Herunterladen: James Clavell Gai-Jin

James Clavell Gai-Jin Inhaltsangabe 1862: Noble House Hongkong, das mächtige Familienunternehmen der Struans, hat an der japanischen Küste in Yokohama eine Niederlassung gegründet. Isoliert und von den Japanern argwöhnisch beobachtet, lebt ein bunt zusammengewürfel- tes Häufchen Ausländer in einer umzäunten Siedlung. Immer wieder kommt es zu Überfällen auf die Gai-Jin, die Fremden, denn eine Gruppe fanatischer Samu- rai kann sich mit der Öffnung Japans nicht abfinden. Die verhaßten Fremden sind in ihrem blutigen Machtspiel willkommene Schachfiguren. An einem Septembermorgen greifen zwei Samura...
Autor Anonym
Downloads: 0 Abrufe 0

Dokumentinhalt

James Clavell

Gai-Jin

,

Inhaltsangabe

1862: Noble House Hongkong, das mächtige Familienunternehmen der Struans, hat an der japanischen Küste in Yokohama eine Niederlassung gegründet. Isoliert und von den Japanern argwöhnisch beobachtet, lebt ein bunt zusammengewürfel- tes Häufchen Ausländer in einer umzäunten Siedlung. Immer wieder kommt es zu Überfällen auf die Gai-Jin, die Fremden, denn eine Gruppe fanatischer Samu- rai kann sich mit der Öffnung Japans nicht abfinden. Die verhaßten Fremden sind in ihrem blutigen Machtspiel willkommene Schachfiguren. An einem Septembermorgen greifen zwei Samurai in der Nähe von Yokohama eine Gruppe Ausländer an. Dabei wird Malcolm Struan, ältester Sohn und Erbe des Noble House, schwer verwundet. Tag und Nacht wacht die schöne Französin Angélique Richaud an seinem Krankenbett, nicht ohne Hintergedanken, denn das mittellose Mädchen will heiraten – reich heiraten. Malcolm verfällt ihr und schlägt alle Warnungen seiner Mutter Tess Struan in den Wind. Als sein Vater tot ist und Malcolm der neue Tai-Pan wird, heiratet er Angélique, stirbt aber in der Hochzeitsnacht. Angélique ist entschlossen, sein Erbe anzutreten, doch dagegen setzt sich Tess Struan mit allen Mitteln zur Wehr., Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege und Elke vom Scheidt Ungekürzte Ausgabe Titel der Originalausgabe: Gai-Jin Originalverlag: Delacorte Press, New York Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH Taschenbuchausgabe 6/95 Copyright © 1993 der Originalausgabe bei James Clavell Copyright © 1993 der deutschsprachigen Ausgabe bei C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagentwurf: Design Team München Umschlagfoto: Torij Kiyomitsu Druck: Eisnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 42947 Herstellung: Ludwig Weidenbeck Made in Germany ISBN 3-442-42947-1 www.goldmann-verlag.de57910864Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺, Dieser Roman ist für Dich, wer immer Du auch bist, in tiefer Dankbarkeit – denn ohne Dich würde, könnte der Schriftsteller in mir nicht existieren …,

GAI-JIN

bedeutet Ausländer und spielt im Jahre 1862 in Japan. Der Roman ist nicht Geschichte, sondern Fiktion. Viele der geschilderten Ereig- nisse haben tatsächlich stattgefunden, wie man bei Historikern und in Geschichtsbüchern nachlesen kann, die auch nicht unbedingt immer berichten, was sich wirklich zugetragen hat. Er handelt auch weder von realen Personen, die gelebt oder angeblich gelebt haben, noch von einer realen Firma. Könige, Königinnen und Kaiser sind ebenso korrekt benannt wie einige Generäle und andere hochste- hende Persönlichkeiten. Von ihnen abgesehen habe ich mit der Ge- schichte gespielt – dem Wo und Wie und Wer und Warum und Wann –, um sie meiner eigenen Realität anzupassen und vielleicht auch die wahre Version dessen zu erzählen, was sich zugetragen hat., DIE WICHTIGSTEN PERSONEN Die Gai-Jin MALCOLM STRUAN, 20, ältester Sohn und designierter Nachfolger von CULUM STRUAN, 42, gegenwärtiger Tai-Pan von STRUAN'S, des Noble House, und Sohn von DIRK STRUAN, Gründer des Handelshauses TESS STRUAN, 37, Ehefrau von CULUM STRUAN, Tochter von TYLER

BROCK

GORDON CHEN, 48, ›Illustrious‹ Chen, Comprador von STRUAN'S in Hongkong, illegitimer Sohn von DIRK STRUAN JAMIE MCFAY, 39, Geschäftsführer von STRUAN'S in Japan MAUREEN ROSS, 28, seine Verlobte DR. RONALD HOAG, 50, Hausarzt der Familie STRUAN TYLER BROCK, 72, Tai-Pan und Gründer von BROCK AND SONS SIR MORGAN BROCK, 48, sein Sohn, Stiefbruder von TESS STRUAN NORBERT GREYFORTH, 39, Geschäftsführer von BROCK'S in Japan SIR WILLIAM AYLESBURY, 47, britischer Gesandter in Japan DR. GEORGE BABCOTT, 28, Stellvertreter von SIR WILLIAM und Arzt PHILLIP TYRER, 21, Diplomat und angehender Dolmetscher der briti- schen Gesandtschaft ADMIRAL CHARLES KETTERER, 46, Kommandeur der britischen Flotte in Japan LIEUTENANT JOHN MARLOWE, 28, Kapitän der H.M.S. Pearl SETTRY PALLIDAR, 24, Captain der Dragoons DIMITRI SYBORODIN, 38, amerikanischer Kaufmann kosakischer Ab- stammung EDWARD GORNT, 27, Gentleman, Kaufmann aus Shanghai, stammt aus Virginia HEATHERLY SKYE, 41, einziger Anwalt in Japan HENRI BONAPARTE SERATARD, 41, französischer Gesandter in Japan, ANDRÉ EDOUARD PONCIN, 38, Kaufmann, geheimer Informant der französischen Gesandtschaft GRAF ALEXEJ SERGEJEW, 35, zaristischer Gesandter in Japan ANGÉLIQUE RICHAUD, 18, Tochter von GUY RICHAUD, einem französi- schen Kaufmann in China, Mündel des französischen Gesandten in Japan Die Japaner HERR TORANACA YOSHI, 26, Nachfahre von SHŌGUN TORANAGA, Mit- glied im Rat der Ältesten, Vormund des minderjährigen Shōgun KOIKO, 22, taju, ranghöchste Geisha, seine ai-jin (›geliebte Person‹) DAME HISAKO, 29, seine Gemahlin INEJIN, 42, Gastwirt und sein Meisterspion MISAMOTO, 31, Fischer, Sträfling, angeblicher Samurai, sein englisch- sprechender Dolmetscher SHŌGUN NOBUSADA, 16, 14. Shōgun aus der Toranaga-Linie PRINZESSIN YAZU, 16, seine Gemahlin, Stiefschwester des KAISERS

KOMEI

HERR ANJO, 46, Daimyo von Kii, Vorsitzender des Rates der Ältes- ten HERR SANJIRO, 42, Daimyo von Satsuma KATSUMATA, 36, sein Ratgeber, auch ›Der Rabe‹ genannt, heimlicher Anführer der Shishi HERR OGAMA, 28, Daimyo von Choshu HERR HIRO, 28, Daimyo von Tosa WAKURA, 46, Großkanzler am Kaiserlichen Hof in Kyōto MEIKIN, 33, KOIKOS Mama-san in der Herberge ›Glyzinie‹ RAIKO, 42, Mama-san in der Herberge ›Zu den drei Karpfen‹ FUJIKO, 17, Kurtisane, PHILLIP TYRERS ai-jin NEMI, 23, Kurtisane, JAMIE MCFAYS ai-jin HINODEH, 24, Kurtisane, ANDRÉ PONCINS ai-jin, DIE SHISHI (›mutige Personen‹), aufrührerische idealistische Samurai, fanatische Fremdenhasser HIRAGA, 22, Anführer der Choshu-Shishi, auch UKIYA, NAKAMA oder OTAMI genannt AKIMOTO, 24, Shishi aus Choshu und HIRAGAS Vetter ORI, 17, Anführer der Satsuma-Shishi SHORIN, 19, sein Stellvertreter SUMOMO, 16, SHORINS Schwester und HIRAGAS zukünftige Ehefrau, ebenfalls eine Shishi, ERSTES BUCH, Yokohama 14. September 1862

Das junge, von panischer Angst getriebene Mädchen galoppierteventre-à-terre über unsichere Fußpfade durch die Reissümpfe

und -felder in Richtung Küste zurück, die eine halbe Meile entfernt war. Die Nachmittagssonne brannte heiß. Sie ritt im Damensitz und vermochte sich, obwohl sie eigentlich eine gute Reiterin war, kaum im Sattel zu halten. Den Hut hatte sie verloren, ihr grünes Reitkleid nach der neuesten Pariser Mode war blutbesudelt und von Brombeersträuchern zerfetzt, ihr langes, lohfarbenes Haar weh- te im Wind. Mit der Peitsche trieb sie ihr Reittier an. Jetzt konnte sie die win- zigen Hütten des Fischerdorfs Yokohama außerhalb der hohen Umzäunung und der Kanäle sowie die Türme der zwei kleinen Kir- chen innerhalb der Ausländer-Niederlassung sehen und wußte er- leichtert, daß in der Bucht dahinter britische, französische, amerika- nische und russische Handelsschiffe und ein Dutzend Kriegsschiffe lagen, die unter Dampf oder Segel fuhren. Schneller. Über die schmalen Holzbrücken der Kanäle und Be- wässerungsgräben, die Reisfelder und -sümpfe durchzogen. Ihr Pferd war schweißbedeckt, hatte eine tiefe Wunde an der Schulter und er- müdete zusehends. Es scheute. Ein kritischer Moment, aber sie fing sich und bog auf den Pfad ein, der durch das Dorf zur Brücke über den Kanal und zum Haupttor mit der Wachstube der Samurai, und dem japanischen Zollhaus führte. Die mit zwei Schwertern bewaffneten Samurai sahen sie kommen und traten vor, um sie aufzuhalten, aber sie jagte zwischen ihnen hindurch in die breite Hauptstraße der Niederlassung hinein. Einer der Samurai-Wachposten lief los, um einen Offizier zu holen. Keuchend zügelte sie ihr Pferd. »Au secours… aidez-moi, Hilfe!« Die Promenade war nahezu menschenleer; die meisten Bewohner hielten Siesta, saßen gähnend in ihren Kontoren oder vergeudeten ihre Zeit in den Freudenhäusern außerhalb des Zaunes. »Hiiilfe!« rief sie immer wieder, bis die wenigen Männer, die zu sehen waren – zumeist britische Händler, dienstfreie Soldaten und Matrosen, aber auch einige chinesische Dienstboten –, erschreckt aufblickten. »Allmächtiger, seht doch! Die kleine Französin…« »Was ist los? Himmel, seht euch ihre Kleider an…« »Großer Gott, die ist ja voll Blut!« Alle eilten auf sie zu, bis auf die Chinesen, die – nach Jahrtausen- den immer neuer Widrigkeiten – einfach verschwanden. An den Fenstern tauchten Gesichter auf. »Charlie, hol Sir William, schnell!« »Allmächtiger, dieses Pferd, das arme Vieh, blutet ja, jemand soll den Tierarzt holen«, rief ein korpulenter Händler. »Und du, Soldat, hol sofort den General und den Franzmann, sie ist sein Mündel – den französischen Gesandten, um Gottes willen, schnell!« Ungedul- dig deutete er auf ein flaches Gebäude, auf dem die französische Flagge wehte. »Mach schon!« brüllte er, und der Soldat lief los, während er selbst so schnell wie möglich auf das verletzte Mädchen zuwatschelte. Wie alle Kaufleute trug er Zylinder, Gehrock, enge Hose und Stiefel und schwitzte in der heißen Sonne. »Was ist denn um Himmels willen geschehen, Miß Angélique?« fragte er und griff nach ihrem Zügel, entgeistert über den Schmutz und das Blut, mit denen ihr Gesicht, ihre Kleidung und ihr Haar bespritzt waren., »Sind Sie verletzt?« »Moi, non… nein, ich glaube nicht, aber wir wurden attackiert… Japaner haben uns angegriffen.« Immer noch unter Schock versuch- te sie, zu Atem zu kommen, nicht mehr zu zittern, und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Erregt deutete sie landeinwärts nach Westen, wo am Horizont undeutlich der Fujijama zu sehen war. »Da hinten, schnell, sie brauchen Hilfe!« Alle, die in der Nähe standen, waren entsetzt und begannen die wenigen, bruchstückhaften Informationen lautstark an andere wei- terzugeben und dafür Fragen zu stellen: Wer? Wer wurde angegrif- fen? Franzosen oder Briten? Angegriffen? Wo? Wieder diese Hunde mit den zwei Schwertern! Wo zum Teufel ist das passiert…? Fragen folgten auf Fragen und ließen ihr weder Zeit, etwas zu er- widern, noch hätte sie zusammenhängend antworten können, denn während die Leute sich immer dichter um sie drängten, mußte sie noch immer mühsam um Atem ringen. Immer mehr Männer ka- men auf die Straße heraus, viele bereits mit Pistolen und Musketen bewaffnet, einige mit den neuesten amerikanischen Hinterladern. Einer dieser Männer, ein breitschultriger, bärtiger Schotte, kam die Treppe eines imposanten zweigeschossigen Hauses heruntergelau- fen, über dessen Portal ›Struan and Company‹ geschrieben stand, und bahnte sich durch die aufgeregte Menge einen Weg zu ihr. »Ruhe, Himmel noch mal, Ruhe!« rief er laut, und dann, in der unvermittelten Stille: »Erzählen Sie, was geschehen ist! Wo ist der junge Mr. Struan?« »O Jamie, je… Ich, ich…« Das verwirrte junge Mädchen versuchte verzweifelt, sich zu fassen. Er hob die Hand und tätschelte ihr wie einem Kind beruhigend die Schulter; er bewunderte sie ebenso sehr wie alle anderen. »Keine Sorge, Sie sind in Sicherheit, Miß Angélique. Lassen Sie sich Zeit. Machen Sie ihr doch um Gottes willen ein bißchen Platz!« Jamie McFay war neununddreißig und Hauptgeschäftsführer von Struan's, in Japan. »Und nun erzählen Sie uns, was geschehen ist.« Das blonde Haar zerzaust, wischte sie sich die Tränen ab. »Wir… wir wurden angegriffen, von Samurai«, berichtete sie mit ganz klei- ner Stimme und bezauberndem Akzent. Alle reckten den Hals, um besser hören zu können. »Wir waren… Wir waren auf der… auf der großen Straße…« Wieder zeigte sie landeinwärts. »Da hinten.« »Der Tokaidō?« »Der Tokaidō, ja…« Diese große Küsten-, Haupt- und Zollstraße, etwas mehr als eine Meile westlich der Niederlassung, verband Edo, die verbotene Stadt des Shōgun, die zwanzig Meilen weiter nördlich lag, mit dem übrigen Japan, das für die Ausländer ebenfalls verbo- ten war. »Wir ritten…« Sie zögerte, dann sprudelten die Worte aus ihr heraus: »Mr. Canterbury und Phillip Tyrer und Malcolm… Mr. Struan und ich ritten auf der Straße entlang, und dann kamen ein paar… eine lange Kolonne von Samurai mit Fahnen, und wir warte- ten, um sie vorbeizulassen, und dann… dann fielen zwei von ihnen über uns her, sie haben M'sieur Canterbury verletzt und Malcolm – Mr. Struan – angegriffen, der hatte seine Pistole gezogen, und Phil- lip, der rief mir zu, daß ich fliehen soll, Hilfe holen.« Wieder fing sie an zu zittern. »Schnell, schnell, sie brauchen Hilfe!« Schon liefen Männer zu ihren Pferden und holten weitere Waf- fen. Zornige Rufe ertönten: »Jemand soll das Militär alarmieren…« »Samurai haben John Canterbury, Struan und diesen jungen Ty- rer überfallen, auf der Tokaidō angegriffen.« »O Gott, die Samurai haben ein paar von unseren Jungs umge- bracht.« »Wo ist das passiert?« rief Jamie McFay in dem allgemeinen Lärm und versuchte seine hektische Ungeduld zu zügeln. »Können Sie mir ganz genau die Stelle beschreiben, wo das passiert ist?« »Am Straßenrand, vor Kana… Kana irgendwas.« »Kanagawa?« fragte er. Es war der Name einer kleinen Zwischen- station, eines Fischerdorfes an der Tokaidō, eine Meile quer über, die Bucht, auf der Küstenstraße etwas über drei Meilen entfernt. »Oui – ja. Kanagawa! Beeilt euch!« Gesattelte Pferde wurden aus den Struan-Ställen geholt. Jamie hängte sich ein Gewehr über die Schulter. »Keine Sorge, wir werden sie schnell finden. Aber Mr. Struan? Haben Sie gesehen, ob er ent- kommen ist – ob er verletzt ist?« »Non. Ich habe gar nichts gesehen, nur den Anfang, der arme M'sieur Canterbury, er… Ich war direkt neben ihm, als sie…« Die Tränen strömten. »Ich habe nicht zurückgesehen, ich habe ge- horcht, ohne… um Hilfe zu holen.« Ihr Name war Angélique Richaud. Sie war erst achtzehn. Und heute war sie zum erstenmal außerhalb der Umzäunung gewesen. McFay sprang in den Sattel und sprengte davon. Allmächtiger, dachte er verzweifelt, seit einem Jahr oder mehr haben wir keinen Ärger mehr gehabt, sonst hätte ich sie niemals losreiten lassen. Ich bin verantwortlich, Malcolm ist der rechtmäßige Erbe, und ich bin verantwortlich! O Gott, was zum Teufel ist passiert? John Canterbury am Straßenrand der Tokaidō zu finden, gelang dem Kavallerieoffizier mit drei seiner Dragoner und einem Dutzend Kaufleuten sehr schnell; ihn zu identifizieren, fiel ihnen jedoch sehr viel schwerer. Er war geköpft worden, und überall um ihn herum verstreut lagen Teile seiner Gliedmaßen. Sein Körper war mit tiefen Schwertwunden übersät, von denen jede einzelne ihm den Tod ge- bracht hätte. Von Tyrer und Struan war nichts zu sehen. Keiner der Passanten wußte etwas über den Mord. »Ob die anderen beiden entführt worden sind, Jamie?« erkundigte sich ein Amerikaner nervös. »Ich weiß es nicht, Dimitri.« McFay versuchte seine Gedanken zu sammeln. »Jemand sollte zurückreiten, Sir William benachrichtigen und… ein Leichentuch oder einen Sarg holen.« Mit schneeweißem, Gesicht musterte er die vorüberziehenden Menschen, die es vermie- den, in seine Richtung zu blicken, und dennoch alles registrierten. Die gut instand gehaltene Straße aus festgestampfter Erde war be- lebt von Reisenden, die in zwei disziplinierten Reihen von Edo ka- men oder nach Edo wollten: Männer, Frauen und Kinder jeglichen Alters, reich und arm, bis auf vereinzelte Chinesen ausschließlich Japaner. Zum größten Teil Männer, bekleidet mit Kimonos in allen mögli- chen Variationen und den unterschiedlichsten Hüten aus Tuch und Stroh. Kaufleute, halbnackte Lastenträger, Buddhistenpriester in orangefarbenen Roben, Bauern, die zum Markt oder nach Hause gingen, wandernde Wahrsager, Schreiber, Lehrer und Dichter. Zahl- reiche Sänften und Tragen aller Art für Personen oder Waren mit zwei, vier, sechs oder acht Trägern. Die wenigen stolzen Samurai in der Menge starrten sie finster an, als sie vorüberkamen. »Die wissen, wer es war, sie wissen es alle«, sagte McFay. »Natürlich. Matyeryebitz!« Dimitri Syborodin, der Amerikaner, ein massiger, braunhaariger Vierzigjähriger in groben Kleidern und ein Freund von Canterbury, schäumte vor Wut. »Wäre verdammt noch mal leicht, einen von ihnen zum Reden zu bringen.« Dann entdeckten sie etwa ein Dutzend Samurai, die in einiger Entfernung auf der Straße standen und sie beobachteten. Viele trugen Bogen bei sich, und alle Ausländer wußten, wie geschickt Samurai-Bogen- schützen waren. »Ganz so leicht nicht, Dimitri«, widersprach McFay. Pallidar, der junge Dragoneroffizier, sagte energisch: »Fertig wird man leicht mit denen, Mr. McFay, ohne Genehmigung jedoch wäre es nicht geraten – es sei denn, sie greifen uns an.« Dann komman- dierte er einen seiner Dragoner ab, ein Detachement mit einem Sarg aus dem Lager zu holen. »Sie sollten das umliegende Gelände durchsuchen. Sobald meine Männer eintreffen, werden sie Ihnen helfen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die beiden anderen ver-, wundet sind und sich hier irgendwo in der Nähe befinden.« Schaudernd deutete McFay auf den Leichnam. »Oder vielleicht tot wie er?« »Möglich, aber hoffen wir das Beste. Sie drei nehmen diese Seite, die anderen verteilen sich und…« »Je, Jamie«, unterbrach ihn Dimitri, dem Uniformen und Solda- ten, vor allem britische, verhaßt waren. »Wie wär's, wenn wir beide nach Kanagawa weiterreiten – vielleicht wissen die in unserer Ge- sandtschaft etwas.« Pallidar ignorierte seine Feindseligkeit, hatte sogar Verständnis da- für. Dimitri war Amerikaner kosakischer Abstammung, ein ehemali- ger Kavallerieoffizier der U.S. Army, dessen Großvater im amerika- nischen Krieg von 1812 im Kampf gegen die Briten gefallen war. »Kanagawa ist eine gute Idee, Mr. McFay«, sagte er. »Dort wird man auf jeden Fall Näheres über eine große Truppe Samurai wis- sen, die hier durchgezogen ist, und je schneller wir die Schuldigen finden, desto besser. Der Angriff muß von einem ihrer Könige oder Fürsten befohlen worden sein. Diesmal werden wir den Bastard fest- nageln, und dann gnade ihm Gott.« »Gott lasse alle Bastarde verfaulen«, ergänzte Dimitri betont. Wieder ließ sich der prächtig uniformierte Captain nicht provo- zieren, ließ es aber auch nicht durchgehen. »Ganz recht, Mr. Sybo- rodin«, entgegnete er lässig. »Und jeder, der mich einen Bastard schimpft, sollte sich schnell einen Sekundanten, eine Pistole, ein Leichentuch und jemanden besorgen, der ihn beerdigt. Mr. McFay, Sie haben noch viel Zeit bis zum Sonnenuntergang. Ich werde hier bleiben, bis meine Männer wiederkommen, dann werden wir uns an der Suche beteiligen. Wenn Sie in Kanagawa etwas erfahren, ge- ben Sie mir bitte Nachricht.« Er war vierundzwanzig und vergötter- te sein Regiment. Mit kaum verhohlener Verachtung musterte er die bunte Schar der Kaufleute. »Die übrigen von Ihnen, meine… Herren…, sollten jetzt mit der Suche beginnen; verteilen Sie sich,, halten Sie aber Sichtkontakt. Brown, Sie gehen mit der Gruppe und durchsuchen den Wald. Sergeant, Sie übernehmen den Befehl.« »Jawohl, Sir. Kommen Sie mit, Sie alle!« McFay zog seinen Mantel aus und breitete ihn über den Leich- nam; dann saß er auf. Zusammen mit seinem amerikanischen Freund jagte er nordwärts auf das eine Meile entfernte Kanagawa zu. Der Dragoner blieb allein zurück. Unbeweglich saß er neben dem Leichnam auf seinem Pferd und beobachtete die Samurai. Sie starr- ten zurück. Der eine hob den Bogen ein wenig an – vielleicht eine Drohung, vielleicht auch nicht. Den Säbel locker in der Scheide, blieb Pallidar regungslos sitzen. Die Sonne funkelte auf seinen Goldtressen. Die Fußgänger auf der Tokaidō eilten stumm und ängstlich an ihm vorbei. Sein Pferd scharrte den Boden und ließ mit seinen nervösen Bewegungen das Zaumzeug klirren. Das war kein Angriff wie die anderen, die Einzelangriffe, dachte er mit wachsendem Zorn. Es wird einen Höllenaufruhr geben um diesen Angriff und diesen grausamen Mord an einem Engländer. Das bedeutet Krieg. Wenige Stunden zuvor waren die vier am Zollhaus vorbei durchs Haupttor hinausgeritten, hatten nachlässig die Samurai-Wachtpos- ten gegrüßt, die sich ebenso nachlässig verneigten, und waren auf schmalen Pfaden gemächlich landeinwärts in Richtung Tokaidō ge- trabt. Alle waren hervorragende Reiter mit schnellen Pferden. Angélique zu Ehren trugen sie ihre besten Zylinder und Reitanzü- ge und wurden von jedem Mann in der Niederlassung beneidet: einhundertsiebzehn ansässige Europäer, Diplomaten, Kaufleute, Schlachter, Geschäftsinhaber, Schmiede, Schiffbauer, Waffenschmie- de, Abenteurer, Glücksspieler sowie zahlreiche Taugenichtse und Müßiggänger; die meisten Briten, die Angestellten Eurasier und, Chinesen, dann einige Amerikaner, Franzosen, Holländer, Deut- sche, Russen, Australier und ein Schweizer; unter ihnen nur drei Frauen, alles Matronen, davon zwei Engländerinnen – Ehefrauen von Kaufleuten –, die dritte eine Madame in Drunk Town, wie das Viertel der niederen Klasse genannt wurde. Keine Kinder. Fünfzig bis sechzig chinesische Dienstboten. John Canterbury, ein gutaussehender britischer Kaufmann mit zerfurchtem Gesicht, diente ihnen als Führer. Zweck des Unterneh- mens war es, Phillip Tyrer den Landweg nach Kanagawa zu zeigen, wo von Zeit zu Zeit Verhandlungen mit japanischen Amtsträgern stattfanden, weil es innerhalb des vereinbarten Niederlassungsbe- reichs lag. Der einundzwanzigjährige Tyrer war erst am Tag zuvor als frischgebackener Dolmetscher-Anwärter der britischen Gesandt- schaft via Peking und Shanghai aus London eingetroffen. Am Morgen hatte Malcolm Struan, als er im Club das Gespräch der beiden hörte, gebeten: »Darf ich mitkommen, Mr. Canterbury, Mr. Tyrer? Es ist ein wundervoller Tag für einen Ausritt, und ich möchte Miß Richaud bitten, sich uns anzuschließen – sie hat über- haupt noch nichts von der Umgebung gesehen.« »Es wäre uns eine Ehre, Mr. Struan.« Canterbury dankte seinem Glücksstern. »Sie sind uns beide herzlich willkommen. Es ist ein schöner Ritt, aber zu sehen wird's nicht viel geben – für die Lady.« »Eh?« hatte Tyrer ihn gefragt. »Kanagawa ist seit Jahrhunderten ein vielbesuchter Handelsplatz und Zwischenstation für Reisende von und nach Edo. Es gibt dort eine Menge Teehäuser, wie hier die meisten Bordelle genannt wer- den. Einige davon lohnen durchaus einen Besuch, obwohl wir nicht immer so willkommen sind wie in unserer eigenen Yoshiwara hinterm Sumpf.« »Freudenhäuser?« hatte Tyrer gefragt. Die beiden anderen lachten über seine Miene. »Genau das, Mr. Tyrer«, hatte Canterbury geantwortet. »Aber nicht so wie die Hu-, renhäuser oder Bordelle in London oder sonstwo auf der Welt, die- se sind etwas Besonderes. Das werden Sie bald feststellen, obwohl es hier üblich ist, eine eigene Konkubine zu haben, wenn man sich das leisten kann.« »Das könnte ich mir niemals leisten«, behauptete Tyrer. Canterbury lachte. »Vielleicht doch. Der Wechselkurs steht Gott sei Dank zu unseren Gunsten! Townsend Harris, dieser alte Yankee, war ein gerissener alter Bastard.« Bei diesem Gedanken strahlte er. Harris war der erste amerikanische Gesandte gewesen, ernannt zwei Jahre, nachdem Commodore Perry zuerst '52 und dann '53 mit sei- nen vier Schwarzen Schiffen – den ersten Dampfschiffen in japani- schen Gewässern – die Öffnung Japans zur Außenwelt erzwungen hatte. Vor vier Jahren hatte Townsend nach jahrelangen Verhand- lungen Verträge aufgesetzt, die später von Major Powers ratifiziert wurden und den Zugang zu bestimmten Häfen garantierten. Darü- ber hinaus setzten die Verträge einen äußerst vorteilhaften Wechsel- kurs zwischen dem Silber-Mex – dem mexikanischen Silberdollar, die allgemeine Wechsel- und Handelswährung in Asien – und dem japanischen Gold-oban fest, wobei man sein Geld verdoppeln oder verdreifachen konnte, indem man den Mex in oban und diese dann wieder in Mex umtauschte. »Wir essen zeitig zu Mittag, dann reiten wir los«, erklärte Canter- bury. »Dann sind wir rechtzeitig zum Abendessen wieder zurück, Mr. Struan.« »Ausgezeichnet. Vielleicht leisten Sie beide mir im Speisesaal un- serer Compagnie Gesellschaft? Ich gebe eine kleine Party für M'selle Richaud.« »Herzlichen Dank. Geht es dem Tai-Pan besser?« »Danke, viel besser. Mein Vater ist wieder fast ganz gesund.« Die Post von gestern lautete aber anders, hatte John Canterbury beunruhigt gedacht, denn was das Noble House betraf – der Beina- me, unter dem Struan and Company überall in der Welt bekannt, war –, betraf sie alle. Es geht das Gerücht, dein alter Herr hätte ei- nen weiteren Schlaganfall erlitten. Macht nichts, es kommt nicht oft vor, daß ein Mann wie ich Gelegenheit hat, mit einem echten zukünftigen Tai-Pan und einem Engel wie ihr zu sprechen. Das wird ein wundervoller Tag! Als sie unterwegs waren, wurde er sogar noch umgänglicher. »Ach, Mr. Struan, Sie… werden Sie lange bleiben?« »Etwa eine Woche noch, dann geht's wieder nach Hause zurück, nach Hongkong.« Struan war der größte und stärkste von den drei- en. Blaßblaue Augen, langes, zum Zopf gebundenes rötlich-braunes Haar und alt für seine zwanzig Jahre. »Es gibt keinen Grund, länger zu bleiben, bei Jamie McFay ist unsere Firma in guten Händen. Er hat uns erstklassige Dienste geleistet, als er Japan für uns öffnete.« »Ein großartiger Mann, Mr. Struan, das ist er wirklich. Der Beste. Wird die Lady mit Ihnen abreisen?« »Ach, Miß Richaud. Ich glaube, sie wird mit mir zurückkehren – ich hoffe es wenigstens. Ihr Vater bat mich, ein Auge auf sie zu haben, obwohl sie, während sie sich hier aufhält, das Mündel des französischen Gesandten ist«, antwortete er beiläufig und tat, als be- merke er nicht, daß Tyrer eifrig in ein Gespräch – auf französisch, das er selbst nur holpernd sprach – mit Angélique vertieft und ihr schon ganz und gar verfallen war. Ich kann's ihm nicht übelneh- men, dachte er belustigt; dann spornte er sein Pferd an, um den an- deren Platz zu machen, denn vor ihnen wurde der Pfad zum Fla- schenhals. Bis auf ein paar Bambusdickichte war das Gelände eben und nur hier und da leicht bewaldet – die Bäume trugen schon Herbstfar- ben. Es wimmelte von Enten und anderem Flugwild. Reisfelder und -sümpfe wurden intensiv bewirtschaftet, eine Menge Land war kulti- viert. Überall Bäche. Und allgegenwärtig der Geruch nach menschli- chen Fäkalien, Japans einzigem Düngemittel. Angewidert hielten das junge Mädchen und Tyrer sich parfümierte Taschentücher vor, die Nase, obwohl eine kühle Brise von See her den ärgsten Gestank und die Folgen der sommerlichen Luftfeuchtigkeit, Moskitos, Flie- gen und andere Plagen, davontrug. Die fernen Hügel, dicht bewal- det, glichen einem Brokat aus Rot-, Gold- und Brauntönen: Bu- chen, rote und gelbe Lärchen, Ahorn, wilde Rhododendren, Zedern und Fichten. »Es ist wunderschön hier, nicht wahr, M'sieur Tyrer? Schade, daß wir den Fujijama nicht deutlicher sehen können.« »Oui, demain, il est là! Mais mon Dieu, M'selle, quelle odeur«, was für ein Geruch, erwiderte Tyrer in fließendem Französisch, einer für je- den Diplomaten unabdingbaren Sprache. Wie unbeabsichtigt fiel Canterbury ein wenig zurück, bis er direkt neben ihr war, und verstand es sehr geschickt, den jüngeren Mann zu verdrängen. »Alles in Ordnung, M'selle?« »O ja, vielen Dank, aber ich würde gern ein Stückchen galoppie- ren. Ich fühle mich so wohl außerhalb der Umzäunung.« Seit sie zwei Wochen zuvor mit Malcolm Struan zusammen an Bord des alle zwei Monate verkehrenden Struan-Dampfers eingetroffen war, hatte man dafür gesorgt, daß sie stets wohlbehütet war. Und mit Recht, dachte Canterbury, bei all dem Gesindel von Yo- kohama und, seien wir ehrlich, immer wieder mal einem Piraten, der sich herumtreibt. »Auf dem Rückweg können Sie eine Runde auf der Rennbahn drehen.« »O ja? Das wäre wunderbar! Danke.« »Ihr Englisch ist einfach großartig, Miß Angélique, und Ihr Ak- zent bezaubernd. Haben Sie in England die Schule besucht?« »Nein, Mr. Canterbury.« Sie lachte, und eine heiße Woge stieg in ihm auf, so erregend wirkte ihre Schönheit auf ihn. »Ich bin noch nie in Ihrer Heimat gewesen. Mein jüngerer Bruder und ich wurden von meiner Tante und meinem Onkel erzogen. Sie war Engländerin und weigerte sich hartnäckig, Französisch zu lernen. Sie war mehr eine Mutter für mich als eine Tante.« Ein Schatten huschte über ihr, Gesicht. »Das war, nachdem meine Mutter bei der Geburt meines Bruders starb und mein Vater nach Asien ging.« »Das tut mir leid.« »Es ist lange her, M'sieur, und für mich ist meine geliebte Tante meine Mama.« Ihr Pferd zerrte an den Zügeln. Ohne nachzudenken korrigierte sie es. »Ich hatte großes Glück.« »Ist dies Ihr erster Besuch in Asien?« erkundigte er sich, obwohl er die Antwort und noch sehr viel mehr kannte, aber er wollte, daß sie weitersprach. Die bruchstückhaften Informationen über sie – Klatsch, Gerüchte – hatten sich mit Lichtgeschwindigkeit unter den ihr verfallenen Männern verbreitet. »Ja.« Ihr Lächeln ließ seine Augen aufleuchten. »Mein Vater ist ein Chinakaufmann in Ihrer Kolonie Hongkong, und ich bin wäh- rend der Saison bei ihm zu Besuch. Da er ein Freund von M'sieur Seratard hier ist, hat er diesen Besuch für mich arrangiert. Vielleicht kennen Sie ihn ja, Guy Richaud von Richaud Frères?« »Aber gewiß, ein sehr netter Gentleman«, antwortete er höflich, obwohl er ihn nicht persönlich kannte, sondern nur gehört hatte, was andere über ihn erzählten: daß dieser Guy Richaud eine Art Weiberheld und unbedeutender Ausländer war, der seit einigen Jah- ren in Asien lebte und sich seinen Lebensunterhalt recht mühsam verdiente. »Wir fühlen uns geehrt, daß Sie uns hier einen Besuch abstatten. Würden Sie mir erlauben, Ihnen zu Ehren im Club ein Dinner zu geben?« »Vielen Dank, ich werde M'sieur Seratard, meinen Gastgeber, fra- gen.« Angélique sah, wie Struan weiter vorn sich zu ihr umdrehte, und winkte fröhlich. »Mr. Struan war so freundlich, mich hierher zu begleiten.« »Wirklich?« Als wüßten wir das nicht alle, sagte sich Canterbury und dachte über sie nach, überlegte, wie man wohl einen solchen Schatz einfangen und festhalten und sich auch leisten konnte, frag- te sich, ob der brillante junge Struan ihn sich leisten konnte, und, dachte an die Gerüchte, die wissen wollten, daß der Kampf zwi- schen den Struans und ihren Hauptkonkurrenten Brock and Sons um die Vorherrschaft wieder aufgelebt sei, und zwar aufgrund des Amerikanischen Bürgerkriegs, der im vergangenen Jahr begonnen hatte. Der Profit wird riesig sein, nichts fördert das Geschäft so sehr wie ein Krieg, beide Seiten gehen schon wie die Wahnsinnigen aufein- ander los, und der Süden ist mehr als ein ebenbürtiger Gegner für die Union… »Sehen Sie, da vorn, Angélique!« Struan zügelte sein Pferd und zeigte voraus. In etwa hundert Metern Entfernung am Fuß einer kleinen Erhebung lag die Hauptstraße. Sie hielt neben ihm. »Ich hätte nie gedacht, daß die Tokaidō so breit und so belebt ist«, sagte Phillip Tyrer erstaunt. Angélique runzelte verblüfft die Stirn. Von ein paar Pferden abge- sehen gingen alle Reisenden zu Fuß. »Aber… Aber wo sind die Kut- schen, die Wagen oder die Karren? Und vor allem«, platzte sie her- aus, »wo sind die Bettler?« Struan lachte. »Ganz einfach, Angélique. Sie sind, genauso wie fast alles andere hier, strengstens verboten.« Er drückte sich den Zy- linder in einem etwas verwegeneren Winkel auf den Kopf. »In Japan sind Räder nicht erlaubt. Befehl des Shōgun. Keine Karren, keine Kutschen. Stellen Sie sich das vor!« »Aber warum?« »Weil es die sicherste Möglichkeit ist, die übrige Bevölkerung un- ter Kontrolle zu halten. Stimmt's?« »Allerdings.« Canterbury lachte ironisch; dann deutete er auf die Straße. »Hinzu kommt, daß jeder Hinz und Kunz da unten, ob hoch oder niedrig, Reisegenehmigungen bei sich tragen muß, selbst wenn er nur eben sein Dorf verläßt, und das gilt für die Fürsten ebenso wie für die Ärmsten. Und sehen Sie die Samurai – die einzi- gen in ganz Japan, die Waffen tragen dürfen.«, »Aber ohne Postkutschen und Eisenbahnen – wie kann das Land da überhaupt funktionieren?« Tyrer war perplex. »Auf japanische Art«, erklärte Canterbury. »Vergessen Sie nie, daß es für die Japse nur eine Art gibt, die Dinge anzupacken, und das ist ihre eigene. Die Japse sind nicht wie die anderen, schon gar nicht wie die Chinesen – eh, Mr. Struan?« »Das sind sie wirklich nicht.« »Keine Räder – nirgends, Miß. Also muß alles – Fisch, Fleisch, Baumaterial, jeder Sack Reis, jedes Stück Holz, jeder Stoffballen, je- de Teekiste, jedes Pulverfaß, jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, die es sich leisten können – auf dem Rücken eines Menschen trans- portiert werden oder per Boot, und das heißt, auf dem Seeweg, denn es gibt hier, wie man uns sagte, keine schiffbaren Flüsse, nur Tausende von kleinen Wasserläufen.« »Aber was ist mit den Niederlassungen? Dort sind Räder doch er- laubt, nicht wahr, Mr. Canterbury?« »Das sind sie, Miß, wir haben so viele Wagen, wie wir nur wollen, obwohl ihre Beamten geschimpft haben wie die verdammten… Ver- zeihung, Miß«, ergänzte er verlegen. »Wir sind hier in Asien nicht an Damen gewöhnt. Ich wollte sagen, die Japs-Beamten, bakufu ge- nannt, die sind genauso wie die Beamten bei uns. Jahrelang haben wir darüber gestritten, bis unser Gesandter ihnen gesagt hat, sie sol- len sich verp… sie sollen's vergessen, weil unsere Niederlassung un- sere Niederlassung ist! Und was die Bettler betrifft, also, die sind hier ebenfalls verboten.« Sie schüttelte den Kopf, daß die Feder an ihrem Hut fröhlich tanzte. »Das klingt unglaublich. Paris, das ist… In Paris wimmelt's von Bettlern, überall in Europa, man könnte das Betteln gar nicht verbieten. Mon Dieu, Malcolm, und was ist mit eurem Hong- kong?« »In Hongkong ist es am allerschlimmsten.« Malcolm Struan lä- chelte., »Aber wie kann man die Bettler und das Betteln verbieten?« er- kundigte sich Tyrer verständnislos. »M'selle Angélique hat natürlich recht. Ganz Europa ist eine Bettelschale. London ist die reichste Stadt der Welt, aber sie ist überschwemmt von Bettlern.« Canterbury lächelte seltsam. »Es gibt keine Bettler, weil der groß- mächtige Shōgun sagt, es wird nicht gebettelt, also ist es Gesetz. Und jeder Samurai kann jederzeit sein Schwert an jedem Bettler wetzen – oder an jedem anderen Scheißer… Pardon… oder an jedem anderen, solange er kein Samurai ist. Wenn man Sie beim Betteln erwischt, haben Sie das Gesetz übertreten, also ab ins Loch, ins Ge- fängnis, und wenn man mal dort ist, gibt es nur eine einzige Strafe, und zwar den Tod. Das ist ebenfalls Gesetz.« »Nichts anderes?« fragte das junge Mädchen entsetzt. »Leider nicht. Deswegen sind die Japaner außergewöhnlich ge- setzestreu.« Wieder lachte Canterbury ironisch, warf einen Blick auf die Straße zurück und zügelte eine halbe Meile weiter unvermittelt sein Pferd vor einem breiten, flachen Wasserlauf, den jeder Passant durchqueren mußte, es sei denn, er ließ sich tragen. Am anderen Ufer befand sich ein Schlagbaum, vor dem sie den unvermeidlichen Samurai-Wachtposten unter tiefen Verbeugungen ihre Papiere prä- sentierten. Verdammte Schweine, dachte Canterbury, weil er sie haßte, ob- wohl er das Vermögen, das er hier verdiente, durchaus liebte – ge- nau wie seinen Lebensstil, der sich um Akiko drehte, die jetzt seit einem Jahr seine Geliebte war. Ach ja, mein Schatz, du bist die Bes- te, die Außergewöhnlichste, die Liebste der ganzen Yoshiwara. »Sehen Sie doch«, sagte sie. Auf der Tokaidō hatten ganze Grup- pen von Passanten angehalten und deuteten in ihre Richtung, starr- ten sie an und redeten laut. Aus vielen Gesichtern sprachen Haß und Angst. »Beachten Sie sie einfach nicht, Miß, unser Anblick ist ihnen fremd, das ist alles, sie wissen's nicht besser. Sie sind vermutlich die, erste zivilisierte Frau, die sie jemals zu sehen bekommen haben.« Canterbury zeigte nach Norden. »Da hinten liegt Edo, ungefähr zwanzig Meilen entfernt. Aber es ist natürlich verboten.« »Es sei denn für offizielle Delegationen«, warf Tyrer ein. »Ganz recht, aber nur mit Genehmigung, und die hat Sir William kein einziges Mal erhalten, nicht, solange ich hier bin, und ich war einer der ersten. Wie es heißt, soll Edo doppelt so groß wie Lon- don sein, Miß, und über eine Million Seelen zählen und dabei über einen phantastischen Reichtum verfügen, und das Schloß des Shō- gun ist angeblich das größte von der ganzen Welt.« »Könnte das gelogen sein, Mr. Canterbury?« erkundigte sich Tyrer. Der Kaufmann strahlte. »Mächtige Lügner, alle zusammen, und das ist die reine Wahrheit, Mr. Tyrer, die besten, die's jemals gege- ben hat; neben ihnen wirken die Chinesen wie der Erzengel Gab- riel. Ich beneide Sie nicht darum, daß Sie übersetzen müssen, was die sagen, denn das wird nicht das sein, was sie meinen!« Sonst war er nicht so redselig, aber er wollte sie und Malcolm Struan, solange er die Gelegenheit dazu hatte, unbedingt mit seinem Wissen beein- drucken. Das viele Gerede hatte ihn sehr durstig gemacht. In seiner Satteltasche steckte zwar ein flacher Silberflacon, aber er sagte sich bedauernd, daß es von schlechten Manieren zeugte, wenn er vor ihren Augen Whisky aus der Flasche trank. »Könnten wir die Genehmigung erhalten, in dieses Edo hineinzu- reiten, Malcolm?« erkundigte sie sich. »Das möchte ich bezweifeln. Warum fragen Sie nicht M'sieur Se- ratard?« »Das werde ich.« Wie sie bemerkte, hatte er den Namen korrekt ausgesprochen, ohne das ›d‹, wie sie es ihn gelehrt hatte. Gut, dach- te sie und richtete den Blick wieder auf die Tokaidō. »Wo endet sie eigentlich, diese Straße?« Nach einer merkwürdigen Pause antwortete Canterbury: »Das wis-, sen wir nicht. Das ganze Land ist uns ein Rätsel, und die Japse wol- len anscheinend, daß das so bleibt. Sie mögen uns nicht, keinen von uns. Gai-Jin nennen sie uns, Ausländer, Fremde.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Sie haben Japan fester geschlossen gehalten als einen Mückena… seit zweieinhalb Jahrhunderten geschlossen ge- halten, bis Old Mutton Chops Perry es vor neun Jahren aufge- sprengt hat«, erläuterte er voll Bewunderung. »Die Tokaidō endet in einer großen Stadt, heißt es, einer Art heiligen Stadt namens Kiōto oder Kyōto, wo ihr Oberpriester lebt, mikado genannt. So heilig und so geheim ist diese Stadt, daß sie für alle bis auf ein paar ganz besondere Japaner verboten ist.« »Diplomaten dürfen landeinwärts reisen«, widersprach Tyrer scharf. »Das steht im Vertrag, Mr. Canterbury.« Der Kaufmann nahm den Seidenzylinder ab, auf den er außerge- wöhnlich stolz war, und trocknete sich die Stirn – fest entschlossen, sich durch diesen jungen Mann nicht aus der Ruhe bringen zu las- sen. Du eingebildeter, kleiner Mistkerl mit deiner hochnäsigen Stimme, dachte er. Mit den Händen zerquetschen könnte ich dich und dabei nicht mal furzen müssen. »Kommt ganz drauf an, wie man den Vertrag interpretiert und ob Sie den Kopf auf den Schul- tern behalten wollen. Ich würde Ihnen raten, das vereinbarte sichere Gebiet nicht zu verlassen, und das sind ein paar Meilen nordwärts und südwärts und landeinwärts, was immer im Vertrag stehen mag – vorläufig jedenfalls, und nicht ohne ein oder zwei Regimenter.« Trotz seines guten Vorsatzes war er von der geschwungenen Kurve ihrer vollen Brüste unter der grünen, enganliegenden Jacke faszi- niert. »Wir sind hier leider festgenagelt, aber das ist nicht weiter schlimm. Genauso wie in unserer Niederlassung bei Nagasaki, zwei- hundert leagues weiter westlich.« »›Leagues‹? Das verstehe ich nicht«, sagte sie und verbarg ge- schickt ihre Belustigung und Freude über die Gelüste der Männer, die sie umgaben. »Bitte?«, »Eine league sind annähernd drei Meilen, M'selle«, erklärte Tyrer wichtigtuerisch. Er war hochgewachsen und geschmeidig, erst jüngst von der Universität gekommen und hingerissen von ihren blauen Augen und ihrer Pariser Eleganz. »Was, äh, sagten Sie, Mr. Canterbury?« Der Kaufmann riß seine Aufmerksamkeit von ihrem Busen los. »Nur, daß es auch nicht viel bringen würde, wenn die anderen Hä- fen geöffnet würden. Wenn wir einen richtigen Handel aufbauen wollen, werden wir sehr bald auch aus ihnen ausbrechen müssen, was das auch bedeuten mag.« Tyrer warf ihm einen scharfen Blick zu. »Sie meinen Krieg?« »Warum nicht? Wozu sind die Flotten da? Und die Armeen? Es funktioniert doch wunderbar – in Indien, China, überall. Wir sind das britische Empire, das größte und beste, das es jemals auf Erden gegeben hat. Wir sind hier, um Handel zu treiben, und zugleich können wir ihnen Recht und Ordnung beibringen und eine anstän- dige Zivilisation.« Verärgert über die Feindseligkeit auf der Straße warf Canterbury einen Blick zurück. »Häßliches Volk, nicht wahr, Miß?« »Mon Dieu, ich wünschte, sie würden uns nicht so anstarren.« »Ich fürchte, daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Es ist überall dasselbe. Wie Mr. Struan sagte, in Hongkong ist es am schlimmsten. Trotzdem, Mr. Struan«, fuhr er mit unvermittelter Hochachtung fort, »möchte ich Ihnen sagen, was wir hier brau- chen, ist unsere eigene Insel, unsere eigene Kolonie, und nicht ei- nen fauligen, stinkigen Meilenstreifen verrotteter Küste, der nicht zu verteidigen ist und sofort Opfer eines Überfalls sein würde, wenn wir unsere Flotte nicht hätten! Wir sollten uns auch so eine Insel holen, wie sich Ihr Granddad, Gott segne ihn, damals Hong- kong geholt hat.« »Möglicherweise werden wir genau das tun«, gab Malcolm Struan zuversichtlich zurück, voll dankbarer Erinnerung an seinen berühm-, ten Vorfahren, den Tai-Pan Dirk Struan, Begründer ihrer Compag- nie und Hauptgründer der Kolonie Hongkong vor über zwanzig Jahren anno '41. Ohne zu wissen, was er tat, holte Canterbury seinen kleinen Fla- con heraus, setzte ihn an und trank; dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und steckte den Flacon wieder ein. »Reiten wir weiter, ich werde führen. Falls notwendig, reiten wir ei- ner hinter dem anderen, und vergeßt die Japse! Mr. Struan, Sie rei- ten vielleicht neben der jungen Lady, und Mr. Tyrer, Sie überneh- men den Schluß.« Höchst zufrieden mit sich selbst spornte er sein Pferd zu einem flotten Schrittempo an. Als Angélique neben ihm aufholte, erschien ein Lächeln auf Stru- ans Gesicht. Er war vom ersten Moment an, als er sie vier Monate zuvor in Hongkong kennengelernt hatte, vom ersten Tag an, als sie eingetroffen war, um die Insel im Sturm zu erobern, unverhohlen in sie verliebt gewesen. Blondes Haar, makellose Haut, tiefblaue Augen und eine hübsche Stupsnase in einem ovalen Gesicht, das durchaus nicht niedlich war, sondern eine seltsame, atemberauben- de Attraktion ausstrahlte, sehr pariserisch, Unschuld und Jugend überlagert von einer spürbaren, ständigen, wenn auch unbewußten Sinnlichkeit, die befriedigt werden wollte. Und dies in einer Welt der Männer ohne mannbare Frauen, viele von ihnen steinreich, doch ohne große Hoffnung, in Asien eine Frau zu finden, und ganz gewiß nicht eine wie sie. »Achten Sie nicht auf die Eingebore- nen, Angélique«, flüsterte er ihr zu, »die fühlen sich durch uns nur eingeschüchtert.« Sie lächelte. Und neigte den Kopf wie eine Monarchin. »Merci, M'sieur, vous êtes très gentil.« Struan war überaus zufrieden und inzwischen sehr, sehr sicher. Das Schicksal, Joss, hat uns zusammengeführt, dachte er freudig er- regt und überlegte schon, wann er ihren Vater um ihre Hand bitten wollte. Warum nicht Weihnachten? Im Frühling könnten wir dann, heiraten und im Großen Haus auf dem Peak in Hongkong leben. Mutter und Vater lieben sie schon jetzt, das weiß ich, mein Gott, ich hoffe, es geht ihm wirklich besser. Wir werden eine riesige Weihnachtsparty geben, die schönste von allen… Sobald sie auf der Straße waren, kamen sie gut vorwärts und ach- teten darauf, den Verkehr nicht zu behindern. Doch ob sie wollten oder nicht, sie verursachten immer wieder Verkehrsstauungen, denn die große Mehrheit der ungläubig starrenden Japaner hatte noch nie Menschen dieser Größe, Gestalt und Farbe gesehen, noch nie Zylinder und Gehröcke, Röhrenhosen und Reitstiefel, Reitkleid und Damenhut mit kecker Feder, noch nie einen Damensattel… Canterbury und Struan ließen nicht ab, die Straße aufmerksam zu beobachten, während die Entgegenkommenden an ihnen vorbei- und um sie herumströmten, ihnen dabei jedoch immer genügend Platz zum Weiterreiten ließen. Keiner der beiden Männer witterte oder erwartete Gefahr. Angélique hielt sich dicht neben ihnen, ver- suchte das Gelächter und das Gestarre und die gelegentliche Hand zu ignorieren, die sie zu berühren versuchte, und war schockiert da- rüber, wie viele Männer achtlos ihren Kimono schürzten und dabei dürftige Lendentücher und eine Menge Nacktheit entblößten. »Liebste Colette, Du wirst es nicht glauben«, setzte sie in Gedanken den Brief an ihre beste Freundin in Paris fort, den sie am Abend zu beenden gedachte, »aber der größte Teil der Unmengen von Last- trägern auf der öffentlichen Straße trägt nur diese winzigen Lenden- tücher, die vorn so gut wie gar nichts verhüllen und hinten zwi- schen den Gesäßbacken zu einer dünnen Schnur werden! Das ist die Wahrheit, ich schwöre es dir, und ich kann berichten, daß viele Eingeborene ziemlich behaart sind, obwohl die meisten ihrer Glie- der klein sind. Ich frage mich, ob Malcolm…« Sie spürte, wie sie errötete. »Die Hauptstadt, Phillip«, fragte sie, um Konversation zu machen, »stimmt es, daß sie verboten ist?« »Nicht laut Vertrag.« Tyrer war hocherfreut. Schon nach wenigen, Minuten hatte sie das M'sieur weggelassen. »Der Vertrag sieht vor, daß alle Gesandtschaften in Edo, der Hauptstadt, etabliert sein müssen. Wie ich hörte, haben wir Edo letztes Jahr nach dem Über- fall auf unsere Gesandtschaft verlassen. Weil es in Yokohama, im Schutz der Schiffsgeschütze, sicherer ist.« »Überfall? Was für ein Überfall?« »Ach, von ein paar Wahnsinnigen, die ronin genannt werden – das sind so eine Art Banditen, Mörder. Ein Dutzend von ihnen hat unsere Gesandtschaft mitten in der Nacht überfallen. Die britische Gesandtschaft! Eine Unverschämtheit! Diese Teufel haben einen Sergeant und einen Wachtposten umgebracht …« Er unterbrach sich, weil Canterbury von der Straße abbog, sein Pferd zügelte und mit der Reitgerte nach vorn zeigte. »Sehen Sie, da!« Sie hielten neben ihm. Jetzt sahen sie die hohen, schmalen Ban- ner über den Reihen der Samurai, die ihnen in einer Entfernung von einigen hundert Metern um eine Biegung herum entgegenmar- schiert kamen. Sämtliche Reisenden stoben auseinander, Bündel und Sänften wurden abseits des Weges hastig fallen gelassen, Reiter saßen eilig ab, und dann knieten alle – Männer, Frauen und Kinder – am Straßenrand nieder, neigten den Kopf bis auf den Boden und verharrten regungslos. Nur einige Samurai blieben stehen. Doch als die Kolonne vorüberzog, verneigten auch sie sich ehrfürchtig. »Wer ist das, Phillip?« erkundigte sich Angélique aufgeregt. »Kön- nen Sie die Schrift entziffern?« »Noch nicht, tut mir leid, M'selle. Es heißt, daß man Jahre braucht, um ihre Schrift lesen und schreiben zu lernen.« Bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die vor ihm lag, verpuffte Tyrers Glücksgefühl. »Könnte es der Shōgun sein?« Canterbury lachte. »Keine Chance. Wenn er es wäre, hätten sie die ganze Gegend abgesperrt. Es heißt, daß er ständig einhundert-, tausend Samurai zur sofortigen Verfügung hat. Aber es dürfte ein bedeutender Mann sein, ein König.« »Was tun wir, wenn sie hier vorbeikommen?« wollte sie wissen. »Wir werden ihnen den königlichen Gruß erweisen«, erklärte Stru- an. »Wir ziehen den Hut und rufen dreimal Hurra. Und was wer- den Sie tun?« »Ich, chéri?« Sie lächelte; sie mochte ihn, dachte aber auch an das, was ihr Vater in Hongkong zu ihr gesagt hatte, bevor sie nach Yokohama abgereist war: »Ermutige diesen Malcolm Struan, aber behutsam, mon petit choux. Ich habe es schon getan, diskret natür- lich. Er wäre eine wunderbare Partie für dich, deswegen befürworte ich diese Besichtigungstour nach Yokohama ohne Anstandsdame, vorausgesetzt, er begleitet dich auf einem seiner Schiffe. In drei Ta- gen wirst du achtzehn, Zeit, daß du endlich heiratest. Ich weiß, er ist erst knapp zwanzig und ein wenig jung für dich, aber er ist intel- ligent, der älteste Sohn, in einem Jahr wird er das Noble House er- ben – es heißt, daß Culum, sein Vater, weit kränker ist, als die Compagnie öffentlich zugeben will.« »Aber er ist Engländer«, hatte sie nachdenklich eingewandt. »Die haßt du doch, Papa, und sagst immer, wir müßten sie auch hassen. Das stimmt doch, oder?« »Ja, mon petit choux, aber nicht öffentlich. England ist das reichste Land der Welt, das mächtigste, in Asien sind sie Könige, und Struan's ist das Noble House – Richaud Frères ist klein. Wir wür- den unendlich davon profitieren, wenn wir ihre Geschäfte in Frank- reich hätten. Mach ihm doch bitte diesen Vorschlag.« »Das kann ich nicht, Papa, das wäre… Ich kann's nicht, Papa.« »Du bist jetzt eine Frau und kein Kind mehr, mein Kleines. Du mußt ihn betören, dann wird er es von selbst vorschlagen. Unsere Zukunft hängt von dir ab. Bald wird Malcolm Struan der Tai-Pan sein. Und du, du könntest alles mit ihm teilen…« Selbstverständlich würde ich einen solchen Ehemann anbeten,, dachte sie, wie klug Papa ist! Wie wundervoll, Französin und daher überlegen sein! Es ist leicht, diesen Malcolm mit seinen seltsamen Augen zu mögen, vielleicht sogar zu lieben. Ach, ich hoffe so sehr, daß er mich fragt. Sie seufzte und wandte ihre Aufmerksamkeit der Gegenwart zu. »Ich werde den Kopf neigen, wie wir es im Bois vor Seiner Majes- tät, dem Kaiser Louis Napoleon, tun. Was ist denn, Phillip?« »Vielleicht sollten wir lieber umkehren«, meinte Tyrer voll Unbe- hagen. »Alle sagen, daß sie nervös werden, wenn wir uns in der Nähe ihrer Fürsten aufhalten.« »Unsinn!« widersprach Canterbury. »Es besteht keine Gefahr. Es hat noch nie einen Massenangriff gegeben – wir sind hier nicht in Indien oder Afrika, oder China. Wie ich schon sagte, sind die Japa- ner äußerst gesetzestreu. Wir halten uns innerhalb der Vertragsgren- zen auf und werden tun, was wir immer tun: sie einfach ruhig vor- beimarschieren lassen, höflich den Hut ziehen wie vor jedem Po- tentaten und dann weiterreiten. Sind Sie bewaffnet, Mr. Struan?« »Selbstverständlich.« »Ich nicht«, sagte Angélique schmollend, während sie die Banner beobachtete, die inzwischen nur noch knapp einhundert Meter ent- fernt waren. »Ich finde, wenn Männer Pistolen tragen, sollten Frau- en das ebenfalls tun dürfen.« Alle waren zutiefst entsetzt. »Unmöglich! Tyrer?« Ein wenig verlegen zeigte Tyrer Canterbury seine kleine Derringer. »Ein Abschiedsgeschenk von meinem Vater. Aber ich habe noch nie damit geschossen.« »Das wird auch jetzt nicht nötig sein, nur vor den einzelnen Sa- murai müssen Sie sich in acht nehmen, entweder allein oder zu zweit, denn das sind die fremdenfeindlichsten Fanatiker. Und vor den Ronin«, ergänzte er dann, ohne nachzudenken. »Keine Angst, wir haben seit über einem Jahr keine Probleme mehr gehabt.« »Probleme? Was für Probleme?« fragte sie., »Ach, nichts«, antwortete er abwehrend. Er wollte sie nicht beun- ruhigen und versuchte den Ausrutscher zu kaschieren. »Ein paar Überfälle von einzelnen Fanatikern – nichts Wichtiges.« Sie runzelte die Stirn. »Aber M'sieur Tyrer sagte, es hätte einen Massenangriff auf Ihre britische Gesandtschaft gegeben und mehre- re Soldaten seien getötet worden. Ist das nicht wichtig?« »Das war wichtig.« Canterbury lächelte verkniffen zu Tyrer hin- über, der sofort begriff: Du bist ein verdammter Idiot, einer Dame etwas Wichtiges mitzuteilen! »Aber das war eine einzelne Bande von Halsabschneidern. Die Shōgunats-Bürokratie hat geschworen, daß sie sie schnappen und bestrafen wird.« Sein Ton klang überzeugend, aber er fragte sich, wie weit Struan und Tyrer von der Wahrheit unterrichtet waren: im ersten Jahr fünf Männer auf den Straßen von Yokohama ermordet; im folgenden Jahr ein Offizier und ein Matrose, beides Russen, zu Tode gehackt; ein paar Monate später zwei holländische Kaufleute; dann der jun- ge Dolmetscher an der britischen Gesandtschaft in Kanagawa von hinten erdolcht und liegengelassen, bis er verblutet war; Heusken, der Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft, in zwölf Stücke zer- hackt, als er nach einem Dinner in der preußischen Gesandtschaft nach Hause fuhr; und letztes Jahr ein britischer Soldat und Ser- geant vor dem Schlafzimmer des Generalkonsuls niedergestochen! Jeder Mord geplant und nicht provoziert, dachte er zornig, und begangen von einem Zweischwertkämpfer. Kein einziges Mal sind sie vorher provoziert worden – und, viel schlimmer noch, kein ein- ziges Mal ist je so ein Bastard von der allmächtigen Bakufu des Shōgun erwischt und bestraft worden, so sehr die Gesandtschafts- Oberhäupter auch Zeter und Mordio geschrien und so viel die Jap- se uns auch versprochen haben. Unsere Vorgesetzten sind ein Hau- fen verdammter Idioten! Sie hätten sofort die Flotte herbeikom- mandieren und Edo dem Erdboden gleichmachen lassen sollen, dann hätte es endgültig ein Ende mit diesem Terror, wir könnten, ohne Wachtposten sicher in unseren Betten schlafen und ohne Angst auch dann auf die Straße gehen, wenn Samurai in der Nähe sind. Diplomaten sind Arschkriecher, und dieses junge Plappermaul ist ein perfektes Exemplar davon. Stirnrunzelnd musterte er die Banner, versuchte die Schriftzeichen zu enträtseln. Sobald die Kolonne vorübergezogen war, rappelten sich die Reisenden wieder auf und setzten ihren Weg fort. Jene, die in dieselbe Richtung wollten wie der Zug, folgten ihm in respekt- vollem Abstand. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie selbst, vier Personen, hoch zu Pferde über den unregelmäßigen Reihen der knienden Gestalten an beiden Straßenrändern, den Kopf im Staub, den Hintern in die Höhe gereckt. Die drei Männer, verlegen, weil sie dabei war, sie ebenso verlegen wie die Männer, versuchten diese Nacktheit zu ignorieren. Unerbittlich rückten die Reihen der Samurai-Banner näher. Es wa- ren zwei Abteilungen, jede etwa einhundert Mann stark, dann wei- tere Flaggen und dichte Reihen, die eine schwarzlackierte, von acht schwitzenden Männern getragene Sänfte umringten. Dahinter noch einmal Banner und Samurai, anschließend weitere Packpferde und zuletzt eine bunte Menge schwer beladener Lastträger. Alle Samurai trugen graue Kimonos mit demselben Emblem – drei übereinander- greifende Päonien –, das auch auf den Bannern prangte. Dazu unter dem Kinn gebundene Strohhüte sowie zwei Schwerter im Gürtel, ein kurzes, ein langes. Einige trugen Pfeile und Bogen über der Schulter, einzelne sogar Vorderlader. Manche waren kostbarer ge- kleidet als die anderen. Die Kolonne rückte näher. Mit wachsendem Schrecken sahen Struan und die anderen, was in allen Blicken geschrieben stand, die sich auf sie richteten: Wut. Struan war der erste, der den Bann brach. »Ich denke, wir sollten uns lieber ein Stück zurückziehen …«, Bevor sich jedoch einer von ihnen rühren konnte, löste sich ein junger, breitschultriger Samurai aus den Reihen und kam, dicht ge- folgt von einem anderen, auf sie zugestürmt, um sich zwischen ih- nen und der herankommenden Sänfte aufzubauen. An seiner Wut beinahe erstickend, schleuderte der erste sein Banner zu Boden und versuchte die Fremden laut brüllend zu verscheuchen, konnte sie mit seinem plötzlichen, flammenden Zorn jedoch nur lähmen. Die Kolonne stockte, nahm dann ihren Gleichschritt wieder auf und zog weiter an ihnen vorbei. Die Knienden rührten sich nicht. Nun aber lastete eine schwere, unheimliche Stille über ihnen, durchbro- chen nur vom Geräusch der marschierenden Füße. Wieder begann der Samurai sie zu beschimpfen. Canterbury war ihm am nächsten. Krank vor Angst gab er seinem Pferd die Sporen, das sich jedoch, entgegen seiner Absicht, der Sänfte zudrehte statt von ihr fort. Sofort riß der Samurai das Schwert aus der Scheide, rief: »Sonno-joi!« und hieb mit aller Kraft zu. Gleichzeitig stürzte sich der andere auf Struan. Der Hieb trennte Canterburys rechten Arm unmittelbar über dem Bizeps ab und schlitzte seine Seite auf. Ungläubig starrte der Kaufmann auf den Stumpf, aus dem das Blut spritzte und das jun- ge Mädchen besudelte. Wieder wurde das Schwert in blindwütigem Bogen geschwungen. Struan tastete hilflos nach seinem Revolver, als ihn der andere Samurai mit hoch erhobener Klinge angriff. Eher aus Zufall als mit Absicht drehte er sich blitzschnell aus dem Be- reich des Schwertstreichs, der ihn leicht am linken Bein verwundete und dem Pferd in die Schulter drang. Das Pferd wieherte auf, stieg erschrocken und schleuderte den Mann zur Seite. Struan zielte und schoß mit dem kleinen Colt, aber das Pferd stieg abermals, und die Kugel pfiff wirkungslos durch die Luft. Krampfhaft versuchte er das Tier ruhig zu halten und noch einmal zu zielen, ohne zu merken, daß ihn nunmehr der erste Mann von seiner blinden Seite her an- zugreifen versuchte., »Vorsiiicht!« kreischte Tyrer, der endlich wieder zum Leben er- wachte. Alles hatte sich so blitzschnell abgespielt, daß er fast glaub- te, er bilde sich das Ganze nur ein – Canterbury, der sich vor Schmerzen auf dem Boden wand, sein Pferd in voller Flucht, das junge Mädchen gelähmt vor Schreck im Sattel, Struan, der zum zweitenmal mit der Waffe zielte, und das tödliche Schwert hoch er- hoben über seinem ungeschützten Rücken. Er sah, wie Struan auf seinen Warnruf reagierte, das vor Angst rasende Pferd bei seiner Be- rührung scheute und der Hieb, der ihn hätte töten können, irgend- wie vom Zügel oder Sattelknauf abgelenkt wurde und ihm in die Seite drang. Struan schwankte im Sattel und stieß ein lautes Schmerzgeheul aus. Das elektrisierte Tyrer. Er setzte seine Sporen ein und stürmte Struans Angreifer entgegen. Der Mann sprang unbeschadet zur Sei- te, entdeckte das junge Mädchen und lief mit hoch erhobenem Schwert auf sie zu. Tyrer, der seinem verängstigten Pferd die Sporen gab, sah plötzlich, daß Angélique dem herannahenden Samurai vor Schrecken erstarrt entgegenblickte. »Fliehen Sie, holen Sie Hilfe!« schrie er und versuchte den Mann von neuem zu rammen, der sich abermals zur Seite warf, flink und geschickt Fuß faßte und mit ge- zücktem Schwert in Angriffsposition stehenblieb. Der Ablauf der Zeit verlangsamte sich. Phillip Tyrer wußte, daß er tot war. Aber das schien keine Rolle zu spielen, denn in diesem kurzen Augenblick sah er, wie Angélique ihr Pferd herumwarf und unverletzt davonjagte. Er hatte seine Derringer vergessen. Für ihn gab es weder Raum noch Zeit genug zur Flucht. Einen Sekundenbruchteil lang zögerte der junge Samurai, genoß den Moment des Tötens – und sprang zu. Hilflos versuchte Tyrer zurückzuweichen. Dann erfolgte die Explosion, die Kugel schleu- derte den Mann zu Boden, das Schwert verfehlte sein Ziel, verletzte Tyrer zwar am Arm, schlug ihm aber keine ernsthafte Wunde. Einen Moment vermochte Tyrer nicht zu glauben, daß er noch, lebte; dann sah er, wie Struan, dem das Blut aus der Wunde in sei- ner Seite floß, im Sattel herumfuhr und die Waffe auf den anderen Samurai richtete, während sein vor Angst rasendes Pferd bockte und stieg. Wieder drückte Struan ab, die Waffe direkt neben dem Ohr des Pferdes, das durch die Explosion in Panik geriet und so verängstigt davonjagte, daß Struan sich kaum im Sattel zu halten vermochte. Als der Samurai ihn einzuholen versuchte, nutzte Tyrer diese Chan- ce, um seinem Pferd die Sporen zu geben, die Straße hinter sich zu lassen und den beiden in nördlicher Richtung zu folgen. »Sonno-joiiii!« schrie ihnen der Samurai nach, erzürnt, daß sie ihm entkommen waren. John Canterbury lag im Dreck, vor Schmerzen gekrümmt und stöhnend, nicht weit entfernt von einigen vor Entsetzen erstarrten Passanten, die noch immer mit tief geneigtem Kopf auf dem Boden knieten. Wütend versetzte der junge Samurai Canterburys Zylinder einen Tritt und enthauptete den Kaufmann mit einem einzigen Hieb. Dann reinigte er seine Klinge sorgfältig am Gehrock des To- ten und steckte sie in die Scheide zurück. Ständig zog währenddessen die Kolonne vorbei, als sei nichts geschehen, mit tausend Augen, die alles wahrnahmen und doch nichts sahen. Und auch von den Passanten hob kein einziger den Kopf. Der andere junge Samurai saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, hielt sich die Schulter und versuchte, während das Schwert noch blutig quer über seinem Schoß lag, mit seinem Kimono das Blut zu stillen. Sein Landsmann ging zu ihm hin, half ihm auf und säuberte das Schwert am Kimono des nächstbesten Reisenden, einer alten Frau, die vor Angst zitterte, den Kopf aber nicht vom Boden hob. Beide Männer waren jung und von kräftiger Statur. Sie lächelten einander zu; dann untersuchten sie gemeinsam die Wunde. Die Ku-, gel war glatt durch den Muskel des Oberarms gegangen. Kein Kno- chen verletzt. Shorin, der ältere, sagte: »Die Wunde ist sauber, Ori.« »Wir hätten sie alle töten sollen.« »Karma.« Inzwischen zog die Gruppe der Samurai mitsamt den acht ver- ängstigten Sänftenträgern vorüber, doch alle taten, als gäbe es weder die beiden Samurai noch den zerstückelten Leichnam. Die beiden jungen Männer verneigten sich in tiefer Ehrfurcht. Das winzige Seitenfenster der Sänfte wurde ganz kurz geöffnet und dann sofort wieder zugeschoben.

Hier, Mr. Struan, trinken Sie das«, sagte der Arzt, der vor demFeldbett stand. Sie befanden sich im Operationsraum der briti-

schen Gesandtschaft in Kanagawa, und es war ihm inzwischen ge- lungen, die Blutungen weitgehend zum Stillstand zu bringen. Tyrer saß am Fenster auf einem Stuhl. Die beiden waren vor einer halben Stunde eingetroffen. »Danach wird es Ihnen besser gehen.« »Was ist das?« »Ein Zaubertrank – hauptsächlich Laudanum, meine ganz persön- liche Tinktur aus Opium und Morphin. Er wird Ihre Schmerzen stillen. Ich muß Sie leider ein bißchen zusammenflicken, doch kei- ne Sorge, ich werde Sie mit Äther einschläfern.« Eine Woge von Angst stieg in Struan auf. Äther war in der Chi- rurgie erst kürzlich eingeführt und hoch gelobt worden, befand sich aber immer noch im Versuchsstadium. »Ich habe… Ich bin noch nie operiert worden, und ich glaube… ich glaube nicht…«, »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. In den richtigen Händen sind Narkotika absolut ungefährlich.« Dr. George Babcott war achtundzwanzig, über eins neunzig groß und entsprechend pro- portioniert. »Ich habe Äther und Chloroform in den letzten fünf bis sechs Jahren häufig benutzt, und zwar mit ausgezeichneten Er- gebnissen. Glauben Sie mir, Sie werden nichts spüren, und für den Patienten ist die Narkose ein Gottesgeschenk.« »Er hat recht, Mr. Struan«, bestätigte Tyrer, der zu helfen versuch- te, obwohl ihm klar war, daß es vergeblich sein würde. Sein Arm war bereits mit Jod bepinselt, genäht und verbunden worden und hing in einer Schlinge, und er dankte dem Schicksal, daß seine Wunde relativ oberflächlich war. »An der Universität hatte ich ei- nen Kommilitonen, der mir erzählte, man habe ihm den Blinddarm mit Chloroform herausgenommen, und er habe überhaupt nichts gespürt.« Doch der Gedanke an eine Operation – und den Wund- brand, der nur allzuoft darauf folgte – ängstigte auch ihn. »Vergessen Sie nicht, Mr. Struan«, sagte Babcott, »es ist fast fünf- zehn Jahre her, daß Dr. Simpson anfing, bei Operationen Chloro- form zu verwenden. Seitdem haben wir eine Menge gelernt. Ich ha- be an der Royal Infrantry ein Jahr lang bei ihm studiert, bevor ich auf die Krim geschickt wurde.« Seine Miene verdunkelte sich. »Auch da habe ich eine Menge gelernt. Nun, der Krimkrieg ist vorüber, also keine Sorge, und wenn Sie Glück haben, wird Ihnen das freundliche Laudanum sogar ein paar erotische Träume schen- ken.« »Und wenn ich keins habe?« »Sie haben Glück. Sie haben beide sehr großes Glück gehabt.« Trotz seiner Schmerzen zwang Struan sich zu einem gequälten Lä- cheln. »Wir haben Glück, daß wir Sie hier gefunden haben, soviel steht fest.« Instinktiv auf Babcott vertrauend, trank er die farblose Flüssigkeit und sank, vor Schmerzen fast besinnungslos, wieder zu- rück., »Nun werden wir Mr. Struan ein bißchen Ruhe gönnen«, schlug Babcott vor. »Sie sollten mitkommen, Mr. Tyrer, wir haben einiges zu tun.« »Selbstverständlich, Doktor. Struan, kann ich Ihnen etwas brin- gen, irgend etwas für Sie tun?« »Nein… Nein, danke. Sie brauchen nicht auf mich zu warten.« »Unsinn! Selbstverständlich warte ich.« Nervös folgte Tyrer dem Arzt hinaus und schloß die Tür. »Wird er es überstehen?« »Ich weiß es nicht. Zum Glück sind Samuraiklingen immer sehr sauber und schneiden so scharf wie ein Skalpell. Entschuldigen Sie mich eine Minute. Da ich heute nachmittag der einzige Beamte hier bin, sollte ich mich nun, nachdem ich alles getan habe, was medizinisch möglich ist, wie ein Repräsentant Ihrer Britischen Ma- jestät verhalten.« Babcott war Sir Williams Stellvertreter. So beorderte er den Ge- sandtschaftskutter über die Bucht nach Yokohama, um Alarm zu schlagen, schickte einen chinesischen Dienstboten den Gouverneur holen und einen anderen, in Erfahrung zu bringen, welcher Dai- myo oder Fürst vor ein paar Stunden durch Kanagawa gezogen war, versetzte das sechs Mann starke Militärdetachement in Alarmbereit- schaft und schenkte Tyrer einen großen Whisky ein. »Trinken Sie, das ist Medizin. Wie Sie sagten, haben die Mörder Ihnen etwas zu- gerufen?« »Ja. Es klang etwa wie ›sonoh… sonnoh-ii‹.« »Das sagt mir nichts. Machen Sie's sich bequem, ich bin gleich wieder zurück, muß mich nur fertigmachen.« Damit ging er hinaus. Tyrers Arm mit seinen sieben Nähten schmerzte stark. Obwohl Babcott äußerst geschickt gearbeitet hatte, war es Tyrer schwergefal- len, nicht aufzuschreien. Aber er hatte es nicht getan, und das be- friedigte ihn ungemein. Was ihn erschreckte, waren die Angstschau- er, die ihn immer noch überliefen und ihn wünschen ließen, da- vonlaufen zu können. »Du bist ein Feigling«, murmelte er, entsetzt, über diese Selbsterkenntnis. Wie der Operationsraum stank auch das Vorzimmer so stark nach Chemikalien, daß ihm übel wurde. Er trat ans Fenster, atmete tief durch und versuchte vergeblich, einen klaren Kopf zu bekommen; dann trank er einen weiteren Schluck Whisky. Wie immer wirkte der Geschmack scharf und unangenehm auf ihn. Er starrte ins Glas. Schlimme Bilder, die er dort sah, sehr schlimme. Ein Schauer über- lief ihn. Er zwang sich, nur die Flüssigkeit zu sehen. Sie war gold- braun, und der Duft erinnerte ihn an sein Zuhause in London, an den Vater, der nach dem Dinner mit seinem Glas vor dem Kamin- feuer saß, während die Mutter zufrieden strickte, zwei Dienstboten den Tisch abräumten und alles warm, gemütlich und sicher war; und er erinnerte ihn an Garroway's, sein bevorzugtes Coffee House am Cornhill, warm, belebt und sicher, und an die Universität, auf- regend und freundlich, aber sicher. Sicher. Sein ganzes Leben in Si- cherheit – und nun? Wieder drohte die Panik ihn zu überwältigen. Herr im Himmel, was habe ich hier zu suchen? Nachdem sie entkommen, aber immer noch nicht weit genug von der Tokaidō entfernt waren, hatte Struans durchgehendes Pferd plötzlich gescheut, weil sein halb durchtrennter Schultermuskel ver- sagte, und Struan war zu Boden gefallen. Der Sturz verursachte ihm furchtbare Schmerzen. Unter großen Schwierigkeiten und immer noch schwach vor Angst hatte Tyrer Struan auf sein eigenes Pferd geholfen, den größe- ren und schwereren Mann jedoch kaum im Sattel festzuhalten ver- mocht. Die ganze Zeit hatte er seine Aufmerksamkeit auf den all- mählich verschwindenden Zug gerichtet und sich darauf gefaßt ge- macht, daß jeden Moment berittene Samurai auftauchten. »Können Sie sich festhalten?« »Ich glaube schon.« Struans Stimme klang sehr schwach; er litt, starke Schmerzen. »Angélique – ist sie entkommen?« »Ja. Diese Teufel haben Canterbury umgebracht.« »Das hab ich gesehen. Sind Sie… Sind Sie verletzt?« »Nein, nicht richtig. Glaube ich wenigstens. Nur ein Ritzer am Arm.« Als Tyrer sich den Rock herunterriß, fluchte er vor Schmerz. Die Wunde war ein sauberer Schnitt im fleischigen Teil des Unter- arms. Mit einem Taschentuch tupfte er sich das Blut ab, dann be- nutzte er es als Verband. »Keine Venen oder Arterien verletzt – aber warum sind die so über uns hergefallen? Warum? Wir haben ihnen doch nichts getan.« »Ich… Ich kann mich nicht umdrehen. Der Bastard hat mich an der Seite erwischt… Wie… Wie sieht es aus?« Mit äußerster Vorsicht zog Tyrer den Riß in dem wollenen Geh- rock auseinander. Die Länge und Tiefe des Schnitts, durch den Sturz noch verschlimmert, erschreckte ihn. Aus der Wunde floß rhythmisch pulsierend Blut und verängstigte ihn noch mehr. »Nicht so gut. Wir sollten möglichst schnell einen Arzt aufsu- chen.« »Wir sollten… Wir sollten lieber nach Yokohama zurückreiten.« »Ja. Ja, vermutlich.« Der junge Mann hielt Struan fest und ver- suchte, klar zu denken. Die Leute auf der Tokaidō zeigten auf sie. Seine Besorgnis wuchs. Kanagawa lag in der Nähe; er konnte meh- rere Tempel sehen. »Einer davon muß unserer sein«, murmelte er, einen widerlichen Geschmack im Mund. Dann sah er, daß seine Hände mit Blut bedeckt waren, und sein Herz begann wieder vor Angst zu rasen. Doch als er merkte, daß es zum größten Teil Stru- ans Blut war, beruhigte er sich sofort wieder. »Wir gehen weiter.« »Was… haben Sie gesagt?« »Wir reiten nach Kanagawa – das ist nicht weit, und der Weg ist frei. Ich kann mehrere Tempel sehen, einer davon muß unserer sein. Da müßte eine Fahne wehen.« Nach japanischem Brauch wa- ren die Gesandtschaften in Gebäudeteilen von buddhistischen Tem-, peln untergebracht. Denn da nur Tempel oder Klöster über Räume in entsprechender Größe und Zahl verfügten, hatten die Bakufu ei- nige davon beschlagnahmen lassen, bis die jeweiligen Residenzen fertiggestellt waren. »Können Sie sich noch halten, Mr. Struan? Ich werde das Pferd führen.« »Ja.« Er sah zu seinem eigenen Reittier hinüber, das jämmerlich wieherte und, obwohl es das Bein nicht bewegen konnte, immer wieder zu laufen versuchte. Aus der tiefen Schwertwunde floß Blut. Zitternd stand es da. »Erlösen Sie es von seinen Qualen, dann ge- hen wir weiter.« Tyrer hatte noch nie ein Pferd erschossen. Er wischte sich den Schweiß von den Händen. Die Derringer war ein doppelläufiger Hinterlader mit zwei neumodischen Bronzepatronen, die Kugel, Pulver und Zünder enthielten. Das Pferd wollte vor ihm zurückwei- chen, kam aber nicht weit. Sekundenlang streichelte er ihm beruhi- gend den Kopf, dann setzte er ihm die Derringer ans Ohr und drückte ab. Daß der Tod so plötzlich eintrat, überraschte ihn eben- so wie der Krach, den die Pistole machte. Er steckte sie in die Ta- sche zurück. Immer noch wie in Trance wischte er sich abermals die Hände trocken. »Wir sollten uns von der Straße fernhalten, Mr. Struan. Hier draußen ist es sicherer.« Bei den vielen Gräben und Bächen, die sie durchqueren mußten, brauchten sie sehr viel länger als anfangs erwartet. Zweimal hätte Struan fast das Bewußtsein verloren, und Tyrer gelang es gerade noch, ihn vor einem weiteren Sturz zu bewahren. Die Bauern auf den Reisfeldern taten entweder, als sähen sie nichts, oder starrten sie unhöflich an, um dann an ihre Arbeit zurückzukehren. Tyrer verfluchte sie und stapfte weiter. Der erste Tempel war leer, bis auf ein paar verängstigte, kahlköp- fige Buddhistenmönche in orangefarbenen Gewändern, die sofort,, als sie ihrer ansichtig wurden, davonhuschten und sich in die inne- ren Gemächer zurückzogen. Im Vorhof gab es einen kleinen Brun- nen. Dankbar trank Tyrer das kühle Wasser, dann füllte er den Be- cher noch einmal und brachte ihn Struan, der zwar trank, vor Schmerzen aber kaum etwas zu sehen vermochte. »Danke. Wie… Wie weit ist es noch?« »Nicht mehr weit«, antwortete Tyrer, obwohl er den Weg nicht kannte, doch er versuchte tapfer zu sein. »Wir müßten jeden Au- genblick dort sein.« Hier gabelte sich der Weg; der eine Pfad führte zur Küste und zu einem weiteren Tempel, hoch über den Häusern des Dorfes, der an- dere tiefer in die Ortschaft hinein und zu einem dritten Tempel. Aus keinem besonderen Grund entschied er sich für den Weg zur Küste. Der Pfad verlief nach Osten, und obwohl in diesem Gewirr von Gäßchen nirgends ein Mensch zu sehen war, schienen sie überall von Augen beobachtet zu werden. Dann sah er das Haupttor des Tempels und den Union Jack und die Soldaten in der scharlachro- ten Uniform und hätte vor Erleichterung und Stolz beinah geweint, denn kaum hatte man sie gesehen, da eilte ein Soldat ihnen schon zu Hilfe, ein anderer lief den Sergeant der Wache holen, und im Handumdrehen stand der riesige Dr. Babcott vor ihnen. »Allmächtiger, was zum Teufel ist passiert?« Es fiel nicht schwer, alles zu erzählen – es gab kaum etwas zu er- zählen. »Haben Sie schon einmal bei einer Operation assistiert?« »Nein, Doktor.« Babcott lächelte; mit geschickten Händen entkleidete er den halb bewußtlosen Malcolm Struan so flink, als sei dieser ein Kind. »Nun, das wird sich gleich ändern, eine nützliche Erfahrung für Sie., Ich brauche Hilfe und bin heute hier ganz allein. Zum Abendessen werden Sie wieder in Yokohama sein.« »Ich w… will's versuchen.« »Ihnen wird vermutlich schlecht werden – das kommt vor allem von dem Geruch, aber keine Sorge. Wenn Sie sich erbrechen müs- sen, dann bitte in die Schüssel da und nicht auf den Patienten.« Wieder warf ihm Babcott einen Blick zu, taxierte ihn, fragte sich, wie verläßlich dieser junge Mann sein mochte, erkannte sein müh- sam unterdrücktes Entsetzen und kehrte an seine Arbeit zurück. »Wir werden ihm jetzt Äther geben, und dann geht's los. Sie wa- ren in Peking, sagten Sie?« »Ja, Sir, vier Monate lang – ich bin über Shanghai hierhergekom- men und erst vor wenigen Tagen eingetroffen.« Tyrer war froh, re- den zu können, um seine Gedanken von diesen grausigen Dingen abzulenken. »Das Foreign Office meinte, ein kurzer Aufenthalt in Peking, um die chinesischen Schriftzeichen zu lernen, könnte uns beim Japanischen helfen.« »Zeitverschwendung. Wenn Sie Japanisch sprechen wollen, wenn Sie es richtig lesen und schreiben lernen wollen, können Ihnen chi- nesische Schriftzeichen nicht helfen, ganz und gar nichts.« Er schob den reglosen Struan in eine günstigere Position. »Wieviel Japanisch können Sie?« Tyrers Elend verstärkte sich. »So gut wie gar keins, Sir. Nur ein paar Worte. Man sagte uns, in Peking würde es japanische Gram- matiken und Bücher geben, aber das stimmte nicht.« Trotz seiner ungeheuren Besorgnis über den ganzen Zwischenfall hielt Babcott einen Moment inne und lachte. »Grammatiken sind so selten wie Drachenschwänze, und japanische Wörterbücher gibt es, soweit ich weiß, überhaupt nicht, bis auf das von Father Alvito aus dem Jahre 1601, und das ist portugiesisch – von dem ich nie et- was gesehen, nur etwas gehört habe –, und das, an dem Reverend Priny seit Jahren arbeitet.« Er streifte Struan das weiße, blutdurch-, tränkte Seidenhemd ab. »Sprechen Sie Holländisch?« »Auch nur ein paar Worte. Eigentlich sollten alle angehenden Dolmetscher für Japan einen sechsmonatigen Kurs absolvieren, aber das Foreign Office hat uns mit dem erstbesten Dampfer losge- schickt. Warum ist Holländisch die offizielle Fremdsprache, die von der japanischen Bürokratie benutzt wird?« »Ist es nicht. Das F.O. irrt sich, und es irrt sich in vielerlei Hin- sicht. Aber es ist die einzige europäische Sprache, die gegenwärtig von einigen Bakufu gesprochen wird – ich werde ihn jetzt ganz leicht anheben, und Sie ziehen ihm die Stiefel und anschließend die Hose aus, aber vorsichtig.« Ungeschickt, nur mit seiner gesunden Linken, gehorchte Tyrer. Nun lag Struan nackt auf dem Operationstisch. Dahinter waren chirurgische Instrumente, Salben und Fläschchen aufgereiht. Bab- cott wandte sich ab und legte eine schwere, wasserdichte Schürze an. Sofort sah Tyrer in ihm nur noch den Schlachter. Der Magen drehte sich ihm um, und er schaffte es gerade noch zum Becken. Babcott seufzte. Wie viele hundert Male hab ich mir die Seele aus dem Leib gekotzt! Aber ich brauche unbedingt Hilfe, also muß die- ses Bübchen erwachsen werden. »Kommen Sie, wir müssen schnell arbeiten.« »Ich kann nicht, ich kann einfach nicht…« Sofort wurde der Ton des Arztes gröber. »Sie kommen jetzt sofort und helfen mir, oder Struan wird sterben, und bevor ich das zulas- se, werde ich Ihnen die Hölle heiß machen!« Unsicher kehrte Tyrer an seine Seite zurück. »Nicht hier, verdammt noch mal – mir gegenüber! Halten Sie seine Hände fest!« Bei Tyrers Berührung schlug Struan ganz kurz die Augen auf; dann versank er, lautlos die Lippen bewegend, wieder in seinem Alptraum. »Ich bin's«, murmelte Tyrer, der nicht wußte, was er sonst sagen, sollte. Auf der anderen Tischseite entkorkte Babcott die kleine, unbe- schriftete Flasche und goß ein wenig gelblich-ölige Flüssigkeit auf einen dicken Leinenbausch. »Halten Sie ihn fest«, befahl er und preßte Struan den Bausch auf Mund und Nase. Sofort hatte Struan das Gefühl, ersticken zu müssen; er versuchte den Bausch zu packen und mit erstaunlicher Kraft wegzureißen. »Um Gottes willen, halten Sie ihn doch fest!« fauchte Babcott. Seinen verletzten Arm vergessend, packte Tyrer abermals Struans Handgelenke, schrie auf, vermochte ihn jedoch festzuhalten, ob- wohl die Ätherdämpfe ihn abstießen. Immer weiter wehrte sich Struan, drehte und wand sich, suchte zu entkommen, fühlte sich unerbittlich in diesen bodenlosen Pfuhl hinabgezogen. Allmählich ließen seine Kräfte nach und erlahmten schließlich ganz. »Ausgezeichnet«, lobte Babcott. »Erstaunlich, wie stark die Patien- ten manchmal sind.« Er drehte Struan auf den Bauch und legte das wahre Ausmaß der Wunde frei, die im Rücken begann und sich un- ter dem Rippenbogen bis fast zum Nabel herumzog. »Beobachten Sie ihn sorgfältig, und wenn er sich rührt – wenn ich Ihnen befehle, ihm noch einmal Äther zu geben…« Aber Tyrer war schon wieder am Becken. »Beeilen Sie sich!« Babcott wartete nicht auf ihn, sondern arbeitete mit fliegenden Händen. Er war an Operationen unter weit schlimmeren Umstän- den gewöhnt: die Krim mit Zehntausenden von sterbenden Solda- ten – hauptsächlich Cholera, Ruhr, Pocken –, all die Verwundeten, die Schreie in der Nacht und am Tag, und dann in der Nacht die Lady mit der Lampe, die Ordnung in das Chaos der Lazarette brachte, Schwester Florence Nightingale, die befahl, gut zuredete, bat und bettelte und immer irgendwie ihre neuen Ideen umsetzte, die säuberte, was schmutzig war, Hoffnungslosigkeit und sinnlosen Tod verbannte und dennoch immer Zeit hatte, zu allen Stunden der Nacht die Kranken und Bedürftigen zu besuchen, mit der Öl-, oder Kerzenlampe in der Hand von einem Bett zum anderen ging. »Keine Ahnung, wie sie das geschafft hat«, murmelte er. »Sir?« Flüchtig blickte er auf und sah Tyrer, der ihn mit schneeweißem Gesicht anstarrte. Er hatte ihn vergessen. »Ich dachte gerade an die Lady mit der Lampe«, antwortete er, ließ seinen Mund reden, um wieder ruhiger zu werden, ohne daß es seine Konzentration auf die durchschnittenen Muskeln und beschädigten Adern beeinträchtigte. »Florence Nightingale. Mit nur achtunddreißig Krankenschwestern ging sie auf die Krim und senkte innerhalb von vier Monaten die Todesrate von vierzig pro Hundert auf etwa zwei – pro Hundert.« Tyrer kannte die Statistik. »Wie war sie eigentlich – als Mensch?« »Schrecklich – wenn man nicht alles genauso sauber hielt, wie sie es verlangte. Davon abgesehen göttergleich – im allerchristlichsten Sinn. Geboren war sie in Florenz – daher ihr Name –, obwohl sie durch und durch Engländerin war.« »Ja.« Tyrer spürte die Herzlichkeit des Arztes. »Wundervoll. Abso- lut wundervoll. Haben Sie sie gut gekannt?« Babcotts Blick wich nicht von der Wunde und seinen geschickten Fingern, die den wie befürchtet beschädigten Teil des Darms ertas- teten und fanden. Ohne es zu merken, fluchte er. Behutsam begann er das andere Ende zu suchen. Der Gestank wurde stärker. »Sie sprachen vom Holländischen. Wissen Sie, warum einige Japaner Holländisch sprechen?« Mit einer enormen Anstrengung riß Tyrer den Blick von den Fin- gern los und versuchte seine Nasenlöcher zu verschließen. Er spür- te, wie sich sein Magen hob, vermochte ihn aber unter Kontrolle zu halten. »Nein, Sir.« Struan regte sich. Sofort ordnete Babcott an: »Geben Sie ihm Äther… so ist's recht. Nicht zu fest zudrücken… gut. Gut gemacht. Wie fühlen Sie sich?« »Furchtbar.«, »Macht nichts.« Wieder begannen die Finger zu arbeiten, schein- bar unabhängig vom Willen des Arztes; dann hielten sie inne. Be- hutsam legten sie den anderen Teil des durchtrennten Darmes frei. »Waschen Sie sich die Hände; dann geben Sie mir die eingefädelte Nadel – da, auf dem Tisch.« Tyrer gehorchte. »Gut. Danke.« Babcott begann zu nähen. Sehr präzise. »Seine Leber ist nicht verletzt, ein bißchen geprellt, aber nicht eingeschnitten. Auch seine Niere ist in Ordnung. Ichibon – das heißt ›sehr gut‹ auf japanisch. Ich habe ein paar japanische Patien- ten. Als Bezahlung für meine Arbeit lehren sie mich Wörter und Sätze. Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen beim Lernen.« »Ich wäre… Das wäre wunderbar – ichibon. Es tut… Es tut mir leid, daß ich so nutzlos bin.« »Das sind Sie nicht. Ich kann das hier nicht allein machen. Ich, na ja, ich kriege Angst. Komisch, aber es ist so.« Sekundenlang füll- ten seine Finger den Raum. Tyrer musterte Struans Gesicht, das jede Farbe verloren hatte, während es vor einer Stunde noch gerötet gewesen war, verzerrt und unheimlich, mit immer wieder zuckenden Lidern. Seltsam, dachte er, seltsam, wie unglaublich nackt Struan jetzt wirkt. Vor zwei Tagen kannte ich noch nicht einmal seinen Namen, und nun sind wir wie Brüder verbunden, nun ist das ganze Leben verändert, wird für uns beide verändert sein, ob wir es wollen oder nicht. Und ich weiß, daß er tapfer ist und daß ich es nicht bin. »Ach ja, Sie fragten nach dem Holländischen«, fuhr Babcott fort, fast ohne darauf zu achten, was er sagte, ausschließlich auf seine Ar- beit konzentriert. »Seit etwa 1640 waren die Japaner von der Au- ßenwelt abgeschnitten und haben, von China abgesehen, nur Kon- takt mit Holländern gehabt. Allen anderen war es verboten, in Ja- pan zu landen, vor allem den Spaniern und Portugiesen. Die Japa- ner mögen die Katholiken nicht, weil diese sich damals, im 17., Jahrhundert, in ihre Politik eingemischt haben. Einmal, so geht die Sage, wäre Japan fast katholisch geworden. Wissen Sie etwas darü- ber?« »Nein, Sir.« »Die Holländer aber wurden geduldet, weil sie keine Missionare mitbrachten, sondern nur Handel treiben wollten.« Sekundenlang hielt er inne, während seine Hände weiterhin feine, saubere Nähte setzten. Dann erzählte er weiter. »Also durften ein paar Holländer – immer nur Männer, niemals Frauen – hier bleiben, doch nur un- ter äußerst strengen Auflagen und auf eine künstliche, drei Morgen große Insel namens Deshima im Hafen von Nagasaki beschränkt. Die Holländer beachteten jede Vorschrift, die die Japaner erließen, und machten Kotau, während sie dabei reich wurden. Sie brachten Bücher ins Land, wenn man es ihnen erlaubte, handelten, wenn man es ihnen erlaubte, und stellten den Chinahandel auf die Beine, der für Japan lebenswichtig ist: chinesische Seide und Silber gegen Gold, Papier, Lack, Eßstäbchen – kennen Sie die?« »Ja, Sir. Ich war drei Monate in Peking.« »Ach ja, entschuldigen Sie. Na, macht nichts. Den holländischen Journalen des 17. Jahrhunderts zufolge entschied der erste der Tora- naga-Shōgune, daß ausländischer Einfluß gegen Japans Interessen sei, also riegelte er das Land ab und bestimmte, daß die Japaner we- der seetüchtige Schiffe bauen noch das Land verlassen durften, daß jeder, der das dennoch tat, niemals zurückkehren durfte, und wenn er es doch tat, sollte er auf der Stelle getötet werden. Dieses Gesetz gilt immer noch.« Seine Finger hielten sekundenlang inne, und er fluchte, weil der dünne Faden gerissen war. »Geben Sie mir die an- dere Nadel. Man kann hier kein anständiges Katgut kriegen, ob- wohl diese Seide hier auch ganz gut geht. Versuchen Sie, eine weite- re Nadel einzufädeln, aber waschen Sie sich zuerst die Hände, und hinterher, wenn Sie damit fertig sind, noch einmal. Danke.« Tyrer war froh, etwas tun zu können, und wandte sich ab, doch, seine Finger waren hilflos. Wieder stieg die Übelkeit in ihm hoch. Sein Kopf pochte. »Was sagten Sie von den Holländern?« »Ach ja. Also begannen die Holländer und Japaner vorsichtig voneinander zu lernen, obwohl es den Holländern offiziell verbo- ten war, Japanisch zu lernen. Vor etwa zehn Jahren gründeten die Bakufu eine Sprachschule für Holländisch…« Beide Männer hörten eilige Schritte. Hastiges Klopfen. Draußen stand der schwitzende Sergeant, der dazu erzogen war, nicht einzutreten, wenn operiert wurde. »Verzei- hen Sie, wenn ich störe, Sir, aber da kommen vier von den ver- dammten Mistkerlen die Straße runter. Sieht aus wie eine Abord- nung. Allesamt Samurai.« Der Arzt nähte weiter. »Ist Lim bei ihnen?« »Jawohl, Sir.« »Führen Sie sie ins Empfangszimmer und sagen Sie Lim, er soll sich um sie kümmern. Ich komme, sobald ich hier fertig bin.« »Jawohl, Sir.« Der Sergeant warf einen letzten, starren Blick auf den Tisch und floh. Der Arzt beendete eine weitere Naht, verknotete den Faden, durchschnitt ihn, tupfte die blutende Wunde ab und begann von neuem. »Lim ist einer unserer chinesischen Helfer. Unsere Chinesen verrichten den größten Teil unserer Botengänge – nicht etwa, daß sie Japanisch sprechen oder besonders vertrauenswürdig wären.« »Wir… Genauso war es… In Peking haben wir dasselbe erlebt, Sir. Schreckliche Lügner.« »Die Japaner sind schlimmer – aber irgendwie stimmt auch das nicht ganz. Es ist nicht so, daß sie Lügner sind, es ist nur so, daß die Wahrheit beweglich und von der Laune des Sprechers abhängig ist. Es wäre sehr wichtig, daß Sie möglichst schnell Japanisch ler- nen. Wir haben keinen einzigen Dolmetscher, jedenfalls nicht unter unseren Landsleuten.« Tyrer starrte ihn sprachlos an. »Gar keinen?«, »Gar keinen. Der englische Padre spricht ein wenig, aber den kön- nen wir nicht einsetzen, denn die Japaner mißtrauen Missionaren und Priestern. In der Niederlassung haben wir nur drei, die Hollän- disch sprechen – einen Holländer, einen Schweizer, der unser Dol- metscher ist, und einen Händler von der Kapkolonie, aber keinen einzigen Briten. In der Niederlassung sprechen wir so einen Misch- masch von Lingua franca namens ›Pidgin‹, genau wie in Hongkong, Singapur und den anderen chinesischen Handelshäfen, und benut- zen Compradores, eingeborene Handelsagenten.« »So war es in Peking auch.« Babcott hörte den gereizten Ton, aber noch deutlicher die unter- schwellige Gefahr. Als er aufblickte, sah er sofort, daß Tyrer kurz vor dem Zusammenbruch stand und jede Sekunde wieder erbre- chen würde. »Sie machen das großartig«, versicherte er aufmun- ternd; dann richtete er sich auf, um den Rücken zu entlasten, wäh- rend der Schweiß ihm übers Gesicht strömte. Wieder beugte er sich über den Liegenden. Sehr behutsam bettete er den reparierten Darm in die Bauchhöhle zurück und begann, von innen nach au- ßen arbeitend, einen weiteren Schnitt zu nähen. »Wie hat Ihnen Pe- king gefallen?« erkundigte er sich, obwohl es ihm gleichgültig war, aber er wollte, daß Tyrer redete. Besser als ein Ausbruch, dachte er. Kann mich nicht um ihn kümmern, bis dieses arme Schwein hier zugenäht ist. »Ich selber bin noch nie da gewesen. Wie hat es Ihnen gefallen?« »Ich, na ja… ja, ja, sehr gut.« Obwohl ihn ein wahnsinniger Kopf- schmerz quälte, versuchte Tyrer seinen Verstand zusammenzuneh- men. »Die Mandschus sind im Augenblick ruhig, deswegen konn- ten wir uns überall ungefährdet bewegen.« Die Mandschus, ein No- madenstamm aus der Mandschurei, hatten China 1644 erobert und regierten nun als die Ch'ing-Dynastie. »Wir konnten ohne… ohne weiteres umherfahren… die Chinesen waren… nicht allzu freundlich, aber…« Der Geruch wurde immer schlimmer. Ein Krampf durchlief, ihn, und er erbrach sich wieder, dann kehrte er, immer noch mit der Übelkeit kämpfend, an den Tisch zurück. »Sie sagten… die Mandschus…?« Plötzlich hatte Tyrer das Bedürfnis, laut herauszuschreien, daß ihn die Mandschus und Peking und alles einen Dreck kümmerten. Am liebsten wäre er vor dem Gestank und seiner Hilflosigkeit da- vongelaufen. »Zum Teufel mit…« »Reden Sie mit mir! Reden Sie!« »Man… Man sagte uns, daß… daß sie normalerweise ein arrogan- tes und unangenehmes Pack seien, und man merkt deutlich, daß die Chinesen die Mandschus auf den Tod hassen.« Tyrers Stimme klang belegt, aber je mehr er sich konzentrierte, desto geringer wur- de das Bedürfnis zu fliehen. Also fuhr er zögernd fort: »Wie es… Wie es scheint, haben sie alle furchtbare Angst, daß der Tai'ping- Aufstand sich von Nanking aus verbreitet und auch Peking erfaßt, und das wäre dann das Ende von…« Er hielt inne und lauschte ge- spannt. Er hatte einen furchtbaren Geschmack im Mund, und sein Kopf hämmerte immer stärker. »Was ist?« »Ich… Ich dachte, ich hätte etwas gehört.« Babcott lauschte, hörte aber nichts. »Erzählen Sie weiter, von den Mandschus.« »Nun, ja, die, äh, der Tai'ping-Aufstand. Man sagt, daß in den letzten paar Jahren über zehn Millionen Bauern umgebracht wor- den oder verhungert sind. Aber in Peking ist es ruhig – gewiß, das Niederbrennen und Plündern des Sommerpalastes durch britische und französische Truppen, das Lord Bigin als Vergeltungsmaßnah- me anordnete, war den Mandschus eine Lehre, die sie so schnell nicht wieder vergessen werden. Die werden so bald keinen Briten mehr umbringen. Wird denn Sir William so etwas hier nicht auch anordnen? Eine Vergeltungsmaßnahme?« »Wenn wir wüßten, gegen wen wir die Vergeltungsmaßnahmen, richten müßten, hätten wir schon damit begonnen. Aber gegen wen? Wegen ein paar unbekannter Mörder kann man nicht einfach Edo beschießen…« Zornige Stimmen, das Englisch des Sergeants gegen gutturales Ja- panisch, unterbrachen sie. Dann wurde die Tür von einem Samurai aufgerissen, während hinter ihm zwei andere, das Schwert halb aus der Scheide gezogen, den Sergeant bedrohten und zwei Grenadiere mit gegen den Feind gerichteten Hinterladern im Gang standen. Der vierte Samurai, ein älterer Mann, betrat den Raum. Entsetzt, Canterburys Tod vor Augen, wich Tyrer bis an die Wand zurück. »Kinjiru!« brüllte Babcott, und alle erstarrten. Sekundenlang sah es aus, als wolle der ältere Samurai, ebenfalls wütend geworden, das Schwert ziehen und angreifen. Dann fuhr Babcott, das Skalpell in der riesigen Faust, Blut an Händen und Schürze, zu ihnen herum und baute sich, ein gigantischer, diabolischer Mann, vor ihnen auf. »Kinjiru!« befahl er abermals; dann deutete er mit dem Skalpell zur Tür. »Hinaus! Dete. Dete… dozo.« Erbost funkelte er sie alle an; dann kehrte er ihnen den Rücken zu und fuhr fort zu nähen und zu tupfen. »Sergeant, begleiten Sie die Herren ins Empfangszimmer – höflich!« »Jawohl, Sir!« Mit der Hand winkte er den Samurai, die erregt miteinander diskutierten. »Dozo«, sagte er, und leise: »Nun kommt schon, ihr miesen, kleinen Schweine.« Wieder winkte er ihnen. Der ältere Samurai gab den anderen ein gebieterisches Zeichen und stapfte davon. Sofort verneigten sich seine drei Begleiter und folg- ten ihm. Unbeholfen wischte sich Babcott mit dem Handrücken einen Schweißtropfen vom Kinn, dann setzte er seine Arbeit fort. »Kin- jiru heißt, es ist verboten«, erklärte er und zwang sich zu einem ru- higen Ton, obwohl sein Herz so rasend klopfte wie immer, wenn Samurai mit gezogenen oder auch nur halb gezogenen Schwertern in der Nähe waren und er keine entsicherte Pistole in der Hand, hielt. Zu oft hatte man ihn zu dem gerufen, was diese Schwerter an- richten konnten, bei Europäern und den Japanern selbst, denn Kämpfe und Samurai-Fehden gab es in Yokohama, Kanagawa und den umliegenden Dörfern ständig. »Dozo heißt ›bitte‹, dete ›gehen Sie hinaus‹. Bei den Japanern ist es sehr wichtig, immer bitte und danke zu sagen. ›Danke‹ heißt domo. Selbst wenn Sie schreien, müssen Sie diese Wörter benutzen.« Er warf Tyrer, der noch immer zitternd an der Wand stand, einen kurzen Blick zu. »Im Schrank ist Whisky.« »Es… Es geht mir gut.« »Das tut es nicht, Sie stehen unter Schock. Trinken Sie eine tüch- tige Portion Whisky. In kleinen Schlucken. Sobald ich hier fertig bin, gebe ich Ihnen etwas gegen die Übelkeit. Sie brauchen sich kei- ne Sorgen zu machen! Verstanden?« Tyrer nickte. Tränen strömten ihm übers Gesicht, die er nicht aufhalten konnte, und er vermochte kaum zu gehen. »Was ist… Was ist denn nur los mit… mir?« fragte er keuchend. »Das ist nur der Schock, nicht weiter schlimm. Das geht vorüber. Das ist im Krieg völlig normal, und hier sind wir im Krieg. Ich bin gleich fertig. Dann werden wir uns um diese Mistkerle kümmern.« »Wie… Wie wollen Sie das anfangen?« »Ich weiß es nicht.« Eine gewisse Schärfe lag plötzlich im Ton des Arztes, als er die Wunde abermals mit einem frischen Leinentupfer von dem ständig kleiner werdenden Stapel säuberte – es mußte im- mer noch einiges genäht werden. »Das Übliche, vermutlich. Mit den Händen gestikulieren und ihnen erklären, unser Gesandter wer- de ihnen die Hölle heiß machen und herausfinden wollen, wer Sie angegriffen hat. Natürlich werden sie jede Kenntnis von dem Vor- fall abstreiten und damit vermutlich recht haben – sie scheinen nie- mals irgend etwas über irgend etwas zu wissen. Sie sind ganz anders als alle Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Ich weiß nicht, ob sie ganz einfach dumm sind oder schlau und verschlossen bis, zur Genialität. Wir scheinen nicht in ihre Gesellschaft eindringen zu können – unsere Chinesen auch nicht –, wir haben keine Ver- bündeten unter ihnen, können keinen von ihnen bestechen, damit er uns hilft, können nicht einmal direkt mit ihnen reden. Wir sind alle so hilflos. Fühlen Sie sich jetzt besser?« Tyrer hatte ein bißchen Whisky getrunken. Zuvor hatte er sich voll Scham die Tränen abgewischt, den Mund ausgespült und Was- ser über den Kopf gegossen. »Eigentlich nicht… aber danke. Es geht schon. Was ist mit Struan?« Nach einer kurzen Pause antwortete Babcott: »Ich weiß es nicht. Man weiß es nie genau.« Beim Klang weiterer Schritte begann sein Herz wieder zu rasen. Tyrer erbleichte. Ein Klopfen. Und schon wurde die Tür aufgerissen. »Großer Gott!« stieß Jamie McFay hervor, ganz auf den blutbesu- delten Tisch und die riesige Wunde in Struans Seite konzentriert. »Wird er wieder gesund?« »Hallo, Jamie«, grüßte Babcott. »Haben Sie schon gehört…« »Ja, wir kommen gerade von der Tokaidō, haben Mr. Struans Spur zu folgen versucht, Dimitri ist draußen. Alles in Ordnung, Mr. Tyrer? Diese Schweine haben Canterbury in Stücke zerhackt und für die Krähen liegenlassen…« Wieder stürzte Tyrer zum Be- cken. McFay blieb unsicher an der Tür stehen. »Um Gottes willen, George – wird Mr. Struan wieder gesund?« »Ich weiß es nicht!« fuhr Babcott auf, und seine niemals endende Hilflosigkeit angesichts des Nichtwissens explodierte in heißem Zorn, weil er nicht begriff, warum manche Patienten am Leben blie- ben und andere, weniger schwer verwundet, sterben mußten, warum manche Wunden faulten, andere dagegen heilten. »Er hat literweise Blut verloren, ich habe einen durchtrennten Darm genäht, drei Schnitte, drei Venen und zwei Muskeln müssen noch genäht, die Wunde muß geschlossen werden, und Gott allein weiß, wieviel Fäu- le aus der Luft sie infiziert hat, falls es das ist, woher die Krankhei-, ten und die Gangräne kommen. Ich weiß es nicht! Ich-weiß-es-ver- dammt-noch-mal-nicht! Und jetzt verschwindet endlich von hier, kümmert euch um diese vier Bakufu-Schweine und findet heraus, wer zum Teufel das hier zu verantworten hat!« »Ja, ja, natürlich, tut mir leid, George«, sagte McFay, außer sich vor Angst und Sorge und entsetzt über diesen Ausbruch von Bab- cott, der normalerweise unerschütterlich war. Und setzte hastig hin- zu: »Wir werden's versuchen – Dimitri ist mitgekommen – aber wir wissen, wer es getan hat, wir haben uns an den chinesischen Laden- besitzer im Dorf gehalten. Es ist verdammt merkwürdig, die Samu- rai waren alle aus Satsuma und…« »Wo zum Teufel ist denn das?« »Das ist ein Königreich in der Nähe von Nagasaki auf der Südin- sel, hat er gesagt, sechs- bis siebenhundert Meilen entfernt, und…« »Was zum Teufel haben die hier zu suchen?« »Das wußte er nicht, aber er hat geschworen, daß sie in Hodoga- ya übernachten – das ist eine Station an der Tokaidō knapp zehn Meilen von hier entfernt, Phillip –, und sie hatten ihren König bei sich.«

Sanjiro, Herr von Satsuma – ein massiger, bärtiger Mann vonzweiundvierzig Jahren –, sah seinen zuverlässigen Ratgeber aus

unerbittlichen Augen an. »War dieser Überfall gut oder schlecht?« »Gut, Herr«, antwortete Katsumata leise, denn er wußte, daß überall Spione lauerten. Die beiden Männer waren allein; sie knie- ten einander im besten Quartier einer Herberge in Hodogaya ge-, genüber, einer dörflichen Station an der Tokaidō, kaum zwei Mei- len landeinwärts von der Niederlassung. »Warum?« Sechs Jahrhunderte lang hatten Sanjiros Vorfahren über Satsuma geherrscht, dem – abgesehen von seinen verhaßten Feinden, der Toranaga-Sippe – reichsten und mächtigsten Lehen ganz Japans, und fanatisch seine Unabhängigkeit verteidigt. »Er wird Zorn säen zwischen dem Shōgunat und den Gai-Jin«, er- klärte Katsumata, ein magerer, stahlharter Mann, Schwertmeister und berühmtester aller jensei – Lehrer – für Kriegskunst in der Pro- vinz Satsuma. »Je mehr diese Hunde in Streit geraten, desto schnel- ler wird es zum Kampf kommen, je schneller es zum Kampf kommt, desto besser, denn das wird dazu beitragen, die Toranagas und ihre Marionetten endlich zu stürzen, und wird Ihnen die Mög- lichkeit geben, ein neues Shōgunat einzusetzen, einen neuen Shō- gun, neue Beamte, wobei Satsuma vorrangig vertreten sein wird und Sie selbst einer der neuen roju werden.« Roju war eine andere Be- zeichnung für den Rat der Fünf Ältesten, der im Namen des Shō- gun regierte. Einer der roju! Warum denn, dachte Sanjiro insgeheim. Warum nicht Oberster Minister? Warum nicht Shōgun – ich verfüge über die erforderliche Abstammung. Zweieinhalb Jahrhunderte Toranaga- Shōgunat ist mehr als genug. Nobusada, der vierzehnte, sollte end- lich der letzte sein – und beim Haupte meines Vaters – er wird der letzte sein! Dieses Shōgunat war 1603 vom Kriegsherrn Yoshi Toranaga nach dem Sieg in der Schlacht von Sekigahara eingesetzt worden, in der Yoshis Legionen vierzigtausend Feindesköpfe erbeutet hatten. So hatte er jede Opposition eliminiert und Nippon, das Land der Göt- ter, wie die Japaner ihr Land nannten, zum erstenmal in der Ge- schichte unter seiner Herrschaft vereint. Unverzüglich akzeptierte dieser brillante General und Administra- tor, in dessen Hand nun die absolute weltliche Macht lag, von ei-, nem machtlosen Kaiser dankbar den Titel Shōgun oder Kronfeld- herr, den höchsten Rang, den ein Sterblicher erreichen kann, und wurde dadurch legal als Diktator bestätigt. Umgehend machte er sein Shōgunat erblich und verfügte, daß forthin sämtliche weltli- chen Angelegenheiten einzig in die Zuständigkeit des Shōgun, die geistlichen hingegen in die des Kaisers fallen sollten. Während der letzten acht Jahrhunderte lebte der Kaiser, der Sohn des Himmels, mit seinem Hofstaat weltabgeschieden in seinem um- mauerten Kaiserlichen Palast zu Kyōto. Nur einmal im Jahr verließ er die Mauern, um den heiligen Ise-Schrein aufzusuchen, aber auch dann blieb er den Augen der Menschen verborgen und zeigte sich nicht in der Öffentlichkeit. Selbst innerhalb der Mauern wurde er von fanatischen Erbbeamten und uralten, mystischen Protokollen von allen außer seiner unmittelbaren Familie abgeschirmt. So gebot der Kriegsherr, der über die Palasttore herrschte und be- stimmte, wer ein und aus gehen durfte, de facto auch über den Kai- ser und besaß somit seinen Einfluß und seine Macht. Und obwohl alle Japaner fest an seine Göttlichkeit glaubten, in ihm den Sohn des Himmels sahen und akzeptierten, daß er in ununterbrochener Linie seit Anbeginn aller Zeiten von der Sonnengöttin abstammte, unterhielten der Kaiser und sein Hof aufgrund eines historischen Brauchs keine Armee und hatten keine anderen Einnahmen als je- ne, die ihm der Kriegsherr an seinen Toren zukommen ließ – all- jährlich je nach Laune des Mannes. Jahrzehntelang regierten Shōgun Toranaga, sein Sohn und sein Enkel mit kluger, wenn auch grausamer Hand. Die folgenden Gene- rationen verloren jedoch den Halt, kleinere Beamte usurpierten im- mer mehr Macht, indem sie ihre eigenen Ämter nach und nach ebenfalls erblich machten. Der Shōgun blieb Titularherrscher, war im Lauf der Zeit jedoch allmählich zur Marionette geworden – doch immer und ausschließlich, genau wie der Rat der Ältesten, aus der Toranaga-Linie gewählt. Nobusada, der gegenwärtige Shōgun,, war vor vier Jahren gewählt worden, als er erst ganze zwölf Jahre alt war. Doch er wird nicht mehr lange hier auf Erden sein, schwor sich Sanjiro und kam wieder auf das gegenwärtige Problem zurück, das ihn beunruhigte. »Diese Morde, Katsumata, sie könnten, wenn sie auch verdienstvoll sind, die Gai-Jin zu sehr provozieren, und das könnte schlecht sein für Satsuma.« »Ich kann nichts Schlechtes sehen, Herr. Der Kaiser möchte die Gai-Jin ausweisen, genau wie Sie, genau wie die meisten Daimyos. Daß die beiden Samurai Satsumas sind, wird dem Kaiser auch ge- fallen. Vergessen Sie nicht, daß Ihr Besuch in Edo äußerst erfolg- reich war.« Drei Monate zuvor hatte Sanjiro den Kaiser Komei durch Verbin- dungsleute am Kaiserlichen Hof in Kyōto überredet, persönlich mehrere, von Sanjiro vorgeschlagene ›Wünsche‹ zu unterzeichnen und ihn zum Begleiter eines Kaiserlichen Boten zu ernennen, der die Schriftrolle nach Edo überbrachte, wodurch sie offiziell akzep- tiert wurde – ein ›Wunsch‹ des Kaisers, der akzeptiert wurde, war nur sehr schwer zu verweigern. Während der letzten zwei Monate hatte er die Verhandlungen geführt, und so sehr sich die Ältesten und ihre Bakufu-Beamten auch drehten und wendeten, er hatte die Oberhand behalten und war nun im Besitz ihrer schriftlichen Zu- stimmung zu gewissen Reformen, die das gesamte Shōgunat schwä- chen würden. Vor allem aber besaß er ihre offizielle Zustimmung, die verhaßten, gegen des Kaisers Wunsch unterzeichneten Verträge für ungültig zu erklären, die verhaßten Gai-Jin auszuweisen und das Land so abzuriegeln, wie es vor dem erzwungenen Eindringen Per- rys gewesen war. »Was ist nun aber mit diesen beiden Dummköpfen, die die Ko- lonne ohne Befehl verließen, um zu töten?« erkundigte sich Sanjiro. »Jede Tat, die die Bakufu in Verlegenheit bringt, hilft Ihnen.« »Ich stimme zu, die Gai-Jin haben sich provokant verhalten. Die-, ses Gesindel hatte kein Recht, sich irgendwo in meiner Nähe aufzu- halten. Mein und das kaiserliche Banner, die beide vorangetragen wurden, haben ihnen eindeutig gezeigt, daß das streng verboten ist.« »Sollen die Gai-Jin die Konsequenzen aus ihrem Verhalten tragen: Sie haben sich gegen unseren Willen den Weg an unsere Küsten er- zwungen und sich die Yokohama-Niederlassung angeeignet. Mit den Männern, über die wir jetzt verfügen, könnten wir die Nieder- lassung bei einem nächtlichen Überfall dem Erdboden gleichma- chen und die umgebenden Dörfer niederbrennen. Am besten gleich heute nacht, dann hätten wir das Problem endgültig gelöst.« »Ja, Yokohama, ein Überfall. Aber an ihre Flotte kommen wir nicht heran, die und ihre Geschütze können wir nicht zerstören.« »Ja, Herr. Und die Gai-Jin würden sofort zurückschlagen. Ihre Flotte würde Edo beschießen und vernichten.« »Richtig, und zwar je eher, desto besser. Aber das würde leider nicht das Shōgunat vernichten, das nach Edo gegen mich vorgehen und meine Hauptstadt Kagoshima angreifen würde. Dieses Risiko darf ich nicht eingehen.« »Ich glaube, daß sie sich mit Edo zufriedengeben werden, Herr. Wenn ihre Basis niedergebrannt ist, müssen sie sich auf ihre Schiffe zurückziehen und davonsegeln, nach Hongkong. Irgendwann in der Zukunft werden sie vielleicht zurückkehren, aber dann müssen sie mit Gewalt landen, um eine neue Basis einzurichten. Und müssen, für sie noch schlimmer, Landtruppen einsetzen, um sie zu halten.« »Sie haben China gedemütigt. Ihre Kriegsmaschinerie ist unüber- windlich.« »Wir sind nicht China und wir sind keine Leisetreter und Feiglin- ge wie die Chinesen, die sich von diesen Aasgeiern ausbluten oder zu Tode erschrecken lassen. Sie wollen handeln, behaupten sie. Gut, wir wollen ebenfalls handeln – um Schußwaffen, Geschütze und Schiffe.« Katsumata lächelte und ergänzte leise: »Wenn wir, Yokohama niederbrennen und zerstören, sollten wir so tun, als sei der Angriff auf Wunsch der Bakufu und des Shōgun erfolgt. Wenn dann die Gai-Jin wiederkommen, wird sich derjenige, der das Shō- gunat kontrolliert, zögernd bereit erklären, eine bescheidene Ent- schädigung zu zahlen, während die Gai-Jin mit Freuden einwilligen werden, im Gegenzug ihre schändlichen Verträge zu zerreißen und unter den Bedingungen Handel zu treiben, die wir ihnen diktieren.« »Sie werden uns in Kagoshima angreifen«, behauptete Sanjiro. »Wir werden sie nicht zurückschlagen können.« »Unsere Bucht ist gefährlich für die Schiffahrt, nicht so offen wie Edo, wir haben geheime Küstenbatterien, geheime holländische Ka- nonen, wir werden mit jedem Monat stärker. Eine derartige Kriegs- handlung durch die Gai-Jin würde alle Daimyos, alle Samurai und das ganze Land unter Ihrem Banner zu einer unüberwindlichen Streitmacht vereinigen. An Land können Gai-Jin-Truppen nicht ge- winnen. Dies ist das Land der Götter, und auch die Götter werden Ihnen zu Hilfe kommen«, versicherte Katsumata eifrig, obwohl er selbst nicht daran glaubte, aber er wollte Sanjiro manipulieren, wie er es schon seit Jahren tat. »Ein göttlicher Wind, ein Kamikaze- Wind hat die Armada des Mongolen Kublai Khan vor sechshun- dert Jahren vernichtet, warum nicht heute abermals?« »Richtig«, gab Sanjiro zu. »Damals haben uns die Götter gerettet. Aber Gai-Jin sind Gai-Jin und somit schändliche Barbaren, und wer weiß, was für Unheil sie noch ausbrüten werden? Töricht, einen An- griff von See her zu provozieren, bevor wir Kriegsschiffe besitzen – obwohl, gewiß, die Götter auf unserer Seite sind und uns beschüt- zen werden.« Katsumata lachte in sich hinein. Es gibt keine Götter, keinen Himmel, kein Leben nach dem Tod. Daran zu glauben wäre dumm. Ich glaube, was der große Diktator General Nakamura in seinem Todesgedicht gesagt hat: Vom Nichts ins Nichts, das Schloß Osaka und alles, was ich jemals getan habe, ist nur ein Traum in einem, Traum. »Die Gai-Jin-Niederlassung bietet uns ein so leicht angreifba- res Ziel wie niemals zuvor. Die beiden jungen Männer, die auf ihr Urteil warten, haben uns den Weg gezeigt. Ich bitte Sie, schlagen Sie ihn ein.« Er zögerte und senkte die Stimme noch ein wenig. »Es heißt, Herr, daß sie heimliche shishi sind.« Sanjiros Augen verengten sich noch mehr. Shishi – Männer mit Mut, wegen ihrer Courage und ihrer Hel- dentaten so genannt – waren junge Revolutionäre, Vorkämpfer ei- nes beispiellosen Aufstands gegen das Shōgunat. Sie waren ein neu- es Phänomen, und man nahm an, daß sie im ganzen Land nur ein- hundertfünfzig zählten. Für das Shōgunat und die meisten Daimyos waren sie Terroristen und Wahnsinnige, die zertreten werden mußten. Für die meisten Samurai, vor allem die einfachen Krieger, waren sie Loyalisten, die einen alles zerstörenden Kampf für das Gute führten und die Toranagas zwingen wollten, auf das Shōgunat zu verzichten, um die Macht dem Kaiser zurückzugeben, dem sie, wie sie fanatisch glaubten, vor zweieinhalb Jahrhunderten entrissen wor- den war. Für viele Bürgerliche, Bauern und Kaufleute, und vor allem für die Schwimmende Welt der Geishas und Freudenhäuser, waren die Shishi der Stoff für Legenden, besungen, beweint und bewundert. Alle waren sie Samurai, junge Idealisten, die Mehrheit aus den Le- hen Satsuma, Choshu und Tosa, einige fanatische Fremdenhasser, die meisten Ronin – Wellenmänner, weil sie so frei wie die Wellen waren –, herrenlose Samurai oder auch Samurai, die von ihrem Herrn wegen Ungehorsams oder eines Verbrechens verstoßen wor- den und vor der Strafe aus der Provinz geflohen waren oder die freiwillig geflohen waren, weil sie an eine neue, unerhörte Ketzerei glaubten: daß es eine höhere Pflicht gebe als die gegen ihren Herrn oder ihre Familie, eine Pflicht einzig gegenüber dem herrschenden Kaiser., Vor ein paar Jahren hatte sich die wachsende Shishi-Bewegung zu kleinen, geheimen Zellen formiert, die sich verpflichteten, bushido neu für sich zu entdecken, uralte Samurai-Praktiken von Selbstdiszi- plin, Pflicht, Ehre, Tod, Schwertkunst und anderen kriegsähnlichen Übungen, Dinge, die für alle außer ein paar Sensei, die Bushido am Leben erhalten hatten, längst verloren waren. Verloren, weil Japan seit zweieinhalb Jahrhunderten in Frieden unter der strengen Tora- naga-Herrschaft lebte, die jede kriegsähnliche Betätigung verbot, während Jahrhunderte zuvor der totale Bürgerkrieg geherrscht hatte. Vorsichtig begannen sich die Shishi zu treffen, zu diskutieren und zu planen. Schwertkampfschulen wurden zu Zentren der Unzufrie- denheit. Eiferer und Radikale tauchten in ihrer Mitte auf, einige gut, andere schlecht. Eines jedoch vereinte sie alle – sie waren fana- tische Shōgunats-Gegner und strikt dagegen, den Ausländern und ihrem Handel die japanischen Häfen zu öffnen. Aus diesem Grund hatten sie während der letzten vier Jahre spo- radische Überfalle auf die Gai-Jin verübt und eine Revolte gegen den Shōgun Nobusada, den allmächtigen Rat der Ältesten und die Bakufu anzuzetteln begonnen, die theoretisch seinen Befehlen ge- horchten und alle Aspekte des Lebens regelten. Die Shishi hatten einen Schlachtruf erfunden, sonno-joi – Ehret den Kaiser und vertreibt die Barbaren –, und hatten geschworen, je- den, der sich ihnen in den Weg stellte, zu beseitigen. »Selbst wenn sie wirklich Shishi sind«, gab Sanjiro verärgert zu- rück, »kann ich einen so öffentlich verübten Ungehorsam, und sei er noch so verdienstvoll, nicht ungestraft lassen – ich gebe zu, die Gai-Jin hätten absitzen, niederknien und sich wie zivilisierte Men- schen verhalten sollen, jawohl, sie haben meine Männer provoziert. Aber das ist für die beiden keine Entschuldigung.« »Ich stimme dem zu, Herr.« »Dann geben Sie mir Ihren Rat«, befahl Sanjiro gereizt. »Wenn sie Shishi sind, wie Sie sagen, und ich sie vernichte oder ihnen befehle,, seppuku zu begehen, werde ich noch vor dem Ende dieses Monats ermordet werden, trotz meiner Wachen – versuchen Sie nicht, es abzustreiten, ich weiß es. Schlimm genug, daß ihre Macht so groß ist, obwohl sie fast alle gemeine goshi sind.« »Vielleicht ist das gerade ihre Stärke, Herr«, erwiderte Katsumata. Die Goshi waren der unterste Rang der Samurai, stammten zumeist aus mittellosen Familien vom Land, waren kaum mehr als die Bau- ernkrieger alter Zeiten mit so gut wie gar keiner Hoffnung auf eine Ausbildung und daher ohne Hoffnung auf ein Fortkommen. »Sie haben nichts zu verlieren als ihr Leben.« »Wenn jemand eine Beschwerde hat, dann höre ich zu, selbstver- ständlich höre ich zu. Und besondere Männer erhalten eine beson- dere Ausbildung, zumindest einige von ihnen.« »Warum erlauben wir ihnen nicht, den Überfall auf die Gai-Jin anzuführen?« »Und wenn es keinen Überfall gibt? Den Bakufu kann ich sie nicht übergeben, unvorstellbar, und auch nicht den Gai-Jin!« »Die meisten Shishi sind junge Idealisten, ohne Hirn und ohne Ziel. Ein paar sind Unruhestifter und Gesetzlose, die wir auf dieser Erde nicht brauchen. Einige aber könnten, falls richtig eingesetzt, recht wertvoll sein – ein Spion berichtete mir, Shorin, der Ältere, habe zu der Gruppe gehört, die den Obersten Minister Ii ermordet hat.« »So ka!« Das war vor vier Jahren gewesen. Gegen alle Ratschläge hatte Ii, der alles so manipuliert hatte, daß man den Knaben Nobusada zum Shōgun wählte, darüber hinaus eine höchst unpassende Ehe zwischen dem Knaben und der zwölfjährigen Halbschwester des Kaisers angeregt und, was am schlimmsten war, die verhaßten Ver- träge ausgehandelt und unterzeichnet. Sein Hinscheiden wurde von niemandem bedauert, am wenigsten von Sanjiro. »Lassen Sie sie herbringen.«, Im Audienzraum servierte eine Dienerin Sanjiro Tee. Katsumata saß neben ihm. Umgeben waren sie von zehn Männern seiner Leibwa- che. Alle waren bewaffnet. Die beiden Jugendlichen, die etwas tiefer vor ihnen knieten, waren es nicht, doch ihre Schwerter lagen griff- bereit auf der Tatami. Ihre Nerven waren gespannt, aber sie ließen es sich nicht anmerken. Die Dienerin verneigte sich ängstlich und zog sich zurück. Sanjiro bemerkte es nicht einmal. Er nahm die kostbare, kleine Porzellantasse vom Tablett und trank einen Schluck Tee. Der Geschmack des Tees tat ihm gut, und er war froh, Herrscher zu sein und nicht Beherrschter, und während er tat, als bewundere er die Tasse, galt seine eigentliche Aufmerk- samkeit den jungen Männern. Die beiden warteten regungslos; sie wußten, daß ihre Zeit gekommen war. Er wußte so gut wie nichts von ihnen, nur das, was Katsumata ihm berichtet hatte; daß sie, wie ihre Väter vor ihnen, Goshi waren, Fußsoldaten. Jeder bekam einen Sold von einem koku jährlich – ein Maß für trockenen Reis, ungefähr fünf Scheffel, das man für ausreichend hielt, um eine Familie ein Jahr lang zu ernähren. Beide stammten aus Dörfern in der Nähe von Kagoshima. Der eine war neunzehn, der andere, der Mann, der verwundet war und nun den Arm verbunden hatte, siebzehn. Beide hatten die exklusive Samu- raischule in Kagoshima besucht, die er vor zwanzig Jahren gegrün- det hatte, um jenen, die besondere Befähigungen aufwiesen, eine spezielle Ausbildung zuteil werden zu lassen, darunter das Studium sorgfältig ausgewählter holländischer Handbücher. Beide waren gute Studenten gewesen, beide waren ledig, beide verbrachten ihre Frei- zeit damit, ihre Schwertkampfkunst zu vervollkommnen. Beide standen irgendwann in der Zukunft für eine Beförderung an. Der Ältere hieß Shorin Anato, der Jüngere Ori Ryoma. Die Stille lastete schwerer. Unvermittelt begann er sich mit Katsumata zu unterhalten, als existierten die jungen Männer nicht: »Wenn einige meiner Männer,, und seien sie noch so ehrenwert, seien sie noch so sehr provoziert worden, aus irgendeinem Grund eine Gewalttat begingen, die nicht von mir autorisiert wurde, und blieben diese Männer dann in mei- ner Reichweite, würde ich sie streng bestrafen müssen.« »Jawohl, Herr.« Er sah das Funkeln in den Augen seines Ratgebers. »Ungehorsam ist Dummheit. Wenn diese Männer am Leben bleiben wollten, gäbe es nur eine Möglichkeit für sie: zu fliehen und Ronin zu werden, auch wenn sie dadurch ihren Sold verlören. Eine Verschwendung, ihr Leben zu vernichten, wenn sie wirklich ehrenwert wären.« Dann richtete er den Blick auf die jungen Männer und musterte sie durchdringend. Zu seinem Erstaunen vermochte er in ihren Gesich- tern nichts zu lesen, nur eine tiefe, ernste Ruhe. Seine Vorsicht wuchs. »Sie haben ganz recht, Herr, wie immer«, ergänzte Katsumata. »Es könnte sein, daß solche Männer, falls sie Männer von besonderer Ehre sind und wissen, daß sie Ihre Harmonie gestört haben, die wissen, daß Sie keine andere Wahl haben, als sie streng zu bestra- fen, daß diese besonderen Männer selbst als Ronin Ihre Interessen wahren, ja, Ihre Interessen vielleicht sogar fördern werden.« »Solche Männer gibt es nicht«, erklärte Sanjiro, insgeheim ent- zückt darüber, daß ihm sein Ratgeber beistimmte. Wieder richtete er den kalten Blick auf die jungen Männer. »Oder?« Beide versuchten ihn weiterhin offen anzusehen, wurden aber nie- dergestarrt. Sie senkten den Blick. Shorin, der ältere, sagte leise: »Es… es gibt solche Männer, Herr.« Das Schweigen wurde schwerer erträglich, während Sanjiro darauf wartete, daß sich der jüngere ebenfalls äußerte. Dann nickte der jüngere Ori kaum wahrnehmbar mit dem tief gesenkten Kopf, legte beide Hände flach auf die Tatami und verneigte sich noch tiefer. »Ja, Herr, es ist so.« Damit gab sich Sanjiro vorerst zufrieden; ohne weitere Unkosten, hatte er sich ihre Treue gesichert und zwei Spione in der Bewegung – für die Katsumata verantwortlich sein würde. »Solche Männer würden sehr nützlich sein – falls sie existieren.« Sein Ton war kurz und endgültig. »Katsumata, schreiben Sie sofort einen Brief an die Bakufu und informieren Sie sie, daß zwei Goshi namens –« er überlegte einen Moment, ohne auf das Geraschel im Raum zu achten – »schreiben Sie irgendwelche Namen hinein… heute die Truppe verlassen und ein paar Gai-Jin getötet haben. Die Gai-Jin waren mit Pistolen bewaffnet, die sie drohend auf die Sänfte richteten. Diese beiden Männer, provoziert, wie sie und alle meine Männer waren, entkamen, bevor sie gefangengenommen werden konnten.« Wieder sah er die beiden Männer an. »Was nun euch beide angeht, so werdet ihr zur ersten Nachtwache zurückkommen, um euch das Urteil abzuholen.« »Herr«, warf Katsumata hastig ein, »dürfte ich vorschlagen, daß Sie Ihrem Brief noch hinzufügen, die beiden seien ausgestoßen, zu Ronin erklärt, ihr Sold sei widerrufen und eine Belohnung auf ihre Köpfe ausgesetzt worden.« »Zwei Koku. Hängt das in ihren Dörfern aus, wenn wir zurück sind.« Sanjiro richtete den Blick auf Shorin und Ori und bedeutete ihnen, sie könnten gehen. Die beiden verneigten sich tief und ver- schwanden. Voller Genugtuung sah er, daß ihre Kimonos auf dem Rücken schweißnaß waren, obwohl an diesem Nachmittag keine besondere Hitze herrschte. »Wegen Yokohama, Katsumata«, sagte er leise, als sie wieder allein waren. »Schicken Sie ein paar von unseren besten Spionen los, um nachzusehen, was sich da abspielt. Befehlen Sie ihnen, bei Einbruch der Nacht wieder zurück zu sein, und befehlen Sie allen Samurai, sich auf den Kampf vorzubereiten.« »Jawohl, Herr.« Geschickt verbarg Katsumata sein Lächeln., Als die jungen Männer Sanjiro verließen und die Reihen der Leib- wächter passiert hatten, holte Katsumata die beiden ein. »Folgt mir.« Er führte sie durch den Garten zu einer Seitentür, die unbe- wacht war. »Geht sofort nach Kanagawa, in die Herberge ›Zu den Mitter- nachtsblüten‹. Das ist ein sicheres Haus, und dort werden weitere Freunde sein. Schnell!« »Aber, Sensei«, wandte Ori ein, »wir müssen erst unsere Schwerter und Rüstungen und Geld holen, und…« »Schweig!« Zornig langte Katsumata in seinen Kimonoärmel und reichte ihnen einen kleinen Beutel mit einigen Münzen. »Nehmt das und zahlt für eure Unverschämtheit das Doppelte zurück. Bei Sonnenuntergang werde ich einigen Männern befehlen, euch zu verfolgen und zu töten, wenn sie euch innerhalb eines ri antreffen.« Ein ri waren etwa drei Meilen. »Jawohl, Sensei, ich entschuldige mich für meine Unhöflichkeit.« »Deine Entschuldigung wird nicht akzeptiert. Ihr seid beide Dummköpfe. Ihr hättet alle vier Barbaren töten sollen, nicht nur den einen – und vor allem das junge Mädchen, denn dann wären die Gai-Jin rasend vor Wut gewesen! Wie oft habe ich es euch schon gesagt? Das sind keine zivilisierten Menschen wie wir, sie se- hen die Welt, die Religion und die Frauen ganz anders! Ihr seid un- fähig! Ihr seid Dummköpfe! Ihr habt einen guten Angriff begonnen und es dann versäumt, unbarmherzig und ohne Rücksicht auf euer eigenes Leben nachzustoßen. Gezögert habt ihr! Und verloren. Dummköpfe!« wiederholte er. »Alles habt ihr vergessen, was ich euch gelehrt habe.« Wütend versetzte er Shorin mit dem Handrü- cken einen heftigen Schlag ins Gesicht. Sofort verneigte sich Shorin, entschuldigte sich mit ein paar zer- knirscht gemurmelten Worten, der Anlaß dafür gewesen zu sein, daß der Sensei sein wa, die innere Harmonie, verloren habe, und versuchte verzweifelt, den Schmerz zu unterdrücken. Ori stand, stocksteif daneben und wartete auf den zweiten Schlag, der eine rote, heiß brennende Spur hinterließ. Sofort entschuldigte auch er sich zerknirscht und duckte den schmerzenden Kopf voller Angst so tief wie möglich. Einmal hatte ein Kommilitone, der beste Schwertkämpfer von ihnen, Katsumata bei einem Übungskampf ei- ne unhöfliche Antwort gegeben. Ohne Zögern hatte Katsumata das Schwert in die Scheide gesteckt, ihn mit bloßen Händen angegrif- fen, entwaffnet, gedemütigt, ihm beide Arme gebrochen und ihn auf ewig in sein Dorf verbannt. »Bitte, entschuldigen Sie, Sensei«, flüsterte Shorin. Er meinte es ernst. »Geht in die Herberge ›Zu den Mitternachtsblüten‹. Wenn ich euch eine Nachricht sende, gehorcht sofort und tut, was ich verlan- ge, eine zweite Chance wird es nicht geben! Sofort, verstanden?« »Ja, ja, Sensei, bitte verzeihen Sie«, murmelten beide, schürzten ihre Kimonos und liefen davon, froh, aus seiner Reichweite zu sein, denn sie fürchteten ihn noch mehr als Sanjiro. Katsumata war jah- relang ihr oberster Lehrer gewesen, sowohl in der Kriegskunst als auch, heimlich, in anderen Dingen: warum die Bakufu ihre Pflicht verletzt hatten, warum die Toranagas die ihre, warum etwas verän- dert werden müsse und wie man das anstellt. Katsumata war einer der wenigen heimlichen Shishi, die hatomoto waren – geehrte Va- sallen mit unmittelbarem Zugang zu ihrem Herrn –, ein alter Samu- rai mit einem persönlichen Jahressold von eintausend Koku. »Eeee, so reich zu sein!« hatte Shorin Ori zugeflüstert, als sie es erfuhren. »Geld ist nichts. Wenn man Macht hat, braucht man kein Geld.« »Du hast recht, aber denk doch an deine Familie, deinen Vater und meinen, die könnten sich ein bißchen eigenes Land kaufen und müßten nicht mehr für andere auf dem Feld schuften.« »Du hast recht«, sagte Ori. Da lachte Shorin. »Kein Grund zur Sorge, wir werden niemals so, viel haben, und wenn, dann würden wir's nur für Mädchen und Saké ausgeben und Daimyos der Schwimmenden Welt werden. Ein- tausend Koku ist alles Geld auf der Welt!« »Ist es nicht«, hatte Ori entgegnet. »Vergiß nicht, was der Sensei zu uns gesagt hat.« Bei einer von Katsumatas geheimen Sitzungen hatte er zu ihnen gesagt: »Satsumas Steuereinkünfte belaufen sich auf siebenhundert- fünfzigtausend Koku und gehören unserem Herrn, dem Daimyo, der sie verteilt, wie er es für richtig hält. Das ist auch ein Brauch, den die neue Administration abschaffen wird. Wenn die große Ver- änderung stattgefunden hat, werden die Steuereinkünfte des Lehens von einem Staatsrat aus klugen Männern verteilt werden, die aus al- len Rängen der Samurai kommen, hoch und nieder, jeden Alters, vorausgesetzt, der Mann besitzt die notwendige Weisheit und hat sich als Mann von Ehre erwiesen. So wird es in allen Lehen sein, denn das Land wird von einem Obersten Staatsrat in Edo oder Kyōto regiert werden, ebenfalls gebildet aus Samurai von Ehre – ge- leitet vom Sohn des Himmels.« »Sagten Sie, aus allen Rängen, Sensei? Darf ich fragen, ob das auch die Toranagas einschließt?« hatte Ori ihn gefragt. »Es wird keine Ausnahmen geben – wenn der Mann ehrenwert ist.« »Bitte, Sensei, wegen der Toranagas. Kennt irgend jemand ihren wahren Reichtum, die Gebiete, die sie wirklich beherrschen?« »Nach Sekugahara hat Toranaga seinen toten Feinden für sich und seine Familie Ländereien im Werte von ungefähr fünf Millio- nen Koku jährlich abgenommen, das ist ungefähr ein Drittel des Reichtums, den Nippon besitzt. Auf ewig.« In die verblüffende Stille hinein hatte Ori für sie alle gesagt: »Bei einem solchen Reichtum könnten… könnten wir die größte Flotte der Welt haben, mit so viel Kriegsschiffen und Kanonen und Ge- schützen, wie wir nur wollen. Wir könnten die besten Truppen mit, den besten Gewehren haben, wir könnten alle Gai-Jin vertreiben!« »Wir könnten den Krieg sogar zu ihnen tragen und unsere Küsten ausdehnen«, hatte Katsumata leise entgegnet. »Und vergangene Schande tilgen.« Sofort hatten sie gewußt, daß er den taikō meinte, General Naka- mura, Toranagas unmittelbaren Vorgänger und Lehnsherrn, den großen Bauerngeneral, der dann über die Tore gebot und vom Kai- ser aus Dankbarkeit den höchsten Titel verliehen bekam, den ein Niedriggeborener erreichen konnte: taikō, das heißt Diktator, statt den des Shōgun, an dem sein Herz hing, den er aber niemals errin- gen würde. Nachdem er das ganze Land befriedet hatte, vor allem indem er Toranaga, seinen Hauptfeind, überredete, ihm und seinem noch kindlichen Erben Treue zu schwören, hatte er eine riesige Armada gesammelt und einen Feldzug gegen Chosen oder Korea, wie es zu- weilen genannt wurde, begonnen, um dieses Land zu befreien und als Trittstein zum Drachenthron von China zu benutzen. Doch sei- ne Truppen hatten versagt und schon bald schmählich den Rück- zug angetreten – genau wie schon Jahrhunderte zuvor zwei andere japanische Versuche katastrophal gescheitert waren. »Eine solche Schande muß getilgt werden – genau wie jene Schan- de, die die Söhne des Himmels wegen der Toranagas erleiden muß- ten, die Nakamuras Macht an sich rissen, seine Frau und seinen Sohn gemeuchelt, das Schloß Osaka dem Erdboden gleichgemacht haben und das Erbe des Himmelssohnes nun lange genug plün- dern! Sonno-joi!« »Sonno-joi!« hatten sie geschlossen erwidert. Begeistert. Als es dämmerte, ermüdeten die jungen Männer zusehends. Da aber keiner das als erster zugeben wollte, hetzten sie weiter, bis sie den Waldrand erreichten. Vor ihnen lagen nunmehr die Reissümpfe, auf der einen Seite der Tokaidō, die zum Ortsrand von Kanagawa ganz in der Nähe führte – und zu der bewachten Straßensperre. Die Küste lag zu ihrer Rechten. »Laß uns… laß uns einen Augenblick ausruhen«, schlug Ori vor, dessen verletzter Arm schmerzte, dessen Kopf schmerzte, dessen Brust schmerzte, ohne daß er es sich anmerken ließ. »Na schön.« Shorin keuchte ebenso schwer und litt unter nicht weniger Schmerzen, aber er lachte. »Du bist schwach wie ein altes Weib.« Er suchte sich einen trockenen Fleck Erde und ließ sich er- leichtert nieder. Aufmerksam blickte er um sich und versuchte wie- der zu Atem zu kommen. Da das Reisen bei Nacht von den Bakufu im allgemeinen verbo- ten war, war die Tokaidō so gut wie leer. Mehrere Lastträger und die letzten Reisenden hasteten auf die Kanagawa-Sperre zu, alle an- deren hatten in irgendeiner Herberge, deren es in den Stationen ei- ne große Anzahl gab, Zuflucht gesucht, wo sie in Sicherheit bade- ten oder sich amüsierten. Im ganzen Land wurden die Straßensper- ren bei Einbruch der Nacht geschlossen, nicht vor Morgengrauen wieder geöffnet und stets von einheimischen Samurai bewacht. Auf der anderen Seite der Bucht konnte Shorin entlang der Pro- menade sowie in einigen Häusern der Niederlassung und auf den vor Anker liegenden Schiffen die Öllampen sehen. Ein schöner Mond, halb voll, stieg dicht über dem Horizont empor. »Was macht dein Arm, Ori?« »Der ist in Ordnung, Shorin. Wir sind jetzt über ein ri von Ho- dogaya entfernt.« »Ja, aber sicher werde ich mich erst fühlen, wenn wir in der Her- berge sind.« Shorin begann seinen Hals zu massieren, um den Schmerz, den er dort verspürte, wie auch die Kopfschmerzen zu lin- dern. Katsumatas Schlag hatte ihn fast gelähmt. »Als wir vor Herrn Sanjiro knieten, dachte ich, es wäre aus mit uns. Ich dachte, er wür- de uns verurteilen.«, »Ich auch.« Während er sprach, fühlte sich Ori elend, sein Arm pochte, sein Gesicht glühte noch immer. Mit seiner gesunden Hand wehrte er zerstreut einen Schwarm Nachtinsekten ab. »Wenn er… Ich hätte nach meinem Schwert gegriffen und ihn uns voraus- geschickt.« »Ich ebenfalls, aber der Sensei hat uns genau beobachtet und hät- te uns beide getötet, bevor wir auch nur eine Bewegung gemacht hätten.« »Ja, du hast schon wieder recht.« Der Jüngere erschauerte. »Mit seinem Hieb hat er mir fast den Kopf abgeschlagen. Eeee, eine so große Kraft, unglaublich! Ich bin froh, daß er auf unserer Seite ist, nicht gegen uns. Er hat uns gerettet, er allein, er hat Herrn Sanjiro seinem Willen unterworfen.« Plötzlich wurde Ori ernst. »Während ich wartete, Shorin, habe ich… um stark zu bleiben, habe ich ein Todesgedicht für mich verfaßt.« Shorin wurde ebenfalls ernst. »Darf ich es hören?« »Ja.« Sonno-joi bei Sonnenuntergang, Nichts verschwendet. Ich springe Ins Nichts. Shorin dachte über das Gedicht nach, prüfte es, die Ausgewogen- heit der Worte, die dritte Ebene der Bedeutung. Dann antwortete er feierlich: »Ein Samurai tut klug daran, ein Todesgedicht zu ver- fassen. Mir ist das bisher noch nicht gelungen, aber ich sollte es tun, dann ist der Rest des Lebens ein Geschenk.« Er drehte den Kopf extrem von einer Seite zur anderen, bis die Gelenke knackten, dann fühlte er sich wohler. »Weißt du, Ori, der Sensei hatte recht. Wir haben gezögert, deswegen haben wir verloren.« »Ich habe gezögert, darin hatte er recht. Ich hätte das junge Mäd-, chen leicht töten können, aber sie hat mich einen Moment ge- lähmt. Ich habe noch nie… ihre fremdartigen Kleider, ihr Gesicht wie eine seltsame Blüte mit dieser riesigen Nase, eher wie eine mon- ströse Orchidee mit zwei großen, blauen Flecken und gekrönt von gelben Staubgefäßen – diese unglaublichen Augen, die Augen einer Siamkatze, und ein Strohbüschel unter diesem albernen Hut, so ab- stoßend, und doch so… so anziehend.« Ori stieß ein nervöses La- chen aus. »Ich war wie verhext. Sie ist bestimmt eine Kami aus den dunklen Regionen.« »Reiß ihr die Kleider runter, und sie wird real sein, aber wie an- ziehend, ich… ich weiß es nicht.« »Daran habe ich auch gedacht und mich gefragt, wie das wohl wäre.« Einen Moment sah Ori zum Mond empor. »Wenn ich mit ihr das Kopfkissen teilen würde, ich glaube… ich glaube, ich würde das Spinnenmännchen zu ihrem Spinnenweibchen sein.« »Du meinst, sie würde dich hinterher töten?« »Ja, wenn ich das Kopfkissen mit ihr teilte, mit oder ohne Ge- walt, würde diese Frau mich töten.« Ori fuhr mit der Hand durch die Luft, denn die Insekten wurden zur Plage. »So eine wie sie hab ich noch nie gesehen – und du auch nicht. Das hast du doch si- cher auch gemerkt, neh?« »Nein, alles ist so schnell gegangen, und ich hab versucht, den großen, häßlichen Mann mit der Pistole zu töten, und dann ist sie geflohen.« Ori starrte auf die matten Lichter von Yokohama. »Ich möchte wissen, wie sie heißt und was sie getan hat, als sie dorthin zurückge- kehrt ist. Ich habe noch nie so etwas gesehen… sie war so häßlich, und dennoch…« Shorin war beunruhigt. Normalerweise nahm Ori kaum jemals Notiz von Frauen, benutzte sie einfach, wenn er das Bedürfnis ver- spürte, und ließ sich von ihnen unterhalten, bedienen. Von seiner vergötterten Schwester abgesehen, konnte er sich nicht erinnern,, Ori jemals über eine Frau sprechen gehört zu haben. »Karma.« »Ja, Karma.« Ori zupfte seinen Verband zurecht; das Pochen ver- stärkte sich. Blut sickerte hindurch. »Trotzdem, ich weiß nicht, ob wir verloren haben. Wir müssen warten, wir müssen Geduld haben und sehen, was passiert. Wir hatten immer vor, bei der ersten Ge- legenheit gegen die Gai-Jin loszuschlagen – ich hatte recht, sie in dem Moment anzugreifen.« Shorin rappelte sich auf. »Ich mag nicht mehr ernst sein, ich habe genug von Kami und Tod. Den Tod werden wir früh genug kennenlernen. Der Sensei schenkte uns das Leben für sonno-joi. Vom Nichts ins Nichts – aber heute haben wir noch eine Nacht vor uns, die wir genießen können. Ein Bad, Saké, etwas zu essen, dann eine echte Dame der Nacht, köstlich und süß duftend und feucht…« Er lachte leise. »Eine Blume, keine Orchidee, mit einer wunderschönen Nase und richtigen Augen. Laß uns…« Er hielt inne. Östlich, aus Richtung Yokohama, kam der wider- hallende Knall einer Schiffs-Signalkanone. Dann wurde die Dunkel- heit kurz von einer Signalrakete durchbrochen. »Ist das normal?« »Keine Ahnung.« Schon konnten sie vor sich die Lampen an der ersten Sperre erkennen. »Wir sollten besser durch das Reisfeld ge- hen, so können wir die Wachtposten umgehen.« »Ja. Am besten überqueren wir hier die Straße und halten uns dichter an der Küste. Von der Seite her werden sie keine Eindring- linge erwarten, wir können den Patrouillen aus dem Weg gehen, und die Herberge ist so auch näher.« Tief gebückt huschten sie über die Straße bis zu einem der Pfade, der durch die kürzlich mit Winterreis bepflanzten Felder führte. Plötzlich blieben beide stehen. Von der Tokaidō her drangen das Klappern von Pferdehufen und das Klirren von Zaumzeug herüber. Sie duckten sich, warteten einen Moment, dann hielten sie den Atem an. Zehn uniformierte, mit Karabinern bewaffnete Dragoner,, angeführt von einem Offizier, kamen um die Biegung galoppiert. Sofort wurden die Soldaten von den Samurai an der Straßensper- re entdeckt, die einen Warnruf ausstießen. Weitere Samurai kamen aus den Hütten gelaufen. Bald waren zwanzig von ihnen, mit einem Offizier an der Spitze, hinter der Sperre aufgereiht. »Was sollen wir tun, Ori?« erkundigte sich Shorin flüsternd. »Warten.« Während sie den Vorgesetzten der Samurai beobachteten, hob der die Hand. »Halt!« rief er laut; dann nickte er leicht, statt sich zu verneigen, denn so entsprach es der Etikette vom höheren zum nie- deren Rang. »Haben Sie eine Genehmigung für Ihre Nachtreise? Wenn ja, zeigen Sie mir Ihre Papiere.« Heiße Wut stieg in Ori auf, als er die Unverschämtheit des Gai- Jin-Offiziers beobachtete, der etwa zehn Schritte von der Sperre ent- fernt haltmachte, in seiner fremden Sprache etwas rief und dem Sa- murai – ohne abzusitzen oder sich, wie es der Brauch erforderte, höflich zu verneigen – mit einer anmaßenden Handbewegung be- deutete, sie zu öffnen. »Wie können Sie es wagen, so unhöflich zu sein! Verschwinden Sie!« verlangte der Samurai zornig und winkte sie davon. Der Gai-Jin-Offizier rief einen Befehl. Sofort nahmen seine Män- ner die Karabiner von der Schulter, richteten sie auf die Samurai und schossen diszipliniert hoch in die Luft. Dann luden sie nach und zielten, noch ehe der Knall der ersten Salve verklungen war, diesmal direkt auf die Wachtposten, während sich eine unheildro- hende Stille ausbreitete. Shorin und Ori hielten den Atem an, denn bisher waren Gewehre mit Pulver und Blei von vorn geladen worden. »Das sind Hinterla- der mit den neuen Patronen«, flüsterte Shorin aufgeregt. Keiner von beiden hatte je diese neueste Erfindung gesehen, nur gehört hatten sie davon. Die Samurai waren genauso erschrocken. »Eeee, hast du gesehen, wie schnell sie nachgeladen haben? Ich habe gehört, daß, ein Soldat mühelos zehn Schüsse gegen einen aus einem Vorderla- der abgeben kann.« »Aber hast du ihre Disziplin gesehen, Shorin, und die der Pferde, die haben sich kaum gerührt!« Wieder verlangte der Gai-Jin-Offizier hochfahrend, daß die Samu- rai die Sperre öffneten, und ließ keinen Zweifel daran, daß alle Sa- murai sterben müßten, wenn sie nicht auf der Stelle gehorchten. »Laßt sie durch«, sagte der kommandierende Samurai. Der Dragoneroffizier gab seinem Pferd verächtlich und ohne je- des Anzeichen von Angst die Sporen, seine Soldaten folgten ihm mit schußbereiten Gewehren und grimmigen Gesichtern. Keiner von ihnen beachtete die Wachen oder erwiderte ihre höflichen Ver- neigungen. »Dies wird sofort gemeldet. Eine Entschuldigung wird verlangt werden!« erklärte der Samurai, wütend über das beleidigende Verhal- ten, aber darauf bedacht, es nicht zu zeigen. Als sich hinter den Soldaten die Sperre wieder schloß, flüsterte Ori wütend: »Was für ein unmögliches Benehmen! Doch gegen die- se Gewehre – was hätte er tun sollen?« »Er hätte angreifen und sie töten sollen, bevor er starb. Ich hätte niemals tun können, was dieser Feigling tat – ich hätte angegriffen und wäre gestorben«, behauptete Shorin, dessen Knie vor Zorn zit- terten. »Ja. Ich glaube…« Ori hielt inne; ein plötzlicher Gedanke ließ sei- nen Zorn verfliegen. »Komm mit«, flüsterte er eindringlich. »Wir werden herausfinden, wohin sie reiten – vielleicht können wir ein paar von ihren Gewehren stehlen.«,

Die Barkasse der Royal Navy tauchte aus dem Zwielicht auf undjagte auf die Mole von Kanagawa zu. Die Mole war, im Gegen-

satz zu den anderen entlang der Küste, solide aus Stein und Holz gebaut und trug ein Schild mit der stolzen, englischen und japani- schen Aufschrift: ›Eigentum der Britischen Gesandtschaft, Kanaga- wa – Unbefugtes Betreten verboten‹. Die Barkasse wurde kraftvoll von Matrosen gerudert und war mit bewaffneten Marinetruppen besetzt. Am Ende der Pier wartete einer der Gesandtschafts-Grenadiere. Neben ihm stand ein rundgesichtiger Chinese in langem Gewand mit hohem Kragen, in der Hand eine Stange mit einer Öllampe. »Riemen hoch!« kommandierte der Bootsmann. Sofort wurden die Riemen eingehängt, der Bugmann sprang auf die Pier und vertäute das Boot an einem Poller, die Marinesoldaten folgten in disziplinierter Ordnung und formierten sich in Verteidigungsstel- lung mit schußbereiten Gewehren, während der Sergeant das Ter- rain studierte. Im Heck saß ein Marineoffizier. Und Angélique Ri- chaud. Er half ihr an Land. »Guten Abend, Sir, Ma'am.« Der Grenadier salutierte vor dem Offizier. »Das hier ist Lim, er ist Gesandtschafts-Assistent.« Lim starrte das junge Mädchen an. »'n Abend, Sah, Sie kommen schnell, schnell, heya? Missy kommen macht nichts.« Angélique war nervös und besorgt; sie trug ein blaues Seidenkleid mit Reifrock und einen dazu passenden Schal, der ihre blasse Haut und ihr blondes Haar wundervoll unterstrich. »Mr. Struan – wie geht's ihm?« Der Soldat antwortete freundlich: »Ich weiß es nicht, Ma'am, Miß. Doc Babcott ist der beste in diesen Gewässern, also wird der, arme Mann wohl gesund werden, so Gott will. Er wird sich sehr freuen, Sie zu sehen – hat schon nach Ihnen gefragt. Wir hatten Sie erst morgen früh erwartet.« »Und Mr. Tyrer?« »Dem geht's gut, Miß, nur eine Fleischwunde. Wir sollten gehen.« »Wie weit ist es?« »Ayeeyah«, sagte Lim gereizt, »nicht weit, chop chop, macht nichts.« Er hob die Lampe, murmelte auf Kantonesisch vor sich hin und marschierte los, in die Dunkelheit hinein. Unverschämter Kerl, dachte der Offizier. Er war groß, Lieutenant der Royal Navy, und sein Name war John Marlowe. Als sie Lim folgten, formierten sich die Marines sofort zu einem Schutzwall, die Tete übernahmen ein paar Kundschafter. »Alles in Ordnung, Miß Angélique?« erkundigte er sich. »Ja, vielen Dank.« Sie zog sich den Schal fester um die Schultern und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. »Was für ein grau- envoller Geruch!« »Ich fürchte, das ist der Kot, den sie hier als Dünger benutzen, und die Ebbe.« Der achtundzwanzigjährige Marlowe hatte sandfar- benes Haar und graublaue Augen und war normalerweise Kapitän der H.M.S. Pearl, einer Dampffregatte mit einundzwanzig Geschüt- zen, amtierte aber jetzt als Flaggleutnant des ranghöchsten Marine- offiziers, Admiral Ketterer. »Möchten Sie eine Sänfte?« »Nein, danke. Es geht schon.« Überall herrschte Stille, nur gelegentlich hörte man lärmendes, trunkenes Gelächter von Männern und Frauen hinter hohen Mau- ern, die von Zeit zu Zeit durch kleine, verriegelte Türen unterbro- chen wurden. Es gab eine Unmenge dekorativer japanischer Schil- der. »Sind das Gasthäuser, Hotels?« erkundigte sie sich. »Ich denke schon«, antwortete Marlowe vorsichtig. Lim, der seine Antwort hörte, kicherte vor sich hin. Er sprach, fließend Englisch – erlernt in einer Missionsschule von Hongkong. Da er diese Tatsache jedoch auf Befehl sorgfältig verbarg, nur Pid- gin benutzte und sich dumm stellte, kannte er zahlreiche Geheim- nisse, die von größtem Wert für ihn, seine Tong-Vorgesetzten und ihren Anführer Gordon ›Illustrious‹ Chen waren, den Comprador der Struans. Ein Comprador, gewöhnlich ein geborener Eurasier vornehmer Abstammung, war der unentbehrliche Mittelsmann zwi- schen den europäischen und den chinesischen Kaufleuten, der flie- ßend Englisch sowie einige chinesische Dialekte sprach und an des- sen Fingern mindestens zehn Prozent sämtlicher Transaktionen kle- ben blieben. Ach, diese hochnäsige junge Missy, die an unerfüllter Lust leidet, dachte Lim höchst amüsiert, denn er wußte eine Menge über sie, ich frage mich, welcher von diesen übelriechenden Rundaugen der erste sein wird, der dich spreizt und in dein ebenso übelriechendes Jadetor eindringt. Bist du wirklich so unberührt, wie du tust, oder hat der Enkel des Grünäugigen Teufels Struan bereits die Wolken und den Regen genossen? Bei allen Göttern, ich werde es bald ge- nug erfahren, denn deine Zofe ist die Tochter der dritten Cousine meiner Schwester. Ich weiß jetzt schon, daß deine kurzen Haare ge- zupft werden müßten, genauso blond sind wie deine Haare und viel zu üppig, um einem zivilisierten Mann zu gefallen, aber für ei- nen Barbaren mag es genügen. Pfui! Ayeeyah, das Leben ist interessant! Ich wette, dieser Mordüberfall wird sowohl den fremden Teufeln als auch den Dreckfressern von diesen Inseln viel Ärger machen. Wunderbar! Mögen sie alle an ih- ren eigenen Fäkalien ersticken! Interessant, daß der Enkel des Grünäugigen Teufels so schwer ver- wundet ist und damit das schlechte Joss aller Männer dieser Linie fortsetzt; interessant, daß die Nachricht schon jetzt durch unseren schnellsten Kurier heimlich nach Hongkong getragen wird. Wie klug ich bin! Doch schließlich bin ich ein Mann des Reiches der, Mitte und ihnen natürlich weit überlegen. Aber ein schlechter Wind ist für einen anderen gut. Diese Nach- richt wird mit Sicherheit den Aktienkurs des Noble House stark drücken. Mit Hilfe von frühzeitigen Informationen werden ich und meine Freunde hohen Profit herausschlagen. Bei allen Göttern, bei den Happy-Valley-Rennen werde ich zehn Prozent meines Profits auf das nächste Pferd mit der Nummer vierzehn setzen, nach der Zählweise der Barbaren das Datum des heutigen Tages. »Ho!« rief er laut und deutete voraus. Über den flachen, durch ein Labyrinth von Gassen und Gäßchen voneinander getrennten Häusern erhoben sich die Mitteltürme des Tempels. Am Tempeltor, das mit Öllampen gut beleuchtet war, hielten zwei Grenadiere mit ihrem Sergeant Wache. Bei ihnen stand Bab- cott. »Hallo, Marlowe«, grüßte er lächelnd. »Ein unerwartetes Ver- gnügen. Guten Abend, M'selle, Sie müssen M'selle Richaud sein. Ich bin Dr. Babcott. Was ist…« »Pardon, Doktor«, fiel ihm Angélique ins Wort, die ihn neugierig musterte und von seiner Größe überwältigt war, »aber Malcolm, Mr. Struan – wir hörten, er sei schwer verletzt.« »Er hat eine ziemlich schwere Schwertwunde, aber ich habe sie genäht, und jetzt schläft er fest«, erklärte Babcott obenhin. »Ich ha- be ihm ein Schlafmittel gegeben. Gleich werde ich Sie hinführen. Was ist geschehen, Marlowe, warum…« »Und Phillip Tyrer?« unterbrach sie ihn abermals. »Ist auch er sehr schwer verletzt?« »Nur eine Fleischwunde, M'selle, im Augenblick können Sie nichts für die Herren tun, sie schlafen beide. Warum die Marines, Marlowe?« »Der Admiral dachte, es wäre besser, ein bißchen Extraschutz mitzuschicken – für den Fall einer Evakuierung.« Babcott stieß einen Pfiff aus. »Ist es so ernst?« »Im Augenblick findet eine Besprechung statt. Der Admiral, der, General, Sir William mit den Vertretern der Franzosen, Deutschen, Russen und Amerikaner und der, äh, Handelsbruderschaft.« Dann setzte Marlowe ironisch hinzu: »Wie ich vermute, geht es dort ziemlich hitzig zu.« Er wandte sich an den Sergeant der Royal Ma- rines. »Sichern Sie die Gesandtschaft, Sar'nt Crimp, ich werde die Posten später inspizieren.« Und an den Grenadier-Sergeant gewandt: »Bitte, lassen Sie Sar'nt Crimp jede Hilfe zukommen, die er braucht, wo er seine Männer unterbringen kann, und so weiter. Ihr Name, bitte?« »Towrey, Sir.« »Vielen Dank, Sar'nt Towrey.« »Wollen Sie beide mir jetzt vielleicht folgen?« sagte Babcott. »Ei- ne Tasse Tee, M'selle?« »Vielen Dank, nein.« Sie versuchte höflich zu sein, war aber von Ungeduld erfüllt und haßte die Art, wie die Engländer ständig Tee aufgossen und ihn bei jeder Gelegenheit anboten. »Aber ich möch- te Mr. Struan und Mr. Tyrer sehen.« »Selbstverständlich, sofort.« Der Arzt hatte bereits erkannt, daß sie den Tränen nahe war, und entschied, daß sie tatsächlich eine Tasse Tee brauchte, verstärkt vielleicht durch ein wenig Brandy, ei- nem Sedativum, und dann ins Bett. »Der junge Phillip, der arme Kerl, hat leider einen recht kräftigen Schock erlitten – muß auch für Sie ganz furchtbar gewesen sein.« »Geht es ihm gut?« »O ja, sehr gut«, wiederholte er geduldig. »Kommen Sie, sehen Sie selbst.« Er ging über den Hof voraus. Das Klappern von Hufen und das Klirren von Zaumzeug ließen sie innehalten. Zu ihrem Er- staunen sahen sie, daß eine Dragonerpatrouille eintraf. »Großer Gott, das ist Pallidar«, sagte Marlowe. »Was will denn der hier?« Sie beobachteten, wie der Dragoneroffizier den Gruß der Marines und Grenadiere entgegennahm und absaß. »Weitermachen«, sagte Pallidar, ohne Marlowe, Babcott und An-, gélique zu bemerken. »Die Japaner, diese verdammten Schweine, wollten uns diese verdammte Straße versperren, bei Gott! Leider ha- ben sich diese Hurensöhne eines gottverdammt Besseren besonnen, sonst würden sie jetzt die Radieschen von unten besehen und…« Plötzlich sah er Angélique und verstummte erschrocken. »Gott im Himmel! Ich muß sagen… Es tut… es tut mir ganz furchtbar leid, M'selle, ich, äh, ich wußte nicht, daß Damen anwesend sind… Äh, hallo, John, Doktor.« »Hallo, Settry«, gab Marlowe zurück. »M'selle Angélique, darf ich Ihnen unseren recht freimütigen Captain Settry Pallidar von Her Majesty's Eighth Dragoons vorstellen? M'selle Angélique Richaud.« Sie nickte kühl, und er verneigte sich steif. »Es, äh, es tut mir sehr leid, M'selle. Doc, ich bin hier, um die Gesandtschaft zu sichern, für den Fall einer Evakuierung.« »Zu diesem Zweck hat der Admiral bereits uns hergeschickt«, er- klärte Marlowe energisch. »Mit den Marines.« »Die können Sie entlassen, jetzt sind wir hier.« »Gehn Sie zum… Ich schlage vor, Sie bitten um neue Befehle. Morgen. Bis dahin habe ich als ranghöchster Offizier den Befehl. Als Ihr Vorgesetzter. Doktor, würden Sie die Lady zu Mr. Struan begleiten?« Babcott hatte besorgt beobachtet, wie die beiden jungen Männer einander maßen. Er mochte sie beide: freundlich nach außen, da- runter tödlich. Eines Tages werden diese beiden Jungstiere einander an die Gurgel gehen – und Gott helfe ihnen, wenn es dabei um ei- ne Frau geht. »Wir sehen uns später.« Damit ergriff er Angéliques Arm und führte sie davon. Die beiden Offiziere blickten ihnen nach. Dann reckte Pallidar das Kinn. »Wir sind hier nicht auf einem Schiff«, zischte er, »dies ist, weiß Gott, eine Aufgabe für die Armee.« »Erzählen Sie keinen Scheißdreck.« »Haben Sie den Verstand verloren? Wo bleiben Ihre Manieren?, Und warum bringen Sie eine Frau hierher, wo wirklich alles passie- ren kann?« »Weil der so ungeheuer wichtige Mr. Struan sie sehen wollte. Sie hat den Admiral überredet, sie heute gegen meinen Willen hierher mitkommen zu lassen. Er hat mir befohlen, sie zu begleiten und dafür zu sorgen, daß sie heil zurückkommt. Sar'nt Towrey!« »Jawohl, Sir!« »Bis auf weiteres habe ich hier den Oberbefehl – führen Sie die Dragoner zu ihren Quartieren und sorgen Sie dafür, daß sie gut un- terkommen. Haben Sie Platz im Stall für die Pferde?« »Jawohl, Sir. Bloß mit dem Essen, da sind wir 'n bißchen knapp.« »Ist das in diesem gottverlassenen Land jemals reichlich gewesen?« Marlowe winkte ihn zu sich heran. »Geben Sie's weiter«, sagte er drohend. »Kein Streit, und wenn doch, hundert Peitschenhiebe für jeden Beteiligten – wer immer es sei!« In der Bar des Yokohama Clubs herrschte heller Aufruhr. Der größ- te Raum der ganzen Niederlassung und daher der Versammlungsort war vollgestopft mit fast allen Einwohnern der Niederlassung, die in den verschiedensten Sprachen durcheinanderriefen; viele von ih- nen waren bewaffnet, andere drohten mit geballter Faust und fluch- ten auf die kleine Gruppe wohlgekleideter Herren, die am anderen Ende hinter einem erhöhten Tisch saßen und fast alle lautstark zu- rückschrien, während der Admiral und der General kurz vor einem Schlaganfall standen. »Sagen Sie das noch einmal und, bei Gott, ich werde Sie nach draußen bitten…« »Fahr zur Hölle, du Bastard…« »Das bedeutet Krieg, Wullem muß…« »Schickt die verdammte Army und Navy hin und beschießt Edo…«, »Radiert die ganze verdammte Hauptstadt aus, bei Gott…« »Canterbury muß gerächt werden, Wullum muß…« »Richtig! Willum hat die Verantwortung, John war mein Freund…« »Hört mal zu, ihr alle…« Einer der Herren begann mit einem Holzhammer auf die Tischplatte zu klopfen. Das erboste die Men- ge jedoch nur noch mehr – Kaufleute, Händler, Gastwirte, Glücks- spieler, Roßtäuscher, Schlachter, Handlanger, Seeleute, Müßiggän- ger, Segelmacher und Hafenpöbel. Zylinder, bunte Westen, Klei- dungsstücke und Unterzeug aus Wolle, Lederstiefel, reich und arm, die Luft heiß, stickig, verraucht und dick vom Geruch ungewasche- ner Körper, schalem Bier, Whisky, Gin, Rum und verschüttetem Wein. »Ruhe, verdammt noch mal, laßt Wullum reden…« Der Mann mit dem Hammer rief: »Es heißt William, verdammt noch mal! William, nicht Wullum oder Willum oder Willam. Wil- liam Aylesbury, wie oft muß ich euch das noch sagen?« »Richtig, laßt William reden, verdammt noch mal!« Die drei Barmänner, die hinter der breiten Theke Drinks servier- ten, lachten. »Ganz schön durstige Arbeit, diese Versammlung, eh, Meister?« rief einer forsch und wischte mit einem schmutzigen Lap- pen über die Theke. Die Bar war der ganze Stolz der Niederlassung, absichtlich um einen Fuß länger als die im Jockey Club von Shang- hai, einstmals die längste in ganz Asien, und doppelt so lang wie die des Clubs in Hongkong. Die Wände waren gesäumt von Bier- fäßchen sowie von Flaschen mit Schnaps und Wein. »Verdammt noch mal, laßt den Kerl reden!« Sir William Aylesbury, der Mann mit dem Hammer, seufzte. Er war britischer Gesandter in Japan, dienstältestes Mitglied des Diplo- matischen Corps. Die anderen Herren vertraten Frankreich, Ruß- land, Preußen und Amerika. Sein Geduldsfaden riß, und er winkte einem jungen Offizier, der einen Schritt hinter dem Tisch stand., Sofort zog der Offizier – offenbar ebenso darauf vorbereitet wie die Herren am Tisch – einen Revolver und feuerte an die Decke. In der plötzlich eintretenden Stille rieselte Stuck von oben herunter. »Danke. Also«, begann Sir William mit vor Sarkasmus triefender Stimme, »wenn die Herren jetzt einen Moment still sein würden, könnten wir fortfahren.« Er war ein hochgewachsener, gut gekleide- ter Mann Ende Vierzig, mit faltigem Gesicht und abstehenden Oh- ren. »Ich wiederhole: Da ihr alle von unserer Entscheidung betrof- fen sein werdet, möchten meine Kollegen und ich besprechen, wie wir auf diesen Zwischenfall reagieren sollen – öffentlich. Wenn ihr nicht zuhören wollt oder wenn ihr um eure Meinung gebeten wer- det und sie nicht ohne große Flüche auszusprechen imstande seid, werden wir die Angelegenheit unter uns abmachen und euch dann, wenn wir beschlossen haben, was geschehen wird, gern informie- ren.« Ein wenig grollendes Gemurmel, doch keine offene Feindseligkeit. »Gut. Mr. McFay, Sie wollten etwas sagen?« Jamie McFay stand ziemlich weit vorn, denn da er Geschäftsfüh- rer von Struan war, dem größten Handelshaus Asiens, war er ge- wöhnlich der Sprecher der Kaufleute und Händler. »Nun, Sir, wir wissen, daß die Satsumas nördlich von hier, bei Hodogaya, in nicht allzu großer Entfernung lagern und daß ihr König bei ihnen ist«, sagte er, zutiefst besorgt um Malcolm Struan. »Er heißt Sanjiro oder so ähnlich, und ich glaube, wir soll…« »Ich bin dafür, daß wir die Schweine noch heute nacht umzin- geln und das Arschloch aufknüpfen!« rief eine Stimme. Das zustim- mende Gebrüll versickerte zusammen mit ein paar gemurmelten Flüchen, und dann: »Verdammt noch mal, so macht doch weiter…« »Bitte, fahren Sie fort, Mr. McFay«, sagte Sir William müde. »Der Angriff war, wie immer, nicht provoziert worden. John Can- terbury wurde brutal und hinterhältig abgeschlachtet, und Gott al- lein weiß, wie lange es dauern wird, bis Mr. Struan wieder gesund, ist. Doch diesmal können wir die Mörder zum erstenmal identifi- zieren – das heißt, der König kann es und hat die Macht, die Schweine zu fassen, sie uns auszuliefern und uns eine Entschädi- gung zu zahlen…« Abermals Applaus. »Sie sind in Reichweite, und mit unseren Truppen können wir sie festnageln.« Jubel und Rufe nach Vergeltung. Henri Bonaparte Seratard, der französische Gesandte in Japan, sagte laut: »Ich möchte M'sieur le Général und M'sieur l'Amiral fra- gen, wie ihre Meinung dazu lautet.« Der Admiral antwortete spontan: »Ich habe fünfhundert Marines bei der Flotte…« General Thomas Ogilvy fiel ihm höflich, aber energisch ins Wort: »Es handelt sich hier um einen Landeinsatz, mein lieber Admiral. Mr. Ceraturd…« Der ergrauende, rotgesichtige Fünfziger sprach den Namen des Franzosen absichtlich falsch aus und fügte das ›Mr.‹ als zusätzliche Beleidigung an. »Wir haben eintausend britische Solda- ten in Zeltlagern, zwei Kavallerieeinheiten, drei Batterien moderns- ter Kanonen und Geschütze und können innerhalb von zwei Mo- naten aus unserer Festung in Hongkong weitere acht- bis neuntau- send britische und indische Infanteristen abrufen.« Er spielte mit seinen Goldtressen. »Es gibt kein einziges Problem, das Ihrer Majes- tät Truppen unter meinem Oberbefehl nicht umgehend lösen könnten.« »Ganz Ihrer Meinung«, sagte der Admiral unter zustimmendem Gebrüll. Als es ruhiger wurde, erkundigte sich Seratard katzen- freundlich: »Dann befürworten Sie eine Kriegserklärung?« »Keineswegs, Sir«, antwortete der General, der den Franzosen ebensowenig mochte wie der ihn. »Ich sagte nur, wir können alles unternehmen, was notwendig ist, wann es notwendig ist und wenn wir gezwungen sind, es zu tun. Ich hätte gedacht, daß dieser ›Zwi- schenfall‹ eine Angelegenheit ist, die unser Minister zusammen mit dem Admiral und mir ohne unangemessene Debatte lösen könnte.«, Einige zustimmende Rufe, viele mißbilligende, und jemand rief: »Wir sind es doch, die mit unseren Steuern euch Arschlöcher be- zahlen, also haben wir das Recht zu bestimmen. Schon mal was von Parlament gehört?« »Eine französische Staatsangehörige war betroffen«, betonte Sera- tard hitzig inmitten des Lärms, »daher ist auch die Ehre Frankreichs betroffen.« Pfiffe und anzügliche Bemerkungen über das junge Mädchen. Wieder schwang Sir William den Hammer und ermöglichte es da- mit Isaiah Adamson, dem amtierenden amerikanischen Gesandten, kühl festzustellen: »Der Vorschlag, wegen dieses Zwischenfalls Krieg zu führen, ist unsinnig, und die Vorstellung, einen König in ihrem souveränen Land zu rauben oder zu überfallen, absolut wahnsinnig – nichts als anmaßender, typisch imperialistscher Hurrapatriotis- mus! Wir sollten zunächst die Bakufu informieren und sie dann bit- ten…« Gereizt entgegnete Sir William: »Dr. Babcott hat sie bereits in Ka- nagawa informiert. Sie haben jegliche Kenntnis von dem Zwischen- fall geleugnet und werden dies höchstwahrscheinlich auch weiterhin tun. Ein britischer Staatsbürger ist brutal ermordet, ein weiterer schwer verwundet und, was unverzeihlich ist, unser bezaubernder junger ausländischer Gast beinah zu Tode erschreckt worden, und diese Untaten, wie Mr. McFay sehr richtig betont, wurden zum ers- tenmal von identifizierbaren Verbrechern begangen. Die Regierung Ihrer Majestät wird sie nicht ungestraft lassen…« Minutenlang wur- de er von wilden Jubelrufen zum Schweigen verurteilt, dann ergänz- te er: »Das einzige, worüber wir zu befinden haben, ist das Strafmaß und wie und wann wir vorgehen wollen. Mr. Adamson?« wandte er sich an den Amerikaner. »Da wir nicht betroffen sind, habe ich keinen offiziellen Vor- schlag zu machen.« »Graf Sergejew?«, »Mein offizieller Rat«, antwortete der Russe vorsichtig, »lautet, daß wir Hodogaya überfallen und es genau wie alle Satsumas in tausend Stücke zerschlagen sollten.« Er war Anfang Dreißig, aristo- kratisch und bärtig, Leiter der Gesandtschaft von Zar Alexander II. »Gewalt – massiv, brutal und unmittelbar – ist die einzige Diploma- tie, die die Japaner jemals verstehen werden. Meinem Kriegsschiff wäre es eine Ehre, den Angriff anführen zu dürfen.« Eine seltsame Stille folgte. Hab ich mir gedacht, daß du das sagen würdest, sinnierte Sir William. Und ich bin nicht sicher, ob du ganz unrecht hast. Ach, Rußland, du wundervolles, außergewöhnli- ches Rußland, wie schade, daß wir Feinde sind. Die schönste Zeit meines Lebens habe ich in St. Petersburg verbracht. Trotzdem wer- det ihr nicht bis in diese Gewässer vorstoßen; letztes Jahr haben wir eure Invasion der japanischen Tsushima-Inseln gestoppt, und dieses Jahr werden wir euch daran hindern, auch Sachalin noch zu ero- bern. Der Preuße faßte sich kurz. »Ich habe in dieser Angelegenheit keinen Ratschlag, Herr Generalkonsul, es sei denn, offiziell zu erklä- ren, daß meine Regierung es als eine Angelegenheit ausschließlich Ihrer Regierung und nicht als die Sache geringerer Parteien betrach- ten würde.« Seratard errötete. »Ich halte…« »Vielen Dank für Ihre Ratschläge, Gentlemen«, sagte Sir William energisch, um dem Streit zuvorzukommen, der sich zwischen den beiden anbahnte. Die gestrigen Depeschen aus dem Foreign Office in London hatten berichtet, daß England schon bald in einen wei- teren der endlosen europäischen Kriege hineingezogen werden könnte – diesmal geführt zwischen dem angriffslustigen, stolzerfüll- ten Frankreich und dem angriffslustigen, stolzerfüllten, expansionis- tischen Preußen –, hatten aber nicht vorausgesagt, auf welcher Seite. Warum zum Teufel können sich diese verdammten Ausländer nicht zivilisiert aufführen? »Bevor wir unser Urteil abgeben, noch etwas«,, erklärte er sachlich. »Da sich alle, die von Bedeutung sind, hier ver- sammelt und wir noch niemals zuvor eine derartige Gelegenheit ge- habt haben, sollten wir unser Problem klar ansprechen: Wir haben legale Verträge mit Japan. Wir sind hier, um Handel zu treiben, und nicht, um Land zu erobern. Wir müssen mit der hiesigen Bü- rokratie, den Bakufu, fertig werden, die wie ein Schwamm ist – eben noch gibt sie sich allmächtig, dann wieder ist sie ihren einzelnen Königen gegenüber machtlos. Es ist uns noch nicht gelungen, zu dem wirklich Mächtigen vorzudringen, dem Tycoon oder Shōgun – wir wissen nicht einmal, ob er tatsächlich existiert.« »Er muß existieren«, entgegnete von Heimrich kalt, »denn Dr. Engelbert Kaempfer, unser berühmter deutscher Reisender und Arzt, der von 1690 bis 1693 in Deshima lebte, indem er vorgab, Holländer zu sein, hat berichtet, er habe ihn bei der alljährlichen Pilgerfahrt in Edo besucht.« »Das beweist nicht, daß auch heute noch einer existiert«, wandte Seratard bissig ein. »Aber ich stimme zu, es gibt einen Shōgun, und Frankreich plädiert für eine direkte Methode.« »Eine hervorragende Idee, M'sieur.« Sir Williams Gesicht rötete sich. »Und wie sollen wir das anstellen?« »Schicken Sie die Flotte nach Edo«, gab der Russe umgehend zu- rück, »verlangen Sie augenblicklich eine Audienz, und drohen Sie an, andernfalls die Stadt zu zerstören. Wenn ich eine so schöne Flotte hätte wie Sie, würde ich zuerst die Hälfte der Stadt dem Erd- boden gleichmachen und erst dann die Audienz verlangen… nein, besser noch, ich würde diesen Tycoon-Shōgun-Eingeborenen bei Morgengrauen des folgenden Tages zum Rapport auf mein Flagg- schiff befehlen und ihn hängen.« Beifällige Zurufe. »Das ist natürlich eine Möglichkeit«, sagte Sir William, »doch die Regierung Ihrer Majestät würde eine etwas diplomatischere Lösung vorziehen. Nächster Punkt: Wir haben praktisch keine Information, über das, was in diesem Land vorgeht. Ich würde es begrüßen, wenn alle Kaufleute uns helfen, Informationen zu beschaffen, die sich als nützlich erweisen könnten. Mr. McFay, von allen Kaufleu- ten müßten Sie am besten informiert sein. Können Sie helfen?« »Nun«, antwortete McFay vorsichtig, »vor ein paar Tagen hat ei- ner unserer japanischen Seidenlieferanten unserem chinesischen Comprador erzählt, daß einige Königreiche – er benutzte das Wort ›Lehen‹ und bezeichnete die Könige als ›Daimyos‹ – gegen die Ba- kufu rebellierten, vor allem Satsuma und einige Gebiete namens Tosa und Choshu…« Sir William bemerkte das unvermittelte Interesse der anderen Dip- lomaten und fragte sich, ob es klug war, diese Frage öffentlich ge- stellt zu haben. »Welche Gebiete sind das?« »Satsuma liegt in der Nähe von Nagasaki auf der Südinsel Kyūshū«, erklärte Adamson, »aber was ist mit Choshu und Tosa?« »Nun ja, Euer Ehren«, rief ein amerikanischer Matrose mit ange- nehmem irischen Akzent, »Tosa ist ein Teil von Shikoku, das ist die große Insel im Binnenmeer. Choshu liegt weit im Westen der Hauptinsel, Mr. Adamson, Sir, querab von der Meerenge. Wir sind schon oft durch die Meerenge gefahren; da ist es an der engsten Stelle kaum mehr als eine Meile breit. Ich wollte sagen, Choshu ist das Königreich an der Meerenge, die eine knappe Meile breit ist. Es ist der beste und kürzeste Weg von Hongkong oder Shanghai bis hierher. Die Einheimischen nennen sie Shimonoseki-Meerenge, und einmal haben wir in der Stadt Fisch und Wasser einhandeln wollen, aber wir waren nicht willkommen.« Viele andere stimmten ihm laut- hals zu oder riefen, sie hätten die Meerenge ebenfalls befahren, ein Königreich namens Choshu sei ihnen aber nicht bekannt. Sir William fragte: »Ihr Name, bitte?« »Paddy O'Flaherty, Bootsmann des amerikanischen Walfängers Albatross aus Seattle, Euer Ehren.« »Danke«, gab Sir William zurück und nahm sich vor, O'Flaherty, kommen zu lassen, ob es Karten der betreffenden Region gäbe, und wenn nicht, der Navy umgehend Auftrag zu erteilen, welche anzu- fertigen. »Fahren Sie fort, Mr. McFay«, sagte er dann. »Rebellion, sagten Sie.« »Ja, Sir. Dieser Seidenhändler – ob er zuverlässig ist, weiß ich nicht – sagte, es gebe eine Art Machtkampf gegen den Tycoon, den er immer als ›Shōgun‹ bezeichnete, gegen die Bakufu und einen Kö- nig oder Daimyo namens Toranaga.« Sir William sah, wie sich die schmalen Augen des Russen in sei- nem fast asiatischen Gesicht noch enger zusammenzogen. »Ja, mein lieber Graf?« »Nichts, Sir William. Aber ist das nicht der Name des Herrschers, den Kaempfer erwähnte?« »Das ist er allerdings.« Ich frage mich, warum du mir gegenüber nie erwähnt hast, daß auch du diese sehr seltenen, aber aufschluß- reichen Tagebücher gelesen hast, die auf Deutsch geschrieben wur- den, das du nicht beherrschst, und daher ins Russische übersetzt worden sein müssen. »Vielleicht heißt ›Toranaga‹ in ihrer Sprache Herrscher. Bitte, wei- ter, Mr. McFay.« »Das ist alles, was der Mann meinem Comprador erzählt hat, aber ich werde bemüht sein, mehr zu erfahren.« Nach einer kurzen Pause fragte McFay höflich, aber energisch: »Erledigen wir nun Kö- nig Satsuma heute nacht in Hodogaya oder nicht?« In der Stille bewegte sich nur der Rauch. »Hat irgend jemand etwas hinzuzufügen – über die Revolte?« Norbert Greyforth, Geschäftsführer von Brock and Sons, Struan's Hauptkonkurrent, sagte: »Auch wir haben gerüchteweise von dieser Rebellion gehört. Aber ich dachte, es hätte was mit ihrem Ober- priester zu tun, diesem ›Mikado‹, der angeblich in Kyōto lebt, einer Stadt in der Nähe von Osaka. Ich werde ebenfalls Erkundigungen einziehen. Bis dahin stimme ich wegen heute nacht McFay zu,, denn je schneller wir diese Arschlöcher erledigen, desto eher werden wir Frieden haben.« Er war größer als McFay und schien ihn zu hassen. Als die Jubelrufe verstummten, sagte Sir William wie ein Richter, der einen Urteilsspruch fällt: »Folgendes wird geschehen: Erstens werden wir heute nacht nicht angreifen, und…« Rufe wie: »Abtreten, wir werden's allein machen, nun kommt schon, nehmen wir uns diese Schweine vor…« »Das können wir nicht, nicht ohne Soldaten…« »Ruhe, verdammt noch mal, und zuhören!« brüllte Sir William. »Wenn jemand dumm genug ist, heute nacht gegen Hodogaya zu ziehen, wird er sich nicht nur unseren Gerichten, sondern auch de- nen der Japaner stellen müssen. ES IST VERBOTEN! Morgen wer- de ich offiziell verlangen, daß die Bakufu und der Shōgun uns so- fort eine offizielle Entschuldigung übermitteln, uns die beiden Mörder ausliefern, damit sie abgeurteilt und aufgehängt werden, und auf der Stelle eine Entschädigung von einhunderttausend Pfund bezahlen. Andernfalls werden sie die Folgen tragen müssen.« Einige jubelten, die meisten dagegen nicht, und die Versammlung löste sich in einem Ansturm auf die Theke auf, wo sich viele der Männer noch mehr betranken und noch hitziger wurden. McFay und Dimitri bahnten sich ihren Weg nach draußen. »O Gott, das ist besser.« McFay nahm den Hut ab und wischte sich die Stirn. »Kann ich Sie einen Moment sprechen, Mr. McFay?« Als er sich umwandte, entdeckte er Greyforth. »Selbstverständ- lich.« »Unter vier Augen, wenn's möglich ist.« McFay runzelte die Stirn; dann ging er zu der halb verlassenen Promenade am Hafen hinüber, ein Stück entfernt von Dimitri, der nicht mit Struan arbeitete, sondern seinen Handel über Cooper- Tillman abwickelte, eine der amerikanischen Gesellschaften. »Ja?« Norbert Greyforth senkte die Stimme. »Was ist mit Hodogaya?, Sie haben zwei Schiffe hier, wir drei, und eine Menge starke Män- ner, zumeist aus der Handelsmarine, würden sich uns anschließen. Genügend Waffen haben wir, und auch Kanonen könnten wir eine oder zwei beschaffen. John Canterbury war ein guter Freund, der Alte mochte ihn, und ich möchte ihn rächen. Wie wär's?« »Wenn Hodogaya ein Hafen wäre, würde ich nicht zögern, aber landeinwärts können wir keinen Überfall riskieren. Wir sind hier nicht in China.« »Sie haben Angst vor diesem kleinen Würstchen da drin?« »Ich habe vor niemandem Angst«, entgegnete McFay vorsichtig. »Ohne reguläre Truppen können wir keinen erfolgreichen Überfall durchführen, Norbert, das ist unmöglich. Und ich wünsche mir Ra- che mehr als jeder andere.« Greyforth vergewisserte sich, daß niemand lauschte. »Da Sie das Thema heute abend angeschnitten haben und wir nicht allzuoft miteinander reden – wir haben gehört, daß es hier bald großen Är- ger geben wird.« »Die Rebellion?« »Ja. Eine Menge Ärger für uns. Es gibt alle möglichen Vorzei- chen. Unsere Seidenhändler haben sich in den letzten ein bis zwei Monaten richtig mies aufgeführt, die Preise erhöht, Lieferungen ver- zögert, Zahlungen hinausgeschoben und Sonderzuwendungen ver- langt. Ich wette, daß es bei Ihnen das gleiche ist.« »Ja.« Es geschah selten, daß die beiden Männer geschäftliche An- gelegenheiten besprachen. »Viel mehr weiß ich auch nicht, nur daß viele Vorzeichen die glei- chen waren wie in Amerika vor dem Bürgerkrieg. Wenn das pas- siert, werden wir ganz schön in der Klemme sitzen. Ohne die Flotte und die Truppen sind wir geliefert und können ausgelöscht wer- den.« Nach einer Pause fragte McFay: »Was schlagen Sie vor?« »Wir werden abwarten müssen. Von Williams Plan verspreche ich, mir ebensowenig wie Sie. Der Russe hatte recht mit dem, was wir tun sollten.« Greyforth nickte zum Meer hinüber, wo zwei ihrer Clipper und Handelsschiffe auf Reede lagen, wobei die Clipper den Heimweg nach England viel schneller schafften als die Dampfer, seien es Rad- oder Schraubendampfer. »Vorerst behalten wir alle un- sere internen Hauptbücher und Hartgeldvorräte an Bord. Außer- dem haben wir die Menge unserer Vorräte an Schießpulver, Schrot und Schrapnells aufgestockt und zwei nagelneue zehnläufige Yan- kee-Gatling-Maschinengewehre bestellt.« McFay lachte. »Verdammt, genau das haben wir auch getan!« »Das haben wir gehört, deswegen habe ich den Auftrag gegeben und doppelt so viele Repetiergewehre bestellt wie Sie.« »Wer hat Ihnen das gesagt, eh? Wer ist Ihr Spion?« »Frau Holle«, antwortete Greyforth ironisch. »Hören Sie, wir alle wissen doch, daß diese Erfindungen den Verlauf der Kriege verän- dert haben – das ist durch die Verluste der Schlachten von Bull Run und Fredericksburg bewiesen.« »Erschreckend, ja. Dimitri sagte mir, der Süden habe an einem Nachmittag viertausend Mann verloren. Entsetzlich. Und?« »Wir könnten den Japanern diese Waffen tonnenweise verkaufen, also habe ich mir gedacht, wir verpflichten uns beide, darauf zu verzichten, und sorgen verdammt noch mal dafür, daß auch kein anderes Arschloch sie importiert oder hereinschmuggelt. Den Japa- nern Dampfer und hier und da eine Kanone verkaufen, ist eines, aber nicht Repetier- und Maschinengewehre. Einverstanden?« McFay war erstaunt über diese Offerte. Und argwöhnisch, denn er war überzeugt, daß das Haus Brock sich nicht an die Überein- kunft halten würde. Aber er ließ es sich nicht anmerken und schüt- telte die dargebotene Hand. »Einverstanden.« »Gut. Wie lauten die letzten Nachrichten über den jungen Stru- an?« »Als ich ihn vor einer Stunde sah, ging es ihm schlecht.«, »Wird er sterben?« »Nein. Das hat mir jedenfalls der Doktor versichert.« Ein kaltes Lächeln. »Was zum Teufel wissen die schon? Aber wenn er stirbt, könnte das den Untergang des Noble House bedeu- ten.« »Nichts wird das Noble House jemals vernichten. Dafür hat Dirk Struan gesorgt.« »Seien Sie nicht zu sicher. Dirk ist seit über zwanzig Jahren tot, sein Sohn Culum ist nicht sehr weit vom Totenbett entfernt, und wenn Malcolm stirbt – wer soll übernehmen? Bestimmt nicht sein kleiner Bruder, der schließlich erst zehn ist.« Seine Augen funkelten seltsam. »Der alte Brock mag dreiundsiebzig sein, aber er ist zäh und clever wie eh und je.« »Aber wir sind immer noch das Noble House, und Culum ist im- mer noch der Tai-Pan«, entgegnete McFay. »Der alte Brock ist im- mer noch nicht Steward des Jockey Clubs in Happy Valley, und er wird es nie werden.« »Das wird bald genug kommen, Jamie, das und alles andere. Cu- lum Struan wird nicht mehr lange über die Stimmen des Jockey Clubs verfügen, und wenn sein Sohn und Erbe ebenfalls das Zeitli- che segnet, nun ja, wenn man uns und unsere Freunde zusammen- rechnet, dann verfügen wir über die erforderlichen Stimmen.« »So weit wird es nicht kommen.« Greyforths Stimme wurde hart. »Vielleicht wird der alte Brock uns bald hier mit einem Besuch beehren – zusammen mit Sir Morgan.« »Morgan ist in Hongkong?« McFay suchte seine Verwunderung zu verbergen. Sir Morgan Brock war der älteste Sohn des alten Brock und leitete äußerst erfolgreich das Londoner Büro der Gesell- schaft. Soviel Jamie wußte, war Morgan noch nie in Asien gewesen. Wenn Morgan nun auf einmal in Hongkong auftauchte … Was für Teufeleien hecken die beiden jetzt wieder aus, fragte er sich voll Unbehagen. Morgan war auf Handelsbankgeschäfte spezialisiert, und hatte Brocks Tentakel, immer wieder in dem Versuch, Struans Handelsrouten und -partner zu bedrängen, geschickt nach Europa, Rußland und Nordamerika ausgestreckt. Seit im vergangenen Jahr der amerikanische Krieg begonnen hatte, hatte McFay beunruhigen- de Berichte über Fehlschläge bei Struan's ausgedehnten amerikani- schen Interessen erhalten, im Norden sowie im Süden, wo Culum Struan stark investiert hatte. »Wenn der alte Brock und sein Sohn uns mit ihrer Gegenwart beehren sollten, werden wir es uns ganz zweifellos zur Ehre gereichen lassen, sie zum Essen einzuladen.« Greyforth lachte ein wenig bitter. »Ich bezweifle, daß sie Zeit da- zu haben werden, es sei denn, um Ihre Bücher zu inspizieren, wenn wir Sie übernehmen.« »Sobald ich Neues über die Revolte erfahre, werde ich Sie benach- richtigen. Bitte tun Sie ein Gleiches. Und nun gute Nacht.« Über- trieben höflich lüftete McFay den Hut und ging davon. Voller Genugtuung über die Saat, die er ausgelegt hatte, lachte Greyforth in sich hinein. Der Alte wird sie mit Freuden ernten. Müde trottete Dr. Babcott einen halbdunklen Korridor der Ge- sandtschaft in Kanagawa entlang. Er hatte eine kleine Öllampe in der Hand und trug einen Schlafrock über dem wollenen Schlafan- zug. Irgendwo unten schlug eine Uhr zwei. Zerstreut griff er in sei- ne Tasche, kontrollierte seine Taschenuhr, gähnte und klopfte an eine Tür. »Miß Angélique?« Nach einer Weile kam die verschlafene Antwort: »Ja?« »Sie wollten benachrichtigt werden, wenn Mr. Struan aufgewacht ist.« »Ah, ja, danke.« Nach einem kurzen Moment wurde die Tür ent- riegelt, und Angélique kam heraus. Verschlafen, einen Morgenman- tel über dem Nachthemd, mit Haaren, die noch ein wenig zerzaust waren. »Wie geht es ihm?«, »Noch etwas elend und benommen«, antwortete Babcott, der sie durch den Korridor die Treppe hinab bis zum Behandlungszimmer und den Krankenräumen führte. »Temperatur und Puls sind leicht erhöht, aber das war natürlich zu erwarten. Gegen die Schmerzen habe ich ihm ein Medikament gegeben, aber er ist ein gesunder, starker junger Mann, daher sollte alles gut gehen.« Als sie Malcolm zum erstenmal hier sah, war sie über seine Blässe erschrocken und hatte sich von dem Gestank abgestoßen gefühlt. Sie war noch nie in einem Krankenhaus oder einem Behandlungs- zimmer gewesen, nicht mal in einem richtigen Krankenzimmer. Au- ßer den Berichten, die sie in den Pariser Zeitungen und Journalen gelesen hatte und die von Tod und Sterbenden, von Seuchen und tödlichen Krankheiten handelten, die Paris, Lyon und andere Städte von Zeit zu Zeit heimsuchten, hatte sie noch keine nähere Bekannt- schaft mit Krankheiten gemacht. Sie selbst war immer bei guter Ge- sundheit gewesen, und auch ihre Tante, ihr Onkel und ihr Bruder hatten sich dieser glücklichen Konstitution erfreut. Unsicher hatte sie seine Stirn berührt und ihm das schweißnasse Haar aus der Stirn gestrichen, war dann aber, abgestoßen von dem Geruch, der das Bett umgab, hastig wieder hinausgestürzt. Im Nebenzimmer schlummerte Tyrer friedlich. Und hier herrsch- te zu ihrer großen Erleichterung kein Geruch. Er hatte ein hübsches Schlafgesicht, fand sie, während das Malcolms schmerzzerquält ge- wirkt hatte. »Phillip hat mir das Leben gerettet, Doktor«, hatte sie gesagt. »Nach Mr. … Mr. Canterbury war ich… war ich wie gelähmt, aber Phillip warf sich dem Mörder mit seinem Pferd in den Weg und verschaffte mir Zeit zur Flucht. Ich war… Ich kann's nicht beschrei- ben, wie furchtbar…« »Wie sah der Mann aus? Würden Sie ihn wiedererkennen?« »Ich weiß nicht, er war einfach ein Eingeborener, jung, glaube ich, aber ich weiß es nicht, es ist schwer, ihr Alter zu schätzen, und, er war der… der erste, den ich aus der Nähe sah. Er trug einen Ki- mono mit einem kurzen Schwert im Gürtel, und das große, ganz voll Blut, und schon wieder erhoben, zum…« Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Babcott hatte sie beruhigt und in ein Zimmer geführt, wo er ihr ein wenig mit Laudanum versetzten Tee reichte und ihr versprach, sie sofort zu rufen, wenn Struan erwachte. Und nun ist er wach, dachte sie; ihre Beine waren schwer wie Blei, Übelkeit stieg in ihr auf, ihr Kopf schmerzte und füllte sich mit häßlichen Bildern. Ich wünschte, ich wäre nicht hergekommen, Henri Seratard hat mich gebeten, bis morgen zu warten, Captain Marlowe war dagegen, alle, warum habe ich den Admiral nur so eindringlich gebeten? Ich weiß es nicht, wir sind kein Liebespaar oder verlobt, oder… Aber liebe ich ihn vielleicht doch, oder habe ich mich etwa nur als Heldin aufgespielt, weil dieser grauenhafte Tag einem Melodrama von Dumas glich, der Alptraum an der Stra- ße nicht real, die Erregung in der Niederlassung nicht real, Mal- colms Nachricht, die bei Sonnenuntergang eintraf, nicht real sein konnte: Komm mich bitte so bald wie möglich besuchen, geschrieben auf seinen Wunsch vom Arzt – nicht real, sondern ein Schauspiel, und sie in der Rolle einer edlen Heroine… Babcott blieb stehen. »Da sind wir. Er wird sehr müde sein, M'selle. Ich will nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist, dann lasse ich Sie für ein bis zwei Minuten allein. Möglicherweise wird er we- gen des Medikaments einschlafen, aber nur keine Angst, und wenn Sie mich brauchen – ich bin im Behandlungszimmer gleich neben- an. Strengen Sie ihn nicht an, und sich selber auch nicht, machen Sie sich keine Sorgen – vergessen Sie nicht, daß auch Sie viel durch- gemacht haben.« Sie riß sich zusammen, zwang sich zu einem Lächeln und folgte ihm ins Zimmer. »Hallo, Malcolm, mon cher.« »Hallo.« Struan war leichenblaß, aber sein Blick war klar., Der Arzt plauderte freundlich, musterte ihn, prüfte seinen Puls, fühlte ihm die Stirn, nickte vor sich hin, erklärte, dem Patienten ginge es gut, und ging hinaus. »Du bist so schön«, sagte Struan, dessen einst robuste Stimme hauchdünn klang; er fühlte sich merkwürdig, als schwebe er und sei dennoch an das Feldbett und den schweißdurchtränkten Strohsack gefesselt. Sie trat näher. Der Geruch war noch vorhanden, so sehr sie sich auch bemühte, ihn zu ignorieren. »Wie geht es dir? Es tut mir leid, daß du verletzt bist.« »Joss«, antwortete er lakonisch mit einem chinesischen Wort, das Schicksal, Glück, Wille der Götter bedeutete. »Du bist so schön.« »Ach, chéri, ich wünschte, das alles wäre nicht passiert, ich hätte nicht darauf bestanden, ausreiten zu wollen, mir nicht gewünscht, die Japaner zu besuchen.« »Joss. Heute ist… heute ist der nächste Tag, nicht wahr?« »Ja. Der Angriff war gestern nachmittag.« Es schien ihm ebenso schwerzufallen, Worte zu finden und sie auszusprechen, wie es ihr schwerfiel, bei ihm zu bleiben. »Gestern? Das war vor einer Ewigkeit. Hast du Phillip schon gesehen?« »Ja. Ja, ich habe ihn vorhin gesehen, aber er schlief. Ich werde ihn gleich nach dir besuchen, chéri. Und jetzt sollte ich wohl lieber ge- hen, ich darf dich nicht ermüden, hat der Arzt gesagt.« »Nein, bitte geh noch nicht. Hör mal, Angélique, ich weiß nicht, wann ich… wieder reisen kann, deswegen…« Ein Schmerzanfall ver- anlaßte ihn, die Augen zu schließen, ließ aber bald nach. Als er sie wieder anblickte, erkannte er ihre Angst und interpretierte sie falsch. »Keine Sorge, McFay wird dafür sorgen, daß du heil und si… sicher nach Hongkong zurückbegleitet wirst.« »Ich danke dir, Malcolm. Ja, ich glaube, das sollte ich tun. Mor- gen oder übermorgen werde ich zurückreisen.« Und als sie seine Enttäuschung sah, ergänzte sie schnell: »Bis dahin wird es dir be-, stimmt besser gehen und wir können zusammen reisen, und ach ja, Henri Seratard läßt dir sein Mitgefühl ausrichten…« Entsetzt hielt sie inne, als ihn ein ungeheurer Schmerz packte; sein Gesicht verzerrte sich, und er versuchte sich zu krümmen, konnte es aber nicht; seine Eingeweide versuchten das Gift des Äthers auszuspucken, das jede Pore und Hirnzelle zu durchdringen schien, konnten es aber nicht, denn sein Magen und seine Gedärme waren inzwischen vollständig leer, und jeder Krampf zerrte an sei- nen Wunden, jeder Husten riß mehr an ihm als der vorhergehende, und das Ergebnis dieser furchtbaren Qual war nichts als eine gerin- ge Menge stinkender Flüssigkeit. In panischer Angst wirbelte sie herum, um den Arzt zu holen, und riß am Türgriff. »Schon gut, Ange… Angélique«, sagte die Stimme, die sie jetzt kaum noch erkannte. »Bleib doch… noch einen Moment.« Er sah das Entsetzen auf ihrem Gesicht und interpretierte es aber- mals falsch, las Sorge darin, tiefes Mitgefühl, und Liebe. Die Angst verließ ihn, er legte sich ruhig zurück, um Kraft zu sammeln. »Mein Liebling, ich hatte gehofft, ich hatte so sehr gehofft… Du weißt na- türlich, daß ich dich vom ersten Moment an geliebt habe.« Der Krampf hatte ihn viel Kraft gekostet, aber sein fester Glaube, in ihr erkannt zu haben, worum er gebetet hatte, verlieh ihm inneren Frie- den. »Ich kann nicht richtig denken, aber ich wollte… ich wollte dich sehen, um dir zu sagen… Himmel, Angélique, wie versteinert vor Angst war ich, vor der Operation. Ich hatte Angst vor den Dro- gen, Angst vor dem Sterben und davor, nicht mehr aufzuwachen, bevor ich dich noch einmal sah, noch nie habe ich eine so ab- grundtiefe Angst empfunden, noch nie!« »Ich hätte auch Angst… Ach, Malcolm, es ist alles so schreck- lich.« Ihre Haut war klamm, ihre Kopfschmerzen hatten sich ver- schlimmert, und sie fürchtete, sich jeden Augenblick erbrechen zu müssen. »Der Arzt hat mir und allen versichert, daß du bald wieder, gesund sein wirst!« platzte sie heraus. »Ist mir egal – jetzt, wo ich weiß, daß du mich liebst. Wenn ich sterbe, ist das einfach Joss, und in meiner Familie wissen wir, daß man dem Joss nicht entkommen kann. Du bist mein Glücksstern, der Mittelpunkt meines Lebens, das hab ich… von Anfang an ge- wußt. Wir werden heiraten…« Seine Worte versiegten. Seine Tränen rannen, und seine Augen trübten sich ein wenig, die Lider flatter- ten, als das Opiat Wirkung zeigte und ihn in die Nebelwelt hin- übertrug, wo Schmerz zwar existierte, aber in Schmerzlosigkeit ver- wandelt wurde, »…im Frühling…« »Hör zu, Malcolm«, sagte sie hastig, »du wirst nicht sterben, und ich… alors, ich muß ehrlich mit dir sein…« Dann überstürzten sich ihre Worte: »Ich möchte noch nicht heiraten, ich weiß nicht, ob ich dich liebe, ich bin einfach nicht sicher, du mußt Geduld haben, und ob ich dich liebe oder nicht, ich glaube nicht, daß ich in diesem gräßlichen Land leben kann, oder in Hongkong, das heißt, ich weiß, daß ich das nicht kann, nicht will, nicht kann, ich würde sterben, das weiß ich, die Vorstel- lung, in Asien zu leben, erschreckt mich, der Gestank und diese furchtbaren Menschen. Ich werde so bald wie möglich nach Paris zurückreisen, denn da gehöre ich hin, und werde nie, nie, niemals wieder hierher zurückkehren.« Aber er hörte nichts davon. Er war in seinen Träumen gefangen, sah sie nicht mehr und murmelte: »… viele Söhne, du und ich… so glücklich, daß du mich liebst… darum gebetet… und nun… für im- mer im Großen Haus auf dem Peak leben. Deine Liebe hat die Angst gebannt, die Angst vor dem Tod, hatte immer Angst vor dem Tod, immer so nahe, die Zwillinge, kleine Schwester Tessa, so jung gestorben, mein Bruder, Vater fast tot… Großvater auch ge- waltsamer Tod, aber nun… nun… alles anders… heiraten im Früh- ling. Ja?« Er schlug die Augen auf. Sekundenlang erkannte er sie deutlich,, sah das angespannte Gesicht und den Abscheu und hätte am liebs- ten laut geschrien: Was um Gottes willen ist mit dir los, dies ist doch nur ein Krankenzimmer, und ich weiß, daß die Decke schweißgetränkt ist und daß ich in ein bißchen Urin und Kot liege und daß alles stinkt, aber Himmel, das kommt daher, daß ich eine Schwertwunde habe, es ist nur ein Schnitt, und jetzt hat man mich zugenäht, und ich werde wieder gesund, wieder gesund, wieder ge- sund… Aber er brachte kein Wort heraus; er sah, daß sie etwas sagte, die Tür aufriß und hinausstürzte, aber das war nur ein Alptraum, die guten Träume winkten ihm schon. Die Tür fiel zu, und das Ge- räusch, das sie dabei machte, hallte und hallte und hallte: wieder gesund wieder gesund wieder gesund. Sie lehnte an der Tür zum Garten, sog hektisch die Nachtluft ein und versuchte sich wieder zu fassen. Heilige Mutter Gottes, gib mir Kraft und schenke diesem Mann Frieden und mach, daß ich mög- lichst schnell von hier fortkomme. Leise trat Babcott hinter sie. »Keine Sorge, es geht ihm gut. Hier, trinken Sie das«, sagte er mitleidig und reichte ihr das Opiat. »Es wird Sie beruhigen und Ihnen beim Einschlafen helfen.« Sie gehorchte. Die Flüssigkeit schmeckte weder gut noch schlecht. »Er schläft friedlich. Kommen Sie mit. Auch für Sie sollte jetzt Schlafenszeit sein.« Er begleitete sie zu ihrem Zimmer hinauf. An der Tür zögerte er. »Schlafen Sie gut. Sie werden gut schlafen.« »Ich habe Angst um ihn, sehr große Angst.« »Das brauchen Sie nicht. Morgen früh wird's ihm schon besser gehen.« »Vielen Dank, ich komme jetzt schon zurecht. Er… Ich glaube, Malcolm meint, daß er sterben muß. Wird er das?«, »Ganz und gar nicht. Er ist ein starker junger Mann, und ich bin fest überzeugt, daß er bald wieder so gut wie neu sein wird.« Damit wiederholte Babcott dieselbe Floskel, die er schon tausendmal be- nutzt hatte, und verschwieg die Wahrheit: Ich weiß es nicht, man weiß es nie, es liegt in Gottes Hand. Und doch war es fast immer richtig, dem geliebten Menschen Hoffnung zu geben und ihm die Last furchtbarer Sorge abzuneh- men, das wußte er, obwohl es nicht korrekt oder fair war, Gott da- für verantwortlich zu machen, ob der Patient am Leben blieb oder nicht. Dennoch, wenn man hilflos ist, wenn man sein Bestes getan hat und überzeugt ist, daß das Beste dennoch nicht ausreicht – was kann man sonst tun, wenn man nicht verrückt werden will? Wie viele junge Männer wie diesen hast du gesehen, die am nächsten Morgen oder am Tag darauf tot waren – oder gesund wurden, wenn es Gottes Wille war? War es das? Ich glaube, es ist Mangel an Wis- sen. Und dann erst Gottes Wille. Falls es einen Gott gibt. Unwillkürlich erschauerte er. »Gute Nacht, und machen Sie sich keine Sorgen.« »Danke.« Sie legte den Riegel vor, trat ans Fenster und stieß die schweren Läden auf. Müdigkeit überwältigte sie. Die Nachtluft war warm und sanft, der Mond stand hoch. Sie zog den Morgenmantel aus und rieb sich mit einem Handtuch trocken, sehnte sich nach dem Schlaf. Ihr Nachthemd war feucht und klebte am Körper, und sie hätte sich gern umgezogen, hatte aber kein zweites mitgebracht. Der Garten unten war groß und voller Schatten; hier und da waren Bäume und eine winzige Brücke über einen winzigen Wasserlauf. Eine Brise streichelte die Baumwipfel. Viele Schatten im Licht des Mondes. Manche bewegten sich dann und wann.,

Die beiden jungen Männer sahen sie in dem Moment, da sievierzig Meter von ihnen entfernt an der Tür zum Garten er-

schien. Ihr Hinterhalt war klug gewählt und gewährte ihnen einen guten Blick sowohl auf den gesamten Garten als auch auf das Haupttor, das Wachhaus und die zwei Wachtposten. Sofort zogen sie sich, verblüfft über ihren Anblick, jedoch noch weit erstaunter über die Tränen, die ihr über die Wangen liefen, tiefer ins Gebüsch zurück. Flüsternd fragte Shorin: »Was ist lo…« Er unterbrach sich. Eine Patrouille, die aus einem Sergeant und zwei Soldaten bestand – die erste, die ihnen in die Falle ging –, kam um die Ecke des Grundstücks gebogen und näherte sich ihnen auf dem Pfad, der an der Mauer entlangführte. Sie machten sich bereit und verharrten reglos, von Kopf bis Fuß in schwarze, fast hautenge Kleider gehüllt, die nur die Augen freiließen und sie nahezu un- sichtbar machten. Die Patrouille zog in etwa anderthalb Metern Entfernung an ih- nen vorbei, so daß die beiden Shishi sie von ihrem Hinterhalt aus mühe- und gefahrlos hätten überfallen können. Shorin – der Jäger, Kämpfer und Führer in der Schlacht, während Ori der Denker und Planer war – hatte das Versteck gewählt, doch Ori hatte entschie- den, daß sie nur ein oder zwei Mann starke Patrouillen angreifen würden, es sei denn, es käme zu einem Notfall oder sie würden am Eindringen ins Arsenal gehindert: »Was wir auch tun, diesmal muß es lautlos geschehen«, hatte er gewarnt. »Und mit Geduld.« »Warum?« »Das hier ist ihre Gesandtschaft. Und das heißt nach ihrem Brauch, daß es ihr Land, ihr Territorium ist – es wird von richtigen, Soldaten bewacht, also dringen wir unberechtigt ein. Wenn wir Er- folg haben, werden wir sie sehr ängstigen. Wenn sie uns erwischen, haben wir versagt.« Aus ihrem Versteck heraus beobachteten sie die Patrouille, die sich mit lautlosen, vorsichtigen Bewegungen entfernte. Ori flüsterte nervös: »Männer wie die hier haben wir noch nie gesehen – gut aus- gebildete und disziplinierte Soldaten. In einer Schlacht hätten wir gegen sie und ihre Schußwaffen einen schweren Stand.« »Wir werden immer siegen«, behauptete Shorin. »Ihre Waffen wer- den wir so oder so bald haben, und außerdem werden Bushido und unser Mut sie überwältigen. Es wird uns leichtfallen, sie zu schla- gen.« Er war sehr zuversichtlich. »Wir hätten diese Patrouille töten und ihre Waffen mitnehmen sollen.« Ich bin froh, daß wir das nicht getan haben, dachte Ori zutiefst beunruhigt. Sein Arm schmerzte stark, und obwohl er Gleichmut vortäuschte, wußte er, daß er einen Schwertkampf nicht lange durchhalten würde. »Ohne unsere schwarze Kleidung hätten sie uns bestimmt gesehen.« Seine Blicke wanderten zu dem jungen Mäd- chen zurück. »Wir hätten sie alle drei leicht umbringen können. Leicht. Wir hätten uns ihre Karabiner holen und über die Mauer hinausklettern können.« »Diese Männer sind sehr gut, Shorin, das sind keine Ochsenköpfe von Kaufleuten.« Wie immer ließ Ori sich seine Verärgerung nicht anmerken, weil er den Freund weder beleidigen noch in seinem Stolz verletzen wollte, denn er brauchte Shorins Eigenschaften ebensosehr, wie Shorin die seinen brauchte – er hatte nicht verges- sen, daß Shorin auf der Tokaidō die Kugel abgelenkt hatte, die ihn fast getötet hätte. »Wir haben viel Zeit. Bis zum Morgengrauen sind's noch mindestens zwei Kerzen.« Das waren annähernd vier Stunden. Er zeigte zur Tür hinüber. »Außerdem hätte sie Alarm ge- schlagen.«, Shorin hielt den Atem an; innerlich fluchte er. »Eeee, Dumm- kopf! Ich bin ein Dummkopf, du hast recht – wieder einmal. Ent- schuldige.« Ori konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen: Was hat diese Frau an sich, das mich beunruhigt, mich fasziniert, fragte er sich. Dann sah er hinter ihr den Riesen auftauchen. Aus den Informa- tionen, die sie in der Herberge erhalten hatten, wußte er, daß das der berühmte englische Doktor war, der bei allen, die seine Dienste erbaten, Wunderheilungen vollbracht hatte. Ori hätte viel darum gegeben, verstehen zu können, was der Arzt zu dem jungen Mäd- chen sagte. Sie trocknete ihre Tränen und trank gehorsam, was er ihr reichte; dann führte er sie ins Haus zurück und schloß und ver- riegelte die Tür. »Verblüffend«, murmelte Ori. »Der Riese und die Frau.« Shorin, der Unterströmungen spürte, die ihn noch mehr beunru- higten, warf ihm einen prüfenden Blick zu; er war verärgert über sich selbst, weil er das Mädchen vergessen hatte, als die Patrouille in der Nähe war. Er konnte nur die Augen des Freundes sehen, ver- mochte aber nichts in ihnen zu lesen. »Komm, wir gehen zum Ar- senal«, flüsterte er ungeduldig. »Oder wir greifen die nächste Pat- rouille an, Ori.« »Warte!« Bedächtig, um nicht mit einer unvermittelten Bewegung Aufmerksamkeit zu erregen, hob Ori die Hand im schwarzen Handschuh, doch eher, um die Schmerzen in seinem Arm zu lin- dern, als um sich den Schweiß abzuwischen. »Katsumata hat uns Geduld gelehrt, und Hiraga hat uns heute abend ebenfalls dazu geraten.« Einige Zeit früher, als sie in der Herberge ›Zu den Mitternachtsblü- ten‹ eintrafen, hatten sie zu ihrer Freude festgestellt, daß Hiraga, be-, wunderter Führer aller Choshu-Shishi, ebenfalls dort abgestiegen war. Die Nachricht von ihrem Überfall hatte sich bereits verbreitet. »Obwohl ihr das nicht wissen konntet, ist der Angriff zum perfek- ten Zeitpunkt erfolgt«, hatte Hiraga freundlich erklärt. Er war ein ansehnlicher Mann von zweiundzwanzig Jahren und groß für einen Japaner. »Er wird wirken wie ein Stock, mit dem man in dem Hor- nissennest Yokohama stochert. Die Gai-Jin werden ausschwärmen, sie müssen gegen die Bakufu vorgehen, die nichts tun werden, nichts tun können, um sie zu beruhigen. Ach, würden die Gai-Jin sich doch an Edo rächen! Wenn sie das täten und es zerstörten, wä- re das für uns das Signal, die Palasttore zu stürmen! Sobald der Kai- ser sämtliche Daimyos los ist, wird er gegen das Shōgunat rebellie- ren und es genauso vernichten wie die Toranagas. Sonno-joi!« Sie hatten auf Sonno-joi und Katsumata getrunken, der sie geret- tet, die meisten von ihnen ausgebildet und Sonno-joi heimlich und weise gedient hatte. Ori hatte Hiraga flüsternd von ihrem Plan un- terrichtet, Waffen zu stehlen. »Eeee, Ori, das ist eine gute Idee, und durchführbar«, hatte Hira- ga nachdenklich gesagt. »Wenn ihr geduldig seid und auf den per- fekten Augenblick wartet. Solche Waffen könnten für uns bei eini- gen Einsätzen sehr nützlich sein. Mir persönlich sind Schußwaffen zuwider – ich mag die Garotte, das Schwert oder das Messer, die sind sicherer, lautlos und weitaus einschüchternder. Ich werde euch helfen. Ich kann euch einen Plan des Grundstücks und Ninja- Kleidung besorgen.« Ori und Shorin strahlten. »Das würdest du tun?« »Selbstverständlich.« Die Ninjas waren ein streng geheimer Tong von perfekt ausgebildeten Meuchelmördern, die fast ausschließlich bei Nacht arbeiteten und deren schwarze Spezialkleidung viel zur Legende ihrer Unsichtbarkeit beitrug. »Einmal wollten wir ihre Ge- sandtschaft niederbrennen.« Hiraga lachte und leerte ein weiteres Fläschchen Saké, jenen angewärmten Wein, der seine Zunge mehr, als gewöhnlich löste. »Aber wir haben es dann doch nicht getan, sondern entschieden, daß es wichtiger sei, sie unter Beobachtung zu halten. Wie oft bin ich als Gärtner oder bei Nacht als Ninja verklei- det dorthingegangen! Es ist erstaunlich, was man dabei erfahren kann, selbst wenn man nur wenig Englisch versteht.« »Eeee, Hiraga-san, wir wußten gar nicht, daß du Englisch sprichst«, sagte Ori, verblüfft über die neue Information. »Wo hast du das gelernt?« »Wo kann man wohl Gai-Jin-Eigenschaften lernen, wenn nicht bei einem Gai-Jin? Er war ein Holländer aus Deshima, ein Sprachwis- senschaftler, der Japanisch, Holländisch und Englisch sprach. Mein Großvater schrieb eine Petition an unseren Daimyo, in der er vor- schlug, einen Gai-Jin auf deren Kosten nach Shimonoseki kommen zu lassen, damit er ein Jahr lang als Experiment Holländisch und Englisch unterrichtet; der Handel werde dann später folgen. Dan- ke«, sagte Hiraga, als Ori ihm höflich die Tasse füllte. »Gai-Jin sind ja so leichtgläubig – und so widerliche Anbeter des Geldes. Wir sind jetzt im sechsten Jahr dieses ›Experiments‹ und handeln immer nur, wenn wir das bekommen, was wir haben wollen und wenn wir es uns leisten können – Gewehre, Kanonen, Munition, Schrot und gewisse Bücher.« »Wie geht es deinem verehrten Großvater?« »Er ist bei guter Gesundheit. Danke der Nachfrage.« Hiraga be- lohnte sie mit einer leichten Verneigung, die sie mit einer etwas tie- feren Verneigung beantworteten. Wie wundervoll, so einen Großvater zu haben, dachte Ori, ein so sicherer Schutz für alle Generationen – nicht wie bei uns, die wir ums tägliche Überleben kämpfen, jeden Tag Hunger leiden und uns verzweifelt bemühen müssen, unsere Steuern zu bezahlen. Was werden Vater und Großvater jetzt von mir halten: Ronin geworden und mein so dringend benötigter Koku verspielt? »Es wäre mir eine Ehre, ihn eines Tages kennenzulernen«, erklärte er. »Unser shoya ist, nicht so wie er.« Hiragas Großvater, ein reicher Bauer in der Nähe von Shimono- seki und heimlicher Förderer von Sonno-joi, war viele Jahre lang Shoya gewesen. Ein Shoya, der ernannte oder in Erbfolge amtieren- de Bürgermeister eines Dorfes oder einer Gruppe von Dörfern, be- saß großen Einfluß und sehr viel Amtsmacht, war für die Festset- zung und das Eintreiben von Steuern verantwortlich und zugleich der einzige Puffer und Beschützer der Bauern und Landwirte gegen unfaire Praktiken des Samurai-Herrn, in dessen Machtbereich das Dorf oder die Dörfer lagen. Die Landwirte und manche Bauern besaßen und bewirtschafteten das Land, durften es nach dem Gesetz aber nicht verlassen. Den Sa- murai gehörten alle landwirtschaftlichen Produkte, und nur sie hat- ten das Recht, Waffen zu tragen, durften nach dem Gesetz aber kein Land besitzen. Also waren die einen von den anderen abhän- gig, und die Frage, wieviel Reis Jahr um Jahr in Steuern gezahlt wer- den mußte und wieviel zurückgehalten werden durfte, führte immer zu sehr labilen Kompromissen. Dieses Gleichgewicht hatte der Shoya zu wahren. In Angelegen- heiten, die über das Dorf hinausgingen, holten sich zuweilen auch die unmittelbaren Herren oder, noch höher, sogar der Daimyo per- sönlich bei den besten von ihnen Rat. Zu diesen Besten gehörte Hiragas Großvater. Einige Jahre zuvor hatte man ihm gestattet, für sich und seine Nachkommen den ›Goshi‹-Samuraistatus zu erwerben – ein bei al- len chronisch verschuldeten Daimyos übliches Verfahren mit dem Ziel, von akzeptablen Bittstellern ein kleines Extraeinkommen zu ergattern. Der Daimyo von Choshu machte da keine Ausnahme. Hiraga, dem der Wein inzwischen zu Kopf gestiegen war, lachte. »Ich wurde für die Schule dieses Holländers ausgewählt, und oft ge- nug habe ich diese Ehre bedauert, denn die englische Sprache ist sehr schwierig und klingt abstoßend.«, »Waren viele von euch dort auf dieser Schule?« erkundigte sich Ori. Durch den Saké-Schleier drang das Schrillen einer Alarmglocke, und Hiraga merkte, daß er zu viele private Informationen preisgab. Wie viele Choshu-Schüler die Schule besucht hatten, ging nur die Choshu etwas an und war geheim, und obwohl er Shorin und Ori gern hatte und bewunderte, waren sie immer noch Satsumas und somit Fremde – nicht immer Verbündete, aber immer potentielle Feinde. »Um Englisch zu lernen, nur wir drei«, sagte er so leise, als verrate er ein Geheimnis, statt die richtige Zahl – dreißig – zu nennen. In- nerlich auf der Hut, setzte er hinzu: »Hört mal, ihr beiden, da ihr jetzt Ronin seid wie ich und die meisten meiner Kameraden, müs- sen wir enger zusammenarbeiten. Ich habe in drei Tagen etwas vor, wobei ihr uns wirklich helfen könntet.« »Vielen Dank, aber wir müssen auf Nachricht von Katsumata war- ten.« »Selbstverständlich, er ist euer Satsuma-Führer.« Und ein wenig nachdenklich ergänzte Hiraga: »Aber vergeßt dabei nicht, Ori, daß ihr Ronin seid und Ronin bleiben werdet, bis wir siegen, vergeßt nicht, daß wir die Angriffsspitze von Sonno-joi sind. Wir sind die Macher, Katsumata geht kein Risiko ein. Wir müssen vergessen, daß ich ein Choshu bin und ihr Satsumas, wir müssen einander helfen. Es ist eine gute Idee, nach eurem Tokaidō-Angriff heute abend Ge- wehre zu stehlen. Wenn möglich, tötet einen oder zwei Wachtpos- ten auf dem Grundstück der Gesandtschaft, das wird eine ungeheu- re Provokation für sie sein! Wenn ihr das Ganze lautlos erledigen und keine Spuren hinterlassen könnt – um so besser. Alles für eine gute Provokation.« Mit Hilfe von Hiragas Informationen war es einfach gewesen, in, den Tempel einzudringen, die Dragoner und anderen Soldaten zu zählen und das perfekte Versteck zu finden. Dann war plötzlich das junge Mädchen aufgetaucht und der Riese, und dann waren sie wie- der ins Haus gegangen, und seitdem starrten die beiden Shishi mit großen Augen auf die Gartentür. »Was machen wir jetzt, Ori?« erkundigte sich Shorin mit rauher Stimme. »Wir halten uns an den Plan.« Die Minuten vergingen mit unruhigem Warten. Als die Läden im ersten Stock aufgestoßen wurden und die Männer sie am Fenster sahen, wußten beide, daß ein neues Element in ihre Zukunft getre- ten war. Gerade bürstete sie sich mit einer silbernen Bürste die Haa- re. Mit müden Bewegungen. Mit kehliger Stimme sagte Shorin: »Im Mondschein wirkt sie gar nicht so häßlich. Aber mit diesen Brüsten, eeee, da würdest du ja abprallen.« Ori antwortete nicht; sein Blick hing wie gebannt an ihrer Ge- stalt. Plötzlich hielt sie inne und blickte hinab. In Richtung der beiden Männer. Obwohl sie sie unmöglich sehen oder hören konnte, schlugen ihre Herzen auf einmal schneller. Mit angehaltenem Atem warteten sie. Wieder ein erschöpftes Gähnen. Einen Augenblick bürstete sie weiter, dann legte sie die Bürste hin, scheinbar so nah, daß Ori meinte, die Hand ausstrecken und sie berühren zu können, während er Einzelheiten der Stickereien auf dem Seidennachthemd erkannte, die Brustwarzen darunter und den verzweifelten Aus- druck, den er gestern – war es wirklich erst gestern gewesen? – gese- hen hatte und der bewirkt hatte, daß er den tödlichen Schlag nicht ausführte. Ein letzter, seltsamer Blick zum Mond, ein weiteres, unterdrück- tes Gähnen, dann zog sie die Läden zu. Aber ohne sie ganz zu schließen. Und ohne den Riegel vorzulegen., Shorin unterbrach das Schweigen und sprach aus, was sie beide dachten: »Kein Problem, da raufzuklettern.« »Richtig. Aber wir sind wegen der Gewehre hier und um Verwir- rung zu stiften. Wir…« Ori hielt inne; seine Gedanken folgten dem plötzlichen Aufglimmen einer neuen, wundervollen Ablenkung, ei- ner zweiten Chance, weit größer als die erste. »Shorin«, flüsterte er, »wenn wir sie zum Schweigen bringen, aber nicht töten, sie einfach bewußtlos zurücklassen würden, damit sie davon berichten kann, wenn wir ein Zeichen hinterlassen, durch das man uns mit der Tokaidō in Verbindung bringen könnte, und wenn wir dann ein oder zwei Soldaten töten und mit oder ohne ihre Gewehre verschwinden würden, würde das die Gai-Jin nicht vor Wut rasend machen?« Bei dieser wundervollen Idee stieß Shorin hörbar zischend die Luft aus. »Ja, ja, das würde es, aber noch besser wäre es, ihr die Kehle durchzuschneiden und mit ihrem Blut ›Tokaidō‹ zu schrei- ben. Du gehst, ich werde hier bleiben und aufpassen.« Und als Ori zögerte, sagte er: »Katsumata hat gesagt, wir hätten falsch gehandelt, als wir zögerten. Letztes Mal hast du gezögert. Warum jetzt zö- gern?« Die Entscheidung fiel in einem Sekundenbruchteil; dann lief Ori, ein Schatten unter vielen, auf das Gebäude zu. Als er dort war, be- gann er zu klettern. Draußen vor dem Wachhaus sagte einer der Soldaten leise: »Dreh dich nicht um, Charlie, aber ich glaube, ich hab jemand auf das Haus zulaufen sehen.« »Großer Gott, hol den Sergeant, aber sei vorsichtig.« Der Soldat gab vor, sich zu recken, und kehrte dann ins Wach- haus zurück. Rasch, aber vorsichtig rüttelte er Sergeant Towrey wach und wiederholte, was er gesehen hatte oder gesehen zu haben, glaubte. »Wie hat das Schwein ausgesehen?« »Ich hab nur die Bewegung bemerkt, Sar'nt, aber ganz sicher bin ich nicht, es hätte auch bloß ein Schatten sein können.« »Na schön, mein Junge, sehn wir mal nach.« Er weckte den Cor- poral und einen weiteren Soldaten und ging dann mit den anderen beiden in den Garten. »Hier ungefähr war's, Sar'nt.« Shorin sah sie kommen. Er konnte nichts tun, um Ori zu war- nen, der das Fenster, durch seine Kleidung und die Schatten immer noch fast unsichtbar, beinahe erreicht hatte. Er sah, wie er nach der Fensterbank griff, einen der Läden weiter aufzog und im Zimmer verschwand. Lautlos wurde der Laden wieder an seinen Platz gezo- gen. Karma, dachte er und konzentrierte sich auf die eigenen Pro- bleme. Sergeant Towrey war mitten auf dem Weg stehengeblieben, um eingehend die Umgebung und das Gebäude zu mustern. Da im oberen Stock viele Läden geöffnet und unverriegelt waren, machte er sich keine Gedanken, als einer von ihnen im leichten Wind knarrte. Die Gartentür war fest verschlossen. Schließlich sagte er: »Sie nehmen die Seite da, Charlie.« Damit zeigte er in die Nähe des Verstecks. »Nogger, Sie nehmen die gegenüberliegende und stöbern sie auf, falls jemand da ist. Hal- tet eure verdammten Augen offen. Bajonett aufpflanzen!« Die Sol- daten gehorchten umgehend. Shorin lockerte sein Schwert, dessen Klinge er für das nächtliche Abenteuer ebenfalls geschwärzt hatte, in der Scheide, dann nahm er mit zugeschnürter Kehle die Angriffsstellung ein. Kaum war Ori lautlos ins Zimmer geschlüpft, kontrollierte er die Tür und sah, daß sie verriegelt war und daß das junge Mädchen, noch immer schlief; also zog er das Kurzschwert aus der Scheide und eilte zum Bett. Es war ein Himmelbett, und alles daran war für ihn fremd, die Pfosten, die Vorhänge, die Bettwäsche, und sekun- denlang fragte er sich, wie es wohl wäre, in so einem Bett zu schla- fen, so hoch über dem Boden, statt auf den japanischen Futons. Sein Herz jagte. Er versuchte, lautlos zu atmen, denn noch wollte er sie nicht wecken, und er wußte nicht, wie tief sie betäubt war. Das Zimmer war dunkel, aber das Mondlicht fiel durch die Läden herein, und so sah er, daß ihr das lange, blonde Haar über die Schultern floß, erkannte die Schwellung der Brüste und Glieder un- ter dem Laken. Sie war von einem Duft umgeben, der ihn be- rauschte. Dann, im Garten, das Klirren von Bajonetten und Stimmenge- murmel… Sekundenlang erstarrte er. Blindlings setzte er das Messer an, um sie zu töten, aber sie rührte sich nicht. Ihr Atem ging wei- terhin regelmäßig. Er zögerte; dann schlich er lautlos zum Fenster und spähte durch die Läden hinaus. Unten sah er zwei von den drei Soldaten. Haben sie mich gesehen oder Shorin bemerkt, fragte er sich in panischer Angst. Wenn ja, dann sitze ich in der Falle, aber das macht nichts, ich kann immer noch erledigen, wozu ich hergekommen bin, und viel- leicht verschwinden sie ja wieder – ich habe zwei Fluchtwege, die Tür und das Fenster. Geduld, hatte Katsumata immer geraten. Be- nutzt euren Kopf, wartet ruhig, dann schlagt ohne Zögern zu und flieht, sowie der Moment gekommen ist. Überraschung ist eure wirksamste Waffe! Sein Magen verkrampfte sich. Ein Soldat näherte sich ihrem Ver- steck. Obwohl Ori genau wußte, wo Shorin sich befand, konnte er ihn nicht ausmachen. Atemlos wartete er ab, was geschah. Vielleicht wird Shorin sie ablenken. Was immer passiert, sie stirbt, nahm er sich vor., Shorin, der zusah, wie der Soldat näherkam, suchte ohne große Hoffnung nach einem Ausweg aus der Falle und fluchte auf Ori. Sie mußten ihn entdeckt haben! Wenn ich diesen Hund töte, kann ich die anderen unmöglich erreichen, bevor sie mich erschießen. Ich kann nicht zu der Mauer gelangen, ohne dabei gesehen zu wer- den. Dumm von Ori, den Plan zu ändern, natürlich haben sie ihn ent- deckt, ich hab ihm gesagt, daß die Frau Ärger bedeutet, er hätte sie gleich an der Straße töten sollen… Vielleicht übersieht mich dieser Barbar und läßt mir ausreichend Zeit, zur Mauer zu laufen. Das lange Bajonett blitzte im Mondschein, als der Soldat es leise in die Büsche stieß, die er hier und da beiseite schob, um besser se- hen zu können. Immer näher. Zwei Meter, anderthalb, ein Meter… Shorin wartete regungslos, die Kapuze nahezu ganz über die Au- gen gezogen, und hielt den Atem an. Im Vorbeigehen hätte ihn der Soldat fast gestreift, aber er ging weiter, hielt einen Moment inne, tat abermals einige Schritte, suchte wieder im Gebüsch, ging noch einmal weiter, und Shorin begann wieder leise zu atmen. Er spürte den Schweiß auf seinem Rücken, wußte aber, daß er vorläufig si- cher war und in wenigen Augenblicken über die Mauer geklettert sein würde. Sergeant Towrey vermochte von seinem Posten aus beide Solda- ten zu sehen. Er hielt das gespannte Gewehr locker in beiden Hän- den, war aber ebenso unsicher wie die beiden, mochte keinen blin- den Alarm schlagen. Es war eine schöne Nacht, ein leichter Wind wehte, der Mond schien hell. Sehr leicht, in diesem beschissenen Garten Schatten mit Feinden zu verwechseln, dachte er. Gott, ich wünschte, ich wäre wieder im guten, alten London! »'n Abend, Sergeant Towrey. Was ist los?« »'n Abend, Sir.« Towrey salutierte stramm. Es war dieser Drago- neroffizier, Pallidar. Er berichtete, was man ihm gesagt hatte., »Könnte ein Schatten gewesen sein. Vorsicht ist die Mutter der Por- zellankiste.« »Am besten holen Sie sich weitere Männer und vergewissern sich, daß…« In diesem Moment wirbelte der junge Soldat, der dem Versteck am nächsten war, herum und legte die Muskete an. »Sergeant!« rief er aufgeregt und erschrocken, »hier ist das Schwein!« Und schon ging Shorin, das Schwert hoch erhoben, zum Angriff über. Aber das geschickt gehaltene Bajonett hielt ihn auf Distanz, während die anderen herbeigelaufen kamen und Pallidar den Revol- ver herausriß. Wieder wollte Shorin angreifen, wurde aber von der Länge des Gewehrs mit dem aufgesetzten Bajonett daran gehindert, rutschte, warf sich zur Seite, um dem Bajonettstoß zu entgehen, und floh durch die Büsche in Richtung Mauer. Der junge Soldat hinter ihm her. »Achtung!« schrie Towrey, doch der Soldat hörte den Warnruf nicht, lief ins Gebüsch und starb durch das Kurzschwert, das tief in seiner Brust steckte. Fest überzeugt, daß es nun keinen Ausweg mehr gab und die anderen ihn fast erreicht hatten, riß Shorin es heraus. »Namu Amida Butsu« – im Namen des Buddha Amida –, keuchte er in seiner Angst, empfahl Buddha seinen Geist und schrie: »Sonno- joi!«, nicht um Ori zu warnen, sondern um ein letztes Bekenntnis abzulegen. Dann stieß er sich mit verzweifelter Kraft das Messer in die Kehle. Ori hatte das meiste mitangesehen, nur nicht das Ende. Als der Sol- dat seinen Ruf ausstieß und angriff, war er Hals über Kopf zum Bett gestürzt, weil er erwartete, daß sie aufschreckte; zu seinem Er- staunen aber hatte sie sich weder gerührt, noch hatte sich der ruhi- ge Rhythmus ihres Atems verändert, und so stand er mit zitternden, Knien vor ihr und wartete darauf, daß sie die Augen aufschlug. Als dann der Schrei sonno-joi! ertönte, wußte er, daß Shorin angegrif- fen hatte, dann gab es weitere Geräusche. Aber noch immer beweg- te sie sich nicht. Seine Lippen zogen sich von den Zähnen zurück, sein Atem ging keuchend. Auf einmal konnte er die Nervenanspan- nung nicht mehr ertragen; wütend begann er, sie mit dem verletz- ten Arm zu schütteln, und setzte ihr das Messer an die Kehle, um ihren Schrei im Keim zu ersticken. Aber sie rührte sich nicht. Für ihn war es wie ein Traum, und er beobachtete sich selbst, wie er sie noch einmal schüttelte, dann fiel ihm plötzlich ein, daß der Arzt ihr etwas zu trinken gegeben hatte, und er dachte, wieder eine von diesen Drogen, den neuen Drogen des Westens, von denen Hiraga uns erzählt hat. Er hielt den Atem an und versuchte, diese neue Erkenntnis zu verarbeiten. Um sich zu vergewissern, schüttelte er sie abermals, aber sie murmelte nur ein paar Worte und schmiegte sich tiefer in die Kissen. Ori kehrte ans Fenster zurück. Männer trugen den Leichnam des Soldaten aus dem Gebüsch. Dann sah er, daß sie Shorin wie einen Tierkadaver an einem Fuß ins Freie schleiften. Nun lagen die bei- den Leichen Seite an Seite, im Tode einander seltsam ähnlich. Wei- tere Männer trafen ein, und Leute riefen aus den Fenstern. Ein Offi- zier stand vor Shorins Leichnam. Einer der Soldaten zog ihm die schwarze Kapuze mit der Maske vom Kopf. Shorins Augen standen offen, seine Züge waren verzerrt, der Messergriff ragte hervor. Noch mehr Stimmen und noch mehr Männer, die hinzukamen. Auch im Haus und im Korridor war jetzt Bewegung. Seine An- spannung wurde fast unerträglich. Zum zehntenmal vergewisserte er sich, daß der Türriegel geschlossen war und von außen nicht geöff- net werden konnte; dann versteckte er sich hinter den Gardinen des Himmelbetts, nahe genug, um sie zu erreichen, was immer gesche- hen mochte., Schritte kamen, es klopfte an der Tür. Im Spalt unter der Tür Licht von einer Öl- oder Kerzenlampe. Das Klopfen wurde lauter, Stimmen erhoben sich. Er zückte das Messer. »M'selle, ist alles in Ordnung?« Das war Babcott. »M'selle!« rief Marlowe. »Öffnen Sie!« Wieder Klopfen, jetzt viel lauter. »Es liegt an meinem Schlafmittel, Captain. Sie war sehr aufgeregt, die Ärmste, und brauchte Schlaf. Ich glaube kaum, daß sie aufwa- chen wird.« »Wenn nicht, werde ich diese verdammte Tür aufbrechen und nachsehen. Ihre Fensterläden sind offen, verdammt!« Immer wieder heftiges Hämmern. Verschlafen öffnete Angélique die Augen. »Qu'est-ce que se passe? Was ist los?« murmelte sie, mehr schlafend als wachend. »Ist alles in Ordnung? Ça marche?« »Marche? Moi? Bien sûr… Pourquoi? C'est quoi ça?« »Öffnen Sie einen Moment die Tür. Ouvrez la porte, s'il vous plaît, c'est moi, Captain Marlowe.« Benommen richtete sie sich im Bett auf. Zu seinem Schrecken mußte Ori mitansehen, daß sie sich aus dem Bett wälzte und zur Tür wankte. Es dauerte ein Weilchen, bis sie den Riegel zurückge- zogen und die Tür einen Spalt geöffnet hatte, während sie sich an ihr aufrechthielt. Babcott, Marlowe und ein Marinesoldat hielten Kerzenlampen empor. Die Flammen flackerten im Luftzug. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie das junge Mädchen an. Ihr Nachthemd war sehr französisch, sehr dünn und sehr durchsichtig. »Wir, äh, wir wollten nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist, M'selle. Wir, äh, wir haben einen Mann im Gebüsch gefunden«, er- klärte Babcott hastig, »aber nur keine Sorge.« Wie er merkte, begriff sie kaum, was er sagte. Marlowe riß den Blick von ihrem Körper los und spähte an ihr, vorbei ins Zimmer. »Excusez moi, M'selle, s'il vous plaît«, stammelte er verlegen mit erträglichem Akzent und schob sich an ihr vorbei, um sich zu überzeugen. Unter dem Bett nur ein Nachttopf. Auch die Vorhänge hinter dem Bett verbargen auf seiner Seite nichts – großer Gott, was für eine Frau! Nichts, wo sich jemand verstecken könnte, keine Türen, keine Schränke. Die Fensterläden knarrten im Wind. Er stieß sie weit auf. »Pallidar! Irgend etwas Neues, da un- ten?« »Nein«, antwortete Pallidar. »Keine Spur von weiteren Eindring- lingen. Möglich, daß er der einzige war und daß der Soldat gesehen hat, wie er sich bewegte. Aber kontrollieren Sie alle Zimmer auf die- ser Seite!« Marlowe nickte, fluchte leise und sagte: »Was zum Teufel glaubst du wohl, was ich tue?« Hinter ihm wehten die Vorhänge des Him- melbettes im leichten Wind und legten Oris Füße in den schwarzen tabe, den japanischen Strumpfschuhen, frei. Aber da Marlowes Kerze zischte und erlosch, bemerkte er beim Umdrehen nichts, außer der Silhouette der noch halb schlafenden Angélique im Lichtstreifen der Tür, und da ihm an ihr nichts verborgen blieb, verschlug es ihm den Atem. »Alles in Ordnung«, erklärte er, noch verlegener, weil er sie ge- mustert, ihren Anblick genossen hatte, während sie so wehrlos war. Entschlossenheit vortäuschend, kehrte er zur Tür zurück. »Bitte, verriegeln Sie die Tür und, äh, schlafen Sie gut«, sagte er und wäre so gern geblieben. Noch immer orientierungslos, murmelte sie etwas und schloß die Tür. Die Männer warteten, bis sie hörten, daß der Riegel ein- schnappte. Babcott sagte zögernd: »Ich glaube, sie wird sich nicht mehr daran erinnern, uns die Tür geöffnet zu haben.« Der Marine- soldat wischte sich den Schweiß ab, sah, daß Marlowe ihm einen Blick zuwarf, und konnte ein schiefes Grinsen nicht unterdrücken. »Was zum Teufel macht Sie so glücklich?« fragte Marlowe, ob-, wohl er es genau wußte. »Mich, Sir? Gar nichts, Sir«, erwiderte der Marinesoldat sofort tief ernst, kindliche Unschuld im Blick. Verdammte Offiziere, immer dasselbe, dachte er müde. Marlowe so geil wie alle, die Augen wären ihm fast aus dem Kopf gefallen, und am liebsten hätte er sie verschlungen, alles, was drunter war, und die verdammt besten Tit- ten, die ich jemals gesehen habe! Die Jungens werden mir das nie glauben. »Jawohl, Sir, stumm wie ein Fisch, jawohl«, versicherte er eifrig, als Marlowe ihn bat, nichts über das verlauten zu lassen, was sie gesehen hatten. »Bestimmt nicht, Sir, kein einziges Wort über meine Lippen«, versprach er und trottete, in Gedanken noch bei ihrem Zimmer, hinter den anderen her zum nächsten. Angélique lehnte an der Tür und versuchte zu verstehen, was ge- schehen war – es fiel ihr schwer, alles einzuordnen, den Mann im Garten – was für ein Garten? – aber Malcolm ist im Garten des Großen Hauses, nein, er ist unten, verwundet, nein, das ist ein Traum, und er hat etwas gesagt, vom Leben im Großen Haus und vom Heiraten… Malcolm, ist er der Mann, derjenige, der mich be- rührt hat? Nein, der hat mir gesagt, er werde sterben. Dummchen, der Doktor hat gesagt, es gehe ihm wunderbar, alle haben wunder- bar gesagt, warum wunderbar? Warum nicht gut oder ausgezeichnet oder einigermaßen? Warum? Sie gab auf; ihr Wunsch nach Schlaf war zu stark. Der Mond schien durch die Schlitze der Läden, und sie wankte durch die Lichtstreifen zum Bett, um sich erleichtert auf die weiche Daunen- matratze sinken zu lassen. Mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer zog sie das Laken halb über sich und drehte sich auf die Seite. Se- kunden darauf war sie fest eingeschlafen. Überrascht, daß er noch am Leben war, glitt Ori lautlos aus sei- nem Versteck. Obwohl er sich mit seinen Schwertern flach an die, Wand gedrückt hatte, hätte ihn eine gründlichere Suche aufstöbern müssen. Wie er bemerkte, war die Tür verriegelt, waren die Riegel der Läden eingerastet, und das junge Mädchen atmete, einen Arm unter dem Kopfkissen, den anderen auf dem Laken, tief und ruhig. Gut. Sie kann warten, dachte er. Aber zunächst, wie komme ich aus dieser Falle heraus? Durchs Fenster oder durch die Tür? Da er durch die Schlitze nichts sehen konnte, schob er leise den Riegel zurück und stieß erst die eine, dann die andere Seite einen Spalt auf. Unten wimmelte es immer noch von Soldaten. Bis zum Morgengrauen waren es noch fast drei Stunden. Wolken zogen auf und begannen auf den Mond zuzutreiben. Shorins Leichnam lag verkrümmt wie ein totes Tier auf dem Weg. Einen Moment lang wunderte er sich, daß sie ihm den Kopf gelassen hatten; dann fiel ihm ein, daß es nicht Brauch bei den Gai-Jin war, Köpfe zum Zur- schaustellen oder zum Zählen abzuschlagen. Auf diesem Weg zu fliehen, ohne gesehen zu werden, ist schwie- rig. Wenn sie in ihrer Wachsamkeit nicht nachlassen, werde ich die Tür öffnen und es durchs Haus probieren müssen. Das bedeutet, die Tür unverriegelt lassen. Dann lieber doch durch ein Fenster. Vorsichtig reckte er den Hals, um hinauszuspähen, und entdeckte unterhalb des Fensters einen schmalen Sims, der zu einem anderen Fenster und dann weiter ums Haus herum führte – dies war ein Eckzimmer. Seine Erregung wuchs. Bald werden die Wolken den Mond bedecken, dann kann ich fliehen. Ich werde fliehen! Sonno- joi! Nun aber zu ihr. Lautlos legte er den Riegel so vor, daß die Läden ein wenig offen- standen, dann kehrte er zum Bett zurück. Sein Langschwert, das noch in der Scheide steckte, legte er in Reichweite auf die zerwühlte, weiße Seidenbettdecke. Weiß, dachte er. Weiße Laken, weißes Fleisch, weiß, die Farbe des Todes. Paßt. Perfekt, um etwas darauf zu schreiben. Was sollte er schreiben? Sei- nen Namen?, Ohne Hast zog er das Laken von ihrem Körper. Das Nachthemd ging über seine Begriffe, war fremd, dazu bestimmt, alles und nichts zu verbergen. Glieder und Brüste, so groß im Vergleich zu den we- nigen Bettgenossinnen, die er gehabt hatte, die Beine lang und gera- de. Und wieder ihr Duft. Während er sie mit den Blicken erforsch- te, spürte er, wie es sich in ihm rührte. Bei den anderen war es anders gewesen. Minimale Erregung. Viele Scherze und professionelles Geschick. Schnell vollzogen, gewöhn- lich im Saké-Nebel. Nun jedoch hatte er endlos Zeit. Sie war jung und gehörte nicht zu seiner Welt. Sein Verlangen nahm zu. Und die Erregung. Der Wind ließ die Läden ächzen, doch das bedeutete keine Ge- fahr. Alles war still. Sie lag halb auf den Bauch gedreht. Ein leich- ter, geschickter Stoß, und noch einer, dann drehte sie sich gehor- sam auf den Rücken, den Kopf bequem zur Seite gewandt, die Haa- re wie eine Kaskade. Ein tiefer Seufzer, wohlig im Nest der Matrat- ze. Ein kleines Goldkreuz an ihrem Hals. Er beugte sich vor, schob die Spitze seines rasiermesserscharfen Schwertdolches unter die zarte Spitze an ihrem Hals, hob sie leicht an und drückte die Schneide gegen ihr Nachthemd. Der Stoff teilte sich bereitwillig und fiel zur Seite. Bis zu den Füßen. Noch nie hat- te Ori eine Frau derart entblößt gesehen. Noch nie war er so ver- krampft gewesen. Die Erregung stieg so hoch wie nie. Das winzige Kreuz glänzte. Unwillkürlich hob sie träge die Hand und schob sie sich zwi- schen die Beine, wo sie zärtlich liegenblieb. Er nahm sie fort; dann spreizte er ihre Beine. Sehr sanft.,

Kurz vor Tagesanbruch erwachte sie. Aber nur halb.Die Droge war noch immer in ihr, die Träume waren noch im-

mer in ihr, seltsame, gewalttätige Träume, erotisch und überwälti- gend, wundervoll und schmerzhaft und sinnlich und schrecklich, niemals zuvor erlebt, jedenfalls nicht so intensiv. Durch die halb geöffneten Läden sah sie blutrot den östlichen Horizont, an ihm unheimliche Wolkenformationen, die Bildern in ihrem Kopf zu gleichen schienen. Als sie sich bewegte, um sie besser sehen zu kön- nen, verspürte sie einen leichten Schmerz in ihren Lenden, schenkte ihm aber keine Beachtung, sondern ließ den Blick auf den Bildern am Himmel ruhen und ihre Gedanken zu den Träumen zurückwan- dern, die noch immer lockten. An der Schwelle des Schlafs merkte sie, daß sie nackt war. Träge zog sie ihr Nachthemd um sich und das Laken über sich. Und schlief. Ori stand neben dem Bett. Er hatte sich soeben erst aus der Wär- me gelöst. Seine Ninjakleidung lag auf dem Boden. Und sein Len- dentuch. Einen Moment betrachtete er sie, wie sie da lag, genoß ein letztes Mal ihren Anblick. So traurig, dachte er, letzte Male sind so traurig. Dann griff er nach dem kurzen Schwertdolch und zog ihn aus der Scheide. Im Zimmer unten schlug Phillip Tyrer die Augen auf. Die Umge- bung war ihm unvertraut, dann wurde ihm klar, daß er sich noch immer in der britischen Gesandtschaft in Kanagawa befand und daß gestern ein grausiger Tag gewesen war. Die Fenster standen ein wenig offen. Er sah den Morgen anbre- chen. »Morgenrot, Schlechtwetterbot.« Ob es ein Unwetter gibt,, fragte er sich; dann richtete er sich auf dem Feldbett auf und kon- trollierte den Verband an seinem Arm. Als er sah, daß er sauber war und ohne frische Blutflecken, war er zutiefst erleichtert. Von dem Pochen in seinem Kopf und einer gewissen Zerschlagenheit abgese- hen, fühlte er sich wieder gesund. »Großer Gott, ich wünschte, ich hätte mich gestern tapferer verhalten.« Er versuchte sich an die Zeit nach der Operation zu erinnern, aber es gelang ihm nur schwer. Ich weiß, daß ich geweint habe. Aber es fühlte sich gar nicht an wie Weinen, die Tränen sind einfach geflossen. Mühsam verscheuchte er die düsteren Gedanken, stieg aus dem Bett, stieß die Läden auf und spürte, daß er wieder fest auf den Bei- nen stand und hungrig war. Aus einem Krug in der Nähe spritzte er sich Wasser ins Gesicht, spülte sich den Mund aus und spie das Wasser in die Büsche im Garten. Nachdem er auch einen Schluck getrunken hatte, fühlte er sich wohler. Der Garten war leer, die Luft roch nach verrotteter Vegetation. Von seinem Platz aus vermochte er einen Teil der Tempelmauer und den Garten zu sehen, sonst aber kaum etwas. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen fiel sein Blick auf das Wachhaus und zwei Soldaten. Nun erst merkte er, daß man ihn im Hemd und seiner langen wollenen Unterhose ins Bett gelegt hatte. Der zerrissene, blutgetränkte Gehrock und die Hose hingen über einem Stuhl, die verschmutzten Reitstiefel stan- den daneben. Macht nichts, ich kann von Glück sagen, daß ich am Leben bin. Er begann sich anzukleiden. Was ist mit Struan? Und Babcott? Bald werde ich ihm gegenübertreten müssen. Ob ich wohl entlassen werde, fragte er sich, während sich bei dem Gedanken an eine unrühmliche Heimkehr sein Magen ver- krampfte; welch ein Unglück, ein Versager und nicht mehr Mitglied von Her Illustrious Majesty's Foreign Office zu sein, Repräsentant des größten Empire, das die Welt jemals gesehen hat. Was wird Sir William von mir denken? Und was ist mit ihr? Angélique? Zum, Glück ist sie nach Yokohama entkommen – wird sie je wieder ein Wort mit mir wechseln, wenn sie es erfährt? Großer Gott, was soll ich tun? Auch Malcolm Struan war aufgewacht. Einen Augenblick zuvor hatte ihn ein Geräusch von draußen geweckt, obwohl er das Gefühl hatte, schon seit Stunden wach zu sein. Er lag auf dem Feldbett und war sich des Tages und der Operation ebenso bewußt wie der Tatsache, daß er schwer verwundet war und die Möglichkeit be- stand, daß er sterben mußte. Jeder Atemzug kostete ihn einen scharfen Schmerz, jede kleinste Bewegung. Aber ich werde nicht an die Schmerzen denken, nur an Angélique und daß sie mich liebt, und… Aber was haben die schlechten Träu- me zu bedeuten? Träume, daß sie mich haßt und hinausgelaufen ist? Ich hasse Träume, ich hasse es, keine Kontrolle über mich zu haben, ich hasse es, hier zu liegen, ich hasse es, schwach zu sein, während ich doch immer stark war, aufgewachsen im Schatten mei- nes Helden, des großen Dirk Struan, des Grünäugigen Teufels. Oh, wie sehr ich mir wünschte, grüne Augen zu haben und so stark zu sein! Er ist mein Vorbild, und ich werde genauso gut werden wie er, bestimmt! Wie immer ist der Feind Tyler Brock hinter uns her. Vater und Mutter suchen es vor mir zu verbergen, aber ich habe natürlich Ge- rüchte gehört und weiß mehr, als sie glauben. Die alte Ah Tok, mehr Mutter für mich als Mutter selbst – hat sie mich nicht auf ihrem Arm getragen, bis ich zwei war, und mich Kantonesisch ge- lehrt und alles über das Leben, und mir mein erstes Mädchen ge- bracht? – sie flüstert mir die Gerüchte ebenso zu wie Onkel Gor- don Chen, der mir die Fakten erklärt. Das Noble House wankt. Macht nichts, mit denen werden wir schon fertig. Werde ich fer- tig. Dafür bin ich ausgebildet worden, dafür habe ich mein Leben, lang gearbeitet. Er warf die Decke zur Seite und hob die Beine, um aufzustehen, aber der Schmerz ließ ihn innehalten. Er versuchte es noch einmal und konnte es wieder nicht. Macht nichts, sagte er sich erschöpft. Nur keine Sorge, dann klappt's eben später. »Noch Eier, Settry?« erkundigte sich Marlowe, ebenso hochgewach- sen wie der Dragoneroffizier, aber nicht so breit in den Schultern. Beide waren vornehmer Abstammung, Söhne hoher Offiziere. »Danke, nein«, antwortete Settry Pallidar. »Zwei sind genug. Muß gestehen, die Küche hier ist widerlich. Habe den Dienern ausdrück- lich gesagt, daß ich meine Eier gut durchgebraten will, nicht so schleimig, aber die haben Spatzenhirne. Im Grunde esse ich Eier nur, wenn ich sie auf Toast kriege, auf gutem, englischem Brot. Sie schmecken hier einfach anders. Was meinen Sie, was im Zusam- menhang mit Canterbury geschehen wird?« Marlowe zögerte. Sie saßen im Speiseraum der Gesandtschaft an einem riesigen Eichentisch für zwanzig Personen, der zu diesem Zweck aus England herübergebracht worden war. Das Eckzimmer war geräumig und angenehm, die Fenster zum Garten standen of- fen. Die beiden wurden von drei livrierten Chinesen bedient. Ge- deckt war der Tisch für ein halbes Dutzend Personen. Spiegeleier mit Speck auf durch Kerzen gewärmten Silberplatten, Brathuhn, kalter Schinken und Pilzpastete, ein Teller mit fast schon verdorbe- nem Rindfleisch, Schiffszwieback, ein ausgetrockneter Apfelkuchen. Bier, Portwein und Tee. »Der Minister sollte umgehend eine Ent- schädigung und die Auslieferung der Mörder verlangen, und wenn es zu der üblichen Verzögerungstaktik kommt, sollte er die Flotte gegen Edo schicken.« »Am besten sollten wir mit einer Streitmacht landen – Truppen haben wir genug –, die Hauptstadt besetzen, ihren König – wie, heißt er doch gleich? Ach ja, Shōgun – beseitigen, unseren eigenen eingeborenen Herrscher ernennen und Japan zum Protektorat erklä- ren. Oder, noch besser, das Ganze dem Empire einverleiben.« Palli- dar war übermüdet; er war fast die ganze Nacht wach gewesen. Sein Uniformrock war nicht zugeknöpft, aber er war gepflegt und hatte sich rasiert. Er winkte einem Diener. »Tee, bitte.« Der adrett gekleidete junge Chinese verstand ihn sehr wohl, starr- te ihn jedoch zum Vergnügen der anderen Diener dümmlich an. »Heya, Mass'er? Tee-ah? Was für Tee-ah du sagen, eh? Wollen cha, heya?« »Ach, macht nichts, verdammt noch mal!« Müde erhob sich Pal- lidar, ging mit seiner Tasse zum Sideboard und schenkte sich selber Tee ein, während die Diener insgeheim darüber lachten, daß der ar- rogante fremde Teufel das Gesicht verloren hatte. »Das ist eine Fra- ge der Militärmacht, alter Junge. Und ich sage Ihnen offen, der Ge- neral wird verdammt wütend sein, durch einen miesen Mörder, der sich wie Ali Baba kostümiert hat, einen Grenadier verloren zu ha- ben. Er wird bei Gott Vergeltung verlangen.« »Was die Landung betrifft, ich weiß nicht recht – die Navy könn- te Ihnen natürlich den Weg freischießen, aber wir haben keine Ah- nung, wie viele Samurai hier sind, und auch nicht, wie stark ihre Bewaffnung ist.« »Verdammt noch mal, was immer sie sind, wir werden mit ihnen fertig, sie sind schließlich nur eine Bande unterentwickelter Einge- borener. Selbstverständlich werden wir mit ihnen fertig. Genau wie in China. Ist mir unbegreiflich, warum wir China nicht annektie- ren, und damit basta.« Alle Diener hatten dies gehört und verstanden, und alle schwo- ren, daß sie, sobald das Reich des Himmels Gewehre und Schiffe besaß, die den Gewehren und Schiffen der Barbaren gleichkamen, mithelfen würden, die Nasen der Barbaren in ihren eigenen Kot zu drücken und ihnen eine Lektion zu erteilen, die tausend Generatio-, nen wirken würde. Sie alle waren von Gorden ›Illustrious‹ Chen, dem Comprador des Noble House, handverlesen worden. »Du wol- len Stück viel gut Eir, Mass'er?« fragte der Mutigste und grinste breit, während er Pallidar die absichtlich schleimigen Eier unter die Nase hielt. »Sehl gutt.« Pallidar schob die Platte angewidert beiseite. »Nein, danke. Hören Sie, Marlowe, ich glaube…« Er hielt inne, als die Tür geöffnet wurde und Tyrer hereinkam. »O hallo! Sie müssen Phillip Tyrer von der Gesandtschaft sein.« Er stellte erst sich, dann Marlowe vor und fuhr lebhaft fort: »Tut mir leid, daß Sie gestern so ein Pech hatten, aber es ist mir eine Ehre, Ihnen die Hand zu schütteln. Sowohl Mr. Struan als auch Miß Richaud haben Babcott erzählt, ohne Sie wä- ren sie jetzt beide tot.« »Haben sie das? Ach!« Tyrer traute seinen Ohren nicht. »Es… es ist alles so schnell gegangen. Eben war noch alles normal, und im nächsten Moment flohen wir um unser Leben. Ich hatte eine To- desangst.« Nun, da er es ausgesprochen hatte, fühlte er sich wohler, und noch wohler, als sie sein Geständnis als Bescheidenheit ausleg- ten, ihm einen Stuhl zurechtrückten und den Dienern befahlen, ihm etwas zu essen zu bringen. »Als ich heute nacht zu Ihnen hineinsah, haben Sie wie ein Toter geschlafen«, sagte Marlowe. »Wir wissen, daß Babcott Ihnen ein Schlafmittel gegeben hatte, daher nehme ich an, daß Sie noch nichts von dem Meuchelmörder gehört haben.« Tyrers Magen verkrampfte sich. »Meuchelmörder?« Sie erzählten es ihm. Und auch von Angélique. »Sie ist hier?« »Ja, und sie ist eine sehr tapfere Lady.« Einen Moment war Mar- lowe ganz von dem Gedanken an sie erfüllt. Zu Hause hatte er kein Mädchen, an dem ihm lag, nur ein paar heiratsfähige Cousinen, und heute war er zum erstenmal froh darüber. Vielleicht wird Angé- lique ja bleiben, und dann… dann werden wir Weitersehen., Seine Erregung wuchs. Kurz vor dem Auslaufen aus seinem Hei- mathafen Plymouth vor einem Jahr hatte sein Vater, Captain Ri- chard Marlowe R. N., zu ihm gesagt: »Du bist jetzt siebenundzwan- zig, Junge, und hast dein eigenes Schiff – wenn's auch leider ein Stinkpott ist. Du bist der Älteste, und es wird Zeit, daß du heira- test. Wenn du von dieser Fahrt in den Fernen Osten zurück kommst, bist du über Dreißig, und ich werde dann, wenn ich Glück habe, Vizeadmiral sein und dir… na ja, ich kann dir ein paar Extra-Guineas geben, aber sag um Gottes willen deiner Mutter nichts davon – und deinen Geschwistern. Es wird Zeit, daß du dich entscheidest! Wir wär's mit deiner Cousine Delphi? Ihr Vater ist ebenfalls Militär, wenn auch nur indische Armee.« Er hatte versprochen, sich bei seiner Rückkehr zu entscheiden. Nun brauchte er sich möglicherweise gar nicht mit der zweiten, dritten oder vierten Wahl zufriedenzugeben. »Miß Angélique hat die Niederlassung alarmiert und dann darauf bestanden, gestern abend herzukommen – Mr. Struan hatte dringend darum gebeten. Wie es scheint, geht es ihm nicht besonders gut, er ist sogar ziem- lich schwer verletzt, deshalb hab ich sie hergebracht. Eine wunder- volle Lady!« »Ja.« Ein seltsames Schweigen breitete sich aus, doch jeder kannte die Gedanken der anderen. Tyrer brach es schließlich. »Warum soll- te ein Mörder hierherkommen?« Die anderen beiden spürten seine Nervosität. »Eine neue Teufelei, nehme ich an«, sagte Pallidar. »Aber nur keine Sorge, wir haben den Mistkerl erwischt. Haben Sie Mr. Struan heute morgen schon besucht?« »Ich hab zu ihm hineingesehen, aber er schlief. Ich hoffe, er wird wieder gesund. Die Operation war nicht so gut, und…« Tyrer unter- brach sich, weil er draußen einen Wortwechsel hörte. Pallidar trat ans Fenster, die anderen folgten ihm. Sergeant Towrey schrie von der anderen Seite des Gartens her auf, einen halbnackten Japaner ein und winkte ihm. »He, du! Komm her!« Der Mann, anscheinend ein Gärtner, war gut gewachsen, nur mit einem Lendentuch bekleidet und trug ein Bündel Äste und Zweige auf einer Schulter, während er ungeschickt nach weiteren Holzstü- cken suchte. Sekundenlang stand er hoch aufgerichtet, dann knick- te er ein und machte eine Reihe tiefer Verbeugungen vor dem Ser- geant. »Mein Gott, diese Mistkerle haben keine Spur Schamgefühl«, stellte Pallidar angewidert fest. »Selbst die Chinesen ziehen sich nicht so an – oder die Inder. Man kann ja seine Geschlechtsteile se- hen.« »Wie ich hörte, kleiden sie sich sogar im Winter so, wenigstens ei- nige«, warf Marlowe ein. »Sie scheinen die Kälte nicht zu spüren.« Wieder schrie und winkte Towrey. Der Mann fuhr fort, sich zu verneigen und heftig dazu zu nicken. Dann wandte er sich, weil er ihn scheinbar falsch verstand, gehorsam ab, statt sich ihm zu nä- hern, und huschte um die Ecke des Gebäudes davon. Als er an ih- rem Fenster vorbeikam, starrte er sie einen Augenblick an; dann verneigte er sich wieder in unterwürfigem Gehorsam fast bis zum Boden, eilte auf die Quartiere der Diener zu und war verschwun- den. »Merkwürdig«, sagte Marlowe. »Was?« »Ach, ich weiß nicht. Nur, daß mir all diese Verneigungen und Kratzfüße unecht vorkommen.« Als Marlowe sich umwandte, ent- deckte er, daß Tyrer schneeweiß geworden war. »Herrgott im Him- mel, was ist denn los?« »Ich… Ich… Dieser Mann, ich glaube, ich bin nicht sicher, aber ich glaube, er war einer von den Mördern an der Tokaidō, der Mann, den Struan getroffen hat. Haben Sie seine Schulter gesehen? War sie nicht verbunden?«, Pallidar reagierte als erster. Er sprang aus dem Fenster, dicht ge- folgt von Marlowe. Gemeinsam rannten sie zu den Büschen und Bäumen hinüber. Sie suchten überall, aber sie fanden ihn nicht. Inzwischen war es zwölf Uhr mittags. Abermals ein behutsames Klopfen an ihrer Schlafzimmertür, wieder ein: »M'selle? M'selle?« Babcott rief es vom Korridor aus, mit leiser Stimme, um sie nicht unnötig zu wecken, falls sie nicht reagierte. Sie blieb stockstill mit- ten im Zimmer stehen und blickte mit angehaltenem Atem, mit starrer Miene auf die verriegelte Tür, das Neglige fest um sich gezo- gen. »M'selle?« Sie wartete. Nach einer Weile erstarben die Schritte, sie atmete aus und versuchte, nicht mehr zu zittern; dann begann sie wieder zwischen den von den Läden verdunkelten Fenstern und dem Bett hin und her zu wandern, wie sie es schon seit Stunden tat. Ich muß mich entscheiden, dachte sie. Als sie, ohne sich an ihr erstes Erwachen zu erinnern, zum zwei- tenmal erwachte, war ihr Kopf klar, und sie lag reglos in dem zer- wühlten Bettzeug, froh, endlich wach, ausgeruht, hungrig und durs- tig zu sein, voll Vorfreude auf die erste, köstliche Tasse Kaffee des Tages, serviert mit dem krossen, frischen französischen Brot, das der Koch der Gesandtschaft in Yokohama selbst buk. Aber ich bin nicht in Yokohama, ich bin in Kanagawa, und heute gibt's nur eine Tasse von diesem widerlichen englischen Tee mit Milch. Malcolm! Der arme Malcolm, hoffentlich geht es ihm besser. Heute werden wir nach Yokohama zurückkehren, ich werde den nächsten Dampfer nach Hongkong und von dort aus nach Paris nehmen… aber, o Gott, was für Träume ich gehabt habe, was für Träume! Die Phantasien der Nacht waren noch immer sehr lebendig und, vermischten sich mit Bildern von der Tokaidō und Canterburys Enthauptung und Malcolm, der sich so seltsam verhalten und of- fenbar angenommen hatte, daß sie heiraten würden. In ihrer Einbil- dung stieg ihr der Gestank des Krankenzimmers in die Nase, aber sie verdrängte ihn, gähnte und griff nach ihrer kleinen Uhr, die sie auf den Nachttisch gelegt hatte. Diese leichte Bewegung war von einem winzigen Schmerz in ih- ren Lenden begleitet. Sekundenlang fragte sie sich, ob er auf eine vorzeitige Periode hindeute, denn die kam bei ihr nicht immer pünktlich, aber das wies sie als unmöglich zurück. Es war zwanzig nach zehn. Die Uhr war mit Lapislazuli eingelegt, ein Geschenk des Vaters zu ihrem achtzehnten Geburtstag am 8. Juli vor etwas mehr als zwei Monaten in Hongkong. So vieles ist seitdem geschehen, dachte sie. Wie bin ich froh, bald wieder in Pa- ris zu sein, in der Zivilisation. Ich werde nie mehr hierher zurück- kehren, niemals niem… Erschrocken merkte sie, daß sie unter dem Laken nahezu nackt war. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, daß ihr Nachthemd vorne von oben bis unten aufgeschlitzt und unter ihr hochgeschoben war. Ungläubig hob sie die beiden Hälften an. Als sie, um besser sehen zu können, ans Fenster treten wollte und aus dem Bett glitt, verspürte sie wieder diesen leichten Schmerz. Jetzt, bei Tageslicht, entdeckte sie den kleinen Blutfleck auf dem Bettlaken und fand auch eine Spur davon zwischen ihren Beinen. »Wie kommt es nur, daß meine Periode…« Sie begann die Tage zu zählen, und abermals zu zählen, aber die Rechnung ergab keinen Sinn. Ihre letzte Periode hatte vor vierzehn Tagen aufgehört. Dann entdeckte sie, daß sie ein wenig feucht war, und konnte nicht begreifen, wieso – gleich darauf blieb ihr das Herz stehen, und sie wäre beinahe ohnmächtig geworden, weil der Verstand ihr einzuhämmern versuchte, daß ihre Träume gar keine Träume, sondern Wirklichkeit gewesen waren und daß sie im Schlaf, vergewaltigt worden war. »Das ist doch unmöglich! Ich muß verrückt sein – das ist unmög- lich!« keuchte sie, nach Luft ringend. »O Gott, laß es bitte ein Traum gewesen sein, ein Teil von diesen bösen Träumen.« Mit ja- gendem Herzen tastete sie nach dem Bett. »Aber ich bin wach, es ist kein Traum, ich bin wach!« Wieder untersuchte sie sich, hektisch, und noch einmal, doch diesmal etwas sorgfältiger. Sie wußte genug, um einzusehen, daß die Feuchtigkeit nicht zu verkennen und daß ihr Hymen zerrissen war. Es stimmte also. Sie war vergewaltigt worden. Das Zimmer begann sich um sie zu drehen. O Gott, ich bin rui- niert, mein Leben ist ruiniert, meine Zukunft ist ruiniert, denn kein anständiger Mann, kein heiratsfähiger Mann wird mich jetzt heira- ten, nachdem ich beschmutzt worden bin, und Heirat ist die einzi- ge Möglichkeit für ein junges Mädchen, sich zu verbessern, sich ei- ne glückliche Zukunft zu sichern, überhaupt eine Zukunft. Es gibt keine andere Möglichkeit… Als sie ein wenig ruhiger wurde und wieder nachdenken konnte, lag sie quer über dem Bett. Zittrig ver- suchte sie die Nacht zu rekonstruieren. Ich weiß noch, daß ich die Tür verriegelt habe. Sie musterte die Tür. Der Riegel war an Ort und Stelle. Ich erinnere mich an Malcolm und sein stinkendes Krankenzim- mer und daß ich vor ihm davongelaufen bin, daß Phillip Tyrer friedlich schlief, daß Dr. Babcott mir etwas zu trinken gebracht hat und daß ich nach oben gegan… Das Getränk! Großer Gott, man hat mich betäubt! Wenn Babcott mit diesen Drogen operieren kann, dann kann es natürlich passiert sein, dann wäre ich natürlich wehrlos gewesen, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter! Angenommen, ich bekomme ein Kind! Wieder wurde sie von Panik geschüttelt. Tränen liefen ihr über die Wangen, und fast hätte sie laut aufgeschrien. »Hör auf!« mur- melte sie und rang mit übermenschlicher Anstrengung um Fassung., »Hör auf! Gib keinen Laut von dir, hörst du! Du bist allein, nie- mand kann dir helfen, nur du dir selbst, du mußt jetzt nachden- ken. Was wirst du tun? Denk nach!« Sie holte tief Luft und versuch- te, ihre wirren Gedanken zu ordnen. Wer war dieser Mann? Der Riegel liegt noch vor, durch die Tür hat also niemand kom- men können. Moment, ich erinnere mich dunkel… oder gehört das zu dem Traum von der… Ich scheine mich zu erinnern, die Tür ge- öffnet zu haben, für… für Babcott und… und diesen Marineoffizier, Marlowe… und dann habe ich sie wieder verriegelt. Genau, das stimmt! Wenigstens glaube ich, daß es stimmt. Hat er nicht Franzö- sisch gesprochen… Ja, das hat er, aber schlecht, dann sind sie wie- der weggegangen, und ich habe die Tür verriegelt, davon bin ich überzeugt. Aber warum haben sie mitten in der Nacht an die Tür geklopft? Sie suchte und suchte in ihrer Erinnerung, konnte aber keine Antwort finden, war nicht mal ganz sicher, ob das wirklich gesche- hen war, weil ihr die Bilder dieser Nacht immer wieder entglitten. Konzentriere dich! Wenn nicht durch die Tür, muß er durchs Fenster gekommen sein. Sie wälzte sich herum und sah, daß der Riegel für die Läden unter dem Fenster auf dem Boden lag statt in seinen Fallen. Wer immer es also war, er war zum Fenster hereingekommen! Wer? Marlowe, dieser Pallidar oder sogar der gute Doktor, ich weiß, daß sie mich alle begehren. Wer wußte, daß ich von Drogen be- täubt war? Babcott. Er hätte es den anderen erzählen können, aber von denen würde es sicher keiner wagen, etwas so Gemeines zu tun, würde es keiner wagen, die Folgen zu tragen, wenn er aus dem Gar- ten hier heraufgeklettert wäre, denn natürlich werde ich es von allen Dächern schreien… Ihr ganzer Verstand rief ihr eine Warnung zu: Sei vorsichtig! Dei- ne Zukunft hängt davon ab, daß du klug und behutsam vorgehst. Sei vorsichtig!, Bist du sicher, daß dies wirklich in der Nacht geschehen ist? Was ist mit den Träumen? Vielleicht… Ich will jetzt nicht darüber nach- denken, nur ein Arzt würde es mit Sicherheit erkennen, und das müßte Babcott sein. Augenblick, du könntest… du könntest dir die- ses winzige Stückchen Haut im Schlaf verletzt haben, als du dich in Alpträumen wandest… es war doch ein Alptraum, oder? So etwas ist schon anderen Mädchen passiert. Gewiß, aber die waren dann im- mer noch Jungfrau, und das erklärt die Feuchtigkeit nicht. Denk an Jeanette im Kloster, die arme, törichte Jeanette, die sich in einen der Händler verliebt hatte und ihm zu Willen war und uns anderen später ganz aufgeregt davon erzählte, in allen Einzelheiten. Sie wurde nicht schwanger, aber es kam heraus, und am nächsten Tag war sie verschwunden, und später erfuhren wir, daß sie mit ei- nem Dorfschlachter verheiratet worden war, dem einzigen Mann, der sie noch wollte. Ich bin niemandem zu Willen gewesen, aber das wird mir nichts helfen, ein Arzt würde es mit Sicherheit feststellen, aber auch das würde mir nichts helfen, und die Vorstellung, daß Babcott oder ein anderer Arzt so intim werden würde, stößt mich ab, und dann wür- de Babcott in mein Geheimnis eingeweiht sein. Wie könnte ich ihm ein solches Geheimnis anvertrauen? Wenn es bekannt würde… Ich muß es geheimhalten! Aber wie, wie kann man das, und was dann? Diese Frage werde ich später beantworten. Erst muß ich feststel- len, wer dieser Teufel war. Nein, erst muß ich mich von diesem Übel reinigen, dann werde ich besser denken können. Angewidert schüttelte sie ihr Nachthemd ab und warf es beiseite; dann wusch sie sich sorgfältig und tief, suchte sich an alle Verhü- tungsmaßnahmen zu erinnern, die sie kannte, an alles, was Jeanette so erfolgreich praktiziert hatte. Dann legte sie ihr Neglige an, bürs- tete ihre Haare und putzte sich mit Zahnpulver die Zähne. Erst dann wagte sie in den Spiegel zu sehen. Sorgfältig kontrollierte sie, ihr Gesicht. Es war makellos. Sie lockerte das Neglige. Auch ihre Gliedmaßen und Brüste waren makellos – die Brustwarzen vielleicht ein wenig gerötet. Wieder blickte sie in den Spiegel. »Keine Veränderung, nichts. Und alles.« Dann entdeckte sie, daß das kleine Goldkreuz verschwunden war, das sie seit ewigen Zeiten Tag und Nacht trug. Gründlich durch- suchte sie das Bett, dann unter dem Bett und im ganzen Zimmer. Es lag weder in den Falten des Bettzeugs verborgen noch unter dem Kopfkissen, und es hatte sich auch nicht in den Vorhängen verhakt. Vielleicht im Spitzenbesatz des Bettüberwurfs – letzte Chance. Sie hob ihn vom Fußboden auf und klopfte ihn ab. Nichts. Dann sah sie die drei japanischen Schriftzeichen, mit Blut auf den weißen Stoff gemalt. Das Sonnenlicht funkelte auf dem Goldkreuz, das Ori an der fei- nen Goldkette in der Faust hielt und wie gebannt anstarrte. »Warum hast du es mitgenommen?« erkundigte sich Hiraga. »Keine Ahnung.« »Diese Frau nicht umzubringen war ein Fehler. Shorin hatte recht. Es war ein Fehler.« »Karma.« Sie saßen sicher in der Herberge ›Zu den Mitternachtsblüten‹, und Ori, der gebadet und sich rasiert hatte, sah Hiraga gelassen an und dachte: Du bist nicht mein Meister – ich werde dir nur das er- zählen, was ich will, und kein Wort mehr. Er hatte ihm von Shorins Tod erzählt und davon, daß er in das Zimmer geklettert war, daß sie tief und fest geschlafen hatte und nicht aufgewacht war, doch weiter nichts. Nur noch, daß er sich dort versteckt und dann seine Ninja-Kleidung abgelegt hatte, weil ihm klar war, er würde aufgehalten werden, daß er seine Schwerter, darin eingewickelt hatte, gerade noch rechtzeitig in den Garten hin- untergeklettert war, um ein paar trockene Äste und Zweige zu sam- meln, damit er sich als Gärtner ausgeben konnte, bevor er entdeckt wurde, und daß es ihm, nachdem er den Mann von der Straße er- kannt hatte, gelungen war zu entkommen. Doch über sie kein wei- teres Wort. Wie kann ich irgend jemandem mit sterblichen Worten erklären, daß ich durch sie eins mit den Göttern geworden bin, daß ich, als ich sie spreizte und sie sah, trunken vor Sehnsucht war, daß ich, als ich in sie eindrang, als Liebender in sie eindrang, nicht als Verge- waltiger, ich weiß nicht, warum, aber ich tat es, langsam, behutsam, und sie legte die Arme um mich, und sie erschauerte und hielt mich fest, obwohl sie nicht richtig erwachte, und sie war so eng, und ich hielt zurück und zurück, um mich dann auf eine unvor- stellbare Art in sie zu ergießen. Nie hätte ich geglaubt, daß es so wundervoll, so sinnlich, so be- friedigend, so vollkommen sein könnte. Mit ihr verglichen waren die anderen nichts. Durch sie bin ich zu den Sternen geflogen, aber das ist nicht der Grund, warum ich sie am Leben gelassen habe. Ich dachte sehr wohl daran, sie umzubringen. Und dann mich selbst, dort in dem Zimmer. Aber es wäre nur selbstsüchtig gewesen, auf dem Höhepunkt des Glücks und so zufrieden zu sterben. Ich habe mir so sehr gewünscht zu sterben. Aber mein Tod ge- hört Sonno-joi. Nur ihm. Nicht mir selbst. »Sie nicht zu töten war ein Fehler«, wiederholte Hiraga. »Shorin hatte recht, durch ihren Tod wäre unser Plan vollkommener gelun- gen als durch alles andere.« »Ja.« »Warum also?« Für die Götter habe ich sie am Leben gelassen, falls es Götter gibt, hätte er antworten können, aber er tat es nicht. Ich war von ihnen besessen, sie haben mich veranlaßt, zu tun, was ich tat, und, dafür danke ich ihnen. Nun bin ich vollkommen. Ich kenne das Leben, und alles, was ich noch kennenlernen muß, ist der Tod. Ich war ihr erster Mann, und obwohl sie schlief, wird sie sich immer an mich erinnern. Wenn sie erwacht und sieht, was ich mit meinem Blut, nicht mit dem ihren geschrieben habe, wird sie alles wissen, ich will, daß sie ewig lebt. Ich werde bald sterben. Karma. Ori steckte das Kreuz in eine geheime Ärmeltasche seines Kimo- nos, trank noch einen Schluck von dem erfrischenden grünen Tee und fühlte sich ganz und gar erfüllt und lebendig. »Ihr plant einen Überfall, sagtest du?« »Ja. Wir werden die britische Gesandtschaft in Edo niederbren- nen.« »Gut. Möge es bald geschehen.« »Das wird es. Sonno-joi!« In Yokohama sagte Sir William zornig: »Sagen Sie es ihnen aber- mals, und bei Gott, zum letztenmal, daß die Regierung Ihrer Majes- tät eine unverzügliche Entschädigung von einhunderttausend Pfund Sterling in Gold für diesen unprovozierten Angriff und Meuchel- mord an einem Engländer verlangt – Engländer zu töten ist kinjiru, bei Gott! Außerdem verlangen wir die Auslieferung der Satsuma- Mörder innerhalb von drei Tagen, oder wir werden drastische Maß- nahmen ergreifen!« Er saß auf der anderen Seite der Bucht in dem kleinen, stickigen Audienzzimmer der britischen Gesandtschaft in Yokohama, flan- kiert vom preußischen, französischen und russischen Minister, bei- den Admiralen – dem britischen und dem französischen – und dem General, die alle nicht weniger erzürnt waren wie er. Ihm gegenüber saßen feierlich auf Stühlen zwei einheimische Ver- treter der Bakufu, der Oberste Samurai der Niederlassungswache und der Gouverneur von Kanagawa, in dessen Zuständigkeitsbe-, reich Yokohama lag. Sie trugen weite Hosen und Kimonos und darüber den breitschultrigen, flügelähnlichen Mantel, gegürtet und mit zwei Schwertern. Alle kochten innerlich vor Wut. Bei Morgen- grauen hatten bewaffnete Soldaten mit ihren Gewehrkolben an die Türen der Zollgebäude in Yokohama und Kanagawa gehämmert und die höchsten Beamten sowie den Gouverneur zu einer Konfe- renz um zwölf Uhr mittags befohlen – mit einer Eile, die ebenfalls beispiellos war. Zwischen den beiden Parteien saßen auf Kissen die Dolmetscher. Der Japaner kniete, während der andere, Johann Favrod, ein Schweizer, mit gekreuzten Beinen dasaß; ihre gemeinsame Sprache war Holländisch. Die Verhandlungen dauerten inzwischen schon zwei Stunden – das Englische wurde ins Holländische, ins japanische, ins Holländi- sche, ins Englische und wieder zurück übertragen. Sir Williams Fra- gen wurden grundsätzlich falsch verstanden, ausweichend beantwor- tet oder mußten mehrmals wiederholt werden; immer wieder wurde auf unterschiedliche Art um Aufschub ›gebeten‹, um ›höhere Stel- len zwecks Untersuchungen und Ermittlungen zu konsultieren‹. Und immer wieder: »Aber ja, in Japan sind Untersuchungen und Ermittlungen zwei ganz verschiedene Dinge. Seine Exzellenz, der Gouverneur von Kanagawa, wünscht ausführlich zu erklären, daß Satsuma nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fällt, weil es ein selb- ständiges Königreich ist…« Und: »Oh, aber wie Seine Exzellenz, der Gouverneur von Kanagawa hörte, haben die Beschuldigten drohend Pistolen gezogen und werden beschuldigt, uralte japanische Bräu- che nicht berücksichtigt zu haben…« Und: »Wie viele Ausländer, sagten Sie, gehörten zu der Ausländergruppe, die hätte niederknien müssen, und… aber unsere Bräuche…« Ermüdende, zeitraubende und komplizierte Lektionen auf japa- nisch von Seiten des Gouverneurs, umständlich in ein alles andere als fließendes Holländisch übertragen und anschließend ins Engli-, sche übersetzt. »Formulieren Sie's hart, Johann, genau, wie ich's gesagt habe.« »Das habe ich, Sir William, jedesmal, aber ich bin überzeugt, daß dieser Kretin nicht wortgetreu übersetzt – weder das, was Sie sagen, noch das, was die Japaner sagen.« »Verdammt noch mal, das wissen wir, ist doch noch nie anders gewesen! Bitte, machen Sie weiter.« Johann übersetzte wortgetreu. Der japanische Dolmetscher errö- tete, bat um Erklärung des Ausdrucks ›unverzüglich‹ und lieferte sodann zur Vorsicht eine höfliche, angemessene, annähernd richtige Übersetzung, die er für akzeptabel hielt. Aber selbst jetzt sog der Gouverneur über soviel Unhöflichkeit hörbar den Atem ein. Das Schweigen wuchs. Seine Finger trommelten einen ununterbroche- nen, verärgerten Wirbel auf seinen Schwertgriff, dann stieß er drei, vier kurze Wörter hervor. Die Übersetzung war lang. Johann erklärte munter: »Ohne diese ganze merde, der Gouver- neur sagt, er werde Ihre ›Bitte‹ zur angemessenen Zeit an die ange- messenen Stellen weiterleiten.« Sir Williams Gesicht rötete sich deutlich, das des Admirals und das des Generals noch heftiger. »Aha, meine ›Bitte‹, eh? Sagen Sie den Mistkerlen genau: Das ist keine Bitte, das ist eine Forderung! Und sagen Sie ihnen außerdem: Wir fordern unverzüglich eine Au- dienz beim Shōgun in Edo in drei Tagen! Bei Gott, drei Tagen! Und ich werde, verdammt noch mal, mit einem Schlachtschiff vor- fahren!« »Bravo!« stimmte Graf Sergejew leise zu. Johann hatte das Spiel ebenfalls satt und verlieh den Worten eine fein geschliffene Schärfe. Der japanische Dolmetscher hielt den Atem an und stieß hastig eine Flut von bissigem Holländisch her- vor, die Johann liebenswürdig mit zwei Worten erwiderte, auf die ein unvermitteltes, entgeistertes Schweigen folgte. »Nan ja? Was ist?« erkundigte sich zornig der Gouverneur, der die, Feindseligkeit der anderen wohl erkannte und die eigene ebenfalls nicht verbarg. Sofort begann der verstörte Dolmetscher mit einer entschuldigen- den, abgeschwächten Version, die den Gouverneur nichtsdestoweni- ger zu einem Ausbruch von Drohungen veranlaßte, die der Dol- metscher in einer Form übersetzte, von der er glaubte, die Fremden wollten sie hören, um dann, noch immer erschüttert, abermals zu lauschen und zu dolmetschen. »Was sagt er, Johann?« Sir William mußte die Stimme heben, um sich verständlich zu machen, der Dolmetscher antwortete dem Gouverneur und den Bakufu-Beamten, die sich wiederum miteinan- der und mit ihm unterhielten. »Was zum Teufel sagen die?« Johann war jetzt wirklich glücklich – er wußte, daß die Sitzung bald vorüber sein würde und er zum Mittagessen und auf einen Schnaps an die Long Bar zurückkehren konnte. »Ich weiß es nicht, nur daß der Gouverneur wiederholt, er könne nichts weiter tun als Ihre Bitte etc. an die zuständigen Stellen etc. weitergeben, aber der Shōgun werde Ihnen diese Ehre bestimmt nicht erweisen etc., weil es gegen ihre Bräuche verstößt etc. …« Sir William schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. In der er- schrockenen Stille deutete er erst auf den Gouverneur, dann auf sich selbst. »Watashi… ich…«, dann deutete er zum Fenster hinaus in Richtung Edo. »Watashi gehe Edo!« Er hob drei Finger. »In drei Tagen mit einem verdammten Schlachtschiff!« Damit erhob er sich und stürmte hinaus. Die anderen folgten. Er ging über den Korridor zu seinem Arbeitszimmer und dort zu der Reihe geschliffener Kristallkaraffen und nahm sich einen Whis- ky. »Will mir jemand Gesellschaft leisten?« erkundigte er sich mun- ter, als ihn die anderen umdrängten. Automatisch schenkte er Scotch für die Admirale, den General und den Preußen ein, Rot- wein für Seratard und einen Wodka für Graf Sergejew. »Ich glaube, das verlief nach Plan. Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat.«, »Ich dachte, Sie kriegen gleich einen Schlaganfall«, sagte Sergejew, der sein Glas leerte und sich noch einmal einschenkte. »Ganz und gar nicht. Mußte die Sitzung nur mit einer gewissen Dramatik abschließen.« »Dann heißt's also Edo, in vier Tagen?« »Gewiß, mein lieber Graf. Admiral, Sie werden das Flaggschiff zum Auslaufen bei Morgengrauen bereitmachen, innerhalb der nächsten Tage alles in Ordnung bringen, die Decks für den Einsatz räumen und sämtliche Geschütze laden lassen. Setzen Sie Drill für die gesamte Flotte an, und geben Sie Befehl, alles bereitzumachen, um uns, falls nötig, in die Schlacht zu folgen. General, fünfhundert Rotröcke sollten als Ehrengarde genügen. M'sieur, möchte das fran- zösische Flaggschiff sich uns anschließen?« »Selbstverständlich«, gab Seratard zurück. »Ich werde Sie natürlich begleiten, schlage aber die französische Gesandtschaft als Haupt- quartier und Galauniform vor.« »Nein, was die Uniformen betrifft, es handelt sich um eine Straf- expedition, nicht um Beglaubigungsschreiben, die überreicht wer- den sollen – das kommt später. Und nein, was den Treffpunkt be- trifft. Es war einer unserer Landsleute, der ermordet wurde, und – wie soll ich mich ausdrücken? – unsere Flotte ist der entscheidende Faktor.« Von Heimrich lachte. »In diesen Gewässern ist sie allerdings ent- scheidend.« Er warf Seratard einen Blickzu. »Schade, daß ich nicht zwölf Regimenter preußische Kavallerie hier habe; dann könnten wir uns die Japaner mit ihren verschlagenen Tricks und zeitrauben- den Unarten endgültig vom Hals schaffen.« »Nur zwölf?« fragte Seratard vernichtend. »Das würde genügen, Herr Seratard, für ganz Japan – unsere Truppen sind die besten der Welt. Natürlich nach denen Ihrer Bri- tischen Majestät«, ergänzte von Heimrich glatt. »Zum Glück könn- te Preußen für nur diesen kleinen Sektor zwanzig, ja sogar dreißig, Regimenter entbehren und immer noch genug haben, um mit je- dem Problem fertig zu werden, das sich uns irgendwo stellen wür- de, vor allem in Europa.« »Nun, also…«, mischte sich Sir William ein, während Seratard blutrot wurde. Er leerte sein Glas. »Ich begebe mich nach Kanaga- wa, um Anordnungen zu treffen. Admiral, General, vielleicht eine kurze Konferenz bei meiner Rückkehr – ich werde mit dem Flagg- schiff kommen. Ach ja, M'sieur Seratard, was ist mit M'selle Angé- lique? Möchten Sie, daß ich sie hierher zurückbegleite?« Im Licht der späten Nachmittagssonne verließ sie ihr Zimmer und ging hinunter ins Entree. Sie trug das lange Kleid mit der Tournure von gestern und wirkte wieder elegant, ätherischer denn je, mit sorgfältig frisiertem, hochgestecktem Haar, geschminkten Augen und Parfüm. Die Wachtposten am Haupteingang salutierten vor ihr und mur- melten, eingeschüchtert von ihrer Schönheit, verlegen einen Gruß. Sie dankte ihnen mit zerstreutem Lächeln und ging weiter, zur Krankenstation. Ein chinesischer Hausboy starrte sie an und husch- te an ihr vorbei. Kurz bevor sie die Tür erreichte, ging diese auf, und Babcott trat heraus. »O hallo, Miß Angélique, Donnerwetter, wunderschön se- hen Sie aus«, sagte er fast stotternd. »Vielen Dank, Doktor.« Ihr Lächeln war freundlich, ihr Ton sanft. »Ich wollte fragen… Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« »Selbstverständlich, nur herein. Machen Sie es sich bequem.« Babcott schloß die Tür, bat sie in den besten Sessel und nahm, angeregt von ihrer Ausstrahlung und ihrem langen, schlanken Hals, den ihre Frisur perfekt zur Geltung brachte, hinter seinem Schreib- tisch Platz. Seine Augen waren rotgerändert, und er war übermüdet. Aber so ist das Leben, dachte er und genoß ihren Anblick., »Dieser Schlaftrunk, den Sie mir gestern abend gegeben haben«, fragte sie, »war das eine Art Droge?« »Das war es allerdings. Und da Sie außerordentlich erregt waren, habe ich ihn etwas stärker gemacht.« »Es ist alles so vage und durcheinander, die Tokaidō, dann der Weg hierher und… und… Malcolm. War der Schlaftrunk wirklich sehr stark?« »Ja, aber keineswegs gefährlich. Schlaf ist die beste Medizin, ein wirklich schöner, tiefer Schlaf, und bei Gott, Sie haben gut geschla- fen, es ist jetzt fast vier. Wie fühlen Sie sich?« »Immer noch ein wenig müde, danke.« Ihr etwas trauriges Lä- cheln berührte ihn tief. »Wie geht's M'sieur Struan?« »Unverändert. Ich wollte gerade noch einmal zu ihm gehen, wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Den gegebenen Umständen entsprechend macht er sich gut. Ach ja, übrigens – sie haben den Kerl erwischt.« »Den Kerl?« »Derjenige, von dem wir Ihnen letzte Nacht erzählt haben, den Eindringling.« »Ich kann mich an gar nichts in der letzten Nacht erinnern.« Also erzählte er ihr, was an der Tür und im Garten geschehen war, wie der eine Räuber erschossen und der andere am selben Morgen gesehen wurde, aber entkommen konnte, und es kostete sie ihre ganze Willenskraft, eine gelassene Miene zu bewahren und nicht laut hinauszuschreien, was sie dachte: Du Teufel, mit deinem Schlaftrunk und deiner Unfähigkeit! Zwei Räuber? Der andere muß in meinem Zimmer gewesen sein, als ihr da wart, und es ist euch nicht gelungen, ihn zu finden und mich zu retten, du und dieser andere alte Idiot, Marlowe, der ebenso große Schuld daran trägt. Madonna, gib mir Kraft! Madonna, hilf mir, mich an beiden zu rä- chen! Und an ihm, wer immer er ist! Mutter Gottes, schenk mir Ra- che! Aber warum hat er mir das Kreuz gestohlen, den übrigen, Schmuck aber nicht angerührt, und warum die Schriftzeichen, und was haben sie zu bedeuten? Und warum in Blut, in seinem Blut? Sie merkte, daß er sie anstarrte. »M'sieur?« »Ich sagte, möchten Sie jetzt Mr. Struan sehen?« »Ach ja! Bitte.« Inzwischen wieder vollkommen beherrscht, erhob sie sich ebenfalls. »Übrigens, ich habe leider Wasser auf den Bettla- ken verschüttet – würden Sie das Zimmermädchen anweisen, sich darum zu kümmern?« Er lachte. »Wir haben hier keine Zimmermädchen. Gegen die Vorschriften der Japaner. Wir haben chinesische Hausboys. Keine Angst, die werden inzwischen bereits mit dem Aufräumen begon- nen haben…« Er unterbrach sich, denn sie war schneeweiß gewor- den. »Was ist?« Sekundenlang hatte sie die Beherrschung verloren und sah sich wieder in ihrem Zimmer schrubben und waschen und verzweifelt sein, weil die Flecken nicht weichen wollten. Aber dann waren sie doch verschwunden, und sie erinnerte sich, immer wieder geprüft zu haben, ob ihr Geheimnis bewahrt bleiben würde – es war nichts mehr zu sehen, weder Feuchtigkeit noch Blut, ihr Geheimnis war für immer sicher, solange sie stark genug war und sich an ihren Plan hielt – ich muß – ich muß klug sein – ich muß! Babcott erschrak, als sie plötzlich blaß wurde. Sofort war er ne- ben ihr und hielt sie sanft bei beiden Schultern. »Keine Angst, Sie sind in Sicherheit, Sie sind bei uns wirklich sicher.« »Ja. Tut mir leid«, stotterte sie ängstlich, mit gesenktem Kopf und tränennassen Wangen. »Es war nur, ich war, ich mußte an den ar- men Canterbury denken.« Sie beobachtete sich selbst, von außen, ließ sich von ihm trösten, während sie überzeugt war, daß ihr Plan der einzig mögliche, der einzig kluge sei: Nichts war geschehen. Nichts, nichts, nichts. Daran wirst du bis zu deiner nächsten Periode glauben. Und dann, wenn sie kommt, wirst du es für immer glauben., Und wenn sie nicht kommt? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Montag, 17. September

Gai-Jin sind Parasiten ohne Manieren«, erklärte Nori Anjo wut-schnaubend. Er war der Oberste der roju, des Rates der Fünf

Ältesten, ein untersetzter, rundgesichtiger, reich gekleideter Mann. »Sie haben unsere höfliche Entschuldigung verächtlich zurückgewie- sen, obwohl das Tokaidō-Problem damit hätte beigelegt sein müs- sen, und nun sind sie so unverschämt, offiziell eine Audienz beim Shōgun… Die Schrift ist unsauber, die Worte unzulänglich, hier, le- sen Sie selbst, das Schreiben ist soeben eingetroffen.« Mit kaum verhohlener Ungeduld reichte er die Schriftrolle sei- nem weit jüngeren Gegner Toranaga Yoshi, der ihm gegenübersaß. Sie waren allein in einem der Audienzsäle hoch oben im Haupt- turm der Burg von Edo; die Wachen hatten sie hinausgeschickt. Ein niedriger, scharlachrot lackierter Tisch trennte die beiden Män- ner, gedeckt mit einem schwarzen Teetablett, hauchdünnen Tassen und einer Teekanne aus Eierschalenporzellan. »Was die Gai-Jin schreiben, spielt keine Rolle.« Yoshi nahm die Rolle voll Unbehagen entgegen, las sie aber nicht. Im Gegensatz zu Anjo trug er einfache Kleidung und Arbeits- statt Zeremonien- schwerter. »Irgendwie müssen wir sie dazu bringen, zu tun, was wir wollen.« Er war Daimyo von Hisamatsu, einem kleinen, aber wich- tigen Lehen ganz in der Nähe, und ein direkter Nachkomme des, ersten Toranaga-Shōgun. Auf den jüngsten ›Wunsch‹ des Kaisers und gegen Anjos flammenden Widerstand war er vor kurzem zum Vormund des Eiben, des jungen Shōgun, ernannt worden und mußte die Lücke im Rat der Ältesten füllen. Sechsundzwanzig Jahre alt, hochgewachsen, aristokratisch, mit schlanken Händen und lan- gen Fingern. »Was immer geschieht, sie dürfen auf gar keinen Fall den Shōgun sehen«, sagte er, »denn damit wäre die Legalität der Verträge besiegelt, die noch nicht korrekt ratifiziert worden sind. Wir werden ihnen die unverschämte Bitte abschlagen.« »Ich stimme zu, sie ist unverschämt, aber wir müssen uns damit befassen und beschließen, was mit Sanjiro, diesem Satsuma-Hund, geschehen soll.« Beide hatten genug von dem Gai-Jin-Problem, das jetzt schon seit zwei Tagen ihr wa, ihre Harmonie, störte, und woll- ten diese Sitzung so schnell wie möglich hinter sich bringen – Yo- shi, um in sein Quartier zurückzukehren, wo Koiko auf ihn wartete, und Anjo zu einer Geheimsitzung mit einem Arzt. Draußen war es sonnig und freundlich, und die leichte Brise, die durch die offenen Läden strich, trug den Geruch von Meer und fet- ter Erde in den Saal. Aber bald kommt der Winter, dachte Anjo, den die Schmerzen in seinen Eingeweiden ablenkten. Ich hasse den Winter, die Jahreszeit des Todes, alles häßlich und eiserstarrt, und dann diese Kälte, die mir die Gelenke verdreht und mich daran erinnert, wie alt ich bin. Er war ein ergrauender Mann von sechsundvierzig Jahren, Daimyo von Mikawa und Mittelpunkt der Roju-Macht, seit der Diktator taikō Ii vier Jahre zuvor ermordet worden war. Während du, Welpe, dachte er zornig, erst vor zwei Monaten in den Rat und vor vier Wochen zum Vormund ernannt worden bist – beides politisch gefährliche Ämter und gegen unseren Protest ver- liehen. Es wird Zeit, daß dir die Flügel gestutzt werden. »Natürlich legen wir alle Wert auf Ihren Rat«, behauptete er in zuckersüßem Ton und ergänzte dann, ohne es zu ernst zu meinen, wie beide, wußten: »Seit zwei Tagen machen die Gai-Jin ihre Flotte kampfbe- reit, drillen die Truppen öffentlich, und morgen trifft ihr Befehlsha- ber ein. Wie lautet Ihr Lösungsvorschlag?« »Genauso wie gestern: Wir schicken ihnen eine weitere Entschul- digung ›für den bedauerlichen Zwischenfall‹, gespickt mit Sarkas- mus, den sie nicht verstehen werden, verfaßt von einem rangniede- ren Beamten, den sie nicht kennenlernen werden, und so termi- niert, daß sie eintrifft, bevor der Gai-Jin-Anführer Yokohama ver- läßt. Zusätzlich bitten wir um einen weiteren Aufschub zwecks ›zu- sätzlicher Untersuchungen‹. Wenn ihm das nicht genügt und er oder sie nach Edo kommen – sollen sie doch. Wir schicken ihnen wie üblich den rangniederen Beamten, dessen Entscheidungen für uns nicht bindend sind, in die Gesandtschaft, um mit ihnen zu ver- handeln, geben ihnen ein wenig Suppe, aber keinen Fisch. Wir ver- zögern und verzögern.« »Und bis dahin haben wir Zeit, unser ererbtes Shōgunats-Recht auszuüben. Wir werden Sanjiro befehlen, die Mörder umgehend zur Bestrafung auszuliefern und eine Entschädigung zu bezahlen, wie- der über uns, und dann sofort in den Hausarrest und den Ruhe- stand. Wir werden es ihm befehlen!« sagte Anjo hart. »Sie haben keine Erfahrung in höchsten Shōgunats-Angelegenheiten.« Mühsam sein Temperament zügelnd, wünschte Yoshi, er könnte Anjo wegen seiner Dummheit und seiner schlechten Manieren um- gehend in den Ruhestand schicken, und sagte: »Wenn wir Sanjiro einen Befehl erteilen, wird er nicht gehorchen, deshalb werden wir uns gezwungen sehen, Krieg zu führen, und Satsuma ist zu stark und hat zu viele Verbündete. Seit zweihundertfünfzig Jahren hat es keinen Krieg mehr gegeben. Wir sind nicht für einen Krieg bereit. Krieg ist…« Plötzlich entstand eine merkwürdige Stille. Unwillkürlich griffen beide Männer nach ihren Schwertern. Teetassen und Teekanne be- gannen zu klirren. Weit entfernt grollte die Erde, der ganze Turm, schwankte, und wieder, und noch einmal. Das Beben dauerte un- gefähr dreißig Sekunden. Dann war es vorbei – ebenso plötzlich, wie es gekommen war. Ruhig und gelassen warteten sie, während sie die Tassen beobachteten. Kein Nachbeben. Immer noch kein Nachbeben. Überall in der Burg und in Edo wurde gewartet. Alle Lebewesen warteten. Nichts. Yoshi trank einen Schluck Tee und stellte die Tas- se sorgfältig auf die Untertasse zurück; Anjo beneidete ihn um sei- ne Beherrschung. Innerlich war Yoshi jedoch in Aufruhr und dach- te: Heute haben mir die Götter gelächelt, aber was ist mit dem nächsten Beben, oder dem übernächsten, oder dem darauffolgen- den – jeden Moment jetzt, oder in der Zeitspanne einer Kerze, oder heute nachmittag, oder heute abend, oder morgen? Karma! Heute bin ich sicher, aber bald wird es wieder ein schlimmes ge- ben, ein mörderisches Beben wie vor sieben Jahren, als ich fast ge- storben bin und in Edo allein einhunderttausend Menschen umka- men – durch das Beben und in den Bränden, die jedesmal folgen, ganz zu schweigen von den Zehntausenden, die von der Tsunami, die in jener Nacht unversehens aus dem Meer aufstieg, ins Meer hinausgespült wurden und ertranken, und eine davon meine bezau- bernde Yuriko, damals die Liebe meines Lebens. Er zwang sich, seine Angst zu beherrschen. »Krieg wäre im Au- genblick höchst unklug: Satsuma ist zu stark, die Tosa- und Cho- shu-Legionen werden sich in aller Offenheit verbünden, wir sind nicht stark genug, sie ganz allein zu besiegen.« Tosa und Choshu waren weit von Edo entfernte Lehen, beide historische Feinde des Shōgunats. »Die wichtigsten Daimyos werden, wenn wir sie rufen, zu unseren Fahnen eilen, die übrigen werden folgen.« Anjo versuchte zu verber- gen, wieviel Mühe es ihn kostete, den Griff zu lockern, mit dem er noch immer sein Schwert gepackt hielt., Yoshi war aufmerksam und gut ausgebildet; der kleine Lapsus ent- ging ihm nicht, und er merkte ihn sich, erfreut, seinen Gegner durchschaut zu haben. »Das werden sie nicht, noch nicht. Sie wer- den zögern, große Worte schwingen, jammern, uns aber nicht hel- fen, Satsuma zu zerschlagen.« »Wenn nicht jetzt – wann?« Anjos Wut machte sich Luft, ange- heizt durch seine Angst und seinen Widerwillen gegen Erdbeben. Er hatte als Kind ein sehr schlimmes Beben erlebt, bei dem sein Va- ter zur lebenden Fackel wurde, die Mutter und zwei Brüder vor sei- nen Augen verkohlten. Seitdem stieg bereits beim leichtesten Beben jener Tag wieder vor ihm auf. »Früher oder später müssen wir die- sen Hund demütigen. Warum nicht jetzt?« »Weil wir warten müssen, bis wir besser bewaffnet sind. Sie – Sat- suma, Tosa und Choshu – verfügen über ein paar moderne Waffen, Geschütze und Gewehre, wie viele, ist uns nicht bekannt. Und über mehrere Dampfschiffe.« »Ihnen gegen den Wunsch des Shōgunats von den Gai-Jin ver- kauft!« »Wegen der schwachen Position des Shōgunats von ihnen ge- kauft.« Anjos Gesicht rötete sich. »Dafür bin ich nicht verantwortlich!« »Ich auch nicht!« Yoshi packte den Schwertgriff fester. »Aus wel- chem Grund auch immer – diese Lehen sind besser bewaffnet als wir. Tut mir leid, aber wir werden warten müssen. Die Satsuma- Frucht ist für uns noch nicht faulig genug, um einen Krieg zu ris- kieren, den wir allein nicht gewinnen können. Wir sind isoliert, Sanjiro nicht.« Sein Ton wurde schärfer. »Aber ich stimme zu, daß es bald zu einer Abrechnung kommen muß.« »Morgen werde ich den Rat bitten, den Befehl auszustellen.« »Für das Shōgunat, für Sie selbst und alle Toranaga-Clans hoffe ich, daß die anderen auf mich hören werden!« »Wir werden sehen, morgen. Sanjiros Kopf sollte, allen Verrätern, zur Abschreckung, auf einen Spieß gesteckt und ausgestellt wer- den.« »Ich stimme zu, daß Sanjiro den Tokaidō-Mord befohlen haben muß, um uns in Verlegenheit zu bringen«, sagte Yoshi. »Das wird die Gai-Jin furchtbar ärgern. Unsere einzige Möglichkeit ist die Ver- zögerung. Unsere nach Europa geschickte Abordnung müßte jetzt jeden Tag zurückkehren; dann dürften unsere Sorgen vorüber sein.« Neun Monate zuvor, im Januar, hatte das Shōgunat die erste offi- zielle Abordnung aus Japan per Dampfschiff nach Amerika und Europa geschickt, und zwar mit dem geheimen Befehl, die Ver- träge – die roju betrachteten sie als ›unautorisierte, vorläufige Ver- einbarungen‹ – mit der britischen, der französischen und der ameri- kanischen Regierung neu auszuhandeln und jede weitere Öffnung von Häfen zu widerrufen oder zu verzögern. »Ihre Befehle waren klar. Inzwischen dürften die Verträge annulliert worden sein.« Anjo antwortete düster: »Wenn also nicht Krieg, dann sind Sie aber jedenfalls auch der Meinung, daß der Zeitpunkt gekommen ist, Sanjiro aus dem Weg zu räumen, nicht wahr?« Der Jüngere war zu vorsichtig, um ihm offen zuzustimmen; er fragte sich, was Anjo plante oder bereits geplant hatte. Er arrangier- te seine Schwerter bequemer und gab vor, über die Frage nachzu- denken. Er fand seine neue Position äußerst befriedigend. Jetzt bin ich wieder im Zentrum der Macht. O ja, gewiß – Sanjiro hat mich hierhergebracht, aber nur, um mich zu vernichten: indem er mich noch deutlicher öffentlich für all die Probleme verantwortlich macht, die uns diese verfluchten Gai-Jin eingebrockt haben, indem er mich dadurch zur Zielscheibe für die verfluchten Shishi macht – und um unsere Erbrechte, unseren Reichtum und das Shōgunat an sich zu bringen. Macht nichts, ich weiß, was er und sein Lauf- bursche Katsumata planen, ich kenne seine wahren Absichten, ebenso wie die seiner Verbündeten. Es wird ihm nicht gelingen, das schwöre ich bei meinen Ahnen., »Wie wollen Sie Sanjiro eliminieren?« Anjos Miene verfinsterte sich, als er an seine letzte, heftige Aus- einandersetzung mit dem Daimyo von Satsuma einige Tage zuvor dachte. »Ich wiederhole«, hatte Sanjiro hochfahrend gesagt, »gehorchen Sie den Anregungen des Kaisers: Berufen Sie umgehend eine Sitzung aller älteren Daimyos ein, bitten Sie sie demütig, einen ständigen Rat zu bilden, um das Shōgunat zu beraten, zu reformieren und zu leiten, annullieren Sie Ihre niederträchtigen und unautorisierten Gai-Jin-Verträge, lassen Sie alle Häfen für die Gai-Jin schließen, und wenn sie nicht freiwillig gehen, jagen Sie sie umgehend fort!« »Ich sage es Ihnen noch einmal: Nur das Shōgunat hat das Recht, Außenpolitik zu betreiben, weder der Kaiser noch etwa Sie! Wir wissen beide, daß Sie ihn hintergangen haben«, entgegnete Anjo, der ihn für seine Abstammung, seine Truppen, seinen Reichtum und seine offensichtlich gute Gesundheit haßte. »Ihre Vorschläge sind lächerlich und undurchführbar! Wir haben jetzt seit zweiein- halb Jahrhunderten Frieden und…« »Ja, zum wachsenden Wohlstand der Toranagas«, fiel ihm Sanjiro ironisch ins Wort. »Wenn Sie sich weigern, unserem rechtmäßigen Lehnsherrn, dem Kaiser, zu gehorchen, dann treten Sie zurück oder begehen Sie Seppuku. Sie haben einen Knaben zum Shogun ge- wählt, dieser Verräter taikō Ii hat die ›Verträge‹ unterzeichnet. Es ist die Schuld der Bakufu, daß die Gai-Jin hier sind, Ihre Schuld!« Anjo war errötet, fast in den Wahnsinn getrieben von der hä- misch grinsenden Bosheit und den Provokationen, die er seit Mo- naten ertragen mußte, und wäre Sanjiro nicht durch das kaiserliche Mandat geschützt gewesen – er hätte nach seinem Schwert gegrif- fen. »Wenn taikō Ii die Verträge nicht ausgehandelt und unterzeich- net hätte, dann hätten die Gai-Jin sich mit ihren Geschützen den, Weg an Land freigeschossen, und wir wären jetzt ebenso gedemü- tigt wie China.« »Reine Vermutung – Unsinn!« »Haben Sie vergessen, daß Pekings Sommerpalast letztes Jahr nie- dergebrannt wurde, Sanjiro-donno? Inzwischen ist China praktisch zerstückelt und die Regierung nicht mehr unter chinesischer Kon- trolle. Haben Sie vergessen, daß sie den Briten, dem Hauptfeind, vor zwanzig Jahren eine ihrer Inseln, Hongkong, überlassen haben, die zu einer uneinnehmbaren Festung ausgebaut wurde? Daß Tient- sin, Shanghai, Swatow heute selbständige, von den Gai-Jin in Besitz genommene und beherrschte Vertragshäfen sind? Angenommen, sie würden sich einer unserer Inseln auf dieselbe Art und Weise be- mächtigen?« »Das würden wir verhindern – wir sind keine Chinesen.« »Wie denn? Tut mir leid, aber Sie sind blind und taub, und Ihr Kopf steckt in den Wolken. Vor einem Jahr, als der letzte China- krieg aus war – wenn wir sie da provoziert hätten, so hätten sie all diese Flotten und Heere gegen uns ins Feld geschickt und uns ebenfalls überrannt. Nur die Klugheit der Bakufu hat sie aufgehal- ten. Wir hätten uns nicht gegen diese Armada wehren können – und nicht gegen ihre Geschütze und Gewehre.« »Ich stimme zu, es ist die Schuld des Shōgunats, daß wir unvor- bereitet sind, die Schuld der Toranagas. Wir hätten vor Jahren schon moderne Geschütze und Kriegsschiffe haben müssen, wir wußten seit Jahren von ihnen. Haben die Holländer uns nicht Dut- zende von Malen über ihre neuen Erfindungen in Kenntnis gesetzt? Aber Sie haben den Kopf in Ihren Nachttopf gesteckt! Sie haben den Kaiser im Stich gelassen. Sie hätten sich höchstens auf einen Hafen einlassen dürfen, Deshima – warum dem amerikanischen Feind Yokohama geben, Hirodate, Nagasaki, Kanagawa, und sie für ihre unverschämten Gesandtschaften auch noch nach Edo hinein- lassen! Treten Sie zurück und überlassen Sie es anderen, fähigeren, Männern, das Land der Götter zu retten…« Bei der Erinnerung an diesen Zusammenstoß brach Anjo der Schweiß aus – und bei der Erkenntnis, daß vieles von dem, was Sanjiro gesagt hatte, richtig war. Er zog ein Taschentuch aus seinem weiten Ärmel, wischte sich den Schweiß von der Stirn und dem kahlrasierten Schädel und sah wieder zu Yoshi hinüber, dem er sei- ne Haltung, sein gutes Aussehen, vor allem aber seine Jugend und seine legendäre Männlichkeit neidete. Vor gar nicht so langer Zeit war es noch leicht, zufrieden zu sein, war es normal, potent zu sein, dachte er bedrückt, während sich der ständige Schmerz in seinen Lenden bemerkbar machte. Vor gar nicht so langer Zeit war es noch leicht, eine Erektion zu bekom- men und reichlich aufgeladen zu sein – unmöglich jetzt, nicht mal mit Hilfe der begehrenswertesten Frau, der geschicktesten Manipu- lationen, der kostbarsten Salben und Medikamente. »Sanjiro mag denken, daß er außer Reichweite ist, aber das ist er nicht«, erklärte er energisch. »Denken Sie darüber nach, Yoshi-don- no, unser junger, aber ach so weiser Ratgeber, wie man ihn beseiti- gen kann, sonst könnte nur allzu bald Ihr eigener Kopf auf einem Pfahl stecken.« Yoshi beschloß, nicht gekränkt zu sein, und lächelte. »Was raten die anderen Ältesten?« »Die werden mir beistimmen.« »Wenn Sie kein Verwandter wären, würde ich Ihnen vorschlagen, zurückzutreten oder Seppuku zu begehen.« »Wie schade, daß Sie nicht Ihr berühmter Namensvetter sind und es mir tatsächlich befehlen können, eh?« Schwerfällig erhob sich Anjo. »Ich werde anweisen, daß alles ver- zögert werden soll. Morgen werden wir offiziell über Sanjiro ab- stimmen…« Zornig fuhr er zu einem Wächter herum, der die Tür, geöffnet hatte. Yoshi hatte das Schwert schon halb aus der Scheide gezogen. »Ich habe doch Befehl gegeben …« Der bestürzte Wachtposten stammelte: »Entschuldigen Sie, Anjo- sama…« Anjos Wut verrauchte, als ein junger Mann den Wachtposten bei- seite stieß und in den Raum gestürzt kam, dicht gefolgt von einem höchstens einsfünfzig großen Mädchen, beide reich gekleidet und übersprudelnd, in ihrem Kielwasser vier bewaffnete Samurai und dahinter eine Matrone und eine Hofdame. Sofort knieten Anjo und Yoshi nieder und beugten den Kopf bis auf die Tatami. Das Ge- folge erwiderte die Verneigung. Der junge Mann, Shōgun Nobusa- da, tat es nicht. Ebensowenig das junge Mädchen, die Kaiserliche Prinzessin Yazu, seine Frau. Beide waren im selben Alter, sechzehn. »Das Erdbeben hat meine Lieblingsvase zerstört«, erklärte der jun- ge Mann erregt, Yoshi betont ignorierend. »Meine Lieblingsvase!« Er winkte einem Wachtposten, die Tür zu schließen. Seine Wachen und die Damen seiner Frau blieben. »Ich wollte Ihnen mitteilen, daß ich eine großartige Idee habe.« »Tut mir leid um Ihre Vase, Sire.« Anjos Ton war freundlich. »Sie haben eine Idee?« »Wir… Ich habe beschlossen, daß wir, meine Frau und ich, wir … ich habe beschlossen, daß wir nach Kyōto reisen, den Kaiser besu- chen und ihn fragen, was wir mit den Gai-Jin machen und wie wir sie loswerden können!« Strahlend sah der junge Mann zu seiner Frau hinüber, die fröhlich zustimmend nickte. »Im nächsten Monat – ein Staatsbesuch.« Anjo und Yoshi hatten das Gefühl, explodieren zu müssen; beide wären am liebsten losgesprungen, um den Knaben für seinen Man- gel an Verstand zu erwürgen. Aber beide wahrten die Beherrschung, beide waren an seine schmollende Dummheit und seine Wutanfälle gewöhnt, und beide verfluchten zum tausendstenmal den Tag, an dem die Ehe dieser beiden arrangiert und vollzogen worden war., »Eine interessante Idee, Sire«, antwortete Anjo zurückhaltend und behielt die junge Frau im Auge, ohne sie direkt zu beobachten, be- merkte, daß ihre Aufmerksamkeit sich nun mehr auf ihn konzen- trierte und daß sie zwar mit den Lippen lächelte, mit den Augen aber, wie üblich, nicht. »Ich werde Ihren Vorschlag dem Ältestenrat unterbreiten, und wir werden ihn eingehend beraten.« »Gut«, sagte Nobusada wichtigtuerisch. Er war ein kleiner, mage- rer junger Mann, nur einsfünfundsechzig groß, der stets, um größer zu wirken, dicke geta trug, Sandalen. Seine Zähne waren, wie es die Hofmode von Kyōto vorschrieb, hier in Shōgunats-Kreisen aber noch nicht üblich war, schwarz gefärbt. »Drei bis vier Wochen soll- ten genügen, um alles vorzubereiten.« Mit naivem Lächeln wandte er sich an seine Frau. »Habe ich noch etwas vergessen, Yazu-chan?« »Nein, Sire«, antwortete sie geziert, »wie könnten Sie etwas ver- gessen?« Sie hatte ein zartes Gesichtchen, im klassischen Kyōto- Hofstil hergerichtet: gezupfte und statt dessen hochgeschwungene, gemalte Brauen auf kalkweißem Make-up, schwarz gefärbte Zähne, das dichte, rabenschwarze Haar hoch aufgetürmt und mit reich ge- schmückten Nadeln festgesteckt. Purpurroter Kimono mit einem Muster von Herbstlaubzweigen, dazu ein breiter, goldener Gürtel, der Obi. Die Kaiserliche Prinzessin Yazu, Stiefschwester des Him- melssohnes, seit sechs Monaten mit Nobusada verheiratet, für ihn ausgewählt, als sie zwölf Jahre alt war, im Alter von vierzehn Jahren mit ihm verlobt und ihm mit sechzehn angetraut. »Natürlich ist eine Entscheidung, die Sie treffen, immer eine Entscheidung und kein Vorschlag.« »Selbstverständlich, verehrte Prinzessin«, entgegnete Yoshi hastig. »Aber es tut mir leid, Sire, so wichtige Vorbereitungen können un- möglich innerhalb von vier Wochen getroffen werden. Darf ich Ihnen den Rat geben, zu bedenken, daß die Implikationen eines solchen Besuches falsch ausgelegt werden könnten?« Nobusadas Lächeln erstarb. »Implikationen? Rat? Was für Impli-, kationen? Falsch ausgelegt – von wem? Von ihnen?« gab er grob zu- rück. »Nein, Sire, von mir nicht. Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, daß noch nie ein Shōgun nach Kyōto gereist ist, um den Kaiser um Rat zu bitten, und daß ein solcher Präzedenzfall sich katastrophal auf Ihre Herrschaft auswirken könnte.« »Wieso?« fragte Nobusada zornig. »Das verstehe ich nicht.« »Weil der Shōgun, wie Sie sich erinnern werden, die ererbte Pflicht hat, zusammen mit seinem Ältestenrat und dem Shōgunat dem Kaiser die Entscheidungen abzunehmen.« Yoshi sprach be- müht freundlich. »Das ermöglicht es dem Sohn des Himmels, seine Zeit ausschließlich damit zu verbringen, für uns alle mit den Göt- tern zu sprechen, und dem Shōgunat, dafür zu sorgen, daß sein wa nicht von weltlichen und niederen Geschehnissen gestört wird.« Betont liebenswürdig sagte Prinzessin Yazu: »Was Toranaga Yoshi- sama sagt, ist richtig, mein Gatte. Leider haben die Gai-Jin sein wa inzwischen, wie wir alle wissen, bereits gestört, daher würde es ein- deutig sowohl höflich als auch familiengerecht sein, meinen Bruder, den Erhabenen, um Rat zu fragen. Das würde keine historischen Rechte verletzen.« »Jawohl.« Der junge Mann wölbte die Brust. »So ist es beschlos- sen!« »Der Rat wird Ihren Wunsch umgehend in Erwägung ziehen.« Nobusadas Züge verzerrten sich, und er rief erregt: »Wunsch? Es ist mein Entschluß! Unterbreiten Sie ihn, wenn Sie das unbe- dingt wollen, aber ich habe mich bereits entschieden. Ich bin der Shōgun, nicht Sie! Ich! Ich habe mich entschieden! Ich wurde ge- wählt, und Sie wurden abgewiesen – von allen loyalen Daimyos. Ich bin der Shōgun, Vetter!« Alle waren über den Ausbruch entgeistert. Bis auf das junge Mäd- chen. Sie lächelte in sich hinein und hielt die Augen niedergeschla- gen. Gut, sehr gut, dachte sie; endlich beginnt meine Rache., »Gewiß, Sire«, gab Yoshi ruhig zurück, obwohl ihm die Farbe aus dem Gesicht gewichen war. »Aber ich bin Ihr Vormund und muß Ihnen abraten…« »Ich will Ihren Rat nicht! Niemand hat mich gefragt, ob ich ei- nen Vormund will. Ich brauche keinen Vormund, Vetter, am aller- wenigsten Sie.« Yoshi musterte den jungen Mann, der vor Wut zitterte. Früher war ich genau wie du, dachte er kalt, eine Marionette, der man dies oder das befahl, von meiner eigenen Familie fortgeschickt, um von einer anderen adoptiert zu werden. Ich wurde verheiratet, verbannt und sechsmal fast ermordet, und das alles nur, weil die Götter be- schlossen hatten, mich als Sohn meines Vaters zur Welt kommen zu lassen – genau wie du, erbärmlicher Narr, als Sohn deines Vaters geboren wurdest. Ich bin in vieler Hinsicht wie du, war aber nie- mals ein Narr, immer ein Schwertkämpfer. Heute bin ich keine Ma- rionette mehr. Sanjiro aus Satsuma weiß es noch nicht, aber er hat mich zum Puppenspieler gemacht. »Solange ich Ihr Vormund bin, werde ich Sie bewachen und beschützen, Sire«, erklärte er. Sein Blick wanderte kurz zu dem jungen Mädchen hinüber, das äußer- lich so zierlich und zart wirkte. »Und Ihre Familie.« Sie erwiderte seinen Blick nicht. Das war nicht nötig. Beide wuß- ten, daß Krieg erklärt worden war. »Wir sind froh über Ihren Schutz, Yoshi-sama.« »Ich nicht!« kreischte Nobusada. »Du warst mein Rivale, und nun bist du nichts! In zwei Jahren, wenn ich achtzehn bin, werde ich allein regieren, und du…« Mit zitterndem Finger deutete er auf Yo- shis gleichmütiges Gesicht, und alle erschraken, bis auf das junge Mädchen. »Wenn du nicht gehorchen lernst, werde ich dich… wirst du für immer auf die Nordinsel verbannt werden. Wir reisen nach Kyōto!« Er fuhr herum. Hastig stieß ein Wachtposten die Tür auf. Alle verneigten sich, als Nobusada hinausstürzte, und sein Gefolge ver-, ließ hinter ihm ebenfalls den Saal. Als sie wieder allein waren, wischte sich Anjo den Schweiß vom Hals. »Sie ist… sie ist die Quel- le all dieser… Aufregung und ›Intelligenz‹«, behauptete er säuerlich. »Seit sie hier ist, hat sich dieser Dummkopf noch dämlicher ange- stellt als vorher.« Yoshi verbarg seine Verwunderung darüber, daß Anjo eine so offenkundige, wenn auch gefährliche Bemerkung laut aussprach. »Tee?« Anjo nickte verdrossen, wieder einmal neidisch auf die Kraft und Eleganz des Jüngeren… In mancher Hinsicht ist Nobusada gar nicht so dumm, dachte er. Was dich angeht, so bin ich derselben Meinung wie der Dummkopf, je schneller ihr entfernt werdet, du und Sanjiro, desto besser, ihr bedeutet beide nur Ärger. Könnte der Rat beschließen, deine Macht als Vormund einzuschränken oder dich zu verbannen? Es stimmt, du treibst diesen törichten Jungen jedesmal, wenn er dich sieht, in den Wahnsinn – genau wie sie. Wenn du nicht wärst, würde ich mit diesem Miststück fertig wer- den, ob sie nun des Kaisers Stiefschwester ist oder nicht. Und aus- gerechnet ich war nicht nur für diese Heirat, sondern habe auch noch taikō Iis listigen Plan ausgeführt – trotz der Einwände des Kaisers gegen diese Verbindung. Haben wir nicht sein zögerndes erstes Angebot seiner dreißigjährigen Tochter und dann seines ein- jährigen Babys ausgeschlagen, bis er sich endlich, unter Druck, mit seiner Stiefschwester einverstanden erklärte? Gewiß, diese enge Verbindung Nobusadas mit der kaiserlichen Fa- milie hat unsere Position Sanjiro und den äußeren Lehnsherren ge- genüber gefestigt, unsere Position gegenüber Yoshi und all jenen, die statt dessen ihn zum Shōgun ernannt sehen wollten. Und diese Verbindung wird allmächtig werden, sobald sie einen Sohn geboren hat – das wird sie dämpfen und ihr das Gift nehmen. Ihre Schwan- gerschaft ist überfällig. Der Arzt des Jungen wird die Ginsengdosis erhöhen oder ihm einige von den Spezialpillen verabreichen, um, die Leistung dieses jungen Laffen zu verbessern, erschreckend, in seinem Alter so schlapp zu sein. Jawohl, je schneller sie schwanger wird, desto besser. Er leerte seine Teetasse. »Wir sehen uns morgen bei der Sitzung.« Beide verneigten sich mechanisch. Yoshi, der frische Luft und Zeit zum Nachdenken brauchte, ver- ließ das Zimmer und ging auf die zinnenbewehrte Brustwehr hin- aus. Unten sah er die ausgedehnten, steinernen Festungsanlagen mit drei konzentrischen Burggräben, unüberwindlichen Verteidigungs- schwerpunkten, mit Zugbrücken und wahrhaft monströsen Mauern. Innerhalb der Burgmauern lagen nicht nur Quartiere für fünfzigtau- send Samurai und zehntausend Pferde, sondern auch zahllose Gär- ten, weite Hallen und Paläste für auserwählte, loyale Familien – wo- bei innerhalb des inneren Grabens nur die Toranaga-Familien wohnten. Im zentral gelegenen Hauptturm befanden sich die am besten ge- sicherten Wohnbezirke und das Allerheiligste des regierenden Shō- gun, seiner Familie, seiner Höflinge und Gefolgsleute. Und die Schatzkammern. Als Vormund wohnte auch Yoshi dort, unwill- kommen und ganz am Rand, aber auch sicher und mit eigenen Wa- chen. Hinter dem äußeren Burggraben lag der erste schützende Kreis der Daimyo-Paläste – riesige, luxuriöse, weitläufige Bauten; daran schlossen sich mehrere Kreise etwas geringerer Residenzen an, eine für jeden Daimyo im Land. Allen Daimyos war ihr Bauplatz vom Shōgun Toranaga persönlich zugewiesen worden, und alle Paläste waren in Übereinstimmung mit seinem neuen Gesetz der sankin-ko- tai, der alternativen Residenz, erbaut worden. »Sankin-kotai«, hatte Shōgun Toranaga gesagt, »verlangt, daß alle Daimyos sich sofort eine ›angemessene Residenz‹ vor meinen Burg- mauern bauen und für immer behalten, und zwar in der Lage, die ich ihnen zuweise, wo sie mit ihren Familien und einigen alten Va-, sallen ständig zu wohnen haben, und jeder Palast muß kostbar aus- gestattet und mit Verteidigungsanlagen versehen sein. Einmal in drei Jahren darf und soll der Daimyo zu seinem Lehen zurückkeh- ren und dort mit seinen Gefolgsleuten wohnen, doch ohne Ehe- frau, Konkubine, Mutter, Vater, Kinder, Kindeskinder oder andere Mitglieder seiner nächsten Familie. Die Reihenfolge, in der die Daimyos reisen oder hier bleiben, wird ebenfalls wohlüberlegt gere- gelt werden, und zwar an Hand nachfolgender Liste mitsamt dem jeweils entsprechenden Zeitplan…« Das Wort ›Geisel‹ war nie gefallen, obwohl die Geiselnahme, be- fohlen oder angeboten, um Willfährigkeit zu garantieren, ein uralter Brauch war. Sogar Toranaga selbst war als Kind einst Geisel des Diktators Goroda gewesen; seine Familienmitglieder waren Geiseln von Gorodas Nachfolger Nakamura, seines Verbündeten und Lehnsherrn; und er, der letzte und größte, erweiterte den Brauch zum sankin-kotai, um sie alle zusammen in Schach zu halten. »Zugleich«, hatte er in seinem Vermächtnis geschrieben, einem privaten Dokument für ausgewählte Nachkommen, »wird den nach- folgenden Shōgunen befohlen, alle Daimyos zu ermuntern, luxuriös zu bauen, in elegantem Stil zu leben, sich reich zu kleiden und üp- pig zu amüsieren, damit sie das alljährliche Koku-Einkommen aus ihrem Lehen möglichst schnell ausgeben, das nach korrektem, un- veränderlichem Brauch einzig dem betreffenden Daimyo gehört. So werden sie sich schnell verschulden, immer abhängiger von uns werden und, weit wichtiger, zahnlos sein, während wir weiterhin sparsam leben und jede Extravaganz vermeiden. Trotzdem sind einige Lehen – Satsuma, Mori, Tosa, Kii zum Bei- spiel – so reich, daß selbst nach derartigen Extravaganzen ein viel zu gefährlicher Überschuß zurückbleibt. Daher wird der herrschen- de Shōgun von Zeit zu Zeit den Daimyo auffordern, ihm ein paar Meilen neuer Straße, einen Palast, einen Garten, ein Lustschloß oder einen Tempel zu schenken, wobei die Summen, der Zeitpunkt, und die Häufigkeit dieser Geschenke im folgenden Dokument fest- gelegt werden…« »So klug, so weit vorausdenkend«, murmelte Yoshi. Jeder Daimyo in einem Seidennetz gefangen, hilf- und wehrlos. Und alles durch Anjos Dummheit ruiniert. Mit seinem ersten ›Wunsch‹, von Sanjiro vor den Rat gebracht, noch ehe Yoshi Mitglied wurde, verlangte der Kaiser, diesen uralten Brauch abzuschaffen. Anjo und die anderen hatten Ausflüchte ge- macht, diskutiert und schließlich zugestimmt. Und fast über Nacht hatten alle Frauen, Konkubinen, Kinder, Verwandten und Krieger die Ringe der Paläste verlassen, so daß sie innerhalb weniger Tage zu einem von nur wenigen alten Gefolgsleuten bewohnten Ödland wurden. Unser wichtigstes Machtinstrument – unwiderbringlich dahin, dachte Yoshi bitter. Wie hat Anjo nur so ungeschickt sein können? Er ließ den Blick über die Paläste wandern, bis zu der Hauptstadt hinab, deren eine Million zählende Einwohner alle der Burg dien- ten und von ihr lebten, einer von Wasserläufen und Brücken durchzogenen, fast ganz aus Holz erbauten Riesenstadt. Heute wa- ren zahlreiche Brände – die Blüten der Erdbeben – zu sehen, die sich bis zur Küste hinabzogen. Einer der großen Holzpaläste stand in Flammen. Wie Yoshi nebenbei feststellte, gehörte er dem Daimyo von Sai. Gut. Sai unterstützt Anjo. Die Familien sind verschwunden, aber der Rat kann ihm befehlen, den Palast wieder aufzubauen, und die Kosten werden ihn endgültig ruinieren. Vergessen wir ihn! Was haben wir gegen die Gai-Jin aufzubieten? Es muß doch etwas geben! Jeder sagt, sie könnten Edo niederbren- nen, nicht aber in die Burg eindringen oder eine lange Belagerung durchhalten. Ich bin anderer Meinung. Gestern hat Anjo den Ältes- ten wieder die wohlbekannte Geschichte der Belagerung von Malta vor über dreihundert Jahren erzählt, als es den türkischen Armeen, nicht gelang, sechshundert tapfere Ritter aus ihrer Burg zu vertrei- ben. »Wir haben Zehntausende von Samurai«, hatte Anjo erklärt, »die den Gai-Jin alle feindselig gegenüberstehen. Wir müssen siegen, sie müssen abziehen.« »Aber weder die Türken noch die Christen hatten Geschütze«, hatte er eingewandt. »Vergessen Sie nicht, daß Shōgun Toranaga die Burg Osaka mit Gai-Jin-Geschützen erobert hat – dieses Gezücht kann hier das gleiche tun.« »Selbst wenn sie es täten, hätten wir uns bis dahin längst in die Sicherheit der Berge zurückgezogen. Dann würde jeder Samurai und jeder Mann, jede Frau und jedes Kind im Land – sogar die stinkenden Kaufleute – zu unseren Fahnen eilen und wie die Heu- schrecken über sie herfallen. Wir haben nichts zu befürchten«, hatte Anjo verächtlich behauptet. »Die Burg Osaka war ein anderer Fall, das war Daimyo gegen Daimyo, nicht eine Invasion. Der Feind kann einen Landkrieg nicht durchhalten. In einem Landkrieg müs- sen wir siegen.« »Sie würden alles verwüsten, Anjo-sama. Uns bliebe nichts mehr zu regieren. Die einzige Möglichkeit für uns wäre, die Gai-Jin in ei- nem Netz zu fangen, wie eine Spinne ihre weit größere Beute fängt. Wir müssen eine Spinne sein und uns ein Netz suchen.« Aber sie wollten nicht auf ihn hören. Wo ist das Netz? »Zunächst muß man das Problem erkennen«, hatte Shōgun To- ranaga in seinem Vermächtnis geschrieben, »dann erst kann man mit viel Geduld die Lösung finden.« Das Problem mit den Fremden war folgendes: Wie können wir uns ihr Wissen, ihre Waffen, ihre Flotten, ihren Reichtum aneignen, mit ihnen zu unseren Bedingungen Handel treiben und sie den- noch alle vertreiben, die ungerechten Verträge annullieren und es ihnen nicht gestatten, ohne strenge Restriktionen jemals wieder den Fuß an unsere Küste zu setzen., Im Vermächtnis hieß es weiter: »Die Lösung für alle Probleme un- seres Landes ist hier zu finden oder in Sun-tzu, und in der Geduld.« Shōgun Toranaga war der geduldigste Herrscher von der Welt ge- wesen, dachte er, zum tausendstenmal von Ehrfurcht erfüllt. Obwohl er – von der Burg Osaka abgesehen, der uneinnehmba- ren, von dem Diktator Nakamura erbauten Festung – oberster Herrscher im Lande war, hatte er zwölf Jahre gewartet, um die Falle zu schließen, die er mit einem Köder bestückt hatte. Die Burg war fest in der Hand der Herrin Ochiba, der Witwe des Diktators, ihres siebenjährigen Sohnes und Erben Yaemon – dem Toranaga feierlich Treue geschworen hatte – und achtzigtausend fanatisch treuer Sa- murai. Es hatte zwei Jahre Belagerung, dreihunderttausend Mann, die Geschütze des holländischen Kaperers Erasmus – mit dem Anjin- san, der Engländer, nach Japan gesegelt war – sowie ein ebenfalls von ihm gedrilltes Musketierregiment, einhunderttausend Mann Verluste, all seine Tücke und einen wichtigen Verräter innerhalb der Mauern gekostet, bis die Herrin Ochiba und Yaemon es vorzogen, Seppuku zu begehen, statt sich in Gefangenschaft zu begeben. Dann hatte Toranaga die Burg Osaka dem Erdboden gleichge- macht, die Geschütze vernagelt, alle Musketen vernichtet, das Mus- ketierregiment aufgelöst, die Herstellung und den Import sämtli- cher Feuerwaffen verboten, die Macht der portugiesischen Jesuiten- priester und christlichen Daimyos gebrochen, die Lehen neu ver- teilt, alle Feinde beseitigen lassen, die Gesetze des Vermächtnisses erlassen, alle Räder sowie den Bau von seetüchtigen Schiffen verbo- ten und, unter Bedauern, ein Drittel aller Einkünfte für sich und seine unmittelbare Familie in Anspruch genommen. »Er hat uns stark gemacht«, murmelte Yoshi. »Sein Vermächtnis verlieh uns Macht und machte das Land so sauber und befriedet, wie er es beabsichtigt hatte.« Ich darf ihn nicht enttäuschen., Eeee, welch ein Mann! Wie klug von seinem Sohn Sudara, dem zweiten Shōgun, der Dynastie den Namen Toranaga zu geben, statt den eigentlichen Familiennamen Yoshi zu behalten – damit wir nie- mals die Quelle vergessen. Wozu würde er mir raten? Zunächst zur Geduld, dann würde er Sun Tsu zitieren: »Kennst du deinen Feind wie dich selbst, brauchst du einhundert Schlach- ten nicht zu fürchten; kennst du dich selbst, nicht aber deinen Feind, wirst du für jeden Sieg auch eine Niederlage erleiden; kennst du weder deinen Feind noch dich selbst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.« Ich weiß einiges über meinen Feind, doch nicht genug. Ich segne meinen Vater dafür, daß er mich den Wert einer guten Ausbildung erkennen gelehrt hat, daß er mir im Laufe der Jahre so viele verschiedene Lehrer gegeben hat, ausländische wie japanische. Es ist traurig, daß mir nicht die Gabe der Sprachen vergönnt ist und ich mir daher alles durch Mittelsmänner erarbeiten mußte: durch holländische Kaufleute, um Weltgeschichte zu lernen, durch einen englischen Matrosen, um zu prüfen, ob die Holländer die Wahrheit gesagt hatten, und um mir die Augen zu öffnen – genau wie Toranaga zu seiner Zeit den Anjin-san benutzt hat –, und durch viele andere mehr. Da waren die Chinesen, die mir Verwaltung, Literatur und Sun- tzus ›Die Kunst des Krieges‹ nahegebracht haben; da war der alte, vom Glauben abgefallene französische Priester aus Peking, der mich ein halbes Jahr lang Machiavelli gelehrt hat, den er für mich müh- sam in chinesische Schriftzeichen übersetzte, um dafür im Reich meines Vaters leben und die Weidenwelt genießen zu dürfen, die er so bewunderte; der amerikanische, in Izu gestrandete Pirat, der mir von Geschützen erzählte, von Grasozeanen, Prärie genannt, von ihrer Burg namens Weißes Haus und den Kriegen, mit denen sie die Eingeborenen jenes Landes auslöschten; der russische Emigrant, und Sträfling aus einem Gebiet namens Sibirien, der behauptete, ein Fürst mit zehntausend Sklaven zu sein, und Märchen von Städ- ten namens Moskau und St. Petersburg erzählte; und all die ande- ren – einige lehrten nur wenige Tage, andere monatelang, doch nie- mals ein Jahr, während keiner von ihnen wußte, wer ich bin, und es war mir verboten, es ihnen zu sagen, weil Vater so vorsichtig und so geheimnistuerisch und so schrecklich war, wenn er sich aufregte. »Wenn diese Männer uns verlassen, Vater«, hatte er anfangs ge- fragt, »was wird dann aus ihnen? Sie haben alle so große Angst. Wa- rum denn? Du versprichst ihnen doch stets einen Lohn, nicht wahr?« »Du bist erst elf, mein Sohn. Ich werde dir die Unhöflichkeit, mir Fragen zu stellen, verzeihen – einmal. Und um dich an meine Großmut zu erinnern, wirst du drei Tage lang nichts zu essen be- kommen, allein auf den Fujijama steigen und dort ohne Decke schlafen.« Yoshi erschauerte. Damals hatte er nicht gewußt, was Großmut bedeutet. Während jener drei Tage wäre er fast umgekommen, aber er tat, wie ihm befohlen. Als Lohn hatte ihm sein Vater, der Daim- yo von Mito, mitgeteilt, er werde von der Familie Hisamatsu adop- tiert und Erbe jener Toranaga-Linie werden: »Du bist mein siebter Sohn. Auf diese Weise wirst du ein eigenes Erbe haben und von et- was höherer Abstammung sein als deine Brüder.« »Ja, Vater«, hatte er gesagt, mühsam die Tränen zurückhaltend. Damals hatte er nicht gewußt, daß er zum Shōgun erzogen wurde, und sollte es auch nie erfahren. Als Shōgun Iyeyoshi dann vor vier Jahren an der Fleckenkrankheit starb und er zweiundzwanzig und bereit und von seinem Vater vorgeschlagen war, hatte taikō Ii Ein- spruch erhoben und gewonnen – Iis persönliche Streitmacht gebot über die Palasttore. Also wurde sein Vetter Nobusada ernannt. Yoshi, seine Familie, sein Vater und all ihre einflußreichen Anhänger wurden unter stren-, gen Hausarrest gestellt. Erst als Ii ermordet wurde, erhielt er, genau wie alle anderen, die überlebt hatten, zusammen mit seinen Lände- reien und Ehren die Freiheit zurück. Sein Vater war während des Hausarrests gestorben. Ich hätte Shōgun werden müssen, dachte er zum tausendstenmal. Ich war bereit, ausgebildet und hätte die Shōgunats-Versager aufhal- ten, hätte eine neue Verbindung zwischen dem Shōgunat und den Daimyos herstellen und mit den Gai-Jin fertig werden können. Ich hätte diese Prinzessin zur Frau bekommen müssen, ich hätte diese Vereinbarungen nie unterzeichnet oder zugelassen, daß die Ver- handlungen so traurig gegen uns verliefen. Ich wäre mit Townsend fertig geworden und hätte eine neue Ära behutsamer Veränderun- gen begonnen, um die Welt draußen zufriedenzustellen – in einem Tempo, das wir bestimmen, nicht sie! Nun aber bin nicht ich Shogun, sondern Toranaga ist legal zum Shogun gewählt worden, die Verträge existieren, Prinzessin Yazu existiert, Sanjiro, Anjo und die Gai-Jin hämmern an unsere Tore. Er erschauerte. Ich müßte noch vorsichtiger sein. Gift ist eine ur- alte Kunst, ein Pfeil kann bei Tag oder bei Nacht treffen, Ninja- Mörder zu Hunderten lauern da draußen, für jeden käuflich. Und dann gibt es die Shishi. Es muß eine Lösung geben! Wie sieht sie aus? Meeresvögel, die über der Stadt und der Burg kreisten und schrien, störten ihn in seinen Gedanken. Er musterte den Himmel. Kein Anzeichen von Veränderungen oder von Unwettern, obwohl dies der Monat der Veränderungen war, in dem die starken Winde kamen und den Winter brachten. Der Winter wird in diesem Jahr schlimm werden. Keine Hungersnot, wie vor drei Jahren, aber die Ernte ist karg, sogar noch karger als letztes Jahr… Augenblick! Was hat Anjo doch gesagt, was war es, das mich an irgend etwas erinnert, das ich nicht vergessen darf? In steigender Erregung wandte er sich um und winkte einem der, Leibwächter. »Bringt mir diesen Spion, den Fischer – wie hieß er noch? Ach ja, Misamoto. Bringt ihn heimlich in meine Gemächer – sofort! Er wird im östlichen Wachhaus festgehalten.« Dienstag, 18. September

Genau bei Sonnenaufgang donnerten die Kanonen des Flagg-schiffs ihren elfrohrigen Salut, als Sir Williams Kutter an der

Gangway ablegte. Von der Küste, wo jeder nüchterne Mann ange- treten war, um das Auslaufen der Flotte nach Edo mitanzusehen, drangen schwache Hochrufe herüber. Der Wind frischte auf, die See war glatt, der Himmel leicht bedeckt. Mit Phillip Tyrer an sei- ner Seite wurde er offiziell an Bord willkommen geheißen, der Rest seines Stabes befand sich bereits an Bord der begleitenden Kriegs- schiffe. Die beiden Herren trugen Gehrock und Zylinder. Tyrers Arm lag in einer Schlinge. Auf dem Hauptdeck wurden sie von Admiral Ketterer und John Marlowe erwartet, beide in Galauniform – mit Dreispitz, goldbe- treßtem, mit Goldknöpfen besetztem blauem Cut, weißem Hemd, weißer Weste, weißen Hosen und Strümpfen, Schnallenschuhen und blitzenden Säbeln –, und Phillip Tyrer dachte sofort, ver- dammt noch mal, wie hübsch und elegant und doch so maskulin John Marlowe immer aussieht, genau wie Pallidar in seiner Uni- form. Wenn ich doch nur eine Galauniform oder überhaupt Klei- der hätte, um mit ihnen konkurrieren zu können, aber im Vergleich zu ihnen bin ich so arm wie eine Kirchenmaus und noch nicht mal, Stellvertretender Sekretär. Er wäre fast gegen Sir William gestolpert, der auf der obersten Stufe stehengeblieben war, als der Admiral und Marlowe höflich sa- lutierten. Verflixt, dachte er, konzentriere dich, du bist ebenfalls im Dienst! Sei vorsichtig und versuche, ebenfalls Teil der Szenerie zu werden. Seit du dich gestern bei ihm gemeldet hast, benimmt sich Wee Willie wie eine Katze mit 'ner Hornisse im Hintern. »Morgen, Sir William, willkommen an Bord.« »Danke. Ihnen ebenfalls einen guten Morgen, Admiral Ketterer.« Sir William lüftete den Hut, sein Gehrock blähte sich im Wind. »Lichten Sie bitte den Anker. Die anderen Gesandten befinden sich an Bord des französischen Flaggschiffs.« »Gut.« Der Admiral gab Marlowe einen Wink. Sofort salutierte Marlowe, ging zum Captain, der auf der offenen Brücke unmittel- bar vor dem einzigen Schornstein und dem Hauptmast stand, und salutierte abermals. »Anordnung des Admirals, Sir. Nehmen Sie Kurs auf Edo.« Rasch gingen die Befehle von einem zum anderen, die Matrosen stießen drei Hochrufe aus, blitzschnell wurden die Anker gelichtet, und im engen Kesselraum drei Decks weiter unten schaufelten Teams von Heizern, nackt bis zur Taille, von einem rhythmischen Singsang begleitet, immer mehr Kohle in die Kessel, während sie in der ständig durch Kohlenstaub verunreinigten Luft husteten und keuchten. Hinter dem Schott, im Maschinenraum, ging der Leitende Inge- nieur auf ›halbe Kraft voraus‹, und die riesigen Kolbenmaschinen begannen langsam die Schraubenwelle zu drehen. Dies war H.M.S. Euryalus, vor acht Jahren in Chatham aus Holz erbaut, eine dreimastige, 3.200-Tonnen-Kreuzerfregatte mit Schorn- stein und Schiffsschraube, mit 35 Geschützen, einer Besatzung von 350 Offizieren, Matrosen und Marinesoldaten, während unter Deck 90 Heizer und Angehörige des Maschinenpersonals arbeiteten., Heute wurden die Segel geschont und die Decks für den Einsatz freigeräumt. »Ein angenehmer Tag, Admiral«, sagte Sir William. Sie standen auf dem Achterdeck, während Phillip Tyrer und Marlowe, die ein- ander schweigend begrüßt hatten, sich in ihrer Nähe hielten. »Vorläufig noch«, stimmte der Admiral gereizt zu, der sich in Ge- genwart von Zivilisten, vor allem eines Mannes wie Sir William, der einen höheren Rang einnahm, stets unbehaglich fühlte. »Wenn Sie es wünschen – mein Quartier unten steht Ihnen jederzeit zur Verfü- gung.« »Vielen Dank.« In ihrem Kielwasser segelten und schrien Möwen. Sir William beobachtete sie einen Moment, während er versuchte, seine Depression abzuschütteln. »Danke, aber ich ziehe es vor, an Deck zu bleiben. Sie kennen Mr. Tyrer, glaube ich, noch nicht. Er ist unser neuer angehender Dolmetscher.« Zum erstenmal nahm der Admiral Notiz von Tyrer. »Willkom- men an Bord, Mr. Tyrer. Leute, die Japanisch sprechen, können wir wahrhaftig gebrauchen. Was macht Ihre Wunde?« »Ist nicht so schlimm, Sir, danke.« Der Admiral ließ den Blick seiner blaßblauen Augen über das Wasser und sein Schiff schwei- fen; sein Gesicht war gerötet und wettergegerbt, mit schweren Hän- gebacken und einer cholerischen Fleischrolle im Nacken über dem gestärkten Kragen. Einen Moment beobachtete er prüfend den Rauch, dann knurrte er etwas und wischte ein bißchen Kohlenstaub von seiner schneeweißen Weste. »Stimmt was nicht?« »Nein, Sir William. Aber die Kohle, die wir hier kriegen, ist nicht mit guter Waliser- und Yorkshire-Kohle vergleichbar. Enthält zuviel Schlacke. Allerdings ist sie billig, falls wir sie kriegen, leider ge- schieht das jedoch nicht allzuoft. Sie sollten verlangen, daß die Lie- ferungen erhöht werden, das ist für uns hier ein großes Problem, ein sehr großes.«, Sir William nickte müde. »Hab ich getan, doch wie es scheint, gibt es keine.« »Dreckzeug, egal, woher sie kommt. Die Segel können wir heute nicht benutzen, nicht bei diesem Gegenwind. Für einen solchen Einsatz mit Manövern dicht unter Land oder zum Einlaufen eignen sich diese Maschinen hervorragend. Mit dem besten Kriegsschiff, ja sogar mit einem Teeclipper würden wir unter Segel fünfmal so lan- ge brauchen, um nach Edo zu kommen, und hätten nicht genug Seeraum zum sicheren Manövrieren. Ein Jammer.« Nach einer weiteren schlaflosen Nacht hatte Sir William jeglichen Humor verloren und reagierte umgehend auf die Unhöflichkeit und Dummheit des Admirals, ihm etwas zu erklären, was auf der Hand lag. »Ach, wirklich?« gab er spitz zurück. »Na, macht nichts, bald wird unsere Navy nur noch aus Stinkpötten bestehen, ganz ohne Segel, und dann ist es endgültig aus.« Tyrer verbarg ein Lächeln, als sich das Gesicht des Admirals bei diesen Worten rötete, denn dieses Thema war ein wunder Punkt bei den Marineoffizieren und wurde in den Londoner Zeitungen aus- führlich diskutiert, die zukünftige Flotten als ›Stinkpötte unter- schiedlicher Größe, kommandiert von Stinkpottkapitänen unter- schiedlicher Größe, die entsprechend uniformiert sein werden‹ be- schrieben. »Das wird in der voraussehbaren Zukunft nicht geschehen, und bestimmt nicht bei Langstreckenfahrten, Blockaden oder Schlacht- schiff-Flotten.« Der Admiral spie diese Worte fast hinaus. »Es ist unmöglich, die Menge Kohle, die wir zwischen den Häfen verbrau- chen, zu transportieren und dennoch kampffähige Schiffe zu behal- ten. Wir müssen Brennstoff sparen, und deshalb brauchen wir Se- gel. Die Zivilisten verstehen nicht viel von der Seefahrt…« Das erin- nerte ihn an die Attacke der gegenwärtigen liberalen Regierung auf die jüngsten Navy-Schätzungen, und sein Blutdruck stieg. »Vorerst einmal muß die Royal Navy, um unsere Seewege zu sichern und, das Empire zu beschützen, als Basis der Regierungspolitik doppelt so viele Schiffe unterhalten wie die nächsten beiden anderen Mari- neflotten zusammen, ausgerüstet mit den größten und besten Ma- schinen, mit den modernsten Geschützen, Granaten und Spreng- stoffen der Welt.« »Eine bewundernswerte Idee, inzwischen aber überholt, unprak- tisch und, wie ich fürchte, zu schwer verdaulich für den Magen des Finanzministers und der Regierung.« »Das sollte sie aber, bei Gott, nicht sein.« Die Fleischrolle im Na- cken wurde rot. »Mr. Pfennigfuchser Gladstone sollte schleunigst lernen, wo die Prioritäten liegen. Ich habe schon zuvor gesagt: Je schneller die Liberalen raus und die Tories wieder an der Macht sind, desto besser! Nicht ihnen ist es zu verdanken, daß die Royal Navy Gott sei Dank noch über genügend Schiffe und Feuerkraft verfügt, um die französische, russische oder amerikanische Flotte, falls nötig, in ihren heimischen Gewässern zu vernichten. Aber mal angenommen, die drei verbünden sich in dem bevorstehenden Konflikt gegen uns?« Verärgert wandte sich der Admiral um und brüllte, obwohl Marlowe nicht weit entfernt war: »Mr. Marlowe! Signalisieren Sie der Pearl! Verdammt, sie hat ihre Position verlas- sen!« »Aye, aye, Sir!« Marlowe verschwand. Sir William warf einen Blick nach achtern, fand an den nachfol- genden Schiffen nichts auszusetzen und konzentrierte sich dann wieder auf den Admiral. »Außenminister Russell ist zu klug, sich da hineinziehen zu lassen. Preußen wird gegen Frankreich in den Krieg ziehen, Rußland wird sich heraushalten, die Amerikaner haben zu- viel mit ihrem Bürgerkrieg, Spanisch-Cuba und den Philippinen zu tun und schnüffeln um die Hawaiischen Inseln herum. Übrigens, ich habe vorgeschlagen, ein oder zwei dieser Inseln zu annektieren, bevor es die Amerikaner tun. Sie würden perfekte Stationen zum Kohlebunkern abgeben…«, Den Blick fest auf H.M.S. Pearl gerichtet – sein Schiff, eine 2.100- Tonnen-Dreimaster-Schraubenfregatte der Jason-Klasse mit einem Schornstein und einundzwanzig Geschützen, vorübergehend unter dem Kommando seines Ersten Offiziers, Lieutenant Cranson –, be- gab sich Marlowe mürrisch zum Signalgast und wünschte sich, dort drüben an Bord zu sein, statt hier den Lakai des Admirals zu spie- len. Er überbrachte dem Signalgast die Nachricht, sah zu, wie er die Signalflaggen aufreihte, und las die Antwort, bevor ihm der junge Mann meldete: »Es tut ihm leid, Sir.« »Wie lange sind Sie schon Signalgast?« »Seit drei Monaten, Sir.« »Sie sollten sich über Ihre Codebücher setzen. Die Antwort laute- te: ›Captain Cranson von der H.M.S. Pearl bittet um Entschuldi- gung‹. Noch ein derartiger Fehler, und Ihre Eier gehen durch die Wäschemangel.« »Jawohl, Sir, Verzeihung, Sir«, antwortete der junge Mann zer- knirscht. Marlowe kehrte zum Admiral zurück. Zu seiner Erleichterung schien sich der potentielle Streit zwischen den beiden Herren gelegt zu haben, denn sie besprachen inzwischen alternative Einsatzpläne in Edo und die Langzeitfolgen des Tokaidō-Mordes. Während er auf eine Gesprächspause wartete, warf er mit hochgezogener Braue einen vorsichtigen Blick zu Tyrer hinüber – der zurücklächelte – und sehnte sich danach, endlich entlassen zu werden, damit er ihn nach Kanagawa und Angélique ausfragen konnte. Er hatte vor drei Tagen, am selben Tag, da Sir William eintraf, abreisen müssen und besaß keine Informationen aus erster Hand über das, was sich seit- dem zugetragen hatte. »Ja, Mr. Marlowe?« Der Admiral hörte sich die Antwort an und schnarrte sofort: »Schicken Sie ein weiteres Signal: Melden Sie sich bei Sonnenuntergang auf meinem Flaggschiff.« Er sah, wie Marlowe zusammenzuckte. »Und das ist durchaus be-, rechtigt, Mr. Marlowe. Eine derartige Entschuldigung ist eine un- angemessene Ausrede für Nachlässigkeit in meiner Flotte. Nicht wahr?« »Jawohl, Sir.« »Überlegen Sie sich, wer an seiner Stelle das Schiff übernehmen könnte – aber nicht Sie!« Admiral Ketterer wandte sich wieder Sir William zu. »Was sagten Sie? Sie glauben nicht…« Ein Windstoß knatterte in der Takelung. Beide Offiziere spähten nach oben, mus- terten den Himmel, taxierten den Wind. Noch keine Anzeichen von Gefahr, aber sie wußten beide, daß das Wetter in diesem Mo- nat unberechenbar war und daß in diesen Gewässern Unwetter sehr plötzlich aufzogen. »Sie wollten sagen? Sie glauben nicht, daß die Behörden, diese Bakufu, tun werden, was wir verlangen?« »Nein, nicht ohne irgendeine Form der Gewalt. Um Mitternacht erhielt ich eine weitere Entschuldigung von ihnen und die Bitte um einen Monat Aufschub, damit sie ›höherenorts nachfragen‹ könn- ten, und dergleichen unsinniges Zeug – mein Gott, können die Ausflüchte machen! Ich hab den verdammten Boten mit der kur- zen, eher unhöflichen Aufforderung zurückgeschickt, unseren Wün- schen zu entsprechen, oder…« »Völlig richtig.« »Sagen Sie, wenn wir vor Edo ankern – könnten wir da möglichst viel Salut schießen, einen richtigen Auftritt inszenieren?« »Wir werden einundzwanzig Schuß abgeben, den königlichen Sa- lut. Ich nehme an, man könnte diesen Einsatz als eine Art offiziel- len Besuch bei ihrem König betrachten.« Ohne sich umzudrehen, schnarrte der Admiral: »Mr. Marlowe, geben Sie den Befehl an die gesamte Flotte weiter und bitten Sie den französischen Admiral, dasselbe zu tun.« »Jawohl, Sir.« Abermals salutierte Marlowe und eilte davon. »Der Plan für Edo bleibt unverändert?« Sir William nickte. »Ja. Ich selbst werde mich mit meiner Gruppe, an Land und in die Gesandtschaft begeben – einhundert Soldaten als Ehrenwache sollten genügen, die Highlanders, die wirken mit ihren Uniformen und Dudelsäcken am eindrucksvollsten. Der übri- ge Plan bleibt so, wie er war.« »Gut.« Voll Unbehagen blickte der Admiral nach vorn. »Wenn wir um diese Landzunge herum sind, werden wir Edo sehen kön- nen.« Seine Miene verhärtete sich. »Es ist eines, mit dem Säbel zu rasseln und ein paar Salutschüsse abzugeben, aber ich bin nicht da- mit einverstanden, diese Stadt zu beschießen und niederzubrennen – ohne offiziell den Krieg zu erklären.« Vorsichtig gab Sir William zurück: »Hoffen wir, daß ich Lord Pal- merston nicht bitten muß, ihn zu erklären, oder daß ich selbst ei- nen uns aufgezwungenen legalisieren muß. Ein ausführlicher Be- richt ist schon an ihn abgegangen. Und da wir auf seine Antwort vier Monate warten müssen, sollten wir, wie stets, unser Bestes tun. Diese Morde müssen aufhören, die Bakufu müssen zur Vernunft ge- bracht werden, so oder so. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt dafür.« »Die Anweisungen der Admiralität lauten, behutsam vorzugehen.« »Mit derselben Post habe ich eine dringende Nachricht an den Gouverneur von Hongkong geschickt, in der ich ihm mitgeteilt ha- be, was ich zu tun beabsichtige, und ihn gefragt habe, wieviel Ver- stärkung an Schiffen und Truppen notfalls verfügbar wäre. Außer- dem habe ich über Mr. Struans Gesundheitszustand berichtet.« »Ach ja? Wann war das, Sir William?« »Gestern. Die Firma Struan konnte einen Clipper zur Verfügung stellen, Mr. McFay hat mir zugestimmt, daß die Angelegenheit ab- solut dringlich sei.« Ketterer entgegnete sarkastisch: »Dieser ganze Zwischenfall scheint für die Struans eine cause célèbre zu sein. Der Mann, der umgebracht wurde, wird kaum erwähnt, es heißt nur immer Struan, Struan, Struan.« »Der Gouverneur ist ein persönlicher Freund der Familie, und die, Familie hat, äh, sehr gute Verbindungen. Sie ist äußerst wichtig für die Handelsinteressen Ihrer Majestät in Asien und China. Äußerst wichtig.« »Für meine Ohren haben sie immer wie eine Bande von Piraten geklungen, mit Waffenschmuggel und Opiumschmuggel, eben al- lem, was guten Profit Anbringt.« »Beides legale Unternehmen, mein lieber Admiral. Die Firma Struan ist höchst ehrenwert, mit sehr wichtigen Verbindungen zum Parlament.« Der Admiral zeigte sich nicht beeindruckt. »Ach, da gibt's, bei Gott, eine Menge Taugenichtse, wenn ich das sagen darf. Verdamm- te Idioten zumeist die versuchen, an der Navy und unseren Flotten zu sparen – eine unverzeihliche Dummheit, solange England von seiner Seemacht abhängt.« »Ich denke auch, daß wir die beste Navy mit den tüchtigsten Of- fizieren brauchen, um unsere imperiale Politik durchzuführen«, sag- te Sir William. Marlowe, hinter dem Admiral, vernahm die nur schlecht kaschierte Spitze. Ein kurzer Blick auf den Nacken seines Vorgesetzten bestätigte ihm, daß der Stich getroffen hatte. Er mach- te sich auf das Unvermeidliche gefaßt. »Imperiale Politik? Mir scheint«, gab der Admiral scharf zurück, »daß die Navy den größten Teil ihrer Zeit damit verbringt, Zivilis- ten- und Händlerfinger aus ihren übelriechenden Löchern zu zie- hen, wenn Habgier oder Betrügereien sie in Kalamitäten bringen, in die sie nie hätten kommen dürfen. Und was diese Schweine hier an- geht…«, mit seinem kurzen, dicken Finger zeigte er auf Yokohama auf der Backbordseite, »… so ist das die schlimmste Lumpenbande, die ich jemals gesehen habe.« »Manche schon, die meisten nicht, Admiral.« Sir William reckte das Kinn. »Ohne die Kaufleute und den Handel gäbe es kein Geld, kein Empire und keine Navy.« Der rote Hals wurde purpurn. »Ohne die Navy gäbe es keinen, Handel, und England wäre nie die größte Nation der Welt gewor- den, die reichste mit dem größten Imperium, das die Welt jemals gesehen hat, bei Gott!« Unsinn, hätte Sir William am liebsten gerufen, aber er wußte, wenn er es tat, würde den Admiral hier, auf dem Achterdeck des Flaggschiffs, sofort der Schlag treffen, und Marlowe würde, genau wie jeder Seemann in Hörweite, in Ohnmacht fallen. Dieser Gedan- ke belustigte ihn und verscheuchte den größten Teil des Giftes, das sich in der schlaflos verbrachten Nacht mit den Sorgen über die Tokaidō-Affäre angesammelt hatte, und ermöglichte es ihm, sich diplomatisch zu verhalten. »Die Navy ist die älteste Waffengattung, Admiral. Und viele teilen Ihre Meinung. Ich hoffe doch, daß wir pünktlich sein werden?« »Ja, werden wir.« Ein wenig besänftigt lockerte der Admiral die Schultern; er hatte Kopfschmerzen von der Flasche Portwein, die er nach dem Dinner zusätzlich zum Roten getrunken hatte. Das Schiff lief ungefähr sieben Knoten in den Wind. Zufrieden prüfte er die Position der Flotte. Die H.M.S. Pearl lag jetzt äußerst präzise ach- teraus, mit zwei mit zehn Geschützen bestückten Schaufelrad-Scha- luppen an Steuerbord. Das französische Flaggschiff, eine eisenver- kleidete, mit zwanzig Geschützen bestückte Dreimast-Schaufelrad- fregatte, fuhr recht lässig an Backbord. »Der Rudergast von denen sollte in Eisen gelegt werden! Das Schiff könnte einen neuen An- strich gebrauchen sowie neue Betakelung. Es müßte, um den Knob- lauchgeruch zu beseitigen, ausgegast und kräftig mit dem Scheuer- stein bearbeitet werden. Stimmen Sie mir da zu, Mr. Marlowe?« »Ja, Sir.« Als er sich vergewissert hatte, daß alles korrekt war, wandte sich der Admiral wieder zu Sir William um. »Diese… diese Familie Stru- an und ihr sogenanntes Noble House – sind die wirklich so bedeu- tend?« »Ja. Sie machen riesige Geschäfte. Ihr Einfluß in Asien, vor allem, in China, ist, von Brock and Sons abgesehen, einmalig.« »Ich habe natürlich ihre Clipper gesehen. Prachtvoll, und hervor- ragend bewaffnet.« Und dann ergänzte der Admiral barsch: »Ich hoffe nur, daß sie nicht versuchen, hier Opium oder Schußwaffen zu schmuggeln.« »Ich persönlich bin Ihrer Meinung, obwohl es nicht gegen die ge- genwärtigen Gesetze verstößt.« »O doch, gegen die chinesischen. Und die japanischen.« »Richtig, aber es gibt mildernde Umstände«, erklärte Sir William resigniert. Er hatte diese Erklärung schon viel zu oft abgegeben. »Wie Sie sicher wissen, akzeptieren die Chinesen für den Tee, den wir importieren müssen, ausschließlich Bargeld – Silber oder Gold – und nichts anderes. Die einzige Ware dagegen, die sie bar bezah- len – in Gold oder Silber –, ist Opium, und nichts anderes. Das ist äußerst unangenehm.« »Dann ist es Aufgabe der Händler, des Parlaments und der Diplo- maten, die Finger da rauszuziehen. Seit zwanzig Jahren ist die Royal Navy damit beschäftigt, illegale Gesetze in Asien durchzusetzen, chinesische Häfen und Städte zu beschießen und alle möglichen unappetitlichen Kriegshandlungen durchzuführen – meiner Ansicht nach nur, um das verfluchte Opium zu unterstützen. Ein sehr dunkler Fleck auf unserem Wappenschild!« Sir William seufzte. Die Befehle, die er vom Ständigen Unter- staatssekretär erhalten hatte, waren präzise gewesen: »Ich beschwöre Sie, mein lieber Willie, es ist das erstemal, daß Sie verantwortlicher Minister sind, also seien Sie um Gottes willen vorsichtig, treffen Sie keine übereilten Entscheidungen, es sei denn, es ist unbedingt not- wendig. Sie haben erstaunlich viel Glück, die Telegraphenleitung reicht bereits bis Bagdad, also können wir Nachrichten in der un- glaublich kurzen Zeit von sieben Tagen erhalten und abschicken, dazu kommen noch etwas mehr als sechs Wochen per Dampfer durch den Persischen Golf, den Indischen Ozean über Singapur, und Hongkong. Unsere Instruktionen brauchen nur die unglaub- lich kurze Zeit von zwei Monaten, bis sie ankommen, statt, wie bis vor etwa zehn Jahren, zwölf bis fünfzehn Monate. Wenn Sie also Beratung brauchen, und das werden Sie ständig, wenn Sie schlau sind, dann sind Sie also, was uns betrifft, vier Monate lang von der Leine, und das ist das einzige, was Ihnen den Hals und uns das Im- perium rettet- Klar?« »Ja, Sir.« »Regel Nummer eins: Behandeln Sie die hohen Tiere beim Militär mit Glacehandschuhen und widersprechen Sie ihnen nicht leichtfer- tig, denn von ihnen hängt Ihr eigenes und das Leben aller Englän- der in Ihrer Umgebung ab. Sie neigen sehr stark dazu, starrköpfig zu sein, aber das ist gut, denn wir brauchen natürlich eine Menge von dieser Sorte, die einfach losgehen und sich umbringen lassen, während sie unsere, na ja, imperiale Politik verteidigen Schlagen Sie keine Wellen, Japan ist unwichtig, liegt aber in unserer Einflußsphä- re, und wir haben eine beträchtliche Menge Zeit und Geld einge- setzt, um die Russen, Amerikaner und Franzosen auszumanövrie- ren. Beschmutzen Sie unser japanisches Nest möglichst nicht, wir haben genug zu tun mit aufrührerischen Indern, Afghanen, Ara- bern, Afrikanern, Persern, Kariben und Chinesen, ganz zu schwei- gen von den stinkenden Europäern, Amerikanern, Russen und so weiter. Also, mein lieber Willie, seien Sie diplomatisch, und ma- chen Sie keinen Unsinn!« Sir William seufzte abermals, zügelte jedoch sein Temperament und wiederholte, was er bereits ein Dutzendmal gesagt hatte: »Was Sie da sagen, ist zum großen Teil korrekt, aber leider müssen wir praktisch denken. Ohne die Teesteuer würde die ganze britische Wirtschaft kollabieren. Hoffen wir, daß unsere bengalischen Opi- umfelder in einigen Jahren abgefackelt werden können. Bis dahin müssen wir uns in Geduld fassen.« »Bis dahin schlage ich Ihnen vor, das ganze Opium hier sowie, sämtliche modernen Waffen, alle modernen Kriegsschiffe und die Sklaverei mit einem Embargo zu belegen.« »Hinsichtlich der Sklaverei stimme ich Ihnen natürlich zu, die ist seit '33 verboten!« Sir Williams Ton wurde deutlich schärfer. »Die Amerikaner sind längst davon in Kenntnis gesetzt worden. Was aber den Rest angeht, so hängt das leider von London ab.« Der Admiral reckte das Kinn noch weiter vor. »Nun, Sir, in die- sen Gewässern besitze ich eine gewisse Macht. Und ich sage Ihnen, daß ich ein solches Embargo augenblicklich verfügen werde. Ich habe beunruhigende Gerüchte gehört, unter anderem, daß die Stru- ans Gewehre und Geschütze zum Weiterverkauf bestellen. Den Ein- geborenen hier haben sie schon drei oder vier bewaffnete Dampfer verkauft, und die Japse lernen für meinen Geschmack zu schnell. Mit der morgigen Post werde ich der Admiralität ein offizielles Schreiben übermitteln, in dem ich ersuche, darauf zu bestehen, daß meine Befehle bestätigt werden.« Das Gesicht des Gesandten bekam rote Flecken; er pflanzte die Füße noch fester aufs Deck. »Eine bewundernswerte Idee«, sagte er eisig. »Ich werde mit der morgigen Post ebenfalls ein Schreiben ab- senden. Vorläufig jedoch können Sie einen solchen Befehl nicht ohne mein Einverständnis erteilen, und bis wir eine Direktive aus dem Außenministerium erhalten, bleibt der Status quo der Status quo!« Beide Adjutanten erbleichten. Der Admiral sah Sir William an, der ebenso groß war wie er selbst. »Ich… Ich werde mir Ihre Worte durch den Kopf gehen lassen, Sir William. Wenn Sie mich jetzt ent- schuldigen wollen – ich habe noch viel zu tun.« Damit machte er kehrt und stapfte von der Brücke. Unsicher wollte Marlowe ihm folgen. »Um Himmels willen, Marlowe, hören Sie auf, mir wie ein Welpe nachzulaufen! Wenn ich Sie brauche, werde ich rufen. Hal- ten Sie sich in Hörweite!« »Jawohl, Sir.« Als sein Vorgesetzter weit genug entfernt war, atme-, te Marlowe tief auf. Auch Sir William atmete auf, trocknete sich die Stirn und mur- melte: »Welch ein Glück, daß ich nicht in der Navy bin.« Marlowes Herz jagte; er haßte es, angebrüllt zu werden, sogar von einem Admiral, aber er vergaß sich nicht. »Ich, äh… entschuldigen Sie, Sir, aber die Flotte ist in seinen Händen sehr sicher, Sir, und die Expedition auch, und wir alle finden, daß er mit dem Verkauf von Schiffen, Gewehren, Kanonen und Opium recht hat. Die Japa- ner bauen bereits Schiffe und stellen kleine Kanonen her, in diesem Jahr haben sie ihr erstes eisernes Dampfschiff zu Wasser gebracht, den Dreitonner Kanrin maru, der mit rein japanischer Besatzung nach San Francisco fuhr! Sie haben die Hochsee beherrschen ge- lernt. Das ist erstaunlich, in einer so kurzen Zeit.« »Ja, ja, das ist es.« Sir William fragte sich kurz, wie es wohl der ja- panischen Delegation, die mit diesem Schiff fuhr, in Washington ergangen war und welches Unheil Präsident Lincoln gegen unser glorreiches Empire im Schilde führte. Sind wir nicht von der Baum- wolle der Konföderierten abhängig, die wir für unsere in den Ruin steuernden Spinnereien in Lancashire brauchen? Und sind wir nicht gleichzeitig zunehmend abhängig vom Weizen, vom Mais, vom Fleisch und anderen Waren der Union? Er erschauerte. Gott ver- damme diesen Krieg! Und die Politiker, und Lincoln. Hieß es nicht in der Inaugurationsansprache dieses Mannes im März: »…dieses Land gehört den Menschen, und wenn sie ihrer Regierung müde werden, können sie ihr verfassungsmäßiges Recht ausüben, sie aus- zuwechseln, oder ihr revolutionäres Recht, sie aufzulösen oder zu stürzen…« Eine Hetzrede, gelinde gesagt! Wenn diese Idee sich bis nach Eu- ropa verbreiten würde! Grauenhaft! Und wir können uns jeden Mo- ment mit ihnen im Krieg befinden! Er suchte sich zu beruhigen, zutiefst erleichtert, daß der Admiral zurückgesteckt hatte, aber immer noch wütend darüber, daß er, selbst die Beherrschung verloren hatte. Du mußt vorsichtiger sein, du darfst dir keine Gedanken um Edo und deinen dummen, arro- ganten Entschluß machen, in drei Tagen mit einem Schlachtschiff dort aufzukreuzen und ein Wörtchen mit dem Shōgun zu reden, bei Gott! Als wärst du Clive von Indien. Der bist du nicht. Dies ist deine erste Tour im Fernen Osten, und du bist ein Neuling. Ein Wahnsinn, all diese Männer wegen einiger Morde in Gefahr zu bringen, ein Wahnsinn, einen ausgewachsenen Krieg zu riskieren. Aber ist es das wirklich? Tut mir leid, nein. Wenn die Bakufu mit diesen Morden davonkommen, wird es kein Ende mehr haben, und wir werden gezwungen sein, uns zu- rückzuziehen – bis alliierte Schlachtschiffe zurückkehren, um den Willen des Empire blutig durchzusetzen. Deine Entscheidung ist korrekt, die Art, sie durchzuführen, ist falsch. Jawohl, aber es ist verdammt schwierig, ohne einen Menschen, mit dem man reden kann – dem man vertrauen kann. Zum Glück kommt Daphne in zwei Monaten. Hätte gar nicht gedacht, daß sie mir mit ihren Rat- schlägen so sehr fehlen würde. Ich kann es nicht erwarten, sie und meine Söhne wiederzusehen – zehn Monate sind eine lange Zeit, und ich weiß, daß das Fortkommen von Londons Nebeln sie glücklich machen und ihr gefallen wird, und für die Jungens wird es großartig sein. Wir könnten ein paar englische Ladies in der Nie- derlassung gebrauchen, die richtigen, natürlich. Wir werden Ausflü- ge machen, und sie wird die Gesandtschaft zu einem richtigen Heim gestalten. Sein Blick richtete sich auf die näher kommende Landzunge. Da- hinter wartete Edo und das Salutschießen. Ist das klug, fragte er sich unruhig. Ich hoffe es. Dann die Landung und der Gang zur Gesandtschaft. Das mußt du tun – und dich auf die Sitzung mor- gen vorbereiten. Du mußt es ganz allein bewältigen. Henry Seratard wartet nur darauf, daß du Fehler machst, er hofft darauf. Der Russe, ebenfalls. Aber du bist derjenige, der den Befehl hat, und es ist deine Auf- gabe, und vergiß nicht, daß du unbedingt ›Gesandter‹ werden woll- test – irgendwo, ganz gleich wo. Allerdings wollte ich das, aber auf Japan wäre ich nie gekommen! Verdammtes Außenministerium. In einer solchen Situation war ich noch nie; meine Erfahrungen habe ich ausschließlich in der Rußland-Abteilung in London und am Hof von St. Petersburg gemacht sowie im wundervollen Paris und in Monaco, ohne daß ich jemals ein Kriegsschiff oder ein Regiment zu Gesicht bekommen hätte… Marlowe sagte steif: »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, Sir, daß ich Ihnen meine Meinung über die Position des Admirals mit- geteilt habe.« »O nein, ganz und gar nicht.« Sir William war bemüht, seine Be- sorgnis zu unterdrücken: Ich werde versuchen, Krieg zu vermeiden, aber wenn es so sein soll, wird es so kommen. »Sie haben ganz recht, Mr. Marlowe, und es ist mir natürlich eine Ehre, Admiral Ketterer als Kommandeur zu haben«, ergänzte er und fühlte sich sofort wohler. »Unsere Meinungsverschiedenheit betraf das Proto- koll. Ja, aber zugleich sollten wir die Japaner ermutigen, ihr Land zu industrialisieren und Schiffe zu bauen. Wir sollten sie ermutigen – wir sind nicht hier, um zu kolonialisieren, aber wir sollten sie aus- bilden, Mr. Marlowe, nicht die Holländer oder die Franzosen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnert haben – je größer unser Einfluß ist, desto besser.« Er fühlte sich leichter. Es war selten, daß er so offen mit einem der tüchtigen Kapitäne sprechen konnte, und Marlowe fand er durchaus beeindruckend, hier wie in Kanagawa. »Verabscheuen alle Offiziere die Zivilisten und Kaufleute?« »Nein, Sir. Aber ich glaube, viele von uns verstehen sie nicht. Wir haben ein anderes Leben, andere Prioritäten. Es ist manchmal sehr schwierig für uns.« Marlowes Aufmerksamkeit konzentrierte sich fast ausschließlich auf den Admiral, der sich mit dem Captain auf, der Brücke unterhielt, während sich alle in seiner Umgebung voll Unsicherheit seiner Nähe bewußt waren. Dann brach die Sonne durch die Wolken, und plötzlich wirkte der ganze Tag schöner. »In der Navy zu sein, das ist für mich… na ja, ich habe nie etwas ande- res machen wollen.« »Und Ihre Familie ist eine Navy-Familie?« Umgehend antwortete Marlowe stolz: »Jawohl, Sir«, und hätte gern hinzugefügt, mein Vater ist Captain, gegenwärtig in der Home Fleet, genau wie sein Vater, der Flag Lieutenant bei Admiral Lord Collingwood auf der Royal Sovereign bei Trafalgar war, und meine Vorfahren waren alle in der Navy, seit sie überhaupt existiert. Und davor, so geht die Sage, haben sie Piratenschiffe gesegelt – von Dor- set aus, daher stammt meine Familie, seit über vier Jahrhunderten wohnen wir dort im selben Haus. Aber er schwieg, denn seine Er- ziehung sagte ihm, daß es klingen würde wie Prahlerei. Statt dessen fügte er einfach hinzu: »Meine Familie stammt aus Dorset.« »Die meine aus dem Norden Englands, Northumberland, seit Ge- nerationen«, erklärte Sir William zerstreut, den Blick auf die näher- kommende Landzunge, die Gedanken auf die Bakufu konzentriert. »Mein Vater starb, als ich noch jung war – er war Parlamentsmit- glied, mit Geschäftsinteressen in Sunderland und London, und hat sich mit Ostseehandel und russischen Pelzen befaßt. Da meine Mutter Russin war, bin ich zweisprachig aufgewachsen, und das hat mir die erste Sprosse auf der Leiter des Foreign Office eingetragen. Sie war…« Gerade noch rechtzeitig unterbrach er sich, verwundert, daß er so viel von sich preisgegeben hatte. Er hatte noch hinzuset- zen wollen, daß sie, seine Mutter, eine geborene Gräfin Swewa war, eine Cousine der Romanows und frühere Hofdame von Queen Vic- toria. Ich muß mich wirklich konzentrieren – als ob meine Familie und meine Herkunft die Leute hier etwas angingen. »Äh, was ist mit Ihnen, Tyrer?« »London, Sir. Mein Vater ist Anwalt, genau wie sein Vater.« Phil-, lip Tyrer lachte. »Nachdem ich mein Studium an der Londoner Universität abgeschlossen hatte und ihm erklärte, ich wolle ins Fo- reign Office, hat ihn fast der Schlag getroffen! Und als ich mich um die Dolmetscherstelle in Japan bewarb, hat er behauptet, ich sei wahnsinnig.« »Vielleicht hatte er recht. Obwohl Sie erst knapp eine Woche hier sind, können Sie schon von Glück sagen, daß Sie noch leben. Mei- nen Sie nicht auch, Marlowe?« »Ja, Sir. Das stimmt.« Marlowe fand den Zeitpunkt günstig. »Phil- lip. Übrigens, wie geht's Mr. Struan?« »Weder gut noch schlecht, wie George Babcott es ausdrückte.« »Ich hoffe sehr, daß er gesund wird«, sagte Sir William, der plötz- lich Leibschmerzen bekam. Als er vor drei Tagen nach Kanagawa gegangen war, hatte Mar- lowe ihn von seinem Kutter abgeholt und ihm erzählt, was er über Struan und Tyrer wußte, über den Tod des Soldaten, den Selbst- mord des Mörders und die Jagd nach dem anderen. »Wir sind hinter dem Scheißkerl her, Sir William, Pallidar und ich, aber der Kerl hat sich in Luft aufgelöst. Alle Häuser der Umge- bung haben wir durchsucht, ohne Erfolg. Tyrer meint, er könnte ei- ner der beiden Tokaidō-Angreifer sein, Sir, einer der beiden Mörder. Aber er ist nicht sicher, die sehen doch fast alle einer wie der ande- re aus, nicht wahr?« »Aber wenn es die beiden waren, warum sollten sie das Risiko ein- gehen, sich in die Gesandtschaft einzuschleichen?« »Die logischste Antwort, die wir fanden, war die, daß sie vielleicht eine Identifizierung verhindern und den Job zu Ende bringen woll- ten, Sir.« Sie hatten die Pier verlassen und eilten durch die bedrohlich men- schenleeren Straßen. »Wie geht's dem jungen Mädchen, Mr. Mar- lowe?« »Anscheinend gut, Sir. Nur ziemlich mitgenommen.«, »Gut, danken wir Gott dafür. Der französische Gesandte ist so verkniffen wie ein Mückenhintern über die ›bösartige Kränkung der Ehre Frankreichs und einer seiner Bürgerinnen, die dazu noch sein Mündel ist‹. Je schneller sie wieder in Yokohama ist, desto besser… Ach, übrigens, der Admiral hat mich gebeten, Sie aufzufordern, umgehend nach Yokohama zurückzukehren. Es gibt viel zu tun. Wir, äh, wir haben beschlossen, Edo in drei Tagen einen offiziellen Besuch abzustatten, per Flaggschiff…« Marlowe hatte gespürt, wie Erregung in ihm aufstieg. See- oder Landeinsätze waren die einzige echte Möglichkeit, zu einer schnel- len Beförderung und den Admiralstreifen zu kommen, die er unbe- dingt haben wollte. Ich will, daß mein alter Herr stolz auf mich ist, und ich werde den Flag Rank lange vor meinen jüngeren Brüdern Charles und Percy schaffen, die beide Lieutenants sind. Und nun, an Deck des Flaggschiffs, im Sonnenschein, während das Deck unter der Kraft der Maschinen vibrierte, stieg die Erre- gung abermals in ihm auf. »Wir werden gleich vor Edo sein, Sir, Ihr Auftritt wird der großartigste werden, den die da jemals gesehen ha- ben. Sie werden die Mörder kriegen, die Entschädigung und alles andere, was Sie wollen.« Tyrer und Sir William hörten seine Erregung, aber Sir William empfand nur einen kalten Schauer. »Ja, nun gut, ich denke, ich wer- de eine Minute unter Deck gehen. Danke, Mr. Marlowe, ich kenne den Weg.« Mit tiefer Erleichterung sahen ihm die beiden jungen Männer nach. Marlowe vergewisserte sich, daß der Admiral in Sichtweite war. »Was ist in Kanagawa passiert, nachdem ich weg war, Phillip?« »Es war, nun ja, außergewöhnlich, sie war außergewöhnlich, wenn es das ist, was Sie wissen wollen.« »Inwiefern?« »Gegen fünf Uhr kam sie herunter, ging geradewegs zu Malcolm Struan hinein und blieb bis zum Dinner bei ihm – da erst habe ich, sie gesehen. Sie wirkte… älter, nein, das trifft es nicht ganz, nicht älter, sondern ernster als zuvor, ein wenig mechanisch. George sagt, daß sie noch immer unter Schock steht. Beim Dinner sagte Sir Wil- liam, er werde sie nach Yokohama mitnehmen, aber sie hat sich be- dankt, das Angebot abgelehnt und erklärt, sie müsse erst ganz sicher sein, daß es Malcolm wirklich gut gehe, und weder er noch George, noch einer von uns anderen konnte sie davon abbringen. Sie hat kaum was gegessen, dann ist sie ins Krankenzimmer zurück- gekehrt, bei ihm geblieben und hat sogar darauf bestanden, daß man ihr dort ein Feldbett aufstellt, damit sie, falls nötig, in Ruf- weite ist. Und während der folgenden zwei Tage, bis gestern, als ich nach Yokohama zurückkehrte, ist sie kaum von seiner Seite gewi- chen, und wir haben kaum ein Dutzend Worte mit ihr gespro- chen.« Marlowe unterdrückte einen Seufzer. »Sie muß ihn sehr lieben.« »Das ist das Merkwürdige. Weder Pallidar noch ich glauben, daß das der Grund ist. Es ist fast so, als sei sie… nun ja, körperlos ist ein zu starker Ausdruck. Es ist, als befinde sie sich teilweise in einem Traum und fühle sich nur in seiner Nähe sicher.« »Großer Gott! Was hat der alte Knochenbrecher dazu gesagt?« »Der hat nur die Achseln gezuckt und erklärt, man müsse Geduld haben, dürfe sich keine Sorgen machen, und sie sei die beste Medi- zin, die Malcolm Struan sich wünschen könne.« »Kann ich mir vorstellen. Wie geht's ihm wirklich?« »Er ist die meiste Zeit von Drogen betäubt und hat sehr große Schmerzen. Dazu Erbrechen und Durchfall – keine Ahnung, wie sie den Gestank aushält, obwohl das Fenster den ganzen Tag offen- steht.« Ein Schauer von Angst überlief sie beide bei dem Gedanken, so schwer verwundet und so hilflos zu sein. Tyrer blickte geradeaus, um dieses Gefühl zu verbergen, während er sich der Tatsache be- wußt wurde, daß seine eigene Wunde noch nicht verheilt war und immer noch brandig werden konnte und daß sein Schlaf durch, Alpträume von Samurai, blutigen Schwertern und ihr gestört war. »Jedesmal, wenn ich bei Malcolm vorbeischaute – ehrlich gesagt, um sie zu sehen«, fuhr er fort, »antwortete sie nur mit ›Ja‹ oder ›Nein‹ oder ›Ich weiß nicht‹, also hab ich's nach einer Weile aufge- geben. Sie ist… Sie ist immer noch so attraktiv wie vorher.« Marlowe fragte sich, ob sie, wenn es Struan nicht gäbe, dennoch unerreichbar für ihn sein würde. Ob Tyrer wirklich ein ernsthafter Rivale sein könnte? Pallidar tat er als nicht ebenbürtig ab – diesen pompösen Dummkopf konnte sie ganz einfach nicht mögen. »Donnerwetter, sehen Sie!« sagte Tyrer. Sie umrundeten die Landzunge und sahen die weite Bucht von Edo vor sich liegen, die sich auf Steuerbord zum Meer hin öffnete und vom Rauch der Harzfeuer eingehüllt war. Erstaunlicherweise war in der Bucht so gut wie nichts von der Vielzahl der Fähren, Sampans und Fischerboote zu sehen, von denen es sonst dort wim- melte, und die wenigen, die auf dem Wasser waren, hatten es eilig, die Küste zu erreichen. Tyrer fühlte sich höchst unbehaglich. »Wird es Krieg geben?« Nach kurzem Zögern antwortete Marlowe: »Wir haben sie ge- warnt. Die meisten von uns meinen, nein, keinen richtigen Krieg, noch nicht, nicht diesmal. Es wird Zwischenfälle geben…« Und dann, weil er Tyrer mochte und ihn für seinen Mut bewunderte, sprach er ihm gegenüber aus, was er dachte. »Es wird Zwischenfälle und Scharmützel unterschiedlicher Schwere geben, einige von unse- ren Leuten werden getötet werden, einige werden entdecken, daß sie feige sind, andere werden Helden werden, die meisten werden von Zeit zu Zeit vor Angst erstarren, manche werden ausgezeichnet wer- den, aber natürlich werden wir siegen.« Tyrer dachte darüber nach; er wußte zu gut, wie verängstigt er sel- ber gewesen war, doch Babcott hatte ihn davon überzeugt, daß es beim erstenmal am schlimmsten sei; er wußte noch gut, wie tapfer es von Marlowe gewesen war, dem Mörder nachzujagen, wie hinrei-, ßend Angélique war – und wie gut es war, am Leben zu sein, und jung, mit einem Fuß auf der Erfolgsleiter zum ›Gesandten‹. Er lä- chelte. So herzlich, daß Marlowe das Lächeln erwiderte. »In der Lie- be und im Krieg ist alles erlaubt, nicht wahr?« sagte er. Angélique saß, ihr stark parfümiertes Taschentuch an die Nase ge- drückt, am Fenster des Krankenzimmers in Kanagawa und starrte ins Leere, während die Sonne von Zeit zu Zeit durch die Wattewol- ken brach. Hinter ihr lag Struan halb wach und halb im Schlaf. Im Garten patrouillierten unablässig Soldaten. Seit dem Überfall waren die Sicherheitsvorkehrungen verdoppelt und noch mehr Truppen von der Niederlassung in Yokohama herübergeschickt worden, die vorläufig von Pallidar befehligt wurden. Ein Klopfen an der Tür riß sie aus ihren Gedanken. »Ja?« fragte sie, das Taschentuch in der Hand verbergend. Es war Lim. Begleitet von einer chinesischen Ordonnanz mit ei- nem Tablett. »Essen für Master. Missee wollen essen, heya?« »Dahin stellen!« befahl sie und deutete auf den Nachttisch. Sie war drauf und dran, ihn zu bitten, auch ihr ein Tablett zu bringen, entschloß sich dann jedoch, es nicht zu tun. »Heute abend, heute abend Missee essen Eßzimmer. Verstehn, heya?« »Verstehn.« Lim lachte in sich hinein; er wußte genau, daß sie, so- bald sie sich allein glaubte, das Taschentuch benutzte. Ayeeyah, ist ihre Nase so klein und zierlich wie ihr anderer Körperteil? Geruch? Was ist das für ein Geruch, über den sie sich beschweren? Hier riecht es noch nicht nach Tod. Soll ich dem Sohn des Tai-Pan mit- teilen, daß die Nachrichten aus Hongkong schlecht sind? Ayeeyah, am besten, er findet es selbst heraus. »Verstehn.« Er grinste breit und ging hinaus. »Chéri?« Automatisch bot sie ihm die Hühnersuppe an. »Später, Darling, vielen Dank«, antwortete Malcolm Struan wie er-, wartet mit sehr schwacher Stimme. »Versuch doch mal einen Löffel«, drängte sie wie üblich, und abermals weigerte er sich. Wieder zurück zu ihrem Platz am Fenster und zu ihren Tag- träumen – sicher wieder zu Hause zu sein, in Paris, in dem großen Haus ihres Onkels Michel und ihrer geliebten Emma, der hochge- borenen englischen Tante, die ihr die Mutter ersetzt und sie und ihren Bruder großgezogen hatte, als der Vater vor so vielen Jahren nach Hongkong ging, ein Leben in Luxus, in dem Emma Lun- cheons plante und auf ihrem herrlichen Hengst, um den sie alle be- neideten, im Bois spazierenritt, die gesamte Aristokratie bezauberte und von ihr verwöhnt wurde, um sich sodann graziös vor Kaiser Louis Napoleon – Napoleon Bonapartes Neffen – und seiner Kaise- rin Eugénie zu verneigen, die ihr beide ein Lächeln schenkten. Logen in den Theatern, in der Comédie Française, die besten Tische im Trois Frères Provençaux, ihre Großjährigkeit mit sieb- zehn, das Gesprächsthema der Saison, Onkel Michel, der an den Spieltischen und beim Rennen von seinen Abenteuern erzählte und flüsternd pikante Histörchen über seine aristokratischen Freunde zum besten gab, und seine Mätresse, die Gräfin Beaufois, so wun- derschön, verführerisch und hingebungsvoll. Alles natürlich Tagträume, denn Onkel Michel war nur ein klei- ner Deputierter im Kriegsministerium, und Emma – englisch, ge- wiß, aber Schauspielerin bei einer reisenden Truppe von Shake- speare-Schauspielern – Tochter eines Angestellten, doch weder mit genügend Geld, um es zu zeigen, was in der Hauptstadt der Welt so wichtig war, noch für das spektakuläre Pferd oder den Zweispän- ner, der so unbedingt nötig war, wenn man in die wirkliche Gesell- schaft hineinkommen wollte, die Oberschicht, wo man jene traf, die heiraten würden und nicht nur für ein paar Monate mit einem gingen, um sich dann eine jüngere zu nehmen. »Bitte, bitte, bitte, Onkel Michel, es ist so wichtig!«, »Ich weiß, mon petit choux«, hatte er traurig gesagt, als sie an ihrem siebzehnten Geburtstag um einen bestimmten Wallach und die dazugehörige Reitkleidung gebettelt hatte. »Mehr kann ich nicht für dich tun, ich kann mir keine Gefälligkeiten mehr erbitten, ich weiß nicht, wen ich noch bedrängen, welche Geldverleiher ich noch überreden könnte. Ich verfüge nicht über Staatsgeheimnisse, die ich verkaufen, oder Prinzen, die ich fördern könnte. Und schließlich müssen wir auch an deinen kleinen Bruder und unsere eigene Tochter denken.« »Ach, bitte, lieber, lieber Onkel!« »Ich habe eine letzte Idee und genügend Francs für eine beschei- dene Überfahrt zu deinem Vater. Ein paar Kleider nur, mehr nicht.« Dann wurden die Kleider angefertigt, alle perfekt, dann wurden sie anprobiert und geändert und verbessert, und ja, das grüne Sei- denkleid auch noch – Onkel Michel hat sicher nichts dagegen –, danach die Aufregung der ersten Eisenbahnfahrt nach Marseille, Dampfer nach Alexandria in Ägypten, über Land nach Port Said, vorbei an den ersten Bauarbeiten von M'sieur de Lesseps' Kanal bei Suez. Alle gut informierten Leute glaubten, daß es sich nur wieder um eine aktienfördernde Maßnahme handelte, daß er niemals been- det werden, und wenn, daß er dann einen Teil des Mittelmeers lee- ren würde, weil das Meer dort höher lag als die Meere weiter unten. Weiter dann, alles erbettelt, erbeten und von Anfang an korrekt ers- ter Klasse: »Der Unterschied ist wirklich so winzig, mein lieber, lie- ber Onkel Michel…« Weicher Wind und neue Gesichter, exotische Nächte und schöne Tage, der Anfang eines großen Abenteuers, und am Ende des Re- genbogens ein hübscher, reicher Ehemann wie Malcolm, nun alles verpatzt wegen eines dreckigen Eingeborenen! Warum kann ich nicht einfach an das Gute denken, ermahnte sie sich in einem Anfall von Schmerz. Wieso gehen gute Gedanken im- mer in schlimme über, und dann in sehr schlimme, und wieso fan-, ge ich dann immer an, über das nachzudenken, was wirklich ge- schehen ist, und muß weinen? Nicht, befahl sie sich und unterdrückte die Tränen. Nimm dich zusammen. Sei stark! Bevor du dein Zimmer verlassen hast, hattest du beschlossen, daß nichts geschehen ist, also wirst du dich völlig normal verhalten – bis deine nächste Periode einsetzt. Und wenn sie einsetzt, bist du in Sicherheit. Aber wenn… wenn sie nun nicht einsetzt? Darüber wirst du nicht nachdenken. Deine Zukunft wird nicht zerstört werden, das wäre nicht fair. Du wirst beten, du wirst dich in Malcolms Nähe halten, du wirst auch für ihn beten, du wirst die Florence Nightingale spielen, und dann wird er dich vielleicht hei- raten. Über ihr Taschentuch hinweg sah sie zu ihm hinüber. Zu ihrem Erstaunen beobachtete er sie. »Ist der Geruch noch immer so furchtbar?« fragte er traurig. »Nein, chéri«, antwortete sie, erfreut, daß die Lüge jedesmal auf- richtiger klang und weniger Beherrschung erforderte. »Ein bißchen Suppe, ja?« Ergeben nickte er, weil er wußte, daß sein Körper Nahrung brauchte, obwohl er alles, was er zu sich nahm, unweigerlich wieder ausbrechen mußte, und daß diese Anstrengung an allen Nähten in- nen und außen zerrte und der darauffolgende Schmerz ihn wieder übermannen würde, so sehr er das auch zu verbergen versuchte. »Deew neh loh moh«, murmelte er. Das war ein Fluch auf Kanto- nesisch, der Sprache, die er zuerst gelernt hatte. Sie hielt die Tasse, er trank, sie trocknete ihm das Kinn, und er trank noch ein wenig. Teils hätte er ihr gern befohlen, zu gehen und erst wiederzukommen, wenn er wieder auf den Beinen war, teils fürchtete er, sie werde ihn verlassen und niemals wiederkom- men. »Tut mir leid, das alles – es ist so schön, daß du hier bist.«, Statt einer Antwort berührte sie sanft seine Stirn, wäre gern hin- ausgelaufen, brauchte frische Luft, wagte nicht, etwas zu sagen. Je weniger du redest, desto besser, hatte sie sich gedacht. Dann kannst du in keine Falle tappen. Sie beobachtete sich selbst, wie sie ihn versorgte und bettete, wäh- rend ihre Gedanken zu ganz normalen Dingen wanderten, nach Hongkong oder Paris, meistens nach Paris. Keine Sekunde lang ge- stattete sie es sich, bei dem Tag-Schlaf-Alptraum jener Nacht zu ver- weilen. Tagsüber niemals, viel zu gefährlich. Nur bei Nacht, wenn die Tür sorgfältig verriegelt und sie allein und im Bett war, durfte sie diese Sperre öffnen und ihren Gedanken freien Lauf lassen… Es klopfte. »Ja?« Babcott kam herein. Unter seinem Blick errötete sie. Warum habe ich immer das Gefühl, daß er meine Gedanken lesen kann? »Wollte nur nachsehen, wie es meinen beiden Patienten geht«, erklärte er munter. »Nun, Mr. Struan, wie fühlen Sie sich?« »Noch immer dasselbe, vielen Dank.« Dr. Babcotts scharfem Blick entging nicht, daß die Hälfte der Suppe verschwunden und dennoch bisher kein Erbrochenes zu be- seitigen war. Gut. Er griff nach Struans Handgelenk. Puls unregel- mäßig, daher besser als zuvor, Stirn noch feucht, noch immer Fie- ber, aber nicht mehr so hoch wie gestern. Darf ich zu hoffen wa- gen, daß er tatsächlich gesund werden wird? Laut sagte er, wieviel besser es dem Patienten gehe, es müsse die liebevolle Pflege der Lady sein, das habe nichts mit ihm zu tun, das Übliche. Gewiß, doch davon abgesehen so wenig zu sagen, so vieles, das von Gott abhing, falls es denn einen Gott gibt. Warum setze ich das immer hinzu? Falls. »Wenn Sie sich weiter so erholen, denke ich, daß wir Sie morgen nach Yokohama zurückschicken können. Vielleicht.« »Aber das ist nicht klug«, behauptete sie sofort, und aus Angst davor, ihren sicheren Hafen zu verlieren, klang ihre Stimme härter, als beabsichtigt. »Verzeihung, ist es aber doch«, gab Babcott, um sie zu beruhigen, freundlich zurück. Er bewunderte ihre Seelenstärke und ihre Besorg- nis um Struan. »Wenn ein Risiko damit verbunden wäre, würde ich nicht dazu raten, aber es wäre wirklich gut. Mr. Struan hätte we- sentlich mehr Komfort und bessere Hilfe.« »Mon Dieu, was könnte ich denn mehr tun als bisher? Er darf nicht fort von hier, noch nicht, noch nicht!« »Hör zu, Darling«, sagte Struan und versuchte, stark zu wirken. »Wenn er meint, ich kann zurück, wäre das doch wirklich gut. Dann wärst du frei, und alles wäre sehr viel leichter für uns.« »Aber ich will gar nicht frei sein, ich will, daß wir hier bleiben, genau wie jetzt, ohne… ohne großes Aufsehen.« Sie spürte, wie ihr Herz jagte, und wußte, daß sie hysterisch klang, aber auf eine Verle- gung war sie nicht vorbereitet gewesen. Dumm, du bist dumm. Selbstverständlich wird er verlegt werden. Denk nach! Was kannst du tun, um die Verlegung zu verhindern? Aber es gab nichts, das verhindert werden mußte. Struan sagte, sie solle sich keine Sorgen machen, in der Niederlassung werde alles besser gehen, sie befinde sich dort in Sicherheit, und er werde glücklicher sein, und es gebe dort Dutzende von Dienern und mehr als genug Räume im Struan-Building. Wenn sie wünsche, kön- ne sie eine Suite direkt neben der seinen haben und kommen und gehen, wie es ihr beliebe, mit ständigem Zutritt zu seinen Räumen, Tag und Nacht. »Bitte, mach dir keine Gedanken, ich möchte, daß du auch zufrieden bist«, versicherte er ihr. »Du wirst es komfortab- ler haben, das verspreche ich dir, und wenn es mir besser geht, wer- de ich…« Ein Krampf überfiel und erschöpfte ihn. Nachdem Babcott alles gesäubert hatte und Struan wieder in sei- nen Drogenschlaf gesunken war, sagte er ruhig: »Er würde es dort wirklich besser haben. Dort gibt es mehr Helfer, mehr Material,, hier ist es nahezu unmöglich, alles sauberzuhalten. Er braucht… Verzeihung, aber er braucht stärkere Helfer. Sie tun mehr für ihn, als Sie sich vorstellen können, doch bei gewissen Punktionen kön- nen ihm seine chinesischen Diener besser helfen. Tut mir leid, daß ich so deutlich sein muß.« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Doktor. Sie haben recht, und ich verstehe.« Ihre Gedanken wirbelten. Die Suite direkt neben Malcolms Räumen wäre ideal, ebenso die Diener und frische Kleidung. Ich werde mir eine Schneiderin suchen und mir herrliche Kleider machen lassen, korrekte Begleitung finden und das Kom- mando haben – über ihn und meine Zukunft. »Ich will nur das Beste für ihn«, erklärte sie und setzte, weil sie es wissen mußte, has- tig hinzu: »Wie lange wird er noch so sein?« »Ans Bett gefesselt und relativ hilflos?« »Ja. Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit. Bitte.« »Ich weiß es nicht. Mindestens zwei bis drei Wochen, vielleicht mehr, und sehr beweglich wird er noch ein bis zwei Monate da- nach nicht sein.« Sein Blick ruhte einen Moment auf dem reglosen Mann. »Es wäre mir lieber, wenn Sie ihm nichts davon sagen wür- den. Es würde ihn nur unnötig beunruhigen.« Sie nickte zufrieden und beruhigt, nun, da alles seine Ordnung hatte. »Keine Angst, ich sage kein Wort. Ich bete darum, daß er schnell wieder kräftig und stark sein wird, und ich verspreche, ihm zu helfen, soviel ich kann.« Als Dr. Babcott sie verließ, dachte er immer wieder: Mein Gott, welch wundervolle Frau! Ob Struan lebt oder sterben muß, er kann sich glücklich schätzen, so sehr geliebt zu werden.,

Die einundzwanzig Schuß Salut von jedem der sechs Kriegsschif-fe, die das Flaggschiff begleiteten und nun vor Edo ankerten,

echoten und hallten wider, und das gesamte Personal der Flotte war freudig erregt und stolz auf diese Demonstration der Macht. »Bis hierher und nicht weiter, Sir William«, jubelte Phillip Tyrer, der neben ihm auf dem Schanzdeck stand, wo der Geruch von Kor- dit die Sinne benebelte. Die Stadt war riesig. Stumm. Die Burg alles beherrschend. »Wir werden sehen.« Auf der Brücke des Flaggschiffs sagte der Admiral leise zum Ge- neral: »Das hier sollte Sie davon überzeugen, daß unser Wee Willie nichts als ein kleines, größenwahnsinniges Plappermaul ist. König- licher Salut, zum Teufel! Wir sollten lieber unseren Rücken de- cken.« »Donnerwetter, Sie haben recht! Jawohl. Ich werde es in meinem Monatsbericht ans Kriegsministerium erwähnen.« Auf dem Deck des französischen Flaggschiffs paffte Henri Sera- tard seine Pfeife und lachte mit dem russischen Minister. »Mon Dieu, mein lieber Graf, heute ist ein glücklicher Tag! Die Ehre Frankreichs wird durch ganz normale englische Arroganz gerächt. Sir William wird eindeutig scheitern. Das perfide Albion ist perfider denn je.« »Ja. Schade nur, daß es ihre Flotte ist, und nicht die unsere.« »Aber bald wird sie durch unsere und Ihre Flotte abgelöst wer- den.« »Ja. Dann gilt also unsere geheime Übereinkunft? Sobald die Eng- länder abziehen, nehmen wir Japans Nordinsel plus Sachalin, die Kurilen und jene Inseln, die es mit dem russischen Alaska verbin-, den – Frankreich erhält den Rest.« »Einverstanden. Sobald Paris mein Memorandum erhält, wird es ganz zweifellos auf höchster Ebene ratifiziert – insgeheim.« Er lä- chelte. »Wenn ein Vakuum entsteht, ist es unsere diplomatische Pflicht, es auszufüllen…« Bei dem Salutschießen verbreitete sich eine ungeheure Furcht in Edo. Alle, die noch skeptisch gewesen waren, schlossen sich den Volksmassen an, die auf der Flucht mit den wenigen Habseligkei- ten, die sie zu tragen vermochten, jede Straße, Brücke und Gasse verstopften. Alle erwarteten, daß explodierende Granaten und Rake- ten, von denen sie zwar gehört, die sie aber noch nie erlebt hatten, jeden Augenblick Feuer auf die Stadt herabregnen lassen würden und daß ihre Stadt brennen, brennen, brennen würde, und sie mit ihr. »Tod den Gai-Jin!« hörte man überall. »Schnell… Aus dem Weg… Schnell!« riefen die Menschen. Hier und da brach Panik aus, einige Flüchtende wurden zerquetscht, aber die meisten trotteten stoisch dahin – alle immer nur landeinwärts. »Tod den Gai-Jin!« schrien sie, während sie flohen. Der Exodus hatte am Morgen begonnen, in dem Moment, als die Flotte im Hafen von Yokohama die Anker lichtete, obwohl die vor- ausschauenderen Kaufleute schon drei Tage zuvor in aller Stille die besten Lastträger engagiert und sich, ihre Familien und Wertsachen in Sicherheit gebracht hatten, als Gerüchte über den unglücklichen Zwischenfall und die darauffolgende Empörung und Forderung der Ausländer in der Stadt umgelaufen waren. Nur die Samurai in der Burg und die Besatzungen der äußeren Verteidigungsanlagen und Stützpunkte hielten ihre Positionen noch besetzt. Und wie immer und überall schlichen und schnüffelten die Aasgeier der Straßen, tierischer und menschlicher Natur, um die, unverschlossenen Häuser, um festzustellen, was gestohlen und spä- ter verkauft werden konnte. Plünderung galt als ein besonders ab- scheuliches Verbrechen und wurde seit jeher unnachsichtig verfolgt, bis die Täter gefangen und gekreuzigt werden konnten. Diebstahl in jeglicher Form wurde auf dieselbe Art und Weise bestraft. Im Hauptturm der Burg kauerten Shōgun Nobusada und Prinzes- sin Yazu engumschlungen hinter einem dünnen Wandschirm und warteten mit ihren Wachen, Zofen und Höflingen auf die Erlaubnis des Vormunds zum Abmarsch. Überall in der Burg selbst machten sich die Männer zur Verteidigung bereit, zäumten Pferde und ver- packten den wertvollsten Besitz der Ältesten zur Evakuierung, die beginnen sollte, sobald die Beschießung einsetzte oder der Rat Mel- dung erhielt, daß feindliche Truppen von Bord gingen. Im Saal des Rates sagte Yoshi auf der hastig einberufenen Ver- sammlung der Ältesten: »Ich wiederhole, ich glaube nicht, daß sie uns militärisch angreifen werden oder besch…« »Und ich sehe keinen Grund zu warten. Die Vorsicht rät uns weg- zugehen; sie werden jeden Moment mit der Beschießung begin- nen«, widersprach Anjo. »Die erste Kanonade war das Warnzei- chen.« »Das glaube ich nicht! Ich glaube, sie war einfach die arrogante Ankündigung ihres Erscheinens. Es hat keine Granateinschläge in der Stadt gegeben. Die Flotte wird uns nicht beschießen, und ich wiederhole, ich bin überzeugt, daß die Zusammenkunft morgen stattfinden wird, wie sie geplant war. Bei diesen Verhandlungen…« »Wie können Sie nur so blind sein? Wenn die Positionen umge- kehrt wären und Sie diese Flotte befehligen würden und diese ge- waltige Übermacht zur Verfügung hätten – würden Sie auch nur ei- ne Sekunde zögern?« Anjo schäumte vor Wut. »Was ist – würden Sie?« »Natürlich nicht! Aber sie sind nicht wir, und wir sind nicht sie, und nur so kann man sie unter Kontrolle halten.«, »Sie begreifen überhaupt nichts!« Verzweifelt wandte sich Anjo an die anderen drei Berater. »Der Shōgun muß an einen sicheren Ort geschafft werden, und wir müssen ebenfalls gehen, damit wir die Regierung weiterführen können. Das ist alles, was ich will, eine vor- übergehende Abwesenheit. Bis auf unsere persönlichen Gefolgsleute werden alle anderen Samurai bleiben, werden alle Bakufu bleiben.« Wieder warf er Yoshi einen zornigen Blick zu. »Sie können ja blei- ben, wenn Sie wollen. Und jetzt werden wir abstimmen: Die vorü- bergehende Abwesenheit ist beschlossen!« »Einen Moment! Wenn Sie das tun, wird das Shōgunat für immer das Gesicht verlieren, und wir werden nie in der Lage sein, die Dai- myos und ihre Gegner zu kontrollieren – nicht mal die Bakufu. Niemals!« »Wir sind nur vorsichtig. Die Bakufu bleiben an Ort und Stelle. Genau wie die Krieger. Als Oberster Berater ist es mein Recht, eine Abstimmung zu verlangen. Ich stimme dafür!« sagte Anjo. »Und ich sage nein«, erklärte Yoshi. »Ich stimme Yoshi-san zu«, sagte Utani, ein kleiner, dünner Mann mit freundlichen Augen und hagerem Gesicht. »Ich stimme ihm zu, daß wir für immer das Gesicht verlieren, wenn wir jetzt weggehen.« Yoshi, der ihn sympathisch fand, erwiderte sein Lächeln – die Daimyos des Watasa-Lehens waren seit den Zeiten vor Sekugahara uralte Verbündete. Er musterte die zwei anderen, beide einflußrei- che Mitglieder von Toranaga-Clans. Beide wichen seinem Blick aus. »Adachi-sama?« Schließlich sagte Adachi, Daimyo von Mito, ein rundlicher, klei- ner Mann, voll Nervosität: »Ich bin derselben Meinung wie Anjo- sama. Wir sollten weggehen, und der Shōgun natürlich auch. Aber ich stimme Ihnen auch zu, daß wir dadurch verlieren könnten, selbst wenn wir gewinnen. Bei allem Respekt, ich stimme mit Nein.« Toyama, der letzte Älteste, war Mitte Fünfzig, mit grauen Haaren, und schwerem Doppelkinn, von einem Jagdunfall auf einem Auge blind – ein alter Mann, für einen Japaner. Er war Daimyo von Kii und der Vater des jungen Shōgun. »Es kümmert mich nicht, ob wir leben oder sterben, auch nicht der Tod meines Sohnes, dieses Shō- gun – es wird immer wieder einen geben. Aber es kümmert mich sehr, daß wir uns zurückziehen sollen, nur weil die Gai-Jin vor un- serer Küste ankern. Ich stimme gegen den Rückzug und für den Angriff, ich bin dafür, daß wir zur Küste gehen, und wenn diese Schakale landen, bringen wir sie alle um, trotz ihrer Schiffe, Kano- nen und Gewehre!« »Wir haben nicht genügend Truppen hier«, gab Anjo zu beden- ken, angewidert von dem alten Mann und seiner Militanz, für die es noch nie einen Beweis gegeben hatte. »Wie oft muß ich es noch sagen: Wir haben nicht genug Truppen, um die Burg zu halten und sie abzuwehren, wenn sie in voller Stärke landen. Wie oft muß ich es noch wiederholen, daß unsere Spione berichten, sie hätten zwei- tausend mit Gewehren bewaffnete Soldaten in den Schiffen und in der Niederlassung, und das Zehnfache davon in Hongkong…« »Wenn Sie das sankin-kotai nicht widerrufen hätten, hätten wir mehr als genug Samurai mit ihren Daimyos hiergehabt«, fiel Yoshi ihm aufgebracht ins Wort. »Das geschah auf Verlangen des Kaisers, schriftlich niedergelegt und von einem Fürsten seines Hofes überbracht. Wir hatten keine Wahl, wir mußten gehorchen. Sie hätten ebenfalls gehorcht.« »Ja – wenn ich das Dokument akzeptiert hätte! Aber das hätte ich niemals getan! Ich wäre entweder nicht dagewesen oder hätte den Fürsten hingehalten, hätte irgendeine von tausend Listen angewandt oder mit Sanjiro verhandelt, der die ›Wünsche‹ veranlaßt hat. Oder ich hätte einem unserer Anhänger am Hof nahegelegt, den Kaiser zur Zurückziehung seines Wunsches zu bewegen. Jeder Petition des Shōgunats muß zugestimmt werden – das ist historisches Gesetz. Noch bestimmen wir über die Bezüge des Hofes! Sie haben unser, Erbe verraten.« »Sie nennen mich einen Verräter?« Zum Schrecken aller packte Anjo den Griff seines Schwertes fester. »Ich sage, Sie haben sich von Sanjiro wie eine Marionette behan- deln lassen«, erwiderte Yoshi ohne eine Regung, ruhig jedoch nur nach außen hin, und hoffte, Anjo werde den ersten Schritt tun, weil er ihn dann töten und seiner Dummheit ein für allemal ein Ende bereiten konnte. »Es wurde noch nie gegen das Vermächtnis verstoßen. Es war ein Verrat.« »Alle Daimyos bis auf die engsten Toranaga-Familien waren dafür! Alle Bakufu stimmten zu, die roju stimmten zu. Es war besser zu- zustimmen, als sämtliche Daimyos ins Lager der Außenherren zu zwingen, wo sie uns – genau wie Sanjiro, die Tosas und Choshus – sofort herausgefordert hätten. Wir wären vollkommen isoliert gewe- sen. Ist es nicht so?« wandte er sich an die anderen. »Oder?« Utani antwortete ruhig: »Es ist wahr, daß ich zugestimmt habe – nun aber bin ich der Meinung, daß es ein Fehler gewesen ist.« »Wir haben den Fehler gemacht, Sanjiro nicht aufzuhalten und ihn zu töten«, sagte Toyama. »Er stand unter dem Schutz des Kaiserlichen Mandats«, wandte Anjo ein. Die Lippen des Alten entblößten die gelblichen Zähne. »Na und?« »Ganz Satsuma hätte sich gegen uns erhoben, mit Recht, die Tosa und Choshu hätten sich dem angeschlossen, und wir hätten einen allgemeinen Bürgerkrieg gehabt, den wir nicht gewinnen können. Und nun stimmt ab! Ja oder nein?« »Ich stimme für Angriff, nur für Angriff«, erklärte der Alte stur, »heute bei einer Landung, morgen gegen Yokohama.« Von fern erklang das Pfeifen von Dudelsäcken., Vier weitere Kutter nahmen Kurs auf die Pier, drei mit Highland-In- fanteristen, die sich den anderen anschließen sollten, die dort unter den ungeduldigen Klängen der Trommeln und Dudelsäcke schon Aufstellung genommen hatten. Kilts, Pelzmützen, scharlachrote Waffenröcke, Repetiergewehre. Im letzten Boot saßen Sir William, Tyrer, Lim und drei seiner Leute. Als sie an Land kamen, salutierte der Captain, der den Befehl über das Detachement hatte. »Alles fertig, Sir. Unsere Patrouillen bewachen die Pier und die Umgebung. In einer Stunde werden die Marines von uns übernehmen.« »Gut. Dann begeben wir uns mal in die Gesandtschaft.« Sir William und sein Gefolge bestiegen die Kutsche, die unter großen Anstrengungen an Land geschafft worden war. Zwanzig Matrosen legten sich in die Zugriemen. Der Captain gab den Be- fehl zum Abrücken, und der Zug setzte sich mit flatternden Fahnen in Bewegung, allen voran ein prächtiger, zwei Meter großer Tam- bourmajor, gefolgt von nervösen chinesischen Kulis aus Yokohama mit den Packwagen. Die schmalen Straßen zwischen den flachen, einstöckigen Ge- schäften und Häusern waren gespenstisch leer. Genau wie der un- vermeidliche Wachtposten an der ersten Holzbrücke über einem stinkenden Kanal. Und der nächste. Aus einem Gäßchen kam laut bellend und knurrend ein Hund, der sich aber heulend davontroll- te, nachdem er von einem Tritt hoch in die Luft befördert und zehn Meter weit geschleudert worden war. Immer wieder menschen- leere Straßen und Brücken, und dennoch gestaltete sich der Weg zur Gesandtschaft wegen der Kutsche mühselig, weil alle Straßen nur für den Fußverkehr angelegt waren. Immer wieder blieb die Kutsche stecken. »Sollten wir vielleicht lieber zu Fuß gehen, Sir?« erkundigte sich Tyrer. »Bei Gott, nein! Ich werde mit der Kutsche vorfahren!« Sir Wil-, liam war wütend auf sich selbst. Er hatte vergessen, wie eng die Straßen waren, hatte sich für die Kutsche nur deswegen entschie- den, weil Räder verboten waren und weil er sein Mißvergnügen über die Bakufu öffentlich kundtun wollte. »Wenn Sie ein paar Häuser einreißen müssen, Captain – nur zu.« Aber das war nicht nötig. Denn die gutmütigen Matrosen, an das Manövrieren schwerer Geschütze auf engem Raum unter Deck ge- wöhnt, schoben und stießen und fluchten und trugen die Kutsche fast um die Engpässe herum. Die Gesandtschaft lag auf einer leichten Anhöhe im Vorort Go- tenyama, gleich neben einem Buddhistentempel. Es war ein zwei- stöckiges, noch unfertiges Gebäude in britischem Stil, umgeben von einem hohen, mit Toren versehenen Zaun. Drei Monate nach Unterzeichnung der Verträge war mit den Arbeiten begonnen wor- den. Der Bau war entnervend langsam vorangekommen, vor allem, weil die Briten nicht von ihren Plänen und ihren gewohnten Bau- materialien lassen wollten, wie etwa Glas für die Fenster, Backsteine für die tragenden Wände – die aus London, Hongkong oder Shang- hai herbeigeschafft werden mußten – sowie Fundamente. Japanische Häuser bestanden im Gegensatz dazu nur aus Holz, waren wegen der Erdbeben absichtlich leicht und bequem gebaut, einfach zu re- parieren und direkt auf dem Erdboden errichtet. Die meisten Ver- zögerungen jedoch waren der Abneigung der Bakufu zu verdanken, außerhalb von Yokohama überhaupt ausländische Bauten zuzulas- sen. Obwohl sie noch nicht ganz fertig war, wurde in der Gesandt- schaft bereits gearbeitet und tagtäglich an einem hochragenden Mast die britische Flagge aufgezogen, ein weiterer Dorn im Auge der Bakufu und der einheimischen Bevölkerung. Seit vergangenem Jahr, als zur Empörung der Briten und zum Jubel der Japaner un- mittelbar vor der Schlafzimmertür von Sir Williams Vorgänger zwei, Wachen von Ronin umgebracht wurden, wurde das Gebäude nicht mehr benutzt. Das Grundstück aber, auf Dauer von den Bakufu gepachtet – irr- tümlich, wie seither behauptet wurde –, war gut gewählt. Der Blick vom Vorgarten aus war der beste der ganzen Umgebung: Man konnte genau beobachten, wie die Flotte in Schlachtordnung Auf- stellung nahm und in sicherem Abstand von der Küste ankerte. In imponierend militärischem Stil erschien nun der Zug, um die Gesandtschaft wieder in Besitz zu nehmen. Sir William hatte be- schlossen, die Nacht in dem Gebäude zu verbringen, um sich auf die Verhandlungen am Tag darauf vorzubereiten, und als er nun ge- schäftig umhereilte, wurde er vom salutierenden Captain unterbro- chen. »Ja?« »Flagge hissen, Sir? Die Gesandtschaft sichern?« »Augenblicklich. Halten Sie sich an den Plan, möglichst viel Lärm, Trommeln, Dudelsäcke und so weiter. Bei Sonnenuntergang lassen Sie Zapfenstreich blasen und die Kapelle auf- und abmar- schieren.« »Jawohl, Sir.« Der Captain ging zum Fahnenmast. Feierlich ent- faltete sich der Union Jack, zum Pfeifen der Dudelsäcke und dem Schlagen der Trommeln, am Mast. Und gleich darauf kam, wie ver- abredet, vom Flaggschiff als Antwort eine Breitseite. Sir William lüf- tete den Hut und brachte ein dreifaches Hoch auf die Königin aus. »Gut, das ist besser, Lim!« »Heya Mass'er?« »Einen Moment, du bist nicht Lim.« »Ich Lim zwo, Mass's, Lim eins komm heut' abend, chop chop.« »Dinner Sonnenuntergang, du machen alles Mass'er blitzblank, macht nichts.« Lim nickte mürrisch; er fand es schrecklich, an diesem abgelege- nen, kaum zu verteidigenden Ort zu sein, umgeben von tausend verborgenen, feindseligen Blicken, die jeder hier leichtsinnig miß-, achtete, obwohl doch alle sie spüren mußten. Ich werde diese Bar- baren niemals verstehen, dachte er bei sich. An jenem Abend konnte Phillip Tyrer nicht einschlafen. Er lag auf einem der Strohsäcke auf einem zerfetzten Teppich, der auf den Fußboden gebreitet war, und wälzte sich alle paar Minuten herum, während ihn unangenehme Gedanken an London und Angélique quälten, an den Angriff und die Verhandlungen morgen, an die Schmerzen in seinem Arm und an Sir William, der den ganzen Tag unausstehlich gewesen war. Im Zimmer war es kalt, und es lag ein leichter Hauch von Winter in der Luft. Die Fenster blickten auf weitläufige, schön bepflanzte Gärten hin- aus. Der andere Strohsack war für den Captain gedacht, der aber noch seine Runden machte. Abgesehen von dem Bellen der plündernden Hunde lag die Stadt totenstill. Hin und wieder waren von der Flotte eine ferne Schiffs- glocke und das kehlige Lachen der Soldaten zu hören, das ihm ein Gefühl der Sicherheit verlieh. Prachtvolle Männer, dachte er. Wir sind hier in Sicherheit. Schließlich erhob er sich, gähnte und ging auf nackten Füßen zum Fenster. Er stieß es auf und lehnte sich auf die Fensterbank. Bei der dichten Wolkendecke war draußen alles pechschwarz. Keine Schatten, aber zahlreiche Highlander, die mit brennenden Öllam- pen patrouillierten. Hinter dem Zaun sah man auf der einen Seite den verschwommenen Umriß des Buddhistentempels. Bei Sonnen- untergang, nachdem die Dudelsäcke den Zapfenstreich geblasen und der Union Jack, wie es üblich war, zur Nacht eingeholt worden war, hatten die Mönche ihr schweres Tor verriegelt, ihre Glocke ge- läutet und dann die Nacht mit ihrem seltsamen Singsang erfüllt: »Ommm manii padmee hummmm…« Immer und immer wieder. Auf Tyrer hatte es beruhigend gewirkt – im Gegensatz zu vielen an-, deren, die laut pfiffen und die Mönche mit rüden Ausdrücken auf- forderten, den Mund zu halten. Er zündete die Kerze an, die er neben seiner Schlafstätte gefunden hatte. Auf seiner Taschenuhr war es zwei Uhr dreißig. Er gähnte abermals, glättete sein Bettlaken, lehnte sich gegen das aufgeschüt- telte Kopfkissen, öffnete den kleinen Aktenkoffer mit seinen Initia- len – ein Abschiedsgeschenk seiner Mutter – und nahm sein Notiz- buch heraus. Er bedeckte die Seite mit den japanischen Wörtern und Sätzen, die er sich phonetisch notiert hatte, rekapitulierte de- ren englische Übersetzungen und blätterte dabei weiter. Anschließ- end machte er es umgekehrt, vom Englischen ins Japanische, und war hocherfreut, daß er jedes einzelne Wort richtig übersetzt hatte. »Es sind so wenige, ich weiß nicht, ob ich sie richtig ausspreche, ich habe so wenig Zeit, und mit dem Schreibenlernen habe ich noch nicht mal begonnen«, murmelte er. In Kanagawa hatte er Babcott gefragt, wo er den besten Lehrer finden würde. »Warum fragen Sie nicht den Padre«, hatte Babcott geantwortet. Das hatte er getan, gestern. »Aber gewiß, mein Junge. Doch diese Woche kann ich leider nicht, wie wär's mit nächster? Noch einen Sherry?« Mein Gott, die können wirklich trinken, hier! Sie schluckten bei- nahe ununterbrochen, vor allem beim Lunch. Der Padre ist un- brauchbar und stinkt gen Himmel. Doch welch ein Glück, mit die- sem André Poncin! Gestern nachmittag hatte er den Franzosen zufällig in einem der japanischen Läden getroffen, wo die Einwohner der Niederlassung ihren anfallenden Bedarf deckten. All diese Läden säumten die Dorfstraße, die auf der seeabgewandten Seite hinter der Hauptstra- ße lag und an die Drunk Town grenzte, schienen sich zu ähneln und verkauften die gleichen Waren – von Lebensmitteln bis zum Angelzeug, von billigen Schwertern bis zu Kuriositäten. Er stöber-, te gerade in einem Regal mit japanischen Büchern – erstklassiges Papier, wunderschön bedruckt und mit Holzdrucken illustriert – und versuchte, sich dem strahlenden Geschäftsinhaber verständlich zu machen. »Pardon, M'sieur«, hatte der Fremde sich eingemischt, »aber Sie müssen dem Mann sagen, was für eine Art Buch Sie suchen.« Er war in den Dreißigern, glattrasiert, gut gekleidet, mit braunen Au- gen und braunem, gewelltem Haar sowie einer schönen Galliernase. »Sie müssen sagen: Wakata shitia bakiu, Ingerish Nihongo, dozo – ich hätte gern ein Buch mit Englisch und Japanisch.« Er lächelte. »Die gibt es hier natürlich nicht, obwohl dieser Bursche hier Ihnen im Brustton der Überzeugung erklären wird: Ah so desu ka, gomen nasai, mujuku hotatsu etc. – Ach, tut mir leid, heute habe ich keine, aber wenn Sie morgen wiederkommen… Er sagt natürlich nicht die Wahrheit, sondern das, was Sie seiner Ansicht nach hören wollen, ein grundlegender Charakterzug der Japaner. Ich fürchte, sie gehen mit der Wahrheit nicht sehr genau um, nicht einmal untereinan- der.« »Aber, M'sieur, darf ich fragen, wo Sie Japanisch gelernt haben, Sie sprechen es ja offensichtlich fließend.« Der Mann lachte freundlich. »Sehr liebenswürdig. Ich kann es lei- der nicht sehr gut, obwohl ich mir Mühe gebe.« Ein belustigtes Achselzucken. »Geduld. Und weil einige von unseren Holy Fathers die Sprache beherrschen.« Phillip Tyrer runzelte die Stirn. »Leider bin ich nicht katholisch, ich gehöre zur Church of England und bin, äh, angehender Dol- metscher bei der britischen Gesandtschaft. Mein Name ist Phillip Tyrer; ich bin gerade erst eingetroffen und ein bißchen verunsich- ert.« »Ach ja, natürlich, der junge Engländer von der Tokaidō. Bitte, entschuldigen Sie, ich hätte Sie erkennen müssen, wir waren alle außer uns, als wir davon hörten. Darf ich mich vorstellen? André, Poncin aus Paris. Ich bin Händler.« »Je suis enchanté de vous voir«, sagte Tyrer, der Französisch mühelos, wenn auch mit einem leichten englischen Akzent sprach – außer- halb Englands war Französisch auf der ganzen Welt die Diploma- tensprache sowie die lingua franca der meisten Europäer und daher unerläßlich für einen Posten im Foreign Office wie auch für jeden, der sich für gebildet hielt. Ebenfalls auf französisch setzte er hinzu: »Glauben Sie, die Fathers würden mich in die Lehre nehmen oder mir erlauben, an ihrem Unterricht teilzunehmen?« »Ich glaube nicht, daß sie regelrecht Unterricht geben. Aber ich kann mich erkundigen. Fahren Sie morgen mit der Flotte?« »Ja, allerdings.« »Ich auch, mit M'sieur Seratard, unserem Gesandten. Waren Sie an der Gesandtschaft in Paris, bevor Sie herkamen?« »Leider nein, ich war nur zwei Wochen in Paris, auf Urlaub – dies hier ist mein erster Posten.« »Oh, aber Ihr Französisch ist ganz ausgezeichnet, M'sieur.« »Leider nein«, widersprach Tyrer auf englisch. »Sind Sie vielleicht auch Dolmetscher?« »O nein, einfach Geschäftsmann, aber ich versuche M'sieur Sera- tard zuweilen zu helfen, wenn sein offizieller Holländisch sprechen- der Dolmetscher krank ist – ich spreche Holländisch. Sie wollen al- so Japanisch lernen, und zwar so schnell wie möglich, eh?« Poncin ging zu dem Regal hinüber und wählte ein Buch. »Haben Sie schon mal eines von diesen gesehen? Das ist Hiroshiges Dreiundfünfzig Stationen an der Tokaidō-Straße. Vergessen Sie nicht, daß sich der An- fang des Buches am Ende befindet, weil die Japaner von rechts nach links schreiben. Die Bilder zeigen die verschiedenen Stationen bis nach Kyōto.« Er blätterte in dem Buch. »Hier ist Kanagawa, und da Hodogaya.« Die vierfarbigen Holzdrucke waren bezaubernd, besser als alles, was Tyrer jemals gesehen hatte, und außergewöhnlich detailliert., »Sie sind wunderschön.« »Ja. Er ist vor vier Jahren gestorben, sehr schade. Manche dieser Künstler sind ganz, ganz hervorragend, Hokusai, Masanobu, Uta- maro und ein Dutzend andere.« André lachte und zog ein anderes Buch heraus. »Hier, das ist ein Muß, ein Leitfaden für japanischen Humor und japanische Kalligraphie, wie sie ihre Schrift nennen.« Phillip Tyrer blieb der Mund offenstehen. Die Pornographie war dekorativ und mehr als deutlich, Seite um Seite, mit wunderschön gekleideten Männern und Frauen, deren nackte Körperteile dort, wo sie sich machtvoll und erfindungsreich vereinten, ins Monströse übertrieben und in majestätischem, behaartem Detail gezeichnet waren. »O mein Gott!« Poncin lachte laut heraus. »Aha, ich habe Ihnen wohl zu einem neuen Vergnügen verholfen. Als Erotika sind sie einmalig, ich habe eine ganze Sammlung, die ich Ihnen gern zeigen werde. Einige wer- den shunga-eh, andere ukiyo-eh genannt – Bilder aus der Weidenwelt und der Schwimmenden Welt. Sind Sie hier schon in einem Bordell gewesen?« »Ich… ich, nein… nein, ich… noch, äh, noch nicht.« »Nun, in dem Fall – darf ich mich Ihnen als Fremdenführer an- dienen?« Jetzt, in der Nacht, erinnerte sich Tyrer an dieses Gespräch und daran, wie peinlich es ihm gewesen war. Er hatte vorzugeben ver- sucht, ebenfalls ein Mann von Welt zu sein, zugleich aber ständig den ersten und oft wiederholten Rat seines Vaters vernommen: »Hör zu, Phillip, die Franzosen sind alle schlecht und nicht ver- trauenswürdig, die Pariser sind der Abschaum Frankreichs, und Paris ist ganz ohne Zweifel der Sündenpfuhl der zivilisierten Welt – unzüchtig und vulgär!« Armer Papa, dachte er, er hat sich in so vieler Hinsicht geirrt, aber schließlich hat er zu Napoleons Zeiten gelebt und das Blutbad von Waterloo überstanden. So groß der Sieg auch gewesen sein, mag, für einen zehnjährigen Trommelbuben muß es furchtbar ge- wesen sein, kein Wunder, daß er nicht vergeben will und nicht ver- gessen und die neue Ära akzeptieren kann. Macht nichts, Papa hat sein Leben, und so sehr ich ihn liebe und ihn für seine Taten be- wundere, ich muß mir meinen eigenen Weg suchen. Frankreich ist heute fast unser Verbündeter – es kann nicht falsch sein, zuzuhören und zu lernen. Als er daran dachte, wie er an Andrés Lippen gehangen hatte, er- rötete er und schämte sich insgeheim, dieser Faszination erlegen zu sein. Wie der Franzose erklärte, waren die Bordelle hier, zumindest die besten von ihnen, Orte von großer Schönheit, und die Kurtisanen, die Damen der Schwimmenden Welt oder Weidenwelt, wie sie ge- nannt wurden, bei weitem die besten, die er jemals erlebt hatte. »Es gibt natürlich Unterschiede, und in den meisten Städten treiben sich auch Straßenmädchen herum. Aber hier haben wir unser Freu- denviertel, Yoshiwara genannt. Es liegt hinter der Brücke, außerhalb der Umzäunung.« Wieder dieses freundliche Lachen. »Wir nennen sie die Brücke zum Paradies. Ach ja, und Sie müssen wissen, daß… Oh, entschuldigen Sie, ich störe Sie bei Ihrem Einkauf.« »Aber nein, ganz und gar nicht«, hatte er sofort entgegnet, voll Angst, daß dieser Fluß der Informationen versiegen und diese selte- ne Gelegenheit vorübergehen würde, und in seinem blumigsten, lie- benswürdigsten Französisch hatte er hinzugesetzt: »Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie fortfahren würden, wirklich, es ist so wichtig, so viel wie nur möglich zu lernen, und die Leute, mit denen ich es zu tun habe, sind… bedauerlicherweise keine Pariser, sondern meistens langweilig und ganz ohne die französische Weltgewandtheit. Um Ihre Freundlichkeit zu erwidern – dürfte ich Sie zum Tee oder Champagner im English Tea House einladen, oder vielleicht zu ei- nem Drink im Yokohama Hotel – Mitglied im Club bin ich leider noch nicht.«, »Zu freundlich von Ihnen. Ja, das wäre mir sehr recht.« Dankbar winkte er dem Geschäftsinhaber und bezahlte mit Pon- cins Hilfe das Buch, das erstaunlich billig war. Dann traten sie auf die Straße hinaus. »Was sagten Sie über die Weidenwelt?« »Daß überhaupt nichts Schmutziges daran ist, wie an den meisten unserer Bordelle und denen auf der ganzen Welt. Hier ist – genau wie in Paris, nur noch viel ausgeprägter – der Sex eine Kunstform, so delikat und außergewöhnlich wie die haute cuisine, die man als solche betrachten, praktizieren und genießen sollte, ohne… bitte entschuldigen Sie, ohne fehlgeleitete angelsächsische ›Schuldgefüh- le‹.« Instinktiv fühlte sich Tyrer getroffen. Sekundenlang war er ver- sucht, den anderen zu korrigieren und zu sagen, daß es einen gro- ßen Unterschied gebe zwischen Schuldgefühlen und einer gesunden Einstellung zur Moral und den guten, viktorianischen Werten. Und wollte hinzufügen, daß die Franzosen leider Gottes niemals beson- ders viel Würde bewiesen hätten mit ihrem Hang zum lockeren Le- benswandel, der selbst so hochgestellte Aristokraten wie den Prince of Wales angesteckt hatte, der Paris ganz offen als seine Heimat be- trachtete, ›eine Quelle tiefster Besorgnis in den höchsten englischen Kreisen‹, grollte die Times, ›die Sittenlosigkeit der Franzosen kennt keine Grenzen, mit der abscheulichen Zurschaustellung ihres Reich- tums und ihren empörenden neuen Tänzen wie dem CanCan, bei dem, wie uns zuverlässig berichtet wird, die Tänzerinnen absichtlich keine Unterwäsche tragen, ja, daß es nicht einmal von ihnen ver- langt wird‹. Aber er sagte nichts davon, denn ihm war klar, daß er damit nur die Worte des Vaters nachplappern würde. Armer Papa, dachte er abermals und konzentrierte sich auf Poncin, mit dem er im ange- nehmen Sonnenschein die High Street entlangschlenderte. »Aber hier in Nippon, M'sieur Tyrer«, fuhr der Franzose munter fort, »gibt es wundervolle Regeln und Vorschriften, sowohl für die, Kunden als auch für die Mädchen. Zum Beispiel stehen nicht stän- dig alle zugleich zur Verfügung, es sei denn in den ganz billigen Häusern, und selbst dann kann man nicht einfach hingehen und sagen, ich will die da.« »Kann man nicht?« »O nein, sie hat das Recht, Sie abzulehnen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Es gibt ein spezielles Protokoll – wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen später erklären –, aber jedes Haus wird von einer Ma- dam geleitet, Mama-san genannt – wobei das san eine Nachsilbe mit der Bedeutung ›Herrin‹, ›Madam‹ oder ›Herr‹ sein kann –, die sehr stolz auf die Eleganz ihrer Umgebung und ihrer Damen ist. Die sich natürlich im Preis und in der Qualität unterscheiden. Die Mama-san prüft Sie auf Herz und Nieren, das ist wirklich der rich- tige Ausdruck, sie entscheidet, ob Sie es wert sind, ihr Haus und alles, was darin ist, zu beehren, mit anderen Worten, ob Sie die Rechnung bezahlen können oder nicht. Hier kann ein guter Kunde sehr viel Kredit bekommen, M'sieur Tyrer, aber wehe Ihnen, wenn Sie nicht bezahlen oder sich verspäten, sobald die Rechnung diskret präsentiert wird. Dann wird Ihnen jedes Haus in ganz Japan jegli- che Art von Zutritt verwehren.« Tyrer lachte nervös über das Wortspiel. »Wie sich die Nachricht verbreitet, weiß ich nicht, aber sie tut es, von hier bis Nagasaki. Also, M'sieur, in manchen Dingen ist das hier das Paradies. Als Mann kann man ein Jahr lang auf Kredit rumhuren, wenn man das will.« Poncins Ton veränderte sich plötz- lich. »Aber der kluge Mann kauft den Kontrakt einer Dame und re- serviert sie sich für sein Privatvergnügen. Und ein Vergnügen sind sie wirklich, unendlich bezaubernd und sehr preisgünstig, wenn man den hohen Profit bedenkt, den wir beim Geldwechseln erzie- len.« »Dann wollen Sie mir, nun ja, also dazu raten?« »Allerdings will ich das.«, Sie tranken Tee und anschließend Champagner im Club, wo An- dré eindeutig ein wohlbekanntes und beliebtes Mitglied war. Bevor sie auseinandergingen, hatte André noch gesagt: »Die Weidenwelt verdient Fürsorge und Aufmerksamkeit. Es wäre mir eine Ehre, ei- ner Ihrer Fremdenführer zu sein.« Er hatte sich bei ihm in dem Bewußtsein bedankt, daß er niemals von diesem Angebot Gebrauch machen werde. Ich meine, was ist mit Angélique? Und was, wenn ich mir eine von diesen widerlichen Krankheiten zuziehe, Gonorrhöe, zum Beispiel, oder die französi- sche Krankheit, die von den Franzosen englische Krankheit und von den Ärzten Syphilis genannt wird, und die, wie George Babcott ausdrücklich betont hat, in allen asiatischen oder mittelöstlichen Vertragshäfen grassiert, »…überhaupt in allen Häfen, Phillip. Ich sehe eine Menge Fälle hier, auch unter den Japanern, die nicht mit den Europäern zu tun haben. Wenn Sie in dieser Hinsicht irgend- welche Absichten haben, tragen Sie einen Schutz, die Dinger sind allerdings nicht sicher und taugen noch nicht viel. Am besten, Sie tun es gar nicht, wenn Sie wissen, was ich meine.« Phillip Tyrer erschauerte. Bisher hatte er nur eine einzige Erfah- rung gemacht. Vor zwei Jahren hatte er sich mit ein paar Kommili- tonen nach dem Abschlußexamen im Star-and-Garter-Pub in der Pont Street sinnlos betrunken. »Jetzt ist der Moment gekommen, Phillip, alter Junge. Alles ist vorbereitet, sie tut's für wenig, nicht wahr, Flossy?« Sie war ein Barmädchen, eine Nutte von ungefähr vierzehn Jahren, und das Ganze hatte hastig in einer übelriechen- den Dachkammer stattgefunden – einen Penny für sie und einen Penny für den Kneipenwirt. Noch monatelang danach hatte er eine Heidenangst, daß er sich angesteckt haben könnte. »In unserer Yoshiwara haben wir über fünfzig Teehäuser, wie sie genannt werden, alle mit Lizenz und von den Behörden kontrol- liert, und tagtäglich werden es mehr. Aber Vorsicht, betreten Sie niemals in Drunk Town so ein Haus.« Das war der sittenlose Teil, der Niederlassung, wo sich die billigen Bars und Pensionen um das einzige europäische Bordell gruppierten: »Das ist für den Pöbel, die Taugenichtse, die Herumtreiber, Glücksspieler und Abenteurer, die dort mit stillschweigender Duldung zusammenkommen. Derartiges Gesindel gibt es in jedem Hafen, weil wir noch keine Polizei, keine Einwanderungsgesetze haben. Vielleicht ist Drunk Town ein Sicher- heitsventil, aber es ist nicht ratsam, sich dort nach Einbruch der Dunkelheit aufzuhalten. Wenn Ihnen Ihre Börse und Ihre Ge- schlechtsteile lieb sind, gehen Sie nicht dorthin. Musko-san ver- dient was Besseres.« »Wie bitte?« »Oh, ein äußerst wichtiges Wort. Musko bedeutet ›Sohn‹ oder ›mein Sohn‹. Musko-san bedeutet wörtlich ›Ehrenwerter Sohn‹ oder ›Mr. Mein Sohn‹, im Patois aber schlicht und einfach ›Schwanz‹ oder ›Mein Ehrenwerter Schwanz‹. Mädchen werden musume ge- nannt. Eigentlich bedeutet das Wort ›Tochter‹ oder ›meine Toch- ter‹, in der Weidenwelt aber ›Vagina‹. Zu Ihrem Mädchen sagen Sie: Konbanwa, musume-san. Guten Abend, chérie. Sagt man es aber mit einem Augenzwinkern, weiß sie, daß Sie meinen: Wie wär's? Wie geht's deinem Goldenen Gully, das, was die Chinesen manchmal als ›Die Pforte der Männer zum Paradies‹ bezeichnen – sie sind ja so weise, diese Chinesen, denn die Wände sind in der Tat mit Gold verkleidet, das Ganze ernährt sich von Gold und kann nur mit Gold geöffnet werden, so oder so.« Tyrer lehnte sich, das Notizbuch vergessend, mit wirbelndem Kopf bequem zurück. Fast noch bevor es ihm klar wurde, lag das kleine Buch mit den ukiyo-e, das er in seinem Aktenkoffer versteckt hatte, aufgeschlagen vor ihm, und er betrachtete die Bilder. Dann steckte er es unvermittelt zurück. Sinnlos, schmutzige Bilder zu betrachten, dachte er, ganz von Ab- scheu erfüllt. Die Kerze zischte schon. Er blies sie aus; dann streck- te er sich mit dem vertrauten Ziehen in den Lenden lang aus., André hat's gut. Offensichtlich hat er eine Mätresse. Das muß wundervoll sein, selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er sagt. Ich frage mich, ob ich mir auch eine nehmen könnte? Könnte ich einen Kontrakt kaufen? André hat gesagt, daß das viele tun und ein privates Häuschen in der Yoshiwara erwerben, das geheim und diskret bleiben kann, wenn man das will: »Es heißt, daß alle Ge- sandten eins besitzen. Sir William geht mit Sicherheit mindestens einmal die Woche dorthin – er denkt, niemand weiß davon, aber alle spionieren ihm nach und lachen. Nur der Holländer hat keins, der ist den Gerüchten zufolge impotent, und auch nicht der Russe, der zieht es ganz offen vor, verschiedene Häuser auszuprobieren…« Sollte ich es riskieren, wenn ich's mir leisten könnte? Schließlich hat André mir einen ganz besonderen Grund genannt: »Wenn Sie möglichst schnell Japanisch lernen wollen, M'sieur, besorgen Sie sich ein lebendiges Wörterbuch – das ist die einzige Möglichkeit.« Aber sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war: Ich möchte wissen, warum André so nett zu mir war, so redselig. Selten, daß ein Franzose einem Engländer gegenüber so offen ist. Sehr selten. Und merkwürdig, daß er kein einziges Mal Angélique erwähnt hat… Es war kurz vor Einbruch der Dämmerung. Ori und Hiraga, wieder in ihrer schwarzen Ninja-Kleidung, die alles verbarg, kamen aus ihrem Versteck auf dem Tempelgrundstück oberhalb der Gesandt- schaft und liefen lautlos hangabwärts, über die Holzbrücke in eine Gasse hinein und dann in die nächste. Hiraga lief voraus. Ein Hund, der sie sah, knurrte, lief ihnen in den Weg und starb. Der kurze, kräftige Hieb, den Hiraga mit seinem Schwert austeilte, kam blitzschnell, dann eilte er mit blanker Klinge weiter, immer tiefer in die Stadt hinein. Ori folgte ihm vorsichtig. Beide Männer waren kampfkräftig, nur daß heute Oris Wunde wieder zu schwären be-, gonnen hatte. An einer geschützten Ecke machte Hiraga halt. »Hier ist es sicher, Ori!« flüsterte er. Schnell schlüpften die beiden Männer aus ihrer Ninja-Kleidung und stopften sie in einen weichen Sack, den Hiraga sich auf den Rücken gehängt hatte; nun trugen sie unauffällige Kimonos. Mit größter Gründlichkeit säuberte Hiraga sein Schwert mit einem Stück Seide, wie es alle Schwertkämpfer bei sich trugen, um ihre Klingen zu schonen; dann schob er es in die Scheide. »Fertig?« »Ja.« Wieder führte er den anderen sicheren Fußes in das Gewirr der Gäßchen hinein, blieb in Deckung, wo er konnte, zögerte vor jeder offenen Strecke, bis er sich überzeugt hatte, daß sie in Sicherheit waren, niemanden sahen, niemandem begegneten, und eilte dann weiter, in Richtung auf ihr sicheres Haus. Sie hatten die Gesandtschaft seit dem frühen Morgen beobachtet; nachdem die Bonzen – die Buddhistenpriester – sich vergewissert hatten, daß es sich bei den beiden Männern nicht um Diebe han- delte, und nachdem Hiraga sich und ihre Absicht identifiziert hatte – die Gai-Jin auszuspionieren –, gaben sie vor, sie nicht zu bemer- ken. Alle Bonzen waren fanatisch fremdenfeindlich und gegen alle Gai-Jin, ein Wort, das in ihren Ohren ein Synonym für Jesuiten war, die sie immer noch als ihre am meisten verhaßten und ge- fürchteten Feinde betrachteten. »Ah, Shishi seid ihr, dann seid ihr uns willkommen«, hatte der alte Mönch gesagt. »Wir haben niemals vergessen, daß sie uns ruiniert haben und daß die Toranaga-Shō- gune unser Verderben waren.« Von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts bis Anfang des sech- zehnten hatten nur die Portugiesen den Weg nach Japan gekannt. Ein päpstliches Edikt hatte ihnen außerdem die Alleinherrschaft, über die Inseln und den portugiesischen Jesuiten das alleinige Recht zum Missionieren zugesichert. Innerhalb weniger Jahre hat- ten sie so viele Daimyos und daher auch ihre Vasallen zum Katholi- zismus bekehrt, daß Diktator Goroda sie als Vorwand benutzte, Tausende von militanten buddhistischen Mönchen abzuschlachten, die seine gefährlichsten Gegner waren. Nakamura, der taikō, der seine Macht erbte, hatte weiterhin Bon- zen gegen Jesuiten ausgespielt. Dann kam Toranaga. Toranaga, zwar allen Religionen, nicht aber dem Einfluß der Fremden gegenüber tolerant, mußte feststellen, daß alle konvertier- ten Daimyos ursprünglich bei Sekigahara gegen ihn gekämpft hat- ten. Drei Jahre später wurde er Shōgun, und zwei Jahre danach trat er zugunsten seines Sohnes Sudara zurück, während er selbst die tatsächliche Macht in der Hand behielt – ein altetablierter japani- scher Brauch. Im Verlauf seines Lebens legte er den Jesuiten und Buddhisten Zügel an und eliminierte oder neutralisierte die katholischen Dai- myos. Sein Sohn, Shōgun Sudara, zog die Zügel straffer an, und dessen Sohn, Shōgun Hironaga, vervollständigte diesen Plan, der im Vermächtnis eingehend niedergelegt worden war, und verbot das Christentum in Japan bei Todesstrafe. Im Jahre 1638 zerstörte er die letzte christliche Bastion in Shimabara bei Nagasaki, wo sich ei- nige tausend Ronin und dreißigtausend Bauern mit ihren Familien gegen ihn erhoben hatten. Jene, die sich weigerten zu widerrufen, wurden gekreuzigt oder als gemeine Verbrecher auf der Stelle dem Schwert überantwortet. Alle, bis auf eine Handvoll, weigerten sich. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Buddhisten. Inner- halb weniger Tage nahm er voller Genugtuung all ihre Ländereien als Geschenk entgegen und legte sie damit an die Kette. »Herzlich willkommen, Hiraga-san, Ori-san«, hatte der alte Mönch noch einmal gesagt. »Wir hier sind für die Shishi, für son- no-joi und gegen das Shōgunat. Ihr könnt kommen und gehen, wie, ihr wollt. Wenn ihr Hilfe braucht, gebt uns Bescheid.« »Dann beobachtet die Anzahl der Soldaten, ihr Kommen und Gehen, welche Räume bewohnt sind und von wem.« Die beiden jungen Männer hatten den ganzen Tag gewartet und beobachtet. Als der Abend dämmerte, legten sie ihre Ninja-Klei- dung an. Zweimal wagte sich Hiraga näher an die Gesandtschaft heran, einmal kletterte er versuchsweise über den Zaun, um zu re- kognoszieren, kehrte jedoch, als ein Posten fast auf ihn getreten wäre, sehr schnell und doch ungesehen zurück. »Bei Nacht werden wir da nie reinkommen, Ori«, flüsterte er. »Und bei Tag erst recht nicht. Viel zu viele Soldaten.« »Was glaubst du, wie lange werden sie bleiben?« Hiraga lächelte. »Bis wir sie vertreiben.« Inzwischen hatten sie fast ihr sicheres Haus erreicht, eine Herber- ge im Osten der Burg. Der Morgen dämmerte, der Himmel wurde heller. Die Straße vor ihnen lag verlassen. Die Brücke ebenfalls. Selbstsicher lief Hiraga darauf zu, nur um sich sofort wieder zu bremsen. Eine zehn Mann starke Bakufu-Patrouille kam aus dem Schatten heraus. Sofort nahmen beide Parteien, Hand am Schwert- griff, Abwehrstellung ein. »Tretet vor und zeigt mir eure Ausweispapiere«, rief der rang- höchste Samurai. »Und wer sind Sie, daß Sie das verlangen?« zischte Hiraga. »Ihr seht unsere Abzeichen«, erwiderte der Mann zornig und trat auf die Holzbohlen der Brücke. Seine Männer verteilten sich hinter ihm. »Wir sind Krieger aus Mori, Neuntes Regiment, Leibwache des Shōgun. Weist euch aus.« »Wir haben das feindliche Lager ausgekundschaftet. Laßt uns vor- bei.« »Ihr seht eher wie Diebe aus. Was ist in dem Sack da auf deinem Rücken, eh? Ausweise!« Oris Schulter schmerzte. Er hatte die bedrohliche Verfärbung, gesehen, sie und die Schmerzen aber vor Hiraga verborgen. Sein Kopf pochte, aber er wußte sofort, daß er nichts zu verlieren, son- dern einen bewundernswerten Tod zu gewinnen hatte. »Sonno-joi!« brüllte er unvermittelt und stürzte sich auf den Sa- murai auf der Brücke. Die anderen wichen zurück, um Platz zu ma- chen, als Ori mit aller Gewalt zuschlug, sich aufrichtete, als der Schlag abgewehrt wurde, dann abermals angriff, und diesmal traf der Schlag ins Schwarze. Der Mann starb im Stehen, dann brach er zusammen. Sofort nahm Ori einen anderen Mann aufs Korn, der zurückwich, und einen dritten, der ebenfalls zurückwich. Der Kreis der Männer begann sich zu lockern. »Sonno-joi!« rief Hiraga und eilte an Oris Seite. Gemeinsam stell- ten sie sich dem Kampf. »Weist euch aus!« forderte ein junger Krieger unbeeindruckt. »Ich bin Hiro Watanabe und will weder töten noch von einem unbe- kannten Krieger getötet werden.« »Ich bin ein Shishi aus Satsuma!« sagte Ori stolz und nannte, wie es bei ihnen üblich war, einen Decknamen. »Riyama Takagaki.« »Und ich bin aus Choshu, mein Name ist Shodan Moto! Sonno- joi«, rief Hiraga und stürzte sich auf Watanabe, der ihm, genau wie die anderen neben ihm, ohne eine Spur von Angst auswich. »Ich habe noch nie von euch gehört«, zischte Watanabe durch die Zähne. »Ihr seid keine Shishi – ihr seid Abschaum.« Sein Ausfall wurde abgewehrt. Hiraga, ein Schwertkämpfer, benutzte die Kraft und das Tempo seines Angreifers, um ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen, trat zur Seite, schlitzte unter dem gegnerischen Schwert hindurch die ungeschützte Flanke des Mannes auf, wich zurück, durchschnitt mit einer einzigen Bewegung den Hals des Mannes, enthauptete ihn, während er zu Boden fiel, und nahm wieder per- fekte Angriffsstellung ein. Das Schweigen war tief. »Bei wem hast du gelernt?« wollte jemand wissen., »Einer meiner Sensei war Toko Fujita«, antwortete Hiraga, mit je- der Faser seines Körpers auf das nächste Töten vorbereitet. »Eeee!« zischte der Atem aus dem Mund des Mannes. Das war einer von Mitos hochverehrten Schwertmeistern, umgekommen '55 bei dem Erdbeben von Edo, das einhunderttausend Opfer gefordert hatte. »Es sind Shishi, und Männer von Mito töten keine Shishi, ihre eigenen Leute«, sagte einer der Männer leise. »Sonno-joi!« Argwöhnisch, der anderen nicht ganz sicher und das Schwert noch kampfbereit, trat der Mann einen Schritt zur Seite. Die ande- ren sahen ihn und dann einander an. Ihm gegenüber trat ein ande- rer Mann zurück. Nun gab es eine einladende, schmale Gasse zwi- schen ihnen, während die Schwerter allerdings noch gezogen waren. Hiraga blieb kampfbereit, erwartete einen Trick, doch Ori nickte; sein Schmerz war vergessen, Sieg oder Tod, es war ihm gleich. Ge- mächlich säuberte er seine Klinge und steckte sie in die Scheide. Höflich verneigte er sich vor den beiden Toten, dann schritt er, we- der rechts noch links, noch zurück blickend, durch die schmale Gasse. Gleich darauf folgte ihm auch Hiraga. Ebenso langsam. Bis sie um die Ecke gebogen waren. Dann nahmen sie beide die Beine in die Hand und machten erst halt, als sie in sicherer Entfernung wa- ren.

Die fünf Bakufu-Repräsentanten wurden, angeführt von Samuraimit Bannern, die ihre offiziellen Embleme trugen, und umge-

, ben von Leibwachen, in ihren Sänften gemächlich in den Vorhof der Gesandtschaft getragen. Sie kamen eine Stunde zu spät. Sir Wil- liam stand auf der obersten Stufe der breiten Treppe, die zu dem beeindruckenden Portal emporführte. Neben ihm der französi- sche, der russische und der preußische Gesandte mit ihren Adjutan- ten, Phillip Tyrer und andere Mitglieder des Gesandtschaftsperso- nals sowie eine Highlander-Ehrengarde zusammen mit einigen fran- zösischen Soldaten, die Seratard ausdrücklich verlangt hatte. Admi- ral Ketterer und der General waren als Reserve an Bord geblieben. Die Japaner verneigten sich höflich, Sir William und die anderen lüfteten den Hut. Feierlich geleiteten sie die Japaner in den großen Audienzsaal und suchten dabei ihre Belustigung über deren exoti- sche Kostümierung zu verbergen: kleine, schwarzlackierte Hüte, die quer auf den kahlrasierten Schädeln saßen und kunstvoll unter dem Kinn verknotet waren, breitschultrige Übermäntel, bunte, traditio- nelle Seidenkimonos, voluminöse Pantalons, Riemensandalen und zwischen den Zehen geteilte Schuhsocken – tabe –, Fächer und die unvermeidlichen beiden Schwerter im Gürtel. »Diese Hüte sind nicht mal groß genug zum Reinpissen«, stellte der Russe fest. Sir William saß mit den Gesandten in der Mitte einer Reihe von Stühlen, Phillip Tyrer an einem Ende. Die Bakufu nahmen die ge- genüberliegende Stuhlreihe ein, die Dolmetscher hockten auf Kis- sen dazwischen. Nach einer längeren Diskussion einigten sie sich auf jeweils fünf Wachen, die hinter ihren Herren standen und ein- ander argwöhnisch begutachteten. Dem strengen Protokoll gemäß stellten sich die Gegner selbst vor. Toranaga Yoshi kam als letzter: »Tomo Watanabe, unterer Be- amter zweiter Klasse«, sagte er mit vorgetäuschter Bescheidenheit und nahm den untersten Platz am Ende der Reihe ein. Auch seine Kleidung war weniger prächtig als die der anderen, die, genau wie alle Wachen, unter Androhung strenger Strafe den Befehl erhalten hatten, ihn hier als den unbedeutendsten der fünf Beamten zu be-, handeln. Mit einem seltsamen Gefühl nahm er Platz. Wie häßlich diese Feinde doch sind, dachte er, wie albern und lächerlich mit ihren hohen Hüten, den exotischen Stiefeln und den schweren schwarzen Kleidern – kein Wunder, daß sie stinken! Sir William begann sehr behutsam und mit schlichten Worten: »Ein Engländer wurde von Satsuma-Samurai ermordet…« Um fünf Uhr waren die Europäer mit ihren Nerven fast am Ende, die Japaner dagegen noch immer höflich, lächelnd, nach außen hin unerschütterlich. In immer wieder anderer Form behauptete ihr Sprecher, daß… Verzeihung, Satsuma nicht in ihre Zuständigkeit fal- le, sie nichts über die Mörder wüßten und auch keine Möglichkeit hätten, sie zu suchen, daß es in der Tat eine bedauerliche Angele- genheit sei, sie aber nicht wüßten, wie man eine Entschädigung er- zielen könne, daß unter bestimmten Umständen in der Tat um Entschädigung nachgesucht werden könne, daß aber der Shōgun nicht zu erreichen sei, daß der Shōgun bei seiner Rückkehr in der Tat gern eine Audienz gewähren werde, aber nicht in der vorausseh- baren Zukunft, daß sie in der Tat sofort ein genaues Datum erbit- ten würden, aber nicht in diesem Monat, weil sein gegenwärtiger Aufenthaltsort nicht genau bekannt sei, daß es in der Tat so bald wie möglich sein werde, die nächste Verhandlung und überhaupt alle Verhandlungen aber nicht in Edo stattfinden könnten, in Kana- gawa ja, aber Verzeihung, nicht in diesem Monat, vielleicht im nächsten, aber Verzeihung, wir sind nicht befugt… Jeder Punkt mußte vom Englischen über das Holländische ins ja- panische übersetzt, dann von ihnen ausgiebig diskutiert werden, da- mit die Antwort anschließend peinlich genau wieder ins Holländi- sche und Englische übersetzt werden konnte – mitsamt der unver- meidlichen Moralpredigt und überaus höflich vorgetragenen Bitten um Erklärung auch für die belanglosesten Fragen. Yoshi fand das ganze Verfahren höchst interessant, denn bisher, hatte er Gai-Jin noch nie in größerer Zahl gesehen oder an Ver- handlungen teilgenommen, bei denen Unebenbürtige erstaunlicher- weise über Verfahrensweisen diskutierten, statt zuzuhören und zu gehorchen. Drei der anderen vier waren echte, wenn auch unwichtige Baku- fu-Beamte. Alle hatten, wie es beim Umgang mit Ausländern üblich war, falsche Namen benutzt. Der Hochstapler, der heimlich Eng- lisch sprach, saß neben Yoshi. Sein Name war Misamoto. Yoshi hatte ihm befohlen, sich alles zu merken, ihm verstohlen alles mit- zuteilen, was von Belang und nicht richtig übersetzt worden war, ansonsten aber den Mund zu halten. Er war ein Verbrecher, dem die Todesstrafe drohte. Als Yoshi ihn zwei Tage zuvor holen ließ, hatte sich Misamoto zitternd vor Angst vor ihm zu Boden geworfen. »Steh auf und setz dich da drüben hin.« Mit dem Fächer deutete Yoshi auf den Rand der Tatami-Plattform, auf der er saß. Misamoto gehorchte eilig. Er war ein kleiner Mann mit Schlitzaugen und lan- gem, grauem Haar, dem der Schweiß übers Gesicht lief. Seine Klei- dung war grob und fast völlig zerlumpt, die Hände schwielig, die Haut von der Farbe dunklen Honigs. »Du wirst mir jetzt die Wahrheit sagen: Deine Vernehmer be- richten mir, daß du Englisch sprichst?« »Ja, Herr.« »Du bist in Anjiro in Izu geboren und warst in dem Land, das man Amerika nennt?« »Ja, Herr.« »Wie lange warst du dort?« »Fast vier Jahre, Herr.« »Wo in Amerika?« »San Francisco, Herr.« »Was ist San'frensiska?« »Eine große Stadt, Herr.«, »Nur dort?« »Ja, Herr.« Yoshi musterte ihn; er brauchte dringend Informationen. Wie er sah, war dieser Mann verzweifelt bemüht, ihn zufriedenzustellen, hatte zugleich aber Todesangst vor ihm und vor den Wachen, die ihn hereingestoßen und seinen Kopf auf den Boden gedrückt hat- ten. Also beschloß er, etwas anderes zu versuchen. Er entließ die Wachen, erhob sich, ging zum Fenster und blickte auf die Stadt hinaus. »Erzähl mir mit deinen eigenen Worten, was geschehen ist – aber schnell!« »Ich lebte als Fischer im Dorf Anjiro in Izu, Herr, wo ich vor dreiunddreißig Jahren geboren wurde, Herr«, begann Misamoto hastig seine Geschichte, die er offenbar schon hundertmal erzählt hatte. »Vor neun Jahren ging ich mit sechs anderen in meinem Boot einige ri vor der Küste fischen, doch wir gerieten unversehens in einen Sturm, der sehr schnell zu einem großen Unwetter an- wuchs, und wurden dreißig Tage lang oder mehr nach Osten aufs große Meer hinausgetrieben, Hunderte von ri weit, vielleicht sogar tausend, Sire. Während dieser Zeit wurden drei meiner Freunde über Bord gespült. Dann wurde die See ruhig, aber unsere Segel wa- ren zerfetzt, und wir hatten weder Essen noch Wasser. Wir versuch- ten alle drei zu angeln, fingen aber nichts und hatten kein Wasser… Einer von uns wurde wahnsinnig, sprang ins Wasser, versuchte auf eine Insel zuzuschwimmen, die er zu sehen glaubte, und ertrank kurz darauf. Wir sahen weder Land noch Schiff, nur Wasser. Dann, eines Tages, glaubte ich, schon tot zu sein, denn ich sah dieses selt- same Schiff, das ohne Segel fuhr und zu brennen schien, aber es war nur ein amerikanischer Schaufelraddampfer, der von Hongkong nach San Francisco fuhr. Sie retteten mich, gaben mir zu essen und behandelten mich wie einen der Ihren – ich war wie erstarrt vor Angst, Herr, aber sie teilten ihr Essen mit mir, gaben mir zu trinken und Kleider…«, »Dieses amerikanische Schiff hat dich zu diesem San-Ort ge- bracht? Was geschah dann?« Misamoto berichtete, daß er bei einem Bruder des Schiffskapitäns untergebracht wurde, einem Händler für Schiffszubehör, um die Sprache zu lernen und als Handlanger zu arbeiten, bis die Behör- den entschieden, was mit ihm geschehen sollte. Etwa drei Jahre lang lebte er bei dieser Familie und arbeitete dort im Laden wie auch im Hafen. Eines Tages wurde er vor einen wichtigen Beamten namens Natow gebracht, der ihn eingehend befragte und ihm dann mitteilte, er werde mit dem Kriegsschiff Missouri nach Shimoda ge- schickt, wo er dem Gesandten Townsend Harris als Dolmetscher dienen solle, der sich bereits in Japan befinde, um über einen Ver- trag zu verhandeln. Inzwischen trug er westliche Kleidung und hat- te sich einiges von der westlichen Lebensart angeeignet. »Ich habe mit Freuden akzeptiert, Sire, weil ich überzeugt war, hier helfen zu können, vor allem den Bakufu helfen zu können. Am neunten Tag des achten Monats des Jahres 1857 nach ihrer Zeitrechnung, vor fünf Jahren, Sire, drehten wir vor Shimoda in Izu bei; mein Heimatdorf liegt nicht sehr weit nördlich, Sire. Als ich an Land ging, erbat ich Erlaubnis, mich für einen Tag entfernen zu dürfen, und machte mich sofort auf, Herr, um mich im nächsten Wachhaus zu melden und den nächsten Bakufu-Beamten aufzusu- chen, denn ich war überzeugt, man werde mich wegen der Kennt- nisse, die ich erworben hatte, willkommen heißen… Aber die Schlagbaumwachen wollten nicht…« Misamotos Gesicht verzerrte sich vor Kummer. »Aber sie wollten mir nicht zuhören, Sire, oder begreifen… Sie fesselten mich und schleppten mich nach Edo… das war vor ungefähr fünf Jahren, Herr, und seitdem werde ich wie ein Verbrecher behandelt und eingesperrt, wenn auch nicht im Gefäng- nis, und immer wieder erkläre und erkläre ich, daß ich kein Spion bin, sondern ein loyaler Mann aus Izu, und was mir zugestoßen ist…«, Voll Abscheu sah Yoshi, daß dem Mann die Tränen übers Ge- sicht liefen. Er schnitt dem Jammernden das Wort ab. »Hör auf! Ist dir bekannt, daß es gesetzlich verboten ist, Nippon ohne Erlaubnis zu verlassen?« »Ja, Herr, aber ich dachte…« »Und ist dir bekannt, daß es dem Gesetzesbrechcr, wer er oder sie auch sein mag, im Rahmen desselben Gesetzes bei Todesstrafe ver- boten ist zurückzukehren?« »O ja, Sire, ja, ja, das wußte ich, aber ich dachte, daß das nicht auf mich zutrifft, Sire, ich dachte, man würde mich willkommen heißen und zu schätzen wissen, und außerdem war ich ja auch aufs Meer hinausgetrieben worden. Es war der Sturm, der…« »Gesetz ist Gesetz. Und dieses Gesetz ist ein gutes Gesetz. Es ver- hindert Seuchen und Ansteckung. Bist du der Meinung, daß man dich ungerecht behandelt hat?« »Oh, aber nein, Herr!« versicherte Misamoto hastig, wischte sich die Tränen ab und senkte mit sogar noch größerer Angst den Kopf bis auf die Tatami. »Bitte, entschuldigen Sie, ich erflehe Ihre Verzei- hung, bitte, entschuldigen…« »Beantworte meine Fragen. Wie gut ist dein Englisch?« »Ich… Ich verstehe und spreche amerikanisches Englisch, Sire.« »Ist das dasselbe, was die Gai-Jin hier sprechen?« »Ja, Sire, mehr oder weniger…« »Als du kamst, um diesen Amerikaner Harris aufzusuchen – warst du da glattrasiert oder unrasiert?« »Unrasiert, Sire, ich trug einen gestutzten Bart, wie die meisten Seeleute, Sire, und hatte mir die Haare wachsen lassen wie sie, zu einem Zopf geflochten und mit Teer verknotet.« »Wen hast du außer diesem Gai-Jin Harris kennengelernt?« »Nur ihn, Sire, nur für eine Stunde oder so, und einen aus seinem Stab, an den Namen kann ich mich nicht erinnern.« Wieder erwog Yoshi die Gefahren seines Planes: ohne Zustim-, mung des Rates verkleidet an den Verhandlungen teilzunehmen und diesen Mann als Spion zu benutzen, um den Feind insgeheim zu belauschen. Vielleicht ist Misamoto ja jetzt schon ein Spion – für die Gai-Jin, dachte er grimmig: seine Vernehmer sind davon überzeugt. Mit Sicherheit ist er ein Lügner, seine Geschichte ist viel zu glatt, sein Blick zu verschlagen, und wenn er sich unbeobachtet fühlt, gleicht er einem Fuchs. »Nun gut. Später möchte ich alles erfahren, was du gelernt hast, alles und… Kannst du lesen und schreiben?« »Ja, Herr, aber auf Englisch nur ein wenig.« »Gut. Ich habe Verwendung für dich. Wenn du mir gehorchst und mich zufriedenstellst, werde ich deinen Fall überdenken. Wenn du versagst, und sei es auch nur im geringsten Maße, wirst du dir wünschen, du hättest es nicht getan.« Also erklärte er ihm, was er wollte, teilte ihm Lehrer zu, und als die Wachen Misamoto gestern vorführten, sauber rasiert, das Haar wie ein Samurai frisiert und in der Kleidung eines Beamten mit zwei Schwertern, obwohl sie blind waren und ohne Klingen, hatte er ihn nicht wiedererkannt. »Gut. Geh auf und ab.« Als Misamoto gehorchte, war Yoshi tief beeindruckt davon, wie schnell dieser Mann anstelle der korrekten, normalen, unterwürfi- gen Haltung des Fischers die stolze, aufrechte Haltung gelernt hat- te, die ihm von seinem Lehrer gezeigt worden war. Zu schnell, dachte er, nunmehr überzeugt, daß Misamoto mehr – oder weniger – war, als er andere glauben machen wollte. »Hast du genau verstanden, was deine Aufgabe ist?« »Ja, Herr. Ich schwöre, daß ich Sie nicht enttäuschen werde, Sire.« »Das weiß ich. Meine Wachen haben Befehl, dich sofort zu töten, wenn du von meiner Seite weichst oder ungeschickt wirst – oder… unbesonnen.«, »Wir machen eine Pause von zehn Minuten«, sagte Sir William er- schöpft. »Teilen Sie ihnen das mit, Johann.« »Sie wollen wissen, warum.« Johann Favrod, der Schweizer Dol- metscher, gähnte. »Pardon. Sie sind offenbar der Meinung, daß alle Punkte besprochen wurden etc. etc., sie werden Ihre Nachricht wei- terleiten etc. etc. und sich in sechzig Tagen, wie bereits vorgeschla- gen etc. etc., in Kanagawa abermals mit Ihnen treffen, um Ihnen die Antwort von ganz oben zu überbringen etc. etc.« »Gebt mir nur einen Tag lang die Flotte, und ich werde diese matyeryebitz und das ganze Problem gelöst haben.« »Durchaus«, stimmte Sir William zu, um in fließendem Russisch zu ergänzen: »Tut mir leid, mein lieber Graf, aber wir sind hier, um möglichst eine diplomatische Lösung auszuhandeln.« Dann, wieder auf Englisch: »Zeigen Sie ihnen, wo sie warten können, Johann. Ge- hen wir, Gentlemen?« Er stand auf, verbeugte sich steif und ging in einen Warteraum voraus. Als er an Phillip Tyrer vorbeikam, sagte er: »Sie bleiben bei ihnen. Halten Sie Augen und Ohren offen.« Alle Gesandten nahmen Kurs auf den Nachttopf, der in der Ecke ihres Vorzimmers stand. »O mein Gott!« seufzte Sir William erleich- tert. »Fast wäre meine verdammte Blase geplatzt.« Lim kam herein, andere Diener mit großen Tabletts im Schlepp- tau. »Heya, Mass'er. Tee-ah, Sam'wich-ah!« Dann deutete er verächt- lich mit dem Daumen auf den anderen Raum. »Alles selbe geben, Affen, heya?« »Du solltest sie das lieber nicht hören lassen, bei Gott. Vielleicht sprechen einige von ihnen Pidgin.« Lim starrte ihn an. »Was sagen, Mass'er?« »Ach, macht nichts.« Vor sich hinlachend ging Lim hinaus. »Also, Gentlemen, wie erwartet keinerlei Fortschritt.« Seratard steckte seine Pfeife an; André Poncin, neben ihm, war eindeutig erfreut über Sir Williams Unbehagen. »Was schlagen Sie, vor, Sir William?« »Was würden Sie raten?« »Es ist ein britisches Problem und nur zum Teil ein französisches. Wenn es das meine wäre, hätte ich es bereits mit französischem élan gemeistert – am selben Tag, an dem es entstanden ist.« »Doch dazu, mein Herr, hätten Sie natürlich eine ebenso großar- tige Flotte gebraucht«, warf von Heimrich kurz und knapp ein. »Natürlich. Wie Sie wissen, haben wir in Europa viele davon. Und wenn es der kaiserlich französischen Politik entspräche, sich hier in voller Kraft zu entfalten wie unsere britischen Verbündeten, hätten wir ein oder zwei Flotten herbeordert.« »Tja, nun…« Sir William war müde. »Es ist also abgemacht, daß Sie alle der Meinung sind, man müßte hart mit ihnen umspringen, ja?« »Hart und unnachgiebig«, betonte Graf Sergejew. »Ja.« »Selbstverständlich«, bestätigte Seratard. »Ich dachte, das hätten Sie bereits geplant, Sir William.« Der Gesandte kaute ein Sandwich und trank seinen Tee. »Nun gut. Ich werde die Verhandlungen jetzt beenden und auf morgen vormittag um zehn vertagen – mit einem Ultimatum: Eine Zusam- menkunft mit dem Shōgun innerhalb einer Woche, die Mörder und die Entschädigung; wenn nicht… Natürlich nur, wenn Sie alle einverstanden sind.« »Ich hätte einen Vorschlag, Sir William«, sagte Seratard. »Ange- nommen. Sie haben Schwierigkeiten, eine Zusammenkunft mit dem Shōgun zu arrangieren – warum schieben wir das nicht für später auf, bis wir Verstärkung erhalten haben? Und einen triftigen Grund für eine Besprechung mit ihm. Schließlich ist diese Veranstaltung eine Machtdemonstration, um eine Untat zu korrigieren, und keine imperiale Politik, weder von Ihrer noch von unserer Seite.« »Sehr klug«, kommentierte der Preuße widerwillig., Sir William erwog die Gründe hinter diesem Vorschlag, fand aber weder einen Fehler noch eine verborgene Gefahr. »Nun gut. Wir werden eine ›baldige Zusammenkunft‹ mit dem Shōgun verlangen. Einverstanden?« Alle nickten. »Entschuldigen Sie, Sir William«, warf André Poncin liebenswürdig ein, »darf ich vorschlagen, daß ich den Herren Ihre Entscheidung vortrage? Wenn Sie die Sitzung eröffnen und sofort wieder beenden, wäre das doch ein Gesichtsverlust für Sie, nicht wahr?« »Sehr klug, André«, bestätigte Seratard. Soweit die anderen wuß- ten, war Poncin nur ein Kaufmann mit einiger Kenntnis der japani- schen Bräuche und der japanischen Sprache, ein persönlicher Freund und gelegentlicher Dolmetscher. In Wirklichkeit war Poncin ein hochgeschätzter Spion, der alle britischen, deutschen und russi- schen Bestrebungen in Japan aufdecken und neutralisieren sollte. »Eh, Sir William?« »Ja«, antwortete Sir William nachdenklich. »Ja, Sie haben recht, André. Vielen Dank. Ich sollte es wirklich nicht selber tun. Lim!« Unverzüglich ging die Tür auf. »Heya, Mass'er?« »Hol jungen Mass'er Tyrer, schnell, schnell!« Und dann, zu den anderen: »Tyrer kann das für mich besorgen. Schließlich ist es ein britisches Problem.« Als Phillip Tyrer in den anderen Konferenzraum zurückkehrte, von dem man auf den Vorhof hinaussehen konnte, ging er so würdevoll wie möglich auf Johann zu. Die Bakufu-Beamten schenkten ihm keine Beachtung, sondern redeten weiter, während Yoshi mit Misa- moto – dem einzigen, der nichts sagte – ein wenig abseits stand. »Johann, überbringen Sie ihnen Sir Williams Grüße und sagen Sie ihnen, daß die heutigen unzufriedenstellenden Verhandlungen ver- tagt werden und sie sich morgen um zehn wieder hier einfinden, sollen – zu einem, wie er hofft, zufriedenstellenden Abschluß die- ser unbegründeten Affäre: die Mörder, die Entschädigung und die Garantie für eine baldige Zusammenkunft mit dem Shōgun.« Johann wurde blaß. »Einfach so?« »Jawohl, genau so.« Auch Tyrer hatte das ewige Hin und Her satt, das ihn immer wieder an John Canterburys gewaltsamen Tod, Mal- colm Struans schwere Verletzungen und Angéliques Angst erinner- te. »Sagen Sie's ihnen!« Er beobachtete, wie Johann das kurzgefaßte Ultimatum in guttu- ralem Holländisch überbrachte. Der japanische Dolmetscher erröte- te und begann mit einer langatmigen Übersetzung, während Tyrer die Beamten unauffällig, aber eingehend beobachtete. Vier von ih- nen hörten aufmerksam zu, der fünfte dagegen nicht, ein kleiner Mann mit engstehenden Augen und schwieligen Händen, die ihm bisher nicht aufgefallen waren – die Hände aller anderen waren ge- pflegt. Wieder flüsterte dieser Mann auf Watanabe, den jüngsten und ansehnlichsten Beamten, ein, wie er es den ganzen Tag schon immer wieder getan hatte. Ich wünschte, ich könnte verstehen, was sie sagen, dachte Tyrer gereizt, entschlossen, alles zu tun, um möglichst schnell Japanisch zu lernen. Als der geschockte und verlegene Dolmetscher innehielt, entstand tiefes Schweigen, unterbrochen nur durch scharfes Einsaugen des Atems. Die Gesichter dagegen blieben ausdruckslos. Während der Übersetzung hatte er bemerkt, daß zwei von ihnen Watanabe ver- stohlene Blicke zuwarfen. Warum? Jetzt schienen sie zu warten. Watanabe senkte den Blick, versteck- te sich hinter seinem Fächer und murmelte etwas. Sofort erhob sich der Mann mit den engstehenden Augen und äußerte ein paar Wor- te. Erleichtert standen alle auf und gingen, ohne sich zu verneigen, schweigend hinaus. Watanabe bildete, bis auf den Dolmetscher,, den Schluß. »Diesmal haben sie wohl endlich kapiert, Johann«, sagte Tyrer er- leichtert. »Ja. Und ganz schön verbiestert waren sie.« »Offenbar genau, was Sir William beabsichtigte.« Johann trocknete sich die Stirn. Er hatte braune Haare, war mit- telgroß schlank und hatte ein hartes, zerfurchtes Gesicht. »Je schneller Sie Dolmetscher werden, desto besser. Es wird Zeit, daß ich zu meinen Bergen und dem Schnee zurückkehre, solange mein Kopf noch auf den Schultern sitzt. Es gibt zu viele von diesen Kre- tins; sie sind zu unberechenbar.« »Als Dolmetscher nehmen Sie aber doch sicher eine privilegierte Stellung ein«, sagte Tyrer voll Unbehagen. »Der Mann, der alles zu- erst erfährt.« »Und der Überbringer schlechter Nachrichten! Und es sind alle- samt schlechte Nachrichten, mon vieux. Sie hassen uns und können es nicht erwarten, uns endlich wieder rauszuwerfen. Ich habe einen Zweijahresvertrag mit Ihrem Foreign Office, der mit beiderseitigem Einverständnis verlängert werden kann. Dieser Vertrag läuft in zwei Monaten und drei Tagen aus, und mein Englisch geht den Bach runter.« Johann ging zum Sideboard am Fenster hinüber und trank einen großen Schluck von dem Bier, das er sich statt des Tees be- stellt hatte. »Keine Verlängerung, so groß die Versuchung auch sein mag.« Unvermittelt begann er zu strahlen. »Musume, das ist das Pro- blem, wenn man hier weg will.« Tyrer lachte über seine verschmitzte Miene. »Musume? Ihr Mäd- chen?« »Sie lernen schnell.« Im Vorhof bestiegen die Beamten ihre Sänften. Die sechs Gärtner hatten ihre Tätigkeit eingestellt und knieten mit tief gesenktem, Kopf regungslos auf dem Boden. Misamoto, der neben Yoshi war- tete, war sich ständig der Tatsache bewußt, daß er beim kleinsten Fehler nicht mehr aufrecht stehen würde, und hoffte verzweifelt, die Probe bestanden zu haben. Irgendwie werde ich mich diesem Bas- tard nützlich machen, dachte er auf Englisch, bis ich wieder ein amerikanisches Schiff besteigen und dem Kapitän schildern kann, wie ich durch dieses widerliche Gesindel aus Harris' Stab entführt wurde… Er blickte auf und erstarrte. Yoshi beobachtete ihn aufmerksam. »Herr?« »Woran hast du gerade gedacht?« »Daß ich hoffe, von Nutzen gewesen zu sein, Sire. Ich… Achtung, hinter Ihnen, Sire!« flüsterte er. André Poncin kam die Treppe herunter direkt auf Yoshi zu. So- fort bildeten seine Wachen einen undurchdringlichen Kordon um ihn. Furchtlos grüßte Poncin mit einer höflichen Verbeugung und sagte in annehmbarem, wenn auch stockendem Japanisch: »Ent- schuldigen bitte, Herr, dürfte ich Nachricht von meinem Master, französisch Oberherr, überbringen?« »Was für eine Nachricht?« »Er sagen, Sie bitte vielleicht sehen Inneres von Dampfschiff, Ma- schine, Kanonen. Bittet demütig, Sie und Beamte einladen.« Poncin wartete, entdeckte aber keinerlei Reaktion, nur einen herrischen Wink mit dem Fächer, offenbar ein Zeichen, daß er sich entfernen solle. »Vielen Dank, Herr, bitte entschuldigen.« Fest überzeugt, recht gehabt zu haben, ging er davon. Auf der ersten Stufe entdeck- te er, daß Tyrer ihn vom Fenster des Audienzzimmers aus beo- bachtete, unterdrückte einen Fluch und winkte. Tyrer winkte zu- rück. Als die letzten Samurai den Vorhof verließen, nahmen die Gärt- ner vorsichtig die Arbeit wieder auf. Einer von ihnen schulterte den Spaten und hinkte davon. Hiraga, ein schmutziges, altes Tuch um, den Kopf gewickelt und in einem zerlumpten, dreckigen Kimono, freute sich über den Erfolg seiner Spionage. Jetzt wußte er, wie, wann und wo der Überfall morgen stattfinden mußte. Wieder in Sicherheit seiner Sänfte auf dem Rückweg zur Burg – mit Misamoto, der auf seinen Befehl ihm gegenüber am anderen Ende saß –, ließ Yoshi seine Gedanken wandern. Er wunderte sich noch immer über die unhöfliche Verabschiedung, war aber nicht wütend wie die anderen, sondern geduldig: Die Rache wird in einer Form erfolgen, die ich selbst wähle. Eine Einladung, die Maschinen eines Kriegsschiffs zu besichtigen und einen Rundgang zu machen? Eeee, eine Chance, die nicht un- genutzt bleiben darf. Gefährlich, aber ich werde es wagen. Sein Blick richtete sich auf Misamoto, der durch einen Schlitz in den Vorhängen hinausblickte. Bisher ist der Gefangene Misamoto tat- sächlich nützlich gewesen. Dumm von den Dolmetschern, nicht präzise zu übersetzen. Dumm von den Russen, uns zu drohen. Dumm von ihnen, so unhöflich zu sein. Dumm von dem chinesi- schen Diener, uns als Affen zu bezeichnen. Sehr dumm. Nun, ich werde mich um sie alle kümmern, um einige früher als um die an- deren. Aber was ist mit den Führern und ihrer Flotte? »Misamoto, ich habe beschlossen, dich nicht ins Wachhaus zu- rückzuschicken. Zwanzig Tage lang wirst du bei meinen Gefolgsleu- ten untergebracht werden und lernen, dich wie ein Samurai zu ver- halten.« Schon hatte Misamoto den Kopf bis auf den Boden der Sänfte gebeugt. »Vielen Dank, Herr.« »Wenn du mich zufriedenstellst. Also: Was wird morgen gesche- hen?« Misamoto zögerte; er war starr vor Angst. Die oberste Überle-, bensregel lautete, einem Samurai niemals schlechte Nachrichten zu bringen, nichts zu sagen, nichts freiwillig zu berichten und, falls ge- zwungen, allen nur das zu sagen, was sie vermutlich hören wollten. Hier war es anders. Die Antwort liegt auf der Hand, hätte er gern gerufen und fiel wieder in seine Gewohnheit zurück, auf Englisch zu denken, das einzige, was ihn während der Jahre der Haft bei Verstand gehalten hatte. Wenn du wüßtest, wie sie in der Familie, bei der ich war, miteinander umgehen, wie sie mich behandelt haben, als Dienstbo- ten, gewiß, aber dennoch wie einen Mann, besser, als ich es mir je erträumt hätte; daß jeder Mann aufrecht gehen und ein Messer oder eine Schußwaffe tragen kann, bis auf die meisten schwarzen Männer; wie ungeduldig sie darauf bedacht sind, ein Problem mög- lichst schnell zu lösen, um sogleich das nächste in Angriff zu neh- men – falls nötig, mit der Faust, dem Revolver oder einer Kanona- de; daß nach ihrem Gesetz fast alle gleichberechtigt sind und daß es keine stinkenden Daimyos oder Samurais gibt, die jeden umbrin- gen können, wenn sie Lust dazu haben… Yoshi, der seine Gedanken erriet, sagte leise: »Wenn dir dein Le- ben lieb ist, antworte mir wahrheitsgemäß – immer!« »Selbstverständlich, Herr. Immer.« Starr vor Angst gehorchte Mi- samoto. »Entschuldigung, Herr, aber wenn sie nicht kriegen, was sie wollen, werden sie, glaube ich… werden sie Edo in Schutt und Asche legen.« Ich stimme dir zu, aber nur, wenn wir dumm sind, dachte Yoshi. »Schaffen sie das, mit ihren Kanonen?« »Ja, Herr. Nicht die Burg, aber die Stadt würde beschossen wer- den.« Und das wäre eine törichte Verschwendung von Toranaga-Res- sourcen, dachte Yoshi. Wenn wir wie gewohnt versorgt werden wol- len, würden wir sie alle ersetzen müssen, Bauern, Handwerker, Kur- tisanen und Kaufleute. »Wie also würdest du ihnen ein bißchen, Suppe, aber keinen Fisch geben?« »Bitte, entschuldigen Sie, ich weiß es nicht, Herr. Ich weiß es nicht.« »Dann denk nach. Und gib mir deine Antwort bei Tagesan- bruch.« »Aber… Jawohl, Herr.« Yoshi lehnte sich in die Seidenkissen zurück und konzentrierte sich auf die gestrige Besprechung mit den Ältesten. Da Anjo den Befehl, die Burg zu räumen, schließlich hatte zurückziehen müssen, weil ein Befehl ohne eindeutige Mehrheit ungültig war, hatte er, als offizieller Vormund, die Abreise des Shōgun untersagt. Ich habe gewonnen, dieses Mal, aber nur, weil Toyama, dieser starrköpfige, alte Narr, darauf bestanden hat, für seinen irrwitzigen Angriffsplan und damit weder für noch gegen mich zu stimmen. Anjo hat recht: Die anderen beiden stimmen gewöhnlich mit ihm und gegen mich. Nicht aus bestimmten Gründen, sondern weil ich der bin, der ich bin – der Toranaga, der anstelle dieses idiotischen Bengels Shōgun sein müßte. Weil Yoshi sich in der Sänfte sicher fühlte und bis auf Misamoto – der niemals erraten würde, was er wirklich dachte – allein war, ließ er zu, daß seine Gedanken sich auf das Thema Nobusada richteten, so geheim, so schwer zu fassen, so gefährlich und permanent. Was tun mit ihm? Ich kann ihn nicht mehr lange zügeln. Er ist infantil und nun- mehr in den gefährlichsten Klauen von allen, in denen der Prinzes- sin Yazu: Spionin des Kaisers und fanatisch gegen das Shōgunat, das ihre Verlobung mit dem geliebten Spielkameraden ihrer Kinder- zeit aufgelöst hatte, einem hübschen und äußerst adäquaten Prin- zen; gegen das Shōgunat, das sie ins ständige Exil gezwungen hatte, fern von Kyōto, ihrer Familie und all ihren Freunden; und in die Ehe mit einem Schwächling, dessen Erektion so schlaff ist wie ein Banner im Sommer und der möglicherweise niemals Kinder zeugen, kann. Jetzt hat sie sich diesen Staatsbesuch in Kyōto ausgedacht, um vor dem Kaiser Kotau zu machen, ein Meisterstreich, der das labile Gleichgewicht der letzten Jahrhunderte zerstören wird. Eine Konsultation wird zur nächsten führen, dachte Yoshi, und dann wird der Kaiser herrschen und nicht wir. Das wird Nobusada niemals einsehen; seine Augen sind durch ihre Ränke verblendet. Was ist zu tun? Wieder einmal schlugen Yoshis Gedanken den längst ausgetrete- nen, aber streng geheimgehaltenen Pfad ein: Er ist mein rechtmäßi- ger Lehnsherr. Wenn ich nicht mein eigenes Leben wegwerfen will, und das will ich momentan nicht, kann ich ihn nicht direkt um- bringen; er wird zu gut bewacht. Andere Mittel? Gift. Aber dann würde man mich zu Recht verdächtigen, und selbst wenn ich den Wachen, die mich umgeben, entkommen könnte – ich bin ebenso ein Gefangener wie Misamoto –, würde das Land in einen endlosen Bürgerkrieg gestürzt werden, dessen einzige Gewinner die Gai-Jin sind, und ich hätte, schlimmer noch, den Treueeid gebrochen, den ich dem Shōgun, wer immer er ist, und dem Vermächtnis geschwo- ren habe. Ich muß an meiner Stelle andere ihn töten lassen. Die Shishi? Ich könnte ihnen helfen, aber den Feinden zu helfen, die meine eigene Vernichtung planen, wäre gefährlich. Eine einzige Möglichkeit bleibt: die Götter. Er gestattete sich ein Lächeln. »Glück und Unglück«, schrieb Shō- gun Toranaga, »sollte man dem Himmel und dem Naturgesetz überlassen – man kann sie nicht durch Gebete oder listige Pläne herbeizwingen.« Hab Geduld, hörte er Toranaga sagen. Hab Geduld. O ja, das werde ich. Yoshi dachte wieder an den Rat. Was soll ich ihnen sagen? Inzwi- schen werden sie natürlich wissen, daß ich die Gai-Jin getroffen ha-, be. In Zukunft werde ich auf einer unabdingbaren Regel bestehen: Wir dürfen nur intelligente Männer zu diesen Verhandlungen schi- cken. Was noch? Mit Sicherheit einiges über ihre Soldaten, hünen- haft, mit ihren scharlachroten Uniformer, und kurzen Röcken, den riesigen Federhüten, jeder Mann mit einem Hinterlader bewaffnet, der blitzblank geputzt ist und so sorgsam gepflegt wird wie unsere Klingen. Soll ich ihnen erzählen, daß diese Feinde Toren sind, die keine Finesse haben und durch ihre Ungeduld und ihren Haß gesteuert werden können? Misamoto hat mir genug erzählt, um daraus zu schließen, daß sie genauso zerstritten und haßerfüllt sind wie unsere Daimyos. Nein, das werde ich für mich behalten. Aber daß unsere Abordnung morgen versagen wird, wenn sie nicht eine Verzögerung erfinden, die die Gai-Jin mit Freuden hinnehmen, das werde ich ihnen erzählen. Was könnte das sein? »Dieser Botschafter, Misamoto«, erkundigte er sich lässig, »der hochgewachsene Mann mit der großen Nase, warum hat er wie eine Frau gesprochen, Frauenworte benutzt? War er ein Halbmann-Halb- frau?« »Ich weiß es nicht, Sire. Vielleicht war er das, sie haben viele da- von an Bord ihrer Schiffe, Sire, obwohl sie es verbergen.« »Warum?« »Ich weiß es nicht, Sire, es ist schwer, sie zu verstehen. Sie reden nicht so offen wie wir über den Beischlaf, über die beste Position, oder ob ein Junge besser ist als eine Frau. Aber über das Sprechen wie eine Frau: In ihrer Sprache sprechen Männer und Frauen alle gleich, ich meine, sie benutzen dieselben Wörter, Sire, anders als wir in Japan. Die paar Matrosen, die ich kennengelernt habe und die einige Worte von unserer Sprache verstanden, Männer, die in Nagasaki waren, sprechen genauso wie die Großnase, weil sie immer nur mit den Huren gesprochen und unsere Wörter von den Huren gelernt haben. Sie wissen nicht, daß unsere Frauen anders sprechen, als wir, als die Männer, Sire, andere Wörter benutzen, wie es sich für zivilisierte Menschen gehört.« Yoshi verbarg seine plötzliche Erregung. Unsere Huren sind ihr einziger, wahrer Kontakt, dachte er. Und sie haben natürlich alle Huren. Also wäre es eine Möglichkeit, sie durch ihre Huren, weib- lich oder männlich, zu beherrschen und möglicherweise anzugrei- fen. »Ich werde der Flotte nicht befehlen, Edo zu beschießen, nicht ohne offiziellen schriftlichen Befehl der Admiralität oder des For- eign Office«, sagte der Admiral, hochrot im Gesicht. »Meine An- weisungen lauten, genau wie die Ihren, wohlüberlegt vorzugehen. Wir befinden uns NICHT auf einer Strafexpedition.« »Mann Gottes, wir haben einen Zwischenfall, auf den wir reagie- ren müssen. Selbstverständlich ist es eine Strafexpedition!« Sir Wil- liam war nicht weniger verärgert. Inzwischen schlug es acht Glasen, Mitternacht. Sie saßen im Quartier des Admirals an Bord des Flagg- schiffs am runden Tisch. Der General, Thomas Ogilvy, war der ein- zige weitere Gast. Die Kajüte war niedrig und geräumig, mit schwe- ren Balken; durch die Heckfenster sah man die Ankerlichter der an- deren Schiffe. »Noch einmal: Ich bin überzeugt, daß sie sich ohne Gewalt nicht rühren werden.« »Holen Sie sich den Befehl, bei Gott, und ich werde dafür sorgen, daß sie sich rühren.« Der Admiral füllte sein Glas mit Portwein aus der nahezu leeren Kristallkaraffe. »Thomas?« »Danke.« Der General reichte ihm ebenfalls sein Glas. Bemüht, sich zu beherrschen, sagte Sir William: »Lord Russell hat bereits Anweisung erteilt, die Bakufu auf Entschädigung zu drän- gen, fünfundzwanzigtausend Pfund für die Gesandtschaftsmorde an dem Sergeant und dem Corporal letztes Jahr. Wenn er von diesem Zwischenfall hört, wird seine Wut noch steigen. Ich kenne ihn, Sie, nicht«, ergänzte er, bewußt übertreibend. »Ich werde seine Zustim- mung erst in drei Monaten erhalten. Wir müssen aber jetzt Genug- tuung fordern, sonst wird das Morden weitergehen. Ohne Ihre Un- terstützung sind mir die Hände gebunden.« »Sie haben meine volle Unterstützung, bei Gott, solange es nicht zum Krieg kommt. Wenn wir ihre Hauptstadt beschießen, bedeutet das jedoch Krieg. Dafür sind wir nicht ausgerüstet. Thomas? Stim- men Sie mir zu?« »Ein Dorf wie Hodogaya zu umzingeln«, gab der General nach- denklich zurück, »ein paar hundert Wilde auszulöschen und einen kleinen, eingeborenen Potentaten in Ketten zu legen ist etwas ganz anderes als der Versuch, diese riesige Stadt und die Burg zu bela- gern.« Mit einem vernichtenden Blick sagte Sir William: »Und was ist mit Ihrer Behauptung, es gäbe ›keinen vorstellbaren Einsatz, den die Streitkräfte unter meinem Befehl nicht schnellstens durchfüh- ren‹ könnten?« Der General wurde rot. »Was man in der Öffentlichkeit sagt, hat wenig mit der Praxis zu tun, das wissen Sie! Edo, das ist ein ganz anderer Fall.« »Ganz recht.« Der Admiral leerte sein Glas. »Und was schlagen Sie vor?« Das Schweigen wuchs. Plötzlich zer- brach der Stiel von Sir Williams Weinglas zwischen seinen Fingern; die anderen zuckten zusammen. »Verdammt!« fluchte er, aber die Scherben schienen seinen Zorn ein wenig zu dämpfen. Nachlässig tupfte er den Wein mit der Serviette auf. »Ich bin hier der Gesand- te. Wenn ich es für nötig erachte, einen Befehl zu erteilen, und Sie weigern sich, mir zu gehorchen, wozu Sie natürlich das Recht ha- ben, werde ich selbstverständlich auf Ihre sofortige Ablösung drin- gen.« Der Hals des Admirals lief blaurot an. »Ich habe die Fakten der Admiralität bereits vorgelegt. Aber täuschen Sie sich nicht: Ich bin, mehr als bereit Vergeltung für den Mord an Mr. Canterbury und den Überfall auf die anderen zu üben. Wenn es Edo sein soll, brau- che ich, wie schon gesagt, nur noch einen schriftlichen Befehl. Es hat keine Eile; jetzt oder in drei Monaten – diese Wilden werden alles bezahlen, was wir verlangen, mit dieser Stadt oder einhundert anderen.« »O ja, das werden sie, bei Gott!« Sir William erhob sich. »Noch eine wichtige Information, bevor Sie gehen: Ich kann Ihnen nicht versprechen, sehr viel länger an diesem Ankerplatz liegenzubleiben. Meine Flotte ist ungeschützt, der Meeresgrund gefährlich flach, das Wetter wird sich verschlechtern, und in Yokohama sind wir viel sicherer.« »Wie lange noch wäre sicher für Sie?« »Ein Tag – ich weiß es nicht, ich habe keine Kontrolle über das Wetter, das in diesem Monat, wie Sie wohl wissen, äußerst unzuver- lässig ist.« »Ja, das weiß ich. Seltsam, nicht? Nun, ich muß gehen. Ich brau- che Sie beide um zehn Uhr bei den Verhandlungen an Land. Schie- ßen Sie freundlicherweise bei Tagesanbruch, wenn wir die Fahne aufziehen, Salut. Thomas, schicken Sie bitte zweihundert Dragoner an Land, um die Umgebung der Pier zu sichern.« »Darf ich fragen, warum noch weitere zweihundert Mann?« fragte der General. »Ich habe schon eine Kompanie an Land.« »Vielleicht möchte ich Geiseln nehmen. Guten Abend.« Damit schloß er leise die Tür. Die beiden Herren starrten ihm nach. »Meint er das ernst?« »Keine Ahnung, Thomas. Aber bei dem höchst ehrenwerten, ver- dammt hitzigen William Aylesbury kann man nie wissen.« In der tiefen Dunkelheit kam ein weiteres Detachement schwer be- waffneter Samurai aus dem Haupttor der Burg, lief lautlos über die, herabgelassene Zugbrücke, dann über die Brücke, die über den brei- ten Burggraben führte und schlug den Weg zur Gesandtschaft ein. Andere Kompanien stießen zu ihnen. Bald waren über zweitausend Samurai versammelt, während sich weitere tausend bereit hielten, um auf Befehl einzugreifen. Zusammen mit seiner Wache, einem Offizier und zehn High- landern stapfte Sir William müde und deprimiert durch die men- schenleeren Straßen; seine Gedanken waren auf morgen konzen- triert, und er versuchte einen Ausweg aus dieser Sackgasse zu fin- den. Sie bogen um eine Ecke dann um eine weitere. Am Ende die- ser Straße lag der offene Platz, der zur Gesandtschaft führte. »Großer Gott, Sir, sehen Sie da!« Der Platz war gefüllt mit schweigenden Samurai, die sie regungs- los beobachteten. Allesamt schwer bewaffnet. Schwerter, Bogen, Speere, ein paar Musketen. Auf ein leichtes Geräusch hin blickten Sir William und seine Begleiter sich um. Der Weg hinter ihnen war ebenfalls von einer Masse ebenso schweigender Samurai versperrt. »Himmel!« murmelte der junge Offizier. »Ja.« Sir William seufzte. Dies war eine mögliche Lösung, aber dann helfe Gott jedem einzelnen von ihnen! Die Flotte würde um- gehend reagieren. »Gehen wir weiter. Ihre Männer sollen sich schußbereit machen und die Gewehre entsichern.« Ohne sich mutig vorzukommen, führte er die Männer weiter. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, außerhalb seines Körpers zu stehen, sich selbst und die anderen zu beobachten, als schwebe er über der Straße. Zwischen den Samurai, von einem Offizier ange- führt, öffnete sich ein schmaler Pfad. Als Sir William bis auf drei Meter herangekommen war, verneigte sich der Mann sehr höflich, von gleich zu gleich. Ebenso höflich lüftete Sir William den Hut und ging weiter. Seine Soldaten folgten ihm, die Gewehre in der Hand, den Finger am Abzug. Den ganzen Weg den Hügel hinauf. Schweigend, beobachtend., Den ganzen Weg bis zum Tor. Doch keine Samurai-Truppen im Vorhof. Vorhof und Gärten wimmelten von Highlandern, bewaff- net und schußbereit, weitere standen auf dem Dach und an den Fenstern. Soldaten öffneten ihm das Tor und verschlossen es hinter ihm. Im Foyer erwarteten ihn Tyrer und das übrige Gesandtschaftsper- sonal, manche in Nachtkleidern, manche nur halb bekleidet, und umringten ihn neugierig. »Großer Gott, Sir William!« sagte Tyrer für sie alle. »Wir hatten furchtbare Angst, die würden Sie gefangen- nehmen.« »Seit wann sind sie hier?« »Ungefähr seit Mitternacht, Sir«, antwortete ein Offizier. »Wir hatten Wachen am Fuß des Hügels aufgestellt. Als der Feind kam, haben uns die Männer gewarnt und sich zurückgezogen. Wir sahen keine Möglichkeit, Sie zu warnen oder der Flotte zu signalisieren. Wenn sie bis zum Tagesanbruch warten, können wir das Grund- stück halten, bis weitere Truppen eintreffen und die Flotte das Feuer eröffnet.« »Gut«, antwortete er ruhig. »Wenn dem so ist, schlage ich vor, daß wir alle zu Bett gehen. Stellen Sie ein paar Wachen auf, der Rest der Männer kann sich hinlegen.« »Sir?« Der Offizier war sprachlos. »Wenn sie uns umbringen wollten, hätten sie das längst tun kön- nen, auch ohne das Schweigen und das ganze Tamtam.« Sir Wil- liam merkte, daß sie ihn alle anstarrten, und fühlte sich wohler, nicht mehr so tief deprimiert. Er begann die Treppe emporzustei- gen. »Gute Nacht.« »Aber, Sir, meinen Sie nicht…« Seine Worte erstarben. Sir William seufzte erschöpft. »Wenn Sie die Männer Dienst ma- chen lassen wollen – bitte sehr. Wenn es Sie glücklich macht…« Ein Sergeant kam ins Foyer geeilt und rief laut: »Sir? Sie ziehen ab! Diese kleinen Giftzwerge verschwinden!«, Sir William warf einen Blick aus dem Fenster am Treppenabsatz und sah, daß die Samurai tatsächlich im Dunkel der Nacht ver- schwanden. Zum erstenmal bekam er Angst. Er hatte nicht erwartet, daß sie sich zurückzogen. Innerhalb weniger Sekunden war der Pfad den Hügel hinab geräumt und der Platz menschenleer. Aber er spürte, daß sie sich nicht weit entfernt hatten, daß sich die Feinde in je- dem Hauseingang und jeder nahen Nebenstraße drängten und in aller Ruhe abwarteten, bis sie die Falle endlich zuschnappen ließen. Ein Glück, daß die anderen Gesandten und der größte Teil unse- rer Männer an Bord und in Sicherheit sind! Gott sei Dank, dachte er und stieg die Treppe mit einem Schritt empor, der fest genug war, um allen, die ihn beobachteten, Mut einzuflößen. Donnerstag, 20. September

Die Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ lag nicht weitvon der Edo-Burg entfernt in einer zweifelhaften Gasse und

fast ganz hinter einem hohen, ungepflegten Zaun versteckt. Von der Straße aus wirkte sie schmutzig und unauffällig. Drinnen jedoch war sie luxuriös und kostbar eingerichtet, war der Zaun fest und sicher. Gepflegte Gärten umgaben das weitläufige, einstöckige Ge- bäude mit seinen zahlreichen, auf niedrigen Stelzen errichteten Ein- zimmerhäusern, die für spezielle Gäste und absolute Intimität be- stimmt waren. Die Gäste der Herberge waren wohlhabende Kaufleu- te; darüber hinaus aber war die Herberge für bestimmte Shishi ein, sicheres Haus. Jetzt, unmittelbar vor Tagesanbruch, war alles friedlich, lagen die Gäste, die Kurtisanen, die Mama-san, die Zofen und Dienerinnen in tiefem Schlaf. Bis auf die Shishi, die sich lautlos bewaffneten. Ori saß, den Kimono bis zur Taille heruntergezogen, auf der Ve- randa eines dieser kleinen Häuser und wechselte mit großer Mühe den Verband der Wunde an seiner Schulter. Die Wunde war inzwi- schen grellrot und qualvoll empfindlich. Und da sein ganzer Arm pochte, wußte er, daß er dringend einen Arzt brauchte. Dennoch hatte er Hiraga erklärt, es sei zu gefährlich, einen Doktor zu holen oder aufzusuchen: »Er könnte verfolgt werden. Wir können es nicht riskieren, zu viele Spione, und Edo ist Toranaga-Refugium.« »Du hast recht. Also kehrst du nach Kanagawa zurück.« »Sobald der Einsatz beendet ist.« Sein Finger rutschte aus, streifte die schwärende Wunde und schickte einen furchtbaren Schmerz durch seinen Körper. Es hat keine Eile, ein Arzt kann sie öffnen und das Gift entfernen, dachte er, obwohl er nur halb daran glaub- te. Karma. Und Karma, wenn sie weiter fault. So vertieft war er in seine Beschäftigung, daß er den Ninja nicht hörte, der über den Zaun kam und sich von hinten an ihn heranschlich. Sein Herz verkrampfte sich vor Angst, als ihm der Ninja, um ei- nen Aufschrei zu ersticken, eine Hand über den Mund legte. »Ich bin's«, flüsterte Hiraga zornig; dann ließ er ihn los. »Ich hätte dich zwanzigmal töten können.« »Ja.« Ori deutete auf die Büsche, wo mit schußbereitem Bogen ein anderer Samurai stand. »Aber er hält Wache, nicht ich.« »Gut.« Hiraga grüßte die Wache und zog besänftigt seine Maske herunter. »Sind die anderen drinnen bereit, Ori?« »Ja.« »Und dein Arm?« »In Ordnung.« Vor Schmerzen keuchte Ori auf und verzog das Gesicht, als Hiraga die Hand ausstreckte und ihn an der Schulter, packte. Tränen liefen ihm aus den Augen, aber er gab keinen Laut von sich. »Du bist eine Belastung. Du kannst heute nicht mit uns gehen – du wirst nach Kanagawa zurückkehren.« Damit ging Hiraga ins Haus. Ori folgte ihm niedergeschmettert. Drinnen saßen elf bewaffnete Shishi auf den feinen Tatamis. Neun waren Hiragas Landsleute aus Choshu. Die zwei Neuen stammten aus der Mori-Patrouille, die sie gestern hatte passieren lassen, und waren desertiert, um sich ihnen anzuschließen. Müde nahm Hiraga Platz. »Ich habe es nicht geschafft, auf zwei- hundert Schritt an den Tempel oder die Gesandtschaft heranzu- kommen; also können wir sie nicht in Brand stecken und Herrn Yoshi mitsamt den anderen umbringen, wenn sie dort eintreffen. Unmöglich. Wir müssen ihnen anderswo auflauern.« »Entschuldigen Sie mich, Hiraga-san, aber sind Sie sicher, daß es Herr Yoshi war?« fragte ihn einer der beiden Moris. »Ja. Ich bin sicher.« »Ich kann nicht begreifen, warum er das Risiko eingehen und mit so wenigen Wachen die Burg verlassen sollte, nur um sich mit ein paar stinkenden Gai-Jin zu treffen. Dazu ist er zu intelligent, er muß doch wissen, daß er, vom Shōgun abgesehen, das bevorzugte Ziel für die Shishi ist, wichtiger noch als der Verräter Anjo.« »Ich habe ihn erkannt, ich war ihm in Kyōto einmal ganz nahe«, erwiderte Hiraga, der den beiden Mori-Samurai nicht traute. »Was immer der Grund ist, er kann es zwar riskieren, zur Gesandtschaft einmal ohne Wachen zu gehen, aber nicht zweimal. Mit Sicherheit ist das der Grund, warum es in der Umgebung von Bakufu-Samurai wimmelt. Aber morgen wird er die Burg abermals verlassen, und das ist eine Gelegenheit, die wir nicht ungenutzt lassen dürfen. Könnten wir irgendwo einen Hinterhalt legen? Hat jemand einen Vorschlag?« »Kommt darauf an, wie viele Samurai er im Gefolge hat«, antwor-, tete ein Mori-Samurai. »Falls die Verhandlungen so stattfinden, wie es die Gai-Jin wünschen.« »Falls? Könnte es sein, daß Herr Yoshi eine Kriegslist plant?« »Ich an seiner Stelle würde das tun. Sie nennen ihn den Fuchs.« »Und wie würdest du das anstellen?« Der Mann kratzte sich das Kinn. »Irgendwie für eine Verzögerung sorgen.« Hiraga runzelte die Stirn. »Aber wenn er, wie gestern, in die Ge- sandtschaft geht – wo wäre er am exponiertesten?« »Wenn er aus seiner Sänfte steigt«, antwortete Ori. »Der Vorhof der Gai-Jin ist am günstigsten.« »Aber wir können nicht hinein, nicht einmal als Selbstmordkom- mando.« Das Schweigen vertiefte sich. Dann sagte Ori leise: »Je näher am Burgtor, desto sicherer werden sich seine Offiziere fühlen, desto we- niger Leibwachen und desto nachlässiger ihre Aufmerksamkeit beim Herauskommen – und wenn sie wieder hineingehen.« Hiraga nickte zufrieden, lächelte ihm zu und winkte einem seiner Landsleute. »Wenn das Haus erwacht, sag Mama-san, daß sie einen Arzt für Ori holen soll – heimlich und schnell.« »Wir waren uns einig, daß das nicht sicher ist«, protestierte Ori sofort. »Du mußt versorgt werden. Du bist nützlich. Deine Idee ist per- fekt.« Ori verneigte sich. »Ist wohl besser, wenn ich zum Arzt gehe, neh'?« Im ersten Licht des Tages eilte Phillip Tyrer mit zwei Highlandern, einem Sergeant und einem einfachen Soldaten, fast im Laufschritt zur Pier hinunter. »Großer Gott, Phillip, zwei Wachen sind mehr als genug«, hatte Sir William kurz zuvor gesagt. »Wenn die Japse, wirklich Ärger machen wollen, kann unsere ganze Garnison Sie nicht schützen. Die Nachricht muß an Ketterer überbracht werden, und Sie sind der Bote. Bye!« Genau wie Sir William mußte er den Weg durch Hunderte von schweigenden Samurai nehmen, die kurz vor Tagesanbruch zurück- gekehrt waren. Keiner belästigte ihn oder schien seine Gegenwart auch nur zu bemerken. Und nun lag das Meer vor ihm. Sein Schritt wurde schneller. »Halt, wer da? Halt, oder ich schieße Ihnen den Kopf von den Schultern«, kam eine Stimme aus dem Schatten. Tyrer erstarrte. »Verdammt noch mal«, sagte er, vor Angst zitternd. »Wer zum Teufel kann es denn schon sein? Ich bin's, mit einer dringenden Nachricht für den Admiral und den General.« »Verzeihung, Sir.« Gleich darauf saß Tyrer in einem Boot und wurde auf das Flagg- schiff zugerudert. Er war so froh, der Gesandtschaftsfalle entronnen zu sein, daß er am liebsten geweint hätte. Ungeduldig trieb er die Ruderer an und stieg dann die Gangway zwei Stufen auf einmal em- por. »Hallo, Phillip!« Der Wachoffizier auf dem Hauptdeck war Mar- lowe. »Was zum Teufel ist eigentlich los?« »Hallo, John. Wo ist der Admiral? Ich habe eine dringende Nach- richt von Sir William für ihn. Die Gesandtschaft ist von Tausenden dieser Hunde eingeschlossen.« »Himmel!« Besorgt führte ihn Marlowe einen Gang entlang nach achtern. »Und wie sind Sie rausgekommen?« »Einfach so. Sie haben mich durchgelassen, aber kein einziges ver- dammtes Wort gesagt. Haben mich einfach durchgelassen. Ich hatte eine Heidenangst, das kann ich Ihnen sagen – die Kerle waren überall, nur nicht innerhalb unserer Mauern und unten an der Pier.« Der Marinesoldat, der vor der Kajütentür Wache stand, salutierte, stramm. »Morgen, Sir.« »Dringende Nachricht für den Admiral.« Sofort kam eine schneidende Stimme von drinnen: »Dann brin- gen Sie sie um Gottes willen herein, Marlowe! Nachricht von wem?« Seufzend öffnete Marlowe die Tür. »Sir William, Sir.« »Was zum Teufel hat dieser Idiot jetzt wieder…« Als Admiral Ket- terer Tyrer sah, unterbrach er sich. »Ah, Sie sind sein Adjutant, nicht wahr?« »Angehender Dolmetscher, Sir, Phillip Tyrer.« Er überreichte ihm das Schreiben. »Äh, mit Empfehlungen von Sir William.« Der Admiral, noch im langen Flanellnachthemd, riß den Um- schlag auf und schürzte beim Lesen nachdenklich die Lippen: Ich halte es für das Beste, auf Ihr Erscheinen wie auch auf das des Gene- rals und der anderen Gesandten bei der heutigen Sitzung zu verzichten. Wir sind von Hunderten, wenn nicht Tausenden schwer bewaffneter Sa- murai umzingelt. Bisher haben sie noch keine feindseligen Handlungen begangen und auch niemandem am Verlassen des Grundstücks gehin- dert. Natürlich haben sie das Recht, ihre Truppen aufmarschieren zu las- sen, wo sie wollen – vielleicht ist es auch nur ein Bluff, um uns zu beun- ruhigen. Aus Gründen der Sicherheit werde ich jedoch allein mit den Ba- kufu verhandeln – falls sie überhaupt erscheinen. (Ist das der Fall, werde ich einen blauen Wimpel aufziehen und versuchen, Sie über die Ent- wicklungen auf dem laufenden zu halten.) Sollten die Bakufu nicht er- scheinen, werden wir ein oder zwei weitere Tage abwarten, dann müs- sen wir womöglich einen schmählichen Rückzug anordnen. Vorerst je- doch wird das Einziehen der Flagge bedeuten, daß sie uns überrannt ha- ben. In diesem Fall dürfen Sie nach Ihrem Gutdünken verfahren. Ich verbleibe, Sir, Ihr gehorsamer Diener… Der Admiral las das Schreiben ein weiteres Mal, dann sagte er ener-, gisch: »Mr. Marlowe, bitten Sie den Kapitän und den General so- fort zu mir. Übermitteln Sie folgende Nachricht an alle Schiffe: ›Umgehend Kampfstationen einnehmen. Alle Kapitäne um zwölf Uhr mittags zum Rapport an Bord des Flaggschiffs.‹ Anschließend ein Signal an die Gesandten mit der Bitte, sich so bald wie möglich hierherzubemühen. Mr. Tyrer, lassen Sie sich ein Frühstück servie- ren, und halten Sie sich bereit, in wenigen Minuten meine Ant- wort zurückzubringen.« »Aber, Sir, meinen Sie nicht…« Der Admiral brüllte jedoch schon der geschlossenen Türe zu: »Johnson!« Sofort öffnete seine Ordonnanz die Tür. »Der Barbier ist unter- wegs, Sir, Ihre Uniform ist frisch gebügelt, das Frühstück wird so- fort auf Ihrem Tisch stehen, und der Porridge ist heiß!« Ketterers Blick fiel auf Marlowe und Tyrer. »Worauf, zum Teufel, warten Sie noch?« In Yokohama schlingerte der Struan-Kutter – das einzige dampf- und schraubengetriebene kleine Boot in Japan – gegen die Pier, denn der Wind hatte aufgefrischt, und es herrschte leichter Seegang. Geschickt kletterte Jamie McFay die Stufen empor und eilte die Pier entlang auf das zweistöckige Gebäude zu, das die High Street beherrschte. Es war erst knapp acht Uhr, aber er war trotzdem schon zu dem zweimal im Monat einlaufenden Postdampfer hin- ausgefahren, der bei Tagesanbruch angekommen war, um Briefe, Päckchen und die neuesten Zeitungen zu holen, wertvolles Fracht- gut, das sein chinesischer Assistent auf einen Karren zu laden be- gann. In der Hand hielt Jamie McFay zwei Briefumschläge, der eine geöffnet, der andere versiegelt. »Morgen, Jamie.« Aus einer kleinen Gruppe unausgeschlafener Kaufleute, die auf ihre Boote warteten, löste sich Gabriel Nettle-, smith und kam ihm entgegen. Er war ein kleiner, rundlicher, unge- pflegter Mann, der nach Tinte, ungewaschenen Kleidern und den Zigarren stank, die er ununterbrochen qualmte, Redakteur und Her- ausgeber des Yokohama Guardian, der Tageszeitung der Niederlas- sung, einer der vielen in Asien, die offen oder heimlich Struan's ge- hörten. »Was ist passiert?« »Eine Menge – bitte, leisten Sie mir beim zweiten Frühstück Ge- sellschaft. Tut mir leid, ich muß weiter.« Auch ohne die vor Anker liegende Flotte war der Hafen von Kut- tern belebt, die zwischen der Pier und dem halben Hundert Han- delsschiffen hin und her fuhren, sich um den Postdampfer dräng- ten, zu ihm hinausfuhren oder schon wieder zurückkehrten. Jamie war der erste an Land, eine Frage des Prinzips, weil die Preise wichtiger, stets knapper Waren je nach der eintreffenden Post heftig schwanken konnten. Von Hongkong nach Yokohama dauerte es mit dem direkten Postdampfer ungefähr neun Tage, via Shanghai etwa elf. Die Post von zu Hause, aus England, brauchte, je nach Wetter und Piraterie, acht bis zwölf Wochen, und der Posttag war jedesmal ein unruhiger Tag, aber immer ungeduldig erwartet und erfleht. Norbert Greyforth von Brock and Sons, Struans Hauptkonkur- rent, war noch einhundert Meter von der Küste entfernt; entspannt und bequem saß er mittschiffs und beobachtete Jamie durch sein Teleskop, während seine Ruderer sich in die Riemen legten. McFay wußte, daß er beobachtet wurde, aber das störte ihn heute nicht. Der Kerl wird es schon bald erfahren, wenn er es nicht schon weiß, dachte er und empfand eine ungewöhnliche Angst. Angst um Mal- colm Struan, die Compagnie, sich selbst, um die Zukunft und um seine ai-jin – geliebte Person –, die geduldig in ihrem winzigen Häuschen in der Yoshiwara außerhalb des Zaunes gleich hinter dem Kanal wartete. Er beschleunigte seine Schritte. Drei oder vier Betrunkene lagen, in der Gosse der High Street, andere hier und dort am Hafenkai verteilt. Er trat über einen Mann hinweg, ging einer lärmenden Gruppe angesäuselter Handelsmatrosen aus dem Weg, die zu ihren Booten schwankten, lief die Stufen ins weite Foyer und die Treppe in den ersten Stock hinauf und dann durch den Korridor zu den Stufen, die sich an der gesamten Länge des Warenlagers entlangzo- gen. Leise öffnete er die Tür und spähte hinein. »Hallo, Jamie«, sagte Malcolm Struan vom Bett her. »Oh, hallo, Malcolm. Morgen. Ich war nicht sicher, ob Sie schon wach sind.« Er drückte die Tür hinter sich ins Schloß, stellte fest, daß die Tür zur angrenzenden Suite angelehnt war, und trat an das riesige Teakholz-Himmelbett, das, wie alle Möbel, aus Hongkong oder England kam. Malcolm Struans Gesicht wirkte teigig und hohlwangig; erschöpft lehnte er in den Kissen: Die gestrige Schiffs- reise von Kanagawa nach Yokohama hatte ihn viel seiner kostbaren Kraft gekostet, obwohl Dr. Babcott ihm Schmerzmittel gegeben hatte und alle bemüht gewesen waren, die Fahrt so ruhig wie mög- lich zu gestalten. »Wie geht's ihnen heute?« Struan blickte zu ihm auf; seine von dunklen Schatten umgebe- nen blauen Augen wirkten blaß und schienen tiefer in den Höhlen zu liegen. »Die Post aus Hongkong ist nicht gut, wie?« Seine Worte klangen tonlos und ließen McFay keine Möglichkeit, es ihm behut- sam beizubringen. »Ja, tut mir leid. Sie haben die Signalkanone gehört?« Jedesmal, wenn der Postdampfer in Sicht kam, feuerte der Hafenmeister eine Kanone ab, um die Niederlassung zu benachrichtigen. »Hab ich«, gab Struan zurück. »Aber bevor Sie mir die schlechte Nachricht mitteilen, schließen Sie bitte die Tür, und geben Sie mir den Nachttopf.« McFay gehorchte. Hinter der Tür lag ein Salon und dahinter ein Schlafzimmer, das beste Apartment des ganzen Hauses und norma-, lerweise ausschließlich Malcolms Vater, dem Tai-Pan, vorbehalten. Gestern hatte man auf Malcolms Wunsch hin Angélique dort un- tergebracht. Sofort hatte die Nachricht die Runde in der Niederlas- sung gemacht und die Wetteinsätze darauf, daß sie für Struan nicht nur eine Lady mit der Lampe war, in die Höhe getrieben. Jeder von den Männern wünschte sich, in Malcolms Bett liegen zu können. »Ihr seid verrückt«, hatte McFay einigen von ihnen am Abend zu- vor im Club gesagt. »Der arme Kerl ist in einer fürchterlichen Ver- fassung.« »Aber ehe ihr euch's verseht, wird er wieder auf den Beinen sein«, war Dr. Babcott ihm ins Wort gefallen. »Ich höre schon die Hochzeitsglocken läuten!« behauptete je- mand. »Drinks auf Kosten des Hauses«, hatte ein anderer großzügig ge- rufen. »Oh, wunderbar, endlich werden wir eine Hochzeit feiern, unsere erste!« »Aber wir haben doch schon viele gehabt, Charlie. Was ist mit unseren musumes?« »Verdammt noch mal, die zählen doch nicht! Ich meine eine richtige Hochzeit, mit Kirche… und eine richtige anständige Taufe, und…« »Heiliger Jehova, willst du etwa behaupten, sie hat was im Ofen?« »Es heißt, daß sie auf der Reise hierher wie die Schmusekatzen waren, nicht daß ich's ihm verübeln könnte…« »Aber verdammt, da war Angel Tits noch nicht mal mit ihm ver- lobt! Sag das noch einmal und versuch ihr die Ehre abzuschneiden, dann kannst du was erleben, bei Gott!« McFay seufzte. Eine alkoholisierte Prügelei mit etlichen zerbro- chenen Flaschen war die Folge gewesen, und die beiden Männer waren hinausgeworfen worden, um eine Stunde später unter dröh- nendem Beifall wieder zurückgewankt zu kommen. Als er gestern abend, bevor er sich selbst zu Bett begab, noch einmal hier her-, einschaute, hatte Malcolm friedlich geschlafen, und Angélique war in einem Sessel am Bett eingenickt. Behutsam hatte er sie geweckt. »Sie sollten sich ein bißchen richtigen Schlaf gönnen, Miss Angé- lique. Jetzt wird er sicher nicht mehr aufwachen.« »ja, vielen Dank, Jamie.« Er hatte zugesehen, wie sie sich, noch halb im Schlaf, wie ein zu- friedenes Kätzchen genüßlich reckte und streckte. Das Haar hing ihr um die nackten Schultern, das Kleid fiel in weiten Falten von der hohen Taille in einem Stil herab, wie ihn die Kaiserin Josephine vor fünfzig Jahren bevorzugt hatte, den aber einige Pariser Schnei- der nun wieder einführen wollten, und sie vibrierte vor einer auf Männer anziehend wirkenden Kraft. Seine eigene Suite lag ebenfalls an diesem Korridor. Er hatte lange nicht einschlafen können. Struan war völlig durchgeschwitzt. Die Anstrengung, die er bei der Benutzung des Nachttopfs aufbringen mußte, war ungeheuer, das Ergebnis trotz aller Schmerzen kaum nennenswert, nur ein we- nig blutiger Urin. »Also, Jamie, wie lautet die schlimme Nachricht?« »Ach, na ja, wissen Sie…« »Verdammt noch mal, raus damit!« »Ihr Vater ist vor neun Tagen gestorben, an dem Tag, an dem der Postdampfer Hongkong verließ. Seine Beerdigung war auf drei Tage später angesetzt. Ihre Mutter hat mich gebeten, dafür zu sorgen, daß Sie umgehend nach Hause kommen. Unser Postdampfer mit der Nachricht von Ihrem… Ihrem Unglück wird frühestens in vier Tagen in Hongkong eintreffen. Es tut mir leid«, endete er unsicher. Struan hatte nur den ersten Satz gehört. Die Nachricht kam nicht unerwartet und traf ihn dennoch so schmerzhaft wie die Wunde in seiner Seite. Er war sehr froh und zugleich sehr traurig – vor allem aber erregt, weil er nun endlich die Leitung der Compagnie über- nehmen konnte, eine Aufgabe, auf die er sein Leben lang vorberei- tet worden war. Die Firma wurde seit Jahren nur noch von seiner Mutter zusammengehalten, die seinen Vater still und ruhig überre-, det, beschwatzt, beraten und ihm über die schlechten Zeiten hin- weggeholfen hatte. Die schlechten Zeiten waren größtenteils auf den Alkohol zurückzuführen, die einzige Medizin, um die furcht- baren Kopfschmerzen des Vaters und seine Anfälle der Happy-Val- ley-Krankheit zu lindern, die mal-aria, die ›schlechte Luft‹, jenes ge- heimnisvolle, tödliche Fieber, das Hongkongs Bevölkerung anfangs dezimiert hatte, inzwischen aber manchmal durch einen Baumrin- denextrakt namens Chinin in Schach gehalten werden konnte. Ich kann mich an kein Jahr erinnern, in dem Vater nicht min- destens zweimal einen Monat oder länger mit Schüttelfrost im Bett gelegen hätte, während er tagelang delirierte. Selbst Infusionen der kostbaren Chinarinde, die der Großvater aus Peru mitbrachte, hat- ten ihn nicht heilen können, obwohl sie verhinderten, daß er, wie die meisten anderen, an dem Fieber starb. Aber die arme, kleine Mary hatte die Infusion nicht retten können; sie war erst vier Jahre alt, damals, und ich sieben und mir ständig des Todes bewußt, sei- ner Bedeutung und seiner Endgültigkeit. Er seufzte tief auf. Zum Glück kann das Schicksal Mutter nichts anhaben, weder Seuchen noch Krankheiten, weder Alter noch Un- glück; sie ist noch immer eine junge Frau, noch nicht achtunddrei- ßig, nach sieben Kindern immer noch schlank, ein stählerner Stütz- pfeiler für uns alle. Sie hat jede Katastrophe, jedes Unwetter, sogar den bitteren, endlosen Haß und die Feindschaft zwischen ihr und ihrem Vater, dem gottverdammten Tyler Brock, überstanden… selbst die Tragödie im letzten Jahr, als Rob und Dunross, die süßen Zwillinge, vor Shek-O ertranken, wo unser Sommerhaus liegt. Und nun der arme Vater. So viele Tote. Tai-Pan. Ich bin Tai-Pan des Noble House. »Was? Was haben Sie gesagt, Jamie?« »Daß es mir leid tut, Tai-Pan, und hier, das ist ein Brief von Ihrer Mutter.« Mit großer Anstrengung nahm Struan den Umschlag entgegen., »Wie komme ich am schnellsten nach Hongkong zurück?« »Mit der Sea Cloud, aber die kommt erst in zwei bis drei Wo- chen. Die einzigen Handelsschiffe, die im Moment hier liegen, sind langsam und werden erst in einer Woche in Hongkong sein. Der Postdampfer wäre das schnellste Schiff. Wir könnten ihn auf der Stelle umkehren lassen, aber er fährt via Shanghai.« Nach gestern wirkte die Vorstellung einer elftägigen Seereise er- schreckend auf Malcolm. Dennoch sagte er: »Sprechen Sie mit dem Kapitän. Versuchen Sie ihn zu überreden, auf direktem Weg nach Hongkong zurückzukehren. Was ist sonst noch in der Post?« »Ich hab sie noch nicht durchgesehen, aber hier…« Äußerst beun- ruhigt über Struans plötzliche Blässe, reichte McFay ihm den Hong Kong Observer. »Nur schlechte Nachrichten, leider: Der Amerikani- sche Bürgerkrieg tobt immer heftiger, geht hin und her, kostet Tau- sende von Toten – Schlachten bei Shiloh, Fair Oaks und eine bei Bull Run, bei der die Unionsarmee unterlegen ist und dezimiert wurde. Die Hinterlader, Maschinengewehre und Schnellfeuerkano- nen haben den Krieg endgültig verändert. Aufgrund der Blockade im Süden steigen die Baumwollpreise ins Astronomische. Eine wei- tere Panik an der Londoner Börse und in Paris – Gerüchte, daß Preußen jeden Moment in Frankreich einmarschieren wird. Seit der Prinzgemahl im Dezember starb, hat sich Queen Victoria noch nicht wieder in der Öffentlichkeit gezeigt – es heißt, daß sie sich zu Tode grämt. Mexiko: Nachdem feststeht, daß der verrückte Napo- leon III. entschlossen ist, das Land zu einem katholischen Staat und einer französischen Domäne zu machen, haben wir unsere Streitkräfte abgezogen. Hungersnot und Aufstände in ganz Euro- pa.« McFay zögerte. »Kann ich Ihnen etwas bringen?« »Einen neuen Magen.« Struan warf einen Blick auf den Umschlag in seiner Hand. »Lassen Sie mir die Zeitung hier, Jamie, gehen Sie die Post durch, und kommen Sie anschließend zurück. Dann kön- nen wir entscheiden, was getan werden muß, bevor ich abreise…«, Ein leichtes Geräusch ließ beide zur Tür zum Nebenzimmer hin- übersehen, die jetzt halb offen war. Dort stand Angélique in einem eleganten Morgenmantel über dem Nachthemd. »Hallo, chéri«, sagte sie sofort. »Ich dachte, ich hätte Stimmen gehört. Wie geht es dir heute? Guten Morgen, Jamie. Malcolm, du siehst viel besser aus. Kann ich dir etwas bringen?« »Nein, vielen Dank. Komm bitte herein. Nimm Platz, du siehst wundervoll aus. Hast du gut geschlafen?« »Eigentlich nicht, aber das macht nichts«, antwortete sie, obwohl sie hervorragend geschlafen hatte. Von einer Wolke ihres Parfüms umgeben, berührte sie ihn liebevoll und setzte sich. »Wollen wir zu- sammen frühstücken?« McFay riß seinen Blick von ihr los. »Sobald ich alles arrangiert habe, komme ich hierher zurück. Ich werde George Babcott infor- mieren.« Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, strich sie Struan über die Stirn, und er griff liebevoll nach ihrer Hand. Dabei glitt der Umschlag zu Boden. Sie hob ihn auf – mit leichtem Stirnrunzeln. »Warum so traurig?« »Vater ist tot.« Seine Trauer rührte sie zu Tränen. Das Weinen war ihr schon im- mer sehr leichtgefallen; sie konnte die Tränen fast auf Kommando zum Fließen bringen und hatte von klein auf immer wieder ge- merkt, welche Wirkung sie damit bei anderen erzielte, vor allem bei ihrem Onkel und ihrer Tante. Sie brauchte nur an ihre Mutter zu denken, die bei der Geburt ihres Bruders gestorben war. »Aber An- gélique«, sagte die Tante jedesmal unter Tränen, »der arme, kleine Gérard ist dein einziger Bruder, du wirst niemals einen anderen ha- ben, keinen echten, selbst wenn dein nichtsnutziger Vater noch ein- mal heiratet.« »Ich hasse ihn.« »Der arme Kleine. Seine Geburt war grauenvoll.«, »Ist mir egal. Er hat Maman umgebracht, er hat sie getötet!« »Nicht weinen, Angélique…« Als Struan nun dieselben Worte aussprach, kamen die Tränen so leicht, weil sie aufrichtig mit ihm fühlte. Der arme Malcolm – den Vater zu verlieren. Er war ein netter Mann, zu mir war er jedenfalls nett. Und der arme Malcolm versucht so tapfer zu sein. Macht nichts, bald wird es dir wieder gutgehen, und nun ist es viel leich- ter, bei dir zu bleiben, nachdem der Gestank weg ist. Ganz plötz- lich stieg das Bild ihres Vaters vor ihr auf: »Vergiß nicht, daß dieser Malcolm bald alles erben wird, die Schiffe, die Macht und…« Ich will nicht daran denken. Und auch nicht… an das andere. Sie trocknete sich die Augen. »So. Also. Und nun erzähl mir bitte alles.« »Es gibt nicht viel zu erzählen. Vater ist tot. Die Beerdigung hat vor Tagen stattgefunden, und ich muß umgehend nach Hongkong zurück.« »Selbstverständlich sofort – aber erst, wenn du gesund genug bist.« Sie beugte sich vor und gab ihm einen hauchzarten Kuß. »Was wirst du tun, sobald wir dort sind?« Ohne zu zögern antwortete er energisch: »Ich bin der Erbe. Ich bin Tai-Pan.« »Tai-Pan des Noble House?« Sie schaffte es, ihre Überraschung echt klingen zu lassen. Dann setzte sie behutsam hinzu: »Malcolm, mein Liebster, das mit deinem Vater ist furchtbar, nicht wahr? Mein Vater sagte mir, daß er schon sehr lange krank war.« »Es war zu erwarten, ja.« »Das ist traurig, aber… immerhin bist du Tai-Pan des Noble House. Darf ich dir als erste gratulieren?« Sie machte einen so ele- ganten Knicks wie vor einem König; dann nahm sie selbstzufrieden wieder Platz. Er beobachtete sie mit seltsamem Blick. »Was ist?« fragte sie. »Es ist nur, daß du… daß du mich so stolz machst, ich fühle, mich wundervoll. Willst du meine Frau werden?« Ihr Herz schien auszusetzen, Röte stieg ihr ins Gesicht. Doch der Verstand riet ihr, vorsichtig zu sein, nichts zu überstürzen, und so überlegte sie, ob sie so ernst werden sollte, wie er es war, oder ob sie die überwältigende Freude zeigen sollte, die sie bei seiner Frage und ihrem Sieg empfand. »La«, sagte sie strahlend, in ein wenig ne- ckendem Ton, und fächelte sich mit einem Taschentuch Luft zu. »Jawohl, ich werde Sie heiraten, M'sieur Struan, aber nur wenn du…« Ein kleines Zögern, dann ergänzte sie rasch: »Nur, wenn du sehr schnell gesund wirst, mir aufs Wort gehorchst, mich auf Hän- den trägst, mich wahnsinnig liebst, uns auf dem Peak in Hongkong ein Schloß und an den Champs-Elysées einen Palast baust, einen Clipper als Brautbett herrichtest, ein Kinderzimmer in Gold faßt und uns ein Landgut mit einer Million Hektar suchst!« »Sei ernst, Angélique. Hör zu! Ich meine es ernst.« O Gott, ich auch, dachte sie, erfreut darüber, daß er jetzt lächelte. Ein sanfter Kuß, diesmal auf die Lippen, der alles verhieß. »So, M'sieur. Und nun hör auf, dich über diese hilflose junge Lady lus- tig zu machen.« »Ich mache mich nicht lustig über dich, das schwöre ich dir. Willst du meine Frau werden?« Starke Worte, aber noch hatte er nicht die Kraft, sich aufzurichten und sie an sich zu ziehen. »Bitte.« Ihre Augen blickten noch immer spöttisch. »Vielleicht, wenn es dir besser geht – aber nur dann, wenn du mir aufs Wort gehorchst, mich auf Händen trägst…« »Aufs Wort, wenn es das ist, was du willst.« »O ja, Pardon. Aufs Wort… und so weiter.« Wieder dieses bezau- bernde Lächeln. »Vielleicht ja, M'sieur Struan, aber zunächst müs- sen wir uns kennenlernen, dann müssen wir uns verloben, und dann, M'sieur le Tai-Pan de la Maison Noble – wer weiß?« Freude erfüllte ihn. »Das heißt also ja?« Sie beobachtete ihn, ließ ihn warten. Dann sagte sie mit all der, Zärtlichkeit, die sie für ihn aufbringen konnte: »Ich werde es ernst- haft in Erwägung ziehen. Aber zuerst mußt du mir feierlich verspre- chen, schnell wieder gesund zu werden.« »Das werde ich – ich schwöre es dir.« Wieder trocknete sie sich die Augen. »Und nun, Malcolm, liest du den Brief deiner Mutter, und ich werde still neben dir sitzen bleiben.« Sein Herz klopfte wie wild, und der Jubel, der ihn erfüllte, be- täubte seine Schmerzen. Doch seine Finger gehorchten ihm nicht, und er vermochte das Siegel nicht zu erbrechen. »Hier, Angel, wür- dest du ihn mir bitte vorlesen?« Sofort erbrach sie das Siegel und überflog das etwas ungewöhnli- che Schriftstück, das nur eine einzige Seite lang war. »›Mein gelieb- ter Sohn‹«, las sie laut vor, »›mit tiefer Trauer muß ich Dir mittei- len, daß Dein Vater verstorben ist und unsere Zukunft nunmehr in Deinen Händen liegt. Er ist friedlich im Schlaf gestorben, der Ärmste, die Beisetzung wird in drei Tagen stattfinden, die Toten sollen ihre Toten begraben, und wir, die Lebenden, müssen den Kampf fortsetzen, solange noch Leben in uns ist. Der letzte Wille Deines Vaters bestätigt Dich als seinen Erben und Tai-Pan, aber da- mit die Nachfolge gesetzlich wirksam ist, muß sie, laut des Ver- mächtnisses Deines geliebten Großvaters, durch eine Zeremonie be- stätigt werden, die ich und Comprador Chen bezeugen müssen. Regle Deine japanischen Interessen, wie wir es besprochen haben, und kehre so schnell wie möglich zurück. Deine Dir ergebene Mut- ter.‹« Wieder standen ihre Augen voll Tränen, weil sie sich vorstellte, sie sei die Mutter, die an ihren Sohn schrieb. »Das ist alles? Kein Postskriptum?« »Nein, chéri, sonst nichts, nur ›Deine Dir ergebene Mutter‹. Wie tapfer sie ist! Ich wünschte, ich könnte ebenso tapfer sein.« Sie reichte ihm den Brief, trat ans Fenster, das auf den Hafen hin-, ausging, öffnete es und trocknete sich die Augen. Die Luft war frisch und verscheuchte den Krankenzimmergeruch. Was nun? Ihm helfen, möglichst schnell von hier weg- und nach Hongkong zu- rückzukommen. Aber Moment… Wird seine Mutter unsere Heirat billigen? Ich weiß es nicht. Würde ich es an ihrer Stelle tun? Hinter ihr wurde die Tür geöffnet, und ohne anzuklopfen kam Ah Tok mit einem kleinen Teetablett herein. »Neh hoh mah, Mass'r«, guten Tag, sagte sie, und ihr strahlendes Lächeln entblößte die beiden Goldzähne, auf die sie sehr stolz war. »Mass'r schlaff gut, heya?« Auf kantonesisch, das er fließend sprach, gab Malcolm zurück: »Hör mit dem albernen Kauderwelsch auf.« »Ayeeyah!« Ah Tok war Kantonesin, Struans persönliche Amah, die sich seit seiner Geburt um ihn kümmerte und sich deshalb über sämtliche Konventionen hinwegsetzte. Sie nahm kaum Notiz von Angélique, sondern konzentrierte sich auf Struan. Korpulent, kräftig und sechsundfünfzig, trug sie den traditionellen weißen Kittel, schwarze Hosen und den lang auf dem Rücken hängenden Zopf, der bedeutete, daß sie sich für die Rolle der Amah entschieden und somit geschworen hatte, ihr Leben lang keusch zu bleiben und nie- mals eigene Kinder zu haben, die ihre Loyalität beeinträchtigen konnten. Ihr folgten zwei kantonesische Diener mit Handtüchern und heißem Waschwasser. Lautstark befahl sie ihnen, die Tür zu schließen. »Mass'r bade, heya?« sagte sie betont zu Angélique. »Ich werde später wiederkommen, chéri«, erklärte das junge Mäd- chen. Struan antwortete nicht; er nickte nur, lächelte ebenfalls und starrte dann wieder gedankenverloren auf den Brief. Angélique ließ ihre Tür angelehnt. Ah Tok knurrte mißbilligend, drückte sie ener- gisch ins Schloß, befahl den anderen beiden, sich mit den Vorbe- reitungen zum Waschen ihres Herrn zu beeilen, und reichte ihm den Tee. »Danke, Mutter«, sagte er auf kantonesisch mit dem üblichen, Höflichkeitstitel für einen ganz besonderen Menschen, der ihn ge- hegt und gepflegt, behütet und beschützt hatte, als er noch hilflos war. »Schlechte Nachrichten, mein Sohn«, sagte Ah Tok – die Neuig- keit hatte sofort die Runde durch die chinesische Gemeinde ge- macht. »Schlechte Nachrichten.« Er trank einen Schluck Tee, der ihm sehr gut schmeckte. »Wenn du gewaschen bist, wirst du dich wohler fühlen, dann können wir reden. Die Zeit war gekommen, daß dein Ehrenwerter Vater zu den Göttern einging. Nun ist er dort, und du bist Tai-Pan, also ist aus Schlechtem Gutes erwachsen. Nachher werde ich dir noch einen besonderen Tee bringen, den ich für dich gekauft habe, damit er all deine Beschwerden heilt.« »Ich danke dir.« »Du schuldest mir ein Tael Silber für die Medizin.« »Den fünfzigsten Teil.« »Ayeeyah, mindestens die Hälfte.« »Ayeeyah, den zwanzigsten Teil, Mutter.« Ohne darüber nachzu- denken, feilschte er automatisch, aber nicht unfreundlich. »Und wenn du protestierst, werde ich dich daran erinnern, daß du mir sechs Monate Lohn schuldest, die ich dir für die Beerdigung deiner Großmutter vorgeschossen habe – ihre zweite.« Einer der Diener hinter ihr kicherte, aber sie tat, als bemerke sie nichts. »Wenn du meinst, Tai-Pan.« Sie setzte den neuen Titel wirklich klug ein; dann fuhr sie die beiden Männer an, die ihn geschickt und behutsam wuschen: »Beeilt euch mit eurer Arbeit! Muß mein Sohn, der Tai-Pan, eure ungeschickten Handreichungen den ganzen Tag lang ertragen?« »Ayeeyah«, murmelte einer von ihnen unklugerweise. »Nimm dich in acht, du mutterloser Hurenbock«, sagte sie zu-, ckersüß in einem Dialekt, den Struan nicht so gut beherrschte. »Und jetzt macht weiter, und wenn ihr meinen Sohn auch nur reizt, wenn ihr ihn rasiert, werde ich euch den bösen Blick auf den Hals hexen. Ihr behandelt meinen Sohn wie kaiserliche Jade, oder ich lasse eure Eier pulverisieren – und belauscht niemals eure Vor- gesetzten!« »Vorgesetzte? Ayeeyah, Alte, du kommst aus Ning Tok, einem Misthaufen von Dorf, das nur für seine Furze berühmt ist.« »Ein Tael Silber darauf, daß diese zivilisierte Person dich heute abend fünf von sieben Mal beim Mahjong schlagen wird.« »Abgemacht!« sagte der Mann aufsässig, obwohl Ah Tok eine ge- rissene Spielerin war. »Worum geht's?« erkundigte sich Struan. »Dienstbotengeschwätz, nichts Wichtiges, mein Sohn.« Als sie fertig waren, zogen sie ihm ein sauberes Nachthemd an. »Danke«, sagte Struan zu ihnen. Die beiden verbeugten sich höflich und verschwanden. »Verriegle ihre Tür, Ah Tok, aber leise.« Sie gehorchte. Als sie mit ihren scharfen Ohren das Rascheln von Röcken im Nebenzimmer vernahm, beschloß sie, ihre Wachsamkeit zu verdoppeln. Diese naseweise, ausländische, teuflische Kröten- bauchhure, deren Jadetor so sehr nach dem Master lechzt, daß eine zivilisierte Person fast hören kann, wie sie Feuchtigkeit absondert… »Zünde mir bitte die Kerze an.« »Eh? Tun dir die Augen weh, mein Sohn?« »Nein, das nicht. In der Kommode liegen Sicherheits-Zündhöl- zer.« Die Sicherheits-Zündhölzer, das jüngste schwedische Patent, wurden stets gut weggeschlossen, weil sie sehr gefragt waren, sich also sehr gut verkaufen ließen und daher immer wieder verschwan- den. Bagatelldiebstahl war in Asien weitverbreitet. Voll Unbehagen riß sie eins an; sie begriff nicht, warum sie nur dann brennen woll- ten, wenn man sie an der Seite ihrer Schachtel anriß. Er hatte ihr, zwar den Grund erklärt, aber sie hatte nur was von Zauberei der fremden Teufel gemurmelt. »Wohin soll ich die Kerze stellen, mein Sohn?« Er deutete auf den Nachttisch, der für ihn leicht erreichbar war. »Dorthin. Und nun laß mich eine Weile allein.« »Aber, ayeeyah, wir sollten reden, wir müssen viel planen.« »Ich weiß. Warte draußen vor der Tür und halte mir alle vom Hals, bis ich dich rufe.« Murrend marschierte sie hinaus. Das viele Gerede und die schlechten Nachrichten hatten ihn ermüdet. Dennoch balancierte er die Kerze unter Schmerzen auf einer Bettseite und legte sich dann einen Moment in die Kissen zurück. Vor vier Jahren, an seinem sechzehnten Geburtstag, war die Mut- ter mit ihm auf den Peak gegangen, um unter vier Augen mit ihm zu sprechen. »Du bist jetzt alt genug, um einige der Geheimnisse des Noble House zu erfahren. Geheimnisse wird es immer geben. Einige werden dein Vater und ich dir vorenthalten, bis du Tai-Pan bist. Einige enthalte ich ihm vor, andere dir. Einige werde ich jetzt mit dir teilen, doch nicht mit ihm und nicht mit deinen Ge- schwistern. Unter gar keinen Umständen darfst du diese Geheimnis- se jemals mit irgendeinem Menschen teilen. Das mußt du mir schwören.« »Ja, Mutter. Ich schwöre.« »Erstens: Es könnte möglich sein, daß wir einander eines Tages in einem Privatbrief persönliche oder gefährliche Informationen mit- teilen müssen – vergiß niemals, daß nichts Schriftliches jemals von Fremden gelesen werden darf. Also werde ich jedesmal, wenn ich dir schreibe, ein ›P.S. Ich liebe Dich‹, hinzufügen. Und du wirst dasselbe tun, immer und unter allen Umständen. Denn wenn da nicht steht: ›P.S.: Ich liebe Dich‹, enthält der Brief geheime und wichtige Informationen von mir ausschließlich für dich. Paß auf!« Sie entzündete ein paar Sicherheits-Streichhölzer und hielt sie unter, ein mitgebrachtes Stück Papier – nicht, um es in Brand zu setzen, sondern um es, Zeile um Zeile, beinah verkohlen zu lassen. Und so erschien auf wunderbare Weise eine verborgene Nachricht: Herzli- chen Glückwunsch zum Geburtstag. Unter Deinem Kopfkissen liegt ein Sichtwechsel über zehntausend Pfund. Halte es geheim und gebrauche ihn weise. »O Mutter, wirklich? Liegen da tatsächlich zehntausend?« »Ja.« »Ayeeyah! Aber wie machst du das, mit der Schrift?« »Du nimmst einen sauberen Gänsekiel oder eine Feder und schreibst deine Nachricht sorgfältig mit einer Flüssigkeit, die ich dir geben werde, oder mit Milch, und läßt sie trocknen. Wenn du das Papier dann so erhitzt, wie ich es gemacht habe, wird die Schrift sichtbar werden.« Sie riß ein weiteres Streichholz an, steckte das Pa- pier in Brand und sah schweigend zu, wie es verbrannte. Dann zer- trat sie die Asche mit ihrer zierlichen, hochgeschnürten Stiefelette zu Staub. »Traue keinem, wenn du Tai-Pan bist«, ergänzte sie dann seltsamerweise, »nicht einmal mir.« Jetzt hielt Struan ihren traurigen Brief über die Kerzenflamme. Und die Wörter wurden sichtbar, unverkennbar in ihrer Hand- schrift: Leider muß ich Dir mitteilen, daß Dein Vater im Wahnsinn und vom Whisky berauscht gestorben ist. Er muß wieder einmal einen Diener bestochen haben, damit er ihm das Zeug besorgt. Ich danke Gott, daß er von seinem Elend erlöst ist, aber es waren die Brocks, mein verfluchter Vater und mein Bruder Morgan, die uns keinen Frieden gönnten und seine Schlaganfälle ausgelöst haben – der letzte kam kurz nach Deiner Abreise, als wir – zu spät – die Einzelheiten ihres geheimen Hawaii- Coups gegen uns entdeckten. Jamie hat ein paar Einzelheiten für Dich. Einen Moment hielt er, krank vor Wut, mit dem Lesen inne. Es, wird bald eine Abrechnung geben, schwor er sich. Dann las er wei- ter: Hüte Dich vor unserem Freund Dimitri Syborodin. Wir haben entdeckt, daß er ein Geheimagent dieses Revolutionärs, Präsident Lincoln, ist, und nicht des Südens, wie er vorgibt. Hüte Dich vor Angélique Richaud… Sein Herz zog sich vor plötzlicher Angst zusammen. …Unsere Agenten in Paris schreiben, daß ihr Onkel Michel Richaud kurz nach ihrer Abreise Bankrott gemacht hat und nun im Schuldge- fängnis sitzt. Weitere Fakten: Ihr Vater lebt in sehr schlechter Gesell- schaft, hat beträchtliche Spielschulden und prahlt vor Vertrauten heim- lich damit, daß er bald all unsere französischen Interessen vertreten wird – ich erhielt Deinen Brief vom 4., in dem Du mir, vermutlich auf ihr Drängen hin, das empfiehlst. Daraus wird nichts, er ist insolvent. Ein weiteres von seinen ›Geheimnissen‹: Du wirst innerhalb eines Jahres sein Schwiegersohn. Das ist natürlich lächerlich. Du bist viel zu jung zum Heiraten, und ich könnte mir keine schlechtere Verbindung vorstellen. Einzeln oder gemeinsam sind die beiden darauf aus, Dich in die Falle zu locken, mein Sohn. Sei vorsichtig und hüte Dich vor weiblicher List. Zum erstenmal im Leben war er wütend auf die Mutter. Zittrig schob er das Papier in die Flamme und hielt es fest, während es brannte; dann pulverisierte er die Asche, löschte die Flamme, warf die Kerze quer durchs Zimmer und legte sich keuchend vor Übel- keit und mit jagendem Herzen zurück, während er in Gedanken schrie: Wie kann sie es wagen, Nachforschungen über Angélique und ihre Familie anstellen zu lassen, ohne mich zu fragen! Wie kann sie es wagen, ein solches Fehlurteil abzugeben! Was für Sün- den sie auch begangen haben mögen, Angélique trifft keine Schuld. Gerade Mutter sollte wissen, daß man die Kinder nicht für die Sün-, den der Väter büßen lassen darf! War mein geliebter Großvater nicht weit schlimmer, war er nicht ein Mörder und nicht viel besser als ein Pirat, was ihr Vater noch immer ist? Eine verdammte Heuch- lerin ist sie! Es geht sie nichts an, wen ich heirate. Es ist mein Le- ben, und wenn ich Angélique im nächsten Jahr heiraten will, werde ich das tun. Gar nichts weiß Mutter über Angélique – und wenn sie die Wahrheit erfährt, wird sie sie genauso lieben wie ich – oder, bei Gott, sie wird… »O Gott«, keuchte er, als ihn der Schmerz wieder zerriß.

McFay blickte von den Stapeln Briefen, Dokumenten und Jour-nalen auf, die seinen Schreibtisch bedeckten. »Wie geht's

ihm?« erkundigte er sich besorgt, als Dr. Babcott hereinkam und die Tür hinter sich schloß. Das geräumige Büro blickte auf die High Street und das Meer hinaus. »Eine Art Magenkrampf, Jamie. Leider zu erwarten, der arme Kerl. Ich habe seine Wunde verbunden – ein paar Nähte waren geplatzt. Dann habe ich ihm Laudanum gegeben.« Babcott rieb sich die vor Müdigkeit geröteten Augen; sein schwerer Gehrock war an den Är- meln ausgefranst und wies hier und da Flecken von Chemiekalien und getrocknetem Blut auf. »Viel mehr kann ich im Augenblick nicht für ihn tun. Was gibt's Neues von der Flotte?« »Status quo: Die Flotte liegt auf Kampfstation, die Gesandtschaft ist immer noch umzingelt, die Bakufu müßten bald erscheinen.« »Und wenn sie nicht kommen?« McFay zuckte die Achseln. »Ich habe Befehl, Malcolm so bald, wie möglich nach Hongkong zurückzubringen – das ist ziemlich wichtig für ihn. Ich könnte ihn mit dem Postdampfer…« »Das verbiete ich ausdrücklich!« fuhr Babcott zorniger auf als be- absichtigt. »Das wäre dumm und äußerst gefährlich. Wenn sie in ein Unwetter geraten, und das ist in dieser Jahreszeit wahrschein- lich… nun ja, schweres, längeres Erbrechen würde die Nähte zerrei- ßen, und das würde ihn umbringen. Nein!« »Wann würde es denn sicher sein?« Der Arzt sah zum Fenster hinaus. Draußen vor der Landzunge waren weiße Wellenkämme zu sehen, und der Himmel war bedeckt. Er wog seine Hilflosigkeit gegen sein Wissen ab. »In frühestens ei- ner Woche, vielleicht erst in einem Monat. Das weiß nur Gott, Ja- mie, ich nicht.« »Und wenn Sie auf dem Postdampfer mitreisen, würde das hel- fen?« »Um Himmels willen, nein! Haben Sie mich nicht verstanden? Neun Tage auf einem Schiff würden seinen Tod bedeuten.« McFays Miene verdüsterte sich. »Wie stehen Malcolms Chancen? Ich muß es unbedingt erfahren.« »Noch immer gut. Seine Temperatur ist mehr oder weniger nor- mal, und es gibt keine Anzeichen für Wundbrand.« Wieder rieb sich Babcott die Augen und gähnte. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht so anfahren. Bin seit Mitternacht auf den Beinen, um die Fol- gen einer Schlägerei in Drunk Town zu verarzten, Seemann gegen Soldat, und gegen Morgen gab's einen Notfall in der Yoshiwara, mußte eine junge Frau zusammenflicken, die versucht hat, sich in die nächste Welt zu befördern.« Er seufzte. »Es würde helfen, wenn er so ruhig wie möglich gehalten wird. Ich würde sagen, daß dieser Anfall vermutlich von schlechten Nachrichten ausgelöst wurde.« Die Nachricht von Culum Struans Tod und Malcolms neuem Status als Tai-Pan – von unmittelbarer Bedeutung für alle ihre Kon- kurrenten – hatte sich wie ein Lauffeuer in der Niederlassung ver-, breitet. Bei Brock's hatte Norbert Greyforth eine Sitzung unterbro- chen, um die erste Flasche Champagner aus der Kiste zu öffnen, die er seit vielen Wochen für diesen Tag gekühlt hielt – in ihrem neuen und höchst profitablen Eishaus gleich neben dem Warenla- ger. »Die beste Nachricht für mich seit Jahren«, hatte er Dimitri la- chend erklärt, »und für die Party, die ich heute abend gebe, hab ich noch weitere zwanzig Kisten. Ein Trinkspruch, Dimitri!« Er hob das Kristallglas, das beste venezianische, das man mit Geld kaufen konnte. »Auf den Tai-Pan des Noble House: hinaus mit dem Alten, hinaus mit dem Neuen, weiß Gott, und mögen sie noch in diesem Jahr bankrott gehen!« »Ich trinke mit Ihnen auf den Erfolg des neuen Tai-Pan, Norbert, auf alles andere nicht«, gab Dimitri zurück. »Seien Sie realistisch. Die sind die Alten, wir sind die Neuen – früher ja, da hatten sie noch Courage, als Dirk Struan noch lebte, aber heutzutage sind sie schwach, McFay ist schwach – mein Gott, mit ein bißchen begeisterter Hilfe von ihm und ein bißchen Über- redungskunst am Abend des Mordes an Canterbury hätten wir die ganze Niederlassung auf die Beine bringen können, die Flotte, die Army, wir hätten dieses Schwein, diesen Satsuma-König, gefangen und aufgehängt und wären bis ans Ende unserer Tage glücklich ge- wesen.« »Dem stimme ich zu. Aber John Canterbury wird gerächt werden, so oder so. Der arme Kerl«, sagte Dimitri. »Sie wissen, daß er mir seine Firma hinterlassen hat?« Die Firma Canterbury war eines der kleineren Handelshäuser, spezialisiert auf den Export von Seiden- stoffen und vor allem von Kokons und Seidenraupeneiern, ein höchst lukrativer Handel für Frankreich, dessen Seidenindustrie, einstmals die beste der Welt, durch eine Seuche dezimiert worden war. »John hat immer gesagt, daß er das tun würde, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Sein Testamentsvollstrecker bin ich auch – Wee Willie hat mir vor seiner Abreise die Urkunde überreicht.«, »Die Samurai sind alle Schweine, sie hatten keinen Grund, ihn so abzuschlachten. Was ist mit seiner musume? Der alte John war völlig vernarrt in sie. Sie ist schwanger, nicht wahr?« »Nein, das war ein Gerücht. In seinem Testament bittet er mich, mich um sie zu kümmern, ihr Geld zu geben, damit sie sich ein ei- genes Haus kaufen kann. Ich hab sie aufgesucht, aber Raiko, ihre Mama-san, diese alte Ratte, hat mir gesagt, die Kleine wäre in ihr Dorf zurückgekehrt, sie werde ihr das Geld nachschicken. Ich habe ihr ausgehändigt, was John bestimmt hat, und damit basta.« Nachdenklich leerte Greyforth sein Champagnerglas. »Sie sollten auch an sich selber denken«, sagte er mit gedämpfter Stimme, denn er hielt die Zeit für reif. »Sie müssen an die Zukunft denken, nicht an ein paar Ballen Stoff und Raupeneier. Behalten Sie das Große Spiel im Auge, das amerikanische Spiel. Wir, mit unseren Kontak- ten, können jede Menge britische, französische oder preußische Waffen kaufen – gerade haben wir einen Exklusivvertrag als Vertre- tung von Krupp im Fernen Osten unterzeichnet –, zu besseren Prei- sen, als Struan sie Ihnen machen kann, und diese nach Hawaii lie- fern zum Umladen nach… wohin Sie wollen, und keine Fragen.« »Darauf trinke ich.« »Was immer Sie wollen, wir besorgen es Ihnen billiger und schneller.« Greyforth füllte die Gläser nach. »Ich mag Dom Périg- non, ich finde ihn besser als Taittinger – der alte Mönch kannte sich aus, sowohl mit der Farbe wie mit dem Zucker. Zum Beispiel hawaiianischer Zucker«, ergänzte er gewandt. »Wie ich höre, wird der in diesem Jahr so teuer, daß er fast zum Staatsschatz wird. Für Nord und Süd.« Dimitri setzte sein Glas ab. »Das heißt?« »Das heißt, unter uns, daß Brock and Sons die diesjährige Ernte blockiert haben, das heißt, daß Struan nicht mal über einen Zent- nersack verfügen und Ihr Handel mit der Firma nicht zustande kommen wird.«, »Und wann wird das allgemein bekannt?« Dimitris Schlitzaugen zogen sich noch enger zusammen. »Möchten Sie sich beteiligen? An unserem Handel? Wir könnten einen vertrauenswürdigen Agenten für die Staaten gebrauchen. Für Nord und Süd.« »Und meine Gegenleistung?« »Ein Trinkspruch: Auf den Untergang des Noble House!« In ganz Yokohama wurden auf die wichtige Nachricht von Culums Tod und auf die Nachfolge eines neuen Tai-Pan genauso Trinksprü- che ausgebracht wie in den Vorstandszimmern des Fernen Ostens und überall, wo mit Asien gehandelt wurde. Manche Trinksprüche waren fröhlich, andere rachsüchtig, manche tranken auf den Nach- folger, andere wünschten alle Struans zum Teufel, manche beteten für ihren Erfolg, doch alle Geschäftsleute überlegten, welche Folgen die Nachricht für sie selbst haben würde, denn Struan's war und blieb das Noble House. In der französischen Gesandtschaft stieß Angélique mit Cham- pagner an und trank sehr vorsichtig, denn sowohl das Glas als auch der Wein waren billig und kaum passend für die Gelegenheit. »Ich stimme Ihnen zu, M'sieur Vervene.« Pierre Vervene war der Chargé d'Affairs, ein müder, kahlköpfiger Mann in den Vierzigern. »Der erste Toast erfordert einen zweiten, M'selle«, behauptete er und hob das Glas abermals. »Nicht nur auf Wohlstand und ein langes Leben für den neuen Tai-Pan, sondern auf den Tai-Pan, Ihren zukünftigen Gemahl.« »La, M'sieur.« Scheinbar verärgert setzte sie das Glas ab. »Das habe ich Ihnen im Vertrauen erzählt, weil ich so glücklich bin, so stolz, aber Sie dürfen es nicht laut aussprechen, bevor er, M'sieur Struan, es öffentlich bekanntgibt. Das müssen Sie mir versprechen.« »Gewiß, gewiß.« Vervenes Ton klang beruhigend, obwohl er in, Gedanken bereits eine Depesche abgefaßt hatte, die er an Seratard an Bord ihres Flaggschiffs vor Edo abschicken wollte, sobald Angé- lique gegangen war. Eindeutig gab es zahllose politische Auswirkun- gen und Chancen zu bedenken, die eine derartige Liaison für Frankreich und die französischen Interessen mitbringen würde. Mein Gott, dachte er, wenn wir klug sind, und das sind wir, kön- nen wir das Noble House durch diese kleine Hure beherrschen, die nichts hat außer einem hübschen Lärvchen, entzückenden Brüsten, einer überreifen Jungfernschaft und einem Hinterteil, das ihrem Ehemann für einen oder zwei Monate leidenschaftliche Mannes- kraft schenken wird. Wie zum Teufel hat die sich ihn nur ge- schnappt – falls das, was sie sagt, wirklich zutrifft. Wenn ja… Merde, der arme Mann muß wahnsinnig sein, daß er diese Bagage – ohne Mitgift und dazu von zweifelhafter Abstammung – zur Mutter seiner Kinder wählt! Welch ein unglaubliches Glück für die- ses widerwärtige Schwein Richaud, jetzt wird er in der Lage sein, sei- nen Wechsel zu honorieren. »Meine aufrichtigsten Glückwünsche, M'selle.« Die Tür flog auf, und der Boy Nummer Eins der Gesandtschaft, ein älterer, rundlicher Chinese in Leinenjacke, schwarzer Hose und schwarzem Käppchen, kam mit einem großen Berg Post herein. »Heya, Mass'r, all viel Post – ah, macht nichts!« Er klatschte Briefe und Päckchen auf den Schreibtisch, sah das junge Mädchen mit Stielaugen an und rülpste beim Hinausgehen. »Großer Gott, diese Menschen mit ihren schlechten Manieren machen mich wahnsinnig! Tausendmal habe ich diesem Kretin be- fohlen, vor dem Eintreten anzuklopfen! Entschuldigen Sie mich ei- nen Moment.« Hastig sah Vervene die Briefe durch. Zwei von sei- ner Frau, einer von seiner Geliebten, alle vor zweieinhalb Monaten abgeschickt: Beide betteln sicher um Geld, dachte er säuerlich. »Ah, vier Briefe für Sie, M'selle.« Viele französische Bürger ließen ihre Post an die nächstliegende Gesandtschaft schicken. »Drei aus Paris, und einer aus Hongkong.« »Oh, vielen Dank!« Als sie sah, daß zwei von Colette kamen, ei- ner von ihrer Tante und der letzte von ihrem Vater, strahlte sie. »Wir sind so weit von zu Hause entfernt, nicht wahr?« »Paris ist die Welt, ja, ja, das ist es. Nun, Sie werden jetzt allein sein wollen, Sie können das Zimmer gegenüber benutzen. Wenn Sie mich entschuldigen würden…« Mit geringschätzigem Lächeln deute- te Vervene auf seinen überhäuften Schreibtisch. »Staatsangelegenhei- ten.« »Selbstverständlich, vielen Dank. Und ich danke Ihnen auch für die guten Wünsche, aber bitte, kein Wort…« Graziös ging sie in dem Bewußtsein hinaus, daß ihr wundervolles Geheimnis bald überall bekannt sein und, von Ohr zu Ohr geflüstert, weitergegeben werden würde. Ist das klug? Ich glaube, ja. Schließlich hat Malcolm mich gefragt, oder? Vervene öffnete seine Briefe, überflog sie, sah sofort, daß beide Frauen um Geld baten, keiner jedoch schlechte Nachrichten ent- hielt, legte sie beiseite, um sie später gründlich zu lesen, und mach- te sich, glücklich darüber, Überbringer guter Nachrichten zu sein, an die Depesche für Seratard mit einer heimlichen Kopie für André Poncin. »Einen Moment«, murmelte er, »vielleicht ist das Ganze maßlos übertrieben. Also formuliere ich es so: Vor wenigen Minuten flüsterte mir M'selle Angélique vertraulich zu, daß… Dann kann der Ge- sandte seine eigenen Schlüsse ziehen.« Gegenüber, in einem hübschen Vorzimmer, das auf den kleinen Garten an der High Street hinausging, hatte Angélique es sich vol- ler Erwartungsfreude bequem gemacht. Colettes erster Brief schil- derte hübsche Neuigkeiten über Paris, die Mode, einige Affären und gemeinsame Freunde so reizvoll, daß sie ihn nur überflog, weil sie wußte, daß sie ihn noch sehr oft lesen würde, vor allem heute abend in ihrem bequemen Bett, wo sie alles so richtig genießen konnte. Sie kannte Colette fast ihr ganzes Leben lang und liebte sie;, im Kloster waren sie unzertrennlich gewesen und hatten Hoffnun- gen, Träume und Vertraulichkeiten miteinander geteilt. Der zweite Brief brachte noch glücklichere Nachrichten – Colette war so alt wie sie, achtzehn, aber bereits seit einem Jahr verheiratet, und hatte einen Sohn: Ich bin wieder schwanger, liebste Angélique, mein Mann ist hocherfreut, aber ich bin ein bißchen ängstlich. Wie Du weißt, war die erste Schwangerschaft nicht leicht, obwohl der Doktor mir versichert, daß ich stark genug sein werde. Wann kommst Du wieder, ich kann's kaum erwarten… Angélique holte tief Luft, sah zum Fenster hinaus und wartete, bis der kurze Schmerz vorüber war. Du darfst dich nicht öffnen, sagte sie sich, den Tränen nahe. Selbst nicht Colette. Sei stark, Angélique. Sei vorsichtig. Dein Leben hat sich verändert, alles hat sich verän- dert – ja, aber nur für kurze Zeit. Laß dich nicht überrumpeln. Wieder ein tiefer Atemzug. Der nächste Brief schockierte sie. Tan- te Emma teilte ihr die schreckliche Nachricht vom tiefen Sturz ihres Ehemanns mit: …nun sind wir mittellos, und mein armer, armer Michel schmachtet im Schuldgefängnis, ohne daß Hilfe in Aussicht wäre! Wir haben niemanden, an den wir uns wenden könnten, kein Geld. Es ist furchtbar, mein Kind, ein Alptraum… Der liebe, arme Onkel Michel, dachte sie, wie schade, daß er ein so schlechter Geschäftsmann war. »Macht nichts, meine liebe Tan- te-Mama«, sagte sie laut, von plötzlicher Freude erfüllt, »jetzt kann ich dir all deine Liebe vergelten. Ich werde Malcolm bitten, dir zu helfen, er wird bestimmt…« Moment! Wäre das klug? Während sie noch überlegte, öffnete sie das Schreiben ihres Va- ters. Zu ihrem Erstaunen enthielt das Kuvert nur einen Brief, ohne den Sichtwechsel, um den sie gebeten hatte, den Sichtwechsel auf jene Geldsumme, die sie aus Paris mitgebracht und in der Victoria Bank deponiert hatte, und die der Onkel ihr großzügigerweise ge- gen das feierliche Versprechen vorgestreckt hatte, seiner Frau nichts, davon zu sagen und ihren Vater anzuweisen, ihm das Darlehen so- fort zurückzuzahlen, wenn sie in Hongkong eintraf, was er, wie er ihr gegenüber behauptete, getan hatte. Hongkong, 10. September. Hallo, mon petit choux, ich hoffe, daß es Dir gut geht und daß Dein Malcolm Dich so vergöttert, wie ich es tue, wie ganz Hongkong es tut. Es heißt, daß sein Vater im Sterben liegt. Ich wer- de Dich auf dem laufenden halten. Mittlerweile schreibe ich Dir nur kurz, weil ich mit der Flut nach Macao auslaufen werde. Ich habe da ein großartiges Geschäft in Aussicht, so gut, daß ich die Geldpapiere, die Du mir anvertraut hast, vorübergehend sicherheitsübereignet habe und sie für Dich als gleichberechtigten Partner investieren werde. Mit der nächsten Post werde ich Dir zehnmal soviel schicken wie das, was Du wolltest, und Dir mitteilen können, welch wundervollen Profit wir ge- macht haben – schließlich müssen wir an Deine Mitgift denken, ohne die… eh? Sie konnte nicht weiterlesen; ihre Gedanken waren in Aufruhr. O mein Gott! Was für ein Geschäft? Verspielt er wieder alles, was ich auf der Welt besitze? Es war fast zwei Uhr, und McFay war erschöpft. Er hatte ein Dut- zend Briefe geschrieben, ein halbes Hundert chits unterzeichnet, Dutzende von Rechnungen bezahlt, die Bücher des vergangenen Tages kontrolliert, die zeigten, daß die Geschäfte schlechter gingen, und festgestellt, daß alle in Amerika bestellten Waren entweder stor- niert, aufgehalten oder zu erhöhten Preisen angeboten und alle Ge- schäfte mit Kanada und Europa bis zu einem gewissen Grad eben- falls durch den Amerikanischen Bürgerkrieg beeinträchtigt wurden. Auch die Depeschen aus Hongkong enthielten kaum gute Nach- richten. Noch mehr Negatives von ihrer Zweigstelle in Shanghai,, obwohl Albert MacStruan, der dortige Geschäftsführer, erstklassige Arbeit leistete. Mein Gott, dachte er, bei unseren großen Investitio- nen dort wäre es eine Katastrophe, wenn wir Shanghai aufgeben müßten. In der Stadt herrschte wieder einmal Aufruhr, und die drei auslän- dischen Konzessionen unter britischer, französischer und amerikani- scher Kontrolle waren beunruhigt durch Gerüchte, die irregulären Armeen der Tai'ping-Rebellion in und um Nanking – einer Groß- stadt im Süden, die sie neun Jahre zuvor besetzt hatten und als Hauptstadt benutzten – seien wieder auf dem Vormarsch. Der Ausschnitt aus dem Shanghai Observer lautete: Als vor zwei Jahren unsere mutige Streitmacht aus britischen und fran- zösischen Truppen, wirksam unterstützt von einheimischen Söldnerhee- ren unter dem Oberbefehl des tapferen amerikanischen Glücksritters Fre- derick Townsend Ward, die Rebellen auf einen Dreißig-Meilen-Radius zurückwarf, nahmen wir alle erleichtert an, daß die Gefahr endgültig vorüber sei. Nun berichten Augenzeugen, daß sich eine übermächtige Armee von einer halben Million Rebellen unter einigen europäischen Offizieren ges- ammelt hat, um gegen uns zu ziehen, und eine weitere halbe Million abermals nach Norden gegen Peking marschieren wird. Ihre Gegner, die Mandschu-Armeen, sind unzuverlässig und hilflos, ihre chinesischen an- geworbenen Truppen rebellisch, so daß wir dieses Mal nicht überleben werden. Es ist zu hoffen, daß die Regierung Ihrer Majestät die Mand- schu-Behörden auffordern wird, Captain Charles Gordon zum Befehlsha- ber der Truppen und zum Chef der gesamten Mandschu-Ausbildung zu ernennen. Unser Korrespondent ist der Meinung, daß dies, wie üb- lich, ein wenig zu spät kommen wird. Was wir brauchen, ist eine vollständig ausgerüstete, permanent in China stationierte britische Armee – ohne Rücksicht auf die Nervosität in Indien wegen des jüngsten Aufstands der eingeborenen Sepoys. Die, Geschäfte sind weiterhin katastrophal, da der Preis für Seide, Tee und Opium so hoch wie niemals zuvor gestiegen ist. In den meisten Gebieten im Umkreis von fünfhundert Meilen herrscht Hungersnot… Weitere deprimierende Nachrichten von zu Hause. Gewaltige Re- genfälle hatten die Ernte weggespült, und sowohl in Irland als auch in anderen Regionen wurde eine Hungersnot erwartet, wenn auch nicht so schlimm wie die große Kartoffel-Hungersnot, bei der Hun- derttausende starben. Große Arbeitslosigkeit in Schottland. Wegen des Embargos der Union auf Südstaaten-Baumwolle und der Blo- ckade aller Südstaaten-Häfen Not und Elend in Lancashire, wo die meisten Baumwollspinnereien stillstanden, darunter drei, die Struan gehörten. Mit Hilfe der Südstaaten-Baumwolle hatte England die Welt mit Stoffen beliefert. Ein mit Tee, Seide und Lack beladener Struan-Clipper war auf der Fahrt nach London gesunken. An der Börse waren Struan-Aktien tief gefallen, während Brock-Papiere ge- stiegen waren, weil die ersten Tee-Ernten der Saison glücklich einge- troffen waren. Ein anderer Brief kam von Maureen Ross, mit der er seit fünf Jahren verlobt war. Wieder etwas Schlechtes: …Wann soll ich kommen? Hast Du das Ticket abgeschickt? Du hast versprochen, daß diese Weihnacht die letzte sein würde… »Es kann nicht diese Weihnacht sein, Kleines«, murmelte er mit finsterem Stirnrunzeln, so sehr er sie auch mochte. »Ich kann's mir einfach noch nicht leisten, und hier ist nicht der richtige Platz für eine junge Dame.« Wie oft hatte er ihr schon geschrieben und ihr das erklärt, weil Maureen und ihre Eltern im Grunde wollten, daß er bei Struan's in England oder Schottland arbeitete oder, noch besser, ›diese berüch- tigte Firma verließ und zu Hause arbeitete wie ein normaler Mann‹. Und weil er selbst im Grunde wollte, daß sie die Verlobung löste und ihn vergaß – weil die meisten britischen Ehefrauen Asien schnell hassen lernten, die Asiaten verabscheuten, die Freudenmäd-, chen verabscheuten, gegen ihre ständige Bereitschaft wüteten, das Essen verabscheuten, jammernd nach ihrem ›Zuhause‹ und der Fa- milie verlangten und ihrem Ehemann das Leben zur Hölle mach- ten. Und weil er, jawohl, Asien genoß, seine Arbeit liebte, seine Frei- heit zu schätzen wußte, die Yoshiwara mochte und nicht mit Freu- den heimkehren würde. Nun gut, dachte er, nicht bevor ich mich zur Ruhe setze. Das einzig Gute in der Post waren die Bücher von Hatchard's am Piccadilly: eine neue, illustrierte Ausgabe von Darwins brisantem Über die Entstehung der Arten, ein paar Tennison-Gedichte, eine jüngst übersetzte Schrift von Karl Marx und Friedrich Engels mit dem Titel Das Manifest der Kommunistischen Partei, fünf Ausgaben des Punch, vor allem aber eine weitere Ausgabe von All the Year Round. Das war eine von Charles Dickens gegründete Wochenzeitschrift, und dieses Heft enthielt den vierzehnten Teil von Große Erwartun- gen – im ganzen sollten es zwanzig werden. Obwohl er sehr viel zu tun hatte, verschloß McFay die Tür, um gierig den neuen Teil zu verschlingen. Als er den letzten Satz – ›Fortsetzung folgt‹ – gelesen hatte, seufzte er tief auf. Was zum Teu- fel wird Miss Havisham nun wieder tun, diese böse, alte Hexe. Er- innert sie mich an Maureens Mutter? Ich hoffe sehr, daß für Pip al- les gut ausgeht. Irgendwie muß es das! Ich hoffe, der alte Dickens schenkt uns ein richtig schönes Happy-End… Kein Zweifel, er ist der größte Schriftsteller der Welt. Er stand auf und trat ans Fenster, beobachtete das Meer und schickte gute Wünsche an die Flotte in Edo und den Postdampfer, der nun keinen Umweg machen, sondern seine reguläre Route nach Shanghai fortsetzen konnte, anstatt mit Malcolm Struan an Bord direkt nach Hongkong zu fahren. Er machte sich Sorgen um ihn und die Zukunft, die sich jedoch irgendwie mit Pip und Miss Ha- visham vermischte, fragte sich, ob Pip sich aus dem Schlamassel, in, dem er steckte, befreien konnte und ob sich das Mädchen in ihn verliebte. Hoffentlich, das arme Ding. Und was ist mit meiner Klei- nen, Maureen? Wird Zeit, daß ich eine Familie gründe… Es klopfte. »Mr. McFay? Kann ich Sie einen Moment sprechen?« Es war Piero Vargas, sein Assistent. »Einen Augenblick.« Ein wenig schuldbewußt schob er die Zeit- schrift unter den Stoß Post, reckte sich und öffnete die Tür. Piero Vargas war ein hübscher Eurasier mittleren Alters und kam aus Macao, der winzigen portugiesischen Enklave, die gut vierzig Meilen westlich von Hongkong wie ein Pickel auf einem Streifen China saß und seit 1552 besetzt war. Anders als die Briten betrach- teten die Portugiesen Macao nicht als Kolonie, sondern als dem Mutterland gleichgestellt, ermunterten ihre Siedler, sich mit Chine- sen zu verheiraten, akzeptierten eurasische Nachkommen als Staats- angehörige und erteilten ihnen unbefristete Einreiseerlaubnis ins Mutterland. Die Briten dagegen mißbilligten Ehen zwischen Ange- hörigen verschiedener Rassen, obwohl viele von ihnen Familien hat- ten. Die Kinder aus diesen Ehen wurden in der Gesellschaft nicht akzeptiert. In Shanghai nahmen die Nachkommen den Namen des Vaters an, in Hongkong den der Mutter. Seit die Briten nach China gekommen waren, hatten sie gern die intelligentesten Macaoaner als Geldwechsler und Compradores ein- gestellt, die notgedrungen nicht nur Englisch, sondern auch chine- sische Dialekte beherrschten. Bis auf das Noble House. Dessen Comprador war der ungeheuer reiche Gordon Chen, außereheli- cher Sohn des Firmengründers Dirk Struan von einer seiner vielen Konkubinen, allerdings nicht von der letzten, der sagenhaften May- may. »Ja, Piero?« »Tut mir leid, wenn ich störe, Senhor«, sagte Piero in fließendem, weichem Englisch. »Aber Kinu-san, unser Seidenlieferant, bittet um ein persönliches Gespräch mit Ihnen.«, »Ach ja? Warum?« »Nun, nicht eigentlich für sich, sondern für zwei Aufkäufer, die mit ihm gekommen sind. Aus Choshu.« »Ach.« McFays Interesse war geweckt. Nachdem der Daimyo von Choshu, dem Lehen weit im Westen an der Shimonoseki-Meerenge, fast zwei Jahre lang vorsichtig sondiert hatte, war im vergangenen Jahr ein äußerst wichtiges Geschäft zustande gekommen, autorisiert vom Hauptbüro in Hongkong und von dort auch arrangiert: ein 200-Tonnen-Raddampfer mit einer sehr geheimen Ladung – Kano- nen, Schrot und Munition –, umgehend bezahlt in Gold und Sil- ber, zur Hälfte im voraus, den Rest bei Lieferung. »Führen Sie sie herein. Nein, warten Sie, lieber ins große Konferenzzimmer.« »Si, Senhor.« »Ist einer von ihnen derselbe wie letztes Mal?« »Senhor?« »Der junge Mann, der ein wenig Englisch sprach.« »Ich habe an dem Gespräch nicht teilgenommen, Senhor. Ich war damals auf Urlaub in Portugal.« »Ach ja, jetzt erinnere ich mich.« Das Konferenzzimmer war groß und bot an dem langen Eichen- tisch Platz für zweiundvierzig Personen. Es gab passende Sideboards und Kommoden für Tafelsilber sowie Vitrinen, die teilweise mit Waffen gefüllt waren. Er öffnete eine von ihnen, nahm einen Gürtel mit Pistolentasche heraus und schnallte ihn sich um die Taille; dann vergewisserte er sich, daß die Pistole geladen war und locker in der Tasche saß. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich bei Gesprächen mit Samurai ebenso zu bewaffnen wie sie. »Um das Gesicht zu wahren«, erklärte er seinen Untergebenen, »aber auch aus Sicherheitsgründen.« Des weiteren lehnte er ein Spencergewehr an einen Sessel und nahm, mit dem Gesicht zur Tür, am Fenster Aufstellung. Vargas brachte die drei Männer herein. Der eine war dick, schmie-, rig und ohne Schwert: Kinu, der Seidenlieferant. Die beiden ande- ren waren Samurai, der eine jung, der andere in den Vierzigern. Bei- de waren klein, mager, mit harten Gesichtern. Wie üblich waren sie bewaffnet. Sie verneigten sich höflich, und McFay bemerkte, daß beide Män- ner sofort den Hinterlader gesehen hatten. Er erwiderte die Verbeu- gung. »Ohayo«, sagte er. Guten Morgen. Und dann: »Dozo«, während er auf die Sessel deutete, die in sicherer Entfernung ihm gegenüber standen. »Good morning«, sagte der jüngere, ohne zu lächeln. »Ah, Sie sprechen Englisch? Ausgezeichnet. Bitte, nehmen Sie Platz.« »Nur sehr wenig«, radebrechte der Jüngere. Dabei klangen die ›L‹s wie ›R‹s, weil es im Japanischen kein ›L‹ gab, und die ›W‹s klan- gen ebenfalls sehr seltsam. Dann sagte er auf Fukunesisch, dem ge- meinsamen chinesischen Dialekt, etwas zu Vargas, und anschließ- end stellten sich die beiden Samurai vor und setzten hinzu, daß sie von Herrn Ogama von Choshu geschickt worden seien. »Ich bin Jamie McFay, Geschäftsführer von Struan and Company in Nippon. Es ist mir eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen.« Wie- der übersetzte Vargas. Geduldig arbeitete sich Jamie durch die obli- gatorischen fünfzehn Minuten der Fragen nach der Gesundheit des Daimyo, ihrer eigenen Gesundheit, seiner Gesundheit und der Ge- sundheit der Königin, die Aussichten in Choshu, in England, nichts Bestimmtes, alles sehr allgemein. Tee wurde serviert und ge- lobt. Schließlich kam der junge Mann zum Thema. Mit größter Vorsicht verhinderte Vargas, daß ihm die Erregung an der Stimme anzumerken war. »Sie wollen eintausend Hinterlader mit eintausend Bronzepatronen pro Waffe kaufen. Wir sollen ihnen einen fairen Preis nennen und innerhalb von drei Monaten liefern. Liefern wir innerhalb von zwei Monaten, werden sie eine Prämie bezahlen – zwanzig Prozent.«, Äußerlich blieb auch McFay gelassen. »Ist das alles, was sie im Augenblick kaufen wollen?« Vargas erkundigte sich. »Ja, Senhor, aber sie brauchen eintausend Patronen pro Gewehr. Sowie ein Dampfschiff der kleinen Größe.« McFay überschlug im Kopf den riesigen potentiellen Profit, erin- nerte sich dabei aber nur allzu deutlich an sein Gespräch mit Grey- forth und die allseits bekannte, von Sir William unterstützte Abnei- gung des Admirals und des Generals gegen jeglichen Waffenverkauf. Erinnerte sich an die vielen Morde. An Canterbury, der in Stücke zerhackt worden war. Und daran, daß auch er selbst nichts vom Waffenverkauf hielt – nicht, bevor sich die ganze Lage beruhigt hat- te. Würde sie sich aber je beruhigen, bei einem so kriegerischen Volk? »Bitte sagen Sie ihnen, daß ich ihnen in drei Wochen eine Antwort geben kann.« Er sah, wie das freundliche Lächeln des jun- gen Mannes erlosch. »Antwort… jetzt. Nicht drei Wochen.« »Haben nicht Waffen hier«, erklärte McFay langsam, direkt an ihn gewandt. »Müssen schreiben Hongkong, Hauptbüro, neun Tage hin, neun Tage dort, neun Tage zurück. Ein paar Hinterlader hier. Rest in Amerika. Vier oder fünf Monate Minimum.« »Nicht verstehn.« Vargas übersetzte. Dann diskutierten die beiden Samurai, während der Händler ihre Fragen mit eifriger Unterwürfigkeit beantwortete. Weitere Fragen an Vargas, die höflich beantwortet wurden. »Er sagt, gut, er oder ein Choshu-Beamter wird in neunundzwanzig Tagen wiederkommen. Die Transaktion muß geheimgehalten werden.« »Selbstverständlich.« McFay sah den jungen Samurai an. »Ge- heim.« »Hai! Ge'eim.« »Fragen Sie ihn, wie es Numata, dem anderen Samurai, geht.« Er sah, daß sie die Stirn runzelten, vermochte aber nichts in ihren Mienen zu lesen., »Sie kennen ihn nicht persönlich, Senhor.« Wieder Verbeugungen; dann war Jamie allein. Tief in Gedanken hängte er den Pistolengürtel in den Schrank zurück. Wenn ich ih- nen die Gewehre nicht verkaufe, wird Norbert es tun – und zum Teufel mit der Moral. Vargas kehrte zurück – hochzufrieden. »Eine ganz ausgezeichnete Chance, Senhor, aber eine schwere Verantwortung.« »Ja. Ich möchte wissen, was das Hauptbüro diesmal sagen wird.« »Das zu erfahren ist nicht schwer, Senhor. Sie brauchen keine achtzehn Tage zu warten. Ist denn das Hauptbüro nicht im oberen Stock?« McFay starrte ihn an. »Verdammt, das hatte ich ganz vergessen! Schwer vorzustellen, daß der junge Malcolm der Tai-Pan ist, unsere letzte Entscheidungsinstanz. Sie haben recht.« Eilige Schritte näherten sich, dann ging die Tür auf. »Tut mir leid, so reinzuplatzen.« Nettlesmith keuchte vor Anstrengung; sein schlampiger Zylinder saß schief auf dem Kopf. »Aber ich dachte, Sie müssen das gleich erfahren. Eben habe ich gehört, daß die blaue Signalflagge vor wenigen Minuten am Mast der Gesandt- schaft hochgezogen worden ist… Dann kam sie runter, ging wieder hoch, kam wieder runter auf halbmast, und da blieb sie hängen.« Jamie starrte ihn verständnislos an. »Was zum Teufel soll das hei- ßen?« »Keine Ahnung. Nur, daß halbmast gewöhnlich Tod bedeutet, nicht wahr?« Zutiefst beunruhigt richtete der Admiral den Feldstecher abermals auf den Flaggenmast der Gesandtschaft. Die übrigen Kapitäne der Flotte, Marlowe, der General, der französische Admiral und von Heimrich waren ebenso besorgt, während sich Seratard und André Poncin nur den Anschein gaben. Als der Ausguck vor einer Stunde, Alarm geschlagen hatte, waren sie alle vom Mittagstisch an Deck geeilt. Bis auf den russischen Gesandten: »Wenn ihr in der Kälte warten wollt, von mir aus. Ich denke gar nicht daran. Sobald Nach- richt von Land kommt – ja, nein oder Krieg – könnt ihr mich we- cken. Wenn ihr mit dem Schießen beginnt, werde ich mich an- schließen…« Marlowe beobachtete die Speckrolle über dem Kragen des Admi- rals; er verabscheute ihn und wünschte, er wäre bei Tyrer an Land oder an Bord seines eigenen Schiffes, der Pearl. Um zwölf Uhr mit- tags hatte der Admiral den zeitweiligen Kapitän gegen seinen Rat durch einen Fremden ersetzt, einen gewissen Lieutenant Dornfield. Das miese, alte Schwein, wie großkotzig der mit seinem Feldstecher hantiert – wir wissen alle, daß der furchtbar teuer ist und nur an hohe Offiziersgrade ausgegeben wird. Verdammter… »Marlowe!« »Jawohl, Sir.« »Wir sollten feststellen, was zum Teufel da vor sich geht. Sie ge- hen an Land… oder nein, ich brauche Sie hier! Thomas, würden Sie bitte einen Offizier zur Gesandtschaft schicken? Marlowe, stellen Sie einen Signalgast ab, der das Detachement begleitet.« Sofort winkte der General mit dem Daumen seinem Adjutanten, der Marlowe auf dem Fuß folgte. Seratard hüllte sich fester in sei- nen Mantel, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen. »Ich fürchte, Sir William hat sich in die Bredouille gebracht.« »Ich erinnere mich, daß Sie Ihrer Meinung schon heute morgen Ausdruck verliehen haben«, gab der Admiral knapp zurück. Die Besprechung mit den Gesandten, die er einberufen hatte, war lautstark verlaufen und hatte zu keiner Lösung außer der von Graf Sergejew vorgeschlagenen geführt: augenblicklicher und massiver Einsatz von Truppen. »Die wir, mein lieber Graf«, hatte er sofort verärgert zurückgegeben, »jetzt nicht zur Verfügung haben, falls die- ser Einsatz im Anschluß an eine einfache Beschießung notwendig, werden sollte, um die Stadt und ihre Umgebung zu erobern.« Nun schürzte Ketterer die Lippen und funkelte Seratard, der seine Abneigung erwiderte, aufgebracht an. »Ich bin überzeugt, daß Sir William eine Lösung finden wird, aber ich sage Ihnen offen, wenn ich sehe, daß die Flagge eingeholt wird, wird Edo, bei Gott, in Rauch und Flammen aufgehen!« »Ganz meine Meinung«, erklärte Seratard. »Eine Frage der natio- nalen Ehre.« Von Heimrichs Miene verhärtete sich. »Die Japaner sind nicht dumm – wie einige andere Leute. Ich kann nicht glauben, daß sie die Kampfmacht ignorieren werden, über die wir jetzt verfügen.« Der Wind frischte plötzlich auf und ließ einige Spieren ächzen; das Meer wurde grauer, die Wolken dunkler. Aller Augen richteten sich auf eine schwarze Böenlinie am östlichen Horizont. Der Sturm nahm Richtung auf die Küste und bedrohte ihre exponierten An- kerplätze. »Marlowe, schicken Sie ein… Marlowe!« brüllte der Admiral. »Jawohl, Sir?« Marlowe kam herbeigelaufen. »Verdammt noch mal, bleiben Sie in Rufweite! Signal an alle Schiffe: ›Klarmachen zum Auslaufen. Sollten sich Wetterbedingun- gen sehr schnell verschlechtern, übernimmt jeder auf mein Kom- mando hin selbst die Initiative. Treffpunkt Kanagawa, sobald es das Wetter erlaubt.‹ Die Kapitäne begeben sich jetzt wieder auf ihre Schiffe, solange das Wetter es noch zuläßt.« Froh, endlich erlöst zu sein, eilten alle davon. »Ich werde ebenfalls auf mein Schiff zurückkehren«, sagte der französische Admiral. »Bonjour, Messieurs.« »Wir kommen mit, M'sieur l'Amiral«, sagte Seratard. »Danke für Ihre Gastfreundschaft, Admiral Ketterer.« »Und was ist mit Graf Alexej? Er ist doch mit Ihnen gekommen, nicht wahr?« »Lassen Sie ihn schlafen. Es ist besser, wenn der russische Bär, schläft, n'estce pas?« sagte Seratard eiskalt zu von Heimrich, denn beiden waren Preußens geheime Vorschläge an die Adresse des Za- ren bekannt, bei einer Konfrontation neutral zu bleiben, damit Preußen innerhalb Europas expandieren sowie eine deutsche Na- tion schaffen konnte. Marlowe, der den Signalgast holen lief, sah sein Schiff, die Pearl, vor Anker liegen und machte sich Sorgen um sie; es ärgerte ihn, daß er nicht an Bord sein und das Kommando führen konnte. Vol- ler Unruhe warf er noch einmal einen Blick seewärts, taxierte die Böenlinie, die Schwere der immer schwärzer werdenden Wolken, den Geruch und den Geschmack des Salzes im Wind. »Das wird ganz schlimm werden.« Im Konferenzzimmer der Gesandtschaft saß Sir William, flankiert von einem schottischen Offizier, Phillip Tyrer und mehreren Wa- chen, gelassen drei japanischen Beamten gegenüber, die, mit ihren Leibwachen hinter sich, in aller Ruhe Platz nahmen: Adachi, der grauhaarige Älteste und Daimyo von Mito, Misamoto, der falsche Samurai und Fischer, und schließlich ein kleiner, dickbäuchiger Ba- kufu-Beamter, der insgeheim fließend Holländisch sprach und des- sen Auftrag darin bestand, Yoshi unter vier Augen von den Ver- handlungen und dem Verhalten der beiden anderen zu berichten. Wie üblich nannte keiner seinen richtigen Namen. Genau wie gestern waren fünf Sänften gekommen, mit derselben Feierlichkeit, wenn auch mit einer verstärkten Anzahl von Wachen. Nur drei davon waren besetzt, was Sir William seltsam beunruhi- gend fand. Das, zusammen mit der verstärkten Samurai-Tätigkeit während der Nacht rings um den Tempel und die Gesandtschaft, veranlaßte ihn, ein teilweises Alarmsignal an die Flotte zu senden, indem er den Wimpel auf halbmast setzte und hoffte, Ketterer wer- de die Botschaft verstehen., Draußen im Vorhof war Hiraga, wieder als Gärtner verkleidet, ebenfalls beunruhigt gewesen – um so mehr, weil Toranaga Yoshi sich nicht unter den Beamten befand. Das hieß, daß der so sorg- fältig ausgearbeitete Plan, Yoshi bei seiner Rückkehr in der Nähe des Burgtors in einen Hinterhalt zu locken, abgeblasen werden mußte. Er hatte sofort versucht, sich heimlich davonzumachen, aber die Samurai hatten ihn ärgerlich an die Arbeit zurückgewiesen. Wütend hatte er gehorcht und wartete nun auf eine Gelegenheit zur Flucht. »Sie kommen zweieinhalb Stunden zu spät«, sagte Sir William eisig zur Eröffnung des Gesprächs. »In zivilisierten Ländern werden diplomatische Verhandlungen pünktlich begonnen.« Sofort gab es blumige Entschuldigungen. Dann folgten die übli- chen obligatorischen Vorstellungen, die zuckersüßen Komplimente, die entnervenden Höflichkeiten und mehr als eine Stunde lang ein ständiges Hin und Her von zurückgewiesenen Forderungen, gewich- tigen Argumenten, verlangten Aufschüben, Fragen, die wiederholt werden mußten, Fakten, die abgetan, Wahrheiten, die mißachtet wurden – Alibis, Erklärungen, Vernunftbegründungen, Ausreden, alles überaus höflich geäußert. Sir William war kurz davor zu explodieren, als Adachi mit ernster Formalität eine versiegelte Schriftrolle hervorzog und sie dem Dol- metscher überreichte, der sie an Johann weitergab. Johanns Müdigkeit war wie weggeblasen. »Gott im Himmel! Das ist das Siegel des roju!« »Wie bitte?« »Des Ältestenrats. Ich würde dieses Siegel überall erkennen – Bot- schafter Harris hat dasselbe. Sie sollten die Rolle offiziell akzeptie- ren, Sir William, dann werde ich sie, falls der Text auf holländisch abgefaßt ist, was ich bezweifle, laut vorlesen.« Er unterdrückte ein nervöses Gähnen. »Vermutlich nur eine weitere Verzögerungstak- tik.«, Sir William folgte Johanns Rat; er haßte es, so abhängig zu sein und sich auf ausländische Söldner-Dolmetscher verlassen zu müs- sen. Johann erbrach das Siegel und überflog das Dokument. Sein Er- staunen war echt. »Bei Gott, es ist auf holländisch abgefaßt! Wenn ich sämtliche Titel und das offizielle Gerede auslasse, steht hier: Nach Erhalt einer offenbar gerechtfertigten Beschwerde entschul- digt sich der Ältestenrat für die, äh, für die Übergriffe seiner Unter- gebenen und möchte den verehrten Gesandten der Engländer und die anderen akkreditierten Gesandten bitten, sich mit dem Rat von heute an in dreißig Tagen in Edo zu treffen, wo die offizielle Be- schwerde vorgetragen, die Angelegenheit diskutiert, entsprechend behandelt und eine Entschädigung für besagte gerechtfertigte Be- schwerde vereinbart wird. Unterzeichnet … Nori Anjo, Oberster Mi- nister.« Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Sir William, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Dieser Aufschub verschaff- te ihm die verzweifelt herbeigesehnte Chance, das Gesicht zu wah- ren, und wenn er sie nun noch ein bißchen weiter manipulieren konnte… Voll Wut entdeckte er plötzlich aus dem Augenwinkel, daß Tyrer breit grinste. Ohne ihn anzusehen, zischte er: »Hören Sie auf zu grinsen, Sie verdammter Idiot!« Und setzte im selben Atem- zug barsch hinzu: »Johann, sagen sie denen, daß ihnen meine Ant- wort in drei Tagen zugehen wird. Bis dahin fordere ich auch eine Entschädigung von zehntausend Pfund Sterling in Gold für die Fa- milien des Sergeant und des Corporal, die vergangenes Jahr in die- ser Gesandtschaft ermordet wurden, eine Entschädigung, die bereits viermal von uns verlangt wurde!« Als dies übersetzt wurde, las er Bestürzung in der Miene des älte- ren Mannes. Es folgte eine weitere, längere Diskussion zwischen ihm und dem Bakufu-Beamten. Johann berichtete verdrossen: »Der alte Bursche lehnt das mit, den üblichen Worten ab: Dieser bedauerliche Zwischenfall sei auf einen Angestellten der Gesandtschaft zurückzuführen, der anschlie- ßend Seppuku begangen habe – Selbstmord. Die Bakufu seien nicht schuld daran.« Ebenso verdrossen sagte Sir William: »Antworten Sie ihnen das Übliche: daß sie ihn ernannt hätten, daß sie darauf bestanden hät- ten, daß wir ihn einstellen, und daß sie daher dafür verantwortlich seien – und daß er nur Selbstmord begangen habe, weil er bei dem Mordversuch an meinem Vorgänger schwer verwundet worden sei und unmittelbar vor der Gefangennahme gestanden habe!« Während er versuchte, seine Müdigkeit zu unterdrücken, beo- bachtete er, wie die beiden Beamten mit ihrem Dolmetscher disku- tierten und der dritte Mann zuhörte, wie er es den ganzen Nach- mittag schon getan hatte. Vielleicht ist er es, der wirklich die Macht ausübt. Was ist aus den anderen Männern von gestern geworden, vor allem aus dem jüngeren Mann, den André Poncin angespro- chen hat, als er das Haus verließ? Was führt dieser hinterlistige Schuft Seratard im Schilde? Der auffrischende Wind warf einen losen Laden gegen das Fens- ter. Einer der Wachsoldaten beugte sich über die Fensterbank und befestigte ihn mit dem Haken. Nicht weit von der Küste entfernt ankerte die Flotte; das Meer war jetzt dunkelgrau geworden und trug weiße Schaumkronen. Sir William bemerkte die drohende Böenlinie. Seine Besorgnis um die Schiffe nahm zu. Johann sagte vorsichtig: »Der alte Bursche fragt, ob Sie dreitau- send akzeptieren würden.« Sir Williams Gesicht lief puterrot an. »Zehntausend in Gold!« Wieder ein Wortwechsel; dann trocknete sich Johann die Stirn. »Mein Gott, sie akzeptieren zehn, zahlbar in zwei Raten in Yokoha- ma, die erste in zehn Tagen, der Rest am Tag vor dem Treffen in Edo.« Nach einer betont dramatischen Pause sagte Sir William: »Wenn, es ihnen genehm ist, werde ich ihnen in drei Tagen meine Antwort geben.« Wieder eingesogener Atem, weitere geschickte Versuche, die drei Tage auf dreißig, auf zehn, auf acht auszudehnen, die jedoch alle ins Leere liefen. »Drei.« Höfliche Verneigungen, dann war die Delegation verschwunden. Sobald sie allein waren, strahlte Johann. »Zum erstenmal haben wir ein paar Fortschritte gemacht, Sir William, zum allererstenmal!« »Ja. Nun, wir werden sehen. Trotzdem, ich begreife die Leute nicht. Offensichtlich versuchten sie uns zu zermürben. Aber wa- rum? Zu welchem Zweck? Sie hatten doch die Schriftrolle, warum zum Teufel haben sie sie mir nicht gleich überreicht, ohne diese ganze verdammte Zeitverschwendung? Ein Haufen beschissener Idioten! Und warum haben sie zwei leere Sänften geschickt?« »Mir scheint, Sir«, warf Phillip Tyrer strahlend ein, »daß das zu ihrem Charakter gehört. Hinterlistig zu sein.« »Mag sein. Nun, Tyrer, kommen Sie bitte mit.« Er ging voraus in sein Privatbüro und sagte, als sich die Tür hinter ihnen schloß, voll Zorn: »Hat man Ihnen im F.O. denn überhaupt nichts beigebracht? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Haben Sie nicht genug Verstand, während einer diplomatischen Besprechung ein Pokerge- sicht zu machen? Sind Sie weich im Kopf?« Tyrer war völlig zerknirscht. »Es tut mir leid, Sir, furchtbar leid, Sir. Ich war nur so glücklich über unseren Sieg, daß ich…« »Es war kein Sieg, Sie Idiot! Es war nur wieder ein Aufschub, wenn auch allerdings vom Himmel geschickt!« Die Erleichterung darüber, daß die Verhandlungen beendet und wider Erwarten mehr bewirkt hatten, als man sich hätte wünschen können, war Öl aufs Feuer von Sir Williams Reizbarkeit. »Haben Sie Bohnen in den Oh- ren? Haben Sie nicht diesen Ausdruck ›offenbar gerechtfertigte Be- schwerde‹ gehört – das ist das größte Loch, das sie je hätten lassen können, bei Gott! Wir haben einen Aufschub erreicht, mehr nicht,, aber das paßt mir zufällig großartig ins Konzept, und wenn das Treffen in Edo in dreißig Tagen stattfindet, würde mich das über- raschen. Das nächstemal lassen Sie sich Ihre Gefühle, verdammt noch mal, nicht anmerken, und wenn Sie jemals Dolmetscher wer- den wollen… sollten Sie besser sehr schnell Japanisch lernen, sonst fahren Sie mit dem nächsten Schiff nach Hause zurück, mit einer Bemerkung in Ihrem Personalbogen, die Ihnen bis an Ihr Lebensen- de einen Posten im Eskimoland sichert!« »Jawohl, Sir.« Noch immer schäumend sah Sir William, daß der junge Mann stoisch auf ihn herabstarrte, und fragte sich, was an ihm so anders war. Dann entdeckte er seine Augen. Wo habe ich diesen Blick schon einmal gesehen – diesen merk- würdigen Blick, den auch der junge Struan hatte? Ach ja, natürlich! In den Augen der jungen Soldaten, die von der Krim nach Hause kamen, der gesunden wie auch der verwundeten – Freund oder Feind. Der Krieg hatte ihnen die Jugend, die Unschuld mit einer so furchtbaren Plötzlichkeit geraubt, daß sie auf immer verändert wa- ren. Und das zeigt sich nicht in den Gesichtern, sondern immer in ihren Augen. Wie oft hat man mir schon gesagt: vor der Schlacht ein Junge, wenige Minuten oder Stunden später ein Erwachsener, ob Brite, Russe, Deutscher, Franzose oder Türke. Ich bin der Idiot, nicht dieser junge Mann. Ich hatte vergessen, daß er kaum über Zwanzig, daß er innerhalb von sechs Tagen bei- nah ermordet worden ist und so viel Gewalttätigkeit erlebt hat, wie ein Mann nur erleben kann. Oder, bei Gott, eine Frau! Ganz recht, das junge Mädchen hatte diesen Ausdruck auch in den Augen. Dumm von mir, das nicht zu erkennen. Das arme Mädchen, ist sie nicht erst knapp achtzehn Jahre alt? Furchtbar, so schnell erwach- sen zu werden. Ich habe großes Glück gehabt. »Nun, Mr. Tyrer«, sagte er barsch – und beneidete ihn darum, daß er die Feuertaufe so tapfer überstanden hatte –, »ich bin sicher,, Sie werden's schon schaffen. Diese Verhandlungen können, nun ja, selbst Hiobs Geduld auf die Probe stellen, eh? Ich denke, jetzt wäre ein Sherry angebracht.« Es war Hiraga ziemlich schwergefallen, durch den Kreis der Samurai aus dem Garten zu entkommen und sich zur Herberge ›Zu den sie- benundvierzig Ronin‹ zurückzuschleichen. Als er sie endlich er- reichte, hörte er zu seinem Schrecken, daß die Gruppe der Atten- täter bereits zum Ort des Überfalls aufgebrochen war. »Einer von unseren Leuten hat berichtet, daß die Delegation ge- nau wie gestern die Burg verlassen hat«, erklärte Ori hilflos, »mit Bannern wie gestern, mit fünf Sänften wie gestern, also vermuteten wir, daß Herr Yoshi in einer davon sitzen würde.« »Es war verabredet, daß sie warten sollten.« »Das haben sie, Hiraga, aber wenn… wenn sie nicht aufgebrochen wären, hätten sie's nie rechtzeitig geschafft.« Hastig kleidete sich Hiraga in einen billigen Kimono um und holte seine Waffen. »Warst du beim Arzt?« »Die Mama-san und ich hielten es heute für zu gefährlich. Mor- gen wird's bestimmt besser klappen.« »Dann sehen wir uns in Kanagawa.« »Sonno-joi!« »Geh nach Kanagawa! Hier bist du ein Risiko!« Hiraga stieg über den Zaun und schlich durch dunkle Gassen und über wenig benutzte Pfade und Brücken auf Umwegen zur Burg. Diesmal hatte er mehr Glück und konnte allen Patrouillen aus dem Weg gehen. Die meisten Daimyo-Paläste außerhalb der Burgmauern lagen ver- lassen. Geschickt jede sich bietende Deckung ausnutzend, huschte er von einem Garten zum anderen, bis er die ausgebrannte Ruine eines Daimyo-Palastes erreichte, der durch das Erdbeben vor drei, Tagen zerstört worden war. Wie geplant, hatten sich seine Shishi- Freunde für den Hinterhalt in der Nähe des zerbrochenen Haupt- tors versammelt, das auf den Hauptweg zum Burgtor führte. Es wa- ren neun Männer, statt elf. »Eeee, Hiraga, wir hatten dich schon aufgegeben!« flüsterte der Jüngste, der von allen am aufgeregtesten war. »Von hier aus können wir ihn mühelos töten.« »Wo sind die Mori-Samurai?« »Tot.« Akimoto, sein Vetter, zuckte die Achseln. Er war der Ältes- te von ihnen, ein stämmiger Vierundzwanzigjähriger. »Wir sind ge- trennt hierhergekommen, aber ich war in ihrer Nähe, und wir stie- ßen zu dritt auf eine Patrouille.« Er strahlte. »Ich bin hierhin geflo- hen, sie dorthin, ich sah noch, wie einer von einem Pfeil getroffen wurde und fiel. Ich wußte gar nicht, daß ich so schnell laufen kann. Vergeßt die beiden. Wann wird Yoshi hier vorbeikommen?« Zu ihrer größten Enttäuschung teilte Hiraga ihnen mit, daß sich ihr Opfer nicht bei dem Zug befand. »Und was machen wir nun?« fragte ein hochgewachsener, sehr hübscher Sechzehnjähriger. »Die- ser Hinterhalt ist perfekt – ein halbes Dutzend wichtiger Bakufu- Sänften sind hier vorbeigekommen, und zwar fast ganz ohne Be- wachung.« »Dieser Platz hier ist zu gut, um ihn ohne triftigen Grund aufs Spiel zu setzen«, entschied Hiraga. »Wir ziehen uns zurück, einer nach dem anderen. Akimoto, du zuer…« Der Shishi, der Wache stand, stieß einen warnenden Pfiff aus. Au- genblicklich gingen sie noch tiefer in Deckung und preßten die Au- gen an die Öffnungen des zerbrochenen Zauns. In etwas über drei- ßig Meter Entfernung sahen sie eine kostbare Sänfte mit acht halb- nackten Trägern und einem Dutzend Samurai-Bannerwachen, die sich gemächlich dem Burgtor näherten. Sonst war in beiden Rich- tungen niemand zu sehen. Das Emblem erkannten sie sofort: Nori Anjo, Vorsitzender des, Ältestenrates. Ihre Entscheidung: »Sonno-joi!« Mit Hiraga an der Spitze griffen sie den kleinen Zug an, erschlu- gen die vordersten beiden Reihen der Wachen und stürzten sich auf die Sänfte. In ihrer Erregung hatten sie sich jedoch um wenige Se- kunden verschätzt und dadurch den übrigen acht Wachen, hand- verlesenen Kriegern, Zeit zum Reagieren gegeben. In dem hekti- schen Durcheinander kreischten die Sänftenträger vor Angst, ließen ihre Stangen fallen und flohen – jedenfalls jene, die den ersten An- griff überlebt hatten –, und das verschaffte Anjo den Augenblick, den er benötigte, um die abgewandte Tür der Sänfte aufzuschieben und sich in der Sekunde hinauszurollen, als Hiragas Schwert durch das dünne Holz fuhr, um das Kissen aufzuspießen, auf dem er eben noch geruht hatte. Fluchend zog Hiraga das Schwert heraus, wirbelte herum, als er von hinten bedroht wurde, tötete den Mann unter wildem Waffen- geklirr und sprang dann über die Stangen hinweg auf Anjo zu, der sich, inzwischen von drei Wachen gedeckt, aufgerappelt und eben- falls das Schwert gezogen hatte. Hinter Hiraga kämpften fünf seiner Freunde mit den übrigen vier Samurai, ein Shishi war bereits tot, ein zweiter lag hilflos und tödlich verwundet auf dem Boden, ein dritter verschätzte sich, brüllend vor Mordlust, in seinem Gegner, glitt auf dem Körper eines schluchzenden Trägers aus und erhielt eine schreckliche Wunde an der Seite. Bevor sein Angreifer sich er- holen konnte, stürzte sich ein Shishi auf ihn, und der Kopf des Samurai rollte in den Staub. Nun waren sie sieben gegen sechs. Sofort brach Akimoto seinen Kampf ab und eilte herbei, um Hiraga zu helfen, der sich auf Anjo und dessen drei Wachen ge- stürzt hatte und von ihnen überwältigt zu werden drohte. Mit einer glänzenden Finte brachte Hiraga einen der Samurai aus dem Gleichgewicht, spießte ihn auf, zog das Schwert heraus und lief auf die Seite, um die beiden anderen abzulenken und Akimoto die, Chance zu geben, die er brauchte, um mit Anjo Schluß zu machen. In diesem Moment ertönte ein Warnruf. Fünfzig Meter entfernt waren zwanzig Palastwachen um die Ecke gekommen, die Anjo au- genblicklich zu Hilfe eilten. Der Sekundenbruchteil, den Akimoto zögerte, gab einem Samurai Gelegenheit, den furchtbaren Hieb ab- zuwehren, der Anjo umgebracht hätte, so daß dieser sich aufraffen und auf die Verstärkung zulaufen konnte. Nun waren die Shishi hoffnungslos unterlegen. Keine Möglichkeit mehr, Anjo zu töten! Keine Möglichkeit, den Gegner zu überwältigen! »Zurück!« schrie Hiraga. Sofort brachen Akimoto und die restli- chen vier in einem oft geübten Manöver die Kämpfe ab und zogen sich durch das beschädigte Haupttor zurück, Hiraga als letzter, während Jozan, der schwer verwundete junge Mann, hinter ihnen herhinkte. Die Wachen gerieten vorübergehend in Verwirrung. Dann sammelten sie sich und nahmen mit einem Teil der Verstär- kung die Verfolgung auf, während andere Jozan stellten, der mit hoch erhobenem Schwert herumwirbelte, obwohl ihm ein Blut- strom aus der Seite schoß. Akimoto leitete den überstürzten Rückzug, dessen Route vorher sorgfältig festgelegt worden war. Hiraga bildete die Nachhut, die Feinde holten unaufhaltsam auf. Er wartete, bis er die erste Barrika- de erreichte, wo Gota sich versteckt hatte, um ihm zu helfen, mach- te kehrt, und sofort gingen sie zu zweit zum Gegenangriff über, sta- chen und hieben wie wahnsinnig, verletzten einen Mann tödlich und zwangen den nächsten zu Boden, der einen weiteren mit sich riß. Dann flohen sie weiter und führten den Feind tiefer in den zer- störten Palast hinein. Sie hasteten durch die nächste schmale Lücke in der halb nieder- gebrannten Mauer, wo Akimoto und ein anderer wartend im Hin- terhalt lagen. Ohne Zögern töteten diese beiden den ersten Angrei- fer mit dem Ruf »Sonno-joi!«, während die übrigen, verblüfft über, den unerwarteten Angriff, haltmachten, um sich zu sammeln. Als sie schließlich über den Leichnam ihres Kameraden durch den Eng- paß sprangen, war von Akimoto, Hiraga und den anderen nichts mehr zu sehen. Sofort schwärmten die Samurai aus und begannen mit einer gründlichen Suche, während der Himmel sich mit drohenden Wol- ken füllte. Vor dem niedergebrannten Haupttor war Anjo inzwischen von Wachen umgeben. Fünf seiner Männer waren tot, zwei von ihnen schwer verwundet. Die beiden toten Shishi waren bereits geköpft worden. Der junge Shishi lag hilflos auf dem Boden; von Schmer- zen fast betäubt hielt er sein nahezu ganz abgetrenntes Bein fest und versuchte, es wieder anzudrücken. Jozan hockte an einer Mau- er. Es fing an zu regnen. »Er lügt, Sire«, stellte ein keuchender Offizier fest. »Selbstverständlich«, gab Anjo schäumend vor Wut zurück. »Töte ihn.« »Ich bitte respektvoll, ihn Seppuku begehen lassen zu dürfen.« »Töte ihn!« Der Offizier, ein wuchtiger, bärenhafter Mann, zuckte die Ach- seln und ging zu dem jungen Shishi hinüber. Mit dem Rücken zu Anjo flüsterte er: »Ich habe die Ehre, dein Sekundant zu sein. Reck den Hals.« Sein Schwert pfiff durch die Luft, als er nur einen einzi- gen Hieb austeilte. Wie üblich, hob er den Kopf am Haarknoten und zeigte ihn dem Ältesten. »Ich hab's gesehen«, sagte Anjo, dem korrekten Ritual entspre- chend, kochte aber vor Wut auf diese Männer, die es gewagt hat- ten, ihn anzugreifen, gewagt hatten, ihn zu Tode zu erschrecken, ihn, den Obersten der roju! »Und nun den da – er hat auch gelo- gen, töte ihn!« »Ich bitte respektvoll, ihn Seppuku begehen zu lassen.« Anjo wollte ihm zuschreien, er solle den Attentäter brutal um-, bringen oder dann selbst Seppuku begehen, als er plötzlich die kol- lektive Feindseligkeit der ihn umgebenden Samurai spürte. Sofort überfiel ihn die gewohnte Angst: Wem kann ich trauen? Nur fünf dieser Männer waren seine Leibwächter. Er gab vor, die Bitte zu erwägen. Als er seine Wut unter Kontrol- le hatte, nickte er, wandte sich ab und stapfte im zunehmenden Re- gen auf das Burgtor zu. Seine Männer folgten ihm. Die übrigen umringten Jozan. »Du darfst dich einen Moment ausruhen, Shishi«, sagte der Offi- zier freundlich und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. »Gebt ihm Wasser.« »Danke.« Jozan hatte sich auf diesen Moment vorbereitet, seit er mit Ori, Shorin und anderen vor vier Jahren geschworen hatte, ›den Kaiser zu ehren und die Fremden zu vertreiben‹. Seine schwinden- den Kräfte zusammenraffend, erhob er sich auf die Knie und merk- te entsetzt, daß er eine Todesangst vor dem Sterben hatte. Der Offizier, der die Angst gesehen und sie erwartet hatte, trat rasch einen Schritt vor und hockte sich neben ihn: »Hast du ein Todesgedicht, Shishi? Sag's mir, nimm dich zusammen, gib nicht nach, du bist ein Samurai, und dieser Tag ist so gut wie jeder ande- re«, sagte er leise, den Jungen ermutigend, damit seine Tränen auf- hörten zu rinnen. »Vom Nichts ins Nichts, ein Schwert tötet dei- nen Feind, ein Schwert tötet dich. Schrei deinen Schlachtruf hin- aus, und du wirst ewig leben. Sag's jetzt: Sonno-joi… noch ein- mal…« Die ganze Zeit hatte er sich vorbereitet. Mit einer unvermittelten, fließenden Bewegung richtete er sich hoch auf, riß sein Schwert aus der Scheide und beförderte den Jungen in die Ewigkeit. »Eeee«, sagte einer seiner Männer bewundernd, »das war fabelhaft, Uraga-san.« »Einer meiner Lehrer war Sensei Katsumata von Satsuma«, er- klärte er kehlig, während sein Herz so hart klopfte wie nie zuvor., Dennoch war er zufrieden, daß er seine Pflicht als Samurai korrekt erfüllt hatte. Einer seiner Männer hob den Kopf am Haarknoten hoch. Der Regen wurde zu Tränen und wusch die echten Tränen ab. »Säubert den Kopf und bringt ihn Herrn Anjo zur Besichti- gung.« Uraga warf einen Blick aufs Burgtor. »Feiglinge widern mich an«, erklärte er und ging davon. In jener Nacht, als es endlich sicher war, stahlen sich Hiraga und die anderen aus dem Keller hervor, den sie als Versteck gewählt hat- ten. Auf unterschiedlichen Wegen schlichen sie zum sicheren Haus. Der Himmel war bedeckt und schwarz, es blies ein kräftiger Wind, und vereinzelt regnete es. Mir ist nicht kalt, ich werde mir kein Un- behagen anmerken lassen, ich bin ein Samurai, redete sich Hiraga ein, wie er es, seit er sich erinnern konnte, von seiner Familie ge- lernt hatte. Genauso werde ich meine Söhne und Töchter ausbil- den, dachte er; falls es mein Karma ist, Söhne und Töchter zu ha- ben. »Es wird Zeit, daß du heiratest«, hatte der Vater vor einem Jahr gesagt. »Ich stimme zu, Vater. Ich bitte dich respektvoll, deine Absicht zu ändern und mir zu gestatten, die Frau meiner Wahl zu heiraten.« »Erstens ist es die Pflicht des Sohnes, dem Vater zu gehorchen, zweitens ist es die Pflicht des Vaters, die Ehefrauen seiner Söhne und die Ehemänner seiner Töchter auszuwählen, drittens ist Sumo- mos Vater nicht einverstanden, sie ist eine Satsuma und keine Cho- shu, und letztens ist sie, wenn auch begehrenswert, nicht ebenbür- tig. Wie ist es mit der kleinen Ito?« »Bitte, verzeih mir, Vater. Ich weiß, daß meine Wahl nicht perfekt ist, aber ihre Familie ist Samurai, sie ist eine ausgebildete Samurai, und ich bin von ihr besessen. Ich flehe dich an. Du hast noch vier andere Söhne – ich habe nur ein einziges Leben, und wir beide, du, und ich, sind der Meinung, daß es sonno-joi gewidmet und daher kurz sein wird. Gewähre mir dies als meinen Lebens Wunsch.« Ein solcher Wunsch war den Bräuchen entsprechend eine überaus ernst- hafte Bitte und bedeutete, daß der Bittsteller, falls sein Wunsch ge- währt wurde, nie wieder einen anderen aussprechen durfte. »Nun gut«, hatte der Vater bärbeißig gesagt. »Aber nicht als Le- benswunsch. Wenn sie siebzehn ist, darfst du dich mit ihr verloben. Und ich werde sie in unserer Familie willkommen heißen.« Das war letztes Jahr. Wenige Tage später hatte er Shimonoseki verlassen – angeblich, um sich dem Choshu-Regiment in Kyōto an- zuschließen, in Wirklichkeit, um sich für sonno-joi zu entscheiden und Ronin zu werden und die Lehren aus seiner vierjährigen heim- lichen Mitgliedschaft und Ausbildung anzuwenden. Jetzt war es der neunte Monat. In drei Wochen wurde Sumomo siebzehn, er aber stand inzwischen so weit außerhalb des Gesetzes, daß es keine Möglichkeit zur sicheren Rückkehr gab. Bis gestern. Der Vater hatte ihm geschrieben: Erstaunlicherweise hat unser Herr Ogama allen Kriegern Straffreiheit gewährt, die sich offen zu sonno-joi be- kannt haben, und wird all ihre Bezüge erneuern, wenn sie sofort zurückkeh- ren, der Ketzerei ab- und ihm öffentlich Treue schwören. Du wirst dieses An- gebot akzeptieren. Viele andere kehren ebenfalls zurück. Das Schreiben hatte ihn traurig gemacht und seine Entschlossen- heit fast gebrochen. »Sonno-joi ist wichtiger als die Familie, wichtiger als Herr Ogama und sogar wichtiger als Sumomo«, hatte er sich im- mer wieder gesagt. »Herrn Ogama kann man nicht trauen. Und was meine Bezüge betrifft…« Zum Glück war sein Vater im Vergleich zu den meisten anderen relativ wohlhabend, ein erblicher hirazamurai, der dritte Rang der Samurai. Über diesem Rang gab es nur Hatomoto und Daimyo. Unter dem Hirazamurai standen alle anderen: Goshi, ashigari, Landsamurai und Fußsoldaten, die zwar der Feudalschicht angehör- ten, aber unter den Samurai rangierten. Als Hirazamurai hatte sein, Vater Zugang zu den unteren Beamten und konnte seinen Söhnen die bestmögliche Erziehung angedeihen lassen. Ich verdanke ihm alles, dachte Hiraga. Ja, und seinen Wünschen entsprechend wurde ich zum besten Schüler der Samurai-Schule, zum besten Schwertkämpfer, zum Bes- ten in Englisch. Und habe nicht nur seine Erlaubnis und Billigung, sondern auch die des Sensei, unseres Hauptlehrers, mich dem son- no-joi anzuschließen, Ronin zu werden, Choshu-Krieger als Stoß- trupp für die Veränderung zu organisieren und zu führen. Jawohl, doch ihre Zustimmung ist geheim, denn würde sie bekannt, kostete es meinen Vater und den Sensei den Kopf. Karma. Ich tue meine Pflicht. Gai-Jin sind Abschaum, den wir nicht brauchen. Nur ihre Waffen brauchen wir, um damit zu töten. Der Regen wurde stärker. Und der Sturm. Das freute ihn, denn es machte eine Konfrontation unwahrscheinlicher. Die Aussicht auf ein Bad, auf Saké und saubere Kleidung hielt ihn warm und stark. Daß der Überfall fehlgeschlagen war, bekümmerte ihn nicht. Das war Karma. Die Überzeugung, daß überall Feinde und Verräter lauerten, war ihm von seinen Lehrern und Vorvätern tief eingeprägt worden. Sei- ne Schritte waren vorsichtig, ständig überzeugte er sich, daß er nicht verfolgt wurde, wechselte ohne jede Logik die Richtung und erkundete, wann immer möglich, das vor ihm liegende Terrain, be- vor er weiterschlich. Als er das Gäßchen erreichte, verließen ihn unversehens die Kräf- te. Die Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ war mitsamt ihrem Zaun verschwunden. An ihrer Stelle rauchende Trümmer sowie ein paar Leichen, weibliche und männliche. Einige enthaup- tet, andere in Stücke gehauen. An seinem Kimono erkannte er Go- ta, seinen Shishi-Kameraden. Der Kopf der Mama-san steckte auf einem in den Boden gestoßenen Speer. Daran befestigt war ein Schild: Verbrecher und Verräter zu beherbergen verstößt gegen das Gesetz., Darunter klebte das offizielle Siegel der Bakufu, unterzeichnet von Nori Anjo, Oberster der roju… Wilde Wut erfüllte Hiraga, aber es war eine eiskalte Wut und mehrte nur jene, die bereits in ihm wühlte. Diese verfluchten Gai- Jin, dachte er. Das hier ist ihre Schuld. Ihretwegen ist das hier ge- schehen. Wir werden uns rächen. Sonntag, 30. September

Ganz langsam erwachte Malcolm Struan aus dem Schlaf. SeineSinne sondierten, prüften. Er hatte schon immer viel von seeli-

schem Schmerz verstanden: durch den Verlust von zwei Brüdern und zwei Schwestern; durch den Kummer über die Trunksucht des Vaters und dessen immer schlimmer werdenden Wutausbrüche; durch ungeduldige Lehrer; durch seine zwanghaften Bemühungen, überall zu glänzen, weil er eines Tages der Tai-Pan sein würde; und durch seine nagende Furcht, er werde, so intensiv er sich auch vor- bereitete, übte, betete, jeden Tag und jede Nacht arbeitete, unzu- länglich bleiben. Nun aber mußte er die Ebene seines Erwachens so gründlich tes- ten wie nie zuvor, die Tiefe der körperlichen Schmerzen ausloten, die er an diesem Tag als Norm zu ertragen haben würde, ohne die plötzlichen, sengenden Krämpfe, die ohne Vorwarnung auftraten. Nur ein pochender Schmerz heute, aber besser als gestern. Wie viele Tage waren seit der Tokaidō vergangen? Sechzehn. Der sech- zehnte Tag., Er ließ zu, daß er wacher wurde. Wirklich besser als gestern, jetzt waren Augen und Ohren offen. Das Zimmer lag im frühen Tages- licht. Klarer Himmel, leichter Wind, kein Sturm. Zwei Tage zuvor hatte sich der Sturm gelegt. Acht Tage lang hat- te er mit Taifunstärke geblasen, um dann ebenso schnell abzuzie- hen, wie er gekommen war. Die Flotte vor Edo hatte sich schon am ersten Tag verteilt und Sicherheit auf hoher See gesucht. Von allen Kriegsschiffen hatte sich das französische Flaggschiff als erstes von den anderen gelöst und gerade noch rechtzeitig den Rückweg nach Yokohama geschafft. Seitdem war kein weiteres Schiff zurück- gekehrt. Noch brauchte man sich keine Sorgen zu machen, aber alle beobachteten beunruhigt, hoffend und betend, den Horizont. Während des Unwetters war hier in Yokohama ein Handelsschiff aufs Land geschleudert und mehrere Gebäude beschädigt worden; zahlreiche Kutter und Fischerboote waren verlorengegangen, im Dorf und in der Yoshiwara waren Zerstörungen angerichtet, im Mi- litärlager auf dem Steilufer viele Zelte davongeweht worden. Tote hatte es jedoch weder dort noch in der Niederlassung gegeben. Wir haben mehr als Glück gehabt, dachte Struan und konzen- trierte sich auf das zentrale Problem seines persönlichen Univer- sums. Kann ich mich aufrichten? Ein ganz behutsamer, ungeschickter Versuch. Ayeeyah! Schmer- zen, aber nicht zu schlimm. Mit beiden Armen stemmte er sich empor, dann saß er, die Hände hinter sich aufgestützt, tatsächlich aufrecht. Erträglich. Besser als gestern. Nach einer kleinen Weile beugte er sich vor und nahm behutsam sein Gewicht von einem Arm. Immer noch erträglich. Nahm das Gewicht von beiden Armen. Immer noch erträglich. Sehr langsam schlug er die Bettdecke zurück und versuchte, die Füße auf den Fußboden zu setzen. Aber das ging nicht, der stechende Schmerz war viel zu groß. Ein zweiter Versuch, aber auch der mißlang., Macht nichts, ich versuch's später noch einmal. So behutsam wie möglich legte er sich wieder zurück. Als seine Mitte von dem Ge- wicht befreit war und er auf dem Rücken lag, seufzte er vor Erleich- terung. »Ayeeyah!« »Geduld, Malcolm«, predigte Babcott bei seinen drei bis vier täg- lichen Besuchen ständig. »Zum Teufel mit der Geduld!« »Sie haben recht – aber Sie machen sich wirklich gut.« »Und wann kann ich aufstehen?« »Sofort, wenn Sie wollen. Aber ich würde es Ihnen nicht raten.« »Wann?« »Warten Sie noch etwa zwei Wochen.« Da hatte er laut geflucht. In mancher Hinsicht jedoch war er so- gar froh über den Aufschub. So hatte er etwas mehr Zeit zu über- legen, wie er nun als Tai-Pan mit seiner Mutter, mit Angélique, mit McFay und den drängenden Geschäftsproblemen fertig werden soll- te. »Was ist mit den Waffen für Choshu?« hatte McFay ihn vor eini- gen Tagen gefragt. »Das wird ein riesiges Geschäft.« »Ich habe da so eine Idee. Überlassen Sie das mir.« »Norbert Greyforth wird diese Choshus längst aufgespürt haben und macht ihnen mit Sicherheit ein günstigeres Angebot.« »Zum Teufel mit Norbert und Brock! Deren Verträge sind nicht so gut wie unsere, und Dimitri, Cooper-Tillman und der größte Teil der anderen amerikanischen Chinahändler sind auf unserer Sei- te.« »Nur nicht in Hawaii«, widersprach McFay grimmig. In ihrem letzten Brief, zehn Tage zuvor – seither gab es keine wei- teren Nachrichten, und der zweimal im Monat eintreffende Damp- fer wurde erst in fünf Tagen erwartet –, hatte Tess Struan geschrie- ben…, …die Victoria Bank hat uns hintergangen. Ich vermute, daß Morgan Brock in London von ihr mit großzügigen Kreditbriefen unterstützt wird. Damit hat er heimlich all unsere Hawaii-Agenten ausgekauft oder bestochen, den ganzen Zuckermarkt an sich gerissen und uns vollkom- men ausgeschlossen. Schlimmer noch – obwohl ich keine Beweise habe –, es wird gemunkelt, daß er enge Kontakte mit dem Rebellenpräsidenten Jefferson Davis und seinen Baumwollpflanzern unterhält und ihnen das Angebot gemacht hat, die ganze Ernte für ein Termingeschäft mit englischen Spinnereien aufzukaufen – ein Handel, der Tyler and Mor- gan zu den reichsten Männern Asiens machen würde. DAS DARF NICHT GESCHEHEN! Ich bin am Ende meiner Weisheit. Was mei- nen Sie, Jamie? Zeigen Sie diese Depesche meinem Sohn zusammen mit derselben dringenden Bitte um Hilfe. »Wie lautet Ihr Vorschlag, Jamie?« »Ich habe keinen, Mal… Tai-Pan.« »Wenn der Handel abgeschlossen wird, ist es das Ende. Ange- nommen, er ist abgeschlossen – könnten wir die Baumwolle irgend- wie abfangen?« McFay hatte die Augen aufgerissen. »Piraterie?« »Wenn es nicht anders geht«, hatte Struan gelassen erwidert. »Der alte Brock würde es tun, hat es schon früher getan. Das wäre eine Möglichkeit; die Baumwolle wird mit seinen Schiffen transportiert. Die zweite: Unsere Navy bricht die Blockade der Union. Dann krie- gen wir so viel Baumwolle, wie wir wollen.« »Mag sein, wenn wir der Union den Krieg erklären. Unvorstell- bar!« »Ich bin anderer Ansicht. Mann Gottes, wir sollten Davis zu Hil- fe kommen, die Südstaaten-Baumwolle ist unser Lebenssaft. Dann werden die Rebellen siegen, sonst nicht«, hatte Malcolm gesagt. »Richtig. Aber ebenso sind wir auch vom Norden abhängig. Außerdem hat Mrs. Struan bis jetzt noch keine Beweise.«, »Wie können wir ihm seine Schiffe nehmen? Es muß eine Mög- lichkeit geben, die Kette zu durchbrechen. Wenn er die Fracht nicht transportieren kann, geht er bankrott.« »Was würde Dirk tun?« »Ihn am Lebensnerv treffen«, antwortete Malcolm ohne Zögern. »Dann müssen wir den finden…« Was ist Brocks Lebensnerv? fragte er sich abermals, während er still auf seinem Bett lag. Er zwang sich, klar und präzise über dieses Problem und all die anderen nachzudenken. Angélique? Nein, da- mit werde ich mich später befassen – aber ich weiß, daß ich sie mit jedem Tag mehr liebe. Zum Glück kann ich jetzt wenigstens Briefe schreiben. Mutter muß ich unbedingt noch einmal schreiben; wenn einer weiß, wo der Lebensnerv sitzt, dann sie. Tyler Brock ist schließlich ihr Vater und Morgan Brock ihr Bruder, aber wie kann sie es wagen, auf An- géliques Familie herabzusehen? Soll ich Angéliques Vater schreiben? Ja, aber noch nicht jetzt. So viel Post aufzuarbeiten, Bücher aus England zu bestellen, bis Weihnachten ist es nicht mehr lange, der Wohltätigkeitsball im Jo- ckey Club von Hongkong, Struans alljährlicher Ball, muß organi- siert werden, die Besprechungen heute: Jamie mindestens zweimal, Seratard heute nachmittag – was will der von mir? Was ist sonst noch für heute geplant? Phillip will nach dem Frühstück zum Plau- dern kommen… einen Moment, nein, nein, nicht heute. Sir William hat ihn gestern nach Edo zurückbefohlen, um die Gesandtschaft auf die Verhandlungen mit dem Ältestenrat in zwanzig Tagen vor- zubereiten. »Werden die Verhandlungen tatsächlich stattfinden, Sir William?« hatte er gefragt, als der Gesandte ihn besuchte. Nachdem die Ge- sandtschaft nicht mehr von der Flotte beschützt wurde und überall ringsum ausgedehnte, wenn auch nicht offen feindselige Samurai- Aktivitäten zu erkennen waren, hatte Sir William es nach ein paar, gesichtswahrenden Tagen für richtig befunden, nach Yokohama zu- rückzukehren, angeblich, um sich auf die Übergabe der Entschädi- gungssumme vorzubereiten. »Ich glaube schon, Mr. Struan. Vielleicht nicht pünktlich, aber sicher wird die Zeremonie annähernd zum festgesetzten Zeitpunkt stattfinden, und wir werden einen echten Schritt vorwärts getan ha- ben. Wenn sie die erste Rate von fünftausend Pfund, wie zugesagt, überbringen… nun ja, das wird ein positives Zeichen sein. Übrigens, wie ich hörte, läuft heute einer Ihrer Dampfer nach Hongkong aus. Dürfte ich Sie bitten, daß das Schiff einen Mann aus meinem Stab und einige dringende Post mitnimmt? Meine Frau und meine beiden Söhne werden bald hier eintreffen, deswegen muß ich Vor- kehrungen treffen.« »Selbstverständlich. Ich werde McFay instruieren. Wenn Sie eine Kabine auf einem unserer Schiffe benötigen, um Ihre Familie abzu- holen, brauchen Sie es nur zu sagen.« »Ich danke Ihnen. Wenn sie kommen, möchte ich zwei Wochen Urlaub machen. Man fühlt sich so eingeengt, so eingesperrt hier, finden Sie nicht auch? Ich vermisse das geschäftige Treiben von Hongkong, das ist eine Stadt! Obwohl die Leute in Whitehall sie überhaupt nicht zu schätzen wissen. Hier und da ein gutes Essen mit viel Fleisch, ein Spiel Cricket oder Tennis, ein Theater- oder Opernbesuch und ein paar Tage beim Pferderennen würden mir schon gefallen. Wann werden Sie zurückfahren?« Ja, wann? Die Nachricht von unserem Tokaidō-Abenteuer muß vor nahezu einer Woche dort eingetroffen sein – vorausgesetzt, der Postdamp- fer hat den Sturm überstanden. Mutter wird Zustände gekriegt ha- ben, sich nach außen hin aber nichts anmerken lassen. Wird sie mit dem erstbesten Schiff hierherkommen? Möglicherweise, aber je- mand muß sich um das Hauptbüro kümmern – und um Emma, Rose und Duncan. Da Vater tot ist und ich nicht dort sein kann,, kann sie unmöglich achtzehn Tage lang wegbleiben. Und selbst wenn sie bereits an Bord ist, brauche ich mindestens drei bis vier Tage, um meine Verteidigung aufzubauen. Seltsam, sie als potentiel- le Feindin zu betrachten, und wenn nicht Feindin, so doch nicht länger Freundin. Vielleicht aber ist sie doch noch meine Freundin, das war sie immer, wenn auch distanziert, weil sie sich viel um Va- ter gekümmert und für uns nur sehr wenig Zeit übrig gehabt hat. »Mein Sohn, wie könnte ich jemals deine Feindin sein?« Erstaunt sah er sie an seinem Bett stehen, den Vater ebenfalls, und das war merkwürdig, denn er erinnerte sich genau, daß sein Va- ter tot war, aber das schien keine Rolle zu spielen, rasch aus dem Bett, ohne daß es schmerzte, und unter fröhlichem Geplauder mit ihnen im Kutter quer durch den Hafen von Hongkong, überall Sturmwolken, während beide respektvoll zuhörten und seine klugen Pläne guthießen und Angélique in durchsichtigem Gewand mit lo- ckenden, unbedeckten Brüsten im Heck saß, seine Hände auf ihr und jetzt tiefer, nunmehr alles unbedeckt, ihr Körper preßte sich an den seinen… »Malcolm?« Erschrocken fuhr er auf. In einem blauen kostbaren Seidenmor- genrock stand Angélique lächelnd an seinem Bett. Der Traum löste sich auf, und nur die Drohung blieb und die Verheißung ihres Kör- pers, die noch in seinem Unterbewußtsein pulsierte. »Ich… Ich ha- be geträumt, mein Liebling. Von dir.« »Ach ja? Was denn?« Stirnrunzelnd versuchte er sich zu erinnern. »Ich weiß es nicht mehr«, gestand er dann und sah lächelnd zu ihr empor. »Nur, daß du wunderschön warst. Ich liebe deinen Morgenmantel.« Fröhlich wirbelte sie herum, damit er sie bewundern konnte. »Der ist von dem Schneider, den du mir durch Jamie vermittelt hast. Mon Dieu, Malcolm, ich finde ihn wunderbar – vier Kleider habe ich bestellt, ich hoffe, das ist in Ordnung… Ach, ich danke dir!« Sie, beugte sich herab und gab ihm einen Kuß. »Einen Moment, Angélique, warte! Nur einen Moment. Sieh mal!« Vorsichtig richtete er sich auf, ignorierte den Schmerz und streckte die Hände nach ihr aus. »Aber das ist ja wundervoll, chéri«, sagte sie glücklich und ergriff seine Hände. »Ich glaube, Malcolm, von nun an sollte ich mich wohl ständig von einer Anstandsdame begleiten lassen und mich nicht mehr allein in deinem Schlafzimmer aufhalten!« Lächelnd trat sie näher, legte ihm behutsam die Hände auf die Schultern, ließ zu, daß er sie mit den Armen umschlang, und küßte ihn. Sein Kuß war leicht, verheißungsvoll und leugnete seine Gier nach mehr nicht. Unschuldig küßte sie ihn aufs Ohr; dann richtete sie sich auf und duldete, daß er den Kopf an ihre Brust legte, weil sie diese intime Geste ebensosehr genoß wie er. Weiche Seide an seiner Wange, mit dieser unheimlichen, ganz speziellen Wärme. »Sag, Malcolm, hast du das ernst gemeint, als du sagtest, daß du mich heiraten willst?« Sie spürte, wie seine Arme sie fester packten und er vor Schmerz zusammenzuckte. »Selbstverständlich. Das habe ich dir doch immer wieder gesagt.« »Meinst du, daß deine Eltern, pardon, deine Mutter, daß sie da- mit einverstanden ist, ja? O Gott, ich hoffe es ja so sehr.« »Ja, o ja, das wird sie sein, selbstverständlich wird sie das.« »Darf ich also an Papa schreiben? Ich möchte es ihm so gern mit- teilen.« »Natürlich. Schreib du nur, wenn du das willst«, antwortete er kehlig. Dann küßte er, von ihrer liebevollen Zuneigung und seinem unkontrollierbaren Verlangen hingerissen, die Seide, und noch ein- mal, fester, und hätte fast laut geflucht, als er ihr Ausweichen spür- te, bevor es tatsächlich erfolgte. »Verzeih«, murmelte er leise. »Kein Grund für ›Verzeih‹ und angelsächsische Schuldgefühle, mein Liebling, nicht bei uns«, gab sie zärtlich zurück. »Ich begehre dich auch.« Dann wechselte sie jedoch, ihrem Plan folgend, ur-, plötzlich die Stimmung und gewann die Selbstbeherrschung zu- rück. »Jetzt werde ich Florence Nightingale spielen.« Sie schüttelte die Kopfkissen auf und machte sich daran, sein Bett zu richten. »Heute abend findet ein französisches Dîner statt, mit M'sieur Seratard als Gastgeber, und für morgen abend hat er eine Soirée arrangiert. André Poncin wird Beethoven auf dem Klavier spielen – den mag ich viel lieber als Mozart –, außerdem Chopin und ein Stück von einem jungen Mann namens Brahms.« Eine Kir- chenglocke begann zum Frühgottesdienst zu rufen, unmittelbar ge- folgt vom lieblicheren und melodiöseren Geläut der katholischen Kirche. »So«, sagte sie und half ihm fürsorglich, sich bequem auszu- strecken. »Jetzt werde ich Toilette machen, und nach der Messe, wenn du auch Toilette gemacht hast, werde ich wiederkommen.« Er hielt ihre Hand. »Du bist so wundervoll. Ich liebe d…« Unver- mittelt sahen beide zur Tür, weil jemand die Klinke bewegte. Aber der Riegel war vorgelegt. »Das habe ich getan, während du schliefst.« Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. Wieder wurde die Klinke bewegt. »Die Diener kommen immer herein, ohne anzuklopfen. Ich muß ihnen endlich mal eine Lektion erteilen!« »Mass'er!« rief der Diener draußen. »Tee-ah!« »Sag ihm, er soll weggehen und in fünf Minuten wiederkommen.« Struan, von ihrem Glück angesteckt, rief den Befehl auf kantone- sisch; gleich darauf hörten sie, wie der Mann schimpfend davon- ging. Sie lachte. »Du mußt mir Chinesisch beibringen.« »Ich werd's versuchen.« »Wie heißt ›Ich liebe dich‹?« »Für Liebe gibt es kein Wort, nicht wie bei uns.« Ein Stirnrunzeln verdunkelte ihre Miene. »Wie traurig.« Sie lief zur Tür, entriegelte sie, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand in ihrer eigenen Suite., Sehnsüchtig betrachtete er die Tür. Dann hörte er, wie die Glo- cken ihr Geläut veränderten, schneller wurden, dringender: Messe. Sein Herz verkrampfte sich. Daran habe ich nicht gedacht – daß sie katholisch ist. Mutter ist streng anglikanisch, zweimal an jedem Sonntag gingen wir gemeinsam mit jeder anderen anständigen Fa- milie in Hongkong in die Kirche. Katholisch? Spielt keine Rolle, mir… macht es nichts; ich muß sie haben, sag- te er sich, und seine gesunde, hungrige Sehnsucht nach ihr pulsier- te, bis der Schmerz schwand. »Ich muß!« An jenem Nachmittag stellten die vier schwitzenden japanischen Träger die mit Eisenbändern beschlagene Truhe ab, aufmerksam beobachtet von drei unwichtigen Bakufu-Beamten, Sir William, den Dolmetschern, einem Offizier des Rechnungsbüros der Army, dem Gesandtschafts-Geldwechsler, einem Chinesen und Vargas, der ihn beaufsichtigte. Sie befanden sich im Hauptkonferenzsaal der Gesandtschaft; die Fenster standen offen, und Sir William vermochte sein strahlendes Lächeln kaum zu unterdrücken. »Sagen Sie ihnen, sie sollen die Kiste aufmachen, Johann.« Umständlich zog einer der Beamten einen schweren Schlüssel her- vor und öffnete die Truhe. Sie war gefüllt mit mexikanischen Silber- dollars, ein paar Tael Goldbarren – Gewicht etwa eineindrittel Un- zen – und etwas Silber. »Fragen Sie, warum die Entschädigung nicht wie vereinbart aus- schließlich in Gold ausgezahlt wird.« »Der Beamte sagt, sie hätten so schnell nicht genug Gold auftrei- ben können, aber das seien saubere Mex-Dollars, also offizielle Währung, und Sie möchten doch bitte eine Quittung ausschrei- ben.« ›Saubere‹ Münzen hieß, daß sie nicht, wie allgemein üblich,, abgeschabt oder beschnitten waren, um an die Vertrauensseligen ab- geschoben zu werden. »Fangen Sie an zu zählen.« Munter kippte der Geldwechsler den Inhalt auf den Teppich. So- gleich entdeckte er eine beschnittene Münze, Vargas eine zweite und eine dritte. Diese wurden beiseite gelegt. Alle starrten auf den Teppich, auf die sauber geordneten, wachsenden Münzstapel. Fünf- tausend Pfund Sterling war eine immense Summe, verglichen mit dem Gehalt eines Dolmetschers von vierhundert im Jahr, eines Geldwechslers von einhundert (obwohl ein kräftiger Prozentsatz von allem, was durch seine Hände ging, an ihnen kleben blieb), eines Matrosen von sechs und eines Admirals von sechshundert Pfund pro Jahr. Das Zählen war schnell erledigt. Beide Geldwechsler kontrollier- ten zweimal das Gewicht jedes einzelnen der kleinen Goldbarren, sodann das Gewicht eines jeden Stapels beschnittener Münzen und benutzten anschließend einen Abakus, um nach dem gegenwärtigen Wechselkurs die Gesamtsumme auszurechnen. »Es sind viertausendundvierundachtzig Pfund, sechs Shilling und sieben Pence Farthing in sauberen Münzen, Sir William«, sagte Var- gas, »fünfhundertzwanzig Pfund in Gold, zweiundneunzig Pfund sechzehn in beschnittenen Münzen, also insgesamt viertausend- sechshundertundsiebenundneunzig Pfund, zwei Shilling und sieben Pence Farthing.« »Verzeihung, acht Pence, Mass'er.« Der Chinese mit dem langen, dicken Zopf verneigte sich mehrfach. Diese kleine, gesichtswahren- de Korrektur war im voraus mit Vargas abgesprochen worden, denn der Betrag, den sein portugiesischer Kollege als ihre Vergütung von zweieinhalb Prozent errechnet hatte – einhundertsiebzehn Pfund, acht Shilling und Sixpence für beide zusammen –, war zwar weniger als das, was er selbst herausgeschlagen hätte, für die Arbeit einer halben Stunde jedoch nicht zu verachten., »Vargas«, sagte Sir William, »packen Sie alles in die Truhe zurück und geben Sie ihnen eine Quittung mit dem Vermerk, daß alles, was zuwenig gezahlt wurde, auf die letzte Teilzahlung aufgeschlagen wird. Johann, danken Sie ihnen und erklären Sie, daß wir den vol- len Betrag in Gold in neunzehn Tagen erwarten.« Johann gehorchte. Sofort setzte der andere Dolmetscher zu einer langen Erklärung an. »Sie bitten um einen Aufschub, Sir, und…« »Kein Aufschub.« Sir William seufzte und machte sich auf eine weitere Stunde gefaßt. Er schloß die Augen, bis er zu seinem Er- staunen hörte, daß Johann sagte: »Sie sind plötzlich zum springen- den Punkt gekommen, Sir. Es geht um das Treffen in Edo, Sir. Sie bitten, es um weitere dreißig Tage aufzuschieben, so daß es fünfzig Tage von heute an sind… Ihre genauen Worte lauten: Dann wird der Shōgun aus Kyōto zurück sein, und er hat den Ältestenrat an- gewiesen, die ausländischen Gesandten zu informieren, daß er ih- nen an dem Tag eine Audienz gewähren würde.« »Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen«, rief Sir William: »Lim!« Augenblicklich war der Diener zur Stelle. »Tee!« Innerhalb von Sekunden kamen die Tabletts. Dazu Zigarren, Schnupf- und Pfeifentabak. Bald war der Raum von Rauch erfüllt, und jedermann hustete, während Sir William seine Optionen er- wog. Zunächst und vor allem habe ich es vermutlich mit rangniederen Beamten zu tun, daher wird über alle Vereinbarungen nochmals verhandelt werden müssen. Zweitens werden die fünfzig Tage ohne- hin auf zwei Monate, vielleicht sogar auf drei ausgedehnt werden, aber wenn wir eine Audienz beim Allerhöchsten – natürlich unter britischer Leitung – bekommen, werden wir einen dauerhaften Schritt vorwärts getan haben, im Grunde ist es mir gleichgültig, ob der Aufschub drei oder sogar vier Monate beträgt. Bis dahin habe ich Lord Russells Zustimmung zum Krieg, werden Verstärkungen aus Indien und Hongkong unterwegs sein, wird der Admiral seine, verdammte Vollmacht haben, um Edo, wenn es denn sein muß, einzunehmen, zu halten und zu befestigen. Natürlich könnte ich sagen, laßt uns die Zusammenkunft durch- führen wie geplant und erst anschließend den Shōgun treffen. Das wäre am besten, aber ich habe das Gefühl, daß sie nichts gegen den Wunsch dieses geheimnisvollen Shōgun tun und sich irgendwie herauswinden und uns wieder mal reinlegen werden. »Der Sprecher sagt, da alles abgemacht ist, werden sie sich verab- schieden«, erklärte Johann. »Gar nichts ist abgemacht. Ein Aufschub von dreißig Tagen ist aus vielerlei Gründen nicht möglich. Wir haben bereits eine Zusam- menkunft mit dem Ältestenrat arrangiert, die auch wie geplant statt- finden wird, und wir würden uns freuen, zehn Tage später den Shō- gun kennenzulernen.« Nach einer Stunde, ausgefüllt mit eingesogenem Atem, entsetz- tem Schweigen und barschem Angelsächsisch, ließ sich Sir William überreden und erreichte seinen Kompromiß: Die Zusammenkunft mit dem Ältestenrat würde stattfinden wie geplant, das Treffen mit dem Shogun zwanzig Tage danach. Wieder allein mit Sir William, sagte Johann: »Sie werden sich nicht daran halten.« »Ich weiß. Macht nichts.« »Sir William, mein Vertrag läuft in zwei Monaten aus. Ich werde ihn nicht erneuern.« »Ich kann Ihre Dienste noch mindestens sechs Monate lang nicht entbehren«, entgegnete Sir William scharf. »Es wird Zeit, daß ich heimkehre. Hier wird es bald zu Blutvergie- ßen kommen, und ich möchte nicht, daß mein Kopf auf einem Pfahl landet.« »Ich werde Ihr Gehalt um fünfzig Pfund pro Jahr erhöhen.« »Es geht mir nicht ums Geld, Sir William. Ich bin müde. Acht- undneunzig Prozent all dieses Geredes ist Scheiße. Ich habe nicht, mehr Geduld genug, ein Weizenkorn in einem Faß voll Dung zu suchen!« »Ich brauche Sie noch für diese beiden Besprechungen.« »Sie werden niemals stattfinden. Etwas über zwei Monate noch, dann bin ich fort, das genaue Datum steht im Vertrag. Tut mir leid, Sir William, aber einmal muß Schluß sein, und jetzt werde ich mich betrinken.« Damit ging er hinaus. Sir William begab sich in sein Büro, trat ans Fenster und suchte den Horizont ab. Die Sonne ging gerade unter. Und nirgends eine Spur von der Flotte. Mein Gott, ich hoffe, sie sind in Sicherheit. Ich muß Johann irgendwie zurückhalten. Tyrer braucht noch min- destens ein Jahr, bis er so weit ist. Wen könnte ich nehmen, dem ich vertrauen kann? Verdammt! Da der Schein der untergehenden Sonne den kärglich eingerichte- ten Raum nicht ausreichend beleuchtete, entzündete er eine Öllam- pe und stellte sorgfältig den Docht ein. Auf dem Schreibtisch sta- pelten sich Depeschen, sein Exemplar von All the Year Round – längst von vorn bis hinten gelesen –, sämtliche Zeitungen vom letz- ten Postdampfer, mehrere Exemplare von Illustrated London News und Punch. Er griff nach dem Vorausexemplar von Turgenjews Väter und Söhne auf Russisch, das ihm ein Freund am Hof von St. Peters- burg geschickt hatte, begann zu lesen, vermochte sich nicht zu konzentrieren, legte das Buch beiseite und begann das zweite Schreiben dieses Tages an den Gouverneur von Hongkong, in dem er Einzelheiten der Verhandlungen von heute mitteilte und um Er- satz für Johann bat. Dann kam lautlos Lim herein und schloß die Tür hinter sich. »Ja, Lim?« Lim trat an den Schreibtisch, zögerte; dann senkte er die Stimme. »Mass'er«, sagte er vorsichtig, »höre Ärger, bald Ärger Edo Big House, viel Ärger.« Sir William blickte zu ihm auf. Big House, so nannten die chine-, sischen Diener die Gesandtschaft in Edo. »Was für Ärger?« Lim zuckte die Achseln. »Ärger.« »Wann Ärger?« Wieder zuckte Lim die Achseln. »Whisk'y Wasser, heya?« Sir William nickte nachdenklich. Von Zeit zu Zeit pflegte ihm Lim Gerüchte zuzutragen, und es war unheimlich, wie oft er recht hatte. Er beobachtete, wie der Chinese zum Sideboard hinüberging und ihm den Drink genauso mixte, wie er es liebte. Phillip Tyrer und der Captain im Kilt beobachteten denselben Son- nenuntergang von einem der oberen Fenster der Gesandtschaft in Edo aus. Dunkelrote, orangefarbene und braune Töne am leeren Horizont, untermischt mit einem Streifen Blau über dem Meer. »Werden wir morgen gutes Wetter haben?« »Ich kenne mich mit dem Wetter hier nicht so gut aus, Mr. Ty- rer. Wenn wir in Schottland wären, könnte ich es Ihnen sagen.« Der Captain, ein kleiner, dreißig Jahre alter Mann mit sandfarbenem Haar, lachte. »Regen mit vereinzelten Schauern… aber, och ay, das ist gar nicht so schlecht.« »Ich bin noch nie in Schottland gewesen, aber beim nächsten Ur- laub werde ich hinfahren.« Bei der Erinnerung an Sir Williams Zorn machte sich sein Magen bemerkbar. »Und wann kehren Sie in die Heimat zurück?« »Vielleicht nächstes Jahr, vielleicht übernächstes. Dies ist erst mein zweites Jahr.« Sie richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Platz unten. Vier Highlander und ein Sergeant kamen durch die Reihen der postierten Samurai den Hang heraufmarschiert und passierten dann das Eisentor. Sie kehrten von einer Routine-Pat- rouille zur Pier zurück, wo ein Detachement Marinesoldaten sowie ein Kutter postiert waren. Die Samurai waren wie immer da, unter- hielten sich oder gruppierten sich um nahe Feuer, die entzündet, wurden, wenn es kalt wurde, waren ständig in Bewegung. Niemand, weder Soldat noch Gesandtschaftsangehöriger, war am Betreten oder Verlassen des Grundstücks gehindert worden, doch alle muß- ten sich diesen durchdringenden, aber stets wortlosen Blicken aus- setzen. »'tschuldigen Sie, ich werde mich beim Sergeant für alle Fälle ver- gewissern, daß unser Kutter da ist, die Wachtposten kontrollieren und alles für die Nacht abschließen. Dinner um sieben, wie ge- wöhnlich?« »Ja.« Als er allein war, unterdrückte Tyrer ein Gähnen, reckte sich und bewegte den Arm, um die leichten Schmerzen zu lindern. Sei- ne Wunde heilte zufriedenstellend, für eine Schlinge gab es keinen Grund mehr. Ich hab verdammtes Glück gehabt, dachte er, bis auf Wee Willie. Verflucht sei der Kerl, daß er mich hierhergeschickt hat, ich soll hier zum Dolmetscher ausgebildet werden und nicht zum Handlanger. Verdammt, verdammt, verdammt. Und jetzt werde ich Andrés Konzert verpassen, auf das ich mich so sehr gefreut habe. Angélique wird sicher auch da sein. Die Gerüchte über ihre heimliche Verlobung hatten sich in Win- deseile in der Niederlassung verbreitet. Auf gelegentliche Andeutun- gen Struan oder ihr gegenüber hatte es weder Verneinungen noch Bestätigungen gegeben, nicht einmal den kleinsten Hinweis. Im Club standen die Wetten zwei zu eins, daß die Gerüchte stimmten, zwanzig zu eins, daß die Heirat niemals stattfinden werde: »Struan ist schwer krank, sie ist katholisch, und du kennst doch seine Mum, Jamie!« »Akzeptiert! Es geht ihm jeden Tag besser, und du kennst ihn nicht so gut wie ich. Zehn Guineas gegen zweihundert.« »Nun, Charlie – was wettest du, daß sie was im Ofen hat?« »Angel Tits ist doch keine Nutte, Mann!« »Tausend zu eins?« »Abgemacht… eine Goldguinea.«, Zu Tyrers und Pallidars Mißvergnügen gab es tagtäglich neue, de- tailliertere und persönlichere Wetten. »Diese Kerls hier kommen anscheinend allesamt aus der Gosse!« »Sie haben natürlich recht, Pallidar. Eine miese Bande!« Während derart intime Spekulationen über Struan und Angélique die Runde machten, wurde noch mehr über das Ausmaß des Sturms und darüber gemutmaßt, daß die Flotte sich in großen Nö- ten befinde. Auch die japanischen Kaufleute waren nervöser als sonst und flüsterten sich Gerüchte über Aufstände in ganz Japan zu sowie Behauptungen, der geheimnisvolle Mikado, angeblich Hohe- priester aller Japaner, der in Kyōto residierte, habe allen Samurai be- fohlen, Yokohama anzugreifen. »Absoluter Blödsinn, wenn du mich fragst«, beruhigten die West- ler einander, aber dennoch wurden immer mehr Gewehre gekauft. Drunk Town, so hieß es, gleiche einem schwer bewaffneten Heerla- ger. Dann war, wenige Tage zuvor, ein Akt der Gewalt verübt worden: Ein amerikanisches Handelsschiff, vom Sturm arg mitgenommen, hatte sich mühsam nach Yokohama hineingeschleppt. Mit einer La- dung Silber, Munition und Waffen, Opium, Tee und allgemeinen Handelsgütern auf der Fahrt von Shanghai nach den Philippinen, war es in der Shimonoseki-Straße von Küstenbatterien beschossen worden. »Den Teufel wurdet ihr!« brüllte jemand inmitten der allgemeinen Explosion empörter Wut im Club. »Allerdings wurden wir! Dabei waren wir ganz friedlich. Diese Choshu-Schweine waren verdammt präzise – welcher Wahnsinnige hat ihnen die Kanonen verkauft? Hat unsere Bramsegel weggerissen, bevor wir wußten, wie uns geschah, und Ausweichmanöver einlei- ten konnten. Gewiß, wir haben das Feuer erwidert, aber wir hatten nur zwei von diesen gottverdammten Fünfpfündern. Ungefähr zwanzig Geschütze haben wir gezählt.«, »Mein Gott, mit zwanzig Kanonen und erfahrenen Kanonieren könnte man die Shimonoseki-Straße mühelos sperren, und wenn sie das tun, sitzen wir wirklich in der Scheiße. Das ist der einzig sichere Weg hier raus.« »Ay! Ohne die Binnengewässer geht's einfach nicht, bei Gott!« »Wo zum Teufel steckt die Flotte? Die könnte die Batterien doch lahmlegen! Was soll aus unserem Handel werden?« »Ay, wo ist die Flotte? Hoffentlich in Sicherheit.« »Und wenn nicht?« »Dann, Charlie, werden wir wohl eine andere kommen lassen müssen…« Idioten, dachte Tyrer, die denken immer nur an dasselbe: die Flotte, Saufen und Geld. Zum Glück hatte der französische Admiral André mitgebracht. Ich danke Gott für André, obwohl er flatterhaft und seltsam ist, aber das kommt nur daher, daß er Franzose ist. Durch ihn besitze ich jetzt schon zwei Übungshefte voll japanischer Wörter und Re- densarten, ist mein Tagebuch vollgestopft mit einer Fülle von Folk- lore, und wenn wir wieder in Yokohama sind, habe ich eine Verab- redung mit einem Jesuiten. Großartige Fortschritte, es ist so wichtig für mich, daß ich schnell lerne – und das, auch ohne an die Yoshi- wara zu denken. Drei Besuche. Die ersten beiden mit Fremdenführer, der dritte allein. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie mir so viel Zeit widmen und so freundlich helfen. Und wegen heute abend – das werde ich Ihnen niemals vergelten können, nie- mals!« Das war nach dem ersten Besuch. Nervös, schwitzend und stumm vor Erregung, nach außen aber Mannhaftigkeit vortäuschend, hatte er sich mit André gegen Abend dem fröhlichen Strom der Männer angeschlossen, die von der Nie-, derlassung aus der Yoshiwara zustrebten, vor den Samurai-Wachen höflich den Zylinder gelüftet und dafür oberflächliche Verneigun- gen entgegengenommen, die Brücke zum Paradies überquert und durch die hohen Tore im Holzzaun die Vorstadt betreten. »Yoshiwara heißt ›Ort der Schilfrohre‹«, erklärte André aufge- kratzt. »So hieß ein Stadtviertel in Edo, ein trockengelegter Sumpf, wo Shōgun Toranaga vor zweieinhalb Jahrhunderten das erste Bor- dellviertel erbauen ließ. Bis dahin waren die Bordelle überall ver- teilt. Seitdem, so heißt es, verfügen alle Groß- und Kleinstädte über ganz ähnlich abgeschlossene Viertel, die alle amtlich zugelassen und kontrolliert sind. Die meisten nennen sich ebenfalls Yoshiwara. Se- hen Sie das da?« Über dem Tor waren elegante Schriftzeichen in das Holz ge- brannt. »Das heißt: Die Lust drängt, dagegen muß etwas getan werden.« Tyrer stieß ein nervöses Lachen aus. In- und außerhalb des Tores standen zahlreiche Wachen. Am Abend zuvor, im Club, als André sich erboten hatte, ihn zu begleiten, hatte er nebenbei erwähnt, ein Händler habe ihm erzählt, die Wachen seien dort nicht etwa, um für Ruhe zu sorgen, sondern vor allem, um zu verhindern, daß die Huren flohen. »Dann sind sie im Grunde doch alle Sklavinnen, nicht wahr?« Zu seinem Schrecken war Poncin die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. »Mon Dieu, Sie dürfen diese Mädchen niemals als Huren sehen oder bezeichnen – nicht so, wie wir dieses Wort verstehen. Sie sind keine Sklavinnen. Einige von ihnen sind für eine Anzahl von Jah- ren vertraglich gebunden, viele fast noch als Kinder von ihren El- tern verkauft worden – ebenfalls für eine Anzahl von Jahren –, doch diese Verträge wurden amtlich gebilligt und registriert. Sie sind keine Huren, sie sind Damen der Weidenwelt, vergessen Sie das nie! Damen!« »Es tut mir leid, ich…« Aber André hatte ihm nicht zugehört. »Einige von ihnen sind, Geishas – Künstlerinnen; sie sind dazu ausgebildet, die Männer zu unterhalten, zu singen, zu tanzen, alberne Spielchen zu spielen, nicht aber fürs Kopfkissen. Die übrigen, mon Dieu, ich hab's Ihnen gesagt: Betrachten Sie sie niemals als Huren, betrachten Sie sie als Freudenmädchen, im Laufe vieler Jahre dazu ausgebildet, Ihnen Vergnügen zu bereiten.« »Verzeihung, das wußte ich nicht.« »Wenn Sie sie richtig behandeln, werden sie Ihnen Freude schen- ken, auf jede nur erdenkliche Art – wenn sie das wollen –, und wenn die Geldsumme, die Sie ihnen geben, korrekt ist. Sie geben ihnen Geld, das nicht von Bedeutung ist, sie geben Ihnen ihre Ju- gend. Es ist ein ungleiches Geschäft.« André sah ihn merkwürdig an. »Sie geben Ihnen ihre Jugend und verstecken die Tränen, die Sie auslösen.« Unvermittelt rührselig, kippte er seinen Wein und starrte das Glas an. Während Tyrer ihre Gläser auffüllte, ärgerte er sich darüber, daß er das Gefühl der lässigen Freundschaft, einer für ihn wertvollen Freundschaft, verscheucht hatte. Er schwor sich, in Zukunft vor- sichtiger zu sein, und fragte sich, warum der Freund plötzlich so wütend geworden war. »Tränen?« »Sie haben kein gutes Leben, aber es ist auch nicht immer schlecht. Für einige kann es fabelhaft sein. Die schönsten und voll- kommensten werden berühmt, werden sogar von den bedeutends- ten Daimyos – Königen – im Land bemüht; sie können in hohe Stellungen heiraten, reiche Kaufleute ehelichen, ja sogar Samurai. Nur unsere Damen der Weidenwelt nicht, denn die sind nur für uns Gai-Jin da.« Voll Bitterkeit fuhr André fort: »Für sie gibt es kei- ne andere Zukunft, als hier ein weiteres Haus zu eröffnen, Saké zu trinken und andere Mädchen einzustellen. Mon Dieu, Sie werden sie anständig behandeln, denn wenn sie erst hier sind, sind sie in den Augen aller Japaner verseucht.« »Das tut mir leid. Wie grauenhaft.«, »Ja. Niemand versteht…« Trunkenes Aufbrausen von Gelächter der Männer um ihn herum löschte Andrés Stimme vorübergehend aus; der Club füllte sich, die Atmosphäre war lärmend und heiß. »Ich sage Ihnen, diese Kretins kümmert all das keinen Pfifferling, keinen von ihnen, bis auf Canterbury, dem war es nicht gleichgül- tig.« André blickte von seinem Glas auf. »Sie sind noch jung und unverdorben, nur für ein bis zwei Jahre hier und anscheinend lern- willig, daher dachte ich… Es gibt so vieles zu lernen, so viel Gutes«, hatte er dann plötzlich gesagt und war gegangen. Als sie das Yoshiwara-Tor passierten, holte André eine kleine Pistole hervor. »Sind Sie bewaffnet, Phillip?« »Nein.« André überreichte seine Pistole einem schmierigen Beamten, der ihm eine Quittung gab und sie zu zahlreichen anderen Waffen leg- te. »Innerhalb des Zauns sind keine Waffen erlaubt. Das gilt für alle Yoshiwaras, sogar die Samurai müssen ihre Schwerter abgeben. On y va!« Vor ihnen lagen nun zu beiden Seiten der breiten Straße und da- von abzweigenden Gassen lange Reihen sauberer, kleiner Häuser auf kurzen Stelzen, viele von ihnen Speiselokale oder kleine Bars, alle aus Holz mit Veranden und Shoji-Wänden aus Ölpapier. Über- all Farben, Blütenzweige, Lärm und Lachen, Laternen, Kerzen und Öllampen. »Feuer ist hier äußerst gefährlich, Phillip. Das ganze Viertel ist im ersten Jahr abgebrannt, nach einer Woche war es je- doch wieder voll in Betrieb.« Jedes Haus trug ein anderes Zeichen. Manche hatten offene Tü- ren und Shoji-Schiebefenster. Darin saßen junge Mädchen, je nach Ansehen des Hauses in kostbare oder eher bescheidene Kimonos gekleidet. Andere Mädchen promenierten, einige mit bunten Son- nenschirmen, manche von Zofen begleitet, doch alle schenkten den glotzenden Männern wenig oder gar keine Beachtung. Darun- ter mischten sich Straßenhändler aller Art und Schwärme von Die-, nerinnen, die die Vorzüge ihres Hauses in markigem, rauhem Pid- gin anpriesen, und das Ganze wurde vom fröhlichen Scherzen po- tentieller Kunden überlagert, die zumeist altbekannt waren und ihre bevorzugten Häuser hatten. Bis auf die Wachen, Diener, Träger und Masseure waren nirgends Japaner zu sehen. »Vergessen Sie nie, daß die Yoshiwaras ein Ort der Freude sind, der fleischlichen Genüsse, des Essens und Trinkens, und daß es in Japan so etwas wie Sünde – ob Erbsünde oder andere – nicht gibt.« Lachend bahnte ihnen André einen Weg durch die Menge, die wohlgeordnet wirkte bis auf ein paar streitsüchtige Betrunkene, die von riesigen, geübten Rausschmeißern schnell und gutmütig von- einander getrennt, auf Hocker gesetzt und von den stets aufmerk- samen Dienerinnen mit noch mehr Saké verwöhnt wurden. »Betrunkene sind hier willkommen, Phillip, weil sie den Über- blick über ihr Geld verlieren. Aber versuchen Sie sich niemals mit einem Rausschmeißer anzulegen; die sind phantastisch im unbe- waffneten Kampf. Verglichen mit unserer Drunk Town geht's hier so diszipliniert zu wie auf der Regent's Promenade in Brighton.« Plötzlich packte eine stürmische Dienerin Tyrers Arm und wollte ihn in einen Hauseingang ziehen. »Saké heya? Jig-jig viel gut, Mas- s'er…« »Iyé, domo, iyé…«, fuhr Tyrer auf – nein, danke, nein –, und eilte hinter André her. »Großer Gott, ich mußte mich richtig mit Gewalt losreißen.« »Das ist ihr Job.« Von der Hauptstraße bog André in einen Durchgang zwischen zwei Häusern ein, eilte einen anderen entlang, blieb vor einer unscheinbaren Tür in einem Zaun stehen, über der ein verschmutztes Schild hing, und klopfte. Tyrer erkannte die Schriftzeichen, die André ihm zuvor aufgeschrieben hatte: Haus ›Zu den drei Karpfen‹. Ein kleines Gitter wurde geöffnet. Augen spähten heraus. Die Tür ging auf, und Tyrer betrat ein Wunderland. Ein winziger Garten, Öllaternen und Kerzenlicht. Glänzende, graue Trittsteine im grünen Moos, Blumenrabatten, viele kleine Ahorne – blutrotes Laub vor noch mehr Grün –, blaßorangefarbe- nes Licht, das aus den halb verdeckten Shoji fiel. Eine kleine Brü- cke über einem Miniaturbach, gleich daneben ein Wasserfall. Auf der Veranda kniete, wunderschön gekleidet und frisiert, eine Frau mittleren Alters, die Mama-san. »Bonsoir, M'sieur Furansu-san«, sagte sie, legte beide Hände auf den Verandaboden und verneigte sich tief. André erwiderte die Verbeugung. »Raiko-san, konbanwa. Igaga desu ka?« Guten Abend, wie geht es Ihnen? »Watashi wa kombinu, wa, Tyrer-san.« Dies ist mein Freund, Mr. Tyrer. »Ah so desu ka? Taira-san? Taira kuni omoto desu furigato desu.« Sie verneigte sich feierlich, Tyrer verneigte sich ungeschickt; dann winkte sie den beiden Herren, ihr zu folgen. »Sie sagt, Taira ist ein berühmter, alter japanischer Name. Sie ha- ben Glück, Phillip, die meisten von uns müssen sich mit Spitzna- men begnügen. Ich laufe unter Furansu-san – das beste, was sie aus ›Franzose‹ zu machen wußten.« Um die peinlich sauberen und sehr teuren Tatami nicht zu be- schmutzen, zogen sie ihre Schuhe aus und nahmen ungeschickt im Schneidersitz auf dem Boden Platz. André machte ihn auf die to- konoma, die Nische für eine besondere, dort aufgehängte Schrift- rolle, sowie auf ein täglich wechselndes Blumenarrangement auf- merksam und wies auf die Qualität der Shoji und Hölzer hin. Saké wurde hereingebracht. Die Dienerin war jung, etwa zehn, nicht hübsch, aber geschickt und schweigsam. Raiko schenkte ein, zuerst André, dann Tyrer, dann sich selbst. Sie trank einen Schluck, André leerte die winzige Tasse und reichte sie ihr zum Nachschen- ken. Tyrer, der den Geschmack des warmen Weins nicht unange- nehm, aber fade fand, folgte seinem Beispiel. Beide Tassen wurden sofort wieder gefüllt, geleert und nochmals gefüllt. Weitere Tabletts kamen, weitere Flaschen., Tyrer verlor die Übersicht, fühlte sich aber bald in eine angeneh- me Wärme gehüllt, verlor die Nervosität, beobachtete, lauschte und verstand fast nichts von dem, was die anderen beiden sagten, höchstens hier und da ein einzelnes Wort. Raikos Haare waren schwarzglänzend und mit vielen kostbaren Kämmen aufgesteckt, ihr weiß gepudertes Gesicht war weder häßlich noch schön, nur eben anders, ihr Kimono aus rosenroter, mit vielen grünen Karpfen durchwehter Seide. »Ein Karpfen ist koi, gewöhnlich ein Zeichen für Glück«, hatte André ihm bereits erklärt. »Townsend Harris' Geliebte, die Shimo- da-Kurtisane, die ihn im Auftrag der Bakufu ablenken sollte, nannte sich Koi, aber ich fürchte, es hat ihr kein Glück gebracht.« »Ach ja? Was ist passiert?« »Nach der Geschichte, die sich die Kurtisanen hier erzählen, hat er sie vergöttert und ihr, als er fort mußte, genügend Geld gegeben, um sich zu etablieren – sie war ungefähr zwei Jahre bei ihm. Kurz nach seiner Rückkehr nach Amerika ist sie einfach verschwunden. Hat sich vermutlich zu Tode getrunken oder Selbstmord began- gen.« »So sehr hat sie ihn geliebt?« »Es heißt, daß sie sich anfangs, als die Bakufu sie daraufhin an- sprachen, strikt geweigert hat, mit einem Ausländer zu gehen – eine nie dagewesene Zumutung. Vergessen Sie nicht, daß er der erste war, der jemals Erlaubnis erhielt, sich auf japanischem Boden auf- zuhalten. Sie flehte die Bakufu an, eine andere auszuwählen, erklär- te, sie werde buddhistische Nonne werden, und drohte sogar, sich umzubringen. Doch die Beamten waren unnachgiebig, baten sie, ihnen bei der Lösung des Gai-Jin-Problems zu helfen, flehten sie wochenlang an, seine Geliebte zu werden, und zermürbten sie mit weiß Gott was für Mitteln. Schließlich erklärte sie sich einverstan- den, und die Beamten dankten ihr. Als Harris sie verließ, haben sie ihr jedoch alle den Rücken gekehrt, die Bakufu genauso wie alle an-, deren: Ah, tut uns leid, aber eine Frau, die mit einem Ausländer geht, ist auf immer gebrandmarkt.« »Wie furchtbar!« »Ja, nach unseren Maßstäben. Und so traurig. Aber vergessen Sie nicht, daß dies das Land der Tränen ist. Heute ist sie eine Legende und wird von ihren Kolleginnen wie auch von denen, die ihr den Rücken kehrten, wegen ihres Opfers verehrt.« »Das verstehe ich nicht.« »Ich auch nicht, das versteht keiner von uns. Aber sie verstehen es. Die Japaner.« Wie seltsam, dachte Tyrer abermals. Dieses kleine Haus, dieser Mann und diese Frau, die halb auf japanisch, halb auf pidgin mit- einander plaudern und lachen, sie eine Madam, er ein Kunde, aber beide tun sie, als seien sie etwas anderes. Immer mehr Saké. Dann verneigte sie sich, stand auf und ging. »Saké, Phillip?« »Danke. Es ist sehr nett hier, nicht?« Nach einer Pause gab André zurück: »Sie sind der erste Mensch, den ich hierher mitgenommen habe.« »Ach ja? Warum ich?« Der Franzose drehte die Porzellantasse in seinen Fingern, trank den letzten Tropfen aus, schenkte sich noch einmal ein und begann dann mit weicher, von Wärme erfüllter Stimme auf französisch: »Weil du der erste Mensch bist, den ich in Yokohama kennenge- lernt habe, der… Weil du Französisch sprichst, weil du kultiviert bist, weil dein Verstand wie ein trockener Schwamm ist, weil du jung bist, fast nur halb so alt wie ich, eh? Du bist einundzwanzig und nicht so wie die anderen, du bist unverdorben und wirst einige Jahre hier bleiben.« Er lächelte, spann das Netz enger, erzählte nur einen Teil der Wahrheit, modellierte sie nach seinem Belieben: »Du bist der erste Mensch unter meinen Bekannten, der… Alors, obwohl du Engländer und eigentlich ein Feind der Franzosen bist, bist du, der einzige, der das Wissen, das ich erworben habe, wirklich ver- dient hat.« Ein verlegenes Lächeln. »Schwer zu erklären. Vielleicht weil ich immer Lehrer werden wollte, vielleicht weil ich nie einen Sohn hatte, niemals geheiratet habe, vielleicht weil ich bald nach Shanghai zurückkehren muß, vielleicht weil ich Feinde genug habe, und vielleicht… vielleicht, weil du ein guter Freund sein könntest.« »Es wäre mir eine Ehre, dein Freund zu sein«, sagte Tyrer prompt, im Netz gefangen und unter seinem Bann, »und ich bin der Mei- nung, ich war wirklich schon immer der Meinung, wir sollten Ver- bündete sein, Frankreich und England, statt Feinde, und…« Die Shoji wurde zur Seite geschoben. Raiko, auf den Knien liegend, winkte Tyrer. Sein Herz klopfte. André lächelte. »Du brauchst ihr nur zu folgen. Und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.« Wie im Traum erhob sich Phillip ein wenig unsicher und folgte ihr einen Korridor entlang in ein Zimmer, in das sie ihn hinein- winkte, um dann die Shoji zu schließen und ihn allein zu lassen. Eine Öllampe mit Schirm. Eine wärmende Holzkohlenpfanne. Schatten, Dunkelheit und Lichtflecken. Auf dem Fußboden waren Futons – kleine, rechteckige Matratzen – als Bett ausgelegt, als Bett für zwei. Daunenweiche Bettdecken. Zwei yokatas, gemusterte Baumwollgewänder mit weiten Ärmeln, die zum Schlafen gedacht waren. Durch eine kleine Tür sah er ein Badehaus, von Kerzen er- leuchtet, die hohe Holzwanne mit dampfend heißem Wasser ge- füllt. Süß duftende Seife. Ein niedriger, dreibeiniger Hocker. Win- zige Handtücher. Alles genau so, wie André es vorausgesagt hatte. Sein Herz schlug jetzt wie rasend, und er zwang seinen Verstand, sich trotz des Sakénebels an Andrés Instruktionen zu erinnern. Methodisch begann er sich zu entkleiden. Rock, Weste, Krawatte, Hemd, wollenes Unterhemd: jedes Kleidungsstück sorgsam gefaltet und voll Nervosität auf einen Stapel gelegt. Unbeholfen setzte er sich, zog seine Socken aus, unter Zögern auch seine Hose, und, stand wieder auf. Nur die lange, wollene Unterhose behielt er an. Er schwankte ein wenig, zuckte verlegen die Achseln, zog sie eben- falls aus und faltete sie noch gewissenhafter. Als er ins Badehaus hinüberging, war sein Körper von einer Gänsehaut überzogen. Dort schöpfte er, wie André es ihm erklärt hatte, Wasser aus dem Faß und goß es sich über die Schultern. Ein wunderbares, warmes Gefühl. Noch einmal, dann hörte er, wie die Shoji geöffnet wurden, und blickte sich um. »Allmächtiger!« murmelte er entsetzt. Die Frau war muskulös, mit überdimensionalen Unterarmen, ihr Yokata kurz, darunter nichts als ein Lendentuch. Mit ausdruckslo- sem Lächeln kam sie energisch auf ihn zu und winkte ihm, er möge auf dem Hocker Platz nehmen. In abgrundtiefer Verlegenheit ge- horchte er. Sofort entdeckte sie die heilende Narbe an seinem Arm, sog den Atem ein und sagte etwas, das er nicht verstand. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Tokaidō.« »Wakarimasu.« Ich verstehe. Dann schöpfte sie ihm, bevor er sie daran hindern konnte, unerwarteterweise Wasser über den Kopf und begann ihn einzuseifen. Zunächst wusch sie sein langes Haar, dann seinen Körper – mit harten, geschickten, unbarmherzigen Fin- gern, die seinen Arm jedoch behutsam schonten –, Arme, Beine, hinten, vorn. Dann offerierte sie ihm das Tuch und deutete zwi- schen seine Beine. Immer noch im Schock reinigte er sich auch dort und reichte ihr stumm das Tuch zurück. »Danke«, murmelte er dabei. »Ach, tut mir leid, domo.« Ein weiterer Wasserguß entfernte die Seifenreste; dann deutete sie auf die Wanne. »Dozo!« Bitte. André hatte es ihm erklärt: »Vergessen Sie nicht, Phillip, daß Sie sich, anders als bei uns, waschen und reinigen müssen, bevor Sie in die Wanne steigen, damit auch andere noch dasselbe Wasser benut- zen können – eine sehr vernünftige Einstellung, wenn man bedenkt, daß Holz sehr teuer ist und es sehr lange dauert, bis genügend Was- ser heiß ist –, also pinkeln Sie nicht hinein, und betrachten Sie die, Frau im Badehaus nicht als Frau, sondern als Helferin. Sie reinigt Sie erst von außen und dann von innen, ja?« Tyrer ließ sich in die Wanne hinab. Das Wasser war heiß, aber nicht zu heiß, und er schloß die Augen, weil er nicht zusehen woll- te, wie die Frau das Bad aufräumte. Himmel, dachte er bedrückt, ich werde nie in der Lage sein, mit ihr zu schlafen. André hat einen Riesenfehler gemacht. »Aber… nun ja, ich, äh, weiß nicht, wieviel ich, äh, bezahlen muß, oder ob ich dem Mädchen zuerst das Geld geben muß, oder was?« »Mon Dieu, Sie sollten niemals einem Mädchen tatsächlich Geld geben, denn das wäre der Gipfel der Unhöflichkeit. Doch mit der Mama-san können Sie von Herzen handeln, zuweilen auch mit dem Mädchen selbst, aber nur nach dem Tee und dem Saké. Bevor Sie gehen, legen Sie die Summe diskret an eine Stelle, an der sie sie se- hen muß. Im Haus ›Zu den drei Karpfen‹ bezahlen Sie kein Geld, es ist ein besonderes Haus – es gibt noch mehr davon – nur für ganz spezielle Kunden, zu denen auch ich gehöre. Sie werden Ihnen eine Rechnung schicken – zwei- oder dreimal im Jahr. Aber Ach- tung, bevor Sie dorthingehen, müssen Sie mir bei Gott schwören, daß Sie die Rechnung sofort bezahlen werden, wenn man sie Ihnen präsentiert, und daß Sie nie jemand anderen dorthin mitnehmen oder darüber reden werden.« Also hatte er geschworen, ohne nach dem Preis zu fragen, weil er es nicht wagte. »Die, äh, Rechnung – wann wird sie kommen?« »Wenn es der Mama-san gefällt. Ich habe Ihnen gesagt, Phillip, daß Sie sich unter den gegebenen Umständen ein ganzes Jahr lang auf Kredit amüsieren können – natürlich garantiere ich für Sie…« Die Wärme des Badewassers machte ihn schläfrig. Er hörte kaum, wie sie hinaus- und später wieder herbeieilte. »Taira-san?« »Hai?« Ja? Sie hielt ein Handtuch in die Höhe. Seltsam lethargisch, mit, Muskeln, die das Wasser schlaff gemacht hatte, stieg er aus der Wanne und ließ sich von ihr abtrocknen. Wieder bearbeitete er die speziellen Partien selbst und fand es dieses Mal leichter. Ein Kamm für seine Haare. Eine trockene, gestärkte Yokata, dann winkte sie ihn zum Bett. Abermals durchfuhr ihn Panik. Zittrig zwang er sich zum Nieder- legen. Sie deckte ihn zu, schlug die andere Decke zurück und ging hinaus. Sein Herz hämmerte, aber so dazuliegen war wundervoll, die Matratze war weich, sauber und duftend, und er fühlte sich saube- rer denn seit Jahren. Bald hatte er sich ein wenig beruhigt, dann wurden die Shoji aufgeschoben und wieder geschlossen, und er fühlte sich unendlich erleichtert. Das nur undeutlich sichtbare Mädchen war winzig, gertenschlank, in eine gelbe Yokata gehüllt, mit lang herabhängendem schwarzem Haar. Gleich darauf kniete sie neben dem Bett. »Konbanwa, Taira-san. Ikaga desu ka? Watashi wa Ako.« Guten Abend, Mr. Taira. Geht es Ihnen gut? Ich bin Ako. »Konbanwa, Ako-san. Watashi wa Phillip Tyrer desu.« Sie krauste die Stirn. »F…urri…f.« Mehrmals versuchte sie Phillip zu sagen, brachte es aber nicht fertig; dann lachte sie fröhlich auf und sagte etwas, das er nicht verstand, das aber mit Taira-san ende- te. Er hatte sich aufgesetzt und beobachtete sie mit klopfendem Her- zen, hilflos und ohne sich von ihr angezogen zu fühlen. Gleich da- rauf deutete sie auf die andere Bettseite. »Dozo?« Bitte, darf ich? »Dozo.« Im Kerzenschein vermochte er sie nicht sehr klar zu se- hen, gerade deutlich genug, um zu erkennen, daß sie jung war – er schätzte sie auf sein eigenes Alter –, daß ihr Gesicht glatt und weiß vom Puder war, daß sie weiße Zähne hatte, rote Lippen, glänzendes Haar, eine fast römische Nase und mit Augen, die schmalen Ellip- sen glichen. Dazu ein freundliches Lächeln. Sie glitt ins Bett, mach- te es sich bequem, wandte sich um und sah ihn an. Wartete., Schüchternheit und Unerfahrenheit lähmten ihn. Großer Gott, wie soll ich ihr klarmachen, daß ich sie nicht will, daß ich überhaupt keine Frau will, daß ich nicht kann, ich weiß, daß ich nicht kann, und es wird nicht klappen, nicht heute abend, es wird nicht klappen, und ich werde mich blamieren, mich und André… André! Was soll ich ihm sagen? Ich werde mich absolut lä- cherlich machen, o Gott, warum habe ich mich bloß darauf einge- lassen? Sie streckte die Hand aus und berührte seine Wange. Unwillkür- lich erschauerte er. Ako murmelte liebevoll klingende Ermutigungen, doch innerlich mußte sie lächeln, weil sie wußte, was sie von diesem Kind von ei- nem Mann zu erwarten hatte. Raiko-san hatte sie vorbereitet: »Der heutige Abend, Ako, wird ein seltener Augenblick in deinem Leben sein, und du mußt ihn uns bei der ersten Mahlzeit unbedingt in allen Einzelheiten schildern. Dein Kunde ist ein Freund von Fren- chy und einmalig in unserer Welt – eine Jungfrau. Frenchy sagt, er ist so scheu, daß du es nicht glauben würdest; er wird Angst haben, sagt er, vermutlich weinen, wenn seine Ehrenwerte Waffe versagt, in seiner frustrierten Erregung vielleicht sogar das Bett nässen. Aber keine Angst, liebe Ako, Frenchy hat mir versichert, daß du dich ganz normal mit ihm befassen kannst und daß du dir keine Sorgen zu machen brauchst.« »Eeee, Raiko-san. Ich werde diese Gai-Jin niemals verstehen.« »Ich auch nicht. Ganz zweifellos sind sie alle sonderbar und unzi- vilisiert, aber zum Glück sind die meisten angenehm reich; und da es unser Schicksal ist, hier zu sein, müssen wir das Beste daraus ma- chen. Äußerst wichtig noch: Frenchy sagt, daß der hier ein bedeu- tender englischer Beamter ist, möglicherweise ein Langzeitkunde, also schenk ihm das Erlebnis der Wolken und des Regens, so oder so, selbst wenn du… selbst wenn du zum Letzten greifen mußt.« »Oh ko!«, »Die Ehre unseres Hauses steht auf dem Spiel.« »Oh! Ich verstehe. Wenn dem so ist… Irgendwie werde ich's schaf- fen.« »Ich habe volles Vertrauen zu dir, Ako-chan, schließlich kannst du auf nahezu dreißig Jahre Erfahrung in unserer Weidenwelt zu- rückblicken.« »Was meinst du – hat er den gleichen Geschmack wie Frenchy?« »Daß er es liebt, sich hinten kitzeln zu lassen, und gelegentlich Freudenpillen? Vielleicht solltest du dich darauf gefaßt machen, aber ich habe Frenchy offen gefragt, ob der Junge dazu neigt, Män- ner zu lieben, und er hat nein gesagt. Seltsam, daß Frenchy unser Haus gewählt hat, um einen Freund in die Liebe einzuführen, statt eins von denen, die er jetzt frequentiert.« »Das Haus trifft keine Schuld, niemals! Bitte, denk nicht mehr da- ran, Raiko-chan, ich fühle mich geehrt, daß du mich erwählt hast. Ich werde alles Notwendige tun.« »Selbstverständlich. Eeee, wenn man bedenkt, daß die Dampfen- den Stengel der Gai-Jin gewöhnlich weit größer sind als die einer zi- vilisierten Person, daß die meisten Gai-Jin zufriedenstellend kopulie- ren, wenn auch – bis auf Frenchy – nicht mit japanischer Kraft, ja- panischem Flair und japanischer Entschlossenheit, das Äußerste zu erreichen, so würde man meinen, sie wären genauso glückliche Ko- pulierer wie ganz normale Personen. Aber das sind sie nicht, sie ha- ben so viele Spinnweben in ihren Köpfen, daß das Kopulieren für sie nicht das Himmlischste Vergnügen ist wie für uns, sondern eine Art heimliche, religiöse Sünde. Sonderbar.« Ako, die vorsichtig experimentierte, rückte näher und streichelte seine Brust; dann schob sie ihre Hand tiefer und hätte fast laut auf- gelacht, als der junge Mann vor Angst zurückzuckte. Es dauerte ei- nen Moment, bis sie sich wieder gefaßt hatte. »Taira-san?« murmel- te sie liebevoll. »Ja, äh, hai, Ako-san?«, Sie nahm seine Hand, führte sie unter der Yokata an ihre Brust, beugte sich vor und küßte ihn auf die Schulter, weil sie ermahnt worden war, wegen der Wunde an seinem Arm, die ihm ein tapferer Shishi beigebracht hatte, vorsichtig zu sein. Keinerlei Reaktion. Sie schmiegte sich an ihn. Flüsternd erzählte sie ihm, wie tapfer, wie stark und männlich er sei, wie überwältigend die Dienerin ihn und seine Frucht beschrieben habe. Und während sie ihm geduldig die Brust streichelte, spürte sie, wie er erschauerte, davon abgesehen je- doch keine Spur Leidenschaft zeigte. Die Minuten vergingen. Im- mer noch nichts. Ihre Besorgnis wuchs. Ihre Finger waren wie Schmetterlinge, und dennoch blieb er regungslos liegen – Hände, Lippen, alles. Sanftes Liebkosen, behutsames Kreisen, zunächst noch keine echte Intimität. Weitere Minuten verstrichen. Immer noch nichts. Ihre Unruhe stieg. Die Angst, daß sie versagen könnte, wog schwerer als ihre Unruhe. Mit der Zunge berührte sie sein Ohr. Aha, eine winzige Belohnung; ihr Name, kehlig gesprochen, und seine Lippen, die ihren Hals küßten. Eeee, dachte sie, entspannte sich und schloß die Lippen um seine Brustwarze, jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis seine Jungfräulichkeit gen Himmel ex- plodiert, dann kann ich endlich Saké bestellen, bis morgen früh schlafen und vergessen, daß ich dreiundvierzig und kinderlos bin und daß Raiko-san mich aus dem sechstklassigen Haus gerettet hat, in das mein Alter und mein Mangel an Schönheit mich verwiesen haben. Während die Sonne den Horizont berührte, beobachtete Tyrer müßig die Samurai auf dem Platz vor der Gesandtschaft. Seine Ge- danken verweilten immer noch bei Ako und, zwei Abende später, Mieko. Und dann SIE. Fujiko. Vorgestern abend., Er spürte, wie er hart wurde, und rückte diesen Teil seines Kör- pers bequemer zurecht; er wußte inzwischen, daß er unwiderruflich in diese Schwimmende Welt verstrickt war, in der man, wie André es ihm geschildert hatte, nur für den Augenblick, für das Vergnügen lebte und wie eine Blüte auf der Strömung eines stillen Flusses ohne Sorgen dahintrieb. »Er ist noch immer still, dieser Fluß, Phillip. Wie ist sie, diese Fujiko?« »Ach, äh, hast du sie denn noch nicht gesehen? Kennst du sie nicht?« »Nein. Ich habe der alten Raiko-san nur erklärt, was für ein Mäd- chen dir gefallen könnte, und die Betonung dabei auf ›Schlafendes Wörterbuch‹ gelegt. Wie war sie?« Um seine Verlegenheit darüber zu verbergen, daß man ihm so direkt eine so persönliche Frage stellte, lachte er laut auf. Aber André hatte ihm so viel gegeben, daß er jetzt auch ›französisch‹ und ganz offen sein wollte, also schob er seine Befürchtungen, ein Gentleman dürfte über so etwas nicht sprechen, beiseite. »Sie… Sie ist jünger als ich, klein, eigentlich eher winzig, nach unseren Vorstellungen nicht hübsch, aber sie ist erstaunlich attraktiv. Wenn ich sie recht verstanden habe, war sie neu dort.« »Ich meinte, im Bett – wie war sie da? Besser als die anderen?« »Ach so. Nun ja, es war, äh, na ja, nicht zu vergleichen.« »War sie leidenschaftlicher? Sinnlicher? Eh?« »Na ja, schon, äh, angezogen oder entkleidet, unglaublich. Etwas ganz Besonderes. Und wieder einmal kann ich dir nicht genug dan- ken. Ich schulde dir unendlich viel.« »De rien, mon vieux.« »Aber es stimmt. Das nächstemal wirst du sie kennenlernen.« »Mon Dieu, nein! Das ist eine Regel. Seine ›Spezielle‹ stellt man niemals einem anderen Mann vor, schon gar nicht einem Freund. Vergiß nicht, bis du sie in dein eigenes Haus aufnimmst, wo du die, Rechnungen bezahlst, ist sie für jeden da, der Geld hat – wenn sie will.« »Ach ja! Das hatte ich ganz vergessen«, hatte er wahrheitswidrig entgegnet. »Und selbst wenn sie dort wohnt, könnte sie, wenn sie wollte, im- mer noch einen Liebhaber zusätzlich haben. Wer würde schon da- von erfahren?« »Mag ja sein.« Noch mehr Kummer. »Du solltest dich nicht verlieben, mein Freund, nicht in eine Kur- tisane. Nimm sie so, wie sie sind, als Freudenmädchen. Genieße sie, erfreue dich an ihnen, aber verliebe dich nicht in sie – und dulde niemals, daß sie sich in dich verlieben…« Tyrer erschauerte; er haßte die Wahrheit, haßte die Vorstellung, sie könne sich mit einem anderen einlassen und mit ihm ins Bett gehen wie mit ihm, haßte die Tatsache, daß es für Geld geschah, haßte den Schmerz in seinen Lenden. Mein Gott, sie war wirklich etwas Besonderes, so zauberhaft, geschmeidig, ein süßes Plapper- mäulchen, sanft, liebevoll, so jung und erst so kurz in diesem Haus. Soll ich sie zu mir nehmen? Nein, nicht soll, sondern kann ich? André hat bestimmt ein eigenes Haus mit seiner speziellen Freun- din, obwohl er nie etwas davon gesagt hat, und ich würde auch nie- mals danach fragen. Himmel, wieviel würde so etwas kosten? Mit Sicherheit mehr, als ich mir jemals leisten kann… Mit Gewalt versuchte er seine Aufmerksamkeit auf den Garten unten zu richten, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ein Teil des Highlander-Detachements versammelte sich um den Fahnen- mast, Trompeter und vier Trommler waren bereit für das Einholen der Fahne. Routine. Die bunte Gruppe der Gärtner sammelte sich am Ausgang, um gezählt und anschließend entlassen zu werden. Unter Verneigungen verschwanden sie durchs Tor und die Reihen der Samurai. Routine. Die Wachen schlossen und verriegelten das Eisentor. Routine. Trommeln und Trompeten erklangen, als der, Union Jack feierlich eingeholt wurde. Routine. Die meisten Samu- rai marschierten inzwischen davon, um für die Nacht nur eine sym- bolische Wache zurückzulassen. Routine. Tyrer erschauerte. Wenn wirklich alles Routine ist, warum bin ich dann so nervös? Die Gärtner der Gesandtschaft trotteten zu ihren bescheidenen Quartieren, die an die andere Seite des Buddhistentempels grenz- ten. Keiner von ihnen blickte Hiraga an. Sie alle waren gewarnt worden, daß ihr Leben von seiner Sicherheit abhing. »Sprecht niemals mit Fremden«, hatte er zu ihnen gesagt. »Wenn die Bakufu herausfinden, daß ihr mich aufgenommen habt, wird euch das gleiche widerfahren wie mir, nur daß man euch kreuzigt, statt euch sofort zu erschießen.« Trotz all ihrer unterwürfigen Versicherungen, bei ihnen sei er si- cher, traute er ihnen nicht. Hiraga wußte, daß er nirgendwo sicher war. Seit dem Anjo-Hinterhalt zehn Tage zuvor hatte er sich meis- tens in dem sicheren Haus in Kanagawa aufgehalten, in der Herber- ge ›Zu den Mitternachtsblüten‹. Daß der Überfall fehlschlug und seine Gefährten bis auf einen umgebracht wurden, war Karma, nichts weiter. Gestern war ein Schreiben von Katsumata eingetroffen, der jetzt in Kyōto weilte: Dringend: In wenigen Wochen wird Shōgun Nobusada etwas nie Dagewesenes tun und hierherkommen, um dem Kaiser einen Staatsbesuch abzustatten. Alle Shishi erhalten daher Anweisung, sich sofort hier einzufinden, damit geplant wird, wie man ihn aufhalten, umbringen und dann die Palasttore in Besitz nehmen kann. Katsumata hatte mit seinem Codenamen unterzeichnet: Rabe. Hiraga hatte mit Ori beratschlagt, was zu tun sei, und sich ent- schieden, hierher nach Edo zurückzukehren. Weil er wütend darü- ber war, daß die Gai-Jin den Ältestenrat hintergangen und ausge-, schaltet hatten, war er entschlossen, die britische Gesandtschaft im Handstreich zu nehmen. »Kyōto kann warten, Ori. Wir müssen un- seren Kampf gegen die Gai-Jin fortführen. Wir dürfen ihnen keine Ruhe lassen, bis sie endlich Edo beschießen. Um Kyōto und den Shōgun sollen sich die anderen kümmern.« Er hätte Ori mitgenom- men, aber Ori war hilflos; seine Wunde hatte sich verschlimmert, und es gab weit und breit keinen Arzt, der ihm geholfen hätte. »Was ist mit deinem Arm?« »Wenn es unerträglich wird, werde ich Seppuku begehen«, hatte Ori erwidert – fast lallend von dem vielen Saké, den er trank, um die Schmerzen zu lindern, als sie zu dritt – er, Ori und die Mama- san – gemeinsam einen Abschiedstrunk einnahmen. »Mach dir kei- ne Sorgen.« »Gibt es nicht einen anderen Arzt, einen zuverlässigen?« »Nein, Hiraga-san«, sagte Noriko, die Mama-san, mit sanfter Stim- me. Sie war eine zierliche Frau von fünfzig Jahren. »Ich habe sogar einen koreanischen Akupunkteur und einen Kräuterarzt kommen lassen, beide gute Freunde von mir, aber die Umschläge haben nichts genutzt. Es gibt da diesen riesigen Ausländer…« »Bist du dumm?« schrie Ori. »Wie oft muß ich es dir noch sagen? Diese Schußwunde stammt von einer ihrer Kugeln, und sie haben mich in Kanagawa gesehen!« »Bitte verzeih mir«, sagte die Mama-san demütig, den Kopf bis auf die Tatami gesenkt, »bitte verzeih dieser dummen Person.« Abermals verneigte sie sich, dann ging sie hinaus. Im innersten Her- zen aber verfluchte sie Ori, weil er kein wahrer Shishi war und Sep- puku beging, solange Hiraga anwesend war, der beste Sekundant, den sich ein Mann wünschen konnte, denn damit hätte er die furchtbare Gefahr für sie und ihr Haus abwenden können. Die Nachricht vom Schicksal der Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ hatte sich über fünfzig ri und mehr verbreitet: Es war eine unerhörte Vergeltung, alle Kunden, Kurtisanen und Dienstboten zu, töten und den Kopf der Mama-san auf einen Pfahl zu spießen. Ungeheuerlich, dachte sie wütend. Wie kann ein Haus einem Sa- murai, Shishi oder nicht, das Betreten verbieten? Früher töteten die Samurai viel öfter als heute, gewiß, aber das war vor Jahrhunderten, und auch dann fast immer nur, wenn es angezeigt war, und niemals Frauen und Kinder. Das war, als die Gesetze des Landes noch ge- recht, Shōgun Toranaga noch gerecht, sein Sohn und Enkel noch gerecht waren, bevor Korruption und Verschwendung zum Lebens- stil nachfolgender Shōguns, Daimyos und Samurai wurden, die uns über ein Jahrhundert lang mit ihrer habgierigen Besteuerung ge- quält haben wie eine Pestbeule! Unsere einzige Hoffnung sind die Shishi! Sonno-joi! »Bevor wir sterben, muß Anjo sterben«, hatte sie leidenschaftlich erklärt, als Hiraga zwei Tage nach dem Überfall endlich sicher zu- rückgekehrt war. »Wir hatten furchtbare Angst, du seist mit den an- deren verbrannt. Das alles geschah auf Anjos Befehl, Hiraga-san, auf seinen Befehl – als ihr ihn vor dem Burgtor überfallen habt, kam er gerade von der Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ zurück, die Exekutionen hat er persönlich angeordnet und auch dabei zuge- sehen. Und für den Fall, daß ihr Shishi unversehens zurückkehren würdet, hat er Männer im Hinterhalt zurückgelassen.« »Wer hat uns verraten, Hiraga?« hatte Ori sich erkundigt. »Die Mori-Samurai.« »Aber Akimoto sagte, er habe gesehen, wie sie getötet wurden.« »Es muß einer von ihnen gewesen sein. Ist sonst noch jemand entkommen?« »Akimoto, und das nur zufällig. Er hat sich einen Tag und eine Nacht in einer anderen Herberge versteckt.« »Und wo ist er jetzt?« »Er ist beschäftigt«, antwortete Noriko. »Soll ich ihn holen las- sen?« »Nein. Wir werden morgen mit ihm sprechen.«, »Für die Herberge muß Anjo bezahlen! Das ist gegen jede Tradi- tion!« »Das wird er. Genauso wie die Bakufu. Genauso wie Shōgun No- busada. Genauso wie Yoshi.« In seinem Privatquartier hoch oben im Burgturm von Edo erdachte Yoshi ein Gedicht. In einen blauen Seidenkimono gehüllt, saß er an einem niedrigen Tischchen, auf dem eine Öllampe stand. Vor ihm lagen Bogen und Reispapier, Pinsel in verschiedener Stärke und ei- ne Schale mit Wasser, um den Tintenblock aufzulösen, in dessen leicht ausgehöhlter Oberfläche sich inzwischen ein winziger, einla- dender Teich gebildet hatte. Die Abenddämmerung wurde zur Nacht. Aus der Burg weiter un- ten drang das beruhigende, gedämpfte Geräusch von Soldaten her- auf, von Hufen auf Kopfsteinen, ein gelegentliches, kehliges La- chen, das mit dem Rauch und den Gerüchen von Kochfeuern durch die dekorativen Schießscharten in den dicken Mauern em- porstieg. Dies war das Allerheiligste. Spartanisch. Tatamis, eine Tokonoma, die Shoji-Tür vor ihm so eingestellt und beleuchtet, daß er den Schatten einer jeden Gestalt wahrnehmen konnte, die sich draußen bewegte, er selbst von draußen aber nicht zu sehen war. Unmittelbar neben seinem Gemach lag ein weiträumiges Vorzim- mer, von dem aus Korridore zu den anderen Schlafquartieren führ- ten, die im Moment nur noch von Gefolgsleuten, Dienerinnen und Koiko, seiner besonderen Favoritin, bewohnt wurden. Seine Familie – Ehefrau mit zwei Söhnen und einer Tochter sowie Konsortin mit einem Sohn – weilten alle sicher und schwer bewacht zwanzig ri weiter nördlich in seiner befestigten Erbburg. Hinter diesem Vor- zimmer gab es Wachen und weitere Räume mit weiteren Wachen, die alle auf seinen persönlichen Dienst eingeschworen waren., Er tauchte den Pinsel in die Tinte, hielt ihn einen Moment über das feine Reispapier und schrieb dann entschlossen: Schwert meiner Väter In meinen Händen Regt sich beklommen Er schrieb es in drei kurzen, senkrechten Reihen von Zeichen, mit kräftigen Strichen, wo sie kräftig sein mußten, mit weichen, wo Weichheit das Bild betonte, das die Zeichen vermittelten. Dabei hatte er keine Chance, auch nur den winzigsten Fehler zu kaschie- ren oder zu korrigieren, denn das Reispapier war so beschaffen, daß es die Tinte sofort aufsog und das Schwarz in unterschiedliche Grautöne verwandelte, je nachdem, wie der Pinsel und die darin enthaltene Wassermenge benutzt wurden. Gelassen begutachtete er sein Werk, die Plazierung des Gedichtes und das Gesamtbild, das die Schattierungen der schwarzen Kalligra- phie inmitten der weißen Fläche boten. Es ist gut, dachte er ohne Eitelkeit. Vorerst kann ich es noch nicht besser; dieses Gedicht schöpft meine Fähigkeiten fast bis an ihre Grenze, wenn nicht sogar bis ganz an die Grenze aus. Und was ist mit der Bedeutung dieser Zeilen, wie sollten sie gelesen werden? Aha, das ist eine sehr wichtige Frage, das ist der Grund, warum es gut ist. Wird es aber bewirken, was ich beabsichtige? Diese Fragen veranlaßten ihn, den erschreckenden Stand der Din- ge hier und in Kyōto zu rekapitulieren. Vor wenigen Tagen war die Nachricht eingetroffen, daß es dort zu einem unerwarteten, aber er- folgreichen Coup durch Choshu-Truppen gekommen war, durch den die Satsuma- und Tosa-Streitkräfte vertrieben wurden, die wäh- rend der letzten sechs Monate in einem unsicheren Waffenstillstand die Macht gehalten hatten, und daß Lord Ogama von Choshu nun die Befehlsgewalt über die Palasttore ausübte., Bei einer hastig zusammengerufenen Sitzung des Rates war es zu Zornesausbrüchen gekommen, und Anjo hatte vor Wut fast Schaum vor dem Mund gehabt. »Choshu, Satsuma und Tosa! Im- mer wieder diese drei! Das sind die Hunde, die zerschmettert wer- den müssen! Ohne sie hätten wir alles unter Kontrolle.« »Richtig«, hatte Yoshi zurückgegeben. »Ich wiederhole, daß wir unseren Truppen in Kyōto befehlen müssen, die Rebellion auf der Stelle niederzuschlagen – ohne Rücksicht auf Verluste!« »Nein, nein! Wir müssen warten; wir haben nicht genug Streit- kräfte dort.« Toyama, der Alte, rieb sich das graue Kinn und sagte: »Ich stim- me Yoshi-donno zu. Krieg ist die einzige Möglichkeit. Wir müssen Ogama von Choshu zum Gesetzlosen erklären!« »Unmöglich!« hatte Adacho gesagt. »Ich stimme Anjo zu. Wir dürfen es nicht riskieren, alle Daimyos vor den Kopf zu stoßen. Damit würden wir nur erreichen, daß sie sich gegen uns verbün- den.« »Wir müssen sofort handeln!« hatte Yoshi noch einmal betont. »Wir müssen unseren Truppen befehlen, die Tore zurückzuerobern und den Aufstand niederzuschlagen.« »Wir haben nicht genug Streitkräfte«, hatte Anjo hartnäckig wie- derholt. »Wir werden warten. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wir…« »Warum hört ihr nicht auf mich?« Inzwischen war Yoshi so wü- tend, daß er seine Gefühle kaum noch unterdrücken konnte. Es ge- lang ihm nur mit Mühe, weil er wußte, daß es ein tödlicher Fehler wäre, die Beherrschung zu verlieren und sie alle gegen sich aufzu- bringen. Schließlich war er der jüngste, unerfahrenste, allerdings auch der fähigste und einflußreichste unter den Daimyos und der einzige der Ältesten, dem es gelingen würde, das ganze Land in ei- nen ebenso furchtbaren Bürgerkrieg zu stürzen, wie er vor Shōgun Toranaga jahrhundertelang getobt hatte. Waren sie nicht alle nei-, disch gewesen, als er durch einen kaiserlichen ›Wunsch‹ zum Vor- mund und Ältesten ernannt wurde? »Ich weiß, daß ich recht habe. Hatte ich nicht mit den Gai-Jin recht? Diesmal habe ich ebenfalls recht.« Der Plan, den er sich ausgedacht hatte, um die Gai-Jin mitsamt ihrer Flotte aus Edo zu entfernen und Zeit für die eigenen internen Probleme zu gewinnen, war ein durchschlagender Erfolg gewesen. Es war so einfach: »Mit großem Zeremoniell und vorgetäuschter Demut geben wir den Gai-Jin eine geringe Summe als Vorauszah- lung, schlagen eine baldige Zusammenkunft mit dem Ältestenrat vor, die immer wieder hinausgezögert oder abgesagt oder, falls nö- tig, sogar mit Marionetten in Szene gesetzt wird, und lassen im al- lerletzten Moment, wenn sie mit ihrer Geduld am Ende sind, durchblicken, daß eine Audienz beim Shōgun arrangiert werden kann, sobald er zurückkehrt – die ebenfalls hinausgezögert, neu ver- handelt und wieder hinausgezögert werden kann, aber niemals statt- finden wird oder, falls sie irgendwann in der Zukunft doch stattfin- den sollte, kein Ergebnis zeitigen wird, das wir nicht wollen. So ha- ben wir einen Teil der Zeit gewonnen, die wir brauchen, und eine Möglichkeit entdeckt, immer wieder mit ihnen fertig zu werden: In- dem wir ihre eigene Ungeduld gegen sie einsetzen, ihnen ›Verspre- chungen‹ machen und eine Menge Suppe geben, doch keinen Fisch, oder höchstens ein paar verfaulte Stücke, die wir nicht brau- chen oder wollen. Sie waren zufrieden, ihre Flotte ist in den Sturm davongesegelt und liegt vielleicht auf dem Meeresgrund. Bis jetzt ist noch kein Schiff zurückgekehrt.« Der alte Toyama sagte: »Die Götter sind uns mit diesem Sturm zu Hilfe gekommen, indem sie uns wieder ihren Göttlichen Wind, den kamikazi-Wind, geschickt haben wie damals vor Jahrhunderten gegen Kublai Khans eindringende Horden. Wenn wir sie hinauswer- fen, wird es genauso sein. Die Götter werden uns niemals verlas- sen.«, »Es stimmt«, hatte sich Adacho gebrüstet. »Ich habe unseren Plan perfekt ausgeführt. Die Gai-Jin waren so fügsam wie eine fünftklas- sige Kurtisane.« »Diese Gai-Jin sind ein Geschwür, das niemals heilen wird, solan- ge wir, was militärische Macht und Reichtum betrifft, die Schwä- cheren sind«, erklärte Anjo gereizt. »Sie sind ein Geschwür, das nicht heilen wird, solange wir es nicht ausbrennen, und das können wir jetzt nicht tun, noch nicht, denn wir haben nicht genügend Mittel, um Schiffe zu bauen und Kanonen zu gießen. Wir können uns nicht ablenken lassen und Truppen entsenden, um die Tore zu erobern, noch nicht. Weder sie noch die Choshu sind unsere un- mittelbaren Feinde: die unmittelbaren Feinde sind sonno-joi und die Shishi-Hunde.« Yoshi war aufgefallen, wie sehr sich Anjo seit dem Attentatsver- such verändert hatte: Er war sehr viel reizbarer und eigensinniger geworden und in seiner Entschlußkraft geschwächt, obwohl sein Einfluß auf die anderen Ältesten darunter nicht gelitten hatte. »Ich bin zwar anderer Meinung, aber wenn Sie meinen, daß wir nicht ge- nügend Streitkräfte haben, rufen wir doch einfach die allgemeine Mobilmachung aus und machen wir Schluß mit den Außenherren und allen, die sich ihnen anschließen!« »Krieg ist die einzige Möglichkeit, Anjo-sama«, behauptete Toya- ma, »vergeßt die Shishi, vergeßt die Gai-Jin einen Moment. Die Tore – zuallererst müssen wir unsere Erbrechte zurückerobern.« »Das werden wir – zum richtigen Zeitpunkt«, hatte Anjo entgeg- net. »Zunächst: Der Besuch des Shōgun wird ablaufen wie geplant.« So hatte Anjo trotz Yoshis ständigem Protest die Abstimmung abermals drei zu zwei gewonnen und unter vier Augen bösartig hinzugesetzt: »Ich hab's Ihnen gesagt, Yoshi-donno, sie werden immer mit mir stimmen. Die Shishi werden keinen Erfolg haben gegen mich, genausowenig wie Sie, genausowenig wie alle.« »Selbst Shōgun Nobusada?«, »Der… Der ist kein Feind. Der hört auf meinen Rat.« »Und Prinzessin Yazu?« »Die wird gehorchen… Sie wird ihrem Ehemann gehorchen.« »Sie wird ihrem Bruder, dem Kaiser gehorchen – bis zum Tod.« Auf diesen Schock hatte Anjo mit verzerrtem Lächeln erwidert: »Denken Sie an einen Unfall? Eh?« »Ich denke an nichts dergleichen.« Yoshi erschauerte; allmählich wurde der Mann zu gefährlich… An der Tür erschien, fast lautlos, eine Silhouette. Obwohl er si- cher war, sie erkannt zu haben, fuhr seine Rechte unwillkürlich an das Langschwert, das neben ihm lag. Die Gestalt kniete nieder. Ein zartes Klopfen. »Ja?« Sie schob die Tür zurück, verneigte sich lächelnd und wartete. »Bitte, komm herein, Koiko«, forderte er sie auf, erfreut über die- sen unerwarteten Besuch, der seine Dämonen vertrieb. Sie gehorchte, schloß die Tür, lief in ihrem langen, gemusterten Kimono auf ihn zu, kniete nieder und legte ihre Wange an seine Hand. Dabei entdeckte sie das Gedicht. »Guten Abend, Sire.« Er lachte und drückte sie zärtlich an sich. »Und wie komme ich zu diesem Vergnügen?« »Ich hatte Sehnsucht nach dir«, erklärte sie schlicht. »Darf ich dein Gedicht sehen?« »Selbstverständlich.« Während sie sein Werk betrachtete, beobachtete er sie, ein immer- währendes Vergnügen für ihn in den vierunddreißig Tagen, seit sie bei ihm innerhalb der Burgmauern weilte. Außergewöhnliche Klei- der. Reine, eierschalenfarbene Haut, glänzendes, rabenschwarzes Haar, das ihr, wenn es losgebunden war, bis an die Taille reichte, zierliche Nase, Zähne so weiß wie die seinen, statt nach höfischer Sitte schwarz gefärbt. »Wie dumm!« hatte sein Vater zu ihm gesagt, sobald er fähig war,, ihn zu verstehen. »Warum sollten wir unsere Zähne schwärzen, nur weil es am Hof so üblich ist. Dieser Brauch wurde vor Jahrhunder- ten von einem Kaiser eingeführt, dessen Zähne alt und verfault wa- ren. Daher ordnete er an, gefärbte Zähne zu haben sei besser anstatt weiße wie ein Tier! Und warum Farbe für Lippen und Wangen be- nutzen, wie es einige immer noch tun, nur weil ein anderer Kaiser eine Frau sein wollte und sich als Frau aufführte und die Höflinge ihn – sie nachahmten, um sich beliebt zu machen?« Koiko war eine zweiundzwanzig Jahre alte tayu, eine der höchst- rangigen Kurtisanen der Weidenwelt. Nachdem er Gerüchte über sie gehört hatte und neugierig gewor- den war, hatte er sie vor einigen Monaten kommen lassen, ihre Ge- sellschaft sehr genossen und dann, vor zwei Monaten, ihre Mama- san aufgefordert, ihm ein Angebot für ihre Dienste zu unterbreiten. Wie es korrekt war, hatte diese das Angebot seiner Ehefrau ge- schickt. Seine Ehefrau hatte aus ihrer heimatlichen Burg an ihn ge- schrieben: Mein geliebter Ehemann, heute habe ich mit der Mama-san ein sehr zu- friedenstellendes Arrangement für die Tayu Koiko aus dem Haus ›Zu den Glyzinien‹ getroffen. Wir hielten es für besser, Sire, daß Du sie ganz für Dich allein hast, statt nur die erste Option auf ihre Dienste, und, da Du von Feinden umgeben bist, auch für sicherer. Dieser Vertrag kann, je nach Deinem Belieben, monatlich verlängert werden, Bezahlung mo- natlich rückwirkend, um sicherzustellen, daß ihre Dienste dem überaus hohen Standard entsprechen, den Du von ihr erwarten solltest. Deine Konsortin und ich sind beide hocherfreut, daß Du Dich entschlossen hast, Dir ein neues Spielzeug zu nehmen; wir waren und sind ständig um Deine Gesundheit und Sicherheit besorgt. Darf ich Dir zu Deiner Wahl gratulieren? Wie es heißt, ist Koiko wirklich eine Ausnahme. Deinen Söhnen geht es gut, Deiner Tochter und mir ebenfalls, wir sind alle glück- lich. Wir schicken Dir unsere immerwährende Treue und sehnen uns, nach Deiner Gegenwart. Bitte, halte uns ständig auf dem laufenden, da ich unseren Kämmerer anweisen muß, die entsprechenden Geldmittel zur Verfügung zu halten… Wie es korrekt war, hatte seine Frau den Betrag nicht erwähnt, und dieser interessierte ihn auch nicht, denn es gehörte zu den Haupt- aufgaben einer Ehefrau, das Vermögen der Familie zu verwalten und zu hüten und alle Rechnungen zu begleichen. Koiko blickte auf. »Dein Gedicht ist makellos, Yoshi-chan«, er- klärte sie und klatschte in die Hände. Das ›chan‹ war ein intimer Diminutiv. »Du bist makellos«, erwiderte er und verbarg seine Freude über ihr Urteil. Von ihren einzigartigen körperlichen Vorzügen abgese- hen, war sie in Edo für die hohe Qualität ihrer Kalligraphie, die Schönheit ihrer Gedichte und ihre Klugheit in Kunst und Politik berühmt. »Ich bewundere deine Art zu schreiben und das Gedicht, es ist ausgezeichnet. Ich bewundere die komplexe Vielfalt deiner Gedan- ken, vor allem, daß du kein ›wenn‹ hinzugesetzt und das Wort ›regt‹ gewählt hast, wo ein weniger hochentwickelter Verstand ›be- wegt‹ oder das auffallendere ›zuckt‹ benutzt hätte, das sexuelle An- klänge besitzt. Die Plazierung des letzten Wortes jedoch, ›beklom- men‹ – ach, Yoshi-chan, wie geschickt, dieses Wort an den Schluß zu stellen, ein unterschwelliges Wort, perfekt. Dein Werk ist hervor- ragend und kann auf unterschiedliche Art interpretiert werden. Es ist wundervoll!« »Und was glaubst du, was ich damit sagen will?« Ihre Augen blitzten auf. »Erzähl mir zuerst, ob du's behalten willst – offen behalten, heimlich behalten oder zerstören.« »Was ist denn meine Absicht?« fragte er und freute sich an ihr. »Wenn du es offen behalten willst, oder wenn du es so tun willst, als wolltest du's verstecken, oder wenn du so tun willst, als sei es, geheim, beabsichtigst du, daß es von anderen gelesen wird, die ir- gendwie unsere Feinde informieren, wie du es willst.« »Und was werden sie denken?« »Alle, bis auf die klügsten, werden vermuten, daß deine Ent- schlußkraft abnimmt, daß deine Ängste dich allmählich überwälti- gen.« »Und die anderen?« Koikos Blick verlor nichts von seinem belustigten Blitzen, aber er sah, wie ein weiteres Funkeln hinzukam. »Von deinen Hauptgeg- nern«, begann sie behutsam, »würde Shōgun Nobusada vermuten, daß du wie er der Meinung bist, daß du nicht stark genug bist, um eine echte Bedrohung zu sein; erleichtert würde er annehmen, daß es, je länger er wartet, um so leichter wird, dich zu eliminieren. An- jo würde dich um deine Meisterschaft als Dichter und Kalligraph beneiden und höhnisch über das ›beklommen‹ lachen, weil er es für unwürdig und schlecht gewählt hält, aber das Gedicht würde ihn nicht loslassen, würde ihn beunruhigen, vor allem, wenn es ihm als geheimes Dokument hinterbracht wird. Er würde nicht ruhen, bis er achtundachtzig verborgene Bedeutungen herausgefunden hat, die alle seine unerbittliche Gegnerschaft dir gegenüber stärken würden.« Ihre Offenheit bestach ihn. »Und wenn ich es heimlich behalten würde?« Sie lachte. »Wenn du es geheimhalten wolltest, hättest du's sofort verbrannt und mir nicht gezeigt. Schade, so viel Schönheit zu zer- stören, sehr schade, Yoshi-chan, aber unabdingbar für einen Mann in deiner Position.« »Warum? Es ist doch nur ein Gedicht.« »Ich halte es für etwas Besonderes. Es ist zu gut. Eine solche Kunst kommt von tief innen. Sie enthüllt. Enthüllung ist der Sinn der Lyrik.« »Weiter.« Ihre Augen schienen die Farbe zu wechseln, als sie sich fragte, wie, weit sie gehen durfte, und ständig seine intellektuellen Grenzen tes- tete, um ihren Herrn zu unterhalten und zu erregen, falls das in sei- nem Interesse lag. Er bemerkte die Veränderung, erkannte aber nicht den Grund. »Zum Beispiel«, sagte sie leichthin, »könnte es den falschen Au- gen verraten, daß deine innersten Gedanken in Wirklichkeit sagen: ›Die Macht meines Vorfahren und Namensvetters Shōgun Toranaga Yoshi liegt in meiner Reichweite und schreit danach, gebraucht zu werden.‹« Er beobachtete sie, konnte aber nichts in ihren Augen lesen. Eeee, dachte er, und all seine Sinne schrien Alarm. Bin ich so leicht zu durchschauen? Vielleicht ist diese Dame zu scharfsichtig, um am Leben zu bleiben. »Und die Prinzessin Yazu? Was würde die den- ken?« »Sie ist die Klügste von allen, Yoshi-chan. Aber das weißt du ja. Sie würde die Bedeutung sofort erkennen – falls du eine bestimmte Bedeutung im Sinn hast.« Wieder ließen ihre Augen nichts erken- nen. »Und wenn es ein Geschenk für dich wäre?« »Dann würde diese unwürdige Person mit Freude über einen sol- chen Schatz erfüllt sein – aber in einem Dilemma stecken, Yoshi- chan.« »Einem Dilemma?« »Es ist zu kostbar, um verschenkt oder empfangen zu werden.« Yoshi löste den Blick von ihr und musterte sein Werk aufmerk- sam. Es war alles, was er sich wünschte, nie wieder würde er so et- was hervorbringen können. Dann betrachtete er sie ebenso durch- dringend. Seine Finger nahmen das Papier und reichten es ihr, lie- ßen die Falle zuschnappen. Ehrfürchtig nahm sie das Papier mit beiden Händen entgegen und verneigte sich tief. Studierte es lange, prägte es sich unauslösch- lich ins Gedächtnis. Ein tiefer Seufzer. Vorsichtig hielt sie eine Ecke, an die Ölflamme. »Mit deiner Erlaubnis, Yoshi-sama, bitte?« fragte sie formell und sah ihn mit stetem Blick und ruhigen Händen an. »Warum?« fragte er verwundert. »Zu gefährlich für dich, derartige Gedanken am Leben zu lassen.« »Und wenn ich mich weigere?« »Dann, bitte verzeih, muß ich an deiner Statt entscheiden.« »Dann entscheide.« Sofort senkte sie das Papier in die Flamme. Es fing Feuer und lo- derte auf. Geschickt drehte sie es, bis nur noch ein winziger Fetzen brannte, dann legte sie es behutsam auf einen anderen Papierbogen, und die Flamme erstarb. Schweigend faltete sie das Papier, das die Asche enthielt, zu einem Ogami und legte es wieder auf den Tisch. Der Papierbogen glich nun einem Karpfen. Als Koiko wieder aufblickte, standen ihre Augen voll Tränen, und er war gerührt. »Es tut mir leid, bitte verzeih«, sagte sie mit erstick- ter Stimme. »Aber es ist zu gefährlich für dich… So schade, so viel Schönheit zu zerstören, ich hätte es so gern behalten. So furchtbar schade, aber viel zu gefährlich…« Zärtlich nahm er sie in die Arme. Wie er wußte, war das, was sie für ihn getan hatte, die einzige Lösung für ihn und für sie. Ihr Scharfblick erschreckte ihn, denn sie hatte seine ursprüngliche Ab- sicht erkannt: daß er geplant hatte, das Gedicht so zu verstecken, daß es gefunden und an alle weitergegeben wurde, die sie genannt hatte, vor allem an Prinzessin Yazu. Koiko hat recht. Yazu hätte meinen Plan durchschaut und meine wirklichen Gedanken erraten: daß ihr Einfluß auf Nobusada zu- nichte gemacht werden muß, weil ich sonst ein toter Mann bin. Ohne Koiko hätte ich gleich meinen Kopf auf Yazus Pfahl stecken können! »Nicht weinen, Kleines«, murmelte er, nunmehr überzeugt, daß er ihr vertrauen konnte. Und während sie sich von ihm trösten und dann wärmen ließ, um anschließend ihn zu wärmen, dachte sie in ihrem dritten, ihrem, heimlichsten Herzen – das erste war für alle Welt zu sehen, das zweite nur für ihre engste Familie, das dritte nie, niemals für irgend- einen anderen Menschen –, in diesem geheimen Herzen seufzte sie vor Erleichterung darüber, daß sie wieder eine Probe bestanden hat- te, denn mit Sicherheit hatte er sie auf die Probe gestellt. Zu gefährlich für ihn, einen solchen Schatz zu behalten, doch weit gefährlicher noch für mich, ihn in meinem Besitz zu haben. O ja, mein schöner Herr, es ist leicht, dich zu bewundern, mit dir zu lachen und zu spielen, Ekstase vorzutäuschen, wenn du in mich eindringst – und göttergleich der Gedanke, daß ich am Ende eines jeden Tages, und zwar Tag für Tag, einen Koku verdient habe. Den- ke daran, Koiko-chan! Ein Koku jeden Tag dafür, daß du an dem erregendsten Spiel auf Erden teilnimmst, mit dem erhabensten Na- men auf Erden, mit einem jungen, ansehnlichen, erstaunlichen Mann von großer Kultiviertheit, dessen Stengel der beste ist, den ich jemals erlebt habe… und zugleich mehr Reichtum zu erwerben als irgend jemand jemals zuvor. Ihre Hände, ihre Lippen und ihr Körper reagierten geschickt, schlossen sich, öffneten sich, öffneten sich weiter, empfingen ihn, leiteten ihn. Sie war wie ein exquisites, fein gestimmtes Instrument, auf dem er spielen konnte, täuschte perfekt Ekstase vor, tat so, als lasse sie sich gehen, ohne es je wirklich zu tun – schließlich mußte sie ihre Kraft und ihren Verstand bewahren, denn er war ein Mann mit vielfältigen Wünschen –, genoß den Wettstreit, drängte niemals zur Eile, führte ihn nur sehr behutsam weiter, hielt ihn unmittelbar vor der Grenze an, ließ ihn los, zog ihn zurück, ließ ihn los, zog ihn zurück und ließ ihn in einem Krampf der Erleichterung endlich los. Ganz ruhig nun. Stoisch, reglos, um ihn nicht in seinem Frieden zu stören, ertrug sie sein schlafendes Gewicht. Er war mit ihrer Kunst ebenso zufrieden wie mit der eigenen, das wußte sie. Ihr letz- ter, geheimster, begeisterndster Gedanke, bevor auch sie in den, Schlaf hinüberglitt, war: Ich möchte wissen, wie Katsumata, Hiraga und ihre Shishi-Freunde die Worte ›Schwert meiner Väter‹ ausle- gen… Montag, 1. Oktober

Im Dämmerlicht tobte wenige Meilen südlich von Kyōto ein hef-tiges Nachhutgefecht zwischen flüchtenden Satsuma-Truppen

und Choshu-Streitkräften Lord Ogamas, die ihnen vor kurzem die Kontrolle über die Palasttore entrissen hatten. Katsumata, der Sat- suma-Schwertmeister und heimliche Shishi, führte den Kampf mit Hilfe einhundert berittener Samurai, um die Flucht Herrn Sanjiros und der Satsuma-Hauptstreitmacht wenige Meilen weiter südlich zu decken. Wieder führte Katsumata eine wütende Attacke, durchbrach die vordersten Reihen des Gegners und versuchte sich zur Standarte des ebenfalls berittenen Choshu-Daimyo Ogama durchzukämpfen, wur- de aber blutig und unter schweren Verlusten zurückgeschlagen, als die Verstärkungen herbeieilten, um ihren Anführer zu verteidigen. »Alle Truppen zum Angriff voraus!« schrie Ogama. Er war acht- undzwanzig, ein massiger, zorniger Mann in leichter Rüstung aus Bambus und Metall, mit Kampfhelm und gezogenem, blutigem Schwert. »Umgeht diese Hunde! Schlagt einen Bogen um sie! Ich will Sanjiros Kopf!« Sofort jagten die Adjutanten davon, um seine Befehle zu übermit- teln., In drei bis vier Meilen Entfernung flohen Lord Sanjiro und die Reste seines Regiments in Richtung auf die über zwanzig Meilen entfernte Küste, um sich dort Boote zu suchen, die sie nach Hause auf die Südinsel Kyushu und in die sicheren Mauern ihrer Haupt- stadt Kagoshima bringen sollten, vierhundert Seemeilen weiter süd- westlich. Alles in allem waren es ungefähr achthundert Soldaten, gut ausge- rüstete und fanatische Samurai, die danach lechzten, umzukehren und in den Kampf einzugreifen, denn ihre Niederlage und die Ver- treibung aus Kyōto vor einer Woche schmerzten sie sehr. Ogama hatte die feierlichen Abmachungen zwischen ihnen gebrochen, ei- nen unerwarteten nächtlichen Überfall inszeniert, ihre Kasernen umzingelt und die Gebäude in Brand gesteckt. Unter zahlreichen Verlusten hatten sich die Satsumas den Weg aus der Stadt bis in das Dorf Fushimi freigekämpft, wo der wütende Sanjiro die Truppen neu formierte, während sie beharrlich von den Choshu-Abteilungen verfolgt wurden. »Wir sitzen in der Falle.« »Ich bin für sofortigen Gegenangriff in Richtung Kyōto, Herr«, sagte einer seiner Hauptleute. »Viel zu gefährlich«, behauptete Katsumata nachdrücklich. »Zu viele Truppen gegen uns, sie werden uns überwältigen, Sire. Damit werden Sie die Daimyos vor den Kopf stoßen und den Hof noch mehr verschrecken. Ich schlage vor, daß Sie Ogama einen Waffen- stillstand anbieten – wenn er uns dafür einen geordneten Rückzug garantiert.« »Mit welcher Begründung?« »Im Rahmen dieses Waffenstillstands werden Sie akzeptieren, daß seine Streitkräfte über die Tore gebieten. Das wird weiteren Unfrie- den zwischen den Choshu und den Tosa stiften.« »Das kann ich unmöglich akzeptieren«, hatte Sanjiro erklärt, der vor Wut, daß Ogama ihn hereingelegt hatte, am ganzen Leib zitter- te. »Und selbst wenn ich es täte, wäre er niemals einverstanden –, warum auch? Wir sind in seiner Hand. Er kann uns bepissen, wie er will. Ich an seiner Stelle würde noch vor Mittag über uns herfallen.« »Ja, Herr, das wird er tun – es sei denn, wir kommen ihm zuvor. Und das wird uns durch diese List möglich sein. Er ist kein echter Kämpfer wie Sie, seine Truppen sind nicht von Eifer erfüllt wie die Ihren und nicht so gut ausgebildet. Er hatte nur deswegen Erfolg gegen uns, weil er uns bei Nacht überfallen hat. Vergessen Sie nicht, daß sein Bündnis mit den Tosa unsicher ist. Er muß seine Kontrol- le über die Tore festigen und hat nicht genügend Truppen, um während der kommenden Wochen mit allen Problemen fertig zu werden. Er muß Verstärkung organisieren und herbeiholen, ohne die Tosa zu provozieren. Und sehr bald werden die Bakufu mit ih- ren Truppen kommen, um die Tore, wie es ihr Recht ist, für sich zurückzuerobern.« Toranagas Erlaß bestimmte, daß alle Daimyos, die Kyōto besuch- ten, höchstens fünfhundert Wachen mitbringen durften, die alle unter strengen Auflagen in einer eigenen, auf seine Anordnung ohne Verteidigungsanlagen erbauten Kaserne untergebracht wurden. Aufgrund desselben Erlasses durften die Shōgunats-Streitkräfte zah- lenmäßig stärker sein als alle anderen zusammen. Im Laufe der Jahr- hunderte des Friedens hatten die Bakufu zugelassen, daß sich diese Gesetze lockerten. In den letzten Jahren hatten Tosa-, Choshu- und Satsuma-Daimyos – je nach persönlicher Macht – die Bürokratie so lange genötigt, ihre Truppenzahl zu erhöhen, bis sie gezwungen wurden, die zusätzlichen Krieger nach Hause zu schicken. »Ogama ist nicht dumm, er wird mich niemals entkommen las- sen«, sagte Sanjiro. »Wenn ich ihn in der Falle hätte – ich würde ihn aufspießen.« »Er ist nicht dumm, aber man kann ihn manipulieren.« Nun senkte Katsumata seine Stimme. »Zusätzlich zu den Toren könnten Sie sich einverstanden erklären, seinen Anspruch auf den Vorsitz im Ältestenrat zu unterstützen, falls oder wenn es zu einer Versamm-, lung der Daimyos kommt.« Sanjiro fuhr auf. »Niemals! Er muß wissen, daß ich dem niemals zustimmen würde. Warum sollte er so einen Unsinn glauben?« »Weil er Ogama ist. Weil er die Shimonoseki-Straße mit Dutzen- den von Kanonen aus seiner gar nicht so geheimen, von den Hol- ländern erbauten Waffenfabrik bestückt hat und daher glaubt, er könne die Gai-Jin-Schiffe ganz nach Belieben daran hindern, sie zu durchfahren. Er glaubt, daß er allein den Wunsch des Kaisers erfül- len kann, die Gai-Jin fortzujagen, daß er allein dem Kaiser wieder zur Macht verhelfen kann – warum sollte er dann nicht den ganz großen Preis davontragen, den Titel des taikō, des Diktators?« »Bis dahin wird das Land längst zerrissen sein.« »Der letzte Grund, warum er einem potentiellen Waffenstillstand zustimmen würde, ist der, daß er noch niemals zuvor im Besitz der Tore gewesen ist – er ist ein Emporkömmling, ein Usurpator. Er ist von gewöhnlicher Abstammung«, betonte Katsumata verächtlich, »und nicht von so alter und hoher wie Sie. Er wird den Waffenstill- stand akzeptieren, den Sie ihm anbieten, weil Sie ihm zusichern, daß er dauerhaft sein wird.« Sprachlos über das Ausmaß der Konzessionen, die Katsumata ihm vorschlug, hatte Sanjiro seinen Berater ebenso erstaunt wie zor- nig angestarrt. Ohne etwas zu begreifen, doch weil er Katsumata nur allzugut kannte, schickte er grollend die anderen hinaus. »Was steckt dahinter?« fragte er ungeduldig. »Ogama weiß doch, daß jeder Waffenstillstand nur so lange was wert ist, bis ich hinter meinen Bergen in Sicherheit bin, wo ich alle Satsumas zusammen- holen und dann auf Kyōto marschieren werde, um meine Rechte zurückzuerobern, mich für die Beleidigung zu rächen und mir sei- nen Kopf zu holen. Wieso all dieses unsinnige Gerede?« »Weil Sie in einer so großen Gefahr schweben wie nie zuvor, Sire. Sie sitzen in der Falle. Es gibt Spione unter uns. Ich brauche Zeit, um in Osaka Boote zu organisieren, und ich habe einen Schlacht-, plan.« Schließlich hatte Sanjiro gesagt: »Nun gut. Verhandeln Sie.« Bisher dauerten die Verhandlungen sechs Tage. Während dieser Zeit waren die Satsumas ruhig in Fushimi geblie- ben, hatten aber auf allen Straßen nach Kyōto Spione postiert. Als Zeichen des gegenseitigen Vertrauens hatte Sanjiro sich einverstan- den erklärt, in eine weniger gut zu verteidigende Stellung umzuzie- hen, und Ogama hatte alle Truppen bis auf ein kleines Kontingent auf ihrem Fluchtweg abgezogen. Dann wartete jede der beiden Par- teien darauf, daß die andere einen Fehler machte. Im Besitz der obersten Macht in Kyōto, und sei sie auch noch so unsicher, schien sich Ogama damit zufriedenzugeben, seine Kon- trolle über die Tore zu festigen und Daimyos zu hofieren, vor allem aber Höflinge, die mit ihm sympathisierten. Diese überredete Oga- ma, an den Kaiser heranzutreten und zu bitten, den ›Wunsch‹ nach dem sofortigen Rücktritt Anjos und des Ältestenrats auszusprechen, eine Versammlung der Daimyos einzuberufen, der die Macht über- tragen werden sollte, einen neuen Ältestenrat – mit ihm als taikō – zu bilden, der regieren sollte, bis Shōgun Nobusada großjährig wur- de, und auf einen Streich alle Toranaga-Anhänger unter den Bakufu zu ersetzen. Voller Genugtuung vernahm Ogama, die Nachricht, seine Kano- ne habe Gai-Jin-Schiffe beschossen, habe den Kaiser sehr erfreut; diese Tatsache, zusammen mit Sanjiros Waffenstillstandsangebot, hatte seinen Einfluß am Hof verstärkt. »Der Waffenstillstand wird akzeptiert«, hatte er Katsumata gestern großmütig verkündet. »In sieben Tagen werden wir die Vereinbarung hier in meinem Haupt- quartier ratifizieren. Dann können Sie sich nach Kagoshima zurück- ziehen.« Dann war heute morgen jedoch die verblüffende Nachricht von Shōgun Nobusadas bevorstehendem Besuch gekommen. Sofort hat- te Sanjiro Katsumata kommen lassen. »Was mag Anjo und Yoshi, veranlaßt haben, diesem Plan zuzustimmen?« fragte er beunruhigt. »Sind die beiden verrückt geworden? Was immer geschehen wird, sie sind die Verlierer.« »Ich stimme zu, Sire, aber das macht Ihre Lage nur um so gefähr- licher. Solange Ogama die Tore besetzt hält und damit Zutritt zum Kaiser hat, ist jeder Feind Ogamas ein Feind des Kaisers.« »Offensichtlich! Was soll ich machen? Was schlagen Sie vor?« »Schicken Sie Ogama sofort ein Schreiben, und bitten Sie ihn in drei Tagen zu einem Treffen, um die möglichen Folgen dieses Be- suchs zu besprechen – er muß genauso verwundert sein wie jeder andere Daimyo. Inzwischen werden wir heute abend, nach Ein- bruch der Dunkelheit, unseren Schlachtplan ausführen.« »Aber wir können nicht fliehen, ohne daß es Ogama erfährt; wir sind von Spionen umgeben, und seine Truppen liegen nicht weit von hier. Wenn er hört, daß wir das Lager abbrechen, wird er über uns herfallen.« »Ja, aber wir werden das Lager genauso zurücklassen, wie es ist, und nur unsere Waffen mitnehmen – ich kann ihn überlisten, ich kenne ihn.« Zornig hatte Sanjiro erwidert: »Wenn dem so ist, warum haben Sie dann den Überfall nicht vorausgesehen?« O doch, das habe ich, hätte Katsumata sagen können, aber es war mir mehr daran gelegen, daß Ogama vorübergehend die Tore be- setzt hält. Sind wir dieser Falle nicht ohne große Probleme entkom- men? Ogama wird niemals mit dem Hof, den feindseligen Daim- yos, den Tosa, Shōgun Nobusadas Besuch und der Prinzessin Yazu fertig werden – nicht etwa, daß Nobusada hier eintreffen wird, und so wird Ogama auch noch für seinen Tod verantwortlich gemacht werden. »Verzeihung, Sire«, hatte er scheinbar zerknirscht erwidert, »ich werde herausfinden, warum Ihre Spione versagt haben. Köpfe wer- den rollen.«, »Gut.« Kurz nach Einbruch der Dunkelheit hatte Katsumata speziell aus- gebildete Männer losgeschickt, welche die arglosen Choshu-Trup- pen, die sie beobachten sollten, lautlos dezimierten. Dann war San- jiro, Katsumatas Schlachtplan folgend, mit dem Regiment – bis auf Katsumata und seine hundert Kavalleristen – nach Süden aufgebro- chen, um alle drei ri einhundert Mann zu stationieren, die sich Kat- sumata anschließen sollten, wenn er den Rückzug antrat. Zuver- sichtlich legte sich Katsumata an der Straße nach Kyōto in einen Hinterhalt. Er war sicher, daß er die Choshu, wenn er bis zum Morgengrauen überlebte, in Rückzugsgefechte verwickeln konnte, bis sie den Kampf abbrachen und nach Kyōto zurückkehrten, um ihre Position dort zu verstärken; sie würden nur eine symbolische Truppe auf seine Verfolgung schicken. Die Gerüchte wollten wis- sen, daß die Ogama-Verbündeten, bestärkt durch Lügen, die von Katsumatas heimlichen Verbündeten verbreitet wurden, bereits von ihm abzufallen begannen. Zu seiner Überraschung hatte er feststellen müssen, daß Ogama die Verfolgung persönlich anführte und ihm sehr dicht auf den Fer- sen war. Karma. »Attacke!« rief Katsumata und riß sein Pferd aus einer vorgetäusch- ten Flucht herum. Sofort versammelte sich seine angeblich zerstreu- te Kavallerie zu einer stoßkräftigen Phalanx und brach durch die gegnerischen Reihen, die in ungeordneter Flucht zurückgeschlagen wurden, während in der kalten, feuchten Luft schwer der Geruch von Schweiß, Angst und Blut hängenblieb. Links und rechts star- ben die Männer, seine und ihre, aber er schlug sich kämpfend durch, und nun war der Weg zu Ogama fast frei. Aber wieder wur- de er getäuscht, so daß er den Kampf abbrach und floh – dieses Mal wirklich den Rückzug antrat –, während ihm die, die noch leb-, ten, folgten. Von den hundert waren ihm nur noch zwanzig geblie- ben. »Holt unsere Reserven! Fünfhundert Koku für Katsumatas Kopf«, rief Ogama, »eintausend für Herrn Sanjiro!« »Sire!« Einer seiner erfahrensten Hauptleute deutete nach oben. In der allgemeinen Erregung hatte niemand bemerkt, daß Sturm- wolken fast den ganzen Himmel bedeckten. »Verzeihung, aber der Rückweg nach Kyōto ist schwierig, und wir wissen nicht, ob diese Hunde uns einen weiteren Hinterhalt gelegt haben.« Ogama überlegte einen Moment. »Laßt die Reserven, wo sie sind! Nehmt fünfzig Reiter und jagt sie zu Tode. Wenn Sie mir einen der beiden Köpfe bringen, mache ich Sie zum General. Kampf abbre- chen!« Sofort eilten seine Hauptleute, lauthals Befehle rufend, davon. Finster spähte Ogama in die zunehmende Dunkelheit hinein, in der Katsumata und seine Männer verschwunden waren. »Bei meinen Ahnen«, murmelte er, »sobald ich taikō bin, wird Satsuma ein Cho- shu-Protektorat, die Verträge werden annulliert, und kein Gai-Jin- Schiff wird jemals meine Meerenge passieren!« Dann wendete er sein Pferd und ritt mit seiner Leibwache zusammen nach Kyōto zu- rück. Seinem Schicksal entgegen. Am selben Abend war die Gesellschaft mit Klavierkonzert, die Sera- tard Angélique zu Ehren in der französischen Gesandtschaft gab, ein voller Erfolg. Der Chefkoch hatte sich selbst übertroffen: fri- sches Brot, Platten mit gedünsteten Austern, kaltem Hummer, Krabben und Garnelen, gebratenem, mit Ingwer und Knoblauch ge- würztem Fisch sowie Apfeltorte mit getrockneten Äpfeln aus Frank- reich, die nur für besondere Gelegenheiten benutzt wurden. Cham- pagner, Ladoucette und ein Margaux aus seinem Heimatort, auf den er ganz besonders stolz war., Nach dem Dîner und den Zigarren war mit herzlichem Applaus André Poncin begrüßt worden, vollendeter, wenn auch zögernder Pianist, der nach jedem Stück mehr Beifall einheimste. Und nun, fast schon um Mitternacht und nach drei Zugaben, erhielt er ste- henden Applaus, während die letzten, schönen Akkorde Beethovens verklangen. »Wundervoll…« »Hinreißend…« »Ach, André«, sagte Angélique atemlos auf französisch. Sie saß auf ihrem Ehrenplatz neben dem Piano, und seine Musik hatte sie von den Gedanken an ihr drohendes Elend befreit. »Es war herr- lich, ich danke Ihnen von Herzen!« Mit kokett flatterndem Fächer brillierte sie, eng geschnürt, tief ausgeschnitten und mit bloßen Schultern, in einem neuen Kleid, dessen grüne Seide in üppigen Kaskaden über Reifröcke bis auf den teppichbelegten Boden fiel. »Merci, M'selle«, antwortete Poncin. Er stand auf und hob mit kaum verschleiertem Blick das Glas. »A vous!« »Merci, M'sieur«, sagte sie; dann wandte sie sich zu Seratard um, der von Norbert Greyforth, Jamie McFay, Dimitri und anderen Kaufleuten umgeben war, alle in Abendkleidung mit rüschenbesetz- ten Seidenhemden, leuchtend-farbigen Westen und Krawatten – ei- nige davon neu, die meisten aber alt und hastig gebügelt, weil Da- mengesellschaft angesagt war. Ein paar französische Armee- und Marine-Offiziere in goldbetreßten Uniformen und mit Zierdegen belebten die ungewohnte Pracht, und selbst die britischen Militärs wirkten an diesem Abend wie Paradiesvögel. Auch zwei der anderen drei Damen der Niederlassung befanden sich in dem überfüllten, von Öllampen und Kerzen beleuchteten Raum: Mabel Swann und Victoria Lunkchurch. Beide korpulent, Anfang Zwanzig und kinderlos, Händlerfrauen, grün vor Neid, die Ehemänner schwitzend neben sich an kurzer Leine. »Es wird Zeit, Mr. Swann«, erklärte Mabel Swann mit säuerlichem Naserümpfen,, »jawohl. Beten und dann ins Bett, mit einer schönen, englischen Tasse Tee.« »Wenn ihr müde seid, meine Liebe, du und Vic…« »Augenblicklich!« »Du auch, Barnaby«, sagte Victoria Lunkchurch mit schwerem Yorkshire-Akzent. »Und schlag dir die schmutzigen Gedanken aus dem Kopf, mein Junge, sonst kriegst du's mit mir zu tun!« »Wer – ich? Was für Gedanken?« »Solche Gedanken: du und diese ausländische Bagage da drüben, Gott möge dir verzeihen«, antwortete sie noch giftiger. »Hinaus!« Niemand vermißte sie oder bemerkte, daß sie gegangen waren. Alle konzentrierten sich auf den Ehrengast, trachteten in ihre Nähe zu kommen oder, wenn sie schon zum inneren Kreis gehörten, sich möglichst nicht verdrängen zu lassen. »Ein außerordentlicher Abend, Henri«, lobte Angélique. »Aber nur durch Sie, M'selle. Sie verschönern ihn für uns.« Wäh- rend Seratard galante Plattheiten von sich gab, dachte er: Wie scha- de, daß du nicht schon verheiratet bist, also reif für eine Liaison mit einem kultivierten Mann. Die Ärmste, sich mit einem unreifen, primitiven Schotten abgeben zu müssen, mag er auch noch so reich sein. Ich wäre gern dein erster richtiger Liebhaber – es wäre mir eine Freude, dich in die Lehre zu nehmen. »Sie lächeln, Henri?« erkundigte sie sich und erkannte plötzlich, daß sie sich vor diesem Mann hüten mußte. »Ich dachte gerade daran, wie wundervoll Ihre Zukunft aussehen wird, und das hat mich glücklich gemacht.« »Wie reizend von Ihnen!« »Ich glaube, da…« »Miss Angélique, wenn ich so frei sein darf – wir veranstalten am Samstag ein Pferderennen«, mischte sich Norbert Greyforth ins Ge- spräch. Er war wütend darüber, daß Seratard sie für sich mit Be- schlag belegte, und ärgerte sich, daß der Mann so unhöflich war,, Französisch zu sprechen, das er nicht verstand. Er verabscheute ihn und alles Französische, außer Angélique. »Wir… Wir wollen ein neues Rennen einführen, äh, Ihnen zu Ehren. Wir haben beschlos- sen, es den Angel Cup zu nennen, eh, Jamie?« »Ja«, bestätigte Jamie McFay. Beide Männer waren im Vorstand des Jockey Clubs. »Wir… Na ja, wir haben beschlossen, daß es das letzte Rennen des Tages werden soll, und Struan's stiftet das Preis- geld, zwanzig Guineas. Haben Sie Lust, den Preis zu überreichen, Miss Angélique?« »Ja gern, mit Vergnügen. Wenn Mr. Struan einverstanden ist.« »Aber ja, selbstverständlich.« McFay hatte Struan bereits um Zu- stimmung gebeten, aber er selbst wie alle anderen, die in Hörweite standen, erwog sofort die Bedeutung dieser Bemerkung, obgleich alle Wetten gegen eine Verlobung relativ ungünstige Chancen hat- ten. Selbst unter vier Augen hatte ihm Struan keinen Hinweis gege- ben, obwohl McFay es für seine Pflicht gehalten hatte, ihm von den Gerüchten Mitteilung zu machen. »Das geht die Leute nichts an, Jamie. Überhaupt nichts.« Er hatte zugestimmt, doch seine Besorgnis war gewachsen. Der Kapitän eines einlaufenden Handelsschiffs, ein alter Freund, hatte ihm einen Brief von Malcolms Mutter ausgehändigt, in dem sie um einen vertraulichen Bericht bat: Ich möchte alles wissen, was geschehen ist, seit diese Richaud in Yokohama eingetroffen ist, Jamie. Alles, Gerüchte, Fakten, Klatsch, und ich brauche wohl nicht zu betonen, daß dies ein stren- ges Geheimnis zwischen uns bleiben muß. Hölle und Teufel, dachte Jamie, ich bin durch einen heiligen Eid verpflichtet, dem Tai-Pan zu dienen, wer immer er ist, und nun will seine Mutter… Aber auch eine Mutter hat ihre Rechte, nicht wahr? Nicht unbedingt, aber Mrs. Struan schon, weil sie Mrs. Struan ist, und du bist es gewohnt zu tun, was sie will. Befolgst du nicht schon seit Jahren all ihre Bitten, Wünsche und Vorschläge? Um Gottes willen, Jamie, mach dir nichts vor! Ist es denn nicht, im Grunde sie, die schon seit Jahren die Firma regiert? »Das stimmt«, murmelte er bestürzt, erschrocken bei dem Gedan- ken, den er immer wieder verdrängt hatte. Dann versuchte er seinen Fehler hastig zu kaschieren, aber alle konzentrierten sich immer noch auf Angélique. Bis auf Norbert Greyforth. »Stimmt was nicht, Jamie?« fragte er im allgemeinen Stimmenge- wirr mit verkniffenem Lächeln. »Nein, nein, Norbert. Großartiger Abend, eh?« Zu seiner größten Erleichterung wurden sie beide von Angélique abgelenkt. »Gute Nacht, gute Nacht, Henri, Gentlemen«, sagte sie trotz des allgemeinen Protestes. »Es tut mir leid, aber ich muß vor dem Schlafengehen noch nach meinem Patienten sehen.« Sie streckte die Hand aus, die Seratard mit geübter Eleganz, Norbert, Jamie und die anderen eher ungeschickt küßten, während André Poncin, bevor ein anderer die Gelegenheit ergreifen konnte, zuvorkommend frag- te: »Gestatten Sie, daß ich Sie nach Hause begleite?« »Selbstverständlich. Warum nicht? Ich war von Ihrer Musik hin- gerissen.« Der Abend war kühl, aber recht angenehm. Sie hatte sich ihre Wollstola dekorativ um die Schultern gelegt, und der gerüschte Saum ihres weiten Reifrocks schleifte nachlässig im Schmutz des hölzernen Gehsteigs, der während des Sommerregens, der alle Stra- ßen in Schlammseen verwandelte, wahrhaft unentbehrlich war. Nur ein kleiner Teil ihrer Gedanken galt dem Rock. »Ihre Musik ist wundervoll, André! Ich wünschte, ich könnte so spielen wie Sie«, sagte sie und meinte es ehrlich. »Es ist nur Übung, nichts als Übung.« Freundschaftlich auf französisch plaudernd, schlenderten sie auf das hell erleuchtete Struan-Gebäude zu. André war sich deutlich der neidischen Blicke der Männer bewußt, die über die Straße in den geräuschvollen, überfüllten, aber einladenden Club strömten, und genoß ihre Gesellschaft und ihr fröhliches Geplauder, das kaum je-, mals eine Antwort erforderte. Am Abend zuvor, bei Seratards ›französischem Dîner‹ in einem separaten Raum des Hotels Yokohama, hatte er neben ihr gesessen und ihre Jugend und scheinbare Frivolität erfrischend gefunden, ihr Wissen über Paris, die Restaurants, die Theater, ihr Geplauder über ihre jungen Freunde, über Spaziergänge oder Ausritte im Bois, über all die aufregenden Ereignisse des Second Empire, die ihn mit Sehnsucht erfüllten, ihn an seine Universitätszeit erinnerten und da- ran, wie sehr auch er sich nach Hause sehnte. Seltsam, wie sehr dieses junge Mädchen meiner eigenen Tochter gleicht! Marie ist genauso alt wie sie, hat im selben Monat Geburts- tag, hat die gleichen Augen, dieselben Farben… Er korrigierte sich: Vielleicht gleicht sie Marie. Wie lange ist es her, seit ich mit Françoise gebrochen und die beiden in ihrer Familien- pension bei der Sorbonne zurückgelassen habe, in der ich wohnte? Siebzehn Jahre. Wie lange ist es her, seit ich sie zuletzt gesehen ha- be? Zehn. Merde, ich hätte nie heiraten sollen. Obwohl Françoise schwanger war. Ich war der Tor, nicht sie; sie hat wenigstens wieder geheiratet und leitet nunmehr die Pension. Aber Marie? Das Rauschen der Wellen lenkte seinen Blick aufs Meer. Oben kreischte eine einzelne Möwe. Nicht weit von der Küste entfernt sah man die Lichter des vor Anker liegenden französischen Flagg- schiffs, und das brach endlich den Bann. Er riß sich zusammen und konzentrierte seine Gedanken. Eine Ironie, daß dieses zierliche Mädchen zu einer wichtigen Figur im Spiel Frankreich gegen England wird. Eine Ironie, aber so ist das Leben. Warte ich bis morgen oder übermorgen, oder teile ich die Karten aus, wie Henri und ich es besprochen haben? »Ach«, sagte sie mit flatterndem Fächer, »ich bin heute so glück- lich, André. Ihre Musik hat mir so viel gegeben, sie hat mich in die Opéra entführt und mich emporgetragen, bis ich den Duft von Pa- ris gespürt habe…«, Wider Willen war er bezaubert. Bewirkt sie das, oder kommt es daher, weil sie mich an Marie erinnert? Ich weiß es nicht, aber es macht nichts, Angélique, heute abend werde ich dich in deiner glücklichen Seifenblase in Ruhe lassen. Morgen ist noch früh ge- nug. Dann stieg ihm ein Hauch von ihrem Parfüm, Vie de Camille, in die Nase und erinnerte ihn an das Fläschchen, das er unter so gro- ßen Schwierigkeiten für seine musume Hana – die Blume – aus Paris hatte kommen lassen, und plötzlicher Zorn fegte seinen Impuls, freundlich zu sein, hinweg. Es war kein Mensch in Hörweite, trotzdem dämpfte er seine Stimme. »Es tut mir leid, aber ich muß es Ihnen mitteilen. Ich habe ein paar vertrauliche Nachrichten erhalten. Es fällt mir schwer, es sagen zu müssen, aber Ihr Vater war vor einigen Wochen in Ma- cao, hat hoch gespielt und hat verloren.« Er sah, wie sie erbleichte. Er hatte Mitleid mit ihr, fuhr aber genauso fort, wie er und Seratard es geplant hatten. »Es tut mir leid.« »Hoch, André? Was soll das heißen?« Ihre Worte waren kaum ver- nehmbar, und er sah, wie sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an- starrte. »Er hat alles verloren, sein Geschäft, Ihr Kapital.« Sie stöhnte auf. »Alles? Mein Kapital? Aber das ist unmöglich, das kann er nicht!« »Tut mir leid, er kann, und er hat. Er hat nicht außergesetzlich gehandelt; Sie sind eine unverheiratete Frau, und abgesehen davon, daß Sie minderjährig sind, ist er Ihr Vater, der über Sie und alles bestimmen kann, was Sie besitzen. Das ist Ihnen natürlich bekannt. Es tut mir leid. Haben Sie noch anderes Geld?« erkundigte er sich, obwohl er wußte, daß das nicht der Fall war. »Es tut Ihnen leid?« Sie erschauerte und versuchte, klar zu den- ken. Die Erkenntnis, daß die zweite ihrer großen Ängste Wirklich- keit geworden war, zerriß ihren sorgfältig gesponnenen Kokon., »Woher… Woher wissen Sie das?« stammelte sie, um Luft ringend. »Mein… Mein Kapital gehört doch mir… das hat er versprochen.« »Er hat es sich anders überlegt. Und Hongkong ist ein Dorf – es gibt keine Geheimnisse in Hongkong, Angélique, keine Geheimnis- se, hier wie dort. Heute ist eine Nachricht aus Hongkong eingetrof- fen, per Kurier von einem Geschäftspartner. Er hat uns die Details geschildert – er war damals in Macao und hat das Ganze miter- lebt.« Er sprach betont freundlich und besorgt wie ein guter Freund, sagte aber nur die halbe Wahrheit. »Er und ich, wir… wir sind im Besitz einiger Papiere Ihres Vaters, Darlehen vom letzten Jahr und immer noch nicht zurückgezahlt.« Eine neue Angst begann sie zu schütteln. »Mein Vater… bezahlt er seine Rechnungen nicht?« »Nein, leider nicht.« Voll Angst dachte sie an den Brief ihrer Tante und wußte sofort, daß das Darlehen ihres Onkels ebenfalls nicht zurückgezahlt wor- den war und daß er deshalb im Gefängnis saß… Sie versuchte, nicht ohnmächtig zu werden, wünschte sich, daß alles ein Traum sei. O Gott, o Gott, was soll ich nur tun? »Wenn ich Ihnen helfen kann – bitte, sagen Sie es.« Unvermittelt wurde ihre Stimme schrill. »Mir helfen? Sie haben meinen Frieden zerstört – wenn es stimmt, was Sie sagen. Mir hel- fen? Warum haben Sie mir das jetzt gesagt, warum, warum, wo ich doch gerade so glücklich war?« »Weil es besser war, daß Sie es sofort erfahren. Besser, Sie erfahren es von mir als von einem Feind.« Sie verzog das Gesicht. »Feind – was für ein Feind? Wieso sollte ich Feinde haben? Ich habe niemandem etwas getan, niemandem, nieman…« Die Tränen begannen zu fließen. Wider Willen nahm er sie einen Moment mitfühlend in den Arm; dann legte er ihr die Hände auf die Schultern und schüttelte sie. »Hören Sie auf!« befahl er in scharfem Ton. »Großer Gott, hören, Sie auf! Begreifen Sie denn nicht, daß ich Ihnen helfen will?« Von der anderen Straßenseite her näherten sich mehrere Männer, doch er sah, daß sie schwankten und ganz mit sich selbst beschäftigt wa- ren. Niemand sonst war in der Nähe, nur weiter unten auf der Stra- ße einige Herren, die zum Club wollten. Wieder schüttelte er sie. »Sie tun mir weh!« jammerte sie, aber die Tränen versiegten, und sie gewann die Beherrschung zurück. Nur zum Teil, dachte er kalt, der die gleiche Behandlung wohl schon hundertmal zuvor anderen Unschuldigen hatte zukommen lassen, die er zum Wohle Frankreichs brauchte – Männern, die so viel einfacher zu behandeln waren als Frauen. Männer trat man ein- fach in die Eier oder drohte, sie ihnen abzuschneiden oder mit Na- deln hineinzustechen… Aber Frauen? Widerlich, Frauen so behan- deln zu müssen. »Sie sind von Feinden umgeben, Angélique. Es gibt viele, die nicht wollen, daß Sie Struan heiraten; seine Mutter wird Sie auf jede nur mögliche Art und Weise bekämpfen, die…« »Ich habe niemals behauptet, daß wir heiraten werden, das ist… ein Gerücht, nur ein Gerücht, mehr nicht.« »Merde! Natürlich stimmt es! Er hat Sie doch gefragt, nicht wahr?« Wieder schüttelte er sie mit harten Händen. »Oder?« »Sie tun mir weh, André! Ja, ja, er hat mich gefragt.« Bewußt ein wenig sanfter reichte er ihr ein Taschentuch. »Hier, trocknen Sie sich die Augen. Wir haben nicht viel Zeit.« Kleinlaut gehorchte sie, begann zu weinen, hielt inne. »Warum sind Sie so böse?« »Ich bin der einzige wahre Freund, den Sie hier haben; ich bin wirklich auf Ihrer Seite und will Ihnen helfen, Sie können mir ver- trauen – ich bin Ihr einziger Freund, das schwöre ich, der einzige, der Ihnen helfen kann.« Normalerweise hätte er inbrünstig gesagt, ich schwöre bei Gott, aber er glaubte sie an der Angel zu haben und hielt das für später zurück. »Es ist besser, wenn Sie heimlich von mir die Wahrheit erfahren. So haben Sie Zeit, sich vorzuberei-, ten. Die Nachricht wird erst in frühestens einer Woche eintreffen, also haben Sie Zeit genug, Ihre Verlobung feierlich und offiziell gültig zu machen.« »Was?« »Struan ist ein Gentleman, nicht wahr?« Mühsam verbarg er ein höhnisches Grinsen. »Ein englischer, Verzeihung, ein schottischer, ein britischer Gentleman. Sind diese Herren nicht stolz auf ihr Wort? Eh? Sobald das Eheversprechen bekanntgemacht worden ist, kann er es nicht mehr zurücknehmen, ob Sie nun arm sind oder nicht, was immer Ihr Vater auch getan haben mag, und was immer seine Mutter sagt.« Ich weiß, ich weiß, hätte sie fast geschrien. Aber ich bin eine Frau und muß warten, ich habe gewartet, und nun ist es zu spät, nicht wahr? O Madonna, hilf mir! »Ich glaube… Ich glaube nicht, daß Malcolm mir die Schuld für meinen Vater geben oder… oder auf seine Mutter hören wird.« »Ich fürchte, das wird er müssen, Angélique. Haben Sie vergessen, daß Malcolm Struan ebenfalls minderjährig ist? Da kann er Tai-Pan sein oder nicht. Sein einundzwanzigster Geburtstag ist erst im Mai nächsten Jahres. Bis dahin kann sie ihm alle möglichen gesetzlichen Zügel anlegen und nach dem englischen Recht sogar eine Verlo- bung annullieren.« Dessen war er zwar nicht ganz sicher, aber es klang vernünftig und galt jedenfalls nach dem französischen Recht. »Auch Ihnen könnte sie Steine in den Weg werfen, Sie möglicher- weise sogar vor Gericht bringen«, ergänzte er bedrückt. »Die Stru- ans sind mächtig, sehr mächtig, und Asien ist ihre Domäne. Sie könnte Sie vor Gericht bringen – und Sie wissen ja wohl, was man über Richter sagt, über alle Richter, eh? Sie könnte Sie vor den Kadi zerren, Sie beschuldigen, eine Kokotte zu sein, eine Betrügerin, nur hinter seinem Geld her. Ein böses Bild könnte sie dem Richter zeichnen, Sie auf der Anklagebank und wehrlos, Ihr Vater ein Spie- ler, ein bankrotter Versager, Ihr Onkel im Schuldgefängnis, Sie, selbst mittellos, eine Abenteurerin.« Ihr Gesicht fiel zusammen. »Woher wissen Sie das über Onkel Michel? Wer sind Sie?« »Das sind keine Tricks, Angélique«, versicherte er lässig. »Wie viele französische Bürger gibt es in Asien? Nicht viele, und die Menschen klatschen nun mal gern. Ich selbst, ich bin André Pon- cin, Chinahändler, Japanhändler. Sie haben nichts von mir zu be- fürchten. Ich will nichts als Ihnen helfen.« »Aber wie? Mir kann niemand helfen.« »Das ist nicht wahr«, widersprach er leise, während er sie aufmerk- sam beobachtete. »Sie lieben ihn, nicht wahr? Sie könnten die beste Ehefrau sein, die ein Mann haben kann, nicht wahr?« »Ja. Ja, natürlich.« »Dann drängen Sie ihn, verführen Sie ihn, überreden Sie ihn, so gut Sie nur können, damit er Ihre Verlobung bekanntmacht. Dabei kann ich Sie vielleicht beraten.« Nun endlich sah er, daß sie ihm wirklich zuhörte, ihn wirklich verstand. Behutsam versetzte er ihr den Todesstoß. »Eine kluge Frau, und Sie sind ebenso klug wie schön, würde jetzt schnell heiraten. Sehr schnell.« Struan las. Die Öllampe auf seinem Nachttisch gab genügend Licht, die Tür zu ihrem Zimmer war angelehnt. Sein Bett war be- quem, und er war ganz in die Geschichte vertieft. Das seidene Nachthemd unterstrich die Farbe seiner Augen, sein Gesicht war immer noch bleich und schmal und ohne seine frühere Kraft. Auf dem Nachttisch warteten ein Schlafmittel, seine Pfeife, Tabak, Streichhölzer und mit ein wenig Whisky versetztes Wasser: »Wird Ihnen gut tun, Malcolm«, hatte Doktor Babcott gesagt. »Whisky ist der beste Schlaftrunk, den man sich denken kann – stark verdünnt. Besser als alle Tinkturen.« »Ohne die würde ich die ganze Nacht wach liegen und mich, elend fühlen.« »Es sind jetzt siebzehn Tage seit dem Überfall, Malcolm, es wird Zeit, endlich damit aufzuhören. Wirklich aufzuhören. Es ist nicht gut, von Schlafmitteln abhängig zu sein. Am besten hören wir so- fort damit auf.« »Das habe ich schon mehrmals versucht, aber es ging nicht. In ein, zwei Tagen werde ich aufhören…« Die Vorhänge waren zugezogen, das Zimmer war gemütlich, das Ticken der Schweizer Uhr friedvoll. Es war fast ein Uhr, und das Buch Die Morde in der Rue Morgue hatte Dimitri ihm am Vormittag geliehen und dabei gesagt: »Es wird Ihnen gefallen, Male, Kriminal- roman nennt man so was – Edgar Allan Poe ist einer unserer besten Schriftsteller, Verzeihung, war, er ist '49 gestorben, im Jahr nach dem Gold Rush. Und wenn Ihnen dies gefällt – ich habe eine ganze Reihe seiner Bücher und Gedichte.« »Vielen Dank, das ist sehr liebenswürdig. Nett von Ihnen, so oft hereinzusehen. Aber warum heute so finster, Dimitri?« »Die Nachrichten von zu Hause sind schlecht. Meine Familie – es ist wirklich schlimm, Male, alles durcheinander, Vetter, Brüder, Onkel auf beiden Seiten. Verdammt, davon wollen Sie sicher nichts wissen. Hören Sie, ich habe noch viele andere Bücher, eine richtige Bibliothek.« »Erzählen Sie mir bitte von Ihrer Familie«, sagte er, weil die Schmerzen des Tages einsetzten. »Ich würde es wirklich gerne hö- ren.« »Wenn Sie möchten. Also, mein Granddaddy und seine Familie kamen aus Rußland, von der Krim – habe ich Ihnen erzählt, daß meine Vorfahren Kosaken waren? Sie ließen sich in einem kleinen Ort namens Far Hills in New Jersey nieder, bewirtschafteten nach dem Krieg von 1812, in dem mein Granddad fiel, eine Farm, übri- gens eine hervorragende Gegend für die Pferdezucht, und wir ka- men zu Wohlstand. Der größte Teil der Familie blieb in New Jer-, sey, nur zwei Söhne zogen nach Süden, nach Richmond in Virginia. Als ich in der Army war, vor etwas über fünfzehn Jahren, war das einfach noch die Union Army, ohne Nord oder Süd. Ich ging zur Kavallerie und blieb fünf Jahre lang, verbrachte den größten Teil meiner Zeit im Süden und Westen, in den Indianerkriegen, wenn man sie so nennen kann. Eine Zeitlang war ich auch in Texas, ein Jahr, als es noch Republik war; da hab ich denen geholfen, ihre In- dianer wegzupusten, und dann, zwei Jahre, nachdem sich Texas '45 der Union anschloß, waren wir außerhalb von Austin stationiert. Dort habe ich meine Frau Emilie kennengelernt – sie kommt auch aus Richmond –, ihr Pa war Colonel beim Nachschub. Das ist eine richtig schöne Gegend, um Austin herum, aber noch mehr um Richmond. Emilie… Kann ich Ihnen irgendwas holen?« »Nein, danke, Dimitri, die Schmerzen werden vorübergehen. Fah- ren Sie bitte fort… Wenn Sie erzählen, ist mir das eine große Hilfe.« »Aber sicher. Also, meine Emilie, Emilie Clemm hieß sie, war ei- ne entfernte Cousine von Poes Frau Virginia Clemm; das hab ich aber erst später erfahren, und darum hab ich auch seine Bücher.« Dimitri lachte. »Poe war ein großer Schriftsteller, aber ein noch grö- ßerer Säufer und Weiberheld. Mir scheint, daß alle Schriftsteller Faulpelze, Säufer und Weiberhelden sind – denken Sie an Mel- ville –, vielleicht macht sie das zu Schriftstellern. Ich jedenfalls kann keinen Brief schreiben, ohne dabei ins Schwitzen zu kommen. Und Sie?« »Na ja, ich kann schon Briefe schreiben – muß ja sein. Und auch ein Journal führen, wie die meisten Leute. Was wollten Sie über die- sen Poe sagen?« »Daß er Virginia Clemm heiratete, als sie dreizehn war, wollte ich sagen – dazu war sie noch seine Cousine – man stelle sich das vor! –, und daß sie glücklich waren und daß ihr das mit den ande- ren Frauen offenbar nichts ausmachte. Meine Emilie war nicht drei- zehn, sondern achtzehn, und eine echte Südstaatenschönheit. Wir, heirateten, als ich die Army verließ und in Richmond zu Cooper- Tillman ging – die wollten damals auf Waffen und Munition für den Export nach Asien expandieren, wovon ich eine Menge ver- stand. Der alte Jeff Cooper meinte, daß Schußwaffen und andere Waren aus Norfolk in Virginia sich gut mit Opium an der oberen Chinaküste, Silber und Tee nach Norfolk vertragen würden – aber Sie kennen ja Jeff. Cooper-Tillman und Struan's sind alte Freunde, eh?« »Ja, und ich hoffe, daß es so bleibt. Fahren Sie fort.« »Ist nicht viel mehr. Im Laufe der Jahre zogen auch andere aus der Familie nach Süden und verteilten sich über das Land. Meine Ma kam aus Alabama, ich habe zwei Brüder und eine Schwester, alle jünger als ich. Jetzt ist Billy im Norden, bei der New Jersey 1st Cavalry, und der Janny meines kleinen Bruders – nach seinem Granddaddy Janov Syborodin genannt – ist auch bei der Kavallerie, aber bei den 3rd Virginian Advance Scouts. Ist alles Mist – die bei- den verstehen nicht das geringste von Krieg und Kämpfen und wer- den mit Sicherheit draufgehen.« »Sie… Sie wollen zurück?« »Weiß nicht, Male. Manchmal denke ich ja, dann aber wieder nein, ich will nicht anfangen, Verwandte umzubringen, egal auf wel- cher Seite ich kämpfe.« »Warum sind Sie dort weggegangen und in diesem gottverlasse- nen Teil der Welt gelandet?« »Weil Emilie starb. An Scharlach. Es gab eine Epidemie, und sie gehörte zu denen, die Pech hatten. Das war vor neun Jahren – wir hätten gerade ein Kind kriegen sollen.« »Ein schreckliches Unglück!« »Ja. Sie und ich, wir haben beide genug Unglück erlebt…« Struan war so in seinen Roman vertieft, daß er weder hörte, wie die äußere Tür zu ihrer Suite leise geöffnet und wieder geschlossen wurde, noch wie sie auf Zehenspitzen zu seiner Tür schlich, um ei-, nen Moment hereinzuspähen und dann wieder zu verschwinden. Gleich darauf wurde die innere Tür zu ihrem Schlafzimmer mit lei- sem Klicken ins Schloß gedrückt. Er blickte auf. Lauschte aufmerksam. Sie hatte gesagt, daß sie her- einschauen wollte, ihn aber nicht stören werde, wenn er schlief. Und wenn sie selbst müde war, wollte sie direkt zu Bett gehen und ihn am nächsten Morgen besuchen. »Keine Angst, Liebling«, hatte er fröhlich erwidert. »Amüsier dich gut. Wir sehen uns beim Früh- stück. Schlaf gut. Du weißt, ich liebe dich.« »Ich liebe dich auch, chéri. Schlaf gut.« Das Buch ruhte auf seinem Schoß, während er zu spüren versuch- te, ob sie zurückgekehrt war. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn er gekonnt hätte, wäre er aus dem Bett gestiegen und hätte sich vergewissert. Wie gut, daß ich es nicht kann, dachte er. Ich würde bleiben wollen. Dieser Gedanke ließ ihn nicht los. Mit Mühe richtete er sich auf und schwang die Beine über die Bettkante. Bis dahin war es gerade noch erträglich. Aber beim Aufstehen nicht mehr. Das Aufstehen ging über seine Kräfte. Sein Herz hämmerte, ihm wurde übel, und er legte sich zurück. Immerhin, ein bißchen besser als gestern. Ich muß mich antreiben, egal, was Babcott sagt, dachte er grimmig und rieb sich den Magen. Morgen werde ich's wieder versuchen, drei- mal. Als er sich ein bißchen erholt hatte, begann er wieder zu lesen. Er war froh über das Buch, doch jetzt vermochte ihn die Geschichte nicht mehr so stark zu fesseln; seine Aufmerksamkeit schwankte, und in Gedanken begann er die Geschichte mit Bildern von ihr zu untermischen, und seine Vorstellungen wurden immer erotischer. Schließlich legte er das Buch beiseite und markierte die Stelle mit einer Seite aus ihrem Tagebuch, die sie ihm gegeben hatte. Möchte wissen, was sie darin schreibt, dachte er. Von mir und ihr? Von ihr und mir?, Er war jetzt sehr müde. Er streckte die Hand nach der Lampe aus, um den Docht herunterzuschrauben, hielt aber inne. Das kleine Weinglas mit dem Schlaftrunk winkte. Seine Finger zitterten ein we- nig. Babcott hat recht, ich brauche das Zeug nicht mehr. Schließlich löschte er das Licht, legte sich zurück und schloß die Augen, betete für sie und seine Familie, und daß seine Mutter ih- nen den Segen geben würde, und dann für sich selbst. O Gott, hilf mir, gesund zu werden – ich habe Angst, große Angst. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Das Umdrehen und Wäl- zen, um sich bequemer zu betten, schmerzte stark und erinnerte ihn immer wieder an die Tokaidō und Canterbury. Halb schlafend, halb wachend schwirrte sein Kopf von Bildern aus dem Buch, der makabren Szenerie und der Frage, wie es wohl enden würde. Die Zeit verging, Minuten oder Stunden; dann trank er das Elixier und entspannte sich zufrieden in dem Bewußtsein, daß er jetzt bald auf Wolken dahintreiben werde, seine Hand auf ihr, auf ihren Brüsten und überall, ihre Hand auf ihm, nicht weniger geübt, nicht weniger willkommen. Freitag, 5. Oktober

Gleich nach Morgengrauen stieg Angélique aus dem Bett undsetzte sich an ihren Toilettentisch vor den Erkerfenstern, die

auf die High Street und den Hafen hinausgingen. Sie war sehr müde. In der verschlossenen Schublade lag ihr in rostrotes Leder, gebundenes Tagebuch, ebenfalls verschlossen. Sie holte den winzi- gen Schlüssel aus seinem Versteck, schloß es auf, tauchte ihre Feder in die Tinte und begann Eintragungen zu machen. In dieser Zeit schien das Tagebuch ihre einzige Freundin zu sein, die einzige, bei der sie sich sicher fühlte: Freitag, 5.: Wieder eine schlechte Nacht, ich fühle mich gräßlich. Es ist vier Tage her, daß André mir die schreckliche Nachricht über Vater ge- geben hat. Seitdem habe ich nichts tun können, habe meine Türen ver- schlossen und mich, Fieber vortäuschend, ins Bett geflüchtet. Nur ein- oder zweimal am Tag habe ich meinen Malcolm besucht, um ihn zu be- ruhigen, meine Tür aber für alle außer der Zofe verschlossen, die ich has- se. Einmal habe ich mich bereit erklärt, Jamie zu treffen und André. Am ersten Tag war der arme Malcolm außer sich vor Sorge, als ich nicht kam und auch die Tür nicht öffnen wollte; er bestand darauf, auf einer Bahre in mein Boudoir getragen zu werden, um mit mir zu sprechen – sonst würde er die Tür aufbrechen lassen. Es gelang mir, ihn hinzuhalten, indem ich mich zwang, zu ihm zu gehen und ihm zu er- klären, es sei alles in Ordnung, ich hätte nur furchtbare Kopfschmerzen, und nein, ich brauchte Babcott nicht, über meine Tränen solle er sich kei- ne Sorgen machen. Unter vier Augen erklärte ich ihm, es sei eben ›meine Monatsregel‹, und manchmal sei der Fluß stark, und manchmal seien meine Tage unregelmäßig. Es machte ihn unglaublich verlegen, daß ich ihm gegenüber von meiner Periode sprach! Es war fast so, als hätte er nichts von dieser weiblichen Funktion gewußt. Zuweilen verstehe ich ihn nicht, obwohl er so lieb und rücksichtsvoll ist. Noch eine Sorge: In Wirk- lichkeit geht es dem Ärmsten nicht viel besser, und er leidet so große Schmerzen, daß ich weinen könnte. Madonna, verleih mir Kraft, dachte sie. Und dann ist da das ande- re. Ich versuche, mir keine Sorgen zu machen, aber ich bin außer mir vor Angst. Der Tag kommt näher. Dann werde ich von diesem, Schrecken befreit sein, aber nicht von der Not. Wieder begann sie zu schreiben. Es ist so schwierig, im Struan-Gebäude auch mal allein zu sein, so luxu- riös und angenehm es hier auch sein mag, aber die Niederlassung ist gräßlich. Kein Coiffeur, keine Schneiderin (nur ein chinesischer Herren- schneider, der sehr geschickt alles kopiert, was bereits existiert), keine Putz- macherin – den Schuhmacher habe ich noch nicht ausprobiert. Nichts, wohin man gehen, nichts, was man tun könnte, o Gott, wie sehne ich mich nach Paris. Würde Malcolm mit mir dorthin ziehen, wenn wir verheiratet sind? Niemals. Und wenn wir nicht heiraten… wie soll ich dann auch nur die Rückfahrkarte bezahlen? Wovon? Diese Frage habe ich mir schon tausendmal gestellt, ohne eine Antwort darauf zu finden. Ihr Blick wanderte vom Papier zum Fenster und zu den Schiffen in der Bucht. Ich wünschte, ich wäre eins von ihnen und könnte nach Hause fahren, ich wünschte, ich wäre niemals hierhergekommen. Ich hasse dieses Land… Was wäre, wenn… Wenn Malcolm mich nicht heiratet, werde ich einen anderen heiraten müssen, aber ich habe keine Mitgift, nichts. O Gott, dies ist nicht, was ich mir er- hofft habe. Wenn ich es schaffen würde, nach Hause zu kommen, hätte ich immer noch kein Geld, nachdem die Tante und der On- kel, die Ärmsten, ruiniert sind. Colette hat auch nichts zu verlei- hen, ich kenne niemanden, der reich oder berühmt genug ist, um mich zu heiraten, oder wenigstens so weit oben in der Gesellschaft, daß ich beruhigt seine Mätresse werden könnte. Ich könnte zur Bühne gehen, aber da ist es wichtig, einen Gönner zu haben, der den Direktor und die Autoren schmiert und die Kleider, den Schmuck, die Kutschen und die Villa für die Soireen bezahlt – ge- wiß, ich müßte mit dem Gönner nach seiner Lust und Laune ins Bett gehen, nicht nach der meinen, jedenfalls, bis ich reich und be-, rühmt genug bin, und das kostet Zeit, aber ich habe derartige Ver- bindungen nicht und auch keine Freunde, die sie haben. O Gott, ich bin so durcheinander. Ich glaube, ich muß jetzt wieder wei- nen… Sie barg das Gesicht in beiden Armen und ließ den Tränen freien Lauf, achtete aber darauf, nicht zu viele Geräusche zu machen, da- mit ihre Zofe sie nicht hörte und laut zu klagen anfing, wie sie es am ersten Tag getan hatte. Über dem Nachthemd aus cremefarbe- ner Seide trug sie einen blaßgrünen Morgenmantel, ihre Haare wa- ren zerzaust, und sie wirkte sehr weiblich in diesem maskulinen Zimmer mit dem riesigen, hinter Vorhängen versteckten Himmel- bett. In ihrer Suite, die größer war als die von Malcolm, gab es auf einer Seite ein Vorzimmer, das einerseits an sein Schlafzimmer grenzte, andererseits an ein Speisezimmer mit Platz für zwanzig Gäste und einer eigenen Küche. Diese Türen waren beide verriegelt. Der Toilettentisch, den sie mit hellrotem Satin hatte verkleiden las- sen, war die einzige Frivolität. Als ihre Tränen versiegten, trocknete sie sich die Augen und be- trachtete stumm ihr eigenes Bild im Silberspiegel. Keine Falten, ein paar Schatten, das Gesicht ein wenig schmaler als zuvor. Äußerlich keine Veränderung. Sie seufzte schwer; dann begann sie wieder zu schreiben: Weinen hilft nichts. Heute muß ich mit Malcolm reden. Ich muß ein- fach. Wie André mir sagte, ist der Postdampfer schon einen Tag überfäl- lig und wird die Nachricht von meiner Katastrophe mitbringen. Ich ster- be vor Angst, daß Malcolms Mutter an Bord sein wird – die Nachricht von seiner Verletzung müßte am 24. in Hongkong eingetroffen sein, so daß sie gerade noch Zeit genug hatte, diesen Postdampfer zu erreichen, Jamie bezweifelt, daß sie Hongkong so überstürzt verlassen kann, weil ihre anderen Kinder dort sind, ihr Ehemann erst seit drei Wochen tot ist und sie selbst noch in tiefer Trauer, die Ärmste., Als Jamie hier war – das erstemal, daß ich mit ihm allein sprechen konnte –, erzählte er mir alle möglichen Geschichten über die anderen Struans – Emma ist sechzehn, Rose dreizehn und Duncan zehn –, aber die meisten davon waren traurig: Letztes Jahr sind zwei weitere Brüder, die Zwillinge Robb und Dunross, sieben Jahre alt, bei einem Bootsun- glück vor einem Ort in Hongkong namens Shek-O ertrunken, wo die Struans Ländereien und ein Sommerhaus besitzen. Und vor Jahren, als Malcolm acht war, ist eine andere Schwester, Mary, damals vier, am Happy-Valley-Fieber gestorben. Die arme Kleine. Bei dem Gedanken an sie und die Zwillinge habe ich die ganze Nacht weinen müssen. So jung! Ich mag Jamie, aber er ist so langweilig, so unzivilisiert – ich meine, gauche, mehr nicht –, er war noch niemals in Paris und kennt nur Schottland, die Struans und Hongkong. Ich frage mich, wenn ich darauf bestehen würde, daß wir, falls… Sie strich das aus und änderte es in wenn wir verheiratet sind… Ihre Feder zögerte. Malcolm und ich werden jedes Jahr einige Wochen in Paris verbringen, und die Kinder werden dort erzogen werden, selbstverständlich als Katholiken. Gestern habe ich mich mit André darüber unterhalten, daß wir Katho- liken sind – er ist sehr liebenswürdig und lenkt mich mit seiner Musik von meinen Problemen ab – und daß Mrs. Struan anglikanische Pro- testantin ist, und was ich sagen soll, wenn dieses Thema jemals zur Spra- che kommt. Wir haben sehr leise geredet – ich habe ja ein so großes Glück, daß er mein Freund ist und mich gewarnt hat wegen meinem Vater –, aber plötzlich legte er sich den Finger auf die Lippen, ging zur Tür und riß sie auf. Ah Tok, die alte Vettel, Malcolms Amah, hatte das Ohr ans Holz gepreßt und wäre fast ins Zimmer gefallen. André spricht ein bißchen Kantonesisch und hat ihr die Leviten gelesen. Als ich später am Tag Malcolm besuchte, hat er sich tief zerknirscht bei mir entschuldigt. Es ist nicht wichtig, sagte ich, die Tür war nicht ver- schlossen, meine Zofe war, wie sich's gehörte, als Anstandsdame in mei- nem Zimmer, aber wenn Ah Tok mir nachspionieren will, sag ihr doch bitte, daß sie anklopfen und hereinkommen soll. Ich muß gestehen, daß, ich Malcolm gegenüber kühl und distanziert war, und nun gibt er sich die größte Mühe, besonders nett zu sein und mich zu beschwichtigen, aber so empfinde ich nun mal, obwohl ich auch gestehen muß, daß An- dré mir geraten hat, mich so zu verhalten, bis unsere Verlobung öffent- lich bekanntgegeben worden ist. Ich mußte André – das mußte leider sein – um ein Darlehen bitten und habe mich furchtbar dabei gefühlt. Es war das erstemal, daß ich so etwas tun mußte, aber ich brauche dringend Geld. Er war sehr freundlich und versprach, mir morgen zwanzig Louis gegen meine Unterschrift zu bringen, genug für unvorhergesehene Fälle für ein bis zwei Wochen – Malcolm scheint einfach nicht zu bemerken, daß ich Geld brauche, und ihn möchte ich nicht darum bitten… Ich habe jetzt fast ständig Kopfschmerzen und versuche mir zu überle- gen, wie ich aus diesem Alptraum herauskomme. Es gibt niemanden, dem ich wirklich vertrauen kann, nicht einmal André, obwohl er sich bisher zuverlässig gezeigt hat. Und Malcolm… nun ja, immer, wenn ich mit dem Text beginne, den ich eingeübt habe, weiß ich genau, daß die Worte gezwungen, schal und furchtbar klingen, also sage ich lieber gar nichts. »Was ist denn, Liebling?« fragt er immer wieder. »Nichts«, antworte ich. Und später, wenn ich mich von ihm verab- schiedet und meine Zimmertür verschlossen habe, weine und weine ich in mein Kopfkissen. Ich glaube, ich werde noch wahnsinnig vor Kum- mer – wie konnte mein Vater bloß lügen und mir mein Geld stehlen? Und warum kann Malcolm mir nicht eine Art Taschengeld geben, ohne daß ich ihn darum bitten muß, oder mir wenigstens etwas anbieten, da- mit ich so tun kann, als würde ich ablehnen, um sein Angebot dann mit Freuden anzunehmen? Ist denn das nicht die Pflicht eines Ehemannes oder Verlobten? Ist es nicht die Pflicht eines Vaters, seine geliebte Tochter zu beschützen? Und warum wartet Malcolm und wartet und gibt unsere Verlobung noch immer nicht bekannt? Hat er seine Meinung etwa ge- ändert? O Gott, laß das bitte nicht geschehen…, Angélique hielt mit dem Schreiben inne, weil die Tränen wieder zu fließen begannen. Eine tropfte auf's Papier. Wieder trocknete sie sich die Augen, trank aus einem Becher einen Schluck Wasser und fuhr dann fort: Heute werde ich mit ihm sprechen. Es muß unbedingt heute sein. Eine gute Nachricht ist, daß das britische Flaggschiff vor ein paar Tagen zum Jubel aller Menschen hier heil in den Hafen zurückgekehrt ist (ohne die Kriegsschiffe sind wir wirklich absolut hilflos). Das Schiff war ziemlich ramponiert und hatte einen Mast verloren, aber ihm folgten alle ande- ren Schiffe bis auf die Fregatte Zephir mit zwanzig Kanonen und über zweihundert Mann an Bord. Vielleicht ist sie auch in Sicherheit. Ich hoffe es. Die Zeitung hier schreibt, daß dreiundfünfzig Seeleute und zwei Offiziere in dem Sturm, diesem Taifun, umgekommen sind. Er war schrecklich, der schlimmste, den ich je erlebt habe. Ich hatte fürchterliche Angst, Tag und Nacht. Ich dachte, das ganze Gebäude wür- de davongeweht, aber es ist so unerschütterlich wie Jamie McFay. Ein großer Teil des Eingeborenenviertels ist verschwunden, und es gab zahlrei- che Brände. Die Fregatte Pearl wurde beschädigt und verlor auch einen Mast. Gestern kam ein Schreiben von Captain Marlowe: Ich habe so- eben gehört, daß es Ihnen nicht gut geht, und sende Ihnen mein tiefstes und aufrichtigstes Mitgefühl etc. Ich glaube nicht, daß ich ihn mag, viel zu hochnäsig, obwohl die Uni- form ihm prächtig steht und seine Männlichkeit betont – wozu die engen Hosen ja gedacht sind, genau wie wir uns so anziehen, daß Busen, Taille und Knöchel betont werden. Ein weiteres Schreiben kam gestern abend von Settry Pallidar, dem Ersten Offizier, weitere Mitgefühlsbekun- dungen etc. Ich glaube, ich hasse sie alle beide, jedesmal, wenn ich an sie denke, er- innere ich mich an diese Hölle namens Kanagawa und daß sie mich nicht beschützt haben, obwohl das ihre Pflicht gewesen wäre. Phillip Tyler ist noch in der Edo-Gesandtschaft, aber Jamie sagt, er habe gehört,, daß Phillip morgen oder übermorgen zurückkommen werde. Das ist sehr gut, denn wenn er kommt, habe ich einen Plan, der… Der dumpfe, hallende Donner einer Kanone ließ sie zusammenzu- cken. Es war die Signalkanone, und von weit draußen auf See kam die Antwort. Sie suchte den Horizont ab und entdeckte schließlich den verheißungsvollen Rauch aus dem Schornstein des Postdamp- fers. Mit einer Aktentasche voll Post unter dem Arm begleitete Jamie McFay einen Fremden die Haupttreppe des Struan-Building empor, auf die durch hohe Glasfenster die Sonne hereinschien. Beide Her- ren trugen, obwohl der Tag warm war, Gehröcke aus Wollstoff und Zylinder. Der Fremde hatte eine kleine Tasche in der Hand. Er war untersetzt, bärtig, häßlich und in den Fünfzigern, einen Kopf klei- ner als Jamie, doch breiter in den Schultern, mit einem Schopf lan- ger, widerspenstiger grauer Haare, die unter dem Hut hervorkamen. Sie schritten den Korridor entlang, und McFay klopfte leise an die Tür. »Tai-Pan?« »Kommen Sie herein, Jamie, es ist offen.« Sprachlos starrte Struan den Mann an und fragte ihn dann sofort: »Ist Mutter an Bord, Dr. Hoag?« »Nein, Malcolm.« Dr. Ronald Hoag sah Malcolms Erleichterung, die ihn traurig machte, die er aber verstehen konnte. Tess Struan war äußerst drastisch gewesen in ihrem Urteil über die ›ausländische Bagage‹, die ganz zweifellos die Klauen in ihren Sohn geschlagen hatte. Er verbarg seine Besorgnis über Malcolms Blässe und stellte Hut und Tasche auf die Kommode. »Sie hat mich gebeten, dich zu besuchen«, erklärte er mit tiefer, freundlicher Stimme, »und zu se- hen, ob ich irgend etwas für dich tun oder dich nach Hause beglei- ten kann – falls du Begleitung nötig hast.« Seit nahezu fünfzehn, Jahren war er der Hausarzt der Struans in Hongkong und hatte die letzten vier von Malcolms Geschwistern zur Welt gebracht. »Wie geht es dir?« »Es geht mir… Dr. Babcott hat sich um mich gekümmert. Es geht mir… Es geht mir gut. Danke, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen.« »Ich freue mich auch, dich wiederzusehen. George Babcott ist ein guter Arzt, es gibt keinen besseren.« Hoag lächelte. Die kleinen, to- pasfarbenen Augen lagen in einem faltigen, wettergegerbten Ge- sicht. Dann fuhr er lebhaft fort: »Eine scheußliche Reise, der letzte Zipfel des Taifuns hat uns erwischt, und einmal wären wir fast ge- kentert, die ganze Zeit mußte ich Matrosen und die wenigen Passa- giere zusammenflicken – meistens Knochenbrüche. Zwei sind über Bord gegangen, ein Chinese und ein Zwischendeckpassagier, irgend- ein Unbekannter, wir haben nie erfahren, wer er war. Der Captain sagte, der Mann hätte in Hongkong einfach seine Passage bezahlt und einen Namen gemurmelt. Hat die meiste Zeit in seiner Kabine verbracht, ist dann einmal an Deck gekommen, und puff, hat ihn eine Welle mitgerissen. Weißt du, Malcolm, du siehst besser aus, als ich es nach all den Gerüchten, die in der Kolonie umliefen, erwar- tet habe.« »Ich lasse euch beide lieber allein«, erklärte Jamie und legte den Briefstapel auf den Nachttisch. »Hier ist Ihre persönliche Post; die Bücher und Zeitungen bringe ich Ihnen später.« »Danke.« Malcolm beobachtete ihn. »Irgendwas Wichtiges?« »Zwei von Ihrer Mutter. Die liegen obenauf.« Dr. Hoag langte in seine voluminösen Taschen und zog einen zerknitterten Umschlag hervor. »Hier ist noch einer von ihr, Mal- colm, später geschrieben als die anderen. Am besten liest du ihn erst, dann werde ich dich mal ansehen, wenn ich darf. Vergessen Sie nicht Babcott, Jamie.« Jamie hatte ihm schon erzählt, daß Babcott an diesem Vormittag, in Kanagawa war, wo er ein Ambulatorium abhielt, und daß er ihm sofort den Kutter schicken würde, wenn sie bei Malcolm gewesen waren. »Bis später, Tai-Pan.« »Nein, warten Sie noch einen Moment, Jamie.« Struan öffnete den Brief, den Hoag ihm übergeben hatte, und begann zu lesen. Als Jamie das Hauptdeck des Postdampfers betreten hatte, war Dr. Hoag zu ihm gekommen und hatte ihm erklärt, er habe die ganze Struan-Post bei sich, damit sie sofort aufbrechen könnten, und auf seine prompte Frage zu seiner Erleichterung geantwortet: »Nein, Jamie, Mrs. Struan ist nicht an Bord, aber hier ist ein Brief von ihr.« Er war kurz und knapp: Jamie, tun Sie alles, was Dr. Hoag will, und schicken Sie mir mit jeder Post detaillierte, vertrauliche Berichte. »Wissen Sie, was drin steht, Doc?« »Ja. Kaum erforderlich, aber Sie kennen die Dame ja.« »Wie geht es ihr?« Hoag überlegte einen Moment. »Wie üblich: Nach außen hin un- erschütterlich, innerlich ein Vulkan. Eines Tages muß er ausbrechen – kein Mensch kann so viel Trauer, so viele Tragödien verkraften, niemand. Nicht einmal sie.« Mit aufmerksamen Blicken in die Run- de war er Jamie die Gangway hinabgefolgt. »Ich muß sagen, ich freue mich, Gelegenheit zu einem Besuch in Japan zu haben – Sie sehen prächtig aus, Jamie. Dieser Posten bekommt Ihnen wirklich gut. Lassen Sie sehen, seit Ihrem letzten Urlaub ist jetzt fast ein Jahr vergangen, nicht wahr? Und nun erzählen Sie mir alles, zuerst über diesen Mordangriff… und dann über Miß Richaud.« Als sie das Kontor erreichten, wußte Dr. Hoag alles, was Jamie wußte. »Aber bitte«, setzte er voll Unbehagen hinzu, »erwähnen Sie Malcolm gegenüber nicht, was ich Ihnen über Angélique erzählt habe. Sie ist ein wundervoller Mensch, sie hat auch eine schreckli- che Zeit hinter sich, ich glaube wirklich nicht, daß sie miteinander geschlafen haben, die heimliche Verlobung ist ein Gerücht, aber er, ist bis über beide Ohren verliebt – nicht, daß ich ihm das verübeln könnte oder irgend jemand in ganz Asien. Ich hasse den Gedanken, Mrs. Struan heimliche Berichte schicken zu müssen. Wie dem auch sei, ich habe einen geschrieben, eine abgemilderte Version, die mit diesem Schiff hinausgeht. Meine Loyalität muß zuerst und vor al- lem Malcolm gelten. Er ist der Tai-Pan.« Als er jetzt Malcolm Struan beobachtete, wie er dalag und den Brief las, den Hoag ihm mitgebracht hatte, als er das fahle Gesicht und den schlaffen Körper sah, begann er sich Gedanken zu ma- chen. Und zu beten. Struan blickte auf. Seine Augen wurden schmal. »Ja, Jamie?« »Sie hatten einen Auftrag für mich?« Nach kurzer Pause antwortete Malcolm: »Ja. Hinterlassen Sie eine Nachricht in der französischen Gesandtschaft – Angélique ist dort, sie hat gesagt, sie wolle auf ihre Post warten. Sagen Sie ihr, ein alter Freund aus Hongkong sei eingetroffen, und ich möchte, daß sie ihn kennenlernt.« McFay nickte lächelnd. »Wird erledigt. Lassen Sie mich holen, wenn Sie was brauchen.« Damit verließ er das Zimmer. Unruhig beobachtete Struan die Tür. Jamies Miene war zu offen gewesen. Er versuchte, sich zu beruhigen, und kehrte zu seinem Brief zurück. Malcolm, mein armer, lieber Sohn, diesmal nur schnell ein paar Worte, da Ronald Hoag sich umgehend zum Postdampfer begeben muß, den ich aufgehalten habe, damit er ihn noch erreicht und Du die beste Pflege hast. Ich war entsetzt, als ich von diesen Schweinen hörte, die Dich über- fallen haben. Wie Jamie berichtet, hat dieser Dr. Babcott operieren müs- sen – bitte schreib mit jeder Eilpost, die abgeht, und komm schnell nach Hause, damit wir uns richtig um Dich kümmern können. Ich sende Dir meine Liebe und meine Gebete. PS: Ich liebe Dich., Er blickte auf. »Nun?« »Nun sag mir die Wahrheit, Malcolm. Wie geht es dir?« »Ich fühle mich furchtbar und fürchte, daß ich sterben muß.« Hoag saß im Sessel und betrachtete ihn nachdenklich. »Das erste ist verständlich, das zweite nicht unbedingt zutreffend, aber im Be- reich des Möglichen.« »Großer Gott, ich will nicht sterben, ich habe so vieles, wofür ich leben möchte. Ich möchte so gern leben und gesund werden, daß ich es gar nicht sagen kann. Aber jede Nacht und jeden Tag kommt mir irgendwann dieser Gedanke… und trifft mich wie ein körperlicher Schlag.« »Was für Medikamente nimmst du?« »Irgendein Zeug – mit Laudanum –, das mich schlafen läßt. Die Schmerzen sind furchtbar, und ich fühle mich so gräßlich.« »Jeden Abend?« »Ja.« Und halb entschuldigend setzte Struan hinzu: »Er will, daß ich damit aufhöre, er sagt, ich würde… ich dürfe nicht so weiter machen.« »Hast du's versucht?« »Ja.« »Aber du hast nicht aufgehört?« »Nein, noch nicht. Meine… Die Willenskraft scheint mich verlas- sen zu haben.« »Das ist eins der Probleme, die damit zusammenhängen – so wundervoll und wertvoll es auch ist.« Er lächelte. Laudanum war der Name, den Paracelsus damals diesem Heilmittel gegeben hatte. »Kennst du Paracelsus?« »Nein.« »Ich auch nicht«, sagte Hoag lachend. »Jedenfalls haben wir die- ser Opiumtinktur den Namen gegeben. Schade, daß all ihre Deriva- te süchtig machen. Aber das weißt du ja.« »Ja.«, »Wir können es dir abgewöhnen, das ist kein Problem.« »Es ist ein Problem, das weiß ich auch, und außerdem weiß ich, daß Sie unseren Opiumhandel mißbilligen.« Hoag lächelte. »Ich bin froh, daß du das als Feststellung formu- liert hast und nicht als Frage. Du billigst ihn letztendlich auch nicht, das tut kein Chinahändler, aber ihr sitzt allesamt in der Falle. Aber reden wir nicht übers Geschäft, Malcolm, und auch nicht über Politik. Was ist mit Miss Richaud?« Struan spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. »Jetzt hören Sie mir ein für alle Mal zu, mein Lieber: Was immer Mutter sagen mag, ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue, und kann tun, was ich will! Verstanden?« Hoag lächelte mild. »Ich bin dein Arzt, Malcolm, nicht deine Mutter. Und ich bin dein Freund. Habe ich euch jemals im Stich gelassen, dich oder irgend jemanden aus deiner Familie?« Mit sichtbarer Anstrengung unterdrückte Struan seinen Zorn, sein jagendes Herz dagegen vermochte er nicht zu beruhigen. »Es tut mir leid, aber ich…« Hilflos zuckte er die Achseln. »Es tut mir leid.« »Das muß es nicht. Ich will mich nicht in dein Privatleben einmi- schen. Deine Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab. Und dies scheint mir einer der Hauptfaktoren zu sein. Daher meine Frage. Ich frage aus rein medizinischen Gründen – nicht aus familiären. Also, was ist mit Miss Richaud?« Struan wollte männlich und gelassen klingen, vermochte seine Frustrationen aber nicht zu zähmen und platzte heraus: »Ich will sie heiraten, und es macht mich verrückt, hier zu liegen wie ein… hier so hilflos liegen zu müssen. Verdammt, ich kann noch nicht mal aus dem Bett steigen, ich kann nicht pinkeln, ohne daß es ent- setzlich weh tut. Ich werde wahnsinnig, und so sehr ich mich auch bemühe, es scheint nicht besser zu werden…« So ging es weiter, bis er ermüdete. Hoag hörte ihm ruhig zu. Schließlich verstummte Struan. Und murmelte eine Entschuldigung., »Darf ich dich ansehen?« »Ja… ja, natürlich.« Mit größter Sorgfalt untersuchte ihn Hoag, legte ihm das Ohr auf die Brust, um sein Herz abzuhorchen, sah in seinen Mund, maß seinen Puls, begutachtete die Wunde und roch daran. Mit den Fin- gern tastete er die Bauchwand ab und suchte nach den darunter- liegenden Organen, dem Ausmaß des Schadens: »Tut das weh… Und dies… Ist es hier besser?« Bei jedem kleinsten Druck stöhnte Malcolm auf. Schließlich beendete der Arzt die Untersuchung. Struan brach das Schweigen. »Nun?« »Babcott hat sehr gute Arbeit geleistet an einer Wunde, an der ein normaler Mann inzwischen gestorben wäre.« Hoags Worte klangen bedächtig und zuversichtlich. »Nun wollen wir mal was versuchen.« Behutsam nahm er Struans Beine und half ihm, bis er auf der Bett- kante saß. Dann legte er Malcolm den Arm um die Schultern, nahm den größten Teil seines Gewichts mit erstaunlicher Kraft auf sich und half ihm aufstehen. »Vorsicht!« Allein konnte Struan nicht aufrecht stehen, aber er hatte das Ge- fühl zu stehen, und das machte ihm Mut. Nach einem Moment ließ Hoag ihn behutsam wieder aufs Bett hinab. Struans Herz häm- merte vor Schmerzen, aber er war zufrieden. »Danke.« Der Arzt nahm wieder im Sessel Platz und sammelte die eigenen Kräfte. Dann sagte er: »Ich werde dich jetzt allein lassen, muß alles organisieren. Ich möchte, daß du dich ausruhst. Sobald ich bei Babcott war, komme ich wieder. Vermutlich werden wir zusammen zurückkommen. Dann können wir uns unterhalten. In Ordnung?« »Ja. Und… vielen Dank, Ronald.« Statt einer Antwort tätschelte ihm Hoag den Arm, suchte seine Sachen zusammen und ging hinaus. Sobald er allein war, liefen Struan die Tränen über die Wangen, und diese Tränen des Glücks wiegten ihn in den Schlaf. Als er er- wachte, fühlte er sich ausgeruht, zum erstenmal erfrischt, und blieb, regungslos liegen, freute sich einfach an der Tatsache, daß er aufge- standen war – mit fremder Hilfe, gewiß, aber er hatte auf den Fü- ßen gestanden und einen Anfang gemacht – und daß er nun end- lich einen echten Verbündeten hatte. Er drehte sich ein wenig nach links, um aus dem Fenster aufs Meer hinauszublicken. Er liebte das Meer, haßte es aber auch, fühl- te sich nie ganz wohl darauf, fürchtete es, weil es so unkontrollier- bar und unberechenbar war wie an jenem sonnigen Tag, als die Zwillinge und der Bootsmann ungefähr hundert Meter weit hinaus- gerudert waren und eine Welle kam, das Boot umschlug und eine Strömung sie alle hinabzog, obwohl sie gute Schwimmer waren und die Zwillinge schwimmen konnten wie die Fische. Der Schock über ihren Tod vernichtete ihn und hätte den Vater fast umgebracht. Sei- ne Mutter befand sich in einem ihrer wandelnden Komazustände und sagte nur immer wieder: »Es ist Gottes Wille. Wir müssen wei- termachen.« Ich will nicht an meine Brüder denken oder an Dirk Struan, sagte er sich, und war froh, an Land in Sicherheit zu sein. Doch unsere Vergangenheit ist mit dem Meer verbunden, unauflöslich, und un- sere Zukunft ebenfalls. Denn unsere absolute Stärke liegt in unseren Clippern und Dampfern – und in China. Japan ist ein kleiner Markt, interessant, aber klein, überhaupt nicht mit China zu vergleichen. Gewiß, hier können wir Geld ver- dienen – gut ausgewählte Waffen und Schiffe und das britische Know-how werden ganz schön zu Buche schlagen. Ich werde Jamie anweisen, den Choshu-Auftrag abzuschließen. Sollen sie sich gegen- seitig umbringen, je früher, desto besser. Sir Williams windelweiches Zaudern und Warten, bis die Genehmigung aus London kommt, ist dumm. Er blickte auf den Horizont. Bald muß ich nach Hongkong zu- rück und die Firmenleitung übernehmen. In einer Woche etwa. Es hat keine Eile. Ich habe viel Zeit. Wieviel Uhr ist es jetzt?, Er brauchte sich nicht umzudrehen, um auf die Uhr zu sehen; der Sonnenstand sagte ihm, daß es bald Mittag war, und er dachte, daß er sich normalerweise jetzt ein wunderbar blutiges Roastbeef und Yorkshire Pudding mit dicker Sauce und Röstkartoffeln bestel- len würde oder zwei Schalen gewürfeltes Brathuhn mit gebratenem Reis und gemischtem Gemüse sowie andere chinesische Gerichte, die Ah Tok zubereitete und die er liebte, obwohl die Mutter und seine Geschwister behaupteten, sie seien nur etwas für Heiden… Ein leichtes Geräusch. Angélique saß mit tränenüberströmtem Gesicht in dem riesigen Lehnsessel, unglücklicher, als er sie jemals erlebt hatte. »Großer Gott, was ist passiert?« »Ich bin… Ich bin ruiniert.« Wieder begannen die Tränen zu strö- men. »Wovon in aller Welt redest du da?« »Von dem hier. Heute mit der Post gekommen.« Sie erhob sich und reichte ihm einen Brief, versuchte etwas zu sagen und konnte nicht. Die plötzliche Bewegung, mit der er ihn entgegennehmen wollte, verdrehte seinen Körper so schmerzhaft, daß er fast aufge- schrien hätte. Das Papier war grün wie das Kuvert, datiert Hongkong, 23. Sept., der Briefkopf lautete Guy Richaud, Richaud Frères, und der Text war auf französisch abgefaßt, das Struan ausreichend gut lesen konnte: Angélique, Liebling, in aller Eile. Das Geschäft, von dem ich Dir erzählt habe, hat nicht besonders gut geklappt, meine portugiesischen Macao- Partner haben mich betrogen, so daß ich schwere Verluste erlitten habe. Mein gesamtes gegenwärtiges Kapital ist dahin, und es ist möglich, daß Du Lügen hörst, die meine Feinde verbreiten, daß ich unfähig sei, neue Bankvereinbarungen zu treffen, und daß die Firma in den Händen ei- nes Konkursverwalters sei. Glaube ihnen nicht, die Zukunft ist rosig, kei-, ne Angst, ich habe alles unter Kontrolle. Dieser Brief geht morgen mit dem Postdampfer ab. Heute habe ich auf dem amerikanischen Dampfer Liberty eine Passage nach Bangkok gebucht, wo mir neue Finanzierun- gen aus französischen Quellen zugesagt wurden. Ich werde Dir von dort aus schreiben und verbleibe bis dahin Dein Dich liebender Vater. PS: Inzwischen wirst Du die traurige, aber vorhersehbare Nachricht von Culum Struans Tod erhalten haben. Wir hörten soeben von dem grausamen Japsenüberfall auf Malcolm. Ich hoffe, er ist nicht schwer ver- letzt. Bitte, richte ihm aus, daß ich ihm alles Gute und eine baldige Ge- nesung wünsche… Struans Gedanken waren in Aufruhr. »Wieso bist du ruiniert?« »Er… Er hat mein ganzes Geld mitgenommen«, jammerte sie, »er hat mein ganzes Geld gestohlen und das ebenfalls verloren, er ist ein Dieb, und nun… nun habe ich überhaupt nichts mehr auf der Welt. Er hat alles gestohlen, was ich hatte, ach Malcolm, was soll ich nur tun?« »Angélique, Angélique, hör mir zu!« Sie wirkte so hilflos, so me- lodramatisch, daß er fast lachen mußte. »Himmel noch mal, hör mir doch zu! Das ist kein Problem. Ich kann dir so viel Geld ge- ben, wie…« »Ich kann kein Geld von dir annehmen«, rief sie unter Tränen. »Das gehört sich nicht!« »Und warum nicht? Schließlich werden wir doch bald heiraten, nicht wahr?« Das Weinen verstummte. »W… Werden wir das?« »Ja, natürlich. Wir werden es heute noch bekanntgeben.« »Aber Vater, er ist…« Sie schniefte wie ein kleines Kind. »André hat mir gesagt, er sei sicher, daß es gar kein Geschäft gegeben hat, weder in Macao noch anderswo. Vater ist vermutlich ein Glücks- spieler und hat einfach alles verspielt. Vater hatte versprochen, hatte Henri, Henri Seratard versprochen, daß er aufhören und seine, Rechnungen bezahlen würde… Alle wußten davon, nur ich nicht, ach Malcolm, ich hatte keine Ahnung, ich fühle mich so elend, am liebsten würde ich sterben, Vater hat mein Geld gestohlen, dabei hat er geschworen, es sicher anzulegen!« Wieder ein Tränenaus- bruch, dann lief sie zu ihm hinüber und lag neben dem Bett auf den Knien, den Kopf in seiner Bettdecke vergraben. Zärtlich strich er ihr übers Haar und kam sich dabei sehr stark und männlich vor. Die Tür ging auf, und Ah Tok kam herein. »Hinaus!« befahl er. »Dew neh loh moh!« Sie floh. Ehrlich verängstigt barg Angélique den Kopf tiefer in der Decke. Sie hatte ihn noch niemals zornig gesehen. Er streichelte ihr Haar. »Keine Sorge, mein Liebling, mach dir um deinen Vater keine Ge- danken. Ich werde sehen, wie wir ihm später helfen können, aber jetzt mußt du dich nicht grämen, ich werde schon für dich sorgen.« Immer zärtlicher wurden seine Worte. Ihr Schluchzen ließ nach; ein ungeheurer Stein fiel ihr vom Herzen, nun, da sie ihm die Wahrheit gesagt und ihn von ihrem Unglück unterrichtet hatte, bevor er es von anderen hörte – und da es ihm scheinbar wirklich nichts aus- machte. André ist ein Genie, dachte sie, erschöpft vor Erleichterung. Er hat geschworen, daß Malcolm genauso reagieren würde: »Seien Sie einfach ehrlich, Angélique, sagen Sie Malcolm die Wahrheit, daß Sie nicht wußten, daß Ihr Vater ein Spieler ist, daß Sie erst jetzt da- von gehört haben und entsetzt darüber sind, daß Ihr Vater Ihr Geld gestohlen hat – Sie müssen unbedingt die Ausdrücke gestohlen und Dieb benutzen. Sagen Sie die Wahrheit, zeigen Sie ihm seinen Brief, und mit dem entsprechenden Tränenstrom und viel Zärtlichkeit wird ihn dies auf ewig an Sie binden.« »Aber André«, hatte sie unglücklich eingewandt, »ich wage es nicht, ihm Vaters Brief zu zeigen. Ich wage es nicht, das Postscrip- tum klingt so furchtbar …« »Hören Sie zu! Ohne die zweite Seite heißt es im Postscriptum, nur, daß ich ihm alles Gute und eine baldige Genesung wünsche. Perfekt! Die zweite Seite? Welche zweite Seite? Sehen Sie her! Sie ist zerris- sen und hat niemals existiert.« Mit geschickten Fingern klebte André die letzten Fetzen der wieder zusammengesetzten zweiten Seite an ihren Platz. »So, Henri«, sagte er und schob sie quer über den Schreibtisch. »Lesen Sie selbst.« Es hatte ihn keine Mühe gekostet, die Seite aus den Fetzen, die er scheinbar achtlos in den Papierkorb geworfen hatte, zusammenzu- fügen. Sie saßen hinter verschlossenen Türen in Seratards Büro. Der Text lautete. … Ich hoffe, daß Du, wie besprochen, durch jedes nur mögliche Mittel ei- ne baldige Verlobung und Heirat herbeiführen kannst. Er ist der große Fang dieser Saison und lebenswichtig für unsere Zukunft, vor allem für die Deine. Struan wird Richaud Frères endgültig sanieren. Daß er Brite, zu jung oder was immer ist, spielt keine Rolle, er ist jetzt Tai-Pan und kann uns eine sorgenlose Zukunft garantieren. Verhalte Dich wie eine Erwachsene und tu alles, was notwendig ist, um ihn an Dich zu binden, denn im Moment steht es nicht rosig um Deine Zukunft. »Ist doch gar nicht so schlimm«, stellte Seratard voll Unbehagen fest, »nur der angstvolle Rat eines Vaters, der nach Strohhalmen greift. Struan ist für jedes Mädchen ganz zweifellos ein großer Fang, und Angélique… Wer könnte es einem Vater verübeln.« »Kommt auf den Vater an. Zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Art und Weise eingesetzt, ist das hier eine weitere Waffe ge- gen sie und darum gegen das Noble House.« »Dann glauben Sie, daß das arme Mädchen Erfolg haben wird?« »Wir müssen daran arbeiten, daß es so kommt. Wir müssen ihr schon aus taktischen Gründen helfen.« Andrés Lippen bildeten ei-, nen schmalen, kalten Strich. »Ich halte sie übrigens nicht für ein armes Mädchen. Sie ist es doch, die bereit ist, ihn durch jedes nur mögliche Mittel einzufangen. Eh?« Seratard lehnte sich in den roten Ledersessel zurück. Sein Büro war, bis auf ein paar Ölbilder von modernen, wenig bekannten französischen Malern, eher schäbig. »Was tut sie denn anderes, als auf die Liebe eines jungen Mannes reagieren?« Er schob das Papier wieder zurück. »Ich mag diese Methode nicht, André. In dem Sie ihr raten, ihm den halben Brief zu geben, treiben Sie das Mädchen in einen Sumpf von Halbwahrheiten.« »Machiavelli hat geschrieben: ›Der Staat muß mit Lügen und Halbwahrheiten arbeiten, weil die Menschen aus Lügen und Halb- wahrheiten zusammengesetzt sind. Sogar die Fürsten.‹ Und mit Sicherheit auch alle Gesandten und Politiker.« André zuckte die Achseln. Sorgfältig faltete er den Brief zusammen. »Vielleicht müs- sen wir ihn gar nicht benutzen.« »Benutzen – wie?« »Die Tatsache, daß sie ihn zerrissen hat und…« »Hat sie nicht«, widersprach Seratard schockiert. »Selbstverständlich«, gab André eiskalt zurück. »Aber da steht ihr Wort gegen das meine, und wer gewinnt dabei? Die Tatsache, daß sie die zweite Seite zerrissen und Struan nur die erste gezeigt hat, müßte genügen, um sie in seinen Augen schuldig zu machen. Das gibt ihm einen perfekten Vorwand, jedes Eheversprechen zu annul- lieren, ›weil er getäuscht wurde‹. Seine Mutter? Wenn die von dieser Seite wüßte, würde sie uns alle nur möglichen Konzessionen ma- chen, um sie in ihren Besitz zu bringen – für den Fall, daß er da- rauf besteht, sie gegen ihren Rat zu heiraten.« »Ich halte nichts von Erpressung.« André errötete. »Ich halte von vielen Methoden nichts, die ich für unsere, ich wiederhole, unsere Zwecke anwenden muß.« Er steck- te die Seite in seine Tasche. »In der guten Gesellschaft herumge-, reicht oder mit allen Details veröffentlicht, würde dieses Dokument Angélique vernichten. Vor Gericht würde es sie schuldig aussehen lassen. Vielleicht zeigt es ja auch nur die Wahrheit: daß sie nichts weiter als eine Abenteurerin ist, verschworen mit ihrem Vater, der im günstigsten Fall ein Glücksspieler ist und bald so bankrott wie ihr Onkel. Und was das Ermutigen betrifft: Ich sage ihr nur, was sie wissen und sagen will. Um ihr zu helfen. Das Ganze ist ihr Pro- blem, nicht das meine oder das unsere.« Seratard seufzte. »Traurig. Traurig, daß sie in so was verwickelt ist.« »Ja, aber das ist sie nun mal – zu unserem Vorteil, nicht wahr?« André lächelte mit den Lippen, nicht aber mit den Augen. »Und dem Ihren ganz persönlich, M'sieur. Klug eingesetzt, würde dieses Papier sie in Ihr Bett befördern, nicht wahr, falls Ihr unbezweifelba- rer Charme versagen sollte, was ich nicht glaube.« Seratard lächelte nicht. »Und Sie, André? Was machen wir mit Hana, der Blume?« André sah ihn unvermittelt an. »Die Blume ist tot.« »Ja. Und unter sehr seltsamen Umständen gestorben.« »Keineswegs seltsam.« Andrés Augen waren plötzlich so aus- druckslos wie die eines Reptils. »Sie hat Selbstmord begangen.« »Sie wurde mit durchschnittener Kehle gefunden, mit Ihrem Mes- ser. Die Mama-san sagt, Sie hätten wie üblich die Nacht mit ihr ver- bracht.« André versuchte zu ergründen, worum es Seratard eigentlich ging. »Hab ich, aber das geht Sie nichts an.« »Leider doch. Der örtliche Bakufu-Beamte hat mir gestern eine offizielle Bitte um Auskunft zustellen lassen.« »Sagen Sie ihm, er soll sich umbringen. Hana, die Blume, war et- was Besonderes, o ja, sie hat mir gehört, ja. Ich habe den höchsten Kopfkissenpreis für sie bezahlt, aber sie war trotzdem nur ein Mit- glied der Weidenwelt.«, »Wie Sie so zutreffend sagten, sind die Menschen aus Lügen und Halbwahrheiten zusammengesetzt. In der Beschwerde heißt es, daß Sie einen heftigen Streit mit ihr hatten. Weil sie sich einen Liebha- ber genommen hatte.« »Wir hatten einen Streit, ja, und ich wollte sie umbringen, ja, aber nicht aus diesem Grund«, entgegnete André mit erstickter Stimme. »In Wirklichkeit… In Wirklichkeit hatte sie mehrere Klienten. Drei… im anderen Haus, aber das war, bevor sie mein Eigentum wurde. Einer von ihnen… einer von ihnen hat sie mit Syph angesteckt, und sie dann mich.« Seratard war entsetzt. »Großer Gott, Syphilis?« »Ja.« »Mon Dieu, sind Sie sicher?« »Ja.« André stand auf, ging zum Sideboard, schenkte sich einen Cognac ein und trank. »Babcott hat's mir vor einem Monat bestä- tigt. Kein Irrtum möglich. Es kann nur sie gewesen sein. Als ich sie danach fragte, ist sie…« Er sah sie wieder vor sich, wie sie in dem kleinen Haus innerhalb der Mauern des Hauses ›Zu den drei Karpfen‹ mit leichtem Stirn- runzeln zu ihm emporblickte. Sie war erst siebzehn und höchstens einen Meter fünfzig groß. »Hai, gomennasai, Furansu-san, Flecken, wie du, aber vor ein Jahr meine skoshi, klein, Hai, klein, Furansu-san, skoshi, nicht schlimm, geht weg«, hatte sie leise mit ihrem bezaubernden Lächeln in ihrer üblichen Mischung aus japanisch und ein paar englischen Worten gesagt, die ›l‹s immer wie ›r‹ aussprechend. »Hana sagt Mama-san. Mama-san sagt, geh Doktor, er sagt, nicht schlimm. Nicht schlimm Flecken, aber weil gerade anfange Kopfkissen und ich klein Doktor sagt, beten an Schrein und Medizin trinken, bäh! Aber paar Wo- chen alle gehn weg.« Und dann, glücklich: »Alle gehn weg ein Jahr zurück.« »Es ist nicht ›weggegangen‹.«, »Warum böse? Nicht Angst. Ich bete Shinto-Schrein, wie Doktor sagt, bezahle Priester viele Taels, ich esse…«, ihr Gesicht verzog sich lachend, »…scheußliche Medizin. Paar Wochen alles weg.« »Verdammt noch mal, nein!« Wieder ein Stirnrunzeln; dann zuckte sie die Achseln. »Karma, neh?« Da war er explodiert. Sie war zu Tode erschrocken und hatte den Kopf auf die Tatami geneigt und ihn verzweifelt um Verzeihung ge- beten. »Nicht schlimm, Furansu-san, weggegangen, sagt Doktor, weggegangen. Du gehst bald selben Doktor, alles weggegangen…« Draußen vor ihren Shoji-Wänden hörte er Schritte und Geflüster. »Du mußt zum englischen Doktor gehen!« Das Herz donnerte ihm in den Ohren, und er versuchte, zusammenhängend zu sprechen, wußte aber, daß ein Arzt, daß jeder Arzt nutzlos war und daß die Verheerungen zwar manchmal zum Stillstand gebracht werden konnten, daß sie aber eines Tages doppelt so schlimm zurückkeh- ren würden. »Begreifst du denn nicht?« hatte er gebrüllt. »Es gibt keine Heilung!« Sie hatte in ihrer tiefen Verneigung verharrt, zitternd wie ein ver- prügelter Welpe, und nur immer von neuem wiederholt: »Nicht schlimm, Furansu-san, nicht schlimm, alles weggegangen…« Er zwang sich in die Gegenwart zurück und sah Seratard an. »Als ich sie ausfragte, sagte sie, daß sie vor einem Jahr geheilt worden sei. Sie glaubte daran, natürlich glaubte sie daran, und war geheilt. Ich, o ja, ich habe sie angeschrien und gefragt, warum die Raiko-san nichts gesagt hätte, und sie nuschelte irgend etwas wie, was es da zu sagen gäbe, der Doktor hätte gesagt, es sei nichts, und wenn es wichtig wäre, hätte ihre Mama-san Raiko-san etwas davon gesagt.« »Aber das ist ja furchtbar, André. Hat Babcott sie sich angese- hen?« »Nein.« Noch ein Schluck Cognac, aber er spürte nichts von dem gewohnten Brennen. Dann sprudelte er hervor wie einer, der end-, lich jemandem die Wahrheit sagen kann: »Babcott sagte mir, die Syphilis… er sagte mir, am Anfang kann eine angesteckte Frau in je- der Hinsicht makellos wirken, sie muß die Krankheit nicht jedesmal weitergeben, wenn man ins Bett geht, keine Ahnung, warum, aber irgendwann wird sie sie mit Sicherheit weitergeben, wenn man wei- ter mit ihr schläft, und sobald ein Geschwür auftritt, ist man verlo- ren, obwohl das Geschwür oder die Geschwüre nach einem Monat verschwinden und man sich geheilt fühlt, aber das ist man nicht!« Die Ader in der Mitte von Andrés Stirn war dick geschwollen und pulsierte. »Wochen oder Monate später kommt dann ein Aus- schlag, das ist das zweite Stadium. Wovon es abhängt, ob es stark oder schwach ausgeprägt ist, weiß der Himmel, und manchmal bringt es Hepatitis oder Meningitis mit und bleibt oder vergeht, warum, weiß kein Mensch. Das letzte Stadium, das grauenvolle Sta- dium, tritt irgendwann auf, irgendwann nach Monaten bis zu… bis zu dreißig Jahren.« Seratard zog ein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn, betete innerlich, er möge verschont bleiben, dachte daran, wie oft er in der Yoshiwara gewesen war, dachte an seine eigene musume, die er inzwischen für sich allein hatte, obwohl er nicht garantieren konnte, daß sie keinen anderen Liebhaber nahm. Wie kann man das beweisen, wenn es eine Verschwörung mit der Mama-san gibt und die beiden nur darauf aus sind, den Mann auszunehmen? »Sie hatten das Recht, sie umzubringen«, erklärte er grimmig. »Und die Mama-san dazu.« »Raiko war nicht verantwortlich. Ich hatte ihr erklärt, daß ich keins von den Mädchen in der Yoshiwara wollte. Ich wollte ein ganz junges Mädchen, etwas Besonderes, eine Jungfrau oder jeden- falls fast eine Jungfrau. Ich bat sie, mir eine Blume zu suchen, und erklärte ihr dazu, was ich wollte, und das tat sie, und Hana-chan war alles, was ich wollte – sie kam aus einem der besten Häuser von Edo. Sie können sich nicht vorstellen, wie schön sie ist… war…«, Er dachte daran, wie sein Herz einen Sprung getan hatte, als Rai- ko sie ihm zum erstenmal zeigte, während sie in einem Nebenzim- mer mit anderen Mädchen plauderte. »Die da, Raiko, im hellblauen Kimono.« »Ich rate Ihnen, bei Fujiko oder Akiko oder einer meiner anderen Damen zu bleiben«, hatte Raiko gesagt, deren Englisch, wenn sie nur wollte, ganz ausgezeichnet war. »Im Laufe der Zeit werde ich Ihnen eine andere suchen. Da, die kleine Saiko. In ein oder zwei Jahren…« »Nein, die da, Raiko. Sie ist perfekt. Wer ist sie?« »Ihr Name ist Hana, die Blume. Wie ihre Mama-san sagt, ist das hübsche, kleine Ding bei Kyōto geboren und wurde ihr mit drei oder vier Jahren ins Haus gebracht, um zur Geisha ausgebildet zu werden.« Raiko lächelte. »Zum Glück ist sie keine Geisha – denn sonst wäre sie nicht zu haben, leider.« »Weil ich Gai-Jin bin?« »Weil eine Geisha zur Unterhaltung da ist, nicht fürs Kopfkissen. Tut mir leid, Furansu-san, aber wenn man kein Japaner ist, kann man das wirklich nur schwer verstehen. Hanas Lehrer waren gedul- dig, aber sie konnte die entsprechenden Fähigkeiten nicht entwi- ckeln, deswegen wurde sie fürs Kopfkissen ausgebildet.« »Ich will sie, Raiko.« »Vor einem Jahr war sie alt genug, um anzufangen. Ihre Mama- san arrangierte die besten Kopfkissenpreise, natürlich erst, nachdem Hana den Klienten akzeptiert hatte. Nur drei Klienten haben sich ihrer erfreut, ihre Mama-san sagt, sie ist eine gute Schülerin und darf nur zweimal die Woche aufs Kopfkissen. Als einziges spricht gegen sie, daß sie im Jahr des Feuerpferdchens geboren wurde.« »Was heißt das?« »Wie Sie wissen, zählen wir die Zeit genau wie die Chinesen in Zyklen von zwölf Jahren, und jedes bekommt einen Tiernamen: Drache, Schlange, Hahn, Stier, Pferd und so weiter. Aber jedes hat, auch eines der fünf Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Eisen, Holz, und die variieren von Zyklus zu Zyklus. Damen, die im Jahr des Pferdes mit dem Feuerzeichen geboren sind, gelten als… Unglück bringend.« »Ich halte nichts von Aberglauben. Bitte nennen Sie mir den Preis.« »Sie ist eine unbezahlbare Kopfkissenblume.« »Den Preis, Raiko.« »Für das andere Haus zehn Koku, Furansu-san. Für dieses Haus zwei Koku pro Jahr, dazu den Preis für ihr eigenes Haus innerhalb meiner Umzäunung, zwei Zofen, so viele Kleider, wie sie will, und ein Abschiedsgeschenk von fünf Koku, wenn Sie ihre Dienste nicht mehr benötigen. Diese Summe ist bei unserer Reis-Handelsbank in Gokoyama zu hinterlegen zu einem Zinssatz, dessen Betrag Ihnen bis zum Zeitpunkt der Trennung ausgezahlt wird. Das Ganze schriftlich, unterzeichnet und bei der Bakufu registriert.« Die Summe war nach japanischen Maßstäben enorm, nach euro- päischen selbst in Anbetracht des Wechselkurses extravagant. Eine Woche lang hatte er gehandelt, es aber nur geschafft, den Preis um einige Sous zu drücken. In jeder Nacht wurde er von seinen Träu- men geplagt. Also hatte er zugestimmt. Und sie war ihm vor sieben Monaten mit dem entsprechenden Ritual offiziell übergeben wor- den, nachdem sie offiziell zugestimmt hatte, ihn zu akzeptieren. Anschließend unterzeichneten beide das Schriftstück ganz offiziell. In der nächsten Nacht hatte er das Kopfkissen mit ihr geteilt, und sie war alles gewesen, was er sich erträumt hatte. Lachend, glücklich, begeistert, zärtlich, liebevoll. »Sie war ein Geschenk Gottes, Henri.« »Wohl eher des Teufels. Und die Mama-san auch.« »Nein, es war nicht ihre Schuld. Am Tag, bevor ich Hana bekam, teilte mir Raiko offiziell mit – das stand auch im Zahlungsdoku- ment –, daß die Vergangenheit Vergangenheit sei, versicherte mir, Hana als eines ihrer eigenen Mädchen zu betrachten und dafür zu, sorgen, daß Hana niemals von anderen Männern gesehen werde und ganz und gar mein sei.« »Dann hat sie sie umgebracht?« André schenkte sich noch einmal ein. »Ich… Ich bat Hana, mir die Namen der drei Männer zu nennen, einer von ihnen ist mein Mörder, aber sie sagte, das könne sie nicht – oder aber sie wollte nicht. Ich… Ich habe sie ins Gesiebt geschlagen, um sie zum Spre- chen zu bringen, aber sie wimmerte nur und schrie nicht mal auf. Ich hätte sie getötet, ja, aber ich liebte sie und… bin gegangen. Ich war wie ein tollwütiger Hund, inzwischen war es drei oder vier Uhr geworden, und ich ging einfach ins Meer hinein. Vielleicht wollte ich ertrinken, ich weiß es nicht, ich kann mich nicht genau erin- nern, aber das kalte Wasser gab mir den Verstand zurück. Als ich nach Hause kam, standen Raiko und die anderen unter Schock, re- deten unzusammenhängendes Zeug. Hana lag zusammengesunken dort, wo ich sie verlassen hatte. Nur in einem Meer von Blut, und mein Messer steckte in ihrer Kehle.« »Dann hat sie doch Selbstmord begangen?« »Das hat Raiko jedenfalls gesagt.« »Aber Sie glauben ihr nicht?« »Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, antwortete André verzwei- felt. »Ich weiß nur, daß ich zurückging, um ihr zu sagen, daß ich sie liebte, daß die Syphilis Karma sei, nicht ihre Schuld, daß mir meine Worte leid täten, daß alles so sein würde wie zuvor, nur daß wir, wenn es… wenn es offensichtlich würde, daß wir dann gemein- sam Selbstmord begehen würden…« Henri schwirrte der Kopf. Bevor sich das Gerücht vom Tod des Mädchens wie ein Lauffeuer durch die Niederlassung verbreitete, hatte er nicht einmal etwas vom Haus ›Zu den drei Karpfen‹ ge- hört. André tut immer so geheimnisvoll, dachte er, mit Recht, es ging mich nichts an – bis die Bakufu es offiziell machten. »Die drei Männer – weiß diese Raiko, wer sie waren?«, Wie betäubt schüttelte André den Kopf. »Nein, und die andere Mama-san wollte es ihr nicht sagen.« »Wer ist sie? Wie heißt sie? Wo ist sie? Wir werden sie den Bakufu melden, die können sie zum Reden bringen.« »Das andere Haus – ein Treffpunkt für Revolutionäre, die Herber- ge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ – wurde vor ungefähr einer Woche niedergebrannt und ihr Kopf auf einen Pfahl gesteckt. Hei- lige Mutter Gottes, Henri, was soll ich tun? Hana ist tot, und ich bin am Leben…«

Am frühen Nachmittag dieses Tages saß Dr. Hoag in dem Kut-ter, der die Gesandtschaftspier in Kanagawa ansteuerte, Babcott

hatte ihn benachrichtigt, er könne Kanagawa nicht verlassen, da er in seinem Ambulatorium dort operieren müsse, werde aber so bald wie möglich zurückkehren: …tut mir leid, aber es wird heute abend wohl spät werden, vielleicht sogar morgen früh. Aber Sie sind mehr als willkom- men, mich hier aufzusuchen, wenn Sie das wollen, nur müssen Sie darauf vorbereitet sein, hier zu übernachten, da das Wetter äußerst wechselhaft ist… An der Pier wartete ein Grenadier zusammen mit Lim, der gäh- nend eine angedeutete Verbeugung machte, als Hoag an Land ging. »Heya Mass'er, Lim-ah, Nummer Eins Boy.« »Wir können aufhören mit der Pidgin-Kuli-Quasselei, Lim«, gab Hoag in passablem Kantonesisch zurück, und Lim verdrehte die Augen. »Ich bin Medizin Doktor Weiser Erleuchteter.« Das war Hoags chinesischer Name, die Bedeutung der beiden Schriftzei- chen, die den Lauten ›hoh‹ und ›geh‹ am nächsten kamen, ausge-, wählt aus Dutzenden von Möglichkeiten durch Gordon Chen, ei- nem seiner Patienten. Lim starrte ihn an und tat, als könne er ihn nicht verstehen – normalerweise die schnellste Möglichkeit, um zu bewirken, daß ein fremder Teufel, der die Unverschämtheit besaß, ein paar Wörter der zivilisierten Sprache zu lernen, das Gesicht verlor. Ayeeyah, dachte er, wer ist dieser übelriechende Scheißer, dieser stinkende rote Teu- fel, diese Kröte von einem Affen, der es wagt, unsere Sprache mit einer so widerlichen Überheblichkeit zu sprechen… »Ayeeyah«, sagte Hoag zuckersüß, »auch ich habe viele, sehr viele schmutzige Wörter, um die Mutter eines Scheißers und ihre stin- kenden Körperteile zu beschreiben, wenn ein Mann aus einem Misthaufen von Hundepisse-Dorf mir auch nur eine winzige Chan- ce gibt – zum Beispiel, wenn er so tut, als verstehe er mich nicht.« »Medizin Doktor Weiser Erleuchteter? Ayeeyah, ein guter Name!« Lim lachte laut auf. »Und ich habe seit vielen Jahren nicht mehr eine so prächtige Männersprache von einem fremden Teufel ge- hört.« »Gut. Wenn du mich weiterhin als fremden Teufel bezeichnest, kannst du gern mehr davon hören. Meinen Namen hat Noble House Chen ausgesucht.« »Noble House Chen?« Sprachlos starrte Lim ihn an. »Der große Herr Chen, der mehr Säcke voll Gold besitzt als ein Ochse Haare? Ayeeyah, was für ein beschissenes Privileg!« »Ja«, stimmte Hoag zu: »Und er hat mir gesagt, wenn irgendeine Person des Reiches der Mitte – hoch oder nieder – mir irgendwel- che beschissenen Schwierigkeiten macht oder mir nicht den Sofort- dienst erweist, den ein Freund von ihm erwarten darf, soll ich ihm bei meiner Rückkehr den Namen dieses unverschämten Scheißers nennen.« »Oh ko, Medizin Doktor Weiser Erleuchteter, es ist in der Tat eine Ehre, Sie in unserem bescheidenen Misthaufen von Haus begrüßen, zu dürfen.« Dr. Hoag spürte, daß er sich Hochachtung erworben hatte, und segnete seine Lehrer, meistens dankbare Patienten, die ihn die wirk- lich wichtigen Wörter gelehrt und ihm erklärt hatten, wie man im Reich der Mitte mit gewissen Personen und Situationen fertig wird. Es war ein angenehmer, warmer Tag, und der Anblick der kleinen Stadt gefiel ihm: die Tempel, die er über den Dächern erkennen konnte, die Fischer, die die Binnengewässer abfischten, die Bauern überall auf den Reisfeldern, die Menschen, die kamen und gingen, und der unvermeidliche Strom der Reisenden auf der Tokaidō da- hinter. Als sie mit Lims ausgesprochen aufmerksamer Hilfe die Ge- sandtschaft erreichten, hatte Hoag sich ein relativ zutreffendes Bild der Lage in Kanagawa, der Zahl von Babcotts heutigen Patienten und dem gemacht, was ihn erwartete. George Babcott war in seinem Operationszimmer, wo ihm ein ja- panischer Gehilfe zur Hand ging, ein von den Bakufu bestimmter Student, der westliche Medizin erlernen sollte. Das Wartezimmer draußen war überfüllt mit Dorfbewohnern, Männern, Frauen und Kindern. Die Operation war blutig, ein Fuß mußte amputiert wer- den: »Der arme Kerl ist Fischer, mit dem Bein zwischen Boot und Pier gekommen, hätte nicht passieren dürfen, zuviel Saké, vermute ich. Sobald ich hier fertig bin, können wir über Malcolm sprechen. Haben Sie ihn gesehen?« »Ja. Hat keine Eile. Es ist schön, Sie wiederzusehen, George. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« »Danke, das wäre sehr freundlich von Ihnen. Hier komme ich schon zurecht, aber wenn Sie vielleicht die Leute draußen selektie- ren könnten? In die Fälle, die dringend sind, und jene, die warten können. Behandeln Sie, wen Sie wollen. Nebenan gibt es noch ei- nen ›Behandlungsraum‹, leider kaum mehr als ein Krankenzimmer. Mura, geben Sie mir die Säge«, bat er seinen Assistenten in sorg- fältig artikuliertem Englisch, nahm das Instrument und setzte es an., »Jedesmal, wenn ich hier operiere, wird es hektisch. Da im Schränk- chen sind die üblichen Medikamente, Schmerzmittel, bittere Hus- tenmixturen für nette, alte Damen und süße für die Zornigen.« Hoag ging hinaus und beobachtete die wartenden Männer, Frau- en und Kinder, staunte darüber, wie diszipliniert und geduldig sie waren, wie höflich und still. Rasch stellte er fest, daß niemand Po- cken, Lepra, Masern, Typhus oder Cholera oder irgendeine andere der ansteckenden Krankheiten hatte, die in Asien weit verbreitet wa- ren. Mehr als nur ein bißchen erleichtert, begann er sie einzeln zu befragen, begegnete aber abgrundtiefem Mißtrauen. Zum Glück war einer der Patienten Cheng-sin, ein älterer wandernder kantonesi- scher Briefschreiber und Wahrsager, der auch ein bißchen Japanisch sprach. Mit seiner Hilfe – nachdem er als der Lehrer des Riesigen Heilers vorgestellt worden war – eröffnete Dr. Hoag die zweite Pra- xis. Manche hatten kleinere Wehwehchen. Wenige waren ernst. Fie- ber, Übelkeit, Durchfall und ähnliches, einige konnte er diagnosti- zieren, andere nicht. Knochenbrüche, Schwert- und Messerwunden, Magengeschwüre. Eine junge, hochschwangere Frau hatte starke Schmerzen. Sein geübter Blick sagte ihm, daß die Geburt, ihre vierte, sehr schwer werden würde und daß der größte Teil ihrer Beschwerden daher kam, daß sie zu jung geheiratet, zu lange auf den Feldern gearbeitet und zu schwer getragen hatte. Er gab ihr eine kleine Fla- sche Opiumextrakt. »Sagen Sie ihr, wenn ihre Zeit kommt und die Schmerzen sehr stark sind, soll sie einen Löffel davon nehmen.« »Löffel? Wie groß, Ehrenwerter Weiser Erleuchteter?« »Einen normal großen Löffel, Cheng-sin.« Die Frau verneigte sich. »Domo arigato goziemashita«, murmelte sie, rührend in ihrer Dankbarkeit, und ging, mit beiden Händen ihren Bauch stützend, hinaus. Kinder mit Fieber, Erkältungen, Hakenwürmern, Geschwüren,, aber bei weitem nicht so schlimm, wie er es erwartet hatte, keine Malaria. Die Zähne im allgemeinen gut und stark, die Augen klar, keine Läuse – alle Patienten erstaunlich sauber und gesund im Ver- gleich zu chinesischen Dorfbewohnern. Keine Opiumsüchtigen. Nach einer Stunde war er so richtig in Schwung gekommen. Gerade hatte er einen gebrochenen Arm gerichtet, als die Tür auf ging und zögernd ein gutgekleidetes, attraktives junges Mädchen hereinkam, das sich höflich verneigte. Ihr Kimono war aus blau gemusterter Seide, der Obi grün, die Haare hatte sie sich mit Kämmen aufge- steckt. Ein blauer Sonnenschirm. Hoag bemerkte, daß Cheng-sin die Augen verengte. Sie beantwor- tete nervös seine Fragen und sprach mit leiser Stimme eindringlich auf ihn ein. »Medizin Doktor Weiser Erleuchteter«, begann Cheng-sin, immer wieder unterbrochen von seinem ständigen trockenen Husten, den Hoag sofort als Schwindsucht im Endstadium diagnostiziert hatte, »diese Dame sagt, ihr Bruder braucht erstklassige Hilfe, bald tot. Sie bittet, sie zu begleiten – Haus ganz in Nähe.« »Sagen Sie ihr, sie soll ihn herbringen lassen.« »Leider Angst, ihn zu bewegen.« »Was ist denn mit ihm?« Nach weiteren Fragen und Antworten, die für Hoag eher wie Feilschen klangen, sagte Cheng-sin: »Ihr Haus nur ein oder zwei Straßen höchstens. Ihr Bruder ist –« während er nach dem Wort suchte, hustete er – »schläft wie tot Mann, aber lebendig mit ver- rücktem Reden und Fieber.« Sein Ton wurde honigsüß. »Sie Angst ihn bewegen, Ehrenwerter Medizin Doktor Weiser Erleuchteter. Ihr Bruder Samurai, sie sagt, viele wichtige Personen sehr glücklich, wenn Sie Bruder helfen. Ich glaube, sie sagen Wahrheit.« Aus den Hongkonger Zeitungen war Hoag die Bedeutung der Sa- murai bekannt, und er wußte, daß alles, wodurch man ihr Vertrau- en und damit ihre Kooperation erlangte, dem britischen Einfluß, förderlich sein würde. Er musterte sie. Sofort schlug sie die Augen nieder, und ihre Nervosität nahm zu. Sie schien fünfzehn oder sechzehn Jahre alt zu sein, und ihre Züge unterschieden sich stark von denen der Dorfbewohner, ihre Haut war wunderschön. Wenn ihr Bruder Samurai ist, dachte er fasziniert, dann ist sie das auch. »Wie heißt sie?« »Uki Ichikawa. Bitte beeilen.« »Ihr Bruder ist ein wichtiger Samurai?« »Ja«, bestätigte Cheng-sin. »Ich Sie begleiten, keine Angst.« Hoag schnaubte verächtlich. »Angst? Ich? Zum Teufel mit der Angst. Warte hier.« Er ging zum Operationsraum und öffnete leise die Tür. Babcott war gerade damit beschäftigt, einem Jungen einen vereiterten Zahn zu ziehen, während die Mutter händeringend und unablässig plappernd danebenstand. Er beschloß, ihn nicht zu stö- ren. Am Tor wurden sie höflich vom Sergeant der Wache angehalten und gefragt, wohin sie wollten. »Ich gebe Ihnen zwei von meinen Männern mit. Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Das Mädchen versuchte sie zu überreden, keine Soldaten mitzu- nehmen, aber der Sergeant war unerbittlich. Schließlich willigte sie ein und führte sie, noch nervöser geworden, durch eine Straße in ein Seitengäßchen, dann in ein weiteres und noch eines. Die Dorf- bewohner, denen sie begegneten, wandten den Blick ab und husch- ten davon. Hoag trug seine Arzttasche. Da er über den Dächern noch immer den Tempel sehen konnte, war er beruhigt und außer- dem froh über die Soldaten, denn er wußte, es wäre leichtsinnig ge- wesen, ohne ihre Begleitung zu gehen. Cheng-sin trottete, einen ho- hen Stab in der Hand, neben ihm her. Diese junge Dame ist nicht ganz das, was sie zu sein vorgibt, dachte Hoag, ziemlich aufgeregt über sein Abenteuer. Wieder in eine andere Gasse. Dann blieb sie vor einer Tür in ei- nem hohen Zaun stehen und klopfte. Ein Gitter wurde geöffnet,, gleich darauf die Tür. Als der dicke Diener die Soldaten sah, wollte er sie wieder schließen, aber das Mädchen befahl ihm gebieterisch, sie einzulassen. Der Garten war klein, gepflegt, aber nicht extravagant. An der Treppe zur Veranda eines kleinen Shoji-Hauses schlüpfte sie aus ih- ren Holzschuhen und bat die anderen, dasselbe zu tun. Für Hoag recht mühselig, denn er trug hohe Stiefel. Sogleich befahl sie dem Diener, ihm zu helfen, und dieser gehorchte augenblicklich. »Ihr beiden wacht am besten hier«, sagte Hoag, der sich der Lö- cher in seinen Socken schämte, zu den Soldaten. »Jawohl, Sir.« Ein Soldat kontrollierte sein Gewehr. »Ich werde mich mal hinten umsehen. Wenn Sie Ärger kriegen, rufen Sie ein- fach.« Das junge Mädchen schob die Shoji zurück. Auf den Futons lag Ori Ryoma, der Shishi von der Tokaidō-Attacke; seine Laken waren durchnäßt, eine Zofe fächelte ihm Luft zu. Sie riß die Augen auf, als sie Hoag sah und nicht den Ehrenwerten Medizin Riesen Heiler, den sie erwartet hatte, und wich angstvoll zurück, als er schwerfällig hereingestapft kam. Ori war bewußtlos, im Koma – seine Schwerter lagen auf einem niedrigen Gestell in der Nähe, in der Tokonoma stand ein Blumen- arrangement. Hoag hockte sich neben ihn. Die Stirn des jungen Mannes war glühend heiß, das Gesicht gerötet, das Fieber gefähr- lich hoch. Der Grund dafür wurde klar, als Hoag den Verband an Schulter und Oberarm löste. »Großer Gott«, murmelte er, als er das Ausmaß der geschwollenen, giftigen Entzündung sah und den ver- räterischen Geruch sowie das schwarze, abgestorbene Gewebe – Gangräne – rund um die Schußwunde wahrnahm. »Wann wurde er verletzt?« »Sie weiß nicht genau. Zwei oder drei Wochen.« Abermals betrachtete er die Wunde. Dann ging er, ohne zu be- merken, daß alle ihn ansahen, hinaus, setzte sich auf den Rand der, Veranda und starrte ins Leere. Jetzt brauche ich nur noch mein schönes Krankenhaus in Hong- kong, die schöne Operationseinrichtung, meine wundervollen Nightingale-Schwestern und einen ganzen Haufen Glück, um die- sen armen Kerl zu retten. Beschissene Schußwaffen, beschissene Kriege, beschissene Politiker… Verdammt, mein ganzes Arbeitsleben lang hab ich versucht, Schußverletzungen zu heilen, fast immer ohne Erfolg: sechs Jahre bei der Ostindienkompanie im verfluchten Bengalen, fünfzehn Jahre in der Kolonie, dann die Jahre des Opiumkrieges und mit dem Hongkong Hospital Detachement ein freiwilliges Jahr auf der Krim, das blutigste von allen. Beschissene Schußwaffen! Großer Gott, welch eine unnötige Verschwendung! Nachdem er seinen Zorn herausgeflucht hatte, steckte er sich eine Zigarre an, paffte und warf das Streichholz zu Boden. Sogleich eilte der erschrockene Diener herbei und las den anstößigen Gegenstand auf. »Oh, tut mir leid«, entschuldigte sich Hoag, dem die makellose Sauberkeit des Weges und der Umgebung entgangen war. Er inha- lierte tief; dann konzentrierte er seine Gedanken auf den jungen Mann. Endlich entschloß er sich, wollte den Stumpen wegwerfen, hielt inne und gab ihn dem Diener, der sich verneigte und davon- ging, um ihn zu vergraben. »Cheng-sin, sag ihr, es tut mir leid, aber ich glaube, daß ihr Bru- der sterben wird, ob ich nun operiere oder nicht.« »Sie sagt: ›Wenn stirbt, ist Karma. Wenn nicht Hilfe, er stirbt heu- te, morgen. Bitte versuchen. Wenn stirbt, Karma.‹ Sie bittet Hilfe.« Und leise setzte Cheng-sin hinzu: »Medizin Doktor Weiser Erleuch- teter, dieser junge Mann wichtig. Wichtig versuchen, heya?« Hoag sah das junge Mädchen an. Sie erwiderte den Blick. »Dozo, Hoh Geh-sama«, sagte sie. Bitte. »Nun gut, Uki. Cheng-sin, sag ihr noch einmal, daß ich ihr, nichts versprechen kann, aber ich will's versuchen. Ich brauche Seife, viel heißes Wasser in Schüsseln, viele saubere Laken, viele zu Tupfern und Bandagen zerrissene Laken, viel Ruhe und jemand mit einem kräftigen Magen, der mir zur Hand geht.« Sofort zeigte das junge Mädchen auf sich selbst. »Watashi wa desu.« Das werde ich tun. Hoag runzelte die Stirn. »Sag ihr, daß es sehr unangenehm sein wird, viel Blut, viel Gestank und häßlich.« Er sah, wie sie dem Chi- nesen aufmerksam zuhörte und dann mit unübersehbarem Stolz erwiderte: »Gomenasai, Hoh Geh-san, wakarimasen. Watashi samurai desu.« »Sie sagen: ›Bitte entschuldigen, ich verstehe, ich Samurai.‹« »Ich weiß nicht, was das für Sie bedeutet, meine hübsche junge Dame, und ich wußte nicht, daß auch Frauen Samurai sein kön- nen. Aber fangen wir an.« Hoag merkte sehr schnell, daß eine Haupteigenschaft der Samu- rai Mut war. Kein einziges Mal schwankte sie, während er die Wun- de reinigte, das infizierte Gewebe wegschnitt, wobei übelriechender Eiter freigelegt wurde, die Wunde ausspülte, wobei aus einer verletz- ten Ader Blut pulsierte, bis er den Strom stoppen und, immer wie- der tupfend, die Ader reparieren konnte, während die weiten Ärmel des Kimonos sowie das Tuch, mit dem sie ihre Haare zurückgebun- den hatte, über und über beschmutzt waren und stanken. Eine Stunde arbeitete er, summte von Zeit zu Zeit vor sich hin, mit verschlossenen Ohren, mit verschlossener Nase, weil alle Sinne geschärft waren, wiederholte eine Operation, die er tausendmal durchgeführt hatte. Schneiden, nähen, säubern, verbinden. Dann war er fertig. Ohne Eile reckte er sich, um seine verkrampften Rückenmuskeln zu entspannen, wusch sich die Hände und legte das blutverschmier- te Laken ab, das er sich als Schürze umgebunden hatte. Ori lag am Rand der Veranda, die als provisorischer Operationstisch diente,, während er selbst im Garten davor stand: »Ich kann nicht auf den Knien operieren, Uki«, hatte er ihr erklärt. Alles, was er von ihr verlangte, hatte sie ohne Zögern getan. Ein Narkosemittel war nicht notwendig gewesen, denn das Koma, in dem der Mann lag, der angeblich Hiro Ichikawa hieß, war sehr tief. Ein- oder zweimal schrie Ori auf – nicht vor Schmerz, sondern in einem Alptraum. Und schlug um sich, doch ohne Kraft. Ori stieß einen tiefen Seufzer aus. Besorgt tastete Hoag nach sei- nem Puls. Er war kaum spürbar, genau wie seine Atmung. »Macht nichts«, murmelte er, »wenigstens hat er einen Puls.« »Gomenasai, Hoh Geh-san«, sagte die sanfte Stimme, »anato kikona- mas, hai, iye?« »Sie sagt: Entschuldigen, Ehrenwerter Weiser Erleuchteter, denken Sie ja oder nein?« Cheng-sin hustete. Er hatte sich in einiger Entfer- nung von der Veranda aufgehalten und ihnen ständig den Rücken gekehrt. Hoag zuckte die Achseln; er sah sie an, dachte über sie nach, woher sie die Kraft nahm, wo sie wohnte und was nunmehr ge- schehen würde. Sie war sehr blaß; ihre Züge waren verkrampft, aber von einem eisernen Willen beherrscht. Als er lächelte, bildeten sich Fältchen um seine Augen. »Ich weiß es nicht. Das müssen wir Gott überlassen. Uki, Sie Nummer eins. Samurai.« »Domo… domo arigato goziemashita.« Ich danke Ihnen. Sie verneigte sich bis auf die Tatami. Ihr eigentlicher Name war Sumomo Anato; sie war Hiragas zukünftige Ehefrau und Shorins Schwester, nicht Oris. »Sie fragt, was sie jetzt tun soll.« »Im Augenblick gar nichts. Sagen sie der Zofe, sie soll dem Ver- letzten kalte Tücher auf die Stirn legen und den Verband mit sau- berem Wasser tränken, bis das Fieber sinkt. Wenn er… wenn das Fieber gesunken ist – ich hoffe, noch vor dem Morgen –, wird er am Leben bleiben. Vielleicht.« Die nächste Frage lautete gewöhn-, lich, wie stehen seine Chancen. Dieses Mal kam sie nicht. »Also, dann werde ich jetzt gehen. Sagen Sie ihr, sie soll morgen früh ei- nen Führer zu mir schicken…« Wenn er dann noch am Leben ist, dachte er, ohne es auszusprechen. Während Cheng-sin übersetzte, begann er seine Instrumente zu reinigen. Das junge Mädchen winkte dem Diener und sagte etwas zu ihm. »Hai«, sagte der Mann und eilte davon. »Medizin Doktor Weiser Erleuchteter, bevor Sie gehen, Dame sagt, wollen sicher baden. Ja?« Dr. Hoag wollte schon nein sagen, nickte aber wider Willen. Und war froh, daß er es tat. In der Abenddämmerung saß Babcott erschöpft, aber zufrieden mit seiner Arbeit auf der Veranda der Gesandtschaft und ließ sich einen Whisky schmecken. Die Brise, die über den Garten hereinwehte, trug einen angenehmen Geruch nach Meer herbei. Während sein Blick unwillkürlich zu dem Buschwerk wanderte, in dem drei Wo- chen zuvor der schwarz gekleidete Attentäter gefangen und getötet worden war, begann die Tempelglocke zu läuten, und der ferne, kehlige Singsang der Mönche erklang: »Ommm mani padme humm…« Als er aufblickte, kam Hoag zu ihm heraus. »Allmächtiger!« Hoag trug eine gemusterte, gegürtete Yokata, weiße Schuh-Socken an den Füßen und japanische Holzsandalen. Haare und Bart waren gekämmt und frisch gewaschen. Unter den Arm hatte er sich ein großes, strohumflochtenes Faß Saké geklemmt und strahlte, »'n Abend, George!« »Sie sehen ja mehr als zufrieden aus. Wo waren Sie?« »Das Beste von allem war das Bad.« Hoag stellte das Faß auf ein Sideboard und schenkte sich einen steifen Whisky ein. »Mein Gott, das Beste, was ich jemals erlebt habe. Sie können sich nicht vorstel- len, wie wohl ich mich jetzt fühle.«, »Wie war sie?« erkundigte sich Babcott ironisch. »Kein Sex, mein Alter, nur sauber gewaschen und in fast kochen- des Wasser getaucht, geknetet, gewalkt und massiert, und dann in dieses Gewand gesteckt. Inzwischen waren meine Kleider gewaschen und gebügelt, die Stiefel geputzt und die Socken ersetzt worden. Fa- belhaft. Sie gab mir den Saké und das hier…« Aus dem Ärmel holte er zwei ovale Münzen und eine mit Schriftzeichen bedeckte Papier- rolle und zeigte sie Babcott. »Himmel, da hat man Sie aber wirklich gut bezahlt, das sind Gold-Oban – davon können Sie mindestens eine Woche lang in Champagner baden! Der Sergeant berichtete, Sie hätten einen Hausbesuch gemacht.« Beide lachten. »Bei einem Daimyo?« »Glaube ich nicht. Es war ein junger Mann, ein Samurai. Glaube kaum, daß ich ihm viel geholfen habe. Können Sie die Schriftrolle lesen?« »Ich nicht, aber Lim. Lim!« »Ja, Mass'r?« »Papier was?« Lim nahm die Rolle. Seine Augen wurden groß; aufmerksam las er sie noch einmal, dann sagte er auf kantonesisch zu Hoag: »Da steht: ›Medizin Doktor Weiser Erleuchteter hat großen Dienst ge- leistet. Im Namen der Satsuma-Shishi, gebt ihm jede Hilfe, die er benötigt.‹« Mit zitterndem Finger zeigte Lim auf die Unterschrift: »Leider, Herr, den Namen kann ich nicht lesen.« »Warum fürchtest du dich?« erkundigte sich Hoag, ebenfalls auf kantonesisch. Nervös antwortete Lim: »Die Shishi sind Rebellen, Banditen, die von den Bakufu gejagt werden. Es sind böse Menschen, auch wenn sie Samurai sind, Herr.« Ungeduldig fragte Babcott: »Was steht da, Ronald?« Hoag erklärte es ihm. »Großer Gott, ein Bandit? Was ist passiert?«, Durstig holte sich Hoag einen weiteren Drink, dann schilderte er in allen Einzelheiten die Frau, den jungen Mann, die Wunde und wie er das abgestorbene Gewebe weggeschnitten hatte. »… scheint so, als ob der arme Kerl vor zwei bis drei Wochen angeschossen wurde, und…« »Allmächtiger!« Babcott sprang auf, weil plötzlich alles zusam- menpaßte. Hoag verschüttete vor Schreck seinen Drink. »Sind Sie verrückt geworden?« keuchte er. »Würden Sie den Weg dorthin wiederfinden?« »Eh? Na ja, ich glaube schon, aber wieso…« »Kommen Sie, schnell!« Im Hinauslaufen rief Babcott laut: »Ser- geant der Wache!« Sie eilten eine Hintergasse entlang, allen voran Hoag, dicht auf sei- nen Fersen Babcott, dahinter der Sergeant mit seinen zehn Solda- ten, alle bewaffnet. Die wenigen Fußgänger, denen sie begegneten, einige davon mit Laternen, machten ihnen erschrocken Platz. Über ihnen schien ein heller Mond. Immer schneller. Eine Abzweigung verpaßt. Hoag fluchte, machte kehrt, fand sich wieder zurecht und entdeckte die halb verborgene Einmündung des richtigen Gäßchens. Weiter. Eine andere Gasse. Er hielt inne, zeigte hinüber. Zwanzig Meter weiter sahen sie die Tür. Nun übernahm der Sergeant mit den Soldaten die Spitze. Zwei von ihnen stellten sich mit dem Rücken zur Mauer, um Wache zu halten, vier rammten ihre Schultern gegen die Tür, hoben sie aus den Angeln und drängten durch die Öffnung. Hoag und Babcott folgten ihnen, beide trugen geliehene Gewehre, in deren Gebrauch sie geübt waren, für europäische Zivilisten in Asien ein Muß. Den Weg entlang. Die Treppe hinauf. Der Sergeant riß die Shoji auf. Das Zimmer war leer. Ohne Zögern lief er in den nächsten Raum, dann in den übernächsten. Nirgends, weder in den fünf mit-, einander verbundenen Zimmern noch in der Küche oder dem klei- nen, hölzernen Anbau eine Spur der Bewohner. Wieder in den Gar- ten hinaus. »Verteilt euch, Männer. Jones und Berk gehen hier entlang, ihr beiden da drüben, ihr beiden dort, und ihr zwei haltet hier Wache und macht um Gottes willen die Augen auf!« Paarweise drangen sie weiter in den Garten vor, der eine den anderen beschützend, denn bei dem ersten Attentäter hatten sie ihre Lektion gelernt. In jeden Winkel. Mit entsicherten Gewehren rings an der Außenmauer ent- lang. Nichts. Als der Sergeant zurückkehrte, fluchte er. »Himmeldon- nerwetter, Sir! Kein verdammter Ton, gar nichts. Sind Sie sicher, daß wir hier richtig sind?« Hoag zeigte auf einen dunklen Fleck auf der Veranda. »Dort habe ich operiert.« Babcott fluchte und sah sich um. Das Haus war von anderen Häusern umgeben, aber nur Dächer waren über dem Zaun zu se- hen, und keine Fenster blickten in diese Richtung. Nirgends eine Möglichkeit, sich zu verstecken. »Die müssen sofort geflohen sein, als Sie weg waren.« Hoag wischte sich den Schweiß von der Stirn, insgeheim froh, daß sie entkommen war und nicht in der Falle saß. Nachdem er zum Baden gegangen war, hatte er sie zu seinem Bedauern nicht mehr gesehen. Die Zofe hatte ihm Geld und Schriftrollen sowie das Faß gegeben, ihm erklärt, ihre Herrin werde ihm morgen früh einen Führer schicken, und ihm gedankt. Was ihren Bruder betraf, so war er nicht sicher. Der junge Mann war einfach ein Patient, er selbst war Arzt und wollte seine Arbeit erfolgreich beenden. »Wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß der junge Mann einer der Attentäter sein könnte. Für mich hätte es keinen Unterschied gemacht, nicht bei der Operation. Aber wenig- stens kennen wir jetzt seinen Namen.«, »Eintausend Oban gegen einen krummen Kopf, daß es ein fal- scher Name ist. Wir wissen ja nicht einmal genau, ob er wirklich ihr Bruder war. Wenn er ein Shishi war, wie es in der Schriftrolle heißt, muß der Name falsch sein, und außerdem ist es ein alter Brauch bei den Japanern, hinterhältig zu sein.« Babcott seufzte. »Daß er einer der beiden Tokaidō-Teufel war, dessen bin ich mir auch nicht sicher. Das ist nur so eine Ahnung. Wie standen seine Chancen?« »Der Transport war sicher nicht gut für ihn.« Hoag überlegte ei- nen Moment. »Bevor ich ging, hab ich ihn noch einmal unter- sucht. Sein Puls war schwach, aber regelmäßig. Ich denke, daß ich den größten Teil des abgestorbenen Gewebes weggeschnitten habe, aber…« Er zuckte die Achseln. »Sie wissen ja, wie es ist. Ich würde nicht viel Geld darauf wetten, daß er überlebt. Aber schließlich, was weiß man schon, eh? Und jetzt erzählen Sie mir von dem Überfall, in allen Einzelheiten.« Auf dem Rückweg schilderte ihm Babcott alles, was geschehen war. Und erzählte ihm von Malcolm Struan. »Ich mache mir Sor- gen um ihn, aber Angélique ist so ziemlich die beste Kranken- schwester, die er haben kann.« »Das hat Jamie auch gesagt. Ich stimme zu, es gibt nichts Besse- res als eine schöne junge Dame im Krankenzimmer. Malcolm hat erschreckend viel Gewicht – und Mut – verloren, aber er ist jung, und nach seiner Mutter war er immer der Stärkste in der Familie. Er müßte also in Ordnung sein, jedenfalls, solange die Nähte hal- ten. Ich habe sehr viel Vertrauen zu Ihnen, George, obwohl es ein langer, beschwerlicher Weg für ihn sein wird. Er ist sehr verliebt in das junge Mädchen, nicht wahr?« »Ja. Und sie in ihn. Der Junge hat Glück.« Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte Hoag zögernd: »Ich… nun ja, ich nehme an, Sie wissen, daß seine Mutter strikt gegen jegliche Form einer Verbindung mit der jungen Dame ist.«, »Ja. Ich habe davon gehört. Das gibt ein Problem.« »Dann sind Sie der Ansicht, daß Malcolm es ernst meint?« »Mehr als ernst. Sie ist ein prachtvolles Mädchen.« »Sie kennen sie?« »Angélique? Nicht direkt, nicht als Patientin, obwohl ich sie un- ter furchtbarem Streß erlebt habe. Und Sie?« Hoag schüttelte den Kopf. »Nur auf Einladungen, bei den Ren- nen, gesellschaftlich. Seit ihrer Ankunft vor drei, vier Monaten war sie der Mittelpunkt jedes Balles, und das mit Recht. Als Patientin, nein, in Hongkong gibt es jetzt einen französischen Arzt – man stelle sich das vor! Aber ich gebe zu, sie ist atemraubend. Nicht un- bedingt die ideale Ehefrau für Malcolm, wenn er das etwa im Sinn haben sollte.« »Weil sie keine Engländerin ist? Und nicht wohlhabend?« »Beides und mehr. Es tut mir leid, aber ich traue den Franzosen nicht, minderwertige Rasse – es ist ihnen einfach nicht gegeben. Ihr Vater ist ein perfektes Beispiel dafür, charmant und galant nach außen, doch gleich darunter ein Lump, und zwar durch und durch. Tut mir leid, aber für meinen Sohn würde ich mir seine Tochter nicht wünschen.« Babcott fragte sich, ob Hoag ahnte, daß er von dem Skandal wußte: Als der junge Doktor Hoag vor über fünfundzwanzig Jahren in Bengalen bei der Ostindienkompanie war, hatte er gegen jegliche Konvention und den offen ausgesprochenen Rat seiner Vorgesetz- ten eine junge Inderin geheiratet und war daraufhin entlassen und in Schande nach Hause geschickt worden. Die beiden hatten eine Tochter und einen Sohn bekommen, und dann war sie gestorben; die Londoner Kälte, der Nebel und die Feuchtigkeit waren für ei- nen Menschen indischer Abstammung so etwas wie ein Todesurteil. Die Menschen sind seltsam, dachte Babcott. Da ist ein guter, tap- ferer, aufrechter Engländer mit einem Sohn, der ein halber Inder – und in England daher nicht gesellschaftsfähig – ist, und der be-, schwert sich über Angéliques Abstammung. Wie dumm! Und sogar noch dümmer ist es, sich vor der Wahrheit zu verstecken. Ja, aber versteckst du dich nicht auch vor ihr? Du bist achtundzwanzig, hast noch viel Zeit zum Heiraten, aber wirst du jemals irgendwo – geschweige denn in Asien, wo du dein Arbeitsleben verbringen wirst – eine so aufregende Frau wie Angélique finden? Ich weiß, ich weiß. Zum Glück wird Struan sie vermutlich heiraten, das wär's dann wohl. Und ich werde ihn, weiß Gott, dabei unterstützen! »Vielleicht will Mrs. Struan ihn nur beschützen, wie jede Mutter«, gab er zu bedenken, denn er wußte, wie stark Hoags Einfluß bei den Struans war. »Und ist nur dagegen, daß er sich jetzt schon bin- det. Ist doch verständlich. Er ist jetzt Tai-Pan, und das wird all sei- ne Energien beanspruchen. Aber mißverstehen Sie mich nicht, ich halte Angélique für eine großartige junge Dame, eine so tapfere und gute Gefährtin, wie jeder Mann sie sich nur wünschen kann und wenn er seine Sache gut machen will, wird Malcolm jede Un- terstützung brauchen, die er kriegt.« Hoag vernahm die unterschwellige Leidenschaft, merkte sie sich und ließ die Sache auf sich beruhen, denn seine Gedanken wander- ten auf einmal nach London zurück, wo seine Schwester und ihr Mann seinen Sohn und seine Tochter großzogen. Und wieder ein- mal haßte er sich dafür, daß er Indien verlassen, daß er sich der Konvention gebeugt und sie dadurch getötet hatte. Arjumand, die Liebliche. Ich muß wahnsinnig gewesen sein, meinem Liebling diese schlim- men Winter zuzumuten – wo ich doch wieder von vorn anfangen mußte, pleite und ohne Job, wie ich war. Ich hätte bleiben und mich gegen die Kompanie wehren sollen, meine chirurgischen Fä- higkeiten hätten sie letztlich dazu gezwungen, mich zu akzeptieren, und das hätte uns sicher gerettet… Die beiden Soldaten, die als Wache zurückgeblieben waren, salu- tierten, als sie vorüberkamen. Im Speisezimmer war der Tisch zum, Dinner für zwei gedeckt. »Scotch oder Champagner?« erkundigte sich Babcott. Dann rief er: »Lim!« »Schampus. Soll ich?« »Ich mach's schon.« Babcott öffnete die Flasche, die in dem Eis- kübel wartete. »Gesundheit! Lim!« »Und Glück!« Sie stießen an. »Perfekt! Wie ist Ihr Koch?« »Mäßig bis schlecht, aber die Qualität der Meeresfrüchte ist erst- klassig. Wo zum Teufel steckt Lim?« Babcott seufzte. »Dieser Bur- sche braucht den Stock. Beschimpfen Sie ihn auf kantonesisch, ja?« Aber die Pantry des Butlers war leer. Auch in der Küche war Lim nicht. Schließlich fanden sie ihn im Garten unmittelbar neben ei- nem Weg. Er war enthauptet und sein Kopf beiseite geworfen wor- den. An seiner Stelle trug er den Kopf eines Affen. »Nein, meine Dame«, sagte die Mama-san ängstlich. »Sie können Ori-san morgen nicht hier lassen, Sie müssen bei Tagesanbruch fort.« »Tut mir leid«, entgegnete Sumomo, »Ori wird hier bleiben, bis…« »Tut mir leid, seit dem Überfall auf den Obersten Minister Anjo ist die Jagd auf die Shishi verstärkt worden, die Belohnungen für Informationen sind sehr hoch, und jeder Bewohner eines Hauses, das sie beherbergt, ist des Todes.« »Dieser Befehl gilt in Edo, nicht hier«, widersprach Sumomo. »Tut mir leid, jemand hat geredet«, sagte Noriko, die Mama-san, mit verkniffenem Mund. Sie waren allein in ihrem Privatquartier der Herberge ›Zu den Mitternachtsblüten‹; beide knieten auf pur- purnen Kissen, das Zimmer wurde von Kerzen beleuchtet, zwischen ihnen stand ein niedriges Tischchen mit Tee, und die Mama-san war soeben von einer zornigen Unterredung mit dem Reishändler- Geldverleiher zurückgekehrt, der die Zinsen auf ihre Hypothek we-, gen der gefährlichen Situation im Reich von dreißig auf fünfund- dreißig Prozent erhöht hatte. Mutterloser Hund, dachte sie wütend; dann schob sie dieses Problem beiseite, um sich mit dem gefährli- cheren zu befassen, das einer sofortigen Lösung bedurfte. »Heute morgen haben wir gehört, daß die Vollstrecker…« »Wer?« »Die Vollstrecker? Das sind spezielle Vernehmungsbeamte, Baku- fu-Patrouillen, gnadenlose Männer. Heute nacht sind sie eingetrof- fen. Ich erwarte, daß sie uns einen Besuch abstatten. Es tut mir leid, aber bei Tagesanbruch müssen Sie fort sein.« »Tut mir leid, aber Sie werden ihn hier behalten, bis es ihm besser geht.« »Ich wage es nicht! Nicht nach dem, was in der Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ geschah. Die Vollstrecker kennen keine Gnade. Ich will nicht, daß mein Kopf auf einen Pfahl gesteckt wird.« »Das war in Edo; hier ist Kanagawa. Dies ist die Herberge ›Zu den Mitternachtsblüten‹. Es tut mir leid, aber Hiraga-san würde es verlangen.« »Hier verlangt niemand etwas«, entgegnete Noriko scharf, »nicht einmal Hiraga-san. Ich muß an meinen eigenen Sohn denken, und an mein Haus.« »Richtig. Und ich muß an den Freund meines Bruders und Hira- gas Verbündeten denken. Und an das Gesicht meines Bruders. Ich bin ermächtigt, seine Schulden zu begleichen.« Noriko starrte sie fassungslos an. »Alle Schulden, die Shorin hat- te?« »Die Hälfte jetzt, die Hälfte, wenn sonno-joi regiert.« »Abgemacht«, sagte Noriko, so überwältigt von dem unerwarteten Geldsegen, den sie nicht mehr erwartet hatte, daß sie das Feilschen unterließ. »Aber keine Gai-Jin-Ärzte, und nicht länger als eine Wo- che.«, »Einverstanden.« Aus einer Geheimtasche in ihrem Ärmel holte das junge Mädchen eine Börse. Als Noriko die Goldmünzen sah, hielt sie unwillkürlich den Atem an. »Hier sind zehn Oban. Wenn wir abreisen, werden Sie mir eine Quittung und eine detaillierte Aufstellung seiner Schulden geben. Wo wird Ori in Sicherheit sein?« Noriko machte sich Vorwürfe, weil sie so voreilig gewesen war, aber nachdem sie zugestimmt hatte, mußte sie ihr Gesicht wahren. Während sie überlegte, was zu tun sei, musterte sie das junge Mäd- chen, das vor ihr saß. Sumomo Anato, jüngere Schwester des Shishi Shorin Anato – des Jungen, den sie vor vielen Jahren in die Welt der Männer eingeführt hatte. Eeee, welche Wollust, welche Kraft für einen so jungen Mann, dachte sie mit einem angenehmen, doch unangebrachten Sehnen. Und welch denkwürdige Kurtisane würde dieses Mädchen abgeben! Gemeinsam könnten sie ein Vermögen verdienen, in ein, zwei Jahren würde sie einen Daimyo heiraten, und wenn sie dann noch Jungfrau ist – welch einen Kopfkissenpreis könnte ich da verlangen! Sie ist genauso schön, wie Shorin gesagt hat, eine klassische Satsuma – nach seiner Aussage in jeder Hinsicht eine Samurai. Mindestens genauso schön. »Wie alt sind Sie, meine Dame?« Sumomo zuckte zusammen. »Sechzehn.« »Wissen Sie, wie Shorin umgekommen ist?« »Ja. Ich werde mich rächen.« »Hat Hiraga es Ihnen erzählt?« »Sie stellen zu viele Fragen«, warnte Sumomo die Ältere scharf. Noriko war belustigt. »In dem Spiel, das wir beide spielen, Sie und ich, sind wir Schwestern, obwohl Sie Samurai sind und ich ei- ne Mama-san.« »Ach ja?« »Ach ja. Tut mir leid, aber es ist das wichtige Spiel, unsere Män- ner zu decken und sie vor der eigenen Tapferkeit zu beschützen., Oder vor ihrer Dummheit. Unser Leben aufs Spiel zu setzen, um sie vor sich selbst zu beschützen, erfordert Vertrauen auf beiden Seiten. Das Vertrauen von Blutsschwestern. Hiraga hat Ihnen also von Shorin erzählt?« Sumomo wußte, daß ihre Position schwach war. »Ja.« »Ist Hiraga Ihr Liebhaber?« Sumomos Augen wurden schmal. »Hiraga ist… war mein Verlob- ter, bevor er… bevor er fortging, um sonno-joi zu dienen.« Die Mama-san machte große Augen. »Ein Satsuma-Samurai ge- stattet, daß seine Tochter sich mit einem Choshu-Samurai verlobt?« »Mein Vater… Mein Vater war nicht einverstanden. Und meine Mutter auch nicht. Nur Shorin. Mir gefiel die Wahl nicht, die sie für mich getroffen hatten.« »Ach, tut mir leid.« Noriko wußte nur allzu gut, was das bedeute- te: ständigen Druck, Hausarrest und Schlimmeres. »Hat Ihre Fami- lie Sie verstoßen?« Sumomo saß regungslos vor ihr. Ihre Stimme blieb ruhig. »Vor wenigen Monaten beschloß ich, meinem Bruder und Hiraga-san zu folgen, um meinem Vater diese Schande zu ersparen. Jetzt bin ich eine Ronin.« »Sind Sie wahnsinnig? Frauen können keine Ronin werden.« »Noriko.« Sumomo beschloß, das Risiko einzugehen. »Ich finde ebenfalls, daß wir Blutsschwestern werden sollten.« Plötzlich hielt sie ein Stilett in der Hand. Noriko starrte sie verwundert an; sie hatte nicht gesehen, woher das Messer kam. Verdutzt sah sie zu, wie Sumomo ihren Finger ritzte und anschließend ihr den zierlichen Dolch anbot. Ohne zu zögern, machte sie es ihr nach. Dann berührten sich ihre Finger, bis sich ihr Blut vermischte, und sie verneigten sich würdevoll. »Ich bin geehrt. Ich danke dir, Sumomo-san.« Lächelnd reichte die Ma- ma-san das Messer zurück. »Jetzt bin ich auch ein winziges bißchen Samurai, ja?«, Das Stilett verschwand wieder im Ärmel. »Wenn der Kaiser seine gesamte Macht zurückerhält, wird ER alle, die es verdienen, zu Sa- murai machen. Wir werden uns für dich einsetzen, Hiraga-san, Ori und ich.« Wieder verneigte sich Noriko dankend. Der Gedanke war wunder- voll, lag aber weit über ihren Möglichkeiten, und sie war sicher, daß sie das Unvorstellbare niemals erleben würde: den Tag, an dem das Toranaga-Shōgunat aufhörte zu existieren. »Im Namen all mei- ner Ahnen danke ich dir. Und nun, Saké!« »Danke, nein. Es tut mir leid, aber Sensei Katsumata hat alle Frauen in seiner Schule dem Saké abschwören lassen. Er würde un- sere Fähigkeiten auf ewig lähmen und unserem Auge die Schärfe nehmen. Bitte, wo ist Hiraga-san?« Noriko, die sie beobachtete, verbarg ihr Lächeln. »Katsumata, der große Sensei? Du hast bei ihm gelernt? Shorin hat uns erzählt, daß du mit Schwert, Messer und shuriken umgehen kannst. Ist das wahr?« Mit verblüffender Geschwindigkeit fuhr Sumomos Hand in ihren Obi, kam mit einem Shuriken heraus und schleuderte die kleine, rasiermesserscharfe, fünfschneidige Stahlscheibe quer durch den Raum, daß sie sich mit bösartigem Geräusch mitten in einen Pfos- ten biß. Dabei hatte sie sich kaum bewegt. »Bitte, wo ist Hiraga-san?« fragte sie sanft., Edo

In jener Nacht führte Hiraga seine Gruppe beim Schein eines hal-ben Mondes lautlos über den Palisadenzaun eines Daimyo-Palas-

tes im zweiten Ring vor den Burgmauern und huschte durch die Gärten zum Hintereingang des Herrenhauses. Alle sechs Mann tru- gen die gleichen kurzen, schwarzen Nachtkampf-Kimonos ohne Rüstung, alle waren mit Schwertern, Dolchen und Garrotten be- waffnet. Alle waren Choshu-Ronin, die Hiraga für diesen Überfall dringend aus Kanagawa angefordert hatte. Das Herrenhaus war von einem weitläufigen Gelände mit Kaser- nen, Ställen und Dienerquartieren umgeben, in dem normalerweise fünfhundert Krieger sowie die Familie des Daimyo und seine Die- ner untergebracht waren, die nun aber unheimlich leer waren. Nur zwei verschlafene Wachtposten standen an der Hintertür. Doch die- se Männer sahen die Angreifer zu spät, um noch Alarm zu schla- gen, und starben lautlos. Dem einen zog Akimoto die Uniform aus, um sie selbst anzulegen; dann schleifte er die Leichen ins Ge- büsch und kehrte zu den anderen auf der Veranda zurück. Sie war- teten lauschend. Kein Warnruf ertönte, sonst hätten sie den Über- fall abgebrochen. »Wenn wir uns zurückziehen müssen, macht das nichts«, hatte Hiraga gegen Abend erklärt, als die anderen in Edo eintrafen. »Es reicht, daß wir so dicht an die Burg herankommen konnten. Unser Ziel heute nacht ist Terror. Wir wollen Tod und Terror verbreiten, damit sie sehen, daß niemand und kein Ort vor uns und unseren Spionen sicher ist. Terror, möglichst schnell hinein und hinaus, ein Maximum an Überraschung und keine Verluste. Heute nacht ha-, ben wir eine einmalige Gelegenheit dazu.« Er lächelte. »Als Anjo und die Ältesten das sankin-kotai abschafften, haben sie dem Shōgu- nat das Grab geschaufelt.« »Stecken wir den Palast in Brand, Vetter?« erkundigte sich Akimo- to erwartungsvoll. »Nach dem Mord.« »Und wer wird sterben?« »Alt, graues, schütteres Haar, dünn und klein, Utani, der roju-Äl- teste.« Allgemeines Atemanhalten. »Der Daimyo von Watasa?« »Ja. Nori Anjos Laufhund. Leider habe ich ihn nie gesehen. Je- mand von euch?« »Ich glaube, ich würde ihn erkennen«, meldete sich ein Achtzehn- jähriger mit einer schlimmen Narbe auf der einen Seite des Ge- sichts. »Dürr ist er, wie ein krankes Huhn, ich hab ihn einmal in Kyōto gesehen. Dann werden wir also heute nacht einen Ältesten über die Klinge springen lassen, einen Daimyo, eh? Gut!« Er grinste und kratzte sich die Narbe, Andenken an einen erfolglosen Cho- shu-Versuch, sich im letzten Frühling der Palasttore in Kyōto zu be- mächtigen. »Nach heute nacht wird Utani nirgendwohin mehr flie- hen. Er muß wahnsinnig sein, außerhalb der Mauern zu schlafen und es auch noch bekannt werden zu lassen! Und dazu noch ohne Wachen? Idiotisch!« Joun, siebzehn Jahre und immer vorsichtig, sagte; »Entschuldigen Sie, Hiraga-san, aber sind Sie sicher, daß dies nicht eine Falle ist? Yoshi wird Fuchs genannt, Anjo noch Schlimmeres. Auf unseren Kopf sind hohe Preise ausgesetzt, eh? Ich stimme meinem Bruder zu: Wie kann Utani so dumm sein?« »Weil er ein heimliches Stelldichein hat, ein sehr geheimes. Von Zeit zu Zeit ist er ein Päderast.« Alle starrten ihn verständnislos an. »Warum sollte er das geheim- halten?«, »Weil der Knabe einer von Anjos Intimfreunden ist.« »So ka!« Jouns Augen glitzerten. »Dann würde ich das, glaube ich, auch geheimhalten. Aber warum sollte sich ein hübscher Kna- be jemandem wie Utani hingeben, wenn er bereits einen mächtigen Gönner hat?« Hiraga zuckte die Achseln. »Geld, was sonst? Anjo ist ein Geiz- kragen, Utani großzügig – werden denn seine Bauern nicht am schwersten besteuert? Sind seine Schulden denn nicht Gebirge? Ist er nicht dafür bekannt, daß er Gold-Obans wie Reiskörner ver- braucht? Anjo wird diese Erde, so oder so, bald verlassen. Vielleicht denkt dieser hübsche Knabe, daß Utani überleben wird, und meint, daß sich das Risiko lohnt. Seine Familie ist vermutlich verarmt und ersäuft in Schulden – leben nicht alle Samurai unter dem Hiraza- murai-Rang am Rande der Armut?« »Das stimmt«, erwiderten sie einstimmig. »Das geht schon seit dem vierten Shōgun so«, sagte der Acht- zehnjährige bitter, »seit fast zweihundert Jahren. Die Daimyos kas- sieren alle Steuern, verkaufen den Samurai-Status an stinkende Kauf- leute, mit jedem Jahr mehr, und kürzen unseren Sold trotzdem im- mer weiter. Die Daimyos haben uns, ihre loyalen Gefolgsleute, be- trogen!« »Da hast du recht«, sagte Akimoto zornig. »Mein Vater mußte sich als Landarbeiter verdingen, um meine Brüder und Schwestern ernähren zu können…« »Unserer hat nur noch seine Schwester und nur noch eine Hüt- te«, sagte Joun. »Seit Urgroßvaters Zeiten stecken wir so tief in Schulden, daß wir sie niemals abzahlen können. Niemals.« »Ich weiß, wie man mit diesen dreckigen Geldanbetern umgehen muß«, behauptete ein anderer. »Entweder streicht man ihre Forde- rungen, oder man bringt sie um. Wenn die Daimyos ihre Schulden gelegentlich so begleichen, warum nicht auch wir?« »Großartige Idee«, bestätigte Akimoto, »aber es würde dich den, Kopf kosten. Herr Ogama würde an dir ein Exempel statuieren – für den Fall, daß seine eigenen Geldverleiher aufhören, ihm Geld vorzuschießen gegen – wie heißt das noch gleich? – gegen vier Jahre Steuern im voraus.« Ein anderer sagte: »Meine Familienbezüge haben sich seit Sekiga- hara nicht verändert, dabei ist der Reispreis seit damals um eintau- send Prozent gestiegen. Wir sollten Kaufleute werden oder Saké- Brauer. Zwei Onkel und ein älterer Bruder haben ihre Schwerter aufgegeben und genau das getan.« »Schrecklich, ja, aber auch ich habe schon mal daran gedacht.« »Alle Daimyos haben uns betrogen.« »Die meisten«, berichtigte Hiraga, »nicht alle.« »Stimmt«, bestätigte Akimoto. »Macht nichts, sobald wir die Bar- baren vertrieben und das Toranaga-Shōgunat gebrochen haben, wer- den wir unseren eigenen Daimyo wählen. Der neue Shōgun wird uns genug zu essen geben, uns und unseren Familien, und bessere Waffen, bestimmt sogar Barbaren-Gewehre.« »Die wird er für seine eigenen Männer behalten, wer immer er auch sein mag.« »Warum sollte er, Hiraga? Es wird genug für alle geben. Horten die Toranagas nicht fünf bis zehn Millionen Koku jährlich? Das ist mehr als genug, um uns ausreichend zu bewaffnen. Hört mal zu, wenn wir uns im Dunkeln trennen – wo treffen wir wieder zusam- men?« »Im Haus ›Zu den grünen Weiden‹, südlich der Vierten Brücke, auf keinen Fall hier. Wenn das zu schwierig sein sollte, versteckt euch irgendwo und versucht, euch nach Kanagawa durchzuschla- gen…« Jetzt, auf der Veranda, lauschte Hiraga aufmerksam auf jedes Ge- räusch, das Gefahr bedeuten konnte; er genoß die Erregung, sein Herz schlug kräftig, er empfand Lebensfreude und spürte den her- annahenden Tod, der mit jedem Tag näher kam. In wenigen Mona-, ten gehen wir weiter. Endlich Taten… Tagelang hatte er im Tempel neben der englischen Gesandtschaft ungeduldig auf eine Gelegenheit gewartet, sie in Brand zu stecken, doch immer waren zu viele feindliche Truppen dort, ausländische und Samurai. Täglich spielte er den Gärtner, spionierte, lauschte, plante – so leicht, den hochgewachsenen Barbaren zu töten, der dem Tokaidō-Überfall entkommen war. Ach, Tokaidō! Tokaidō bedeutet Ori, und Ori bedeutet Shorin, und beide bedeuten Sumomo, die nächsten Monat siebzehn wird, und ich werde keine Rücksicht auf den Brief meines Vaters neh- men! Auf gar keinen Fall! Ich werde Ogamas Pardon nicht akzep- tieren, wenn ich dafür sonno-joi abschwören muß. Ich werde seinem Stern folgen, und sollte er mich in den Tod führen. Jetzt lebe nur noch ich. Ori ist tot oder wird morgen sterben, Shorin ist dahin. Und Sumomo? Letzte Nacht hatten Tränen seine Wangen genäßt, Tränen aus dem Traum, in dem sie war, ihr Bushido, ihr Feuer, ihr Duft und ihr Körper, die ihn verlockten und dennoch auf ewig für ihn verlo- ren waren. Unmöglich, im Lotussitz einzuschlafen und Zen zu be- nutzen, um Ruhe zu finden. Dann, heute morgen, das Geschenk der Götter, die verschlüsselte Nachricht von Koikos Mama-san über Utani, die sie ebenso heim- lich von Koikos Zofe empfangen hatte. Eeee, dachte er genüßlich, ich möchte wissen, was Toranaga Yoshi wohl tun würde, wenn er wüßte, daß unsere Tentakeln bis in sein Bett, ja sogar um seine Eier reichen! Inzwischen überzeugt, daß sie noch nicht entdeckt waren, sprang er auf und ging zur Tür. Benutzte sein Messer, um den Riegel zu- rückzuschieben. Schnell hinein. Akimoto in seiner Wachsoldaten- uniform blieb draußen. Die anderen folgten Hiraga lautlos auf dem ihm vorher beschriebenen Weg zum Quartier der Frauen. Alles war kostbar eingerichtet, nur edelste Hölzer, feinste Tatamis, reinstes, Ölpapier für die Shoji und duftende Öle für Lampen und Kerzen. Dann eine Biegung des Korridors. Der arglose Wachtposten starrte ihn verständnislos an. Er öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus. Dafür sorgte Hiragas Messer. Er trat über den Leichnam hinweg und schlich bis ans Ende des Korridors, wo er einen Moment innehielt, um sich zu orientieren. Nun eine Sackgasse. Beide Seiten des Ganges Shoji-Wände, dahinter mehrere Zimmer. Am Ende nur eine einzige, größer und kostbarer verziert als die anderen. Dahinter eine brennende Öllampe wie in einigen der anderen Räume, ein paar Schnarchlaute und schweres Atmen. Lautlos bedeutete er Todo und Joun, ihm zu folgen, und den anderen, Wache zu stehen; dann schlich er weiter wie ein nächtliches Raubtier. Das Geräusch schweren Atmens wurde lauter. Ein Nicken für Joun. Lautlos glitt der junge Mann an ihm vorbei und kauerte neben der Endtür nieder, die er auf ein weiteres Zei- chen von Hiraga aufschob. Hiraga sprang zuerst in den Raum, dann Todo. Zwei Männer lagen auf den kostbaren Seidensteppdecken und Futons, nackt und vereinigt. Der Junge lag ausgestreckt, während der ältere ihn von hinten umklammerte und keuchend, blind gegen alles, in ihn hineinstieß. Hiraga stand vor ihnen, riß sein Schwert hoch empor, packte den Griff mit beiden Händen und trieb die Spitze unmittelbar über dem Herzen durch die Rücken beider Kör- per bis in den Tatamiboden hinein. Der alte Mann keuchte auf und starb auf der Stelle, obwohl seine Glieder im Tod noch zuckten. Der Junge krallte hilflos um sich, unfähig, sich umzudrehen, unfähig, den Rumpf zu bewegen, nur Arme, Beine und Kopf. Er vermochte weder zu sehen noch zu be- greifen, was geschehen war, nur daß sein Leben irgendwie aus ihm herausfloß, als sich sein ganzer Körper entspannte. Ein gräßliches Heulen sammelte sich in seiner Kehle, als Todo vorwärtssprang, um es mit der Garrotte zu ersticken – einen Sekundenbruchteil zu spät., Ein Teil des Schreis hing in der nun stinkenden Luft. Sofort wirbelten sie zur Tür herum, alle Sinne aufs äußerste ge- spannt, Hiraga mit gezücktem Dolch. Todo, Joun und die anderen im Korridor mit erhobenen Schwertern, hämmernden Herzen, be- reit zu Angriff, Flucht, Kampf, Tod, aber auf jeden Fall bereit, sich zu wehren und stolz zu sterben. Hinter Hiraga rissen die zarten Hände des Jungen an seinem Hals, gruben die langen, Perfekt la- ckierten Nägel tiefe Wunden rings um den Draht. Die Finger erzit- terten, hielten inne, bebten, hielten inne, bebten. Und erschlafften. Schweigen. Irgendwo machte ein Schlummernder Geräusche, um gleich darauf in den Schlaf zurückzusinken. Noch immer kein Alarm, keine Warnrufe. Allmählich erwachten die Angreifer, be- nommen und schweißnaß, aus ihrer Starre. Hiraga gab das Zeichen zum Rückzug. Alle gehorchten sofort, bis auf Joun, der ins Zimmer zurücklief, um Hiragas Schwert zu holen. Breitbeinig stellte er sich über die beiden Leichen, vermochte aber trotz größter Anstrengung das Schwert nicht herauszuziehen. Hiraga winkte ihn zurück, versuchte es selbst und schaffte es ebensowenig. Auf einem niedrigen Lackge- stell ruhten die Waffen der beiden Toten. Er nahm sich eine. An der Tür wandte er sich noch einmal um. Im sauberen, ruhigen Schein der Öllampe wirkten die beiden Leichen wie eine einzige, monströse, vielbeinige Libelle mit zwei menschlichen Köpfen, die zerwühlten Steppdecken wie phantasti- sche Flügel, sein Schwert wie eine riesige Silbernadel. Jetzt konnte er das Gesicht des Knaben sehen: Es war wunderschön. Yoshi ging auf der Brustwehr spazieren, neben sich Koiko, die ei- nen guten Kopf kleiner war. Der leichte Wind trug kühle Luft und den Geruch des Meeres bei Ebbe heran. Er bemerkte es nicht. Wie- der wanderte sein Blick von der Stadt unten zum Mond, den er, nachdenklich betrachtete. Koiko wartete geduldig. Ihr Kimono war aus feinster Shantungseide mit einem scharlachroten Unterkimono, die zwanglos aufgelösten Haare fielen ihr bis zur Taille. Sein Kimo- no war aus Seide, aber schlicht, seine Schwerter waren gewöhnlich, aber scharf. »Woran denkst du, Sire?« fragte sie, als sie es an der Zeit fand, seine düsteren Gedanken zu vertreiben. Obwohl sie allein waren, dämpfte sie ihre Stimme, denn wie sie wußte, war es nirgendwo in- nerhalb der Burgmauern wirklich sicher. »Kyōto«, antwortete er knapp und ebenso leise. »Wirst du Shōgun Nobusada begleiten?« Obwohl er inzwischen beschlossen hatte, noch vor der offiziellen Reisegruppe in Kyōto zu sein, ob sie nun Edo verließ oder nicht, schüttelte er den Kopf: Die Täuschung anderer war ihm zur Ge- wohnheit geworden. Irgendwie muß ich diesen jungen Toren aufhalten und zur einzi- gen Verbindung zwischen dem Kaiser und dem Shōgunat werden, hatte er sich überlegt, und die Schwierigkeiten, mit denen er sich herumplagen mußte, brachen über ihn herein: der Wahnsinn dieses Staatsbesuchs; Anjo, der mit seinem Einfluß die Zustimmung des Rats erzwungen hat, Anjo mit seinem Haß und seinen Intrigen; die Falle, in der ich hier in der Burg sitze; die Vielzahl der Feinde im ganzen Land, vor allem Sanjiro von Satsuma, Hiro von Tosa und Ogama von Choshu, der nun im Besitz der Tore ist. Und zu allem Überfluß, lauernd wie blutlechzende Wölfe, die Gai-Jin. Die müssen beseitigt werden, endgültig. Der Knabe Nobusada und die Prinzessin müssen neutralisiert werden, endgültig. Die endgültige Lösung für die Gai-Jin liegt auf der Hand: Wir müssen auf jedem erdenklichen Weg, soviel es uns auch kosten mag, reicher werden als sie. Und besser bewaffnet. Das muß das Ziel unserer geheimen Staatspolitik sein. Wie das zu erreichen ist, weiß ich noch nicht. Aber zunächst einmal müssen wir ihnen, schmeicheln, bis sie einschlafen, sie aus dem Gleichgewicht brin- gen, ihre eigene törichte Einstellung gegen sie kehren – und unsere überlegenen Fähigkeiten einsetzen, um sie kaltzustellen. Nobusada? Ebenso klar. Aber er ist nicht die eigentliche Bedro- hung. Das ist sie. Nicht über ihn muß ich mir Gedanken machen, sondern über sie, Prinzessin Yazu; sie ist die eigentliche Macht hin- ter ihm. Und vor ihm. Er mußte über das Bild lächeln, das er plötzlich vor sich sah – sie mit einem Penis und Nobusada als der Empfangende. Das würde ein wundervolles ukiyo-e geben, dachte er belustigt. Ukiyo-e waren erotische, vielfarbige Holzschnitte, so beliebt und geschätzt bei den Händlern und Geschäftsleuten von Edo, daß sie vom Shōgunat seit über einem Jahrhundert verboten waren, weil sie für die unterste Klasse zu leicht als Schmähschriften gegen Höherstehende zu miß- brauchen waren. In Nippons starrer gesellschaftlicher Hierarchie ka- men zunächst die Samurai, dann die Bauern, drittens die Handwer- ker jeglicher Art und zuletzt, von allen verachtet, die Kaufleute: ›Blutsauger an jeglicher anderer Arbeit‹ waren sie im Vermächtnis des Shōgun Toranaga genannt worden. Verachtet, weil alle anderen dennoch ihre Fähigkeiten und ihren Reichtum brauchten. Vor al- lem die Samurai. Also konnte man Regeln, gewisse Regeln lockern. So wurden zum Beispiel in Edo, Osaka und Nagasaki, wo die wirklich reichen Kauf- leute lebten, ukiyo-e, obwohl offiziell verboten, von den besten Künstlern und Druckherstellern des Landes gemalt, geschnitten und munter produziert. In jeder Epoche wetteiferten die Künstler mit- einander um Ruhm. Exotisch, deutlich, aber stets mit gigantischen Genitalien, über alle Maßen komisch, die besten im perfekten, feuchten und beweg- lichen Detail. Ebensosehr geschätzt waren die ukiyo-e-Porträts be- kannter Schauspieler, ständiges Futter für Klatsch – da Schauspie- lerinnen per Gesetz verboten waren, spielten speziell ausgebildete, Männer, die omagaki, die weiblichen Rollen –, und vor allem Dru- cke der berühmtesten Kurtisanen. »Ich möchte, daß dich jemand malt. Schade, daß Hiroshige und Hokusai tot sind.« Sie lachte. »Und in welcher Pose, Sire?« »Nicht im Bett.« Er stimmte in ihr Lachen ein, und da es unge- wöhnlich war, daß er lachte, freute sie sich über diesen Sieg. »Ein- fach so, wie du auf der Straße gehst, mit einem Sonnenschirm in Grün und Rosenrot, in deinem rosenrot-grünen Kimono mit den goldgewirkten Karpfen.« »Vielleicht, Sire, statt auf der Straße lieber in einem Garten, wie ich in der Abenddämmerung Glühwürmchen fange?« »O ja, noch besser!« Er lächelte, weil er sich an die seltenen Tage seiner Jugend erinnerte, da er an Sommerabenden, wenn er von sei- nen Studien erlöst war, mit feinen Netzen auf die Felder hinauslief, die winzigen Insekten in winzige Käfige setzte und zusah, wie das Licht wundersamerweise an- und ausging, während er, fröhlich la- chend und frei von Pflichten, Gedichte erfand. »Genauso, wie ich mich jetzt in deiner Nähe fühle«, sagte er leise. »Sire?« »Du befreist mich von mir selbst, Koiko.« Erfreut über dieses Kompliment, berührte sie seinen Arm und sagte damit alles und nichts; sie konzentrierte sich ganz auf ihn, versuchte seine Gedanken und Wünsche zu erraten und wollte in allem perfekt sein. Aber dieses Spiel ist ermüdend, dachte sie abermals. Dieser Kun- de ist zu weitblickend, zu unberechenbar, zu ernst und zu schwierig zu unterhalten. Ich frage mich, wie lange er mich behalten wird. Ich beginne die Burg zu hassen, die Enge zu hassen, das ständige Auf-die-Probe-Stellen, ich hasse es, fern von zu Hause und dem fröhlichen Lachen und Geplauder der anderen Damen und vor allem fern von meiner Mama-san Meikin zu sein. Ja, aber es ist ein wunderbares Gefühl, im Mittelpunkt der Welt, zu stehen, ich liebe den einen Koku pro Tag, jeden Tag, genieße es, daß ich bin, wer ich bin, Dienerin des edelsten Herrn, der eigent- lich auch nur ein Mann ist und, wie alle Männer, ein störrischer kleiner Junge, der vorgibt, kompliziert zu sein, den man aber, wie immer, durch Süßigkeiten und Prügel bändigen kann und der, wenn du es klug anstellst, immer nur das tut, was du zuvor schon beschlossen hast – was immer er sich dabei denkt. Ihr Lachen tirilierte. »Was ist?« »Du machst mich fröhlich, Sire, von Leben erfüllt. Ich werde dich Herr Geber des Glücks nennen müssen.« Ihm wurde warm ums Herz. »Und nun zu Bett?« »Und nun zu Bett.« Arm in Arm machten sie sich bereit, das Mondlicht hinter sich zu lassen. »Sieh doch, dort!« sagte er plötzlich. Tief unten brannte einer der Paläste. Hoch hinaus schossen die Flammen, dann quollen dichte Rauchwolken auf. Jetzt hörten sie schwach die Feuerglocken, sahen Menschen wimmeln wie Ameisen, und gleich darauf formierten sich Ketten weiterer Ameisen, um die Brandstätte mit den Wassertanks zu verbinden. Nicht die Frau, son- dern das Feuer ist unsere größte Gefahrenquelle, hatte Shōgun Toranaga in seinem Vermächtnis mit seltenem Humor geschrieben. Aber vor dem Feuer können wir uns schützen, vor der Frau niemals. Alle Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter sollen verheiratet sein. Alle Wohngebäu- de sollen über leicht erreichbare Wassertanks verfügen. »Sie werden es nicht löschen können – oder, Sire?« »Nein. Vermutlich hat irgendein Tölpel eine Lampe oder Kerze umgestoßen«, antwortete Yoshi mit verkniffenem Mund. »Ja, du hast recht, Sire, ein ungeschickter Tölpel«, stimmte sie ihm sofort zu, um ihn zu besänftigen, denn sie spürte Hitze und wußte nicht, warum. »Ich bin so froh, daß du den Befehl über den Brandschutz in der Burg hast, damit wir ruhig schlafen können., Mit dem, der das gemacht hat, sollte man ein ernstes Wort reden. Ich möchte wissen, wessen Herrenhaus das ist.« »Das ist die Tajima-Residenz.« »Oh, Sire, du verblüffst mich immer wieder«, sagte Koiko mit rührender Bewunderung im Ton. »Wie wundervoll, wenn man un- ter den Hunderten von Palästen so schnell einen vom anderen un- terscheiden kann, und aus so großer Ferne.« Sie verneigte sich, um ihre Miene zu verbergen, denn sie war sicher, daß es der Watasa-Pa- last war und daß Daimyo Utani inzwischen tot und der Überfall er- folgreich verlaufen war. »Du bist wundervoll.« »O nein, du bist es, die wundervoll ist, Koiko-chan.« Lächelnd blickte er auf sie hinab, die so süß und zierlich, so aufmerksam beobachtend und so gefährlich war. Drei Tage zuvor hatte ihm Misamoto, sein neuer Spion, der da- rauf aus war, seinen Wert unter Beweis zu stellen, von in den Kaser- nen umlaufenden Gerüchten über Utani und den hübschen Kna- ben berichtet. Daraufhin hatte er Misamoto angewiesen, sich so zu verhalten, daß Koikos Zofe das Geheimnis mithören konnte, weil er sicher war, daß die es entweder ihrer Herrin oder ihrer Mama-san oder beiden weitertragen werde, falls die Gerüchte zutrafen: daß diese Mama-san, Meikin, eine eifrige Helferin von sonno-joi sei und ihr Haus als Treffpunkt und Zuflucht für die Shishi zur Verfügung stellte. Die Nachricht würde dann an die Shishi weitergegeben wer- den, die auf eine so großartige Gelegenheit für einen wichtigen Mord sofort reagieren würden. Seit nahezu zwei Jahren hielten seine Spione sie und ihr Haus unter Beobachtung – sowohl aus diesem Grund als auch wegen der zunehmenden Bedeutung Koikos. Aber kein einziges Mal war auch nur eine einzige Spur von Be- weis zutage gekommen, der diese Theorie zu bestätigen und die Frauen zu überführen vermochte. Oh, aber jetzt, dachte er, als er den Brand beobachtete, jetzt, da der Palast in Flammen steht, muß Utani tot sein, und ich werde, endlich Beweise haben: ein leises Flüstern, von den Ohren einer Zofe belauscht, hat böse Früchte getragen. Utani war – ist – ein ge- lungener Coup für sie. Genauso, wie ich es sein würde, nur noch ein weitaus bedeutenderer. Ein leichter Schauer überlief ihn. »Brände machen mir Angst«, behauptete sie, weil sie den Schauer falsch auslegte und sein Gesicht wahren wollte. »Ja. Komm mit, überlassen wir sie ihrem Karma.« Arm in Arm gingen sie davon, während wieder ein Lächeln um seine Lippen spielte und er es schwer fand, seine Erregung zu kaschieren. Ich fra- ge mich, was dein Karma ist, Koiko. Hat deine Zofe es dir erzählt, und hast du sie angewiesen, es der Mama-san zu erzählen? Bist du ein Teil dieser Kette? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Ich habe keine Veränderung an dir bemerkt, als ich Tajima statt Watasa sagte, dabei habe ich dich aufmerksam beobachtet. Ich frage mich. Natürlich bist du verdäch- tig, warst immer verdächtig, warum hätte ich dich sonst gewählt, verleiht das meinem Bett nicht Würze? Das tut es, und du bist dei- nem Ruf gerecht geworden. Ich bin wirklich mehr als zufrieden, deswegen werde ich noch warten. Inzwischen ist es leicht, dir eine Falle zu stellen, es tut mir leid: sogar noch leichter ist es, deiner Zofe die Wahrheit zu entlocken, deiner gar nicht so klugen Mama- san und dir, meine Hübsche! Viel zu leicht, es tut mir leid, wenn ich die Falle zuschnappen lasse. Eeee, das wird eine schwere Entscheidung sein, denn dank Utani habe ich jetzt eine geheime und direkte Leitung zu den Shishi, die ich benutzen kann, um sie nach Belieben zu entlarven, sie zu ver- nichten oder sogar gegen meine Feinde zu benutzen. Warum nicht? Verführerisch! Nobusada? Nobusada und seine Prinzessin? Äußerst verführe- risch! Er lachte auf. »Ich freue mich, daß du heute abend so froh bist, Sire.«, Prinzessin Yazu war in Tränen aufgelöst. Seit fast zwei Stunden pro- bierte sie es mit allen Praktiken, die sie jemals gelesen oder in Kopf- kissenbüchern gesehen hatte, um ihn zu erregen, und obwohl es ihr gelungen war, ihn stark zu machen, hatte er sie, bevor er die Wol- ken und den Regen erreichte, schmählich im Stich gelassen. Dann war er, wie üblich, in Tränen ausgebrochen und hatte, immer wie- der von einem nervösen Hustenanfall unterbrochen, schäumend geschrien, das sei einzig und allein ihre Schuld. Wie üblich, hatte sich der Sturm schnell wieder gelegt; er hatte sie um Verzeihung ge- beten, sich an sie geschmiegt, um ihre Brüste zu küssen, und war, an einer Brustwarze saugend und auf ihrem Schoß zusammenge- rollt, allmählich eingeschlafen. »Es ist einfach ungerecht«, wimmerte sie erschöpft und schlaflos, »ich muß einen Sohn haben, sonst ist er so gut wie tot, und ich bin es auch. Oder wenigstens so beschämt, daß ich mir den Kopf kahlrasieren und eine buddhistische Nonne werden muß… oh ko, oh ko…« Selbst ihre Hofdamen konnten ihr nicht helfen. »Ihr seid alle er- fahren, die meisten von euch sind verheiratet, es muß doch eine Möglichkeit geben, aus meinem Herrn einen Mann zu machen«, hatte sie nach wochenlangen Versuchen geschrien, und sowohl sie als auch ihre Damen waren entsetzt darüber, daß sie die Selbstbe- herrschung verloren hatte. »Findet etwas! Es ist eure Pflicht, etwas zu finden!« Im Laufe der Monate hatten ihre Hofdamen Kräutersammler, Akupunkteure, Ärzte, ja sogar Wahrsager konsultiert – ohne Ergeb- nis. An diesem Morgen hatte sie ihre Oberhofdame kommen las- sen. »Es muß einfach eine Möglichkeit geben! Was raten Sie mir?« »Sie sind erst sechzehn, Ehrenwerte Prinzessin«, hatte die Hof- dame auf den Knien geantwortet, »und Ihr Herr ist erst sechzehn- ein…« »Aber alle Frauen empfangen in diesem Alter, nein, schon weit, früher, fast alle. Was ist los mit ihm oder mit mir?« »Mit Ihnen gar nichts, Prinzessin, das haben wir Ihnen immer wieder gesagt, die Ärzte versichern uns, daß mit Ihnen alles in Ord- nung…« »Was ist mit diesem Gai-Jin-Doktor, dem Riesen, von dem ich ge- hört habe? Eine von meinen Zofen hat mir erzählt, daß er Wunder- kuren für alle Leiden hat. Vielleicht könnte er meinem Herrn hel- fen.« »Oh, tut mir leid, Hoheit«, hatte die Frau entsetzt ausgerufen, »aber daß er oder Sie einen Gai-Jin konsultieren, ist unmöglich! Bit- te, haben Sie Geduld! Cheng-sin, der hervorragende Wahrsager, hat uns gesagt, mit Geduld würde bestimmt alles…« »Es könnte heimlich gemacht werden, Sie Idiotin! Geduld? Ich habe monatelang gewartet!« hatte sie erregt gekreischt. »Monatelang Geduld, und trotzdem hat mein Herr auch nicht die leiseste Hoff- nung auf einen Erben!« Und ehe sie sich zu beherrschen vermoch- te, hatte sie der Frau eine Ohrfeige versetzt. »Zehn Monate Geduld und schlechte Ratschläge sind zuviel, du dämliche Person, ver- schwinde! Geh! Verschwinde endlich aus meinen Augen!« Den ganzen Tag hatte sie diesen Abend geplant. Hatte spezielle, mit Ginseng versetzte Speisen zubereiten lassen, die ihm schmeck- ten. Speziellen, mit Ginseng und pulverisiertem Rhinozeroshorn versetzten Saké. Spezielle, stark aphrodisierende Parfüms. Spezielle Gebete an Buddha. Spezielle Bitten an Amaterasu, die Sonnengöt- tin, Großmutter des Gottes Niniji – der vom Himmel herabstieg, um über Nippon zu herrschen, und Urgroßvater des ersten sterbli- chen Kaisers Jimmu-Tenno war, des Kaisers, der vor fünfundzwan- zig Jahrhunderten ihre kaiserliche Dynastie begründete. Doch alles war umsonst gewesen. Inzwischen war es tiefe Nacht. Weinend lag sie auf ihren Futons, während ihr Ehemann schlafend neben ihr auf den seinen ruhte, nicht etwa in zufriedenem Schlaf, sondern dann und wann hustend, und mit unaufhörlich zuckenden Gliedern. Im Schlaf war sein Ge- sicht ihr nicht einmal unsympathisch. Armer, dummer Junge, dach- te sie verzweifelt, ist es dein Karma, wie so viele deiner Linie ohne Erben zu sterben? Oh ko oh ko oh ko! Warum habe ich mich aus den Armen meines geliebten Prinzen zu dieser Katastrophe überreden lassen? Vier Jahre zuvor, im Alter von zwölf Jahren, war sie zu ihrer gro- ßen Freude mit Prinz Sugawara, ihrem Spielkameraden aus der Kin- derzeit, verlobt worden – mit dem freudigen Einverständnis ihrer Mutter, der letzten und bevorzugten Konsortin ihres Vaters, des Kaisers Ninko, der im selben Jahr starb, in dem sie geboren wurde, und mit der ebenso erfreuten und notwendigen Zustimmung des Kaisers Komei, ihres weit älteren Stiefbruders, der ihm auf den Thron gefolgt war. Das war das Jahr, in dem die Bakufu offiziell den Vertrag unter- zeichneten, der Yokohama und Nagasaki gegen den Wunsch des Kaisers Komei, die Mehrheit des Hofes und den offen ausgespro- chenen Rat der meisten Daimyos den Fremden öffnete. Das war das Jahr, in dem sonno-joi zum Schlachtruf wurde. Und das war das Jahr, in dem der damalige taikō Ii dem Fürstlichen Berater vor- schlug, Prinzessin Yazu mit dem Shōgun Nobusada zu verheiraten. »Tut mir leid«, hatte der Berater erwidert. »Das ist unmöglich.« »Es ist durchaus möglich, und es ist außerdem dringend erforder- lich, das Shōgunat mit der kaiserlichen Dynastie zu verbinden, um damit dem ganzen Land Frieden und Ruhe zu bringen«, hatte ihm Ii entgegnet. »Es gibt zahlreiche historische Präzedenzfälle, in denen sich Toranagas bereit erklärt haben, kaiserliche Familienmitglieder zu ehelichen.« »Es tut mir leid.« Der Berater war schwächlich, kostbar gekleidet und frisiert, seine Zähne waren geschwärzt. »Wie Sie sehr wohl wis- sen, ist Ihre Kaiserliche Hoheit verlobt und wird sich, sobald sie die Pubertät erreicht hat, sogleich vermählen. Und wie Sie ebensogut, wissen, ist Shōgun Nobusada ebenfalls verlobt – mit der Tochter eines Edlen aus Kyōto.« »Es tut mir leid, aber Verlöbnisse hochgestellter Personen sind ei- ne Frage der Staatspolitik und unterstehen von jeher der Kontrolle des Shōgunats«, antwortete Ii. Er war ein kleiner, doch würdevoller und unbeugsamer Mann. »Shōgun Nobusadas Verlöbnis ist auf sei- nen eigenen Wunsch gelöst worden.« »Oh, tut mir leid, wie traurig! Ich hörte, es war eine gute Verbin- dung.« »Shōgun Nobusada und Prinzessin Yazu sind im selben Alter, zwölf. Bitte, informieren Sie den Kaiser, der taikō möchte ihm mit- teilen, daß der Shōgun sich geehrt fühlen wird, sie als Gemahlin zu akzeptieren. Sobald sie vierzehn oder fünfzehn ist, können die bei- den heiraten.« »Ich werde mit dem Kaiser sprechen, muß Ihnen aber leider sa- gen, daß Ihre Bitte unmöglich zu erfüllen ist.« »Ich hoffe zuversichtlich, daß der Sohn des Himmels sich bei ei- ner so wichtigen Entscheidung vom Himmel leiten läßt. Da die Gai-Jin vor unseren Toren stehen, müssen Shōgunat und Dynastie mit allen Mitteln gestärkt werden.« »Es tut mir leid, aber die Kaiserliche Dynastie braucht nicht ge- stärkt zu werden. Und was die Bakufu betrifft, so würde Gehorsam den Wünschen des Kaisers gegenüber ganz zweifellos den Frieden des Reiches fördern.« »Die Verträge müssen unterzeichnet werden«, erwiderte Ii barsch. »Was immer wir in der Öffentlichkeit behaupten – mit ihren Flot- ten und Waffen können die Barbaren uns demütigen! Wir sind wehrlos! Wir sind gezwungen zu unterzeichnen!« »Es tut mir leid, das ist das Problem und die Schuld der Bakufu und des Shōgunats. Kaiser Komei hat die Verträge nicht gebilligt und nicht gewollt, daß sie unterzeichnet wurden.« »Außenpolitik, überhaupt jegliche weltliche Politik, wie etwa die, Vermählung, die ich so bescheiden vorschlage, fällt ausschließlich in den Bereich des Shōgunats. Der Kaiser…«, Ii wählte seine Worte sehr sorgfältig, »… hat Vorrang bei allen anderen Angelegenheiten.« »Vor wenigen Jahrhunderten hat der Kaiser noch, wie es Jahrtau- sende üblich war, allein regiert.« »Es tut mir leid, aber wir leben nicht vor wenigen Jahrhunder- ten.« Als Iis Vorschlag, von allen Gegnern der Bakufu als Beleidigung der Dynastie empfunden, bekanntgemacht wurde, gab es einen all- gemeinen Aufschrei. Innerhalb weniger Wochen wurde er von den Shishi für seine Arroganz ermordet, und die Angelegenheit war be- endet. Bis sie zwei Jahre später vierzehn wurde. Prinzessin Yazu, noch immer keine Frau, war dennoch bereits ei- ne erfolgreiche Dichterin, war mit allen für ihre Zukunft wichtigen Hofritualen vertraut und immer noch in ihren Prinzen genauso ver- liebt wie er in sie. Anjo, der das Prestige des Shōgunats zu fördern trachtete und daher unter Druck stand, sprach abermals den Fürstlichen Berater an, der nur wiederholte, was er bereits gesagt hatte. Anjo wiederhol- te, was Ii bereits gesagt hatte, setzte zum Erstaunen seines Gegners jedoch hinzu: »Vielen Dank für Ihre Meinungsäußerung, aber leider ist der Kaiserliche Großkanzler Wakura nicht damit einverstanden.« Wakura war ein Mann von hohem höfischem Rang, wenn auch nicht von Adel, der von Anfang an die Führung der fremdenfeind- lichen Bewegung innerhalb des gegen die Verträge opponierenden mittleren Adels übernommen hatte. Als Großkanzler war er einer der wenigen, die Zutritt zum Kaiser hatten. Innerhalb weniger Tage bat Wakura um ein Gespräch mit der Prinzessin. »Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß der Sohn des Himmels Sie ersucht, Ihre Verlobung mit Prinz Sugawara zu lösen und statt dessen Shōgun Nobusada zu heiraten.«, Prinzessin Yazu wäre fast ohnmächtig geworden. Ein kaiserlicher Wunsch war am Hof Befehl. »Das muß ein Irrtum sein! Vor zwei Jahren noch war der Sohn des Himmels aus offensichtlichen Grün- den gegen diesen arroganten Vorschlag. Sie sind dagegen, jeder ist dagegen – ich kann nicht glauben, daß Seine Göttlichkeit etwas so Abscheuliches von mir verlangt.« »Es tut mir leid, aber es ist nicht abscheulich, und es wird ver- langt.« »Aber ich weigere mich trotzdem – ich weigere mich!« »Das können Sie nicht, tut mir leid. Darf ich Ihnen vielleicht er- klären, daß…« »Nein, dürfen Sie nicht! Ich weigere mich, weigere mich, weigere mich!« Am Tag darauf wurde noch einmal ein Gespräch erbeten und ver- weigert, anschließend noch einmal und noch einmal. Die Prinzessin war nicht weniger unnachgiebig als Wakura. »Nein.« »Es tut mir leid, Hoheit«, sagte ihre Oberhofdame nervös, »aber der Kaiserliche Großkanzler erbittet einen Moment, um Ihnen die Gründe dafür darzulegen, daß man dies von Ihnen verlangt.« »Ich will ihn nicht sehen. Sagen Sie ihm, ich will meinen Bruder sehen!« »Hoheit«, entgegnete die Oberhofdame entsetzt, »bitte, entschul- digen Sie, aber es ist meine Pflicht, Sie daran zu erinnern, daß der Sohn des Himmels weder Freunde noch Verwandte hat.« »Ich… Selbstverständlich, bitte entschuldigen Sie, das weiß ich. Ich bin… Ich bin sehr nervös, bitte, entschuldigen Sie mich.« Sogar am Hof durften nur die Ehefrau des Kaisers, seine Konsortin, seine Mutter, seine Kinder, seine Geschwister und zwei bis drei Berater ohne Erlaubnis sein Gesicht sehen. Außer diesen wenigen Vertrau- ten war es allen anderen verboten. ER war göttlich. Wie alle Kaiser vor ihm war Komei von dem Moment an, da er die Rituale vollzogen hatte, die seinen Geist mystisch mit dem des, jüngst verstorbenen Kaisers, seines Vaters, vereinigten, nicht mehr sterblich, sondern eine Gottheit, Hüter der Heiligen Symbole – der Scheibe, des Schwertes und des Spiegels. »Bitte, entschuldigen Sie«, sagte Yazu demütig, entsetzt über ihr Sakrileg. »Es tut mir leid, daß ich… Bitte, ersuchen Sie den Groß- kanzler, den Sohn des Himmels zu bitten, er möge mir einen Au- genblick seiner Zeit schenken.« Jetzt erinnerte sich Yazu tränenüberströmt daran, daß sie viele Tage später vor dem Kaiser und der allgegenwärtigen Vielzahl seiner Höflinge mit tief gesenktem Kopf auf den Knien gelegen und ihn kaum erkannt hatte – es war das erstemal seit Monaten, daß sie ihn sah. Weinend hatte sie gebeten und gebettelt, immer in der erfor- derlichen Hofsprache, die von Außenseitern kaum verstanden wur- de, bis sie erschöpft war: »Aber, Kaiserliche Hoheit, ich möchte nicht fort von Zuhause, ich möchte nicht in diese abstoßende Stadt Edo am anderen Ende der Welt, ich bitte Sie um Erlaubnis, daraufhinweisen zu dürfen, daß wir vom selben Blut sind, wir sind keine Emporkömmlinge und Kriegsherren wie die in Edo…« Am liebsten hätte sie geschrien: Wir stammen nicht von Bauern ab, die nicht korrekt reden, sich nicht korrekt kleiden, nicht korrekt essen, sich nicht korrekt verhalten, die nicht korrekt lesen oder schreiben können und nach daikung stinken – aber sie wagte es nicht. Statt dessen flehte sie: »Ich bitte Sie, lassen Sie mich in Ruhe.« »Erstens: Bitte geh und hör dir aufmerksam und ruhig, wie es einer Kaiserlichen Prinzessin geziemt, alles an, was der Großkanzler Wakura zu sagen hat.« »Ich gehorche. Kaiserliche Hoheit.« »Zweitens: Ich werde nicht dulden, daß dies gegen deinen Willen geschieht. Drittens: Komm am zehnten Tag wieder, dann werden wir uns noch einmal unterhalten. Und nun geh, Yazu-chan.« Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß ihr Bruder ihr gegenüber diesen Diminutiv benutzte., Also hatte sie Wakura angehört. »Die Gründe sind kompliziert, Prinzessin.« »Ich bin an Komplikationen gewöhnt, Kanzler.« »Nun gut. Im Gegenzug zu der kaiserlichen Verlobung haben die Bakufu ihre Zustimmung zur endgültigen Vertreibung der Gai-Jin und zur Annullierung der Verträge gegeben.« »Aber Nori Anjo sagte, daß das unmöglich ist.« »Stimmt. Derzeit noch. Aber er hat sofort zugestimmt, mit der Modernisierung der Armee zu beginnen und eine starke Flotte zu bauen. In sieben, acht, vielleicht zehn Jahren werden wir, das hat er versprochen, stark genug sein, um unseren Willen durchzusetzen.« »Oder in zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren! Die Toranaga- Shōgune sind historische Lügner, man kann ihnen nicht trauen. Seit Jahrhunderten halten sie den Kaiser gefangen und haben sein Erbe usurpiert. Man kann ihnen nicht trauen.« »Es tut mir leid, jetzt ist der Kaiser überzeugt, daß er ihnen trauen kann. Die Wahrheit ist, Prinzessin, daß wir keine weltliche Macht über sie haben.« »Dann wäre ich töricht, mich ihnen als Geisel anzubieten.« »Es tut mir leid, aber ich wollte hinzusetzen, daß Ihre Vermäh- lung zu einer Versöhnung zwischen Kaiser und Shōgunat führen würde, die für die Ruhe im Staat wesentlich ist. Das Shōgunat wür- de dann auf den kaiserlichen Rat hören und die kaiserlichen Wün- sche befolgen.« »Aber wie könnte meine Vermählung das herbeiführen?« »Würde der Hof durch Sie nicht in der Lage sein, einzugreifen, ja, sogar die Kontrolle über diesen jugendlichen Shōgun und seine Regierung zu übernehmen?« Ihr Interesse war geweckt. »Kontrolle? Zugunsten des Kaisers?« »Selbstverständlich. Wie könnte dieser Knabe – verglichen mit Ih- nen, Hoheit, ist er ein Kind –, wie könnte dieser Knabe Geheimnis- se vor Ihnen haben? Natürlich nicht. Mit Sicherheit erhofft sich der, Erhabene, daß Sie, seine Schwester, als seine Vermittlerin fungieren. Als Gemahlin des Shōgun würden Sie von allem erfahren, und eine so bemerkenswerte Frau wie Sie könnte durch diesen Shōgun schon bald alle Fäden der Bakufu-Macht in den Händen halten. Seit dem dritten Toranaga-Shōgun hat es keinen starken Mann mehr gege- ben. Wären Sie nicht am perfekten Platz, um die wirkliche Macht auszuüben?« Darüber hatte sie lange nachgedacht. »Anjo und das Shōgunat sind keine Toren. Sie werden auch diesen Schluß gezogen haben.« »Die kennen Sie nicht, Hoheit. Die glauben, Sie sind nichts als ein Schilfgras, das sie genauso nach Lust und Laune biegen, formen und benutzen können wie den Knaben Nobusada. Warum hätten sie ihn sonst gewählt? Sie wollen diese Vermählung, ja, um ihr Prestige zu steigern und um den Hof und das Shōgunat einander anzunähern. Und Sie, ein junges Mädchen, wären natürlich eine willfährige Marionette, um den kaiserlichen Willen zu unterlaufen.« »Es tut mir leid, Sie verlangen zuviel von einer Frau. Ich möchte weder mein Heim verlassen noch meinen Prinzen aufgeben.« »Der Kaiser bittet Sie darum.« »Weil ihn das Shōgunat wieder einmal zwingt zu feilschen, ob- wohl sie ihm einfach gehorchen sollten«, entgegnete sie bitter. »Der Kaiser bittet Sie, ihm zu helfen, sie zum Gehorsam zu zwin- gen.« »Bitte, verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht.« »Vor zwei Jahren, in dem schlimmen Jahr«, fuhr Wakura ebenso gemessenen Tones fort, »im Jahr der Hungersnot, dem Jahr, in dem Ii die Verträge unterzeichnete, forschten bestimmte Bakufu-Gelehrte in der Geschichte nach Fällen der Absetzung eines Kaisers.« Yazu hielt den Atem an. »Das würden sie niemals wagen – das nicht!« »Das Shōgunat ist das Shōgunat und im Augenblick allmächtig. Warum sollten sie nicht erwägen, ein Hindernis zu beseitigen? Hat, er, nachdem sein wa zerstört war, nicht schon erwogen, zugunsten seines Sohnes Prinz Sachi abzudanken?« »Gerüchte!« fuhr sie auf. »Das kann nicht wahr sein!« »Ich glaube doch, Kaiserliche Prinzessin«, entgegnete er tiefernst. »Und nun, ganz ehrlich, läßt er Ihnen sagen: Würdest du mir bitte helfen?« Völlig außer sich, wußte sie dennoch: Was immer sie sagte, es würde stets auf dieses ›bitte‹ zurückgeführt werden. Nirgends ein Ausweg. Letzten Endes würde sie sich fügen oder Nonne werden müssen. Sie öffnete den Mund, um endgültig abzulehnen, tat es aber nicht. Irgend etwas schien in ihrem Kopf vorzugehen, und zum erstenmal begann sie völlig anders zu denken, nicht länger wie ein Kind, sondern wie eine Erwachsene, und diese Tatsache legte ihr die Antwort in den Mund. »Nun gut«, sagte sie, ihre Meinung für sich behaltend, »ich werde zustimmen – vorausgesetzt, daß ich in Edo so weiterleben kann wie im kaiserlichen Palast…« Dieses Gespräch hatte zum Schweigen dieser Nacht geführt, durchbrochen nur von ihrem Schluchzen. Yazu richtete sich im Bett auf und trocknete ihre Tränen. Lügner, dachte sie erbittert, alles haben sie mir versprochen, aber selbst da- mit haben sie mich betrogen. Ein leichtes Geräusch kam von No- busada; er drehte sich im Schlaf um. Im Lampenschein, ohne den er nicht schlafen konnte, wirkte er noch knabenhafter als sonst, eher wie ein jüngerer Bruder denn wie ein Gemahl – so jung, so furchtbar jung. Freundlich und rücksichtsvoll hörte er stets auf sie, akzeptierte ihren Rat, hatte keine Geheimnisse vor ihr – alles genau, wie Wakura es ihr vorausgesagt hatte. Aber nicht zufriedenstellend. Mein geliebter Sugawara, nunmehr unmöglich – in diesem Leben. Ein Schauer überlief sie. Das Fenster stand offen. Gegen den Fenstersturz gelehnt, nahm sie kaum wahr, daß das Herrenhaus un- ten niedergebrannt und eine rauchende Ruine war, daß überall in der Stadt andere Feuer brannten und das Mondlicht auf dem Meer, dahinter glänzte – daß der Wind Rauchgeruch herbeitrug und die Morgendämmerung den östlichen Himmel rötete. An ihrem heimlichen Entschluß hatte sich seit jenem Tag mit Wakura nichts geändert, und er galt noch immer: daß sie ihr Leben damit verbringen würde, das Shōgunat zu vernichten, das ihr Leben vernichtet hatte, und daß sie vor keinem Mittel zurückschrecken würde, um diesen Männern die Macht zu entreißen und sie dem Göttlichen zurückzugeben. Ich werde vernichten, was mich vernichtet hat, dachte sie, zu klug geworden, um es auch nur vor sich hinzuflüstern. Ich habe gefleht, nicht herkommen zu müssen, gefleht, diesen Knaben nicht heiraten zu müssen, und obwohl ich ihn mag, verabscheue ich diesen ver- haßten Ort, verabscheue ich diese verhaßten Menschen. Ich will nach Hause! Ich werde nach Hause gehen. Das wird mir helfen, dieses Leben zu ertragen. Ganz gleich, was Yoshi tut oder sagt, was jeder andere tut oder sagt – wir werden diesen Staatsbe- such machen. Wir werden nach Hause gehen – und dort bleiben!, ZWEITES BUCH, 15. Oktober

Zehn Tage später saß Phillip Tyrer in der strahlenden Mittags-sonne an einem Schreibtisch auf der Veranda der Edo-Gesandt-

schaft. Mit Pinsel, Tinte und Wasser, umgeben von Dutzenden be- schriebener Seiten Reispapier, das hier im Vergleich zu England er- staunlich billig war, übte er sich zufrieden in japanischer Kalligra- phie. Unvermittelt hielt er inne, denn den Hügel herauf kam der schneidige Captain Settry Pallidar mit zehn nicht minder prächti- gen Dragonern geritten. Als sie den Platz erreichten, bildeten die Samurai, deren Anzahl noch gewachsen war, eine Gasse, um ihnen Durchlaß zu gewähren. Leichte, steife Verbeugungen wurden – ein offenbar neu entwickeltes Ritual – mit einem ebenso leichten, stei- fen Gruß erwidert. Rotrock-Wachen, ebenfalls weit zahlreicher als zuvor, öffneten das Eisentor und schlossen es wieder, nachdem die Truppe in den von einer hohen Mauer umgebenen Vorhof eingerit- ten war. »Hallo, Settry!« rief Tyrer laut und lief die Haupttreppe hinab, um ihn zu begrüßen. »Himmel, Ihr Anblick ist Balsam für meine müden Augen. Wo, zum Teufel, kommen Sie her?« »Aus Yokohama, alter Junge, woher sonst? Per Schiff.« Während Pallidar absaß, kam schon einer der Gärtner, die Hacke noch in der Hand, eilfertig herbeigelaufen, um ihm die Zügel abzunehmen. Als Pallidar ihn sah, fuhr seine Hand an die Pistolentasche. »Verschwin-, de!« »Ist schon in Ordnung, Settry. Das ist Ukiya, einer unserer ständi- gen Gärtner und überaus hilfsbereit. Domo, Ukiya«, sagte Tyrer. »Hai, Taira-sama, domo.« Hiraga, dessen Gesicht fast ganz unter dem Kulihut verborgen war, setzte ein nichtssagendes Lächeln auf und verneigte sich, rührte sich aber nicht. »Verschwinde«, wiederholte Pallidar. »Tut mir leid, Phillip, aber ich kann diese Kerle nicht in meiner Nähe ertragen, vor allem nicht mit 'ner verdammten Hacke in der Hand. Grimes!« Der Dragoner war sofort zur Stelle, stieß Hiraga unsanft beiseite und übernahm die Zügel. »Hau ab, Jappo! Verpiß dich!« Immer noch das einfältige Lächeln auf dem Gesicht, verneigte sich Hiraga gehorsam und trabte davon, hielt sich aber in Hörweite und unterdrückte mühsam den Drang, sich umgehend für die Be- leidigung zu rächen – mit der rasiermesserscharfen Hacke, dem klei- nen, in seinem Hut verborgenen Stilett oder mit seinen eisenharten Händen. »Warum in aller Welt mit dem Schiff?« fragte Tyrer. »Um Zeit zu sparen. Unsere Patrouillen berichten von Barrikaden entlang der ganzen Tokaidō und Verkehrsstauungen von Hodogaya bis nach Edo, die alle noch nervöser machen als sonst. Ich habe ei- ne Depesche von Sir William; er ordnet an, daß die Gesandtschaft zu schließen ist und Sie mit Ihrem Stab zurückkehren sollen – mit mir als Eskorte, um Ihr Gesicht zu wahren.« Tyrer starrte ihn sprachlos an. »Aber was ist mit den Verhandlun- gen? Ich habe wie der Teufel gearbeitet, um alles rechtzeitig fertig zu haben.« »Keine Ahnung, alter Junge. Hier.« Tyrer erbrach die Siegel des offiziellen Schreibens: P. Tyrer, Esq., Britische Gesandtschaft, Edo: Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß ich mit den Bakufu vereinbart habe, die Verhandlungen vom, 20. Oktober auf Montag, den 5. November, zu verlegen. Um unnötige Aufwendungen von Truppen zu ersparen, werden Sie mit Ihrem Stab so- fort mit Captain Pallidar zurückkehren. Darunter hatte Sir William seine unleserliche Unterschrift gesetzt. »Hurra! Yokohama, ich komme!« »Wann möchten Sie aufbrechen?« »Wenn der Große Weiße Vater sofort sagt, wird es auch sofort ge- schehen. Wie wär's nach dem Lunch? Kommen Sie, setzen Sie sich. Was gibt's Neues in Yokohama?« »Nicht viel.« Während sie auf die Veranda und zu den Sesseln zu- rückkehrten, schlich sich Hiraga in die Nähe, spitzte die Ohren und begann dabei eifrig zu hacken. Pallidar steckte sich eine Zigarre an. »Sir William, der General und der Admiral haben noch einen weiteren Versuch mit dem dor- tigen Gouverneur und den Bakufu gemacht; sie haben geschworen, daß die Rache furchtbar sein würde, wenn sie nicht Canterburys – und nun auch Lims, furchtbar, nicht? – Mörder präsentieren. Aber alles, was darauf folgte, war das übliche Scharwenzeln und immer wieder: Oh, tut uns leid, wir bewachen alle Straßen, alle Wege, um sie zu erwischen, verzeihen Sie die Verzögerungen und Unannehm- lichkeiten. Aha, sagt Sir William, dann wissen Sie also, wer es war? O nein, antwortet der Jappo, aber wenn wir alle Papiere kontrollie- ren und alle genau beobachten, werden wir sie finden, wir tun alles, was in unseren Kräften steht, und bitte schützen Sie sich besser vor Revolutionären. Unverschämtheit! Die könnten sie fangen, wenn sie nur wollten!« »Schrecklich, das mit Lim! Grauenhaft! War ein richtiger Schock für mich. Sir William hat fast der Schlag getroffen. Immer noch kei- ne Anhaltspunkte dafür, wer die Mörder waren und wie sie in unse- re Gesandtschaft in Kanagawa eindringen konnten?« »Nichts. Nicht mehr als letztes Mal.« Pallidar hatte die mit, Schriftzeichen bedeckten Blätter gesehen, sprach ihn aber nicht da- rauf an. Er lockerte seinen Kragen. »Der wachhabende Corporal ist degradiert worden, die beiden anderen haben fünfzig Peitschenhie- be erhalten – wegen Pflichtverletzung. Wirklich dumm, nach dem letzten Überfall nicht besonders wachsam zu sein. Aber warum der Affenkopf?« Tyrer erschauerte. »Sir William glaubt, weil Lim sich über ihre De- legation lustig gemacht und sie als Affen bezeichnet hat. Eine Art Rache.« Pallidar stieß einen Pfiff aus. »Das bedeutet, daß mindestens ei- ner, ohne daß unsere Leute es wissen, Englisch spricht – oder we- nigstens Pidgin.« »Zu diesem Schluß sind wir auch gekommen.« Entschlossen un- terdrückte Tyrer seine Angst. »Zum Teufel damit! Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Was gibt's noch?« Pallidar beobachtete Hiraga. »Der General glaubt, daß hinter den zusätzlichen Straßensperren und Truppenbewegungen der Jappos mehr steckt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Die Händler sagen, ihre Jappo-Kontakte flüstern, daß alle Straßen, die aus Edo herausführen, gesperrt sind und daß der eigentliche Grund dafür die Tatsache ist, daß ein Bürgerkrieg droht. Verdammt unange- nehm, nichts zu wissen. Wir sollten uns, den Verträgen entspre- chend, frei bewegen und derartige Dinge selbst erkunden können. Der General und der Admiral sind sich ausnahmsweise einig darin, daß wir hier ebenso handeln sollten wie in Indien und wie überall, das heißt, Patrouillen oder ein bis zwei Regimenter ausschicken, um Flagge zu zeigen, sowie Kontakt mit dem einen oder anderen unzu- friedenen König aufnehmen, um ihn gegen die anderen auszuspie- len. Haben Sie Bier?« »Aber natürlich, entschuldigen Sie. Chen!« »Ja, Mass'r?« »Bieru chop chop«, befahl Tyrer, der nicht ganz sicher war, ob, der Vorschlag seines Freundes die richtige Taktik war. Der Vorarbei- ter der Gärtner näherte sich, blieb im Garten unten stehen und ver- neigte sich tief. Zu Pallidars Erstaunen erwiderte Tyrer die Vernei- gung, wenn auch wesentlich weniger tief. »Hai, Shikisha? Nan desu, ka?« Ja, Shikisha, was wollen Sie? Noch überraschter hörte Pallidar, daß Tyrer, als der Mann ihm eine Frage stellte, fließend auf japanisch antwortete und das Ge- spräch auch so weiterführte. Endlich verneigte sich der Mann und ging. »Hai, Taira-sama, domo.« »Großer Gott, Phillip, was sollte das?« »Eh? Ach so, der alte Shikisha. Der wollte nur wissen, ob es mir recht ist, wenn die Gärtner den Garten hinter dem Haus anlegen. Sir William wünscht frisches Gemüse, Blumenkohl, Zwiebeln, Kar- toffeln und… Was ist los?« »Sie sprechen also tatsächlich jappo?« Tyrer lachte. »Nein, nein, nicht richtig, aber ich habe zehn Tage hier rumgesessen, ohne etwas zu tun, also habe ich gebüffelt und verschiedene Wörter und Sätze gelernt. Und es hat mir aufrichtig Spaß gemacht. Es verschafft mir eine ungeheure Befriedigung, mich mit ihnen verständigen zu können.« Fujikos Gesicht tauchte vor ihm auf, und wie er sich mit ihr unterhalten, Stunden mit ihr ver- bracht hatte – zum letztenmal vor zehn Tagen, als er für einen Tag und eine Nacht nach Yokohama zurückgekehrt war. Ein Hurra für Sir William, heute oder morgen abend werde ich sie wiedersehen! Wie wunderbar! »Wunderbar!« sagte er strahlend, ohne zu überlegen. »Oh«, setzte er dann hastig hinzu, »äh, ja. Es macht mir Freude, wenn ich ver- suche, es zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Der alte Shikisha hat mir eine Menge Wörter genannt, fast alles Arbeitswörter, und Ukiya…«, ohne zu wissen, daß ›Ukiya‹ ein Deckname war und ein- fach ›Gärtner‹ bedeutete, zeigte er auf Hiraga, der eifrig hackte, »… hat mir beim Schreiben geholfen – ziemlich intelligenter Bur-, sche für einen Japaner.« Während der Schreiblektion gestern hatte er versucht, Gerüchte zu überprüfen, die er gehört hatte, und ihn mit von Poncin erlern- ten Zeichen und Wörtern gebeten, ihm die Schriftzeichen für ›Krieg‹, shenso, und ›bald‹, jiki, aufzuschreiben. Dann kombinierte er seine ungeschickten Schreibversuche zu: ›Krieg, in Nippon, bald, bitte?‹ Sofort hatte er eine Veränderung entdeckt. Und Überraschung. »Gai-jin toh nihon-go ka?« Fremde und Japaner? »Iyé, Ukiya. Nihon-go toh nihon-go.« Nein, Ukiya, Japaner und Japa- ner. Da hatte der Mann aufgelacht. Dabei hatte Tyrer gesehen, wie gut er aussah, wie sehr er sich von den anderen Gärtnern unterschied, und er hatte sich gefragt, warum er anscheinend um so viel intelli- genter war als die anderen, obwohl die meisten Japaner, im Gegen- satz zu den britischen Arbeitern, lesen und schreiben konnten. »Ni- hon-go tsueneni shenso nihon-go!« hatte er gesagt und war an seine Ar- beit zurückgegangen. Tyrer sah Pallidar grinsend an. »Kommen Sie schon, was gibt's Neues? Nicht geschäftlich, verdammt noch mal. Angélique!« Pallidar stöhnte. »Ach, Sie interessieren sich für sie?« fragte er un- beteiligt und genoß im stillen seinen Scherz. »Ganz und gar nicht.« Tyrers Antwort kam ebenso unbeteiligt, ebenso scherzhaft, dann lachten sie beide. »Morgen ist die Verlobungsfeier.« »Malcolm, der Glückliche! Gott sei Dank, daß ich hier erlöst bin! Diese Feier möchte ich nicht verpassen. Wie geht's ihr?« »Sie ist genauso hübsch wie immer. Wir hatten sie als Ehrengast im Kasino. Als sie kam, sah sie wie eine Göttin aus, begleitet von dem Franzmann-Gesandten, diesem aufgeblasenen Esel, und André Poncin – ich kann keinen von den beiden ausstehen. Es war…« »André ist eigentlich ganz nett – er hilft mir sehr bei meinem Ja-, panisch.« »Kann sein, aber ich traue ihm nicht. In der Times steht ein langer Artikel über den bevorstehenden Konflikt in Europa: Frankreich und wahrscheinlich Rußland gegen Deutschland. Und wir werden bestimmt mit hineingezogen.« »Auf diesen Krieg können wir gern verzichten. Sie wollten sagen?« Wieder ein breites Grinsen. »Es war ein fabelhafter Abend. Ein- mal hab ich mit ihr getanzt. Umwerfend. Eine Polka – die Seele hab ich mir aus dem Leib getanzt. Aus der Nähe, na ja, ohne res- pektlos zu sein, muß ich doch sagen, daß ihr Busen wie Milch und Honig ist, und ihr Parfüm…« Sekundenlang erlebte Pallidar diesen berauschenden Moment noch einmal. »Ich muß gestehen, ich be- neide Struan.« »Wie geht's ihm?« »Eh? Ach so, Struan. Ein bißchen besser, wie man sagt. Ich habe ihn nicht gesehen, aber es heißt, daß er wieder auf ist. Ich habe An- gélique gefragt, aber sie hat nur geantwortet, daß es ihm besser geht.« Er strahlte wieder. »Dr. Hoag, der neue Doktor und Haus- arzt der Familie, hat jetzt seine Behandlung übernommen. Wie ich hörte, ist er tatsächlich verdammt gut.« Pallidar leerte sein Bier. So- fort wurde ihm ein neues serviert: von dem stets aufmerksamen Chen, diesem stets lächelnden, rundlichen Abziehbild von Lim, ebenfalls eingeschleust und ebenfalls ein entfernter Verwandter des Struan-Compradors. »Danke.« Pallidar trank durstig. »Verdammt gutes Bier«, sagte er anerkennend. »Einheimisch. Ukiya sagt, daß es seit Jahren von den Japanern ge- braut wird und daß das beste aus Nagasaki kommt. Ich könnte mir vorstellen, daß sie damals das portugiesische Bier kopiert haben. Was gibt's noch?« Pallidar musterte Tyrer nachdenklich. »Was halten Sie von Hoags Mördergeschichte? Von der Operation und dem geheimnisvollen Mädchen?«, »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich glaubte, einen von ihnen wiederzuerkennen, erinnern Sie sich? Der Mann war an genau derselben Stelle verwundet. Alles paßt zusammen. Schade, daß Sie und Marlowe ihn nicht erwischt haben. Und welche Ironie des Schicksals, wenn einer von uns ihn geheilt hätte, damit er mehr von uns ermorden kann.« Tyrer senkte die Stimme, denn ständig waren Diener oder Soldaten in der Nähe. »Ganz unter uns, alter Junge: Sir William fordert weitere Truppen und Schiffe aus Hong- kong an.« »Habe ich auch gehört. Es wird bald Krieg geben, oder wir wer- den eingreifen müssen, sobald sie anfangen, einander zu bekämp- fen…« Während er weiter jätete und hackte, lauschte Hiraga aufmerk- sam, und obwohl ihm viele Wörter entgingen, verstand er den Sinn, und diese Nachrichten bestätigten seine eigene, ständig wachsende Besorgnis. Nachdem sie das Utani-Herrenhaus in Brand gesteckt hatten, wa- ren er und seine Freunde ohne Zwischenfall ins sichere Haus zu- rückgekehrt. Todo und ein paar andere wollten, sobald die Straßen- sperren geöffnet wurden, so schnell wie möglich nach Kanagawa weiterreisen, und verabschiedeten sich. Er, Joun und Akimoto be- schlossen, sich in verschiedenen Häusern zu verstecken, bis sich eine Gelegenheit zum Überfall auf die Gesandtschaft bot. Am selben Morgen verdoppelten die Bakufu mit unheimlicher, beispielloser Geschwindigkeit die Straßensperren auf der Tokaidō und dehnten ihre Kontrollen auf alle vier Hauptstraßen sowie sämt- liche Straßen, Wege und sogar Pfade aus, die aus Edo hinausführ- ten. Diese Maßnahmen, ergänzt durch die verstärkte Überwachung, bewirkten, daß sie so gut wie eingeschlossen waren. Vier Tage zuvor hatte Mama-san Noriko einen Brief aus Kanaga- wa geschickt, in dem sie schrieb, aufgrund der intensivierten feind- lichen Aktivitäten sei dies die erste Gelegenheit für sie, von Ori, Su-, momo und dem Gai-Jin-Doktor zu berichten, und schloß: Noch immer kein Zeichen von Todo und den anderen beiden Shishi – sie sind alle spurlos verschwunden. Daß sie die erste Sperre passiert haben, wissen wir, mehr aber nicht. Wir fürchten, daß sie verraten wurden und daß ihr verraten werdet. Flieht, wenn ihr könnt. Ori wird mit jedem Tag kräftiger, seine Wunde ist noch immer sauber. Ich habe ihn in der Nähe von Yokohama in Sicherheit gebracht – der letzte Platz, an dem die Bakufu ihn vermuten. Deine Dame weigert sich, ohne Deinen Befehl zu gehen – schicke ihn bitte sofort, ich fürchte, daß mein Haus überwacht wird. Wenn wir angegriffen werden, erkundige Dich bei Raiko im Haus ›Zu den drei Karpfen‹ in Yokohama. Die Nachricht von dem Mord an Utani verbreitet sich, begleitet von Terror, in ganz Nippon. Sonno-joi! Er wollte eine Antwort schreiben, aber der Bote hatte zu große Angst. »Hierher zu kommen war ganz furchtbar, Hiraga-san. Die Wachen an den Straßensperren befehlen jedem, sich nackt auszuzie- hen, Männer, Frauen und sogar Kindern, für den Fall, daß in den Lendentüchern Botschaften verborgen sind. Mir ist es auch so er- gangen, Sire.« »Und wie bist du entkommen?« Der Bote zeigte auf sein Hinterteil. »Ich habe den Brief in eine kleine Metallröhre gesteckt, Hiraga-san. Aber das möchte ich nicht noch einmal riskieren, manche Wachen sind sehr bewandert in den Tricks der Schmuggler. Bitte, vertrauen Sie mir eine mündliche Bot- schaft an.« »Dann richte deiner Herrin meinen Dank aus und sage Sumomo- san, sie soll sich sofort bei Shinsaku melden.« Hiraga benutzte den persönlichen Namen seines Vaters, den nur sie kennen und daher sicher sein konnte, daß der Befehl zur Heimkehr wirklich von ihm kam. Dann bezahlte er den Mann. »Sei vorsichtig.« »Karma.«, Ja, Karma, dachte Hiraga und konzentrierte sich wieder auf die fremde Sprache. Er freute sich, daß Ori noch lebte, und genoß die Ironie, daß ein Gai-Jin Ori gerettet hatte, damit er weitere Gai-Jin umbringen konnte, wie er es mit diesen beiden tun würde. Ich könnte es tun, während sie abziehen, weil dann ein allgemeines Durcheinander herrscht, und wenn nicht beide, dann wenigstens ei- nen, wer das erste Opfer auch sein mag. Eeee, ihr Götter, wenn es euch gibt, wacht über Sumomo und beschützt sie. Gut, daß sie ihren Eltern Widerstand geleistet hat, gut, daß sie zum Haus meiner Eltern in Choshu gereist ist, gut, daß sie nach Kanagawa gegangen ist, und mehr als gut, daß sie es wagt, mich in meinem Kampf zu unterstützen. Um so wichtiger, daß sie heil und gesund nach Hause zurückkehrt. Es ist besser, wenn sie in Choshu ist, weit von jeder Gefahr entfernt… Seine Ohren hörten das Wort ›Shimonoseki‹. Der Gai-Jin-Offizier erzählte geschwätzig und wirkte erregt, und obwohl er die meisten Wörter nicht verstand, begriff Hiraga, daß in der Meerenge mit Ka- nonen auf einige Schiffe geschossen worden war, daß mehrere See- leute getötet wurden und daß alle Gai-Jin fuchsteufelswild waren, weil die Meerenge für ihre Schiffahrt große Bedeutung besaß. Ja, das tut sie, dachte Hiraga mit grimmiger Belustigung, und eben deshalb werdet ihr unsere Meerenge niemals bekommen. Sogar mit den Kanonen, die wir schon haben, können wir sie sperren und für jede Barbarenflotte geschlossen halten – und bald wird unsere, von den Holländern erbaute und geplante Waffenfabrik auch Sech- zigpfünder gießen, drei Stück pro Monat, mit Lafetten! Das Blatt hat sich endlich zu unseren Gunsten gewendet: Von allen Daimyos gehorcht Herr Ogama von Choshu als einziger dem Wunsch des Kaisers, die Gai-Jin zu attackieren und zu vertreiben; mit seinen Choshu-Truppen hält er zu Recht die Palasttore besetzt; Katsumata sammelt alle Shishi, um den Shōgun, der unglaublicher- weise aus seinem Schlupfloch hervorkommen will, auf dem Weg, nach Kyōto in einen Hinterhalt zu locken und zu vernichten; und nun festigt sich unser Griff auf die Zitadelle der Gai-Jin, Yokoha- ma… Als plötzlich laute Rufe ertönten, konzentrierte sich die Aufmerk- samkeit aller Personen im Vorhof auf das verriegelte und schwer be- wachte Tor. Hiragas Magen verkrampfte sich. Ein Samurai-Offizier an der Spitze einer Patrouille unter dem Bakufu-Banner und den persönlichen Insignien Toranaga Yoshis begehrte unüberhörbar Einlaß, während ihm die Rotrock-Soldaten nicht weniger lautstark befahlen zu verschwinden. Unmittelbar hinter dem Samurai-Offizier stand Joun, sein Shishi-Kamerad – gefesselt, zerschlagen und gede- mütigt. Ein Hornist blies Alarm. Alle Truppen innerhalb der Mauern eil- ten auf ihre Kampfstationen, manche mit halb zugeknöpften Uni- formen und ohne Mütze, jedoch alle mit Gewehren, Magazinen und Bajonetten bewaffnet, die Gärtner lagen mit der Stirn am Bo- den auf den Knien, während Hiraga, völlig überrascht, einen Au- genblick stehenblieb, um dann sogleich ihrem Beispiel zu folgen. Auf dem Platz draußen begannen sich bedrohliche Mengen von Kriegern zu versammeln. Unsicher erhob sich Tyrer. »Was zum Teufel geht da vor?« Mit bemühter Gelassenheit antwortete Pallidar: »Ich glaube, wir sollten uns das ansehen.« Gemächlich erhob er sich und sah, wie der diensthabende Captain der Gesandtschaftswache an der Tür nervös seine Pistolentasche öffnete. »Morgen. Ich bin Captain Palli- dar.« »Captain McGregor. Ich bin froh, daß Sie hier sind, sogar sehr froh.« »Wollen wir?« »Ja.« »Wieviel Mann haben Sie hier?« »Fünfzig.«, »Gut. Mehr als genug. Phillip, kein Grund zur Sorge.« Das sagte Pallidar, nach außen hin gelassen, um ihn zu beruhigen, das Adre- nalin kreiste jedoch recht heftig in seinen Adern. »Ja, ja, sehr gut.« Bemüht, ruhig zu wirken, setzte Tyrer den Zylin- der auf, strich sich den Gehrock glatt und schritt, während sich alle Blicke auf ihn richteten, die Treppe hinab. Fünf Meter vom Tor entfernt blieb er stehen; die beiden Offiziere waren unmittelbar hin- ter ihm. In die Stille hinein sagte er stockend: »Ohayo, watashi wa Taira-sama. Dozo, nan desu ka?« Guten Morgen, ich bin Mr. Tyrer, was wünschen Sie bitte? Uraga, der Offizier, jener große, bärenhafte Mann, der beim Shi- shi-Überfall auf Anjo vor dem Burgtor dabei gewesen war, funkelte ihn an; dann verneigte er sich und richtete sich nicht wieder auf. Tyrer verneigte sich ebenfalls, aber – auf André Poncins Rat hin – nicht ganz so tief, und sagte abermals: »Guten Morgen, was wün- schen Sie bitte?« Der Offizier, dem die nicht sehr respektvolle Verbeugung nicht entgangen war, brach in einen Schwall von Japanisch aus, mit dem Tyrer restlos überfordert war. Seine Verzweiflung wuchs. Genau wie die Hiragas, denn der Offizier ersuchte um Erlaubnis, die Gesandt- schaft mitsamt dem umliegenden Gelände sofort zu durchsuchen und alle Japaner, die sich dort aufhielten, zu vernehmen, weil sich vermutlich Shishi-Mörder und Revolutionäre unter ihnen befanden. »Wie der da«, endete er wütend und zeigte auf Joun. Tyrer suchte nach Worten. »Wakarimasen. Dozo, hanashi wo sum no- roku.« Ich verstehe Sie nicht, bitte sprechen Sie langsam. »Wakarimasen ka?« Sie verstehen nicht? fragte Uraga ungeduldig. Dann hob er die Stimme, denn er war, wie die meisten Menschen, die mit einem Fremden sprechen, der Meinung, daß Lautstärke sei- ne Worte deutlicher und verständlicher mache, bewirkte aber nur damit, daß seine gutturale Sprache noch drohender klang. »Es wird nicht lange dauern, und bitte glauben Sie mir, daß es zu Ihrem ei-, genen Schutz dient«, schloß er. »Tut mir leid, nicht verstehen. Bitte, sprechen Englisch oder Hol- ländisch?« »Nein, natürlich nicht. Das sollte Ihnen doch wohl klar sein. Ich möchte nur kurz zu Ihnen hinein. Bitte, öffnen Sie das Tor. Es ist zu Ihrem eigenen Schutz. Sehen Sie? Hier, Ihr Tor! Hier, ich zeige es Ihnen!« Er trat vor, packte eine Gitterstange und rüttelte heftig daran; alle wurden unruhig, viele Gewehre wurden entsichert, und Pallidar befahl energisch: »Gewehre sichern! Kein Schuß ohne mei- nen Befehl!« »Ich weiß nicht, was zum Teufel der eigentlich will«, gestand Tyrer, dem kalter Schweiß über den Rücken lief. »Nur eins ist mehr oder weniger klar: Er will, daß wir ihm das Tor öffnen.« »Nun, das werden wir nicht tun, nicht für diesen bewaffneten Sauhaufen! Sagen Sie ihm, er soll verschwinden, dies ist britisches Eigentum!« »Dies…« Tyrer zeigte auf den Fahnenmast mit dem Union Jack. »Dies englischer Ort… kein Eintreten. Bitte gehen!« »Gehen? Sind Sie wahnsinnig? Ich habe Ihnen eben erklärt, daß es zu Ihrem eigenen Schutz ist. Wir haben diesen Hund hier verhaf- tet und sind überzeugt, daß sich ein weiterer hier befindet oder in der Nähe versteckt. ÖFFNEN SIE DAS TOR!« »Tut mir leid, nicht verstehen…« Während er mit weiteren japani- schen Wörtern bombardiert wurde, sah sich Tyrer hilflos um. Dann fiel sein Blick auf Hiraga, der nicht weit entfernt war. »Ukiya, kom- men Sie her!« rief er auf japanisch. »Ukiya!« Fast hätte Hiragas Herz ausgesetzt. Abermals rief Tyrer nach ihm. In vorgetäuschter Angst lief Hiraga stolpernd, tief gebückt auf ihn zu und neigte, mit dem Rücken zum Tor, den zum größten Teil vom Kulihut verborgenen Kopf vor Tyrers Füßen bis zur Erde. »Was Mann sagt?« fragte ihn Tyrer. Unter vorgetäuschtem Zittern, alle Sinne rasiermesserscharf, erwi-, derte Hiraga leise: »Das ist ein böser Mann… Er will hereinkom- men, um…« »Aha, hereinkommen. Warum?« »Er… will suchen.« »Nicht verstehe suchen.« »Ihr Haus ansehen, überall.« »Ja, verstehe. Warum?« »Ich sage, suchen…« »Du, Gärtner!« rief der Offizier, und Hiraga zuckte zusammen, während Wut in ihm aufstieg. Hier, im Mittelpunkt der Aufmerk- samkeit, vor dem Gai-Jin auf den Knien und in dem Bewußtsein, daß er unter dem Hut einen primitiven Turban trug und daß, wenn dieser abgenommen wurde, darunter der kahlrasierte Schädel und Haarknoten eines Samurai zum Vorschein kommen würde, wurde ihm zum erstenmal im Leben übel vor Angst. »Du, Gärtner«, rief der Mann abermals und rüttelte an den Gitter- stäben. »Sag diesem Idioten, ich will nur nach Mördern suchen, nach Shishi-Mördern!« Verzweifelt behauptete Hiraga leise: »Taira-sama, der Samurai will hereinkommen und alles ansehen. Sagen Sie ihm, daß Sie weggehen und daß er dann hereinkommen kann.« »Verstehe nicht. Ukiya geh dahin!« Tyrer zeigte auf das Tor. »Sa- gen, weggehen, schön weggehen!« »Ich kann nicht! Ich kann nicht«, flüsterte Hiraga, der seine Ge- danken zu sammeln und seine Übelkeit zu überwinden versuchte. »Phillip«, mischte sich Pallidar ein, dessen Uniformrücken in- zwischen Schweißflecke aufwies. »Was zum Teufel will der von Ihnen?« »Keine Ahnung.« Die Spannung wuchs, als der Offizier noch einmal an den Tor- gittern rüttelte, während seine Männer vorwärtsdrängten, um ihn dabei zu unterstützen. Zum Handeln gezwungen, kam Pallidar nä-, her. Salutierte kühl. Der Japaner verneigte sich ebenso kühl. Dann sagte Pallidar sehr langsam: »Dies ist britisches Eigentum. Ich be- fehle Ihnen, friedlich abzuziehen oder die Folgen zu tragen.« Der Offizier starrte ihn verständnislos an; dann erklärte er ihm abermals, daß er das Tor öffnen solle, und zwar schnell. »Verschwinden Sie!« Ohne sich umzudrehen rief Pallidar laut: »Nur Dragoner – fertig zur Salve!« Augenblicklich rückten die zehn Dragoner vor und formierten sich unmittelbar vor dem Tor zu zwei Reihen; die erste Reihe kniete nieder, alle zehn Gewehre wurden entsichert, geladen und aufs Ziel gerichtet. In der plötzlich eingetretenen Stille öffnete Pal- lidar betont langsam seine Pistolentasche. »Verschwinden Sie!« Unvermittelt lachte der Offizier laut auf, und die Japaner auf dem Platz nahmen sein Lachen auf. Da draußen befanden sich Hunderte von Samurai, in unmittelbarer Nähe vermutlich Tausende und in Reichweite Zehntausende. Aber keiner von ihnen hatte gesehen, welch ein Blutbad ein paar disziplinierte britische Soldaten mit ihren schnell und einfach abzufeuernden Hinterladern anrichten konnten. So schnell das Lachen ausgebrochen war, so schnell erstarb es. Beide Seiten warteten auf den unvermeidlichen ersten Schritt. Hek- tische Vermutungen schossen durch alle Köpfe: Diesmal geht es bis in den Tod, shi kiraru beki, Gott Allmächtiger, Namu Amida Butsu… Hiraga, der verstohlen zu Tyrer aufblickte, sah dessen Hilflosig- keit und fluchte, denn ihm war klar, daß der Offizier im nächsten Moment den Angriff befehlen mußte, um angesichts der schwelen- den Feindseligkeit draußen das Gesicht zu wahren. Und bevor Hiraga sich recht besinnen konnte, beschloß sein Überlebensme- chanismus, das Spiel zu wagen, und er flüsterte – obwohl er Tyrer gegenüber noch nie den kleinsten Anhaltspunkt dafür gegeben hat- te, daß er die Sprache verstand – auf englisch: »Bitte, mir vertrauen – bitte, sagen Worte: Sensho… dozo…«, Tyrer starrte ihn an. »Eh? Sagten Sie ›vertrauen‹? Eh?« Nun konnte er nicht mehr zurück. Mit hämmerndem Herzen und in der Hoffnung, daß sich die beiden Offiziere neben ihnen so sehr auf die Geschehnisse draußen konzentrierten, daß sie nichts hörten, flüsterte Hiraga unsicher und mit ziemlich schwer verständ- licher Aussprache: »Bitte, ruhig. Gefahr! Tun, als ob Worte von Ihnen. Sagen Sencho, dozo kokuro… sagen Worte!« Dann wartete er, krank vor Angst, denn er spürte, daß die Spannung bei den Samu- rai draußen kurz vor dem Ausbruch stand, und zischte abermals auf englisch, diesmal als Befehl: »Sagen Worte jetzt! Jetzt! Sencho… dozo kokuro… Schnell!« Fast automatisch gehorchte Tyrer. »Sencho, dozo kokuro…«, plapper- te er diese und die folgenden Worte nach, ohne zu wissen, was er sagte, und versuchte die Erkenntnis zu verarbeiten, daß Hiraga Eng- lisch sprach und daß dies wirklich kein Traum war. Wie er sah, zei- tigten seine Worte innerhalb von Sekunden Wirkung. Der Offizier befahl Ruhe. Die Spannung auf dem Platz ließ nach, jetzt hörte ihm der Offizier aufmerksam zu und warf zwischendurch ein: »Hai, wakata« – ja, ich verstehe. Tyrer faßte wieder Mut; er konzentrierte sich auf Hiraga und den Japaner. Die Worte endeten sehr kurz mit: »Domo.« Augenblicklich stürzte sich der Offizier in eine Antwort. Hiraga wartete, bis er fertig war. »Schütteln Kopf«, flüsterte er. »Sagen Iyé, domo, verneigen, schnell-schnell ins Haus. Befehlen, ich mitkom- men.« Etwas gefaßter schüttelte Tyrer energisch den Kopf, »Iyé, domo!« sagte er gewichtig und schritt unter ehrfürchtigem Schweigen zum Haus zurück, machte dann noch einmal halt, wandte sich um und rief auf englisch: »Ukiya! Kommen Sie mit… oh Himmel!« Suchte hektisch nach dem japanischen Ausdruck, fand ihn und winkte ihm: »Ukiya, isogi!« Wieder in diesem halb gebückten Laufschritt gehorchte Hiraga., Oben auf der Treppe verneigte er sich demütig und sagte, mit dem Rücken zu allen anderen: »Bitte befehlen alle Männer, nun sicher. Schnell bitte ins Haus.« Gehorsam rief Tyrer: »Captain Pallidar, befehlen Sie Ihren Män- nern wegzutreten. Die Gefahr ist, äh, ist jetzt vorbei.« Drinnen in der Gesandtschaft verwandelte sich Tyrers bleiche Er- leichterung in Zorn. »Wer sind Sie, und was zum Teufel habe ich gesagt?« »Erkläre später, Taira-san. Samurai wollen suchen, Sie, alle Män- ner, wollen Gewehre nehmen«, sagte Hiraga, über die Wörter stol- pernd und von seiner eigenen Angst noch nicht befreit. Er stand jetzt aufrecht und blickte ihm offen in die Augen, aber er wußte, daß er der Falle noch nicht entronnen war. »Captain sehr zornig, will Gewehre, nimmt Gewehre, will suchen nach… nach Bakufu- Feind. Sie ihm sagen: ›Nein, Captain, kinjiru, verboten suchen. Heute ich und Männer hier weg, dann Sie suchen. Nicht jetzt, kin- jiru. Wir behalten Waffen, wenn weggehen. Kinjiru verboten uns aufhalten. Ich danke Ihnen. Ich jetzt gehe nach Yokohama.‹« »Das habe ich gesagt?« »Ja. Bitte jetzt wieder hinaus, mir befehlen, Gärtner wieder an Arbeit, zornig. Wort hatarkasu«, sagte Hiraga nervös. »Wir sprechen später, geheim, Sie ich, ja?« »Ja, aber nicht allein. In Gegenwart eines anderen Offiziers.« »Dann nicht sprechen, Verzeihung.« Hiraga nahm wieder die de- mütige Haltung an, ging rückwärts zum Zimmer hinaus und fiel abermals, den Rücken zum Vorhof, vor Tyrer auf die Knie. Völlig verwirrt trat Tyrer aus dem Haus. Draußen warteten noch immer alle. »Captain Pallidar und, äh, Captain McGregor, lassen Sie die Männer wegtreten und kommen Sie dann zu einer Bespre- chung zu mir. Hatarkasu! Ikimasho! An die Arbeit, aber schnell!« rief er dann den Gärtnern zu, die eilfertig gehorchten. Dankbar floh Hiraga in den sicheren Garten und befahl den Gärtnern flüsternd,, ihn zu decken; die Offiziere und Sergeants begannen Befehle zu brüllen, und die Welt begann sich wieder zu drehen. Blind für alles andere, stand Tyrer auf der Veranda und beobach- tete Hiraga unentschlossen; er war entsetzt darüber, daß der Mann offensichtlich ein Spion war, gleichzeitig aber dankbar dafür, daß er sie alle gerettet hatte. »Sie wollten uns sprechen?« unterbrach ihn Pallidar in seinen Ge- danken. »Oh? Ach ja… Bitte, folgen Sie mir.« Er führte sie in sein Büro, schloß die Tür und berichtete ihnen, was er gesagt hatte. Beide gratulierten ihm. »Verdammt beeindruckend, Phillip«, lobte Pallidar. »Einen Moment lang war ich überzeugt, daß es zur Aus- einandersetzung kommen würde, und wer weiß, was dann gesche- hen wäre. Viel zu viele von diesen Kerlen – letztlich hätten sie uns überrannt. Letztlich. Die Flotte hätte uns natürlich gerächt, aber wir hätten die Radieschen von unten gesehen, und das ist eine ver- dammt langweilige Vorstellung.« »Mehr als langweilig«, bestätigte Captain McGregor. Dann sah er Tyrer fragend an. »Was sollen wir jetzt tun, Sir?« Tyrer zögerte. Er war verblüfft darüber, daß keiner von den bei- den Hiragas Englisch gehört hatte, freute sich aber über den ganz neuen Respekt, den sie ihm erwiesen: McGregor hatte ihn zum ers- tenmal ›Sir‹ genannt. »Am besten befolgen wir Sir Williams Befehle. Ordnen Sie an, daß alle packen und… Aber auf gar keinen Fall soll es wie ein schmählicher Rückzug aussehen; unsere Gewehre dürfen wir ihnen nicht überlassen – eine Frechheit! –, und sie sollen auch nicht glauben, daß wir davonlaufen. Wir werden mit, äh, mit Glanz und Gloria abziehen.« »Perfekt! Nachdem wir offiziell die Flagge eingeholt haben.« »Wunderbar! Nun ja, ich sollte wohl… Ich sollte wohl dafür sor- gen, daß alle Depeschen seefertig verpackt werden, und so weiter…« »Darf ich einen Vorschlag machen, Sir?« warf Captain McGregor, ein. »Ich finde wirklich, daß wir ein großes Glas Champagner ver- dient haben – ich glaube, es sind noch ein paar Flaschen da.« »Vielen Dank.« Tyrer strahlte. »Also dann, Besanschot an!« Das war der traditionelle Marineausdruck für die Ausgabe von einer Ra- tion Rum an alle Matrosen. »Aber vorher sollten wir alle frühstü- cken – um zu beweisen, daß wir uns nicht zur Eile drängen lassen.« »Ich werde sofort alles veranlassen«, versprach McGregor. »Ver- dammt clever von Ihnen, sich von diesem Gärtner mit den Formu- lierungen helfen zu lassen; einige davon klangen ziemlich Englisch. Aber warum wollten die die Gesandtschaft durchsuchen?« »Äh… Weil sie Bakufu-Feinde suchen.« Beide Männer starrten ihn an. »Aber wir haben doch gar keine Jappos hier – außer den Gärtnern, falls sie das gemeint haben soll- ten.« Tyrers Herz klopfte, weil das eindeutig auf Ukiya paßte, aber Pal- lidar fragte bereits: »Sie werden denen doch nicht wirklich erlauben, unsere Gesandtschaft zu durchsuchen – oder? Das würde einen ge- fährlichen Präzedenzfall schaffen.« Mit einem Schlag fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; Palli- dar hatte recht. »Verdammt, daran hab ich in dem Augenblick nicht gedacht.« McGregor brach das Schweigen. »Vielleicht, Sir, vielleicht könn- ten Sie den Samurai-Offizier auffordern, die Gesandtschaft mit uns zusammen zu inspizieren, es kann nicht schaden, wenn Sie ihn da- zu einladen. Gleichzeitig kann er die Gärtner kontrollieren, oder wir können sie einfach wegschicken, bevor wir aufbrechen und die Tore verschließen.« »Ein perfekter Kompromiß«, sagte Pallidar zufrieden. Verschmutzt und verschwitzt, denn die Spätnachmittagssonne war noch immer recht heiß, beschäftigte sich Hiraga in der Nähe einer, Seitentür der Gesandtschaft und eines offenen Fensters mit Un- krautjäten. Im Vorhof türmten sich die Gepäckstücke auf den Kar- ren, wurden Pferde gezäumt, hatten sich einige Soldaten schon in Marschordnung aufgestellt. Wachsoldaten patrouillierten um die Grundstücksmauern. Die Samurai außerhalb der Mauer, die unter Sonnenschirmen Schutz suchten oder träge umherschlenderten, warteten mit spürbarer Feindseligkeit. »Jetzt!« kam Tyrers Stimme aus dem Zimmer. Hiraga vergewisser- te sich, daß er nicht beobachtet wurde, duckte sich ins Gebüsch und öffnete rasch die Tür. Hastig führte ihn Tyrer den Korridor entlang in einen Raum, der auf den Vorhof hinausging, und verrie- gelte die Tür. Die Vorhänge der geschlossenen Fenster filterten das Sonnenlicht. Ein Schreibtisch, einige Stühle, Dokumentenrollen, Akten und ein Revolver auf dem Schreibtisch, hinter dem Tyrer saß und auf einen Stuhl deutete. »Bitte nehmen Sie Platz. Und nun sa- gen Sie mir, wer Sie sind.« »Zuerst Geheimnis, daß ich Englisch spreche, ja?« Hiraga blieb stehen – jetzt wieder hoch aufgerichtet und irgendwie bedrohlich. »Zuerst sagen Sie mir, wer Sie sind; danach werde ich entschei- den.« »Nein, Verzeihung, Taira-san. Ich von Nutzen für Sie, schon Män- ner gerettet. Von großem Nutzen. Stimmt doch, neh?« »Ja, das stimmt. Warum sollte ich das geheimhalten?« »Sicher für mich… und für Sie.« »Warum für mich?« »Vielleicht nicht klug, zu haben… Wie sagen, ach ja, Geheimnis, andere Gai-Jin nicht wissen. Ich Ihnen viel helfen. Helfen lernen Sprache, helfen über Nippon. Ich Ihnen sagen Wahrheit, Sie mir auch sagen Wahrheit, Sie mir helfen, ich Ihnen helfen. Wie alt, bitte?« »Ich bin einundzwanzig.« Hiraga verbarg sein Erstaunen und lächelte unter seinem Hut her-, vor: So schwer, das Alter der Gai-Jin zu schätzen, die alle gleich aussahen! Und was die Pistole betraf, die sein Feind auf den Tisch gelegt hatte, die war einfach lächerlich. Er konnte diesen Idioten mit den bloßen Händen umbringen, bevor er sie auch nur erreich- te. Ein so einfacher Mord, so verlockend, und hier der perfekte Ort, so leicht, von hier zu fliehen; aber dann, draußen, gar nicht so leicht, den Samurai zu entkommen. »Ich zweiundzwanzig. Halten geheim?« »Wer sind Sie? Sie heißen gar nicht Ukiya, nicht wahr?« »Versprechen geheim?« Tyrer holte tief Luft, erwog die Konsequenzen und kam in jedem Fall zu dem Ergebnis: Katastrophe. »Einverstanden.« Als Hiraga die Klinge aus dem Hutrand zog, setzte sein Herz ein paar Schläge aus, und er machte sich Vorwürfe, weil er sich so leichtsinnig in Gefahr begeben hatte. Zu seinem Erstaunen sah er, daß Hiraga seinen Finger ritzte und ihm das Stilett überreichte. »Nun Sie bitte.« Tyrer zögerte; er wußte, was nun kommen wür- de, zuckte aber die Achseln und gehorchte. Feierlich, damit sich ihr Blut vermischen konnte, legte Hiraga den seinen an Tyrers Finger. »Ich schwöre bei Göttern geheimhalten über Sie, Sie sagen genauso mit Christengott, Taira-san.« »Ich schwöre bei Gott, Ihr Geheimnis zu bewahren«, sagte Tyrer ernst und fragte sich, wohin ihn dieser Eid führen würde. »Wo ha- ben Sie Englisch gelernt? Auf einer Missionsschule?« »Hai, aber nicht Christ.« Gefährlich, von den Choshu-Schulen zu erzählen, dachte Hiraga, oder von Mr. Großer Geruch, dem Hol- länder, unserem Englischlehrer, der behauptete, Priester gewesen zu sein, bevor er Pirat wurde. Wahrheit oder Lüge für diesen Taira spielt keine Rolle, er ist ein Gai-Jin, ein kleiner Führer unseres über- aus mächtigen fremden Feindes, deswegen muß man ihn benutzen. »Sie helfen entkommen, ja?«, »Wer sind Sie? Sie heißen nicht Ukiya!« Hiraga lächelte; dann setzte er sich auf einen Stuhl. »Ukiya heißt Gärtner, Taira-san. Mein Familienname Ikeda.« Die Lüge ging ihm leicht von den Lippen. »Nakama Ikeda. Ich der, den Offizier su- chen.« »Weswegen?« »Weil ich und Familie, von Choshu, wir kämpfen gegen Bakufu. Bakufu stehlen Macht von Kaiser und…« »Sie meinen den Shōgun?« Hiraga schüttelte den Kopf: »Shōgun ist Bakufu, Kopf von Baku- fu. Er…« Er überlegte einen Moment, dann imitierte er eine Mario- nette. »Verstehn?« »Marionette?« »Ja, Marionette.« Tyrer starrte ihn an. »Der Shōgun ist eine Marionette?« Hiraga nickte, jetzt fast sicher, daß er den anderen am Haken hat- te. »Shōgun Nobusada, Knabe, sechzehn Jahre, Bakufu-Marionette. Lebt Edo. Kaiser lebt Kyōto. Jetzt Kaiser keine Macht. Mehr zwei- hundert Jahre zurück Shōgun Toranaga nimmt Macht. Wir kämp- fen gegen Macht Shōgun und Bakufu, für geben Macht Kaiser zu- rück.« Tyrer, dessen Kopf vor Konzentration schmerzte – es war so schwer, die Aussprache dieses Mannes zu verstehen –, erkannte so- fort, wie wichtig diese Informationen waren. »Der Knabe Shōgun. Wie alt, bitte?« »Sechzehn Jahr Shōgun Nobusada. Bakufu sagt ihm, was tun«, wiederholte Hiraga, seine Ungeduld zügelnd, weil er wußte, daß er geduldig sein mußte. »Kaiser viel Macht, aber nicht…« Er suchte nach dem Wort, vermochte es nicht zu finden und versuchte es an- ders zu erklären. »Kaiser nicht wie Daimyo. Daimyo hat Samurai, Waffen, viele. Kaiser hat kein Samurai, kein Waffen. Kann Bakufu nicht zwingen, gehorchen. Bakufu hat Armeen, Kaiser nicht, waka-, ta?« »Hai, Nakama, wakata.« Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, denn Tyrer erkannte, daß dieser Mann eine wertvolle Quelle sein konnte, die man sehr vorsichtig anzapfen mußte, und mit Si- cherheit nicht an diesem Ort. Er sah die intensive Konzentration auf dem Gesicht des Mannes, fragte sich, wieviel Nakama von dem, was er sagte, tatsächlich verstand, und ermahnte sich selbst, so lang- sam und so einfach wie möglich zu sprechen. »Wie viele von euch kämpfen gegen Bakufu?« »Viele.« Hiraga schlug einen Moskito tot. »Hunderte? Tausende? Was für Leute – gewöhnliche Leute, Gärt- ner, Arbeiter, Kaufleute?« Hiraga sah ihn verwundert an. »Die sind nichts. Nur Samurai kämpfen. Nur Samurai haben Waffen. Kinjiru, andere haben Waf- fen.« Wieder riß Tyrer die Augen auf. »Sie Samurai?« Abermals Erstaunen. »Samurai kämpfen. Ich sage kämpfen Baku- fu, ja? Nakama Samurai!« Damit nahm Hiraga den Hut ab, zog sich das schmutzige, verschwitzte Tuch vom Kopf, das ihm als Tur- ban diente, und zeigte seinen typischen, rasierten Schädel mit dem Haarknoten. Nun erst, da Tyrer sein Gesicht ohne den Chinesen- hut deutlich erkennen konnte und ihn zum erstenmal richtig an- sah, erkannte er die schrägen, harten Augen eines Zweischwert- kämpfers und den immensen Unterschied der Knochenstruktur zu jener der Dörfler. »Wenn Shenso, Captain Samurai, mich so sehen, ich tot.« Tyrer nickte, während seine Gedanken Amok liefen. »Leicht ich fliehen. Bitte mir geben Soldatenkleider.« Es fiel Tyrer schwer, seine Erregung und seine Angst zu verber- gen; ein Teil von ihm wollte unbedingt fliehen, ein anderer das ganze Wissen dieses Samurai ausschöpfen, der ein Schlüssel zur Welt dieses Nippon und, falls richtig gehandhabt, zu seiner eigenen, Zukunft sein konnte. Gerade, als er seine Zustimmung erklären wollte, fiel ihm Sir Williams' Warnung ein, und er nahm sich Zeit, um seine Gedanken zu sammeln. »Leicht fliehen, ja?« wiederholte Hiraga ungeduldig. »Nicht leicht, möglich. Aber riskant. Erst muß sicher sein, Sie sind wert retten.« Tyrer sah das Aufflammen des Zorns – möglicher- weise Zorn mit Angst vermischt. Samurai, Himmel! Ich wünschte, Sir William wäre hier, ich weiß nicht mehr weiter. »Ich glaube nicht, daß ich…« »Bitte«, sagte Hiraga demütig, weil er wußte, daß er nur so eine Chance hatte, dieser Falle zu entkommen. Dabei dachte er aber: Nun sag doch endlich ja, sonst werde ich dich umbringen und über die Mauer klettern. »Nakama schwört bei Göttern, helfen Taira-san.« »Schwören Sie bei Ihren Göttern feierlich, daß Sie all meine Fra- gen ehrlich beantworten werden?« »Hai«, antwortete Hiraga umgehend, verwundert, daß Tyrer so naiv sein konnte, diese Frage zu stellen oder eine bejahende Ant- wort zu erwarten. So dumm kann er doch nicht wirklich sein! Bei welchem Gott oder welchen Göttern? Es gibt keine. »Ich schwöre es bei den Göttern.« »Warten Sie hier. Verriegeln Sie die Tür und öffnen Sie nieman- dem außer mir.« Tyrer steckte den Revolver in die Tasche. Er ging hinaus, zu Pallidar und McGregor, und erklärte ihnen atemlos: »Ich brauche Ihre Hilfe. Ich habe entdeckt, daß Ukiya einer der Männer ist, die von den Samurai gesucht werden. Anscheinend ist er eine Art Dissident. Ich möchte ihn als Soldat tarnen und heimlich mit uns hinausnehmen.« Beide Offiziere starrten ihn sprachlos an. Dann sagte McGregor: »Entschuldigen Sie, Sir, aber halten Sie das für klug? Ich meine, die Bakufu sind die rechtmäßige Regierung, und wenn wir erwischt werden, dann…«, »Wir werden nicht erwischt werden. Wir verkleiden ihn als Rot- rock und stecken ihn in die Mitte der Truppe. Eh, Settry?« »Sicher, Phillip, das könnten wir tun. Aber wenn er entdeckt wird und wir angehalten werden, dann stecken wir wirklich mitten in der Scheiße.« »Haben Sie vielleicht andere Vorschläge?« Tyrers Stimme verriet seine Nervosität. »Ich will ihn unbedingt hinausschmuggeln. Ohne seine Hilfe wären wir jetzt vermutlich alle tot, und außerdem wird er von unermeßlichem Nutzen für uns sein.« Die beiden anderen Männer wechselten unsichere Blicke. Dann sahen sie Tyrer an. »Tut uns leid, aber es ist zu gefährlich«, antwor- tete Pallidar. »Ich bin anderer Ansicht«, fuhr Tyrer auf. »ich will es! Die ganze Angelegenheit ist von immenser Bedeutung für die Regierung Ihrer Majestät!« McGregor seufzte. »Nun gut, Sir. Captain, wie wär's, wenn Sie ihn aufs Pferd setzen?« »Als Dragoner? Lächerlich! Ein Gärtner könnte niemals reiten! Lassen Sie ihn lieber marschieren, in der Mitte von Fußsoldaten und…« »Fünfzig Pfund gegen einen Kupferfarthing, daß der Kerl nicht Schritt halten kann. Er wird so auffällig sein wie eine Hure im Bett eines Bischofs!« McGregor war ebenfalls nervös. Unsicheres Schweigen. Dann sagte Tyrer: »Und wenn wir ihn in Uniform stecken, Gesicht und Hände bandagieren und ihn auf ei- ner Bahre hinaustragen – so tun, als wäre er schwer krank?« Die Offiziere sahen ihn an; dann strahlten sie. »Großartig!« »Noch besser«, ergänzte Pallidar munter, »wir tun so, als hätte er eine ansteckende Krankheit.« »Pocken – Masern – Pest!« riefen sie einstimmig und lachten laut auf., Der Samurai-Offizier und jene Wachen, denen sie erlaubt hatten, in die inzwischen geräumte Gesandtschaft zu kommen, folgten Tyrer, McGregor und vier Dragonern durchs ganze Haus. Sie suchten gründlich und inspizierten jedes Zimmer, jeden Schrank und sogar den Dachboden. Schließlich gaben sie sich zufrieden. In der Ein- gangshalle standen zwei Bahren, auf jeder lag ein Soldat, beide fie- bernd, beide verbunden, der eine zum Teil, der andere, Hiraga, ganz und gar – Kopf, Hände, Füße. »Beide sehr krank«, sagte Tyrer auf japanisch, nachdem Hiraga ihn die Wörter gelehrt hatte. »Dieser Soldat hat die Fleckenkrank- heit.« Allein die Erwähnung bewirkte, daß die Samurai blaß wurden und schnell einen Schritt zurücktraten – in den großen Städten tra- ten die Pocken immer wieder auf, niemals jedoch so schlimm wie in China, wo jedesmal Hunderttausende starben. »Das… das muß gemeldet werden«, stammelte der Offizier, während er und seine Männer sich Tücher vor den Mund hielten, wie alle davon über- zeugt, daß man sich ansteckte, wenn man die verseuchte Luft in der Nähe eines Kranken atmete. Da Tyrer das nicht verstand, zuckte er die Achseln. »Mann sehr krank. Nicht in Nähe gehen.« »Ich gehe nicht in seine Nähe, ich bin doch nicht wahnsinnig!« Der große Mann ging auf die Veranda hinaus. »Hört zu, ihr bei- den«, sagte er leise. »Kein Wort davon zu den anderen auf dem Platz, sonst kommt es möglicherweise zur Panik. Stinkende fremde Hunde! Aber haltet die Augen offen, dieser Hiraga muß hier ir- gendwo stecken.« Sie durchsuchten Grundstück und Außengebäude, während das Gesandtschaftspersonal und die Soldaten im Schatten standen und ungeduldig darauf warteten, daß sie den Marsch zur Pier und zu den wartenden Booten antreten konnten. Endlich zufrieden, ver- neigte sich der Offizier mürrisch und stapfte zum Tor hinaus, wo, die Menge der Samurai wartete, Joun noch immer gefesselt in der vordersten Reihe stand, die verängstigten Gärtner mit bloßem Kopf und nackt in einer Reihe knieten. Als er sich ihnen näherte, duck- ten sie sich noch tiefer in den Dreck. »Aufstehen!« kommandierte er zornig, denn als er ihnen befahl, sich auszuziehen, hatte er bei keinem den glattrasierten Schädel ei- nes Samurai, Schwertwunden oder andere Zeichen für den Samurai- Status gefunden. Also hatte er daraus schließen müssen, daß sich sein Opfer noch im Haus versteckte oder ihnen entkommen war. Inzwischen war er noch zorniger als zuvor und baute sich vor dem unglücklichen Joun auf. »Der Ronin Hiraga hat sich zur Tarnung den Kopf rasiert oder die Haare wachsen lassen wie einer von die- sen widerlichen Gärtnern. Du wirst ihn identifizieren!« »Er ist… Er ist nicht hier.« Der junge Mann schrie auf, als der ei- senharte Fuß des Samurai ihn an den empfindlichsten Teilen traf, und noch einmal. Die Gärtner erschauerten voll Schrecken. »Er ist nicht… nicht hier…« Abermals ein Tritt. Verzweifelt, in hilfloser Qual und völlig außer sich deutete Joun auf einen jüngeren Mann, der auf die Knie fiel und seine Unschuld hinausschrie. »Bringt ihn zum Schweigen!« rief der Offizier. »Bringt ihn vor den Richter, dann ins Gefängnis und kreuzigt das Schwein, nehmt alle mit, sie haben sich schuldig gemacht und ihn versteckt, nehmt die ganze Bande mit!« Also wurden sie, obwohl sie beteuerten, unschuldig zu sein, kur- zerhand davongeschleppt, während der jüngere Mann brüllte, er habe Hiraga vor kurzem in der Nähe des Hauses gesehen, und wenn sie ihn freiließen, werde er ihn ihnen zeigen. Aber keiner schenkte ihm Beachtung, und bald wurden seine Schreie wie auch die der anderen brutal erstickt. Zufrieden, daß er seinen Befehl ausgeführt hatte, wischte sich der Offizier den Schweiß von der Stirn. Er nahm einen Schluck aus sei- ner Wasserflasche, spie aus, um sich den Mund zu reinigen, und, trank dann durstig. Eeee, dachte er und erschauerte. Die Fleckenkrankheit! Eine von draußen hereingebrachte Gai-Jin-Krankheit! Alles Schlechte kommt von draußen, die Gai-Jin müssen vertrieben und für alle Zeiten fern- gehalten werden. Müßig, mit den Gedanken bei dem Shishi, nach dem er suchte, sah er zu, wie die Militärkapelle aufmarschierte. Völlig ausgeschlossen, daß dieser Gärtner ein berühmter Shishi ist. Karma, daß ich mit meinen Männern an jenem Tag zu spät kam, um ihn und die anderen, die entkommen konnten, noch zu sehen. Nicht Karma, Gott hat über mich gewacht. Hätte ich sie da- mals gesehen, hätte ich jetzt nicht vorgeben können, den Mann zu akzeptieren, auf den Joun gedeutet hat. Wo ist dieser Hiraga? Ir- gendwo muß er sich verstecken. Bitte, Gott, hilf mir! Eeee, das Leben ist sonderbar. Ich hasse die Gai-Jin, glaube aber an ihren Jesus-Gott, allerdings nur heimlich, wie mein Vater und sein Vater und dessen Vater bis in die Zeit vor Sekigahara. Ja, ich glaube an diesen Jesus-Gott, das einzig Wertvolle von draußen, und haben nicht die Jesuiten-Lehrer-Fürsten gesagt, daß der Glaube uns zusätzliche Kraft verleiht und daß wir, wenn wir uns mit einem Pro- blem herumschlagen, es immer wieder anpacken sollen, so wie ein Hund, der einen Knochen immer wieder hervorholt? Irgendwo hält sich Hiraga versteckt. Ich habe alles gründlich durchsucht. Also muß er sich getarnt haben. Als was? Ein Baum? Als was? Innerhalb der Mauern gingen die Vorbereitungen zum Abmarsch weiter. Die Fahne wurde eingeholt. Die Militärkapelle spielte jetzt. Reiter schwangen sich in den Sattel. Die Bahren wurden auf einen Karren geladen. Das große Tor wurde geöffnet, und die Reiter for- mierten sich, angeführt von dem Gai-Jin mit dem japanischen Na- men, trabten an ihm vorbei und den Hügel hinab, und… Die Verbände! Die Erkenntnis explodierte in seinem Kopf. Es gibt gar keine Seuche! Schlau, dachte er aufgeregt, aber nicht schlau, genug! Also: Stelle ich sie jetzt in einer der schmalen Straßen? Oder schicke ich Spione aus, die ihm folgen und ihn in die Enge treiben, damit er mich zu den anderen führt? Ich werde ihn in die Enge treiben. Dienstag, 16. Oktober

Im überfüllten Hauptsaal des Clubs war die Verlobungsfeier invollem Gange. Alle angesehenen Bewohner der Niederlassung wa-

ren eingeladen worden sowie alle Offiziere, die Flotte und Army entbehren konnte, und draußen auf der High Street marschierten Patrouillen beider Waffengattungen, um Betrunkene und uner- wünschte Personen aus Drunk Town zurückzuweisen. Nie hatte Angélique umwerfender ausgesehen als an diesem Abend: in Krinoline, mit Kopfputz aus Pardiesvogelfedern und rie- sigem Verlobungsring. Sie tanzte nach einem schwungvollen Walzer von Johann Strauß, dem Jüngeren, den André Poncin mit Elan auf dem Piano spielte. Begleitet wurde er von einer kleinen Marineka- pelle, die zu dieser besonderen Gelegenheit in Galauniform auftrat. Angéliques Tanzpartner war Settry Pallidar, dessen Wahl zum Ver- treter der Army mit lautstarkem Beifall und heißer Eifersucht be- grüßt worden war. Auch Victoria Lunkchurch und Mabel Swann tanzten. Ihre Tanz- karten waren bereits ausgefüllt gewesen, als das Fest gerade erst be- gonnen hatte. Trotz ihres Umfangs waren sie beide gute Tänzerin- nen und trugen Krinolinen, obwohl sich diese nicht mit der von, Angélique messen konnten. »Du bist ein stinkender Geizhals, Barnaby«, zischte Victoria ihrem Mann zu. »Mabel und ich woll'n auch neue Kledage, und wenn's deine ganze Compagnie kostet! Und auch so'n Deckel wollen wir, bei Gott!« »Was?« »Das! Deckel – Hüte!« Angéliques Kopfputz war der endgültige Coup de Grâce für die beiden Frauen gewesen. »Jetzt herrscht Krieg, sie gegen uns.« Dennoch überwog die Genugtuung über ihre Beliebtheit die Eifersucht, und sie ließen sich voll Wonne herum- wirbeln. »Verdammtes Glück hat er, der Hund«, murmelte Marlowe, der nur Augen für seinen Rivalen hatte. Auf seiner blauen Marineuni- formjacke glitzerten die zusätzlichen Goldtressen des Adjutanten, darunter trug er eine weiße Seidenhose, weiße Seidenstrümpfe und schwarze Schuhe mit Silberschnallen. »Wer?« erkundigte sich Tyrer, der mit einem Glas Champagner vorüberkam, gerötet und erregt von diesem Abend und von der Tatsache, daß er Nakama, den Samurai, aus Edo hinausgeschmug- gelt und mit Sir Williams Zustimmung als Japanischlehrer in sei- nem Hause aufgenommen hatte. »Wer ist ein Hund, Marlowe?« »Hören Sie auf – als ob Sie das nicht wüßten!« Marlowe grinste. »Aber ich bin der Vertreter der Navy, mir gehört der nächste Tanz, dann werde ich's diesem Kerl mal richtig zeigen!« »Haben Sie ein Glück! Was ist es denn?« »Polka!« »Was Sie nicht sagen! Haben Sie die bestellt?« »Großer Gott, nein!« Die Polka, einem böhmischen Volkstanz nachempfunden, war ein weiterer Riesenerfolg in den Ballsälen Eu- ropas, galt allerdings noch immer als etwas risqué. »Sie steht auf dem Programm! Haben Sie's nicht gelesen?« »Nein, ich hatte andere Sorgen«, verkündete Tyrer fröhlich, der, ihm liebend gern erzählt hätte, wie schlau er gewesen war, und noch lieber, daß er an diesem Abend über die Brücke zum Paradies in die Arme seiner Geliebten eilen würde. Nur daß er in beiden Fäl- len leider Geheimhaltung geschworen hatte. »Tanzt wie ein Traum, nicht wahr?« »He, junger Herr Tyrer…« Das war Dimitri Syborodin, pomadi- siert und schweißüberströmt, einen Krug Rum in seiner Faust. »Ich hab den Kapellmeister gebeten, einen Cancan einzuschieben. Guy hat gesagt, ich sei der fünfte, der diesen Wunsch äußert.« »Großer Gott, wird er es tun?« erkundigte sich Tyrer entgeistert. »Ich hab ihn einmal in Paris gesehen. Es ist nicht zu glauben, aber die Mädchen haben drunter keine Unterhosen getragen.« »Ich glaub's!« Dimitri lachte. »Aber Angel Tits trägt heute eine und scheut sich auch nicht, sie zu zeigen!« »Also, jetzt hören Sie aber mal…«, begann Marlowe empört. »Lassen Sie nur, John, das war ein Scherz. Dimitri, Sie sind un- möglich. Das wird der Kapellmeister doch wohl nicht wagen!« »Nicht ohne Malcolms Zustimmung.« Sie sahen sich im Ballsaal um. Malcolm Struan saß mit Dr. Hoag, Babcott, Seratard und mehreren Gesandten zusammen und sah den Tanzenden zu, hatte aber nur Augen für Angélique, die zu der ge- wagten modernen Musik, die sie alle begeisterte, über die Tanzflä- che schwebte. Seine Hand ruhte auf einem schweren Stock, der gol- dene Siegelring funkelte, als seine Finger sich im Takt bewegten. Gekleidet war er in einen eleganten, seidenen Abendanzug, mit Eckenkragen, cremefarbener Krawatte, Brillantnadel und feinen Le- derstiefeln aus Paris. »Schade, daß er noch immer so behindert ist«, sagte Tyrer, dem der Mann leid tat, obwohl er für das Glück, das er selbst gehabt hatte, dankbar war. Struan und Angélique waren erst spät eingetroffen. Malcolm konnte nur sehr mühsam und tief gebeugt gehen, obwohl er ver-, suchte, sich aufzurichten, und mußte sich schwer auf seine beiden Stöcke stützen, während Angélique strahlend an seinem Arm hing. Sie wurden von Dr. Hoag begleitet. Hochrufe für Malcolm ertön- ten, dann auch für sie, und dann hatte er sich erleichtert niederge- lassen, sie alle willkommen geheißen und aufgefordert, sich das Buffet schmecken zu lassen, das auf den Tischen aufgebaut worden war. »Aber zuerst, meine Freunde«, sagte er, »wollen wir die Gläser heben und auf das schönste Mädchen der Welt trinken, auf M'selle Angélique Richaud, meine zukünftige Ehefrau.« Hochrufe über Hochrufe. Chinesische Diener in Livree trugen Kisten voll eisgekühlten Champagner herein, Jamie McFay sprach ebenfalls ein paar nette Worte, und das Fest begann. Weine aus Bordeaux und Burgund, ein in Asien bevorzugter, spezieller Chab- lis, Brandys, Whiskys – alles Struan-Importe –, Gin, Bier aus Hong- kong. Außerdem australisches Roastbeef, ganze Lämmer, Hühner- pasteten, kaltes Pökelfleisch vom Schwein, Schinken, Shanghai-Kar- toffeln, gebacken und mit Pökelfleischscheiben und Butter gefüllt. Puddings und Schokolade, der neueste Import aus der Schweiz. Nachdem das Essen abgeräumt und sieben Betrunkene entfernt worden waren, nahm André Poncin seinen Platz ein, und die Ka- pelle begann zu spielen. Steif und förmlich bat Sir William Malcolm um den ersten Tanz mit Angélique. Dann kam Seratard, dann die anderen Gesandten bis auf von Heimlich, der mit Ruhr im Bett lag, sowie der Admiral und der General, die sich auch bei den beiden anderen Damen ab- wechselten. Nach jedem Tanz war Angélique von geröteten, strah- lenden Gesichtern umgeben, fächelte sich kokett Luft zu und kehr- te an Malcolms Seite zurück. Sie war zu allen liebenswürdig, schenkte ihre volle Aufmerksamkeit aber nur ihm, lehnte jedesmal die Aufforderung zum Tanz erst einmal ab, um sich schließlich von ihm überreden zu lassen: »Aber Angélique, ich sehe dir so gern beim Tanzen zu, mein Liebling, du tanzt so wundervoll.«, Jetzt beobachtete er sie, hin und her gerissen zwischen Glück und Frustration, verzweifelt darüber, daß er noch immer so behindert war. »Keine Sorge, Malcolm«, hatte Hoag an diesem Abend gesagt, um ihn zu beruhigen, da für ihn schon das Ankleiden ein Alptraum war. »Du bist heute zum erstenmal auf. Seit dem Überfall ist erst ein Monat vergangen, mach dir keine Gedanken…« »Wenn Sie mir das noch einmal sagen, speie ich Blut!« »Es ist doch nicht nur der Schmerz, der dich zerreißt. Es ist das Medikament oder vielmehr die Tatsache, daß es dir fehlt. Und die Post von heute. Du hast einen Brief von deiner Mutter bekommen, nicht wahr?« »Ja«, hatte er bedrückt geantwortet, während er halb angezogen auf seiner Bettkante saß. »Sie… Naja, sie ist wütend, ich hab sie noch nie so zornig erlebt. Sie ist strikt gegen meine Verlobung, meine Heirat… In ihren Augen ist Angélique der Teufel in Men- schengestalt. Sie…« Es brach aus ihm heraus. »Sie hat meinen Brief ignoriert, einfach ignoriert, und sagt – hier, lesen Sie: Bist du wahn- sinnig geworden? Dein Vater ist erst knapp sechs Wochen tot, Du bist noch nicht einundzwanzig, diese Frau ist hinter Deinem Geld und unserer Compagnie her, sie ist die Tochter eines geflüchteten Bankrotteurs, die Nichte eines anderen Übeltäters, und außerdem – Gott helfe uns – Katholikin und Französin! Hast Du den Ver- stand verloren? Du sagst, Du liebst sie? Dummes Zeug! Du bist ver- hext. Du wirst sofort mit diesem Unsinn aufhören! Sie hat dich ver- hext. Offensichtlich bist du in einem Zustand, in dem Du Struan's auf gar keinen Fall leiten kannst! Du wirst sofort, wenn Dr. Hoag es gestattet, zurückkehren, und zwar ohne diese Person.« »Wenn ich es gestatte. Wirst du tun, was sie verlangt?« »Was Angélique betrifft – nein. Nichts von allem, was sie sagt, ist wichtig für mich, überhaupt nichts! Sie scheint meinen Brief nicht gelesen zu haben, kümmert sich einen Dreck um meine Gefühle., Was zum Teufel soll ich tun?« Hoag zuckte die Achseln. »Was du bereits beschlossen hast: Du wirst dich verloben und später heiraten. Du wirst gesund werden. Du wirst viel ruhen, viel gute Suppen essen und vor allem die Fin- ger von Schlaf- und Schmerzmitteln lassen. Während der nächsten zwei Wochen wirst du hier bleiben; dann wirst du nach Hause zu- rückkehren und…«, hier hatte er freundlich gelächelt, »… der Zu- kunft zuversichtlich entgegensehen.« »Ich kann von Glück sagen, Sie als Arzt zu haben.« »Ich kann von Glück sagen, dich als Freund zu haben.« »Haben Sie auch einen Brief von ihr bekommen?« »Ja.« Ironisches Lachen. »Ist mir eben wieder eingefallen.« »Und?« Hoag verdrehte die Augen. »Reicht das?« »Ja. Danke.« Als Malcolm sie jetzt beim Tanzen beobachtete, Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit und Begierde, die Brüste, der Mode entsprechend, weitgehend entblößt, mit schlanken Fesseln, die dazu einluden, unter den weiten Reifen aus apricotfarbener Seide nach- zuforschen, spürte er, wie er hart wurde. Gott sei Dank, dachte er, und sein Zorn verrauchte zum größten Teil, das wenigstens funktio- niert noch. Aber, o Gott, ich kann nicht mehr bis Weihnachten warten. Ich weiß genau, daß ich es nicht kann! Inzwischen ging es auf Mitternacht zu. Angélique trank Champag- ner, versteckte sich hinter ihrem Fächer, ließ ihn gekonnt flattern, reichte sodann ihr Glas weiter wie ein Geschenk, entschuldigte sich und schwebte zu ihrem Platz bei Struan zurück. Unmittelbar neben ihnen stand eine angeregte Gruppe, zu der Seratard, Sir William, Hoag, andere Gesandte und Poncin gehörten. »La, M'sieur André, Sie spielen superb. Nicht wahr, Liebling?«, »Jawohl, superb«, bestätigte Struan, dem es nicht gut ging, ob- wohl er das zu verstecken versuchte. Hoag warf einen Blick zu ihm hinüber. Angélique sagte auf französisch: »André, wo haben Sie die letzten Tage gesteckt?« Über den Fächer hinweg sah sie ihn an. »Wenn wir jetzt in Paris wären, würde ich schwören, daß Sie Ihr Herz an eine neue Freundin verloren haben.« »Nur Arbeit, M'selle«, gab Poncin leichthin zurück. »Ach, wie traurig! Paris ist im Herbst besonders schön, fast so atemraubend wie im Frühling. Ach, warte nur, Malcolm, ich werd's dir zeigen. Wir sollten eine Saison dort verbringen, nicht wahr?« Sie stand dicht neben ihm und spürte, wie er ihr ganz leicht den Arm um die Taille legte; daraufhin stützte sie ihren Arm ebenso leicht auf seine Schulter und spielte mit seinem langen Haar. Sie genoß die Berührung, sein Gesicht war so schön, seine Kleidung war so schön, und der Ring, den er ihr an diesem Vormittag geschenkt hatte, ein großer Brillant umgeben von kleineren Brillanten, war herrlich. Sie betrachtete ihn, drehte ihn, bewunderte ihn und fragte sich, wieviel er wohl gekostet haben mochte. »Ach Malcolm, Paris wird dir gefallen, in der Saison ist es wirklich wundervoll. Könnten wir das tun?« »Warum nicht, wenn du es gern möchtest.« Sie seufzte, streichelte mit den Fingern verstohlen seinen Hals und sagte, als sei es ihr eben erst eingefallen: »Vielleicht, chéri, was meinst du, könnten wir die Flitterwochen dort verbringen – dann könnten wir ganze Nächte hindurchtanzen.« »Sie tanzen zu sehen ist ein Vergnügen, M'selle – in jeder Stadt«, erklärte Hoag, der in seinen zu engen Kleidern schwitzte und litt. »Ich wünschte, das könnte ich auch von mir behaupten. Dürfte ich vorschlagen…« »Tanzen Sie gar nicht, Doktor?« »Vor Jahren, in Indien, hab ich getanzt, aber als meine Frau starb,, habe ich aufgehört. Sie hat immer so gern getanzt, daß ich jetzt kei- ne Freude mehr daran haben kann. Prächtiges Fest, Malcolm. Dürf- te ich vorschlagen, daß wir uns verabschieden?« Angéliques Lächeln erstarb; schnell sah sie Malcolm an und er- kannte, wie erschöpft er war. Furchtbar, daß er so krank sein muß, dachte sie. Verdammt! »Es ist noch ziemlich früh«, behauptete Malcolm tapfer, obwohl er sich danach sehnte, sich hinlegen zu können. »Nicht wahr, Angé- lique?« »Ich muß gestehen, daß ich auch müde bin«, sagte sie schnell. Sie schloß den Fächer, legte ihn beiseite und lächelte ihn an. Poncin und die anderen wollten anscheinend ebenfalls aufbrechen. »Viel- leicht können wir uns einfach hinausschleichen und die anderen weiterfeiern lassen…« Leise verabschiedeten sie sich von den Umstehenden. Alle taten, als merkten sie nicht, daß sie hinausgingen, aber sie ließen eine ge- wisse Leere zurück. Draußen vor der Tür machte sie unvermittelt halt. »O la la, ich hab meinen Fächer vergessen. Ich komme gleich nach, mein Liebling.« Sie eilte zurück. Poncin hielt sie auf. »M'selle«, sagte er auf fran- zösisch, »ich glaube, das hier gehört Ihnen.« »Oh, sehr liebenswürdig.« Erleichtert, daß ihr Trick gelungen und er ein so scharfer Beobachter war, wie sie es gehofft hatte, nahm sie ihren Fächer entgegen. Als er sich über ihre Hand beugte, um sie zu küssen, flüsterte sie ihm auf französisch zu: »Ich muß Sie mor- gen unbedingt sprechen.« »Zwölf Uhr mittags, Gesandtschaft, fragen Sie nach Seratard, er wird nicht da sein.« Den letzten Walzer summend, den sie getanzt hatte, saß sie vor dem Spiegel und bürstete sich das Haar. Welcher Tanz war der, schönste gewesen? fragte sie sich. Das ist leicht, Marlowe und die Polka, besser als Pallidar und der Walzer – Walzer sollte man nur mit der großen Liebe tanzen, sich der Musik, der Bewunderung und der Sehnsucht hingeben, auf Wolken schwebend wie ich heute abend, am schönsten Tag meines ganzen Lebens, verlobt mit einem wunderbaren Mann und bis zum Wahnsinn von ihm geliebt. Es hätte der schönste Tag sein sollen, war es aber nicht. Seltsam, daß ich diesen Abend genossen habe, daß ich ganz ruhig denken und handeln kann, obwohl der Tag vorüber ist und ich ver- mutlich mit dem Kind eines Vergewaltigers schwanger bin, das ent- fernt werden muß. Sie betrachtete ihr Spiegelbild, als sei es das eines anderen Men- schen. Die festen Bürstenstriche prickelten angenehm auf ihrer Kopfhaut und fegten die deprimierenden Gedanken hinweg, bis sie sich wunderte, daß sie noch lebte und nach außen hin noch immer dieselbe war. Merkwürdig, jeder Tag nach dem ersten damals in Kanagawa scheint leichter gewesen zu sein. Wie kommt das? Ich weiß es nicht. Ist auch egal. Morgen wird das Problem gelöst sein, aber vielleicht geht es auch heute nacht noch los, und all die Angst und die Tränen waren überflüssig gewesen. Zehntausende von Frauen waren schon in der gleichen Situation wie ich und sind ohne Schaden wieder herausgekommen. Nur ein kleiner Trank, und alles ist wieder wie zuvor, ohne daß jemand davon erfährt. Bis auf dich und Gott. Bis auf dich und den Arzt oder dich und die Heb- amme – oder Hexe. Genug für heute, Angélique. Vertrau auf Gott und die Madonna. Die Madonna wird dir helfen, du bist ohne Schuld. Du bist offi- ziell mit einem wundervollen Mann verlobt, wirst irgendwann hei- raten und glücklich sein bis an dein Lebensende. Morgen ist der siebte Tag, morgen wird das Wo und das Wie beginnen., Hinter ihr richtete Ah Soh das Himmelbett, sammelte ihre Strümpfe und Unterwäsche ein. Die Krinoline hing schon mit zwei anderen an einer Stange, während ein halbes Dutzend neue Tages- kleider noch sorgfältig in Reispapier gewickelt warteten. Durchs offene Fenster drangen Lachen, trunkener Gesang und Musik aus dem Club herein, wo anscheinend noch immer keine Ruhe einkeh- ren wollte. Sie seufzte und wünschte sich, noch auf dem Ball zu sein. Ihre Haarbürste bewegte sich heftiger. »Missy will was, heya?« »Nein. Will schlafen.« »Nacht, Missy.« Angélique verriegelte die Tür hinter ihr. Die Verbindungstür zu Struans Suite war geschlossen, aber nicht verriegelt. Gewöhnlich klopfte sie an, sobald sie ihre Toilette beendet hatte, ging hinein und gab ihm einen Gutenachtkuß, plauderte vielleicht noch ein we- nig und kehrte – die Tür für den Fall, daß er in der Nacht einen Krampf bekam, angelehnt lassend – in ihr Zimmer zurück. Diese Anfälle waren inzwischen zwar seltener geworden, doch weil er vor einer Woche aufgehört hatte, die abendliche Medizin zu nehmen, war er ruhelos und konnte kaum schlafen. Wieder setzte sie sich vor den Spiegel und war zufrieden mit dem, was sie sah. Ihr Negligé aus Seide und Spitze war pariserisch – die hier angefertigte Kopie eines anderen, das sie mitgebracht hatte: … und Du glaubst nicht, wie wundervoll diese chinesischen Schneider arbei- ten, Colette, und wie schnell, hatte sie an diesem Nachmittag in einem Brief geschrieben, den der Postdampfer morgen mitnehmen sollte. Jetzt kann ich mir alles kopieren lassen. Bitte, schick mir ein paar Mus- ter oder Ausschnitte aus La Parisienne oder L'Haute Couture im mo- dernsten Stil oder sonst etwas Wundervolles – mein Malcolm ist so groß- zügig und reich! Ich kann mir alles bestellen, was ich will!, Und mein Ring!!!! Ein Brillant, umgeben von vierzehn kleineren Dia- manten. Ich habe ihn gefragt, wie in aller Welt er ihn aufgetrieben hat, aber er hat nur gelächelt. Ich muß wirklich vorsichtiger sein und keine dummen Fragen stellen. Ach Colette, alles ist so wundervoll, nur daß ich mir Sorgen um seine Gesundheit mache. Es geht ihm nur ganz langsam besser, und er hat große Schwierigkeiten beim Gehen. Aber seine Energie nimmt zu, und ich muß mich vorsehen… jetzt muß ich mich für die Feier anziehen, aber morgen, noch ehe die Post abgeht, werde ich mehr schreiben. Vorerst sende ich Dir meine niemals endende Liebe. Wie froh Colette sein kann! Ihre Schwangerschaft ist ein Gottesge- schenk. Halt! Nicht weiter, sonst kommen die Tränen und die Angst zu- rück. Schieb das Problem beiseite. Du hast entschieden, was du tun wirst, falls es eintrifft. Es ist eingetroffen, also wird der Plan ausge- führt – was bleibt dir sonst übrig? Sorgfältig ein Tupfer Parfüm hinter die Ohren und auf den Bu- sen, die Spitze zurechtgerückt. Dann leise an seine Tür geklopft. »Malcolm?« »Komm herein – ich bin allein.« Zu ihrem Erstaunen lag er nicht im Bett, sondern saß im Lehn- sessel. In einem rotseidenen Schlafrock und mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen. Sofort ließ ihr Instinkt sie wachsam wer- den. Wie immer verriegelte sie die Tür und ging zu ihm. »Noch nicht müde, mein Liebster?« »Ja und nein. Du raubst mir den Atem.« Er streckte beide Hände aus, und sie kam mit klopfendem Herzen näher. Seine Hände zit- terten. Er zog sie näher und küßte ihre Hände, Arme und Brüste. Sekundenlang vermochte sie nicht zu widerstehen, genoß seine Be- wunderung, begehrte ihn, beugte sich nieder, küßte ihn und ließ sich von ihm liebkosen. Dann, als die Hitze allzu heftig stieg, sank sie mit hämmerndem Herzen neben seinem Sessel in die Knie und, löste die Umarmung. »Wir dürfen nicht«, hauchte sie atemlos. »Ich weiß, aber ich muß, ich begehre dich so sehr…« Seine Lip- pen pulsierten, waren heiß, drängend, und die ihren reagierten. Jetzt streichelte seine Hand ihren Schenkel, fachte das Feuer in ihren Lenden noch weiter an, und dann glitt die süße Qual noch höher und höher, und sie wollte mehr, riß sich aber von dem verlocken- den Abgrund fort, wich zurück und flüsterte: »Nein, chéri!« Doch diesmal war er zu ihrem Erstaunen stärker, sein anderer Arm hielt sie in liebevoller Umklammerung, seine Stimme und seine Lippen lockten, immer näher, immer näher, doch dann drehte er sich un- bewußt zu schnell, und der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Pfeil. »O Gott!« »Was ist? Alles in Ordnung?« fragte sie verängstigt. »Ja, ja, ich glaube schon. Großer Gott!« Es dauerte einen Mo- ment, bis er sich wieder erholt hatte; der heiße Schmerz vernichtete sein Begehren, der dumpfe Schmerz blieb, und der andere Schmerz verstärkte ihn noch. Mit den Händen hielt er sie noch immer fest, mit seinen Händen, die noch zitterten, aber keine Kraft mehr hat- ten. »Himmel, es tut mir leid…« »Es muß dir nicht leid tun, mein Liebling.« Als sie – erleichtert – wieder zu Atem gekommen war, erhob sie sich und schenkte etwas von dem kalten Tee ein, der immer neben seinem Bett bereitstand. Noch immer raste ihr Herz, noch immer wollte auch sie nicht ein- halten, obwohl sie es mußte, ein paar Minuten noch, und sie hätte es nicht mehr gekonnt, hörte die Stimme ihrer Mutter, deren ewige Litanei: »Kein Mann heiratet seine Mätresse, nicht vor der Hoch- zeit, danach ist alles erlaubt«, sich ihr eingeprägt hatte, noch ehe sie alles verstehen konnte. »Bitte«, sagte sie leise und reichte ihm die Tasse. Sie kniete sich neben ihn, beobachtete ihn, wie er mit geschlosse- nen Augen dalag, während der Schweiß ihm über das Gesicht, strömte. Und all ihre Unruhe und ihr Unbehagen lösten sich in nichts auf. Sie legte ihm die Hand aufs Knie, und er legte die seine darüber. »So… So nahe zusammen zu sein ist nicht gut für uns, Malcolm«, sagte sie leise, überzeugt, ihn zu lieben, obwohl sie nicht sehr viel von der Liebe wußte. »Es ist schwierig für uns beide, chéri, ich will dich auch und liebe dich auch.« Nach einer langen Pause antwortete er mühsam, mit leiser, schmerzerfüllter Stimme: »Ja, aber du könntest helfen.« »Aber es geht nicht – nicht vor der Hochzeit. Noch nicht, mein Liebster, jetzt noch nicht.« Unvermittelt kamen all seine Qual und Frustration darüber zum Ausbruch, daß er den ganzen Abend dasitzen und zusehen mußte, wie andere Männer mit ihr tanzten, sie begehrten, während er kaum gehen konnte, obwohl er doch vor einem Monat noch ein weit besserer Tänzer gewesen war. Warum nicht jetzt, wollte er aufschreien, was bedeuten schon ein oder zwei Monate? Um Gottes willen… Aber nun gut, ich akzeptie- re, daß ein anständiges Mädchen bei der Hochzeit Jungfrau sein muß, ich akzeptiere, daß ein Gentleman ihr vor der Hochzeit nicht zu nahe treten darf, ich akzeptiere das alles! Aber es gibt, um Got- tes willen, andere Möglichkeiten! »Ich weiß, daß wir das jetzt nicht dürfen«, sagte er kehlig, »aber, Angélique… bitte, hilf mir – bitte!« »Aber wie?« Abermals erstickte er fast an seinen Worten: Du lieber Gott, wie es die Mädchen in den Häusern machen, mich küssen, liebkosen, zum Höhepunkt bringen. Glaubst du vielleicht, miteinander schla- fen bedeutet, einfach die Beine breit zu machen und dazuliegen wie ein Stück totes Fleisch? Die simplen Sachen, die diese Mädchen ohne großes Theater machen, und dann freuen sie sich auch noch für mich: »He, du jetzt wider gut – ah, heya?« Aber er wußte, daß er ihr das nicht sagen konnte. Es verstieß ge-, gen seine Erziehung. Wie erklärt man so etwas der Frau, die man liebt, wenn sie so jung und arglos oder so selbstsüchtig, oder ganz einfach unerfahren ist? Plötzlich wurde die Wahrheit unangenehm. Irgend etwas in ihm veränderte sich. In einem ganz anderen Ton sagte er: »Du hast recht, Angélique, es ist für uns beide schwierig. Tut mir leid. Vielleicht ist es besser, wenn du, bis wir nach Hongkong reisen, wieder in die französische Gesandtschaft ziehst. Jetzt, da es mir allmählich besser geht, sollten wir auf deinen Ruf achten.« Niedergeschmettert von der Veränderung starrte sie ihn an. »Aber Malcolm, ich fühle mich hier wohl und bin, für den Fall, daß du mich brauchst, in deiner Nähe.« »O ja, ich brauche dich.« Sein Mund verzog sich zu einem ange- deuteten ironischen Lächeln. »Ich werde Jamie bitten, alles Nötige zu veranlassen.« Sie zögerte, wußte nicht recht, was sie sagen sollte. »Wenn das dein Wunsch ist, chéri.« »Ja, es ist besser. Wie du schon sagtest, es ist schwierig für uns beide, wenn wir einander so nahe sind. Gute Nacht, mein Liebling, es freut mich, daß dir dein Fest so gut gefallen hat.« Ein kalter Schauer überlief sie, aber sie wußte nicht, ob er von außen oder von innen kam. Sie küßte ihn, bereit, seine Leiden- schaft zu erwidern, aber da war nichts. Wieso hatte er sich verän- dert? »Schlaf gut, Malcolm. Ich liebe dich.« Noch immer nichts. Macht nichts, dachte sie, Männer sind so launisch und schwierig. Lächelnd, als sei nichts geschehen, entriegelte sie die Tür, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand in ihrer eigenen Suite. Er beobachtete die gemeinsame Tür. Sie stand angelehnt. Wie üb- lich. Doch alles andere in ihrer Welt war nicht mehr so wie üblich. Die Tür und ihre Nähe verlockten ihn nicht mehr. Er fühlte sich anders, irgendwie umgewandelt. Er wußte nicht, warum, aber er war sehr traurig, und sein Instinkt sagte ihm, daß sie ihn, so sehr er sie, auch liebte, so sehr er sich auch körperlich bemühte, in ihrem gan- zen gemeinsamen Leben nie vollkommen befriedigen können wür- de. Auf seinen Stock gestützt, erhob er sich und hinkte so lautlos wie möglich zu seiner Kommode. In der obersten Schublade befand sich das Fläschchen mit der Medizin, das er dort für die Nächte versteckt hatte, in denen Schlaf unmöglich war. Er schluckte den letzten Rest. Dann schlurfte er schwerfällig zum Bett. Mit zusam- mengebissenen Zähnen legte er sich hin und seufzte tief auf, als ihn der schlimmste Schmerz verließ. Daß er den letzten Tröster ge- schluckt hatte, kümmerte ihn nicht. Chen, Ah Tok oder irgendein Diener konnten ihm jederzeit mehr besorgen. Schließlich versorgte Struan's den größten Teil Chinas damit. Auf ihrer Seite der Tür lehnte Angélique noch an der Wand. Sie war aufgewühlt, wußte nicht, ob sie zu ihm zurückkehren oder ihn allein lassen sollte. Sie hatte gehört, wie er zur Kommode ging und eine Schublade öffnete, wußte aber nicht, warum, hörte die Bettfe- dern quietschen und seinen langen, erleichterten Seufzer. Es war nur der Schmerz und weil wir nicht dürfen, dachte sie, um sich zu beruhigen, und unterdrückte ein nervöses Gähnen. Und auch, weil er beim Ball so stillsitzen mußte, obwohl er der beste Tänzer ist, den ich jemals gehabt habe. Schließlich war es das, was mich in Hongkong so sehr an ihm fasziniert hat. Nicht schlimm, daß er mit mir schlafen will – und nicht meine Schuld, daß er Schmerzen bekam. Er ist ganz einfach überreizt, der arme Malcolm. Morgen wird er alles vergessen haben, und alles ist wieder gut. Es ist besser, wenn ich jetzt umziehe, ich muß auch noch an das andere denken. Es wird alles gut werden! Sie schlüpfte ins Bett und schlief schnell ein, doch ihre Träume waren von seltsamen Ungeheuern mit verzerrten Babygesichtern be- völkert, die vor Lachen kreischten und an ihr zerrten, während sie mit ihrem eigenen Blut etwas auf die Laken schrieb, das ihr aus der, Fingerspitze floß, die sie als Feder benutzte, um die Schriftzeichen immer wieder nachzuziehen – die Schriftzeichen von der Steppde- cke, die sich ihr tief ins Gedächtnis geprägt hatten und nach denen sie weder André noch Tyrer zu fragen gewagt hatte. Irgend etwas riß sie aus dem Schlaf. Unsicher warf sie einen Blick auf die Tür, weil sie fast erwartete, ihn dort zu sehen. Aber er war nicht da, und da sie ganz leise seinen schweren, regelmäßige Atem hörte, kuschelte sie sich wieder in die Kissen und dachte: Es war der Wind oder ein klappernder Fensterladen. Mon Dieu, bin ich müde! Aber wie habe ich mich auf dem Fest amüsiert! Und wie schön ist der Ring, den er mir geschenkt hat! Eine Polka summend, von Eifersucht auf John Marlowes Erfolg er- füllt und überzeugt, daß er es ebenso gut gekonnt hätte, tänzelte Phillip Tyrer zur Tür des Hauses ›Zu den drei Karpfen‹ in dem winzigen, verlassenen Gäßchen und klopfte schwungvoll an. Hier schien die Yoshiwara tief zu schlafen, aber nicht weit entfernt bro- delte das Leben in den Häusern und Bars der Main Street, war die Nacht noch jung und hallte wider vom Lachen und vom rauhen Gesang der Männer. Das Türgitter ging auf. »Mass's, was?« »Sprechen Sie bitte Japanisch. Ich bin Taira-san und habe eine Verabredung.« »Ah, ist das so?« entgegnete der stämmige Diener. »Taira-san, eh? Ich werde die Mama-san informieren.« Das Gitter wurde geschlos- sen. Während er wartete, trommelte Tyrer mit den Fingern auf das alte Holz. Gestern hatte er den ganzen Tag und Abend mit Sir William verbracht, ihm die Sache mit Nakama und der Gesandtschaft er- klärt und versucht, einen Modus vivendi für seinen neuen Lehrer zu finden. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er die wichtige, Tatsache, daß der Mann ein wenig Englisch sprach, nicht auch er- wähnt hatte. Aber er hatte geschworen, es niemandem zu sagen, und als Engländer hieß das bei ihm: ein Mann, ein Wort. Sir William hatte schließlich zugestimmt, daß Nakama offen Sa- murai sein durfte, denn schon oft waren Söhne aus Samurai-Fami- lien vorübergehend an die französische oder die britische Gesandt- schaft attachiert worden. Aber auf Sir Williams Befehl hin durfte er innerhalb der Niederlassung Schwerter weder tragen noch besitzen. Diese Vorschrift galt für alle Samurai bis auf die Niederlassungswa- chen unter dem Befehl eines Offiziers auf einer ihrer seltenen und zuvor genehmigten Patrouillen. Weiterhin durfte Nakama sich nicht auffällig kleiden, sich nicht in der Nähe des Zollhauses oder des Wachhauses aufhalten; er sollte sich so wenig wie möglich se- hen lassen, und wenn er von den Bakufu entdeckt und beansprucht wurde, würde es ausschließlich seine Schuld sein, und man würde ihn sofort ausliefern. Tyrer hatte Nakama kommen lassen und ihm erklärt, was Sir Wil- liam verlangte. Inzwischen war er zu müde für Fujiko. »Hör zu, Na- kama, du mußt für mich eine Botschaft überbringen. Bitte schreib mir die Schriftzeichen für folgendes auf: ›Bitte arrangieren Sie…‹« »Was, bitte, ›rangieren‹?« »Verabreden oder einrichten. ›Bitte machen Sie eine Verabredung für mich morgen abend mit…‹ Für den Namen läßt du etwas Platz frei.« Es hatte eine Weile gedauert, bis Hiraga genau begriff, was er von ihm verlangte, und warum. In seiner Verzweiflung hatte Tyrer ihm dann den Namen Fujiko und das Haus ›Zu den drei Karpfen‹ ge- nannt. »Ah, ›Drei Karpfen‹?« hatte Hiraga gesagt. »So ka! Gebe Bot- schaft Mama-san, ganz sicher, arrangieren du sehen musume morgen, ja?« »Ja, bitte.« Nakama hatte ihm gezeigt, wie die entsprechenden Schriftzeichen, aussahen, und Tyrer hatte sie, sehr zufrieden mit sich selbst, kopiert und die Nachricht sorgfältig mit der Signatur unterzeichnet, die Hi- raga für ihn entwickelt hatte, und nun stand er hier vor dem Tor. »Na, los doch! Beeil dich!« murmelte er, zu allem bereit. Nach einiger Zeit wurde das Türgitter wieder geöffnet. »Ah, guten Abend, Taira-san, Sie möchten, daß wir Japanisch sprechen, gern«, sagte sie lächelnd mit einer leichten Verneigung. Dann folgte ein Strom Japanisch, das er nicht verstand; er hörte nur mehrmals den Namen Fujiko und zum Schluß ein: »Tut mir leid.« »Was? Ach so, es tut Ihnen leid? Wieso tut es Ihnen leid, Raiko- san? Guten Abend, ich habe Verabredung mit Fujiko… mit Fujiko.« »Ah, tut mir leid«, wiederholte sie geduldig, »aber Fujiko ist heute abend nicht frei, nicht mal für eine kurze Zeit. Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen, sie läßt Ihnen natürlich ihr Bedauern ausrichten und, tut mir leid, aber meine anderen Damen sind eben- falls alle besetzt. Es tut mir sehr leid.« Wieder verstand er bei weitem nicht alles. Aber den Sinn hatte er kapiert. Niedergeschlagen begriff er, daß Fujiko nicht da war, ahnte aber nicht, warum. »Aber Brief gestern – mein Botschaftsmann, Na- kama, er bringt, ja?« »O ja! Nakama-san hat ihn gebracht, und da ich ihm sagte, er soll es Ihnen ausrichten, dachte ich, alles sei in Ordnung, aber es tut mir leid, ich kann Ihnen jetzt nicht helfen. Tut mir leid, Taira-san, danke, daß Sie an uns gedacht haben. Guten Abend.« »Augenblick!« Tyrer schrie es auf englisch fast hinaus, als sich das Gitter zu schließen begann. Dann flehte er: »Sie haben gesagt, sie ist nicht da – hier, ja? Warten Sie, bitte, Raiko-san. Morgen Fujiko, ja?« Traurig schüttelte Raiko den Kopf. »Ah, tut mir leid, morgen ist es auch nicht möglich, ich bedaure unendlich, das sagen zu müs- sen. Aber ich hoffe, Sie verstehen, tut mir leid.« Tyrer war erschüttert. »Nicht morgen? Nächster Tag, ja?«, Sie zögerte, lächelte, verneigte sich abermals: »Vielleicht, Taira-san, vielleicht. Aber es tut mir leid, ich kann Ihnen nichts versprechen. Bitten Sie Nakama-san, während des Tages herzukommen, dann werde ich es ihm sagen. Sie verstehen? Schicken Nakama-san. Guten Abend.« Benommen starrte Tyrer auf die Tür, fluchte, ballte die Fäuste, hätte am liebsten etwas zerschlagen. Es dauerte einen Moment, bis er sich von seiner Enttäuschung erholt hatte; dann wandte er sich deprimiert ab und ging. Hiraga hatte das Ganze durch ein Loch im Zaun beobachtet. Als Tyrer um die Ecke verschwand, kehrte er, tief in Gedanken, über den gewundenen Steinpfad durch den Garten zurück. Der Garten war weitläufig, mit kleinen Häuschen, die – alle mit Veranda – in den Büschen verborgen lagen. Er aber mied sie alle, ging zwischen den Büschen hindurch und klopfte an einen Abschnitt des Zauns, der lautlos aufschwang. Der Diener verneigte sich, und Hiraga schlug einen Pfad ein, der zu ei- nem ähnlichen Häuschen führte. Die meisten Herbergen oder Häu- ser hatten geheime Ausgänge und Verstecke oder Verbindungen zu den Nachbarhäusern, und jene, die es wagten, Shishi aufzuneh- mend, legten besonders großen Wert auf Sicherheit. Dieser Teil des Hauses ›Zu den drei Karpfen‹ war speziellen Gästen vorbehalten; es gab eigene Kochgelegenheiten und eigene Dienerinnen, aber die Kurtisanen waren dieselben. Auf der Veranda legte er die geta ab, die Holzsandalen, und schob die Shoji-Wand zurück. »Was hat er gemacht?« erkundigte sich Ori. »Kleinlaut weggegangen ist er. Unheimlich.« Hiraga schüttelte ver- wundert den Kopf und ließ sich ihm gegenüber nieder. Auf Fujikos Verneigung reagierte er mit einem kurzen Nicken. Gestern, nach- dem er Tyrers Brief abgeliefert hatte, hatte er mit Raikos belustigter, Zustimmung Fujiko heute abend für sich reservieren lassen. »Darf ich fragen, warum, Hiraga-san?« hatte Raiko gesagt. »Nur so, um Taira zu ärgern.« »Eeee, ich glaube, er hat hier seine Unschuld verloren, mit Sako. Dann hat er es mit Maiko versucht und dann mit Fujiko. Bei Fu- jiko sind ihm die Augen aus dem Kopf gefallen.« Er hatte zusammen mit Raiko gelacht. Er mochte sie, doch als er Fujiko sah, war er verblüfft darüber, daß sein Feind das Mädchen attraktiv fand. Alles an ihr war durchschnittlich, bis auf die Augen, die ausgesprochen groß waren. Aber er verbarg seine Meinung und beglückwünschte Raiko dazu, daß sie eine schöne Blume erworben hatte, die aussah wie sechzehn, obwohl sie einunddreißig und seit fünfzehn Jahren Kurtisane war. »Vielen Dank, Hiraga-san«, hatte Raiko lächelnd erwidert. »Ja, sie ist wertvoll, aus irgendeinem Grund mögen die Gai-Jin sie. Aber bitte, vergessen Sie nicht, daß dieser Taira unser Kunde ist und daß die Gai-Jin anders sind als wir. Sie neigen dazu, sich an eine einzige Dame zu halten. Bitte, ermutigen Sie ihn, die Gai-Jin sind reich, und wie ich hörte, ist er ein wichtiger Beamter und wird möglicher- weise noch einige Jahre hier bleiben.« »Sonno-joi.« »Das liegt an Ihnen. Von mir aus holen Sie sich ihre Köpfe, aber bitte nicht hier, versprechen Sie mir das. Bis dahin beute ich ihren Reichtum aus.« »Erlauben Sie, daß Ori bleibt?« »Ori-san ist ein seltsamer Junge«, erwiderte sie zögernd. »Sehr stark, sehr zornig, sehr unausgeglichen – ein Pulverfaß. Ich habe Angst vor ihm. Ich kann ihn ein bis zwei Tage verstecken, aber… aber bitte, halten Sie ihn im Zaum, solange er mein Gast ist, ja? Wir haben Probleme genug in der Weidenwelt, auch ohne ihn.« »Ja. Haben Sie was von meinem Vetter gehört, Akimoto?« »Er ist in Sicherheit, in Hodogaya. Im Teehaus ›Zum ersten, Mond‹.« »Lassen Sie ihn holen.« Hiraga, der einen Goldoban aus seiner Geheimtasche holte, sah ihre Augen glitzern. »Das wird genug sein, für einen Boten sowie für die Unkosten, während Akimoto und Ori hier sind, und natürlich für Fujikos Dienste morgen.« »Natürlich.« Die Münze, eine sehr großzügige Bezahlung, ver- schwand in ihrem Ärmel. »Ori-san kann bleiben, bis ich finde, daß er weiterziehen sollte. Tut mir leid, aber dann muß er gehen, einver- standen?« »Ja.« »Und dann, tut mir leid, Shishi, aber ich muß Ihnen sagen, daß Sie hier in großer Gefahr sind. Das hier wird an allen Straßensper- ren verteilt.« Raiko entfaltete einen Holzschnitt, ungefähr dreißig mal dreißig Zentimeter groß. Ein Porträt von ihm. Die Überschrift lautete: ›Die Bakufu zahlen zwei Koku Belohnung für den Kopf dieses Mörders und Choshu-Ronin, der viele verschiedene Namen benutzt, unter anderem Hiraga.‹ »Baka!« zischte Hiraga durch die Zähne. »Sieht es mir ähnlich? Wie ist das möglich? Ich habe nie ein Porträt von mir malen las- sen.« »Ja und nein. Künstler haben ein gutes Gedächtnis, Hiraga-san. Vielleicht einer der Samurai bei dem Kampf? Es sei denn, der Ver- räter ist einer, der Ihnen näher steht. Schlimm ist außerdem, daß Sie von sehr wichtigen Leuten gesucht werden. Von Anjo, natürlich, aber auch von Toranaga Yoshi.« Er fröstelte. Fragte sich, ob Koiko, die Kurtisane, Verratene oder Verräterin war. »Warum er?« Raiko zuckte die Achseln. »Ob es Ihnen gefällt oder nicht – er ist der Kopf der Schlange. Sonno-joi, Hiraga-san, aber führen Sie nicht die Bakufu-Feinde hierher. Ich möchte meinen Kopf auf den Schul- tern behalten.« Den ganzen Abend dachte Hiraga über das Plakat nach und frag-, te sich, was er tun sollte. Er ließ sich von Fujiko Saké nachfüllen. »Dieser Taira erstaunt mich, Ori.« »Warum Zeit auf ihn verschwenden? Bringt ihn um.« »Später. Ihn und sie alle zu beobachten, ihre Reaktionen abzu- schätzen, das ist wie ein Schachspiel, bei dem die Regeln ständig verändert werden, es ist faszinierend – wenn man sich erst mal an ihren Gestank gewöhnt hat.« »Heute abend hätten wir tun sollen, was ich tun wollte: ihn tö- ten, die Leiche neben das Wachhaus werfen und sie die Schuld da- ran tragen lassen.« Gereizt rieb sich Ori mit der Rechten über die Stoppeln, die inzwischen den kahlen Schädel und das Gesicht be- deckten; die linke Schulter war noch immer verbunden, den verletz- ten Arm trug er in einer Schlinge. »Morgen werde ich mich glatt ra- sieren, dann fühle ich mich endlich wieder wie ein Samurai. Raiko hat einen Barbier, dem sie vertrauen kann. Aber rasiert oder nicht, Hiraga, diese erzwungene Untätigkeit macht mich noch wahnsin- nig.« »Und deine Schulter?« »Die Wunde ist sauber. Sie juckt, aber es ist ein gutes Jucken.« Ori hob den Arm etwa zur Hälfte hoch. »Weiter geht's noch nicht, aber ich trainiere täglich. Im Kampf ist er leider noch nicht zu ge- brauchen. Karma. Aber dieser Gai-Jin Taira, wenn wir ihn getötet hätten, hätte es weder ein Risiko für uns noch für das Haus gege- ben. Du sagtest doch, daß er immer so heimlich tut und bestimmt niemandem gesagt hat, daß er hier war.« »Ja, aber er könnte es doch getan haben, und das ist es, was ich nicht verstehe. Sie sind so unberechenbar. Ständig ändern sie ihre Meinung, sagen das eine und tun dann das Gegenteil, aber nicht aus Berechnung, nicht wie wir, ganz und gar nicht wie wir.« »Sonno-joi! Sein Tod hätte die Gai-Jin wahnsinnig gemacht. Wir sollten es tun, wenn er das nächstemal herkommt.« »Ja, aber erst später – im Augenblick ist er zu wertvoll. Er wird, uns ihre Geheimnisse verraten, wie man sie demütigen, zu Hundert- tausenden töten kann – nachdem wir sie dazu benutzt haben, die Bakufu zu demütigen und zu zerbrechen.« Wieder hatte Hiraga die Tasse geleert. Fujiko schenkte ihm lächelnd nach. »Sogar im Büro des Führers aller Engländer war ich, höchstens fünf Schritt von ihm entfernt. Ich bin im Zentrum der Gai-Jin-Behörden! Wenn ich nur ihre Sprache besser verstehen könnte!« Er war zu vorsichtig, um Ori das wahre Ausmaß seines Wissens anzuvertrauen oder wie er Tyrer überredet hatte, ihn hinauszuschmuggeln – vor allem nicht in Ge- genwart dieses Mädchens. Während sie ihnen im Verlauf des Abends immer wieder die Tas- sen füllte, lächelnd, zuvorkommend, ohne sie zu unterbrechen, lauschte sie aufmerksam, hätte am liebsten hundert Fragen gestellt, war aber viel zu gut ausgebildet, um das zu tun. »Hört einfach zu, lächelt und tut so, als wärt ihr ein bißchen dumm, nichts als ein Spielzeug«, hatten die Mama-sans ihnen allen eingetrichtert, »dann werden sie euch schon bald freiwillig alles erzählen, was ihr wissen wollt. Hört zu, lächelt, paßt auf, schmeichelt ihnen und macht sie glücklich, denn nur dann sind sie großzügig. Vergeßt niemals, daß Glücklichmachen Gold ist, und das ist euer einziges Ziel und eure einzige Sicherheit.« »In Edo«, berichtete Hiraga, »war dieser Taira wirklich tapfer, heu- te dagegen ist er ein Feigling. Fujiko, wie ist er im Bett?« Hinter einem Lächeln verbarg sie ihr Erstaunen darüber, daß je- mand so indiskret sein konnte. »Wie alle jungen Männer, Hiraga- san.« »Selbstverständlich, aber wie war er wirklich, eh? Wie ist es mit den Proportionen – großer Mann, großer Speer?« »Ah, tut mir leid.« Sie senkte den Blick und fuhr in bewußt de- mütigem Ton fort: »Aber die Damen der Weidenwelt haben Anwei- sung, niemals mit einem Kunden über einen anderen zu sprechen, egal, wer es ist.«, »Gelten unsere Vorschriften auch für die Gai-Jin?« wollte Hiraga wissen. Ori lachte. »Aus der wirst du nichts rauskriegen, aus keiner von ihnen. Ich hab's versucht. Dann kam Raiko-san und hat ge- schimpft, daß ich danach gefragt habe. ›Gai-Jin oder nicht, die ural- ten Yoshiwara-Regeln gelten‹, hat sie gesagt. ›Wir können im allge- meinen reden, aber über einen bestimmten Kunden – Baka-neh!‹ Sie war wirklich ziemlich wütend.« Beide Männer lachten, aber Fujiko sah, daß Hiragas Augen nicht lachten. Sie gab vor, es nicht zu bemerken, und fragte sich, wie sie ihm heute abend wohl zu Diensten sein müsse. Um ihn zu beruhi- gen, sagte sie: »Tut mir leid, Hiraga-san, aber ich habe nur wenig Erfahrung mit jungen, mit alten und mit den Männern in der Mit- te. Aber die meisten erfahrenen Damen sagen, Größe ist keine Ga- rantie für Befriedigung für ihn oder für sie, aber es heißt, die jun- gen Männer sind immer die besten und befriedigendsten Kunden.« Sie lachte in sich hinein über diese abgedroschene Lüge. Wie gern würde ich ihnen endlich einmal die Wahrheit sagen: daß die jungen Männer die schlimmsten, die anspruchsvollsten, die am wenigsten zufriedenstellenden Kunden sind. Ihr seid alle hoffnungslos unge- duldig, ihr habt viel zuviel Manneskraft, verlangt zahlreiches Ein- dringen, ihr habt Unmengen von Essenz, aber nur wenig Zufrieden- heit hinterher – und ihr seid selten großzügig. Am schlimmsten aber ist, daß man sich als Mädchen, so sehr man sich auch dagegen sträubt, in einen bestimmten jungen Mann verlieben kann, und das führt zu noch mehr Elend, Katastrophen und in den meisten Fällen zu Selbstmord. Alt ist wirklich zwanzigmal besser. »Einige junge Männer«, antwortete sie, ohne wirklich zu antwor- ten, »sind unglaublich schüchtern, obwohl sie sehr gut bestückt sind.« »Interessant. Ich kann immer noch nicht glauben, daß dieser Taira einfach kleinlaut davongegangen ist, Ori.«, Ori zuckte die Achseln. »Kleinlaut oder nicht, er hätte heute abend sterben müssen, dann würde ich weit besser schlafen. Was hätte er denn tun sollen?« »Alles. Die Tür eintreten, zum Beispiel. Eine Verabredung ist eine Verabredung, und daß Raiko keinen Ersatz gestellt hat, war eine weitere Beleidigung.« »Die Tür und der Zaun sind viel zu stark, sogar für uns.« »Dann hätte er auf die Hauptstraße gehen, mit zehn oder zwanzig von seinen Leuten zurückkommen und den Zaun einreißen sollen – er ist ein wichtiger Beamter, in der Gesandtschaft haben ihm die Offiziere und die Soldaten aufs Wort gehorcht. Dann hätte Raiko mit Sicherheit ein Jahr oder noch länger vor ihm Kotau gemacht und dafür gesorgt, daß er den Service, den er will, dann kriegt, wann er ihn will – und sogar wir hätten vermutlich fliehen müssen. Das hätte ich getan, wenn ich ein so wichtiger Beamter wäre wie er.« Hiraga lächelte. »Es geht um das Gesicht. Und irgendwie verste- hen sie wirklich was davon. Die hätten ihre idiotische Gesandt- schaft bis zum letzten Mann verteidigt, und dann hätte die Flotte Edo plattgemacht.« »Ist das denn nicht genau, was wir wollen?« »Ja.« Hiraga lachte. »Aber nicht, solange man ohne Waffen ist und wie ein Gärtner katzbuckeln muß – richtig nackt habe ich mich gefühlt.« Wieder wurde Saké nachgefüllt. Hiraga sah Fujiko an. Normalerweise hätte ihn seine Männlichkeit und der Saké in Er- regung versetzt, auch wenn das Mädchen dieses Abends nicht be- sonders attraktiv war. Heute abend war es anders. Denn dies war die Gai-Jin-Yoshiwara, und sie hatte mit ihnen geschlafen und war deswegen beschmutzt. Vielleicht würde sie Ori gefallen, dachte er und lächelte sie an, um sein Gesicht zu wahren. »Bestell uns was zu essen, Fujiko, eh? Das Beste, was das Haus bieten kann!« »Sofort, Hiraga-san.« Sie eilte davon., »Hör zu, Ori«, flüsterte Hiraga, damit niemand mithören konnte. »Uns droht hier sehr große Gefahr.« Er zog das gefaltete Plakat her- aus. Ori erschrak. »Zwei Koku? Das wird jeden in Versuchung führen. Das könntest du sein – nicht genau, aber ein Wachtposten an den Straßensperren könnte dich deswegen anhalten.« »Das hat Raiko auch gesagt.« Ori blickte zu ihm auf. »Joun war ein Maler, ein guter sogar.« »Daran hatte ich auch gedacht und mich gefragt, wie sie ihn fan- gen und seinen Willen brechen konnten. Er kennt sehr viele Shishi- Geheimnisse und weiß, daß Katsumata den Shōgun überfallen will.« »Verächtlich, daß er sich lebend fangen ließ. Wie es scheint, sind wir verraten worden.« Ori reichte das Porträt zurück. »Zwei Koku sind für jeden verlockend, selbst für die fanatischste Mama-san.« »Auch das habe ich mir überlegt.« »Laß dir einen Bart wachsen, Hiraga. Das würde helfen.« »Stimmt, das würde helfen.« Hiraga war froh, daß Ori wieder zur Vernunft gekommen war, denn sein Rat war immer wertvoll. »Ko- misches Gefühl zu wissen, daß das hier da draußen ist.« »In ein bis zwei Tagen«, erwiderte Ori, »sobald ich kann, und ich werde jeden Tag kräftiger, werde ich nach Kyōto gehen, um Katsu- mata wegen Joun zu warnen. Er muß unbedingt gewarnt werden.« »Ja. Gute Idee. Sehr gut.« »Und was ist mit dir?« »Ich bin bei den Gai-Jin sicher – sicherer als anderswo. Solange ich nicht verraten werde. Akimoto ist in Hodogaya. Ich habe veran- laßt, daß er kommt. Dann können wir entscheiden.« »Gut. Du wärst sicherer, wenn du sofort nach Kyōto zu fliehen versuchtest, bevor diese Bilder auf der ganzen Tokaidō verbreitet werden.« »Nein. Taira ist eine so gute Gelegenheit, daß man sie nicht ver- passen darf. Für alle Fälle werde ich hier Schwerter verstecken.«, »Hol dir einen Revolver, der fällt nicht so sehr auf.« Ori zog sich die Yokata von der linken Schulter und kratzte sich am Verband. Erschrocken sah Hiraga die dünne Goldkette mit dem kleinen Goldkreuz an seinem Hals hängen. »Warum trägst du das?« Ori zuckte die Achseln. »Weil's mir Spaß macht.« »Wirf das weg, Ori – es verbindet dich mit dem Tokaidō-Mord, mit Shorin und mit ihr. Das Kreuz ist eine unnötige Gefahr.« »Viele Samurai sind Christen.« »Ja, aber sie könnten das Kreuz identifizieren. Es ist wahnsinnig, ein solches Risiko einzugehen. Wenn's unbedingt sein muß, besorg dir ein anderes.« Nach einer Pause entgegnete Ori: »Aber ich will dieses hier.« Hiraga sah seine Unbeugsamkeit, verfluchte ihn innerlich, ent- schied dann aber, daß es seine Pflicht war, die Shishi-Bewegung zu schützen, sonno-joi zu schützen, und daß jetzt der Zeitpunkt gekom- men war. »NIMM DAS AB!« Das Blut schoß Ori ins Gesicht. Er wußte, daß er herausgefordert wurde. Seine Wahl war einfach: Weigerung und Tod oder Gehor- sam. Ein Moskito summte um seinen Kopf. Er beachtete ihn nicht, weil er keine plötzliche Bewegung machen wollte. Ganz langsam griff er mit der Rechten nach der Kette und zerriß sie. Kreuz und Kette verschwanden in seiner Ärmeltasche. Dann legte er beide Hände auf die Tatami und verneigte sich tief. »Du hast recht, Hira- ga-san, es war eine unnötige Gefahr. Bitte verzeih mir.« Schweigend erwiderte Hiraga die Verneigung. Erst dann entspann- te er sich, und Ori richtete sich auf. Beide Männer wußten, daß sich an ihrem Verhältnis zueinander etwas verändert hatte. Endgül- tig. Sie waren zwar keine Feinde geworden, aber sie waren keine Freunde mehr; Verbündete – ja, doch nie wieder Freunde. Als Ori nach seiner Tasse griff und sie ihm entgegenhob, stellte er mit Ge- nugtuung fest, daß er seine innere Wut so unter Kontrolle hatte,, daß seine Finger nicht zitterten. »Ich danke dir.« Hiraga trank mit, beugte sich vor und schenkte beiden nach. »Und nun Sumomo. Erzähl mir bitte von ihr.« »Ich erinnere mich an fast gar nichts.« Ori öffnete seinen Fächer und vertrieb damit den Moskito. »Mama-san Noriko hat mir be- richtet, daß Sumomo wie ein Geist aus der Flasche mit mir auf ei- ner Bahre angekommen sei, ihr aber nur kurz erzählt habe, ein Gai- Jin-Doktor habe mich aufgeschnitten und wieder zugenäht. Sie habe die Hälfte von Shorins Schulden bezahlt und sie überredet, mich zu verstecken. Während des Wartens habe Sumomo, nach- dem sie nach Shorin gefragt hatte, kaum etwas gesagt. Als der Bote mit deiner Nachricht aus Edo kam, sei sie sofort nach Shimonoseki aufgebrochen. Die einzige Nachricht, die sie ihr gab, war die, daß Satsuma sich für den Krieg rüstet und daß eure Choshu-Batterien wieder einmal auf die Gai-Jin-Schiffe in der Meerenge gefeuert und sie zurückgeschlagen haben.« »Gut. Hast du ihr alles von Shorin erzählt?« »Ja. Sie bat mich dringend darum, und als ich alles erzählt hatte, erklärte sie, daß sie sich rächen werde.« »Hat sie bei der Mama-san eine Nachricht hinterlassen?« Ori zuckte die Achseln. »Bei mir jedenfalls nicht.« Vielleicht hat Noriko eine, dachte Hiraga. Aber macht nichts, das hat Zeit. »Sah sie gut aus?« »Ja. Ich schulde ihr mein Leben.« »Ja. Eines Tages wird sie die Schuld eintreiben wollen.« »Wenn ich sie ihr zurückzahle, zahle ich sie auch dir zurück und ehre sonno-joi.« Beide schwiegen, und jeder fragte sich, was der andere wohl wirk- lich dachte. Plötzlich lächelte Hiraga. »Heute abend gab es in der Niederlas- sung ein großes Fest, gräßliche Musik und viel Trinkerei, das ma- chen sie immer so, wenn ein Mann verspricht zu heiraten.« Er leer-, te seine Tasse. »Dieser Saké ist gut. Einer der Kaufleute – der Gai- Jin, den du an der Tokaidō verwundet hast – wird diese Frau heira- ten.« Ori war sprachlos. »Die Frau mit dem Kreuz? Sie ist hier?« »Ich habe sie heute abend gesehen.« »Ach!« murmelte Ori; dann leerte er seine Saké-Tasse und schenk- te beiden noch einmal ein. Dabei verschüttete er einige Tropfen Wein. »Sie wird heiraten? Wann?« Hiraga zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich habe die bei- den heute abend zusammen gesehen, er geht an zwei Stöcken wie ein Krüppel – dein Hieb hat ihn sehr schwer verletzt, Ori.« »Gut. Und die… die Frau. Wie sah sie aus?« Hiraga lachte. »Fremdartig, Ori, absolut närrisch.« Er beschrieb ihre Krinoline. Und ihre Frisur. Dann stand er auf und parodierte ihren Gang. Gleich darauf wälzten sich die beiden Männer vor La- chen fast auf den Tatamis. »… ihre Brüste hingen raus, richtig unan- ständig! Kurz bevor ich hierherkam, hab ich durch ihr Fenster ge- späht. Die Männer haben sie öffentlich umarmt, sie und ein Mann haben einander umarmt, um vor aller Augen zu der Musik dieser grauenvoll klingenden Instrumente herumzuwirbeln! Ihre Röcke sind geflogen, daß man bis fast ganz oben sehen konnte, ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich's nicht selbst gesehen hätte, aber sie wanderte von einem Mann zum anderen wie eine billige Hure. Der Dummkopf, der sie heiraten will, saß nur in seinem Sessel und sah anscheinend glücklich zu, stell dir das vor!« Er wollte einschenken, aber die Flasche war leer. »Saké!« Sofort wurde die Tür geöffnet, eine Dienerin kam auf den Knien mit zwei neuen Flaschen herein, schenkte ein und huschte wieder hinaus. Er rülpste; der Saké machte sich bemerkbar. »Wie die Tiere haben sie sich benommen. Ohne ihre Kanonen und Schiffe sind sie nicht mal unsere Verachtung wert.« Ori blickte zum Fenster hinaus, in Richtung Meer., »Was ist?« Hiraga wurde sofort wachsam. »Gefahr?« »Nein. Nein, nichts.« Hiraga runzelte die Stirn; er wußte, wie empfänglich Ori für äu- ßere Eindrücke war. »Hast du deine Schwerter hier?« »Ja. Raiko bewahrt sie für mich auf.« »Ich hasse es, kein Schwert im Gürtel zu haben.« »Ich auch.« Eine Zeitlang tranken sie schweigend; dann kam das Essen, kleine Schalen mit gegrilltem Fisch, Sushi und Sashimi und ein portugie- sisches Gericht namens Tempura – Fisch und Gemüse, in Reismehl getaucht und in Öl gesotten. Bevor die Portugiesen im Jahre 1550 kamen, hatten die Japaner diese Technik noch nicht gekannt. Als sie satt waren, ließen sie Raiko rufen, machten ihr Kompli- mente, lehnten die angebotenen Dienste einer Geisha jedoch dan- kend ab. Also verneigte sie sich und ging. »Morgen, Fujiko, werde ich irgendwann nach Sonnenuntergang kommen.« »Ja, Hiraga-san.« Fujiko verneigte sich sehr tief; sie war froh, ohne weitere Arbeit entlassen zu werden, denn Raiko hatte ihr schon er- klärt, daß ihr Honorar großzügig sein würde. »Danke, daß Sie mich beehrt haben.« »Du wirst natürlich nichts von dem, was du hier siehst oder hörst, an Taira oder einen anderen Gai-Jin weitergeben. An über- haupt niemanden, hast du verstanden?« Erschrocken hob sie den Kopf. »Natürlich nicht, Hiraga-sama.« Als sie seine Augen sah, zog ein Schatten über ihr Herz. »Natürlich nicht«, wiederholte sie mit kaum vernehmbarer Stimme, neigte die Stirn bis auf die Tatami und ging zutiefst verängstigt hinaus. »Wir gehen ein Risiko ein mit dieser Frau als Zuhörerin, Ori.« »Mit jedem. Aber sie würde es genausowenig wagen wie die ande- ren.« Wieder wehrte Ori mit seinem Fächer die nächtlichen Insek- ten ab. »Bevor wir verschwinden, werden wir mit Raiko einen Preis vereinbaren, damit Fujiko in ein billiges Haus abgeschoben werden, kann, wo sie zu beschäftigt sein wird, um Unheil zu stiften, und weit von allen Gai-Jin und Bakufu entfernt.« »Das ist ein guter Vorschlag. Aber es könnte teuer werden. Wie Raiko sagt, ist Fujiko bei den Gai-Jin aus irgendeinem Grund äuß- erst beliebt.« »Fujiko?« »Ja. Merkwürdig, neh? Sie sind eben ganz anders als wir, sagt Rai- ko.« Hiraga sah Oris verzerrtes Lächeln. »Was ist?« »Nichts. Wir können morgen reden.« Hiraga nickte und leerte die letzte Tasse; dann stand er auf, legte die gestärkte Yokata ab, die alle Häuser und Herbergen ihren Kun- den zur Verfügung stellten, und kleidete sich wieder in den ge- wöhnlichen Kimono eines Dorfbewohners, mit einem Turban aus grobem Tuch und einem Kuli-Strohhut darüber. Zuletzt schulterte er den leeren Lieferkorb. »Bist du sicher, wenn du so angezogen bist?« »Ja, solange ich nicht den Kopf freimachen muß, und außerdem habe ich das hier.« Hiraga zeigte ihm die beiden Pässe, die Tyrer ihm gegeben hatte, einen für die Japaner und einen für die Englän- der. »Die Wachen am Tor und an der Brücke sind sehr aufmerk- sam, und bei Nacht patrouillieren Soldaten durch die Niederlas- sung. Ein Ausgehverbot gibt es nicht, aber Taira hat mich ermahnt, sehr vorsichtig zu sein.« Nachdenklich reichte ihm Ori die Pässe zurück. Hiraga steckte sie in seinen Ärmel. »Gute Nacht, Ori.« »Ja, gute Nacht, Hiraga-san.« Ori musterte ihn mit seltsamem Blick. »Ich möchte wissen, wo die Frau wohnt.« Hiragas Augen wurden schmal. »Ach ja?« »Ja. Ich möchte es wissen. Genau.« »Ich könnte es vermutlich rausfinden. Und dann?« Das Schweigen verdichtete sich. Ich bin mir heute abend nicht sicher, dachte Ori, ich wünschte, ich wäre es, aber jedesmal, wenn, ich meine Gedanken schweifen lasse, kommt die Erinnerung an jene Nacht zurück und an meine endlose Ekstase mit ihr. Wenn ich sie umgebracht hätte, wäre es damit zu Ende gewesen, doch da ich weiß, daß sie noch lebt, verfolgt sie mich. Es ist dumm, aber ich bin verhext. Sie ist böse, abscheulich, das ist mir klar, aber ich bin trotzdem verhext und ganz sicher, daß sie mich verfolgen wird, solange sie lebt. »Und dann?« wiederholte Hiraga seine Frage. Ori ließ sich seine Gedanken nicht anmerken. Er erwiderte seinen Blick offen und zuckte die Achseln. Mittwoch, 17. Oktober

André Poncin riß die Augen auf. »Sie sind schwanger?«»Ja«, bestätigte sie leise. »Es ist, wissen Sie…«

»Aber das ist ja wundervoll! Das macht alles endgültig perfekt!« platzte er heraus, als sein Schock sich in einem breiten Grinsen auf- löste, weil Struan, der britische Gentleman, einer unschuldigen Dame Unrecht zugefügt hatte und nun einer baldigen Heirat nicht mehr aus dem Weg gehen konnte, wenn er ein Gentleman bleiben wollte. »Darf ich Ihnen gratulieren, Madam…« »Still, André, das dürfen Sie nicht! Und bitte nicht so laut, die Wände haben Ohren, besonders in den Gesandtschaften, nicht wahr?« flüsterte sie außer sich und staunte darüber, daß ihre Stim- me so ruhig blieb, daß sie sich so ruhig fühlte und es ihm so gelas- sen mitteilen konnte. »Denn wissen Sie, der Vater ist leider nicht, M'sieur Struan.« Sein Lächeln erstarb; dann kehrte es zurück. »Sie scherzen natür- lich, aber warum dieser…« »Bitte, hören Sie einfach zu!« Angélique rückte ihren Sessel näher. »Ich wurde in Kanagawa vergewaltigt…« Offenen Mundes starrte er sie an, während sie ihm erzählte, was ihr nach ihrer Meinung zugestoßen war, was sie beschlossen und wie sie seither ihre Angst verborgen hatte. »Großer Gott, arme Angélique, Sie Ärmste, wie fürchterlich für Sie.« Mehr brachte er vor Schreck nicht heraus, während für ihn ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz fiel. Sir William, Seratard und Struan hatten beschlossen, so wenige Personen wie möglich von Dr. Hoags Operation in Kanagawa zu informieren und die Nach- richt vor allem vor Angélique geheimzuhalten, und auch beide Ärz- te hielten das medizinisch für geraten. »Warum sie unnötig aufre- gen? Sie ist seit der Tokaidō-Sache nervös genug.« Kein Grund, ihr jetzt davon zu erzählen, dachte André beunru- higt, und die Ironie erschütterte ihn zutiefst. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, zwang sich, die eigenen Probleme zurückzustellen und sich ganz auf sie zu konzentrieren. Wie sie da neben ihm in seinem Büro saß, ernst, bescheiden und mit klaren Augen, die personifizierte Unschuld und wenige Stun- den zuvor noch die Königin des schönsten Balls, den Yokohama je- mals gesehen hatte – all das verlieh ihrer Geschichte den Anschein absoluter Unwirklichkeit. »Ist das tatsächlich geschehen? Wirklich?« Sie hob die Hand, als wolle sie einen Eid leisten. »Ich schwöre es, bei Gott.« Nun faltete sie die Hände auf ihrem Schoß. Blaßgelbes Tageskleid mit Reifrock, orangefarben das winzige Häubchen und der Sonnenschirm. Verunsichert schüttelte er den Kopf. »Hört sich unmöglich an.« Er war schon in viele Mann-Frau-Tragödien verwickelt gewesen. In manche war er von Vorgesetzten hineinmanövriert worden, in ei-, nige hineingestolpert, viele hatte er ausgelöst und fast alle, wenn nicht überhaupt alle, hatte er zum Besten seiner Sache benutzt: für Frankreich und natürlich, zuallererst, für sich selbst. Warum nicht, dachte er. Was hat Frankreich für mich getan, was wird es für mich tun? Gar nichts. Aber diese Angélique wird entwe- der jeden Moment zusammenbrechen, oder sie ist wie diese Frauen, die, böse geboren, die Wahrheit geschickt für ihre eigenen Zwecke zurechtbiegen, oder wie jene, die, durch Angst und Schrecken über die Grenze gestoßen, weit über ihr Alter hinaus berechnend und kaltblütig wurden. »Wie bitte?« »Ich muß dieses Problem beseitigen, André.« »Abtreibung, meinen Sie? Aber Sie sind katholisch!« »Das geht nur mich und Gott etwas an.« »Was ist mit der Beichte? Kommenden Sonntag müssen Sie…« »Das geht nur mich und den Priester etwas an, und dann Gott. Zuallererst muß das Problem beseitigt werden.« »Das verstößt gegen Gottes Gebote und die Gesetze der Men- schen.« »Und wird seit Jahrtausenden gemacht.« Ihr Ton gewann an Schärfe. »Beichten Sie denn etwa alles? Ehebruch verstößt ebenfalls gegen ›Gottes Gebote‹ – oder? Sie sind verheiratet, nicht wahr? Mord verstößt gegen alle Gesetze. Nicht wahr?« »Wer sagt, daß ich jemanden getötet habe?« »Niemand, aber daß Sie an mehreren Todesfällen schuldig sind, ist mehr als wahrscheinlich. Wir leben in gewalttätigen Zeiten. Ich brauche Ihre Hilfe, André.« »Sie riskieren ewige Verdammnis.« Ja, darüber habe ich ein Meer von Tränen vergossen, dachte sie grimmig, ohne daß sich der unschuldige Ausdruck in ihren Augen veränderte. Sie haßte ihn, aber sie mußte ihm vertrauen. An diesem Morgen war sie zeitig erwacht, und als sie ihren Plan zu rekapitulieren begann, wurde ihr auf einmal klar, daß sie alle, Männer haßte. Männer bringen uns nur Probleme: Väter, Ehemän- ner, Brüder, Söhne und Priester – die Priester sind die schlimmsten von allen, die meisten von ihnen notorische Kopulierer und Perver- tierte, Lügner, die die Kirche für ihre eigenen Zwecke mißbrauchen, obwohl es tatsächlich einige gibt, die Heilige sind. Die Priester und die anderen Männer beherrschen diese Welt und ruinieren sie für uns Frauen. Ich hasse sie alle – bis auf Malcolm. Den hasse ich nicht, noch nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihn wirklich liebe, ich weiß nicht recht, was Liebe ist, aber ich mag ihn lieber als jeden an- deren Mann, den ich kenne, und ich kann ihn verstehen. Was die übrigen angeht, so hat der liebe Gott mir endlich die Au- gen geöffnet! Vertrauensvoll und flehend sah sie André an. Ver- dammt, daß ich mein Leben in deine Hände geben muß, aber zum Glück durchschaue ich dich jetzt. Malcolm und Jamie haben recht, du willst nur die Firma Struan unter deine Kontrolle oder zu Fall bringen. Verdammt, daß ich überhaupt einem Mann vertrauen muß! Wenn ich nur in Paris wäre oder sogar in Hongkong, da gibt es Dutzende von Frauen, die ich diskret um entsprechende Hilfe bitten könnte, hier aber keine einzige. Diese beiden Vetteln? Un- möglich! Es ist eindeutig, daß sie mich hassen und meine Feindin- nen sind. Sie ließ ein paar Tränen in ihre Augen treten. »Bitte, helfen Sie mir.« Er seufzte. »Ich werde später mit Babcott…« »Sind Sie wahnsinnig? Den dürfen wir auf gar keinen Fall einwei- hen. Auch Hoag nicht. Nein, André, ich habe mir alles sehr sorgfäl- tig überlegt. Keinen von beiden. Wir müssen jemand anders finden. Eine Madam.« Über ihre ruhige Stimme und ihre Logik verblüfft, starrte er sie wieder an. »Eine Mama-san meinen Sie?« stotterte er. »Was ist das?« »Ach… das ist die Frau, die Japanerin, die… die die einheimischen, Freudenhäuser leitet, Verträge für die Dienste der Mädchen ab- schließt, über Preise verhandelt und Mädchen zuteilt. Und so wei- ter.« Sie zog eine Augenbraue hoch. »An so eine hatte ich nicht ge- dacht. Ich habe allerdings gehört, daß es am Ende der Straße so ein Haus gibt.« »Großer Gott! Sie meinen Naughty Nellie's… in Drunk Town? Nicht für tausend Louis d'or würde ich da hingehen.« »Aber wird das Haus denn nicht von Mrs. Fotheringills Schwester geführt? Die berühmte Mrs. Fotheringill aus Hongkong?« »Woher wissen Sie etwas von ihr?« »O mein Gott, André, bin ich denn eine dumme, bigotte Englän- derin?« gab sie gereizt zurück. »Jede Europäerin in Hongkong weiß von Mrs. Fotheringills Etablissement für junge Damen, obwohl sie vorgeben, nichts zu wissen, und in der Öffentlichkeit niemals da- von sprechen, aber auch die Dümmsten wissen, daß ihre Männer chinesische Häuser besuchen oder asiatische Mätressen haben. Eine furchtbare Heuchelei. Sogar Sie wären erstaunt, wenn Sie wüßten, worüber die Damen in der Privatsphäre ihrer Boudoirs reden oder wenn keine Männer in der Nähe sind. In Hongkong hörte ich, daß ihre Schwester hier ein Haus eröffnet hat.« »Das ist nicht dasselbe, Angélique, dieses Haus ist für Seeleute, Betrunkene, Rumtreiber – für den Abschaum. Und Naughty Nellie ist nicht ihre Schwester, das behauptet sie nur, also bezahlt sie ver- mutlich für den Gebrauch ihres Namens.« »Ach! Aber wohin gehen Sie dann? Wenn Sie ›Unterhaltung‹ wünschen?« »In die Yoshiwara«, antwortete er und erklärte es ihr, verblüfft über dieses Gespräch und darüber, daß auch er so offen reden konnte. »Haben Sie ein Haus, mit dessen Mama-san Sie sich gut verste- hen?«, »Ja.« »Na, wunderbar. Sie gehen heute abend noch zu Ihrer Mama-san und holen die entsprechende Medizin.« »Wie bitte?« »Mein Gott, André, seien Sie doch vernünftig! Dies ist ein sehr schweres Problem, und wenn wir es nicht lösen können, werde ich niemals Herrin des Noble House und niemals… gewisse Interessen fördern können.« Sie sah sofort, daß sie damit ins Schwarze getrof- fen hatte, und freute sich. »Gehen Sie heute abend dorthin und bit- ten Sie sie um die Medizin. Bitten Sie nicht ein Mädchen darum, die verstehen vermutlich nichts davon. Bitten Sie die patronne, die Mama-san. Sie können ja sagen, ›das Mädchen‹ sei überfällig.« »Ich weiß nicht, ob es eine derartige Medizin gibt.« Sie lächelte herablassend. »Seien Sie nicht töricht, André, selbst- verständlich gibt es die, sie müssen so etwas haben.« Mit der Rech- ten begann sie die Finger ihres linken Handschuhs glattzustreichen. »Sobald das Problem beseitigt ist, wird alles wundervoll werden, und wir werden Weihnachten heiraten. Übrigens, da M'sieur Struan allmählich kräftiger wird, habe ich beschlossen, die Struan-Suite zu verlassen, bis wir verheiratet sind, und heute nachmittag in die Ge- sandtschaft zurückzukehren.« »Ist das klug? Sie sollten in seiner Nähe bleiben.« »Normalerweise ja. Aber es gibt gewisse Anstandsregeln, und, noch wichtiger, ich bin sicher, daß es mir nach der Medizin einige Tage nicht gut gehen wird. Sobald auch das vorüber ist, werde ich entscheiden, ob ich in das Struan-Building zurückkehre. Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, mein Freund.« Sie erhob sich. »Morgen um die gleiche Zeit?« »Wenn ich nichts habe, werde ich Ihnen Bescheid geben.« »Nein. Besser, wir treffen uns um zwölf Uhr hier. Ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Damit schenkte sie ihm ihr schönstes Lächeln., Ihm wurde ob dieses Lächelns heiß, aber auch, weil sie von nun an auf immer an ihn gekettet war. »Diese Schriftzeichen auf Ihrem Laken«, sagte er. »Erinnern Sie sich, wie die aussahen?« »Ja«, antwortete sie, von dem Themenwechsel überrascht. »Wa- rum?« »Könnten Sie sie mir aufzeichnen? Möglich, daß ich sie erkenne. Möglich, daß sie eine Bedeutung haben.« »Sie waren auf der Steppdecke, nicht auf dem Laken. Mit… Mit seinem Blut.« Sie atmete tief durch, griff nach der Feder und tauch- te sie in die Tinte. »Eines habe ich Ihnen zu sagen vergessen. Als ich erwachte, war das kleine Kreuzchen verschwunden, das ich seit meiner Kindheit trage. Ich habe überall gesucht, aber es war fort.« »Hat er es gestohlen?« »Ich nehme es an. Aber sonst nichts. Ich hatte noch ein bißchen Schmuck, den hat er nicht angerührt. Die Stücke waren nicht sehr wertvoll, doch weitaus wertvoller als das Kreuz.« Der Gedanke daran, wie sie da im Bett lag, reglos, das Nacht- hemd von oben bis unten aufgeschlitzt, wie die Hand des Vergewal- tigers ihr das Kreuz vom Hals riß und das Mondlicht auf dem Gold glitzerte, vor oder nachdem er ihre Beine gespreizt hatte, wur- de sehr schnell real und erotisch und ließ ihn pulsieren. Sein Blick wanderte über ihren Körper, während sie sich, ohne sein Begehren zu spüren, über den Schreibtisch beugte. »Da«, sagte sie und reichte ihm das Blatt Papier. Er starrte auf die Schriftzeichen, die ihn an überhaupt nichts erin- nerten. »Tut mir leid, aber sie haben keine Bedeutung, sie sehen nicht mal chinesisch aus – Chinesisch oder japanisch, die Schrift- zeichen sind dieselben.« Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke, er drehte das Blatt herum und hielt die Luft an. »Tokaidō, sie bedeu- ten Tokaidō!« Die Farbe wich ihr aus dem Gesicht. »Sie haben sie nur verkehrt herum aufgeschrieben. Tokaidō, jetzt wird alles klar! Er wollte, daß Sie es wissen, wollte, daß die ganze Niederlassung es, weiß, und wir hätten es gewußt, wenn Sie irgend jemandem davon erzählt hätten! Aber warum?« Sie hob die zitternden Finger an ihre Schläfen. »Ich… Ich weiß es nicht. Vielleicht… Ich weiß es nicht. Er muß inzwischen tot sein, M'sieur Struan hat ihn angeschossen, er muß ganz einfach tot sein.« André zögerte ein wenig, erwog das Für und Wider. »Nachdem wir schon so viele Geheimnisse miteinander teilen und Sie Geheim- nisse eindeutig bewahren können, muß ich, so leid es mir tut, Ih- nen noch ein weiteres anvertrauen.« Er erzählte ihr von Hoag und der Operation. »Es war nicht Hoags Schuld, er konnte nichts da- von wissen. Es ist eine Ironie, aber beide Ärzte rieten davon ab, es Ihnen zu erzählen, um Ihnen Kummer zu ersparen.« »Nur wegen Babcott und seinem Opiat bin ich jetzt hier«, mur- melte sie, und bei ihrem Ton überlief es ihn eiskalt. »Der Mann lebt also noch?« »Wir wissen es nicht. Hoag hat ihm keine große Chance gegeben. Warum wollte dieser Teufel, daß seine Teufelei bekannt wird, An- gélique?« »Gibt es noch weitere Geheimnisse über diese Katastrophe, die Ihnen bekannt sind, mir aber nicht?« »Nein. Warum wollte er, daß alle davon erfahren – Tollkühn- heit?« Lange stand sie da und starrte auf die Schriftzeichen. Reglos, nur ihre Brust hob und senkte sich mit ihrem regelmäßigen Atem. Dann ging sie ohne ein Wort hinaus. Leise schloß sich die Tür hin- ter ihr. Verwundert schüttelte er den Kopf und starrte wieder auf das Blatt. Tyrer saß in dem kleinen, an die britische Gesandtschaft grenzen-, den Häuschen, das er sich mit Babcott teilte, und übte sich mit Nakama in Kalligraphie. »Bitte, nennen Sie mir die japanischen Be- zeichnungen für heute, morgen, übermorgen, nächste Woche, nächstes Jahr, die Wochentage und die Monate des Jahres.« »Ja, Taira-san.« Langsam sprach Hiraga ein japanisches Wort und sah zu, wie Tyrer es in lateinischer Schrift phonetisch notierte. Dann setzte Hiraga die Schriftzeichen in die dafür vorgesehene Spalte und beobachtete, wie Tyrer sie kopierte. »Sie gut Student. Immer gleiche Folge für Striche, leicht, dann nicht vergessen.« »Ja, allmählich begreife ich. Vielen Dank, Sie sind mir eine große Hilfe«, gab Tyrer freundlich zurück. Es machte ihm Freude, zu schreiben, zu lesen und zu lernen – und wiederum zu lehren, denn er merkte, daß Nakama hochintelligent war und sehr schnell lernte. »Gut. Danke. Jetzt bitte zu Raiko-san gehen und meine Verabre- dung für morgen bestätigen.« »›Bestätigen‹, bitte?« »Sicher machen. Sich vergewissern, daß meine Verabredung fest ist.« »Ah, verstehn.« Hiraga rieb sich das Kinn, das über Nacht dunkle Stoppeln bekommen hatte. »Ich gehe bestätigen.« »Ich bin nach dem Lunch wieder da. Bitte seien Sie pünktlich hier, damit wir Konversation üben und Sie mir mehr über Japan er- zählen können. Wie sagt man das auf japanisch?« Hiraga nannte ihm die Worte. Tyrer schrieb sie phonetisch in sein Übungsheft, das inzwischen mit Wörtern und Sätzen vollgestopft war, und wie- derholte sie so lange, bis er zufrieden war. Gerade wollte er den an- deren entlassen, da fiel ihm plötzlich noch etwas ein. »Was ist ein ›Ronin‹?« fragte er. Hiraga überlegte einen Moment und erklärte es ihm mit mög- lichst einfachen Worten. Die Shishi erwähnte er jedoch nicht. »Dann sind Sie ein Ronin, ein Gesetzloser?« »Hai.«, Gedankenverloren bedankte sich Tyrer und ließ ihn gehen. Er un- terdrückte ein Gähnen. Er hatte letzte Nacht schlecht geschlafen, denn nachdem ihn Raiko abgewiesen hatte, stand seine ganze Welt auf dem Kopf. Verdammte Raiko, verdammte Fujiko, dachte er, während er den Zylinder aufsetzte und sich bereit machte, die High Street entlang in den Club zum Lunch zu gehen. Verdammtes Japanisch-Lernen, verdammt einfach alles, ich habe Kopfschmerzen und werde diese furchtbar komplizierte Sprache niemals lernen. Sei nicht albern, schalt er sich gleich darauf laut, natürlich wirst du sie lernen; du hast Nakama und André, zwei sehr gute Lehrer, heute abend wirst du mit einem netten Menschen etwas Gutes essen und eine Flasche Champagner trinken, und dann ins Bett. Und schimpf nicht auf Fujiko, denn bald wirst du wieder mit ihr schlafen. O Gott, ich hoffe es jedenfalls! Der Tag war schön, die Bucht wimmelte von Schiffen, die Kauf- leute strebten dem Club entgegen. »O hallo, André! Wie schön, daß ich dich treffe. Hättest du Lust, mit mir zu Mittag zu essen?« »Vielen Dank, nein.« Poncin, der verärgert wirkte, blieb nicht ste- hen.»Was ist los? Alles in Ordnung?« »Nichts ist los. Ein anderes Mal.« »Morgen?« Es paßte nicht zu André, so kurz angebunden zu sein. Verdammt, ich wollte ihn fragen, was ich… »Wenn ich darf, werde ich Ihnen Gesellschaft leisten, Phillip«, er- bot sich McFay. »Aber sicher, Jamie. Sie sehen verkatert aus, alter Junge.« »Bin ich auch. Sie sehen genauso aus. Wir waren auf demselben Fest.« »Ja. Wie geht's Malcolm?« »Nicht besonders. Über ihn wollte ich mit Ihnen sprechen.« Sie suchten sich einen Tisch in dem stickigen, überfüllten Raum. An einem Ecktisch fanden sie Platz. Die chinesischen Diener tru-, gen Platten mit Roastbeef auf, Hühnerpastete, Fischpastete, Fisch- suppe, Fleischpastete aus Cornwall, Yorkshire Pudding, Pökel- fleisch, Currys und Schüsseln voll Reis für die alten Chinavetera- nen, dazu Whisky, Rum, Gin, Portwein, Champagner, Rot- und Weißwein und Krüge voll Bier. Neben jedem Platz lagen Fliegen- klatschen. McFay benutzte die seine. »Ich wollte Sie bitten, mit Malcolm zu sprechen. Sagen Sie ihm, daß es gut für ihn ist, möglichst bald nach Hongkong zurückzukehren.« »Aber Jamie, das wird er doch sicher ohnehin tun. Außerdem hört er bestimmt nicht auf mich, warum sollte er auch? Was ist los?« »Seine Mutter. Ich fürchte, das ist kein Geheimnis mehr. Sagen Sie nichts, aber sie schreibt mir mit jeder Post, ich soll ihm befeh- len, daß er nach Hause zurückkehrt – aber ich kann überhaupt nichts machen, er will einfach nicht hören, und wenn die Nach- richt von dem Ball und seiner offiziellen Verlobung in Hongkong eintrifft…« McFay verdrehte die Augen. »Ayeeyah! Dann ist die Kacke am Dampfen.« Trotz McFays finsterer Miene mußte Tyrer lachen. »Das ist schon passiert, es stinkt, wie es noch nie gestunken hat. Der ganze Ge- sandtschaftsgarten ist mit einer kniehohen Schicht bedeckt.« »Ach ja?« Der Schotte begann stirnrunzelnd zu schnuppern. »Hatte ich gar nicht bemerkt. Wie ist der Curry?« erkundigte er sich bei einem Nachbarn. »Scharf, Jamie.« Der Mann, Lunkchurch, spie ein Stück Hühner- knochen auf den mit Sägemehl bedeckten Boden. »Hab mir schon den zweiten Schlag geholt.« Tyrer winkte einem der Kellner, die vorbeikamen, aber der junge Mann mit den großen Zähnen übersah ihn geflissentlich. »He! Dew neh loh moh, Kellner!« rief McFay gereizt. »Curry viel schnell, heya!«, Ringsum ertönten Gelächter und schrille, höhnische Pfiffe über den chinesischen Fluch, während der calvinistische Padre des High- land Bataillons, der mit seinem Kollegen von der Church of Eng- land einen reichhaltigen Lunch einnahm, eine säuerliche Miene zog. Ein Teller blutiges Roastbeef wurde vor McFay auf den Tisch ge- knallt. »Curry, Mass'er, viel sehr schnell schnell heya?« erklärte der junge Diener. Wütend schob McFay den Teller zurück. »Das ist Roastbeef, ver- dammt noch mal! Curry, Himmeldonnerwetter, ich will Curry!« Brummelnd kehrte der Diener in die Küche zurück, wo er sich vor Lachen bog. »Noble House Fay ist hochgegangen wie 'n Faß voll Feuerwerk, als ich ihm das Roastbeef unter die Knollennase schob und so tat, als hielte ich es für Curry. Ayeeyah.« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ich hätt mir fast in die Hosen gemacht. Fremde Teufel zum besten zu halten macht noch mehr Spaß als kopulieren.« Andere stimmten in sein Lachen ein, bis der Chefkoch herüber- langte und ihm eine Ohrfeige versetzte. »Hör zu, du dreckiger klei- ner Scheißer – und ihr anderen auch –, fremde Teufel vom Noble House werden nicht zum besten gehalten, bis Noble House Chen sagt, daß es in Ordnung ist. Und jetzt bring Noble House Fay so- fort sein Curry, und wage ja nicht reinzuspucken, sonst werd ich deine Eier in Butter braten.« »Ayeeyah, ist doch üblich, den fremden Teufeln ins Essen zu spu- cken, Ehrenwerter Chefkoch«, begehrte der junge Mann auf, griff sich zusätzlich einen Teller mit Hühnerpastete und gehorchte. Der Teller mit Curry und eine Schüssel Reis wurden vor McFay auf den Tisch gestellt. »Curry, Mass'er, Sie wollen heya macht nichts.« Innerlich fluchend eilte der junge Mann davon, aber er war trotzdem zufrieden, denn obwohl er es nicht gewagt hatte, dem Chefkoch nicht zu gehorchen, hatte er auf dem ganzen Weg von, der Küche zum Tisch seinen schmutzigen Daumen in den Curry gehalten. »Unverschämter Hund«, schimpfte Jamie. »Zehn Dollar gegen einen geplatzten Flush, daß der Mistkerl reingespuckt hat.« »Wenn Sie so sicher sind, warum schreien Sie ihn dann an?« Tyrer begann seine Fleischpastete aufzuschneiden. »Weil er das braucht, das brauchen sie alle, und dazu einen kräfti- gen Tritt in den Hintern.« Genußvoll nahm McFay den gelblich- schleimigen Curry aus Hammelfleisch und Kartoffeln in Angriff, auf dessen Oberfläche dicke Fettaugen schwammen. »Ach, übrigens – ich habe gehört, Sie haben einen Samurai aus Edo rausgeschmug- gelt, der ein bißchen Englisch spricht.« Tyrer hätte sich fast an einem Stück Huhn verschluckt. »Unsinn!« »Warum sind Sie dann jetzt so rot geworden, verdammt noch mal? Sie reden mit Noble House McFay! Kommen Sie, Phillip, hat- ten Sie etwa erwartet, Sie könnten das hier geheimhalten? Irgend je- mand hat mitgehört.« Von der Schärfe des Curry war ihm der Schweiß auf die Stirn getreten. »Das Zeug ist so scharf, daß es ei- nem die Eier wegfrißt – aber gut. Möchten Sie auch was?« »Nein danke.« Munter setzte McFay seine Mahlzeit fort. Dann wurde sein Ton auf einmal hart, obwohl er immer noch vertraulich sprach. »Wenn Sie mir nicht alles über ihn erzählen, alter Junge, vertraulich natür- lich, und mir sämtliche Informationen geben, werde ich hier und jetzt einen Bericht abgeben – an ihn.« Mit dem Löffel deutete er auf Nettlesmith, den Herausgeber des Yokohama Guardian, der sie schon neugierig beobachtete. Ein Klecks Curry fiel auf das Tisch- tuch. »Wenn Wee Willie von Ihrem Geheimnis erst aus der Zeitung erfährt, wird er explodieren, wie Sie es bestimmt noch nie erlebt ha- ben.« Tyrer verging der Appetit. Voll Nervosität entgegnete er: »Ich… Es stimmt, wir haben einem Dissidenten zur Flucht aus Edo ver-, holfen. Mehr kann ich nicht sagen. Im Augenblick steht er unter dem Schutz Ihrer Majestät. Tut mir leid, mehr kann ich wirklich nicht sagen. Streng geheim.« McFay musterte ihn argwöhnisch. »Unter dem Schutz Ihrer Bri- tischen Majestät, eh?« »Ja, tut mir leid. Ein geschlossener Mund fängt keine Fliegen, mehr kann ich nicht sagen. Staatsgeheimnis.« »Interessant.« McFay putzte seinen Teller blank und rief nach ei- ner zweiten Portion. »Aber ich würd's wirklich keinem weitersagen.« »Tut mir leid, ich habe Geheimhaltung geschworen.« Tyrer schwitzte ebenfalls; das gehörte, vom Winter und den Frühlingsmo- naten abgesehen, in Asien zwar dazu, war aber auch darauf zurück- zuführen, daß sein Geheimnis offenbar bekannt war. Dennoch war er zufrieden mit der Art, wie er sich Jamie gegenüber verhielt, dem zweifellos wichtigsten Kaufmann von ganz Yokohama. »Das werden Sie doch sicher verstehen.« Ganz auf seinen Curry konzentriert, nickte McFay freundlich. »Ich verstehe sehr gut, alter Freund. Sowie ich aufgegessen habe, kriegt Nettlesmith die Exklusivstory.« »Das würden Sie nicht wagen!« Tyrer war entsetzt. »Staatsgeheim- nisse…« »Zum Teufel mit den Staatsgeheimnissen«, zischte McFay. »Ers- tens glaube ich Ihnen nicht, zweitens, selbst wenn es eins wäre, hät- ten wir das Recht, davon zu erfahren, denn wir sind der Staat, bei Gott, und nicht eine Bande von diplomatischen Tagedieben, die sich nicht mal den Weg aus 'ner leeren Tüte freifurzen können.« »Also, hören Sie mal…« »Ich höre. Raus damit, Phillip, oder Sie lesen in der nächsten Ausgabe davon.« Mit unschuldigem Lächeln stippte McFay mit ei- nem Stück Brot den letzten Rest Sauce auf und stopfte es sich in den Mund. Dann rülpste er, stieß seinen Stuhl zurück und wollte sich erheben. »Ihr eigene Schuld.«, »Warten Sie!« »Alles? Sie müssen bereit sein, mir alles zu erzählen.« Tyrer nickte ergeben. »Wenn Sie schwören, es geheimzuhalten.« »Gut, aber nicht hier. Mein Büro ist sicherer. Kommen Sie.« Als sie an Nettlesmith vorbeikamen, fragte er: »Was gibt's Neues, Gab- riel?« »Lesen Sie die Nachmittagsausgabe, Jamie. Könnte jeden Moment Krieg in Europa geben, Lage in Amerika kritisch, weil sich auch dort ein Krieg zusammenbraut.« »Wie gehabt. Na ja, bis dann…« »Guten Tag, Mr. Tyrer.« Nettlesmith streifte Phillip nur mit ei- nem Blick, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Mc- Fay. »Ich habe eine Vorauskopie des letzten Kapitels von Große Er- wartungen.« Unvermittelt blieb Jamie stehen. Phillip ebenfalls. »Das glaube ich Ihnen nicht, bei Gott!« »Ich geb sie Ihnen für zehn Dollar und für die Zusage einer Ex- klusivstory.« »Was für eine Exklusivstory?« »Sobald Sie eine haben. Ich vertraue Ihnen.« Wieder richtete sich sein listiger Blick auf Tyrer, der bemüht war, nicht zusammenzuzu- cken. »Heute nachmittag, Gabriel? Ganz bestimmt?« »Ja. Für eine Stunde, damit Sie sie nicht kopieren können. Es hat mich fast jede Gefälligkeit gekostet, die mir die Leute von Fleet Street schulden, um mir die Fortsetzung zu besorgen…« »Zu stehlen. Ich biete zwei Dollar.« »Acht, aber Sie haben die Stunde nach Norbert.« »Letztes Angebot: acht. Und ich krieg's zuerst.« »Und die Exklusivstory? Gut. Sie sind ein Gentleman, Jamie. Ich bin um drei in Ihrem Büro.«, Durch das offene Fenster hörte Tyrer die Schiffsglocke vor dem Büro des Hafenmeisters acht Glasen schlagen. Er hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und döste vor sich hin; die nachmittägli- chen Schönschreibübungen hatte er völlig vergessen. Unnötig, auf die Kaminuhr zu sehen. Sein Verstand sagte ihm, daß es vier Uhr nachmittags war. Er gähnte, öffnete die Augen. Vor kaum mehr als einem halben Jahr bin ich noch nie auf einem Kriegsschiff gewesen; inzwischen weiß ich sofort, wie spät es ist, wenn ich eine Schiffsglocke höre. Seine Kaminuhr schlug vier. Pünktlich. In einer halben Stunde soll ich bei Sir William sein. Die Schweizer können wirklich Chro- nometer bauen, besser als wir. Wo zum Teufel steckt Nakama? Ob er weggelaufen ist? Er hätte schon vor Stunden zurück sein sollen. Was zum Teufel will Sir William von mir? Hoffentlich hat er nichts von meinem Geheimnis erfahren. Hoffentlich will er nur wieder Depeschen kopiert haben. So ein Mist, daß meine Schrift die beste in der ganzen Gesandtschaft ist. Ich soll als Dolmetscher hier arbei- ten und nicht als Schreiber! Verdammt, verdammt, verdammt! Müde stand er auf und räumte seine Arbeit beiseite, um sich am Becken die Hände zu waschen und die Tinte von den Fingern zu schrubben. Es klopfte. »Herein!« Hinter Hiraga traten ein Rotrock-Sergeant und ein Soldat ins Zimmer, beide mit aufgepflanztem Bajonett, beide aufgebracht. Hiraga war grün und blau geschlagen, zerzaust, grau vor Wut und so gut wie nackt – Hut verschwunden, Turban verschwunden, Bau- ernkimono in Fetzen. Der Sergeant stieß ihn mit gezücktem Bajo- nett vorwärts und salutierte. »Wir haben ihn erwischt, als er über den Zaun klettern wollte, Sir. War verdammt schwierig, ihn zur Ruhe zu bringen. Er hat einen von Ihnen unterschriebenen Paß. Ist der echt?« »Ja. Ja, er ist echt.« Hastig kam Tyrer zur Tür. »Er ist unser Gast hier, Sergeant, ein Gast von Sir William und mir. Er ist Japanisch-, lehrer.« »Ein Lehrer, eh?« wiederholte der Sergeant grimmig. »Nun, dann erklären Sie ihm mal, daß Lehrer nicht über Zäune klettern, nicht davonlaufen, keinen Samurai-Haarschnitt tragen, keine Leute er- schrecken und nicht wie 'ne ganze Bande wildgewordener Kater kämpfen – er hat einem meiner Männer den Arm und dem anderen die Nase gebrochen. Wenn wir ihn noch einmal erwischen, werden wir nicht so rücksichtsvoll mit ihm umgehen.« Beide Soldaten stapften hinaus. Tyrer schloß die Tür, eilte zum Sideboard und holte Wasser. »Hier.« Fast an seiner Wut erstickend, schüttelte Hiraga den Kopf. »Bitte. Oder hätten Sie lieber Saké? Oder Bier?« »Iyé.« »Bitte… Also, dann setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was pas- siert ist.« Auf japanisch begann Hiraga einen Bericht hervorzusprudeln. »Gomennasai, Ingerish dozo.« Tut mir leid, bitte Englisch. Mit Mühe wechselte Hiraga ins Englische und erzählte, mit lan- gen, wütenden Pausen zwischen den Wörtern: »Viele Wachen an Tor und Brücke. Ich gehe durch Sumpf, gehe durch Wasser, über Zaun. Diese Soldat mich sehen. Ich halte, verneige, greife nach Paß, sie werfen zu Boden. Kämpfen, aber zu viele.« Darauf folgte eine weitere Flut von japanischem Gift und wütend gezischten Rache- schwüren. Als das Schlimmste vorbei war, sagte Tyrer: »Tut mir leid, aber es ist Ihre eigene Schuld…« Unwillkürlich wich er zurück, als Hiraga zu ihm herumwirbelte. »Aufhören!« schalt er verärgert. »Der Soldat hatte recht. Die Samurai versetzen die Leute in Angst! Sir William hat Ihnen gesagt, daß Sie vorsichtig sein sollen, und ich ebenfalls.« »Ich war höflich, ich tat nur, was korrekt war!« behauptete Hiraga empört auf japanisch. »Diese unerzogenen Affen sind über mich, hergefallen. Ich wollte meinen Paß herausholen und konnte ihn nicht sofort finden. Affen. Ich werde sie alle umbringen!« Tyrers Herz klopfte; in seinem Mund sammelte sich der süßliche Geschmack der Angst. »Hören Sie, wir müssen dieses Problem zu- sammen lösen, und zwar schnell. Wenn Sir William davon hört, wirft er Sie möglicherweise aus der Niederlassung hinaus. Sie und ich, wir müssen das allein lösen, verstanden?« »Iyé! Was ist ›lösen‹, bitte?« Dankbar für das ›bitte‹ zügelte Tyrer seine Angst. Dieser Kerl ist zweifellos genauso gefährlich, hitzig und gewalttätig wie die anderen japanischen Samurai. Zum Glück ist er nicht bewaffnet. »›Lösen‹ bedeutet zu einer Einigung kommen. Wir müssen dieses Problem lösen, Sie und ich. Verstehen Sie? Damit Sie hier sicher leben kön- nen.« »Hai. So desu ka! Wakarimasu. Taira-san und ich müssen Problem lösen.« Hiraga zügelte seine Wut. »Bitte, was Sie vorschlagen? Paß nicht gut für Soldat. Männer, die mich sehen, hassen. Wie Problem lösen?« »Erstens… gibt es einen schönen, alten englischen Brauch. Wenn wir ein schweres Problem lösen müssen, trinken wir Tee.« Hiraga starrte ihn verständnislos an. Tyrer läutete und bestellte Tee bei Chen, dem Boy Nummer Eins, der, ein scharfes Hackebeil hinter dem Rücken verborgen, Hiraga mißtrauisch musterte. Während sie warteten, saß Tyrer in seinem Sessel und blickte ernst zum Fenster hinaus. Er hätte den anderen so gern nach Fuji- ko gefragt, war aber zu gut erzogen. Verdammter Kerl, dachte er, du müßtest mir die Informationen freiwillig geben, du weißt genau, wie gespannt ich bin. Ich muß ihm unbedingt englische Manieren beibringen, damit er nicht ständig in die Luft geht. Einen engli- schen Gentleman aus ihm machen. Aber wie? Und dann ist da die- ser verdammte Jamie, der verdammt viel zu gerissen ist. Nach dem Lunch war er mit McFay in dessen Büro gegangen,, hatte einen kleinen Brandy akzeptiert und ihm zu seiner eigenen Überraschung innerhalb weniger Minuten alles erzählt. »Och, Phillip, Sie sind brillant«, hatte McFay ihm aufrichtig be- geistert erklärt. »Wenn man ihm die richtigen Fragen stellt, wird dieser Bursche eine veritable Goldmine für uns sein. Hat er gesagt, woher er kommt?« »Choshu, hat er, glaube ich, gesagt.« »Ich würde mich gern mit ihm unterhalten – unter vier Augen.« »Wenn er mit Ihnen spricht, werden andere davon erfahren, und dann ist es aus mit dem Geheimnis. Alle werden sie Bescheid wis- sen.« »Wenn ich es weiß, weiß es Norbert, und ich wette, daß die Baku- fu ebenfalls Bescheid wissen – die sind doch nicht dumm. Tut mir leid, aber hier gibt es keine Geheimnisse. Wie oft muß ich Sie noch daran erinnern?« »Na schön, ich werde ihn fragen. Aber nur, wenn ich dabeisein darf.« »Also, das ist wirklich nicht nötig, Phillip, Sie haben so viel zu tun. Ich möchte Ihnen nicht die Zeit stehlen.« »Ja oder nein!« McFay seufzte. »Sie sind ein harter Brocken, Phillip. Na schön.« »Und ich will außerdem das letzte Kapitel lesen – ohne Gebühr! Sagen wir morgen. Arrangieren Sie das mit Nettlesmith.« Ziemlich scharf entgegnete McFay: »Wenn ich die horrende Sum- me von acht Dollar bezahlen muß, müssen Sie auch etwas dazu beitragen.« »Dann gibt es kein Gespräch, und ich werde Sir William infor- mieren.« Innerlich lächelte er, wenn er an die saure Miene dachte, die McFay gezogen hatte. Dann wurde er unterbrochen: »Cha, Mas- s'er, viel schnell schnell.« Chen stellte das Teetablett ab. Feierlich schenkte Tyrer ein, fügte Milch und Zucker hinzu und trank genußvoll das kochend heiße, eisenschwarze Gebräu. »Ah, das, tut gut.« Hiraga machte es ihm nach. Es kostete ihn seine gesamte Willens- kraft, nicht aufzuschreien, als er den heißen Tee schluckte, und diese übelschmeckende Flüssigkeit bei sich zu behalten. »Gut, eh?« sagte Tyrer strahlend und leerte seine Tasse. »Noch ein wenig?« »Nein, vielen Dank. Englischer Brauch, ja?« »Englisch und amerikanisch, ja. Nicht französisch. Die Franzo- sen…«, Tyrer zuckte die Achseln, »…haben keinen Geschmack.« »Ah, so ka?« Hiraga hatte die Verachtung bemerkt. »Franzosen nicht so wie Engländer?« erkundigte er sich, seine Wut vorerst bei- seite schiebend, mit vorgetäuschter Naivität. »Großer Gott, nein, ganz und gar nicht. Die leben auf dem Kon- tinent, wir dagegen sind ein Inselreich wie ihr. Andere Bräuche, andere Küche, andere Regierung, alles anders, und Frankreich ist im Vergleich zu England eine unbedeutende Macht.« Zufrieden, weil die Wut des Mannes verflogen zu sein schien, rührte Tyrer noch ei- nen Löffel Zucker in seinen Tee. »Ach ja? Engländer und Franzosen Krieg gehabt?« Tyrer lachte. »Dutzende im Lauf der Jahrhunderte, aber in ande- ren Kriegen waren wir Verbündete. Wie zum Beispiel auch im letz- ten.« Mit kurzen Worten erzählte er ihm von der Krim, von Napo- leon Bonaparte, der Französischen Revolution und dem gegenwärti- gen Kaiser Louis Napoleon. »Das ist Bonapartes Neffe, ein absolu- ter Hanswurst. Bonaparte dagegen war der böseste Mensch, den es jemals gegeben hat; Hunderttausenden hat er den Tod gebracht. Wären Wellington, Nelson und unsere Truppen nicht gewesen, hät- te er die ganze Welt regiert. Verstehen Sie das alles?« Hiraga nickte. »Nicht alle Worte, aber verstehen.« Nur vermochte er nicht zu begreifen, warum ein großer General als böser Mensch betrachtet wurde. »Bitte weiter, Taira-san.« Tyrer fuhr fort; dann beendete er seine Geschichtslektion und gab, ihm einen Hinweis. »Nun zu Ihrem Problem. Als Sie die Yoshiwara verließen, haben die Wachen keine Schwierigkeiten gemacht?« »Nein. Ich habe getan, als bringe Gemüse.« »Das ist gut. Ach, übrigens – haben Sie Raiko-san gesehen?« »Ja. Fujiko morgen nicht möglich.« »Ach. Na ja, macht nichts.« Innerlich verzweifelnd zuckte Tyrer die Achseln. Aber Hiraga bemerkte seine Enttäuschung und genoß sie. Sonno- joi, dachte er grimmig. Er hatte Fujikos Dienste wieder selbst kaufen müssen, aber das störte ihn nicht. »Da Sie gut bezahlen«, hatte Rai- ko gesagt, »wenn auch nicht so gut wie die Gai-Jin, bin ich einver- standen. Aber am Tag darauf sollte er mit ihr schlafen dürfen. Ich möchte nicht, daß er sich eine andere…« »Nakama-san«, sagte Tyrer, »die einzige Möglichkeit für Sie, hier sicher zu sein, ist, überhaupt nicht auszugehen. Ich werde Sie nicht mehr in die Yoshiwara schicken. Sie müssen hier bleiben in der Ge- sandtschaft.« »Aber noch besser, Taira-san, ich bleibe in Dorf, suche sicheres Haus. Innerhalb Zaun sicherer. Jeden Tag ich komme Sonnenauf- gang, oder wann Sie wollen, gebe Lektion und kehre zurück. Sie sehr gut Sensei. Das lösen Problem, ja?« Tyrer zögerte; er wollte ihn nicht von der Leine lassen, aber auch nicht mehr in allzu großer Nähe haben. »Gut. Wenn Sie mir zei- gen, wo genau, und nicht weggehen, ohne es mir zu sagen.« Hiraga nickte; dann sagte er: »Ja. Bitte, Sie sagen Soldat gut ich bin hier und in Dorf?« »Ja. Wird gemacht. Sir William ist bestimmt einverstanden.« »Danke, Taira-san. Sagen Soldat auch, wenn mich wieder angrei- fen, ich hole katana.« »Das werden Sie nicht tun! Ich verbiete es! Sir William hat es ver- boten. Keine Waffen, keine Schwerter!« »Bitte sagen Soldat, kein Angriff bitte.«, »Das werde ich tun, aber wenn Sie hier Schwerter tragen, wird man Sie umbringen, wird man Sie erschießen!« Hiraga zuckte die Achseln. »Bitte, kein Angriff. Wakata?« Tyrer antwortete nicht. Wakata war die Befehlsform von wakari- masu ka: Verstehen Sie? Überhöflich, jedoch mit einer unvermittelten, unterdrückten Grausamkeit, die Tyrer fast riechen konnte, bedankte sich Nakama abermals und erklärte, daß er gegen Abend zurückkehren werde, um ihn zu dem sicheren Haus zu führen, wo er dann bereit sei, alle weiteren Fragen zu beantworten. Damit verneigte er sich steif. Tyrer ebenfalls. Er ging hinaus. Jetzt erst entdeckte Tyrer das ganze Aus- maß der Prellungen auf seinem Rücken und seinen Beinen. In dieser Nacht wurde der Wind wechselhaft, das Meer kabbelig. Die Flotte, die draußen auf Reede ankerte, machte sich zum Schlafen bereit; die erste Nachtwache, deren Dienst um acht Uhr abends begann, war bereits auf Wachstation. Über fünfzig Mann saßen wegen verschiedener Vergehen in den verschiedenen Zellen, flochten die Neunschwänzigen Katzen für die fünfzig Hiebe, die ihnen am frühen Morgen verabreicht werden sollten, und erwarte- ten ihre Strafen: einer, weil er gedroht hatte, einem schwulen Boots- mann den Hals zu brechen, drei wegen Rauferei, einer, weil er eine Ration Rum gestohlen, und einer, weil er einen Offizier beschimpft hatte. Für den Sonnenaufgang waren neun Seebestattungen angesetzt. Alle Schiffslazarette waren überbelegt mit Kranken, die an Ruhr, Diarrhöe, Krupp, Keuchhusten, Scharlach, Masern, Geschlechts- krankheiten, Knochenbrüchen, Leistenbrüchen und ähnlichem lit- ten, alles Routine bis auf vierzehn mit den lebensgefährlichen Po- cken an Bord des Flaggschiffs. Für die meisten Krankheiten wurden Aderlässe und brutale Einläufe empfohlen, denn fast alle Ärzte wa-, ren zugleich Barbiere. Und nur ein paar glückliche Patienten erhiel- ten Dr. Collis' Tinktur, die er während des Krimkrieges entwickelt und die die Todesrate bei Ruhr um drei Viertel gesenkt hatte: sechs Tropfen der dunklen, auf Opiumbasis gemischten Flüssigkeit, und die Gedärme beruhigten sich. In der ganzen Niederlassung wurden Vorbereitungen für das Din- ner und den freudig erwarteten, schönsten Teil des Tages getroffen: die Gespräche nach dem Dinner über die neuesten Gerüchte und Nachrichten – Gott sei Dank kommt morgen wieder der Postdamp- fer! –, die herzliche Kameradschaft und das Lachen über gepfefferte Skandale, die Spannung bei geschäftlichen Problemen und der Fra- ge, ob es Krieg geben wird, die Berichte über das neueste Buch, das jemand gelesen, oder ein neues Gedicht, das jemand erdacht hatte, die Erzählungen über Reisen an unbekannte Orte innerhalb des Empire – Neuseeland, Afrika und Australien, bis auf die Küstenre- gionen noch kaum erforscht – oder in den Wilden Westen Ameri- kas und Kanadas, die Geschichten vom kalifornischen Gold Rush von '48 oder über Besuche in Spanisch-, Französisch- oder Rus- sisch-Amerika – Dimitri hatte einmal die nicht kartographierte Westküste von San Francisco nach Norden bis nach Russisch-Alas- ka befahren –, und jeder Mann berichtete von seltsamen Dingen, die er gesehen, Mädchen, die er probiert, Kriegen, die er erlebt hat- te. Guter Wein, gute Drinks, Pfeifen und Tabak aus Virginia, ein paar Abschiedsdrinks im Club, danach Abendgebete und ins Bett. Ein ganz normaler Abend im Britischen Empire. Manche Gastgeber spezialisierten sich auf Dichterlesungen oder Auszüge aus einem bevorzugten Roman, und so fand sich bei Nor- bert Greyforth ganz privat eine Gesellschaft von Gästen zusammen, die allesamt Schweigen geschworen hatten, um sich die Schwarzko- pie des letzten Kapitels anzuhören, die er in der ihm zugeteilten Stunde angefertigt hatte, indem er all seine fünfzig Büroangestellten dafür einsetzte. »Wenn etwas rauskommt, werdet ihr alle fristlos, entlassen«, hatte er ihnen gedroht. Im Club wurde noch über den gestrigen Ball diskutiert und berat- schlagt, wie man so etwas öfter arrangieren könnte. »Warum nicht jede Woche, eh? Von mir aus kann Angel Tits mit Naughty Nellie Fotheringill jeden Tag die Röcke schwenken und ihre Büxen zei- gen…« »Verdammt noch mal, hört endlich auf, sie Angel Tits zu nen- nen!« So begann unter Johlen und Pfeifen wieder einmal eine Schläge- rei, und während Lunkchurch und Grimm, die beiden Kontrahen- ten, antraten, um einander den Schädel weich zu prügeln, wurden zahlreiche Wetten angenommen. Fast genau gegenüber dem Club lag der große Backsteinbau der britischen Gesandtschaft mit Fahnenmast im Vorgarten und grü- nem Park, umgeben, wie die meisten wichtigen Gebäude, von ei- nem hohen Zaun. Sir William war, ebenso wie sein wichtigster Gast, der Admiral, bereits zum Dinner angekleidet. Beide Herren kochten vor Wut. »Diese verdammten Schweine!« fluchte der Admiral, dessen rotes Gesicht noch tiefer gerötet war als sonst, und ging zum Sideboard, um sich noch einmal einen großen Whisky einzuschenken. »Das ist einfach unverständlich.« »Absolut.« Sir William warf die Schriftrolle beiseite und funkelte Johann und Tyrer, die vor ihm standen, aufgebracht an. Vor einer Stunde hatte ein Bote des japanischen Gouverneurs die Rolle im Auftrag der Bakufu gebracht. »Sehr dringend, Verzeihung.« Statt auf holländisch, wie üblich, war der Text in Schriftzeichen abgefaßt. Mit Seratards Zustimmung hatte Johann einen der zu Besuch wei- lenden französischen Jesuiten-Missionare konsultiert und eine Roh- übersetzung zustande gebracht, die Tyrer sofort in korrektes Eng- lisch übertrug. Die Nachricht kam vom Ältestenrat und war von Anjo unter-, zeichnet. Sie lautete: Ich spreche mit Ihnen per Depesche. Auf Befehl des Shōgun, übermittelt aus Kyōto, wird der Termin der Verhandlungen mit den roju, die in neunzehn Tagen stattfinden sollten, sowie die für denselben Tag angesetz- te Audienz bei dem Erhabenen Shōgun um drei Monate verschoben, da Seine Majestät nicht früher zurückkehren wird. Daher lasse ich Ihnen dieses zukommen, bevor ich eine Konferenz über die Details einberufe. Die zweite Rate des Geschenks wird dreißig Tage später geliefert. Hoch- achtungsvolle und demütige Kommunikation. »Johann«, sagte Sir William in eisigem Ton, »würden Sie sagen, daß dies ein grob, unhöflich und eindeutig beleidigend abgefaßtes Schreiben ist?« Der Schweizer zeigte ein gezwungenes Lächeln und antwortete vorsichtig: »Ich glaube, Sir William, das haben Sie richtig ausge- drückt.« »Verdammt noch mal, ich habe tagelang verhandelt, gedroht, nicht geschlafen und wieder verhandelt, bis sie endlich auf das Haupt des Shōgun geschworen haben, daß die Verhandlungen mit ihnen am 5. und 6. November in Edo stattfinden würden – und nun dies!« Sir William kippte seinen Drink, verschluckte sich und fluchte fast fünf Minuten lang auf englisch, französisch und rus- sisch, während die anderen ihn voller Bewunderung für die umwer- fend deskriptiven Unflätigkeiten anstarrten. »Ganz recht«, kommentierte der Admiral. »Tyrer, holen Sie Sir William noch einen Gin.« Tyrer gehorchte. Sir William zückte sein Taschentuch, schneuzte sich, nahm Schnupftabak, nieste und schneuzte sich abermals. »Die Pest über die ganze Bande!« »Haben Sie einen Vorschlag, Sir William?« erkundigte sich der Admiral, der die Genugtuung kaum verbergen konnte., »Selbstverständlich werde ich umgehend antworten. Bitte lassen Sie die Flotte morgen nach Edo auslaufen, um alle Hafenanlagen zu beschießen, die ich bestimme.« Der Admiral zog die Brauen zusammen. »Ich denke, das sollten wir unter vier Augen besprechen, Gentlemen!« Tyrer und Johann wandten sich zum Gehen. »Nein!« widersprach Sir William gepreßt. »Sie können gehen, Jo- hann; bitte warten Sie draußen. Aber Tyrer gehört zu meinem per- sönlichen Stab. Er bleibt.« Der Hals des Admirals lief blaurot an, aber er schwieg, bis sich die Tür geschlossen hatte. »Meine Meinung über die Beschießung ist Ihnen bekannt. Bis der Befehl aus England kommt, werde ich den Befehl dazu nur geben, wenn ich angegriffen werde.« »Ihre Position macht alle Verhandlungen unmöglich. Die Macht liegt einzig in den Rohren unserer Geschütze.« »Ganz Ihrer Meinung. Nur den Zeitpunkt halte ich für unpas- send.« »Den Zeitpunkt bestimme ich. Gut. Dann befehlen Sie eben nur eine kleine Kanonade: Zwanzig Schuß auf Ziele meiner Wahl.« »Verdammt noch mal, nein! Habe ich mich nicht klar genug aus- gedrückt? Sobald der Befehl aus England eintrifft, werde ich, falls nötig, ganz Japan in Trümmer legen – aber erst dann!« Sir William errötete. »Ihre Weigerung, die Politik Ihrer Majestät zu unterstützen, ist einfach unglaublich!« »Das wirkliche Problem scheint mir hier persönliche Überheblich- keit zu sein. Was sind schon ein paar Monate mehr? Gar nichts. Reine Vorsicht.« »Zum Teufel mit der Vorsicht«, entgegnete Sir William zornig. »Selbstverständlich werden wir den Befehl erhalten, so vorzugehen, wie ich – ich wiederhole, ich – es für richtig erachte. Die Dinge ver- zögern wäre äußerst unvorsichtig. Mit der morgigen Post werde ich verlangen, daß Sie durch einen Offizier ersetzt werden, der die In-, teressen Ihrer Majestät besser vertritt – und überdies kampferfahre- ner ist.« Der Admiral erstickte fast. Nur wenige wußten, daß er in seiner ganzen Laufbahn niemals an einem Kampf zur See oder zu Lande teilgenommen hatte. Als er wieder sprechen konnte, sagte er: »Das, Sir, bleibt Ihnen vorbehalten. Aber bis mein – oder Ihr – Ersatz eintrifft, habe ich den Befehl über die Streitkräfte Ihrer Majestät in Japan. Gute Nacht, Sir.« Die Tür fiel ins Schloß. »Impertinenter Scheißkerl«, murmelte Sir William. Dann sah er zu seinem Erstaunen, daß Tyrer, wie gelähmt von dem Geplänkel, im- mer noch hinter ihm stand. »Sie werden natürlich den Mund hal- ten. Hat man Ihnen das beigebracht?« »Ja, Sir. Hat man.« »Gut.« Sir William riß seine erregten Gedanken von dem gordi- schen Knoten aus Bakufu, roju und widerborstigem Admiral los. »Holen Sie sich einen Sherry, Tyrer; Sie sehen aus, als könnten Sie einen gebrauchen. Und da der Admiral meine Einladung zum Din- ner ausgeschlagen hat, sollten Sie seinen Platz einnehmen. Spielen Sie Backgammon?« »Jawohl, Sir. Danke, Sir«, antwortete Tyrer bescheiden. »Übrigens, da fällt mir ein – was habe ich da gehört? Ihr Lieb- lings-Samurai hat ein Gerangel mit der britischen Army gehabt?« Tyrer berichtete ihm die Einzelheiten sowie die Lösung, die er ge- funden hatte, nicht aber von der Drohung seines Sensei, er werde sich Schwerter besorgen. »Ich würde ihn wirklich gern behalten, na- türlich nur mit Ihrem Einverständnis, aber er ist ein sehr guter Leh- rer, und ich bin überzeugt, daß er uns sehr nützlich sein könnte.« »Das bezweifle ich. Und wichtiger ist außerdem, daß es hier keine Probleme mehr gibt. Unmöglich vorauszusagen, was dieser Bursche noch alles anstellen wird; er könnte die Natter an unserem Busen sein. Morgen wird er von hier verschwinden.« »Aber Sir, er hat mir schon sehr wertvolle Informationen gege-, ben.« Verzweifelt sprudelte Tyrer heraus: »Zum Beispiel hat er mir erzählt, daß der Shōgun noch ein Knabe ist, knapp sechzehn, und eine Marionette der Bakufu, daß die wirkliche Macht dem Kaiser gehört – er hat mehrmals den Titel Mikado benutzt –, der in Kyōto lebt.« »Allmächtiger!« Sir William war fassungslos. »Ist das wahr?« Es lag Tyrer auf der Zunge, ihm von den Englischkenntnissen zu erzählen, doch es gelang ihm, sich zu zügeln. »Ich weiß es noch nicht, Sir, ich hatte noch keine Zeit, ihn richtig auszufragen, es ist schwierig, er ist schweigsam, aber doch, ja, ich glaube, daß er mir die Wahrheit gesagt hat.« Sir William starrte ihn an; sein Kopf schwirrte von den Möglich- keiten, die ihm diese Informationen boten. »Was hat er Ihnen noch erzählt?« »Ich habe gerade erst angefangen, und wie Sie sich vorstellen kön- nen, brauche ich viel Zeit dazu.« Tyrers Erregung stieg merklich. »Aber er hat mir von den ronin erzählt. Das Wort bedeutet ›Wel- len‹, Sir, und sie werden Ronin genannt, weil sie so frei sind wie die Wellen. Es sind alles Samurai, die aus den verschiedensten Gründen Gesetzlose wurden. Die meisten, wie Nakama, sind Gegner der Ba- kufu und der Überzeugung, daß diese dem Mikado die Macht ent- rissen haben.« »Moment mal, langsam, Tyrer. Langsam. Wir haben viel Zeit. Also, was genau ist ein Ronin?« Tyrer erklärte es ihm. »Großer Gott!« Sir William überlegte einen Moment. »Die Ronin sind also Samurai, die entweder zu Gesetzlosen wurden, weil ihr König in Ungnade gefallen ist oder weil sie von ihren Königen we- gen wirklicher oder eingebildeter Verbrechen zu Gesetzlosen erklärt wurden, oder sie sind freiwillig Gesetzlose, die sich zusammenrot- ten, um die zentrale Regierung der Shōgun-Marionette zu stürzen?« »Ja, Sir. Er behauptet, daß es eine ungesetzmäßige Regierung ist.«, Sir William trank den letzten Schluck Gin aus seinem Glas und nickte vor sich hin, während er all diese Informationen verwundert und beglückt zu verarbeiten suchte. »Dann ist Nakama ein Ronin, also das, was Sie als Dissidenten und ich als Revolutionär bezeich- nen?« »Genau, Sir. Entschuldigen Sie, Sir, darf ich mich setzen?« fragte Tyrer nervös, der so gern die Wahrheit über Nakama hinausgespru- delt hätte, es aber nicht wagte. »Gewiß, gewiß, Tyrer. Tut mir leid, aber holen Sie sich erst mal noch einen Sherry und bringen Sie mir einen Schluck Gin.« Sir William beobachtete ihn nachdenklich. Er freute sich über den jun- gen Mann, war aber auch irgendwie beunruhigt. Die vielen Jahre mit Diplomaten, Spionen, Halbwahrheiten, Lügen und krasser Des- information lösten Warnsignale aus, die ihm anzeigten, daß ihm etwas verheimlicht wurde. Von Tyrer ließ er sich das Glas geben. »Danke. Nehmen Sie den Sessel dort, das ist der bequemste. Cheers! Sie müssen sehr gut Japanisch sprechen, um all das in so kurzer Zeit von ihm erfahren zu haben«, sagte er nebenbei. »Nein, Sir. Tut mir leid, aber das kann ich noch nicht, obwohl ich ständig lerne. Mit Nakama, na ja, da geht es meistens mit Ge- duld, Gesten, ein paar englischen Wörtern sowie japanischen Wör- tern und Sätzen, die André Poncin mir gegeben hat. Er ist mir wirklich eine wertvolle Hilfe, Sir.« »Weiß er, was Ihnen dieser Mann mitgeteilt hat?« »Nein, Sir.« »Dann sagen Sie ihm auch nichts. Sonst noch was?« »Nein, Sir. Nur Jamie McFay.« Tyrer kippte seinen Sherry hinun- ter. »Er wußte schon etwas, und… Na ja, er kann sehr gut reden und hat's einfach aus mir herausgeholt, das über den Shōgun.« Sir William seufzte. »O ja, Jamie kann wirklich gut reden. Und weiß weit mehr, als er erkennen läßt.« Er lehnte sich in dem bequemen Ledersessel zurück, trank einen, Schluck, ließ all diese unbezahlbaren neuen Informationen Revue passieren und versuchte, während er überlegte, wie weit er Vaban- que spielen und wie weit er Tyrers Informationen trauen durfte, schon die Antwort auf die unhöfliche Depesche von heute abend zu formulieren. »Dieser Nakama«, sagte er. »Ich bin mit Ihrem Plan einverstan- den, Phillip – darf ich Sie Phillip nennen?« Tyrer errötete vor Freude über dieses unerwartete Kompliment. »Selbstverständlich, Sir. Vielen Dank, Sir.« »Gut. Danke. Vorerst einmal stimme ich Ihrem Plan zu, aber neh- men Sie sich um Gottes willen vor ihm in acht. Vergessen Sie nie, daß alle Morde, bis auf den armen Canterbury, von Ronin began- gen wurden.« »Ich werde aufpassen, Sir William. Keine Sorge.« »Holen Sie aus ihm heraus, was Sie können, aber erzählen Sie's niemandem und geben Sie mir die Informationen jeweils sofort. Seien Sie um Gottes willen vorsichtig, am besten haben Sie stets ei- nen Revolver zur Hand, und wenn er auch nur das kleinste Zeichen von Gewalttätigkeit erkennen läßt, erschießen Sie ihn, oder legen Sie ihn in Eisen.« Gleich neben der britischen Gesandtschaft lag die amerikanische, dann kamen die holländische, die russische, die deutsche und ganz hinten die französische. In letzterer kleidete sich Angélique an je- nem Abend mit Hilfe von Ah Soh in ihrer Suite zum Dinner an. In einer Stunde sollte das Essen beginnen, das Seratard ihr und Mal- colm zu Ehren anläßlich ihrer Verlobung gab. Später sollte es Mu- sikdarbietungen geben. »Aber spielen Sie nicht zu lange, André, schützen Sie Müdigkeit vor«, hatte sie ihn ermahnt. »Lassen Sie sich reichlich Zeit für Ihren Auftrag. Männer haben es ja so gut!« Sie war froh und traurig zugleich darüber, daß sie etwas unter-, nommen hatte. Aber so ist es klüger, dachte sie. In drei Tagen kann ich wieder umziehen. Ein neues Leben, ein neues… »Was ist, Miss'ee?« »Nichts, Ah Soh.« Angélique schob die Gedanken an das, was sie demnächst durchmachen mußte, energisch beiseite und versteckte ihre Angst noch tiefer. Das Struan-Building, ein Stück die Straße hinunter und in bester Lage dicht am Hafen, war ebenso hell erleuchtet wie das von Brock and Sons gleich daneben; in beiden saßen noch zahlreiche Ange- stellte und Shroffs bei der Arbeit. Malcolm Struan war heute in die Tai-Pan-Suite umgezogen, die weit größer und bequemer war als jene, die er bisher benutzt hatte, und mühte sich nun unter Qualen in seinen Abendanzug. »Was würden Sie mir raten, Jamie? Ver- dammt, ich weiß nicht, was ich mit Mutter und ihren Briefen ma- chen soll, aber das ist mein Problem, nicht das Ihre. Ihnen macht sie auch die Hölle heiß, nicht wahr?« Jamie McFay zuckte die Achseln. »Es ist furchtbar schwer für sie. Von ihrem Standpunkt aus gesehen hat sie recht; sie will nur das Beste für Sie. Ich glaube, sie sorgt sich zu Tode um Ihre Gesund- heit, nachdem Sie so weit weg von ihr sind und sie nicht hierher- kommen kann. Und nichts, was die Firma Struan betrifft, kann von Yokohama aus erledigt werden, alles immer nur in Hongkong. Die China Cloud wird in ein paar Tagen von Shanghai hier einlaufen, macht aber gleich wieder kehrt und fährt nach Hongkong. Werden Sie mit dem Schiff zurückkehren?« »Nein. Und sprechen Sie dieses Thema bitte nicht mehr an«, ver- langte Struan in scharfem Ton. »Ich werd's Ihnen schon sagen, wann wir, Angélique und ich, abreisen. Ich hoffe nur, daß Mutter nicht auf der China Cloud ist. Das wäre der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.« Struan bückte sich, um sich die Stiefel an- zuziehen, schaffte es aber nicht, weil die Schmerzen zu stark waren. »Entschuldigen Sie, würden Sie mal? Danke.« Dann platzte er her-, aus: »Es macht mich wahnsinnig, so hilflos zu sein!« »Kann ich mir vorstellen.« McFay verbarg sein Erstaunen. Er hörte zum erstenmal, daß Struan dieses Wort benutzte. »Mir würde es genauso gehen, nein, nicht genauso, sondern viel schlechter«, er- gänzte er gutmütig, weil er ihn mochte, ja, seine tapfere Haltung bewunderte. »Wenn wir verheiratet sind und die ganze Warterei vorüber ist, wird's mir bestimmt besser gehen.« Struan richtete sich auf, um den Nachttopf zu benutzen, immer eine schmerzhafte Angelegenheit, und diesmal entdeckte er wieder ein paar Tropfen Blut im Urin. Gestern, als es von neuem begann, hatte er Hoag davon berichtet, doch Hoag hatte erklärt, er brauche sich keine Sorgen zu machen. »Warum ziehen Sie dann ein so besorgtes Gesicht?« »Tu ich nicht, Malcolm, nur ein wenig beunruhigt. Bei solch bös- artigen inneren Verletzungen muß man während des Heilprozesses auf jedes Symptom achten…« Struan schloß seine Hose, hinkte zum Sessel am Fenster und ließ sich erleichtert nieder. »Jamie? Sie müssen mir einen Gefallen tun.« »Selbstverständlich. Was Sie wollen.« »Könnten Sie mir… Nun ja, ich brauche eine Frau. Könnten Sie mir eine aus der Yoshiwara besorgen?« Jamie war verblüfft. »Ich, äh… Ich glaube schon.« Dann setzte er hinzu: »Ist das ratsam?« Ein Windstoß rüttelte an den Läden, schüttelte die Bäume und Sträucher, schleuderte ein paar lose Dachziegel zu Boden und scheuchte die Ratten von den nachlässig auf die High Street ge- kippten Müllbergen und aus dem dreckigen, stinkenden Kanal, der auch als Abwasserkanal diente. »Nein«, antwortete Malcolm. Eine halbe Meile vom Struan-Gebäude entfernt, in der Nähe von, Drunk Town, lag Hiraga in einem unauffälligen Haus des japani- schen Dorfes splitternackt auf dem Bauch und ließ sich massieren. Das Haus war nichts Besonderes, die Fassade ungepflegt, aber drin- nen war alles, wie bei vielen Häusern der wohlhabenderen Kauf- leute, blitzsauber, blankpoliert, gepflegt und weitläufig. Es war das Haus des shoya, des Dorfältesten. Die Masseuse war blind. Sie war Anfang Zwanzig, kräftig gebaut, mit sanftem Gesicht und liebem Lächeln. Nach uraltem Brauch hatten die Blinden in Japan wie auch im größten Teil Asiens ein Monopol auf diese Kunst, obwohl es auch solche gab, die sehen konnten. Und ebenfalls nach uraltem Brauch waren die Blinden ausnahmslos sicher und durften nicht berührt werden. »Sie sind sehr stark, Samurai-sama«, sagte sie, das Schweigen brechend. »Alle, mit denen Sie gekämpft haben, müssen tot sein oder leidend.« Sekundenlang vermochte Hiraga nicht zu antworten; zu intensiv genoß er das tiefe Sondieren der erfahrenen Finger, die seine ver- knoteten Muskeln suchten und sie entspannten. »Mag sein.« »Bitte, dürfte ich Ihnen ein ganz spezielles Öl aus China empfeh- len? Es wird Ihre Platzwunden und Prellungen schnell heilen las- sen.« Er lächelte. So etwas wurde häufig benutzt, um ein bißchen zu- sätzliches Geld zu verdienen. »Nun gut. Nehmen Sie es.« »Oh, Sie lächeln, Ehrenwerter Samurai! Dies ist kein Trick, um mehr Geld zu verdienen«, versicherte sie sofort, während sie seinen Rücken knetete. »Ich hab das Geheimnis von meiner Großmutter, die ebenfalls blind war.« »Woher wissen Sie, daß ich lächle?« Sie lachte, und der Klang erinnerte ihn an eine Lerche, die in der Morgenluft segelt. »Ein Lächeln entsteht in zahlreichen Teilen des Körpers. Meine Finger hören Ihnen zu – Ihren Muskeln und sogar Ihren Gedanken.«, »Und woran denke ich jetzt?« »An sonno-joi. Aha, ich hatte recht!« Wieder verwirrte ihn ihr La- chen. »Aber nur keine Angst, Sie haben nichts gesagt, die Gastgeber haben nichts gesagt, ich werde nichts sagen, aber meine Finger sa- gen mir, daß Sie ein ganz besonderer Schwertkämpfer sind, der beste, dem ich jemals dienen durfte. Und da Sie eindeutig kein Ba- kufu sind, müssen Sie ein Ronin sein, ein freiwilliger Ronin, weil Sie Gast in diesem Hause sind, also ein Shishi, der erste, den wir hier jemals gehabt haben.« Sie verneigte sich. »Es ist uns eine Ehre. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich sonno-joi unterstützen.« Nachdrücklich preßten sich ihre stahlharten Finger auf ein Ner- venzentrum, bis sie spürte, wie der Schmerz ein Zittern durch sei- nen Körper schickte; es freute sie, ihm besser helfen zu können, als ihm bewußt war. »Tut mir leid, aber dieser Punkt ist sehr wichtig, um Sie zu beleben und Ihre Körpersäfte fließen zu lassen.« Er stöhnte; dennoch war der Schmerz, der ihn in die Futons drückte, sonderbar angenehm. »Ihre Großmutter war auch Masseu- se?« »Ja. In meiner Familie wird in jeder zweiten Generation mindes- tens ein Mädchen blind geboren. In diesem Leben war ich an der Reihe.« »Karma.« »Ja. Wie es heißt, blenden in China Väter oder Mütter heutzutage eine ihrer Töchter, damit sie später eine lebenslange Anstellung fin- det.« Hiraga hatte zwar nichts davon gehört, glaubte es aber und war empört. »Wir sind nicht in China und werden es niemals sein. Aber eines Tages werden wir China erobern und zivilisieren.« »Eeee, tut mir leid, wenn ich Ihre Harmonie gestört habe, Herr, bitte entschuldigen Sie, es tut mir so leid! Ah, so ist es besser, bitte entschuldigen Sie, es tut mir leid. Sie sagten, Herr… China zivilisie- ren? Wie Diktator Nakamura es wollte? Ist das möglich?«, »Ja, eines Tages. Es ist unser Schicksal, den Drachenthron zu er- obern, wie es Ihr Schicksal ist, zu massieren und zu schweigen.« Wieder dieses sanfte Lachen. »Ja, Herr.« Hiraga seufzte, als ihr Finger den Druckpunkt verließ und statt des Schmerzes ein heilsames Glühen hinterließ. Also wissen alle, daß ich ein Shishi bin, dachte er. Wie lange noch, bis ich verraten werde? Warum auch nicht? Zwei Koku sind ein Vermögen. Diese sichere Zuflucht zu erreichen war nicht einfach gewesen. Als er in das Viertel kam, herrschte dort entsetztes Schweigen, denn er war ein Samurai, ein Samurai ohne Schwerter, der aussah wie ein wilder Mann. Die Straße leerte sich bis auf die Menschen in seiner Nähe, die niederknieten und ergeben ihr Schicksal erwarteten. »He, Alter, wo ist die nächste ryokan – Herberge?« »Wir haben keine, Herr, wir brauchen keine, Ehrenwerter Herr«, antwortete der alte Ladenbesitzer leise und plapperte vor lauter Angst weiter: »Wir brauchen keine, denn unsere Yoshiwara ist ganz in der Nähe, größer als in den meisten Städten, mit Dutzenden von Häusern, in denen Sie absteigen können, und mit über hundert Mädchen ohne die Dienerinnen, drei richtige Geishas und sieben Schülerinnen, es geht dort entlang…« »Das reicht! Wo ist das Haus des Shoya?« »Dort, Herr.« »Wo, du Idiot! Steh auf und zeig mir den Weg!« Noch immer wütend folgte er ihm die Straße entlang, hätte die Augen, deren Blicke ihm aus jeder Öffnung folgten, am liebsten zerschmettert und das Geflüster hinter seinem Rücken erstickt. »Dort, Herr.« Hiraga scheuchte ihn davon. Der offene Laden war angefüllt mit Waren aller Art, aber menschenleer, und das Schild davor ver- kündete, daß dies die Geschäftsniederlassung von Ichi Ryoshi sei, Shoya, Reishändler und Bankier, Yokohama-Agent der Gyokoyama. Die Gyokoyama war ein zaibutsu, ein loser Familienverband von Fir-, men, unendlich mächtig in Edo und Osaka als Reishändler, Saké- und Bierbrauer und, am wichtigsten, Bankiers. Er riß sich zusammen. Vorsichtig und höflich klopfte er an, hockte sich nieder und begann zu warten, während er bemüht war, sich die Schmerzen der Schläge, die ihm die zehn Mann der Pa- trouille zugefügt hatten, nicht anmerken zu lassen. Endlich kam ein Mann mittleren Alters in den offenen Laden heraus, kniete nieder und verneigte sich. Hiraga erwiderte die Verneigung, stellte sich als Nakama Otami vor und erwähnte, daß sein Großvater ebenfalls Shoya sei, verschwieg allerdings wo, gab ihm nur jene Informatio- nen, die ihm beweisen konnten, daß er die Wahrheit sagte, und er- kundigte sich höflich, ob der Shoya, da es keine Ryokan gebe, in der er absteigen könne, möglicherweise ein Zimmer für zahlende Gäste frei habe. »Mein Großvater hat ebenfalls die Ehre, mit der Gyokoyama zaibutsu Geschäfte zu machen – seine Dörfer verkaufen all ihre Ernten über Ihre Firma«, hatte er kurz erwähnt. »Ich wäre Ihnen sogar dankbar, wenn Sie meine Promesse an die Herren in Osaka schicken und mir darauf ein wenig Bargeld vorschießen könnten.« »Edo ist näher als Osaka, Otami-san.« »Ja, aber Osaka ist besser für mich als Edo«, gab Hiraga zurück, der das Risiko Edo nicht eingehen wollte, weil dort etwas an die Bakufu durchsickern konnte. Er bemerkte den kühlen, furchtlos kalkulierenden Blick und verbarg seinen Haß, aber selbst Daimyos mußten Vorsicht walten lassen, wenn sie es mit der Gyokoyama oder ihren Agenten zu tun hatten, selbst Herr Ogama von Choshu. Es war allgemein bekannt, daß Ogama bis über beide Ohren bei ihnen verschuldet war und schon das Einkommen mehrerer Jahre an sie verpfändet hatte. »Es ist meiner Firma eine Ehre, alten Kunden gefällig zu sein. Bit- te, wie lange wünschen Sie in meinem Haus zu bleiben?« »Ein paar Tage, wenn es Ihnen recht ist.« Hiraga erzählte ihm von, Tyrer und dem Problem mit den Soldaten – aber nur, weil er sicher war, daß die Nachricht ihm bereits vorausgeeilt war. »Sie können höchstens drei Tage bleiben, Otami-san. Es tut mir leid, doch falls es eine plötzliche Razzia gibt, müssen Sie in der Lage sein, sofort zu verschwinden, bei Tag und bei Nacht.« »Ich verstehe. Vielen Dank.« »Bitte entschuldigen Sie, aber ich hätte gern einen Befehl, unter- zeichnet von diesem Taira oder besser noch vom Chef der Gai-Jin, in dem er mich anweist, Ihnen mein Haus zu öffnen – nur für den Fall, daß die Bakufu kommen.« »Ich werde dafür sorgen.« Hiraga, der sich dankend verneigte, ver- suchte seinen Ärger über die Bedingungen zu verbergen. »Danke.« Der Shoya befahl einer Dienerin, Tee und Schreibzeug zu brin- gen, und sah zu, wie Hiraga die Promesse schrieb und bat, den Be- trag vom Konto des Shinsaku Otami – das war der geheime Code- name seines Vaters – abzubuchen. Er unterzeichnete sie, siegelte sie mit seinem Chop, unterzeichnete und versiegelte die Quittung für Ryoshi, der sich bereit erklärte, ihm die Hälfte des Betrages zum üblichen Zinssatz von zwei Prozent pro Monat für die drei Monate vorzuschießen, die es dauern würde, das Papier nach Osaka zu schi- cken und die Transaktion auszuführen. »Wollen Sie den Betrag in bar?« »Nein, danke. Ich habe noch einige Oban.« Er übertrieb, es waren nur noch zwei. »Eröffnen Sie bitte ein Konto für mich, ziehen Sie die Beträge für mein Zimmer und meine Verpflegung ab, ich brau- che Kleidung und Schwerter, und bestellen Sie mir bitte eine Mas- seuse.« »Selbstverständlich, Otami-san. Wegen der Kleidung wird Ihnen der Diener zeigen, was wir am Lager haben. Wählen Sie nach Be- lieben. Wegen der Schwerter…«, Ryoshi zuckte die Achseln, »… die einzigen, die ich habe, sind Spielzeug für die Gai-Jin und kaum der Mühe wert, aber Sie können sie sich ja ansehen. Vielleicht könnte, ich Ihnen gute Schwerter besorgen, jetzt werde ich Ihnen aber Ihr Zimmer und Ihren eigenen Eingang zeigen – es steht ein Wachtpos- ten dort, Tag und Nacht.« Hiraga war ihm gefolgt. Ryoshi hatte keine Bemerkung über seine spärliche Bekleidung oder seine Verletzungen gemacht und keine einzige Frage gestellt. »Sie sind willkommen, es ist eine Ehre für mein ärmliches Haus«, hatte er nur gesagt und ihn allein gelassen. Als er an die Art dachte, wie das gesagt wurde, überlief Hiraga eine Gänsehaut: so höflich und ernst, unterschwellig jedoch so furchtbar tödlich. Widerlich, dachte er, widerlich, daß wir Samurai von korrupten Daimyos, Shōgunen und Bakufu in Armut gehalten und gezwungen werden, bei diesen minderwertigen zaibutsu zu bor- gen, die doch nur dreckige, geldgierige Kaufleute sind, aber so tun, als verleihe das Geld ihnen Macht über uns. Bei allen Göttern, wenn der Kaiser erst seine Macht wiedererlangt hat, wird es eine Abrechnung geben, dann werden Kaufleute und zaibutsu bezahlen müssen… Im selben Moment fühlte er, daß ihre Finger innehielten. »Was ist, Herr?« erkundigte sich die Masseuse ängstlich. »Nichts, gar nichts. Bitte weiter.« Sie gehorchte, doch nun war ihre Berührung verändert, und im Zimmer herrschte nervöse Spannung. Es war ein Achtmattenzimmer, die Futons mit Daunen gestopft, die Tatami von bester Qualität, die Shoji kürzlich mit Ölpapier er- neuert. In der Tokonama standen eine Öllampe und Blumenarran- gements, an der Wand hing ein kleines Gemälde: eine weite Land- schaft mit einer winzigen Hütte in einem Bambushain und einer noch viel winzigeren Frau, die einsam an der offenen Tür stand und in die Ferne spähte. Daneben war ein Liebesgedicht gepinselt. Warten Dem Regen lauschen, Den Regen antreiben So einsam, so von Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes erfüllt. Hiraga wäre fast eingeschlummert, als die Shoji-Tür aufgeschoben wurde. »Bitte, entschuldigen Sie, Herr.« Der Diener kniete nieder und meldete unsicher: »Es tut mir leid, aber draußen ist eine min- derwertige Person. Er behauptet, Sie zu kennen, will Sie unbedingt sprechen. Es tut mir leid, Sie zu stören, aber er ist sehr hart- näckig und…« »Wer ist es? Wie heißt er?« »Er… wollte seinen Namen nicht nennen und hat auch nicht namentlich nach Ihnen verlangt, Herr. Er hat nur immer wieder ge- sagt: ›Sag dem Samurai: Todo ist der Bruder von Joun.‹« Augenblicklich sprang Hiraga auf, schlüpfte in seine Yokata, bat die Masseuse, am folgenden Tag um die gleiche Zeit wiederzukom- men, wählte einen Platz in der Nähe der beiden Schwerter, die er sich ausgeliehen hatte, bis ihm der Shoya bessere besorgen konnte, und kniete, mit dem Gesicht zur Tür, in Verteidigungsposition nieder. »Schick ihn herein und sorg dafür, daß niemand sonst kommt.« Der schmutzige junge Bauer in dem zerlumpten Kimono ließ sich draußen vor der Tür auf die Knie nieder. »Danke, Herr, danke, daß Sie mich empfangen«, sagte er leise. Dann blickte er auf, grins- te breit und zeigte dabei, daß ihm die Vorderzähne fehlten. »Dan- ke, Herr.« Hiraga funkelte aufgebracht auf ihn hinab; dann hielt er ungläu- big den Atem an, »Ori? Aber… Aber das ist unmöglich!« Als er je- doch näher hinsah, entdeckte er, daß die Zähne als Teil seiner Tar- nung nur geschwärzt waren. In diesem Licht war die Illusion jedoch perfekt. Eines war trotzdem deutlich zu erkennen: daß Ori kein Sa- murai mehr war. Er hatte sich den Haarknoten abgeschnitten und die Haare auf dem ganzen Kopf so kurz geschoren, daß sie nicht, länger waren als die zwei Wochen alten Stoppeln auf seinem früher kahlen Schädel. »Warum?« fragte Hiraga fassungslos. Ori grinste und setzte sich zu ihm. »Die Bakufu suchen Ronin, eh?« flüsterte er, weil beide wußten, daß überall fremde Ohren lauschten. »Ich bin immer noch ein Samurai, aber jetzt kann ich jede Sperre passieren, eh?« Hiraga stieß bewundernd die Luft aus. »Du hast recht. Du bist brillant, sonno-joi ist nicht von der Haartracht abhängig. So einfach – ich wäre niemals darauf gekommen.« »Ist mir gestern abend eingefallen. Ich habe über dein Problem nachgedacht, Hiraga, und…« »Vorsicht! Hier bin ich Nakama Otami.« »Ach so, das ist der Name! Gut.« Ori lächelte. »Ich wußte nicht, welchen ich benutzen sollte, daher der Code.« »Haben Sie Todo und die anderen gefunden?« »Nein, sie werden immer noch vermißt. Sind zweifellos tot. Wie wir hörten, ist Joun wie ein gemeiner Verbrecher hingerichtet wor- den, aber wir wissen noch immer nicht, wie er erwischt wurde.« »Warum bist du hergekommen, Ori? Es ist gefährlich.« »So nicht, und nachts auch nicht. Außerdem mußte ich den neuen Ori ausprobieren und dich sprechen.« Irritiert fuhr er sich mit der Hand über den Borstenkopf und kratzte sich. Sein Gesicht war frisch rasiert. »Ein scheußliches Gefühl, irgendwie obszön, aber macht nichts, jetzt kann ich ungefährdet nach Kyōto gehen. In zwei Tagen werde ich aufbrechen.« Fasziniert starrte Hiraga auf seinen Kopf; er staunte noch immer über die Veränderung. »Wenn irgend etwas Gefahr von dir abwen- den kann, dann dies. Aber die Samurai werden dich alle für einen gemeinen Bauern halten. Wie willst du deine Schwerter tragen?« »Wenn ich Schwerter brauche, werde ich einen Hut tragen. Wenn ich verkleidet gehe, habe ich das hier.« Ori steckte die gesunde Hand in seinen Ärmel und zog eine zweischüssige Derringer hervor., Wieder leuchteten Hiragas Augen auf. »Eeee, brillant! Woher hast du sie?« »Von Fujiko. Sie hat sie mir verkauft, zusammen mit einer Schachtel Patronen. Ein Kunde hatte sie ihr geschenkt, als er Yoko- hama verließ. Stell dir vor! Eine billige Hure, und besitzt einen sol- chen Schatz!« Vorsichtig hielt Hiraga die Waffe in der Hand, wog sie, zielte und öffnete die Kammer, um die zwei Bronzepatronen in den Läufen zu mustern. »Wenn du nah genug bist, kannst du damit zwei Männer töten, bevor du selbst getötet wirst.« »Einer ist genug, um Zeit zu gewinnen, davonzulaufen und ein paar Schwerter zu holen.« Ori sah Hiraga lächelnd an. »Wir haben von den Soldaten gehört. Ich wollte sehen, ob es dir gut geht. Ba- ka! Wir gehen zusammen nach Kyōto und überlassen all das hier den Hunden, bis wir mit Verstärkung wiederkommen.« Hiraga schüttelte den Kopf, erzählte, was wirklich geschehen war, berichtete von Tyrer und der Feindschaft zwischen Franzosen und Engländern und ergänzte freudig erregt: »Das ist ein Keil, den wir zwischen sie treiben können. Wir bringen sie dazu, sich gegenseitig zu bekämpfen, sich gegenseitig umzubringen, eh? Ich muß hier bleiben, Ori. Dies ist erst der Anfang. Wir müssen alles in Erfah- rung bringen, was sie wissen, wir müssen lernen, zu denken wie sie, erst dann können wir sie vernichten.« Ori runzelte die Stirn, erwog das Für und das Wider: Obwohl er Hiraga noch nicht verziehen hatte, daß er seinetwegen das Gesicht verlor, weil er ihn gezwungen hatte, das Kreuz abzunehmen, mußte er immer noch sonno-joi schützen. »In dem Fall bist du unser Spion; du wirst in jeder Hinsicht sein wie sie und dich wie eine Wanze in ihre Gesellschaft bohren, äußerlich ihr Freund werden, ja sogar Gai- Jin-Kleidung tragen.« Und als Hiraga ihn verständnislos ansah, setzte er noch hinzu: »Warum nicht? Das wäre ein weiterer Schutz für dich und würde es ihnen erleichtern, dich zu akzeptieren, ne?«, »Aber warum sollten sie mich akzeptieren?« »Sie sollten es nicht tun, aber sie sind dumm. Taira wird unser Stoßkeil sein. Er kann es arrangieren, es befehlen. Er könnte darauf bestehen.« »Warum sollte er?« »Im Tausch gegen Fujiko.« »Was?« »Raiko hat uns den Schlüssel gegeben: Gai-Jin sind anders. Sie schlafen gern immer mit derselben Frau. Hilf Raiko, ihn in ihrem Netz zu fangen, dann hast du ihn an der Leine, weil du sein un- entbehrlicher Vermittler sein wirst. Morgen erklärst du ihm, daß du zwar wütend auf die Soldaten warst, daß es aber nicht seine Schuld ist. Du hättest dich unter großen Schwierigkeiten in die Yoshiwara gestohlen und dafür gesorgt, daß ihm Fujiko morgen abend zur Verfügung stehe, und ›tut mir leid, Taira-sama, aber es wäre einfa- cher für mich, derartige Dinge zu arrangieren, wenn ich europäische Kleider hätte, damit ich die Sperren passieren kann‹ und so weiter. Laß sie für ihn da sein, oder auch nicht, laß ihn den Angelhaken schlucken, und dreh ihn um. Eh?« Hiraga lachte leise vor sich hin. »Du solltest lieber hier bleiben, statt nach Kyōto zu gehen. Dein Rat ist viel zu wertvoll für mich.« »Katsumata muß gewarnt werden. Und nun – die Gai-Jin-Frau?« »Morgen werde ich genau feststellen, wo sie wohnt.« »Gut.« Der Wind frischte auf, eine Bö strich durchs Haus, daß das Papier in seinen Rahmen knatterte und die Ölflamme tanzte. Ori beobachtete ihn. »Hast du sie gesehen?« »Noch nicht. Tairas Diener, diese dreckige Chinesenbande, spre- chen eine Sprache, die ich nicht verstehen kann. Deswegen konnte ich aus ihnen nichts herausholen, aber das größte Haus der Nieder- lassung gehört dem Mann, den sie heiraten wird.« »Wohnt sie dort?« »Ich weiß es nicht, aber…« Hiraga hielt inne, als ihm ein Gedanke, durch den Kopf schoß. »Hör zu, wenn ich akzeptiert werde, kann ich überall hingehen, alles über ihre Verteidigungsanlagen in Er- fahrung bringen, ich könnte sogar an Bord ihrer Kriegsschiffe gehen und…« »…eines Nachts«, fiel Ori ihm ins Wort, »könnten wir vielleicht eins kapern oder versenken.« »Ja.« Beide Männer strahlten bei dem Gedanken, während die Kerze flackerte und seltsame Schatten warf. »Beim richtigen Wind«, sagte Ori leise, »einem Südwind wie heute abend, und mit fünf bis sechs Shishi würden schon ein paar recht- zeitig vorher in die richtigen Lagerhäuser geschaffte Fässer Öl genü- gen. Aber selbst das ist nicht notwendig: Wir können Brandsätze machen und in der Yoshiwara Feuer legen. Der Wind würde die Flammen ins Dorf tragen, von da aus würden sie auf die Niederlas- sung überspringen und sie vernichten. Neh?« »Und das Schiff?« »In der allgemeinen Verwirrung rudern wir zu dem ganz großen hinüber. Das könnten wir doch – leicht, neh?« »Nicht leicht, aber was für ein Coup!« »Sonno-joi!« Donnerstag, 18. Oktober

Nur herein! Ah, guten Morgen, André«, sagte Angélique mit ei-ner Herzlichkeit, die ihre innere Unruhe Lügen strafte. »Sie

sind sehr pünktlich. Geht es Ihnen gut?«, Er nickte und schloß die Tür des kleinen ebenerdigen Zimmers neben ihrem Schlafzimmer, das ihr in der französischen Gesandt- schaft als Boudoir diente. Und staunte wieder einmal darüber, daß sie so ruhig wirkte und sogar belanglos plaudern konnte. Höflich beugte er sich über ihre Hand und küßte sie; dann nahm er ihr ge- genüber Platz. Das Zimmer war trostlos, mit uralten Sesseln und ge- tünchten Wänden, an denen ein paar billige Stiche zeitgenössischer französischer Maler wie Delacroix und Corot hingen. »Das habe ich bei der Armee gelernt: Pünktlichkeit kommt gleich nach der Frömmigkeit.« Sie lächelte über seinen Scherz. »La! Ich wußte gar nicht, daß Sie bei der Armee gedient haben.« »Mit zweiundzwanzig, gleich nach der Universität, war ich ein Jahr lang in Algerien – nichts Besonderes, nur um wieder mal einen Aufstand niederzuschlagen. Je schneller wir diese Unruhestifter aus- merzen und ganz Nordafrika als französisches Territorium annektie- ren, desto besser.« Zerstreut wehrte er die Fliegen ab und musterte Angélique neugie- rig. »Sie sind schöner denn je. Ihr… Ihr Zustand bekommt ihnen gut.« Ihre Augen verloren die Farbe, ihr Blick wurde hart. Die letzte Nacht war schwer für sie gewesen, das Bett in dem unordentlichen, schäbigen Schlafzimmer hier unbequem. Während der Dunkelheit hatten ihre Ängste die Oberhand über ihre Zuversicht gewonnen, und sie bereute es immer mehr, ihre Suite neben der von Malcolm und den ganzen Luxus so überstürzt verlassen zu haben. Auch ge- gen Morgen hatte sich ihre Stimmung nicht gehoben, und wieder ergriff die alles durchdringende Idee von ihr Besitz: daß all ihre Probleme einzig auf die Männer zurückzuführen seien. Die Rache wird süß werden. »Meinen Zustand als zukünftige Ehefrau, meinen Sie wohl.« »Selbstverständlich«, versicherte er nach einer kaum spürbaren, Pause, und sie fragte sich verärgert, was mit ihm los sei und warum er sich so flegelhaft und distanziert verhielt. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, und seine Züge wirkten schärfer als sonst. »Fehlt Ihnen was, mein lieber Freund?« »Nein, liebste Angélique, nichts, wirklich gar nichts.« Lügner, dachte sie. »Haben Sie etwas erreicht?« »Ja und nein.« Er wußte, daß sie am Haken zappelte, und hatte plötzlich den Wunsch zu sehen, wie sie sich wand, den Wunsch, die Flammen zu schüren, damit sie schrie und für Hana bezahlte. Du bist wahnsinnig, dachte er. Es ist doch nicht Angéliques Schuld. Ganz recht, aber ihretwegen bin ich gestern abend zu den ›Drei Karpfen‹ gegangen und habe Raiko aufgesucht, und während wir uns in unserer speziellen Mischung aus Japanisch, Englisch und Pidgin unterhielten, hatte ich plötzlich das Gefühl, daß alles andere nur ein böser Alptraum gewesen ist und Hana jeden Moment mit einem Lachen in den Augen auftauchen würde, daß mein Herz wie immer jubeln würde, daß wir Raiko verlassen und gemeinsam ba- den, ein wenig spielen, dann essen und uns ohne Eile lieben wür- den. Und als mir dann klar wurde, daß Hana auf immer ver- schwunden ist, war mir, als wimmelten meine Eingeweide und mein Gehirn von Würmern, und ich hätte mich fast übergeben. »Raiko, ich muß wissen, wer die anderen drei Kunden waren!« »Tut mir leid, Furansu-san, wie ich schon sagte: Ihre Mama-san ist tot, das Personal des Hauses in alle Winde zerstreut, die Herberge ›Zu den siebenundvierzig Ronin‹ zerstört.« »Aber es muß doch eine Möglichkeit geben, sie zu…« »Nein. Tut mir leid.« »Dann sagen Sie die Wahrheit… die Wahrheit über ihren Tod.« »Sie starb mit Ihrem Messer im Hals. Tut mir leid.« »Hat sie es selbst getan? Hara-kiri begangen?« Raiko beantwortete die Frage im selben geduldigen Ton, im sel-, ben Ton, in dem sie zuvor schon oft dieselbe Geschichte erzählt, dieselben Fragen beantwortet hatte: »Hara-kiri ist ein uralter Brauch, eine ehrenhafte Möglichkeit, die einzige Möglichkeit, ein Unrecht gutzumachen. Hana hat dich und uns betrogen, ihre Ei- gentümer, Kunden und sich selbst – das war ihr Karma in diesem Leben. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Tut mir leid, lassen Sie sie in Frieden ruhen. Inzwischen ist der vierzehnte Tag nach ihrem Todestag vorüber, ihr Kami-Tag, an dem der Mensch wiedergebo- ren oder ein Kami wird. Lassen Sie ihren Kami, ihren Geist, ruhen. Tut mir leid, aber sprechen Sie nie wieder von ihr. Und nun – was kann ich sonst noch für Sie tun?« Angélique saß, wie man es sie von klein auf gelehrt hatte, kerzen- gerade in ihrem Sessel und beobachtete ihn, eine Hand auf dem Schoß, in der anderen den Fächer, mit dem sie die Fliegen abwehr- te. Zweimal hatte sie ihn gefragt: »Was meinen Sie – ja oder nein?« Aber er hatte sie nicht gehört, schien sich in einer Art Trance zu befinden. Kurz bevor sie Paris verließ, war es ihrem Onkel genauso ergangen, und die Tante hatte gesagt: »Laß ihn, Kind. Wer weiß, welche Teufel den Geist eines Mannes heimsuchen, wenn er Sorgen hat.« »Was hat er denn für Sorgen, Tante-Maman?« »Ach, chérie, wenn das, was man verdient, nicht für das ausreicht, was man braucht, besteht das ganze Leben aus Sorgen. Die Steuern erdrücken uns, Paris ist ein Pfuhl von Habgier ohne Moral, in Frankreich gärt es wieder, der Franc ist mit jedem Monat weniger wert, das Brot ist in einem halben Jahr doppelt so teuer geworden. Laß ihn nur, den Armen, er tut, was er kann.« Angélique seufzte. Jawohl, der Arme. Morgen werde ich tun, was ich kann, und mit Malcolm reden, der wird schon dafür sorgen, daß seine Schulden beglichen werden. Ein so guter Mensch dürfte nicht im Schuldgefängnis sitzen. Wie hoch können seine Schulden sein? Ein paar Louis…, Als sie sah, daß André wieder zu sich kam und sie anstarrte, frag- te sie ihn: »Ja und nein, André? Was soll das heißen?« »Ja, ich habe eine Medizin, aber nein, Sie können sie noch nicht bekommen, weil Sie…« »Aber warum? Warum haben Sie…« »Mon Dieu, ein bißchen Geduld, dann kann ich Ihnen berichten, was die Mama-san mir gesagt hat. Sie können sie noch nicht be- kommen, weil sie nicht vor dem dreißigsten Tag genommen wer- den darf, und dann, am fünfunddreißigsten Tag noch einmal, und weil der Trank – ein Aufguß von Kräutern – jedesmal frisch zuberei- tet werden muß.« Mit seinen Worten machte er ihren simplen Plan zunichte: daß André ihr den Trank oder das Pulver jetzt gleich geben, sie es so- fort nehmen, sich ins Bett legen und behaupten könnte, sie habe die Vapeurs. Voilà. Ein bißchen Bauchschmerzen, und in ein paar Stunden, einem Tag höchstens, würde alles wieder in Ordnung sein. Sekundenlang hatte sie das Gefühl, daß sich alles um sie drehte, aber dann riß sie sich zusammen: Du bist allein. Du mußt stark sein, du mußt allein kämpfen, und du kannst sie schlagen! »Dreißig Tage?« fragte sie erstickt. »Ja. Tut mir leid. Und am fünfunddreißigsten noch einmal. Dabei müssen Sie sehr gewissenhaft sein…« »Und was passiert dann, André? Wird es schnell gehen?« »Lassen Sie mich ausreden! Es… Gewöhnlich wirkt es sofort, sagt sie. Der zweite Trank ist nicht immer notwendig.« »Und es gibt nichts, das ich jetzt gleich nehmen kann?« »Nein. So etwas gibt es nicht.« »Aber diese Medizin – wirkt sie immer?« »Ja.« Raikos Antwort auf diese Frage hatte gelautet: »In neun von zehn Fällen. Wenn die Medizin nicht wirkt, gibt es andere Mög- lichkeiten.« »Einen Arzt?«, »Ja, aber das gefährlich. Medizin wirkt gewöhnlich, aber teuer. Ich muß Medizinmacher bezahlen, bevor er mir gibt. Er muß Kräu- ter kaufen, verstehen Sie…« André konzentrierte sich wieder auf Angélique. »Die Mama-san sagt, sie sei wirksam – aber teuer.« »Wirksam? Jedesmal? Und nicht gefährlich?« »Jedesmal und nicht gefährlich. Aber teuer. Sie muß den Kräuter- arzt im voraus bezahlen, er muß frische Kräuter kaufen.« »Ach so«, gab sie obenhin zurück, »dann bezahlen Sie das doch bitte für mich. Demnächst bekommen Sie dann das Dreifache zu- rück.« André verkniff die Lippen. »Ich habe Ihnen schon zwanzig Louis vorgeschossen. Ich bin nicht reich.« »Aber was kann so ein bißchen Medizin kosten, André, eine so gewöhnliche Medizin? Die kann doch nicht sehr teuer sein.« »Für ein Mädchen, das solche Hilfe sucht, heimliche Hilfe – was kann der Preis da für eine Rolle spielen, hat sie gesagt.« »Das ist richtig, mein lieber André.« Mit herzlicher Freundlichkeit schob Angélique dieses Problem beiseite, während ihr Herz sich ihm gegenüber verhärtete, weil er selbstsüchtig war. »In dreißig Ta- gen kann ich alles mit dem Taschengeld bezahlen, das Malcolm mir versprochen hat, und außerdem bin ich überzeugt, daß Sie es arrangieren können, ein so guter, kluger Mann wie Sie. Vielen Dank, mein lieber Freund. Bitte sagen Sie ihr, daß seit dem Tag, an dem meine Periode fällig war, inzwischen genau acht Tage vergan- gen sind. Wann bekommen Sie die Medizin?« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, am Tag vor dem dreißigsten Tag. Wir können sie am Tag zuvor abholen oder durch jemanden abho- len lassen.« »Und das… das Unwohlsein? Wie lange wird das dauern?« André war sehr müde; er fühlte sich unbehaglich und ärgerte sich darüber, daß er sich in so etwas hatte hineinziehen lassen, auch, wenn es noch so viele potentielle Vorteile brachte. »Das kommt auf das Mädchen an, hat sie gesagt, auf ihr Alter und ob sie so etwas zuvor schon einmal gemacht hat. Wenn nicht, müßte es ein- fach sein.« »Aber wie viele Tage werde ich krank sein?« »Mon Dieu, das hat sie nicht gesagt, und ich habe sie nicht ge- fragt. Wenn Sie bestimmte Fragen haben, müssen Sie sie mir auf- schreiben, und ich werde versuchen, Ihnen die Antworten zu über- mitteln. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen…« Er stand auf. Sofort ließ sie Tränen in ihre Augen steigen. »Ach André, ich danke Ihnen. Es tut mir leid, es ist so lieb von Ihnen, mir zu helfen, und es tut mir leid, daß ich Sie verärgert habe«, schluchzte sie und merkte erfreut, daß er dahinschmolz. »Nicht weinen, Angélique, ich bin nicht verärgert, es ist nicht Ihre Schuld, es ist… Ich bitte um Verzeihung, dies muß furchtbar für Sie sein, aber machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich werde die Medizin rechtzeitig abholen und Ihnen helfen, wo immer ich kann, schreiben Sie mir Ihre Fragen auf, dann bringe ich Ihnen in den nächsten Tagen die Antworten. Es tut mir leid, es ist… Ich fühle mich in letzter Zeit nicht sehr wohl…« Als er gegangen war, stand sie am Fenster, starrte, ohne etwas zu sehen, durch die mit Fliegendreck übersäten Gardinen auf die High Street hinaus und dachte über das nach, was er ihr mitgeteilt hatte. Dreißig Tage? Macht nichts. Damit kann ich leben, man wird nichts merken, versuchte sie sich immer wieder zu überzeugen. Zweiundzwanzig Tage sind gar nichts. Um sicherzugehen, holte sie ihr Tagebuch heraus, schloß es auf und begann zu rechnen. Dann rechnete sie abermals und kam auf denselben Tag. Der 9. November. Ein Freitag. Namenstag des hl. Theodor. Wer ist das? Ich werde jeden Sonntag Kerzen für ihn an- zünden. Unnötig, das Datum zu markieren, dachte sie erschauernd. Trotzdem machte sie ein kleines Kreuz in die Ecke. Was ist mit der, Beichte? Gott versteht mich. ER versteht alles. Ich kann warten – aber was, wenn es nicht klappt, oder wenn An- dré krank wird oder verschwindet, oder wenn die Mama-san mich im Stich läßt… Der Gedanke nagte an ihr. Zersetzte ihre Entschlossenheit. Echte Tränen rollten über ihre Wangen. Dann dachte sie plötzlich an das, was ihr Vater früher einmal gesagt hatte, vor vielen Jahren, unmit- telbar, bevor er sie und ihren kleinen Bruder in Paris verlassen hatte. »Jawohl, er hat uns verlassen«, sagte sie laut und gestand sich da- mit zum erstenmal die Wahrheit ein. »Mon Dieu, und nach allem, was ich inzwischen weiß, ist es vermutlich sogar gut so. Er hätte uns verkauft, hätte mich bestimmt schon lange verkauft.« Der Vater hatte Napoleon Bonaparte zitiert, sein großes Idol: »Ein kluger General plant immer die Rückzugsposition, von der aus er den Hammerschlag des Sieges führen kann.« Welches ist meine Rückzugsposition? Dann fiel ihr etwas ein, das André Poncin vor Wochen einmal ge- sagt hatte. Sie lächelte, und all ihre Sorgen waren verschwunden. In seiner gestochenen Schrift brachte Phillip Tyrer die letzten Wor- te von Sir Williams Antwort an die roju aufs Papier. Im Gegensatz zu allen vorangegangenen Mitteilungen hatte Sir William das Origi- nal diesmal auf englisch abgefaßt und wollte eine Kopie auf hollän- disch beifügen, die Johann anfertigen sollte. »Hier, Johann, ich bin fertig.« Mit einem schwungvollen Schnörkel verzierte er den Schwanz des ›B‹ von Sir William Aylesbury, K.C.B. Johann strahlte. »Das ist die schönste Schrift, die ich jemals gese- hen habe. Kein Wunder, daß Wee Willie sich all seine Londoner Depeschen von Ihnen kopieren läßt.«, »Shigata ga nail«, sagte Tyrer, ohne nachzudenken. Spielt keine Rolle. »Sie arbeiten wirklich eifrig an Ihrem Japanisch, eh?« »Ja, und unter uns – sagen Sie's bloß nicht unserem Willie –, es macht mir großen Spaß. Was halten Sie von seinem Schachzug?« Johann seufzte. »Bei den Japanern kann man das nie sagen. Ich persönlich glaube, daß dieses Jappo-Geschwätz ihm den Kopf ver- wirrt hat.« Die Nachricht lautete: An Seine Exzellenz, Nori Anjo, Esq., Oberster roju. Ich habe Ihre Depe- sche von gestern erhalten und teile Ihnen mit, daß ich sie uneinge- schränkt zurückweise. Wenn Sie die vereinbarte Rate der Entschädigung für den Mord an zwei britischen Soldaten nicht pünktlich zahlen, wird der geschuldete Betrag mit jedem weiteren Tag Verzögerung vervierfacht werden. Mit Bedauern mußte ich erfahren, daß Sie eindeutig nicht Herr Ihres eigenen Terminkalenders sind. Dies werde ich umgehend für Sie ändern. Von heute an in zwölf Tagen werde ich an Bord meines Flaggschiffs mit einer Eskorte von einem Geschwader nach Kyōto aufbrechen und in Osa- ka anlegen. Dann werde ich mit einer berittenen Eskorte der Royal Artil- lery und der obligatorischen Sechzigpfünder-Kanone für den königlichen Salut sowie den anderen Gesandten augenblicklich nach Kyōto aufbre- chen, um Wiedergutmachung für Sie von Seiner jungen Majestät, Shō- gun Nobusada, persönlich zu verlangen, oder, falls er nicht erreichbar sein sollte, von Seiner Kaiserlichen Hoheit, Kaiser Komei persönlich, wo- bei ich den vollen königlichen Ehrensalut von einundzwanzig Kanonen- schüssen zusichere. Bitte, informieren Sie die Herren von unserer bevor- stehenden Ankunft (gezeichnet) Gesandter und Botschafter Ihrer Briti- schen Majestät, Sir William Aylesbury, K.C.B. »Kaiser? Welcher Kaiser?« sagte Johann verächtlich. »Es gibt hier, nur den Midako, Mkado oder so ähnlich, und der ist so eine Art minderer Papst ohne Macht, nicht wie Pius der Neunte, der sich einmischt, intrigiert, in Politik macht und uns am liebsten wieder auf dem Scheiterhaufen sähe.« »Na, na, Johann, so schlimm ist es nun auch nicht.« »Die Pest über die Katholiken.« Johann zuckte die Achseln. »Ge- ben Sie mir die Rohkopie der Depesche, dann mache ich mich an die Arbeit.« »Sir Willie sagt, daß Sie Ihren Vertrag nicht verlängern wollen.« »Es wird Zeit, daß ich gehe und den Jüngeren und Klügeren Platz mache.« Johann begann zu lächeln. »Ihnen.« »Sehr komisch. Schicken Sie bitte Nakama herein; er ist im Gar- ten.« »Trauen Sie diesem Bastard nicht. Behalten Sie ihn gut im Auge, Phillip!« Tyrer fragte sich, was Johann wohl sagen würde, wenn er die Wahrheit über ihn wüßte. Hiraga öffnete die Tür. »Hai, Taira-san?« »Ikimasho, Nakama-sensei, alter Junge, hai?« Gehen wir, ja? sagte Tyrer strahlend, immer noch verblüfft über die Veränderung. Als Hiraga an diesem Morgen eintraf, waren der Schmutz, die Lumpen und seine Samurai-Haartracht verschwunden, und die kurzgeschnittenen Haare ähnelten der Frisur eines jeden gewöhn- lichen Japaners. In seinem sauberen, gestärkten, doch einfachen Ki- mono, dem neuen Sonnenhut, der ihm an einer Schnur auf dem Rücken hing, den neuen tabe und Sandalen sah er aus wie der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns. »Mein Gott, Nakama, großartig sehen Sie aus«, hatte er ihn sofort gelobt. »Dieser Haarschnitt steht Ihnen gut!« »Ach, Taira-san«, hatte Hiraga zögernd und mit vorgetäuschter Demut geantwortet, dem Plan folgend, den er und Ori geschmiedet hatten, »ich glaube, was Sie mir sagen, mir helfen aufgeben Samu-, rai, aufhören Samurai. Bald gehen zurück Choshu, werden Bauer wie Großvater.« »Samurai aufgeben? Ist das möglich?« »Hai. Möglich. Bitte nicht mehr sagen wollen, ja?« »Na gut. Aber es ist ein kluger Entschluß. Ich gratuliere.« Unwillkürlich fuhr sich Hiraga mit der Hand über den Schädel, die kurz geschorenen Kopfseiten, die ihn juckten. »Bald Haare wachsen, Taira-san, wie Ihre.« »Warum nicht?« Tyrer trug sein natürlich gewelltes Haar fast bis auf die Schultern. Anders als die meisten Männer war er äußerst pe- nibel, was dessen Sauberkeit betraf. »Wie geht's Ihren Prellungen?« »Ist schon vergessen.« »Ich habe sie schon vergessen.« »Ach ja, danke, ich habe sie schon vergessen. Gute Nachrichten, Taira-san.« Hiraga hatte ihm ausführlich erklärt, daß er in die Yoshi- wara gehen und für diesen Abend ein Rendezvous mit Fujiko arran- gieren werde. »Sie für Sie ganze Nacht. Gut, neh?« Sekundenlang war Tyrer sprachlos gewesen. Impulsiv schüttelte er Hiragas Hand. »Danke, mein lieber Freund. Ich danke Ihnen!« Er hatte sich zurückgelehnt, die Pfeife herausgeholt und Hiraga Tabak angeboten, der ihn, mühsam das Lachen unterdrückend, ablehnte. »Das ist wundervoll!« Tyrers Gedanken eilten zu seiner Verabredung voraus; sein Herz hämmerte, seine Männlichkeit meldete sich spür- bar. »Mein Gott, großartig!« Mit Mühe hatte er alle erotischen Vor- stellungen unterdrückt, um sich auf die Arbeit des Tages konzen- trieren zu können. »Haben Sie im Dorf eine Unterkunft gefunden?« »Ja. Bitte wir gehen jetzt, ja?« Auf dem Weg zum japanischen Viertel, wo sie die Stimmen dämpften und sich hüteten, Englisch zu sprechen, wenn sich Pas- santen näherten, hatte Tyrer weiter versucht, Hiraga auszuhorchen, und war auf Gold gestoßen, unter anderem auf die Namen des Shō- gun und des Kaisers. Im Haus der Shoya hatte er den Laden inspi-, ziert und den winzigen, schäbigen Raum daneben, in dem Hiraga angeblich wohnte. Dann hatte er ihn, durchaus zufrieden und be- ruhigt, zur Gesandtschaft zurückgebracht. »Haben Sie gemerkt, daß Sie nun, da Sie nicht mehr wie ein Samurai aussehen, auf der Straße kaum auffallen, sogar den Soldaten nicht?« »Ja, Taira-san. Können mir helfen, bitte?« »Gern. Wobei?« »Ich möchte versuchen, Ihre Sorte Kleider tragen, dann mehr wer- den wie Gai-Jin, ja?« »Großartige Idee!« Als sie in der Gesandtschaft eintrafen, eilte Tyrer zu Sir William, um ihm aufgeregt die Namen des Shōgun und des Kaisers zu ge- ben. »Ich dachte mir, daß Sie das sofort wissen sollten, Sir. Und noch etwas: Ich glaube, ich habe das richtig verstanden, aber er sagt, daß alle Japaner, sogar die Daimyos, eine Genehmigung ein- holen müssen, wenn sie Kyōto besuchen wollen, wo der Kaiser lebt.« »Was sind Daimyos?« »So nennen sie ihre Könige, Sir. Aber jeder, sogar sie, muß die Genehmigung zu einem Besuch in Kyōto einholen – er sagt, die Ba- kufu, das ist eine andere Bezeichnung für das Shōgunat, also die Beamtenschaft, haben Angst, dort generell freien Zugang zu gewäh- ren.« Er versuchte sich zu bremsen, aber die Worte strömten nur so aus ihm heraus. »Wenn das stimmt und der Shōgun gegenwärtig dort ist, der Kaiser ständig dort ist und die ganze Macht dort kon- zentriert ist – wenn Sie jetzt dorthin reisen würden, Sir, würden Sie damit nicht die Bakufu umgehen?« »Ein bemerkenswert logischer Schluß«, gab Sir William freundlich und mit erleichtertem Seufzer zurück, denn er war schon lange zu diesem Ergebnis gekommen. »Ich glaube, Phillip, wir werden die Depesche umformulieren. Kommen Sie in einer Stunde zurück. Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht.«, »Danke, Sir.« Dann hatte er ihm von dem ›neuen‹ Nakama und dem neuen Haarschnitt erzählt. »Ich dachte mir, wenn wir ihn überreden könnten, europäische Kleidung zu tragen, würde er im- mer gefügiger werden, während er mir natürlich Japanisch beibringt und ich ihm Englisch.« »Ausgezeichnete Idee, Phillip.« »Danke, Sir. Ich werde sofort dafür sorgen. Darf ich die Rech- nung zur Bezahlung an unseren Shroff schicken?« Sir Williams gute Laune erhielt einen Dämpfer. »Wir haben keine überflüssigen Mittel, Phillip, und das Finanzministerium… Nun gut. Aber nur einen Anzug. Sie sind verantwortlich dafür, daß die Rech- nung gemäßigt ausfällt.« Eilig ging Tyrer hinaus und wollte nun, da er die Arbeit an der Depesche beendet hatte, mit Hiraga zum chinesischen Schneider gehen. Zu dieser Tageszeit, am frühen Nachmittag, war die High Street kaum belebt, da die meisten Männer in ihren Kontoren, bei der Siesta oder im Club waren. Ein paar Betrunkene hockten, da der Wind noch immer recht böig war, im Windschatten der Pier. Für später war ein Fußballspiel angesetzt worden. Navy gegen Army auf dem Paradeplatz, und Tyrer freute sich schon darauf – mehr jeden- falls als auf das Treffen mit Jamie McFay, dem er widerwillig zuge- stimmt hatte. »Er ist der Chef von Struan's hier, Nakama-san. Ir- gendwie hat er von Ihnen erfahren und daß Sie ein bißchen Eng- lisch sprechen. Sie können ihm vertrauen.« »So ka? Struan? Der Mann, der wird heiraten?« »Ach, die Diener haben Ihnen von der Verlobungsfeier erzählt? Nein, McFay ist nur der oberste Kaufmann. Der Mann, der heira- ten wird, ist Mr. Struan, der Tai-Pan. Da drüben, das ist sein Ge- bäude.« »So ka?« Hiraga betrachtete es. Schwierig, da hineinzukommen, dachte er. Parterrefenster vergittert. »Sehr groß, sehr stark. Dieser, Struan und seine Frau, sie da wohnen?« Tyrers Gedanken flogen zu Fujiko. Zerstreut antwortete er: »Stru- an, ja. Bei ihr weiß ich es nicht. In London wäre dieses Haus gar nichts. London ist die reichste Stadt der Welt.« »Reicher als Edo?« Tyrer lachte. »Reicher als zwanzig, fünfzig Edos. Wie sagt man das auf japanisch?« Hiraga erklärte es ihm, während seine scharfen Augen alles in sich aufnahmen. Er glaubte nicht, was Tyrer von London behauptete, wie er das meiste, was er ihm erzählte, für Lügen hielt, die ihn nur verwirren sollten. Inzwischen kamen sie an den verschiedenen Flachbauten vorbei, die als Gesandtschaften dienten, und suchten sich vorsichtig einen Weg durch den Müll, der überall verstreut war. »Warum verschie- dene Flaggen, bitte?« Tyrer hätte gern Japanisch geübt, doch jedesmal, wenn er damit begann, antwortete ihm Hiraga auf englisch und stellte sofort eine weitere Frage. Dennoch erklärte er ihm jetzt: »Das sind Gesandt- schaften: das da ist die russische, dort die amerikanische, da drüben die französische und das hier die preußische. Preußen ist ein wich- tiges Land auf dem Kontinent. Wenn ich sagen würde, daß…« »Ah, tut mir leid, Sie haben Landkarte von Ihrer Welt, bitte?« »Aber ja! Ich werde sie Ihnen sehr gern zeigen.« Ein Detachement Soldaten näherte sich und marschierte vorbei, ohne ihnen Beachtung zu schenken. »Diese Männer von Preußen – ah?« Hiraga artikulierte das Wort sorgfältig. »Sie auch Krieg mit euch gegen Franzosen?« »Manchmal. Sie sind allerdings recht kriegerisch, immer kämpfen sie gegen irgend jemand. Gerade haben sie einen neuen König be- kommen, und dessen oberster Berater ist ein großer, harter Fürst namens Bismarck, der alle deutschsprechenden Menschen zu einer großen Nation vereinigen will und…«, »Bitte, tut mir leid, Taira-san. Nicht so schnell, ja?« »Ah gomen nasai.« Tyrer wiederholte, was er gesagt hatte, ein wenig langsamer, beantwortete weitere Fragen und war immer wieder ver- blüfft von der Intelligenz seines Schützlings. Wieder einmal lachte er. »Wir müssen uns einigen. Eine Stunde über meine Welt auf eng- lisch und eine über die Ihre auf englisch, und dann eine Stunde ja- panisch. Hai?« »Hai. Domo.« Vier Reiter, die sie auf dem Weg zur Rennbahn überholten, grüß- ten Tyrer und musterten Hiraga neugierig. Tyrer erwiderte ihren Gruß. Vor der Sperre am anderen Ende der High Street begann die Reihe der wartenden Kulis mit den nachmittäglichen Warenlieferun- gen unter den wachsamen Augen der Samurai-Wachen durch das Zollhaus zu ziehen. »Wir sollten uns beeilen. Sie wollen sich doch nicht unter die da mischen«, sagte er und überquerte, einem Hau- fen Pferdeäpfel ausweichend, die Straße. Dann blieb er unvermittelt stehen und winkte. Sie waren auf der Höhe der französischen Ge- sandtschaft, wo Angélique am Fenster ihres ebenerdigen Zimmers stand. Sie hatte die Vorhänge geöffnet, lächelte und winkte zurück. Hiraga tat, als hätte er ihren prüfenden Blick nicht bemerkt. »Das ist die Dame, die Mr. Struan heiraten wird«, erklärte Tyrer, als sie weitergingen. »Sie ist wunderschön, nicht wahr?« »Hai. Das ihr Haus, ja?« »Ja.« »Gute Nacht, Mr. McFay. Alles abgeschlossen.« »Danke. Nacht, Vargas.« McFay unterdrückte ein Gähnen und fuhr fort, in seinem Tagebuch zu schreiben, die letzte Arbeit eines jeden Tages. Sein Schreibtisch war aufgeräumt, sein Eingangskorb leer, während sein Ausgangskorb von Antworten auf den größten Teil der heutigen Post, Bestellungen und ausgefüllten Frachtbriefen, überquoll, die alle bei Morgengrauen, wenn das Geschäft wieder be- gann, abgeholt werden würden. Zerstreut kratzte sich Vargas einen in Asien nicht unüblichen Flohstich und legte den Schlüssel zum Tresorraum auf den Schreib- tisch. »Soll ich Ihnen mehr Licht bringen?« »Nein, danke. Ich bin gleich fertig. Bis morgen.« »Die Choshus werden morgen erwartet. Wegen der Gewehre.« »Ich habe es nicht vergessen. Gute Nacht.« Nun, da er in diesem Teil des Erdgeschosses allein war, fühlte sich McFay wesentlich wohler; er war gern allein und fühlte sich dabei sicher. Bis auf Vargas hatten die Bürogehilfen, die Shroffs und anderen Angestellten ihr eigenes Treppenhaus und ihre eigenen Räume weit hinter dem Warenlager. Die Verbindungstür zwischen den beiden Gebäudeteilen wurde jeden Abend verschlossen. Nur Ah Tok und die persönlichen Diener blieben im vorderen Teil, in dem die Büros wie auch der Tresorraum lagen, wo alle Schußwaf- fen, Kontobücher und Safes mit den mexikanischen Silberdollars, Gold-Taels und japanischen Münzen aufbewahrt wurden, während die Wohnräume im ersten Stock lagen. Am Posttag gab es immer viel zu tun, und es wurde sehr spät, heute sogar noch später als sonst, weil McFay sofort, als er beim Lunch von Nettlesmith die letzte Fortsetzung von Große Erwartun- gen erhalten hatte, nach oben gelaufen war, um die ihm zugeteilte Stunde, Seite um kostbare Seite, mit Malcolm Struan zu teilen, bis er später, froh und erleichtert, daß für Pip und das Mädchen alles gut ausgegangen war und daß in der Ausgabe vom nächsten Monat eine weitere Dickens-Erzählung angekündigt werden würde, wieder hinunterging. Stille. Nur die Standuhr tickte freundlich. Mit klarer Handschrift notierte er eilig: MS war wütend über den Brief seiner Mutter in der heutigen Post, (Dampfschiff Swift Wind, einen Tag verspätet, ein Mann im Sturm vor Shanghai über Bord gegangen, außerdem Spießrutenlaufen in der Shimonoseki-Meerenge, wo die Küstenbatterien etwa zwanzig Schüsse ab- gaben, Gott sei Dank, ohne Schaden anzurichten!). Meine Antwort auf Mrs. S.s Kanonade von heute war honigsüß (noch weiß sie nichts von der Verlobungsfeier, denn das wird ein Erdbeben von Hongkong bis nach Java auslösen). Ich habe sie informiert, daß A in die französische Gesandtschaft um- gezogen ist, glaube aber nicht, daß das Mrs. S interessieren wird, obwohl MS den ganzen Tag unruhig war, weil A ihn nicht besucht hat, und wieder auf Ah Tok geschimpft und sie in schlechte Laune versetzt hat – die sie natürlich an alle anderen Dienstboten weitergab, ayeeyah! Ich muß feststellen, daß MS trotz seiner Schmerzen weit klüger ist, als ich dachte, mit einem ausgezeichneten Gefühl für Geschäfte im allgemei- nen, und nun akzeptiert er meine Meinung, daß hier ein großes Poten- tial ruht. Wir haben das Brock-Problem diskutiert und sind uns darin einig, daß von hieraus nichts unternommen werden kann, daß er die Sache aber, sobald er nach HK zurückgekehrt ist, in Angriff nehmen wird. Wieder hat er sich geweigert, eine Rückkehr mit dem Postdampfer in Betracht zu ziehen – Hoag schwankt noch, er steht nicht auf meiner Seite, sondern sagt, je länger Malcolm sich hier ausruht… eine unruhige Überfahrt könnte sich traumatisch auswirken. Habe ein erstes Gespräch mit diesem Japaner Nakama geführt (muß ein Deckname sein), der mit Sicherheit mehr ist, als er vorgibt. Ein Sa- murai, ein Ronin-Gesetzloser, der ein wenig Englisch spricht, der sich die Haare schneidet, weil er beschlossen hat, den Samurai-Status aufzugeben, der freiwillig unsere Kleidung trägt, muß etwas Besseres sein und daher sorgfältig beobachtet werden. Wenn nur die Hälfte von dem zutrifft, was er sagt, dann haben wir – dank Tyrer, Gott segne ihn – einen großen nachrichtendienstlichen Schritt vorwärts getan. Schade, daß Nakama nichts von Gesch