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Hilary Norman Blankes Entsetzen Der Rechtsanwalt Robin Allbeury hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu helfen, die von ihren gewalttätigen Ehemännern geplagt werden. Doch für manche Frauen kommt jede Hilfe zu spät. So ist es im Falle von Lynne Bolsover, deren Leiche in einem Schrebergarten gefunden wird, Opfer eines brutalen Gatten – so scheint es jedenfalls … Und dann gibt es Frauen wie Lizzie Piper, Mutter von drei Kindern und verheiratet mit einem erfolgreichen Chirurgen, der dem Idealbild des fürsorglichen Ehemanns entspricht. Doch niemand weiß, was in manchen Ehen wirklich vorgeht. Od...
Autor Anonym
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Hilary Norman Blankes Entsetzen

Der Rechtsanwalt Robin Allbeury hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen zu helfen, die von ihren gewalttätigen Ehemännern geplagt werden. Doch für manche Frauen kommt jede Hilfe zu spät. So ist es im Falle von Lynne Bolsover, deren Leiche in einem Schrebergarten gefunden wird, Opfer eines brutalen Gatten – so scheint es jedenfalls … Und dann gibt es Frauen wie Lizzie Piper, Mutter von drei Kindern und verheiratet mit einem erfolgreichen Chirurgen, der dem Idealbild des fürsorglichen Ehemanns entspricht. Doch niemand weiß, was in manchen Ehen wirklich vorgeht. Oder was hinter verschlossener Tür geschieht … ISBN: 3-404-15361-8 Original: No Escape Aus dem Englischen von Bianca Güth Verlag: Bastei Lübbe Erscheinungsjahr: Erste Auflage: August 2005 Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

, Autor Hilary Norman ist die Autorin von dreizehn internationalen Bestsellern, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mit ihrem Mann in London., Wie immer gilt mein Dank all jenen, die Zeit und Mühe aufgewendet haben, um mir zu helfen. Mein besonderer Dank geht an: Sarah Abel, Koula Antoniou, Howard Barmad, Jennifer Block, Ros Chinosky, Sara Fisher, Gillian Green, Peter Johnston, Jonathan Kern, Aleksandar Lazarevic, Herta Norman, Judy Piatkus, Helen Rose, Ann Ryan, die Bibliothek South Chingford sowie Dr. Jonathan Tarlow., Für Bernhard Grünwald, Fall Nr.5/040573 BOLSOVER, L.F. Kenntnisnahme/Prüfung Schwebend In Arbeit Abgeschlossen, 1.

D ie ganze letzte Februarwoche hindurch lag die Leiche unter einem Stapel Säcke am Boden eines verlassenen

Schuppens in einem Schrebergarten bei Claris Green im Londoner Stadtteil Barnet. Kaum ein Jahr zuvor waren auf diesem winzigen Stück Land noch Pflaumen, Tomaten, Erdbeeren und die unterschiedlichsten Blumen gediehen, doch dann verstarb der Besitzer des Gartens, und während des langen Wartens auf einen neuen Pächter waren die Pflanzen verwelkt, unter Unkraut erstickt oder von Spinnweben überzogen worden, und Vandalen hatten sich einen Spaß daraus gemacht, eine Wand des Schuppens einzuschlagen. Da Spätwinter war und kein neuer Pächter in Sicht, war die Leiche bereits acht Tage unentdeckt geblieben. Nur ein großer, glatter, gesprenkelter Kieselstein, den ein gelangweilter Rowdy durch die zerbrochenen Holzplanken in den Schuppen geschleudert hatte, lag jetzt auf dem Sack direkt über dem linken Schenkel der toten Frau. Als man sie dann endlich fand, löste der Anblick der Toten bei jedem, der das Pech hatte, sie zu sehen, Ekel und Entsetzen aus. Trotz der fortgeschrittenen Verwesung der Leiche zu diesem Zeitpunkt konnte die Identifizierung rasch erfolgen, denn Lynne Frances Bolsover war sieben Tage zuvor von ihrem Mann als vermisst gemeldet worden. Da man sie seither weder gesehen hatte noch ihre VISA-Karte benutzt worden war, war die Sorge um sie ständig gewachsen. Darüber hinaus wurde zwar Mrs Bolsovers schwarze Ledertasche nie gefunden (ihr Mörder hatte sie kaum eine Meile von dem Schrebergarten entfernt, in der Franklin Road, in einen Müllcontainer geworfen), doch sie trug immer noch ihren roten Pullover und die Bluejeans mit dem Flicken in Gestalt einer Siamkatze auf der rechten Hintertasche., Neben den zahnärztlichen Unterlagen der als vermisst gemeldeten Frau würden diese Kleidungsstücke der Polizei die Sache erleichtern. Der Familie Bolsover dagegen natürlich nicht. Der Pathologe würde zu gegebener Zeit feststellen, dass die neunundzwanzigjährige Ehefrau John Bolsovers und Mutter der sechsjährigen Kylie und des vierjährigen Alex an einer massiven Gehirnblutung gestorben war, nachdem man ihr den Schädel mit drei Schlägen auf den Kopf zertrümmert hatte. Die Morduntersuchung, die das Ermittlungsteam der Polizei – das Area Major Investigation Team, kurz AMIT – bereits in die Wege geleitet hatte, würde mit Volldampf abgewickelt und aller Wahrscheinlichkeit nach schnell abgeschlossen werden. Denn die AMIT-Beamten würden rasch herausfinden, dass Mrs Bolsovers Hausärztin Dr. Deirdre Miller ihr vor kurzem Prozac verschrieben hatte, um Lynnes Depressionen zu lindern, unter denen sie seit einer Abtreibung ein Jahr zuvor litt; dass eine Apotheke unweit des Reihenhauses, in dem die Bolsovers lebten, die Verstorbene regelmäßig mit Arnikasalbe für ihre blauen Flecken beliefert hatte; dass laut Pam Wakefield (Lynnes Schwester) und Valerie Golding (ihrer Nachbarin) Lynne regelmäßig tyrannisiert, angeschrien und fast mit Sicherheit auch geschlagen worden war, und zwar von John Bolsover, ihrem Mann; und dass es – diese Information kam von ihrer Schwester Pam – ebenfalls John gewesen war, der auf dem Schwangerschaftsabbruch bestanden hatte, der wiederum Auslöser für Lynnes Depressionen gewesen war. Bolsover würde mehrere Male verhört, dann verhaftet und wegen des Mordes an seiner Frau angeklagt werden. Allerdings würde er nie ein Geständnis ablegen. Weil er unschuldig war., 2.

D ie meisten Leute sahen sich zu der Feststellung veranlasst, dass Lizzie Piper Wade eine beneidenswert glückliche

Frau war. »Außer der Sache mit dem armen Jack natürlich«, fügten diejenigen hinzu, die von der Muskeldystrophie ihres mittleren Kindes wussten. »Obwohl selbst das leichter für sie sein muss als für andere Frauen.« »Andere Frauen« waren diejenigen, die das Pech hatten, nicht mit dem Arzt und Chirurgen Christopher Wade verheiratet zu sein. Das Leben hatte Lizzie gelehrt, ihr Glück zu schätzen und trotz Jacks schrecklicher Krankheit für viele Dinge dankbar zu sein. Sie war dankbar für Jacks Mut und seinen Humor, seine Intelligenz und Selbstachtung und – vielleicht das Wichtigste – für sein unerschütterliches Vertrauen in die bedingungslose Liebe seiner Familie. Sie war dankbar, dass der zwölfjährige Edward so gesund war wie Sophie, die im März sieben würde; allerdings würden die Zukunft – und verschiedene medizinische Untersuchungen im Teenageralter – erst noch zeigen, ob Sophie ebenfalls den genetischen Defekt aufwies, der für die Krankheit des zehnjährigen Jack verantwortlich war. Dennoch, Lizzie war dankbar für ihr Leben. Und für ihre Arbeit. »Welchen Stellenwert«, hatte ein Journalist, der sie für eine Samstagsbeilage interviewte, sie vor einem Jahr gefragt, »räumen Sie Ihrer Karriere in Ihrem Leben ein?« »Ich freue mich darüber«, hatte Lizzie geantwortet. »Ich habe das Glück, kochen, essen und trinken zu dürfen, darüber zu schreiben und noch dafür bezahlt zu werden.«, Doch die Antwort, die in ihren Gedanken ganz oben stand – die ehrlichste Antwort –, hatte sie dem Journalisten nicht gegeben. Meine Arbeit bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren. Der Journalist wusste von Jacks Krankheit und hätte wahrscheinlich angenommen, dass Lizzie sich darauf bezog. Doch sie sprach die Wahrheit nicht aus – weder dem Journalisten noch irgendeinem anderen Menschen gegenüber. Sie sagte es nicht einmal ihrer Mutter, Angela Piper, und auch nicht Gilly Spence, die ihr bei der Hausarbeit half (weshalb Gilly der Liste der Glücksfälle in ihrem Leben hinzuzufügen war). Meine Arbeit bewahrt mich davor, den Verstand zu verlieren. Niemand hätte wirklich verstanden, was sie meinte. Alle hätten gedacht, falls Lizzies emotionale Stärke hier und da ein wenig ins Schwanken geriete, müsse es wegen Jack sein – und wegen der ständigen Herausforderung, ihre Prioritäten ins Gleichgewicht zu bringen. Doch selbst unter Berücksichtigung ihrer Probleme wären viele Menschen der Meinung, dass Lizzie es trotzdem leichter hatte als die meisten anderen. Weil ihre ganze Familie, ihre Freunde und Kollegen und jeder, der in Frauenzeitschriften oder in der Boulevardpresse über sie gelesen hatte, sich einig waren, was den wichtigsten Aspekt in Lizzies Lebens betraf: Ihr größtes Glück bestand darin, Christopher zum Ehemann zu haben. Vor allem, dachten manche insgeheim, weil die Blondine mit den blauen Augen zwar recht hübsch, aber keinesfalls eine Schönheit war. Dafür aber war sie mit Christopher Edward Julian Wade verheiratet, dem berühmten und attraktiven Schönheitschirurgen, der seine Fähigkeiten regelmäßig in die Dienste bedürftiger Menschen in verschiedenen Ländern, Europas und der Dritten Welt stellte und darüber hinaus Gründer und Rückgrat von HANDS war, einer karitativen Organisation, die sich der ärztlichen und psychologischen Hilfe für entstellte Männer, Frauen und Kinder widmete. Diverse Boulevardzeitungen titulierten Wade regelmäßig als »heiligen Christophorus«. Das Familienleben der Wades war zwischen einer großen, frühviktorianischen Villa an der Themse, unweit von Marlow in Buckinghamshire, sowie einer Gartenwohnung im Londoner Holland Park aufgeteilt; sie hatten beide Domizile vor einigen Jahren praktisch komplett ausweiden und neu bauen lassen, um Jacks krankheitsbedingten Bedürfnissen gerecht zu werden – Rampen, ein Treppenlift, verbreiterte Türen, umgestaltete Badezimmer. Diese Bedürfnisse wuchsen im Laufe der Zeit, da seine Kraft und seine Fähigkeiten allmählich nachließen. Beide Wohnungen waren überdies mit Arbeitsküchen für Lizzie und Büros für Christopher und sie ausgestattet. Das Glück des Wohlstands war Lizzie also ebenfalls vergönnt. Sie hatte vor langer Zeit den Überblick verloren, wie viele Fans ihr schon geschrieben hatten, um ihr zu sagen, wie sehr sie sie beneideten – nicht so sehr wegen ihrer Bestseller und der regelmäßigen Fernsehauftritte auf dem Koch-Sendeplatz von Heute Morgen oder im Essen-und-Trinken-Kanal, sondern vor allem wegen ihres Lebens mit dem fabelhaften Christopher. Weil niemand die Wahrheit über Christopher kannte. Alle Welt wusste nur, was Lizzie sie wissen lassen wollte. Es wäre niemandem geholfen, wenn mehr bekannt würde. Ganz gleich, was geschah, sie wollte nicht – und konnte nicht – daran denken, Christopher zu verlassen. Wegen ihrer Kinder. Wegen Jack. Weil ihr Mann, trotz all seiner Fehler, der liebevollste Vater war, den man sich vorstellen konnte. Und weil Jack seinen Vater vergötterte. Also würde Lizzie es niemandem erzählen, zumindest nicht,, solange Jack lebte. Obwohl sie die Statistiken kannte und wusste, dass ihr Sohn – trotz aller Hoffnungen auf Gen- und sonstige Therapien der Zukunft – von Glück reden konnte, wenn er die Teenagerjahre oder frühen Zwanziger noch erlebte, dachte sie selten über seinen Tod nach. Sie würde ihrer Familie und dem Rest der Welt den innigen Glauben an den Mythos des heiligen Christopher Wade lassen. Für Jack., 3.

E inigen Menschen fiel es schwer, Robin Allbeury zu vertrauen.

Er war ein wohlhabender, erfolgreicher Rechtsanwalt – Inhaber einer eigenen Kanzlei in Bedford Row und eines luxuriösen Penthouse im Shad Tower, einem schimmernden Hochhaus südöstlich der Tower Bridge – und im Großen und Ganzen ein glücklicher Mann. Allbeury war ein eleganter Junggeselle von zweiundvierzig Jahren, nicht direkt gut aussehend, aber unbestreitbar attraktiv, mit dunklem, von Silberfäden durchsetztem Haar und warmen braunen Augen. Er war ein Förderer der Kunst, doch in seinem persönlichen Geschmack rangierte das Kino höher als das Theater, ein Thriller über der »gehobenen« Literatur, Jazz über der Oper. Und Stille über dem Jazz. Ruhige Abendessen über Partys. Freundschaften zu Frauen über denen zu Männern. Und sein Single-Leben über der Ehe. »Du weißt nicht, was du verpasst«, hatte David Lerman, einer seiner Partner in der Kanzlei, der mit seiner zweiten Frau eine glückliche Ehe führte, mehr als einmal zu ihm gesagt. »Julia hat mein Leben verändert.« »Julia ist wundervoll«, stimmte Allbeury zu, »aber du warst ein Häufchen Elend, bevor du ihr begegnet bist. Ich hingegen bin ein glücklicher Junggeselle.« »Behauptest du.« Lerman war nicht überzeugt. »Ja, behaupte ich.« Allbeury lächelte. Sein juristisches Fachgebiet war die Ehe, obwohl er als Chef seiner eigenen Kanzlei inzwischen wählerisch war, welche Fälle er selbst übernahm. Den Großteil der ehelichen Rechtsstreitigkeiten überließ er entweder Lerman oder einem, seiner anderen Kanzleipartner, während er selbst die Zügel in der Hand hielt und sich Zeit für seine »andere Arbeit« nahm: In seiner freien Zeit traf er sich mit Frauen, die sich in unglücklichen Ehen gefangen fühlten, um ihnen zu helfen. Frauen, die aus finanziellen oder anderen Gründen keinen Ausweg sahen. Dabei kamen sie selten selbst auf ihn zu – in der Regel war es Allbeury, der auf diesem oder jenem Weg von ihren Lebensumständen erfuhr und ihnen seine Dienste anbot. Er hatte sich im Lauf der Jahre ein Netzwerk vertrauens- würdiger Informanten aufgebaut – eine bunt gemischte Truppe, die sich über den gesamten Großraum London verteilte: ein Telefonist in einer Notrufzentrale, ein desillusionierter Sozialarbeiter, ein Bewährungshelfer, ein Polizist, eine Krankenschwester, ein Gastwirt, ein Pfarrer aus West-London. »Wenn herauskommt, dass ich das an dich weitergegeben habe«, lamentierte der Sozialarbeiter bei einem der ersten Treffen mit Allbeury, »bin ich am Arsch.« »Von mir erfährt es keiner«, versicherte Allbeury. In besagtem Fall ging es um eine Frau, die unter der extremen seelischen Grausamkeit ihres Mannes litt. Die Nachbarn hatten wegen ihrer Schreie und ihrem Flehen, ihrem Weinen und Schluchzen den Sozialdienst gerufen, doch sie wies keine sichtbaren Blutergüsse oder Wunden auf, die auf Misshandlungen hindeuteten, und angesichts ihrer Weigerung, eine offizielle Meldung zu machen, hatte der Sozialarbeiter keine andere Wahl gehabt, als sich zurückzuziehen. »Ich habe das Gefühl, eine zutiefst verzweifelte Frau im Stich gelassen zu haben.« »Keine Chance, dass sie ihn verlässt?«, fragte Allbeury. »Sie ist längst viel zu mutlos, um es überhaupt zu versuchen«, sagte der junge Mann. »Ihr Mann lässt sie ohne seine Unterschrift nicht mal einen Scheck einlösen, gibt ihr keine Karte für den Geldautomaten, ja, er schreibt ihr vor, wen sie, sehen darf und wen nicht.« »Glaubst du, es besteht Selbstmordgefahr?«, fragte Allbeury. »Ich würde sagen, es ist zumindest nicht ganz auszuschließen.« Allbeury blieb einen Moment stumm. »Erzähl mir alles, was du weißt.« Auf diese Art arbeitete er meistens: Er ließ sich von seinem Informanten alles berichten; dann setzte er seine eigenen Methoden ein, um die Lebensumstände der Frauen zu verifizieren. Falls er dann das Gefühl hatte, er könne möglicherweise helfen, nahm er über eine dritte Person Kontakt zu der Betreffenden auf, um ein erstes Treffen zu arrangieren – in der Regel an einem öffentlichen Ort, außerhalb ihres eigenen Umfelds. Einige Frauen schraken ängstlich zurück, doch häufig waren sie neugierig und verzweifelt genug, um zumindest diesen ersten Schritt zu wagen. Im Allgemeinen mochten und vertrauten sie Allbeury, der ein einfühlsamer und diplomatischer Fragesteller war; es kam jedoch auch vor, dass die Frauen misstrauisch waren, vor allem, wenn er ihnen sagte, sie müssten sich keinerlei Gedanken über eine Bezahlung machen. »Ich kann Sie aber auch nicht in anderer Form bezahlen«, hatte er schon von mehr als einer Frau gehört. »Das erwarte ich auch nicht.« Er böte ihnen lediglich einen Ausweg an, sagte er stets. Eine Flucht. Das Ende ihrer Ehe, wenn es das war, wofür sie sich letztlich entschieden. Das Ende der Bedrohung, des Leidens oder der panischen Angst. »Aber warum?«, hatte eine misstrauische Ehefrau ihn gefragt. »Wenn Sie sagen, Sie wollen kein Geld – und ich kann es nicht riskieren, Rechtsbeistand zu beantragen –, warum, um alles in der Welt, wollen Sie mir dann helfen?«, Er hatte gelächelt. »Nennen Sie es einen Missionars- Komplex.« »Missionare wollen Menschen konvertieren.« »Ja. Und das Einzige, zu dem ich Sie konvertieren möchte«, hatte Robin Allbeury entgegnet, »ist die Freiheit.«, 4.

M ike Novak, Privatdetektiv und Inhaber einer ums Überleben kämpfenden Detektei mit Sitz in einem

heruntergekommenen ehemaligen Lagerhaus in New Smithfield – in einer schmutzigen Sackgasse seitlich der Dock Street, nahe der alten Königlich-Britischen Münzanstalt –, hatte vor fünf Jahren zum ersten Mal mit Robin Allbeury zusammengearbeitet. Allen Keith, zu dieser Zeit Juniorpartner in der Kanzlei Bedford Row, hatte Novak damals engagiert, um die angeblichen Seitensprünge der Frau eines wohlhabenden Klienten zu beweisen. Novak fand heraus, dass es in Wahrheit genau andersherum war, und schrieb einen entsprechenden Bericht. Der Klient wurde wütend und ordnete an, Novak zu feuern und ihm die Bezahlung zu verweigern. Doch zwei Tage später kam der Seniorpartner der Kanzlei, Robin Allbeury, in Novaks Detektei, um sich zu entschuldigen. »Mein Honorar wäre mir lieber«, erklärte Novak. Der Anwalt mit dem eleganten Haarschnitt und dem teuren Anzug und der jüngere Mann mit dem zerzausten blonden Haar, dem schmalen Mund und den stechend blickenden blauen Augen musterten einander forschend. »Ihr Honorar plus einen Bonus«, sagte Allbeury dann lächelnd und schrieb auf der Stelle den Scheck aus. »Und meinen Dank für einen ordentlich erledigten Auftrag.« »Ihr Klient würde Ihnen da aber nicht zustimmen«, sagte Novak. Als Novak einige Monate später im Mirror las, dass die Scheidung dieses Klienten mit auffallender Fairness gegenüber der Frau über die Bühne gegangen war, fragte er sich, ob sein Bericht – und vielleicht Robin Allbeury selbst – bei dieser, Übereinkunft eine Rolle gespielt hatten. Am Tag darauf tauchten zwei Schlägertypen vor Novaks Wohnung auf, erklärten, er solle seine Berichte künftig im Sinne derer verfassen, die auch seine Rechnung bezahlten, und verabreichten ihm eine Tracht Prügel, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Als er später bei einem Drink seine Wunden versorgte, beschloss er, den aalglatten, charmanten Robin Allbeury darauf aufmerksam zu machen, mit welcher Sorte Menschen er es zu tun hatte. Novak rief ihn an. Ein paar Stunden später stand der Anwalt vor seiner Tür. »Du lieber Himmel!«, sagte Allbeury, entsetzt über den Anblick von Novaks Gesicht. »Sie hätten ja nicht zu kommen brauchen.« Der andere Mann ignorierte die Unhöflichkeit. »Darf ich hereinkommen?« In der linken Hand hielt er eine Flasche Jameson’s. »Besser als Aspirin.« Nach kurzem Zögern ließ Novak ihn herein und holte Gläser. »Ich komme gleich zur Sache«, sagte Allbeury und schenkte ihnen beiden ein. »Okay?« »Warum nicht?« »Ich gebe Ihnen mein Wort«, sagte Allbeury, »dass meine Kanzlei von morgen an jegliche Verbindung zu besagtem Klienten abbrechen wird. Und ich hoffe, zu gegebener Zeit werden Sie sehen, dass mein Wort etwas wert ist.« »Nach seinen Kumpels zu urteilen«, Novak betastete vorsichtig seine Rippen, »dürfte ihm das nicht gefallen.« »Pech«, sagte Allbeury. »Was ist mit Allen Keith?« »Wenn Mr Keith mit meiner Entscheidung ein Problem hat, kann er sich nach einer anderen Kanzlei umsehen.« Novak runzelte die Stirn. »Sie meinen es offenbar ernst.«, »Ich sage niemals etwas, das ich nicht auch so meine«, sagte Allbeury. Die Schläger hatten ungewollt dazu beigetragen, den Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit Novaks mit Robin Allbeury herbeizuführen; außerdem hatte Mike Novak bei dieser Gelegenheit die Liebe seines Lebens kennen gelernt. Die Krankenschwester Clare Killin hatte Dienst in der Notaufnahme, als Novak am Nachmittag der Schlägerei dort hineinhumpelte, um die schlimmste seiner Platzwunden auf der Stirn nähen zu lassen. Es sei eine Sache, gestand Novak ihr, sich gelegentlich einer Faust oder sogar einem Stiefel zu stellen, aber Nadeln seien eine völlig andere Geschichte. »Ich tue mein Bestes«, versicherte sie ihm. Ihre Stimme war sanft, und sie sprach mit leichtem Edinburgher Akzent. »Wollen Sie sich denn nicht über mich lustig machen?«, fragte er. »Würde Ihnen das helfen?« »Kein bisschen.« »Das dachte ich mir.« Sie drehte sich um. »Möchten Sie die Augen schließen?« Novak betrachtete ihr hübsches Gesicht, die ruhigen braunen Augen, den schönen Mund und das rote lockige Haar, das sie zu einem Zopf zusammengebunden trug, aus dem ein paar einzelne Strähnen entkommen waren. »Ich glaube, ich lasse die Augen lieber auf«, sagte er. »Wenn Sie nichts dagegen haben.« Zwei Wochen nach ihrem ersten gemeinsamen Abendessen zog Clare in seine Wohnung, und drei Monate später heirateten sie in aller Stille. Keiner von beiden hatte Verwandte in der Nähe; Novak hatte seinen tschechischstämmigen Vater und seine englische Mutter vor sieben Jahren bei einem Flugzeugabsturz verloren, und Clares verwitweter Vater,, Malcolm Killin, lebte in Schottland. Aber beide hatten ohnehin keinerlei Bedürfnis nach Familie oder jemand anderem verspürt. In diesen glücklichen Anfangstagen war ein gelegentlicher schwieriger Klient oder die ständige Herausforderung, mit der Detektei den Lebensunterhalt zu bestreiten, die einzige Belastung in Novaks Leben. Clare hingegen erlebte eine ganz andere Dimension von Stress, da sie fast jeden Tag mit so viel Schmerz und Kummer konfrontiert wurde, wie Novak es sich nicht einmal ausmalen wollte. Als sie schließlich völlig ausgebrannt war – nach Einschätzung einer Kollegin war Clare einfach zu mitfühlend, um den Arbeitsalltag in der Notaufnahme über Jahre hinweg ertragen zu können –, fürchtete er, sie auf irgendeine Weise im Stich gelassen zu haben. Fest entschlossen, Clare wieder zu ihrer früheren Stärke zu verhelfen, verbannte Novak die Detektei auf Platz zwei in seinem Leben – und das Geschäft litt entsprechend darunter. Clare kehrte allerdings nie mehr in die Notaufnahme zurück, und Novak unterstützte ihre Entscheidung. Das Krankenhaus war sehr hilfsbereit und schlug den Wechsel in eine andere Abteilung vor, während Novak den Vorschlag machte, sie solle sich als private Pflegerin versuchen, doch Clare lehnte beides ab. »Für mich gibt es nur den Job in der Notaufnahme, sonst nichts«, sagte sie. »Was mir dort zu schaffen gemacht hat, ist gleichzeitig genau das, was ich an der Arbeit dort liebe.« Sie blickte Novak an – mit einem seltsamen, forschenden Blick. »Was ist?«, fragte er beunruhigt. »Jetzt bist du sicher enttäuscht von mir.« Es war eine Feststellung. »Wie kommst du denn auf die Idee?« »Du hast eine Krankenschwester geheiratet. Noch dazu eine, die an diesem Beruf hängt.«, »Ich habe dich geheiratet, Clare. Eine sensible, fürsorgliche Frau.« »Dann liebst du mich immer noch?« »Mehr denn je«, antwortete er beinahe heftig. »Mehr als alles andere auf der Welt.« Kurze Zeit später fragte er Clare, ob sie sich vorstellen könne, ihn in der Detektei zu unterstützen, und war überrascht und hocherfreut zugleich von ihrer lebhaften Zustimmung – und bald schon beeindruckt von dem, was sie leistete. Clare entpuppte sich als großes Organisationstalent, und sie war unschlagbar darin, Mängel aufzuspüren. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte sie genug Selbstvertrauen, um den größten Teil der administrativen und buchhalterischen Aufgaben zu übernehmen, was Novak die Freiheit ließ, wenigstens einige seiner früheren Stammklienten – zwei Scheidungsanwälte, eine große Zeitarbeitsfirma und Robin Allbeury – davon zu überzeugen, dass er wieder im Geschäft sei. Clare schrieb sich an einer Abendschule ein und belegte Buchhaltungs- und Betriebswirtschaftskurse. Sie lernte gern und genoss es, ihre neu erworbenen Fähigkeiten bei der Reorganisation der Detektei einzusetzen, wobei es ihr gleichzeitig gelang, die laufenden Kosten zu senken. So hatte sie, zu Novaks Erleichterung und Dankbarkeit, maßgeblichen Anteil daran, dass die Detektei zum ersten Mal kostendeckend arbeitete und sich kurz darauf in die Gewinnzone bewegte. Mit anhaltendem Eifer drängte sie ihren Mann dazu, Fortbildungskurse zu absolvieren, sodass er Mitglied des Britischen Detektivverbandes werden konnte. »Das bringt Prestige und neue Kontakte«, sagte sie. »Und beides kann nicht schaden.« »Das sagt Robin auch«, bemerkte Novak. »Oh«, sagte Clare ein wenig spöttisch. »Wenn Robin es sagt!«, Sie war nie sicher gewesen, was sie von Robin Allbeury halten sollte, nie ganz überzeugt von seinen ungewöhnlichen und scheinbar selbstlosen Aktivitäten. Sie hatte das Gefühl, er verheimliche seine wahren Motive. Darauf angesprochen, sagte Novak zu Clare, er habe bisher nicht herausgefunden, wie Allbeurys Motive aussahen – und er wisse auch nicht, ob er etwas darüber erfahren wollte, solange Allbeury weiterhin den Menschen half. »Den Frauen«, sagte Clare. »Ja. Und uns beiden hilft er, unsere Rechnungen zu bezahlen«, bemerkte Novak. Dagegen hatte Clare kein Argument. »Er hält dich für einen bemerkenswerten Menschen.« »Wie kommt er darauf?« »Weil er ein kluger Mann ist«, sagte Novak. Zwei Jahre später kehrte der Kummer zu ihnen zurück, als ihr ersehntes erstes Kind bei der Geburt starb. Clare, die allein zu Hause war und ein Bad nahm, als es passierte, verlor das Bewusstsein, bevor sie Hilfe herbeirufen konnte, und ihr neugeborener Sohn überlebte nicht. Sein Tod traf die Novaks wie ein Hammerschlag. Nach Clares Entlassung aus dem Krankenhaus igelten sie sich eine ganze Woche lang in ihrer Wohnung ein und aßen und schliefen kaum. Robin Allbeury – der in Sorge war, weil seine Nachrichten unbeantwortet blieben – kam schließlich zu ihnen und übernahm mehr oder weniger das Ruder: Er kaufte ein, kochte, informierte Clares Vater über die Tragödie (obwohl Malcolm Killin damals selbst mit Lungenentzündung im Bett lag und nicht helfen konnte) und half Novak, das traurige Begräbnis zu organisieren. Nach der qualvollen gerichtlichen Untersuchung des Todesfalles nahmen Clare und Novak nur mit schrecklicher, Langsamkeit ihr gewohntes Leben wieder auf; irgendwann zwangen sie sich, eine Trauerberatung aufzusuchen, fanden sie aber kaum hilfreich. Wie zu erwarten, erwiesen die Arbeit und die Zeit sich als die beste Medizin. Monate verstrichen. Die beiden steckten all ihre Energie in die Detektei und bauten sie wieder auf. Aber nichts war mehr wie früher. Alles schien durch Trauer, Selbstvorwürfe oder Angst vergiftet. Wenn etwas sie zum Lachen brachte, fühlten sie sich schuldig, weil ihr Kind im Grab lag. Wenn sie sich liebten, klammerten sie sich aneinander wie zwei Schwimmer kurz vor dem Ertrinken. Wenn sie ein Baby in einem Kinderwagen sahen, raubten ihnen die Trauer und der Neid den Atem. Doch auch das ging vorbei. »Würde es dir etwas ausmachen«, fragte Clare eines Morgens, fast ein Jahr nach dem Tod des Jungen, »wenn ich einen Teilzeitjob als Krankenschwester annähme? Nur zwei oder drei Abende die Woche.« Novak erschrak. »Ich wusste gar nicht, dass du mit dem Gedanken gespielt hast, in deinen Beruf zurückzukehren.« »Das hatte ich auch nicht vor, bis Maureen mich letzte Woche anrief.« Maureen Donnelly, eine ehemalige Kollegin, hatte vor zwei Jahren ins Waltham General Hospital in Essex gewechselt, um näher bei ihrem Vater zu sein, der unter Parkinson litt. In der Vergangenheit hatte Maureen stets darauf geachtet, nicht ins Fachsimpeln zu geraten, wenn sie sich mit Clare traf, doch in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass die Freundin zunehmend Interesse daran zeigte, Neuigkeiten aus der Notaufnahme zu hören, und Maureen tat Clare nur zu gern den Gefallen, sie über einige interessantere Fälle in der Abteilung auf dem Laufenden zu halten. Nick Parry war einer dieser Fälle, ein achtundzwanzigjähriger Mann mit doppelseitiger Lähmung. Er war im vergangenen, Monat ins Krankenhaus gekommen, nachdem er mit seinem getunten Wagen einen schweren Unfall gehabt hatte. Der Lebensmut und der Humor des jungen Mannes hatten Maureen beeindruckt, und als sie hörte, dass die Ausländerbehörde einen von Parrys Teilzeitpflegern zurück nach Neuseeland schicken wollte, versprach Maureen ihm, sich nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin umzusehen. »Maureen glaubt, wir würden uns gut verstehen«, erzählte Clare, »also bin ich ihn besuchen gegangen.« »Warum hast du mir nichts davon erzählt?«, fragte Novak. »Weil ich dachte, dass du dich entweder für mich freust und dich dann ärgerst, wenn es nicht klappt – oder dir Sorgen machst und dich ärgerst, wenn es klappt.« »Anscheinend hat es geklappt«, sagte Novak und sah sie eine Zeit lang an. »Kennst du mich denn immer noch so wenig? Ich würde dich nie von etwas abhalten, das du möchtest.« Dann stellte er die Frage, die in seinen Gedanken plötzlich ganz oben stand: »Und die Arbeit in der Detektei willst du aufgeben?« »Nein«, antwortete Clare entschieden. »Niemals. Die Detektei hat mich geheilt.« Sie hielt kurz inne. »Und du natürlich.« »Du hast dich selbst geheilt«, sagte Novak. Clare gab ihm einen Kuss, schmiegte sich ganz dicht an ihn und legte sanft ihre Lippen auf seinen Mund. »Du bist der Beste, Mike«, sagte sie. »Weißt du das?« »Ich liebe dich bloß«, sagte er., 5.

W as hältst du davon, Lizzie?« Es war der zweite Montag im März – zwei Tage nach

der Party zu Sophies siebtem Geburtstag –, und Andrew France, Lizzies Agent, hatte sie gerade zu Hause in Marlow angerufen, um ihr mitzuteilen, dass ihr Verlag, Vicuna Press, ihm ein sehr attraktives Angebot unterbreitet hatte. Wenn sie annahm, würde sie für ein neues Lizzie-Piper-Buch mit dazugehöriger Fernsehserie auf eine Art Europatournee gehen und unterwegs für das Buch neue Rezepte kosten und kreieren. »Das hört sich wundervoll an.« Lizzie lehnte sich in dem ledernen Drehsessel in ihrem Arbeitszimmer zurück. »Ich kann es gar nicht glauben!« »Es ist ein fantastisches Angebot.« Andrew schien sich über ihre Reaktion zu freuen. »Du hast noch nicht Ja gesagt?« »Nein, ich kann ja nicht für dich sprechen.« Jetzt lag ein klein wenig Misstrauen in der Stimme ihres Agenten. »Aber ich muss zugeben, ich habe die Frage sozusagen als rhetorisch betrachtet.« Er hielt inne. »Du nimmst das Angebot doch an, Lizzie? Christopher schien sich ganz sicher zu sein, dass du vor Freude in die Luft springst.« Lizzie war einen Moment still. »Wann hast du mit Christopher gesprochen?«, fragte sie dann. »Vor kaum zwei Stunden – du warst noch unterwegs, um die Kinder in die Schule zu fahren. Ich weiß, ich habe ihn gebeten, dir die Nachricht selbst überbringen zu dürfen, aber ich war sicher, er würde nicht widerstehen können, zumindest eine Andeutung zu machen.« Lizzie hörte das Erstaunen in Andrews Stimme., »Christopher wurde nach London gerufen, bevor ich zurückkam«, sagte sie beiläufig. »Wahrscheinlich hat er mir irgendwo einen Zettel hingelegt.« »So wird es sein«, sagte Andrew. »Was genau hat Christopher denn zu dem Angebot gesagt?« »Nicht viel«, antwortete Andrew. »Nur dass er sich sehr für dich freut. Was bei dir aber offenbar nicht der Fall ist, wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, Lizzie.« »Doch, doch, ich freue mich.« Lizzie versuchte, auch so zu klingen. »Natürlich freue ich mich.« »Also kann ich Vicuna anrufen und alles perfekt machen?« Sie zögerte. »Gib mir noch ein klein wenig Zeit, Andrew. Ich kann zu einer so großen und zeitaufwändigen Sache nicht einfach Ja sagen, ohne mit der ganzen Familie gesprochen zu haben.« Sie schwieg kurz. »Könntest du ein paar mehr Einzelheiten erfragen? Zum Beispiel, wann die Sache startet, wie lange sie läuft, und in welchen Ländern?« »Ja, sicher«, sagte Andrew. »Aber über diese Dinge lässt sich ohnehin noch reden. Niemand erwartet von dir, alles stehen und liegen zu lassen, um ins Flugzeug zu springen, Lizzie.« »Das kann ich auch nicht«, sagte sie. »Ich weiß«, sagte Andrew. »Und Howard weiß es auch.« Lizzie wusste, dass Andrew Recht hatte, was ihren Verleger Howard Dunn betraf, aber sie war nicht sicher, ob die Leute vom Fernsehen ebenso verständnisvoll und entgegenkommend sein würden. »Du hast vollkommen Recht, vorsichtig zu sein, Liebling«, sagte Christopher später an diesem Abend, als er aus London zurückgekehrt war und sie im Wohnzimmer einen Schlummertrunk nahmen. »Obwohl ich davon ausgehe, dass sie flexibel sind. Schließlich wollen sie ja ganz offensichtlich, dass, du zufrieden bist.« Die Kinder lagen schon im Bett. Lizzie war ziemlich sicher, dass sowohl Edward als auch Sophie fest schliefen; es war allerdings eher unwahrscheinlich, dass dies auch für Jack galt. Er schlief häufig schlecht, kam aber mit seiner Schlaflosigkeit ziemlich gut zurecht, indem er sich abends immer zwei Walkmen neben sein Bett legte – den einen mit einer Musikkassette, den anderen mit einem Hörbuch –, sodass er nichts weiter tun musste, als die Kopfhörer aufsetzen und einen Knopf drücken. Was Jack aber gar nicht schätzte, waren zu viele nächtliche Besuche seiner Eltern, wenn sie nach ihm sehen wollten. »Wenn ich ein Problem habe«, erklärte er ihnen, »lasse ich es euch schon wissen.« »Vicuna will sicher, dass ich zufrieden bin«, beantwortete Lizzie Christophers Frage. »Aber Fernsehleute haben strenge Zeitpläne und Gewerkschaftsvorschriften und müssen Wetterbedingungen und anderes berücksichtigen. Ich bin sicher, dass sie von mir erwarten, mich in alles einzufinden.« »Was du mit Sicherheit schaffen wirst, wie du immer alles schaffst – mit Bravour.« Christopher war sehr charmant. Das war er schon immer gewesen, und er hatte Lizzie und ihre Talente stets unterstützt, wofür sie ihm fast immer dankbar gewesen war. Dankbarkeit hatte sogar eine entscheidende Rolle gespielt, als sie ihm zum ersten Mal begegnete und sich in ihn verliebte. Nach einem Autounfall mit Anfang dreißig waren Angela Pipers linke Brust und ihr Bauch von einer hässlichen Narbe verunstaltet gewesen. Nach dem Unfall war es erst einmal darauf angekommen, Angela das Leben zu retten; später hatte offenbar niemand richtig begriffen, wie verzweifelt die hübsche Brünette über ihre Entstellung war – nicht einmal Maurice, Piper, ihr Mann, dem es viel wichtiger gewesen war, dass seine Frau ihm und der neunjährigen Lizzie erhalten geblieben war. Angela jedoch hatte mit ihrer – wie sie es empfand – abgrundtiefen Hässlichkeit nicht umgehen können; gleichzeitig hatte sie sich für ihre Undankbarkeit und Oberflächlichkeit zutiefst geschämt, und so war sie in eine schwere klinische Depression gestolpert, aus der sie lange nicht herauskommen sollte. Lizzie entwickelte sich in dieser Zeit zu einem in sich gekehrten Teenager, der es kaum erwarten konnte, zur Universität zu entfliehen. Zehn Jahre später erlitt Maurice einen tödlichen Herzinfarkt. Angela stürzte im freien Fall in den Abgrund, und Lizzie, die in Sussex Englisch studierte und ihre Freiheit genoss, sah sich gezwungen, nach Hause zurückzukehren. Wie ein dichter Nebel lag die Trostlosigkeit ihres Zuhauses vor ihr – das Ende, so empfand sie es, des Lernens und ihrer Freundschaften. Doch Stuart Bride, Angelas Psychologe, war der Ansicht, dass menschliche Nähe die Wunden, unter denen seine Patientin offenbar immer noch litt, vermutlich besser heilen würde als eine jahrelange Therapie. Und dann fegte Christopher Wade – eine große, eindrucksvolle Erscheinung mit struppigem blondem Haar und stechenden grauen Augen hinter einer runden Metallbrille – wie ein freundlicher Windstoß in das Leben der Pipers und sorgte im Laufe der Zeit zumindest für ein gewisses Maß an Heilung. Lizzie, die dreizehn Jahre jünger war als er, erlebte das alles aus nächster Nähe mit: seine Sanftheit, seinen gesunden Menschen- verstand, sein Können und seinen Charme. Als der Chirurg sie kurz nach der zweiten erfolgreichen Operation ihrer Mutter zum ersten Mal zum Mittagessen einlud, nahm sie erfreut an. »Sei vorsichtig«, sagte Angela, als Lizzie es ihr erzählte. »Es ist doch bloß ein Mittagessen«, sagte Lizzie. »So etwas gibt es nicht zwischen einem attraktiven älteren, Mann und einem schönen, unschuldigen Mädchen.« »Nicht ganz so unschuldig, Mom, und schön wohl kaum.« Lizzie war zwar einigermaßen zufrieden mit ihren blauen Augen und ihrem blonden Haar, doch sie fand ihre Nase zu spitz und ihre Beine zu kurz. »Und erst recht nicht, wenn man bedenkt, an was er gewöhnt sein muss.« »Beschädigte Ware«, sagte Angela mit freundlicher Selbstironie. »Daran ist er gewöhnt.« Lizzie und Christopher heirateten im darauf folgenden Jahr, die Braut nahm ihr Studium wieder auf – jetzt an der London University –, und der stolze, glückliche Bräutigam führte seine junge Frau aus der St. Paul’s Church in Knightsbridge in ihr neues Leben in seiner großen Wohnung in Holland Park. Es folgte beinahe ungetrübtes Eheglück, das andauerte, bis ihr erster Sohn Edward drei und das Baby Jack ein Jahr alt waren und sie sich gerade ein Haus gekauft hatte. Edwards Hunde- und Katzenallergie war das Einzige in Lizzies Welt, das einem Makel nahe kam. Die andere, viel weniger attraktive Seite ihres Mannes, die Lizzie im Laufe der Zeit nur allzu gut kennen lernen sollte, zeigte sich zum ersten Mal in Gestalt einer schattenhaften Vorahnung, wie ein kleiner, beunruhigender Tropfen Bremsflüssigkeit unter einem Auto, ein Alarmsignal, das auf künftigen Ärger hindeutet. Es geschah im Sommer 1993, an dem Abend, nachdem sie gefeiert hatten, dass nach Jahren des Schreibens von Zeitschriftenartikeln die Vicuna Press nun Lizzies erstes Buch Viel Spaß in der Küche verlegen würde. Christopher war aus London nach Hause gekommen. Obwohl ausgelaugt nach vielen Stunden in den Operationssälen der Beauchamp-Klinik (an der er außerdem einen der Direktorenposten bekleidete) und des St. Clare’s Hospital hielt, er einen Strauß weißer Rosen in der Hand und sagte Lizzie, wie klug sie sei und wie stolz er auf sie sei und was für eine brillante Karriere sie vor sich habe. Und er bestand trotz seiner Müdigkeit darauf, sie zum Abendessen nach Bray auszuführen. Alles war wundervoll. Bis gegen drei Uhr morgens, als er Lizzie weckte, indem er seine Nachttischlampe einschaltete, ihr Nachthemd hochzog und sie entschlossen zwischen den Beinen streichelte, bis er sicher sein konnte, dass sie halbwegs bei Bewusstsein war. »Ich schlafe noch halb.« Sie lächelte zu ihm hoch, schob seine Hand jedoch weg. »Das macht mir nichts«, sagte er und drückte die Hand wieder zurück. Sein Kuss war das Erste, das sie erschreckte, weil er so grob war. Doch er vertrieb ihre Schläfrigkeit binnen weniger Sekunden und erregte sie so, dass sie ihn mit gleicher Leidenschaft erwiderte. »Oh, Lizzie«, sagte er und begann sofort, sie zu lieben – auch das auf ungewohnt grobe Weise. »Sei vorsichtig, Schatz«, bat sie ihn nach ein paar Augenblicken. »Halt den Mund«, sagte er grob und machte weiter. Hinterher sagte Lizzie sich, es sei ja nicht viel passiert – nur ein leiser Misston, etwas, das sie so schnell wie möglich vergessen sollte. Schließlich war nichts Schlimmes geschehen. Nur dieser Hauch von Grobheit. Und diese Worte. »Halt den Mund.« Christopher redete sonst nie so mit ihr. Am nächsten Morgen beim Frühstück sprach sie es an., »Das war ungewöhnlich«, sagte sie. »Letzte Nacht, meine ich.« »Ungewöhnlich?« »Ich meine damit nicht, dass wir uns geliebt haben«, sagte sie. »Das war schön.« »Das fand ich auch.« »Aber …« »Aber was?«, fragte Christopher. »Du warst ein bisschen grob«, sagte sie. »Tut mir Leid«, entgegnete er. »Tut mir wirklich Leid, Lizzie.« »Ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Ich war nur überrascht.« In diesem Augenblick regte sich etwas in Christophers Gesicht. Ein Hauch von Enttäuschung, schien es Lizzie. »Ich hatte gehofft …«, sagte er, verstummte dann aber. »Was hattest du gehofft?«, fragte Lizzie neugierig. »Nichts«, sagte er. »Ist nicht wichtig.« Sechs Bücher und ein weiteres Kind später versuchte Lizzie immer noch, alles auf die Reihe zu bekommen, um das Angebot annehmen zu können, das Andrew France ihr überbracht hatte, denn es widerstrebte ihr, ihre Kinder längere Zeit allein zu lassen. Dann machte ausgerechnet Christopher es nicht nur möglich, sondern fast unvermeidlich, das Angebot zu akzeptieren. »Ich komme mit nach Europa«, verkündete er, »mit den Kindern und mit Gilly.« »Wie willst du das denn anstellen?« Lizzie dachte an seine täglichen Anforderungen im Krankenhaus. »Es ist schon so gut wie organisiert.« Er sah ihr Gesicht. »Selbstverständlich nur in der Theorie. Und vorausgesetzt natürlich, du machst keine Einwände.«, Es war angenehm warm für März, und sie saßen in dicke Wollpullover eingemummelt auf der Terrasse im Garten und tranken Kaffee. »Erstens«, sagte Christopher, »weißt du, dass niemand dich hinsichtlich spezieller Bedürfnisse nervt, wenn ich dabei bin.« Damit hatte er so Recht, dass ihr keine passende Antwort einfiel. »Zweitens könnten wir viel für unsere gute Sache bewirken.« Christopher warf Lizzie einen herausfordernden Blick über den Rand seiner Brille zu. »Besonders, falls du dich entschließen solltest, einen Teil deiner Honorare zu spenden.« »Oh.« Lizzie war verblüfft. »Es würde dir doch nichts ausmachen, oder, Liebling? Dalia war hin und weg, als ich ihr von der Idee erzählte.« Falls es einen Weg gab, Geld aus einem Stein zu pressen, war Dalia Weinberg von der HANDS-Hauptgeschäftsstelle in der Regent Street die Richtige. Sie war mittlerweile über sechzig, doch ihr Enthusiasmus und ihre Tatkraft stellten so manchen in den Schatten, der halb so alt war. »Du hast schon mit Dalia gesprochen? Eher als ich?«, fragte Lizzie. »Tut mir Leid, ja. Ich hab mich hinreißen lassen. Du musst zu der Spende nicht Ja sagen. Es war nur eine Idee.« »Es wäre ziemlich unhöflich von mir, jetzt noch abzulehnen, nicht wahr?« »Ganz und gar nicht.« »Hm.« Lizzie beobachtete ein Spatzenpaar, das einige Meter entfernt in Sophies Vogeltränke badete. »Aber mal abgesehen von HANDS«, sagte Christopher, »hätte es noch einen weiteren großen Vorteil, wenn du zustimmst.« »Der da wäre?«, »Wir«, sagte er. Lizzie sagte nichts, doch die Bedeutung hinter diesem einzelnen Wort ließ sie erschaudern. Denn so aufrichtig Christophers bekundete Motive sicherlich waren – eine Gelegenheit für eine Reise mit der ganzen Familie, von der auch HANDS profitieren würde: Sie fühlte sich dennoch betrogen. Es Dalia zu sagen, bevor er mit ihr gesprochen hatte, ihr jeden Fluchtweg abzuschneiden … Denn wahrscheinlich hätte sie sich genau dafür entschieden: Sie hätte Andrew gebeten, sie bei Howard Dunn und den Essen- und-Trinken-Fernsehleuten zu entschuldigen und ihnen zu sagen, dass sie es einfach nicht schaffte. Doch dafür war es jetzt zu spät. Lizzie wäre nicht einmal überrascht gewesen, hätte Christopher Dalia bereits erlaubt, das Vorhaben der Presse gegenüber bekannt zu geben; das war genau sein Stil, wenn er etwas unbedingt wollte. Auf diese Weise war er zu einem so unglaublich erfolgreichen Menschen geworden, voller Entschlossenheit und – verborgen unter Charme und Höflichkeit – einem gewissen Maß an Rücksichtslosigkeit. Jetzt würden nicht nur Dalia, sondern auch die Vicuna Press und die Leute vom Fernsehen besonders erfreut sein, dass sie, Lizzie, einen Teil ihrer Honorare spendete, denn das bedeutete mehr positive Presse und zusätzliche Medienaufmerksamkeit. Und bald würden auch die Kinder und Gilly Luftsprünge machen, und vielleicht würde Angela – seit kurzem verlobt mit William Archer, einem Börsenmakler im Ruhestand – an irgend- einem Punkt der Reise zu ihnen stoßen wollen, und Andrew würde wahrscheinlich versuchen, ihnen einen Tisch im The Ivy oder The Caprice zu besorgen, um die Neuigkeit zu feiern. Doch statt sich auf die Reise und die kreative Herausforderung zu freuen und das Kompliment zu genießen, das ihr sowohl Vicuna als auch der Essen-und-Trinken-Fernsehkanal gemacht, hatten, konnte Lizzie an nichts anderes denken als an die Aussicht, mit ihrem Ehemann in allen möglichen Hotelzimmern zu sitzen wie eine Gefangene, umgeben von ihrer Familie und unter den Blicken von Kollegen. Ja, das ließ sie erschaudern. Es war lange her, dass sie sich so sehr in der Falle gefühlt hatte., 6.

A n einem sonnigen Aprilnachmittag Ende der Neunziger holten Joanne Patston, bis vor kurzem

Kundendienstmitarbeiterin der Chingforder Filiale einer Baugenossenschaft, und ihr Ehemann Tony – Mechaniker mit eigener Einmannwerkstatt in der Nähe von Walthamstow – zum ersten Mal ihr Baby nach Hause, in ihr Reihenhaus in Chingford Hatch. Das Kind hieß Irina, eine drei Monate alte rumänische Waise, und ihre Heimkehr wurde von ihren verzückten Adoptiveltern, den Nachbarn Paul und Nicola Georgiou und Irinas über- glücklicher, frischgebackener Großmutter Sandra Finch gefeiert. »Ist sie nicht das schönste Baby, das du je gesehen hast?«, gurrte Sandra über die Schulter ihrer Tochter, während Joanne das kleine Mädchen in den Armen hielt. »Ihre Augen sehen aus wie schwarze Kirschen!« »Sie sind sogar noch dunkler als meine«, sagte Paul Georgiou zu seiner Frau. »Es sind kluge Augen«, sagte Tony. »Und ihre Hände sind so winzig«, staunte Joanne. »So zarte Finger«, sagte Tony. Irina strampelte mit ihren bestiefelten Füßchen. »Vielleicht wird sie mal Ballerina«, sagte ihr neuer Vater. »Oder Fußballerin!« Paul lachte. Tony warf seinem Nachbarn einen leicht mürrischen Blick zu, kippte den Rest seines Champagners herunter und ging sich eine Dose Foster’s von der Ikea-Anrichte holen. »Mir ist es egal, was Irina später einmal tut«, sagte Joanne, »solange sie nur gesund und glücklich ist.«, »Genau«, stimmte Nicola zu. »Ich kann es noch gar nicht glauben«, sagte Sandra. »Mein erstes Enkelkind.« Sie beugte sich vor, um Irinas dunkle Haare zu streicheln. »Ich freue mich so sehr für dich, Joanne.« »Und was ist mit mir?«, fragte Tony. »Ich meine, ich hatte schließlich auch damit zu tun.« »Natürlich«, sagte seine Schwiegermutter. »Ich freue mich für euch beide.« »Wie wäre es mit einem Trinkspruch?«, schlug Paul vor und hob sein Lagerbier. »Tony?« Joanne sah ihren Mann an. »Gib sie mir.« Tony stellte sein Bier ab und bückte sich, um das Baby hochzuheben. »Stütz ihren Kopf«, sagte Nicola. »Er weiß das«, sagte Joanne. »Natürlich weiß ich das«, erklärte Tony. »Ich übe schließlich schon lange genug.« »Der Trinkspruch«, erinnerte Paul ihn. Tony räusperte sich. »Auf unsere Tochter.« »Ist das alles?«, fragte Paul. Tony ignorierte ihn. »Es hat viel Zeit und viele Mühen gekostet«, fuhr er fort. »Wobei Mühen eigentlich nicht ganz das richtige Wort ist, stimmt’s, Jo?« Joanne schüttelte den Kopf. Tränen traten ihr in die Augen. »Weil uns nichts zu viel gewesen wäre, um diesen Moment zu erleben. Um dieses kleine Würmchen nach Hause zu bringen, wo es hingehört.« Tony hielt inne. »Unsere Irina.« Sie hatten die Gesetze sowohl in ihrem eigenen Land als auch in Irinas Heimat gebrochen – und soweit sie wussten auch alle möglichen internationalen Gesetze –, aber das interessierte Tony, und Joanne schon lange nicht mehr. Ihnen war nur wichtig, dass man ihnen nicht auf die Schliche kam und dass sie Irina wie eine eigene Tochter bei sich behalten und großziehen könnten. Zur Hölle mit dem Gesetz. Joannes Motive waren schlicht und einfach gewesen. Seit Jahren sehnte sie sich nach einem Kind – ein Wunsch, den die Unfruchtbarkeit ihres Mannes durchkreuzt hatte. Schließlich war sie so sehr daran verzweifelt, dass sie fast alles getan hätte, um Mutter zu werden. Tonys Motive waren nicht so klar umrissen. Er litt unter seinem Versagen, denn als solches empfand er ihre Kinderlosigkeit. Und egal wie oft Joanne das Gegenteil beteuerte, betrachtete er ihren Kummer inzwischen als stillen Vorwurf. Die Vorstellung, einen Samenspender heranzuziehen, kränkte ihn, und als er nach einem langen Gewissenskampf zugestimmt hatte, ein Baby zu adoptieren, hatte ihn die intensive und äußerst persönliche Befragung durch die Behörden rasch abgeschreckt. »Die lassen uns niemals ein Kind adoptieren«, sagte er unverblümt zu Joanne, nachdem er einen der ersten Termine wahrgenommen hatte. »Nicht, sobald sie mein Strafregister in die Hände bekommen.« »Aber das ist doch schon lange her«, sagte seine Frau. »Ich war Trinker und habe andere Menschen geschlagen«, sagte Tony in ungewohnt nüchterner Selbsteinschätzung. »Mich hast du nie geschlagen«, sagte Joanne. »Und ich wäre ein verdammt guter Vater«, fügte Tony hinzu. »Aber trotzdem bin ich vorbestraft.« »Und was, wenn wir einfach selbst damit herausrücken, es ihnen gleich sagen?«, schlug Joanne vor. »Bevor sie es herausfinden. Wir könnten sagen, dass du seit Jahren keinen Alkohol angerührt hast.« »Das wäre eine Lüge.«, »Na und? Das macht mir nichts.« »Mir auch nicht«, sagte Tony. »Aber ich muss nichts weiter tun als rüber ins Crown and Anchor gehen, und schon wissen die Behörden, was läuft.« Sie hatten fast schon aufgegeben, doch dann sahen sie eines Abends, ein paar Monate nach diesem Gespräch, die Wiederholung einer Fernsehsendung über rumänische Waisen in der Nach-Ceausescu-Ära. Schon während sie zuschauten, war Joanne überrascht, dass Tony – der Dokumentationen hasste – weder umgeschaltet hatte noch aufgestanden war, um sich ein Bier zu holen. Erst hinterher, als die Sendung zu Ende war, öffnete er eine Dose und leerte sie bis auf den letzten Tropfen. Dann setzte er sich wieder neben Joanne aufs Sofa und nahm ihre Hand. »Warum nicht wir?«, fragte er. »Was?« »Das.« Er nickte in Richtung Fernseher. »Das könnte es doch sein. Vielleicht bekommst du auf diesem Weg, was du dir mehr als alles andere wünschst. Und ich auch.« »Aber all die Bewertungsverfahren und diese Dinge«, erinnerte Joanne ihn. »Du hast das alles doch so schrecklich gefunden.« »Das hier läuft vielleicht anders. Schließlich würden wir einem dieser armen kleinen Babys helfen, oder nicht? Wir würden es aus einem dieser verdammten Löcher holen. Vielleicht stellen die Leute dort sich nicht so an.« »Ich weiß nicht, Tony.« »Denk darüber nach, Schatz«, sagte er. »Ein eigenes Baby. Und wir würden einem Kind helfen.« Er hielt inne. »Vielleicht würde ich mich sogar wieder wie ein richtiger Mann fühlen.« »Du warst immer ein richtiger Mann«, sagte Joanne leise., Schon in ihrer nächsten Mittagspause nahm sie die Recherchen auf. Sie ging in die Bibliothek unweit ihres Baugenossenschafts- büros und fand – so mühelos, dass Tony später sagte, es sei Schicksal gewesen, dass sie diese Sendung gesehen hatten – die Beratungsstelle für Auslandsadoptionen. »Pass aber auf, was du ihnen erzählst«, ermahnte Tony sie. »Sag ihnen, dass du dich zunächst mal nur erkundigen willst.« Er verstummte, als er ihren Gesichtsausdruck sah. »Was ist?« »Nichts«, sagte Joanne. »Nur dass du ›du‹ gesagt hast, und nicht ›wir‹.« Tony lächelte leutselig. »Du kümmerst dich darum, Jo. Im Augenblick jedenfalls.« Er hielt inne. »Es ist dir doch nicht zu viel, oder?« »Natürlich nicht«, sagte Joanne schnell. Sie nahm ihn beim Wort, begann Fragen zu stellen und erhielt mehr Antworten und Unterstützung, als sie es je für möglich gehalten hätte – auch wenn jedes Steinchen Hilfe sich unter einem gigantischen Berg von Informationen zu verbergen schien. »Es ist sehr viel zu lesen«, sagte sie an einem Wochenende zu Tony. Er blickte auf die Stapel Broschüren, Fotokopien und Computerausdrucke aus dem Internetcafé, das Joanne in der Mittagspause inzwischen regelmäßig aufsuchte. »Ich kann mit diesem ganzen Mist nichts anfangen«, sagte er. »Das ist kein Mist. Da steckt unsere Chance drin, Eltern zu werden.« Er lachte und sagte, sie höre sich an, als hätte sie eins der Bücher heruntergeschluckt, die sie gelesen hatte. »Das Ergebnis, Joanne«, sagte er. »Alles andere interessiert mich nicht.« Also machte Joanne weiter, bis alle ihre anfänglichen Fragen beantwortet waren, bis ihr Kopf gefüllt war mit Hunderten von, Fakten über die praktischen und ethischen Aspekte »zwischen- staatlicher« Adoptionen – Tausende von Fakten, Warnungen vor Konflikten und Fallen, die es zu meiden galt, Entscheidungen, die getroffen werden mussten, Formulare, die auszufüllen waren. »Nein!« Tony sprach mit allem Nachdruck. »Das machen wir nicht noch einmal durch.« »Wir müssen, Tony.« Ihre Erleichterung war bereits verschwunden. »Das ist doch klar.« »Für mich ist nur eins klar. Dass wir großartige Eltern wären.« »Aber davon müssen wir erst noch die Behörden überzeugen«, argumentierte Joanne. »Und die werden von meinen Vorstrafen erfahren, und dann sind wir wieder genau da, wo wir angefangen haben.« Tonys Gesicht rötete sich. »Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, Jo. Wir sind bereit, einem kleinen hoffnungslosen Kind aus irgendeinem gottverlassenen Land zu helfen, und das war’s.« »Aber so einfach ist es nun mal nicht.« Joanne kämpfte gegen die Tränen. »Das muss es aber sein«, sagte ihr Mann. »Oder wir können die Sache vergessen.« Er stand auf; sein Gesicht war röter, die Augen härter. »Du willst es doch! Also findest du auch einen Weg.« Er war bereits auf halbem Weg zurück zur Küchentür. »Geh wieder ins Internet. Such jemanden, der versteht, was wir wollen.« Er hielt inne. »Wenn du willst, dann sag, dass wir dafür bezahlen.« »Bezahlen?«, fragte sie erschrocken. »Für ein Baby? Das ist doch furchtbar.« »Nicht wenn’s funktioniert.« »Wir haben nicht genug Geld.« Joanne konnte kaum glauben, dass sie das gesagt hatte. »Finde heraus, wie viel es kosten würde.« Tony öffnete die Tür. »Wenn es nicht zu viel ist, zahle ich. Ich bin nicht geizig,, Joanne.« »Das weiß ich, aber …« »Finde es heraus, Joanne. Oder wir lassen das Ganze.« Sie wollte schon aufgeben, als sie auf die Website eines Adoptions- »Fachmanns« stieß, der behauptete, legitime Verbindungen zu Agenturen auf drei Kontinenten zu haben, und der sich auf Paare spezialisiert hatte, die sich vom »System« verlassen fühlten – wegen ihres Alters, ihres sozialen Status oder anderer irrelevanter und oft kleinlicher Umstände. Das wäre zu einfach, dachte Joanne und versuchte, ihre Aufregung unter Kontrolle zu halten, als sie die E-Mail-Adresse auf der Website anklickte – sie tat schließlich nicht mehr, sagte sie sich, als ihre Zehen ins Wasser zu stecken. Und das war warm und sehr angenehm, wie sich herausstellte, und trat ihr in Gestalt einer skandinavischen Ärztin namens Marie Jenssen gegenüber. Eine Dame mittleren Alters, die Joanne erklärte, sie sei im Auftrag der internationalen Operation für die britischen »Zugänge« zuständig. Sie schien nichts anderes zu wollen als Tony und Joanne zu helfen, sich ihren Herzenswunsch zu erfüllen und einem notleidenden Kind ein neues Leben zu ermöglichen. Bei Dr. Jenssen gab es keine langen Gespräche, und es war nur ein Minimum an Formularen auszufüllen; lediglich ein Treffen im Café eines Hotels am Russell Square, einen Vertrag und Geld, das sie auftreiben mussten – so viele Bündel Geld, dass Joanne fürchtete, Tony würde die Sache doch noch abblasen. Aber dann wurde ihr Baby gefunden. Irina Camelia Karolyi. Fünf Wochen alt, elternlos und in einem Waisenhaus in Bukarest untergebracht. Keine Verwandten. Keine Zukunft. Keine Hoffnung. »Sie ist sehr hübsch«, sagte Joanne leise und starrte auf das, Foto, das Dr. Jenssen geschickt hatte: ein winziges Mädchen mit riesigen dunklen Augen, das tatsächlich aussah, als lächele es aus seiner Wiege heraus. »Sie ist süß«, sagte Tony. »Ich könnte sie wirklich lieben, Joanne.« Von diesem Augenblick an war er ebenso wenig zu bremsen wie Joanne. Während sie bei Sandra, den Nachbarn, ein paar Freunden und der Baugenossenschaft den Weg ebnete und ihre Umwelt auf die Ankunft ihres Adoptivkindes vorbereitete – wobei sie die Wahrheit jedoch vor allen verborgen hielt –, arbeitete Tony wie ein Besessener in seiner Werkstatt, um das nötige Geld zu beschaffen, auch wenn ihm immer schleierhafter wurde, wofür und wen er eigentlich bezahlte. »Du hättest sie um eine Kostenaufstellung bitten sollen«, sagte Joanne, nachdem Tony wieder einmal fünfhundert Pfund an Marie Jenssen gezahlt hatte. »Du weißt, dass sie das nicht getan hätte«, sagte Tony. »Dir ist doch inzwischen klar, wie der Hase läuft.« Allerdings – und das ängstigte sie mittlerweile noch mehr als die erschreckenden Ausgaben. Der Hase, wie Tony es ausge- drückt hatte, war die illegale Adoption, und das Geld, fürchtete Joanne, floss in die illegale Beschaffung von Visa und die Bestechung von Beamten in Gott weiß wie vielen Ländern. Sie hatte von illegalem Babyhandel gelesen, und die Vorstellung, dass jemand so gewissenlos sein konnte, ein Kind zu verkaufen – geschweige denn, eins zu kaufen –, hatte sie abgestoßen. »Findest du, wir sind gewissenlos?«, fragte sie Tony eines Abends. »Weil wir das hier tun?« »Nein, verdammt. Das finde ich nicht.« Die bloße Erwähnung machte ihn wütend. »Wir retten dieses Baby, Jo. Wir helfen Irina.« Sollten dennoch Zweifel geblieben sein, so waren sie in der Sekunde, als sie Irina sahen, spurlos verschwunden: Am letzten, Freitag im darauf folgenden April kam Marie Jenssen an der King’s Cross Station auf die beiden zu, in ihren Armen das Baby. Joanne durchlebte in diesem Augenblick einen letzten Anflug von Panik, als sie sich ausmalte, wie eine Meute Polizisten auf sie losstürmte, sobald Marie ihnen das Baby überreichte. Es kam keine Polizei. Nur ein kleines Mädchen, damals gerade drei Monate alt. Mit riesigen dunklen Augen, die eindringlich zu ihren neuen Eltern aufschauten. »Hallo, Prinzessin«, sagte Tony leise. Joanne, unfähig zu sprechen, hielt den Atem an. Und Irina lächelte. »Glücklich, Joanne?«, fragte Marie sanft. »Glücklich ist nicht das richtige Wort.« Joannes Stimme klang erstickt. »Tony?« Marie sah ihn an. »Genauso.« Tony schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht glauben.« »Es ist wahr«, sagte Marie. Sie verabschiedete sich Augenblicke später, was Joanne erneut in Panik versetzte. »Ich muss mehr wissen«, sagte sie. »Ich muss mehr über sie erfahren!« »Sie wissen alles, was Sie je wissen werden«, antwortete Marie. »Das war Ihnen doch klar, Joanne. So laufen diese Adoptionen. Es ist besser für Sie alle.« »Marie hat Recht, Liebling«, unterstützte Tony die Ärztin. »Irina gehört jetzt uns. Das ist alles, was wir wissen müssen.« »Und wenn sie krank wird?« Das Baby wand sich in ihren Armen. »Wir müssen doch in der Lage sein, ihre Familienge-, schichte zu recherchieren.« Sie kannte die Antwort bereits, denn sie hatte das Thema schon früher angeschnitten. »Irina ist ein gesundes kleines Mädchen, Joanne«, versicherte Marie ihr. »Sie ist jetzt Ihr Kind, wie Tony schon sagte.« »Hör auf, dir Sorgen zu machen, Jo.« Tony streichelte dem Baby über die Wange. »Genieß es einfach.« Joanne senkte den Kopf, schloss die Augen und sog den Geruch ihrer kleinen Tochter ein. Als sie den Kopf wieder hob, war Marie Jenssen fort., 7.

E ine knappe Stunde nach dem Fund der Leiche im Schreber-garten warf Helen Shipley – eine dreiunddreißigährige,

zurzeit leicht verkaterte Kriminalinspektorin des AMIT-Teams – gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten, Chief Trevor Kirby, einen ersten, Übelkeit erregenden Blick in das weiße Tatort-Zelt. Kurz darauf stieß auch Stephanie Patel zu ihnen, die Dienst habende Pathologin. Kaum drei Stunden später half ihnen John Bolsover, stellvertretender Geschäftsführer eines Supermarkts, der seine Frau vor mehr als einer Woche vermisst gemeldet hatte, bei der Identifizierung. Zwar wirkte er verstört und aufrichtig besorgt um seine Kinder, doch als sowohl Lynnes Schwester als auch ihre Nachbarin ihn als Haustyrann erster Güte identifizierten, avancierte Bolsover rasch zum Hauptverdächtigen. Ihre Schwester mochte zwar unter Depressionen gelitten und unter der Fuchtel ihres Mannes gestanden haben, sagte Pam Wakefield, doch hin und wieder habe sie die Kraft aufgebracht, sich gegen ihn zu wehren – bis zu dem Punkt, an dem er sie anbrüllte und häufig auch schlug. »Was genau wollen Sie mir damit sagen, Pam?«, fragte Helen im Wohnzimmer der völlig verstörten Frau. »Ist das nicht offensichtlich?« »Ich muss es in Ihren eigenen Worten von Ihnen hören«, meinte Helen. »Was ich damit sagen will … Ich glaube, diesmal ist er zu weit gegangen.« Pam Wakefield starrte die Polizistin mit den grauen Augen und dem Stoppelhaarschnitt mit tränennasser Offenheit an. »Ich will damit sagen, dass es wahrscheinlich John Bolsover war«, sie sprach seinen Namen aus, als wären die, Worte Gift in ihrem Mund, »der meiner Schwester den Kopf eingeschlagen, sie dort hingeschafft und Säcke auf sie geworfen hat.« Wahrscheinlich. Da lag der Haken. »Du solltest ihn möglichst schnell festnageln«, sagte Chief Kirby, ein stämmiger, grauhaariger Junggeselle aus Wolverhampton später zu Helen. Leichter gesagt als getan, dachte sie, denn nach drei langen Verhören im provisorischen AMIT-Quartier – einem trostlosen Backsteinbau knapp zwei Kilometer vor Claris Green, der ebenso provisorisch war wie die AMIT-Einheit selbst – zeigte Bolsover nicht das geringste Anzeichen, dass er schlappmachen, geschweige denn ein Geständnis ablegen würde. Sein Anwalt beharrte nachdrücklich darauf, dass man seinen Mandanten entweder offiziell beschuldigen oder nach Hause gehen und mit seiner Familie trauern lassen solle. »Wir sind immer noch keinen Schritt weiter«, sagte Helen Shipley zu ihrem Team, das sie fünf Tage nach Beginn der Ermittlungen im lokalen Einsatzzentrum der Polizei zusammengerufen hatte. »Mir liegt ein Schriftsatz vor, der besagt, dass ich entweder scheißen oder vom Klo verschwinden muss, und ich habe keinen Fitzel eines echten Beweises. Keinen Zeugen, keine belastenden gerichtsmedizinischen Analysen, keine Mordwaffe, kein verdammtes gar nichts.« Der tödliche Angriff war mit drei brutalen Schlägen erfolgt, doch Dr. Patel hatte Helen erklärt, dass bereits der erste Schlag ausgereicht hatte, um den Tod herbeizuführen. Das deutete darauf hin, dass die nachfolgenden Schläge dem Opfer möglicherweise in Wut oder Raserei zugefügt worden waren. Die Mordwaffe, glaubte die Pathologin, war vermutlich ein Stein aus einem Garten oder Park in der Gegend von London Clay, vielleicht nicht allzu weit von der Stelle entfernt, an der man das Opfer gefunden hatte. Die Suche nach Fingerabdrücken, in dem Schuppen hatte nichts ergeben, außer einer Hand voll zerbrochener Bierflaschen mit ein paar verschmierten Abdrücken, einem Haufen zertretener Cola- und Limodosen, ein paar alten Spritzen und keinem einzigen brauchbaren Schuh- oder Stiefelabdruck. Das war alles. So verdächtig Bolsover auch war – zu dem Zeitpunkt, als Helen und ihr Team mit ihm sprechen konnten, waren die Chancen, an seinem Körper oder an der Kleidung einen möglicherweise belastenden Hinweis zu finden, längst fast null, so viel Zeit war zwischen Lynnes Tod und dem Fund ihrer Leiche vergangen. Außerdem waren die Durchsuchungen von Bolsovers Haus, seines Hondas sowie seines Schreibtisches und Schließfachs auf der Arbeit ergebnislos geblieben. »Die Befragung der Nachbarschaft hat bisher nichts ergeben«, sagte Sergeant Geoff Gregory jetzt. »Wir haben auch noch niemanden, der widerlegt, dass Bolsover zu Hause war«, sagte Constable Ally King, eine hübsche Schwarze, die das Team von der örtlichen Kriminalpolizei ausgeliehen hatte. Lynnes Mann behauptete, zum Zeitpunkt des Mordes – einem Dienstag, als die Kinder in der Schule waren – zu Hause vor dem Fernseher ein Nickerchen gemacht zu haben, da er wegen eines Rückenleidens nicht arbeiten gegangen war. Und Valerie Golding gestand zwar, dass sie nichts lieber getan hätte, als die Geschichte ihres Nachbarn unglaubwürdig klingen zu lassen, doch sie hatte sich den größten Teil des Tages draußen in Bent Cross aufgehalten. Helen seufzte und starrte wohl zum hundertsten Mal auf die Schreibtafel, auf der partout kein anderer Verdächtiger erscheinen wollte. Keine Liebhaber – weder von John noch von Lynne – waren aufgetaucht. Niemand, der irgendeinen Groll gegen Lynne hegte. Keine Kabbeleien mit anderen Eltern an der Schule der Kinder, kein Hinweis darauf, dass sie sich verfolgt, gefühlt hatte, keine Einbrüche in ihr Haus. Es gab nicht einmal einen Zeugen, der am fraglichen Tag einen Streit zwischen Mann und Frau gehört hätte. Andererseits: Selbst wenn die Nachbarn sie schreien gehört hätten, wäre auch das noch längst kein Beweis, dass John Bolsover seine Frau getötet hatte. Lynnes Gesicht lächelte Helen von einem Foto an. Daneben ein anderes Gesicht, eine schreckliche, blutige Maske des Todes. Lynne Frances Bolsover. Neunundzwanzig Jahre alt. Mutter zweier kleiner Kinder. Ausgelöscht von einem oder mehreren Unbekannten. »Wir wissen aber, dass er es war, oder?«, fragte Constable King. »Wir wissen einen Dreck, Ally«, sagte Helen. Sergeant Gregory, ein übergewichtiger Mann mittleren Alters, stand auf. »Dann sollten wir uns wieder auf die Socken machen und etwas auftreiben, mit dem wir den Bastard festnageln können.« »Je eher, desto besser«, sagte Helen., 8.

I m ersten Monat, nachdem ihre Eltern sie nach Hause geholt hatten, lächelte Irina sehr oft und weinte fast nie. Dann aber

– als hätte sie ihre Macht, etwas vom Leben zu fordern, vorher nicht begriffen – begann das kleine Mädchen nicht bloß zu weinen, sondern mit durchdringender Stimme zu schreien, wann immer sie Milch oder eine saubere Windel, auf den Arm genommen oder wieder hingelegt werden wollte. »Kannst du nicht dafür sorgen, dass sie das sein lässt?«, fragte Tony seine Frau. »Natürlich nicht«, erwiderte Joanne abwesend. »Wenn ich es könnte, würde sie ja nicht mehr weinen, oder?« Sie musterte Irinas leuchtend rote Wangen. »Ich mache mir allmählich Sorgen um sie, Tony. Wir müssen mit ihr zum Arzt.« »Ich dachte, damit wollten wir noch warten.« Sie waren übereingekommen, dass sie – mit Ausnahme der normalen Kontrolluntersuchungen und Impfungen bei ihrem Hausarzt – lieber zu einem privaten Kinderarzt gehen wollten, als zu riskieren, den staatlichen Gesundheitsdienst in Anspruch zu nehmen. Eine oder zwei Rechnungen mehr, hatte Tony damals unbekümmert erklärt, würden angesichts der Summen, die er bereits beschafft hatte, auch keinen großen Unterschied mehr machen. Doch jetzt, wo es so weit war, schien er nicht mehr ganz so überzeugt zu sein. »Wir müssen ja nicht gleich überreagieren, Joanne.« »Wir wollen aber auch kein Risiko eingehen, oder?« »Du hast gesagt, sie hat keine erhöhte Temperatur.« »Ihre Haut ist sehr warm.«, »Du wärst auch warm, wenn du so brüllen würdest.« »Sie brüllt nicht nur«, sagte Joanne. »Irgendetwas stört sie.« »Vielleicht du?« »Ich?« Tony blickte in die ängstlichen Augen seiner Frau. »Also gut«, sagte er. »Okay.« »Zu einem Privatarzt?« Joanne sah ihn erwartungsvoll an. »Ja. Aber nur dieses eine Mal, in Ordnung?« »Natürlich.« In diesem Moment, als das schreckliche Weinen ihres Babys in ihrem Kopf widerhallte und sie spürte, wie der kleine warme Körper in ihren Armen sich mit jedem Schrei mehr versteifte, hätte sie sich mit allem einverstanden erklärt. Außerdem wusste sie, dass Tony es nicht so meinte – wenn Irina jemals wieder einen Kinderarzt brauchte, würde es ihm nichts ausmachen. Nicht wenn die Gesundheit ihrer Tochter auf dem Spiel stand. Mit der Gesundheit ihrer Tochter war laut Dr. Anna Mellor in der Wimpole Street alles in bester Ordnung. »Sie ist ein süßes kleines Mädchen«, sagte die Ärztin nach einer gründlichen Untersuchung, bei der Irina ihr Talent zum Schreien fast ununterbrochen unter Beweis gestellt hatte. »Allerdings ein ziemlich lautes Kind, da gebe ich Ihnen Recht.« Sie strahlte Joanne und Tony an. »Aber das ist ganz einfach ihre Art.« »Sie meinen, das geht jetzt immer so weiter?«, fragte Tony. Anna Mellor zwinkerte Joanne zu. »Ein kleiner Systemschock für den Vater.« »Es ist nur, weil sie bis vor ein paar Wochen so still war«, sagte Joanne. »Vielleicht hatte sie ihre Stimme noch nicht entdeckt«, sagte die Ärztin. »Auf jeden Fall«, fuhr sie fort, »gibt es keinen Hinweis auf eine ernste gesundheitliche Ursache, und das ist ja, sicher der Punkt, der Ihnen beiden die meisten Sorgen gemacht hat. Das ist doch die Hauptsache.« »Ja, das ist wunderbar«, sagte Joanne, zutiefst erleichtert. Wie aufs Stichwort fing Irina wieder zu weinen an. »Sie wird doch da rauswachsen, oder, Frau Doktor?«, fragte Tony. »Natürlich«, antwortete die ältere Frau. »Irgendwann.« Sie stand auf und lächelte Irina noch einmal an. »Offensichtlich haben Sie da ein kleines Mädchen mit einem guten, starken Charakter.« »Vor allem ist er laut«, sagte Tony. »Kopf hoch, Mr Patston. Sie werden sich daran gewöhnen.« Ermutigt durch Dr. Mellors Einschätzung, akzeptierte Joanne Irinas Geschrei als einen Teil ihres Wesens. Darum ging es schließlich bei der Mutterschaft; es war ein wesentlicher Bestandteil dessen, was sie sich so lange ersehnt hatte. »Ich ertrage das nicht«, sagte Tony, als er zwei Wochen nach ihrem Besuch in der Wimpole Street ins Kinderzimmer kam. »Sie wird bald damit aufhören.« Joanne saß in dem Fütterstuhl, den ihre Mutter ihnen geschenkt hatte, und schaukelte vor und zurück. »Ich meine es ernst, Jo. Ich kann diesen verdammten Lärm keine Sekunde länger ertragen.« Joanne blickte überrascht auf. »Beruhige dich, Tony.« »Sie treibt mich in den Wahnsinn, Jo.« Er legte sich beide Hände an die Schläfen und lief im Zimmer auf und ab. »Ich habe noch nie so ein Baby gehört. Das ist nicht normal.« »Natürlich ist sie normal.« Joanne fühlte sich in die Defensive gedrängt. »Du hast so was nur deshalb noch nicht gehört, weil du noch nie mit einem Baby zusammengelebt hast.«, »Allmählich wünsche ich mir, es wäre dabei geblieben«, sagte Tony und stapfte aus dem Zimmer. Und das war erst der Anfang. Irinas Weinen, behauptete Tony, dringe ihm durch Mark und Bein und ließe beinahe seinen Kopf zerspringen. So begann er im Lauf der nächsten Wochen, das Baby beinahe vollständig seiner Mutter zu überlassen. Wenn Irina nachts schrie, stopfte er sich Watte in die Ohren, zog sich ein Kissen über den Kopf und fuhr Joanne an, sie solle das Kind zum Schweigen bringen. Schrie Irina abends oder am Wochenende, ging er in den Garten oder nach nebenan zu Paul – oder ins Crown and Anchor. »Du kannst nicht jedes Mal davonlaufen, wenn deine Tochter weint«, beschwerte Joanne sich. »O doch«, sagte er und tat es auch. An einem Sonntagmorgen Ende August – Irina war seit vier Monaten bei ihnen – war Joanne gerade ins Bad gegangen, als sie hörte, wie Irina wieder zu weinen anfing. »Joanne!«, brüllte Tony von unten. Sie wollte schon aufstehen, überlegte es sich dann aber anders, setzte sich wieder, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er ist ihr Vater, sagte sie sich. Vielleicht war es ein Fehler, immer gleich loszurennen, wenn Irina schrie. Vielleicht sollte sie Tony eine echte Chance geben, sich um seine Tochter zu kümmern. Irina weinte immer noch. »Joanne!« Sie öffnete die Augen. »Ich bin im Bad«, rief sie. »Verdammte Scheiße!« Irinas Weinen wurde lauter. Joanne hörte Tonys Schritte auf der Treppe, nahm die Seife und versuchte, sich zu entspannen. Das Weinen steigerte sich zu schrillem Geschrei. Joanne legte die Seife hin. »Tony?«, Das Schreien wurde noch lauter, noch hysterischer. »O Gott.« Joanne sprang so hastig aus der Badewanne, dass das Wasser über die Seiten floss, schnappte sich ein Handtuch, stürmte aus dem Bad und rannte ins Kinderzimmer. Tony hielt das kleine Mädchen in den Armen. Und schüttelte es. »Tony!« Joanne rannte auf ihn zu, ließ das Handtuch fallen und riss ihm Irina weg. Sie sah, dass sein Gesicht rot vor Zorn war. »Was tust du da?« Sie drückte das Baby an sich und spürte, wie verkrampft der kleine Körper war, wie er vor Qual bebte, wie glitschig die winzigen Arme sich an ihrem eigenen nassen Körper anfühlten. »Was hast du dir bloß dabei gedacht, um Himmels willen?« »Ich wollte sie zum Schweigen bringen«, sagte er. »Das habe ich mir dabei gedacht.« »Du hast sie geschüttelt! Das ist gefährlich, das weißt du ganz genau!« »Du bist ja nicht gekommen«, sagte er. »Irgendwas musste ich doch tun.« Und es wurde noch schlimmer. Je ungeduldiger Tony mit Irina wurde, desto mehr schrie sie, sobald er auch nur in ihre Nähe kam. Wütend ignorierte er sie von jetzt an entweder vollständig oder hob sie auf geradezu herausfordernde Weise hoch, sodass er ihr Leid nur verschlimmerte. Aus Enttäuschung und Verärgerung wurde bitterer Groll. »Sie ist nicht mehr annähernd so hübsch, wie sie mal war«, sagte er zu Joanne. »Ich finde sie wunderschön.« »Und sie ist auch nicht mehr so klug.« »Nur weil sie weint, heißt das nicht, dass sie nicht klug ist.«, »Ich hoffe, dass diese verdammte Jenssen uns keine Niete untergejubelt hat.« »Sie ist kein Gebrauchtwagen, Tony«, protestierte Joanne. »Sie ist unsere Tochter. Und wenn sie Probleme hätte, würde ich sie nur noch mehr lieben.« »Du bist eine solche Romantikerin«, spottete er. »Ich bin eine Mutter«, sagte sie. »Aber keine richtige«, sagte Tony. Joannes größte Angst während des gesamten ersten Jahres als Mutter war, dass Tony beschließen könnte, Irina wieder loszuwerden. Doch sie tröstete sich mit dem Wissen, dass es kaum durchführbar wäre, und war entschlossen, sich so gut wie möglich um das Baby zu kümmern, ohne ihren Mann zu provozieren oder ihn mit Irina allein zu lassen. Wenn Irina auch nur wimmerte, eilte Joanne zu ihr, und wenn sie längere Zeit ohne das Mädchen fortmusste, brachte sie es zu ihrer Mutter nach Edmonton. Solange Tony bei Patston Motors arbeitete, verlief Joannes Zeit mit Irina harmonisch, und an den meisten Abenden folgten noch einige weitere Stunden Frieden, während Tony im Crown und Anchor saß, der Kneipe um die Ecke. Doch Joanne begann immer mehr, seine Rückkehr aus dem Pub zu fürchten – nicht nur, weil der Alkohol schon immer Tonys aggressive Seite hervorgekitzelt hatte. Ihre Anspannung übertrug sich auf Irina, sodass die Kleine, sobald das Klappen der Haustür Tonys Nachhausekommen verkündete, jedes Mal schon weinte. Als Tony Irina das erste Mal tatsächlich schlug (drei Tage nach ihrem ersten Geburtstag, an dem er ihr Geschenke gekauft und sie verwöhnt und verhätschelt hatte wie jeder normale, vernarrte Vater), weinte er hinterher und schwor zutiefst beschämt, nie wieder so etwas Schreckliches zu tun. Doch kurz darauf wurden die Schreie des Babys lauter, und seine Wut kehrte zurück., »Wenn du sie jemals wieder schlägst«, warnte Joanne ihn, »zeige ich dich an, das schwöre ich dir!« »Ach ja?«, höhnte er. »Bei wem denn?« »Bei der Polizei, beim Jugendamt … wo auch immer.« »Und was dann?«, fragte er. »Dann nehmen sie dir die Kleine weg, und du wirst sie nie wiedersehen – was mich offen gesagt nicht allzu sehr stören würde.« »Es wird dich sehr wohl stören«, Joannes Stimme zitterte, »wenn du im Gefängnis landest und man dort herausfindet, was du getan hast.« »Halt’s Maul!«, brüllte Tony. Aber dieses Mal gab sie nicht nach. »Jeder weiß, was im Gefängnis mit Männern passiert, die kleinen Kindern etwas getan haben!« Tony schluckte und zwang sich, wieder ruhiger zu werden. »Mach nicht gleich aus ’ner Mücke einen Elefanten.« »Du hast deine Tochter geschlagen.« »Es war bloß ein kleiner Klaps.« »Sie ist ein Baby.« »Ich weiß«, sagte er. »Und es tut mir Leid. Es wird nicht wieder vorkommen.« »Das will ich dir auch geraten haben«, sagte Joanne. »Es liegt auch an dir«, sagte Tony. »Du solltest die Kleine besser unter Kontrolle halten, dann tue ich das auch mit meinem Temperament.« Joanne wollte ihm gern glauben., 9.

E ines Nachts, im sechsten Jahr ihrer Ehe, liebten Lizzie und Christopher sich im Schlafzimmer ihrer Wohnung in

Holland Park, als Christopher sie plötzlich in die linke Brust biss – so fest, dass Lizzie vor Schreck und Schmerz laut aufschrie. »Verdammt, Christopher!« Sie schob ihn mit beiden Händen von sich, stieß ihn so fest, dass er beinahe vom Bett fiel. »Zum Teufel! Was glaubst du, was du da tust?« Es war ungefähr zwei Stunden her, dass sie den Groucho Club verlassen hatten, wo Vicuna Books eine Party gegeben hatte, um die Veröffentlichung von Viel Spaß in der Küche zu feiern. Ihre Jungs waren mit Gilly Spence – dem Teilzeitkindermädchen, das Lizzie eingestellt hatten, als sie mit dem Schreiben ihres zweiten Buches begonnen hatte – in Marlow. Christopher hatte sich den ganzen Abend bescheiden im Hintergrund gehalten und war nur vorgetreten, um zu bekunden, wie stolz er auf seine schöne, kluge Frau war. »Tut mir Leid«, sagte er, auf den Knien liegend und leicht außer Atem, doch in seinen Augen lag nicht mal ein Hauch von Bedauern. Lizzie starrte auf ihre Brust. Selbst im gedämpften Licht ihrer Nachttischlampe konnte sie die roten Male sehen. »Bist du verrückt geworden?« Christopher kroch zaghaft auf sie zu. »Ich hab mich ein bisschen hinreißen lassen und …« »Und was?« Sie schnappte sich den Rand der Decke und zog sie über beide Brüste. Ihr war plötzlich kalt. »Ich dachte, vielleicht gefällt es dir«, sagte er. »Wie kommst du auf die aberwitzige Idee, es könnte mir gefallen, gebissen zu werden?«, »Nur ein kleiner Liebesbiss, Lizzie.« »Dafür hat es aber verdammt wehgetan, du Idiot!«, brach es aus ihr heraus. Ein Ausdruck der Enttäuschung huschte über sein attraktives Gesicht, so wie Lizzie es schon einmal gesehen hatte – acht Monate zuvor, als er sie mit der unerwarteten Grobheit seiner Umarmung erschreckt hatte. »Tut mir Leid«, sagte er ein wenig kühl. »So kalt warst du damals auch«, erwiderte Lizzie. »Wann damals?«, fragte er. »Wovon redest du?« »An dem Abend, als wir das Angebot von Vicuna gefeiert hatten. Da dachtest du plötzlich auch, derber Sex würde mir gefallen.« »Derber Sex?« Seine Augen wirkten amüsiert. »Wohl kaum.« Lizzies Wut steigerte sich von Minute zu Minute. »Wie kann die Tatsache, dass mein Buch veröffentlicht wird, so etwas in dir auslösen?« »Das ist doch verrückt.« Seine Erheiterung war verschwunden. »Total verrückt, Lizzie – und auch ziemlich beleidigend, wo du genau weißt, wie stolz ich auf dich bin.« Plötzlich schämte sie sich und schob die Vorstellung weit von sich, dass sein untypisches Verhalten auf irgendeinen unter- bewussten Machtanspruch zurückzuführen sein könnte, auf ein Bedürfnis, seine Dominanz in ihrer Beziehung wiederherzustellen. »Ja«, sagte sie leise. »Ich weiß.« »Na also.« Er rückte auf sie zu, hielt dann aber plötzlich inne. »Siehst du? Ich habe ja schon Angst, dir nahe zu kommen.« »Sei nicht albern.« »Albern und ein Idiot«, sagte er. »Wegen so was kann ein Mann Komplexe entwickeln.« »Tut mir Leid«, sagte Lizzie., »Nein.« Christopher schüttelte den Kopf. »Es ist meine Schuld. Ich hätte das nicht tun sollen.« »Stimmt«, sagte sie. »Hättest du nicht.« »Darf ich mal sehen?«, fragte er leise. Sie zögerte, die Decke immer noch über beide Brüste gezogen. »Bitte, Lizzie«, sagte er. »Ich wollte dir nicht wehtun.« Sie bewegte sich immer noch nicht, doch Christopher griff nach der Decke und zog sie langsam weg. Seine Hände und sein Gesichtsausdruck waren jetzt wieder sanft. »Du liebe Zeit«, sagte er, immer noch sehr leise, als er die Abdrücke sah. »Habe ich das getan?« Lizzie schwieg. »Darf ich sie küssen?«, fragte er. »Sie wieder gutküssen?« Auch Lizzies Ironie war sanft. Alte Erinnerungen an Angela kamen ihr in den Sinn, an die Zeit vor dem Unfall, lange vor ihrem Zusammenbruch, wie sie ihr aufgekratzte Knie und Beulen am Kopf wieder gutgeküsst hatte. Christopher berührte ihre Brust zärtlich mit den Lippen, dann sah er zu ihr hoch. »Du weißt, dass ich dich viel zu sehr liebe, als dass ich dich zum Weinen bringen will.« »Freut mich zu hören«, sagte Lizzie. Seine Miene war jetzt beinahe jungenhaft. »Vergibst du mir?« »Ja. Wenn du es nie wieder tust.« »Werde ich nicht«, sagte Christopher. »Ich hätte gedacht«, sagte sie, »du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass Grobheiten mir nicht gefallen.« »Du hast Recht«, sagte er. »Natürlich.« »Andererseits«, fuhr Lizzie fort, »dachte ich ja auch, ich würde dich kennen.« »Das tust du auch, aber …« Er zögerte., »Aber was?«, fragte sie. »Aber vielleicht kennst du nicht alles von mir.« Natürlich war es doch wieder passiert. Christopher konnte es nicht bekämpfen, wie Lizzie jetzt, nach einigen Jahren Erfahrung, nur zu gut wusste. Das nächste Mal geschah es noch während des gleichen Sommers. Am achtzehnten Juli. Wieder in einer Nacht, die sie ohne die Jungs in London verbrachten, weil Lizzie einen Termin bei Vicuna gehabt hatte, um mit Andrew France und Howard Dunn über ihr zweites Buch zu sprechen; Christopher hatte den größten Teil des Tages im Operationssaal gestanden. Sie hatten im L’Escargot zu Abend gegessen. Als sie anschließend das Restaurant verließen, kam ein Mann auf Lizzie zu und bat sie um ein Autogramm, was sie zugleich peinlich berührte und entzückte. Christopher neckte sie auf der Taxifahrt nach Hause damit, und er hörte auch nicht auf zu flachsen, als sie in der Wohnung und kurz darauf im Bett waren. »Mein ganz privater Promi«, sagte er, während er ihren Bauch mit Küssen bedeckte. »Noch bist du der große Star in der Familie«, sagte Lizzie, während sie mit den Handflächen über seine Schulter strich. »Ich wollte immer schon mal einen Star ficken«, sagte er und drückte ihre Oberschenkel auseinander. Allein das Wort schien in der Luft widerzuhallen wie eine Warnung, denn Christopher benutzte es sonst nie in ihrer Gegenwart, und ganz sicher nicht beim Sex. »Hör auf«, sagte sie. »Womit, Star?« »So zu reden.« »Wie reden, Fick-Star?« »Christopher, bitte.« Lizzie wand sich unter ihm hervor., »Wo willst du hin, Fick-Star?« »Weg«, sagte sie. »Raus aus dem Bett.« »O nein«, sagte er. »O nein, du bleibst hier, mein kleiner Fick- Promi.« Er warf sich auf die Seite, um ihr den Weg aus dem Bett zu versperren. Als sie sich in die andere Richtung wenden wollte, packte er sie plötzlich an beiden Armen und drückte sie nach unten. »Das ist nicht witzig«, sagte sie und starrte wütend zu ihm hoch. »Lass mich los.« »O Lizzie«, sagte Christopher. »Du siehst so wunderschön aus.« »Lass mich los, Christopher.« Sie begann zu kämpfen, sich zu wehren. »O ja«, stöhnte er und rutschte über sie. »O ja, meine Lizzie.« Er beugte den Kopf und versuchte sie zu küssen, doch sie drehte ihr Gesicht weg. Da biss er sie in den Hals. Lizzie schrie auf und trat nach ihm. Sie sah, dass er lächelte, und trat noch einmal zu, diesmal fester, was ihn aber nur noch mehr zu entflammen schien, denn er versuchte, ihre Oberschenkel mit dem Knie auseinander zu drücken. »Wenn du mich nicht loslässt …« »Was dann, Fick-Star?« Mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung ließ er ihren linken Arm los und senkte den Oberkörper auf sie herunter, sodass sie jetzt gar keine Chance mehr hatte, zu entkommen. Dann legte er ihr eine Hand um die Kehle und drückte zu. Sie starrte ihn an, kämpfte mit aller Macht darum, ruhig zu bleiben; die aufsteigende Wut half ihr, ihre Angst zu unterdrücken. »Ich warte, bis du fertig bist«, presste sie mit kaltem Zorn hervor, »dann rufe ich die Polizei und lass dich festnehmen.« Es fiel ihr schwer zu atmen. »Lass mich los …, sofort, Christopher.« Einen weiteren endlosen Augenblick blieben seine Finger auf ihrem Hals, erstickten sie beinahe, dann ließ er sie abrupt los und setzte sich zurück auf die Fersen. »Besser so?« Sie holte tief Luft, zitternd. »Und jetzt verschwinde hier«, sagte sie leise. »Es ist nicht nötig, ein solches Drama daraus zu machen«, sagte er. »Das war doch nur ein Spiel.« Lizzie starrte ihm weiter ins Gesicht, rührte sich aber nicht. »Verschwinde aus dem Zimmer, Christopher«, sagte sie. »Du musst mal ein bisschen lockerer werden«, sagte er. Sie atmete wieder ein. »Raus hier«, sagte sie. Er erhob sich vom Bett, lief nackt an die Tür, öffnete sie und ging. Lizzie wartete ungefähr zehn Sekunden. Dann brach sie in Tränen aus., 10.

H elen Shipley kam gerade aus Chief Kirbys Büro im obersten Stock des AMIT-Gebäudes und hatte die

Bemerkungen ihres Vorgesetzten über die mangelnden Fortschritte im Bolsover-Mordfall noch im Ohr – es war jetzt gut drei Wochen her, dass man Lynnes Leiche gefunden hatte –, als Geoff Gregory sie informierte, dass Pam Wakefield, die Schwester des Opfers, sie unten erwartete. »Noch jemand, vor dem ich mich rechtfertigen muss«, seufzte Helen, als sie neben Gregory die Treppe hinunterstieg. Sie war an diesem Morgen mit Kopfschmerzen aufgewacht, und die waren von der Tirade ihres Chefs auch nicht gerade besser geworden. Eine Begegnung mit einer unter Schock stehenden und wütenden Verwandten würde die Sache auch nicht besser machen. »Ich glaube nicht, dass sie hier ist, um Dampf abzulassen«, sagte Gregory. Sie erreichten das Erdgeschoss und bogen nach links in den Korridor ab. Gregory, ein altmodischer Mann, ging Helen voraus und öffnete die Tür des Verhörzimmers für sie. »Hier ist Inspector Shipley, Mrs Wakefield.« »Mrs Wakefield.« Helen trat ein und schüttelte der Frau die Hand. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus«, sagte Pam Wakefield nervös. »Natürlich nicht«, sagte Helen. »Ich sagte Ihnen doch, ich bin jederzeit für Sie da.« »Kaffee?«, fragte Geoff Gregory. »Nicht für mich«, sagte Mrs Wakefield. »Für mich auch nicht, danke, Geoff«, sagte Helen., Sergeant Gregory schloss leise die Tür hinter sich. Mit dreiunddreißig Jahren war die Schwester des Opfers genauso alt wie Helen, doch wenn man sie jetzt ansah hätte man sie für fünfundvierzig halten können. Schon die Trauer bei einem normalen Todesfall richtete oft Schäden am Äußeren eines Menschen an, doch eine solch vernichtende Erfahrung, wie Pam Wakefield sie gemacht hatte, forderte einen noch drastischeren Tribut, körperlich wie seelisch. Pams braunes Haar war grauer als bei ihrer ersten Begegnung mit Helen, und unter ihren Augen – dunkelbraun, wie auch Lynnes gewesen waren – lagen tiefe Schatten; der Ausdruck darin wirkte gehetzt, und ihr Mund hatte etwas Verbissenes. »Ich habe etwas gefunden«, sagte sie. Helen Shipleys Puls setzte einen Schlag aus, als sie Pam gegenüber Platz nahm. »Es war in einer von Lynnes Taschen.« Pam Wakefield legte eine kleine Karte mit weißer Rückseite auf die Mitte des Tisches. »Darf ich?«, fragte Helen. »Natürlich. Deshalb habe ich sie mitgebracht.« Helen stand auf und lehnte sich vor, um die Karte besser sehen zu können, ohne sie zu berühren. »Ist schon gut«, sagte Pam Wakefield. »Es ist kein Beweisstück oder so.« Es war die Visitenkarte eines gewissen Michael Novak, Inhaber einer Firma namens Novak Investigations mit einer Adresse in New Smithfield, E.1 London. »Irgendeine Ahnung, wer Michael Novak ist?« »Gar keine. Wie ich schon sagte, ich habe die Karte in Lynnes Tasche gefunden – genau genommen war es gar nicht ihre, sondern eine von meinen Taschen, die sie sich irgendwann mal geborgt hatte.« Helen setzte sich wieder. »Lassen Sie sich ruhig Zeit, Mrs, Wakefield.« Pam Wakefield schüttelte den Kopf. »Es gibt eigentlich nichts weiter zu sagen. Ich habe Lynne diese Einkaufstasche vor Ewigkeiten geliehen – es muss Monate her sein, genau weiß ich es nicht –, und ich habe sie auch öfter benutzt, seit ich sie wieder habe. Aber offenbar habe ich sie nie richtig ausgeleert, bis gestern Abend. Die Karte lag ganz unten auf dem Boden. Sie hatte sich in einer Naht in der Ecke festgeklemmt.« Sie schwieg kurz. »Ich rief bei Novak Investigations an – eine Detektei, das ist ja ziemlich offensichtlich. Die Frau, die ans Telefon ging, wollte wissen, warum ich fragte und woher ich ihre Nummer hätte, aber ich legte einfach auf. Das hätte ich nicht tun sollen.« »Warum nicht?«, sagte Helen. »Ich mag es nicht, wenn Leute, die sich verwählt haben, einfach auflegen. Ich entschuldige mich normalerweise für die Störung und lege dann erst auf.« »Können Sie sich einen Grund vorstellen, aus dem Lynne mit einem Privatdetektiv zu tun gehabt hätte?«, fragte Helen. »Nein. Außer dem Offensichtlichen.« »Was ist das Offensichtliche?« Helen wollte es von ihr hören. »Vielleicht hat Lynne John überprüfen lassen.« »Aber Sie sagten doch, Sie hielten es für unwahrscheinlich, dass sie John in dieser Hinsicht misstraut hat?« »Falls doch, hat sie es mir nie erzählt.« Pam Wakefield hielt inne. »Andererseits hat sie mir auch nie richtig erzählt, dass John sie schlug, jedenfalls nicht ausdrücklich. Ich wusste es einfach.« »Ja«, sagte Helen und wartete. »Vielleicht hat ihr auch einfach jemand diese Karte gegeben. Vielleicht hat sie nie dort angerufen.« »Vielleicht«, sagte Helen. »Ich werde auf jeden Fall versuchen, es herauszufinden.«, »Also könnte die Karte Ihnen weiterhelfen?« Helen sah das Flehen in den Augen der anderen Frau. »Man kann nie wissen«, sagte sie vorsichtig, denn sie wollte keine falschen Hoffnungen wecken. »Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge.« In einer Gegend, in der ansonsten viele bauliche Entwicklungen stattgefunden hatten, wirkte die New Smithfield – eine enge, dunkle Sackgasse mit Kopfsteinpflaster, in der ein leer stehendes Lagerhaus neben dem anderen stand – auf Helen vergessen und heruntergekommen. Da war es. Nummer neunundzwanzig. Rechts von der Eingangstür hing ein verrostetes Messingschild mit sechs Klingelknöpfen, daneben eine kleine Plakette – vergleichsweise gut poliert –, auf der Novak Investigations Ltd. stand. Helen betätigte die Klingel, hörte ein Summen und drückte gegen die Tür, die sich jedoch nur schwer und mit lautem Quietschen öffnen ließ. Der Eingang war schlecht beleuchtet und schmuddelig, und es gab einen breiten, altertümlich wirkenden Aufzug, der früher wahrscheinlich Fracht und Passagiere befördert hatte, jetzt aber nur noch ein Außer-Betrieb-Schild und ein großes Schloss vor seinem eisernen Tor trug. »Fünfter Stock«, erklang eine Frauenstimme von oben, klar und mit leicht schottischem Einschlag. »Tut mir Leid wegen der Treppe.« »Kein Problem.« Helen bedauerte – wie häufig, wenn sie einen anstrengenden Treppenaufstieg antrat –, dass sie ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio vor zwei Jahren hatte auslaufen lassen. Nur anderthalb Blocks von ihrer Wohnung in Finsbury Park entfernt, hätte das Studio kaum bequemer liegen können, doch Helen war damals jede Entschuldigung recht gewesen, sich das Training zu ersparen, und so hatte sie sich gesagt, sie bräuchte eigentlich ein Studio in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, wo sie den größten Teil, ihres Lebens verbrachte. »Geht es?«, rief die Stimme, als sie den dritten Stock erreichte. »Ein bisschen dunkel hier«, sagte Helen, leicht außer Atem. »Tut mir Leid.« Die Frau klang fröhlich. »Wir haben immer vor, für bessere Beleuchtung zu sorgen.« Helen befand sich auf der Schlussetappe. »Ist das nicht Aufgabe des Vermieters?« »Pah«, kam die Antwort. Schließlich erreichte Helen das oberste Stockwerk, wo sie grelle Helligkeit in Gestalt dreier Glühbirnen und das warme, einladende Lächeln einer Frau mit kinnlangen roten Locken erwarteten. »Clare Novak.« Die Frau streckte die Hand aus und schüttelte kräftig Helens Rechte. »Inspector Shipley, nehme ich an?« Helen, die sie vor etwas mehr als einer Stunde angerufen hatte, holte ihre Dienstmarke hervor und zeigte sie Clare Novak. Die nahm sich einen Moment, um sich die Marke genau anzusehen, bevor sie zur Seite trat und Helen in ihr Büro bat. »Es ist nicht viel, aber uns gefällt es.« »Es« war ein Zimmer, das genügend Platz für zwei Schreib- tische, eine Wand voller Aktenschränke, einen voll beladenen Bücherschrank, eine beigefarbene Couch und einen billigen Kaffeetisch bot. Einer der Schreibtische verschwand nahezu unter Papieren und Ordnern, die sich auf drei Seiten des Computers und der Tastatur stapelten; irgendwo dazwischen stand ein Telefon, das in dem Durcheinander kaum zu erkennen war. Der zweite Schreibtisch war das genaue Gegenteil des ersten: perfekt organisiert; sämtliche Papiere lagen ordentlich verteilt in Ablagekörben. Insgesamt sah der ganze Raum, einschließlich des unordentlichen Teils, sauber aus und fühlte sich auch so an. Clare Novak bat Helen, sich zu setzen, und bot ihr einen, Kaffee an. »Er schmeckt ganz passabel, also sollten Sie vielleicht Ja sagen.« »Sie klingen, als hätten Sie unseren probiert.« »Ich habe eine Zeit lang in Krankenhäusern gearbeitet.« »Noch schlimmer«, sagte Helen. »Ich nehme sehr gern einen. Schwarz, ohne Zucker.« Die rothaarige Frau öffnete eine Tür direkt hinter den Aktenschränken und verschwand für ein paar Augenblicke. Dann tauchte sie wieder auf, in den Händen zwei blaue Keramikbecher, die sie auf den Tisch stellte, bevor sie sich neben Helen auf die Couch setzte. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ihre Beine lang und schlank. Helen hatte mehr als ihre Atemlosigkeit dazugewonnen, seit sie nicht mehr ins Fitnessstudio ging: Ihre größtenteils sitzende Arbeit, zu viele Donuts unterwegs und die Biere mit den Kollegen am Ende des Arbeitstages hatten mit gut sieben Kilo zu Buche geschlagen. Dennoch war die Polizistin mit dem kurzen blonden Haar ihres Vaters und den hübschen grauen Augen ihrer Mutter alles andere als dick. »Tut mir wirklich Leid, dass Mike es nicht geschafft hat, rechtzeitig wieder hier zu sein«, sagte Clare Novak. »Er ist irgendwo bei Bayswater in einer Ehegeschichte unterwegs, aber falls ich Ihnen nicht weiterhelfen kann, ist er auf dem Handy zu erreichen.« Der Kaffee, den Helen trank, als sie Clare dann eine knappe Erklärung für ihren Besuch gab, war so gut, wie sie versprochen hatte. Helen beobachtete, wie Clares braune Augen sich vor Bestürzung weiteten, als sie vom Mord an Lynne Bolsover erfuhr, und wie sie dann wieder klar wurden, als sie zu helfen beschloss. »Ich erinnere mich auf jeden Fall an den Namen«, sagte sie, stand auf und ging zu dem Computer auf dem geordneteren der beiden Schreibtische. »Allerdings an nicht viel mehr, fürchte, ich.« »Aber Ihr Mann hatte beruflich mit ihr zu tun?« »Das werden wir gleich sehen.« Clare setzte sich, tippte den Namen ein und wartete. »Ja, hatte er.« Sie überflog den Eintrag auf ihrem Monitor. »Ganz kurz, letzten Sommer.« Helen stand auf. »Darf ich mal sehen?« »Natürlich.« Clare stand auf, um ihr Platz zu machen. »Möchten Sie, dass ich Ihnen ausdrucke, was wir haben?« »Bitte.« Helen setzte sich nicht, sondern beugte sich nur ein wenig vor, um den Eintrag zu lesen. »Nicht gerade viel.« Der Drucker brummte bereits und spuckte eine Seite aus. Clare reichte sie Helen. »Möchten Sie, dass ich versuche, Mike zu erreichen?« »Ja, bitte«, sagte Helen noch einmal. »So bald wie möglich.« Sie trafen sich in einem Café in Queensway, in der Gegend, in die Novaks Auftrag ihn geführt hatte, und bestellten sich Mineralwasser. Helen saß einen Moment lang da und taxierte den Privatdetektiv. Leger gekleidet in Jeans, kragenlosem blauem Hemd und Lederjacke sah er nett aus, trotz der leicht angerempelten Nase. »Ich wünschte, ich hätte davon gewusst«, sagte Novak. »Dann hätte ich mich selbstverständlich gemeldet.« »Selbstverständlich«, sagte Helen. Er bemerkte ihre Trockenheit. »Wurde darüber berichtet?« »Nur in der Lokalpresse«, räumte Helen ein. »Und eine kurze Erwähnung in der Nachrichten-Zusammenfassung im Fern- sehen, aber das war noch vor der Identifizierung.« »Dann fühle ich mich ein bisschen weniger schuldig«, sagte Novak. »Weshalb fühlen Sie sich überhaupt schuldig?«, »Weil ich weiß, wie wichtig es ist, zu Beginn einer solchen Untersuchung so viele Fakten wie möglich zusammenzutragen.« Leise lächelnd schüttelte er den Kopf. »Aus keinem anderen Grund.« »Jetzt haben Sie Gelegenheit, es wieder gutzumachen«, sagte Helen. »So gut ich nur kann«, sagte Novak. Im vergangenen Sommer, erzählte er Helen, hatte ihn einer seiner Stammkunden gebeten, in seinem Auftrag Kontakt zu Lynne Bolsover aufzunehmen und ihr Hilfe anzubieten, falls sie diese wollte. »Was für eine Hilfe?«, fragte Helen. »Das kann ich Ihnen nicht sagen«, sagte Novak. »Ich ermittle hier in einem Mordfall, Mr Novak.« »Ich kann es Ihnen deshalb nicht sagen, weil ich es nicht weiß.« Er hielt inne. »Mein Klient ist Anwalt, aber ich weiß nicht, ob es dabei um einen offiziellen Fall ging. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich die Frau damals kontaktiert und ein Treffen mit ihr vereinbart habe – im Asda in Southgate, einem großen, anonymen Schuppen. Genau das, was sie wollte.« »Und?« »Und sehr wenig«, sagte Novak. »Ich sagte ihr, ich hätte erfahren, dass sie Probleme hätte, und dass mein Klient glaube, er könne ihr helfen, falls sie das wollte. Sie war sehr nervös, hatte große Angst, dass man uns zusammen sehen könnte – ich erinnere mich, wie sie in alle Richtungen schaute, bevor sie meine Karte nahm. Ein paar Tage später rief sie mich an und sagte, selbst wenn sie Hilfe wolle, habe sie kein Geld für irgendwelche Honorare. Ich antwortete, soweit ich wüsste, sei das kein Thema. Sie zögerte kurz; dann sagte sie, es sei äußerst wichtig, dass ihr Mann niemals davon erfahre, falls sie mit meinem Klienten sprechen sollte.«, Helen wartete eine Sekunde. »Und?«, fragte sie wieder. »Ich sagte, das sei selbstverständlich, und gab ihr die Nummer meines Klienten. Soweit ich weiß, traf sie sich einmal mit ihm, aber es wurde nichts weiter daraus.« Novak nippte am Mineralwasser und blickte kurz aus dem Fenster; dann sah er wieder Helen an. »Ich habe sie als nette, aber sehr nervöse Frau in Erinnerung. Auf der linken Seite ihres Gesichts und Halses hatte sie einen großen blauen Fleck, den sie mit Make-up zu verdecken versuchte.« »Haben Sie sie danach gefragt?« »Nein.« »Was für ein Anwalt ist Ihr Klient? Scheidungsanwalt?« »Ja.« »Hat er einen Namen?« Novak lächelte. »Robin Allbeury.« Er hielt inne. »Ich habe ihn schon angerufen, bevor Sie gekommen sind. Er hält sich zurzeit in Brüssel auf, sagt aber, ich soll Ihnen alles erzählen, was ich weiß. Sämtliche weiteren Fragen wird er Ihnen gern beantworten, sobald er zurückkommt.« »Wann wird das sein?« Leichte Gereiztheit breitete sich in ihr aus. »Ende der Woche.« Novak nahm ihre nächste Frage vorweg. »Er sagte, er wäre Ihnen dankbar, wenn Sie bis dahin warten könnten, weil er möglicherweise auf seine Unterlagen zurückgreifen muss.« »Ist es eine Angewohnheit von Mr Allbeury, Fremden in Not inoffizielle ›Hilfe‹ anzubieten? Oder tut er das nur bei Frauen?« Mike Novak lächelte. »So ist es in der Tat.«, 11.

L izzie verbrachte den Rest der Nacht schlaflos. Voll angezogen in einem Trainingsanzug lag sie auf dem Bett

und rang mit sich, ob sie fortgehen sollte oder nicht. Sie war nicht sicher, ob er in sein Ankleidezimmer gegangen war und die Wohnung verlassen hatte oder ob er auf sie wartete. Doch weder die Aussicht auf eine Begegnung mit Christopher noch die andere Alternative, ziellos herumzufahren oder in ein Hotel zu ziehen, sagten ihr zu. Und ganz bestimmt konnte sie um diese Uhrzeit nicht in Marlow auftauchen, ohne Fragen der Kinder oder Gillys zu riskieren. Um sieben Uhr morgens traf sie Christopher in der Küche, in dunkelblauer Cordhose und weißem T-Shirt, den Kaffeebereiter und eine Tasse auf dem Tisch vor sich, ungelesene, gefaltete Zeitungen daneben. Als sie hereinkam, stand er auf und bot ihr Kaffee an, was sie ablehnte. Stattdessen füllte sie an der Spüle den Wasserkocher, um sich ihren eigenen zu kochen. Sag etwas. Sie stellte den Wasserkocher wieder auf seinen Sockel und schaltete ihn ein. Jetzt. »Ich kann damit nicht leben.« Christopher setzte sich. »O Gott.« »Du hast mir keine Wahl gelassen«, sagte Lizzie. »Bitte, ich …« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Du kannst so viel jammern, wie du willst.« Sie fühlte sich durch seine Schwäche bestätigt. »Das ändert nichts daran, was du mir angetan hast.«, »Was habe ich dir denn angetan?« Er nahm seine Brille ab und ließ sie auf den Tisch fallen. Seine Augen waren jetzt starr vor Schreck. »Lizzie, Liebling, was habe ich getan?« »Das weißt du ganz genau.« »Nein.« Er schüttelte den Kopf und umklammerte mit beiden Händen den Tischrand. »Nein.« Lizzies Angst veränderte sich, wuchs zu einer anderen Dimension an. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Willst du behaupten, du kannst dich nicht erinnern, was du vor nicht einmal sechs Stunden mit mir angestellt hast?« Er zögerte, bevor er antwortete: »Nicht genau.« »Also erinnerst du dich doch?« Ekel erfüllte sie, und sie erhob sich. »Nein, warte, Lizzie! Du verstehst das nicht.« »Stimmt«, pflichtete sie ihm bei. »Da hast du Recht.« »Ich weiß nicht immer genau, was passiert, wenn ich mich so fühle.« Er schüttelte wieder den Kopf. »Ich meine, es ist kein Blackout, nur … die Einzelheiten.« »Zum Beispiel, dass du deine Hand um meinen Hals gelegt hast …« »Aber ich habe aufgehört.« Christopher fingerte an seiner Brille herum und setzte sie wieder auf. »Erst nachdem ich gedroht habe, die Polizei zu rufen.« Bei der Erinnerung daran wurde Lizzie übel. »Das war ein tätlicher Angriff, Christopher. Du hast mir wehgetan, und du hast mir Angst gemacht.« »Was soll ich sagen?«, fragte er hilflos. »Es tut mir schrecklich Leid. Bitte, glaub mir.« »Eine Entschuldigung reicht nicht«, sagte sie. »Diesmal nicht.« Sie atmete ein. »Ebenso wenig wie die Lüge, dass du dich nicht an Einzelheiten erinnerst.«, »Du verstehst das nicht«, sagte er wieder. »Wie könntest du auch? Und du ahnst nicht mal, dass es auf gewisse Weise ein Kompliment ist.« »Kompliment?« Lizzie wurde schwindelig vor Empörung und Wut. »Du bist ja verrückt!« »Ich weiß, wie schwer zu verstehen ist, was ich meine. Wahrscheinlich kannst du es auch dann nicht akzeptieren, wenn ich es dir zu erklären versuche.« Von diesem Moment an sagte Lizzie kein Wort mehr. Sie saß wie versteinert am Küchentisch, und nur das Gefühl, irgendwie außerhalb ihres Ichs zu stehen – so, als wäre das alles gar nicht real –, war ihr eine kleine Hilfe, wie sie im Nachhinein feststellte. Es sei ein Kompliment, erklärte Christopher, weil es bedeutete, dass er endlich das tat, was er schon immer hatte tun wollen: ihr sein tiefstes Geheimnis anvertrauen. »Ich hatte schon befürchtet«, sagte er, »dass ich vielleicht nie in der Lage dazu wäre und dass ich keine Alternative hätte, als diese Bedürfnisse bei Fremden auszuleben.« »Bei Fremden?«, wiederholte Lizzie leise. »Prostituierte.« Er sah das Entsetzen auf ihrem Gesicht. »Lizzie, für mich war das ebenso abstoßend.« »Das bezweifle ich.« Ihre Stimme zitterte. »Wie kannst du denn etwas anderes glauben?« »Ich will gar nichts glauben.« Christopher griff über den Tisch und versuchte, ihre Hand zu nehmen, doch Lizzie riss sie weg und starrte ihren Mann an, als habe sie ihn noch nie zuvor richtig gesehen. »Ich habe es so sehr versucht«, sagte er. »Seit ich dir zum ersten Mal begegnet bin, habe ich getan, was ich konnte, damit dein Leben so glücklich und erfüllt ist wie möglich.« Er zuckte mit den Achseln, als wäre das, was er da sagte, ganz alltäglich., »Wahrscheinlich dachte ich bloß, du möchtest das Gleiche für mich tun.« »Und wie?« Lizzies Stimme klang plötzlich schrill. »Indem ich deine … Bedürfnisse befriedige? Indem ich den Platz dieser Fremden einnehme?« »Ich habe einen Fehler gemacht«, sagte Christopher düster. »Einen schrecklichen Fehler.« »Und das soll mich davon abhalten, dich zu verlassen?« »Mich verlassen?« Er war erschüttert. »Du kannst mich nicht verlassen, Lizzie.« »Ich kann nicht bei dir bleiben. Ich kann nicht mit einem Mann leben, der so die Kontrolle verliert, dass er auf mich losgeht, wenn das Bedürfnis ihn überkommt. Wenn es nicht so widerwärtig wäre, müsste ich lachen.« Christopher war wieder aufgestanden und starrte sie an. »Lach über mich … tu was du willst. Aber sprich nicht davon, mich zu verlassen.« »Warum sollte ich bei dir bleiben? Wie kann ich jetzt noch bleiben?« »Um deinem Mann zu helfen«, sagte er. »Dem Vater deiner Kinder.« Er setzte sich wieder, sagte, dass er sie alle von ganzem Herzen liebe, dass sie ihm alles bedeuteten und dass er sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen könne. Als Lizzie angeekelt bemerkte, er benehme sich erbärmlich, gab er zu, dass er wohl genau das sei: lächerlich und schwach. »Das zuzugeben ist für einen Mann wie mich unglaublich schwer, Lizzie.« Sie schwieg. »Ich habe diese Bedürfnisse schon so lange«, fuhr Christopher fort, »dass ich nicht mehr genau weiß, wann es angefangen hat. Ich habe versucht, damit aufzuhören, aber es gelingt mir nie, lange.« Er hielt inne. »Es ist eine Art Sucht.« »Ist das eine Diagnose?«, fragte Lizzie spöttisch. »Ja.« »Also warst du wegen dieser Sache bei einem Arzt?« »Einmal«, antwortete er. »Vor langer Zeit.« »Warum nur einmal?« »Es war zu erniedrigend für mich.« »Verstehe.« »Nein, du verstehst nicht«, sagte er. »Wie solltest du auch? All die Jahre voller Scham und Schuldgefühle, in denen ich versucht habe, es zu verstecken, mich davor zu verstecken, damit ich mit dem Rest meines Lebens weitermachen konnte … dem wirklich wichtigen Teil meines Lebens. Wenn das alles zu viel würde, sagte ich mir, würde vielleicht wenigstens unter dem Strich das Gute, das ich tue, meine Schwäche überwiegen.« »Und das hast du geglaubt?« »Ja, habe ich«, antwortete er. »Ich glaube, Lizzie, dass ich im Großen und Ganzen, wenn vielleicht auch kein guter, so doch zumindest auch kein schlechter Mensch bin.« Er schwieg kurz. »Ich glaube, ich bin ein guter Vater … hoffe ich zumindest.« »Ja«, sagte sie. »Das bist du.« Später begriff sie, dass sie sich an diesem Punkt des Gesprächs immer noch in einer Art Schockzustand befand: Während sie an diesem scheinbar gewöhnlichen Morgen dasaß und ihm zuhörte, war ein Teil von ihr auf schreckliche Weise fasziniert davon, wie der Mann, der sonst immer so beherrscht und würdevoll wirkte, sich so erniedrigte. »Ich brauche dich, Lizzie«, sagte er. »Ich brauche dich so sehr. Solange ich dich habe, kann ich mit meiner Arbeit weiter- machen … kann mich um meine Patienten kümmern, kann humanitäre Arbeit leisten.«, »Und wenn ich dich verlasse, hört das alles auf?« »Ja«, antwortete Christopher leise. »Ohne dich kann ich nicht weitermachen. Glaub es mir oder nicht, es ist die Wahrheit.« Lange Zeit sagte sie nichts. »Wenn ich bleibe«, fragte sie schließlich, »erklärst du dich dann bereit, dich behandeln zu lassen?« »Alles, was du willst.« »Ich will nicht alles«, entgegnete Lizzie heftig. »Ich will dein Wort, dass du eine Therapie machst und weder mich noch eine andere Frau je wieder auf irgendeine Weise misshandelst. Sonst kannst du sicher sein, dass ich dich verlasse und unsere Söhne mitnehme, und nichts wird mich davon abbringen.« Er schwieg. »Nun?«, drängte sie. »Ist das alles?«, fragte er. »Ja. Das ist alles.« »Du hast mein Wort«, sagte er. Sie stand auf, endlich, mit wackligen Beinen, und blickte auf ihn hinunter. »Ich tue das für Edward und Jack«, sagte sie. »Dass ich dir diese Chance gebe. Weil du zumindest in einem Recht hast. Du bist ein guter Vater.« »Danke.« Christopher streckte die Hand nach ihrer aus und umfasste sie, hielt sie mit eiskalten Fingern fest. »Du wirst es nicht bereuen.« »Das hoffe ich. Und jetzt lass mich bitte los.« Erließ ihre Hand los. »Ich dachte …« »Ich will nicht, dass du mich anfasst«, sagte sie. »Nicht, wenn wir alleine sind. Nicht, bevor ich weiß, dass ich dir wieder vertrauen kann. Was vielleicht nie wieder der Fall sein wird, Christopher.« Ein Teil der Dankbarkeit verschwand in diesem Moment aus, seinen Augen, verdrängt durch einen unverblümten Anflug von Zorn. »Ich wusste nicht, dass du so hart sein kannst, Lizzie.« »Dann«, sagte sie, »kannte bisher offenbar keiner von uns den anderen so gut, wie wir dachten.« Als Lizzie einige Zeit später feststellte, dass sie wieder schwanger war, gab sie sich alle Mühe, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen, fand es jedoch unmöglich. Ein Bruder oder eine Schwester für Edward und Jack. Freude verdrängte die Bestürzung. Und so blieb ihre Ehe bestehen. Lizzie, die Christopher gegenüber immer noch misstrauisch war, trauerte um das Ende ihres Vertrauensverhältnisses und war zugleich erleichtert, dass er offenbar tat, was sie von ihm verlangt hatte. Von Zeit zu Zeit fragte sie ihn, ob er seine Therapie noch mache, und wenn er sagte, er sei in Behandlung, stellte sie keine weiteren Fragen. Sie verspürte nicht den geringsten Wunsch, mehr darüber zu wissen, und es war gesünder für das, was von ihrer Ehe noch übrig war, wenn sie ihm zumindest einen Hauch von Selbstachtung ließ. Außerdem hatte sie ihre Jungs und ihr ungeborenes Baby, auf die sie ihre Aufmerksamkeit richten musste. Im Frühjahr darauf brachte sie Sophie zur Welt. Eine zierliche, sanftmütige Tochter mit goldenem Haar und dunkelblauen Augen, hineingeboren in das scheinbare Ideal, das die Familie Wade nach außen hin darstellte. Christopher war voller Euphorie und blieb ihren Kindern – Lizzie hatte nie den leisesten Zweifel, dass diese Seite an ihm vollkommen aufrichtig war- ein liebender, hingebungsvoller Vater. Im September diesen Jahres, sechs Monate nach Sophies Geburt – und nachdem Dr. Hilda Kapur, ihre Hausärztin in Marlow, ihr ein Rezept für die Pille ausgestellt hatte –, schlief Lizzie zum ersten Mal wieder mit Christopher. Sehr zaghaft und, vorsichtig, wenn Lizzie bedachte, was sie in ihrer unwissenden Vergangenheit miteinander geteilt hatten. Doch Christopher schien so glücklich und dankbar, dass Lizzie sich sagte, Verzeihen müsse der richtige Weg sein – um ihrer ganzen Familie willen –, und das Glück, wenn auch in schwächerer Form, könne wieder in Reichweite rücken. Und dann, fünf Monate später, brach die Welt der Familie Wade zusammen., 12.

W ie sich herausstellte, war Tony Patstons Versprechen, sich künftig zu beherrschen, das er an Irinas erstem

Geburtstag gegeben hatte, Lug und Trug gewesen. Im Gegenteil trank er immer mehr. Seine wachsende Alkoholabhängigkeit betrachtete er als Ausgleich für das, was er zunehmend als Quell seiner Probleme sah: den kleinen Kuckuck in seinem Reihenhaus-Nest. Ohne Alkohol fühlte Tony sich reizbar und nicht fähig, mit seinen Geldproblemen und dem unaufhörlichen Kreischen dieses Kuckucks fertig zu werden. Hatte er jedoch ein paar Pints intus, fühlte er sich eher zu Großmut fähig – war dann aber nicht imstande, nach den ersten Bieren aufzuhören, sodass die guten, positiven Empfindungen bald darauf vom Alkohol davongeschwemmt wurden, sodass Tony sich in einem dichten Nebel der Wut wiederfand. Er schlug das Kind regelmäßig. »War nur ein Klaps«, behauptete er. »Und nicht mal mit ’nem Gürtel, wie mein Vater es bei mir getan hat.« Ein kaum geringeres Übel, soweit es Irina und ihre Mutter betraf. Wenn Joanne die Schläge hörte oder gar sah, schrumpfte ihr Magen vor Zorn zu einem kleinen harten Ball zusammen, und der Wunsch, auf Tony loszugehen oder wenigstens ihre Gefühle hinauszuschreien, überwältigte sie. Doch sie hatte diesem Wunsch bisher zwei Mal nachgegeben, und beide Male hatte Tony sich an dem Kind gerächt – mit richtigen Schlägen. »Das ist deine Strafe«, sagte er zu seiner Frau, als Irina vor Schmerzen schrie. »Du Bastard«, rief Joanne schluchzend. Er hob die rechte Hand. »Willst du, dass ich ihr noch eins verpasse?«, »Nein!«, schrie sie. »Wenn du schon jemanden schlagen musst, dann schlag mich!« Tony ließ die Hand sinken. »Ich will dich nicht schlagen«, sagte er. Joanne hatte den brennenden Wunsch, ihn anzuzeigen oder es zumindest jemandem zu erzählen, ihrer Mutter oder Nicki von nebenan, doch sie wusste, dass es nicht möglich war. Sie wusste so gut wie Tony, dass sie das niemals tun würde, niemals tun konnte, weil dann die Wahrheit herauskam und man ihr ihr kleines Mädchen wegnehmen würde. Vielleicht, überlegte sie manchmal, wäre das besser für Irina. Nein, antwortete sie sich selbst dann jedes Mal. Es wäre nicht besser. Irina liebt dich, weil du ihre Mutter bist. Nicht ihre richtige Mutter. Aber richtig genug, widersprach sie der Stimme in ihrem Kopf mit Nachdruck. Richtig genug, um sie zu lieben, sie leidenschaftlich, verzweifelt zu lieben. Genug für beide Eltern. Aber es war doch nicht genug. Ein viel zu großer Teil der Entwicklung Irinas im Alter zwischen ein und drei Jahren war von Spannungen, Angst und Schmerz geprägt gewesen. Joanne wusste das und fühlte mit ihr, doch ihre eigene Hilflosigkeit und Überforderung wuchsen, während sie beobachtete, wie Irina auf gewisse Weise zu dem zurückkehrte, was sie gewesen war – damals, als sie zu ihnen kam. Kurz nach ihrem zweiten Geburtstag hörte sie auf zu weinen. »He, Mann«, sagte Tony nach ungefähr drei friedlichen Abenden. »Das ist ja toll.« »Ja«, sagte Joanne leise. »Wird auch verdammt noch mal Zeit«, fügte er hinzu., Joanne antwortete nicht. Die Stille machte sie krank, weil sie wusste, was dazu geführt hatte. Wie ein Tier, das sich irgend- wann der Peitsche unterwirft, hatte Irina, das kämpferische kleine Mädchen von einst, schließlich gelernt, dass es besser war – und viel weniger schmerzhaft –, nicht zu weinen. »Sie hat einen guten, starken Charakter«, hatte Dr. Mellor gesagt. Bei der Erinnerung daran fragte Joanne sich mit einem Schauder, was die Kinderärztin jetzt wohl sagen würde. Doch der Frieden hielt nicht an. Irinas Introvertiertheit und mangelnde Ansprechbarkeit begannen Tony fast genauso sehr zu ärgern wie ihr Weinen. »Alles, worum ich gebeten hatte, war ein liebevolles Kind«, sagte er zu Joanne. »Sie ist ein liebevolles Kind«, sagte Joanne ängstlich. »Zu dir, nicht zu mir.« »Vielleicht, wenn du …« Sie verstummte. »Was?« »Nichts«, sagte sie leise. »Ich weiß, du gibst dir Mühe.« »Verdammt richtig, ich gebe mir Mühe«, sagte Tony. »Ich schwitze Blut und Wasser für sie – und was bekomme ich dafür? Ein undankbares Kind, das mich hasst.« »Sie hasst dich nicht«, widersprach Joanne. »Du wolltest, dass sie still ist, und den Wunsch erfüllt sie dir jetzt.« Und Tony ging wie üblich in den Pub., 13.

J acks Neigung zu stolpern war schon im Alter von zwei Jahren so ausgeprägt gewesen, dass Lizzie Dr. Anna Mellor

bei der jährlichen Routineuntersuchung darauf ansprach. Die Kinderärztin – die mit Peter Szell, einem Kardiologen und engen Freund Christophers verheiratet war – beruhigte sie jedoch, nachdem sie den Jungen untersucht hatte. Bei Geh- Anfängern, erklärte sie, sei häufiges Hinfallen völlig normal. Lizzie verbannte das Thema aus ihren Gedanken, und wenn ihr das auch nicht ganz gelang, stellte sie das Thema doch zumindest weit hintan. »Er ist entzückend«, sagte seine Großmutter Angela und hatte Recht: Jack mit seinen schönen grauen Augen, dem goldblonden Haar und seiner fröhlichen Art war hinreißend. Auch Edward vergötterte seinen kleinen Bruder, neckte ihn aber häufig, als sie heranwuchsen. »Du bist so langsam«, beschwerte er sich, wenn sie zusammen spielten. »Er ist noch klein«, erinnerte Christopher ihn. »Du musst Geduld haben.« »Hab ich ja«, sagte Edward. »Aber er ist so ungeschickt.« »Es können nicht alle von Natur aus solche Athleten sein wie du, Ed.« »Was ist ein Athlet, Dad?« »Jemand, der Rennen läuft, Hochsprung macht und so weiter.« »Jack kann nicht springen«, sagte Edward. »Natürlich kann er das«, widersprach Christopher. Als dann Sophie zur Welt kam, jubelte der dreijährige Jack über die Aussicht, ebenfalls großer Bruder sein zu können; er, schmuste bei jeder Gelegenheit mit der kleinen Schwester; er liebte es zuzusehen, wenn sie gebadet und umgezogen wurde, und er streichelte hingebungsvoll ihre weichen Wangen. Ein zärtlicher Junge. Ein fröhlicher, neugieriger, liebevoller Junge. »Ich glaube nicht, dass ich je ein so unkompliziertes Kind gesehen habe«, sagte Gilly. »Ich weiß«, stimmte Lizzie zu. »Wir haben großes Glück.« Doch dann, an einem Februarmorgen drei Monate nach Jacks viertem Geburtstag, änderte sich binnen weniger Stunden alles, und für immer. Christine Connor, die Leiterin von Jacks Kindergarten, fragte Lizzie, die gerade ihren Sohn gebracht hatte, ob sie sie kurz unter vier Augen sprechen könne. »Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Jack«, sagte sie. »Warum?« Lizzie stellte die Frage leichthin – wie die Frau, die sie bis zu diesem Augenblick zu sein vorgegeben hatte: die glückliche, sorglose Ehefrau und Mutter von drei Kindern. Aber aus ihrem Innern, aus ihrem jetzt schon verkrampften Körper und ihrem stockenden Herzen war bereits jede Leichtigkeit verschwunden. »Ich glaube«, sagte Mrs Connor, »er hat möglicherweise ein Problem.« »Was für ein Problem?« Hör nicht hin, Lizzie. »Erstens«, sagte die andere Frau, »glaube ich, dass er nicht springen kann.« »Ja, er ist ein bisschen ungelenk. Eine Sportskanone wird er wohl nie«, sagte Lizzie. »Nein, Mrs Wade«, sagte Christine Connor. »Ich will damit sagen, Jack kann nicht springen. Ich habe ihn beobachtet – es ist, als wären seine Füße am Boden festgeklebt, wenn er es, versucht.« Sie hielt inne. »Haben Sie das nicht bemerkt?« Nein. Versteck dich weiter. »Doch«, sagte Lizzie leise. »Habe ich.« »Da ist noch etwas«, fuhr die Pädagogin fort. Lizzie fühlte sich (oder glaubte zumindest, sich so zu fühlen) wie ein Gefangener, der auf der Anklagebank saß und darauf wartete, dass der Richter sein Urteil verkündete – mit dem möglichen Ausgang Tod durch Erhängen. Sie wollte Christine Connor sagen, dass sie schweigen solle, kein Wort mehr sagen solle, aufhören solle, Jack zu beobachten, weil er schließlich Lizzies Kind war, nicht ihres, und es ging ihm bestens. »Die Art und Weise, wie er aufsteht, wenn er auf dem Boden gesessen hat.« Po zuerst, die Hände auf die Beine gestützt. »Ja«, sagte Lizzie wieder. »Dann haben Sie es also auch bemerkt, Mrs Wade?« »Ja.« Lizzie wusste, die Frau wartete darauf, dass sie etwas sagte, vielleicht eine Frage stellte oder einen Vorschlag machte, wie eine kompetente Mutter es tun sollte. Aber dazu schien sie in diesem Augenblick nicht fähig zu sein. »Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass es nichts ist«, sagte Christine Connor. »Aber Sie gehen nicht davon aus«, sagte Lizzie. »Ich glaube, Sie sollten mit dem Arzt sprechen.« Die Angst, die an diesem Morgen zum ersten Mal an die Oberfläche stieg, war seither nie wieder verschwunden. Lizzie war auf direktem Weg nach Hause gefahren, um mit Gilly zu sprechen. »Ich hatte gehofft, es mir nur einzubilden«, sagte Gilly., »Da bist du nicht die Einzige«, erwiderte Lizzie und rief Christopher an. Der ließ, wie erwartet, alles stehen und liegen, übergab zwei Operationen einem anderen Chirurgen, vertagte eine HANDS-Versammlung, sprang in seinen BMW und fuhr auf der A40 – zu langsam, wegen des Verkehrs – und dann auf der M40 – zu schnell – nach Marlow. Als Jack aus dem Kindergarten zurück war, verbrachten seine Eltern die nächsten vierundzwanzig Stunden damit, jeden seiner wachen Momente – und auch viele seiner schlafenden – mit einem wachsenden Gefühl der Angst akribisch zu beobachten. »Warum tut ihr das?«, fragte Edward einmal. »Was, Schatz?«, fragte Lizzie. »Jack so angucken«, sagte der Sechsjährige, der die dunklen Haare und Augen seiner Großmutter mütterlicherseits geerbt hatte. »Das tun wir doch gar nicht, Liebling«, log seine Mutter. »Wir sehen ihn deshalb so an«, sagte sein Vater mit der natürlichen Offenheit, die Kinder seiner Ansicht nach am liebsten hatten und die ihn, wie Lizzie zugeben musste, zu einem besonders talentierten Vater machte, »weil wir glauben, dass Jack vielleicht krank ist.« »Wie eine Erkältung, meinst du?«, fragte Edward. »So ähnlich«, antwortete Christopher, der keinen Grund sah, seinem älteren Sohn Angst zu machen, solange noch die Chance bestand, dass alles sich als harmlos erweisen könnte. Und dafür betete er inbrünstig. »Okay«, sagte Edward und hatte schon das Interesse verloren. Das war für lange Zeit das Letzte, das gut gelaufen war, erinnerte sich Lizzie. Denn ihre Beobachtungen – und anschließend eine ungewohnt ernste Anna Mellor in der Londoner Praxis – bestätigten, dass Jacks Oberschenkelmuskeln schwächer waren, als sie hätten sein dürfen, und dass er darüber, hinaus Schwächen im Bereich der Hüfte und der Schultern zeigte. »Was meinst du?«, fragte Lizzie die Kinderärztin nach der Untersuchung, während Jack im Zimmer nebenan mit einer Arzthelferin spielte. »Ich meine«, sagte Anna Mellor, »Jack sollte zu einem Spezialisten.« »Warum?«, fragte Lizzie. »Was glaubst du denn, was mit ihm nicht stimmt?« Christopher sah sie daraufhin mit einem Blick an, in dem so viel Mitleid und Verzweiflung lagen, dass sie das Gefühl hatte, das Blut würde ihr in den Adern gefrieren. »Wir müssen abwarten, Liebling«, sagte er sanft. Und Lizzie begriff, dass es Christopher – einem Mann, der gewohnt war, durch Haut und Knochen zu schneiden und seine Hände in das Blut anderer Menschen zu tauchen – in diesem Augenblick kein bisschen anders erging als ihr selbst. Er klammerte sich mit aller Kraft an die Unwissenheit. Die Zeit danach verschwamm zu einem Nebel – etliche Tage am Telefon in der Londoner Wohnung, die Bemühungen, Jack zu beschäftigen und zu beruhigen, endlose Arzt- und Kranken- haus-Wartezimmer mit veralteten Zeitschriften und voller Patienten und Angehörigen mit guten Manieren und erbärmlichem Aussehen. Untersuchungszimmer und Röntgenabteilungen und Labors, durch die der arme Jack, der sich niemals beklagte, geschoben und geschubst wurde und in denen er vor einer endlosen Aufeinanderfolge von Männern und Frauen in Anzügen und weißen Kitteln laufen, sich hinsetzen und wieder aufstehen musste – vorgeführt wurde, wie Lizzie es in ohnmächtiger Wut empfand. Sie gingen zu einem Kinder- Neurologen, einem Orthopädie-Chefarzt und einem Genetiker; man stellte Lizzie und Christopher zahllose Fragen und beantwortete die ihren; man präsentierte ihnen Dutzende von, Fakten, Statistiken und Ratschlägen. Und irgendwann inmitten dieses Nebels kam die Diagnose, verkündet wie das Urteil, auf das Lizzie wartete, seit Christine Connor sie in ihr Büro gebeten hatte. Duchenne Muskeldystrophie aufgrund eines fehlerhaftes Gens des X-Chromosoms. Dem weiblichen Chromosom. Mit anderen Worten, seine Mutter hatte es ihm vererbt. »Ich verstehe das nicht«, sagte Lizzie viel später an diesem letzten, endlosen Tag-Nacht-Albtraum zu Hause in Marlow. »Wie kann das sein? Es gibt doch in der Familie keine Vorgeschichte solcher Krankheiten, oder?« Die Frage galt ihrer Mutter, die aus London gekommen war, um Gilly mit Edward und Sophie zu helfen. »Nicht, soweit ich weiß«, sagte Angela, die sich nicht ganz zu Unrecht angegriffen fühlte. Alle drei Kinder waren oben und schliefen – Jack aus purer Erschöpfung –, und Gilly war vor einer Weile in ihre Wohnung in Maidenhead gefahren. Die anderen Erwachsenen saßen erschöpft im Wohnzimmer vor dem Holzfeuer, das knisterte und glühte wie gewöhnlich, aber so gar nichts von der üblichen Wärme und Behaglichkeit auszustrahlen schien. »Was ist mit deinem Bruder?«, fragte Lizzie. Solange sie denken konnte, wusste sie schon, dass es einen Onkel namens James gegeben hatte, der sehr jung verstorben war. Angela hatte Lizzie bereits vor Jahren erzählt, dass sie nie genau erfahren hatte, woran ihr Bruder gestorben war; ihre Eltern, die inzwischen ebenfalls beide tot waren, hatten nie mit ihr darüber sprechen wollen. »Könnte es das gewesen sein?«, drängte Lizzie. »Ich weiß es nicht.« Angelas Gesicht war blass. »Möglich ist es, nehme ich an.«, »Finde es heraus, ja?« Lizzie wusste, dass sie schroff klang, aber sie konnte sich nicht helfen. »Im Ernst?«, fragte Angela. »Ja, sicher.« »Würde es denn etwas ausmachen, wenn wir es wüssten?« »Nein.« Es war Christopher, der Angela antwortete. »Es würde keinen Unterschied machen. Nicht für Jack.« Lizzie starrte ihn mit wirrem Blick an. »Aber vielleicht täuschen sie sich«, sagte sie. »Vielleicht war das, woran James gestorben ist, etwas Ähnliches wie bei Jack, aber nicht genau dasselbe. Vielleicht ist es etwas, gegen das man inzwischen ein Mittel gefunden hat.« »Sie irren sich nicht, Lizzie«, sagte Christopher sanft. »Und auch wenn die Möglichkeit besteht, dass man irgendwann ein Heilmittel entdeckt – noch gibt es keins.« In diesem Augenblick hasste Lizzie ihn aus tiefstem Herzen, so wie sie zuvor schon von brennendem Hass gegen Anna Mellor erfüllt gewesen war. »Ich habe sie schon vor zwei Jahren darauf angesprochen«, hatte sie im Wartezimmer des Genetikers zu Christopher gesagt. »Ich habe sie gefragt, ob mit ihm alles in Ordnung ist, und sie sagte, es ginge ihm bestens … es gebe nichts, weswegen ich mir Sorgen machen müsste.« Christopher antwortete, er habe Anna kurz zuvor angerufen, als Lizzie mit Jack auf dem Klo war, um ihr genau diese Frage zu stellen: Anna hatte gesagt, sie habe damals sofort an DMD gedacht und Jacks Waden nach Vergrößerungen untersucht, was bei Kleinkindern oft ein Warnzeichen sei. »Sie sagte, seine Beine hätten normal ausgesehen«, sagte Christopher zu Lizzie. »Was sie unglaublich erleichtert habe.« »Wie schön, dass Anna erleichtert war«, entgegnete Lizzie giftig., »Die ganze Geschichte nimmt sie sehr mit, und sie sorgt sich um uns alle«, sagte Christopher. Dann fügte er mit ruhiger Stimme, aber tiefem Schmerz hinzu: »Ich habe es auch nicht gesehen, Lizzie. Und wenn doch, habe ich vorgezogen, es zu ignorieren.« »Hast du?«, fragte sie ihn heftig. »Hast du es gesehen?« »Ich sah unseren hübschen kleinen Jungen, der nicht so sportlich war wie sein älterer Bruder.« Christopher bemühte sich, ehrlich zu sein. »Ich wusste, dass er später anfing zu laufen als andere, und ich sah seine Schwierigkeiten, nach einem Ball zu treten und zu rennen und zu springen, und ich sah, dass er manchmal ein wenig unbeholfen wirkte, aber ich sagte mir, es mache nichts, solange er glücklich und gesund ist.« »Ich auch«, sagte Lizzie. »Aber ich bin Arzt.« »Plastischer Chirurg«, sagte Lizzie aus Freundlichkeit. Doch sie war in ihr Hass-Stadium eingetreten, und dieser Hass zielte in alle Richtungen: auf Anna Mellor, weil sie es nicht gleich festgestellt hatte, auf den Kinder-Neurologen, weil er es festgestellt hatte, auf alle Eltern in den Wartezimmern, deren Söhne nicht DMD hatten, auf Christopher – auch wenn sie ihm das Gegenteil versicherte –, weil er die Anzeichen nicht erkannt hatte. Dann wurde ihr klar, dass eigentlich Christopher allen Grund hatte, ihr Vorwürfe zu machen, wenn es darum ging, Schuldzuweisungen zu machen. Schließlich war es ihr defektes Gen. Doch er tat nichts dergleichen, weder an diesem Abend noch zu irgendeinem späteren Zeitpunkt. Auch in den finsteren Stunden, als Jacks künftiger Albtraum sich zu entfalten begann, blieb er der zärtlichste Ehemann, den man sich vorstellen konnte. Christopher begriff, unter welchen irrationalen und doch vielleicht, unvermeidlichen Schuldgefühlen Lizzie litt, und seine Liebe und Fürsorge für Jack, Edward und Sophie war umfassend. Doch eines änderte sich. Christopher konfrontierte Lizzie jetzt wieder offen mit seinen perverseren sexuellen Bedürfnissen, die er lange Zeit unterdrückt hatte. »Die Therapie«, erklärte er ihr, »hat eher den Schwerpunkt verlagert, sie ist mir keine große Hilfe mehr. Und ich will niemals zu jemand anderem als zu dir, Lizzie. Ich habe durchzuhalten versucht, aber ich bin nicht so stark wie du. Und so beschämend es ist … ich scheine das zu brauchen. Deshalb habe ich dich gebeten, dass du versuchst, meine Gefühle zu verstehen.« Lizzie konnte die Bedürfnisse ihres Mannes zwar nicht annähernd begreifen, besaß aber ausreichend Fantasie, um zu erkennen, dass er die Befriedigung dieser Bedürfnisse jetzt dringender brauchte als je zuvor, um mit der traurigen neuen Welt, in der sie beide lebten, besser zurechtzukommen – ein dunkler Kanal, durch den er wenigstens einen kleinen Teil seiner aufgestauten Qualen und Schmerzen freisetzen konnte. Also hatte Lizzie sich bereit erklärt, es zu versuchen. Sie hatte beinahe vergessen gehabt, wie abstoßend, wie völlig anders dieser andere Christopher war. Manchmal verachtete sie sich selbst, wenn sie mit ihm im Bett lag und er Dinge mit ihr tat, die sie sich geschworen hatte nie wieder zuzulassen. Dann aber zwang sie sich, daran zu denken, was ihrem Sohn bevorstand, und der Hass auf sich selbst und ihre Schmerzen verschwanden im Nichts. Ich bin nicht wichtig, sagte sie sich. Nicht mehr. Bei Tageslicht verstaute sie dann alle Erinnerungen an die Nacht, an die Schmerzen und Erniedrigungen in die unterste Schublade ihrer Emotionen – wohl wissend, was sie tat. Sie verachtete Christopher nicht mehr. Stattdessen erkannte sie immer wieder, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte und wie viel aufrichtige Güte und Kraft in ihm waren. Es war so, wie er, gesagt hatte, als er ihr seine eigene Krankheit zum ersten Mal eingestand: Seine guten Eigenschaften überwogen seine Schwächen. Und abgesehen davon vergötterte Jack ihn., 14.

O bwohl Shad Tower wahrscheinlich einer der historisch unbedeutendsten und am wenigsten eindrucksvollen

Bauten am Flussufer um Butler’s Wharf darstellte, war er zugleich – das musste Helen Shipley sich eingestehen, als sie dem Portier ihren Namen nannte – das glamouröseste Apartmenthaus, das sie je betreten hatte. Als Robin Allbeury sie gestern Nachmittag angerufen hatte, um sie über seine Rückkehr aus Brüssel zu informieren, hatte er mit seiner tiefen, sanften Stimme zugleich angeboten, sich schon am nächsten Tag, zu einer Uhrzeit ihrer Wahl, mit ihr zu treffen. Helen hatte daraufhin ihre eigenen Pläne für den Samstag- morgen (einkaufen, Waschsalon und saugen) nur zu gern aufgegeben und sich gleich nach dem Aufstehen auf den Weg in den Süden der Stadt gemacht, wo das fünfzehnstöckige Gebäude nahe der Tower Bridge in die Höhe ragte. Keine Vorurteile, versuchte sie sich bei ihrer Ankunft zu sagen, doch es fiel ihr schwer, in dieser marmornen, mit kostbaren Teppichen ausgelegten Lobby unvoreingenommen zu bleiben. Oder in dem fast lautlos in die Höhe gleitenden Fahrstuhl, ausgestattet mit Bildtelefonanlage und Kameras – ein Lift, der nur für die Wohnung eines Mannes da war. Ganz zu schweigen von dem Augenblick, als sie diese Wohnung betrat. Helens eigenes Apartment lag im ersten Stock eines fahrstuhllosen Hauses und wurde, wenn der Wind aus Norden kam, vom Geruch nach ranzigen Fish and Chips erfüllt; erst vor kurzem war sie dazu gekommen, das Linoleum im Badezimmer mit einem Schnäppchen aus dem örtlichen Teppich-Ausverkauf zu bedecken. Dennoch – wenn sie die Wohnungstür hinter sich schloss, umgab sie ein echtes Gefühl von Privatsphäre und Individualität., Wie konnte jemand sich hier richtig heimisch fühlen? »Nett von Ihnen, dass Sie den Weg hierher auf sich genommen haben.« Ein leger gekleideter Robin Allbeury erwartete sie mit ausgestreckter Hand vor dem Lift. »Nett von Ihnen, dass Sie sich so schnell gemeldet haben.« Helen sah dem Anwalt in die Augen und wurde sich schlagartig des vergleichsweise minderwertigen Schnitts ihres Hosenanzugs bewusst, in dem sie sich zu Anfang des Tages noch ziemlich schick gefühlt hatte. Dann ließ sie den Blick bewusst zurück zu den wundervollen Blumen und den überwältigenden Kunst- werken in seiner Diele wandern. »Nicht Ihr Geschmack«, bemerkte Allbeury scharfsinnig. »Eine Tasse Tee wäre nach meinem Geschmack«, konterte Helen. »Kommt sofort«, sagte der Anwalt. Dann bat er sie, in seinem Wohnzimmer Platz zu nehmen, und verschwand, offenbar, um den Tee selbst zu kochen. »Scheiße«, flüsterte Helen vor sich hin, als sie sich im Wohnzimmer umsah. Der Raum selbst war faszinierend möbliert; er war eine Mischung aus östlichen und europäischen Stilelementen, doch die Hauptattraktion der Wohnung war eindeutig der Blick auf den Fluss und die dahinter liegenden Stadtteile. Glastüren, die von einer Wand zur anderen reichten, öffneten sich zu einer riesigen Terrasse, und sowohl drinnen wie auch draußen standen große, dekorative Teleskope. Die Wände waren schlicht und in sanften Farben gehalten; einige waren mit großen, grazil gezeichneten Wandbehängen verziert, die chinesisch aussahen; davor standen schwarze Schleiflacktische. Auf dem Parkett- boden lagen kunstvoll gewebte Teppiche, und überall standen schlanke Vasen mit Blumen, von denen Helen – die kaum eine Narzisse von einer Rose unterscheiden konnte – vermutete, es könnten Lilien oder vielleicht Orchideen sein., »Ich hatte nur noch Teebeutel.« Robin Allbeury trug ein Tablett mit Teekanne, Tassen, Untertassen und einem Teller Gebäck herein, während Helen in einem der bequemen Sessel Platz nahm. »Ich hoffe, das ist in Ordnung.« »Ja.« Helen hatte eigentlich etwas Exotischeres erwartet. »Vielen Dank.« »Es hat mir schrecklich Leid getan, von Mrs Bolsovers Tod zu erfahren.« Allbeury schenkte Tee ein und reichte Helen ihre Tasse. »Ermordung«, korrigierte sie. »Ja, das habe ich gehört.« Allbeury hielt ihr den Teller mit Gebäck hin. Helen sah, dass es sich um ganz normale Löffelbiskuits und Vollkornkekse handelte – beides liebte sie –, bediente sich und wartete, dass der Anwalt sich entschuldigte, nichts Besseres im Haus zu haben. Doch er biss einfach nur in seinen Vollkornkeks und lehnte sich im Sessel zurück. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte er dann. »Indem Sie mir alles erzählen, was Sie über das Opfer wissen«, sagte Helen. »Alles, was Ihnen einfällt, ob Sie es für relevant halten oder nicht.« Allbeury schlug die Beine übereinander. »Ich fürchte, Lynne Bolsover war schon lange ein Opfer – lange, bevor sie getötet wurde.« »Wie lange ist es her, dass Sie ihr zum ersten Mal begegnet sind?« Helen hielt inne. »Wenn ich richtig verstehe, hat das möglicherweise nichts mit Ihrer Firma zu tun. Mr Novak sprach, glaube ich, von Ihrem ›inoffiziellen‹ Geschäft.« »So in der Art.« Er lächelte leise. »Ich traf sie letzten August. Allerdings war ich schon einen Monat zuvor auf sie aufmerksam geworden … aufmerksam gemacht worden.« Er hielt inne. »Ich hätte nie von ihrer Existenz erfahren, hätte ich nicht einen, anonymen Brief bekommen.« Er sah Helens skeptischen Gesichtsausdruck. »Ich weiß. Ich habe genauso reagiert, als ich zum ersten Mal einen Brief bekam.« »Sie bekommen Briefe?«, fragte Helen. »Es waren nur zwei.« »Was stand darin?« »Dass Lynne Bolsover eine zutiefst unglückliche Frau sei, die von ihrem Ehemann John regelmäßig geschlagen werde. Dass Lynne zwei kleine Kinder habe und ihren Mann gern verlassen würde, dass sie aber zu eingeschüchtert sei und zu sehr unterdrückt werde, um einen Ausweg zu finden.« Allbeury runzelte die Stirn bei der Erinnerung. »Und dass sie ohnehin das Gefühl hätte, ihr bliebe keine andere Wahl, weil sie selbst kein Geld besaß.« »War der Brief handgeschrieben oder getippt?« »Gedruckt. Mit einem Tintenstrahldrucker, Arial-Schrift auf weißem Kopierpapier. Keine Fingerabdrücke. Abgestempelt in London Mitte. Keine Möglichkeit, ihn zurückzuverfolgen – zumindest keine, auf die Mike Novak oder ich gekommen wären.« Er zuckte die Achseln. »Allerdings hatte ich mir nicht allzu viele Sorgen darüber gemacht, wer den Brief geschrieben hatte.« »Ihre Sorge galt Lynne«, sagte Helen. »Ja.« »Warum?« Allbeury neigte den Kopf leicht auf die Seite. »Ist das nicht offensichtlich? Eine Frau, die in solchen Schwierigkeiten steckte und nicht fähig war, einen Ausweg zu sehen.« »Es gibt viele Frauen wie sie«, sagte Helen. »Ich kann nicht allen helfen.«, »Aber einigen helfen Sie.« »Ja.« »Nur Frauen?«, fragte Helen. »In meiner Eigenschaft als Anwalt tue ich mein Bestes, sowohl Männern als auch Frauen zu helfen.« »Aber wir sprechen hier nicht von Ihrer Eigenschaft als Anwalt, nicht wahr, Mr Allbeury?« »Nicht im Augenblick, nein.« Er hielt inne. »Ich habe den fraglichen Brief hier, Inspector, falls Sie ihn sehen oder ihn untersuchen lassen möchten.« Helen bejahte und fragte ihn auch nach dem ersten anonymen Brief. Der habe dasselbe Format gehabt, erklärte Allbeury und bot an, ihr auch dieses Schreiben zur Verfügung zu stellen. Helen fragte, ob es in diesem Brief ebenfalls um eine unglückliche Frau gegangen sei. Allbeury bestätigte das; nachdem er gehört habe, was Lynne Bolsover zugestoßen sei, sagte er, habe er Mike Novak gebeten, Erkundigungen zur Situation dieser Person einzuholen. »Gesund und munter, erfreulicherweise, und darüber hinaus glücklich geschieden.« »Ohne Ihre Hilfe?«, hakte Helen nach. »Korrekt.« Allbeury nickte. »Und um jede Neugier zu befriedigen, die vielleicht noch an Ihnen nagt: Ich hatte dieser ersten Dame ebenfalls meine Hilfe angeboten, und sie lehnte ab. Sie sagte Mike Novak, sie bräuchte meine Hilfe nicht.« »Offenbar stimmte das«, sagte Helen. »Ja, zu meiner großen Freude.« »Tatsächlich?« »Ja«, antwortete Allbeury. »Sie wollten mehr über mein Treffen mit Mrs Bolsover hören, nicht wahr?« »Wenn es Ihnen nichts ausmacht«, sagte Helen., »Wie Sie bereits wissen«, sagte der Anwalt, »bat ich Mr Novak, den ersten Kontakt herzustellen. Vor allem, weil Mike ein sanftmütiger Mensch ist und sich besser in unterschiedliche Umgebungen einfügen kann.« »Weil er gewöhnlicher ist als Sie«, sagte Helen in Erinnerung an den Privatdetektiv. »Ich finde Mike ganz und gar nicht gewöhnlich«, sagte Allbeury. »Aber er sagt mir immer, dass ich an manchen Orten hervorsteche wie ein bunter Hund.« »Sie sagten, Sie trafen Lynne Bolsover im letzten August.« »Im McDonald’s bei der U-Bahnstation Tottenham Court Road. Ihre Wahl«, fügte er hinzu. »Es war zu voll und zu laut, also zogen wir um in einen großen Pub in der Nähe – ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern, aber das spielt keine große Rolle, nehme ich an.« »Nicht besonders«, sagte Helen. »Allzu viel kann ich Ihnen nicht sagen, fürchte ich«, fuhr Allbeury fort. »Mrs Bolsover war sehr nervös und wirkte bedrückt. Sie schien nicht bereit, mir zu vertrauen … oder überhaupt jemandem, erst recht nicht einem Fremden.« »Manchmal fällt es bei Fremden leichter«, bemerkte Helen. »Manchmal«, pflichtete Allbeury bei. »Aber leider nicht in diesem Fall.« »Hat sie Ihnen irgendetwas über sich erzählt? Über ihre Probleme mit ihrem Mann?« »Sie beantwortete nur meine Fragen«, sagte Allbeury. »Ich wollte wissen, ob sie Angst vor John habe, und sie sagte, ja, aber es sei nicht allzu schlimm und es gebe keinen Grund, sich um sie zu sorgen.« »Wusste sie von dem Brief?« »Mike Novak hatte ihr davon erzählt. Ich fragte sie, ob sie wüsste, wer ihn geschrieben haben könnte, aber sie wirkte völlig, perplex, schien nicht die leiseste Ahnung zu haben.« Er hielt inne. »Ich habe herauszufinden versucht, ob ihre Situation ein Risiko für ihre Kinder darstellte, aber sie verneinte. Sie wirkte sehr entschieden, was das betraf, allerdings nicht im Hinblick auf ihre eigene Person, hatte ich den Eindruck.« »Wenn sie nicht bereit war, Ihnen zu vertrauen«, fragte Helen, »warum war sie dann überhaupt einverstanden, sich mit Ihnen zu treffen?« »Vielleicht«, antwortete Allbeury, »war sie gerade sehr verzweifelt, als sie dem Treffen zustimmte, fand dann aber doch alles zu beängstigend. Die Sorge, dass ihr Mann davon erfahren könnte, meine ich, nicht so sehr unser Treffen als solches.« Ihm fiel etwas ein. »Ich erinnere mich, dass sie einen Brandy wollte, sich dann aber doch für Weißwein entschied, falls er es an ihrem Atem riechen würde.« Helen schüttelte leicht den Kopf. »Wie ist Bolsover?«, fragte Allbeury leise. »Falls Sie mit mir darüber sprechen können.« »Er hat sich bei den Verhören recht gut gehalten und zeigt nach wie vor Trauer und Entsetzen.« Sie hielt inne. »Ich bezweifle nicht, dass er ein gewalttätiger Tyrann ist, aber ich weiß nicht, ob er ein Mörder ist.« Allbeury nickte. »Mrs Bolsover trank nur wenig von ihrem Wein«, sagte er dann. »Sie blieb nicht länger als fünfzehn Minuten mit mir im Pub, dann sagte sie, sie wisse gar nicht, warum sie gekommen sei. Sie dankte mir für mein Interesse, meinte aber, es gebe nichts, das ich für sie tun könnte. Dann ging sie.« »Sie haben keinen weiteren Versuch gemacht, Kontakt zu ihr aufzunehmen?« »Nein«, sagte er. »Ich musste ihren Wunsch respektieren. Außerdem wusste sie ja, wo sie mich finden konnte, falls sie mich noch einmal sprechen wollte.«, »Aber das hat sie nie getan.« Allbeury schüttelte den Kopf. »Sie sagten, Lynne Bolsover habe nervös und deprimiert auf sie gewirkt«, sagte Helen. »Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen? Natürlich weiß ich, dass es nach einer solch kurzen Begegnung schwierig ist …« »Ja«, sagte Allbeury. »Aber ein erster Eindruck bildet sich oft gefährlich leicht, finden Sie nicht?« Helen war nicht sicher, ob sie bei diesen Worten leisen Spott in den warmen braunen Augen des Anwalts sah. »Welchen Eindruck hatten Sie denn von ihr?« »Sie wirkte einsam und verzweifelt«, antwortete er. »Fürchtete sie um ihr Leben? Soweit Sie es beurteilen können?« »Soweit ich es beurteilen kann, nein. Sie war völlig am Boden und verängstigt, aber mehr aus Schmerz – körperlichem und emotionalem – als aus Angst, getötet zu werden.« Helen lehnte eine zweite Tasse Tee ab, nahm sich aber noch einen Löffelbiskuit und bekam auch die zwei anonymen Briefe, die der Anwalt für sie geholt hatte, sorgfältig in eine Plastikhülle gesteckt. »Ich nehme an, Sie brauchen meine Fingerabdrücke wegen des Ausschlussverfahrens«, sagte er. »Bitten Sie Ihre Kollegen, mich zu kontaktieren, um einen Termin zu vereinbaren?« »Mach ich«, sagte Helen. »Vielen Dank.« »Gern geschehen«, sagte Allbeury. »Wissen Sie, warum dieser anonyme Briefschreiber sich ausgerechnet an Sie gewandt hat?«, fragte Helen, während sie zum Aufzug gingen. »Schwer zu sagen, weil ich nicht weiß, um wen es sich handelt«, sagte Allbeury., »Offensichtlich jemand«, sagte Helen, »der von Ihrer Vorliebe weiß, unglücklichen Ehefrauen zu helfen.« Allbeury blieb etwa fünf Meter vor dem Aufzug stehen. »Sie sind skeptisch.« »Ein wenig, ja.« »Vielleicht sollte ich Sie beruhigen.« »Können Sie das?« Sein Lächeln war bedauernd. »Ich kann Ihnen sagen, dass ich tatsächlich nichts weiter getan habe, als mehreren Frauen meinen juristischen Rat zur Verfügung zu stellen, kostenlos und ohne die bürokratischen Hindernisse der öffentlichen Rechtshilfe.« »Und das ist wirklich alles, was Sie diesen Frauen anbieten?«, fragte Helen leise. Allbeury trat vor und drückte auf einen Knopf neben der Fahrstuhltür. Die Tür glitt nahezu geräuschlos auf. »Was sollte da sonst noch sein?«, fragte er mit einem Lächeln. Helen hatte Ally King bereits gebeten, sowohl Allbeury als auch Novak durch HOLMES laufen zu lassen, die Datenbank des Innenministeriums, doch es hatte sich nichts ergeben, das einen der beiden Männer mit einem aktenkundigen Verbrechen in Verbindung brachte. Der eine war ein erfolgreicher, auf seinem Gebiet sehr angesehener Mann, der andere weniger auffallend, und keiner der beiden war vorbestraft. Helen hielt Mike Novak für ein ebenso offenes Buch, wie wohl jeder Privatdetektiv es war. Er war nur zwei Jahre lang Polizist bei der Metropolitan Police gewesen, und seine Akte war tadellos, wenn auch mit der Bemerkung versehen, dass Novak zwar engagiert und intelligent, aber auch allzu kritisch der Bürokratie gegenüber und manchmal übermäßig sensibel war – was genau mit dem Eindruck übereinstimmte, den Novak Helen bei ihrer kurzen Begegnung vermittelt hatte: offen,, hilfsbereit, entsetzt über Lynne Bolsovers Tod – und glücklich verliebt in seine Frau Clare. Robin Allbeury verwirrte sie weit mehr. Seine Ausbildung und Karriere waren ausführlich dokumentiert, doch der Rest lag ziemlich im Dunkeln. Er war zweiundvierzig Jahre alt und nie verheiratet gewesen, aber mit ziemlicher Sicherheit heterosexuell. Anfang der Neunziger war er häufig mit Frauen gesehen worden – zum Teil nachzulesen in der Boulevardpresse, denn er hatte in dieser Zeit diverse High-Society-Scheidungs- fälle vertreten und einige Bekanntheit erlangt. Die Damen an seiner Seite, stellte Helen fest, waren keine dekorativen Püppchen gewesen, sondern Frauen, die attraktiv, erfolgreich und meistens unabhängig waren. Abgesehen davon schien Allbeury sein Leben nicht an die Öffentlichkeit zu tragen. Er legte Wert auf seine Privatsphäre und war in der Lage, dafür tief in die Tasche zu greifen. »Allem Anschein nach«, sagte sie am Montag nach ihrem Termin im Shad Tower zu Ally King, »gibt es also nur zwei Männer, die von der schrecklichen Ehe dieser Frau wussten … die darauf aufmerksam gemacht wurden und versucht haben, ihr zu helfen, wenn auch vergeblich.« Sie zuckte mit den Achseln. »Wahrscheinlich lag es nicht an ihnen. Eine ungewöhnliche, merkwürdige Verbindung, aber sie sind höchstwahrscheinlich unschuldig.« »Es gibt noch nichts von der Spurensicherung wegen der Briefe«, sagte King. »Aber ich hake noch mal nach.« »Danke.« Als Constable King gegangen war, konzentrierte Helen ihre Gedanken wieder auf John Bolsover. Er war drei Jahre älter als seine Frau und sein Haar so kurz geschoren, dass die maus- braune Farbe fast nicht zu erkennen war. Nach seinem Äußeren zu urteilen, war er ein körperlich starker Mann, übergewichtig, aber muskulös; er hatte den Namen seiner Frau auf den linken, Arm tätowiert, und an beiden Schläfen traten dicke Adern hervor. Ein Mann, den Helen sich mühelos in rasender Wut vorstellen konnte, ein Mann, den sie nur allzu leicht verab- scheuen könnte, selbst wenn sie von seiner Vorliebe für das Schlagen und das Schikanieren seiner Frau nichts gewusst hätte. Das war genau die Art Voreingenommenheit, vor der eine Kriminalbeamtin sich hüten musste, wenn sie in einem Mordfall ermittelte. Doch nicht nur aus diesem Grund war Helen noch nicht bereit, Bolsover offiziell des Mordes zu beschuldigen. Es war auch eine Sache des Instinkts. Irgendetwas stimmte nicht bei diesem Fall, sagte Helens Bauchgefühl. Es gab noch vieles, das sie herausfinden musste. Vielleicht fehlte ihr der rauchende Colt, mit dem sie Bolsover den Weg zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe bereiten konnte. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes. So oder so, sie war einfach noch nicht bereit, sich mit einer Behelfslösung zufrieden zu geben. Auch wenn sie Ally King eben das Gegenteil gesagt hatte – ihre Gedanken kreisten immer noch unaufhörlich um Robin Allbeury, und sie hoffte mit kritischer Selbstanalyse, dass es nichts damit zu tun hatte, dass er ein außergewöhnlicher und attraktiver Mann war. Denn ihr Leben war jetzt schon sehr lange ohne interessante Männer gewesen, überhaupt ohne Männer. Und sie war schließlich nur eine Frau. Aber sie glaubte nicht, dass es das war. Was war es dann?, 15.

W ie geht es dir, mein Schatz?«, fragte Angela, als sie Lizzie an einem Sonntagnachmittag Ende April zu

Hause anrief. »Alles bestens, Mom«, antwortete Lizzie und erkannte, während sie sich in ihrem Lederstuhl zurücklehnte und die Beine ausstreckte, dass es ausnahmsweise die Wahrheit war. »Jack quält sich nicht zu sehr?« »Nein, er fühlt sich sogar ziemlich gut.« Lizzie wusste ebenso wie ihre Mutter, dass Jack normalerweise, wenn Christopher unterwegs war (im Augenblick hielt er Vorlesungen in Deutschland), unruhig auf die Rückkehr seines Vaters wartete. »Er hatte gestern Physiotherapie, und es lief sehr gut.« »Und Sophies Erkältung?« »Besser«, antwortete Lizzie. »Die anderen beiden scheinen sich nicht angesteckt zu haben.« »Sehr gut«, sagte Angela. »Edward ist den ganzen Tag mit seinem besten Freund Mark unterwegs, und Gilly bleibt übers Wochenende hier, sodass ich ein bisschen an meinem neuen Projekt arbeiten konnte.« »Ich störe dich«, sagte ihre Mutter. »Eigentlich nicht«, sagte Lizzie. »Ich kann eine Pause gebrauchen.« »Du klingst sehr zufrieden«, bemerkte Angela. »Bin ich auch«, erwiderte Lizzie. »Was ist mit dir? Wie geht es William?« »Wir hatten gestern Streit.« »Im Ernst?« Hoffentlich nicht, dachte Lizzie, denn ihre Mutter war seit ihrer Verlobung sehr glücklich. Auch wenn noch kein, Hochzeitstermin festgelegt war (was Christopher und Lizzie angesichts des Alters der beiden ein wenig komisch vorkam), tat Angela die Romanze gut. »Kein bisschen«, erwiderte ihre Mutter fröhlich. »Wir haben uns gleich abends wieder versöhnt.« »Gut.« »Alles dank Christopher«, sagte Angela. »Wie meinst du das?«, fragte Lizzie. »Du weißt schon, Liebling. Er hat mir mein Leben zurückgegeben.« »Das ist lange her, Mom«, sagte Lizzie. »Und du hast es selbst zurückbekommen.« »Trotzdem ist es sein Verdienst.« Bis zum Ende des Telefonats biss Lizzie die Zähne zusammen, doch als sie den Hörer auflegte, schien ihr dieser Tag ein wenig getrübt zu sein. Ich müsste mich langsam daran gewöhnen. Weiß Gott, sie hatte sich an viele Dinge gewöhnt. Zum Beispiel daran, die Zeit zu genießen, in der ihr Mann auf Reisen war. Und die Lizzie Piper Roadshow, wie man das bevorstehende Projekt getauft hatte, nahm sie inzwischen völlig in Anspruch. Seit alle Verträge unterzeichnet waren, hatte Lizzie auch ein besseres Gefühl bei der Sache. Howard Dunn und der Produzent der Fernsehreihe, Richard Arden, hatten bei mehreren Geschäftsessen Anregungen gemacht, wie die Idee sich umsetzen ließe, hatten es dann aber Lizzie überlassen, ein eigenes Konzept zu erarbeiten. Sie hatte mit einer Reihe von Entwürfen gespielt – manche konventionell, andere origineller –, bis Dunn sie bei einer Besprechung davon überzeugte, zu dem Grundsatz zurück- zukehren, nach dem sie bisher stets gearbeitet hatte: Einfachheit, wann und wo immer möglich, war die beste Lösung. Tatsache war, dass man ihr im Grunde eine Carte blanche für, die Auswahl der sieben Schauplätze gegeben hatte, voraus- gesetzt, sie waren europäisch, farbenfroh und würden Lizzie selbst, ihre Leser und die Fernsehzuschauer inspirieren. »Du brauchst eigentlich keinen besonderen Gag, Lizzie«, sagte Dunn in seinem Büro, einem charmant-schiefen Raum mit Dachschräge und Holzbalken. »Stimmt«, gab sie ihm Recht, »aber ich dachte an eine Art Aufhänger für die ganze Sendereihe.« »Du selbst bist der Aufhänger, liebe Lizzie«, sagte ihr Verleger. »Warum sonst sollten sie so viel Geld in das Projekt investieren wollen?« »Im Ernst?« Sie hatte ihre Zweifel. »Natürlich.« »Aber warum? Ich bin nicht seriös wie Delia, nicht trendy wie Jamie, und ganz bestimmt bin ich nicht umwerfend wie Nigella.« »Du bist umwerfend wie Lizzie«, bemerkte Howard Dunn. »Sei nicht albern.« »Und du tu nicht so schüchtern«, sagte Dunn lächelnd. »Außerdem ist es nicht nur dein Aussehen, sondern deine Persönlichkeit.« »Ich bin doch nur ich«, sagte Lizzie. »Und du zu sein ist genau das, wofür wir und das Fernsehen dich bezahlen. Dass du einfach nur Lizzie Piper bist.« Nach diesem Gespräch machten sogar die Recherchen Spaß. Lizzie genoss es, Reiseberichte und Geschichtsbücher zu wälzen und ihren Atlas durchzublättern auf der Suche nach Orten, die auf angenehmste Weise ihre Geschmacksknospen kitzeln würden. »Ich fühle mich ein bisschen wie eine Betrügerin«, sagte sie eines Abends zu Christopher. »Das hier sollte Arbeit sein und nicht einfach nur Spaß machen.«, »Warte mal ab«, sagte er weise. »Ja, wahrscheinlich.« Sie lächelte ihn an. Ihr war klar, dass er Recht hatte: Bei der Arbeit an dem Buch würde sie noch früh genug in Panik verfallen, würde die Nase voll haben von sich selbst, von ihrem Mangel an Talent oder Inspiration oder Fleiß. Und Christopher würde ihr zuhören, würde ihr gestatten, ihre Launen an ihm auszulassen und ihr nur selten widersprechen, sie dafür aber immer wieder ruhig und besonnen auf den richtigen Kurs bringen. Und in Zeiten wie diesen würde Lizzie wieder ganz genau wissen, warum sie ihn geheiratet hatte – auch ein Grund, warum sie bei ihm geblieben war. Wenn es nur immer so sein könnte. Seit Jacks Diagnose und ihrer anschließenden Entscheidung, Christophers »andere Seite« zu akzeptieren, waren mehr als sechs Jahre vergangen. Der Schock, der Lizzie befähigt hatte, sein Verhalten hinzunehmen, war längst verklungen, doch ihre natürliche Abscheu war bald umso heftiger zurückgekehrt. Nicht, dass es wirklich einen Unterschied machte. Sie hatte wieder angefangen, sich zu wehren und ihm sogar zu drohen, wenn es ihr zu viel wurde, doch ihre Drohungen waren leer, und Christopher wusste es – der Mann, der Erfüllung fand, indem er Gewalt gegen seine eigene Frau gebrauchte, während er mit ihr schlief, und dabei eine unflätige Sprache benutzte. Mit Liebe machen hatte es für Lizzie nichts zu tun. Immer noch biss er sie, fügte ihr Schmerzen zu und machte ihr Angst, wobei er jetzt stets sorgfältig darauf achtete, ihr die Bisse und sonstigen Blessuren an Stellen zuzufügen, wo niemand anders sie sehen konnte – dafür reichte seine Selbstkontrolle, wie Lizzie mehr als einmal zornig feststellte. Dieser Mann, dieser Christopher Wade, wusste, dass sie ihn weder verlassen noch ihm die Kinder wegnehmen, noch ihn anzeigen würde. »Und überhaupt«, sagte er eines Nachts in der Wohnung, »es, gefällt dir doch.« »Ich hasse es. Es ekelt mich an.« »Du bist eine starke Frau«, sagte Christopher. »Wenn du es so sehr hassen würdest, wärst du nicht mehr hier.« »Du weißt, warum ich hier bin.« »Du bist wegen deiner Kinder hier«, sagte er, »aber nicht nur. Du bist hier, weil du mich immer noch liebst, und das hier ist ein Teil von mir.« »Ja«, sagte Lizzie. »Da hast du sicher Recht. Aber es ist der Teil, den ich verabscheue.« »Und doch machst du mit. Du fügst dich.« »Ja«, sagte sie. »Und dafür verabscheue ich mich selbst. Ich wollte, du hättest die Kraft, das umzusetzen, was du mir geschworen hast, und dagegen anzukämpfen.« »Das war vorher«, sagte er. »Ich verstehe es nicht«, sagte Lizzie. »Ich kann nicht begreifen, warum ein Mann mit so viel Güte, mit einem solchen Verstand und solcher Stärke so etwas nachgibt …« »So etwas?«, fragte er leise. »Der Verdorbenheit?« Sie schwieg. »Es ist mein Fluch, Lizzie.« »Nicht nur deiner.« »Nein«, sagte er. Schön wär’s. Jetzt, nach dem Anruf ihrer Mutter, spielte sie das Spiel wieder. Wenn das Leben immer so wäre wie diese Woche, wo Christopher unterwegs war und sie sich allein mit Gilly um Kinder und Haushalt kümmerte, könnte sie mehr oder weniger die Lizzie Piper sein, wie die Welt draußen sie sah. Das Spiel hieß Realität. Und die sah so aus, dass Jack sich nur deshalb vergleichsweise gut fühlte, weil es den Ärzten gelungen, war, seine Schmerzen vorübergehend zu verringern – und weil sein geliebter Daddy nur wenige Tage auf Reisen sein würde. Die Realität sah so aus, dass sowohl der an den Rollstuhl gefesselte zehnjährige Junge als auch sein Bruder und seine Schwester unerträgliche Qualen erleiden würden, wenn Christopher dauerhaft auszöge. Die Realität sah so aus, dass es den Menschen, der »einfach nur Lizzie« war, nicht gab. Es gab eine Mutter und eine Tochter, eine Frau, die ganz gut schreiben und sehr gut kochen konnte. Und die Ehefrau, ob es ihr nun gefiel oder nicht. Die Ehefrau, die Ende Juli, wenn alle vorbereitenden Gespräche geführt, die Planungen abgeschlossen und ihr Konzept – hoffentlich – in eine Fernsehreihe und ein halbwegs verständliches Skript umgesetzt waren, mit einer noch unbekannten Anzahl nahezu Fremder zu einer Reise aufbrechen würde, um irgendwo am Mittelmeer ihren von aller Welt respektierten Ehemann und ihre unschuldigen, noch immer ahnungslosen Kinder zu treffen., 16.

D ie Geschäfte liefen schlecht bei Patston Motors, vor allem, weil Tony wegen seiner Trinkerei immer mehr Fehler

machte. Er verlor Kunden, und ein Mann hatte gedroht, ihn wegen unlauteren Geschäftsgebarens anzuzeigen – woraufhin Tony sofort zu der Flasche Bell’s Whiskey gegriffen hatte, die er in seiner Schublade aufbewahrte. Wenn nur Irina, sagte er sich, dieses menschliche Fass ohne Boden, in das er sein ganzes sauer verdientes Geld schütten musste, ihm ein bisschen Liebe und Dankbarkeit zeigen würde, wäre alles leichter zu ertragen. Und Joanne, für die er einfach alles getan hätte, war mittlerweile auch nicht besser – sie warf ihm ständig diese kleinen Seitenblicke zu, die ihm sagten, dass sie ihn für eine Art Ungeheuer hielt. »Was ist bloß mit dir?«, fragte Paul Georgiou ihn eines Abends im Mai, als sie an der Bar des Crown and Anchor herumhingen. »Nichts.« Doch Tony wünschte sich bestimmt schon zum hundertsten Mal, über seine Probleme sprechen zu können. »Irgendwas stimmt doch nicht«, beharrte Paul. »Du ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, und das schon seit Monaten, Kumpel.« »Das Geschäft läuft mies.« Das zumindest war nicht gelogen. »Ist das alles?« »Das ist ja wohl verdammt noch mal genug«, sagte Tony. »Die Rechnungen kommen mir zu den Ohren raus, ein Kunde droht, Anzeige gegen mich zu erstatten oder mich zusammenschlagen zu lassen …« »Was hast du ihm denn getan?« Paul blickte ihn beeindruckt an., »Nichts. Er hatte einen Unfall, nachdem ich seinen Mercedes repariert hatte.« »Schlimmer Unfall?«, fragte Paul. »Nicht besonders schlimm, aber er macht eine Riesensache daraus.« »Und das ist der Grund, warum du so eine Stinklaune hast?« »Ja«, sagte Tony. »Das reicht vollkommen, das kann ich dir sagen.« »Aber …« Paul stockte. »Was?« Paul sah ihn unbehaglich an. »Es ist nur, dass Nicki und ich … wir können nicht vermeiden, euch zu hören. Die Wände sind verdammt dünn.« »Und?« Tonys immer noch attraktives, aber zunehmend dickeres Gesicht nahm einen kampflustigen Ausdruck an. »Was hört ihr denn, Nicki und du?« Die Verunsicherung seines Nachbarn wuchs. »Na ja … dass Joanne und du euch streitet.« »Na und? Dann streiten wir eben«, sagte Tony. »Wer tut das nicht?« »Jeder streitet. Nicki und ich geraten ständig aneinander.« »Na also«, sagte Tony. »Dann ist es ja keine große Sache, oder? Wir sind nur Menschen, nicht wahr?« »Sicher«, sagte Paul. »Ich wollte mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen, Kumpel.« »Gut«, sagte Tony. Joanne lebte jetzt fast an jedem Tag ihres Lebens in Angst. Die Klapse, die Tony der mittlerweile vier Jahre alten Irina versetzte, waren schon schlimm genug und trieben ihre Mutter fast in den Wahnsinn vor Wut und Verzweiflung, doch was, Joanne richtig Angst machte, waren die ausgewachsenen Schläge. Sie hatte Angst, dass Tony ihr kleines Mädchen eines Tages wirklich verletzen könnte, dass er jede Beherrschung verlor und Irina auf den Kopf oder den Leib schlug, statt auf Arme und Beine, wie jetzt. Andererseits führte der Umstand, dass die Gliedmaßen des Kindes oft von dunklen Blutergüssen bedeckt waren, zu Joannes zweiter großer Angst: dass es sehr bald jemand herausfinden würde. »Bist du sicher«, hatte Sandra sie ein paar Wochen zuvor gefragt, »dass du sie nicht in den Kindergarten schicken willst?« »Ganz sicher«, antwortete Joanne. »Ich habe dir ja schon gesagt, dass …« »Hast du, Mom.« »Ich weiß, du willst das Beste für Irina, aber wenn sie in jeder Minute so nahe bei dir ist, ist das nicht unbedingt gut für sie.« »Sie ist sehr schüchtern«, sagte Joanne. »Und das wird sie auch bleiben, solange du sie lässt«, erwiderte Sandra. »Ich weiß, was ich tue«, sagte Joanne. »Aber ich weiß nicht, warum du darauf bestehst, jede Windel selbst zu wechseln, wenn du doch eine perfekte Oma zur Hand hast, die es dir nur zu gern hin und wieder abnehmen würde.« »Sie fängt an zu weinen, wenn jemand anders ihr die Windeln wechselt«, log Joanne. »Aber ich bin nicht irgendjemand«, sagte ihre Mutter. Wenn sie die Wahrheit wüsste, dachte Joanne und schwieg, wenn sie auch nur ein Viertel der Wahrheit wüsste, würde ihre Mutter vielleicht nie wieder ein Wort mit ihr sprechen. Und das zu Recht, denn es war eine unumstößliche Tatsache, dass Joanne die schlechteste Mutter der Welt war – ganz gleich, wie groß ihre Liebe für Irina war, ganz gleich, wie schrecklich ihre Angst, dass man ihr ihre Tochter wegnehmen könnte. Sie war feige und, ließ alles weiterlaufen. Ließ ihn weitermachen. Und doch sagte sie nichts, betete nur zu Gott, dass es aufhören würde. Dass er aufhören würde. Eines Abends im Juni kam Tony nach Hause und hatte, wie er später behauptete, »richtig gute Laune«, die Joanne ihm jedoch verdarb, indem sie ihn bat, Irina nicht zu wecken, die den ganzen Tag quengelig gewesen und gerade erst eingeschlafen war. »Ich will nur kurz zu ihr reinschauen«, sagte er. »Sei leise«, sagte sie. »Natürlich«, sagte er. »Ich bin schließlich kein völliger Idiot, auch wenn du das denkst.« »Ich denke nichts dergleichen«, sagte sie. »Ich bin einfach nur müde, und dass Irina geweckt wird, kann ich jetzt am wenigsten gebrauchen.« »Weil ich das ja immer tue, nicht wahr?« »Nein, natürlich nicht.« Sie wusste bereits, was passieren würde, und hätte sich erwürgen können, dass sie nicht den Mund gehalten hatte. »Weil es immer ich bin, und nur ich, der sie zum Weinen bringt, stimmt’s?« »Fang nicht an, Tony«, sagte Joanne leise. »Bitte.« »Ich habe gar nichts angefangen«, sagte er. »Ich bin in halbwegs guter Laune nach Hause gekommen! Ein einziges Mal in diesem verdammten Misthaufen, in den mein Leben sich verwandelt hat!« Er stand schon an der Treppe, den Fuß auf der ersten Stufe, und Joanne wusste, dass es zu spät war, ihn aufzuhalten. Sie hätte ihn ohnehin nicht aufhalten können, außer vielleicht,, indem sie ihm etwas Schweres an den Kopf warf – und an so etwas hatte sie in den letzten paar Jahren mehr als einmal gedacht. »Bitte.« Mehr sagte sie nicht. So schlimm war es noch nie gewesen. Zum ersten Mal wusste Joanne, dass ihr keine andere Wahl blieb, als ihr kleines Mädchen in eine Decke zu wickeln und ins Krankenhaus zu fahren, um sicherzugehen, dass Tony die Kleine nicht ernstlich verletzt hatte. »Du bist ein Ungeheuer«, sagte sie beinahe ruhig zu ihm, bevor sie aus der Tür ging. »Ich konnte nicht anders«, sagte er mit bleichem Gesicht und lehnte sich taumelnd an die Wand neben der Haustür. »Sie ist aufgewacht, hat nur einen Blick auf mich geworfen und wieder losgekreischt, und da …« »Halt den Mund, Tony.« Joanne öffnete die Tür. »Ich will nichts hören.« »Sie hasst mich, Jo. Ich hab’s dir gesagt.« »Komm her, Liebes«, sagte Joanne zärtlich zu Irina, die schwer und jetzt erschreckend still in ihren Armen lag. »Es tut mir Leid«, sagte Tony. »Es tut mir schrecklich Leid.« »Fahr zur Hölle«, sagte Joanne über die Schulter. »Wie fühlst du dich jetzt, Schätzchen?«, fragte sie ihre Tochter, als sie ihren Fiesta vorsichtig Richtung Waltham General Hospital steuerte. »Ganz gut, Mami.« Eine kleine, traurige, tapfere Stimme. »Es tut mir sehr Leid, Irina«, sagte Joanne. »Ich hab dich ganz lieb.« »Ich habe dich auch lieb, Mami.« Joanne wischte sich mit der rechten Hand die Tränen ab. Sie, biss sich fest auf die Unterlippe, um nicht die Beherrschung zu verlieren, und konzentrierte sich aufs Fahren, während sie Ausschau nach dem Krankenhausschild hielt. »Schätzchen«, sagte sie. »Du musst mir jetzt zuhören, okay?« »Ja, Mami.« »Die Krankenschwestern und Ärzte in dem Krankenhaus werden dich wahrscheinlich fragen, wo du dir wehgetan hast, Süße, ja?« »Ja, Mami.« »Gut. Du darfst nicht sagen, dass es etwas mit Daddy zu tun hatte, ja?« Irina, die auf der Rückbank in ihrem Kindersitz angeschnallt war, schwieg. »Schatz? Alles in Ordnung?« »Ja, Mami.« Wieder sehr leise. Joannes Hände krampften sich um das Lenkrad. »Wenn du ihnen etwas über Daddy erzählst …« »Wird er wieder böse auf Rina«, sagte das kleine Mädchen. Joanne schluckte weitere Tränen hinunter. »Schlimmer als das, mein Liebes.« Es kostete sie viel Kraft, ihre Stimme halbwegs fest klingen zu lassen. »Die Ärzte würden vielleicht versuchen, dich Mami wegzunehmen, und das könnte Mami nicht ertragen.« »Lass sie Rina nicht wegnehmen, Mami.« Jetzt lag Panik in der kleinen Stimme. »Bestimmt nicht, meine Kleine.« Joanne sah das Schild und bremste. »Ich verspreche es dir.« Sie kräftigte ihre Stimme. »Niemand wird dich mir wegnehmen. Niemals. Du musst den Leuten im Krankenhaus nur sagen, dass du hingefallen bist. Okay, Baby?« »Okay, Mami.« »Ich hab dich lieb, mein Schatz.«, »Ich hab dich auch lieb, Mami.« In diesem Moment schaute Joanne in den Rückspiegel, erwischte einen Blick in ihre eigenen Augen und wusste, dass sie sich noch nie so sehr gehasst hatte. Bis zu dem Moment in der Notaufnahme, als sie der ersten Krankenschwester von Irinas »Sturz« erzählte und die dunklen Augen des Mädchens sah. Es lag eine solche Leere darin, dass sie am liebsten geschrien hätte. Oder sich in eine Ecke gekauert hätte, um zu sterben. Sie glaubten ihr. Und was unendlich viel wichtiger war – Tony hatte Irina keinen ernsthaften körperlichen Schaden zugefügt. Keine inneren Verletzungen. Es gab keine unangenehmen Fragen. Nur Hilfe und Mitgefühl, für Irina und für sie. Joanne ließ den Fiesta stehen, wo sie ihn geparkt hatte, und brachte Irina in einem Taxi nach Hause, sodass sie während der ganzen Fahrt mit ihr schmusen konnte, sie trösten, sie loben, ihr sagen, wie sehr sie sie liebte, und versuchen, versuchen, sie ein klein wenig zu beruhigen. Und ihre Tochter klammerte sich auf dem Rücksitz des Taxis fest an sie. Aber sie sagte nichts mehr, kein einziges Wort, auf dem gesamten Weg nach Hause. Und Joanne schämte sich unendlich., 17.

Z wischen Lizzie und Susan Blake hatte sich schon vor Jahren, auf der allerersten Promotion-Tour für die Spaß-in-

der-Küche-Buchreihe, gegenseitige Bewunderung und eine innige Freundschaft entwickelt. Susan, inzwischen eine der Direktorinnen von Vicuna, war damals Juniorverlegerin gewesen und hatte die Aufgabe gehabt, für Lizzie Pipers Wohlergehen und Zufriedenheit zu sorgen, damit diese allen Verpflichtungen in ihrem Terminkalender nachkommen konnte. Nach dem ersten Tag der Tournee, an dem so ziemlich alles schief gegangen war, was schief gehen konnte, war es dann aber Lizzie gewesen, die Susan – eine hübsche, schlanke Brünette von damals zweiundzwanzig Jahren – nötigte, sich mit ihr an die Bar ihres Hotels in Manchester zu setzen und einen Whiskey zu kippen, um für eine Weile sämtliche Bücher und Termine zu vergessen. »Es ist bloß ein hochgejubeltes Kochbuch«, sagte Lizzie. »Es ist ein wundervolles Buch«, widersprach Susan. »Aber keine große Literatur«, sagte Lizzie und bestellte ihnen beiden einen zweiten Drink. »Das hier sollte eigentlich auf Vicuna gehen«, sagte Susan. »Das hier ist privat«, erwiderte Lizzie. »Von mir für dich, um Danke zu sagen.« »Wofür?«, fragte Susan. »Es ist doch alles schief gegangen.« »Ohne dich wäre ich ein bibberndes Wrack gewesen«, sagte Lizzie. »Ich habe gebibbert«, gestand Susan. »Das hat man dir aber nicht angemerkt«, beruhigte Lizzie sie und lehnte sich zurück, um ihren Whiskey zu genießen. »Machen wir uns nichts vor, wir sind beide fantastisch.«, »Unschlagbar.« Susan hob ihr Glas. »Du bist ein Star, Lizzie Piper.« »Vielen Dank.« Lizzie fühlte sich plötzlich sehr glücklich. »Der nächste Drink geht auf Vicuna.« »Wir dürfen das Abendessen nicht vergessen«, sagte Susan. »Eine meiner Pflichten besteht darin, zu verhindern, dass die Autoren sich hemmungslos besaufen.« »Geht in Ordnung«, sagte Lizzie. »Ich verhungere sowieso schon.« »Du liebst Essen, nicht wahr?« »Werde ich nicht genau dafür bezahlt?« »Letztes Jahr habe ich einen Gartenbuch-Autoren kennen gelernt. Er sagte, er könne es kaum erwarten, in eine Stadtwohnung zu ziehen, damit er nie wieder Rasen mähen oder Unkraut jäten muss.« Lizzie dachte darüber nach. »Man kann auch leben, ohne Gras zu stutzen oder Rosen zu beschneiden. Aber ohne Essen stirbt man.« Lizzies ernsthafte Beziehung zum Essen hatte in ihrer Schulzeit begonnen: In der Anfangsphase der Depressionen ihrer Mutter waren die Mahlzeiten für Lizzie zu einem unkomplizierten Trostspender geworden. Während ihrer allzu kurzen Zeit in Sussex hatte diese Beziehung sich intensiviert. Sie lief schon Gefahr, pummelig zu werden, als sie Denis Cain begegnete, einem attraktiven Englisch-Kommilitonen, der sehr auf seinen Körper achtete. Durch Denis lernte Lizzie, die Reize der gemächlichen Essensvorbereitungen und des Kochens zu genießen. Indem sie mit Denis zusammen auf dem Markt und – wenn sie es sich leisten konnte – in den besseren Geschäften von Rittingdean und Brighton einkaufen ging, begriff Lizzie, welchen Einfluss die Qualität der Zutaten auf Geschmack und, Konsistenz von Speisen hatte. In noch stärkerem Maße wurde ihr dies klar, als sie die eigene Fantasie einsetzte, allmählich mutiger wurde und immer mehr von den Rezepten aus den Büchern und Zeitschriften abwich. Es dauerte nicht lange, bis sie dem Kochen völlig verfallen war. Einen Haken aber hatte die Sache: Je besser sie kochte, desto mehr fiel ihr auf, dass Denis ihren Gerichten mit größerer Leidenschaft begegnete als ihr selbst. Die sexuelle Seite ihrer Beziehung war längst im Sande verlaufen, als Lizzie nach Maurice’ Pipers Tod nach Hause zurückkehren und sich um Angela kümmern musste. Doch in den darauf folgenden Jahren lud Denis sich regelmäßig bei Lizzie zum Essen ein, wo immer sie gerade wohnte, bis er nach Kalifornien zog. »Du solltest ein Restaurant eröffnen«, sagte er einmal. »Dann müsste ich mitten in der Nacht aufstehen, um auf den Markt zu fahren.« »Du könntest Köchin werden«, sagte er. »Ich hasse es, unten anzufangen und angeschrien zu werden.« »Dann solltest du zumindest deine Rezepte veröffentlichen«, beharrte Denis. »Das sind doch keine richtigen Rezepte.« Lizzie blieb ablehnend. »Ich albere nur in der Küche herum. Und überhaupt – ich werde Journalistin, keine Kochbuch-Autorin.« »Gegen gute Kochbücher ist nichts einzuwenden«, sagte Denis. »Und ihre Verfasser verdienen nicht schlecht. Diese Delia ist reich wie Krösus.« »Geld ist nicht alles«, sagte Lizzie. »Natürlich nicht«, stimmte Denis zu. »Aber es tut auch nicht weh.« Er hielt inne, um einen Finger in ihre belgische Schokoladen-und-Vanille-Mousse zu stippen. »Und du bist eine sagenhaft gute Köchin.« Es kostete Lizzie ein paar Jahre journalistischer Bemühungen,, bis sie sich wieder an diese Unterhaltung erinnerte – in einer Zeit, als es ihr immer schwerer fiel, ihre Rechnungen zu bezahlen. Maurice hatte gut für Angela vorgesorgt, aber nichts lässt schneller die Luft aus einem finanziellen Polster als die Behandlung einer chronischen Erkrankung, wie Lizzie nur zu bald lernte. Sie begann, indem sie Denis in Venice Beach anrief. Sie erzählte ihm, dass sie seinen Rat – wenn auch ziemlich verspätet – befolgen wollte, und fragte ihn, ob er sich an einige der Gerichte erinnerte, die ihm früher besonders gut geschmeckt hatten. »An alle«, sagte er. »Ich meine es ernst«, erklärte Lizzie. »Ich brauche ein bisschen Starthilfe. Du weißt doch, dass ich nie etwas aufgeschrieben habe, ich habe immer nur probiert.« »Aus Spaß an der Freude, hast du damals gesagt«, erinnerte sich Denis. »Spaß in der Küche – das wäre ein guter Titel, findest du nicht?« Doch vorerst schrieb Lizzie weiter Zeitschriftenartikel, während sie in Gedanken mit unterschiedlichen Konzepten für das Buch jonglierte, das hoffentlich irgendwann erscheinen würde. Und dann, als endlich alles stimmte – als Inhalt, Stil, Struktur und Titel ein Ganzes ergaben –, trat Christopher Wade in ihr Leben und veränderte schlagartig alles. »So läuft es doch jedes Mal, oder?«, sagte Lizzie zu Susan Blake, als sie an jenem ersten Abend beim Essen saßen. »Genau in dem Augenblick, als ich nicht mehr darauf angewiesen war, dass ein Buch von mir veröffentlicht wird, als ich genug Geld hatte … und zwei Kinder … kam Vicuna.« »Aber du bist doch froh, dass wir gekommen sind?«, fragte Susan. »O ja«, antwortete Lizzie., Jetzt, Jahre später, als sie beim Mittagessen im Isola in Knightsbridge saßen, sprachen Susan und Lizzie über die Pläne für die Roadshow-Tour. »Geht es dir gut?«, fragte Susan. Die beiden Frauen warteten auf ihren Kaffee, nachdem Susan italienischen Käsekuchen mit Wildbeerensauce verschlungen und Lizzie in ihrem Dessert herumgestochert hatte. »Bestens«, sagte Lizzie. »Nur zu satt, um noch mehr zu essen.« »Du wirkst ein bisschen niedergeschlagen.« Die Verlegerin musterte sie immer noch. Lizzie hob ihr Weinglas und blickte sich in dem voll besetzten, feudalen Restaurant um. »Ach was, überhaupt nicht«, sagte sie. »Ich bin nur nervös wegen des Projekts, schätze ich.« »Das verstehe ich«, sagte Susan. »Ehrlich?« »Sicher. Es ist eine sehr große Sache.« Susan hielt kurz inne. »Du machst dir doch keine Sorgen, wie die Kinder damit zurechtkommen? Nicht, wenn Christopher alles für sie organisiert?« »Natürlich nicht«, sagte Lizzie leise. Susan lächelte. »Er ist ein außergewöhnlicher Mann.« »Ja, das ist er«, sagte Lizzie. »Was ist, Mom?«, fragte Jack sie später, als sie Würstchen im Schlafrock machte. »Nichts, Schatz«, antwortete sie. Edward war in seinem Zimmer und machte Hausaufgaben, Sophie lag im Bett, und Christopher, der morgen früh im Beauchamp operieren sollte, verbrachte die Nacht in Holland Park. Gilly hatte noch gewartet, bis Lizzie zurückkam, und war, dann in drei freie Tage entschwunden. Lizzie war das ganz recht, denn sie wünschte sich im Augenblick nichts sehnlicher als ein paar Tage Normalität mit den Kindern. »Du benimmst dich ein bisschen seltsam«, sagte Jack. Lizzie sah ihn an – ihr geliebtes mittleres Kind, das seinem Vater so ähnlich sah. Jacks Haare hatten die gleiche Farbe wie Christophers, und seine Augen besaßen dasselbe Grau, waren aber viel sanfter als die seines Vaters. Sogar sein Lächeln war fast dasselbe. Und Jack lächelte sehr häufig, trotz seiner Krankheit. Dabei war sein Leiden nichts im Vergleich zu dem, was ihn mit ziemlicher Sicherheit noch erwartete. Jack hatte bereits Beinschienen und Krücken ertragen und wieder ausrangieren müssen; in absehbarer Zeit würde er auch nicht mehr in der Lage sein, seinen manuellen Rollstuhl zu bewegen, und einen elektrischen bekommen. Jack wusste darüber Bescheid, riss sogar Scherze über das Thema. Er wusste noch ganz andere Dinge – viel mehr, als seinen Eltern recht war, die ihn gern so lange wie möglich beschützt hätten. Jack hatte die Informationen über seinen Computer erhalten – auf die gleiche Weise, wie Lizzie ihr eigenes Wissen ergänzt hatte. Fakten und Details, die ihr Albträume verursachten, die sie nicht nur im Schlaf, sondern auch tagsüber peinigten und quälten. Sie fragte sich manchmal, was gewesen wäre, wenn ihre Großeltern mütterlicherseits nicht beschlossen hätten, das Geheimnis der Krankheit gemeinsam mit Angelas Bruder zu begraben – wenn sie in dem Wissen um die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung aufgewachsen und darauf untersucht worden wäre. Gäbe es dann vielleicht keinen Edward und keine Sophie, die Gott sei Dank beide gesund und kräftig waren? Keinen Jack? Wäre das denn besser gewesen? Diese Frage stellten sich, Lizzie, Christopher und Angela immer wieder, so sinnlos und quälend sie auch war. Für mich wäre es nicht besser, lautete Lizzies Antwort jedes Mal – zwar voller Schuldgefühle, aber unumstößlich. Denn wie könnte sie auch anders antworten, da sie ihren geliebten Sohn kannte? Die Krankheit war nicht Jack. Die Krankheit war ein fremder Eindringling, ein Feind, der Jack das Dystrophin raubte, ein lebenswichtiges Muskelprotein. Seine Glieder mochten schwächer werden, aber es war dem Feind bisher noch nicht gelungen, seinen Willen zu besiegen, und er hatte seine Intelligenz und seinen Humor bewahrt. Und das sonnige Lächeln, das ihn so untrennbar mit den Herzen seiner Familie verband. Dennoch … die Dinge, die ihm bevorstanden. Operationen, Therapien. Schmerzen und lähmende Müdigkeit. Hilflosigkeit und Enttäuschungen, die kein gesunder Mensch erahnen konnte. Furcht vor der Notwendigkeit einer Wirbelsäulen-Operation. Angst vor dem Kampf um jeden Atemzug, vor einem Luftröhren- schnitt, vor den Schläuchen und den Pflegern, die die Schläuche absaugen und wässern, die ihn füttern und waschen mussten. »Noch ist es nicht so weit«, erinnerte Christopher Lizzie des Öfteren. »Nicht jetzt. Sieh dir unseren Jungen jetzt an.« Und dann nahm er ihre Hand, drückte sie sanft und brachte sie dazu, Jack zuzuschauen. Und wenn sie sah, wie er mit Edward spielte, wie er Sophies Haar streichelte, was er sehr gerne tat, wie er Harry Potter las oder sich ein Video ansah, eine CD hörte oder seine Hausaufgaben machte, erkannte sie, dass Christopher Recht hatte. Noch ist es nicht so weit. Bitte, Gott, lass es niemals so weit sein. »Du benimmst dich ein bisschen seltsam«, sagte Jack jetzt. Jack Wade, dem man nichts vormachen konnte. Also reiß dich zusammen, Lizzie Piper., »Ich habe ein bisschen Kopfschmerzen«, log sie. »Nichts Ernstes.« »Bist du sicher?« »Absolut«, sagte sie und widmete sich wieder ihren Würstchen im Schlafrock. »Jede Menge Bisto, bitte«, sagte Jack. »Aber selbstverständlich, Herr Gourmet.« Lizzie lächelte und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Findest du es ehrlich gut, dass wir diesen Sommer alle wegfahren, Jack?« »Natürlich.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Das wird super.« Er zögerte. »Warst du deshalb so komisch, Mom? Weil du dir Sorgen um mich und die Reise gemacht hast?« Lizzie klammerte sich an die Ausrede. »Ich glaub schon«, sagte sie. »Ein bisschen.« »Kein Grund zur Sorge, Mom«, sagte Jack. »Nicht, wenn Dad sich um alles kümmert.« Sie lächelte ihn an und wandte sich wieder dem Abendessen zu, während sie gleichzeitig versuchte, sich zu erinnern, wann »Mami« dem erwachseneren »Mom« gewichen war. »Natürlich nicht«, sagte sie., 18.

W ährend ihres ständigen Kampfes, Irina zu beschützen, überdachte Joanne immer wieder ihre Möglichkeiten. Sie

fragte sich, ob sie etwas übersehen hatte, um die eigene Zukunft und die ihres Kindes zu retten. Eine Scheidung war unmöglich. Tony hatte ihr deutlich gesagt, dass er sie beide niemals gehen ließe, worauf Joanne einzuwenden versuchte, dass es bestimmt die einfachste Lösung für ihn wäre: Ruhe und Frieden ohne Frau und Tochter. »Klingt verlockend«, sagte Tony. »Aber nicht verlockend genug bei alldem, was ich im Laufe der Jahre für euch berappt habe.« »Wir sind doch keine Geldanlage«, mahnte Joanne. »Ja, leider«, konterte er. »Denn wenn ihr es wärt, könnte ich euch jetzt einlösen und mir was Sinnvolles dafür kaufen.« Joanne hatte es dabei belassen. Sie ließ das Thema jedes Mal rasch fallen, weil sie wusste, dass jeder Vorwurf, jede Andeutung einer Trennung, die Gefahr weiterer Schläge barg, und sein Zorn richtete sich immer noch ausschließlich gegen Irina – nach wie vor bestrafte er Joanne, indem er das kleine Mädchen bestrafte. »Geht es Irina gut?«, hatte ihre Mutter erst eine Woche zuvor gefragt. »Sehr gut«, antwortete Joanne, während ihr Magen sich zusammenzog. Sie fürchtete sich inzwischen, Irina irgendwo mit hinzunehmen und mied selbst den kürzesten Besuch bei ihrer Oma. Natürlich ging es Irina alles andere als gut. Das Mädchen schien vor Joannes zunehmend angsterfüllten Augen immer mehr zu verblassen. Wie ein nicht lackiertes Gemälde, das, anfangs strahlend und farbenfroh gewesen war und im Laufe der Zeit immer fahler wurde. »Merkst du denn nicht, was du da tust?«, fragte Joanne Tony ein oder zwei Tage vor dem Besuch bei ihrer Mutter. »Was du nicht nur ihr antust, sondern auch dir selbst?« Es war Morgen, Frühstückszeit, die sicherste Zeit des Tages, um eine Herausforderung zu wagen – die am wenigsten betrunkene Zeit. »Natürlich merke ich das«, antwortete Tony rundheraus. Joanne starrte ihn an, unsicher, ob sie richtig gehört hatte. »Glaubst du, ich weiß nicht, dass ich ein Monstrum bin?« Sie sah ihn an. »Wenn das so ist … warum?« »Ich kann nicht anders«, sagte er, stand auf und ging zur Arbeit. Zwei Samstage später war Joanne noch oben im Bad, während Tony Autorennen auf Channel Four schaute. Irina, die sich in einer Ecke leise eines ihrer Bibliotheks-Bilderbücher angeschaut hatte, stand auf, um sich ihr Lieblings-Stofftier zu holen, einen lila und weißen Hund, den sie zuvor auf den Boden hatte fallen lassen. Dabei stolperte sie über das lange Antennenkabel vor dem Fernseher. »Guck doch, wo du hinläufst, du Balg!«, schrie Tony sie aus seinem Sessel an. »Tut mir Leid, Daddy.« Das kleine Mädchen wollte aufstehen, doch einer ihrer Schuhe hatte sich unter dem Kabel verheddert, und als sie versuchte, sich zu befreien, zog sie zu fest, und das Antennenkabel flog aus der Dose. »Verflixt!« Tony sprang auf. »Kannst du denn gar nichts richtig machen?« »Tut Rina Leid!«, schrie das Kind vor Angst., »Lass mich das machen«, brüllte ihr Vater sie an. Irina sah ihn näher kommen und versuchte noch einmal panisch, ihren Fuß aus dem Kabel zu befreien, wobei es sich zur Seite schlängelte. Der Metallstecker am Ende sauste durch die Luft und schlug gegen den Fernsehbildschirm. »Ich sagte, lass es!«, brüllte Tony. Joanne hörte ihn von oben, erstarrte und öffnete die Badezimmertür. »Tony?«, rief sie. Und hörte die Schreie ihrer Tochter. In der Notaufnahme wusste sie mit schrecklicher Gewissheit, dass die Fragen dieses Mal genauer gestellt würden, als die Dame an der Anmeldung, die Krankenschwester und später der Arzt und die Röntgenassistentin Irina und sie selbst ganz anders anschauten: forschend, misstrauisch. »Sie ist über ein Kabel gestolpert und hat sich am Tisch und an der Wand gestoßen.« Und ihr Vater hat sie in die Rippen getreten. »Rina ist hingefallen.« Die Tarngeschichte, die ihr armes, verängstigtes kleines Mädchen treu unterstützte. Lieber Gott, mach, dass es ihr gut geht. »Ihr Fuß ist stecken geblieben.« Und wenn ihr auch dieses Mal nichts passiert ist, dann finde ich einen Weg, den Mistkerl aufzuhalten. »Es ist meine Schuld, Doktor. Ich wollte das Kabel längst schon richtig befestigen.« Wenn sie mir glauben, dann finde ich einen Weg, das schwöre ich! »Wir warten nur noch auf die Röntgenbilder, Mrs Patston.«, Bitte, lieber Gott. An diesem Abend hätte sie Irina beinahe nicht wieder nach Hause gebracht. Beinahe hätte sie den glücklichen Augenblick genutzt, als die Ärzte ihrem Kind Entwarnung gaben, um mit ihm zu fliehen. Beinahe wäre sie mit Irina in die Nacht gefahren, um nie mehr zurückzukehren. Beinahe hätte sie das Auto auf die Straße zur M25 gelenkt – jede Autobahn wäre Joanne in dieser Nacht recht gewesen, solange sie nur wegführte von dem Mann, der seine Tochter trat und sagte, er könne nicht anders. Beinahe. Gott hatte sie erhört, aber Joanne war nicht sicher, ob Er ihr damit einen so großen Gefallen getan hatte. Ganz und gar nicht sicher, ob Er Irina damit sehr geholfen hatte. Freier Wille, Joanne. Es war nicht Gottes Aufgabe. Es ist deine. Deiner Tochter zu helfen. Doch sie fuhr nicht auf die Autobahn. Es hatte keinen Sinn. Nicht ohne genügend Bargeld und einen Ort, an den sie gehen konnte. Sie hatte eine Kreditkarte und eine Geldkarte, doch Tony kontrollierte beide und würde die Karten sofort sperren lassen. Selbst wenn sie jetzt zu einem Geldautomaten ging und die größtmögliche Summe abhob – wie lange würde das Geld reichen? Sie lenkte den Fiesta an den Straßenrand und hielt, um ihre Handtasche zu durchwühlen. »Mami?« Irinas schläfrige Stimme vom Rücksitz. »Ist schon gut, Schätzchen. Schlaf weiter.« Sie hatte ihre Karten zu Hause gelassen., Kein Bargeld. Keine Autobahn. Nach Hause. Sie begann Traumbilder zu entwerfen. Von einer Flucht. Von sicheren Orten, an denen sie sich mit Irina verstecken konnte … weit entfernte Orte, wo Tony sie niemals finden würde. Sie sorgte dafür, dass Irina jede einzelne Minute des Tages an ihrer Seite blieb, selbst wenn sie auf die Toilette ging, selbst wenn Tony nicht da war, falls er plötzlich ohne Vorwarnung zurückkäme. »Kann ich vorbeikommen?«, fragte Sandra sie eines Morgens am Telefon. »Wir sind gerade auf dem Sprung.« »Vielleicht können wir uns irgendwo treffen?« »Wir machen nur ein paar Einkäufe.« »Ich kann ja kommen, wenn ihr zurück seid.« Sandra hielt inne. »Da ich weiß, dass du sie nicht zu mir bringst … auch wenn ich nicht die leiseste Ahnung habe, warum.« »Ich bringe sie dir bald vorbei, Mom.« »Du tust mir damit weh, Joanne, und ich verstehe es einfach nicht.« »Es gibt nichts zu verstehen. Ich hatte in letzter Zeit nur viel um die Ohren.« »Natürlich«, sagte Sandra kühl. »Ich hab dich lieb, Mom.« »Ich habe dich auch lieb«, sagte ihre Mutter. »Und ich habe auch meine Enkelin lieb.« »Ich weiß.« Joanne wusste auch, dass sie ihrer Mutter wehtat, doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte zu viel Angst, dass Sandra Irina irgendwann die Wahrheit aus der Nase ziehen würde., Dieses Risiko konnte sie nicht eingehen. Sie riskierte schon genug, indem sie bei Tony blieb, und sie war nicht sicher, ob sie noch mehr Anspannung ertragen konnte. Eines Tages, wenn sie einen Weg aus dem Albtraum gefunden hatte, würde sie ihrer Mutter alles erklären müssen. Keine Traumbilder mehr, sagte sie sich. Tu etwas. Sie fuhr mit Irina in die South-Chingford-Bibliothek in der Hall Lane, setzte sie mit einem Buch an einen Fenstertisch, behielt sie im Auge und versuchte mit Hilfe der Broschüren, die in der Bibliothek auslagen, herauszubekommen, welchen Schutz und welche Zufluchtsorte es für Menschen wie sie gab. Von einer Telefonzelle zwei Straßen weiter rief sie die Nummer eines 24-Stunden-Krisentelefons an und sprach mit einer sehr netten ruhigen Frau, während Irina sich an ihre Beine schmiegte. Aber noch während die Frau am anderen Ende der Leitung ihr von Hilfsangeboten, sicheren Plätzen, richterlichen Verfügungen und Prozesskostenhilfe erzählte, wusste sie schon, dass dies alles für sie und Irina nicht geeignet war. Denn unter dem Strich war sie schließlich eine Kriminelle, weil sie ihr kleines Mädchen illegal ins Land gebracht hatte; sie hatte ihrem Mann dabei geholfen – hatte Beihilfe geleistet –, ihre Tochter zu kaufen. Aber das war eine Lappalie. Tausend Mal schlimmer war es, wenn sie daneben stand, sobald er Irina schlug. Wenn er sie trat. Es gab keine Zuflucht für sie. Alles reine Fantasie. Hoffnungslos., 19.

M an gewöhnt sich nie daran, oder?«, bemerkte Maureen Donnelly zu ihrer Freundin Clare Novak; sie saßen beim

Mittagessen in einem kleinen griechischen Restaurant in einer kleinen Seitenstraße der Charlotte Street. »Ich habe es nie geschafft.« Clare tunkte ein kleines Stück Pitta in die Taramasalata, betrachtete es und legte es wieder zurück. »Tut mir Leid«, sagte Maureen. »Ich hätte nicht darüber sprechen sollen.« »Doch«, erwiderte Clare. »Es beschäftigt dich. Es ist besser, wenn du es dir von der Seele redest.« »Du hast Recht, es beschäftigt mich wirklich.« Maureen trank einen Schluck Retsina. »Der Fall geht mir verdammt nahe. Es gab nichts Eindeutiges, weißt du. Ihre Geschichte hätte tatsächlich wahr sein können – die Verletzungen passten zu dem, was die beiden behaupteten. Und Gott weiß, dass Kinder ständig hinfallen.« »Aber du hast ihnen nicht geglaubt.« »Nicht so recht«, sagte Maureen. »Aber es war irgendwie seltsam. Normalerweise interessieren mich nur die Kinder – die Mutter, die so etwas zulässt, kümmert mich kein bisschen.« »Aber in diesem Fall war es anders?« Clares sanfte braune Augen blickten sie forschend an. »Ja. Sie schien zu leiden.« »Das schlechte Gewissen.« »Ja.« »Dann war sie es wohl nicht?« »Auf keinen Fall.« Maureen schüttelte den Kopf. »Himmel,, diese Kleine ist mir ehrlich an die Nieren gegangen, Clare.« Sie hielt inne. »Und ihre Mutter ebenfalls.« »Glaubst du«, fragte Clare an diesem Abend beim Zubettgehen ihren Mann, »du könntest dir diese Leute mal ansehen?« »Was sollte das bringen?« Novak berührte den Bezug seiner Decke. »Der ist sehr hübsch.« »Ich habe ihn im Ausverkauf bei John Lewis bekommen.« Clare schaltete ihre Nachttischlampe aus. »Mike, glaubst du, du könntest das tun?« »Warum?« Er kroch unter die Decke, legte den rechten Arm um sie und zog sie an sich. »Falls du der Meinung bist, es könnte ein Fall für Robin sein.« »Du hasst Robin doch.« Novak war überrascht. »Ich habe nie gesagt, dass ich ihn hasse. Ich hab nur gesagt, dass ich ihm nicht recht traue.« Clare hielt inne. »Zumindest seinen Motiven nicht.« Sie rückte ein kleines Stück von Novak ab und stützte sich auf den linken Ellbogen. »Ich möchte, dass du mich bei dieser Sache ernst nimmst, Mike.« »Ich nehme dich immer ernst.« Sie legte sich wieder hin und versuchte, sich zu entspannen. »Also?« »Hat Maureen nicht gesagt, es gibt keinen Beweis, dass es nicht wirklich ein Sturz war?« »Dieses Mal nicht. Und das ist genau der Grund, weshalb jemand versuchen sollte, zu helfen.« »Bevor es ein nächstes Mal gibt.« »Ganz genau.« Novak starrte in die Dunkelheit und stellte sich ein kleines Mädchen mit dunklen, gepeinigten Augen und blauen Flecken auf dem Körper vor. »Ich liebe dich.«, Clare tastete nach seiner Hand. »Ich liebe dich auch.« Sie hielt inne. »Also, tust du’s?« »Ich weiß nicht.« Novak hasste es, sie zu enttäuschen. »Sie hat nicht um Hilfe gebeten.« »Die Mutter, meinst du«, sagte seine Frau. »Das Kind auch nicht.« »Das Kind kann ja auch nicht, oder?« »Ganz genau«, sagte Clare noch einmal. Dann schliefen sie ein, doch Novak erwachte, als er Clare in einem Albtraum stöhnen hörte. Als er die Nachttischlampe anknipste, sah er Tränen auf ihren Wangen, und der Anblick schockierte ihn. »Geht es dir gut?«, fragte er sie am nächsten Morgen, als sie sich anzogen. »Bestens. Jetzt, wo ich weiß, dass du diesem kleinen Mädchen zu helfen versuchst.« »Ich sagte, ich weiß es noch nicht.« Novak zog den Reißverschluss seiner Hose hoch. »Ich wüsste nicht, was es schaden könnte«, Clare trug ein wenig grauen Lidschatten auf, »die Patstons ein bisschen unter die Lupe zu nehmen.« Er sah sie an. »Wolltest du nicht genau solchen Dingen entkommen, als du in der Notaufnahme gekündigt hast?« Clare setzte sich auf den Bettrand. »Ich mache mir Gedanken um die Frau, Mike. Wenn wir nicht versuchen, ihr zu helfen, mache ich mir nur noch mehr Sorgen.« »Und wenn ich herausfinde, dass es sehr schlimm ist, und wir trotzdem nichts tun können?« »Darum geht es Robin aber doch, oder?« Novak setzte sich neben sie und blickte ihr in die Augen. »Ist es nicht so?«, beharrte sie. »Kümmert er sich nicht um, Frauen, die anders keine Hilfe finden?« »Auch Robin kann nicht jedem helfen«, sagte Novak. »Aber er kann es zumindest versuchen.« Clare hielt inne. »Sieh sie dir nur mal an, Mike. Bitte.« Novak betrachtete Clare. In diesem Augenblick war nichts Zerbrechliches an ihr. »Bitte«, sagte sie. Er lächelte. »Gib mir die Adresse.«, 20.

D ie gesamte Lizzie Piper Roadshow versammelte sich zum ersten Mal am Sonntag, dem achtundzwanzigsten Juli in

Vienne, südlich von Lyon. Lizzie und Susan waren von London hergeflogen und in einem Miet-Peugeot zu dem Haus am Stadtrand gefahren, das der Essen-und-Trinken-Kanal angemietet hatte. Richard Arden, der Produzent, Bill Wilson, der Regisseur und Gina Baum, die Regieassistentin, waren zwei Tage vorher im Eurostar nach Frankreich gereist und trafen am selben Tag wie Lizzie und Susan in einem Miet-Citroën ein. Das Team – eine ganze Horde, stellte Lizzie mit einem Anflug von Panik fest – kam später am Abend mit einem Minibus und einem Lkw, aus dem tonnenweise Equipment ausgeladen wurde. »Wer sind die alle?«, flüsterte Lizzie Susan zu. »Hab nicht die leiseste Ahnung.« »Ich dachte, Richard sagte etwas von einem ›intimen‹ Arbeitsumfeld.« »Vielleicht stimmt das ja auch«, meinte Susan zweifelnd. »Vielleicht sind einige von denen nur hier, um beim Ausladen zu helfen.« Eine Stunde später rief Lizzie in Marlow an und sprach zuerst mit Gilly, die ihr erzählte, dass sie und die Kinder wohlauf und voller Vorfreude waren; sie würden in weniger als einer Woche mit Christopher abreisen, um die Roadshow in San Remo zu treffen. »Christopher ist hier«, sagte Gilly. »Bleib dran.« »Wie geht es meinem Star?« Seine Stimme klang herzlich. »Der Star ist starr vor Angst.« Lizzie senkte die Stimme. »Ich bin nicht sicher, ob das hier das Richtige für die Kinder ist. Was, wenn das alles zu viel wird?«, »Jack sitzt schon auf glühenden Kohlen.« »Es ist nicht nur Jack, um den ich mir Sorgen mache. Sophie ist noch so klein.« »Sophie ist sieben und sehr flexibel, wie alle unsere Kinder.« Christopher war in seiner typischen, fröhlichen, optimistischen Stimmung. »Du machst dir unnötige Sorgen, Liebling.« »Ich sage ja nur, dass du darauf vorbereitet sein solltest, das Ganze abzublasen, falls nötig.« »Wir werden gar nichts abblasen müssen«, sagte Christopher. »Im schlimmsten Fall bleiben die Kinder und ich im Hotel und verbringen einen ganz normalen Urlaub, während du schuftest.« »Das ist ja alles schön und gut.« Lizzies Panik war nur wenig gedämpft. »Aber ich weiß nicht mal, ob ich mit alldem hier zurechtkomme.« »Das ist doch Unsinn«, sagte Christopher. »Du würdest das auch auf dem Kopf stehend schaffen.« »Ich freue mich, dass du so denkst.« Sie schaffte es. Sobald die Fernsehleute alles aufgebaut hatten und nachdem Lizzie, Susan, Arden und Wilson genau besprochen hatten, was sie im Laufe der nächsten Tage tun würde, fühlte sie sich entspannter. »Einen halben Tag frei«, verkündete Arden, »um ein Gefühl für diesen Ort zu kriegen.« »Nicht viel Zeit, um die Ausgrabungsstätten zu besichtigen«, sagte Susan. Die Tatsache, dass Vienne zu den bedeutendsten Fundstätten antiker römischer Gebäude in Frankreich zählte, hatte bei Lizzies Entscheidung für die Stadt als erstem Drehort mit eine Rolle gespielt. Ursprünglich hatte sie gehofft, sie könne ihre erste Fernsehküche in einem der alten Stadthäuser einrichten, die man im Distrikt Saint-Roman-en-Gal ausgegraben hatte, und, in antiken (oder zumindest antik aussehenden) Gefäßen kochen. Allerdings hatte sich herausgestellt, dass die Versicherungsauflagen, selbst wenn man ihnen die Erlaubnis erteilt hätte, beängstigend gewesen wären. Abgesehen davon, dass die unmittelbare Umgebung eine reiche Auswahl an fantastischen Drehorten für die Film- Einspieler bot, war auch die Nähe zu Lyon für Lizzie ein wichtiges Kriterium gewesen. Lyon galt vielen Kennern als gastronomische Hauptstadt der Welt und war überdies als Heimat von La Pyramide zu Ruhm gekommen: dem Restaurant des verstorbenen Fernand Point, ein legendärer Koch, dessen Küchenphilosophie seit vielen Jahrzehnten ungebrochen ganze Heerscharen von Küchenchefs inspirierte. »Zu wenig Zeit«, sagte Lizzie am Ende des ersten von drei vorgesehenen Drehtagen zu Susan. »Ich weiß gar nicht, wie wir das schaffen sollen.« »Verfall nicht wieder in Panik«, erwiderte Susan und schenkte ihr einen Cognac aus Ardens großzügigem Vorrat ein. »Du weißt genau, dass ihr es schafft.« »Aber bisher haben wir nichts weiter getan, als über den Markt zu laufen und die Küche auszustatten.« »Sodass ihr wahrscheinlich morgen das ganze Ding in einem Rutsch abdrehen könntet, wenn es hart auf hart käme.« »Vielleicht wenn alles live wäre, und das möge der Himmel verhüten«, sagte Lizzie. »Aber wenn der heutige Tag ein Maßstab war, wird aus jeder Pfefferschote, die ich mahle, eine eigene Produktion.« Susan lachte. Sie war an diesem Morgen mit auf dem place du marché gewesen, als Wilson, der mit einer kleinen, mobilen Kameraeinheit die ersten Aufnahmen gemacht hatte, darauf bestand, dass Lizzie denselben Pfirsich nicht weniger als fünf Mal kaufte, bevor er zufrieden war. »Du musst das so sehen, Lizzie: Wenn es darum geht, jeden, Abend dein Tagebuch zu schreiben, bringt das, was schief geht, viel mehr Spaß als alles, was mühelos von der Hand geht.« »Ich weiß nicht, ob Richard sich auch so darüber freuen kann, wenn alles in einer Katastrophe endet.« Arden hatte Lizzie bereits zwei Lektionen über die Themen Tageslicht- Verschwendung und Budget erteilt. »Nichts wird in einer Katastrophe enden«, sagte Susan. »Trink deinen Cognac.« »Susan Blakes Allheilmittel«, sagte Lizzie. »Alkohol.« Das Haus, in das man sie einquartiert hatte, hätte unter normalen Umständen geräumig und luftig gewirkt, doch bei diesen vielen Leuten – plus die gesamte Ausrüstung und die Scheinwerfer – wurde die Atmosphäre rasch beengt. Nachdem Lizzie an den Außendrehorten, wo sie nur Ware ausgesucht und sich wie eine normale Touristin verhalten hatte, beinahe schon professionell vor der Kamera gestanden hatte, spannten ihre Nerven sich sofort wieder zum Zerreißen an, als es daran ging, in dem großen Küchen-Fernsehstudio die einleitenden Worte zu sprechen. »Ferdinand Point war der Meinung, dies seien die Stars sowohl in der Küche als auch auf der gedeckten Tafel.« Sie blickte vom unbeirrbaren Auge der Kamera hinunter auf das mittlerweile viel zu warme Huhn und die zwei Körbe Gemüse. »Wenn seine Zutaten so waren, wie er sie wollte – erntefrisch und von bester Qualität –, empfand er es als geradezu kriminell, die Kunst des Kochens dafür zu missbrauchen, ihren essenziellen Geschmack zu verfälschen. Alles, was Monsieur Point in einem Gericht vereinte, musste …« Irgendwo im Haus klingelte ein Telefon. »Scheiße«, sagte Bill Wilson., »Cut«, sagte jemand anders. Das Telefon verstummte, und Lizzie wartete auf ihr Zeichen. »Action.« »Alles, was Monsieur Point in …« »Cut«, sagte Wilson. Lizzie schirmte ihre Augen gegen die Scheinwerfer ab. »Was hab ich gemacht?« »Du glänzt ein bisschen, Liebes«, sagte der Regisseur. »Kann jemand sie abpudern?«, rief er laut; dann wandte er sich wieder mit gesenkter Stimme an Lizzie: »Alles okay?« »Ganz schön heiß hier«, sagte sie. »Das gehört dazu.« »Ich weiß.« Ein junger Mann tupfte mit einer Puderquaste in ihrem Gesicht; dann verschwand er wieder in der Dunkelheit hinter den Lichtern. »Ich bin so weit, Bill«, sagte Lizzie. »Von vorn, bitte«, sagte er. »Oh«, sagte sie. »Ab ›Ferdinand Point war der Meinung‹?« »Ganz von vorn.« Lizzie blickte hinunter auf das Huhn und betete, dass ihre Hände – falls sie je dazu kommen sollte, etwas zu kochen – nicht so schweißig waren, dass ihr der Vogel aus den Fingern und auf den Boden rutschte. Sie fing wieder von vorne an. »Meine Liebe, du warst wundervoll«, sagte Wilson eine Stunde später zu ihr und küsste sie auf die heiße, feuchte Wange. »Und sieht das Huhn nicht fantastisch aus?« »Sehr«, sagte Richard Arden und küsste sie ebenfalls. »Kommt bloß nicht auf die Idee, es zu essen«, sagte Lizzie, kurzfristig erblindet, als die Scheinwerfer erloschen., »Warum nicht?« Susans Gesicht erschien im Blickfeld. »Es riecht göttlich.« »Aber es war von Anfang an nicht besonders frisch. Und dann lag es viel zu lange in der Hitze. Als es schließlich in den Ofen kam, blieb es nicht annähernd lange genug drin … und ich glaube nicht, dass eine Salmonellen-Epidemie der Roadshow sonderlich gut tun würde.« »Trotzdem riecht es fantastisch«, sagte Susan. »Dann lügt der Geruch offensichtlich«, bemerkte Lizzie. »Ich kann nur sagen, Ferdinand Point würde sich im Grab umdrehen.« Als sie den ersten Teil der Reihe im Kasten hatten, flogen Lizzie, Susan und Arden von Lyon nach Nizza, mieteten sich wieder einen Wagen und fuhren über die Grenze nach San Remo. Die anderen folgten im Zug. Als Lizzie im Palazzo Grande Hotel eincheckte (das Christopher wegen seiner rollstuhlfreundlichen Ausstattung ausgewählt hatte), teilte man ihr mit, dass Il Dottore – wie alle an der Rezeption ihren Mann nannten – mit Signora Spence und den ragazzi bereits eingetroffen war und sie in einer der beiden Suiten erwartete, die er reserviert hatte. Die eine war nur für sie beide, hatte Christopher betont, als er die Arrangements getroffen hatte, während sich die andere – eine Dreizimmersuite – Gilly und Jack, Edward und Sophie teilten. »So haben wir mehr Privatsphäre«, hatte Christopher damals gesagt. Und Lizzie hatte gespürt, wie sich in ihrem Innern alles zusammenschnürte. Seine sexuelle Zurückhaltung im Vorfeld der Tour hatte ihre Besorgnis nicht gemildert, sondern sie im Gegenteil nervöser gemacht. Sie war überzeugt, dass er lediglich den rechten, Augenblick und einen stimmungsvolleren Rahmen abwartete. »Geht es dir gut, Lizzie?«, fragte Susan sie jetzt, als sie auf den Fahrstuhl zusteuerten. »Ein bisschen müde«, sagte Lizzie und ermahnte sich wieder einmal, vorsichtiger zu sein. »Wir haben den ganzen Tag frei«, verkündete Susan strahlend. »Es gibt hier einen Meerwasser-Pool, und das Essen soll göttlich sein.« »Solange ich es nicht kochen muss«, bemerkte Lizzie. Alle unangenehmen Gefühle waren wie weggefegt, als sie sich einer der Suiten näherte und die vor Aufregung erhobenen Stimmen ihrer Kinder hörte. »Mami!« Sophie, barfuß und bezaubernd in ihrem hellblauen Strandkleid, sah sie zuerst und kam in ihre Arme gerannt. »Hi, Mom.« Edward zog es aufgrund seines höheren Status als Zwölfjähriger vor, mehr Gelassenheit an den Tag zu legen, und schlenderte entspannt auf Lizzie zu. Seine nagelneue Canon baumelte um seinen Hals. Lizzie schloss für einen Moment die Augen und ließ sich in den warmen Umarmungen ihres Ältesten und ihrer Jüngsten treiben. Dann machte sie sich von den beiden frei, um nach Jack zu schauen. Er war an der Balkontür, mit dem Rücken zur Aussicht. Sein Gesicht lag teilweise im Schatten, doch Lizzie sah mit Erleichterung, dass er sein Nummer-Eins-Lächeln aufgesetzt hatte, wie sie es für sich nannte – das Lächeln, das jeden Millimeter seines Gesichts erhellte und erkennen ließ, dass er wirklich glücklich war; im Gegensatz zu seinem allzu häufigen Nummer-Zwei-Lächeln, das Lizzie sagte, dass der Junge sich unwohl fühlte oder sogar Schmerzen hatte, aber nicht wollte, dass jemand es merkte., »Hi, Mom«, sagte er. »Gute Reise gehabt?« Lizzie gab Sophie noch einen dicken Kuss, strich Edward übers dunkle Haar und ging durch das große Wohnzimmer zu Jack, der im Rollstuhl saß und mit seinem gestreiften T-Shirt und den Jeansshorts ziemlich cool aussah. »Ich hatte eine prima Reise.« Sie beugte sich vor, um ihn zu umarmen. »Und du?« »Nicht schlecht«, sagte er. »Nur dass Sophie sich im Flugzeug übergeben musste.« »Hat sie?« Lizzie blickte über die Schulter, um ihre Tochter anzusehen, als Gilly mit einem Handtuch über dem Arm aus einem der Schlafzimmer kam. »Hi, Gilly. Geht es dir gut?« »Sehr gut, danke.« »Ich hasse fliegen«, sagte Sophie. »Aber jetzt geht es dir besser, nicht wahr, mein Schatz?« Lizzie sah es an den rosigen Wangen ihrer Tochter. »Was für wundervolle Zimmer.« Gilly ging zu Jack an den Balkon und legte ihm leicht eine Hand auf die Schulter. »Und dieser Ausblick.« »Es ist toll«, sagte Jack. »Alle sind zufrieden, wie ich sehe«, sagte Christophers Stimme. »Hallo, Star.« Lizzie drehte sich um und sah ihren Mann im Türrahmen stehen. Er trug Jeans und ein kurzärmliges weißes T-Shirt und sah umwerfend aus. In diesem Augenblick wünschte sie sich, wie so oft, einen Weg finden zu können, seinen Fehler zu beseitigen und sich nur auf das Gute in diesem Mann zu konzentrieren. »Hallo, Christopher.« Sie ging zu ihm und küsste ihn auf die Wange, als er sich zu ihr herunterbeugte. »Wir sind alle sehr, zufrieden, glaube ich. Du hast uns diesmal richtig verwöhnt.« »Wo sind die anderen?« Er legte den Arm um sie. »Susan wohnt zwei Stockwerke unter uns.« Lizzie entzog sich ihm diskret, setzte sich aufs Sofa und blickte Sophie an, die die Speisekarte des Zimmerservice studierte. »Komm her, erzähl mir von deiner Reise, Sophie.« Doch ihre Tochter ignorierte sie, und sie wandte sich wieder an Christopher. »Richard wohnt auch hier. Und ich glaube, Bill Wilson, der Regisseur, und seine Assistentin Gina kommen ebenfalls.« »Was ist mit dem Rest des Teams?«, fragte Edward, der alles über Fernsehproduktionen verschlungen hatte, seit er von der Reise wusste. »Sie wohnen in einem anderen Hotel«, sagte Lizzie und versuchte sich an den Namen zu erinnern. »Hotel Paradiso«, soufflierte Christopher. »Warum nicht hier?« Edward war enttäuscht, denn in seiner Fantasie hatte er bereits dicke Freundschaft mit Kameramännern und Tontechnikern geschlossen. »Hier kostet’s zu viel Schotter«, erklärte Jack seinem Bruder. »Ich hab Hunger«, meldete Sophie sich zu Wort. »Ich auch«, sagte Jack. Sophie kam mit der Karte zu ihr. »Daddy sagt, du wirst jetzt berühmt.« »Das glaube ich nicht«, sagte Lizzie. »He, du bist jetzt schon ein bisschen berühmt, Mom!«, sagte Edward. »Nicht so berühmt wie Dad«, bemerkte Jack. Am nächsten Drehort, einer cremefarbenen Villa, die Gina Baum zufolge einst einem russischen Aristokraten gehört hatte,, bastelten Lizzie und die Roadshow-Crew mühsam den zweiten Teil der Reihe zusammen. Zuerst wurde Lizzie beim Einkaufen gefilmt: Gemüse auf dem mercato in La Pigna, einer Altstadt mit malerischen Gassen und steilen Treppen, die Lizzie auf Bill Wilsons Bitte ihre Körbe mit Tomaten, Artischocken, Pilzen, Auberginen und frischen Kräutern hinauf und hinunter schleppte. Der Fisch kam aus einem hübschen Dorf namens Cervo, und der einheimische Wein, der Rossese, aus den Weingärten um Dolceacqua. Das Team blieb auch anschließend noch zusammen und besuchte verschiedene Orte, die Lizzie in den letzten paar Monaten ausgewählt hatte, um Mini-Segmente zu filmen, auch wenn sie wusste, dass viele dem Schneidetisch zum Opfer fallen würden: das Schloss Doria, in dem es angeblich spukte; eine russischorthodoxe Kirche mit den Gräbern blaublütiger emigrés; eine Stadt, die mehr als ein Jahrhundert zuvor durch ein Erdbeben zerstört worden war; die Rosen- und Nelken-Gärten von Ventimiglia und, in San Remo selbst, das städtische Kasino. »Allmählich bekommst du Spaß an der Sache, nicht wahr?«, bemerkte Christopher am Ende des zweiten Tages, als sie sich bei einem Cognac in der Pianobar zum ersten Mal unter vier Augen sprachen. »Ja«, gestand Lizzie trotz ihrer Erschöpfung. »Ich glaube, in Vienne war ich so beschäftigt damit, nervös zu sein, dass ich ganz vergessen habe, mein Privileg zu genießen, eine so einmalige Sache angeboten zu bekommen.« »Vielleicht bleibt es ja gar keine einmalige Sache«, sagte Christopher. »Oh, das glaube ich aber doch. Und selbst wenn nicht – das erste Mal ist immer am aufregendsten.« »Schön, dass du so empfindest«, sagte er. »Ich habe gesehen, welche Anspannung du im Vorfeld aufgebaut hast.« »War es schwierig mit mir?«, Christopher nippte am Cognac. »Selbst wenn es so gewesen wäre«, sagte er leise, »hätte ich wohl kaum das Recht, mich zu beklagen, oder?« »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Ich weiß, dass ich einer der Gründe für deine Anspannung war.« Christopher blickte sich um. »Dass ich aus deiner Tour einen Familienurlaub gemacht habe …« »Nein, es ist wundervoll, die Kinder hier zu haben«, sagte Lizzie. »Aber du hast auch mich hier«, sagte er. »Und ich bin ständig darauf herumgeritten, wie romantisch es hier werden würde.« »Es ist romantisch«, sagte sie, gerührt von seiner Offenheit, und fügte eilig hinzu: »Falls man es romantisch nennen kann, dass man bei jeder Bewegung gefilmt wird.« »Schon gut, Lizzie«, sagte er. »Mach dir keine Gedanken. Ich weiß, wie wichtig dir das hier ist.« »Christopher«, sagte sie schuldbewusst. »Ich will nicht …« »Schon gut«, unterbrach er sie sanft. »Ich werde es dir nicht verderben.« Nach diesem Gespräch dachte Lizzie mit einem intensiven Gefühl der Erleichterung, dass vielleicht doch noch alles gut würde. Wenn ihr Glück anhielt, konnte sie ihre Arbeit auf kompetente und zugleich angenehme Weise erledigen, und vielleicht würden Edward, Jack und Sophie glückliche und vergnügliche Ferien verleben, ohne dass einer der beiden Elternteile zu viel Mühe investieren musste, Zufriedenheit vorzutäuschen. Der dritte Tag kam und verging. »Es läuft wie geschmiert«, sagte Arden an diesem Abend zu Lizzie. Dabei war der Produzent ein abergläubischer Mann, der stets dazu neigte, ein Lob für sich zu behalten, bis er die Produktion in der Tasche hatte., Lizzie blieb stehen; sie war gerade auf dem Weg nach oben, um mit ihrer Familie in Ruhe zu Abend zu essen. »War Bill auch zufrieden?«, fragte sie nun, denn sie war unsicher, was den Regisseur betraf. »Mehr als zufrieden.« Der Produzent sah ihr Gesicht und grinste. »Du darfst Bills Launen nicht für voll nehmen. Im Augenblick hängt seine Stimmung stark von der lieblichen Gina ab – hat nichts mit dir zu tun.« Das Essen war köstlich, Kinder und Eltern bei bester Laune. Gilly war mit Rupe aus, einem gut aussehenden Tontechniker, der sich in sie verguckt hatte, und Christopher zeigte sich von seiner angenehmsten Seite. Er scherzte viel, überredete Sophie, ins Bett zu gehen, und sagte zu Lizzie, er bliebe gern noch ein wenig mit Edward und Jack auf, die noch nicht müde waren, sodass die erschöpfte Lizzie in ihre Suite gehen und früh schlafen konnte. Verdiente Ruhe. Süßer, ungestörter Schlaf. Am vierten Tag errichtete Lizzie ihre Küche in der Fiori-Villa – viel kühler Ton, gewärmt durch Blumen und die Hitze des robusten Stahlherds, auf dem zu kochen eine wahre Wonne war und an dem sie Inspirationen aus Ligurien und dem alten Russland in einer Art kulebiaka vereinte: eingelegter Fisch in einer goldenen Teighülle in leichter Pilzrahmsauce. »Dürfen wir es diesmal essen?«, fragte Susan, der bereits das Wasser im Mund zusammenlief. »Sobald Bill fertig gefilmt hat«, sagte Lizzie. »Bill ist fertig«, sagte der Regisseur, »und könnte ein Kamel verschlingen.« »Kamel hab ich noch nie gekocht«, sagte Lizzie und sonnte sich in leisem Stolz, als das Team über ihren Fisch herfiel und ihn bis zum letzten Bissen aufaß., Als sie am nächsten Morgen erwachte, einem Ruhetag, war Christopher verschwunden. Auf seinem Kissen lag ein Zettel: Lass dir ruhig Zeit, Star. Ich bin mit den Kindern am Pool. Lizzie konnte es nicht ausstehen, wenn er sie so nannte. Auch wenn sie versuchte, es vor anderen, die diesen Ausdruck liebevoll und schmeichelhaft fanden, nicht zu zeigen, zuckte sie innerlich jedes Mal zusammen; zu präsent war eine andere Gelegenheit, als er sie so genannt hatte – damals, während er sie missbrauchte. Fick-Star, hatte er gesagt, einer seiner Lieblings- Kosenamen. An diesem Morgen war es natürlich nur ein Zettel ohne tiefere Bedeutung. Verdirb dir nicht den Tag, Lizzie. Sie dachte daran, noch eine Weile zu faulenzen und vielleicht im Bett zu frühstücken, merkte dann aber, dass sie eigentlich nichts anderes wollte, als bei den Kindern zu sein. Also duschte sie schnell, schlüpfte in Badeanzug, Strandkleid und Sandalen und warf noch einen Blick in den Spiegel, bevor sie nach unten zum Pool ging. Trotz der vielen Stunden, die sie tagsüber in geschlossenen Räumen verbrachte, entwickelte sie allmählich eine schöne Bräune. Sie sah Christopher zuerst; er saß rittlings auf einer Liege und trug eine dunkelblaue Badehose, eine Sonnenbrille und seinen breitkrempigen Strohhut. Er hatte seine Vorliebe für Hüte beibehalten. Zwar verzichtete er darauf, im Sommer Panamahüte aufzusetzen, weil Lizzie sie nicht mochte, doch in der Stadt trug er immer noch häufig Filzhüte, bei Spaziergängen auf dem Land einen Schlapphut, und von Oktober bis März hatte er regelmäßig seinen Favoriten auf dem Kopf oder in der Hand: ein inzwischen ziemlich zerbeultes Tweed-Exemplar, mit dem er sich ein wenig wie Rex Harrison fühlte. Er sah sie, nahm den Hut ab und winkte damit zuerst in ihre Richtung, dann zum Pool, um ihre Aufmerksamkeit auf Edward, zu lenken, der gerade zu einem Kopfsprung ansetzte. Lizzie verharrte einen Moment, um ihren ältesten Sohn zu beobachten, dann lief sie auf Christophers Liege zu. Erst jetzt sah sie, dass Jack in seinem Rollstuhl gleich hinter seinem Vater saß, in einem weißen T-Shirt, Shorts und der coolen italienischen Designersonnenbrille, die er vor der Reise mit Lizzie in London gekauft hatte. »Hallo miteinander«, sagte Lizzie, als sie näher kam. Sophie, die zwei Liegestühle weiter hinten unter einem Sonnenschirm saß und sich mit einem Mädchen unterhielt, das ungefähr in ihrem Alter war, entdeckte ihre Mutter und winkte ihr zu. In ihrem pinkfarbenen Bikini und der Baseballmütze sah sie hinreißend aus, und Lizzies Herz zog sich vor Liebe zusammen. »Hi, Mom.« Jack entlockte seinem Rollstuhl ein träges Begrüßungsquietschen. »Hallo, Liebling«, sagte Christopher. »Warum schläfst du nicht mehr?« »Ich wollte bei euch Rasselbande sein.« Lizzie ließ ihre Tasche auf den Tisch zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn fallen, gab Jack einen flüchtigen Kuss und drehte sich noch einmal zum Pool um, wo Edward mit einer Gruppe Jungen und Mädchen lachte. »Daddy hat gesagt, du würdest im Bett bleiben.« Sophie tauchte neben ihr auf. »Hallo, meine Hübsche.« Lizzie umarmte sie. »Hast du dich auch gut eingecremt?« »’türlich.« »Sie sieht nett aus.« Lizzie blickte zu dem Mädchen, mit dem Sophie sich unterhalten hatte. »Das ist Daniela. Sie ist Italienerin, aber sie spricht super Englisch.«, »Ed springt wieder«, sagte Jack. »Guck, Mom.« Lizzie guckte, aber zu spät. Nur noch ein Sprühnebel aus Wasserspritzern zeigte, wo ihr älterer Sohn ins Wasser eingetaucht war. Sein schlanker, braungebrannter Körper glitt bereits unter der Oberfläche dahin. Lizzie drehte sich um und schaute auf Jack. Sie sah keinen Hauch von Neid auf seinem Gesicht und staunte über seinen Großmut. »Ich gehe schwimmen, Mami«, sagte Sophie. »Kommst du mit?« »Mami will sich bestimmt ausruhen«, sagte Christopher. »Ich würde gern schwimmen.« Mit einer raschen Bewegung zog Lizzie sich das Kleid über den Kopf und kickte die Sandalen von ihren Füßen. »Was ist mit Daniela?« »Sie schwimmt nicht gern«, sagte Sophie. »Komm.« Eine Viertelstunde später tauchten Mutter und Tochter wieder aus dem Pool auf, liefen direkt zur Dusche, um sich das Salzwasser abzuspülen, und kamen auf dem Weg zurück zu den Liegen Edward entgegen. »Ich besorg uns Cola«, erklärte er ihnen. »Will jemand was?« »Eis«, sagte Sophie. »Gelato.« »Es ist noch ein bisschen zu früh für Eis«, meinte Lizzie. »Oooch, Mami.« »Hier gibt’s guten O-Saft«, schlug Edward vor. »Frisch gepresst.« »Okay«, sagte Lizzie. »Würdest du mir bitte einen holen, Schatz?« »Für mich bitte Eis – Schokolade«, sagte Sophie und rannte voraus. Ihre noch nassen Fußsohlen patschten über den Boden. »Hast du genug Geld?«, fragte Lizzie Edward. »Dad sagt, ich soll dafür unterschreiben«, sagte er und war, schon verschwunden. Lizzie drehte sich wieder zu den Liegen um, wo Christopher aufgestanden war und Sophie mit einem Handtuch trockenrubbelte. Sie lachte; aus der Entfernung sah es aus, als würde ihr Vater sie kitzeln. Irgendetwas in Lizzies Kopf machte Klick. »Nein«, sagte sie so heftig, dass mehrere Leute sich umdrehten, um zu sehen, was passiert war. Lizzie war alles egal. Fünf große Schritte, und sie war da, packte ihre erschrockene Tochter bei der Hand und zerrte sie von Christopher weg. »Was ist?«, wollte Sophie wissen. »Mami, was tust du denn?« Lizzie ließ sie los, fühlte ihre Wangen glühen und wusste, dass sie einen dummen, ungeschickten Sturzflug in ein Territorium gemacht hatte, das zu meiden sie sich geschworen hatte. Also versuchte sie, ihre wahren Motive zu verbergen, bevor es zu spät war. »Stell dich nicht so zur Schau«, beschimpfte sie Sophie. Ihre Tochter starrte sie an. »Ich hab doch nur gelacht.« Auf Unterstützung hoffend, sah sie ihren Vater an. »Daddy hat mich zum Lachen gebracht. Was ist verkehrt daran?« Lizzie spürte Christophers Blick, brachte es aber nicht über sich, ihn anzuschauen; sie wusste, dass sie keine andere Möglichkeit hatte, als den einmal eingeschlagenen Kurs beizubehalten. »Wir sind hier in einem sehr guten Hotel«, sagte sie zu ihrer Tochter und hasste sich selbst dafür. »Du hast die Leute gestört.« »Hab ich nicht.« Sophies Augen füllten sich mit Tränen. »Warum bist du so gemein?« Sie wartete nicht auf Lizzies Antwort, sondern bückte sich, griff nach ihrem Kleid und ihrer Strandtasche, schlüpfte in ihre, Sandalen und rannte davon. »Das war ja reizend«, sagte Christopher mit kühler Stimme. Jetzt begegnete Lizzie seinem Blick. Er hielt seine Sonnen- brille in der Hand und starrte Lizzie voller Entsetzen an. Er wusste, was eben in ihr vorgegangen war. Sie schaute in die andere Richtung, sah Sophie an Edward vorbeirennen, der die Getränke und ihr gelato trug, und sah, wie Gilly – in einem auffälligen roten Bikini mit passendem Tuch, das lange dunkle Haar hochgesteckt – versuchte, mit Sophie zu sprechen, aber das Mädchen beachtete sie nicht. »Ich gehe ihr hinterher«, sagte Lizzie und sammelte ihre Sachen zusammen. »Gute Idee«, sagte Christopher ganz leise. »Was ist denn mit Sophie?«, fragte Gilly. »Sie sah ziemlich wütend aus.« »Das ist meine Schuld«, sagte Lizzie. »Oh«, sagte Gilly. »Wer will sieben Jahre alt sein?« Sie lächelte. »Wer will Mutter sein?« Lizzie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. »Ich«, sagte sie. »Sie wird sich schon beruhigen«, sagte Gilly mitfühlend. »Hoffentlich«, sagte Lizzie. »Wenn ich mich erst entschuldigt habe …« »Sie hat großes Glück«, sagte Gilly, »eine Mutter zu haben, die dazu bereit ist.« »Ich fasse es nicht, dass du auf so eine Idee kommen konntest.« Christopher hatte am Pool gewartet, bis Sophie zurück war; dann hatte er sie und die Jungs in Gillys Obhut gelassen und war hinauf in die Suite gekommen, um Lizzie zu suchen. Seine Sonnenbräune wirkte plötzlich fehl am Platze, als wäre sie nur, Make-up, und seine Haut darunter kalkweiß. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt. »Ich weiß ja.« Lizzie wandte sich ab und ging auf den Balkon zu. »Hast du diese Befürchtung schon länger?« »Ich habe vorher noch nie an so etwas gedacht«, sagte sie. Das war die Wahrheit. Es war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Nicht nur, weil es zu grauenvoll war, auch nur darüber nachzudenken, sondern weil sie gewusst hatte (oder zu wissen geglaubt hatte), dass Christopher – ganz gleich, was er ihr angetan hatte und ihr eines Tages vielleicht noch antun würde – den Kindern niemals etwas zuleide tat. »Weißt du denn nicht«, sagte er jetzt, »dass ich ihnen niemals ein Haar krümmen würde?« Lizzie drehte sich um zu ihm. »Wenn mir am Anfang unserer Beziehung jemand gesagt hätte, dass du mir Schmerzen zufügen willst …« »Das tue ich nicht«, brach es aus ihm heraus. »Nicht absichtlich.« »Du hast mir nicht nur einmal wehgetan.« Sie war jetzt sehr ruhig, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie sie es schaffte, in einem Moment wie diesem so gefasst zu bleiben. »Warum bist du dann bei mir geblieben?«, fragte er. »Du weißt warum«, sagte Lizzie. »Ich dachte …« Christopher hielt inne, ging zum Sofa und ließ sich darauf fallen. »Was dachtest du?« »Du erweckst manchmal den Eindruck … auch mir gegenüber, nicht nur vor anderen … dass du mich immer noch liebst. Nicht nur als Vater deiner Kinder.« Lizzie wurde übel. »Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was ich, empfinde, wenn du im Bett diese Dinge mit mir machst, Christopher.« »Aber darum geht es hier nicht.« Er starrte zu ihr hoch. »Und selbst wenn, kannst du nicht leugnen, dass ich mich jetzt schon seit langer Zeit zurückhalte, weil ich genau wusste, wie nervös du wegen dieser Tour warst.« Lizzie setzte sich in einen der Sessel. »Und sogar hier«, fuhr er fort. »Du warst sicher, dass ich dich auf dieser Reise enttäuschen würde, aber ich habe dich kein einziges Mal angerührt.« »Stimmt«, sagte Lizzie. Noch nicht. »Weil ich dich respektiere«, sagte er. »Ich respektiere, was du tust und wer du bist. Und ich weiß auch, dass ich das Recht verloren habe, das Gleiche von dir zu erwarten. Aber könntest du nicht ein klein wenig Vertrauen haben?« »Ich habe Vertrauen«, sagte sie. »Zu dem Rest von dir.« »Nein«, sagte Christopher. »Offensichtlich nicht. Sonst hättest du das da unten niemals getan.« »Ich habe überreagiert«, sagte Lizzie. »Es tut mir Leid.« »Du hast mich mehr oder weniger beschuldigt …« Seine Gesichtsfarbe war wieder zurückgekehrt, doch seine Qual wuchs. »Ich bringe es kaum über die Lippen, Lizzie.« »Es war keine Beschuldigung, es war eine Reaktion, als ich gesehen habe, wie du Sophie abgetrocknet hast … wie du sie gekitzelt hast, unser hübsches kleines Mädchen …« »Unsere Tochter«, rief er aus. »Mein eigenes Kind.« »Ich konnte nicht anders, Christopher. Ich sah dich mit ihr da stehen, und plötzlich hat mich Panik gepackt … schreckliche Angst davor, was eines Tages geschehen könnte. War das wirklich so ungerechtfertigt, angesichts deiner Vorgeschichte?« »Ungerechtfertigt?«, sagte er und wurde lauter. »Es ist ungeheuerlich, dass du dir so was zusammenspinnst, wo das, Einzige, was du mir je zugute gehalten hast, die Tatsache ist, dass ich ein guter Vater bin.« Scham durchflutete sie, und doch konnte sie offenbar nicht ablassen von dem, was sie jetzt angefangen hatte. »Vielleicht hast du mich ja einmal zu oft missbraucht.« »Ich habe dich nicht angefasst.« »Seit einiger Zeit nicht mehr …« »Seit Monaten nicht!« »Und dafür soll ich dir dankbar sein?« Lizzie war wieder aufgesprungen. Ihr Zorn wuchs, auch wenn sie nicht wusste, warum das alles gerade heute überkochte, ausgerechnet jetzt, wo im Grunde gar nichts passiert war. »Mich einer kleinen Gehirnwäsche unterziehen? Alles auslöschen, was du vorher getan hast?« »Nur, wenn ich nicht anders konnte.« »Gerade eben hast du noch betont, wie großartig du dich in letzter Zeit zurückgehalten hast«, erwiderte sie scharf. »Was denn jetzt? Entweder kannst du dich zurückhalten, oder du kannst es nicht!« »Aber das hat alles nichts damit zu tun, was eben da unten am Pool passiert ist. Nicht passiert ist!« »Natürlich hat es damit zu tun«, schrie sie zurück. »Es geht hier einzig und allein um Vertrauen, begreifst du das nicht?« »Ja«, sagte Christopher. »Wahrscheinlich hast du Recht.« Lizzie sank wieder in ihren Sessel. »Es läuft tatsächlich alles auf dasselbe hinaus.« Er hatte sich wieder ein wenig beruhigt. »Es läuft auf etwas hinaus, das ich nie richtig verstanden habe. Aus welchem Grund – nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben – mein simples Bedürfnis nach dir, nach meiner Frau, etwas so furchtbar Schreckliches sein soll.« Er hielt inne. »Und selbst wenn es dir, so entsetzlich erscheint, Lizzie – wenn es das einzige Schreckliche an mir ist, mit dem du dich hin und wieder abfinden musst, hast du doch sicher nicht allzu viel Grund zur Klage?« »Wegen dem hier, meinst du?« Sie sah sich in dem traumhaften Hotelzimmer um. »Oder wegen unserer zwei schönen Wohnungen?« »Ich glaube, wenn du ein bisschen toleranter wärst, ein bisschen weniger prüde, weniger frigide«, sagte Christopher, »würdest du vielleicht begreifen, für wie viele Dinge du im Grunde dankbar sein kannst, statt dir solche widerwärtigen, gegenstandslosen Anschuldigungen zusammenzuspinnen.« »Ich habe dich nicht beschuldigt«, sagte sie kühl. »Ich habe nur instinktiv reagiert, als ich sah, wie der Mann, der mich im Laufe der Jahre immer wieder missbraucht hat, meine halb nackte siebenjährige Tochter kitzelte.« »Unsere Tochter«, sagte er mit beinahe schriller Stimme. »Die ich über alles liebe.« »Ich weiß«, sagte Lizzie. »Und ich entschuldige mich, so überreagiert zu haben, besonders in der Öffentlichkeit. Und vor allem vor Sophie.« »Und Jack«, fügte Christopher hinzu. »Ich entschuldige mich aber nicht für meine Instinkte.« »Gott bewahre, dass du jemals ganz im Unrecht sein solltest.« »O nein, ich finde, ich mache sogar sehr viele Fehler«, sagte Lizzie. »Bei mir zu bleiben, meinst du.« In diesem Moment erkannte sie, wie sinnlos diese Unterhaltung war, und wie grauenvoll, und da sie wusste, dass Gilly und die Kinder sich allmählich fragten, wo sie blieb, beschloss sie, zu ihnen zurückzugehen, bevor Christopher es tat, und ging zur Tür., »Hast du genug?«, fragte er. »Mehr als genug.« Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. »Aber nur für den Fall, für den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Instinkt nicht vollkommen unbegründet war, solltest du eins wissen, Christopher.« »Und was?« Er klang bitter. »Falls du Sophie oder einem unserer anderen Kinder jemals auf irgendeine Weise Schaden zufügen solltest, werde ich dich töten.«, 21.

N ovak teilte Clares ungutes Gefühl. Das war im Grunde auch gar keine Frage gewesen; schon an dem Abend, als

sie ihm zum ersten Mal von der kleinen Irina erzählte, hatte er gewusst, dass er Clares Ansicht teilen würde. Wenn es eins gab, das er an seiner Frau mehr liebte als alles andere, war es ihre Empfindsamkeit. Er hatte Erkundigungen eingezogen und ein bisschen Zeit investiert, um die Patstons zu observieren. Der Ehemann, Tony, ein gut aussehender Mann, der wegen Körperverletzung vorbestraft war, arbeitete jetzt in seiner eigenen kleinen Werkstatt, Patston Motors, in einer kleinen Seitenstraße der North Circular. Er nahm sein – flüssiges – Mittagessen im Pub ein und trank generell zu viel Bier für jemanden, der mit potenziell gefährlichen Maschinen arbeitete. Gegen halb sieben machte er Feierabend, ging für eine, höchstens zwei Stunden heim in sein Reihenhaus und machte sich dann wieder auf den Weg zu seinem Stammpub – manchmal alleine, manchmal für eine längere Sitzung mit seinem Nachbarn. Joanne Patston, ebenfalls gut aussehend, aber offenkundig verängstigt, verließ das Haus niemals ohne das kleine Mädchen – das Kind, um das Clare und Maureen Donnelly sich solche Sorgen machten. Irina selbst, ein hübsches kleines Mädchen, zeigte keine äußeren Zeichen von Misshandlung, keine sichtbaren blauen Flecken, obwohl Novak natürlich wusste, dass es sie gab. Auffällig war jedoch, dass sie sich stets fest an die Hand ihrer Mutter klammerte; sie zeigte keine Spur von dem natürlichen, gesunden Freiheitsbedürfnis, das die meisten Vierjährigen besaßen., Sie war adoptiert – das hatte Novak ohne viel Mühe herausgefunden. Dann aber war er schneller als erwartet in eine Sackgasse geraten und hatte ebenso schnell seine Ermittlungen abgebrochen, um keinen unnötigen Wirbel zu machen. »Also, was meinst du?«, fragte er Robin Allbeury. Es war die zweite Woche im August. Novak saß auf der Terrasse des Anwalts, genoss den spektakulären Blick auf die Themse, trank ein kaltes Bier und wartete darauf, dass Allbeury seinen Bericht fertig las. »Kannst du da was machen?« »Knifflige Sache«, meinte Allbeury nachdenklich. »Dieses Fragezeichen über der Adoption des Kindes genügt vielleicht schon, um die Frau davon abzuhalten, den Burschen zu verlassen oder sich von ihm scheiden zu lassen, selbst wenn sie es wollte.« Er hielt inne. »Ich hätte Angst, dass meine Bemühungen innerhalb der gesetzlichen Spielregeln damit enden, dass man Irina nicht nur von ihrem Vater, sondern auch von Mrs Patston wegholt.« »Und ihren Schmerz nur verschlimmert.« »Gut möglich.« »Ich habe dich noch nie um etwas gebeten«, sagte Novak. »Ich wollte nie zu viel wissen über deine Methoden, gewisse Dinge zu veranlassen …« Allbeury lächelte. »Worum bittest du mich jetzt, Mike? Dass ich das Gesetz außer Acht lasse?« »Ich bitte dich nur, dass du zu helfen versuchst«, antwortete Novak schlicht. »Und ich sage dir nur, dass mein Bauchgefühl mit dem von Clare und Maureen Donnelly übereinzustimmen scheint.« Er schüttelte den Kopf. »Viel mehr Hinweise gibt es allerdings nicht. Ich habe nicht gesehen, wie Patston seine Tochter geschlagen hätte, geschweige denn verletzt.«, »Andererseits …« Allbeury senkte den Blick wieder auf die Unterlagen. »Hast du ihn auch nicht draußen mit ihr gesehen, nicht einmal am Wochenende, was an sich schon merkwürdig ist.« »Definitiv«, stimmte Novak zu. »Und offensichtlich machen wir uns alle Sorgen«, sagte Allbeury, und sein Blick verdunkelte sich, »dass die zwei Besuche im Waltham General Hospital vielleicht nur die Spitze des Eisbergs sind.« »Möglicherweise hat Mrs Patston Angst vor ihrem Mann und davor, das Kind zu verlieren.« »Vielleicht zu viel Angst, um Irina noch einmal ins Krankenhaus zu bringen, selbst wenn das Mädchen ernsthaft verletzt ist.« »Robin zieht selbst ein paar Erkundigungen ein«, sagte Novak später zu Clare, als er sie auf dem Mobiltelefon anrief; sie arbeitete an diesem Abend bei ihrem Privatpatienten Nick Parry. »Ist das ein gutes Zeichen?«, fragte Clare, während der junge Mann mit den hageren Wangen und den fröhlichen Augen, hinter denen er oft seine hilflose Enttäuschung und seine düstereren Stimmungen verbarg, in seinem Rollstuhl hin und her sauste und Kaffee kochte. »Oder tut er das immer?« »Er sagt, er kann nichts versprechen«, erwiderte Novak. »Aber ich habe ihm angemerkt, dass er besorgt war.« »Ich hoffe nur, er lässt sich nicht zu viel Zeit«, sagte Clare. »Er ist ein vorsichtiger Mann, Liebling, und er weiß, was er tut.« »Gut«, sagte sie. »Vielen Dank, dass du es versucht hast.« »Wir hatten ja nicht wirklich eine Wahl«, sagte Novak., »Kaffee ist fertig«, verkündete Nick Parry von der Tür aus, während Clare das Gespräch beendete und ihr Handy wieder in die Tasche steckte. »Obwohl du aussiehst, als könntest du was Stärkeres vertragen.« Clare grinste ihn an. »Mir geht’s gut.« »Nein, das stimmt nicht.« Nick Parry wartete, bis sie ihre Tassen vor sich stehen hatten. »Sag mir, was los ist. Du weißt, dass du dich immer besser fühlst, wenn du mit mir geredet hast.« Sie lächelte wieder. Parry hatte Clare einmal erzählt, er sei besser als die meisten Seelenklempner, weil er nach seinem Unfall selbst lange Zeit unten gewesen sei – und zwar so ziemlich ganz unten –, und es waren nicht die Therapeuten gewesen, die ihm da rausgeholfen hatten, sondern ganz andere Dinge: die erfreuliche Feststellung, dass er immer noch, wenn auch seltener als früher, mit einem seiner alten Kumpel einen trinken konnte, oder seine wachsende Leidenschaft für seinen Computer und das Internet. »Mir die Probleme anderer Menschen anzuhören steht auch ganz weit oben auf der Liste«, gab Parry zu. »Das hilft mir … das alles hier.« Er machte eine vage Geste in Richtung seiner Beine. »Es hilft mir, andere Dinge in die richtige Perspektive zu rücken.« Dann verzog er das Gesicht. »Manchmal.«, 22.

C hristopher stößt also morgen wieder zu uns?«, sagte Arden nach dem ersten Drehtag in Kefalonia zu Lizzie, während

das Team zusammenpackte und Wilson und Gina ihre Notizen durchgingen. »Wie schön für dich, Liebes.« »Sehr schön«, antwortete Lizzie. »Geht es dir gut?«, fragte Susan. Es war immer Susan, die ihr Kummer anmerkte. Sei vorsichtig, Lizzie. Sie hatten in Argostoli gedreht, der Hauptstadt der Insel. Lizzie hatte wie üblich heimische Ware und Spezialitäten ausgewählt, hatte mit Händlern geplaudert, ein paar Flaschen Gentillini-Wein und einen hier produzierten Honig gekauft sowie Zutaten für die Gerichte gekostet, die sie in den nächsten Tagen kochen würde. »Bist du sicher, dass du nicht mit uns zu Abend essen willst?«, fragte Arden. Der größte Teil des Teams aß an diesem Abend zusammen im Hotel Boulevard Pyllaros, das ungefähr eine halbe Stunde entfernt lag und in dem auch Arden, Wilson, Gina und Susan wohnten. Da das Hotel jedoch keine ausreichend behindertengerechte Ausstattung für Jack bot, hatte Christopher ein Haus im Norden der Insel gemietet, das näher an Sami lag und somit auch praktischer für den größten Teil der geplanten Dreharbeiten war. »Ich will nach Möglichkeit zurück sein, bevor es dunkel wird«, erklärte Lizzie. »Gute Idee«, sagte Susan, »bei diesen gefährlichen Straßen.« Lizzie lächelte sie an. »Der Fahrer, den ich heute Morgen hatte, wirkte halbwegs zurechnungsfähig und sagte, er würde, mich abholen.« Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr. »Er wartet wahrscheinlich schon.« Arden wartete, bis Lizzie außer Sichtweite war. »Weißt du, was mit ihr los ist?«, fragte er Susan dann leise. »Nichts«, sagte Susan, »soweit ich weiß.« »Hm«, sagte Arden. »Was heißt das denn?«, fragte Susan. Der Produzent zuckte mit den Achseln. »Der Herr des Hauses kommt morgen zurück. Die Dame ist überglücklich, bis sie davon erfährt. Ärger im Paradies, würde ich sagen.« »Solange du es nicht tatsächlich sagst«, sagte Susan. »Dann hast du wohl den gleichen Eindruck?«, fragte Arden. »Ganz und gar nicht«, antwortete Susan, ein wenig zu scharf. »Nicht im Entferntesten.« Arden hob die Augenbrauen. »Ausgezeichnet«, sagte er. Gilly öffnete die Haustür im gleichen Augenblick, als Lizzies Taxi zum Stehen kam. Sie wohnten in einer rosafarbenen Villa mit rotem Dach und cremefarbenen Fensterläden, umgeben von einem Garten voller Jasmin und anderen himmlisch duftenden Blumen. »Du siehst erledigt aus.« »Bin ich auch.« Lizzie ließ ihre Tasche auf den kühlen Steinboden fallen, reichte Gilly die zwei großen, flachen Schachteln, die sie mitgebracht hatte, und legte einen Finger auf die Lippen. »Die Jungs spielen eins ihrer schrecklichen Computerspiele, und Sophie ist im Bett.« »Geht es ihr gut?« Sophie ging nur selten früh schlafen. »Bestens«, beruhigte Gilly sie. »Aber sie ist ziemlich viel geschwommen und hat dann ewig lange mit den Jungs, Volleyball gespielt. Sie war hundemüde.« »Wie geht es Jack?« »Er ist mehr als zufrieden, würde ich sagen.« Gilly lächelte. »Er freut sich sehr, dass sein Vater zurückkommt.« Sophies Zimmer lag im oberen Stockwerk, zwischen dem ihrer Eltern und dem Gillys, während Jack und Edward sich das Schlaf-Wohnzimmer und das Bad im Erdgeschoss teilten. »Ich geh nur schnell mal hoch«, sagte Lizzie. Sie lief auf Zehenspitzen zu Sophie ins Zimmer, sah, dass sie schlief, und schaute sie eine Weile an, wie fast jeden Abend, egal wo sie gerade waren. Dann küsste sie zärtlich das goldene Haar des Mädchens und schlich davon. Jack und Edward warteten im Wohnzimmer. »Ich verhungere, Mom«, sagte Edward, kaum dass er sie sah. »Heute Abend gibt’s kein Essen«, sagte Lizzie. »Tut mir Leid.« Sie ging zu Jack und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Jedenfalls kein richtiges Essen.« »Was soll das denn heißen?«, fragte Edward. Jack kräuselte die Nase und schnupperte. »Wow. Pizza!« »Pizza! Soll das ein Witz sein?«, sagte Edward. »Ich dachte, du wolltest dieses Mousse-Zeug machen.« »Moussaka«, sagte Lizzie. »Warum soll ich es zubereiten, wenn ich weiß, dass ihr es nicht mögt?« »Pizza«, sagte Jack noch einmal. »Cool.« »Eine ziemlich langweilige Insel, was die mythologische Seite betrifft«, sagte Christopher am nächsten Abend, als sie auf der Terrasse hinter dem Haus beim Essen saßen. Die offizielle Erklärung für seine plötzliche Rückkehr nach London war ein Notfall im Krankenhaus gewesen; die Wahrheit aber war, dass Lizzie ihn nach ihrem Streit in San Remo gefragt, hatte – mit schlechtem Gewissen, aber entschieden –, ob es ihm etwas ausmache, ihr eine Atempause zu geben. Er hatte geantwortet, das mache ihm sehr viel aus, hatte aber trotzdem nachgegeben. Also waren Lizzie, die Kinder und Gilly alleine mit der Roadshow weitergereist, zuerst nach Palermo und von dort auf die größte ionische Insel, wo sie den nächsten Teil der Reihe abdrehen würden. Heute Nachmittag war er zurückgekommen und hatte zu Lizzies Erstaunen und Verunsicherung gleich Arden und Susan, Bill und Gina zum Abendessen eingeladen. »Kein Kochen«, sagte er, als er Lizzies Gesichtsausdruck sah. »Ich habe schon alles arrangiert – eins der besseren Fischrestaurants der Stadt liefert das Essen später hierher.« »Was ist mit den Kindern? Sie haben damit gerechnet, dich für sich zu haben.« »Auch das ist schon geregelt«, antwortete er. »Gilly macht Abendessen. Du und ich bekommen etwas Leichtes – eine Art Vorspeise, wenn du so willst.« »Ich glaube nicht, dass ich will«, sagte Lizzie. »Das alles hört sich sehr anstrengend an.« »Ich finde, es hört sich gesellig an«, entgegnete Christopher kühl, »und offen gesagt ist es gute PR angesichts der Tatsache, dass alle dachten, ich wäre davongerannt. Wie dem auch sei, unsere Gäste werden nicht vor zehn hier sein. In diesem Teil der Welt essen die meisten Leute spät zu Abend.« »Die meisten Leute müssen auch nicht früh aufstehen und werden den ganzen Tag gefilmt.« »Ach herrje«, sagte Christopher. »Fangen wir jetzt an, wie ein Filmstar zu reden?« »Ich habe vor, diesen Teil der Reihe«, sagte Bill Wilson ein paar Stunden später, nachdem die Kinder sich in ihre Zimmer, zurückgezogen waren, »auf einer der malerischen Inseln zu drehen, Naxos vielleicht, damit Lizzie sich auf den Wein konzentrieren kann.« »Kefalonia hat mit den besten Wein in Griechenland«, sagte Lizzie und stocherte in dem ziemlich schlaffen gegrillten Fisch herum, den das Restaurant geliefert hatte. »Aber keine Gegend für Orgien«, sagte Christopher. »Stattdessen gibt es eine traurige kleine Geschichte«, sagte Gina, »über den See, an den wir fahren.« »Der Melissani-See«, sagte Arden. »Ja. In dem die Nymphe Melissanthe sich ertränkte, nachdem der Gott Pan sie zurückgewiesen hatte«, sagte Christopher. »Wenn manche auch behaupten, sie sei nur eine Schäferin auf der Suche nach ein paar Schafen gewesen, die ins Wasser gefallen waren.« »Du hast deine Hausaufgaben gemacht«, sagte Susan beeindruckt. »Die griechische Mythologie hat mich schon immer interessiert«, sagte er. »Strotzt nur so vor Sex«, sagte Bill zu Gina. »Hermes, der Vater des Pan«, sagte Christopher, »soll seine Mutter Penelope in der Verkleidung eines Bocks vergewaltigt haben.« »Deshalb stellt man Pan halb als Mann, halb als Bock dar, stimmt’s?«, fragte Gilly. »Ja. Und seine Großmutter«, sagte Christopher, »hieß Maia.« »Die Feuergöttin«, sagte Arden. Christopher blickte Lizzie an. »Auch bekannt als die Göttin der sexuellen Begierde«, sagte er. »Wie Bill schon sagte, diese Mythen sind voll von Sex.«, »War das wirklich notwendig?«, fragte Lizzie später, als die Besucher gegangen waren und Gilly in der Küche war. »Was meinst du?« »Diese Konversation.« »Du hast Kefalonia ausgesucht«, sagte Christopher. »Was kann ich dafür, wenn Pan sich hier einige seiner Hörner abgestoßen hat.« Sie sah ihn einen Moment lang an, dann wandte sie sich ab. »Ich helfe Gilly und gehe dann ins Bett.« »Darf ich mitkommen?«, fragte er leise. »Natürlich«, sagte sie und fügte ironisch hinzu: »Es geht ja wohl nicht anders, schließlich haben wir kein freies Zimmer.« Der Besuch des unterirdischen Höhlensees Melissani stand am letzten Tag auf der Insel auf dem Programm, doch zunächst sollte Lizzie in einer anderen Höhle, nur ein paar Kilometer von Sami entfernt, auf einem Grill ihre neuesten Rezepte zum Besten geben. Die Höhle von Drogarati, von der die Einheimischen sich erzählten, sie habe einst einem Drachen als Unterschlupf gedient, war Fachleuten zufolge hundertfünfzig Millionen Jahre alt – eine fantastische riesige Kaverne mit Tausenden von Stalagmiten und Stalaktiten in allen erdenklichen Farben. »Sie ist so gewaltig«, erzählte Lizzie den Kindern auf der Fahrt von Palermo, »dass es in ihrem Innern einen Konzertraum gibt, in dem tausend Menschen Platz haben.« »Cool«, sagte Jack. »Kann ich mitkommen?«, fragte Edward. »Weiß ich nicht«, sagte Lizzie. »Du hast versprochen, dass ich zu einem Dreh mitkommen darf«, sagte ihr Ältester., »Das hängt ganz davon ab«, sagte sie. Arden hielt es für eine prima Idee. Ein Barbecue in einer Höhle, sagte er zu Lizzie, sei genau der richtige Rahmen für den »Familienteil« der Sendung, der ihm schon die ganze Zeit vorschwebe. »Allerdings könnte es sein, dass die Produktionsfirma eine Verzichtserklärung für die Versicherung braucht, die Christopher und du unterschreiben müsst.« Er sah Lizzies Gesichtsausdruck. »Ist das ein Problem?« »Das nicht«, sagte sie. »Und einen ›Familienteil‹ der Sendung wird es so nicht geben, weil Jack auf keinen Fall mit nach Drogarati kann, nicht bei all diesen Treppenstufen. Ich glaube nicht, dass er es auch nur in die Nähe der Höhle schafft.« »Stimmt«, sagte Arden. »Das war dumm von mir.« »Ganz und gar nicht«, erwiderte Lizzie. »Es war eine gute Idee.« »Würde es Jack etwas ausmachen, wenn wir es ohne ihn drehen?« »Jack wohl nicht«, sagte Lizzie. »Aber mir. Ich mag es nicht, ihn auszuschließen.« Kaum zwei Stunden später rief Arden aus seinem Hotel an, um Lizzie zu sagen, dass das ursprüngliche Vorhaben ad acta gelegt werde. »Nicht wegen der Beteiligung der Familie«, erklärte er, »sondern wegen der Idee, an diesem Ort zu kochen. Offenbar ist es zu gefährlich. Aber ich bringe nicht nur schlechte Nachrichten, Lizzie. Wir haben nämlich eine andere Höhle gefunden.« »So gut wie Drogarati?« »Überhaupt nicht«, sagte er. »Eine stinknormale, sterbenslangweilige Höhle.« »Und warum ist das so gut?«, »Weil wir aus diesem Grund trotzdem noch Aufnahmen am ursprünglichen Schauplatz machen können. Aber da sich die Zuschauer vor allem für Lizzie Piper und ihr Essen interessieren, ist die Höhle für den Koch-Teil ziemlich irrelevant. Mit anderen Worten – du wirst dein Barbecue in dieser anderen kleinen Höhle zubereiten, genauer gesagt, direkt vor der Höhle an einem hübschen kleinen Strand, an dem es zufällig auch einen Weg für Jacks Rollstuhl gibt.« »O Richard, wie schön!« Lizzie war gerührt. »Wie hast du den Platz denn gefunden?« »Hab ich gar nicht«, sagte Arden. »Gina ist gestern losgezogen, um einen neuen Drehort zu suchen, und deine Freundin Susan hat sie begleitet.« Also war es wieder einmal Susan zu verdanken. Alles war wundervoll. Aus Lizzies Sicht war es der bisher angenehmste Drehtag der Reise – bis sich die Katastrophe ereignete. »Action«, rief Bill Wilson. »Mami!« Sophie erschrak, als sie eine ziemlich große Eidechse entdeckte, sprang auf ihre Mutter zu und griff nach ihrem T- Shirt, womit sie Lizzie genau in dem Augenblick ablenkte, als ein plötzlicher Windstoß über das Ionische Meer fegte. Die Flammen des großen Steingrills loderten erschreckend hoch. Sophie schrie auf und wich zurück, wobei sie Edward anrempelte. Der stolperte zur Seite und direkt in einen Topf mit glühend heißen Muscheln und Tintenfisch in Öl, das sich über seinen nackten rechten Arm und sein Bein ergoss. »Mein Gott!« Lizzie schob Sophie aus dem Weg. »Wasser!« Jack riss seinen Rollstuhl herum und hielt auf den Eimer hinter seiner Mutter zu, doch Christopher war zuerst dort. In dem Moment, als Edward losschrie., 23.

J oanne war im Garten und hängte Tonys Hemden auf die Wäscheleine – er mochte es lieber, wenn sie an der Luft

trockneten statt im Trockner, er behauptete, sie würden dann besser riechen –, als Irina, die auf ihrem kleinen Rasen-Rechteck spielte, plötzlich ihren Ball liegen ließ, zu ihrer Mutter rannte und sich an deren Jeans klammerte. »Mann«, sagte Irina. Joanne blickte zuerst hinunter auf ihre Tochter, dann hoch zu der Stelle, auf die sie zeigte. Ihr Herz begann zu rasen, denn da stand tatsächlich ein Mann auf der anderen Seite der Mauer, die ihr Grundstück vom Gemeindeland dahinter trennte. »Mrs Patston«, sagte der Mann. »Bitte erschrecken Sie nicht.« »Geh ins Haus«, sagte Joanne zu Irina. »Mach schon, Schätzchen, schnell.« »Mami, komm auch mit«, sagte Irina. »Mrs Patston, mein Name ist Michael Novak. Ich bin hier, um Ihnen Hilfe anzubieten.« Joanne starrte ihn an. »Bitte gehen Sie«, sagte sie. »Ich gehe«, sagte Novak, »sobald ich Ihnen eine Nachricht überbracht habe.« »Mami, komm.« Irina zupfte wieder an Joannes Jeans. »Geh vor, Irina«, wiederholte Joanne. »Ich komme in einer Minute nach.« »Aber Mami …« »Sofort!« Das Kind war erschrocken, weil seine Mutter in so scharfem Ton mit ihm sprach, und rannte durch die Küchentür ins Haus. Joanne wartete einen Moment; dann trat sie zwei Schritte näher, an die Mauer. Der Mann verstieß gegen kein ihr bekanntes Gesetz, und aus Gründen, die ihr nicht ganz klar waren, fühlte sie sich nicht so sehr von ihm gestört, dass sie erwog, die Polizei zu rufen. »Meine Karte.« Langsam und bedächtig, um sie nicht zu verschrecken, legte Novak seine Visitenkarte auf die Mauer. »Ich nehme sie, wenn Sie gegangen sind«, sagte Joanne. »Gute Idee«, sagte Novak. »Vorsicht ist besser als Nachsicht.« »Was wollen Sie?« Joanne drehte sich zum Haus um und sah Irina am Küchenfenster stehen und nach draußen starren. »Bitte, sagen Sie es mir schnell«, sagte sie und richtete ihre Augen wieder auf den Mann. »Ich lasse meine Tochter nicht gern allein.« »Natürlich nicht«, sagte Novak. »Ich bin Privatdetektiv, Mrs Patston.« »Was wollen Sie von mir?« Joanne war verwirrt, aufgeregt und erhitzt, als hätte sie zu lange in der Sonne gesessen, obwohl es ein bewölkter Tag war. »Einer meiner Klienten, ein Anwalt, der ein wenig über Ihre Zwangslage weiß …« »Was für eine Zwangslage? Und wer sagt, dass ich einen Anwalt brauche?« »Niemand.« Novak sprach langsam und deutlich. »Mein Klient sagt, er würde sich gern mit Ihnen treffen und darüber sprechen, welche Möglichkeiten Sie haben, Ihren Problemen zu entkommen.« »Zu entkommen?« Die Hitze und ihre Verwirrung wurden intensiver. »Falls das Ihr Wunsch ist. Es liegt allein bei Ihnen.« »Wer sind Sie? Ich verstehe nicht, woher Sie etwas über mich wissen …« Das Wort Anwalt bahnte sich seinen Weg in ihr Bewusstsein und machte ihr Angst. »Wer ist dieser Anwalt?, Warum haben Sie … hat er mich nicht einfach angerufen oder mir geschrieben?« »Er dachte, dass es so vielleicht besser für Sie ist«, sagte Novak. »Dass es Ihnen lieber ist, wenn Ihr Mann nicht hineingezogen wird.« Er hielt inne. »Dieses Hilfsangebot gilt für Sie und Irina, nicht für Ihren Mann.« Joanne sagte nichts, stand nur ganz still da. »Nehmen Sie meine Karte, Mrs Patston, und denken Sie darüber nach.« Novaks Lächeln war sanft. »Mir ist klar, dass es eine sehr ungewöhnliche Art der Kontaktaufnahme ist, und Sie haben völlig Recht, misstrauisch zu sein, aber die ganze Sache liegt nun allein in Ihren Händen.« »Welche Sache?« »Ein Ausweg«, antwortete Novak. Joanne blickte sich um und sah Irina immer noch wartend aus dem Fenster schauen. »Ich muss ins Haus zu meiner Kleinen.« »Ja, sicher«, sagte Novak. »Wenn Sie Kontakt aufnehmen wollen, erwarten wir Ihren Anruf. Wenn nicht, werden wir Sie nicht wieder belästigen. Wie ich schon sagte, es liegt allein bei Ihnen.« Er nickte in Richtung der Visitenkarte auf der Mauer. »Es ist wohl besser, die Karte nicht hier herumliegen zu lassen, finden Sie nicht?« Hastig – wie ein Tier, das sich Futter schnappt – trat Joanne vor, griff nach der Karte und nahm dann gleich wieder Abstand. »Okay«, sagte Novak. »Ich gehe jetzt.« Plötzlich kam Joanne ein Gedanke, wie ein Schlag in den Magen. »War es das Krankenhaus? Wissen Sie es daher?« Novak las die Panik in ihren Augen. »Das hier ist nichts Offizielles, Mrs Patston. Sie müssen sich deswegen keine Sorgen machen, nicht unseretwegen.« »Was ist es dann?«, fragte Joanne verzweifelt. »Es ist bloß Hilfe«, sagte Novak., 24.

I n den Tagen nach dem Unfall – von der chaotischen Unfallstation in Argostoli bis zum Krankenhaus in Athen, wo

Edward eine Nacht verbrachte, bevor er ins Beauchamp geflogen wurde – erlebte Lizzie Christopher wieder von seiner besten Seite. Während sie um ihren Sohn fürchtete und bangte, sich mit Schuldgefühlen zerfleischte und Richard Arden deutlich machte, dass sie nicht die Absicht hatte, in absehbarer Zeit zur Roadshow zurückzukehren, operierte ihr Mann Edwards Brandwunden, linderte seine Schmerzen, spendete ihm Trost und fand dabei immer noch Zeit, sich um Sophie und Jack zu kümmern. Als sie Christopher beobachtete, empfand Lizzie Ehrfurcht, Dankbarkeit und Scham. Er hatte Recht gehabt: Das hier war es, was wirklich zählte. Der andere Aspekt ihres gemeinsamen Lebens war vergleichsweise unbedeutend. Was sie jetzt sah, war nicht nur ein guter Vater, sondern ein bemerkenswerter und wertvoller Mann, der in der Lage und bereit war, für die wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu sorgen. Also tat Lizzie, was Mütter immer tun, wenn ihre Kinder krank oder in Schwierigkeiten sind: Sie schloss einen Pakt. Wenn Edward wieder vollständig gesund würde und keine schlimmen Narben zurückbehielt, und wenn Sophie sich wegen ihrer Rolle beim Unfall nicht schuldig fühlte, und wenn Jacks Zustand sich durch den Schreck nicht verschlimmerte, schwor Lizzie, darüber hinwegzusehen, was Christopher hin und wieder im Bett mit ihr trieb. Sie wollte versuchen, es hinzunehmen und sich nie mehr darüber beklagen. Und nie wieder drohen, Christopher zu verlassen., 25.

A m Nachmittag des ersten September, einem Sonntag, während ihr Vater irgendwo mit Freunden unterwegs war

und ihre Tante sich um sie und ihren Bruder kümmerte, suchte Kylie Bolsover in der Garage nach einem Schraubenschlüssel, mit dem sie hoffte, eins der Räder an ihrem Skateboard reparieren zu können. Dabei stieß sie auf etwas, das sie nicht erkannte. Immerhin wusste sie, was es war. Ein Stein, eingewickelt in einen großen Stofflappen. Darauf Flecken von Öl und etwas anderem, das kein Öl war, aber auch nahezu schwarz. Kylie versuchte anfangs, den Stein vollständig auszuwickeln, aber der Teil des Lappens, der am schmutzigsten war, war steif – er erinnerte sie daran, wie das Hemd ihres Vaters sich anfühlte, wenn ihre Mutter es beim Bügeln mit Stärke besprühte – und klebte am Stein fest. Doch Kylie verstand nicht, warum sie sich beim Anblick dieses Steins und des Stofflappens so elend und ängstlich fühlte. Sie ging ihre Tante suchen., 26.

C lare ging ans Telefon. »Kann ich bitte Michael Novak sprechen?«

Eine unbekannte, ein wenig ängstliche Frauenstimme. Clare wusste intuitiv, wer es war. »Mrs Patston?«, fragte sie. Stille. Fehler. »Tut mir Leid«, sagte Clare und versuchte, ruhig zu klingen. »Mike ist …« »Ich bin Joanne Patston«, sagte die Frau. »Ich weiß nicht, warum ich mir das schon gedacht habe«, sagte Clare. Freundlich und unbekümmert, verschreck sie nicht. »Mike ist nur kurz los, uns Mittagessen holen, er muss jeden Moment zurück sein. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, kurz dranzubleiben …« »In Ordnung.« Im Hintergrund hörte Clare ziemlich deutlich eine Kinder- stimme, die »Mami!« rief, dann etwas anderes, das sie nicht verstehen konnte. »Ist das Ihre kleine Tochter?« Immer noch leichthin; sie wollte die Frau unbedingt am Apparat halten. »Ja. Wie lange wird es wohl noch dauern?« Novak kam durch die Eingangstür des Büros geschlendert, eine braune Papiertüte in der einen Hand, einen Standard in der anderen. »Joanne Patston für dich, Mike«, sagte Clare laut, dass die Frau am anderen Ende der Leitung es hören konnte. »Prima.« Er ließ die Tüte und die Zeitung auf den Tisch fallen, und nahm den Hörer. »Mrs Patston, ich freue mich, von Ihnen zu hören.«, 27.

W ir haben ihn.« Constable Pete Jackson ließ seine Stimme

triumphierend durch das fast leere Verhörzimmer dröhnen, als er hereinkam. Dann sah er, dass Helen Shipley telefonierte, und blieb stehen. Helen beendete das Gespräch. »Was ist?« »Doktor Patel hat gerade angerufen«, sagte Jackson. »Sie konnte es nicht abwarten.« Die Wangen des rotblonden Constable waren vor Aufregung fast so rot geworden wie sein Haar. »Das Fax müsste gleich reinkommen.« »Komm schon, Pete«, sagte Helen. »Mach es nicht so spannend.« »Es ist alles da. Das Blut ist von Lynne, und auf dem Stofflappen haben wir einen deutlichen Fingerabdruck – was für ein dämlicher Hund!« »In Ordnung«, sagte Helen. »Ist das alles?« Jackson ärgerte sich über ihre mangelnde Begeisterung. »Nein.« Helen blickte finster in ihre geöffnete Schreibtischschublade. »Das sind tolle Neuigkeiten.« »Aber?« Sie schaute wieder zu ihm hoch. »In seiner eigenen Garage?« Der Constable zuckte mit den Achseln. »Wie ich schon sagte, ein dummer Hund.« »Niemand ist so dumm, Pete.« Helen hielt inne. »Wir sind nicht so dumm. Die Garage wurde durchsucht.« »Ich weiß.« Jacksons Freude erlosch bereits. »Das war auch, das Erste, das Mrs Wakefield sagte.« Nur dass sie es vorwurfsvoll, nicht skeptisch gesagt hatte. »Ich dachte, eure Leute hätten die Garage durchsucht.« Verständlich. Den rauchenden Colt direkt vor der Nase und trotzdem übersehen. Wegen solcher Dinge konnten Köpfe rollen. Chief Kirby war der Ansicht, die Geschichte stimmte, als Helen etwas später zu ihm ging, obwohl ihm das Szenario, in dem Bolsover den Stein und den Lumpen bis nach der polizeilichen Durchsuchung woanders versteckt hatte, bei weitem lieber war. »Aber er hätte die Sachen doch einfach wegwerfen können«, sagte Helen. »Sie irgendwo, Meilen entfernt, in eine Mülltonne stecken oder vergraben können … oder den Stoff verbrennen und den Stein abwaschen können, um ihn bei jemandem in den Steingarten zu werfen.« »Oder ihn verstecken, bis wir die Suche einstellen.« Kirby ließ sich nicht beirren. »Menschen tun alle möglichen seltsamen und dummen Dinge, Helen, das wissen wir doch.« Er hielt inne. »Besonders panische Männer, die ihrer Frau den Schädel eingeschlagen haben und kaum wissen, wo sie sich selbst verstecken sollen, ganz zu schweigen von ihrer Mordwaffe.« »Ich weiß nicht, Sir«, sagte Helen. »Für mich stinkt die Sache.« »Ach was«, sagte Kirby und winkte ab. »Wir wussten von Anfang an, dass Bolsover der Täter ist, und jetzt haben wir das Seil, mit dem wir ihn hängen können.« Gott sei Dank nicht im wörtlichen Sinn, dachte Helen mit einem Anflug von Übelkeit. Obwohl Trevor Kirby natürlich Recht hatte: Der mit dem Stofflappen umwickelte Stein war genau das, was sie gesucht hatten – perfekt, um die losen Enden, des Falls zu verknüpfen, sie der Staatsanwaltschaft vorzulegen, eine Mordanklage zu erheben und den Verdächtigen hinter Gitter zu bringen. Das bedeutete allerdings nicht, dass deshalb jemand in Jubel ausbrach. »Egal, wie wir es drehen und wenden«, sagte Kirby später in seinem Büro, nachdem man John Bolsover wieder abgeholt, offiziell angeklagt und in Belmarsh weggesperrt hatte, »das hier wird uns noch eine Weile verfolgen. Eine Sechsjährige, die unseren Job erledigt.« »Aber können wir ganz sicher sein, dass wir den Job jetzt richtig erledigt haben?«, versuchte Helen es noch einmal. »Auf jeden Fall glaube ich nicht an Ihre Theorie, dass jemand anders den blutigen Beweis dort hinterlassen hat«, erwiderte Kirby heftig. »Wer denn? Und warum?« Die Namen Allbeury und Novak schossen ihr fast sofort in den Sinn, doch sie hatte sie schon vorher genannt, und man hatte ihr nahe gelegt, diese Namen sofort wieder zu vergessen – besonders den des Anwalts, der nichts weiter getan hatte, als zu kooperieren. Also hielt sie jetzt den Mund. »Na bitte«, sagte Kirby kühl. »Tja.« Helen war müde. »Dann ist der Fall wohl erledigt, Sir.« »Von einem Kind«, sagte der Chief., 28.

A lle waren unglaublich nett«, sagte Lizzie nach dem Abendessen am ersten Freitag im September zu

Christopher. Die Kinder lagen im Bett. Es war Gillys freies Wochenende, und sie tranken Kaffee in ihrem Wohnzimmer in Marlow, einem schönen, behaglichen Raum in Taubengrau, mit warmem Terrakotta an den Wänden um den gemauerten Kamin und deckenhohen Bücherregalen. Mit Ausnahme eines geschmackvollen Landschaftsgemäldes aus dem 19. Jahrhundert über dem Kamin – sie hatten es mitsamt dem Haus übernommen, weil Christopher fand, es trüge zur Atmosphäre des Zimmers bei – waren alle Bilder zeitgenössische französische Werke, größtenteils aus dem Süden. Sie schienen selbst an den dunkelsten Wintertagen sanftes Sonnenlicht und die Farben der Provence und der Côte d’Azur zu verströmen. »Andrew sagt, es stört Vicuna nicht, den Herausgabetermin mir zuliebe zu verschieben.« »Das will ich doch meinen«, sagte Christopher. »Aber er ist nicht sicher, ob die Fernsehleute deswegen wirklich so gelassen sind, wie sie tun.« »Arden war sehr verständnisvoll.« Lizzie zuckte mit den Achseln. »Falls wirklich jemand sauer ist, hat man es mich – oder sogar Andrew – nicht spüren lassen. Immerhin bin ich den Fernsehleuten davongelaufen …« »Wie jede anständige Mutter es getan hätte«, bemerkte Christopher. »Niemand hat etwas Gegenteiliges gesagt. Aber es ist offensichtlich nicht so einfach, die Arbeiten an der Roadshow wieder aufzunehmen, zumindest nicht vor dem Winter.«, »Macht dir das viel aus?« »Überhaupt nicht«, sagte Lizzie. »Möchtest du noch Kaffee?« Es machte ihr tatsächlich nichts aus. Edward freute sich darauf, wieder in die Schule zu gehen und mit seinen Narben zu prahlen, was Sophie geholfen hatte, über ihr schlechtes Gewissen hinwegzukommen, und auch für Jack schien die Geschichte keine schlimmen Folgen gehabt zu haben. Da Gott seinen Teil der Vereinbarung eingehalten hatte, hielt auch Lizzie sich an ihren Teil – mehr oder weniger. Natürlich wusste sie nicht genau, wie sie reagieren würde, wenn Christopher beim Sex das nächste Mal die Kontrolle verlor, und so hatte ein Pakt zum nächsten geführt, mit leicht veränderten Bedingungen von Lizzies Seite: Wenn Christopher es schaffte, seine Bedürfnisse zu mäßigen, würde sie ihr Bestes tun, sich auf ihre Dankbarkeit für seine vielen positiven Eigenschaften zu konzentrieren. Wenn er es schaffte., 29.

R obin Allbeury am Apparat.« Es war zehn Uhr dreißig am nächsten Montag, und

Allbeury, der in seinem Büro auf der Ostseite seiner Wohnung saß, hatte den Anruf schon erwartet. »Hier ist Joanne Patston.« Sehr zaghaft, wie Novak es angekündigt hatte. Allbeury besaß zu Hause zwei Arbeitsräume. Einen gleich neben seinem Schlafzimmer sowie einen zweiten, eindrucksvolleren Raum, der farblich in intensivem Blauviolett gehalten und mit schwarzen Polster- und Walnussholz-Möbeln, einer erlesenen Sammlung antiker Gesetzbücher und einem maßgefertigten schwarzen Granitschreibtisch ausgestattet war. »Hallo, Mrs Patston. Ich habe Ihren Anruf schon erwartet«, sagte er herzlich. »Mr Novak sagt, Sie würden sich gern mit mir treffen.« »Nur wenn Sie wollen, Mrs Patston«, sagte Allbeury. »Es liegt ganz bei Ihnen.« »Ich kann nicht weit weg von zu Hause.« »Das zu regeln, dürfte kein Problem sein.« »Normalerweise bin ich die meiste Zeit daheim, wissen Sie, außer zum Einkaufen und so«, fuhr sie nervös fort. »Und mein Mann kommt manchmal zurück, wenn ich ihn nicht erwarte, deshalb …« »Ich verstehe, Mrs Patston.« »Andererseits, wenn wir uns zu nahe am Haus treffen, könnte jemand uns sehen. Und Irina muss mitkommen.« »Ich glaube, ich kann die Sache ein wenig vereinfachen.« Allbeury hatte dieses Problem vorhergesehen., »Sobald wir einen Termin vereinbart haben, Mrs Patston, kann ich wahrscheinlich dafür sorgen, dass Ihr Mann geschäftlich ein paar Stunden festgehalten wird. Den Tag können Sie auswählen.« »Oh.« Joanne war unüberhörbar beeindruckt, obwohl sich ihr sofort ein weiteres Problem aufdrängte. »Wir müssen einen ganz gewöhnlichen Treffpunkt aussuchen, weil Irina ihrer Oma manchmal erzählt, was sie tagsüber gemacht hat.« »Gibt es irgendwelche Orte, die Sie mit Irina häufiger aufsuchen?« Allbeury kannte die Antwort bereits, da Novak in seinem Bericht alle regelmäßigen Aufenthaltsorte der Patstons festgehalten hatte, doch das Gespräch diente dem Zweck, Joanne das Gefühl zu geben, sie selbst habe die Situation im Griff, und um ihr die Angst zu nehmen. »Die Bibliothek«, sagte Joanne. »In der Hall Lane. Die South- Chingford-Bibliothek.« »In Ordnung«, sagte Allbeury. »Sie ist in der Nähe vom Kaufhaus Sainsbury’s«, fügte Joanne hinzu. »Das hilft Ihnen vielleicht nicht viel, aber …« »Ich finde sie schon, Mrs Patston, machen Sie sich keine Sorgen.« »Wir gehen oft dorthin, wissen Sie. Die Bibliothek hat ein gute Kinderbuchabteilung.« »Also wäre Irina dort beschäftigt«, sagte der Anwalt. »Gute Idee.« »Nächsten Montag«, sagte Joanne so abrupt, als müsste sie es aussprechen und die Verabredung schnell treffen, bevor sie es sich anders überlegte. »Glauben Sie, das wäre möglich, Mr Allbeury? Tony ist montags meist ziemlich beschäftigt.« »Ich weiß es nicht genau, Mrs Patston.« Allbeury warf einen Blick in seinen Terminkalender. »Ich muss noch ein paar meiner eigenen Termine checken … aber ich glaube, es dürfte kein, Problem sein.« »Was haben Sie eigentlich mit ›festhalten‹ gemeint?«, fragte Joanne. »Es wird doch niemand Tony wehtun, oder?« »Ich habe damit nur gemeint, dass wir ihn beruflich einspannen, Mrs Patston. Nichts anderes.« »Sind Sie sicher, dass er nicht wütend sein wird, wenn er an dem Abend nach Hause kommt?« »Ganz im Gegenteil«, sagte Allbeury. »Wir werden dafür sorgen, dass Ihr Mann am Tag unseres Treffens durch etwas sehr Erfreuliches aufgehalten wird.« Er hielt inne. »Ist das für Sie so weit in Ordnung, Mrs Patston?« »Ja«, sagte sie. »Vielen Dank, Mr Allbeury.« »Dann lassen Sie uns hoffen, dass wir einen Weg finden, Ihnen zu helfen«, sagte er., 30.

H elen Shipley hasste es, vor Gericht zu gehen. Sogar, wenn sie ohne den geringsten Zweifel wusste – unabhängig vom

späteren Urteil –, dass das Recht auf Seiten der Polizei lag und dass der Mann oder die Frau verdiente, was ihn oder sie erwartete, drehte sich ihr beim Anblick der Person auf der Anklagebank der Magen um, und eine Gänsehaut kroch ihr den Rücken herunter. »Für einen Cop«, hatte Graham Shipley, ihr Vater und Ganztags-Kritiker, einmal zu ihr gesagt, »bist du eine Drückebergerin, wenn es darum geht, vor Gericht mitzuerleben, wie der Gerechtigkeit Genüge getan wird.« »Die Angeklagten tun ihr nun mal Leid«, bemerkte Patricia, ihre Mutter, eher spöttisch als verteidigend. Doch Helen empfand kein grundsätzliches, universelles Mitleid für die Angeklagten. Aber da gab es etwas in ihrem Innern – Menschlichkeit, hoffte sie –, das sie dazu brachte, sich immer wieder die Frage zu stellen: Wie und warum? John Bolsovers erstes Erscheinen vor Gericht war für sie persönlich schlimmer als die meisten anderen Gerichtstermine. Sie musste nicht aussagen, und sie wusste, dass man Bolsovers Antrag auf Kaution selbstverständlich ablehnen würde, denn die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ließen keinen Spielraum offen, was das betraf. Und als sie Bolsover beobachtete, wie er auf der Anklagebank saß, fand sie ihn immer noch durch und durch unangenehm, aber … Das war das Problem. Dieses Aber., 31.

D a Christophers fünfundvierzigster Geburtstag auf einen Samstag fiel, hatte Lizzie beschlossen, ihn gebührend zu

feiern. Der Tag sollte zunächst der ganzen Familie gehören. Falls das Wetter mitspielte, würden Angela und William dann zum Mittagessen in den Garten in Holland Park kommen. »Ich fürchte, ich werfe euch vor dem Abend wieder raus«, erklärte Lizzie, als sie auch ihre Mutter einlud. »Aber wenn du hörst, wohin wir gehen, wird es dich nicht weiter stören.« »In die Oper«, sagte Angela sofort, denn sie hasste sowohl Ballett als auch klassische Konzerte jeder Art, mehr als alles andere jedoch die Oper. »Was will Christopher denn sehen – oder sagt man hören?« »Er weiß nichts davon«, sagte Lizzie. »Eine Überraschung. Wie schön.« Ihre Mutter hielt inne. »Und du hast Recht, es macht mir überhaupt nichts aus.« Lizzie hatte ihre Pläne für diesen Abend geheim gehalten und nur vier von Christophers liebsten Freunden und Verwandten eingeladen: seinen Bruder Guy Wade, einen Cellisten, und Moira, eine Violinistin, mit der er verheiratet war; außerdem Anna Mellor und ihren Mann, den Kardiologen Peter Szell. Sie hatte für Ariadne auf Naxos eine Loge in Covent Garden reserviert und im Anschluss einen Tisch fürs Abendessen im Le Gavroche. Nicht unbedingt Lizzies Traum von einem idealen Abend in London, aber ziemlich genau Christophers Vorstellung. »Dafür musst du die Kasse wohl ein wenig plündern«, sagte Angela, als sie es hörte. »Aber wenn jemand es verdient hat, dann Christopher.«, Lizzie erinnerte sich an Edwards Schreie, an Sophies Weinen und Jacks fassungsloses Gesicht. Und an Christopher, wie er sich um alle drei gekümmert, Edward verarztet und die ganze Familie nach Hause gebracht hatte. »Ja, er hat es verdient«, sagte sie. Und sie meinte es auch so. Die Feier war ein großer Erfolg. Christopher war gut gelaunt und in Bestform, vom Frühstück bis zur letzten Minute des Abends, als sie wieder in Holland Park waren und mit ihren Gästen im Wohnzimmer einen Schlummertrunk nahmen, während die Kinder und Gilly am anderen Ende der Wohnung schliefen. »Erinnert mich daran, dass ich euch Taxis rufe«, sagte Lizzie, während sie zusah, wie Christopher die zweite Runde eines sehr alten Calvados einschenkte, den Peter und Anna ihm mitgebracht hatten. Die vier hatten ihre Autos zu Beginn des Abends vor der Wohnung geparkt, und Lizzie erinnerte sich vage daran, dass sowohl Anna als auch Moira an der Champagnerbar gesagt hatten, sie seien die designierten Fahrerinnen. Doch sie waren schon in der Pause weich geworden, und die Weinliste im Gavroche hatte jeden Rest von Vorsatz in kleine Stücke zersprengt. »Außer, ihr möchtet hier bleiben«, fügte Christopher hinzu. »Wir haben nur ein Gästezimmer«, erinnerte Lizzie ihn. »Und ich habe zwei Patienten, die ich zu Mittag besuchen muss«, sagte Peter. »Ich glaube, ich werde den Morgen zu Hause brauchen, zu Ausnüchterungszwecken.« »Und Moira hat Probe«, sagte Guy. »Nicht wahr, Liebling?« Moira nickte, worauf Lizzie den richtigen Augenblick gekommen sah, das örtliche Taxiunternehmen anzurufen. Eine halbe Stunde später – es war gerade Viertel nach zwei durch –, standen Christopher und sie vor der Wohnungstür, sein Arm um ihre Schultern, und winkten ihren Gästen nach. Er schloss die Tür und zog den Arm weg. »Lizzie, ich kann dir gar nicht sagen, wie viel dieser Abend, der ganze Tag mir bedeutet hat.« Seine Augen waren leicht gerötet vor Müdigkeit und zu viel Alkohol, doch es gab keinen Zweifel, dass Liebe darin lag. »Das war etwas ganz Besonderes, und ich bin dir sehr dankbar.« »Es war mir ein Vergnügen«, sagte sie leise. »Du siehst müde aus.« »Das bin ich auch, aber auf angenehme Weise, verstehst du?« »Absolut«, sagte er. Lizzie blickte in Richtung Wohnzimmer. »Ich glaube, ich lasse die Gläser bis morgen stehen und gehe direkt ins Bett.« »Ich kümmere mich um die Gläser«, sagte Christopher, »und sehe nach den Kindern. Danach trinke ich noch in Ruhe ein letztes Glas, bevor ich mich hinlege.« Er lächelte. »Ich habe die nächsten sechsunddreißig Stunden frei.« »Nochmals herzlichen Glückwunsch, Christopher«, sagte Lizzie. Und ging schläfrig ins Bett. Das Quietschen der Türangeln holte sie von tiefem Schlaf in einen leichten Schlummer; das Knarren eines Dielenbretts neben dem Bett schließlich brachte sie noch näher ans Bewusstsein. Sein Gewicht auf dem Bett selbst weckte sie vollends. Der Geruch, die Hitze seines Körpers. »Was …?« Seine Hand auf ihrem Mund schnitt ihr das Wort ab; dann spürte sie das Gewicht seines Körpers auf ihrem, seine freie Hand auf ihrer Haut, die ihre Brüste suchte, nach ihnen, grapschte, ihr in die Brustwarzen kniff, während sein Knie sich zwischen ihre Schenkel drängte. »Lass uns ficken, Star«, sagte er, hob die rechte Hand und schlug Lizzie. »Es wird Zeit, einen Star zu ficken.« Sie wehrte sich, versuchte, ihn zu treten, ihn von sich zu stoßen, doch er schlug noch einmal zu. Es war aussichtslos. Und als sie fühlte, wie er anfing, eisenhart in sie hineinzurammen, verschloss sich bereits ein Teil von Lizzies Verstand. Ihre Gedanken und Gefühle konzentrierten sich auf die Kinder, die am Ende des Flurs in ihren Zimmern schliefen. Seine Hand auf ihrem Mund, die sie vom Schreien abhalten sollte, war im Grunde unnötig, weil sie sich in jeder Sekunde dieses Albtraums bewusst war, dass es nur eins gab, was noch schlimmer wäre als das, was gerade mit ihr geschah: wenn eins ihrer Kinder erfahren würde, sehen könnte, was ihr Vater ihrer Mutter antat. Doch in Gedanken schrie sie, während er immer weiter in sie hineinhämmerte; sie war trocken, und er rammte mit aller Kraft, und sie wusste, dass er sie schlimm verletzte. Ehe Lizzie das Bewusstsein verlor, dachte sie mit seltsamer Distanziertheit, dass er irgendetwas genommen haben musste, irgendeine Droge. Nach der Menge Alkohol, die er den ganzen Tag über konsumiert hatte – seit dem Mittagessen –, war es sicher für keinen Mann möglich, ohne Hilfe irgendeiner Substanz eine solch brutale Attacke zu starten. »Alles okay?« Seine Stimme. Sie kam mit einem entsetzlichen Schrecken zu sich – erst der Schock, dann die Schmerzen. Schlimme Schmerzen. Es war hell im Schlafzimmer, und sie sah ihn. Er trug seinen schwarzen Seidenbademantel, und in seinen Augen lag jetzt nur noch Sorge, keine Spur mehr von Brutalität, bloß noch Angst,, die er nur mit großer Mühe zügelte. »Es geht dir bald wieder gut, Lizzie.« Jetzt war er wieder ihr Mann. Der Arzt. Nicht der Vergewaltiger. »Raus hier.« Ihre Stimme hatte keine Kraft. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch es schmerzte zu sehr, und sie stöhnte. Und da war noch etwas … Blut. »O Gott.« »Ich kümmere mich darum, Lizzie. Hab keine Angst, mein Schatz.« Schatz. Sie wollte schreien, wollte Gilly rufen, sie bitten, ihn von ihr wegzuschaffen, die Kinder aus der Wohnung zu bringen, ihr einen Arzt zu holen, einen anderen Arzt. Aber Sophie und die Jungs würden sie dann ebenfalls hören, und überhaupt, sie konnte nicht schreien, sie konnte gar nichts, sie war viel zu schwach. Und dann verlor sie wieder das Bewusstsein. Als Lizzie das nächste Mal erwachte, lag sie in einem hellen, seltsam riechenden Zimmer, und Christopher beugte sich über sie. Er trug jetzt einen grünen Kittel und einen Mundschutz und sagte noch einmal, dass es ihr bald wieder gut gehen würde. Ihr Hals tat weh, und ihr Mund war staubtrocken. Sie konnte nicht sprechen. »Ich habe die Blutung gestoppt. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, Lizzie. Das Problem ist beseitigt.« Du bist das Problem, antwortete sie in Gedanken. Eine Krankenschwester stand in der Nähe. Er ist das Problem, sagte Lizzie in Gedanken auch zu ihr. »Die Kinder wissen, dass es dir nicht gut ging, aber dass bald, wieder alles in Ordnung ist. Um sie musst du dir also auch keine Gedanken machen. Du musst dich jetzt vor allem ausruhen.« Christopher küsste sie auf die Stirn. »Schlaf, Liebling.« Sie schlief. Das nächste Mal wachte sie in einem anderen Zimmer auf, in einem Krankenhausbett. In ihrem Handrücken steckte eine Kanüle; der Schlauch führte zu einem Apparat, der neben dem Bett stand. Weitere Schläuche kamen von unten. Schmerzen. »Es tut weh …«, sagte Lizzie. »Das hört bald auf«, sagte eine Frauenstimme. »Es dauert nicht mehr lange.« Lizzie drehte sich um und sah eine Krankenschwester auf der anderen Seite ihres Bettes sitzen, die gleiche junge Frau, die sie vorher im Aufwachraum gesehen hatte; sie war hübsch, mit braunen Haaren, und lächelte sie beruhigend und verbindlich an. »Wo sind wir?«, fragte Lizzie benommen. »Im Beauchamp, Mrs Wade.« Die Krankenschwester griff nach ihrer nadelfreien Hand und tätschelte sie sanft. »Sie wurden operiert.« »Blut …«, sagte Lizzie. »Ihr Mann hat die Operation selbst vorgenommen«, sagte die andere Frau. »Sie brauchen sich also nicht die geringsten Sorgen zu machen.« »Do it yourself«, sagte Lizzie schwach. Es folgte eine kleine Pause, als die Krankenschwester versuchte, Lizzie zu verstehen, was ihr aber nicht gelang. »Also, Mrs Wade, wenn die Schmerzen zu schlimm werden und Sie allein sind, müssen Sie nur die Tropfzufuhr höher regeln, oder Sie drücken auf die Ruftaste, und ich bin sofort bei, Ihnen. Mr Wade hat mich gebeten, mich so intensiv wie möglich um Sie zu kümmern.« »Hat er das?« »O ja«, sagte die Schwester. Und Lizzie, immer noch gelähmt durch die Nachwirkungen der Narkose und der Operation, versuchte sich auszumalen, wie das Gesicht der Frau sich veränderte, wenn sie sie bat, die Polizei anzurufen, um ihren Mann verhaften zu lassen. Tu es, sagte sie sich. Natürlich würde sie es nicht tun. Sie konnte das Edward und Sophie und vor allem Jack nicht antun – keinem von ihnen. Nicht das. Und überhaupt, diese junge Frau mit dem verbindlichen Lächeln – außer ihr hatte Lizzie schließlich niemanden gesehen – war wahrscheinlich eine Jüngerin von Sankt Christopher. Schließlich war das hier seine Klinik, sein Herrschaftsgebiet. Und Lizzie glaubte nicht, es verkraften zu können, wenn man ihr nicht glaubte., 32.

A m Montagmorgen bekam Tony Patston in seiner Werkstatt – er war mitten in der Arbeit an einem Motorrad – einen

Anruf von einem Mann namens Eddie Black in Chigwell. Black sagte, er besitze mehrere BMW und Tony sei ihm als zuverlässiger und ehrlicher Mechaniker empfohlen worden. Wenn er bereit sei, alles stehen und liegen zu lassen und noch heute Morgen zu ihm nach Hause zu kommen, um einen der Wagen zu reparieren, könne er ihm ein profitables, legitimes Geschäft für die nächste Zeit mehr oder weniger garantieren. »Voraussetzung ist selbstverständlich«, sagte Black, »dass Sie gute Arbeit leisten.« »Ich brauche etwa eine Stunde«, sagte Tony. »Höchstens eine Stunde«, erwiderte Eddie Black. »Einverstanden«, sagte Tony. »Hier ist Patston Motors. Wir können Ihren Anruf im Augenblick nicht entgegennehmen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufen wir Sie so bald wie möglich zurück.« Joanne wartete noch ein paar Sekunden, dann legte sie auf, zufrieden, dass sie daran gedacht hatte, die 141 vorzuwählen, damit er sah, dass sie es gewesen war, die dreimal in der Werkstatt angerufen hatte. Interessant, was man so alles lernte, wenn es nötig war. »Komm her, mein Schatz«, sagte sie zu Irina, die am Küchentisch saß und eine Banane aß. »Wir gehen in die Bibliothek.« »Bibiteek.« Irina sah sie erfreut an. »Bücher gucken.«, »Genau«, sagte Joanne. »Mein kluges Mädchen.« Kaum eine Minute, nachdem sie Irina mit einem Stapel Bücher an einen Fenstertisch gesetzt hatte, sah Joanne einen Mann im Taschenbuch-Regal bei den Computertischen stöbern und wusste, dass er es sein musste. Er war leger gekleidet, gar nicht wie ein Anwalt, mit beigefarbener Baumwollhose und dunkelblauem Pullover, aber er wirkte trotzdem irgendwie fehl am Platz. Reich. Joanne warf noch einen Blick auf Irina, die im Augenblick vollauf mit ihren Büchern beschäftigt war, dann ging sie langsam auf den Mann zu. Zwei, drei Schritte vor ihm blieb sie stehen. »Mrs Patston?«, fragte Allbeury leise. »Ja.« Er lächelte sie an. »Wo möchten Sie gern reden?« In der Nähe des Eingangs stand ein Tisch mit drei Stühlen, der im Augenblick unbesetzt, für Joannes Geschmack aber zu exponiert war. Ohne etwas zu sagen, steuerte sie einen Platz zwischen zwei Buchständern an, von dem aus sie und Irina einander noch sehen konnten. »Ist es Ihnen hier recht?«, fragte sie. Allbeury überflog die Titel – Terrarium-Reptilien zu seiner Linken, Liebesromane zur Rechten – und lächelte wieder. »Perfekt.« Er hielt inne. »Ich möchte, dass Sie verstehen«, sagte er, »dass Ihnen wirklich ganz klar ist, dass Sie von meiner Seite aus unter keinerlei Druck stehen, Mrs Patston. Der Sinn der Sache ist einzig und allein, Ihnen zu helfen, die Kontrolle über Ihr Leben wiederzugewinnen, die sie verloren zu haben glauben.« »Woher wissen Sie von mir? War es das Krankenhaus?« Joanne musste es wissen, bevor sie weitermachte. »Ich habe Mr, Novak gefragt, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben.« »Eine der Krankenschwestern, eine Freundin, hat sich Sorgen um Irina und Sie gemacht«, sagte Allbeury. »O Gott«, sagte Joanne. »Schon gut. Es war nichts Offizielles.« Er hielt inne. »Hat Ihre Angst irgendwie mit Irinas Adoption zu tun?« »Warum fragen Sie das?«, fragte Joanne misstrauisch. »Weil Mike Novak versucht hat, ein bisschen mehr über Sie herauszufinden. Und als er zu der Adoption kam, ist er auf ein paar Lücken gestoßen. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Mike versteht seinen Job. Er hat keine Wellen geschlagen.« Joanne zögerte noch einen Moment. Am liebsten hätte sie sich Irina geschnappt und wäre davongelaufen. Irgendjemandem musst du vertrauen. »Die Adoption war nicht legal«, sagte sie und fühlte sich, als wäre sie von einer Brücke gesprungen. In der Bücherei war es ruhig. Es war kaum jemand hier außer den Bibliothekaren, und die waren in ihre Arbeit vertieft, tauschten hier und da ein paar Worte und zeigten keinerlei Interesse an Joanne und Allbeury. Nach einer Weile zogen die beiden an den Tisch um, schlugen Bücher und Zeitungen auf und sprachen sehr leise miteinander. Allbeury, fand Joanne, war ein guter Zuhörer. Das musste er in seinem Beruf wohl auch sein. »Eigentlich müsste ich Tony hassen, ich weiß«, sagte sie. »Aber das konnte ich nie, nicht richtig, weil er das alles ja für mich getan hat. Dass wir Irina auf diese Weise zu uns geholt und so viel Geld ausgegeben haben, dass wir all diese Risiken eingegangen sind.« Sie warf noch einen kurzen Blick auf das Kind und fuhr eilig fort: »Ich glaube nicht, dass er seine Trinkerei noch im Griff hat, und sie ist der Grund für seine, Gewalttätigkeit. Vielleicht auch, weil Irina ihn daran erinnert, dass er kein richtiger Vater ist. So hat er das immer gesehen, verstehen Sie? Und das macht ihn wütend.« »Was glauben Sie«, fragte Allbeury, »würde passieren, wenn Sie bei Tony blieben?« »Ich weiß es nicht.« Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wischte sie ab. »Sie haben große Angst, nicht wahr?«, fragte Allbeury. »Ja.« »Wovor fürchten Sie sich am meisten, Joanne?« »Dass Irina schlimm verletzt wird«, sagte sie. »Und dass die Behörden sie Ihnen wegnehmen?« »Ja!«, stieß sie verzweifelt hervor, und drüben, bei den gebundenen Romanen, schaute eine Frau auf. »Sie braucht mich.« Joanne senkte die Stimme wieder. »So wie ich sie brauche.« »Natürlich«, sagte Allbeury. »Wenn Sie einen sicheren Platz für Irina und sich fänden, einen Ort, an den Sie gehen können und wo weder Ihr Mann noch die Polizei Sie fänden …« »Ich habe kein Geld«, sagte sie schnell. »Was ich Ihnen anbiete, würde Sie keinen Penny kosten«, sagte Allbeury. »Sie würden mit neuer Identität in einer vollkommen anderen Umgebung leben. Und irgendwann, wenn Irina in die Schule geht, können Sie wieder arbeiten gehen, wenn Sie wollen – unabhängig werden.« »Eine neue Identität? So wie bei wichtigen Zeugen?« »So etwas Ähnliches.« Allbeury nickte. »Nur dass niemand Sie auffordern würde, gegen Tony auszusagen, weil uns klar ist, dass Sie damit riskieren würden, Irina zu verlieren.« Drüben am Fenster stand Irina von ihrem Stuhl auf. »Ich muss zu ihr«, sagte Joanne., »Tun Sie das«, sagte Allbeury. »Ich warte.« Er beobachtete, wie sie zu dem Kind ging und kurz mit ihm sprach. Er sah den lieben, ernsten Gesichtsausdruck des kleinen Mädchens, als sie zuhörte, was ihre Mutter ihr sagte; er sah, wie sie mit Joanne zu den Kinderbuchregalen ging und sich dann mit einem neuen kleinen Stapel Bücher wieder an den Tisch setzte. Ein braves, ungewöhnlich geduldiges Kind. Es fiel Allbeury schwer, daran zu denken, woher dieser Gehorsam kam. »Tut mir Leid«, sagte Joanne, als sie sich wieder setzte. »Ich kann nicht mehr lange bleiben.« »Das sehe ich«, sagte er. »Sie haben bestimmt Fragen.« »Ja. Vor allem eine. Warum? Warum wollen Sie das für mich tun?« »Weil ich es kann«, antwortete er schlicht. »Weil Sie und Ihre Tochter Hilfe brauchen, und ich glaube, ich kann sie Ihnen geben.« »Und woher weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann?« »Das können Sie nicht wissen«, antwortete Allbeury. »Aber was bleibt Ihnen für eine Alternative?« Sie antwortete nicht. »Ich weiß, ich kann mir nicht einmal annähernd vorstellen, was es bedeutet, vor eine solche Wahl gestellt zu werden«, fuhr er fort. »Und wie ich Ihnen eingangs schon sagte, liegt alles bei Ihnen. Sie haben die Kontrolle.« »Aber das stimmt doch nicht. Wenn ich zu dem hier Ja sage, habe ich nichts mehr unter Kontrolle, richtig?« »Zu Anfang nicht.« Allbeury hielt inne. »Aber später.« »Was ist mit meiner Mutter?« Darauf war er nicht vorbereitet. »Falls Sie nicht möchten, dass Ihre Mutter mitkommt – obwohl es natürlich Komplikationen aufwerfen würde –, könnten Sie sie nicht mehr sehen, zumindest auf absehbare Zeit nicht.« »Können wir uns noch einmal treffen? Sie und ich?«, »Natürlich«, sagte Allbeury. »Allerdings müssten wir dafür sorgen, dass Tony wieder beschäftigt ist, wir wollen ja keinen Verdacht erregen.« »Aber wenn Irina und ich einfach verschwinden«, sagte Joanne, »wird er mit Sicherheit schrecklich wütend. Er würde uns suchen.« »Aber er würde Sie nicht finden.« Joanne schaute wieder zu Irina, die sich in ihrem Stuhl umgedreht hatte und sie ansah. »Meine Mom und sie hängen sehr aneinander.« »Ich weiß, es ist schwer«, sagte Allbeury. »Aber in einer Situation wie dieser ist nun mal nichts perfekt.« Er hielt inne. »Joanne, es ist sicherer, wenn niemand anders davon weiß. Für Irina.« Sie nickte, wieder den Tränen nahe. »Passen Sie auf«, warnte Allbeury. »Ich weiß.« Sie biss sich auf die Lippe und riss sich zusammen. »Gut«, sagte er. »Ich muss jetzt viel nachdenken«, sagte Joanne. »Unbedingt.« »Was passiert als Nächstes?« »Wenn Sie sich dagegen entscheiden«, sagte er, »tun Sie gar nichts. Wenn Sie weitere Fragen haben oder die Antwort Ja lautet, müssen Sie nichts weiter tun als Mike Novak anrufen und es ihm sagen.« »Und was dann?«, fragte Joanne, ihre Augen fest auf seine gerichtet. »Dann treffen wir alle nötigen Vorkehrungen«, sagte Allbeury., 33.

N ur ein kleiner Vaginalriss«, informierte Christopher sie kurz nach der Operation. »Es geht dir bald wieder gut, du

wirst sehen.« Dann ist ja alles bestens, dachte Lizzie ironisch, aber immer noch benommen. Christopher war sehr liebevoll zu ihr, zuerst in der Klinik und auch einige Tage später, als er sie heim nach Marlow brachte. Er war so fürsorglich und nett, wie er nach Edwards Unfall zu dem Jungen gewesen war, und zu ihrer Mutter, und wie er es von Anfang an zu Jack gewesen war. Es wäre so schön gewesen, ihm glauben zu können … an ihn glauben zu können. Aber sie konnte es nicht. Obwohl Wunde und Naht noch schmerzten, als die Kraft langsam wiederkehrte, zwang sie sich, der Realität ins Auge zu blicken. Jetzt blieb ihr keine andere Wahl mehr, als Christopher entschlossen entgegenzutreten. Wenn sie diesmal nicht den Mut dazu aufbrachte, würde sie enden wie viele misshandelte Frauen: zu tief gedemütigt, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sie sorgte dafür, dass sie allein mit ihm war. Keine Trickserei, keine Spielchen. Sie bat ihn einfach, unter der Woche nach Marlow zu kommen, wenn die Kinder in der Schule waren und Gilly anderswo zu tun hatte. Es war Mittwoch, der achtzehnte September, nur zehn Tage nach ihrer Operation – zehn Tage und ein paar Stunden, nachdem Christopher sie vergewaltigt hatte –, doch es kam ihr wie ein ganzes Leben vor. Als Schauplatz der Konfrontation hatte sie ihr Arbeitszimmer gewählt, ihr eigenes Territorium, nicht seines. Sie bat ihn, sich in den Ledersessel gegenüber von ihrem Schreibtisch zu setzen., »Ich fühle mich wie bei einem Bewerbungsgespräch«, sagte er. »Es ist lange her«, begann Lizzie mit trockenem Mund, »seit ich gedroht habe, dich zu verlassen. Aber was du mir in der Nacht nach deinem Geburtstag angetan hast … alles, was du mir seither angetan hast, hat mir gezeigt, dass ich es unseren Kindern und mir selbst schulde.« »Aber du musst doch wissen, dass ich die nie verletzen wollte!«, erwiderte Christopher erschüttert. »Ich hätte so etwas niemals absichtlich getan, und wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich alles dafür tun.« »Du hast mich geschlagen, vergewaltigt und verletzt. Das kannst du niemals ungeschehen machen.« Lizzie achtete darauf, dass ihre Stimme sachlich blieb. »Wenigstens hat mir die Erholungspause nach der Operation genug Zeit zum Nachdenken gelassen. Und ich habe einiges beschlossen, Christopher.« Sie hielt kurz inne. »Ich bin immer noch bereit, bei dir zu bleiben … Jack zuliebe. Nicht wegen Edward und Sophie, denn ich glaube, dass die beiden mit der Zeit darüber hinwegkommen würden. Aber bei Jack bin ich mir nicht so sicher.« Sie atmete tief ein. »Trotzdem bleibe ich nur bei dir, wenn du dich mit gewissen Bedingungen einverstanden erklärst.« »Alles, was du willst.« »Du sagst das so leichtfertig«, bemerkte Lizzie trocken. »Aber das hatten wir schon mal, erinnerst du dich? Bevor wir wussten, dass ich mit Sophie schwanger war. Damals hast du auch ›alles, was du willst‹ gesagt.« »Ja.« Er nahm die Brille ab, rieb sich den Nasenrücken und schloss die Augen. Dann öffnete er sie wieder und sah Lizzie an. »Was sind deine Bedingungen?« »Du näherst dich mir nie wieder auf intimere Weise als für einen Kuss auf die Wange oder eine Umarmung, und auch das, nur in Gegenwart anderer.« Christopher schwieg. Plötzlicher Zorn spiegelte sich auf seinem Gesicht. »Ich habe einen Brief geschrieben, in dem ich deine Übergriffe sowie meine Verletzungen festgehalten habe, ebenso den Missbrauch deines Berufs …« »Lizzie, ich …« »Ich habe diesen Brief versiegelt und bei einem Anwalt hinterlegt – und zwar nicht bei David Lerman oder jemand anderem in seiner Kanzlei.« Lerman war Teilhaber von Allbeury, Lerman und Wren, der Kanzlei, die seit vielen Jahren für Christopher und für HANDS arbeitete. »Aber du kannst dich darauf verlassen, dass der Brief versiegelt bleibt, bis ich persönlich anordne, ihn zu öffnen oder bis etwas passiert, das verhindert, dass ich für mich selbst sprechen kann …« »Wie kannst du auch nur daran denken«, unterbrach Christopher sie wütend, »ich würde dich gewaltsam davon abhalten, jemandem die Geschichte zu erzählen?« »Nach dem, was du mir angetan hast«, Lizzie zitterte, hatte sich aber noch unter Kontrolle, »nach der Widerwärtigkeit dieser Scharade in der Klinik, ganz zu schweigen davon, was vorher passiert ist, scheint mir nichts mehr unmöglich.« »Lizzie, bitte …« »Mir ist klar, dass man mir nicht sofort glauben würde, aber der Inhalt meines Briefs würde mehr als ausreichen, um meinen Anwalt und meine Mutter zu veranlassen, alles zu tun, um dir die Kinder wegzunehmen.« »Ich glaube nicht, dass du Jack so etwas antun würdest.« »Es ist das Letzte, was ich will«, räumte Lizzie ein. »Aber wenn du dich jetzt und hier nicht mit diesen Bedingungen ein- verstanden erklärst, Christopher, habe ich keine andere Wahl.«, »Was noch?«, fragte er leise. »Das Gleiche wie vorher. Du nimmst psychiatrische Hilfe in Anspruch.« Sie verspürte das Verlangen, aufzustehen und umherzugehen, hatte aber immer noch leichte Schmerzen und wollte auf keinen Fall Schwäche zeigen. »Und?« »Nimmst du Drogen, Christopher?« Er blinzelte, sagte aber nichts. »Ich habe den starken Verdacht, dass du in der Nacht, in der du mich vergewaltigt hast, auf irgendeinem Trip warst, und auch diesen Verdacht habe ich in meinem Brief festgehalten.« »Du machst keine halben Sachen, was, Lizzie?« Seine Wut kehrte zurück. »Wenn ich Recht habe«, fuhr sie fort, »und wenn du auch andere Patienten behandelt oder gar operiert hast, während du unter dem Einfluss irgendwelcher Substanzen gestanden hast, werde ich dich anzeigen – es sei denn, du schwörst, dich wegen Drogenabhängigkeit in Therapie zu begeben.« »Ich bin nicht abhängig«, sagte Christopher. »Hast du begriffen, was ich gerade gesagt habe?«, fragte sie scharf. »Ja«, sagte er. »Ich werde etwas unternehmen.« »Schwör es«, sagte sie. »Ich schwöre es. Beim Leben unserer Kinder.« »Nein«, stieß sie hervor. »Sag so was nie wieder!« »Es tut mir Leid.« Christopher nahm seine Brille ab. »Mir tut das alles schrecklich Leid.« Plötzlich hatte er Tränen in den Augen. »Was ich dir in dieser Nacht angetan habe … was ich vorher getan habe … alles. Aber ich bitte dich, sag es den Kindern nicht. Zerstöre nicht ihren Glauben an mich. Bitte, tu das nicht, Lizzie.«, »Ich habe dir bereits gesagt, dass ich hier bleibe«, sagte sie. »Danke.« Jetzt flüsterte er. »Noch eine letzte Sache«, sagte sie. »Alles, was du willst.« »Getrennte Schlafzimmer. Hier, in der Londoner Wohnung und überall sonst, wo wir sind. Mach dir keine Gedanken, ich werde den Kindern und Gilly schon irgendwelche Gründe nennen.« Christopher ließ sich Zeit, dies alles in sich aufzunehmen. »Kannst du mir je wieder vertrauen?«, fragte er schließlich. »Nein«, antwortete Lizzie. »Ich glaube nicht.«, 34.

C lare war am Donnerstagmorgen allein im Büro, hütete die Telefone, aktualisierte die Berichte im Computer, brachte

Ordnung in Mikes Chaos und nutzte ganz allgemein die Zeit, während er einen langweiligen, aber profitablen Firmenauftrag in Dagenham erledigte, als eines der Telefone klingelte. Joanne Patston war am Apparat. »O nein«, rief Joanne, als sie hörte, dass Mike Novak nicht im Büro war. »Schon gut, Joanne«, sagte Clare sanft. »Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Sie Joanne nenne?« »Natürlich nicht.« »Ich bin Clare, okay?« Sie wartete nicht auf Antwort. Ihr war klar, dass im mühsam ausbalancierten Zeitplan Joannes jede Sekunde zählen konnte. »Hören Sie, Joanne, ich weiß, Sie möchten wahrscheinlich nicht, dass Mike Sie zurückruft. Was wäre Ihnen am liebsten? Sie können ihn entweder jetzt gleich auf dem Handy anrufen – es kann allerdings sein, dass er gerade nicht allein ist –, oder ich sorge dafür, dass er an einem ruhigen Platz ungestört telefonieren kann. Sagen wir, in einer halben Stunde?« Kurze Pause. »Ja. In einer halben Stunde.« Joanne spülte das Frühstücksgeschirr. Als sie eine Tasse auf den Boden fallen ließ, brach sie in Tränen aus, hörte jedoch sofort wieder auf, als Irina ebenfalls zu weinen anfing. Als die Scherben sicher entsorgt waren, setzte sie sich mit Irina aufs Wohnzimmersofa und las ihr aus Der Maulwurf und der kleine Vogel vor. Sie bekam alle paar Minuten feuchte Augen, gerührt von der Geschichte, aber noch unendlich viel mehr vom, gespannten Gesichtsausdruck ihrer Tochter. Um zehn Minuten nach zehn hörte Joanne zu lesen auf. »Lies doch weiter, Mami.« »Gleich, Schätzchen.« »Jetzt, Mami«, sagte Irina. Joanne erhob sich vorsichtig vom Sofa und legte dem kleinen Mädchen das Buch in den Schoß. »Du schaust dir die Bilder an. Mami braucht nicht lange.« Auf einem Parkplatz in Dagenham überprüfte Novak gerade den Empfang seines Mobiltelefons, als es läutete. »Mike Novak«, meldete er sich. »Hier ist Joanne Patston.« »Joanne.« Er schien ihre Anspannung durch die Leitung beinahe körperlich spüren zu können. »Clare hat mir gesagt, dass Sie anrufen. Was kann ich für Sie tun?« »Mr Allbeury sagte, ich soll Ihnen meine Antwort geben«, sagte sie. »Das stimmt.« Er hielt inne. »Oder mir Fragen stellen.« »Die Antwort ist Ja«, sagte sie. Novak verspürte einen freudigen Stich. »Das ist prima.« »Wirklich?«, fragte Joanne. »Ja.« Er schwieg kurz. »Sind Sie auch sicher?« »Wie Mr Allbeury sagte – im Grunde habe ich keine Wahl.« »Und es geht nur um Sie und Irina?«, fragte Novak. »Oder auch um Ihre Mutter?« »Nur wir.« Ihre Stimme war jetzt sehr leise. »Ich weiß, dass sie versuchen wird, mir die Sache auszureden, wenn ich es ihr sage, und sie weiß nichts von …« »Irina«, beendete Novak den Satz. »Ich verstehe.«, »Aber sie wird es nicht verstehen«, sagte Joanne. Als er die Traurigkeit in ihrer Stimme hörte, schluckte er schwer. Unglückliche Frauen hatten häufig diese Wirkung auf ihn. Clare nannte ihn ihren Mega-Softie, aber er wusste, dass sie diese Seite an ihm liebte – so wie es umgekehrt auch der Fall war. »Was passiert als Nächstes?«, fragte Joanne. »Erst einmal nichts«, sagte er. »Mir ist klar, dass es nicht leicht für Sie wird, stillzusitzen und sich normal zu verhalten, während Robin alles in die Wege leitet. Er wird sich bemühen, die Vorkehrungen so schnell wie möglich zu treffen, aber solche Dinge brauchen Zeit.« »Wie lange?« »Bis zu zwei Wochen«, antwortete Novak. »Vielleicht weniger.« »O Gott«, sagte Joanne. »Wie ist es zu Hause?« »Es geht so.« Sie zögerte. »In letzter Zeit war seine Laune besser.« Und das stimmte. Das Leben mit Tony war leichter geworden, seit Allbeury seine versprochene »Ablenkung«, geschaffen hatte. Mehr Arbeit an Eddie Blacks BMWs, mehr Geld, weniger Zeit zum Trinken. Nur dass dieser Zustand nicht andauern würde, das wusste Joanne ohne den Schatten eines Zweifels. Im Gegenteil, wenn die neue Einkommensquelle versiegte – was in Anbetracht ihrer Ursache unzweifelhaft der Fall sein würde –, würde Tony verärgert sein, vielleicht schlimmer als zuvor. »Es ist äußerst wichtig«, erklärte Novak, »dass Sie sich genau so verhalten, wie Sie es immer tun, bis Sie wieder von mir hören. Vor allem dürfen Sie mit absolut niemandem über den Plan sprechen.« »Da ich nicht weiß, wie der Plan aussieht«, sagte Joanne, »dürfte das nicht schwierig sein.«, 35.

A bgesehen vom Beginn der Vorweihnachtszeit zählte der Oktober für Christopher zu den aktivsten Monaten, auch

was seine karitativen Tätigkeiten betraf, zu denen das größte HANDS-Benefiz-Dinner des Jahres im Savoy gehörte, sodass Christopher in den Wochen zuvor fast genauso viel Zeit bei Besprechungen mit Dalia Weinberg und den Mitgliedern von HANDS verbrachte wie in Operationssälen oder Sprechzimmern. Sich nach außen hin weiterhin als eheliche Einheit zu präsentieren, wozu Lizzie sich stillschweigend bereit erklärt hatte, erwies sich als belastend für beide. Immerhin war es vor den Kindern, die sie beide mit gleicher Leidenschaft liebten, weniger schwer; auf gewisse Weise hatte Lizzie ja auch schon jahrelange Übung darin, vorzugeben, dass in ihrem ehelichen Garten alles bestens gedieh. Doch ihre Willenserklärung hatte die Machtpositionen in ihrer Ehe verschoben, und so bußfertig Christopher sich ihr gegenüber auch zu geben versuchte, echte Demut lag ihm nicht. »Kommst du dieses Jahr mit ins Savoy?«, fragte er sie acht Tage nach ihrer Konfrontation. »Warst du schon bei einem Psychiater?« Trotz des späten Abends war sie mitten im Backen und rollte gerade Teig für eine Pastete aus. »Nächste Woche habe ich einen Termin.« Er warf einen kurzen Blick zur Tür. »Bei wem?« Lizzie streute ein wenig Mehl auf ihr Nudelholz. »Keine Bange. Die Kinder sind im Bett, und Gilly nimmt ein Bad.« »Es ist nur ein Vorgespräch.«, »Trotzdem«, entgegnete sie ruhig, »wüsste ich gern einen Namen.« »Hast du vor, mich zu kontrollieren?« Seine Wangen röteten sich. »Ich glaube nicht.« »Duncan Campbell«, sagte Christopher. »Dienstag um zwanzig Uhr.« Er hielt inne. »Er empfängt mich aus Kollegialität unter Ärzten außerhalb der Praxiszeit.« »Gut«, sagte Lizzie. »Das ist nett von ihm.« »Es tut mir Leid«, sagte Christopher, »dass du mir das aus der Nase ziehen musstest. Ich weiß, es gehört zu unserer Abmachung.« »Schon gut.« Lizzie hörte auf, den Teig auszurollen. »Es ist nicht meine Absicht, dich in Verlegenheit zu bringen.« »Du hättest jedes Recht dazu.« »Ich komme mit zum HANDS-Dinner«, sagte sie plötzlich. »Vielen Dank.« Er zögerte. »Ich fürchte, ich muss dich noch um einen weiteren Gefallen bitten.« »Und welchen?« Sie holte eine Backform aus einem Schrank, schnitt ein wenig weiche Butter von einem großen Stück ab und fettete die Backform ein. »Du weißt doch, dass David Lerman vor kurzem ein künstliches Hüftgelenk bekommen hat?« »Natürlich. Wir haben ihm Blumen geschickt.« »Weil er krank war, habe ich in letzter Zeit mit seinem Seniorpartner zu tun gehabt, Robin Allbeury.« »Gibt es Probleme?« Lizzie hob den Teig vom Brett in die Backform, drückte ihn gleichmäßig fest und schnitt geschickt die Ränder zurecht. »Im Gegenteil. Er ist eigentlich Experte für Eherecht, aber er hilft HANDS aus Gefälligkeit, und er ist sehr tüchtig. Außerdem, ist er ein Fan von dir, wie sich herausgestellt hat.« Sie sah ihn an. »Um was für einen Gefallen geht es denn?« »Ich würde ihn gern zum Abendessen einladen, wenn es dir nicht zu viel ausmacht.« »Du möchtest, dass ich mitkomme?«, fragte sie. »Ich hatte eigentlich gehofft«, sagte Christopher, »dass du für ihn kochst.« »Kommt darauf an, wann.« »Also wärst du bereit?«, fragte er. »Im Prinzip ja.«, 36.

E ine Woche war bereits verstrichen, und das Warten wurde zur Qual.

Voller Zweifel, Schuldgefühle und Angst vor dem Ungewissen, dem sie ihr Kind aussetzen würde, quälte Joanne jetzt zusätzlich die Tatsache, dass Tony sich Irina gegenüber immer noch wie ein normaler Vater benahm. Nicht unbedingt vorbildlich, aber auch nicht wie ein Ungeheuer. Wir könnten hier bleiben. Wenn sie nur wüsste, was vor ihr und Irina lag. Wenn sie nur ein klein wenig mehr darüber wüsste, wie ihr Verschwinden vonstatten ginge. Dann wäre sie nicht so verängstigt. Sie hatte ihr Leben und Irinas Zukunft Fremden anvertraut: einem Privatdetektiv mit einem freundlichen Gesicht und einem reichen und vermutlich mächtigen Mann, der zu wissen behauptete, wie er gewisse Dinge bewirken könne. Aber wie bewirkte er sie? Wie konnte jemand eine Frau und ein Kind aus einer Welt verschwinden und in einer anderen, die angeblich glücklicher und sicherer war, wieder auftauchen lassen? Mit viel Geld, offensichtlich – und indem er auf irgendeine Weise gegen das Gesetz verstieß. Aber warum – und dieser Gedanke kreiste immer wieder durch Joannes Kopf – wollte Robin Allbeury, der reiche und mächtige Anwalt, für den sie ein Niemand war, das alles für sie und Irina tun? Warum wollte er so viel Geld für sie ausgeben? Warum? Und wann? Denn wenn es noch viel länger dauerte, würde sie die Nerven verlieren., 37.

M ichael Novak hat für Sie angerufen«, sagte Ally King zu Helen. Diese war gerade vom Mittagessen mit ihrer

Schwester Laura zurückgekommen, die mit ihrem Mann Gary und den Kindern in Manchester lebte und für einen Tag zu Besuch war. »Ich habe eben einen Zettel auf Ihren Schreibtisch geklebt.« Helen war überrascht. »Was wollte er?« »Er sagte, er sei gerade in der Gegend und wollte wissen, wie es den Bolsovers geht.« Constable King war sich bewusst, dass Helen nach wie vor unzufrieden mit den Ermittlungsergebnissen im Bolsover-Mord war, auch wenn das Team inzwischen in einem neuen Drogenfall ermittelte. »Offenbar machte er sich Sorgen, wie die Kinder damit zurechtkommen.« »Ach, wirklich?« King hörte den Spott in Helens Stimme, und ihre hübsche Stirn legte sich in missbilligende Falten. »Ich weiß, Sie denken immer noch, dass mit ihm und Allbeury etwas nicht stimmt, aber Sie verdächtigen die beiden doch nicht wirklich?« »Des Mordes?« Helen schüttelte den Kopf. »Nein. Schließlich haben wir unseren Täter.« »Im Ernst«, beharrte Ally King. »Ich meine, wenn Sie einen Grund haben …« »Habe ich nicht«, erwiderte Helen. King wusste, wann ein Thema beendet war. »War es ein nettes Mittagessen?« »Nicht besonders.« King gab auf und machte sich wieder an die Arbeit, während Helen an ihren Schreibtisch ging. Das Essen mit ihrer Schwester, war nervenaufreibend gewesen, weil Laura über nichts anderes geredet hatte als über das neue Haus, das Gary und sie kaufen wollten, und wie gut es den Kindern gefiel und was für ein großartiger Ehemann Gary sei und wie viel Helen sich entgehen ließe. »Ehrlich, du hast ja keine Ahnung«, hatte Laura gesagt ■ und nicht zum ersten Mal. »Ich weiß«, antwortete Helen und versuchte, sich auf ihre Spaghetti zu konzentrieren. »Wenn du dir nicht bald über die wirklich wichtigen Seiten des Lebens Gedanken machst, Helen, dann …« »Ist es zu spät.« »Genau«, sagte Laura. Helen fragte sich, was Laura wohl denken würde, wenn sie Lynne Bolsovers Leiche in dem Schrebergarten gesehen hätte, den schrecklichen Zustand, in dem die Tote gewesen war und das grausige Missverhältnis zwischen ihrem verwesten Körper und dem Pullover und den Jeans, in die er noch gekleidet war. Das war definitiv nicht Lauras Vorstellung von den »wichtigen« Seiten des Lebens – aber verdammt wichtig für Lynnes Familie. Und für sie. Sie hatten jeden Stein umgedreht. Und dann hatte die kleine Kylie Bolsover den blutverschmierten, in Stoff eingewickelten Stein gefunden, und das Gesetz rief Juhu! und legte sich auf die sprichwörtliche faule Haut. Nein, natürlich verdächtigte sie Novak nicht, Lynne Bolsover ermordet zu haben. Und auch Allbeury nicht. Zumindest glaubte Helen nicht, dass sie es waren. Aber ob dieses seltsame Paar nun etwas mit dem Mord zu tun hatte oder nicht – Helen fand Allbeurys private Aktivitäten nach wie vor beunruhigend. Irgendetwas erinnerte sie an die Anwälte, die in der Hoffnung auf eine profitable Schadenersatz-Klage jedem Krankenwagen, hinterherlaufen. Private und unbezahlte Arbeit, rief sie sich zum wiederholten Mal in Erinnerung. Was das Ganze entweder noch lobenswerter oder noch seltsamer erscheinen ließ, je nachdem, wie zynisch man es betrachtete. Und ihre eigene Betrachtungsweise war sehr zynisch. Dass Novak sie angerufen hatte, bedeutete gar nichts. Nur dass es eine vielfach bewiesene Tatsache war, dass manche Mörder sich gezwungen fühlten, so dicht wie möglich an den Ermittlungen in ihrem Fall zu bleiben. Du übertreibst, Helen. Sie sah sich die Notiz an, die King geschrieben hatte, nahm den Hörer ab und wählte die Nummer von Novak Investigations. Novak war nicht da, nur seine Frau, und die wusste von keinem besonderen Grund, aus dem er sich gemeldet haben könnte. »Soll ich Mike bitten, Sie noch einmal anzurufen?«, fragte Clare. »Wenn er will«, sagte Helen. »Allerdings habe ich nichts Neues für ihn – nur, was er schon weiß.« »Dass John Bolsover angeklagt wurde«, sagte Clare. »Richtig«, sagte Helen. »Und die Familie versucht, damit zurechtzukommen.«, 38.

I ch habe mich doch schon entschuldigt«, sagte Christopher am Sonntagnachmittag in der Küche ihrer Holland-Park-

Wohnung zu Lizzie, während sie frisch gekochte Hühnerbrühe durchseihte und versuchte, ihren Zorn im Zaum zu halten. »Normalerweise hast du doch gern Leute zum Essen da. Deshalb dachte ich, es würde dir nichts ausmachen. Und du hattest ja schon gesagt, ich könne ihn fragen …« »Aber ich habe ein bisschen mehr als achtundvierzig Stunden Vorwarnung erwartet.« »Ich weiß. Tut mir Leid.« »Ich mag es nicht, an den Wochenenden von den Kindern weg zu sein.« Christopher schob das Kinn vor, und seine Augen wurden schmal; dann schüttelte er ganz leicht den Kopf und atmete ein. »Was kann ich tun, um dir zu helfen?« »Nichts«, sagte Lizzie, immer noch kurz angebunden. »Außer Gilly anrufen und dich entschuldigen.« »Ich dachte, das hättest du bereits getan.« »Es wäre nett, wenn es von dir käme«, sagte sie. »Weil alles meine Schuld ist.« »So ziemlich«, sagte Lizzie. Sie war schon den ganzen Tag mehr als gereizt gewesen, vor allem, weil Christopher schon am Freitag – kaum zwölf Stunden, nachdem er das Thema angeschnitten hatte – Robin Allbeury zum Abendessen eingeladen hatte; als der Anwalt erwähnte, dass seine Wochenendpläne geplatzt seien, hatte Christopher die Einladung kurzerhand auf Sonntagabend gelegt. Abendessen an einem Sonntag jedoch bedeutete Einkaufen am, Samstag, und Lizzie hatte gehofft, an diesem Wochenende wieder mal zum Schreiben zu kommen. Außerdem hatte Gilly sich am Sonntag freinehmen wollen, und Sophie schien obendrein eine Erkältung zu bekommen. Deshalb wollte Lizzie ihrem Mann sagen, er müsse den Termin verschieben, doch dann erklärte er ihr, wie viel Zeit Allbeury ihm selbst und den HANDS-Angelegenheiten gewidmet hatte. »Und statt uns seinen normalen Satz in Rechnung zu stellen, der fast doppelt so hoch ist wie Davids, hat er uns nur das Übliche berechnet, und das ist verdammt nett von ihm.« Christopher hielt inne. »Deshalb dachte ich, als er mir von seinem abgesagten Wochenende erzählte …« »In Ordnung, Christopher«, lenkte Lizzie ein. »Bist du sicher?« »Ja, natürlich.« Er war sehr dankbar gewesen, hatte ihr Rosen mitgebracht und auch Gilly einen Strauß geschickt, weil sie an dem Abend blieb; er hatte sogar ein kleines Bouquet pinkfarbener Minirosen für Sophie dazulegen lassen, weil sie erkältet war. Lizzie bedauerte nur, dass solche Gesten keine Wirkung mehr auf sie zeigten. Obwohl ihr Esszimmer in Marlow luxuriöser war, mochte Lizzie den intimeren Raum in London ganz besonders. Er war in hellem Creme und Grün gehalten, was an diesem Abend durch die langstieligen Lilien hervorgehoben wurde, die sie morgens in der Holland Park Avenue gekauft hatte. Im Haus musste jede Zusammenkunft von weniger als sechs Personen an dem großen Eichentisch in der Küche stattfinden, aber hier fühlte man sich selbst mit zwei Gästen nicht verloren. Es war Christophers Idee gewesen, auch Susan einzuladen,, und Lizzie hatte den Vorschlag erfreut angenommen – vorausgesetzt, der Anwalt würde nicht den Eindruck gewinnen, sie wollten ihn verkuppeln. Als sie jetzt ihre Flusskrebs-bisque löffelte und Robin Allbeury beobachtete, wie er Susan zuhörte (die wegen des riesigen Gin Tonic, den Christopher vor dem Abendessen gemixt hatte, und des sehr guten Burgunders, den sie jetzt tranken, gesprächiger war als sonst und von ihrer letzten desaströsen Romanze erzählte), musste Lizzie zugeben, dass Allbeury tatsächlich so nett zu sein schien wie Christopher ihn beschrieben hatte – obwohl Charme, den der Anwalt im Überfluss besaß, eine Eigenschaft war, der Lizzie im Laufe der Jahre zu misstrauen gelernt hatte. »Ich hätte mich gar nicht erst darauf einlassen sollen, mit ihm auszugehen«, beendete Susan ihre Geschichte. »Der Mann schien wirklich nicht deinem gewohnt guten Geschmack entsprochen zu haben«, meinte Lizzie. »Er scheint mir ein Schwachkopf zu sein«, sagte Allbeury und grinste. »Wenn ich das mal so sagen darf.« »Dürfen Sie gern«, sagte Susan. »Das trifft es genau.« »Du Arme«, sagte Christopher. »Ach, ich weiß nicht«, sagte sie. »Ein solch grässlicher Abend lässt einen unendlich dankbar sein, wieder nach Hause zu kommen.« »Als würde man in der Pause aus einer Wagner-Oper flüchten«, sagte Allbeury. »O ja«, pflichtete Lizzie ihm inbrünstig bei. »Du sagst doch immer, du hast nichts gegen Wagner«, meinte Christopher. »Ich lüge aus Freundlichkeit«, sagte Lizzie. »Sie mögen Wagner, nicht wahr, Christopher?«, fragte Allbeury. »Sehr gern«, antwortete Christopher. »Genau wie Richard, Strauss.« Lizzie warf ihm einen sehr kurzen, sehr kalten Blick zu; dann lächelte sie Allbeury an. »Wir haben uns vor ein paar Wochen Ariadne auf Naxos angesehen. Mein Geburtstagsgeschenk für Christopher.« »Gruselig«, sagte Allbeury. Erinnerungen an die Nacht nach der Oper flackerten in Lizzies Kopf auf. »Allerdings«, sagte sie. »Die Suppe war fantastisch, Lizzie«, sagte Susan. »Heute ist mein ›Hommage-an-Escoffier‹ -Abend«, erklärte Lizzie. »Ich habe seine bisque de crevettes zum Vorbild genommen, nur mit gewöhnlicher Hühnerbrühe statt einem echten fonds blanc.« »Warum?«, fragte Robin Allbeury. »Weil es einfacher ist«, antwortete Lizzie. »Ich wette, Ihre Suppe hat mir besser geschmeckt, als Escoffiers bisque es je getan hätte«, erklärte Allbeury. »Außerdem«, sagte Susan, »war er sehr dafür, dass man seine Rezepte variiert.« »Kochen Sie auch gern, Susan?«, fragte Allbeury. »Eigentlich nicht«, sagte Susan. »Aber Lizzies Arbeit hat mein Interesse an Büchern über das Kochen geweckt. Manchmal liege ich abends im Bett und lasse mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.« »Klingt interessant«, sagte Christopher. »Zeit, die Suppenteller abzuräumen«, sagte Lizzie und stand auf. Das Telefon klingelte, als sie in der Küche war. Gilly berichtete, dass auch Edward eine Erkältung bekam und erhöhte, Temperatur hatte. »Wie hoch?«, fragte Lizzie. »Achtunddreißig vier«, sagte Gilly. »Kein Grund zur Aufregung.« Und weil sie Lizzie sehr gut kannte, fügte sie hinzu: »Und erst recht kein Grund, alles stehen und liegen zu lassen und aus der Stadt zu rasen.« »Kann ich mit den beiden sprechen?« »Sie schlafen«, sagte Gilly. »Und Jack geht es gut?« »Bestens«, sagte Gilly. »Aber ich sehe regelmäßig nach ihm, auch wenn es ihn nervt.« »Du bist ein Engel, Gilly«, sagte Lizzie. Sie erzählte es Christopher und fragte nach seiner Meinung, um sich zu vergewissern, dass auch er es für eine Überreaktion hielt, ihre Gäste wegen der Erkältung der Kinder hinauszuwerfen. Kurz darauf servierte sie ihr filet de bœuf Saint-Germain. Dennoch war die Stimmung jetzt ein wenig angespannt. Lizzie spürte es und wusste, dass es ihre Schuld war, konnte aber nicht so weit abschalten, um sich ganz davon freizumachen. Wenigstens war das Essen sehr gut, das musste sie selbst zugeben, und in Allbeurys dunklen Augen lag echte Begeisterung. Allbeurys Augen waren dann auch das Einzige von dem Abend, das nach Gillys Anruf bleibenden Eindruck bei Lizzie hinterließ. Christopher hatte ihr erzählt, wie großzügig der Anwalt HANDS gegenüber gewesen war, doch er hatte nicht erwähnt, wie attraktiv der Mann war und wie intensiv seine schokoladenbraunen Augen blicken konnten … so warm und interessiert. Interessiert an mir, dachte Lizzie. Und es stimmte, das sah sie. Freundlich und aufmerksam zu, allen anderen, schien Allbeury ihr gegenüber noch liebens- würdiger zu sein, so als wüsste er, dass Lizzie nicht mehr an den Abend dachte, sondern an ihn. »Es war wundervoll«, sagte er später an der Tür, nachdem er darauf bestanden hatte, die inzwischen sehr beschwipste Susan nach Hause zu fahren. »Sie müssen ein glücklicher Mann sein, Christopher.« »Das bin ich auch«, sagte Christopher und legte den linken Arm um Lizzie, die es Mühe kostete, sich ihm nicht zu entziehen, und die das Gefühl hatte – obwohl es vielleicht nur Einbildung war –, Robin Allbeury habe ihr Unbehagen bemerkt. Offenbar entging der Aufmerksamkeit dieses Mannes nur sehr wenig. »Haben Lizzie und Sie sich schon vor Ihrer Zusammenarbeit bei Vicuna gekannt?«, fragte Allbeury nun Susan, als er seinen Jaguar XK8 in Richtung Battersea Bridge steuerte. »Sie wirken eher wie enge Freundinnen … viel mehr als bloß Kolleginnen.« »Wenn ich mich entscheiden müsste«, antwortete Susan, »würde ich sagen, meine Freundschaft mit Lizzie gehört zu den schönsten Dingen, die mir im Job widerfahren sind.« »Sie scheint wirklich bezaubernd zu sein«, sagte er. »Das ist sie«, bestätigte Susan. »Der Anruf wegen ihrer Kinder hat sie offensichtlich beunruhigt.« »Ja. Lizzie ist zwar nicht der Typ, der überreagiert, aber sie macht sich natürlich Sorgen – um alle drei Kinder, vor allem aber um Jack.« »Warum vor allem um Jack?«, fragte Allbeury. Da Jacks Erkrankung kein Geheimnis war, sah Susan keinen Grund, Allbeury nicht davon zu erzählen – und von den anderen Unglücksfällen, die den Wades in letzter Zeit widerfahren, waren: Edwards schlimmer Unfall, der Abbruch der Lizzie Piper Roadshow und dann, erst kürzlich, Lizzies Krankenhausaufenthalt. »Christopher hat alles stehen und liegen lassen, damit er sich zu Hause um sie kümmern kann. Man kann also wohl von Glück im Unglück sprechen«, fügte Susan hinzu. »Was hatte Lizzie denn?«, fragte Allbeury. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Susan. »Sie hat sich sehr unklar ausgedrückt.« Allbeury fühlte seine Neugier auf unerklärliche Weise angestachelt. »Wahrscheinlich nur eine Grippe«, ermutigte er sie zum Weitersprechen. »Ich glaube, es war schlimmer. Als ich in Marlow anrief, sagte Gilly, Lizzie liege im Beauchamp Hospital, aber dort sagte man mir, sie sei nicht da.« »Seltsam«, sagte Allbeury. Susan schämte sich plötzlich. »Ich weiß nicht, ob sie gewollt hätte, dass ich Ihnen das erzähle.« Verdammter Alkohol. »Aller- dings habe ich Ihnen ja eigentlich nichts Richtiges erzählt …« »Überhaupt nichts«, sagte Allbeury und lächelte sie an., 39.

A m Montagmorgen aß Tony später als gewöhnlich sein übliches gebratenes Frühstück, als das Telefon klingelte.

»Ich gehe ran«, sagte Joanne von der Spüle aus. »Wenn es Eddie Black ist, gib ihn mir«, sagte Tony. »Für alle anderen bin ich nicht da.« Joanne trocknete sich die Hände ab und nahm den Hörer vom Telefon, das neben dem Herd an der Wand hing. »Hallo?« Von oben, aus Irinas Zimmer, hörte Tony eine Reihe leiser, dumpfer Schläge. »Ja.« Joanne neigte den Kopf und horchte ebenfalls, falls ihr Kind in Schwierigkeiten war. Wer ist da?, fragte Tony sie lautlos. »Das könnte schwierig werden«, sagte Joanne. Tony hörte einen weiteren Schlag von oben, zuckte mit den Achseln, nahm das letzte Stück Speck und steckte es sich in den Mund. »Okay«, sagte Joanne. »Tschüss.« Sie legte den Hörer wieder auf die Gabel. »War das Irina?« »Wer sonst?« Er kippte den Rest von seinem Kaffee herunter. »Wer war dran?« »Möchtest du noch eine Tasse?«, fragte Joanne. »Nein.« Tony sah sie an. »Alles in Ordnung?« Sie drehte sich wieder zur Spüle. »Natürlich.« »Wer war am Telefon?« »Nur diese Frau, die ich in der Bibliothek kennen gelernt habe.«, Bibliothek. Joanne starrte in die Spüle und biss sich auf die Unterlippe. Sie wünschte, sie hätte es nicht gesagt, doch auf die Schnelle war ihr nichts anderes eingefallen. Macht nichts, sagte sie sich. Er hört ja sowieso nie hin. »Was wollte sie?«, fragte Tony. »Sie wollte sich heute Morgen mit mir treffen und einen Kaffee trinken.« »Und was ist so schwierig daran?« »Schwierig?«, wiederholte sie. »Du sagtest, es könnte schwierig werden.« Seine Stimme klang freundlich. Manchmal hört er doch zu. Sie drehte das heiße Wasser auf und riss sich zusammen, um nicht allzu verwirrt zu erscheinen. »Ich muss bügeln und einkaufen.« Tony stand auf, nahm seinen Teller und stellte ihn in die Spüle. »Würde dir sicher gut tun, zur Abwechslung mal rauszukommen und eine Freundin zu treffen.« Er streckte die Hand aus und streichelte ihr Haar. »Du warst in letzter Zeit ein bisschen angespannt, Jo.« Sie errötete schuldbewusst. »PMS«, sagte sie. Von oben ertönte ein weiterer Schlag. »Du solltest lieber nach ihr schauen«, sagte Tony., 40.

E s war Viertel nach neun durch, und Lizzie befand sich längst auf dem Weg nach Marlow – in dem japanischen

Sportcoupé, das sie gern fuhr, wenn sie nicht den rollstuhlfreundlichen Range Rover der Familie benutzte –, als ihr Telefon klingelte. »Hier ist Susan. Kannst du reden?« »Ja«, sagte Lizzie. »Ich sitze zwar im Auto, aber mit Freisprechanlage.« »Es war ein fantastisches Abendessen«, sagte Susan, »auch wenn ich zu viel getrunken habe. Wie geht es den Kindern?« »Es geht so.« Lizzie hielt inne. »Und deine Fahrt nach Hause? Wie war die?« »Er ist wirklich ein sehr netter Mann«, sagte Susan. »Und sexy, auch wenn er nur Augen für dich hatte.« »Sei nicht albern«, sagte Lizzie. »Jedenfalls wollte Robin auf dem ganzen Weg nach Clapham über nichts anderes reden als über dich.« Diese Feststellung schien Susans Fröhlichkeit nicht abträglich zu sein. »Tu nicht so überrascht, weil ein anderer Mann sich für dich interessiert.« »Robin Allbeury interessiert sich nicht für mich.« Es fing an zu regnen, und Lizzie stellte den Scheibenwischer ein. »Du willst nicht wahrhaben, wie attraktiv du bist, nicht wahr?« »Sei doch realistisch, Susan.« Lizzie lachte. »Es ist ein elender Montagmorgen, und ich hab letzte Nacht zu wenig geschlafen – ich fühle mich ungefähr so attraktiv wie ein nasses Paar Stiefel.« »Willkommen im Club«, sagte Susan. »Und wenn du mir wegen Robin nicht glaubst, frag mal deinen Gatten.« »Wie meinst du das?«, »Ich wette, er hat es bemerkt.« »Quatsch«, sagte Lizzie schnell. »Aber Robin ist ein netter Mann, da musst du mir doch zustimmen«, sagte Susan. »Ja, das ist er wohl«, pflichtete Lizzie ihr bei., 41.

H elen war im Gerichtssaal, als verkündet wurde, dass John Bolsover einen zweiten Monat in Sicherheitsgewahrsam

bleiben würde. Sie war nicht gekommen, weil sie kommen musste, sondern weil sie das Verlangen hatte, sich Bolsover noch einmal anzuschauen. Sie wollte sein Bild in sich aufnehmen, wollte spüren, dass er schuldig war. Was ihr nicht gelang. Sie war außerdem gekommen, weil Mike Novak sich wieder gemeldet hatte, und sie hatte sich bereit erklärt, nach der Anhörung ein Glas mit ihm trinken zu gehen. Sie fanden einen Ecktisch im The Harp. Der Privatdetektiv bestellte einen Orangensaft für Helen und ein kleines Bier vom Fass für sich selbst. Anfangs entspannte sich Helen. Sie war genauso froh wie Novak, der bedrückenden Atmosphäre des Gerichts entkommen zu sein. Dann aber kehrte ihre Anspannung zurück. »Also, was kann ich für Sie tun, Mr Novak?«, wollte sie wissen. »Als Sie das erste Mal anriefen, sagten Sie, Sie seien zufällig bei mir in der Gegend. Danach sagten Sie, Sie hätten nur meinen Anruf beantwortet.« »Beides stimmt.« »Und wo waren Sie heute Morgen zufällig? Segeln auf dem Welsh Harp?« Novak schwieg einen Moment. »Ich bin nur …« Er zuckte die Achseln. »Ich fühle mich dem Fall verbunden. In irgendeiner Form sogar verantwortlich dafür.« »Wieso?«, »Weil ich Lynne Bolsover im Stich gelassen habe.« »Wenn sie überhaupt im Stich gelassen wurde, dann doch wohl von Mr Allbeury«, sagte Helen. »Macht er sich genauso viele Gedanken wie Sie?« »Wir haben in letzter Zeit nicht über den Fall gesprochen.« »Aus den Augen, aus dem Sinn?«, sagte Helen. Novak schüttelte den Kopf. »Was ist?«, fragte Helen. »Nichts.« »Sie sehen wütend aus.« »Ich bin nicht wütend, Inspector. Ich wollte nur sagen, dass Sie eine Menge Mutmaßungen anstellen.« Jetzt war es Helen, die mit den Achseln zuckte. »Das versuche ich meistens zu vermeiden.« »Sie haben Mutmaßungen über Robin Allbeury angestellt.« »Habe ich das?« Beide schwiegen eine Weile. »Sie sind nicht überzeugt, dass es wirklich Bolsover war, richtig?« Novaks Augen musterten sie forschend. »Gegen ihn wurde Anklage erhoben.« »Und inoffiziell?« Helen trank ihren Saft und warf einen Blick auf die Uhr. »Ich muss los.« »Wir wissen, dass er sie geschlagen hat. Sie haben die Tatwaffe gefunden.« »Das ist kein Geheimnis.« Helen stand auf. »Danke für den Saft, Mr Novak.« Er starrte zu ihr hoch. »Aber Sie sind trotzdem nicht überzeugt, richtig?« »Auf Wiedersehen, Mr Novak.«, Novak dachte noch über Helen Shipley nach, als er seinen Wagen in den Verkehr einfädelte; sein alter Clio stotterte ein wenig. Allbeury hatte ihm einmal angeboten, ihm einen neuen Wagen zu kaufen, und Novak war arg in Versuchung geraten, doch Clare hatte nur die Stirn gerunzelt, als sie von dem Angebot erfuhr – sie sah darin einen Schritt zu weit in eine Richtung, die ihr noch nie sehr behagt hatte. »Er hat es nur deshalb vorgeschlagen, weil er will, dass ich ein zuverlässiges Auto habe, solange ich für ihn arbeite«, erklärte Novak. »Dann soll er dir eins leihen, wenn du für ihn arbeitest«, erwiderte Clare. »Er hat kein Interesse, mich zu kaufen«, fuhr Novak fort, immer noch in der Defensive. »Du bist Idealist durch und durch.« Damit hatte sie natürlich Recht, überlegte er jetzt, während er in einen Tunnel einfuhr. Bei der Polizei war sein Idealismus ein Problem gewesen. Es war in Ordnung – zumindest akzeptabel –, idealistisch zu sein, wenn man dort anfing; später aber musste man entweder die meisten Vorstellungen fallen lassen und sich zu den Zynikern gesellen, oder man blieb unten. Inspector Shipley war der lebende Beweis dafür. Eine intelligente, wahrscheinlich hochmotivierte Frau, die – da war Novak jetzt sicher – große Zweifel an John Bolsovers Schuld hegte, zumindest was den Mord betraf, die im Grunde aber keine andere Wahl hatte, als auf Linie zu bleiben. Novak wäre unter den gleichen Umständen ein hoffnungsloser Fall gewesen. Und Allbeury, so überraschend das für einen solch distinguierten Mann in einem solch zynischen Beruf auch war, wäre es ebenso ergangen. Doch Clare hätte ihre Zweifel, das wusste Novak. Selbst jetzt, nachdem sie Allbeury um Hilfe für die Patstons gebeten hatten,, zweifelte sie noch an ihm. Andererseits, sinnierte er, während er weiter durch den zähen Verkehr kroch, steckte das ganze Leben ja voller Zweifel. Die meisten Dinge, die meisten Menschen., 42.

L izzie stand in ihrer Küche in Marlow und presste Orangen aus, als Allbeury anrief, um ihr für den Abend zu danken.

»Die Sache hat nur einen Haken«, fügte er hinzu. »Jetzt, wo ich das Original einmal gekostet habe, werde ich es wohl nie wagen, die Lizzie-Piper-Rezepte selbst auszuprobieren.« Seine Stimme, fand Lizzie, war freundlich und warm. Eine gute Stimme. »Christopher hat erwähnt, dass Sie eins meiner Bücher besitzen«, sagte sie. »Ich habe drei.« Allbeury hielt inne. »Und ich freue mich schon auf das Roadshow-Buch.« »Das liegt auf Eis, fürchte ich.« Lizzie warf die Orangenschalen in ihren Mülleimer. »Susan hat auf der Heimfahrt so etwas angedeutet.« »Tatsächlich?« Lizzie goss den Saft in einen Glaskrug. »Jedenfalls freut es mich, dass Ihnen der Abend gefallen hat. Ich glaube, ich war ein bisschen abgelenkt, nachdem Gilly angerufen hatte.« »Verständlich«, sagte Allbeury. »Wie geht es den jungen Leuten?« »Es geht so, danke.« »Sie sind wahrscheinlich froh, ihre Mutter wiederzuhaben – und wer könnte es ihnen verdenken?« »Ja.« »Ich kann mir vorstellen, dass Sie alle Hände voll zu tun haben«, sagte Allbeury, »deshalb will ich Sie nicht weiter aufhalten. Aber wenn Christopher und Sie mal einen freien Abend haben, würde ich die Einladung sehr gern erwidern. Oder wie wär’s mit einem Mittagessen am Sonntag?«, »Das wäre sehr nett«, sagte Lizzie. Der Anwalt dankte ihr noch einmal. »Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, Sie von Ihren Kindern fern zu halten, als es ihnen nicht gut ging«, fügte er hinzu. »Die Kinder haben bloß eine Erkältung«, sagte Lizzie ein wenig zu forsch. »Aber Sie hätten es gern mit eigenen Augen gesehen, nicht wahr?« »Ja«, sagte Lizzie. »Das stimmt.« Und als sie sich mit Saft und Gläsern auf den Weg nach oben machte, dachte sie, dass Susan wohl Recht hatte. Allbeury schien ausgesprochen nett zu sein., 43.

U m kurz vor fünf an diesem Nachmittag rief Sandra Finch, die sich allmählich Sorgen um ihre Tochter machte, ihren

Schwiegersohn in der Werkstatt an, um ihn zu fragen, ob er wüsste, wo Joanne sein könnte. »Ist sie denn nicht zu Hause?« Tony, der schon seit dem Frühstück unter Sodbrennen litt, hatte soeben beschlossen, dass er für heute genug gearbeitet hatte, und war dabei, sich für den Pub umzuziehen. »Nein, ist sie nicht.« Sandra schaffte es, sich ein »offensichtlich« zu verkneifen. »Es ist nur, weil sie mir heute Morgen Irina vorbeigebracht hat.« »Irina war also den ganzen Tag bei dir?« Er war verärgert. »Joanne sagte, sie würde gegen Mittag zurück sein, aber ich habe seitdem kein Wort von ihr gehört und mache mir allmählich Gedanken. Ich habe es auf ihrem Mobiltelefon probiert, aber es ist ausgeschaltet.« »Das Handy liegt wahrscheinlich zu Hause, sie vergisst es ständig.« Tony klemmte sich das Telefon unters Kinn und rieb sich die Hände mit Handwaschpaste ein. »Warum hast du mir nicht früher Bescheid gesagt, Sandra?« »Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.« »Ich mache mir keine Sorgen.« »Glaubst du, eure Nachbarin Nicki könnte wissen, wo sie ist?« »Die Georgious sind auf Zypern.« Tony ging zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. »Wahrscheinlich ist Joanne noch unterwegs, einkaufen oder so. Tut mir Leid, dass sie dir Irina den ganzen Tag aufgehalst hat.« »Das macht nichts«, sagte Sandra. »Ich finde es schön, die, Kleine hier zu haben.« Tony wusch die ölige Paste ab und drückte sich Spülmittel auf die Handflächen. »Trotzdem hat sie uns ausgenutzt, oder? Dich und mich. Und ich habe ihr noch gesagt, sie soll mit ihrer Freundin ausgehen.« »Mit welcher Freundin?«, fragte Sandra. »Weiß ich nicht.« Tonys Gedanken waren nur auf einen Drink gerichtet. »Macht es dir etwas aus, Irina erst einmal bei dir zu behalten?« »Natürlich nicht«, antwortete Sandra. »Aber du rufst mich an, sobald Joanne sich meldet, ja?« »Ja, sicher«, sagte Tony. »Aber du hörst wahrscheinlich zuerst von ihr, meinst du nicht auch?« »Ich hoffe es«, sagte Sandra., 44.

O bwohl ihn an einem Montagnachmittag in Bedford Row eigentlich ganz andere Dinge hätten beschäftigen müssen,

kreisten Allbeurys Gedanken unerwartet beharrlich um Lizzie Piper und ihren Mann, während er sich in seinem komfortablen Büro einen Scotch einschenkte. Der Anwalt hatte im Laufe vieler Jahre gelernt, Äußerlichkeiten wenig Wert beizumessen. Er wusste besser als viele andere, wie viele nach außen hin scheinbar gute Ehen von innen durch blaue Flecken, sogar Blut verunstaltet wurden und wie viele Makel sich selbst bei den glamourösesten Paaren fanden. Und am gestrigen Abend hatte Allbeury trotz Lizzies herzlicher Gastfreundschaft und Christophers Freundlichkeit von Anfang an das Gefühl gehabt, dass zwischen beiden irgendetwas sehr Ungesundes in der Luft lag. Und damit meinte er nicht die Kinder. Der Anruf aus Marlow, erinnerte er sich, war erst nach dem ersten Mini-Zusammenstoß gekommen: dieser Sache mit der Oper. Es hatte nicht länger gedauert als einen oder zwei Wimpernschläge, aber in diesem Moment hatte Lizzie – die reizende, herzliche Frau, die sie sonst zu sein schien – eisige Kälte ausgestrahlt. Das hatte seine Neugier geweckt. Anschließend hatte sie von der Erkältung ihrer Kinder erfahren – zu diesem Zeitpunkt hatte er, Allbeury, noch nicht von der Muskeldystrophie ihres Sohnes gewusst. Der arme Junge. Das musste eine allgegenwärtige Quelle des Kummers und der Angst für die ganze Familie sein, vor allem, wenn ein Virus grassierte. Arme Lizzie. Doch es war diese Umarmung am Ende des Abends gewesen, die seine Neugier und seine Sorge erst richtig angestachelt hatte, – auch wenn es ihm ganz gewiss nicht zustand, besorgt zu sein. Christopher hatte den Arm um Lizzie gelegt, und sie hatte es zugelassen; sie hatte ihn nicht weggeschoben, sondern neben ihm auf der Türschwelle gestanden und gelächelt, bis Susan und er gegangen waren. Das Deuten von Körpersprache wurde Allbeurys Meinung nach meist überbewertet, doch es gab Augenblicke, in denen man sie unmöglich übersehen konnte, und diese Situation zwischen den Wades war ein solcher Augenblick gewesen. Lizzie mochte ihren Mann nicht direkt abgewehrt haben, doch Allbeury war sicher, dass sie seine Umarmung nicht gewollt hatte. Warum nicht? Wo doch alles, was er über diese Beziehung gelesen hatte, geradezu nach »perfektem Paar« schrie. Ganz gleich, wie beschäftigt er im Büro war, ganz gleich, wie beschäftigt er dann noch zu Hause sein würde, wo er Joanne Patstons Befreiung aus ihrer Notlage in die Wege leiten wollte – Allbeury bekam Lizzie Piper einfach nicht aus dem Kopf. Das beunruhigte ihn. Denn wenn Lizzie tatsächlich so ernsthafte Probleme hatte, wie er vermutete, wusste er jetzt schon, dass er versucht war, ihr zu helfen. Und Allbeury hatte nie zuvor beschlossen, einer Frau zu helfen, zu der er sich hingezogen fühlte. Sehr hingezogen fühlte., 45.

N ach einer komplizierten dreistündigen Operation eines Unfallopfers im St. Clares kehrte Christopher um kurz vor

halb sechs in die Beauchamp-Klinik zurück, wo er von seiner Sekretärin Jane Meredith erfuhr, dass Lizzie angerufen hatte: Jack zeige nun ebenfalls Symptome jener Virusinfektion, die Edward und Sophie erwischt hatte. Eilig lief Christopher in sein Büro und rief zu Hause an. »Wie geht es ihm?« »Nicht schlecht«, antwortete Lizzie. »Er hat nur ein bisschen erhöhte Temperatur.« »War Hilda da?« »Vor einer Stunde. Sie hat mich sehr beruhigt.« »Gut.« Christopher hielt inne. »Soll ich kommen?« »Wenn du kannst, wäre es mir sehr lieb«, gab Lizzie zu. »Ich brauche zehn bis fünfzehn Minuten, um mit Jane alles zu besprechen«, sagte Christopher, »dann mache ich mich auf den Weg.« »Fahr vorsichtig«, sagte Lizzie. »Es geht ihm wirklich relativ gut.« Das bloße Wissen, dass Christopher gegen acht zu Hause sein würde, bewirkte augenblicklich, dass Lizzie sich besser fühlte. Edward und Sophie hatten die schlimmste Phase ihrer Erkältung mit der Leichtigkeit gesunder junger Menschen bereits hinter sich gelassen – und bei sorgfältiger Behandlung und Beobachtung Jacks war es sehr wahrscheinlich, dass es bei ihm genauso verlief. Doch Lizzie und Christopher war nur allzu bewusst, dass für einen Jungen mit DMD jede Atemwegserkrankung ein Risiko darstellte. Lizzie hatte vollstes, Vertrauen zu Hilda Kapur, doch Gilly hatte heute frei, und selbst wenn sie hier gewesen wäre, um ihr moralische Unterstützung zu leisten: In Zeiten wie diesen schätzte Lizzie – immer noch und trotz allem – Christophers Gegenwart am meisten. »Hast du mit Dad gesprochen?«, fragte Jack, sobald sie sein Zimmer wieder betrat. »Habe ich.« Lizzie legte ihm eine Hand auf die Stirn. Sie fühlte sich zu warm an. »Er macht in der Klinik Feierabend und kommt nach Hause.« »Ich will nicht, dass er extra kommt, Mom.« Jack hasste »den ganzen Zirkus«, der begann, sobald er ein paar Mal nieste oder auch nur ein bisschen erhöhte Temperatur hatte. »Ruf ihn noch mal an und sag ihm, dass es mir gut geht.« »Er wollte sowieso kommen«, log Lizzie. »Bestimmt nicht!« Jack hustete, und Lizzies ganzer Körper spannte sich an. »Keine Bange, Mom«, sagte er, als er ihren Gesichtsausdruck sah. »Es ist nur ein Kitzeln.« »Ich weiß«, sagte sie. Er hustete noch einmal. »Alles okay?«, fragte sie. Jack nickte, hustete aber weiter. »Wie wär’s mit einer Suppe?« Er schüttelte den Kopf. »Tee?« Er nickte. »Alles, um mich loszuwerden, richtig?«, fragte Lizzie. »Ja.« Er lehnte sich zurück in seine Kissen. Als sie aus dem Zimmer ging, hustete er wieder., 46.

T ony war betrunken, als er nach Hause kam, aber nicht betrunken genug, um nicht zu merken, dass sein Haus

immer noch stockdunkel und leer war – und keinesfalls war er betrunken genug, um deswegen nicht stocksauer zu sein. Er schaltete das Licht ein, zog die Haustür hinter sich ins Schloss und torkelte ins Wohnzimmer. Das schnurlose Telefon in der Hand, versuchte er sich an die Nummer seiner Schwiegermutter zu erinnern, was ihm nicht gelang. Dann fiel ihm ein, dass Joanne ihre Nummer auf eine Kurzwahl-Taste gelegt hatte. Er drückte sie und ließ sich aufs Sofa fallen. »Hallo?« Sandra klang besorgt. »Sie ist nicht hier«, sagte Tony. »Ist sie bei dir?« »Tony, wo warst du denn?« Sie klang vorwurfsvoll. Der Grund war offensichtlich der, dass er sich nicht bei ihr gemeldet hatte – oder vielleicht auch, dass seine Aussprache etwas undeutlich war. Aber wenn ihn zu Hause weder Frau noch Kind erwarteten, warum sollte er dann nicht ein paar Bier trinken gehen? »Ist sie da?«, fragte er aggressiver als beabsichtigt. »Nein, und ich habe auch nichts von ihr gehört. Und du offensichtlich auch nicht. Langsam bekomme ich wirklich Angst, Tony. Ich finde, du solltest die Polizei anrufen.« »Das ist ein bisschen übertrieben.« »Finde ich nicht«, sagte Sandra. Er rutschte auf dem Sofa hin und her und versuchte sich etwas Beruhigendes einfallen zu lassen, das er sagen könnte, denn seine Schwiegermutter schien wirklich verängstigt zu sein. Jetzt, wo er darüber nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass, Joanne in der ganzen Zeit ihrer Ehe irgendwann einmal weggegangen war, ohne anzurufen oder eine Nachricht zu hinterlassen. »Ich dreh ’ne Runde durch die Wohnung. Mal sehen, ob sie nicht doch an irgendeinem idiotischen Platz einen Zettel hinterlassen hat.« »Okay«, sagte Sandra. »Danke, Tony.« Mit einiger Mühe erhob er sich vom Sofa, wanderte im Wohnzimmer herum, ging wieder in den Flur, dann in die Küche, und schaltete im Vorbeigehen weitere Lampen ein. »Da ist nichts«, verkündete er seiner Schwiegermutter. »Ruf die Polizei an«, sagte sie. Er taumelte zurück ins Wohnzimmer. »Warte mal ’nen Moment, Sandra. Erzähl mir, was Joanne gesagt hat, als sie dir Irina heute Morgen gebracht hat.« Er setzte sich wieder hin. »Geht es der Kleinen gut?« »Bestens. Keine Probleme. Sie liegt in meinem Bett und macht ein Schläfchen.« »Schön«, sagte er. »Also, hat Jo dir gesagt, mit wem sie sich treffen wollte?« »Sie war in Eile. Ich hab’s dir ja schon erzählt: Sie hat lediglich gesagt, sie wollte um die Mittagszeit zurückkommen.« Sandra hielt inne. »Tony, du hast doch etwas von einer Freundin gesagt.« »Ja, da war diese Frau, die beim Frühstück angerufen hat«, sagte Tony. »Hat Joanne dir ihren Namen nicht genannt?« »Nein.« Er versuchte sich den Morgen in Erinnerung zu rufen, so gut es in dem Bier- und Whiskeynebel möglich war, der ihm das Hirn vernebelte. »Nein, hat sie nicht. Sie hat sich ein bisschen seltsam benommen, das weiß ich noch … Sie sagte, sie wollte nicht hingehen, weil sie bügeln müsste. Ich sagte zu ihr,, es würde ihr gut tun, mal rauszukommen. Das hab ich jetzt davon, dass ich sie aufheitern wollte.« »Sie muss doch irgendetwas über diese Frau gesagt haben«, beharrte Sandra. Er kramte noch einmal in seinem Gedächtnis, suchte nach irgendetwas, um dem hier ein Ende zu machen und ein bisschen Schlaf zu bekommen. »Die Bibliothek«, fiel ihm dann ein. »Sie hat die Frau in der Bibliothek kennen gelernt … Sie geht immer mit Irina in die Bibliothek.« »Aber einen Namen weißt du nicht?«, sagte Sandra. »Verdammt noch mal!« Tony verlor die Geduld. »Wie oft fragst du denn noch? Wenn ich geahnt hätte, dass sie vorhat, unsere Tochter bei dir abzuladen und sich den ganzen Tag und die halbe Nacht zu verpissen …« »Vielleicht ist ihr etwas passiert, verdammt!« Auch Sandra war wütend. »Wenn sie einen Unfall gehabt hätte, hätten wir’s erfahren.« »Du warst doch gar nicht zu Hause«, entgegnete Sandra. »Ruf wenigstens das Krankenhaus an.« »Welches?« Er wurde wieder freundlicher. »Sandra, Liebes, ich war auf der Arbeit, und du warst zu Hause. Wenn etwas Schlimmes passiert wäre, hätten sie einen von uns beiden schon ausfindig gemacht.« »Wahrscheinlich.« Sie schwieg kurz. »Was ist mit Irina?« »Ich weiß nicht«, sagte Tony. »Ich denke, wir sollten sie besser nicht stören, oder?« »Stimmt.« »Geht es in Ordnung, wenn du sie morgen auch noch bei dir behältst? Ich bin mit der Arbeit im Rückstand.« »Was ist mit der Polizei?«, fragte Sandra. »Mit der warten wir noch«, sagte Tony entschieden. »Ehrlich,, Sandra, sie taucht bestimmt jede Minute wieder auf, und dann lachen wir alle über unsere Dummheit.« »Glaubst du wirklich?« Sie klang skeptisch. »Ja, klar«, versicherte er mit Nachdruck. »Es ist schon so spät«, sagte Sandra. »Und wir blockieren das Telefon«, sagte Tony. »Wir haben keine Anklopf-Funktion. Es ist besser, wir legen auf, falls sie es versucht.« »Ruf mich an, wenn du etwas hörst. Egal was, egal wann.« Sie hielt inne. »Und wenn sie morgen früh nicht zurück ist, rufst du die Polizei, ja?« »Sie wird zurück sein, Sandra. Ich weiß es.« »Hoffentlich.« Nachdem Sandra aufgelegt hatte, ging sie ins obere Stockwerk ihres Hauses in Edmonton, um nach ihrer Enkelin zu sehen. Irina regte sich, als sie ins Zimmer kam. »Schon gut, Schätzchen.« Sandra ging zum Bett, setzte sich vorsichtig auf den Rand und streichelte die weiche, warme Wange des Mädchens. »Schlaf weiter.« »Ist Mami schon hier?« Ihre Stimme war schmusig und verträumt. »Noch nicht, Schatz, aber bald. Schlaf weiter.« Irina öffnete ihre schwarzen Kirschaugen ein Stückchen weiter und blickte ihrer Oma ins Gesicht. »Kommt Daddy?« »Nein, Schätzchen. Daddy kommt heute Abend nicht, aber er hat dir einen dicken Kuss geschickt und gesagt, du sollst hier bei mir bleiben, wenn du nichts dagegen hast. Hast du was dagegen, Süße?« Das Mädchen antwortete nicht, driftete bereits wieder in den Schlaf, aber noch bevor sie die Augen ganz schloss, leuchtete, ihr Gesicht in einem wunderschönen Lächeln auf. Sandra hatte Irina selten so lächeln sehen. Sie war nicht sicher, ob sie den Grund für dieses Lächeln wissen wollte, aber dennoch war es schön, mehr als schön, das kleine Mädchen bei sich zu haben. Wenn sie nur gewusst hätte, wo Joanne war, und dass es ihr gut ging. Dann hätte sie sich neben Irina legen, ihr weiches, dunkles Haar streicheln und diese Nacht aus vollem Herzen genießen können. Aber sie wusste nicht, wo ihre Tochter war. Ruf die Krankenhäuser an, sagte sie sich, dann fühlst du dich besser. Mehr als fünfundvierzig Minuten später, nachdem Sandra herausgefunden hatte, dass weder im Whipps Cross noch im Waltham General jemand mit Joannes Namen oder jemand, auf den ihre Beschreibung zutraf, in die Notaufnahme eingeliefert worden war, setzte sie sich mit einer Tasse starken, süßen Tees in einen Sessel und wartete darauf, dass sie sich besser fühlte. Aber sie fühlte sich nur elend. Elend und alt und ängstlich. Mehr als ängstlich., 47.

J acks Temperatur war auf 38,9° gestiegen. »Du fühlst dich miserabel, stimmt’s?«, fragte Christopher

und nahm vorsichtig die Hand seines Sohnes. »Fieber ist eine miese Sache, auch wenn es ein Schutzmechanismus des Körpers ist.« Jack wusste, dass man zitterte, um die Körperwärme zu erhöhen, und schwitzte, um für einen Hitzeverlust zu sorgen; er hatte sich solche Dinge angeeignet, weil sein Dad der Meinung war, Angst entstehe oft nur aus Unwissenheit, und die Sorge, sich schlecht zu fühlen, könne den Zustand weiter verschlimmern. Jack fühlte sich wirklich sehr schlecht. »Mir geht’s ganz gut«, sagte er. »Du bist ein tapferer Kerl«, sagte Christopher. »Ich bin froh, dass du da bist«, sagte Jack leise. »Ich werde immer da sein, wenn du mich brauchst«, sagte Christopher. »Falls ich kann.« »Ich weiß«, sagte Jack. »Mom dreht durch, wenn ich krank bin.« »Tut sie das?« »Sie versucht es zu überspielen, aber ich sehe es in ihren Augen.« Jack atmete rasselnd ein, schluckte und verzog das Gesicht, weil sein Hals wehtat. »Sie fühlt sich auch besser, wenn du hier bist.« »Das freut mich«, sagte Christopher. Jack sah ihn einen Moment an. »Geht es dir gut, Daddy?« »Mir geht’s prima, Jack.«, »Es ist nur eine schlimme Erkältung, weißt du. Dr. Kapur hat es mir gesagt, als Mom aus dem Zimmer war, und sie ist immer ehrlich zu mir. Viel Flüssigkeit, das Übliche eben, und es geht mir bald wieder gut.« »Er kriegt es auf der Lunge«, sagte Christopher in der Küche zu Lizzie, wo sie ihm ein Sandwich machte. »Wenn es ihm morgen früh nicht besser geht, rede ich vielleicht mal mit dem Zentrum.« Es gab nur drei Spezialzentren im Land – gegründet von der Muskeldystrophie-Stiftung und besetzt mit Experten für neuromuskuläre Erkrankungen –, und die Wades hatten das Glück, in relativer Nähe zu zweien dieser Einrichtungen zu wohnen: Eine befand sich im Radcliffe-Krankenhaus in Oxford, die andere im Hammersmith Hospital. »Meinst du, wir sollten Hilda bitten, ihn dort einzuweisen?« Christopher sah die Angst in ihren Augen. »Das ist im Moment nicht nötig.« Er blickte auf das dick geschnittene Vollkornbrot, das sie mit mehreren Scheiben englisch gebratenen Roastbeefs belegt und mit seinen Lieblings- Essiggurken garniert hatte. »Das sieht köstlich aus.« »Senf?« Lizzie schüttelte den Kopf. »Natürlich Senf.« Christopher sah ihr zu, wie sie scharfen Englischen Senf aufs Sandwich strich, mit einer zweiten Scheibe Brot zuklappte, leicht zusammendrückte, es in zwei Hälften schnitt und auf einen Teller legte. »Danke, Lizzie.« »Gern geschehen.« Edward kam ins Zimmer. Er trug eines seiner übergroßen T- Shirts und Shorts – seine bevorzugte Version eines Schlafanzugs. »Geht es Jack gut?« »Nicht so doll im Augenblick«, antwortete Christopher. »Warum schläfst du nicht?«, fragte Lizzie. »Und wo sind, deine Hausschuhe? Du bist auch noch erkältet, Schatz.« »Mir geht’s schon tausendmal besser, Mom.« Edward setzte sich auf einen Stuhl am Tisch. »Sophie ist auch wach. Sie wollte in Jacks Zimmer und sich zu ihm setzen, aber ich hab ihr gesagt, sie soll es lassen.« »Das ist bestimmt klüger«, sagte sein Vater, »auch wenn sie sich wahrscheinlich nicht noch einmal ansteckt.« »Wie geht es Sophie?«, erkundigte sich Lizzie. »Sie macht sich Sorgen um Jack«, näselte Edward. »Das muss sie nicht«, sagte Lizzie. »Ihr beide nicht.« »Na ja«, sagte Edward, »ich glaube, Sophie macht sich Vorwürfe, weil sie die Erkältung als Erste hatte.« »Ich hoffe, du hast ihr gesagt, dass das Unsinn ist«, erklärte Christopher. »Ich hab ihr gesagt, dass sie nicht die Erste war«, erwiderte Edward, »dass die Erkältung immer wieder im ganzen Land herumgeht und dass es Pech ist, wenn man sie als Nächster bekommt.« »Das stimmt so nicht ganz«, sagte sein Vater. »Ich glaube, das ist jetzt nicht so wichtig.« Lizzie kam an den Tisch und setzte sich zwischen die beiden. »Ihr wisst beide sehr gut, dass wir uns alle ein bisschen wie Sophie fühlen, wenn wir eine Erkältung bekommen und sie mit nach Hause bringen. Wir haben immer Angst, dass Jack sich ansteckt und seine Krankheit dadurch vielleicht schlimmer wird. Aber das ist Unsinn, weil wir ohnehin nichts dagegen tun können.« »Deshalb fühlen wir uns aber trotzdem so, oder?«, bemerkte Edward. Christopher streckte die Hand aus und zauste das dunkle Haar seines Sohnes. »Willst du ein Stück von meinem Sandwich?« »Nein danke, Dad.«, Lizzie stand auf. »Ich glaube, ich rede kurz mit Sophie und sehe nach Jack.« »Er schläft wahrscheinlich«, sagte Christopher. »Ich wecke ihn nicht auf.« »Ich weiß.« Er sah sie an, wie sie im Türrahmen stand. »Wenn Sophie nicht schlafen kann, sag ihr, sie soll noch eine Weile runterkommen.« Sophie, von Edward offenbar ausreichend getröstet, war eingeschlafen. Sie schnarchte leise von den Nachwirkungen ihrer eigenen Erkältung. Lizzie streichelte ihr Haar und lächelte über Edwards Beschreibung der »Erkältung der Nation«, die ihre Kreise durchs Land zog und Opfer aufsammelte wie ein Busfahrer seine Passagiere. Sie ließ Sophie allein und ging zu Jacks Zimmer, wo sie ganz leise die Tür öffnete und auf der Schwelle stehen blieb; sie wollte nicht weiter ins Zimmer, denn manchmal, wenn Jack keine Ruhe fand, reichte schon ein knarrendes Dielenbrett, um ihn zu stören. Christopher hatte Recht, der Junge schlief. Sie stand noch ein paar Augenblicke da, beobachtete ihren Sohn und lauschte seinen Atemzügen. Er röchelte ein wenig, aber nicht schlimmer als Edward, als sie am Montagmorgen nach Hause gekommen war. Jack regte sich ein bisschen, räusperte sich leise und wälzte sich herum. Dann lag er wieder still. Lizzie blieb noch einen Moment stehen, falls er aufwachte. »Bitte, Gott«, flüsterte sie ganz leise., 48.

M ike, hier ist Robin.« Es war Dienstagmorgen, kurz nach halb acht. Allbeury

saß auf der Terrasse, trank Kaffee und aß ein Croissant, das so wohlschmeckend war, dass er keine Butter brauchte. »Was ist los?« Auch Novak war noch zu Hause, doch er hatte sich daran gewöhnt, so früh am Tag von seinem Klienten Nummer eins zu hören. »Es ist alles für Joanne und Irina vorbereitet«, sagte Allbeury. »Du müsstest dir von ihr jetzt noch einmal bestätigen lassen, dass sie bereit ist, damit wir dafür sorgen können, dass Mr Patston am fraglichen Tag beschäftigt ist.« »Hast du einen bestimmten Tag im Auge?«, fragte Novak. »Donnerstag«, sagte Allbeury. »Wenn sie mehr Zeit braucht, wäre Freitag auch möglich, aber rede ihr das lieber aus. Sie wird mit jedem weiteren Tag mehr in Versuchung geraten, es jemandem zu erzählen.« »Oder zu kneifen.« »Wenn sie sich nicht ganz sicher ist, Mike, soll sie lieber darauf verzichten.« »Ich rufe sie an, sobald Patston weg ist«, sagte Novak. »Er verlässt das Haus meist gegen acht.« »Pass auf, von wo aus du anrufst.« »Ich weiß«, sagte Novak. »Natürlich weißt du das«, sagte Allbeury und legte auf. »Sie hat bestimmt Angst«, sagte Clare, als er es ihr erzählte. Novak nickte beipflichtend. »Ja.«, Sie saßen in ihrer kleinen Küche, auf Hockern am Küchentresen, der gleichzeitig als Arbeitsfläche diente. Normalerweise genoss Clare das Frühstück, doch an diesem Morgen schien sie wenig Appetit zu haben. Sie knabberte lustlos an einer Scheibe Toast. »Geht es dir gut?«, fragte er. »Bestens.« Novak trank seinen Kaffee aus und stand auf. »Ich muss los.« Er küsste sie auf die Wange. »Mike, woher wissen wir, dass Robin sich auch langfristig um Joanne und Irina kümmern wird?« »Wenn die Arbeit gründlich getan wird«, sagte er und stellte seine Tasse in die Spüle, »werden wir das wohl nie ganz sicher wissen.« Er sah, wie ihre Miene sich plötzlich verfinsterte. »Es gibt keine perfekten Lösungen, Süße.« »Nein«, sagte sie. Ihre düstere Stimmung beunruhigte ihn. »Bist du niedergeschlagen?« »Eigentlich nicht.« Sie lächelte. »Nur ein bisschen müde.« »Tust du zu viel?« Novak hatte oft den Eindruck, dass sie sich zu sehr unter Druck setzte, indem sie in der Detektei arbeitete und bei Nick Parry aushalf. In letzter Zeit widmete sie Nick noch mehr Zeit, weil ein weiterer seiner Pfleger London verlassen hatte. Clare gab immer alles. Eine Sache nur mit halbem Herzen zu tun, gab es für sie nicht. »Ganz und gar nicht.« Sie reckte den Hals, um auf die Ofenuhr zu sehen. »Du musst los.« Es war halb neun, als Novak in der King’s Cross Station eine Telefonzelle gefunden hatte, von der aus man mit Münzen anrufen konnte. »Hallo?«, Die männliche Stimme, die sich meldete – sehr schroff, wahrscheinlich Patston –, brachte Novak aus dem Gleichgewicht. »Entschuldigung«, sagte er schnell. »Ich hab mich wohl verwählt.« »Dann pass gefälligst besser auf«, sagte der Mann am anderen Ende und hängte ein. Novak entfernte sich ein Stück von der Telefonzelle, zog sein Handy aus der Jacke, wählte Allbeurys Privatnummer und berichtete es ihm. »Hoffentlich ist er nur spät dran«, sagte er. »Vielleicht hat er einen Kater.« »Daran müsste er doch gewöhnt sein«, bemerkte Allbeury. »Vielleicht hat er verschlafen«, sagte Novak. »Oder er hat die Grippe.« »Vermutungen helfen mir im Augenblick auch nicht weiter«, erwiderte Allbeury. »Ich glaube nicht, dass es klug wäre, jetzt noch einmal anzurufen. Möchtest du, dass ich mal vorbeifahre?« »Ja. Sobald du kannst«, sagte Allbeury. »Ich will diese Sache nicht länger als nötig auf Eis liegen haben.«, 49.

U m fünf vor neun drehte eine Radfahrerin namens Phyllis Eder ihre Morgenrunden durch den Epping Forest. Ihr

friedfertiger Springerspaniel Dirk lief an einer langen Leine neben dem Fahrrad her. Sie genoss die Schönheit und den Geruch des herbstlichen Waldes, als der Hund plötzlich unerwartet losstürmte und so fest an der Leine zerrte, dass Phyllis ins Schleudern geriet, gegen eine Eiche prallte und vom Fahrrad fiel. »Dirk!« Nach ein, zwei Sekunden war sie sicher, sich nicht ernsthaft wehgetan zu haben. Mit wackligen Beinen stand sie auf, strich sich Blätter und Schmutz vom Trainingsanzug und beobachtete ihren Hund, der immer noch an der Leine war, laut bellte und mit wedelndem Schwanz an irgendetwas scharrte. »Dirk!«, rief sie wieder. »Hör auf damit und komm her.« Er beachtete sie nicht, sondern bellte immer weiter und kratzte an etwas, das wie ein kleiner, laubbedeckter Hügel aussah. Phyllis bückte sich, um ihr Fahrrad aufzuheben, und ging zu dem kleinen Hügel, um selbst einen Blick darauf zu werfen. »Was ist das, Dirk?« Der Spaniel hörte auf zu scharren und schaute erwartungsvoll zu ihr auf. Phyllis Eder beugte sich ein Stück hinunter – und erstarrte. Es war kein Hügel. Es war der halb von Erde und Zweigen bedeckte Körper einer Frau., 50.

E s geht ihm viel besser.« Das waren die ersten Worte, die Lizzie hörte, als sie um

Viertel nach neun aufwachte – viel später, als sie eigentlich hatte aufstehen wollen. Christopher hatte die Worte ausgesprochen, und ganz kurz kam ihr der Gedanke, dass er nicht angeklopft hatte, wie er es dieser Tage normalerweise tat. Aber das war jetzt egal. Sie stieg aus dem Bett, zog ihren Bademantel über und musterte Christopher, der bereits vollständig angezogen, in Anzug und Schlips, vor ihr stand. »Keine Temperatur mehr?« »Nur ein kleines bisschen«, sagte er. »Sie könnte wieder steigen«, meinte Lizzie. »Oder sinken.« Er lächelte sie an. »Er ist auf dem Weg der Besserung, Lizzie.« Eine riesige Woge der Erleichterung durchflutete sie, sodass sie sich für einen Augenblick schwach fühlte und sich auf den Bettrand setzen musste. »Entschuldige«, sagte sie. »Ich habe mich genauso gefühlt wie du«, sagte Christopher leise. Lizzie schaute hinauf in sein Gesicht. »So ist es immer, nicht wahr?« »So wird es auch immer sein«, sagte er. So lange dieses Immer dauern mag, dachte sie und wusste, dass sie es nicht auszusprechen brauchte. Sie würden sich immer wieder so fühlen, jedes Mal, wenn Jack krank wurde und sich dann wieder erholte: Es war immer dasselbe gewaltige Gewicht, das sich für einen Moment hob und dann, fast augenblicklich, wieder heruntersank. Es war eine beinahe abergläubische Angst,, die bei jeder Krise, die Jack durchlebte, so geringfügig sie auch sein mochte, größer zu werden schien. Jede Genesung kam einem kleinen Wunder gleich, für das sie alle unendlich dankbar waren. Doch mit jedem Mal, wenn sie Angst hatten, rutschten sie ein Stückchen näher an den Abgrund. »Alle Kinder haben gefrühstückt«, sagte Christopher. »Großartig«, sagte Lizzie. »Danke.« »Es war mir ein Vergnügen.« Er lächelte wieder. »Edward und Sophie haben wieder Appetit, und sogar Jack hat einen Pfannkuchen verdrückt.« »Meine Güte«, sagte Lizzie. »Pfannkuchen.« »Auf besonderen Wunsch von Edward«, erklärte Christopher. »Ich konnte schlecht Nein sagen.« »Ahornsirup?« »Was sonst?« Lizzie stand auf. Plötzlich war sie selbst hungrig. »Sind noch Pfannkuchen übrig?« »Ich hab dir ein paar aufgehoben«, sagte Christopher. Es war in Augenblicken wie diesem, da Lizzie die Probleme zwischen ihr und ihrem Mann beinahe vergaß. Beinahe., 51.

E rst kamen die Uniformierten, dann die Kripo – gerade als das Wetter umschlug und Regen einsetzte. Die Umgebung

wurde abgesperrt. Kurz darauf trafen die Beamten vom Dezernat für Schwerverbrechen ein. Die Chefin, Superintendent Anne McGraw, besuchte den Ort des Geschehens zusammen mit dem Inspector, dessen Aufgabe darin bestand, das Verbrechen zu untersuchen: Jim Keenan. »Sehr hässlich«, bemerkte McGraw, als sie im Tatort-Zelt standen und darauf warteten, dass Amtsarzt Simon Collins eintraf, um den Tod festzustellen und eine vorläufige Untersuchung vorzunehmen. Keenan – mindestens zehn Jahre älter als McGraw, mit pfeffer- und salzfarbenem Haar und dünnem, faltigem Gesicht – blickte auf die tote Frau, auf die furchtbaren Wunden in ihrer Brust, am Bauch und (am blutigsten) am Hals, und auf ihr Gesicht, dessen Farbe so grässlich war wie der verzerrte Ausdruck, zu dem es erstarrt war. Obwohl Keenan inzwischen seit einem Jahr unter Anne McGraw arbeitete und wusste, dass sie Wert auf Selbstbeherrschung legte, fiel es ihm unglaublich schwer, sich der hilflosen Wut zu erwehren, die in ihm brannte. »Ich vertraue sie deinen Händen an, Jim«, sagte Mc-Graw. »Danke, Madam.« Ebenso vorsichtig, wie sie hineingegangen waren, traten die beiden aus dem Zelt und in den Regen, zogen ihre Papier- Overalls und Plastiküberschuhe aus und steckten sie als Beweismaterial in Plastiktüten. Keenan wartete, bis sein Team außer Sichtweite war, dann gönnte er sich einen kurzen Spaziergang um das abgesperrte Gebiet. Er war dankbar für die Gelegenheit, Kopf und Magen wieder in einen normalen, Zustand zu versetzen. In Kürze würde Collins zu ihnen stoßen, anschließend würden sie die Tote in die Leichenhalle bringen und den Tatort der Spurensicherung überlassen. Daher wünschte sich Keenan im Augenblick nichts sehnlicher als ein paar tiefe Atemzüge sauberer Luft, in der der einzige Hauch von Fäulnis der natürliche Geruch war, den die Schicht modriger Blätter unter seinen Füßen verströmte. Jim Keenan mochte den Wald, seine Geräusche und seine Schattigkeit ebenso wie seinen Geruch. Er erinnerte ihn an die Wanderungen, die er als kleiner Junge mit der Schulklasse unternommen hatte. »Sir?« Er drehte sich um. Der junge Constable mit der regennassen Kleidung, dessen Aufgabe derzeit darin bestand, Personen aus dem abgesperrten Gebiet hinaus- und andere hineinzuführen, trat von einem Bein aufs andere. »Entschuldigung, Sir. Dr. Collins ist hier.« »In Ordnung«, sagte Keenan. Und schnellte zurück in die Gegenwart, in all ihrer Hässlichkeit. Simon Collins, der trotz des Wetters und der Umstände einen makellosen Anblick bot, verriet Keenan wenig mehr, als dieser bereits selbst gesehen hatte: dass die Tote mit vier Stichen getötet worden war, dass es angesichts der Blutflecken in der Umgebung sowie des Aussehens von Leiche und Kleidungsstücken wahrscheinlich schien, dass der Mord hier verübt worden war, und schließlich – auch wenn er es erst später mit Sicherheit sagen konnte –, dass die Frau seit ungefähr vierundzwanzig Stunden tot war. »Wir haben Glück«, sagte Collins und hob vorsichtig eine rot verschmierte Hand. »Haut unter den Fingernägeln?«, fragte Keenan., »Ein wenig«, sagte der Gerichtsmediziner. Keenan wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte, zu spekulieren. Das Gewebe unter den Nägeln der Frau konnte ebenso gut ihre eigene Haut sein, wenn sie die Finger in ihre Wunden gekrallt hatte. Aber mit ein bisschen Glück würde sie ihnen einen ersten Anhaltspunkt liefern. Freu dich nicht zu früh, Jim. Er machte einen weiteren Spaziergang, diesmal mit größerer Aufmerksamkeit, wobei er wider alle Wahrscheinlichkeit hoffte, dass sein Blick vielleicht auf das perfekte Beweisstück fiel – vorzugsweise auf die Mordwaffe, vom Täter in Panik fallen gelassen, nachdem er saubere Fingerabdrücke darauf hinterlassen hatte. Sogar gestandene Polizisten konnten manchmal träumen., 52.

W as hat die Polizei gesagt?« Es war Sandras zweiter Anruf in Tonys Werkstatt an

diesem Morgen. Beim ersten Mal hatte er sie abgewimmelt und gesagt, er habe einen Kunden bei sich, aber jetzt wusste er, dass er mit der Wahrheit herausrücken musste. »Ich hab noch nicht angerufen.« »Warum nicht?«, fragte Sandra entsetzt. »Tony, Joanne war die ganze Nacht weg. Du musst sie als vermisst melden.« »Es sind noch nicht mal vierundzwanzig Stunden«, sagte Tony. »Das ist mir egal«, entgegnete seine Schwiegermutter. »Meine Tochter ist verschwunden, und wenn du es nicht der Polizei meldest, tue ich’s.« »Die werden nur denken, dass wir uns gestritten haben.« »Und?«, fragte Sandra. »Habt ihr euch gestritten?« »Natürlich nicht.« »Warum willst du dann nicht die Polizei einschalten?« »Du hast doch schon die Krankenhäuser angerufen, also wissen wir, dass sie nicht …« »Ich habe nur im Waltham General und im Whipps Cross angerufen.« »Wie viele verdammte Krankenhäuser gibt es denn sonst noch hier in der Gegend, die eine Notaufnahme haben, Sandra?«, wollte Tony wissen. »Wenn dir welche einfallen, ruf ich dort an.« »Ich verstehe dich nicht«, sagte sie. »Wirklich nicht. Wenn es Joanne gut ginge, hätte sie ganz sicher angerufen, um sich nach, Irina zu erkundigen, oder glaubst du etwa nicht?« Ihr Schwiegersohn schwieg. »Selbst wenn ihr Streit hattet, und du willst es mir nicht erzählen …« »Wir hatten keinen Streit, okay?« »Nein, es ist nicht okay.« »Zu schade. Denn ich werde die Scheiß-Polizei nicht anrufen, weil meine Frau sich davongemacht hat!« »Könntest du bitte das Fluchen lassen?«, bat Sandra ihn leise. »Tut mir Leid. Ich bin nur aufgebracht.« »Das bin ich auch.« »Ich weiß.« »Also, rufst du jetzt die Polizei an, oder soll ich?« Tony atmete tief ein. »Ich tu’s.« »Versprochen?« »Sandra, wenn ich sage, ich tue es, dann tue ich es auch.« »Ich weiß gar nicht, wie du arbeiten kannst«, sagte Sandra. »Warum du in der Werkstatt bist. Warum bist du nicht zu Hause? Oder unterwegs, um Joanne zu suchen?« »Joanne erwartet von mir, dass ich arbeite, Sandra. Wir haben Rechnungen zu bezahlen.« »Aber du rufst jetzt die Polizei an, ja?« »Allmählich gehst du mir auf die Nerven, Sandra!« »Gut«, sagte sie und legte auf., 53.

I mmer noch nichts«, informierte Novak um fünf vor zwölf Allbeury. Er saß ein paar hundert Meter vom Haus der

Patstons entfernt in seinem Clio. Es war heute schon das vierte Mal, dass er Allbeury anrief; der Anwalt hatte seine Kontaktpersonen schon vor geraumer Zeit informiert, dass sich bei den Bemühungen, Joanne und Irina Patston aus ihrer Situation zu befreien, wahrscheinlich Verzögerungen ergaben. »Es ist niemand gekommen«, sagte Novak. »Keine Spur von Joannes Wagen. Alle Fenster sind noch geschlossen, sowohl zur Straße hin als auch nach hinten, und soweit ich sehen kann, bewegt sich im Haus nichts.« »Ist Irina noch bei ihrer Großmutter?« »Ja, in Edmonton. Und als ich das letzte Mal nachsah, hat Patston in seiner Werkstatt noch an einem alten Sierra gearbeitet.« Novak hielt inne. »Ich weiß nicht, Robin, aber so langsam gefällt mir das alles nicht mehr.« »Macht es dir etwas aus, noch ein bisschen länger zu bleiben?« »Natürlich nicht«, sagte Novak. Allbeury legte auf, lehnte sich im Stuhl zurück und kehrte gedanklich zu seiner anderen momentanen Sorge zurück: Lizzie Piper Wade. Sein Computersystem – damals wie heute auf dem neuesten Stand der Technik – hatte ihm vor fünf Jahren Adam Lerman installiert, der Sohn seines Partners, damals noch Student mit einem Händchen für Computertechnologie und einer Leidenschaft fürs Internet. Leider war Lerman junior inzwischen nach Los Angeles umgezogen, und obwohl er Allbeurys E-Mails, mit Fragen zur neuesten Software und zu ungewöhnlichen Problemen zu jeder Tages- und Nachtzeit bereitwillig beantwortete, war dies nicht annähernd so zufrieden stellend wie früher, als Adam kommen und sich selbst an die zwei Terminals im Penthouse setzen konnte. Doch Allbeury hatte die Post-Adam-Ära nicht verstreichen lassen, ohne sich selbst sehr viel über das Internet anzulesen und darüber, wie er es für seine Zwecke am besten nutzen konnte. Wenn es um Recherchen ging, tendierte er zwar dazu, sich Zeit und Mühe zu sparen, indem er die Novak Investigations beauftragte, aber erstens war Mike anderweitig beschäftigt, und zweitens war dies eine Aufgabe, der er sich lieber persönlich widmete., 54.

B ei Patston Motors streckte Tony seinen Kopf – der trotz der zweiten Dosis Paracetamol, die er statt eines

Mittagessens vor zehn Minuten mit einem Becks heruntergespült hatte, schmerzhaft hämmerte – wieder unter die Motorhaube des Sierra, an dem Novak ihn hatte arbeiten sehen, als ein blauer Mondeo auf den Hof fuhr und zwei Männer ausstiegen. Tony wusste sofort, dass die Fremden Polizisten waren. »Mr Patston?« Der ältere der beiden fingerte in seiner Tasche herum. »Ja.« Der Mann zeigte ihm seine Dienstmarke. »Ich bin Inspector Keenan, und das ist Sergeant Reed. Wir sind vom Dezernat für Schwerverbrechen.« Das Wort »Schwerverbrechen« verursachte ein elendes Gefühl in Tonys Magen. »Geht es um meine Frau?« Nervös wischte er sich die Hände an seinem Overall ab und ließ den Blick zwischen den beiden Männern hin und her wandern. »Sie ist seit gestern verschwunden, und ich war …« »Können wir hineingehen, Mr Patston?«, unterbrach Keenan ihn sanft. »Können wir nicht hier reden?« »Es ist vielleicht besser, wenn Sie sich setzen, Sir«, empfahl Terry Reed, ein Mann von stämmiger Statur mit scharfem Gesicht. »O Gott«, sagte Tony und begann zu schwitzen. »Was ist denn?« »Ich fürchte, wir haben schlechte Nachrichten für Sie«, sagte, Keenan behutsam. Tony spürte, wie seine Beine zitterten. »Was ist passiert?« »Sir, lassen Sie uns lieber hineingehen«, sagte Sergeant Reed. »Sagen Sie es mir! Um Gottes willen, sagen Sie mir, was mit Jo passiert ist!« »Heute Morgen«, erklärte Jim Keenan, »um kurz vor neun, wurde im Epping Forest die Leiche einer Frau gefunden. Ich fürchte, wir müssen davon ausgehen, dass es sich um Ihre Frau handelt.« »Epping Forest?« Tonys Stimme war plötzlich hoch und schrill und bebte vor Ungläubigkeit. »Was soll Jo denn im Epping Forest?« Er schüttelte den Kopf und schaffte es, die beiden Männer anzulächeln. »Sie müssen sich irren. Es kann nicht Joanne sein.« »Wir befürchten, es ist leider die Wahrheit, Mr Patston«, sagte Keenan. »Wir müssen Sie bitten, uns zu begleiten, Sir.« Reed ging auf das einstöckige Gebäude zu, in dem sich das Büro von Patston Motors befand. »Um sie zu identifizieren.« Tony rührte sich nicht von der Stelle. »Aber … wenn ich sie identifizieren soll, sind Sie sich ja wohl doch nicht sicher, dass es meine Frau ist, nicht wahr?« Er starrte Keenan an. »Ist das ihre Tasche?« »Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, dass diese Handtasche in der Nähe der Leiche gefunden wurde«, bestätigte der Inspector. »O Gott«, sagte Tony. »Sie wollen hier wahrscheinlich abschließen, Sir«, sagte Reed. »Oder gibt es jemanden, der sich um die Werkstatt kümmert, wenn Sie fort sind?« Zitternd lehnte Tony sich gegen den Sierra. »Mein kleines Mädchen«, sagte er. »Sie ist bei ihrer Großmutter.«, Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Du lieber Gott, Joannes Mom.« »Es tut mir sehr Leid, Mr Patston.« Keenans faltiges Gesicht war vor Mitgefühl noch zerknitterter als sonst. »Aber unter den gegebenen Umständen halte ich es für notwendig, dass Sie uns jetzt gleich begleiten.« »O Gott«, sagte Tony noch einmal. Mike Novak, der gerade wieder bei Patston Motors vorbeifuhr, um die Lage zu sondieren, sah Tony Patston mit zwei Männern, die er mit ziemlicher Sicherheit für Kripobeamte hielt, in einen Mondeo steigen. Er stoppte an der nächsten Ecke, hob eine Straßenkarte vor sein Gesicht, um zu verbergen, dass er die Männer beobachtete, sah den Wagen wegfahren, wartete vorsichtshalber noch zwei weitere Autos ab und folgte ihnen dann., 55.

U m halb zwei rief Mike Novak wieder bei Allbeury an. »Schlechte Nachrichten, Robin«, sagte Novak. »Sehr

schlechte, wie’s aussieht.« »Sag schon.« »Die Polizei hat Patston abgeholt und ihn nach Waltham Forest gefahren.« »Ins Krankenhaus?«, fragte Allbeury. »Leichenschauhaus«, sagte Novak. »Sie sind vor ein paar Minuten hineingegangen. Ich stehe davor.« Allbeury schwieg. »Ich nehme an, du willst nicht, dass ich reingehe?«, fragte Novak. »Auf keinen Fall. Aber bleib in der Nähe, wenn du kannst.« »Ich melde mich sofort wieder, wenn ich etwas erfahre.« »Gut«, sagte Allbeury. »Sei vorsichtig, Mike. Ich bin nicht wild darauf, dass die Polizei von meiner Verbindung zu dem Fall erfährt.« »Das versteht sich«, sagte Novak. Im Leichenschauhaus wartete Jim Keenan geduldig, während Tony Patston, der sich in einem tiefen Schockzustand befand, erschüttert dasaß. Seine Hände zitterten, und als er aufsah, waren seine Augen nass und glasig und starrten dem Inspector aus einem kalkweißen Gesicht entgegen. »Ich kann es nicht glauben«, sagte Tony. »Ich fasse es nicht …« »Es tut mir aufrichtig Leid«, versicherte Keenan ihm., »Wissen Sie …?« Wieder wartete Keenan, bis der andere Mann sich unter Kontrolle hatte. »Wissen Sie, wer ihr das angetan hat?«, fragte Tony schließlich. »Noch nicht«, sagte Keenan. »Aber wir werden es herausfinden.« Sergeant Reed erschien mit einer Tasse Tee, doch Tony schüttelte den Kopf. »Sir?«, bot Reed sie Keenan an. »Mr Patston.« Keenan beachtete den Tee gar nicht. »Wenn Sie so weit sind, muss ich Ihnen leider ein paar Fragen stellen.« »In Ordnung.« Tony sah zu ihm auf. »Aber können wir das zu Hause machen? Ich will meine Tochter sehen.« »Selbstverständlich«, sagte Keenan. »Wir haben bereits einen Beamten zu Ihrer Schwiegermutter geschickt. Es ist wahrscheinlich das Beste, wenn Irina und Sie eine Weile dort bleiben.« »Das will ich nicht«, sagte Tony. »Wir müssen Ihr Haus durchsuchen«, erklärte Keenan. »Das ist Routine. Deshalb wäre es wirklich einfacher für Sie alle, ganz besonders für Ihre kleine Tochter, wenn Sie vorerst nicht nach Hause fahren.« »Also gut«, sagte Tony und schüttelte verwirrt den Kopf. »Aber warum müssen Sie unser Haus durchsuchen?« »Wie ich schon sagte«, antwortete Keenan, »reine Routine.« »Also gut«, sagte Tony noch einmal und stand auf. Er fühlte sich betäubt von dem, was er gerade hatte sehen müssen. Aber nicht betäubt genug., Joanne. Seine Frau, und doch ganz und gar nicht seine Frau. Was ihn in diesem Augenblick jedoch fast ebenso sehr erschütterte und verblüffte: Er hatte dem Polizisten gerade die Wahrheit gesagt. Er wünschte sich mehr als alles andere, Irina zu sehen und sie in die Arme zu nehmen. Joanne würde das gefallen, dachte er. Wieder füllten seine Augen sich mit Tränen. Novak sah, wie sie aus der Leichenhalle kamen, sah Patstons aschfahles Gesicht und widerstand dem Impuls, Allbeury noch einmal anzurufen. Stattdessen folgte er ihnen in sicherer Entfernung nach Edmonton zu dem Reihenhaus, vor dem bereits ein Polizeifahrzeug stand. Er parkte ein gutes Stück entfernt, gerade nahe genug, um das Kommen und Gehen beobachten zu können. Er sah, wie eine uniformierte Polizistin Patston und den beiden Beamten in Zivil die Tür öffnete. Letztere waren möglicherweise Ermittler von AMIT oder, falls Joanne noch außerhalb von Waltham Forest etwas zugestoßen war, Kripoleute aus Theydon Bois oder Harlow. Er sah weder das kleine Mädchen noch seine Großmutter. Aber sie waren im Haus. Er konnte es beinahe spüren. Er konnte den Schmerz beinahe spüren. »O nein«, sagte Tony Patston, als er Sandra und seine Tochter im Wohnzimmer seiner Schwiegermutter auf der Couch sitzen sah. »Sandra …« Er verstummte, als er sah, wie Sandras rechter Zeigefinger an ihren Mund flog. Ihn zum Schweigen brachte. Irina weiß es nicht., Er riss sich zusammen und streckte die Arme aus. »Hallo, mein Schatz«, sagte er zu Irina. Das kleine Mädchen bewegte sich nicht, weder näher an die Großmutter heran noch auf ihn zu. Tony ging zu ihr, kniete sich auf den Teppich vors Sofa, hielt ihre kleine Hand und kämpfte gegen die Tränen. »Schon gut, Irina«, sagte er leise. »Alles in Ordnung, Schatz, Daddy ist hier.« »Wo ist Mami?«, fragte Irina, an Sandra gewandt. »Schon gut«, sagte Tony noch einmal. »Daddy ist hier.« Hinter ihm, in der Tür, schaute Inspector Keenan seine Kollegin Karen Dean an, eine attraktive, schlanke Frau mit dunklem Haar, die Sandra Finch die Nachricht überbracht und seither bei ihr gesessen hatte. Er sah, dass es ihr nicht entgangen war, wie wenig das Kind auf seinen Vater reagierte, und war froh, Karen Dean in seinem Team zu haben, denn er wusste, wie gut sie mit kleinen Kindern umgehen konnte. Normalerweise tat er sich mit Großmüttern leichter., 56.

U m halb vier erhielt Christopher einen Anruf von Jane Meredith, die ihn informierte, dass am Abend ein

dringender Fall ins Beauchamp eingeliefert werden sollte. »Ich bin nicht sicher«, sagte er, dann sah er Lizzie gestikulieren. »Kannst du bitte kurz dranbleiben, Jane? Meine Frau will mir etwas sagen.« »Ja. Dass du ruhig gehen kannst, wenn du gebraucht wirst«, sagte Lizzie. »Jack fühlt sich schon viel besser.« »Ich wäre beruhigter, wenn das Fieber ganz unten wäre«, sagte Christopher. »Wenn Jack hört, dass du einen Patienten ablehnst«, sagte Lizzie, »bekommt er einen Anfall.« Christopher lächelte und hob den Hörer wieder ans Ohr. »Ich bin unterwegs, Jane.« Der nächste Anruf, kurz nachdem Christopher losgefahren war, kam von Susan Blake. »Hast du Zeit für ein wenig Fachsimpelei?«, fragte sie, nachdem sie über die Familie im Allgemeinen und Jacks Infektion im Besonderen gesprochen hatten. »Wir müssen über die Werbung für Wahre Wonne sprechen.« »Meine Güte«, sagte Lizzie. »Ist es wirklich schon so weit?« »Wir wollen unbedingt wieder mit dir auf Tour«, erwiderte Susan. »Die Abos laufen hervorragend, und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um den Appetit der Roadshow-Leute anzuregen.« »Wann braucht ihr mich?«, fragte Lizzie. »Donnerstag in einer Woche. Sag, dass du einverstanden bist. Bitte.«, Nach einem kurzen Anflug von Panik erklärte Lizzie, das gehe in Ordnung. »Unter den üblichen Vorbehalten«, fügte sie rasch hinzu. »Ich weiß«, sagte Susan. »Erst die Kinder, dann die Bücher.« »Ganz so würde ich es nicht ausdrücken«, sagte Lizzie. »Doch, würdest du. Wie wär’s, wenn wir in Oxford anfangen?« »Wundervoll«, sagte Lizzie., 57.

N ovak hatte eben mit Allbeury telefoniert und drückte jetzt die Kurzwahltaste 1 auf seinem Handy, um Clare

anzurufen, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass die Tür des Finch-Hauses sich geöffnet hatte. Ein Mann – der jüngere der beiden Beamten in Zivil, die vorher mit Tony Patston hineingegangen waren – hielt rasch und zielstrebig auf Novaks Clio zu. »Mike?« Clares Stimme. »Ich melde mich wieder«, sagte Novak und ließ das Telefon zurück in die Freisprechanlage gleiten. Der Polizist klopfte ans Fenster und bedeutete Novak, es herunterzukurbeln. Als der Mann im Auto zögerte, holte er seine Dienstmarke hervor und drückte sie gegen die Scheibe. Novak öffnete das Fenster. Der Beamte beugte sich hinunter, um ihn anzusehen, mit versteinertem Gesicht und scharfem Blick. »Ich bin Sergeant Reed, Sir«, sagte er. »Würden Sie mir bitte erklären, wer Sie sind und was Sie hier tun?« »Ich habe angehalten, um zu telefonieren«, sagte Novak. »Mein Name ist Michael Novak.« »Ziemlich langes Telefonat, Mr Novak«, sagte Reed. Novak schwieg. Er musste daran denken, dass Allbeury alles andere als begeistert sein würde. Mangelnde Konzentration. Verdammter Idiot, schimpfte er auf sich selbst. »Würden Sie bitte aussteigen, Sir?« »Wozu?«, fragte Novak. Es war keine Aufsässigkeit; er fragte einfach nur. »Uns liegt eine Meldung vor, dass ein Mann, auf den Ihre, Beschreibung zutrifft, in einem Wagen, dessen Beschreibung auf Ihren Wagen passt, in dieser Gegend gesehen wurde.« Novak zögerte. Er überlegte, ob er um Erlaubnis bitten sollte, Clare anzurufen, oder ob sie nichts davon wissen sollte, damit sie sich keine Sorgen machte, dass er der Polizei »half«. Er entschied sich für die zweite Alternative. Er stieg aus dem Wagen. »Würden Sie Ihr Telefon bitte mitnehmen, Sir?«, fragte Reed. »Wenn Sie möchten.« Novak beugte sich ins Auto und nahm das Handy aus der Halterung. »Die Schlüssel bitte auch«, sagte Reed. »Warum?« »Weil wir Sie gern kurz auf dem Revier sprechen würden, sofern Sie keine Einwände haben. Und ich bin sicher, Sie möchten Ihr Auto lieber abschließen.« Novak blickte in seine wachsamen Augen, die ihn genau musterten. »Keine Einwände«, sagte er, »aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen guten Grund für das alles nennen könnten.« »Ist Mord gut genug für Sie?«, fragte Sergeant Reed. Drinnen im Haus hatten Tony und Sandra gerade Irina – die ihr Abendessen verweigert hatte, weil sie durch die ständige Abwesenheit ihrer Mutter, durch die Fremden im Haus ihrer Oma und nicht zuletzt durch die schmerzgeladene Atmosphäre viel zu aufgeregt war – ins Bett gebracht, damit sie ein Schläfchen machte. »Daddy?« Zum ersten Mal, seit er gekommen war, sprach das Kind mit ihm. »Warum ist Mami nicht hier?« Sandra warf Tony einen kurzen Blick zu, sah, dass er kaum in der Lage war, seine Tränen zurückzuhalten, und schluckte, schwer, um ihre eigenen Tränen zu unterdrücken. Dann kam sie ihm zu Hilfe. »Mami kann nicht hier sein, mein Schatz«, sagte sie sanft, »aber sie möchte, dass du jetzt schön schläfst und von schönen Dingen träumst.« »Was für Dinge?«, fragte Irina. »Wie wär’s mit Arnold, dem Schweinchen?«, erinnerte Sandra sich an eins der Lieblingsbücher des Mädchens. Irina kicherte leise. »Rina mag Arnold das Schweinchen.« Die Erkenntnis, dass dies womöglich für lange Zeit der letzte fröhliche Augenblick im Leben des kleinen Mädchens sein würde, traf die beiden Erwachsenen wie ein Schlag. »Ich hab dich lieb, Schatz«, stieß Sandra hervor und küsste sie. »Daddy hat dich auch lieb«, sagte Tony mit rauer Stimme. Für Tonys Geschmack hatten die Polizisten sich im Wohnzimmer ein wenig zu häuslich niedergelassen. »Constable Dean ist in der Küche und macht Tee«, sagte Inspector Keenan entschuldigend. »Ich hoffe, das geht in Ordnung, Mrs Finch?« »Ja.« Sandra ließ sich in einen Sessel sinken. »Ich weiß, Sie haben gesagt, Sie brauchen keinen Arzt, aber …« »Nein«, unterbrach Sandra ihn. »Es geht mir gut.« »Tut mir Leid«, sagte Keenan sanft, »aber es geht Ihnen nicht gut.« »Nein«, sagte sie. »Ich glaube, du solltest jemanden holen«, sagte Tony. Er fand, dass Sandra noch nie so alt ausgesehen hatte. »Vielleicht brauchst du etwas, damit du schlafen kannst.« Er wusste, dass dies auch für ihn selbst galt, doch was er jetzt wirklich wollte,, brauchte, mehr als alles andere, war ein großer Drink, vorzugsweise eine ganze Reihe von Drinks – alles, was ihn vergessen ließ, was er vorhin gesehen hatte. Denk nicht daran. Karen Dean, in einem dunkelblauen Kostüm mit weißer Bluse, das lange, dunkle Haar zu einem dicken Zopf geflochten, schaute herein und fragte, ob sie ihnen den Tee bringen sollte. Keenan dankte ihr; dann brachte er mit ihrer Hilfe Sandra aus dem Wohnzimmer in die Küche und kehrte zu Tony zurück. »Sind Sie einverstanden, Sir, dass wir die Fragen jetzt hinter uns bringen?«, fragte er. »Natürlich«, sagte Tony. »Ich erzähle Ihnen gern alles, was helfen könnte.« »Danke.« Keenan blickte auf das Tablett auf dem Tisch. »Vergessen Sie Ihren Tee nicht. Ich bin sicher, Sie können eine Tasse gebrauchen.« »Es geht mir gut.« Tony wollte nicht nach einem Drink fragen. »Wenn Sie es sich anders überlegen, sagen Sie einfach Bescheid.« »Wenn ich es mir anders überlege«, konnte sich Tony nicht verkneifen, »nehme ich mir einen Drink.« »Ja, sicher«, sagte Keenan. Als er mit den Fragen begann, gab es trotz seines mitfühlenden Tonfalls keinen Zweifel, welche Intention dahinterstand. Keenan wollte so viel wie möglich über die letzte Begegnung Tonys mit Joanne erfahren, und er fand es offensichtlich seltsam, dass Tony sich nicht an den Namen der Freundin erinnerte, mit der seine Frau sich hatte treffen wollen. »Ich habe ihren Namen ja nie erfahren«, erklärte Tony ihm zum zweiten Mal. »Sie sagte nur, es sei eine Frau, die sie in der Bibliothek kennen gelernt hatte und die sich auf einen Kaffee mit ihr treffen wollte.«, »Und sie hat diese Frau vorher nie erwähnt?« »Nein.« Tony zuckte mit den Achseln. »Ich gehöre nicht zu den Ehemännern, die unbedingt jede Kleinigkeit wissen müssen, die ihre Frauen anstellen.« »Anstellen?«, echote Keenan. »So meine ich es nicht«, sagte Tony. »Wie denn?« »Gar nichts.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann das nicht. Nicht jetzt. Mir ist das alles zu viel.« »In Ordnung, Sir«, sagte Keenan beruhigend. »Nur noch ein paar letzte Fragen.« Er hielt inne. »Möchten Sie jetzt einen Tee?« Tony schüttelte den Kopf. »Aber zu etwas Stärkerem würde ich nicht Nein sagen.« Er verzog das Gesicht zu einem verzerrten Grinsen. »Falls es erlaubt ist.« »Warum nicht«, sagte Keenan. »Sie sind nicht im Dienst.« »Ich wollte, ich wäre es«, sagte Tony. Es gab keinen Whiskey in Sandras Schränkchen, aber er entdeckte eine Flasche Brandy. Sein erster Schluck, den er bewusst schnell trank, ließ ein paar Tränen kullern. Tony wischte sie mit einer heftigen Handbewegung fort, leerte das Glas, schenkte sich noch einmal ein und setzte sich wieder. »In welcher Bibliothek ist Ihre Frau denn immer gewesen?«, fragte Keenan. »Weiß ich nicht«, sagte Tony. »Eine hier in der Nähe, nehme ich an.« Er nickte in Richtung Küche. »Ihre Mutter weiß es vielleicht.« Der Inspector schwieg kurz. »Waren Sie gestern Morgen noch zu Hause, als Joanne zu der Verabredung mit ihrer Freundin ging?« »Nein«, antwortete Tony. »Ich war schon auf der Arbeit.«, »Wie ging es ihr, als Sie sich von ihr verabschiedet haben?« »Es ging ihr gut.« »Ihre Schwiegermutter hat Constable Dean erzählt, Sie mussten Ihrer Frau zureden, dass sie geht.« »Ja.« Tony nickte. »Ich sagte ihr, es würde ihr gut tun.« »Warum haben Sie das gesagt? Hatte Ihre Frau sich denn nicht wohl gefühlt?« »Doch, doch. Es ging ihr gut. Das sagte ich doch schon.« »Aber ›würde ihr gut tun‹ deutet doch darauf hin, dass sie … nun, irgendwie nicht gut drauf war«, fuhr Keenan fort. Tony zuckte die Achseln. »PMS. Jetzt erinnere ich mich, dass sie ›PMS‹ gesagt hat. Sie war ein bisschen angespannt und sagte, sie bekäme ihre Tage.« »Litt sie immer sehr darunter?« »Nicht allzu schlimm.« »Bei meiner Frau ist es immer ziemlich heftig«, sagte der ältere Mann vertraulich und verzog das Gesicht. »Ich liebe sie, aber sie kann mich zum Wahnsinn treiben.« »Joanne war nicht so schlimm«, sagte Tony. »Also war Ihre Frau nicht aufgebracht, bevor Sie an diesem Morgen zur Arbeit gingen?« »Sie war überhaupt nicht aufgebracht. Ich sagte doch, es ging ihr gut.« »Aber Sie sagten, sie hatte PMS.« »Sie sagte, sie hätte PMS.« »Warum sollte sie so etwas sagen, wenn es nicht stimmt?«, fragte Keenan. »Weiß ich nicht«, sagte Tony, der allmählich verzweifelte. »Vielleicht ja, vielleicht nein – wie soll ich das wissen? Ich sage doch nur, sie war überhaupt nicht aufgebracht. Sie hat sich bloß angestellt und erklärt, sie könne nicht weg, weil sie bügeln, müsse. Darauf sagte ich zu ihr, es würde ihr gut tun, mal rauszukommen. Ende der Geschichte.« Keenan sah, dass Tony wieder die Tränen kamen; ein paar kullerten ihm die Wangen hinunter, und eine fing sich in einem Fältchen am Mundwinkel. »Sie hatten also keinen Streit?« »Streit?«, fragte Tony erschrocken. »Nein, natürlich nicht.« »Was heißt ›natürlich nicht‹? Es kann doch mal Streit geben.« »Ja, aber wir hatten uns an diesem Morgen nicht gestritten.« »Aber manchmal hatten Sie Streit?« »Natürlich. Wer nicht?« »Aber nicht an diesem Morgen? Keine bösen Worte?« Keenan wartete nicht auf eine weitere Antwort. »Und Sie wissen nicht, was Joanne bewogen haben könnte, fortzugehen?« Dieses Mal versuchte Tony gar nicht erst, die Tränen zurückzuhalten; er weinte hemmungslos, stellte sein Glas auf den Boden neben dem Stuhl und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. »O Gott, Joanne«, schluchzte er. »Schon gut«, sagte Keenan. »Es ist nicht gut.« Tony nahm die Hände vom Gesicht. Seine Wangen waren gerötet. »Und ich verstehe nicht, warum Sie hier sitzen und mir diese blöden Fragen stellen, statt den Abschaum zu suchen, der ihr das angetan hat.« »Es sind eine Menge Leute unterwegs«, versicherte Keenan ihm, »die alle ihr Bestes geben, genau das zu tun, Mr Patston. Und es tut mir aufrichtig Leid, dass ich Ihnen Fragen stellen muss, die Ihnen im Augenblick dumm erscheinen, und wahrscheinlich auch grausam.« Tony nickte; im Augenblick brachte er kein Wort heraus. »Aber meine Fragen«, fuhr Keenan fort, »sind ein entscheidender Teil unserer Ermittlungsarbeit. Selbst die winzigsten Details können von ungeheurer Bedeutung sein. Wir, müssen wissen, wie Joanne sich fühlte, als Sie sie zuletzt gesehen haben, in welcher Stimmung sie war. Ihr Zustand könnte der Auslöser dafür gewesen sein, dass sie weggegangen ist und wohin sie ging, mit wem sie sich traf und was sie getan hat.« Keenan schwieg kurz. »Wenn sie, sagen wir mal, Kopfschmerzen hatte und keine Tabletten im Haus waren, könnte sie in die Apotheke gegangen sein. Wenn sie gelangweilt oder genervt war, ist sie vielleicht zu einem Friseur gegangen, oder sich ein neues Kleid kaufen.« »Sie wollte sich mit einer Freundin treffen«, sagte Tony müde. »Die Freundin, die sie angerufen hat.« Er seufzte, hob sein Glas und trank noch einen Schluck Brandy. Die Tür ging auf, und Karen Dean steckte den Kopf ins Zimmer. »Verzeihung, Sir«, sagte sie. »Ein Anruf für Sie.« Keenan stand auf. »Entschuldigen Sie mich bitte.« Tony nickte, lehnte sich im Stuhl zurück und schloss die Augen. Keenan ging hinaus in den Flur. »Mrs Patstons Auto wurde auf dem Hall-Lane-Parkplatz gefunden«, informierte Dean ihn leise. »Das ist der Einkaufsparkplatz neben Sainsbury’s in Chingford.« »In der Nähe der Bibliothek?« »Praktisch gegenüber«, sagte Dean. »Auf den ersten Blick ist nichts in oder beim Auto, Sir. Und auch die Suche nach Fingerabdrücken und der Tatwaffe hat bisher nichts ergeben.« Keenan nickte und wollte sich schon abwenden, hielt dann aber inne. »Ich möchte Sie bitten, in diesem Fall als Verbindungsglied zur Familie zu fungieren, Karen.« »Ich würde gern weiterhin an den Ermittlungen teilnehmen, Sir …« Keenan nickte wieder. »Wir werden einen uniformierten, Beamten bitten, in der Nähe des Patston-Hauses zu bleiben, solange Sie unterwegs sind, aber ich möchte Sie als Verbindungsbeamtin.« Deans Augen – dunkel, leicht schräg und mit scharfem Blick – verrieten flüchtige Enttäuschung, gemischt mit Furcht, die Keenan gut nachvollziehen konnte. »Natürlich«, sagte sie., 58.

U m zehn nach fünf rief Clare bei Allbeury an und fragte, ob er wisse, wo Novak sei.

»Er hat mich vorhin angerufen«, berichtete sie, »musste dann aber plötzlich auflegen und sagte, er würde sich wieder melden. Das hat er aber nicht getan. So was ist normalerweise gar nicht seine Art. Und jetzt hat er auch noch sein Telefon abgestellt. Sonst stellt er es nur leise.« »Ich fürchte, ich kann dir nicht helfen, Clare«, sagte Allbeury. »Ich warte auch auf einen Anruf von ihm.« »Wenn du zuerst von ihm hörst«, sagte sie, »sag ihm bitte, er soll mich anrufen.« »Natürlich«, versprach er. »Sie sprachen von Mord«, sagte Novak zu Sergeant Reed, als dieser mit zwei Styroporbechern Kaffee ins Verhörzimmer des Dezernats für Schwerverbrechen in Theydon Bois zurückkam. »Wer wurde denn ermordet?« »Warum haben Sie auf der Straße herumgestanden?« Reed stellte Novaks Kaffee vor ihn hin. Novak wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte, Ausflüchte zu machen. Nicht zu viele jedenfalls. »Ist Joanne Patston das Opfer?«, fragte er. »Kennen Sie Mrs Patston?«, fragte Reed. »Ich bin ihr einmal begegnet«, antwortete Novak. »Kurz.« »Warum haben Sie vor dem Haus im Auto gesessen, Mr Novak?«, »Wurde Joanne Patston ermordet?«, beharrte Novak. Sergeant Reed starrte ihn an. »Ja«, sagte er schließlich. »O Gott.« Novak erinnerte sich an die nervöse Frau, die die Hemden ihres Mannes im Garten auf die Wäscheleine hängte, während ihr Kind mit einem roten Ball spielte. War es ihr Mann? Novak hätte es gern gefragt, wäre direkt zum Punkt gekommen, ohne Zeitverschwendung. Doch Allbeury wollte nicht, dass die Polizei von seiner Beteiligung erfuhr, solange es zu vermeiden war. »Ich muss telefonieren«, sagte er. »Mit meinem Klienten.« »Klient?«, fragte der Polizist. »Ich bin Privatdetektiv.« Novak hielt inne. »Ich war wegen eines Auftrags dort.« »Wer ist Ihr Klient?« Novak mochte es nicht, sich bei der Polizei aufsässig zu geben, aber er hatte keine andere Wahl. »Ich bin doch nicht festgenommen, oder?« »Sollte ich Sie denn festnehmen?«, fragte Reed. »Nein«, sagte Novak. »Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein paar Minuten geben, um meinen Anruf zu tätigen.« »Nur zu.« Novak holte sein Telefon heraus und schaltete es ein. »Könnte ich alleine telefonieren?«, sagte er zu Reed. »Übertreiben Sie’s nicht«, sagte der andere Mann, stand aber auf. Novak wartete, bis Reed den Raum verlassen hatte, ignorierte die diversen Anrufe, die sein Display ihm anzeigte, und wählte Allbeurys Handynummer. Der Anwalt hob sofort ab. »Was ist los, Mike?« Novak erzählte ihm die Neuigkeiten., »Ermordet?« Allbeurys Entsetzen war deutlich hörbar. »O Gott.« Novak zögerte, hoffte auf eine Richtungsvorgabe. »Die Sache ist die …« »Was hast du ihnen erzählt?« »Nichts. Dass ich Privatdetektiv bin und meinen Klienten anrufen muss. Ich hatte keine große Wahl, Robin, tut mir Leid.« »Mach dir deswegen keine Gedanken«, erwiderte Allbeury. »Bring dich nicht mir zuliebe in Schwierigkeiten. Sag die Wahrheit.« Er hielt inne, wählte seine Worte sorgfältig. »Sag, dass Mrs Patston in einer unglücklichen Ehe lebte und mich um Hilfe gebeten hatte – daher die Überwachung. Das Übliche. Ich bin Scheidungsanwalt, aber das hier war inoffiziell.« »Und wenn sie mehr wissen wollen?« »Mehr weißt du nicht.« Allbeury hielt inne. »Wenn sie mit mir sprechen müssen, werde ich mich selbstverständlich so schnell wie möglich bei ihnen melden.« Die Tür ging auf, und Reed kam wieder herein. »Sergeant Reed ist gerade zurückgekommen«, sagte Novak. »Mach dir keine Sorgen, Mike«, sagte Allbeury, »und finde heraus, so viel zu kannst.« »Mach ich«, sagte Novak. »Und Robin … könntest du Clare sagen, dass es mir gut geht?« Er beendete das Gespräch und erzählte Reed – der bereits wieder ihm gegenüber Platz genommen hatte –,was Allbeury ihn auszurichten gebeten hatte. »Also war es Mrs Patston, die Sie beobachtet haben?« »Weniger beobachtet«, sagte Novak, »als gesucht. Bei ihr zu Hause und bei ihrer Mutter.« »Mrs Patston wollte sich also scheiden lassen?«, fragte Reed. »Ich weiß keine Einzelheiten«, sagte Novak., »Aber Ihr Klient ist Scheidungsanwalt?« »Ja. Aber ich glaube, er nimmt auch andere Fälle an.« »Glauben Sie.« Reed hielt inne. »Sie sagten, Mrs Patston hätte um Hilfe gebeten.« »Das hat Mr Allbeury mir erzählt.« »Und als Sie Mrs Patston persönlich getroffen haben?«, fragte Reed. »Das war nur, um ein Treffen zu arrangieren«, sagte Novak. »Warum haben Sie das nicht telefonisch gemacht?« Novak zuckte mit den Achseln. »Ich war gerade in der Gegend. Es erschien mir einfacher und persönlicher.« »Und haben Sie nur Mrs Patston gesehen? Oder war ihr Mann auch da?« »Nur sie. Und ihre kleine Tochter. Das arme Kind.« »Ja«, sagte Reed. »Sie wissen also nicht, warum die Dame unglücklich war – das ist doch der Ausdruck, den Sie benutzt haben?« Novak war schon im Begriff, Unwissenheit vorzuschützen, dann aber kehrte die Erinnerung wieder. Die Frau hatte so hübsch ausgesehen, so verletzlich, wie sie die Hemden an die Leine geklammert hatte, und dann war das kleine Mädchen zu ihr gerannt und hatte sich an seine Mutter geschmiegt. Und jetzt war ihre Mutter fort, für immer, und sie würden Tony Patston sowieso entlarven, aber wenn er sie nicht wenigstens auf die richtige Fährte setzte … »Mir ist lediglich bekannt«, sagte Novak, »dass von Gewalt in der Familie die Rede war. Aber soviel ich weiß, ist das unbewiesen.« »Gewalt gegen Mrs Patston?« Der wachsame Blick wurde noch schärfer. »Gegen die kleine Tochter«, sagte Novak., Er wappnete sich innerlich gegen weitere Fragen, um sowohl Clare als auch Maureen Donnelly nicht als Informationsquelle preisgeben zu müssen – der Gedanke, mit seinem losen Mundwerk eine wohlmeinende Krankenschwester in Schwierigkeiten zu bringen, behagte ihm überhaupt nicht. Ganz zu schweigen von Robin. Denn dies war schließlich nicht das erste Mal, dass eine seiner Klientinnen ermordet wurde. Und Novak wusste nicht, was er davon halten sollte – wenn überhaupt etwas. Im Augenblick wünschte er sich nichts weiter, als dieses Gespräch hinter sich zu bringen und so schnell wie möglich hier rauszukommen. »Und wer soll der kleinen Irina gegenüber gewalttätig geworden sein?«, fragte Sergeant Reed. »Ihr Vater. Der Ehemann«, antwortete Novak. »Deswegen stand ich vor dem Haus. Um die Lage dort im Auge zu behalten.« »Waren Sie im Haus der Patstons?« »Noch nie.« »Wie lange überwachen Sie die Leute schon?« »Es ist keine richtige Überwachung«, sagte Novak. »Wie würden Sie es denn bezeichnen?« »Wie ich schon sagte. Ich habe sie ein wenig im Auge behalten.« »Wie lange schon?«, wiederholte Reed. »Seit gestern Morgen«, antwortete Novak. »Warum gerade da?« »Weil mein Klient Kontakt zu Mrs Patston aufnehmen wollte und sie nicht zu Hause zu sein schien.« Novak hielt inne. »Weil er sich Sorgen um sie machte.« »Und um das Kind?« »Ja.«, »Haben Sie diese angebliche Misshandlung des Kindes schon jemandem gemeldet?«, fragte Reed. »Noch nicht.« »Hat Ihr Klient«, Reed warf einen Blick auf seine Notizen, »Mr Allbeury, den Verdacht gemeldet?« »Das weiß ich nicht«, sagte Novak. »Vielleicht war ja gar nichts dran.« »Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, oder?«, sagte Reed. Novak antwortete nicht; er sah wieder Joanne Patston vor sich. »Wer hat Ihren Klienten auf den Verdacht der Misshandlung aufmerksam gemacht, Mr Novak?« »Das weiß ich nicht«, sagte Novak, der sich bewusst war, dass dies die erste eindeutige Lüge war, die er von sich gab. »Sind Sie ganz sicher, Mr Novak?«, fragte Reed. »Ja«, sagte er. »Tut mir Leid.«, 59.

W ie geht es Ihnen?« Jim Keenan, den Karen Dean aus dem Wohnzimmer

gerufen hatte, um ihm von Sergeant Reeds Anruf zu erzählen, hatte zu Tony zurückkehren wollen, aber festgestellt, dass der in den Garten gegangen war. Da er den Moment für geeignet hielt, eine Pause in der Befragung einzulegen, ging er in die Küche, wo Sandra am Tisch saß. Das Fenster überblickte einen kleinen Garten, der vom Licht aus der Küche recht gut beleuchtet wurde. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Tony Patston versuchte, über den Zaun zu verschwinden, würden sie es sogar jetzt, in der Dämmerung, mit Sicherheit bemerken. »Ich weiß, das war eine dumme Frage, Mrs Finch«, sagte Keenan aufrichtig. »Es wird wohl keiner von uns je lernen, was man in Zeiten wie diesen sagen sollte.« »Das ist nicht leicht«, erwiderte Sandra freundlich. Sie war bleich, aber ziemlich gefasst. Doch es war keine echte Selbstbeherrschung, das wusste Keenan. Vor allem lag es daran, dass Sandra Rücksicht auf das Kind nahm. »Wenn Sie das Gefühl haben«, wagte er sich behutsam vor, »es sei an der Zeit, Irina das von ihrer Mutter zu erzählen, und wenn Sie dabei ein wenig Unterstützung brauchen, ist es sicher hilfreich, Constable Dean in Ihrer Nähe zu haben.« Karen Dean ließ den Wasserkocher stehen, den sie eben gefüllt hatte, und trat näher an den Tisch. »Ich möchte mich aber nicht aufdrängen, Mrs Finch«, sagte sie. »Sagen Sie Sandra zu mir«, erwiderte die trauernde Frau. »Sehr gern«, sagte Karen., »Stört es Sie, wenn ich mich zu Ihnen setze?«, fragte Keenan. »Um ein bisschen zu reden?« »Warum sollte mich das stören?«, sagte Sandra. »Schließlich ist es ja in meinem Interesse, Ihnen zu helfen.« Keenan warf einen Blick in die Zimmerecke. »Hat Irina einen tiefen Schlaf?« »Ich weiß es nicht genau«, antwortete die Großmutter. »Normalerweise schon, glaube ich.« »Sie ist ein sehr hübsches kleines Mädchen«, sagte Keenan. Die alte Frau lächelte, während ihr gleichzeitig Tränen in die Augen schossen. »Sie ist adoptiert. Als sie drei Monate alt war. Sie war ein Waisenkind aus Rumänien.« »Irina«, sagte Keenan und verstand den ungewöhnlichen Namen und die fast schwarzen Augen. »Es ist wundervoll, auf diese Weise zu helfen«, sagte Karen Dean. Sandra nickte und kämpfte vergeblich gegen die Tränen an. Sie presste sich ein bereits durchnässtes Taschentuch auf die Augen. »Joanne hat sehr lange darauf gewartet, Irina zu bekommen«, sagte sie nach einer Weile. Sie wischte sich das Gesicht ab, dann hielt sie das Taschentuch mit der rechten Faust. »Sie hat sich sehnlichst ein Baby gewünscht, aber sie und Mike konnten keins bekommen.« »Adoption ist eine schwerwiegende Entscheidung für die meisten Paare«, sagte Keenan. »Ich weiß, dass es für manche Väter schwierig ist, das Kind eines anderen Mannes großzuziehen.« Karen ging zurück zum Wasserkocher, näher ans Fenster. »Ich würde nicht sagen, dass mein …« Sandra stockte. »Was würden Sie nicht sagen, Mrs Finch?«, fragte Keenan. Sie senkte die Stimme. »Ich wollte sagen, dass mein Schwiegersohn mir nie als besonders väterlicher Mensch, erschienen war, aber bei der Adoption hat er Joanne voll und ganz unterstützt.« Sie schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. »Die beiden haben einen Fernsehbericht über die Waisen da drüben gesehen, wissen Sie. Danach wollten sie unbedingt ein Kind adoptieren.« »Das dürfte nicht ganz einfach gewesen sein.« Dean ließ ein paar Teebeutel in die blauweiße Kanne fallen. »War es auch nicht«, sagte Sandra. »Joanne sprach nicht viel darüber – sie war ein bisschen abergläubisch und hatte Angst, dass es schief gehen würde, wenn sie zu viel darüber sprach –, aber sie erzählte mir immer, dass Tony partout nicht aufgeben wollte.« Sie hielt inne. »Jetzt sind es viereinhalb Jahre, seit sie Irina nach Hause geholt haben.« Ihre Stimme bebte. »Sie hat Joanne sehr glücklich gemacht … sie war eine wunderbare Mutter.« Zum ersten Mal verlor sie die Fassung. Sie schluchzte und verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Schultern bebten. Als hätte der Schmerz ihrer Großmutter sie geweckt, war von oben plötzlich Irinas Weinen zu hören. Sandra hob den Kopf, stand auf, zog ein paar Papiertücher aus der Schachtel auf dem Tisch und trocknete sich die Augen ab. »Ich gehe lieber zu ihr.« Sie putzte sich die Nase. Als sie zum Treteimer ging, um die Tücher hineinzuwerfen, sah sie Tony, der draußen unglücklich und in hilflosem Zorn auf einen Grasstreifen eintrat. »Er regt sich sehr auf, wenn Irina weint.« »Wirklich?«, fragte Keenan. »Alle Kinder weinen doch.« »Natürlich.« Sandra hielt inne, um zu horchen. Von oben war kein Laut mehr zu hören. »Joanne hat sich nie groß dazu geäußert, aber es war trotzdem offensichtlich, weil sie immer dafür sorgte, dass Irina möglichst wenig weinte. Als sie klein war, gab sie ihr jedes Mal ein Extra-Fläschchen oder nahm sie auf den Arm.«, »Wird Tony wütend, wenn Irina weint?«, fragte Keenan beiläufig. »Ob er wütend wird, weiß ich nicht«, sagte Sandra, die sich plötzlich unbehaglich zu fühlen schien. »Ich sollte jetzt raufgehen.« »Sie müssen keine Angst haben, dass Sie etwas Falsches sagen«, sagte Keenan. »Habe ich nicht«, sagte Sandra, der das Gespräch dennoch unangenehm war. »Jetzt zählt erst mal nur eins«, beharrte Keenan. »Dass Sie uns alles erzählen, was uns helfen könnte, damit wir herausfinden, was Joanne zugestoßen ist, und warum.« Sandras Gesicht veränderte sich plötzlich. Sie wurde noch bleicher, und ihre Augen weiteten sich in neuerlichem Entsetzen. »Sie wollen doch nicht andeuten, dass Tony …« »Niemand deutet etwas an, Mrs Finch. Das sind nur Routinefragen, die uns helfen sollen …« »Wie können Sie nur solche Worte benutzen?«, rief Sandra aus. »Meine Tochter … die Mutter dieses kleinen Mädchens«, sie blickte zur Decke, »ist gerade ermordet worden. Wie können Sie da von Routine sprechen?«, 60.

A ls Novak um kurz nach sieben durch die Wohnungstür kam und Clares Gesicht sah, erkannte er sofort, dass sie es

wusste. »Robin hat es mir gesagt«, bestätigte sie. »Er hat angerufen, um mir deine Nachricht zu übermitteln. Ich habe an seiner Stimme gehört, dass etwas nicht stimmt.« »Ich wollte es dir gern selbst erzählen«, sagte Novak. »Er hat versucht, mir nichts zu sagen, aber ich habe es aus ihm herausbekommen.« »Darauf verstehst du dich.« Novak ging zu ihr und schloss sie in die Arme. »Die arme Frau.« Clare brach in Tränen aus. »Und das arme kleine Mädchen …« »Sie wird darüber hinwegkommen«, sagte Novak und wusste, dass er log. »Aber sie ist nicht in Sicherheit, solange sie bei diesem Ungeheuer lebt.« »Die Großmutter hat sich um die Kleine gekümmert«, sagte Novak besänftigend. »Es scheint also nur logisch, dass sie jetzt bei Patston einzieht.« Er trat zurück und blickte seiner Frau ins Gesicht. »Und nach dem, was ich gerade einem ziemlich cleveren Sergeant erzählt habe, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie Tony Patston jetzt genauestens unter die Lupe nehmen.« »Was hast du ihm denn gesagt?« Clare wischte sich die Augen ab. »Gerade genug.« Novak fischte in seiner Jacke nach einem Taschentuch, tupfte ihr Gesicht ab und reichte es ihr. »Ich habe weder dich noch Maureen, noch das Krankenhaus erwähnt. Aber, ich habe gesagt, dass Joanne sehr unglücklich war und der Verdacht bestand, dass Patston das Mädchen misshandelt hat.« »Gut.« Clare putzte sich die Nase. »Wenn Maureen nicht wäre, würde ich noch in dieser Minute selbst zur Polizei gehen.« »Nicht nötig, mein Schatz«, sagte Novak. »Sie finden es auch ohne dich heraus.« Die Polizei hatte die Fingerabdrücke Tonys und Sandras genommen, und Tony hatte für einen zusätzlichen DNA-Test eine Haarprobe zur Verfügung gestellt, statt einen Mundabstrich machen zu lassen. Dies alles diene lediglich dem Ausschlussverfahren, hatte Keenan ihnen versichert. Doch das Wissen, dass ein Polizeiteam nur wenige Kilometer entfernt sein Haus durchsuchte, lastete schwer auf Tony. »Ich will nach Hause«, sagte er in der Küche zu Keenan, als Sandra oben war, um nach Irina zu sehen. »Ist das alles nicht schon schrecklich genug, ohne dass ich von meinem Haus fern gehalten werde, während Wildfremde dort Gott weiß was für ein Chaos anrichten?« »Ich kann Ihnen versichern«, Keenan war immer noch sehr behutsam, »dass Ihr Eigentum mit größter Vorsicht behandelt wird. Wie ich schon sagte, das alles gehört zu unserer üblichen Routine.« »Es gehört also zur Routine, Ehemänner zu verdächtigen, ja?«, sagte Tony. »Man liest das ja immer wieder. Aber wenn es einem selbst passiert, ist es doch etwas ganz anderes.« »Es stimmt, dass es in solchen Fällen zur Vorgehensweise gehört, nahe Verwandte und Kollegen als Täter auszuschließen.« »Joanne hatte keine Kollegen«, sagte Tony. »Und Sie glauben doch wohl nicht, dass ihre Mutter sie ermordet hat? Also bleibe wohl nur ich, oder?« Er begann wieder zu schluchzen. »Das ist, unglaublich. Ich habe gerade meine Frau verloren, und statt mich in Ruhe zu lassen, damit ich trauern kann, muten Sie mir diesen Scheiß zu.« »Tut mir Leid, Mr Patston«, sagte Keenan unbewegt. »Ich kann Ihnen versichern, dass es uns fern liegt, einen unschuldigen Mann zu belästigen, der …« »Aber Sie glauben nicht, dass ich unschuldig bin«, unterbrach Tony ihn verstört, »oder?« »Warum setzen Sie sich nicht erst einmal hin?«, schlug Keenan vor. »Trinken Sie eine Tasse Tee.« Tony ließ sich auf einen der Küchenstühle sinken und starrte zum Inspector auf. »Sie glauben, ich habe es getan, nicht wahr? Sie glauben, ich habe meine eigene Frau umgebracht.«, 61.

A m Mittwochmorgen um kurz nach halb acht saß Helen Shipley vor ihrem Gespräch mit Trevor Kirby, der gleich

zu einer Konferenz nach Victoria fahren würde, an ihrem Schreibtisch und aß noch schnell einen Donut, als Geoff Gregory in ihr Büro kam. »Ich habe gerade etwas erfahren, das dich vielleicht interessiert.« Mit noch vollem Mund leckte Helen sich den Zucker von den Fingern und hob als Antwort nur die Augenbrauen. »Im Zusammenhang mit dem Epping-Forest-Mord«, sagte Gregory. »Was ist damit?« »Es heißt, die Kollegen haben den Ehemann in der Mangel, aber …« »Aber was?« »Aber sie haben gestern in Theydon Bois noch einen anderen Kerl verhört, weil er das Haus des Opfers beobachtet hat.« »Nun rück schon mit der Sprache raus, Geoff.« »Einen Privatdetektiv«, sagte Gregory, »namens Novak.« »Himmel«, rief Helen. Im blauen Arbeitszimmer auf der Ostseite der Allbeury- Wohnung saß Novak in einem der luxuriösen schwarzen Ledersessel. Er hatte den Anwalt noch nie so wütend gesehen. »Ich weiß, es war meine Schuld, dass sie mich erwischt haben«, sagte Novak, »aber Clare ist völlig aufgelöst wegen des kleinen Mädchens, jetzt, wo die Mutter tot ist, und …« »Du würdest sie gern da raushalten«, beendete Allbeury seinen, Satz. »Natürlich will ich helfen, den Scheißkerl zu erwischen, der das getan hat, ob es nun ihr Mann war oder nicht, aber Clare hat ja nichts weiter getan, als eine Information weiterzuleiten, und …« »Ich bin im Bilde, Mike«, unterbrach Allbeury. »Und ich kann der Vorstellung, Clare oder ihre Freundin da hineinzuziehen, ebenfalls nichts Gutes abgewinnen. Außerdem überprüft die Polizei zurzeit ohnehin schon Irinas Krankenhausakten, von daher …« Er nahm einen goldenen Kugelschreiber in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern. »Wenigstens gibt es ein Gutes. Jetzt, wo die Polizei weiß, dass ein Risiko für das Kind besteht, muss sie Patston schnell verhaften.« »Und wenn er es nicht war?«, fragte Novak. »Wenn seine Gewalttätigkeit Irina gegenüber in die falsche Richtung deutet und die Polizei sich wegen meiner Aussage nicht die Mühe macht, nach jemand anderem zu suchen?« »Das sind keine Narren, Mike«, sagte Allbeury. »Das weißt du selbst doch am besten.« »Aber ich weiß auch, dass sie gern Ergebnisse vorweisen wollen«, erwiderte Novak. »Mit ein bisschen Glück«, sagte Allbeury, »macht Patston schlapp und gesteht.« Novak blickte den Anwalt mürrisch an und schwieg. »So oder so«, fügte Allbeury hinzu, »halte ich es nicht für die größte Ungerechtigkeit der Welt, wenn die Polizei sich eine Zeit lang auf einen Mann einschießt, der seine vierjährige Tochter schlägt.« Er stand auf, ging zum Panoramafenster hinter seinem Granitschreibtisch und starrte hinaus auf den Fluss. »Ich hoffe sehr, dass Patston schnellstens überführt wird. Um ehrlich zu sein, habe ich auch meine eigenen Gründe dafür. Ich kann es nicht gebrauchen, dass man mir zu viele Fragen darüber stellt, auf welche Weise ich Joanne helfen wollte.«, »Wenn sie Fragen stellen, ist das meine Schuld«, sagte Novak mürrisch. »Du konntest ja nicht ahnen, dass du deinen Wagen mitten in den Schauplatz einer Mordermittlung geparkt hattest.« Allbeury drehte sich wieder zu ihm um und setzte sich. »Es geht dabei nicht nur um mich, Mike. An diesen Operationen sind auch noch andere beteiligt.« »Das ist mir bewusst«, sagte Novak. »Ich schreibe dir nicht vor, was du sagen sollst, wenn die Polizei bei dir anklopft – das ist deine eigene Entscheidung. Aber ich kann dir sagen, dass ich meine Antworten sehr schlicht halten werde, wenn sie zu mir kommen: Als ich Joanne traf, war sie unsicher, was sie tun sollte. Sie hatte Angst vor einer Scheidung. Wie du bereits ausgesagt hast, war ich besorgt, als ich sie nicht erreichen konnte, und habe dich gebeten, mal nachzusehen.« Novak sprach den Punkt an, der ihm am meisten auf dem Herzen lastete. »Und was ist, wenn sie sich an deine Verbindung zu Lynne Bolsover erinnern?« »Damit befasse ich mich, wenn es so weit kommt«, sagte Allbeury. »Falls es so weit kommt.« Helen, den Blick auf die Wanduhr gerichtet, telefonierte mit Constable Pat Hughes und sprach über eine mögliche Verbindung zwischen dem Mord im Epping Forest und dem an Lynne Bolsover. »Zwei unglückliche Ehen und ein Privatdetektiv, der für einen Scheidungsanwalt arbeitet«, fasste Constable Hughes zusammen. »Klingt für mich eher nach einem Zufall.« Helen blieb unbeirrt. »Trotzdem wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die Sache beim ermittelnden Inspector zur Sprache bringen., Sagen Sie ihm bitte, dass ich das Thema deshalb anschneide, weil bestimmte Elemente des Bolsover-Falls mich von Anfang an irritiert haben.« »Ich dachte, es sei bereits Anklage gegen den Ehemann erhoben worden«, sagte Hughes. »Genau«, sagte Helen., 62.

E s geht mir viel besser, Mutter.« Als Jack sie so nannte, wusste Lizzie, dass er ernst

machte. »Ich will wieder zur Schule gehen.« »Vielleicht morgen«, sagte sie. »Es geht mir heute schon gut genug«, sagte Jack. »Ed und Sophie gehen ja auch wieder.« »Die hatten sich auch eher erkältet als du.« »Du gibst also zu, dass es nur eine Erkältung war.« Lizzie sah ihn an. »Du wirst langsam ein richtiger kleiner Rechthaber.« »Aber du siehst es ein?«, fragte er. »Dass ich Recht habe?« »Morgen«, sagte Lizzie. Jack seufzte. Christopher, der die Nacht alleine in Holland Park verbracht hatte, kam um Viertel nach neun in die Klinik, wo er feststellte, dass Jane noch nicht da war. Doch seine Verwaltungschefin Alicia Morgan erwartete ihn im Flur vor seinem Büro. »Morgen, Alicia.« Christopher nahm seinen verbeulten Rex- Harrison-Hut ab. »Warten Sie auf mich?« »Ich fürchte ja.« Alicia wirkte nervös. »Stimmt etwas nicht?« Er öffnete die Tür und ließ sie vorausgehen, bekam einen Hauch diskreten Parfumdufts in die Nase, legte seine Aktentasche ab und blickte sie erwartungsvoll an. »Es gab einen kleinen Sicherheitsverstoß«, sagte Alicia, »im, Computersystem.« Christopher runzelte die Stirn. »Das fällt doch eher in Ihr Arbeitsgebiet, oder?« »Ja, sicher.« Sie hatte immer noch diesen unruhigen Blick, und zwischen ihren sorgfältig gezupften Augenbrauen zeigte sich eine Falte. »Ich habe natürlich alles durchgecheckt, aber …« Die Pause irritierte Christopher, der auf eine ruhige Tasse Kaffee und ein Telefonat mit Jack vor seiner ersten Operation gehofft hatte. »Raus damit, Alicia.« Alicia, die es nicht gewöhnt war, dass ihr Chef auf diese Weise mit ihr sprach, hob das Kinn. »Dann will ich Ihnen den Grund nennen, weshalb ich Sie damit belästige«, sagte sie. »Eine der Akten, auf die ohne Berechtigung zugegriffen wurde, war die Patientenakte von Mrs Wade.« »Lizzies Akte?« Christopher war verblüfft. »Sind Sie sicher?« »Ich fürchte ja«, wagte Alicia sich weiter vor. »Ich habe innerhalb eines vernünftigen Rahmens alle geeigneten Maßnahmen ergriffen, um dafür zu sorgen, dass nie wieder etwas Ähnliches passieren kann …« »Innerhalb eines vernünftigen Rahmens?« Christophers bohrender Blick ließ seine Verärgerung erkennen. »Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Hacker versucht, auf unsere Akten zuzugreifen, weil wir … sagen wir mal, einen Popstar oder einen Fußballer hier in Behandlung haben …« »Ich weiß nichts von Fußballern«, sagte Christopher kühl, »aber das Beauchamp hatte mit Sicherheit schon seinen Teil an großen Namen. Und nur für den Fall, dass Sie es vergessen haben, Alicia – meine Frau ist auch nicht ganz unbekannt.« »Aus diesem Grund dachte ich, Sie wollten vielleicht eine Sicherheitsfirma beauftragen«, sagte Alicia. »Jemand, der uns den bestmöglichen Schutz gewährleistet.« Christopher ging langsam auf die andere Seite seines eleganten, Mahagoni-Schreibtisches und setzte sich. »Auf wie viele andere Patientenakten wurde zugegriffen?« »Auf keine.« Alicias Gesicht rötete sich leicht. »Das ist ja das Seltsame. Alle Akten scheinen im Zusammenhang mit den Abteilungen zu stehen, die mit dem Aufenthalt Ihrer Frau zu tun hatten.« »Abteilungen?« Seine Verärgerung wuchs. »Anästhesie«, erklärte sie, »Aufwachraum, Pflegepersonal …« »Schon gut«, knurrte er. »Ich habe verstanden.« »Ich habe mich gefragt«, fuhr Alicia fort, »ob Sie die Polizei rufen möchten?« »Großer Gott, nein«, sagte Christopher. Sie sah ihn überrascht an. »Aber es erschien mir sehr persönlich … ein Eingriff in die Privatsphäre. Wenn man früher in unsere Aktenschränke eingebrochen hätte …« »Ja«, sagte er. »Ich weiß, was Sie meinen. Und ich werde darüber nachdenken, diese Sicherheitsleute zu holen.« »Nicht die Polizei?« »Nein. Schon wegen Lizzie nicht. Sie ist gerade erst über all das hinweg, und ich glaube, diese Geschichte würde sie sehr aufbringen.« Er brachte ein Lächeln zustande. »Lizzie bringt in Kürze ein neues Buch heraus und geht auf Werbetournee. Sie hat mehr als genug am Hals.« »Ja, natürlich.« Alicia überlegte. »Glauben Sie, es könnte ein Journalist gewesen sein? Der nach einer kleinen Neuigkeit für einen nachrichtenschwachen Tag gesucht hat?« »In diesem Fall dürfte er enttäuscht gewesen sein, nehme ich an«, sagte Christopher. »Viel zu langweilig.« »Gott sei Dank«, sagte Alicia. »Allerdings«, stimmte Christopher zu., 63.

S andra hatte eine unerträgliche Nacht hinter sich. Sie war irgendwann ins Bett gegangen, erleichtert,

endlich ein bisschen Zeit für sich zu haben und zu wissen, dass Irina fest schlief, sodass sie mit der grotesken Parodie der Semi-Normalität, in die man sie gezwungen hatte, aufhören konnte. Aber so erschöpft sie auch war – sie fand keine Ruhe. Als sie im Bett lag, stürzten die Wahrheiten mit solch erdrückendem Gewicht auf sie nieder, dass sie Sandra zu zerquetschen schienen, und sie schlief kaum. Und wenn, fiel sie für kurze Zeit in einen flachen Dämmerschlaf, aus dem sie immer wieder mit neuem Grauen und klopfendem Herzen hochschreckte. Dann schlug die Realität wieder zu. Joanne. Sie war nicht da. Und sie würde nie wieder kommen. Da die Durchsuchung des Hauses in Chingford Hatch offenbar abgeschlossen war, kehrten die Patstons um die Mittagszeit dorthin zurück. Irina freute sich, wieder hier zu sein, und rannte nach ihrer Ankunft fröhlich durchs Haus. Sandra und Tony begriffen mit einem schmerzlichen Stich – und dieser Schmerz war hier, in Joannes Haus, viel schlimmer –, dass Irinas Freude nur von kurzer Dauer sein würde. Denn der Mensch, nach dem sie suchte, war nicht da. Und vielleicht zum ersten Mal war Tony bereit für die Tränen seiner Tochter, bereit, ihr Trost zu spenden. Doch als Irina schließlich zu ihnen ins Wohnzimmer kam, waren es die Arme der Großmutter, in die sie sich flüchtete. »Die Handtasche des Opfers enthält nichts, das uns weiterhilft,, Sir«, sagte Sergeant Reed bei der Frühbesprechung im Verhörzimmer in Theydon Bois zu Jim Keenan. »Die Außenseite wurde abgewischt, und die einzigen Abdrücke innen – auf dem Portemonnaie, der Puderdose und dem Lippenstift – stammen von Joanne, neben ein paar sehr verschmierten, die von dem kleinen Mädchen sein müssen.« »Was ist mit ihrem Kalender?« »Nichts Nützliches.« »Wir kontaktieren alle Telefonnummern und Adressen, Sir«, sagte Karen Dean. »Die Befragung der Anwohner hat auch nichts ergeben«, sagte Reed. »Die Nachbarn, die offenbar mit den Patstons befreundet sind, kommen erst in einem Monat aus Zypern zurück, und niemand scheint genau zu wissen, wo sie sind. Möchten Sie, dass wir die Leute ausfindig machen?« »Sie waren zur fraglichen Zeit nicht hier«, sagte Keenan, »also lass uns das erst mal aufschieben.« Er sah Dean an. »Habt ihr die Datenbanken von CHRIS, CRIMINT und Community Support kontrolliert?« »Ohne Ergebnis«, antwortete Dean. »Auch nichts über Patston, nicht seit der Körperverletzung damals.« »Eine Auffälligkeit gab es«, sagte Reed. »Sie hatte ihren Pass bei sich.« »Überprüft schon jemand die Fluglinien, Reisebüros und so weiter?«, fragte Keenan. »Ich, Sir«, sagte Constable Pat Hughes, eine ernste junge Frau, die nie Make-up trug und ihr dünnes blondes Haar zu einer Art altmodischem Dutt hochgesteckt trug. »Bisher ohne Ergebnis.« »Hatte die Frau nur ihren eigenen Pass dabei?«, fragte Keenan. »Nicht Irinas?« »Nur den eigenen«, sagte Reed. »Und wir haben auch im Haus, keinen gefunden.« »Ich überprüfe die Passanträge, Sir.« Hughes schwieg kurz, um sich eine Notiz zu machen. »Es wird offenbar noch eine Weile dauern, bis sie mit dem Fiesta fertig sind.« Keenan schüttelte den Kopf. »Haben wir die Videoüberwachungsbänder der Bibliothek?« »Ich fürchte, da gibt es ein Problem, Sir«, sagte Hughes. »Ein Systemzusammenbruch drinnen, Vandalismus draußen.« »Großartig.« Keenan schüttelte wieder den Kopf. »Ich gehe zum Waltham General, wenn wir hier fertig sind«, sagte Dean. »Vielleicht bekomme ich Einblick in Irinas und Joannes Akten.« Sie hielt inne. »Beim Sozialdienst sind die beiden übrigens nicht bekannt, Sir.« Reed blätterte einen kleinen Stapel Papiere durch. »Wir haben die Datenschutzauflagen erfüllt und die British Telecom um die Telefonlisten vom Wohnhaus und von Patston Motors gebeten.« Keenan wandte sich dem gerichtsmedizinischen Bericht zu. »Dr. Collins sagt, Joanne starb an dem Ort, an dem sie aufgefunden wurde. Vier Stichwunden, die erste in die äußere Halsvene, was bedeutet, dass der Täter beträchtliche Kraft aufgewendet hat, oder er besaß anatomische Kenntnisse. Bereits die erste Wunde war tödlich. Falls also die Ermordung Joannes das Motiv war, waren die anderen drei Stiche grundlos.« »Dann haben wir es mit einem Irren zu tun?«, fragte Reed. »Oder mit extremer Wut«, sagte Dean. »Oder der Täter hat weiter auf sie eingestochen«, warf Pat Hughes ein, »weil er Angst hatte und ganz sichergehen wollte.« »Joanne Patstons Blut muss nur so gespritzt haben«, sagte Reed bissig. »Da blieb nicht viel, vor dem man Angst haben musste.« »Vielleicht war es die Angst des Täters vor dem, was er getan hat«, sagte Keenan und nickte Hughes zu. »Vielleicht war er zu, durchgedreht, um noch aufhören zu können.« »Aber er hatte den Jackpot doch schon beim ersten Versuch geknackt.« Reed verspürte das Bedürfnis, der jungen Polizistin seine Überlegenheit zu beweisen. »Und die meisten Angreifer in Rage schlagen blind drauflos.« »Das schließt den Jackpot ja nicht aus«, sagte Keenan; dann hielt er den Bericht mit der rechten Hand hoch, um die im Augenblick nutzlosen Spekulationen zu unterbrechen. »Der toxikologische Bericht. Joanne Patston hatte genug Benzodiazepin intus, um sehr schläfrig zu sein, wenn auch wahrscheinlich nicht bewusstlos. Wenn also bitte einer von euch zu ihrem Hausarzt gehen würde …« »Wird erledigt.« Reed wühlte in seinen Notizen. »In ihrem Badezimmerschrank zu Hause stehen keine starken Medikamente, Sir.« »Ich spreche Mr Patston bei unserem nächsten Gespräch darauf an.« Keenan blickte zu Constable Dean hinüber. »Zeugen, Karen?« »Bisher keine glaubwürdigen, Sir.« »Aber da war noch dieser Anruf«, erinnerte Pat Hughes. »Inspector Shipley von AMIT.« »Shipley kommt heute Nachmittag mit«, sagte Keenan vierzig Minuten später in seinem Büro zu Reed. Das Büro war ein trister Kasten, dessen Atmosphäre nur durch ein paar Familienfotos und drei kleine Töpfe mit roten Geranien auf dem Fensterbrett aufgehellt wurde. »Sie begleitet mich zu meinem Gespräch mit Robin Allbeury.« »Wann redet ihr wieder mit Patston?«, fragte Reed. »Ich lasse ihn ein bisschen schmoren«, sagte Keenan, »und fahre später noch mal vorbei.« »Dann sind wir also noch nicht so weit, ihn verhaften zu, können, Sir?« »Nicht, bis ihr mir etwas Handfestes liefert.« »Wir wissen bereits, dass er gewalttätig ist«, sagte Reed. »Wir wissen einen Dreck«, widersprach Keenan. »Er hat eine Vorstrafe wegen Körperverletzung.« »Vor langer Zeit«, sagte Keenan. »Aber im Zusammenhang mit Alkohol«, sagte Reed. »Und wir wissen, dass er immer noch trinkt.« »Das reicht nicht mal annähernd. Wenn Karen im Waltham General Glück hat, bekommen wir womöglich eine Handhabe, aber falls es etwas wirklich Eindeutiges gäbe, wüsste der Sozialdienst wahrscheinlich davon.« Keenan kratzte sich am linken Ohr. »Wie die Dinge im Augenblick liegen, haben wir nicht einmal genug in der Hand, um ihn festzuhalten, weil er das Kind geschlagen hat – ganz zu schweigen von dem Mord an seiner Frau.« »Aber er war es, oder?« Reed versuchte hartnäckig, seine Gedanken zu ordnen. »Vielleicht ist Patstons Geschichte ja zur Hälfte wahr. Vielleicht hat sie ihm gesagt, sie wolle sich mit einer Freundin treffen. Er aber hat gesehen, wie sie ihren Pass einsteckte, und begriffen, dass sie ihn verlassen wollte. Daraufhin hat er sie im Affekt getötet.« Er verzog das Gesicht. »Nur dass sie im verdammten Epping Forest gestorben ist.« »Voll gestopft mit Tabletten«, sagte Keenan. »Vielleicht hat Patston ihr die zuerst eingeflößt und sie dann dort rausgefahren.« »Er ist nicht der Typ, der Pläne macht«, sagte Keenan. »Eher ein Bursche, der um sich schlägt und dann Krokodils- tränen vergießt.« Er hielt inne. »Wie dem auch sei, wir vernachlässigen die Tatsache, dass Joanne an diesem Morgen tatsächlich ausgegangen ist, wie Patston behauptet, und sie hat, Irina zu Sandra Finch gebracht.« »Sie könnte trotzdem vorgehabt haben, Patston zu verlassen«, sagte Reed. »Nur nicht an diesem Morgen. Es sei denn, sie wollte das Kind zurücklassen …« »Bei ihm?«, sagte Keenan. »Nicht eine Minute!« »Vielleicht hatte sie ihren Pass immer dabei«, überlegte Reed. »Stets bereit, zu verschwinden … oder einfach aus Angst, dass er ihn ihr wegnehmen könnte.« Er schwieg wieder kurz. »Glaubst du, Joanne hatte beschlossen, ihn wegen Kindesmisshandlung anzuzeigen?« »Das ist wahrscheinlicher als alles andere«, sagte Keenan, schüttelte dann aber wieder den Kopf. »Aber ihm muss klar gewesen sein, dass das Kind nach Joannes Tod die ganze Zeit bei ihm sein würde, und nach Mrs Finchs Aussage hat er sich jedes Mal aufgeregt, wenn Irina geweint hat.« »Die Leidenschaft kennt keine Logik«, beharrte Reed. »Oder die Eifersucht … oder einfach nur ganz gewöhnliche Wut. Vielleicht war es eine Affekthandlung.« »Ihr die Tranquilizer zu geben, deutet nicht auf ein Verbrechen im Affekt hin.« Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Draußen, hinter den geschlossenen Fenstern, dröhnte der Verkehrslärm. »Wie wär’s, wenn wir den Kinderpsychologen hinzuziehen, damit wir mit Irina sprechen können?«, fragte Reed schließlich. »Noch nicht.« Die Falten in Keenans Gesicht vertieften sich. »Ich würde sie lieber genau im Auge behalten und weiter um sie herum graben. Das Mädchen hat immer noch keine Ahnung, was mit seiner Mutter passiert ist, und ich will nicht, dass wir diejenigen sind, die es ihm sagen. Abgesehen davon habe ich nicht den Eindruck, dass die Kleine etwas Erschreckendes gesehen oder gehört hat.« »Ich nehme an«, sagte Reed, »solange die Großmutter bleibt, und wir ein und aus gehen, müssen wir uns nicht allzu viele Gedanken darum machen, sie vor Patston zu beschützen.« »Sobald Karen im Krankenhaus fertig ist, möchte ich, dass sie wieder so viel Zeit wie möglich im Haus verbringt«, sagte Keenan. »Außerdem postieren wir zum Schutz jemanden vor der Tür.« »Wird erledigt«, sagte Reed., 64.

A ls Lizzie kurz vor dem Mittagessen ihre E-Mails checkte, fand sie in ihrem Postfach einen vorläufigen Terminplan

für die Wahre-Wonne-Tour und eine Nachricht von ihrem Agenten Andrew France. Sie rief ihn sofort an. »Gut, dass ich dich erwische«, sagte sie. »Ich dachte schon, du wärst beim Mittagessen.« »Heute gibt’s nur ein Sandwich am Schreibtisch. Wie geht es der Familie?« »Bestens«, sagte Lizzie, ohne sich mit Einzelheiten aufzuhalten. »Was liegt an, Andrew?« »Wir müssen allmählich über Teil zwei der Roadshow sprechen.« »O Gott«, sagte sie. »Vicuna hatte kein Problem mit dem Aufschub, aber die Leute von Essen und Trinken bestehen jetzt darauf, dass du einen Zusatz zu deinem Vertrag unterzeichnest.« »Was für einen Zusatz?« Lizzie fühlte, wie ihr Inneres sich anspannte. »Sie wollen eine Garantie, dass du die Aufnahmen zu Ende bringst – Naturkatastrophen und sonstige unvorhersehbare Ereignisse größeren Ausmaßes ausgenommen.« »Was bedeutet ›größeren Ausmaßes‹?« »Lass uns gar nicht erst darüber reden, Lizzie«, sagte Andrew. »Doch, das sollten wir«, widersprach sie. »Ich habe den vagen Verdacht, dass Dinge, die für mich Probleme größeren Ausmaßes darstellen, für die Fernsehleute absolut unbedeutend sein könnten.« Sie hielt inne. »Ist das Richard Ardens Werk?« »Das darfst du keine Minute lang glauben«, sagte Andrew., »Vermutlich kommt es aus seiner Rechtsabteilung, aber ich glaube nicht, dass wir uns deswegen Sorgen machen müssen.« »Du musst dir vielleicht keine Sorgen machen – ich schon.« Lizzie war verärgert. »Diese Leute kennen doch meine Verpflichtungen, und zwar von Anfang an! Und Richard schien nach dem Unfall volles Verständnis dafür zu haben, dass ich abreisen musste!« »Natürlich hatte er Verständnis.« Andrews Stimme bekam einen besänftigenden Beiklang. »Aber jetzt sagen die Anwälte, er und seine Chefs hätten mehr oder weniger von dir erwartet, dass du zurückkommst, sobald das Schlimmste vorbei ist …« »Jetzt rede mal Klartext. Worauf sind sie aus?«, fiel Lizzie ihm ins Wort. »Eine Garantie, dass ich für die Dauer der Roadshow aufhöre, Mutter zu sein?« »Nun werde doch nicht gleich wütend, Lizzie …« »Und wenn sie ihre Vorauszahlung zurückwollen, können sie das Geld gern haben.« »An so was brauchst du gar nicht zu denken«, sagte Andrew. »Nein, das brauche ich wirklich nicht.« »Ich glaube nicht«, sagte Andrew, »dass eine Ablehnung langfristig gesehen ein kluger Zug wäre.« »Wie schade.« »Was ist los mit dir, Lizzie? Stimmt was nicht?« »Ich habe mich nie besser gefühlt«, sagte sie., 65.

V ielleicht«, sagte Sandra zu Karen Dean, die gerade Sandwiches zum Mittagessen machte, »sollten wir uns ans

Fernsehen wenden, wie manche Leute es tun, um Zeugen zu finden.« »Zum Beispiel, wenn Kinder verschwinden, nicht wahr?«, sagte Tony, der neben seiner Schwiegermutter am Küchentisch saß. »Und wenn …« Sandra beendete den Satz nicht. Irina, die Dean geholfen hatte, ihre Erdnussbutter zu verstreichen, hob die Hände, die Handflächen nach oben gerichtet, sodass ihre Großmutter sie sehen konnte. »Rina schmutzig, Omi«, sagte sie. »Du bist zu alt für die Babysprache, Irina«, sagte ihr Vater. Sandra warf ihm einen bösen Blick zu. »Komm her, Schätzchen.« Sie stand auf und streckte dem Kind die rechte Hand entgegen. »Komm, wir waschen das ab.« An der Spüle half sie Irina, auf den roten Plastiktritt zu steigen, den Joanne für diesen Zweck gekauft hatte, drehte den Wasserhahn auf, drückte Fairy Ultra auf ihre Hände und sah zu, wie sie es zu Schaum rieb. »Alles, was helfen könnte«, fuhr sie fort, an Constable Dean gewandt, »ist doch einen Versuch wert, nicht wahr?« »Vielleicht sollten Sie Inspector Keenan darauf ansprechen, wenn er zurückkommt«, sagte Dean. »Wir könnten darüber reden, wie viel Liebe in die Aufnahme dieses kleinen Mädchens hier geflossen ist.« »Adoption« war, ebenso wie »Mord« oder »getötet«, eins der Wörter, die sie alle – nach einer stillschweigenden Übereinkunft, – in Irinas Beisein mieden. »Darüber würde ich nicht sprechen wollen«, sagte Tony. »Das ist privat.« »Fertig«, verkündete Irina. Sandra half ihr herunter, zog das Geschirrhandtuch vom Halter und schaute ihrer Enkelin beim Händetrocknen zu. »Wenn du nicht willst, tue ich es«, sagte sie in scharfem Ton zu Tony. »Ich tue alles, um den zu kriegen, der uns das hier angetan hat. Ich hätte eigentlich gedacht, dass du es genauso siehst.« Tony, der noch am Tisch saß, begann zu weinen. Diesmal verbarg er das Gesicht nicht in den Händen; er ließ seine Tränen über die Wangen bis hinunter auf sein stoppliges Kinn fließen. »Um Gottes willen«, zischte Sandra. »Wenn ich mich beherrschen kann, warum kannst du es nicht?« »Warum weint Daddy?«, fragte Irina. »Weil er traurig ist, Schätzchen«, erklärte Sandra ihr behutsam und warf Dean einen hilflosen Blick zu. »Wir alle sind traurig, Irina.« »Weil Mami nicht hier ist?«, fragte Irina. »Richtig, Schätzchen«, sagte Sandra, und auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich will meine Mami«, sagte ihre Enkelin. Als Karen Dean sah, wie Tränen in den großen dunklen Augen des Kindes schimmerten, konnte sie nur mit Mühe verhindern, dass sie ebenfalls zu weinen anfing., 66.

A lles in Ordnung bei euch?«, fragte Christopher um kurz nach zwei am Telefon.

»Bestens«, sagte Lizzie. »Sieht man davon ab, dass ich mich gegenüber den Leuten von Essen und Trinken wie eine Idiotin benommen habe.« Sie erzählte ihm kurz, was passiert war. »Du hattest vollkommen Recht«, sagte Christopher. »Dich so unter Druck zu setzen ist unverschämt.« »Du findest doch nur, ich sollte zu Hause bei den Kindern bleiben«, sagte Lizzie. »Das ist lächerlich«, entgegnete Christopher. »Ja«, gab Lizzie zu. »Da hast du wohl Recht.« »Ich mag ja meine Fehler haben«, sagte er, »aber …« »Mag?« »Ich habe meine Fehler«, sagte er. »Unverzeihliche Fehler, wie ich nur zu gut weiß.« »Ich bin nicht in der Stimmung für deinen Sarkasmus«, sagte Lizzie. »Und ich bin nicht in der Stimmung, dass man auf mir herumhackt.« »Dein Pech«, sagte Lizzie und legte auf., 67.

R obin hat angerufen«, sagte Novak zu Clare, als sie um vier Uhr, nachdem sie ein paar Stunden in Wood Green bei

Nick Parry verbracht hatte, wieder in die Detektei kam. »Jim Keenan, der Inspector aus Theydon Bois, kommt um fünf zu ihm.« »Will er denn nicht mit dir sprechen?« Sie hängte ihren Regenmantel an die Garderobe. »Bisher nicht«, sagte Novak. Er folgte ihr in die winzige Küche, stellte sich hinter sie, als sie den Wasserkocher füllte, und küsste sie in den Nacken. Normalerweise reagierte Clare auf solche Annäherungen voller Wärme, aber heute stöpselte sie nur den Stecker des Wasserkochers ein. »Alles in Ordnung?«, fragte Novak. »Ich bin ein bisschen müde.« Sie nahm den Deckel vom Teebehälter und warf einen Beutel in ihre Tasse. »Hab letzte Nacht nicht gut geschlafen.« »Es ist verständlich, wenn du aufgebracht bist«, sagte Novak sanft. »Ich weiß, dass du Angst um das kleine Mädchen hast.« »Du etwa nicht?«, erwiderte Clare so heftig, dass ihr lockiges Haar hüpfte. »Natürlich.« Novak war verblüfft über den Vorwurf in ihren Augen und legte ihr eine Hand auf den Arm. »Du zitterst ja, Liebling.« »Tue ich nicht.« »Komm her und setz dich.« »Ich koche gerade Tee.« »Das mache ich gleich.« Er schob sie zurück ins Büro und auf, das Sofa zu. »Setz dich und erzähl mir, was los ist.« Sie setzte sich. »Nichts ist los.« »Geht es Nick gut?« »Bestens.« Novak hörte das Wasser kochen, ging den Tee aufgießen, trug ihn herein und setzte sich neben sie. »Ich habe ein bisschen Zucker hineingetan.« Zum ersten Mal lächelte sie. »Ich brauche keinen Zucker.« »Du brauchst Energie«, sagte er. »Du siehst schon seit einiger Zeit müde aus, also weiß ich, dass es nicht nur mit den Patstons zu tun hat. Ich dachte, wir hätten die Abmachung, uns alles zu sagen.« »Okay«, sagte sie. »Was okay?« »Ich sage es dir.« Ihre Stimme war leise, aber so voller Anspannung, dass er plötzlich Angst bekam. »Was ist denn?« »Ich bin schwanger«, sagte Clare. Novak fühlte sich, als würde er in zwei Hälften gespalten: In einer explodierte ein Freudenfeuerwerk, die andere irrte in dunkler Verwirrung umher. »Aber das ist wundervoll«, sagte er. »Ach, wirklich?«, fragte Clare. Und sofort begriff er – bereits verärgert, ja wütend auf sich selbst, weil er so dumm und unsensibel war. Natürlich musste jede Freude, die sie empfinden könnte, unter den schlimmen Erinnerungen an das letzte Mal begraben liegen. »Tut mir Leid«, sagte er. Clare sah ihn an. »Verstehst du?« Sie klang zögerlich., »Natürlich.« Novak streckte die Arme aus und war erleichtert, als sie in seine Umarmung kam und sich an ihn lehnte. »Natürlich verstehe ich. Ich weiß, wie du dich damals gefühlt hast … ich weiß, wie ich mich gefühlt habe, und ich werde es bis ans Ende meines Lebens nicht vergessen.« »O Mike, es tut mir Leid.« Er entfernte sich ein Stückchen von ihr und sah Tränen in ihren Augen. »Sag so etwas nicht. Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.« Er trat noch einen Schritt zurück und legte die rechte Hand auf ihren flachen Bauch. »Ein Baby«, sagte er leise. »Du freust dich«, sagte sie. »Himmel, ja.« »Ich habe Angst.« »Ich weiß«, sagte er. »Sag mir, dass alles gut wird«, sagte sie. »Natürlich wird alles gut«, sagte er. »Das kannst du doch nicht wissen«, sagte Clare. »Doch. Ich glaube ganz ehrlich, dass ich es weiß.« »Dein Wort in Gottes Ohr«, flüsterte sie. Amen, dachte er, sprach es aber nicht aus, weil er ihr gerade gesagt hatte, er sei sich sicher. Alles andere würde jetzt wie ein Rückzieher erscheinen – und wenn Clare im Augenblick eines brauchte, dann war es seine Zuversicht. Und schon war die dunkle Verwirrung aus seinen Gedanken verschwunden – verdrängt von der Hoffnung. »Unser Baby«, sagte er., 68.

W enn Robin Allbeury alles andere als erfreut war, Helen Shipley an der Seite von Jim Keenan in seine Wohnung

kommen zu sehen (sie hatte Chief Kirby überredet, ihr eine Auszeit von der Arbeit an dem Drogenfall und ihrem Stapel überfälligen Papierkrams zu gewähren), so ließ er es sich nicht anmerken. »Nicht überrascht, mich zu sehen?«, fragte sie den Anwalt, der einen grauen Kaschmirpullover zu anthrazitfarbenen Wollhosen trug und die Besucher in sein Wohnzimmer mit dem fantastischen Ausblick bat. »Traurigerweise nicht sehr«, sagte Allbeury. »Angesichts der Verbindung zwischen den beiden Frauen und meiner Person habe ich Ihren Besuch erwartet.« »Haben Sie eine Erklärung für diese Verbindung, Sir?«, fragte Keenan. »Bitte«, sagte Allbeury und deutete auf Couch und Sessel, »machen Sie es sich bequem.« Helen ging zu dem großen Teleskop vor den Glastüren. »Sie können es gern benutzen«, sagte Allbeury. Sie drehte sich um. »Nein, danke.« Keenan nahm auf dem Sofa Platz. »Die Verbindung, Sir?« »Ich habe keine Erklärung dafür«, sagte Allbeury. »Aber ich kann Ihnen versichern, wenn ich auch nur einen Augenblick lang dächte, dies sei mehr als ein Zufall – oder dass meine Person für diese zwei Todesfälle irgendeine Relevanz besäße –, wäre meine Bestürzung noch größer, als sie ohnehin schon ist.« Helen setzte sich in den Sessel neben Keenan. Als sie die Beine übereinander schlug, bemerkte sie mit leichter, Verärgerung, dass sie zwei Laufmaschen in der Strumpfhose hatte. Sie wünschte, sie hätte einen Hosenanzug angezogen. »Kann ich Ihnen beiden Kaffee bringen?«, fragte Allbeury. »Aber Sie trinken lieber Tee, nicht wahr, Inspector Shipley?« »Für mich nichts, danke.« »Für mich auch nicht.« Keenan wartete, bis auch der Anwalt Platz genommen hatte. »Was macht Sie so sicher, dass Ihre Person für die Fälle keine Bedeutung besitzt?« »Darüber habe ich lange und eingehend nachgedacht«, antwortete Allbeury. »Und ja, ich nehme an, es besteht die vage Möglichkeit, dass beide Ehemänner herausfanden, dass ihre Frauen in Verbindung mit mir standen, und dass die Männer daraufhin so wütend wurden, dass sie die Frauen getötet haben.« »Vielleicht ist genau das geschehen«, sagte Helen. »Aber das ist doch unwahrscheinlich – gleich in beiden Fällen?« Allbeury war skeptisch. Helen schwieg. Allbeury sah sie noch einen Moment an, dann wandte er sich an Keenan. »Also, wie genau kann ich Ihnen helfen, Inspector?« »Erstens«, sagte Keenan, »indem Sie uns sagen, wo Sie sich zum jeweiligen Todeszeitpunkt der beiden Frauen aufhielten. Zweitens, indem Sie uns genau erklären, wie Ihr Verhältnis zu den beiden Opfern war.« »Für die Antwort auf Frage eins brauche ich den Terminkalender in meinem Computer«, sagte Allbeury. »Was die zweite Frage betrifft, habe ich Inspector Shipley bereits von meiner einzigen Begegnung mit Lynne Bolsover erzählt.« Wieder antwortete Helen nicht. »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte Keenan, »haben Sie Inspector Shipley erzählt, dass Sie Mrs Bolsover Ihren Rechtsbeistand angeboten hatten – gratis, aber außerhalb der, staatlichen Prozesskostenhilfe.« »Korrekt«, sagte Allbeury. »Aber sie wollte meinen Rat nicht.« »Wahrscheinlich war die Sache aus ihrer Sicht ein bisschen zu kompliziert«, sagte Keenan. »Wenn sie im Grunde nichts weiter tun musste als ins Bürgerbüro zu gehen oder die Gelben Seiten aufzuschlagen, um eine der Firmen zu finden, bei denen die erste Beratung umsonst ist.« »Aber sie hat nichts dergleichen getan«, sagte Allbeury ungerührt. »Und das ist genau der Punkt. Mrs Bolsover hatte zu viel Angst, dass ihr Mann etwas herausfinden könnte, um einen solchen Besuch zu riskieren.« »Sie erwähnten einen ›Fluchtweg‹«, sagte Helen. Allbeury dachte kurz nach. »Nun, viele unglückliche Frauen erkennen offenbar nicht, dass sie einen Fluchtweg haben.« »Weil sie kein Geld besitzen«, fügte Keenan hinzu. Allbeury nickte. »Das ist oft der erste Stolperstein.« »Also, wie hätten Sie Lynne Bolsover geholfen, zu ›fliehen‹?«, fragte Helen. »Wenn sie Ihr Angebot nicht abgelehnt hätte?« »Das kann ich nicht beantworten«, sagte Allbeury. »Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?«, fragte Helen. Er lächelte. »Ich kann nicht, Inspector. Jeder Fall liegt anders, und selbstverständlich wäre jeder Rat oder jede Hilfe, die ich Mrs Bolsover hätte anbieten können, von ihren spezifischen Lebensumständen und Bedürfnissen abhängig gewesen.« »Was ist mit Joanne Patstons Bedürfnissen?« Jim Keenan beugte sich ein Stück vor. »So Leid es mir tut«, antwortete Allbeury, »auch was das angeht, kann ich Ihnen nicht viel weiterhelfen.« Er hielt inne. »Mrs Patston und ich haben uns nur ein einziges Mal getroffen, in ihrer örtlichen Bibliothek.«, »In Hall Lane?«, fragte Keenan. »Genau.« Allbeury hielt inne. »Sie brachte ihre Tochter Irina mit, und wir unterhielten uns, während die Kleine sich Bücher anschaute – ihre Mutter behielt sie die ganze Zeit im Auge.« »Worüber haben Sie gesprochen?«, fragte Keenan. »Mrs Patston hatte Angst um Irina«, sagte Allbeury, »weil ihr Mann das Kind schlug. Wir sprachen darüber, und auch über Möglichkeiten, wie ich ihr helfen könnte, einen Weg aus ihrer Ehe zu finden.« »Was für einen Weg?«, fragte Keenan. »Scheidung?« »Scheidung wäre möglicherweise kein ausreichend sauberer Bruch gewesen«, sagte der Anwalt. »Ein zu langer Prozess – ein zu hohes Risiko, dass Patston bis zur Rechtsgültigkeit der Scheidung wer weiß wie oft die Beherrschung verloren hätte und gewalttätig geworden wäre.« »Sie hätte versuchen können, eine richterliche Verfügung zu erwirken«, sagte Helen. »Natürlich«, sagte Allbeury. »Ich weiß allerdings nicht, ob sie mit allem hätte umgehen können, was eine solche Verfügung mit sich bringt.« Allbeury schwieg kurz. »Darüber hinaus richten sich gewalttätige Männer, wie Sie wissen, nicht immer nach richterlichen Anweisungen.« »Warum hat sie ihn nicht angezeigt?«, fragte Keenan. »Angst«, antwortete Allbeury nur. »Auf welchem Weg haben Sie von Joanne Patston erfahren?«, fragte Helen. »Wieder ein anonymer Tipp?« »Ja«, antwortete Allbeury. »Diesmal allerdings kein Brief.« Er blickte Keenan direkt in die Augen, als er die kleine Lüge aussprach. »Ein Anruf.« »Nicht zurückzuverfolgen, nehme ich an«, sagte Helen. »Ich habe nicht versucht, die Quelle des Anrufs zu finden«, sagte Allbeury. »Ich war mehr an seinem Inhalt interessiert.«, »An Joanne Patston«, sagte Keenan. »Und der Gefahr für ihre Tochter«, sagte Allbeury. »Warum haben Sie diese Gefahr nicht der Polizei gemeldet?«, fragte Helen. »Ich wollte Mrs Patston das Gefühl geben, mir vertrauen zu können«, antwortete er. »Den Sozialdienst oder die Polizei anzurufen hätte ihr Leben und das des Kindes möglicherweise noch schwerer gemacht.« »Und, hat sie Ihnen vertraut?«, fragte Keenan. »Sie gelangte an den Punkt, an dem sie der Meinung war, sie könnte es.« »Trotzdem haben Sie Mrs Patston nie wieder gesehen?«, fragte Helen. »Nein.« »Haben Sie sie noch einmal gesprochen?«, fragte Keenan. »Nach unserem Treffen in der Bibliothek nicht mehr«, sagte Allbeury. »Was ist mit Michael Novak?«, fragte Helen. »Ich glaube, er hat danach noch zweimal mit ihr geredet«, antwortete Allbeury. »Worüber?« Wieder Keenan. »Mrs Patston versuchte, zu einer Entscheidung zu kommen«, sagte der Anwalt. »Was für eine Entscheidung?«, fragte Helen. »Ob ich ihr helfen soll, ihrer Ehe zu entfliehen.« »Sie haben uns immer noch nicht gesagt«, sagte Keenan, »welche Art von Ausweg Sie ihr vorschlugen, Mr Allbeury.« »Ich wartete noch auf ihre Antwort.« »Sie müssen doch eine Vorstellung gehabt haben«, sagte Helen., »Natürlich«, räumte Allbeury ein. »Und zwar?«, drängte Keenan. Allbeury schwieg einen Moment lang. »Wenn Mrs Patston mir gesagt hätte, dass sie gehen wollte«, sagte er schließlich, »hätte ich versucht, dafür zu sorgen, dass sie an einen Ort kann, an dem sie sich sicher gefühlt hätte.« »Dauerhaft?«, fragte Keenan. »Ja«, antwortete Allbeury. »Nichts anderes hätte ihr das Gefühl von Sicherheit geben können.« »Aber Sie warteten noch auf ihre endgültige Antwort?«, fragte Keenan. »Bis Mike Novak mir erzählte, dass sie tot sei«, sagte Allbeury. Er führte die beiden Polizisten in sein blaues Arbeitszimmer und bot ihnen an, ihm über die Schulter zu schauen, während er seinen Terminkalender auf dem Monitor erscheinen ließ und bis zum 20. Februar zurückscrollte, dem Tag von Lynne Bolsovers Verschwinden und Tod. »Wenn nötig«, sagte Allbeury, »lassen sich die beiden Morgentermine überprüfen.« »Der am Nachmittag nicht?«, fragte Helen, die zu seiner Linken stand. »Da war ich bei einem Mandanten, der Vertraulichkeit wünscht und sich im Augenblick in Übersee aufhält.« Er sah zu ihr auf. »Der letzte Stand war, dass John Bolsover wegen des Mordes an seiner Frau in Belmarsh einsitzt und auf den Beginn des Prozesses wartet.« »So ist es«, sagte sie. Allbeury wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Terminkalender zu, scrollte acht Monate weiter zum Oktober und sah dann zu Keenan auf, der rechts von seinem Stuhl stand., »Montag«, sagte Keenan. »Der Siebte.« »Im Büro.« Allbeury lehnte sich zurück, damit sie den Eintrag sehen konnten. »Allbeury, Lerman und Wren in Bedford Row.« Er blickte wieder Keenan an. »Wenn Sie das überprüfen, Inspector, würde ich Diskretion sehr zu schätzen wissen.« »Das versteht sich von selbst, Sir«, sagte Keenan. »Wo haben Sie sich den Tag über aufgehalten?«, fragte Helen. Allbeury drehte sich mit einem leisen Lächeln zu ihr um. »Ich hatte am Montag eine Menge zu tun. Einer der Junganwälte holte mir ein Sandwich – ich weiß nicht woher, aber es war mit dick geschnittenem Schinken belegt und sehr lecker.« »Sie wirken recht unbeschwert«, sagte Helen, »wenn man bedenkt, wie bestürzt Sie wegen der Morde zu sein behaupten.« »Verzeihen Sie mir«, sagte Allbeury. »Wahrscheinlich bin ich es einfach nicht gewöhnt, nach Alibis gefragt zu werden, Inspector.« »Sie haben uns sehr geholfen, Mr Allbeury«, sagte Jim Keenan. »War das alles?« »Ich glaube schon«, sagte Keenan. Allbeury stand auf. »Wenn Sie noch irgendetwas brauchen, zögern Sie nicht, mich anzurufen.« »Werden wir nicht«, sagte Helen. »Vielen Dank.« Keenan nickte dem Anwalt zu. »Das war offensichtlich nicht die ganze Geschichte«, sagte Keenan, während sie in dem schimmernden Aufzug nach unten fuhren. »Er lügt das Blaue vom Himmel herunter«, sagte Helen und blickte nach oben in die Kamera. »Ich würde es eher als geschicktes Ausweichen bezeichnen«,, sagte Keenan. »Vermutlich mehr aus Sorge, dass wir seine Geschäfte zu genau unter die Lupe nehmen, als wegen der beiden Morde.« »Mochten Sie ihn?« Helen klang neugierig. Die Türen öffneten sich, und sie gingen durch die marmorne Lobby, vorbei am Portier und hinaus auf die Flusspromenade. Ein steifer, kalter Wind blies von der Themse her. »Ich kann nicht sagen, dass ich ihn nicht mochte«, antwortete Keenan. »Mit Sicherheit verabscheue ich ihn nicht so sehr, wie es offensichtlich bei Ihnen der Fall ist.« »Es liegt nicht nur an ihm«, sagte Helen. »Es ist das ganze System, dem ich misstraue.« Die beiden bogen vom St. Saviour’s Dock und der Butler’s Wharf in die Seiten-Straße, in der sie ihre Wagen geparkt hatten. »Novak, der da draußen für den Mann im Nobel-Hochhaus vielleicht Zuhälterei betreibt.« Sie schüttelte den Kopf. »Und mit Sicherheit glaube ich nicht an Zufälle.« »Und doch gibt es sie.« Keenan angelte in seiner Manteltasche nach seinem Schlüssel. »Und wenn Allbeury jemanden hätte töten wollen, wären es der Logik nach doch die Ehemänner gewesen.« Helen holte die Schlüssel aus ihrer Umhängetasche. »Vielleicht verachtet er diese Frauen, weil sie zu schwach sind, um für ihre Rechte zu kämpfen.« »Vielleicht«, sagte Keenan. Sie erreichten ihren alten Mini zuerst. »Aber das glauben Sie nicht wirklich, oder?« »Nicht wirklich.« Der Wind blähte seinen Mantel auf. »Wie ich Ihnen bereits sagte, mein Team setzt sein Geld auf Patston.« Helen ließ den Absatz ihres rechten Schuhs auf dem Pflaster knirschen., »Tut mir Leid«, sagte Keenan. »Könnte ich den pathologischen Bericht über Joanne sehen?«, fragte sie plötzlich. »Ich faxe ihn morgen.« »Fahren Sie jetzt nicht zurück ins Büro?« Keenan lächelte wieder. »Ich faxe ihn, sobald ich zurückkomme.«, 69.

C hristopher, der wieder über Nacht in Holland Park geblieben war, bekam den Computer-Einbruch ins

Beauchamp nicht aus dem Kopf. Lizzies untypische Bissigkeit vorhin am Telefon hatte seine Angst noch verschärft. Er begann sich sogar zu fragen, ob Lizzie selbst oder ein unlauterer Anwalt hinter dem Hacker-Angriff – falls es das richtige Wort war – steckte. Vielleicht wollte sie Argumente für eine Scheidung sammeln. Weitere Argumente, erinnerte er sich – und dieser Gedanke stimmte ihn nicht glücklicher, denn sie hatte mit Sicherheit bereits mehr als genug. Dennoch erfüllte ihn die Vorstellung, dass die normalerweise so offene und direkte Lizzie etwas so Hinterhältiges tun könnte, mit heißer Wut. Er schenkte sich einen großen Malt Whiskey ein. Die Krankenhausakten enthielten nichts, was ihr bei einer Scheidung helfen könnte, da war er ganz sicher. Im Grunde lieferten sie nur weitere Beweise für die Sorge eines liebenden Ehemanns um seine Frau. Und er war ein liebender, wenn auch kein idealer Ehemann. Und ein perfekter Vater. Christopher trank einen großen Schluck Whiskey und erschauderte. Die Vorstellung, dass Lizzie auch nur an Scheidung dachte, machte ihn krank., 70.

U m neun Uhr an diesem Abend saß Helen zu Hause, aß Hühnchen und trank Coke. Sie war nach Feierabend mit

Jackson und Gregory auf ein paar Bier ausgegangen, und wenn sie jetzt noch mehr Alkohol trank, würde sie aus den Berichten auf dem Couchtisch vor ihr vielleicht nicht mehr schlau. Jim Keenan hatte Wort gehalten und ihr nicht nur den pathologischen Bericht, sondern auch den Bericht der Spurensicherung über den Mord an Joanne Patston gefaxt. »Zur abendlichen Zerstreuung«, murmelte Helen. Sie wischte sich die fettigen Hände ab und nahm sich den neuen Bericht vor – den von Dr. Patel hatte sie ziemlich genau im Kopf. Ihn zu lesen trug wenig zu ihrer Aufheiterung bei, auch wenn sie nichts Überwältigendes erwartet hatte. Der Hinweis, dass die Haut unter Joanne Patstons Fingernägeln ihre eigene gewesen war, musste beim Dezernat für Gewaltverbrechen ein paar Hoffnungen zerschlagen haben. Ansonsten gab es zwischen den beiden Morden mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten. Joanne Patston war mit Tranquilizern voll gepumpt gewesen, doch die toxikologische Untersuchung von Lynne Bolsovers Leiche hatte keinerlei Hinweise auf Medikamenteneinnahme ergeben. Lynnes Körper hatte Spuren früherer Misshandlungen aufgewiesen, bei Joanne Patston gab es keine solchen Anzeichen. Falls der mit Stoff umwickelte Stein, den die kleine Kylie Bolsover in der Garage gefunden hatte, tatsächlich dort platziert worden war – möglicherweise vom Mörder –, so hatte man Tony Patston bisher noch nicht denselben Schlag verpasst. »Okay«, murmelte Helen ein paar Minuten später. Eine bemerkenswerte Ähnlichkeit gab es doch., Stephanie Patel hatte festgestellt, dass schon der erste Schlag, den man Lynne Bolsover zugefügt hatte, ausgereicht hätte, um sie zu töten – und Dr. Collins zufolge hatte auch bereits die erste Stichwunde Joanne Patstons Leben beendet. Dennoch hatte der Mörder in beiden Fällen nicht aufgehört: zwei weitere Schläge im ersten Fall, drei weitere Stiche im zweiten. Nicht direkt ein Muster, aber immerhin etwas. Sie machte sich eine Notiz; dann dachte sie über die anderen, schwächeren Parallelen zwischen den Fällen nach. Da waren natürlich die Ehemänner: Beide waren offenbar gewalttätig, wobei Patstons Aggression sich anscheinend eher gegen das Kind als gegen seine Frau richtete. Keiner der beiden Morde enthielt ein offensichtliches sexuelles Element. Sie wandte sich dem Bericht der Spurensicherung zu und fand ein weiteres, möglicherweise bedeutendes Detail vom Tatort des Patston-Mordes, das mit ihrer Erinnerung an ältere Fälle übereinstimmte. Beide Leichen waren nur notdürftig versteckt worden. »Was bedeutet?«, murmelte sie und trank ihre Cola aus. Wollte der Mörder der Frauen, dass die Leichen gefunden wurden? Oder war er aus irgendeinem Grund unfähig gewesen, die Leichen anständig zu vergraben? Aber vielleicht war auch das nur ein weiterer Zufall. Vielleicht waren beide Mörder nur nervös gewesen, aus Furcht, dass Passanten vorbeikamen. Ansonsten sah sie keine Parallelen. Außer natürlich Allbeury und Novak., 71.

W ährend sie zahllose Tassen Tee trank, sich um Irina kümmerte und mit Karen Dean redete – was ihr im

Augenblick leichter fiel als mit ihrem Schwiegersohn oder den wohlmeinenden Freunden, die sie anriefen –, fragte sich Sandra, warum Tony sich so entschieden dagegen sperrte, über Irinas Adoption zu sprechen, wo er doch anfangs so stolz darauf gewesen war. Diese Frage schlich sich immer wieder in ihre Gedanken. Sie grübelte ständig darüber nach, wenn auch vielleicht nur, um sich von Joanne abzulenken – denn nicht an sie zu denken war der einzige Weg, nicht verrückt zu werden und weiterzumachen, Irina zuliebe. Und dann, ganz plötzlich, wusste Sandra warum, und als sie es einmal erkannt hatte, fragte sie sich, wie es ihr die ganze Zeit hatte entgehen können. Anfangs, als Tony und Joanne versucht hatten, ein Kind zu adoptieren, war es ihnen nicht gelungen, das System in ihrem Sinne arbeiten zu lassen. Dann aber, wie aus dem Nichts, hatten sie plötzlich einen Weg gefunden, und nur wenige Monate später war Irina bei ihnen gewesen. Sandra wartete, bis ihre Enkelin schlief und Dean in die Küche gegangen war, um zum Abendessen Spaghetti zu kochen, dann suchte sie Tony. Er war in der Garage und werkelte unter der Motorhaube seines Autos. »Essen fertig?«, fragte er, als er sie durch die Seitentür hereinkommen sah. »Gleich.« Sandra schloss die Tür hinter sich, atmete tief durch und kam direkt zur Sache. »Tony, ich weiß jetzt, warum du, wegen der Polizei so komisch warst und warum du nicht über die Adoption sprechen oder dich ans Fernsehen wenden willst.« Er richtete sich auf, sein Gesicht eine Maske. »Keine Ahnung, wovon du redest.« »Sie war nicht legal, stimmt’s?« Ihre Stimme war gekämpft. »Irinas Adoption.« »Sandra …« »Ich wünschte, du und Joanne hättet es mir erzählt«, sagte sie. »Ich hätte es verstanden. Wie konntet ihr bloß denken, dass ich euch nicht verstehen würde? Ich hätte euch geholfen, hätte alles getan …« »Um Himmels willen«, zischte Tony und schnitt ihr das Wort ab, »sprich leise.« »Keine Sorge«, sagte Sandra. »Karen kocht, und Irina schläft. Du kannst mir vertrauen, Tony. Ich würde nie etwas tun, das …« »Verdammt, Sandra, würdest du bitte den Mund halten.« Tony schlug die Motorhaube zu. Seine Wangen waren gerötet. »Wenn du helfen willst, behalt es einfach für dich und sprich nicht darüber. Gott weiß, dass ich diese ganze verdammte Geschichte schon mehr als einmal bereut habe.« Sandra starrte ihn an. »Doch wohl nicht, dass du Irina hast?« »Unsinn. Natürlich nicht. Wenn du mal für eine Sekunde den Mund halten und mir zuhören würdest.« Sein Blick war verzweifelt. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Er drehte sich um und schlug mit beiden Händen aufs Autodach. »Ich frage mich allmählich, ob ich ihnen von Irina erzählen soll. Schließlich ist es besser, wegen illegaler Adoption verknackt zu werden als wegen Mordes.« Sprachlos starrte seine Schwiegermutter seinen Rücken an. In der Stille spürte Tony ihren Blick und drehte sich um, Entsetzen in seinen Augen., »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich Joanne das angetan habe?« »Nein, natürlich nicht«, sagte Sandra. »Das ist es nicht.« Sie glaubte tatsächlich nicht, dass er es getan hatte – nicht das. »Aber ist dir denn nicht klar, dass sie dir Irina wegnehmen, wenn du ihnen die Wahrheit sagst?« »Natürlich ist mir das klar«, sagte Tony. »Und es ist dir egal?«, fragte Sandra ungläubig. »Ist kein großer Unterschied für mich, oder?«, antwortete er. »Wenn ich für den Mord an meiner Frau lebenslänglich bekomme.« Die Seitentür öffnete sich wieder, und Karen Dean steckte den Kopf herein. »Pasta ist fertig«, rief sie ihnen zu. »Sobald Sie so weit sind.«, 72.

A m Donnerstagmorgen fuhr Helen schon früh nach Theydon Bois, in der Hoffnung, noch einmal mit Keenan

sprechen zu können. Er kam kaum zehn Minuten nach ihr an, in der Hand eine Tüte mit einem Marmeladen-Donut und einem Cappuccino. »Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen«, sagte er, als sie gemeinsam die Treppe hinaufstiegen, »hätte ich von jedem zwei geholt.« »Tut mir Leid, dass ich Sie so überfalle«, sagte Helen. »Sie überfallen mich nicht«, antwortete Keenan. Sie wartete, bis sie in seinem Büro waren, und betrachtete die gerahmten Fotos einer dunkelhaarigen Frau – seiner Frau, nahm sie an – und dreier Kinder in unterschiedlichem Alter, von denen keins dem hageren, erschöpft wirkenden Inspector ähnelte. Er stellte derweil sein Frühstück auf dem Schreibtisch ab und hängte seinen Mantel auf. »Ihre Familie?« Überraschenderweise verspürte sie einen Anflug von Neid. Keenan nickte und sagte lächelnd: »Ich fürchte, ich bin nicht Gentleman genug, Ihnen meinen Cappuccino anzubieten, aber ich hole Ihnen gerne eine Tasse von dem Zeug aus der Maschine, wenn Sie möchten.« »Danke, ich passe.« Keenan hob den Plastikdeckel von seinem Becher ab, trank einen Schluck und wischte sich die Schaumspur von der Oberlippe. »Sie haben die Berichte verglichen?« »Habe ich.« Kurz und systematisch trug sie ihm ihre Analyse vor., Keenan hörte ihr aufmerksam zu, bis sie geendet hatte, dann presste er kurz die Lippen zusammen und sagte: »Ich glaube … ich hoffe, ich bin ein aufgeschlossener Cop, Inspector Shipley, aber …« »Helen«, sagte sie. »Aber?« »Aber in meinem Fall deutet bisher immer noch alles auf Patston.« »Obwohl es weder im Wohnhaus noch in der Werkstatt Spuren von Gewalt gab, und obwohl der Tatort kilometerweit entfernt liegt? Obwohl Joanne tatsächlich das Haus verlassen hatte – genau wie er sagt? Obwohl sie Irina bei ihrer Großmutter gelassen hat – genau wie er sagt?« »Das heißt nicht, dass Patston sie später nicht mehr gesehen hat«, sagte Keenan. »Sie kann in der Werkstatt vorbeigefahren sein oder sich mit ihm zum Mittagessen getroffen haben. Sie hatte ihren Pass dabei – vielleicht sagte er, er würde ihnen beiden einen Urlaub buchen.« »Das sind Spekulationen.« »Ich weiß«, sagte Keenan. Eins der Telefone auf seinem Schreibtisch klingelte. Er hob ab, hörte einige Sekunden lang zu, kritzelte ein paar Notizen auf einen Block, dankte der Person am anderen Ende und legte auf. »Joannes Hausarzt hat ihr vor einigen Monaten Valium verschrieben«, erzählte er Helen. »Und da jetzt keine Tabletten im Haus sind, hat Joanne sie entweder vor einiger Zeit aufgebraucht oder weggeworfen, oder Patston hat sie ihr morgens in den Kaffee gerührt.« Er senkte den Blick auf seine Notizen. »Wir haben eine Bibliothekarin und eine andere Frau aus der Bücherei in South Chingford, die sich daran erinnern, dass Joanne vor ein paar Wochen dort war und mit einem Mann sprach, während ihre Tochter sich Bücher ansah.« »Allbeury?«, fragte Helen., »Mittleres Alter, gut gekleidet, dunkles, leicht angegrautes Haar.« Keenan lächelte. »Bestätigt seine Geschichte.« »Ich traue ihm trotzdem nicht.« »Ich habe seit gestern Nachmittag ziemlich genaue Recherchen über ihn angestellt, wie Sie es zweifellos schon vor mir getan haben. Der Mann hat eine blütenweiße Weste.« »Nun«, sagte Helen, »zumindest traue ich seinen Motiven nicht.« »Die Motive anderer Menschen erscheinen einem oft seltsam. Das macht diese Menschen aber nicht gleich zu Wahnsinnigen oder zu bösartigen Mördern.« Keenan zuckte mit den Achseln. »Vielleicht hilft Robin Allbeury einfach nur gern Frauen in Not, ganz ohne Bedingungen.« »Vielleicht«, sagte Helen zweifelnd. Keenan packte seinen Donut aus und legte ihn auf die Papiertüte. Helen verstand den Wink. »Ich lasse Sie jetzt in Frieden.« »Möchten Sie einen Rat von einem ziemlich alten Hasen?« »Sicher«, sagte sie und stand auf. »Intuition ist wichtig«, sagte er. »Ich habe immer schon an Intuition geglaubt. Aber sie ist nur nützlich, solange wir nicht besessen von ihr sind.« »Sie glauben, ich bin von Allbeury und Novak besessen?« Keenan blickte auf und sah, dass ihre Frage ernst gemeint war. »Noch nicht ganz«, sagte er., 73.

N ick Parry hatte das mühsame Duschen und Abtrocknen hinter sich gebracht. Mittlerweile schaffte er es zum

größten Teil alleine, doch wenn Clare oder einer der anderen Pfleger da waren, gestaltete es sich sehr viel einfacher. Die schlimmste Erniedrigung hatte er längst überwunden, doch es hing auch sehr davon ab, wer ihm half. Am liebsten war ihm Clare Novak – zum einen, weil sie kompetent, sachlich und zugleich sensibel bei den hässlicheren der erforderlichen Prozeduren war, und zum anderen, weil er das Gefühl hatte, dass sie es wirklich mochte, bei ihm zu sein und mit ihm zu reden. Und sie gab die mit Abstand besten Aromatherapie-Massagen. So wie im Augenblick. Trotz aller professionellen Distanziertheit und Routine, mit der sie ihre Hände bewegte, konnte Parry es nicht vermeiden, dabei an ganz andere Massagen zu denken, die er bekommen hatte, als er noch ein normaler, aktiver junger Mann gewesen war. Auf gewisse Weise waren diese Erinnerungen überaus schmerzhaft und deprimierend; auf der anderen Seite aber hatte er sich vor einiger Zeit gesagt, lieber schmerzliche Erinnerungen zu besitzen als solche Erfahrungen nie gemacht zu haben. »Erzähl mir mehr von gestern Abend«, sagte er jetzt. »Entspann dich«, wies Clare ihn an. »Du musst reden, damit ich keine lüsternen Gedanken kriege.« »Nichts hält dich davon ab, lüsterne Gedanken zu haben, Parry«, entgegnete sie unbekümmert. »Komm schon, Novak. Du weißt, dass deine Geheimnisse in meinen Ohren sicher sind.« Sie hatte bis eben noch geredet, sich dann aber ziemlich abrupt unterbrochen, weil es ihr unfair erschienen war, Nick von ihrem, gestrigen Abendessen mit Mike zu erzählen. Der hatte sie eigentlich zum Feiern ausführen wollen, doch sie hatte es vorgezogen, ihm zu Hause ein Wok-Gericht zuzubereiten. Mike wollte über ihre Angst vor der neuen Schwangerschaft sprechen und versuchte wieder einmal, sie zu überzeugen, dass die Schuld für das letzte Mal keinesfalls bei ihr lag. Es sei Schicksal gewesen, sagte er, und einfach der falsche Zeitpunkt, und wäre sie nicht alleine gewesen, wäre er bei ihr gewesen, dann wäre alles anders gekommen. »Er sagt, es wird auf keinen Fall noch einmal passieren«, erzählte sie Parry jetzt. »Die Ärzte hätten uns versichert, es gebe keinen Grund, warum es noch einmal schief gehen sollte. Und er sagt, er werde dieses Mal so dicht in meiner Nähe bleiben, dass er mich wahrscheinlich in den Wahnsinn treibt.« »Du hast Glück«, sagte Parry. »Ich weiß«, sagte Clare und gab noch etwas Neroli- und Aprikosenkernöl auf ihre Handflächen. »Er meint, ich soll es ein bisschen langsamer angehen lassen und weniger arbeiten.« »Aber du arbeitest doch gern.« »Er sagt ja nicht, dass ich mit der Arbeit aufhören soll. Ich soll nur etwas kürzer treten.« Clare hielt inne, um ein wenig Öl in seinen linken Wadenmuskel zu massieren. »Wollte er, dass du nicht mehr zu mir kommst?« Clare lächelte. »Er hat es vorgeschlagen.« »Vielleicht hat er Recht«, sagte Parry. »Er hat überhaupt nicht Recht«, sagte Clare, »und das habe ich ihm auch gesagt.« »Fand er das in Ordnung?« »Ja.« Sie wechselte zu seinem rechten Bein. »Mike versucht nie, mich zu etwas zu drängen, das ich nicht will.« »Aber?« Parry wartete. »Ich habe ihn gefragt, ob er nicht auch Angst hat.« Sie, schwieg kurz. »Er dachte, ich meinte nur das Baby.« »Aber du hast mehr gemeint?«, sagte Parry. Clare schüttelte den Kopf. »Es gibt in dieser Welt sehr viele Dinge, vor denen man Angst haben kann, wenn man es zulässt.« »Du denkst an das kleine Mädchen, nicht wahr?«, fragte Parry. »Irina.« »Ja«, sagte Clare. »Und an ihre Mutter.« »Natürlich«, sagte Clare. »Armes Ding«, sagte Parry., 74.

D a die Untersuchung von Joannes Wagen weder nützliche noch interessante Ergebnisse erbracht und auch alle

sonstigen Ermittlungen ins Leere geführt hatten, wartete Keenan bis Samstagmorgen, um das Feuer unter Tony Patstons aufgeregtem Hintern noch ein bisschen mehr anzufachen. Er rief ihn an und fragte, ob es ihm etwas ausmache, zu einem weiteren Gespräch nach Theydon Bois zu kommen. »Was für ein Gespräch?«, fragte Tony, der sofort in die Defensive ging. »Wir möchten nur gern noch ein paar Fragen klären.« Irgendetwas an Keenans Freundlichkeit ließ Tony bis ins Mark erschaudern. »Wenn ich jemanden mitbringen wollte …«, sagte er vorsichtig. »Wen, Mr Patston?« »Einen Anwalt«, sagte Tony. »Nur, um alles ein bisschen im Auge zu behalten, wissen Sie.« Er begann zu schwitzen, weil er wusste, wie das für den Polizisten klingen musste. »Es ist nicht, was Sie denken«, fügte er schnell hinzu. »Bestimmt nicht«, sagte Keenan glattzüngig. »Bringen Sie Ihren Anwalt mit.« Er hielt inne. »Würden Sie gern zu uns kommen, Mr Patston, oder möchten Sie, dass wir Sie abholen?« Tony sagte, er wolle selbst fahren. »Es wird doch nicht zu lange dauern?«, fragte er etwa drei Stunden später, als er Keenan und Reed in einem Verhörzimmer gegenübersaß. Es hatte ihn mehr als neunzig Minuten gekostet – hektisch die, Gelben Seiten nach Anwälten mit 24-Stunden-Notfallnummern durchblätternd –, jemanden zu finden, der Zeit und Muße hatte, ihn an einem Samstagmorgen in Theydon Bois zu treffen. Der Mann, der jetzt neben ihm saß, hieß Richard Slattery. Abgesehen von seiner Körperfülle und der Tatsache, dass er verfügbar und für ein sattes Honorar bereit war, kurzfristig zu erscheinen, hatte Tony keine Ahnung, ob der Mann als Anwalt etwas taugte. Aber besser als gar keiner. Hoffentlich. »Sie stehen nicht unter Arrest, Mr Patston«, sagte Keenan. »Sie können jederzeit gehen.« »In Ordnung«, sagte Tony, und sein Magen zog sich zusammen. »Nur …« »Sie haben das Recht auf einen Anwalt«, fuhr Keenan fort, »aber es ist ja offensichtlich, dass Sie bereits Ihre eigenen Vorkehrungen getroffen haben.« Er nickte in Richtung Slattery. »Ich frage nur«, sagte Tony, »weil ich Irina nicht zu lange allein lassen will, wissen Sie.« »Sie ist doch bei Ihrer Schwiegermutter, oder nicht?«, fragte Keenan. »Ja«, sagte Tony, »aber sie leidet natürlich wegen ihrer Mutter.« Auf dem Tisch standen drei Plastikbecher Kaffee. Slattery trank seinen bereits und gab dabei kleine, schlürfende Geräusche von sich, wie eine Katze, was Tony für einen Mann seiner Größe seltsam fand. Weder Keenan noch Reed hatten ihre Becher bisher angerührt, und Tony hatte nicht gewagt, seinen zu nehmen, weil er Angst hatte, dass seine Hand zitterte. »Ich schalte jetzt den Kassettenrekorder ein«, sagte Keenan. Terry Reed packte zwei Kassetten aus und steckte sie in den Rekorder an der Wandseite des Tisches. Keenan griff an ihm vorbei, um ihn einzuschalten., »Sie lieben Ihre kleine Tochter, nicht wahr?«, fragte Reed. »Natürlich«, sagte Tony und dachte wieder einmal, wie seltsam es war, dass er seit Joannes Tod entdeckt hatte, dass er Irina tatsächlich viel mehr liebte, als er gewusst hatte. »Wenn Sie Irina lieben«, fragte Keenan ruhig, »warum schlagen Sie sie dann?« »Tue ich nicht«, sagte Tony errötend. »Wer sagt, dass ich sie schlage?« »Wir haben Grund zu der Annahme«, fuhr Keenan fort, »dass Irina mehrfach so heftig geschlagen wurde, dass ihre Verletzungen es notwendig machten, sie im Waltham General Hospital behandeln zu lassen.« »Ich wüsste gern«, sagte Richard Slattery und lehnte sich vor, wobei sein riesiger Ballonbauch über den Tischrand rieb, »ob ich einen Moment allein mit meinem Mandanten sprechen kann.« »Nein«, rief Tony abrupt und ziemlich laut. »Mr Patston«, sagte Slattery. »Nein«, sagte Tony. »Wir brauchen nicht alleine zu reden.« Er war immer stolz darauf gewesen, eine goldene Gelegenheit zu erkennen, wenn er sie vor der Nase hatte, und wie die Dinge lagen, war dies möglicherweise für lange Zeit die letzte, die er hatte. Gott möge ihm verzeihen, aber Joanne konnte ja nicht noch mehr verletzt werden … »Ich wollte nie etwas sagen«, erklärte er mit gespieltem Widerwillen. »Und ich würde es auch jetzt nicht erzählen, aber …« »Ja, Mr Patston?«, fragte Keenan. Tony spürte, wie alle ihn ansahen. Er schwitzte wieder, und sein Kopf begann zu schmerzen. »Es war Joanne«, sagte er, »die Irina geschlagen hat.«, Im Raum breitete sich tiefe Stille aus. Keenan warf Reed einen Seitenblick zu, und Slattery, der sich der beinahe greifbaren Abscheu so schmerzhaft bewusst wurde, als hätte man ihm einen Schlag versetzt, starrte auf seine Hände. »Das ist nicht der Eindruck, den wir gewonnen haben«, sagte Reed nach einigen Sekunden. »Es heißt, dass Ihre Frau sogar bemüht war, Irina am Weinen zu hindern, weil Sie das nicht mochten.« Er dehnte das Wort, als verströme es einen üblen Geruch. »Das wollte sie die Leute glauben machen. Vielleicht wollte sie es sogar selbst glauben, weil sie Angst vor der Wahrheit hatte.« »Wie sah die Wahrheit denn aus?«, fragte Keenan leise. »Dass sie nicht so gut mit Irina zurechtkam, wie sie behauptete«, antwortete Tony. »Dass sie nach allem, was wir durchgemacht hatten, um Irina zu adoptieren, doch keine so gute Mutter war.« »Was soll das heißen?«, fragte Keenan. »War es Joanne, die wütend wurde, wenn Irina weinte?« »Ja.« »Und doch gab Joanne sich alle Mühe, ihre Tochter so oft wie möglich bei sich zu haben«, sagte Keenan. »Ich sage ja nicht, dass sie Irina nicht geliebt hat«, sagte Tony. »Sie kam nur nicht gut mit ihr zurecht. Sie wusste, wie wütend ich wurde, wenn sie das Mädchen schlug. Sie haben keine Ahnung, wie schwer es mir fällt, das jetzt zu sagen, wo die arme Joanne …« Er schüttelte den Kopf, merkte, wie ihm Tränen in die Augen traten, und war nicht sicher, ob sein Stolz oder seine Scham über diese Vorstellung überwog. Aber die Vorstellung war gut, daran konnte kein Zweifel herrschen, und vor allem war sie notwendig. »Lassen Sie sich Zeit, Mr Patston«, sagte Keenan., »Eigentlich wollte ich es für immer für mich behalten«, sagte Tony. »Ich wollte ihr helfen, darüber hinwegzukommen, wissen Sie? Und es wäre mir lieber gewesen, wenn Sandra nichts davon erfahren müsste, denn es würde sie um den Verstand bringen. Aber Joanne war manchmal völlig unberechenbar – besonders, wenn sie ihre Tage bekam. Davon habe ich Ihnen ja erzählt.« »Aber Sie sagten, Ihre Frau habe nicht so sehr darunter gelitten.« Keenan blickte auf seine Notizen. »Um genau zu sein … Sie sagten, Joanne habe Ihnen an diesem letzten Morgen erzählt, sie habe prämenstruelle Syndrome. Ich fragte Sie, ob Sie sehr darunter litt, und Sie sagten: ›Joanne war nicht so schlimm‹.« Keenan lächelte. »Was denn nun, Mr Patston?« Ein unbehagliches Kribbeln durchlief Tony. »Es war schlimm«, sagte er im Tonfall einer Beichte. »Ich wollte nur nicht, dass Sie es wissen.« Sein Selbstvertrauen kehrte zurück. »Wegen dem, was ich Ihnen gesagt habe. Ich wollte nicht, dass jemand schlecht von ihr denkt.« »Sehr löblich von Ihnen«, sagte Keenan. Reed lehnte sich vor. »Sie sagten, Joanne wusste, wie wütend Sie wurden, wenn sie Irina schlug.« Der Blick seiner wachsamen Augen war jetzt besonders scharf. »Natürlich wusste sie es«, sagte Tony. »Es ging mir durch Mark und Bein, wenn Irina weinte, weil ich wusste, was passieren würde. Mir wurde ganz übel davon.« »Haben Sie versucht, Ihre Frau aufzuhalten?«, fragte Reed. »Natürlich«, sagte Tony. Wieder trat Stille ein. »Ist das auch an jenem Tag passiert?«, fragte Keenan. »Wie bitte?«, fragte Tony, der nicht verstand. »An diesem letzten Morgen«, sagte Keenan. »Bevor Joanne das Haus verließ. Mussten Sie sie davon abhalten, Irina zu schlagen?« »Nein.« Sein Selbstvertrauen schwand so schnell wie Wasser, in einem Ausguss. »Nein, nicht an diesem Morgen.« »War es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?«, fragte Keenan. »War das der Moment, als sie wussten, dass Sie Joanne töten mussten, Tony?« Plötzlich und mit übelkeiterregender Klarheit erkannte Tony, welche Grube er sich selbst gegraben hatte. »Moment mal«, sagte er, blickte zur Seite und schaute Slattery an, aber der dicke Mann saß einfach nur da. »Das ist verrückt. Das hat nichts damit zu tun, dass Joanne getötet wurde. Ich habe Ihnen nur erklärt, wie Irina verletzt wurde.« »Aber wenn Sie es getan hätten«, Keenan lehnte sich vor, seine Miene forschend, sein Tonfall aufmunternd, »wäre es in Anbetracht dessen, was Sie uns gerade erzählt haben, beinahe verständlich.« »Aber das habe ich nicht.« Tony starrte auf die Tonbänder, die sich unaufhörlich drehten. »Zu sehen, wie ein kleines Mädchen geschlagen wird«, auch Reed lehnte sich über den Tisch, »ist mehr als genug, um einen liebenden Vater zum Äußersten zu treiben.« »Sie verdrehen mir die Worte im Mund!« Tony blickte verzweifelt von Keenan zu Reed, dann zu Slattery, dem nutzlosen fetten Anwalt an seiner Seite. »Ich hatte nichts mit dem Mord an Joanne zu tun! Ich habe sie geliebt! Ich hab sie niemals angerührt … wollte sie nie tot sehen, nicht eine Sekunde lang!« Keenan lehnte sich wieder im Stuhl zurück. Sein Lächeln war gnädig, fast priesterlich. »Lassen Sie sich Zeit, Tony«, sagte er. »Denken Sie darüber nach. Tun Sie jetzt das Richtige, solange Sie noch können.« »Das Richtige?«, wiederholte Tony ungläubig. Er ließ den Blick vom einen zum anderen wandern und wusste – mit einem eisigen Gefühl im Magen –, dass er keine andere Wahl hatte., »Okay«, sagte er und holte tief Luft. »Ich erzähle Ihnen jetzt etwas, das ich sehr lange und unbedingt geheim halten wollte.« Er musste sich unterbrechen, sich mit dem Handrücken über die Augen reiben, weil ihn plötzlich wieder das Bedürfnis zu weinen überkam, aber er hatte jetzt keine Zeit, wie ein Baby zu plärren, er musste es ihnen sagen, musste es rauslassen, bevor alles noch mehr außer Kontrolle geriet. »Ist schon gut«, sagte Keenan. »Lassen Sie sich ruhig Zeit, Tony.« Tony ließ die Hand zurück aufs Knie fallen. »Nein«, sagte er. »Ist es nicht. Es hat nichts mit Jo zu tun. Es ist etwas anderes.« Endlich reagierte Richard Slattery. »Mr Patston«, sagte er. »Ich glaube, eine Pause …« »Nein«, fiel Tony ihm ins Wort. »Keine Pause. Jetzt wird nicht mehr um den heißen Brei geredet.« Er schwitzte wieder, und er zitterte. »Ich muss Ihnen wirklich raten …« »Nein.« Tony setzte sich aufrecht hin. »Sie müssen mir zuhören.« Er konzentrierte sich auf Keenan. »Denn sobald ich es Ihnen erzählt habe, werden Sie verstehen, warum ich so durcheinander bin. Gott weiß, es war schwer genug, Joanne zu verlieren, aber jetzt habe ich Angst, auch noch Irina zu verlieren … Todesangst.« »Warum sollten Sie Irina verlieren?«, fragte Keenan. »Weil Sie das Mädchen geschlagen haben?« »Nein.« Tony schrie beinahe. »Damit hat es nichts zu tun … ich habe sie nicht geschlagen, das schwöre ich.« Er blickte in das schmale, aufmerksame Gesicht des Polizisten und holte noch einmal ganz tief Luft. »Ich habe Angst, Irina zu verlieren«, sagte er, »wegen der Art und Weise, wie wir sie adoptiert haben.« Keenan überflog im Geiste die Fakten, die Pat Hughes ihm in, Bezug auf Irinas Adoption geliefert hatte, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann ihm gegenüber. »Wir haben sie gekauft«, sagte Tony. »Wir konnten auf anderem Weg kein Baby bekommen, und Jo wünschte sich mehr als alles andere, Mutter zu sein.« Jetzt musste er doch weinen. »Ich habe es für Joanne getan, weil ich sie so sehr liebte … ich hätte alles für sie getan, olles. Ich hätte ihr niemals wehtun können, egal was Sie denken. Niemals.« Er schüttelte den Kopf, und seine Stimme wurde ganz leise. »Niemals.«, 75.

A m Samstagabend, zu Hause in seinem Wohnzimmer im Shad Tower, lehnte Robin Allbeury sich bequem in seiner

maßgefertigten Lederliege zurück, zappte durch die Kanäle des Satellitenfernsehens und fand den Essen-und-Trinken-Kanal und die Sendung, von der er bereits wusste, dass sie um diese Zeit lief. Da stand sie in ihrer Studioküche und sah sehr einnehmend aus mit ihrer weißen Baumwollbluse, der wie angegossen sitzenden Jeans und einer blauweiß gestreiften Schürze. Neben ihr arbeitete ein Mann, der einen albernen Kittel trug. Ihr Haar sah ein wenig anders aus, länger und vielleicht einen Hauch blonder, aber das mochte auch am grellen Licht liegen. Ein bisschen jünger um die Augen herum – ein weiterer Hinweis, dass dies die Wiederholung einer Sendung war, die vor mindestens zwei, vielleicht drei Jahren aufgezeichnet worden war. Sie lachte über irgendetwas, das der Mann sagte. Ihr Lachen macht sie wunderschön, dachte Allbeury. Solange es andauerte, verlieh es ihr eine heitere, unbekümmerte Ausstrahlung, bevor es verschwand und ihr anderes Gesicht zurückließ: Jenes Gesicht, das aller Welt verkündete, alles sei in schönster Ordnung und dass es Lizzie Piper Wade bestens ging und sie imstande war, sich allem zu stellen, was das Schicksal für sie bereithielt, auch wenn einiges davon schwer zu verdauen war. Das Gesicht, das er jetzt auf dem Bildschirm sah, war dasselbe, das Lizzie letzte Woche beim Abendessen der Wades getragen hatte. Das Gesicht, das ihn so bezaubert hatte. Ihn immer noch bezauberte. Allbeury drückte die Stumm-Taste seiner Fernbedienung,, schaute auf die Uhr und fragte sich, ob die Wades dieses Wochenende in Marlow oder in Holland Park waren. Finde es heraus. Er hatte eigentlich ein bisschen länger warten wollen, bis er sie wieder anrief, zumindest ein paar Tage – und in der Regel war er ein geduldiger Mensch. Doch es gab Ausnahmen. Lizzie war eine davon. Er legte die Fernbedienung hin, nahm sein elektronisches Notizbuch, suchte die Nummer der Wades und wählte sie. »Hallo?« Ihre Stimme. »Lizzie, hier spricht Robin Allbeury.« »Oh, hallo.« Sie klang erfreut. »Wie schön, von Ihnen zu hören.« »Guter oder schlechter Zeitpunkt?«, fragte er. »Obwohl ich Sie nicht lange aufhalten werde.« »Ganz guter Zeitpunkt, eigentlich«, sagte Lizzie. Er glaubte hören zu können, wie sie sich hinsetzte, und stellte sich vor, wie sie es sich bequem machte, vielleicht mit einem Hund auf dem Schoß … Um Himmels willen. »Ich habe gehofft«, sagte er forsch, »Ihnen die Zusage abzuringen, dass Sie und Christopher bald zum Abendessen zu mir kommen. Nächste Woche vielleicht, oder in der Woche darauf.« »Das würden wir nur allzu gern«, antwortete sie. »Allerdings erscheint Ende der Woche ein neues Buch von mir, und der Verlag schickt mich auf Promotion-Tour.« »Wie schade.« Allbeury verbarg seine Enttäuschung gut. »Und wenn Sie zurückkommen, werden Sie sicher sehr erschöpft sein.«, »Wahrscheinlich«, gab Lizzie zu. »Aber wenn ich mich recht erinnere, bin ich zur Mitte der Tour für ein paar Tage in London.« »Falls unsere freien Stunden sich überschneiden sollten, können wir uns dann ja auf einen Drink treffen«, sagte Allbeury. Lizzie saß in ihrem Arbeitszimmer im Haus in Marlow und sagte zu Allbeury, das wäre reizend. Sie gab ihm ihre Handynummer, legte auf und lehnte sich zurück. Der Gedanke, sich mit ihm zu treffen, falls es sich so ergeben sollte, möglicherweise sogar alleine (schließlich hatte Christopher bereits alles arrangiert, um zumindest während eines Teils ihrer Tour bei den Kindern in Marlow sein zu können), erschien ihr erstaunlich verlockend. Vorsicht, Lizzie. Sie dachte zurück an das Abendessen und durchforstete ihre Erinnerung, ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt hatte, der Anwalt flirte mit ihr. Sie kam zu dem Schluss, dass das nicht der Fall gewesen war, auch wenn Susan das Gegenteil behauptet hatte. Und sie selbst war mit ihren Gedanken viel zu sehr bei ihren kranken Kindern gewesen, um den Eindruck zu erwecken, sie habe mit ihm geflirtet. Doch ihre Erinnerung an Robin Allbeury war die an einen sehr attraktiven, ausgesprochen charmanten Mann. Und an einen sehr netten, fügte sie in Gedanken hinzu. Susan hatte gesagt, ihrer Meinung nach habe Allbeury ein Auge auf sie geworfen. Das war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte – noch eine Komplikation mehr. Vorsicht, ermahnte sie sich wieder., 76.

A m Mittwochmorgen war Sandra am Küchentelefon und tat so, als würde sie Lilian West zuhören – ihrer Nachbarin in

Edmonton, die ihr von der bevorstehenden Prostataoperation ihres Mannes erzählte –, als es an der Tür klingelte. »Lilian, ich muss Schluss machen.« Sie hörte Bewegungen aus dem Wohnzimmer und wusste, dass es Constable Dean und nicht Tony war, die an die Tür ging. Es war fast schon zum Normalzustand geworden, dass ihr Schwiegersohn verdrießlich in seinem Sessel saß und andere Leute sich um alles kümmern ließ. Sandra wusste, dass es keine Faulheit war – sie konnte ihm seine ständige Angst in den Augen ablesen. Ein Gefühl, das sie sehr gut kannte, denn sie sah es jedes Mal in ihren eigenen Augen, wenn sie in einen Spiegel schaute. Als man Joanne gefunden hatte, war Sandra sicher gewesen, dass es nichts mehr gab, das sie fürchten musste, doch jetzt, wo sie die Wahrheit über die Adoption erfahren hatte – wo auch die Polizei davon wusste –, kannte auch sie die endlose Furcht, die ihre arme Tochter ausgestanden hatte: Tagaus, tagein musste sie Angst gehabt haben, Irina zu verlieren. Nun war auch Sandra in einen permanenten Zustand der Angst verfallen. Angst davor, die Türklingel zu hören. Angst vor diesem Augenblick. Sie hörte Stimmen an der Tür. Hörte, wie Karen Dean zurück ins Wohnzimmer ging und etwas zu Tony sagte. Dann hörte sie ihn schreien. Sandra zitterte, als sie die Küchentür öffnete. Der Flur schien voller Fremder zu stehen, zwei Frauen und ein Mann. Auch Inspector Keenan war da, im Hintergrund, und Constable Dean kam aus dem Wohnzimmer …, Dann hörte sie wieder einen Schrei. Diesmal Irinas Schrei. Schrill, gellend. »Sandra, es tut mir Leid.« Dean kam mit gequältem Gesicht auf sie zu. »Was ist denn?« Sandra drängte sich an ihr vorbei und sah, dass eine Frau mit orangefarbenem Haar Irina auf den Arm genommen hatte und sie festhielt. »Was tun Sie da?« »Lass es, Sandra.« Tony stand hinter der Frau. In einer Hand hielt er ein Blatt Papier, und sein Gesicht war bleich. Er stand nur da, tat nichts, stand einfach nur da und sah zu, wie man ihm seine Tochter wegnahm. »Sie müssen Irina mitnehmen«, sagte Dean und berührte vorsichtig Sandras Arm. »Nein!« Sandra rannte nach vorne, mit ausgestreckten Armen und gespreizten Fingern, und versuchte, nach Irina zu greifen, doch die orangehaarige Frau wich zur Seite aus, und Sandras Hände erwischten nur den Ärmel ihres Mantels. »Geben Sie sie mir!« »Sie können nichts tun, Sandra.« Deans Augen wurden feucht. »Geben Sie mir das Mädchen!«, schrie Sandra. Sie sah, wie Irina sie aus riesigen, angsterfüllten Augen anstarrte, doch in diesem kurzen Augenblick weinte sie nicht, riss nur den Mund auf vor Angst und Unverständnis. Dann drehte sich die Frau um, die sie auf dem Arm hielt, und ging aus der Tür. Irina begann wieder zu weinen. »Nein!«, schrie Sandra ihr nach, krallte beide Hände ins Haar und zerrte in verzweifelter Hilflosigkeit daran. »Das dürfen sie nicht! Sag ihnen, sie dürfen das nicht!« »Sie dürfen«, sagte Tony leise. Die anderen Fremden folgten ihrer Kollegin. Ihre Gesichter waren völlig ausdruckslos, ohne die geringste Gefühlsregung, weder für das schreiende Kind noch für die verstörte alte Frau,, die bereits ihre Tochter verloren hatte und in diesem Augenblick auch noch ihre Enkelin verlor. Sandra starrte ihnen hinterher. Dann richtete sie den Blick auf diejenigen, die geblieben waren. Keenan, dessen dünnes Gesicht todunglücklich aussah, und Karen Dean, die mit zusammengepressten Lippen versuchte, ihrem Blick auszuweichen. Und Tony, der immer noch dastand wie ein Holzklotz. »Du Mistkerl!« Sie warf sich auf ihn, schlug mit den Fäusten auf ihn ein und weinte laut, während sie ihn schlug – und er blieb weiter reglos stehen. Er sah sie nicht einmal an, starrte nur an ihr vorbei in die Ferne. »Du mieser, egoistischer Mistkerl!« »Mrs Finch«, sagte Keenan sanft. »Wollen wir nicht …« »Wie konntest du zulassen, dass sie Irina mitnehmen?« Sandra kratzte ihren Schwiegersohn mit den Fingernägeln der rechten Hand an der Wange, und ein wenig Blut quoll hervor. »Wie konntest du das tun?« »Ich habe nichts getan«, sagte Tony schließlich, immer noch, ohne sich zu rühren. »So ist das Gesetz«, sagte er leise. »Wir wussten, dass es so kommt.« Karen Dean stellte sich hinter Sandra und legte der älteren Frau die Hände auf die Arme, um sie zurückzuhalten, aber das war nicht mehr nötig. Alle Kraft, jeder Kampfgeist waren aus Sandra gewichen. Ihre Arme fielen schlaff zur Seite und hingen leblos herunter. Tony, der nach seinem Geständnis am Samstag verhaftet und auf Kaution freigelassen worden war, blickte nicht länger an Sandra vorbei in die Ferne. Er sah Keenan an … … der jetzt vortrat, um mit Tony zu sprechen. »Anthony Patston, ich bin …« Sandra vernahm zwar die tiefe, gleichmäßige Stimme des, Inspectors, aber falls sie die Worte hörte, die er sprach, während das bleiche, blutende Gesicht ihres Schwiegersohns noch weißer und kränker wurde, war sie unfähig, den Sinn dieser Worte zu erfassen. Sie hörte nur noch die Schreie Irinas, als das Mädchen davongetragen wurde., 77.

L izzies Promotion-Tour begann Donnerstag um fünf Uhr früh, als Susan sie mit verschlafenen Augen in Marlow

abholte und zu ihrem ersten Radiointerview nach Oxford fuhr. Anschließend gab sie eine Autogrammstunde in der Waterstones-Buchhandlung, gefolgt von einem Mittagessen mit Journalisten der Oxford Mail. Dann ging es weiter nach Cheltenham zum Gloucestershire Echo. Nach zwei weiteren Autogrammstunden fuhren sie nach Bristol zu einem Umtrunk bei der Western Daily Press und einem Abendessen mit den Redakteuren der Evening Post im Marriott, wo sie auch übernachten würden, um am nächsten Morgen für einen Auftritt im Frühstücksfernsehen wieder sehr früh aufzustehen. Es war am Freitagabend, kurz nach halb sieben, als Lizzie müde das Savoy betrat und die Treppe zur American Bar hinaufstieg, wo Robin Allbeury sie an einem Ecktisch erwartete. »Sie sehen erschöpft aus.« Er küsste sie auf die Wange; dann zog er ihr einen Stuhl heran und setzte sich wieder, nachdem Lizzie Platz genommen hatte. »Entzückend, aber erschöpft. Und womöglich hungrig?« »Hungrig, ja«, sagte Lizzie. »Entzückend ganz bestimmt nicht.« »Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen da widerspreche.« Er sah ihr zu, wie sie sich zurücklehnte und sich umblickte. »Ein bisschen hektisch hier, nicht wahr? Wie wäre es, wenn wir hier nur ein Glas trinken und dann zu einem ruhigen Abendessen woanders hingehen?« Er sah das Zögern in ihrem Gesicht. »Irgendwo, wo sie einfach zusammenklappen können und nicht so sehr darauf achten müssen, was Sie sagen.« »Klingt wundervoll«, sagte Lizzie. »Solange es nicht zu spät, wird. Susan hat beim Frühstücksfernsehen einen Termin noch vor Tagesanbruch gemacht.« Sie sah, wie er die Stirn runzelte. »Stimmt was nicht?« »Ich hätte Susan eigentlich bitten müssen, dass sie mitkommt.« Lizzie schüttelte den Kopf. »Sie wollte unbedingt nach Hause. Schließlich hatte auch sie kein freies Wochenende.« »Trotzdem«, sagte er. »Ich hätte daran denken sollen.« »Susan ist nicht so leicht gekränkt«, sagte Lizzie. Sie tranken jeder ein Glas Champagner, dann fuhr Allbeury sie hinaus aus der Stadt, in ein gemütliches Restaurant in einer Seitenstraße von West Hampstead. Die Besitzer waren zwei gastfreundliche Männer, die Allbeury offensichtlich seit Jahren kannten. »Sie müssen nicht reden«, sagte Allbeury zu ihr, nachdem sie bestellt hatten, »wenn Sie nicht möchten. Und ich kann entweder plaudern oder schweigen – was Ihnen lieber ist.« »Ich glaube«, sagte Lizzie, »ich hätte nichts dagegen, eine Weile zuzuhören.« »Ein Strafverteidiger, den ich kenne, hat mir erzählt, wie ermüdend öffentliche Auftritte sein können.« »Wollten Sie nie Strafverteidiger werden? Ich könnte Sie mir vor Gericht gut vorstellen.« »Mit Robe und Perücke?«, sagte er. »Das könnte ich nicht.« »Warum haben Sie sich für Eherecht entschieden?« »Das Gebiet hat mich interessiert.« »Aber jetzt nicht mehr so sehr?« Lizzie erinnerte sich, dass er damals beim Abendessen gesagt hatte, er arbeite nicht mehr Vollzeit. Er nickte. »Es gab andere Dinge, denen ich mehr Zeit widmen, wollte.« »Interessant«, sagte Lizzie. Er lächelte. »Nicht wirklich.« »Tut mir Leid«, sagte sie. »Ich wollte nicht neugierig ein.« »Aber Sie sind interessiert«, sagte er. »Und das ist schön.« Der erste Gang wurde serviert, eine cremige Blumenkohl- suppe, die Lizzie verschlang, als hätte sie seit einer Woche nichts mehr gegessen. Und auch danach war sie zu beschäftigt mit ihrem Filetsteak und den frites, um viel zu sprechen. Doch ihr fiel mehr als einmal auf, dass Allbeury – der einen guten Burgunder bestellt hatte, aber nicht trank – zurückgelehnt dasaß und ihr lächelnd beim Essen zusah. »Habe ich Senf an der Wange?« »Tut mir Leid«, sagte er. »Habe ich Sie angestarrt?« »Das macht mir nichts aus«, sagte sie. »Dieses Essen ist viel zu köstlich, als dass mich irgendetwas stören könnte.« »Schön.« Er hielt inne. »Wie geht es Christopher?« »Gut. Er ist im Augenblick in Marlow und mehr oder weniger Hausmann, solange ich unterwegs bin und mich im ganzen Land bewirten lasse.« »Sehr löblich«, sagte Allbeury. »Natürlich ist Gilly auch da«, sagte Lizzie. »Und er muss einige seiner Patienten in einem privaten Krankenhaus in Marlow besuchen.« »Er widmet sich also nicht ausschließlich dem Kinderhüten?« Sie hörte den Hauch von Ironie und sah sich gezwungen, Christopher zu verteidigen. »Es würde ihm nichts ausmachen, wenn es so wäre.« Sie lächelte. »Allerdings würde es Edward, unserem Ältesten, mit Sicherheit etwas ausmachen, sich als ›Kind, das man hüten muss‹ beschrieben zu wissen.« Allbeury nickte, erkundigte sich nach Jack und Sophie und, ließ ein paar Fragen über DMD folgen – kluge Fragen, die zu beantworten Lizzie leicht fiel. Alles in allem wurde es einer der entspanntesten Abende, an die sie sich seit langer Zeit erinnern konnte. Allbeury erzählte ihr ein wenig mehr über seine Kanzlei und seine Partner und erklärte, er habe es immer als wichtig erachtet, möglichst mit Menschen zusammenzuarbeiten, die er mochte oder zumindest respektierte. Er erzählte ihr von einem früheren Partner, ohne jedoch seinen Namen zu nennen, von dem er sich getrennt hatte, weil er bereit gewesen war, für einen Mandanten zu arbeiten, der sich als Schläger entpuppt hatte. Doch genau diese Erfahrung, fügte Allbeury lächelnd hinzu, hatte ihn mit einem seiner liebsten Kollegen zusammengebracht: einem jungen Privatdetektiv namens Novak, der gemeinsam mit seiner Frau eine kleine Detektei betrieb. »Nette Leute«, sagte er. Erst auf dem Weg nach Holland Park, als der Abend sich seinem Ende näherte, fiel Lizzie auf, wie geschickt Allbeury ihr Fakten, Meinungen und, zu einem gewissen Grad, sogar Gefühle entlockt und ihr gleichzeitig so gut wie gar nichts Bedeutsames über sich selbst erzählt hatte. Sie hatte bereits einen Mann, der attraktiv und charmant war. Einen Mann, bei dem du nur der Kinder zuliebe bleibst. Und Robin Allbeury, stellte sie mit einem Seitenblick auf die Fahrerseite einmal mehr fest, war wirklich außerordentlich attraktiv. Vorsicht, Lizzie. Wieder einmal verwarnte sie sich selbst. Er stoppte den Jaguar vor ihrer Wohnung und drehte den Motor ab. »Sie sagten, Sie sind in ein paar Tagen wieder zurück?« Absurderweise fühlte sie sich plötzlich wie ein Teenager, der nach dem ersten Date vor dem Haus seiner Eltern gute Nacht, sagt. Es ist kein Date. »Ja«, sagte sie schnell, »aber erst kommen Manchester, Leeds, York, Newcastle, Glasgow, Edinburgh und The Lakes.« Sie hob ihre Tasche vom Boden auf. »Danach werde ich mit ziemlicher Sicherheit zu nichts anderem mehr imstande sein als zu einem völligen Zusammenbruch.« »Falls Sie einen Freund brauchen, bei dem Sie zusammenbrechen können«, sagte Allbeury, »oder für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie noch einen Funken Energie übrig haben, hoffe ich, dass Sie sich an meine Nummer erinnern.«, 78.

K eenan hatte das sonntägliche Roastbeef und den Yorkshire-Pudding seiner Frau gegessen, mit seinen

Söhnen Fußball gespielt und mit seiner Tochter geschmust, doch in Gedanken hatte er die ganze Zeit vor sich gesehen, wie das kleine adoptierte – nicht wirklich adoptierte – Mädchen von einer Fremden aus ihrem Zuhause getragen wurde. Bei dem Gedanken, dass er auf gewisse Weise dazu beigetragen hatte, fühlte er sich elend und nutzlos. Das alles war so falsch und widerlich – er sah einfach kein gutes Ende für die ganze Geschichte. Er hatte der armen Sandra Finch versprochen, ihr zu helfen, so gut es in seiner Macht stand, und er würde sein Möglichstes tun, aber er wusste nicht, wie er von Nutzen sein sollte, zumindest nicht, was das kleine Mädchen betraf. »Immerhin droht Irina jetzt keine Gefahr mehr durch Patston«, hatte Terry Reed zu ihm gesagt. Tony Patston war wieder zu Hause, da die einzigen Vorwürfe, die im Augenblick gegen ihn erhoben werden konnten, sich auf die Adoption bezogen. Die Polizei war jetzt doch dabei, die Georgious, die Nachbarn der Patstons, auf Zypern zu suchen, in der Hoffnung, sie könnten ein wenig Licht in die Frage bringen, wie das Verhältnis zwischen Tony und Joanne ausgesehen hatte, aber auch in dieser Hinsicht hatten sie bisher kein Glück gehabt. Reed hatte es gut gemeint. Sie alle hatten es gut gemeint. Das machte die Sache aber nicht besser. Es bewahrte Keenan nicht davor, seine eigenen Kinder anzuschauen und ein Loch in die Wand seines Wohnzimmers schlagen zu wollen., Helen fand sich allmählich damit ab, dass Besessenheit möglicherweise doch die richtige Diagnose für das war, was sie plagte. Bis jetzt hatte sie stets erkennen können, wann ein Fall oder eine Situation vorüber waren, egal wie stark ihre Intuition war, und auch wenn man ihre Ansichten widerlegte. Bis jetzt. Sie hatte versucht, diese Sache innerlich abzuschließen oder sie zumindest in den hintersten Teil ihres Verstandes zu schieben und sich wieder voll und ganz dem Drogenfall zu widmen, doch Lynne Bolsover und Joanne Patston wollten sich einfach nicht verabschieden. Aber beide Hauptverdächtige waren der schlimmste Abschaum. Helen verstand selbst nicht, warum sie so irritiert war. So besessen. Etwas, das Keenan und sie nach ihrem Besuch bei Allbeury kurz angesprochen hatten – und was Keenan damals abgetan hatte –, kreiste jetzt wieder in ihrem Kopf, juckte, pochte, stach sie. Was, wenn es tatsächlich die Männer waren, diese zwei Dreckskerle von Ehemännern, auf die Allbeury es abgesehen hatte, der selbsternannte Retter unglücklicher Frauen? Was, wenn er die Frauen tötete, sie von ihrem Elend erlöste, um die Männer ins Gefängnis zu bringen? Patston hat das Kind geschlagen, nicht die Frau. Retter unglücklicher Frauen und Kinder. Und vielleicht, führte Helen den Gedanken ein paar Stunden später weiter, während sie abwesend in ihrem Fertiggericht stocherte, vielleicht waren es mehr als zwei miese Ehemänner gewesen? Mehr als zwei unglückliche Frauen? »Himmel«, sagte sie und schob den Teller von sich. Die Bolsover-Mordwaffe fiel ihr wieder ein, und dass Kirby sie paranoid genannt hatte, als sie ihm sagte, ihrer Meinung nach, stinke dieser Fund. Auch dieser wilden Spekulation würde niemand Gehör schenken. Weil sie jeder Grundlage entbehrte. Und ohne offiziellen Rückhalt wäre es unglaublich schwer, alte Ehefrauen- Morde auf unsichtbare Verbindungen zu Robin Allbeury hin durchzuarbeiten. Also konnte sie nur eins tun, sagte sich Helen, wickelte ihr Abendessen in eine alte Tesco-Plastiktüte und zog sich an. Ihn fragen. »Darf ich offen sprechen, Mr Allbeury?« »Das wäre mir sehr lieb.« Helen hatte ihn vorher angerufen und gesagt, sie müsse noch einmal mit ihm reden. Sie glaubte, ihn am anderen Ende der Leitung seufzen zu hören, doch dann sagte er, sie könne gern noch einmal vorbeikommen. Und Helen hatte sich auf den Weg zum Shad Tower gemacht – mit dem festen Vorsatz, Allbeury nach Kräften zu löchern, um ihn vielleicht aus seiner aufreizend ruhigen Höflichkeit zu locken, um zu seiner anderen Seite vorzudringen. Falls diese existierte, sagte eine warnende Stimme. Nun saßen sie auf der Terrasse vor dem Wohnzimmer, die, wie Helen jetzt sah, über die gesamte Länge der Wohnung verlief. Es war warm für Mitte Oktober; Allbeury trug Jeans und ein schwarzes, kurzärmliges Polohemd und trank Mineralwasser. »Ich verstehe Sie nicht«, sagte sie. »Müssen Sie das denn?«, fragte er. »Ich mag es nicht, vor einem Rätsel zu stehen, das ich nicht lösen kann«, sagte Helen. »Und Sie sind mir ein Rätsel.« »Ich finde alle möglichen Leute rätselhaft«, sagte Allbeury. »Wenn wir es nicht mit Morden an zwei sehr netten Frauen zu, tun hätten«, fuhr sie fort, »wäre es mir auch egal, ob ich aus Ihnen schlau werde oder nicht.« »Also, was schlagen Sie vor? Wie soll ich Ihnen helfen, aus mir schlau zu werden?« Zum ersten Mal zeigte er einen Hauch von Verärgerung. »Ich habe alle Ihre Fragen – und die von Inspector Keenan – so gut beantwortet wie ich konnte. Sie verdächtigen mich offensichtlich irgendeines Verbrechens, vielleicht sogar im Zusammenhang mit diesen grauenvollen Todesfällen. Ich kann nicht mehr tun, als Ihnen versichern, dass Sie nicht falscher liegen könnten.« »Sie können sehr viel mehr tun«, sagte Helen. »Sie können mir sagen, was Sie wirklich über Lynne Bolsover, Joanne Patston und all die anderen Frauen denken, denen zu helfen Sie sich angeblich so sehr bemüht haben. Was Sie wirklich empfinden.« Sie sah Allbeury an, der immer noch aufreizend still saß. »Sie könnten mir genau erklären, warum Sie behaupten, dass sie Ihnen am Herzen liegen.« »Ich habe meine Gründe.« »Und die sind …?« »Privat.« Helen schüttelte den Kopf. »Es tut mir Leid, wenn ich Sie verärgere«, sagte Allbeury. »Es ist nicht so, als ob es mir Vergnügen bereitet.« »Was bringt Sie dann dazu, diesen Frauen zu helfen?« »Einfach das Wissen, dass ich eben das tue, wenn ich erfolgreich bin.« »Wie messen Sie denn Ihren Erfolg?«, fragte sie. »Das hängt vom Einzelfall ab.« Sie ließ sich Zeit. »Und bei Lynne Bolsover – sind Sie der Meinung, dass Sie da einen Erfolg oder einen Misserfolg hatten?« Allbeury runzelte die Stirn. »Da Sie alles andere als dumm, sind, Inspector Shipley, müssen Sie irgendeinen mir unverständlichen Grund haben, mir solch eine absurde Frage zu stellen.« »Haben Sie das Gefühl, bei Lynne Bolsover gescheitert zu sein oder Erfolg gehabt zu haben, Mr Allbeury?« »Ganz offensichtlich hatte ich keinen Erfolg«, sagte er. »Und doch sitzt der Mann, der Lynnes Leiden verursacht hat, jetzt im Gefängnis.« Allbeury schwieg. »Manche würden das vielleicht als eine Art Erfolg bezeichnen, meinen Sie nicht?« »Ich kann nicht für andere sprechen«, sagte er, »aber ich würde es ganz gewiss nicht so bezeichnen.« »Weil Lynne sterben musste, um ihn zu erreichen?« »Offensichtlich«, sagte er. »Was halten Sie von John Bolsover oder von Joanne Patstons Ehemann?« »Ich bin beiden nie begegnet.« »Aber Sie halten sie für verachtenswerte Männer, oder?« »Wahrscheinlich«, gab er zu. Helen stand auf, ging zum Teleskop an der Brüstung und drehte sich zu ihm um. Er saß immer noch genauso ruhig da wie zuvor, ein Bein über das andere geschlagen, und sah sie in Erwartung ihrer nächsten Frage an. Hinter Helen, fünfzehn Stockwerke unter der Terrasse, strömten am Flussufer der Themse Fußgänger und Autos vorüber. Sie wusste, dass ihr die Zeit ausging, und noch hatte sie rein gar nichts erreicht. Ein letzter verzweifelter Versuch. »Ich weiß immer noch nicht«, sagte sie, »ob Sie ein Wohltäter oder ein schlechter Mensch sind.«, »Das reicht jetzt«, sagte Allbeury und stand auf. »Manche Anwälte genießen es, Spielchen zu spielen, aber ich habe nie zu diesen Leuten gehört.« Er hielt inne. »Das überlasse ich Ihresgleichen.« »Wer sind denn meinesgleichen?« »Ich würde mir nicht anmaßen, zu raten«, sagte er. »Werden Sie sich über mich beschweren, weil ich Sie belästigt habe?«, fragte Helen. »Das hatte ich nicht vor.« »Ich glaube, die meisten Männer in Ihrer Position würden genau das tun.« »Unschuldige Männer, meinen Sie?«, fragte Allbeury., 79.

A m Montagnachmittag in Newcastle genoss Lizzie eines der nettesten Events, die Susan sich ausgedacht hatte: Ein

Kochwettbewerb, bei dem Verkäufer fast aller Buchhandlungen der Stadt in der Küche eines charmanten französischen Restaurants ihre Lieblingsrezepte aus Wahre Wonne kochten. Christopher und Gilly hatten nur gute, friedliche Nachrichten von zu Hause, und vor ihr lagen nur noch Glasgow und Edinburgh, eine ihrer Lieblingsstädte, bevor ihre Reise sie wieder zurück nach Süden führte, zum Lake District. Lizzie war bester Laune. Dienstagnachmittag, halb fünf. Allbeury hatte den Versuch aufgegeben, sich auf seine Arbeit in Bedford Row zu konzentrieren, und war nach Hause gefahren. Nun saß er in seinem Büro neben dem Schlafzimmer am Computer und tat etwas, das er selten tat. Grübeln. Nicht wegen Helen Shipleys aufdringlichem und beleidigendem Besuch am Sonntag. Es ging ihm nicht darum, ihre Meinung über ihn zu verbessern. Er grübelte über zwei Dinge nach. Das erste betraf Lizzie. Genauer gesagt, Christopher Wade. Allbeury hatte eins gelernt: Wenn man nur tief genug grub, die richtigen Ressourcen nutzte und die richtigen Leute fragte, fand man in der Regel, was man suchte. Also hatte er gegraben. Und gefunden. Christopher Edward Julian Wade hatte eine fast sechzehn Jahre zurückliegende Vorstrafe wegen Kokainbesitz. Zwei Jahre, später war er verhaftet und verwarnt worden, nachdem man ihn auf dem Straßenstrich in King’s Cross aufgegriffen hatte. Und jetzt war diese zweite Sache hinzugekommen. Sein Computer war gerade zweimal hintereinander abgestürzt, und davor – gestern und heute Morgen noch einmal – hatte es eine ganze Reihe seltsamer, unerklärlicher technischer Pannen gegeben. Nicht dass er genau gewusst hätte, wann eine Computerpanne seltsam und wann sie normal war. Er mochte von dem jungen Adam Lerman ja einiges gelernt und sein Wissen seither stetig erweitert haben, aber was Allbeury über die innere Funktion seiner verblüffenden Trickkiste wusste, fand bequem auf einer Nadelspitze Platz. Aber er besaß einen guten Instinkt, dem er im Laufe der Jahre zu vertrauen gelernt hatte. Und es war dieser Instinkt, der jetzt auf eine Weise an ihm zu nagen begann, die er höchst beunruhigend fand. So beunruhigend, dass er beschloss, Adam zu Hause in Los Angeles anzurufen. »Ich hoffe, es ist nicht zu früh.« Adam, ein wohlerzogener junger Mann, sagte mit verschlafener Stimme, das sei nicht der Fall. »Ich glaube, jemand versucht sich in meinen PC einzuhacken. Ich muss wissen, ob das der Fall ist und wer der Betreffende ist.« »Wovon genau sprechen wir hier?«, fragte Adam. »Jemand, der spioniert, der sich Zugang verschafft, um deine Dateien zu lesen? Was übrigens schwer zurückzuverfolgen ist.« »Großartig«, sagte Allbeury. »Ich weiß nicht genau, was es ist, aber irgendetwas passiert hier.« »Denk daran, Hacker sind oft Leute, die solche Dinge wegen der Herausforderung tun, zum Spaß.« Allmählich wachte Adam, richtig auf und erwärmte sich für sein Lieblingsthema. »Wenn sie böse Absichten verfolgen, nennt man sie Cracker.« »Wenn du es sagst«, erwiderte Allbeury. »Ich kenne jemanden, der dir helfen kann«, sagte Adam. »In London?« »Mit ziemlicher Sicherheit.« »Rufst du ihn an, oder soll ich?«, fragte Allbeury. »Ich rufe ihn an«, sagte Adam. »Wie schnell willst du ihn, falls er frei ist?« »Je eher, desto besser.« »Wenn du nichts mehr von mir hörst«, sagte Adam Lerman, »kannst du davon ausgehen, dass er morgen früh bei dir ist.« Er hielt inne. »Bei dir zu Hause, richtig? Nicht im Büro?« Allbeury bestätigte und bekundete seine Dankbarkeit. »Der Junge sieht ein bisschen eigenartig aus«, sagte Adam, »aber glaub mir, er ist ein Genie. Und obwohl es natürlich deine Entscheidung ist – du kannst ihm vertrauen.« »Wenn er ein solches Genie ist, wie kommt es, dass er Zeit für mich hat?« »Weil er mich liebt«, sagte Adam., 80.

A m Mittwochmittag um zwölf Uhr hatte Lizzie bereits einem ihrer Lieblings-Radiomoderatoren, Alex Dickson

von Radio Clyde, ein Interview gegeben, zwei eilige Autogrammstunden in Glasgow hinter sich gebracht und war anschließend mit Susan in den Zug nach Edinburgh gesprungen, um rechtzeitig zum Mittagessen mit John Gibson von der Evening News dort zu sein, als ihr Mobiltelefon klingelte. Es war Christopher, der ihr mitteilte, dass Jack sich wieder einen Infekt eingefangen hatte; er fühlte sich ziemlich schlecht. »Mach dir keine Sorgen«, beruhigte Susan sie, als sie es erfuhr. »Zumindest nicht, was das Buch betrifft. Wir bringen dich so schnell wie möglich nach Hause.« Lizzie, die ihr gegenübersaß, starrte aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. »Ich hoffe, wir erreichen John. Ich will ihn nicht einfach sitzen lassen.« »Zumindest sitzt er im Caley«, sagte Susan. »Und überhaupt, er ist viel zu nett, um sauer zu sein, wenn er den Grund erfährt.« »Ja«, sagte Lizzie. »Danke.« Ihr fiel nichts anderes ein. »Ich rufe im Büro an.« Susan hielt sich bereits ihr Handy ans Ohr. »Von dort ist es viel einfacher, Flüge zu organisieren und Reservierungen zu stornieren.« »Schon wieder.« Lizzie wandte sich vom Fenster ab. »Schon wieder lasse ich euch alle sitzen.« »Das ist nicht deine Schuld«, sagte Susan. Dann hob sie einen Finger, um zu signalisieren, dass sie zum Büro durchgekommen war, und begann zu sprechen. Lizzie lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Sie wusste, dass Christopher niemals Alarm geschlagen hätte, wenn es nicht ausreichend Grund zur Sorge gäbe. Die meisten Sorgen, machte ihr, dass sie nicht mit Jack hatte sprechen können – Christopher hatte gesagt, er schliefe. »Der nächste Flieger geht um Viertel nach drei«, sagte Susan sanft. »Du sitzt drin.« Lizzie öffnete die Augen und sah ihre Freundin an. »Es tut mir Leid.« »Hör bloß auf, dich zu entschuldigen«, sagte Susan. Als Lizzie nach Hause kam, war Angela bereits unterwegs nach Marlow, um Gilly zu helfen und Sophie und Edward Trost zu spenden, denn Christopher und Hilda Kapur hatten Jack ein Bett in einem Privatkrankenhaus nahe Windsor reserviert, in einer Klinik, in der er schon mehrmals gewesen war. »Erzähl«, sagte Lizzie leise zu Christopher, nachdem sie Edward umarmt und mit Sophie geschmust hatte, bevor sie hinauf zu Jack ging. »Es geht ihm gut«, sagte Christopher. »Wir wollen nur ganz sichergehen. Er braucht viel Flüssigkeit, Antibiotika und genaue Beobachtung – Hilda ist ziemlich sicher, dass er in ein paar Tagen wieder fit genug ist, um nach Hause zu kommen.« »Du hast gesagt, es ist ein Infekt. Was für einer?« »Er hat Halsschmerzen und einen ziemlich schlimmen Husten.« Er hielt inne. »Ein bisschen schlimmer als letztes Mal.« »Hast du mit dem Zentrum gesprochen?« »Habe ich«, sagte er. »Sie schienen der Meinung zu sein, dass wir vernünftig handeln.« Lizzie ging zur Treppe und blieb stehen. »Warum hast du Mom angerufen?« »Habe ich nicht«, sagte Christopher. »Angela rief zufällig an, als Jane mich gerade zu einem Patienten mit schweren Verbrennungen rufen wollte – ich hab ihr gesagt, sie solle ihn, jemand anderem übergeben.« »Aber?« Lizzie war müde, ängstlich und gereizt. »Willst du hinfahren, Christopher? Ist es das?« »Jack hat es mitbekommen und mir praktisch befohlen, dass ich zusage.« »Dann fahr.« Sie drehte ihm den Rücken zu, rannte die Treppe hinauf und in Jacks Zimmer. »Hallo, Mom.« »Hallo.« Sie bückte sich, um ihn zu küssen. »Du steckst dich noch an«, sagte Jack. »Ich steck mich nie bei dir an«, sagte Lizzie. Sie setzte sich auf den Bettrand und musterte ihn. Er war blass und erhitzt, und sie hörte ein leichtes Pfeifen, wenn er atmete. Ansonsten aber schien er ganz er selbst zu sein. »Ich will, dass Dad in die Klinik fährt, Mom«, sagte er mit ernster Stimme. »Wenn ein Patient ihn braucht, muss er fahren.« »Ich finde, du hast ein Vorrecht«, sagte Lizzie. »Vielleicht«, gab Jack zu, »wenn ich richtig krank wäre, aber das hier ist gar nichts.« »Es gibt noch andere Chirurgen. Dein Vater ist nicht der einzige.« »Aber der beste«, sagte Jack. Lizzie blickte ihn an. Er war unnachgiebig. »Bist du ganz sicher, dass es dir nichts ausmacht, wenn nur ich hier bin?«, fragte sie. »Ich schwör’s«, sagte er und brachte ein Grinsen zustande. »Du bist zwar vielleicht kein Super-Chirurg, Mom, aber du bist auch nicht schlecht – solange du kein Theater machst.«, Lizzie stand auf. »Dann gehe ich wohl besser und sage ihm, dass er nach London fahren soll.« »Cool«, sagte Jack. »Und du«, sagte Lizzie, »bist einer unter zehn Millionen, Jack Wade.« Als Allbeury nach Hause kam, war Winston Cook – der junge Mann, den Adam Lerman ihm so wärmstens empfohlen hatte – noch immer an der Arbeit am Computer in seinem blauen Büro, wo er sich bereits um zehn Uhr morgens niedergelassen hatte. Er war sehr jung; ein gut aussehender schwarzer Junge mit aufgestelltem Stachelhaar und grünem Lidschatten, der unerschütterlich von seinen Fähigkeiten überzeugt war. »Wenn jemand Ihr System geknackt hat«, hatte Cook bei seiner Ankunft verkündet, »und er ist nicht irgendein Guru, finde ich ihn auch.« Allbeury hätte ihm wohl auch geglaubt, hätte Adam ein weniger enthusiastisches Loblied auf ihn gesungen. »Hast du zu Mittag gegessen?«, fragte er ihn jetzt. »Ihr Mann da unten hat mir einen Big Mac holen lassen«, antwortete Winston. »Ich habe ihn draußen auf dem Balkon gegessen – ich hoffe, das macht Ihnen nichts.« »Ganz und gar nicht. Aber ich habe dir doch gesagt, du kannst dich jederzeit an meinem Kühlschrank bedienen.« »Man hat von da draußen einen unglaublichen Blick«, sagte Winston. »Wie kommst du voran?« »Langsam, aber sicher«, sagte der Junge. »Konntest du den Angriff schon stoppen?« Cook schüttelte den Kopf. »Ich kann den Eindringling nicht aufspüren, wenn ich alle Türen schließe.« Er blickte ins Gesicht, des Anwalts und sah seine Enttäuschung. »Es ist wie ein Köder – wir müssen sie wiederkommen lassen, damit wir sie finden können.« »Das klingt logisch«, nahm Allbeury an und sah auf die Uhr. »Solltest du nicht langsam Feierabend machen?« »Bald«, sagte Cook. Allbeury ließ ihn alleine und ging ins Wohnzimmer, um sich einen Drink zu mixen. Und dachte an Lizzie, wie es ihm allmählich zur Gewohnheit wurde. Lizzie, die zurzeit auf Promotion-Tour war, weg von zu Hause und von Wade. Was bedeutete, dass sich im Augenblick ein ehemaliger Straßenstrich-Freier und Kokainkonsument um ihre drei schutzlosen Kinder kümmerte – ein Gedanke, der Allbeury beinahe körperliche Schmerzen bereitete. Doch Lizzie schien überzeugt zu sein, dass ihr Mann als Vater der Größte war, also ging zumindest das wahrscheinlich in Ordnung. Wahrscheinlich. Doch der Gedanke, dass Lizzie nach ihrer Tour nach Hause kam und wieder ins Bett dieses Straßenstrich-Freiers kroch, ließ Allbeury schaudern. Es steht dir nicht zu, zu schaudern. Er fragte sich, ob sie über Wades Vergangenheit Bescheid wusste., 81.

A m Donnerstagnachmittag im Krankenhaus bei Windsor sagte Jacks behandelnder Arzt zu Lizzie, er sei der

Meinung, Jack solle entweder nach Radcliffe oder ins Hammersmith verlegt werden, um von einem Spezialisten untersucht und behandelt zu werden. »Ich habe mich fürs Hammersmith entschieden, falls sie ein Bett freihaben«, sagte Lizzie am Telefon zu Angela, »weil Christopher schon in London ist.« »Wie geht es Jack?«, fragte Angela. »Seine Atmung hat sich ein wenig verschlechtert«, sagte Lizzie, »aber bisher kommt er noch ganz gut damit zurecht, also mach dir keine zu großen Sorgen.« »Da fass dir mal an die eigene Nase, Schatz«, sagte ihre Mutter. »Hat Christopher angerufen? Er ist nämlich nicht im Beauchamp, und Jane scheint nicht zu wissen, wo er steckt – das ist ungewöhnlich für sie.« »Wir haben nichts von ihm gehört. Aber wenn er anruft, sag ich ihm, was los ist, und sorg dafür, dass er sich sofort bei dir meldet.« Angela atmete tief ein, fest entschlossen, um ihrer Tochter willen Ruhe zu bewahren. »Wann fährst du in Windsor los?« »Innerhalb der nächsten zwei Stunden.« Lizzie bemühte sich, ihre Gedanken zu ordnen. »Ich darf mein Handy vielleicht nicht anlassen, wenn wir fahren – kannst du Christopher das bitte sagen, Mom?« »Ich sorge dafür, dass er dich im Hammersmith erwartet.« »Du bist ein Engel, Mom«, sagte Lizzie. »Und gib den, anderen beiden einen Kuss von mir, ja?« »Eine feste Umarmung von uns«, sagte Angela. Als sie mit Jack im Krankenwagen nach London fuhr, fühlte Lizzie, wie ihre gespielte Ruhe von Minute zu Minute zerbröckelte, während sie die spürbare Nervosität ihres Sohnes beobachtete und sein immer lauteres Röcheln hörte. Doch nach ihrer Ankunft im Hammersmith, als die Aufnahme hinter ihnen lag und Jack in sein Bett gebracht worden war, erholte er sich ein wenig – obwohl sein Vater nicht da war und ihm auch keine Nachricht hinterlassen hatte – und sagte ihr, es sei nicht nötig, dass sie bliebe. »Natürlich bleibe ich«, sagte Lizzie. »Das brauchst du nicht. Du kannst in der Wohnung schlafen.« »Ich weiß. Aber ich würde viel lieber bei dir bleiben.« »Mom, ich liege nicht im Sterben«, sagte Jack. »Das habe ich auch nie behauptet«, entgegnete sie und spürte, wie ihre Eingeweide sich zusammenzogen »Warum willst du dann, dass alle mich für ein Baby halten?« »Niemand würde so etwas denken«, widersprach Lizzie. »Wenn Dad hier wäre – er würde verstehen, wie ich mich fühle«, sagte Jack. Darauf fand sie keine Antwort. »Du hast gewonnen«, sagte sie. »Ich fahre in die Wohnung.« Sie sah kein Licht und kein sonstiges Lebenszeichen, als das Taxi sie vor ihrer Wohnung absetzte. Auch ragten weder Zeitungen aus dem Briefkasten, noch standen Milchflaschen auf der Treppe. Lizzie seufzte, als sie nach ihrem Wohnungsschlüssel suchte und ihn ins Schloss steckte, zu erschöpft und besorgt um Jack,, um sich Gedanken darüber zu machen, wo Christopher sein könnte. Sie betrat den dunklen Flur, schaltete das Licht ein, schloss die Wohnungstür hinter sich ab und ging langsam zur Küche. Sie brauchte jetzt Tee und Schokoladenkekse – und dazu etwas Stärkeres. Das Geräusch kam aus dem Wohnzimmer. Es war schwach, reichte aber aus, um sie mitten im Schritt innehalten zu lassen. Sie erstarrte, horchte. Da war es wieder. Es klang wie ein leises Stöhnen. Plötzlich hellwach, aber eher verwirrt als ängstlich, ging Lizzie zur Wohnzimmertür und schob sie auf. Es brannte kein Licht, aber die Vorhänge waren nicht zugezogen, und ihre Augen gewöhnten sich schnell an das Halbdunkel. Auf dem Sofa bewegte sich ein Schatten. Lizzie streckte die Hand aus und schaltete das Licht ein. »Du lieber Himmel«, sagte sie. »Was ist denn mit dir passiert?« Christopher saß an einem Ende des Sofas, neben sich eine fast leere Flasche Johnnie Walker und eine Packung Aspirin. »Lizzie«, stieß er mühsam hervor. Sein Gesicht war übersät von Blutergüssen; ein Auge war beinahe schwarz und zu drei Vierteln geschlossen, und in seinem rechten Mundwinkel klebte verkrustetes Blut. »Christopher, was ist passiert?« »Ich … o Gott«, stieß er mit schwacher Stimme hervor. Noch bevor er antwortete, auf halbem Weg zum Sofa, wo sie ihm zu Hilfe eilen wollte, wusste sie, dass er ihr etwas Schlimmes erzählen würde. Das hier waren nicht die Folgen eines normalen Unfalls., Sie blieb abrupt stehen und starrte ihn an. »Sag es mir bitte.« »Lizzie …« Er setzte sich ein wenig auf, zuckte vor Schmerz zusammen und stieß gegen die Whiskeyflasche, sodass sie von den Kissen herunter und auf den Teppich rollte. »Verdammt, tut das weh.« Lizzie blieb immer noch, wo sie war. »Ich könnte dich … anlügen«, seine Aussprache war sehr undeutlich, »und dir sagen, dass es ein Autounfall oder ein Überfall war, aber dann würdest du fragen, was die Polizei deswegen unternimmt, also kann ich auch ebenso gut gleich mit der Wahrheit herausrücken.« Er verzog den Mund. »Wahrheit«, wiederholte er. Lizzie setzte sich, ein gutes Stück von ihm entfernt, in einen Sessel. »Ich wurde zusammengeschlagen«, sagte Christopher und wich ihrem Blick aus. »Von einem Zuhälter, der etwas dagegen hatte, was ich mit einem seiner Mädchen tat.« Lizzie fühlte, wie ihr Herz zu rasen begann, und ihr wurde übel. »Keine Lizzie mehr für mich.« Christopher hob kurz beide Hände. »Also bin ich wieder da, wo ich vorher war. Ich tue es mit Nutten.« Mit Mühe stand er auf und blickte auf sie hinunter. »Was wirst du tun? Jetzt, wo du es weißt? Das Schlimmste?« Sie sah mehrere Sekunden lang zu ihm hoch; dann schüttelte sie den Kopf und wandte den Blick von ihm ab, starrte in den kalten, leeren Kamin. »Am liebsten«, sagte sie mit zittriger Stimme, »würde ich alles jetzt sofort beenden … dir sagen, dass du verschwinden und nie wieder in meine Nähe oder in die der Kinder kommen sollst …« Sie verstummte, weil ihr schwindelig war. »Lizzie?« Er machte einen Schritt auf sie zu. »Geht es dir gut?«, »Wag es ja nicht, in meine Nähe zu kommen!«, fauchte sie ihn an. »Natürlich geht es mir nicht gut, du verdammter Idiot.« Sie sah ihn wieder an. »Nicht weil jemand dich zu Brei geschlagen hat – ich wünsche mir, er hätte gründlichere Arbeit geleistet.« »Das meinst du doch nicht ernst.« Christopher sank wieder aufs Sofa. »Jack liegt im Krankenhaus.« »Ich weiß.« »Nicht in Windsor. Im Hammersmith.« Lizzie stand auf, ging zum Kamin und streckte die Hand aus, um sich am Sims abzustützen. »Du wüsstest das, wenn du nicht …« Sie schüttelte den Kopf. »Warum wurde Jack verlegt?« Christophers Stimme hinter ihr klang jetzt schärfer. »Was ist passiert, Lizzie?« Sie drehte sich langsam um, sah das Entsetzen in seinem Gesicht, das um die blauen Flecken herum kalkweiß geworden war. Sie wusste, dass zumindest seine Angst echt war. »Keine Panik«, sagte sie. »Seine Atemprobleme sind ein bisschen schlimmer geworden, aber es ist noch nicht ernst. Die Ärzte waren besorgt, sie könnten der Sache nicht gewachsen sein, falls sein Zustand sich verschlechtert, und ich habe mich für das Hammersmith entschieden, weil du hier warst.« »Und warum bist du jetzt nicht bei ihm?«, fragte er. Ihre Wut kehrte mit voller Wucht zurück. »Weil Jack nicht wollte, dass ich bleibe«, sagte sie kalt. »Er will nicht, dass die Leute ihn für ein Kleinkind halten.« Mit der Wut kehrte ihre Kraft zurück. »Er sagte, du würdest das verstehen, wenn du da wärst.« Christopher wollte wieder aufstehen, verharrte jedoch mitten in der Bewegung. »Er darf mich so nicht sehen. O Gott, was habe ich getan?« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Lizzie, was tun wir jetzt? Du kannst es ihm nicht sagen, du kannst, nicht.« »Ich habe nicht die Absicht, es Jack zu sagen, und auch nicht Edward und Sophie.« »Lizzie, bitte.« »Und offensichtlich ist jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt, um eine Trennung oder Scheidung zu diskutieren.« Christopher drückte die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen. »Um Himmels willen«, sagte Lizzie angewidert. »Dein zehnjähriger Sohn hat tausendmal mehr Mut als du.« Christophers Gesicht tauchte tränenüberströmt aus seinen Händen auf. »Ich wusste, dass du das vorhast«, sagte er, immer noch weinend. »Ich wusste es von dem Moment an, als Alicia mir sagte, jemand habe in unserem Computersystem herumgeschnüffelt, in meinen Dateien.« »Ich habe keine Ahnung, was du redest«, sagte Lizzie, »und es ist mir auch egal.« Sie atmete tief ein. »Ich wollte Tee machen, aber ich glaube, ich verdiene jetzt etwas Stärkeres.« Sie senkte den Blick zur Flasche auf dem Teppich. »Falls du etwas übrig gelassen hast.« Er antwortete nicht. Lizzie ging zum Schrank und schenkte sich einen Fingerbreit Glenfiddich ein; mehr könnte schon zu viel für sie sein, und sie musste bei Verstand bleiben, falls das Krankenhaus anrief. »Brauchst du einen Arzt?«, fragte sie ihn abrupt, dann nahm sie den ersten Schluck und spürte, wie er sie ein klein wenig stärkte. »Nein«, sagte er. »Es ist nichts gebrochen.« »Dann kannst du jetzt ebenso gut ins Bett gehen, meinst du nicht?« »Was ist mit Jack?«, fragte er, wieder mit dieser klagenden Stimme., »Ich rufe gleich im Krankenhaus an und frag nach. Mit ein bisschen Glück schläft er, dann brauchst du dir keine Ausrede einfallen zu lassen, warum du nicht mit ihm sprichst.« »Ich kann doch wohl mit ihm sprechen?« Gekränkt hob er den Kopf. »Nicht bevor du ausgenüchtert bist und wieder wie du selbst klingst«, sagte Lizzie. »Und leg einen Verband auf, sobald du wieder zu ihm kannst.« »Lizzie«, sagte Christopher. »Es tut mir sehr Leid.« Sie trank noch einen Schluck Whiskey und blickte auf ihn hinunter. »Scher dich zum Teufel, Christopher«, sagte sie., 82.

A ls Clare ihrem Mann morgens sagte, sie wolle sich den Tag freinehmen, reagierte er überrascht und besorgt; bevor

er ging, fragte er sie noch einmal, ob sie sicher sei, dass sie sich wohl fühle, ob sie einen Arzt brauche oder er bei ihr bleiben solle. »Ja, nein und nein«, antwortete sie. »Mir ist einfach nur danach, mir einen freien Tag zu nehmen. Ist es nicht genau das, wozu du mich die ganze Zeit drängst?« Damit hatte sie natürlich Recht, also tat er, was sie ihm gesagt hatte, ging in die Detektei und verbrachte den Großteil des Tages damit, die Rechnungen zu bezahlen, die immer noch viel schneller ins Haus flatterten, als ihre eigenen Rechnungen nach draußen gingen. Ihm war nur allzu bewusst, dass es jetzt, wo ein Baby unterwegs war, wichtiger war denn je, den Kopf über Wasser zu halten. Er rief sie im Laufe des Morgens zweimal an, doch beim zweiten Mal fuhr sie ihn heftig an und sagte, sie könne sich nicht entspannen, wenn ständig das Telefon klingelte. Darauf zog er sich zurück und meldete sich erst wieder um vier Uhr nachmittags. Sie war nicht da. Er versuchte es mobil, aber sie hatte ihr Handy ausgeschaltet. So schmorte er eine Weile im eigenen Saft, während er sich alle möglichen Unfälle ausmalte. Als er nach Hause fuhr, war die Wohnung leer, und er litt weiter, bis sie um kurz nach neun endlich nach Hause kam. »Wo warst du denn?«, fragte er, als er sah, dass es ihr gut ging. »Bei Nick«, sagte Clare. »Du warst bei Nick Parry?«, fragte er ungläubig., »Das habe ich doch gerade gesagt.« Sie zog ihren Mantel aus. »Du solltest dich doch entspannen und nicht als Schwester arbeiten.« »Hör auf, mich anzuschreien«, sagte sie ruhig. Novak lehnte sich an die Wand, schwach vor Wut und Erleichterung. »Tut mir Leid, dass ich laut geworden bin, aber ich war krank vor Sorge.« »Warum?« Ihre Überraschung war echt. »Weil ich nicht wusste, wo du steckst, und dein Handy war ausgeschaltet.« »Ich hatte es nicht bei mir.« Clare ging in die Küche. »Nick rief um die Mittagszeit an. Er hatte miese Laune, und mir war langweilig. Weil ich wusste, dass du sauer geworden wärst, wenn ich doch noch in die Detektei gekommen wäre, bin ich stattdessen zu Nick gegangen, um ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen.« Novaks Ärger war bereits verraucht; jetzt schämte er sich. »Tut mir Leid«, sagte er wieder. »Ich weiß, dass ich dich manchmal zum Wahnsinn treibe.« »Fast die ganze Zeit im Augenblick«, sagte sie. »Das ist nicht meine Absicht«, sagte er. »Ich weiß.« Clare nahm den Wasserkocher, schwenkte das Wasser, das bereits darin war, und stellte ihn wieder ab. »Bei Nick zu sein lenkt mich von allem ab.« »Bei mir zu sein nicht?«, sagte Novak und versuchte, nicht verletzt zu klingen. »Bei dir zu sein nicht«, erwiderte Clare., 83.

C hristopher schlief schon seit geraumer Zeit in seinem Zimmer, und Lizzie hatte mit der Krankenschwester auf

Jacks Station telefoniert und erfahren, dass auch ihr Sohn eingeschlummert war. Erst jetzt dachte sie daran, die Mailbox ihres Handys abzuhören – Robin hatte eine Nachricht hinterlassen. Er erkundigte sich, wie die Tour liefe, und sagte, er hoffe, Lizzie habe nach ihrer Rückkehr nach London Lust, ein Glas mit ihm trinken zu gehen. »Oder zum Abendessen«, fügte er hinzu, »wenn Sie sich dazu imstande fühlen.« Lizzie hörte ihre restlichen Nachrichten ab; dann rief sie noch einmal zu Hause an und sprach erst mit ihrer Mutter, dann mit Gilly, anschließend mit Sophie, die sich geweigert hatte, ins Bett zu gehen, bis sie erfuhr, wie es Jack ging, und schließlich mit Edward. »Geht es Dad gut?«, fragte er, nachdem er das Neueste von seinem Bruder erfahren hatte. »Dad geht es prima«, sagte Lizzie. »Aber er ist sehr erschöpft, deshalb ist er früh zu Bett gegangen.« »Bestell ihm liebe Grüße«, sagte Edward. »Das mache ich«, sagte Lizzie. Als Nächstes rief sie Susan an, dankte ihr erneut, dass sie sich als so gute Freundin erwiesen hatte und bat sie, sie noch einmal bei Howard und den anderen Vicuna-Mitarbeitern zu entschuldigen. Sie verspreche, diese »unprofessionelle Phase« wieder gutzumachen, worauf Susan entgegnete, so gut Wahre Wonne auch sein mochte, es sei schließlich bloß ein Buch und wohl kaum mit Jacks Gesundheit zu vergleichen. Lizzie sagte Susan gute Nacht, machte sich eine Tasse heißer Schokolade und ging damit ins Wohnzimmer, wo sie Allbeurys, Nummer heraussuchte und wählte. »Was für eine nette Überraschung«, sagte er, als er ihre Stimme hörte. »Was ist passiert?« Sie staunte kurz über sein Einfühlungsvermögen und erzählte ihm, was geschehen war. Seine aufrichtige Sorge um Jack und sein Mitgefühl, was das abrupte Ende ihrer Tour betraf, vermittelten ihr ein Gefühl von Wärme. »Soll ich kurz mit Christopher sprechen?«, fragte Allbeury leichthin, als wären sie alte Freunde, die regelmäßig plauderten. »Er ist eigentlich schon zu Bett gegangen«, sagte Lizzie. »Nichts erschöpft einen so sehr wie kranke Kinder«, sagte Allbeury. Er hörte sich beinahe so an, als hätte er das selbst schon erlebt, und Lizzie fragte sich, ob er vielleicht Neffen und Nichten hatte. Nicht zum ersten Mal wurde ihr klar, wie wenig sie über ihn wusste. »Ich lasse Sie in Frieden«, sagte er sanft. »Wenn Sie irgendetwas brauchen, Lizzie, zögern Sie nicht, mich anzurufen. Zu jeder Uhrzeit.« Sie dankte ihm, sagte gute Nacht und legte auf. »Wer war das?« Sie blickte auf, sah Christopher, der sauberer, aber immer noch entsetzlich aussah und in seinem weißen Frotteebademantel mit den eingestickten Initialen CW auf der Brust in der Tür stand. »Ich habe ein paar Anrufe beantwortet«, sagte sie. »Das war Robin Allbeury.« »Warum ruft Allbeury dich an?« »Er dachte, ich sei noch auf Tour, und wollte wissen, wie es läuft.« Lizzie hielt inne. »Wir waren letzte Woche zusammen abendessen.« »Wie gemütlich«, sagte Christopher., »Was soll das heißen?« Ihre Wut kehrte zurück. »Abendessen mit einem Scheidungsanwalt.« »Er hätte mit uns beiden gegessen, wenn du in London gewesen wärst.« Lizzie schüttelte den Kopf. »Aber warum rechtfertige ich mich eigentlich vor dir?« »Tut mir Leid.« Christopher blieb in der Tür stehen. »Was hast du ihm gesagt?« »Eben gerade? Dass Jack krank ist, natürlich.« »Sonst nichts?« »Natürlich nicht«, antwortete Lizzie kühl. »Danke«, sagte Christopher. »Ich schweige nicht dir zuliebe«, sagte sie. Am nächsten Morgen zeigte sich, dass Jack gut auf die neuen Antibiotika ansprach. Christophers blaue Flecken hatten sich lila, grün und schwarz gefärbt, und Lizzie und er hatten sich auf die Geschichte von einem Überfall geeinigt. Als Christopher mit Jack telefonierte, sagte dieser, er würde erst glauben, dass es seinem Vater wirklich gut ging, wenn er ihn sehen könnte. Daraufhin unterbrach Christopher das Telefonat und bat Lizzie, noch einmal über das Besuchsverbot nachzudenken. »Jetzt, wo er glaubt, ich sei überfallen worden, ist es sicher okay – wahrscheinlich ist er sogar beeindruckt.« »Es ist nicht okay«, sagte Lizzie. »Es ist eine Lüge.« Sie hielt inne. »Und selbst wenn es dir nichts ausmacht, deinen Sohn anzulügen – sobald du einen Fuß ins Krankenhaus setzt, wird jeder dich nach den blutigen Einzelheiten löchern und fragen, was die Polizei unternimmt. Außerdem …« »In Ordnung«, sagte Christopher. »Ich habe verstanden. Jack wirkte nur so aufgebracht, dass er mich nicht sehen kann.« »Und wessen Schuld ist das?«, fragte Lizzie., 84.

S o sehr Allbeury sich auch freute, von ihr gehört zu haben –Lizzies Anruf am Vorabend war aus seiner Sicht

unbefriedigend gewesen. Zu kurz und zu verstörend. Sie hatte die Anspannung in ihrer Stimme erklärt: Jack lag im Krankenhaus, und natürlich hatte sie Angst um ihn. Dennoch hatte Allbeury gespürt, dass es mehr war als das. Etwas, das vielleicht nicht schwerer, aber zumindest gleich schwer wog wie die Ängste um ihren Sohn. Wade vermutlich. Christopher, der großartige Vater, der Exfreier vom Straßenstrich. Es dauerte an diesem Abend lange, bis er einschlafen konnte, und als er endlich schlief, träumte er von ihr – einen abstrakten Traum, in dem nichts deutlich war außer ihrem Gesicht und einem Sopran, der etwas Opernhaftes und schmerzhaft Schrilles sang. Was ihn noch mehr verstörte, weil seine Überzeugung wuchs, dass Lizzie Wade eine Frau war, die seine Hilfe benötigte. Die Art von Hilfe, die er Frauen üblicherweise leistete. Von denen träumte er in aller Regel aber nicht., 85.

A m Montag fuhr Christopher gemeinsam mit Lizzie und Jack nach Marlow zurück. Inzwischen war sein Gesicht

nicht mehr ganz so erschreckend anzusehen, und Jack war, wie sein Vater prophezeit hatte, tatsächlich fasziniert von der Geschichte mit dem Überfall, nachdem er seinen Vater mit eigenen Augen gesehen hatte. Und da das Schreckgespenst Luftröhrenschnitt erst einmal vom Tisch war, überwog Lizzies Dankbarkeit ihre Abscheu, dass ihr Mann noch immer an ihrer Seite war. »Hast du dich gewehrt, Dad?«, wollte Edward wissen. »Ich habe es versucht«, sagte Christopher. »Es ist besser, sich nicht zu wehren«, erklärte Lizzie ihrem älteren Sohn. »Es ist besser, ihnen zu geben, was sie wollen, damit einem nichts passiert.« »Es ist besser, die verdammten Schweine zu kriegen«, sagte Jack. »Hör auf zu fluchen«, rügte Christopher. »Aber es stimmt doch, oder?« »Ich wette, die kriegen sie nie«, sagte Edward. »Wahrscheinlich nicht«, stimmte Christopher zu. »Tut es weh, Daddy?«, fragte Sophie. »Es hat wehgetan, mein Schatz«, antwortete Christopher. »Aber jetzt, wo ich hier bei euch bin, geht es mir gleich viel besser.« Jetzt war Lizzie angewidert, und sie wusste, dass sie ihm niemals verzeihen würde. Egal, wie großartig er mit den Kindern umging, und obgleich alle ihn für den perfekten Vater hielten – für sie selbst, in ihrem Herzen und ihrem Verstand, war, die Sache abgeschlossen. »Armer Christopher«, sagte Angela, die später an diesem Abend abreisen wollte, als sie sein Gesicht gesehen hatte. »Was für eine abscheuliche Geschichte.« »Allerdings«, sagte Lizzie. »Und für ihn ist es noch viel schlimmer als für uns«, sagte Angela. »Wenn einer von uns krank oder verletzt ist, haben wir zumindest Christopher, der sich um uns kümmert, aber er hat niemanden.« Sie lächelte ihre Tochter an. »Niemanden wie ihn, meine ich.« »Stimmt«, sagte Lizzie. »Geht es dir gut?«, fragte ihre Mutter; dann schüttelte sie den Kopf. »Was für eine dumme Frage, nach allem, was du durchgemacht hast.« Sie hielt inne. »Bist du sicher, dass ich nach Hause fahren soll? Ich bleibe gerne noch ein bisschen länger.« »Nicht nötig.« Entschieden schottete Lizzie sich hinter einem Vorhang aus Fröhlichkeit ab. »William vermisst dich, und Gilly ist ja hier, um uns zu helfen.« »Ganz sicher?« Angela legte ihrer Tochter eine Hand auf den Arm. »Ich bin schließlich deine Mutter, Lizzie. Vor mir musst du nicht dauernd die Starke spielen.« »Das weiß ich«, sagte Lizzie. In den nächsten paar Tagen schien Christopher in Gegenwart der Kinder ganz gut in der Lage zu sein, sich so zusammenzureißen, dass sie nichts bemerkten, aber wenn sie schliefen, in der Schule oder bei Freunden waren, wurde er immer mürrischer. »Ich wäre dir dankbar«, sagte Lizzie am Mittwoch zu ihm, »wenn du dir vor Gilly ein bisschen mehr Mühe geben könntest. Sie ist nicht dumm. Sie weiß, dass etwas nicht stimmt.«, »Sie denkt, es ist der Überfall.« »Ich bitte dich, versuch es.« »Oh, das tue ich«, sagte Christopher. »Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich bemühe.« »Erwartest du«, fragte sie, »dass ich dir dankbar dafür bin?« Am Donnerstagabend war Halloween. Gilly war auf einer Party, und die Familie hatte den Abend im mit Kürbissen und Kerzen geschmückten Wohnzimmer verbracht und sich Spukgeschichten erzählt. Jack war noch nicht fit genug, um von Tür zu Tür zu laufen und Süßigkeiten einzufordern, und die anderen beiden hatten nicht ohne ihn gehen wollen. Christopher ging vor Lizzie ins Bett, sodass sie noch ein oder zwei Stunden für sich hatte, bevor sie nach den Kindern sah und dann selbst schlafen ging. Es war kurz nach Mitternacht, als es an ihrer Tür klopfte. Keins der Kinder klopfte je an, also war es entweder Gilly, die von ihrer Party zurückkam, oder Christopher. Sie schaltete die Nachttischlampe ein und zog die Decke hoch. »Ja?«, rief sie leise. Die Tür ging auf, und da stand er, in seinem schwarzen Seidenbademantel. »Was ist, Christopher?« Sie sah sofort, dass es nichts mit den Kindern zu tun hatte, denn dann wäre er sofort hereingekommen und hätte gesagt, was los war. Stattdessen trug er seinen neuesten zerknirschten Hundeblick zur Schau – er hätte sich ebenso gut HAB MITLEID auf die Stirn tätowieren lassen können. Aber Lizzie hatte kein Mitleid mehr für ihn übrig, nur Verachtung. »Ich habe keine Schmerztabletten mehr«, sagte er. »Ich dachte, du hättest jede Menge.« »Offenbar nicht genug.«, »In Ordnung.« Sie stieg aus dem Bett und zog ihren Bademantel an, dann ging sie ins Badezimmer, öffnete das Schränkchen und holte eine Packung Nurofen heraus. Da hörte sie seine Schritte hinter sich. Sie drehte sich um und sah ihn in der Badezimmertür stehen. »Ich hätte sie dir doch herausgebracht.« »Nicht nötig.« Er kam ins Bad und schloss die Tür hinter sich. »Was tust du da?« Die Furcht traf sie wie ein Schlag. »Christopher, mach die Tür auf.« »Hab keine Angst.« Im hellen Badezimmerlicht und vor den dunklen blauen Flecken, die sie umgaben, wirkten seine grauen Augen heller als gewöhnlich. »Du riechst wundervoll«, sagte er leise. Lizzie machte einen Schritt zur Seite und ging dann rasch auf die Tür zu. Sie war fast sicher, dass er versuchen würde, ihr den Weg zu versperren. Aber dann hatte sie den Türgriff in der Hand und war raus aus dem Bad – und kam sich ziemlich dämlich vor. »Die Tabletten?« Christopher kam hinter ihr ins Schlafzimmer und streckte die Hand aus. »Hier.« Lizzie warf ihm die Packung zu, aber sie fiel auf den Boden. Christopher blickte auf sie herunter. »Ich fürchte, ich kann mich im Augenblick nicht besonders gut bücken.« Lizzie antwortete nicht, beugte sich nur hinunter, um die Tabletten aufzuheben, richtete sich wieder auf, nahm seine linke Hand und schlug ihm die Packung in die Handfläche. »Danke«, sagte er. »Gern geschehen.« Er machte drei Schritte auf die Tür zu – die jetzt geschlossen war, wie Lizzie auffiel; er musste sie zugezogen haben, als sie, vor ihm ins Bad ging –, dann blieb er wieder stehen. Drehte sich zu ihr um. »Sieh mich an«, sagte er. »Geh ins Bett, Christopher«, befahl Lizzie. »Nicht in mein Gesicht«, sagte er. Gegen ihren Willen schaute sie hin, sah, was er wollte, das sie sah. Wut ergriff sie. »Verschwinde«, sagte sie. »Ich will nicht verschwinden«, sagte er. »Raus hier.« Lizzie trat auf ihn zu und legte ihm ihre ausgestreckte rechte Hand auf die Brust, um ihn wegzuschieben. »Verschwinde aus meinem Zimmer.« Mit wild hämmerndem Herzen lief sie an ihm vorbei und fasste nach dem Türgriff. »Ich sagte dir doch«, Christopher drehte sich um, packte ihren Arm und hielt ihn fest, »ich will nicht gehen.« »Lass mich los«, zischte sie. »Lass mich sofort los, oder ich schreie.« »Nein, das tust du nicht.« Sein Gesicht war verzerrt, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Lass es darauf ankommen«, sagte sie. Er zerrte ihren Arm zu sich – auf seinen Schritt zu. »Wage es ja nicht!« Lizzie riss sich los und stieß ihn noch einmal, diesmal fester. Christopher fiel mit einem dumpfen Schlag gegen die Tür. »Miststück«, fluchte er und wand sich vor Schmerz. »Raus hier«, sagte sie noch einmal. »Diesmal nicht.« Er erholte sich und kam wieder auf sie zu. Lizzie wich zurück. Sie sah, dass seine Pupillen geweitet waren, und die Erinnerung, an das letzte Mal kehrte wieder. Mit einem Schlag begriff sie, wie verrückt und unglaublich dumm sie gewesen war zu glauben, sie könne das hier kontrollieren, könne mit dem hier weiterleben, und sei es den Kindern zuliebe. »Ich brauche ein wenig Trost, Lizzie«, sagte er. »Such ihn dir woanders«, sagte sie. »Auf der Straße, wo auch immer.« »Du bist immer noch meine Frau«, sagte er, und wieder schoss sein Arm mit einer abrupten Bewegung vor, um nach ihr zu grabschen. »Nicht mehr lange.« Sie blickte sich nach etwas um, das sie sich schnappen und als Waffe benutzen konnte, falls sie eine brauchte, aber da waren nur ein Buch und die Nachttischlampe, und die war als Waffe zu schwer und zu gefährlich: So wütend und verängstigt Lizzie auch war, sie wusste, dass sie den Kindern das nie antun konnte. »Das ist nicht viel verlangt«, sagte Christopher und kam wieder auf sie zu. Lizzie hob das Buch auf und schlug ihn damit fest auf die Schulter. »Miststück«, sagte er wieder. Er schubste sie, und sie stolperte gegen den Nachttisch. Während sie taumelte, stieß er sie wieder in den Leib, noch fester diesmal, und sie fiel aufs Bett. »Nein!«, stieß sie mit schmerzerfüllter Stimme hervor, immer noch nach Kräften bemüht, nicht zu schreien. »Christopher, hör auf!« Er öffnete seinen Bademantel und riss ihn sich herunter, als glühe er vor Hitze; dann ließ er ihn fallen und kniete sich aufs Bett. Lizzie versuchte sich unter ihm wegzurollen, aber er packte sie, drückte sie mit einer Hand aufs Bett, zog ihr mit der anderen das Nachthemd hoch, rammte ihr das Knie zwischen die, Schenkel und hob die rechte Hand. »Dad, was machst du da?« Sie beide erstarrten beim Klang von Jacks Stimme. Christopher ließ Lizzie los, stieg vom Bett und hob seinen Bademantel auf. »Alles in Ordnung«, sagte er. Lizzie – sie zitterte, in ihrem Kopf drehte sich alles, und sie hatte Schmerzen – brach schier das Herz beim Anblick Jacks, der in seinem Rollstuhl in der Tür saß, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Sie rappelte sich auf und schob ihr Nachthemd herunter. »Jack, geh wieder in dein Zimmer.« Ihre Stimme zitterte. »Liebling, geh schon.« »Nein«, sagte er und kam mit dem Rollstuhl ins Zimmer. »Was hast du getan?«, fragte er, hielt auf seinen Vater zu und bremste scharf. »Was hast du meiner Mutter getan?« »Beruhige dich, Jack.« Christophers noch immer geschundenes Gesicht war aschfahl, während er an seinem schwarzen Seidengürtel herumfingerte. »Kein Grund, dass du dich aufregst.« »Du Schwein«, sagte Jack. »Du widerliches Schwein!« Lizzie stand aus dem Bett auf. »Es geht mir gut, Jack.« Er ignorierte sie, starrte nur weiter seinen Vater an. »Wie konntest du nur?«, fragte er leise. »Wie konntest du nur so etwas tun?« Christopher streckte den rechten Arm aus. Seine Hand zitterte. »Komm her, mein Sohn. Du verstehst das nicht, du bist noch zu jung …« Das Brüllen, dass Jack ausstieß, als er plötzlich mit seinem Rollstuhl nach vorn schoss und gegen die Beine seines Vater prallte, war ein Laut reinster Qual. Christopher schrie auf,, wankte einen Moment vor Schmerzen und machte dann einen Schritt nach links, um zu entkommen. Jack rollte ein gutes Stück zurück, dann raste er mit einem weiteren grauenvollen Brüllen nach vorn, und eine stählerne Ecke des Rollstuhls stieß gegen Christophers rechtes Knie. »Jack, um Himmels willen!«, schrie er. Sein Bein musste höllisch wehtun, denn er sank zu Boden. »Jack, bitte!« Lizzie brach in Tränen aus. »Jack, hör auf damit.« Edward erschien in der Tür, schlaftrunken zuerst, dann schlagartig hellwach vor Schreck und Unglauben. »Jack, was tust du da?« »Frag ihn!«, sagte sein Bruder und nahm erneut Anlauf. »Er ist verrückt geworden.« Christopher hielt sich das schmerzende rechte Bein. Lizzies Tränen versiegten augenblicklich. »Edward, sorg dafür, dass Sophie in ihrem Zimmer bleibt.« »Aber was ist denn passiert?« »Geh zu Sophie, Edward«, befahl Lizzie. »Sofort!« Jack schien eine Sekunde zu zögern, doch dann schoss der Rollstuhl wieder nach vorn. Erneut schrie Christopher auf. Und Edward rannte los. Die darauf folgenden Stunden vergingen in einem Nebel, in dem Lizzie nur halb bei sich war. Als Jack endlich in seinem Rollstuhl zusammengesunken war, völlig erschöpft, humpelte Christopher aus dem Zimmer, zog sich an und floh aus dem Haus. Edward kam wieder aus Sophies Zimmer, um zu berichten, dass seine Schwester wundersamerweise während des ganzen Albtraums friedlich geschlummert hatte. Er blieb an der Schlafzimmertür seiner Mutter stehen und schaffte es kaum, Jack anzusehen, der immer noch schweigend, und mit geschlossenen Augen an der gegenüberliegenden Wand in seinem Rollstuhl saß. Lizzie ging kurz in sein Zimmer, zog die Decke von seinem Bett, brachte sie zu ihm und wickelte ihn darin ein, weil er immer noch heftig zitterte. »Geht es Jack bald wieder gut, Mom?«, fragte Edward leise. »Ich glaub schon«, antwortete Lizzie, ebenfalls sehr leise. Dennoch kam Edward nicht ins Zimmer, als fürchte er, damit in die rätselhafte Welt einzutreten, in der etwas so Entsetzliches hatte geschehen können. Später, vermutete Lizzie, würde er bestimmt Fragen stellen, würde wissen wollen, was sein Vater getan hatte, dass er seinen liebevollen, friedfertigen Bruder so in Wut versetzt hatte, aber im Augenblick hoffte er offenbar noch, dass ihm die volle Wahrheit erspart blieb. »Was ist mit dir, Mom?«, fragte er. »Mir geht es gut, Schatz«, sagte Lizzie. Eine weitere Lüge von vielen. »Geh wieder schlafen, Edward«, sagte sie. »Wenn du kannst.« »Bist du sicher?« »Ganz sicher.« Er kam ins Zimmer, lief rasch, ohne nach rechts oder links zu schauen, zu seiner Mutter und drückte ihr einen nervösen Kuss auf die Wange, um dann gleich wieder zurück zur Tür zu gehen. »Wenn du mich brauchst, Mom …«, sagte er. »Dann rufe ich dich, mein Schatz«, sagte sie. »Gute Nacht.« »Nacht Jack«, sagte Edward. Jack antwortete nicht. Gilly kam kurz darauf nach Hause. Oben sah sie Lizzies Tür offen stehen und trat ein, um Lizzie auf dem Teppich neben Jacks Rollstuhl knien und seine Hand halten zu sehen. Jack, mit dem Gesicht zur Wand, rührte sich nicht und zeigte auch sonst, keine Reaktion. »Was ist passiert?«, fragte sie. Lizzie drehte sich um und sah sie an. Ihr Gesicht war eine Maske der Verzweiflung. »Wir hatten einen kleinen … Eklat«, sagte sie. Zum ersten Mal regte Jack sich, öffnete die Augen und drückte seiner Mutter die Hand. »Es geht mir gut, Gilly«, sagte er. »Da bin ich froh.« Lizzie hielt seine Hand weiter fest. »Was willst du tun, mein Schatz? Ein bisschen schlafen? Etwas Heißes trinken?« Zum ersten Mal, seit er die Angriffe auf seinen Vater eingestellt hatte, sah er sie an; seine sanften Augen waren immer noch glasig vom Schock. »Schlafen, Mom.« Er hielt inne. »Wenn es dir gut geht.« »Ja«, sagte sie. »Möchtest du, dass ich dich schiebe?« »Ja, bitte.« Lizzie ließ seine Hand los, stand vom Boden auf und warf Gilly einen Blick zu. Wieder jemand, der in der Tür verharrte, als stünde der Raum unter Quarantäne oder würde Furcht erregende Wellen ausstrahlen. »Alles in Ordnung, Gilly.« Gilly nickte, sie hatte verstanden. »Wir sehen uns nachher.« Lizzie wartete, bis die jüngere Frau nach unten und in die Küche gegangen war, dann schob sie Jack aus dem Schlafzimmer und durch den Flur zu seinem eigenen Zimmer. »Willst du, dass ich bei dir bleibe, Schatz?«, fragte sie ihn. »Mir geht es gut.« Sie half ihm aus dem Rollstuhl und ins Bett, dann deckte sie ihn zu., »Ich glaube«, sagte Jack, »ich sollte ein Diazepam nehmen.« »Gute Idee«, sagte Lizzie. »Wenn ich wieder krank werde«, fuhr er fort, »kann ich dir und den anderen schließlich keine große Hilfe sein.« Heiße Tränen brannten in den Augen seiner Mutter und drohten ihr die Luft abzuschnüren, aber sie hielt durch – wenn er es kann, wirst du es doch verdammt noch mal auch können – und ging ihm seine Tabletten holen. Er war zehn Jahre alt, und er kannte die Namen von viel zu vielen elenden Medikamenten; er war reifer als viele Menschen, die doppelt so alt waren wie er, und er beschämte sie. »Erzählst du es Gilly?«, fragte er, als sie zurückkam. »Ich weiß nicht«, sagte Lizzie. »Was meinst du?« »Das ist deine Entscheidung«, sagte Jack. »Ich glaube …« »Was, mein Schatz?« »Ich glaube, es ist mir lieber, wenn sie es nicht weiß.« »Dann sage ich es ihr auch nicht«, sagte Lizzie. Sie erzählte Gilly nur, dass es einen schlimmen Streit gegeben und dass Jack sich sehr aufgeregt habe; dass Edward ein wenig und Sophie gar nichts davon mitbekommen hatte und dass sie es nach Möglichkeit dabei belassen wollte. »Ich sag ihr, dass ihr Vater wieder nach London fahren musste«, erklärte Lizzie. »Daran ist sie gewöhnt«, sagte Gilly. Sie stellte keine weiteren Fragen. Gilly hatte schon immer die Gabe besessen, auf schwierige Situationen einfühlsam und ohne Neugier zu reagieren. Sie kochte Lizzie einen heißen, süßen Tee und blieb bei ihr sitzen, während sie zu trinken versuchte. »Ich bin sehr müde«, sagte Lizzie nach einer Weile. »Ich glaube, ich gehe nach oben.« »Gut«, sagte Gilly. »Wenn du etwas brauchst, ganz egal, wie, spät es ist …« »Ja«, sagte Lizzie. »Danke.« Sie ging zuerst noch einmal in Jacks Zimmer und stellte fest, dass er tief und fest schlief; ob es nun aus Erschöpfung war oder von der Tablette, die er genommen hatte, sie war dankbar dafür. Auch Edward war eingeschlafen; wahrscheinlich war es eine Flucht in den Schlaf gewesen. Auch Sophie schlief – die Einzige, die bisher noch unberührt war von alldem, auch wenn sich dies schon allzu bald ändern würde, ändern müsste. Ein Gefühl, das entfernt mit Erleichterung verwandt war, durchströmte Lizzie. Endlich war das Schlimmste geschehen; nun würde sie ihren Kindern nicht länger vorlügen müssen, dass zwischen ihr und ihrem Vater alles in bester Ordnung sei. Zugleich überwältigte sie die erschreckend frische Erinnerung, wie Jack Christopher mit seinem Rollstuhl rammte. Noch immer sah sie sein verzerrtes Gesicht, hörte seine schrecklichen, qualvollen Schreie, sah ihren Mann auf dem Boden kauern … Daran würde Jack sich erinnern. Dieses Bild würde er wieder und wieder vor sich sehen, wann immer er die Augen schloss. Und wie Christopher sie, Lizzie, aufs Bett drückte und ihr wehtat. Der Hauch von Erleichterung war verflogen, und nur Scham, Schuld und Schmerz blieben. Und entsetzliche Wut. Sie hatte nicht vorgehabt, lange zu schlafen, war sogar sicher gewesen, dass sie überhaupt nicht schlafen würde. Um vier Uhr morgens hatte sie noch immer wach gelegen, Schmerzen gehabt und die ganze Szene wieder und wieder durchlebt, aber kurz darauf war sie doch eingeschlummert. Als sie aufwachte, mit einem furchtbaren Schrecken und erdrückender Hoffnungslosigkeit, sah sie, dass es schon nach neun war., Sie zog ihren Bademantel an und ging ins Bad, wo die Erinnerung an ihn sie überfiel. Als sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser wusch, spürte sie wieder einen stechenden Schmerz und fragte sich, ob Christophers letzter Stoß die innere Narbe, die sie von seiner letzten Vergewaltigung und der Operation zurückbehalten hatte, wieder aufgerissen hatte. Nicht jetzt, Lizzie. Sie ging zurück ins Schlafzimmer und hinaus in den Flur. Das Haus war leer, die Stille erdrückend. Gilly hatte ihr auf dem Küchentisch eine Nachricht hinterlassen: Ich fahre die Kinder in die Schule – auch Jack, denn er sagt, es geht ihm gut. Lizzies Augen füllten sich wieder mit Tränen. Die erste gute Nachricht desTages. In Gedanken segnete sie Gilly, aber noch viel mehr segnete sie Jack und Edward für ihren Mut und ihre Stärke. Sie kochte Kaffee, trug ihn mit langsamen Bewegungen – sie fühlte sich wie eine alte Frau – zum Küchentisch und setzte sich. Auf dem Tisch lagen die Daily Mail und der Independent säuberlich gefaltet, doch sie würdigte die Zeitungen keines Blickes. Sie musste mit jemandem reden. Nicht mit Gilly, das hatte sie Jack versprochen. Auch nicht mit Angela, die ihren Glauben an Christophers Heiligkeit nie abgelegt hatte. Hilda Kapur fiel ihr ein, wurde aber ebenfalls rasch wieder verworfen. Es konnte sein, dass Hilda die Ärztekammer einschaltete, Christopher anzeigte und das Leid der Kinder noch verschlimmerte. Lizzie trank ihren Kaffee und stellte fest, dass die Normalität dieses Rituals ihr ein klein wenig Trost spendete. Robin Allbeury., Er war Anwalt. Zwar wollte sie ihn nicht als Anwalt sprechen, aber das bedeutete immerhin, dass er es gewöhnt war, zuzuhören und Ratschläge zu erteilen – und natürlich, Dinge vertraulich zu behandeln. Er war immer noch ein fast Fremder, aber das würde eine gewisse Distanz schaffen, die sicher gut war. Gleichzeitig aber war er inzwischen ein Freund geworden, und zwar mehr ihr Freund als Christophers, auch wenn er es gewesen war, der sie mit Allbeury bekannt gemacht hatte. Lizzie stellte ihre Tasse ab und suchte seine Nummer. Er war im Büro und ging direkt ans Telefon. Sie sagte ihm, sie müsse dringend mit ihm reden; was sie ihm zu sagen hätte, sei absolut vertraulich. »Das ist doch selbstverständlich«, versicherte Allbeury ihr. »Wo sind Sie, Lizzie?« »Noch in Marlow, aber ich komme in die Stadt.« »Sind Sie sicher?«, fragte er. »Ich komme in Ihr Büro«, sagte sie. »Wenn es Ihnen recht ist.« »Ich erwarte Sie«, sagte Allbeury. »Fahren Sie vorsichtig, Lizzie.«, 86.

E rst als sie im Auto nach London unterwegs war, merkte Lizzie, wie ausgelaugt sie war. Als sie ihr Coupé dann kurz

vor zwölf in der Bedford Row parkte, war sie fast zu erschöpft, um auszusteigen. Pure Willenskraft trug sie in die Empfangshalle von Allbeury, Lerman und Wren und half ihr, der jungen Frau hinter dem Schreibtisch ihren Namen zu nennen. Kaum hatte sie sich zu einem der Ledersessel geschleppt, stand auch schon Allbeury vor ihr. Er warf einen kurzen Blick auf sie und drehte sich zur Empfangsdame um. »Ich gehe aus«, sagte er ihr. »Würden Sie den anderen bitte Bescheid sagen?« »Natürlich«, sagte die junge Frau. Dann wandte er sich wieder an Lizzie, beugte sich zu ihr vor und sagte leise: »Schaffen Sie’s bis zu meinem Auto?« Lizzie brachte ein Lächeln zustande. »Ich bin gerade von Marlow hierher gefahren.« »Richtig«, sagte Allbeury. Mit festem Griff stützte er ihren Arm, half ihr aus dem Büro und um die Ecke zu seinem Jaguar. Er ignorierte ihren Protest, als er sie anschnallte, lief um den Wagen herum zur Fahrertür und stieg ein. »Brauchen Sie einen Arzt?«, fragte er. »Und möchten Sie mit in meine Wohnung kommen oder lieber nach Holland Park?« »Ihre Wohnung«, antwortete Lizzie, ohne zu zögern. »Ich glaube nicht, dass ich einen Arzt brauche.« »Wenn Sie Ihre Meinung ändern«, sagte er, »geben Sie mir einfach Bescheid.«, Sie war sich bewusst, dass er sie nicht gefragt hatte, ob er Christopher anrufen solle. Winston Cook, der sich nach weniger als einem Tag Arbeit die ganze Woche nicht mehr hatte blicken lassen (Allbeury glaubte ihn schon für immer verschwunden), hatte an diesem Morgen wieder vor seiner Tür gestanden und eine Geschichte von einer kranken Schwester erzählt. Winston saß auch jetzt noch im blauen Büro, den Blick konzentriert auf den Flatscreen-Monitor des PC gerichtet, während seine Finger über die Tastatur flogen. »Ich komme gut voran«, sagte er zu Allbeury, der zu ihm hereinschaute, nachdem er Lizzie in seinen Salon am anderen Ende der Wohnung geführt hatte. »Es dauert nicht mehr lange.« »Der Zeitpunkt ist sehr ungünstig für mich«, sagte Allbeury. »Es wäre mir lieber, du gehst.« »Ich kann jetzt nicht gehen«, sagte Cook. »Sonst verliere ich ihn.« »Ich habe jemanden zu Besuch, dem es nicht gut geht«, sagte Allbeury. »Kein Problem«, sagte Cook. »Sie werden gar nicht merken, dass ich hier bin. Ich geb keinen Mucks von mir.« Er sah ihn flehentlich an. »Ich habe es fast geschafft.« Wider Willen musste Allbeury lächeln. »Okay.« Er ging wieder zu Lizzie in sein gemütliches und zugleich beeindruckendes Eckzimmer; zwei Wände hingen voller Gemälde, und große Panoramafenster ließen helles Licht ein. Lizzie saß da und blickte hinaus, ohne etwas zu sehen. »Kommen Sie hier klar, während ich Tee koche?«, fragte er. »Stark, mit viel Zucker. Das tut gut bei einem Schock.« »Okay.« Sie fragte sich, woher er wusste, dass sie nicht krank war, sondern unter Schock stand. »Vielen Dank, Robin.«, »Laufen Sie nicht weg«, sagte er. »Mache ich nicht«, sagte Lizzie. Sie erzählte ihm alles, von Anfang an. »Ich schäme mich so«, sagte sie. »Ich empfinde noch vieles andere, aber Scham steht ganz oben.« »Weil Sie ihn nicht verlassen haben?«, fragte Allbeury. »Ja«, sagte Lizzie. »Sie sind wegen der Kinder geblieben.« »Natürlich.« »Vor allem wegen Jack.« »Ja«, sagte sie noch einmal. »Aber was hat es jetzt gebracht, dass ich geblieben bin?« Allbeury dachte kurz nach. »Die Kinder wissen nichts von alledem, oder?« Lizzie schüttelte den Kopf. »Jack weiß nur, was er letzte Nacht gesehen hat, und Edward kann nicht mehr wissen, als was Jack gesagt hat.« Sie hielt inne. »Und Sophie weiß bisher noch gar nichts, Gott sei Dank.« »Die Kinder müssen auch nicht alles erfahren«, sagte Allbeury. »Es sei denn, Sie wollen es ihnen sagen. Aber da ich Sie kenne, wage ich das zu bezweifeln.« »Tun Sie das?« Sie verspürte Neugier. »Mich kennen, meine ich?« »Ich glaube, ich weiß genug, um mir einiger Dinge sicher sein zu können.« »Welche sind das?« »Dass Sie eine wunderbare Mutter sind«, sagte er. »Und eine viel loyalere Ehefrau, als Ihr Mann es verdient.« Er beobachtete, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. »Und Sie sind eine der wundervollsten Frauen, denen ich je begegnet bin.« Er hielt, inne. »Auch wenn Sie das vielleicht nicht von mir hören wollten.« »Ich glaube nicht«, sagte sie müde, »dass ich im Augenblick überhaupt weiß, was ich will.« »Schlafen Sie«, sagte Allbeury. »Soweit ich es beurteilen kann, brauchen Sie Ruhe jetzt am dringendsten.« Er führte sie in ein elfenbeinfarbenes Gästezimmer, in dem ausschließlich Bilder von Blumen und Gärten in sanften Farben hingen. »Durch diese Tür kommen Sie in ein Bad. Und hier steht ein Telefon«, er deutete auf den Nachttisch, »falls Sie es brauchen. Und falls Sie mich brauchen, ich bleibe in der Nähe, also rufen Sie einfach oder kommen Sie mich suchen, was Ihnen lieber ist.« »Sie sind sehr freundlich«, sagte Lizzie. »Ach was.« Allbeury winkte ab. »Ich möchte nur, dass Sie sich sicher fühlen.« »Ich fühle mich sicher«, sagte sie. »Schlafen Sie gut«, sagte er und ging zur Tür. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte 14 Uhr 10. »Ist es in Ordnung, wenn ich ihn auf vier stelle?«, fragte Lizzie. »Ich muss mit den Kindern sprechen, wenn sie nach Hause kommen.« »Selbstverständlich«, sagte er. Im blauen Büro machte ein höchst erregter Winston Cook mit seiner Arbeit große Fortschritte. »Jetzt hab ich’s«, verkündete er. »Ich sagte Ihnen doch, ich hatte es fast geschafft.« »Großartig.« Allbeurys Gedanken kreisten zu sehr um Lizzie, um sich für seinen PC zu interessieren. »Tu mir einen Gefallen,, schreib mir einen Bericht und lass mir deine Rechnung da, dann bezahle ich dich morgen, wenn das in Ordnung ist.« »Es macht mir nichts aus, Ihnen meine Rechnung zu schicken«, sagte Cook. »Ich vertraue Ihnen, Mann.« »Gut«, sagte Allbeury. »Danke, Winston.« »Aber Sie müssen es sich sofort ansehen.« »Ich habe jetzt nicht die Zeit, um …« »Sie müssen aber wirklich«, beharrte Cook unnachgiebig. »Ich bin da auf eine Btx-Adresse gestoßen, die jemandem gehört, den Sie ziemlich gut kennen, glaub ich. Wenn ich Recht habe – und ich habe immer Recht, fragen Sie Adam –, schätze ich, dass diese Person schon seit längerer Zeit auf Ihre Dateien zugreift.« »Wer?« Allbeury fuhr sich irritiert mit der Hand durch die Haare. »Sehen Sie nach«, erwiderte Winston Cook. Er bezahlte Cook in bar, zwanzig Prozent mehr als der junge Mann verlangt hatte. Dann begleitete er ihn hinaus und ging – sehr leise – nach seinem Gast sehen. Lizzie schlief tief und fest. Sie lag auf der Seite und runzelte die Stirn, wobei sie Ähnlichkeit mit einem Kind hatte, das etwas Verstörendes träumt. Allbeury sah sie lange an, zog ihre Bettdecke ein wenig höher, holte ein kleines, ledergebundenes Notizbuch und einen Stift aus der Tasche und schrieb ihr eine Nachricht. Er lehnte den Zettel an den Wecker, wo Lizzie ihn mit Sicherheit sehen würde, sobald sie aufwachte. Dann verließ er das Zimmer. In seinem Privataufzug fuhr er hinunter in die Tiefgarage. Eine Zeit lang saß er in seinem Jaguar und dachte darüber nach, was Winston Cook ihm gezeigt hatte, bevor er eine Karte aus der Brieftasche holte, eine Nummer in sein Handy tippte und von seinem Parkplatz auf die Straße fuhr., »Dies ist eine Nachricht für Inspector Shipley«, sagte er. »Hier spricht Robin Allbeury.« Er sprach weiter, während er das Gebäude verließ, ohne zu merken, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemand halb verborgen in einem Hauseingang stand und ihn wegfahren sah., 87.

H elen hatte soeben eine Wurzelbehandlung bei ihrem Zahnarzt hinter sich gebracht, stieg in ihren alten Mini

und rief im Büro an, wo Ally King ihr ausrichtete, dass Allbeury eine Nachricht hinterlassen hatte. »Er sagte, es sei dringend«, sagte King. Helens betäubter Kiefer begann zu kribbeln. »Er will sich mit Ihnen treffen.« »Wo?« King gab ihr die Adresse. »Brauchen Sie Verstärkung?« »Nein, danke.« Helen ließ den Motor an, legte den Gang ein und trat aufs Gaspedal., 88.

U m Viertel vor zwei war Novak noch immer alleine in der Detektei. In dem uralten Radio auf seinem Schreibtisch

lief ein Hörspiel, das er mehr zur Gesellschaft als wegen des Inhalts eingestellt hatte, als plötzlich die Tür aufging und Allbeury hereinmarschierte. »Hallo, Robin.« Novak griff nach dem Aus-Schalter des Radios. »Ich hatte dich nicht erwartet …« Ohne ein Wort lief Allbeury um Novaks Schreibtisch herum, bückte sich und riss das Netzkabel des Computers aus der Wand. »Was …?« Fassungslos sprang Novak auf. Allbeury wickelte sich die Schnur um Faust und Handgelenk, schob Novak zur Seite und schmetterte den Monitor gegen die Wand. »Robin! Was tust du da?« Allbeury wickelte die Schnur los und ließ sie auf den Boden fallen, dann ging er zu Clares makellosem Schreibtisch. »Das reicht jetzt!« Novak stellte sich zwischen den Anwalt und den Computer seiner Frau. »Was ist denn in dich gefahren, verdammt?« Allbeurys Augen waren hart und kalt wie Eis. »Ich habe nur eine einzige Frage an dich.« »Du hast eine Frage an mich?«, fragte Novak ungläubig. »Warum hast du mich ausspioniert?« »Ich habe nicht die blasseste Ahnung, wovon du redest!« Wieder öffnete sich die Bürotür, und Novak fuhr herum. Er sah einen großen Fremden mittleren Alters, dessen Gesicht ihm vage bekannt vorkam und der aussah, als wäre er kürzlich, zusammengeschlagen worden. Der Mann kam ins Zimmer gestürmt und hielt direkt auf Allbeury zu; Novak ignorierte er völlig. »Du Schwein.« Der Fremde stieß den Anwalt so fest vor die Brust, dass dieser zur Seite und gegen die Wand neben Clares Schreibtisch stolperte. »Was ist denn hier los?«, wollte Novak wissen, nun vollends verwirrt. »Gute Frage.« Allbeury fand das Gleichgewicht wieder und klopfte sich das Sakko ab. »Was tun Sie hier, Wade?« »Ich bin hier«, der andere Mann lallte ein wenig, »um dir zu sagen, dass du dich verdammt noch mal von meiner Frau fern halten sollst.« Novak entfernte sich ein Stück von den beiden und wich zurück in Richtung seines eigenen, halb zerstörten Schreibtischs. »Ich weiß nicht, was hier los ist«, sagte er zu Wade, der mit wirrem Blick hinter seiner Brille hervorstarrte, »aber verlasst auf der Stelle mein Büro, sonst rufe ich die Polizei.« »Ich scheiß drauf, wen du anrufst«, sagte Christopher. »Vielleicht sollten wir das lieber draußen klären«, sagte Allbeury zu ihm, »wenn Sie nicht wollen, dass Mr Novak erfährt, was für einen Ehemann Lizzie wirklich hat.« »Du Hurensohn!« Christopher sprang auf Allbeury zu, verfehlte ihn und warf Clares Schreibtischlampe zu Boden. Dieses Mal wehrte sich Allbeury. Er packte Wades rechten Arm und drückte ihn mit so viel Kraft von sich, dass er ihn umwarf. »Um Gottes willen, Robin«, schrie Novak. Helen sah den Jaguar, der verkehrswidrig in der schmalen Kopfsteingasse parkte, sowie einen glänzenden schwarzen BMW, der ihm praktisch auf der Stoßstange hing, und stellte ihren Mini zehn Meter hinter den beiden Autos ab., Die Vordertür stand offen, und Helen stieg die Treppe hinauf. Von oben hörte sie Kampfgeräusche. Sie rannte los, spurtete die nächsten beiden Treppenabsätze hoch, blieb kurz vor der Tür stehen, hörte Novak irgendetwas schreien und stürmte ins Zimmer. Ein Mann, den sie nicht kannte, brüllte etwas Unverständliches und stürzte sich auf Robin Allbeury. Die beiden Männer prallten zusammen, fielen zu Boden und rangen miteinander, während Novak sich nach Kräften bemühte, sie zu trennen. »Verdammt!«, stieß Helen hervor. »Stehen Sie doch nicht einfach so da«, rief Novak ihr vom Boden aus zu. Sie fluchte noch einmal und wünschte, sie hätte eine Waffe, mit der sie die Männer bedrohen könnte. »Polizei«, sagte sie laut und ging dazwischen. Der Fremde mit dem zerschlagenen Gesicht brüllte auf, als Helen seine Arme packte, um ihn von Allbeury herunterzuziehen. Dann warf er sich auf sie, und Helen sah, dass er unter erheblichem Drogeneinfluss stand. »Sie sind verhaftet«, stieß sie keuchend hervor. »Himmel, Inspector«, sagte Allbeury, als Wades Gewicht von seiner Brust verschwand, »Ihr Timing wird besser.« Christopher Wade, blind vor Wut und vom Rauschgift, schlug wieder nach Helen. Diesmal traf er sie an der Schulter, und sie schrie vor Schmerz und Wut. Novak stürzte los und schnappte Christopher am Jackenärmel, doch er konnte sich losreißen und rannte auf die noch offene Tür zu. »Nein, so nicht!« Helen erwischte ihn noch auf dem Treppenabsatz, bekam seinen rechten Arm zu fassen und riss ihn in einem Halbnelson nach hinten. »Schlampe«, brüllte Wade und wirbelte in die Gegenrichtung. Helen wusste, was passieren würde, noch bevor es geschah,, konnte aber nicht schnell genug reagieren. Sie war immer noch voll gepumpt mit dem verdammten Novocain oder was die Zahnärzte heutzutage benutzten. Der Schwung riss ihr die Füße unter dem Körper weg. Sie versuchte sich festzuhalten, zuerst an Wade, dann am Geländer, dann am Eisengehäuse des Fahrstuhls, aber nichts konnte ihren Fall stoppen … Erst der harte Steinboden des darunter liegenden Treppenabsatzes., 89.

W o ist Mom?«, fragte Edward, als er vor der Schule zu Jack und Sophie in den Range Rover stieg und Gilly am

Steuer sitzen sah. »In London.« Gillys Magen ballte sich zu einem festen Knoten zusammen, als sie zuerst in Edwards und dann wieder in Jacks Gesicht blickte – letzteres zeigte immer noch nicht die geringste Regung. Er hatte ihr vor einer halben Stunde, als sie ihn und Sophie an der Schule eingesammelt hatte, die gleiche Frage gestellt. Seine Schwester hatte nur gefragt, wann Lizzie zurückkommen würde, und ihre Abwesenheit einfach akzeptiert – sie war es gewöhnt, dass ihre Eltern kamen und gingen. Doch Jack hatte Gilly nur eine Sekunde lang angesehen, dann den Blick abgewandt und geschwiegen. »Kommt sie heute noch zurück?«, fragte Edward jetzt. »Ich weiß es nicht genau«, antwortete Gilly. »Ich muss Hausaufgaben machen«, sagte Edward, sobald sie das Haus betreten hatten. »Willst du nicht erst etwas essen?«, fragte Gilly. »Keinen Hunger«, sagte er und lief nach oben. »Es gibt Koteletts zum Abendessen«, rief Gilly ihm nach. »Okay?« »Gut«, sagte er. »Danke.« »Ich hab Mathehausaufgaben«, sagte Sophie zu Jack. »Hilfst du mir?« »Später«, sagte Jack., Er wartete, bis seine Schwester mitsamt ihrer Schultasche nach oben gegangen war; dann sah er Gilly an. »Hast du mit Mom gesprochen?«, fragte er leise. »Noch nicht«, sagte Gilly. »Sie war schon weg, als ich euch zur Schule gebracht hatte.« »Woher weißt du dann, dass sie nach London gefahren ist?« »Sie hat einen Zettel hinterlassen.« Sie ging ihn für Jack holen und hörte unterwegs den Anrufbeantworter ab, auf dem jedoch keine Nachricht war. »Ich bin sicher, sie ruft später an«, sagte sie zu Jack. »Vielleicht ist sie auch schon auf dem Rückweg.« Jacks Miene war verschlossen. Nur seine zu Fäusten geballten Hände verrieten ihn. »Soll ich versuchen, deinen Vater zu erreichen?«, fragte Gilly besorgt. »Nein«, sagte Jack. Gilly zwang sich zu einem Lächeln. »Eine Tasse Tee?« »Und wenn er anruft«, sagte Jack, ohne auf ihre Frage einzugehen, »will ich nicht mit ihm reden, okay?« »Okay«, sagte Gilly. »Ich geh mich jetzt ausruhen«, sagte er. »Geht es dir gut, Jack?« Er nickte und rollte auf den Treppenlift zu, blieb dann aber noch einmal stehen. »Wenn Mom anruft«, sagte er, »will ich unbedingt mit ihr sprechen.« »In Ordnung«, sagte Gilly., 90.

C hristopher floh. Hektisch wich er Helens Körper aus, stolperte die nächsten beiden Treppenabsätze hinunter und

stürmte auf die Straße. »Ich habe einen Krankenwagen gerufen«, rief Novak von oben Allbeury zu, der neben der gestürzten Helen kniete. »Ich brauche keinen Krankenwagen«, sagte sie. »Helfen Sie mir auf.« »Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte Allbeury. »Ich glaube, Ihr Knöchel ist …« »Helfen Sie mir.« Sie wollte sich hochstemmen, stieß dann aber einen Schmerzensschrei aus und sank wieder zu Boden. »Scheiße«, fluchte sie undamenhaft. »Verdammter Mist.« »Das kommt schon wieder in Ordnung.« Allbeury nahm behutsam ihre Hand. Novak kam herunter, in der Hand einen Regenmantel. »Es sollte eigentlich eine Decke sein, aber ich habe nur das hier gefunden.« Er hockte sich an Helens andere Seite und breitete den Mantel vorsichtig über ihr aus. »Wer war dieser Irre?«, fragte sie und hasste ihre Hilflosigkeit. »Jemand, der mich nicht zu mögen scheint«, sagte Allbeury. »Womit Sie ja wohl konform gehen.« »Da haben Sie nicht ganz Unrecht«, sagte Helen. »Das war Lizzie Pipers Mann, richtig?«, sagte Novak zu Allbeury, denn eben war ihm klar geworden, warum Wades Gesicht ihm so bekannt vorkam. »Der Chirurg.« »Lizzie Piper, die Fernsehköchin?«, fragte Helen. Allbeury lächelte bitter. »Genau die.« »Sagen Sie ihr, sie kann etwas Besseres haben«, sagte Helen., »Vielleicht tue ich das wirklich«, erwiderte Allbeury-Helen sah ihm einen langen Moment in die Augen; dann wandte sie sich an Novak. »Würden Sie mir einen Gefallen tun und mir eine Tasse Tee holen? Der Regenmantel reicht nicht ganz zum Wärmen.« »Kein Problem«, sagte Novak, froh, etwas tun zu können. Sie wartete, bis er weg war; dann richtete sie den Blick wieder auf Allbeury. »Ich nehme an«, sagte sie leise, »dass Ihre Nachricht mit den Morden zu tun hatte?« Sie bewegte ihr Bein und zuckte zusammen. »Machen Sie sich deswegen keine Gedanken.« »Sagen Sie es mir«, zischte sie. »Ich hatte Recht, nicht wahr? Es gibt eine Verbindung?« Allbeurys Gedanken rasten und fügten Dinge zusammen, die er lieber nicht zusammengefügt hätte. »Allbeury«, sagte Helen ungeduldig. »Ich hatte Recht, stimmt’s?« »Ja. So langsam glaube ich, dass Sie möglicherweise Recht hatten.« Sie starrte ihn an und versuchte, seine Miene zu lesen. Als sie Novak oben aus dem Büro kommen hörte, begann sie mit den Lippen eine wortlose Frage an Allbeury zu formen. »Ich habe ihn süß und stark gemacht.« Novak stand wieder neben ihnen und reichte Helen vorsichtig die Tasse. »Passen Sie auf, er ist sehr heiß.« Allbeury dachte an Lizzie und hoffte, dass sie noch schlief. Und plötzlich fiel ein weiteres Stück des Puzzles mit schrecklicher Gewissheit an seinen Platz. Helen hob die Tasse an die Lippen, sah den Ausdruck in Allbeurys Augen und schaute Novak an, der auf ihrer anderen Seite saß. »Wo bleibt der verdammte Krankenwagen?«, fragte sie., 91.

C hristopher steckte im Verkehr auf dem Uferdamm fest. Ihm war bewusst, dass er keineswegs fahrtüchtig war,

doch ihm war ebenso klar, während er gegen den dichten Nebel in seinem Kopf ankämpfte, dass er sich selbst nur noch wenige Optionen offen gelassen hatte. Er hatte soeben eine Polizeibeamtin eine Treppe hinuntergestoßen. Er hatte es sich endgültig und unwiderruflich mit Lizzie verdorben. Und das mit Abstand Schlimmste: Er hatte das Bild, das Jack von ihm gehabt hatte, für immer zerstört. Wahrscheinlich wussten es mittlerweile auch die anderen Kinder, aber Jack war derjenige, der ihn am meisten brauchte. Gebraucht hatte. Denn jetzt war alles vorbei. Hinter ihm drückte jemand auf die Hupe. Nach einem Blinzeln, um seine Sicht zu klären, sah er, dass die Autos vor ihm bereits weitergefahren waren. Er hob entschuldigend die rechte Hand und fuhr wieder an. Vor ihm lagen nichts als Schande und Scham, vielleicht sogar Gefängnis. Einsamkeit. Es blieb nur noch eine einzige Entscheidung, die er fällen musste. Auf welche Weise er sterben wollte. Immerhin hatte er das Glück, dass er diese Wahl treffen konnte. Doch er musste sie schnell treffen, sonst würden sie ihn vielleicht vorher finden und aufhalten und ihm auch das noch ruinieren., 92.

L izzie schlief noch, als das Geräusch sie weckte. Ein Summen.

Sie schlug die Augen auf und ließ den Blick durch das jetzt halbdunkle, fremde Zimmer wandern. Einen Augenblick war sie desorientiert, dann fiel ihr alles – alles -wieder ein. Sie setzte sich auf und drückte auf den Wecker. Doch das Summen hielt an. Es kam nicht aus dem Zimmer, sondern von draußen. »Robin?«, rief sie. Sie schob die Decke von sich, sah die Notiz am Wecker und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Ich muss eine Weile weg. Dürfte nicht allzu lange dauern. Bedienen Sie sich! Liebe Grüße Robin Lizzie fand ihre Schuhe und machte sich auf die Suche nach dem Ursprung des Summens. Sie verließ das Schlafzimmer und ging einen Flur entlang, wo sie im Gehen das Licht einschaltete, und kam an schöneren Bildern vorbei als die in der Eingangshalle. Nahe dem Aufzug sah sie ein Videotelefon. Von hier kam das Geräusch. Lizzie nahm den Hörer ab und blickte auf den Bildschirm. Sie sah das Schwarzweißbild einer jungen Frau mit lockigem Haar und drückte einen der Knöpfe, um mit ihr zu sprechen. »Ja?«, fragte sie. »Sind Sie Mrs Wade?«, fragte die Frau mit leicht schottischem Akzent., »Bin ich«, antwortete sie überrascht. »Robin sagte mir, dass Sie hier sind.« Die Frau hielt inne. »Habe ich Sie geweckt?« »Das macht nichts«, sagte Lizzie. »Kommen Sie hinauf.« »Dazu ist keine Zeit. Sie müssen mit mir kommen.« »Ich verstehe nicht …«, sagte Lizzie verwirrt. »Es gab einen Unfall«, sagte die Frau. »Robin wurde verletzt.« »Mein Gott, was denn für ein Unfall?« Lizzie zögerte. »Tut mir Leid, aber ich kenne Sie nicht … ich kann nicht einfach mitkommen, ohne …« »Mein Name ist Clare Novak«, sagte die junge Frau. »Ich bin eine Freundin von Robin. Bitte kommen Sie mit. Robin fragt nach Ihnen.« Lizzies Verwirrung wuchs. »Wo ist er? Im Krankenhaus?« »Es ist nicht weit«, sagte Clare Novak. »Bitte kommen Sie jetzt, wir können zu Fuß gehen.« »Ich …« »Bitte«, sagte die andere Frau drängend. »Robin braucht Sie.« Lizzie musste daran denken, wie freundlich er gewesen war. »Ich bin gleich unten.«, 93.

D er Krankenwagen war in New Smithfield eingetroffen. Zwei Sanitäter trugen Helen die Treppe hinunter und

wollten wissen, ob Allbeury oder Novak sie ins St.-Thomas- Krankenhaus begleiten würden. »Ich nehme doch an, dass die Polizei mit Ihnen sprechen will«, sagte einer der Männer. »Ich bin die Polizei«, sagte Helen. »Trotzdem, meine Liebe«, sagte der Sanitäter überfreundlich, als glaubte er, sie litte unter Wahnvorstellungen. »Hören Sie«, sagte Novak zu dem Mann, »sie ist Inspector bei der Kriminalpolizei.« Allbeury blieb neben Helen stehen, um ihr ins Ohr zu flüstern: »Ich komme später ins Krankenhaus und erzähle Ihnen alles, was ich weiß. Aber jetzt müssen Mike und ich gehen. Wir müssen.« Helen blickte ihm ins Gesicht, und ihr Verdacht verflüchtigte sich, ja, ihr Bauchgefühl drängte sie jetzt, sich auf seine Seite zu stellen. »Gehen Sie nur«, sagte sie ihm. Allbeury wartete, bis der Krankenwagen außer Sichtweite war, dann wandte er sich an Novak. »Wir müssen Clare suchen gehen, Mike«, sagte er. Novak starrte ihn an und sah seinen bizarren Auftritt – bevor Wade und Helen die Show an sich gerissen hatten – noch einmal vor Augen. »Du hast meinen Computer zerschlagen«, sagte er. »Und dann hast du gesagt, ich hätte dich ausspioniert. Ich will wissen, was, du damit gemeint hast.« »Hacken«, sagte Allbeury. »Oder, besser gesagt, Cracken.« Er tastete in seiner Tasche nach dem Autoschlüssel. »Das muss warten, bis wir Clare gefunden haben.« »Wenn jemand zu Clare geht«, sagte Novak, »bin ich es.« »Nicht ohne mich«, sagte Allbeury. »Du bist verrückt geworden.« Novak kehrte ihm den Rücken zu. Allbeury hielt ihn am Arm fest. »Hör mir zu, Mike …« »Lass mich los«, sagte Novak. »Du musst mir zuhören.« »Lass meinen Arm los!« Allbeury gehorchte. »Ich bin ziemlich sicher«, sagte er, »dass Clare in ernsthaften Schwierigkeiten steckt.« »Was für Schwierigkeiten?« »Können wir sie nicht einfach suchen gehen?«, sagte Allbeury eindringlich. »Denn wenn wir sie nicht sehr schnell finden, Mike, habe ich Angst, was passieren wird.«, 94.

D ie Tower Bridge war hochgezogen, als Lizzie und Clare aus dem Shad Tower kamen. Lizzie hörte die große,

rothaarige Frau leise vor sich hinfluchen. Doch als sie die St.- Saviours-Fußgängerbrücke überquert hatten, um das Design- Museum herum und hinunter zur Shad-Thames-Gasse gelaufen waren – stets bemüht, auf dem Kopfsteinpflaster nicht auszurutschen –, war das große Schiff, für das man die Brücke hochgezogen hatte, bereits darunter hindurchgesegelt und die Tower Bridge binnen weniger Augenblicke wieder heruntergelassen. »Wäre es nicht besser, ein Taxi zu nehmen?«, fragte Lizzie und spähte in die Dämmerung. »Sehen Sie eins, das frei ist?«, fragte die andere Frau ein wenig schnippisch. Lizzie fühlte sich erschöpft. »Ich glaube, ich kann nicht allzu schnell laufen«, sagte sie. »Tut mir Leid.« Clare Novak nahm ihren Arm. »Ich helfe Ihnen.« Lizzie war die körperliche Nähe nicht unbedingt angenehm, aber sie widersprach nicht. Sie fühlte sich in diesem Augenblick, hier draußen im Wind, zwischen den vielen Menschen und dem dichten Verkehr um sie herum, so schwach, dass sie Unterstützung gebrauchen konnte. »Warum haben Sie denn nicht angerufen, statt mich abholen zu kommen?«, fragte sie. »Robin hatte den Anrufbeantworter eingeschaltet«, sagte Clare Novak, »und ich wollte nicht einfach nur eine Nachricht hinterlassen, falls Sie nicht drangehen.« Lizzies Verwirrung wuchs. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es klug war, mit dieser energischen Frau, die eine Freundin von, Robin sein mochte, für sie aber eine völlig Fremde war, irgendwohin zu gehen. Sie überquerten die Brücke und bogen an der Ampel in die East Smithfield ab. Die Straßen waren verstopft von Autos und Fußgängern. Clares Hand lag nach wie vor an Lizzies Ellbogen, und Lizzie, die sich auf unvertrautem Territorium befand, fühlte sich orientierungslos und durch die Nähe der anderen Frau bedrängt. »Ist es noch weit?«, fragte sie außer Atem. »Nicht sehr.« »Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist.« »Sie machen sich Sorgen, nicht wahr?«, sagte Clare Novak. »Natürlich.« »Es wird ihm bald wieder gut gehen«, sagte die andere Frau. »Ich bin Krankenschwester und habe mich um ihn gekümmert.« Lizzie zog ihren Arm weg und blieb stehen. »Was ist los?« Clare blieb ebenfalls stehen. »Ich muss kurz verschnaufen.« Lizzie versuchte, wieder zu Atem zu kommen – und sie hatte das Bedürfnis, die Kontrolle zu übernehmen. »In Ordnung«, sagte Clare. »Jetzt erzählen Sie mir bitte, was passiert ist.« »Eine Schlägerei«, sagte Clare rundheraus. »Eine Schlägerei?« Lizzie blinzelte. »Mit wem?« »Mit Mike«, sagte die andere Frau, »meinem Mann.« Lizzie war sicher, dass sie den Namen Mike Novak schon einmal gehört hatte – von Robin wahrscheinlich –, aber sie erinnerte sich nicht, in welchem Zusammenhang. »Können Sie jetzt weitergehen?«, fragte Clare. Ein Mann und zwei Frauen liefen um sie herum, um auf dem Bürgersteig weitergehen zu können; sie schwatzten lebhaft, und, ihre Normalität beruhigte Lizzie ein wenig. »Ja«, sagte sie. »Alles in Ordnung.« »Es ist nur, weil ich ihn nicht zu lange alleine lassen will«, sagte Clare. »Robin, meine ich.« Sie bedachte Lizzie mit einem freundlichen Lächeln. »Sie fühlen sich nicht besonders, nicht wahr? Nehmen Sie wieder meinen Arm.« »Es geht schon«, sagte Lizzie und ging weiter. »Manchen Menschen ist die Nähe zu Fremden unbehaglich«, sagte Clare und lief neben ihr. »Ich kenne das von meiner Arbeit als Krankenschwester.« Clares Schritte wurden größer, und Lizzie musste die ihren beschleunigen. Die körperliche Schwäche war untypisch für sie, obwohl sie zugeben musste, dass sie nach der Operation nie mehr ganz die Alte geworden war. Operation, schnaubte sie innerlich und fühlte sich elend. Sie beschleunigte ihre Schritte. »Ich glaube, Robin ist ebenso aufgeregt wie verletzt …« »Warum haben Ihr Mann und er sich gestritten?«, unterbrach Lizzie. »… und ich weiß, dass er eine Schwäche für Sie hat, Lizzie. Offen gesagt war das der eigentliche Grund, warum ich Sie holen wollte. Weil ich hoffe, dass er auf Sie hört und Mike nicht verklagt.« Clare bog links ab. Lizzie warf einen Blick auf das Straßenschild: Dock Street. »Mike ist ein guter Mensch.« Clare redete immer noch hastig weiter. »Und ich brauche ihn sehr, besonders jetzt, wo das Baby kommt. Deshalb möchte ich, dass Sie versuchen zu helfen.« »Sie sind schwanger?« »Ja«, sagte die andere Frau. »Aber unser letztes Baby ist gestorben.«, »Das tut mir sehr Leid«, sagte Lizzie mitfühlend. »Sie verstehen also?« »Ein wenig.« Lizzie bemühte sich, taktvoll zu sein. »Und wenn ich irgendwie helfen kann, sagen Sie es bitte. Aber ich wüsste nicht, warum Robin auf mich hören sollte – wir kennen uns kaum.« »Das kann ja wohl nicht stimmen«, sagte Clare. »Sonst hätten Sie doch nicht in seiner Wohnung geschlafen, oder?«, 95.

V ersuch es noch einmal bei euch zu Hause«, sagte Allbeury im dichten Verkehr auf dem Kingsway.

»Das will ich aber nicht«, entgegnete Novak kampflustig. »Vielleicht schläft sie.« Er hatte nicht im Jaguar mitfahren, sondern seinen Clio aus dem Parkhaus holen wollen, doch Allbeurys Dringlichkeit hatte ihn dann doch überzeugt. Novak war noch immer wütend auf den Anwalt, doch seine Sorge um Clare gewann allmählich die Oberhand. »Zum letzten Mal«, sagte Allbeury. »Das mit deinem Computer tut mir Leid.« »Der Computer ist mir scheißegal, ich will nur begreifen, warum du dich in einen verdammten Irren verwandelt hast und was Helen und dieser andere Wahnsinnige in meinem Büro wollten.« »Auch das tut mir Leid.« Allbeury bremste hart, als ein Lieferwagen vor ihm auf die Spur zog, und betätigte verärgert die Lichthupe. »Und ich erkläre dir das alles später, aber im Augenblick geht das noch nicht, okay?« »Nein«, sagte Novak. »Das ist ganz und gar nicht okay.« Allbeury schüttelte den Kopf, doch dann entfernten seine Gedanken sich von seinem wütenden Beifahrer. Er hatte zweimal in seiner Wohnung angerufen, seit sie die Detektei verlassen hatten, aber natürlich hatte der Anrufbeantworter sich eingeschaltet. Er hatte ein paar Mal Lizzies Namen gerufen, falls sie wach war, aber sie hatte nicht abgenommen, und weil er sicher war, dass es nicht zu ihren Gewohnheiten zählte, die Nachrichten anderer Leute abzuhören, hatte er auch keine hinterlassen., »Gibt es von hier aus irgendeine Abkürzung?«, fragte er Novak jetzt. »Keine, die uns um diese Uhrzeit weiterhelfen würde.« Allbeury lenkte seine Gedanken in andere Bahnen; er versuchte, der Versuchung zu widerstehen, zwei und zwei zusammenzuzählen und auf tausend zu kommen. Er wusste, dass er auch jetzt nicht sicher sein konnte, dass es nicht Mike Novak gewesen war, der in seinem Computer herumspioniert hatte. Dass Novak behauptete, nicht zu wissen, was los sei, bedeutete gar nichts. Er warf einen Seitenblick auf den Detektiv, der mit zusammengepressten Lippen und in höchster Anspannung neben ihm saß. Rechts von ihm öffnete sich eine Lücke im Verkehr. Allbeury schaute in den Rückspiegel und trat das Gaspedal durch. Sie kamen trotzdem nicht schneller voran., 96.

W ir sind gleich da«, sagte Clare zu Lizzie. »Gott sei Dank«, seufzte Lizzie, dann sah sie das

Sackgasse-Schild und die dunkle, enge Kopfsteinpflastergasse und fiel wieder hinter Clare zurück. »Alles in Ordnung.« Clare lächelte und deutete mit dem Finger nach vorn. »Wir gehen dort hinein.« Lizzie ließ den Blick über mehrere parkende Autos wandern und hielt Ausschau nach Robins Jaguar. »Im Parkhaus«, sagte Clare, als hätte sie Lizzies Gedanken gelesen. Als sie das Gebäude erreichten, sah Lizzie das Schild mit der Aufschrift Novak Investigations Ltd. Natürlich, daher kannte sie den Namen! Robin hatte die Novaks bei ihrem Abendessen in West Hampstead erwähnt: der Privatdetektiv und seine Frau, die gemeinsam eine Detektei führten. Sie erinnerte sich, dass er sie als »nette Leute« bezeichnet hatte. »Das ist Ihre Detektei«, sagte sie. »Ja.« »Sagten Sie nicht, dass Sie Krankenschwester sind?« »Früher mal. Heute arbeite ich in Teilzeit.« Clare öffnete die Haustür. »Es ist ein bisschen verfallen, fürchte ich, und ein ziemlicher Aufstieg. Passen Sie gut auf, wo Sie hintreten.« Sie hatte Recht, stellte Lizzie fest. Das Haus war schlecht beleuchtet, aber ausreichend, dass die schmuddeligen weißen Wände und der große, altertümliche Fahrstuhl zu sehen waren, vor dessen altmodischer Tür, die sich beim Öffnen zusammenfaltete, ein »Außer-Betrieb« -Schild und ein großes, Vorhängeschloss hingen. »Ich gehe voraus«, sagte Clare. »Lassen Sie sich Zeit.« Das brauchte sie der völlig erschöpften Lizzie nicht zweimal zu sagen. Sie kamen an der ersten Etage vorbei, wo Totenstille herrschte. Alle Türen waren verschlossen. Ein verstaubtes Paket lehnte neben einer Ausgabe der Gelben Seiten an der Wand. Der zweite und dritte Stock waren ebenfalls unbewohnt. Als sie den vierten Stock erreichten, war Lizzie völlig außer Atem. »Tut mir Leid wegen der vielen Treppen«, rief Clare ihr von oben zu. »Man gewöhnt sich daran.« »Wohl eher Sie als ich«, keuchte Lizzie. In der obersten Etage war es heller, und auf der einzigen Tür prangte ein weiteres, etwas kleineres Schild der Detektei. Clare stand einen Moment lang da und starrte die Tür an. »Stimmt was nicht?«, fragte Lizzie atemlos. Ihre Beine schmerzten. »Alles okay«, sagte Clare. »Hoffe ich.« Sie drückte die unverschlossene Tür auf und ging hinein., 97.

S ie ist nicht hier.« Novaks Worte, als er ins Wohnzimmer des kleinen

Apartments in der Lamb’s Conduit Street zurückkam, ließ Allbeurys innere Alarmglocken schrillen. »Keine Nachricht?«, fragte er. »Kein Zettel?« »Nichts.« Novak schüttelte den Kopf. »Sie hatte keinen Grund, mir einen Zettel zu hinterlassen. Und es gibt auch keinen Grund, warum sie den ganzen Tag zu Hause bleiben sollte, nur weil sie nicht im Büro war.« »Was glaubst du, wo sie ist?« »Sie kann überall sein.« »Überall hilft uns beim Suchen nicht viel weiter«, meinte Allbeury. »Das heißt, falls ich sie suchen wollte«, sagte Novak. »Ich gebe dir mein Wort«, sagte Allbeury. »Du musst Clare finden.« »Verdammt, hör auf damit. Sag mir lieber, warum.« »In Ordnung«, sagte Allbeury. »Aber du solltest dich besser hinsetzen.« »Sag es mir einfach.« Novak setzte sich trotzdem. Allbeury selbst blieb stehen. Ihm war bewusst, dass er ein Risiko einging, sich so von seinen Instinkten leiten zu lassen, selbst wenn diese immer sehr verlässlich waren. Doch Winston Cooks Spur hatte zu Novak Investigations geführt. Es gab zwei Novaks, die in der Detektei arbeiteten, und Mike lobte Clare immer als seine hausinterne Computerexpertin. »Ich glaube«, begann er ganz langsam, »dass Clare – obwohl ich keine Ahnung habe, warum sie so etwas tun sollte –, möglicherweise in mein Computersystem eingedrungen ist.« Er sah den Ausdruck in den Augen seines Gegenübers und wie ihm die Röte in die Wangen stieg, sprach aber trotzdem eilig weiter. »Dass sie in die Dateien auf meiner Festplatte eingedrungen ist. Sich eingehackt hat.« Er hielt inne. »Sie gecrackt hat.« »Du Dreckskerl.« Novak sprang auf. »Du verdammter Mistkerl! Mir zu erzählen, dass Clare in Schwierigkeiten steckt, mich halb zu Tode zu erschrecken, nur damit du hierherkommen und sie eines solchen Schwachsinns beschuldigen kannst!« Allbeury wartete darauf, dass Novak zu einem Schlag ausholte. Er konnte Novaks Wut verstehen – und der Zorn seines Freundes bestätigte ihn in der Überzeugung, dass er nicht der Hacker war. Aber Novak schlug ihn nicht, stand einfach nur da und schäumte vor Wut. »Ich fürchte«, sagte Allbeury leise, »ich habe Beweise, Mike. Ich wünschte, es wäre anders, aber so ist es leider nun mal.« »Was für Beweise?«, stieß Novak verächtlich hervor. »Und ich bin ziemlich sicher, dass Inspector Shipley ihre eigenen Schlüsse zieht, sobald sie wieder einen klaren Kopf hat.« »Was hat Shipley damit zu tun?« Angst und Verwirrung waren in seinen Blick zurückgekehrt, gemischt mit Trotz. »Weißt du, wo Clare sein könnte, Mike?« »Beantworte meine Fragen. Was für Beweise? Und warum sollte Helen Shipley sich dafür interessieren?« »Ich habe einen Experten an meinen Rechner gesetzt, einen Freund von Adam Lerman. Er hat den Cracker bis in die Detektei zurückverfolgt.« Allbeury hielt inne. »Mike, hast du eine Ahnung, wo Clare ist? Nur damit du mit ihr sprechen kannst – damit wir mit ihr sprechen, ihr vielleicht helfen können.« »Weil du so großartig darin bist, Frauen in Not zu helfen?«,, sagte Novak. Die Bilder von Lynne Bolsover und Joanne Patston, die Allbeury in letzter Zeit oft vor sich sah, tauchten wieder bedrohlich vor ihm auf und ließen ihn schaudern, doch er schob sie von sich. »Du musst sie finden, Mike«, verlangte er hartnäckig. In diesem Moment sah er in Novaks Augen irgendetwas aufblitzen und wieder verschwinden. »Was ist?«, fragte Allbeury. Novak zögerte noch eine Sekunde. »Sie hat einen Patienten«, sagte er. Allbeury erinnerte sich, dass Novak einmal von ihm erzählt hatte. »Der doppelseitig Gelähmte?« Novak nickte. »Nick Parry.« »Ruf ihn an«, sagte Allbeury. »Frag ihn, ob sie dort ist.« Er sah die Unsicherheit in Novaks Gesicht. »Wenigstens weißt du dann, dass es ihr gut geht.« »Aber ich werde sie am Telefon nicht verhören.« »Natürlich nicht«, sagte Allbeury. Novak drehte sich halb um; dann verharrte er mitten in der Bewegung. »Nick Parry spielt Schach und Poker im Internet.« Er hielt inne. »Clare hat mir erzählt, dass er seinen Computer als Freund betrachtet.« »Finde heraus, ob sie dort ist, Mike.« »Vielleicht war er es, Robin.« Hoffnung flackerte auf. »Oder er hat Clare das eine oder andere beigebracht.« »Wahrscheinlich ist es eher andersherum«, sagte Novak. »Ein junger Bursche, der an den Rollstuhl gefesselt ist und sich zu Tode langweilt – das ergibt viel mehr Sinn als Clare.« »Ruf ihn an, Mike«, sagte Allbeury., 98.

A ls Lizzie hinter Clare Novak die Detektei betrat, schaute sie sich um. Sie sah eine Lampe, die auf einer Seite des

Zimmers auf dem Fußboden lag, und auf einem von zwei Schreibtischen stand ein Computermonitor mit zerschmettertem Bildschirm. Wie es schien, hatte hier tatsächlich ein Kampf stattgefunden. »Wo sind sie?« Anspannung lag in Lizzies Stimme. Ihre Erschöpfung war angesichts der plötzlichen Angst, die in ihr aufstieg, fast verschwunden. »Ich weiß es nicht«, sagte Clare voller Unbehagen und ging an den beiden Schreibtischen, dem Sofa und dem Couchtisch vorbei zu einer Tür, die sich hinter einer Reihe von Aktenschränken befand. Sie öffnete; dann schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß nicht, was hier los ist.« Sie drehte sich um und schritt langsam zurück durch den Raum, den Blick auf den zerschlagenen Monitor gerichtet. Dann lief sie mit gerunzelter Stirn an Lizzie vorbei und wieder nach draußen in den Flur. Lizzie hörte das Geräusch von kratzendem Metall, dann ein Quietschen, und drehte sich um. »O Gott«, hörte sie Clare rufen. »Was ist passiert?« Lizzie eilte zur Tür. Der Fahrstuhl war offen, und Clare stand vor dem breiten, offenen Schacht. »Schauen Sie selbst.« Mit wild pochendem Herzen ging Lizzie nach draußen. Sie sah das entsetzte Gesicht Clares, und ihre eigene Angst wuchs. »Schauen Sie doch«, sagte Clare. »Aber seien Sie vorsichtig.« Langsam näherte Lizzie sich dem dunklen, klaffenden Maul, des Fahrstuhls. Sie streckte die rechte Hand nach dem Griff des offenen Eisentors aus – es hing kein Schloss daran, fiel ihr jetzt erst auf- und lehnte sich ein Stück über den Rand. Der Stoß in ihren Rücken war wuchtig und schmerzhaft. Lizzie stieß einen gellenden Schrei aus. Ihre Beine knickten ein, und eine Woge der Panik flutete über sie hinweg, als sie sich mit beiden Händen an das Eisentor klammerte, während ihre Füße verzweifelt nach einem festen Halt suchten. Ein weiterer Stoß, diesmal gegen ihre Schultern. »Was tun Sie?«, schrie Lizzie. »Helfen«, sagte Clare und begann, Lizzies Finger vom Eisentor wegzubiegen. »Clare, nein!« Sie bekam Clares linken Arm zu fassen und zerrte daran. Clare heulte auf, und für einen Augenblick glaubte Lizzie, sie überwältigen zu können. Doch dann riss Clare sich los und zog die Falttür auf. Lizzies rechter Fuß verlor zuerst den Halt, dann der linke. Nur noch ihre Hände, mit denen sie sich verzweifelt ans Metall klammerte, bewahrten sie vor einem Sturz in die Tiefe. »Clare, bitte, helfen Sie mir …« »Ich sagte Ihnen doch«, stieß Clare außer Atem hervor, »ich helfe Ihnen.« Sie zerrte an der Falttür und drückte sie fest zusammen, sodass Lizzies Finger gequetscht wurden. »Gleich haben wir’s«, sagte Clare. Sie drückte die Falttür noch fester zu. Lizzie stürzte in die Dunkelheit und versuchte vergeblich, die Finger in die Wände zu krallen. Ihr rechtes Bein kratzte über etwas Hartes, Scharfes, als sie fiel und zwei Stockwerke tiefer aufs Dach des Fahrstuhls stürzte., 99.

P arry sagt, sie ist nicht da«, sagte Novak und legte den Hörer auf.

»Glaubst du ihm?«, fragte Allbeury. »Ich denke schon«, sagte Novak und setzte sich aufs Sofa. »Du hast meine Frage über Helen Shipley nicht beantwortet«, sagte er. »Warum sollte es sie interessieren, dass jemand sich in deinen Computer einhackt?« Allbeury zögerte. Zum Teil um Novaks willen, zum Teil, weil ihm gerade noch ein anderer Gedanke gekommen war. »Shipley interessiert sich aus mehreren Gründen dafür«, erwiderte er schließlich. »Vor allem, würde ich sagen, wegen meiner Dateien über Lynne Bolsover und Joanne Patston.« Novak blieb einen Moment lang stumm; dann loderte seine Wut von neuem auf. »Mach dich nicht lächerlich.« Allbeury schwieg. Er dachte nach. Über weitere Dateien auf seiner Festplatte. Zum Thema Lizzie und Christopher Wade. Da waren auch Einträge im Terminkalender. Das Abendessen in der Wohnung der Wades. Und die Verabredung mit Lizzie in der Bar des Savoy. Genau wie Joanne Patston und Lynne Bolsover, war Lizzie Piper Wade Opfer eines gewalttätigen Ehemannes. »O Gott«, sagte er. »Was ist denn jetzt?«, stieß Novak hervor. »Was kommt als Nächstes, Robin? Was soll Clare denn jetzt wieder getan haben? Ist sie der verdammten Mafia beigetreten?« Allbeury zog sein Handy aus seiner Jackentasche, rief noch einmal zu Hause an, hörte den Anfang seiner Ansage und, unterbrach die Verbindung. »Wir müssen los«, sagte er zu Novak. »Ich gehe nirgendwohin.« »Du musst mit mir kommen«, sagte Allbeury. »Jetzt gleich.« »Im Moment bezahlst du mich nicht, Robin.« Allbeury nahm seine Schlüssel. »Liebst du Clare, Mike?« »Was für eine idiotische Frage«, sagte Novak. Allbeury war bereits an der Tür. »Wenn du sie liebst«, sagte er, »solltest du jetzt mitkommen.«, 100.

L izzie kam zu sich. Sie war benommen, und ihr war schwindelig und übel vor Schmerz.

Es war dunkel. Fast dunkel. Von oben kam ein klein wenig Licht. Und ein seltsames Geräusch. Dann kehrte ihre Erinnerung wieder, schnell und beängstigend. Diese Frau, diese Verrückte hatte sie in den Fahrstuhlschacht gestoßen. Nicht aus Versehen, sondern vorsätzlich und kaltblütig. Wieder hörte sie das Geräusch. Lizzie versuchte sich hochzustemmen, in Richtung des Lichts, doch dann verharrte sie, hatte plötzlich Angst, dass die Bewegung noch mehr Schaden anrichten würde, falls sie sich am Hals oder am Rücken verletzt hatte. Sie lag auf der Seite, auf einem harten, kalten Untergrund. Dicht vor ihrem Gesicht hingen dicke dunkle Kabel. Zögernd bewegte sie die Hände und stellte fest, dass sie scheußlich wehtaten und geschwollen waren. Lizzie erinnerte sich – diese Irre hatte ihr die Finger im Eisentor gequetscht. Auch ihr linker Arm, der verdreht unter der Seite ihres Brustkorbs lag, schmerzte höllisch; wahrscheinlich war er gebrochen. Der Schmerz in ihrem Unterleib jedoch war verschwunden – zumindest dafür sind Knochenbrüche gut –, und wenigstens spürte sie ihre Arme und Hände, Beine und Füße. Sie waren geprellt, aufgeschürft und geschwollen, aber nicht gebrochen. Und vor allem schien ihr Rücken nicht verletzt zu sein., Wieder hörte sie das Geräusch. Ein leises Stöhnen. Clare. Lizzie bewegte sich leicht, und es gelang ihr, nicht vor Schmerz zu wimmern. Dann aber quietschte der Stahlboden unter ihr und schwankte ein wenig – nicht der Boden des Fahrstuhls, sondern das Dach –, und sie erstarrte und stieß einen panischen Schrei aus. »O Gott.« Nicht ihre Stimme. Clares Stimme, weit über ihr. Lizzie wandte ihr Gesicht vorsichtig nach oben. Die Wahnsinnige starrte zu ihr herunter, umrahmt von dem Lichtrechteck, das durch die halb offene Fahrstuhltür zwei Stockwerke höher fiel. Sie lag auf den Knien, die Hände in den Bauch gekrallt. »Sie weilen also noch unter uns«, sagte Clare. Ihre Stimme klang merkwürdig. Lizzie leckte sich die trockenen Lippen. »Helfen Sie mir«, stieß sie hervor. »Warum sollte ich?«, fragte Clare. Dann schnappte sie vor Schmerzen nach Luft. »O Gott«, sagte sie wieder, und ihre Stimme klang einen Moment lang erstickt. »Das Baby«, sagte sie. »Ich verliere das Baby.« Der Kampf, dachte Lizzie. Das Wuchten an der schweren Fahrstuhltür. Die Kraftanstrengung, sie in den Schacht zu stoßen. »Wenn Sie mir hier raushelfen«, Lizzie konnte kaum fassen, wie ruhig sie klang, »kann ich Ihnen helfen, Clare.« Clare stöhnte wieder. »Hören Sie mir zu, Clare«, sagte Lizzie. »Rufen Sie einen Krankenwagen.« Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie fühlte sich, hundeelend, und ihre Hände und Arme schmerzten. »Clare, bitte … hören Sie mir einfach zu. Wenn Sie jetzt anrufen, wenn Sie jetzt Hilfe holen, wird es dem Baby sicher gut gehen.« Zwei Stockwerke höher, am Rand des Fahrstuhlschachts, begann Clare Novak zu lachen. Das Geräusch hallte in Lizzies Kopf wider und verstärkte ihr Schwindelgefühl. »Clare, bitte«, sagte sie noch einmal. »Sie müssen Hilfe holen.« »Ich brauche keine Hilfe«, sagte Clare. »Und Sie bekommen keine. Nicht von mir.« »Warum nicht?« Lizzie wusste in dem Augenblick, als sie die Frage stellte, wie dumm sie war. Schließlich hatte Clare sie hier heruntergestoßen. Und doch interessierte sie die Antwort auf diese Frage im Augenblick mehr als alles andere. »Warum nicht, Clare?«, wiederholte sie ihre Frage. »Ich habe schon früher getötet, wissen Sie«, sagte Clare Novak. Unten, in der Dunkelheit, kroch noch mehr eisige Angst in Lizzies Brustkorb und setzte sich dort fest. »Frauen wie Sie«, sagte Clare. »Sie kennen mich nicht«, sagte Lizzie. »O doch. Ich weiß über Sie Bescheid.« »Was wissen Sie?«, fragte Lizzie verwirrt. »Was für ein Mensch Ihr Mann ist«, sagte Clare. Die Angst in Lizzies Brust kroch höher, breitete sich überall aus. »Und woher wissen Sie das?« Die Frage war heraus, bevor Lizzie sie zurückhalten konnte. »Fragen Sie Ihren Freund«, sagte Clare. »Fragen Sie Robin.« »Warum Robin?« Für einen Moment trübte neuerliche, Verwirrung Lizzies Angst. »Ich verstehe nicht …« »Letztes Mal«, sagte Clare, »war ich viel gründlicher. Ich hatte Zeit, alles zu planen, alles richtig zu machen, für die Kinder. Deshalb tue ich es, wissen Sie? Für die Kinder.« Das Wort traf Lizzie wie ein Axtschlag. »Wie meinen Sie das?« Sie versuchte sich aufzusetzen, aber die Schmerzen überwältigten sie, und wieder wurde ihr schwindelig. »Was ist mit den Kindern?« Zwei Stockwerke höher stöhnte Clare erneut auf, als ein weiterer Krampf einsetzte. Lizzie biss die Zähne zusammen. »Clare«, rief sie. Keine Antwort. »Clare.« Panik drückte tonnenschwer auf ihre Brust, und ihr Schwindelgefühl nahm zu. »Gehen Sie zum Telefon und rufen Sie Hilfe.« In ihrem Kopf drehte sich alles. »Für Ihr Baby.« »Ich sagte doch schon«, entgegnete Clare Novak, und ihre Stimme klang jetzt viel härter als zuvor. »Ich brauche keine Hilfe.«, 101.

W ieder im Jaguar, erneut im Würgegriff der freitäglichen Rushhour, blickte Allbeury neben sich, wo Novak im

Beifahrersitz zusammengesunken war, mit geballten Fäusten und unergründlicher Miene. »Tu mir einen Gefallen.« »Leck mich«, sagte Novak. »Himmel, Mike, werde endlich erwachsen!« Zum ersten Mal wurde Allbeury wütend auf den Privatdetektiv. »Ob du mir glaubst oder nicht, ich versuche zu helfen.« »Dann sag mir, wo wir hinfahren, und warum.« »Zuerst musst du etwas für mich tun, dann sag ich’s dir.« Er deutete Novaks Schweigen als Zustimmung. »Nimm mein Handy und such mir eine Nummer heraus – ich glaube, sie ist gespeichert.« Novak nahm das Telefon aus der Freisprechanlage. »Name?« »Shad Tower«, sagte Allbeury. »Ich will den Portier sprechen.« Novak drückte sich durchs Menü und fand das Telefonbuch. »Vielleicht steht die Nummer auch unter Portier«, sagte Allbeury. Novak wanderte in der alphabetischen Liste wieder zurück. »Weder noch.« »Ruf die Auskunft an, vielleicht haben sie einen Eintrag.« Die Autoschlange setzte sich wieder in Bewegung. »Vergiss es«, sagte Allbeury. »Wir sind wahrscheinlich dort, bevor wir ihn erreichen.«, »Ich kann es doch versuchen«, sagte Novak. »Nein. Vergiss es.« Novak hämmerte das Telefon zurück in die Halterung. »Gut. Und jetzt sag mir, was in deinem Kopf vorgeht.« Allbeury blendete auf, drückte auf die Hupe und wechselte die Spur. »Und warum«, fügte Novak hinzu, »fahren wir zum Shad Tower?«, 102.

H elen Shipley lag mit schlimmen Schmerzen auf einer Bahre in der Notaufnahme des St. Thomas Hospitals und

wartete darauf, dass ihr Bein geröntgt wurde. Am meisten aber schmerzte es sie, aus dem Fall raus zu sein. Ausgerechnet jetzt. Ich sollte es Keenan sagen. Doch Helen hatte das Gefühl, dass gerade in diesem Moment Robin Allbeury womöglich bessere Arbeit leistete, als sie oder Keenan es gekonnt hätten. Sie war außer Dienst gewesen, als die Geschichte in Bewegung geraten war, und weiß Gott – Keenan hatte bisher nicht auf sie hören wollen. Und damit hatte er Recht gehabt, wie der Zufall es wollte. »Alles in Ordnung, meine Liebe?« »Könnte ich …«, begann Helen. Dann war die Krankenschwester auch schon wieder fort. »… ein Telefon bekommen?« Verdammt., 103.

L izzie erwachte aus einem unangenehmen, unruhigen Schlaf, der vielleicht nur eine weitere Ohnmacht gewesen

war. Clare. Sie blickte hastig nach oben, doch zwei Stockwerke höher war nur noch das rechteckige Licht zu sehen. Kein Mensch war mehr in diesem Rahmen. Clare war verschwunden. Das Haus fühlte sich völlig leer an, und es war totenstill. Lizzie betrachtete die dicken Kabel direkt vor sich und überlegte, ob sie sich daran lehnen sollte; stattdessen aber rückte sie, einem Instinkt gehorchend, weiter von ihnen ab. Die Schmerzen in ihrem Arm und den Händen waren schier unerträglich, und der Fahrstuhl unter ihr ächzte wie ein altes, arthritisches Tier. Halt still und warte ab. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis jemand kam. Robin vielleicht. Doch Clare hatte gesagt, er sei verletzt. Clare hat dich einen Fahrstuhlschacht hinuntergestoßen. Aber vielleicht war Robin wirklich verletzt. Vielleicht hatte Clare auch ihm etwas angetan. Ich weiß, was für ein Mensch Ihr Mann ist, hatte Clare gesagt. Und auf Lizzies Frage, woher sie das wisse, hatte sie geantwortet: Fragen Sie Robin. Ich habe schon vorher getötet. Für die Kinder. Jack drängte sich in Lizzies Gedanken, Edward und Sophie,, und dann, fast wie ein Epilog, das schreckliche Elend ihrer Ehe. Lizzie brach in Tränen aus, heulte eine Zeit lang Rotz und Wasser. Bis der Fahrstuhl wieder ächzte. Und sie verstummen ließ., 104.

C hristopher war in Holland Park, in seinem Arbeitszimmer. Vor ein paar Minuten hatte das Telefon geklingelt, doch

er war nicht drangegangen und hatte auch nicht nachgesehen, ob der Anrufer eine Nachricht hinterlassen hatte. Es war nicht mehr wichtig. Es würde nur sein Denken trüben, das im Augenblick glasklar war. Er hatte bereits zusammengesucht, was er brauchte: Eine gute Kombination, die ihn auf angenehme Weise auf seine Reise schicken würde. Besser als er es verdiente; andererseits hatte er noch nie begriffen, warum manche Menschen das Bedürfnis verspürten, auf dem Weg in die Vergessenheit Qualen zu erleiden. Aber er hatte beschlossen, es nicht hier zu tun. Das wäre zwar am bequemsten gewesen, doch seine Frau und seine Kinder würden wahrscheinlich auch in Zukunft noch hier leben, und er wollte keinem von ihnen eine solch unauslöschliche Erinnerung aufbürden. Du hast ihnen schon genug angetan. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, dass jemand – die Polizei oder Lizzie selbst, vielleicht auch Allbeury nach dem Fiasko in diesem trostlosen Büro – hierher kommen und nach ihm suchen würden, und er hatte nicht die Absicht, sich unterbrechen zu lassen. Er hatte bereits Briefe an Edward und Sophie geschrieben und ein beschämend kurzes, unzulängliches Schreiben des Bedauerns und der Liebe an Lizzie zustande gebracht. Jetzt hatte er begonnen, den schlimmsten Brief von allen zu verfassen. Du darfst nicht eine Sekunde lang glauben, schrieb er an Jack,, dass du in irgendeiner Weise im Unrecht warst, auf mich loszugehen. Selbst als du auf mich eingeschlagen hast, war ich stolz auf dich und habe dich für deine Stärke und deinen Mut bewundert, wie ich es immer schon getan habe. Ich zähle darauf, dass du auch weiterhin den anderen hilfst, sich um eure Mutter zu kümmern, solange du kannst – und dass du dir von ihr helfen lässt, wenn die Dinge sich verschlechtern. Kämpf nicht zu sehr gegen sie an, mach es ihr leichter. Ich weiß, dass ich ein Feigling bin. Ich bin nicht annähernd so tapfer wie du, Jack, und ich versuche jetzt, am Ende, das Richtige für euch alle zu tun. Ich habe in Laufe der Zeit schreckliche Dinge getan und große Dummheiten gemacht, und wenn ich bleiben würde, müsste ich mich wahrscheinlich einem Prozess stellen und käme ins Gefängnis. Da ich dein großes Herz kenne, weiß ich, dass die Chance besteht, dass du mir irgendwann vergeben würdest; vielleicht würdest du mich vor Gericht unterstützen, mich sogar im Gefängnis besuchen, und das könnte ich nicht ertragen, dafür bin ich viel zu selbstsüchtig. Anders als deine wundervolle Mutter, die mich schon vor langer Zeit hätte bestrafen lassen können, stattdessen aber bei mir blieb und mich weiterhin ertragen hat. Ihr alle, meine geliebten Kinder, aber besonders du, mein tapferer Sohn, habt mir sehr viel beigebracht, und ich wünsche aus ganzem Herzen, ich könnte für immer bei dir bleiben. Aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Ich werde dich immer lieben, Jack, und ich bete, dass du irgendwann nicht mehr allzu schlecht von mir denkst. Doch falls du mir nicht verzeihen kannst, verstehe ich auch das – ich habe jedes Recht verwirkt, etwas anderes zu erwarten. Er unterschrieb den Brief und klebte den Umschlag zu. Jetzt war er ein wenig ruhiger. Doch dann erschreckte ihn der Lärm von Sirenen auf der Straße, und er ließ Brief und Kugelschreiber fallen und wartete starr vor Angst, bis das Geräusch in der Ferne verschwunden war., Diesmal hatten die Sirenen noch nicht ihm gegolten, doch die Zeit lief ihm davon. Er zitterte wieder, als er in Lizzies Arbeitszimmer ging und alle Umschläge auf ihren Schreibtisch legte, damit kein anderer sie entdeckte. Dann nahm er seine Tablettensammlung, seine Lieblingsfotos von Lizzie und den Kindern und verließ die Wohnung., 105.

C lare war zum Fluss gelaufen. Sie saß auf einer Bank am Wasser, ein paar Meter von

einem der Restaurants auf Butler’s Wharf entfernt. Es war kälter, als sie erwartet hatte, und sie war erschöpft – im Dunkeln über die Brücke und durch die Shad-Thames-Gasse zu laufen, hatte sie die letzte Kraft gekostet. Aber sie hatte in etwa gewusst, wohin sie wollte, wo sie sitzen und warten wollte. Bis man sie fand. Oder bis es endete. Was immer zuerst geschah. Sie versuchte, ihre Schmerzen zu ignorieren, während sie auf den Fluss starrte und sich die Dunkelheit unter der Wasseroberfläche ausmalte. Sie fühlte, wie das Blut aus ihr rann, und ließ es geschehen. Sie lachte nicht, noch weinte sie. Sie ließ einfach los., 106.

V erdammt«, sagte Allbeury, als er in seinem Wohnzimmer im Shad Tower stand. »Wo ist sie bloß? Keine Nachricht,

gar nichts?« »Du bist immer auf der Suche nach Nachrichten«, bemerkte Novak ironisch. »Nach Erklärungen.« Allbeury ignorierte ihn. Er versuchte nachzudenken, wo er Lizzie sonst noch finden könnte – er hatte bereits in Holland Park und Marlow angerufen und Gilly vorgelogen, es sei nichts Wichtiges. Er hatte an Susan Blake gedacht, den Gedanken jedoch gleich wieder verworfen und sich auf den Weg nach Hause gemacht, um mit dem Portier zu sprechen. »Meine Schicht hat gerade erst angefangen«, erklärte der Mann ihm. »Aber wenn es dringend ist – ich weiß, wo Dernot hingegangen ist.« »Es ist dringend«, sagte Allbeury. »Rufen Sie mich zurück.« Er atmete tief durch. In Novaks sonst so freundliches Gesicht hatten sich Zorn und Angst eingegraben. »Setz dich, Mike.« Novak wollte schon den Kopf schütteln, ließ sich dann aber in einen Sessel sinken. Er sah aus wie ein Boxer ohne Kampf. »Einen Drink?«, bot Allbeury an. »Nein.« »Kaffee?« »Nein.« Allbeury schaute auf das Haustelefon, dann auf seine Armbanduhr. Fast sieben. Wo war sie? Er ging vor den großen Glastüren auf und ab und starrte hinaus, in die Dämmerung, ohne etwas zu sehen. Plötzlich verharrte er und stand einen Augenblick regungslos da. Dann öffnete er die Türen und trat hinaus auf die Terrasse. Er nahm das Teleskop und richtete es nach unten auf die Promenade, schwenkte weiter nach links, folgte dem Verlauf der kleinen Fußgängerbrücke über St. Saviour’s Dock und über die Flusspromenade. Da. Er fixierte eine kleine Gestalt und stellte das Glas scharf. Eine Frau saß allein auf einer Bank auf der Butler’s Wharf, vor dem Gastrodome. »Clare«, sagte er laut und durchdringend. Im Wohnzimmer sprang Novak aus dem Sessel. »Da unten«, sagte Allbeury. Beide Männer rannten los., 107.

L izzie hatte es geschafft – so gut es mit ihrem schmerzenden Arm und den geschwollenen Fingern möglich war –, sich

in die Hocke zu setzen, die Knie angezogen, den rechten Arm darumgelegt. Sie fror immer mehr. Und ihre Angst nahm zu. Sie sagte sich, dass es unnötig sei, sich so sehr zu fürchten; schließlich sei das Schlimmste bereits geschehen: Sie war einen Fahrstuhlschacht heruntergefallen und hatte überlebt. Jetzt musste sie nur noch warten, bis Hilfe kam. Die Kinder. Clare sagte, sie habe es für die Kinder getan. Gemordet. Aber ihre Kinder waren bei Gilly in Sicherheit, und Christopher – wo immer er sein mochte – würde nicht zurück nach Marlow fahren, nicht nach dem, was letzte Nacht geschehen war. Und die verschwundene Clare Novak befand sich bestimmt noch in London, eine kranke Frau, die vielleicht eine Fehlgeburt gehabt hatte. Es gab also keinen Grund, Angst um Jack, Edward und Sophie zu haben. Und wenn niemand kommt? Natürlich kommt jemand, widersprach sie sich heftig. Es war Hysterie, etwas anderes zu denken. Mike Novak arbeitete in diesem Gebäude. Es war zwar später Freitagnachmittag, doch er hatte die Detektei in einem solch chaotischen Zustand zurückgelassen, dass er vor dem Wochenende bestimmt noch einmal herkam. Und selbst wenn Novak oder Robin nicht zurückkamen – irgendjemand würde kommen: die Putzfrau, oder vielleicht die Polizei. Oder Clare., 108.

N ovak war zuerst bei Clare. Er setzte sich schweigend neben seine Frau und legte die Arme um sie, zart und

beschützend. Auf ihrem Gesicht lag ein schimmernder Schweißfilm, deutlich zu sehen im Licht der Straßenlaternen. Dennoch zitterte sie. »Dir ist kalt«, sagte er, zog seine Lederjacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Sie lächelte ihn an. Dann verzerrte ein Krampf ihr Gesicht. Er begriff. »Das Baby?«, fragte er und versuchte, seine Panik zu unterdrücken. Sie antwortete nicht, schaukelte nur schmerzerfüllt vor und zurück. Novak drehte sich zu Allbeury um, der wartend hinter ihnen stand. »Kannst du einen Krankenwagen rufen? Ich hab mein Handy vergessen.« »Gleich«, sagte Allbeury. »Sofort«, sagte Novak. »Geh in ein Restaurant.« »Einen Moment.« Allbeury kam von hinten um die Bank herum und setzte sich auf Clares andere Seite. »Wo ist Lizzie?«, fragte er. »Robin, sie muss ins Krankenhaus!«, sagte Novak und zog sie dichter an sich. Clare lächelte wieder. »Wo ist sie, Clare?«, fragte Allbeury. »Lass sie in Ruhe, du Mistkerl«, sagte Novak, »und hol Hilfe.« Clare wandte sich Allbeury zu., »Lizzie ist im Büro«, sagte sie. »In welchem Büro?«, fragte Allbeury. »In unserem«, sagte sie. Allbeury stand auf, das Handy in der rechten Hand, und wählte die Notrufnummer. »Ich sage es ihnen auf dem Weg zum Auto«, verkündete er und lief los. Novak drehte sich zum Shad Tower um, der schimmernd in die Dunkelheit ragte und die umgebauten Werftschuppen wie Zwerge aussehen ließ. Dann blickte er in Richtung Tower Bridge und sah unzählige Bremslichter, da die Autos immer noch Stoßstange an Stoßstange standen. »Es geht schneller, wenn du läufst«, rief er. Allbeury hob zustimmend die Hand, bog in die Curlew Street ab und war verschwunden., 109.

J im Keenan war vor zehn Minuten im St. Thomas eingetroffen – er war zufällig in der Nähe gewesen, in der

Waterloo Station, als Helen anrief. Man hatte sie gerade erst geröntgt, und was sie ihm erzählte, war ein wirres Durcheinander. Trotzdem versuchte er sein Bestes, schlau daraus zu werden. »Sie müssen langsamer sprechen«, sagte er zu ihr. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, hat jemand Sie niedergeschlagen und ist eine Treppe hinuntergeflohen …« »Sie müssen richtig zuhören«, unterbrach Helen ihn ungeduldig. »Sein Name ist Christopher Wade, aber das ist jetzt nicht wichtig.« »Ein Angriff auf eine Polizeibeamtin ist wichtig«, sagte Keenan. »Aber nicht jetzt.« »Und was wollen Sie mir sagen? Dass Allbeury in die Morde verwickelt ist, aber nicht direkt?« »Ich sage, dass er versucht hat, mir etwas zu erzählen, was Novak nicht hören sollte. Wahrscheinlich deshalb, weil er meint, dass Novak und vielleicht auch seine Frau etwas damit zu tun haben.« »Also geht es hier immer noch größtenteils um ein Bauchgefühl?«, fragte Keenan. »Wahrscheinlich«, sagte Helen, »nur dass es jetzt offenbar nicht mehr nur mein Bauchgefühl ist, sondern auch Allbeurys. Und wenn Sie sein Gesicht gesehen hätten, hätten Sie gewusst, dass dort etwas Schlimmes vor sich ging – etwas Neues, verstehen Sie?«, Man hatte sie in ein Krankenzimmer gelegt und ihr ein Mittel gegen die Schmerzen gegeben. Allmählich wurden ihr die Augenlider schwer. »Mit ›schlimm‹«, sagte Keenan, der befürchtete, dass sie gleich einschlief, »meinen Sie, dass jemand in Gefahr ist?« »Vielleicht.« Helen nickte. »Und wenn ich könnte, wenn ich nicht wegen dieses verdammten Beins hier liegen müsste, wäre ich jetzt unterwegs zu Novaks Wohnung. Dann würde ich noch einmal in die Detektei fahren, und wenn ich auch dort niemanden anträfe, würde ich versuchen, Allbeury wieder zu Finden.« Keenan zog sein Notizbuch hervor. »Adressen?« Helens Augen schlossen sich. »Andererseits«, sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen, »liegt die Sache jetzt in Ihren Händen, und dieses Zeug bringt meinen Kopf gerade sehr angenehm zum Summen …« Keenan legte ihr eine Hand auf den Arm. »Geben Sie mir die Adressen, Helen.«, 110.

I ch sollte dich wirklich hineinbringen«, sagte Novak zu Clare, »ins Warme.«

»Nein.« »Es ist zu kalt hier draußen.« Er stand auf und versuchte, sie auf die Füße zu ziehen. »Nein«, sagte sie wieder. »Ich will hier bleiben.« »Okay«, gab er nach und kuschelte sich an sie. »Der Krankenwagen muss gleich hier sein, und bald geht es euch wieder gut. Euch beiden, dir und unserem Baby. Du musst keine Angst haben, okay, Schatz?« »Dem Baby wird es nicht gut gehen«, sagte sie. »Doch. Mach dir keine Sorgen.« »Das Baby stirbt«, sagte Clare. »Vielleicht ist es auch schon tot. Und ich mache mir keine Sorgen, Mike, weil ich genau das will.« Er war sicher, sich verhört zu haben. Dann aber lachte sie. Delirium, sagte er sich und klammerte sich an diesen Strohhalm. Doch ihr Lachen klang harsch. Spröde. »Ja, so ist es.« Sie warf einen kurzen Blick auf sein Gesicht, blieb aber an ihn gelehnt sitzen. »Ich meine es ernst, Mike. Genauso ernst wie letztes Mal, als ich unser Baby getötet habe.« »Du hast es nicht getötet«, sagte Novak. »Ich habe es dir tausend Mal gesagt, Schatz, es war nicht deine Schuld.« »Doch, war es.« Die Finger von Clares linker Hand schoben sich zwischen zwei Knöpfe und um den Saum seines Hemds; sie krallte sich in den Stoff wie ein kleines Kind, klammerte sich fest. »Unser Sohn ist nicht einfach gestorben, Mike. Er hatte, keine Atemprobleme. Jedenfalls nicht so, wie du dachtest …« »Clare, hör auf damit.« Ohne sie loszulassen, drehte er sich um und blickte in die enge Seitenstraße, hielt Ausschau nach blauen, blinkenden Lichtern, obwohl er keine Sirenen hörte. »Ich habe so sehr gehofft«, fuhr Clare fort, »dass es vorher stirbt. Ich habe gebetet, dass ich eine Fehlgeburt bekomme.« All die dunkle Kälte des Flusses schien sich in seinem Innern auszubreiten. Ganz langsam drehte er sich wieder zu ihr um und sah sie an. »Aber es geschah nicht. Also musste ich selbst dafür sorgen.« Er entzog sich ihr, doch ihre Finger blieben in sein Hemd verkrallt. »Tut mir Leid«, sagte sie mit einer Stimme, in der nicht das geringste Bedauern lag. »Es tut mir wirklich Leid, Mike, aber es ist Zeit, dass du es erfährst, findest du nicht?« Er glaubte, wollte glauben, dass er verrückt geworden war oder dass er einen Albtraum erlebte. Doch er sah in ihren Augen – kalte Augen, die nichts mit jener Clare zu tun hatten, die er seit Jahren kannte und liebte –, dass sie die Wahrheit sagte. Allbeury war die Shad Thames entlanggerannt, vorbei an der Kochschule, der Skulpturen-Galerie und dem Pizza Express. Er passierte das Anchor-Brauhaus und rannte die Treppen zur Brücke hinauf, wobei er immer drei Stufen auf einmal nahm. Auch auf der Tower Bridge verlangsamte er das Tempo kaum. Auf der anderen Seite des Flusses war es ebenso sinnlos, ein Taxi zu suchen; der Verkehr war unbeschreiblich. Die East Smithfield war viel länger, als ihm bewusst gewesen war – aber er lief ja sonst auch nie vom Shad Tower zur Detektei. Allbeury warf einen Blick zurück über den Fluss zur Butler’s Wharf und fragte sich, ob der Krankenwagen bereits da war und was mit, Clare geschehen sein mochte. Er erreichte die Dock Street und bog nach links ab, völlig außer Atem vom schnellen Laufen. Fast geschafft. »Lizzie Piper sagte, sie wollte mir helfen, unser Baby zu retten«, sagte Clare. »Das war sehr nett von ihr, wenn man bedenkt, was ich ihr angetan habe.« Gerade hatte ihr eine weitere, noch heftigere Schmerzattacke den Atem geraubt, und sie lachte und weinte zugleich, schaukelte unablässig vor und zurück, die Arme fest um den Leib geschlungen. »Bitte, Clare«, sagte Novak, »lass uns hineingehen.« »Nein«, sagte sie wieder. »Es ist nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte«, fuhr sie fort. »Nicht wie bei den anderen.« Das letzte Wort schien einen Moment in der kalten Nachtluft zu verharren und schwebte unmittelbar vor den Grenzen von Novaks Begriffsvermögen. »Die anderen …«, sagte er schaudernd. »Es ist schief gegangen«, fuhr Clare fort, immer noch vor und zurück schaukelnd, »weil ich diesmal nicht genug Zeit hatte, die Sache zu planen. Aber es war trotzdem nicht allzu schlecht, es lief sogar ziemlich glatt. Robin wird sie finden und versuchen, sie zu retten, aber wahrscheinlich wird der Fahrstuhl sein Gewicht nicht so gut halten wie ihres.« »Fahrstuhl«, echote Novak. »Unser Fahrstuhl«, sagte sie. »Unser Fahrstuhl funktioniert nicht«, sagte er verwirrt. »Er ist seit Jahren außer Betrieb.« »Stimmt«, sagte Clare. »Gefährliche Sache, dass er nur noch an einem Faden hängt.«, 111.

L izzie hörte ein Geräusch. Eine Tür, die sich öffnete und wieder schloss.

Unten. Schritte. Sie kamen nach oben. Wessen Schritte? »Lizzie?« Robins Stimme. Gott sei Dank. »Robin, ich sitz hier fest«, rief sie ihm zu. »Im Fahrstuhlschacht.« »Du lieber Gott«, hörte sie seine Stimme. Lizzie lächelte in die Dunkelheit und vergaß zum ersten Mal seit langer Zeit ihre Schmerzen und die Angst. »Sie müssen vorsichtig sein«, rief sie. »Im obersten Stock steht die Tür auf, und ich liege etwa zwei Etagen tiefer auf dem Fahrstuhldach.« »Allmächtiger«, hörte sie ihn sagen. Und dann tauchten plötzlich sein Kopf und seine Schultern in der offenen Tür über ihr auf. Er starrte zu ihr hinunter. »Seien Sie vorsichtig«, rief sie ihm noch einmal zu. »Schade, dass Ihnen das niemand gesagt hat«, sagte Allbeury. Lizzies Lippen bebten, als sie lächelte. »Woher wussten Sie, dass ich hier bin?« »Clare Novak hat es mir gesagt.« »Sie hat mich hinuntergestoßen«, sagte Lizzie mit zitternder Stimme. »Sie sagte, sie hätte schon öfter getötet, Robin.« Sie biss sich auf die Unterlippe, um ihre Tränen zu unterdrücken., »Sie sagte, sie wisse über Christopher Bescheid … was für eine Art Ehemann er sei.« Die Worte sprudelten aus ihr heraus wie ein Wasserfall. »Und als ich fragte, woher, sagte sie, ich solle Sie fragen.« Allbeury schwieg. »Warum hat sie das gesagt, Robin?«, fragte sie. »Haben Sie es ihr erzählt?« »Natürlich nicht.« Er hielt inne. »Lizzie, sind Sie verletzt?« »Nicht allzu schlimm, wenn man bedenkt …« Sie atmete tief ein. »Jetzt, wo Sie hier sind, geht es mir schon besser.« »Gott sei Dank, zumindest dafür«, sagte er; dann machte er sich ein Bild von der Lage. »Zum Seilklettern sind Sie wohl nicht imstande?« »Es sind Kabel, keine Seile«, sagte sie. »Und das alles sieht ziemlich ramponiert aus. Ich traue der Sache nicht.« »Hm«, sagte er. »Robin, warum hat Clare Novak das über Sie gesagt?« Lizzie konnte das Thema einfach nicht fallen lassen. Sie musste wissen – jetzt und hier –, ob sie diesem Mann vertrauen konnte. »Woher wusste sie von Christopher?« »Möglicherweise hat sie ein paar Informationen – sehr wenige – in meinem Computer gefunden«, sagte Allbeury. »Sie hat sich in meine Dateien eingehackt, Lizzie. Wahrscheinlich tut sie das auch bei anderen Leuten.« Lizzie erinnerte sich vage an etwas Seltsames, das Christopher zu ihr gesagt hatte, nachdem der Zuhälter ihn zusammen- geschlagen hatte: Jemand sei in die Dateien in der Beauchamp- Klinik eingedrungen. »O Gott«, sagte sie und fühlte sich plötzlich, als würde sie er- trinken. Als sie aufblickte, sah sie, dass Allbeury verschwunden war. »Robin, gehen Sie nicht!«, rief sie panisch., »Ich gehe nirgendwohin«, ertönte seine Stimme. »Ich komme herunter, um Sie zu holen.« »Das geht nicht«, sagte sie eindringlich. »Der Fahrstuhl ist sehr wacklig … ich weiß nicht, ob er Ihr Gewicht trägt.« »Aber sicher«, tat Allbeury ihre Bedenken ab. »Er mag ja ein bisschen altersschwach sein, aber er wurde dafür gebaut, Frachten und Personen zu transportieren, und er fühlt sich nur deshalb wacklig an, weil Sie auf dem verdammten Dach sitzen.« »Also, was tust du jetzt?« Clares Stimme wurde schwächer. »Deine Frau sitzt hier neben dir und blutet, und dein Baby stirbt Zentimeter für Zentimeter.« »Hör auf, Clare.« »Dein Freund Robin ist im Begriff, sein Leben für eine Frau zu riskieren, die zu jämmerlich ist, als dass sie zu leben verdient.« Novak starrte sie wieder ungläubig an; dann stand er auf. Seine Beine waren wackelig. »Wo bleibt der verdammte Krankenwagen?« »Aber vielleicht schaffen sie es ja beide.« Clare begann wieder vor und zurück zu wippen. »Vielleicht kracht der Fahrstuhl doch nicht runter. Und selbst wenn – wir haben es hier ja nicht mit der Höhe eines Wolkenkratzers zu tun. Sie werden wahrscheinlich überleben, falls das Stahlseil nicht reißt und das Stromkabel sie trifft.« »Der Strom im Fahrstuhl ist abgeschaltet«, sagte Novak. »Vielleicht«, sagte seine Frau. »Es sei denn, ich habe die Sicherung wieder reingedrückt, bevor ich gegangen bin.«, 112.

K eenan war gerade in der Lamb’s Conduit Street eingetroffen und suchte die Adresse der Novaks. Er hatte

beschlossen, auf Nummer sicher zu gehen und Helens Ahnung zu folgen – allerdings alleine, denn er verspürte wenig Lust, sich dem Spott seiner Kollegen auszusetzen. Da war das Haus. Er fand die Apartment-Nummer und klingelte. Keine Antwort. Er klingelte bei einer anderen Nummer und bei noch einer. »Wer ist da?«, fragte eine Männerstimme. »Polizei«, sagte er. »Lassen Sie mich bitte herein. Nur ins Gebäude, nicht in Ihre Wohnung.« Nach einer kurzen Pause summte der Türöffner. Die Wohnung der Novaks befand sich im ersten Stock. Keenan klingelte und klopfte. Die Situation rechtfertigte es nicht, die Tür einzutreten. Er bückte sich, um durch den Briefkasten zu spähen und zu horchen. Nichts., 113.

W ir sollten die Feuerwehr holen«, sagte Lizzie. »Das ist das Sicherste.«

»Das wollte ich ohnehin«, erklärte Allbeury. »Und sobald Sie mit denen gesprochen haben«, fügte Lizzie hinzu, »sollten wir einen Arzt rufen. Ich glaube, ich hab mir den linken Arm gebrochen.« »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?« Kopf und Schultern des Anwalts tauchten wieder in der Fahrstuhltür auf. »Sie sagten doch, es gehe Ihnen gut.« »Ich war viel zu froh, Sie zu sehen«, sagte Lizzie und fühlte sich ziemlich töricht. »Ich hatte es vergessen.« »Ihr linker Arm?«, vergewisserte er sich. »Ich frage nur, damit ich Bescheid sagen kann, wenn ich anrufe.« »Und ein paar Finger«, sagte sie. »Clare hat sie in der Fahrstuhltür eingequetscht.« »Himmel«, sagte Allbeury und ging den Notarzt anrufen. Clare war verstummt. Sie lachte auch nicht mehr, saß nur still da, bis sie plötzlich zur Seite und auf die Bank kippte. »Clare.« Novak rückte wieder neben sie, tastete nach ihrem Handgelenk und fühlte ihren Puls. »Clare.« Er drehte sich zu den Restaurants hinter ihnen um, zu der hell erleuchteten All Bar One und der voll besetzten Front des Pont de la Tour und überlegte wieder, ob er Clare nach drinnen schaffen sollte. Ich beweg sie lieber nicht. Er kam zu einer Entscheidung, verfluchte den Rettungswagen – verfluchte auch Allbeury noch einmal – und zog seine, Lederjacke von ihren Schultern. Dann hob er ihre Füße hoch, bettete sie richtig auf die Bank, wo sie zumindest von einer Seite durch eine große Pflanzenkiste geschützt war, und deckte sie mit seiner Jacke zu. »Ich hole Hilfe«, sagte er laut. »Wir können nicht länger warten.« Sie stöhnte leise. »Ich mach so schnell ich kann«, versprach er. Ohne den Tränen auf seinem Gesicht Beachtung zu schenken, eilte er zum nächstgelegenen Lokal und hinein in die Helligkeit, die Musik und die Normalität. Er suchte die lange Theke nach einem Telefon ab, sah aber keines. »Ich brauche Hilfe«, sagte er laut, zu allen in Hörweite. Viele Augen richteten sich auf ihn. Eine Kellnerin mit einem Tablett voller Flaschen und etliche Menschen, die auf braunen Ledersofas und an langen, schmalen Tischen saßen und tranken, sahen ihn erschreckt an. »Ich brauche ein Telefon.« »Sir.« Ein Kellner eilte zu ihm. »Wie kann ich ihnen helfen?« »Rufen Sie einen Krankenwagen.« Novak hatte das Verlangen, sich den jungen Mann zu schnappen und ihn am Kragen zu einem Telefon zu zerren. »Meine Frau ist draußen. Sie verliert unser Baby …« Dann, über die Musik und das Stimmengewirr hinweg, hörte er sie endlich. Die Sirene., 114.

J etzt kann es nicht mehr lange dauern.« Allbeury saß am offenen Fahrstuhlschacht und versuchte,

Lizzie aufzumuntern, doch sie fror immer mehr. Als er ihr ein paar Minuten zuvor seine Jacke zugeworfen hatte, hatte selbst dieses minimale Gewicht den Fahrstuhl ins Schwanken gebracht und sie beinahe zu Tode geängstigt. Allbeurys Sorge um sie wuchs. Er wusste, dass sie sich nicht nur ihrer Zwangslage wegen mies fühlte, sondern auch, weil sie nicht zu Hause angerufen hatte. Er erzählte ihr, dass er vor einiger Zeit mit Gilly telefoniert habe und es den Kindern gut ginge (auch wenn er das eigentlich gar nicht wusste). Sein Angebot, unter irgendeinem Vorwand noch einmal anzurufen, lehnte Lizzie jedoch ab – sowohl Jack als auch Edward würden unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich jede Geschichte durchschauen und sich etwas Schreckliches ausmalen. »Ich verstehe es einfach nicht«, sagte sie. »Was verstehen Sie nicht?« »Warum jemand wie Clare? Sie haben sie als nette Frau bezeichnet, als wir zusammen abendessen waren …« »Ich erinnere mich«, sagte Allbeury bitter. »Was kann einer Frau wie ihr widerfahren sein, dass sie zu so etwas fähig ist?« »Versuchen Sie, jetzt nicht an Clare zu denken«, sagte er. »Wie soll ich das denn machen? Sie ist schuld, dass ich jetzt in dieser Lage bin.« Sie wand sich vor Schmerz, fühlte ihren linken Arm immer mehr anschwellen, und ihre Finger wurden taub. Ein Grund mehr, dass sie über Clare Novak sprechen wollte: Es hielt sie davon ab, an ihre Schmerzen zu denken. »Ist es sehr schlimm?«, fragte Allbeury., »Es geht«, sagte sie. »Reden Sie mit mir, Robin.« »Worüber?« »Über Clare und ihr …« Sie verstummte. Ein neuerliches Geräusch kam von oben. Es hörte sich an, als würde etwas reißen. »Was war das?«, fragte sie nach einer Schrecksekunde. »Ich weiß es nicht«, sagte Allbeury unbehaglich. Der Lift schwankte, und Lizzie stieß einen Schrei aus. »Ich habe mich nicht bewegt, Robin! Ich hab mich kein bisschen bewegt!« Er war bereits aufgesprungen. »Was tun Sie da?«, fragte sie nervös. »Ich suche etwas«, sagte er hastig. »Etwas, das ich zu Ihnen runterlassen kann wie einen Rettungsring, der sie hält.« »Und wenn das ganze Ding abstürzt?«, sagte Lizzie. »Das wird nicht geschehen«, sagte er. »Solange Sie stillhalten.« »Ja«, sagte Lizzie. »Bitte, reden Sie weiter mit mir«, rief sie, als Allbeury plötzlich verschwand. »Mache ich«, rief Allbeury zurück. Im Büro schien sich nichts verändert zu haben, seit er und Novak es nach Helens Sturz verlassen hatten, und jäh fiel ihm ein, dass er ihr versprochen hatte, ins St. Thomas nachzukommen. Das würde jetzt noch ein bisschen warten müssen. »Robin, was tun Sie denn?«, fragte Lizzies Stimme aus der Entfernung. »Ich suche«, sagte er. Er warf einen Blick auf den Computermonitor, den er zerstört hatte, und schüttelte den Kopf. Dann sah er die Kabel auf der Rückseite. Stark, aber nicht lang genug. Aber wenn er sie an die, Druckerkabel knotete und dann an die Telefonkabel und an all die anderen Leitungen im Büro … »Halten Sie durch, Lizzie«, rief er. »Ich hab hier etwas, aber es wird ein paar Minuten dauern, bis ich es zusammengebastelt habe. Halten Sie durch.« »Sagen Sie das lieber dem Fahrstuhl«, hörte er sie antworten. Um Viertel nach acht steckte Keenan im Verkehr nahe der Fenchurch Street fest. Er wusste nicht, was an diesem Abend in der Stadt los war, und möglicherweise hatte er sich von der übereifrigen Helen anstecken lassen, aber auch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn er nicht hier wegkam. Gerade begann er sich zu fragen, ob es ein Fehler war, das hier alleine bewältigen zu wollen, und ob er vielleicht doch versuchen sollte, Hilfe vor Ort zu organisieren, als sich – Wunder über Wunder – der Stau vor ihm plötzlich auflöste. Keenan trat aufs Gaspedal. »Ich kann jetzt nicht mitkommen.« Novak stand in der Curlew Street und las in den Gesichtern der beiden Sanitäter, die Clare soeben in den Krankenwagen verfrachtet hatten. Er wusste, dass sie ihn für herzlos hielten. Clare, deren Gesicht halb von einer Sauerstoffmaske verdeckt war und die jetzt wieder mit offenen Augen dalag, machte keinen weiteren Versuch zu sprechen. »Ich komme, sobald ich kann«, sagte er zu ihr. Als die Türen des Krankenwagens geschlossen wurden, blickte Clare ihm direkt in die Augen, und Novak hätte am liebsten losgeheult. Stattdessen drehte er sich um und rannte., 115.

A llbeurys Hände zitterten vor Anspannung und Ermattung, als er endlich fertig war. Er hatte neben dem

Fahrstuhlschacht gearbeitet, die ganze Zeit mit Lizzie gesprochen und ihr erzählt, was er tat. Nun ging er ins Büro und suchte etwas, woran er das eine Ende seines Behelfsseils befestigen konnte. »Die Aktenschränke sind schwer genug«, rief er Lizzie zu, »aber sie stehen zu weit hinten im Zimmer, und wahrscheinlich würden sie umkippen.« »Was ist mit der Bürotür?« Lizzie, dankbar für die Ablenkung, hatte ebenfalls versucht, eine Lösung zu finden. »Die muss doch einigermaßen stabil sein.« Er schaute sie sich an. »Ich bin nicht sicher, was die Angeln betrifft.« »Verstehe«, sagte Lizzie. »Ich benutze einfach mein eigenes Gewicht«, sagte er, »und verankere mich irgendwie. Es wird schon klappen. Außerdem muss die Feuerwehr jede Sekunde hier sein.« Allbeury nahm ein Ende des Kabelseils und knotete es sich um die Taille. Er wusste, dass es ihm das Hemd zerreißen und ins Fleisch schneiden würde, wenn er es benutzte, aber das musste er in Kauf nehmen. Der Fahrstuhl ächzte wieder. Gegen ihren Willen wimmerte Lizzie. »Okay.« Allbeury hockte sich neben den offenen Schacht. »Ich lasse das Seil jetzt zu Ihnen herunter, Lizzie. Ich habe meinen Gürtel an Ihrem Ende festgemacht und noch ein paar Löcher hineingeschnitten, damit er passt.«, »Ich muss ihn trotzdem noch durch die Schnalle ziehen, oder?«, fragte sie. »Tut mir Leid, aber ich glaube nicht, dass ich das mit einem Arm und meinen geschwollenen Fingern schaffe …« »Ich Idiot«, fluchte Allbeury. »Natürlich können Sie das nicht.« Er stand wieder auf und löste das Seil von seiner Taille. »Geben Sie mir nur noch ein, zwei Minuten.« Das Kabelseil fiel vor Lizzies Füßen auf den Boden, und Allbeury legte sich den Gürtel um. Wegen der schweren, unhandlichen Kabel, die daran befestigt waren, war es kein leichtes Unterfangen für ihn. Er schwitzte und fluchte im Stillen auf die Feuerwehr, weil sie so lange auf sich warten ließ. »Wie läuft es?«, erkundigte Lizzie sich von unten. »Ich mach eine Art Schlaufe, die wir mit ein bisschen Glück über Ihren Kopf und Ihre Schultern ziehen können … falls ich den Knoten hier hinkriege …« Er verzog das Gesicht, während er konzentriert weiterarbeitete. »Ich hoffe, er zieht sich von selbst fest.« »Spätestens dann, wenn der Fahrstuhl abstürzt«, sagte Lizzie. »Hören Sie auf, Lizzie«, sagte Allbeury. »Waren Sie früher bei den Pfadfindern?« »Pssst«, machte er. Da hörte sie es auch. Schritte auf der Treppe, dann ein gedämpfter Fluch. »Sind sie es?«, rief sie. »Hier oben!«, schrie Allbeury. »Oberstes Stockwerk! Beeilung!« »Wenn der verdammte Fahrstuhl doch funktionieren würde!« Allbeury erkannte die Stimme, noch bevor er ihn sah. »Inspector Keenan«, sagte er. »Ich hatte gehofft, Sie wären die Feuerwehr, aber wir müssen uns wohl mit Ihnen begnügen.«, »Herzlichen Dank.« Außer Atem erreichte Keenan den obersten Treppenabsatz und starrte Allbeury und die Kabelrollen in seinen Händen an. »Was ist hier los?« »Die Kurzfassung«, sagte Allbeury. »Eine Frau sitzt mit gebrochenem Arm und gequetschten Fingern im Fahrstuhlschacht fest.« »Wahrscheinlich gebrochen«, fügte Lizzie von unten hinzu. »Verdammter Mist«, sagte Keenan. »Ganz meine Meinung«, stimmte Lizzie zu. »Das ist Lizzie Piper«, sagte Allbeury. Keenan kratzte sich den Hinterkopf. »Die Köchin?« »Genau die«, bestätigte Lizzie. Der Polizist trat vorsichtig an den offenen Schacht. »Sie scheinen in halbwegs guter Verfassung zu sein.« »Es geht«, sagte sie. »Zumindest wäre ich’s, wenn dieser Fahrstuhl nicht mehr wackeln würde.« »Verdammt«, sagte Keenan. »Er ist wahrscheinlich stabiler, als es scheint«, sagte Allbeury zum Inspector, »aber nur für den Fall …« Keenan betrachtete das Kabelseil. »Sie wollten es zu ihr herunterlassen? Gute Idee.« »Wenn wir beide es fixieren«, sagte Allbeury, »müsste es klappen.« Keenan nickte. »Die Straßen sind total verstopft. Wahrscheinlich ist die Feuerwehr deshalb noch nicht da.« Er beugte sich vor, um das Gürtelende des Seils um Allbeurys Hüfte zu inspizieren. »Die Novaks sind nicht hier?« »Als ich sie das letzte Mal gesehen habe«, sagte Allbeury, »saßen sie am Fluss vor meiner Wohnung.« Er hielt inne und blickte dem Inspector ins Gesicht. »Nur damit Sie es wissen: Es war Clare Novak, die Lizzie das hier angetan hat.«, »Sie sagte, sie hätte andere Menschen getötet«, rief Lizzie hinauf. »Sie hat es mir erzählt.« »Aber offenbar war es nicht Clare«, sagte Keenan, während er diese Information verdaute, »die Helen Shipley die Treppe hinuntergestoßen hat.« »Welche Treppe?«, fragte Lizzie. »Das hat nichts hiermit zu tun«, sagte Allbeury und hob einen Finger an die Lippen. Keenan verstand, er nickte. »Ich erzähle es Ihnen später«, sagte Allbeury leise. »Wie geht es Inspector Shipley?« »Das Bein ist gebrochen.« Keenan überprüfte die Knoten am Seilende mit der Schlaufe. »Sie liegt im St. Thomas.« »Wer ist Inspector Shipley?«, fragte Lizzie. Der Fahrstuhl knarrte. »Könnten Sie sich beeilen?« »Wir sind gleich so weit«, sagte Allbeury. »Gehen Sie weiter nach hinten«, wies Keenan ihn an. »Auf die andere Seite der Tür, und halten Sie sich gut fest … haken Sie die Beine irgendwo ein, wenn Sie können.« Er sah den anderen Mann zur Tür gehen. »Sagen Sie Bescheid, wenn Sie fest und sicher stehen.« Allbeury verschwand im Büro, während das Kabelseil sich hinter ihm entrollte. »Fertig«, rief er. »Gut.« Keenan näherte sich wieder dem Fahrstuhlschacht. »Lizzie? Ich werde jetzt versuchen, das Seil zu Ihnen runterzulassen, in Ordnung?« Er blickte zur Seite, streckte die rechte Hand aus, packte das Tor mit festem Griff und stellte sich vor den Schacht, breitbeinig und nicht zu nahe am Rand. Dann senkte er die Schlinge, langsam ab; als das Seil herunterfiel, stieß er ein lautes Grunzen aus. »Was ist?«, rief Allbeury. »Nichts«, sagte Keenan. »Es ist schwerer, als ich dachte.« »Wie geht es Ihnen, Lizzie?«, rief Allbeury. »Ganz okay.« Sie blickte auf und sah das Kabel über sich hängen, es baumelte hin und her. »Bekommen Sie’s über Kopf und Schultern?«, fragte Keenan. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Ich versuch’s.« »Sie haben noch Halt, Allbeury?«, rief Keenan. »Alles okay an diesem Ende.« Keenan senkte das Seil weiter ab. »Das reicht«, sagte Lizzie. »Ich sehe mal, ob ich drankomme … vielleicht kann ich mein Handgelenk durchschieben …« Sie hob den rechten Arm, streckte sich ein bisschen und schrie erst vor Schmerz auf, dann vor Angst, als der Fahrstuhl sich wieder bewegte und knarrte. »Er wackelt!«, rief sie ängstlich. Dann hörten sie es alle – ein anderes Geräusch. Die Tür unten wurde aufgerissen. Dann war das Trampeln von Füßen zu vernehmen, die nach oben gerannt kamen. »Fasst die Kabel nicht an!«, brüllte Mike Novaks aufgeregte Stimme. Keenan, Lizzie und Allbeury erstarrten. »Der Strom ist eingeschaltet!«, schrie Novak. Dann hörten sie in der Ferne endlich die Sirenen, die rasch näher kamen., 116.

D er Strom war nicht eingeschaltet, wie sie später erfuhren. Clare, fast schon am Ende, hatte das Messer in Novaks

Herz noch ein letztes Mal herumdrehen wollen. Lizzie, die die Feuerwehrleute relativ mühelos befreien konnten, erlebte auf dem Weg ins St. Thomas ein kurzes, intensives Hochgefühl, das auf die Linderung ihrer Schmerzen und die schiere Freude zurückzuführen war, am Leben zu sein. Allbeury saß neben ihr im Krankenwagen und hielt ihre Hand. Keenan fuhr Novak ins Krankenhaus, um Clare zu sehen. Auf der Fahrt redete er mit ihm, während er gleichzeitig versuchte, die Fakten so weit zu ordnen, dass er sie zumindest an die Polizei vor Ort weiterleiten konnte. »Sie muss krank sein«, sagte Novak. »Die Clare, die ich kenne, würde niemals jemandem wehtun.« Er hielt inne, schüttelte den Kopf. »Sie ist Krankenschwester und der sanfteste Mensch, dem ich je begegnet bin.« »Sie hat es Ihnen gesagt, nicht wahr?«, fragte Keenan. Novak nickte. »Was genau hat sie Ihnen erzählt?« »Das mit Robins Freundin, Lizzie«, sagte Novak. »Dass sie versucht hat, ihr etwas anzutun.« »Lizzie Piper«, sagte Keenan. »Mrs Wade.« Zumindest diesen Teil der Verwirrung hatte Allbeury beseitigen können. »Und andere«, sagte Mike Novak leise. »Ja«, sagte Keenan sanft. »Davon hat sie Mrs Wade auch erzählt.« Er konnte Novaks Qualen angesichts dieses Geständnisses nur erahnen und fragte sich, wie viel er wohl wissen mochte – sehr, wenig, vermutete er. Ihm war klar, dass dies nicht der richtige Augenblick war, weiterzubohren. Das alles würde noch früh genug kommen. »Ich werde mal sehen, was ich über Ihre Frau in Erfahrung bringen kann«, sagte er, als sie das Krankenhaus erreichten. Kurz darauf kam er zurück, setzte sich neben den erschütterten Mann und musste ihm weiteren Schmerz bereiten. »Sie hat das Baby verloren«, sagte er behutsam. »Es tut mir sehr Leid.« »Wo ist sie?«, fragte Novak. »Im Operationssaal.« Keenan schwieg kurz. »Die Ärzte sagen, sie wird wieder gesund.« Novak nickte. Anschließend, nachdem man Clare aus dem Aufwachzimmer in einen Nebenraum verlegt hatte, durfte Novak sie sehen. Man ließ ihn als Ersten hinein, bevor die von Keenan informierte Polizei Clare wegen des dringenden Verdachts des Mordversuchs an Elizabeth Wade offiziell verhaftete. Ihr Gesicht war erschreckend bleich. »Clare?« Novak streckte den Arm aus und legte seine Hand auf ihre. Sie entzog sie ihm nicht, aber sie sah ihn auch nicht an, lag nur ganz starr da. »Sie haben mir von dem Baby erzählt.« Clare starrte weiter an die Decke. »Es tut mir Leid«, sagte Novak. Er meinte zu sehen, dass sie ganz leicht den Kopf schüttelte, dann lag sie wieder reglos da. »Clare, ich liebe dich immer noch«, sagte er voller Verzweiflung. Da sah sie ihn an, mit ausdruckslosem Gesicht. »Das solltest du nicht«, sagte sie., Allbeury war während der Aufnahmeformalitäten bei Lizzie geblieben und hatte gewartet, bis man Arm und Hände geröntgt hatte. Dann hatte er sich an ihr Bett gesetzt, das hinter einem Vorhang in einem großen Raum stand. Er gab ihr sein Mobiltelefon, damit sie Gilly anrufen konnte, nachdem sie sich halbwegs gefasst hatte. Sie bat Gilly, Sophie und den Jungs mitzuteilen, dass sie gestürzt sei, doch es ginge ihr gut, und sie würde am nächsten Morgen mit ihnen telefonieren. »Ich muss Ihnen etwas sagen«, sagte Allbeury, nachdem sie aufgelegt hatte. Er erzählte ihr, dass Christopher ihm offenbar in die Detektei gefolgt war, berichtete von seiner schrecklichen, unkontrollierten Wut und dass er Helen Shipley die Treppe hinuntergestoßen hatte und geflohen war. »Ich wollte warten, bis Sie zu Hause angerufen hatten, bevor ich es Ihnen sage – falls die Kinder nach ihrem Vater fragen und Sie keine gute Lügnerin sind.« Er lächelte. »Aber nachdem ich gerade gehört habe, wie Sie diesen Albtraum als ›kleinen Sturz‹ bezeichnet haben, bin ich nicht mehr so sicher.« »Übung«, sagte Lizzie leise und unendlich müde. »Jahrelange Übung.«, 117.

C hristopher wurde spät an diesem Abend gefunden: Ein Zahnarzt, der sein Auto aus der Tiefgarage unter dem

Cavendish Square abholen wollte, entdeckte ihn dort. Die Nachricht von seinem Tod wurde Lizzie erst am nächsten Morgen überbracht, nachdem sie Gilly angerufen und ihr gestanden hatte, dass sie sich den Arm sowie mehrere Finger gebrochen hatte und im St. Thomas lag. Es war Angela, die zu Lizzie kam, sich zu ihr setzte und in ihr bleiches, steinernes Gesicht blickte, nachdem sie es ihr gesagt hatte. »Die Kinder«, fügte sie hinzu, Tränen in den Augen, »wissen natürlich noch nichts.« »Ich weiß«, sagte Lizzie leise. »Ich habe vorhin mit ihnen gesprochen.« »Gilly und ich dachten, du willst es ihnen selbst sagen.« Wütend auf sich selbst schüttelte sie den Kopf. »Von wollen kann natürlich keine Rede sein. Entschuldige. Das war dumm von mir.« »Ich weiß, was du meinst, Mom.« »Das Problem ist«, fuhr ihre Mutter fort, »jetzt, wo du hier liegst … Wir können es nicht riskieren, zu lange zu warten, falls es an die Öffentlichkeit dringt.« Sie schnappte nach Luft. »Gilly tut genau das Richtige. Sie beschäftigt die Kinder, lässt den Fernseher aus und hält die Jungs von ihren Computern fern. In den Zeitungen steht bisher noch nichts, Gott sei Dank …« »Ich fahre jetzt gleich zu ihnen«, sagte Lizzie abrupt. »Das kannst du nicht«, sagte Angela. »Sieh dich doch an.« Sie hielt inne. »Ich habe mir überlegt, sie vielleicht abzuholen und, hierher in die Stadt zu bringen.« »Nein.« Lizzie schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall.« Ihr behandelnder Arzt verweigerte zunächst sein Einverständnis, gab schließlich aber nach und entließ Lizzie auf eigene Verantwortung, nachdem sie die entsprechenden Papiere unterzeichnet hatte. Dann erklärte er ihr sehr väterlich, sie müsse auf ihre körperliche und psychische Verfassung Acht geben. Möglicherweise würde sie vorübergehend die Kraft finden, die sie für ihre Kinder brauchte, irgendwann aber würde es seinen Tribut fordern. Robin Allbeury kam mit einem Blumenstrauß, während Lizzie auf den privaten Krankenwagen wartete, den der Arzt ihr für die Fahrt empfohlen hatte. »Das ist schrecklich«, sagte er, sichtlich erschüttert von der Neuigkeit über Christopher. In seinen Augen sah Lizzie etwas, das Ähnlichkeit mit Schuldgefühlen hatte. »Es ist nicht deine Schuld«, sagte sie. »Glaub das keine Sekunde lang.« »Er ist mir gefolgt«, sagte Allbeury leise. »Die Geschichte mit Inspector Shipley war reiner Zufall, aber er muss …« »Er hat das nicht wegen Shipley getan«, unterbrach Lizzie ihn. »Und ganz bestimmt nicht wegen dir.« Sie blickte zur Tür. »Du weißt besser als jeder andere, warum er es getan hat.« Sie saßen eine Weile schweigend da. Schließlich sagte Allbeury: »Wenn du etwas brauchst, Lizzie, dann melde dich. Jederzeit, Tag oder Nacht.« »Du hast schon mehr als genug für mich getan«, sagte Lizzie. »Das sehe ich nicht so«, sagte Allbeury., 118.

S owohl Angela als auch Gilly waren in der Nähe, als Lizzie ihren Kindern die Neuigkeit überbrachte.

Sie reagierten völlig unterschiedlich: Sophie schluchzte, ließ ihren Kummer heraus, wollte umarmt und getröstet werden und immer wieder hören, dass es nicht wahr sei und dass ihr Daddy wieder nach Hause kommen würde. Auch Edward war erschüttert, kämpfte jedoch tapfer um Haltung, als Lizzie ihn mit ihrem gesunden Arm zu umarmen versuchte. Jack blieb ganz still, fuhr im Rollstuhl in sein Zimmer und blieb dort stundenlang. Wenn Lizzie, seine Großmutter oder Gilly nach ihm sahen, war er weder feindselig, noch weinte er. Er saß einfach nur da. Am frühen Samstagabend kam Angela zu Lizzie, die im hinteren Teil des Gartens saß und endlich selbst ein paar Tränen vergoss. »Das ist gut«, sagte Angela leise. »Ich weine nicht meinetwegen«, sagte Lizzie. »Und auch nicht um Christopher.« »Wegen der Kinder«, sagte Angela. »Ja«, antwortete Lizzie. Ihre Mutter streckte die Arme aus, und Lizzie kam an ihre Brust. »Ich weiß nicht«, sagte sie, »ob Jack es verkraftet.« »Bestimmt«, sagte Angela. »Er ist ein bemerkenswerter Junge.« Die Briefe fand Lizzie erst mehrere Tage später. Die Frage, ob sie den Kindern diese Briefe geben sollte, machte ihr sehr zu, schaffen, da sie für Edward und Jack – wahrscheinlich auch für Sophie – ein Beweis dafür sein würden, dass ihr Vater Selbstmord begangen hatte, ein Punkt, über den bisher noch nicht gesprochen worden war. »Das wäre zu viel für die Kinder«, sagte Lizzie zu Angela. »Ich glaube, die Jungs wissen es schon mehr oder weniger.« »Es ist eine zu große Last«, beharrte Lizzie. »Wir könnten uns irgendeine glaubwürdige Geschichte ausdenken.« »Noch mehr Lügen«, sagte Angela ohne Vorwurf. »Irgendwann holen sie dich ein.« Als sie Sophie schließlich ihren Brief gab, schien das Mädchen Angst zu haben, ihn zu berühren, und bat ihre Mutter, ihr vorzulesen. Hinterher riss sie Lizzie den Brief aus der Hand und rannte schluchzend in ihr Zimmer. »Ich weiß nicht«, sagte Edward kurz darauf zu Lizzie, »ob ich meinen jetzt schon lese.« »Lies ihn, wenn du so weit bist«, sagte sie. »Es liegt bei dir, Schatz.« »Hast du deinen gelesen?«, fragte er sie. »Ja«, antwortete Lizzie. »War er schlimm?«, fragte Edward. »Nein«, antwortete sie. »Gar nicht schlimm. Voller Liebe.« »Wie Dad«, sagte er. Jack, der inzwischen aus seiner selbst auferlegten Isolation aufgetaucht war, suchte Lizzie in ihrem Arbeitszimmer auf und hielt ihr seinen Brief hin. »Ich dachte«, sagte er, »er hilft dir vielleicht.« »Bist du sicher?«, fragte Lizzie. »Ist er nicht zu persönlich?« »Ich möchte gern, dass du ihn liest«, sagte Jack. »Wenn es dir nichts ausmacht.«, Während Lizzie ihn las, das Blatt zwischen den beiden unverletzten Fingern ihrer rechten Hand, liefen ihr wieder Tränen über die Wangen. »Er ist schön, nicht wahr?«, sagte sie, als sie zu Ende gelesen hatte. »Nur sehr, sehr traurig.« Sie sah Jack an. »Hat er dir geholfen?« »Ein bisschen.« Sie hatte das Gefühl, dass Jack endlich mit ihr sprechen wollte. »Es ist furchtbar schwer, nicht wahr, Schatz?« Jack nickte; er zögerte. Lizzie wusste, dass er an die letzte Nacht dachte, und wartete ab, bis er weitersprach. »Ich habe die ganze Zeit das Gefühl …« Er hielt inne. »Was, mein Schatz?« »Dass es meine Schuld ist.« »Natürlich ist es nicht deine Schuld«, sagte Lizzie entsetzt. »Aber er ist wegen mir weggegangen.« Sein Mund arbeitete. »Ich habe ihn gezwungen zu gehen.« Er schloss die Augen, Tränen quollen zwischen seinen Wimpern hervor und rannen ihm die Wangen herunter. »Wenn ich nicht so auf ihn losgegangen wäre …« »Nein.« Lizzies Wut auf Christopher kehrte mit aller Macht zurück. »Das stimmt nicht, Jack, hörst du?« Er öffnete die Augen. »Aber es ist wahr, Mom.« »Es ist nicht wahr«, sagte sie nachdrücklich und hasste Clare dafür, das diese sie der Fähigkeit beraubt hatte, ihren Sohn in die Arme zu nehmen, wo er sie am dringendsten brauchte. »Hör mir jetzt genau zu, Jack. Und du musst mir glauben.« »Aber gibst du mir denn nicht die Schuld?«, fragte er. »Wie könnte ich dir vorwerfen, dass du versucht hast, mich zu beschützen?« Lizzie nahm den Brief wieder in die Hand. »Selbst, dein Vater war deswegen stolz auf dich. Er wusste, dass du im Recht warst.« »Aber das liegt nur daran, dass ich bin, wie ich bin«, sagte Jack. »Wegen dem hier.« Er blickte nach unten auf seinen Rollstuhl, auf seine nutzlosen Beine, und seine Tränen wurden erbitterter, wütender. »Bitte sag mir, dass du das nicht ernst meinst«, bat Lizzie ihn leise, und all ihr Schmerz sammelte sich zu einer glühend heißen Kugel in ihrer Brust. »Jack, bitte, sag mir, dass es nicht wahr ist.« »Er sagte, ich hätte Recht«, erzählte Lizzie ihrer Mutter später an diesem Abend. »Aber ich glaube, das hat er nur gesagt, damit ich mich besser fühle.« Sie hielt inne. »Ich habe das Gefühl, dass Jack wissen will … begreifen will, was in dieser Nacht geschehen ist.« »Und in all den anderen Nächten«, sagte Angela, immer noch erschüttert von dem, was Lizzie ihr endlich, nach so vielen Jahren, über ihren perfekten Schwiegersohn Christopher offenbart hatte. »Ich werde es ihm nicht erzählen«, sagte Lizzie entschlossen. »Weder jetzt noch sonst irgendwann.« »Was ist mit Edward?« »Ich glaube nicht, dass er es je wissen will«, sagte Lizzie. »Und wenn doch?« »Ich weiß es nicht.« Lizzie schwieg einen Moment. »Vielleicht, wenn er mich fragt, wenn er älter ist.« Sie blickte ihre Mutter an. »Jack ist erst zehn Jahre alt«, sagte sie. »Gott weiß, dass er bereits sehr vieler Dinge beraubt wurde. Und es liegt noch mehr als genug Leid vor ihm.« »Ich weiß«, sagte Angela leise. »Ich will verflucht sein, wenn ich zulasse, dass ihm auch noch das letzte Stück Kindheit geraubt wird«, sagte Lizzie inbrünstig., 119.

C hristophers Beerdigung fand am dritten Montag im November statt, einem Tag, der mit dichtem Nebel anbrach

und dann zu einem wunderschönen spätherbstlichen Nachmittag aufklarte. Die Bestattungszeremonie war klein und familiär, aber tief bewegend; Lizzie und Guy Wade hatten sie in Absprache mit den Kindern organisiert. Sophie hatte das Lied »All Things Bright and Beautiful« ausgesucht, Jack »Jerusalem«, weil er wusste, dass sein Vater es geliebt hatte, und Guy trug »Funeral Blues« vor – Edwards Wahl, weil das Gedicht Christopher und ihn bei Vier Hochzeiten und ein Todesfall zu Tränen gerührt hatte. »Ich nehme an, du organisierst demnächst einen Gedenk- gottesdienst«, sagte Dalia Weinberg hinterher, zu Hause in Marlow. »Ich weiß es noch nicht«, sagte Lizzie. »Du hast keine Wahl«, drängte Dalia. »Sehr viele Menschen möchten Gelegenheit haben, ihm die letzte Ehre zu erweisen.« »Sie werden warten müssen«, kam Guy Lizzie zu Hilfe. »Es hängt ganz von den Kindern ab.« Guy hatte sich für Lizzie als Fels in der Brandung erwiesen, nachdem sie beschlossen hatte, sich ihm anzuvertrauen, was die Schwächen seines Bruders betraf. »Ich weiß noch, dass er mir irgendwann einmal«, sagte er eines Nachmittags, während Moira auf einer Konzertprobe in London war, »von irgendwelchen Dummheiten mit Drogen in der Uni erzählt hat. Aber ich hätte nicht eine Sekunde lang gedacht, dass er ein echtes Problem hatte.« »Jetzt sind alles nur noch Mutmaßungen, nicht wahr?«, sagte Lizzie., »Eines weiß ich mit Sicherheit«, sagte Guy. »Seine Liebe zu dir und den Kindern war ehrlich und aufrichtig, Lizzie. Es muss ihn schrecklich geschmerzt haben, zu wissen, dass er dir wehtat.« »Vielleicht wäre es besser für ihn gewesen, wenn ich ihn schon vor langer Zeit verlassen hätte«, sagte Lizzie. »Ich weiß nicht, ob er das verkraftet hätte«, sagte Guy. »Und wir wissen beide, warum du das Gefühl hattest, bleiben zu müssen.« »Aber jetzt müssen die Kinder sowieso ohne ihren Vater zurechtkommen.« »Seine Schuld«, sagte Guy. »Nicht deine, Lizzie.« »Ich weiß.« »Du weißt es doch wirklich?«, fragte Guy. »Manchmal«, sagte Lizzie und lächelte ihn an. Zehn Tage nach der Beerdigung, an einem Schultag um die Mittagszeit, kam Allbeury sie besuchen. In den Tagen zuvor waren schon einige Besucher gekommen – Susan Blake und Howard Dunn, die Szells, ein paar Freunde der Kinder und, in offizieller Mission, Jim Keenan. Allbeury jedoch hatte sich bis jetzt fern gehalten. Sie unterhielten sich im Wohnzimmer, das angefüllt war mit Erinnerungen an das Leben mit Christopher; sie sprachen über die Kinder und wie sie mit dem Tod ihres Vaters zurechtkamen, und Lizzie erzählte ihm, dass Jack am Wochenende elf Jahre alt geworden war. Allbeury bemerkte, er könne nur ahnen, wie schwer es für ihn gewesen sein musste. »Schwer ist gar kein Ausdruck«, sagte Lizzie. »Was ist mit dir?«, fragte er. »Wie geht es dir?« Sie hob ihren eingegipsten Arm und bewegte die Finger. »Das hier macht mir das Leben ziemlich schwer.«, »Und sonst?« »An die Kinder zu denken hilft ungemein«, sagte sie. Etwas später fragte er, wie viel man ihr über Clare Novak und die Vorgeschichte ihres Sturzes in den Fahrstuhlschacht erzählt hatte. »Nicht allzu viel«, erwiderte Lizzie, »weil ich vielleicht gegen sie aussagen muss, falls man sie für prozessfähig befindet.« Sie hielt inne. »Inspector Keenan war hier. Mit einer Kollegin.« »Helen Shipley?« »Nein«, sagte Lizzie mit schiefem Lächeln. »Kein gebrochenes Bein.« Inzwischen war ihr natürlich bewusst, wie knapp sie dem Tode entronnen war, und sie wusste zumindest ein bisschen mehr über die beiden Frauen, deren Ermordung nun Clare Novak angelastet wurde. Und sie wusste auch ein wenig über Allbeurys Verbindung zu diesen Frauen. »Inspector Keenan sagte, du hättest versucht, ihnen zu helfen.« »Das hat ja auch hervorragend funktioniert«, murmelte Allbeury bitter. »Er sagte, sie waren beide mit gewalttätigen Männern verheiratet«, sagte Lizzie, »und hätten sich in ihren Ehen gefangen gefühlt.« Wie ich, dachte sie, sprach es aber nicht aus. »Das stimmt.« »Keenan sagt, du hast versucht, den Frauen zur Flucht zu verhelfen. Offenbar hat er den Eindruck, du hättest das auch schon für andere Frauen getan.« Im Zimmer war es still; nur das leise Ticken der Uhr auf dem Kaminsims war zu vernehmen. »Warum?« Sie wusste, dass dies eine der Fragen war, auf die sie unbedingt eine Antwort brauchte, wenn ihre Freundschaft andauern sollte. »Warum tust du das, Robin? Warum willst du es tun?«, Allbeury saß einen Augenblick schweigend da; dann atmete er tief ein. »Das haben mich im Laufe der Jahre viele Leute gefragt«, sagte er. »Aber du bist die Erste, der ich antworten will.« Lizzie schwieg, wartete. »Meine Mutter beging Selbstmord, als ich zwölf war«, sagte Allbeury. »Weil sie das Gefühl hatte, sie hätte keine andere Alternative. Sie glaubte, jenseits aller Hilfe zu sein. Und weil die meisten Leute meinen Vater für einen anständigen Menschen hielten – was er nicht war –, meinte sie, niemand würde ihr das Recht zugestehen, unglücklich zu sein.« Er hielt inne. »Sie hatte kein eigenes Leben, keinen Beruf, kein nennenswertes Geld. Keinen Ausweg.« Lizzie blieb immer noch stumm. »Sie hat mir das alles in einem Brief geschrieben. Sie vermittelte mir das Gefühl, dass ich es hätte wissen müssen. Dass ich einen Weg hätte finden müssen, ihr zu helfen und sie von ihrer Verzweiflungstat abzuhalten.« »Du warst zwölf«, sagte Lizzie. »Du hättest ihr nicht helfen können.« »Das weiß ich jetzt. Damals wusste ich es nicht.« Er hielt inne. »Diese Geschichte hat mir sehr zu schaffen gemacht … ist vielleicht sogar der Grund, warum ich nie geheiratet habe. Ich bin nicht wie mein Vater, Gott sei Dank, aber ich hatte immer Angst, so zu werden wie er.« Er zuckte mit den Achseln. »Doch es hat wohl auch einiges Gutes bewirkt. Jahre nach dem Tod meiner Mutter, nachdem ich erfolgreich geworden war und mehr Geld verdiente, als ich brauchte, und als ich einiges über Macht und Einfluss gelernt hatte, war ich endlich in einer Position, Frauen zu helfen, die sich in einer ähnlichen Lage befanden wie damals meine Mutter.« Lizzie saß einen Moment schweigend da und sagte dann: »Wie ich.«, »In gewissem Sinne vielleicht ein kleines bisschen wie du.« »Ist das der Grund, warum du dich mit mir angefreundet hast, Robin?«, fragte sie. »Hast du gedacht, ich wolle aus meiner Ehe fliehen?« »Das dachte ich, ja«, sagte er. »Aber das war es nicht, was mich zu dir hingezogen hat.« »Du fühlst dich zu mir hingezogen?«, fragte Lizzie. »Sehr«, antwortete Allbeury. »Ich frage mich oft«, sagte Lizzie, »wie du darüber denkst, dass ich mich nicht habe scheiden lassen.« Ihr Kopf schmerzte, und sie rieb sich mit den beiden unverletzten Fingern die Schläfe. »Ich habe genug Geld, um unabhängig zu sein. Ich hätte gehen können.« »Du bist wegen der Kinder geblieben«, sagte er. »Ja«, sagte Lizzie. »Und du siehst, wohin es sie geführt hat.« »Das konntest du nicht wissen«, sagte Allbeury. »Konnte ich nicht?«, fragte sie ihn schmerzlich. »Clare Novak sagte zu mir, sie hätte Frauen wie mich getötet«, wieder dieser Satz, »und hat sie nicht genau das gemeint?« »Clare ist sehr krank«, sagte Allbeury. »Sehr gestört.« »Natürlich«, gab Lizzie ihm Recht. »Aber stand es nicht mit Sicherheit schon immer in den Karten, dass die Kinder trotz all meiner Lügen eines Tages die Wahrheit über ihren Vater herausfinden würden?« »Vielleicht«, sagte Allbeury. »Aber du hast gehofft, die Kinder so lange wie möglich vor diesem Schmerz schützen zu können.« »Ich glaube«, sagte Lizzie, »ich war bloß ein schrecklicher Feigling.« Sie wartete, bis sie in der Diele standen und er sich zum Gehen, fertig machte, bevor sie ihm eine der anderen Fragen stellte, die ihr sehr zu schaffen machten. »Warum standen diese Informationen über uns in deinem Computer, Robin? Sodass Clare sich einhacken und sie stehlen konnte?« »Ich habe ein bisschen über euch recherchiert«, sagte Allbeury, »weil ich dich mochte und du mich fasziniert hast, und weil ich ein neugieriger Mensch bin und mehr über dich wissen wollte.« Er hielt inne. »Und dann stellte ich fest, dass ich mir Sorgen um dich machte. Einen anderen, finsteren Grund gibt es nicht.« »Was ist mit Christopher?« »Das war etwas anderes«, gab Allbeury zu. »Ich hatte gespürt, dass zwischen euch beiden was nicht stimmte, und mir wurde plötzlich klar, dass ich Christopher nicht traute.« Lizzie sagte nichts; sie war noch zu sehr erschüttert. »Tut mir Leid, Lizzie«, sagte Allbeury leise. »Ich weiß nur zu gut, dass Clare vermutlich nicht einmal von deiner Existenz wüsste, hätte ich meine Nase nicht in deine Angelegenheiten gesteckt.« Sie musste noch einen Augenblick warten, bevor sie sich so weit gefasst hatte, um sprechen zu können. »Wenn ich nicht gefragt hätte«, sagte sie, »hättest du es mir erzählt?« »Ich glaube schon«, sagte er. »Zu gegebener Zeit.« Sein Lächeln war bitter. »Vielleicht nur, weil ich weiß, dass es wahrscheinlich sowieso irgendwann herausgekommen wäre.« »Das ist wenigstens eine ehrliche Antwort.« »Ich gehe davon aus«, sagte Allbeury, »dass ich keine Hoffnung auf eine langfristige Freundschaft mit dir hegen dürfte, Lizzie, wenn ich nicht ehrlich zu dir wäre.« Lizzie sah ihm fest in die Augen. »Da hast du völlig Recht«, sagte sie., 120.

A llbeury ging Helen Shipley besuchen, die immer noch krankgeschrieben war. Er brachte ihr Blumen mit, freute

sich über die Wärme ihres Lächelns, als sie sie entgegennahm, und war gerührt von der Verlegenheit, mit der sie durch ihre kleine, chaotische Wohnung humpelte und eine Vase suchte, um die Blumen hineinzustellen. Bei Tee und Schokoladenkeksen erfuhr Allbeury, dass John Bolsover inzwischen auf freiem Fuß war und seiner wahren Verbrechen an Lynne wegen nicht wieder verhaftet würde, so sehr Lynnes Schwester Pam Wakefield und Helen auch darauf hofften. »Man munkelt«, erzählte sie ihm, »dass er hinter Gittern eine schlimme Zeit hatte.« »Ein kleiner Trost für Lynnes Schwester«, sagte Allbeury »Sie sagt, sie wird die Kinder weiterhin genau im Auge behalten«, sagte Helen. »Und nach allem, was sie mir erzählt hat, sieht es Gott sei Dank so aus, als habe er die Kleinen nie angerührt.« Er fragte sie, was sie über Clare Novak gehört hatte. »Sind Sie deshalb gekommen?«, fragte Helen. »Ich habe mich schon gewundert.« »Ganz und gar nicht«, erwiderte Allbeury. »Ich habe unsere Zänkereien ziemlich genossen. Ihre offenkundige Abneigung mir gegenüber, und Ihre Beharrlichkeit.« Helen zuckte die Achseln. »Ich kann Ihnen über Clare Novak nicht viel sagen. Sie wissen wahrscheinlich schon, dass sie in Rampton untersucht wird. Jim Keenan kann Ihnen vielleicht mehr sagen.« Sie lächelte wieder. »Ich bezweifle allerdings, dass er es tut.« Keenan wusste tatsächlich mehr, und er erfuhr täglich Neues. Die meisten Informationen kamen von den Spezialisten der IT-, Abteilung des kriminaltechnischen Labors, die sowohl die Computer bei Novak Investigations als auch den von Clares Patienten Nick Parry untersuchten. Parry hatte, wie sich jetzt herausstellte, um der Herausforderung willen seiner Pflegerin ge- holfen, sich in die verschiedensten Computersysteme einzuhacken, und wie die Dinge lagen, schien es wahrscheinlicher, dass Parry sich wegen Verletzung des Datenschutzgesetzes verantworten musste, als dass Clare wegen Mordes vor Gericht gestellt würde. Clare war geisteskrank, da war Keenan sich ziemlich sicher, auch wenn die beängstigend kaltblütige Planung ihrer Ver- brechen und ihre schiere Effizienz gegen eine Unzurechnungs- fähigkeit sprechen mochten. Clare hatte ihren Mann Mike, die Detektei und ihren Klienten Robin Allbeury (von dem sie in einer Passwort-geschützten Datei geschrieben hatte, er nutze die Frauen aus und sei wahrscheinlich pervers) gnadenlos für ihre Zwecke benutzt. Sie hatte ihre eigenen Fähigkeiten – plus Nick Parrys Einsamkeit und seine Leidenschaft für Computer – dazu missbraucht, in Krankenhaus-Dateien einzudringen. Als das nicht mehr ausreichte, hatte sie Maureen Donnelly ausgehorcht oder die Notaufnahmen von Krankenhäusern besucht, wo man sie kannte und ihr vertraute, um Informationen über die Fälle zusammenzutragen, die sie interessierten. »Nicht Fall, sondern Fälle«, bemerkte Constable Karen Dean bei einer Sitzung. »Es könnte also noch mehr Opfer gegeben haben«, sagte Terry Reed. »Mit Sicherheit hat sie Interesse an weitaus mehr Frauen gezeigt als nur an Patston und Bolsover«, bestätigte Keenan. Seit ihrem Zusammenbruch, so schien es, war Clares PC zu ihrem einzigen Vertrauten geworden. In ihm hatte sie detaillierte, regelmäßig aktualisierte Berichte über ihre potenziellen Opfer geführt, ihre Fälle (einschließlich Lizzie Wade), alle fein säuberlich mit Referenznummern versehen, die, zum Teil Geburtsdaten zu sein schienen. All diesen Frauen, hatte Clare geschrieben, habe es an »moralischem Mut« gemangelt. Diese Frauen hätten Ungeheuer geheiratet, doch die eigentlichen Schuldigen, behauptete Clare, waren sie selbst, weil sie aus Furcht vor den Folgen einer Trennung bei diesen Männern geblieben waren und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder in Gefahr gebracht hatten. »In Lynne Bolsovers Fall«, sagte Keenan nun, »hatte ihr Mann sie außerdem zu einer Abtreibung gedrängt.« »Vielleicht glaubte Clare, den Kindern eine Chance zu geben, indem sie deren schwache Mütter aus dem Weg schaffte und die Männer ins Gefängnis brachte«, sagte Dean und streifte damit das mögliche Motiv, das Helen Shipley früher Allbeury unterstellt hatte. »Sie sollten Seelenklempnerin werden«, bemerkte Reed abfällig. Niemandem war es bisher gelungen, ein tieferes Motiv für Clares Verbrechen auszugraben. Ihr Vater, Malcolm Killin, ein müder, kranker Mann, hatte bis auf den Tod seiner Frau, als Clare noch ein junges Mädchen war, von keinen traumatischen Ereignissen zu berichten. Dann waren da noch Clares Zusammenbruch und ihre Depression, ihr Ausscheiden aus dem Beruf der Krankenschwester und vor allem der Verlust ihres ersten Babys. Keenan hatte sich den Autopsiebericht des Säuglings und die Mitschrift der gerichtlichen Untersuchung besorgt; aus beiden wurde deutlich, dass Clare gelogen haben musste, als sie Mike Novak erzählte, sie habe ihr Kind getötet. »Wie sehr sie ihn gehasst haben muss«, sagte Dean angewidert, »ihn in diesem Punkt zu belügen.« »Es sei denn«, sagte Keenan, »sie wollte bewirken, dass er sie hasst.« »Was für eine arme Verrückte«, sagte Reed., »Was für eine blutige Tragödie«, sagte Keenan. Noch eine weitere Tragödie beschäftigte Keenan, ein Albtraum, der sich in seiner Erinnerung immer wieder abspielte: wie die kleine Irina von Sandra Finch weggeholt wurde. Tony Patston wartete inzwischen auf seinen Prozess wegen der illegalen Adoption, und die Akte über die mögliche Kindesmisshandlung war an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden, doch Sandras Leid dauerte unvermindert an. Sie hatte Keenan angefleht, ihr so viel über Joannes Tod zu erzählen, wie er nur konnte, und Keenan hatte ihr diesen Wunsch erfüllt, da es ohnehin nur eine Frage der Zeit war, bis Sandra bei der gerichtlichen Untersuchung alles erfuhr – auch, was die Polizei Clare Novaks PC entnommen hatte: dass es Clare gewesen war, die Joanne an dem letzten Morgen angerufen hatte, und dass sie sich als Novaks Geschäftspartnerin ausgegeben und Joanne gesagt hatte, sie müsse dringend einige Papiere für Allbeury unterschreiben, um ihre Flucht mit Irina vorzubereiten. Dass Joanne sich, nachdem sie Irina bei Sandra abgegeben hatte, in der Grünanlage vor der Hall-Lane- Bibliothek mit Clare getroffen hatte. Dass Clare vorgeschlagen hatte, Joanne solle die Formulare lieber in der Sicherheit ihres Autos ausfüllen, wo sie vor den Blicken von Passanten geschützt sei. Dass Clare eine Thermoskanne bei sich hatte, aus der sie Joanne eine Tasse Kaffee einschenkte, der mit Diazepam versetzt war. Dass die Tranquilizer rasch gewirkt hatten und Clare mit Joanne in den Epping Forest gefahren war, um sie dann an die Stelle zu schleppen, an der sie sie erstochen hatte. Clare hatte ihr medizinisches Fachwissen benutzt und Joanne zuerst in die Halsvene gestochen, hatte dies jedoch verschleiert, indem sie ihr zusätzlich die anderen Wunden zugefügt hatte. »Danke, dass Sie es mir erzählt haben«, sagte Sandra,, nachdem Keenan geendet hatte. »Ich wollte«, sagte er, »ich könnte mehr für Sie tun als das.« »Das können Sie«, sagte Sandra. »Helfen Sie mir, Irina zurückzubekommen.« »Ich fürchte, das steht nicht in meiner Macht«, sagte Keenan. »Jemand muss doch helfen können!« Die Augen der alten Frau blickten ihn voller Qual an. »Wie kann jemand glauben, es sei besser für Irina, bei Fremden zu sein, ganz zu schweigen davon, zurück nach Rumänien geschickt zu werden?« »Ich weiß es nicht«, sagte Keenan., 121.

N ovak war am Boden zerstört. Er versuchte weiterzumachen, arbeitete auch weiter in

der Detektei, weil wohlmeinende Menschen ihm immer wieder dazu rieten, aus therapeutischen wie aus finanziellen Gründen. Und vielleicht wäre die Arbeit tatsächlich eine Art Heilmittel gewesen, räumte er ein, wenn er das Gefühl gehabt hätte, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn er nicht – über die Detektei und über Robin Allbeury – dazu beigetragen hätte, unschuldige Frauen in den Tod zu schicken. Wenn er nicht jedes Mal, wenn er das Büro betrat und Clares leeren Schreibtisch sowie seinen eigenen nagelneuen Computer sah, an alles erinnert worden wäre. Allbeury beauftragte Winston Cook, sämtliche nicht beweisrelevanten Daten von Novaks alter Festplatte zu sichern; außerdem lenkte es Novak ein bisschen ab, den jungen Mann im Büro um sich zu haben. Doch obwohl die Arbeit mühsam und langwierig war und Cook noch mehrere Wochen beschäftigen würde, wusste Novak, dass er letztlich wieder allein sein würde. Dass er wieder darauf warten würde, dass Clare ihm erlaubte, sie besuchen zu kommen; seit sie in Sicherungsverwahrung war, schienen seine Rechte als ihr Ehemann radikal beschnitten worden zu sein. Die meisten Menschen, das war ihm klar, würden wahrscheinlich nicht einmal verstehen, warum er Clare sehen wollte. Die Leute konnten ja nicht wissen, dass die Frau, die er kennen gelernt hatte, die, die ihm vor mehr als fünf Jahren in der Notaufnahme seine Kopfwunde genäht hatte – die mitfühlende Krankenschwester, für die der tägliche Umgang mit den Leiden, anderer Menschen mehr war, als sie ertragen konnte –, nicht dieselbe Frau war, die diese ungeheuerlichen Dinge getan hatte. Die in einem Fall sogar kaltblütig genug gewesen war, zurückzugehen und die Mordwaffe in der Garage des Ehemanns ihres Opfers zu deponieren, und die anschließend ihre Tat mit solcher Präzision in ihrem Computer festgehalten hatte. Novak wünschte sich, diese Clare hassen zu können. Vielleicht konnte er es, wenn sie sich vor Gericht den grausigen Tatsachen stellen musste, sofern man sie als prozessfähig befand. Vielleicht konnte er es, wenn er sicher war, dass die alte Clare nie mehr zurückkam und dass es ihr nie gelingen würde, sich einen Weg durch all den Hass und das Leid zu bahnen. Vielleicht konnte er diese andere Clare dann hassen., 122.

A llbeury stellte fest, dass er einen zu großen Teil des Tages damit verbrachte, an Lizzie und ihre Kinder zu denken.

Einmal rief er Susan Blake an, um sie zu fragen, ob sie Lizzie gesehen habe. Susan erzählte ihm, sie habe Lizzie zweimal besucht und mehrmals mit ihr telefoniert; offenbar habe Lizzie vor, zunächst einmal weitgehend zu Hause zu bleiben. »Aber sie kann nicht richtig kochen, bis alles geheilt ist«, sagte Susan, »und ich glaube, das nervt sie ganz gewaltig.« »Was ist mit dem Schreiben?«, fragte Allbeury. »Ich weiß es nicht«, sagte Susan. »Ich habe sie nicht gefragt, weil ich nicht wollte, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlt, zumindest nicht beruflich.« Allbeury wartete noch eine Woche, bis er wieder nach Marlow fuhr. Sie begrüßte ihn mit einiger Zurückhaltung, aber dennoch mit Wärme, wie er erfreut feststellte. Ihr Arm steckte jetzt in einem leichteren Gips, was ihr alles ein wenig erleichterte, und nur noch zwei ihrer Finger waren bandagiert; trotzdem waren ihre Hände noch längst nicht wieder gesund. Im Wohnzimmer sah er einen Christbaum. Weihnachtskarten standen auf dem Kaminsims, darunter prasselte ein Feuer. »Zumindest nach außen hin stimmt alles«, bemerkte Lizzie. »Konntest du Weihnachtsgeschenke besorgen?«, fragte Allbeury. »Ein paar, dank Mom und Gilly.« Sie hielt inne. »Gilly ist gerade mit den Kindern unterwegs und besorgt noch ein paar Kleinigkeiten.«, »Wie geht es den Kindern?« »Ein bisschen besser, glaube ich.« Lizzie schwieg kurz. »Die gerichtliche Untersuchung steht natürlich noch bevor.« »Die Kinder müssen aber nicht dabei sein, oder?« »Nein«, sagte Lizzie. »Aber sie wissen alles darüber.« Allbeury schüttelte den Kopf. »Was?«, fragte sie. »Es ist nur … alles, was ich sagen will, scheint ein Klischee zu sein.« »Wie zäh Kinder sein können, meinst du«, sagte sie. »Dass die Zeit alle Wunden heilt und so weiter.« »Ich halte lieber den Mund«, sagte Allbeury. »Nein«, sagte Lizzie. »Tu das nicht. Ich freue mich viel zu sehr, meinen Retter wiederzusehen.« »Ich bin nicht dein Retter«, sagte er. »Aber du hast es versucht.« »Ich muss dir ein Geständnis machen«, sagte er. »Ja?« Sie wartete ab. »Du hast mich mal gefragt, ob ich bei den Pfadfindern gewesen bin«, sagte er. »War ich nicht.« Einen Moment lang sah sie ihn verständnislos an, dann erinnerte sie sich. »Der Knoten«, sagte sie. »Du meinst, wenn der Fahrstuhl abgestürzt wäre …?« »Hätte er vielleicht gehalten«, sagte er. »Mit Glück.« »Du hast also nur versucht, mir Mut zu machen?«, fragte Lizzie. »Und mir selbst«, sagte er. Wenig später kam er auf einen der Hauptgründe für sein Kommen zu sprechen., »Jim Keenan war bei mir, um mich um Hilfe zu bitten … inoffiziell.« »Was für Hilfe?« »Es geht um die kleine Irina Patston«, sagte er. »Woher wusstest du, dass ich an sie gedacht habe?«, sagte Lizzie. »Ich war mir nicht sicher, wie viel du über sie wusstest«, sagte Allbeury. »Inspector Keenan hat mir die ganze Geschichte erzählt.« »Wann?« »Er war letzte Woche noch einmal hier.« Sie lächelte. »Er ist wirklich sehr nett, nicht wahr?« »Und er weiß, was er will«, sagte Allbeury. Lizzie hatte sich schon vor Keenans zweitem Besuch den ermordeten Frauen verbunden gefühlt, auch wenn sie ihnen nie begegnet war. Der Fall der kleinen Irina jedoch hatte sie nicht mehr losgelassen. »Was kannst du Keenans Meinung nach tun?«, fragte sie jetzt. »Er hat gehofft«, sagte Allbeury, »ich könne einen nicht ganz legalen Trick anwenden, um Irina zurück zu ihrer Großmutter zu beamen.« »Aber das geht nicht.« »Leider nein.« Lizzie wartete einen Moment. »Warum bist du hier, Robin?«, fragte sie schließlich. »Weil ich glaube, dass dies ein Fall für die Medien ist«, sagte Allbeury. »Ich bin keine Journalistin«, sagte Lizzie. »Aber eine Fernsehprominente«, sagte er. »Und Autorin.« Sie hielt beide Hände hoch. »Im Augenblick bin ich keins von, beiden.« »Ein bisschen mit zwei Fingern tippen könntest du aber, oder nicht?« Lizzie wackelte mit den Fingern. »Vielleicht sogar ein bisschen mehr als das. Was soll ich schreiben?« »Das kannst du am besten beurteilen, meinst du nicht?« »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Briefe an Politiker vielleicht?« »Und Artikel«, sagte Allbeury. »Je höhere Wellen sie schlagen, desto besser.« »Ich dachte, du überlässt es mir«, sagte Lizzie. Er beugte sich in seinem Sessel vor. »Also hilfst du?« »Natürlich helfe ich«, sagte sie. »Auf jeden Fall werde ich es nach Kräften versuchen.« »Danke«, sagte Allbeury. »Ich habe ja noch gar nichts getan.« Sie dachte kurz nach. »Wissen wir denn mit Gewissheit, dass Irina noch im Land ist? Dass man sie nicht schon nach Rumänien zurückgeschickt hat?« »Keenan sagt, dass sie gar nicht mehr so sicher sind, dass Irina tatsächlich aus Rumänien kam. Tony Patston hat ihnen über die Frau, die ihnen Irina verkauft hat, erzählt, was er wusste – in der Hoffnung, dass es ihm vor Gericht mildernde Umstände einbringt.« »Verkauft«, wiederholte Lizzie leise. »Joanne Patston hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als Mutter zu werden«, sagte Allbeury. »Wenn dieser Mistkerl von Vater nicht gewesen wäre, hätte Irina großes Glück gehabt, dass sie zu ihr gekommen war.« »Wahrscheinlich besteht keine Hoffnung, dass man der Großmutter erlaubt, Irina zu adoptieren?« »Sandra Finch? Sie ist zu alt«, sagte Allbeury. »Was ist mit einer Pflegschaft?«, »Genau das hat Mrs Finch Keenan vorgeschlagen.« »Gut.« Lizzie nickte. »Scheint die beste Strategie zu sein, meinst du nicht?« »Was immer du für richtig hältst.« »Du hilfst doch auch, oder?«, fragte Lizzie. »Versuch mal, mich davon abzuhalten«, sagte Allbeury., 123.

A n einem windigen, sonnigen Nachmittag im April, drei Monate, nachdem Lizzies erster Artikel im Daily Express

erschienen und Irina Patston zum neuesten cause célèbre der Zeitung geworden war, wurde ein sechsjähriges Mädchen mit großen, wachsamen, fast schwarzen Augen – klein für ihr Alter, aber kräftig und gesund – in ihr neues Pflegeheim geführt. Sandra Finch hatte Irina in den vergangenen paar Wochen mehrmals sehen dürfen, aber nichtsdestotrotz Angst vor diesem Augenblick gehabt und befürchtet, Irina – die in ihrem jungen Leben schon so viele radikale Veränderungen hinter sich hatte – könne ängstlich reagieren. Sie hätte sich die Sorgen sparen können. Der Flur des Hauses war mit Ballons, Blumen und einigen der zahllosen Stofftiere geschmückt, die Express-Leser Irina geschickt hatten, doch in dem Augenblick, als das kleine Mädchen die Frau sah, die sie fast ihr Leben lang kannte, interessierte sie nichts anderes mehr. »Omi!« Sandra streckte beide Arme aus, um sie zu begrüßen. Die Party, die die Zeitung am darauf folgenden Wochenende gab, fiel kleiner aus als zunächst beabsichtigt, nachdem Lizzie um Irinas willen ein Machtwort gesprochen und der Verleger Einsicht gezeigt hatte. »Aber niemand anders bekommt Fotos«, sagte er. »Außer der Familie«, sagte Lizzie. »Das versteht sich von selbst.« Lizzie und die Kinder waren zu der Party eingeladen, was nur, logisch erschien, nachdem sie alle – besonders Robin – engagiert dafür gekämpft hatten, Irina dorthin zurückzuholen, wohin sie gehörte. Keenan und Karen Dean hatten die Einladung abgelehnt, weil sie befürchteten, ihre Anwesenheit könne bei dem kleinen Ehrengast schmerzliche Erinnerungen wachrufen. Gleiches galt für Christophers Freundin, die Ärztin Anna Mellor, die mit einem beachtlichen Hilfsangebot auf Lizzie zugekommen war, nachdem diese ihre Kampagne begonnen hatte. »Wo ist Robin?«, fragte Edward seine Mutter zehn Minuten, nachdem sie eingetroffen waren. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Vielleicht schafft er es nicht.« »Er kommt«, sagte Jack. Lizzie warf ihm einen Blick zu, überrascht von der felsenfesten Überzeugung in seiner Stimme. »Ich habe nur gesagt, er kommt, Mom, das ist alles«, betonte Jack. Kaum eine Minute später klingelte es an der Tür. »Sag ich doch«, meinte Jack. Sandra ging an die Tür, neben sich Irina, die ihre Hand hielt. Allbeury war nicht alleine. In seine Arme geschmiegt lag ein kleiner Spanielwelpe. Irina blickte mit großen Augen zu ihm hoch. »Ich glaube, das ist deiner, Irina«, sagte Allbeury. »Du wusstest davon, nicht wahr?«, sagte Lizzie vorwurfsvoll zu Jack. Dann drehte sie sich wieder zu Allbeury um und lächelte.]
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Kalifornien im Jahre 2025. Durch Psychodrogen aufgeputschte, marodierende Banden terrorisieren das Land; die meisten Menschen haben sich längst in kleine, nach außen abgeschottete Gemeinschaften zurückge- zogen. Lauren Olamina, eine junge schwarze Frau, macht sich auf die gefährliche Reise nach Nord
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