Unfall, den Schnarler erlit- ten hatte, war Gemmas einziger Glückstreffer gewesen, seit sie vor einem Jahr mit ihrer Untersuchung begonnen hatte. Sie hatte den Bericht in der alten Ausgabe einer Zeitung gelesen und richtig geraten, daß er der CIA die Schuld an seiner Quer- schnittlähmung geben würde. Nun mußte sie eben noch einmal raten. »Sie kennen sich also mit den Auswirkungen der… äh… Ge- heimwaffe aus. Mit den Nebenwirkungen auf den Benutzer, meine ich.« »Ja. Deswegen haben wir das Projekt Thoughtboost in den frühen Neunzigern ja über Bord geworfen.« Er unterdrückte ein Gähnen. Thoughtboost? – Gedankenverstärker. Sie kritzelte das Wort in ihr Notizbuch, ohne den Versuch zu machen, begeistert zu wirken. »Richtig«, sagte sie dann. »Nun, an den unterschied- lichsten Orten in der ganzen Welt sind in letzter Zeit ganz ähnliche Ereignisse vorgefallen.« Gemma lehnte sich zurück und beobachtete seinen Schock, als ihm klar wurde, was sie damit behauptete. »Natürlich«, sagte er bemüht, sich zu sammeln, »früher oder später mußte irgend jemand unabhängig von uns auf dasselbe Prinzip stoßen.« »Das glaube ich nicht«, entgegnete Gemma. »Zumindest ist das unwahrscheinlich, denn die Leute, die diesen Ereignissen ausgesetzt waren, wurden, soweit ich es beurteilen kann, nicht nach einem bestimmten Muster ausgewählt – und bevor Sie das, alles nun als individuelle Wahnvorstellungen abtun: Es gibt zwei Dinge, die diese… äh… Visionen auszeichnen. Immer gibt es mehr als einen Zeugen; und sie haben echte, physische Aus- wirkungen.« »Und woher soll das dann Ihrer Meinung nach kommen, Ms. Stranger?« »Das würde ich gerne von Ihnen erfahren, Mr. Schnarler.« »Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?« kam er Ihrem Vorschlag zuvor. »Ich möchte herausfinden, ob die CIA diese Verbindung schon hergestellt hat, und wenn ja, wie sie sich damit befassen will. Ich hoffe, die Aktivitäten der CIA dokumentieren zu können. Das ist die einzige Möglichkeit, ihr Mitwirken an der ursprünglichen… äh… verdeckten Operation zu beweisen.« Hoffnung wäre das richtige Wort, dachte Gemma. Sie hatte nur das Erbe ihrer Großtante, um eventuell die eine oder andere Stippvisite zu einem entsprechenden Observationsprojekt der CIA zu finanzieren. Und nicht mehr viel Zeit, um nach Argen- tinien zu fliegen und Madonnavisionen zu untersuchen, zu- mindest nicht für ihre Magisterarbeit. Vielleicht wäre es gut für Martin, aber war sie bereit, seinetwegen ihren Abgabetermin zu versäumen, war sie bereit, für ihn durchzufallen? Sie mochte Martin, aber ob sie soweit gehen wollte, wußte sie nicht. »Ich hatte gefragt, was springt dabei für mich raus, Ms. Stranger?« »Sorry. Was für Sie rausspringt? Die Möglichkeit, ihre Hände etwas vom Blut reinzuwaschen, Mr. Schnarler.« »Fangen Sie doch nicht mit dem Quatsch an.« Obwohl sie riskierte, damit alles zu gefährden, konnte Gem-, ma einer Retourkutsche nicht widerstehen. »Sehen Sie, ich weiß, was passiert ist. Ich weiß, wie viele unschuldige Menschen bei ihrer verdeckten Operation umgekommen sind. Vielleicht waren es Dummköpfe – na ja, ich versuche das Gegenteil zu beweisen –, aber auf jeden Fall hatten sie diese Exekution in keiner Weise verdient! Und ich habe einige der Überlebenden kennengelernt, Mr. Schnarler. Mit ihrem Eingriff haben sie Leben und Karriere einiger wirklich fähiger Leute völlig rui- niert. Ich weiß, daß sie damals an das glaubten, was sie taten, aber ich weiß ebenso, daß sie jetzt nicht mehr an die CIA glau- ben und nicht mehr an das, wofür sie steht. Gehen Sie jetzt Golf spielen, Mr. Schnarler, und denken Sie einfach einmal darüber nach. Hier bietet sich Ihnen die Chance, etwas wirklich Gutes zu tun. Gleichen Sie das Spiel aus. Sagen Sie mir, daß sie dar- über nachdenken werden. Bitte?« »Ich werde darüber nachdenken.« Er sah mürrisch aus, hart. Gemma war sich ziemlich sicher, daß sie die Sache verhauen hatte. »Vielen Dank für das Gespräch, Mr. Schnarler.« »Auf Wiedersehen, Ms. Stranger.« Er legte auf. Die Luft über der Sichtscheibe blitzte einen Moment lang weiß auf und klärte sich dann. Gemma sackte in ihren Sessel zurück und ließ schnaufend ihre Anspannung verebben. Das war's gewesen. Vorbei. Ihre einzige Chance. Ihre Magisterarbeit. Na ja, sei's drum. Tränen lagen Gemma Stranger nicht. Ihr Vater hatte die Fä- higkeit besessen, über jeden Fliegenschiß loszuflennen. Sie mußte diese Unfähigkeit von ihrer Mutter geerbt haben, die auf allen Fotos, die Gemma von ihr kannte, dieselbe in sich gekehr-, te, zurückhaltende Ausstrahlung aufwies wie Gemma selbst. Eine lange Ahnenreihe stoischer, rothaariger italienischer Bauern, beinahe schweizerisch in ihrem wortkargen Fleiß. Die meisten der Frauen starben jung. Gemma war fest entschlossen, ihnen nicht zu folgen, und hatte zum Teil auch deswegen mit der Schauspielerei angefangen. Es scheint irgendwie nicht zu klappen, Gern, oder? dachte sie trübsinnig. Ganz in Gedanken versunken stand sie auf und griff nach der großen Tasche mit Büchern und Unterlagen, die sie überallhin mitnahm, die Lippen fest zusammengepreßt. An der Tür blieb sie stehen und ließ den Blick noch einmal über den Raum gleiten, ob sie auch nichts verändert hatte. Sie setzte die Tasche ab, ging zum Snit zurück und löschte die von ihr programmier- te Nummer aus dem Speicher. Wohin jetzt? Eigentlich konnte sie auch schon jetzt am Vormittag zu Kevin Gore fahren, um herauszufinden, was er, falls überhaupt, zu sagen hatte. Sein Ruf als großer Schweiger war nicht gerade ermutigend. Aber sie mußte nun mal jeden Beteiligten interviewen, wenn ihre Magis- terarbeit glaubwürdig erscheinen sollte. Gemma ging wieder zur Tür, nahm ihre Tasche und trat ins Treppenhaus. Ihre kantigen Schulterblätter sorgten dafür, daß der feuchte Fleck hinten auf ihrem Kleid den Rücken nicht berührte, doch beim Hinabsteigen zitterte sie vor Wut, so unfähig wie nur je, eine Niederlage hinzunehmen.,

FÜNF

················································································································· »…sagte, die Licht-Lanzen seien vermutlich derselben Vereini- gung zuzuschreiben, die auch für das Waga-Waga-Bandwurm- Gendesaster verantwortlich zeichne. Alle, die sich heute zwi- schen Mitternacht und halb drei Uhr morgens in dieser Gegend aufgehalten haben, wurden gebeten, sich zu melden…« Kevin blinzelte schmerzerfüllt in das fast schon vertikale Sommerlicht, das grausam in dem Schlafzimmeranbau herum- hüpfte. Während ein Teil seines Kopfes sich so anfühlte, als wäre er mit einer rostigen Kneifzange herausgerissen worden, war der Rest von ihm eigentlich ganz in Ordnung. Die Laken legten sich puderleicht und sauber über ihn, als er sich wieder unter sie kuschelte. Es waren nicht die seinen, oder? Er war in Melbourne, bei Sherelle. Genau. Er hatte Martin im Kranken- haus besucht, war dann auf einen Drink mit… Er wälzte sich herum. Da lag sie, groß, weich, kräftig, und schnarchte ganz leise. Hoffentlich hatte sie vergangene Nacht ihren Spaß gehabt; Scheiße, beim Versuch, sich zu erinnern, fiel ihm alles wieder ein. Er runzelte die Stirn; als ihn das letzte Mal eine Frau so auf Trab gebracht hatte, in Sydney, war der Grog ebenfalls in Strömen geflossen. Und auch sie war groß und herrisch gewesen… Vergiß das, alter Junge. Gill war Gill, und, diese Frau war sie selbst. Wenn er sich nur an ihren Namen erinnern könnte. »…und hier zum Schluß noch eine Nachricht aus England. Ein gewisser Charles Hobbes aus Nailsea im Südwesten des Landes hypnotisierte den größten Teil des Pflegestabs und eine beträchtliche Zahl anderer Patienten in seinem Pflegeheim! Er brachte die Pflegerinnen dazu, in die Stadt zu gehen und ihm Schmuck, Musik-Software, kundengerechte Kleinroboter, ein Snit-System und sogar ein Auto zu kaufen. Als er schließlich von einem ehemaligen Polizisten gestoppt wurde, der nicht beeinflußbar war, weil er sein Hörgerät abgeschaltet hatte, erklärte Mr. Hobbes, ein munterer Dreiundsiebzigjähriger, ein kleiner Mann aus dem Weltraum, der in einer Smartcard woh- ne, habe Kontakt zu ihm aufgenommen und ihm zur Beloh- nung für sein hartes Arbeitsleben in einer Schokoladenfabrik diese hypnotischen Kräfte verliehen. Nun…« Kevin setzte sich auf. Jesus Christus, das war doch unmög- lich! Dann schlug der Kater zu, und er sank aufs Kopfkissen zurück, jedes weiteren Gedankens unfähig. »…Besatzung des Mars-Lander sollte nach dem kleinen Mann Ausschau halten. Vielleicht machen die da oben ja richtig Knete! Hier ist auf jeden Fall eine Smartcard, die diesen Typen hier eine Menge Knete einbringt. Es sind die Sang Froids mit ›Crunch my Goolies to Pulp‹.« Kevin stellte das Radio ab, und in seinem Kopf ging der Tu- mult los. Die Frau neben ihm bewegte sich im Schlaf. Es konnte bei dieser Geschichte einfach nicht um das Dingsbums gehen. Und doch waren alle Elemente versammelt: Weltraum, überna- türliche Überzeugungskraft, auch eine Vision. Er fragte sich,, was Martin sich wohl dazu denken mochte. Nein, das war einfach dummer Quatsch, sonst nichts. Genau die Art von Mist, die ständig aus den englischen Sonntagszeitungen quoll: »EIN AUSSERIRDISCHER HAT MEINEN SOHN DIE TOILETTE HINUNTERGESTOPFT UND IHN ZUR MÜLLENTSOR- GUNG BENUTZT.« Glaub da nicht dran, mein Junge, das ist der Weg zum Wahnsinn. Schlaf lieber wieder ein. Doch seine Gedanken ließen einfach nicht locker. Wenn es nun doch stimmte? Wenn dieser Hobbes oder wer auch immer das allerneueste Nebenprodukt dessen wäre, was sie in Inne- raustralien getan hatten? Natürlich ging es nicht um einen echten Kontakt mit Außerirdischen, aber eben doch darum, daß noch viel mehr Leute diesen Anfällen von Verrücktheit erlagen. Martin hatte gesagt, solche Vorfälle hätten eine stei- gende Tendenz. Aber warum jetzt, so viele Jahre später? Die Tür zirpte. Er wälzte sich aus dem Bett und landete schwer auf allen vieren. Für Großstadtmenschen, an Alkohol und späte Nächte, die man mit dem Lobpreis später Nächte verbringt, gewöhnt, für Leute, die den frühen Morgen allenfalls mit schläfrig verschwimmendem Blick erlebten, war so etwas die reine Gewohnheit. Er beneidete und bemitleidete sie gleich- zeitig, während er aufstand, um das Bad zu suchen. Die Tür zirpte. Aus Rücksicht auf die Schlafende in seinem Bett verkniff er sich ein Rufen. Während er seine hagere Taille mit einem von Sherelles riesigen Handtüchern umwickelte, kam ihm allmählich die Erinnerung, wie zärtlich und lustig diese Frau gewesen war, und so verließ er das Schlafzimmer. Er lächelte, als er die Tür hinter sich zumachte. Bin wohl auf die Füße gefallen, dachte er., Die verdammte Tür zirpte. Als er sie öffnete, stach das Licht auf ihn ein, und so konnte er nicht erkennen, wer da stand. Sie war klein. Kevin wich zurück, um sie einzulassen, die eine Hand auf seine Stirn gelegt, die andere auf das Handtuch. »Oh, tut mir leid, daß ich Sie geweckt habe.« Sie schaute auf die Uhr. Sie war sogar noch kleiner als Kevin und machte nervöse Flatterbewegungen mit dem einen sommersprossigen Arm, als wollte sie auf der Stelle umkehren. Sie trat nach rechts, ließ ihre schwere Tasche aufs Linoleum plumpsen, strich mit der Hand über den Couchrücken und wandte sich ab, vielleicht weg von seiner halbnackten Gestalt. »Nein, nein, kommen Sie rein, setzen Sie sich. Ich wollte so- wieso aufstehen«, log Kevin, ein großartiger Anfang. Seine Augenwinkel verzogen sich zu Fältchen, obwohl er noch immer ein wenig verstimmt über ihr Eindringen war. Er zeigte auf einen Hocker, ein Stahlrohr-Ding aus den Siebzigern, vor ein paar Jahren war da aller Zorn wieder hochgekommen. Er legte die Hände auf die Frühstückstheke aus weißem Marmor. »Kaf- fee?« »Besser nicht. Seit einer Woche trinke ich keinen Kaffee mehr – na schön.« Sie lachte: ein komischer Schluckauf. Die tiefen Ringe um ihre Augen gruben sich noch tiefer ein. Schließlich sah sie ihn an. In ihren Augen lag etwas Bittendes. Auf der Suche nach der Kaffeekanne durchquerte er die Kü- chenecke. »Kevin Gore.« »Gemma Stranger. Es ist sehr ungewöhnlich, daß man je- manden hereinbittet, ohne zu wissen, wer er ist oder warum er kommt.«, »Ich bin nicht von hier.« Er kramte den Teeschrank durch. »Jedenfalls erinnere ich mich jetzt an Ihre Briefe. Was wollen Sie also? Und wie haben Sie mich gefunden?« »Also, ich verkaufe weder Versicherungen noch Gott.« »Da bin ich aber sehr erleichtert.« »Ich habe bei Ihnen zu Hause angerufen, und Ihre Freundin erklärte mir, wo ich Sie finden kann. Ich hoffe, das ist in Ord- nung. Ich habe mir dadurch eine ziemlich lange Reise erspart. Ich komme von der Uni Melbourne?« »Ja, ich weiß, wer sie sind, und schauen Sie, ich habe kein Interesse. Ich habe wirklich…« »Bitte.« Sie stemmte die Tasche auf die Küchentheke hoch und wühlte ungeschickt darin herum. »Ich habe nur noch ein paar Wochen, bevor ich meinen Entwurf einreichen muß, und ich bekomme keine Verlängerung mehr. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.« Sie holte ein dickes Papierbündel und dann ein dickes, blaues Büchlein heraus. »Über das da.« Sie schwenkte das Büchlein vor dem Gesicht wie eine Trödlerin Ware auf einem Flohmarkt, als erkläre das Büchlein allein schon alles. Er öffnete die Schränke beim Herd. Was war das für ein Buch? Er wußte nichts davon. Und doch kam es ihm bekannt vor (was für wundervolle Brüste). In dieser Küche mußte es eine Kaffeekanne und auch frischen Kaffee geben. Soviel war ihm von der vergangenen Nacht in Erinnerung geblieben. Laß sie reden. »Mir ist klar, daß das kein besonders guter Moment ist, Ih- nen Fragen zu stellen. Vielleicht können wir zusammen zu Mittag essen. Ich meine, ich lade sie zum Essen ein. Wo sie, wollen – egal.« Kevin begann im Schrank unter der Theke. »Äh… Wonach suchen Sie eigentlich.« »Die Kaffeekanne mit dem Ding zum Runterdrücken«, knurrte er. Und suchte weiter. »Äh… häm. Ist es vielleicht das da?« Kevin richtete sich auf. Sein Handtuch rutschte über die Hüf- ten, und er schnappte schnell danach. »Ja, danke«, meinte er ungnädig. Mit der freien Hand nahm er ihr die Kolbenfilter- kanne ab und ging damit zur Steckdose beim Herd, wo er sie abstellte, um sein Handtuch mit dem Rücken zu ihr neu einzu- stecken. »Soll ich Sie in Ruhe frühstücken lassen und lieber nachmit- tags noch mal wiederkommen?« Er drehte sich um. »Ms. Strange, ich…« »Stranger.« »Stranger. Sehen sie, ich möchte keine Fragen für Ihren Auf- satz beantworten.« »Es ist meine Magisterarbeit.« »Was auch immer. Seit elf Jahren versuche ich, diese Sache zu vergessen, und bisher ist mir das auch sehr gut gelungen.« »Äh… Aber haben Sie denn nicht gestern Martin Leywood besucht?« Jetzt fiel ihm ein, was das dicke blaue Büchlein war. Sein ei- genes Exemplar hatte einen elfenbeinfarbenen Deckel gehabt und war recht ramponiert gewesen; Martin hatte es ihm ge- schickt, nachdem alle großen Verlagshäuser es abgelehnt hat- ten. Trotz der schrecklichen Handschrift hatte Kevin die Prosa- version von Alle Reize dahin wie unter einem Zwang verschlun-, gen und anschließend verbrannt. »Der Mann hat schwere Zeiten hinter sich. Ich hoffe, Sie ha- ben ihn nicht belästigt.« »O nein. Er tut nichts lieber als reden.« »Ja, das stimmt.« Ganz gegen seinen Willen wurde Kevins Tonfall milder. »Dann wissen Sie ja alles. Ich glaube nicht, daß Sie mich noch irgendwas fragen müssen.« »Sie bestätigen also seine Aussage in dieser Angelegenheit?« Kevin seufzte. In einem übertrieben geduldigen Singsang fragte er. »Wie trinken Sie Ihren Kaffee, Ms. Stranger?« »Äh… schwarz, ohne Zucker.« Hier war eine Frau, die angestrengt darüber nachdenken mußte, wie sie ihren Kaffee trank. – Akademiker! »Kevin, ich schreibe eine Abschlußarbeit über neue Techni- ken und das australische Theater; Sarah Witchell's Tempest ist die faszinierendste Theatergeschichte seit The Playmaker.« »Das war ein tolles Buch. Wer hat das noch mal geschrie- ben?« »Thomas Keneally. Es könnte das Gesicht des modernen Theaters verändern! Und wenn es wahr ist…« »Gab es nicht auch einen Film?« »Fred Schepisi, neunzehnhundertdreiundneunzig. Kevin, ich versuche nur, meine Arbeit zu tun.« »Wie kommen Sie dazu, im Privatleben von Leuten rumzu- schnüffeln, die noch hier unten auf der Erde rumlaufen?« Sie war richtig rot geworden, im Gesicht und direkt über dem vorstehenden Schlüsselbein. »Jesus noch mal, Sie hätten wenigs- tens abwarten können, bis wir alle tot sind. Reicht es nicht, daß unter diesem ganzen Gerede vom großen Verlust fürs Theater,, wie das in den Zeitungen hieß – was eine verfluchte Untertrei- bung war –, daß darunter ein höhnischer, spöttischer Tonfall mitschwang, der besagte, wir wären verdammte Idioten gewe- sen, so einem durchgedrehten Verrückten mitten ins Nirgend- wo zu folgen? Reicht Ihnen das nicht? Mir ist es egal, was sie über meine Freunde und die ganze Sache sagen, wenn ich einmal tot bin. Tot ist tot, und damit hat die Sache ein Ende, aber Sie wollen uns die Hölle heiß machen, solange wir noch da sind, und ich werde Ihnen nicht nur nichts sagen, ich werde sogar verdammt noch mal mein Bestes tun, sie aufzuhalten. Klar?« Kevin zitterte. Gegen Ende seiner Tirade hatte er die Stimme erhoben. Zu spät fiel ihm ein, daß im Nebenzimmer noch jemand schlief. Gemma erwiderte mit leiser Stimme: »Dann bin ich auch tot, Mr. Gore, wenn man gefahrlos über die Sache schreiben kann. Es… es war ein… eine innovative Theaterarbeit, und das war einer der Aspekte, auf die ich mich konzentrieren wollte…« Ihre Mundwinkel zeigten nach unten, und die Narben einer vergangenen Schlacht mit Aknepusteln zeichneten sich deutlich in ihrem rot angelaufen Gesicht ab. Eine handlange Strähne ihres widerspenstigen roten Haars hing ihr über die Augen, aber sie versuchte nicht, sie wegzuschieben; ihre Hände lagen neben dem mit Eselsohren markierten blauen Büchlein ver- krampft auf der Marmorplatte, und die kleinen Finger mit den ruinierten Nägeln berührten sich, rückten auseinander und berührten sich von neuem. Der Wasserkocher war fertig. »Guten Morgen.«, Eine hochgewachsene Gestalt mit kurzem, verstrubbeltem Blondhaar stand in ein Bettlaken gehüllt gähnend in der Tür zum Schlafzimmer. Kevin zog den Stecker des Wasserkochers aus und trug ihn zur Kaffeekanne. »Äh… Angie. Das ist…« »Gemma.« »Gemma. Äh… möchtest du Kaffee?« »Nein, danke. Ich muß nur mal Pipi.« Jetzt war es an Kevin, nervös zu kichern. »Fühl dich frei.« Er drückte den Kolbenfilter hinunter, zu früh. »Ich such mir jetzt mal ein paar Klamotten zusammen. Bedienen Sie sich, Gem- ma.« Sie nickte. Während er unter dem Bett nach seiner Unterwäsche fischte, kam Angie hereingetapst. »Hallo, alter Junge«, sagte sie. Kevin fand seine Boxer-Shorts. Er drehte sich um und ließ sich in ihre Umarmung sinken. Sie küßten sich. Ihre Lippen wirkten irgendwie geistesabwesend. Er reckte sich und küßte sie noch einmal, mit dem gleichen Ergebnis. »Bis bald«, flüsterte er. »Laß dir Zeit, Kevin.« Ihr sanfter, weicher Blick verharrte zärtlich auf seinem Gesicht. Sie klang traurig. Kevin zog seine Boxer-Shorts und ein Paar Jeans an, dann verließ er das Zimmer. »Ms. Stranger…« »Meine Freunde nennen mich Budge.« »Bud- ge?« Er setzte sich und goß sich Kaffee ein. »Das ist eine lange Geschichte.« »Ich bin eigentlich nicht… zu diesem Kreis gehöre ich wohl, nicht.« »Dann nennen Sie mich Gemma.« »Gemma… Vielleicht können Sie nachvollziehen, wie wir diese Ereignisse heute empfinden. Wenn irgendeiner der ande- ren Ihnen irgend etwas darüber berichtet hätte, wären Sie nicht zu mir gekommen: Keiner von uns möchte sich daran erin- nern.« »Ich hatte recht informative Interviews mit den anderen Leu- ten aus der Truppe. Alle waren durchaus offen mit mir.« »Wirklich.« »Ja. Aber Sie und Martin sind die einzigen Zeugen für die… ungewöhnlicheren Elemente der Geschichte.« »Und Sie haben mit Martin gesprochen. Was hat er gesagt?« »Daß alles, was er da drin geschrieben hat« – sie zeigte mit ihrer kleinen Hand darauf –, »der Wahrheit entspricht. Und daß es nicht leicht sein würde, Ihnen irgend etwas zu entlo- cken.« Sie lächelte trübselig. Kevin nickte. Er fand seinen Tabak und das Feuerzeug in der Tasche seiner Jeans und drehte sich bedächtig eine Dicke auf dem kühlen Marmor. Ihn genau im Auge behaltend sagte Gemma: »Er sagte, Sie hätten ihn seit elf Jahren weder besucht noch je einen Brief von ihm beantwortet. Er hat sich gefragt, warum Sie ihn wohl be- sucht haben. Von ihm habe ich Ihre Adresse bekommen.« Der Tabak war an einer Stelle verfilzt und mußte sorgfältig auseinandergezupft werden. »Er sagte außerdem, Sie hätten Ihre Gründe dafür, und ich sollte sie deswegen nicht mit Fragen belästigen.« Er drehte sich eine ausgezeichnete Zigarette, kippte den ü-, berschüssigen Tabak wieder in das Päckchen zurück, verschloß es mit der Klebelasche, stopfte es in seine Batzentasche und schaute auf. Er nahm das Messingfeuerzeug und ließ es auf- und zuschnappen, während Gemma redete. »Sehen Sie, ich brauche nur die Bestätigung eines Zeugen, der alles gesehen hat und den Mund aufmacht.« »Er ist freiwillig da drin.« Er steckte die Zigarette an, wäh- rend Gemma ihn unverwandt beobachtete. »Ja. Er scheint sich da sehr wohl zu fühlen.« Die Enttäuschung und darüber hinaus das Mitgefühl in ihrer Stimme drangen schließlich zu Kevin durch. Er blickte auf ihre leere Kaffeetasse hinunter. »Kevin…« Die Worte brachen plötzlich und laut aus ihr her- aus. »Ich glaube, ich habe vielleicht eine Neuigkeit, die ihm helfen könnte, die ihn da rausholen, ihn dazu bringen könnte – es noch einmal zu versuchen.« »Ja, was denn?« »Offensichtlich ist jetzt keine gute Zeit für eine längere Un- terhaltung. Kann ich vielleicht wiederkommen, zum Beispiel um halb zwei, und Sie zum Mittagessen abholen?« »Ich vergehe vor Spannung.« »Gut dann.« Sie sammelte ihre Sachen ein und war einen Moment später aus dem Haus. Kevin rauchte seine Zigarette zu Ende und hörte zu, wie sie den Motor anließ. Er zerquetschte den Stummel und stand auf. Auf seinem Kopfkissen fand er eine Nachricht:, Lieber Kevin, gestern hatte ich eine tolle Nacht. Vielleicht sollten wir es dabei belassen. Falls du mich wiedersehen willst, weißt du, wo ich zu finden bin. Tausend Küsse, Angie Während er die Balkontür schloß, war er erneut von Zorn auf Gemma Stranger erfüllt. Ich sollte mich also umtun und einen Produzenten für das Ding da finden. Das Stück war etwas besser als die Prosaversion, denn Martin hatte ein gutes Ohr für Dialoge, doch ein paar gründliche Schnitte und Kürzungen würden ihm guttun. Au- ßerdem mochte es ratsam sein, die Namen zu ändern und das Stück nur mit der Aussage »basiert auf einer wahren Begeben- heit« zu versehen, um es überhaupt auf die Bühne zu bekom- men. Martins Beharren darauf, daß das Geschriebene die abso- lute Wahrheit sei, war der Grund gewesen, warum er damals gegen Mauern gelaufen war. Enzo und Packett waren tot, konn- ten also nicht gegen ihn klagen, aber man wollte ja auch ihre Familien nicht kränken. Kevin klappte das Manuskript zu. Er ließ sich zurücksinken und lehnte den schmerzenden Kopf gegen den Wollbezug der Couch. Selbst jetzt noch, nach so langer Zeit, hatte er beim Lesen der Schlußszenen Herzklopfen bekommen, doch er versuchte, sich zu beruhigen, seine Wut zu unterdrücken und das Stück objektiv zu betrachten. Zumindest hatte es eine interessante Besetzung. Martin, geckenhaft und schwärmerisch,, die Karikatur des jugendlichen Hauptdarstellers. Robyn, talen- tiert, intelligent und stark, aber nicht bereit, sich auf die Verlet- zungen der Liebe einzulassen. Ich, ein bißchen das harte Schwein, einer, der leicht in den Verdacht des Schuldigen kommen könnte. Enzo, der wie der klassische Bösewicht aus- sah, aber kein Motiv hatte, einer zu sein. Packett als der Thea- terkritiker würde zumindest ein paar Lacher bekommen, und die Verbrechen, derer man ihn bezichtigte, würden beim Publi- kum auf offene Ohren stoßen. Dave, eine exzentrische Vaterfi- gur, der lebendig gewordene Prospero. Ja, das könnte hinhauen. Und wie stand es mit dem Plot? Ei- ne Theaterproduktion von Shakespeares ›Der Sturm‹ soll weit draußen in der Wildnis aufgeführt werden. Aus gegebenem Anlaß wird das Stück jedoch nie aufgeführt. Jemand fummelt am Bewußtsein der Schauspieler herum. Ein Wer-war's-Krimi mit paranoider Auflösung? Das Ende ist jedoch tragisch, dachte Kevin, und dennoch werden die Schuldigen nie vor Gericht gestellt. Das war nicht der Stoff, mit dem man ein Publikum packte. Und selbst die unschuldigen Überlebenden konnten dagegen Klage erheben. Kevin schaute zur verklinkerten Rück- wand von Sherelles Haus hoch. Sie bringt mich in ihrer Ein- liegerwohnung unter, und zum Dank zerre ich, wenn ich Erfolg habe, all dieses Entsetzen wieder an die Öffentlichkeit. Unser verdammter Schmerz war nichts Einzigartiges, nur weil wir Hauptrollen spielten oder weil wir unwahrscheinliche Ideen über einen telepathischen Rundfunkmann hatten, der von der CIA fertiggemacht wurde. Ohne sie innerlich beim Namen zu nennen, blieben Kevins Gedanken bei einer Erinnerung an Gill hängen, wie sie bei der, Fahrt von Melbourne nach Arkaroola neben ihm im Landrover saß und sich über etwas totlachte, was jemand gesagt hatte, vielleicht Sam Schuyler, ihr Lockenschopf beim Lachen auf eine Seite gelegt, dieser Blick in ihren glänzendblauen Augen… Los, Mr. Metalhead, dem Freund reich Retterhände, los, Mr. Metalhead, es geht schon bald zu Ende. Nein! knurrte Kevin, warf sich von der Couch, rollte über den Teppich ab, wobei er um ein Haar den Couchtisch umge- worfen hätte, und kam wieder auf die Beine. Am liebsten hätte er auf etwas eingedroschen. Wie konnte die Stimme es wagen, diese Erinnerung zu unterbrechen! Er spürte ein Brennen an Schläfen und Gliedmaßen. So wütend war er nicht mehr gewe- sen, seit er mit sechzehn zu dem Schluß gekommen war, daß Gott, wenn es ihn gab, ein gemeiner Scheißkerl sein mußte. Damals war er nachts durch die Vorstadtstraßen gewandert in der Hoffnung, angegriffen zu werden, damit er dann wirklich einen Grund hatte, die Angreifer umzubringen. Wieviel von seinem Ärger in den letzten elf Jahren hatte auf Selbstmitleid beruht? Soweit Kevin sich erinnern konnte, hatte Martin all das bei ihrem letzten Streit vorhergesagt. Martin hatte sich seinem Problem offen gestellt, während Kevin sich in die Wälder zurückgezogen hatte. Kevin konnte nicht sagen, wer von ihnen beiden besser daran war. Zumindest hatte Martin eine eigene Meinung und war ehrlich mit sich selbst. Er reckte sich und gähnte heftig zusammenschaudernd, wo- bei er mit den Ellbogen flatterte. Nach seiner Uhr hatte Gemma fünf Minuten Verspätung. Er machte sich auf die Suche nach einem Hemd.,

SECHS

················································································································· aus: Alle Reize dahin »Halt an! Halt das Auto an!« Bevor er den Führerschein verlor, nahm George Albert Ley- wood, Nachfahre von Herzögen und Grafen, wie er mir immer mitteilte, wenn er beschwipst war, ein grob gezimmerter Fleischkasten von Mann einschließlich behaartem, rotem Nacken und einer Abscheu davor, die Hosen richtig hochzuzie- hen, mich oft zum Schießen mit aufs Land. Dann stapften wir über verschiedene ausgedörrte Weiden im Norden Melbournes und feuerten in kläglicher Nachahmung unserer adligen Vor- fahren die Büchse auf alles ab, was lebte. Oder vielleicht erfaß- ten wir auch das Wesen der Jagd; mir ist von all dem nur in Erinnerung geblieben, daß ich ständig die Augen zu Boden gerichtet hielt, um keine Schlange zu überraschen oder mir den Knöchel in einem Kaninchenloch zu verstauchen. Ich hatte den über das Gewehr meines Vaters und das Tou- pee des Farmers zum Besten gegeben, unter Lachkrämpfen hatten wir uns von Pete Stanopoulos erzählen lassen, welche Warnungen über den Busch man damals seiner Familie im Einwandererheim mitgegeben hatte, und Robyn hatte uns mit dem Bericht über einen Haifischangriff in Erstaunen versetzt, (sie hatte dem Opfer Erste Hilfe geleistet und es dann drei Meilen weit zu einem Telefon geschleppt), als Fred Carol, ein Zweimetermann und sanfter Bisexueller mit einer der besten Singstimmen des Theaters, uns mit diesem lauten Ruf einen Vogel auf einer Pferdekoppel neben der Straße zeigte. Wie aus dem Vorangegangenen ersichtlich, mag ich zwar den Anblick des Buschs, habe aber keinerlei Vorliebe für die stacheligen, pieksigen Unannehmlichkeiten, wenn man tatsächlich darin ist. Dennoch hielt ich an; Fred war mir in der Zeit meines Bruchs mit Anne immer eine Stütze gewesen, und in der Phase der Gelähmtheit direkt nach der Scheidung hatte er mich in Sing- Kurse geschleppt. Ich hätte für diesen Mann alles getan, solange ich nicht selbst einem Papagei durchs Stoppelland hinterher- kraxeln mußte. Ich blieb sitzen, während die anderen über die leere Straße rannten und unter dem Stacheldraht durchschlüpften. Wir hatten uns nicht sechs Wochen lang mit Vorbereitungen ge- quält, um jetzt die Freuden der Natur zu genießen, die man sich genausogut zu jeder anderen Zeit auf Video zu Gemüte führen konnte. Schließlich drehte ich mich doch um. Jenny Drapes Lockenkopf hüpfte über zwei energischen gebatikten Pobacken zwischen abgeernteten Weizenfeldern auf dem Weg zu einem kleinen Damm, wo ein weißer Fleck wartete, ihre Beute. Ich mußte lachen. Sie wog mehr als zwei Zentner. Wie Fred diesen Punkt als langschnäbligen Corella hatte identifizieren können, war mir schleierhaft. Noch immer war ich nicht in Versuchung, mich selbst zu überzeugen. Dann fiel mir etwas ins Auge: Nur die unvermeidlichen Flügel einer Wasserpumpe, doch vom Licht mit flüssigem Gold überzogen, der galvanisierte Turm, einer von sich kreuzenden Linien überzogenen Sonnenleiter. Wie oft hatte ich diese Wahrzeichen schon in Filmen oder bei der Fahrt von einer Stadt zur anderen gesehen? Doch noch nie hatte ihre Einfachheit mich so in Bann geschlagen. Da stieg ich aus. Ich hockte mich nicht hin und ging auch keineswegs langsam, so fasziniert war ich von der Wasserpum- pe. Bald hatte ich Jenny überholt. Fred jedoch, der gute, sanfte Fred, packte mich beim Knöchel, als ich vorbeiging, und brach- te mich Gesicht voran im Staub zu Fall. Er bot mir sein Fernglas an. Ich gab nach. Der langschnäblige Corella ist geringfügig größer als der Galah und kleiner als der schwefelbrüstige Cockatoo, dem er aber ähnelt, weil er überwiegend weiß ist und einen Federkamm besitzt. Er ist mit scharlachrot-orangefarbenen Flecken ge- schmückt, doch nicht das erweckte mein Interesse. Wie der Corella (ein wesentlich häufigerer Vogel) besitzt er einen nack- ten, blauen Augenring, der sich unter den Augen noch etwas verbreitert. Dadurch wirkt er traurig, so wie jeder Bluthund verlebt und ausgenutzt wirkt. Zwar habe ich für die meisten Menschen selten Zeit, doch in diesem Moment fand ich in meinem Herzen einen Platz für Vögel. »Also, was meint ihr?« fragte Pete auf seine jungenhafte Art. Seine schäbigen kurzen roten Shorts und sein blaues Schafsche- rerunterhemd waren staubgestreift. »Ist das hier toll oder was?« Es war der Beginn einer langen Serie von Ausrufen des locken- köpfigen Griechen. Bis Arkaroola war es eine dreitägige Fahrt, und danach noch einen guten Tag ohne jede Straße. Schließlich, war Fred gezwungen, ihn zu knebeln und mit Pullovern zu fesseln, was er mit großem Vergnügen tat. Der Vogel hatte mich insgeheim bewegt, ich war aber nicht bereit, meine Gefühle auszusprechen und von Jenny lächerlich machen zu lassen; so schaute ich auf die vorbeiziehende Ebene hinaus. Robyn saß nun am Steuer. Sie fuhr mit der absoluten Konzentration eines Fahrers, der sich am Lenkrad unsicher fühlt, was mich überraschte, wenn ich an ihr Selbstvertrauen auf der Bühne dachte. (Später am Lagerfeuer erzählte sie mir von dem Unfall, der in Neuseeland ihre Bühnenkarriere für ein Jahr unterbrochen hatte und bei dem ein Freund ums Leben ge- kommen war, einer der Gründe für ihren Umzug hierher.) Nach einem Gespräch zwischen Jenny Drape und Fred über seine Leidenschaft für Vögel versanken wir in die Stille der Straße und der vorbeirauschenden Luft. »Mein Gott, wie ich diese Bullen hasse«, sagte Pete Stanopoulos plötzlich. »Wozu soll das jetzt gut sein?« fragte Jenny. Robyn nahm den Fuß vom Gas, obwohl der Highway sich weiterhin leer und flach vor uns erstreckte. »Letzte Woche war ich bei der Demo gegen die Schleppnetz- fischerei im Pazifik? Dieser Hippy schnitt den Bullen, die sich vor dem Japanese Trade Center aufgereiht hatten, Fratzen, und einer von ihnen langte ihn sich und stieß ihn mit dem Gesicht voran aufs Pflaster. Ich meine, er machte den Blödmann, aber das hatte er nicht verdient. Keiner hatte mit Gewalt oder so was gerechnet, aber danach ist es einfach passiert.« Bei der Erinne- rung schüttelte er den Kopf., »Mein Vater war Polizist«, erzählte Robyn, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Er war Provinzbulle in Neuseeland, aber es ist erstaunlich, wie das die Haltung der Leute verändert. In der Schule habe ich mir das immer zunutze gemacht; wenn mir einer blöd kam, habe ich ihm gesagt: Wenn du dich nicht zusammennimmst, steckt mein Papa dich ins Gefängnis. Das klappte.« Sie lachte. Wir fielen ein, eher nervös. Pete wirkte verlegen, und Robyn, die wußte, wie er sich fühlte, sagte eine Weile gar nichts mehr. Dann erwischte ich sie dabei, wie sie ihn im Rück- spiegel angrinste. Ich verspürte einen Anfall von Eifersucht, weil sie es für angebracht hielt, mit ihm zu flirten statt mit mir. Bei dem einen einzigen Kuß war es bisher geblieben; wir hatten in verschiedenen Teilen der Stadt zu tun bekommen, da sie mit einem Hammer umgehen konnte und ich mit einem Fotoko- pierapparat. Jetzt waren wir wenigstens zusammen, aber ich fürchtete, daß sie unseren guten Start vergessen hatte. Ich hätte jedoch ganz unbesorgt sei können. Jenny legte los und neckte mich wegen meiner offensichtlichen Faszination durch den Corella, wegen meiner offen eingestandenen Verach- tung für den Busch und selbst wegen der Unterhosen in mei- nem Gepäck (vernünftige weiße mit Eingriff). Robyn schloß sich an und wurde recht saftig. Ich protestierte, von heimlicher Freude erfüllt. Als wir im ersten Nachtlager ankamen, hatten die anderen fünf Wagenladungen voll Leute schon ihre Zelte aufgebaut, und Kevin Gore bereitete das Abendessen vor, wobei Gillian ihn ordentlich rumscheuchte. Als ich auf meinem Weg zu einem, Bad im Fluß an Enzos Zelt vorbeikam, fiel mir dort ein sonder- bares Licht auf, verzerrte Figuren auf der Plastikhaut. Arbeitete wohl schon auf seinem Laptop am Licht-Design, vermutete ich. Aber wie war das möglich, nachdem wir die Inszenierung noch gar nicht fest umrissen hatten? Über den endgültigen Entwurf war noch nichts beschlossen worden, da Sarah uns erklärt hatte, daß wir zunächst um den Text herum improvisieren würden. Na schön, es hieß ja, daß Enzo einen Technikfimmel hatte; Arbeit mit Licht war sein Leben. Das, und UFOs.,

SIEBEN

················································································································· Als er im kühlen Plüsch von Gemmas Triumph ins Zentrum Nunawadings rollte, fiel Kevin auf, daß Gemma aus einem schweren blauen Kleid mit Boot-Ausschnitt in ein sommerli- ches blaues Kleid mit Boot-Ausschnitt geschlüpft war. Ihr kurzgeschnittener Rotschopf rührte sich nicht im leichten Wind der Klimaanlage, wogegen seine schwarzen Haare an den Spit- zen wie Federn zitterten. Auf dem Rücksitz war ein feuchtes Handtuch ausgebreitet. Es trug den Aufdruck ›Yack-andanah Swimming-Pool‹. »Sie schwimmen wohl gerne, oder?« »Mhm.« Sie schaute grimmig auf die Freeway. Mit zwei Sil- ben ließ sich soviel sagen. Kevin begann mit dem Spiel, mit dem er sich früher immer im Auto oder im Zug beschäftigt hatte, wenn sein Vater ihm wie üblich nichts zu sagen gehabt hatte. In der Phantasie befrei- te er die Landschaft von allem Beton und Kunststoff, von ge- mauerten Wänden und Stahl, sortierte alle nicht einheimischen Pflanzen, Menschen und Tiere aus und versuchte sich vorzu- stellen, wie es hier vor dem Einfall der Europäer ausgesehen haben mochte. Sanftes Hügelland, mit Fieberbäumen bewach- sen, deren Äste mit langen Streifen abblätternder Rinde wie mit, rötlichen Vorhängen behangen waren, und darunter ein üppig- grünes Stockwerk aus Sassafrasbäumen, Schwarzer Mangrove und Baumfarnen (etwa dreißig Jahre pro Meter). Vielleicht wäre diese Gegend aber auch von Eukalypten beherrscht, vom Stringybark-Eukalyptus oder vom Blaugummibaum mit dem gescheckten, knotigen Stamm. Wie es wirklich aussehen würde, war schwer zu sagen, nachdem die Landschaft so zerfressen und zergliedert war und ganz neue Umrisse angenommen hatte. Ganz bestimmt würde dort vorn ein Bächlein rinnen, von Red- River-Gum-Eukalyptus und Farnen gesäumt, eine dicht über- wucherte Zone kühlen Schattens im sommerlich trockenen Wald (durch das obere Schirmdach würden nur spärliche Lichtreste zum Boden durchdringen, nur der eine oder andere Sonnenstrahl; dort wäre es angenehm kühl, nicht wie hier auf dem kochendheißen Asphalt.) Der Streifen dort drüben wäre trockener gewesen und mit Gestrüpp aus Banksien, Akazien, Lampenputzer- und Teebäumen bewachsen. Und an einigen Stellen hätten Aborigines Brände gelegt, und der sonst braune Waldboden wäre dort schwarz verkohlt und mit einem Pelz- chen eßbarer grüner Triebe bewachsen, über denen die von unzerstörbarer Rinde geschützten Eukalyptusbäume schon wieder saftig grüne Blätter trieben. Problemlos bevölkerte seine Phantasie den Busch mit grünrückigen Buntsittichen, deren scharlachrot-gelbe Bäuche beim Flug im Schatten aufblitzten, mit gelbschwänzigen Rabenkakadus, die auf der Suche nach Insektenlarven Akazien aufrissen und wieder verschlossen, mit einem Spornpieperpärchen, das einen viel größeren Lachenden Hans in die Flucht schlug, mit Leierschwänzen, Fat Ravens, Currawongs und Würgervögeln. Es war einfach, sich ein, schwarzschwänziges Wallaby beim Grasen auf der Lichtung neben dem Lampenputzerbaumgestrüpp vorzustellen, wo kleine einheimische Bienen die leuchtendroten Blüten um- summten, ein, zwei oder drei Koalas, die von den giftigen Blättern berauscht auf einem Zuckergummibaum hockten, ein paar Beuteldachse, die in einem von Feuer zerstörten, umge- stürzten Baumstamm schliefen, so klein, daß sie auf zwei zu- sammengelegten Händen Platz hätten, den plumpen Körper einer blauzüngigen Echse, die zwischen einem Vogelorchideen- gebüsch und dem Bächlein gemächlich nach Schnecken suchte. Um diese Landschaft, die ihm nun rasch entglitt, als sie sich ihrer Abzweigung näherten, jedoch mit Menschen zu bevöl- kern, um in seiner Farbfilmphantasie mehr heraufzubeschwö- ren, als das idealisierte Bild eines kraushaarigen, mit Kletter- beutlerfell bekleideten Mannes, der eine Keule schwang, um mehr als den blöden Abklatsch einer Skizze aus dem neunzehn- ten Jahrhundert zustande zu bringen, dazu fehlte ihm das Vorbild – seine bildliche Vorstellung der Aborigines stammte aus einem Buch. Wie viele kannte er denn? Einen einzigen, Rechtsanwalt, ein Kunde von ihm, und den nicht gut. Ich bin der eingeborene Gärtner eines Aborigine, dachte er. »Ha«, sagte er. »Essen Sie Fleisch?« fragte ihn Gemma. »Mhm.« Genauso kurz hatte sie ihm vorhin geantwortet, und jetzt verdiente sie diese spöttische Replik. Sie bogen nach rechts ab und fuhren ins schicke Brunswick. Gemma wurde gesprächig, sobald sie vom Freeway abgebo- gen waren. Sie erkundigte sich nach seiner Familie, und er log, behauptete, seine Eltern wohnten in Queensland, so daß er sie, eigentlich nie zu sehen bekäme. Warum er log, wußte er nicht; wahrscheinlich, weil sein Vater im Alter von siebzig Jahren mit einer Prostituierten durchgebrannt war und seine Mutter den Schock nicht überlebt hatte. Keiner enthüllt gern eine solche Geschichte des Wahnsinns. Sie erkundigte sich nach seiner Reise nach Melbourne. »Nicht viel passiert«, log er erneut und wechselte dann das Thema. Er gab erstaunte Rufe von sich, wie viele Boutiquen mit Holo-Front aus dem Boden geschossen seien, wie viele Restau- rants und sogenannte ›Hormon-Bars‹, wo früher, als er noch in der Nähe wohnte, Fabriken gestanden hätten. Ganz genau stimmte das zwar nicht, denn selbst damals war dies schon eine der teureren Gegenden gewesen, doch es kam der Wahrheit schon nahe. »Schauen Sie sich das einmal an! ›Handgeschnitzte Hard- ware, speziell aus afrikanischem Harzholz.‹ Mein Gott.« Gemma lachte, wieder dieses Schluckauf-Lachen, und hielt dabei die Hand vor den Mund. Erinnert an I-Ah in Winnie der Pu, dachte Kevin. »Ich muß Ihnen ja wie ein Bauerntölpel vorkommen«, sagte er. »Nein… doch, schon!« antwortete sie und lachte wieder. »Ich meine, über Sie selbst lache ich gar nicht. Es ist schön, jeman- den zu treffen, der sich nicht in die hiesige Politik verbissen hat. Das hier…« – sie zeigte auf die cremefarben gekachelte Straße voll restaurierter, gentechnisch manipulierter Ladenfronten – »ist noch nicht fertig. Es ist Teil eines Gesamtkonzepts, mit dem die ganze Stadt umgemodelt werden soll. Sehen Sie die komi- schen Verstrebungen an den Mauern?«, Sie sahen aus wie aufgepfropft. Also, auf den Dächern wird man eigens dafür hergestellte Bäume anpflanzen. »Dachgärten?« fragte Kevin, fasziniert und abgestoßen zu- gleich. »Hm. Nicht ganz. Es wird ›Die grüne Schicht‹ genannt. – Da sind wir ja.« Sie bog in eine schmale Gasse ein, die Lieferanten- zufahrt eines Geschäfts. Sie würde schon wissen, wohin sie wollte, dachte sich Kevin. »Da oben auf den Dächern will man den natürlichen australischen Busch so gut wie nur irgend möglich imitieren.« Kevin schaute sie an. Wie Gischt schäumte Gelächter aus ihm heraus, das er vergeblich zu kontrollieren versuchte. Seit Wochen hatte er wohl nicht mehr so über irgend etwas gelacht. Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe, bis es vorüber war. »Ja. Phantastisch, falls sie es schaffen, aber im Grunde total plemplem. Die Regierung des Bundesstaats ist praktisch nur für diesen Programmpunkt gewählt worden, das Mandat ist also sicherlich da, wenn auch nicht die Knete.« Um die Ecke war eine Lagerhalle in mehrere Läden umge- wandelt worden, wobei man Computergenerierte Bauteile benutzt hatte, überwiegend aus Keramik. Das Ergebnis sah in etwa aus wie eine von einem Volk von Muschelverehrern errichtete Kathedrale, außer an den Stellen, an denen der Archi- tekt völlig willkürlich Stahl und Bausteine hatte herausragen lassen. Das Restaurant am ›Muschelmund‹ bestand aus sanft gewelltem, weiß poliertem Holz und war jetzt, nach der eigent- lichen Mittagessenszeit, so gut wie leer. Sie setzten sich an einen Tisch beim Eingang., Er bestellte einen Kaninchensalat, sie eine Marinara (die Meeresfrüchte seien hier frei von Schwermetallen, informierte sie ihn). Als Gemma den Semillon eingeschenkt hatte, fragte sie: »Was Martin in seinem Bericht behauptet, das entspricht also der Wahrheit?« Sie schien keinen Zweifel zu hegen. »Beinahe jedes Wort. Auf Ihr Wohl.« »Zur Gesundheit.« »Gesundheit, ja.« Er staunte, wieviel Alkohol er in den letz- ten Tagen genossen hatte. Aber das hier würde gegen seinen Kater helfen. »Nur beinahe?« »Was die persönlichen Aspekte anbelangt, ist das allein seine eigene Meinung.« »Aber all die merkwürdigen Vorfälle, die stimmen?« »Bis ins kleinste Detail.« »Mhm. Da müssen Sie wohl eine schwierige Zeit hinter sich haben.« »Ein bißchen.« »Tut mir leid.« »Keine Ursache.« »Doch. Es tut mir leid, daß ich Sie so zu diesem Interview genötigt habe. Sie müssen sich genauso elend gefühlt haben wie Martin, vielleicht sogar noch elender, weil schließlich Sie Pa- ckett den Anlaß geliefert haben, der…« »Ich weiß, was passiert ist, danke.« »Entschuldigung. Aber, ich meine, Martin ist wegen seines Anteils an der Sache in einer Anstalt. Ich… Entschuldigung.« »Martin war verliebt. Er rannte mit dem Kopf gegen die Wand, stand auf und rannte wieder dagegen. Dieser Kerl wußte, nie, wann es Zeit war, Schluß zu machen.« »Aber Ihre Freunde, das Projekt…« »Ich war nicht verliebt, okay? Seit Jahren habe ich keine Freundin mehr gehabt. Es war auch nicht mein Projekt, weder das Stück noch sonst irgendwas – mir war das scheißegal. Und die Trauer, nun, da kommt man drüber weg. Man kann über alles hinwegkommen, wenn man es darauf anlegt. In gewisser Weise ist das das Schlimmste von allem, daß man tatsächlich vergißt. Martin? Der hatte einen Schock, und der hat ihm was zugefügt, was weiß ich. Ich stecke schließlich nur in meinem eigenen Kopf, und selbst da wundere ich mich manchmal… Wo bleibt eigentlich das Essen?« »Und was er über die CIA schreibt?« »So blöd können Sie doch gar nicht sein, oder?« »Sie sagten vorhin, Martins Behauptungen entsprächen der Wahrheit.« »Ich sagte, daß ich nicht unbedingt mit seiner persönlichen Meinung übereinstimme.« »Was die persönlichen Aspekte anbelangt.« »Auch. Und der Rest geht Sie nichts an.« »Entschuldigung…« »Da kommt ja endlich das Essen.« »Haben Sie heute im The Age den Artikel unter ›Aus aller Welt‹ gelesen?« »Hä?« »Ein Mann in England…« Sie wartete ab, bis der Kellner, ein ausgemergelter junger Italiener mit Brüsten und einem Kno- chen durch die Nase, den Tisch verlassen hatte. »Danke. – Ein Mann in England behauptet, er habe Anweisungen aus dem, Weltraum erhalten, er solle die Leute um sich herum hypnoti- sieren, und zwar das Personal…« Kevin hatte den Appetit verloren. Die Brust schwer wie unter einem Kettenpanzer schaute er zu, wie Gemma die frischen Muscheln kostete und zustimmend nickte, während eine Frau in widerlich knallrotem Kleid an ihrem Tisch vorbeiging, mit so laut hallenden Schritten, daß er am liebsten mit den Fäusten auf den Tisch geschlagen und die Frau grob angefahren hätte, es aber aus Angst vor ihrer Entgegnung sein ließ, sich auf die Zunge biß und spürte, wie sein Nacken so steif wurde, daß es ihm die Ohren nach hinten zog; da hob er sein Kinn und dabei gab irgendwo irgend etwas nach, weit, weit weg und doch tief in seinem Innern vergraben. Er schwitzte vor Fieber. »Ich habe heute morgen im Radio davon gehört«, vernahm er seine eigene Stimme, eigentlich ganz ruhig. Nachgebend. Seine Stirn brannte und pochte schmerzhaft, in seinen Gliedern kribbelte es, als würde er gleich erbrechen. Sein Körper kam ihm vor, als verschösse er Funken in alle Richtungen, und wenn er die Augen schloß, konnte er sie über den Tisch hüpfen sehen, und auch auf dem Essen gingen sie nieder; es roch nach Ozon. Da schaute sie auf, Gemma, eine Gabel voll Nudeln auf dem Weg zum Mund. Seit ihrer ersten Begegnung hatte sie Lippen- stift aufgelegt. Sie wirkte besorgt. »Noch Wein?« fragte sie voll Unbehagen. Die Worte dröhnten Kevin entgegen und brüllten durch ihn hindurch: »NOOOCH WAAAAIINNNN?« Sie quasselte nun nervös über die anderen sonderbaren Din- ge, die die Leute so sahen, Madonnen, hundert Meter große, glühende Dackel, die auf die Straßen gemalten Gesichter ver- storbener Verwandter. Solche Ereignisse werden allmählich zu häufig, als daß man sie als das weltweit eben normale Maß an individuellem Wahnsinn hätte abtun können. Kevin konnte Gemmas Worte zwar verstehen, doch sie stürmten schwallweise auf ihn zu, schienen um seinen Kopf herumzuzischen, mal weiter weg, mal näher bei ihm und mitten im Satz plötzlich lauter. Was sagte sie jetzt? Daß die Visionen vielleicht in vielen Fällen genau gleich wären, wegen kultureller und individueller Faktoren aber gänzlich unterschiedlich interpretiert würden? Kevin konnte nicht folgen. Er schien sich von seinem Körper, der von riechbaren Farben vibrierte und Funken versprühte, zu entfernen (irgendwo drinnen nachgebend); ein anderer Mann klammerte sich beim Aufstehen an der Tischkante fest, die weißlich marmorierten Finger schmerzverkrampft. Nicht Kevin Gore. Der Mann hatte offensichtlich Schwierigkeiten beim Atmen, daher konnte er, Kevin, das nicht sein. »Kevin!« Es gab nichts zu sagen, doch er öffnete den Mund, um das Verhalten des anderen Kerls zu erklären, und krächzte wie eine aufgeschreckte Grille. »Was ist los, Kevin?« »Warum redete sie diesen Mann mit seinem Namen an?« Nachgeben, eine abgrundtiefe Kapitulation seines Körpers. Im Moment ließ es aber nach. Die Wirklichkeit stürzte wie- der auf ihn ein, und er sackte wie Blei auf seiner holzgedrechsel- ten Bank nieder. Gemmas besorgter Blick wich schockierter Belustigung und anschließend sorgfältig gewahrter Neutralität. In Kevin öffnete sich ein Abgrund des Hasses, was sie gewiß, bemerkte. Großer Gott, seit Jahren war er nicht mehr so ver- wirrt gewesen. Etwa mit vierzig hatte das Leben sich trotz all seiner Düsterkeit scheinbar für ihn geöffnet. Seine Kindheit, an die er sich kaum erinnern konnte, hatte ihn wohl zu einem Typ zurechtgestutzt, der gut ohne viel Beifall zurechtkam. Als er die Schauspielerei aufgab, fühlte er sich erleichtert, von etwas Ungesundem befreit, das er zufällig gut konnte. Jetzt hatte er Angst, daß sie ihn für verrückt hielt, und haßte sie dafür. Wie ein Kind. »Kevin.« »Entschuldigung.« Er zwang sich zu einem Lächeln, nötigte sich, etwas zu essen. Er meinte sehen zu können, wie sie vor seinem geöffneten Mund zurückschauderte. »Tut mir leid. Bin wohl ein bißchen weggedriftet, oder?« Er machte sich an seinen Salat. Eigentlich verblüffend, daß er im Moment keine Angst vor dem Wahnsinn hatte, sondern nur davor, daß sie ihn für über- geschnappt halten könnte. Der Haß verzog sich genauso schnell, wie er aufgewallt war, auf diese kindische Art eben. Die Zeitungsnotiz, von der sie ihm berichtet hatte, schockierte ihn als Bestätigung dessen, was er im Radio gehört hatte, doch in wirkliche Bedrängnis geriet er durch Gemma selbst und sein plötzliches Verlangen nach ihrer Zuneigung. Oder etwa nicht? Er mochte sie, hielt sie für sehr hübsch, a- ber war das der Grund, aus dem er jetzt aufbrechen wollte? Woher war dieser Impuls gekommen? Nicht aus ihm selbst, so schien es ihm. »…muß dann nicht das des Rätsels Lösung sein?« fragte sie. Er hatte seinen Teil des Gesprächs automatisch weiterbestritten., »Menschen, die nie psychisch labil waren und keinen Grund zum Lügen haben, sehen Dinge, die nicht da sind, hören, daß etwas sie selbst direkt anspricht. Das muß einfach dieser Thoughtboost sein!« »In einer Welt von mehr als zehn Milliarden Menschen kommt das doch täglich vor.« »Aber bedenken Sie, hinter jeder dieser sechs Geschichten, die heute an einem einzigen Tag bis in die Nachrichten vorge- drungen sind, stehen viele andere, die eben nicht publik wer- den.« »Zufall.« »Sie hören mir nicht zu! In Wirklichkeit sind es mehr. Und wenn es morgen immer noch mehr werden, was dann? Bald wird man es auf der ganzen Welt wahrnehmen, und dann werden die Leute ein Erklärung haben wollen.« Kevin nickte. »Und die werden sie auch finden. Ich habe jetzt leider einen Termin mit ein paar Leuten. Danke fürs Essen; es war ausgezeichnet. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig behilf- lich sein. Bis bald mal.« Ohne Gemmas Reaktion abzuwarten, stand er auf und ging. Er hatte Fieber; was er gerade empfunden hatte, mußte mehr sein als pubertäre Verliebtheit; ein heftiger Drang stieg in ihm auf, und er war sich jetzt sicher, daß der Schnitt im Finger, der ihm damals als Halluzination erschienen war, damit in Verbindung stehen mußte – es war an der Zeit herauszufinden, wohin das alles führte.,

ACHT

················································································································· aus: Alle Reize dahin Die Rauheit der Landschaft ringsum machte mir klar, warum Sarah Witchell The Tempest für den kühnen Start ihrer neuen Company ausgewählt hatte. Hier war Prospero zu Hause; Geister, die seit achtzigtausend Jahren hier lebten, waren noch immer in jedem Fels und jedem Baum zu erkennen. Robyn und ich gingen vorsichtig über das Quarzgeröll auf einen flammend- roten Sonnenuntergang zu, als wäre dies eine träumend dalie- gende Insel, die gleich erwachen und uns abschütteln könnte. Am Nachmittag hatten wir in einem von Sandsteinfelsen gebil- deten Halbrund unser provisorisches Lager aufgeschlagen; die Schattierungen der fast lotrechten Wände bildeten eine Art Brücke zwischen uralter Erinnerung und dem tatsächlich Sicht- baren, und am Rand des Felsens lief ein klarer Wasserlauf entlang; all das war nur durch einen mühseligen, einstündigen Marsch durch eine trockene Wasserrinne zugänglich, an einem kugeldurchlöcherten Schild vorbei, auf dem ›Achtung, Ü- berschwemmungsrinne‹ stand. In einem kiesigen Mäanderbo- gen des Flusses hatten wir drei Zelte errichtet, Feuerholz ge- sammelt, hatten Kevin und Gill auf eine Expedition zur nächst- gelegenen Stadt geschickt, um den Nachschub sicherzustellen,, und uns dann, jeder auf seine eigene Art, erholt. Fred hatte eine Gruppe auf einen Erkundungsgang zur Oberkante des Steilab- bruchs hinaufgeführt, Pete hatte ein Fußballspiel organisiert, Enzo zeigte Dave etwas auf seinem Computer, und Rob und ich hatten uns für einen gemeinsamen Spaziergang entschieden, endlich. Lange Zeit sagten wir kein Wort. Der abendliche Chor der Vögel war so vielstimmig und fremdartig, daß er uns, die wir ihn zum ersten Mal hörte, den Mund verschloß. Der tiefe Gurrton der Haubenfruchttaube, das leise Pfeifen des Vielfar- bensittichs, der laute Ruf des Laubenwallnisters, sein klicken- des, klingelndes melodiöses Piep Piep Piep Huuuuu! Damals konnte ich die Rufe noch nicht unterscheiden, und so gibt meine Erinnerung wohl jetzt nicht viel her. Wir waren wie verzaubert. Als wir dann endlich sprachen, waren es freundliche Banali- täten über das Wetter und die Hinfahrt. Ich betrachtete ihre recht lange Nase und ihr kräftiges schottisches Kinn vor dem roten Horizont und wußte nicht mehr zu sagen als: »Mhm. Hier regnet es so gut wie nie, aber wenn, dann gleich kübelweise.« So gingen wir weiter, bis der hochrote Himmel sich verdunkelte und die Sterne scharenweise hervortraten. Als sie lachte dachte ich, sie mache sich über mein stummes Schmachten lustig. Doch sie zeigte mir etwas. Wir wurden aus dem Schatten heraus beobachtet. Hinter einer Gruppe von Felsbrocken rührten sich unter einer Eukalyptusgruppe graue Gestalten auf spindeldürren Beinen, manche davon mannsgroß. Ganz vorsichtig gingen wir auf die Emus zu, die beim Umher- stolzieren großspurig mit dem Schnabel hier- und dahin nick-, ten, wobei ihr Gefieder sie wie Baströcke umwogte. »Hallo, gleichfalls!« Robyn lachte wieder und streckte die Hand nach einem Emu aus, der uns mit wütend orangeroten Augen anstarrte, als wolle er gleich zuschnappen. Dieser Schna- bel würde weh tun. »Hongk!« warnte das Tier, und wir sprangen zurück. Von da an vertrieben wir uns die Zeit bis zum Abendessen mit einem Spiel in einem Kauderwelsch, das alles überstieg, was ich vielleicht von mir aus versucht haben würde. Wenn die Vögel sich zurückzogen, folgte doch gleich die erneute Annähe- rung von ein oder zwei Neugierigen, die in einer Signalsprache aus Kopf- und Halswendungen gemeinsam überlegten, was wir wohl als nächstes tun würden. Ich schloß mich Rob an. Sie schwenkte den Kopf wie nur irgendeiner der Emus, zeigte ihnen die Halsseite und wich zurück, wenn sie sich in ihre Richtung bewegten. Es war ein merkwürdiger, konzentrierter Begrü- ßungstanz, voll schwieriger Drehungen und Halbschritte, die Robyn anscheinend flüssig beherrschte. (Später erzählte sie mir, sie wisse nicht das geringste über Emus, den Tanz habe sie einfach aus der Situation heraus erfunden.) Ich tat mein Bestes, wie ungeschickt ich mich auch anstellte. Als das ferne Rufen unserer Freunde sie schließlich verscheuchte, waren die Vögel so weit, daß sie jeden Stein oder Zweig, den wir ihnen zeigten, neugierig beäugten. Zum Feuer zurück gingen wir Seite an Seite, einer den Arm über die Schulter des anderen gelegt; ich sog den scharfen Eukalyptusduft in tiefen Zügen ein und war froh, daß ich keine Gelegenheit gehabt hatte, meinen Part vorzutragen. Einfallen. Aufbauen. Wieder Einpacken. Die uralten Felsen,, einstmals von einem Binnenmeer bedeckt, hatten wohl kaum je künstliches Licht gesehen. Gewiß, hier waren gelegentlich Leute vorbeigekommen, das sahen wir an mehreren Abfallhaufen, doch niemals Leute mit einer technischen Ausrüstung wie der unseren. Wir trugen faustgroße Kapseln an den Hüften, die, wie Enzo uns höflich informierte, Funkmikrophon, Richtungsfin- der, einen Negativ-Ionen-Generator (Was? Hier draußen? Wir lachten den armen Kerl aus) und ein auf unsere Bewegungen gestimmtes Musikinstrument enthielten, außerdem einen Teil des Computers, der die Beleuchtung kontrollierte und mehrere andere Funktionen, die, wie er uns nahelegte, man allein mit ›Schauspielertalent‹ niemals verstehen konnte. Der geheimnis- volle Enzo. Er hielt sich an seine infernalischen Apparate, und wir wurden von Gillian auf Trab gehalten, die uns in dieser Phase die Anweisungen gab; die Plastikdinger behinderten uns nicht, also vergaßen wir sie. Gill ließ uns kräftig zupacken. Selbst der alte Dave kletterte mit Lasten herum. Sherelle bewegte sich auf dem Gerüst ge- schickt wie ein Affe; als Pete Tarzan und Jane mit ihr spielte und sie über den Bogen des Proszeniums jagte, erkannten wir allmählich die Möglichkeiten der Bühnenarbeit hier draußen. Während der ersten Teepause gab Kevin unserem Theater mit einer lakonischen Bemerkung seinen Namen. »Dazu ist es also gekommen«, sagte er und kratzt sich hinter einem seiner abste- henden Ohren. »Shakespeare in der Sandgrube.« Gill schlug ein paar originellere Namen vor, und schlagfertige Witzeleien gingen hin und her, die ein paar private Scherze über Sand und Genitalien wiederaufnahmen, doch der Name blieb haften. Das hier war ›Die Grube‹. Wer käme auch darauf diese Sandgrube, als das Nooldoonooldoona-Forschungstheater zu bezeichnen? Der Anblick so vieler grob zupackender Handwerker auf ei- ner Baustelle, die mehr nach Felsreparatur als nach einer Bühne für Magie und Ritual aussah, machte wahrscheinlich allen eventuell im Fels steckenden eingeborenen Nooldoonooldoo- nans großen Spaß. Wir selbst hatten auf jeden Fall unseren Spaß. Fred, dessen eingefallenes Gesicht einen scharfen Kon- trast zu seinem süßen Falsett bildete, sang bei der Arbeit; das erwies sich als ein sicherer Fingerzeig, wo er zu finden war, als das ganze technische Gebammel. In dieser ersten langen, mit Konstruktionsarbeiten ausgefüllten Nacht trat seine Stimme jedesmal hervor, wenn im Gehämmer und Geklapper eine kurze Pause entstand, und ließ eine sehnsüchtige Weise hören, die unser Leitthema werden sollte: Und als ich ein winzig Bübchen war, Hopp heißa, bei Regen und Wind! Da machten zwei nur eben ein Paar; Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag. Hopp heißa, bei Regen und bei Wind Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag. Das Lied von Shakespeares Narr. Bald stimmten wir alle ein, Sam Schuyler mit seinem Bariton, Dan McDonalds und ich im Tenor, Robyn mit ihrem Alt, und selbst die, deren Stimmen nicht viel hergaben, fügten sich in diesen Hymnus der Resigna- tion ein. Die wenigsten von uns kannten die Stelle ganz, und so sangen Fred und Robyn beim letzten Vers allein. Beim Schluß- refrain setzten wir alle wieder ein, doch als nur noch ein paar, letzte Töne fehlten, geschah etwas Außergewöhnliches. Die Halogenstrahler auf ihren Gestellen erloschen; aus der riesigen, schwarzen Schale, die unseren Blick nach oben einsog, fiel eine Kaskade von Lichtern, ein Meteoritenschauer von solchem Ausmaß, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, Welle um Welle des Glanzes, so hell, daß selbst auf unseren nicht auf die Dun- kelheit eingestellten Augen ein streifiges Nachbild blieb, das in der sich anschließenden Stille verweilte. Dann wechselte Enzo die Sicherung aus, und wir machten uns langsam wieder an die Arbeit, mit viel Kopfschütteln über einen solchen Zufall; keiner von uns hatte Lust zum Reden. Es heißt, eine Sternschnuppe bringt Glück. Wir im Theater sind abergläubisch. »Ich glaube, du könntest ein bißchen mehr…« In Sarahs Ge- sicht zeigte sich eine gewollte Unentschlossenheit. Fred lächelte dünn über die Gelegenheit, die sie ihm anbot, wodurch sein ausgemergeltes Gesicht einen Moment lang einen richtig lie- benswürdigen Ausdruck annahm. »Mehr so?« fragte er und stolperte. Seine langen Beine schlugen hilflos in die Luft, doch das Beste, er schien tatsächlich Gesicht voran auf die Bühne zu knallen. Links auf der Bühne sah ich Gill und Kevin zusammen- zucken. »Also, wenn du das durchhältst – ja, prima, treib es auf die Spitze. Möchtest du mit Jenny abseits gehen und an diesen Szenen arbeiten?« »Möchte ich das?« Fred machte schmatzende Knutschgeräu- sche Richtung Jenny und schaute dann, ob Sam auch eifersüch- tig wurde, der aber nur die Augen rollte. »Okay, wir machen mit Caliban und Ariel weiter, wenn ihr, beide ohne Martin zurechtkommt«, sagte unsere Regisseurin. »Wir kommen immer ohne Martin zurecht«, gab Jenny zu- rück. »Hmm«, sagte ich und dachte: Junge, Junge, ich und Robyn! »Wenn ich es recht bedenke, wollen wir erst noch sehen, wie es mit dir und Prospero in dieser ersten Szene läuft. Caliban, in ein paar Minuten brauchen wir dich hier, geh also nicht zu weit weg. Robbie? Nur noch einmal, okay?« Nur noch einmal. Ich wußte, was das bedeutete und ging darum zum Abgang auf der rechten Seite der Bühne, um mir einen Kaffee zu holen. Dann blieb ich völlig verdattert stehen. Ein Eindringling war da! Ein Fremder im beigen Safarianzug stand beim ›Jungszelt‹. Definitiv keiner von uns. Er drehte seinen Schlapphut zwischen rosa Wurstfingern und stritt sich Nase an Nase mit Dave Abra- hams. Warum Dave so wütend war, war klar. Dieser kahlköpfi- ge Schweinehund hatte unseren Geheimhaltungsplan zunichte gemacht! Nebenan kam die Handlung auf der Bühne knir- schend zum Stocken, als allen klar wurde, was das Auftauchen dieses Fettmopses zu bedeuten hatte. Einer nach dem anderen tröpfelte die Mannschaft aus den Zelten und von der Bühne herunter um zuzuhören. Dave, das Gesicht von Hitze und Ärger gerötet, wandte uns ruckartig den Kopf zu. Er packte den Ein- dringling bei den Schultern und führte ihn zur Baracke hinter den Sperrsitzen. Wir standen herum und sahen uns an, hilflos. Über ein Mo- nat Vorbereitungszeit und zwei Wochen harten Schuftens waren nun umsonst. Der Eindringling war ein Theaterkritiker., »Also die Zelte abbauen«, sagte Kevin. »Nein. Er hat versprochen dichtzuhalten«, berichtete Dave. Er sah aus, als ob er es glaubte. »Wie hat er denn Wind von uns gekriegt?« fragte Jenny. Dave schaute sich im Gemeinschaftszelt um, blickte jedem ins Gesicht, ohne aber bei irgendeinem von uns zu verharren. Er will wohl nicht mit dem Namen des Schuldigen herausrü- cken, dachte ich. Er wirkt aber weniger besorgt, als denkbar wäre, vielleicht entwickelt sich also doch noch alles zum Besten. »Ich denken, es führt zu nichts, sich über das… äh… Plapper- maul den Kopf zu zerbrechen«, sagte er. »Wer sich dazu beken- nen will, wird es schon tun. Wichtiger ist jetzt, daß wir uns darüber klar werden, ob wir Packett hier bleiben lassen wollen oder nicht. So lange er hier ist, können wir ein… äh… Auge auf ihn halten. Wenn wir ihn hier rausschmeißen, ist er nicht nur unbeobachtet, sondern zweifellos auch… äh… verbiestert. Hm.« »Ähäm…?« Ein kümmerliches Stimmchen meldete sich, ob- wohl ein kräftiger Mann dazu gehörte. Die obligatorische Dose Melbourne Bitter in der Hand, wand der mit rotkariertem Hemd und Jeans bekleidete Kerl sich schuldbewußt in der Ecke. »Ich… ich glaube, ich könnte es gewesen sein. Ich habe meiner Ma davon erzählt. Ich hatte damals völlig vergessen, daß sie Packetts Ma kennt, aber das ist mir erst jetzt wieder eingefallen. Es tut mir leid, wirklich.« Das war Robert, unser zweiter Inspi- zient und Bühnenbildner. »O Mann, du Riesentrottel«, sagte Jenny, die neben ihm stand, umarmte ihn ziemlich heftig, was nicht gerade nach echter Vergebung aussah, und hämmerte dabei mit der Faust, auf seinem Kopf herum. Don McDonald fragte: »Und was fangen wir jetzt mit ihm an«, wobei er auf Robert zeigte. Darauf sprangen alle sofort an. Einige forderten Don auf, den Mund zu halten, andere vertei- digten Roberts nur zu verständlichen Fehler (wenn man seiner Ma nicht trauen kann, wem dann?) und die meisten stimmten überein, daß wirklich etwas unternommen werden mußte, allerdings nicht in bezug auf Robert. »KÖNNT IHR IDIOTEN VIELLEICHT MAL EINEN MO- MENT LANG STILL SEIN?« rief Kevin plötzlich und schloß seinen Ausbruch mit den Worten: »Wir müssen einmal gründ- lich nachdenken.« Gill grinste ihn an, einer dieser Blicke, für die man auch ein Verbrechen begehen würde. »Genau das wollte ich gerade vorschlagen, wenn auch natürlich mit etwas mehr Dekorum und angeborenem Sinn für Stil«, meinte sie zimperlich. »Dave? Du hattest uns ja wahrscheinlich noch mehr zu sagen?« Die Gruppe war so groß, daß die Diskussion eine Weile dau- erte, doch schließlich ließen wir Packett unter der Bedingung dableiben, daß die ersten Artikel über uns frühestens in ein paar Wochen erscheinen durften. Doch so einfach war die Sache natürlich nicht. Es begann bei einer dieser Gelegenheiten, wo wir nach der Arbeit bei der ersten Sitzreihe herumstanden und über Theorie und Geschichte des Theaters debattierten. Die meisten von uns blieben dabei, weil sie sich die Gelegenheit zu einem Schlagab- tausch mit einem Angehörigen jenes Berufsstands nicht entge- hen lassen wollten, der schon so oft ungerecht gegen uns ausge-, holt hatte. Don McDonald, der mit seiner Form von englischem Marxismus so viele Leute gegen sich aufgebracht hatte, daß er sich im Mainstream nicht mehr halten konnte und in Slapstick- Komödien abgedrängt worden war, trug seinen ganzen Groll mit sich herum. Gänzlich zu Unrecht vertrat er die Auffassung, Packett im besonderen und sein Blatt im allgemeinen (eine angesehene Melbourner Tageszeitung) hätten seine Bemühun- gen völlig verzerrt dargestellt und verband dies zum Ausgleich mit ein paar unfairen Anspielungen auf Packetts kürzlich erfolgte Scheidung, eine Schlammschlacht. Packett wirkte verletzt, und sein sonnenverbranntes Gesicht zuckte, als er in kurzen, bitteren Sätzen antwortete. Er wurde genauso unfair. Jenny Drape setzte ihr beträchtliches Gewicht hinter eine Reihe von objektiven Statements: »Sie sind doch immer schon nach fünf Minuten rausgegan- gen! Den Rest der Aufführung haben Sie dann wohl mit Ihren hellseherischen Fähigkeiten vorausgesehen.« Wo ich mich nur noch kläglich krümmen konnte, schoß sie hindurch wie ein Luftkissenboot. »Das ist etwa so professionell wie ein falscher Fuffziger«, schloß sie. »Meine Liebe«, schoß Packett zurück, »wissen Sie, was das ist: Echte Tommy-Scheiße.« Die dicken Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das sich schnell verflüchtigte, als der Schreck über das, was er da gesagt hatte, in seine Augen trat. Wir starrten ihn an. Mehr als ein Mund blieb offen stehen. Ich will Ihnen erklären wieso. Gegen Ende der fünfziger Jah- re des letzten Jahrhunderts schloß der Intendant des Theaters von Ballarat einen geheimen Handel mit einer chinesischen Familie ab, die durch die damals häufigen rassistischen Über-, griffe mehrere Angehörige verloren hatte. Familie Kwang sollte im Bereich unterhalb der Bühne nach Gold schürfen und im Gegenzug Zuflucht und einen Anteil des Funds erhalten. Un- wahrscheinlich? Damals war der Goldrausch ausgebrochen; andere Versionen sind noch lächerlicher. Das Crown Theatre bot Säufern Obdach, die das Übliche anstellten und unter anderem die Schauspieler mit Scheiße bewarfen. Und noch nicht einmal die Billigen: Lillie Lawrence zumindest hat sich der Kacke tapfer gestellt. Ich kann es McGibbon nicht übelnehmen, daß er auch ein paar von den Nuggets abkriegen wollte. Eine Weile lief auch alles glatt. Familie Kwang fand unter dem Thea- ter tatsächlich Gold, nicht gerade viel, aber genug, um davon zu leben. Dann aber verliebte McGibbon sich in eine von Kwangs Enkeltöchtern. Eines Abends verließ er seinen Posten an der Kalklicht- Bühnenbeleuchtung, um sich mit ihr zu treffen. Er ging davon aus, daß auf der Bühne nichts Ungewöhnliches passieren wür- de, doch kaum war er zwei Schritte weggegangen, wurde ein Wurfgeschoß gegen den Schweinwerfer geschleudert, und schnell füllte sich der Raum mit Rauch. Während die teilweise betrunkenen Zuschauer in Panik hinausstürmten, versuchte McGibbon sich zur Bühne durchzukämpfen, immer den Na- men des Mädchens schreiend. Doch bevor er sie erreichen konnte, stürzte ein Pendelgewicht auf ihn herunter. Die ganze Familie Kwang starb in den Flammen. McGibbon, der von einem wohlmeinenden Dumpfkopf nach draußen geschleppt wurde, flüsterte den Namen seiner wahren Liebe, bevor er endgültig verstarb. Er flüsterte: »Tommy.«, Seitdem ist ihr Name in australischen Theatern Tabu, und ebenso der des damals gespielten schottischen Stücks. Wenn man dieses Wort ausspricht, so sagt man, fallen urplötzlich Gegengewichte zu Boden, oder die Schauspielerin mit der Hauptrolle verliert die Stimme, oder das Theater brennt ab. Und wer weiß, vielleicht beschmeißt das Publikum einen mit Scheißbatzen. Weil er das T-Wort gesagt hatte, mußte Packett Buße tun. Ich schüttelte den Kopf bei der Vorstellung, er müßte gegen den Uhrzeigersinn um seine eigene Achse wirbelte und dabei ›Gro- ßer Gott, wir loben dich‹ singen – einen Nonsensereim würde er gewiß nicht aufsagen und auch nicht in Schokolade getunk- ten Kohl kauen. Ich warf Kevin über den Mittelgang hinweg einen Blick zu, der mir einen übertrieben grimmigen Blick zurückgab, tief Luft holte und ›Blue Moon‹ zu pfeifen begann. Ich kapierte das Stichwort und pfiff meinerseits ›In the Mood‹. Andere fielen bald mit unterschiedlichen Melodien ein. Damit die Kur funktionierte, mußten wir alle pfeifen. Packett wurde schließlich von Gill solange angestupst, bis er mitmachte. Der Moment ging vorüber. Doch etwas blieb zurück. Dave sah zwar nicht mehr so aus, als würde sich gleich die Erde auftun und ihn verschlucken, doch seine Falten gruben sich noch tiefer ein als sonst. Don beschwerte sich, er als einziger habe sich beim Pfeifen die Augen zugehalten – seine Version der Kur. Das ließ einige Leute aufschrecken, doch keiner ging so weit, wieder von vorn anzu- fangen. Wir zerstreuten uns mit dem Gefühl, nicht wirklich unser Bestmögliches gegeben zu haben, um uns von dem Fluch zu reinigen., Nur beschämt gebe ich es zu, doch die Sache hatte Auswirkun- gen auf unsere Arbeit. Am nächsten Morgen schienen wir alle mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden zu sein. Sam legte mit spitzfindigen theologischen Argumenten einen Workshop über heidnische Geister lahm. Kevin ging mitten im Satz von der Bühne ab, sein Gesicht wie eine Studie straff gespannter Sehnen. Fred schnauzte doch tatsächlich Jenny an! Nachdem Gill sich mit Sarah beraten hatte, verkündete sie ein freies Wochenende. Dann begann die Unfallserie. Bei einem von Robyn und Fred organisierten Picknick, um Vögel zu beobachten und im Nooldoonooldoona Water Hole schwimmen zu gehen, sprang Kevin an einer flachen Stelle zu energisch ins Wasser und schlug mit dem Kopf gegen das Felsufer auf der anderen Seite. Nachts dann erwischte es diejenigen von uns, die den Hähn- chen-Nudelsalat gegessen hatten, mit einer Lebensmittelvergif- tung. Dem armen Kevin blieb auch das nicht erspart. Und Robert, der ein renommierter Bühnenbildner ist, weil er ununterbrochen wie verrückt arbeitet, stürzte rücklings durch eine Falltür, fünf Meter bis zum Kiesboden, wo er auf dem Rücken aufkam. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Es kam zu einer Versammlung. Natürlich gab man Packett die Schuld. Sein Gesicht war gerötet und er sagte gar nichts, während Don und Enzo ein paar scharfe Bemerkungen loslie- ßen. Enzo wollte eindeutig nur provozieren, doch Don über- raschte mich, denn für einen Anhänger des Materialismus war er ausgesprochen abergläubisch. »Was hat Packett denn getan? Vielleicht den Gockel vergif-, tet?« fragte Kevin. »Mich hat er jedenfalls nicht höchstpersön- lich ins Wasser gestoßen.« Alle, die im Kantinenzelt verstreut saßen, schauten auf. Bis- her hatte nämlich noch keiner Packett wirklich beim Namen genannt. Enzo, der mit gesenkten Lidern am Rahmen der Zelttür lehnte, zuckten die Mundwinkel. Kevin hatte uns nur noch tiefer in die Peinlichkeiten hineingeritten. Packet hatte nichts mit unserem Pech zu tun, und wer das dachte, war ein Einfaltspinsel; das alles war purer Zufall; sowieso passierten solche Sachen immer im Dreierpack. Während wir noch lach- ten, ruckte Enzo einmal zynisch mit dem Kopf und ging hinaus. Der Rahmen der Zelttür schwankte, als er hinausschlüpfte. Lederhosen bei dieser Hitze, dachte ich. Zweifellos war er auf dem Weg zur Bio-Box, wo er sogar schlief. Ich saß beim Flie- gengitterfenster und bekam Kopfschmerzen von der Sonne und der Lebensmittelvergiftung, hatte aber keine Lust, mich in Bewegung zu setzen und woanders hinzugehen. Nun wurde beim Frühstück wieder ganz normal geplaudert, doch in einer abgelegenen Ecke sah ich Dave, der bei ein paar Musikern saß, boshaft lachte und die Augen in Packetts Richtung rollte. Ich stemmte mich hoch. »Was soll das?« fragte ich sie ruhig. »Woher kommt der gan- ze Mist wohl, hm? Von da doch, da…« Ich wedelte mit der Hand in Richtung Ausgang. Sie starrten mich an, hatten keine Ahnung, wovon ich eigent- lich redete. Mein Kopf fühlte sich an wie ein ausgedrückter Schwamm, darum machte ich, daß ich zur Zelttür kam. Als ich mich beim Hinausgehen umdrehte, sah ich, daß Dave meine unzusammenhängende kleine Rede gehört hatte. In sein zer-, furchtes Gesicht war ein Ausdruck von intensiver Trauer und heftigen Schuldgefühlen getreten, Tränen stiegen ihm in die Augen, fielen dann aber doch nicht und kehrten dahin zurück, wo ungeweinte Tränen in solchen Fällen eben hingehen. Es war wieder ein wunderschöner Morgen. Mit weichen Knien ging ich ein Stückchen flußabwärts, weil ich mich, absto- ßend wie ich mich fühlte, vielleicht waschen wollte, bevor es zu heiß wurde. In Gedanken war ich jedoch immer noch bei der Erinnerung an Daves Gesicht, und ein paar Meter hinter dem Zelteingang kam ich zum Stehen, weil ich kein Handtuch dabei hatte und nicht wußte, was ich eigentlich wollte. In dem Mo- ment stürmte Packett wütend aus dem Zelt heraus und an mir vorbei. Ich schätzte Dave eigentlich nicht als sonderlich abergläu- bisch ein. Schon zu Beginn dieser Unfallserie hatte ihn etwas zutiefst verstört, das wurde mir jetzt klar. Vielleicht war es ja die Ankunft des Theaterkritikers. Aber irgendwie glaubte ich das nicht. Ich zerbrach mir den schmerzenden Kopf, was an meinen Worten von eben ihn eigentlich so aufgestört hatte. Am nächsten Tag fand ich mehr darüber heraus. An Abend tauschten Robyn und ich uns unter vier Augen über die Lage aus. Wir folgten dem Flüßchen, das zu frisch und sauber war, um einen europäischen Namen zu besitzen, und gingen zu der Stelle, wo wir auf die Emus gestoßen waren. Über uns leuchteten schon ein paar Sterne. Gelassen hüpfte ein Wallaby vor uns weg und verschwand hinter einem Gebüsch. Glücklich über den neuen Rhythmus, den diese von mir bisher so sehr unterschätzte Wildnis uns auferlegte, seufzte ich zufrie-, den. Hand in Hand schwiegen wir eine Weile, was mir norma- lerweise schwerfällt, hier aber einfacher wurde. »Was hältst du also davon?« fragte Robyn mich schließlich. Von hier bis zum Horizont kein einziges Anzeichen mensch- lichen Lebens. Ich wußte, was Robyn meinte, war aber in Ver- suchung, ihr etwas über die Natur vorzuschwärmen. »Ich traue Packett nicht«, sagte ich. »Vielleicht schickt er seine Artikel per Briefkrähe raus.« »Das ist es nicht…« »Du grübelst doch nicht über Pendelgewichte und Pfeifen im Theater und so was nach, oder?« »Nein.« Ich trat gegen ein Büschel Stachelkopfgras. »Ich weiß eigentlich nicht einmal, ob es mit ihm zu tun hat. Da ist noch irgend etwas anderes… Packett hat Dave wirklich einen Schreck eingejagt.« »Das will ich meinen.« »Nein. Mehr als das, ich… vielleicht sehe ich auch nur Ge- spenster, was weiß ich.« Wir gingen eine Weile weiter. Die gefiederten Geheimagen- ten tauchten diesmal nicht bei den Felsbrocken auf. Inzwischen war es vollständig dunkel und wurde allmählich auch kühl. Wir blieben stehen. Ich wandte mich Robyn zu und nahm ihre beiden Hände in meine. Der sanfte Wind trug uns eine Welle von Rauch und Gelächter zu. Ich seufzte. »Wahrscheinlich war ich von der Hähnchenver- giftung einfach nicht ganz richtig im Kopf, und das war schon alles; trotzdem habe ich das Gefühl, daß hier etwas vor sich geht, daß man uns etwas verschweigt.« Ich schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich einfach nur eine dumme Einbildung«, sagte, ich zu dem weichgrauen Fleck, der ihr Gesicht war. »Vertraue deinen Instinkten, Martin. Ich zumindest tue das. Ich werde die Augen offen halten. Ich dachte, Dave hätte eine Affäre mit Enzo.« Ich lachte. »Die beiden verbringen wirklich eine Menge Zeit miteinander… Nein, Enzo ist so hetero, wie man nur sein kann.« So standen wir noch eine Weile beisammen und atmeten je- weils den Geruch des anderen ein. Ich öffnete den Mund, schloß ihn und öffnete ihn wieder. »Robyn«, sagte ich. »Ich habe noch einen anderen Instinkt.« Was wohl ganz richtig klang, nehme ich an, aber in Wirklich- keit herrschte in mir plötzlich ein Tumult der widersprüchlichs- ten Gefühle. Trotzdem nahm ich Robyn in die Arme und beug- te mich über sie, um sie zu küssen. »Martin«, sagte sie, fast verzweifelt. »Ich mag dich wirklich sehr.« Das brachte mich zum Innehalten. Sie nahm die Gelegenheit war, hauchte mir einen Kuß auf die Wange und machte sich los, drehte sich knirschend auf dem Kies um und ging zum Lager zurück. Es dauerte wohl ziemlich lang, bis ich ihr folgte. Auf dem Rückweg dachte ich darüber nach, was unerkannter Instinkt war und was ich nur für Instinkt hielt. Es gibt keine perfekte Methode, richtig und falsch zu unterscheiden. Ariel hatte mich gerade eine Lektion gelehrt. Als wir am nächsten Vormittag wieder bei der Arbeit waren, sah Sarah sich unseren ersten Durchlauf ohne jede Unterbre-, chung an, einen bemüht neutralen Zug um die Lippen, stand dann auf und putzte uns herunter. Zum Teil war das Show, aber es war genau das, was wir brauchten. Wir saßen da und nahmen die Schelte entgegen wie unartige Kinder. Wild mit den Armen fuchtelnd und immer wieder das lange blonde Haar aus dem Gesicht werfend, schritt sie auf der Bühne auf und ab und ließ kein gutes Haar an der halbherzigen Vorführung, die wir gege- ben hatten. Selbst wenn man mit einrechnete, daß einige von uns vom ›Wochenende‹ noch recht mitgenommen waren, hatten wir Mist gebaut. Wir nickten und faßten gute Vorsätze, am nächsten Tag besser zu arbeiten. Sarahs Auftritt war uns ein Genuß gewesen. Er brachte uns wieder zusammen. Ein paar von uns hatten anschließend die Aufgabe bekom- men, Robert bei den Aufbauten für Ariels Luftpartien und bei den Bewegungsapparaten von Nymphen und Schnittern zu helfen. Wer noch zu schwach war, bekam den Rest des Nach- mittags frei. Die Truppe löste sich zu Grüppchen auf, die sich über das Stück unterhielten, zwar körperlich noch etwas ange- schlagen, doch nun wieder positiv gestimmt. Ich blieb noch da, um bei der Arbeit zuzuschauen. Robert, der wußte, daß ich noch keiner körperlichen Anstrengung gewachsen war, reichte mir eine Dose Melbourne, und ich setzte mich in die dritte Reihe, legte die Füße hoch und schaute der Komödie zu, die Gill Kevin in der Rolle des Monteurs überwachte. Keiner der anderen Helfer wurde so von Gill drangsaliert. Die beiden müssen sich sehr gern haben, dachte ich. Sie hielt ihm Strafpredigten und schlug ihn mit einem Gürtel auf den Hintern, wenn er beim Gehen trödelte, was er so oft wie möglich tat. Gores unbewegtes Gesicht machte alles, noch komischer. Nach einem ersten erfrischenden Schluck ging ich sparsam mit meinem Bier um; kichernd sah ich den beiden zu und rollte mir dabei die kühle Dose über die Stirn. Allmäh- lich sank die Sonne tiefer, und Schatten legten sich über die Bühne. Von seinem Nest im Turm aus schaltete Enzo die Ar- beitsleuchten an, und sofort legten sich schlangeförmige Schat- ten über das Gerüst und noch mehr über den fossiliendurch- setzten Fels hinter der Bühne. Die Kletterpfähle wurden ange- bracht, vorn an der Felswand wurden Schaukelpferde befestigt und für die Skateboardfahrer wurde eine zum Boden hinabkur- vende Rampe am Fels festgemacht – endlich war praktisch alles fertig. Robyns Netz aus Seilen allerdings würde vermutlich erst morgen aufgespannt werden, denn bald war es Zeit fürs Abend- essen. Nein. Gill brachte Ariels Tarzanseile herbei, und nach meh- reren Würfen gelang es, sie zum Gitter hochzuzerren. Pete Stanopoulos, unser goldener Wilder, wollte vor Sherelle und Gill angeben, und weil Pete die Sache wirklich beherrschte, aber vor allen Dinge auch, weil das Netz tatsächlich von jemandem getestet werden mußte, der schwerer als Robyn war, gab Gill nach und lud ihn ein, sich nach Herzenslust auszutoben. Pete schlang sich das weiche Seil um die Wade und kletterte hoch. Ich mußte zugeben (zumindest vor mir selbst), daß es ihm gut stand, wenn seine Muskeln so spielten, wenn mir auch nicht klar war, warum seine riesigen Oberschenkel diese klei- nen, roten Fußballershorts nicht einfach sprengten. Er schau- kelte. Ein bißchen wie Johnny Weismuller unter Valium arbei- tete er sich von oben rechts nach unten zur Mitte der Bühne durch und kletterte dann nach links oben weiter, ein flaches V,, dann machte er kehrt, schwang sich ohne sichtbare Anstren- gung nach unten zurück und ergriff das knappe Geschirr, das Robert für ihn herabließ. Ein winziges Klicken ertönte – und Pete schien zu fliegen. Ich klatschte. Sherelle, Gill, Robert und Kevin schlossen sich an. Aus dem Kantinenzelt kamen Leute heraus. Pete winkte den Jubelnden zu. Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf und betrachtete Pete im ärmellosen Trikot, der sich wie eine Schwalbe in die letzten, staubumtanzten Strahlen der Sonne warf. Der Staub stieg auf wie Rauch. Moment mal. Ich riß die Beine von der Bank und kam tau- melnd auf die Füße. Es war Rauch.,

NEUN

················································································································· Zunächst einmal (Funken tauchten am Rand seines Blickfeldes auf, ob er nun die Augen schloß oder nicht) war er fest ent- schlossen, herauszubekommen, ob das, was er im Kopf hörte und in Gliedern und Schläfen fühlte, ob das, was er auf dem Straßenbahnsitz neben sich aufblitzen sah, einer der Visionen entsprach, die Gemma erwähnt hatte, oder ob eine von zwei anderen Möglichkeiten zutraf. Er konnte auch verrückt gewor- den sein, oder es war noch etwas anderes, etwas ihm Unbe- kanntes, dem er aber zu Hause mit einer einfachen Operation ein wenig näherkommen würde. Nichts, was Kinder allein zu Hause ausprobieren sollten, dachte er kichernd und merkte dann, daß da sein Fieber aus ihm sprach, daß er die Kontrolle nicht verlieren durfte. Ähnlich hatte er sich nach dem Bestehen seiner ersten Anhörprobe im Theater gefühlt; obwohl er damals auch Bedenken gehabt hatte, sich so in Abenteuer zu stürzen, hatte ihn doch ein Gefühl der Einzigartigkeit erfüllt. Die Erin- nerung daran kam ihm nun bei der Rückfahrt in der Straßen- bahn, wo die Luft durch weit geöffnete Fenster an Mütterchen, Pensionären, den ersten Pendlern, Studenten und ihm selbst vorbeirauschte, an ihm, Kevin, einem Mann mit einem ganz besonderen Geheimnis, das ihm wohl in Millionen Jahren, keiner ansehen würde, etwas, worum man ihn vielleicht benei- den würde, wenn er erst einmal wußte, was er damit anfangen konnte, ein Geheimnis, das ihn, den Kerl, der von der sonnen- verbrannten Haut her ein Eisenbahnarbeiter hätte sein können, zu etwas machte. Bei der Haltestelle sprang er aus der Bahn, schoß über die Straße und Sherelles Gasse entlang, sprang über das weiße schmiedeeiserne Gartentor und blieb erst vor seiner Tür keuchend stehen, um die Schlüssel zu suchen. Ich japse ja gar nicht mehr! dachte er, als er durch die Wohnung ins Bad hetzte, wo er das Rasierschränkchen aufriß (in der Spiegeltür blitzten ihm seine wild aufgerissenen Augen entgegen und schwangen vorbei), seinen Handrasierer herausgrapschte, die Schräubchen lockerte und die angeschmuddelte Klinge heraus- nahm, sie zwischen Daumen und Zeigefinger abwischte, dabei: Das spielt doch jetzt auch keine Rolle mehr, dachte und sie kräftig gegen sein Handgelenk drückte. Die Klinge hinterließ Druckspuren in der Haut, schnitt sie aber nicht auf. Kevin Gore knirschte mit den Zähnen, wodurch das Sum- men in seinem Kopf lauter wurde; es klang wie der Kristallde- tektorenempfänger, den er als Kind mit seinem Vater zusam- mengebastelt hatte – damals, als der alte Mann sich noch mit ihm abgegeben hatte –, der hatte auch nur ein Summen ertönen lassen, und jetzt wandte Kevin den Blick von den Worten ›Fuji- Gillette‹ ab und drehte den Kopf zur Seite, so daß die Nachmit- tagssonne ihn durch die Milchglasscheibe hindurch direkt in die Augen blendete. Dann schaute er doch wieder hinunter, wollte seinen eigenen Körper noch ein letztes Mal sehen, bevor er nun vielleicht gleich völlig kaputtging und sein Ich sich, auflöste, um sich in gesegneter Unbewußtheit wieder mit dem Universum zu vereinigen – und drückte die Rasierklinge gegen sein Handgelenk. Ein paar Minuten später kam er zu dem Ergebnis, daß er wohl nicht verrückt war, oder falls doch, dann war das ein Knüller und die Mühe wert herauszufinden, was er sich sonst noch so ausdenken würde. Eine Vision war das nicht: Seine letzte hatte er zwar vor elf Jahren gehabt, doch er erinnerte sich, daß sie sich nicht auf diese Weise wiederholten. Die Visionen waren damals immer nur einmal aufgetreten, eher so wie das, was Gemma beim Mittagessen erzählt hatte – Riesendackel, sonderbare Feuer und Ähnliches. Das Fieber schien nachzulassen oder legte sich sogar völlig, ebenso das Summen; zwar waren zu beiden Seiten seines Blick- feldes noch immer knisternde Lichttümpel, doch mit denen konnte er leben, wenn sie sich nicht bis zur Mitte ausbreiteten. Er rieb sein Handgelenk an der Stelle, wo er hineingeschnitten hatte, spielte mit dem kleinen Wulst brandneuer Haut, stocher- te mit dem Daumennagel darauf herum, um zu sehen, wie sie reagierte (genau wie Haut eben) und schaute blinzelnd auf die Pfütze im Bad hinunter. Er ging in die Küche, wo er eine Plas- tiktüte hervorwühlte, kam zurück, kniete sich hin und schaufel- te etwas von dem neonblauen Glibber, der keineswegs die schmierige Konsistenz von Blut hatte, sondern ihm wie Gelatine von den Händen glitt, in die Plastiktüte, drückte dann die Luft aus dem abstoßenden Päckchen und schloß die Verschlußla- sche. Kevins ganz besonderes Geheimnis. Er steckte die Tüte in die Hosentasche, als er auf dem Weg zum Auto durch die Küche schoß., Beim Fahren wich das Weideland des Vorstadtsaums beina- he von selbst vor einer zundertrockenen Heidelandschaft zu- rück; wieder sein Kindheitsreisespiel, doch diesmal spielte er es gegen seinen Willen oder zumindest einem Impuls folgend, den er noch nicht verstand. Die zarten einheimischen Pflanzen (hier gab es kein Farngestrüpp) schwangen sich in die Vorberge der Great Dividing Range hinauf wie ein umgekehrtes Steppenfeu- er; während die Pflanzendecke sich wieder ausbreitete, begleitet von stacheligem Myrtengestrüpp und Teebaumdickicht, Pfef- ferminzbaum und Stringybark-Eukalyptus, verflüchtigten sich Kühe, Scheunen, Heumieten und schicke Pendlersiedlungen; ganz anders als in seiner letzten Phantasie eines farndurchwu- cherten Regenwaldes war dies hier eine trockene, unromanti- sche Landschaft, ein glanzloser Lebensraum. Selbst der Blick der wild entschlossenen australischen Impressionisten war zu sehr von Europa geprägt gewesen, um dieses harte Licht allzu oft zu malen; allein schon von seinem Anblick dörrte einem der Mund aus. Gleichfalls im Gegensatz zu seiner vorherigen Phantasie war diese Landschaft außerdem bewohnt: Der Mann hatte glattes, schwarzes Haar, trug Shorts aus Armeerestbeständen, und seine Haut hatte das glänzende Braun, das eine Folge häufiger kör- perlicher Arbeit im Freien ist, ungefähr so wie Kevins Haut… Der Mann, der jetzt wegging, den Hügel zum Fluß hinunter- lief und zwischen Flußeukalyptus und Binsen verschwand – Kevin war sich sicher, daß er das selbst war. Kevin wußte, daß alles nur eine Ausgeburt seiner Phantasie war, aber dennoch mußte er den Drang bekämpfen, den Wagen anzuhalten und dem Mann zu folgen. Das wäre nichts als ein, Ausweichmanöver gewesen. Als er von der Tankstelle aus angerufen hatte (vielleicht war sie ja gar nicht zu Hause, und er verschwendete seine Zeit, und ja, vielleicht würde sie eine Vorwarnung zu schätzen wissen), hatte Pat wirklich glücklich geklungen, nach so vielen Jahren von ihm zu hören, und auch er hatte viel Wärme für sie empfunden; er wäre doch verrückt, wenn er sich durch etwas, das im Grunde ein feiges Kneifen vor diesem mysteriösen Drängen war, ablenken ließ und auf der Suche nach einem Phantasiegespinst eine Pferdekoppel durch- wanderte. Ach, aber er konnte den Weg in die Vergangenheit riechen, die in der Hitze aufragenden Zitrus- und Eukalyptus- gewächse, er konnte das Knacken von Zweigen unter seinen Füßen hören, die schockierende Kälte in den Hoden und im Rückgrat spüren, als er sich nach dieser Wanderung durch sengende Hitze ins Wasser gleiten ließ. Fast hätte er die Abzweigung zu Pats Grundstück übersehen. Hier oben war es nicht nötig, die Landschaft im Geist umzu- gestalten; viele der Kooperativen hatten Haustiere von ihrem Land verbannt und jagten nicht, ließen zu, daß der größte Teil der Landschaft sich aus eigener Kraft regenerierte, doch man brauchte Geld, um innerhalb einer zumutbaren Entfernung von der Stadt Land zu kaufen, und noch mehr Geld, um es zu behal- ten: Kevin kam an zwei Wohnzentren für Rentner vorbei, wo die Angehörigen der betagten Bevölkerungsmehrheit lebten und sich, umgeben von Rasenflächen, die immer angenehm kurz blieben und nie gelb wurden, einer Welt der alltäglichen Unfälle und ›Natur‹-Katastrophen entzogen. Viele weitere Rentner wohnten an ähnlichen Orten in Queensland. Nachdem Kevin eine halbe Stunde über eine gewundene, Schotterstraße gebrettert war, kam er neben einem Briefkasten, auf dem über dem handgeschnittenen Schlitz ABRAHAM gepinselt stand, schlitternd zum Stehen. Er wendete, fuhr dann in die Einfahrt hinein und passierte die angerosteten Überreste eines Saabs. Halbfertige Eisenskulpturen lagen verstreut in der Landschaft herum: Überall war noch etwas von Dave zu sehen. Pat hockte im Kräutergarten, als er vorfuhr, und machte sich mit einer für eine nahezu Achtzigjährige erstaunlichen Kraft über das Unkraut her. Ihre Ellbogen ruckten, und das Unkraut flog nur so davon. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute sie auf, obgleich sie sein Auto gehört haben mußte. Als sie ihn erkannte, strahlte sie. Ohne merkliche Schwierigkeit stand sie auf und kam auf das Auto zu, wobei sie sich Erde von den Händen rieb. Kevin fühlte sich um Meilen besser, nur weil er endlich da war. »Pat.« »Kevin.« Sie nahmen einander bei den Händen wie zwei Kinder beim Ringelreihen und schauten sich eine Weile an. Pat hatte ein breites, hohes Gesicht, offener denn je und noch immer fest, obgleich von Furchen und Rinnen erodiert. Ihre braunen Augen sahen Kevin mit der durchtriebenen Fröhlichkeit einer Frau an, die sich geschmeichelt fühlt. Es tat Kevin gut, mit einer Frau zusammen zu sein, die ihn nicht von vornherein darauf festlegte, was er zu sein hatte oder gewesen war, sondern ihn akzeptierte, wie er war. Er küßte sie auf beide Wangen, und sie küßte die seinen. »Ich setze Wasser auf. Oder hättest du lieber ein Bier?«, »Tee ist prima. Danke, Pat.« Das Land war wilder, als Kevin es in Erinnerung hatte. Und nicht, weil es von einer vereinsamten Frau vernachlässigt wor- den wäre. Braun, gelb und grün hinterließ Boronia ihren exqui- siten Duft auf Kevins Beinen, als er Pat ins Haus folgte, das inzwischen fast gänzlich mit roten Ranken überwachsen war. Drinnen war der A-förmige Bau mit mehr ethnischer Kunst denn je vollgestopft, und die von Pat gegossene Eisentreppe schwang sich genauso kräftig und anmutig in die dunkle Kühle empor, wie er es in Erinnerung hatte. Während er noch Daves Skulptur betrachtete, hallte Martins Stimme in ihm wider, fast unerträglich vertraut und quälend, aber älter, sogar älter als der wirkliche Martin Leywood: Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Pausenbrot ißt und einen Apfel? Ja, es ist möglich. Kevin schauderte unwillkürlich zusammen; er wandte sich halb ab und ließ eine Hand auf den Thonetstuhl neben sich fallen. Pat betrachtete ihn mit einer gewissen Sorge, sagte aber: »Du hast jetzt selbst eine Farm, wie ich höre.« Es half ihm, nun eine Antwort geben zu müssen. »Südküste von New South Wales. In der Nähe von Lily, und das liegt in der Nähe von Tathra.« Er nahm sich einen Stuhl, setzte sich, und dachte voll hilfloser Wut auf sich selbst: Wenn, das nicht einfach meine Schuldgefühl sind, die da aus Martins Stimme sprechen (und aus den anderen Stimmen auch), dann hat es mit den Visionen zu tun, oder warum fange ich genau in dem Moment an zu spinnen (oder was auch immer), in dem Gemma mir von den Visionen erzählt? Und das blaue Blut steht auch mit den Visionen in Verbindung. In seinem Kopf stellten sich unzählige Gedankenverbindungen her, doch dann brach der ganze Mist auseinander… »Ich bin froh, daß man der Holzfällerei da unten ein Ende gesetzt hat. Hattest du damit zu tun?« Sie stellte den Wasserkes- sel an. Er konnte die Augen nicht von der mattschwarzen Spirale wenden, die eine Evolutionsbewegung darstellte, von knochen- losen Krabbelwesen bis zu emporfahrenden Luftgeistern. Vo- gelschwärme erhoben sich im aufsteigenden Bogen, Insekten- wolken und Affenhorden; die Menschheit nahm den zentralen Stützpfeiler ein. Zu Recht? fragte sich Kevin. »Überhaupt nicht«, antwortete er, wobei ihm klar war, daß diese Antwort zu spät kam. »Hab mich eine ganz schön lange Weile ziemlich aus allem rausgehalten. Habe aber ein paar Scones gebacken.« »Komisch, bei mir war es nach Daves Tod genau anders her- um.« Als Kevin nicht reagierte, ließ sie sich im Stuhl gegenüber nieder und sagte: »Ich stürzte mich bis über beide Ohren in Ehrenämter, bis meine Gesundheit fast dran glauben mußte.« Nun brachten sie sich gegenseitig über die zurückliegenden elf Jahre aufs laufende. Allmählich wichen Verwirrung und Wut Wärme und Dankbarkeit. Kevin stellte fest, daß er ganz natür- lich und sogar ausführlich über die Tage sprechen konnte, die, er sonst nie gegenüber irgend jemandem erwähnte, weil Pat so einfach und offen davon redete. Sie lachte soviel! Ihre Trauer reichte offensichtlich tiefer als seine, und doch ermutigte sie ihn, seine zum größten Teil nie ausgedrückten Gefühle gegen- über Gillian mit ihrem Verlust des Gefährten eines halben Jahrhunderts zu vergleichen. Er betrachtete sie in den leuchten- den Farben, die vom Hauptlicht der Küche auf sie fielen, und versuchte, sich des Vergleichs angemessen zu schämen, brachte das aber nicht fertig – Pat würde das nie zulassen. Kevin lächel- te und ließ sich im Stuhl zurücksinken. Dann jedoch durchschoß ihn wieder das heftige Gefühl des Getriebenseins, das ihn seit dem Essen mit Gemma Stranger im Griff hatte, als hätte es nur im Hinterhalt gelegen, und mit einem scharfen Unbehagen spürte er nun die Plastiktüte voll Blut gegen sein Bein drücken. Von einem Moment auf den anderen verkrampfte er sich, heimlichtuerisch, verzweifelt, ungeduldig; er schluckte es hinunter, schon wieder unglaublich wütend auf sich selbst, weil er sich bei Pat so benahm. Du Schuft, dachte er, aber er konnte seine Hand nicht daran hin- dern, nach unten zu gleiten, während Pat von einem neuen Film über eine Prostituierte in den Opalfeldern von Cooper Peedy erzählte, durch einen funkelnden Tunnel hindurch hinunterzu- greifen und bedrängt von leisem Kindergesang, den Versen eines Taschentuchspiels, sein Taschentuch aus der Hosentasche zu reißen, wobei ganz ›zufällig‹ auch die Tüte zu Boden fiel. »Entschuldigung«, sagte er und bückte sich, um die Tüte auf- zuheben. »Meine neue Sonnencrememischung. Ein schönes Blau, nicht wahr? Als sie dem zustimmte, hätte er sie küssen können, auch wenn er ihr diese Bestätigung aus der Nase gezo-, gen hatte. Sie konnte es sehen. Blau!« Die Kinderstimme und das Gefunkel legten sich wieder. So- bald wie möglich umriß er ihr seine Pläne bezüglich Martins Stücks. »Ja«, meinte sie mit bedächtigem Nicken. »Das sollte hinhau- en. Hier haßt man niemanden lieber als die Amerikaner, und insbesondere jetzt, wo sie die Gelder für die Deiche in Bangla- desh blockieren. Aber du hast gewiß nicht mehr die nötigen Verbindungen, um einen Geldgeber zu finden. In dieser Hin- sicht kann ich dir ja vielleicht helfen.« Sie stand auf und lächelte so vorbehaltlos, daß die Jahre von ihr abzufallen schienen, denn es war das Lächeln eines kleinen Mädchens, das immer fröhlich durchs Leben springt. Ob sie nun wirklich einmal ein solches Mädchen gewesen war, war völlig nebensächlich; vor langer Zeit war sie zu dem Schluß gekommen, was für ein kleines Mädchen sie eigentlich hätte sein sollen, und da sie wußte, wieviel Heuchelei normalerweise hinter dem Verhalten der Erwachsenen steckte, überließ sie sich ganz arglos diesem Kind, als die Zeit dafür gekommen war. Wo steckte Kevins glücklicher Lausejunge? Er hatte keine Ahnung. »Zunächst brauchen wir einmal Wein – Rotwein. Eine Fla- sche ist das mindeste zum ordentlichen Pläneschmieden; und da hab ich auch genau das Richtige. Vor acht Jahren habe ich sie abgefüllt, und der Wein sollte ausgezeichnet zum Abendes- sen passen. Du bleibst doch zum Abendessen, oder, Kevin?« Ihre glänzenden Augen warfen einen flirtenden Blick aus ihren Falten-Deltas. »Ich schätze schon, Pat«, antwortete Kevin. Er schob seinen, Stuhl zurück und freute sich auf die gemeinsam zubereitete Mahlzeit. Sollte er ihr von den Vorfällen erzählen? Nein, noch hatte er nicht genug zusammen, um es irgend jemandem preis- zugeben. Er stand auf. Sorge dich nicht um das Fieber, das blaue Blut, die Stimmen und Gemmas Visionen; wenn er einen Tag nach dem anderen in Angriff nahm, würde schon alles in Ord- nung kommen. »Die da möchte Schauspielerin werden«, erklärte der Mann mit dem Schnurrbart. Er sah eher wie ein Kricketspieler als wie ein Produzent aus. »Darum kocht sie Ihnen Kaffee.« »Ja, aber wirklich phantastischen Kaffee. Und eine großartige Flötenspielerin.« »Da krieg ich nicht viel von, da, wo ich herkomme.« »Was: Eine zum Flöte blasen oder Kaffee? Ha ha! Wo war das noch mal?« Nein, so eine Arschflöte wie dich. »In der Nähe von Tathra. Südküste von South Wales.« »Ach ja.« Er setzte sich. »Ja, ich habe da ein paar Freunde. Die meinen, die Grundstückspreise hätten inzwischen wohl ihre Höchstmarke erreicht.« »Da kenne ich mich nicht aus. Ich habe schon vor einer gan- zen Weile gekauft.« »Rechtzeitig eingedeckt, was Freundchen? Hat Ihnen noch keiner ein Angebot gemacht?« »Bis jetzt noch nicht.« »Dann müssen Sie noch ein paar Jahre darauf hockenbleiben. Darauf warten, daß der Meeresspiegel wieder sinkt.«, »Ich hab's nicht eilig.« »Keine dumme Lebensweise.« »Was das Stück betrifft…« »Pat. Ja. Also, ich habe es gelesen. Wissen Sie, Pat war einmal eine sehr scharfsinnige Dame. Dave – der hätte aus der Sache ein Vermögen geschlagen, wenn der Schuß nicht nach hinten losgegangen wäre.« »Sie denken also, daß es das war?« »Hä?« »Einmischung.« »O nein. Es war ein Unfall.« Wieder versuchte er es mit ei- nem Lacher. »Nur eine Redewendung. Nein, was ich nicht verstehe: Was schaut für Sie dabei heraus? Und für Pat? Ich meine, mir fehlt der springende Punkt. Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Abgesehen von einigen der Schätzungen, die sie hier aufgestellt haben, haben wir noch gar nicht über Geld gesprochen. Was soll für Sie dabei herausschauen?« »Es ist ein Hommage. Es war schon lange fällig. Es ist wohl ein Statement über Kunst und Idealismus…« »Nein, aber… versuchen Sie ein Comeback? Oder wollen Sie eine Partnerschaft mit Pat eingehen?« »Als was? Als Produzenten?« »Ja.« »Würde ich dann zu Ihnen kommen?« »Keine Ahnung… Wenn wir das hier machen – und da müß- te man eine Menge umschreiben und für die Effekte bräuchte man richtig Geld, aber nicht zu knapp – dann stinkt das so zum Himmel…« »Meinen Sie denn, so ein Theaterstück wird überhaupt be-, achtet?« »Dafür werde ich sorgen. Ich meine, schauen Sie doch mal diese Sache mit den Visionen: Die Nachrichten sind voll davon, stimmt's?« Er schob Kevin ein Boulevardblatt über den Tisch. Die Schlagzeile bezog sich auf eine junge Spanierin, die gesehen hatte, wie ein Hochspannungsmast zum Leben erwachte und ihr wegen Spaniens Einbeziehung in den Europäischen Bio- ethik-Pakt Vorwürfe machte. »Jetzt ist die Sauregurkenzeit, aber die Europäer nehmen das ernst!« Die Spanierin war inzwischen schon das Zentrum einer kleinen, aber lautstarken Sekte. »Die Leute schlucken einfach alles, Chef.« Kevin starrte auf den hervorgehobenen Kasten mit einem Kurzartikel über die zu- nehmende Zahl von merkwürdigen Visionen in der ganzen Welt, während der Produzent fortfuhr: »Wenn wir das machen, Sie, der Drehbuchschreiber und bis zu einem gewissen Grad auch Pat – dann sammeln Sie die ganze Publicity ein. Was wollen Sie damit anfangen?« »Hm?« Kevin schaute auf. »Ein bißchen öffentliche Diskussi- on wäre nicht schlecht. Damit könnte ich mich abfinden.« »Prima! Aber Sie brauchen mir nichts vorzuspielen. Ich mei- ne, der springende Punkt ist doch, was wollen Sie da wirklich rausholen? In welche Richtung wollen Sie gehen? Film? Sie wissen ja, daß man als Literaturagent in diesem Land nicht ans große Geld kommt. Wenn sie darauf aus sind, es sei denn, es geht um…« »John?« »Ja, Chef?« »Ich glaube, Sie verstehen nicht… ich… für mich geht es nur um diese eine Sache. Es bedeutet mir etwas, daß das getan wird,, aber ich habe eigentlich kein Interesse mehr am Theater.« »Genau darauf will ich hinaus, Chef. Ich meine, offensicht- lich ist das hier das Mittel zu einem Zweck. Es zielt darauf ab, einen Sturm in den Medien zu entfesseln. Was haben Sie also im Sinn? Für danach.« »Landschaftsgärtnerei.« Ich kann es Ihnen unmöglich sagen, weil ich wider alle Vernunft einem Zwang gehorche, um mich vor dem Wahnsinn und den Stimmen zu retten. »Landschaftsgärtnerei. Schauen Sie, wenn Sie nicht bereit sind, in eine Situation des Vertrauens zu investieren, warum sind Sie dann hier? Ich bin nicht der Typ, der sich gerne streitet, Chef, aber das ist der springende Punkt in diesem Geschäft: Vertrauen. Wenn Sie mir nicht sagen, worauf Sie wirklich aus sind, wie soll ich die Sache dann richtig vermarkten? Daraus besteht die Masche doch zu neunzig Prozent: Qualitäts- Marketing. Ich brauche die Zielgerade, damit ich strategisch planen kann, die richtigen Worte in die richtigen Ohren fallen lassen kann.« »Ich schätze, Ihre eigenen Ohren liegen nicht in der Zielge- raden, Chef. Ich sagte, daß die Geschichte der Wahrheit ent- spricht, bis in alle Einzelheiten. Die Leute, um die es geht, haben mir etwas bedeutet – bedeuten mir noch immer etwas. Ich würde gerne eine Diskussion über das Thema in Gang setzen, und sonst hoffe ich auf gar nichts. Ich habe nicht im geringsten vor, die Sache als Sprungbrett zu benutzen. Ich bin absolut darauf vorbereitet, daß das Ganze ein Flop wird und ich mich wieder meinen eigenen Geschäften zuwenden kann.« Nur daß dahinter noch andere Zwänge warten, das spüre ich, wenn ich auch nicht weiß, worum es geht. Entweder ich folge ihnen, oder, ich werde verrückt. »Kevin, wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind, können wir nicht ins Geschäft kommen.« »John, wenn Sie mir nicht zuhören, nehme ich das Manu- skript und gehe. Vielen Dank für Ihre Zeit.« Als Kevin nach dem Manuskript griff, sah er im zerfurchten Gesicht seines Gegenübers Ärger im Widerstreit mit Überra- schung. Er war sich sicher, der Produzent würde davon ausge- hen, daß er bluffte. Wie schade, daß er ihn enttäuschen mußte. Daß er sich nur als Mittel zu einem Zweck betrachtete, half ihm, die folgenden Wochen durchzustehen, das Herumgefahre in der Stadt, die Telefoniererei, die Auseinandersetzungen mit Produzenten, das ganze Gerenne und Gelaufe und natürlich die Warterei auf Termine. Der wunderschöne Sommer verspottete ihn; die Jahreszeit war zur Abwechslung einmal weder zu heiß noch zu naß und zeichnete den Polizisten ein Lächeln auf die Lippen, legte den Straßenbahnfahrern ein Lied in den Mund und versah einander Fremde mit sexlüsternen Blicken, verstärk- te aber Kevins Gefühl, daß seine Füße zwar wußten, wohin sie gehen mußten – es seinem eigensinnigen Kopf aber durchaus nicht mitteilten. Er streifte einsam durch die sonnigen Straßen. Die Schlagzeilen waren oft ein einziges Gezeter über Visionen von der Art, wie Gemma sie erwähnt hatte, und Kevin versuch- te, das zu ignorieren, aber selbst in den normalen Überschriften wurden Themen behandelt, mit denen er sich seit Jahren nicht mehr abgegeben hatte; es kam ihm manchmal so vor, als hätte sich die Gesellschaft in den elf Jahren seiner relativen Abge- schiedenheit absichtlich verwandelt, um ihm das Gefühl der, Entfremdung zu geben. Abends ging er in Kneipen, stellte fest, daß Musik und Gespräche während seiner Abwesenheit unver- ständlich geworden waren, blieb aber dennoch da, ließ Reaktio- nen automatisch ablaufen, eine Fähigkeit, die ihn in seiner Zeit als Schauspieler oft gerettet hatte, wenn er das Gefühl für seinen Part verloren hatte und das So-tun-als-ob ihm half, wieder ein echtes Empfinden zu gewinnen. Er stellte jedoch fest, daß die Leute ihn jedesmal, wenn er sich in seiner neuen Rolle entspannte, anschauten, als hätte er sich gerade ein Blöße gegeben, insbesondere wenn er einem Produzenten gegenüber saß – einmal war ihm mitten in einer Tirade bewußt geworden, daß der Fatzke, den er zwei Wochen lang geduldig umworben hatte, um einen Termin zu bekom- men, Angst hatte, daß Kevin gleich zuschlagen würde; vielleicht hatte er das Fieber gesehen, die fieberhafte Erregung, die nach dem Besuch bei Pat (sie hatte das Zeugs in der Tüte auch als blau wahrgenommen, Gott sei Dank, aber das Summen, das manchmal mitten in seinen Knochen vibrierte, konnte sie wohl kaum spüren) in Kevins Augen zurückgekehrt war. Der er- schreckte Blick und der fluchtbereit angespannte Körper unter dem Thai-Shirt gaben genau das zu erkennen, Angst, und da ließ Kevin ab, verstummte bei dem Gedanken, daß er so heftig geworden war; er entschuldigte sich, er sei vom Thema abge- schweift, und tat sein Bestes, sich den Touch zynischer Bon- hommie zu geben, den die Manager untereinander pflegten, doch während der Mann sich sichtlich entspannte, blieben seine Augen doch von Mißtrauen überzogen. Kevin trug ihm den Rest seines Vorschlags ohne jede Begeisterung rein mechanisch vor und ließ ihn im Streifenschatten der Stabjalousien seines, kühlen Büros zurück. Er stolperte die Seitentreppe des restau- rierten Palais hinunter, wieder in den verwirrenden Sonnen- schein hinaus, und ging über die Straße zum Strand, wo er völlig erschüttert etwas zu Mittag aß. Eine weitere potentielle Geldgeberin für Martins Stück warf Kevin mit den Worten: »Ich habe Sie nur empfangen, weil sie sagten, Sie seien ein Freund von Pat«, aus ihrem Büro, wobei sie mit purpurroten Fingern die rote Lockenpracht durchkämmte, die ihr über ein Auge hing, die Ellbogen schwer auf den Schreibtisch gestützt (ein echter Fleischklops), als hätte sie gerade die härteste aller harten Nächte hinter sich gebracht. »Es ist schon eine Beleidigung, einen solchen Mist lesen zu müssen, und jetzt wollen Sie auch noch, daß ich das glaube?« Sie schüt- telte den Kopf, griff nach dem Joint, der in dem Sesamsamen- Aschenbecher vor ihr qualmte (leise stöhnte der Tisch) und keuchte »Nein« sowie etwas Unverständliches hervor. »Nach allem, was Sie sagen, frage ich mich, ob sie es über- haupt gelesen habe«, antwortete Kevin pikiert. »Genau. Und jetzt raus!« Aus den in Weiß und Purpurrot auf die Haut geschmierten Linien sahen ihre Augen ihn rot und haßerfüllt an; sie kratzte sich mit dem Fingernagel unter der quastengeschmückten Brustwarze und winkte ihn mit dem anderen (purpurrot ge- streiften) Arm hinaus. Blöde Kuh. Die Cafés an der Brunswick Street standen voller Pflanzen und Blumen, deren Farben vor einem Jahrzehnt Mode gewesen waren. Kevin ließ seine Füße selbst ihr Ziel bestimmen, doch als er Gemma ganz allein im hinteren Winkel eines leeren Fischlo-, kals sitzen sah, wo sie Krümel von einem kringeligen Durchein- ander von Zeitungskopien schnippte, ging er hinein, um sie um ihren Rat zu bitten. Sie wirkte sichtlich erfreut, ihn zu sehen, als er ihr jedoch von seinen Bemühungen erzählte, zuckte sie fast zusammen und saß dann eine ganze Weile stumm da und dachte nach. »Ich weiß es auch nicht«, gestand sie schließlich. »Ich bin so jemand, der nur im Elfenbeinturm sitzt. Auf geschäftlicher Ebene hatte ich mit solchen Leuten noch nie zu tun.« Kevin mußte wohl entmutigt geblickt haben, denn sie seufzte und fragte, wie viele potentielle Geldgeber noch übrig seien. »Noch zwei.« »Wie viele haben bisher irgendein Interesse gezeigt?« »Zwei.« »Versuch es vielleicht einmal mit ein bißchen Tamtam; du hast es mit Partyfreaks zu tun, und von Natur aus amüsieren die sich gerne. Wenn du so aussiehst, als ob es Spaß macht, mit dir zusammen zu sein, dann kriegt das ganze Projekt diesen gewis- sen Touch.« »Also, eine Komödie ist es eigentlich nicht.« »Nein, aber man kann auch nicht behaupten, daß da sofort Dollarsymbole vor ihren inneren Augen aufleuchten.« »Bei einem war es so, aber ich habe ihn überzeugt, daß es darum eigentlich gar nicht geht.« Gemma griff sich an die Stirn. »O Gott. Schau: Martin ist nicht direkt ein Komödiant, aber er kann witzig sein, wenn er es darauf anlegt. Könnte man es nicht als eine Art lustigen Kla- mauk betrachten mit dem einen Haken, daß die Geschichte auf Tatsachen beruht?«, Kevin gab zu, daß das möglich sei, Gemma erklärte, sie wür- de sich nach dem letzten Termin auf einen Drink mit ihm treffen. Sie würde ihn anrufen. Kevin ließ sie zwischen ihren Artikelbergen zurück. Beim Hinausgehen schaute er sich noch einmal um und dankte im stillen seinen Füßen dafür, daß sie ihn hergetragen hatten. Bei den letzten beiden Terminen gab die eine Produzentin Kevin nicht nur das deutliche Gefühl, am richtigen Ort zu sein, sie zeigte auch echtes Interesse. Eine halbe Stunde vor seinem Termin bei Borovsky Studios drehte er ein paar Runden im öffentlichen Schwimmbad, um so fit und relaxed auszusehen, wie sonst immer die Produzenten. Er zog sich an, als ginge er zu einer recht lässigen Party, machte sich nicht die Mühe, sich zu rasieren, wählte aber seine besten Schuhe und legte die Golduhr seines Großvaters an, sowie einen Gürtel, den er extra für diese Gelegenheit in einer Modegürtel-Boutique gekauft hatte. Bei der Unterhaltung versuchte er es mit ein bißchen Showbusiness. Die Frau lachte anerkennend. Sie stimmte Kevin zu, ja, auch ihrer Ansicht nach zögen sich leichte und sogar komische Momente durch die ganze Geschichte, doch im Grunde sei dies ein ernstes Stück, bei dem man gründlich darüber nachdenken müsse, wer es bearbeiten solle, um eine Trivialisierung zu vermeiden. Kevin Gore trat hinaus in einen wieder einmal wunderschönen Sonnentag, überrascht, daß eines der größten Studios Australiens so eindeutig positiv und direkt reagiert hatte. Normalerweise machen diese Leute Filme, Junge, erwarte also nicht zuviel. Gewiß, am Morgen seines letzten Termins erhielt er einen Brief – seine erste schriftliche Antwort – in dem man ihn be-, dauernd informierte, daß eine Bühnenfassung der Reize wohl keinen Erfolg haben würde, daß die Idee aber doch vieles für sich hatte und man deshalb gerne einen low-budget-Spielfilm in Erwägung ziehen würde. Vielleicht wäre Martin damit zufrieden, dachte Kevin, faltete den Umschlag zusammen und steckte ihn in die Hosentasche, während er die vierunddreißig Stockwerke zu seinem Termin mit Caroline Wash hochfuhr, einer ehemaligen Schauspielerin, die seinen einzigen Beitrag zu Pats Liste darstellte. Da Caroline und er selbst einmal ein Paar gewesen waren (drei Wochen lang) freute er sich auf die Begegnung, und obgleich er nicht erwartete, daß sie sich ernsthafter mit seinem Vorschlag ausei- nandersetzen würde als die anderen, ging er doch davon aus, daß sie ihm die schlechte Nachricht schonend beibringen würde. Da sie seine letzte Möglichkeit war, hatte Kevin ein Gefühl der Befreiung: Dieser Umweg, diese Abweichung von seiner eigentlichen Aufgabe (worin auch immer die bestand) würde bald abgeschlossen sein. Daher brachte es ihn zur Weißglut, als er wegen der Stimmen vor Caroline dumm dastand; er war fester entschlossen denn je, nicht auf sie zu hören, doch sie setzten ihm so zu und laberten ihn mit einer so nervtötenden Intensität voll, daß er sich ent- schuldigen mußte; er stolperte zur Toilette, setzte sich und wartete darauf, daß der Anfall vorüber ging. Hier ging es nicht mehr nur um die Angst, verrückt zu werden: Er wollte einfach, daß es aufhörte – und warum nur waren es immer dumme Verse? Es hatte mit seiner beiläufigen Bemerkung begonnen, daß er mit diesem Stück nicht die Welt ändern wolle. Niedliche Reime und schreckliche Schmerzen:, Gans, Kalb und Biene, werd ich zeigen, Sind groß in unserm Erdenreigen, Regier'n in unsren Menschendingen. Wer löst das Rätsel? Mag's gelingen. Er kehrte von der Toilette zurück, fest entschlossen, die Stimmen notfalls um eine Schonfrist bis zum Ende des Ge- sprächs zu bitten. Bisher hatte er ihnen noch nie geantwortet, außer mit der Bitte, endlich aufzuhören, denn das hätte ihnen Glaubwürdigkeit als eigenständige Personen verliehen; doch als er da saß und der nachsichtigen und noch immer schönen Produzentin ihm gegenüber so sorglos wie möglich zulächelte, begann es von neuem: ich könnte einen sud brauen, der das gedächtnis konserviert, so daß man nie mehr vergessen kann, aber stell dir einmal gedächtnisse in formaldehyd vor, die sich in einmachgläsern ohne etikett nach und nach zersetzen, anonym, widerlich und nach verfall stinkend, die würdest du doch bei der ersten besten gelegenheit wegschmeißen & wärest froh, sie los zu sein. Okay, in Ordnung, gut, ich höre euch zu! Schrie er lautlos in sich hinein. Laßt mich das bitte erst hinter mich bringen, und dann bin ich ganz Ohr, ehrlich – bitte, bitte, laßt mich jetzt eine kleine Weile in Ruhe…, Stille. Der Schmerz in seinem Kopf ließ nach. »…sehr gute Arbeit geleistet.« Caroline Walsh nahm Kevins Werbeschrift und legte sie sanft auf ihre Kladde. »Für jeman- den, der lange nicht mehr im Geschäft war und eigentlich auch nie mit der Organisationsarbeit zu tun hatte.« »Ich hatte Hilfe«, erklärte Kevin. »Ja.« Caroline lächelte warmherzig bei diesem Hinweis auf Pat. »Das Problem ist«, fuhr sie mit einem entschuldigenden Blick für ihre unumgängliche Entscheidung fort, »ich kann mir nicht leisten, das auf die Bühne zu bringen. Da stecken einige gute Ideen drin, aber das Manuskript müßte gründlich überar- beitet werden, man brauchte eine riesige Besetzung, und dann die vielen verschiedenen Schauplätze.« Kevin nickte. »Vielleicht wäre es eher für einen Film geeignet«, sagte sie mit einem nachdenklichen Schieflegen des Kopfes, bei dem ihr Ohrring die Schulter berührte. Caroline gab ihm eine engere Auswahlliste bekannter Namen (darunter auch Borovsky Studios, mit einem Sternchen verse- hen), und beförderte ihn dann sanft nach draußen, wobei sie es mit ihrem großen, ausdrucksvollen Mund fertigbrachte, gleich- zeitig lüstern zu grinsen und bedauernd die Stirn zu runzeln; bevor sie ihn zum Abschied küßte, versprach sie, ihn anzurufen, um sich auf ein paar Drinks und einen Schwatz über alte Zeiten zu treffen; die Art, wie sie ihn beim Auseinandergehen mit der Innenseite ihrer Arme streifte, ließ noch weit mehr denkbar erscheinen, doch als Kevin im Lift stand, war ihm klar, daß er sie nie wiedersehen würde. Er machte sich zwar durchaus Sorgen, was nun kommen, würde, doch seine sonderbare Fiebrigkeit hatte inzwischen einen nicht mehr zu steigernden Höhepunkt erreicht, wo jeder Gegenstand (verchromter, sandgefüllter Aschenbecher, Mar- morfaszien an den Wänden, wärmeempfindlicher Teppich im Foyer, auf dem noch die verblassenden Spuren anderer Besu- chern zu sehen waren) sich wie vor einem weißen Hintergrund scharf abzeichnete. Er schwelgte in der sengenden Klarheit, befreit, in eine weitere Entwicklungsphase seiner Verrücktheit entlassen, oder was auch immer es war, das eine Normalisie- rung dieser ganzen Scheiße erhoffen ließ; bald würde er Erklä- rungen bekommen, bald war er wieder unterwegs, aber jetzt war die Zeit gekommen, endlich einmal das aufreizend schöne Wetter zu genießen, bevor er sich wieder auf den Weg machte, in die Zukunft aufbrach. Nein, eine Nacht mit Caroline Walsh gehörte wohl nicht dazu… nein. Mach dir nichts draus! Endlich fühlte er sich einmal im Einklang mit dem fröhlichen Lächeln in jedermanns Gesicht und lächelte so begeistert zurück, wie er nur konnte. Wenn dieser Tag kein echter Knüller war! Im Schwimmbad klangen die Stimmen so fern, daß er sie im Plätschern des Wassers und dem Geschrei rundum kaum ausmachen konnte, als hätte, wer auch immer da in seinem Kopf sprach, ihm Raum für Klarheit gewährt. Die Kopfschmer- zen hatten sich allerdings nicht gelegt. Sie hämmerten zwischen seinen Ohren; unablässig. Ob die Stimmen nun sprachen oder nicht. Zuerst machte er sich Sorgen, daß der Schmerz über- haupt nie wieder aufhören würde; er konnte nicht diese Qual ertragen und gleichzeitig auch noch gehen oder sprechen. Schmerzmittel zeigten keinerlei Wirkung. Nur wenn er sich im, Wasser treiben ließ, sich ganz auf den Schmerz einstellte, wurde er etwas erträglicher. Wie er es in der Schauspielschule gelernt hatte, atmete er in den Schmerz hinein, umfaßte ihn, doch nun, wo die Stimmen klar und deutlich sprachen, beunruhigte ihn das noch mehr als die Aussicht auf Schmerzen ohne Ende. Warum nur war sein Blut blau? Um die sonderbaren Effekte zu erzielen, die er von Der Sturm in Erinnerung hatte, war eine schauspielerische Leistung erforderlich, und seit Jahren hatte er keine Rolle mehr gespielt. Außerdem war das, was derzeit vorfiel, wiederholbar und blieb im Anschluß für andere sicht- bar, wie sein Experiment mit dem Rasiermesser im Bad und der Plastiktüte bewiesen hatte. Nein, was in seinen Adern floß, war wirklich neonblaues Blut. Und warum nur geschah dies gleich- zeitig mit der Häufung von Visionen auf der ganzen Welt, die inzwischen mehr waren als nur eine Ausgeburt der Sauregur- kenzeit oder Nahrung für Gemmas Magisterarbeit. Die hatten eine verstörende Ähnlichk… Er hatte keinen Zweifel, daß er die Stimmen nicht selbst erfunden hatte, aber dann – woher kamen sie? Martin, der alte Angeber, hätte niemals der Versuchung widerstehen können, seine Psychomacht herauszuposaunen, hätte er so etwas besessen. Als Kevin, der sich in dem für Spiele vorgesehenen Teil des Schwimmbeckens auf dem Rücken treiben ließ, das dachte, sagte die Stimme: Ich heiße Oskar. Er habe keine Zeit, fuhr Oskar fort, ihm die notwendigen Anweisungen komplett zu übermitteln und sie auch noch zu erklären, aber Kevin müsse diese natürlich erhalten. Sie würden Kevin an diesem Abend in einem ›hypnagogischen Zustand‹, vor dem Einschlafen einfallen, als wären sie seine eigene Idee. Wie dieser Einfall, Martins Stück mit aller Gewalt auf die Bühne bringen zu wollen? dachte Kevin. Du also hast hinter diesem Drang gesteckt, diesen Mist mit den Produzenten durchzuziehen, obwohl du wußtest, daß ich keinen Funken von Hoffnung hatte! Habe ich recht? Wozu war das denn gut, wenn es nicht ein Gefallen war, den ich einem kaputten und ziemlich dummen Freund schuldete? Mach keinen Fehler, alter Freund, versuchte Oskars Stimme Kevin durch das Zischen in seinem Kopf hindurch zu beruhi- gen, als höre er die Stimme Jahrzehnte weit her aus einem Tunnel, deine Idee wird sich als richtig erweisen. Alles, was du getan hast und tun wirst, ist notwendig, wie sonderbar es dir zu gegebener Zeit auch erscheinen mag. Und jetzt mach dich bereit. Und obwohl das Wasser (das nach Rosen roch) nahezu warm war, schauderte Kevin zusammen, machte eine heftige, unna- türliche Verwüstung durch, die ihn mehrmals durchfuhr wie der Todeskrampf eines verendenden Tiers, und gerade, als er dachte, jetzt sei es vorbei, schlug es ihn noch einmal mit einer absolut körperlichen Gewalt nieder und verebbte dann als nervöses Zucken durch seine Glieder in die Hände und schließ- lich die Finger hinein, bis er wieder ruhig dahintrieb und wie betäubt verkehrt herum auf das Schild ›Flacher Bereich – Kopf- sprung verboten‹ und auf das leere Blau darüber starrte, in einem Zustand, so leer, wie er ihn noch nie erlebt hatte, und doch absolut aktionsbereit. Vertraue mir. Frag nicht nach meinen Quellen. Was kommt, ist vorausgesehen. Befolge die Anweisungen auf den Buchstaben genau., Dann folgte eine Flut von Befehlen, in der die Stimme, die ihm wie Martin Leywoods Stimme vorgekommen war, Kevin die Aufgaben der nächsten Monate hastig umriß. Wie diese Anweisungen, denen er Folge leisten mußte, mit dem neon- blauen Blut in Verbindung standen, was sie mit Martins Manu- skript, der Weltplage der Visionen, seinen Besuchen bei Produ- zenten und der vor so langer Zeit verunglückten Aufführung von Der Sturm zu tun hatten, war für Kevin undurchschaubar. Er vertraute Oskar. Eigentlich nicht aus der Neugier und Aben- teuerlust heraus, die ihn seiner Meinung nach seit dem Mittag- essen mit Gemma geleitet hatten. Sondern weil er spürte, daß der vor ihm liegende Pfad das aufklären würde, was schon immer in ihm gärte, das Krebsgeschwür an der Wurzel seiner unerträglichen Fiebrigkeit: Als Kind hatte er fälschlicherweise angenommen, sein Vater sei übergeschnappt, und daher war seine größte Angst die vor dem Wahnsinn. Wenn er das, was dieser Oskar ihm auftrug, nicht befolgte, würde er dadurch nicht weniger verrückt; wenn er jedoch mitmachte, würde die Sache sich vielleicht ganz von allein lösen. Sein verrückter Onkel und sein exzentrischer Vater hatten eine Angst vor erblichem Wahnsinn in ihm entstehen lassen, die zerstört werden mußte. Bestens, er würde die Sache mit Martins Stück vollständig aufgeben. Das war notwendig gewesen aber vorüber. Okay, er würde genau das tun, was die Stimmen ihm sagten. Ja, ja, ja! Er würde das Verbrechen begehen.,

ZEHN

················································································································· Er war in der Nähe der größten Müllhalde seines Bundesstaates aufgewachsen, und immer, wenn er eine solche Wildnis sah, erwartete er fast, sich nur umschauen zu müssen, um irgendwo ein müllgefülltes Loch zu entdecken. Manchmal machte Jay sich über sich selbst lustig und ließ seinen Rollstuhl plötzlich her- umwirbeln, um einen Blick auf die klaffende alte Grube mit vergammelten Gerätschaften, Papier und namenlosen, klebri- gen Chemikalien zu erhaschen, bevor sie verschwand. Doch das hier war Arizona und lag Meilen von jeder Todeszone entfernt. Gelegentliche Kakteen, stachelige Gräser und zähe Wüstenpi- nien breiteten sich jenseits des Golfplatzes über die stille, flache Landschaft aus, und die Kondensatspur von Testflügen schnitt rosa durch das Blau über den fernen Bergen. Das hier war so weit vom letzten Jahrhundert und den glorreichen Tagen seines als Liberaler maskierten opportunistischen Vaters entfernt, wie er es nur hatte fertigbringen können. Jay Schnarler war unver- kennbar reich, alleinstehend, pensioniert und verbittert. Er rollte sich mit Hilfe seiner kräftigen Arme vom Golfplatz weg, den Pfad entlang und an dem Gärtner aus Bangladesch vorbei (den er keines Nickens würdigte) zum Seitenhof, wo er sich aus dem Rollstuhl hob und sich leichthändig am Handlauf, ins Becken schwang. Er genoß es, im Wasser zu sein, befreit von der Schwerkraft und der Notwendigkeit, stark zu sein. Nach einer einfachen Mahlzeit aus Tofu, Gemüse und Reis ruhte er sich im Induktionsfeld beim großen Fenster im hinteren Teil des Hauses aus, las zum siebten Mal Balzacs ›Glanz und Elend der Kurtisanen‹ und schaute dabei gelegentlich zum Leuchten über Phoenix auf, wobei er sich die Augen rieb, die ihm nach dem Laserbeschuß, den er in Syrien bei seiner letzten CIA- Mission abbekommen hatte, noch immer Probleme machten. Es war jedoch die Erinnerung an eine andere Operation, die ihm jetzt das Vergnügen an M. Vautrins Intrigen verdarb. Eigentlich eine Kleinigkeit verglichen mit Kriegsspionage in einem feindlichen Land. Er war an die Augen gewöhnt, er konnte mit den Augen umgehen und mit dem, was er jetzt als eine Überreaktion auf das betrachtete, was schließlich nur ein Job gewesen war. Nach seinem Rückzug aus der Arbeitswelt war er sich darüber klar geworden. Er hatte denselben Weg verfolgt wie seine Mutter, als sie seinen Vater verlassen hatte und zu ihrer hochherzigen Familie an der Nordwestküste zurückge- kehrt war. Prinzipien waren Prinzipien, ob rechts oder links. Zunächst einmal war es eine Rebellion gegen beide Elternteile gewesen, für die CIA zu arbeiten. Dennoch war er die ganze Zeit eigentlich in die Fußstapfen seiner Mutter getreten, weil er die CIA als standhafte Verteidigerin der Demokratie betrachtet hatte, wobei sein Standpunkt dem der Familie seiner Mutter natürlich entgegengesetzt gewesen war. Als das Debakel in Syrien enthüllt hatte, daß es der CIA im Grunde nur darum ging, ihr eigenes Nest zu polstern, hatte er die Parallele zu seinem Vater gezogen, der an der Einrichtung der toxischen, Todeszonen mitbeteiligt gewesen war, während er sich gleich- zeitig deswegen an die Brust schlug und in der Nachbarschaft der größten Zone wohnte (aber auch wieder nicht zu nahe), um die ›Leiden der Leute‹, zu teilen, die er angeblich verteidigen wollte. Syrien war eine einzige riesige Todeszone gewesen, denn die CIA hatte das Land unter dem Vorwand, es gegen die angeblichen Bösewichter zu unterstützen, dazu gemacht und in diesem Zustand festgehalten. Für das Geld aus Waffen- und Drogenhandel. Nun betrachtete er sich als von der Notwendig- keit befreit, weiter zu Heuchelei und Wohlstand seines Vaters und der Prinzipientreue und relativen Armut seiner Mutter Stellung zu nehmen. Sie waren beide längst tot. Aber einige der Dinge, die er getan hatte, verfolgten ihn. Die Ärzte sagten, theoretisch müßte er eigentlich wieder gehen können und kratzten sich ratlos am Kopf; Jay schrieb sein fortbestehendes Unvermögen seiner Erziehung im Sinne der Christian Science zu, wo man sein Problem mit einem Irrtum gleichgestellt hätte, der durch Gebet und richtiges Denken zu heilen war: Vor der Macht der Liebe schrumpften die bösen Dinge, die er in seinem Leben getan hatte, zu einem Nichts zusammen. Jay glaubte nicht an Gott, aber er glaubt an Konditionierung. Es spielte keine Rolle, daß das Tamtam seines Vaters um die Liebe Gottes nicht ehrlich gewesen war; es hatte sich dennoch in ihm festge- setzt. Und so bot die Operation in Australien, Thoughtboost, und der Appell dieser Frau namens Stranger ihm die Chance, Gott nach dem rechten Weg zu fragen. Pure Spinnerei. Aber verführerische Spinnerei. Er war ein Krüppel, richtig, aber es ging ihm gut, er war durch seine Erbschaft reich genug, sich seiner Behinderung nie stellen zu müssen, wenn er nicht wollte., Und er war stark: Seine Arme waren, verdammt noch mal, wie Baumstämme. Und sein Induktionsfeld bedeutete, daß er den ganzen Tag in der Luft schweben und sich entspannen konnte, wenn ihm danach war. Am Gehen lag ihm ein Scheiß, denn wenn er gehen könnte, würde er losziehen und sich dieser völlig versauten Welt entgegenstellen müssen. Er könnte natürlich auch bei Sonnenaufgang die Wüste durchstreifen, den Schotter unter seinen Sohlen rollen fühlen, rennen, falls er Lust dazu hatte, wie als Kind am Rand der Müllhalde, ohne daß eine aufdringliche Haushälterin sich Sorgen machte, wenn er zu lange wegblieb, die Interstate ent- langrennen, um ein ungesundes Frühstück zu essen, Eier mit Schinken und einen Stapel Pfannkuchen, tropfend vor Ahornsi- rup, er könnte in einer Bude essen oder an einer Theke, ohne daß alle sich bemühten, ihn nur nicht anzustarren, nach Phoe- nix trampen und sich von einem süßen Jungen rumkriegen lassen, so ein schnuckeliger Junge, der nicht das geringste für Typen im Rollstuhl übrig hatte, den schon der Gedanke abge- stoßen hätte, ein Junge so vollgedröhnt und geil, daß jeder Typ in der Bar ihm recht gewesen wäre, aber er würde ihn aussu- chen, Jay Schnarler, für eine schweißtreibende Nacht des neu- gierigen Erforschens der scharf riechenden Spalten, und am nächsten Tag könnte er sich auf den Rückweg machen, singend durch den Nationalpark wandern und den Tag mit einem Bier ausklingen lassen, die wunden Füße auf der Couch hochgelegt, wo er dann sein verdammtes Buch lesen könnte, ohne ständig in hundert verschiedene Richtungen in eine Vergangenheit abzuschweifen, die durch Drogen finanziert gewesen war und ihre Macht aus Gewalt um ihrer selbst willen bezogen hatte,, genau wie die Terroristen, die seinesgleichen angeblich be- kämpfte. Jay sagte den Lichtern, daß sie sich ausschalten sollten, schleuderte sein Buch quer durch den Raum und kippte den Stuhl etwas vor, um eine dem Gebet angemessene ergebene Haltung einzunehmen. Er schwebte mit vor der Brust gefalteten Händen, die Augen auf die hartkantigen Sterne geheftet, und rief einen Gott an, den er im Alter von neun Jahren an seinen Platz verwiesen hatte. Und der Herr sprach. Gewiß, nicht in Worten, denn er war mächtiger, elementarer als das. Es war auch nicht der sentimentale Gott der Liebe der Christian Science seines Vaters; hier gab ihm der Gott des Alten Testaments eine Lektion in Flammen und Blut, eine Warnung, wozu die Gottlosigkeit führen konnte. Irgendwie hatten die Schauspieler von Der Sturm Kontakt mit dem Teufel aufge- nommen. Draußen vor dem Fenster schritt Satan über den Himmel, auf Sohlen aus zerklüftetem Vulkangestein, aus dessen Rissen lodernde Lava sickerte, als bestünde das Innere des Teufels aus geschmolzenen Qualen. Auch sein Gesicht zeigte den Schmerz des gefallenen Engels, fedrige Strahlen schwefliger Gase um- sprühten seine geweiteten Augen, seine geblähten Nüstern und ebenso den klaffenden Schlund, dessen Lippen vor Wut und Angst gefletscht waren, das mit nackt sich windenden Ver- dammten gefüllte Maul. Hier war Der Böse von Jays fundamen- talistischen Großeltern, blutrot hob er sich vor der schwarzen Nacht ab. Mit Hörnern und allem Drum und Dran tobte der, einst von IHM geliebte an Jays Haus vorbei, suchte ausgehun- gert nach immer neuen Ungläubigen, die er packen und ver- schlingen konnte, um sein Heer für den Tag des Kampfes mit dem HERRN aufzufüllen. Jay wußte, daß er für den Teufel das gefundene Fressen war. Er starrte zu dem wütenden Gesicht mit den feurigen Kiefern, der Spottversion einer hohen, edlen Stirn, der muskulösen Brust, breit wie der Hoover-Damm, und den Schenkeln aus Obsidian hinauf, die bei jedem der schweren Schritte wie von Stromstößen durchlaufen wurden, und Jays Mund öffnete sich zu einem Schrei, der zwar völlig lautlos blieb, seinen Kopf aber in einem sengenden Schmerz auflodern ließ, dem er noch Stunden nach dem Ende der Vision nicht entkommen konnte. Zum ersten Mal in seinem oft gefahrvollen Leben hatte Jeremi- ah Schnarler erfahren, was Entsetzen ist. Als der Teufel hinter den bergigen Horizont verschwand, kippte Schnarler in seinem Induktionsfeld seitwärts, worauf die an ihm festgeschnallten Diffusionspolster, die ihn durch ihren Widerstand schweben ließen, aus dem Wirkungsbereich des Feldes gerieten und er mit einem schmerzhaften Aufschlag auf den Teppich fiel. Doch das war nichts im Vergleich zum Schmerz in seinem Kopf. Er schleppte sich hinter die Bar und lugte hinter der Ecke hervor auf den wütendroten Fleck, keu- chend wie eine in die Enge getriebene Ratte, bis der Fleck zu einem funkelnden Stern zusammenschmolz und sich schließ- lich zu nichts auflöste. Nun stürzte Schnarler sich auf seine Angst und versuchte, die grauenhafte Erfahrung, die ihm lebhaft vor Augen stand, mit allen Mitteln zu knacken, um ihre Bedeutung ans Licht zu, zerren. Wenn damals, als Rolf und er das Thoughtboost-Gerät benutzten, um die australische Theatergesellschaft zu vernich- ten, doch eine Botschaft losgeschickt worden war (das war schließlich der Zweck des Geräts, und Rolf und er selbst hatten sich nur eines Nebeneffekts bedient) – wer konnte dann wissen, wo die Botschaft hingelangt war? Was die Leute auf der ganzen Welt also in ihren Frühstücksflocken und so weiter sahen, und was er selbst nun mit eigenen Augen gesehen hatte, war eine Vorahnung der Verheerungen, die zu erwarten standen. Keiner würde darauf vorbereitet sein, weil die verdammte CIA an nichts als Geheimhaltung dachte. Schnarler war einer der wenigen, die die ganze Geschichte kannten, und der einzige, der sehen konnte, wohin das alles führen würde. Es war nun an ihm, etwas zu unternehmen. Wenn die CIA einmal aufwachte und sich Gedanken über das machte, was auf der Welt geschah, würde sie nur an ihr eigenes Überleben denken: Sie würde jeden eliminieren, bei dem man die Wahrheit nicht sicher aufgehoben wußte, jeden, dem man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Glauben schenken würde, wenn die Öffentlichkeit eine Erklä- rung für die Visionen suchte. Das betraf natürlich Schnarler selbst, aber auch Gore und Leywood. Schnarler würde sich also mit beiden treffen, um seine eigene Version der Vorfälle zu erhärten. Auf dem Teppich liegend, die Wange an die Teakholztäfe- lung der Bar gepreßt, plante Schnarler eine Reise nach Austra- lien. Morgen früh würde nicht früh genug sein. Aber Schnarler war zuversichtlich: Endlich hatte er ein klar umrissenes Böses zu bekämpfen; endlich war der HERR auf seiner Seite. Ihm kam gar nicht der Gedanke, daß er da etwas ganz ande- res als den Teufel gesehen hatte.,

ELF

················································································································· aus: Alle Reize dahin Zwischen den Bühnenbrettern quoll er hervor, kroch die Ram- pe empor und kräuselte sich wie ein wuchernder Traum des Kontinents darunter, was so wunderschön wirkte, daß ich einen Moment lang einfach nur bewundernd staunte. Dann leckten die Flammen rasch höher, und ohne nachzudenken stand ich plötzlich auf der Bühne, wo ich »Feuer!« brüllte, doch zu spät. Die Leute rannten durcheinander, Robert schwenkte und schlenkerte die mittlere Netzleine zum hektisch grapschenden Pete hinüber, der sie aber jedes Mal verfehlte; wo Robert Stahl- schrauben in den Fels gebohrt hatte, stoben grüne und blaue Funken durch die Flammen, was der Szenerie eine festliche Atmosphäre verlieh. Ich sagte mir, daß ich als Gaffer keine große Hilfe war und stürzte mich davon, um Wasser vom Fluß holen zu helfen. Während ich in der Helferkette Eimer, Feldkes- sel und Vorratsbehälter entgegennahm und weiterreichte, waren meine Augen auf Pete geheftet. Der trat in einer Art Tanz mit dem Inferno, das ihn gleich ergreifen würde, kickend und strampelnd gegen das Feuer, während er es weiterhin nicht schaffte, das Seil zu schnappen. Jetzt glühte er auf., Nicht weil er brannte und auch nicht aufgrund seiner grie- chischen Vorfahren. Als mattierte Antwort auf die Flammen war sein Körper wie geschmolzenes Gold, seine Kleider leuchte- ten auf wie die Glühstrümpfe einer Lampe, dunkel blieben allein sein Haar, seine Augen und seine Zähne. Als umarme er die Hochrufe einer geisterhaften Zuschauerschar, griff er immer wieder wie in Zeitlupe in die Luft, einen ekstatischen Ausdruck im Gesicht. Mit den Händen ergriff ich Eimer um Eimer, wäh- rend in einer ähnlich eintönigen Wiederholung immer dieselbe Frage durch meinen Kopf kreiste: Warum springt er denn nicht? Wer sah Pete sonst noch glühen? In den Augen der Eimer- ketten-Helfer leuchtete überall das Weiße auf, was aber auch vom Feuer herrühren mochte. Kevin hatte Gill im Auge – die Sprühstöße aus einem Feuerlöscher abgab –, daher rief ich ihn an und zeigte mit dem Kinn auf Pete. Dieses eine Mal zerbrach sein ausdrucksloser Gesichtsausdruck: Der Mund klappte ihm auf; er zuckte zusammen und warf einen entsetzten Blick zu Gill hinunter. Dann regnete es! Allerdings nicht genug, um das Feuer zu löschen. Der Schauer kam und ging schnell wie ein Gedanke. Tröpfchen zerplatzten auf Kevins Hals, weshalb er wieder zusammenzuckte. Der Himmel war völlig wolkenlos! Als wir wieder zu Pete hinschauten, war das Feuer aus. Ich weinte vor Erleichterung, als ich ihn zusammengesunken in Gills Umar- mung sah, die Geschirrleine wirr auf dem Rücken verschlungen. Rund um seine Füße stieg Dampf auf. »Macht weiter!« rief Kevin den anderen in der Eimerkette zu. »Da glost vielleicht noch was.« Wir schütteten weiter Wasser auf die Bühne, bis nichts mehr, dampfte. Robert, Gill, Dave und Sherelle trugen Pete weg. Sobald Kevin uns Bescheid gab, daß nichts mehr zu tun war, ließ ich meinen Eimer fallen und rannte ihnen zum Küchenzelt nach. Pete lag auf einer auf Böcken schwankenden Tischplatte. Er zitterte, atmete schnell und keuchend und versuchte hochzu- kommen. Gill drückte ihn sanft zurück. Er wirkte unversehrt. »Hä!« Pete riß wild die Augen auf und schoß mit Blicken um sich. Gill flüsterte: »Alles in Ordnung, Junge.« »Ich… habe ich das Bewußtsein verloren?« »Die Salbe!« verkündete Sherelle und drängte sich durch die Tür. »Mir geht es gut«, sagte Pete ganz einfach. Wieder überlief ihn ein Zittern, dann war er ruhig. »Das wird beinahe reichen; das tut es, bis der Fliegende Dok- tor hier ankommt«, erklärte Gill. »Wir müssen deine Kleider aufschneiden.« »Meine Shorts? Nein, mir geht es bestens!« Er stemmte sich auf einen Ellbogen und schob Gill weg, als sie ihm die Hände auf die Schultern legte. Es ging ihm wirklich gut. Kevin, Robyn und ich saßen an einem Lagerfeuer, die Bühne zwischen uns und dem Küchenzelt. Der Himmel war völlig klar, und die unzähligen Sterne hatten etwas Beruhigendes. Wie üblich froren wir hinten, während wir vorn fast gegrillt wurden. Jetzt, wo das Hin und Her sich gelegt hatte, wagten sich die Tierchen der Wildnis heraus, und das leise Trapsen und ein, gelegentlich aufleuchtendes Augenpaar am Rande des flackern- den Lichtkreises waren Balsam für unsere Nerven. Welche Geister auch immer die Felsen bewohnten, sie hatten beschlos- sen, daß ich den ganzen Rauch abkriegen sollte, auch das nichts Ungewöhnliches. Wir hörten knirschende Schritte und sahen dann eine so aus- ladende Silhouette auf uns zukommen, daß es nur Gill sein konnte – oder Packett. »Wenn man vom Kritiker spricht…«, sagte Kevin, obwohl wir schon eine ganze Weile kein Wort mehr über ihn verloren hatten. »Hmp!« machte Packett, als er sich auf das andere Ende von Robyns Stamm plumpsen ließ. Das Feuer prasselte. Wir horchten auf. Sagte Robyn: »Vielleicht wäre es für alle am besten, wenn Sie heimgingen.« »Das ist Quatsch, Robyn«, erklärte Kevin durchaus freund- lich. »Er hat recht, Ms. Ho«, erwiderte Packett. »Was immer hier passiert ist, ich habe nichts damit zu tun. Die Company sollte die angemessenen Sicherheitsvorkehrungen gegen Feuer tref- fen.« »Ich sagte, ich glaube nicht an diesen abergläubischen Quatsch, aber das heißt nicht, daß Sie der Company alles aufs Butterbrot schmieren können, Packett.« Versöhnlich warf ich ein: »Vielleicht wäre es ganz unabhän- gig von irgendeiner Schuldfrage für alle das Beste, wenn sie hier verschwänden.« Ich war jedoch überrascht, wie scharf meine Stimme klang., »Dagegen will ich nichts einwenden.« Seine Lidränder sahen im Feuerschein noch angegriffener und schweinischer aus als üblich. »Was aber die Schuldfrage angeht – einfach Achtlosig- keit. Die Geschichten über Stanopoulos sind…« – seine Stimme verlor sich, und einen Moment lang starrte er ins Feuer wie hypnotisiert – »…nichts als Aberglauben.« »Praktisch jeder hat gesehen, was passiert ist«, bemerkte ich ruhig. »Es könnte vielleicht ein Defekt in der Stromleitung gewesen sein.« Wirklich, Robyn? dachte ich. Sie wirkte mutlos, die muskulö- sen Arme waren vor der Brust verschränkt, die Schultern hin- gen herab. »Das war kein elektrischer Defekt«, entgegnete Kevin. »Enzo hat die Leitungen unter der Bühne überprüft, alles was da ist. Kein Kurzschluß, da unten hat sich nichts gerührt. Da war eigentlich kaum ein Feuer.« Packetts portweinrote Lippen öffneten sich überrascht. »A- ber die Flammen sind doch bis zu den Seilen hochgelodert!« »Dann haben Sie Pete also gesehen!« sagte ich. »Ich habe ihn gesehen.« »Sie haben alles gesehen«, erklärte Kevin. Es schien fast, als würde er gleich vor ihm ausspucken. »Ich verstehe nicht, warum Sie nicht heimgehen.« Einen Moment lang überzeugte mich Robyns Stimme; ihre Überzeu- gung schien auf rationalen Befürchtungen zu beruhen. Dann dachte ich: So abergläubisch kann sie unmöglich sein, bestimmt macht sie sich Sorgen um die Truppe. »Ich dächte, das müßte leicht zu begreifen sein, Ms. Ho.«, »Ich habe einen Vornamen. Robyn.« »Robyn, ich bin Journalist. Sie ganz allein sind schon eine Reise an diesen gottverlassenen Ort wert. In gerade einmal, wieviel – zwei Jahren? – sind sie aus dem Nichts gekommen und wurden…« »Ich bin aus Neuseeland gekommen.« »Sie sind aus dem Nichts gekommen und zur meistgefragten Schauspielerin des Landes aufgestiegen. Und nicht ohne Grund…« Robyn fühlte sich durch dieses alkoholisierte Gewäsch weder belustigt noch geschmeichelt: »Hören Sie, jeder weiß doch, daß Sie Dave auf den Tod nicht ausstehen können, Packett, warum sind sie also hier?« (»Ich heiße John«, sagte er.) »Warum wollen Sie eine Aufführung verreißen, die sowieso den Bach runter- geht? Verdammt noch mal, lassen Sie uns doch einfach in Ruhe!« Packett drehte den Kopf zur Seite und holte tief Luft. Er schaute auf, furchtsam, so schien es fast, und traf dann eine Entscheidung. Seine Worte kamen ohne Rücksicht auf Verluste, voll Verachtung; plötzlich klang er noch betrunkener. »Ich habe nichts gegen Dave. Wir kennen uns seit Jahren. Wenn ich glaube… daß ein Theaterstück Qualitäten hat, von irgendeinem Interesse ist, versuche ich das zu erklären. In den letzten Jahren waren Dave und ich uneins über die Richtung, die das australi- sche Theater einschlagen sollte… Oder besser gesagt, ich habe an eine bestimmte Richtung für das Theater geglaubt, und Dave hat mehrere Richtungen gleichzeitig ausprobiert. Das… Nun schön, ich kann Ihnen meinen Standpunkt wohl kaum an einem einzigen Abend verständlich machen«, schloß er he-, rablassend. »Er hat seinen Dolch in alles und jeden gestoßen«, sagte Ke- vin. »Geben Sie Ihrer Frau die Schuld daran, oder ist eben das der Grund, aus dem sie Sie verlassen hat?« Pause. Ich saß bestürzt da und wartete auf den Gegenangriff. Der Rauch quälte mich, doch ich verkniff mir ein Husten. Ich schaute zu Robyn; ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck tiefer, vielleicht fatalistischer Verzweiflung: Womöglich auch nur ein Effekt des flackernden Feuerlichts. Als die Tirade dann kam, begann sie leise. Sie überzeugte mich, daß Packett jetzt völlig durchgedreht war: Zermürbung, die Sticheleien der rachsüchti- gen Schauspieler, der Gin, seine zerbrochene Ehe – aus wel- chem Grund auch immer, seine Worte schienen jeden Bezug zur Realität verloren zu haben. »Ihr armen Hunde… Ihr folgt diesem Scherzkeks hier mitten in die Einöde.« Er war wie in sich selbst versunken, die Oberflä- che seines massigen Körpers zeigte keinerlei Leben, war voll- ständig reglos. »Das ist eine einzige riesige Verschwörung… Wie üblich sind die echten Talente die letzten, die etwas erfah- ren. Alle wissen es, nur ihr nicht: Dieser schmierige Enzo und Frau Witchell Sexbomben-Sarah, die Nutte. Ich weiß noch nicht recht, wie alles zusammenhängt, aber ich werde es herausfin- den. Ihr verrückten Hippies, der stellt was mit euren Köpfen an – dem müßte man das Handwerk legen! Bestimmt sind es Drogen… Ich weiß so ein zwei Kleinigkeiten über den netten Dave und was er in den Sechzigern so angestellt hat. Es gibt eine Akte über ihn, ach, über die ganze Bande gibt es wahrscheinlich eine Akte. Das ist kein Theater, das ist nur eine verdammte, Parodie von Kunst, ein verdammter Witz, aber es ist nicht komisch, wenn unschuldige Leute zu Schaden kommen. Ihr denkt ich bin es… aber ich bin es nicht, und das kann ich beweisen. Ich sollte ihm das Handwerk legen. Ich sollte seine verdammten Drogen in den Dreck treten, sie alle verbren- nen…« Jetzt zitterte er, sein ganzer Körper wabbelte, als er geiferte: »Ich werde ihm das Handwerk legen!« Beim Aufstehen geriet er in Schieflage; ich bereitete mich darauf vor, daß er ins Feuer stolpern oder daran vorbei in mich hineinrennen würde, doch er stieß den einen Fuß vor und stützte sich darauf. Verächtlich schnaufend machte er kehrt und stapfte davon. »Na, na!« Kevin hob eine Augenbraue. »Was hatte nun das zu bedeuten, Kinder?« Robyn stieß ein entnervtes Stöhnen aus. »Warum steckst du nicht einfach alles selbst in Brand, und dann hat sich die Sache, Kevin?« Sie tauchte in die Dunkelheit und eilte wütend davon. So war das also: Sie hielt es für Brandstiftung und Packett für den Brandstifter. Wir gönnten unseren Ohren eine Erholungspause. Der leichte Wind drehte; ich entkam dem Rauch. Kevin wühlte seine Ruby Champion aus der Hemdtasche und drehte sich eine Magersüchtige. »Das hast du extra gemacht«, sagte ich. »Na ja, ein Versehen war es nicht. Das richtige Wort ist ›be- rechnend‹. Ob er nun bisher etwas angestellt hat oder nicht, jetzt muß er einfach. Dabei erwischen wir ihn auf frischer Tat, und los sind wir ihn.« Er fuchtelte mit seiner halb gerollten Zigarette herum. Tabak löste sich, flog ins Feuer und verglomm., »Ich schätze, genau deshalb war Robyn sauer auf dich.« »Sie will, daß er abhaut, und denkt, sie bräuchte ihn nur dar- um zu bitten. Oder dachte das. Also, gehn wir.« Mit einer abschließenden Geste führte er das Papierchen über die Zunge und drückte die mickrige Zigarette zu. »Wohin denn?« »In die Nähe von seinem tragbaren Palast, und wenn er dann rauskommt, um seinen dreckigen Job zu machen, drehen wir die Lichter an und stellen ihn.« »Ein Hinterhalt.« »Nur zu recht.« Sein Gesicht hellte sich auf. »Ein bißchen melodramatisch, mein Guter.« »So werden wir ihn los; etwas Besseres fällt mir nicht ein.« »Wir könnten einfach Dave bitten. Was passiert, wenn wir nach Melbourne zurückkommen? Wer sollte ihn daran hin- dern, seitenweise über uns herzuziehen?« Der unruhige Wind trug mir ein aromatisches Tabakwölkchen zu. »Das ist ja gerade das Gute. Wir können drohen, ihn fest- nehmen zu lassen, wenn er ein einziges Wort über uns veröf- fentlicht. Wenn er seinen Part darin nicht erzählen kann, hätte er ohnehin keine richtige Story. Ich meine, Dave… du kennst ihn doch, der ist im Zweifelsfall immer für den Angeklagten, er wäre einfach zu nett. Wenn er wieder nüchtern ist, könnten wir Packett als Friedensangebot das Recht anbieten, die Proben zu dokumentieren, aber er weiß, daß er ruiniert wäre, wenn er vor Gericht ginge. Ich meine, ein Kritiker kann nicht irgendwelche Aufführungen in den Dreck ziehen, weil ein paar harte Worte gefallen sind und er einen Verdacht hat. Er wird so gedemütigt sein, daß er kein Wort verliert.«, Kevin grinste, ein Anblick, der mir klarmachte, warum er in gemischter Gesellschaft allenfalls leise lächelte. »Was wird er deiner Meinung nach wohl tun?« »Irgendwas Illegales, ganz bestimmt.« »Er hatte nichts mit dem Feuer zu schaffen.« »Nein. Ich weiß nicht, was da passiert ist.« Kevin stand da und reckte sein dürres Knochengerüst, wobei er die Ellbogen mit geballten Fäusten wie Flügel zurückstieß. »Aber vielleicht finden wir heute abend etwas darüber heraus. Also los!« sagte er. Er ging aufs Kantinenzelt zu, verharrte, ließ den Zigarettenstummel fallen und trat ihn mit der typi- schen Hüftdrehung aus. In seinen Augen funkelte es; am glück- lichsten sah er immer aus, wenn er etwas ausheckte. »Na komm schon, du Hasenfuß!« Er klang wie ein Schulbub, der sich für einen Streich Mut macht. Ich stand auf und folgte ihm.,

ZWÖLF

Kevin Gore stand früh am nächsten Morgen auf. Nachdem er im öffentlichen Schwimmbad ein paar Bahnen geschwommen hatte, um einen klaren Kopf zu bekommen, saß er, die Ellbogen und sehnigen Unterarme auf die Hausbar gestützt, da, trank süßen schwarzen Kaffee und dachte nach. Er rührte sich nicht. Er fühlte sich prima. Während die Galahs ihre Schlafplätze in den Bäumen verlie- ßen, um sich Futter zu suchen, und die Stare allmählich ver- stummten, wurde es immer wärmer. Sherelle trat aus dem Haus und hängte geblümte Bettlaken und Bettbezüge auf den Wä- scheständer, was diesen in ein großes Zelt verwandelte. Gore blieb an der Bar sitzen. Tauben gurrten. Er stand nur auf, um mehr Kaffee zu kochen. Hin und wieder drehte er sich eine dünne Zigarette. Neben Zigarettenstummeln und schmutzigen Tassen lag von Kaffeeringen und Tabakkrümeln übersät ein Blatt mit seinen zeichnerischen Bemühungen um das Gesicht eines Mannes. Lockiges Haar, das in langen Koteletten auslief, Stoppelbart, tiefliegende Augen, schwere Augenbrauen über dicken Augen- wülsten und eine sehr große, spitze Nase. Das Gesicht war ziemlich finster. Außerdem war die Querschnittzeichnung eines Automotors zu sehen. Diese Zeichnung war präziser ausgeführt, als das Gesicht, allerdings nicht maßstabsgetreu. Das würde es aber tun. Um viertel vor zwölf ging Gore ins Schlafzimmer und kleide- te sich in einen neuen, konservativ geschnittenen Anzug. In die Jackentaschen steckte er seine Autoschlüssel, seine Scheck- Minidisk, seine Brieftasche, einen leeren Briefumschlag, einen Notizzettel mit Busabfahrtszeiten und einen Kamm. Er kramte in seinem ledernen Matchsack herum, bis er die Golduhr seines Großvaters fand. Siebenunddreißig Jahre Dienst bei der Eisen- bahn. Nachdem er sie aufgezogen und nach dem Radiowecker gestellt hatte, befestigte er sie um sein Handgelenk. Dann ging er zum Spiegel und schaute sich ein paar Minuten lang an, bevor er aufbrach. In der Bank herrschte gerade vormittäglicher Hochbetrieb. Er stellte sich an und kümmerte sich um niemanden. Am Schalter löste er den Scheck für seinen letzten Auftrag ein und leerte sein Konto bis auf den letzten Dollar: zweitausend. Von seinem Geschäftskonto konnte er noch vierhundertsiebenund- sechzig abheben. Mit seiner Minidisk überzog er sein Konto um weitere siebenhundert Dollar, sein Tageslimit für ungenehmigte Transaktionen. Fast das ganze Geld erhielt er in Zweihundert- Dollar-Noten. Er dankte dem Kassierer mit einem schwachen Lächeln und ging. Der Collingwood-Imbiß wurde von einem indischstämmigen Flüchtling von den Fidschi-Inseln geführt, einem sehr großen Mann, dessen Leibesfülle säuberlich in Fettpäckchen abgepackt war. Zwei libanesische Jungs spielten an einem alten Flipper in der hinteren Ecke, hämmerten mit ihren kleinen Fäusten darauf, ein, schoben ihn von einer Seite zur anderen und konnten dabei doch kaum über seinen oberen Rand schauen. Draußen grollte der Verkehr stetig auf sechs Spuren. Gore beugte sich über die Theke. Der Mann hatte ihm den Rücken zugekehrt und frittierte Barrakuda, Hai und Fritten für die Kunden. Neben dem Fisch türmte sich verkaufsbereit ein Stapel von Kartoffelpuffern. »'tschuldigung« Der Imbißbesitzer schüttelte die Fritten auf und drehte sich um. Er hatte ein offenes, freundliches Gesicht. Er sah aus wie ein lieber Vater. »Was kann ich für sie tun, Sir?« »Ich bin ein Freund von Oscar.« Der Mann schaute zu Boden, beschämt. »Er sagte mir, Sie könnten mir vielleicht helfen. Mit einem Auto.« »Einem Auto.« »Das niemandem gehört.« »Eigentum ist Diebstahl.« Er lächelte verhalten über seinen eigenen Witz, griff in ein Glas mit Kulis unter der Theke und schrieb eine Telefonnummer mit Vorwahl auf die Ecke seines weißen Fish-and-Chip-Einwickelpapiers, riß die Ecke dann ab und schob sie ihm über die marmorierte Kunststoffplatte zu. »Fragen Sie nach Max. Der sollte Ihnen weiterhelfen kön- nen.« »Danke.« »Nicht der Rede wert.« Gore ging zu seinem Auto. Er fuhr zur Telefonzelle neben dem Bahnhof und wählte die Nummer. Das Gespräch war kurz., Er schrieb die Adresse und die Anweisungen unter die Telefon- nummer; sein lässiges Gekritzel hob sich gegen die enge, spinnwebartige Schrift des Inders fröhlich ab. Du bist auch nicht glücklich, dachte er. Mr. Metalhead. Er schaute nach seinem Auto (es parkte neben der Polizei, da war es sicher) und nahm dann den nächsten Zug in die Stadt. Als er im Industriegebiet am Nordwestrand der Stadt ankam, stellte er fest, daß die Adresse, die er erhalten hatte, nicht aufzu- finden war. Er erkundigte sich jedoch nicht nach dem Weg, sondern saß eine Weile im Schatten des einzigen Baums weit und breit, eines Weißbaums, und konsultierte seinen hoff- nungslos veralteten Stadtplan. Schließlich kam er zu dem Schluß, daß die ursprünglich numerierten Straßen dieselben waren, die jetzt die Namen von Traumzeitwanderern aus den Mythen der Aborigines trugen. Das hier war die Numbat Man Avenue, daher mußte er also zum Two Lizards Drive. Derjeni- ge, der ihm die Anweisung am Telefon gegeben hatte, mußte denselben veralteten Stadtplan wie er vor sich gehabt haben… Besser er dachte nicht weiter darüber nach. Das Auto parkte neben einem fast fertiggestellten Fabrikneu- bau. Es sprang auf Anhieb an. Er prüfte Bremsen und Luft- druck, kümmerte sich nicht weiter um das Getriebe, stellte aber fest, daß die Lenkung des alten Fords fast noch perfekt funktio- nierte. Im Handschuhfach lagen Papiere, denen zu entnehmen war, daß das Auto einem George Shearing gehörte. Gore ließ einen Umschlag mit tausend Dollar unter die Seitentür der Fabrik gleiten. Bei der Fahrt durch die Stadt nach Nordosten stellte er fest, daß der Wagen bei einer flüchtigen Inspektion durchgehen, mochte, bei näherer Überprüfung aber kaum mehr war als ein Haufen gut kaschierter Rost. Er fuhr vorsichtig. In einer inoffiziellen Müllkippe in den Hügeln hinter der Vorstadt stellte er das Auto ab, ließ es zwischen den ausge- brannten Karosserien mehrerer anderer Autowracks zurück und warf rostigen Eisenschrott, unkrautdurchwucherten Ka- ninchendraht und Asche aufs Dach; über die Motorhaube legte er ein langes Stahlrohr, schloß Steuerrad und Türen ab und ging zum nächstgelegenen Bahnhof davon. Er hoffte, daß nicht irgendwelche Kinder das Auto vor seiner Rückkehr entdeckten. Ein paar Tage würden reichen. An diesem Abend kochte er sich eine einfache Mahlzeit und ging früh zu Bett. Schnell glitt er in einen ruhigen Schlaf. Den nächsten Vormittag verbrachte Kevin Gore mit Einkäu- fen in der Stadt. Er besuchte die Centre-City-Apotheke (noch immer die beste Adresse für Make-up), mehrere Schuhgeschäf- te, ein Elektrowarengeschäft und schließlich die Landesbiblio- thek. Als er dort bei der Information ankam, fühlte er sich verschwitzt und ziemlich fertig. Mit dem freundlich milden Wetter war es wohl vorbei; die Temperaturen waren auf vierzig hochgeklettert; auch die Luftfeuchtigkeit würde bald steigen; im Moment dörrte einem ein backofengleicher Nordwind die Kehle aus, und jede vorbeisausende Straßenbahn wirbelte einem Staub in die Augen. Kevin hatte eigentlich nur Lust auf ein prickelndes Glas Bier in einem Pub mit Klimaanlage. Es lag jedoch ein geschäftiger Nachmittag des Wartens vor ihm, und er mußte für den morgigen Tag einen Kauf anleiern, andern- falls, so hatte man ihm gesagt, würde er bis nächste Woche warten müssen., Was ihm gerade noch gefehlt hätte. Der Mann, der blinzelnd hinter den labyrinthischen Bücher- stapeln hervorkam, schien die Rolle des weltfernen Bibliothe- kars zu genießen. Mit einer blau-rosa Krawattenschleife und der John-Lennon-Brille mit ihrem unvermeidlichen Touch von letztem Jahrhundert ausstaffiert, begegnete er Gore, als stoße er in seinem Teeglas auf eine Meeresschnecke mit ziemlich ekligen Manieren. »Sie wollen die Blake Collection sehen.« Er wandte sich leicht von Gore ab und betrachtete ihn über den Brillenrand hinweg. Hinter diesen Augen fehlte etwas. »Lieder der Unschuld.« »Und wer, wenn ich fragen darf, hat mich Ihnen empfoh- len?« fragte er freundlich. »Ach, ein Mann, mit dem ich Billard spiele. Oscar heißt er.« »Ich verstehe. Kommen Sie hier entlang.« Gore wurde schweigend über einen Korridor und dann in einen Raum geführt, dessen Größe nicht zu definieren war, da Gore nicht an den Regalen mit unordentlichen Stapeln ver- staubter Bücher vorbeisehen konnte. Nachdem dieser schmale Pfad ins Innere vergessener Geschichte viele Male abgebogen war, erreichten sie eine Lichtung, wo die Büsten einst berühm- ter Männer aus Kartonschachteln herauslugten oder traurig auf der Wange lagen. »Hier.« Gore blieb stehen. Der Bibliothekar-dem-etwas-fehlte ging zur Ecke, wo er einige dicke Folianten herauszog und dann drei Schachteln hervorholte, die vor langer Zeit einmal mit Skip- ping-Girl-Essig und Velvet-Seife gefüllte gewesen waren; vor-, sichtig stellte er sie rechts von sich nebeneinander hin. Darunter lag ein Stapel vergilbter Zeitungen, deren obersten Zipfel er nun anhob, worauf darunter eine lange, neuere Schachtel zum Vorschein kam. Mit seiner schlanken, bleichen Hand zeigte er darauf. Fra- gend hob er die Augenbrauen. Gore ging hinüber und kniete sich hin. Er hob eine Seite der Schachtel an und öffnete sie. Dann holte er den Inhalt heraus und legte ihn sich quer über die Beine. Es war antik. Ein zwei-vier-drei Husquevana mit frei beweg- lichem Seiko-Lauf. Keinerlei Visiereinrichtung. Gore nahm das kleine Magazin ab und öffnete das Schloß, um einen Blick auf die Züge zu werfen. Diamantgeschliffen nach Winchester-Art. Ein Jagdgewehr. »Natürlich muß es einmal auseinandergenommen werden, aber es sollte in Ordnung sein.« »Visier?« »Ja, amerikanisch. Und was für Patronen brauchen Sie?« Gore sagte es ihm. Da Oscar hinter einem ominösen Rau- schen verstummt war, mußte Gore dem vertrauen, was die Stimmen gesagt hatten: Das Richtige würde ihm im richtigen Moment einfallen. Der Bibliothekar holte alles aus dem ent- sprechenden staubigen Winkel. Und jede neue Schachtel, jedes Zubehörteil bedeutete Erleichterung für Kevin, denn nie hätte er sich träumen lassen, all das hier ausgerechnet von diesem Kerl zu erwerben, den er nie zuvor gesehen hatte. Das bedeute- te, daß er nicht verrückt war. Gewehr und Zubehör waren echt, lagen kühl und schwer in seinen Händen, und nur durch Oskar war er daran gelangt. Der Name schien Tür und Tor zu Waffen,, Autos und Wer-weiß-was zu öffnen, in einem Untergrund- Melbourne, dessen Existenz Kevin niemals geahnt hätte. Da müßte man schon ganz schön suchen, um dieses kleine Lager hier zu finden, dachte er. Der Bibliothekar nahm den Umschlag, den Kevin ihm reich- te, mit dünnem Lächeln entgegen und überantwortete die von Kevin angegebene Adresse ohne sichtbare Anstrengung seinem Gedächtnis, als wäre es für ihn die normalste Sache der Welt, Waffen auszugeben und wieder abzuholen. Vielleicht war es ja auch so, dachte Gore. Besser, er dachte nicht darüber nach. Kevin brach auf. Als er auf die backofenheiße Straße hinaustrat, stellte er fest, daß die Stoßzeit schon begonnen hatte. Rasch ging er zum nächstgele- genen Pub und bestellte ein Glas Bier, das er mit ein paar Zügen hinunterkippte. Es prickelte so wohlig in seiner Kehle wie eh und je. Warum auch nicht? Der Mann mit dem langen, wuscheligen in Koteletten auslau- fenden Haar mit der spitzen Nase und den wilden, affenähnli- chen Augenwülsten platzte bei Commonwealth Industrial Gases herein, als hätte er nur Ohren für sein persönliches Stereo, das ihm gegen die Hüfte hämmerte. Daran erinnerte sich der Ver- käufer später, und auch an den nur mühsam mit einem orange- farbenen T-Shirt bekleideten Bierbauch und den riesigen Pickel neben der großen Nase. Eine echte Schönheit. Sogar die Farbe der Bauchbehaarung um den Nabel dieses Idioten war ihm noch in Erinnerung. Ja, sie hatte dieselbe rötliche Farbe wie sein Zottelkopf, vielleicht einen Hauch, dunkler, eine Perücke konnte er sich also nicht auf den Kopf gesetzt haben. Ja, solche Sachen fielen dem Verkäufer auf. Er half der Polizei doch gerne bei ihren Nachforschungen. Rufen Sie nur wieder an, wenn Sie noch etwas wissen wollen. Danke. Der Mann, der das Flüssig-Helium und einiges an Zubehör kaufte, der sich in den Laden stürzte, mit durchdringenden Blicken, die gar nicht richtig da waren (sondern zweifellos in irgendeinem Drogenhimmel), der die passenden Papiere hatte (oder zumindest gute Fälschungen) und mit George Shearing unterschrieb, wirkte mehrere Kilo schwerer und viele Zentime- ter größer als Kevin Gore. Die Operation lief zwar schlampig, wurde aber zweifellos über- wacht. Vorausgesetzt, der Überwacher hatte die Sicherheit der Operation im Sinn und nicht Disziplin um ihrer selbst willen. Die Jungs und Mädels machten zwar immer zu gleichen Zeit Mittagspause, aber immer an einem anderen Ort. Wahrschein- lich eher aus dem Bedürfnis nach Abwechslung heraus als aus irgendeinem anderen Grund. Ganz allgemein waren ihre Bewe- gungen wenig vorhersehbar. Der Grund war, daß sie gerne Unfug trieben, statt sich strikt an die vorgegebene Prozedur zu halten. Für Gore war das zum größten Teil egal. Es bedeutete eine Abwechslung bei der langweiligen Aufgabe, anderen beim Arbeiten zuzusehen. Am meisten ermüdete ihn die Notwendig- keit, auf Details achten zu müssen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was sich später als wichtig erweisen würde. Obwohl ›Oscar‹ ihm genug Informationen gegeben hatte, war Kevin nervös. Er folgte in sicherer Entfernung, wobei er ihre Fahrt in, für ihn günstige Abschnitte einteilte, die er jeweils mittels unterschiedlicher Transportmittel und zweimal auch in unter- schiedlicher Verkleidung auskundschaftete. Einmal folgte er ihnen mit der Straßenbahn, ein anderes Mal mit dem Fahrrad. Einmal unterhielt er sich sogar nach der Arbeit mit einem der Mädels in einer Kneipe. Ohne sie ausforschen zu müssen, fand er dabei eine Menge heraus. Der notwendige Betrag wurde beinahe jeden Tag der Woche mitgeführt, daher war die Summe, die man ihm für einen Freitag genannt hatte, wahrscheinlich richtig. Warum denn auch nicht? dachte Gore in George Shearings Aufma- chung, als er an dem Panzerfahrzeug vorbeischlenderte. Alles andere hatte sich ja auch als richtig erwiesen. Die Frau – Ros –, der Gore in der HIV-Bar ein Bier ausgegeben hatte, warf einen Blick auf den alten Hippie, der vor dem Schaufenster mit den Videophonen stand. Das war doch der Typ, der mich aufreißen wollte! Gore sah ein Wiedererkennen über Ros' Gesicht zucken. Au- ßerdem bemerkte er den Wunsch, ihn zu grüßen, und wie sie diesen Impuls unterdrückte, weil er ihrer Rolle als bewaffnetes Begleitpersonal widersprach; das alles in ihrem Spiegelbild im Schaufenster. Gore konzentrierte sich auf die Nachricht, die auf den Videophonen ausgestrahlt wurde. Man wurde aufgefordert, seine Botschaft auf ein dem Fernsehen entnommenes Bild zu kritzeln, in diesem Fall der englische König in Tränen, nachdem eine Vision ihn zum Katholizismus bekehrt hatte. Obwohl die vertrauensselige Ros seine Verkleidung nicht hatte auffliegen lassen, durchlief Kevin tief unter George Shearings Bierbauch ein eiskaltes Frösteln., Nun blieb ihm nichts mehr zu tun als zu warten. Die in der Wohnung aufgestaute Schwüle, die inzwischen schon tropische Dimensionen erreichte, machte ihn wahnsinnig: Ein Unwetter schien ständig drohend bevorzustehen, doch ein feuchtheißer Tag folgte einer klebrig-warmen Nacht nach der anderen ohne einen einzigen Regentropfen. Kevin konnte sich nicht erinnern, daß es in seiner Kindheit jemals so schlimm gewesen wäre. Er gewöhnte sich daran, den größten Teil des Vormittags im Schwimmbad zu verbringen, das so programmiert war, daß das Wasser bei steigenden Tagestemperaturen kühler wurde. Er las keine Zeitungen, schaute kein Fernsehen, hörte kein Radio und redete mit niemandem. In dieser Hinsicht war es ein ganz ähnliches Gefühl wie in seiner isolierten Kindheit: Vielleicht hörte er auf der Straße jemanden davon reden, daß die indische Armee nach Visionen von Schiwa und Krischna in Alarmbe- reitschaft stand, oder er sah einen Angestellten in einer Milch- bar weinen. Damals hatte er keinen Kontakt mit der Außenwelt gehabt, weil sein Vater es verbot; heute wollte Kevin selbst seinen Kopf freihalten. Die Wirkung war dieselbe. Je mehr er von den Ereignissen abgeschnitten war, desto weniger wollte er wissen. Insbesondere von diesen Dingen. Nachmittags ging er ins Kino (dort war es wenigstens kühl), abends ging er früh schlafen. In seiner Abgeschlossenheit fühlte er sich zufrieden und si- cher. Wenn er die Welt nicht sehen konnte, dann würde die Welt vielleicht auch ihn nicht sehen. Er las ein bißchen, Kin- derbücher aus dem Secondhandshop um die Ecke, doch die Schwüle beschränkte seine Lektüre auf die Zeiten, wenn er nicht schlafen konnte, und selbst dann war sie einschläfernd. Irgend-, wann im Verlauf der zweiten Woche wurde ihm langweilig. Er mußte irgend etwas Konstruktives unternehmen. Er wußte von einem Ort, wo er das Gewehr ausprobieren konnte, ohne Ver- dacht zu erregen. Zwar war er in Versuchung, Oscars Urteil in dieser Angelegenheit zu vertrauen (war ›Oscar‹ irgendeine Gestalt der Unterwelt gewesen?), doch das hieße, das Vertrauen überstrapazieren. Er würde losgehen, sobald er das Gewehr auseinandergenommen und mit einem Öllappen gesäubert hatte. Der Spaziergang würde ihm guttun. Waffen und die Mechanik von Präzisionskameras hatten vie- les gemeinsam. Gore betrachtete die Tischplatte voller Gewehr- teile und dachte über die Ähnlichkeit von Kamerateams und Jagdgesellschaften nach, als die Tür Besuch meldete. Er rief: »Ich komme!«, packte schweißgebadet die Einzelteile in ihre gelblich und grau verfleckten Tüten zurück und stopfte sie in Küchenschränke und -Schubladen. Zum Glück hatte er gerade eine Quiche als Proviant gebacken; das überdeckte den Geruch des Gewehröls. Es war Gemma. Ihr breites, leicht rötliches Gesicht glänzte von Schweiß. Sie trug diesmal keine Tasche, hatte aber immer noch ein Kleid mit Boot-Ausschnitt an, nicht unbedingt dassel- be. Auch das war feucht. Kevin, geschockt von ungebeten Phantasien, wie ihr Körper sich an den seinen schmiegte, seine Lippen über ihr Ohr streiften, über ihr Schlüsselbein, wie er den Duft ihres Haars einatmete, stand wie vor den Kopf geschlagen da. Er fragte sich, wie viele Kleider mit Boot-Ausschnitt sie wohl besaß und ob die alle blau waren. Zum siebenundsiebzigsten Mal fragte er sich, warum ihre Freunde sie wohl ›Budge‹ nann- ten. Er hätte gerne die tiefen Falten auf ihrer Stirn mit seiner, Zunge geglättet! »Wir waren neulich verabredet. Ich schaue nur mal vorbei, um zu sehen, was aus Ihnen geworden ist.« Wozu ich geworden bin. Gore trat zurück und ließ sie mit ei- nem Nicken ein. Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, was aus mir geworden ist. »Und? Wie läuft's?« Sie standen verlegen bei der Tür. »Was?« »Was? Äh… Das Stück?« »Gar nicht.« »Sie kriegen das Geld nicht zusammen?« »Nein.« »Also – ich wollte ihnen ein Angebot machen, deshalb bin ich hier. Ich habe etwas Geld geerbt und habe nicht die Absicht, mich niederzulassen. Ich könnte es genausogut investieren – vielleicht mache ich damit ja sogar Gewinn! Es… es gehört Ihnen, wenn Sie es wollen. Wenn ein anderer das Risiko auf sich nimmt, sehen die es ja vielleicht mit anderen Augen.« Kevin setzte zu einer Antwort an, brach dann aber ab. Er mußte sich den Anschein von Interesse geben. Er stand auf. »Kaffee?« »Ja, Danke.« »Wieviel?« fragte er, während er zu dem Schrank ging, wo die Kaffeekanne ihren Aufenthalt hatte. Sie würde das Schloß nicht erkennen – außerdem war es in einen Lumpen eingewi- ckelt. Vollständig, hoffte er. »Dreißigtausend Dollar.« Bevor er sich bremsen konnte, durchschoß ihn ein Hoff- nungsstrahl. Das würde die offene Lohnrechnung decken und, noch mehr. Er war auf seinen Nerven herumgetrampelt; jetzt schrien sie nach Freiheit, und trotz der Hitze schauderte er zusammen. »Wie lange…?« Dann, mit ruhigerer Stimme: »Wie lange würde es dauern, an das Geld zu kommen?« fragte er und bedauerte gleichzeitig, daß ihm nichts Besseres einfiel. »Ungefähr neunzig Tage.« Gemma beugte sich zu ihm her- über und kniff die Augen zusammen, wie um besser sehen zu können. »Ich könnte Ihnen einen Brief geben, der Ihnen den Kredit bescheinigt, was für den Moment ausreichen würde.« Kevin machte den Schrank auf. »Ja, wohl schon.« Bedächtig nahm er die Filterkanne heraus. Er schloß den Schrank und setzte die Kanne auf der Arbeitsplatte ab. Gemmas Gesicht zeigte Verwirrung über seine Reaktion, sonst nichts. »Gemma. Vielen Dank für dieses Angebot… Ich kann das Geld nicht annehmen. Sie haben Martins Stück gelesen. Es… also, es ist nicht wirklich für die Bühne geeignet. Alle, die dafür in Frage kämen, haben schon abgelehnt. Ich werde Martin heute nachmittag besuchen. Wir haben es versucht, das war etwas nur zwischen ihm und mir. Damals waren wir recht gut befreundet, aber jetzt müssen wir beide in der Gegenwart leben. Ich habe ihm gezeigt, daß mir genug an ihm liegt, um den Versuch zu unternehmen. Mehr kann ich nicht tun; aber es wird ihm wohl etwas bedeuten.« »Aber sie könnten mit dem, was ich habe, erste Szenen auf die Beine stellen, einen Anfang machen, und wenn man dann alles dazunimmt, wovon die Zeitungen derzeit nur so überquel- len, müßten sie einfach Unterstützung für ein richtiges Stück kriegen!« Die Röte auf ihrem Gesicht und dem schlanken Hals hatte sich vertieft., »Danke. Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen, aber Martin wird nach diesem Flop ohnehin außer sich sein. Wenn ich ihm jetzt Hoffnungen mache, die ich hinterher wieder zerstöre, mache ich ihn kaputt: Niemand außer Ihnen wird das, was Pete zugestoßen ist und so weiter, mit diesem Visionen- Theater verbinden… Außerdem reichen dreißigtausend Dollar heutzutage ohnehin nicht weit.« »Oh. Na ja. Ich wollte nur…« »Ich weiß. Das ist ein sehr nettes Angebot. Ich meine, es ist mehr als nett. Sie sind… einfach unglaublich.« Kevin machte sich mit dem Wasserkocher zu schaffen, um die Zweideutigkeit seiner Worte zu kaschieren. Sie unterhielten sich über einige der Filme, die er gesehen hatte. Er erkundigte sich nach ihrer Universität, ihren Professoren. Schwitzend tranken sie den Kaffee. Sie begann, ihm von den Visionen verschiedener Leute zu erzählen, doch er wechselte das Thema mit dem Vorschlag, sie demnächst mal anzurufen, um sich wieder auf einen Drink zu verabreden. Sie brach auf. Auf dem Weg zum Auto begegnete er Sherelle. Glücklicher- weise hatte er das Gewehr schon eingeladen. Er erzählte ihr, er wolle etwas Landluft schnappen. Er wolle sich mit ein paar Leuten treffen, und wenn das zu nichts führe, würde er übers Wochenende heimfahren. Er dankte ihr herzlich, weil er ihre leerstehende Einliegerwohnung benutzen durfte. Sie entschul- digte sich, weil sie nicht öfter bei ihm vorbeischaute, doch ihre Amateurschauspielertruppe führte gerade Endstation Sehnsucht auf, und sie war Blanche. »Das ist ganz okay«, sagte Kevin. »Wir treffen uns auf einen Drink, bevor ich wegfahre, bestimmt.«, Im Nimmerland, dachte er. Zwei Lügensessions hintereinan- der, das reichte. Am Morgen seines Auftritts öffnete Gore die Augen in den stickigsten Tag hinein, den er auf dieser Seite Australiens je erlebt hatte. Ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ließ er sich aus dem Bett auf alle viere fallen und machte ein Sonnengebet, um sich für die ›Show‹ in Form zu bringen. Sherelles Garten wirkte ziemlich ausgedörrt. Eine Möwe tappte japsend am Fenster vorbei, als wäre die Luft bei dieser Inversionswetterlage zu dick zum Fliegen; sie beäugte ihn mißtrauisch und wackelte dann davon, offensichtlich ohne jedes Verständnis für diese mensch- lichen Spinner. Die alte Alchemie für seine Schauspielererfolge hatte schon am Vortag die Regie übernommen. Plötzlich war eine einfache Mahlzeit mit Steak, Reis und leicht gedünstetem Gemüse un- verzichtbar. Schlafen konnte er nur, wenn die Laken genau richtig eingesteckt waren. Er hatte den nervösen Impuls über- gangen, den Fernseher einzuschalten: Er wollte keinen ›Katzen- jammer‹. Stuhlgang vor dem Schlafengehen war ein positives Zeichen. Am Morgen: Kaffee, viel Toastbrot, Eier und Speck; so konnte er dann später ein leichtverdauliches Mittagessen zu sich nehmen. Er wollte nicht, daß ihm bei seinem Auftritt ein voller Bauch im Weg war. Um sieben Uhr früh machte er sich ans Auftragen des Make- ups. Um viertel nach acht war er George Shearing ohne Haar, Bauch, Plateausohlen oder Kleider. In seinem neuen, grauen Anzug ging er vom Bungalow zum Auto – ein Risiko von zwei Metern – zwei Taschen in der Hand, die eine leicht, die andere, sehr schwer. Er ließ seinen Volkswagen an der Malvern-Station stehen und fuhr mit dem Zug nach Dandenong weiter, der letzten Vorstadthaltestelle. Mit dem Bus waren es vierzig Minu- ten zu der Schrotthalde, wo sein Ford versteckt stand. Um viertel vor elf machte er sich wieder auf den Weg ins Stadtzent- rum. Der dauerte allerdings länger als üblich, weil er nach links auf einen wenig benutzten Seitenweg abbog, um seine Verwand- lung zu vollenden. George Shearing hielt an, um sich in einer Vollwert-Garküche mit einem Lunch zum Mitnehmen zu versorgen. Dort paßte er bestens zum ungehobelten Pöbel auf den Straßen, und bis zur South-Eastern Freeway war es nur noch ein kurzes Stück. Er ließ sich Zeit mit dem Essen, das er in einer vielbefahrenen, von wenigen Fußgängern frequentierten Straße im Auto verspeiste, und fuhr dann zur größten Tankstel- le der Gegend, tankte voll und zahlte auf den Cent genau in bar. Fünfzehn Uhr war es, als George Sharing sich zu der Stelle aufmachte, die Gore für Georges vorletzte Station hielt: Die Zufahrtstraße eines Bordells im Mittelbereich des South- Eastern Freeway. Tagsüber war in der Gegend nicht viel los. Sein Auto war das einzige, das bei der Kunststoffschranke parkte. Manche Dinge in Melbourne änderten sich nie, nur ihre Standorte. Früher hatten hier einmal Fabriken gestanden, anschließend hatte die öffentliche Hand hier einen Versuch mit billigen stadtnahen Wohnungen gestartet, dann aber verkauft. Mehrere Bordellketten hatten sich hier niedergelassen, und die Gegend war zum offiziellen Rotlichtbezirk erklärt worden. Von der Warenproduktion zur Spermaproduktion dachte Gore, während er in den Rückspiegel schaute, um sein Make-up zu, kontrollieren. Bestens. Der Verkehr näherte sich der Stoßzeit. In zwanzig Minuten würde er lebhaft sein, aber noch ohne Staus. Gore krümmte Füße und Zehen, Teil einer japanischen Yoga- Routine, um sich wach zu halten. Er legte Make-up-Entferner und Handtuch griffbereit in seine Tasche auf dem Beifahrersitz. Er öffnete das Ende der langen Pappschachtel, in der das Ge- wehr lag, und legte sie so, daß er den Gewehrschaft mit einer sauberen Bewegung herausziehen und den Lauf sofort durchs Fenster strecken konnte. Er schaute auf die Uhr. Er schwitzte und wartete. Gut, daß er das Gewehr ausprobiert hatte. Die Ungenauigkeit der Waffe hatte ihn erschüttert. Wenn die, die ihn anleiteten, sich in dieser Hinsicht so gründlich geirrt hatten, mochten sie sich auch in anderer Beziehung geirrt haben. Von Zweifeln an ihrem Urteilsvermögen bis zum Glauben an eine Selbsttäu- schung war es nur ein kurzer Schritt. Wenn aber Oscar nur ein Hirngespinst war (fieberhaft hatte er Oscar, seine Kriminalität und alles, akzeptiert, damit ihn dieses Gefühl losließ, verrückt zu sein, und nun, wo es nachgelassen hatte, scheute er vor jedem Nachdenken über die sonderbare Theorie zurück, die ihm als ›eigener Gedanke‹ gekommen war, daß dies hier schlu- ßendlich all seinen persönlichen Problemen ein Ende machen würde), mußte es einen anderen Grund für seine aufgestaute Wut und ihre Folge, einen bewaffneten Raubüberfall, geben. Während der zwanzigminütigen Wartezeit dachte er über sein Leben nach und wurde sich klar, daß er eine Menge guter Gründe hatte, verrückt zu werden. Einmal das Schweigen seines Vaters. Kevin hatte Clarry Gore angebetet und seinem Beispiel, folgend die Mutter gehaßt. Er hatte dieselben wütenden Schweigepausen entwickelt und seine Mutter auf eben dieselbe Art damit gequält. Und doch waren Clarrys Gründe für diesen Haß auf seine Frau nie beim Namen genannt worden; der Mann war seinem Sohn gegenüber genauso schweigsam gewe- sen wie gegenüber jedem anderen Menschen. Der kleine, sehni- ge Eisenbahner war so schweigsam gewesen, daß man nicht einmal genau wissen konnte, ob er seine Frau wirklich gehaßt hatte. Kevin war damit zwar eigentlich fertig, aber dennoch bekam er vom schlechten Gewissen einen heißen Kopf und fühlte sich noch verschwitzter und unbehaglicher. Er meinte, die Linole- umküche zu riechen, ihr schmuddelig grünliches, von Fliegen verdrecktes Gelb zu sehen, während seine Mutter abgewandt dastand, zu den anderen billigen Schindelhäusern hinausstarrte und dabei so tat, als habe sie an der Spüle zu tun, damit ihr gehässiger Sohn ihr nicht anmerkte, wie sehr er sie wieder verletzt hatte. So hätte es nicht sein müssen. Das hat sie mir immer wieder gesagt, aber ich habe nie auf sie gehört. Sie ist gestorben, und ich habe nicht geweint. Seine Uhr zeigte zwanzig nach vier. Gore zog das Gewehr heraus. Er zielte mit der Tür als Auflage, den Lederriemen um linke Hand und Handgelenk geschlungen. Dann entspannte er sich etwas. Noch nichts. Um vierundzwanzig nach vier wurde er allmählich nervös. Vielleicht waren sie irgendwo im Verkehr steckengeblieben. Auf keinen Fall durfte ihn jetzt jemand mit dem Gewehr sehen. Beinahe geistesabwesend begann er, das Schlaflied der Elfen aus dem Mittsommernachtstraum zu sum- men. Aber er war Puck, der Gauner… Ach, egal, daß das nicht, sein Lied war, daß der Rest der Besetzung noch nicht eingetrof- fen war. Er erwärmte sich für seinen Part, und gewiß waren sie nicht verstimmt, wenn sie ihren Teil versäumten. Er begann zu singen. Der Panzerwagen schoß in Sicht, und er sang aus ganzer See- le; Adrenalin und die anderen an seinen Auftritten beteiligten Hormone – oder ihr Äquivalent in seinem erneuerten Blut – wurden ausgestoßen. Er sang seiner Beute zu, Pucks Lust am Unfug stieg in ihm auf, der Spaß des Narren und Streichespie- lers, des Dieners und Gnoms. Der Gewehrlauf folgte dem Fahrzeugmotor, und Gore/Shearing/Puck drückte sanft den Abzug, als das Zielkreuz so zentriert war, daß die panzerdurch- schlagende Kugel ihren Weg zum Verteiler finden würde. Ein einfacher Schuß mit diesem Ding. Ein scharfes Krachen, das Gewehr schlug zurück, doch Gore war schon wieder im An- schlag, bereit für einen zweiten Schuß. Der war jedoch nicht nötig. Noch immer singend zog Puck das Gewehr zurück, ließ es auf den Beifahrersitz fallen und sprang aus dem Auto, wobei er die Augen auf den langsamer werdenden Panzerwagen gerichtet hielt. Gott weiß, was die Wachleute jetzt sahen. Drachen oder Engel auf Stecknadelköp- fen vielleicht. Zumindest nichts, was zu einem Unfall führte. Puck schwang seine beiden Stofftaschen übers Geländer und rannte über den buschigen Randstreifen zur Nothaltespur. Das war der gefährlichste Teil, denn vorbeifahrende Autofahrer mochten einen Spinner auf der Straße bemerken und ihr Snit veranlassen, die Polizei zu rufen, doch Puck hüpfte übermütig die Straße entlang, mit pendelndem Oberkörper, und sang, eine Ein-Mann Einschlafkapelle:, Nachtigall, mit Melodei Sing in unser Eia popei! Eia popeia! Eia popeia! Daß kein Spruch, Kein Zauberfluch Der holden Herrin schädlich sei. Nun gute Nacht mit Eia popei! Es war nett, daß die Stimme endlich einmal seine eigene war. Beim Transportwagen angekommen, öffnete er den Reiß- verschluß der schweren Tasche. Er holte ein Brecheisen heraus und öffnete die Beifahrertür. Wenn die Wachleute nicht schlie- fen, war es ohnehin zu spät… Sie waren passé. Gore stieg ein, hakte den Schlüsselbund von Ros' Gürtel los und rannte zur Hintertür. Drinnen lag der Wächter auf der Seite und schnarchte. Plötzlich wurde es beinahe dunkel. Be- stürzt schaute Gore auf. Dunkle Wolken türmten sich über der Stadt. Sehr dramatisch, dachte er, und kletterte über den Wäch- ter hinweg nach innen. Er öffnete eine Tasche, zog das mit dem Heliumbehälter verbundene Gerät heraus und befestigte es oben auf dem Safe. Er schaltete ein. Dann nahm er einen Vor- schlaghammer mit gekürztem Stiel heraus, entfernte das Heli- umgerät und schlug auf den säureresistenten, undurchbohrba- ren, lasersicheren, explosionssicheren Safe ein. Der zerbröckelte in einem perligen Muster wie eine Windschutzscheibe aus Sicherheitsglas. Gore nahm nur die Scheine heraus. Er wandte sich zum Gehen, doch etwas packte ihn am Knöchel. Der Wächter war aufgewacht. Gore achtete nicht auf den, Klammergriff und grapschte nach dem Revolver im Gürtel des Wächters. Der wollte nicht heraus, da die Revolvertasche mit einem Knopf gesichert war. Er zog im falschen Winkel. Der Revolver rührte sich einfach nicht, und gleich würde der Wäch- ter richtig wach sein. Verzweifelt zerrte Gore in einem anderen Winkel. Mit einem Ruck löste sich die Waffe und flog ihm aus der Hand. Sie wirbelte durch die Hintertür ins wütende Zwie- licht hinaus. Noch immer hielt der Wachmann ihn fest gepackt. Der an- dere Wächter gab ein Stöhnen von sich. Gore schlug mit der Faust nach seinen Händen. Das reichte, und der Griff lockerte sich. Der Wachmann brüllte, und Gore rutschte auf dem Schot- ter am Rand der Schnellstraße aus. Taumelnd kam er auf die Beine und schoß noch im selben Moment den Grashang hinauf. Die Luft hatte sich abgekühlt. Viel Zeit blieb ihm nicht. Viel- leicht war es schon zu spät. Die Tasche mit dem Geld darin war wie ein Teil seines Arms. Er schwang sie über die Absperrung des Freeway und warf sich selbst hinterher. Er kam wieder auf die Beine, rannte los und krachte mit dem Kopf gegen die geschlossene Autotür. Nun war er vollends benommen. Er schnappte den Türgriff und zerrte daran, vergaß, auf den Öffner zu drücken. »Scheiße!« Die ersten Regentropfen fielen ihm in den Na- cken. Er öffnete die Tür und warf sich ins Auto. Er drehte den Schlüssel. Das Auto sprang nicht an. Er trat aufs Gas. Das Auto sprang nicht an. In der Ferne heulte eine Polizeisirene auf, im stärker wer-, denden Sturm nur schwach zu hören. Er hatte den Vergaser absaufen lassen; jetzt konnte er nur noch warten. Er spielte mit dem Gedanken, zu Fuß zu flüchten, und schalt sich dafür einen Idioten. Der Heulton wurde lauter. Und blieb nicht der einzige.,

DREIZEHN

················································································································· aus: Alle Reize dahin Weißes Paraffinlampenlicht drang durch die Spalten von Pa- cketts Zelt; wir hörten sein Keuchen und das Scharren von Kreppsohlen auf Leinwand, als er darin herumtaperte, und so zogen wir uns ins Männerzelt nebenan zurück, wo ein über- sprudelnder Pete, den der Fliegende Doktor (der uns Still- schweigen hatte geloben müssen) für gesund erklärt hatte, uns voll Erleichterung, daß noch alles an ihm dran war, beim Po- kern ein paar Dollar aus der Tasche zog. Bestürzung und Be- geisterung ließen einen leichten griechischen Akzent hervortre- ten, wodurch er nur noch jungenhafter wirkte. »Etwas Vergleichbares habe ich noch nie empfunden.« Er trug sein blaues Trucker-Unterhemd, rote Shorts, und sein nahezu unbehaarter Oberkörper verstrahlte nichts als pure joi de vivre. »Mann, es war wie ein Rausch – vom Feuer summten meine Muskeln, wenn es mich berührte. Und ich habe Stimmen gehört!« »Was denn für Stimmen? Was haben sie gesagt?« fragte Don. Im Nachhinein muß ich lachen, daß dieser fanatische kom- munistische Dinosaurier tatsächlich ein solches Interesse am Übernatürlichen zeigte. Damals war ich zu bestürzt, um zu lachen., »Amerikaner! Amis! verdammt noch mal. Wie bei einem dieser Raketenstarts, okay?« Er legte die Hände trichterförmig vor den Mund. »Krchhcch – stepping up DBT krchhcch – iiiip!« Er lachte. »Aber die Hauptsache war das Feuer. Die Stimmen waren total leise, wie durch eine Wand – aber die Farben! O Mann!« Von Dons Fragen angespornt, plapperte Pete weiter. Wir tranken unser Bier, während die meisten der anderen (Robyn hatte sich Gott sei Dank zurückgezogen) immer fröhlicher und lauter wurden. Ich bin ein grauenhafter Kartenspieler, weil ich zu der Sorte Schauspieler gehöre, bei denen die persönliche Präsenz unun- terdrückbar ist, eine Trumpfkarte, wenn man das in eine Rolle einbringt, doch wenn das Drehbuch vom Leben geschrieben wird, ist mein ganzer Körper Spiegel meiner Seele. Ich beiße mir auf die Lippen, werde rot, zapple herum – kurz, ich signali- siere geradezu, was ich auf der Hand halte. Kevin war von unserer kleinen Intrige praktisch nichts anzumerken, nur rauchte er jede seiner dünnen Zigaretten zu Ende, ohne sie ausgehen zu lassen; meine Nervosität dagegen reduzierte meine Kontrolle in einem Maß, daß ich nichts gewann und viel verlor, sogar nach meinen Maßstäben. Als Kevin das verabredete Zeichen gab – ein ausgiebiges Gähnen –, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Er warf mir einen belustigten Blick zu, als er sich zum Gehen wandte. Ungehalten stieß ich einen möglichst natürlichen Seufzer aus, sagte ja, nach Schlafen wäre mir auch, und fragte mich, was die anderen von dieser schrecklichen Improvisation halten mochten, hoffte, daß sie zu betrunken waren, um etwas zu merken., Ich brauchte eine Weile, bis meine Augen sich an die Dun- kelheit gewöhnt hatten, und so geriet ich mehrmals ins Stol- pern, während wir den Journalisten um das Zeltlager herum verfolgten. Kevin hatte keine Probleme, huschte immer ein gutes Stück voraus und erwartete mich mit ungeduldigen Gesten bei jeder Abbiegung. Ich fluchte stumm mit den Händen zurück. Wir folgten Packett den Rand unseres Zeltdorfs entlang zum Gerüst unter dem hinteren Teil der Zuschauertribüne, wo die Zuschauer ›Die Grube‹ betreten würden. Ich schaute zu den ›Göttern‹ hinauf (nicht wirklich, aber zehn Meter Höhenunter- schied rechtfertigten den Titel) und daran vorbei zum weißen Brei der Milchstraße. Nichts zu sehen. Kevin berührte mich an der Schulter, und ich fuhr zusammen. Er deutete auf den Tech- nikerturm, wo mitten in der Nacht Enzos Lötkolben leuchtete und Enzos große, faustische Gestalt deutlich hervortreten ließ, die hinter den Kunststoffenstern der Bio-Box über etwas ge- beugt war. Bei Jesu Tränen, dachte ich, Packett wird doch nicht an der Stromversorgung herumpfuschen wollen. Kevin schlich die Treppe zum Mittelgang hinauf. Jeder Schritt wurde von metallischem Quietschen begleitet, doch das schien ihn nicht zu stören. Ich folgte ihm einen Moment später und nahm nur jede dritte Stufe, um weniger Lärm zu machen. Kevin packte mich bei der Schulter und flüsterte dicht an mei- nem Ohr: »Wir müssen ihn uns schnappen, er ist zwischen uns und der Bio-Box. Er hat einen Bolzenschneider dabei.« Durch die Lücken im Holz konnte ich Packetts Safaristiefel erkennen. »Das läuft schneller, als ich erwartet hatte.«, Ich packte Kevin beim Arm. Enzos Stimme war zwar nicht sonderlich laut, ließ mich aber zusammenfahren. Kevin schüt- telte meinen Griff ab und reckte den Hals, als könne er so besser hören. »Dieser abendliche Vorfall beunruhigt mich, Enzo. Ich war der Meinung, es würde nichts geschehen, bis wir die Auffüh- rungsenergie erreicht haben.« Daves Stimme. Ich sah seine Schulter. Ich meinte auch seine lange Hakennase und die scharfen Augenbrauen zu erkennen, obwohl in Wirklichkeit das Fenster alles verzerrte. Kevin schien wie unter Strom zu stehen, als unsere Illusionen über diese Produktion zerplatzten; ich selbst, fürchte ich, wirkte einfach bestürzt und total verwirrt. ENZO: »Ich hatte auf volle Sensitivität gestellt. Stanopoulos hat heute abend tatsächlich eine Vorführung gegeben, hat mit seinen Muskeln vor Gill und Sherelle geprahlt – überwiegend Sherelle, wenn du mich fragst –, es war jedoch keine koordi- nierte Vorführung, einfach nur sein reines Ego, aber genug, um das Potential der Anwesenden freizusetzen, einschließlich Leywoods. Und als dann alle klatschten…« DAVE: »Wahrhaftig. Ich hoffe, du hast das jetzt unter Kon- trolle.« ENZO: (fast zu selbstgewiß, als hätte er etwas zu verbergen): »Keine Angst, alter Junge. Da steckt sie…« (Pause), »und die lassen wir bei der ersten echten Vorführung raus, sagen wir eine Woche nach dem Start.« DAVE: »Hm. Ja. Ich bin froh, daß Packett hier ist und uns bald ein Publikum verschafft…« ENZO: »Ein Leck ist so gut wie ein Wink an eine blinde Fle-, dermaus.« DAVE: »Unsere Sendekraft wäre gewiß zu groß gewesen, hät- ten wir nur den Tratsch des Fliegenden Doktors gehabt, um uns ein Publikum zu sichern. Wer weiß, was passiert wäre?« ENZO: »Ja. Siehst du, es geht um mentale Konzentration, da steckt die ganze Power drin. Wenn diese Show Elektrizität bräuchte, wäre alles am Arsch. Das macht schon ein Radio fertig!« DAVE (seufzend): »Ich weiß nicht, warum ich mich von dir da habe hineinreden lassen, Enzo.« (Kichert). »Na schön, wahr- scheinlich doch, du Spinner. Aber die erste Transmission hätten wir wirklich auf eine lokale Zuhörerschaft richten sollen. Bis wir eine Reaktion kriegen, bin ich vielleicht längst tot.« ENZO: »Sieh mich als den Sohn, den du nie hattest.« DAVE: »Das tue ich ja. Das ist gerade das Problem mit dir… Sieh zu, daß du alles im Griff hast; wir wollen keine Risiken mit den Schauspielern eingehen.« ENZO: »Dabei fällt mir ein, Chef; wann wollen wir es den Leuten sagen?« DAVE: »Wie besprochen. Sobald das Stück Erfolg hat, vorher nicht.« ENZO (mit einem sonderbaren Anklang von Verachtung): »Es wird ein bißchen schwer werden, den Mund zu halten, wenn noch irgendwas passiert, das merkwürdiger ist als die heutige kleine Szene.« DAVE (ziemlich grob): »Ich dachte, du hättest die Sache unter Kontrolle, wie du sagtest.« ENZO: »Gewiß, gewiß, aber – es wird zwangsläufig ein paar Energiesprünge geben, wenn wir uns dem Premierenabend, nähern.« DAVE: »Solange es nicht surreal wird, können wir alles auf Aberglauben und Einbildung schieben.« ENZO (belustigt): »Du sprichst von Packett?« DAVE: »Also, ja…« PACKETT (aus der Ferne, mit mächtigem Gebrüll): »ICH LASS MICH NICHT ZU DEINER MARIONETTE MACHEN, ABRAHAMS!« Wir hörten, wie er die Sprossen der Bio-Box hochpolterte, und Kevin schoß um die Ecke. Ich folgte ihm rechtzeitig, um zu sehen, wie der drahtige Charakterdarsteller die mageren Arme um hundert Kilo Fett schlang. Die Tür der Bio-Box öffnete sich, und ein Lichttrapez fiel auf Kevin, der mitten auf der Leiter auf Packett hing wie ein Junge, der ein Nilpferd reitet. Auch ohne den Kritiker hätten wir die Beleuchterkabine ausge- füllt. Enzo saß auf der einen Seite der Beleuchtungstafel, und der tätowierte Salamander auf seinem Unterarm ruhte auf einem Computerschaubild mit dem System der sich über- schneidenden Leuchtsegmente, die den Salamander so in Licht tauchten, daß er drauf und dran schien, auf Enzos Kopf zu krabbeln und ihn mit Flammen zu umlodern. Kevin saß ihm gegenüber an der Tür, den Rücken ans Fenster gelehnt. Packett und Dave nahmen die beiden Klappstühle, was mir den Steh- platz sicherte, mit Kevins Fuß in meiner Weiche. Wir hatten Packett mit den ersten Drohungen und Beschwichtigungen beruhigt, die uns in den Sinn kamen. Dave hatte versprochen, reinen Tisch zu machen. Ich hatte Packett mein Taschentuch geliehen. Enzo reichte Bierbüchsen und stinkende Gauloises, herum; gerade tranken wir die ersten Schlucke (und Packett schluckte seine Tränen hinunter), da klopfte es an die Tür. Ich machte auf, wobei ich praktisch rückwärts auf Packetts Schoß trat. Ich trat vor. Robyn hielt sich ein paar Leitersprossen weiter unten am Geländer fest, nur mit einem billigen, karierten Bademantel bekleidet, wie ich nach einem Blick auf ihren Ausschnitt schloß. Sie zog den Mantel enger zusammen. »Was ist hier los? Ich habe Geschrei gehört. Wußte ich doch, daß ihr nichts Gutes im Schilde führt.« »Äh… wir wollten nur…«, sagte ich. »Komm herein, meine Liebe«, unterbrach mich Dave. »Du kannst ruhig mithören, was ich zu gestehen habe.« Sie trat vor, an mir vorbei. Ich roch ihr Haar, voll vom allge- genwärtigen Staub und dem Eukalyptusrauch. Noch so eine hübsche Überraschung aus dem Busch. Wir drückten uns in der winzigen Kabine zusammen, rückten Stühle um Zentimeter zurück, zogen die Knie hoch und quetschten uns mit ›Au!‹- Gestöhn gegeneinander, bis wir die Tür zubekamen. »Ist sonst noch mit irgendeinem Besucher zu rechnen?« frag- te Dave. »Ich war wohl die einzige in den Schlafzelten. Die anderen machen im Jungszelt zuviel Lärm. Soll ich sie holen?« Ich weiß nicht warum, aber mitten in dieser verzwickten Si- tuation spürte ich ein Sausen im Kopf. Es mochte daran liegen, daß Packett kein Deo benutzte, aber ich glaube, es war Liebe. »Nein, nur nicht«, antwortete Dave. »Ich fürchte, die Kabine hier platzt aus allen Nähten, wenn noch irgend jemand herein- kommt.«, »Sagen Sie mir, was hier los ist, Abrahams.« Das war die erste vernünftige Äußerung des Kritikers seit dem Feuerausbruch. »Eins nach dem anderen. Sie müssen die Sache von Anfang an hören. Das kann eine Weile dauern.« »In Ordnung.« »Hm.« Dave schenkte uns ein Lächeln wie einer Versamm- lung von Kleinkindern. Schauspielern rutscht so was runter wie Butter. Beinahe unmerklich lehnte er sich zurück, als hätte er nichts weiter vor als einen Vormittag mit Tee im Bett. Er be- gann zu sprechen. In den späten Siebzigern, als Dave die Fernsehwerbung beim Designerkragen gepackt hatte, sich aber zunehmend Gedanken übers Theater machte, lernte er auf einer Geschäftsreise nach Paris in einer kleinen Bar am Marktplatz von St. Antoine Enzo kennen. Enzo war voller Ideen und voller Verachtung. Die Mainstream-Companies, bei denen er sich das Geld für diesen Trip zusammengespart hatte, mußten sich ätzende Kritik gefal- len lassen. Die beiden stellten fest, daß sie viel gemeinsam hatten: Zynismus, Liebe zu ihren großartigen, aber vor kurzem verstorbenen Vätern. Aus den Drinks wurde eine Mahlzeit, Dave sagte seinen Termin ab und es folgten mehr Drinks und eine lange Nacht, in der sie wahnwitzige Pläne diskutierten, mit denen sich ihr selbstzufriedenes Heimatland schocken, erziehen und aufrütteln ließ. Hier betrank der flaumbärtige Enzo sich schließlich so gründlich, daß er sein dunkelstes Geheimnis preisgab. Es betraf, wie er es damals nannte, »die verborgene Pracht der Geistes- kraft«. (Bei dieser Erinnerung wurde Enzo nicht wirklich rot, warf Dave aber beinahe gegen seinen Willen einen liebevollen, und gleichzeitig trotzigen Blick zu.) Enzo hatte Unzusammen- hängendes über sowjetische Forschungen auf dem Gebiet der elektronischen Amplifikation von Massen-Wahnidee-Systemen herausgeblubbert. Es klang wie einem Horror-Film oder Gru- selthriller der Fünfzigerjahre entsprungen. Schädeloperationen und Edelmetallsplitter im Kopf von ›Kriminellen‹ – nicht einmal die sowjetische Regierung wußte über die gewagteren Aspekte dieser Forschung Bescheid. Diese Leute hatten heraus- gefunden, daß telepathische Kommunikation mit elektronischer Verstärkung möglich war. Am Interessantesten fand der be- trunkene Dave (nüchtern hätte er das niemals geglaubt) die Tatsache, daß die größte Häufung konsistent meßbarer Resulta- te bei Gruppen auftrat, die eine auf mächtigem archetypischem Material beruhende komplexe Lüge verbreiteten, welche eine gewisse Unterdrückung des Unglaubens erforderte, und zwar auf Seiten der Lügner, nicht der Getäuschten. An diesem Punkt blieben die Russen in den politisch/ideologischen Schlußfolge- rungen aus ihren Experimenten stecken. Für die Australier Enzo und Dave, die inzwischen in einer Bar in Montmartre fast unter dem Tisch lagen, hieß die hirnzer- sprengende Konklusion in einfachen Worten: Eine auf diese Weise unterstützte Aufführung eines Stücks konnte auf direk- tem Weg Herz und Gedanken eines Publikums berühren, das zu diesem Zeitpunkt gar nicht da war. Eine Aufführung erfor- derte Unterdrückung des Unglaubens von Seiten der Schauspie- ler; ein gutes Stück beruhte häufig auf besonders mächtigen Archetypen. Enzo und Dave beschlossen, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Natürlich würde kein Schauspieler einen Eingriff an seinem, Schädel zulassen – auch wenn Enzo wohlgemut ein paar Kandi- daten vorschlug – daher mußte zuerst die Technik weiter aus- reifen. Für Dave war das ein Glück, denn am nächsten Morgen wachte er mit einer Hufschmiede im Kopf auf, konnte sich auch an die Übereinkunft noch gut erinnern, hatte aber die ihm am Vorabend eigene Leichtgläubigkeit verloren. Wieder in Austra- lien, kehrt Enzo begeistert zu seinen Experimenten in seiner weinlaubumrankten Greenwich-Mansarde zurück, während Dave die Idee aus den Augen verlor. Zehn Jahre später jedoch stolperte Dave Abrahams über die Lösung für ihr Problem. Auch diesmal war das mit einem Saufgelage verbunden. Eine Zufallsbekanntschaft machte aus Dave seinen ›besten Freund der Welt‹ und schüttete dem väter- lichen Produzenten sein Herz aus. Der Mann war vor kurzem entlassen worden. Sein Wissenschaftlerteam hatte im Regie- rungsauftrag eine Apparatur entwickelt, mit der man aus eini- ger Entfernung die Neuronenabstrahlung des Gehirns messen konnte, doch aus unerklärlichen Gründen war das Gerät immer wieder explodiert, bis das Geld verbraucht war. Für Enzo war das der Heilige Gral, das Missing Link. Er drang als Hacker in die Computer des Forschungsinstituts ein und erwarb die Pläne im Fünf-Finger-Discount. Das bedeutete ein Haus voller Hard- ware. Er brauchte drei Jahre und mußte einige riskante Bra- vourstücke als Hacker vorlegen, um diese Ausrüstung in die Funkmikrophone zu packen, die wir in jedem wachen Moment am Körper trugen. In der Phase, als es so aussah, als würde Telepathie immer eine Wunschvorstellung bleiben, wuchsen Enzos Phantasien ins Unermeßliche. Es fiel ihm nicht leicht, Dave mit seiner UFO-, Obsession anzustecken, doch schließlich war auch Dave über- zeugt, daß sie den ersten Versuch nicht auf ein weit entferntes menschliches Publikum richten sollten, zum Beispiel die Be- wohner Sydneys, sondern daß sie es – anderswo versuchen sollten. Sarahs Sturm in der Wüste wäre für diese Zwecke ideal, argumentierte er. Weit genug entfernt von jeder Siedlung, um alle dramatischen Folgen auszuschließen, wären keinerlei zusätzliche Anstrengungen vonnöten, um zunächst einmal Enzos Vorstellung nachzukommen. Enzo hatte zudem ein Sonnensystem ausgesucht, bei dem die Chancen sehr gut stan- den. Und schließlich war es seine Erfindung… Und so lief nach vier Jahren Hetzerei alles so, wie er es woll- te. Pioneers größte Hits würden neben Shakespeare verblassen. Sie würden eine komplette Aufführung direkt in die Gedan- kenwahrnehmung von Außerirdischen strahlen, all unsere Größe, Breite und Tiefe, unseren Schweiß und unsere Gefahr hinauf in die Sterne. Es war romantisch. Keine Botschaft: Shakespeare. Vielleicht nicht einmal ein Publikum! Daves Stimme senkte sich zu einem Flüstern. Das Gesicht seiner Zuhörer zeigte Unglauben, Belustigung, Sorge und Verletztheit wegen des Vertrauensbruchs; auf Robyns und Kevins Gesicht gingen diese Emotionen durcheinander. Die Wirkung auf Packett bestand überwiegend aus dieser oberfläch- lichen, mit zynischem Humor vermischten Ruhe, die man manchmal nach einem Zusammenbruch beobachten kann. Enzo verhehlte etwas, das ich für heftigen Zorn hielt, hinter gespielter Verlegenheit. Zorn auf wen? fragte ich mich. Auf Dave?, »Was Sarah euch letzten Monat bei mir zu Hause erläutert hat, stimmt«, fuhr er fort. »Es ist wirklich der Versuch zu zei- gen, daß unsere Kunst auch ohne alles Werbegetrommel funk- tioniert. Ich habe euch nicht angelogen, nur einiges ausgelassen. Gewiß, Sarah… hm… weiß tatsächlich nichts von unserer Nebenabsicht. Ihr müßt verstehen, daß eine Gefährdung ausge- schlossen ist, nachdem wir nun wissen, mit welchen Gewalten wir es hier zu tun haben. Das größte Risiko besteht, wenn überhaupt, für den Bediener der Apparatur, für Enzo hier. Euer Part bei diesem Vorhaben verschafft euch die Möglichkeit, gleich am Anfang bei einem neuen Industriezweig mit dabei zu sein. Einer neuen Ära. Ich bitte euch, eure Entscheidung, ob ihr das Projekt weiter mittragt, erst zu treffen, wenn ihr darüber nachgedacht habt. Wenn ihr überzeugt seid, daß wir die Sache hier unter Kontrolle haben.« Dave schaute Enzo irgendwie bittend an und wandte sich dann mit einer direkteren Bitte an uns. «Bis ihr euch entschieden habt, wäre ich euch sehr dank- bar, wenn ihr das hier… hm… für euch behalten würdet.« »Du glaubst doch nicht allen Ernstes, daß das hinhaut?« frag- te Kevin. »Ich sehe keinen Grund für das Gegenteil«, gab Dave feier- lich zurück. »Ich selbst habe schon die Gedanken von Enzo allein gespürt. Jetzt denk dir einen ganzen Chor von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen!« Er ließ ein bißchen Luft ab. »Na ja, nicht den exakten Inhalt«, gestand er. »Mehr die allgemeine emotionale Färbung.« »Die hätten Sie ihm auch vom Gesicht ablesen können«, meinte Packett. Er war jetzt ruhiger, beinahe nüchtern; er mußte schon eine ganze Weile am Rand eines Dammbruchs, gestanden haben, und in irgendeiner Form wäre es ohnehin aus ihm herausgebrochen, ganz unabhängig von den Ereignissen und dem Spott der letzten Tage, die als Auslöser gedient hatten. Wir hatten ihm wohl eher einen Gefallen getan. Zum Durch- drehen hätte er sich auch einen schlechteren Ort aussuchen können. Seine Worte waren überraschend freundlich. »Sie kennen den jungen Enzo hier so gut.« Enzo, zweifellos verstimmt über das Adjektiv ›jung‹, erwider- te: »Wir waren mehrere Meilen voneinander entfernt?« Er seufzte, was in mir tausend Fragen über Daves und Enzos Beziehung auslöste. Ich hatte die ganze Geschichte geschluckt. Robyn allem Anschein nach ebenfalls: »Was für ein Gefühl war das?« fragte sie, bevor ich noch den Mund aufmachen und selbst nachforschen konnte. »Ach Robyn«, erwiderte Dave mit dem Blick von jemandem, der die Pforten der Hölle durchschritten hat. Dann sprach er weiter: »Es war als griffe eine Hand nach meinem Herzen.« »Was, du hast eine richtige Hand in der Brust gespürt?« nahm Robyn seine Worte ganz buchstäblich. »Nein. Es war… hm… das plötzliche Gefühl eines großen, unerklärlichen Verlusts.« Kevin rutschte unter der blauen Intensität von Daves Blick im Stuhl zurück. Robyn nickte. Ich beugte mich am Türgriff Halt suchend vor, um Kevins Gesicht wieder in den Blick zu bekommen. Enzo stieß die Luft aus, um eine Gefühlsaufwallung zu unterdrücken, die mir wie großer Zorn erschien, und atmete dann tief ein. Packett sagte ohne Schärfe: »Das könnte doch auch jeder ganz von allein empfinden, Dave.« Dave erwiderte sanft: »Erzähl's ihnen, Enzo.«, Der hochgewachsene, olivebraune Charmeur seufzte, sagte aber nichts. Im Moment sah er überhaupt nicht charmant aus. Sondern hart. Eindeutig abweisend. Wir warteten. »Erzähl es ihnen. Du hast zu hart gearbeitet, mein Sohn, du hast zu lange dafür geschuftet, um es jetzt einfach wegzuwer- fen.« Enzo murmelte etwas wie: »Das haben wir sowieso«, zu sei- nen Knien hinunter. Er hob den Kopf. »Ich…« Er seufzte wie- der und schüttelte dann angewidert den Kopf. Die nächsten Worte waren erneut an seine Knie gerichtet, in einem Singsang wie die widerwillige Entschuldigung eines Kindes. »Die Nach- richt, die ich ihm zu schicken versuchte, war nichts Großartiges. »Die Katzen drohen mit den Tatzen, glaube ich – auf jeden Fall…« Er räusperte sich in einer unbewußten Imitation Daves. »Meine Mutter war in der Woche davor gestorben, und das hat er empfangen. Er wußte das gar nicht… Ich hatte es nieman- dem erzählt.« »Das tut mir leid«, sagte Packett. »Nicht nötig.« Er starrte Dave wütend an. »Es ist schon ein paar Jahre her.« »Geht jetzt und denkt darüber nach«, meinte Dave mit einem Timing, wie es der Teufel selbst nicht besser gekonnt hätte. »Denkt darüber nach, was das hier für das Theater bedeuten wird, für euch selbst und für die Welt.« Wir gingen.,

VIERZEHN

················································································································· Sie hatte die Stelle gewechselt. Jay Schnarler war versucht, diesen Pfad aufzugeben, zur CIA vor Ort zu gehen, ihnen die Geschichte aufzutischen, daß er inzwischen als Privatschnüffler arbeite, und sie um Zugang zu ihren Überwachungskameras zu bitten, die, wenn seine Informationen stimmten, klein wie Stecknadelköpfe jede größere Stadt übersäten. Das würde natürlich voraussetzen, daß die durch die Visionen (nach neuesten Erhebungen zehn Prozent der Bevölkerung) ausgelös- te wachsende Hysterie dort für ebensolche Unruhe sorgte wie anderswo. Doch selbst in diesem Fall mochte die Benutzung ihrer Computer, wenn er die Aufnahmen Gores aussortierte und daraus eine mehr oder weniger zusammenhängende Ge- schichte bastelte, ihnen einen Fingerzeig geben, falls irgend jemand in der Agency neugierig auf diesen ›Fall‹ wurde. Besser folgte er Kevin Gores Spur persönlich. Wenigstens hatte er Leywood gewarnt. Leywood hatte ihm zwar nicht geglaubt, daß es hier um einen Kampf zwischen Gut und Böse ging, hatte sich aber aus dem Spinnerhotel ausgebucht und mit dem Geld, das Jay ihm aufgedrängt hatte, eine Wohnung unter falschem Namen gemietet. Jay rollte sich aus der Lobby, am sandgefüllten Chrom- aschenbecher und den rosafarbenen Faszien vorbei, über den, wärmeempfindlichen Teppich und auf die Straße hinaus. Er winkte ein Taxi herbei, das anders als die Taxis zu Hause nicht selbstgesteuert fuhr und sich zu seinem Vergnügen durch eine vielbefahrene Spur zu ihm hindurchpflügte. Nein, er würde sich auf den Weg machen und diese Caroline Walsh in ihrer ein- flußreichen neuen Position aufsuchen – er drehte das Empfeh- lungskärtchen in der Hand um – bei den Borovsky Studios. Er rollte sich die Taxirampe hinauf und las dem Fahrer die Adresse vor. Sie schossen davon. Es ging hier hektischer zu als damals vor elf Jahren. Das war entweder der Fortschritt oder Folge der Visionen. Vielleicht ein bißchen von beidem, dachte er. Dann kam ihm eine Idee. Jedermann suchte eine Erklärung für die surreale Wendung, die das Leben letzthin genommen hatte. Der Taxifahrer, ein dunkelhäutiger Typ, wahrscheinlich ursprünglich aus Bangla- desh, erzählte gerade, wie er den Avocadobaum in seinem Hinterhof bewundert habe, als dem plötzlich rosa Flügel ge- wachsen seien, worauf er Richtung Morgenrot davonflog. Falls es Jay gelang, Borovsky Studios für seine eigene Erklärung der Visionen zu interessieren oder ihnen auch nur Martin Ley- woods Erklärung mit den Außerirdischen schmackhaft zu machen, wurden Gore und Leywood öffentliches Eigentum. Wenn sie berühmt waren, würde es der CIA viel schwerer fallen, sie zu liquidieren. Es war ein Risiko. Der Erfolg hing davon ab, ob die CIA nicht schon selbst die Verbindung herge- stellt hatte, doch Jay holte in der schwülen Luft tief Atem und beschloß, das Risiko einzugehen. Genau in diesem Moment öffneten die Wolken, die sich zu- sammengeballt hatten, ihre Schleusen. Wogen von Regen peitschten nieder, aus mehreren Richtungen gleichzeitig, so, schien es, vom Sturm gejagt. Der Taxifahrer merkte etwas in dieser Richtung an und zeigte dann quer über die Schnellstraße auf die Nothaltespur, wo ein Panzerwagen mit geöffneten Rück- und Seitentüren stand. Ein Wachmann hockte auf allen vieren auf dem farbig gestrichenen Asphalt hinter dem Transportwa- gen und schüttelte schwindlig den Kopf. Bald blieben Panzer- wagen und Wachmann hinter dem Taxi zurück und ver- schwanden im Regen. »Mein Gott!« sagte der Fahrer und funkte die Polizei an. »Die Bösewichter, die das hier auf dem Kerbholz haben, werden bei einem solchen Unwetter leichter entkommen können«, meinte er dann. »Ich sehe selbst kaum genug zum Fahren.« »Ja«, stimmte Jay zu. »So ist es immer: Das Wetter spielt den Bösen in die Hände.« Das war eine eindeutige Anspielung auf die Haltung der USA zu Bangladesh. Jay nahm sich allerdings heraus, hier ganz privat anderer Meinung zu sein. Nicht über die Politik des Treibhauseffekts. Doch das plötzliche Unwetter hatte ihn von jedem Zweifel befreit, den er wegen der Weitergabe der Story an Borovsky Studios noch gehabt haben mochte. Diesmal war das Wetter mit den Guten. Nicht nur die Schwüle ließ nach, sondern auch seine Anspannung; Jay ließ sich entspannt in den Plüschsitz seines Rollstuhls zurücksinken und lächelte vor sich hin. Er ließ die Finger durchs kurzgeschnittene Haar und die Stoppeln im Nacken gleiten. Er war der CIA voraus. Das wußte er. Der HERR hatte es ihm gerade durch diesen Regen mitgeteilt. Leywood, dachte er, ich mache eine Berühmtheit aus dir, ob du es willst oder nicht. Gegen Gottes Wort kann man sich nicht auflehnen.,

FÜNFZEHN

················································································································· Den Tränen nahe zwang Kevin Gore die Luft aus der Lunge und griff für einen letzten Versuch zum Zündschlüssel. Der Motor machte eine Umdrehung, verweigerte dann aber den Dienst. Kevin ließ sich nach vorn auf das Steuerrad sacken. Der Regen klatschte gegen die Windschutzscheibe, das Wagendach und beide Seiten; er schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, von einem Wind gepeitscht, der wild am Auto rüttel- te. Wie viele Jahre standen auf bewaffneten Raub? Darüber hatte er niemals nachgedacht. Er hatte nicht die ge- ringste Ahnung. Und all das nur, weil Knittelverse in seinem Kopf ihn dazu aufgefordert hatten. Oscars Regeln für nachträg- liche Einsichten, okay. Ich muß verrückt sein. Ich und Martin, dachte er. Wir können uns ein Zimmer teilen! Er lachte. Wo waren jetzt die Retter der Welt? – gerade bei einer Poesielesung? Er lachte noch ein wenig. Na schön, nun brauchte er zumindest keinen anderen Unbekannten mehr die Schuld zu geben, weder den Bekämpfern der Visionen noch den Verwandlern seines Körper. Jetzt wußte er wohl, wo die Stimmen herkamen. Von ihm selbst. Am Gefängnis mogele ich mich problemlos vorbei, füge mir Schnittwunden zu, palavere, daß ich mehr als nur ein, Mensch bin, lasse mich analysieren, grabe meinen Vater aus, der das Familienleben nicht ertragen hat und meine vernachläs- sigte Mutter, die sich dafür an mich klammerte, die unbedingt wollte, daß ich mit Puppen spiele, damit ich als Mann auch bestimmt weiß, was ich Frau und Kind schuldig bin… Aber würden die mich aus der Klapsmühle je wieder rauslassen? Das war ein ernstzunehmender Einwand. Ein Auto hupte. Er hob den Kopf, auf das Schlimmste gefaßt. Aber Bullen hupten nicht. Deren Sirenen heulten noch immer, jetzt lauter, von weiter hinten auf der Schnellstraße. Das Auto, das sich neben ihn gestellt hatte, war im Regen ein weißer, verschwommener Fleck. Er beugte sich über den Geldsack und öffnete die Tür. Es war ein Triumph Stag. Hinter dem Lenkrad saß Gemma Stranger. Gemma fuhr wütend aus der Stadt heraus Richtung Swan Hill. »Was, zum Teufel, hast du da versucht?« fuhr sie ihn an, als sie es sich leisten konnte zu sprechen. Kevin hatte inzwischen die letzten Spuren von ›George Shea- ring‹ weggewischt. Puck war bereits verschwunden, als der Wachmann nach ihm gegriffen hatte. »Ich habe es nicht nur versucht, sondern geschafft«, erwider- te Kevin mit einem gewissen Stolz. »Was? Was ist in dem Sack da? Geld?« »Unmengen. Ich weiß aber nicht wieviel, Budge.« »Das glaube ich dir nicht. Was hast du getan?« »Einen Panzerwagen lahmgelegt. Wirklich und wahrhaftig.« »Jesus!« Sie achtetet nicht weiter auf seine Komödie. »Das ist wirklich saublöd. Jetzt wirst du gesucht. Du hast eine Schußwaf-, fe, oder?« »Es ist nett, wenn man gesucht ist. Und nein, ich bin es nicht.« »Ach, laß die Witze. Ich habe das Gewehrschloß in deinem Küchenschrank hinter den Cornflakes gesehen, um Himmels willen. Dachtest du, ein Mädchen weiß nicht, was das ist? Des- halb bin ich dir gefolgt.« »Ich hatte ein Gewehr«, gab er zu. »Dann ist es also bewaffneter Raub! Weißt du, wie lange man dafür sitzt?« Kevin lachte. Er wandte sich Gemma zu, um es zu erklären, gab aber angesichts ihres grimmigen Gesichts auf. Statt dessen schaute er den Scheibenwischern zu, die hin und her flitzten. »Was bist du für ein Kindskopf, wirklich.« »Danke, diesen Vorwurf bekomme ich nicht oft zu hören. An deiner Stelle würde ich hier abfahren, Budge.« »Nenn mich nicht so.« Die Abfahrt lag schon hinter ihnen. »Warum?« »Ich muß was mit meinem Auto unternehmen. Ohne mich wird es einsam vor sich hinrosten.« »Hast du den Verstand verloren? Ach so, natürlich hast du das. Und du dachtest, mit Martin steht es schlimm. Ich habe eine Tante in Swan Hill…« »Die ist bestimmt reizend…« »Was soll das jetzt wieder heißen?« »Nimm die nächste rechts! Wenn sie meinen Passat finden, finden sie auch mich.« Sie nahm die nächste rechts. Mit 140 Sachen schossen sie ü- ber eine nasse, schmale Straße, bei deren Kurven sich einem der, Magen umdrehte. Kevin meinte, bleich geworden: »Du bist eine phantastische Fahrerin. Darf ich vielleicht die Landschaft ge- nießen?« »Da ist sie.« »Bitte?« Sie fuhr langsamer. Nachdem sie den Nationalpark hinter sich gelassen hatten, fragte Gemma: »Was also ist in dich gefahren, daß du die besten Jahre deines Lebens wegschmeißen willst?« »In mich gefahren. Du würdest sowieso glauben, daß ich lü- ge.« »Einen Mist würde ich.« »Also – wir brauchen einen Ort, wo du dem deine ganze Aufmerksamkeit widmen kannst. Wie wär's mit dem Zoo?« »Mann, Kevin, du hast wirklich einen Sprung in der Schüs- sel.« »Vielleicht.« Kevin verzog übertrieben finster das Gesicht und schaute in sich hinein. »Wie bist du mir gefolgt?« fragte er schließlich. »Das war sehr schwierig. Und ich hätte es vielleicht sein las- sen, hättest du dich mal auf einen Drink gemeldet. Als du in Dandenong den Bus nahmst, habe ich dich aus den Augen verloren. Ein anderer Bus kam und fuhr gleichzeitig los, aber durch reines Glück habe ich dich wieder erwischt, als du in die Stadt zurückkamst. Dann habe ich dich verloren, als du zum Tanken hieltest; ich mußte auf meiner Spur bleiben, und als ich zurückkam, warst du weg. Stundenlang bin ich kreuz und quer gefahren und habe dich gesucht.« »Aber du hast mich gefunden.«, »Ich habe dich gefunden. Da hast du Glück gehabt.« »Glück gehabt… hm… Eine richtige Spürnase. Magst du Ot- ter?« Der Freitagabendstrom ins Stadtinnere hatte noch nicht ein- gesetzt. Gemma blieb schweigsam, mit rotem Gesicht und zusammengepreßten Lippen. Kevin beobachtete die hektischen Bewegungen der Wochenendflüchtlinge und winkte Fratzen schneidend den Kindern zu, die bei der Fahrt aufs Land jetzt schon von ihren Eltern angeödet waren. Einmal kam ihm ein alter Paul-Simon-Song auf die Lippen, doch Gemma brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. Als sie neben dem Bahnhof hielten, sagte Gemma: »Der Zoo wird zu sein. Ich habe eine Garage, in der du dein Auto stehen lassen kannst. Du kannst mir die Sache erzählen, während ich packe.« »Oooh. Kommst du mit, o Retterin, o Ritter im glänzenden Triumph?« »Meine Tante wird dich wohl kaum ohne mich hereinlas- sen.« »Ich habe keinerlei Absichten auf deine Tante, mein Schätz- chen.« »Nenn mich nicht so. Das hasse ich.« »Okay, aber wir fahren nicht nach Swan Hill, auch wenn ich Dosenobst liebe.« »Wohin denn dann?« »Zu mir nach Hause.« »Da sucht man dich doch als erstes, du Dumpfbacke.« »Nenn mich nicht so. Außerdem sucht man ja nicht nach mir.«, »Wie kannst du dir da so sicher sein?« »Ein kleines Vögelchen hat es mir gesagt.« »Aha. Auf jeden Fall solltest du aus der Stadt verschwinden.« »Aha. Deshalb fahren wir ja nach Hause, Señorita.« »Oh. Aber wie…« »Das erzähle ich dir, während du deine Reizwäsche packst.« »Mußt du?« Kevin lächelte reizend und stieg aus. Der Regen hatte aufge- hört, und die Welt roch wie neugeboren. »Du hattest diese Leute mit den Visionen erwähnt.« »Die Zeitungen sind voll davon. Immer wieder neue Fälle, Bestätigungen von allen Seiten.« »Wirklich? Hmmmm. Das ist eine echte Neuigkeit.« »Da sind die religiösen Spinner – na ja, keine Spinner, der Erzbi- schof von Canterbury ist kein Spinner –, dann die Wissen- schaftler, die es für eine Art Naturphänomen halten und die Wissenschaftler… wo warst du eigentlich, Kevin?« »Äh… Ich hatte zu tun.« »Aha. Auf jeden Fall. Da sind die UFO-Freaks und…« »Auf welcher Seite stehst du?« Gemma hielt mit Packen inne und fixierte Kevin mit klugem Blick. Er saß auf Gemmas Kissen, zog jetzt die Knie hoch und umschlang sie mit den Armen. Das Zimmer roch nach feuchten Boronia. An der Wand hing ein Bild Gemmas mit theatrali- schem Make-up. »Erzähl mir jetzt, was du mir erzählen wolltest«, forderte sie ihn auf. »Erst sag mir, was du von den Visionen hältst.«, Sie seufzte. Sie strich sich das Haar aus den Augen und setzte sich Kevin schräg gegenüber aufs Bett. Mißbilligend schaute sie auf Kevins Stiefel, die getrockneten Dreck auf ihre Doona verkrümelten. »Es ist eine Epidemie. Manchmal passiert es auch Stars in aller Öffentlichkeit. Jane Fonda hatte eine während ihrer Talk- show zur besten Sendezeit. Johannes-Paul der Dritte hat auch eine gesehen.« »Was denn gesehen?« »O Mann.« »Ich will es wissen.« »Sie zeichnen sich eben gerade dadurch aus, daß niemals zwei Leute dasselbe wahrnehmen. Tatsächlich hat bei Fonda keiner der Fernsehzuschauer irgend etwas Besonderes gesehen, und von den Leuten im Studio nur zwei.« »Aber sie haben Fondas Reaktion mitbekommen.« »Genau. Später sagte sie, sie habe ein Gemälde von Jackson Pollock erblickt. Das habe sie aufgefordert…« »Was, das Gemälde?« »Es habe sie aufgefordert, ihr Leben der Kunst zu widmen, die Talkshows aufzugeben und sich an billigen Rotwein und Tortellini zu halten.« »Du machst Scherze.« Kevin kicherte los. Er fiel seitlich aufs Bett. Schließlich mußte er sich ein Kissen in den Mund stopfen, um sein Gelächter unter Kontrolle zu bekommen. »Ich wette«, sagte er, brach aber schon wieder in Gekicher aus. »Ich wette, am nächsten Tag stand sie vor der Kamera und ließ es analysie- ren!« Gemma lächelte. Eine Zeitlang hielt sie den Blick auf ihre, Knie gerichtet. »Und wie war's beim Papst?« fragte Kevin. »Keiner weiß es. Er schaute einfach nur entsetzt drein und fiel in ein Koma.« »Batmans Feinde: Punch und Judy.« »Hm?« »Mit dem Teufel im Schrank eingeschlossen. Punch hat das immer mit dem Vikar gemacht.« »Es gibt einiges an Spekulationen. Manche meinen, das sei das Ende der Welt.« »Kann schon sein.« »Was? Bitte keine Andeutungen. Das hasse ich. Erzähl's mir oder laß es bleiben. Mir egal.« »Egal ist es dir nicht, Ms. Stranger.« »Ja, ich weiß, sonst wäre ich nicht so wütend auf dich. Ein Punkt für dich. Aber nackte Dummheit bringt mich immer auf die Palme.« »Und wie bin ich nackt?« Sie verzog das Gesicht, als wäre ihr schlecht. »Die meisten Regierungen geben beruhigende Erklärungen heraus; hier hatten wir nicht allzuviel Ärger, aber in Südamerika gab es Aufstände und einige gescheiterte Staatsstreiche, daher drängt man den neuen Papst, so oder so Stellung zu beziehen.« »Was heißt ›so oder so‹?« »Zum Beispiel – hast du eigentlich wirklich überhaupt nichts mitbekommen?« »Im Schwimmbad habe ich das eine oder andere gehört, aber nicht viel darüber nachgedacht. Letzthin hatte ich mich ziem- lich eingeigelt. Sowieso lese ich kaum Zeitung, sehe wenig fern,, und letzthin… hatte ich zu tun.« »Aha. Also, in Amerika machen zwei Bewegungen am meis- ten Lärm: Die Fundamentalisten, die das Ende der Welt für gekommen halten, und die Wissenschaft, wo man zwei Haupt- theorien vertritt.« »Ja?« »Die eine besagt, daß die Kombination aus Umweltgiften und der erhöhten ultravioletten Strahlung ein Halluzinogen erzeugt hat…« »Mmmm?« »Die andere, daß es eine psychologische Reaktion auf die Jahrtausendwende ist.« »Ein bißchen spät, oder?« »Darauf gehen sie ein. Nach ihrer Meinung liegt die Schuld daran bei der Wissenschaft – na ja, dem Rationalismus – selbst. Der habe die natürliche Tendenz zu apokalyptischen Religionen gedämpft.« »Ach ja. Die dämpfende Wirkung der Wissenschaft. Und was denkst du selbst?« »Es wird häufig mit dem verglichen, was ihr beide, du und Martin, vor elf Jahren im Ödland jenseits der Arkaroola Station erlebt habt. Massentäuschungen, einige echte physische Aus- wirkungen – wie Regen aus heiterem Himmel. Ich kann mich nicht ganz zu dem Glauben durchringen, daß es sich hier um irgendeine außerirdische Art von Sturm handelt.« Sie lächelte und biß sich dabei auf die Unterlippe. Kevin umklammerte seine Knie fester; er stellte sich vor, wie sein blaues Blut mit jedem Schlag seines neukonditionierten Herzäquivalents durch seinen Körper pulsierte; er lächelte,, doch das verging ihm schnell; er schaute auf das Foto der als Ophelia aufgemachten Gemma, so sah es zumindest aus, ver- suchte, das dünne Kostüm mit den Augen zu durchdringen, doch mit Röntgenaugen hatte man ihn nicht ausgestattet; er merkte, daß seine hysterische Schnoddrigkeit aus der ständigen Spannung zwischen den beiden Ängsten kam, entweder geistes- gestört zu sein oder, noch schlimmer, in verschiedener bedeut- samer Hinsicht nicht mehr wirklich Mensch, doch diese Ein- sicht machte ihn nicht umgänglicher; er betrachtete das Foto von Gemmas Vater auf dem vollgestellten Nachttisch: Ein schmaler Mann mit slawischen Wangenknochen und wilden blauen Augen, der, den Arm um einen ernsten alten Aborigine gelegt, vor einer zerbeulten EH Holden Limousine stand; schließlich schaute er wieder zu Gemma. »Glaub mir, Schätzchen«, erklärte er mit seinem gemeinsten Lächeln. »Das hier ist ein interstellares Varieté, und der nächste Akt ist meiner.« Er erzählte ihr, er brauche das Geld aus dem Raubüberfall, um die richtige Reaktion auf die Visionen zu organisieren. Als sie auf den Gedanken kam, dies bedeute die Konstruktion eines weiteren Gedankenverstärkers, warf er ihr einen Antwort- schnipsel hin, der sie in diesem Glauben bestärkte. Bis sie zu dem Schluß gekommen war, daß Kevin, keineswegs ein Tech- nikfan, Hilfe brauchte, war er vielleicht in ausreichend stabiler Verfassung, um ihr eine ausführliche Antwort zu geben. Sie mußten sich sofort auf den Weg machen. Er hatte alles Nötige arrangiert… »Beeil dich mit dem Packen«, sagte Kevin. »Das Ende der, Welt bedeutet es nicht, aber der Unterschied wird gewaltig sein, das kann ich dir sagen.« Und die Wahrheit könnte so unglaub- lich klingen, daß du vielleicht einfach nur lachst, und wo stünde ich dann? »Kannst du mir nicht ein winziges bißchen mehr sagen?« »Abgesehen von der Tatsache, daß es Verwirrung über die Bedeutung des Sturm gegeben hat, nein. Nichts, was dich nicht zu der festen Überzeugung veranlassen würde, daß ich völlig durchgeknallt bin.« Vielleicht würde es sogar mich selbst davon überzeugen, dachte er. »Gib mir eine Chance.« »Es wäre, als würde ich Suaheli mit dir reden.« »Ich spreche Suaheli.« »Hör mal: Kein Wort mehr, oder ich fahre sofort ohne dich los.« »Das stinkt mir total! ›Zerbrich dir nur dein schönes Köpf- chen nicht darüber.‹ Was muß ich tun?« »Warte die richtige Zeit ab. Leb wohl, Gemma. Danke für die Hilfe.« »Nein!« Sie machte einen Satz übers Bett und packte ihn am Unter- arm, als er sich über die Bettkante schwang. Ihre harten, kno- chigen Finger hatten einen festen Griff. Kevin legte eine Hand auf die ihre. »Ich verstehe es selbst nicht«, sagte er, was stimmte, falls er wirklich verrückt war. »Wir haben keine Zeit für müßige Erklä- rungen.« Fast konnte er seine Mutter hören: Genau wie dein Vater, Kevin. Wenn du mir nicht sagst, was dich bedrückt, wie soll ich dir dann helfen? Dennoch stand er auf., »Dann geh doch.« Ihre Stimme klang belegt. Er brach auf. Teils um sich wachzuhalten, hörte Kevin jede Nachrichtensen- dung, die sein Radio zu bieten hatte. Gemmas Schilderung stimmte: Es war, als höre er einen Bericht über Ereignisse, die tausend Jahre zurücklagen, abgesehen von der öffentlichen Analyse der Analyse und wiederum deren Analyse. Es war eigentlich nicht wichtig, was die Außerirdischen dem Menschengeschlecht mitteilten (wahrscheinlich: »Hallo, wir kommen in Frieden«). Wenn die Visionen inzwischen so weit verbreitet waren, mußten sie offensichtlich aus unmittelbarer Nähe zur Erde senden, vielleicht sogar schon von innerhalb des Sonnensystems. Er fuhr schneller. In Bairnsdale mußte er zum Tanken halten, und so aß er gleich zu Abend. Beim abschlie- ßenden Kaffee bekam er eine Auseinandersetzung zweier Orts- ansässiger über die Vision eines der beiden mit, ein Teil der zentralen Botschaft, wie es klang. »Du würdest nich' mal wissen, wo deine Alte ihre Möse hat, wenn's dir keiner gesagt hätte, Johnno.« »Besser wie du zumindest, Damien.« »Das denkst wohl du?« »Ja, überleg dir was anderes, Damien. Ich habe es direkt von dem Mann: Cignarsch einundsechzig, Chef.« »Roß-Arsch neunundsechzig wahrscheinlich eher.« »Lach nur, wenn du willst. Ich hab Frank unten in der Buch- handlung angehauen, und er meint, daß es so 'nen Ort gibt, es ist ein Stern mit Planeten un' allem. Wie hätt ich mir das also ausdenken sollen, wenn ich vorher noch nie davon gehört hab,, hä? Wenn nix dran wär?« »Also, wie hieß das noch? So wie manche Songs klauen oh- ne's zu merken. Unterbewußtsein un' so.« »Du bist ganz schön unterbewußt, wenn du mich fragst.« »Und du bist gleich bewußtlos, Johnno.« »Auf jeden Fall hab ich's gesehen.« »O ja…« Noch ein paar Drinks, dann würden die beiden wohl unver- meidlich aneinandergeraten; sie waren sich ziemlich grob angegangen, hatten aber vor einer Schlägerei noch zurückge- scheut. Raufbolde. Diesmal war es eben eine Vision, die ihnen den Vorwand lieferte. Bei den meisten gesetzteren Bürgern brauchte man sich da keine Sorgen zu machen. Doch es gab eine Menge instabiles Volk – was war mit den Leuten? Und wenn die Botschaft schließlich zu allen gelangte, undurchdring- liche Informationen, die jeder auffaßte, wie es ihm paßte, was dann? Kevin leerte seinen Kaffee und brach auf. Als er schließlich neben dem blühenden Eukalyptus vor seinem Zufahrtstor hielt, ging über den Hügeln hinter dem Haus – wie ein riesenhaftes, beleuchtetes Geschwindigkeitsbegrenzungs- schild – ein orangeroter Mond auf. Wieder berührte ihn der alte, friedliche Charme dieser Landschaft, und er wünschte sich, er hätte sich bei Gemma nicht so idiotisch benommen. Das hier hätte ihr gefallen. Zwar vibrierte sein Körper noch von der Fahrt nach, als wäre er immer noch unterwegs (manche Dinge änderten sich nie), doch zum erstenmal seit dem Raubüberfall war er zum Nachdenken fähig. In diesem Licht sagte ihm nur der Geldsack auf dem Beifahrersitz, daß er sich den Vorfall, nicht nur ausgedacht hatte. Vielleicht werde ich wirklich ver- rückt, sagte er sich. ›Geisteskrank‹ ist nicht gleichbedeutend mit ›dumm‹. Ich könnte auch alles selbst herausgefunden haben, woher ich das Gewehr bekomme und so, und anschließend hätte ich die Erinnerung verdrängt und mich zu der Überzeu- gung gebracht, die Information stamme von außerhalb. Aber das würde bedeuten, daß alle Leute weltweit verrückt werden. Bei diesem Gedanken spürte er trotz des kühlen Abends Schweiß auf seiner Haut prickeln. Er merkte, daß er die Wagen- tür geöffnet und den Fuß nach draußen gesetzt hatte, dann aber verstört sitzengeblieben war. Er stieg ganz aus und ging zum Tor. Falls ich verrückt werde, betete er, laß nicht zu, daß ich dann allein bin.,

SECHZEHN

················································································································· aus: Alle Reize dahin Wir glaubten ihnen. Wir stimmten zu. Gott vergebe uns. Wir halfen ihnen und hielten den Mund, versuchten zu schweigen, ohne zu lügen. Haben Sie vielleicht einmal Landesverrat began- gen? Die Versicherung, daß nichts Gefährliches passieren könne – plötzlich kam sie mir völlig hohl vor, und am liebsten hätte ich alles gestanden. Ich ging so weit, daß ich einen der anderen beim Kragen packte, doch sobald ich den Mund auf- machte, wurde ich meinem Vorsatz untreu und erfand irgend- ein Geständnis bezüglich meiner Gefühle für Robyn, um nur überhaupt etwas zu gestehen. Wir Mitverschwörer verbrachten immer mehr Zeit zusammen, weil wir das Ausweichen nicht mehr ertragen konnten, die reine Unschuld, der wir beim Rest der Truppe begegneten. Wir saßen zusammen und machten uns Sorgen, was uns einander näherbrachte, schätze ich. Hin und wieder besuche ich Packett noch heute in der Anstalt; es stellte sich heraus, daß seine Frau ihn verlassen hatte, weil er übergeschnappt war, und nicht anders herum. Das klingt jetzt so, als wäre es fast unerträglich gewesen. Die Last war auch tatsächlich ständig da. Der Sturm ist jedoch ein in vielerlei Hinsicht sehr diffiziles Stück und erfordert mehr, Probearbeit als die üblichen Verwechslungskomödien, um die Motivation der Charaktere glaubhaft zu machen, sonst kippt es und wirkt abgedroschen; noch größere Disziplin ist erforder- lich, damit das Wirkungsgeflecht hinhaut. Außerdem faßten wir das Stück in vielerlei Hinsicht als Tragödie auf, was Sam (als Prospero), Ariel und mich unter zusätzlichen Druck setzte. Die Proben machten Fortschritte, zunächst nur allmählich, doch unter Sarahs starker, energischer Führung nahmen sie bald feste Gestalt an. Tatsache ist, daß ich unsere ungeheuerliche Absicht meist einfach vergaß, da meine ganze Konzentration auf das ernste Geschäft der Schauspielerei gerichtet war. Ich spielte nicht nur Caliban, sondern mußte auch eine Schnitter-Puppe führen, half bei der Bühnenausstattung, kleidete die anderen Prospero dienstbaren Geister ein und nähte. Obwohl Petes glorreiche Minuten noch immer in aller Munde waren, kreiste die Diskussion um natürliche Erklärungen. Wie vorherzusehen wurde aus Pete der Goldene Grieche und die ganze Episode zu einem Witz, insbesondere was Petes ›Trip‹ anbelangte. Zu weiteren Zwischenfällen kam es nicht mehr (Kevins Aufprall beim Tauchen, Roberts Sturz und die Nahrungsmittelvergiftung waren tatsächlich Unfälle gewesen, wie man uns versicherte). Eine tiefe, klare Ruhe erfüllte unser Amphitheater. Falls es irgend jemandem auffiel, erwähnte er es nicht; das Theater und das australische Hinterland sind manchmal so. Als die Arbeit sich zu einer weniger anstrengenden Routine von Probedurchläufen, Kritik, Einzelstellenproben und Verbes- serungen verfestigt hatte, hatten meine Gedanken sich schon weitgehend anderen Dingen zugewandt. Eines Tages befanden Robyn und ich uns nahezu allein im Lager, und ein sonnenhei-, ßer Nachmittag lag vor uns. Die anderen waren zum Einkaufen in die ›Stadt‹ verschwunden. Also fuhren wir mit dem Gelän- dewagen zum Nooldoonooldoona Wasserloch. Robyn lachte über meine Scherze und hörte meine Stories gerne, doch nor- malerweise war sie mit ihrer eigenen Geschichte genauso zu- rückhaltend wie Kevin. Bei der Hinfahrt unterhielt sie mich jedoch mit der Erzählung, wie ihr Vater und ihre Mutter sich kennengelernt hatten. Ihr Vater war ein schrecklich schüchter- ner Mann gewesen, der nur eine Leidenschaft kannte: Geogra- phie. Er hatte so viele Details über die physische Gestalt der Welt in seinem Kopf angehäuft, daß ihm das als Teenager den Mund verstopft hatte. Robyns Mutter dagegen war eine Lyrike- rin gewesen, die trotz ihrer breit angelegten Thematik schon in ihren Twen-Jahren für die Erotik ihres Werks bekannt war. Robert Ho hatte sich mit einigen Halbstarken über die Entfer- nung zwischen dem Pub, wo sie sich gerade befanden, und Melbourne gestritten, worauf die Typen ihn auf dem Heimweg überfallen hatten. Auf dem Rückweg von einer Lesung in einer benachbarten Künstlerkolonie hatte Robyns Mutter den Kampf gesehen und eingegriffen, hatte zwei von der Bande verprügelt und den Rest davongejagt. Aus diesem Grund war Robyn, als sie Neuseeland verließ, auch nach Melbourne gekommen: »Um die Entfernung selbst beurteilen zu können«, sagte sie. Denn diese Entfernung – ›wie die Bahn eines Fausthiebs‹ – war Teil einer Familienlegende geworden. Ihre Geschichte war voll komischer und vertraulicher Details, und ich empfand es als eine Auszeichnung, daß ich sie hören durfte. An diesem Nachmittag schwammen wir wie durch still- schweigende Übereinkunft in der Unterwäsche. Eigentlich, dumm, denn wir hatten uns bei der Arbeit und beim Schwim- men in Gruppen Dutzende von Malen nackt gesehen, hatten auf der Bühne täglich mit dem Körper des anderen hantiert. Au- ßerdem erregten ihr schwarzer Sport-BH und der weiße Slip (Tee-verfleckt) mich mit jedem widerspenstigen Schamhaar und dem durchscheinenden Umriß nur um so mehr. Zum Glück war das Wasser so kalt. Wir lagen auf dem Bauch, Auge in Auge. »Robyn«, sagte ich und versuchte, meine Empfindungen in diese grünen, braun gesprenkelten Augen hinüberzustrahlen. »Ich mag dich wirklich. Und mehr, glaube ich.« Da, jetzt war es heraus. Mehr oder weniger. Sie lächelte schief und blinzelte mir dabei auf ihre typische Art fast mit dem rechten Auge zu. Ihre Zähne waren vollkom- men. Ich fragte mich, ob sie den Zahnarzt der Schauspielerge- werkschaft in Anspruch nahm. »Martin, ich glaube, ich weiß, was du willst.« Ich errötete heftig. »Ich möchte auch mit dir zusammen sein, viel Zeit mit dir verbringen. Du bist anders als alle, die ich bisher kennengelernt habe.« Sie lachte spitzbübisch. »Aber ich muß es dir von Anfang an sagen. Wenn du mein Freund sein willst – zwei Dinge: Meine Arbeit kommt immer zuerst; und ich lebe im Zölibat, ich schlafe mit keinem, und zwar seit Jahren nicht mehr. Jetzt weißt du also Bescheid.« Ich sah, wie sie sich für meine Antwort stählte, aber ich war gar nicht enttäuscht. Ich war erleichtert. Darum also war sie gleichzeitig freundlich und reserviert gewesen! Der absolute Ernst, mit dem sie sich ihrer Arbeit widmete, machte für mich, ihren halben Reiz aus. Ein wichtiger Grund für meine Schei- dung war ja gerade mein alles andere ausschließender Eifer fürs Theater gewesen. »Das ist wunderbar!« sagte ich. »Was – daß ich nie mit jemandem schlafe?« Sie schaute pi- kiert. »Nein!« ich lachte. »Daß du tatsächlich mit mir zusammen sein möchtest. Daß du mich nicht für einen Langeweiler hältst.« »Das hatte ich nicht gesagt«, gab sie zurück. Ich streckte die Hand ins kühle Wasser und spritzte ihr den Rücken naß. Als wieder Ruhe eingekehrt war, fragte sie: »Willst du nicht wissen, warum ich im Zölibat lebe?« »Du wirst es mir irgendwann sagen.« »Nein, bestimmt nicht. Ich weiß es selbst nicht genau. Oh – ich habe wohl einfach eine schwache Libido. Es macht mir Spaß, aber dann ist es vorbei, und ich denke überhaupt nicht mehr daran. Es lenkt wohl zuviel Energie von meiner Arbeit ab.« »Und die Arbeit läßt nicht genug Energie für Sex«, fügte ich hinzu. »Ja. Vielleicht wird es anders, wenn ich älter bin. Vielleicht in ein paar Jahren? Aber ich kann dich nicht mit gutem Gewissen bitten, so lange zu warten.« Ich lächelte und schaute weg, aufs Wasser. Ferdinands Zeilen kamen mir in den Sinn, und ich sprach sie mit soviel Leiden- schaft, daß selbst ich überrascht war:, So wahr Ich stille Tag, ein blühendes Geschlecht Und langes Leben hoff in solcher Liebe Als Jetzo: nicht die dämmrigste Höhle, Nicht der bequemste Platz, die stärkste Lockung So unser böser Genius vermag, Soll meine Ehre je in Wollust schmelzen… Sie schwang die Knie zur Seite, setzte sich halb auf und ver- klammerte die Finger in mein halb getrocknetes Haar; ihre Lippen waren weich, kühl und fühlten sich voller an als in meinen Phantasien von einem solchen Kuß; sie küßte mich mit einer Heftigkeit, die mir seitdem nie wieder begegnet ist, küßte mich und riß sich genau in dem Moment von mir los, als meine Haut zu prickeln begann. Es war, als hätte sie eine Vorahnung gehabt, was uns bevorstand. Tränen ließen ihre Augen größer erscheinen. »Solange das nicht zuviel Frust für dich bedeutet«, meinte sie sanft. »Aber Küssen magst du.« »Ja. Es führt allerdings meist nicht zu viel.« »Ich küsse auch gern.« Wir machten so weiter, tauschten Zärtlichkeiten aus und re- deten über Dinge, die wir mochten, bis die Sonne uns getrock- net hatte und ich ein bißchen erregt war. »Ach, ich hoffe, das wird nicht zuviel für dich«, sagte Robyn. »Teuerste Herrin«, erwiderte ich. »Ich werde dein geduldiger Holzklotz von Mann sein. Außerdem – da gibt es ja Gegenmit- tel.«, Ich gab ihr ein Küßchen auf die Wange und rollte mich ins eisige Wasser. Als ich hochkam, rief Robyn: »Hättest du Lust, zusammen zu le… ein gemeinsames Zelt zu nehmen?« Oder wäre das zuviel?« »NEIN!« Ich sank unter und tauchte wieder auf. »Doch! Ich meine, damit sollte ich wohl klar kommen!« Wieder ging ich unter. Robyn lachte. Aus dem Wasser heraus konnte ich ihr glückliches Gesicht über mir sehen, in dem das schiefe Lächeln ihren leicht orientalischen Augen etwas definitiv bananenför- miges gab. In gespielter Verzweiflung legte sie die Hände an die Wangen, als ich so tat, als wäre ich am Ertrinken. Hinter ihren kurzen Haaren strahlte die Sonne, und ich war gezwungen wegzuschauen. Eine durch den Wasserspiegel verzerrte Hau- benfruchttaube schien ruckweise über das wilde Blau des Him- mels zu schießen. Selbst der leise Klang von Robyns Lachen erstarb, und ich blieb mit dem Blubbergeräusch und meinem Herzschlag allein. Wieder schaute ich zu Robyn hinauf. Ich habe eine genaue Erinnerung, wie sie in diesem Moment aus- sah: Noch glänzte ein Rest von Lächeln auf ihrem Gesicht, wich aber unmerklich einem Ausdruck der Zufriedenheit; ihr Kopf war leicht nach vorn geneigt; ihre großen Hände baumelten zu beiden Seiten der Hüfte unterhalb des Streifens auf ihrer Haut, wo der Slip nach unten gerutscht war; an ihrem weißen Bauch klebten Kies und Zweiglein, und eines davon löste sich gerade; ihre ganze Gestalt war mit einem Kreuz und Quer schwanken- der Linien – Lichtspiegelungen des Wasser überzogen. All dies und noch viel mehr bemerkte ich in den kurzen Momenten zwischen einem Beinschlag und dem nächsten. Abwechslungs- halber hatte ich mich selbst einmal vollständig vergessen, und, dabei stand ich nicht einmal auf der Bühne. Ich kam hoch und stemmte mich aus dem Becken, erfüllt von all den Möglichkeiten, die sich uns gemeinsam eröffnen moch- ten. Ich hatte keinerlei Zweifel, daß wir als Paar richtig waren. Unsere Zukunft schien sich in alle Richtungen gleichzeitig auszudehnen; ich wollte nicht sprechen aus Angst, irgend etwas zu verderben. Statt dessen setzt ich mich neben sie ans Ufer und legte ihr den Arm um die Schulter. Wir ließen die Beine ins eiskalte Wasser baumeln und lauschten auf die verschiedenen Vogelrufe, die gelegentlich die Stille durchdrangen. So verbrachten wir den Nachmittag. Ihr Schweine. Der widerlichste Tau, den eure Mutter je mit Rabenfedern von giftgem Moor gesammelt, fall er auf euch herunter. Ich sollte wohl eigentlich dankbar für die schöne Erinnerung sein, für einige Wochen, wo wir abends oder mor- gens oder in Arbeitspausen miteinander kuschelten. Aber das bin ich nicht, möge die rote Pest euch holen. All die Krankhei- ten, die die Sonne aus Sümpfen, Mooren und Niederungen aufsaugt, mögen sie auf euch sahnehäutige Schweine niederfal- len und euch mit kriechendem Siechtum überziehen! Vielleicht dachtet ihr, wir seien Teil einer abscheulichen Verschwörung gegen die Demokratie, Seite an Seite mit fanatisierten arabi- schen Hardlinern, o ja; dachtet, daß wir eine Waffe austesteten. Unsere einzige Verschwörung war gegen uns selbst gerichtet. Unser einziges Verbrechen war ein Traum. Wer mag die CIA in unser Geheimnis eingeweiht haben? Ei- ne Zeitlang verdächtigte ich jeden, der davon gewußt hatte, und auch daran habt ihr Schuld. Daß ich bei Robyn jemals etwas anderes vermutet habe als nur die unschuldigen Reize einer, begabten Schauspielerin, schon das ist Grund genug, euch zu hassen. Dann fielen mir die amerikanischen Stimmen ein, die Pete Stanopoulos gehört hatte, als er über den Flammen hing. Ihr hattet euch schon längst eingemischt. Ihr wußtet, was ihr da tatet, und machtet weiter. Ich hoffe, eines wunderschönen Sommernachmittags erhaltet ihr einen einzigen glänzenden Ausblick darauf, wie eine erwiderte Liebe euer winziges Leben beschleunigen könnte, so wie es uns erging, und dann müßt ihr mitansehen, wie euch dieses Versprechen entgleitet.,

SIEBZEHN

················································································································· »Nicht wieder Sie.« »Sie hätten die Gegensprechanlage benutzen sollen, Junge.« Martin öffnete die Tür ganz. »Nennen Sie mich nicht so«, sagte er. »Ich habe Ihr Geld angenommen und ihren Rat be- folgt, aber ich glaube immer noch nicht, daß die CIA sich nach all dieser Zeit wirklich für mich interessiert.« Jay rollte sich vom rissigen Linoleum auf den beigen Teppich von Martin Leywoods neuer Wohnung. »Sie haben das Geld angenommen, Sie haben die Wohnung bekommen«, bemerkte er, wobei er zynischer klang, als ihm zumute war. Tatsächlich fühlte er sich im Moment jenseits aller Rechthaberei; er fühlte sich durch eine Neigung zu allem und jedem bewegt, die sich, zu diesem Schluß war er gekommen, nur als Liebe beschreiben ließ. In ihm war ein Fenster aufgegangen, vielleicht nur für kurze Zeit, und er fühlte sich großartig. »Okay«, gab Martin zu. »Sie denken, die CIA – zu der Sie nicht mehr gehören – wird diese Visionen mit Enzos Projekt in Verbindung bringen.« Er wies Jay zur Sitzecke und ging selbst zum Kühlschrank. »Und so, wie die CIA mir nach dem Vorfall vor elf Jahren jeden Zugang zu Zeitungen und Politikern ver- sperrte, vermutlich durch Drohungen und Gefälligkeiten, wird, sie auch jetzt versuchen, die Sache unter Verschluß zu halten. Wenn irgend jemand auch nur an der Wahrheit schnüffelt, bringt man ihn zum Schweigen. Bier?« »Ja, bitte. Hätten Sie mir zugehört, statt das abgestandene, selbstmitleidige Zeugs von sich zu geben, das sie offensichtlich über Jahre eingeübt haben – und das ich, das will ich wiederho- len, verdiene – wäre Ihnen der folgende Teil nicht entgangen: Diese Sache mit den Visionen ist zu groß zum Vertuschen, und Ihr alter Kumpel Kevin Gore hat mit Ihrer Version der Ereig- nisse die Runde bei den Produzenten gemacht; der nächste Schritt wird daher sein, daß man Sie gewaltsam zum Schweigen bringt. Sie liquidiert, wie das heißt.« Martin reichte Jay sein Bier. »Ich weiß. Früher oder später wird jemand zu dem Schluß gelangen, daß unsere Geschichte auch ohne Beweis einen näheren Blick verdient; wenn ich dann nicht mehr da bin, wird das nur eine weitere versponnene Erklärung unter vielen sein. Also, warum sind Sie gekommen?« Jay bewunderte Martins Fähigkeit zur Selbstüberhebung. Da saß er in einen weißen Seidenanzug gekleidet in einem Clubses- sel vom Schnäppchenmarkt und spielte mit dem Knauf seines eleganten, weißen Spazierstöckchens herum, frisch aus der Nervenheilanstalt entlassen wie er war. Wahrscheinlich hatte der Mann eine Heidenangst, ob er überhaupt mit der großen, häßlichen Welt zurechtkommen würde. Und doch ließ er die Möglichkeit, daß die Bekräftigung durch einen Ex-Agenten – viel glaubwürdiger als ein verbitterter Spinner – die größte Gefahr für die CIA darstellte, bequemerweise einfach unter den Tisch fallen. Jay lächelte Martin zu. Leywood war nicht dumm, daher mußte es so etwas wie ein sonderbarer, närrischer Mut, sein, mit dem er diese Fassade aufrecht erhielt. »Sehen Sie, Martin, ich weiß, daß meine Entschuldigung für das, was wir getan haben, mich absolut nicht reinwaschen kann. Wahrscheinlich werde ich dafür in der Hölle schmoren.« Er stützte den Ellbogen auf die Armlehne des Rollstuhls und stemmte die Stirn in die massierende Hand. »Aber jetzt bin ich hier, und ich werde tun, was ich kann. Wenn die Dinge einfach so nach ihrer Vorstellung liefen, müßte es auch Millionen von Menschen geben, die glauben, daß Elvis Presley noch lebt und in Idaho ein Seven Eleven führt. Die Wahrheit ist: Kein Schwein glaubt Ihre Geschichte, weil sie wie der letzte Scheiß klingt. Und auch wenn Sie und Kevin beide darauf beharren, wird sie weiter wie der letzte Scheiß klingen.« Jay betrachtete Martin im Licht seiner neu gefundenen An- teilnahme. Die Adern auf der glänzend braunen Stirn unter dem zurückweichenden, mausfarbenen Haar traten ein wenig vor. Die Ohren waren zurückgezogen, die Nase gebläht, der längliche Kiefer angespannt zusammengebissen; er sah verletz- lich aus. Die langen Finger hatten den Knauf des Spazierstocks losgelassen und spielten jetzt an dem schmuddeligen, schwar- zen Seidenschal herum, den er um den Hals geknotet trug. Jay wünschte, er könnte das Folgende anders sagen. »Während ich Kevins Gores Spur verfolgte, kam mir jedoch ein Gedanke. Dem bin ich an Ort und Stelle nachgegangen – ich hatte keine Zeit, Sie vorher zu konsultieren. Als letzte Produ- zentin hatte Kevin Caroline Walsh aufgesucht, die inzwischen für Borovsky Studios arbeitet. In ihrer alten Position hatte sie weder das Budget noch die Entscheidungsgewalt, ein Projekt wie das Ihre durchzuziehen. Das hat sich inzwischen geändert,, und zudem stellte sich heraus, daß Borovsky Alle Reize dahin bereits als Filmvorlage in Erwägung gezogen hatte.« Das riß Martin aus seiner verdrossenen Stimmung. »Mir hat Kevin davon nichts erzählt!« »Nach dem, was Caroline berichtet, wirkte er zum damaligen Zeitpunkt nicht sonderlich rational.« Wieder trat der verletzli- che Blick in Martins Gesicht. »Er wirkte ein bißchen geistesab- wesend, als er sich in der Klapsmühle von mir verabschiedete, aber da, wo ich gewesen bin, ist das völlig normal.« »Gewiß. Also, nachdem ich die Aussage Ihres Stücks in allen Teilen bestätigt hatte, ergriff sie die Chance, es zu produzieren. Sie möchte die Weltrechte kaufen. Die Besetzung des Films steht schon.« Martin machte ein Gesicht, als würde ihm gleich schlecht. »Solange Sie bezeugen, daß ich kein paranoider Spinner bin, okay?« »Das habe ich schon getan. Unterschrieben und versiegelt.« Mit Kopien in einem Banksafe. »Glauben Sie mir, die haben mein Wort auch nicht einfach so für bare Münze genommen. Man hat mich genau überprüft.« »Und was jetzt? Zwei Jahre Versteckspiel vor Ihren Kumpels – Pardon, Ex-Kumpels – bei der CIA, während die rumfurzen und das Budget beim Lunchen und Konferenzen im Whirlpool auf den Kopf hauen? Wie soll ich denn leben?« Seine Augen verengten sich. »Und was bietet man mir eigentlich für die Weltrechte an?« fragte er. Jetzt endlich entspannte Jay sich ein wenig. »Dieser Teil wird Ihnen gefallen. Die genauen Bedingungen müssen Sie natürlich mit Caroline besprechen, aber die Summe, die sie mir nannte,, hatte sechs Nullen. Der erste Schritt: Geben Sie schnellstmög- lich Ihre Prosaversion der Vorfälle in Druck und lassen Sie der Presse als Appetithappen ein paar Auszüge zukommen. Caroli- ne möchte die Sache schnell durchziehen, nicht nur um Ihrer Sicherheit willen, sondern…« – er lächelte zynisch –, »weil sie glaubt, daß die Aufregung über die Visionen vielleicht nicht anhält.« Martin hätte beinahe zurückgelächelt. Jay gestattete sich all- mählich den Gedanken, daß die Sache vielleicht klappen würde. »Der Trick ist, daß Sie und Ihre Story in den Nachrichten präsent bleiben, während der Film in Produktion geht. Wenn ich mich nicht irre, ist das ein todsicherer Köder für die CIA, und dann dürfte es nicht schwierig sein, aus deren Ausflüchten und Dementis ein großes Tamtam zu machen. Wenn ich richtig liege, wird es mit den Visionen nämlich schlimmer werden. Die Öffentlichkeit fiebert nach einer Erklärung.« Martin holte tief Luft und hätte fast schon akzeptiert, hielt sich aber im letzten Moment zurück und stieß die Luft wieder aus. Langsam neigte er den Kopf. »Das kommt…« – er schüttel- te den Kopf –, »das kommt unerwartet.« Tay nickte lächelnd. »Was ich nicht verstehe«, fuhr Martin fort, »ist, was Sie sich eigentlich davon versprechen. Warum dieser plötzliche Drang zur Wiedergutmachung nach so vielen Jahren?« Jays Lächeln verschwand. Beschämt, weil er eine so vollstän- dige Kehrtwendung vollzogen hatte, daß er sich nun vor der Art von Mensch rechtfertigen mußte, der er sich jahrelang in jeder Hinsicht überlegen gefühlt hatte, voll Widerwillen vor dem Geständnis, daß ihn die Peinlichkeit seiner Homosexualität, über Jahrzehnte mit Angst vor der Existenz Gottes erfüllt hatte, ließ er den Blick zögernd durch das schäbige Zimmer mit der abblätternden Tapete und der grau-schimmligen Decke wan- dern. Martin sah Jays Angst und überfiel ihn mit einer plötzlichen Schlußfolgerung. »Sie hatten eine dieser Visionen«, stieß er hervor. »Sie haben etwas gesehen, daß Sie bis tief in die Knochen davon überzeugt hat, daß sie den größten Teil ihres Lebens eine gemeine Mord- bestie waren und daß jetzt die Zeit zur Umkehr gekommen ist. Genau dasselbe ist Kevin und mir passiert: Vor elf Jahren hat jeder von uns im kritischen Moment etwas anderes gesehen, und nicht zwei Menschen erscheint genau dieselbe Vision. Sie haben etwas ganz Persönliches gesehen, nicht wahr? Etwas, das ihr Leben verändert hat. Stimmt's? STIMMT'S!« Zusammenschaudernd atmete Jay so tief ein, wie sein Brust- kasten es nur zuließ. Martin brauchte Genugtuung, das sah er nur zu deutlich; sein sonderbares neues Einfühlungsvermögen schrie ihm das noch viel lauter zu als Martin mit seinem Ge- brüll. Für Martin wäre das eine Art Revanche. Ohne diese Revanche würde Jay nicht auf seine Zusammenarbeit zählen können – selbst wenn Martin dann mit seiner Liquidierung durch die CIA rechnen mußte. Mit leiser Stimme begann Jay zu erzählen, von seiner Mutter und seinem Vater, von seiner Homosexualität, von dem, was er in der CIA getan und nicht getan hatte. Schließlich erzählte er Martin von jenem einen, den er vor gar nicht so langer Zeit auf Flammenfüßen über den Himmel hatte streifen sehen, und von seiner abgrundtiefen Furcht und, seiner Bekehrung. Als er geendet hatte, sah er, daß Martin wider Willen bewegt war, daß er Genugtuung erhalten hatte, aber sich selbst übel- nahm, sie gefordert zu haben. Martin Leywood hatte tatsächlich Mitleid mit ihm. Natürlich hatte Martin das nicht erwartet, als er die Erklärung verlangt hatte. Wir sind alle menschlicher, als wir glauben, dachte Jay. Er zog seine Brieftasche, holte Caroline Walshs Karte heraus und hielt sie Martin hin. Martin nahm sie entgegen. Jetzt würde er zulassen, daß Jay ihn berühmt machte.,

ACHTZEHN

················································································································· Er hatte von einer Highschool-Prüfung geträumt. Daß er auf einem kalten Stahltisch lag, beunruhigte ihn nicht; seine Adern öffneten sich unter dem Messer des Prüfers, lebenswichtige Organe vergossen ihr blaues Leben, während rundum eine hydraulische Apparatur aus dem viktorianischen Zeitalter seine Reaktion auf die Verletzung auf schmierige Papierbögen notier- te – wie das Produkt einer zerfallenen industriellen Revolution aus einer abstoßenden historischen Epoche. Diese Heath- Robinson-Kolben gehörten gewiß nicht Kevins eigener Vergan- genheit an, die sich nahtlos in eine kurze, komfortable postin- dustrielle Ära einfügte, aber das spielte keine Rolle. Mehr Sor- gen bereitete ihm, daß keiner verlangte, daß er seine Rechen- aufgaben richtig löste – ihnen ging es nur darum, ihren Job zu erledigen. Er erwachte in Bettlaken, die vom langen Nichtgebrauch muffelten, noch immer unter dem Prüfungsdruck, während er sich blinzelnd reckte. Es war sommerheiß. Er war wieder in seinem eigenen Bett. Im Korb bei der Tür lagen Eier, und er fand Croissants in einem Kühlbeutel. Seine Nachbarin Kirsten, Gott segne sie. Im Generatorschuppen hörte er, als er am Starter zog (manche Dinge änderten sich nie), das Telefon klingeln. Als er den mit, rostenden Badewannen und Maschinen übersäten Vorderhof überquerte, knirschten Reifen auf der Zufahrt, und beim Auf- blicken sah er Gemmas Auto auf das Haus zurollen. Zwischen dem Telefon und der Begrüßung hin- und hergerissen blieb er stehen, merkte aber dann, daß er nackt war und zwang sich, lässig zu winken, bevor er ins Haus trat, als sei es für ihn das Alltäglichste, Leute auf diese Art willkommen zu heißen. »Hallo, bleiben Sie dran«, sagte er ins Telefon und rannte dann die Treppe hinauf nach einer Hose. Gemma stand höflich anklopfend an der Tür, und er winkte sie auf dem Weg zum Wohnzimmer beiläufig herein. »Komm rein«, rief er. »Ich bin am Telefon.« Er bedankte sich bei Kirsten und versicherte ihr, daß in Mel- bourne alles gut gelaufen sei; nein, er könne nicht vorbeikom- men, in den nächsten Wochen habe er schrecklich viel zu tun; er versprach, bald mit ihr zum Essen in die Stadt zu fahren, seine Belohnung. Als er zu Gemma zurückkehrte, schüttete sie gerade schwarze Bohnen in die Kaffeemühle; ihren Koffer hatte sie neben dem verblichenen Wohnzimmersessel abgeworfen. »Du mußt die halbe Nacht durchgefahren sein«, sagte er. Je- de Geste starb halb geboren ab. »Mhm.« »Hast du gefrühstückt?« Er ging zu dem Korb mit gespren- kelten Eiern hinüber. »M-m.« »Enteneier. Und Croissants. Ich selbst esse zwei, pochiert, auf getoastetem Croissant. Klingt gut, oder?« Sie stellte die Mühle an. »Ich mache das gleiche für dich.«, Er ging hinaus, um einen Eimer Wasser aus dem Tank zu holen, und merkte in der Tür, daß sie zu ihm aufschaute, die gesprenkelten blauen Augen unter dem struppigen Haar inten- siv und ein wenig aufgeschreckt, die sommersprossigen Hände beim Abnehmen des Wasserkocherdeckels mitten in der Bewe- gung erstarrt. Ihr blaues Kleid mit Bootsausschnitt war zerknit- tert. Ihr Lippen waren wund vom Wind. Als er zurückkam, saß sie auf der Couch und blätterte in Banners Trees of Eastern Australia. Das Regenwasser in den Kocher gießend, sagte er: »Als ich nach dem Streit mit Martin aus dem Krankenhaus in Adelaide entlassen wurde, stellte ich fest, daß mir an Bäumen mehr lag als an den meisten Menschen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um überhaupt wieder mit irgend jemandem zu reden. Auf jeden Fall habe ich noch für Ewigkeiten jede Art von Nähe gescheut.« Doch sie starrte ihn an, als wäre er ein Faschist, der auf der Straße Comics verteilt, und so machte er sich mit dem Herd zu schaffen. Sie aß das Frühstück mit einem leisen Lächeln, verschlang es ohne innezuhalten. Er bewunderte ihren Appetit. Als die zweite Tasse Kaffee neben ihr stand, griff sie in ihre riesige Tasche, zog ein Päckchen Drum heraus und drehte sich schnell und ge- schickt eine Zigarette. »Ich wußte nicht, daß du rauchst.« »Was du alles nicht über mich weißt, würde Bände füllen.« Sie saßen schweigend da und rauchten. Eine halbe Stunde später schlief Gemma zusammengerollt in einer Ecke der Couch. Kevin ging nach draußen, um seine Enten zu begrüßen., Kevin wußte kaum, was er da schrieb. Es war einleuchtend, daß er ein Stück brauchte, wenn er senden sollte. Jetzt machten sie ihm eins, maßgeschneidert. Die Worte sprudelten ungeheuer schnell aus ihm heraus (er hatte gerade genug Zeit, die Seiten zu wenden), und das Mitlesen würde ihn zu sehr vom Schreiben ablenken; wenn er aber auf dem Schreibtisch weiterschrieb oder dieselbe Zeile mehrfach überkritzelte, würde er das Geschriebe- ne wohl nie mehr entziffern können. Es schien eine Komödie zu sein, etwa im Stil von Warten auf Godot, doch der allgemeine Ton rangierte weit über Becketts kläglichem Meisterwerk. Kevin kannte die verwendeten Bilder und Dialekte, und zumin- dest zwei der Charaktere hatten mit seiner eigenen Erfahrung zu tun, mit Landschaftsgestaltung nach der ursprünglichen Natur, dem vorstädtischen Melbourne, der Größe seiner Ohren und dem Leben in Australien, wie er es sah. Er als Person – oder zumindest als der Mensch, der er gewesen war – war also für das Stück notwendig. Oder hätten sie ihre Themen einfach jeder beliebigen Erfahrung anpassen können, egal an welchem Ort und in welcher Zeit? Kevin ließ den Gedanken fallen, da in seinem Kopf nur Platz für das Stück war, das sich auf die Seiten der billigen Schulhefte ergoß, die in einem Stapel vor ihm lagen. Der Hunger kam und verging. Mit schwindligem Kopf schuf- tete er weiter. Sie verstanden, daß er pinkeln mußte, räumten ihm aber nur wenig Zeit dafür ein. Kaum hatte er die Hose zugeknöpft, hämmerten die Worte schon wieder in seinem Kopf. Er eilte zum Schreibtisch zurück und nahm den Kuli wieder in die Hand. Sein Rücken und Hintern taten vom Sitzen weh. Er stand auf., Seine Beine schmerzten, seine Füße fühlten sich an wie zu Ballongröße angeschwollen. Sein Unterarm schmerzte schließ- lich nicht mehr, sondern ging in eine Art taube, hölzerne Ver- fassung über; seine Finger ebenso. Es war offensichtlich, daß er eine ganze Weile nicht mehr hart gearbeitet hatte. Als Drei- zehnjähriger am ersten Tag in der Schuhfabrik… Glücklicherweise war das Wetter nicht so heiß. Um die drei- ßig Grad, herrlich. Nachts hatte es geregnet, und die Luft blieb angenehm kühl. Kevins einzige Freude bestand darin, beim Aufblicken zu registrieren, daß das Tageslicht sich von Blaßgold zu mittäglichem Weiß gewandelt hatte und später zu einem horizontalen Bronzeton, der seine Haut noch stärker bräunte und die Haare an seinem Arm wieder eine Schattierung heller bleichte. Kurz vor Sonnenuntergang hörte er, obwohl seine Müdigkeit die Welt auf einen Tunnel zwischen Augen und Seite reduzier- te, ein leises Trapsen auf der normalerweise lauten Treppe. Er warf einen kurzen Blick nach links: Gemma trat ein paar Schrit- te ins Zimmer hinein und dann einen Schritt zurück. Ein paar Minuten später hörte er die Toilettenspülung. Als nächstes nahm er jemanden zu seiner Linken war. »Gut geschlafen?« fragte er beim Wenden der Seite. »Mhm. Hm… Danke.« »Ich schreibe ein Stück.« »Oh.« Zeit verging. Sie fragte vorsichtig: »Für die Außerirdischen?« »Mhm.« »Hm…«, Kevin wendete wieder eine Seite. »Ich erklär es dir später.« Sie ging hinaus. Kurz darauf tauchte eine schmale, rötliche Hand mit viel mehr Rillen und Sommersprossen, als ihm in Erinnerung war, mit einem Teller voll belegter Brote zu seiner Linken auf. Dann kamen Kaffee, elektrisches Licht, Obstsaft. Die Nacht brach herein. Kevins rechte Hand war eine unbewegliche Klaue, als er am frühen Nachmittag aufwachte. Er verbrauchte fast das ganze Wasser des oberen Tanks, um sich ein wenig zum Leben zu duschen. Sein Kopf fühlte sich nicht weniger ausgepumpt an als Arme und Schultern; er konnte sich nicht daran erinnern, wie er ins Bett gekommen war, nur daran, daß er fertig geworden war. Jemand – Gemma – mußte ihn entkleidet haben. Trotz seiner Müdigkeit spürte Kevin, wie er bei diesem Gedanken ganz automatisch einen Steifen bekam. Das Wasser prasselte auf den harten Schaft, und er fühlte sich sowohl beunruhigt als auch ein wenig belebt. Er drehte das heiße Wasser aus. Beim Anziehen merkte er, daß er wohl vor allem vor Hunger so ungeschickt herumtaperte. Auf der Treppe nach unten nagelte ihn der Duft von Gebrutzeltem und von Kaffee eine Weile auf den Stufen fest. Er sog die Luft ein und versuchte zu erschnuppern, was da gekocht wurde. Als sie ihn hörte, drehte Gemma den Kopf. »Auf dem Tisch steht Saft.« Sie lächelte freundlich. »Danke.« Er kam ganz hinunter und trank. Kurz darauf sagte sie: »Fertig«, und stellte einen Teller mit Pfannkuchen, Speck und Eiern und einen Krug mit Ahornsirup, auf sein Tischset. Dann holte sie einen genauso hohen Stapel für sich selbst und schlug ohne weitere Zeremonie zu. Eine Zeitlang hörte man nur das Klicken von Messern und Gabeln auf Porzellan. »Das war bestimmt ein Vergnügen, das Haus hier im Dun- keln zu suchen«, bemerkte Kevin, als sie aufstand, um den Kaffee zu holen. »Ja.« Sie lachte schwach, dieser Schluckauf. »Insbesondere nach sechs oder acht Stunden Fahrt. Und ich war sauer, was die Sache auch nicht einfacher machte. Jetzt weißt du Bescheid.« »Danke. Hast du den Mond gesehen?« »Mhm. Der war toll. Ohne wäre ich noch mehr umherge- irrt.« Daß sie den Mond miteinander geteilt hatten, dämpfte seine Angst ein wenig. »Vom Mond geleitet«, sagte er. »Von den Sternen geleitet.« »Hä? Oh. Ich werde es erklären, alles.« »Du warst nicht in Trance, oder?« »Ich weiß nicht recht, wie Trance ist – es sei denn, ich hätte mich in der Vergangenheit selbst in eine Trance hineinmanöv- riert… Nein, ich glaube nicht.« »Vor einer Weile, beim Mittagessen, da schienst du in Trance zu verfallen.« »Damals ist mir eine Menge auf einmal zugestoßen. Ich war… äh… krank. Ich hatte Fieber. Jetzt ist es viel besser.« Er lächelte leicht. »Ähm… kannst du tippen?« »Nicht richtig. Hab nicht mal 'ne Maschine. Hast du Lust,, das Stück zu lesen?« »Mhm.« »Nur zu. Du kannst es auch tippen, wenn du möchtest. Ich leihe mir eine Schreibmaschine von meinen Nachbarn, falls die so was Primitives überhaupt besitzen.« »Ist dir das auch bestimmt recht?« »Alles, was mir Zeit spart, ist mir recht. Ich habe eine Un- menge zu tun.« »Also, eigentlich tippe ich schrecklich. Der Tippfehlerteufel. Mal sehen, wieviel zu tun ist.« »Okay. Aber wenn du schließlich wirklich tippst, habe ich eine Bitte: Ändere beim Tippen nichts. Alles muß so bleiben, wie ich es hingeschrieben habe.« »Ich verspreche dir, daß ich nichts anrühre.« »Oh, das hatte ich nicht gemeint.« Da lachte sie! Kevin wollte ihr alles erzählen. Das hatte er bis eben nicht gewußt, aber die ganze Sache war eine Bürde, die er mit einer Art düsterer Ausgelassenheit fest an die Brust gedrückt hatte. Das Bedürfnis, jemandem von dieser Angelegenheit zu erzäh- len, verschwand nicht einfach dadurch, daß man es sich nicht eingestand, es verwandelte sich in etwas anderes. Er wurde nicht verrückt vor gärender Einsamkeit, aber… »Gemma, es tut mir leid, wie ich dich in Melbourne zurück- gelassen habe.« »Schon gut.« »Nein, nicht gut. Ich war absolut irrational.« »Na ja, jetzt ist alles in Ordnung. Mit vollem Bauch sieht alles ganz anders aus, hat mein Vater immer gesagt.«, »Mehr als meiner sagte. Ich… ich möchte dir erklären, wie es mit mir steht…« »Ich habe es aufgegeben, dich verstehen zu wollen, Kevin«, erwiderte sie. »Wahrscheinlich verstehe ich ein bißchen mehr, wenn ich das da gelesen habe.« Sie stand auf und griff nach Tabak und Kaffee. »Ich auch«, meinte Kevin. Mit dem verblüfften Blick, den er allmählich zu schätzen lernte, schaute sie ihn einen Moment lang fragend an und ging dann nach oben, um die Schulhefte zu holen. Während sie las, telefonierte Kevin mit Sydney und Mel- bourne. Er bestätigte die Buchung des Belvoir Straßentheater- Platzes, auch wenn das nur eine Finte war. Er sprach mit meh- reren alten Freunden, die, wie er wußte, den Rollen gewachsen waren; einige von ihnen standen noch immer mitten im Schau- spielerberuf und hatten das Zeug dazu. Die restliche Besetzung stellte er auf den Rat der Freunde hin zusammen, mit denen er sich kürzlich getroffen hatte, die im Geschäft geblieben waren und denen er vertraute: Für eine Anhörprobe war keine Zeit mehr. Er wußte nicht viel über das Stück oder seine Protagonis- ten, da er das Ding nicht gelesen hatte; wenn die Schauspieler ihn nach Einzelheiten fragten, gelang es ihm aber dank des Telefons immer, selbstgewiß zu klingen und über Details hin- weg zu improvisieren. Hätte er Auge in Auge mit den Leuten geredet, hätten sie garantiert etwas gerochen. Hin und wieder hörte er in der Eßecke dieses komische, schluckaufähnliche Lachen und wandte den Kopf, um Gemma zu betrachten. Sie schien ihren Spaß zu haben, wenn sie nicht gerade mit gefurchter Stirn über seiner Schrift rätselte., Im Verlauf des Nachmittags lachte sie allerdings immer sel- tener. Als schließlich Kevins beide Ohren von seinem alten, schwarzen Bakelit-Telefon wundgescheuert waren, fiel ihm auf, daß sie schon länger nicht mehr gelacht hatte. Sie schaute verwirrt drein und formte die Worte nicht mehr mit den Lip- pen nach. Hin und wieder blätterte sie einige Seiten zurück, um eine Zeile oder eine ganze Seite nachzulesen. Kevin tätigte einen letzten Anruf, sprach mit einem lokalen Bauunternehmer, der ihm einen Gefallen schuldete, und ging dann still in die Koch- ecke, um das Abendessen vorzubereiten. Außer Eiern und schlappen Croissants war nicht viel da, also machte er Kaffee und wartete, daß Gemma fertig wurde. »Also«, sagte sie schließlich, »schreiben kannst du wahrhaftig.« Das klang ernst gemeint. »Komm mit«, sagte er. »Ich führe dich mit meiner verwerfli- chen Beute zum Abendessen aus. Dann können wir darüber reden.« Sie bestand darauf, selbst fahren zu wollen. »Ich bin einfach eine von diesen Leuten«, meinte sie. Kevin sagte, ihm sei es egal, aber er machte sich Sorgen, mit welcher Geschwindigkeit sie um die Kurven der gekiesten Straßen fegte. »Besser du verwendest das Geld nicht. Ich nehme meine Kreditdisk.« »Ich habe nur Spaß gemacht. Trotzdem bleibst du eingela- den.« »Nein, ich werde zahlen – das ist das mindeste, was ich tun kann.« Ein wenig später sagte er: »Was das Geld betrifft…«, »Hm?« »Die Scheine waren auf dem Weg von Einzelhändlern zur Bank, sie waren also sortiert, aber noch nicht vom Computer registriert.« »Hm?« »Trotzdem könnte es natürlich verdächtig wirken, wenn ein so großer Betrag auf meine Konten eingezahlt würde, aber wenn ich ein oder zwei Produktionskonten eröffne, einen Teil des Geldes auf mein Geschäftskonto und mein Sparkonto einzahle, den Rest dann in dein Termingeldkonto stecke…« »Wieviel ist es?« »Etwas über einer Viertelmillion.« Sie seufzte. »Wieviel möchtest du mir geben?« »Ach, so Hunderttausend.« Sie stieß ein aufgebrachtes Lachen aus. »Ich werde gründlich darüber nachdenken. Geld macht mich nicht an, weißt du.« »Tja! Mich auch nicht. Ich zahle fürs Essen, danke.« Sie kauften eine Flasche Chardonnay in der Kneipe um die Ecke und nahmen die mit zum Restaurant am Meer, wo Gemma Kevin unter den Sternen bei Hummer (garantiert unverseucht) über sein Stück befragte. »Ich weiß nicht, was darin steht.« »Jeder Autor sagt etwas Derartiges, aber du mußt doch ir- gendeine Vorstellung haben. Es ist wie eine Botschaft.« »Nein, wirklich. Ich habe es nicht geschrieben.« »Heißt das, du hast es plagiiert?« Kevin wollte es ihr erzählen, hatte aber Angst, wohin das führen würde. Davon abgesehen wußte er nicht, wo er anfangen, sollte. Als er jetzt sprach, dachte er nicht mehr ans Schicksal der Welt, an Außerirdische, Stimmen in seinem Kopf, Visionen oder Theater. Statt dessen versuchte er auszudrücken, welche Angst er hatte, sie zu verlieren. »Ich… ich bin ziemlich oft vor dir abgehauen, Gemma. Schon unsere erste Begegnung war verkorkst, und was auch immer du da gesehen hast, es gibt niemanden, der mir nahe steht. Auf jeden Fall, als ich dich das erstemal sitzengelassen habe, war das, weil ich… weil ich einen Drang verspürte, der nicht mein eigener war. Ich wußte, daß es mir nicht gelingen würde, Martins Stück zu verkaufen, aber es war notwendig, das alles durchzuziehen, und das richtige Timing war entscheidend. An jenem Nachmittag mußte ich eine Reihe von Anrufen tätigen, sonst hätte ich keine Termine bekommen. Warum das nötig war, ist mir immer noch nicht wirklich klar, aber man hat mir gesagt, irgendwann würde ich es verstehen. Na ja, alles, was seitdem vorgefallen ist, hat es nur noch schwieriger gemacht, dir irgend etwas davon zu erzählen, aber gleichzeitig ist mein Bedürfnis gewachsen, all das irgend jemandem – einem Men- schen – zu erzählen, dem ich vertrauen kann. Als ich dich in Melbourne so vor den Kopf gestoßen habe und abgehauen bin, lag das daran, daß ich dich nicht mit irgendeinem Scheiß ab- wimmeln wollte, der nicht – nicht alles ist, aber ich hatte Angst, daß du, wenn ich dir alles erzähle, denken würdest, ich sei… Und jetzt fühle ich mich sehr isoliert. Genau in dem Moment, wo ich dachte, ich wäre allmählich wieder halbwegs reif für menschliche Gesellschaft. Du solltest meine Enten sehen. Ähm… Seit zehn Jahren treibe ich mich auf dieser Farm hier herum… Und du warst da, selbst als ich dachte, daß ich dich, nicht will. Ich weiß nicht das geringste über dich! Aber ich glaube, ich habe ein Bild von uns beiden. Ich weiß nicht recht, ob es von außen kommt oder aus mir selbst stammt, falls das Sinn macht. Wir könnten miteinander zurecht kommen, wenn ich mich soweit entspannte, daß man sieht, wie es läuft. Ich habe wirklich geglaubt, daß ich verrückt werde… und du tauchst einfach auf und läßt nicht locker… Ich weiß nicht. Ist es mehr als dieses Zeugs mit dem Stück und deiner Aufgabe dabei? Bist du der Typ, der den Wahnsinn in meinen Augen ticken sieht und Mitleid mit Leuten wie mir hat? Ich meine, du magst Martin… Ich habe mir überlegt, in diesen letzten Tagen oder so, daß es vielleicht mehr als das ist.« Sie hatte schon eine ganze Weile mit Essen aufgehört. Jetzt lächelte sie schief und erwiderte: »Ich mag dich, Kevin. Nein – ich mag dich nicht die ganze Zeit, du kannst ziemlich gräßlich sein. Aber wenn deine Frage das bedeutet, was ich denke, dann lautet die Antwort: Ja, der Gedanke ist mir in den Sinn gekom- men. Und ich bin wirklich nicht wegen meiner Magisterarbeit oder deiner Kommunikation mit wem auch immer hierherge- kommen, und auch nicht weil du… weil du Hilfe brauchst. Du bist nicht verrückt, das glaube ich nicht. Egal, was ich vielleicht gesagt habe. Erzähl mir davon, dann sehen wir weiter. Aber es spielt kein Rolle, wenn du es doch bist. Ich denke, wir sollten es versuchen. Ich habe da nicht viel Erfahrung…« »Aber du bist so schön!« Sie lachte: »Für die meisten Leute nicht.« »Also…?« »Also, ja. Aber erzählt mir erst von diesen Dingen. Wir müs- sen beide alles wissen, bevor wir – weiter gehen.«, Gemma lächelte ihn ermutigend an. Kevin betrachtete auf- merksam ihre leichte Stupsnase, die Augen, die immer in tau- send Sorgen verstrickt schienen, den kleinen, dünnlippigen Mund, die koboldhaften Ohren, die abstanden wie seine. Er konnte nicht sagen, wie das Leben mit ihr sein mochte, aber er hatte einfach dieses Bild von ihr, wie sie auf einem Handtuch auf dem Sand lagen, und neben ihr, vor der Sonne geschützt… aber dem konnte er nicht trauen, wo auch immer das herkam. Dieses Spiel war immer dasselbe geblieben. Wie sehr man ihn auch sonst umgemodelt haben mochte. Vorsichtig hielt sie den Kopf geneigt, vorsichtig machte sie alles, vorsichtig zog sie sogar ihre Sandalen an, nur beim Autofahren war es anders. Na und? Er wußte nicht, wie alles werden würde. Das hatte er nie ge- wußt. Immer schon aber hatte er den Fehler gemacht, abzuwar- ten, um seiner Sache sicher zu sein. »Ich werde…«, plötzlich war sein Hals trocken. Er schluckte. »Menschen aus der Zukunft haben Kontakt mit mir aufge- nommen.« Kevin erforschte wieder ihr Gesicht, doch das blieb sorgfältig neutral. Gemma trank einen Schluck Wein, und ihr stacheliges rotes Haar verstrahlte in dem aus der Restauranttür fallenden Licht schimmernde Glanzpunkte. Eine leichte Brise wehte kühl von der Bucht heran und raschelte in den Blättern über ihnen. Das Meer flüsterte. Kevin trank einen Schluck von seinem Wein. »Ich weiß nicht, wie sie es anstellen«, sagte er und nahm noch einen Schluck. Das war nicht direkt eine Lüge, aber auch nicht die Wahrheit, was ihn höllisch aufbrachte. Er fuhr fort: »Es sind Stimmen in meinem Kopf. Es scheinen mindestens, drei zu sein.« »Für die ist es dann also die Zeit nach der Landung der Au- ßerirdischen?« »Nein. Es ist eine Zeit, die es gar nicht geben würde, wenn die Außerirdischen gelandet wären. Sie werden nicht die Herr- schaft übernehmen oder etwas Derartiges«, fuhr er hastig fort. Es ist – ich weiß nicht, ob ich diese Verschlingungen überhaupt selbst verstehe. So haben sie es erklärt: »In ihrer Vergangenheit wurde ein Theaterstück aufgeführt, das Wesen von einem anderen Planeten herbrachte.« Sie nickte. »Also, diese Außerirdischen kamen her. Oder besser gesagt, sie trafen ein, beschlossen aber, zunächst einmal eine Weile aus der Ferne mit uns zu kommunizieren. Und da wird es jetzt wirklich verrückt. Diese Leute, die seit über zwanzig Jahren mit den Außerirdischen in Kontakt stehen – sie haben eine Schau- spielergesellschaft mit dieser Aufgabe – die haben von diesen Kontakten auf vielerlei Art profitiert. Die Umweltverschmut- zung ist unter Kontrolle, viele ausgestorbene Arten sind zu- rückgeholt worden, es gibt keine Hungersnöte mehr. Auf jeden Fall, unter anderem haben sie sich mit Hilfe des Wissens der Außerirdischen auch mit dem Wesen der Zeit auseinanderge- setzt. Als sie damit anfingen, bekamen sie einen ungeheuren Schock. Sie stellten fest, daß ihre eigene Zeit, ihre Gegenwart, keineswegs die wahrscheinlichste Zeit war. Sie war sogar nichts als der Geist von noch nicht ausgespielten Möglichkeiten. Und ihre Existenz wurde mit jedem Tag unwahrscheinlicher.« Gemma wandte den Blick zu dem nahegelegenen Zypres- senwäldchen, als könne sie von dort Klarheit bekommen, und, schaute wieder zurück. »Ich verstehe dich nicht ganz. Du meinst, du warst in Kon- takt mit Geistern?« »Nein. Praktisch gesehen bedeutet das Ganze für sie, daß ihre Welt (die für sie die reale Welt ist) vom Rand her zerfällt. Die Naturgesetze stimmen nicht mehr. Der Planet steht kurz vor dem Auseinanderfallen. Es gibt Erdbeben, Überschwemmun- gen, in denen Millionen von Menschen umkommen, und die Luft wird dünn. Sie sagen, ihr Ende wird gar nicht so schreck- lich sein: Schließlich wird alles auseinanderfliegen, und keiner wird etwas davon merken. Sie haben dann einfach nie existiert; ihre Möglichkeiten haben sich dann gegen Null reduziert.« »Ah so. Und warum wird ihre Welt unmöglich?« »Weil wir uns für eine Landung der Außerirdischen ent- scheiden werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt«, Kevin klopf- te aufs Tischtuch, »gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn die Au- ßerirdischen sich nähern, hören sie auf die Fraktion unter uns, die will, daß sie noch eine Weile im All bleiben – oder sie lan- den, und das war's dann. Das Schlimmste, was einem Volk passieren kann. Ein Genozid.« Mit nicht unbeträchtlichem Geklapper und ungeschicktem Hin- und Herrücken stand Kevin auf. Der Wellenschlag des Wassers war hier, am Rande der Restaurantterrasse, lauter zu hören, die Luft roch salziger. Er hörte, wie Gemma ihren Stuhl zurückschob, aufstand und zu ihm trat. Eine Zeitlang standen sie einfach da und schauten auf die unbestimmte Linie des Ozeans hinter den wirren Spießen des immergrünen Gestrüpps. »Bei mir zu Hause hattest du aber etwas über einen Irrtum, bezüglich ›Der Sturm‹ gesagt«, meinte Gemma schließlich. »Melodrama«, Kevin schaute sich nicht um. »Schlechte Ge- wohnheit von mir. Unser Stück handelte von einem Schiffbruch auf einer einsamen Insel, und niemand – weder sie noch wir – hatte die geringste Ahnung, was passieren würde. Die Erfor- schung der Zeit war eine menschliche Obsession, die auf den Theorien der Außerirdischen basierte. Als sie in Funkentfer- nung kamen, sendeten mindestens vier Länder Signale. Gierig auf den Wissensvorsprung, den die Außerirdischen besaßen. Wenn man es recht bedenkt, trifft die Bezeichnung ›Genozid‹ nur teilweise zu. Es war kein Krieg, hätte aber genausogut Krieg sein können. Vieles wirkte zusammen. Zum einen sind die Außerirdischen weder nur gut noch nur böse, genau wie wir. Die gegenteilige Annahme kommt daher, daß man die Außer- irdischen als Metapher benutzt – ich meine, sie sind eben keine Metaphern, sie sind, verdammt noch mal, das, was sie sind, Außerirdische! Das war immer das Problem mit jeder Art von Erstkontakt. Wir wissen nicht, wie wir sie sehen sollen, sie wissen nicht, wie sie uns sehen sollen, und das, was wir vor Augen haben, sehen wir erst, wenn es zu spät ist. Da hast du's. In der Vergangenheit waren es immer Menschen mit anderen Menschen – und du siehst ja, was für ein Schlamassel wir selbst da jedes Mal angerichtet haben. Die Außerirdischen betrachte- ten uns nie als ›Untermenschen‹, sie haben auch nicht versucht, uns zu einer ihrer Religionen zu bekehren, aber es gab andere, genauso unheilvolle Situationen. Als Parallele könnte man den Fall sehen, wo eine balinesische Königsfamilie kollektiv Selbst- mord beging, weil die Niederländer einfach absolut keine Ahnung von ihrem Ehrbegriff hatten. Na ja, vielleicht ist das, kein gutes Beispiel. Die Niederländer waren brutale Arschlö- cher. Vielleicht ist das Beispiel der Engländer hier in Australien besser, die ganze Stämme auslöschten, als sie die Pocken auf den Kontinent brachten.« »Das war das eine«, entgegnete Gemma. »Dazu kam die Ver- giftung von Wasserstellen, das Abknallen zum reinen Vergnü- gen, Vergewaltigungen, Geschlechtskrankheiten und das Zer- stören von Familien.« Kevin wandte sich ihrer wütenden Stim- me zu, bestürzt, wie wenig er sie kannte, und dachte an ihr Nachttischfoto des Aborigine-Stammesältesten an der Seite ihres Vaters. »Alles, was man nur machen konnte, haben sie gemacht, immer wieder. Die Europäer in Australien rechtferti- gen ihren Haß auf die Kooris noch immer durch die Anwen- dung einer doppelten Moral. Sie wollen keine Riesenbürde von Schuld auf ihrem Rücken fühlen, also hassen sie lieber. Wir müssen nicht entweder hassen oder uns zusammenkrümmen. Wir müssen einfach nur zuhören!« Ohne an ihre butterfettigen Finger zu denken, strich Gemma sich mit der Hand durchs Haar. »Mhm. Na ja. Ganz genau so wird es allerdings auch nicht laufen«, meinte Kevin. »Wie es wirklich ablaufen wird, ist schwer zu sagen, weil wir das, was uns passiert, nicht verstehen werden. Zum Beispiel ist die Art, wie die Außerirdischen kom- munizieren, eine Bedrohung für unsere geistige Gesundheit. Mit einem von ihnen persönlich zu reden, kann einen umbrin- gen, und bevor man abtritt, bringt man vielleicht noch andere um.« Nun sah er sie direkt an und kratzte sich so heftig am Kinn, daß rote Streifen zurückblieben. »Außerdem gibt es Ideen, die töten können. Ideen, die nicht uns Menschen gemäß, sind, aber die Außerirdischen werden uns so gottgleich erschei- nen, daß man denken wird: Wie könnten sie unrecht haben. Es wird eine Krankheit geben, mindestens eine; es wird eine Krankheit des Herzens sein, eine romantische Schwärmerei, die die Befallenen schließlich völlig lebensuntüchtig macht, aber keiner wird wissen, ob es an der Nähe der Außerirdischen liegt, ob es ein Virus ist oder irgend etwas anderes.« Kevin versuchte, Gemma am Oberarm zu fassen, doch so stark war sein Gefühl der Dringlichkeit, daß er die Finger nicht zum Greifen biegen konnte. Er ließ die Arme fallen und ging zu seinem Platz zurück. Gemma setzte sich wieder ihm gegenüber. »Die wahrscheinlichste Zukunft ist die, in der die Zahl der Menschen nur noch sehr klein ist, vielleicht eine Million oder so, und im ganzen Universum verstreut in Ghettos lebt, oder schlimmer. Neunundneunzig Prozent von dem, was wir sind, gut oder böse, ist dann verschwunden. Diejenigen, die noch leben, kann man nach unseren Standards nicht einmal mehr wirklich Menschen nennen. In den Augen der Außerirdischen sind wir ein prähistorischer Stamm. Einige von ihnen tun ihr Bestes, um uns zu schützen, aber selbst das verkrüppelt uns, macht uns unfruchtbar oder bringt uns um. Es ist eine tausendjährige Qual. Und sie endet mit der Aus- rottung.« Seine Hände fielen zwischen Besteck und Essensres- ten auf den Tisch. Beim Klang von Gemmas schüchterner Stimme blickte er auf. »Tut mir leid, daß ich so dämlich bin, aber ich verstehe es nicht«, sagte sie. Ihre sorgsam gewahrte Urteilslosigkeit war verschwunden; sie wirkte traurig. »Ich meine, Genozid, das verstehe ich, soweit ein weißer Australier der Mittelschicht das, überhaupt verstehen kann. Aber diese Zeit-Geschichte – ich nehme an, dein Theaterstück bezweckt, die Außerirdischen von der Landung abzuhalten, stimmt das?« Kevin nickte, von Angst erfüllt. Ihr plötzliches Verständnis seiner Motive für den Raubüberfall war daher gekommen, daß sie ihn mit Enzo verglich. Er wollte schreien: Aber ich bin kein UFO-Spinner! Er versuchte zu glauben, daß seine Andeutungen in Melbourne sie zu diesem Schluß geführt hatten. Dann sagte er sich, daß er sie unterschätzte, wenn er ihr diese Gedanken unterstellte. Ihr trauriges Gesicht stimmte ihn unwillkürlich mutlos. Er stützte das Kinn auf die Faust. Gemma fuhr fort: »Wenn Menschen aus der Zukunft dich kontaktiert haben, aus einer Zukunft, in der die Außerirdischen nicht gelandet sind und die die unwahrscheinlichste der mögli- chen Zukunftsarten ist, dann hast du aus ihrer Sicht das Stück schon auf die Bühne gebracht, oder? Irgendwo gibt es da ein Paradoxon.« »Ja?« fragte Kevin. Er öffnete den Mund und schloß ihn wie- der mit der Hand. Es war ein Gefühl, als kämpfe er um sein Leben. Sie mußte ihm einfach glauben! »Du meinst – nein, nein, so ist es ganz und gar nicht.« Als würde physische Nähe eine Entscheidung bewirken, lehnte er sich über den Tisch und zeigte mit gespreizten Fingern auf sie: »Der einzige Grund, aus dem es zunächst einmal mehr als eine einzige Zukunft gibt, besteht darin, daß die Zukunft, aus der man mich kontaktiert hat, auf einer Unwahrscheinlichkeit beruht: Wie kann ich das Stück auf die Bühne bringen und dafür sorgen, daß die Außer- irdischen nicht landen, wenn keiner mich kontaktiert? Sie werden immer unwahrscheinlicher, je mehr die Chance auf, einen Erfolg meinerseits schwindet. In ihrer Vergangenheit bin ich kontaktiert worden, also muß irgend jemand das nun in ihrer Gegenwart durchführen. Wenn du nur ein einziges Teil- stück des Ganzen ausläßt, dann hast du wirklich ein Paradoxon. Sie sind nur das unwahrscheinlichste Ergebnis, bevor sie von ihrer Seite aus den Prozeß durchgemacht haben. Danach sind sie das wahrscheinlichste Ergebnis. Ich muß das also machen, Gemma, aber – mehr als das – ich kann es nicht ohne dich machen.« Sie war bestürzt über diesen Themenwechsel. Er war be- stürzt, daß sie bestürzt war. Für ihn war alles zu einem einzigen, wüsten Knoten verstrickt. Während ihre Lippen um ein ermuti- gendes Lächeln kämpften, spürte er, wie der Raum über dem Tisch sich ausdehnte. Kevin wollte noch mehr sagen. Er spähte in die Dunkelheit unter dem Tisch hinunter, wo seine linke Hand hing. Er suchte nach seinem Handgelenk. Er stellte sich die schmale Narbe vor, die über seinen kleinen Finger lief, schimmernd wie der Reflek- tionsstreifen am Rande einer Autobahn, der die Teile, die er schon hinter sich hatte von dem Gebiet trennte, in das er sich früher oder später würde hinauswagen müssen. Er mußte weiter gehen. Ihr nichts davon zu sagen war dumm. Er starrte auf sein Handgelenk und wollte die Worte durch reine Willenskraft in den Raum zwischen ihnen zwingen, doch als er aufschaute, klaffte die Lücke so weit auf, daß sie wie eine durch nichts mehr zu überwindende Kluft wirkte. Während er noch versuchte, sich mit Hilfe seiner Augen klarzumachen, daß das einfach nicht stimmte, und daran kläglich scheiterte, weil seine Augen diese, sonderbare, gähnende Entfernung immer wieder bestätigten, und während er sich noch (in einer kalten, beobachtenden Schicht seines Bewußtseins) über diesen Effekt wunderte, griff Gemma wie aus dem Horizont heraus nach ihm und legte die Hand auf die Knöchel seiner Linken; ihre Fingerspitzen ruhten auf seinem Handgelenk. Wenigstens würde er jetzt nicht ganz außer Reichweite davontreiben können. Er wandte ihr den Kopf zu und hielt sich fest.,

NEUNZEHN

················································································································· »Ich weiß gar nicht, worum du überhaupt soviel Theater ge- macht hast. Wenn du einen Sprung in der Schüssel hast, geht es uns anderen auch nicht anders. Die halbe Welt spricht über Visionen und Stimmen, die andere Hälfte hat sie.« Gemma drückte seine Hand. Der Strand war leer, abgesehen von ein paar Möwen und einer großen Pazifik-Seeschwalbe, die den sich zurückziehenden Wellen hinterherlief und zurück- hüpfte, wenn sie wieder anbrandeten. Der Mond war inzwi- schen abnehmend, und sein Licht sickerte aus nicht sichtbaren Wolken am Horizont hervor. »Siehst du?« meinte Kevin. »Das ist erst der Anfang. Schon jetzt ist es zu Gewalttaten gekommen, und das wird schlimmer werden – das ist einfach die Reaktion. Die Leute sehen Dinge, die sich ihrem Verständnis entziehen, und interpretieren sie auf ihre eigene Weise. Die Erklärungen, die sie von ihren spirituel- len Führern hören, bleiben leer. Ich habe nur Stimmen gehört, dazu noch menschliche Stimmen, und sieh nur, was für einen Spinner das aus mir gemacht hat.« Er lachte verhalten: »Der Mensch hört nur, was ihm gefällt, und sieht nur, was er will.« »Was ist das?« »Ein alter Song. Die Sache ist doch die: Ich bin kein sonder-, lich abnormer Typ, und doch habe sogar ich genug Traumata und Scheiße in meiner Vergangenheit gefunden, um legitime Zweifel an meiner geistigen Gesundheit zu hegen. Und jetzt denk einmal an den Rest der Welt! Da draußen gibt es eine Menge Leute, die einen größeren Knall haben als ich.« Er schwenkte die Hand irgendwo in Richtung Amerika. »Das hier ist erst der Anfang.« Danach gingen sie eine Weile schweigend weiter. »Du bist aber nicht verrückt, oder? Na, das glaube ich dir.« »Verrückt. Hm. Also, nur weil alle anderen am Ausflippen sind, heißt das nicht, daß ich keinen Sprung habe. Vielleicht werden wir alle verrückt. Vielleicht war das der Grund fürs Aussterben der Dinosaurier. Massenhysterie!« Kevin tänzelte davon, wirbelte dabei Sand auf und warf die Arme in die Luft. »Verrückt oder nicht!« schrie er. »Das praktische Ergebnis beläuft sich auf dasselbe Resultat!« »NEIN!« Gemma jagte ihm nach, ergriff seine Arme und zwang sie nach unten. »Das ist nicht Dasselbe«, widersprach sie. »Hier kannst du zumindest etwas tun.« »Ich habe gar keine andere Wahl«, preßte Kevin hervor. »Ich bin… es ist so…« Er schaute weg, auf den silbrig schwarzen Ozean. »Ich bin der einzige, der es tun kann.« »Der den Außerirdischen sagen kann, daß sie abwarten sol- len? – Warum?« fragte Gemma. Dann kam ihr ein anderer Gedanke: »Wie?« Kevin hätte es ihr gerne gesagt. Allmählich fragte er sich, ob seine Angst davor nicht Teil des Mechanismus in seinem In- nern war, eine Sicherheitsvorkehrung. »Laß uns nach Hause gehe«, meinte Gemma mit rauherer, Stimme als sonst, zärtlich. O Gott. Kevin sank vor Entsetzen in sich zusammen. Und doch empfand die unnatürliche Flüssigkeit, die durch seine Adern floß, keinerlei Angst angesichts des Ausdrucks in ihren Augen; deren Anwandlungen waren rein mechanisch, alles, was paßte, kam zupaß. Gemma griff nach seiner Hand, hob sie hoch, streifte seine Knöchel mit einem kurzen Kuß und ließ ihn dann los. Kevin holte tief Luft und zwang sich zu einem Lächeln. »Jetzt wäre ich wirklich verrückt, wenn ich ablehnen würde«, sagte er. Er plumpste in den Plüschsitz des Triumph, als wäre der seine lang vermißte Wiege, und ließ sich von Gemmas sicherer Fahrkunst in eine sinnlich-schläfrige Sehnsucht wiegen. Durch die Sohlen spürte er den Rhythmus des Motors so neu und erregend wie bei seiner ersten Fahrt in einem Sportwagen als Zwölfjähriger. Der geschlossene Busch rauschte genauso un- heimlich an ihrem Lichttunnel vorbei wie immer, wenn sonst keine Lichter zu sehen waren; heute allerdings wirkte die uralte Landschaft wie neu, die angestrahlten Eukalyptusbäume wuch- tiger und die Straße verwischter. Kevin erschien die unter dem Strahl der Scheinwerfer entstehende Landschaft wie seinem imaginären Spiel mit Stadtlandschaften entsprungen und vor seinen Augen wahr geworden. Ein Element der Vergangenheit lag darin, aber nicht genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Als hätte die Geschichte eine spiralförmige Drehung gemacht, statt sich zum Zwangskreis seiner üblichen Phantasie zu schlie- ßen; die kräftigen Stämme und Wedel, die vorbeiblitzten,, wiesen in ihrer Vitalität auf einen Garten hin, der die Fähigkei- ten der Natur, wie er sie kannte, weit übertraf. Er fragte sich, ob Oscar, der Mann aus der Zukunft (& Co.), mittels seines Wis- sens über Kevins Bewußtsein und seine landschaftsgestalteri- schen Phantasien eingegriffen hatte, um eine Vision zu erzeu- gen, wie die Dinge im Erfolgsfall aussehen mochten. Ein Trost zu einer Zeit, wo sein neuer Körper ihn beunruhigte. Genau in diesem Moment schoß eine riesige weiße Gestalt ins Scheinwerferlicht – wahrscheinlich eine Boobook-Eule – und wieder hinaus. Ein Teil seiner selbst, der nicht über die spukhafte Schönheit des Vogels staunte, schloß logisch: Wenn die denken, daß ich Trost brauche, folgt dann daraus nicht, daß ich einen Preis bezahlen muß? – daß ich irgendwie nicht mehr ganz vollständig bin? Während diese innere Stimme weitermurmelte, die ganz normale, düstere Bandschleife der Unsicherheit und eindeutig keine Botschaft, stieg Kevins Verlangen, dieser Logik mit über- schießender Energie entgegenzutreten. »Du bist still, Kevin«, meinte Gemma. »Liegt am Licht. Eigentlich brabble ich schon die ganze Zeit nonstop vor mich hin.« »Wir sind beinahe da, nicht wahr?« »Merkst du's nicht am Sabberfaden auf meinem Kinn?« »Kevin, das ist nicht gerade meine Stärke.« »Du meinst, du bist minderjährig? Da war ich doch heute nacht mit langer Unterhose im Bett.« »Witzbold.« »Ah, du möchtest, daß wir ein bißchen mit Dreck schmei- ßen. Warzenschweine. Schlammschlachten. Labor-Party-, Konferenzen. London. Karameläpfel.« »Karameläpfel?« »Ja. Ich erinnere mich deutlich, daß mir bei der Royal Mel- bourne Show im Jahr Neunzehnhundertneunundsiebzig mein Karamelapfel auf den Boden fiel. Mein Dad sorgte dafür, daß ich ihn trotzdem aß. Seitdem habe ich keinen mehr essen kön- nen – für mich riechen die nach Kuhscheiße.« Gemma machte Feuer, während Kevin von oben Bettzeug herunterbrachte. Ein Feuer war eigentlich nicht nötig, aber die breiten Stufen zum Kamin hinunter bildeten mit Couchpolstern und Kissen bedeckt den idealen Ort zum Kuscheln. Gemma hatte den Whisky gefunden, zwei Gläser gefüllt, alles gemütlich ausgelegt und saß, als Kevin zurückkehrte, mit um die Knie geschlungenen Armen dicht bei den frisch aufflackernden Flammen. In diesem Licht wirkten ihre Wangen, als hätte sie Rouge aufgelegt. Die Härchen auf ihren Beinen schimmerten rot. Sie hatte die Haarklammern hinter den Ohren gelöst, und ihr Haar fiel leicht und lockig nach vorn. Er ließ die Decken neben sich zu Boden fallen. Ein Weilchen schaute er ins Feuer, dann hockte er sich neben sie. Er war völlig verängstigt. »Wir haben uns noch nicht einmal geküßt.« Er versuchte, es mit ganz normaler Stimme zu sagen. »Na dann.« Gemma umfing seine Ohren mit den Händen und zog sein Gesicht an das ihre. Er verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Lachend streifte sie seine Lippen mit den ihren. Sie küßten sich. Liebevoll strich sie mit ihrem Handrücken über seine Bart-, stoppeln und schaute ihm in die Augen – mit der leicht mani- schen Intensität eines Menschen, der lange Zeit sehr einsam gewesen ist. Warum wohl, fragte er sich. Er stand auf, um die Laken auszubreiten, doch sie nahm es ihm ab. Er sah zu, wäh- rend sie ganz auf diese Arbeit konzentriert war und dachte an den Zorn, der in ihr aufgeflammt war, als er die Aborigines erwähnte. Das reichte nicht. Sie wirkte auch nicht schüchtern. Als Gemma das letzte Kissen einschlug und das Laken fest darunter stopfte, legte Kevin ihr die Hand unter die Achseln; ein Schauer überlief sie; er vergrub das Gesicht in ihrem Haar und küßte ihren Nacken. Gemma drehte sich um und betrach- tete ihn mit einem dünnen Lächeln, das fast ein finsterer Blick war. »Zieh mich aus.« Ihr blaues Kleid mit Bootsausschnitt war mit Haken ge- schlossen. Ihr Rücken war von Sommersprossen übersät. Sie hatte viele eckige Kanten, begierige und doch zärtliche Hände, Schwimmermuskeln. Als Gemma an der Reihe war, ihn auszu- ziehen, ließ sie sich fast unerträglich viel Zeit, schob ihm das T- Shirt über die Brust hoch, küßte ihn und ließ ihm die Hand über Brust und Rücken gleiten. Kevin dachte, sie würde nie fertig werden und ihm endlich die Jeans von den Beinen strei- fen. Das alles mit diesem leisen Lächeln. Bis auf den Slip nackt fielen sie fest umschlungen zu Boden. Kevin auf den Rücken, Gemma auf Ellbogen und spitze Knie. Von unten durch die Flammen beleuchtet, wirkte sie sowohl älter als auch jugendlich. Als er ihr mit der flachen Hand den Slip über die Hinterbacken hinunterrollte, grinste sie schel- misch und reagierte mit Fingernägeln auf seinem Unterbauch., Als sie sein Glied packte und mit dünnen Fingern kniff, schrie er auf. Gemma riß an Kevins Slip und er am ihren. Schließlich trennten sie sich, um sich ganz auszuziehen. Bei beiden hob und senkte sich der schmale Brustkorb heftig, als seien sie kleine Vögel. Sie machte sich mit den Lippen über ihn her. Dann mit Nase und Kinn, Stirn, Zunge und Wangen. Sogar mit den Ohren. Er fiel zurück, die Stufen hinauf und weg von der Hitze, setzte sich dann plötzlich erschreckt aufkeuchend hoch und strich ihr mit beiden Händen übers Rückgrat. Die Narbe auf seinem Handgelenk fiel ihm ins Auge. Beinahe von selbst drehte seine Hand sich um. »Mmmmm, jetzt ist er ganz schlapp. Na wunderbar.« »Gemma – nein.« Kevin zog Gemmas Kopf hoch, bis sie ihn ansah. Er umarmte Gemma fest, starrte an ihr vorbei ins Feuer, sah aber Wasser, hektarweise Wasser in einem Tal, wo unten Gillian Portman- Smith mit der Strömung kämpfte, nach unten gesogen wurde, während er nichts tun konnte, gar nichts… Wenn er nur etwas gesagt hätte, ihnen von Dave und Enzo berichtet hätte. Wenigs- tens zu Gemma mußte er jetzt offen sein, aber er hatte Angst, sie zu verlieren. Er war Gillians bester Freund gewesen, aber er hatte ihr nichts erzählt, die Sache einfach laufen lassen. Mach es diesmal richtig, sagte er sich. Sprich mit ihr. Aber er brachte kein Wort heraus, sein Hals war wie zugeschnürt, die Tränen, die er so viele Jahre lang zurückgehalten hatte, tropften auf Gemmas Schulter. Kevin wischte sie weg, hielt sich die feuchten Finger vor die Augen und blinzelte verwundert.,

ZWANZIG

················································································································· aus: Alle Reize dahin PETRAS NICOS STANOPOULOS DONALD JAMES MCDONALD ENZO GUISSEPPI PAULO CARMONI DAVID CLIVE ABRAHAMS HELEN SMART SAMUEL JEFFERSON SCHUYLER GILLIAN-ANNE LYDIA PORTMAN-SMITH SARAH JANE WITCHELL JENNIFER MARGARET DRAPE ROBYN ELIZABETH CAROLINE HO Eröffnungsnacht. Den Nachmittag über drohte Regen, zog aber dann ohne einen Tropfen vorüber. Als der klare Himmel sich auf die Nacht vorbereitete und wir die Bühne fertig machten, fragte ich mich, wessen Herz und Bewußtsein da draußen wohl eines Tages plötzlich von einem Theaterstück erfüllt sein würde. Würden sie wissen, was das Schauspielen bedeutete, was es hieß, all seine Leidenschaften und Schwächen einen Abend lang in heftigem Kampf durch das versammelte Publikum zu wäl- zen? Enzo war sich sicher, daß irgend jemand da draußen, unsere Nachricht empfangen würde, aber ich war mir nicht sicher, ob Shakespeare wohl in deren Verstand hineinpaßte, falls es sie tatsächlich gab. Als ich aufschaute, hatte ich nicht das Gefühl, daß wir gleich etwas von großer Tragweite tun würden. Aufsehen erregen würde erst die zweite Aufführung, die, wie Enzo sagte, auf das Publikum zielte, das dann gerade das von der Sydney Theatre Company gegebene Our Town sehen wür- de. Doch für Gedankenspiele war am heutigen Abend keine Zeit – Requisiten waren zu kontrollieren, Kostüme zu bügeln, Auf- wärmgymnastik zu treiben und Make-up aufzulegen. Meine verdammten Hände zitterten, als wartete ein Publikum darauf, daß der Vorhang hochgeht. Und dann auch noch soviel Make- up! Calibans gedankenleeres, schönes, halb verzerrtes Gesicht grinste mich boshaft aus dem Spiegel an, Latex und künstliches Gewebe noch frei von jeder Grundierung, doch schon konnte ich ihn sehen. Er war da. Ich knurrte ihn an, drückte meinen Schwamm aus, strich damit über das Make-up und trug zärtlich Bleiche auf, bevor ich mit den Schattierungen begann. Rundum standen Matrosen, und auf der anderen Seite des Zeltes hatte sich der Mailänder Adel versammelt. »HmmmmmmMA! Bah! Pah!« machte der. Beinahe sechs Wochen Vorlaufzeit, das ist ein ganz schöner Schlauch für australische Verhältnisse; inzwischen betrachteten wir die Eröffnungsnacht als das Ende der Probenarbeit, auch wenn unser Publikum zum größten Teil aus Emus bestehen würde. Packet war noch immer der einzige Außenstehende vor Ort. Nach unserer Nacht als detektivische Schnüffelnasen hatte er uns für zehn Tage verlassen, ›damit die Dinge sich etwas abkühlen‹, war die offizielle Version. Fünf von uns wußten, daß, er Sarahs Projekt und dessen Hintergrund an seine Zeitung durchsickern lassen würde. Nach unserem Piratenstück, dem Eindringen in Our Town, würde diese Exklusivmeldung den Knalleffekt bringen. Trotz der verdächtigen Lethargie in unserer Gruppe, die ich inzwischen für eine Auswirkung von Enzos Erfindung halte (sollte die Mitte unseres Kontinents immer mit diesem stillen Glanz gesegnet sein, bliebe mir die Barbarei der ersten Europä- er, die ihn nie sahen, unerklärlich), machten Robyn, Packett, Kevin und ich tatsächlich den Wandel von schuldbewußtem Schweigen zu einem Zustand der Selbstüberhebung durch, wo wir uns die bevorstehende Theaterrevolution als persönliches Verdienst gutschrieben. Doch vielleicht war auch die traumver- lorene Probenarbeit genau wie unser übertriebenes Wohlbefin- den und allem voran die Entscheidung der Gruppe, überhaupt hierher zu kommen, vielleicht war all das ein heimliches Ziel von Enzos Machenschaften und nicht nur deren Nebenwir- kung, während das Gerät sich wie eine Batterie oder wie ein Stausee mit ›Potential‹ auflud. Gewiß war ich mir dessen nicht bewußt und mehr denn je mit mir selbst beschäftigt, als ich mein Make-up abschloß, aufschaute und Kevin in seinem Aufzug als Antonio dabei ertappte, wie er eindeutig schuldbe- wußte Augen von Gillian abwandte. Ich blinzelte ihm wissend zu, was auch eine Anspielung auf unsere Inspizientin hätte sein können; er zögerte und lächelte dann leise zurück. Der leichte Wind, der den ganzen Tag über für Kühle gesorgt hatte, blies nun heftiger, und das Zeltdach flatterte wie wild. Ich fragte mich, ob Kevin sich Sorgen wegen des Windes machte, bei dem das Publikum oft rastlos wird, doch dann fielen mir die, Emus im Mittelgang unseres verlassenen Theaters ein, und ich lachte laut heraus. Ich zuckte die Achseln und wandte mich dem Haufen Bügelwäsche neben mir zu. Gill nickte Robert zu, versetzte Kevin einen recht heftigen Schlag auf den Oberarm und ging. Robert sagte: »Fünf Minuten, Schätzchen – fünf Minuten, Martin.« Ich zog eine Flunsch. Für Caliban nichts leichter als das. »Hals- und Beinbruch, Kollege. Hals- und Beinbruch aller- seits.« Es bringt Pech, wenn man Glück wünscht. »Auf die Plätze!« Im Innern meines Seegeistes – einer Gestalt aus nacktem Ma- schendraht, in der ich als verschwommener Schemen zu erken- nen war – stand ich nun auf der Tribüne für Publikumseffekte und fühlte mich wie der letzte Idiot. Es ging darum, das kom- plette Publikum mittels eines ausgeklügelten Systems von Hebeln, Servomechanismen und hydraulischen Vorrichtungen so zu schaukeln, als wären auch alle Zuschauer zusammen mit dem König von Neapel, Antonio, Ferdinand und den anderen in Prosperos Mahlstrom geraten. Während ich den Hebel bediente, auf und ab und von links nach rechts, versetzte ich ein dreiköpfiges Publikum in wogende Bewegung: Dave, Packett und Sarah. Die Emus waren nicht aufgetaucht, den Grund mußten sie selbst am besten wissen. Wenn sich irgendwann einmal die ersten zahlenden Zuschauer einstellten, war ich gewiß ein Experte, der schon mit einem Flappen des Handge- lenks für Seekrankheit sorgte. Was soll's? dachte ich, nur zu! Danach stürzte ich mich selbst mitten in die Aufführung. Wie bei vielen der besten Aufführungen kann ich mich nur an, Bruchstücke des weit ausgreifenden, großartigen Sturms von Sarah erinnern: Prosperos unwillkürliches Aufkeuchen, als ich aus der Falltür heraushüpfe, Caliban in Wut. Wie hoch ich springe, weiß ich nicht, doch ich erinnere mich an Sams Gesicht, das mit O- förmigem Mund zu mir aufschaut, wie ich fliege. Ich lache bis zu Tränen über Fred Carol, der als stockbesof- fener Butler versucht, mit gummiweichen Knien auf die Beine zu kommen. Rechtzeitig für meinen nächsten Auftritt stehe ich auf der Bühne, und dann ziehen Trinculo und Stephano – Jenny und Fred – mich in einen Akrobatikkurs hinein. Bei unserer letzten gemeinsamen Szene sind wir zu einem Trio mit (in unseren Augen) nahtlosem Tuning und bissigem Witz gewor- den. Stephano ist ein echter Killertyp; ich habe wirklich Angst vor ihm. Ariels erster, glitzernder Flug. Es scheint, als hätte sie einfach vergessen, nach dem nächsten Seil zu greifen. Beinahe trete ich auf die Bühne, um meine geliebte Robyn aufzufangen. Sie schwebt, in Laserlicht gebadet. Miranda übernimmt die Führung über ihren dümmlichen Zukünftigen; ein paar einfache Gesten sprechen Bände über ihre gemeinsame Zukunft: Wie sie Ferdinand gegen die Schul- ter knufft, sein Haar glattstreicht, die Hände in die Hüften stemmt und ihn ausschimpft. Kevin als Bösewicht Antonio, und Don als verruchter Sebas- tian winden sich vor Bedauern, als König Alonso in dem Mo- ment aufwacht, in dem sie ihn meucheln wollten, die Feiglinge. Ein Aufruhr heidnischer Geister auf Rollerskates, auf dem Trapez, Kletterstangen herunterrutschend, die Shimmy tan-, zend, daß es einen Heiligen in Versuchung führen könnte, und mit vollen Händen Aufziehschmetterlinge und Propellersamen in die Luft werfend. Sam/Prosperos Mitgenommenheit ist fühlbar: Seine Bitter- keit bei den Zeilen: Doch dieses grause Zaubern Schwör' ich hier ab; und hab' ich erst, wie jetzt Ich's tue, himmlische Musik gefordert, Zu wandeln ihren Sinn, wie die luft'ge Magie vermag: so brech' ich meinen Stab, Begrab ihn manche Klafter in die Erde, Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht, Will ich mein Buch ertränken. An diesem Punkt scheint der Preis, den er für den Rückerhalt seines Fürstentums zahlen muß, unangemessen hoch. Selbst Calibans Herz kehrt sich ihm zu, obwohl ich Prosperos wahre Beziehung zu mir noch nicht kenne. Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind. Jawohl. Nur mit einem Schlenkern des Handgelenks bringt König Alonsos echte Trauer zum Ausdruck, als er seinen Sohn für tot hält. Goldene Lichtstrahlen, von Blütenstaub durchwehte Tupfen, krönen Prospero, Ariel, die Nymphen und Liebenden mit heidnischer Vergebung. Noch mehr Schmetterlinge und Pro- pellersamen, jetzt alles in Weiß. Blanke Überraschung, als mir Prosperos Geheimnis enthüllt wird. Jetzt, wo mein Kummer vergangen ist, vollbringe ich akrobatische Glanzleistungen,, deren Martin mich nicht für fähig hielt. Mein Gott, denkt Leywood, dieser Purzelbaum war doch unmöglich. Ariels Leid und Freude, als sie aus ihrem Vertrag entlassen wird: Sie rollt sich zusammen wie ein Ahornblatt im Herbst, öffnet sich wie- der wie eine Wildblume. Unsere ganze Truppe zusammen auf der Bühne. Es begann mit einer Kakophonie von Vögeln. Beim Abgang. Die Galahs stießen ihre kreischenden Alarmrufe aus, als sie in die Lichter flogen, ein ganzer Schwarm regenbogenbunter Vögel von weiter bachabwärts schlug mit einer Serie übelkeiter- regend dumpfer Aufschläge gegen die Lampen und Requisiten; rings um uns und auf uns regneten die kleinen Körper nieder. Da waren Zwergwachteln, Bourke-Sittiche, Harlekintauben und Würger, Rotschopftauben, Regenpfeifer und ein rotbeiniger Schlammstelzer – im Geist benannte ich sie und brachte sie mit den Bildern aus Freds Buch in Übereinstimmung, während ich gleichzeitig von Entsetzen erfüllt war. Ein Kuhreiher tauchte vor mir aus der Dunkelheit auf und raste fast in mich hinein, bevor er sich nach oben schwang und durch unser Seilwerk in die Nacht verschwand. Ein Corella, so ein kleiner Kerl mit traurigen Augen, fiel schrille Entsetzensschreie ausstoßend neben meinem rechten Fuß nieder und flatterte mit seinem gebrochenen Flügel im Kreis; beide Beine waren ihm in den Körper getrieben worden. Ich hob den Fuß über ihn, brachte es aber nicht fertig zuzutreten. Aufgrund des zufriedenen Blicks der beiden Männer, die mich später im Krankenhaus besuchten, ihrer Befriedigung mit der eigenen Leistung, weiß ich, daß dies kein Nebeneffekt von Enzos Gerät war, sondern Interferenz von außen. Als Kevin,, Packett und ich hinterher unsere Beobachtungen verglichen, stellten wir fest, daß unsere Geschichten ungemein stark von- einander abwichen. Manche Vorfälle waren wirklich echt und stammten daher, daß Dinge – Luft, Wasser oder Vögel – durch die Kraft des Geistes in Bewegung versetzt worden waren; ich kann mich jedoch dem Schluß nicht verwehren, daß vieles von dem, was wir sahen, nur Illusion war. Doch wo endete das eine und begann das andere? Ich werde nur erzählen, was ich selbst gesehen habe – und was auch so schon verwirrend genug ist. Es genügt zu sagen, daß es jedesmal, wenn Enzo unsere geistige Energie nutzbar machte, einen Wetterumschwung gab. Die meisten von uns blieben einfach in diesem kreischenden Chaos aus Federn und Krallen stehen. Es gab viel Geschrei. Einige von uns legten schützend den Unterarm oder die Hände vor die Augen. Vielleicht in Erinnerung an Hitchcocks Film lachten ein paar von uns, aber hysterisch. Es war entsetzlich. Sherelle kreischte los und hörte nicht mehr auf. Eine Rotschopf- taube hatte sich flatternd in ihr langes Haar verkrallt, und Sherelle, schreckerstarrt, konnte sie nicht daraus lösen. Ich lief auf sie zu. Dann wurde es hell. Acht Stunden zu früh. Als bebte Mara- linga noch immer unter den Britischen Atombombentests, blitzte das Licht am Horizont unerträglich hell auf und verblaß- te dann schnell zu einer bleichen, morgengrauenähnlichen Dämmerung. Wir warfen lange Schatten. Das ist das Ende der Welt: Ich war durch und durch von Entsetzen erfüllt, als der Horizont sich weit hinten mit einer aufgewühlten, wie blutun- terlaufen violetten Masse zuzog, die auf uns zu raste. Der Strom der Vögel war bis auf ein paar Nachzügler und das Geflatter der, Sterbenden versiegt. Wir erwachten aus einem Alptraum und gerieten in den nächsten. Ein einziger sandiger Windstoß peitschte uns, und dann brach plötzlich der Sturm mit voller Wucht über uns herein. Die unmittelbarste Entscheidung unserer Gruppe war der Versuch, das Stück zu Ende zu bringen. Prospero begann mit schwacher Stimme seinen Epilog, doch Kevin brüllte ihn nieder: »Weg hier, ihr Idioten! Runter von der Bühne!« Nacht senkte sich auf uns nieder, die echte Nacht, als Kobalt- blau und Magentarot gegen den Geist des Morgengrauens ausholten, als die Schwaden aufgewirbelten Kieses unseren Lampen den Garaus machten. Wieviel davon war Illusion, wieviel echter Sturm? Kevin brüllte und schwenkte die Arme über dem Kopf: »RUNTER VON DER B…« Wir schrien, schützten in hoffnungslosem Bemühen die nackten Beine mit den Händen, schrien, Wüstensturm scheuer- te uns unter den dünnen Kostümen die Haut wund, alle rann- ten in alle Richtungen, fanden aber nirgends Zuflucht, keinen Ort, wohin man sich flüchten konnte, und keiner wagte es, es mit der Dunkelheit jenseits der Bühne aufzunehmen, wir schrien, unsere nackten Arme schlugen in die Luft, manche hatten sich hingehockt, damit ihnen der beißende Sand, der uns ohne Unterlaß peitschte, nicht in die Augen geriet, wie im Fiebertraum eines anderen schrien wir, trafen aber nur auf das Schweigen des Mahlstroms, der auf uns herabgerufen worden war. Und es wollte und wollte nicht vorübergehen. Ein tieferer Ton erhob sich nun unter dem Zischen des Sandsturms. Bald wurde ein Gurgeln daraus, das Stöhnen von, sich reibenden Steinen, das scharfe Krachen brechender Äste und Bäume, ein ununterbrochenes Tosen, das etwas so trüge- risch Beruhigendes hatte, daß ich trotz meiner halb erblindeten Augen versuchte, die Quelle ausfindig zu machen. Ein ockerfar- bener Wasserwall füllte unser Flußtal. Eine plötzliche Über- schwemmungsflut, die sich Hunderte Meilen von hier entfernt aufgebaut hatte. Die aufgewühlte, schaumige Oberfläche sah aus wie staubiges Blei. Ich taumelte zwei Schritte rückwärts, dann erwischte mich das Wasser und schleuderte mich in derselben Richtung weiter. Mit einem Schlag umschloß die Flut den Szenenaufbau, der bockend und schwankend die Schauspieler in alle Richtungen abwarf und uns mit Funken überschüttete. Die Welle schlug von der Sandsteinwand zurück und schwemmte uns von der Bühne. Daß das echt war, weiß ich. Solche plötzlichen Überschwemmungen kommen vor, was auch immer die Ursache dafür gewesen sein mag. Petras Nicos Stanopoulos, ich sah dich auf die Felswand zurennen. Ein treibender Stamm schlug dich nieder. Ich sah dich fallen. Ich hoffe, daß du da schon tot warst. Ich machte kehrt und rannte zur Felswand, ich gebe es zu, ich machte kehrt und rannte weg. Lange mögen deine schönen Kinder leben, Pete. Als ich sie zum letztenmal sah, waren sie gesund, klug und stark. Donald James McDonald, du absolut verrückter Cidre-Säufer. Freiwillig hätte ich nie mit dir zusammengearbeitet, aber ich mochte dich. Deinen Ab- schied habe ich nicht gesehen. Es tut mir leid, aber der Drang,, bis zum Morgengrauen über Politik zu diskutieren, ist mir inzwischen abhanden gekommen. Cidre kann ich nicht mehr trinken. Mein bißchen Gedenken ist kläglich, ich weiß, aber immerhin ist es da. Enzo Guisseppi Paulo Carmoni, deinen verkohlten Leichnam haben sie Kilometer entfernt zwischen Trümmerteilen gefunden. Haben dich mittels deiner Zähne identifiziert. Die tiefen, beinahe animalischen Energien, die du nutzbar zu machen versuchtest – haben sie sich als zu mächtig für dein Gerät erwiesen? Daß es explodierte und dich dabei mitnahm, sagt mir, daß die Amerikaner ein eigenes Gerät besaßen und dich mit einem Störsender blockiert haben. Sicher- lich wird das auch durch die Stimmen belegt, die Pete Stano- poulos hörte, als er über den Flammen schwang. Aber warum? Was dich dazu trieb, den Amerikanern von deinem Durch- bruch zu erzählen und ihre Gegenmaßnahmen zu unterschät- zen, läßt sich jetzt nur noch erraten. Ich weiß, du warst ein eitler junger Mann, immer in Leder, das Haar immer scheinbar mühelos gestylt, und deine Technik hatte ihren eigenen Stil. Intelligent, wie du warst, fühltest du dich über die emotionalen Ausbrüche der ›Schauspielertalente‹ erhaben. Dave Abrahams hat damals deinen privaten Kummer ohne deine Einwilligung erspürt. Wenn du die CIA von deiner Erfindung wissen ließest, würde dich das über Daves kleine Theaterwelt hinaus berühmt machen. Deine Visionen waren größer, das zeigte dein Welt- raumprojekt, und die CIA war genau richtig, um sie in noch größere Weiten zu führen. Du würdest Dave an seinen Platz verweisen und sofort Anerkennung finden. Und hier bricht, mein Gerüst von Vermutungen zusammen. Du hast Friedens- demonstrationen zwar immer mit großem Zynismus betrachtet, aber dennoch kann ich kaum glauben, daß du ein solcher Militarist warst, was ja unter der Oberfläche eine eigene Form von Idealismus ist. Hast du dir eingebildet, du würdest durch die CIA etwas Gutes für die Welt bewirken? Vielleicht hat deine Eitelkeit dich geblendet. Vielleicht hast du jemandem bei einem deiner UFO-Meetings davon erzählt. Die beiden Männer, die mich hinterher ausfragten, haben eindeutig durchblicken lassen, daß du selbst die Sache ausgeplaudert hast. Vielleicht hast du geglaubt, dein Gerät könne nur Illusionen erzeugen. Was für ein Irrtum. Nun schön, wie sehr ich dich auch verflucht haben mag, Enzo, ich hoffe, deine Botschaft ist durchgekom- men. David Clive Abrahams, nach unserem Schwatz im Anschluß an die Generalprobe habe ich dich nicht mehr gesehen, und auch sonst keinen, außer Packett. Er sagte, es sei sehr schnell gegangen. Dave, ich hoffe, wir waren als Repräsentanten unserer Art gut genug. Nein. Auch wenn die Zeit meiner Selbstachtung übel mitgespielt hat, weiß ich einfach, daß wir in jener Nacht besser waren denn je. Hat Enzo dich belogen? Wußtest du, daß wir beobachtet wur- den? Wenn ich an die Trauer denke, die oft in deine Augen trat, glaube ich manchmal, du mußt es gewußt haben. Aber vielleicht hast du dir auch nur Sorgen um das Stück gemacht. Nach dem Begräbnis erzählte ich Pat von meinen Überlegungen. Sie war nicht überrascht. Sie sagte, vielleicht wäre es am besten, die Sache einfach ruhen zu lassen. Das würde ich gerne tun, Dave,, aber ich kann es nicht. Alles ist so in mir verknäult, daß ich es nicht auseinandersortieren kann. So vieles müßte ich entwirren. Meine einzige echte Chance in der Liebe; mein Talent – mein einziger Reiz; Schuldgefühle; eine Art Gerechtigkeitsgefühl. Bisher bin ich mit dem Kopf gegen die Wand gerannt, doch wenn ich nicht bis zum Umfallen weitermache, werde ich hier in diesem Café hängenbleiben und meine blutunterlaufen Augen in dem sich endlos darin widerspiegelnden Spiegel betrachten, und dann ist mein Leben genauso vorüber wie deines. Helen Smart, wunderschöne Miranda. Ich habe dich nicht besonders gut gekannt. Robyn sagte, du seist herrlich komisch. Ich habe dich damals in dieser Beckett-Saison gesehen, und da warst du großartig. Einfach großartig. Samuel Jefferson Schuyler, wir stürzten uns gemeinsam auf die Felswand. Als wir losklet- terten, wurdest du heftig gegen eine Stahlstange geschleudert. Du stürztest, bevor ich nach dir greifen konnte. Mir blieb nur eine Handvoll roter Schlamm. Ich erinnere mich an deine italienischen Gerichte. Deinen durchtriebenen Witz. Die komi- sche Art, wie deine eine Schulter beim Gehen mitschwang. Ich sehe dich vor mir, wie du an jenem Nachmittag am Wasserloch lachtest, den Kopf in den Nacken gelegt, die kräftigen Halsmus- keln straff gespannt und dein Mund mit dem ausgesprochen raubtierhaften Gebiß weit geöffnet. Und ich höre dich noch heute sagen: »Für dich viele Hintern, Kevin. Große, Schwabbel-, hintern.« Du warst ein Prospero mit zuviel Kraft für deinen Körper, ein manischer, wild herumspringender Prospero, den ich niemals vergessen werde. Fred trauert noch immer um dich. Gillian-Anne Lydia Portman-Smith, ich kenne keinen, der dich gekannt und nicht geliebt hätte. Du wurdest gleich in den ersten Momenten davongeschwemmt, doch später meinte ich, dich noch einmal in diesem geisterhaf- ten Licht auftauchen und auf Kevin, Sherelle und mich zu- schwimmen zu sehen, als wir schlammbedeckt oben auf der Felswand saßen. Ich rief dich beim Namen. Eine braune Welle türmte sich hinter dir hoch, überrollte dich, und du warst verschwunden. In diesem Moment zerbrach etwas hinter Ke- vins Gesicht; er zuckte zusammen, mit aufgerissenen Augen und fest zusammengepreßten Zähnen. Dann starben seine Augen. Seitdem habe ich nur noch Wut in ihnen erblickt. Was zwischen euch war, weiß ich nicht. Wenn andere es wußten, sagten sie nichts davon. Am Tag unseres Streits machte ich den Fehler, deinen Namen zu erwähnen, und jetzt spricht er nicht mehr mit mir und beantwortet meine Briefe nicht. Ich glaube, er haßt mich. Aber auch ich habe dich geliebt. Sarah Jane Witchell, dich habe ich auch nicht mehr gesehen. Auch du wurdest erst lange danach gefunden. Die Zeitungen, die dir Tribut zollten, haben deine freundliche Art, mit uns eitlen Schauspielern umzugehen, nicht erwähnt, deine Fähigkeit, die Risse in einer Truppe zumindest für die Dauer der Aufführung zu kitten, deine visionäre Kühnheit, deinen Witz und deine antreibende, Intelligenz. Du wußtest, was wir zu unterschiedlichen Zeiten brauchten, und gabst es uns. Dein Lachen war Gold wert. Jennifer Margaret Drape, meine älteste Freundin. Ich bringe es nicht fertig, von dir zu sprechen, also habe ich dich in dieser Geschichte so gut wir nicht erwähnt. Ich habe dich geliebt. Leb wohl. Robyn Elizabeth Caroline Ho Noch immer kann ich dich im Morgenlicht gehen sehen, noch immer den leichten Unterschied riechen, den deine Anwesen- heit im Kunststoff-, Eukalyptusblätter- und Staubgeruch des Zeltes machte. Ich habe schon früher versucht, das zu Papier zu bringen, doch weiter als bis hierher bin ich nie gekommen. Ich sage mir, daß es gut für mich ist. Wenn ich es zu Ende bringe, kann ich vielleicht vor mir selbst zugeben, daß du für immer weg bist. Es ist so leicht zu sehen. Läßt mich nicht in Ruhe. Warum Enzos Transmission und die Interferenz, die die Flut bewirkte, gerade meine Freundin für diese makabre Show auswählten, kann ich nicht sagen. Und warum das, was Pete Stanopoulos spürte, als er über dem Feuer an unserem Seilwerk hing, keine reale Wirkung hatte, die Flut jedoch echt war, wir sie spürten und das, was die Flut mit dir machte, echt war und dir Schmerzen zufügte, die dich zum Schreien brachten und die ich in deinen Augen sah, warum all das so war, verstehe ich noch immer nicht. War unser Glaube an unsere Aufführung, durch den Feind pervertiert, so stark, daß er uns hochhob und zerschmetterte, so stark, daß er unsere Bühne zersplittern ließ wie eine Handvoll trockenes Feuerholz? Und war mein Glaube, an unser Zusammenleben als Mann und Frau so stark, daß er dir in Verbindung mit Enzos Transmission die Ruhe im Tod verwehrte und du zur Marionette wurdest? Robyn. Ich habe an uns geglaubt, doch nicht auf diese Weise. Du bist in jenem brüllenden Getöse verschwunden, das in Minutenschnelle mit uns allen aufgeräumt hat. Die vorbei- schießende Flut zerrieb die Sandsteinklippen unter uns, doch Kevin, Sherelle und ich hielten vom Rand aus nach den anderen Ausschau. Zentimeter um Zentimeter zogen wir uns von der abbröckelnden Kante zurück, bis wir eine Stelle fanden, die uns, wie wir hofften, eine Weile halten würde, und dort lagen wir, den Kopf über dem reißenden Wasser, und spähten nach unse- ren Freunden. Wir sahen, wie einer der Musiker sich auf einer winzigen Insel in Sicherheit brachte. Wir sahen, wie Gill unter- ging und nicht wieder auftauchte. Plötzlich warst du direkt unter uns und klettertest einen verschlammten Abhang hoch, an dem der rote Matsch genauso schnell wegrutschte, wie du ihn packen konntest. Du glittest den Hang wieder hinunter. Ich kam torkelnd auf die Beine und rannte ich weiß nicht was schreiend auf dich zu, Kevin brachte mich, meine Beine um- klammernd, zu Fall, und zusammen rutschten wir auf die Kante zu. Ich hing über dir. Rundum fielen Teile der Bühnenausstat- tung, Lampen und Stahlstangen herunter, während Kevin mich an den Beinen gepackt hielt und ich mich dir entgegenreckte, so weit ich konnte. Ich sah, wie der stählerne Beleuchtungsträger, Kabel hinter sich herschleppend und Lampenteile verstreuend, auf die Überreste unseres Seilwerks kippte und daran herunter- taumelte, und ich machte einen Ruck zu dir hin und spürte, wie meine Knöchel durch Kevins Armbeuge schlüpften, bis er mich, nur noch mit verzweifelten Fingern umklammert hielt. Der Träger hatte an Schwung zugelegt. Ich sah, was kommen muß- te, konnte aber die Augen nicht schließen. Der Träger durch- bohrte dich und torkelte nach unten. Er drehte dich erst auf die Seite und schleuderte dich dann in die Luft. Mit einem Aufklat- schen fielst du hinunter. Ich konnte in dich hineinsehen. Es war wie bei Pete, aber noch stärker. Du glühtest in einer smaragdfarbenen Schattierung, die man in der Natur nicht findet. Deine Organe zeichneten sich genau ab. Ich sah zu, wie das Herz in deiner Brust aufhörte zu schlagen. Und dann, obwohl du eindeutig gestorben warst, erhobst du dich mit ausgebreiteten Armen aus dem Schlamm und lächeltest mich an, dein schiefes Beinah-Blinzeln und Lächeln, und fragtest mich: »Hab ich das gut gemacht?« Ariels Stimme. Ihre letzte Zeile. Dann gaben deine Arme nach. Du fielst Gesicht voraus in den Schlamm. Das Wasser stieg und forderte dich für sich. Wo es dich berührte, zischte es auf. Dein Licht erlosch. Du glittest weiter nach unten. Es gurgel- te und hörte auf zu gurgeln. Du warst weg.,

EINUNDZWANZIG

················································································································· Sie saßen Knie an Knie und ließen den Kopf an der Schulter des anderen ruhen. Das stetige Feuerlicht verschmolz die Kanten ihres Rückgrats zu sanfteren Kurven, machte Neuland vertraut. Die neue Jahreszeit brachte einen Wind, der mit leisem Pfeifen am Dachgesims vorbeistrich. Die Puten wurden unruhig und waren dann wieder still. Hin und wieder knackte das Feuer. »Ach ja, ich hatte vorhin Whisky eingeschenkt«, meinte Gemma. »Wo denn?« »Hinter dir ein Stück weiter oben, wenn wir ihn noch nicht umgeschmissen haben. Ah, da ist er ja.« Kevin drehte sich um und griff nach den Duralex-Gläsern. Gemma nahm ihres mit einem Blick nach unten entgegen. »Auf glückliche Zeiten«, sagte Kevin. »Prost.« Sie tranken. »Magst du 'ne Zigarette?« fragte Kevin. »Was – jetzt schon?« Kevin nickte humorlos. Er stand auf, um sein Rauchzeug zu holen, bot Gemma etwas an und nahm dann selbst einen Fin- gervoll Tabak und ein Papierchen., »Na ja, ein phantastischer Anfang«, sagte er. »Tut mir leid.« »Nein! Du machst mich wirklich an, Gemma.« »Danke.« Als sie die hastig gerollte Zigarette in den Mund schob, zitterte ihre Hand, und sie ließ sie da, bedeckte ihr Gesicht zur Hälfte, während sie anzündete. »Aber du glaubst mir nicht.« »Wohl kaum.« »Aber das stimmt wirklich. Gleich als du zum ersten Mal in meiner Wohnung bei Sherelle warst, habe ich es gemerkt – wirklich! – daß du einen tollen Körper hast… Du bist stark, das mag ich, und du sonnst dich nicht, um braun zu werden…« »Da werd ich doch nur knallrot.« »Ich meine, du versuchst nicht, bei den Männern anzukom- men.« »Gewiß nicht.« »Willst du, daß ich alles von vorn bis hinten aufzähle?« Er versuchte, seinen Ärger unter Kontrolle zu bringen. »Deine Brüste. Ich mußte sie immer anstarren – durch dein Kleid. Ist dir das nicht aufgefallen? Ich dachte, wie schrecklich von mir, aber ich konnte einfach nicht anders. Dein Haaransatz im Nacken: Wenn du den Kopf hochwirfst, erwische ich einen Blick darauf und dann möchte ich alles fallenlassen und die ganze Scheiße vergessen, in die wir uns hineinmanövriert haben. Dann möchte ich nichts weiter tun, als dich zu umarmen und zu beknabbern. Mein Gott, manchmal wird es zuviel!« »Na schön, da ist es doch. Schau nur. Schau.« »Tu das nicht.« »Aber schau dich doch an!«, Er blickte an sich hinunter. »Gemma, ich kann nicht.« »Möchtest du darüber sprechen? Ich verspreche, daß ich nicht versuche, dir zu helfen.« »Ich weiß nicht, ob das was bringen würde.« »Wir könnten einiges versuchen…« »Es liegt nicht an dir!« Sie blickte auf ihre kleinen Brüste hinunter, als wolle sie das Gegenteil behaupten. »Es ist mein Fehler. Ich hätte offen mit dir sein sollen.« »Du bist schwul?« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Nein.« Er starrte in die Dunkelheit. »Ich bin kein richtiger Mann.« »Du liebes bißchen! Ich bin auch keine richtige Frau.« »Ich bin weder Mann noch Frau.« »Quatsch!« »Wirklich. Ich bin – kein Mensch.« »Ich beweise dir, daß du einer bist.« »Ich beweise dir, daß ich keiner bin!« Jetzt hatte er es gesagt. Aber so aggressiv, daß alles mögliche andere nun die Dinge komplizierte. Wie sollte er sich entschuldigen, wenn seine Frustration ihn derart lähmte. Er hatte Angst, sich endgültig als Verrückter zu qualifizieren, wenn er seine Worte umsetzte. Er war wütend auf Gemma, das wußte er, weil er sich selbst so sehr in die Sache hineingesteigert hatte, daß selbst dieser winzige Widerspruch ihrerseits sie in die Menschenmassen mit der Aufschrift ›Wir schätzen, du bist reif für die Klapsmühle‹ zu- rückfallen ließ. Mehr als jeden wollte er sie auf seiner Seite wissen. Ein Teil seiner selbst gab Gemma wider alle Vernunft die Schuld an seiner Impotenz, und das brachte einen Strom, von Haß auf die Leute aus der Zukunft in Fluß, so heftig, daß er sich jetzt nur nach Gemma umzudrehen brauchte, das wußte er, und er würde etwas tun, das er später garantiert bereuen mußte, die Kontrolle verlieren. Er starrte ins Feuer und ließ vor- und zurückschaukelnd eine Flut von Verwünschungen auf Oscar und seine Leute los. Sollen sie doch zu subatomaren Partikeln zerfetzt werden, dachte er. Ich hoffe, mit uns allen ist bald Schluß… Kevin richtete sich auf und blickte auf seine nackte Brust hinunter, die vom Feuerlicht mit einem Bronzeton übergossen war, sah aber nicht das geringste. Er hatte Tränen vergossen. Bisher hatte er es sich selbst nie- mals eingestanden, aber er hatte eine recht erfolgreiche Karriere aufgegeben, sich mit seinen Tieren in die Wälder zurückgezo- gen, die Leute, mit denen er überhaupt noch zu tun hatte, kaum mehr als Menschen behandelt. Ein paarmal hatte ihn eine zu sich ins Bett gezerrt, aber er hatte nie auch nur daran gedacht, es nochmals ernstlich mit irgendeiner Frau zu versuchen – und alles wegen der Erinnerung an Gillian. Auf dieser Bahn der Isolation und wohlgepflegten Bitterkeit hätte er noch viele verschwendete Jahre weiterwandern und darauf warten können, daß der Kreis sich schloß. Nur Idealisten bewegen sich in Krei- sen, dachte er. Natürlich war nichts ausgelöscht oder in Ordnung gebracht. Seine Tränen waren kein Zeichen von Kummer. Mit dem hatte er sich schon lange arrangiert. Hier ist ein Neuanfang, dachte er. Wenn man Samen in die Erde bringt, muß man sich Zeit lassen. Bleib ruhig, Junge, laß es natürlich kommen. Er legte die Hände auf die Knie und stemmte sich hoch, bis, er auf wackligen Beinen stand. Dann ging er los, um die Vor- ratsflasche Whisky zu suchen. Als er zurückkam, war Gemma angezogen, hockte aber noch immer auf der mittleren Stufe vor dem Kamin, das Gesicht röter, als sich allein dem Feuerschein zuschreiben ließ. Ihr finsterer Blick war schief, weil sie den einen Mundwinkel nach innen eingesaugt hatte, die Augen geweitet und von zurückge- haltenen Tränen gerötet. Sie rückte keinen Millimeter zur Seite, als er sich setzte. Kevin stellte ihren Scotch neben ihren Fuß. Ein kräftiger, schmaler Fuß. Er hätte gerne ihren Spann geküßt. »Seit wann glaubst du, daß du ein Außerirdischer bist?« Er kämpfte die spontane Antwort zurück. So neutral wie möglich rückte er von ihr ab. Sie starrten in die Glut. Kevin griff nach der Feuerzange, und während er die brennenden Scheite sorgfältig ordnete, begann er langsam zu sprechen. »Falls ich verrückt bin, wird sich das auf die eine oder andere Art erweisen. Daß ich dich angeschrien habe, tut mir leid.« Er nahm einen Holzkloben, probierte eine Weile herum, stellte ihn schließlich wie ein Ei auf eine wacklige Ecke und stützte ihn mit brennenden Holzscheiten ab. Noch immer fühlte er sich am Rande der Hysterie. »Ich hatte nie Kontakt mit den Außerirdischen und hatte nicht einmal eine Vision, obwohl ich natürlich einige der Be- richte im Radio gehört habe. Ziemlich starker Tobak. Ich kann schon verstehen, warum viele da religiös werden. Aber es sind Außerirdische. Bald wird jeder das wissen. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Leute die religiöse Schiene verlassen.« Er hob den Abschnitt eines Kiefernstamms hoch, legte ihn, aber wieder zurück und entschied sich für einen weiteren klobigen Hartholzscheit, weil er den Geruch mochte. Das Heben im Sitzen war anstrengend für seinen Rücken. »Und genau darum bringe ich dieses Stück auf die Bühne. Ich bin kein Außerirdischer. Aber…« Er fegte verstreute Glut- stücke mit dem Kloben in seiner Hand zusammen, legte das zweite Holzstück quer übers erste, nahm hockend zwei weitere in die Hand und fiel auf die Kissen zurück. Beim Sprechen rieb er die beiden Scheite gegeneinander. »Als sie mich zum ersten- mal kontaktierten – den Wichtigsten nenne ich übrigens Oscar – benutzten sie Stimmen aus meiner Erinnerung. Die Stimme irgendeines Kindes. Martins Stimme. Damals waren es keine klaren Sätze, sondern meistens wirre Bruchstücke, die ich im Halbschlaf hörte. Für mich klang das lächerlich, wahrscheinlich weil es gereimt war. Es zeigt sich, daß Verse – also, alle wirksa- men musikalischen Elemente der Sprache – sich besonders gut zur telepathischen Kommunikation eignen. Rhythmus, Met- rum, Alliterationen und so weiter lassen das Gesagte tiefer und mächtiger wirken, sie sind nicht nur der Schönheit halber da. Was sage ich da? Du weißt das ja längst, oder? Die Geometrie hat eine emotionale Kraft, die weit über alle Worte hinaus in etwas zurückgreift, das man eine Traumzeit nennen könnte. Es lassen sich ganz normale, rationale Aussagen verwenden, aber erst muß man – darauf eingestimmt sein, und selbst dann kommen die Stimmen nur mit Mühe so deutlich durch, daß man sie hören kann. In der Vergangenheit physische Verände- rungen zu bewirken ist nahezu unmöglich. Also auf jeden Fall, ich verstand nicht, was Oscar mir sagte, weil er in albernen Reimen sprach, und außerdem war das, worum es ging, zu, phantastisch, um ihm Glauben zu schenken.« Kevin schlug die beiden Holzscheite gegeneinander und zwang sich zu den nächsten Worten, obwohl er wußte, daß es falsch war. »Und außerdem… … außerdem, weil ich, verdammt noch mal, mein Bestes ge- tan hatte, Martin Leywood zu vergessen. Und Gillian Portman Smith.« So schlecht war das gar nicht, dachte er, und warf einen Sei- tenblick auf Gemma. Sie schaute ins Feuer. »Daher stieg es als ein Impuls ins Bewußtsein, als ein Drang, zum Beispiel nach Melbourne zu fahren und Martin zu besu- chen. Bei den Produzenten die Runde zu machen. Dieser Teil verwirrt mich noch immer. Ich meine, warum überhaupt? Als ich ihnen schließlich nachgab und mich entspannte, bekam ich detaillierte Instruktionen und einige Erklärungen. Du wirst diesen Geldtransporter ausrauben, das Gewehr von hier be- kommen, das Auto von da, den Safe knackst du auf die und die Weise. Sie hatten die Vergangenheit bis in alle Einzelheiten ausgeforscht. Alles stellte sich als richtig heraus.« Seine Stimme klang jetzt belegt, dennoch kämpfte er sich rücksichtslos weiter. »Verstehst du – warum habe ich das ak- zeptiert, bevor es sich als richtig erwies? Warum bin ich der einzige, der diese Botschaften von… von den Menschen der Zukunft empfangen kann? – Weil ich in etwas verwandelt worden bin, das kein Mensch mehr ist!« Kevin drehte sich abrupt zu Gemma um. Sie wandte sich ihm mit verständnisvollen Augen zu. Sie hatte alles akzeptiert, ihr Lächeln sagte ihm das, und mehr als das. Er erhob sich halb, um sie in die Arme zu schließen., Doch dann kam ihm ein häßlicher Gedanke. Er war noch nicht zu Ende, er hatte ihr noch nicht alles erzählt, und doch nahm sie es so gelassen auf. Vielleicht wurde sie von etwas beeinflußt, das mehr seinen eigenen Erfahrungen ähnelte. Vielleicht machte der, der ihn überredet hatte, sich auch an ihrem Bewußtsein zu schaffen. Wild blickte er sich im Zimmer nach den Nebenwirkungen eines telepathischen Vorgangs um, nach einem sonderbaren Glimmen oder sogar Regen. Sein Kopf ruckte herum, er ließ die Holzscheite fallen. Er sprang auf die Beine. Gemma packte ihn an den Schenkeln. Kein Glimmen, nur das Feuer. Das hier war keine Auffüh- rung. Doch der Gedanke, daß jemand Gemmas Verstand mani- pulieren könnte, machte ihn unerträglich wütend. »Ich… ich muß hier raus.« Er machte kehrt, ohne auf ihre Hände zu achten, rannte aus der Tür und immer weiter. Ästchen stachen ihn in die Sohlen, Kies grub sich ein, doch er stürmte ohne Rücksicht weiter. Wieder erhellte ein fett leuchtender Mond seinen Weg und gab der Landschaft die Farbe von Kohle und Stahl. Die Puten ga- ckerten bei seinen Schritten; bald lag ihr Wellblechstall hinter ihm; er war im Busch. Die Augen eines Beuteltiers huschten beiseite. Zweige und Blätter peitschten und zerkratzten seinen nackten Körper, sein Gesicht, Arme und Beine. Er rannte, bis kein Zeichen menschli- cher Zivilisation mehr zu sehen war –, was nicht sonderlich weit war. Schließlich ließ er sich, ein Baumstämmchen mit beiden Händen umfassend, zu Boden gleiten. Der Eukalyptus fühlte sich glatt und fest an. Auf den Knien klammerte er sich daran, fest. Gemmas Rufe wurden lauter und zogen vorbei. Er blieb knien. Abwechselnd durchschossen ihn Zorn und Verzweif- lung. Seine Augen waren auf einen Tümpel von Mondlicht am Rande einer kleinen Lichtung hinter seinem Baum gerichtet, nur so, weil er ja irgend etwas anschauen mußte. Die von Insek- ten in die hellen Stämme gefressenen Rillen, von denen diese Eukalyptusart ihren Namen hatte, wirkten wie eine Schrift, die er beinahe lesen konnte. Schließlich hörte Gemma mit Rufen auf. Der Wald war still. Ein Rascheln trockener Blätter ertönte aus der Dunkelheit auf der anderen Seite der Lichtung. Kevin schaute auf. Zeit war vergangen, der Mond war ein wenig gewandert. Ein kleiner Wombat, ungefähr so groß wie eine Weinkiste, watschelte in den milden Lichtschein hinaus. Sein Haar glänzte silberfarben, die Augen waren wie aus leuchtendem Messing. Kevin stand nah genug, um das Schnobern seiner feuchten Nase zu hören, seine Ausdünstung zu riechen. Das Tier hatte ihn offensichtlich nicht bemerkt. Glücklicherweise stand Kevin gegen den Wind. Wie um ihn einen Narren zu nennen, hob der Wombat die stumpfe Schnauze und schien mit zuckenden Stummelohren Kevin in knurriger Wombat-Gleichmut anzustarren. Die Zeit verlor jede Bedeutung. Der Wombat, alt genug, seine kindliche Gutmütigkeit verloren zu haben, aber zu jung für die aufbrau- sende Reizbarkeit des ausgewachsenen Tieres, schaute ihn so lange an, daß Kevin sich allmählich fragte, ob er wohl gänzlich natürlich war. Würde ihm vielleicht noch einmal etwas zusto- ßen, was nichts mit dem Schicksal der Menschheit zu tun hatte? Allein schon der Gedanke reichte, um einen in den Wahnsinn, zu treiben. Doch was könnte so einen ausgeflippten Franken- stein wie ihn besser trösten als der robuste Pragmatismus eines Wombat? Wie um ihm zu sagen, was er von solchen selbstüberhebli- chen Grübeleien hielt, verschoß der Wombat eine säuberliche Ladung vegetarischer Köttel. Er trat weiter auf die Lichtung hinaus und blieb dann stehen, witterte in die Luft und stieß ein übellauniges nasales Grollen aus. Wieder witterte er, wackelte näher, und jetzt endlich sah er Kevin. Er machte kehrt und trottete in die Dunkelheit davon. Kevin lächelte. Das Tier hatte nicht im geringsten in die Tie- fen von Kevins Seele geschaut. Es war ein Wombat. Einfach nur ein Wombat. Mehr nicht. Kevin versuchte aufzustehen, stellte aber fest, daß seine vom Hocken verkrampften Beine und Füße ihn nicht trugen. Er stolperte vorwärts, gegen den Eukalyptus, und schlug sich kräftig den Kopf an. Das war zuviel. Er lachte. Er hielt sich am Baum fest, um nicht umzufallen, und machte sich vor Lachen fast in die Hosen. Er lachte, bis er keine Kraft mehr hatte, keuchte und hämmerte mit den Fäusten auf den Baumstamm ein. Bald konnte er wieder halbwegs stehen, machte kehrt und schwankte torkelnd nach Hause zurück. Wie betrunken fiel er in Büsche hinein, rempelte Bäu- me an, fügte sich eine Reihe recht übler Kratz- und Schürfwun- den zu, doch das war ihm piepegal. Als er wieder vor der geöffneten Tür stand, waren die Lichter an. Gemma saß auf der Couch, den Rücken ihm zugekehrt, und sah auf seinem winzigen Schwarz-Weiß-Gerät einen Film, der nach Tarkowskij aussah. Kevin lehnte sich gegen den Türpfos- ten und schaute ihr beim Schauen zu. Auf der einen Seite ihres, schlanken Halses standen die Muskeln heraus, weil sie den Kopf fast bis zur Schulter geneigt hielt. Das eine Bein untergeschla- gen, das Kleid am anderen Schenkel so weit hochgerutscht, daß er das Fehlen der Unterwäsche bemerkte, wirkte sie so ent- spannt und geduldig, daß er sich als noch größerer Blödmann fühlte. Am liebsten hätte er sich an diesen Schenkel geschmiegt. Plötzlich fühlte er sich so nackt, wie er war, und sehr verle- gen. Ihm fiel eine Arbeitshose ein, die vor Wochen auf der Leine hängengeblieben war. Leise zog er sich zurück. Das Wasser im Tank war kalt. Seine Schnitte und Schürfun- gen brannten, doch die Beule auf seinem Scheite] fühlte sich nach der Dusche besser an. Er trocknete sich mit einem T-Shirt ab und kehrte zum Eingang zurück. Gemma stand in dem Rechteck aus Licht und erwartete ihn. Sie umarmten sich. Wieder lachte Kevin, einfach weil er sich glücklich fühlte. Er war er selbst, was immer man mit ihm angestellt hatte. Sie glaubte ihm. Na und? Sie mochte ihn. Konnte er das nicht akzeptieren? Erst ärgerst du dich, weil sie dir nicht glauben will, und dann kriegst du einen Wutanfall, weil sie dir glaubt. Also ehrlich, Kevin! Sie küßten sich. Beim Auseinandergehen sah Kevin Gemma fest in die Augen und fragte: »Wirst du meine Freundin bleiben, was auch immer passiert?« »Natürlich, du Dummkopf.« »Du mußt dich fragen, warum ich weggerannt bin.« »Nein. Wenn ich mich jedesmal bei so einer Gelegenheit auf- regen würde, wäre ich inzwischen ein Wrack.« »Laß uns was trinken.« »Klingt gut.«, »Ich habe einen Wombat gesehen.« »Du hast wohl eher weiße Mäuse gesehen.« »Nein, wirklich!« »Aha.« Drinnen erwies es sich dann nicht als schwierig, ihr das zu zeigen, was er ihr seiner Meinung nach vielleicht schon früher hätte zeigen müssen. An seinem Unterarm war ein ordentlicher Kratzer von seinem nächtlichen Ausflug, und zu Gemmas Ekel quetschte er daran herum. Eine Linie strahlend blauer Tropfen trat heraus. »Siehst du jetzt, warum ich so verrückt war? Das hier trock- net wie normales Blut. Oscar und seine verdammten Techno- kraten haben mich verändert. Verstehst du – es kostet ungeheu- re Mengen an Energie, etwas in die Vergangenheit zu schicken. Sie sind sich nicht einmal sicher, ob es möglich ist, Gegenstände zu transportieren. Aber sie können Dinge verändern. Sie haben ein Virus verändert, und hier bin ich.« »Mein Gott! Sie haben dir eine Krankheit angehängt?« »Eigentlich nicht. Das Virus hat es ihnen ermöglicht, größere Veränderungen in meinem ganzen Organismus vorzunehmen. Sie haben mich von Kopf bis Fuß, von A bis Z in einen Androi- den verwandelt.« »Und deswegen kannst du mich nicht ficken? Wegen deinem A…« »Ich weiß nicht, ob ich noch ficken kann. Also, ich glaube vielleicht schon, aber ich dachte mir, vielleicht hättest du nicht gern eine Maschine in dir drin.« »Schlägt jeden Vibrator, Junge.«, »Das weiß du noch nicht.« »Mhm?« »Mhm.« »Mhm!« »Mhm.« »Ich liebe dich, Kevin.« »Sag das nicht.« »Ich sage, was ich will!« Sie stand auf und kehrte sich zur ge- öffneten Tür. »ICH LIEBE KEVIN GORE!« schrie sie. »Du verscheuchst die Wombats.« »Hast du wirklich einen Wombat gesehen?« »Wirklich. Er hat mir eine Lektion über melodramatisches Getue erteilt. Er, wohlgemerkt.« Sie kam zurück und beugte sich über den Küchentisch. »Wa- rum also haben sie das mit dir gemacht? Um dein Liebesleben zu ruinieren?« »Ich bin ein Gerät, um den Außerirdischen Botschaften zu- kommen zu lassen.« »Das ist ein bißchen weit hergeholt.« »Ich bin froh, daß du das sagst. Aber verstehst du, obwohl ich grundsätzlich noch immer organisch bin, habe ich das gleiche Ding in mir drin, das Enzo während des Sturm verwen- det hat. Mein Nervensystem und mein Gehirn haben dieselben Windungen wie das Gerät, und die Energie kommt aus der Aufführung tiefer, symbolischer Strukturen. Man kann mich verwenden, um sozusagen eine Gehirnwäsche bei Leuten durchzuführen, die allerdings nicht lange vorhält. Das… das möchte ich mit dir nicht machen.«, Gemma verengte die Augen. »Du bist ein kluger Mann«, sag- te sie. »Äh… Ich möchte dich nur Budge nennen dürfen. Was auch immer das bedeutet.« »Nein, klug in dem Sinne, wie die Aborigines es verwenden. Klug sein heißt, übernatürliches Wissen besitzen. Vielleicht hast du magische Kräfte.« Kevin runzelte die Stirn. »Das ist nicht dasselbe. Die Menschheitsgeschichte bewegt sich nicht im Kreis.« »Natürlich nicht. Also: Zunächst einmal hat Enzo das Ding benutzt, um euch alle zur Teilnahme an dieser Aufführung zu bringen, und später wahrscheinlich, um euch zu beruhigen, als die Unfälle passierten.« »Verstand wie ein stählernes Fangeisen.« Kevin schenkte großzügig Lagavulin ein. »Wahrscheinlich hat er es auch be- nutzt, um uns am Plaudern zu hindern, nachdem Packett uns aufgeklärt hatte.« Er saß da und schaute auf sein Glas. »Warum hast du es dann nicht bei den potentiellen Produ- zenten von Martins Stück angewendet?« »Es hält nicht vor. Außerdem…« – Kevin kostete einen Mo- ment lang den Torfgeschmack des Whiskys – »war das für den Erfolg unseres jetzigen Projekts notwendig. Inwieweit, weiß ich auch nicht.« »Meinst du, die Amerikaner hatten genau so ein Ding wie Enzo? Das würde seinen Gebrauch als Waffe erklären.« »Mm! Noch etwas deutet in diese Richtung, von diesen bei- den Besuchern vom Typ Jehovas Zeugen damals einmal abge- sehen. Wenn Enzo total verschmurgelt war und seine Ausrüs- tung schon in den ersten paar Minuten der Flut futsch, warum, dann diese surrealen Erscheinungen bei Robyns Tod? Martin sah, daß sie glühte und mit ihm sprach. Ich sah sie als Motte, die auf heißer Glut verbrennt… Die hatten ihr eigenes Gerät. Wahrscheinlich, um das Signal von Enzos Gerät zu blockieren, aber die beiden Geräte zusammen bauten aus der Aufführung – und die war 'ne Wucht – ein solches Potential auf, daß alles kaputtging. Es hatte ja vorher auch immer atmosphärische Störungen gegeben, wenn es nachweislich benutzt wurde. Vielleicht haben diese Schweine das sogar gewußt und die plötzliche Überschwemmung absichtlich erzeugt, um ihre Spuren zu verwischen.« Gemma hatte ihren Whisky vergessen. Jetzt setzte sie sich Kevin gegenüber und nahm ihr Glas in die Hand. Sie lehnte sich gegen den knarrenden Stuhlrücken, hob das Glas an die schma- len Lippen, trank aber nicht. Ein ernster Blick huschte über ihr aknezernarbtes Gesicht. »Ich dachte, du wärst ein bißchen daneben. Diese Typen müssen absolut durchgeknallt sein.« »Ich weiß nicht. Vielleicht sind sie einfach böse.« Kevin trank einen Schluck von seinem Scotch. Er verzog das Gesicht. Gemma hatte noch immer nichts getrunken. »Wenn sie ir- gendwo noch ein eigenes Gerät gelagert haben und wissen, was Enzo vorhatte, dann werden sie möglicherweise versuchen, auch bei dir dazwischenzufunken? Du brauchst mindestens drei Probewochen bis zur Übertragung, oder? Vielleicht kommen sie dahinter.« »Ich weiß es nicht. Aber du hast recht, ich kann ein Stück nur bei seiner Aufführung übertragen. Man muß wirklich in dem drin stecken, was man sagt, und das braucht vielleicht länger als drei Wochen. Ich freue mich, daß du es für ein gutes, Stück hältst. Vielleicht verkürzt das die Sache.« »Na schön.« Gemma streckte Kevin ihr Glas entgegen. »Kei- ne Versteckspiele mehr. Und vergiß die Anstandsregeln.« »Yeah. Ein guter Witz.« »Laß uns schlafen gehen«, sagte Gemma und leckte sich die Lippen. »Äh?« »Ich verspreche dir, dich nicht zu belästigen.« Sie gingen schlafen.,

ZWEIUNDZWANZIG

················································································································· Beim Autoverleiher warfen sie einen einzigen Blick auf seinen Rollstuhl und beschlossen, ihm den besten behindertengerech- ten Wagen zur Verfügung zu stellen, den sie auftreiben konn- ten. Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte er sich nicht beschweren. Zum Teil lag das daran, daß er dem jungen Kerl, der ihn bediente, gefiel. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ein Soziologiestudent der Uni Melbourne, der Muskeltonus kaum der Rede wert, leise Stimme, große braune Augen, lässig langes, orangefarbenes Haar. Die Industrieprodukte in Nase und Lippen des Jungen sprachen Jay allerdings nicht an. Beim Küssen würden sie klimpern. So wartete er also so geduldig wie möglich, und selbst als klar war, daß ein Wagen erst um zwei- undzwanzig Uhr dreißig zur Verfügung stehen würde, machte er niemanden zur Schnecke, obwohl sein Abschlußtreffen mit der CIA Melbourne höchstens bis neun dauern würde. Er bedankte sich für eine Tasse Kaffee und plauderte mit Kim, so hieß der Junge – über was wohl? Über Martins Buch. Alle Reize dahin. Eine sichtlich gelesene Ausgabe des billigen Taschenbuchs lag neben ihnen auf der rauhen Theke aus Schnellwuchsholz, Martins schmales, verbindliches, leicht sorgenvolles Gesicht durch die Aufschrift: ›Demnächst im, Kino‹, beinahe zweigeteilt. Der Junge erkannte Jay nicht. Bei Interviews hatte man Jays Gesicht mittels eines Joe-Bloggs- Computerbilds sorgfältig kaschiert. Nicht deshalb war er ner- vös. Nachdem er seinen Besuch bei Gore drei Wochen lang aufgeschoben hatte, um Caroline Walsh bei der Werbekampag- ne für das Buch zu helfen, konnte man natürlich die Meinung vertreten, auf ein paar Stunden käme es jetzt auch nicht mehr an; andererseits könnte man behaupten, daß mit Martin Ley- woods Berühmtheit auch die Gefahr für Kevin wuchs und daß etwas zu seinem Schutz unternommen werden mußte, bevor irgend jemand dahinter kam, daß das von Jay verbreitete Ge- rücht, Kevin halte sich irgendwo in Melbourne versteckt, nichts als eine Finte war. Wenn Jay jetzt gleich in einem Pub um die Ecke seinen alten CIA-Kumpel traf, geschah das in der Absicht, sowohl Kevin als auch Martin und Caroline zu schützen, doch wie sorgfältig er seine Mischung aus Lügen und Diplomatie auch angerührt hatte, niemals würde Jay darauf vertrauen, daß die CIA hier einfach die Fühler einzog. Er war nicht gereizt genug, um jetzt beim Autoverleiher Krach zu schlagen – aber seine Freude an Kims schmeichelhafter Aufmerksamkeit war sehr gedämpft. Der Junge hatte in The Australien gelesen, der alte Noam Chomsky habe sich hinter Martins Anklagepunkte gestellt. Kim selbst hatte keine Vision gehabt, kannte aber Leute mit der entsprechenden Erfahrung. Jay wechselte das Thema und fragte, ob die vegetarischen Gerichte in dem Pub, das er für das Treffen ausgewählt hatte, wohl okay seien, wobei er sich sehnsüchtig überlegte, wie ein Abend mit Kim wohl aussehen würde. Endlich kam die Zeit für seinen Termin mit Warner. Als er, unter einem streifig orangefarbenen Sonnenuntergang den Bürgersteig entlangrollte, führte Jay sich die Erfolge der letzten Wochen vor Augen, um sein Selbstvertrauen zu stärken. Als Atheist in der CIA hatte er nie mit irgendwelcher Verzagtheit zu kämpfen gehabt; wenn überhaupt, hatte er unter einem Zuviel an Selbstvertrauen gelitten. Einen Moment lang blieb er stehen und sah einer italienischen Witwe zu, die in dem war- men Licht den Bürgersteig fegte und wischte. Abgesehen von der Verzögerung seiner Pläne bezüglich Ke- vins entwickelte sich alles bestens. Caroline hatte sich kluger- weise jedwelcher Bemerkung über Besucher aus dem Weltraum enthalten, bis Martins Buch zehn Tage nach der ersten Presse- ankündigung erschienen war. Nach einer Reihe von Zeitungsar- tikeln waren parlamentarische Anfragen bezüglich der Knebe- lungstaktik gestellt worden, mit der die CIA vor elf Jahren Polizei und Presse in Schach gehalten hatte. Die US-Regierung bestätigte in ihrem Dementi dann, daß tatsächlich ein Telepa- thie-Gerät Ursache der weltweiten Störungen war. Es folgte eine Untersuchung des Senats. Die Independent Coalition in Austra- lien schrie nach einer Untersuchungskommission. Jay mußte nur ein paar vorsichtige Interviews geben und etwas über seine Verhandlungen mit der CIA durchsickern lassen, um die Glaubwürdigkeit von Martins Buch zu untermauern. Die Leute lasen das Buch und kamen ganz von allein zu dem Schluß, daß die unverständliche Qualität der Visionen das bestätigte, was bisher nur eine absolute Minderheitsmeinung gewesen war: Außerirdische. Enzo Carmoni hatte auf die Sterne gezielt, und etwas antwortete. Ein paar Geistesblitze verbanden sogar den Regen oder Wind, der immer in Verbindung mit den, Visionen auftrat, mit der flutartigen Überschwemmung, die den größten Teil der Besetzung von Der Sturm dahingerafft hatte. Kaum mehr als drei Wochen waren nötig gewesen, um aus Martin einen Nationalhelden zu machen. Jay bemerkte, daß die Witwe nicht mehr wischte. Zuerst dachte er, sie starre ihn an. Nein, sie schaute an seiner rechten Schulter vorbei in die Luft. Schaudernd verdrehte sie die Aug- äpfel. Auf die Witwe und auf Jays Nacken prasselten ein paar Regentropfen nieder. Beim Vorbeirollen bemerkt Jay das silberne Kruzifix zwi- schen den Brüsten der Witwe und fragte sich, welche Bilder jetzt wohl durch den Kopf der Frau tanzten. Hatten die Me- diengurus recht? Hing das, was man sah, von den eigenen Voraussetzungen ab? Hatte Jay schließlich doch nicht den Teufel gesehen? Wenn sie recht hatten, würde diese geborene Katholikin vielleicht als fanatische Atheistin aufwachen. Jay würde nicht hierbleiben, um das herauszufinden. Nach ein wenig Smalltalk und ein paar Lügen ließen sie sich vor großen Schüsseln Reis mit gebratenem Gemüse und so weiter nieder. Der Mann hatte Hunger, hatte offensichtlich hart gear- beitet. Nicht an den Verhandlungen mit Jay: Bei der Einwilli- gung, bestimmte Leute in Ruhe zu lassen, ging es nur um ein Nicht-Tun. Jay beschloß, ihm nicht zuzusetzen und abzuwar- ten, ob er freiwillig mit irgend etwas herausrückte. Sie zogen sich von der Theke zurück und setzten sich zum Kaffee an ein Tischchen, bevor sie weiter sprachen. »Na schön«, sagte Warner und zündete sich einen Joint an, »einverstanden. Du bezeugst, daß die Entscheidung, den, Thoughtboost einzusetzen, auf rein lokaler Ebene gefällt wurde, und wir kümmern uns nicht mehr um die Sache. Schließen die Akte.« »Okay«, sagte Jay. Das Marihuana seines Gegenübers stank. Jay widerstand dem Impuls, auf die Uhr zu schauen, und lächel- te weiter gutmütig in das breite Gesicht des Mannes. »O Mann, du solltest Burroughs sehen. Damals war er zwar nur Sektionschef für Tasmanien, und Pinkers ist schon lange tot, aber sie machen ihm wirklich die Hölle heiß. Jetzt hat er Angst, daß Washington die ganze Abteilung über die Klinge springen läßt. Und weg ist seine Pension!« »Also wirklich«, sagte Jay. »Ja. Und inzwischen ist der Thoughtboost zwar vielleicht ge- storben, aber wir haben einen Berg von Observationen zu erledigen. Das ist zuviel für Burroughs. Der kann nur in Ärsche kriechen und Geschichten von Vietnam erzählen. Australien hat er sich ausgesucht, weil das so eine nette kleine Abteilung für seine letzten Dienstjahre abgeben sollte. Mann, die machen Kleinholz aus ihm! Washington hat diesen ganzen Scheiß über Außerirdische nicht so recht geschluckt, und jetzt lassen sie jedes CIA-Büro von hier bis Island nach selbstgebastelten Thoughtboost-Geräten durchsuchen.« Jay nickte. Das schien wahrscheinlich. Doch hinter Warners Augen lag eine Lüge, die er nicht einordnen konnte. »Und wenn wir damit fertig sind, muß ich in so ein verfluch- tes Provinznest in New South Wales rausgurken, um selbst nach diesen Dingern rumzuschnüffeln! Ist das nicht ein Scheißleben, hä?« Jay fuhr zusammen. Für ihn bedeutete New South Wales Ke-, vin Gore. Das war Paranoia, bestimmt, aber wenn man mit der CIA zu tun hatte, konnte man gar nicht paranoid genug sein. Sein alter Kumpel bemerkte Jays Angst nicht. Er zählte ihm die Leute auf, die aus Jays Zeit noch da waren, und gab dann eine plastische Schilderung von Burroughs Angstanfällen. Jay seiner- seits heuchelte Erstaunen, wie schnell der Abend verflogen sei, und ließ ein klein wenig Langeweile an Warners Büroklatsch durchblicken. Dann erfand er irgendeine heiße Verabredung in einem Nachtclub, lehnte Warners Angebot ab, ihn im Auto mitzunehmen, und verabschiedete den Wegfahrenden. Als er von der Rampe des Pubs auf die Straße hinunterrollte, hörte er auf der Gasse nebenan wütendes Geschrei. Und eine einzelne, angsterfüllte Stimme. Sein erster Impuls war, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, das Auto zu holen und mit dem weiterzumachen, was er derzeit für seine Aufgabe hielt. Wo ist denn jetzt deine hochfliegende neue Moral? ver- spottete ihn da ein Teil seiner selbst; er hielt abrupt an. Statt sich jedoch sofort Hals über Kopf in die Gasse zu stürzen, wartete er noch ab, die großen Hände über den Hinterrädern in der Schwebe, um zu hören, worum es ging. Die Worte, »hab Dinge geseh'n, du verdammter Scheißer«, hatten sich aus dem Strom gebräuchlicherer Beschimpfungen herausgelöst. Er ließ sich in den Rinnstein der Gasse rollen, um mehr zu hören. »Homofotze.« Eine nasale, unverkennbar australische Stim- me. »Die Fotzen scheinen deine Manie zu sein.« Der mit der ver- ängstigten Stimme, offensichtlich ein gebildeter junger Typ, versuchte cool zu klingen. »Inzwischen benutzt du das Wort schon zum siebten Mal.«, »Na un', Fotze, magste nich', hä? Du schwule Sau!« Beim letz- ten Satzfetzen hob sich die erste Stimme hysterisch. Anschei- nend hatte das Opfer einen Nerv getroffen. »Was ich geseh'n hab', geht nur mich was an, Schwuli, un' ich brauch kein schwu- les Psycho-Gesabbel, was ich geseh'n hab. Du schwule Fotze. ›Eine höhere Form von Lebensform‹, die hat Kontakt zu mir gehabt, un' was hat se mir gesagt: So schwulen Besserwissern wie dir soll ich die verdammte Birne zermatschen! Is das kein guter Rat? Sabbel also nich rum, was das bedeutet, ich weiß es nämlich schon, mein kleiner Snit hat's mir gesagt. Es ist eine höhere« – ein dumpfer Schlag war zu hören – ›Form‹ – wieder ein Schlag – »von Lebensform.« Jay wartete nicht, bis der nächste Schlag fiel, sondern war bis zum Ende der Gasse gerollt und bereit für einen Kampf, bevor er auch nur darüber nachgedacht hatte. Erst als er am Ende der Sackgasse angelangt war, wurde ihm klar, daß ihm drei entge- genstanden, große, gemeine Typen, und daß er, Wettkampfme- daillen hin oder her, nur so ein Behinderter im Rollstuhl war. Aus einem Riß unterhalb der feingeschnittenen Nasenflügel des Jungen, wo ihn ein Ring oder ein Fingernagel erwischt hatte, quoll Blut, ansonsten wirkte er aber unverletzt. Er rieb sich das Kinn mit zitternder Hand und atmete keuchend. Während Jay von hinten an die Angreifer heranrollte, nahm er die Züge des jungen Manns in sich auf, als betrachte er ein Foto. Also, wenn der Junge nicht schwul war! Oder war das nur Wunschdenken? Doch da war etwas in der Art, wie seine hohen Wangenkno- chen und die flachen Wangen im Straßenlicht schimmerten, in der Art, wie er seinen großen Kopf hielt. Ein hochgewachsener,, gutgebauter junger Mann, vielleicht Student, mit glattem, kurzgeschnittenem schwarzen Haar, das aber an den Schläfen lang auslief, wie es vor ein paar Jahren Mode gewesen war. Seine schwarzen Jeans und sein T-Shirt hingen an ihm herun- ter, als habe er nur Geringschätzung für Körperübungen, die seine breite, australische Gestalt in eine gottgleiche Figur ver- wandelt hätten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Jay spürte, wie ihm das Blut in den Hals schoß, und seine Hände brachten die Räder des Rollstuhls zu einem Stop, außer sich vor Zorn bei dem Gedanken, daß jene Schweine es gewagt hatten, diese Schönheit auch nur anzurühren. In der Ausbildung hatte man Jay immer wieder davor zu- rückhalten müssen, sich Kopf voran in Schwierigkeiten zu stürzen. »Du hast zuviel Schneid«, hatte sein Ausbilder ihn gemahnt. »Eines Tages wird dich das noch umbringen.« Das war im Dienst auch beinahe passiert, viele Male. Und jetzt war es wohl endgültig soweit. Er beherrschte sich. Sie hatten Jays Annäherung noch nicht bemerkt, doch gleich mußte es so weit sein. »LAUF!« schrie er, und während die Angreifer zu ihm her- umwirbelten, gab er seinem Rollstuhl einen Stoß nach vorn und griff im letzten Moment mit der zur Klaue gebogenen Hand nach den Eiern des Kerls, der dem Jungen den Fluchtweg versperrte. Das arme Schwein schaute nach unten – zu spät. Jay stieß ihn mit dem Ellbogen beiseite und floh in Richtung Straße. Der hübsche Junge zauderte wie ein Kaninchen, schaute in alle Richtungen, bevor er hinter Jay herrannte. Während Jay mit den mächtigen Armen die Räder vorwärtsstieß, drehte er den, Kopf und sah, wie einer der Angreifer nach dem Jungen griff, ihn aber um Haaresbreite verfehlte. Er hörte das schnelle Ge- klapper von Strandschuhen auf nassem Asphalt und sah dann, wie der Junge an ihm vorbeisprintete und in die hell erleuchtete Straße zum Pub hin einbog. Gut. Der Junge hatte Verstand. Wenn es Jay jetzt noch ge- lang, seine Verfolger bis zur Ecke abzuhängen, war er gleichfalls in Sicherheit. Einer von ihnen hatte einen Griff seines Rollstuhls erwischt. Die verdammten Dinger! Mit aller Kraft ruckte Jay das rechte Rad vorwärts. Der Angreifer hielt weiter fest. Jay packte beide Räder so fest er konnte und versuchte, sie über die verbleibenden zwei Meter bis ins Licht zu zerren. Vielleicht würde da vorn jemand anhalten oder die Polizei rufen oder was auch immer. Kaum noch mehr als ein Meter… Er hatte es ins Licht geschafft, aber das half ihm nichts. Ein paar Block weit lag die Straße auf beiden Seiten völlig verlassen da. Also mußte er sich zum Kampf stellen. Humorlos grinsend drehte er sich um und sah eine behaarte Faust ausholen und auf sich zusausen. Nur einen Moment später schossen ein schwar- zer Strandschuh und schwarzbejeanste Beine an seinem Blick- feld vorbei. Die waren mit dem Grinsegesicht hinter ihm ver- bunden. Der Aufprall wischte das Grinsen aus dem Gesicht. Der Junge war um die Ecke geschlichen und zu Jays Rettung gekommen. »Komm!« schrie er Jay zu. Als Jay die Räder seines Rollstuhls wirbeln ließ und die Ram- pe zum Pub hochschoß, konnte er sich den Gedanken nicht verkneifen, daß die Stimme des Jungen, dringlich wie sie ge- klungen hatte, genauso schön war wie sein Gesicht., »Wie heißt du?« fragte der Junge einfach, ein feuchtes Tuch rechts gegens Kinn gepreßt. Als Jay ihm seinen Namen nannte, meinte er: »Klingt wie Dickens geht nach San Francisco.« Er lächelte. Der Junge hieß Geoff Barton, wie Jay erfuhr. Er war tatsäch- lich Student, an der Universität Melbourne. Und er war schwul. »Solche Typen«, meinte Geoff. »Ich dachte, die wären ausge- storben. Zumindest hier.« »Was für Typen?« fragte Jay, leerte die letzten Tropfen Bier in sein Glas und gab dem Barmann die Flasche zurück. »Typen, die Schwule ticken. Ich meine, als ich von Tasma- nien nach Melbourne zog, gab es hier keine mehr, aber dieser Kerl hat eine dieser Visionen gehabt, und da muß er den Auf- trag gekriegt haben, Schwule zu klatschen.« Er lachte. »Be- stimmt war er schon vorher ein Arschloch, aber diese Visionen müssen wirklich mächtig sein, um jemanden zu so was zu bringen.« Endlich setzte er sich an Jays Tisch, ihm gegenüber. »Ich habe gehört, was er dir zugebrüllt hat«, meinte Jay. »Deshalb bin ich dich holen gekommen.« Er lächelte Geoff an. Geoff lächelte zurück. »Diese Visionen sind ganz schön starker Tobak. Ich hatte eine, als ich noch in den Staaten war.« »Ehrlich?« Geoff ließ das Tuch auf den Tisch fallen. »Wie war das? Erzähle!« Seine braunen Augen leuchteten fasziniert. »Also… Ich weiß nicht, ob das Arschloch da draußen seine Vision richtig interpretiert hat, wenn sie für ihn bedeutete, daß er rausgehen und Schwule zusammenschlagen soll.« Er rieb seine in Falten gelegte Stirn. »Ich weiß auch nicht, ob ich meine Vision richtig interpretiert habe. Aber sie war mächtig. Gott- verdammt mächtig.« Er lächelte über Geoffs offensichtliche, Enttäuschung. »Ich habe den Teufel persönlich gesehen.« Jay erzählte Geoff, was er gesehen hatte. Und wie es ihn be- kehrt hatte. Das bedeutete, daß er seine eigene schwule Veran- lagung offenlegen mußte, aber, zum Teufel, das bereitete ihm sogar Vergnügen, wie er sich ehrlich eingestehen mußte, und er beobachtete die Augen des Jungen, als er davon berichtete. Es war das zweite Mal in genauso vielen Wochen, daß er diese Geschichte erzählte. Als er geendet hatte, wußte er nicht recht, ob der Junge ihn für verrückt hielt. Aber zweifellos war Geoff noch immer fasziniert. »Ich muß jetzt los«, sagte Jay nach einem Blick auf die Uhr. »Hab was in New South Wales zu erledigen. Gib mir deine Adresse, Geoff. Wenn ich zurückkomme, können wir zusam- men einen trinken gehen.« Sie tauschten Adressen aus. Geoff bedankte sich bei ihm. Jay bedankte sich bei Geoff. Und als er sich abwandte und zur Tür rollte, wurde Jay bewußt, daß diese Beziehung vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben über einen One-Night-Stand hi- nausgehen würde. Vielleicht war er dabei, wieder einen Platz in der Welt zu finden. Bedeutete das Entsetzliche, das er über den Wüstenhimmel hatte schreiten sehen, mehr als eine Botschaft Gottes? Vielleicht stand es für das, was er selbst gewesen war, als er noch für Uncle Sam arbeitete: Eine alptraumhafte Gestalt, ein Seelenräuber. Oder stand es vielleicht eher für Uncle Sam, ein Land, das aufgrund seiner schieren Größe nicht mehr zu regieren war, das sich nur noch um seine eigene Verewigung kümmerte und die Idee von Freiheit und Individualismus heimtückisch ausnutzte, um genau das Gegenteil zu fördern? War das der feurige Kannibale, den er gesehen hatte., Nun schön, wenn er einen Schlupfwinkel für Kevin Gore ge- funden hatte und zurückkam, würde er Geoff anrufen, und sie würden einen genaueren Blick darauf werfen. Der Junge war intelligent. Und Jay wäre über eine hilfreiche Hand entzückt – insbesondere über eine so anmutige, schlanke.,

DREIUNDZWANZIG

················································································································· Der erste echte Herbststurm brauste ohnmächtig gegen die Fenster. Als Martin entdeckte, daß diese sich nicht öffnen ließen, wurde es ihm ganz flau im Unterleib, obwohl doch die Klimaanlage das Neueste vom Neuesten war und eine ganze Wand des Hotelzimmers verschönte. Die Luft roch haargenau wie ein Campingplatz in Wilson's Promontory National Park mit allem Drum und Dran, dem Geruch von feuchten Blättern, Meeresgischt, Beuteldachs und sogar einem gelegentlichen Hauch von Lagerfeuer (natürlich karzinogenfrei). In einem Versuch, seine Angst vor dem Eingeschlossensein zurückzu- drängen, nahm Martin sich die Liste der Fragen für das heutige Fernsehinterview im Abendprogramm, in Two Thousand Seconds, vor. »Ach, Gott«, flüsterte Martin. »Ach Gott.« Für die Fragen, an denen er vielleicht Anstoß nehmen könnte, waren Alternativen vorgesehen. Dennoch hatte er keine Möglichkeit, sie daran zu hindern, die Bezeichnung ›tragische Beziehung‹ für seine Romanze mit Robyn zu verwenden. Sie versuchten ihr Bestes, ihn zum Anti-Helden zu stilisieren, als wäre er direkt einem Roman entsprungen. Nun schön, Martin hatte den Roman ja geschrieben. Alle Reize dahin. Wie er da an diesem reichverzierten Snit-Cum-Schreibtisch saß, den Top des ›Re-, gent‹ so nah wie verdammt noch mal möglich, entwickelte Martin allmählich Wertschätzung für den ungeheuren Trost, den seine Rolle als unbekannter Verrückter ihm gewährt hatte. Heute dagegen nickten alle ernsthaft, lobten das Buch, das Caroline im Gefolge ihrer Enthüllungen (›Ex-CIA-Agent klagt an: US-Geheimwaffe verursacht Visionen‹) durch die Druckle- gung gejagt hatte, und trippelten zimperlich um seine echten und eingebildeten Narben herum. Martin las noch einmal, was er geschrieben hatte (Auwei!), durchforschte seine Erinnerun- gen – und war peinlich berührt. Ein anderer Mann war das gewesen, der es für nötig befun- den hatte, seinen Obsessionen in Druckerschwärze Luft zu machen. Ein jüngerer Mann. Nach dem Streit mit Jay Schnarler, der sowohl Martins Version bestätigte als ihn auch durch sein völliges Fehlen von Bitterkeit überrascht hatte, hatte Martin Salisbury Cottages endgültig den Rücken gekehrt und sich ein Auftreten in einer neuen, gefestigteren, trockeneren Version des alten Martin Leywood zugelegt, das durch einen natürlichen Prozeß von Wachstum und Vergessen eher auf die Erwartun- gen anderer zurückgriff als auf den echten, damals jungen Mann. Der frühere Martin hatte sich als der Exzentriker par excellence gegeben; wie Martin sich jetzt als der ›Prophet aus der Wüste‹ machen würde, war ihm nicht klar. Das Kostüm paßte nicht. Er mochte diesen Mann nicht einmal. Er strich die schlimmsten Fragen sauber durch, kreuzte die- jenigen Alternativen an, gegen die er die wenigsten Einwände hatte, und gab die Blätter in den Snit zurück, der mit kaliforni- schem Akzent »Danke« sagte. Martin gähnte herzhaft. Er drückte die Schalterfolge auf dem Snit, die ihm eine Speisekarte, entlocken würde. Essen aus purer Langeweile stieß ihn ab. Aber war das wirklich Langeweile? Du darfst dich nicht mit ober- flächlichem Denken zufrieden geben, alter Junge, dachte er. Nur weil du jetzt reich bist. Der neue Martin Leywood mußte der Farblosigkeit nicht auch noch die Dummheit hinzufügen. Nein, was er empfand, waren – Schuldgefühle. Er hatte aus der Tra- gödie Profit geschlagen. Als Caroline Walsh ihn über Angie kontaktiert und ihm mitgeteilt hatte, sie habe sein Manuskript von Alle Reize dahin gelesen und ihre neuen Arbeitgeber bei Borovsky, einem der Sieben Weltgrößten Studios, überredet, eine viele Millionen teure Produktion seines Stücks als Film auf den Weg zu bringen, als sie dann für den Erfolg dieses Films gesorgt hatte, indem sie die Bänder freigab, die sie von ihren Gesprächen mit dem Ex-Agenten Schnarler aufgezeichnet hatte, hatte Martin keinerlei Gewissensbisse empfunden, die Verträge über die Rechte an Buch und Film zu unterschreiben. Schließ- lich hatte er damals, als er das Buch geschrieben hatte, mehr als zwei Jahre mit dem Versuch zugebracht, es an den Mann zu bringen. Und hatte darüber eine allzu große Vorliebe für ein Gläschen mit Chardonnay entwickelt. Na und wenn schon, warum soll ich denn kein Geld aus die- sem ganzen Quatsch schlagen? Er stand mit der Speisekarte in der Hand da, ging zur gegenüberliegenden Wand hinüber und schlug auf den Schalter, der der Klimaanlage den Garaus ma- chen würde. Seit damals in der ersten Nacht im Knast, wo die Polizei ihn – betrunken, arm, wildblickend und nach Packetts Tod ohne jeden Freund – wegen seines Versuchs, Passanten Kopien seines selbstverlegten Meisterwerks aufzudrängen, erst verprügelt und dann zum Verfaulen ins Loch geworfen hatte,, war er nicht mehr so wütend gewesen. Ist es edler, eine ver- krachte Existenz zu sein, die Verrücktheit vortäuschen muß, damit die Sozialhilfe für sie aufkommt? Ein grauenhafter Alko- holiker war ich auf jeden Fall. Er ging zum Snit zurück und gab eine Bestellung für eine vernünftige, gesunde Mahlzeit ein. Heißes Rauchfleisch auf Roggen mit allem, was ihm dazu nur einfiel; ein Ingwerbier; Tofusalat. Der neue Martin Leywood entdeckte allmählich seine Vorlieben und Abneigungen. Mor- gen würde er als erstes um ein Zimmer mit Fenstern bitten, die sich öffnen ließen. Er ging shoppen. Ohne ihm vorher im Künstlerzimmer bei Wein und Appetithäppchen auch nur den geringsten Hinweis zukommen zu lassen, ohne die geringste Andeutung in den Fragen, die man ihm noch am Morgen zur Überprüfung vorge- legt hatte, hatte der Gastgeber der Nachmittags-Talk-Show den Beitrag mit einem nie besprochenen Rahmen versehen, Sequen- zen aus Horrorstreifen und Science Fiction-Traktaten, unterlegt mit einer trügerisch harmlosen Stimme, die Argumente für einen neuen Skeptizismus gegenüber den angeblich sich nä- hernden Außerirdischen vorgebracht hatte: Der schon lange für die Jahrtausendwende erwartete spirituelle Aufruhr habe sich verspätet eingestellt, in einer Form, die eine technologisierte, materialistische Gesellschaft befriedigte. Der Essay war so taktvoll formuliert gewesen, daß Martin die Weigerung seines Interviewers, seinen Bericht unbesehen für bare Münze zu nehmen, nicht als Kränkung empfand. Diese Argumentations- linie war nicht gerade brandneu, sie war schon diskutiert wor- den, als die US-Regierung ihre ›Überwachung‹ von Daves und, Enzos Projekt noch nicht zugegeben hatte. Es war jedoch origi- nell, auf dieser Meinung auch noch zu beharren, nachdem die meisten Leute die Vorstellung akzeptiert hatten, daß die Visio- nen von Außerirdischen ausgingen und nicht von Gott. Und anders als die oberflächlichen Streiche, die man ihm letzthin so gespielt hatte (Two Thousand Seconds hatte einen Mann präsen- tiert, der behauptete, Robyns ›echter‹ Vater zu sein), hatte ihn das nachdenklich gestimmt. Die Bedeutung dieses ganzen Theaters hatte er eigentlich nicht bedacht. Die Bedeutung für andere. Und die Konsequen- zen. Das Szenario seines Interviewers schloß zwar eine spirituel- le Enttäuschung mit ein, wenn die Menschheit entdeckte, daß es nie irgendwelche Außerirdischen gegeben hatte (bisher hatte man ja auch noch kein sich näherndes Raumschiff entdeckt) und es eine Form kollektiven Wahnsinns gewesen war, doch indem Martin ihn widerlegte, forderte das eben jene Fragen heraus, deren er sich jetzt erbärmlich wenig gewachsen fühlte. Er hatte Filmausschnitte der Krawalle in der Socialist Federati- on und anderswo gesehen, die erkennen ließen, daß man die Außerirdischen noch immer als eine Art Rettung vor den Übeln der Welt verstand. Es hatte Interviews mit Leuten in Melbourne gegeben, deren Leben durch ihre Interpretation der Visionen zerstört worden war. Die Zahl der betroffenen Menschen wuchs täglich. Aus vereinzelten Sensationsmeldungen war inzwischen eine weltumspannende Problematik geworden. Und jeden Tag kamen mehr Leute an den Punkt, wo sie Martins Version der Geschichte akzeptierten. Was ihn zu einer Art Helden machte, das schon, aber auch zu einem Bösewicht. Wie sehen Sie Ihre Verantwortung für die Gewaltakte, an deren Ursache sie ja auch, mitbeteiligt waren, Mr. Leywood? Was wird eigentlich gesche- hen, wenn die Außerirdischen landen, Mr. Leywood? Wie außerweltlich ist ein Außerirdischer? Und wenn die Theorie des Interviewers stimmte, was dann? Ist das alles nur ein Produkt unserer Einbildungskraft? In dem Fall wollte er lieber nicht darüber nachdenken, wohin das alles führen würde oder was mit ihm als Leitfigur geschehen würde, falls die Außerirdischen nicht auftauchten. An diesem Punkt beschloß er, einkaufen zu gehen. Was soll ich kaufen? – mit dieser Frage würde er sich viel lieber beschäftigen. Die Antwort war einfach: Na hör mal, natürlich alles. Zu dem Zeitpunkt, als man ihn in Salisbury Cottages abgeliefert hatte, hatte er fast seine ganzen Besitztümer verkauft gehabt. Der Presse zufolge war der Anzug, den er trug, inzwischen sein Markenzeichen, aber keiner kam je auf den Gedanken, daß das schon seine ganze Garderobe war. Scheiß auf das Markenzei- chen. Er würde einem der Bodyguards seinen Anzug abkaufen oder so und dann mal in Ruhe allein einkaufen gehen. Mit Sonnenbrille. Und Hut. »Oh, Scheiße!« Er warf seinen Hickorystock aufs Bett. Ohne würde er sich gewiß schief fühlen, doch da war nichts zu ma- chen; der Stock hätte ihn garantiert verraten, und er verwendete ihn nur aus Eitelkeit. Seiner eingebildeten Schieflage ein wenig zu sehr entgegensteuernd, ging er mit Arthur, seinem Nachmit- tags-Leibwächter, den Korridor entlang. Schon fühlte er sich besser. Als sie jedoch aus dem Lift traten, kam ihnen Johnno mit nervösem Blick entgegen. Großer Gott, dachte Martin, was jetzt? Dieser ganze Leibwächterkram war eine schreckliche Zeitverschwendung. Er würde die Autogramme geben und, fertig, beschloß er. Er schaute durch die Glastüren ins Foyer. Keiner machte dem Türsteher eine Szene. Der Mann stand da und puhlte zufrieden in der Nase. »Ich kenne ihn aber WIRKLICH, du verdammter NARNA! Ich hab ihn angezogen, als er krank war, ihm den Hintern gewischt, wenn er nur laut genug geschrien hat. Laß mich einfach mal mit ihm sprechen, du blöder Riesengorilla.« Bei dieser energischen Schimpfrede wirbelte Martin herum wie ein Blatt im Wind. Er erkannte den breiten Rücken und das kleine Hinterteil auf Anhieb. »Angie!« »Martin!« Zum zweiten Mal, seit er sie kannte, ließ ihr Ge- sicht eine Zartheit durchblicken, die sie so oft hinter ihrer kindlichen Freude und Ausgelassenheit verbarg. Das erste Mal war bei seinem Abschied in Salisbury gewesen. Sie umarmten sich ungeschickt: Er war kein schmächtiger Mann mehr, aber sie war sehr dick. Johnno und der Türsteher wandten die Augen ab; Arthur grinste unverhüllt. »Wie gut das tut, dich zu sehen, Angie.« »Ich dachte, ich würde nie mehr zu dir durchkommen.« Sie standen da und hielten sich gegenseitig an der Taille, während beider Gesicht sich in ein liebevolles Lächeln legte. »Komm, begleite mich beim Einkaufen, Angie, mon petit, gehn wir ein bißchen bummeln. Und etwas essen! Hast du Zeit?« »Hab in Salisbury eine Woche Urlaub genommen.« »Äh… Mr. Leywood… äh…« »Arthur, ich weiß, daß Sie mich nicht duzen und Martin nennen sollen, weil das gegen das Polizeireglement verstößt und, so, aber wenn Sie reden wollen, dann reden sie einfach, okay?« »Ähm… ja? Ähm… Ich glaube, es ist keine gute Idee, ein- fach… äh… da draußen bummeln zu gehen.« Der untersetzte Mann, der wie ein in einen zu kleinen Anzug gestopfter Bran- dungswellen-Desperado wirkte, deutete mit dem Daumen auf ›da draußen‹. »Ich könnte nicht für ihre Sicherheit garantie- ren… äh… Martin. Sir.« Er schaute seinen Vorgesetzten Johnno unterstützungsheischend an, und der nickte ernst. Wie konnte er diesen liebenswerten Schlägern entkommen? Martin dachte an einiges, was an diesem Nachmittag im Publikum geäußert worden war (einen der Zuschauer hatte man sogar zurückhalten müssen) und entschied, daß Arthurs Warnungen nicht einfach nur Klischees waren. Na schön, Klischees, aber berechtigt… »Ich wollte sagen, Arthur, kann ich irgendwo einen Hut und eine Sonnenbrille herbekommen? Und kann ich mit irgend jemandem das Jackett tauschen? Und vor allem, Arthur, gibt es eine Hintertür?« Das entlockte Arthur, der ein bißchen Aufregung offensicht- lich zu schätzen wußte, ein Lachen. »Sie können meine haben«, bot er an und zog eine verspiegelte Sonnenbrille aus der Brust- tasche, »und Johnno hat so ungefähr Ihre Größe.« Johnno stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den winzigen Kopf, nicht als Weigerung, sondern aus unterdrückter Belustigung über seinen jüngeren Kollegen. Hier war eine Seite der VicForce, die Martin noch nicht kennengelernt hatte. »Hier drinnen gibt es doch auch Läden, oder?« fragte Angie. »Na und, aber draußen erst recht.« Martin und seine einzige Freundin aus seiner Salisbury-Cottages-Zeit hatten sich immer noch gegenseitig die Arme um die Taille gelegt, und so steuerte, Martin Angie auf die Tür zu, die zur Plaza hinausführte. Angie, die viel stärker war, lenkte ihn im Kreis zurück. »Nimm wenigstens die Brille und dreh das Jackett links«, meinte sie. »Aber das sieht doch sehr komisch aus.« »Du brauchst es doch nicht zu tragen, du Blödmann!« Martin fügte sich. Sie machten sich zu den altmodischen Boutiquen auf, die den Innenhof des Hotels säumten. Der Herbst stürmte gegen das allgegenwärtige Glas an, das etwa so behaglich war wie rostiges Eisen, doch mit Angie an seiner Seite war Martins Gefühl von Isoliertheit und Unsicherheit nur noch halb so schlimm. Ihre Gegenwart verwandelte den Nachmittag wie eines dieser langen Fantasy-Spiele, die man als Kind an regnerischen Sonntagnachmittagen gespielt hatte. Arthur machte kein Hehl daraus, daß auch er Angie langsam schätzte. Seine Augen und die Art, wie er bei ihrem Anblick schluckte, sprachen Bände. Martin war sich nicht sicher, ob das nicht professionelles Interesse war, von einem Rausschmeißer zum anderen, doch die Aufmerksamkeiten dieses glücklich verheirateten Mannes bewirkten, daß Martin Angie zum ersten Mal als sexuelles Wesen betrachtete. Bisher hatte er sie als eine Art pokerspielende Schwester gesehen; das mußte jedoch nicht bedeuten, daß sie ihn auch so sah – andererseits, wenn sie ihn begehrt hätte, hätte sie einfach gefragt. Allerdings hatte er sie, wenn er es jetzt recht bedachte, früher öfter sagen hören, man »solle nicht mit den Patienten vögeln«. Sie kauften einen neuen Anzug von der Stange und ein paar teure Schwimmklamotten für Angie. Wenn irgend jemand in, dem holzpaneelierten Laden Martin erkannte (kein Hologramm weit und breit), war man zu höflich, es zu zeigen. Als sie bei ihrer Unterhaltung ordentlich ins Schwitzen gekommen waren, verflüchtigte sich der Shopping-Drang. Der Regen hörte auf, und sie liefen durch die pfützenübersäte Straßen zu einem von Arthur empfohlenen Restaurant, der als Leibwächter andere ›Hohe Tiere‹ dorthin begleitet hatte. »Köstliche Fischgerichte: Die Cavallas sind verdammt lecker, und die Barramundas kommen direkt mit dem Flugzeug!« rief er Angie und Martin nach, als er ihnen über die schlüpfrige Straßenbahnschiene zum Restaurant hinterherjagte. Drinnen, zwischen Farnen und exotischen Blumen neben einem lauten Wasserfall, der für die Belüftung eines Teichs voller leuchtendrosa Schmerlen sorgte und von einer knüppel- ähnlichen, blauzüngigen Echse beobachtet wurde, die Arthur zufolge den Namen Harry trug, entspannte Martin sich. So einen Ort suchte man auf, weil es dort so friedlich war. Sie plauderten. Er brachte sich auf den neuesten Stand des Klaps- mühlenklatsches, sie zeigte Mitleid mit seiner Misere. Arthur, der tat, als hörte er nicht zu, der Gute, hielt ein Auge auf die Umgebung gerichtet und aß. Und aß. »Ach du armer Hase, reich wie Scheiße, Wein und Schampus zum Frühstück, Pferderennen mit dem Premier, Filmverträge, die Fans liegen dir zu Füßen, das bricht mir fast das Herz.« Arthur schaute sich um, ob jemand auf ihre zunehmend lau- ter gewordene Stimme reagierte, jedoch so, als würde er sich einfach nur gelangweilt umblicken. »Du weißt doch, daß ich dem Teufel Alkohol entsagt habe.« »Du hast sowieso nie soviel getrunken, daß man dich Alko-, holiker hätte nennen können.« »Du weißt, daß das nicht mein Problem war.« »Dein Problem war, daß es dir da drinnen tatsächlich gefal- len hat.« »Also. Noch mal dasselbe?« Martin winkte dem Getränke- kellner. »Okay, aber diesmal mit einem Bier hinterher.« »Noch mal Limonade und einen Magenbitter für Sie? Gene- ver und das belgische Lagerbier für die Diva hier, und noch eine Flasche Light für mich.« Er lächelte den Kellner an und schlug die Beine übereinander. »Danke«, sagte er und wandte sich dem Bodyguard zu. »Arthur, entweder habe ich eine grauenhafte Krätze auf dem Kopf, oder der Kellner hat mich erkannt. Sollten wir aufbrechen, mein Guter?« Arthur antwortete lässig und schaute wie geistesabwesend zur anderen Seite des Gartens: »Nee. Scheint okay hier.« Er lächelte Angie schüchtern an und schaute wieder weg. Martin und Angie tauschten einen belustigten Blick. Dann brach der Chefkoch aus der Küche heraus. Riesig und behaart, der Inbegriff eines Monsters, stürmte er durch die Avokadobäume und Orchideen auf sie zu. Sein rot angelaufenes Gesicht saß auf einem rot angelaufenen Hals, und hätte er keine Schürze getragen, hätte sein Bauch unter dem Arbeitskittel hervorgelugt. Martin war von der krausen Na- ckenbehaarung fasziniert, die die Vorstellung eines Haaransat- zes zum Witz machte; er wußte, daß das Haar bis direkt zum Arsch hinunterwuchs. Seine Belustigung über dieses Gedanken- spiel verdammte ihn während der nun folgenden Auseinander- setzung zur Passivität. Bevor er noch aufstehen konnte, stellte, Arthur sich zwischen den fetten Koch und Martin. Mit Gebrüll über seine jungfräuliche Tochter und die Teufel, die Martin losgeschickt hatte, um sie im Schlaf zu vergewaltigen, packte der Koch Arthur an den Oberarmen und rammte ihn mit dem Kopf. Arthur kippte rücklings auf den Tisch. Rechtzeitig bevor der Angreifer Martin bei der Kehle hatte, packte Angie seine Arme. Er verabreichte ihr zwar einige heftige Hiebe gegen den Kopf, doch es gelang ihr, ihn zurückzuschieben, bis er über einen Stein stolperte und hinfiel. Dann setzte sie sich auf ihn. Inzwischen hatte Arthur sich soweit erholt, daß er die Arme des Kochs am Boden festhalten konnte. Der geiferte noch immer, daß seine Tochter es nun mit den ›Hooligans aus den Wohnblocks‹ treibe, doch allmählich ließ sein Widerstand nach. Die anderen Leibwächter kamen. Handschellen wurden an- gelegt. »Okay«, sagte Arthur zu den anderen Gästen, die sich in si- cherer Entfernung versammelt hatten. »Jetzt könnt ihr heim- geh'n und eurer Mama davon erzählen.« Erst als sie im Hotelfoyer eintrafen, merkte Martin, was Angie für ihn hatte einstecken müssen. So unwirklich kam ihm der Vorfall vor, daß alle Laute sich in den Äther verflüchtigt zu haben schienen. Er wußte, was gesagt worden war, daß es lautes Gebrüll und Gegrunze gegeben hatte, doch wirklich greifbar war für seine Erinnerung nur die Stille. Er schaute Angie an und stieß einen Schrei aus. An ihrem Shirt war eine Naht aufgeris- sen, ihre Wange schwoll immer mehr an, und ihr Ohr leuchtete, hochrot. Er bestand darauf, daß sie ihn in seine Suite begleitete. Arthur, voll demütiger Hilfsbereitschaft, holte ein T-Shirt und einen Erste-Hilfe-Kasten, nachdem er für einen Ersatzmann vor der Tür gesorgt hatte. Angie zuckte über die Verletzung nur die Achseln und mein- te, bei der Arbeit habe sie schon viel Schlimmeres abbekom- men. Doch Martin betupfte die Wunde, machte viel Aufhebens und schickte nach einer Flasche Gin. Er wußte, daß sie recht hatte, aber hier war nun die Auswirkung der Visionen schwarz auf blau zu sehen. Und es hatte nicht einfach irgend jemanden erwischt. Sondern Angie. Einen Menschen, den er – wie er sich eingestand, als er das Blut von einem kleinen Schnitt auf ihrem mächtigen weißen Unterarm tupfte – liebte. Täglich konnte man in den Nachrichten von den schlimmen Folgen der Visionen hören. Doch meist waren es Berichte aus Afrika, Südamerika oder Neuguinea. Aufstände, Gipfelkonfe- renzen, schrullige ›Aus dem Leben erzählt‹-Geschichten, die er mit einer einfachen Daumenbewegung auf der Fernbedienung des Snit ausstellen konnte, und so schrieb er den Anstieg der Verbrechensrate in New York oder das Bombenattentat auf eine Moschee in Birmingham der Dummheit jener Leute zu, ihrer Interpretation der Vorfälle, gab ihnen allein die Schuld daran. Nicht sich. Die nächste Stufe, dachte er, während er sie mit Sprays, Salben und Verbandszeug versorgte, ist, daß jemand, den ich gut kenne, verrückt wird. Ich kann doch nicht einfach herumsitzen und darauf warten. Aber was kann ich tun? Er wandte sich dem Datenzentrum zu und programmierte das Erscheinen eines minutenlangen Nachrichtenquerschnitts. Dann saß er auf der Kante seines Luxusbettes und starrte düster, auf den Bildschirm. »Hat dich ein bißchen erschüttert, was?« meinte Angie gelas- sen; sie lag neben ihm auf dem Bauch, und an ihrer Seite stand wacklig ein Drink. »Ja.« Auf dem Bildschirm war eine Demonstration polnischer Ka- tholiken in den Straßen Warschaus zu sehen, dann Schnitt, und in einer Gegend, die wie ein australisches Provinzstädtchen aussah, wurde eine um ein Kriegsdenkmal versammelte Men- schenmenge gezeigt. Ein Mann, der wie ein Angestellter bei einem Picknick gekleidet war, redete, mit einer Faust gestikulie- rend, auf die Menge ein. Er war sehr gut. Martin drückte auf die Lautstärke. »… einer der wenigen anderen Überlebenden jener unglück- seligen Produktion bringt jetzt ein Stück auf die Bühne. Er hat es selbst geschrieben, und es ist seine erste Produktion seit elf Jahren, doch wenn es nach dieser Versammlung hier geht, wird Kevin Gore sich für sein Comeback etwas anderes suchen müssen. Nachdem heute morgen Berichte über das Stück in Zeitungen Sydneys erschienen, haben sich Demonstranten in dem Städtchen versammelt, um gegen die Produktion zu pro- testieren, die angeblich darauf abzielt, den Außerirdischen mitzuteilen, daß sie nach Hause zurückkehren sollen. Bisher…« Auf dem Bildschirm gab es wieder einen Schnitt, und es ka- men Nachrichten eines anderen Senders. Martin schlug auf den manuellen Rückschalter, erwischte aber statt dessen die Über- springen-Taste. Als er schließlich den richtigen Sender wieder gefunden hatte, war der Bericht zu Ende. »Verdammt!«, »Das war über deinen Freund, oder? Der, der dich besucht hat.« »Mm. Kevin Gore. Angie?« »Hm?« »Hast du ein Auto?« »Nein.« »Verdammt! Wir werden es niemals rechtzeitig dahin schaf- fen.« Er ließ sich quer übers Bett sinken und sprach mit rauher Stimme zu ihren Füßen: »Ach, Angie. Sie tun es wieder. Die Schweine… Diese Schweine…« »Wer?« »Hm?« »Wer tut es wieder?« Angie schwang sich auf dem Hinterteil herum, so daß sie ihm jetzt auf dem Bett gegenüber saß. »Wer tut was?« fragte sie. »Die verdammte CIA. Hast du mein Buch denn nicht gele- sen?« »Nee. Da steh ich nicht drauf. So Zeugs mit Verschwörun- gen.« Martin klapperte ein paarmal mit den Augen. »Dieser Schnarler hat mich gewarnt: Wir wären in Gefahr, sobald die CIA die Verbindung zwischen den Visionen und uns herstellt. Ich dachte, wir wären sicher, wenn es alles ans Tageslicht kommt! Die US-Regierung hat ja praktisch ihre Verantwortung eingestanden, sonst würde mir doch immer noch keiner glau- ben. Ich dachte, wir hätten ihnen einfach keinen anderen Aus- weg mehr gelassen, aber der eigentliche Grund ist offensicht- lich, daß sie versuchen, die Kontaktaufnahme mit den Außerir- dischen sich selbst gutzuschreiben. Wie konnte ich nur so naiv, sein? Wenn Kevin wieder an die Außerirdischen senden will, dann wollte er das bestimmt geheimhalten, aber die Schweine haben es herausgefunden und an die Presse durchsickern las- sen. Scheiße. Erst werfen sie uns Knüppel zwischen die Beine, und sobald es so aussieht, als könnte vielleicht irgendein Ge- winn dabei rausspringen, hetzen sie den Mob auf.« Martin packte Angie bei der Schulter. »Ach, Angie… Was sollen wir bloß tun?« Draußen hatte der Regen wieder eingesetzt, ein feiner Sprüh- regen, der gegen die Fenster wehte und daran hinunterrann. Angie ergriff das Wort; sie sprach energisch und zupackend, doch Martin hörte sie nicht. Ihm war schwindlig. Er wälzte sich auf die Seite, rülpste und schmeckte Galle. Dieses Luxushotel- zimmer, dessen Fenster sich nicht öffnen ließen, weil er verges- sen hatte, einen Raumwechsel zu verlangen, dieses Gefängnis, war von Sonnenuntergangsglut erfüllt, ein göttliches, volles Licht. Es war, als könnten Gott und seine Heerscharen jeden Moment mit schmetternden Posaunen herniedersteigen, um das Reich des Himmels auszurufen. Wie sollte Martin da nicht außer sich geraten.,

VIERUNDZWANZIG

················································································································· Die Außerirdischen waren entdeckt worden. In der Umlauf- bahn des Jupiter, wie die NASA verlauten ließ. Bei ihrer ver- mutlichen Annäherungsgeschwindigkeit würde es zwar noch eine Weile dauern, bevor sie die Erde erreichten, doch der Gedanke an drei Tage der ständig zunehmenden Hysterie auf den Straßen, bevor ein ausreichendes Maß an Aufführungs- Energie beisammen war, ließ Kevin jedesmal zusammenschau- dern. Also versuchte er, diesen Gedanken zu vermeiden. Ziem- lich schwierig, nachdem Kevin und Gemma erst an diesem Nachmittag bei ihrer Heimkehr vom Theater in Sydney direkt am Zufahrtstor der Farm mit derart häßlichen Drohungen und Beschimpfungen konfrontiert worden waren. Unmöglich, wenn einen das Wort Außerirdische in jedem Laden und in jeder Kneipe umdröhnte, wenn es aus jedem Bildschirm und jedem Lautsprecher erschallte. Glücklicherweise hatte Kevin auf seiner Farm ein so großes Stück gerodet, daß sie einen riesigen Probe- schuppen in Fertigbauweise aufstellen und die Besetzung auf diese Weise abschirmen konnten. Glücklicherweise hatte Kevin sich zudem als Regisseur auch selbst überrascht. Er war nicht mehr der Typ Regisseur, der sich danach verzehrte, jede Rolle selbst zu spielen, und glaubte, er könne anderen bis zur letzten, Zuckung genau sagen, wie sie es anzustellen hätten. Ihm kam der Gedanke, daß die – in letzter Zeit schweigsamen – Schöpfer seines neuen Körpers ihn auf diese Art erneuert hatten, doch er beschloß, sein Mißtrauen zu den Akten zu legen. Er hatte keine Zeit mehr für müßige Sorgen. Er war zu einem Regisseur ge- worden, der sich selbst in jedes Stadium der sich entwickelnden Aufführung einbrachte und die Schauspieler mit seinen oft rauhbeinigen Reaktionen ermutigte. Er schob das auf Gemmas Einfluß, wenn einer seiner alten Freunde, der wußte, was für ein trockener, ironischer Typ er gewesen war, ihm für diesen ange- nehmen Wandel den Rücken klopfte. »Nicht mein Verdienst«, sagte er dann und verzog das Ge- sicht zu einer besessenen, raubtierhaften Fratze. Wenn Gemma in Hörweite war, zwickte sie ihn dann in den Hintern, sowohl zur Strafe für die Lüge über ihr Liebesleben (sie hatten keines) als auch, weil er eine so simple Erklärung (Sex) für seine Persönlichkeitsveränderung vorschob. Kevin schaute ihr dann immer nach und hatte dabei das Gefühl, am liebsten würde er jetzt sofort seiner Inspizientin hinterherstürzen. Es blieb zwar noch ein ganz schönes Päckchen an Unbehagen, das sie gemeinsam anpacken und auspacken mußten, doch waren sie einer Meinung, daß sie für das erste Mal Zeit brauchen würden – und Zeit hatten sie nicht im geringsten. In dieser Nacht schreckte Kevin, nachdem sie beide ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen waren, aus einem Alptraum auf, in dem seine jetzige Truppe aufgrund von Kevins verrück- tem Plan unschuldig ertrunken war. Gemma umarmte ihn und flüsterte Nichtigkeiten, wußte nicht, was sie sagen sollte. »Ich hab dich aufgeweckt«, sagte Kevin. An der Küste war, der Herbst noch immer schön. Der Schatten des Jasminbuschs fiel durch das offene Fenster auf das große, schmiedeeiserne Bett und überzog die Gesichter mit schwankenden Flecken. »Du hast geschrien.« »Was denn?« »Etwas über Platanensamen.« »Ach.« Er nickte, während der Traum von ihm abfiel. »Ich habe von einer Wiederholung der Katastrophe bei der Auffüh- rung von Der Sturm geträumt, nur war es diesmal unser Stück hier, und die Schuld lag ganz allein bei mir.« »Glaubst du, daß sie hinter den Demonstranten am Zufahrts- tor stecken?« »Die CIA?« »Der australische Geheimdienst oder wer bei allen Geistern auch immer.« Kevin seufzte und rieb sich die Augen. »Wahrscheinlich. Ich meine, es gibt eine Menge Leute, die nicht wollen, daß die Außerirdischen landen, die sich in die Hosen machen vor Angst, und dann wieder eine Menge, die nicht wissen, was sie denken sollen, und wieder andere, die sowieso alles Neue mit Zynismus betrachten. Darum verstehe ich nicht, warum ein paar hundert ganz normal aussehende Leute mich aufs Korn nehmen sollten, warum sie die weite Strecke von Sydney hierher gefahren sein sollten, um uns das Leben schwer zu machen, wenn niemand sie aufgehetzt hat.« Gemma blieb beharrlich. »Was meinst du wohl, was pas- siert?« »Nichts, hoffe ich.« »Beim ersten Mal waren sie dagegen, daß ihr die Außerirdi-, schen herholt, da sollte man doch meinen, diesmal stärken sie uns wie wild den Rücken.« »Na ja, sie dachten, wir spielen mit einer Geheimwaffe her- um, und das stimmte wohl auch, aber jetzt, wo sie wissen, daß für den, der das Recht beansprucht, mit denen da draußen zu sprechen, Geld oder Macht im Spiel ist, sind sie voll eingestie- gen.« »Sollten wir die Polizei rufen?« »Wen… Curly? Nee. Hier sind wir in Australien. Ich wunde- re mich schon, daß diese Bande hier nicht einfach Leserbriefe an den Herald verfaßt hat. Uns passiert bestimmt nichts.« »Wirst du das den Schauspielern alles sagen?« »Ich weiß nicht recht. Laß uns darüber schlafen. Okay?« Sie hielt ihn umarmt, bis der Schlaf sich wieder einstellte. Am Morgen merkte Kevin, daß er sich noch immer nicht entschei- den konnte, ob er der Truppe alles erzählen sollte, und da die Probearbeit jetzt einen Höhepunkt erreichte, der seine ganze Konzentration erforderte, und die Demonstranten auf dem staatseigenen Land vor dem Zufahrtstor blieben, außer Hörwei- te der provisorischen Halle, in der sie arbeiteten, kam er auch nicht dazu. Auf jeden Fall war wunderschönes Wetter und die Arbeit lief einfach großartig. CIA-Pläne und Gehirnwäsche wirkten völlig unwahrscheinlich. Bis zum Abend. Paul, der kleine und sehr dicke Schauspieler, der ›die Außerirdi- schen schon kennengelernt hatte‹, wie er das formulierte, tadel- te Kevin gutmütig wegen der zweihundertnochwas Leute, auf deren Fahnen ein Utopia des Friedens, der Demokratie und der Menschenrechte beschworen wurde, wenn Kevin nur die ›AUS-, SERIRDISCHEN LANDEN‹ ließe. Die anderen Mitglieder der Besetzung wanden sich ein wenig unbehaglich auf ihren Plätzen am Abendbrottisch. Keiner hatte Kevin gegenüber je Der Sturm erwähnt. Manchmal wünschte Kevin, sie würden es tun. Für Paul war jedoch kein Fettnäpfchen zu groß. Es sollte Kevin nicht kränken, und Kevin war auch nicht gekränkt. »Du weißt, daß ich nicht schwimmen kann«, erklärte Paul grinsend. »Wie meinst du das?« fragte Kevin. »Mich haben sie in der Schule immer fertiggemacht, also hab ich die Schwimmstunde geschwänzt. Zu fett.« Er tätschelte seinen Bauch, der recht fest wirkte, wenn auch riesig. Als Kevin die Augenbrauen hob und die Achseln zuckte, fuhr Paul fort: »Ich hab Martin Leywoods Buch gelesen, Kevin, und wenn du das vorhast, was diese Schweine da draußen behaup- ten, hätte ich gern einen Taucheranzug. Frag meinen Agenten. Es steht in meinem Vertrag.« »Wir könnten uns ein U-Boot besorgen«, warf Dimitrios ein. »Oder lange Bambusröhren; dann laufen wir über den Grund, bis wir wieder aufs Trockene kommen«, schlug Tracy Little vor und lächelte dabei Kevin an, als wollte sie sagen: »Hey, ich mein's nicht böse, ehrlich nicht.« Während Gelächter und mehr alberne Vorschläge folgten, traf Kevin plötzlich die Entscheidung, sich das Herz freizuma- chen. Er legte Messer und Gabel auf seinen Teller und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Er wartete. Gemma, die ihm gegenüber saß, aß weiter, warf ihm aber einen respekt- vollen Blick zu, weil er diesen Unsinn so gut wegstecke. Ein Gefühl der Liebe wallte in ihm auf, als er daran dachte, mit, wieviel Geduld und Beharrlichkeit sie auf seine anfängliche Gereiztheit und übertriebene Verletzlichkeit reagiert hatte. Im letzten Moment änderte er jedoch seine Absicht. Zuviel stand auf dem Spiel, als daß er hätte zulassen können, daß die Schauspieler jetzt das Handtuch warfen, doch wenn er ihnen die Wahrheit sagte, würden sie genau das vielleicht tun, und zwar mit gutem Recht. »Diese Aufführung…«, begann er, denn jetzt hielten sie die Augen auf ihn gerichtet und erwarteten etwas. Wieder änderte er seine Meinung. Der drehende Wind hatte einige undeutliche Schreie vom Lagerplatz der Protestierer hergetragen. Sein Leute hier hatten sich das nicht ausgesucht. Er mußte ihnen sagen, was los war. Ihm war übel vor Unentschie- denheit. Er erinnerte sich an das Feuer, das kein Feuer gewesen war, Pete Stanopoulos, der hilflos über den Flammen baumelte. Er erinnerte sich an die Überschwemmung, die tatsächlich eine Überschwemmung gewesen war. Doch das Verhängnis konnte in vielerlei Gestalt auftreten. Was auch immer er sagte, Gewalt- tätigkeit von Seiten des Mobs schloß er nicht aus. Constable Curly allein konnte die Sache nicht im Griff behalten, falls die Bande da oben am Zufahrtsweg handgreiflich wurde, und die Einsatzkräfte der Polizei waren durch die zahlreichen Demonst- rationen in den Großstädten ohnehin überfordert. »Diese Aufführung«, fuhr er fort, »es ist – die Situation ist anders, als ihr denkt. Oder als sie denken.« Sein ernstes Gesicht ließ die Truppe mehr als einen weiteren kurzen Satz erwarten. »Aber grundsätzlich haben sie recht. Ich versuche, die Au- ßerirdischen aufzuhalten.«, Paul brach in ein wissendes Grinsen aus. »Der war gut«, lach- te er kopfschüttelnd. Jetzt überstrapaziere deine Glaubwürdigkeit nicht, Junge, sagte Kevin sich selbst. Erklär ihnen das Wesentliche und achte darauf, daß sie es nicht für einen Witz halten. Er schaute unter- stützungsheischend zu Gemma, doch die schien von etwas abgelenkt, das sie gehört hatte, und begegnete seinen Augen nicht. Er öffnete den Mund, um in seiner Erklärung fortzufah- ren – und wurde unterbrochen. Von draußen dröhnte eine Stimme durchs Haus, vom Megaphon zerhackt und heiser: »DAS SPIEL IST AUS. TRETEN SIE RUHIG NACH DRAU- SSEN, DANN GESCHIEHT IHNEN NICHTS!« Paul brach als erster das bestürzte Schweigen am Tisch. Er stand auf, ging zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und betrachtete die mit Stab- und Primuslampen leuchtende Menschenmasse am Hang oberhalb des Entenstalls. »Die machen wohl Scherze«, sagte er. Er wischte sich über die breite Stirn, auf der schon der Schweiß stand, obwohl es nicht heiß war. Er wirkte persönlich zutiefst beleidigt. »Ich glaube kaum«, meinte Gemma mit dumpfer Stimme. »Also, für die leg ich mich nicht hin, für diese Faschisten. Die haben hier nichts zu sagen!« »TRETEN SIE RUHIG NACH DRAUSSEN, DANN GE- SCHIEHT KEINEM WAS!« Die Stimme war jetzt so laut wie eine Kneipenband, ohrenbe- täubend. »Ha! Was bilden die sich eigentlich ein?« rief Paul. Und damit stürmte er aus der Tür., Gemma, Kevin, Susan und Tom jagten ihm nach. Tracy, das älteste Mitglied der Truppe, blieb sitzen und schnappte Di- mitrios am Handgelenk, als er vorbeiwollte. Die Demonstranten hatten sich jetzt diesseits des Tors ver- sammelt und ergossen sich ein ganzes Stück über den Zu- fahrtsweg. Es mußten fast tausend Leute sein, viel mehr als am Vormittag. Irgend jemand mußte dahinter stecken, dachte Kevin, als er hinter Paul den Hang hochhetzte, vielleicht sind ein paar auch bezahlt. Aus eigenem Antrieb hüpfen die Leute doch nicht in solchen Mengen ins Auto und fahren mehr als dreihundert Kilometer hierher. Nicht nur wegen ein paar Zeitungsartikeln. Paul war der Atem ausgegangen, und jetzt marschierte er wütend die ausgefurchte Fahrspur entlang. Etwa fünfzig Meter vor der Front des Mobs blieb er stehen. Auf diese Entfernung konnte Kevin sehen, daß der Mob nicht nur mit Transparenten und Lampen ausgerüstet war. Man hatte Knüppel in der Hand, große Steine und Hebeisen. Dennoch legte Paul die Hände trichterförmig vor den Mund und brüllte mit seiner besten Schauspielerstimme: »VERPISST EUCH, IHR IDIOTEN! DAS HIER IST PRI- VATBESITZ!« Ein Steinhagel war die Antwort. Die vier hinter Paul duckten sich und hoben schützend die Arme. Paul blieb unbeirrt aufrecht stehen. Wieder ertönte das Megaphon: »DER PLANET LIEGT IM STERBEN! EUCH IST DAS VIELLEICHT SCHEISSEGAL, UNS ABER NICHT! DIE POLKAPPEN SCHMELZEN, DIE OZEANE SIND VERGIFTET, UND JEDEN TAG KOMMEN, TAUSENDE UNSCHULDIGER MENSCHEN DURCH IN- DUSTRIEUNFÄLLE UMS LEBEN. WIR BRAUCHEN HILFE! LASST DIE AUSSERIRDISCHEN LANDEN!« Die Menge nahm den letzten Ruf auf. Die Lautsprecheranla- ge hämmerte ihn ins Trommelfell. Mehr Steine flogen. »Ruf die Polizei an!« schrie Kevin Gemma zu. Als sie los- rannte, fügte er hinzu: »Halt den Kopf tief!« Ein Stein traf Paul an der Schulter. Er fluchte und bückte sich, um selbst Steine zu sammeln, doch Kevin packte ihn am Handgelenk: »Das macht die Dinge nur noch schlimmer!« »Das ist mir scheißegal!« brüllte Paul zitternd, eine Art Wahnsinn in den Augen. Die Vision, die er gehabt hat, muß schuld an dieser extremen Reaktion sein, schoß es Kevins durch den Kopf, als Paul brüllte: »Die Schweine! Schweine!«, diesmal ohne jede Stimmtechnik. Über dem Getöse war er fast nicht zu hören. Allmählich verebbte der Sprechgesang; den Leuten schienen im Moment auch die Steine ausgegangen zu sein. Kevin sah seine Chance. Er trat vor. »Hört mich an«, rief er. Höhnische Rufe. »Das hier hat nichts mit den Außerirdischen zu tun!« »IN DER ZEITUNG STEHT ABER WAS ANDERES.« Kevin erblickte den Mann mit dem Megaphon. Er stand im Schatten in der Mitte, vor der Menge. Kevin wandte sich an den Lautsprecher, ein flaches, weißes Rechteck. »Glauben Sie etwa alles, was in der Zeitung steht?« »Du bist einfach nur neidisch auf Martin Leywood!« erklang eine andere Stimme mitten aus dem Mob. Es folgte ein Mur-, meln der Zustimmung. Kevin sprang sofort an. »Das bin ich nicht! Er ist mein Freund! Ich habe versucht, ihm zu helfen!« Das ließ sie einen Moment lang stocken. Martin hatte Kevin mehrmals öffentlich für seine Bemühungen gedankt. Doch Kevin wußte, daß seine Stellung nicht halten würde. Und ge- nau: »Du hast ihn da verfaulen lassen, das wolltest du doch sa- gen!« Die Wahrheit in dieser Aussage tat weh, doch dafür war jetzt keine Zeit. Kevin wollte etwas auf die Anschuldigung erwidern, doch der Lautsprecher schnitt ihm das Wort ab: »GENUG JETZT! DU HAST ZEHN MINUTEN, DIE SCHAUSPIELER RAUSZUHOLEN. WENN IHR BIS DAHIN NICHT DRAUSSEN SEID, KOMMEN WIR REIN.« Paul rannte ein paar Schritte auf die Meute zu. »IHR SCHEISS-FASCHISTEN!« brüllte er. Dann passierte alles mögliche gleichzeitig. Ein Riesenstein flog über die Köpfe der Menge hinweg auf Kevin zu, der sich duckte, und als er sich wieder aufrichtete, sah er Paul am Rand der Fahrspur auf die Seite fallen, und im Licht der Lampen tropfte leuchtendes Blut aus seiner Nase. Als Kevin durch den Steinhagel auf ihn zutrat, sah er aus dem Augenwinkel jeman- den in einem Rollstuhl die Fahrspur hinunterrollen, und hinter ihm jemanden, der mit einem gewehrförmigen Schatten zielte. Kevin, der Mann im Rollstuhl und Paul kamen beinahe im selben Moment an derselben Stelle an, Paul und der Mann im Rollstuhl, und Kevin auf eine Weise, die wie Seitwärtslevitation wirkte. Die Handfeuerwaffe krachte dreimal, und der Mann im, Rollstuhl stürzte auf den über Pauls Kopf zusammengekrümm- ten Kevin, blickte schmerzlich, überrascht und wurde aus dem Rollstuhl herausgeschleudert, irgendeine Bitte in den Augen, Kevin wußte nicht welche, von der sich unter dem grauen Bürstenschnitt die Stirn runzelte. Die Schüsse hatten den Mob zum Schweigen gebracht und der Steinhagel hatte aufgehört. Paul kam torkelnd auf die Beine, mit einem Gesicht, als müßte er gleich erbrechen, und stolperte den Hang hinunter aufs Haus zu. Tom kam heran. Gemeinsam mit Kevin schleppte er den Mann, der Kevin das Leben gerettet hatte, den Hang zum Haus hinunter. Aus seiner Brust strömte Arterienblut, besprühte Kevin blubbernd mit winzigen Tröpf- chen. »Mein Gott«, stieß Tracy an der Tür hervor. »Noch einer. Ist der schwer verletzt? Paul ist ausgezählt.« »Ich weiß es nicht«, antwortete Kevin. Oben am Hang erklang das Megaphon zum letzten Mal, un- nötig und ohne viel Überzeugungskraft. »ZEHN MINUTEN, GORE.« Sie hoben den Mann über die Veranda ins Licht. »Es ist vorbei mit ihm, oder?« fragte Tom. Kevin nickte. Er konnte den Blick nicht vom Gesicht seines Retters wenden. Von irgendwoher kannte er den Mann. Als sie ihn schließlich auf die Couch im Wohnzimmer geschafft hatten, war er tot. Bestürzung und Schmerz waren Entspannung gewi- chen, doch in seinen blauen Augen stand noch immer eine stumme Frage. Kevin kniete sich neben der Leiche nieder, zu schockiert, um sich zu fragen, worum der Mann wohl gebeten hatte, aber dennoch von diesem Ausdruck in seinen Augen in, Bann geschlagen. Kevin grübelte, was den Mann wohl dazu veranlaßt hatte, die Aussicht auf dreißig oder mehr Lebensjahre für ihn zu opfern. Gemma trat von hinten heran und legte Kevin die Hand auf die Schulter. Als sie den Toten sah, nannte sie flüstern seinen Namen, verblüfft und ohne daß es noch irgendeine Bedeutung hatte. Es war vorbei. Alles war aus.,

FÜNFUNDZWANZIG

················································································································· Tot würden sie keinem mehr nutzen. Also beherrschte Martin seinen Drang, Angie zum Gasgeben aufzufordern. Das neue Auto, das sie gemietet hatten, würde eine wesentlich unsanftere Fahrweise vertragen, als Angie ihm angedeihen ließ, und wahr- scheinlich würden sie darin jeden Unfall überleben, aber Martin hatte nicht vor, die Probe aufs Exempel zu machen. Angie riß Witze über einen solchen Unfall, die Polizei und ihre mühelose Flucht vor Arthur und Johnno; sie spielte mit der Unzahl von Extras herum, blinzelte andere Fahrer mit den Frontscheinwer- fern an, programmierte den Minisnit des Wagens so, daß er »Baby, blas mir einen«, flüsterte, wann immer sie die Ge- schwindigkeitsbegrenzung überschritten. Martin ließ sich hin und wieder zum Lachen bewegen, versank dann aber wieder in Schweigen. Das geschah jedoch mehrmals an diesem Tag. Als bei Sonnenuntergang Flötenvögel und Würger sangen und zwitscherten, als wäre das das Wichtigste auf Erden, braus- ten sie durch das Hügelland, das von Designer-›Schafzüchter‹- Hütten übersät war, die Autofenster geöffnet, um wach zu bleiben. Der Busch roch feucht und frisch. Das Essen des Zim- merservice war zwar vor ein paar Minuten ausgegangen, doch die landschaftliche Schönheit der letzten zweihundert Kilome-, ter durchpulste sie belebend. Als sie den unverkennbaren silbergrauen Rücken und roten Kopf eines Rotkopf- Säbelschnäblers erspähten (in dieser Gegend fast unbekannt), der sich auf- und abwippend durch flaches Sumpfwasser beweg- te, weitete sich Martins Herz trotz der Angst, die dort hauste, und er wandte sich Angie mit einem Lächeln zu. »Was läuft deiner Meinung nach falsch?« hörte er sie fragen. Dabei hatte sie kein Wort gesagt. Er hatte sich die ganze Fahrt über bisher von diesem Thema ferngehalten, und das hatte sie bemerkt. Bei seiner Antwort betrachtete er ihr Gesicht. Es war breit und ein bißchen dick mit graublauen Augen und Lippen, die so voll waren, daß sie jeder Lüsternheit hohnlachten. Sie hatte einen großen Kopf, der mit dem zusammengebundenen Blond- haar auf ihren muskulösen ›Schwimmer‹-Schultern klein wirk- te. Der Gesamteindruck war so, daß man jeden Moment einen Angriff mit konzentrierter Vitriolsäure von ihr erwartete, wahrscheinlich wegen der immer geweiteten Augen, der hän- genden Augenbrauen und der schiefen, nur auf einer Seite hochgebogenen Lippe. Sobald sie jedoch den Mund öffnete, ging diese Vorstellung den Abguß hinunter: Sie hatte ein kind- liche Stimme, obgleich tief, in der normalerweise Belustigung zitterte. Sie verwunderte sich nicht weiter, als er eine Frage beantwor- tete, die sie nicht gestellt hatte, vielleicht, weil sie so müde war. (Ein Auto zu fahren, das sich überwiegend selbst fuhr, sei anstrengender als die alte Methode, erklärte sie.) An Martin wäre es gewesen, sie mit Gesprächen wachzuhalten, das wußte er; auf diesem letzten Stück brauchte sie lebhaftes Geplauder,, kein Gedankenfutter. Doch sie ärgerte sich nicht und bat ihn auch nicht, für sie zu denken, sondern redete drauflos und dachte dabei nach: »An Außerirdische konnte ich nie richtig glauben. Du weißt schon, riesige, schleimüberzogene Latexkolosse oder Monster- vaginas mit Zähnen oder so. Einmal habe ich versucht, ein Buch über so was zu lesen, aber es kam mir so vor, als würde der Autor nur das aufmotzen, was ihm an Menschen unangenehm ist. Was ich bei diesen Filmen immer gedacht hab, das ist, daß es um die Angst vor dem Unbekannten geht. Auch bei den positi- ven. Dann ist es eine Art Beruhigung: Da draußen in der Fins- ternis gibt es nichts Furchterregendes. Aber der wirklich große Unbekannte…« – sie sprach es ›Um- bekannte‹ aus – »ist der Tod, oder? Ich meine, was ich da tagein-tagaus bei den Irren sehe – na ja, in unserer Abteilung meistens Geistesgestörte. Über andere Typen von Irren kann ich nicht reden, aber die, mit denen ich in Salisbury zu tun hatte, die sind da, weil sie's nicht aushalten, wenn zum Beispiel die Frau stirbt. Oder sie verläßt. Sie woll'n nicht allein sterben, und davor brauchten sie keine Angst zu haben, wenn der Himmel sich einen Spalt weit öffnen würde, wenn ihr Kummer nicht das Ende wäre. Vielleicht versteh'n sie ihre Religion falsch herum, aber ihre Hoffnungen sind wieder und wieder zerstört worden: Ihre Gebete sind ungefähr so wirksam wie Kondome aus Papier. Auf jeden Fall, was ich über diese Sache denk, in der du jetzt bis über beide Ohren drinsteckst, das ist: Seit einer Ewigkeit machen wir uns jetzt schon vor dieser oder jener Weltkatastro-, phe in die Hosen. Atomkrieg, Überbevölkerung, alles mögliche. Und jetzt, hoppla, da gibt es einen Ausweg. Oder jemanden, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Aber so laufen die Dinge in Wirklichkeit nicht. Ich mein, sie werden keine wandelnden Arschbacken sein, oder? Aber selbst wenn sie intelligente Fußlappen sind, irgend- eine Regierung wird garantiert das für sich in Anspruch neh- men wollen, wofür sie stehen, und sonst irgend jemand wird sein Bestes tun, sie abzumurksen. Ein Haufen Leute ham doch schon Angst, mit dem Klempner zu reden, und dann mit Au- ßerirdischen? Und die Regierungen, das sind doch lauter Leu- te… na ja – selbst die CIA, das sind Leute, oder?« Zum Teil hatte sie recht, zum Teil eher unrecht. Martin ver- suchte, es in seinem rastlosen Kopf auseinander zu klamüsern, und kam selbst nicht recht dahinter. Sie fuhren an einem Ent- fernungsschild mit ›Tathra, 108 km‹ vorbei. Die Sonne hatte dem Abend einen lachsroten Anstrich verpaßt. Allmählich wurde die vorbeizischende Luft nächtlich kühl. Robyns Tod war ein doppelter Schock für ihn gewesen. Es war so ungerecht, daß sie ihn hatte verlassen und in einem Leben zurücklassen müssen, in dem er sich schon lange vor Der Sturm festgefahren hatte. Er hatte auf sie gezählt. Sie war die perfekte Schauspielerin, er der perfekte Schauspieler. Sie war reine Hingabe. Seine äußerst raren Freunde und zahlreichen Berufsbekanntschaften hätten mit einem Lächeln freimütiger Zuneigung sagen können: »Martin? Der ist viel genießbarer, seit er mit Robyn Ho zusammen ist, hm?« Der einzige andere Ausweg hatte nach unten geführt. Ein paar Jahre hatte er sich noch mit Provinztourneen und Panto-, mime durchgekämpft, dann hatte er sich an das Schreiben von Alle Reize dahin geklammert, als eine schickere Art des Stür- zens. Das Theater hat er hinter sich gelassen, ihr Lieben, jetzt ist er in der Literatur. Es war der tugendhafte Weg nach unten. Und nach draußen. Er hatte gewußt, daß keiner das Buch verlegen würde. Er war unfähig gewesen, seiner eigenen selbstsüchtigen Reaktion auf Robyns Tod in die Augen zu sehen. Oder der Verantwortung, die er für die gespenstische Art ihres Untergangs empfand. Für den Untergang all der Verstorbenen. Die Schuldgefühle des Überlebenden, seinen Zorn auf eine Welt, die nicht so zartfüh- lend war, wie er es gerne gehabt hätte (ein Zorn, der, wie er jetzt sah, zum Teil auf seinen Vater zielte), all das hatte er gesammelt und auf die widerliche CIA abgeladen. Als es schließlich in Salisbury zu der Konfrontation mit Schnarler gekommen war, hatte das wie eine Antiklimax gewirkt, vielleicht, weil der Mann im Rollstuhl saß und durch seine Vision ein wenig zum Spinner geworden war. Martin hatte plötzlich gemerkt, in welch selbst- gerechten Zorn er sich beinahe bewußt hineingesteigert hatte, war zu sich selbst erwacht und hatte losgelassen. Zuviel Zeit war verflossen. Schließlich rang Martin sich zu einer Antwort durch: »Nnnn, auf jeden Fall steckt in deinen Ideen wesentlich mehr Verständ- nis als in der Art, wie ich in meinem Buch vom Leder gezogen habe. Die CIA als die Bösen, gemeine Kreaturen, die vor nichts zurückschrecken, wenn sie nur dem Wahren und Guten einen Strich durch die Rechnung machen können.« »Aber Angst und Gier stecken dennoch dahinter«, meinte Angie. »Böse genug in meinem Buch.« Sie schlug aufs Steuer-, polster. »Die Schweine!« »Du magst Kevin, nicht wahr?« »Sehr. Ich habe dir doch erzählt, was mit ihm und mir war.« »In schauerlichen Details, meine Liebe.« »Auf seine eigene Weise hält Kevin die Vergangenheit noch höher als du – ja, er ist okay. Nicht als Lover, wohlgemerkt, aber Freunde könnten wir sein. Er ist dein Freund, oder?« »Ja. Er ist wohl mein Freund.« »Na fein. Drück doch bitte mal die Taste für die Landkarte. Ich glaube, wir müssen jetzt bald abbiegen.« Die Nacht war hereingebrochen. Im bernsteingelben Licht- tümpel ihrer Scheinwerfer sahen sie eine Boobook-Eule, den weißgestreiften Bauch mit Blutflecken gesprenkelt, auf der Kiesböschung liegen. Der große Nachtvogel lag mit weit ausge- breiteten Flügeln auf dem Rücken, als wolle er nach einem sehr tiefen Sturzflug wieder nach oben starten. Martins Kopf wan- derte beim Vorbeifahren zu ihm zurück. Er warf Angie einen Blick zu. Sie nickte, ja, sie hatte ihn auch gesehen. Er beugte sich vor und tippte dann höchst konzentriert die Seitenzahl in den Snit ein. Sie verirrten sich ständig. Ein Straßenschild zeigte ein paar Kilometer vor der richtigen Abbiegung nach Lily, ein nicht auf der Karte verzeichneter Weg, wie sich herausstellte. Er führte tatsächlich nach Lily, verflüchtigte sich aber immer mehr, bis schließlich nur noch zwei Furchen in hüfthohem Gras übrig- blieben. Sie drehten um. Was nicht ganz einfach war. Als sie schließlich die richtige Straße fanden, ging Angie immer wieder vom Gas und hielt mehrmals beinahe an, weil der vom Snit auf, die Windschutzscheibe projizierte Pfeil unbeirrt geradeaus zeigte. Es gab zu viele Kreuzungen, von denen keine auf der Karte verzeichnet war. Die richtige Farm war dann jedoch, wie sich herausstellte, schwer zu verfehlen. Eine mindestens tau- sendköpfige Menschenmenge stand zu beiden Seiten der Zu- fahrt und begleitete die vier Wagen, die gerade hinausfuhren, mit höhnischem Gejohle und Beschimpfungen. Die Demonst- ranten schlugen mit Transparenten und Stablampen gegen die auf das Ausfahrtstor zukriechenden Wagen, traten und häm- merten auf das Blech ein. Im Licht der Primus- und Stablampen konnte Martin kaum etwas erkennen außer seinem eigenen Namen und dem Schriftzug: ›LASST DIE AUSSERIRDISCHEN LANDEN‹. Hier waren schreckliche Dinge geschehen. Über dem Gehämmer und Hohngeschrei lag eine Atmosphäre düste- ren Triumphs. Was immer Kevin vorgehabt hatte, war hier durch den Mob zerstört worden. Sie kamen zu spät. »Fahr den Wagen noch ein Stück weiter die Straße hinun- ter«, meinte er zu Angie. »Ich will sehen, was ich tun kann.« »Ich komme mit. Vielleicht wäre es besser, wir wären den Bodyguards nicht entwischt.« »Nein. Es macht sich besser, wenn ich allein gehe. Da kriegen sie eine richtige Show. Mich werden sie nicht angreifen.« Er stieß ein verdrießliches Lachen aus. »Das da sind meine Fans.« Doch keiner erkannte ihn. Martin kletterte auf den Torpfosten, hielt sich an einem Baum fest und rief den Hang hinunter: »Halt! Seht ihr denn nicht, was da läuft? Ihr seid manipuliert worden! Nicht gegen die Menschen hier solltet ihr demonstrie- ren, sondern gegen jene Leute, die die ganze Sache für ihre, eigenen Ziele ausnutzen wollen!« Ein paar Gesichter wandten sich ihm zu, häßlich durch das von unten einfallende Handlampenlicht und vom Haß und einem gewissen Schuldgefühl. Manche grinsten, als wären sie bei einem Fußballspiel dabei und ihre Mannschaft hätte die Führung. Einige hatten ihre Kinder mitgenommen. Die steck- ten in Designer-Safarianzügen – so stellte sich ein Büroange- stellter eine ›Nacht in der Wildnis‹ vor. Martin spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Seine Zehen kribbelten – wohl von der körperlichen Anstrengung nach der langen Fahrt, dachte er. Und von der Angst. Ein Mann richtete seine Lampe auf Martins Gesicht, und in der kleinen Gruppe zuckte etwas auf, wie wenn man jemanden sieht, den man von irgendwoher zu kennen meint. Martin ließ den blühenden Eukalyptus los, um beim Reden frei gestikulieren zu können, wäre dann aber fast vom Torpfos- ten gefallen. »ICH BIN MARTIN LEYWOOD«, schrie er, jenseits aller falschen Bescheidenheit. Seine Zehen fühlten sich inzwischen so an, als hätte irgend so ein Pop-Art-Maler sie in Partikel zerlegt. Er stellte sich vor, daß die Teilchen nach Art der Brownschen Molekularbewegung unter wilden Zusammenstößen in seinen Schuhen durcheinanderzischten. Sonderbar. »UND ICH VER- LANGE VON EUCH, DASS IHR AUFHÖRT.« Sie lachten. Sie glaubten ihm nicht. Im vordersten Auto saß Tracy Little, eine entfernte Freundin aus früheren Zeiten, mit der er allerdings seit ihrem Umzug nach Sydney keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Martin hätte sich heiser gebrüllt, Stimmtechnik hin oder her, hätte sie nicht, ohne Angst vor Knüppeln und Fäusten und gegen die Bemü- hungen des Fahrers das Fenster hinuntergerollt und geschrien: »Martin! Das ist Martin Leywood. Halt sie auf!« »Was meinst du wohl, was ich gerade versuche?« rief er zu- rück, obwohl er am liebsten zu ihr hinuntergesprungen wäre und sie auf den Mund geküßt hätte. Zwischen denen, die glaubten, daß er Leywood war, und dem Rest, der ihn entweder nicht deutlich sehen oder nicht glauben konnte, daß es tatsächlich ihr Held war, der sich hier, in der Mitte von Nirgendwo, an einen Eukalyptus geklammert hielt, entspann sich ein Streit. Martin hörte dem Hin und Her einen Moment lang zu, während seine Beine von so etwas wie einem anschwellenden Schmerz sonderbar pulsierten, in kalter Belus- tigung über diese Leute, die besser wußten als er selbst, wie er aussah. Doch ihm war klar, daß er nun schnell das Wort ergrei- fen und in dieses Vakuum hineinsprechen mußte. Mit einem entschieden sonderbaren Gefühl im ganzen Körper fuhr er fort: »Denkt einmal nach! Wen greift ihr eigentlich an? Denkt doch einmal richtig nach! Hier wohnt Kevin Gore. Der einzige Freund, der zu mir gehalten hat, als man mich einbuchtete! Ihr solltet ihm danken für das, was er getan hat, statt ihn in die Pfanne zu hauen!« Hoffentlich war ihnen das noch nicht gelun- gen. Er konnte Kevin nämlich nirgendwo sehen. Kurz schaute er zu seinen schmerzenden Beinen hinunter – und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Sie verstrahlten inzwischen ein bleiches Licht wie früher einmal diese Uhren mit den Leuchtzifferblättern. Es war unheimlich. Unheimlich. »Er hat damals die weite Reise nach Melbourne gemacht, um, Produzenten für meine Geschichte zu finden, als keiner mir glauben wollte. Die Zeitungen haben die Nachricht nicht ge- druckt, die Radiosender haben mich ausgelacht, das Fernsehen hat mich ausgebremst! Und warum?« Inzwischen hörte ihm ein nennenswerter Teil der Leute zu. Mehr noch starrten seinen schimmernden Körper an. Trotz der absonderlichen Empfindungen, die sein Körper ihm meldete, merkte Martin, wie etwas Altes und angenehm Vertrautes in ihm lebendig wurde, eine Erregung, die jahrelang geschlum- mert hatte. Auch wenn er Verachtung für die so leicht Manipu- lierbaren empfand, begeisterte ihn doch die Dynamik, mit der die Menge ihre Aufmerksamkeit neu ausrichtete. Angie hatte deutlich genug gesagt, daß deren Ängste seine Ängste waren. Es war nicht so leicht, den Mob zu hassen; er selbst war genau wie alle anderen leichte Beute für Hunger und Tod – allerdings sah er im Moment völlig anders aus. Gestikulierend hob er den Arm: Der wirkte wie geschmolzenes Gold, das zufällig Armge- stalt angenommen hatte. »WARUM?« Zorndröhnend fuhr seine Stimme aus ihm her- aus, beinahe zu laut für seinen Körper. Noch mehr Gesichter drehten sich zu ihm herum. Mehr Lichter leuchteten ihn an, überflüssigerweise. Er senkte die Stimme. »Weil Leute, die ihr nie gewählt habt, die sich weder Regie- rungen noch Richtern noch auch nur einem Publikum gegen- über verantworten müssen, ein Interesse daran haben, mich zum Schweigen zu bringen.« »DARUM, GENAU DARUM.« Jetzt hatte er sie. Alle. »Wenn ihr wollt, daß wir aus der Scheiße rauskommen, in, der wir stecken, dann verweigert euch all denen unter euch, die euch drängen, auf die eine Gewalttat eine weitere zu setzen. Ich weiß nicht, ob es die CIA ist oder die ASIO – oder sogar die BBC! Ganz egal. Aber ich weiß, daß die Agenten derer, die uns mit ihrer Gier und Kurzsichtigkeit in diese Scheiße hineinma- növriert haben, hier und heute mitten unter uns sind. Schaut euch um. Wer war's? Wer hat euch gesagt, es wäre eine gute Idee, hier rauszufahren und Kevin aufzuhalten? Und wer hat denen geraten, es euch zu sagen?« In der Menge ging verärgertes Fragen hin und her. »Schaut nicht auf eure Anführer! Sondern auf die, die neben ihnen im Schatten stehen…« »Um die kümmern wir uns schon!« rief eine Stimme. »NEIN! Laßt sie mit unserer Botschaft zu ihren Bossen zu- rückkehren: NOCH EINMAL LASSEN WIR UNS NICHT VERSCHAUKELN!« Die Klischees flossen nur so von seinen Lippen, aber in die- sem Moment glaubte Martin sie selbst. Nicht, daß sie unwahr gewesen wären. Nur war die Wahrheit viel komplizierter als das. Genau dieser Methode, die Dinge übermäßig zu vereinfa- chen, hatte man einen Gutteil der weltweiten Probleme zu verdanken, das gestand Martin sich unterhalb der Ebene seines Zorns ein, doch er sagte sich, daß er nicht log, sondern einfach der Dringlichkeit gehorchte. »Werft eure Knüppel und Steine zu Boden«, forderte er sie auf. Die Knüppel wurden zu Fischen, die Steine zu haarigen Spinnen. Martin keuchte auf. Die Leute in der Menge warfen, kreischend ihre Waffen weg, die im Staub herumzappelten oder -huschten und sich dann wieder in Knüppel und Steine verwandelten. Zum ersten Mal empfand Martin Angst vor der Kraft, die hier wirkte und vielleicht gleich in noch größerem Maß freigesetzt werden würde. Es wurde Zeit, abzubrechen und sich in Sicherheit zu bringen, bevor noch merkwürdigere Dinge geschahen. Irgendwie hatte Kevin ein telepathisches Über- tragungsgerät gebaut, soviel wußte Martin jetzt. Ruhig jetzt, dachte er. Dann merkte er bestürzt, wie lächerlich dieser Gedanke war. Ruhig! Wenn er an sich hinunterschaute, sah er unter der Hose seine Knochen glühen, und sein Blut durchpulste ihn sichtbar wie irgendeine alchemistische Flüssigkeit. Er sah, wie seine Eingeweide sich langsam zusammenzogen, wie in seinem Magen das Essen durchspült wurde, das er am Nachmittag im Auto zu sich genommen hatte. Sein ganzer Körper summte, es war wie seine einzige Erfahrung mit Amphetaminen – zigfach verstärkt. Sagte diese leuchtende Durchsichtigkeit etwas Wahres über jede Art von Auftritt aus? Verstärkte es seine Glaubwür- digkeit, wenn man das Zusammenziehen seines Schließmuskels beobachten konnte, sobald er den Mund zum Sprechen auf- machte? Ruhig! dachte er hysterisch. Wie kann ich ruhig sein? Er kämpfte um die Kontrolle über seine Emotionen und rief sich in Erinnerung: Das hier ist kein Publikum, es ist der Mob, und du erfindest das Drehbuch von Satz zu Satz. Erfinde also jetzt den Schluß. Martin versuchte es. Alle warteten auf zusätzliche Informati- onen, aber dadurch wurde es in seinem Kopf nur um so leerer. Das Summen baute sich noch stärker auf, nun konnte die, Menge es gewiß hören, so sehr hämmerte es in seinen Ohren, und aus dem Hämmern wurde ein Wimmern, aus dem Wim- mern ein plärrender Chor blecherner Zikaden, durchdringen- der als in Sommernächten, wenn die Insekten einen nicht zur Ruhe kommen ließen – und sie stiegen hoch. Martin wurde in die Luft gehoben. Er mußte den stämmigen Eukalyptus loslas- sen und schwebte über den Leuten, die den Kopf in den Nacken gelegt zu ihm hochstarrten. Die Münder in den Gesichtern waren staunende Löcher. Auch Martins Mund stand offen. Wie, um Himmels willen, sollte er von da oben wieder runterkommen? In Panik flatterte er mit den Armen wie mit Flügeln. In Träumen funktionierte das immer. Verzweifelt suchte er in seinem Kopf nach der Logik, die ihn jetzt auf diesem tausendstimmigen Kreischen und Zirpen hochgetragen hatte. Er hatte sich zurückgehalten. Das war es. Aber wo war er in seiner Rede gewesen? Was konnte er sa- gen? Das ist so gut wie egal, mein Guter, dachte er, sprich einfach. »Bleibt«, sagte er, versuchte es dramatisch zu flüstern. Es kam fast wie ein Quietschen heraus. Über diesen verdammten Zika- den konnte er es kaum hören. »Ich rechne nicht damit, daß die Polizei euch gehen läßt. Bleibt hier. Zeigt eure gute Absicht.« Es funktionierte. Er war um einen halben Meter gesunken. »Ich bin sicher, mein Freund – mein Freund Kevin wird euch bei dem Stück zuschauen lassen, an dem er arbeitet.« Wieder ein Meter abwärts. »Er wird euch sagen, warum er tut, was er tut, und was es, bewirken wird.« Das würde ich wirklich selber gern wissen. Martin schwebte zur Menge hinunter. Die hatten schon lan- ge ihre Transparente weggeworfen. Ein See bleicher Gesichter verfolgte Martins langsames Absinken, ausgestreckte Hände und fasziniertes Gemurmel begrüßten ihn. »Dann urteilt selbst, was zu tun ist und gegen wen ihr protes- tieren solltet.« Das Singen, auf dem Martin schwebte, wurde nun deutlich schwächer. Plötzlich ängstigte ihn der prosaische Gedanke an einen Sturz. Die Menge kam näher. »Geht in euer Camp zurück. Eßt und schlaft euch aus. Mor- gen früh spreche ich dann wieder zu euch.« Er landete weich. Mindestens fünfzig Händepaare plus einige Köpfe und Schultern trugen ihn zu seiner Torpfostenbühne zurück. Dort halfen sie ihm, sich wieder vorsichtig hinzustellen. Das Gezirpe war weg, und er war wieder ein ganz normaler Mensch in den Armen seiner Mitmenschen. Jetzt schon fehlte ihm das Fliegen; ein stechender Kummer durchfuhr ihn, so scharf, daß er fast vom Torpfosten gefallen wäre, denn all die Kraft der Kindheitsphantasien steckte darin, all der unterdrück- te Schmerz, der seine Flugträume als Erwachsener genährt hatte. Er merkte, daß die Menge auf einen guten Abschluß wartete. Und so verbeugte sich Martin, eine Hand fest um den Zweig über seinem Kopf geklammert, mit soviel würdevoller Dank- barkeit und soviel Ernst, wie er nur zustande brachte. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit«, sagte er. Der Applaus begann zögernd. In kürzester Zeit hatten die Leute eine Menge durchgemacht, und ihnen war klar, daß, Klatschen keine ganz angemessene Reaktion auf etwas darstell- te, das man wohl ein Wunder nennen mußte, aber sie hatten das Bedürfnis, sich jenseits aller Worte positiv zu äußern. Für ein Freiluftpublikum wurde es ein ziemlich lauter Applaus. Und er dauerte eine ganze Weile an.,

SECHSUNDZWANZIG

················································································································· Kevin sah aus wie der Mann, der aufwacht und feststellt, daß er seine Hinrichtung überlebt hat. Sein Blick wanderte im Wohn- zimmer herum, blieb kurz beim Couchtisch hängen, wo Schnarlers Leiche lag, bei der Couch, wo Paul von Angie ver- sorgt wurde, an der Tür, die nun endlich geschlossen war, am Telefon in Gemmas Hand (noch immer kam sie nicht zur Polizei durch) und kehrte schließlich zu Martin Leywoods Schuhwerk zurück. Faszinierende Schuhe waren das; sie sahen teuer aus und hatten die Farbe überreifer Himbeeren. Kevin ließ die Hände über die abgeschabten Armlehnen des Clubsessels gleiten, in dem er saß. Kaputte herausgezogene Fäden hingen aus dem Bezugsstoff und fühlten sich beruhigend real an. Ein Teil seiner selbst überlegte ruhig und vernünftig: Wenn die Polizei uns jetzt die Arbeit nicht verbietet, können wir direkt von hier aus senden… Ein Teil seiner selbst bemühte sich krampfhaft, wach zu bleiben, ein anderer Teil wollte vor Erleichterung losheulen, doch am meisten sehnte er sich nach dem Trost, warmer, zärtlicher Haut dicht an der seinen. Da ihm die fehlte, betrachtete und berührte er die Dinge in seinem Haus. Martin hatte kurzfristig die Verantwortung für Kevins Trup-, pe übernommen. Nachdem er Kevin zugewinkt hatte, hatte er losgelegt und ihnen detaillierte Anweisungen erteilt; die Schau- spieler waren für Martins künstlichen Charme genauso emp- fänglich gewesen wie das restliche Publikum – seine Show auf dem Torpfosten war ihnen jedoch entgangen. Sie hatten ein wenig benommen und träge in ihren Autos gehockt, bis er zu ihnen getreten war und sie gefragt hatte, worauf sie eigentlich warteten. Das hatten sie auch nicht gewußt. Sollten sie heimfah- ren oder wieder zu Kevins Haus zurückkehren? Ein wenig erschreckt von seiner Macht über Menschen, die er für die eigenwilligsten der Welt hielt (Schauspieler), hatte Martin sich kundig gemacht, wo ihr Schlaflager war, und sie dorthin geführt wie ein Vater, der verschlafene Kinder nach einem Alptraum wieder zur Ruhe bettet. Als er zu Kevin zurückkam, war der im Wohnzimmer in einem Stuhl zusammengesackt und sah aus, als hätte er höchstpersönlich pausenlos gestrampelt, um für die notwendige Übertragungsenergie einen Generator anzutreiben. Nun ja, auf dem Couchtisch lag tatsächlich eine Leiche – Martin verspürte ein Prickeln in Nacken – war es jemand, den er kann- te? Doch die Schauspieler hatten gesagt, nur einer von ihnen habe ihn gekannt, und auch nur flüchtig. Was Martin brauchte, war eine Umarmung seines alten Freundes und eine Tasse Tee, doch alle wirkten – beschäftigt. Er stand im Eingang und scharrte mit den Füßen. Angie hob den Kopf von Paul und wandte sich ihm zu. »Die- ser Kerl wird mindestens eine Woche auf keiner Bühne mehr stehen«, sagte sie laut, für alle, die es hören wollten. »Hey«, meinte sie dann zu Kevin gewandt, der die Augen von Martins Schuhen riß und mit einem Ruck den Kopf hob: »Hast du, gesehen, wen ich dir mitgebracht habe?« Mit dem Daumen zeigte sie über die Schulter auf Martin. Kevin schüttelte mit einem Schlag seine Benommenheit ab. Martin kam mit offenen Armen auf ihn zu. Kevin stand auf und fiel dem größeren Mann entgegen. Martin wurde kräftig auf den Rücken geklopft, fast schon konnte man es Prügeln nen- nen. Kevin trat aus Martins eher übelriechender Umarmung heraus (diese neuen Kleider und der Schweiß), wandte sich Gemma zu und grinste. Gemma gab ihren Telefonierversuch auf. »Hey, ihr beiden«, sagte sie beim Nähertreten. Sie nötigte sich ihnen zuliebe ein Lächeln ab. Kevin lachte, als er den verblüfften Blick sah, mit dem Martin Gemma erkannte. Dann lachte er nur um des Lachens willen. »Okay«, sagte Gemma mit traurigem, aber bestimmten Ton- fall. »Euch ist klar, daß wir einiges zu erklären haben, wenn wir deine Show da draußen im Baum nicht einfach als den Höhe- punkt eines Spielberg-Films darstellen wollen. Wenn die Polizei hier eintrifft, wird sie jeden befragen wollen. Was bedeutet, daß unser Publikum hier festsitzt, falls es sich nicht im Verlauf der Nacht davonschleicht, aber gibt es auch eine Aufführung?« »Zwei Schauspieler fehlen«, meinte Kevin und trat von Mar- tin zurück. »Vielleicht sogar drei.« Sein Anfall von Hochge- stimmtheit verflog. »Nur zwei«, erklärte Tracy Little vom Eingang her. »Ich weiß, ich war's, die gesagt hat, wir sollten klein beigeben und abhauen, aber ich habe meine Meinung geändert.« Sie lächelte Martin zu. Er erinnerte sich an ihre Tapferkeit im Auto und lächelte zurück, so gut er konnte. »Und Tom läßt sich vielleicht, überreden, etwas für seinen verstauchten Knöchel zu tun.« Gemma legte den Arm um Kevins Taille. »Ach, ich glaube, das ist gar nicht nötig. Wir haben hier zwei Schauspieler, die ganz scharf darauf sind, sofort einzuspringen.« Sie stieß ein paar Finger in Kevins Rippen. Martin und Kevin sagten beinahe im Chor: »Nein.«,

SIEBENUNDZWANZIG

················································································································· Die dicke Tauschicht verdunstete zu Nebelfahnen, stieg von der in Fetzen hängenden Rinde auf und von den Baumstämmen darunter, von umgefallenen Bäumen, einer gelegentlichen Liane und dem olivgrünen Gras zwischen abgefallenen Blättern. So kalt war der Sonnenaufgang hier zu dieser Jahreszeit und in dieser Höhe nur selten; doch das Klima war dieser Tage mehr als unberechenbar. Es hatte durchgedreht. Die Leute, die jetzt aus dem Schlaf erwachten – ihre Träume losließen oder in einer der provisorischen Hütten auf der Bett- kante saßen und sich schläfrig gegen die Kälte wappneten, während einer bereits die elektrisch betriebene Wasch- und Toilettenkabine hinter Kevins Haus belegte – hatten keine Ahnung, daß der Austausch, den sie am kommenden Abend in Gang setzen sollten, auch der Ozonschicht zugute kommen würde. Für sie blieb es eine Aufführung im eigentlichen Sinn des Wortes. Angie Langsam rieb sich die Augen wie ein geblen- deter Bär, blickte durch das Fliegengitterfenster über Kevins Spülstein auf den Hügel, der sich zwischen der Farm und den Resten des Strands erhob, und kam zu dem Schluß, daß sie ihrer Mutter über diese paar Tage auf dem Land tatsächlich einmal einen unzensierten Bericht schreiben konnte, nicht gepackt voll, mit Sex und Abenteuern, aber dennoch aufregend. Martin schlief noch immer tief und fest auf dem kleinen Sofa, das Angie diese Nacht freigelassen hatte, mitten in einem Traum über eine Aufführung vor einer Polizeitruppe, bei der seine übliche Art der Schauspielerei nicht funktionierte, ein technisch versierterer und stärker willensgelenkter Stil es aber brachte. Im Stockwerk darüber lag Gemma noch im Bett und atmete tief die feuchte, frische Morgenluft ein, ohne sich dieses Genusses allerdings bewußt zu sein, denn in Gedanken war sie mit einer feuchteren Phantasie beschäftigt, die mit Kevin zu tun hatte. Kevin Gore war schon auf und hellwach; er hatte vollauf damit zu tun, Entenmist aus dem Entenstall in die ersten blassen Strahlen der Sonne hinauszuschaufeln. Der Entenmist dampfte. »Du hast sie mit dem Staubsauger aufgesaugt?« quietschte Kevin. Das unterdrückte Gelächter barst aus ihm heraus. Bald war es nur noch ein fast geräuschloses Wimmern, während er sich auf dem Stuhl krümmte. Gemma gab ihm mit der Zeitung einen Klaps auf die Schulter. Sie stand eine Hand auf die Brust gelegt da, das Kinn eingezogen, und allmählich wich alle Ge- duld aus ihren Augen. »O nein!« flüsterte Kevin. »Lebendig gerupft!« – worauf sie ihr eigenes Grinsegesicht in ernste Falten nötigte. Martin trat auf sie zu, wußte nicht, ob er recht gehört hatte. Auf halbem Weg zum Tisch blieb er stehen. Gemma sah Martin an und rollte die Augen. Er lächelte ihr kurz zu. Kevin hielt inne und schnitt Gemma eine Grimasse. »Armer Vogel«, meinte er kopfschüttelnd. Wieder stieg das Gelächter in ihm auf und machte dem Mitgefühl den Garaus., »Du hast mir versprochen, nicht zu lachen!« schimpfte Gemma. »Es war ein Unfall!« Kevin starrte Martin hilflos an. Er spreizte die Hände und rang keuchend um Fassung. Mit jedem Wort gegen hysterisches Gelächter ankämpfend sagte er: »Frag…« – er wischte sich die Augen und schaute bestürzt auf seine feuchten Finger – »frag sie, warum man sie Budge nennt!« Und wieder prustete er los. »Wenn du irgend jemandem davon erzählst, reiß ich dir die Beine aus und stopf sie dir in den Arsch«, sagte Gemma. Sie stürmte an dem vor der Tür aufgestellten Polizisten vorbei auf die Veranda, in die Sonne hinaus. Nach ein paar vergeblichen Versuchen bekam Kevin sich schließlich wieder unter Kontrolle. Martin wartete so lange und fragte dann: »Ist das ein Spitzname oder so?« »Mhm«, antwortete Kevin, der mit der Unterlippe die Ober- lippe festhielt. »Aber den verwende ich besser nicht.« Martin setzte sich schräg gegenüber von Kevin an den Tisch. Er befühlte die Kaffeekanne und goß sich dann eine Tasse ein. Kevin seufzte. Martin warf das über seine Schulter gelegte Handtuch auf den Nachbarstuhl. Er trank einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht und schaufelte Zucker hinein. Beim Rühren sagte er: »Also. Sie mag dich.« »Ich finde sie auch nicht unangenehm. Natürlich bringen wir uns gegenseitig auf die Palme.« Martin schaute, wie sein Kaffee sich im Kreis drehte. »Dir ist wohl klar«, sagte er, »daß die Aufführungen unverzichtbar sind, damit dieser Apparat funktioniert, und daß wir am Ball bleiben müssen, um die Sache unter Kontrolle zu behalten. Ich meine, ein derart negatives Stück sollte die Außerirdischen zu einer, Denkpause veranlassen, falls sie wirklich nichts Böses im Schil- de führen. Aber wir müssen weitermachen… Du und Gemma, ihr müßt beide mit dabei bleiben.« »Hey?« »Der einzige Übertragungsapparat bist… äh… du.« »Du bist reich genug, einen bauen zu lassen, und die Pläne kann ich dir von Oskar besorgen. Bis dahin werde ich euch zur Verfügung stehen, aber ich hab die Schauspielerei satt. Das würde mich wahnsinnig machen.« Er schenkte sich Kaffee ein. »Es wird Politik sein, und das ist eher dein Spiel als meins.« »Und was ist mit Gemma?« »Das ist eine andere Geschichte. Sie hat sich voll darauf ein- gelassen. Ich schätze, wir würden damit klarkommen, daß sie nach Sydney pendelt. Zumindest anfangs müssen die Auffüh- rungen in Sydney stattfinden, weil unsere Schauspieler von da kommen. Übrigens, wie steht es mit dir? Ist da… äh… du und Angie – vögelt ihr miteinander?« Martin lachte. »Soweit sind wir noch nicht gekommen. Und werden wir wahrscheinlich auch nie. Du kennst mich ja, derzeit ein bißchen schlapp und matt. Ah! Moment mal. Da hab ich doch was gefunden, was meine Einstellung zu dem Thema perfekt wiedergibt.« Martin sprang vom Stuhl herunter und auf die Couch, wo er gefährlich wackelig balancierend das Regal neben dem Fenster durchstöberte. »Da ich hier schlafe, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, deine Bücher zu verschlingen. Ich hoffe, das stört dich nicht.« »Dafür sind sie doch da«, erwiderte Kevin belustigt. »Ah. Da ist es ja. Phantastisches Buch. Hast du es gelesen?« Kevin spähte mit zusammengekniffenen Augen. »Auden. –, Nö. Die meisten Bücher da hab ich nicht gelesen. Hab es aber immer vor.« »Also, hör mal.« Martin drehte sich um und las, noch immer auf der Couch stehend, vor: Mein Lieber, ich kenne weder das eine noch das andere, doch wenn ich mir eine fehlerlose Liebe oder das künftige Leben vorzustellen versuche, höre ich das leise Rauschen unterirdischer Flüsse und sehe eine Karstlandschaft. Er sprang von der Couch. »›In Praise of Limestone‹. Weiß nicht, warum ich Auden bisher noch nie gelesen habe. Phantas- tisch, absolut brillant, der Mann, der sagt es aufs i-T… Kevin, was ist los?« Kevin starrte Löcher in die Luft. »Hä? – Oh… nichts.« »Ich habe all diese Jahre soviel Zeit mit Selbstmitleid verschwendet, daß ich jetzt das Gefühl habe, ich sollte… Kevin, was geht da eigentlich in deinem winzigen Kopf vor sich?« Mit gerunzelter Stirn versuchte Kevin angestrengt, sich zu erinnern. Er nickte. »Hör mal«, sagte er. Wieder nickte er ein paarmal. »Richtig«, erklärte er schließlich. »Kennst du das da?« Er sagte auf: Gans, Kalb und Biene, werd ich zeigen, Sind groß in unserm Erdenreigen, Regier 'n in unsren Menschendingen. Wer löst das Rätsel? Mag's gelingen., Kevin schlug heftig auf den Tisch. »Also? Kennst du das?« fragte er und zeigte anklagend mit dem Finger auf Martin. Martin hatte keine Ahnung, was los war, beschloß aber, auf die Laune seines alten Freundes einzugehen. »Ja, das kenne ich. Ich glaube, es kommt aus West-England. Meine Mutter hat es mir als Kind beigebracht.« »Du bist Oscar!« rief Kevin. Er breitete beide Hände aus. »So ein Unsinn«, entgegnete Martin. »Wie kommst du denn auf die Idee?« »Wenn ich auch nur ein bißchen Verstand hätte, wäre es mir schon längst klar. Ich dachte, du hättest Stimmen aus meiner Erinnerung benutzt, und als du mir schließlich die technischen Details deines Plans erklärtest, habe ich die Möglichkeit, daß du es selbst sein könntest, natürlich ausgeschlossen, weil du von Naturwissenschaften auch nie nur die geringste Ahnung hat- test.« »Das stimmt genau. Die habe ich wirklich nicht.« »Aber verstehst du denn nicht? Nein natürlich nicht«, meinte Kevin aufgeregt. »Ich versichere dir, mein Bester, nie in meinem Leben habe ich mich Oscar genannt.« »Nein, hast du nicht, natürlich nicht. Aber du wirst es tun, du Schweinehund. Verstehst du denn nicht? Gerade eben haben wir davon gesprochen. Wenn du die Schauspielergesellschaft leitest, bist du in eben der Lage, in der du das Problem des schwächer werdenden Realitätsgewebes erkennen kannst, und dann bist du auch in der Position, dich von den Außerirdischen unterweisen zu lassen, wie man mich zu einer wandelnden Funkstation umfunktionieren kann. Du warst es! Du bist ver-, antwortlich…« Martin hob die Augenbrauen. »Du denkst also, weil ich Au- den kenne, war ich – werde ich der Typ mit dem dämlichen Decknamen sein? Aber warum nicht ›Großer Freund‹ oder ›Nigel‹? Warum ›Oscar‹?« Aber Kevins Gedanken waren schon weitergewandert. »Wenn die Stimmen also die von echten Menschen sind, du Oscar warst und ich Gemma vielleicht schon ein- oder zweimal gehört habe, bevor wir uns begegnet sind, dann war das Kind…« Kevin sprang auf, rannte zur Tür hinaus und rief: »Gemma! Gemma! Wo bist du? Hör mal, ich muß dir was Großartiges erzählen. Gemma! Gemma!« Martin trat von der Couch herunter. Er nahm seinen Kaffee und trank einen Schluck, obgleich der inzwischen schon eiskalt war. Eine Weile saß er dann nachdenklich da. Oscar. Diesen Namen hätte er sich niemals selbst ausgesucht. Oscar. Er drehte und wendete ihn im Geiste. Ein nom de guerre. Oscar Wilde. Oscar Kokoschka. Oscar Hamerstein II. … »Hmm«, machte er. Die Proben an diesem Tag waren für Angie eine reine Freude gewesen. Sie ging normalerweise nur selten ins Theater, weil die Vorstellungen abends waren und sie oft die falsche Schicht hatte. Außerdem tanzte sie vor allem gern, und die meisten Typen, mit denen sie ausging, genauso. Aber das Theater mach- te mehr Spaß, wenn man mittendrin steckte. Ungefähr so wie die unterhaltsamsten Teile der Arbeit im Salisbury Cottages ohne den harten Job, die Spinner unter Kontrolle zu halten oder hinterher saubermachen zu müssen. Als Martins Freundin war, sie außerdem privilegiert. Man hatte den Schauspielern zwar gesagt, warum sie ein Stück über nachbarschaftliche Einmi- schung aufführten und es an die Außerirdischen sendeten, doch um ihrer eigenen Sicherheit willen hatten sie nicht erfahren, wo (oder besser wer) das Sendegerät war. Angie war erstaunt über die Bereitwilligkeit, mit der alle sogar die Behauptung schluck- ten, daß die Erde, Kevins Freund aus der Zukunft zufolge, im schlimmsten Fall zu einer Art Dritten Welt der Galaxis werden würde – sie hatte in ihren Tagen eine Menge verrückter Ge- schichten gehört, und diese hier machte noch nicht einmal den Versuch, glaubwürdig zu wirken – doch alle hatten einfach nur genickt: Das war die Wirkung von Martins Rede im Baum, hatte Kevin Angie, Martin und Gemma gegenüber hinterher ein wenig schuldbewußt zugegeben. »Ich weiß gar nicht, warum dir das etwas ausmacht«, hatte Angie eingeworfen. »Es ist doch zu unserem eigenen Besten, oder? Ich habe gesehen, wie Männern von ihren Medikamenten Titten wuchsen, und noch viel Schlimmeres, alles zu ihrem eigenen Besten, mach dir da also keine Gedanken mehr drüber.« Darauf hatte Gemma sie provi- sorisch zur Hilfsinspizientin befördert. »Genau diese Art von Logik braucht man«, sagte sie zu Angie. »Schauspieler sind manchmal einfach wie Schafe.« Doch nach zwei Tagen Probearbeit war Angie da anderer Meinung. Alle arbeiteten verdammt hart. Es waren echte Profis, das merkte man bald, und was Angie an schauspielerischer Leistung bisher zu sehen bekommen hatte – zwischen all ihrem Gerenne nach diesem und jenem – war in Ordnung. Das größte Vergnügen allerdings bestand darin, Martin Leywood, der sich endlich einmal von seinem Arsch erhoben hatte, in Aktion zu, sehen. Er war ein guter Schauspieler, wenn er erst einmal in Gang war. Nicht so gut, wie er ihr in all diesen Jahren in Salis- bury immer vorgeschwärmt hatte, gewiß nicht, aber so gut konnte auch gar keiner sein. Angie bewegte den Kopf und lugte über den Kopfkissenrand nach Martin, ob der wohl schon schlief, fand ihn aber tief in ein Buch versunken, und teilte ihm ihre Gedanken mit. »Wenigs- tens warst du nie so schlimm, daß sich mir die Zähne gesträubt hätten«, sagte sie. Martin gähnte. »Danke, Angie«, erwiderte er, als wäre das das größte Kompliment der Welt. »Diese Bemerkung werde ich immer zu schätzen wissen.« »Sei nicht so sarkastisch«, wehrte sie ab. »Nein, das könnte ich gar nicht!« Er stützte sich unter seiner Decke auf einen Ellbogen. »Dafür liebe ich dich zu sehr.« »Sei nicht dumm«, sagte sie. »Ich bin weder dumm noch sarkastisch«, meinte er pikiert. »Vielleicht war ich das früher einmal in meinen jungen Jahren, jetzt aber nicht mehr. Na ja, kaum mehr.« Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er legte sein Buch auf den Boden und streckte die Hand um die Ecke nach Angies Couch aus. »Angie, hättest du gern einen Job?« »Als was, als dein Flittchen?« »Das meine ich nicht. Ich sagte, daß ich dich liebe, weil es so ist. Möchtest du eine feste Anstellung und für die Laufzeit dieses Stücks und auch die nächste hier dabeibleiben?« »Die meisten Leute sagen ›Ich liebe dich‹, wenn sie vögeln wollen. Ich wußte gar nicht, daß du mich auf diese Art siehst, du geiler Bock.«, »Tu ich doch gar nicht. Ich meine… ich weiß es nicht. Egal, willst du jetzt den Job oder nicht?« »Das kommt darauf an. Willst du vögeln oder nicht?« »Ich weiß es nicht. Arbeitest du für mich, wenn wir mitein- ander schlafen – oder kommt es darauf an, daß wir nicht mit- einander schlafen?« »Überleg es dir selbst, Junge. Denk einmal nach. Ich bin kein sonderlich komplizierter Mensch.« »In der Klapsmühle hast du nie was mit mir versucht.« »Fisch nicht rum. Außerdem weißt du, daß ich die Patienten nicht anrühre.« »Na ja«, meinte Martin bedächtig und ließ die Hand von An- gies Schlafanzugschulter fallen. »Wenn es allein bei mir läge… der Gedanke war mir schon gekommen. Wenn wir miteinander schlafen würden und du dann nicht für mich arbeitest, wären wir wohl immer noch Freunde, und dann spielt es eigentlich keine Rolle, ob du für mich arbeitest.« Dann traf er plötzlich eine Entscheidung. »Angie, ich liebe dich wirklich, und ich schätze, wenn ich heiß auf dich wäre, sollte es keine Rolle spielen, ob ich fürchte, daß du dann nicht mehr für mich arbei- test. Dann sollte gar nichts anderes mehr eine Rolle spielen. Ich meine, ich bin da nicht sehr gut drin und war es auch nie und hab es auch eine ganze Weile nicht mehr getan. Nehmen wir einmal an, ich sage, ich habe Interesse, es kommt mir aber wichtiger vor, so viel wie möglich in deiner Nähe zu sein, und wenn das bedeutet, daß wir nicht miteinander schlafen, dann soll es so sein. Okay?« »Das klingt für mich fast wie ein Heiratsantrag.« »Stimmt, nicht wahr?«, »Ja.« »Und?« »Komm mal her und gib uns 'nen Kuß.« Er krabbelte unter seiner Bettdecke hervor und beugte sich über ihr Gesicht. Sie zog ihn zu sich hinunter und plazierte einen feuchten Kuß mitten auf seine Lippen. »Du hast mich überredet.« Er starrte sie an. »Du hast mich überredet, für dich zu arbeiten. Übers Heira- ten reden wir lieber ein andermal. Vielleicht bei einer Flasche Gin. Was denkst du, Boss?« »Ich denke, daß du schlauer bist, als ich es jemals war, An- gie.« »Da hast du nicht ganz unrecht, Junge.« Dann küßte er sie zärtlich. Er ging zu seiner Couch zurück, legte sich unter die Decke, nahm sein Buch wieder zur Hand und blickte auf das Gedruckte. Angie seufzte. Jetzt hatte sie wirklich etwas für die Postkarte an ihre Mum. »Hab heute den Heiratsantrag eines Millionärs abgelehnt, Mum. PS: Ich schmeiß meine feste Arbeit hin und hau zum Theater ab.« Da würde die gute Alte doch glatt der Schlag treffen. Das zweite Mal war für beide eine größere Überraschung gewe- sen als das erste. Von den kräftig duftenden Säften ihrer wilden Begeisterung durchtränkt, hatten Kevin und Gemma sich auf die Kissen zurückfallen lassen, die Beine in einem ungeschick- ten Durcheinander verschlungen, das keiner von beiden entwir- ren wollte. Es war schnell, explosiv, erschöpfend und, wie, Gemma halb erwartet hatte, unbefriedigend gewesen. Gemma konnte sehen, daß das für Kevin durchaus genug war, da sie ihm bewiesen hatte, daß sie ihn wirklich und wahrhaftig wollte, was auch immer er nun sein mochte. Als er dann lächelnd dem Schlaf entgegendriftete, während sie ihn beobachtete, war aus dem Gekuschel allmählich ein Trockenstreicheln und Liebko- sen geworden, ein ausgedehntes Vorspiel, das ohne Unterbre- chung in den Liebesakt übergegangen war. Diesmal keine Orgasmen. Irgendwann in dieser Aufeinanderfolge schweben- der Momente hatte Kevin seinen Verstand soweit zusammen, daß er flüsterte: »Morgen bei den Proben werde ich das noch bereuen«, worauf sie ihm mit ihren nicht mehr abgebissenen Fingernägeln lachend über den Rücken kratzte. Nun lagen sie Seite an Seite, während ihr Schweiß von einem fast schon kühlen Lüftchen getrocknet wurde, atmeten den Eukalyptusrauch und die Essensdüfte der Lagerfeuer des Publi- kums hangaufwärts ein, und Gemma flüsterte: »Eigentlich brauchen wir den Schlaf gar nicht.« »Ähh? Oh. Mm. Nein.« »Nervös wegen morgen?« Ganz sanft legte er die Lippen an ihre Wange, daß ihre Flaumhärchen dort kitzelten. »Es war richtig, die Truppe auf das aufmerksam zu machen, was morgen vielleicht passieren könnte. Dir und Martin wäre soviel Schlimmes erspart geblieben, hätte Dave Abrahams von Anfang an offen über die Sache geredet.« »Wer weiß.« »Glaubst du, daß es morgen zu Feuerphänomenen kommt?« »Was – weil ich ein menschlicher Funkapparat bin? Nein,, nur ein angenehmes Schimmern. Und da die Polizei den CIA- Typen wegen des Mords an Jay inhaftiert hat, wird es auch kein anderes Feuer geben.« »Nett dich sagen zu hören, daß du menschlich bist.« »Eine wunderbare Person hat es mir doch gerade bewiesen.« »Werd nicht kitschig. Außerdem beweist das ja nun gar nichts, Kid. Ich meine, das ist nur eins unter vielen. Du bist das, was du immer schon warst, du denkst und lachst und scheißt genau wie Kevin Gore. Für mich allemal echt genug.« »Du hast durchs Schlüsselloch geschaut.« »Jessas. Na und? Weich meinen Fragen nicht aus.« »Hab früher nicht soviel gelacht.« »Mhm.« »Und könnte ich dir wohl ein Kind machen?« Sie sagte seinen Namen und umarmte ihn fest. Sie küßten sich. »Meinst du, sie wird ein richtiger Mensch sein?« fragte er. »Wer?« fragte sie zurück. Obwohl sie wußte, wen er meinte. »Unsere Tochter.« »Glaubst du wirklich, daß wir ein kleines Mädchen bekom- men werden?« »Die Stimme, die in meinem Kopf die Kindergartenreime aufsagte, war eine Mädchenstimme.« Sie wollte seine Hoffnung nicht kaputtmachen. Er war an diesem Nachmittag so aufgedreht gewesen, daß diese Erregung sich ganz natürlich in ihren ersten Liebesversuch seit jener Nacht ergossen hatte, an dem er ihr eröffnet hatte, daß er eine Art organisches Dingsbums war. Und es hatte geklappt. Er konnte alles, was ein Menschenmann so konnte. Sie schluckte, es hinunter und sagte es dann doch. »Kevin, woher weißt du denn, daß es unsere Töchter sein wird, die mit Oscar – ich meine mit Martin – an dem Projekt zusammenarbeiten, dich bearbeiten wird?« »Ach«, meinte er in überlegenem Tonfall. »Darüber zerbrich dir mal nicht den Kopf! Ich weiß es eben.« Sie knurrte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und zwickte ihn unterhalb der Taille in zarte Teile: »So was kann ich hassen.« »Ich weiß.« Er spannte sie noch ein Weilchen auf die Folter und gab dann auf. »Okay! Okay! Ich sag's dir.« »Da hast du noch mal Glück gehabt.« »Also, es ist so: Ich habe eine Menge phantasiert, gehört und vielleicht auch gesehen, das von Martin so angelegt worden war, was ich aber nicht wußte. Vom zukünftigen Martin meine ich, Oscar. Ich hatte dir ja von diesem Wombat erzählt.« Sie nickte. »Als wir zusammen im Fischrestaurant essen gegangen sind, in der Nacht, in der ich dir von allem erzählt habe, hatte ich eine Art Vision der Zukunft. Wir waren an einem Strand, du lagst auf einem Handtuch, und neben dir lag, mit einem Hand- tuch vor der Sonne geschützt, ein Baby, ein kleines Mädchen. Jetzt frag mich nicht, woher ich wußte, daß es ein Mädchen war. Es war nicht rosa angezogen oder so. Es hatte eine kleine Son- nenhaube auf und smaragdgrüne Kleider mit weißem Saum. Das war so wie sonst in Träumen: Ich wußte es einfach. Ich wußte, daß es unser Kind war. Damals habe ich nicht gewagt, darauf zu hoffen, und es mir so gut es ging aus dem Kopf ge- schlagen. Vielleicht war es nur meine Phantasie, aber ich glau-, be, es war ein Geschenk von Martin.« Gemma schwieg eine Weile. Schließlich sagte sie: »Wäre nett, nicht wahr?« »Ja.« »Weißt du was?« »Daß du verrückt bist und ich nicht?« »Nachdem wir zum ersten Mal zusammen essen waren, hab ich die Pille abgesetzt.« »Hey?« »Also nein, ich hab nicht gedacht, der ist halbwegs okay, von dem möchte ich ein Kind der Liebe haben. Ich hab es eben einfach gemacht.« Kevin flüsterte ihren Namen und noch eine Menge Unsinn und hielt sie ganz, ganz fest. Was auch immer Kevin den Interviewern gesagt haben mochte, er war ganz entschieden nervös. Der Medienrummel vor dem Zufahrtstor hatte nachgelassen, nachdem die Polizei ver- schwunden war, aber da Martin mit von der Partie war, war Ich wollte nur mal vorbeischauen in der Belvoir Street in Sydney schon für die ganze Spielzeit ausgebucht, und die Vorstellung am kommenden Abend wäre völlig aus dem Ruder gelaufen, hätte Gemma nicht daran gedacht, am Morgen nach Martins Torpfosten-Rede Eintrittskarten an die Demonstranten auszu- teilen. Wie die Dinge nun standen, boten Journalisten und andere Schaulustige ein Heidengeld für die ›Extra-Vorschau‹ dieses Abends. Trotz eines gewissen Widerstrebens war Kevin doch froh, seinem Publikum den Eindruck vermittelt zu haben, die Transmission sei erst für die erste Woche in Sydney geplant., Sollte irgend jemand ihn dann noch aufhalten wollen, wäre es schon zu spät. Die Presse drängelte schon übel genug danach, Martin sprechen zu dürfen (Martin weigerte sich, sich irgend jemandem zu zeigen), und Kevin wagte gar nicht sich auszu- denken, zu welchen Störungen es in Sydney vor dem Theater kommen mochte. Den Journalisten zuliebe hatte Kevin am Vormittag eine lange Pressekonferenz abgehalten und zwei Interviews gegeben, eines für den CNN, das andere für den ABC. Er hatte Witze über seine Nerven gerissen. Er habe immer gesagt, wenn er Lampenfieber bekäme, würde er seinen Beruf aufgeben. Nun schön, wenn das hier vorbei war, würde er ihn auch aufgeben. Er haute sich Make-up auf die Haut und versuchte, sich in seiner Rolle zu vergraben. Das war keine Art, Make-up aufzule- gen, und wenn er seinen Part bis jetzt nicht im Griff hatte, würde es ihm nie gelingen; allerdings hatte er nur ein paar Probentage gehabt. Da wird wohl jedes bißchen zählen, dachte er. Er spielte einen alten Mann namens Norbert, einen Vetera- nen des zweiten Burenkriegs, der sich mit den besten Absichten ständig einmischte. Das Sprüchlein, von dem das Stück seinen Namen hatte, stammte von ihm, und er benutzte es jedesmal, wenn er das junge Pärchen besuchte, das in seine Nachbarwoh- nung eingezogen war. Er hatte einen Phantasiehund namens Jaffa, den er im ersten Akt in der Wohnung des Pärchens verlor. Sein bester Freund – von Martin gespielt – war ein anderer alter Trottel namens Bilt. Die zwei hatten eine Komödiennummer, bevor die Handlung unangenehm wurde, und der komödianti-, sche Teil mußte komisch sein, sonst würde die Geschichte mit dem Baby, das hinterher starb, alle Wirkung verlieren. Die Nummer war bei den Proben ganz gut gelaufen, aber sie mußte völlig improvisiert kommen und hing daher vollständig vom jeweiligen Energieniveau des Abends ab. Das machte ihm Sorgen. Im Grunde war das Stück eine Allegorie über die schlei- chenden Tücken einer Einmischung. Es sollte die Außerirdi- schen abschrecken und begann damit, daß der unsichtbare Jaffa das junge Pärchen so erschreckte, daß die beiden fast den Verstand verloren, von wo aus die Sache dann eskalierte. Das würde aber nicht funktionieren, wenn Kevin nicht wirklich in seine Rolle eingetaucht war. Man mußte daran glauben, damit der Transmitter funktionierte. Kevins Porträt des alten Norbert stammte aus seiner Erinnerung an den Vater seiner Mutter und auch ein wenig an seinen eigenen Vater, mit zahlreichen Bruchstücken aus anderen Quellen – der schwankende Gang eines Kerls, den er betrunken in der Kneipe gesehen hatte, das laute Weinen einer Figur, die er vor fünfzehn Jahren gespielt hatte. Bewegungen und den gesprochenen Part beherrschte er aus dem Effeff. Was den Fortgang des Stücks betraf, geschah nicht allzu viel, Fehler beim Timing konnte er also nicht ma- chen und auch keine zentrale Aussage vergessen. Nur besaß er nicht mehr das Selbstvertrauen von früher. Und es bedeutete mehr als einfach eine persönliche Demütigung, wenn er sich an diesem Abend als zahnloser Hund erwies. Er blickte sich nach dem Rest der Truppe um und war über- rascht. Kevin war so in seine Sorgen versunken gewesen, daß er gar nicht gemerkt hatte, wie die anderen hereingekommen waren und schon einmal angefangen hatten. Ihre Professionali-, tät machte ihm Mut. Er lächelte zu Tracy hinüber. Während der Proben war er ihretwegen fast vor Lachen auf den Rücken gefallen. Martin sah aus, als hätte er den größten Spaß dabei, sein Gesicht im Spiegel zu verziehen, um die richtigen Falten für die Schattierungen zu finden. Susan und Dimitrios, die das junge Paar spielten, kamen beide frisch von der NIDA, aber Kevin wußte, daß sie das gewisse Etwas besaßen, daß sie an ihre Rolle glaubten. Wenn er weiter so auf seiner Unsicherheit herumhackte, würde ein Punkt kommen, an dem alles vollständig auseinan- derfiel. Er griff nach der Tischkante vor sich und stieß die Luft aus der Lunge. Angie, die in der Ecke bügelte, schaute zu ihm herüber und schenkte ihm einen ermutigenden Blick. Kevin hatte Leute kennengelernt, die diese Art nervöser Energie für sich ausnutzten, um sich eine noch größere Leistung abzurin- gen. Er schaute in seine Augen im Spiegel. Eigentlich wirkte er ausreichend ruhig. Allmählich verging sein Anfall von Nervosität. In der Ferne hörte er Donner. Er schaute zur Bühnentür aus Fliegendraht und fragte sich, ob das Potential, das sich in ihm aufbaute, wohl Regen hervorrufen würde. Drinnen war es zu hell, um etwas zu sehen. Die Frage war auch bedeutungslos. Die Probehalle, die sie eilig in ein Theater umgewandelt hatten, stand etwas erhöht und hatte ein stabiles Blechdach. Bei einem Unwetter würde es zwar laut sein, aber gemütlich. Er kehrte zu seinem Make-up zurück. Ging jetzt sanfter mit seinem Gesicht um. Er betrachtete das Publikum, das sich unterhalb der Bühne auf Matratzen versammelt hatte, einschließlich der Kinder und, allem, wie bei einer Aufführung religiöser Legenden auf dem Land in Indien, zufällige Zeugen eines einschneidenden histori- schen Ereignisses. Ein bißchen wie ich, dachte er. Sie waren wie er. Je näher die Aufführung rückte, desto mehr wuchs in ihm die Zuneigung für diese Leute. Wieder kam ihm die Erinnerung an Jay Schnarlers Gesicht, so quälend wie da- mals, als es passiert war, doch das vergrößerte nur sein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit diesen Familien (und Polizisten) auf der anderen Seite des Vorhangs. Jay war vor seinem Tod ein anständiger Bursche geworden. Er hatte sich über die zerstöre- rischen Kräfte seiner Umgebung erhoben. Eigentlich keine schlechte Grabinschrift. Doch Kevin konnte auch denen keinen Vorwurf machen, die noch immer potentielle Opfer jener Kräfte waren. Schließlich hatte es eine Zeit gegeben, wo auch Kevin am liebsten jemandem an die Gurgel gefahren wäre. Durch etwas, das in die primitivsten Teile ihrer Persönlichkeit eingegriffen und mehr oder weniger zufällige, unkalkulierbare Veränderungen in ihrem Kopf bewirkt hatte, waren viele von ihnen zutiefst erschüttert; Kevin hatte Stimmen gehört, die ihm auftrugen, scheinbar irrationale Dinge zu tun, und hatte um seinen Verstand gebangt. Hier war keiner, der nicht den Eintritt in einen allmählichen Heilungsprozeß nötig hatte. In dieser Menschenansammlung hier war jedermann genauso verunsi- chert über seinen Wert als vollgültiges Menschenwesen wie Kevin selbst, ob man sich nun dafür entschieden hatte, die Außerirdischen als eine Art Götter zu betrachten oder ob ein paar Liter blaues Blut in einem flossen. Wenn Kevin seine Schauspielkunst direkt an diese Menschen richtete und jenes ›andere‹ im Weltraum einfach vergaß, würde seine Zuneigung, ihn gewiß tragen. Die war so überlebensfähig wie der blühende Eukalyptus beim Tor. Von Feuer konnte der zwar verletzt werden, niemals aber abgetötet. »Noch fünf Minuten, Leute«, sagte Angie. Sie blinzelte Mar- tin zu und ging dann hinaus. In Gedanken versunken hatte Kevin mit dem Make-up ge- dankenlos in seinem Gesicht herumgefuhrwerkt. Jetzt trug er in einer Art Ekstase die letzten Striche und den letzten Puder auf. Außerhalb des hellen Rampenlichts stand er im Seitenauf- gang und spähte ins Publikum hinaus, das schon ganz still war. Kevin sah die Erwartung auf den Gesichtern derer, die am nächsten bei der Bühne saßen, die Bereitschaft zu Gelächter, Tränen, Schreck oder welche Art von Emotionen dieses Stück ihnen an diesem Abend auch abverlangen mochte; plötzlich sah er sie als die Kinder, die sie gewesen waren oder immer noch waren, jeder einzelne von den anderen abgetrennt, doch fähig, sich über die Reichweite von Worten hinaus bewegen zu lassen und so für einige Momente mit den anderen zusammenge- schweißt. Er lächelte. »Okay, Kevin«, flüsterte Gemma, als er an ihr vorbeiging. »Fertig?« Kevin nickte. Kein Problem. Er beschrieb beim Gehen einen kleinen Kreis und konnte gar nicht anders, als in das Gehabe seiner Figur zu verfallen. Schnaufend leckte er sich die Lippen. Nicht das geringste Problem. Umdrehen. Auf sein Stichwort warten. Und… Los!,

EPILOG

················································································································· Die Gischt brandete gegen den Strand an wie eine Volksrevolu- tion. Eines Tages würde sie endgültig gewinnen, doch im Mo- ment war das Land sicher. Blasen verschwanden langsam im harten, steilen Sandufer und entstanden bei der nächsten Welle gleich wieder von neuem. Weiter landeinwärts, dort wo an der alten Flutlinie die grasbewachsenen Dünen begannen, lag unter einer Sonne, die ein wenig milder brannte als fünf Jahre zuvor, eine Familie. Der drahtige, braungebrannte Vater drehte an einem alten Transistorradio herum. Aus jedem Sender sprudelten gute Nachrichten: Die unerklärlichen Erdbeben und Stürme hatten aufgehört. War das von Dauer? Hatte es etwas damit zu tun, daß die Außerirdischen sich seit fünf Jahren in der Erdumlauf- bahn befanden? Der Vater hatte kein Interesse an den Nach- richten. Schließlich fand er Musik und legte sich auf sein Hand- tuch zurück. Neben dem Vater lag die Mutter. Sie trug ein blaues Kleid mit Bootausschnitt, das ihr bis zu den Knien reichte. Jeder andere nicht bedeckte Teil ihres Körpers glänzte vor Sonnen- creme. Dennoch standen ihre Sommersprossen nach nur weni- gen Stunden Ferien schon kurz vor dem Zusammenschluß. Sie, schlief. Es war eine wohlverdiente Ruhe. Weit von jedem Schlaf entfernt baute eine rotschöpfige Vier- jährige mit Augen frech wie ein Beuteldachs einen Strandmann. Sein eimerförmiger Kopf saß schief und drohte herunterzufal- len, sein Körper war ein unregelmäßiger Sandhaufen, und Treibholzstücke dienten als Glieder. Doch der Vater wußte, daß das Gebilde ihn darstellen sollte. Die ›Nackenschrauben‹ aus Muscheln waren ein todsicheres Erkennungszeichen. Ein alter Familienwitz. Der Vater sah der Vierjährigen zu, wie sie letzte Hand anleg- te, Haare aus Seetang, und wußte, daß er gleich Ziel einer Attacke sein würde. Und tatsächlich, seine Tochter schlug die Händchen zusammen wie eine Erwachsene, wischte sie an ihrem smaragdgrünen Kleidchen ab (aus den weiß gesäumten Kleidern war sie vor ein paar Monaten herausgewachsen), drehte sich um und rannte über den Sand. Der Vater kannte seine Rolle gut. Er legte einen Arm über die Augen und tat so, als ob er schliefe. Plötzlich schrie ihm eine Stimme ins Ohr: »LAUF, MR. ME- TALHEAD!« Kleine, sandige Hände griffen nach seinem Arm, und jetzt blendete ihn die Sonne. Kevin stand auf. Wenn man darauf nicht reagierte, war man verloren.]
15

Similar documents

PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus
ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus Eine Geschichte für Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenhaus PROFESSORS
Karin Slaughter Belladonna
Karin Slaughter Belladonna scanned by unknown corrected by eboo In dem verschlafenen Heartsdale herrscht Panik, seit die beliebte College- Professorin Sybil Adams umgebracht wurde. Zwei tiefe Schnitte in ihrem Bauch bildeten ein tödliches Kreuz. Dass Sybil blind und damit so gut wie wehrlos war, mac
KÄTHE THEUERMEISTER
KÄTHE THEUERMEISTER Für die Geschwister Angelika und Michael wird Mallorca, die Sonneninsel vor der spanischen Küste, ein Jahr lang zur Heimat. Sie gewinnen viele einheimische Kinder als Freunde. Mit ihnen durchstreifen sie die Insel kreuz und quer. Es ist kaum zu glauben, wie viele aufregende Entde
PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Leben
ELSE URY PROFESSORS ZWILLINGE Von der Schulbank ins Leben Eine Geschichte für Jungen und Mädchen TOSA VERLAG Die Erzählung PROFESSORS ZWILLINGE umfaßt die Bände PROFESSORS ZWILLINGE Bubi und Mädi PROFESSORS ZWILLINGE In der Waldschule PROFESSORS ZWILLINGE In Italien PROFESSORS ZWILLINGE Im Sternenha
Vier junge Männer – miteinander befreundete Studenten einer
Vier junge Männer – miteinander befreundete Studenten einer amerikanischen Hochschule – starten eines Tages zu einem Trip in die Wüste von Arizona. Ihr Ziel ist ein geheimnisvolles Kloster, das es dort, abgeschieden von der Welt, geben soll. So steht es in den verstaubten Dokumenten, die einer der S
Eine große Melancholie liegt über der Geschichte von Provence und Languedoc. Dort war ein Volk herangewachsen, das nicht in mittelalterlicher Weltflucht versank, sondern heiter und unbeschwert der Musik,
Eine große Melancholie liegt über der Geschichte von Provence und Languedoc. Dort war ein Volk herangewachsen, das nicht in mittelalterlicher Weltflucht versank, sondern heiter und unbeschwert der Musik, der Dichtung, der Baukunst und der Minne huldigte. Aber dieses Volk diente nicht dem Kreuz, sond
Margaret Atwood Der Report der Magd Roman Fischer
Margaret Atwood Der Report der Magd Roman Fischer Über dieses Buch Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die soge- nannte Republik Gilead installiert, deren oberstes Ziel die Sicherung der Fortpflanzung ist, nachdem die ›europiden Rassen‹ seit Jahren
GREG BEAR BLUTMUSIK
GREG BEAR BLUTMUSIK Roman Deutsche Erstausgabe Science Fiction WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4480 Titel der amerikanischen Originalausgabe Blood Music 2. Auflage Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright 1985 Greg Bear Copyright 1988 für die deutsche Übersetzung Wi
DIE SCHÖPFUNGSGSGESCHICHTE GEHT
DIE SCHÖPFUNGSGSGESCHICHTE GEHT WEITER – EINE KRIMINALISTISCHE UTOPIE UM DEN KAMPF ZWISCHEN MENSCH UND COMPUTER. Acht junge blonde Frauen sind in Los Angeles ermordet worden, und das FBI hat nur eine ein­ zige Spur: Der Killer sucht sich seine Opfer via In­ ternet. Über die Datenautobahn zapft er ve
Schalom Ben-Chorin: Paulus Der Völkerapostel in jüdischer Sicht dtv
Schalom Ben-Chorin: Paulus Der Völkerapostel in jüdischer Sicht dtv Sachbuch Das Buch »Es gibt hier keinen Unterschied zwischen Juden und anderen Völkern. Sie haben alle denselben Herrn«, schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer. Dieser Gedanke – die Überwindung traditionel- ler und nationaler V
Friedemann Bedürftig Als Hitler die Atombombe baute
Friedemann Bedürftig Als Hitler die Atombombe baute scanned 05-2006/V1.0 Kam Hitler mit seinem Angriff auf die Sowjetunion nur einem Angriff Stalins zuvor? Wer hat den Reichstag wirklich angezündet? Hätte es ohne Hitler keine Autobahn gegeben? Über keine Epoche der deutschen Geschichte sind so viele
PROLOG Die Schönste der Schönen
PROLOG Die Schönste der Schönen Drei Millionen Jahre lang drehte sich Gäa in einsamer Herrlich- keit. Einige von denen, die in ihr lebten, wußten von einem weiteren Raum außerhalb des großen Rades. Lange vor der Erschaffung der Engel durchzogen Flugwesen die emporra- genden Wölbungen ihrer Speichen,
Der Astronaut Christian Brannock hat miterlebt, wie der
Der Astronaut Christian Brannock hat miterlebt, wie der Mensch die künstliche Intelligenz immer weiter entwickelte – bis es schließlich möglich war, die menschliche Persönlichkeit in einen Computer zu speisen und ihm auf diese Weise eine Art Unsterblichkeit zu verleihen. Als er beauftragt wird, den
I Ein Laib Brot
I Ein Laib Brot Nördlich von Appalachia hatte ein Stück Wildnis über- lebt. Subble stellte eine Verbindung zwischen der sicht- baren Topografie und den bekannten Koordinaten her und brachte sein Luftfahrzeug neben einer Fichte mit dichten Zweigen weich zur Landung. Als er ausstieg, umfing ihn der ei
CHESTER DIE DROHUNG AUS DEM ALL
CHESTER POUL ANDERSON & MICHAEL KURLAND DIE DROHUNG AUS DEM ALL Science Fiction – Utopischer Roman Deutsche Erstveröffentlichung WINTHER VERLAG KG. HAMBURG – ZÜRICH – WIEN WINTHER-BUCH Nr. 2001 im Winther Verlag KG. Hamburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: TEN YEARS TO DOOMSDAY Ins Deutsche
»Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne je-
»Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne je- mandem den Bart zu sengen.« G.C.Lichtenberg (1780) Die vom Autor Dr. Dipl.-Ing. Dipl.-Ing. HANS-JOACHIM ZILLMER – nominiert als »International Scientist of the Year 2002« (IBC) – vorgestellten Hypothesen haben in wisse
JR oomhann Updike LandlebenDunedu tHsceRowohlt
JR oomhann Updike LandlebenDunedu tHsc e hlm vuont FSruiesalinnngeh aHuosb el R owohlt Dieu OnrteigrAi ndlfaerlmeadu T sAigt.a eKbl ne«o Vepirlfs l,a cNgheeieswn» Yiimmor VJka ehrrlaeg 2 004 Copyright ©1R. e2Ai0nu0bfl6ea kge Ja nuar 2006 «VilSlaAagtlezles C »da eCsuo by lotpsycbn5rhi4eg0nh tPR © eRi
BRIAN W. ALDISS Alle Tränen dieser Erde
BRIAN W. ALDISS Alle Tränen dieser Erde THE BOOK OF BRIAN ALDISS Science Fiction-Erzählungen WILHELM GOLDMANN VERLAG MÜNCHEN Made in Germany • I • 1110 © 1972 by Brian W. Aldiss. Ins Deutsche übertragen von Tony Westermayr. Alle Rechte, auch die der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten. Jeder Na
Kalifornien im Jahre 2025.
Kalifornien im Jahre 2025. Durch Psychodrogen aufgeputschte, marodierende Banden terrorisieren das Land; die meisten Menschen haben sich längst in kleine, nach außen abgeschottete Gemeinschaften zurückge- zogen. Lauren Olamina, eine junge schwarze Frau, macht sich auf die gefährliche Reise nach Nord
Der Herausgeber der Reihe
Der Herausgeber der Reihe Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph, Schriftsteller und Fernseh-Moderator Über den Autor: Gerhard Buzzi arbeitet seit 20 Jahren als Journalist. Der gebürtige Österreicher lebt mit seiner Familie in Bremen. Ausgedehnte Reisen führten ihn quer durch Amerika, wo er mit der
Jaques Buval Nur für Schokolade
Jaques Buval Nur für Schokolade Die Geständnisse des Leszek Pekalski, des wahrscheinlich größten Massenmörders unserer Zeit Bechtermünz Mein besonderer Dank gilt Titus Maximilian Hauser Siegfried Blaschke dem Oberstaatsanwalt Mieczystaw Buksa, Slupsk dem Gefängnisdirektor Zbigniew Obst, Slupsk dem B
Charles Bukowski Der größte Verlierer der Welt Gedichte 1968-1972 dtv
Charles Bukowski Der größte Verlierer der Welt Gedichte 1968-1972 dtv Scanned & corrected by Denklangenach - Nicht zum Verkauf bestimmt! Das Buch Es gibt von Charles Bukowski inzwischen einige ein- schüchternde Beschreibungen, etwa, wie er sich »auf seiner abgewetzten Ledercouch zurücklehnt, die Fla
MICHAEL BISHOP Brüchige Siege
MICHAEL BISHOP Brüchige Siege Roman Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von HENDRIK P. und MARIANNE LINCKENS Baseball-Fachberatung KLAUS FRITSCHE Deutsche Erstausgabe WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/5923 Besuchen Sie uns im Internet: htt
Paulus war Jude von Geburt, römischer Bürger und Revolutionär.
Paulus war Jude von Geburt, römischer Bürger und Revolutionär. Als Jude gehörte er dem Volke an, das sich für das Auserwählte hielt und das durch seine Intoleranz ständig Unruhe in die Pax Romana brachte. Als römischer Bürger genoß er Vorrechte, ohne die seine weiten Mittelmeerreisen unmöglich gewes
Jean-Charles Brisard Das neue Gesicht der Al-Qaida
Jean-Charles Brisard Das neue Gesicht der Al-Qaida scanned 06-2006/V1.0 Der Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi gilt als zweiter Mann hinter Osama bin Laden. Neben diesem ist er der international meistgesuchte Terrorist, auf seinen Kopf sind 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Er ist verantwortlich für d
Gregory Benford Im Meer der Nacht MÜNCHEN
Gregory Benford Im Meer der Nacht CONTACT-ZYKLUS Erster Roman WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Ein rätselhafter Kleinplanet, der jahrelang seine exzentri- sche Bahn zwischen Mars und Merkur gezogen hat, ver- ändert plötzlich die Richtung und geht auf Kollisions- kurs mit der Erde. Ein Astronautenteam wi
Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.) Afrika Mythos und Zukunft bpb:
Katja Böhler/Jürgen Hoeren (Hrsg.) Afrika Mythos und Zukunft bpb: Bundeszentrale für politische Bildung Schriftenreihe Band 426 Afrika Mythos und Zukunft Afrika – der dunkle Kontinent? Im Bewusstsein vieler ist das Afrikabild durch negative aktuelle Schlagzeilen bestimmt oder von Klischees geprägt,
MICHAIL BAKUNIN Ernst B loch PHILOSOPH IE DER TAT Religion im Erbe
MICHAIL BAKUNIN Ernst B loch PHILOSOPH IE DER TAT Religion im Erbe Ernst Bloch Religion im Erbe Eine Auswahl aus seinen religionsphilosophischen Schriften Ernst Bloch wurde am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Er studierte Philosophie, deutsche Philo- logie und Physik und promovierte 19
ROBERT BROWNING • MARIE SCHWEIKHER Der Rattenfänger von Hameln
ROBERT BROWNING • MARIE SCHWEIKHER eB B Der Rattenfänger von Hameln Der Rattenfänger von Hameln Nach Robert Browning von Marie Schweikher eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Robert Browning (07.05.1812 – 12.12.1889) Marie Schweikher (28.05.1849 – 1917) 1. Ausgabe, Juli 2006 ©
Salto mortale Eine Novelle von Jakob Bos+hart B
Salto mortale Eine Novelle von Jakob Bos+harteBBJakob Bos+hart Salto mortale (1910) eBOOK ebook-bibliothek.org BIBLIOTHEK littera scripta manet Jakob Bosshart (07.08.1862 – 18.02.1924) 1. Ausgabe, Mai 2006 © eBOOK-Bibliothek 2006 für diese Ausgabe Textvorlage: „Früh vollendet“ von Jakob Bosshart, H.