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Buch Alles sieht nach einem Routineauftrag aus, als Paul Richter, Agent im Geheimdienst Ihrer britischen Majestät, nach Moskau geschickt wird, um einen Leichnam zu identifizie- ren. Es handelt sich um einen an der dortigen Botschaft sta- tionierten Kollegen, der angeblich einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist. Doch als Richter die Leiche und den Unfallwagen genauer inspiziert, stellt er zweierlei fest: Der Mann ist nicht in diesem Auto gestorben, und zudem han- delt es sich bei dem bis zur Unkenntlichkeit entstellten To- ten nicht um den SIS-Agenten Newman. – Kaum in Eng- land zurück, en...
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Buch Alles sieht nach einem Routineauftrag aus, als Paul Richter, Agent im Geheimdienst Ihrer britischen Majestät, nach Moskau geschickt wird, um einen Leichnam zu identifizie- ren. Es handelt sich um einen an der dortigen Botschaft sta- tionierten Kollegen, der angeblich einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist. Doch als Richter die Leiche und den Unfallwagen genauer inspiziert, stellt er zweierlei fest: Der Mann ist nicht in diesem Auto gestorben, und zudem han- delt es sich bei dem bis zur Unkenntlichkeit entstellten To- ten nicht um den SIS-Agenten Newman. – Kaum in Eng- land zurück, entgeht Richter nur um Haaresbreite einem Mordanschlag. Doch es ist ihm zunächst vollkommen rät- selhaft, wer es hier, auf heimischem Boden, auf ihn abgese- hen hat. Und warum? Erst als er die Flugdaten einer in Schottland notgelandeten amerikanischen Spionagema- schine auswertet und Erkundigungen bei den »Cousins« von der CIA einholt, ergeben sich erste Verdachtsmomente. Offenbar wurde hoch oben in Russlands Norden ein neuer Atomwaffentyp getestet. Und dann stößt Richter auf eine weitere Spur, die darauf hindeutet, dass sich zwei ehemali- ge Todfeinde zu einem teuflischen Pakt zusammenge- schlossen haben: Einige russische Verlierer des Kalten Krieges und eine Gruppe islamistischer Gotteskrieger aus den Wüsten Arabiens verfolgen mit allen Mitteln das Ziel, die westliche Welt zu vernichten … Autor James Barrington war Helikopterpilot bei der Royal Navy und später an verdeckten militärischen Operationen betei- ligt. Seine langjährigen Erfahrungen flossen in seinen De- bütroman »Operation Overkill« ein und verleihen ihm die hochgradige Authentizität und Glaubwürdigkeit.,

Commander James Barrington Operation Overkill

Roman Ins Deutsche übertragen von Hans-Peter Kraft

BLANVALET

,

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Overkill« 2004 bei Macmillan, London. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH. 1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung 8/2004 Copyright © der Originalausgabe 2004 by James Barrington All rights reserved Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto (Collage): Zefa/Mendelsohn und Zefa/Wax Satz: Uhl+Massopust, Aalen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Titelnummer: 36080 Redaktion: Alexander Groß V. B. • Herstellung: Heidrun Nawrot Printed in Germany ISBN 3-442-36080-3 www.blanvalet-verlag.de,

Anmerkung des Autors

Dieses Buch ist ein Roman, dessen Handlungsträger frei erfunden sind. Die Grundidee allerdings beruht auf Tatsachen, und auch die amerikanischen Politiker John F. Kennedy, Jimmy Carter und Ronald Reagan, auf die kurz Bezug genommen wird, sind ebenso der Realität entlehnt wie ein Mann namens Sam Cohen. Sam Cohen war als Analytiker für die Einsatzmög- lichkeiten strategischer Atomwaffen bei der Rand Corporation tätig, einer Denkfabrik in Diensten des Militärs mit Sitz in Santa Monica, Kalifornien. Ende der 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts schlug er den Bau von Wasserstoffbomben ohne einen äußeren Mantel aus Uran vor, womit er die Neutronenbombe erfand, eine Kernwaffe, die zwar für Menschen töd- lich ist, Gebäude aber weitgehend intakt lässt. Alle in diesem Buch aufgeführten Angaben bezüglich der Wirkung einer Neutronenbombe und der theoreti- schen Maximalgröße dieser Waffe entsprechen den Tatsachen. Aufgrund des politischen Drucks sowie Protesten von Seiten der Öffentlichkeit wurden diese Waffen von den Amerikanern zwar nie eingesetzt oder ir- gendwo stationiert, doch in den USA lagert nach wie vor ein ganzes Arsenal. Und auch andere Länder, darunter Frankreich, China, Russland, Israel und Süd-, afrika, haben die notwendige Technologie entweder gestohlen, gekauft oder eigenhändig entwickelt. Rotes Quecksilber ist eine chemische Substanz, die genauso wirkt, wie es in diesem Buch beschrieben wird. Es handelt sich um eine Quecksilberverbindung, die einer starken Strahlung ausgesetzt wurde und mit der man, wenn sie zur Explosion gebracht wird, die Hitze und den Druck erzeugen kann, die erforderlich sind, um eine Kernfusionswaffe wie die Neutronen- bombe zu zünden, sodass man dazu nicht auf Pluto- nium angewiesen ist. Rotes Quecksilber lässt sich ver- hältnismäßig billig und einfach herstellen, vor allem im Vergleich mit waffenfähigem Plutonium, und wurde viele Jahre lang von Russland auf dem Schwarzen Markt an diverse Länder verkauft, unter anderem auch an den Irak. Tatsache ist auch, dass die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Milliar- den Dollar für das bei der Demontage des Kernwaf- fenarsenals anfallende Plutonium an Russland bezahl- ten, weil sie verhindern wollten, dass dieses Element auf den Schwarzen Markt gelangt. Allerdings deuten zahlreiche unabhängige Untersuchungen darauf hin, dass es sich bei dem Plutonium, das die Russen den Amerikanern zukommen ließen, um ein Nebenpro- dukt ihrer Kernreaktoren handelte, also nicht um waf- fenfähiges Plutonium. Dies wiederum bedeutet ent- weder, dass die Russen ihr Kernwaffenarsenal nicht reduziert haben, oder dass es einen florierenden Schwarzmarkt für waffenfähiges Plutonium gibt.,

Prolog

12. Februar 1999 Bei As Salamiha, südöstlich von Riad, Saudi-Arabien Bei Exekutionen fackelten sie meist nicht lange. Der Delinquent bekam eine Kugel in den Hinterkopf, oder man schnitt ihm kurzerhand die Kehle durch und ließ den Toten an Ort und Stelle liegen. Aber nicht, wenn Raschid dabei war. Raschid spielte gern. Dabei sah Raschid eher wie die Karikatur eines Buchhalters aus – klein und schmächtig, bucklig, di- cke Brillengläser –, aber niemand lächelte, wenn er zugegen war. Er hatte sein Handwerk in den Seiten- straßen von Bagdad und Basra gelernt und es zur Meisterschaft gebracht, als er sich russische Gefange- ne vorgenommen hatte, die den Afghanen in die Hände gefallen waren. Der Geruch des Todes hing ihm an. Als Sadoun Khamils Vollstrecker führte er die Be- fehle seines Herrn ohne Widerworte oder Mitgefühl aus. Für ihn war das Töten lediglich ein Beruf, und auf den verstand er sich ausgezeichnet. Seine Speziali- tät war der schleichende Tod, »schwai schwai noum« oder »schlaf langsam ein«, wie er es nannte, wenn er dem Opfer mit einem schmalen, scharfen Messer das Rückenmark durchtrennte. Er wusste genau, wann er, den richtigen Schnitt angesetzt hatte, weil der Delin- quent jäh zusammensackte, wenn die Nervenstränge gekappt waren. Danach lehnten sie den schlaffen Leib an eine Mauer oder einen Baum und ließen ihn liegen. Es konnte tagelang dauern, bis der Mann starb – nor- malerweise verdurstete er, aber manchmal brachte ihm Raschid zudem noch ein paar oberflächliche Wunden an Armen und Beinen bei. Der reglose Kör- per und das Blut lockten Vögel und Ratten, streunen- de Hunde und Insekten an, sodass das Opfer buch- stäblich bei lebendigem Leib aufgefressen wurde. Hassan Abbas schaute nur ungern zu, aber Khamil bestand normalerweise darauf. Er war der Meinung, dass die Mitglieder der Zelle besser bei der Stange blieben, wenn sie wussten, was mit ihnen geschah, wenn sie ihn verrieten oder anderweitig beleidigten. Heute war es anders. Khamil hatte Raschid ange- wiesen, die Sache schnell, aber schmerzhaft zu erledi- gen. Der Mann gehörte nicht zur Zelle, war nicht ein- mal festes Mitglied von al-Qaida. Er war nur ein Ku- rier, ein kleiner Zuträger, einer von hunderttausenden Arabern, die der Hass auf Amerika einte und die alle- samt Osama Bin Laden und alles, wofür er stand, be- wunderten. Aber der Kurier hatte etwas Ungeheuerliches getan. Er hatte einem Freund mitgeteilt, wo sich der Standort der Zelle befand – einem Freund, der seinerseits Mit- glied der Zelle war, was der Kurier nicht gewusst hat- te. Der Freund hatte Khamil sofort Bescheid gegeben, und deshalb stand die ganze Gruppe jetzt um ein ver-, lassenes Gebäude zwei Meilen außerhalb von As Sa- lamiha herum, statt sich in ihrem alten, weitaus be- quemeren Quartier in Riad aufzuhalten. Zwar unter- stützten viele Saudis insgeheim – und manche auch öffentlich – die Sache von al-Qaida, nicht aber die große Mehrheit, daher war Sadoun Khamil nichts an- deres übrig geblieben, als seinen Stützpunkt zu verle- gen, sobald er erfahren hatte, dass der Standort aufge- flogen war. Für dieses Ungemach musste der Kurier büßen. Der Mann lag rücklings, mit gespreizten Armen und Beinen an vier dicke Pfähle gefesselt, in der pral- len Frühnachmittagssonne hinter dem Gebäude. Er war nackt, und über Bauch und Schenkel zogen sich die blutigen Striemen der Peitsche, die ihn einer von Raschids »Helfern« zum Auftakt hatte schmecken las- sen. Khamil trat aus dem Gebäude und näherte sich mit flatternder weißer Dschellaba. Er blieb ein paar Schritte vor dem Kurier stehen und blickte auf ihn hinab. Das frische Blut hatte die Fliegen angelockt, die in schwar- zen Schwärmen um die offenen Wunden an Oberkör- per und Beinen des Mannes wimmelten. Der Kurier war offenbar besinnungslos, doch auf Khamils Befehl hin trat einer der Wachmänner vor. Ein knallender Peitschenschlag scheuchte die Fliegen auf, die wie eine schwarze Wolke brummend über ih- rem Opfer kreisten, ehe sie sich wieder niederließen. Der Mann riss die Augen auf und heulte vor Schmerz, blickte dann zu Khamil auf und verstummte. Er hatte, bereits um Gnade gefleht und wusste, dass sein Schicksal besiegelt war. Khamil trat zurück, wandte sich um und nickte Ra- schid zu. Der kleine Mann lächelte, ging nach vorn und blieb vor dem am Boden liegenden Mann stehen. In der rechten Hand hatte er ein schweres, wuchtiges Taschenmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge, scharf wie ein Skalpell. Er klappte es langsam auf, ließ sich Zeit und achtete auf die Augen des Ku- riers. Dann kniete er sich neben den Mann und mach- te sich ans Werk. Achtzehn Minuten später stand Raschid auf, wisch- te sorgfältig das Blut von der Messerklinge, lächelte Khamil kurz zu und ging davon. Khamil warf einen letzten Blick auf die blutige rote Masse vor ihm, nickte zufrieden und begab sich wieder in das Gebäude. Ab- bas folgte ihm. Im größten Raum des baufälligen Hauses standen zwei Sessel und ein zerschrammter Tisch. Khamil ließ sich nieder und blickte zu Abbas auf, der höflich vor ihm stehen geblieben war. Er musterte ihn einen Mo- ment und ergriff dann das Wort. »Die Sache gefällt mir nicht. Schon jetzt, von Anfang an, noch ehe wir überhaupt Kontakt mit ihnen aufgenommen haben, ist mir unwohl dabei.« Khamil verstummte und sah ihn besorgt an. Unter dem rotweiß karierten Keffieh – ein klares Zeichen für seine unbeirrbare Treue zu Osama Bin Laden – wirkten seine Augen beinahe schwarz. Abbas senkte den Blick, beharrte aber auf seinem Standpunkt. »Auch ich bin alles andere als froh über, die Begleiterscheinungen, die sich aus einer derartigen Zusammenarbeit ergeben, Sajidi. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir können diese Tech- nologie nicht selbst entwickeln, jedenfalls nicht in ab- sehbarer Zeit. Und selbst wenn wir alles Notwendige kaufen, gibt es nach wie vor große Schwierigkeiten mit der Lieferung. Ich habe alles überprüft und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir nur durch Koopera- tion Aussicht auf Erfolg haben.« Hassan Abbas hielt inne und wartete. Er wusste, dass er in diesem Augenblick nicht nur seine Stellung, sondern auch sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Ob- wohl er sich häufig nach westlicher Mode kleidete, hellgraue Anzüge und glänzende Oxford-Schuhe trug und fließend Englisch und Französisch sprach, war Khamil im Grunde seines Herzens nach wie vor ein Wüstenaraber. Das bedeutete unter anderem, dass er es gewohnt war, über jeden, der ihm missfiel, auf der Stelle zu richten. Und Abbas’ Vorschlag dürfte ihm kaum gefallen. Er entsprach allerdings der Wahrheit, und Abbas hoffte, Khamil gut genug zu kennen, und glaubte daher, dass er die Wahrheit höher schätzte als alles andere. Abbas wartete, wagte kaum zu atmen und betrachtete un- verwandt den Boden. Er verfolgte die Spuren im Staub und achtete auf jede Belanglosigkeit, während er auf Khamils Erwiderung wartete. Auf die Worte, die ihn entweder in seiner Stellung als Khamils Stabs- chef bestärkten oder ihm das gleiche Schicksal be- scherten wie dem Kurier, der auf dem kargen Boden, hinter dem Gebäude lag. Grässliche Bilder von Ra- schids grausigem Werk gingen Abbas durch den Kopf, während er weiter wartete. Khamil regte sich kurz auf dem knarrenden Holz- stuhl auf der anderen Seite des Tisches, dann stand er auf und ging quer durch den Raum zu dem kleinen, unverglasten Fenster. Dort gab es nichts weiter zu se- hen, nur Sand und Steine, aber Khamil stützte die Hände in die Hüften und starrte fast zwei Minuten lang hinaus. Dann drehte er sich um und ging wieder hinter den Tisch. Er setzte sich, blickte zu Abbas und stieß nur ein einziges Wort aus. »Wie?« Abbas holte wieder Luft und blickte auf. »Mit Geld, Sajidi, mit Geld. Sie haben schon immer Geld ge- braucht, und jetzt brauchen sie es dringender denn je. Wir haben die harte Währung, nach der sie verlangen, und sie haben die technischen Vorrichtungen, die wir benötigen. Es wird ein einfaches Tauschgeschäft, eins gegen das andere.« »Einfach wohl kaum«, murmelte Khamil. »Und wie lange wird das dauern?« »Vier bis fünf Jahre, bis alles an Ort und Stelle ist, Sajidi.« Khamil blickte überrascht auf. »Warum so lange?«, wollte er wissen. »Die Sprengkörper stehen doch si- cherlich sofort zur Verfügung.« Abbas nickte. »Ja, die für Amerika bestimmten Waf- fen, Sajidi. Aber die Geräte, die wir benötigen, müssen eigens angefertigt werden. Doch das ist nicht der Hauptgrund für die Verzögerung. Der Transport ist, das Problem. Die Waffen müssen unter absoluter Ge- heimhaltung in Stellung gebracht werden, und das heißt, dass wir uns Zeit lassen und vorsichtig sein müssen. Wir müssen geeignete Immobilien anmieten, für die entsprechende Energiezufuhr und die erfor- derlichen Fernmeldeeinrichtungen sorgen, bevor auch nur eine der Apparaturen in Stellung gebracht wird. Und die Apparaturen selbst müssen Stück für Stück angeliefert werden. Wenn irgendetwas von diesem Plan durchsickert, wird das ganze Vorhaben schei- tern, ehe wir es in die Tat umsetzen können.« Khamil dachte einen Moment lang darüber nach. »Ich muss mich mit meinem Kollegen beraten«, sagte er schließlich. »Er wollte eigentlich früher losschlagen, als es deiner Ansicht nach möglich ist.« Abbas nickte erneut. Wie jeder, der in Khamils Diensten stand, wusste er genau, wer dieser »Kollege« war, aber niemand wagte seinen Namen auch nur zu flüstern. Teilweise aus Respekt, oder genauer gesagt aus Angst, vor allem aber aus Sicherheitsgründen. Es ist kein Geheimnis, dass von den beiden bedeu- tendsten nachrichtendienstlichen Abhörstationen des Westens – der Zentrale der amerikanischen National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, und dem britischen Government Commmunications Head- quarters (GCHOJ in Cheltenham, Gloucestershire – sämtlicher Fernmeldeverkehr weltweit überwacht wird. Allein bei der NSA fallen pro Woche mehr als hundert Tonnen Ausdrucke mit geheimem Datenmaterial aus aufgezeichneten Kommunikationsverbindungen an., Diese gewaltige »Ausbeute« bezieht die NSA durch ein streng geheimes Abhörsystem namens Echelon, das sämtliche Gespräche per Handy oder Satelliten-Telefon – die sind vermutlich am leichtesten anzupeilen – so- wie den gesamten Funk- und Fernmeldeverkehr er- fasst; dazu kommen E-Mails und andere Mitteilungen per Internet, die ein Carnivore genanntes Programm liefert, aber auch Anrufe im Festnetz, soweit sie per Mikrowelle oder Satellit übermittelt werden oder wenn die terrestrische Leitung durch ein »befreundetes« Land führt. Das britische Außenministerium lässt zum Beispiel aufgrund einer beiderseitigen Übereinkunft zwischen GCHQ und NSA sämtliche Auslandsgesprä- che von und nach Großbritannien abhören. Da diese Unmengen abgehörter Fernmeldeverbin- dungen nicht mehr von Menschen überwacht werden können, setzt man dazu Computer ein, die auf alle möglichen Sprachen programmiert sind und auf be- stimmte Stichwörter oder Namen achten. Die Stich- wörter sind ziemlich eindeutig und werden von dem Nachrichtendienst vorgegeben und eingespeichert, der sich davon bestimmte Erkenntnisse verspricht, aber die Namen andern sich je nach politischer Lage. Doch seit Anfang der neunziger Jahre, nach den Selbstmordanschlägen von Jakarta und Lagos, stand bei den westlichen Nationen vor allem ein Name ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Terroristen. Aus diesem Grund sprach keiner von Osama Bin La- dens Anhängern jemals seinen Namen oder den sei- ner Terrororganisation al-Qaida laut aus., »Ich habe aber«, meldete sich Abbas respektvoll zu Wort, »noch einen anderen Vorschlag.« Zehn Minuten später lehnte sich Khamil zurück. Der Plan, den Abbas vorgetragen hatte, war unerhört, beunruhigend und geradezu atemberaubend. Er steckte voller Tücken, was die Logistik und andere Probleme anging, aber er war zweifellos einfach, und ihm war augenblicklich klar, dass er Bin Ladens Wohlgefallen finden würde, wenn er ihn vorschlug. »Und bis wann ließe sich das durchführen?« »Innerhalb von zwei Jahren, vielleicht auch in acht- zehn Monaten. Einige unserer Kämpfer sind bereits vor Ort. Bereit für diese oder eine andere Gelegenheit.« Khamil nickte zufrieden. Das gefiel ihm schon besser. »Sind sie voll ausgebildet und einsatzfähig?«, fragte er. »Ihre Einsatzbereitschaft steht außer Frage, Sajidi, und die nötige Ausbildung ist nicht allzu umfang- reich. Während wir miteinander sprechen«, fügte Ab- bas mit einem leichten Lächeln hinzu, »sollten einige unserer Männer ihre Anweisungen erhalten. In Ame- rika.« Khamil lächelte ebenfalls – der spöttische Unterton war ihm nicht entgangen. »Was könnte die Sache zum Scheitern bringen?« Abbas grinste. »Nichts, Sajidi. Sie wird gelingen.« Khamil nickte, dann warf er Abbas einen scharfen Blick zu. »Woher willst du das wissen? Woher willst du wissen, dass es gelingt?« Abbas war einen Moment lang sprachlos. »Das war, einfach so dahingesagt, Sajidi. Ich habe damit gemeint, dass dieses Vorhaben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelingen wird. Es kann so gut wie nicht scheitern.« Khamil schüttelte den Kopf. »Nein. Ich kenne dich seit vielen Jahren und weiß, dass du dich stets klar ausdrückst. Du hast gesagt, dass dieses Vorhaben ge- lingen wird. Deshalb frage ich dich noch einmal. Wo- her willst du das wissen?« Abbas stand schweigend vor dem Tisch, während ihm ein Gedanke nach dem anderen durch den Kopf schoss. Er kannte Khamil, wusste, dass er sich nicht mit Wortklaubereien abspeisen ließ. Khamil konnte augenblicklich erkennen, ob man aufrichtig war oder Ausflüchte machte, und er fragte ebenso beharrlich wie geduldig nach, bis er die ganze Wahrheit erfuhr. Abbas wurde klar, dass er ihm reinen Wein einschen- ken musste, so peinlich ihm das auch sein mochte. »Ich habe ein Buch gelesen, Sajidi«, setzte er an. Fünf Minuten später ließ sich Khamil zurücksinken und lachte. »Aha, Hassan, jetzt wissen wir also, woher du deine Einfälle hast. Aus dem Gesabber eines Un- gläubigen, der vor fünfhundert Jahren seine Visionen aufgeschrieben hat. Was für ein Unsinn!« Abbas schüttelte leicht den Kopf. »Verspotten Sie mich meinetwegen, Sajidi, aber die Weissagungen die- ses Nostradamus deuten darauf hin, dass dieser Plan gelingen wird. Und außerdem«, fügte er hinzu, »sind auch andere Prophezeiungen von ihm in Erfüllung gegangen, zum Beispiel der Sturz des Schah.«, Khamil lächelte nach wie vor, aber er schüttelte den Kopf. »Das ist doch alles Unsinn, Hassan. Die Zukunft lässt sich nicht vorherbestimmen, das weißt du genau. Aber wenn du dich unbedingt auf die wirren Worte eines Franzosen verlassen willst, der seit fünfhundert Jahren tot ist, dann soll das deine Sache sein. Es er- spart mir viel Mühe, weil ich dadurch nicht lange über einen Codenamen für dich nachdenken muss. Ich werde dich einfach ›Prophet‹ nennen.«, Dienstag Lubjanskaja Ploschtschad, Moskau Der Mann, der im Lubjanka-Gefängnis lag, war dem Tod geweiht, aber er hatte keine Ahnung, warum. Kein Mediziner auf der Welt hätte ihm eine Diagnose stellen können, denn er war nicht krank, aber trotz- dem war er dem Tod geweiht, und keine Heilkunst konnte ihn retten. Um Viertel nach vier hatte er noch etwa vier Stunden zu leben. Er wusste es. Seine Wär- ter wussten es. Und die Techniker in den weißen Kit- teln, die den Tisch und die Geräte in dem schalldich- ten Vernehmungszimmer vorbereiteten, wussten es ebenfalls. Er wusste ganz genau, dass er nie wieder die Sonne, den blauen Himmel oder die Wellen sehen würde, die sich an der felsigen Küste von Northumberland bra- chen, seiner Heimat. Ihm blieb nur noch eine kurze Frist, begrenzt auf vier verblichene Betonwände seiner Gefängniszelle und den im Keller des KGB-Gefängnis- ses gelegenen Vernehmungsraum, in dem sie ihn tö- ten würden. Als sie kamen, um ihn zu holen, schluchzte er vor Verzweiflung, aber als ihm der Wärter die Hand auf die Schulter legte und ihn von der fleckigen Matratze, hochziehen wollte, schrie er auf und setzte sich blind- lings mit Fäusten, Füßen und Zähnen zur Wehr. Der Kampf war kurz und sinnlos. Der Gefangene verlor das Bewusstsein, als ihn der Totschläger am Hinter- kopf traf, und als er wieder zu sich kam, hatten sie den kurzen Weg zum Vernehmungsraum bereits hin- ter sich, und er war nackt auf dem Tisch festge- schnallt. Ein älterer, grauhaariger Mann mit arglos leuchten- den blauen Augen und einem kurzen weißen Bart beugte sich über ihn und blickte lächelnd herab. »Gut. Sie sind wach. Nein, versuchen Sie noch nicht zu sprechen. Erst möchte ich Ihnen ein paar Sachen er- klären.« Der Russe sprach fließend Englisch, mit ei- nem leichten amerikanischen Akzent. Er beugte sich näher. »Ich stamme aus der alten Schule, wie ihr Bri- ten das bezeichnet. Ich bin ein Vernehmungsspezialist von altem Schrot und Korn. Ich setze Drogen ein, Wahrheitsdrogen, Skopolamin und Natriumpento- thal, aber sie sind nicht zuverlässig. Außerdem kann man lernen, wie man sich ihnen widersetzt, und Sie haben das zweifellos gelernt. Und sie können leicht tödlich wirken, wenn man sie zu hoch dosiert, oder sie verursachen derart schwere Hirnschäden, dass man es nur mehr mit einem sabbernden Schwachsin- nigen zu tun hat. Und das wollen wir doch nicht, nicht wahr?« Er lachte leise und wirkte beinahe wie ein gutmüti- ger Weihnachtsmann, als er sich auf einen fleckigen Plastikstuhl neben dem Tisch setzte. »Deshalb benutze, ich sie nur, wenn ich mir Zeit lassen und die Dosis allmählich steigern kann. Doch diesmal benötigen wir rasch ein paar Auskünfte, und nichts ist meiner Mei- nung nach überzeugender als Schmerz. Schmerzen zuzufügen ist mein Beruf. Ich werde Ihnen zunächst nur ein bisschen wehtun, um Ihnen klar zu machen, dass ich es ernst meine, und danach werde ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Wenn Sie die beantworten, muss ich Ihnen vielleicht nichts mehr zuleide tun. Aber möglicherweise lügen Sie, oder ich bin der Meinung, dass Sie lügen, und dann muss ich Ihnen mehr Schmerzen zufügen, weit mehr Schmerzen. Danach werde ich Sie erneut fragen. Und ich werde fortfah- ren, bis ich der Meinung bin, dass Sie mir nichts mehr zu erzählen haben. Wenn Sie mir geholfen haben, werde ich Sie rasch und schmerzlos töten. Aber wenn Sie mir nicht die gewünschten Auskünfte geben, kann es sehr, sehr lange dauern, bis Sie sterben, und Sie werden Schmerzen erleiden, die Sie nicht für möglich halten.« Er hielt inne und blickte auf den Engländer hinab. »Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass ich die Auskünfte, die ich benötige, erhalten werde. Ich erhalte immer die gewünschten Auskünfte. Wie viel Schmerz Sie dabei erleiden, liegt bei Ihnen, aber Sie werden mir antworten. Jetzt werde ich Sie ein paar Minuten lang allein lassen, damit Sie über meine Wor- te nachdenken können. Sie müssen sich entscheiden, nicht ich.« Er stand auf, ging zu den beiden Männern in den weißen Kitteln, die wartend in der Ecke standen, rede-, te leise mit ihnen und verließ dann den Raum. Sobald er weg war, schoben die Techniker zwei Wagen zum Tisch und ließen sie in Sichtweite des Gefangenen ste- hen. Auf jedem lagen eine Reihe medizinischer Geräte – Sägen, Messer, Skalpelle – sowie allerlei Werkzeuge – Zangen, Schraubenzieher, Lötkolben, Bolzenschnei- der und eine Lötlampe. Der Engländer wusste genau, warum sie hier stehen gelassen worden waren, und er hatte nicht die geringsten Zweifel daran, dass der Verhörspezialist sämtliche Geräte benutzen würde, um die gewünschten Auskünfte zu erhalten. Etwa fünf Minuten später wurde die Tür geöffnet, worauf der Verhörspezialist eintrat, gefolgt von einem Mann in einem weißen Kittel, der eine kleine schwar- ze Tasche und ein Stethoskop in der Hand hatte, und sich sofort zum Tisch begab. »Nun zur Sache«, sagte er. »Mir macht meine Arbeit Spaß, und ich beherrsche mein Handwerk. Dennoch würde ich die unange- nehmen Begleiterscheinungen lieber vermeiden.« Er deutete auf die beiden Wagen. »Also, wofür haben Sie sich entscheiden? Wenn Sie mir entgegenkommen, werden ich und mein ärztlicher Freund und Ratgeber die ganze Sache mit einer simplen Spritze zum Ende bringen. Wenn nicht … nun, Sie wissen ja, was dann geschieht.« Der Engländer war kein Feigling, aber er war auch nicht dumm. Er war dem Tod geweiht und sah ein, dass es kein Entrinnen gab, daher blieb ihm nur eines übrig. »Ich werde Ihre Fragen beantworten«, sagte er mit angsterstickter Stimme., »Gut, gut.« Der Verhörspezialist klang zufrieden. Er setzte sich auf den Plastikstuhl, griff zu seinem Klemmbrett, suchte die richtige Seite und begann mit der Vernehmung. Zwei Minuten später lehnte er sich zurück, dann stand er auf. »Das wollte ich nicht wis- sen. Ich glaube, Sie sind sich des Ernstes der Lage nicht bewusst. Ich habe Ihnen erklärt, dass die Ent- scheidung ganz bei Ihnen liegt, aber Sie müssen mir Rede und Antwort stehen.« Der Gefangene schüttelte verzweifelt den Kopf. »Aber das kann ich nicht«, schrie er. »Ich bemühe mich ja, aber ich kann Ihre Fragen nicht beantworten.« Der Verhörspezialist warf ihm einen kalten Blick zu, lächelte dann und nahm wieder Platz. »Nun, dann wollen wir’s noch mal versuchen, ja? Aber diesmal müssen Sie mir wirklich helfen.« Wieder begann er mit dem Verhör, aber auch diesmal stellten ihn die Antworten nicht zufrieden, und nach ein paar Minu- ten stand er auf und schüttelte betrübt den Kopf. »Ich dachte, Sie wären zur Vernunft gekommen, aber ich habe mich geirrt. Ich habe Ihnen doch erklärt, dass ich diese Auskünfte brauche. Und Sie werden sie mir auch geben – jetzt oder später.« Der Engländer, in dessen Blick das blanke Entset- zen stand, schrie erneut: »Ich sage Ihnen alles, was Sie wissen wollen – alles, was ich weiß. Aber diese Fragen – ich weiß nicht mal, wovon Sie reden.« Der Verhörspezialist blickte auf ihn hinab und tät- schelte ihm sanft die Schulter. »Das werden wir schon sehen«, sagte er leise. »Das werden wir schon sehen.«, Er trat zu der Wand neben dem Vernehmungstisch, streckte den Arm aus und drückte auf zwei Schalter, auf denen in kyrillischer Schrift »Video« und »Audio« stand. Unmittelbar über dem Tisch leuchteten zwei ro- te Lämpchen auf, die anzeigten, dass die Videokamera und der Kassettenrekorder in Betrieb waren. Der Ver- hörspezialist nickte, ging in die eine Ecke des Raumes, wählte eine an einem Haken hängende Wachstuch- schürze aus und band sie um. Er winkte den Techni- kern und dem Arzt zu, die es ihm gleichtaten. Der Gefangene auf dem Tisch fing an zu schreien. Der Verhörspezialist blickte zu ihm und erteilte einem der Techniker einen kurzen Befehl, worauf dieser zum Tisch ging und ihn grob mit Klebeband knebelte. Der Arzt nahm auf der linken Seite des Gefangenen Platz und legte eine Luftmanschette zum Blutdruckmessen um dessen linken Arm. Dann öffnete er seine Tasche, bereitete eine Reihe von Injektionen vor, hauptsäch- lich Stimulanzien, und klebte das Stethoskop an der Brust des Mannes fest. Als er fertig war, nickte er dem Verhörspezialisten zu. Die Techniker, die erwartungsvoll neben den Wa- gen standen, betrachteten den Gefangenen so mitleid- los wie zwei Schlachter, die eine Rinderseite mustern. Schließlich setzte sich der Verhörspezialist wieder auf den Plastikstuhl und beugte sich dicht zu dem Eng- länder, der trotz des Knebels immer noch zu schreien versuchte. »Ruhig jetzt«, sagte er. »Sie hatten die Ge- legenheit, sich vernünftig zu verhalten. Jetzt müssen Sie die Folgen tragen.«, Der Verhörspezialist sagte kurz etwas auf Russisch und beugte sich vor, um den Technikern bei der Ar- beit zuzusehen. Er schätzte gern die Widerstandskraft seiner Opfer ein, und dieser Mann, davon war er über- zeugt, würde leicht zu brechen sein. Vier Minuten später fiel der Gefangene in Ohnmacht. Als der Arzt ihn wieder zur Besinnung gebracht hatte, fingen die Techniker erneut an. Dann rissen sie den Knebel ab, und die Vernehmung begann. Die Antworten stellten den alten Mann mit den unschuldigen blauen Augen immer noch nicht zufrieden, daher trat er vom Tisch zurück und bedeutete den Technikern, dass sie fort- fahren sollten. Als der Gefangene aufhörte zu schrei- en, stellte ihm der grauhaarige Mann die gleichen Fragen noch mal. Nach rund zwei Stunden hörten sie auf. Der Gefan- gene war in einen schweren Schock verfallen, und alle Bemühungen des Arztes und der Techniker waren er- folglos. Der Verhörspezialist stand auf und blickte ei- nen Moment lang auf den geschundenen Mann auf dem Tisch. Dann wählte er eine dünne Stahlsonde auf einem der Instrumentenwagen aus, die er sorgfältig durch den linken Augapfel des Gefangenen und tief in dessen Gehirn stieß. Zur Sicherheit nahm er sich anschließend auch das rechte Auge vor. Er zog die Sonde heraus, warf sie wieder auf den Instrumenten- wagen und wandte sich dann an den Cheftechniker. »Schafft ihn fort«, sagte er., Offiziell gibt es das Komitet Gossudarstwennoj Besopas- nosti, kurz KGB, nicht mehr, und manche Teile der al- ten Zentrale am Lubjanskaja Ploschtschad – ehemals Dserschinskij Platz – sind tagsüber sogar für Touris- tengruppen zugänglich. Die inneren Bereiche darf al- lerdings nach wie vor kein Besucher betreten, doch die Führer weisen nachdrücklich darauf hin, dass die- ses riesige Gebäude nicht mehr genutzt wird, nur mehr eine Gedenkstätte ist, eine Erinnerung an eine schlimme Vergangenheit, die das moderne, post- kommunistische Russland ein für alle Mal hinter sich hat. Doch wie so oft, ob in der alten Sowjetunion oder im heutigen Russland, entspricht die offizielle Darstel- lung nicht ganz der Wahrheit. Sicher, das KGB gibt es offiziell nicht mehr, aber ein neuer Dienst, das Slusch- ba Wneschnej Raswjedki Rossi oder SWR, hat dessen Aufgaben übernommen – jedenfalls die des Ersten Hauptdirektorats –, ohne dass sich, vom Namen ein- mal abgesehen, viel geändert hätte. Das SWR sitzt in dem rund 24 Hektar großen ehemaligen Bürokomplex des KGB in Jasenewo, einem am äußeren Stadtring ge- legenen Vorort im Süden von Moskau, und das ge- samte Personal besteht praktisch aus ehemaligen KGB-Mitarbeitern, von denen viele in ihren alten Bü- ros arbeiten und mit den gleichen Aufgaben betraut sind wie einst. Aber auch das alte Gebäude im Herzen von Mos- kau wird außerhalb der so genannten Besuchszeiten nach wie vor genutzt, und zwar zu fast den gleichen, Zwecken wie einst zur großen Zeit des KGB. Lub- janskaja Ploschtschad Nummer 2 strahlt eine Erha- benheit und Würde aus, die dem gesichtslosen neuen Komplex fehlt, und viele ranghohe Offiziere arbeiten lieber dort, wenn es ihre Aufgaben zulassen. Außer- dem eignet es sich gut für geheime Besprechungen und verdeckte Einsätze, die in Jasenewo nur schwer oder gar nicht durchführbar wären. Der grauhaarige Mann verließ den Kellerraum, nach- dem er seine Wachstuchschürze und den blutbespritz- ten weißen Kittel ausgezogen hatte, und fuhr mit dem Aufzug in den dritten Stock. Seine Schritte hallten auf dem Parkettboden wider, als er den hellgrün gestri- chenen Korridor entlangging. Dann hielt er vor einer Tür kurz inne und trat nach einem kurzen Klopfen in ein Konferenzzimmer. Er hatte das Klemmbrett in der Hand, auf dem er sich während der Vernehmung al- lerlei Notizen sowohl auf Englisch als auch in kyrilli- scher Schrift gemacht hatte. Die Audiokassetten wür- den später abgetippt werden, und die Videoaufnah- me, die in seiner Jackentasche steckte, wollte er im Lauf des Tages persönlich beim zuständigen Ministe- rium abgeben. Aber man erwartete von ihm, dass er umgehend mündlich Bericht erstattete. Zwei Männer saßen an einem wuchtigen alten Ei- chenholztisch, um den etliche nagelneue Bürostühle standen. Auf der linken Seite ein großer, schlanker Mann mit scharf geschnittenen Zügen, der die Uni- form eines Generalleutnants der Artillerie trug. Der, GRU – Glawnoje Raswediwatelnoje Uprawlenije, der eins- tige Nachrichtendienst des sowjetischen Generalstabs und jetzige Geheimdienst des russischen Militärs – hat keine eigenen Uniformen, daher trug Wiktor Grigo- rewitsch Bykow nach wie vor die Uniform seines frü- heren Regiments, in dem er offiziell immer noch dien- te. Er trank gerade einen Schluck türkischen Kaffee aus einer zierlichen Porzellantasse. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches saß ein ranghoher General des SWR, denn GRU und KGB waren sich noch nie ganz grün gewesen. Nikolai Fe- dorowitsch Modin war ehemals Leiter der Abteilung V des KGB gewesen – der für Sabotage, Entführungen und Mordanschläge zuständigen Einsatzabteilung. Ein stämmiger Mann, mittelgroß, mit eisengrauen Haaren und einem flachen slawischen Gesicht, der wie ein gewöhnlicher russischer Bauer wirkte, wenn er sich unter die Menschen mischte – was er in seinen ersten Dienstjahren beim KGB häufig getan hatte. Die ursprünglich als Abteilung dreizehn, Gebiet F, bezeichnete Abteilung V war 1969 neu organisiert und umbenannt worden, doch an ihrem Aufgabengebiet – im KGB-Jargon »mokrie dela« genannt – hatte sich nichts geändert. Der russische Ausdruck bedeutet so viel wie »nasse Sachen«, weil bei einem Großteil der Einsätze von Abteilung V Blut vergossen wurde. Beim Aufbau des SWR hatte sich der Titel des Generals ge- ändert, nicht aber seine Aufgaben. Als der Verhörspezialist den Raum betrat, stellte Bykow seine Tasse ab. »Nun?«, Der Verhörspezialist zuckte die Achseln, ging über den Teppichboden zu dem in Amerika hergestellten Perkolator und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Er trank einen Schluck von dem bitteren Gebräu und ließ sich auf einem Stuhl am anderen Ende des Tisches nieder. »Das habe ich gebraucht«, sagte er. Der GRU-Offizier trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch. »Nun?« »Nichts.« »Nichts?« Der grauhaarige Mann schüttelte den Kopf und stellte seine Tasse ab. Er reichte das Klemmbrett wei- ter. Nikolai Modin nahm es, überflog rasch die Noti- zen, legte es dann auf den Tisch und blickte auf. Wiktor Bykow griff über den Tisch, nahm das Klemmbrett und starrte darauf. »Ist er –?« Der Ver- hörspezialist nickte. Unwirsch warf Bykow das Klemmbrett hin und blickte angewidert auf die drei kleinen Blutflecken am Kragen des Verhörspezialis- ten. »Sie hätten Drogen benutzen sollen. Wir haben Ihnen genügend Zeit für eine gründliche Vernehmung gelassen. Ihre Methoden sind grob und überkom- men.« Modin ging dazwischen. »Wie das SWR zu seinen Auskünften kommt, ist nicht Ihre Sache, Genosse By- kow. Wir greifen zu den Methoden, die unserer Mei- nung nach angebracht sind.« »Ich bezweifle doch sehr, ob es angebracht ist, die- ses Tier« – Bykow deutete auf den Verhörspezialisten, der mit einem leichten Lächeln an seinem Kaffee nipp-, te – »auf eine derart heikle Angelegenheit anzusetzen. Wir beim GRU müssen heutzutage nur noch selten zu derart groben Methoden greifen.« Der Verhörspezialist stellte seine Tasse ab und er- griff das Wort. »Sie übersehen etwas, Genosse Gene- ral. Ich hatte keine Zeit für eine gründliche Verneh- mung – wenn der Vernommene Widerstand leistet, kann es tage- oder wochenlang dauern, bis man mit Drogen zu einem Ergebnis gelangt, und Sie wollten noch heute Bescheid wissen. Die –« »Unsinn«, unterbrach ihn Bykow. »Sie hätten –« »Nein, Genosse General, hätte ich nicht.« Der grau- haarige Mann hatte die Stimme erhoben, als er Bykow ins Wort fiel. Er lächelte jetzt nicht mehr, sondern schaute ihn mit seinen funkelnden blauen Augen ru- hig und ohne jede Gefühlsregung an. »Das ist mein Fachgebiet. Ich bin der Experte, und wenn ich Ihnen etwas erkläre, sollten Sie zuhören. Dann lernen Sie vielleicht noch etwas.« Modin lehnte sich zurück. Obwohl die Lage ernst war und trotz seiner persönlichen Abneigung gegen den Verhörspezialisten genoss er die Auseinanderset- zung beinahe. Bykow war wütend. »Was fällt Ihnen ein, so mit mir zu reden? Ich bin Generalleutnant des GRU –« »Genau deshalb darf ich Sie so anreden, wie es mir gefällt. Ich bin der ranghöchste Verhörspezialist des SWR. Weder Sie noch irgendein anderer Mitarbeiter des GRU hat auch nur die geringste Befehlsgewalt über mich. Das sollten Sie bedenken.«, »Das reicht, alle beide«, warf Modin ein. Er deutete auf den Verhörspezialisten. »Fahren Sie mit Ihrem Be- richt fort.« »Danke, Genosse General. Mit Vergnügen, und nach Möglichkeit« – er warf Bykow einen scharfen Blick zu – »ohne weitere wenig sachdienliche Kom- mentare oder Unterbrechungen.« Er wandte sich an den SWR-Offizier. »Ich gebe zu, dass meine Methoden grob sind, aber sie führen rasch zum Erfolg. Alle mei- ne Vernehmungen haben das gewünschte Ergebnis gebracht, so auch in diesem Fall.« »Blödsinn«, entgegnete General Modin, der zum Klemmbrett griff und damit herumfuchtelte. »Hier steht nichts, was auch nur von geringstem Nutzen für uns ist. Das Projekt wird nicht ein einziges Mal er- wähnt.« Der Verhörspezialist lächelte. »Ganz recht, Genosse General. Weil der Vernommene keine der Fragen, die ich ihm in Ihrem Auftrag stellen sollte, beantworten konnte.« Modin dachte einen Moment lang darüber nach. »Sind Sie sich dessen sicher – völlig sicher?« »Ganz sicher. Wenn er etwas gewusst hätte, hätte er es mir bestimmt verraten. Er hätte mir alles verraten. Einfach alles.« Der Verhörspezialist lachte in sich hi- nein und griff wieder zu seiner Kaffeetasse. Modin starrte ihn voller Verachtung an. »Gehen Sie«, sagte er dann. Der Verhörspezialist hörte auf zu lächeln und blick- te Modin mit ausdrucksloser Miene an. Dann stellte er, die Tasse samt Untertasse vorsichtig auf den Tisch, stand auf, verbeugte sich leicht vor dem hohen Offi- zier und ging wortlos aus dem Zimmer. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, blickte Modin über den Tisch. »Er hätte es doch wissen müs- sen, nicht wahr?«, fragte er. »Wer?« Bykow wusste nicht genau, was der SWR- Offizier meinte. »Der Brite. Wenn hier in Moskau jemand etwas ge- wusst haben könnte, dann wäre er es gewesen, oder?« »Auf jeden Fall. Angesichts der Stellung, die er be- kleidete, hätte er es wissen müssen. Aus welchem Grund hätte er seinen Stellvertreter sonst nach Sosno- gorsk schicken sollen? Welche anderen Schlüsse hät- ten wir daraus ziehen sollen?« Modin schüttelte den Kopf. »Und alles war um- sonst. So ein Wahnsinn.« Sein Tonfall klang, als ob er die Sache aufrichtig be- dauerte. Nikolai Modin hatte im Laufe seiner langen und erfolgreichen Tätigkeit beim KGB viele – viel zu viele – Menschen liquidieren lassen, doch er hatte sich stets persönlich davon überzeugt, dass jeder von ih- nen den Tod verdient hatte. Dass er jeden einzelnen Fall gewissenhaft bis ins kleinste Detail nach- und überprüfte, war für ihn nicht nur eine Ehrensache – dadurch zeichnete sich seiner Meinung nach ein Offi- zier des Nachrichtendienstes aus. Im »Schattenreich der Zerrspiegel«, wie die Welt der Geheimdienste treffend genannt wird, gibt es nur wenige Regeln, doch an eine halten sich fast alle, Nachrichtendienste: Ohne einen triftigen Grund li- quidiert man keinen Agenten der Gegenseite. Man scheut davor nicht etwa aus Mitgefühl oder Achtung vor dem menschlichen Leben zurück, sondern weil es aus einsatztechnischen Erwägungen notwendig ist. In diesem Beruf lebt man mit der steten Gefahr, dass eine einzige Exekution zu einer Welle von Festnahmen und Morden führen kann – einem Privatkrieg –, und so etwas kann kein Dienst gebrauchen. Und weil man nichts mehr fürchtet, kann es durchaus vorkommen, dass man bei einer unumgänglichen Liquidierung die zuständige Dienststelle des toten Agenten verständigt, sich entschuldigt und seine Vorgehensweise zu recht- fertigen versucht. Modin hatte nicht den geringsten Zweifel bezüglich der wahren Identität des Mannes, dessen Leiche im Keller bereits erstarrte. Er wusste, wer er war und für welchen Dienst er tätig gewesen war – das hatte er schon seit der Ankunft des Engländers in Moskau gewusst. Wenn er bei der Vernehmung die Antworten gegeben hätte, die sowohl er als auch Bykow erwartet hatten, hätte Modin den Tod des Mannes vielleicht für vertretbar gehalten. Doch der Verhörspezialist hatte nichts in Erfahrung gebracht, und das beunruhigte ihn. Der GRU-Offizier, der die Unsicherheit des Älteren spürte, ergriff wieder das Wort. »Der Befehl von Mi- nister Truschenko war eindeutig. Wir mussten ihn be- folgen – mussten sichergehen. Uns blieb nichts ande- res übrig.«, Modin nickte. »Ich weiß. Manchmal frage ich mich bloß, ob wir uns richtig verhalten – selbst wenn er Recht hat.« »Auf unsere persönliche Meinung kommt es nicht an«, sagte Bykow. »Wir sind schon zu weit gegangen. Wir können die Sache nicht mehr aufhalten. Wir müs- sen sie durchziehen. Wir haben keine andere Wahl. Wir handeln zum Wohle Russlands, zum Wohle aller Russen.« Der gute alte Bykow, dachte Modin. Man konnte sich darauf verlassen, dass er stets einen Wahlspruch der Partei zitierte. Er stand auf, ging zum Fenster und schaute durch das kugelsichere Glas auf den Lub- janskaja Ploschtschad. Um diese frühe Morgenstunde ruhte Moskau noch; kaum ein Auto und nur wenige Fußgänger waren zu sehen. Bedrückt blickte er zur Mitte des Platzes, wo bis zu den wahnwitzigen Jah- ren, die auf Glasnost und Perestroika folgten, die einst von Chruschtschow zu Ehren des KGB errichtete Sta- tue von Feliks Dserschinskij gestanden hatte, dem Be- gründer der Tscheka, der mit blinden Augen den Marx-Prospekt entlang in Richtung Ploschtschad Re- woljuzii gestarrt hatte – dem Revolutionsplatz. Das waren bessere Zeiten gewesen, aber vielleicht durfte man wenigstens hoffen – mehr erwartete Modin gar nicht –, dass sie wiederkehrten, wenn das Projekt ge- lang. Modin straffte die Schultern, drehte sich um und kehrte forschen Schrittes an den Tisch zurück. Die Unsicherheit war verflogen. »Hoffentlich hat er Recht. Ihnen ist doch klar, was das heißt, nicht wahr?«, Bykow, der die Notizen las, die sich der Verhörspe- zialist gemacht hatte, blickte auf und nickte. »Ja«, sag- te er. »Das heißt, dass die Briten nichts wissen. Folg- lich können sie den Amerikanern auch nicht Bescheid gesagt haben.«, Donnerstag Radarstation Petschora, Distrikt Komi, Gemeinschaft unabhängiger Staaten »Genosse Oberst.« Der junge Offizier klang so aufge- regt, dass Witali Jasow raschen Schrittes durch den Raum ging. »Ja, Hauptmann? Was ist los?«, fragte Oberst Jasow, während er sich über die Schulter des jungen Mannes beugte und auf die Bildschirme blickte. Hauptmann Krijuschkow schüttelte den Kopf. »Jetzt ist es wieder weg. Ein fester Kontakt, der zeit- weise abreißt. In großer Höhe – weder ein Satellit noch Weltraummüll, soweit ich das feststellen kann.« »Aus welcher Richtung und in welcher Entfer- nung?«, fragte Jasow. Der Hauptmann deutete auf den Bildschirm. »Da. Fast genau im Norden, etwa achthundert Kilometer entfernt. Es nähert sich schnell.« Krijuschkow hatte je- den einzelnen Radarkontakt mit einem elektronischen Marker auf seinem Bildschirm gekennzeichnet. Auf jedem Marker war der Zeitpunkt angegeben, zu dem das Objekt erfasst worden war, dazu die geschätzte Höhe, die Geschwindigkeit und der Kurs. Das Large Phased-Array Radar (LPAR), im Nato-, Jargon als »Hen House« – »Hühnerhaus« – bezeich- net, dient zum Aufspüren ballistischer Raketen, zur Satellitenüberwachung sowie als elektronischer Feld- herrnhügel. Im Norden Russlands stehen etliche die- ser Radarstationen, unter anderem in Murmansk, in Mukatschewo, Baroniwitschi, Skrunda und Petschora. Das LPAR soll vor allem den hohen Luftraum vor der russischen Landmasse überwachen, deshalb wurde das Objekt nur ab und zu von den untersten Radar- schirmen erfasst. Oberst Jasow kratzte sich nachdenklich am Nacken. »Erster Kontakt über der Kara-See«, murmelte er. »Auf Südkurs.« Er beugte sich vor den Bildschirm und musterte die Angaben zur Geschwindigkeit und Höhe des unbekannten Flugobjekts, das von den Ra- darschirmen erfasst worden war. »Mach drei, in über zwanzigtausend Metern Höhe.« Er richtete sich auf, deutete auf den Bildschirm und erteilte seine Anweisungen. »Melden Sie jeden weite- ren Kontakt mit diesem Objekt. Kennzeichnen Sie es als Feind eins und stellen Sie sofort den voraussichtli- chen Kurs fest. Ich muss Moskau verständigen.« Der Hauptmann drehte sich verdutzt um. »Wissen Sie etwa, was das ist?«, fragte er. Jasow nickte. »Ja. Ich glaube schon. Aber ich begrei- fe das nicht.«, Britische Botschaft, Sofijskaja Nahereschnaja Nr. 14, Moskau »Tut mir Leid, Mr. Willis, aber mir ist wirklich nicht ganz klar, was Sie hier wollen. Ich kann Ihnen versi- chern, dass das Botschaftspersonal durchaus in der Lage ist, die Sache von hier aus zu erledigen.« Der stämmige Mann in dem zerknitterten Anzug blickte über den Schreibtisch. Er hatte nicht viel für Diplomaten übrig, und Diplomaten, deren Fähigkei- ten in Frage gestellt wurden, waren noch mimosen- hafter als üblich. Er strich sich mit der Hand durch die widerspenstigen schwarzen Haare und versuchte es erneut. »Ich versichere Ihnen, Sekretär Horne, dass niemand Ihrem Botschaftspersonal unterstellen will, es sei der Sache nicht gewachsen. Ich bin aus dreierlei Gründen hier. Ich muss dafür sorgen, dass Mr. Newmans Lei- che so schnell wie möglich nach Großbritannien über- führt wird. Außerdem hat man mich gebeten, ein paar von Mr. Newmans persönlichen Habseligkeiten für seine Angehörigen zusammenzutragen. Ich bin aber vor allem deshalb in Moskau, weil ich erste Ermitt- lungen zu den Umständen des Unfalls durchführen soll.« Er holte tief Luft und hob die Hand, um jeden Einwand im Keim zu ersticken. »Es könnte durchaus zu gewissen internationalen Misshelligkeiten kom- men, und meine Firma ist zu keiner Auszahlung be- reit, solange der Unglücksfall nicht gründlich durch- leuchtet wurde.«, William Horne, der Erste Sekretär an der Botschaft Ihrer Majestät in Russland und der Gemeinschaft un- abhängiger Staaten, blickte über seinen glänzenden Schreibtisch und wandte sich dann wieder dem Emp- fehlungsschreiben zu, das er fünfzehn Minuten zuvor überreicht bekommen hatte. Horne war groß und schlank und hatte sich für seine fünfundfünfzig Jahre gut gehalten. Er war ein Karrierediplomat, der hohe Ansprüche ans Leben stellte, völlig in seiner Arbeit aufging und damit rechnete, dass er im nächsten Jahr zum Botschafter ernannt werden würde. Er legte gro- ßen Wert darauf, dass der Betrieb in der Botschaft rei- bungslos ablief, und mochte keine ungebetenen Besu- cher, die ihre Nase in Angelegenheiten steckten, die sie nichts angingen. Dieser Willis, davon war er über- zeugt, machte ihm garantiert Schwierigkeiten – er strahlte eine gefährliche Ruhe aus, die Horne ziemlich enervierend fand –, aber ihm fiel kein triftiger Grund ein, um ihn rausschmeißen zu lassen. Sein Eindruck jedoch war völlig richtig. Der Mann, der sich Willis nannte, aber eigentlich Paul Richter hieß, hatte nicht die geringste Ahnung vom Versicherungsgeschäft und scherte sich auch nicht darum. Er saß geduldig da und wartete, ohne etwas zu sagen, während er Horne teilnahmslos an- schaute. Richter war sich darüber im Klaren, dass sei- ne Kleidung nach dem hastigen Packen und dem lan- gen Flug in der Economy-Klasse etwas zerknittert war, was durch Hornes professionelle Eleganz umso mehr auffiel. Auf Äußerlichkeiten hatte Richter noch nie viel, Wert gelegt – weder bei sich noch bei anderen –, und Hornes tadellos sitzender Anzug und die auf Hoch- glanz gewienerten Schuhe amüsierten ihn eher, als dass sie ihn beeindruckten. Während seiner Dienstzeit als Offizier der Royal Navy hatte einmal jemand ge- sagt, Richter sehe aus wie ein schlecht gepackter Fall- schirm – eine durchaus zutreffende Beschreibung. Horne nahm die randlose Brille von seiner großen, leicht gekrümmten Nase, zückte ein makelloses Ta- schentuch und putzte damit die Gläser. Dann setzte er die Brille wieder auf, blickte über den Schreibtisch hinweg und schürzte die schmalen Lippen. »Das ist höchst ungewöhnlich. So viel Umstände hat man sich letztes Jahr nicht gemacht, als der Zweite Sekretär verstarb – allerdings ist er nicht bei einem Verkehrs- unfall umgekommen.« »Außerdem war er nicht bei unserer Firma versi- chert, Sir. Wir können mit Stolz darauf verweisen, dass wir gerade bei tödlichen Unglücksfällen im Aus- land besonders gründliche Nachforschungen anstel- len. Leider gibt es auch andere Unternehmen, die ihre Pflichten weit weniger ernst nehmen.« Richter beugte sich vor und bemühte sich darum, wie ein Versiche- rungsvertreter zu wirken, der einen Abschluss wittert. »Falls Sie interessiert sind, könnte ich –« »Nein, vielen Dank, Mr. Willis. Ich bin diesbezüg- lich bereits bestens versorgt.« Horne warf einen weite- ren Blick auf den Brief, dann wandte er sich wieder an Richter. »Na schön. Was genau erwarten Sie von uns?«, Richter lächelte. »Vielen Dank. Ich würde mir gern Mr. Newmans Leichnam ansehen – nicht zur Identifi- kation, die wird offiziell von seinen nächsten Anver- wandten in Großbritannien vorgenommen werden, aber ich möchte mich davon überzeugen, dass die Verletzungen, die der russische Arzt auf dem Toten- schein vermerkt hat, mit denen an der Leiche überein- stimmen.« Richter beugte sich erneut vor und senkte leicht die Stimme. »Man weiß ja, Sekretär Horne, dass manche russischen Ärzte einen Totenschein ausstel- len, ohne den betreffenden Leichnam jemals zu Ge- sicht bekommen zu haben. Einfach aus Gefälligkeit gegenüber den Behörden.« »Das habe ich noch nie gehört«, erwiderte Horne. Richter auch nicht, bis er es gesagt hatte, aber er nickte ernst und wiederholte es. »Außerdem möchte ich mir gern das Fahrzeug ansehen, mit dem Mr. Newman zum Zeitpunkt seines Todes unterwegs war. Und ich möchte mich in seinem Büro und seiner Wohnung umsehen.« »Was wollen Sie denn in seinem Büro und in der Wohnung?«, fragte Horne. »Das hat nichts mit den Versicherungsansprüchen zu tun«, entgegnete Richter. »Wie schon gesagt, Mr. Newmans Angehörige haben meine Firma gebeten, ihnen ein paar persönliche Gegenstände mitzubrin- gen, die sie gern zurück hätten, bevor man ihnen seine ganze Habe überstellt. Das ist alles.« »Das ist mir ganz und gar nicht recht, aber ich nehme an, uns bleibt kaum etwas anderes übrig.«, Richter, der sich jeden Kommentar dazu verkniff, stand auf. Horne erhob sich ebenfalls, warf einen ab- fälligen Blick auf Richters mitgenommene Kleidung und bot ihm seine schlaffe Hand zum Gruß. Richter schüttelte sie und schaute ihn fragend an. »Wenden Sie sich an Erroll. Die dritte Tür rechts. Er wird alles Notwendige veranlassen.« Aspen drei-vier »Wir sind erfasst – ich empfange ab und zu Radarsig- nale von einem der tiefen Hen-House-Schirme, ver- mutlich Petschora.« »Roger«, bestätigte Major Frank Roberts knapp und überprüfte wieder seine Instrumente. Im Cockpit des SR-71A Blackbird, der in knapp fünfundzwanzig Ki- lometern Höhe mit dreifacher Schallgeschwindigkeit flog, war es nahezu lautlos, da das Donnern der Triebwerke in weiter Ferne hinter der Maschine ver- hallte. Rund sechs Minuten vergingen, in denen sich der Blackbird dem russischen Luftraum um weitere zweihundert Meilen näherte. »Dreißig-Zentimeter-Radar«, meldete Paul James, der für die Aufklärungssysteme zuständige Offizier. »Okay. Stell es ruhig, solange du kannst.« Vier Minuten später, nachdem sie weitere hundert- dreißig Meilen zurückgelegt hatten, konnten sie es nicht mehr ruhig stellen. »Das nächste Dreißig- Zentimeter-Gerät. Außerdem empfange ich zwei, Zehn-Zentimeter-Radars und ein schwaches Feuerleit- radar. Offenbar wissen die, dass wir hier sind. Störe jetzt das Zehn- und das Dreißig-Zentimeter-Band.« »Jawohl. Fragt sich bloß, ob die hier in der Gegend irgendwas haben, mit dem sie uns erwischen kön- nen?« »Hoffentlich nicht. Nähern uns dem Zielgebiet. Be- reithalten zum Abdrehen nach Steuerbord. Jetzt ab- drehen nach Steuerbord, auf Kurs zwo-drei-null blei- ben. Kameras und Sensoren sind aktiviert.« Die Aufklärungskameras und Strahlungsdetektoren waren in Betrieb, als das Flugzeug um 10.49 Uhr über Workuta hinwegflog und die Bolschesemelskaja- Tundra überquerte. Und wenn nichts dazwischen- kam, sollten sie auch bis Schenkursk, südöstlich von Archangelsk an der Waga gelegen, in Betrieb bleiben. Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten Das Netz der russischen Luftabwehr ist so engma- schig und weit gespannt wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Radarüberwachungs- und Abfangeinheit, in der Nato mit dem Kürzel RSIU (Radar Surveillance Intercept Unit) bezeichnet, verfügt über tausende von Radarstationen und Luftabwehrraketenstellungen, die an den Grenzen der Gemeinschaft unabhängiger Staa- ten postiert sind. Der Oberst in Petschora hatte in kür- zester Zeit erkannt, worum es sich bei dem unbekann-, ten Flugobjekt handelte, doch als er per Direktleitung das IA-PVO-Hauptquartier in Moskau erreichte, wusste man dort bereits Bescheid. Zwei an der Nord- grenze stehende Radargeräte der RSIU hatten den Eindringling gleichzeitig erfasst, als er sich rund zweihundertachtzig Meilen nördlich von Amderma befand. Aber ob man ihn abfangen konnte, stand auf einem ganz anderen Blatt. Laut Einsatzplanung müssen auf jedem PVO- Stützpunkt mindestens zwei Abfangjäger ständig startbereit sein. Das heißt, dass die Maschinen aufge- tankt und munitioniert sind und die Piloten im Cock- pit sitzen und nur auf den Befehl warten, die Trieb- werke zu zünden. Der voraussichtliche Kurs der unbekannten Ma- schine, den Oberst Jasow nach Moskau durchgegeben hatte, stimmte mit den Berechnungen überein, die man auch bei der PVO angestellt hatte. Der Startbe- fehl für die Abfangjäger war an drei Fliegerhorste er- gangen, die der ermittelten Route am nächsten lagen – einer östlich von Narjan-Mar, einer südlich von Sale- chard und der dritte in der Nähe von Sergino –, und mit der Einsatzleitung wurde das PVO-Hauptquartier im Bezirk Archangelsk betraut. »Verstanden. Wir übernehmen die Leitung«, wie- derholte Oberstleutnant Kabalin, legte den Telefonhö- rer auf und blickte hoch. »Wo ist er jetzt, Privalow?«, erkundigte er sich und rollte mit seinem Stuhl ein Stück nach rechts, damit er den Bildschirm sehen konnte, vor dem sein Chefkontrolleur saß., Der Blackbird hatte soeben wie geplant über Wor- kuta in Richtung Südwesten beigedreht. »Er hat gera- de beigedreht. Der neue Kurs von Feind eins liegt bei ungefähr zwo-vier-null Grad, Geschwindigkeit un- verändert bei Mach drei. Wenn er nicht noch mal bei- dreht, führt ihn das« – der junge Leutnant warf einen raschen Blick auf den Bildschirm – »über die Bolsche- semelskaja-Tundra«, fügte er mit einem verdutzten Stirnrunzeln hinzu. »Kümmern Sie sich nicht darum, wohin er fliegt«, entgegnete Kabalin. »Konzentrieren Sie sich darauf, dass wir ihn aufhalten.« »Jawohl.« Leutnant Privalow drückte etliche Knöp- fe, um festzustellen, welche Jägertypen in der Luft waren, wobei gleichzeitig die Angaben zu deren Höchstgeschwindigkeit in den Computer eingespeist wurden. Dann schaltete er die berechneten Flugvekto- ren hinzu, elektronisch erzeugte Linien, anhand derer er die voraussichtliche Route der Maschinen anhand ihrer derzeitigen Geschwindigkeit und ihres Kurses erkennen konnte. »Die einzigen Maschinen, die den Amerikanern nahe kommen können, sind die zwei MiG-29 aus Narjan-Mar, und die können die Höhe nicht erreichen.« »Nein«, räumte Kabalin ein, »aber ihre Raketen. Privalow«, befahl Oberstleutnant Kabalin, »Sie über- nehmen das Abfangmanöver. Wetrow«, rief er dem zweiten Radarbeobachter vom Dienst zu, »erteilen Sie sofort Startbefehl für sämtliche Abfangjäger in unse- rem Bereich. Lassen Sie sie in Gipfelhöhe in Stellung, gehen, aber geben Sie noch keine Abfangvektoren durch.« Leutnant Wetrow nickte, drückte auf die Rundsendetaste an seiner Konsole und sprach in das Kopfhörermikrofon. »Galkin«, fuhr Kabalin fort, »Sie übernehmen die Leitung der vier MiG-25.« »Rufen wir sie zurück?«, fragte Leutnant Galkin. »Natürlich nicht«, erwiderte Kabalin scharf. »Was machen wir, wenn der Amerikaner wieder den Kurs ändert? Sie sollen an ihm dranbleiben. Befehlen Sie ihnen, den Amerikaner mit Höchstgeschwindigkeit zu verfolgen«, fügte er hinzu. »Und außerdem soll die Führungsmaschine augenblicklich ihr Feuerleitradar aktivieren.« »Warum?«, fragte Galkin verwundert. »Schauen Sie auf Ihren Bildschirm«, sagte Kabalin. »Wenn der Amerikaner das Radar der MiG-25 ortet, dreht er vielleicht ab, genau auf die MiG-29 zu. Und noch was, Privalow«, fügte Kabalin hinzu. »Die Befeh- le aus Moskau sind eindeutig. Keine Warnschüsse, keine Bitten um Bestätigung an uns. Sobald die MiG- 29 Radarkontakt haben, sollen sie angreifen.« Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr 14, Moskau Simon Erroll, vom jüngeren Botschaftspersonal selbst- verständlich Flynn genannt, erinnerte eher an einen Rugbyspieler als an einen Diplomaten, aber er erwies sich als weitaus gastfreundlicher denn William Horne., Zwar empfing er den unerwarteten Besucher nicht ge- rade mit offenen Armen, aber er ließ Kaffee und Bis- kuits bringen, während er sich weiter seiner Arbeit widmete. »Wichtige Sachen«, wie er sagte. »Das ver- stehen Sie doch sicher, alter Knabe.« Richter versicher- te ihm, dass er vollstes Verständnis habe, nahm Platz und wartete. Richter war gut im Warten. Nachdem er die drei obersten Akten in seinem Ein- gangskorb erledigt hatte, schenkte Erroll Richter drei Minuten lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit und ließ sich dessen Wünsche erklären. »Kein Problem. Newmans Leiche ist sogar hier – wir haben einen kleinen Kühlraum im Keller. Die Russen haben sie gestern überstellt. Wenn Sie wollen, können wir gleich runtergehen.« Erroll führte ihn einen antiseptisch weißen Keller- flur entlang zu zwei Lattentüren. Er öffnete die rechte, schaltete das Licht an und trat in eine winzige, allen- falls zehn Quadratmeter große Kapelle, deren eine Seitenwand mit zwei dunkelroten Vorhängen ver- hängt war. Ein kleines silbernes Kreuz, das an der an- deren Wand hing, war das einzige Schmuckstück. »Einen Moment, ich hole den Wagen. Dann können wir ihn rausziehen.« Erroll drückte auf einen Knopf, worauf sich die Vorhänge mit einem leisen Surren öff- neten und den Blick auf einen Wagen und eine vom Boden bis zur Decke reichende Kühlraumtür freigaben. Auf der Oberseite des Wagens befanden sich zwei pa- rallele Rollenreihen, auf denen man eine Bahre lagern konnte. Er öffnete die Kühlraumtür, kurbelte den Wa-, gen hoch, bis die Ablage auf gleicher Höhe mit dem ent- sprechenden Schubfach stand, dem einzigen, das zurzeit belegt war, und zog die Bahre mit einem Griff heraus. »Habe in den Ferien mal im Leichenschauhaus ge- arbeitet, als ich in Oxford war«, sagte er fröhlich, als er den Wagen wieder absenkte, und löste die Sicher- heitsnadeln, mit denen das Laken über dem Leichnam zusammengehalten wurde. »Spannende Arbeit«, fügte er hinzu, »wenn auch ein bisschen gruslig.« Er hielt kurz inne und schaute Richter an. »Ich sollte Sie lieber darauf hinweisen, dass er keinen schönen Anblick bietet. Er hatte nur einen Beckengurt angelegt und ist mit dem Kopf aufgeschlagen, daher ist sein Gesicht ziemlich zermatscht. Das ist der Ärger bei die- sen billigen Russenautos – die haben keinerlei Polste- rung am Armaturenbrett. Nichts als blankes Blech. Außerdem hat das Wrack Feuer gefangen, deshalb die Brandwunden an Armen und Oberkörper.« Richter nickte, zog ein Notizbuch aus der Tasche, schrieb oben auf die erste leere Seite »Graham New- man« und darunter »Verletzungen«, dann unterstrich er beides. Mit elegantem Schwung zog Erroll das Laken weg. Aspen drei-vier Um 10.53 Uhr bemerkte Captain Paul James die Miko- jan-Gurewitsch MiG-25 Foxbat. »Feuerleitradar – Fox Fire. Sämtliche ECM aktiviert.«, Gegen die Foxbat müssen hochmoderne ECM (Elec- tronic Counter-Measures) – elektronische Abwehrmaß- nahmen – eingesetzt werden. Bloßer Störfunk nützt nichts gegen die schiere Kraft des Fox-Fire-Radars mit seinen 600 Kilowatt Leistung, zumal die Russen nach wie vor auf störungssichere Röhrentechnologie setzen statt auf kompakte Elektronik. Frank Roberts schob die Triebwerkregler auf volle Leistung. Höhe und Geschwindigkeit waren das Ein- zige, was er verändern durfte. Die Einsatzplanung hatte ihm nachdrücklich zu verstehen gegeben, dass er nur im äußersten Notfall vom vorgegebenen Kurs abweichen dürfe. »Wo ist sie?« »Kein Kontakt. Okay, jetzt ist Kontakt da. Fünfund- zwanzigtausend Fuß unter und siebenundzwanzig Meilen hinter uns. Abstand wird größer. Kein Rake- tenabschuss, keine Gefahr. Nimm Speed weg.« Um 11.01 Uhr, als der Blackbird in achtzigtausend Fuß Höhe wieder mit steten Mach drei genau auf dem vorgegebenen Kurs flog, bemerkte Paul James die nächste, dringlichere Gefahr. »Empfange MiG-29-Ful- crum-Feuerleitradar. Zwei Kontakte, beide auf grün zwo-null, Entfernung vierzig, bei fünfzigtausend Fuß, langsam steigend und auf Abfangkurs.« »Bewaffnung?« »Vermutlich hat jede AA-9- und AA-10-Raketen, da- zu eine 30-Millimeter-Kanone. Die Raketen suchen ihr Ziel selber.« »Höchste Reichweite?« »Zwanzig Meilen bei den AA-9, zehn bei den ande-, ren. Halte die Höhe – hier können uns die Fulcrums nicht erreichen –, aber beschleunige auf drei-Komma- drei.« Der Blackbird schoss wieder schneller dahin, als Frank Roberts volle Schubkraft gab. Fünfzehn Sekun- den später meldeten die SR-71A-Systeme Raketenab- schüsse. Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr. 14, Moskau Die Leiche war teils schwarz verbrannt, teils weiß und wächsern, eine Folge der nach dem Tod eintretenden Hypostase – wenn das Blut sich in den unteren Kör- perteilen staut –, und was das Gesicht anging, hatte Erroll nicht übertrieben. Es war ein einziger Brei, als solches nicht mehr zu erkennen, nur noch rohes, zer- fetztes Fleisch, aus dem weiße Zähne und Knochen hervorstachen. Richter streckte die Hand aus und be- tastete den Schädel, spürte die Risse und Ränder, wo der Knochen gebrochen war. Erroll schaute ihn fragend an. »Sie hatten schon öf- ter mit Leichen zu tun, was?«, fragte er. »Ich habe ge- dacht, Sie kippen um. Geht vielen Leuten so, müssen Sie wissen, vor allem bei denen, wo man zuallerletzt damit rechnet. Ich nehme an, Sie sind schon öfter im Leichenschauhaus gewesen, um einen Klienten zu iden- tifizieren.« »So in etwa«, erwiderte Richter, während er »Schä-, delbrüche« in sein Notizbuch schrieb. »Könnten Sie das Laken bitte ganz wegziehen – ich würde mir gern die anderen Wunden ansehen.« Der Körper war durch den Aufprall kaum in Mitleidenschaft gezogen wor- den, wenn man von den schweren Schädelverletzun- gen einmal absah. Richter untersuchte die Gliedma- ßen und den Leib, tastete nach Brüchen und Schwel- lungen, aber außer einem gebrochenen Schlüsselbein und zwei, drei Rippenbrüchen fand er nichts, was no- tierenswert gewesen wäre. Die Hände waren im Feuer völlig verkohlt, nur mehr schwarz verkrümmte Klau- en, aber ansonsten hatte es bis auf ein paar oberfläch- liche Verbrennungen kaum Schaden angerichtet. Er beugte sich noch eine Zeit lang über die Leiche und machte sich ein paar kurze Notizen, aber im Grunde genommen war er mit seiner Untersuchung längst fer- tig. Die Verletzungen entsprachen in etwa dem, was er erwartet hatte. Aber er hatte vor allem auf eines ge- achtet, und das hatte er nicht gefunden. Aspen drei-vier »Die Vögel sind los – vier Abschüsse, fast gleichzeitig. Wahrscheinlich die AA-9. Abfangjäger auf fünfund- sechzigtausend Fuß, Entfernung zwanzig.« »Roger.« »Störfunk und ECM aktiviert. Raketen fünfzehn Meilen entfernt – drei auf Abfangkurs. Eine schert aus – hat vermutlich Radarkontakt verloren.« Zwanzig, Sekunden verstrichen. »Zweite Rakete schert aus. Noch zwei auf Radarkontakt. Schalte Zielgenerator ein.« Das Prinzip des Radars besteht darin, dass eine elekt- romagnetische Welle gesendet und an Hindernissen, wie zum Beispiel einem Flugzeug, im Ausbreitungs- bereich der Strahlung reflektiert wird. Aus der Zeit- differenz zwischen dem Aussenden der Signale und dem Empfang des Echos wird die Entfernung des Ziels bestimmt; die Richtungsbestimmung wiederum erfolgt aufgrund der Strahlrichtung der Antenne für gleichzeitiges Senden und Empfangen. Auf diese Wei- se kann man das Ziel genau orten und die zum Ab- fangen nötigen Raketen oder Jagdflugzeuge einsetzen. Der von Sanders Associates hergestellte Generator vom Typ AN/ALQ-100 dient dazu, das Radar zu stö- ren, indem er auf der gleichen Frequenz ein weitaus stärkeres Echo erzeugt, das den eigentlichen Radar- impuls überlagert und ein falsches Ziel vorgibt, das ein ganzes Stück vom erfassten Flugzeug entfernt ist. Paul James stellte mit Hilfe des Radarwarngeräts fest, auf welcher Frequenz die beiden anfliegenden AA-9-Raketen arbeiteten, gab die entsprechenden Da- ten in den AN/ALQ-100 ein und aktivierte das Sys- tem. Dann wartete er. »SITREP?« Roberts leicht angespannter Unterton war der einzige Hinweis darauf, dass er unter Stress stand. »Okay. Beide Raketen haben Radarkontakt verlo- ren. Sie haben die falschen Ziele erfasst und müssten, in knapp einer Minute etwa zehn Meilen hinter uns detonieren. Abfangjäger sind jetzt außer Reichweite. Geh in dreißig Sekunden wieder auf Mach drei.« Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten »Das Abfangmanöver ist misslungen, Oberstleut- nant«, sagte Privalow und lehnte sich zurück. »Ab- fangjäger eins meldete, dass zwei Raketen Radarkon- takt verloren haben und die anderen zwei weit hinter dem Ziel explodiert sind«, erklärte er. »Möglicherwei- se haben die Amerikaner die Zielpeilung gestört.« »Wo sind die anderen Abfangjäger?«, fragte Kaba- lin an Wetrow gewandt. »Wir haben sechs Rotten in der Luft. Sie halten ihre Höhe und warten auf Abfangvektoren. Ich habe sie so in Position gebracht, dass sie den Amerikaner in die Zange nehmen können.« Wetrow deutete auf den Bildschirm und wies auf die Jäger, die alarmiert wor- den waren. »Hier, in Murmansk, in Kirow, in Gorki, dazu zwei Rotten nördlich von Moskau und eine Rot- te MiG-31 bei Riga.« Kabalin dachte einen Moment lang nach. »Wenn ich diese Maschine fliegen würde«, sagte er, »würde ich die Gegend so schnell wie möglich verlassen wollen.« Er verfolgte den Kurs des Blackbird in Richtung Süd- westen und schätzte die Entfernung bis zur Grenze des Überwachungsgebiets ab. »Ich vermute, dass sie, nach Westen oder Nordwesten abdrehen und über Finnland abhauen wollen. Und der Großteil unserer Abfangjäger steht südlich vom voraussichtlichen Kurs des Amerikaners.« Nachdenklich rieb er sich das Kinn. »Nun«, sagte er und griff zu einem Telefon. »Dagegen müssen wir etwas unternehmen.« Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr. 14, Moskau »Was ist das?«, fragte Erroll und deutete auf die Lei- che. Ein paar Zentimeter unterhalb der Schulter zog sich eine schmale, nahezu gerade und leicht blutunter- laufene Strieme quer über die Brust. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Richter, während er die Verletzung musterte. »Vielleicht stammt das vom Aufprall aufs Lenkrad, aber dazu ist die Strieme ei- gentlich zu geradlinig.« Als Erroll die Sicherheitsna- deln wieder anbrachte, fragte Richter, wie sie den Leichnam identifiziert hatten. »Kein Problem. Newman war irgendwo unterwegs und befand sich auf dem Rückweg zur Botschaft, als er auf einen geparkten Lastwagen auffuhr, der Stahl- träger geladen hatte. Er hatte alle Papiere bei sich, und außerdem war die Vignette der Botschaft auf den Über- resten der Windschutzscheibe. Sie haben ihn aus dem Wagen geschnitten, ins Krankenhaus gebracht, festge- stellt, dass er tot ist, und uns dann angerufen.« Richter nickte und half ihm, das Schubfach wieder, in den Kühlraum zu schieben. Im Aufzug erkundigte er sich nach dem Totenschein. »In meinem Büro«, sag- te Erroll. »Beaky – Entschuldigung, der Erste Sekretär – hat alles an mich weitergeleitet, sobald er das Aus- wärtige Amt verständigt, ein Kondolenzschreiben für den Botschafter aufgesetzt hatte und dergleichen mehr. Er kann kein Blut sehen, aber das bleibt unter uns. Er lässt sich sogar seine Steaks durchbraten, wenn Sie wissen, was ich meine.« In seinem Büro wühlte Erroll im Ausgangskorb herum und zog einen gelbbraunen Umschlag heraus. »Das ist er. Wie sieht’s mit Ihrem Russisch aus?« »Schlecht. Kaum ein Wort«, erwiderte Richter, der trotz der Lüge keine Miene verzog. »Okay, ich übersetze es. Dieser Abschnitt hier be- zieht sich auf die ›Todesursache‹, und da steht – Herrgott, ist das eine furchtbare Schrift. Ah ja, ›Schä- delvorderseite weist infolge des heftigen Aufpralls zahlreiche Frakturen auf, verbunden mit heftigen Blu- tungen und dem Austreten von‹ – was ist das? – ›Ge- hirnmasse, sowie einem Abriss des Rückenmarks.‹ Ich nehme an zerschmetterter Schädel wäre ein bisschen zu kurz gewesen, was?« »Ich habe noch keinen Mediziner erlebt, der sich mit einem Wort begnügt, wenn er auch sechs ver- wenden kann«, sagte Richter. »Kann ich den Schein bekommen?« Erroll runzelte die Stirn. »Leider nein. Der kommt morgen ins Diplomatengepäck, aber Sie können eine Fotokopie kriegen, wenn Ihnen das was nützt.«, Richter wollte eigentlich weder das Original noch eine Kopie haben, aber er sagte, das wäre bestens, und fragte, ob er sich den Wagen sofort und Newmans Wohnung und Büro gleich nach dem Mittagessen an- sehen könnte. »Warum so eilig?« »Ich habe heute Nachmittag einen Rückflug mit Bri- tish Airways nach London gebucht.« »Oh, verstehe. Gut, hier ist der Unfallbericht, mit einer englischen Übersetzung, und bis heute Nachmit- tag habe ich eine Kopie des Totenscheins vorliegen.« Aspen drei-vier Die Kameras liefen seit 10.49 Uhr, und um 11.12 Uhr, nachdem sie in dreiundzwanzig Minuten fast sieben- hundert Meilen russisches Territorium abgesucht hat- ten, war der Auftrag erledigt. Zwölf Minuten nach elf war der Einsatz in taktischer Hinsicht beendet, aber sie hatten noch einen weiten Weg vor sich. Paul James schätzte, dass sie um 11.22 Uhr nördlich von St. Petersburg die russische Grenze hinter sich lassen müssten – auf diesem Kurs konnte sich der Blackbird so schnell wie möglich in den finnischen Luftraum absetzen –, um dann über dem Finnischen Meerbusen in Richtung Westen zu steuern. Das hieß, dass sie noch etwa zehn Minuten lang über feindli- ches Gebiet fliegen mussten, nachdem die Kameras und Detektoren ausgeschaltet waren., »Raketenfeuerleitradar! Grün drei-null. Keine Klas- sifizierung.« Wieder schoss der Blackbird mit voller Kraft voran. Jetzt, da der Aufklärungsflug abgeschlossen war und er wieder frei manövrieren konnte, wollte Frank Ro- berts kein Risiko eingehen, daher gab er nicht nur mehr Schub, sondern drehte auch nach Backbord ab, weg von der Radarpeilung, und zog die Maschine hoch. Bei fünfundneunzigtausend Fuß Höhe und ei- ner Geschwindigkeit von knapp unter Mach 3,1 ging er wieder in den Horizontalflug über. Die Rakete tauchte nicht auf, aber in den nächsten drei Minuten meldete Paul James das Feuerleitradar von zwei weiteren Raketen, beide an Steuerbord vor- aus. Keine der Raketen tauchte auf, aber durch die Ausweichmanöver nach Backbord geriet die Maschine immer weiter vom vorgesehenen Kurs ab, in Richtung Süden. »Das gefällt mir ganz und gar nicht. Wir werden abgedrängt.« »Vor allem werden wir zu weit nach Süden ge- drängt«, erwiderte Paul James. »Wird höchste Zeit, dass wir von hier wegkommen. Zieh nach Steuerbord, Kurs zwo-neun-null.« »Roger«, erwiderte Roberts, als er die Maschine in die Kurve legte. »Ich habe das Gefühl, dass wir auf etwas zugetrieben werden sollen.« Er hatte Recht. Zwei Minuten und fünfzehn Sekun- den später tauchte dieses »Etwas« auf., Donnerstag Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten »Er dreht ab«, sagte Leutnant Wetrow. »Wir haben den Amerikaner nach Süden abgedrängt, fast bis Wologda, aber jetzt dreht er nach Westen ab.« »Können ihn die Abfangjäger aus Moskau erwi- schen?«, erkundigte sich Kabalin. Wetrow rief die Abfangvektoren ab, dann schüt- telte er den Kopf. »Die östliche Rotte definitiv nicht«, erwiderte er. »Und bei den beiden Maschi- nen im Westen handelt es sich um MiG-29. Die kön- nen das amerikanische Spionageflugzeug auf keinen Fall einholen.« »Privalow«, befahl Kabalin, während er sich mit seinem Stuhl herumdrehte. »Übernehmen Sie die Kontrolle der MiG-31 nahe Riga. Die sind alles, was wir noch haben. In unser aller Interesse sollten die lieber nicht versagen.«, Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr. 14, Moskau In einer Ecke des Parkplatzes hinter dem Botschafts- gebäude stand ein zusammengequetschtes Auto- wrack, das mit einer grünen Plane abgedeckt war. Mit Müh und Not konnte man erkennen, dass es sich um einen kleinen und etwas älteren WAZ (Wolschskij Au- tomobilnij Zawod) oder Lada handelte, wie er außer- halb Russlands genannt wurde. Er war um etwa ein Drittel kürzer, als er einst gewesen war. Die Haube und die vorderen Kotflügel waren zusammengescho- ben und nach hinten gedrückt, die Vorderreifen zer- schlitzt und platt, und die Windschutzscheibe war zertrümmert. Der vordere Teil des Innenraums war vom Feuer geschwärzt. Beide Türen hatten sich beim Aufprall offenbar heillos verklemmt, sodass man den Fahrer vermutlich mit einer Rettungsschere aus dem Wrack hatte schneiden müssen. Wie die meisten billigen russischen Autos hatte der Lada nur Hüftgurte, was die schweren Gesichts- und Schädelverletzungen des Insassen erklärte. Trotz an- gelegtem Gurt war er mit dem Oberkörper vermutlich heftig nach vorn geschleudert worden, sodass der Kopf erst oben aufs Lenkrad und dann, wenn der Aufprall stark genug gewesen war, auf das Armatu- renbrett geschlagen war. Die Rippenbrüche und die Schlüsselbeinfraktur hatte er sich eindeutig beim Auf- prall des Oberkörpers auf das Lenkrad mit der starren Steuersäule zugezogen., Sorgfältig musterte Richter den Boden und die Pe- dale. Ersterer war stark verzogen, und Brems-, Kupplungs- und Gaspedal waren verbogen. Damit hatte er aufgrund der äußeren Schäden am vorderen Teil des Wagens gerechnet, doch der Zustand des To- ten, dessen untere Gliedmaßen heil geblieben waren, hatte nicht darauf hingedeutet. Die Schlussfolgerung war ganz einfach. Wenn sich der Fahrer hätte um- bringen wollen, hätte er das Gaspedal voll durchgetre- ten. Wenn er nicht in selbstmörderischer Absicht un- terwegs gewesen war, hätte er auf die Bremse getre- ten, als hinge sein Leben davon ab. Das Ergebnis wäre beide Male das gleiche gewesen – der Fahrer hätte sich zumindest einen Bruch oder eine schwere Verstauchung am rechten Bein zuziehen müssen. Da der Mann aber keine Brüche hatte, konnte er die Füße zum Zeitpunkt des Aufpralls nicht auf den Pe- dalen gehabt haben, was überhaupt keinen Sinn er- gab. Jedenfalls nicht, wenn man es im Zusammen- hang mit dem Unfallbericht betrachtete. Für Richter allerdings ergab es durchaus einen Sinn. Er richtete sich auf, machte sich etliche Notizen, hauptsächlich wegen Erroll, notierte sich die Zulassungsnummer und steckte sein Buch ein. »Kein Wunder, dass der arme alte Newman darin umgekommen ist, was?« »Diesen Unfall«, sagte Richter, der seine Worte sorgfältig wählte, als sie gemeinsam zum Botschafts- gebäude zurückgingen, »konnte niemand überleben.«, Aspen drei-vier »Radarkontakt. Grün eins-fünf auf fünfundsechzig. Nähert sich schnell.« »Oh, Mist.« »Keine Emission, keine Klassifikation, hohe Ge- schwindigkeit. Breitbandstörfunk an, ECM an.« »Drehe ab. Sag weiter an.« »Nicht abdrehen. Zweiter Kontakt. Rot zwo-null bei zwoundsechzig Meilen. Hohe Geschwindigkeit, hält auf uns zu. Keine Emission. Vermutlich zwei Foxbats, noch unter Bodenkontrolle. Beide fliegen hoch, auf etwa sechzig. Bezeichne Kontakt auf Steuerbord als Bandit eins, Kontakt auf Backbord als Bandit zwo.« Die SR-71A hatte nach Backbord abgedreht, aber jetzt richtete sie Frank Roberts wieder aus, ging in den Sturzflug über und beschleunigte. Bei fünfundsiebzig- tausend Fuß erreichte die Maschine Mach 3,2. »Bandit eins auf grün zwo-null bei sechsundfünfzig Meilen, Höhe fünfundsechzigtausend. Bandit zwei auf rot einsnull bei fünfzig Meilen und zwoundsech- zigtausend. Beide Banditen jetzt auf Abfangkurs, of- fenbar immer noch unter Bodenkontrolle und – Mo- ment! Zaslon-Radarstrahlen bei beiden Kontakten! Zwei MiG-31 Foxhound.« »Scheiße, das hat uns gerade noch gefehlt. Hilf mir auf die Sprünge – was für Waffen haben die?« »Vermutlich jede vier AA-9 Arnos und entweder zwei AA-7 Apex oder vier AA-8 Aphids.« »Was ist die höchste Reichweite?«, »Die Apex und die Aphids sind kein Problem, aber die Arnos hat eine Reichweite von sechzig Meilen, und die Sprengkraft ist gewaltig. Die Raketen werden halbautomatisch per Radar ins Ziel gesteuert. Bandit eins jetzt auf grün zwei-fünf bei fünfzig, Höhe fünf- undsechzig. Bandit zwo nach wie vor auf rot einsnull bei fünfundvierzig, langsam steigend.« Der Blackbird stieß im Dreißig-Grad-Winkel auf sechzigtausend Fuß herunter. Da er jetzt von den Foxhounds in die Zange genommen wurde, konnte Roberts nicht mehr abdrehen. Die Maschine wäre da- durch wieder nach Osten geflogen, aber die Rettung lag im Westen. Außerdem wäre der Blackbird deut- lich langsamer und damit ein leichtes Ziel für die Ra- keten geworden, die die Foxhounds mitführten. Da er außer den ECM-Systemen über keinerlei Abwehrwaf- fen verfügte, hing alles von seiner Leistungsstärke ab – und in dieser Hinsicht war er sowohl den Fox- hounds als auch ihren Waffen überlegen. »Bandit eins auf grün zwo-sieben bei fünfundvier- zig, Bandit zwo auf rot einsnull bei vierzig. Beide sto- ßen herunter und folgen uns. Nicht zu tief, Boss, sonst geraten wir in die Reichweite der SAM.« Die russische Flugabwehrrakete vom Typ SAM-5 er- reicht eine Gipfelhöhe von 125000 Fuß – dreißigtau- send Fuß höher als der Blackbird – und kann mit einem kleinen, thermonuklearen Sprengkopf bestückt wer- den, bei dessen Detonation feindliche Bomber und Ra- keten im Umkreis von hundert Meilen vernichtet wer- den. Aber diese tödliche Rakete ist nur in relativ gerin-, gen Stückzahlen rund um besonders schützenswerte Standorte stationiert, und bei der Einsatzplanung hatte man einen Kurs abgesteckt, der den Blackbird um mindestens hundert Meilen an sämtlichen SAM-5- Stützpunkten vorbeiführte. Weitaus mehr Sorgen machte sich Paul James um die konventionellen Boden- Luft-Raketen, die zwar eine kürzere Reichweite hatten, aber wie Konfetti über das ganze Territorium der Ge- meinschaft unabhängiger Staaten verstreut waren. »Wir sind gleich wieder weg.« Der Blackbird erreichte Mach 3,3 und passierte ge- rade die Fünfzigtausend-Fuß-Marke, als Frank Ro- berts die Maschine wieder hochzog. Seine Taktik war ganz einfach. Die Foxhound ist zwar für ihre ein- drucksvolle Steigfähigkeit bekannt, aber aufgrund ih- rer konventionellen Aerodynamik und der relativ ein- fach konstruierten Triebwerke ist sie in großer Höhe nicht allzu wendig. Vor allem bei Kurvenmanövern im Steigflug verliert sie rasch an Geschwindigkeit. Der Blackbird dagegen ist vergleichsweise wendig, und nachdem Frank Roberts die Foxhounds nach un- ten gelockt hatte – er wusste, dass sie ihm folgen mussten, wenn sie in Reichweite der SR-71A gelangen wollten –, hoffte er jetzt, die Abfangjäger aufgrund der überlegenen Steigfähigkeit des Blackbird abhän- gen zu können. »Bandit eins auf grün drei-null, Entfernung fünf- unddreißig. Bandit zwo auf rot eins-fünf, Entfernung dreißig, dreitausend tiefer. Beide drehen bei und zie- hen hinter uns hoch.«, Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten Bis auf das leise Gemurmel der Offiziere, die sich um die drei Hauptkonsolen drängten, herrschte im Einsatzraum nahezu Stille, doch die Spannung war förmlich spürbar. »Abfangjäger acht meldet, dass der Amerikaner steigt«, sagte Leutnant Privalow. »Die Amerikaner sind gut«, sagte Kabalin beinahe beifällig. »Ihre Taktik ist offenkundig. Sie zwingen unsere Abfangjäger dazu, hinter ihnen in den Sturz- flug zu gehen, und steigen dann wieder, sodass unse- re Maschinen langsamer werden. Aber wir kriegen sie trotzdem. Versuchen Sie nicht, mit der amerikani- schen Maschine mitzuhalten. Geben Sie unseren MiG- 31 die voraussichtlichen Kursvektoren des Amerika- ners durch und erteilen Sie ihnen sofortige Feuerer- laubnis, sobald sie das Ziel erfassen.« Normalerweise ist es bei den PVO-Einheiten üblich, dass die Abfangjäger vom Boden aus zum Ziel geleitet werden, bis die Piloten melden, dass sie in Schusswei- te sind. Privalow nickte, konzentrierte sich auf seinen Bild- schirm und dirigierte die Maschinen in die ideale Po- sition für einen Raketeneinsatz. Dann richtete er sich auf und wandte sich zur Seite. »Abfangjäger neun meldet Zielerfassung.«, Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr. 14, Moskau »Tja, können wir sonst noch etwas für Sie tun, außer Ihnen Newmans Büro und seine Wohnung zu zei- gen?« »Für eine Fahrt zum Flughafen wäre ich sehr dank- bar. Aber wenn es irgendwelche Umstände macht, kann ich mir auch ein Taxi nehmen.« »Keineswegs. Beaky sagte, ich soll Sie in jeder Hin- sicht unterstützen oder so was Ähnliches. Ich kann Sie nach dem Mittagessen im Hotel abholen, Ihnen Newmans Büro und die Wohnung zeigen und Sie dann sofort zum Flughafen bringen, wenn Sie vorher auschecken. Wann geht Ihr Flug?« Richter holte sein Ticket aus der Jackentasche und warf einen Blick darauf. »British-Airways-Flug BA 873 um siebzehn Uhr fünfzig ab Scheremetjewo.« »Okay, denken Sie dran, dass Sie es mit der russi- schen Bürokratie zu tun haben. Das heißt, dass Sie mindestens zwei Stunden vor dem Abflug einchecken müssen. Wie wär’s, wenn Sie zeitig zu Mittag essen? Dann kann ich Sie, sagen wir mal, um halb eins abho- len und mit Ihnen gleich von dort aus zu der Woh- nung fahren.« »Meinetwegen. Ich wohne im Budapescht.« »Soll Sie jemand hinfahren?«, fragte Erroll. »Nein, danke. So weit ist das nicht. Wir sehen uns in etwa anderthalb Stunden.«, Aspen drei-vier »Bandit eins auf grün drei-null bei dreißig, sechstau- send Fuß tiefer. Bandit zwei auf rot eins-fünf, Entfer- nung fünfundzwanzig, fünftausend tiefer. Beide dre- hen nach Nordwest.« »Wir gehen genau zwischen sie. Beim ersten Rake- tenabschuss halten wir auf die Maschine zu, die nicht gefeuert hat, und stoßen im Sturzflug auf sie runter.« »Was hast du vor?« »Denk mal nach. Wenn uns die eine ins Visier ge- nommen hat und wir direkt auf die andere zuhalten, wird sie vielleicht vom Zielradar der Raketen er- fasst.« »Yeah, vielleicht aber auch nicht.« »Fällt dir was Besseres ein?« Paul James schwieg ein paar Sekunden. »Ich glaube nicht.« Die SR-71A wird Blackbird genannt, weil sie auf den ersten Eindruck schwarz wirkt – obwohl es sich genau genommen um ein sehr dunkles Blau handelt –, aber die Farbe und die Art des Anstrichs wurden nicht aufs Geratewohl gewählt. Es handelt sich viel- mehr um eine Beschichtung, die Radarstrahlen absor- biert. Zudem besitzt der Blackbird kaum glatte Flä- chen, denn die reflektieren Radarstrahlen am besten, was wiederum heißt, dass die Maschine per Radar nur schwer zu erkennen ist, vor allem von vorn. Durch ei- nen Direktanflug auf den zweiten Foxhound wollte Frank Roberts verhindern, dass ihn der russische Pilot, mit dem Zielradar seiner Raketen erfassen konnte, wodurch er praktisch entwaffnet werden würde. »Beide Banditen steigen rasch. Wir sind immer noch vom Feuerleitradar der beiden erfasst. Ich habe sämt- liche Gegenmaßnahmen aktiviert.« Fast im gleichen Moment feuerte der Foxhound, der ihnen am nächs- ten war. »Bandit zwei – Raketenabschuss. Zwei Vö- gel.« Die AA-9-Amos-Raketen verfügen über ein eigenes Radarleitsystem. Sobald der Pilot des Abfangjägers sein Ziel erfasst hat, feuert er die Rakete ab, die dann von ihrem Bordradar gesteuert wird. Sie kann aber auch durch das schwere Zaslon-Radargerät in der Na- se des Foxhound gelenkt werden. Der Blackbird drehte sofort nach Steuerbord ab und wurde rasch schneller, als Frank Roberts genau auf Bandit eins herabstieß. »Bandit eins unmittelbar voraus auf acht, tausend Fuß tiefer. Er dreht bei. Wenn du so weiterfliegst, kann er uns mit einer Schrotflinte runterholen.« »Yeah«, sagte Roberts, »aber nur, wenn er eine da- bei hat. Wo sind die Vögel?« »Jetzt auf rot vier-null bei zehn. Sie drehen bei und folgen uns. Bandit eins genau voraus auf drei, tausend Fuß tiefer. Er hat Radarkontakt verloren. Nummer zwo ist auf rot drei-null, Entfernung zwanzig, gleiche Höhe.« James hatte kaum ausgesprochen, als die erste Rake- te hochging, unmittelbar gefolgt von der zweiten. Die Blitze waren deutlich zu erkennen, doch vom Donner, der Explosion hörten sie keinen Ton. Allerdings wurde der kaum eine Meile entfernte Blackbird von den Druckwellen erfasst und ordentlich durchgerüttelt. Roberts zog den Steuerknüppel zurück, worauf der Blackbird in den Steigflug ging. Durch das kleine ge- panzerte Steuerbordfenster sah Paul James die Bandit eins genannte Foxhound vorbeischießen – ein kaum sichtbarer grauer Strich am blauen Himmel, knapp ei- ne Meile entfernt. »Gut gedacht, Boss«, sagte James mit einer Mi- schung aus Bewunderung und Erleichterung. »Bandit zwei muss die Vögel gezielt zur Explosion gebracht haben, damit er seinen Rottenflieger nicht abschießt. Schlage vor, dass wir jetzt schleunigst abhauen, bevor Bandit eins eingreift.« »Roger.«, Der Blackbird flog knapp unter Mach drei, als er auf siebzigtausend Fuß stieg. »Bandit zwei jetzt außer Reichweite. Bandit eins direkt hinter uns, Entfernung fünf Meilen, achttausend Fuß tiefer. Folgt uns in steilem Steigflug. Jetzt hat er Radarkontakt. Vermutlich feuert er jeden Moment eine Rakete hinter uns her.« Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten »Gezielte Detonation beider Raketen bestätigt«, sagte Privalow. »Abfangjäger acht meldet keine Schäden, und die amerikanische Maschine fliegt weiter. Aber, möglicherweise wurde sie durch unsere Waffen be- schädigt«, fügte er hoffnungsvoll hinzu. Kabalin schnaubte. »Verlassen Sie sich nicht darauf«, sagte er. »Hat Nummer acht das Ziel erfasst?« Privalow schüttelte den Kopf. »Noch nicht, aber je- den Moment müsste es so weit sein – ja! Ziel erfasst, aber nur mit einer Rakete.« »Ausgezeichnet«, sagte Kabalin. »Und aus dieser Nähe kann er das Ziel nicht verfehlen. Erteilen Sie ihm Feuerbefehl.« Aspen drei-vier »Rakete unterwegs – ein Abschuss von Bandit eins. Möglicherweise hat die Radarerfassung beim zweiten Vogel versagt. Entfernung sechs Meilen, direkt hinter uns.« Frank Roberts hatte nur wenige Möglichkeiten. Der Blackbird flog bereits fast mit Höchstgeschwindigkeit. Er war etwas höher als die Rakete und hatte einen leichten Vorsprung, daher konnte er nur hoffen, dass er sie abhängen konnte. Bei neunundsiebzigtausend Fuß Höhe ging er mit dem Blackbird in den Horizon- talflug und sah zu, wie sich die Nadel an der Ge- schwindigkeitsanzeige langsam bewegte. Luft-Luft-Raketen, die mit Leitsystem, Radargerät und natürlich einem Sprengkopf bestückt sind, führen relativ wenig Treibstoff mit, sodass ein anvisiertes Ziel die Mehrzahl dieser Raketen abhängen kann, wenn es, schnell genug ist. Da die meisten Raketen mit doppel- ter bis vierfacher Schallgeschwindigkeit fliegen, ge- lingt dies aber nur wenigen Maschinen. Der Blackbird jedoch konnte es schaffen. Es war sogar eine der Vor- gaben bei seiner Entwicklung gewesen. »Rakete bei sechs, zwotausend tiefer. Bandit bei acht, fällt zurück. Rakete hat Radarkontakt. Ich wie- derhole: Rakete hat Radarkontakt.« »Ich habe dich schon beim ersten Mal gehört.« »Entfernung fünf. Geschwindigkeit der Rakete fast Mach 4. Einschlag schätzungsweise in etwa acht Se- kunden.« Moskau Das Hotel Budapescht lag gut eine Meile entfernt am nördlichen Ufer der Moskwa, fast im Zentrum der Moskauer Altstadt, aber Richter wollte zu Fuß gehen. An diesem Frühsommertag schien in Moskau die Sonne, aber es war noch nicht so warm, dass man oh- ne Mantel und Hut hätte ausgehen können, und er war froh, dass er seine Lederhandschuhe und die Pelzmütze dabeihatte. Der erste Schatten hängte sich an ihn, sobald er die Botschaft verließ. Dick eingemummt – zu dick einge- mummt – stand er etwa zweihundert Meter weiter hinten auf der anderen Straßenseite, und als Richter losmarschierte, faltete er sofort seine Zeitung zusam- men und folgte ihm., Den zweiten Beschatter entdeckte Richter zwei Mi- nuten, nachdem er die Moskworezkij Most – eine der großen Brücken über die Moskwa – überquert hatte und an der östlichen Kremlmauer entlangging. Er hat- te rund fünfzig Meter Vorsprung und lief mit forschen Schritten, blieb aber ab und zu stehen und schaute sich um wie ein Tourist, ohne sie zu nahe kommen zu lassen. Die beiden schlossen auf, als Richter zu dem riesigen, unmittelbar gegenüber dem Kreml gelegenen Warenhaus GUM kam und hineinging. Aber er wollte sie gar nicht abschütteln. »Mr. Willis« hätte sie nicht einmal bemerkt. Aspen drei-vier Frank Roberts schob den Steuerknüppel nach vorn und zog den Blackbird nach unten, worauf die Ma- schine in kürzester Zeit schneller wurde. Paul James achtete nur noch auf die Radaranzeige. »Rakete hat nach wie vor Radarkontakt. Entfernung jetzt bei vier. Zweiter Raketenabschuss. Entfernung neun, dreitausend tiefer.« Der Blackbird erreichte Mach 3,3 und ging bei siebzigtausend Fuß wieder in den Horizontalflug über. »Erste Rakete genau hinter uns, Entfernung drei Komma fünf, tausend Fuß tiefer. Bandit eins jetzt fünfzehn Meilen entfernt, fast auf äußerster Reichwei- te. Volle Kraft.«, »Das ist volle Kraft – wir fliegen mit Höchstge- schwindigkeit.« »Hoffentlich reicht das. Raketen sind bei drei und acht, schließen langsamer auf. Bandit eins bei acht- zehn Meilen und außer Reichweite.« Mit heulenden Triebwerken flüchtete der Blackbird gen Westen. Unten am Boden, rund 20000 Meter tie- fer, blickten die Menschen verdutzt zum wolkenlosen Himmel auf, als sie den Überschallknall hörten, der wie ferner Donner klang. »Vögel bei zwei und sechs, beide schließen immer noch langsam auf.« »Wie viel Zeit ist seit dem ersten Abschuss vergan- gen?« Paul James schwieg einen Moment lang. »Ich weiß es nicht genau, aber es müssen rund fünf Minuten sein. Warum?« »Ich frage mich bloß, wie viel Treibstoff sie noch hat.« »Genug, um uns einzuholen, glaube ich.« »Yeah«, knurrte Frank Roberts. »Hab mir schon ge- dacht, dass du das sagst.« Wie durch einen unsichtbaren Draht miteinander verbunden, donnerten der große schwarze Jet und die graue Rakete mit der weißen Spitze am Himmel da- hin. Und das Heckradar zeigte an, dass die Rakete immer näher kam. »Geschwindigkeit der Rakete?« Paul James musste nicht lange nachrechnen – er wusste die Antwort bereits. »Mach drei Komma acht,, und sie holt nach wie vor auf. Entfernung jetzt bei eins Komma fünf.« Wieder senkte sich die nadelspitze Nase des Black- bird, als Frank Roberts den Steuerknüppel erneut nach vorn schob, und die Maschine beschleunigte auf Mach 3,4. Dann auf Mach 3,5. »Wir sind jetzt über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit«, murmelte Ro- berts. »Hoffentlich hat Lockheed das Baby nicht an ei- nem Montag gebaut.« Moskau Als Richter das GUM zehn Minuten später wieder verließ, waren seine Schatten noch auf Posten, und sobald er die Uliza Petrowka in Richtung Norden ging, ließen sie sich zurückfallen und folgten ihm. Der Dritte war nicht so leicht zu entdecken, aber Richter bemerkte ihn, als er von der Uliza Petrowka nach rechts in die Uliza Petrowskij abbog. Er war vor ihm, auf der anderen Straßenseite, trug eine bunt ka- rierte Hose, die gut fünf Zentimeter zu kurz war, hatte einen Stadtplan in der Hand und eine Kamera um den Hals – der typische Amitourist. Richter hatte natürlich damit gerechnet, dass man ihn in Anbetracht der Umstände beschatten würde, aber drei Schatten auf einmal hielt er doch für etwas übertrieben. Er ging ins Foyer des Budapescht, über- prüfte die Postfächer – für ihn lag garantiert kein Brief vor, aber jeder Hotelgast sieht nach, ob er Post hat –,, drehte sich dann wieder zum Eingang um und warf einen Blick auf die Straße. Die beiden Touristen rede- ten miteinander, während der Mann mit der Zeitung wieder in seine Prawda vertieft war. Richter hoffte nur, dass sie lange Unterhosen anhatten, sonst könnte es ein eisig kalter Nachmittag werden. Richter stieg in den dritten Stock hinauf und holte sich bei der Deschurnaja seinen Schlüssel ab, sah zu, wie sie seinen Namen und die Ankunftszeit notierte, und ging dann den Korridor entlang zu seinem Zim- mer. Er wollte gar nicht wissen, ob jemand einge- drungen war, während er in der Botschaft gewesen war, und hatte auch keinerlei Vorkehrungen gegen eine Durchsuchung getroffen. Im Zimmer war es heiß und stickig. Nur mit Mühe konnte Richter ein Fenster aufstoßen, dann warf er seine Mütze, den Mantel und die Handschuhe aufs Bett. Er suchte den Unfallbericht samt englischer Über- setzung heraus, nahm ihn mit zum Lehnsessel am Fenster, setzte sich, lockerte seine Krawatte und fing an zu lesen. Der Übersetzer war nicht schlecht; er hat- te nur drei kleine Fehler gemacht, die nicht weiter wichtig waren. Richter las den Bericht zweimal durch und war da- nach nicht schlauer. Wenn hier alles richtig wiederge- geben wurde, konnte man aus diesem Amtschinesisch nur einen Schluss ziehen: Der tote Mr. Newman war entweder gemeingefährlich gefahren oder er hatte Selbstmord begehen wollen. Allem Anschein nach war er mit über achtzig Stundenkilometern durch eine, schmale Nebenstraße gerast und auf das Heck eines schwer beladenen Lastwagens geprallt, der dort park- te. Richter lächelte grimmig. Trotz der offiziellen Dar- stellung wusste er, was passiert war. Er wusste nur nicht, warum. Er stand auf, rückte seinen Schlips zu- recht, steckte den Bericht in seine Aktentasche, schloss sie ab und ging in den Speisesaal hinunter. Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten »Beide Abfangjäger fallen zurück, aber die Raketen nähern sich nach wie vor der amerikanischen Maschi- ne«, meldete Privalow. Mit einem Mal blickte er auf die Digitalanzeige, auf der die Flugdauer der beiden Raketen angegeben wurde. Kabalin bemerkte seinen Blick. »Ja?«, fragte er. »Was gibt’s?« »Die AA-9, Oberstleutnant«, sagte Privalow. »Wenn die Flugzeit stimmt, hat sie nur noch Treibstoff für zwei, drei Minuten.« Kabalin nickte energisch. »Ganz recht, Leutnant. Wie weit liegt die Rakete zurück?« Privalow sprach in sein Mikrofon, dann wandte er sich wieder an seinen Vorgesetzten. »Abfangjäger acht schätzt knapp eintausendfünf- hundert Meter.« Kabalin dachte einen Moment lang nach. »Das reicht nicht«, sagte er. »Abfangjäger eins soll die Rakete über- wachen. Wenn sie die amerikanische Maschine nicht, erreicht, befehlen Sie dem Piloten, den Sprengkopf zu zünden, sobald der AA-9 der Treibstoff ausgeht.« Dieser Befehl war der erste Fehler, der Oberstleut- nant Kabalin unterlief, seit der Blackbird entdeckt worden war, denn eines hatte er nicht bedacht – die Reaktionszeit des MiG-Piloten. Aspen drei-vier »Ja!«, rief Paul James mit einem Mal laut aus. »Der Treibstoff ist alle. Eine halbe Meile hinter uns und fünfhundert Fuß tiefer. Sie fällt zurück.« Der Pilot der MiG-31 achtete auf die Radaranzeige und die Telemetriedaten der Rakete. Anderthalb Se- kunden dauerte es, bis er bemerkte, dass das Raketen- triebwerk ausgesetzt hatte, und in dieser Zeit hatte der Blackbird rund eine Meile zurückgelegt. Unter- dessen war die AA-9 erheblich langsamer geworden und sackte bereits ab. Eine weitere Sekunde verging, bis der MiG-Pilot die Abdeckung über dem Zündkopf aufgeklappt hatte, und eine weitere halbe Sekunde, bis er ihn betätigte. Inzwischen war der Blackbird fast drei Meilen von der AA-9 entfernt und über tausend Fuß höher. Frank Roberts wurde in seinen Sitz gedrückt, als die Arnos in einem Feuerball detonierte und der Blackbird hochgeschleudert wurde. »Gott sei Dank«, stieß er dann erleichtert aus. »Ich dachte schon, die verfluchte Rakete bringt uns ins Grab. Wo ist die andere?«, »Die kannst du vergessen. Vier Meilen zurück. Selbst wenn du Schub wegnimmst und auf drei run- tergehst, geht ihr der Sprit aus, ehe sie uns erwischt.« Wojska IA-PVO-Einheit, Archangelsk, Gemeinschaft unabhängiger Staaten Im Einsatzraum herrschte Totenstille, als die russi- schen Offiziere das Radarecho des Blackbird verfolg- ten, der sich rasch in Richtung Westen entfernte. Als das Telefon auf Oberstleutnant Kabalins Schreibtisch klingelte, stand er langsam auf und zog seine Uniformjacke zurecht, bevor er hinging und den Hörer abnahm., Donnerstag Aspen drei-vier Normalerweise hatte Frank Roberts die ungefähre Po- sition des Flugzeugs immer halbwegs genau vor Au- gen, aber durch die Ausweichmanöver, das viele He- rumkurven und die ständigen Steig- und Sturzflüge wusste er nicht mehr, wo er war. »Paul, ich habe den Überblick verloren«, sagte er. »Wo zum Teufel sind wir?« Paul James wandte sich vom Radargerät ab und zog kurz den Navigationscomputer zurate. »In knapp drei Minuten müssten wir über der Küste sein. Bei Klaipe- da.« »Klaipeda? Wo zum Teufel ist das?« »Nördlich von Kaliningrad – dem alten Königsberg. Wir sind weit nach Süden abgedrängt worden.« Paul James widmete sich wieder seinen Instrumenten. Kurz darauf meldete er sich wieder. »Boss. Wir haben noch ein anderes Problem. Wir verlieren Sprit.« »Wie viel?« »Langsam, aber stetig – schätzungsweise rund fünfzig Pfund pro Minute. Vermutlich ist durch eine der Raketenexplosionen irgendwo die Außenhaut der Tragfläche aufgerissen worden und hat sich in einen, Tank gebohrt. Hast du keine Schwierigkeiten beim Steuern?« »Noch nicht, aber ich sag dir Bescheid. Was für Möglichkeiten haben wir?« »Ich glaube nicht, dass wir’s bis zum Tanker schaf- fen.« »Zu welchem Tanker?« »Irgendeinem Tanker.« Tatsächlich hatte der Treibstoffverlust die Lage ver- schlimmert. Da der Blackbird viel zu lange mit voller Schubkraft hatte fliegen müssen und zu zahlreichen Ausweichmanövern gezwungen war, war die ganze Planung für den Rückflug hinfällig geworden. Ur- sprünglich hätte die Maschine nach dem Verlassen des russischen Luftraums in großer Höhe und mit Überschallgeschwindigkeit über dem Finnischen Meerbusen in Richtung Westen abdrehen, den Bottni- schen Meerbusen, Schweden und Norwegen überflie- gen und dann auf Unterschallgeschwindigkeit gehen und bei einem der beiden KC-135Q-Tankflugzeuge andocken sollen, die sich fünfzig Meilen vor der nor- wegischen Küste über dem Atlantik in Warteschleife bereithielten. »Was können wir sonst noch machen?« Paul James schwieg eine Weile, während er wieder seinen Navigationscomputer zurate zog. »Ein Ren- dezvous mit einem der Tanker ist nicht ratsam. Wenn wir weiter so viel Sprit verlieren wie zurzeit, könnten wir es bis zum südlichen schaffen, aber wenn es ir- gendwelche Probleme beim Andockmanöver gibt,, könnte es zu einem Flameout kommen.« Bei einem Flameout oder Triebwerkausfall müssten sie beide mit dem Schleudersitz aussteigen, und das bedeutete den Verlust der Maschine, vor allem aber der Filme und der Sensorenaufzeichnungen. »Ich möchte nicht un- bedingt in der Luft auftanken, nicht mit dem Leck, das wir haben. Wir sollten den Vogel lieber irgendwo runterbringen.« »Allzu viele Alternativen haben wir nicht. Nach Os- lo oder Bergen sollten wir es mühelos schaffen, aber dort müssten wir am Boden allerhand erklären.« »Andere Möglichkeiten?« »Nach Großbritannien und einen der Ausweich- flugplätze in Schottland anfliegen.« »Schaffen wir es bis Müdenhall oder Lakenheath?« »Nicht ratsam. Laut Navigationscomputer liegen die hart an der Grenze, und wir müssten viel früher auf Unterschall gehen. Außerdem herrscht über East Anglia viel Verkehr, und die Air Traffic Control kann uns vermutlich nicht alles aus dem Weg räumen.« »Okay«, sagte Roberts. »Also nach Schottland.« Moskau Das Mittagessen im Hotel zeichnete sich eher durch Masse als durch Klasse aus, aber es war heiß. An- schließend kehrte Richter auf sein Zimmer zurück, nahm sich sein Notizbuch vor und stellte zehn Minu- ten lang eine Liste auf. Der erste Eintrag lautete »Ver-, sicherungspolice«, der letzte »Briefe«. Danach trug er sein Gepäck zur Rezeption hinunter, zahlte die Rech- nung und nahm im Foyer Platz. Kurz nach halb eins hielt draußen ein schwarzer Rover mit einem bekannten Wappen an der Tür und roten Nummernschildern, dem Kennzeichen eines ausländischen Diplomatenwagens. Erroll stieg hinten aus und kam ins Foyer. »Keine Probleme mit dem Parkplatz«, sagte er. »Einen Fahrer habe ich auch. Den hier nehme ich.« Richter überließ Erroll den Koffer, der ihn hinaus zum Rover trug und im Kofferraum verstaute. Richter hatte nach wie vor die Aktentasche unter den Arm ge- klemmt, als er sich neben Erroll auf den Rücksitz setz- te, dann betätigte der Fahrer den Blinker und fuhr los. Erroll bemerkte, dass er ständig in den Rückspiegel blickte. »Haben wir Gesellschaft, George?«, fragte er. »Ja, Sir. Ein schwarzer ZIL, drei Autos hinter uns. Sie haben sich wie üblich vor der Botschaft an uns ge- hängt.« Richter warf einen Blick aus dem Rückfenster. Eine dunkle Limousine, in der mindestens zwei Mann sa- ßen, folgte ihnen im steten Abstand von rund hundert Metern. »Man gewöhnt sich mit der Zeit daran«, sagte Er- roll. »Ich nehme an, in Ihrem Beruf wird man nicht auf Schritt und Tritt verfolgt, oder?« Richter schaute ihn an. Erroll lächelte. »Nein«, er- widerte er ebenfalls lächelnd. »Nicht auf Schritt und Tritt.«, Erroll lehnte sich zurück, fummelte dann in seiner Jackentasche herum und holte einen Briefumschlag heraus. Richter öffnete ihn, warf einen Blick auf die Kopie des Totenscheins und steckte ihn zu dem Un- fallbericht in seine Aktentasche. Aspen drei-vier Der Blackbird flog weiter mit Mach 3,0 auf achtzigtau- send Fuß Höhe, als Frank Roberts über die Südspitze von Schweden und Dänemark hinweg Kurs auf die schottische Küste nahm. Siebzig Meilen vor dem Fest- land sah es so aus, als ob sie es nicht schaffen würden. »Boss, der Spritverlust wird schlimmer. Jetzt sind es eher hundert Pfund pro Minute. Ich schätze, dass wir höchstens noch zwanzig Minuten Zeit haben, bevor alles ausfällt.« »Okay. Melden wir uns. Ich rufe die ATC, und du erklärst Mildenhall, was los ist.« Während sich Paul James auf dem sicheren Kanal an die Einsatzzentrale in Mildenhall wandte, stellte Frank Roberts den Sekundär-Radartransponder auf militärischen Notruf und wählte die Leitfrequenz auf UHF. »Pan, Pan, Pan. Hier Aspen drei-vier. Wir haben noch Treibstoff für zwanzig Minuten. Bitten um Um- leitung zum nächsten geeigneten Flugplatz und um vordringliche Landeerlaubnis.«, Scottish Air Traffic Control Centre (Military), Atlantic House, Prestwick, Schottland Die Scottish Military Distress & Diversion Cell gehört zum Scottish Air Traffic Control Centre (Military), der militärischen Flugleitzentrale, die im Atlantic House in Prestwick an der schottischen Westküste stationiert ist. Als die zahlreichen miteinander vernetzten Funk- und Radarschüsseln den Notruf des Blackbird emp- fingen, zeigte ein Laserscan-Gerät dem Cell-Team auf einer großen Leuchtkarte an der Wand die Position der Maschine an. Während der Assistent einen Laser- Marker zu der angezeigten Stelle führte, betätigte der Controller vom Dienst die nächstgelegene Sendetaste. »Roger, Aspen drei-vier, Scottish Centre. Gehen Sie auf Kurs Zwo-acht-fünf nach Lossiemouth. Nennen Sie Flugzeugtyp und Flughöhe.« »Zwo-acht-fünf für Aspen drei-vier. Wir sind ein zweisitziger Militärjet, Sir.« »Roger, Drei-vier. Ich wiederhole, wie ist Ihre Flug- höhe?« Kurzes Schweigen. »Wir sind im oberen Luftraum, Sir.« »Herr im Himmel«, meldete sich der Assistent des Fluglotsen, der per Laser-Marker laufend die vom Transponder übermittelten Positionsmeldungen an- zeigte. »Das Ding ist verdammt schnell. Hey, ist Aspen nicht eine Funkkennung für die U-2?« Der Controller schüttelte den Kopf. »Das ist keine U-2, die ist nicht so schnell.« Er versuchte es noch, einmal. »Drei-vier, ich wiederhole, wie ist Ihre Flug- höhe und Geschwindigkeit?« Er wandte sich an den Assistenten und sagte ihm, er solle sich mit Lossie- mouth in Verbindung setzen und mitteilen, dass eine Maschine dorthin umgeleitet werde, die wegen Treib- stoffmangels dringend landen müsste. Ein schneller, zweisitziger Jet der US Air Force, Flugzeugtyp unbe- kannt. Außerdem sollten sie sich für die Einweisung bereithalten. Roberts antwortete schließlich. »Sir, Aspen drei-vier fliegt zurzeit mit Überschallgeschwindigkeit, und wir sind sehr hoch. Hier oben ist außer uns niemand.« Der Controller gab es auf. »Roger, Aspen drei-vier. Sie haben noch dreiundvierzig Meilen bis Lossie- mouth. Gehen Sie tiefer und auf Unterschallge- schwindigkeit, bleiben Sie zunächst auf Flughöhe eins-null-null. Teilen Sie uns mit, wenn Sie für die Wetterdurchsage für Lossiemouth bereit sind.« Vierzig Meilen östlich der Landebahn zog Frank Roberts die Schubregler zurück, worauf die Maschine in den Sinkflug überging und gleichzeitig langsamer wurde. Britische Botschaft, Sofijskaja Nabereschnaja Nr. 14, Moskau Newmans Büro war ein wenig größer als Enrolls, ein Hinweis darauf, dass er einen etwas höheren Rang bekleidet hatte. Während Richter im Schreibtisch he-, rumkramte, schaute ihm Erroll von der Tür aus ver- ständnislos zu. »Entschuldigen Sie, aber was genau suchen Sie denn?« »Als Mr. Newmans Angehörige hörten, dass man mich nach Moskau schickt«, sagte Richter, »fragten sie bei meiner Firma nach, ob ich ihnen ein paar Erinne- rungsstücke und ein, zwei Dokumente mitbringen könnte, die sie gleich haben möchten.« Er hielt sein Notizbuch hoch und zeigte ihm eine von Hand ge- schriebene Liste. Dass er sie unmittelbar nach dem Es- sen in seinem Hotelzimmer zusammengestellt hatte, verriet er ihm nicht. »Alles, was ich hier nicht finde«, fuhr Richter fort, »müsste in seiner Wohnung sein. Deshalb will ich mir beides ansehen.« Richter suchte ein Foto von einer eher gut ausse- henden als hübschen Frau aus, das auf dem Schreib- tisch stand, sowie ein Notizbuch, und dabei beließ er es. Den Kalender auf Newmans Schreibtisch und die Aktenschränke konnte er sich nicht vornehmen, so- lange Erroll dabei war. Irgendein Kollege aus Vaux- hall Cross musste hier alles genau untersuchen, aber das war nicht seine Sache. RAF Lossiemouth, Grampian, Schottland Drei Panavia Tornado GR-1, die Kurven- und Sturz- flugmanöver übten, wurden vorerst auf eine weite Warteschleife eingewiesen. Ein vierter Tornado, der, gerade zur Landung ansetzte, als die Notfallmeldung von der Distress & Diversion Cell einging, musste wieder durchstarten und auf Gegenkurs gehen. Der leitende Radaroffizier in Lossiemouth stand in ständiger Verbindung mit der Distress & Diversion Cell, und der Flugleiter bereitete sich auf die Lande- einweisung vor. »Aspen drei-vier ist erfasst. Melden Sie sich bei Flugleitung Lossiemouth auf Frequenz zwo-fünf-neun Komma neun-sieben-fünf.« »Zwo-fünf-neun Komma neun-sieben-fünf für Aspen drei-vier. Danke, Lossie.« Moskau Newmans Wohnung befand sich in einem umfriede- ten Wohnblock neben der Botschaft. Der Rover fuhr durch das Tor und hielt vor dem Gebäude; der ZIL blieb fünfzig Meter weiter hinten auf der gleichen Straßenseite stehen. Die Tür zu Apartment Nummer 22 war hellgrün gestrichen, so wie alle anderen Türen im zweiten Stock, und in einem billigen Chromrahmen, der in Augenhöhe angebracht war, steckte eine kleine weiße Karte, auf der in gestochenen Druckbuchstaben »Gra- ham Newman« stand. Erroll zückte einen Bund mit Sicherheitsschlüsseln, suchte einen aus, öffnete die Tür und ließ Richter eintreten. Die Wohnung war schlicht und spartanisch. Insge- samt drei Zimmer – ein großer Wohn- und Essbereich,, auf der einen Seite eine schmale Kochnische mit ei- nem kleinen Kühlschrank und einem Elektroherd mit zwei Platten. Über der Spüle hingen drei Regalbretter für das Geschirr, vom Fenster aus blickte man auf die Außenwand des Nachbarhauses. Im Esszimmer stan- den ein Tisch und vier Stühle, im Wohnzimmer ein Zweisitzer und zwei Sessel. Vom Wohnzimmer aus gelangte man ins Schlafzimmer, das mit Doppelbett, Kleiderschrank und einer Spiegelkommode ausgestat- tet war. Zwei Türen führten ins Badezimmer, eine vom Wohnzimmer aus, die andere vom Schlafzim- mer. Eng, fantasielos und schlicht. Kaum eine persönliche Note. An den Wänden hin- gen ein paar Bilder, die wahrscheinlich mit der Woh- nung übernommen worden waren; der graubraune Teppichboden passte zu der olivgrünen Sitzgarnitur im Wohnzimmer; nur wenige Bücher, eine bunte Mi- schung aus Nachschlagewerken und Paperbacks, hauptsächlich Westernromane und Thriller. Richter holte sein Notizbuch heraus, schlug die Lis- te auf und blickte sich um. In der einen Ecke stand ein kleiner Sekretär, dessen Schreibplatte hochgeklappt und abgeschlossen war. Darauf ein Foto von einer Frau um die vierzig, das gleiche Bild wie in Newmans Büro, deshalb nahm er es ebenfalls mit. Er musterte das Schreibtischschloss, aber nichts deutete darauf hin, dass es geknackt worden war. Was noch lange nicht hieß, dass der Sekretär nicht durchsucht worden war. Wenn man mit einem Dietrich umgehen kann, hinterlässt man so gut wie keine Spuren., Erroll suchte den entsprechenden Schlüssel heraus, schloss den Sekretär auf und klappte die Platte herun- ter. Dahinter befanden sich sechs Schubfächer, drei auf jeder Seite. Im obersten Fach lagen allerlei Man- schettenknöpfe, Briefklammern, Reißzwecken und ei- ne alte Fliege – mit Gummizug, was Erroll ein leichtes Grinsen entlockte. Das zweite enthielt Rubel im Wert von rund fünfzig Pfund Sterling. Außerdem fand Richter eine Versicherungspolice, die er zu seinen Ak- ten steckte, und ein Bündel Briefe, abgestempelt in Northumberland. Zwei, drei davon nahm er sich kurz vor und packte sie dann zu dem Foto. Knapp eine Viertelstunde später, nachdem er einen kurzen Blick in sämtliche Schubladen geworfen und den Kleiderschrank überprüft hatte, war er fertig. Richter listete alles auf, was er mitgenommen hatte, fertigte eine Abschrift an. Dann unterschrieben er und Erroll die beiden Zettel. Einen behielt Erroll, der ande- re kam in Richters Aktentasche. »Das war’s. Besten Dank für die Unterstützung.« »Keine Ursache, alter Knabe.« Richter warf einen Blick auf seine Uhr. »Wie lange brauchen wir zum Flughafen?« »Es sind rund zwanzig Meilen, um diese Tageszeit also etwa fünfunddreißig Minuten.«, Aspen drei-vier Es gibt langsame Sinkflüge, normale Sinkflüge und schnelle Sinkflüge. Frank Roberts’ Manöver ließ sich am ehesten als Sturzflug bezeichnen, bei dem die Ma- schine pro Minute um mehr als zwanzigtausend Fuß tiefer ging. Er durfte auf keinen Fall die Rollbahn ver- fehlen, denn sonst musste er durchstarten und erneut anfliegen, und dafür hatte er nicht mehr genügend Treibstoff. Außerdem wusste er, dass man bei der US Air Force ernsthaft sauer wäre, wenn er den Blackbird an irgendeinen schottischen Berg setzte, statt sicher auf einer betonierten Rollbahn zu landen. Auf fünfundzwanzigtausend Fuß war der Himmel klar, doch die geschlossene Wolkendecke, die der Fluglotse der Distress & Diversion Cell über Lossie- mouth gemeldet hatte, erstreckte sich fast über ganz Großbritannien. Sie wirkte wie eine schmutzig graue Suppe, als der Blackbird siebenundzwanzig Meilen östlich des Flugplatzes hineintauchte. Im nächsten Moment sank die Sichtweite auf null, aber Frank Ro- berts war bereits in den reinen Instrumentenflug über- gegangen. Er befand sich zwanzig Meilen vor dem Flugplatz, als er sich in Lossiemouth meldete. »Flugleitung Los- siemouth, hier Pan-Maschine Aspen drei-vier. Befin- den uns im Instrumentenflug in dichter Wolkendecke, passieren Flughöhe eins-zwo-null im schnellen Sink- flug auf Kurs Zwo-acht-fünf und erbitten Einweisung zur Notlandung.«, RAF Lossiemouth, Grampian, Schottland Im Einweisungsraum in Lossiemouth hatte der Flug- leiter, ein junger Flight Lieutenant, verfolgt, wie sich das Signal des 7700-Notfalltransponders rasch über den Bildschirm bewegte. Die Notfalldienste waren in Bereitschaft, die Feuerwehr- und Sanitätswagen war- teten voll bemannt und mit laufenden Motoren auf dem Vorfeld. »Aspen drei-vier, hier Flugleitung Lossiemouth. Sie haben noch neunzehn Meilen bis zum Platz. Halten Sie Ihren derzeitigen Kurs und sinken Sie weiter auf zweitausend Fuß bei QNH zwo-neun Komma acht- eins Zoll. Bestätigen Sie, dass Sie jetzt auf Unterschall- geschwindigkeit sind.« »Drei-vier ist auf Unterschall und sinkt auf zwotau- send bei neunundzwanzig-einundachtzig.« In zehntausend Fuß Höhe klappte die Besatzung des Blackbird die Helmvisiere hoch. Wie üblich roch es im Cockpit nach verbranntem Metall. Die Maschine war noch fünfzehn Meilen entfernt, als das Unwetter, das von Westen aufgezogen war, den Flugplatz er- reichte, sodass die Sicht auf unter eine Meile sank. »Aspen drei-vier, hier Flugleitung. Wir haben böi- gen Wind und Regenschauer bei Sichtweite unter ei- ner Meile und geschlossener Wolkendecke bis auf dreihundert Fuß. Bereiten Sie sich auf Präzisionsan- flug auf Landebahn zwo-drei vor. Gehen Sie weiter nach Backbord auf Kurs zwo-fünf-null.« Der Flugleiter verstummte, als der leitende Radar-, offizier ihm an die Schulter tippte und ihm etwas er- klärte. Da er nicht riskieren wollte, dass beim Um- schalten auf eine andere Frequenz der Kontakt zu der Maschine abriss, hatte sich der Radaroffizier dafür entschieden, dass die Landeanweisungen auf der Fre- quenz des Flugleiters erfolgen sollten. »Aspen drei-vier, noch zwölf Meilen bis zum Platz. Bestätigen Sie, dass Sie jetzt auf zwotausend Fuß sind.« »Bestätigt. Höhe zwotausend.« »Roger. Bleiben Sie in Funkbereitschaft, führen Sie letzte Landechecks durch und achten Sie auf dieser Frequenz auf letzte Anweisungen.« Zwölf Meilen vor dem Flugplatz fuhr der Blackbird das Fahrwerk aus, worauf die Maschine deutlich hecklastig wurde. »Aspen drei-vier, hier Fluglotse Lossiemouth. Ich habe Sie am Radar bei Entfernung zehn. Drehen Sie nach links auf Kurs zwo-vier-fünf.« »Zwo-vier-fünf, Drei-vier.« Normalerweise sind die Durchsagen der Fluglotsen kurz und knapp, doch wenn die Maschine zum Lan- deanflug ansetzt, spricht der Lotse ständig mit dem Piloten und erteilt ihm fortwährend Anweisungen, bis er sicher am Boden ist. »Sie sind etwas zu weit links. Gehen Sie allmählich auf Kurs zwo-vier-fünf. Noch etwa eine Meile bis zum Einleiten des Landeanflugs.« Der Fluglotse schwieg ein paar Sekunden, schob dann die Sendetaste nach vorn, arretierte sie und be- gann mit der Einweisung. »Aspen drei-vier, noch sie-, ben Meilen bis Touchdown. Bereitmachen für Lande- anflug. Halten Sie Kurs zwo-vier-fünf. Sie sind etwas zu weit links, Sie sind noch etwas zu weit links, nä- hern sich langsam Anflugschneise. Sie brauchen die weiteren Durchsagen nicht bestätigen, solange ich Sie nicht ausdrücklich dazu auffordere.« Auf den beiden Bildschirmen war das Radarecho des Blackbird deutlich zu sehen, wenn auch klein und nur schwach leuchtend. Das Echo war noch unterhalb des elektronisch eingezeichneten Gleitwegs, berührte aber fast die Mittellinie, die die genaue Anflugroute markierte. Der Lotse schaute auf den Bildschirm, auf dem die Höhe des Flugzeugs angezeigt wurde, und wartete, bis das Radarecho fast den elektronischen Gleitweg berührte. Das war das Entscheidende – man musste den Landeanflug einleiten, kurz bevor sich Echo und Gleitweg überschnitten, damit Pilot und Maschine rechtzeitig reagieren konnten. »Sechs und eine Dreiviertelmeile bis Touchdown. Leiten Sie jetzt Landeanflug auf Gleitweg drei Grad ein.« Ein Gleitweg von drei Grad heißt, dass die Maschi- ne pro Meile um dreihundert Fuß sinkt. »Noch sechs Meilen bis Touchdown. Gehen Sie um fünf Grad nach Backbord auf Kurs zwo-vier-null. Sie sind jetzt genau auf Anflugschneise, aber immer noch ein bisschen über dem Gleitweg.« Fünf Meilen vor der Landebahn befand sich der Blackbird genau auf dem Gleitweg, sodass der Lotse keine weiteren Anweisungen zur Flughöhe durchge-, ben musste. Wegen des böigen Windes waren aller- dings häufige Kurskorrekturen erforderlich, je näher die Maschine dem Boden kam. »Drei Meilen bis Touchdown, Kurs zwo-drei-fünf. Sie sind ein bisschen zu weit rechts, aber auf Gleitweg. Bestätigen Sie, dass letzte Landechecks durchgeführt sind – Aspen drei- vier, bitte bestätigen.« »Drei-vier hat Checks durchgeführt.« »Roger. Kurs zwo-drei-fünf, auf Gleitweg. Sie ha- ben Landeerlaubnis auf Bahn zwo-drei.« Als die Maschine auf dreihundert Fuß Höhe und nurmehr eine Meile von der Landebahn entfernt war, meldete sich der Lotse erneut. »Aspen drei-vier, noch knapp eine Meile. Genau auf Kurs und Gleitweg. Bes- tätigen Sie, wenn Landebahn in Sicht ist.« Frank Roberts, der aus dem Cockpitfenster Aus- schau nach dem Leuchtfeuer und der Landebahnbe- leuchtung hielt und gleichzeitig auf die Instrumente achtete, blickte wieder nach vorn. »Negativ.« »Roger. Ich weise Sie weiter ein. Genau auf Kurs und Gleitweg. Noch eine Dreiviertelmeile.« Frank Roberts wandte sich von den Instrumenten ab und richtete den Blick nach vorn. Nichts als trübes, undurchdringliches Grau. Doch plötzlich war es, als werde ein Teppich unter ihm weggezogen – die graue Wolkendecke löste sich auf und unmittelbar vor ihm tauchten klar und deutlich die strahlenden Lichter der Landebahnbeleuchtung auf. »Genau auf Kurs und Gleitweg. Noch eine halbe Meile.«, »Wir sehen die Landebahn, wir sehen die Lande- bahn. Danke, Sir.« »Roger, Drei-vier. Melden Sie sich auf drei-drei- sieben Komma sieben-fünf beim Tower.« »Drei-drei-sieben Komma sieben-fünf.« In knapp hundertfünfzig Fuß Höhe stieß der Black- bird durch die Wolkendecke. Der Lotse im Tower, der mit dem Fernglas gen Osten spähte, sah eine Reihe sonderbar angeordneter Lichter. Im gleichen Moment meldete sich die Maschine. »Lossiemouth Tower, hier Aspen drei-vier.« Der Lotse senkte das Fernglas, warf einen letzten prüfenden Blick auf die Landebahn und drückte auf die Sendetaste. »Aspen drei-vier, hier Tower. Bestäti- gen Sie, dass Landechecks durchgeführt sind.« »Bestätigt. Drei-vier hat Landechecks durchgeführt. Alles grün.« »Roger. Landen Sie auf Bahn zwo-drei. Windge- schwindigkeit am Boden bei fünfzehn Knoten aus grün drei-fünf.« Der Lotse setzte das Fernglas wieder an und richtete es auf das Flugzeug, das gerade über der Lan- debahn einschwebte. »Was zum Teufel ist das? Das ist – nein.« Der Lotse verstummte und betrachtete schweigend die Umrisse des Flugzeugs, als Frank Ro- berts die Nase der Maschine zum Touchdown leicht anhob. »Leck mich«, sagte er. »Ein Blackbird.«, SWR-Zentrale, Jasenewo, Moskau Rund fünfzehn Kilometer südwestlich von Moskau, unweit der Ortschaft Teplijstan, bog eine schwarze ZIL-Limousine von der Ringautobahn auf eine schma- le Landstraße ab, die in einen dichten Wald führte. Der Wagen passierte ein großes Schild mit dem Hin- weis, dass sich hier in der Gegend ein Wasserschutz- gebiet befinde, das von Unbefugten nicht betreten werden dürfe. Etwa zweihundert Meter weiter hielt der Wagen bei einem Milizposten, wo die Pässe des Fahrers, des Leibwächters und der beiden Männer auf dem Rück- sitz von SWR-Soldaten in Milizuniformen überprüft wurden. Dann setzte sich der Wagen wieder in Bewe- gung und fuhr auf einen rund fünfhundert Meter ent- fernten Parkplatz. Der Fahrer und der Leibwächter stiegen unverzüglich aus und öffneten die hinteren Türen, doch die beiden Insassen, die sie gar nicht wahrzunehmen schienen, blieben noch ein paar Minu- ten sitzen und unterhielten sich. Schließlich stiegen sie aus, salutierten eher lässig und traten durch ein Drehkreuz in ein Wachhaus, dem einzigen Durchgang in dem hohen, mit Stachel- draht gekrönten Maschendrahtzaun. Bewaffnete Pos- ten der SWR-Gardedivision, die khakifarbene Aus- gehuniformen mit blauen Blitzen an Revers und blau- en Streifen an den Hosen trugen, inspizierten die spe- ziellen Ausweise, die die beiden Offiziere vorlegten. Es waren gelbbraune Plastikkarten mit einem Foto, und einem Lochcode, aus dem hervorging, zu wel- chen Bereichen der Inhaber Zutritt hatte. Vom Wachhaus aus liefen die beiden Offiziere ge- mächlichen Schrittes den Fahrweg entlang, der zwi- schen Rasenflächen und Blumenbeeten zum SWR- Gebäude führte, der ehemaligen Zentrale des Ersten Hauptdirektorats des KGB. Es war von finnischen Ar- chitekten entworfen und zumindest teilweise mit Ma- terialien und Maschinen gebaut worden, die man in Skandinavien erworben hatte. Das ursprüngliche, sie- benstöckige Hauptgebäude, im Grundriss ein dreiza- ckiger Stern, besteht aus viel Glas und Aluminium mit blauen Ziersteinen um manche Fenster. Inzwischen wird es aber von einem zwanzigstöckigen Anbau am westlichen Flügel überragt. Die Offiziere traten durch die gläserne Doppeltür in ein großes, mit Marmor getäfeltes Foyer, zeigten den bewaffneten Posten erneut ihre Ausweise und gingen zu den Fahrstühlen, die sich in der Mitte des Gebäu- des befanden. Sie fuhren in den siebten Stock, stiegen aus, als der Aufzug anhielt, liefen langsam den mit Teppichboden ausgelegten Korridor entlang und betraten eine Büroflucht. »Guten Tag, Herr General.« Leutnant Vadim Wasi- lewitsch Nilow, ein aufgeweckt und lebhaft wirkender Offizier von Ende zwanzig, begrüßte seinen Vorgesetz- ten wie immer mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Respekt und nahm ihm rasch die Uniformmütze und den Mantel ab. Dann salutierte er vor dem ande- ren Offizier und erwies ihm den gleichen Dienst., Nilow war wie üblich bereits vor sieben Uhr mor- gens in der Zentrale eingetroffen, hatte zwei Stunden lang den über Nacht eingegangenen Funkverkehr durchgesehen, alle wichtigen Meldungen gekenn- zeichnet und den Terminkalender für den laufenden Tag überprüft. Er würde bis acht oder neun Uhr abends in der Zentrale bleiben. General Modin fragte sich oft, wann Nilow eigentlich schlief, wenn überhaupt. Er war davon überzeugt, dass er keinerlei Privatleben hatte. Nilow war General Nikolai Fedorowitsch Modins Adjutant, seit dieser Leiter der Abteilung V des Ersten Hauptdirektorats des KGB in Jasenewo geworden war. Durch die Umwandlung des KGB in den SWR hatte sich nur wenig geändert, abgesehen davon, dass die »Abteilung V« umbenannt worden war. »Den ganzen Morgen über sind dringende Mel- dungen wegen der amerikanischen Maschine einge- gangen, die in unseren Luftraum eingedrungen ist, Herr General. Die Mitteilungen befinden sich in dem roten Aktenordner auf Ihrem Schreibtisch.« Modin rang sich ein müdes Lächeln ab. »Würde mich auch wundern, Vadim, wenn keine dringenden Meldungen eingegangen wären. Was erwartet man denn vom SWR? Wir haben weder Flugzeuge noch Raketen.« Nilow lächelte. »Keine Ahnung, Herr General.« »Egal. Kaffee?« »Steht ebenfalls auf Ihrem Schreibtisch. Ich bringe Ihnen noch eine Tasse.«, Modin bedankte sich mit einem kurzen Nicken, ging in sein Büro, nahm den roten Aktenordner und setzte sich auf einen Armsessel am Fenster. Er winkte seinem Begleiter zu, dass er auf dem anderen Sessel Platz nehmen sollte. Nilow brachte eine zweite Tasse, goss Kaffee ein und stellte die Tassen auf einen nied- rigen Tisch zwischen den beiden Sesseln. Dann zog er sich zurück und schloss leise die Tür hinter sich. Mo- din griff nach seiner Tasse und schaute den anderen Mann nachdenklich an. »Nun, Grigori. Was wollen wir unternehmen?« General Grigori Petrowitsch Sokolow war eigentlich Modins Untergebener, aber die beiden Männer kann- ten sich schon so lange, dass aus der beruflichen Be- ziehung eine tiefe Freundschaft geworden war. Soko- low war ein kleiner, schlanker Mann mit einem freundlichen, offenen Gesicht und dichten grauen Haaren. Er sah nicht wie ein Russe aus, was sich im Laufe seiner Karriere schon des Öfteren als hilfreich erwiesen hatte. Wie Modin war er ein alter KGB- Mann, der die Zwölfte Abteilung des Ersten Hauptdi- rektorats geleitet hatte, eine etwas ungewöhnliche und sehr mächtige Einheit, die aus erfahrenen KGB- Offizieren bestanden und die Aufgabe gehabt hatte, ihre Opfer – westliche Militärs, Geheimagenten, Ge- schäftsleute und Regierungsmitarbeiter, die sich für die Sowjets als nützlich erweisen könnten – überall auf der Welt ausfindig zu machen und zu verfolgen. Auch für ihn hatte sich durch die Umstrukturierung des KGB zum SWR so gut wie nichts geändert., Sokolow stellte seine Tasse ab. »Ich weiß es nicht, Nikolai. Wirklich nicht.« Er schwieg einen Moment und fragte dann: »Was können sie auf den Filmen er- kennen?« Modin seufzte. »Nicht allzu viel, glaube ich. Ich ha- be heute Morgen mit unseren technischen Spezialisten gesprochen, nachdem Nilow angerufen hatte, aber sie wissen nicht, wie gut die amerikanischen Kameras sind. Aber auch wenn sie ausgezeichnete Kameras hatten, können sie nur wenig sehen. Die Strahlungs- detektoren machen mir allerdings Sorgen. Und ich möchte gern wissen, weshalb sie überhaupt ein Spio- nageflugzeug losgeschickt haben.« »Was meinst du damit?«, fragte Sokolow und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Ich meine damit, dass die Amerikaner seit Glasnost sehr zurückhaltend gewesen sind, was Aufklärungs- einsätze bei uns angeht. Sie sind sehr darauf bedacht, dass alle Welt eine gute Meinung von ihnen hat, und wollen nicht als Aggressoren dastehen. Warum also sollten sie das Risiko eingehen und ein Spionageflug- zeug am helllichten Tag über die Tundra schicken? Natürlich hätten sie durch unsere letzten Waffentests aufmerksam werden können, aber diese Erprobungen finden schon seit über einem Jahr statt.« »Ja, Nikolai, aber das waren unterirdische Tests. Der hier fand über der Erde statt.« »Der erste und der letzte«, sagte Modin nickend. »Sehr bedauerlich, dass es überhaupt zu einer überir- dischen Explosion kommen musste. Dabei ging es, nicht einmal um eine Erprobung der Waffe. Man woll- te lediglich sichergehen, dass der Zündmechanismus funktioniert. Dennoch, warum sollten die Amerikaner ein Flugzeug einsetzen?« Sokolow trank einen Schluck Kaffee, dann wandte er sich wieder an Modin. »Hast du eine Idee, mein Freund?«, fragte er schließlich. »Meiner Meinung nach«, erwiderte Modin, »gibt es nur zwei Möglichkeiten. Zum einen könnten die Ame- rikaner viel schlauer sein, als wir dachten. Vielleicht haben sie aufgrund seismografischer Messungen fest- gestellt, um was für eine Waffe es sich handelt.« »Das bezweifle ich«, sagte Sokolow. »Ich auch.« »Natürlich«, fügte Sokolow nachdenklich hinzu, »könnte der Flug auch nur eine Vorsichtsmaßnahme gewesen sein. Sie könnten aufgrund ihrer seismogra- fischen Aufzeichnungen festgestellt haben, dass dieser Versuch nicht die typischen Merkmale einer auf Kern- spaltung oder Kernfusion beruhenden Waffe aufwies, und beschlossen haben, dass sie sich nur mittels eines Spionageflugzeugs Klarheit verschaffen können.« »Einverstanden«, sagte Modin. »Aber angesichts der derzeitigen politischen Verhältnisse halte ich das für unwahrscheinlich.« »Unwahrscheinlich ja, aber möglich wäre es.« Wie- der nickte Modin, diesmal fast widerwillig. »Du hast gesagt, es gibt zwei Möglichkeiten«, fuhr Sokolow fort. »Wie lautet die zweite?« Modin senkte den Blick. »Es gefällt mir ganz und, gar nicht, Grigori, aber meiner Ansicht nach gibt es ansonsten nur noch eine Möglichkeit – jemand hat ih- nen etwas über das Projekt erzählt. Jemand hier bei uns oder beim GRU.« »Meinst du das ernst?«, fragte Sokolow. »Willst du wirklich andeuten, dass es hier bei uns einen Predatel gibt – einen Verräter?« »Ja«, sagte Modin. »Minister Truschenko und ich haben bereits darüber gesprochen, und wir beide sind aufgrund der uns vorliegenden Hinweise der Mei- nung, dass dies die wahrscheinlichste Schlussfolge- rung ist.« Sokolow blickte über den Tisch und stieß nur ein einziges Wort aus. »Wer?« »Wenn ich das wüsste, Grigori, könnte ich heute Nacht ruhig schlafen. Hier handelt es sich um das ge- heimste Projekt, das in unserem Land in den letzten vier Jahren in Angriff genommen wurde. Bis vor ei- nem Jahr kannten nur Minister Truschenko, General Bykow und ich alle Einzelheiten – die Techniker wuss- ten natürlich, dass sie an einer Kernwaffe arbeiteten, hatten aber keine Ahnung, wozu diese Waffe einge- setzt werden sollte.« Er stellte seine Kaffeetasse ab und fuchtelte unwirsch mit dem Arm herum. »Dieses Projekt ist so geheim, dass man ihm erst dieses Jahr einen Namen gab. Denn wenn man einer Sache einen Namen gibt, bestätigt man, dass sie existiert. Etwas, das keinen Namen hat, gibt es nicht.« »Und jetzt, Nikolai? Wie viele Leute wissen jetzt darüber Bescheid?«, »Über zwanzig. Alle wurden genauestens unter die Lupe genommen und für unbedenklich erklärt. Die meisten kenne ich persönlich – du übrigens auch. Ich wüsste nicht einmal annähernd, wen ich verdächtigen sollte.« Modin griff nach seiner Kaffeetasse, schaute hinein und stand auf. Er warf Sokolow einen fragenden Blick zu, doch der schüttelte den Kopf. Gemächlich ging Modin zum Schreibtisch, nahm die Kaffeekanne und füllte seine Tasse, dann kehrte er zum Sessel zurück und setzte sich mit einem müden Seufzer. »Der Ärger dabei ist, dass jetzt, da das Projekt kurz vor der Vollendung steht, alle darüber Bescheid wissen muss- ten. Ich persönlich – persönlich, verstehst du? – habe jeden Einzelnen empfohlen, und natürlich habe ich ih- re Akten überprüft. Ich habe sogar«, fügte er leise hin- zu, »deine Akte überprüft, mein Freund.« Sokolow nickte. »Das solltest du auch, Nikolai. Bei einer so wichtigen Angelegenheit muss man gegen- über allen und jedem argwöhnisch sein. Was nun? Was willst du tun?« Modin trank seinen Kaffee aus, stellte die Tasse auf den Tisch und stand auf. Er ging ans Fenster und blickte nach Norden, über die Baumwipfel hinweg in Richtung Moskau. Dann kehrte er zum Tisch zurück und setzte sich. »Zweierlei. Erstens habe ich eine Auf- gabe für dich. Sie ist unangenehm, muss aber erledigt werden. Ich möchte, dass du den Mistkerl ausfindig machst, der den Amerikanern verraten hat, was wir treiben.«, »Wenn es ihn denn gibt«, sagte Sokolow leise. »Oh, den gibt es, Grigori, den Verräter gibt es. Da- ran habe ich keinerlei Zweifel. Nicht den geringsten.« Mit gerunzelter Stirn blickte Sokolow auf. »Bist du dir sicher, dass ich das übernehmen sollte, Nikolai? Eigentlich ist das nicht mein Gebiet.« Modin lächelte ihn an. »Das weiß ich«, sagte er. »Aber diese Ermittlung muss jemand durchführen, dem ich vertrauen kann, restlos vertrauen. Und es muss je- mand sein, der bereits über das Projekt Bescheid weiß. Wenn ich den Sicherheitsdienst einschalte, muss ich das Projekt Podstawa zumindest in groben Umrissen darlegen, und dadurch würden noch mehr Menschen davon erfahren, mehr als wir zulassen dürfen. Nein, Grigori. Diese Ermittlung muss jemand führen, der bereits eingeweiht, zugleich aber absolut zuverlässig und über jeden Verdacht erhaben ist. Du bist der beste Mann – genau genommen sogar der einzige, der dafür in Frage kommt.« Sokolow nickte. »Ich danke dir für das Vertrauen, Nikolai. Und was ist das Zweite?« Modin wirkte mit einem Mal sehr ernst. »Es ist nicht meine Entscheidung gewesen – Minister Tru- schenko persönlich hat mir die Anweisung erteilt. Er glaubt, dass wir nicht so lange warten können, bis alle Waffen in Einzelteilen vor Ort sind. Deshalb soll die letzte Waffe trotz aller Risiken in einem Stück geliefert werden.« Sokolow starrte Modin an. »Wie?«, fragte er. »Sie wird per Lastwagen transportiert, als Diploma-, tengepäck ausgewiesen, aber von Speznas-Truppen bewacht.« »Wohin?«, fragte Sokolow. »Wo soll diese letzte Waffe in Stellung gebracht werden?« »In London«, sagte Nikolai Modin. »Sie wird nach London gebracht.«. Flughafen Scheremetjewo, Moskau Sie brauchten über zwanzig Minuten, bis sie die Mos- kauer Innenstadt hinter sich hatten und auf der Auto- bahn M9 in Richtung Nordwesten fuhren. Trotzdem hatten sie noch genügend Zeit. Am Flughafen Schere- metjewo holte Richter seinen Koffer aus dem Koffer- raum des Rover, schüttelte Erroll die Hand und ging davon. Erroll blickte ihm einen Moment lang hinterher und stieg dann wieder ins Auto. »Von wegen Versiche- rungsagent«, murmelte er. »Okay, George, los geht’s.« Die drei Männer in dem schwarzen ZIL, der etwa fünfzig Meter hinter dem Rover der Botschaft hielt, ließen Richter nicht aus den Augen, als er zum Flug- hafengebäude ging. Als er die Abflughalle betrat, öff- nete der Mann auf dem Rücksitz die Autotür und stieg aus. Er raffte seinen Mantel um sich, als er Rich- ter folgte. Kaum hatte er das Gebäude betreten, als sich jemand über Kopfhörer bei ihm meldete. Er neig- te den Kopf leicht zur Seite, als könnte er dadurch besser hören, lächelte dann kurz und beschleunigte seine Schritte., Der Abfertigungsschalter der British Airways hatte bereits geöffnet. Richter legte seinen Flugschein und den Reisepass vor und gab seinen kleinen Koffer auf. Ein Profi weiß immer, was um ihn herum vorgeht, und Richter war Profi durch und durch. Er drehte sich um und ließ den Blick über des Getümmel schweifen, hielt Ausschau nach jemandem, der sich auffällig ver- hielt, und bemerkte prompt einen Mann mit kalten grauen Augen, der ihn einen Moment zu lange an- starrte. Ohne sich darum zu kümmern, ging Richter zur Ca- feteria. Als er acht Minuten später mit einer Tasse Kaf- fee und einem Taschenbuch an einem Ecktisch saß, entdeckte er den Mann wieder. Diesmal stand er un- mittelbar hinter der Cafeteria. Es konnte ein Zufall sein, aber in Richters Beruf hielt man nicht allzu viel von Zufällen. Normalerweise bedeutete so etwas Feindberührung. Er trank seinen Kaffee aus, steckte den Roman in sei- ne Aktentasche, stand auf und ging in eines der Ge- schäfte. Er schlenderte die Gänge entlang und nahm eine Flasche mit dem billigsten Scotch, den er finden konnte. Die Marke kannte er nicht, aber das spielte auch keine Rolle, weil er nicht vorhatte, ihn zu trin- ken. Er packte die Flasche in seine Aktentasche, ver- ließ den Laden und ging zu den Toiletten. Richter trat ein, stellte fest, dass niemand da war, und ging rasch ans Werk. Er lief zur hintersten Kabi- ne, stellte die Aktentasche auf den Sitz und schloss sämtliche Türen. Dann stellte er sich in die vierte Ka-, bine, stieß die Tür hinter sich zu und stieg auf den Sitz. Anschließend wartete er. Wenige Sekunden später hörte er, wie die Toiletten- tür aufgerissen wurde. Dann schwere Schritte. Kurz darauf blieb der Mann stehen. Richter wusste, dass er die geschlossenen Kabinen musterte, sich vermutlich hinkniete und unter den Türen durchschaute. Danach konnte der Russe nur noch eins tun. Und fünf Sekun- den später machte er es. Richter hörte, wie die erste Kabinentür aufflog, dann die zweite und die dritte. Jetzt kam es aufs rich- tige Timing an. Wenn man eine Tür eintritt, steht man notgedrungen nur auf einem Bein; ein Mann, der auf einem Bein steht, ist aber alles andere als standfest. Unmittelbar bevor der Fuß des Russen auf die Tür traf, stieg Richter vom Klositz und riss sie auf, warf sich gleichzeitig nach vorn und griff mit der linken Hand von unten zu. Durch den Tritt ins Leere war der Russe auf dem linken Bein herumgerissen worden. Richter bekam ihn unter dem rechten Oberschenkel zu fassen und hebelte ihn hoch, ein einfacher Aikido-Wurf, bei dem man Schwung und Trägheitsmoment des Angreifers wider ihn verwendet. Der Russe flog zurück, prallte mit dem Kopf an die Wand zum Waschraum, schlug schwer am Boden auf und blieb breitbeinig liegen. Im nächsten Moment trat Richter mit dem linken Fuß zu, schlug ihm die kleine schwarze Automatik aus der rechten Hand und kickte sie unter die nächste Kabine. Dann verpasste er dem Russen einen schwe-, ren Fausthieb links vom Genick. Damit war er erle- digt. Richter zog den bewusstlosen Russen ein Stück hoch und lehnte ihn an die Wand. Er griff in seine Ja- cke und zog eine schwarze Lederbrieftasche heraus, untersuchte den Inhalt und nickte einmal zufrieden. Dann steckte er sie zurück, holte seine Aktentasche und nahm die Scotchflasche heraus. Er schraubte sie auf, kippte den Schnaps über Jacke und Hemdbrust des Russen und drückte ihm die leere Flasche in die rechte Hand. Die Pistole war eine russische 5.45mm PSM, leicht und unauffällig. Richter zückte ein Taschentuch, hob sie auf und warf sie in den Papierkorb neben den Waschbecken. Kaum hatte er zu seiner Aktentasche gegriffen, als die Tür aufging und ein Mann herein- kam. Er warf Richter einen kurzen Blick zu und schaute dann zu der Gestalt, die an der Wand lehnte. »Wieder mal ein Besoffener«, sagte Richter in russi- scher Umgangssprache und ging zur Tür. Der Mann schnüffelte kurz, dann nickte er. »Manchmal stolpert man sogar am Roten Platz über dieses Gesindel«, erwiderte er. Richter nickte, öffnete die Tür und ging zu seinem Flugsteig., Freitag Stepney, London Das Telefon weckte Richter um zwanzig vor acht. »Ja?«, grummelte er. »Gehen Sie bitte auf die sichere Leitung.« »Gut«, sagte Richter und drückte die entsprechende Taste am Telefon. Für jemanden, der mithörte, klang es, als hätten beide Gesprächsteilnehmer aufgelegt. »Thomas, Offizier vom Dienst. Wie ist es gelaufen?« »Ganz gut«, sagte Richter. »Der Erste Sekretär ist ein ziemliches Arschloch, aber der Vierte Untersekre- tär, ein gewisser Erroll, ist schwer auf Zack. Das Auto war völlig im Eimer, desgleichen der Tote. Der Schä- del war bis zur Unkenntlichkeit zermalmt, Arme und Hände waren schwer verbrannt. Das Botschaftsperso- nal hat den Toten nur anhand der Papiere identifi- ziert.« Richter hielt inne und gähnte. Quäkend und verzerrt drang die Stimme des Anrufers aus dem Hö- rer. »Was?« »Ich habe gefragt, ob es irgendwelche Zweifel gibt, was die Identität des Toten angeht.« »Nein, nicht die geringsten.« »Der arme alte Newman. Ein ziemlich sinnloser Abgang. Er war –«, »Nein, nein«, unterbrach ihn Richter. »Sie haben mich missverstanden. Die Identifizierung war eindeu- tig, aber bei dem Toten handelt es sich nicht um New- man.« »Was?«, erwiderte Thomas. »Sind Sie sich da si- cher?« »Wenn ich mir nicht sicher wäre, würde ich es nicht sagen.« Kurzes Schweigen. Im Hintergrund waren leise Stimmen zu hören, dann knisterte es wieder in der Leitung. »Simpson möchte Sie sprechen, sofort. Ich schicke Ihnen einen Wagen.« »Lassen Sie mir eine Stunde Zeit«, erwiderte Rich- ter. »Ich bin noch im Bett.« »Dann sollten Sie schleunigst aufstehen«, sagte Thomas, dessen Tonfall trotz des Zerhackers verriet, dass er vor sich hin grinste. »Der Wagen wird nämlich in etwa zwanzig Minuten vor Ihrem Haus stehen. Ge- hen Sie gleich zum Büro des Direktors, wenn Sie hier eintreffen.« Richter unterbrach die Verbindung, horchte auf das Freizeichen und legte den Hörer auf. Er warf einen Blick auf seine Uhr – gleich zehn vor acht – und schaute sich dann im Schlafzimmer um. Wie üblich sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen und wäre mitten im Bett explodiert. Richter zog Laken und Zudecke halbwegs zurecht, nahm sich vor, demnächst eine Steppdecke zu besorgen, und ging kurz darauf ins Badezimmer., Uliza Nowyj Arbat, Moskau Die Wohnung am westlichen Ende der Uliza Nowyj Arbat war mit knapp hundert Quadratmetern nach westlichen Maßstäben eher klein, aber für Moskauer Verhältnisse war sie riesig, zumal sie nur von einer Person bewohnt wurde. Die meisten Moskauer Fami- lien schätzen sich glücklich, wenn sie eine halb so große Wohnung mit drei bis vier Zimmern haben. Die Russen sind es gewohnt, auf engstem Raum zusam- menzuwohnen, und finden nichts dabei, wenn sich Eltern und Kinder Schlafzimmer, Küche und Bad tei- len. Die Wohnung gehörte der Regierung, wie die meis- ten Immobilien in diesem Stadtteil von Moskau, und war dem Industrieministerium zugeteilt worden. Das Ministerium wiederum hatte sie dem Minister persön- lich als Moskauer Wohnsitz zugewiesen. Dimitri Ste- panowitsch Truschenko saß auf einem bequemen Le- dersessel und hatte die Beine zum Kamin ausge- streckt, in dem bereits frisches Brennholz gestapelt war. Sein Diener würde das Feuer am frühen Abend anzünden, bevor er für den Minister das Essen zube- reitete. Truschenko war groß und schlank, hatte helle Haut und blonde Haare, und hinter seinem freundli- chen, manchmal etwas versonnen wirkenden Lächeln versteckte sich ein messerscharfer Verstand. Er war sechsundfünfzig Jahre alt, wirkte aber viel jünger und strahlte etwas Gelehrtenhaftes aus, das die meisten Widersacher dazu verleitete, seine Gerissenheit und, Intuition zu unterschätzen, mit der er alle politischen und persönlichen Fährnisse überlebt hatte. Auf dem niedrigen Tisch neben Traschenko lagen zwei dünne, streng geheime Akten, die er nicht auf dem offiziellen Dienstweg erhalten hatte. Bei der ei- nen handelte es sich um einen Bericht über die Ver- nehmung des Engländers in der Lubjanka, einschließ- lich einer Abschrift der Audiokassette und der Schlussfolgerungen des Verhörspezialisten. Ferner hatte ihr eine nicht beschriftete Videokassette beigele- gen, die sich Truschenko schon zweimal mit großem Vergnügen angesehen hatte. Die zweite Akte stammte aus dem russischen Ver- teidigungsministerium und enthielt ein Fax vom ver- antwortlichen Oberstleutnant der Wojska-IA-PVO- Einheit im Militärbezirk Archangelsk, in dem von dem Zwischenfall mit dem amerikanischen Militär- flugzeug berichtet wurde, das tags zuvor über die Gemeinschaft unabhängiger Staaten geflogen war. In dem Bericht standen vergleichsweise wenig Einzelhei- ten über die Route des Blackbird, dafür ging er umso ausführlicher auf die prompten und wirkungsvollen Maßnahmen ein, die von den PVO-Offizieren ergrif- fen worden waren und durch die, wie es hieß, verhin- dert worden sei, dass der amerikanische Aufklärer seinem geplanten Kurs folgen konnte. Außerdem teilte der Oberstleutnant mit, dass das Spionageflugzeug seiner Meinung nach beim Luft- kampf mit russischen Abfangjägern beschädigt wor- den sei, möglicherweise so schwer, dass es seinen, Stützpunkt im Westen nicht habe erreichen können. Die Schuld daran, dass das Spionageflugzeug über- haupt hatte entkommen können, wurde in erster Linie den Piloten der Abfangjäger in die Schuhe geschoben, weil sie die Befehle der PVO nicht ordnungsgemäß ausgeführt hätten. Der Bericht endete mit einem Hin- weis auf die empfohlenen Disziplinarmaßnahmen, die gegen sie ergriffen werden sollten. Diesen Bericht hatte Truschenko gerade mit zuneh- mender Besorgnis gelesen. Sobald er die Route gese- hen hatte, auf der die Maschine geflogen war, wusste er, dass die Schlussfolgerungen des Oberstleutnants Blödsinn waren. Die Amerikaner hatten genau das fo- tografiert, was sie fotografieren wollten. Er persönlich wunderte sich, dass die Abfangjäger überhaupt so na- he an die amerikanische Maschine herangekommen waren, dass sie sie in einen Luftkampf verwickeln oder gar beschädigen konnten. Von der unterschwelligen Andeutung, dass der Blackbird in die Nordsee ge- stürzt sein könnte, hielt er überhaupt nichts. Offenbar hatten die Amerikaner irgendetwas über das Unter- nehmen erfahren und hatten ein Spionageflugzeug eingesetzt, um das Waffentestgelände zu erkunden. Truschenko stand auf und ging zu den hohen Fens- tern, durch die man nach Südwesten hin einen großar- tigen Ausblick auf die Moskwa hatte, stützte die Hän- de in die Hüften und schaute hinaus. Mehrere Minu- ten lang stand er dort, blickte auf die Schiffe auf dem Fluss, ohne sie wahrzunehmen, drehte sich dann um und kehrte zum Sessel zurück. Er griff zu der Flasche, Stolichnaja, goss sich ein Glas Wodka ein und trank ihn langsam. Als er ausgetrunken hatte, stellte Truschenko das Glas ab und stand auf, ging zu einem gerahmten Mo- net-Druck an der Wand neben dem Kamin und zog am linken Rahmen. Das Bild schwang zur Seite, und dahinter kam die Tür eines sehr teuren Schweizer Sa- fes zum Vorschein, einem der besten Fabrikate, das auf dem Markt war. Er gab eine aus zehn Ziffern be- stehende Zahlenkombination in das digitale Tasten- feld ein und drückte auf einen Knopf. Die Tür war damit noch nicht entriegelt, aber ein kleines Schlüssel- loch tat sich im Panzerstahl auf. Truschenko öffnete die beiden obersten Hemd- knöpfe und zog einen schmalen Stahlschlüssel heraus, den er stets um den Hals hängen hatte. Er schob ihn in das Schlüsselloch und drehte ihn zweimal um, dann zog er an dem in der Safetür eingelassenen Griff und öffnete sie. Im Safe befanden sich rund ein Dutzend Videokassetten und drei dicke Aktenordner. Tru- schenko holte den obersten Ordner heraus und nahm ihn mit zu seinem Sessel. Auf dem Einband stand »Podstawa«, und Truschenko kannte den Inhalt bereits in- und auswendig. Hammersmith, London Es war bereits zwanzig vor neun, als Richter im sieb- ten Stock aus dem Aufzug stieg, an eine dunkelgrüne, Tür klopfte, auf der in verblasstem Blattgold »Direc- tor« stand, und eintrat. Richard Simpson, der Leiter für Auslandseinsätze, erwartete ihn bereits und warf einen nachdrücklichen Blick auf seine Armbanduhr. »Sie kommen zu spät«, sagte er leicht säuerlich. »Ich weiß«, erwiderte Richter. »Der Verkehr«, fügte er hinzu. Er stellte seine Aktentasche auf den Boden und setzte sich auf einen Armsessel vor dem Schreib- tisch. »Ich habe nicht gesagt, dass Sie Platz nehmen dür- fen«, blaffte Simpson. »Stimmt.« Bislang verlief das Gespräch so wie immer. Simp- son war klein, etwa eins zweiundsiebzig, und wirkte frisch und rosig. Seit sechs Jahren leitete er den Fo- reign Operative Executive – Richter hingegen war erst seit zwei Jahren hier angestellt –, und soweit man wusste, hatte er in dieser Zeit noch nie jemanden ge- lobt. Richter kochte innerlich immer noch ein bisschen, wenn er Simpson begegnete. Vier Jahre zuvor war Richter ein arbeitsloser ehemaliger Sea-Harrier-Pilot der Royal Navy gewesen, der eine kleine Pension und eine Abfindung bezog, die verblüffend schnell zu- sammenschmolz. Drei Monate hatte er sich umgetan, immer wieder vergebens eine Arbeit gesucht, mit der er seine Miete verdienen könnte, ohne sich zu Tode zu langweilen. Dann hatte er in London an einem Einstellungsgespräch für einen Kurierjob teilgenom- men, den Richter so faszinierend fand, dass er ihn, prompt angenommen hatte. Es hatte fast zu gut ge- klungen, um wahr zu sein. Und genauso war es auch gewesen. Offiziell war er mit einem Kurierauftrag, dessen tie- feren Sinn niemand – und zuallerletzt Richter – durch- schaute, nach Frankreich geschickt worden. Aber oh- ne etwas davon zu wissen, war er von Simpson als Köder eingesetzt worden, um einen ranghohen Verrä- ter im Secret Intelligence Service in die Falle zu lo- cken. Man meinte Richter opfern zu können, da er keinerlei Angehörige hatte, die Krach schlagen könn- ten, falls er nicht zurückkehrte. Wider Erwarten hatte Richter die Begegnung überlebt, der SIS-Mann hinge- gen nicht. Und er hatte seine Sache so gut gemacht, dass Simpson der Meinung war, er sei zu wertvoll, als dass man ihn verlieren dürfte. Die Londoner Metropo- litan Police wie auch die französischen Behörden, die wegen des toten SIS-Mannes ermittelten, hatten den Fall »ungelöst« zu den Akten gelegt, die Akte aber nie geschlossen. Und Simpson hatte deutlich gemacht, dass er der Polizei jederzeit bei ihren Ermittlungen in dieser Sache weiterhelfen würde, wenn Richter auch nur einmal nicht spurte. Simpson starrte Richter von der anderen Seite des Schreibtisches aus an, und Richter erwiderte den Blick. Über die Kakteen hinweg – Kakteen waren an- scheinend das Einzige, was Simpson mochte, denn auf allen drei Fensterbrettern standen noch mehr, alle in Reih und Glied – konnte Richter nur seine dunklen, fast schwarzen Augen sehen, die ihn unverwandt an-, schauten. »Kommen Sie zur Sache. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.« Richter öffnete seine Aktentasche, holte das No- tizbuch heraus, das er in Moskau geführt hatte, und legte es vor sich auf den Schreibtisch. »Gut«, sagte er. »Am Dienstagabend hat man uns von Newmans Tod verständigt. Am Mittwochmorgen bin ich nach Moskau geflogen – wie üblich Economy – und unter dem Decknamen Willis im Hotel Budapescht abge- stiegen. Noch am gleichen Nachmittag habe ich in der Botschaft angerufen und für den nächsten Mor- gen einen Termin mit dem Ersten Sekretär verein- bart, einem gewissen Horne, William Horne. Wie mit der Abteilung Taktik und Ausrüstung abgespro- chen, habe ich ihm ein Empfehlungsschreiben der Versicherungsfirma vorgelegt, und nach kurzem Murren verwies er mich an den Vierten Untersekre- tär, einen gewissen Simon Erroll. An diesem Morgen habe ich das Auto und die Leiche inspiziert – der Leichnam lag in einem Kühlraum im Keller. Nach- mittags das Büro und die Wohnung. Anschließend bin ich nach Heathrow zurückgeflogen. Ich habe mir vor meiner Abreise Newmans Personalakte vorge- nommen«, fügte Richter hinzu. »Er war eins achtzig groß, rund achtzig Kilo schwer, hatte blonde Haare und einen hellen Teint. Besondere Kennzeichen werden nicht erwähnt. Der Tote in Moskau war etwa genauso groß und ebenso schwer – allerdings konnte ich den Leichnam nicht wiegen, ohne dass Erroll Lunte gerochen hätte. Haut- und Haarfarbe passten,, aber das Gesicht war völlig unkenntlich, und Finger- abdrücke waren wegen der Verbrennungen an den Händen nicht mehr möglich.« Simpson öffnete die Personalakte, die er vor sich liegen hatte, und blickte erwartungsvoll auf. »Und woher wollen Sie wissen, dass es sich nicht um New- man handelte?« »Dazu komme ich noch. Wenn man von besonde- ren Kennzeichen spricht, meint man meistens Narben oder Male. Newman hatte aber keinerlei Narben oder Male, deshalb ist vermutlich keiner darauf gekom- men. Er musste sich allerdings vor etwa zehn Jahren einen eingewachsenen Zehennagel am rechten Fuß entfernen lassen. Der Tote im Keller der Moskauer Botschaft hatte aber alle zehn Zehennägel.« Simpson vertiefte sich eine Zeit lang schweigend in die Akte. »Hier wird nirgendwo ein entfernter Zehen- nagel erwähnt.« »Doch«, sagte Richter. »Unter der Überschrift ›Kran- kenhausaufenthalte‹. Newman musste sich drei Ein- griffen unterziehen – Mandeloperation und Neben- höhlenspülungen, als er noch ein Kind war, später dann die Zehenoperation. Die Folgen sind unüber- sehbar. Der Nagel wächst nie wieder richtig nach, weil das Bett in Mitleidenschaft gezogen wird.« Simpson las drei, vier Minuten lang in der Akte, dann schlug er sie zu. »Zwei Fragen. Wenn es sich bei dem Toten nicht um Newman handelt, um wen dann? Und wo ist Newman?« »Zwei Antworten«, erwiderte Richter. »Ich weiß es, nicht – das heißt, ich weiß nur, was er war, aber nicht, wer er war. Und Newman ist tot.« Le Moulin au Pouchon, St. Médard, bei Manciet, Midi-Pyrénées, Frankreich Die vier Männer hatten das kleine, etwa anderthalb Kilometer außerhalb der Ortschaft gelegene Haus mit den drei Schlafzimmern vor etwa vier Monaten ge- mietet und seither immer dort gewohnt. In erster Li- nie aus Sicherheitsgründen. Zwar war die Kriminali- tätsrate hier auf dem flachen Land erfreulich niedrig, aber ein leeres Haus lockte immer ungebetene Gäste an, und sie durften auf keinen Fall riskieren, dass ir- gendein französischer Asozialer hier einbrach und eins ihrer Geräte stahl oder, schlimmer noch, jeman- dem erzählte, was er hier gesehen hatte. Eigentlich gab es für einen Dieb in diesem Haus nicht viel zu holen. Nichts, was sich leicht verkaufen ließ, wie zum Beispiel Fernseher oder Stereoanlagen. Sie hatten zwar einen Fernseher, aber der war mindes- tens zehn Jahre alt, groß und sperrig und so gut wie nichts wert. Hassan Abbas hatte ihn in einem Elektro- laden in Aire-sur-l’Adour gebraucht gekauft, der Kleinstadt, in der sie fast alle Einkäufe erledigten. Das Mobiliar machte auch nicht viel her. Vier Einzelbetten, zwei in jedem der großen Schlafzimmer, ein Esstisch und vier Stühle in der Küche. Im Wohnzimmer stan- den zwei alte Sofas links und rechts an der Wand., Auffällig war nur die Markierung an der Wand da- zwischen – sie gab die genaue Himmelsrichtung an, in der Mekka lag, damit sie ihre Gebete so sprechen konnten, wie es sich gehörte. Unter dem Zeichen an der Wand waren vier kostbare Gebetsteppiche ausge- breitet. An den Fenstern hingen keine Vorhänge, da die verwitterten Holzjalousien ohnehin immer geschlos- sen waren, und nichts in diesem Haus wirkte gemüt- lich oder gar anheimelnd. Die einzig wirklich wertvol- len Gegenstände befanden sich hinter der Tür des dritten und kleinsten Schlafzimmers, das auf der Rückseite des Hauses lag. Nur an dieser Tür war ein Schloss – ein teures Sicherheitsschloss mit fünf Zuhal- tungen, das innerhalb einer Woche, nachdem sie bei dem Makler in Aire-sur-l’Adour den Mietvertrag un- terschrieben hatten, eingebaut worden war –, und es war immer abgesperrt, es sei denn, die Geräte in dem Zimmer wurden benutzt. Das einzige Fenster in die- sem Raum war wie alle anderen stets geschlossen, die Jalousie heruntergezogen. Außerdem war von innen ein in die Wand eingelassenes Stahlgitter angebracht – auch dafür hatte Abbas gesorgt, ohne dem Vermieter Bescheid zu sagen. Außerdem besaßen alle vier Bewohner halbautoma- tische Pistolen vom Typ Glock 17, die sie stets bei sich trugen, und zwei Sturmgewehre vom Typ Kalaschni- kow AK47, die mit vollem Magazin an Haustür und Hintertür lehnten. Zudem hatten sie an den Fenstern und Türen im Erdgeschoss Plastiksprengstoff ange-, bracht, der durch Stolperdrähte ausgelöst wurde, und etliche starke Strahler unter dem Dach montiert, mit denen man das gesamte Grundstück ausleuchten konnte. Aus zweierlei Gründen hatten sie sich für die alte Mühle entschieden, auf die Abbas eher zufällig gesto- ßen war, nachdem er sich zunächst zwei andere Häu- ser angesehen hatte, die er auf seiner Liste stehen hat- te. Zum einen hatte ihn der einzigartige Baustil faszi- niert, obwohl er inständig hoffte, dass er ihn nie zu seinen Zwecken nutzen musste. Das kleine, unschein- bare Betonhäuschen, das knapp drei Kilometer ent- fernt stand, war der zweite Grund. In ihm befand sich eine automatische Telefonvermittlungsstelle, an die sämtliche Häuser in dem flachen Tal angeschlossen waren, das sich südlich von St. Médard auftat. Als Abdullah Mahmoud – so lautete der Name in dem echten marokkanischen Pass, den Hassan Abbas bei sich hatte, als er die Fähre von Tanger nach Alge- ciras verließ – über den Standort des benötigten Hau- ses entschieden hatte, hatte er einen ISDN-Anschluss installieren lassen wollen. Ein Integrated Services Di- gital Network oder dienstintegriertes digitales Netz- werk sorgte für einen ständigen Internet-Zugang, doch aus technischen Gründen durfte die nächste Fernvermittlungsstelle nicht weiter als sechs Kilome- ter entfernt sein. Die anderen Häuser waren aber mehr als fünfzehn Kilometer von der nächsten Ver- mittlungsstelle entfernt, deshalb war die Wahl auf das Haus in St. Médard gefallen., Letzten Endes hatte Sadoun Khamil, der Abbas’ Entscheidung zunächst mitgetragen hatte, gegen ei- nen ISDN-Anschluss gestimmt, weil das in dieser Ge- gend ungewöhnlich gewesen wäre und Aufsehen hät- te erregen können. Folglich hatte Abbas einen Inter- net-Zugang bei Wanadoo beantragt, einem französi- schen Server, und verließ sich auf die Einwählver- bindung über ein internes V92-Modem in dem zwei Gigahertz starken IBM-Computer, der auf einem grob zusammengezimmerten viereckigen Tisch in dem ver- schlossenen hinteren Schlafzimmer des Hauses stand. Der PC war ursprünglich mit dem Microsoft-Betriebs- system Windows XP ausgestattet gewesen, aber das hatte Abbas wegen möglicher Sicherheitslücken ent- fernt und stattdessen Windows ME und Office 2000 in- stalliert. Das Gerät verfügte über Outlook Express und einen Internet Explorer, die für seine Zwecke genügten, auch wenn sie ebenfalls nicht ganz sicher waren, aber er hatte ein Anti-Virus- und ein Firewall-Programm eingebaut. Zudem hatte er ein PGB – Pretty Good Pri- vacy – installiert, ein Verschlüsselungsprogramm. Neben dem Computer stand ein kleiner Laserdru- cker von Hewlett-Packard, der nur dazu diente, die seltenen E-Mails auszudrucken, die die ganze Gruppe und nicht nur Abbas sehen durfte. Am Boden neben dem Tisch befand sich ein starker Akku, der den Computer notfalls eine halbe Stunde lang mit Energie versorgen konnte, falls der Strom ausfallen sollte. Daneben stand ein Samsonite-Koffer aus schwarzem Leder, der einen leistungsstarken Laptop enthielt, der, als Ersatz diente, falls das IBM-Gerät abstürzen sollte, sowie ein Mobiltelefon für den Fall, dass die Telefon- verbindung zusammenbrach. Ansonsten war der Raum leer, von zwei Lehnstühlen einmal abgesehen. Jeden Abend schloss Abbas die Tür zum hinteren Schlafzimmer auf, schaltete den Computer an, öffnete den Internet Explorer und surfte im Internet, wobei er sich vor allem auf pornografische Websites konzent- rierte. Seit sie in das Haus gezogen waren, hatte er sich das zur Gewohnheit gemacht, um seine eigentli- chen Aktivitäten im Netz zu kaschieren. Die schlüpf- rigen Bilder interessierten ihn nicht; er gönnte ihnen kaum einen Blick. Sein ganzes Augenmerk galt einer Website, die er selbst entworfen und über einen kos- tengünstigen Server in Arizona ins Netz gestellt hatte. Er hatte nie für die Site geworben, daher kannten sie nur wenige Menschen, und noch weniger suchten sie auf, weil sie, selbst an den alles andere als anspruchs- vollen Maßstäben der üblichen Sex-Sites gemessen, erstaunlich schlecht gemacht und schlichtweg lang- weilig war. Ein Link der Website erzeugte einen 404er-Fehler – Seite nicht gefunden –, aber wenn man innerhalb von zwei Sekunden dreimal auf die Bildwiederholungstas- te drückte, tauchte ein kleiner Code auf, den Abbas in der Website versteckt hatte. Durch diese Vorgehens- weise wurde keine neue Seite aufgerufen, sondern einfach eine Geheimnummer bei einem weit entfern- ten Großrechner angewählt, in den sich Abbas min- destens einmal pro Woche einklinkte., Neben dem Surfen im Netz hatte er seine E-Mail- Adresse auf mehreren Mailing-Listen hinterlassen, sodass er jeden Tag rund fünfzig Reklamesendungen durchgehen musste. Den Großteil löschte er sofort, aber die Werbesendungen eines Anbieters aus Deutschland las er immer durch. Manche dieser Sen- dungen löschte er, nachdem er sie gelesen hatte, ande- re ließ er stehen. Obwohl es sich um einen deutschen Absender handelte, stammten diese E-Mails aus ei- nem anderen Land und waren über eine ganze Reihe von Umwegen weitergeleitet worden, um ihre wahre Herkunft zu verbergen. An diesem Morgen lud Abbas die über Nacht ein- gegangenen Meldungen herunter, stieß aber nur auf eine einzige E-Mail des deutschen Anbieters. Die las er sorgfältig durch und brummte dann zufrieden. Et- wa auf der Hälfte der Seite befanden sich ein paar Zei- len, die aussahen, als wäre der Text verrutscht. Abbas markierte die Stelle und kopierte sie ins Textverarbei- tungsprogramm, dann klinkte er sich aus dem Inter- net aus und schloss den Outlook Express. Den kopier- ten Text entschlüsselte er mit dem 128-Bit-PGP- Programm, wobei er seinen persönlichen Schlüssel benutzte, und las die Nachricht zweimal durch. Der Inhalt beunruhigte ihn, und ihm war klar, dass er Khamil sofort Bescheid geben musste. Vierzig Minuten lang arbeitete Abbas am Computer und setzte eine Nachricht auf, die nur für Sadoun Khamil bestimmt war. Dann verschlüsselte er sie und bettete sie in eine andere E-Mail-Reklame ein, diesmal, eine von einem spanischen Absender. Dann sorgte er dafür, dass sie ebenso wie die eingehenden Meldun- gen über mehrere Server umgeleitet wurde, ehe sie in Saudi-Arabien ankam. SWR-Zentrale, Jasenewo, Moskau Eine nahezu unlösbare Aufgabe, dachte Sokolow, als er die Aktenstapel und Ordner betrachtete, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Er war sich nicht einmal sicher, ob Nikolai Modin Recht hatte, dass ei- ner der Männer, deren Akten er überprüfte, tatsäch- lich ein Verräter war. Es wäre durchaus möglich, dass die Amerikaner das Spionageflugzeug nur eingesetzt hatten, weil sie das Waffentestgelände fotografieren wollten. Außerdem stand er unter Zeitdruck. Sokolow warf einen Blick auf seinen Schreibtischkalender – nur noch drei Wochen, bis das Projekt Podstawa verwirklicht werden sollte. Drei Wochen, in denen er die Akten von einundzwanzig ranghohen GRU- und SWR- Offizieren überprüfen musste, darunter viele persön- liche Freunde, und auf eine einzige Unstimmigkeit, einen einzelnen Hinweis achten musste, der mögli- cherweise darauf hindeutete, dass der Mann nicht vertrauenswürdig war. Tatsächlich waren mit ihm und Modin dreiundzwanzig Offiziere in das Projekt eingeweiht. Dazu kam Minister Truschenko, aber den durften weder Modin noch er überprüfen., Sokolow drückte auf die Taste der Gegensprechan- lage und bestellte sich eine weitere Tasse mit dem starken schwarzen Tee, den er so liebte. Dann griff er zu der Liste mit den geplanten Maßnahmen, die er mit Modin abgesprochen hatte, und überflog sie. Die Pri- vatanschlüsse wie auch die Bürotelefone aller einund- zwanzig Männer waren angezapft – das war nichts als Zeitverschwendung, da nur ein Idiot sein eigenes Te- lefon benutzen würde, wenn er einem ausländischen Agenten Geheimnisse verraten wollte. Auch die Post der betreffenden Leute wurde abgefangen, aber davon versprach sich Sokolow ebenso wenig. Falls es einen Verräter gab, davon war Sokolow überzeugt, konnte man ihn nur durch persönliche Überwachung entlar- ven. Man musste feststellen, wohin er ging, mit wem er redete, zu wem er auf der Straße Kontakt hatte, auch wenn er nur an ihm vorbeiging oder neben ihm stand. Die Beschatter waren eingeteilt und einsatzbe- reit, und mehr konnte man nicht tun, von der genauen Überprüfung der Personalakten einmal abgesehen. Die Tür ging auf, und Sokolows Adjutant trat ein und brachte ein Tablett mit Tee und süßen Keksen, das er vor dem General abstellte. Sokolow bedankte sich mit einem kurzen Nicken und griff zur nächsten Akte. Er warf einen Blick auf den Namen – »Bykow« – , schlug sie dann auf und betrachtete das Foto eines Mannes mit scharf geschnittenen Zügen, der die Uni- form eines Artillerieoffiziers trug., Hammersmith, London Simpson stand auf und ging ans Fenster, von dem aus man freien Blick auf die Hammersmith Flyover hatte. Einen Moment lang fummelte er mit seinen kleinen, rosigen Händen zwischen den Kakteen herum, ein Zeichen dafür, dass er in Gedanken mit etwas ande- rem beschäftigt war, dann kehrte er an seinen Schreib- tisch zurück und setzte sich wieder. »Erklären Sie das«, herrschte er Richter an. »Zunächst zur Leiche«, erwiderte Richter. »Selbst für einen frontalen Zusammenstoß bei hoher Ge- schwindigkeit waren die Kopfverletzungen sehr schwer. Nach Aussage der russischen Behörden prall- te der Wagen mit etwa achtzig Stundenkilometern auf das Heck eines geparkten Lastwagens. Dazu gehört einiges, vor allem mit einem russischen Auto auf einer Moskauer Seitenstraße. Trotzdem passen die anderen Verletzungen auf keinen Fall. Nach dem Zustand des Autos zu schließen, müsste der Fahrer Verletzungen an den Beinen erlitten haben, wenn er den Fuß im Augenblick des Aufpralls auf dem Bremspedal hatte. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Autofahrer angesichts eines drohenden Zusam- menstoßes den Fuß vom Pedal nimmt. Normalerweise würde er auf die Bremse steigen und sie bis zum An- schlag durchtreten.« »Es sei denn, er wollte Selbstmord begehen«, warf Simpson ein. »Ja, aber dann hätte er den Fuß mit Sicherheit auf, dem Gaspedal gehabt. Was aufs Gleiche hinausläuft. Auch an den Armen waren keinerlei Verletzungen. Ich hatte erwartet, dass er sich zumindest schwere Prellungen zugezogen hatte, weil er bis zum letzten Moment das Lenkrad festhielt. Und durch das Feuer, das nach dem Unfall ausbrach, wurden lediglich Hände und Unterarme verbrannt, sodass man keine Fingerabdrücke mehr nehmen konnte. Nein, die gan- ze Sache stinkt. Anhand der Schäden am Auto lassen sich die Verletzungen zwar erklären, aber nur unter dem Vorbehalt, dass der Fahrer zum Zeitpunkt des Aufpralls bewusstlos war. Meiner Ansicht nach kön- nen die Verletzungen nur dadurch entstanden sein, dass er im Wagen festgeschnallt war, die Füße auf dem Boden stehen hatte, die Arme hängen ließ oder die Hände im Schoß liegen hatte. Außerdem gab es noch einen weiteren Hinweis, der mich endgültig von meiner Meinung überzeugte. Als ich die Leiche unter- suchte, wies mich Erroll auf einen schmalen, blutun- terlaufenen Streifen hin, der sich rund fünfzehn Zen- timeter unter der Schulter quer über die Brust zog. Seinerzeit wusste ich noch nicht, wodurch er verur- sacht worden sein könnte, aber auf dem Rückflug bin ich darauf gekommen.« »Und zwar?«, fragte Simpson. »Als man den Mann in das Auto setzte, war er noch am Leben, aber bewusstlos. Die Sitzlehnen von New- mans Lada standen fast senkrecht, und meiner Mei- nung nach hat man festgestellt, dass er vornüberkipp- te, statt aufrecht sitzen zu bleiben. Deshalb hat man, ihn mit einer Schnur oder einem Riemen knapp unter der Oberkante der Sitzlehne festgebunden.« »Warum eine Schnur? Warum kein Seil?« »Zu dick. Man wollte, dass der Tote so aussieht, als wäre er bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Ein Seil hätte schwere Blutergüsse hinterlassen.« »Na schön«, erwiderte Simpson. »Aber Sie haben gesagt, der Mann habe noch gelebt, als er in den Wa- gen gesetzt wurde, doch er sei durch den Aufprall ge- tötet worden. Tote bekommen keine Blutergüsse.« »Nein, aber dennoch käme es zu Gewebeverlet- zungen, die man erkennen könnte. Und das wieder- um könnte unangenehme Fragen aufwerfen, wenn auch nicht öffentlich. Aber für die Verwendung ei- ner Schnur spricht noch ein anderer, triftigerer Grund. Man wollte, dass das Opfer bei dem Unfall stirbt. Wenn man es mit einem Seil festgebunden hätte, hätte es den Zusammenstoß womöglich über- lebt und man hätte den Mann hinterher totschlagen und so zurichten müssen, dass es aussieht, als wäre er bei einem Unfall umgekommen. Und so was ist kaum möglich, ohne dass es einem auch nur halb- wegs kompetenten Pathologen sofort auffällt. Au- ßerdem mussten sie davon ausgehen, dass wir die Leiche obduzieren. Immerhin bekleidete Newman eine hohe Position. Eine Schnur hingegen würde beim Aufprall reißen, sodass Kopf und Oberkörper nach vorn geschleudert und auf Lenkrad und Arma- turenbrett prallen würden, höchstwahrscheinlich mit tödlichen Folgen. Der leichte Bluterguss entstand, dadurch, dass die Schnur etwas zu straff angezogen oder vielleicht auch zu stark war.« Simpson dachte einen Moment lang nach, dann nickte er. »Na schön. Fahren Sie fort.« »Der Unfall wurde vorgetäuscht. Die Russen haben sich Newman geschnappt und dann nach jemandem Ausschau gehalten, der etwa gleich alt war, die glei- che Haarfarbe hatte und ähnlich gebaut war. Sie ha- ben ihn bewusstlos geschlagen, ihm Newmans Klei- dung angezogen, ihn in das Auto gesetzt und den Wagen möglicherweise per Fernsteuerung gegen ein Hindernis gelenkt, vielleicht sogar gegen das Heck ei- nes Lastwagens. Danach sorgten sie dafür, dass das Gesicht nicht mehr zu erkennen war – ein Teil des Un- terkiefers fehlte, außerdem ein Großteil der Zähne, sodass auch ein Zahnbildvergleich bei der Identifizie- rung kaum etwas genützt hätte –, und steckten das Auto in Brand, damit die Hände verbrannten. Zu gu- ter Letzt riefen sie in der britischen Botschaft an und teilten mit, dass Graham Newman, Dritter Botschafts- sekretär und zufällig auch noch Stationsleiter des SIS in Moskau, bedauerlicherweise ums Leben gekommen sei.« SWR-Zentrale, Jasenewo, Moskau Leutnant Nilow klopfte zweimal an die Tür von Ge- neral Moduls Büro und wartete, bis er die leise Auf- forderung hörte, dass er eintreten sollte., »Ja, Vadim? Was gibt’s?«, fragte General Modin und blickte auf. Nilow ging mit forschen Schritten durch das Büro und blieb vor dem General stehen. »Die Wachen un- ten im Foyer haben mir soeben mitgeteilt, dass Mi- nister Truschenko eingetroffen ist.« Modin lehnte sich zurück. Er wirkte etwas über- rascht. »Der Minister? Er ist hierher gekommen?«, sagte er. »Ich frage mich …« Er blickte zu seinem Adjutanten auf, ohne den Satz zu Ende zu bringen. »Ich nehme an, er möchte mich sprechen?« »Ja, Herr General. Er ist auf dem Weg nach oben«, erwiderte Nilow. Modin stand auf, zog seine Uniformjacke zurecht und knöpfte sie zu. »Nun denn, wir müssen den Minister empfangen, Vadim«, sagte Modin. »Kaffee und Kekse bitte. Und führen Sie ihn gleich herein.« Sechs Minuten später klopfte Nilow wieder an Modins Tür und riss sie sofort auf, ohne auf eine Antwort zu warten. »Minister Truschenko, Herr General«, erklärte er und verbeugte sich leicht, als der Politiker an ihm vorbei ins Büro ging. General Modin stand auf, als Truschenko eintrat. Er ging dem Minister entgegen und schüttelte ihm die Hand, dann winkte er ihn zu den Sesseln, die zu beiden Seiten des niedrigen Tisches standen, auf dem Nilow bereits Kaffee und Gebäck bereitgestellt hatte. »Herzlich willkommen, Herr Minister«, sagte Modin, als Truschenko Platz nahm und seine Akten-, tasche vor sich auf den Boden stellte. »Ich glaube, Sie sind noch nie in Jasenewo gewesen?« Truschenko streckte seine langen Beine aus, ehe er antwortete. »Nein, Genosse General. Ich habe, um ehrlich zu sein, den Dserschinskij-Platz stets vorgezo- gen. Die alte Zentrale lag günstiger. Hier ist man ja mitten in der Wildnis.« »Jasenewo ist nicht in Sibirien, Herr Minister«, sagte Modin lächelnd. »Mit dem Auto sind wir vom Kreml aus in ein paar Minuten zu erreichen.« »Ich weiß, aber mir kommt es immer so vor, als wä- re Jasenewo weitab vom Schuss.« Er nickte, als Modin auf die Kaffeekanne deutete, und lehnte sich zurück. Modin reichte ihm die Kaffeetasse, schob die Schale mit dem Gebäck über den Tisch und wartete. Er kann- te Truschenko gut und wusste, dass der Minister nicht hergekommen wäre – und schon gar nicht unange- kündigt –, wenn nicht ein dringender Grund vorläge. Bislang war Modin immer zu ihm zitiert worden, und sie hatten sich stets in Moskau getroffen, entweder im Kreml oder in Truschenkos weitläufigem Büro im Mi- nisterium. Truschenko trank einen Schluck Kaffee, stellte dann Tasse und Untertasse auf den Tisch und wandte sich an den SWR-Offizier. »Wir haben ein Problem, Genos- se General«, begann Truschenko. »Es gibt, davon bin ich inzwischen überzeugt, irgendwo eine undichte Stelle. Sie erinnern sich sicher daran, dass wir bei un- serer letzten Begegnung bereits darüber gesprochen haben. Bevor der Engländer verhört wurde.« Modin, winkte ab, als wäre ihm das Thema unangenehm. Truschenko bemerkte die Geste. »Im Westen gibt es ein Sprichwort«, sagte Truschenko. »›Wo gehobelt wird, da fallen Späne.‹ Der Tod des Engländers war unumgänglich, nachdem er die Fragen kannte, die wir ihm gestellt haben. Mit diesem Wissen konnten wir ihn nicht zu seinen Vorgesetzten beim SIS zurückkeh- ren lassen.« Modin stellte seine Kaffeetasse ab. »Das bestreite ich ja gar nicht, Herr Minister«, sagte er. »Aber ich lehne die Mittel ab, die man bei der Vernehmung an- gewandt hat. Man hätte den Verhörspezialisten an- weisen können, dass er Drogen einsetzt, statt auf diese mittelalterlichen Methoden zurückzugreifen, die er of- fensichtlich genießt.« »Nein«, erwiderte Truschenko. »Der Verhörspezia- list hat auf meinen Befehl hin gehandelt. Und ich habe ihm ausdrücklich erlaubt, die Mittel einzusetzen, die er für angebracht hielt. Und da die Zeit drängte, war er der Meinung, die Folter sei die schnellste und wir- kungsvollste Methode.« Modin schüttelte den Kopf. »Dem kann ich nicht beipflichten, Herr Minister. Ich weiß nicht, was in dem –« »Ich weiß es«, unterbrach ihn Truschenko. »Ich ha- be das Verhör auf Video aufzeichnen lassen.« »Sie haben das Verhör aufzeichnen lassen?«, fragte Modin mit ungläubigem Blick. »Selbstverständlich. Ich möchte wissen, was auf mein Geheiß hin geschieht. Ich habe eine ganze Reihe, von Videos, die bei diversen Vernehmungen aufge- zeichnet wurden. Man sollte sie sich nicht unbedingt vor dem Schlafengehen anschauen, aber interessant sind sie dennoch.« Truschenko griff nach einem Keks und knabberte genüsslich daran. »Der Engländer war eine Enttäuschung«, fuhr er fort. »Er leistete so gut wie keinen Widerstand und hatte eine sehr niedrige Schmerztoleranzschwelle. Eine Memme«, fügte er ab- schätzig hinzu. Modin starrte ihn immer noch an. Er kannte den Mann seit fast vier Jahren, hätte aber nie vermutet, dass er ein derartiger Sadist und Voyeur war. »Zur Sache«, sagte Truschenko. »Der Engländer« – er betonte das Wort, als bereite ihm das bloße Aus- sprechen Vergnügen – »bestätigte, was ich vermutet hatte. Er wusste nichts über Podstawa, was zumindest heißt, dass wir den Plan nicht sofort in die Tat umset- zen müssen. Offenbar haben die Amerikaner Verdacht geschöpft – genauer gesagt, man hat ihnen etwas ver- raten, weshalb sie ihr Spionageflugzeug einsetzten. Aber sie haben ihre Erkenntnisse nicht mit den Briten geteilt.« General Modin dachte nicht mehr länger über den toten Engländer nach, sondern konzentrierte sich auf die Worte des Ministers. »Sind Sie sich sicher, dass sie nicht nur das Waffentestgelände in der Tundra aus- kundschaften wollten?«, fragte er. »Das glaube ich nicht«, sagte Truschenko und schüttelte entschieden den Kopf. »Bei den derzeitigen politischen Verhältnissen hätten sie es nicht gewagt,, in unseren Luftraum einzudringen, nur weil sie ein Waffentestgelände fotografieren wollten. Sie mussten einen gewichtigen Grund haben. Allerdings können sie nichts Näheres über Podstawa wissen, sonst hätten sie diesen Flug nicht riskiert.« Modin nickte. Er war genau der gleichen Meinung wie der Minister. »Ich habe bereits die nötigen Schritte veranlasst, um den Verräter dingfest zu machen. Vor- ausgesetzt, es gibt einen.« »Oh, den Verräter gibt es, Genosse General, davon bin ich überzeugt. Was haben Sie unternommen?« »Ich habe General Grigori Sokolow angewiesen, je- den zu überprüfen, der etwas vom Projekt Podstawa weiß«, antwortete Modin. »Er darf die Post abfangen, die Telefone anzapfen und die betreffenden Personen beschatten lassen.« »Versprechen Sie sich davon irgendetwas?«, fragte Truschenko zweifelnd. »Ehrlich gestanden, nein, Herr Minister«, sagte Modin. »Aber dadurch wird verhindert, dass der Ver- räter den Amerikanern weiter Informationen zukom- men lässt. Mehr dürfen wir nicht erwarten.« »Einverstanden. Nun, wenn die Briten über Podsta- wa Bescheid gewusst hätten, hätten wir sofort alle Vorbereitungen in die Wege leiten müssen, um den Plan in die Tat umzusetzen. Dass die Amerikaner et- was davon erfahren haben, ist weniger schlimm, da diesbezüglich bereits alle Vorbereitungen abgeschlos- sen sind. Trotzdem wäre es gefährlich, den ursprüng- lichen Zeitplan einzuhalten. Immerhin könnten sich, die Amerikaner dazu entschließen, ihre europäischen Verbündeten ins Vertrauen zu ziehen.« »Wollen Sie den Termin vorziehen?«, fragte Modin. »Ja«, erwiderte Truschenko. »Die Operation Podsta- wa wird am Elften des nächsten Monats durchgeführt werden.« »Das sind nur noch zwölf Tage«, sagte Modin mit einem kurzen Blick auf seinen Schreibtischkalender. »Damit bleibt uns kaum Spielraum, falls irgendwelche Fehler oder Verzögerungen auftreten.« »Für Fehler und Verzögerungen bleibt uns gar kein Spielraum, Genosse General. Wie Sie wissen, wurde ich vom Politbüro mit der Planung und Ausführung der Operation Podstawa betraut. Bislang habe ich mich zu- rückgehalten und nur die diversen Stufen überwacht. Nun, da klar ist, dass gewisse Einzelheiten des Unter- nehmens an die Amerikaner durchgesickert sind, und die Zeit knapp wird, habe ich beschlossen, die Leitung der gesamten Operation Podstawa zu übernehmen. Da- zu gehört auch die Aufsicht über die Montage der letz- ten Waffe und natürlich die Ausführung des Plans. Außerdem werden zusätzliche Sicherheitsvorkehrun- gen getroffen. Ab sofort sind sämtliche Mitteilungen an Personen untersagt, die nicht voll und ganz in die Ope- ration Podstawa eingeweiht sind. Dies gilt auch für Ihre Vorgesetzten und Untergebenen beim SWR und die Mitglieder des Politbüros.« »Ihre bisherigen Anordnungen haben bereits jeden Kontakt mit Unbefugten verboten«, stellte Modin fest. »Von Anfang an haben Sie uns die Anweisung erteilt,, dass sämtliche Unterredungen mit dem Politbüro über Sie erfolgen.« »Ganz recht«, erwiderte der Minister. »Aber jetzt, da Operation Podstawa kurz vor der Vollendung steht, wird jede Mitteilung an irgendjemanden als Verrat be- trachtet. Es wird keine Gerichtsverhandlung geben, und der Betreffende wird mit dem Tod bestraft.« Tru- schenko hielt inne und lächelte kalt. »Möglicherweise wird der Tod nicht auf der Stelle eintreten. Vielleicht nutze ich die Gelegenheit, um meine Videosammlung zu erweitern.« Obwohl es in dem Büro warm war, lief es Modin eiskalt über den Rücken. »Und außerdem«, sagte Truschenko, »möchte ich, dass Sie die letzte Waffe nach London begleiten und die Stationierung überwachen.« »Darf ich fragen, warum?«, sagte Modin mit über- raschtem Unterton. »Ja. Sie sind der ranghöchste SWR-Offizier, der in die Planung von Operation Podstawa einbezogen ist, und Sie haben mein vollstes Vertrauen. Die für Lon- don bestimmte Waffe ist der Knackpunkt der europäi- schen Phase des Unternehmens, und ich möchte nicht, dass beim Transport oder bei der Stationierung ir- gendwelche Fehler unterlaufen. Sie sind aufgrund Ih- res Ranges und Ihrer Fähigkeiten der Garant dafür, dass nichts schief geht.« »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Minister.« »Sehen Sie lieber zu, dass mein Vertrauen gerecht- fertigt ist, Genosse General«, sagte Truschenko und öffnete seine Aktentasche., Hammersmith, London »Warum sind wir eingeschaltet worden?«, fragte Rich- ter. »Warum hat der SIS nicht einen seiner Männer mit der Ermittlung betraut?« »Ganz einfach. Der SIS wollte nicht, dass ein bekann- tes ›Gesicht‹ dort herumschnüffelt, falls sich heraus- stellen sollte, dass es sich nicht um einen Verkehrsun- fall handelte. Was es auch nicht war, wie wir dank Ih- res Einsatzes jetzt wissen.« Simpson warf erneut einen Blick in die Akte und wandte sich dann wieder an Richter. »Drogen?«, fragte er. »Was?« »Ich meine den Mann im Auto. Hat man ihn mit Drogen betäubt?« »Das glaube ich nicht. Die Gefahr, dass man bei ei- ner Obduktion Spuren finden könnte, wäre zu groß – das heißt, bei einer Obduktion von unserer Seite. Ver- mutlich haben sie einen Totschläger oder einen Knüppel benutzt. Bei den schweren Gesichts- und Schädelver- letzungen wäre eine weitere Blessur kaum aufgefal- len.« Richter blickte zwischen den stachligen Pflanzen auf dem Schreibtisch hindurch und sah, dass Simpson eine Porträtaufnahme von Newman betrachtete. »Warum sind Sie sich sicher, dass er tot ist?« Richter seufzte. Simpson schien heute Morgen be- sonders schwer von Begriff zu sein. Allerdings war das nichts Neues. Er wirkte häufig begriffsstutzig, wenn jeder andere längst kapiert hatte, worum es, ging. Aber Richter wusste aus eigener bitterer Erfah- rung, dass dies nur ein Ausdruck seiner Verschlagen- heit war. Simpson stellte oftmals scheinbar dumme Fragen, wenn er nicht mit einem Vorschlag einver- standen war und überzeugt werden musste. Vor allem aber wollte er völlig sichergehen, dass der Agent, der ihm den Vorschlag unterbreitete, das Ganze gründlich durchdacht und alle Möglichkeiten in Erwägung ge- zogen hatte. »Er muss tot sein«, sagte Richter. »Man hat uns die sterblichen Überreste eines Mannes präsentiert, den fast jeder für Graham Newman hielt. Wenn sie ihn trotz der Immunität, die er als Diplomat genossen hat, öffentlich hätten vorführen wollen, hätten sie das be- stimmt getan. Er wäre unter rätselhaften Umständen verschwunden, dann hätten wir tags darauf in der TASS eine vorsichtige Andeutung über seinen Verbleib entdeckt, worauf es die üblichen diplomati- schen Vorstöße und Dementis gegeben hätte, die wir alle kennen und lieben. Anschließend wäre es zu einer Gerichtsverhandlung gekommen, bei der Newman ›freiwillig‹ alles gestanden hätte, was ihm die Russen unterstellten. Und wenn er übergelaufen wäre, hätte man es der Weltpresse lautstark mitgeteilt. Dann läge jetzt kein übel zugerichteter Leichnam im Keller unse- rer Botschaft in Moskau. Nein, man hat uns die Lei- che, bei der es sich angeblich um Newmans sterbliche Überreste handelt und die Newman ähnelt, nur des- halb übergeben, weil Graham Newman tot ist und so zugerichtet wurde, dass ihn keiner mehr sehen darf.«, Richter hielt inne und schaute Simpson an. »Meiner Ansicht nach ist Newman in der Lubjanka, und dort kommt er auch nicht mehr raus. Die haben ihn sich geschnappt und einem scharfen Verhör unterzogen. Und was das heißt, wissen Sie genauso gut wie ich.« Er schlug sein Notizbuch zu. Simpson nickte ein paarmal versonnen, dann stand er auf, ging wieder ans Fenster und fummelte an den Kakteen herum. »Außerdem wäre da noch etwas«, sagte Richter. »Was?« »Ich wurde in Moskau auf Schritt und Tritt beschat- tet, und am Flughafen hatte ich eine Meinungsver- schiedenheit mit einem von denen.« »Wer war das?« »Ich habe ihn nicht gefragt, wie er heißt. Aber er hatte einen Ausweis des SWR bei sich und fuchtelte mit einer PSM herum.« »PSM?« »Eine russische 5.45mm-Pistole. Die Dienstwaffe der russischen Sicherheitskräfte. Offensichtlich hatte der SWR einen Killer auf mich angesetzt.« Simpson nickte, kehrte zu seinem Schreibtisch zu- rück und drückte auf einen Knopf. »Kaffee«, sagte er. Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür. Rich- ter erhob sich und öffnete sie. Simpsons Sekretärin stand mit einem Metalltablett davor, auf dem sich zwei Tassen mit schwarzem Kaffee, ein Milchkänn- chen, ein Teller mit drei Biskuits und eine Zuckerscha- le befanden., »Danke, Sheila.« Sie stellte das Tablett auf Simpsons Schreibtisch und verließ das Büro. Simpson goss sich einen Schuss Milch in seinen Kaffee und sah zu, wie Richter zwei der drei Biskuits nahm. »Vielleicht interessiert es Sie, dass der Direktor der Abteilung Aufklärung die Lage ganz ähnlich beurteilt wie Sie, vorausgesetzt, dass es sich bei dem Toten nicht um Newman handelt.« »Deshalb ist er vermutlich Direktor der Abteilung Aufklärung«, sagte Richter, während er ein paar Krümel von seinem Sakko wischte. »Werden Sie nicht überheblich.« Simpson stellte sei- ne Kaffeetasse ab und griff zum letzten Biskuit auf dem Teller. Richter fielen Newmans Habseligkeiten ein, die er aus Moskau mitgebracht hatte. Er öffnete seine Ak- tentasche und legte sie auf Simpsons Schreibtisch. »Was soll dieser Plunder?« »Dieser Plunder, wie Sie es so schön ausgedrückt haben, ist eine kleine Auswahl von Graham Newmans persönlichen Habseligkeiten.« »Das ist mir klar«, sagte Simpson. »Aber warum le- gen Sie die Sachen auf meinen Schreibtisch?« »Weil ich sie nicht haben will«, erwiderte Richter. »Ich musste mir etwas einfallen lassen, damit ich mich kurz in Newmans Büro und Wohnung umsehen konnte – auf Ihre Anweisung hin. Und meiner Ansicht nach ließ sich dies am leichtesten bewerkstelligen, wenn ich ein paar Gegenstände mitnehme, auf die Newmans Angehörige angeblich großen Wert legen. Ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, deshalb, dachte ich, Sie möchten sie vielleicht dem SIS zuschi- cken oder vielleicht sogar Newmans Angehörigen, falls er welche hat.« Simpson schaute ihn an. »In der Personalakte ist ei- ne nächste Anverwandte aufgeführt, wie Sie zweifel- los bemerkt haben. Aber Newman war nicht verheira- tet.« »Ich weiß, dass er nicht verheiratet war«, entgegne- te Richter scharf. Simpson blickte ihn verdutzt an. »Er war Stations- leiter des SIS. Niemand hat ihn am Heiraten gehin- dert. Bei uns ist das etwas anderes – ich beschäftige keine Feldagenten, die mit einer Frau geschlagen sind. Das erschwert die Sache nur.« »Selbstverständlich«, sagte Richter. »Unter welchen Gesichtspunkten ich meine Agen- ten beschäftige, ist nicht Ihre Sache.« »Ist es doch, solange ich einer davon bin.« »Sie sind mehr als ein Feldagent. Ich habe Sie für diesen Dienst angeworben, weil ich mir Ihre einzigar- tigen Fähigkeiten zunutze machen wollte. Sie, Richter, sind eine meiner Geheimwaffen.« Simpson zeigte sei- ne Zähne und lächelte boshaft wie ein Krokodil. »Ich stelle mir immer vor, dass ich Sie auf eine Sache an- setzen und sie bereinigen lassen kann, ohne mir selbst die Finger schmutzig machen zu müssen.« Richter brummte. Simpson grinste noch breiter, trank den letzten Schluck Kaffee und stand auf. »Las- sen Sie das hier – das Zeug, das Sie aus Moskau mit- gebracht haben. Ich kümmere mich darum.«, »Danke.« »Nun denn. Sonst noch was?«, fragte Simpson und warf einen nachdrücklichen Blick zur Tür. »Selbstverständlich wäre da noch was«, sagte Rich- ter. »Nachdem klar ist, dass es sich bei dem Toten in Moskau nicht um Newman handelt, bleibt immer noch die große Frage offen. Warum?« Simpson setzte sich. »Sie meinen, warum die sich Newman geschnappt haben?« »Ich meine, warum die sich überhaupt jemanden geschnappt haben.« Simpson strich sich mit seiner gepflegten rosigen Hand über die blonden Haare. »Die gleiche Frage ha- be ich auch dem Direktor der Abteilung Aufklärung gestellt.« »Und wie, bitte, lautete die Lagebeurteilung des Di- rektors?« »Er stand vor einem Rätsel«, sagte Simpson. »Allem Anschein nach gibt es keinerlei Grund dafür, weshalb die Russen Newman und nicht irgendeinen anderen SIS-Mann in Moskau aufgegriffen haben, wenn man einmal davon absieht, dass er der Stationsleiter war. Er hatte in letzter Zeit keinerlei Zugang zu irgendwelchen Akten, die für die Russen von Interesse sein könnten, und soweit wir wissen, war er nicht mit irgendeinem Geheimprojekt befasst. Was heißen soll, dass er von London mit nichts dergleichen beauftragt worden war. Im Augenblick ist es in Moskau ziemlich ruhig, von den Umtrieben der Mafia einmal abgesehen.« »Sie haben also keine Ahnung?«, »Das habe ich nicht gesagt«, blaffte Simpson. »Wir kamen zu der Schlussfolgerung, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme gehandelt haben könnte. Das KGB hat ab und zu ausländische Agenten aufgegrif- fen und ausgequetscht, um festzustellen, ob sie ir- gendetwas Interessantes wussten – alltäglich war das allerdings nicht, und meistens kehrte der Betroffene hinterher unbeschadet zurück. Möglicherweise herr- schen beim SWR etwas rauere Sitten.« »Und das ist alles? ›Mach’s gut, Newman. War schön, dich zu kennen.‹« »Es wird natürlich eine Trauerfeier geben.« »Newman wäre bestimmt begeistert, wenn er wüss- te, dass man hier in England einen unbekannten Rus- sen mit allen Ehren beerdigt, während er irgendwo in Russland verfault. Ich habe eigentlich gemeint, was für Gegenmaßnahmen man ergreifen will.« »Gegenmaßnahmen? Keine. Was Vauxhall Cross angeht, handelt es sich bei dem Toten in der Botschaft um Newman, und unter diesem Namen wird er hier auch offiziell bestattet werden. Die Russen können von Newman nichts Wichtiges erfahren haben, weil er nichts wusste. Da der SIS in keinster Weise kompro- mittiert wurde, unternehmen wir auch nichts.« »Das wird ein großer Trost für Newmans Geist sein«, erwiderte Richter und ging hinaus., CIA-Zentrale, Langley, Virginia Büro des Direktors für Einsatzplanung (Geheimdienste) Die Vorzimmertür stand offen, und als Richard Mul- doon, der den Trupp anführte, den mit Teppichboden ausgelegten Flur entlangging, konnte er Jayne Taylor sehen, die persönliche Assistentin des Direktors – die ganz persönliche Assistentin, wenn man den Gerüch- ten Glauben schenken durfte, die im Speisesaal für die leitenden Mitarbeiter umgingen. Sie war am Telefon und blätterte in einem großen, in Leder gebundenen Notizkalender. »Ja«, murmelte sie, als Muldoon an der Tür stehen blieb. »Sieht so aus, als ob der Direktor frühestens Frei- tag nächster Woche für Sie Zeit hat. Wenn Sie aller- dings nicht länger als höchstens eine Viertelstunde brauchen, könnte ich Sie vielleicht vorher einschieben.« Sie blickte auf, als Muldoon anklopfte, nickte und musterte einen Moment lang die anderen beiden Männer, die hinter ihm hereinkamen und vor dem Fenster stehen blieben. Muldoon war groß und schlaksig und hatte eine geradezu unheimliche Ähn- lichkeit mit James Jesus Angleton, dem berühmtbe- rüchtigten Agentenjäger der CIA. Aber heute wirkte er ungewöhnlich ernst. Jayne wandte sich ab und widmete sich wieder ihrem Telefongespräch. »Hören Sie, Mike, ich habe gerade ein paar Besucher hier. Las- sen Sie es sich durch den Kopf gehen und rufen Sie zurück. Danke.« Sie legte den Hörer auf und wandte sich an Muldoon,, den Leiter der Abteilung Wissenschaft und Technologie – bei der CIA zuständig für Satellitenaufklärung und nachrichtendienstliche Auswertungstechnik. Jayne war unbestreitbar eine Augenweide, wie Muldoon nicht zum ersten Mal feststellte. Dunkle, modisch kurz geschnittene Haare, große, braune Au- gen und ein herrlicher Mund – sie sah fast wie eine Elfe aus und besaß zudem einen messerscharfen Verstand. Während die meisten anderen Sekretärinnen, Assisten- ten oder sonstigen Bürokräfte bei der CIA für gewöhn- lich eine High School in Maryland, West Virginia oder Pennsylvania besucht hatten, konnte Jayne Taylor ei- nen BA vom Vassar College in Poughkeepsie, New York, vorweisen. Viele waren der Meinung, dass die CIA für sie nur ein Sprungbrett war – dass sie insge- heim etwas ganz anderes vorhatte. »Guten Morgen, Richard«, sagte sie lächelnd. »Was soll das werden? Eine Meuterei?« Wider Willen musste Muldoon grinsen. »Noch nicht, Jayne«, sagte er, »aber wir müssen Walter spre- chen. Und zwar sofort.« »Das dürfte nicht so einfach sein«, erwiderte sie stirnrunzelnd. »Er steckt derzeit in einer Konferenz- schaltung mit der National Security Agency, die sich noch etwa zehn Minuten hinziehen dürfte, und da- nach ist er den ganzen Morgen ausgebucht. Wie lange wollen Sie ihn denn sprechen?« Muldoon schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Aber das dauert mindestens eine Stunde.« Jayne Taylor musterte erst ihn und dann die Män-, ner, die hinter ihm standen. Sie kannte die beiden. Ro- nald Hughes war stellvertretender Direktor der Abtei- lung Aufklärung – ein unscheinbarer Mann, achtund- fünfzig Jahre alt, der mit seinem zerfurchten Gesicht und den grauen Haaren viel älter aussah. Der ideale Spion, so hatte er immer behauptet, sei jemand, den niemand wahrnahm, und er wirkte wie der lebende Beweis seines Leitsatzes. Jayne nahm an, dass er Mul- doon begleitete, weil Cliff Masters, der Direktor und Abteilungsleiter, bis nächste Woche in Wien weilte. Der Dritte war John Westwood, Leiter der Abtei- lung Auslandsaufklärung (Spionage). Ein kleiner, eher stiller Mann mit einem roten Gesicht, der ganz und gar nicht wie ein Geheimdienstprofi wirkte, eher wie ein Kaufmann. Die drei Männer waren ungewöhnlich schweigsam und wechselten kaum ein Wort mitein- ander, was Jayne ausgesprochen beunruhigend fand. »Das ist wirklich dringend, was?«, fragte sie, worauf Muldoon kurz nickte. »Okay«, sagte sie und schlug ihren Notizkalender auf. Sie überflog die betreffende Seite, dann nickte sie. »Es wird ihm zwar nicht pas- sen«, murmelte sie, »aber William Rush muss ein biss- chen warten.« Sie griff zum Telefon, sprach zweimal kurz mit jemandem und blickte dann zu Muldoon auf. »Dafür werde ich später noch schwer büßen müssen – hoffentlich war es das wert.« Rush war Direktor der Abteilung Verwaltung und Dienstleistungen, ein Mann, dem man nachsagte, dass er nicht unbedingt der Geduldigste und ausgespro- chen unbeherrscht war., »Ganz bestimmt, Jayne. Besten Dank. Sie haben was gut.« Die drei Männer nahmen Platz und warteten schweigend und in sich gekehrt. Acht Minuten später erloschen die Lämpchen an der Telefonanlage, und über der Tür blinkte das grüne Licht auf. Jayne melde- te sich per Gegensprechanlage beim Direktor, dann nickte sie Muldoon zu. Die drei Männer standen auf und gingen in das Büro. »Walter«, sagte Muldoon, als er auf den Mann zu- ging, der am Schreibtisch saß, »wir sind da auf eine Sache gestoßen, über die Sie unbedingt Bescheid wis- sen müssen.« Walter Hicks, Direktor der Abteilung Einsatzpla- nung (Geheimdienste) der Central Intelligence Agen- cy, blickte über seinen Schreibtisch hinweg auf die De- legation. Er war gut einen Meter neunzig groß und breitschultrig, hatte schüttere blonde Haare und ein kantiges Gesicht, das stets braun gebrannt war, da er leidenschaftlich gern segelte und an fast jedem Wo- chenende mindestens einen Tag auf seinem vierzehn Meter langen Katamaran verbrachte, auf den er gele- gentlich auch Kollegen einlud. Das Boot, so behaupte- te er, sei der einzige Ort außerhalb der schalldichten Besprechungsräume in Langley, wo er sagen könne, was er wollte. »Ich habe das Gefühl«, sagte er kurz darauf, »dass mir die Sache ganz und gar nicht gefällt. In der GUS sind gestern die Funkgeräte heißgelaufen. Da drüben ist die Kacke schwer am Dampfen, und die NSA hofft,, dass wir rausfinden, was da los ist. Ihr habt mir also gerade noch gefehlt.« Hicks drückte auf eine Taste an seiner Gegen- sprechanlage und bat Jayne, Kaffee für vier Personen zu bestellen. Dann ging er zu dem Konferenztisch, der vor dem großen, kugelsicheren Panoramafenster stand, ließ sich auf einen Stuhl am Kopfende sinken und winkte die anderen zu sich. »Okay, Richard«, sagte er. »Schießen Sie los.« Muldoon setzte sich und überflog die Papiere, die er aus seiner Aktentasche gezogen hatte. »Die Sache betrifft uns alle«, sagte er und deutete auf seine Be- gleiter. »Aber es geht schneller, wenn ich den Vortrag halte. Ronald und John werden mich sicher berichti- gen, falls mir ein Fehler unterlaufen sollte.« Muldoon holte tief Luft und begann mit seinem Bericht. »Vor etwa fünf Monaten meldete der Stationschef in Mos- kau nach Langley, dass er in Moskau eine hochrangi- ge Quelle erschlossen hätte.« »Was hat er gemacht?«, fragte Hicks und runzelte die Stirn. »Niemand hat mir Bescheid gesagt.« Muldoon schüttelte den Kopf. »Mir auch nicht. John Rigby, der Stationschef, bestand darauf, dass nur ein möglichst kleiner Personenkreis etwas davon erfahren durfte. Außer ihm wussten bis vor zwei Wochen nur der Leiter und der stellvertretende Leiter der Abtei- lung Aufklärung sowie John von der Abteilung Spio- nage etwas davon. Selbst dem Direktor teilte man le- diglich mit, dass eine neue, hochrangige Quelle ge- wonnen werden konnte, aber nicht mehr.«, »Warum?«, fragte Hicks mit ausdrucksloser Miene, während er nach einer Zigarrenkiste griff. »Immer- hin«, fügte er hinzu, »ist John mein direkter Unterge- bener. Wieso wusste er Bescheid, ich aber nicht?« »Es war die richtige Entscheidung«, erwiderte Mul- doon. »Rigby war davon überzeugt, dass es sich bei dieser Quelle um einen ranghohen Mitarbeiter beim GRU oder SWR handeln müsste. Das Material, das er erhielt, war erstklassig und konnte nur aus der obers- ten Führung oder aus deren unmittelbarer Umgebung stammen. Cliff Masters hat die Mitarbeiter, die etwas davon erfahren durften, persönlich ausgewählt. John musste Bescheid wissen, weil es seinen Aufgabenbe- reich betrifft.« Muldoon rang sich ein schwaches Lä- cheln ab. »Wenn Sie deswegen sauer sind, Walter, sollten Sie es lieber mit Cliff austragen, nicht mit John.« »Wer ist diese Quelle?«, grummelte Hicks. »Wir wissen es nicht. Besser gesagt, wir wissen es nicht genau, aber unserer Ansicht nach kommt nur ein ganz kleiner Kreis von SWR- oder GRU-Offizieren da- für in Frage.« »Warum?« fragte Hicks erneut. Er schnitt eine Zi- garre an und legte sie in den Aschenbecher. »Wie wurde der Kontakt hergestellt? Durch einen Mittels- mann?« »Nein. Die Quelle hat sich bei uns gemeldet. Rigby wurde ein nicht entwickelter Mikrofilm zugesteckt, als er im GUM auf Einkaufsbummel war – das ist das staatliche Kaufhaus in–«, »Ich glaube, wir alle wissen, was das GUM ist, Ri- chard«, warf Hicks ein. Er musterte das angeschnitte- ne Ende der Zigarre und steckte sie in den Mund. Er klopfte seine Taschen ab, stand auf, ging zum Schreib- tisch und holte sein Zippo. Dann nahm er wieder Platz, zündete die Zigarre an und blies eine große, blaue Rauchwolke über den Tisch. »Weiter«, befahl er. Muldoon versuchte die Wolke wegzuwedeln. Er hatte das Rauchen aufgegeben und konnte Tabak- und vor allem Zigarrenqualm nicht ausstehen. Er hus- tete kurz, ehe er fortfuhr. »Rigby war außer Dienst und sah die Person gar nicht, die ihm den Film über- gab. Er fand ihn in seiner Jackentasche, als er das Kaufhaus verließ – er musste ihm im Vorbeigehen zu- gesteckt worden sein. Das Entscheidende dabei ist, dass der Informant nicht nur wusste, welchen Rang Rigby bekleidet, was die meisten einfachen SWR- oder GRU-Mitarbeiter ausschließt, sondern dass er ihm den Film völlig unbemerkt zustecken konnte, was wieder- um heißt, dass er ein Profi ist, ein Agent mit Erfah- rung im Außendienst.« Hicks dachte einen Moment lang darüber nach. »Und wann wurde der Film entwickelt?« »Weihnachten.« Muldoon lächelte. »Vierundzwan- zig Fotos, alle gestochen scharf. Zweiundzwanzig stammten von streng geheimen Dokumenten – vier- zehn aus dem Kreml, zwei vom GRU und die anderen vom SWR. Die Erkenntnisse, die wir gewannen, wur- den innerhalb der Agency weitergeleitet, allerdings nur an einen sehr kleinen Empfängerkreis und ohne, jeden Hinweis auf die Quelle. Ohne die persönliche Erlaubnis des Direktors durfte nichts nach draußen gelangen.« Hicks hob den Finger. »Ich hab’s«, sagte er. »Die Quelle ist AE/RAVEN, richtig?« »Richtig«, erwiderte Muldoon. Sämtliche Agenten und Operationen der CIA werden mit einer Kombina- tion aus zwei Buchstaben gekennzeichnet, die vor dem Codenamen stehen und das Land angeben, in dem der Einsatz stattfindet – AE steht zum Beispiel für Russland, DI für Tschechien. »Und die beiden anderen Bilder auf dem Film?«, fragte Hicks. »Was war darauf zu sehen?« »In erster Linie zeigten sie, dass unser Informant Sinn für Humor hat und dass er einen sehr hohen Rang bekleidet. Auf dem einen Bild war der Konfe- renzraum im Kreml zu sehen, auf dem anderen das Walnusszimmer – das ist der angrenzende Raum. Die Dokumente waren schon sehr beeindruckend, aber als Rigby die Bilder sah, war er völlig aus dem Häu- schen.« »Yeah«, sagte Hicks. »Das kann ich mir vorstellen. Zu diesen beiden Räumen dürfte allenfalls ein Dut- zend SWR- und GRU-Offiziere Zugang haben, alles Top-Leute. Okay, bislang sind das lauter gute Nach- richten. Was ist der Haken bei der Sache?« »Vielleicht sollte ich zunächst –« Muldoon ver- stummte, als es an der Tür klopfte. Dann wurde sie geöffnet, und Jayne geleitete eine Frau mittleren Al- ters herein, die den Kaffee brachte. Niemand sagte, etwas, bis die beiden Frauen wieder weg waren und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Als sich alle Kaffee eingegossen hatten, fuhr Muldoon fort. »Ich möchte zunächst kurz umreißen, wie die Kontaktauf- nahme vonstatten ging. Rigby hat die Quelle nie zu Gesicht bekommen und sich auch nicht darum be- müht, weil er Angst hatte, er könnte seinen Informan- ten verschrecken. Aber er suchte regelmäßig Geschäf- te, Cafés und Restaurants auf und zeigte sich in aller Öffentlichkeit. Für gewöhnlich ließ er seinen Mantel oder das Sakko am Stuhl oder an der Garderobe hän- gen, wenn er aufs Klo oder ans Telefon ging. Und et- wa einmal pro Monat fand er in einer der Taschen ei- nen nicht entwickelten Film.« »Hat er versucht, mit der Kontaktperson ins Ge- spräch zu kommen?«, warf Hicks ein. »Ja. Er hinterließ Nachrichten in seinen Taschen, in geeigneten Behältnissen versteckt natürlich, aber die Quelle hat nicht eine mitgenommen. Bis dato war es also eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Bis vor etwa drei Wochen ging das immer so weiter. Dann fand Rigby wieder eine Filmdose – diesmal aber im Handschuhfach seines Autos. Rigby war der Mei- nung, er hätte das Fahrzeug abgeschlossen, ehe er einkaufen ging, aber ganz sicher ist er sich nicht. Je- denfalls war die Fahrertür offen, als er zurückkehrte, deshalb hat er sich im Auto umgesehen.« Hicks streifte die Asche an seiner Zigarre ab. »Wa- rum geht er mit einem Mal anders vor?«, murmelte er. »Okay, was war auf dem Film?«, »Nichts«, erwiderte Muldoon. »Es war kein Film. Als der Techniker der Botschaft die Filmdose öffnete, enthielt sie einen kleinen Zettel mit einer kurzen Nachricht.« »Und?« »Sie sollten sie lieber selbst lesen«, sagte Muldoon. »Ron?« Ronald Hughes öffnete den Aktenordner, den er vor sich liegen hatte, entnahm ihm zwei Blatt Papier und reichte sie Hicks. »Das ist eine Fotokopie des Ori- ginals«, sagte er. »Vierfach vergrößert. Auf dem zwei- ten Blatt ist die Übersetzung aus dem Russischen.« Hicks nahm das erste Blatt, warf einen kurzen Blick darauf und las dann die Übersetzung. Als er fertig war, blickte er Muldoon an. Dann las er die Überset- zung noch einmal. »Herr im Himmel«, sagte er., Freitag Hammersmith, London Richter ging in sein Büro im zweiten Stock und stieß die Tür hinter sich zu. Es war ein kleiner Raum, knapp dreieinhalb Meter lang und etwa ebenso breit, mit einer leicht eingegrauten weißen Decke und hell- grün gestrichenen Wänden – Simpson bezeichnete den Farbton immer als »Geierauswurfgrün«, und Richter musste ihm beipflichten. Vom einzigen Fenster aus blickte man in Richtung Südwesten, sah aber nur die Außenwand des angrenzenden Gebäudes und die obersten Äste eines alten Ahornbaums, der an dieser Seitenstraße ein eher karges Dasein fristete. Neben dem Fenster standen der Schreibtisch und ein Bürostuhl, beide zur Tür ausgerichtet, und an der gegenüberliegenden Wand befand sich ein grauer Ak- tenschrank mit kaputtem Schloss. Richter bewahrte dort lediglich einen Elektrokochtopf, eine Dose Pul- verkaffee, eine Packung Milchpulver, einen Teelöffel und zwei Tassen auf. Neben dem Aktenschrank stand ein großer Dienstsafe mit Kombinationsschloss, der an einer in der Wand eingelassenen Stahlplatte ver- schraubt war. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei Körbe für die ein- und ausgehende Post, ein Ka-, lender und zwei Telefone. Das graue hatte einen An- schluss der Klasse neun – das hieß, dass Richter auf Kosten der britischen Steuerzahler seine Tante in Australien anrufen konnte. Über den schwarzen Ap- parat war er direkt mit Simpson verbunden. Wie üblich waren sämtliche Postkörbe auf dem Schreibtisch leer. Beim Foreign Operations Executive achtete man ebenso wie beim Secret Intelligence Ser- vice auf eine strenge Schreibtischordnung; das hieß, dass nichts herumliegen durfte, wenn sich niemand im Büro aufhielt. Auch wenn man nur zur Toilette ging, mussten sämtliche Akten, Papiere und selbst Notizbücher im Safe eingeschlossen werden. Das war zwar lästig, aber hundertprozentig sicher. Richter stellte das Kombinationsschloss ein. Bei der letzten Umdrehung verpasste er die Null am Ende und musste von vorn anfangen, doch beim zweiten Versuch bekam er die Tür auf. Er griff hinein und hol- te drei Dokumente heraus, die ihm kurz vor seiner Abreise nach Moskau zugestellt worden waren. Das dickste war das aktuelle Defence Intelligence Monthly Digest, eine allgemeine Informationsbroschüre über die Angelegenheiten der drei Dienste. Bei den beiden anderen handelte es sich um das Defence Intelligence Summary (DISUM) und den Naval Intelligence Re- port (NIR), beide ebenso wie das Monthly Digest vom militärischen Nachrichtendienst herausgegeben. Er legte die Dokumente auf seinen Schreibtisch, stand auf und holte den Elektrokochtopf aus dem Schrank. In diesem Moment klingelte das schwarze Telefon., »Kommen Sie bitte hoch«, sagte Simpson. Er klang, als ob ihn etwas beschäftigte. CIA-Zentrale, Langley, Virginia Büro des Direktors für Einsatzplanung (Geheimdienste) Walter Hickss stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und drückte auf die Taste der Gegensprechanlage. »Jay- ne«, sagte er, »sagen Sie sämtliche anstehenden Termine für heute Morgen ab und stellen Sie nur die Anrufer durch, die Sie nicht abwimmeln können.« Das hieß, dass sie nicht gestört werden würden – mit Anrufern konnte Jayne hervorragend umgehen. »Okay«, sagte er, als er sich wieder an den Konferenztisch setzte. »Ihr seid die Experten. Ich kann zwar lesen, was da steht, aber ihr müsst mir sagen, was das zu bedeuten hat.« Muldoon wandte sich an Ronald Hughes, der auf der anderen Seite des Tisches saß. »Ron, das ist eher dein Gebiet.« »Die Nachricht wurde offenbar in aller Eile per Hand geschrieben«, sagte Hughes. »Deshalb ist sie so kurz und schwer verständlich. Aber sie enthält drei sehr genaue Informationen.« Er hob die linke Hand hoch und zählte an den Fingern ab. »Erstens teilt RA- VEN mit, dass eine geheime bilaterale Offensive im Gang ist, einerseits gegen Europa gerichtet, zum zwei- ten gegen die Vereinigten Staaten. Ich betone, dass er ›im Gang‹ schreibt, nicht ›geplant‹, ›in Vorbereitung‹ oder dergleichen mehr.«, »Mein Russisch ist nicht besonders«, warf Hicks ein. »Aber diesbezüglich müssen wir absolute Klarheit haben. Ich nehme an, Sie haben die Übersetzung von unseren Spezialisten überprüfen lassen?« »Ja. Vier Sprachanalytiker und Übersetzer haben sich mit der genauen Wortwahl befasst, und sie sind alle einer Meinung. Die Übersetzung ist hundertpro- zentig richtig.« »Fahren Sie fort.« »Zweitens hat er uns ein Datum genannt – den Zweiten dieses Monats. Drittens eine Ortsangabe.« Hicks schaute ihn erwartungsvoll an. Hughes rieb sich die Stirn und blickte auf seine Unterlagen. »Ich gehe die drei Mitteilungen der Reihe nach durch. Zunächst die Offensive. Sobald die Abteilung Spionage die Über- setzung vorliegen hatte, wurde ich von Cliff Masters beauftragt, sofort sämtliche militärischen Aktivitäten innerhalb der GUS zu überprüfen und festzustellen, ob erhöhte Alarmbereitschaft besteht. Außerdem habe ich mich bei NORAD im Cheyenne Mountain nach unse- rem derzeitigen DEFCON-Status erkundigt, und ich habe bei den Nachrichtendiensten unserer Verbünde- ten nachgefragt, vor allem in Europa.« »Damit sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein«, sagte Hicks. »Offenbar ist nichts dabei heraus- gekommen, sonst hätte ich etwas erfahren.« »Ja«, erwiderte Hughes. »Wir waren uns zwar be- wusst, dass in der RAVEN-Mitteilung ausdrücklich von einer geheimen Offensive die Rede ist. Trotzdem sollte man meinen, dass bei einer Offensive jedweder, Art verstärkte militärische Aktivitäten im Gange sind. Wir haben nichts dergleichen feststellen können. Nun zu Datum und Ortsangabe. An dem genannten Tag, dem Zweiten, passierte allem Anschein nach gar nichts. Die Ortsangabe bezieht sich auf ein Stück Niemandsland hoch oben in der Bolschesemelskaja- Tundra, praktisch an den Ausläufern des Ural gelegen und weitab von allen Gebieten, die von strategischer Bedeutung sind.« »Kommen Sie zur Sache«, knurrte Hicks. »Wie schon gesagt, tat sich am Zweiten allem An- schein nach nichts, aber es passierte doch etwas. Un- sere seismografischen Aufzeichnungen zeigten, dass an diesem Tag eine Explosion stattfand, und zwar un- gefähr in der Gegend, auf die sich die Gradangaben bezogen, die uns RAVEN lieferte.« Hughes warf einen kurzen Blick zu Muldoon. »Danach haben wir die Ab- teilung Wissenschaft und Technologie hinzugezogen, weil wir Satellitenaufnahmen brauchten, um festzu- stellen, was da oben in der Tundra vor sich gegangen war.« »Wir hatten bereits ein paar Fotos von der Gegend, die RAVEN angegeben hatte. Sie waren in der Woche vor dem Zweiten von einem Keyhole-Satelliten auf- genommen worden«, sagte Muldoon. »Auf denen war aber nichts weiter zu sehen als eine Hand voll Fahrzeuge in der Nähe der genannten Position. Da- nach haben wir ein bisschen an der Umlaufbahn ei- nes Keyhole-Satelliten im Polarorbit herumgebastelt, weil wir besseres Material haben wollten. Bei den, ersten Überflügen hatten wir ein paar Schwierigkei- ten, weil es bewölkt war, aber zu guter Letzt haben wir ein paar scharfe Aufnahmen von der betreffen- den Gegend bekommen. Wir konnten aber lediglich ein Loch im Boden erkennen, ein Loch, das nicht einmal besonders groß ist. Anschließend haben wir die Bilder mit den vorherigen Aufnahmen von dieser Gegend verglichen, aber das nützte auch nicht viel. Wir hatten keine genauen Satellitenbilder von dem Gebiet erhalten – wie schon gesagt, liegt es weitab von allen strategisch relevanten Gebieten –, und auf den Weitwinkelaufnahmen war an der uns genann- ten Position nichts als ein kleiner Hügel in der Tund- ra zu sehen. Aber dann kamen zwei weitere Faktoren hinzu.« »Die da wären?«, fragte Hicks. »Die vierte Mitteilung, die uns RAVEN zukommen ließ«, erwiderte Hughes. »Und die seismografische Auswertung der Explosion.« »Ich dachte, die Nachricht von RAVEN enthielt nur drei Mitteilungen.« »Nein, Mr. Director«, sagte Hughes und schüttelte den Kopf. »Die Nachricht enthielt drei genaue Hin- weise, über die wir bereits gesprochen haben. Sie ent- hielt außerdem drei weitere Stichworte, die unserer Einschätzung nach zu ungenau waren, da es sich of- fensichtlich eher um Fragen oder unbestätigte Vermu- tungen handelte. Das eine lautete übersetzt ›Neutro- nenstrahlung‹, das zweite ›Gibraltar‹ und das letzte ›Demonstration‹.«, »Okay«, sagte Hicks. »Erzählen Sie mir alles – aber fassen Sie sich bitte kurz.« »Die Auswertung der seismografischen Aufzeich- nungen deutete auf die Erprobung einer etwas unge- wöhnlichen Waffe hin«, sagte Muldoon. »Ich will nicht näher auf die technischen Details eingehen, weil das nicht mein Fachgebiet ist, aber unsere Experten können Ihnen alles haargenau erklären. Jedenfalls wa- ren unsere Leute beunruhigt, weil die Messdaten zu keiner uns bekannten russischen Kernwaffe passten. Es handelte sich eher um die typischen Merkmale ei- ner großen – einer sehr großen – Neutronenbombe.« Muldoon hielt inne, worauf Hughes wieder das Wort ergriff. »Wir haben mit der Abteilung Wissen- schaft und Technologie ausführlich über diese Fotos gesprochen, und wir haben über die Abteilung Auf- klärung ein paar Erkundigungen einholen lassen. John hat sogar eine seiner Quellen in der GUS einge- schaltet, aber wir kamen nicht weiter. Was uns zu schaffen machte, war der Hinweis auf die ›Neutro- nenstrahlung‹, was wiederum zu unseren seismogra- fischen Messdaten passte. Wir haben alle herkömmli- chen Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir haben in den Nachbarländern Bodenproben ausgewertet, wir haben Passagiermaschinen untersucht, die auf der Polarrou- te geflogen sind. Null Ergebnis. Wir haben das nicht begriffen, weil die Messdaten nach Aussage der Ana- lytiker auf eine Waffe mit einer hohen Sprengkraft hindeuteten, bei deren Explosion starke Strahlung freigesetzt werden müsste. Nachdem wir aber nichts, dergleichen feststellen konnten, fragten wir uns, ob die Russen womöglich eine Kernwaffe mit gewaltiger Sprengkraft, aber geringer Strahlung entwickelt haben könnten – eine Art Superneutronenbombe, wenn Sie so wollen.« »Walter«, wandte Muldoon ein, »Sie wissen doch sicher, dass die Neutronenbombe eine Druckwelle er- zeugt, die nur im Umkreis von knapp zweihundert Metern Wirkung erzielt. Der Schaden, den sie anrich- tet, hält sich in Grenzen. Aber die bei der Explosion freigesetzte Neutronenstrahlung tötet alles Leben im Umkreis von etwa fünfhundert Metern auf der Stelle. Und nach ein paar Stunden, allenfalls Tagen, ist auch im Umkreis von rund zwei Kilometern niemand mehr am Leben. Das Entscheidende aber ist, dass die Strah- lung rasch abklingt, sodass man das betroffene Gebiet kurz nach der Explosion betreten kann.« Hicks rutsch- te ungeduldig hin und her, aber Muldoon ließ nicht locker. »Die Neutronenbombe war von Anfang an als Defensivwaffe gedacht, mit der auch eine kleine Streitmacht die Panzertruppen eines zahlenmäßig weit überlegenen Angreifers dezimieren konnte. Des- halb waren wir so besorgt. Weil die Russen mögli- cherweise eine Waffe entwickelt haben, mit der man einen atomaren Erstschlag führen kann – eine Kern- waffe mit hoher Sprengkraft, die das betroffene Gebiet nicht nachhaltig verstrahlt.« Muldoon hielt inne. Hicks warf ihm einen kurzen Blick zu, nahm die Zigarre aus dem Mund, musterte die Glut und wandte sich dann wieder an Muldoon., »Ich habe das Gefühl«, sagte er, »dass wir allmählich zum unangenehmen Teil der Sache kommen.« Muldoon nickte. »Zu guter Letzt beschlossen wir, einen auf der Beale Air Force Base stationierten Black- bird zu reaktivieren und über die Tundra fliegen zu lassen, weil wir nur auf diese Weise die Radioaktivität messen und gezielte Fotos aufnehmen konnten.« Hicks blies eine dicke Rauchwolke über den Tisch. »Das war möglicherweise alles andere als schlau, Ri- chard«, sagte er. »Ich frage Sie nicht, wer das vorge- schlagen hat, aber ich will wissen, wer es genehmigt hat.« »Ich«, erwiderte Muldoon. Hicks nickte und blickte in die Runde. »Tja, ihr seid zunächst einmal fein raus, weil ihr Rückendeckung von höchster Stelle habt. Aber wenn Richard Mist ge- baut hat, fällt das auf euch alle zurück. Was ist schief gegangen – ich nehme doch an, dass irgendetwas schief gegangen ist, oder?« Hicks hielt mit einem Mal inne. »Darum geht’s doch, nicht wahr? Ihr habt ges- tern früh den verfluchten Blackbird losgeschickt, was? Deswegen war bei sämtlichen militärischen Funk- und Radarstationen in der GUS der Teufel los.« »Ja«, sagte Muldoon. »Der Blackbird hat den Auf- trag ausgeführt, aber die Besatzung geriet im russi- schen Luftraum ein paarmal schwer in die Bredouille – ich glaube, die haben Foxbats, Fulcrums und sogar zwei Foxhounds auf sie angesetzt –, konnte aber mit ein paar leichten Blessuren in den skandinavischen Luftraum entkommen. Ein, zwei Tanks waren be-, schädigt, vielleicht auch mehr. Jedenfalls war die Be- satzung der Meinung, dass sie es weder bis zum nächsten Tanker schaffen noch Mildenhall anfliegen konnte.« »Jetzt will ich alles wissen.« »Allzu viele Möglichkeiten hatte die Besatzung nicht, aber sie hat sich immerhin bis Lossiemouth in Schottland durchgeschlagen, einem Stützpunkt der Royal Air Force. Wenn auch nur mit knapper Not. Sie landeten bei schlechtem Wetter und waren auf ihre Instrumente und die Anweisungen des Fluglotsen an- gewiesen. Als der Blackbird auf der Landebahn aus- rollte, ging ihm der Sprit aus.« »Es hätte weit schlimmer kommen können«, erwi- derte Hicks. »Wenn die Maschine auf dem europäi- schen Kontinent notgelandet wäre, hätte es allerhand diplomatisches Trara gegeben. Von einem Absturz über der Nordsee wollen wir gar nicht reden. Dann hätten wir nicht nur eine sündhaft teure Maschine samt Besatzung verloren, sondern auch die Filme und die Detektoraufzeichnungen. Also, was ist das Prob- lem?« »Die RAF ist das Problem – beziehungsweise die RAF und das britische Verteidigungsministerium. Sie wollen uns die Maschine erst zurückgeben, wenn wir ihnen verraten, was sie über der GUS gemacht hat.«, SWR-Zentrale, Jasenewo, Moskau Sokolow klopfte an die Tür und wartete. Ein paar Se- kunden später öffnete Leutnant Nilow und geleitete ihn ins Büro. Modin saß an seinem Schreibtisch und war in eine Akte vertieft, stand aber auf und lächelte, als Sokolow eintrat. »Fortschritte, mein Freund?«, sagte er. Sokolow schüttelte den Kopf. »Nein, nicht die ge- ringsten. In den Personalakten ist nichts zu finden, und bei den Überwachungsmaßnahmen konnten wir auch nichts Ungewöhnliches feststellen – bislang je- denfalls. Wenn es einen Verräter gibt, werden wir ihn meiner Meinung nach nur entlarven, wenn er ei- ne Dummheit begeht, zum Beispiel hier in Moskau Kontakt zu den Amerikanern aufnimmt. Ich glaube, wir können nur abwarten und aufpassen. Und bei dir?« »Minister Truschenko war hier«, erwiderte Modin. »Es war kein angenehmes Gespräch, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen hat er angeordnet, dass die letzte Waffe bis spätestens Freitag nächster Woche fertiggestellt sein muss, damit sie am nächsten Tag abtransportiert werden kann. Außerdem hat er die Ausführung von Operation Podstawa auf den Elf- ten des nächsten Monats vorgezogen. Wenn es zu kei- nen Verzögerungen kommt, bleiben uns genau fünf Tage Zeit, um die Waffe in Stellung zu bringen.« Sokolow stieß einen leisen Pfiff aus. »Das wird knapp, Nikolai. Damit haben wir kaum noch Spiel-, raum, falls unvorhergesehene Schwierigkeiten auftre- ten sollten.« Modin schüttelte den Kopf. »Du irrst dich, Grigori. Wir haben überhaupt keinen Spielraum. Alles muss klappen, und zwar auf Anhieb. Und die einzige Ge- währ dafür«, fügte er hinzu, »bin ich.« »Was meinst du damit?« »Ich werde den Transport begleiten und die Statio- nierung der Waffe überwachen. Mir gefällt diese Auf- gabe ganz und gar nicht, aber Minister Truschenko bestand darauf.« Hammersmith, London Richter klopfte zweimal kurz an Simpsons Tür und trat ein. Der Direktor stand am Fenster, betrachtete den Verkehr auf der Hammersmith Flyover und spiel- te mit seinen Kakteen herum. Richter nahm vor dem Schreibtisch Platz und wartete. Simpson drehte sich um und ging zu seinem Stuhl. »Ich habe nachge- dacht«, begann er. »Ach ja?«, sagte Richter vorsichtig und erntete ei- nen kurzen, eisigen Blick, ehe Simpson fortfuhr. »Ich habe über Newman nachgedacht. Bezie- hungsweise darüber, was Newman widerfahren ist.« »Und?« »Ich glaube, dass es nicht nur eine Überprüfung war. Es muss einen anderen Grund geben. Außerdem habe ich mit Vauxhall Cross über die Sache gespro-, chen. Sie schicken uns Kopien sämtlicher Berichte, die sie in den letzten sechs Monaten von Newman erhal- ten haben, außerdem Akten, in denen alle Aufgaben aufgeführt sind, die die Station Moskau im Lauf des letzten Jahres in Angriff genommen hat. Nehmen Sie sich das Material vor und sehen Sie zu, ob Sie irgend- einen Anhaltspunkt dafür finden, dass er mit etwas beschäftigt war, das unsere russischen Freunde inte- ressiert oder verstimmt haben könnte.« »Irgendwelche Hinweise?« »Nein. Dafür beschäftige ich Sie. Die Akten sind derzeit zu Ihnen unterwegs.« Richter wartete. »Ist das alles?« »Ja.« »Warum haben Sie mir das nicht am Telefon ge- sagt? Warum musste ich extra hochkommen?« »Ich dachte, Sie könnten ein bisschen Bewegung gebrauchen«, sagte Simpson lächelnd. Um zehn vor zwölf klopfte der Kurier an Richters Tür und legte einen Stapel Akten auf den Schreibtisch, alles in allem dreiundzwanzig Ordner. Die ersten siebzehn waren als »vertraulich« ausgewiesen und mussten jeweils einzeln ins Register eingetragen wer- den, bevor der Kurier wieder aufbrach. Anschließend holte Richter ein Lineal aus seiner Schreibtischschub- lade und maß die Höhe des Aktenstapels. Dann rief er Simpson an. Er meldete sich sofort. »Sie erwarten doch hoffentlich nicht, dass Sie im Fall Newman heute noch eine Antwort bekommen«, sagte Richter. »Ich habe vom SIS einen Stapel Papier-, kram bekommen, der sich knapp einen halben Meter hoch auf meinem Schreibtisch türmt. Außerdem habe ich noch ein paar andere Sachen in meinem Eingangs- korb, die ziemlich dringend sind.« »Damit hatte ich mehr oder weniger gerechnet«, sagte Simpson. »Da Newman Stationsleiter war, hatte er praktisch mit allen Angelegenheiten zu tun, die die Station Moskau betrafen. Ich habe bei dieser Sache ein ungutes Gefühl, deshalb sollten Sie sich Newmans Sa- chen zuallererst vornehmen. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie Ihre andere Arbeit loswerden wollen. Ich tei- le Ihnen mit, wem Sie sie geben können.« »Okay«, sagte Richter und legte auf. Er breitete die Akten auf seinem Schreibtisch aus und machte sich an die Arbeit. Gottlob konnte er einen Gutteil der Unter- lagen nach einem flüchtigen Blick aussondern, da sie für seine Zwecke nicht weiter wichtig waren. Trotz- dem blieb noch eine Menge Material übrig, das er le- sen musste. Außerdem musste er Newmans Berichte durchgehen, um festzustellen, an welchen Unterneh- mungen er persönlich beteiligt gewesen war. Nach- mittags um halb fünf hatte er kaum mehr geschafft, als die Sachen zu sortieren und festzustellen, womit er sich genauer befassen musste und was er ablegen, be- ziehungsweise kurz überfliegen konnte. Danach ver- staute er das ganze Material im Safe, verstellte die Kombination, meldete sich ab und ging nach Hause. Am Montagmorgen wollte er weitermachen., CIA-Zentrale, Langley, Virginia Büro des Direktors für Einsatzplanung (Geheimdienste) Nach Richard Muldoons Erklärung herrschte einen Moment lang Schweigen. Dann blickten alle wie auf Kommando zum Kopfende des Tisches. »Und was zum Teufel machen sie?«, fragte Hicks. »Im Moment gar nichts«, erwiderte Muldoon. »Der Vogel sitzt in einem Hangar in Schottland fest. Wir kommen nicht an ihn ran, und mit der Besatzung kön- nen wir nur über einen öffentlichen Telefonanschluss sprechen, der mit Sicherheit abgehört wird.« Hicks drückte seine Zigarre im Aschenbecher aus, dann blickte er auf. »Wann ist der Blackbird gelandet?« »Gestern Morgen«, erwiderte Muldoon. »Okay, Richard. Was haben Sie seither unternom- men, um die Maschine zurückzubekommen?« Muldoon errötete leicht. »Sobald wir erfuhren, dass es Schwierigkeiten gibt, haben wir über die USAFE versucht, die Briten dazu zu überreden, dass sie ein- lenken und die Maschine freigeben. Aber wir sind nicht weitergekommen.« »Und was erwarten Sie von mir?«, fragte Hicks. »Sie sind zurzeit der Chef hier«, sagte Muldoon. »Unserer Einschätzung nach müssen wir gehörigen diplomatischen Druck ausüben, damit der Vogel frei- gegeben wird, ohne dass wir den Briten Auskunft ge- ben müssen. Wir möchten, dass Sie über den Nationa- len Sicherheitsrat den Präsidenten ersuchen, dass er sich für die Rückgabe der Maschine einsetzt.«, Walter Hicks griff zu der Zigarrenkiste und schaute hinein. Dann stieß er seinen Stuhl zurück, ging zum Schreibtisch, holte eine neue Kiste und nahm wieder Platz. »Nach dem Motto ›Könnten wir bitte unseren Ball zurückkriegen, Mister?‹«, fragte er. Muldoon nickte. Hicks lehnte sich zurück. »Okay«, sagte er. »Lassen Sie mich die Situation mal kurz zusammen- fassen, soweit ich sie verstanden habe. Eine Quelle in Moskau hat uns etwas zugeflüstert …« »Eine zuverlässige Quelle«, warf Hughes ein. Hicks warf ihm einen kurzen Blick zu, dann fuhr er fort. »Eine für gewöhnlich zuverlässige Quelle in Moskau hat uns zugeflüstert – höher möchte ich das nicht ansetzen –, dass eine geheime Offensive durch- geführt werden soll, obwohl wir keinerlei Anzeichen dafür feststellen konnten. Wir haben seismografische Aufzeichnungen, die auf einen Waffentest in der Tundra hindeuten. Und schließlich haben wir mögli- cherweise Filmaufnahmen von einem Testgelände, die in den Aufklärungskameras eines Blackbird stecken, der« – er warf einen Blick auf seine Notizen – »auf dem RAF-Stützpunkt Lossiemouth, Schottland, steht, und die uns die Briten nicht anschauen lassen, solange wir ihnen nicht verraten, warum wir die Maschine über den Nordwesten Russlands geschickt und da- durch möglicherweise die Entspannungspolitik ge- fährdet haben.« Er blickte in die Runde. »Ist dem so?« Alle drei nickten. »Das ist doch alles Scheiße«, sagte Hicks mit ge- presster Stimme. »Das sind Gerüchte und Mutma-, ßungen – Sie haben nicht einen einzigen Beweis. Mehr noch, alle Hinweise, die Sie haben, deuten darauf hin, dass es sich bei der Mitteilung von RAVEN um eine Desinformation handelt. Man kann keinen Angriff – ob geheim oder nicht – in die Wege leiten, ohne dass es zumindest ein paar Anzeichen von verstärkter mili- tärischer Aktivität gibt. Ich kann mich damit weder an den Nationalen Sicherheitsrat noch an den Präsiden- ten wenden und um Erlaubnis für weitere Maßnah- men bitten. Herrgott, es wird schwer genug werden, den Blackbird nach Mildenhall zu schaffen, ohne dass wir den Briten einen Haufen unangenehmer Fragen beantworten müssen.« Er nahm sich eine neue Zigarre und zündete sie in aller Ruhe an. »Ist einer von euch mal auf den Gedanken gekommen, dass man uns RAVEN möglicherweise untergeschoben hat?«, fuhr er fort. »Dass man mit Hilfe dieses angeblichen Agen- ten ein Täuschungsmanöver inszeniert, um uns zu ei- ner Dummheit zu verleiten – was ja auch geklappt hat. Die Leute in der Einsatzplanung des KGB waren Meister auf diesem Gebiet, und die sind jetzt alle für das SWR tätig. Meint ihr etwa, die haben das alles vergessen? Verdammt, diese verfluchte Quelle steht vermutlich sogar in Diensten des SWR!« Er blickte in die Runde. »Nun, habt ihr euch das mal überlegt? Ir- gendeiner von euch?« »Ja, Mr. Director«, erwiderte Ronald Hughes leise. »Wir haben das in Betracht gezogen. Aber das Materi- al, das wir erhielten, war so gut, dass wir der Mei- nung sind, das SWR hätte uns diese Informationen, niemals überlassen, nicht einmal im Zuge eines Täu- schungsmanövers. Wir konnten einige Nachprüfun- gen anstellen, und nichts deutet darauf hin, dass un- sere Quelle nicht das ist, was sie zu sein scheint – ein enttäuschter Offizier, der einen sehr hohen Rang beim SWR oder GRU bekleidet.« »Gut. Freut mich, dass wenigstens einer nachge- dacht hat. Haben wir seit dieser Nachricht irgendwas von RAVEN bekommen?« »Nichts«, sagte Hughes. »Entweder ist man beim SWR auf ihn gestoßen – dann haben wir die beste Quelle verloren, die wir meiner Meinung nach je hat- ten –, oder er muss eine Zeit lang still halten. Wir hof- fen natürlich«, fügte er hinzu, »dass er nach wie vor an Ort und Stelle ist.« »Okay«, sagte Hicks. »Meiner Ansicht nach wollen uns die Jungs vom SWR wahrscheinlich nur an der Nase rumführen, uns zeigen, dass sie noch im Ge- schäft sind. Ich sage es klar und deutlich. Erstens hat sich RAVEN bei uns gemeldet. Wir wissen nicht, wer er ist oder warum er es macht. Ich habe gehört, was Sie über das Material gesagt haben, Ron. Aber es könnte doch möglich sein, dass man uns mit falschen Informationen gefüttert hat, die wiederum durch ähn- liches Material bestätigt wurden, das man Ihnen beim Nachprüfen untergeschoben hat. Wir drehen uns so- zusagen im Kreis.« »Den Eindruck hatte ich nicht«, sagte Hughes. »Ich räume aber ein, dass diese Möglichkeit bestehen könnte.«, »Zweitens«, fuhr Hicks fort, »war die Nachricht per Hand geschrieben, was aus zweierlei Gründen ver- dächtig ist. Wenn RAVEN mit dieser Nachricht ge- schnappt worden wäre, hätte jeder andere ranghohe SWR- oder GRU-Offizier die Handschrift sofort er- kannt. Wenn er wirklich ein Informant ist, wäre das viel zu gefährlich, viel zu riskant. Warum also hat er sie mit der Hand geschrieben? Warum hat er das Do- kument nicht einfach fotografiert, so wie die anderen Dokumente auch? Und schließlich, Ron, sind Sie bei Ihren Erkundungen auf keinerlei Hinweise auf ir- gendwelche militärischen Vorbereitungen für einen Angriff gestoßen.« Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann meldete sich Hughes zu Wort. »Es könnte noch eine andere Erklärung für die Nachricht geben, Mr. Director. Mög- licherweise hat RAVEN erst kurz zuvor etwas von dem Unternehmen erfahren. Vielleicht hat man ihn nur mündlich eingeweiht, sodass er gar keine Doku- mente zu Gesicht bekommen hat. Wenn dieses Projekt streng geheim ist, gibt es vielleicht gar keine schriftli- chen Unterlagen. Oder es existiert nur ein Exemplar, das in einem Safe aufbewahrt wird, der von zwei Of- fizieren gleichzeitig aufgeschlossen werden muss – wir wissen, dass man beim KGB aus Sicherheitsgrün- den so verfahren ist. Es gibt also mehrere Erklärungen dafür, weshalb er die Nachricht mit der Hand schrei- ben musste, wenn er uns warnen wollte. Wenn das der Fall sein sollte, verlässt er sich darauf, dass wir die Spur aufnehmen und feststellen, was dort vor sich, geht. Meiner Ansicht nach sollten wir die Sache nicht einfach zu den Akten legen.« Walter Hicks schenkte Hughes ein kurzes Grinsen. »Sie haben mich missverstanden, Ron. Ich habe nicht vor, das Ganze zu den Akten zu legen. Ich spiele nur den Advocatus Diaboli, der die Gegenargumente vor- bringt.« Muldoon beugte sich vor. »Es gibt noch zwei weite- re Erklärungen, weshalb wir keine militärischen Vor- bereitungen feststellen konnten. Zunächst einmal eine ganz aberwitzige Möglichkeit«, sagte Muldoon, der leicht nervös wirkte. »Die Russen könnten zum Bei- spiel eine Waffe entwickelt haben, deren Wirkung so gewaltig ist, dass sie nur mit dem Einsatz drohen müssen, damit der Westen alle Forderungen erfüllt, die sie stellen.« Hicks lachte. »Wie bei Dr. Strangelove, Richard? Ei- ne Waffe, mit der man die ganze Welt vernichten kann? Das glaube ich nicht. Was die Waffentechnolo- gie angeht, liegen die weit zurück, es sei denn, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich aller- hand geändert. Außerdem müssten sie uns erst davon überzeugen, dass die Waffe funktioniert. Sie müssten sie vorführen, uns einen Beweis vorlegen – einen rich- tigen Beweis, nicht nur ein Loch im Boden der Tund- ra. Und selbst dann wären wir immer noch in der La- ge zurückzuschlagen. Was wollen sie dagegen tun? Nein, das haut nicht hin. Wie lautet die andere Erklä- rung?« »Ich habe darüber nachgedacht, seit ich die Nach-, richt von RAVEN gesehen habe, und jedes Mal lief es mir eiskalt über den Rücken, Walter. Was ist, wenn sie bereits Waffen in Stellung gebracht haben, hier, in den Vereinigten Staaten? Atombomben, die ins Land ge- schmuggelt wurden. Das ließe sich als geheimer An- griff auslegen, und dazu wären weder eine Mobilma- chung noch andere militärische Vorbereitungen nö- tig.« Hicks saß schweigend da und dachte über Mul- doons Argumente nach. Dann schüttelte er den Kopf. »Eine ganz durchtriebene Idee, Richard. Aber zu wel- chem Zweck? Selbst wenn sie in jeder Großstadt der Vereinigten Staaten eine Kernwaffe in Stellung brin- gen und damit drohen würden, sie zu zünden, könn- ten wir Russland und die übrige GUS immer noch vernichten. Es liefe auf eine Pattsituation hinaus, auf ein Gleichgewicht des Schreckens, wie in der schlech- ten alten Zeit.« Muldoon, der nicht davon überzeugt war, schüttel- te den Kopf. »Hoffentlich haben Sie Recht, aber mein Gefühl sagt mir, dass RAVEN zuverlässig ist. Und dass etwas vor sich geht, von dem wir nichts wissen. Wir müssen die Sache weiterverfolgen.« »Oh, wir werden sie weiterverfolgen, Richard. Aber ich werde weder den Nationalen Sicherheitsrat noch den Präsidenten einschalten – jedenfalls noch nicht. Zunächst einmal müssen wir uns den Blackbird samt den Filmen und den Detektoraufzeichnungen besor- gen. Sobald wir das Material in der Hand haben, kön- nen wir uns überlegen, wie wir weiter vorgehen wol-, len. Na schön, die Abteilung Wissenschaft und Tech- nologie hat uns in diese Sache reingeritten – was emp- fehlen Sie uns, Richard?« Muldoon nahm ein Blatt Papier zur Hand, warf ei- nen kurzen Blick darauf und ergriff das Wort. »Zu- nächst einmal möchte ich in aller Form darauf hinwei- sen, dass meine Abteilung nur auf eine Anfrage der Abteilung Aufklärung hin tätig geworden ist, die uns um einen Erkundungsflug mit einem Blackbird bat – das war nicht unsere Idee, Walter, und ich werde dafür auch nicht die Verantwortung übernehmen. Wir …« »Bis hierher und nicht weiter, was?«, sagte John Westwood, dessen ohnehin schon rotes Gesicht noch eine Spur dunkler anlief. »Ihre Abteilung hat die Sa- tellitenfotos ausgewertet, und Sie persönlich haben dazu geraten, dass man sich die Gegend genauer an- sehen sollte. Das aber war nur mit einem Flugzeug möglich, deshalb haben wir es vorgeschlagen.« Muldoon öffnete den Mund und wollte etwas sa- gen, aber Hicks kam ihm zuvor. »Damit erreichen wir gar nichts. Wenn die ganze Sache den Bach runter- geht, wird es eine interne Untersuchung geben. Dann könnt ihr alle zusehen, wie ihr eure Haut rettet. Im Augenblick geht es mir nur darum, dass wir den Schlamassel wieder ausbügeln. John, Sie halten die Klappe. Richard, fahren Sie fort.« »Danke. Meiner Meinung nach sollten wir uns vor allem darum bemühen, den Blackbird zurückzube- kommen, denn ohne die Filme und Detektoraufzeich- nungen sind wir auf bloße Mutmaßungen angewie-, sen. Und je länger die Maschine in Großbritannien he- rumsteht, desto mehr Fragen wird man uns stellen – hier wie dort. Vergessen Sie nicht, dass seit dem Ab- schuss von Gary Powers’ U-2 im Jahr 1960 auf Anord- nung des Präsidenten keine Spionageflüge mehr über Russland durchgeführt werden dürfen. Ich weiß, dass wir uns seither immer wieder über diese Anweisung hinweggesetzt haben, aber sie gilt nach wie vor. Und Ihnen ist sicherlich auch nicht entgangen, dass der Blackbird Ende 1989 offiziell außer Dienst gestellt wurde. Wenn jetzt einer mit eindeutigen Gefechts- schäden auf dem Flugplatz in Lossiemouth herum- steht, kommen einige Leute sicher ins Grübeln. Wir wollen doch nicht, dass die britische Presse Wind da- von bekommt. Die sind genauso hartnäckig und spitz- findig wie die Jungs von der Washington Post. Ich schlage vor, dass wir die USAFE anweisen –« »Ich glaube nicht, dass wir es uns erlauben können, jemandem Anweisungen zu erteilen, Richard«, wand- te Hicks ein. »Okay. Ich formuliere es anders. Wir schlagen vor, dass die USAFE der Royal Air Force und dem briti- schen Verteidigungsministerium alle gewünschten Auskünfte gibt, damit wir den Blackbird nach Mil- denhall überführen können und die Sache in den Griff bekommen.« »›Alle gewünschten Auskünfte‹ ist ziemlich allge- mein gehalten«, sagte John Westwood. »Was genau meinen Sie damit? Sie wollen Ihnen doch nicht etwa die Filme zeigen?«, »Wenn es nötig ist, ja.« »Das dürfen Sie nicht«, erwiderte Westwood ruhig, aber entschieden. Seit zwei Jahren leitete er die Abtei- lung Auslandsaufklärung (Spionage), und niemand hatte bisher erlebt, dass er auch nur einmal die Stim- me hob. »Bedenken Sie, was RAVEN uns mitgeteilt hat. Die geheime Offensive erfolgt in zwei Stoßrich- tungen – die eine zielt auf uns, die andere auf Europa. Solange wir nichts Genaueres wissen, dürfen die Bri- ten nicht einbezogen werden.« »Warum nicht?«, fragte Hicks. »Weil wir erst mehr über diese Offensive in Erfah- rung bringen müssen. Und solange das nicht der Fall ist, wissen wir nicht, welche Reaktion wir von ihnen zu erwarten haben.« »Das sind angeblich unsere Verbündeten, bedenken Sie das.« »Genau darum geht es doch«, erwiderte Westwood. »Wir wissen momentan herzlich wenig, wie diese Of- fensive vonstatten gehen soll. Deshalb sollten wir warten, bis wir uns einen Gesamteindruck verschaffen können, bevor wir unseren Verbündeten Bescheid sa- gen. Wir wollen doch nicht, dass sich die Briten zu ir- gendwelchen überstürzten Maßnahmen hinreißen las- sen und wir ihnen dann beistehen und sie heraushau- en müssen.« Hicks nickte. »Okay, das sollten wir bedenken. Al- lerdings müssen wir uns damit abfinden, dass sie un- sere Filme und die Maschine haben und wir – bezie- hungsweise die USAFE – ihnen etwas anbieten müs-, sen, damit wir an die Sachen rankommen, die wir brauchen.« Er wandte sich wieder an Richard Mul- doon. »Überlegen wir uns doch mal, was wir für Mög- lichkeiten haben. Können wir ihnen gefälschte Bilder unterschieben – irgendwas aus dem Archiv?« Muldoon schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Erstens legen sie bestimmt Wert darauf, dass die Filme unter ihrer Regie entnommen und entwi- ckelt werden, sodass es sehr schwer, wenn nicht un- möglich sein dürfte, sie zu vertauschen. Zweitens dür- fen Sie nicht vergessen, dass die Briten JARIC haben.« »Helfen Sie mir auf die Sprünge«, sagte Hicks, der ihn verständnislos anschaute. »JARIC«, fuhr Muldoon fort. »Das Joint Air Recon- naissance Intelligence Centre, ihre Luftaufklärungs- einheit. Jeder Film, den wir ihnen geben, wird sofort zur Auswertung dorthin geschickt. Selbst wenn wir die Filme austauschen könnten, wüssten sie innerhalb einer Stunde Bescheid und würden sich erst recht an- strengen, um herauszufinden, was wir dort wollten. Aber wenn wir ihnen die richtigen Filme geben, glau- ben sie vielleicht, unserer Air Force wäre ein Irrtum unterlaufen oder sie wollte die Reaktion der Russen auf die Probe stellen.« »Okay, aber Johns Einwand steht nach wie vor im Raum. Wenn sie die Filme auswerten, werden sie se- hen –« »Genau«, warf Muldoon ein. »Was werden sie denn sehen? Sie werden Bilder von der russischen Tundra sehen, sechshundert Meilen Wildnis. Sie wissen aber, nicht, wonach wir Ausschau gehalten haben, folglich werden sie auf das Offensichtliche achten – neue Ge- bäude, Militärstützpunkte und so weiter. Auf ein Loch im Boden achten sie bestimmt nicht.« »Sie werden die Aufnahmen mit älteren Satelliten- fotos vergleichen«, sagte Westwood. »Mit Sicherheit«, erwiderte Muldoon. »Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass wir ihnen seit der letzten Nachricht von RAVEN kein Bildmaterial aus diesem Gebiet zur Verfügung gestellt haben.« Er wandte sich an Hicks. »Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme, Walter, aber im Nachhinein glaube ich, wir waren damit gut beraten. Die Fahrzeugansammlung, die wir vor dem Waffentest aufgenommen haben, konnten sie nicht sehen. Und selbst wenn sie das Loch entdecken und ältere Bilder zum Vergleich heranziehen, werden sie allenfalls Tundralandschaft und vielleicht ein paar vereinzelte Fahrzeuge erkennen können. Und ein Hü- gel in der Tundra ist nichts Ungewöhnliches.« »Wie begründen wir den Flug?«, fragte Hicks. »Gar nicht. Wenn wir ihnen einen Bären aufbinden, kommen sie früher oder später dahinter. Dann wissen sie, dass wir hinter irgendetwas her sind. Wenn wir gar nichts erklären und ihnen nur die Bilder überlassen, besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie die Filme auswerten, nichts Interessantes entdecken und die Sa- che nach ein paar Wochen auf sich beruhen lassen.« »Hat jemand einen besseren Vorschlag?«, fragte Hicks. Niemand meldete sich. »Okay«, sagte er. »Dann machen wir’s so.«, Turabah, Saudi-Arabien Sadoun Khamil starrte auf den Bildschirm seines Lap- tops und las zum dritten Mal den entschlüsselten Text der E-Mail, die ihm Hassan Abbas geschickt hatte. Dann lehnte er sich zurück und dachte nach. Wie sein Bündnispartner, der von ihm verachtete Ungläubige Dimitri Truschenko, hatte auch er damit gerechnet, dass einer der westlichen Nachrichtendienste früher oder später auf das Unternehmen aufmerksam werden wür- de, da die Zahl der Beteiligten immer größer wurde. Bislang, das musste er zugeben, hatten sie Glück gehabt. Aber offensichtlich hatten die Amerikaner Verdacht geschöpft oder irgendetwas erfahren, des- halb hatten sie ein Spionageflugzeug eingesetzt. Seit dem Triumph vom 11. September 2001, der weit grö- ßer gewesen war, als Hassan Abbas versprochen hat- te, herrschte im Westen höchste Alarmstufe – mehr denn je war man sich dort bewusst, dass es jederzeit zu neuen Anschlägen kommen könnte. Nun denn. Khamil lächelte vor sich hin. Jetzt war es zu spät – jetzt konnten sie nichts mehr unternehmen. Fast alle Vorbereitungen waren abgeschlossen. Jetzt mussten nur noch die Russen ihren Teil des Unter- nehmens durchführen – die Lieferung der letzten bei- den Waffen. Danach würde Truschenko der Vereinba- rung entsprechend das Ultimatum stellen, das die Vereinigten Staaten endgültig demütigen würde, und die Atommächte in Westeuropa würden vernichtet werden., Und anschließend würden er und Hassan Abbas ih- ren eigenen Plan ausführen, der mit der Führung von al-Qaida abgesprochen und von ihr gebilligt worden war und von dem die Russen nichts wussten. Danach würde sich die Welt mit einem Schlag für immer ver- ändern., Sonntag CIA-Zentrale, Langley, Virginia Büro des Direktors der Abteilung Wissenschaft und Technologie Muldoon schob John Westwood die Meldung aus Mil- denhall über den Tisch zu. »Das ist zwar eigentlich nicht Ihr Gebiet, John, aber immerhin waren Sie von Anfang an an der Sache beteiligt. Sehen Sie, was da steht?« Westwood las den Text der Meldung, nickte dann und reichte sie an Ron Hughes weiter. »Die Nachricht von RAVEN ergibt allmählich etwas mehr Sinn. Ich nehme an, das basiert auf den Detektoraufzeichnun- gen, die von unseren Leuten in Mildenhall ausgewer- tet wurden.« »Ja, mit Unterstützung der Aufklärungsspezialisten von der Beale Air Force Base, die vor zwei Tagen nach England geflogen sind. Der Blackbird wurde übrigens gestern Nachmittag von den Briten freigegeben und ist gegen einundzwanzig Uhr Ortszeit in Mildenhall gelandet. Die Filme wurden in Lossiemouth entwi- ckelt. Dort wurden den Briten auch die Kopien über- geben. Nach den Detektoraufzeichnungen haben sie sich nicht erkundigt, sodass wir sie jetzt, da wir den Vogel wieder haben, für uns behalten können.«, »Besteht die Möglichkeit, dass sich die Leute von der Beale geirrt haben?«, fragte Westwood. »Das ist unwahrscheinlich«, sagte Muldoon. »Aber die Filme und die Detektoraufzeichnungen müssten derzeit per Kurier vom Flughafen zu uns unterwegs sein. Zwei unserer Analytiker warten schon darauf. Spätestens heute Abend müssten wir eine Bestätigung vorliegen haben, es sei denn, sie sind anderer Mei- nung. Aber das hier entspricht weitgehend unseren Erwartungen und auch den Andeutungen in der Nachricht von RAVEN. Die in der Tundra gezündete Bombe hatte eine Sprengkraft von rund fünf Mega- tonnen. Damit ist sie etwa hundertfünfzig Mal so stark wie die Zwanzig-Kilotonnen-Bombe von Hiro- shima, besitzt aber nur ein Viertel der Sprengkraft der Waffen, mit der die alten Bear-Bomber bestückt wa- ren. Die Berechnung der Sprengkraft basiert auf dem geschätzten Volumen der aufgeworfenen Erdmasse und dem Ausmaß der Zerstörung, die anhand der Fo- tos des Blackbird ersichtlich ist. Unsere Leute mussten ein paar Vermutungen anstellen, zum Beispiel, was die Beschaffenheit des Erdreichs angeht, die Tiefe, in der sich die Bombe befand, und andere Faktoren, die die Zündmethode betreffen. Die Angaben zur Spreng- kraft müssen vielleicht noch präzisiert werden, wenn die genaue Auswertung abgeschlossen ist, aber unsere Leute meinen, dass die fünf Megatonnen in etwa stimmen dürften. Noch wichtiger aber sind die Er- gebnisse der Strahlungsmessungen. Es gab nämlich keine. Jedenfalls keine auffällige – eine gewisse Hin-, tergrundstrahlung ist immer vorhanden. Die Experten von der Beale Air Force Base legten bei ihren Berech- nungen den Fallout zugrunde, der bei der Zündung einer Kernwaffe von dieser Sprengkraft normalerwei- se entsteht, und bezogen auf die Wetterverhältnisse, wie sie seit der Explosion über dem asiatischen Fest- land herrschten, sowie die Höhe des Blackbird in ihre Kalkulationen ein. Doch die Detektoraufzeichnungen entsprachen schlichtweg nicht ihren Erwartungen. Sie rechneten mit Spuren von radioaktiven Isotopen von Strontium 90, Caesium 137 und Jod 131, wie sie bei je- der Kernwaffenexplosion freigesetzt werden, fanden aber nur statistisch unwesentliche Mengen. Es sieht also eher so aus«, fügte er hinzu, »als ob die Russen eine Kernwaffe mit hoher Sprengkraft, aber nur ge- ringer Strahlung entwickelt haben. Was letztlich auf eine strategische Neutronenbombe hinausläuft.« »Ich begreife bloß nicht«, sagte Westwood bedäch- tig, »was sie damit wollen.« Muldoon schaute ihn an. »Komisch, aber genau das habe ich mich auch gefragt.« »Ich glaube, ich komme nicht ganz mit«, warf Hug- hes ein. Westwood beugte sich vor. »Denken Sie doch mal darüber nach«, sagte er. »Das Gleichgewicht des Schreckens beruhte darauf, dass die Sowjets im Falle eines Angriffs durch unseren Gegenschlag unerträgli- che Verluste erleiden würden – und umgekehrt. Beide Seiten hätten nichts zu gewinnen, sodass es sinnlos wäre, einen Erstschlag zu führen.« Er deutete auf die, Meldung, die Hughes noch immer in der Hand hatte. »Das hier ergibt einfach keinen Sinn. Die Sprengkraft dieser Waffe ist deutlich höher als die unserer Neut- ronenbomben, aber die waren immer als taktische Waffen für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht, nicht als strategische Waffen. Die Gefahr, die von Kernwaffen ausgeht, beruht auf der Zerstörungskraft der Explosion wie auch auf den Auswirkungen des Fallout, der Strahlung. Wenn die Radioaktivität weg- fällt, hat die Waffe nur noch die halbe Vernichtungs- kraft. Und das«, fügte er hinzu, »kommt eigentlich dem Gegner zugute – uns.« »Das müssen Sie mir genauer erklären«, sagte Hug- hes. »Gut. Nehmen wir mal an, dieser Waffentest diente nur zu Demonstrationszwecken – immerhin war in der letzten Nachricht von RAVEN von einer De- monstration die Rede, also hat er sich vielleicht darauf bezogen –, und sie haben tatsächlich eine Waffe mit hoher Sprengkraft und geringer Strahlung entwickelt. Wenn die Russen nun derartige Waffen besäßen und damit die Vereinigten Staaten angriffen, würden durch die Explosionen gewaltige Schäden angerichtet. Wir würden ganze Städte verlieren, und ein Großteil unserer Bürger würde umkommen, aber nur – und das ist das Entscheidende – infolge der Explosionen und des massiven, aber kurzfristigen Neutronenbe- schusses. Niemand würde an den Langzeitfolgen von Fallout und Strahlung sterben, weil keine freigesetzt wird. Innerhalb von ein paar Tagen könnten wir unse-, re Städte wieder aufbauen, ohne dass wir Schutzan- züge tragen oder uns Gedanken um eine mögliche Kontamination machen müssten.« »Das sind dennoch scheußliche Vorstellungen, John«, sagte Muldoon. Westwood schenkte ihm ein dünnes Lächeln. »Ich weiß, ich weiß. Es ist der reinste Alptraum. Aber die Russen müssen sich die Sache genau überlegt haben. Nun«, fuhr er fort, »wir besitzen keine solchen mo- dernen Kernwaffen. Wenn uns die Russen also angrei- fen würden, müssten wir uns auf die hochradioakti- ven Sprengköpfe verlassen, mit denen unsere U-Boote und Interkontinentalraketen bestückt sind. Und das heißt, dass unser Gegenschlag die Gemeinschaft un- abhängiger Staaten in eine verstrahlte, unbewohnbare Wüste verwandeln würde. Okay, beide Seiten würden schwere Verluste erleiden, ohne dass es einen Gewin- ner gibt, aber wir hätten doch einen leichten Punkt- vorteil. Die GUS würde sich von diesem Schlag wo- möglich nie mehr erholen. Ich meine, sehen Sie sich doch an, was dort los ist. Trotz aller Hilfe von Seiten des Westens plagen sie sich immer noch mit den Fol- gen des Reaktorunfalls von Tschernobyl herum, und das ist über zwanzig Jahre her.« Hughes nickte geistesabwesend. »Schön und gut, John, aber offensichtlich haben die Russen einen neu- en Bombentyp entwickelt, und ich glaube nicht, dass sie das nur zum Spaß gemacht haben. Sie müssen et- was Bestimmtes vorhaben.« »Genau das beschäftigt mich, seit ich die Meldung, gelesen habe«, sagte Muldoon. »Aber was zum Teufel haben sie damit vor?« Er blickte zu Westwood. Mul- doon war Fachmann für Planung und technische Überwachungsmethoden, aber er wusste so gut wie nichts über HUMINT (Human Intelligence) – Nach- richtenbeschaffung durch Personen, beziehungsweise Spionage. Satelliten und Aufklärungsflugzeuge liefern zwar genaue Erkenntnisse über Technologie und Inf- rastruktur, nicht aber über die Absichten der Men- schen, die diese Technologie herstellen. Dazu braucht man einen Agenten vor Ort, jemanden, der sich um- hört, Fragen stellt und Erkundigungen einholt. Westwood schüttelte den Kopf. »Wir haben keine Quelle, die wir wegen dieser Sache anzapfen könnten – von RAVEN einmal abgesehen, und mit dem kön- nen wir nicht ins Gespräch kommen, weil wir nicht wissen, wer er ist. Wenn wir Glück haben, übergibt er Rigby vielleicht weiteres Material, aber darauf können wir uns nicht verlassen.« »Auf keinen Fall«, sagte Hughes. »Da wir seit der letzten Nachricht nichts von RAVEN gehört haben, müssen wir davon ausgehen, dass er aufgeflogen ist. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, dürften die Russen nach dem Einsatz des Blackbird ihre Si- cherheitsvorkehrungen verschärft haben. Daher be- zweifle ich, dass er uns in absehbarer Zeit irgendet- was liefern kann.« »Ganz meine Meinung«, sagte Muldoon. »Was wol- len wir also unternehmen? Das ist Ihr Fachgebiet, John – was schlagen Sie vor?«, Westwood schwieg eine Zeit lang. »Technische Ana- lyse«, sagte er schließlich, »nützt uns im Moment nicht viel. Ich würde mir gern von unseren Experten bestätigen lassen, dass die Schlussfolgerungen des Beale-Teams zutreffen, obwohl ich daran kaum Zwei- fel habe. Wir müssen feststellen, was die Russen mit dieser neuen Waffe vorhaben. Und dazu müssen wir eine andere hochrangige Nachrichtenquelle in Mos- kau anzapfen. Wie schon gesagt, wir haben keine, aber vielleicht die Briten, die Franzosen oder die Deut- schen. Ich schlage vor, dass wir uns zunächst an die Briten wenden – wegen unserer besonderen Bezie- hungen – und zusehen, ob sie einen Draht zu GRU oder SWR haben.« Muldoon lächelte. »Ich dachte, Sie wären dagegen, dass wir ihnen irgendetwas verraten, John?« »Bin ich auch, und ich hatte auch nicht vor, meine Meinung zu ändern, es sei denn, es lässt sich nicht vermeiden. Ich habe bereits mit Walter abgesprochen, dass ich nach London fliege, mich mit unseren Leuten dort in Verbindung setze und zusehe, ob ich irgend- etwas erreichen kann. Der dortige Stationschef sollte doch ein halbwegs anständiges Arbeitsverhältnis zu deren Secret Intelligence Service unterhalten. Viel- leicht können wir über ihn etwas in Erfahrung brin- gen. So etwas«, fügte er hinzu, »kann man nicht per Telefon oder über Funk regeln.« »Wann wollen Sie aufbrechen? Ich meine, wie drin- gend ist die Sache?«, fragte Muldoon. »Ich habe gestern Nachmittag mit Walter gespro-, chen. Trotz der negativen Ergebnisse, die wir bekom- men haben, glaube ich, dass die Zeit drängt – dass die Russen ihr Vorhaben, worum immer es sich auch handeln mag, innerhalb eines Monats in die Tat um- setzen wollen. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir meiner Ansicht nach schnell handeln. Ich habe ein Ticket nach Heathrow und will spätestens am Dienstagmorgen aufbrechen.« Montag Hammersmith, London Richter traf kurz nach halb acht Uhr morgens in Hammersmith ein und hatte zehn Minuten später die erste Akte vor sich liegen. Er hatte sie halb durchgele- sen, als Simpson anrief. »Haben Sie das gesehen?«, fragte er, als Richter sein Büro betrat. Richter warf einen Blick auf die Akte, die Simpson ihm reichte, und las die Überschrift – »Aufklärungs- flugzeug der USAFE auf RAF-Basis Lossiemouth not- gelandet«. »Nein«, erwiderte er. »Okay«, sagte Simpson. »Damit wir Zeit sparen, fasse ich kurz zusammen. Letzten Donnerstagmorgen lande- te ein Aufklärungsflugzeug vom Typ Blackbird –« »Ein Blackbird?«, warf Richter ein. »Die sind doch schon seit Jahren außer Dienst gestellt.« »Ich weiß«, sagte Simpson. »Unterbrechen Sie mich nicht. Letzten Donnerstag landete ein Blackbird mit leeren Tanks, deutlich sichtbaren Gefechtsschäden, und einer sehr zugeknöpften Besatzung in Lossie- mouth. Seither hat die USAFE alles versucht, um die Maschine zurückzubekommen, aber im Verteidigungs- ministerium war man ausnahmsweise einmal vernünf- tig und verweigerte die Freigabe, solange man uns nicht mitteilte, wozu die Maschine eingesetzt wurde. Gestern flog der Blackbird schließlich nach Mildenhall, und die Kopien der Filme, die er aufgenommen hatte, wurden an JARIC gesandt.« »Und?«, fragte Richter. »Und Sie nehmen diese Akte, stecken den Kurs ab, auf dem die Maschine geflogen ist, und stellen fest, worauf die Amerikaner aus waren und warum sie uns nichts davon erzählen wollten.« »Ist das alles?« »Nein. Morgen begeben Sie sich zu JARIC und se- hen sich die Filme an.« Kutusowskij Prospekt, Moskau Die schwarze ZIL-Limousine fuhr an den Straßenrand und hielt an. Der Chauffeur stieg aus, öffnete die Hin- tertür und nahm Haltung an, als ein großer, schlanker Mann ausstieg. Etwa eine Minute lang standen die beiden Männer beisammen und wechselten ein paar Worte, dann ging der Beifahrer in ein Geschäft. Der Chauffeur schloss die Hintertür, setzte sich wieder ans Steuer und fuhr davon. Dreißig Sekunden, nachdem der Wagen um die, nächste Ecke verschwunden war, kam der große Mann mit leeren Händen aus dem Laden und blickte kurz die Straße auf und ab. Er nickte zufrieden, über- querte dann die Fahrbahn und ging forschen Schrittes in die entgegengesetzte Richtung. Ohne sich noch einmal umzusehen, trat er zehn Minuten später ins Foyer eines großen und vergleichsweise eleganten Wohnhauses. Eine ältere Frau verließ den Fahrstuhl, der gerade im Erdgeschoss ankam. Der Besucher lä- chelte ihr freundlich zu und stieg in den Aufzug. Als sich die Tür geschlossen hatte, drückte er auf den Knopf zum fünften Stock. Gennadi Arkenko, der bereits gewartet hatte, öffne- te beim ersten Klopfen. Dimitri Truschenko nickte ihm dankend zu und betrat die Wohnung. »Dimitri«, sagte Arkenko und lächelte, als sich die beiden Männer umarmten. »Schön, dich zu sehen.« Gennadi Arkenko war ein kleiner, dunkelhaariger Georgier – und er war Minister Truschenkos bestge- hütetes Geheimnis. Die beiden Männer waren seit ih- rer Schulzeit ein Paar, obwohl Homosexualität in die- sem Land verboten war und beide erledigt wären, wenn ihre Beziehung bekannt werden würde. »Kannst du bleiben?«, fragte Arkenko gespannt. Truschenko schüttelte bedauernd den Kopf und ließ sich in einen Sessel sinken. »Nein«, erwiderte er. »Ich muss heute Abend ins Ministerium zurück.« Er blick- te sich in der vertrauten Wohnung um. »Ist alles be- reit?« Arkenko nickte. »Ja. Ich habe das Funkgerät aufge-, baut. Es funktioniert. Auf dein Geheiß hin habe ich natürlich noch nicht damit gesendet, aber ich habe mir eine Reihe von Funkgesprächen angehört. Ich habe die Kontaktfrequenzen eingestellt, sämtliche Num- mern sind auf meinem Telefon gespeichert, und ich habe mir alle Codeworte und Antworten eingeprägt.« »Und du hast alles, was du brauchst?«, fragte Tru- schenko. Wieder nickte Arkenko. »Ich habe jede Menge Bat- terien für das Funkgerät, dazu den Ersatzempfänger. Die Speisekammer ist voller Lebensmittel, und ich ha- be genug zu trinken. Ich kann mindestens eine Woche lang in der Wohnung bleiben, sobald die Operation anläuft.« »Sie wird bald anlaufen, Gennadi. Früher, als wir erwartet haben«, sagte Truschenko. »Ich musste den Termin vorziehen – irgendwie haben die Amerikaner etwas von Podstawa erfahren. Und möglicherweise muss ich das Vorhaben kurzfristig in die Tat umset- zen.« Truschenko, der Arkenkos besorgte Miene be- merkte, streckte die Hand aus und tätschelte ihn am Knie. »Keine Sorge, ich werde dich so früh wie mög- lich verständigen. Irgendwann heute Abend solltest du die erste Nachricht vom Schiff erhalten, und du wirst im Lauf der nächsten Tage möglicherweise ein paar Kursänderungen durchgeben müssen, damit es rechtzeitig und wie geplant an Ort und Stelle ist.« Arkenko schwieg einen Moment lang, dann ergriff er die Hand seines Freundes. »Das geht doch gut, Di- mitri, nicht wahr?«, Truschenko nickte. »Wir haben nicht all diese Mühe auf uns genommen, damit es scheitert. Die Amerika- ner können nichts dagegen tun, und sobald die letzte Phase abgeschlossen ist, haben wir Europa in der Hand.« Hammersmith, London Neben allerlei anderem Müll, der sich in der unters- ten, nicht abschließbaren Schublade von Richters Schreibtisch angesammelt hatte, befand sich dort auch ein eselsohriger Atlas. Er war alt und nicht mehr ganz aktuell, was die Statistiken, Bevölkerungszahlen und politischen Systeme anging, aber er erfüllte seinen Zweck. Richter fand ihn nach kurzer Suche und wischte den Umschlag ab. Er schlug ihn bei Italien auf, blätterte aber rasch zurück, bis er auf die Doppel- seite mit der gewaltigen Landmasse von Westrussland stieß. Richter klappte den rosa Aktenordner auf, den Simpson ihm gegeben hatte, und notierte sich Aus- gangs- und Endpunkt der Erkundungsroute des Black- bird. Er ließ den Blick über die Nordküste schweifen, entdeckte bald darauf Workuta und legte einen Ra- diergummi an die Stelle und markierte die Stadt. Dann fand er auch Schenkursk, ein gutes Stück süd- lich von Archangelsk an der Waga gelegen. Nachdem er Ausgangs- und Endpunkt gekennzeichnet hatte, nahm Richter einen weichen Bleistift und ein Lineal, und zog eine gerade Linie zwischen den beiden Städ- ten. Dann setzte er sich hin und betrachtete die Karte. Zwei Minuten später wurde ihm klar, dass er ent- weder etwas übersehen oder das Lineal falsch ange- legt hatte. Er überprüfte die Angaben in der Akte, hielt sich aber diesmal an die Längen- und Breiten- grade. Die erste Linie war ein bisschen daneben gera- ten, aber nicht so weit, dass sich dadurch viel änderte. Er wurde daraus nicht schlau, deshalb rief er in der Registratur an und ließ sich das Basic Intelligence Di- gest (GUS) schicken, ein sehr nützliches Nachschla- gewerk, in dem alle bekannten militärischen und pa- ramilitärischen Einrichtungen in der Gemeinschaft der unabhängigen Staaten aufgeführt waren, ein- schließlich der Anlagen, die sich noch im Bau befan- den. Dazu die Karten, auf denen der jeweilige Stand- ort eingezeichnet war. Als der Bote gegangen war, warf Richter einen Blick auf die Liste, die an den Einband geheftet war, und stellte fest, dass die letzte Eintragung vor rund zehn Tagen erfolgt war. Dann schlug er die entsprechende Karte auf und verglich sie mit dem Kurs, den er auf dem Atlas eingezeichnet hatte. Anschließend verglich er beides noch einmal. Zehn Minuten später rief Richter den Boten und ließ das BID (GUS) wieder in die Registratur bringen. Anschließend saß er ein paar Minuten lang am Schreib- tisch, las die Akte SR-71A durch und starrte auf den Atlas. Dann rief er Simpson an. »Ja?«, »Richter. Ich komme hoch.« »Wozu? Haben Sie irgendwas entdeckt?« Richter schwieg einen Moment. »Ich bin mir nicht ganz sicher«, sagte er. Dann legte er auf, nahm Atlas und Akte und stieg die Treppe hinauf. Simpson war beschäftigt. Richter stellte das anhand der rosa Aktenstapel fest, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen und ihm den Blick auf seinen Kak- teenwald versperrten. Richter setzte sich und wartete, bis Simpson den Satz zu Ende brachte, den er gerade schrieb. Als er sich allem Anschein nach zu einem Ab- satz auswuchs, legte er Atlas und Akte auf den Boden. »Ich hoffe, ich störe Sie nicht«, sagte er. »Keineswegs«, erwiderte Simpson und schrieb wei- ter. Er setzte seine Initialen unter den Vermerk, schloss die Akte, zeichnete die Verteilerliste am Einband ab und warf sie in den Ausgangskorb. Dann wandte er sich an Richter. »Ich bin beschäftigt«, sagte er. »Also machen Sie’s kurz.« Richter legte drei rosa Aktenordner beiseite und schob die vorderste Phalanx der Kakteen ein Stück zurück. Auf die freigeräumte Stelle legte er den Atlas, der an der entsprechenden Seite aufgeschlagen war. »Diese Linie«, sagte er, »stellt den Kurs des Blackbird dar. Jedenfalls laut Auskunft der USAFE.« Simpson warf ihm einen scharfen Blick zu. »Warum sagen Sie das? Meinen Sie etwa, das stimmt nicht?« »Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich habe keine Ah- nung, warum uns die Amerikaner mit einer falschen Kursangabe an der Nase herumführen sollten – JARIC, kommt dahinter, sobald die Jungs sich die Filme ge- nauer anschauen. Aber selbst wenn wir vorerst mal annehmen, dass der Kurs stimmt, wüsste ich nicht, weshalb sie über diesen Teil von Mütterchen Russland fliegen und dabei riskieren sollten, dass sie sich den Zorn Moskaus zuziehen.« »Erklären Sie das.« »Da oben ist nichts«, sagte Richter. »Nichts als Hügel- land und Tundra, dazwischen ein paar kleine Städte in Kamerareichweite, aber nirgendwo irgendetwas, das militärisch von Bedeutung ist – vorausgesetzt natürlich, dass das Basic Intelligence Digest halbwegs zuverlässig ist, was für gewöhnlich der Fall ist. Und meiner Mei- nung nach steht auch außer Frage, dass sie den Zorn von Mütterchen Russland zu spüren bekommen haben. Wenn man sich die Kursangaben genauer ansieht, stellt man fest, dass sie mitten im Flug auf Höchstgeschwin- digkeit gegangen sind. Und ich gehe jede Wette ein, dass sie das nicht gemacht haben, weil sie mal ordent- lich Gas geben wollten. Die wurden gejagt.« »Aber sie wurden nicht erwischt.« »Nein, aber das wundert mich nicht weiter. Der Blackbird war bekannt für seine hohe Geschwindig- keit, und die Besatzungen kamen auch nicht unbe- dingt frisch von der Fliegerschule. Die Russen können nur zwei Maschinen aufbieten, die halbwegs schnell genug sind und hoch genug steigen können, um den Vogel zu erwischen – das sind die MiG-25 und die MiG-31, und keine von denen kann von der Beschleu- nigung her mit dem Blackbird mithalten.«, Simpson saß eine Zeit lang schweigend da. »Und?« »Deshalb bin ich neugierig geworden. Meiner An- sicht nach gibt es dafür nur zwei Erklärungen – voraus- gesetzt natürlich, dass das Oberkommando der US Air Force Europe nicht komplett dem Schwachsinn anheim gefallen ist, worüber ich mir nicht ganz sicher bin. Ers- tens, die Maschine hatte sich hoffnungslos verfranst, was ich nicht glaube.« Richter hielt inne. »Was wissen Sie über die Navigationsgeräte an Bord des Blackbird?« »Gar nichts«, erwiderte Simpson. »Aber ich nehme an, sie sind vom Allerfeinsten.« »Das kann man wohl sagen. Das wichtigste Naviga- tionsinstrument des Blackbird ist ein Computer, der seine Position ständig anhand von zweiundfünfzig Sternen bestimmt und so zuverlässig ist, dass er die SR-71A fast punktgenau zu jedem Ziel auf dieser Welt lotsen kann. Die Maschine ist auf gar keinen Fall vom Kurs abgekommen.« »Und wie lautet die andere Erklärung?« »Es gibt nur noch eine andere Möglichkeit. Viel- leicht haben die Amerikaner irgendwo entlang dieser Linie eine militärische Anlage entdeckt, hielten es aber in ihrer unendlichen Weisheit nicht für notwendig, uns etwas davon zu erzählen.« Odessa, Tschernoje More (Schwarzes Meer) Die Anton Kirow, ein vor zwanzig Jahren gebauter Küstenfrachter, der hauptsächlich im Mittelmeer und, im Schwarzen Meer verkehrte, wirkte herunterge- kommen. Rostschlieren zogen sich über die Bordwän- de, von den rußigen Aufbauten blätterte der Anstrich ab, und das ganze Schiff strahlte etwas Marodes aus. Von außen besehen wirkte die Anton Kirow genauso verwahrlost wie viele andere Dampfer an diesen Ge- staden. Doch das war Absicht – das Schiff sah zwar wie ein Seelenverkäufer aus, aber der äußere Eindruck täuschte. Die Maschinen und die Technik waren bes- tens in Schuss. Die Haupt- und Hilfsmaschinen wurden regelmäßig gewartet – öfter als vom Hersteller vorgeschrieben –, und sämtliche Geräte an Deck, die Winden, Winschen und Kräne, waren in bestem Zustand. Dahinter steck- te eine ganz einfache Überlegung. Wenn ein Schiff leistungsstarke Maschinen hat, ist es nicht so lange auf See, und je schneller es die Fracht löschen und neue aufnehmen kann, desto kürzer ist die Liegezeit im Ha- fen. Deshalb war die Anton Kirow ein rentables Schiff, das mehr Gewinn einfuhr als die meisten anderen Frachter in seinem Alter. Das Schiff war nach wie vor an seinem Liegeplatz im äußeren Hafen von Odessa vertäut, was unge- wöhnlich war, weil seit dem frühen Morgen die letzte Fracht geladen und verstaut worden war. Die gesamte Besatzung war an Bord, aber ihre Seesäcke und Koffer waren sauber und ordentlich am Kai übereinander ge- stapelt, und ihr Kommandant, Kapitän Waleri Nikola- jewitsch Bondarew von der russischen Handelsmari- ne, ein kleiner, stämmiger Mann mit rotem Seemanns-, gesicht, lief unwirsch auf der Brücke hin und her und wartete. Es war fast sechs Uhr abends, als er den grauen Kleinbus bemerkte, der sich dem äußeren Hafen näher- te. Er meldete sich sofort im Maschinenraum und be- fahl dem Chefmaschinisten, das Schiff klar zum Aus- laufen zu machen. Dann stieg er aufs Deck hinab, ging zu der dem Hafengelände zugewandten Reling und sah zu, wie der Kleinbus neben dem Schiff anhielt. Die Vorder- und die Seitentüren wurden geöffnet und etliche Männer stiegen aus. Seine gesamte Besat- zung mit Ausnahme des Chefmaschinisten und des Steuermanns begab sich über die Gangway zum Kai hinab. Sie nahmen ihr Gepäck und traten neben dem Kleinbus in Reih und Glied an. Diese Fahrt würde oh- ne sie stattfinden. Ein großer Mann mit schmalem Gesicht und kurz geschnittenen schwarzen Haaren, der zuerst aus dem Bus gestiegen war, stand da und sah zu, wie sich die Neuankömmlinge an Bord begaben. Er bemerkte Bondarew, ging forschen Schrittes zum Schiff, stieg die Gangway hinauf und trat vor den Kapitän. »Kapi- tän Bondarew?«, fragte er höflich. »Ja«, entgegnete Bondarew. »Wer sind Sie?« Der Mann nahm Bondarews gereizten Unterton wahr. »Mein Name spielt keine Rolle, Kapitän«, sagte er besänftigend. »Ich bedaure, dass wir Ihnen solche Umstände machen, aber ich habe meine Befehle von höchster Stelle erhalten.« Bondarew nickte. »Ja, ja, ich auch. Sagen Sie mir nur, eins. Ist einer Ihrer Männer schon mal auf einem Han- delsschiff gefahren?« Der große Mann nickte. »Natürlich, Kapitän. Das sind lauter erfahrene Seeleute – deshalb hat man sie für diesen Einsatz ausgewählt. Auf dieser Fahrt werden Sie keinerlei Schwierigkeiten mit der Besatzung haben.« »Hoffentlich nicht«, erwiderte Bondarew. »Das wird keine Vergnügungsreise. Ich möchte in einer Stunde auslaufen, deshalb sollten Sie Ihre Männer so schnell wie möglich an Bord holen.« Sieben Minuten später wurde der Motor des grauen Kleinbusses angelassen, und kurz darauf entfernte sich das Fahrzeug langsam vom Liegeplatz der Anton Kirow. Die Neuankömmlinge, die sich an Bord ge- schickt bewegten und kaum miteinander sprachen, verstauten ihre persönlichen Habseligkeiten, begaben sich auf die ihnen zugewiesenen Positionen und machten sich bereit zum Auslaufen. Eine halbe Stunde, nachdem der Kleinbus wegge- fahren war, legte die Anton Kirow ab und steuerte gen Osten aus dem Hafen von Odessa. Sobald das Schiff weit genug von der Küste entfernt war, nahm es Fahrt auf und ging auf südlichen Kurs, in Richtung Istanbul und Bosporus. Kutusowskij Prospekt, Moskau Gennadi Arkenko saß am Esstisch und nahm ein schlichtes Abendessen – Schwarzbrot und Wurst – zu, sich, als das Rufzeichen des Kurzwellenempfängers ertönte. Er legte das Brot hin, stürmte in das kleine Hinterzimmer, stellte das Rufzeichen ab und setzte die Kopfhörer auf. Zwei Minuten später nahm er die Kopfhörer ab, stellte das Rufzeichen wieder an und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er ging zum Telefon, zog eine per Schreibmaschine getippte Liste zurate, drückte ei- ne Schnellwähltaste und wartete, bis sich jemand meldete. »Phase eins ist angelaufen«, sagte Arkenko und leg- te wieder auf. Mit einem zufriedenen Lächeln legte Dimitri Tru- schenko in seiner knapp anderthalb Kilometer ent- fernten Wohnung an der Uliza Nowyi Arbat am östli- chen Ufer der Moskwa den Hörer auf. Er ging zu dem Schreibtisch, der in der einen Ecke des Zimmers stand, klappte seinen Laptop auf und schaltete ihn ein. Eine halbe Stunde später betätigte er die Sendetaste seiner E-Mail-Benutzeroberfläche und schickte eine verschlüsselte Textzeile los, die in eine dreiseitige Werbemitteilung eingebettet war, auf deren Empfän- gerliste fast hundert Namen standen. Die Nachricht war mit einem deutschen Absender versehen, und da sie über fünf Websites um- und weitergeleitet wurde, dauerte es ein paar Minuten, bis sie an ihrem eigentli- chen Ziel ankam – Hassan Abbas’ Mailbox bei »wa- nadoo.fr«, Dienstag Joint Air Reconnaissance Intelligence Centre, RAF Brampton, Huntingdon, Cambridge Der RAF-Stützpunkt Brampton liegt in der Nähe von Huntingdon, und normalerweise ist man von London aus in etwa anderthalb Stunden dort. Richter brauchte über zweieinhalb, was unter anderem an drei Baustel- lenampeln lag, die ihn aufhielten, noch ehe er aus London herauskam, sowie an einem schweren Unfall, wegen dem die A1 gesperrt war, sodass er einen wei- ten Umweg fahren musste. Wenigstens war die Fahrt in dem Ford Granada Ghia ganz angenehm – dem einzigen Wagen, der noch im Fuhrpark stand, als Richter dem Transportoffizier seine Vollmacht vorleg- te. Er hatte mit einem der üblichen kleinen Ford oder Rover gerechnet, die das Gros der Dienstfahrzeuge stellten und von der Abteilung genutzt wurden, weil sie, wie Simpson jedem erklärte, billig, zuverlässig und unauffällig waren. Das Joint Air Reconnaissance Intelligence Centre ist ein langer, ein- und gelegentlich auch zweigeschossi- ger Flachbau, der genauso schmucklos und unansehn- lich wirkt wie fast alle Bauwerke, die von Architekten im Dienste der Streitkräfte errichtet wurden. Richter, wurde an der Schranke am Haupttor von einem be- waffneten Posten aufgehalten, aber nach einem kur- zen Blick auf den Offiziersausweis der Royal Navy, den er von der Dokumentenabteilung erhalten hatte, schickte er ihn zu Parkplatz Nummer 2 bei der Offi- ziersmesse. Richter stellte den Granada auf der einzigen freien Parkbucht ab, die er weit und breit sah, legte den Pas- sierschein, den ihm der Posten gegeben hatte, auf das Armaturenbrett, schloss den Wagen ab, trat durch das eiserne Gittertor, das in den rostigen schwarzen Sta- cheldrahtzaun eingelassen war, und ging in den Wachraum. Eine Reihe abgewetzter Stühle stand links und rechts an den Wand, in der Mitte ein ebenso zer- schrammter und mit alten Illustrierten übersäter Kaf- feetisch. Links neben dem Ausgang, der sich an der gegenüberliegenden Wand befand und aussah wie ei- ne Stahltür ohne Griff, hing ein Schild mit der Auf- schrift »Reception«. Unter dem Schild war eine Panzerglasscheibe mit Sprechschlitzen und einer kleinen Öffnung unten am Schalter angebracht. Dahinter saß ein fülliger Mann in Uniform, an der Sergeant-Streifen und die Schulterab- zeichen des RAF-Regiments prangten. Richter begab sich zu dem Schalter. Der Sergeant musterte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann warf er einen missbilli- genden Blick auf seine Zivilkleidung. »Kann ich Ihnen behilflich sein? Sir.« Das letzte Wort klang, als wäre es ihm erst im Nachhinein eingefallen. Richter schob seinen Ausweis durch die Öffnung., »Lieutenant Commander Richter. Ich glaube, ich wer- de erwartet.« »Danke, Sir.« Der Sergeant sah sich die Karte genau an und betrachtete dann etwas ungläubig das Foto. »Wie lautet Ihre Dienstnummer, Sir?« »C021426K«, sagte Richter. »Danke. Nehmen Sie bitte Platz.« Der Sergeant gab ihm den Ausweis zurück und deutete auf die alten Stühle. Richter suchte sich den, der am saubersten aussah, und nahm Platz, während der Sergeant zum Telefon griff. Auf dem Kaffeetisch entdeckte er eine alte Ausgabe des Punch und blätterte gerade in »Let’s parlez Franglais« herum, als die Stahltür aufging. Der Mann, der in die Wachstube trat, hatte zwei- einhalb Streifen an den Schulterstücken seines Dienst- pullovers und musste demnach Squadron Leader sein. Er war stämmig, etwa so groß wie Richter, hatte dunkle Haare und ein fröhliches, etwas feistes Ge- sicht, das darauf hindeutete, dass er ständig auf seine Linie achten musste. An seinem Pullover hing der Dienstausweis, eine in Plastik eingeschweißte Karte, etwa fünf Zentimeter breit und sieben lang, mit einem Foto auf der linken Seite. »Commander Richter? Ich bin Squadron Leader Kemp. Kommen Sie bitte mit.« Die Stahltür ging auf, und Richter folgte Kemp über einen Hof ins Hauptge- bäude von JARIC. An der Wand hinter der Tür war ein Hinweisschild angebracht, auf dem im offiziellen Amtston stand: »Sicherheitsbereich. Zutritt für Besu- cher nur in Begleitung.« Sie gingen einen schmalen, Korridor entlang, bis Kemp vor einer grau gestriche- nen Tür stehen blieb, an der ein Schild mit der rätsel- haften Aufschrift »SSyO« und darunter »Squadron Leader J. D. Kemp« hing. Richter trat in das Büro. In dem etwa vierzehn Quadratmeter großen, hellblau gestrichenen Raum be- fanden sich etliche graue und braune Aktenschränke sowie ein breiter grauer Metallschreibtisch, hinter dem ein Stuhl aus Holz und schwarzem Plastik stand, dem man sein Alter ansah. »Okay«, sagte Kemp. »Ich habe gestern einen Anruf von Mister, äh –« Er stockte und warf einen Blick in das Notizbuch auf seinem Schreibtisch. »Da steht’s ja. Mr. Simpson rief mich gestern an und sagte, Sie woll- ten sich die Filme ansehen, die von der amerikani- schen SR-71A aufgenommen wurden, die letzte Wo- che in Lossiemouth gelandet ist.« Richter nickte. »Darf ich fragen, aus welchem Grund Sie die Filme sehen möchten?«, fragte Kemp. »Sicher«, erwiderte Richter. »Aus Neugier.« Kemp schaute ihn gespannt an, daher setzte Richter zu einer Erklärung an. »Ich möchte wissen, weshalb die Ameri- kaner so ein Risiko eingehen. Warum sie ein sündhaft teures, streng geheimes Flugzeug samt Besatzung aufs Spiel setzen, eine Maschine, die angeblich vor Jahren außer Dienst gestellt wurde – von den diplomatischen Verwicklungen ganz zu schweigen –, um einen sieben- hundert Meilen langen Streifen der russischen Tundra zu fotografieren. Und warum sie sich so zieren und uns nicht verraten wollen, was sie da oben vermuten.«, Kemp nickte. »Ja, darüber haben wir uns auch ge- wundert. Soweit wir bei unserer ersten Auswertung feststellen konnten, sind auf den Aufnahmen weder neue Gebäude noch andere Anlagen zu sehen, die mi- litärisch von Bedeutung wären. Genau genommen handelt es sich um einen ungemein trostlosen Teil von Mütterchen Russland.« »Ich bin spät dran«, sagte Richter, warf einen Blick auf seine Uhr und stand auf. »Könnte ich die Filme gleich sehen?« »Natürlich. Kommen Sie mit.« Heathrow Airport John Westwood ging in die Ankunftshalle des Flugha- fens und blickte sich um. Kurz darauf löste sich ein großer Schwarzer, der einen dunklen Anzug trug, von der Wand und kam auf ihn zu. »John Westwood?« Westwood nickte. »Ja. Und wer sind Sie?« »Richard Barron, Sir. Von der Firma. Unser Wagen steht draußen.« Scheinbar mühelos wuchtete er Westwoods schweren Koffer vom Gepäckwagen und ging zur Tür. Westwood folgte ihm mit seinem Ak- tenkoffer. Draußen warteten zwei schwarze amerika- nische Ford-Limousinen mit CD-Nummernschildern, beide mit laufendem Motor; daneben standen die Fah- rer. Barron verstaute den Koffer im Kofferraum des vorderen Wagens, dann hielt er Westwood die hintere Tür auf., »Hallo, John«, sagte der Mann, der auf der Rück- bank saß. Westwood setzte sich und schaute ihn ver- dutzt an. Die dichten schwarzen Haare, das tief zer- furchte Gesicht, die dunkelblauen, fast schwarzen Augen und die große Nase kamen ihm irgendwie be- kannt vor, aber es dauerte einen Moment, bis er den Mann einordnen konnte. Dann lächelte er und streckte die Hand aus. »Sorry, Roger«, sagte er. »Muss am Jet- lag liegen, oder an meinem schlechten Personenge- dächtnis. Ist ja auch mindestens sieben Jahre her.« Roger Abrahams schüttelte den Kopf. »Acht«, er- widerte er. »Es war in Bonn. Du bist der Stationschef gewesen, und ich war im letzten halben Jahr dein Stellvertreter, bevor du wieder über den großen Teich bist und Karriere gemacht hast.« Abrahams wandte sich nach vorn. »Okay, Richard«, sagte er. »Fahren wir los.« Barron nickte dem Fahrer zu, worauf sich der Wa- gen in den Morgenverkehr einfädelte. Hinter ihnen fuhr der zweite Wagen los und folgte ihnen im Ab- stand von fünfzig Metern. »Ich habe in Langley zwar nachgelesen, wer die Sta- tion London leitet«, sagte Westwood, »aber mir war nicht klar, dass du das bist. Du hast dich gemacht.« »Danke«, murmelte Abrahams. »Du hast mir in Deutschland ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt, und das hat mir geholfen. Nun, wo liegt das Problem? Was führt den Leiter der Abteilung Auslandsaufklä- rung nach London?« Westwood zögerte einen Moment, bevor er antwor-, tete. »Nimm’s mir nicht übel, Roger«, sagte er, »aber damit möchte ich lieber warten, bis wir an einem si- cheren Ort sind. Es geht um Kontaktpflege, aber dabei sollten wir es vorerst auch belassen.« Abrahams nickte. »Alles klar. Ich habe in der Bot- schaft ein Zimmer für dich vorbereiten lassen, aber ich kann dich auch in einem Hotel unterbringen, wenn dir das lieber ist.« »Nein, die Botschaft ist bestens.« Westwood schwieg einen Moment lang. »Ich habe nicht viel Zeit«, sagte er, »deshalb möchte ich so schnell wie möglich loslegen. Wir brauchen ein abhörsicheres Besprechungszimmer, und ich möchte zunächst mit dir allein reden.« Abrahams nickte. »Kein Problem«, erwiderte er. »Willst du vorher etwas essen oder eine Runde schla- fen?« »Nein, ich habe im Flugzeug geschlafen, und ich habe keinen Hunger. Eine Kanne Kaffee genügt.« »Gut.« Die beiden Autos beschleunigten und fädelten sich in den Verkehr auf der M4 ein. Joint Air Reconnaissance Intelligence Centre, RAF Brampton, Huntingdon, Cambridge Richter ging mit Kemp einen kurzen Gang entlang, der zu einer geschlossenen Tür mit der Aufschrift »Hochsicherheitsbereich. Unbefugten ist der Zutritt verboten« führte. Kemp blieb vor einem kleinen Schal-, ter an der rechten Wand stehen. »Squadron Leader Kemp. Ich möchte einen Besucherausweis für Com- mander Richter.« Er winkte Richter zu sich. »Unter- schreiben Sie hier und tragen Sie Ihren Namen und Dienstrang ein.« Richter tat, wie ihm geheißen, gab seinen Marine- ausweis ab und erhielt seinerseits eine hellrote, in Plastik eingeschweißte Karte mit einem großen schwar- zen »V« und einer etwas kleineren »4«. Der Posten hinter der Panzerglasscheibe entriegelte die elektro- nisch gesicherte Tür, die mit einem leisen Klicken auf- ging. Als sie in dem fensterlosen Betrachtungsraum wa- ren, griff Kemp zum Telefon und wählte eine Num- mer. »Squadron Leader Kemp. Commander Richter und ich sind im Betrachtungsraum. Wir möchten uns so schnell wie möglich die Filme von dem Blackbird ansehen. Schicken Sie bitte auch die Offiziere zu uns, die sich mit den Filmen beschäftigt haben. Ach, und vielleicht könnten Sie auch ein bisschen Kaffee auf- treiben.« Er hörte kurz zu, nickte und legte auf. »Es wird etwa zehn Minuten dauern, bis die Filme einge- legt sind. Vielleicht sollte ich Ihnen bis dahin kurz er- klären, was Sie sehen werden.« »Danke«, erwiderte Richter. »Zunächst mal eine Frage. Dem Schild an Ihrer Tür nach zu schließen, sind Sie Sicherheitsoffizier – SSyO –, aber anscheinend kennen Sie diese Filme und wissen auch, woher sie die RAF hat. Sind Sie auch für die Auswertung von Aufklärungsfotos zuständig?«, Kemp ging zu dem Lesepult am anderen Ende des Raums und lehnte sich dagegen. »Ja«, sagte er. »Jeder, der hier tätig ist, wurde dazu ausgebildet, Luftaufklä- rungsaufnahmen auszuwerten. Sicherheitsoffizier bin ich nur nebenher. Meistens sitze ich vor einem Com- puter oder blicke durch ein Schieboskop.« »Was zum Teufel ist ein Schieboskop?«, fragte Rich- ter. »’tschuldigung, RAF-Jargon«, sagte Kemp grinsend. »Das ist eine Art Vergrößerungsglas mit mehreren, übereinander liegenden Linsen, mit dem man auf ei- nem Leuchttisch Fotos oder Negative untersucht. Wenn man das Bild noch mehr vergrößern will, schiebt man einfach eine weitere Linse ein. Es kann sowohl zur Fotoauswertung als auch zur Fototopographie benutzt werden – zu Vermessungszwecken also. Heutzutage werten wir die Bilder allerdings meistens per Compu- ter aus. Ihnen können wir beides ersparen. Wir haben sämtliche Aufnahmen auf feinkörniges 35mm- Material überspielt, das wir über hochauflösliche Pro- jektoren laufen lassen können.« Er schlug sein Notizbuch auf und blätterte darin herum, während Richter sich umsah. Der Raum war etwa viereinhalb Meter breit und gut zwölf Meter lang. An der Vorderseite, hinter dem Lesepult, befand sich eine große Leinwand. Unmittel- bar davor war eine Reihe langer, schmaler Kästen, die vermutlich aufgerollte Landkarten oder Schautafeln enthielten, an der Decke angebracht. Während Richter sie noch betrachtete, nahm Kemp, einen Stab mit einem Haken an der Spitze und zog ei- ne Karte von Nordwestrussland herunter. Richter setzte sich in die erste der sechs Stuhlreihen. Das Zimmer wurde durch Neonröhren erleuchtet, die an der Decke hingen. An der hinteren Wand befanden sich drei kleine, viereckige Fenster, durch die die Fil- me projiziert wurden. »Bevor ich anfange«, sagte Kemp, »muss ich Sie nach Ihrer Sicherheitsstufe fragen.« »CTS – die höchste.« Kemp nickte. »Bestens. Der Großteil des Materials ist geheim, manches auch streng geheim, und sämtli- che Filme wurden uns unter der Auflage übergeben, dass nur britische Staatsbürger sie sehen dürfen. Würden Sie bitte bestätigen, dass Sie das verstanden haben?« »Verstanden«, erwiderte Richter. »Zunächst zur Flugroute. Ich nehme an, Sie wurden bereits darüber informiert, deshalb werde ich nicht zu sehr ins Detail gehen und nur auf die auffälligsten Punkte hinweisen.« Kemp nahm einen zusammen- schiebbaren Zeigestock vom Lesepult, zog ihn aus und deutete auf den oberen Teil der Karte. »Soweit wir anhand der Kursdaten, die uns die USAFE zur Verfügung gestellt hat, erkennen konnten, überflog der Blackbird die russische Grenze etwa hier, bei Am- derma. Bei Workuta wurden die Kameras eingeschal- tet, und sie liefen, bis die Maschine etwa diese Stelle erreichte, bei Schenkursk, fast genau südlich von Ar- changelsk.« Kemp fuhr mit dem Zeigestock die Route, entlang. »Wie Sie schon sagten, gibt es keine allzu plausible Erklärung für einen Aufklärungsflug über dieser Region – mir fallen eine ganze Menge anderer Gebiete in Russland ein, die ich mir liebend gerne mal mit dem Schieboskop vornehmen möchte. Deshalb dachten wir zunächst, die Amerikaner wollten uns ei- nen Bären aufbinden und hätten uns falsche Kursan- gaben geliefert. Nach einer ersten flüchtigen Untersu- chung der Filme konnten wir das aber ausschließen. Auf den Filmen sind zahlreiche markante Punkte zu sehen, die mit der Topographie dieser Gegend über- einstimmen, daher können wir davon ausgehen, dass der Blackbird eindeutig auf dieser Route geflogen ist. Wir haben uns auch überlegt, ob die Maschine mögli- cherweise vom Kurs abgekommen sein könnte, aber das ist ebenso unwahrscheinlich wie lächerlich. Neben der Aurora ist die SR-71A das modernste Aufklä- rungsflugzeug der Welt, und der Blackbird wird nur von überaus erfahrenen Crews geflogen. Wenn sie dieses Stück Russland fotografiert haben, dann woll- ten sie es auch fotografieren. Die letzte Möglichkeit, dass die Filme ausgetauscht wurden, konnten wir ebenfalls ausschließen, da sie unter unserer Aufsicht aus den Kameras genommen und entwickelt wurden. Daher wissen wir, dass auf den Filmen etwas sein muss, was sich die Amerikaner genauer anschauen wollten. Vorausgesetzt natürlich, dass in dieser Ge- gend irgendetwas ist. Die Kameras liefen insgesamt knapp dreiundzwanzig Minuten«, fügte Kemp hinzu, »daher mussten wir eine Menge Material sichten. Wir, gingen davon aus, dass die Amerikaner die Kameras weit vor ihrem eigentlichen Ziel eingeschaltet und sie erst ein gutes Stück, nachdem sie das betreffende Ge- biet überflogen hatten, wieder ausgeschaltet haben, deshalb haben wir uns nach einer ersten Überprüfung der gesamten Route vor allem auf den mittleren Teil der Filme konzentriert. Die Amerikaner haben vier Kameras eingesetzt, zwei verschiedene Typen. Bei den Hauptkameras handelte es sich um die üblichen Gerä- te mit hoher Auflösung, wie sie in den meisten Flug- zeugen dieses Typs verwendet werden, ähnlich den Geräten, mit denen auch die so genannten Spionage- satelliten bestückt sind. Die beiden Kameras des Blackbird waren hochmodern, vor allem, was die Op- tik angeht. Dem Aussehen nach zu schließen, aber auch aufgrund der Filmqualität schätzen wir, dass sie nahezu die maximale theoretische Auflösung haben.« »Und wo liegt die?«, fragte Richter. »Die wird von den Gesetzen der Physik und der Hö- he des Kameraträgers bestimmt. Bei Satelliten, die in der üblichen Erdumlaufbahn fliegen, liegt sie bei knapp unter vier Zoll. Der Blackbird fliegt natürlich erheblich tiefer, daher ist die Auflösung höher – in diesem Fall bei knapp unter zwei Zoll. Ich will das mal etwas verständ- licher ausdrücken. Wenn Sie auf einer Parkbank sitzen und die Zeitung lesen, und eine dieser Kameras würde Sie aus einer Höhe von rund fünfundzwanzigtausend Metern fotografieren, könnte man auf dem Film zwar nicht unbedingt die Schlagzeilen lesen, aber man könn- te erkennen, um welche Zeitung es sich handelt.«, »Sehr eindrucksvoll«, sagte Richter. »Sie würden sich wundern, was das Auge am Himmel alles sehen kann und im Grunde genommen schon seit geraumer Zeit sehen konnte. Jedenfalls ar- beiteten diese Kameras unabhängig voneinander und schossen jede halbe Sekunde ein Bild von einem schmalen Landstrich, wobei die eine mit Schwarz- weißfilm lief, die andere mit Farbfilm, beides High- Speed-Material. Die beiden anderen Kameras waren weit weniger raffiniert. Sie liefen parallel und schos- sen alle zwei Sekunden ein Bild. Offensichtlich sollten sie stereoskopische Fotos von dem ganzen Gebiet lie- fern, das der Blackbird überflog.« Als Kemp kurz innehielt, klopfte es an der Tür, so- dass Richter davon ausging, dass der Betreffende ge- wartet hatte, bis Kemp verstummt war. Die Tür ging auf, und zwei Männer und eine junge Frau kamen herein. Richter betrachtete sie zuerst, weil er Frauen immer zuerst anschaute. Sie trug die Uniform des WRNS (Women’s Royal Naval Service), der weibli- chen Seestreitkräfte, mit den Rangabzeichen eines Sub Lieutenant – früher, bevor die Navy auch Frauen zur See fahren ließ, war das ein Dritter Offizier –, und Richter wunderte sich bei ihrem Anblick. Nicht wegen ihr persönlich, sondern weil sich eine WRNS in einer streng geheimen Anlage der RAF aufhielt. Sie hatte große blaue Augen und eine blonde Haarmähne, die derzeit straff nach hinten gekämmt und vorschrifts- mäßig zu einem Dutt gebunden war. Aber Richter ging davon aus, dass sie sie offen trug, sobald sie au-, ßer Dienst war. Die beiden RAF-Offiziere wirkten da- gegen blass und unscheinbar. Kemp winkte sie alle zu sich und stellte sie vor. »Lieutenant Commander Richter, ich möchte Sie mit dem Team bekannt machen, das seit Sonntagabend bis tief in die Nacht über diesen Filmen gebrütet hat. Allen voran Sub Lieutenant Penny Walters, die im Aus- tauschprogramm mit der Royal Navy bei uns ist.« Sie lächelte Richter an. Er schenkte ihr seinerseits sein freundlichstes Lächeln und wandte sich an Kemp. »Ich weiß nicht, wen Sie im Austausch geschickt ha- ben, aber ich glaube, Sie haben das bessere Geschäft gemacht.« Kemp lachte, und sie errötete leicht. »Von unserer Seite gehören Flight Lieutenant Keith George und Flying Officer Dick Tracey dem Team an. Dick heißt eigentlich William, aber er wird Dick ge- nannt, seit er nach Cranwell kam, und ich glaube, er hat sich allmählich daran gewöhnt.« Richter sagte, er freue sich, sie kennen zu lernen, worauf sie mit einem gemeinsamen »Guten Morgen, Sir« antworteten. Anschließend gab Kemp bekannt, dass er mit den allgemeinen Erklärungen fast fertig sei, und bat die drei, Platz zu nehmen. »Was Sie hier sehen werden, ist eine sehr unge- wöhnliche Präsentation der Bilder, die wir erhalten haben. Wie schon gesagt, nehmen wir uns grundsätz- lich Einzelaufnahmen einer Bildsequenz vor, die wir mit dem Schieboskop auf einem Leuchttisch bezie-, hungsweise am Computer betrachten. Da Sie kein ausgebildeter Bildauswerter sind, dachten wir uns, dass Sie auf diese Weise gar nichts erkennen können, und entschieden uns daher für eine ganz andere Prä- sentation. Die Masse des uns zur Verfügung stehen- den Materials kam erschwerend hinzu. Sie können sich sicher vorstellen, dass eine Unmenge Film anfällt, wenn die Kameras jede halbe Sekunde eine Aufnahme machen – alles in allem sind es fast dreitausend Ein- zelbilder. Wir haben dieses Material erheblich komp- rimiert, indem wir die Einzelbilder mit einer 35mm- Filmkamera abfotografierten – Video hat nicht die nö- tige Schärfentiefe –, sodass wir sie projizieren können wie einen Kinofilm. Im Endeffekt wird es Ihnen so vorkommen, als würden Sie in einem Flugzeug sitzen und durch ein sehr starkes Fernglas auf die unter Ih- nen vorüberziehende Landschaft blicken.« Kemp zog kurz am unteren Rand der Russlandkar- te, worauf sie sich ratternd in den an der Decke mon- tierten Kasten aufrollte. Dann drückte er auf einen Knopf am Lesepult und beugte sich vor das Mikrofon. »Filmvorführer, sind Sie bereit?« Aus dem Lautspre- cher an der Rückwand ertönte ein dumpfer Laut, worauf sich Kemp zu Richter setzte. Die Neonlampen gingen aus – offenbar konnte sie der Filmvorführer von seiner Kabine aus regeln –, und die Leinwand am anderen Ende das Raumes wurde in gleißend weißes Licht getaucht. Dann flackerte es ein paarmal, und der Vorspann lief durch. Als die Leinwand dunkel wurde, beugte sich Richter vor., Knapp eine Minute später lehnte er sich wieder zu- rück. Er wusste nicht genau, was er erwartet hatte, aber jedenfalls nicht diesen undefinierbaren Misch- masch aus Schwarz, Weiß und diversen Grautönen, der über die Leinwand ruckelte. Richter vermutete, dass es am vertikalen Blickwinkel lag, und weil er das fotografierte Terrain nicht kannte. Jedenfalls konnte er nicht das Geringste erkennen, und das sagte er Kemp auch. »Das wundert mich nicht«, erwiderte Kemp. »Die Bildauswertung ist eine hohe Kunst, die man lernen muss.« Er ging zum Pult und beugte sich ans Mikrofon. »Anhalten.« Der Film flackerte ein, zwei Sekunden lang und blieb stehen. Kemp deutete auf die Leinwand. »Können Sie dort irgendwas erkennen?« Richter schaute genau hin. Für ihn sah das Ganze eher wie ein abstraktes Gemälde aus. Ein abstraktes Gemälde, das auf dem Kopf stand. Er schüttelte den Kopf. »Nicht das Geringste.« »Penny, wären Sie so nett?« »Selbstverständlich, Sir.« Penny Walters stand auf und ging nach vorn zum Pult. Sie nahm einen ande- ren Zeigestock, an dessen Spitze sich eine kleine Lam- pe befand, und drehte sich zur Leinwand um. Inmitten der Schwarz-, Weiß- und Grautöne konnte Richter drei klare Konturen erkennen. Zunächst eine mäandernde Linie, die mehr oder weniger in Rich- tung Nordwesten verlief, vorausgesetzt, dass Norden oben auf der Leinwand war, was nicht unbedingt der Fall sein musste. Außerdem erkannte er einen kleinen,, viereckigen grauen Fleck in der unteren rechten Ecke und ein größeres, dunkleres Viereck unmittelbar da- rüber. Richter konnte damit überhaupt nichts anfan- gen. Sub Lieutenant Walters indessen schien sich ihrer Sache völlig sicher zu sein. »Diese Aufnahme entstand in der Anfangsphase des Überflugs, ein paar Meilen südlich von Workuta. Die diagonale Linie hier ist ein Flusslauf, und wenn Sie genau hinsehen, können Sie auch zwei Nebenflüs- se erkennen. Der Fluss war ziemlich trocken, als die- ses Bild aufgenommen wurde. Das erkennt man an den unregelmäßigen Uferlinien und den wechselnden Farben – das Dunkle in der Mitte ist ziemlich seichtes Wasser, während die etwas helleren Umrisse trock- nenden Schlamm darstellen. Der noch hellere Bereich ist der Uferstreifen.« Sie zog den Leuchtstab etwas tie- fer. »Dieses Viereck stellt die Überreste einer großen Hütte dar, ursprünglich vermutlich eine Scheune oder Stallung. Man kann nicht mehr genau erkennen, was es ursprünglich war, aber die Abmessung – etwa fünf- zehn mal zehn Meter – deutet auf eine kleinere Scheune hin. Das große, dunkle Rechteck daneben ist ein einst bestelltes, jetzt aber brachliegendes Feld. Die dunkle Färbung stammt von dem dichten Gras- und Un- krautbewuchs, der von den Düngemitteln herrührt, mit denen der Boden einst behandelt wurde. Ansons- ten gibt es auf diesem Bild nichts Bemerkenswertes zu sehen – nur die typische Sommertundra.« Richter fiel nichts annähernd Vernünftiges dazu ein, deshalb schwieg er. Penny Walters lächelte ihn an. »Das, kommt Ihnen vermutlich wie Zauberkunst vor, Sir, aber ich kenne den Film ziemlich gut. Außerdem konnte ich mir Bild für Bild bei starker Vergrößerung ansehen.« Richter wandte sich an Kemp. »Vielleicht können Sie mir alles Weitere erklären. Ich kann mit dem Gan- zen zwar überhaupt nichts anfangen, aber ich möchte es mir trotzdem ansehen.« »Selbstverständlich. Da aber Penny bereits an der Leinwand steht, kann sie die Bilder weiter kommen- tieren. Okay, Penny? Vorführer, lassen Sie den Film weiterlaufen.« Zehn Minuten später ging das Licht wieder an, und Penny kehrte zu ihrem Platz zurück. Kemp fragte, ob ihm die Vorführung weitergeholfen habe. »Tja, eigentlich nicht«, erwiderte Richter. »Auch wenn es Spaß gemacht hat, dieses Zeug mal zu sehen.« Er dachte einen Moment lang nach. »Ich nehme an, Sie haben das Material mit früheren Satellitenaufnahmen von diesem Gebiet verglichen.« »O ja«, sagte Kemp. »In den letzten zwei Monaten sind allerdings nicht allzu viele angefallen, da die Ge- gend meistens unter einer ziemlich dichten Wolken- decke lag. Aber allem Anschein nach hat sich seit den letzten Bildern nichts Wesentliches verändert.« »Okay«, sagte Richter. »Lassen wir wesentliche Veränderungen einmal beiseite. Hat sich überhaupt irgendwas verändert?« »Natürlich. Kleinigkeiten ändern sich ständig – zum Beispiel Fahrzeuge, die an einer anderen Stelle stehen, Um- oder Anbauten an Häusern, aber nichts Unge-, wöhnliches, soweit ich weiß. Hat einer von euch ir- gendetwas Außergewöhnliches gesehen?« Die beiden RAF-Offiziere, die leicht gelangweilt wirkten, schüttelten den Kopf. Ich hätte vermutlich auch die Schnauze voll, wenn ich mir die letzten zwölf Stunden einen Film hätte anschauen müssen, auf dem nicht das Geringste zu sehen ist, dachte Richter. Pen- ny Walters allerdings schüttelte nicht den Kopf, was Kemp und Richter sofort auffiel. »Penny?« Sie grinste etwas schüchtern. »Na ja, da war etwas, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich etwas zu bedeuten hat.« Sie verstummte, aber Kemp ließ nicht locker. »Ist doch klar, dass die verdammte Navy etwas sieht, was der RAF entgangen ist. Kommen Sie Penny, was war es?« »Na ja, es war nicht auf diesem Film.« Sie deutete auf die Leinwand. »Aber mir sind auf den letzten bei- den Satellitenfilmen nur ein paar Fahrzeuge aufgefal- len, die sich etwa in der Mitte des Gebietes befanden, das der Blackbird gefilmt hat.« »Und?« »Nichts weiter. Nur eine Reihe von Fahrzeugen.« Danach herrschte eine Zeit lang gespanntes Schwei- gen. Penny Walters hatte offenbar das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. »Commander Richter wollte wissen, ob sich etwas Ungewöhnliches getan hat.« »Das stimmt«, sagte Richter. »Was für Fahrzeuge – zivile oder vom Militär?«, »Sowohl als auch«, erwiderte sie. »Auf zwei nachein- ander aufgenommenen Filmen war ein ziviler Lastwa- gen zu sehen, immer an der gleichen Stelle. Dazu eine größere Anzahl weiterer Laster, hauptsächlich Militär- fahrzeuge. Ach, und allem Anschein nach Baugeräte.« »Was meinen Sie mit ›allem Anschein nach‹?«, frag- te Kemp scharf. »Entweder waren es Baugeräte oder es waren keine.« Penny errötete leicht. »Es waren Baugeräte – ein Bagger und ein Bulldozer, die auf zwei Tiefladern hingebracht worden waren. Ich meinte damit, dass sie nicht benutzt wurden, soweit ich das erkennen konn- te. Auf den Bildern, die ich gesehen habe, standen sie nach wie vor auf den Transportern.« »Sonderbar«, sagte Richter. »Waren auf den Auf- nahmen des Blackbird ebenfalls Fahrzeuge in dieser Gegend zu sehen – die gleichen oder andere?« »Nein, Sir. Kein einziges.« Kemp nickte. »Ich gebe Ihnen Recht. Es ist sonder- bar, aber ich weiß nicht, ob es wichtig ist. Es könnte eine einfache Erklärung dafür geben. Vielleicht woll- ten die Russen dort Unterkünfte bauen, haben es sich dann aber anders überlegt, weil sie Schwierigkeiten mit dem Gelände hatten.« Penny schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Sir, das glaube ich nicht«, sagte sie. »Die Stelle liegt tief in der Tundra, weitab von allen anständigen Verbindungs- wegen. Wenn sie dort etwas Größeres bauen wollten, müssten sie Millionen von Rubel für Straßen ausge- ben.«, Kemp nickte. »Okay, was für Möglichkeiten gibt es sonst noch? Sie haben Baugeräte gesehen, die nicht benutzt wurden, folglich muss es nicht unbedingt et- was zu bedeuten haben, dass sie dort herumstanden. Vielleicht hatten die zivilen Lastwagen eine Panne oder sind im Schlamm stecken geblieben, und man hat den Bulldozer hingeschafft, um sie wieder flott zu kriegen.« »Aber wenn die Stelle so weit abgelegen ist«, warf Richter ein, »was hatten die Lastwagen dann dort zu suchen? Und außerdem sagte Penny, es sei eine ganze Reihe von Fahrzeugen gewesen – darunter auch Mili- tärfahrzeuge. Wenn es sich bloß um eine Panne han- deln würde, hätten doch ein oder zwei Abschleppwa- gen genügt.« »Das stimmt«, sagte Kemp. »Ich will ja bloß alle Möglichkeiten abklären. Allerdings könnte es durch- aus lohnend sein, sich die Bilder genauer anzusehen. Ich glaube, den Film des Blackbird müssen wir nicht noch mal laufen lassen. Penny sagte bereits, dass da- rauf keine Fahrzeuge zu sehen sind. Meiner Meinung nach sollten wir alle verfügbaren Filme von diesem Gebiet genau vergleichen und zusehen, ob wir fest- stellen können, was diese Fahrzeuge dort machen. Und da Penny darauf aufmerksam geworden ist, kann sie das übernehmen, da ich allerhand andere Arbeit erledigen muss.« Kemp rieb sich die Hände. »Nun denn, ich glaube, das war’s. Es sei denn, Sie haben noch weitere Fragen, Commander.« Kemp konnte es offenbar kaum abwarten, an seinen Schreibtisch zu-, rückzukehren. Aber vielleicht wollte er Richter auch nur loswerden. »Nein, ich glaube nicht. Aber halten Sie mich bitte weiter auf dem Laufenden.« »Selbstverständlich.« Richter gab Kemp die Telefonnummer seiner Dienststelle. Danach verließen sie schweigend den Raum. Richter gab seinen Besucherpass ab, bekam seinen Ausweis zurück und stieg in den Granada. Am Wach- haus gab er den Passierschein für den Wagen ab, fuhr durch das Tor und bog nach links ab – nach Norden, weg von London, weil er die Baustellen auf der A1 umgehen wollte. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass es bereits nach eins war. Ihm war nicht aufgefal- len, dass er sich so lange in dem Gebäude aufgehalten hatte. Allmählich dachte er ans Mittagessen. Die holprige Fahrbahn und das Linksabbiegen nach dem Verlassen des RAF-Geländes retteten ihm ver- mutlich das Leben. Als er den Knall hörte und die Sprünge sah, die sich über die Windschutzscheibe zogen, reagierte er ins- tinktiv und stieg auf die Bremse. Nach einem kurzen Blick in den Außen- und in den Rückspiegel überlegte er es sich sofort anders. Richter trat das Gaspedal durch, worauf das automatische Getriebe zwei Gänge tiefer schaltete und der Granada davonraste wie eine verschreckte Katze. Was ihn beunruhigte, war weniger das andere Au-, to, das sich nur etwa zwanzig Meter hinter dem Gra- nada befand – er erschrak vielmehr, weil er im Innen- spiegel nichts erkennen konnte, da das Rückfenster zersprungen war. Außerdem sah Richter ein bisschen links von der Mitte das Loch, das die Kugel gerissen hatte., Dienstag Anton Kirow Kapitän Waleri Bondarew stand auf der Steuer- bordbrückennock, ließ sich den Wind durch die schüt- teren Haare wehen und blickte missmutig auf das Vordeck der Anton Kirow. Da das Schiff mit Marsch- fahrt auf Kurs lief, war ein Teil der neuen Besatzung angetreten und machte unter der Leitung eines stäm- migen Ukrainers Gymnastikübungen, zackig und präzise wie beim Militär. Er nahm links von sich eine Bewegung wahr und drehte sich um. Der Anführer der neuen Besatzung ging quer über die Brückennock und lehnte sich neben ihm an die Reling. Bondarew fiel ein, dass er immer noch nicht wusste, wie der Mann hieß. »Wie soll ich Sie anreden?«, knurrte er. »Ich heiße Saworin, Pjotr Saworin. Sie dürfen mich Pjotr nennen.« »Ich ziehe Ihren militärischen Rang vor«, sagte Bondarew steif. Saworin schaute den Kapitän kurz an, dann blickte er wieder nach vorn. »Wie Sie wollen«, erwiderte er. »Ich bin Oberst bei einem Panzerregiment – mehr brauchen Sie nicht zu wissen.« Bondarew lächelte ungläubig. »Und diese Männer«,, sagte er und deutete nach unten, »sind vermutlich Panzerfahrer und Kanoniere, was? Haben sich alles angelesen, was sie über Schiffe wissen, nehme ich an. Ihr seid Speznas-Truppen, nicht wahr?« Saworin betrachtete Bondarew mit prüfendem Blick. Der Scharfsinn des Kapitäns erstaunte ihn – vielleicht zahlte es sich aus, wenn er etwas offener mit ihm umging. »Ja«, sagte Saworin nickend. »Ihre Beo- bachtungsgabe macht Ihnen alle Ehre, Kapitän. Wir gehören einer Speznas-Kompanie an.« Mit insgesamt fünfundzwanzigtausend Mann sind die russischen Speznas die zahlenmäßig stärkste Spe- zialtruppe der Welt. Der Großteil ist den regulären russischen Streitkräften zugeteilt, aber nicht wenige operieren auch unter strengster Geheimhaltung im Westen, teils als Sportler getarnt, teils als Geschäfts- leute oder Botschaftspersonal. Falls es zu Feindselig- keiten kommen sollte, erhalten diese getarnten Spez- nas-Leute den Befehl, die politische und militärische Führung ihres Gastlandes zu ermorden, Sabotageakte zu verüben, Fernmeldeverbindungen zu unterbre- chen, Flugplätze in ihre Gewalt zu bringen und alles Erforderliche zu unternehmen, um einen Einfall der regulären russischen Streitkräfte zu erleichtern. Die Fähigkeiten der Speznas-Truppen wurden schon wie- derholt unter Beweis gestellt. Im Jahr 1968 brachten sie unmittelbar vor dem Einfall der Sowjets in der Tschechoslowakei den Prager Flughafen in ihre Ge- walt, und im Dezember 1979 wurden Speznas- Truppen in Kabul eingeschleust, um den dortigen, Widerstand zu brechen, bevor die sowjetischen Streit- kräfte in Afghanistan einmarschierten. Saworin blickte sich auf der Brückennock um, dann wandte er sich wieder an Bondarew. »Ich habe meine Befehle, Kapitän, genau wie Sie. Aber vielleicht kom- men wir besser miteinander aus, wenn ich offen zu Ihnen bin. Allerdings nicht hier. Gehen wir in Ihre Kabine.« Bondarew nickte und stieg nach unten. Sobald Bondarew und Saworin die Brücke verlassen hatten, beendeten zwei Speznas-Männer ihre Gymnastik- übungen und rannten nach hinten. Der erste ergriff einen etwa einen Quadratmeter großen und zwanzig Zentimeter dicken Karton und schleppte ihn mühelos über die Außenleiter auf die Brücke. Der zweite Mann folgte ihm mit einem kleinen Werkzeugkasten. Schwungvoll und elegant, so als hätten sie es lange geübt, kletterten die beiden Männer aufs Dach der Brücke, wo sie eine Satellitenschüssel zusammensetz- ten und in einem Gestell mit kardanischer Aufhän- gung anbrachten. Sobald die Schüssel montiert war, nahm einer der Männer eine vorläufige Justierung vor. Die Feineinstellung und die Ausrichtung auf den Satelliten konnten erst erfolgen, wenn das Schiff im Hafen lag. Als er mit der Arbeit an der Schüssel fertig war, rief er zwei andere Männer zu sich, die inzwischen eben- falls auf die Brücke geklettert waren. Zu dritt wuchte- ten sie vier große Sperrholzplatten, die im gleichen Farbton wie die Aufbauten der Anton Kirow gestrichen, waren, aufs Dach und stellten sie entlang der Kanten auf. Jetzt war die Satellitenschüssel auf allen vier Sei- ten durch Holzplatten verdeckt und nur noch von oben, aus der Luft zu erkennen. Unterdessen brachte der zweite Mann ein Koaxial- kabel an der Schüssel an und zog es durch einen der bereits vorhandenen Kabelschächte an der Brücken- wand nach unten und über das Vordeck, wo er es so gut wie möglich verbarg. Dann schob er es durch ein kleines Loch, das er zuvor gebohrt hatte, in den vor- deren Frachtraum der Anton Kirow. Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London Roger Abrahams riss die schwere Tür auf und führte John Westwood in den sicheren Besprechungsraum. Der große Konferenztisch war von zehn Stühlen um- geben, aber nur zwei Tassen und eine Kaffeekanne standen am Kopfende. Die Männer setzten sich ein- ander gegenüber, worauf Abrahams Kaffee eingoss. »Danke«, sagte Westwood, als ihm Abrahams die Tasse reichte. Er schloss seinen Aktenkoffer auf, klappte den Deckel hoch und holte einen großen, zu- geklebten braunen Umschlag heraus. Er schlitzte ihn mit einem Taschenmesser auf und zog einen etwas kleineren Umschlag heraus, der mit einem rosa Stem- pel versehen war: »Streng geheim. NOFORN. Nur für den Dienstgebrauch.«, Abrahams zog die Augenbrauen hoch und deutete mit dem Kopf auf den Umschlag. NOFORN war das CIA-interne Kürzel für »NO FOReign Nationals« und bedeutete, dass das betreffende Dokument nur für Geheimnisträger bestimmt war, die die amerikani- sche Staatsbürgerschaft besaßen. »Streng geheim? NOFORN? Was zum Teufel ist los, John?« Westwood rang sich ein schiefes Grinsen ab und schlitzte den zweiten Umschlag auf. »Wir wissen es noch nicht genau«, erwiderte er und zog eine Akte heraus. Auf dem Einband stand »Ravensong«. Er legte den Ordner vor sich auf den Tisch, schlug ihn auf und warf einen Blick auf die kurze Zusammenfassung auf der linken Seite. Dann trank er einen Schluck Kaffee und wandte sich an Abrahams. »Das Ganze ergibt noch nicht allzu viel Sinn, des- halb musst du dich eine Weile gedulden und mir zu- hören, während ich dir den Ablauf der Ereignisse schildere. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das viel nützt, aber ich hoffe es. Wir brauchen irgendwas Konkretes, damit wir weiterkommen.« Abrahams nickte. Westwood blätterte eine Seite weiter und begann mit seinem Vortrag. Cambridgeshire Der Fahrer des anderen Wagens war überrascht wor- den, als der Granada plötzlich beschleunigte, sodass Richter gut hundert Meter Vorsprung gewann. Aller-, dings war es eine Limousine vom Typ Jaguar XJ6 mit einem 4,2-Liter-Motor mit sechs Zylindern. Ein schneller Wagen. Richter war klar, dass er ihn nicht abhängen konnte. Nicht zum ersten Mal verfluchte er Simpson, der stets darauf bestand, dass sie nur Autos einsetzten, die mindestens fünf Jahre alt waren. Doch das war nur eine seiner Sorgen. Mehr Kopfzerbrechen bereiteten ihm seine Widersacher. Wenn er jemandem eine Falle gestellt hätte, zumal mit dem Auto, hätte er dafür gesorgt, dass weiter vorn ein zweiter Wagen bereitstand, falls der erste An- schlag schief gehen sollte. Richter durfte nicht davon ausgehen, dass die Leute, die ihn um die Ecke bringen wollten, weniger umsichtig waren als er, deshalb war ihm klar, dass er in die andere Richtung flüchten musste, und zwar schleunigst. Er näherte sich rasch dem Ende der zweispurigen Fahrbahn, was ihm genau die Gelegenheit bot, die er brauchte. Richter trat hart auf die Bremse und achtete auf die Tachonadel. Als sie sich bei fünfzig Meilen pro Stunde einpendelte, riss er das Lenkrad nach rechts, nahm den Fuß vom Bremspedal, zog die Handbremse und wartete, bis der Wagen seitlich ausbrach, dann ließ er die Handbremse los und trat das Gaspedal durch. Mit quietschenden Reifen driftete der Ford auf die Gegenfahrbahn. Sobald er wieder halbwegs geradeaus fuhr, duckte sich Richter so tief er konnte, denn der Jaguar, der in entgegengesetzter Richtung unterwegs war und heftig bremste, war fast auf gleicher Höhe mit ihm. Außer-, dem sah er den Mann auf dem Rücksitz, der die dunkle Mündung einer Schusswaffe auf ihn gerichtet hatte. Er hörte drei Schüsse, die das Röhren des Mo- tors übertönten, und im nächsten Moment zersplitter- te das Fenster auf der Fahrerseite in tausend Stücke. Eins war klar – jetzt konnte Simpson den Granada nicht mehr als unfallfreien Gebrauchtwagen aus erster Hand anbieten. Richter richtete sich auf und warf ei- nen Blick in den Außenspiegel. Er hatte jetzt gut vierhundert Meter Vorsprung, und der Jaguar wendete gerade, sodass er etwa eine halbe Meile gutmachen konnte. Der XJ6 war immer noch im Spiegel zu sehen, als Richter an der ersten Abzwei- gung links abbog, daher wusste er, dass der Wagen ihm folgen würde. Allmählich ging sein Atem wieder ruhiger, und er dachte nach. Er hatte keine Ahnung, wer ihn um seine karge Pension bringen wollte, aber er war fest entschlossen, es herauszufinden. Er blickte nach vorn, musterte die Straße und hielt Ausschau nach einer Kurve, irgend- etwas, das ihm Deckung bot, wo er mit dem Wagen außer Sicht war. Außerdem konnte er keine Zeugen gebrauchen. Aber allem Anschein nach gab es hier so gut wie keinen Verkehr. Zwei Meilen weiter, als der Jaguar hinter ihm nicht zu sehen war, fand Richter die richtige Stelle. Eine Linkskurve, danach eine rechte und ein Feldweg, der auf der linken Seite abzweigte und an einer baufälli- gen Scheune vorbeiführte. Er stieg auf die Bremse, hoffte, dass der Fahrer des Jaguar die Spuren nicht, sah, legte den Rückwärtsgang ein und stieß mit dem Granada von der Straße. Er schaffte es mit knapper Not. Keine drei Sekun- den, nachdem der Ford neben der Scheune zum Ste- hen gekommen war, raste der XJ6 an der Einmün- dung des Feldwegs vorbei. Richter legte den Vor- wärtsgang ein, gab Vollgas und zog den bockenden, ausbrechenden Wagen wieder auf die Straße. Jetzt war er dort, wo er sein wollte – hinter ihnen. Richter ging mit gut fünfzig Sachen in die Rechts- kurve, und als er auf die anschließende Gerade stieß und den Jaguar etwa eine Viertelmeile vor sich sah, stand die Tachonadel bei siebzig. Dann verschwand der Jaguar hinter der nächsten Kurve, und Richter scheuchte den Granada noch mehr. Er hoffte zwar, dass seine Widersacher hauptsächlich auf die vor ih- nen liegende Straße achteten, aber darauf verlassen durfte er sich nicht. Deshalb musste er Boden gutma- chen, wenn sie außer Sicht waren, damit sie den Ford erst im allerletzten Moment bemerkten. Der XJ6 war knapp zweihundert Meter vor ihm, als Richter aus der Kurve kam. Kurz danach verlor er ihn an der nächsten Biegung wieder aus den Augen. Er grinste breit, als er an einem Verkehrsschild vorbei- rauschte, das darauf hinwies, dass die Strecke auf den nächsten zweieinhalb Meilen kurvenreich war, und jagte den Granada so hoch, dass er ihn gerade noch auf der Straße halten konnte. Dann war er mit einem Mal unmittelbar hinter ih- nen. Richter hatte so etwas zwar oft geübt, aber jetzt, musste er zum ersten Mal ernst machen und ein ande- res Auto von der Straße drängen. Als sie ihn bemerk- ten, war der Granada knapp fünfzig Meter hinter ih- nen. Der Fahrer des Jaguar tippte die Bremse an, dann überlegte er es sich anders und gab wieder Gas. Die Gestalt auf dem Rücksitz fuhr herum, die Waffe in der Hand. Richter behielt den Mann im Auge, weil er se- hen wollte, nach welcher Seite er sich wandte. Er be- wegte sich nach links, war also wahrscheinlich Rechtshänder, deshalb drückte Richter aufs Gaspedal und zog den Granada nach rechts. Als sich die Motorhaube des Granada am Heck des Jaguar vorbeischob, riss Richter den Wagen nach links und gab weiter Vollgas. Der XJ6 wurde zur Seite ge- schleudert, als ihn der Kotflügel des Ford erwischte. Richter hatte sie jetzt, egal, was der Fahrer anstellte. Anton Kirow Als sie in der Kabine waren, die sich neben dem Funkraum unter der Brücke befand, holte Waleri Bondarew zwei Schnapsgläser und eine Flasche Sto- lichnaja-Wodka aus dem Schrank und bedeutete Sa- worin, Platz zu nehmen. Er schenkte den Wodka ein und reichte Saworin ein Glas, worauf beide Männer den Schnaps in einem Zug austranken. Bondarew füll- te die Gläser ein zweites Mal und wartete. »Danke, Kapitän«, sagte Saworin und griff zu sei- nem Glas. »Nun, ich will Ihnen erklären, was wir vor-, haben. Wie Sie bereits erraten haben, handelt es sich bei Ihren neuen Besatzungsmitgliedern um Speznas- Truppen. Alle sind erfahrene Seeleute, die regelmäßig mit der Schwarzmeerflotte im Manöver waren. Des- halb wurden sie für diesen Auftrag ausgewählt.« »Und wie lautet dieser Auftrag?«, fragte Bondarew. »Alles zu seiner Zeit, Kapitän«, erwiderte Saworin und trank einen Schluck. »Nun denn, wie war Ihr ur- sprünglicher Kurs?« »Einen Moment.« Bondarew stand auf, verließ die Kabine, stieg hinauf in das hinter der Brücke gelegene Kartenhaus, suchte die Karte mit dem abgesteckten Kurs heraus und kehrte zurück. Er schob die Wodka- flasche und die Gläser beiseite und breitete die Karte auf dem Tisch aus. »Wir haben von Odessa aus, das ist hier«, sagte er und deutete darauf, »Kurs durch das Schwarze Meer in Richtung Istanbul genommen. Danach geht es durch die Ägäis nach Athen, danach westlich durchs Mittelmeer nach Tanger und von dort aus nach Sü- den, bis Casablanca. Wir haben Fracht nach Athen, Ti- rana und Tunis geladen, und in Tunis, Marseille und Tanger nehmen wir neue Fracht an Bord, die wir in Rabat und Casablanca löschen. Die Rückfahrt verläuft in etwa auf der gleichen Route, wobei wir im westli- chen Mittelmeer neue Fracht laden und nach Sizilien, Griechenland und Kreta bringen.« Saworin nickte und studierte ein paar Minuten lang die Karte. »Nun, Kapitän«, sagte er schließlich, »Sie werden ein paar Kursänderungen vornehmen müssen.«, »Damit hatte ich gerechnet«, knurrte Bondarew. »Zunächst einmal«, fuhr Saworin fort, »werden Sie einen weiteren Halt einlegen müssen, um zusätzliche Fracht aufzunehmen – Ausrüstung für meine Männer –, ehe wir Istanbul anlaufen.« »Welcher Hafen?«, fragte Bondarew. »Das weiß ich noch nicht«, erwiderte Saworin. »Der Auftrag wurde uns kurzfristig erteilt, und es wird eine Weile dauern, bis die Ausrüstung bereitsteht. Ich neh- me an, in Konstanza, es könnte aber auch Warna oder Burgos sein.« Er tippte mit einem Bleistift auf die drei Hafenstädte an der Westküste des Schwarzen Meeres. »Kein Problem«, sagte Bondarew. »Und nach Istan- bul und dem Bosporus?« Saworin wirkte einen Moment lang nachdenklich, dann nahm er einen Stechzirkel und maß auf der Kar- te die Entfernung zwischen den Häfen ab. »Ich möch- te, dass das Schiff so weit wie möglich auf seinem vorgesehenen Kurs bleibt, damit wir kein Aufsehen erregen. Athen sollte zu schaffen sein, aber Tirana und Marseille können wir nicht anlaufen, wenn wir unse- ren Zeitplan einhalten wollen. Ja«, sagte er. »Teilen Sie Ihrem Steuermann mit, dass er von Istanbul aus Kurs auf Athen nehmen soll, von dort aus dann nach Tunis und Tanger, und verständigen Sie die Hafenmeiste- reien in Tirana und Marseille, dass die Anton Kirow auf dieser Fahrt nicht dort einlaufen wird.« Bondarew war sich darüber im Klaren, dass es sich um einen Befehl handelte. »Und von Tanger aus?«, fragte er, während er sich eine kurze Notiz machte., Saworin lächelte. »Ich glaube nicht, dass wir es bis Tan- ger schaffen werden«, sagte er. »Das Schiff wird wegen eines Maschinenschadens Gibraltar anlaufen müssen.« »Mein Schiff hatte noch nie einen Maschinenscha- den«, protestierte Bondarew. Saworin nickte. »Ich weiß. Deshalb hat man es ja auch ausgewählt. Aber auf dieser Fahrt wird es einen Maschinenschaden haben – das werden wir schon hinkriegen.« »Warum Gibraltar?«, fragte Bondarew. Saworin schüttelte den Kopf. »Das müssen Sie nicht unbedingt wissen, Kapitän. Sagen wir einfach, dass wir dort Fracht an Bord nehmen – eine Fracht, die für Russland von großer Bedeutung ist.« Jemand klopfte an die Tür. Bondarew schob sie auf und nahm vom Funker – einem von Saworins Män- nern – eine Meldung entgegen. Er las sie und reichte sie dann Saworin. »Gut«, murmelte Saworin. »In vier Stunden liegt die Ausrüstung für uns in Warna bereit.« Bondarew beugte sich über die Karte. »Bis Warna sind es noch etwa sechs Stunden«, sagte er. »Ausgezeichnet, Kapitän«, entgegnete Saworin. »Dann sage ich jetzt meinen Männern Bescheid.« Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London John Westwood lehnte sich zurück, goss sich eine wei- tere Tasse Kaffee ein und rieb sich die müden Augen., Der Jetlag macht sich bemerkbar, dachte er und un- terdrückte ein Gähnen. Abrahams saß schweigend da und ließ sich alles durch den Kopf gehen. »Ist dir klar, worum es geht?«, fragte Westwood. Abrahams nickte. »Ja. Erstens: Eure Top-Quelle in Moskau teilt euch mit, dass ein Angriff der GUS auf den Westen im Gange ist. Zweitens: Ihr könnt keiner- lei Hinweise auf irgendwelche Angriffsvorbereitun- gen feststellen. Drittens: Ein Angriff der GUS-Staaten auf den Westen wäre beim derzeitigen politischen Klima völlig unlogisch. Viertens: Die Russen haben womöglich eine Art Superneutronenbombe entwi- ckelt. Fünftens: Falls sie diese Waffe besitzen und auch einsetzen sollten, wäre das westliche Bündnis bei einer künftigen Auseinandersetzung im Vorteil.« Er warf seinem ehemaligen Chef einen kurzen Blick zu. »Wär’s das in etwa?« »So ziemlich.« Westwood nickte. »Das ist völliger Unsinn. Ergo müssen wir etwas übersehen haben. Einen entscheidenden Punkt, ein fehlendes Bindeglied. Okay, mir ist klar, worum es geht, aber was genau erwartest du von mir – bezie- hungsweise von der CIA-Station London?« Westwood blickte über den Tisch. »Nicht viel. Wir haben diese Sache lang und breit durchgesprochen, sind aber nicht weitergekommen. Wir brauchen mehr Material, weitere Erkenntnisse darüber, was da drü- ben vor sich geht, sei es im Kreml, beim SWR, GRU oder sonstwo. Kurzum, wir brauchen einen Anhalts- punkt. Hast du vielleicht irgendwelche Kontakte zum, britischen Secret Intelligence Service, beziehungsweise zum MI6 oder wie immer die heutzutage heißen?« Abrahams nickte. »Selbstverständlich. Dazu sind wir doch da.« Westwood schüttelte den Kopf. »Sorry, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt. Ich weiß, dass ihr offi- ziell Kontakt miteinander habt und Informationen austauscht. Ich wollte wissen, ob ihr auch inoffizielle Kontakte pflegt. Zum Beispiel mit jemandem, der eine so hohe Stellung innehat, dass er in Erfahrung bringen kann, ob der SIS irgendeinen Agenten in Russland hat, der herausfinden könnte, was da drüben vor sich geht.« Als er Abrahams’ verdutzten Blick bemerkte, fuhr er fort. »Schau, im Moment möchte ich die Sache noch nicht auf offizieller Ebene vorbringen. Womög- lich handelt es sich nur um ein Täuschungsmanöver, weil uns das SWR mal wieder an der Nase herumfüh- ren, vor allen anderen westlichen Nachrichtendiens- ten bloßstellen möchte, damit wir dastehen wie die Bekloppten. Ich kann nur hoffen, dass es so ist. Aber RAVEN könnte auch zuverlässig sein, er könnte Recht haben, und wenn dem so sein sollte, müssen wir ei- nerseits ihn schützen und zum andern diesen Angriff verhindern. Offiziell jedenfalls wollen wir vorerst kei- ne Nachrichtendienste unserer Verbündeten einbin- den. Die sind immer noch unterwandert, und falls da drüben tatsächlich etwas im Gange ist und der Kreml erfährt, dass wir Wind davon bekommen haben, könnte es im Nu zu einem offenen Konflikt kommen.« »Okay, das sollte sich machen lassen. Ich kenne, Piers Taylor ganz gut – wir verkehren sowohl privat als auch beruflich miteinander. Er ist stellvertretender Leiter der Sektion neun beim SIS.« »Was heißt das?«, fragte Westwood. »Dass er für Russland zuständig ist«, antwortete Abrahams. »Mal sehen, ob ich ein Treffen arrangieren kann.« Cambridgeshire und London Der Fahrer des Jaguar versuchte nach links auszuwei- chen, doch in die Richtung wurde er ohnehin ge- drängt. Dann wurde ihm klar, was Richter vorhatte, deshalb kurbelte er das Lenkrad nach rechts. Es war zu spät, viel zu spät. Der Jaguar geriet auf den Rand- streifen, kreischend schabte Metall auf Metall, dann riss Richter das Steuer jäh nach rechts. Der XJ6 schlin- gerte auf die Fahrbahn zurück, aber das Heck des Granada erwischte ihn am vorderen Kotflügel und schleuderte ihn wieder nach links. Fünfzig Meter weiter bremste Richter, drehte sich um und schaute zu dem Jaguar. Dann setzte er lang- sam zurück, bereit, bei der ersten feindseligen Bewe- gung das Weite zu suchen. Aus eigener Kraft würde sich der Jaguar in absehbarer Zeit nicht mehr von der Stelle bewegen. Richter sah den Dampf, der unter der eingedrückten Motorhaube hervorquoll, und stellte fest, dass der Wagen gegen einen Kanalschacht aus Be- ton geprallt und der Kühler aufgerissen worden war., Der Fahrer war bewusstlos, hing vornübergesackt in den Sicherheitsgurten und blutete aus einer schwe- ren Kopfwunde. Richter vermutete, dass er gegen die Türsäule geprallt war. Auf dem Rücksitz rührte sich niemand, deshalb stieg Richter leise aus dem Grana- da, ließ aber den Motor laufen und die Tür offen, und ging vorsichtig auf den Jaguar zu. Auf halber Strecke hob er einen großen Stein auf, der gut zweieinhalb bis drei Kilo wog, und hielt ihn in der rechten Hand. Dann ging er zum Jaguar und spähte durch die Über- reste des hinteren Seitenfensters. Der Beifahrer lag am Boden, stöhnte leise und schüttelte den Kopf. Seine Pistole – ein 45er Colt Au- tomatik – lag neben ihm, sodass er sie mühelos mit der rechten Hand erreichen konnte. Richter wusste, dass er schnell handeln musste, bevor sich der Mann aufrappelte und auf ihn schoss. Er holte tief Luft und riss mit der linken Hand die hintere Tür auf. Der Mann blickte auf und griff nach dem Colt. Schneller als Richter erwartet hatte, fuhr er herum, brachte die Waffe in Anschlag und drückte ab. Doch Richter war darauf gefasst gewesen, und der Schütze hatte nicht mit dem Stein gerechnet. Richter schlug ihm den Arm hoch, sodass sich die Kugel durch das Dach des Jaguar bohrte, hieb dann zu und traf den Schützen an der Schläfe. Er sank zu- sammen und ließ die Waffe fallen. Vorsichtshalber verpasste Richter auch dem Fahrer noch einen Schlag auf den Kopf. Halb betäubt vom Krachen des Schusses, zog sich, Richter aus dem Auto zurück, schüttelte den Kopf und ging mit dem Stein zum Granada, wo er ihn in eine Straßenkarte einwickelte und auf die Fußmatte vor dem Beifahrersitz legte. Dann griff er ins Hand- schuhfach, holte ein Paar dünne Lederhandschuhe heraus und zog sie an. Anschließend nahm er das An- ti-Beschlag-Tuch, kehrte zum Jaguar zurück und wischte den Türgriff ab. Richter hob den Colt auf, sicherte die Pistole und steckte sie in den Hosenbund. Der Mann auf dem Rücksitz hatte etwa dreißig Patronen und zwei Reser- vemagazine in der Jackentasche, beide voll geladen. Seinem Zustand nach zu schließen, brauchte er sie nicht mehr, deshalb nahm Richter sie ebenfalls mit. Er durchsuchte seine Taschen, fand aber keinerlei Hin- weis darauf, wer er war. Keine Brieftasche, keine Kre- ditkarten, gar nichts. Nur etwa fünfzig Pfund in bar. Ein Profi, aber das hatte Richter bereits vermutet. Der Colt war eine Profi-Waffe. Der Fahrer trug ein Schulterholster mit einer Mau- ser HSc, die Richter ihm nur mit einiger Mühe ab- nehmen konnte. Außerdem hatte er ein geladenes Re- servemagazin in einer kleinen Tasche am Holsterrie- men und eine Hand voll einzelne Patronen in der Ja- ckentasche, die Richter samt und sonders einsteckte. Auch der Fahrer hatte keinen Ausweis bei sich. Sie waren russische Agenten, dessen war sich Richter si- cher, nicht zuletzt deshalb, weil sie keine Stechkin, Makarow oder eine andere im Osten hergestellte Waf- fe mit sich führten. Die Russen verwenden bei Aus-, landseinsätzen so gut wie nie Waffen aus heimischer Produktion, weil sie nicht zuverlässig genug sind, von der Kalaschnikow und ihren diversen Varianten ein- mal abgesehen. Richter durchsuchte den Fond des Wagens. Er fand drei leere 45er-Patronenhülsen am Boden, aber sonst nichts. Andererseits wusste er aber, dass sie mindes- tens fünf Schüsse auf ihn abgegeben hatten – einen, der das Rückfenster und die Windschutzscheibe des Granada zertrümmert hatte, drei weitere, als er auf der zweispurigen Straße in entgegengesetzter Rich- tung an ihnen vorbeigefahren war, und einen, als er die hintere Tür aufgerissen hatte. Der Colt half ihm auch nicht weiter. Im Magazin fehlte nur ein Schuss, ein weiterer Hinweis darauf, dass sein Besitzer ein Profi war, denn offenbar hatte er während der Verfol- gungsjagd nachgeladen. Nur Amateuren geht die Munition aus. Die vierte und fünfte Patronenhülse la- gen vermutlich irgendwo auf der Straße, aber er dach- te nicht daran, sie zu suchen. Richter fuhr zusammen, als vorn im Wagen ein Krächzen ertönte. Dann sah er das Funkgerät, das am Armaturenbrett festgeschraubt war. Allem Anschein nach hatte er Recht gehabt, was den zweiten Wagen anging, und vermutlich war er inzwischen auf dem Weg hierher. Höchste Zeit, dass er sich verzog. Rich- ter hatte keine Lust auf eine weitere Auseinanderset- zung, und er wollte nicht, dass ihn jemand hier ent- deckte – vor allem keine Polizeistreife – und ihm aller- lei Fragen stellte, auf die er keine Antwort geben, konnte. Deshalb stieg er rasch in den Ford und fuhr davon. Richter bog auf die erstbeste Nebenstraße ab und folgte ihr, bis er zu einem Fluss kam. Er hielt neben der Brücke, überzeugte sich, dass er nicht beobachtet wurde, und warf den Stein ins Wasser. Richter wuss- te, dass Kriminaltechniker an nahezu jedem Gegens- tand Fingerabdrücke finden konnten, und er wollte kein Risiko eingehen. Dann stieg er wieder in den Granada. Fünf Minuten später, nach etwa drei Meilen, bog er von der Straße ab und stieß in ein Wäldchen. Er blieb ein paar Minuten lang im Auto sitzen und atme- te tief durch. Seit Beginn der Verfolgungsjagd hatte er, vom Adrenalin beflügelt, nur gehandelt und überlegt, wie er davonkommen könnte, und jetzt setzte allmäh- lich die Gegenreaktion ein. Seine Hände zitterten leicht, und der Puls ging deutlich schneller. Gewalt war für Richter nichts Neues. Wenige Tage nach seiner ersten Begegnung mit Simpson und noch vor seinem Dienstantritt beim FOE war er mit einer fadenscheinigen Legende versehen nach Frankreich geschickt worden, wo er jemanden töten musste, um selbst zu überleben. Aber noch nie zuvor hatte Richter jemanden mit bloßen Händen umgebracht. Die Männer im Jaguar waren tot, davon war er über- zeugt. Er hatte gehört und gespürt, wie ihre Schädel unter den Schlägen mit dem Stein geborsten waren. Und diesmal hatte er weder den Auftrag gehabt, je- manden auszuschalten, noch eine offizielle Erlaubnis. Er wusste nicht einmal, wer diese Männer waren. Sie, waren gestorben, weil sie ihn umbringen wollten. Ob das als Rechtfertigung genügte, wusste er nicht, aber ihm war klar, dass er vorsichtig sein musste. Richter legte die beiden Waffen auf den Nebensitz und musterte den Wagen. Er sah schlimm aus – bes- tenfalls. Da die Windschutzscheibe aus Sicherheitsglas bestand, konnte er wegen des Einschussloches nichts unternehmen, aber er schlug das zersplitterte Rück- fenster heraus und achtete darauf, dass die Scherben in den Wagen fielen. Brauchte ja nicht jeder zu wissen, dass er hier Halt gemacht hatte. Das Fenster auf der Fahrerseite war ebenfalls zersprungen und der Boden mit Splittern übersät. Dort waren sie gut aufgehoben. Er schaute sich das Fahrzeug von außen an und ent- deckte ein Einschussloch knapp unterhalb der Ober- kante des vorderen Kotflügels und das Austrittsloch etwa in der Mitte der Motorhaube. Richter verschmier- te die beiden Löcher mit Matsch – eine nur ungenü- gende Tarnung – und warf dann ein paar Hände voll Dreck an die Seite des Wagens. Die Kugel, die das Sei- tenfenster durchschlagen hatte, war knapp über der Beifahrertür am Dach ausgetreten, und der dritte Schuss hatte den Wagen vermutlich verfehlt. Unter diesen Umständen, dachte er, hatte der Schütze ver- dammt gut gezielt. Die linke Seite des Wagens war verbeult und einge- drückt. Die Kotflügel hinten und vorn waren nicht mehr zu reparieren. Sämtliche Scheinwerfer, Stand- lichter und Blinker waren kaputt. Die Haube war ver- klemmt, sodass Richter nicht feststellen konnte, ob die, Kugel irgendwelche Schäden im Motorraum angerich- tet hatte, aber da offenbar alles noch funktionierte, machte er sich keine großen Gedanken darüber. Nach etwa zwanzig Minuten war er halbwegs da- von überzeugt, dass er alles in seiner Macht Stehende getan hatte, um die Spuren der Auseinandersetzung zu verbergen. Er studierte ein paar Minuten lang die Karte und legte sich eine Strecke zurecht, auf der er alle größeren Ansiedlungen umfahren konnte, bis er in die Außenbezirke von London kam. Bevor er losfuhr, schnallte Richter das Holster mit der Mauser um und schob den Colt in die Seitenta- sche seiner Jacke. Die Magazine und die einzelnen Patronen steckte er ebenfalls ein. Anschließend zog er seine Handschuhe wieder an, nahm die drei leeren Hülsen und warf sie in einen Kaninchenbau neben dem Auto. Die blutige Karte zündete er an und zer- trat die Aschereste. Die Handschuhe warf er während der Fahrt im Abstand von einer Viertelstunde aus dem Fenster. Eine Stunde und zwanzig Minuten später parkte Richter den Granada in zweiter Reihe vor seinem Mietshaus und ging in seine Wohnung, wo er die Pis- tolen, das Holster und die Munition in zwei alte Handtücher wickelte und sie in einen kleinen Koffer legte. Dann fuhr er zur Euston Station und gab den Koffer beim Fundbüro für liegen gebliebenes Gepäck auf. Richter war der Meinung, dass man nicht zu viele Schusswaffen haben sollte, jedenfalls keine, die einen belasten konnten., Der Fuhrparkinspektor war regelrecht außer sich, als Richter die Überreste des Granada zurückgab. Er traute seinen Augen kaum. Der Fahrer vom Dienst, den er als Zeugen hinzurief, konnte es ebenfalls kaum glauben. »Was zum Teufel haben Sie damit gemacht? Schauen Sie sich an, wie der Wagen aussieht!« »Es gab ein paar Unannehmlichkeiten«, erwiderte Richter. »Und was soll ich dem Transportoffizier sagen?« Richter wurde allmählich müde und gereizt. »Ist mir schnurzegal, was Sie ihm sagen. Sagen Sie ihm doch, er soll sich an mich wenden.« Richter begab sich in sein Büro, nahm den Hörer des schwarzen Telefons ab und wartete. Nach zehn Sekunden legte er auf und warf einen Blick auf seine Uhr. Es war kurz nach acht. Kaum anzunehmen, dass Simpson um diese Zeit noch im Dienst war. Richter zuckte die Achseln, schloss sein Büro ab und ging die Treppe hinunter. Er meldete sich im Dienstraum und berichtete dem Einsatzoffizier vom Dienst, was vorgefallen war. Beziehungsweise das, was er nach Richters Ansicht wissen sollte. Der Einsatzoffizier sagte, er werde Simpson am nächsten Morgen Bescheid geben., Mittwoch Hammersmith, London Simpson wirkte mehr als ungehalten, als Richter am nächsten Morgen um neun in sein Büro trat. Aus zweierlei Gründen. Erstens kam Richter zu spät zum Dienst und zweitens war er in seiner Wohnung nicht ans Telefon gegangen. Außerdem hatte ihm der Transportoffizier seit fast einer Stunde in den Ohren gelegen. »Tut mir Leid«, sagte Richter. »Lassen Sie das, Richter. Ich komme auch ohne Ih- ren Spott aus. Was ist vorgefallen?« Richter berichtete es ihm, unterschlug aber, dass er die Waffen und die Munition mitgenommen und Fah- rer und Beifahrer eins über den Schädel gezogen hat- te. »Wer waren diese Männer?«, fragte Simpson. »Profis«, erwiderte Richter. »Keiner hatte einen Ausweis dabei, und das Ganze sah nach einer Falle aus. Ich habe mich nicht lange aufgehalten, weil ich befürchtet habe, dass sich womöglich ein zweites Team mit einem anderen Auto in der Nähe aufhalten könnte.« »Haben Sie einen zweiten Wagen gesehen?« »Aufgefallen ist mir keiner, nein, aber sie hatten ein, Funkgerät im Jaguar, mit dem sie bestimmt nicht die Rennergebnisse abhören wollten. Ich habe mich vom Unfallort entfernt, als ich ein Fahrzeug gehört habe. Ich wollte kein Risiko eingehen.« Das klang gar nicht so übel. Es hätte so gewesen sein können. »Und um wen handelt es sich Ihrer Meinung nach? Bitte mit Begründung.« »Ich glaube, in der russischen Botschaft fehlen zwei Kulturattaches«, sagte Richter. »Kulturattaches, die zufällig zu Killern ausgebildet wurden und mich in einem gestohlenen Wagen verfolgt haben.« Simpson dachte eine Zeit lang schweigend darüber nach, dann ergriff er wieder das Wort. »Eins begreife ich nicht. Warum wollten die Sie von einem fahrenden Auto aus töten?« »Ich glaube nicht, dass sie das vorhatten – es hat sich einfach so ergeben. Ich bin auf der A1 nach Brampton gefahren – eine Höllenfahrt mit langen Schlangen, die sich an drei Baustellen stauten, und ei- nem schweren Unfall. Deshalb wollte ich auf einer anderen Strecke zurückfahren. Ich wollte die Land- straße nehmen und dann auf die A10 stoßen. Aber weil ich auf der A1 hingefahren bin, nahmen sie ver- mutlich an, dass ich auch auf der A1 zurückfahren würde – Staus hin oder her. Schlangestehen sind die Russen schließlich gewöhnt. Ich glaube«, fuhr Richter fort, »dass irgendwo zwischen Brampton und London jemand an der A1 auf der Lauer lag und nur darauf wartete, dass ich im Zielfernrohr seines Mannlicher oder Mauser auftauchte. Kein Profikiller würde von, einem fahrenden Auto aus einen Anschlag auf jeman- den versuchen, der ebenfalls im Auto unterwegs ist – ein sauberer Treffer ist so gut wie unmöglich. Folglich war es nur eine Notlösung, und sie haben lediglich darauf zurückgegriffen, weil ich nach links abgebogen bin, als ich in Brampton aus dem Tor fuhr.« Simpson nickte. »Was für Waffen hatten sie bei sich?« »Der Typ auf dem Rücksitz hatte einen Colt. Was der Fahrer hatte, weiß ich nicht.« »Warum nichts Schwereres?« »Vermutlich aus Vorsicht. Diplomatenpass hin oder her, aber das einfache Volk sieht es nicht gern, wenn sich ausländische Ganoven mit Sturmgewehren oder Maschinenpistolen in der Gegend herumtreiben. Pis- tolen kann man verbergen.« Simpson war offenbar damit zufrieden. Er nickte, stand auf, ging zu seinem Lieblingsfenster und schau- te hinaus. Er fummelte eine Zeit lang an seinen Kak- teen herum, dann drehte er sich um. »Na schön, neh- men wir vorerst mal an, es handelte sich um eine rus- sische Operation. Aber warum?« »Ich glaube, Newmans Tod muss irgendetwas mit dem Flug des Blackbird zu tun haben«, sagte Richter. »Gehen wir doch mal die Ereignisse durch. Ich reise nach Moskau, untersuche den Tod eines Botschafts- angehörigen, und prompt will mich ein russischer Kil- ler in Scheremetjewo aus dem Verkehr ziehen. Ich komme zurück und fahre sofort zum JARIC, wo ver- mutlich die Bilder vom Flug des Blackbird landen,, falls wir etwas damit zu tun haben sollten. Anschlie- ßend will mich wieder jemand aus dem Verkehr zie- hen. An Zufälle glaube ich ebenso wenig wie an den Weihnachtsmann. Diese Vorfälle haben irgendetwas miteinander zu tun, was alles in allem dazu führt, dass ich nach Ansicht der Russen liquidiert werden muss. Ich wurde bei der Ankunft in Scheremetjewo fotografiert, wie alle Ausländer, und ich nehme an, das Bild passte zu einer Eintragung in der Datenbank des SWR, deshalb der Mordversuch am Flughafen. In der hiesigen russischen Botschaft liegen vermutlich haufenweise Fotos von mir, dazu zweifellos eine An- ordnung aus der Lubjanka oder aus Jasenewo, dass man mich beobachten, Bericht erstatten und mich umbringen soll, wenn ich gewisse Dinge tue oder mich an bestimmte Orte begebe. JARIC war vermut- lich einer davon. Außerdem sollten Sie noch etwas anderes bedenken«, fügte Richter hinzu. »Wenn sie mich verfolgt haben, haben sie höchstwahrscheinlich auch die Firma Hammersmith Commercial Packers auf ihrer Liste.« Hammersmith Commercial Packers diente dem FOE als Tarnung. Die Firma gab es wirklich, und sie beschäftigte sogar ein paar Angestellte, die im Erdge- schoss des unmittelbar nördlich von der Hammers- mith Flyover gelegenen Gebäudes ihrer völlig legalen Tätigkeit nachgingen. »Ich werde daran denken«, sagte Simpson. »Eine Ihrer Vermutungen kann ich bestätigen. Der Wagen wurde vor drei Tagen in London gestohlen. Die Leute, von der Botschaftsüberwachung haben bestätigt, dass die beiden Insassen Russen waren, und unseren Unter- lagen zufolge sind sie erst vorgestern hier eingetroffen, zusammen mit zwei anderen, ebenfalls neuen Bot- schaftsangehörigen. Es könnte sich also um einen Kil- lertrupp handeln. Besser gesagt, es könnte sich um ei- nen Killertrupp gehandelt haben. Die beiden sind tot.« »Oh«, sagte Richter. »Ja«, sagte Simpson. »Ich nehme an, die beiden wa- ren wohlbehalten und am Leben, als Sie wegfuhren.« »Weiß ich nicht«, erwiderte Richter. »Bewusstlos waren sie mit Sicherheit.« Simpson warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Dem Bericht der dortigen Polizei zufolge hatten bei- de einen Schädelbruch erlitten, der ihnen mit einem schweren Hammer oder einem anderen Schlagwerk- zeug zugefügt wurde. Darüber wissen Sie nichts, was?« Richter schaute ihn unverwandt an. »Nein«, sagte er. »Warum durchsuchen Sie nicht den Werkzeugkas- ten im Granada und sehen nach, ob Sie einen blutigen Wagenheber oder irgendwas anderes finden?« »Das habe ich bereits getan. Auch von der Waffe, mit der Ihren Worten zufolge auf Sie geschossen wur- de, fand man keine Spur.« »Wirklich?«, sagte Richter. »Tja, vielleicht gab es doch ein anderes Team in einem zweiten Wagen, und die haben die Beweise verschwinden lassen.« »Vielleicht. Und vielleicht liegt in irgendeinem Fluss ein Hammer mit Ihren Fingerabdrücken, und ir-, gendwo in einem Wald ist eine Tasche mit einer Schuss- waffe vergraben.« Richter schaute ihn an, sagte aber nichts. »Was haben Newman und der Blackbird mitein- ander zu tun?«, fragte Simpson. »Wissen Sie das?« »Nein«, erwiderte Richter und stand auf. »Aber ich werde es herausfinden. Noch eins – ich möchte eine Waffe.« »Wozu?« »Damit ich zurückschießen kann, wenn wieder je- mand auf mich schießt.« Simpson schwieg einen Moment lang, dann nickte er. »Ja, Sie können eine Pistole bekommen.« Warnend hob er den Finger. »Aber denken Sie daran, dass Sie nicht James Bond sind. Sehen Sie zu, dass Sie nie zu- erst schießen, und achten Sie darauf, dass Sie keinen Unbeteiligten verletzen. Ich rufe in der Waffenkam- mer an.« Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London Roger Abrahams klopfte zweimal an die Schlafzim- mertür und trug dann das Tablett mit dem Kaffee und einer Schale Donuts hinein. Er schaltete das Licht an und warf einen Blick zum Bett, in dem John West- wood gerade die Augen aufschlug. »Geht’s besser?«, fragte Abrahams. »Nicht viel«, knurrte Westwood. »Die Flüge über den großen Teich machen mich immer völlig fertig –, man sollte doch meinen, dass man allmählich daran gewöhnt ist.« Er blickte zu dem Tablett, das Abra- hams auf den Nachttisch gestellt hatte. »Irgendwelche Neuigkeiten?« »Ja«, erwiderte Abrahams, während er eine Tasse Kaffee eingoss. »Wir treffen uns in gut einer Stunde mit Piers Taylor. Deshalb der Weckruf.« Westwood nickte und griff nach der Tasse. »Gut. Wo ist er – hier?« Abrahams schüttelte den Kopf und lächelte. »Auf keinen Fall. Taylor brauchte einen guten Grund – vermutlich eine schriftliche Einladung –, um die Bot- schaft zu besuchen. Wir gehen die Enten im Regent’s Park füttern, genau wie die Figuren in einem Roman von John le Carré.« Westwood verzog das Gesicht. »Und ich nehme an, wir ergehen uns in lauter Zweideutigkeiten und ver- suchen hinterher rauszukriegen, worüber wir über- haupt geredet haben.« »Genau. Trotzdem, iss, trink und zieh dich an – der Wagen steht in dreißig Minuten bereit.« Hammersmith, London Der Waffenmeister empfing Richter mit einem Lä- cheln und zwei Pappkartons. »Bitte sehr, Mr. Richter. Eine Neun-Millimeter-Browning mit Schulterholster und fünfzig Schuss Munition. Wie von Mr. Simpson bestellt.«, »Die will ich nicht«, sagte Richter und schüttelte den Kopf. Der Waffenmeister schaute ihn verdutzt an. »Aber Mr. Simpson sagte, dass –« »Ja«, erwiderte Richter, »ich will eine Schusswaffe, aber das verdammte Ding will ich nicht. Das einzig Gute an der Browning ist, dass sie ein großes Maga- zin hat und nicht so oft klemmt wie andere automati- sche Pistolen. Aber wenn man jemanden aus mehr als fünfzehn Meter Entfernung treffen will, kann man die Knarre gleich werfen. Ich möchte eine Waffe, die zielsicher ist. Magazingröße und Feuergeschwindig- keit interessieren mich nicht. Ich möchte einen Re- volver.« Der Waffenmeister wirkte leicht perplex. »Aber Mr. Simpson sagte –« »Ich weiß, was Mr. Simpson gesagt hat«, unterbrach ihn Richter. »Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass ich einen Revolver möchte.« Der Waffenmeister nahm die beiden Kartons und zog sich in sein Büro in der einen Ecke der Waffen- kammer zurück. Richter stand vor dem knapp einen Meter hohen Schalter, hinter dem das ganze tödliche Arsenal der Abteilung verwahrt wurde, liebevoll ge- reinigt, auf Hochglanz poliert und zur sofortigen Ausgabe bereit. Von seiner Erfahrung auf dem Schießstand her wusste Richter, dass der FOE allerlei Revolver auf Lager hatte, und er wusste auch genau, welchen er wollte. Der Waffenmeister steckte den Kopf aus dem Büro., »Mr. Simpson möchte wissen, was für einen Revol- ver Sie haben wollen.« »Den Smith & Wesson Modell 586, Kaliber .357 Magnum.« Der Waffenmeister wandte sich wieder dem Telefon zu und wiederholte den Wunsch. Richter hörte von seinem Standort aus den erstickten Aufschrei am an- deren Ende der Leitung. Wieder steckte der Waffen- meister den Kopf aus der Tür. »Mr. Simpson möchte Sie sprechen, Sir.« Richter flankte über den Schalter und nahm den Hörer entgegen. »Ja?« »Richter? Sind Sie sicher, dass Sie keine Bazooka möchten oder eine kleine Haubitze? Was zum Teufel wollen Sie mit so einer Waffe anstellen?« »Ich will eine Waffe, die nicht klemmt. Ich will eine Waffe, mit der ich jemanden aufhalten kann, wenn es sein muss. Und ich will eine Waffe, mit der ich aus fünfzig Metern Entfernung schießen kann und zu- mindest den Hauch einer Chance habe, mein Ziel zu treffen.« »Was haben Sie gegen die Browning? Das ist die Standard-Waffe der NATO, wie Sie wissen sollten.« »Das weiß ich«, erwiderte Richter. »Ich weiß auch, dass die britische Armee in Wiltshire ein ganzes La- gerhaus mit Zentralheizung unterhält, in dem Zaum- zeug und Zuggeschirre für Mulis lagern, obwohl alle davon ausgehen, dass sie mit Kampfpanzern und Dreitonnern in den nächsten Krieg ziehen. Nur weil die Browning die Standard-Waffe der NATO ist, heißt, das noch lange nicht, dass sie was taugt. Sie ist klasse, wenn man jemanden in Schach halten will, oder beim Kampf auf engstem Raum, zum Beispiel in einer Tele- fonzelle. Bei allem anderen ist man hoffnungslos auf- geschmissen. Deswegen möchte ich den Smith.« Simpson schnaubte. »Okay, okay. Sie können den 586er bekommen. Geben Sie mir den Waffenmeister.« »Danke«, sagte Richter und reichte den Hörer wei- ter. Das Schulterholster trug ziemlich auf. Als Richter die Waffe ins Holster schob, wurde ihm klar, dass er ständig darauf achten musste, nicht schief zu gehen. Er steckte eine Schachtel mit fünfzig Schuss Munition in die Jackentasche und folgte dem Waffenmeister über eine Treppe in den schalldichten Keller hinab. Der Waffenmeister schloss die Stahltür auf und wink- te Richter in den Fünfundzwanzig-Meter-Schießstand. Er schaltete das Licht an, dann die rote Lampe über der Tür und wies Richter gründlich in den Umgang mit der Waffe ein. Richter hörte aufmerksam zu – er passte immer genau auf, wenn es um etwas ging, das ihm das Leben retten konnte. Die Waffe war groß und schwer – eine 357er-Mag- num-Patrone kann man nicht mit einer leichten Waffe abfeuern –, aber auch handlich und gut ausbalanciert. Der Waffenmeister gab Richter eine Schachtel mit zwanzig Patronen. Richter trat an den Stand und wandte sich der Zielscheibe zu, hob den Revolver mit der rechten Hand, schlang die linke um das rechte Handgelenk und drückte ab. Trotz der Ohrschützer, wurde er fast taub, und die Waffe in seiner Hand bockte, als wäre sie lebendig, und riss seinen Arm hoch. Richter zielte erneut und drückte wieder ab. Dann noch einmal, und immer wieder, bis er alle sechs Schuss abgefeuert hatte. Der Waffenmeister hatte das Fernglas auf die Ziel- scheibe gerichtet. »Nicht schlecht, Mr. Richter«, sagte er. »Sechs Treffer, einmal mitten ins Schwarze. Meiner Meinung nach halten Sie ein bisschen zu tief und ein bisschen zu weit rechts. Darf ich mal?« Richter reichte ihm den Revolver und sah zu, wie er das Visier ver- stellte. »Halten Sie diesmal ein bisschen links vom Ziel und geben Sie vorerst nur drei Schüsse ab. Danach stelle ich ihn noch mal nach.« Richter lud drei Patronen nach und feuerte sie laut Anweisung ab, dann reichte er dem Waffenmeister den Revolver, der die leeren Hülsen auswarf, ehe er erneut das Visier nachstellte. »Die Höhe scheint jetzt in etwa zu stimmen, aber Sie halten immer noch ein bisschen zu weit nach rechts. Probieren Sie’s mal da- mit.« Mit den nächsten drei Schüssen war er zufrieden. Der Waffenmeister ging zum anderen Ende des Schießstands und hängte zwei weitere Scheiben auf. Dann lud Richter nach. Er nahm sich zuerst die linke Scheibe vor, zielte so kurz wie möglich und gab in ra- scher Folge sechs Schüsse ab – bei einem Feuergefecht bleibt der Gegner auch nicht eine halbe Minute lang im Scheinwerferlicht stehen und wartet, bis man in der richtigen Schusshaltung ist und Ziel genommen, hat. Zufrieden stellte er fest, dass alle sechs Schüsse Treffer waren, auch wenn er mit den erzielten Punk- ten in Bisley nichts geschnitzt hätte. Die letzten beiden Patronen verschoss er auf die rechte Scheibe, und diesmal ließ er sich Zeit. »Prima, Sir. Einer mitten drin, ein Neuner.« »Danke.« Richter legte die Hülsen in die leere Schachtel, holte seine Fünfziger-Packung heraus, lud nach und schob den Revolver ins Holster. Der Waffenmeister warf ihm einen beifälligen Blick zu. »Ganz recht«, sagte er. »Eine Waffe nützt nichts, wenn sie nicht geladen ist.« Richter stieg hinter ihm die Treppe zur Waffenkammer hoch, bestätigte den Empfang des Revolvers samt Munition, trug sich im Schießstandbuch ein und unterschrieb, dass er einge- hend mit der Waffe vertraut gemacht worden war und zwanzig Schuss damit abgegeben hatte. Als er wieder in seinem Büro war, nahm sich Rich- ter den Revolver noch einmal vor, lud und entlud ihn ein paar Mal und übte schnelles Ziehen. Schneller als Billy the Kid würde er nie werden, das war Richter klar, aber darüber machte er sich nicht all zu viele Ge- danken – er hatte nicht vor, gegen Billy the Kid anzu- treten. Er rechnete vielmehr damit, dass er sich mit ei- nem oder mehreren Männern auseinander setzen musste, die wahrscheinlich mit 9mm-Pistolen bewaff- net waren, und mit denen konnte er mit dem Smith mehr als nur mithalten. Der Nachteil bei einem relativ kleinen Kaliber wie zum Beispiel einer 9mm-Waffe ist, dass man damit, niemanden aufhalten kann. Die Amerikaner mussten das vor Jahren feststellen, als sie ihre Truppen mit 32er-Pistolen ausgerüstet hatten. Erst in der Gefechts- praxis zeigte sich, dass ein entschlossener und aufge- putschter Angreifer weiter voranstürmt, selbst wenn er etliche Treffer aus einer solchen Waffe eingesteckt hat. Aber ein 357er Magnum – beziehungsweise die von den Amerikanern bevorzugte 45er ACP (Automa- tic Colt Pistol) – hielt so gut wie alle auf. Und genau darum ging es Richter. Er brüht sich eine Tasse Kaffee auf, stellte sie auf den Schreibtisch und rief in der Registratur an. Er for- derte die Blackbird-Akte an, die Berichte der Station Moskau aus den letzten drei Monaten und die Akte mit der Aufschrift »Newman, Graham (versch.)«. Regent’s Park, London Der schwarze Mercedes – eines von mehreren nicht in den USA hergestellten Autos, die von der Botschaft zu inoffiziellen Zwecken eingesetzt wurden – stieß vom Grosvenor Square aus in das Einbahnstraßenlabyrinth an der Upper Grosvenor Street, bog dann in die Park Street ab und kämpfte sich über Portman Street und Gloucester Place zur Park Road durch. Am westlichen Ende der Hanover Gardens hielt der Wagen an, und Roger Abrahams und John Westwood stiegen aus. »Zurück nehmen wir uns ein Taxi«, sagte Abrahams und schickte den Fahrer weg., John Westwood warf einen Blick auf seine Uhr. »Wo treffen wir uns mit dem Mann?« »Beim Holme – das ist auf der anderen Seite vom Boating Lake. Wir haben noch jede Menge Zeit.« Die beiden Amerikaner liefen durch die Hanover Gardens, an der London Central Mosque vorbei, über- querten den Outer Circle und gingen in den Regent’s Park. Sie folgten dem Fußweg, der über die Brücke am nordwestlichen Ausläufer des Boating Lake führte und dann nach rechts zu den Queen Mary’s Gardens abbog. Für die Jahreszeit war es ungewöhnlich warm, und Westwood stellte fest, dass er bei dem forschen Schritt, den Abrahams vorlegte, ein bisschen ins Schwitzen geriet. Er zog sein Sakko aus und hängte es sich über den Arm. Als sie zur zweiten Fußgänger- brücke kamen, fasste ihn Abrahams am Arm. »Da ist er«, sagte er und deutete hin. Westwood blickte nach rechts und sah einen gro- ßen, schlanken Mann, der am Ostufer des Boating La- ke stand. Als sie die Brücke überquerten, kicherte Ab- rahams leise vor sich hin. »Schau. Er füttert die Enten. John le Carré muss sich für allerhand verantworten.« Piers Taylor warf die letzten Brotkrümel ins Wasser und sah lächelnd zu, wie sich die Enten unter lautem Geschnatter darum balgten, faltete dann sorgfältig die braune Papiertüte zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Dann trat er vom Ufer zurück und wandte sich den beiden Amerikanern zu. »Hallo, Piers«, sagte Abrahams und streckte die Hand aus., »Roger«, erwiderte Taylor und schlug ein, während er Westwood anschaute. »Und wer ist das?« »Ein Kollege von daheim«, erklärte Abrahams rasch, ehe Westwood antworten konnte. John Westwood schüttelte Taylor die Hand. »Sie dürfen mich John nennen«, sagte er. »Freut mich, dass wir uns kennen gelernt haben, John«, sagte Taylor, lächelte freundlich, machte kehrt und ging davon. »Piers«, rief Abrahams. Taylor blieb stehen und drehte sich um. »Roger«, sagte er und wartete. Abrahams seufzte und blickte zu Westwood. »Okay, okay. Das ist John Westwood. Er ist Leiter der Abtei- lung Auslandsaufklärung (Spionage), und er … wir brauchen Hilfe.« Westwood warf Abrahams einen wütenden Blick zu. »War das wirklich nötig?«, fragte er. Abrahams nickte, doch Piers Taylor, der Westwood mit scharfem Blick und ernster Miene musterte, kam ihm mit der Antwort zuvor. »Ja«, sagte er. »Ich rede mit nie- mandem, solange ich nicht weiß, wer er ist. Ich werde Sie nicht nach Ihrem Ausweis fragen, da Sie in Begleitung von Roger sind, aber normalerweise erwarte ich, dass sich jemand zu erkennen gibt. Wissen Sie, wer ich bin?« Westwood schaute wieder zu dem schlanken Mann, der vor ihm stand, und nickte. Er blickte sich kurz um und überzeugte sich, dass niemand in Hörweite war. »Stellvertretender Leiter der Sektion neun des SIS, zu- ständig für Russland«, sagte er., »Richtig.« Piers Taylor nickte. Allmählich wirkte er wieder umgänglicher. »Da wir uns nun miteinander bekannt gemacht haben, dürfen Sie mir verraten, in- wieweit wir unseren Cousins beistehen können.« Die drei Männer drehten sich wie auf Kommando um und gingen in Richtung Inner Circle. »Möglicher- weise steckt nichts weiter dahinter«, begann West- wood. »Und ich möchte auch, dass diese Sache inoffi- ziell bleibt. Darf ich Ihnen zunächst einmal eine Frage stellen?« Taylor nickte. »Selbstverständlich dürfen Sie fra- gen«, erwiderte er. »Haben Sie – beziehungsweise der SIS, sollte ich sa- gen – irgendeinen hochrangigen Agenten oder andere gute Quellen in Russland?« Bevor Taylor antworten konnte, fuhr Westwood fort. »Wir brauchen eine Aus- kunft, sei es eine Bestätigung oder ein Dementi, be- züglich einer Verschwörung auf höchster Ebene, die möglicherweise – ich sage, möglicherweise – eine Ge- fahr für den Westen darstellen könnte. Falls dem so sein sollte, wurde diese Sache unserer Meinung nach von höchster Stelle in der russischen Regierung orga- nisiert und geleitet.« Schweigend ging Taylor ein paar Schritte weiter, dann blieb er stehen. »Ist Ihnen klar, worum Sie da bitten?«, sagte er. Westwood nickte. »Ja. Wenn Sie eine Quelle an ent- sprechend hoher Stelle haben, wären wir Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ihr den Auftrag geben würden, den Wahrheitsgehalt dieser Information zu überprü-, fen. Wir bitten natürlich nicht darum, dass Sie uns diese Quelle zur Verfügung stellen oder preisgeben, um wen es sich handelt. Aber wir hätten gern eine Bestätigung Ihrerseits, dass die betreffende Person ei- ne entsprechende Stellung bekleidet, um diese Aufga- be durchführen zu können.« Taylor blickte zum Himmel auf. »Ich hatte gedacht, es würde ein schöner Tag werden«, murmelte er so leise, dass es fast unhörbar war. Dann lief er weiter. Die anderen folgten ihm. »Ich möchte Ihnen zunächst einmal die Schwierig- keiten aus meiner Sicht darlegen«, sagte Taylor leise. »Erstens bin ich nicht befugt, Ihnen mitzuteilen, ob wir eine derartige Quelle haben. Und selbst wenn wir eine solche Quelle hätten, könnte sie bei einer solchen Überprüfung leicht auffliegen. Und das wollen wir doch alle vermeiden.« Taylor hielt inne und warf den beiden Amerikanern einen kurzen Blick zu, dann fuhr er fort. »Drittens sollten wir die Sache mal unter logi- schen Gesichtspunkten betrachten. Sie glauben, dass die Russen möglicherweise irgendeine Schweinerei vorhaben. Angesichts des derzeitigen politischen Kli- mas halte ich das für unwahrscheinlich, aber die Er- kenntnisse, die Sie vorliegen haben, deuten auf diese Möglichkeit hin, richtig?« John Westwood nickte. »Angenommen, wir haben einen solchen Agenten«, fuhr Taylor fort, »und er gerät bei seinen Erkundi- gungen in Moskau an die falschen Leute, dann wird den Russen klar werden, dass wir von dieser Sache Wind bekommen haben, worum es sich dabei auch, immer handeln mag. Wozu könnte das führen?« We- der Abrahams noch Westwood sagten etwas. Taylor beantwortete die Frage selbst. »Es könnte die Russen dazu veranlassen«, sagte er, »ihre finsteren Pläne so- fort in die Tat umzusetzen.« Westwood begriff mit einem Mal, dass sich hinter der lässigen Art dieses Mannes ein messerscharfer Verstand verbarg. »Was schlagen Sie vor?«, fragte Abrahams. »Wenn ich in Ihrer Haut stecken würde, was Gott sei Dank nicht der Fall ist«, antwortete Taylor, »würde ich weiterhin davon ausgehen, dass eine solche Ver- schwörung im Gange ist, und die entsprechenden Vorkehrungen treffen.« Westwood schwieg eine Zeit lang, dann ergriff er wieder das Wort. »Ein guter Rat, aber es gibt da ein paar Probleme.« »Als da wären?« »Dass wir zum Beispiel nicht das Geringste über den geplanten Angriff wissen. Auf welche Art und Weise er stattfinden soll, meine ich damit. Für uns steht lediglich fest, dass es keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung der konventionellen oder nuklearen Streitkräfte der Russen gibt.« »Was?« Taylor schien einen Moment lang die Fas- sung zu verlieren. »Dann kann die Gefahr nicht allzu groß sein, oder?« Er lachte kurz auf. Abrahams und Westwood schwiegen. »Entschuldigung«, sagte Tay- lor. »Offenbar glauben Sie, dass Ihre Informationen stimmen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass Sie von, einem ›Angriff‹ gesprochen haben, nicht von einer ›Verschwörung‹, was die Sache ändert. Sie müssen mir keine Einzelheiten nennen, aber was für Hinweise haben Sie vorliegen?« Westwood schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, aber ich darf Ihnen dazu so gut wie nichts sagen. Der Vor- gang ist unter NOFORN eingestuft – nicht für Aus- länder bestimmt. Da Sie kein amerikanischer Staats- bürger sind, darf ich Ihnen offiziell gar nichts verra- ten. Ich kann Ihnen nur so viel sagen«, fügte er hinzu, »dass unsere Informationen von einer hochrangigen Quelle in Moskau stammen, die wir nicht mehr errei- chen konnten, seit wir dieses Material erhalten ha- ben.« »Deshalb brauchen Sie also eine Bestätigung von unabhängiger Seite«, stellte Taylor fest, worauf West- wood nickte. Taylor ging ein paar Schritte weiter, fass- te sich dann mit der rechten Hand ans Kinn und blieb stehen. »Gut«, sagte er. »Mal sehen, was ich tun kann, inoffiziell natürlich. Sie sind sich sicher darüber im Klaren, dass ich zunächst mit ein paar Leuten spre- chen muss, bevor ich jemanden mit dieser Aufgabe betrauen kann. Und ich will damit nicht sagen«, fügte er hinzu, »dass wir eine solche Quelle haben. Haben Sie das verstanden? Ich kann Sie doch über Roger er- reichen, ja?« »Genau«, erwiderte Westwood. »Oh, da wäre noch was, das uns vielleicht weiterhelfen könnte. Einer der Hinweise, die wir erhalten haben, bestand nur aus ei- nem Wort.«, Taylor schaute ihn gespannt an. »Ja?« »Es lautete Gibraltar«, sagte Westwood. »Ist das alles? Sonst nichts?« Westwood schüttelte den Kopf. »Nur dieses eine Wort. Wir wissen natürlich, was Gibraltar ist, aber wir haben keine Ahnung, was es in diesem Zusammen- hang zu bedeuten hat.« Taylor nickte bedächtig. »Na schön«, erwiderte er. »Ich melde mich wieder.« Er wandte sich ab, ging ein paar Schritte weiter und blieb dann stehen. »Noch ein Letztes«, sagte er. »Was gedenken Sie zu tun, wenn wir Ihnen nicht weiterhelfen können?« Abrahams warf einen kurzen Blick zu Westwood. »Wenn Sie uns nicht weiterhelfen können«, entgegne- te Westwood, »müssen wir uns an die Franzosen wen- den.« Turabah, Saudi-Arabien Alles in allem, dachte Sadoun Khamil an diesem Spätnachmittag, scheint die Sache einigermaßen gut zu laufen. Hassan Abbas’ Mitteilung über den Einsatz des amerikanischen Spionageflugzeugs hatte ihn zu- nächst etwas erschreckt, aber da die Amerikaner – oder irgendjemand anders – offenbar keinerlei weitere Maß- nahmen ergriffen, deutete alles darauf hin, dass sie bei diesem Flug nichts entdeckt hatten, was von Interesse war. Und unterdessen verstrich die Zeit. Da die für Amerika bestimmten Waffen bereits vor, Ort waren und die Fertigstellung der Londoner Bombe unmittelbar bevorstand, konnte sie nach Khamils An- sicht kaum noch jemand aufhalten. Zumal er der Über- zeugung war, dass jedes weitere Abwarten nur von Nachteil war, da sich dadurch die Gefahr erhöhte, dass die westlichen Nachrichtendienste die in Russland be- teiligten Kreise unterwandern konnten. Er hatte darü- ber mit der Führung von al-Qaida gesprochen, doch dort hatte man darauf bestanden, dass alle Waffen wie vorgesehen in Stellung gebracht werden müssten, da- mit der Plan gelingen und die letzte Phase der Operati- on Podstawa in die Tat umgesetzt werden konnte. Nur dann stünde einem vollen Erfolg nichts im Wege. Khamil war der gleichen Meinung. Dennoch mach- te er sich Gedanken, dass irgendetwas vorgefallen sein könnte – sei es eine undichte Stelle bei den Rus- sen oder ein Hinweis von anderer Seite –, das die Ame- rikaner hatte aktiv werden lassen. Er machte sich Sor- gen darüber, was sie herausgefunden haben könnten, vor allem aber befürchtete er, dass sie weitere Maß- nahmen ergreifen und womöglich das ganze Ausmaß des Unternehmens erkennen könnten. In einem Punkt allerdings waren er und die Füh- rung von al-Qaida völlig einer Meinung gewesen: El Sikkiyn, der arabische Beitrag zu dem Unternehmen, musste genau abgestimmt und zum richtigen Zeit- punkt ausgeführt werden. Und das war nur möglich, wenn keinerlei Gegenmaßnahmen getroffen wurden. Deshalb mussten sie unverzüglich über alle weiteren Aktionen der Amerikaner unterrichtet werden., Khamil wusste, dass er sich auf Hassan Abbas ver- lassen konnte, der durch Dimitri Truschenko über alle Vorgänge in Russland Bescheid wusste und ihn stän- dig auf dem Laufenden hielt. Und die beste Informa- tionsquelle über die Maßnahmen der Amerikaner war vermutlich CNN. Ich muss mich nur öfter vor den Fernseher setzen, dachte er mit einem Lächeln. Hammersmith, London An diesem Nachmittag fand Richter den ersten Hin- weis. Es war nur eine Kleinigkeit, und er wusste auch nicht, ob sie irgendetwas zu bedeuten hatte, aber er war der Meinung, dass er Simpson Bescheid sagen sollte. Bevor er ihn anrief, schlug er im Basic Intelli- gence Digest (GUS) nach, wo er genau das fand, was er erwartet hatte, und anschließend nahm er sich eine Personalakte vor, die ihn eher verwirrte. Danach mel- dete er sich über den Direktanschluss bei Simpson und erklärte ihm, dass er ein paar Minuten seiner kostbaren Zeit für ihn erübrigen müsse. »Was haben Sie entdeckt?«, fragte Simpson, ohne von der offenen Akte aufzublicken, in die er gerade einen Vermerk schrieb. Sein Schreibtisch war mit rosa Aktenordnern übersät, darunter einige offene, aber er wirkte nachdenklicher als üblich. »Nicht viel«, erwiderte Richter. »Aber ich habe fest- gestellt, dass sich Newmans Nummer zwei etwa fünf Tage vor dem Flug des Blackbird an einem Ort auf-, hielt, der praktisch genau in der Mitte von dem Gebiet liegt, das die Maschine überflogen hat.« Simpson hielt mitten in der Zeile inne, blickte auf und legte den Füllfederhalter weg. »Wo, wann, und was hat er dort getan?« Richter nahm vor dem Schreibtisch Platz und warf einen Blick auf die Akte mit dem Tätigkeitsbericht der Station Moskau, die er mitgebracht hatte. »Der Ort heißt Sosnogorsk, und laut Auskunft des SIS war er letzten Monat zwei Tage lang als Dolmetscher dort.« »Wer war Newmans Stellvertreter?« »Andrew Payne. Er lebt und ist wohlbehalten. Er leitet derzeit die Station Moskau, bis ein neuer Mann ernannt wird.« Simpson dachte einen Moment lang darüber nach. »Gut«, sagte er. »Berichten Sie mir über Sosnogorsk, aber verraten Sie mir zunächst einmal, wo das liegt.« »Es ist eine russische Kleinstadt in der Region Ko- mi. Die nächstgrößere Stadt heißt Uchta. Sie liegt etwa vierhundert Meilen östlich von Archangelsk, westlich des Ural und in der Nähe der Eisenbahnstrecke, die von Konoscha nach –« »Ich habe nicht vor, dort meinen Urlaub zu verbringen, Richter. Kommen Sie zur Sache.« »Sie wollten es wissen. Es liegt im Niemandsland. Im BID (GUS) steht nichts darüber, und soweit wir wissen, ist diese Stadt nachrichtendienstlich von kei- nerlei Bedeutung.« »Was wollte Payne dann dort?« Richter zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht«, sag-, te er. »Die einzige militärische Anlage, die es in dieser Gegend weit und breit gibt, ist die große Radarstation bei Petschora. Aber das ist etwa hundertfünfzig Mei- len weiter nordöstlich. Und Sosnogorsk hätte er nicht verlassen können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.« Simpson nahm seinen Füller und schraubte gewis- senhaft die Kappe auf. Dann schraubte er sie wieder ab und richtete die Feder auf Richter. »Vielleicht hat er das getan.« »Was?«, fragte Richter. »Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht haben sie sich Newman deshalb geschnappt.« »Sie sind nie im Außendienst gewesen, was?«, frag- te Richter. Genau genommen war Simpson von Berufs wegen überhaupt kein Nachrichtendienstmann. Vor seiner Ernennung zum Leiter des Foreign Operations Executive war er ein Mandarin gewesen, ein hoher Verwaltungsbeamter. Seine mangelnde Erfahrung mit »richtiger« Geheimdienstarbeit hatte anfangs zu einer gewissen Verstimmung sowohl beim FOE als auch beim SIS geführt, aber mit seiner unbestreitbaren Kompetenz und der Rücksichtslosigkeit, mit der er sich seiner Aufgabe widmete, hatte er die Kritiker rasch zum Schweigen gebracht. »Als ich sagte, dass Payne Sosnogorsk nicht verlas- sen konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen«, fuhr Richter fort, »habe ich gemeint, dass er Sosnogorsk überhaupt nicht verlassen konnte. Er hatte vermutlich einen oder zwei Aufpasser, die dafür sorgten, dass er nur das zu sehen bekam, was ihn die Russen sehen, lassen wollten – nicht mehr und nicht weniger. Er hät- te nicht mal das Hotel verlassen können, ohne dass es die Deschurnaja sofort gemeldet hätte. Glasnost können Sie vergessen, wenn es um Ausländer geht. Die kön- nen sich in Russland nicht frei bewegen, und schon gar nicht auf dem flachen Land. Die Einheimischen sind von Haus aus argwöhnisch. Glauben Sie mir, Payne hat Sosnogorsk nicht verlassen.« »Und was fällt Ihnen sonst noch dazu ein?«, fragte Simpson und warf ihm einen unwirschen Blick zu. Richter schüttelte langsam den Kopf. »Eigentlich noch gar nichts, aber meiner Meinung nach muss die- se Reise etwas zu bedeuten haben, und ich glaube nicht, dass es um Petschora ging. Außerdem möchte ich gern wissen, was er dort tatsächlich wollte. Den Berichten der Station Moskau zufolge ist er dort hin- gefahren, weil er für ein paar Geschäftsleute aus dem Westen dolmetschen sollte.« »Und?« »Payne spricht ganz passabel Russisch. Bei den Ge- schäftsleuten handelte es sich hauptsächlich um Bri- ten, aber zwei Franzosen und ein Deutscher waren ebenfalls mit von der Partie. Laut seiner Personalakte kann er zwar ein paar Brocken Französisch und Deutsch, aber zum Übersetzen reicht das bei weitem nicht aus.« Simpson spielte eine Zeit lang mit seinem Füller, dann ergriff er wieder das Wort. »Einverstanden. Ich glaube auch nicht, dass Payne als Dolmetscher dort war. Als stellvertretender Stationsleiter hätte er Mos-, kau ohnehin nicht verlassen dürfen. Halten Sie sich an den SIS und stellen Sie fest, was er wirklich vorhatte.« Anton Kirow Kapitän Bondarew musste einmal mehr zugeben, dass Saworins Männer auf Zack waren. Das Anlegemanö- ver in Warna war so glatt und mühelos vonstatten ge- gangen, dass es seine eigene Besatzung nicht besser hätte hinkriegen können, und das Laden der Fracht hatte weitaus weniger Zeit in Anspruch genommen, als er erwartet hatte. Die Anton Kirow hatte zwei Frachträume – einen großen hinten im Achterschiff, der für sperrige Fracht und Schüttgut bestimmt war, und einen kleinen, sicheren Stauraum im Vorschiff. Die zusätzliche Fracht, die in Warna verladen worden war – nur eine große, schwere Kiste –, hatte mühelos in den vorderen Frachtraum gepasst. Bondarew war aufgefallen, dass Saworin während des ganzen Lade- vorgangs auf dem Vorschiff geblieben war und jeden Handgriff persönlich überwacht hatte. Sobald die Lu- ken verschlossen waren, hatte er sich auf der Brücke gemeldet und Bondarew befohlen, sofort in See zu stechen. Danach war er über eine Stunde lang ver- schwunden. Bondarew vermutete, dass er die neue Fracht inspizierte. Als die Anton Kirow wieder auf Südkurs ging und Warna nur mehr ein kleiner, verschwommener Fleck an der Küste war, klopfte Saworin an die Tür der Ka-, pitänskajüte und trat ein, ohne auf eine Erwiderung zu warten. Er hatte zwei Gläser und eine Flasche Scotch dabei, Single Malt Whisky. Mit fragendem Blick musterte Bondarew die Flasche. »Ich trinke Wodka«, sagte Saworin lächelnd, »aber ich mag ihn nicht besonders. Das hingegen« – er hob die Flasche ins Licht – »ist ein richtiger Schnaps.« Er stellte die Gläser auf den Tisch, goss zwei ordentliche Portionen ein und reichte Bondarew das eine. »Cheers, wie die Briten sagen«, erklärte er und trank einen Schluck. Bondarew nippte an dem Malt, nickte beifällig, stellte dann das Glas ab und blickte den Speznas- Oberst an. »So, jetzt haben Sie Ihre Ausrüstung. Und wie geht’s nun weiter?« »Wie geplant, Kapitän«, erwiderte Saworin. »Wir fahren durch den Bosporus und laufen vermutlich Athen an. Ich weiß noch nicht genau, ob wir auch Tu- nis anlaufen können, aber das werden wir noch sehen. Es hängt ganz davon ab, wann wir die griechischen Gewässer verlassen.« Er hielt inne und betrachtete nachdenklich sein Glas. »Ausschlaggebend ist der Zeitpunkt, bis zu dem wir in Gibraltar sein müssen, und derzeit warte ich noch darauf, dass man mir den mitteilt. Aber ich nehme an, dass wir in etwa einer Woche in Gibraltar eintreffen sollen.« Bondarew nickte, während er die verbliebene Zeit und die Geschwindigkeit des Schiffes überschlug. Er griff zu seinem Glas und trank einen Schluck., Im vorderen Frachtraum überprüfte unterdessen einer der Speznas-Offiziere, ein Elektronikspezialist mit deutschem Ingenieurdiplom, ob das Koaxialkabel, das von der Satellitenschüssel auf dem Brückendach nach unten führte, an den DBS-Empfänger ange- schlossen war, ein Hochfrequenzgerät für Satelliten- funk. Die Anton Kirow hatte noch kaum eine Viertel- stunde am Ladekai gelegen, als er die letzte Feinein- stellung der Schüssel vorgenommen und eine Test- meldung vom Satelliten empfangen hatte. Der Offizier überprüfte ein letztes Mal alle An- schlüsse, nahm dann seinen Werkzeugkasten und nickte den Männern zu, die neben ihm standen. Sie stellten die Seitenwand der Kiste auf, nagelten sie wieder fest und verschraubten den Deckel. Das Gerät funktionierte. Und es war hier gut aufgehoben, bis es seinen Bestimmungsort erreichte. London Den Foreign Operations Executive gab es offiziell gar nicht, und offiziell hatte er auch nichts mit dem SIS zu tun, obwohl er nur in dessen Auftrag tätig wurde und Einsätze durchführte, von denen man dort nichts wis- sen wollte. Den Secret Intelligence Service – allgemein bekannt als MI6, auch wenn es nicht stimmt – gab es offiziell ebenfalls nicht. Was wiederum hieß, dass Richter bei einem offiziell nicht existierenden Arbeit- geber beschäftigt war, der für einen Auftraggeber ar-, beitete, den es offiziell auch nicht gab. Kein Wunder, dass ihn der Filialleiter immer so zweifelnd anschaute, wenn er in die Bank kam. Der MI6 wurde im Juli 1909 auf die Empfehlung ei- nes Unterausschusses von Haldanes Committee of Imperial Defence hin gegründet. Man wollte damit al- le geheimdienstlichen Aktivitäten unter einem Dach vereinen, doch das erwies sich als nicht durchführbar, und bereits 1910 fand die bis heute bestehende Unter- teilung in MI5 und SIS statt. Der MI5, besser bekannt als Security Service, wurde mit der Spionageabwehr in Großbritannien betraut, während der SIS für die Auslandsaufklärung zuständig war. Seit 1910 aber lässt die Zusammenarbeit der beiden Dienste mehr als zu wünschen übrig, und gelegentlich kam es sogar zu offenen Feindseligkeiten. Diese Feindschaft hatte – zumindest teilweise – zur Grün- dung des FOE geführt, einem eigenständigen und streng geheimen Ableger des SIS. Wenn der FOE die schmutzigen Aufträge übernahm, konnte sich der SIS jederzeit davon distanzieren, falls irgendetwas schief ging, und der MI5 bekam niemanden zu fassen. Im Jahr 1994 zog der SIS vom Century House, einem gesichtslosen, dreiundzwanzigstöckigen Gebäude nahe der U-Bahn-Station Lambeth North, im Volksmund als »Spukhaus« bezeichnet, in einen unmittelbar an der Themse gelegenen Neubau am Vauxhall Cross, dessen moderne Architektur ihm allerlei Spitznamen eintrug – »Aztekenpalast« ist vermutlich noch einer der freundlichsten. In Vauxhall Cross herrschen die glei-, chen strengen Sicherheitsvorkehrungen wie beim FOE. Jeder, der das Gebäude betritt, wird kontrolliert; auf den Schreibtischen dürfen keinerlei Akten herum- liegen; im Aufzug sind jegliche Dienstgespräche un- tersagt. Es könnte ja sein, dass der Mann mit dem Wassereimer und dem Waschleder, der sich in der Ecke herumdrückt, nicht Bob, der Fensterputzer ist, sondern ein russischer Kulturattache. Deshalb konnte auch Richter nicht einfach so in Vauxhall Cross auftauchen. An der russischen Bot- schaft war ein Wachtrupp beschäftigt, der die Aufga- be hatte, jeden zu fotografieren, der das Gebäude betrat. Ein weiterer Trupp beobachtete die amerikani- sche Botschaft am Grosvenor Square, ein dritter das Thames House, einen wuchtigen, in den dreißiger Jah- ren errichteten Steinbau nördlich der Lambeth Bridge, in dem sich die Zentrale des MI5 befindet, dazu des- sen Außenstellen an der South Audley Street, der Grosvenor Street und der Gower Street. Aber auch ei- nige konspirative Treffpunkte des SIS in London wurden regelmäßig überwacht – und vor allem das Ausbildungslager des SIS in Fort Monkton in der Nä- he von Gosport, Hampshire. Der SIS wiederum hatte ständig Beobachtungs- trupps vor der russischen Botschaft an den Kensing- ton Palace Gardens Nummer 13 und dem Konsulat am Highgate West Hill Nummer 33 postiert, aber auch vor allen anderen ausländischen Botschaften in London. Der größte Nutznießer des Ganzen war natürlich, die Firma Kodak. Aber aus ebendiesem Grund war es allen Mitarbeitern des FOE untersagt, Vauxhall Cross, irgendeine andere Niederlassung von MI5 oder SIS oder die amerikanische Botschaft zu betreten – weil man nicht wollte, dass ihre Bilder in der SWR- Zentrale in Moskau landeten. Was andererseits aber auch hieß, dass man sich irgendwo anders treffen musste, wenn Mitarbeiter des FOE mit ihren Kollegen von SIS, MI5 oder CIA irgendetwas besprechen woll- ten. Und deswegen saß Richter an diesem Nachmittag um zehn nach drei in der Lounge des Sherlock Hol- mes Hotel an der Baker Street und musterte über Kaf- feekanne, Milchkrug, Zuckerschale, zwei Tassen und einen Teller mit Keksen hinweg die versonnene Miene von Piers Taylor. Richter hatte Taylor vor rund acht- zehn Monaten kennen gelernt, und er wusste, dass dieser geistesabwesende Gesichtsausdruck nichts als Tarnung war. Taylor war vermutlich einer der schlau- esten Köpfe beim SIS, deshalb war er mit gerade mal achtunddreißig stellvertretender Leiter der Sektion neun, zuständig für Russland. Taylor zupfte eine Fussel von seinem Jackenärmel, blickte sich in der Lounge um, in der sich lediglich eine Horde Amerikaner aufhielt, die sich lautstark über ih- ren Theaterbesuch am Vorabend ausließen, und beugte sich vor. »Es war eine reine Routinesache«, sagte er lei- se. »Kommen Sie, Piers«, erwiderte Richter ebenso lei- se. »Der stellvertretende Leiter der Station Moskau, fährt doch nicht einfach aus Jux und Tollerei wegen ein paar Geschäftsleuten aus dem Westen quer durch halb Russland. Er war aus einem ganz bestimmten Grund dort.« Taylor schüttelte den Kopf. »Nein, wir wissen, wes- halb er dort war – Newman hat ihn hingeschickt. Aber der Auftrag war nicht weiter aufregend. Ich habe Payne am Montag einfliegen lassen, um ihm seinen neuen Vorgesetzten vorzustellen und ihm die aktuelle Lage zu erklären. Bei dieser Gelegenheit hat er mir von der Reise nach Sosnogorsk berichtet.« »Was hat er Ihnen erzählt? Ich meine, Newman muss ihm doch zumindest andeutungsweise erklärt haben, weshalb er ihn dort hingeschickt hat.« Taylor nickte. »Ja, das hat er auch getan. Newman sagte ihm, dass ihn jemand ansprechen würde, ein gewisser Karelin, Nikolai Karelin, jedenfalls sollte er sich unter diesem Namen vorstellen. Payne sollte ihm eine Nachricht zukommen lassen, nur ein Wort, und sich die Antwort notieren, wiederum nur ein Wort.« Richter wartetet Manchmal war Taylor so zuge- knöpft, dass man ihm jede Auskunft einzeln aus der Nase ziehen musste, was ebenso langwierig wie müh- sam war. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wie Paynes Nachricht lautete?« »Ja, warum auch nicht. Sie lautete ›Schtschit‹.« Tay- lor schaute ihn an. »Wissen Sie, was das heißt?« »Selbstverständlich weiß ich, was das heißt«, erwi- derte Richter. »Auf Russisch heißt das ›Schild‹, aber auch die doppelt belichteten Filme, die der GRU gele-, gentlich benutzt, werden so bezeichnet.« Er trank ei- nen Schluck Kaffee und dachte einen Moment lang nach. Taylor schaute ihn schweigend an. »Ansonsten hat ihm Newman keine Anweisungen gegeben – auch nicht, was er machen soll, wenn dieser Karelin ihn nicht anspricht?« »Nein. Er sollte ihm nur die Nachricht übermitteln und sich die Antwort notieren. Sonst nichts.« »Hat sich dieser Karelin mit Payne in Verbindung gesetzt?« »Ja.« Als ob man auf Granit beißt, dachte Richter. »Und?«, fragte er. »Und was?« »Wie lautete die Nachricht von diesem Nikolai Ka- relin?« »Es waren zwei Worte, nicht nur eines, wie New- man angekündigt hatte – Stukatch und Tschernoscho- py.« Richter dachte einen Moment lang nach. »Schön«, sagte er. »Können Sie irgendetwas damit anfangen? Ich nämlich nicht.« »Ihr Russisch ist ein bisschen eingerostet, was?«, fragte Taylor lächelnd. »Piers«, sagte Richter. »Ich kann es lesen und über- setzen und spreche es auch so gut, dass ich einiger- maßen zurechtkomme, aber fließend kann ich es nicht und werde es vermutlich auch nie können.« »›Stukatch‹ ist russische Umgangssprache und heißt soviel wie ›Informant‹ oder ›Spitzel‹, und ›Tscherno-, schopy‹ würde ich mit ›Schwarzärsche‹ übersetzen. Das ist eine abfällige Bezeichnung für Farbige. Das einzig Interessante daran ist, dass sie meistens von Of- fizieren des GRU benutzt wird.« Richter öffnete den Mund, aber Taylor hob die Hand. »Bevor Sie fragen – ja, wir haben sie überprüft. Wir haben beide Wörter durch unsere Computer laufen lassen. Stukatch war nicht aufgelistet, und Tschernoschopy fanden wir nur einmal als Codewort. Es war die Bezeichnung für eine abgebrochene Offensive der Roten Armee, als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf Moskau vor- rückten. Wir sind uns so gut wie sicher, dass es ge- wählt wurde, weil es so gut wie nichts zu bedeuten hat, andererseits aber so ungewöhnlich ist, dass man es nicht verwechseln kann.« Piers lehnte sich zurück, als sei er mit sich zufrie- den. Richter war es nicht. »Und als Payne nach Moskau zurückkam?« »Nichts. Als Payne in die Botschaft zurückkehrte, war Newman bereits tot.« »Welche Schlussfolgerung haben Sie und Ihre Ana- lytiker daraus gezogen?« Piers zuckte die Achseln. »Das meiste war offen- sichtlich. Als Payne nach Moskau zurückkehrte, be- kam er den Auftrag, sämtliche Akten und Dokumente von Newman zu überprüfen. Er fand übrigens nichts, was von Bedeutung gewesen wäre. Aus den Eintra- gungen in Newmans Dienstbuch und den Stationsak- ten ging hervor, dass Nikolai Karelin der Name einer, britischen Quelle im Raum Sosnogorsk ist. Er ist ein Computer-Programmierer, der früher an der Radar- station Petschora tätig war und uns ein paar nützliche, aber nicht gerade hochklassige Erkenntnisse zukom- men ließ. Newmans Aufzeichnungen zufolge arbeitet er jetzt an einem anderen Projekt in dieser Gegend, aber wir wissen nicht, worum es sich dabei handelt.« »Und die Codewörter?«, fragte Richter. »Das war genauso einfach, weil es in Newmans Dienstbuch stand. Schtschit war Paynes Erkennungs- zeichen, und die Antwort Stukatch bedeutete, dass Ka- relin eine weitere mögliche Quelle in Petschora aus- findig gemacht hatte, worum Newman ihn gebeten hatte. Payne wurde nur als Nachrichtenbote einge- setzt.« Taylor lehnte sich zurück. »Und Tschernoschopy?«, fragte Richter. »Das«, räumte Taylor ein, »wissen wir nicht. Payne konnte weder in Newmans Akten noch in seinen Auf- zeichnungen einen Hinweis darauf finden. Wir kön- nen bestenfalls raten, dass es sich dabei um ein Er- kennungszeichen für den neuen Agenten handelte, den Karelin anwerben wollte.« »Okay, das leuchtet mir ein«, sagte Richter nach kurzem Nachdenken. »Noch eine Frage. Aus Paynes Personalakte geht hervor, dass er Deutsch und Fran- zösisch alles andere als fließend beherrscht. Wie konn- te er da für die Geschäftsleute dolmetschen, mit denen er unterwegs war?« »Kein Problem«, erwiderte Taylor. »Offenbar konn- ten die Franzosen und der Deutsche so gut Englisch,, dass sie halbwegs mitgekommen sind.« Richter griff nach der Kaffeekanne und goss zwei weitere Tassen ein. »Übrigens«, sagte Taylor noch leiser als zuvor, »warum sind Sie bewaffnet?« Richters Sakko klaffte etwas auf, sodass der wuch- tige Griff des Smith & Wesson herausragte. Rasch verdeckte er ihn wieder. »Ich habe Ärger mit Geldein- treibern«, sagte er. Taylor grinste ihn an. »Handelt es sich womöglich um russische Geldeintreiber?« »Womöglich«, räumte Richter ein. Taylor runzelte kurz die Stirn, und Richter beugte sich vor. »Ja?«, fragte er erwartungsvoll. »Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas zu bedeuten hat«, sagte Taylor, »aber ein paar von unseren Cou- sins haben heute Morgen angefragt, ob wir ihnen ei- nen Gefallen tun können.« »Die Firma?« Richter war überrascht. »Ich dachte, das läuft normalerweise andersrum. Worauf sind sie denn aus?« »In erster Linie«, sagte Taylor, »geht es ihnen um den Zugang zu einer hochrangigen Quelle in Moskau.« Richter riss die Augen auf. »Die verlangen ja gar nicht viel, was? Die Schlüssel zum Kreml wollen sie aber nicht, oder?« Richter blickte sich in der Lounge um. »Haben Sie so eine Quelle?«, fragte er. Piers Taylor schüttelte den Kopf. »Sie wissen doch, dass ich Ihnen das nicht sagen darf«, murmelte er. »Beschränkte Auskunftsbefugnis und dergleichen. Aber selbst wenn wir eine solche Quelle hätten«, fuhr, er fort, »können Sie davon ausgehen, dass wir nicht bereit wären, sie zu gefährden, ohne dass ein gewich- tiger Grund vorliegt.« Richter nickte. »Und die Firma konnte keinen ge- wichtigen Grund nennen?« »Keinen, der gewichtig genug war«, erwiderte Tay- lor. »Nur lauter unbestätigtes Zeug über einen gehei- men Angriff auf den Westen.« Richter setzte sich auf. »Einen geheimen Angriff? Das klingt meiner Ansicht nach ziemlich ernst. Was für Material haben sie vorgelegt?« »Das ist ja das Problem. Sie haben so gut wie gar nichts vorgelegt. Sie behaupten, sie hätten ihrerseits eine hochrangige Quelle in Moskau, und diese Quelle hätte bei ihnen die Pferde scheu gemacht. Die ganze Sache steht unter NOFORN-Vorbehalt, deshalb kön- nen oder wollen sie nichts Genaueres darüber sagen.« »Warum lassen sie sich das Material nicht von ihrer Quelle bestätigen?« Taylor schüttelte den Kopf. »Das können sie nicht«, erklärte er. »Sie haben keinen Kontakt mehr mit ihr, seit sie die Nachricht von dem geplanten Angriff ge- schickt hat.« »Deshalb fühlen sie also beim SIS vor«, sagte Richter. »Genau.« »Haben Sie ihnen gesagt, dass Sie ihnen nicht wei- terhelfen können?« »Noch nicht«, erwiderte Taylor. »Aber das kommt noch.«, Hammersmith, London Richter berichtete Simpson von dem ergebnislosen Gespräch. »Und wo stehen wir jetzt?«, fragte Simpson. »Wir kommen nicht weiter«, erwiderte Richter. »Wenn Payne nur den Kontakt zu einer bereits vor- handenen Quelle pflegen wollte, kann sein Aufenthalt in Sosnogorsk nichts mit dem Flug des Blackbird zu tun haben.« »Das wissen wir«, warf Simpson ein, »nicht aber die Russen.« Richter warf ihm einen anerkennenden Blick zu. »Das stimmt«, sagte er bedächtig. »Sie wussten es nicht. Vielleicht war es nur ein unglücklicher Zufall. Wenn sie in dem Gebiet da oben irgendwelche krummen Sachen treiben, von denen die Amerikaner etwas wissen, ohne uns Bescheid zu geben, und wenn sie festgestellt haben, dass Payne stellvertretender Lei- ter der Station Moskau ist, dann könnten sie auf die Idee gekommen sein, dass der SIS in Sosnogorsk Er- kundigungen anstellt. In diesem Fall könnte es sein, dass sie sich Newman geschnappt haben, weil er Pay- nes Vorgesetzter war, um ihn zu verhören.« Beide saßen einen Moment lang schweigend da und dachten über diesen neuen Gesichtspunkt nach. »Ir- gendwelche Empfehlungen?«, fragte Simpson schließ- lich. »Zwei«, sagte Richter. »Erstens sollte ich meiner Meinung nach noch mal bei JARIC vorsprechen und, feststellen, ob die Fahrzeuge, die sie entdeckt haben, irgendwo in der Nähe von Sosnogorsk herumstanden. Zweitens frage ich mich, ob wir nicht etwas Offen- sichtliches übersehen. Die Amerikaner haben doch die Pferde scheu gemacht, als sie den Blackbird eingesetzt haben. Ich glaube, Sie sollten mal mit dem Chef der CIA-Station London sprechen und zusehen, ob Sie in Erfahrung bringen können, was die ihrer Meinung nach da oben entdeckt haben.« Simpson nickte. »Gute Idee. Ich werde ihn mir bei der nächsten Besprechung des Joint Intelligence Committee vornehmen.« »Haben wir seither irgendetwas über die Filme des Blackbird erfahren – von den Amerikanern, meine ich?« Simpson schüttelte den Kopf. »Nichts. Wir haben einen kurzen Vermerk bekommen – von Langley di- rekt an den SIS gesandt –, demzufolge die Auswer- tung negativ war. Zwei Tage, nachdem wir ihnen die Filme überlassen haben.« »Glauben Sie das?« »Natürlich nicht. Sie etwa?« »Nein«, sagte Richter. »Nie und nimmer schicken die Amerikaner einen Blackbird über russisches Terri- torium und riskieren einen schweren internationalen Zwischenfall, wenn sie sich nicht sicher sind, dass sie dort irgendwas finden. Und sie würden die Sache auch nicht einfach wie heiße Kohlen fallen lassen und sich nicht weiter darum kümmern. Irgendetwas geht da vor, und ich habe das deutliche Gefühl, dass es sich, um eine große Schweinerei handelt, die wir ausbaden müssen. Es gibt da noch etwas, das Sie wissen soll- ten«, fügte er hinzu. »Vielleicht entscheiden Sie sich dann, lieber sofort mit dem Londoner CIA-Chef zu sprechen.« »Was?« »Nach Auskunft von Piers Taylor haben die Cou- sins erfahren, dass von Moskauer Seite aus eine Art geheimer Angriff auf den Westen im Gange ist.« Simpson richtete sich auf. »Einzelheiten?«, blaffte er. »Das ist ja das Problem. Es gibt keine. Die Cousins sind diesbezüglich sehr zugeknöpft, sagt Piers. Nicht zuletzt deswegen, weil die ganze Sache von Langley mit einem NOFORN-Vorbehalt belegt wurde. Aber sie meinen es ernst«, fuhr Richter fort. »Sie haben Piers sogar gefragt, ob der SIS eine hochrangige Quelle in Moskau hat, die ihre Informationen bestätigen könn- te.« »Herr im Himmel.« »Sie bewegen sich in höheren Kreisen als ich«, sagte Richter. »Haben Sie etwas flüstern gehört? Irgendet- was?« »Nicht das Geringste«, erwiderte Simpson. »Hat Taylor irgendwelche Hinweise auf diesen Angriff vor- liegen?« Richter schüttelte den Kopf. »Nein, aber er nimmt die Sache eindeutig ernst. Er meint, dass uns der SIS demnächst mit den Nachforschungen beauftragen wird.«, »Na schön«, sagte Simpson. »Versuchen Sie es bei Ihren Ansprechpartnern bei der CIA. Sehen Sie zu, ob Sie von denen irgendeinen Hinweis daraufbekom- men, was da vor sich geht. Danach versuchen Sie es noch mal bei JARIC – irgendetwas muss auf diesen verdammten Filmen zu sehen sein. Ich werde mich bemühen, vom Stationschef der CIA oder von seinem Stellvertreter etwas Vernünftiges zu erfahren.« Theatreland, London Harvey Sharpe entsprach nicht dem Bild, das man sich im Allgemeinen von einem CIA-Mann macht. Er war klein, kahlköpfig, gut zwanzig Kilo zu schwer und schwitzte heftig in der Londoner Hitze, als er Richter mit seiner dicken Brille über seinen zweiten trockenen Martini hinweg anblickte. Vergebens wisch- te er sich mit einem großen grünen Taschentuch die Stirn ab. Richter bestellte bei der Bedienung einen weiteren Drink für ihn. »Ich wünschte, ihr Tommys würdet endlich Klima- anlagen erfinden«, beschwerte sich Sharpe. »Hier drin ist es selbst ohne diese Menschenmassen furchtbar heiß.« Es war zwanzig nach sieben, und sie saßen an einem kleinen Ecktisch in einer proppenvollen Wein- bar in der Nähe der Drury Lane, in der so ein Stimmengewirr herrschte, dass niemand hören konn- te, worüber sie sich unterhielten. »Von euch können wir sicher noch eine ganze Men-, ge lernen«, sagte Richter, worauf Sharpe ihm einen argwöhnischen Blick zuwarf. »Warum wolltest du dich mit mir treffen, Paul? Ich habe daheim Frau und Kinder, die ich gern mal wie- der sehen möchte.« Richter schaute ihn einen Moment lang an. Er hatte drei Ansprechpartner bei der CIA in London – zwei bei der Abteilung Aufklärung und Harvey bei der Forschung. Genau genommen war »Forschung« eine falsche Bezeichnung, da die Abteilung für technische Nachrichtenbeschaffung zuständig war, wozu Atom- waffentechnologie, vor allem aber die Auswertung von Satellitenfotos und Bildern von Aufklärungsflug- zeugen zählte. Harvey war Fotoanalytiker und Tech- nikspezialist – wenn irgendjemand über die Filme des Blackbird Bescheid wusste, dann war er es. »Harvey«, sagte Richter, »wir haben ein Problem. Wir haben den Eindruck, dass wir von deiner Firma nicht mehr so viel erfahren wie früher. Genau genommen erfahren wir gar nichts mehr.« Sharpe warf ihm einen kurzen Blick zu und trank einen weiteren Schluck Martini. »Hast du etwas von dem Blackbird gehört?« Sharpe nickte zögernd. »Weißt du, was auf den Filmen zu se- hen ist?« Wieder nickte der Amerikaner. »Darf ich es auch erfahren?« Sharpe trank sein Glas aus, und als die Bedienung den Martini brachte, den Richter bestellt hatte, nahm er ihn dankbar entgegen. »Das geht nicht«, sagte er schließlich. »Warum nicht?«, fragte Richter. »Wir haben einan-, der doch schon öfter ausgeholfen, Harvey. Ich habe dir eine Menge gutes Material zukommen lassen. Wir müssen wirklich Bescheid wissen, und du bist mir noch einiges schuldig.« Sharpe schüttelte den Kopf. »Harvey«, sagte Richter mit kaltem, hartem Tonfall, »lass mich nicht abblitzen. Wir haben wegen dieser Sache unseren Stationschef in Moskau verloren.« Sharpe blickte erschrocken auf. »Du meinst –« »Ich meine, dass er liquidiert wurde, Harvey«, er- klärte Richter. »Auf die ganz brutale Art, wie du im- mer sagst. Vermutlich in der Lubjanka, und dort geht es wirklich hart zu.« Sharpe trank einen weiteren Schluck. Richter hatte den Eindruck, dass der Amerikaner etwas blasser ge- worden war. Ringsum herrschte ein ständiges Kom- men und Gehen, ein stetes Stimmengewirr, sinnlos und unverständlich. »Ich habe gehört, er sei bei einem Verkehrsunfall umgekommen«, sagte Sharpe beinahe trotzig. »Vor dem Flug des Blackbird.« »Das ist die offizielle Version, Harvey, aber wir sind uns ziemlich sicher, dass er beim Verhör starb, und wir gehen davon aus, dass da ein Zusammen- hang besteht. Ich kann dir nichts Näheres dazu sa- gen, aber ein SIS-Mann war etwa eine Woche vorher in dem Gebiet, das der Blackbird überflogen hat. Wir nehmen an, dass die Russen dachten, es hätte etwas mit dem zu tun, was sie da draußen in der Tundra treiben. Und deine Leute müssen wissen, dass da oben irgendetwas vor sich geht, sonst hättet ihr den Black- bird nicht eingesetzt.« Der Amerikaner saß schwei-, gend da, trank einen Schluck und wich Richters Blick aus. »Harvey.« »Ich kann dir nichts sagen.« »Harvey, bitte.« Sharpe trank einen weiteren Schluck, wischte sich erneut die Stirn ab und beugte sich vor. Er sprach so leise, dass Richter ihn kaum verstehen konnte. »Okay, hör zu. Wir haben letzte Woche Kopien von den Fil- men bekommen. Aber das war nicht das übliche Zeug von den Keyholes – den KH-12-Satelliten. Nur ein kleiner Personenkreis durfte sie sehen, Paul. Aus- schließlich Analytiker und Stationsleiter. Und sie standen unter NOFORN-Verschluss. Weißt du, was das heißt?« Richter nickte. »Normalerweise gilt nur das übliche US/UK EYES ONLY«, sagte Sharpe. »Und wir haben eine ausdrückliche Anweisung aus Langley erhalten – Zugang nur für US-Personal, zu niemand anderem auch nur ein Wort. Es geht um meinen Job, wenn ich dir das verrate, Paul.« »Okay, Harvey.« Richter hatte eine Idee. »Hast du schon mal Scharade gespielt?« »Was?« »Scharade. Du weißt schon, das Gesellschaftsspiel. Ich möchte mal eine andere Version probieren. Ich stelle dir eine Frage, und du sagst ›ja‹ oder ›nein‹. Das ist alles, Harvey. ›Ja‹ oder ›nein‹. Okay?« Sharpe starr- te ihn an. »Du verrätst mir nichts, Harvey. Ich frage dich etwas. Das ist doch kein Gespräch, oder?« Sharpe schüttelte bedächtig den Kopf. »Nein, ich glaube nicht.«, »Okay. Versuchen wir’s.« Richter hielt inne, dachte nach und legte sich seine Fragen zurecht. »Erstens«, sagte er. »Weißt du, dass wir Kopien von den Filmen haben?« »Ja.« »Uns ist in einer bestimmten Gegend eine Ansamm- lung von Fahrzeugen aufgefallen. Ist das von Bedeu- tung?« Der Amerikaner nickte. »Bauen die Russen dort irgendwas?« Sharpe lächelte zum ersten Mal. »Nein.« Sein Tonfall verriet Richter, dass er weit daneben- lag. »Haben sie irgendetwas zerstört?« Sharpe nickte kurz. »Ja.« »Etwas Neues?« »Nein, sehr alt.« Er beugte sich wieder vor. »Ich meine damit, uralt.« »Was denn – aus der Vorkriegszeit?« Die Antwort verschlug Richter die Sprache. »Nein«, sagte Sharpe. »Aus vorchristlicher Zeit.« »Was?« Sharpe schüttelte den Kopf. Richter dachte eine Zeit lang nach, dann fuhr er fort. »War das, was sie zer- stört haben, wichtig?« »Völlig wertlos.« Richter lehnte sich zurück. Dazu fiel ihm nichts ein. »Ist dieses Ding auf den Filmen zu sehen, bevor es zerstört wurde?« »Auf welchen Filmen?« »Auf denen aus dem Blackbird.« »Nein.«, »Was ist mit den Satellitenbildern? Wir haben ein paar, die vor etwa einem Monat aufgenommen wur- den. Ist es darauf zu sehen?« »Ja.« Richter war inzwischen ziemlich verwirrt. »Ich komme nicht mehr mit, Harvey. Die Russen haben weit draußen in der Tundra etwas zerstört, das über zweitausend Jahre alt, aber völlig wertlos ist. Und deswegen stellt das Pentagon einen Blackbird wieder in Dienst und schickt ihn über die GUS?« Sharpe nickte. »Denk mal ein bisschen weiter, Paul. Diese Gleichung besteht aus zwei Komponenten, aber du hast bisher nur nach einer gefragt. Schau dir die Filme an, die ihr habt, aber achte nicht auf etwas, was darauf zu sehen ist – achte auf etwas, was nicht drauf ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen.« Sharpe stand auf. Richter hatte mit einem Mal eine Idee. »Wir haben keinerlei Daten aus den Strahlungs- detektoren des Blackbird bekommen, Harvey. Hat das was zu bedeuten?« Sharpe nickte. »Zeigen sie eine starke Strahlung?« Sharpe schüttelte den Kopf. »Zei- gen sie überhaupt eine Strahlung?« »Nein.« Der Amerikaner beugte sich vor und sagte leise: »Nur die übliche Hintergrundstrahlung. Sonst nichts. Bedenke das – sonst nichts.« Er schob sich aus der Ecke. »Das war’s. Ich gehe jetzt heim. Viel Glück, und denk dran: Von mir hast du nichts erfahren.« Richter saß gedankenverloren da, als sich der Ame- rikaner durch das Getümmel zur Tür drängte., Donnerstag Hammersmith, London Am nächsten Morgen sprach Richter wieder mit Simpson. Simpson verstand nicht, worauf Harvey hinausgewollt hatte, was nicht weiter verwunder- lich war, da Richter es auch nicht verstand. Aber er versuchte es zu erklären. »Wer ist der Kerl?« Richter schüttelte den Kopf. »Ich gebe meine In- formanten nicht preis. Er ist Analytiker bei der CIA in London. Mehr verrate ich Ihnen nicht.« »Aber er weiß, wovon er spricht.« »Ja. Hundertprozentig.« »Und die Filme – auf ihnen ist etwas zu sehen?« »Ja – besser gesagt, auf ihnen ist nichts zu sehen. Und genau darauf sollen wir nach Aussage meines Informanten achten.« »Verwirren Sie mich nicht noch mehr. Ich setze mich mit JARIC in Verbindung und sage Bescheid, dass wir vorbeikommen.« »Wir?«, fragte Richter erstaunt. Simpson lächelte. »Auch ich verlasse gelegentlich dieses Büro, Richter. Ja, wir suchen die Flieger auf und sehen uns diese Filme an. Rufen Sie den Fuhr-, park an und teilen Sie mit, dass wir den Jaguar nehmen.« Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London »Hat sich dieser Taylor schon gemeldet?«, fragte John Westwood, als die beiden Männer das sichere Bespre- chungszimmer betraten. »Nein«, erwiderte Roger Abrahams. »Vergiss nicht, dass er erst mit seinen Vorgesetzten reden muss, ehe sie uns die Quelle, die sie haben, zur Verfügung stellen.« »Wenn überhaupt.« Abrahams nickte. »Wenn überhaupt.« »Was hast du da?«, fragte Westwood. »Langley hat neues Material auf der sicheren Ver- bindung durchgegeben. Hast du den vorläufigen Be- richt über die Auswertung der Filme und der Detek- toren des Blackbird gesehen?« »Ja.« Westwood nickte. »Kurz vor meiner Abreise.« »Nun«, sagte Abrahams. »Unsere Experten in Lang- ley haben sich die Filme und die seismografischen Aufzeichnungen noch einmal vorgenommen. Ich glaube, du hast gesagt, die Bombe hätte nach ersten Schätzungen eine Sprengkraft von rund fünf Mega- tonnen gehabt.« »Ungefähr, ja.« »Okay«, sagte Abrahams. »Sie mussten das ein biss- chen korrigieren. Die genauere Auswertung der seis-, mografischen Aufzeichnungen deutet darauf hin, dass die Explosion eher eine Wucht von sechs bis sieben Megatonnen hatte. Aber alle sind beunruhigt, weil die Strahlung, die dabei freigesetzt wurde, binnen kürzes- ter Zeit abgeklungen sein muss, da die Detektoren des Blackbird keine erhöhte Radioaktivität feststellen konnten. Das heißt, dass es sich entweder um eine Waffe handelt, die keine Strahlung freisetzt, was völ- lig unmöglich ist, soweit wir wissen, oder dass die Radioaktivität in erstaunlich kurzer Zeit nachlässt. Es muss sich also um eine völlig neue Waffe handeln. Kurzum, es sieht so aus, als hätten wir es mit einer Art Superneutronenbombe zu tun. In Langley ist man vor allem deshalb beunruhigt«, schloss er, »weil sich nie- mand vorstellen kann, warum die Russen sie gebaut haben und was sie damit anfangen wollen.« Abra- hams hielt inne. »Außerdem ist eine neue Anweisung aus Langley eingetroffen, John. Ich glaube, du wirst darüber nicht begeistert sein, aber Langley hat die NOFORN-Verfügung aufgehoben und uns ermäch- tigt, den Briten Einblick in sämtliches Material zu ge- währen. Das gilt vorerst allerdings nur für die Mit- glieder des Joint Intelligence Committee.« Joint Air Reconnaissance Intelligence Centre, RAF Brampton, Huntingdon, Cambridge Simpson fuhr schnell, aber gut, und er entdeckte die Radarfalle an der A1 noch vor Richter. Mit genau, neunundfünfzig Meilen pro Stunde fuhren sie an dem Messgerät vorbei, und Richter tippte sich vor den bei- den Constables kurz an die Schläfe, als der Jaguar den Streifenwagen passierte. »Verdammte Bullen«, grummelte Simpson. Er hielt nicht allzu viel von der britischen Polizei. Andererseits war er aber auch gerecht – es gab fast niemanden, von dem er viel hielt. Richter trug den Smith & Wesson un- ter dem linken Arm, achtete mit Adleraugen auf den Außenspiegel auf der Beifahrerseite und hielt Aus- schau nach feindlichen Agenten, sah aber keine. Punkt Viertel nach elf fuhr Simpson in Brampton durch das Tor, und anschließend ließen die beiden Männer die üblichen Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen. Kemp, der sie im JARIC-Foyer erwarte- te, begrüßte sie etwas frostig. Richter nahm an, dass Simpson bei seinem Anruf hatte durchklingen lassen, dass er keinen Widerspruch duldete. Als Simpson vor ihnen durch die Tür ging, fragte Kemp Richter im Flüsterton, welchen Rang er bekleidete. Air Vice Mar- shal, erwiderte Richter, womit er Simpson zwar um ein paar Stufen beförderte, zugleich aber dafür sorgte, dass der FOE die nötige Unterstützung bekam. Im Betrachtungsraum stellte Kemp Penny Walters vor, die bereits neben der Leinwand wartete. Simpson schenkte ihr ein kurzes, falsches Lächeln und wandte sich dann an Kemp. »Gut, fangen Sie an.« Kemp be- gab sich ans Lesepult und begann mit seiner Einlei- tung. Richter sah, dass Simpson rosarot anlief, ein Zeichen, dass er sich ärgerte. Deshalb griff er ein., »Squadron Leader, ich glaube, Sie können davon ausgehen, dass Mr. Simpson mit den näheren Einzel- heiten des Fluges vertraut ist. Und ich kann auch bes- tätigen, dass er die höchste Sicherheitsstufe innehat. Wir würden uns gern ansehen, was Sie auf den Fil- men entdeckt haben, falls Sie überhaupt etwas gefun- den haben.« Kemp, der ein bisschen verwirrt wirkte, winkte Penny zu sich. »Ich war an der weiteren Auswertung des Materials nicht beteiligt«, erklärte er. »Aber ich glaube, Sub Lieutenant Walters ist fündig geworden.« Penny trat vor und bedachte Simpson mit einem nervösen Lächeln. »Das Auffälligste, was ich entdeckt habe, ist etwas, das nicht zu sehen ist – es ist nicht vorhanden. Das klingt furchtbar wirr, Sir, aber ich versuche es zu erklären.« Simpson beugte sich vor. »Genau darauf hatte ich gehofft«, sagte er. »Wir hatten einen Hinweis von ei- ner anderen Quelle« – er warf einen Blick zu Richter –, »dass die Filme deshalb von Bedeutung sind, weil darauf irgendetwas nicht zu sehen ist.« Penny wirkte leicht verdutzt, nickte aber und fuhr fort. »Auf den Satellitenbildern, die vor rund zwei Monaten aufgenommen wurden, war ein kleiner Hü- gel zu sehen. Etwa hier.« Sie zog die Karte von Nord- westrussland herunter, die Kemp bei Richters letztem Besuch benutzt hatte, und deutete auf die Stelle. Kemp schaute gespannt hin. »Und?«, fragte er. »Nun ja, auf dem Film des Blackbird ist der Hügel, nicht mehr vorhanden. Ich dachte zuerst, er wäre ein- geebnet worden, weil man dort Ackerbau betreiben will, aber dafür ist diese Stelle ein bisschen zu abgele- gen. Und da es in der näheren Umgebung keine grö- ßeren Straßen gibt, glaube ich auch nicht, dass man dort etwas bauen wollte.« Sie hielt inne und zuckte die Achseln. »Das ist alles, fürchte ich.« »Was befindet sich in der Nähe?«, fragte Richter. »Ich meine, wo ist die nächste Ansiedlung?« Penny blickte auf die Karte und schätzte die Entfer- nung ab. »Da oben ist nicht allzu viel«, sagte sie. »Ich meine, diese Stelle liegt an den westlichen Ausläufern des Ural. Die nächste Ansiedlung ist vermutlich An- judin, und die liegt etwa vierzig, fünfzig Meilen wei- ter südwestlich. Aber sie ist ziemlich klein.« »Was sind die nächsten Städte?«, fragte Simpson. »Petschora im Nordwesten, nehme ich an, und Uch- ta im Westen. Beide sind etwa gleich weit von der Stelle entfernt.« Danach herrschte eine Zeit lang Schweigen, während Richter und Simpson über das Gehörte nachdachten. Dann ergriff Kemp das Wort. »Ich frage mich eines. Könnte es sein, dass es sich um die ersten Vorbereitun- gen für den Bau einer militärischen Anlage handelt? Aber dann müsste eine vernünftige Zufahrtsstraße vorhanden sein – es wäre viel zu aufwendig, die gan- zen Baugeräte per Flugzeug zu einer so abgelegenen Stelle zu transportieren – und das heißt –« Simpson unterbrach ihn. »Falsch. Wir wissen, dass es sich nicht um eine Baustelle handelt. Unser Infor-, mant hat darauf verwiesen, dass der abgetragene Hü- gel der entscheidende Punkt ist.« Kemp schaute Simpson einen Moment lang an, dann wandte er sich an Penny. »Okay, Penny. Sagen Sie im Vorführraum Bescheid, dass wir uns eine Binoku- larprojektion vom letzten Satellitenbild und daneben Aufnahmen ansehen wollen, die der Blackbird vom gleichen Gebiet gemacht hat.« Etwa fünf Minuten später kehrte sie zurück. Unter- dessen war auch der Kaffee da, den vermutlich Kemp bestellt hatte. Kemp bediente sie. Er reichte Richter ei- nen leicht angeschlagenen Becher mit einer nicht mehr entzifferbaren Aufschrift. Simpson bekam eine Tasse samt Untertasse und zwei Kekse. »Alles bereit.« »Gut«, sagte Kemp. »Vorführer – fertig?« Das Licht ging aus. Simpson und Richter blickten auf die Bilder, und Penny lieferte den Kommentar. »Das linke Bild ist die Satellitenaufnahme. Quelle: USAF. Vor vier Wochen von einem Aufklärungssatelli- ten vom Typ KH-12 aufgenommen, besser bekannt un- ter der Bezeichnung ›Keyhole‹. Der Keyhole-Satellit di- gitalisiert Bilder automatisch und sendet dann die Da- ten an eine Reihe von Fernmeldesatelliten, die sich in einer geostationären Umlaufbahn über ihm befinden.« »Und wohin werden sie von dort aus weitergelei- tet?«, fragte Simpson. »Je nach Standort des Keyhole sendet der Fernmel- desatellit das Signal entweder direkt oder indirekt – über einen weiteren Fernmeldesatelliten – an die Mis-, sion Ground Site in Fort Belvoir, nahe Washington, D.C. Von Fort Belvoir aus werden die Aufnahmen an das National Photographic Interpretation Centre – kurz N-PIC, das amerikanische Pendant zu JARIC – mit Sitz im Haus Nummer 213 am Washington Navy Yard weitergeleitet. Durch die Keyhole-Technologie erhalten der amerikanische Generalstab wie auch die Gefechtskommandeure ihre Bilder nahezu in Echtzeit, normalerweise innerhalb weniger Minuten nach der Aufnahme. Wir hingegen«, fuhr Penny fort, »müssen für gewöhnlich eine ganze Weile länger warten, bis wir die Bilder über den großen Teich geliefert be- kommen. Bestenfalls dauert es ein paar Stunden, aber normalerweise tage- oder sogar wochenlang. Der Sa- tellit befand sich an dieser Stelle in einer Höhe von ungefähr einhundertfünfunddreißig Meilen, aber wie Sie sehen können, ist die Bildqualität gut. Das liegt an den ausgezeichneten Kameras, und außerdem eignet sich der KH-12 aufgrund seiner stabilen Lage hervor- ragend für Aufklärungsfotos aus großer Höhe. Das rechte Bild stammt vom Film des Blackbird, und wie Sie sehen können, zeigt es nur den mittleren Abschnitt der Satellitenaufnahme.« Sie nahm ein Mikrofon vom Wandhalter und sprach hinein. »Bitte zehnfache Ver- größerung bei linker Aufnahme.« Das Bild wackelte leicht, dann schien es auf die Betrachter zuzurasen. »Stopp. Gut so.« Sie wandte sich an Simpson. »Wir können die Satellitenaufnahme über den Projektor nicht allzu stark vergrößern, sonst geht die Schärfe verloren. Aber ich glaube, anhand der beiden Auf-, nahmen werden Sie jetzt erkennen können, was ich Ihnen zeigen möchte.« Sie griff wieder zum Mikrofon. »Bitte Raster einblenden.« Auf den Bildern, die sich nach Richters Meinung bestenfalls ein bisschen ähn- lich sahen, tauchten mit einem Mal vertikale und ho- rizontale Linien auf; die vertikalen waren mit Buch- staben gekennzeichnet, die horizontalen mit Ziffern. »Verkleinern Sie den Rastermaßstab an der linken Aufnahme um dreißig Prozent. Stopp. Genau so.« Sie ging zur Leinwand und nahm ihren Leuchtstab. »Trotz des unterschiedlichen Maßstabs stellen die beiden mit einem Raster versehenen Gebiete den glei- chen geografischen Raum dar. Sie unterscheiden sich hauptsächlich deshalb voneinander, weil die Him- melsrichtung nicht übereinstimmt. Das linke Bild wurde in Richtung Norden aufgenommen, deshalb ist Norden wie üblich oben. Die Aufnahme des Blackbird hingegen ist um etwa hundertzehn Grad gegen den Uhrzeigersinn in Richtung Osten entstanden.« Sie deutete mit dem Stab auf die Leinwand. »Zunächst die Vergleichspunkte. Dieser kleine schwarze Fleck in Quadrat Alpha vier ist ein Felsen, der etwas dunkler ist als die Umgebung.« Sie deutete auf einen kleinen Klecks auf dem linken Bild und zeigte dann auf eine ähnlich aussehende Stelle auf der Aufnahme des Blackbird. Richter nahm sie beim Wort, denn in seinen Augen war das Bild nach wie vor nichts als ein Wirr- warr verschwommener Konturen. Er fragte sich, wie lange die Ausbildung eines Bildauswerters dauerte. »Hier, in Hotel sieben, sehen wir einen kleinen Ge-, birgsausläufer, und eine ähnliche Formation haben wir hier oben, in Papa achtzehn. Nun, hier auf dem linken Bild ist der Hügel ganz deutlich sichtbar.« Sie fuhr mit dem Zeigestab über einen dunklen Bereich, der sich mehr oder weniger in der Mitte des Bildes be- fand. Richter blickte auf die andere Aufnahme und stellte fest, dass dieses dunkle Areal im entsprechen- den Planquadrat nicht vorhanden war – dort war un- gefähr an der gleichen Stelle ein etwas hellerer Fleck zu sehen. »Auf der Aufnahme des Blackbird«, fuhr Penny fort, »ist der Hügel verschwunden, und allem Anschein nach befindet sich an der gleichen Stelle ei- ne flache Mulde.« Kemp unterbrach sie. »Könnten Sie Mr. Simpson die ungefähren Ausmaße des Hügels nennen?« »Sicher. Bei einer Fehlerquote von plus oder minus fünfzehn Prozent ist er – beziehungsweise war er – rund dreißig Meter hoch, bei einem Durchmesser von etwa einhundertfünfzig Metern, und mehr oder weni- ger rund. Im Querschnitt ähnelte er einer umgedreh- ten Schüssel.« Kemp stand auf, ging zur Leinwand und musterte die beiden Bilder. Simpson wandte sich an Penny. »Richter hat mir mitgeteilt, dass Sie an einer bestimmten Stelle auf die- sen Filmen eine ungewöhnliche Anzahl von Fahrzeu- gen entdeckt haben. Befindet sich diese Stelle in der Nähe des Hügels?« »Ja, Sir. Etwa eine Meile entfernt, ein Stück südöst- lich davon.«, »Ist Ihnen an den Fahrzeugen oder ihrer Ladung ir- gendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?« »Eigentlich nicht, Sir. Wie ich Commander Richter schon beim letzten Mal erklärt habe, handelte es sich um zwei Tieflader mit einem Bagger und einem Bull- dozer, aber alle anderen Fahrzeuge waren Kastenwa- gen. Auf einem der Bilder steht die hintere Ladeklap- pe eines zivilen Lastwagens offen, und es sieht so aus, als hätte er möglicherweise eine kleine Satelliten- schüssel transportiert. Aber das ist alles.« »Eine Satellitenschüssel? Sind Sie sich da ganz si- cher?« »Offen gesagt, nein, Sir. Die Aufnahme entstand an einem sonnigen Tag, und trotz der offenen Klappe liegt der Laderaum im Schatten. Ich habe lediglich eine helle Scheibe mit einem Durchmesser von etwa einem Meter gesehen. Sie sah aus wie eine Satellitenschüssel, aber es hätte sich auch um einen kleinen Campingtisch oder um eine Kabelrolle handeln können.« Kemp unterbrach sie. »Ich sehe auf keinem der bei- den Bilder Reifenspuren, die schwere Fahrzeuge hin- terlassen haben müssten. Und wenn der Hügel unmit- telbar nach der Satellitenaufnahme abgetragen wurde, sollte man auf der Aufnahme des Blackbird auch die Spuren der Baumaschinen sehen, die dazu eingesetzt wurden.« Wieder blickte er auf die Leinwand. »Aller- dings kann ich auf der Aufnahme des KH-12 Reife- nabdrücke in der Nähe des Hügels erkennen. Sie se- hen aus, als stammten sie von einem mittelschweren Lastwagen – einem Dreitonner zum Beispiel.«, Kemp deutete auf das linke Bild und wandte sich an die Betrachter. »Man braucht eine Menge schweres Gerät, um einen Hügel von dieser Größe abzutragen, müssen Sie wissen. Hier handelt es sich nicht um eine Sandburg am Strand, die man mit einem Fußtritt platt machen kann. Selbst mit Sprengladungen – und die wären dazu nötig gewesen – hätte es mindestens ei- nen Monat gedauert, bis die Erde und der Schutt be- seitigt wären. Grob überschlagen, haben wir es hier mit über anderthalb Millionen Kubikmeter Erdreich zu tun. Was uns zum nächsten Punkt führt – wohin hat man es gebracht?« »Vielleicht haben sie ein Loch gebuddelt und es vergraben«, sagte Richter. Penny kicherte, und Simp- son warf ihm einen Blick zu, mit dem man ein Ei hätte braten können. Simpson stand auf, ging zur Leinwand und schaute sich beide Bilder an. »Ich nehme an«, sagte er, »dass wir es hier nicht mit einem Atomwaffentestgelände zu tun haben?« Danach herrschte kurz Stille, ehe Kemp antwortete. »Nein, nicht wenn es sich um eine herkömmliche Kernwaffe handelte. Bei unterirdischen Tests entste- hen zwar immer Bodensenken, so wie wir sie auf die- sem Bild sehen, aber sie hinterlassen auch einen deut- lich erkennbaren Ring aus aufgeworfener Erde im Umkreis um das Epizentrum. Auf diesem Bild ist nichts von einem solchen Ring zu sehen.« »Und bei einem überirdischen Test?« Kemp schüttelte den Kopf. »Die Russen führen stets, unterirdische Tests durch. Und die wenigen überirdi- schen Tests, die sie durchgeführt haben, erfolgten immer auf die gleiche Art – sie bauen einen etwa dreißig Meter hohen Turm, bringen die Waffe an der Spitze an und zünden sie. Auf keinem der Keyhole- Bilder ist ein Turm zu sehen.« Er blickte zu Penny, die entschieden den Kopf schüttelte. »Eindeutig nein«, sagte sie. »Die Türme sind nicht zu übersehen.« »Außerdem«, fuhr Kemp fort, »hinterlassen überir- dische Tests unverwechselbare Spuren, und auf den Filmen des Blackbird haben wir nichts dergleichen ge- funden.« »Was ist mit einer Detonation am Boden?«, fragte Richter. »Entschuldigung? Was meinen Sie damit?« Kemp wirkte verdutzt. »Angenommen, die Russen wollten keinen Turm bauen, sondern haben die Waffe einfach am Boden oder knapp unter der Erdoberfläche angebracht, den Zünder eingestellt und sich verzogen?« »Warum sollten sie das tun?« »Keine Ahnung«, erwiderte Richter. »Ist nur ein Vorschlag. Angenommen sie haben es so gemacht. Was für Spuren würde man hinterher am Boden se- hen?« »Ich weiß es nicht«, sagte Kemp zögernd. »Wenn sich der Hügel im Zentrum der Explosion befand, wä- re er vermutlich verdampft, aber dennoch würde ich annehmen, dass man noch andere Spuren sieht, zum, Beispiel aufgeworfene Erde im weiteren Umkreis.« Er schüttelte den Kopf. »Mag sein, dass ich mich irre, aber ich glaube nicht, dass das hier durch eine Kernwaffe verursacht wurde. Aber vielleicht sollte man zur Si- cherheit die seismografischen Aufzeichnungen über- prüfen.« Kemp hielt kurz inne, dann brachte er eine weitere Überlegung vor. »Ich nehme doch an, dass wir die Sache im richtigen Zusammenhang betrachten.« »Was meinen Sie damit?«, fragte Simpson verdutzt. »Nun ja, wir haben zwei Fotos vorliegen. Auf dem einen ist ein ziemlich großer Hügel zu sehen. Auf dem zweiten indessen, das zwei Monate später entstand, sehen wir weder einen Hügel noch irgendeinen Hin- weis darauf, wie er abgetragen wurde. Wir gehen da- von aus – ich zumindest bin davon ausgegangen –, dass der Hügel eingeebnet wurde, weil man dort et- was bauen will. Aber nehmen wir einmal an, dass es genau umgekehrt war. Dass wir es hier nicht mit einer Baustelle zu tun haben, sondern dass etwas abgerissen wurde. Angenommen, es war gar kein Hügel. Ange- nommen, es war einfach ein getarntes Gebäude, in dem sich eine Art Anlage befand, wie sie die Russen dort oben seit Jahren betreiben. So etwas ließe sich auch ohne schweres Gerät demontieren, nicht wahr? Und das würde auch die Frage nach dem Verbleib des Erdreichs beantworten, die ich vorhin gestellt habe.« Simpson betrachtete die beiden Bilder. Dann warf er einen kurzen Blick zu Richter, der den Kopf schüt- telte. »Mein Informant hat ausdrücklich darauf hin- gewiesen, dass es sich bei dem zerstörten Objekt um, etwas handelte, das völlig wertlos und alt war – sehr alt. Aus vorchristlicher Zeit, sagte er, und ich denke nicht, dass er einen Scherz machen wollte. Ich glaube nicht, dass er einen Bunker aus der Vorkriegszeit oder irgendetwas Ähnliches meinte. Ich glaube, er hat et- was gemeint, das hunderte, wenn nicht tausende von Jahren alt war – ich glaube, das war nichts anderes als ein Hügel. Und selbst wenn es sich um einen künstli- chen Hügel gehandelt haben sollte«, fuhr Richter fort, »was für eine Anlage hätte das denn gewesen sein können? Bedenken Sie, dass die Besatzung mit Provi- ant hätte versorgt werden müssen, wenn diese Ein- richtung bemannt gewesen wäre. Dass man sie ab und zu hätte ablösen müssen, dass sie zusätzliche Geräte gebraucht hätte, Ersatzteile, falls etwas kaputt ging. Selbst wenn es sich nur um eine Überwachungsstation handelte, wären regelmäßige Wartungs- und gele- gentlich auch Reparaturarbeiten angefallen. Man hätte Menschen und Material in diese Gegend befördern, Transportmittel einsetzen müssen, und sei es auch nur gelegentlich einen Hubschrauber. Ich gehe davon aus, dass Sie nichts dergleichen gesehen haben.« Er schwieg einen Moment. »Ich nehme an, Sie hätten das bemerkt?« »Ich würde sagen, ja«, erwiderte Kemp. »Wir be- kommen regelmäßig Aufnahmen von einem KH-12 oder anderen Aufklärungssatelliten, die uns von CIA und NSA überlassen werden. Und selbst wenn die Wolkendecke zu dicht ist, um auf herkömmlichen Filmen etwas sehen zu können, würden die Infrarotde-, tektoren in dieser Gegend alles erfassen, was etwa die Größe eines Menschen hat. Ein Hubschrauber würde ebenso deutlich auffallen wie – entschuldigen Sie den Ausdruck, Penny – die Eier eines läufigen Rüden.« Richter hatte eine Idee. »Gibt es britische Aufklä- rungssatelliten, die diese Gegend überwachen?« Kemp lachte. »Den Nebensatz hätten Sie sich spa- ren können. Von den Fernmeldesatelliten und dem geostationären Satellit, über den Rupert Murdochs Sky Channel ausgestrahlt wird, einmal abgesehen, haben wir nur wissenschaftliches Gerät in der Erdum- laufbahn. Und ich meine damit, dass es wirklich zu rein wissenschaftlichen Zwecken genutzt wird, nicht zu dem, was die Russen darunter verstehen. Wir mes- sen die Strahlung im Weltall, fotografieren die Sterne und horchen auf eventuelle Nachrichten von Außer- irdischen, soweit ich das mitbekommen habe. Aber wir schießen weder Fotos von Mütterchen Russland noch von einer anderen Gegend.« »Aha. Wir sind also völlig von den Amerikanern abhängig, was Aufnahmen von diesem Gebiet an- geht?« »Ja.« Die nächste Frage bot sich von selbst an, aber Rich- ter war eine halbe Sekunde schneller als Simpson. »Setzte die Lieferung dieser Filme irgendwann einmal aus? Ich meine damit, ob Sie, sagen wir mal, eine Wo- che lang keine Bilder bekommen haben?« Kemp dachte einen Moment lang nach, dann stand er auf. »Licht an, bitte. Ich kann mich nicht entsinnen,, aber das lässt sich feststellen. Entschuldigen Sie mich einen Moment.« Er ging, und Richter stellte seinen Kaffeebecher ab. Penny kam zu ihm und nahm neben ihm Platz. Simp- son warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Worauf wollen Sie hinaus?« »Darüber bin ich mir im Moment noch nicht ganz im Klaren«, erwiderte Richter. »Aber offensichtlich übersehen wir irgendetwas, und ich weiß nicht, was es ist. Jedenfalls müssen die Amerikaner irgendeinen Hinweis bekommen haben, dass in Nordwestrussland irgendetwas im Gange ist, sonst hätten sie den Black- bird nicht eingesetzt. Und da wir diesbezüglich im Dunkeln tappen, schließe ich daraus, dass sie per Sa- tellit irgendetwas entdeckt haben, von dem wir nichts erfahren sollen. Wenn das der Fall ist, könnten sie uns einfach die entsprechenden Filme vorenthalten haben. Vielleicht haben sie in dem fraglichen Zeitraum eine technische Störung vorgeschützt.« »Ja, das klingt einleuchtend. Aber was wollen sie uns nicht sehen lassen?« Richter schüttelte den Kopf. »Im Moment habe ich nicht die geringste Ahnung.« SWR-Zentrale, Jasenewo, Moskau »Wann brichst du auf, Nikolai?«, fragte Sokolow. »Am Sonntagmorgen stoße ich in Minsk zu dem Konvoi«, erwiderte Modin. »Meine alten Knochen, schmerzen, wenn ich länger als eine Stunde im Auto sitze. Minister Truschenko hat mir zwar aufgetragen, dass ich den Konvoi begleiten soll, aber er sagte nicht, ab wo. Deshalb stoße ich in Minsk dazu – wenn ich am Samstag hinfliege, kann ich zumindest noch eine Nacht gut schlafen.« Sokolow nickte. Dann schlug er den ersten der Ak- tenordner auf, die er mitgebracht hatte. Modin warf seinem alten Freund einen gespannten Blick zu, aber Sokolow schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe den Verräter nicht ausfindig machen können, Nikolai, und ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt, ob es ei- nen gibt. Wir haben keine handfesten Beweise, nicht die geringsten. Die Telefonüberwachung, das Abfan- gen der Post, die Observationen haben nichts ergeben. Wenn uns also irgendjemand, der in dieses Projekt eingeweiht ist, verraten hat, hat er seit Beginn der Er- mittlungen keinen Kontakt mehr aufgenommen.« »Und was ist in den Aktenordnern?«, fragte Modin. Sokolow hielt sie ihm hin. »Ich habe nicht nur he- rauszufinden versucht, wer Kontakt zu den Amerika- nern gehabt haben könnte – ich bin die Sache auch von der anderen Seite aus angegangen. Ich konnte feststellen, welche Offiziere keinen Kontakt aufneh- men konnten, weil sie zum Beispiel in Gegenden sta- tioniert sind, zu denen niemand, der aus dem Westen kommt, Zutritt hat. Ich ging davon aus, dass ein Ver- räter nicht so dumm wäre, irgendwelche Beweise für sein Verbrechen per Post an die amerikanische Bot- schaft zu schicken.«, Modin rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Und schon gar nicht mit der russischen Post«, sagte er. »Genau. Und das Gleiche gilt für Telefonanrufe. Die meisten Ferngespräche werden nach wie vor von Hand vermittelt und die Rufnummern werden stets vermerkt. Das wäre zu gefährlich.« »Und was kam dabei heraus?«, hakte Modin nach. »Ich konnte nur acht Offiziere ausklammern«, er- widerte Sokolow. »Darunter wir beide und Minister Truschenko. Damit bleiben immer noch sechzehn Per- sonen übrig.« Modin saß eine Zeit lang schweigend da. »Grigori«, sagte er schließlich, »lass die Beweise mal beiseite. Hast du die Personalakten sämtlicher Offiziere über- prüft?« Sokolow nickte. »Ja, natürlich.« »Und du kennst doch die meisten persönlich?« So- kolow nickte erneut. »Ich habe mich schon immer auf deine Intuition verlassen können«, fuhr Modin fort. »Hast du ein ungutes Gefühl – auch wenn es dir noch so abwegig vorkommen mag –, was einen dieser Offi- ziere angeht? Nehmen wir mal an, du müsstest auf ei- nen von ihnen mit dem Finger weisen.« Sokolow lächelte. »Du meinst, bei wem ich am we- nigsten überrascht wäre, wenn mir jemand sagen würde, er ist ein Verräter.« »Ja, so ungefähr.« »Ich muss zugeben, dass ich den Mann nie leiden konnte«, sagte Sokolow. »Und ich bemühe mich trotzdem darum, mich davon nicht beeinflussen zu, lassen. Aber wenn ich jemanden herausgreifen müss- te, würde meine Wahl auf Wiktor Bykow fallen.« Modin nickte und lächelte grimmig. »Wir hatten schon immer die gleichen Gedanken, Grigori«, sagte er. »Ich habe Bykow bereits in meinen Stab berufen, und er wird mich mit der Waffe nach London beglei- ten. Wenn er der Verräter sein sollte, wird er keine Gelegenheit haben, sich mit den Amerikanern in Ver- bindung zu setzen, bis der Plan in die Tat umgesetzt ist. Dafür werde ich sorgen.« Sokolow nickte sichtlich erleichtert. »Allerdings«, fuhr Modin fort, »könnte Bykow auch völlig unschuldig sein. Deshalb solltest du trotzdem weitere Nachforschungen anstellen, mein Freund.« »Selbstverständlich. Nun, was ist der nächste Schritt?« »Von der Stationierung der Bombe einmal abgese- hen, müssen nur noch die Residenten in den betroffe- nen Städten in den Plan eingeweiht werden und die Anweisungen erhalten, die sie zu befolgen haben. Das müsste in diesem Moment geschehen.« Joint Air Reconnaissance Intelligence Centre, RAF Brampton, Huntingdon, Cambridge »Sie haben Recht«, sagte Kemp. »Etwa acht Tage lang kam nichts, kurz nach den letzten Aufnahmen des KH-12, bei denen auch dieses Bild entstanden ist. Es gab eine technische Störung, die erst nach einer Wo-, che behoben werden konnte. In dieser Zeit haben wir keine Satellitenbilder erhalten.« Penny lächelte Richter an. »Mir war nicht klar, dass Sie übersinnliche Fähigkeiten haben«, sagte sie. »Habe ich auch nicht«, erwiderte er. »Ich kann bloß gut raten, und ich gehe auch jede Wette ein, dass in der Zeit, in der angeblich der Satellit außer Betrieb war, irgendetwas stattgefunden hat, das die Amerika- ner aufgeschreckt hat. Vermutlich haben sie noch mehr Fahrzeuge in der Gegend entdeckt und wollten wissen, was da los ist. Als sie dann auf den Bildern vom KH-12 sahen, dass der Hügel verschwunden war, haben sie den Blackbird eingesetzt, um sich die Stelle genauer anzusehen.« »Das ist noch nicht alles«, erklärte Kemp. »Wir ha- ben nach dieser technischen Störung zwar wieder Bil- der bekommen, aber keine von dieser Gegend, jeden- falls nicht im Umkreis von hundert Meilen.« »Das wundert mich ganz und gar nicht«, sagte Richter. »Und was nun?« Kemps Frage galt Richter, aber Simpson ging darauf ein. »Ich glaube, was JARIC angeht, war das alles. Mei- ner Meinung nach gibt die Auswertung der Filme nichts mehr her. Wir haben festgestellt, dass der Hü- gel verschwunden ist. Jetzt müssen wir herausfinden, wie die Russen das bewerkstelligt haben und warum uns die Amerikaner nichts davon verraten wollen. Und das ist unsere Aufgabe.«, Restaurant Bahuschka, Moskau John Rigby war ein altgedienter Agent, deshalb hatte er den Schatten sofort entdeckt, als er die amerikani- sche Botschaft am Nowinskij Bulwar verlassen hatte, aber er unternahm keine Anstalten, ihn abzuschütteln. Einen Schatten soll man niemals abschütteln, lautet eine der Faustregeln, die für jeden Geheimagenten gelten. Denn daran erkennt der Verfolger, dass er es mit einem Profi zu tun hat, und der betroffene Ge- heimagent ist enttarnt. Wenn ein Profi meint, dass er verfolgt wird, geht er einfach weiter wie gehabt, ohne aufzufallen oder sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Und wenn er tatsächlich auf Abwegen ist, än- dert er seine Pläne und geht irgendwelchen harmlo- sen Geschäften nach. John Rigby wollte nur essen ge- hen, deshalb achtete er nicht weiter auf den Mann in dem dunkelblauen WAZ, während er einen Parkplatz suchte. Das unweit der Nikitskaja Uliza gelegene Restau- rant Babuschka war klein und anheimelnd, ein belieb- tes Speiselokal für ausländische Diplomaten und Zei- tungsleute, die hier ihre Mittagspause verbrachten. Rigby, der Stammgast war, nickte etlichen Bekannten zu, als er seinen Mantel am letzten Haken der unmit- telbar hinter der Tür angebrachten Garderobe aufhäng- te. Statt sich zu seinen Bekannten zu setzen, wählte er einen kleinen Tisch für zwei Personen in der hinteren Ecke. Er setzte sich mit dem Rücken zur Wand, sodass er den Eingang des Restaurants im Blick hatte, bestell-, te sich etwas zu essen und vertiefte sich dann in eine zwei Tage alte Ausgabe des Wall Street Journal. Obwohl er anscheinend völlig in seiner Zeitung auf- ging, achtete Rigby genau darauf, wer hereinkam oder ging, vor allem aber behielt er den Bereich vor der Gar- derobe im Blick. Seit die letzte Nachricht von RAVEN eingegangen war, hatte er sich noch häufiger in die Öf- fentlichkeit begeben als zuvor. Dreimal am Tag hatte er in diversen Restaurants gegessen, er war im Gorkij Park spazieren, im GUM auf Einkaufsbummel gegangen oder einfach durch die Straßen von Moskau spaziert. Sein Zwölffingerdarmgeschwür machte ihm seitdem wieder zu schaffen, und seit einiger Zeit schlief er auch schlecht. Während er eine eher schlichte Mahlzeit zu sich nahm und ein Glas Milch trank – mehr vertrug er nicht, ohne zur Tablettenschachtel zu greifen –, fragte er sich, ob Langley Recht hatte. Ursprünglich hatte man ihm aufgetragen, dass er unter keinen Umstän- den versuchen sollte, RAVEN ausfindig zu machen, weil man Angst hatte, er könnte ihn verschrecken. Aber seit er die Nachricht in seinem Auto gefunden hatte, war man in Langley ganz versessen darauf, die Identität des russischen Informanten festzustellen. Stundenlang hatte sich Rigby die Gesichter der meis- ten höheren Offiziere bei GRU und SWR eingeprägt, dazu, soweit vorhanden, die ihrer Adjutanten, Mitar- beiter, Freunde und Bekannten. RAVEN hatte er da- durch nicht identifizieren können, aber Rigby hatte ein paar Verbindungen entdeckt, von denen die CIA- Station Moskau zuvor nichts gewusst hatte., Bei jedem Essen, jedem Ausflug in die Stadt hatte Rigby stets versucht, so unauffällig wie möglich auf jeden zu achten, der sich ihm, seinem Mantel – den er in jedem Lokal auszog und an die Garderobe hängte – oder seinem Wagen näherte. Bislang war alle Wach- samkeit vergebens gewesen, da RAVEN schlicht und einfach keinen weiteren Kontakt mehr aufnahm. Rigby trank die Milch aus und ging zu der im hin- teren Teil des Restaurants gelegenen Toilette. Als er an seinen Tisch zurückkehrte, bestellte er die Rech- nung, zahlte und nahm seinen Mantel. Er blickte sich noch einmal im Restaurant um, ehe er ging, achtete aber nicht näher auf den grauhaarigen Mann, der al- lein in der hinteren Ecke der Bar saß und in eine Zei- tung vertieft war. Es war ein Missgeschick, denn das Gesicht des Mannes wäre Rigby fast so bekannt vor- gekommen wie sein eigenes. Und wenn er ihn erkannt hätte, wäre die Suche der CIA nach RAVEN vorüber gewesen. Erst als er wieder auf der Straße war, vom Restau- rant wegging und die Hände in die Manteltaschen schob, entdeckte er den kleinen, zylindrischen Ge- genstand. Rigby kehrte sofort um, sah sich sämtliche Gäste genau an und überprüfte sogar die Toiletten. Als er sich zum zweiten Mal zum Gehen anschickte, bemerkte er, dass der Hocker in der hinteren Ecke der Bar frei war. Ein leeres Glas stand am Tresen, und daneben lag die Zeitung., Kutusowskij Prospekt, Moskau »Hallo?«, sagte Gennadi Arkenko, als er den Hörer abnahm. Der Anrufer hielt sich nicht lange mit Anweisungen auf, sondern gab nur die Nachricht durch. »Phase zwei wurde verkürzt. Sofort Option zwei Alpha durchfüh- ren.« Gennadi Arkenko wiederholte die Nachricht und legte auf. Dann nahm er einen Notizblock, riss ein Blatt ab und legte es auf eine Hartfaserplatte, auf der sich keine Schriftzeichen abdrückten – davon hatte er sich zuvor überzeugt. Er setzte sich hin und verfasste eine kurze Meldung in Blockbuchstaben. Dann ging er zum Funkgerät, holte eine Schreibunterlage mit ab- reißbaren Blättern aus einer Schublade, nahm wieder Platz und verschlüsselte die Nachricht. Das Funkgerät, das ihm Dimitri Truschenko zur Verfügung gestellt hatte, enthielt einen Transmitter, mit dem man Nachrichten auf einen Bruchteil ihrer Länge komprimieren und an einen entsprechenden Empfänger senden konnte, der sie aufzeichnete und dekomprimierte. Arkenko schaltete das Gerät an und gab die verschlüsselte Nachricht mit einer Mor- setaste in das Aufzeichnungsgerät des Transmitters ein. Dann überspielte er sie auf einen zweiten Kas- settenrekorder, ein High-Speed-Gerät. Als er die Sendetaste drückte, leuchtete das rote Licht knapp eine halbe Sekunde auf – kaum lang genug, als dass irgendein Ortungsgerät das Signal hätte erfassen, können, und bei weitem nicht lang genug, um den Sender anzupeilen. Hinter dem Bücherschrank in der einen Ecke des Zimmers war ein kleiner Reißwolf versteckt. Arkenko riss das Deckblatt der Schreibunterlage ab und schob es ebenso wie den Notizzettel, auf dem er die Nach- richt aufgesetzt hatte, in das Gerät. Dann öffnete er den Auffangkorb, nahm die schmalen, zerschredder- ten Papierstreifen heraus und verbrannte sie im offe- nen Kamin. Zuletzt löschte er die auf den beiden Kas- settenrekordern des Funkgeräts aufgezeichneten Nachrichten. Sechs Minuten, nachdem er den Anruf erhalten hat- te, waren sämtliche Spuren der Nachricht getilgt. Gennadi Arkenko war ein vorsichtiger Mann. Cambridgeshire und London Auf der Rückfahrt saß Simpson die meiste Zeit schweigend da, was Richter darauf zurückführte, dass er beim Mittagessen möglicherweise ein Glas Wein zu viel getrunken hatte – jedenfalls hatte er ihm auf dem Weg zum Parkplatz die Schlüssel für den XJ6 zuge- worfen. Als sich der Jaguar jedoch den nördlichen Stadtrandgebieten näherte, schien er wieder munter zu werden. »Schlussfolgerungen?«, fragte er. »Im Moment keine«, erwiderte Richter. »Aber ich glaube, ich blicke allmählich durch. Vor allem aber verstehe ich jetzt, warum mein Kontaktmann bei der, CIA mir erklärt hat, dass die Gleichung aus zwei Komponenten besteht, und mir ist klar, dass ich mir die falsche vorgenommen habe.« »Weiter«, sagte Simpson nickend. »Seit wir mit dieser Sache befasst sind, haben wir auf diesen Filmen nach Anhaltspunkten gesucht. Wir haben uns den Hügel auf den Filmen des KH-12 ange- sehen und das Loch, das auf den Aufnahmen des Blackbird an seiner Stelle zu erkennen ist. Ich glaube, der Hügel ist gar nicht das Entscheidende. Aus- schlaggebend ist vielmehr, wie die Russen ihn zerstört haben – das ist die zweite Komponente, und genau das wollte mir mein Informant erklären.« Simpson dachte einen Moment lang darüber nach. »Was haben Sie jetzt vor?«, fragte er. »Nachforschungen anstellen. Wenn so viel Erde bewegt wird, muss das Erschütterungen ausgelöst ha- ben. Und zuallererst werde ich die seismografischen Aufzeichnungen überprüfen. Danach muss ich über die Sache nachdenken.« Simpson nickte. »Denken Sie nicht zu lange nach. Ich habe ein ungutes Gefühl, und meiner Meinung nach wird es höchste Zeit, dass wir etwas unterneh- men.« Anton Kirow Die Anton Kirow hatte viel Zeit gutgemacht. Am frü- hen Nachmittag hatte das Schiff den Bosporus hinter, sich gelassen, und um 15 Uhr Ortszeit fuhr es durch das Marmara-Meer, einen kleinen Meeresarm zwi- schen Istanbul und den Dardanellen. Kapitän Bonda- rew saß gerade bei einem späten Mittagessen in seiner Kabine, als Saworin kurz anklopfte und eintrat. »Wa- leri«, sagte er, »der Plan wurde leicht abgeändert.« »Ja?« Bondarew legte seine Gabel hin und blickte auf. Oberst Saworin lächelte. »Nichts Weltbewegendes. Wir haben den Befehl bekommen, Athen nicht anzu- laufen. Moskau möchte, dass wir so schnell wie mög- lich durch die Ägäis und das östliche Mittelmeer fah- ren. Der erste Hafen, den wir anlaufen, wird vermut- lich Tunis sein.« Bondarew schniefte. »Haben unsere Herren und Meister auch gesagt, warum?« »Nein, aber ich nehme an, dass wir früher als ge- plant in Gibraltar sein sollen.« Wieder schniefte Bondarew. Er mochte Athen nicht, aber er ärgerte sich immer mehr, dass er, der Kapitän des Schiffes, keine Entscheidungen treffen durfte. »Na schön«, sagte er. »Ich werde die entsprechenden Mel- dungen absetzen.« Le Moulin au Pouchon, St. Médard, bei Manciet, Midi-Pyrénées, Frankreich Das war ungewöhnlich. Hassan Abbas hatte an die- sem Nachmittag drei E-Mails mit verschlüsselten Meldungen erhalten. Alle drei von einem deutschen, Absender, aber geschickt hatte sie Dimitri Truschenko aus seinem geräumigen Büro im Moskauer Ministeri- um. Als Minister hatte Truschenko ein Anrecht auf das einzige, nicht überwachte Telefon, von dem aus man Auslandsgespräche führen konnte. Alle anderen Amtsanschlüsse liefen über eine oder mehrere Tele- fonzentralen, die, davon war Truschenko überzeugt, sowohl vom SWR als auch vom GRU – und vielleicht sogar von CIA und SIS – angezapft waren. Der sichere Anschluss wurde täglich auf Wanzen überprüft, und er war davon überzeugt, dass er nicht abgehört wurde. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Tru- schenko einen vertrauenswürdigen Kollegen angeru- fen, und mit dessen Einverständnis und – zu ihrer beider Sicherheit – im Beisein von Zeugen hatten die beiden Männer ein vorher schriftlich ausgearbeitetes Gespräch geführt, dessen Inhalt so eindeutig verräte- risch war, dass jeder Dienst, der das Telefon abhörte, augenblicklich aktiv geworden wäre. Nichts war pas- siert. Niemand hatte zu früher Morgenstunde seine Tür eingetreten oder ihn aus dem Ministerium abge- führt und in eine Zelle in der Lubjanka geworfen. Seither hatte er diese Probe aufs Exempel mehrmals im Jahr wiederholt, ohne dass sich etwas getan hatte. Der Anschluss war dazu gedacht, dass die Minister offen mit ihren Kollegen sprechen konnten, ohne be- fürchten zu müssen, dass jemand mithörte und sie an- schließend zwang, sich mitgeschnittene Aufnahmen von Gesprächen anzuhören, die sie niemals hätten füh- ren dürfen. Truschenko benutzte den Anschluss nur, selten für Anrufe, zum Teil deshalb, weil er sich nur zu bewusst war, dass er aufgrund des Unternehmens, an dem er beteiligt war, äußerste Vorsicht walten lassen musste, hauptsächlich aber, weil er ein Einzelgänger war und keine Lust auf Gespräche mit Kollegen hatte. Allerdings schloss er praktisch tagtäglich seinen Lap- top an die Telefonbuchse neben seinem Schreibtisch an, weil er damit E-Mails schicken, empfangen und sich dabei so sicher fühlen konnte, wie es in Moskau nur möglich war. Und da Operation Podstawa jetzt in die letzte Phase eintrat, war eine enge Zusammenarbeit mit den »Kameltreibern«, wie Truschenko die Araber ab- fällig bezeichnete, von entscheidender Bedeutung. Die ersten beiden E-Mails, die Hassan Abbas ent- schlüsselte, waren einfache Mitteilungen. In der einen wurde bestätigt, dass die letzte Apparatur – die für London bestimmte Waffe – so gut wie fertig gestellt war und am darauf folgenden Abend die Fabrik in Russland verlassen würde. In der zweiten wurde er darauf hingewiesen, dass der Kurs des kleinen Frach- ters, der die Demonstrationswaffe transportierte, ge- ändert worden war, sodass das Schiff früher als vor- gesehen in Gibraltar eintreffen würde. Abbas las sie, öffnete ein Spreadsheet auf seinem Computer und gab die Daten und die Uhrzeit ein. Dann setzte er eine E- Mail an Sadoun Khamil auf, verschlüsselte sie und lei- tete die entsprechenden Informationen an ihn weiter. Dimitri Truschenko hätte ohne weiteres Kopien sei- ner E-Mails an Khamil schicken können. Aber die Führung von al-Qaida hatte darauf bestanden, dass, sämtliche Kontakte mit den Russen über Hassan Ab- bas laufen sollten, damit kein anderes Mitglied der Organisation auffliegen konnte. Die dritte E-Mail war die interessanteste, und Ab- bas las sie mehrmals durch, bevor er seine Nachricht an Khamil aufsetzte. Truschenko hatte seine Mittei- lung sehr vorsichtig formuliert, aber die Schlussfolge- rungen, die er aus dem Einsatz des amerikanischen Spionageflugzeugs zog, waren durchaus einleuch- tend. Als er die erste Nachricht erhalten hatte, in der man ihn lediglich darauf hingewiesen hatte, dass der Flug stattgefunden hatte, war Abbas ebenso wie Tru- schenko sofort klar gewesen, dass es eine undichte Stelle geben musste. Inzwischen war Truschenko nach gründlichem Überlegen zu der Ansicht gelangt, dass diese undichte Stelle nur ein Ärgernis war, mehr nicht, da sämtliche Vorbereitungen für das Unter- nehmen so gut wie abgeschlossen waren und nur noch zwei Waffen in Stellung gebracht werden muss- ten. Nachdem Abbas eine Weile darüber nachgedacht hatte, pflichtete er ihm bei. Im Grunde war aus Sicht von al-Qaida schon jetzt alles bereit, sodass es keine große Rolle mehr spielte, ob die für London bestimmte Waffe einsatzbereit war. Hammersmith, London Als Richter wieder in seinem Büro war, notierte er sich auf einem Blatt Papier ein paar Daten. Dann rief, er in der Registratur an und forderte die Akte über seismische Aktivitäten sowie den Tätigkeitsbericht der Station Moskau an. Nachdem er die Unterlagen erhalten hatte, blätterte er bis April zurück und las alle nachfolgenden Berich- te. Anschließend verglich er die Daten, die er sich no- tiert hatte, mit den seismografischen Aufzeichnungen, und danach wusste er, weshalb der Blackbird einge- setzt worden war und warum die Amerikaner unbe- dingt einen Hügel hatten fotografieren wollen, der nicht mehr vorhanden war. Richter wusste nur noch nicht, wie ihn die Russen abgetragen hatten und was sie als Nächstes vorhatten. Die Antwort auf die erste Frage konnte er vielleicht durch weitere Nachfor- schungen herausfinden, aber bei der zweiten konnte er nur raten. Und das Ergebnis erschreckte ihn. Richter führte ein langes Telefongespräch mit einem Ansprechpartner im Verteidigungsministerium. Da- nach meldete er sich über den Direktanschluss bei Simpson und kündigte seinen Besuch an. CIA-Centrale, Langley, Virginia Büro des Direktors für Einsatzplanung (Geheimdienste) Clifford Masters, Direktor der Abteilung Aufklärung bei der CIA, klopfte an und betrat das Büro. »RAVEN hat sich wieder gemeldet«, begann er ohne jede Vorrede. Hicks blickte gespannt auf. »Wird auch Zeit. Auf die gleiche Art und Weise?«, »Ja«, erwiderte Masters. »Und wieder war es kein Film, nur eine kurze Nachricht in einer Filmdose. Sie wurde John Rigby heute Mittag zugesteckt. In einem Moskauer Restaurant, am helllichten Tag.« »Hat er gesehen, wer sie ihm zugespielt hat?«, frag- te Hicks. »Nein.« Masters schüttelte den Kopf. »Rigby hat wie üblich seinen Mantel aufgehängt und versuchte festzustellen, ob sich irgendjemand, den er kennt, der Garderobe näherte. Er sah keinen uns bekannten Ver- treter der Gegenseite in dem Restaurant und verließ nur kurz seinen Tisch, um zur Toilette zu gehen. Er sagt, er war knapp fünf Minuten weg. Aber als er das Restaurant verließ, fand er die Filmdose in seiner Manteltasche. Er ist sofort umgekehrt, bemerkte aber niemanden, der in Frage gekommen wäre.« »Nun ja«, sagte Hicks. »Jetzt wissen wir wenigstens, dass RAVEN noch lebt und nach wie vor aktiv ist, und das ist eine gute Nachricht. Wie lautet die Mittei- lung?« Masters schlug den Aktenordner auf, den er dabei- hatte, und entnahm ihm ein Blatt Papier. »Wie alle Mitteilungen von RAVEN ist sie kurz und rätselhaft. Sie besteht aus einem einzelnen Wort und zwei kur- zen Sätzen. Das Wort lautet ›Pripiska.‹« Hicks blickte ihn verständnislos an, und Masters nickte. »Ja, unsere Analytiker standen ebenfalls vor einem Rätsel. Es handelt sich im Grunde genommen um einen umgangssprachlichen Ausdruck, der aus der Zeit der Kolchosenwirtschaft und der Zehn-, Jahres-Pläne stammt. Er bedeutet so viel wie ›Fäl- schung von Berichten und anderen Dokumenten im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen und in- dustriellen Produktion‹. Das Frisieren der Bücher war seinerzeit die einzige Möglichkeit, die von Moskau vorgegebenen Planziele zu erfüllen.« »Und die Sätze?« Masters schaute Hicks einen Moment lang an, be- vor er antwortete. »Die Übersetzung lautet: ›Letzte Komponente erreicht Westen am 9.; Vollzug am 11.‹. Und bis dahin«, fügte er hinzu, »sind es nur noch sie- ben Tage.« Hammersmith, London »Ich glaube, ich bin dahinter gekommen«, sagte Rich- ter. Simpson nickte aufmunternd und warf einen Blick auf seine Uhr. »Fassen Sie sich kurz. In knapp einer Stunde findet eine außerordentliche Sitzung des Joint Intelligence Committee statt. Das heißt, dass ich in genau zwanzig Minuten aufbrechen muss.« »Okay«, sagte Richter. »Ich mache es so kurz wie möglich.« Simpson bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Seit Beginn der Nachforschungen hatte sich ihr Ver- hältnis deutlich gebessert. Richter konnte immer noch nicht behaupten, dass er den Mann mochte, aber we- nigstens belauerten sie einander nicht mehr ständig. »Warum«, fragte Richter, als er sich setzte, »findet ei-, ne außerordentliche Sitzung des JIC statt? Und wa- rum zu so später Stunde?« Er hatte einen Blick auf seine Uhr geworfen und festgestellt, dass es schon fast fünf war. »Ich weiß es nicht«, antwortete Simpson. »Aber ich werde Ihnen Bescheid geben, wenn es irgendetwas mit dieser Sache zu tun hat.« »Danke. Na schön, ich glaube, ich habe herausge- funden, wann die Russen den Hügel abgetragen ha- ben. Der letzte Satellitenfilm, den JARIC vor dem Flug des Blackbird erhielt, wurde vor einem Monat aufge- nommen. Danach haben sie acht Tage lang keine wei- teren Bilder vom KH-12 bekommen, und bis heute haben sie keine neueren Aufnahmen von der Gegend rund um den Hügel vorliegen. Ich glaube, dass auf den Filmen, die der Keyhole-Satellit geschossen hat, etwas so Ungewöhnliches zu sehen war, dass die Ame- rikaner der Meinung waren, sie müssten ein techni- sches Versagern vorschützen. Genau weiß ich es zwar nicht, aber meines Erachtens deutet alles darauf hin, dass es sich um einen Sprengsatz gehandelt haben muss, der auf oder unter dem Hügel angebracht wur- de.« »Einen Sprengsatz?«, sagte Simpson. »Sie meinen offensichtlich eine Art Bombe.« »Ich meine eine Art Bombe«, bestätigte Richter. »Ich weiß allerdings nicht, was für eine. Aber es muss sich um etwas völlig Neuartiges gehandelt haben. Ich er- kläre Ihnen später, warum es eine neue Art gewesen sein muss. Der Blackbird wurde letzte Woche einge-, setzt, folglich muss das, was da draußen in der Tund- ra vorgefallen ist, im Lauf der letzten vier Wochen stattgefunden haben. Wahrscheinlich aber eher vor vier Wochen.« »Warum?«, fragte Simpson. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich denke nicht logisch«, sagte er. »Es muss vor drei bis vier Wochen gewesen sein, weil es eine Zeit lang gedauert haben dürfte, bis der Blackbird einsatzbereit war.« »Genau. Allein die logistischen Vorbereitungen, die nötig waren, um ein auf der Beale Air Force Base ein- gemottetes Flugzeug startklar zu machen und über den großen Teich zu schaffen, dürften mindestens ei- ne Woche in Anspruch genommen haben.« Richter hielt den Bericht über die seismischen Aktivitäten hoch. »Sicherheitshalber bin ich in der Akte zwei Mo- nate zurückgegangen, aber in dem betreffenden Zeit- raum wurde auf der eurasischen Landmasse nichts Auffälliges verzeichnet. Am Zweiten des letzten Mo- nat jedoch –« »Sagen Sie es nicht«, warf Simpson ein. »Lassen Sie mich raten. Man stellte fest, dass in der Bolschese- melskaja-Tundra eine schwere Explosion stattfand.« Richter nickte. »Und?« »Das war der einfache Teil. Aus den seismografi- schen Aufzeichnungen geht hervor, dass die Russen weit draußen in der Tundra eine mittelschwere Kern- waffe gezündet haben. Aber alle weiteren Daten erge- ben nicht viel Sinn. Normalerweise enthält der Bericht über seismische Aktivitäten nur die aufgezeichneten, Messergebnisse und eine wissenschaftliche Abhand- lung über die mögliche Ursache der Erderschütte- rung, Aber in diesem Fall liegt ihm eine ganze Reihe hoch komplizierter Anmerkungen von unseren Schlauköpfen in Aldermaston bei.« Simpson warf einen Blick auf seine Uhr. »Und was besagen diese Anmerkungen – in aller Kürze?« »Ich bin kein Wissenschaftler«, fuhr Richter fort, »aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass die Russen allem Anschein nach eine Kernexplosion aus- gelöst haben, wie man sie zuvor noch nie festgestellt hat. Die Merkmale dieser Erschütterung, die unsere Seismografen aufgezeichnet haben, passen zu keiner der Waffen, die sie bislang in ihrem Arsenal hatten. Sie entsprechen auch nicht den Messergebnissen, die sie über sämtliche amerikanischen Bombentypen vor- liegen haben. Folglich deutet alles darauf hin, dass es sich um eine völlig neue Waffe handelt.« Richter hielt inne, worauf Simpson ihm einen prü- fenden Blick zuwarf. »Und weshalb?« »Genau das ist der Punkt«, erwiderte Richter. »Die Russen haben also eine neue Bombe entwickelt. Aber wozu?« Simpson warf erneut einen Blick auf seine Uhr. »Ich muss los«, sagte er und stand auf. »Und was hat das nun genau zu bedeuten?« »Ich weiß es immer noch nicht«, antwortete Richter. »Diesen Aufzeichnungen nach zu schließen, deutet al- les darauf hin, dass die Russen eine völlig neue Atom- bombe entwickelt haben. Hinzu kommt der Hinweis,, den Kemp uns bei JARIC gegeben hat – dass die nach einem Kernwaffentest üblichen Spuren fehlen. Aber ich begreife nicht, weshalb die Amerikaner so zuge- knöpft sind und uns nichts davon verraten wollen.« »Nun ja«, erwiderte Simpson. »Das kann ich Ihnen vielleicht morgen sagen, denn diese außerordentliche JIC-Sitzung wurde vom Londoner Stationschef der CIA einberufen.«, Freitag Hammersmith, London Kurz vor acht Uhr morgens wurde Richter von Sheila, Simpsons persönlicher Assistentin, zu Hause angeru- fen. »Sitzungsraum zwei, um neun Uhr bitte.« Als Richter in den dritten Stock kam, stellte er fest, dass er nicht der einzige Mitarbeiter war, den man herzitiert hatte. Der Sitzungsraum bot Platz für vier- undzwanzig Personen, und als Richter sich setzte, wa- ren nur noch fünf Stühle frei. Simpson saß am Kopf- ende des Tisches, neben ihm der Direktor der Abtei- lung Aufklärung. Simpson blickte in die Runde, über- zeugte sich, dass alle anwesend und bei der Sache waren, nickte kurz und begann dann. »Wir haben ein Problem«, sagte er ohne jede Vorrede. »Die Einzigen, die bislang etwas von dieser Angelegenheit wussten, waren Richter und meine Wenigkeit, auch wenn ich den Direktor zu gewissen Aspekten dieser Sache um Rat gebeten habe. Der eine oder andere von Ihnen hat sicherlich gehört, dass Graham Newman, der Mos- kauer Stationsleiter des SIS, tot ist.« Rund um den Tisch wurde betroffenes Gemurmel laut. »Aber Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass Graham Newman nicht bei einem Autounfall ums Leben kam. Das ist, nur die offizielle Version, und dabei wird es auch bleiben. Richters Nachforschungen deuten darauf hin, dass Newman höchstwahrscheinlich vom SWR auf- gegriffen wurde und beim anschließenden Verhör in Moskau zu Tode kam.« Das Gemurmel schlug in wü- tendes Geflüster um. »Das ist an sich schon unge- wöhnlich, vor allem in Anbetracht der derzeitigen Be- ziehungen zwischen Ost und West. Aber es kommt noch mehr. Letzte Woche wurde ein außer Dienst ge- stelltes Spionageflugzeug vom Typ Lockheed SR-71A Blackbird reaktiviert und zu einem geheimen Einsatz über Nordwestrussland geschickt. Die Maschine wur- de bei dem Flug leicht beschädigt und verlor Treib- stoff, als sie den russischen Luftraum verließ. Sie konnte weder das Rendezvous mit einem ihrer Tank- flugzeuge einhalten noch Mildenhall erreichen – wo sie gestartet war –, sondern war gezwungen, auf dem RAF-Stützpunkt Lossiemouth zu landen.« Schweigend warteten alle auf Simpsons weitere Ausführungen. »Die Bildauswerter von JARIC unter- suchten die Kopien der von dem Blackbird aufge- nommenen Filme, die uns von den Amerikanern – auf gewissen Druck hin – zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem verglichen sie die Aufnahmen der SR-71A mit den Satellitenbildern eines KH-12, konnten zu- nächst aber nichts Auffälliges feststellen. Man ent- deckte keinerlei neue militärische Einrichtungen, so- dass sich niemand erklären konnte, weshalb die Ame- rikaner Aufnahmen von dem Gebiet wollten, über dem das Flugzeug eingesetzt wurde.« Einige der An-, wesenden schauten ihn mit verständnisloser Miene an. »Richter besuchte JARIC, um sich die Filme anzu- sehen. Als er den Stützpunkt verließ, wurde er von einem Killertrupp angegriffen. Wie man später bei der Untersuchung der Toten feststellte, handelte es sich um Russen.« Simpson blickte ihn unverwandt an, desgleichen alle anderen, die am Tisch saßen. »Ich hatte Glück«, erklärte Richter. »Sie sind von der Fahrbahn abgekommen.« »Ganz recht«, sagte Simpson trocken und fuhr fort. »Richter ist bekannt dafür, dass er über zahlreiche und mitunter auch etwas ausgefallene Kontaktperso- nen verfügt, und er konnte einen CIA-Analytiker da- zu überreden, uns ein paar Hinweise bezüglich der Blackbird-Filme zu geben, obwohl sie mit einem NO- FORN-Vorbehalt versehen waren. Sein Informant er- klärte, bei diesen Filmen komme es nicht auf das an, was man sehen könnte, sondern auf etwas, das nicht mehr zu sehen sei. Bei weiteren Überprüfungen stell- ten die Leute bei JARIC fest, dass ein tief in der Bol- schesemelskaja-Tundra gelegener Hügel verschwun- den war. Wir überlegten zunächst, ob es sich mögli- cherweise gar nicht um einen Hügel gehandelt habe – dass es irgendeine getarnte militärische Einrichtung gewesen sein könnte –, kamen aber zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sei. Richters Informant wies ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei dem ver- schwundenen Objekt um etwas völlig Wertloses und sehr Altes gehandelt habe. Außerdem war auf keiner der bei JARIC vorliegenden Satellitenaufnahmen ir-, gendeine Spur von Aktivität zu erkennen. Daraus schlossen wir, dass es ein ganz gewöhnlicher Hügel war.« Simpson goss sich ein Glas Wasser ein. »Gestern überprüfte Richter die seismografischen Aufzeich- nungen. Daraus ging hervor, dass am Zweiten letzten Monats in der näheren Umgebung des Hügels eine ungewöhnliche seismische Aktivität gemessen wurde. Ich will nicht so tun, als ob ich alle technischen Details verstünde, aber die Sachverständigen reagierten ziem- lich aufgeregt. Offenbar wurde der Hügel mit einer Kernwaffe zerstört, aber einer Waffe, die keine der bekannten Merkmale aufweist. Mit anderen Worten, es handelt sich um einen neuen Bombentyp.« Er wechselte das Thema. Simpsons Vorträge waren schon immer gut gewesen – kurz, schlüssig und aufs Wesentliche beschränkt. Niemand schlief ein, wenn er sprach. »Gestern Abend habe ich an einer außeror- dentlichen Sitzung des Joint Intelligence Committee teilgenommen, die in mehr als einer Hinsicht außer- ordentlich war. Zunächst einmal wurde sie vom hie- sigen Stationschef der CIA einberufen – von Roger Abrahams, der von einem gewissen John Westwood begleitet wurde. Er ist Leiter der Auslandsaufklärung bei der CIA – ein hohes Tier in Langley. Und außer- dem wurde kein Protokoll geführt. Niemand aus dem Sekretariat durfte daran teilnehmen, und alle Anwe- senden wurden zu strengstem Stillschweigen ver- pflichtet. Roger Abrahams und John Westwood, die den Vorsitz übernahmen, erzählten uns eine sehr inte-, ressante Geschichte. Eine Geschichte, deren Ausgang derzeit noch nicht abzusehen ist. Deshalb sind Sie in diesem Augenblick alle hier. Die CIA benötigt unsere Hilfe. Die Gründe dafür werden Ihnen später klar werden. Zunächst eine Lektion in Sachen Geschichte, die ich so kurz wie möglich halten werde. Im An- schluss an die Machtübernahme durch Gorbatschow und Jelzin kam es zu grundlegenden Veränderungen in der russischen Gesellschaft. Das Land öffnete sich dem Westen und dessen Gedankengut, doch dadurch entstanden nur neue Probleme, ohne dass die alten gelöst werden konnten. So sagten sich zum Beispiel einige ehemalige Mitgliedsstaaten der einstigen UdSSR von der Union los und erklärten ihre Unab- hängigkeit. Namen wie Tschetschenien, Kasachstan oder Usbekistan waren in aller Munde, für gewöhn- lich im Zusammenhang mit heftigen Aufständen ge- gen Moskau und die russische Regierung. Natürlich hatte niemand erwartet, dass die Umgestaltung Russ- lands in einen modernen Staat westlicher Prägung ohne jede Schwierigkeiten vonstatten gehen würde, doch es galt mehr Hürden und Hindernisse zu über- winden, als man vorausgesehen hatte. Statt der erhoff- ten Aufbruchsstimmung machte sich in weiten Teilen der Bevölkerung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten zunehmend Unmut gegen die neuen Herren im Kreml breit. Sie beriefen sich darauf – um es auf den einfachsten Nenner zu bringen –, dass es ihnen unter kommunistischer Herrschaft zwar schlecht ge- gangen sei, aber man habe wenigstens gewusst, wor-, an man war und was man tun und lassen musste. Un- ter Gorbatschow und Jelzin aber änderte sich alles grundlegend – die Menschen waren mit einem Mal orientierungslos, sie hatten keinen festen Bezugspunkt mehr. Diese Unzufriedenheit führte schließlich zu ei- nem Putschversuch gegen die neue Regierung. Soweit zur Geschichte«, sagte Simpson. »Die CIA, die Russ- land in diesem Zeitraum weiterhin genau überwachte, ist auf ein paar interessante Erkenntnisse gestoßen. Erstens, die Ausgaben für die Rüstung wurden allem Anschein nach deutlich reduziert. Damit hätte eine Menge Kapital für Konsum und Wirtschaft frei wer- den müssen, aber weder die CIA noch irgendjemand anders konnte auch nur das geringste Anzeichen da- für feststellen. Die Schlangen vor den Moskauer Ge- schäften sind so lang wie eh und je – wenn nicht län- ger –, und die Nahrungsmittelknappheit hat offenbar auch nicht nachgelassen. Deshalb hat man sich bei der CIA überlegt, wo diese ›Einsparungen‹ geblieben sein könnten.« Simpson blickte in die Runde. »Bei der CIA hat man aufgrund dessen eine zugegebenermaßen ziemlich kühne Hypothese aufgestellt. Wenn man demnach davon ausgeht, dass die Russen für die Rüstung nach wie vor genauso viel Geld ausgeben wie zuvor, dann wäre es durchaus möglich, dass sie insgeheim eine neue Waffe entwickelt haben. Eine hochmoderne Waf- fe, die alles, was es bisher gab, bei weitem übertrifft. Dann wäre Glasnost womöglich nur Augenwischerei gewesen, um den Westen einzulullen und in Sicher-, heit zu wiegen, während Russland eine Art Erstschlag gegen uns plant.« Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London »Der SIS hat sich bei uns gemeldet«, sagte Roger Ab- rahams, während er die Tür des Besprechungszim- mers hinter sich zuzog. »Und?« John Westwood blickte von der Akte auf, die er vor sich liegen hatte. »Nichts. Offiziell bedauert der Secret Intelligence Service, dass man uns nicht weiterhelfen kann, bittet aber darum, dass wir Piers Taylor weiter auf dem Laufenden halten.« Westwood dachte darüber nach. »›Nicht weiterhel- fen kann‹ – heißt das, dass sie nicht können, oder dass sie nicht wollen?« Abrahams zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Könnte beides heißen. Aber ich nehme an, sie können nicht. Jedenfalls bringt uns das nicht weiter. Soll ich mir Taylor vornehmen?« Westwood nickte. »Ja. Die Anweisungen aus Langley sind diesbezüglich eindeutig«, sagte er. Er schlug den Aktenordner zu und warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich sollte lieber mit Langley sprechen. Und danach muss ich mich an die Franzosen wenden. Sag dem fran- zösischen Stationschef Bescheid, dass ich vorbeikomme, und buch mir für morgen einen Flug nach Paris.«, Hammersmith, London Ein paar der Anwesenden atmeten tief durch, zwei wollten eine Frage stellen. Simpson brachte sie zum Schweigen. »Zu den Fragen kommen wir später. Ich sollte vielleicht sagen, dass ich persönlich nichts von dieser Erstschlagstheorie halte und normalerweise davon ausgehen würde, dass es sich um die CIA- typische Paranoia handelt. Newmans Tod, der Mord- anschlag auf Richter und auch dieser offenbar ver- dampfte Hügel in der Tundra sollten uns allerdings zu denken geben. Wir dürfen das nicht außer Acht lassen. Irgendetwas ist offenbar im Gange, und wir müssen herausfinden, worum es sich handelt. Die Amerikaner sind nach Auskunft von John Westwood ebenso wie wir zu dem Schluss gelangt, dass der Hü- gel durch eine Bombe abgetragen wurde. Sie glauben, dass es sich um eine neue Waffe handelt, die aller- dings keine ungewöhnlich starke Sprengkraft besitzt. Mehr wissen sie aber allem Anschein nach nicht. Sie wissen weder, wie sie wirkt, noch, was das zu bedeu- ten hat. Das Wichtigste zum Schluss. Der Grund, weshalb Westwood nach London gekommen ist. Die CIA hat eine hochrangige Quelle in Russland gewonnen, und diese Quelle behauptet, dass Russland eine Art ge- heimen Angriff auf den Westen in Gang gesetzt hat.« Danach herrschte einen Moment lang Schweigen. »Damit wir uns die Zeit für überflüssige Fragen sparen, zähle ich die strittigen Punkte auf und versu-, che sie von unserer Seite aus zu beantworten.« Simp- son hob die Hand und zählte an den Fingern ab. »Zu- nächst einmal zum Thema Erstschlag. Ich glaube nicht – und meiner Meinung nach glaubt es die CIA auch nicht –, dass diese Gefahr besteht, trotz dieses Hin- weises auf geheime Angriffspläne. Eine Bombe, egal welchen Typs, muss zu ihrem Ziel gebracht werden. Die Verteidigung des Westens beruht aber auf Früh- warnsystemen, die nicht nur den Einsatz eines Waf- fenträgers, sondern bereits die dazu erforderlichen Vorbereitungen erkennen können. Wir wüssten sofort Bescheid, wenn ungewöhnlich viele, mit Atomraketen bestückte U-Boote im Einsatz wären, wenn die Stütz- punkte des strategischen Bomberkommandos und die Raketenbasen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt oder sonstige Maßnahmen ergriffen würden, die auf einen Erstschlag hindeuten. Falls die Russen also ir- gendeine Hinterlist planen, müssen sie sich etwas an- deres einfallen lassen. Zweitens, die Bombe. Eine Bombe ist ein Sprengkörper. Er explodiert und richtet Schaden an. Alles Weitere hängt vom Wirkungsgrad ab. Die seismografischen Aufzeichnungen – sowohl unsere als auch die der CIA – deuten auf eine Waffe mit ungewöhnlichen Eigenschaften hin, die aber etwa die gleiche Sprengkraft besitzt wie eine mittelschwere herkömmliche Atombombe – um die sieben Megaton- nen. Deshalb vermag ich nicht recht einzusehen, wel- chen Vorteil man sich davon verspricht.« Richter hob die Hand. Simpson warf ihm einen kurzen Blick zu, dann nickte er. »Mir ist gerade etwas, eingefallen«, sagte Richter. »Mein Informant von der CIA hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Strahlungsdetektoren des Blackbird nichts Verwertba- res hergaben. Die Waffe, die die Russen getestet ha- ben, löste offenbar nicht den bei einer herkömmlichen Atombombe üblichen Fallout aus.« Einen Moment lang herrschte Schweigen. Simpson nickte und fuhr fort. »Seltsam, aber weder Roger Ab- rahams noch John Westwood haben das zur Sprache gebracht. Und die müssten doch eigentlich darüber Bescheid wissen, nicht wahr?« »Wenn es mein Informant weiß«, erwiderte Richter, »wissen die es auch, hundertprozentig. Ich kenne John Westwood«, fügte er hinzu. »Er ist blitzgescheit, ein sehr fähiger Mann. Wenn er Ihnen nichts davon er- zählt hat, sollten Sie es nicht erfahren.« Der Direktor der Abteilung Aufklärung rutschte unruhig hin und her, ehe er sich zu Wort meldete. »Diese Hinweise, soweit sie denn stichhaltig sind, könnten auf eine völlig neue Vorgehensweise von Sei- ten der Russen hindeuten.« Er sprach immer so, als hielte er eine Vorlesung vor Studenten. »›Das Gleich- gewicht des Schreckens‹ oder ›MAD‹, wie man es auch nannte – ›Mutual Assured Destruction‹, die ›ga- rantierte gegenseitige Vernichtung‹ –, beruhte auf der Vorgabe, dass auf jeden Angriff ein entsprechender Gegenschlag erfolgen würde und kein Land den nuk- learen Winter überstehen könnte, der durch den Ein- satz von Kernwaffen ausgelöst werden würde. Der nukleare Winter wiederum würde natürlich in erster, Linie durch die strahlenden Partikel der Waffe verur- sacht. Wenn die Waffe keine Radioaktivität freisetzt, kommt es gewissermaßen auch zu keinem nuklearen Winter.« Simpson nickte. »Wohl wahr, aber Sie übersehen etwas Wesentliches. Nehmen wir mal an, die Russen haben eine Waffe entwickelt, die kaum Strahlung frei- setzt, aber die gleiche Sprengkraft besitzt wie eine herkömmliche Atombombe – eine Art strategische Neutronenbombe sozusagen. Wenn sie ihre Streitkräf- te damit ausstatten, könnte das den Westen zu einem Präventivschlag provozieren. Was letztlich darauf hi- nausliefe, dass wir Russland nach Belieben bombar- dieren und wahrscheinlich für Jahrhunderte unbe- wohnbar machen würden, während die Russen ledig- lich mit ihren alten, schweren Waffen zurückschlagen könnten. Mit anderen Worten: Wenn Richters Infor- mant Recht hat, wären die Entwicklung wie auch der Einsatz einer derartigen Waffe für die Russen eher von Nachteil.« Simpson hielt inne und trommelte ei- nen Moment lang mit den Fingern auf der Tischplatte. »Wir übersehen irgendetwas, und ich muss zugeben, dass auch ich nicht weiß, worum es sich handelt.« Er wurde mitten in seinen Ausführungen unterbro- chen, als jemand zweimal kurz an der Tür klopfte. Simpson nickte, als seine Assistentin eintrat, worauf sie sich wieder zurückzog und zwei Frauen vom Kan- tinenpersonal hereinschickte, die einen Servierwagen vor sich herschoben. Als sich jeder eine Tasse mit lauwarmem Tee oder Kaffee genommen hatte, scho-, ben die beiden Frauen den Wagen wieder hinaus und schlossen die Tür hinter sich. Simpson trank einen Schluck und verzog das Ge- sicht, dann stellte er die Tasse ab und fuhr fort. »Was entnehmen wir dem also? Ich fasse es mal kurz zu- sammen: Die Russen haben eine Waffe, von der wir auf keinen Fall etwas erfahren sollen. Falls sie die aber jemals einsetzen sollten, wäre der Westen eindeutig im Vorteil. Ich muss Ihnen nicht eigens erklären, dass so etwas völliger Unsinn ist. Irgendwelche Einwän- de?« Aufmunternd blickte er in die Runde. Der Direktor setzte zu einer Erwiderung an, überlegte es sich dann offenbar anders und ließ es lieber sein. »Was mir an dieser ganzen Sache nicht schmeckt«, fuhr Simpson fort, »ist das Verhalten der Amerikaner. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass sie genau wissen, was da vor sich geht. Jedenfalls wissen sie mehr, als sie uns verraten wollen. Ich glaube, dass sie uns bewusst an der Nase herumführen, weil sie ihre eigenen Interessen verfolgen. Aus welchem Grund, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass wir in die Irre geführt werden. Ich habe das Gefühl, dass wir zu sehr auf den Ball achten, der nach innen geflankt wird, statt auf die Spieler, die in der Mitte lauern. An- dererseits glaube ich, dass es darauf zunächst nicht weiter ankommt – darum können wir uns später noch kümmern. Ausschlaggebend ist, dass wir jetzt offiziell in diese Sache eingebunden sind und unseren Beitrag leisten müssen. Irgendwelche Vorschläge?«, Niemand meldete sich zu Wort. Simpson, der sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen ließ, fuhr kurzerhand fort. »Gut – zu den Maßnahmen. Einiges an dieser Sache ist mehr als merkwürdig, deshalb möchte ich, dass wir sofort tätig werden und heraus- finden, was da vor sich geht.« Er öffnete den Akten- koffer, der vor ihm auf dem Tisch lag, wies seinen Mitarbeitern ihre Aufgaben zu und reichte jedem ei- nen schmalen rosa Aktenordner, in dem der Auftrag in allen Einzelheiten beschrieben wurde. Er hatte of- fenbar den Großteil der Nacht in seinem Büro ver- bracht und sich auf diese Sitzung vorbereitet. Sein Plan war einfach und verständlich und zielte darauf ab, festzustellen, was die Russen vorhatten und was es mit dieser neuen Waffe wirklich auf sich hatte. Er ernannte einen Verbindungsoffizier, der direkt mit dem MI5 zusammenarbeiten und die russischen Aktivitäten in Großbritannien untersuchen sollte, da- zu ein paar weitere, die sich mit dem SIS um russische Operationen im Ausland kümmern sollten. Andere sollten mit dem Naval Intelligence Department und den Geheimdiensten der anderen Waffengattungen zusammenarbeiten, zwei Mann mit dem Außen- und dem Kolonialministerium und zwei weitere mit der CIA. Außerdem sollte sich jemand nach Aldermaston und zu einem Spezialisten am Science Museum bege- ben, um über die seismografischen Aufzeichnungen zu sprechen. Damit blieb nur noch Richter übrig. »Richter«, sagte Simpson und schob ihm einen Akten- ordner zu. »Sieht so aus, als wäre heute ein schöner, Tag zum Autofahren. Sie haben um halb drei einen Termin in Cambridge.« Simpson blickte in die Runde. »Bis diese Angelegenheit geklärt ist, fungieren Tho- mas, William und Lowry als Offiziere vom Dienst. Sie werden in drei Schichten arbeiten und sämtliche Er- kenntnisse zusammentragen. Die Beurteilung des Ma- terials werden meine Wenigkeit und der Direktor der Abteilung Aufklärung übernehmen. Wir treffen uns jeden Abend um sieben Uhr zu einer kurzen Sitzung. Eine weitere findet täglich um neun Uhr morgens statt, bei der wir über neue Entwicklungen sprechen, die sich über Nacht ergeben. Sämtliche Einsatzkräfte haben daran teilzunehmen, soweit sie abkömmlich sind. Noch ein letzter Punkt. Der Anschlag auf Richter deutet darauf hin, dass diese Sache ernst ist. Ab sofort tragen alle Einsatzkräfte stets eine Waffe. Diejenigen Mitarbeiter, die noch nicht bewaffnet sind, melden sich unmittelbar nach dieser Sitzung in meinem Vor- zimmer, wo man ihnen die Waffenscheine und ande- ren Dokumente aushändigen wird. Anschließend be- geben sie sich in die Waffenkammer, wo sie sich Pisto- len und Munition abholen und die Waffen erproben. Vorher verlässt niemand das Gebäude.« Er warf einen Blick zu Richter, dann fuhr er fort. »Sofern Sie nichts dagegen einzuwenden haben, wird man Ihnen halb- automatische Neun-Millimeter-Pistolen vom Typ Browning aushändigen.« Simpson warf einen Blick zur Uhr, die über der Tür hing. »Gut, Sitzung um zehn Uhr drei beendet. Machen wir uns an die Ar- beit.«, Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London »Was meinen Sie, John? Können sie nicht oder wollen sie nicht?«, fragte Walter Hicks, der sich mit hallender Stimme auf der sicheren Transatlantikleitung meldete. »Ich weiß es nicht genau«, erwiderte Westwood. »Roger ebenso wenig. Aber wenn ich raten müsste, würde ich auf beides tippen. Wir haben keinerlei Hinweis darauf, dass der SIS eine hochrangige Quelle in Moskau hat. Die Berichte der britischen Nachrich- tendienste, die ich in den letzten sechs Monaten zu sehen bekommen habe, deuten nicht darauf hin, dass sie einen wichtigen Informanten im näheren Umfeld von Regierung oder militärischer Führung sitzen ha- ben. Außerdem haben auch wir nichts Handfestes, das wir dem SIS zeigen könnten. Selbst wenn sie also eine solche Quelle hätten, wären sie vermutlich nicht bereit, sie aufs Spiel zu setzen, obwohl wir dem JIC reinen Wein eingeschenkt haben. Und ich kann es ih- nen auch nicht verübeln«, fügte er hinzu. »Nein, vermutlich nicht«, pflichtete Hicks ihm bei. »Okay, John, wir haben ein paar gute und ein paar schlechte Nachrichten«, meldete sich Cliff Masters aus Langley. »Die gute Nachricht lautet, dass RAVEN ges- tern Kontakt mit Rigby aufgenommen hat.« »Gestern?«, fragte John Westwood. »Und warum erfahre ich das erst jetzt?« »Aus den üblichen Gründen«, erwiderte Walter Hicks. »Erst mussten wir die Mitteilung von Moskau, nach Langley schaffen. Dann musste sie übersetzt und ausgewertet werden – was nicht ganz einfach war. Anschließend mussten wir entscheiden, was wir da- mit machen wollen. Diesmal handelt es sich um sehr genaue Angaben.« »Aha?« »RAVEN teilt mit, dass die letzte Komponente am Neunten dieses Monats im Westen eintreffen wird – das ist der nächste Dienstag. Außerdem lässt er uns wissen, dass der Vollzug zwei Tage später stattfinden wird, am Donnerstag, dem Elften.« »Was meint er mit ›Komponente‹?«, fragte Roger Abrahams. »Das wissen wir nicht«, erwiderte Masters. »Aber wir sind hier allgemein der Meinung, dass er eine Art Waffe meinen muss.« »Herr im Himmel«, murmelte Westwood. »Stand sonst noch was in der Mitteilung?« »Das war der ganze Inhalt, von einem russischen Wort abgesehen – Pripiska.« »Wegen diesem Wort hat sich die Übersetzung ver- zögert«, sagte Hicks. »Nach Auskunft der Linguistik- Abteilung handelt es sich um einen alten, umgangs- sprachlichen Ausdruck, der in etwa bedeutet, dass man falsche Angaben zur industriellen und landwirt- schaftlichen Produktion macht. ›Die Bücher frisieren‹ trifft es von der Übersetzung her am ehesten.« »Mir ist nicht klar, was das mit diesem Angriff zu tun haben könnte«, sagte Westwood. »Uns auch nicht«, entgegnete Hicks. »Unsere Ana-, lytiker vermuten, dass Pripiska möglicherweise der russische Codename für das Unternehmen ist, aber das ist mehr oder weniger nur geraten. Okay«, fuhr Hicks mit forschem Tonfall fort, »wir haben jetzt ein Datum vorliegen, etwas, an das wir uns halten kön- nen, aber ansonsten ändert sich dadurch gar nichts. Ich möchte weiterhin, dass Sie sich nach Paris bege- ben, John, und zusehen, ob Sie bei den Franzosen ir- gendetwas erreichen. Roger, Sie reden noch mal mit Ihrem SIS-Mann und geben den Inhalt dieser neuen Mitteilung an das Joint Intelligence Committee weiter. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas nützt, aber man kann ja nie wissen.« »Was gedenken Sie zu unternehmen?«, fragte Westwood. »Allzu viele Möglichkeiten haben wir nicht«, erwi- derte Hicks. »Der Direktor der Agency ist nach wie vor abwesend, deshalb leite ich derzeit den Dienst. Ich tref- fe mich in knapp zwei Stunden mit dem Präsidenten, und soweit ich das ersehen kann, bleibt mir nur eins übrig. Ich werde ihm raten, die Gefahr ernst zu nehmen und das Militär in Einsatzbereitschaft zu versetzen.« East Anglia Richter, der lieber auf der Old North Road, der A10, nach Cambridge fuhr als auf der schnelleren A1 (M) oder der Mil, näherte sich gerade Ware, als er den grauen Vauxhall Cavalier entdeckte. Er hielt sich vier, Autos hinter dem älteren Escort, den man ihm im Fuhrpark zur Verfügung gestellt hatte – der Trans- portoffizier hatte die Sache mit dem Granada offenbar noch nicht vergessen. Der Cavalier war ein alltägli- ches und unauffälliges Auto, aber Richter meinte es auf dieser Fahrt schon dreimal gesehen zu haben, immer ein gutes Stück hinter ihm. Er überzeugte sich davon, dass der Smith & Wesson im Schulterholster steckte, und überlegte, was er tun sollte. Möglicherweise war der Fahrer völlig harmlos und fuhr zufällig nur die gleiche Strecke wie Richter, aber Richter glaubte nicht an Zufälle. Zunächst musste er sich davon überzeugen, dass er tatsächlich beschattet wurde. Er suchte die Straße ab und entschied sich für eine Tankstelle, die rund fünf- hundert Meter vor ihm lag. Er setzte den Blinker, stieß auf das Gelände und hielt bei den Zapfsäulen, stieg aus und beobachtete die Straße. Der Cavalier, dessen zwei Insassen allem Anschein nach keinerlei Notiz von ihm nahmen, fuhr vorbei. Richter zuckte die Ach- seln. Vielleicht litt er allmählich unter Verfolgungs- wahn. Aber das hieß noch lange nicht, dass niemand hinter ihm her war. Richter tankte für zehn Pfund, zahlte an der Kasse, ließ den Motor an und fuhr weiter in Richtung Norden. Auf den nächsten fünf Meilen überprüfte er jede Ein- fahrt und Abzweigung, an der er vorbeikam, sah aber nirgendwo einen Vauxhall Cavalier, weder in Grau noch in einer anderen Farbe. Wieder zuckte er die Ach- seln und kümmerte sich nicht weiter um den Vorfall., In der Nähe von Buntingford kehrte er zum Mittag- essen ein. Er fuhr auf den Parkplatz des erstbesten Pubs, an dem er vorbeikam, schloss den Escort ab und ging in das Lokal. Er bestellte sich ein Clubsandwich und einen Kaffee und setzte sich an einen Ecktisch, von dem aus er sowohl die Tür als auch die Straße gut im Blick hatte. Gut ein Dutzend Autos fuhren draußen vor und parkten, während er aß, und der Pub füllte sich zusehends. Als Richter aufgegessen hatte, stand er auf, wischte sich die Krümel vom Sakko, nickte dem Barkeeper zum Abschied zu und ging hinaus. Als er sich dem Parkplatz zuwandte, auf dem er den Escort abgestellt hatte, bemerkte er einen grauen Vauxhall Cavalier, der etwa fünfzig Meter weiter am Straßenrand stand, sodass man ihn vom Fenster des Pubs aus nicht sehen konnte. Er war kaum zwei Schritte weitergegangen, als ihm ein harter Gegenstand in den Rücken ge- rammt wurde und ihm jemand mit heiserer Stimme und unverkennbarem Essex-Akzent zuflüsterte: »Wir müssen miteinander reden, mein Junge.« Richter erstarrte und überschlug kurz die Möglich- keiten, ehe er sich bewegte. Dann sah er einen zweiten Mann, der von rechts auf ihn zukam. Groß, breit- schultrig und mit einem Gesicht, das die eigene Mutter erschrecken konnte. Er trug einen braunen Mantel, den er wie ein Cape über der Schulter hängen hatte. Aber nicht wegen der Kälte, sondern weil er darunter eine Waffe versteckt hatte – eine abgesägte, doppelläufige Schrotflinte mit Pistolengriff, die er in der rechten, Hand hielt. Richter wurde klar, dass es sich bei dem Gegenstand, der ihm ans Rückgrat gedrückt wurde, vermutlich ebenfalls um eine Schrotflinte handelte, und das änderte vieles. Richter hatte mit dem Smith & Wesson noch ein As im Ärmel, aber bevor er auch nur daran denken konn- te, ihn einzusetzen, musste er die beiden Komiker dorthin kriegen, wo er sie haben wollte – vor sich. »Da rüber«, sagte der Mann mit dem braunen Man- tel und deutete mit dem Kopf zu den Mülltonnen hin- ter dem Pub. Sein Akzent bestätigte Richter, dass er richtig vermutet hatte. Er hatte es mit zwei Auftrags- gaunern zu tun, die vermutlich von einem Mittels- mann gedungen worden waren, aber nicht mit SWR- Agenten oder Profis. Das, so hoffte er, könnte ihm die Sache ein bisschen erleichtern. Der Mann hinter ihm schubste Richter vorwärts, worauf er mit weit ausgebreiteten Armen auf die Mülltonnen zuging. Am Rand des Waldes, der sich den Hang hinter dem Pub hinaufzog, befahl er Richter stehen zu bleiben. Er gehorchte und drehte sich zu den beiden Männern um. Beide hatten Schrotflinten in der Hand und lächelten, während sie ihn mit kaltem Blick musterten. »Wir harn gehört, dass du ’n böser Junge gewesen bist«, sagte der Mann mit dem braunen Mantel dro- hend. Mein Gott, dachte Richter, die haben ihre Sprü- che aus dem Fernsehen. »Ein ganz böser Junge. Des- wegen erteilt dir mein Kumpel jetzt eine Lektion.« Der andere Mann legte die Schrotflinte vorsichtig, zu Boden, griff dann in seine Jackentasche und holte zwei Eisenrohre heraus, jedes etwa dreißig Zentimeter lang. Ohne Richter aus den Augen zu lassen, schraub- te er die beiden Rohre sorgfältig zusammen und wog dann die Waffe in der Hand. Richter wusste genau, was er vorhatte. Es sollte wie ein misslungener Überfall aussehen. Keine Stichwun- den, keine Kugeln, nur ein paar gut platzierte Schläge mit dem Rohr, und innerhalb von zwei Minuten wäre er tot, die Brieftasche verschwunden, und die Polizei hätte noch weniger Anhaltspunkte als üblich. Er musste den Mann nahe an sich herankommen lassen, so nahe, dass er ihn ausschalten konnte, ohne dass der andere seine Schrotflinte abfeuern konnte. Gleichzei- tig musste er so weit wie möglich von der Flinte weg. Der Vorteil dieser Waffe war zugleich auch ihr Nach- teil – aus drei Metern Entfernung kann man mit einer Schrotflinte jeden Gegner über den Haufen schießen, aber genau zielen kann man damit nicht. Der Mann mit dem Eisenrohr zog sein Sakko aus und ließ es zu Boden fallen, dann kam er langsam auf Rich- ter zu. Als er sich näherte, warf ihm Richter einen ängst- lichen Blick zu und wich zwei Schritte zurück, sodass er sich unauffällig von der Schrotflinte entfernte. Der Schläger lächelte erneut, hob das Rohr, holte zu einem heftigen Hieb aus und ließ das Eisen pfeifend durch die Luft zischen. Aber er wollte Richter noch nicht treffen, sondern ihn nur noch mehr einschüch- tern. Richter blickte über die Schulter des Mannes zu dem zweiten Schläger, der immer noch lächelte und, die zu Boden gerichtete Flinte locker in der Hand hielt. Er schätzte, dass er etwa fünf, sechs Meter ent- fernt war. Weit genug, dachte er. Richter blieb stehen. Wieder holte der Schläger mit dem Rohr aus, aber diesmal zuckte Richter nicht zu- rück. Der Mann wirkte einen Moment lang leicht ver- dutzt, dann hob er das Rohr zum tödlichen Hieb. Rich- ter stand da, schaute ihn ruhig an und ließ die Arme hängen, hatte die Hände geöffnet und den linken Fuß etwas vorgeschoben. Ein Kampfsportler hätte sofort erkannt, dass er die Hidari-Hanmi-Position eingenom- men hatte, beim Aikido eine der zur Vorbereitung die- nenden Kamae oder Stellungen, aber der Mann aus Es- sex hielt Aikido vermutlich für ein Gericht, das man beim chinesischen Schnellimbiss bestellen konnte. Aikido ist vermutlich die ungewöhnlichste aller asia- tischen Kampfsportarten, da sie grundsätzlich zur Verteidigung dient und sich vor allem die Kraft des Gegners zunutze macht und gegen ihn einsetzt. Einen Aikido-Meister anzugreifen ist etwa so, als wollte man auf Rauch einschlagen – vergeblich und aussichtslos. Richter war zwar kein Meister, aber er hatte gewisse Grundkenntnisse. Der Mann grunzte, trat einen Schritt vor und hieb mit dem Rohr von schräg oben zu – ein gewaltiger Schlag, der Richter das Genick gebrochen hätte, wenn er ihn getroffen hätte. Aber er traf ihn nicht, da Rich- ter sich im gleichen Moment bewegte wie der Mann aus Essex. Und er überraschte den Mann, weil er auf ihn zukam, statt zurückzuweichen., Richter unterlief den Hieb, drehte sich nach links und drückte seinen Rücken an die Brust des Schlä- gers. Er streckte die rechte Hand aus und spreizte die Finger, bis er den zuschlagenden rechten Arm des Angreifers berührte. Richter griff nach unten, bis er das Handgelenk zu fassen bekam, und umschlang es mit den Fingern. Er zog den Arm des Mannes nach unten und beugte sich gleichzeitig vornüber. Der Mann wurde von seinem eigenen Schwung mitgeris- sen, während ihn Richter am Handgelenk weiterzerr- te. Er flog über Richter hinweg und knallte rücklings zu Boden, sodass ihm die Luft aus der Lunge entwich und das Eisenrohr davonrollte. Richter blieb in Bewegung. Er hielt immer noch das Handgelenk des Mannes umklammert, setzte seinen rechten Fuß an dessen Achselhöhle, zog und kugelte ihm den Arm aus. Richter blickte auf. Der zweite Mann hatte das Geschehen mit dumpfer, ungläubiger Miene verfolgt. Doch als er seinen Kollegen reglos am Boden liegen sah, griff er in den Kampf ein. Er richtete die Flinte auf Richter und drückte ab, doch sein Opfer war bereits zur Seite gehechtet. Donnernd ging die Schrotflinte los. Kugeln zischten durch die Blätter, und Richter spürte, wie ein paar seine Jacke streiften, als er am Boden landete, aber soweit er feststellen konnte, hatte ihn keine verletzt. Allerdings wusste er, dass die Schrotflinte einen zwei- ten Lauf hatte und dass er schleunigst etwas unter- nehmen musste. Richter rollte sich einmal ab und ging dann in die, Hocke. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung zog er den Smith & Wesson aus dem Schulterholster und legte ihn an. Der Rückschlag der schweren Schrotflin- te hatte den Arm des Mannes hochgerissen, doch als Richter sich nicht mehr bewegte, brachte er die Waffe wieder in Anschlag. Aber bevor er abdrücken konnte, ging der Revolver los. Der Rückschlag riss Richters Arm hoch, und die 357er-Magnum-Kugel traf den Schläger mitten in der Brust und schleuderte ihn zu- rück. Er war tot, noch ehe er am Boden aufschlug. Das Echo der Schüsse verhallte zwischen den Hü- geln. Richter wusste, dass jeden Moment die Gäste auf den Parkplatz stürmen würden, um nachzusehen, was hier los war. Aber er brauchte nur ein paar Sekunden. Er ging zum ersten Angreifer, der sich gerade aufset- zen wollte und vor Schmerz stöhnte. Richter trat ihm den heilen Arm weg, mit dem er sich aufstützte, wor- auf er wieder zu Boden sank. Einen Moment lang schien die Zeit stehen zu bleiben, dann richtete Richter den Revolver auf den Bauch des Mannes und spannte den Hahn. Das Klicken kam ihm unnatürlich laut vor. »Wer hat euch geschickt?«, fragte Richter ruhig und gelassen. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte ihm der Mann nicht antworten, dann schüttelte er den Kopf. »Die Leute, denen Sie Geld schulden?«, erwiderte er mürrisch. Es war in etwa so, wie Richter vermutet hatte. Die alte Geschichte – ein Mann hat Spielschulden, die er entweder nicht bezahlen kann oder nicht bezahlen, will. Folglich setzt man zwei Gorillas auf ihn an, die ihn zur Vernunft bringen sollen. Er wunderte sich le- diglich darüber, dass die Russen so ein Lumpenpack angeheuert hatten. »Hoffentlich haben sie dir deinen Lohn im Voraus gegeben«, sagte Richter und schob den Smith & Wes- son ins Holster. »Denn wenn du nach Leistung be- zahlt wirst, springt nicht viel dabei raus. Die Sache mit deinem Freund tut mir Leid«, fügte er hinzu, ehe er zu seinem Auto ging. Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. »Walter, nicht wahr?«, fragte der grauhaarige Mann, der aufstand und hinter dem wuchtigen Mahagoni- schreibtisch hervorkam, als Hicks das Zimmer betrat. »Ja, Mr. President.« »Kennen Sie den Verteidigungsminister?« Hicks wandte sich um und nickte dem Mann zu, der in einem der bequemen Armsessel im Oval Office saß. »Ja, ich kenne ihn. Guten Tag, Mr. Secretary«, sagte er. »Na schön, Walter, schießen Sie los.« Hicks setzte sich und öffnete seinen Aktenkoffer. »So unglaublich es auch klingen mag, Mr. President, aber uns liegen Erkenntnisse vor, die darauf hindeu- ten, dass Russland einen Angriff auf die Vereinigten Staaten in die Wege leitet.«, Der Verteidigungsminister sprang auf. »Was zum Teufel soll das heißen? Ist das ein schlechter Scherz?«, herrschte er Hicks an. Hicks schüttelte bedächtig den Kopf. »Nein, Mr. Secretary, das ist keineswegs ein Scherz«, erwiderte er. »Sonst wäre ich nicht hergekommen.« Der Präsident stand immer noch da und blickte Hicks prüfend an. »Fahren Sie fort, Walter«, sagte er ruhig. »Um was für einen Angriff handelt es sich, und welche Hinweise haben Sie?« Hicks zog einen Aktenordner mit dem Titel »Ra- vensong« heraus und begann mit seinem Vortrag. Cambridge Richter telefonierte mit seinem Handy zehn Minuten lang mit Simpson und erklärte ihm, was auf der A10 vorgefallen war. Simpson war damit einverstanden, dass die Metropolitan Police ein bisschen Druck auf die Cambridgeshire Constabulary ausüben sollte. Au- ßerdem dachten sie sich eine Erklärung aus, der zu- folge es sich bei dem Vorfall um eine Schießerei unter verfeindeten Bandenmitgliedern gehandelt habe – ei- ne Geschichte, die sogar die Polizei ohne allzu große Schwierigkeiten glauben konnte. Als Richter mit leich- ter Verspätung in Cambridge eintraf, parkte er in der Nähe des Bahnhofs und fuhr mit dem Taxi zum De- partment of Theoretical Physics. Viele Dienststellen der Regierung, darunter auch, manch eine aus dem so genannten inoffiziellen Be- reich, sind auf die Hilfe sachverständiger Wissen- schaftler angewiesen. Infolgedessen wird manch eine Kapazität auf diesem oder jenem Fachgebiet einem geheimen Sicherheitscheck, »Negative Überprüfung« genannt, unterzogen, ehe man den oder die Betreffen- de anspricht und nachfragt, ob er oder sie bereit wäre, der Regierung gegen ein eher schmales Jahreshonorar als Berater zur Verfügung zu stehen. Seit dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber wäh- rend der sechziger und frühen siebziger Jahre – nach den peinlichen Pannen, die man mit Burgess, MacLe- an, Philby, Blunt und anderen erlebt hatte –, legten die Sicherheitskräfte der westlichen Welt immer größeren Wert darauf, jeden, der Zugang zu geheimen Unterla- gen hatte, gründlich zu überprüfen und zu durch- leuchten. Die Briten zeichneten sich auf diesem Gebiet nicht unbedingt aus. Das Versagen ihrer Dienste lässt sich weitestgehend auf den geradezu bedingungslosen Glauben an alte Schulfreundschaften zurückführen. Selbst wenn jedem, der auch nur halbwegs Augen im Kopf hatte, auffiel, dass dieser oder jener Mann ein Gewohnheitssäufer war, ein bekennender Schwuler, der einen Freund namens Boris oder Iwan hatte, und eventuell sogar eingeschriebenes Mitglied der Kom- munistischen Partei, sah man darüber hinweg, weil der gemeinsame Schulbesuch in Winchester oder Cambridge schwerer wog als alle anderen Hinweise. Einige Jahre lang hatte man sogar fast den Eindruck,, dass gewisse sexuelle Neigungen und ein Hang zum Stalinismus die einzigen Voraussetzungen für eine Aufnahme in den erhabenen Kreis der geheimen Dienste waren. Irgendwann legte man eher trotz als wegen dieser Gepflogenheiten mehr Wert auf eine genauere Über- prüfung. Dadurch entstand ein neuer Beruf im sicher- heitsrelevanten Bereich – der »Screener« oder »Durch- leuchter«, wie er allgemein genannt wird. Screener sind für gewöhnlich ehemalige Offiziere, die einen halbwegs hohen Rang innehaben und gewisse Kennt- nisse in Sachen Nachforschung vorweisen können. Ih- re Aufgabe besteht darin, dass sie sich sämtliche Per- sonalakten vornehmen, die auf ihrem Schreibtisch landen, und jeden einzelnen Punkt, auf den es an- kommt, überprüfen, gegenchecken und noch einmal nachprüfen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Sicherheits- checks, je nachdem, für welchen Aufgabenbereich man vorgesehen ist. Für gewöhnlich begnügt man sich mit einer Negativen Überprüfung, die im Gehei- men erfolgt. Dabei überzeugt sich der Screener ledig- lich davon, dass alle Angaben richtig sind, indem er die Geburts- und Heiratsurkunden überprüft, in den Schulakten nachschlägt, die unmittelbare Verwandt- schaft durchleuchtet und sich davon überzeugt, dass keinerlei schwer wiegende Verfehlungen vorliegen, zum Beispiel ein Onkel, der Bezirkssekretär der Kommunistischen Partei ist. Jeder Offizier bei den Streitkräften muss sich einer Negativen Überprüfung, unterziehen, desgleichen alle anderen Geheimnisträ- ger. Einer Positiven Überprüfung wird jeder unterzo- gen, der Zugang zu streng geheimen Unterlagen hat – Material, das mit »Top Secret«, »Atomic Secret« oder »Cosmic Top Secret« oder irgendeiner anderen von insgesamt dreißig höheren Geheimhaltungsstufen ge- kennzeichnet ist. Sie fängt mehr oder weniger da an, wo die Negative Überprüfung aufhört. Dabei kommt es vor allem auf die Kooperationsbereitschaft des zu Überprüfenden an, dessen ganzes Leben genauestens ausgeforscht wird, buchstäblich von der Zeugung bis zu dem Tag, an dem die Überprüfung beginnt. Man erkundigt sich eingehend bei Verwandten und Freun- den, spricht bei früheren Arbeitgebern vor und nimmt sogar das Sexualleben des Betroffenen unter die Lupe. Diese Überprüfung ist gründlich, sie dauert eine gan- ze Weile und ist ziemlich unangenehm. Aber sie er- füllt ihren Zweck, und das ist das Ausschlaggebende. Allerdings werden auch manche wissenschaftlichen Berater, die von der Regierung mit streng geheimen Projekten betraut werden, nur einer Negativen Über- prüfung unterzogen. Man begründet das damit, dass diese Berater nur einen begrenzten Einblick bekämen, sodass eine gründliche Durchleuchtung nicht erfor- derlich sei. Wahrscheinlich ahnte man, dass es zu ei- nem großen Zeter und Mordio wegen gewisser Ver- stöße gegen die bürgerlichen Grundrechte kommen würde, wenn man Wissenschaftler einer Positiven Überprüfung unterzog, und nahm davon Abstand,, weil der ganze Aufwand den Ärger nicht wert war. Deshalb wird dieser Sicherheitscheck nur durchge- führt, wenn es unbedingt notwendig ist. Richter trat durch die offene Doppeltür und ging zu einem verglasten Kabuff mit der Aufschrift »Portier«. Aber dort saß niemand. An der Wand neben der Trep- pe hing eine Tafel, auf der alle in dem Gebäude beschäf- tigten Wissenschaftler und Verwaltungskräfte aufgelis- tet waren. Richter überflog sie rasch, bis er auf »Profes- sor Hillsworth« stieß, dessen Labor im dritten Stock war. Er stieg die Treppe empor, die sich in der Mitte des Gebäudes befand und von der zu beiden Seiten lange Korridore abzweigten. Im dritten Stock angekommen, überlegte er kurz und entschied sich dann für den lin- ken Flur. Rechts wäre er schneller zum Ziel gelangt, aber nachdem er an rund zwanzig Türen vergeblich nach einem Schild mit der Aufschrift »Professor Hills- worth« gesucht hatte, fand er schließlich die richtige. Richter klopfte, hörte einen leisen Ruf und trat ein. Richter wusste nicht genau, was er erwartet hatte, aber weder das Zimmer noch der Mann entsprachen seinen Vorstellungen. Der Raum wirkte ganz und gar nicht wie ein Labor. Richter sah nirgendwo Reagenz- gläser, Retorten oder einen Bunsenbrenner, nicht ein- mal einen Rechenschieber oder Taschenrechner. Dann wurde Richter klar, dass dies nicht weiter verwunder- lich war. In der theoretischen Physik, der Kernphysik zumal, konnte man mit solchen Geräten nicht viel an- fangen. Und eine Kettenreaktion im Labor ist nicht unbedingt zu empfehlen., Es war ein langer, rechteckiger Raum, an dessen ei- ner Wand sich ein Fenster ans andere reihte, sodass das ganze Labor hell und licht wirkte. Unter den Fens- tern war ein Anbautisch an der Wand verschraubt, der mit allerlei Büchern, Papieren und Schreibzeug übersät war, dazu kam ein kleiner Fotokopierer. Da- hinter befand sich eine kleine Spüle, neben der ein Elektrokochtopf, Tassen, ein Glas Pulverkaffee, eine Zuckertüte, eine Packung Milch und ein Karton mit Tee- beuteln standen. Die Stühle an dem langen Tisch wirkten ausgespro- chen unbequem, ganz im Gegensatz zu den Armses- seln, die das übrige Mobiliar darstellten. Im hinteren Bereich, der durch einen Raumteiler abgetrennt war, sah Richter drei Computer-Keyboards und die dazu- gehörigen Monitore sowie eine High-Tech-Tafel und eine herkömmliche Schiefertafel. An den Wänden hin- gen drei gerahmte Fotos – auf den ersten beiden waren zwei ältere Männer zu sehen, zweifellos berühmte Wissenschaftler, auf dem dritten die typische Pilzwol- ke, die bei einer Atomexplosion entsteht. Der Professor saß in einem der Armsessel, hatte ei- ne Teetasse in der Hand und las im Penthouse. Er stand auf, als Richter eintrat. »Professor Hillsworth?« »Der bin ich. Sie müssen Mr. Richter sein, vom Ver- teidigungsministerium.« Hillsworth war ein kleiner, molliger Mann mit pechschwarzen Haaren, die rechts gescheitelt waren, und auffälligen Lachfalten. Er wirk- te eher wie ein Komiker in einem Arbeiterclub, nicht, aber wie ein Professor für Kernphysik. Er trug ein le- geres Tweedsakko und eine graue Hose, dazu ein hellblaues Hemd mit dunkelblauen Streifen und eine dunkelblaue Krawatte mit einem Bildmotiv – allem Anschein nach ein kleines, aber deutlich erkennbares Schwein mit Flügeln. Er winkte Richter zu einem Ses- sel. »Das Wichtigste zuerst. Wie mögen Sie Ihren Tee?« »Kaffee, wenn möglich. Mit Milch, ohne Zucker«, antwortete Richter, worauf Hillsworth eine Zeit lang mit dem Kochtopf, den Tassen und einer Packung Kekse hantierte. »Nun«, sagte er, nachdem Richter einen Schluck ge- trunken und den Kaffee gelobt hatte. »Was wollen Sie von mir hören?« »Was hat man Ihnen am Telefon erklärt, Professor?« »Nur, dass heute Nachmittag ein Mr. Richter vom Verteidigungsministerium vorbeikommt und man mir sehr verbunden wäre, wenn ich zur Verfügung stün- de. Ich war einverstanden.« »Schön«, sagte Richter und setzte zu einem ziemlich hochtrabenden Sermon an, dessen Wortlaut ihm Simpson in dem rosa Ordner vorgegeben hatte, der in seiner Aktentasche steckte. »Wenn ich darf, möchte ich Ihnen zunächst kurz umreißen, worum es geht. Das Verteidigungsministerium ist mit einer ganzen Reihe von Aufgaben befasst, die nicht in unmittelba- rem Zusammenhang mit der Landesverteidigung ste- hen. Unlängst haben wir Informationen erhalten, die darauf hindeuten, dass es auf dem Gebiet der Kern- forschung zu gewissen Entwicklungen gekommen ist,, die sich nachhaltig auf unsere Verteidigungsfähigkeit auswirken könnten. Ich werde auf dieses Thema spä- ter zurückkommen, wenn ich darf. Zunächst aber wä- re ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir in aller Kürze ein paar Grundkenntnisse über die Funktionsweise einer Atomwaffe vermitteln könnten.« »Selbstverständlich, Mr. Richter. Könnten Sie mir vorher vielleicht Ihren Ausweis zeigen? Nur für den Fall, dass ich Bereiche anschneiden muss, die der Ge- heimhaltung unterliegen.« Ein Punkt für den Professor. Richter zückte seine Brieftasche und holte eine Karte heraus, die er Hills- worth reichte. Dieser musterte sie genau, überprüfte das Foto und gab sie zurück. »Wie ist es um Ihre na- turwissenschaftliche Ausbildung bestellt?« »Das übliche Schulwissen«, erwiderte Richter. »Qualifizierender Abschluss – Grundkurs Physik. Ich bin durchgekommen«, fügte er hinzu. »Nun, das ist doch schon mal was«, sagte der Profes- sor, wenn auch mit skeptischem Unterton. Er lehnte sich im Sessel zurück, holte eine lange, geschwungene Pfeife und einen Lederbeutel aus der Tasche und stopf- te sie. »Lassen Sie mich«, sagte er, »von vorn anfangen.« Kutusowskij Prospekt, Moskau Gennadi Arkenko legte den Telefonhörer auf und ging zum Tisch. Allmählich machte er sich ernsthaft Sorgen. Trotz Dimitris Zusicherung, dass bei der Ope-, ration Podstawa alles planmäßig vonstatten ginge, gab es ständig Änderungen. Die letzte Nachricht, die er erhalten hatte, besagte, dass die Ankunft der Anton Kirow in Gibraltar erneut vorverlegt worden war. Noch mehr aber beunruhigte ihn die Tatsache, dass er Dimitri seit Montag nicht mehr gesehen hatte – vom Wiederholen der Durchsagen einmal abgesehen, hatte er nicht einmal am Telefon mit ihm gesprochen. Ar- kenko hoffte, dass mit Dimitri alles in Ordnung war. Die Wohnung, die einst so sicher und behaglich gewesen war – ein Treffpunkt, in dem die beiden eng umschlungen beieinander liegen konnten –, kam ihm mehr und mehr wie ein Gefängnis vor. Ein heimeliges Gefängnis zwar, aber nichtsdestotrotz ein Gefängnis. Seufzend griff er zu seinem Notizblock und bereite- te den Funkspruch vor. Cambridge Der Professor war mitten in seiner Vorlesung. »Mate- rie kann natürlich weder erschaffen noch zerstört werden. Materie kann lediglich in andere Materiear- ten umgewandelt werden, beziehungsweise in Ener- gie, da Materie und Energie als zwei verschiedene Er- scheinungsformen der gleichen Sache aufgefasst wer- den können. Zu dieser Umwandlung kommt es zum Beispiel, wenn man Kohle verbrennt. Bei der durch die Verbrennung freigesetzten Energie handelt es sich um die Energie, die in den diversen chemischen Bin-, dungsverhältnissen der Molekulare enthalten ist, aus denen Kohle besteht. Das ist natürlich eine sehr ver- einfachte Darstellung, aber für unsere Zwecke sollte das genügen. Doch bei einem Verbrennungsprozess wird nicht nur Energie freigesetzt, auch die Stoffe, die dabei entstehen, unterscheiden sich deutlich von den ursprünglichen Bestandteilen der Kohle, beziehungs- weise dem Brennstoff, der benutzt wurde. Wenn man Kohlenstoffverbindungen verbrennt, entstehen Koh- lenmonoxid und Kohlendioxid, verbrennt man Stick- stoff, dann entstehen bestimmte Stickoxide, und so weiter. Ausschlaggebend aber ist eines: Wenn im ur- sprünglichen Material Kohlenstoff enthalten ist, ent- halten auch die bei der Verbrennung entstehenden Stoffe genau die gleiche Menge Kohlenstoff. Alles klar?« Richter nickte. Er fragte sich, wie lange er das noch durchhalten würde, ohne einzunicken. »Nun, bei ei- ner Kernreaktion ist das nicht mehr der Fall. Die Ele- mente, die vorher vorhanden waren, sind hinterher nicht mehr die gleichen. Die in der Materie vorhande- nen Elemente verändern sich, so wie es die Alchimis- ten vor hunderten von Jahren auf der Suche nach dem Stein der Weisen anstrebten. Unsere Sonne ist ein rie- siger Kernreaktor, der Wasserstoffatome verschmilzt und Helium erzeugt. Das Gleiche geschieht bei der Explosion einer Kernwaffe. Ein Element wird in ein anderes umgewandelt, wobei eine gewaltige Energie freigesetzt wird. Und durch die bei der Explosion freigesetzte Energie unterscheiden sich die konventi-, onellen Sprengstoffe von den Kernwaffen. Mit einem Koffer Dynamit kann man ein Gebäude zum Einsturz bringen. Mit einem Koffer Uran kann man eine ganze Stadt zerstören. Der grundsätzliche Unterschied be- steht darin, dass bei der Explosion eines konventionel- len Sprengstoffes die freigesetzte Energie aus dem Aufbrechen der molekularen Bindungsverhältnisse entsteht. Bei einer Kernexplosion hingegen werden die Atome gespalten und die entsprechenden Bin- dungskräfte freigesetzt. Je stärker die Bindungsver- hältnisse, die aufgebrochen werden, desto größer die freigesetzte Energie, und die Atombindungen sind sehr, sehr stark.« Hillsworth stand auf und ging zur Tafel. »Der tatsächliche Wert der freigesetzten Energie ergibt sich aus der Masse-Energie-Gleichung, die Sie sicherlich kennen.« Er nahm einen roten Leuchtstift, schrieb »E=mc2« an die Tafel und warf Richter einen Blick zu. Der nickte und versuchte einigermaßen schlau zu wirken. »E ist die freigesetzte Energie, m ist die Masse des verwendeten Materials und c ist der Zahlenwert der Lichtgeschwindigkeit, der quadriert wird. Mit den einzelnen Bausteinen müssen wir uns nicht weiter be- fassen. In diesem Zusammenhang genügt die Feststel- lung, dass ›c-Quadrat‹ einen sehr hohen Wert dar- stellt, weshalb auch E so gewaltig ist.« Hillsworth nahm wieder Platz. »Nun, zum Bau ei- ner Kernwaffe benötigt man zunächst das dafür ge- eignete Material. Es muss spaltbar sein, was wieder- um heißt, dass es sich jederzeit in andere Elemente, umwandeln lassen muss, unter der entsprechenden Freisetzung von Energie. Das wiederum bedeutet in der Praxis, dass es sich um ein sehr schweres, radioak- tives Material handeln muss, zum Beispiel Uran oder Plutonium. Radioaktive Materialien emittieren, wie der Name andeutet, subatomare Teilchen und eine gewisse Strahlung. Und mit manchen, wie zum Bei- spiel dem im Uran enthaltenen Isotop U 235, kann man eine kritische Masse erzeugen. Um es einfach auszudrücken: Wenn bei einer Kernspaltung frei wer- dende Neutronen mehr als eine Spaltung hervorrufen, kommt es zu einer Kettenreaktion, wenn mehr als eine Mindestmenge an spaltbarem Material, in diesem Fall Uran 235, vorhanden ist, und das führt zu einer Exp- losion. Und darauf beruht, um es so kurz und bündig wie möglich auszudrücken, die ganze Idee von der Atombombe. Man sucht sich einfach genügend Uran, das man zum gewünschten Zeitpunkt zu einer kriti- schen Masse vereint, und wartet auf die Detonation. Die technischen Voraussetzungen sind natürlich weit- aus komplizierter, was vermutlich auch ganz gut ist. Für gewöhnlich verwendet man Spezialzünder, die den Bau einer Bombe ermöglichen, für die man deut- lich weniger spaltbares Material benötigt als früher. Bei den Bomben, die ich bislang angesprochen habe, handelt es sich um so genannte nukleare Sprengkör- per, bei denen ein schweres Element in zwei leichtere gespalten wird. Bei der Wasserstoffbombe wiederum, einem so genannten thermonuklearen Sprengkörper, entstehen durch die Verschmelzung von Wasserstoff-, atomen schwerere Elemente. Auf die gleiche Art und Weise erzeugt auch die Sonne Energie. Soll ich auch darauf näher eingehen?« »Danke, Professor. Dafür wäre ich Ihnen sehr ver- bunden.« Richter hatte bislang nichts Neues erfahren, und beim derzeitigen Stand ihres Gespräches rechnete er auch nicht damit. Aber eine der Grundregeln bei einem Sondierungsgespräch – das heißt, wenn es sich nicht um ein Verhör handelt – lautet, dass man so vie- le Fragen stellen soll, dass der Befragte nur schwer feststellen kann, was man eigentlich herausfinden möchte. Richter konnte es nur recht sein, wenn der Professor noch weiter ausholte. Je mehr er sagte, desto besser. Zumal er sich bei seinem Vortrag durchaus wohl zu fühlen schien. »Gut«, sagte Hillsworth. »Bei einer Wasserstoff- bombe verwendet man einen nuklearen Sprengkörper als Zünder, der wiederum mit einer Schale aus schwe- ren Wasserstoffisotopen und Lithium umgeben ist, um die Kettenreaktion auszulösen.« Er verstummte, als ein gedämpftes Klingeln ertönte. Richter murmelte eine kurze Entschuldigung und holte sein Handy aus der Jackentasche. »Richter«, sag- te er. »Hier ist die Auslieferung«, meldete sich der Anru- fer aus Hammersmith. »Wir haben gerade eine Liefe- rung der Kategorie vier für unseren wichtigsten Kun- den erhalten.« Bei einem öffentlichen Telefongespräch – selbst wenn der Anruf über ein abhörsicheres digitales, Handy geführt und vom Sender zerhackt wurde – musste man gewisse Vorsichtsmaßnahmen beachten. Der »wichtigste Kunde« war Amerika, und »Liefe- rung der Kategorie vier« war eine Codebezeichnung für DEFCON – DEFence CONdition oder Verteidi- gungsbereitschaft – FOUR. Bei der Verteidigungsbereitschaft oder DEFCON gibt es fünf Stufen. In Friedenszeiten gilt DEFCON FIVE. DEFCON ONE wiederum heißt, dass sich die Streit- kräfte der Vereinigten Staaten in höchster Kampfbe- reitschaft oder bereits im Kriegszustand befinden. Bei DEFCON FOUR wird das amerikanische Militär in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, die für gewöhn- lich dem Ausbruch von Feindseligkeiten vorausgeht. »Oh, Scheiße«, erwiderte Richter. »Wann?« »Vor etwa zwanzig Minuten.« »Welche Maßnahmen?« »Kommen Sie hierher zurück, sobald Sie dort fertig sind.« Richter klappte das Handy zu, als Hillsworth auf- stand und sich eine weitere Tasse Tee holte. Dann kam er unverzüglich zur Sache. »Professor, wir haben gehört, dass die Amerikaner eine neue Waffe erpro- ben, die etwa die gleiche Sprengkraft wie eine her- kömmliche Kernwaffe besitzt, aber nur geringe oder gar keine Radioaktivität freisetzt. Ich darf Ihnen nicht verraten, woher wir diese Information haben, und wir haben derzeit keine Ahnung, wie so eine Waffe funk- tionieren könnte.« Richter konnte ihm die Informationsquelle vor al-, lem deshalb nicht nennen, weil kein derartiger Hin- weis vorlag. Hillsworth trank bedächtig einen Schluck Tee, schaute Richter über den Rand seiner Tasse hin- weg gespannt an und lächelte dann. »Ich dachte, die Amerikaner wären auf unserer Seite?« »Das sind sie auch, Professor«, erwiderte Richter, »und deshalb interessieren wir uns ja dafür. Man muss immer Bescheid wissen, was der Feind im Schil- de führt. Was die Freunde vorhaben, lässt sich viel schwerer feststellen, deshalb achten wir sehr genau auf jedes Gerücht, das uns zu Ohren kommt.« Hillsworth nickte. »Sehr klug, ohne jeden Zweifel.« Er wirkte nachdenklich. »Das ist ein interessanter Ge- danke, aber leider unmöglich.« »Unmöglich?«, hakte Richter nach. »Ja. Es ist physikalisch nicht möglich. Wenn eine Kernexplosion stattfindet, wird Radioaktivität freige- setzt, und niemand kann das verhindern. Die Radio- aktivität ist ein ebenso unabdingbarer Bestandteil die- ser Waffen wie Uran oder Plutonium.« Hillsworth hielt inne und kratzte sich am Nacken. »Wie bereits kurz angesprochen«, fuhr er fort, »gibt es grundsätz- lich drei Typen von Kernwaffen: nukleare Sprengkör- per, thermonukleare Sprengkörper und die Neutro- nenbombe, die ebenfalls auf dem Prinzip der Kern- verschmelzung beruht. Alle setzen Radioaktivität frei, unter anderem Gammastrahlen, Röntgenstrahlen, Al- pha-Partikel und Neutronen. Die Neutronenbombe wurde eigens zu dem Zweck gebaut, große Mengen schneller Neutronen freizusetzen, die alles Leben im, näheren Umkreis töten. Aber es handelt sich um eine rein taktische Waffe, die nicht für strategische Einsät- ze geeignet ist.« »Wie das?«, fragte Richter. »Weil die bei der Explosion einer herkömmlichen Kernwaffe freigesetzten Neutronen absorbiert wer- den, um mehr Energie zu erzeugen, also die Spreng- kraft zu erhöhen. Bei einer Neutronenbombe aber können die Neutronen entweichen, was die maximale Wucht der Waffe stark einschränkt.« »Wie hoch könnte die Sprengkraft einer Neutro- nenbombe sein?« »Theoretisch liegt die Obergrenze bei etwa neun Megatonnen. Aber die Neutronenbombe sollte in ers- ter Linie mit schweren Artilleriegeschützen oder durch kleine Kurzstreckenraketen ins Ziel gebracht werden, daher bewegt sich die Sprengkraft für ge- wöhnlich im Bereich von wenigen Kilotonnen. Wie schon gesagt, es handelt sich um eine rein taktische Waffe.« »Und wie sieht’s mit der Strahlung aus?« »In Fachkreisen wird sie ›Enhanced Radiation Weapon‹ oder ›ERW‹ genannt, und sie war von An- fang an dazu bestimmt, den Westen gegen einen zah- lenmäßig überlegenen Angreifer zu verteidigen. Die Neutronen würden angreifende Truppen töten, aber aufgrund der geringen Sprengkraft der Bombe wür- den nur geringe Gebäudeschäden auftreten, was durchaus von Bedeutung sein könnte, wenn man auf eigenem Territorium kämpft. Außerdem klingt die, Radioaktivität rasch ab, was ebenfalls von Vorteil sein könnte.« Richter sah zwar noch nicht das Licht am Ende des Tunnels, aber zumindest konnte er die Tunnelwände einigermaßen deutlich erkennen. Anton Kirow »Keine weitere Kursänderung?«, fragte Waleri Bonda- rew ein wenig schroff. Oberst Saworin nickte. »Mir passt das ebenso wenig wie Ihnen, Waleri«, sagte er. »Ich halte mich an einen Zeitplan, aber der wird mir von Moskau vorgegeben.« »Aha«, sagte Bondarew. »Tunis laufen wir also auch nicht an.« »Nein. Man hat uns befohlen, direkten Kurs auf Gibraltar zu nehmen und Moskau mitzuteilen, wann wir voraussichtlich dort eintreffen. Mein Funker hat bereits den Liegeplatz in Tunis storniert.« »Herzlichen Dank«, erwiderte Bondarew mit spötti- schem Unterton. Cambridge »Und was ist aus der Neutronenbombe geworden?«, fragte Richter. »Nun«, erwiderte Hillsworth, »sie war von Anfang an umstritten, weil sie nur dazu dient, Menschen zu, töten. Sie wurde eigens dazu entwickelt, feindliche Truppen zu dezimieren, und als die Amerikaner sie in Europa stationieren wollten, kam es zu heftigen Pro- testen. Die Russen hielten es offenbar für unfair, dass ihre weit überlegenen Invasionsstreitkräfte von einer Hand voll Truppen besiegt werden könnten, die le- diglich mit Haubitzen und ein paar Raketen bewaffnet waren. Dass die Waffe nur taktischen Zwecken diente und deshalb nur eingesetzt werden würde, um Russen zu töten, wenn sie mit ihren schweren Kampfpanzern in Europa einfielen, hielt man für unwesentlich. Die Amerikaner verzichteten schließlich auf die Stationie- rung der Waffe, lagerten sie aber in den USA ein, um sie einzusetzen, falls es hier drüben zu Feindseligkei- ten kommen sollte.« »Und die Russen? Haben die welche gebaut?« Hillsworth nickte. »Natürlich. In den achtziger Jah- ren gaben sie bekannt, dass sie Neutronenwaffen ge- baut und getestet hätten. Wie der derzeitige Stand der Dinge ist, weiß ich nicht, aber ich nehme doch stark an, dass in jüngster Zeit irgendwo in Russland eine neue Art Neutronenbombe getestet wurde.« »Wie kommen Sie darauf, Professor?«, fragte Rich- ter und beugte sich leicht vor. »Weil Sie hier sind, auf meinem Sessel sitzen, mei- nen Kaffee trinken, meine Kekse essen und mir einen Haufen Lügen auftischen, mir weismachen wollen, dass die Amerikaner eine Superbombe gebaut haben.« »Ach ja?«, sagte Richter., Der Professor lächelte. »Ich bin kein Trottel, Mr. Richter. Ich weiß über die angloamerikanische Koope- ration bei Verteidigungsprojekten Bescheid – unter anderem bin ich Mitglied in einem der Planungsaus- schüsse –, und wenn unsere Cousins auf der anderen Seite des großen Teichs eine neue Waffe entwickeln würden, wüsste ich garantiert etwas davon. Da dies nicht der Fall ist, haben vermutlich die Russen eine gebaut. QED.« »Ah«, sagte Richter und trank seinen Kaffee aus. Wenn man mit zweiunddreißig Professor wird, was Hillsworth geschafft hatte, muss man ein ziemlicher Schlauberger sein, dachte er. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er so schlau war. »Ich möchte das we- der bestätigen noch dementieren –«, setzte Richter im besten Beamtenton an, aber Hillsworth unterbrach ihn. »Lassen Sie mich den Satz zu Ende bringen«, sagte er. »Ich habe genug gehört. Kurzum, Sie sind weder bereit, Ihre Informationsquelle noch den Inhalt dieser Information zu nennen, und Sie würden, wenn man in Sie dringt, nicht einmal zugeben, dass es diese Infor- mation gibt. Richtig?« Richter nickte. »Sie haben also eine Geschichte gehört oder irgendeinen Bericht gese- hen und möchten von unabhängiger Seite eine Mei- nung dazu hören.« »Ja.« Hillsworth schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, warum Sie das nicht gleich gesagt haben, statt um den heißen Brei herumzureden und sich eine ziemlich, langweilige Lektion über die Grundlagen der Kern- waffentechnologie anzuhören. Ich nehme an, Sie und Ihresgleichen genießen Ihre Mantel- und Degenspiel- chen.« Richter nickte erneut, wenn auch etwas verlegen. »Wir bleiben gern in Übung, Professor«, sagte er. »Okay, das wäre geklärt. Wäre es möglich, dass die Russen eine strategische Neutronenbombe entwickelt haben?« »Möglich ist alles, nehme ich an«, erwiderte Hills- worth. »Aber selbst wenn sie eine solche Waffe entwi- ckelt haben sollten und ihre Streitkräfte damit aufrüs- ten wollen, hätte die Sache natürlich einen Haken.« »Aha«, setzte Richter nach. »Inwiefern?« »Nun, wenn dem so sein sollte, wären die Russen fortan bei jedem nuklearen Schlagabtausch entschie- den im Nachteil. Aber«, fügte Hillsworth hinzu, »es gibt drei weitere Aspekte, die für Ihre Nachforschun- gen von Bedeutung sein könnten. Erstens, sagt Ihnen der Name Sam Cohen irgendwas? Zweitens, inwie- weit wissen Sie darüber Bescheid, dass die Amerika- ner von den Russen waffenfähiges Plutonium aufkau- fen? Und drittens, haben Sie schon mal etwas von ro- tem Quecksilber gehört?« Hammersmith, London Richter war kurz nach halb sieben wieder in Ham- mersmith, stellte den Escort in der Tiefgarage ab,, meldete sich beim Offizier vom Dienst und begab sich sofort zu Simpson. Simpson saß an seinem Schreib- tisch und studierte eine Akte, die er zuschlug, als Richter hereinkam. »Nun?«, erkundigte er sich. Richter ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. »Folgendermaßen sieht es aus«, sagte er und berichtete, was ihm der Professor mitgeteilt hatte. GRU-Zentrale (Das »Aquarium«), Flugplatz Chodin- ka, Moskau Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Anzahl der russischen Aufklärungssatelliten deutlich zurückge- gangen, aber etliche sind noch im Einsatz, alle vom Direktorat für Kosmoserkundung beim GRU betrie- ben, die auf polarer Umlaufbahn die Erde umkreisen und hauptsächlich den nordamerikanischen Konti- nent ausspähen. Die russischen Satelliten sind ebenso wie die alten amerikanischen vom Typ Big Bird oder die derzeit eingesetzten KH-11 und KH-12 mit feinster Optik und allerlei anderem Gerät ausgestattet, das im infraroten oder elektromagnetischen Bereich arbeitet. Und sie dienen in erster Linie dazu, sämtliche militä- rischen Aktivitäten zu erkennen, die für Russland eine Bedrohung darstellen könnten. Unter diese Aktivitäten fielen auch die Maßnah- men, die das amerikanische Militär ergriff, als es in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt wurde. Fünf, Stunden, nachdem in Amerika DEFCON FOUR ver- anlasst worden war, trafen die ersten Satellitenbilder im Aquarium ein. Eine halbe Stunde später war der GRU-Offizier vom Dienst mit einem Stapel Bilder und einer eilends abgefassten Lagebeurteilung zum Kreml unterwegs. Stepney, London Richter verabschiedete sich eineinviertel Stunden spä- ter in Hammersmith, nach der abendlichen Sitzung, sagte dem Fahrer vom Dienst, dass er den Escort noch brauche, und fuhr zu seiner Wohnung. Richters Un- terkunft befand sich im obersten Stockwerk eines un- scheinbaren Gebäudes, das mitten im Wirrwarr der Straßen nördlich der Commercial Road lag und ur- sprünglich einem unbekannten Kaufmann zu viktori- anischer Zeit als städtisches Herrenhaus gedient hatte. Kurz nachdem er in die Dienste des FOE getreten war, hatte Richter eines der beiden oberen Apartments ge- mietet. Die Wohnung war klein, unauffällig, ziemlich zentral gelegen, vor allem aber halbwegs preiswert, jedenfalls nach Londoner Maßstäben, und all das sprach dafür, dass Richter hier einzog. Er zog sein Sakko aus und hängte es über eine Ses- sellehne, streifte die Schuhe ab und legte sich auf die Couch. Er musste eine Weile nachdenken, eins zum anderen fügen. Kurz nach halb zwölf klingelte das Te- lefon. Richter rappelte sich auf, ging in den Flur und, meldete sich. Der Fahrer vom Dienst wollte den Escort abholen, es sei denn, Richter bräuchte ihn noch. »Nein«, sagte Richter. »Bedienen Sie sich. Er steht direkt vor dem Haus.« Da er ohnehin auf den Beinen war und allmählich hungrig wurde, ging er in die Küche, öffnete den Kühlschrank und musterte wenig begeistert den In- halt. Er holte eine tiefgekühlte Lasagne heraus, las die Gebrauchsanweisung, schob sie in die Mikrowelle und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Ein paar Minuten später klingelte die Mikrowelle, und unmittelbar darauf ertönte ein dumpfer, aber lau- ter Knall, den Richter nicht recht einordnen konnte. Er wusste lediglich, dass der Lärm nicht aus der Woh- nung kam. Er schaute aus dem Fenster, konnte aber nichts er- kennen, deshalb ging er den Flur entlang, zu dem Fenster, das zur Hauptstraße führte. Zuerst sah er nur zwei Männer, die quer über die Fahrbahn rannten, und im nächsten Moment hörte er in weiter Ferne Si- renengeheul, das sich rasch näherte. Dann blickte er direkt auf die Straße hinunter. Und erst als er den schwarzen Haufen aus verbogenem Metall sah, der einst ein Escort gewesen war, wurde ihm klar, dass ir- gendetwas gewaltig schief gegangen war., Samstag Stepney, London Richter warf noch einen letzten kurzen Blick auf die Überreste des Wagens, dann wandte er sich ab und kehrte in seine Wohnung zurück. Er schloss die Tür von innen ab, legte den Riegel vor und ging ins Schlafzimmer. Er wirkte ruhig und gefasst, handelte rasch und zielstrebig. Er zog seine graue Hose aus und warf sie aufs Bett. Dann öffnete er den Kleiderschrank, holte eine Blue- jeans heraus, eine schwarze Lederjacke, ein Paar schwarze Turnschuhe, einen dunkelblauen Pulli mit Polokragen und einen kleinen grauen Rucksack. Er schlüpfte in die Jeans, schnallte den breiten Ledergür- tel zu, zog den Pulli über und schnürte die Turnschu- he. Dann griff er ins oberste Fach und holte einen dunkelroten Motorradhelm und ein paar schwarze Lederhandschuhe herunter und legte sie aufs Bett. Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und steckte das Handy in den Rucksack. Danach ging er zu dem Schreibtisch, der gegenüber vom Fenster an der Wand stand, und zog eine Schublade auf. Er holte ein Paar Gummihandschuhe, einen Glasschneider, eine Rolle schwarzes Klebeband, eine kleine Taschenlampe und, zwei Ersatzbatterien heraus und verstaute sie im Rucksack. Er streifte die Schulterriemen über den Pulli, über- zeugte sich, dass der Smith & Wesson voll geladen war und schob ihn ins Holster. Dann steckte er sechs Ersatzpatronen in die Taschen seiner Jeans und packte die Schachtel mit der übrigen Munition in den Ruck- sack. Er aß die lauwarme Lasagne und trank eine Viertel- literpackung Milch. Dann ging er ins Schlafzimmer, zog die Lederjacke an und nahm Helm und Hand- schuhe mit. Er schnallte sich den Rucksack auf, schal- tete bis auf das Nachtlicht im Flur sämtliche Lampen aus und ging zur Wohnungstür. Gut eine Minute lang spähte er durch das Guckloch auf den Flur, dann zog er den Smith, schob vorsichtig den Riegel zurück und öffnete die Tür. Richter blickte ins Treppenhaus hinunter, sah und hörte aber nichts. Die Schlösser unten an den Haustü- ren mochten zwar gewöhnliche Diebe aufhalten, nicht aber die Leute, die den Sprengsatz an die Zündung des Escort angeschlossen hatten. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass nie- mand eingedrungen war, holte er den Aufzug. Als dieser oben ankam, huschte er hinein, drückte auf den Knopf zur Tiefgarage und achtete auf die Stockwerks- ziffern. Die Garagenbeleuchtung, die über Bewe- gungsmelder gesteuert wurde, war ausgeschaltet, als die Fahrstuhltür aufging. Trotzdem sah er sich genau um, ehe er zum anderen Ende der Parkfläche ging, wo, sich unter einer grünen Plane eine schwere Maschine abzeichnete. Richter war ursprünglich mit dem Auto nach London gekommen. Innerhalb eines Monats aber war ihm klar geworden, dass ein vierrädriges Fahrzeug im Stadtver- kehr eher hinderlich war. Deshalb war er zu seiner alten Liebe zurückgekehrt – Motorräder. An dem Ort, den er nach wie vor sein Zuhause nannte – ein baufälliges Cot- tage an der Ostseite der Lizard Peninsula in Cornwall –, hatte er in einer sicher verschlossenen Fertiggarage eine tadellos gepflegte Vincent Black Shadow und eine Velo- cette Venom Thruxton stehen. So wunderbar diese Maschinen auch waren, in London konnte er sie nicht gebrauchen, da sie zu wertvoll, zu verlockend für Diebe und einfach zu un- zuverlässig für den Alltagsgebrauch waren. In Lon- don fuhr Richter Japaner. Billige, alte, aber schnelle Japaner. Er zog die Plane von der Honda 500-4 und warf sie auf den Garagenboden, schwang sich in den Sattel, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, drehte ihn um und drückte auf den Anlasserknopf. Wie immer sprang der Motor sofort an und tuckerte dann ruhig und stetig im Leerlauf vor sich hin. Richter hatte früher eine ganze Reihe britischer Mo- torräder gefahren, deshalb hatte es eine Zeit lang ge- dauert, bis er sich an die absolute Zuverlässigkeit ge- wöhnt hatte, die typisch für die meisten asiatischen Maschinen war, aber inzwischen empfand er das als völlig normal., Er rückte den Rucksack zurecht, betätigte die Kupp- lung, legte den ersten Gang ein und rollte rasch zum Tor. Er hielt neben einer Säule, streckte die Hand aus und drückte auf einen Knopf, hörte das Surren der Elektromotoren und wartete, bis die beiden Torflügel aufgingen. Dann schaltete er die Lichter an der Honda ein, gab auf der Rampe Gas, tauchte in das Labyrinth der stillen Straßen ein und fuhr in Richtung Aldgate und London Bridge. Turabah, Saudi-Arabien Die E-Mail von Hassan Abbas, die Truschenkos Schlussfolgerungen über die Bedeutung des amerika- nischen Aufklärungsfluges sowie Abbas’ eigene An- merkungen enthielt, stimmte weitestgehend mit Sa- doun Khamils Einschätzungen überein. Sobald er von dem Einsatz des Spionageflugzeuges erfahren hatte, hatte Khamil Abbas’ E-Mail kopiert, seine eigene An- sicht zu dem Vorfall hinzugefügt, beides verschlüsselt und an seinen Kontaktmann bei der Führung von al- Qaida geschickt – einen gewissen Tariq Rahmani, ei- nen mürrischen, verschlossenen Mann, der sich stets im Hintergrund hielt. Obwohl Khamil die ausdrückli- che Anweisung erhalten hatte, dass er sich nur mit diesem einen Mann in Verbindung setzen sollte, war er Rahmani erst zweimal begegnet. Er wusste nur wenig über ihn, nicht einmal, in wel- chem Land er lebte, da er einen E-Mail-Service und, ein in Saudi-Arabien angemeldetes Mobiltelefon be- nutzte. Khamil wusste allerdings, dass er zur unmit- telbaren Führungsspitze von al-Qaida gehörte und dass seine Entscheidungen in der Organisation Geset- zeskraft hatten. Und deshalb war Khamil sehr vor- sichtig, wenn er mit ihm zu tun hatte. Jetzt, da er Abbas’ ausführliche und aufschlussrei- che E-Mail vor sich auf dem Bildschirm hatte, dachte er genau nach, ehe er seine Nachricht aufsetzte. Er war ebenso wie Abbas der Ansicht, dass der amerika- nische Aufklärungsflug über Russland keine Auswir- kungen auf ihr eigenes, streng geheimes Unterneh- men hatte, den Teil des Planes, den man bei al-Qaida »El Sikkiyn« genannt hatte. Schließlich zuckte er die Achseln. Er beschloss, über- haupt keinen Kommentar dazu abzugeben. Er würde einfach Abbas’ Mitteilung in voller Länge weitergeben und es dabei belassen. Battersea, London Richter fuhr an der Fenchurch Street an den Straßen- rand und überzeugte sich davon, dass im näheren Umkreis kein anderes Fahrzeug anhielt. Seit er aus der Garage gestoßen war, hatte er ständig die Rück- spiegel im Auge behalten, aber keinerlei Verfolger bemerkt. Vermutlich hatten die Beobachter – denn be- obachtet wurde er garantiert – nach einem Mann, der einen Anzug trug, Ausschau gehalten, nicht aber nach, einer schwarz gekleideten Gestalt auf einem Motor- rad. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Luft rein war, holte er sein Handy heraus und rief den Offizier vom Dienst an. Da es sich um eine vertrauliche Angelegenheit handelte, musste er sich am Telefon in allerlei Umschreibungen und Andeutungen ergehen, konnte ihm aber schließlich die wichtigsten Einzelhei- ten klar machen. Außerdem teilte er ihm mit, dass er Simpson aufsuchen und ihn informieren wollte. »Es ist schon nach eins, wissen Sie«, erinnerte ihn der Offizier vom Dienst. »Ich weiß.« »Der lässt sich bestimmt nicht gern wecken.« »Das ist meine Sache. Sagen Sie einfach im Fuhr- park Bescheid. Außerdem sollten Sie lieber ein paar Takte mit der Polizei reden.« Simpson war, wie nicht anders zu erwarten, Jung- geselle und wohnte in einem Mietshaus in Battersea. Außerdem hatte der Offizier vom Dienst Recht ge- habt. Richter hatte sich sofort nach dem Gespräch mit Hammersmith bei ihm ankündigen wollen, aber nur den Anrufbeantworter erreicht. Als er an der Haustür klingelte, dauerte es gut fünf Minuten, bis Simpson sich über die Sprechanlage meldete. Sein Gesicht wirkte schläfrig und verquollen, als er die Wohnungs- tür vorsichtig einen Spaltbreit öffnete, und die Begrü- ßung war alles andere als freundlich. »Was wollen Sie? Wissen Sie, wie spät es ist? Was zum Teufel ha- ben Sie mit der Verkleidung vor?«, »Ja«, erwiderte Richter, »ich habe eine Uhr. Darf ich reinkommen. Ich hab’s eilig. Außerdem habe ich eine schlechte Nachricht für Sie.« Simpson musterte ihn argwöhnisch. »Was für eine schlechte Nachricht?« »Darüber möchte ich lieber nicht hier draußen auf dem Flur sprechen.« Richter stieß ungeduldig die Tür auf und ging hinein. Simpson schlug sie hinter ihm zu. »Was geht hier vor?«, fragte er. Richter erzählte ihm in aller Kürze, was in dieser Nacht vorgefallen war. Simpson dachte einen Moment lang nach und ging zum Telefon. Er wählte, schaltete den Zerhacker ein, führte mit gedämpfter Stimme ein kurzes Gespräch, legte den Hörer auf und kehrte zu- rück. »Brian Jackson war der Fahrer«, sagte er. »Er hatte unten in Manor Park zu tun und wollte auf dem Rückweg den Escort abholen. Er war erst seit drei Monaten verheiratet.« Richter nickte. Simpson stand wieder auf und ging zum Getränkeschrank. Er holte eine Flasche Malt Whisky heraus und goss sich einen großzügigen, drei Finger breiten Schuss ein. Er hielt Richter die Flasche hin. »Ich weiß, dass Sie normalerweise nicht trinken, aber –« »Ich trinke nie«, sagte Richter. »Ich mache mir einen Kaffee.« Die Küche war klein, aber gut ausgestattet. Richter löffelte eine Portion Pulverkaffee in eine Tasse, schaltete den Elektrokochtopf an und kehrte ins, Wohnzimmer zurück. Simpson saß in seinem Armses- sel und wirkte alt und müde. Er trank einen kräftigen Schluck Scotch und blickte auf. »Das muss aufhören«, sagte er. Seine Augen wirk- ten in dem rosigen Gesicht schwarz wie Kohlen. Rich- ter nickte. Im Moment waren sie völlig einer Meinung, aber Richter bezweifelte, dass es dabei blieb, wenn er ihm mitteilte, was er vorhatte. Als das schrille Pfeifen des Kochtopfs ertönte, ging Richter in die Küche und goss das heiße Wasser in die Tasse. Er gab einen Schuss Milch aus dem Kühlschrank hinzu, kehrte ins Wohnzimmer zurück und ließ sich in einem Sessel nieder. »Was geht hier vor?«, fragte Simpson zum zweiten Mal an diesem Abend. »Ich glaube, ich habe jetzt den Großteil herausbe- kommen«, sagte Richter. Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. Seine Exzellenz Stanislaw Nikolai Karasin, Botschafter und Sonderbevollmächtigter der Gemeinschaft unab- hängiger Staaten, saß etwas steif auf dem Ledersessel und blickte zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. »Mr. President«, begann er förmlich. »Vielen Dank, dass Sie mich noch heute Abend empfangen. Es geht um eine ernste Angelegenheit.«, Der grauhaarige Mann, der ihm gegenübersaß, lä- chelte leicht. »Es ist mir doch stets ein Vergnügen, Sie zu sehen, Mr. Ambassador. Womit kann ich Ihnen dienen?« Der russische Diplomat zögerte einen Moment. Als er sich zu Wort meldete, klang er beinahe so, als wäre ihm die Sache peinlich. »Mr. President, wie Sie wissen, haben unsere beiden Länder ein bilaterales Abkom- men geschlossen, demzufolge sie sich verpflichten, einander mitzuteilen, wenn eine größere militärische Übung oder ein Einsatz geplant ist. Dennoch haben unsere technischen Aufklärungssysteme festgestellt, dass Ihre Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft ver- setzt wurden – ich glaube, man bezeichnet das als ›De- fence Condition Four‹. Außerdem fielen uns verstärkte Aktivitäten in vielen militärischen Einrichtungen auf. Hat Ihr Generalstab möglicherweise vergessen, uns von einem geplanten Manöver in Kenntnis zu setzen?« Karasin verstummte und wartete. Der Präsident schaute ihn ruhig an. »Wir haben kein Manöver geplant, Mr. Ambassador«, erwiderte er. »Wir haben unsere Streitkräfte tatsächlich in erhöh- te Alarmbereitschaft versetzt, aber dabei handelt es sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme.« »Eine Vorsichtsmaßnahme? Wogegen, Mr. Presi- dent?«, fragte Karasin in scharfem Tonfall. Der Präsident wartete einen Moment, bevor er ant- wortete. »Ich hatte gehofft«, sagte er schließlich, »dass Sie mir das vielleicht erklären könnten.«, Battersea, London Als Richter fertig war, stand Simpson auf und goss sich ein weiteres Glas Scotch ein. »Sind Sie sich dessen sicher? Mir kommt das verdammt unwahrscheinlich vor.« »So sicher, wie es nur geht«, erwiderte Richter. »Auf jeden Fall ist das meiner Ansicht nach die einzi- ge Erklärung, die zu allen Fakten passt. Wenn Ihnen etwas Besseres einfällt, möchte ich es hören. Ich will damit lediglich sagen, dass mir die Erklärung, die ich gerade vorgetragen habe, am einfachsten und am wahrscheinlichsten vorkommt, und solange man mir keine einfachere und wahrscheinlichere bietet; gehe ich davon aus, dass sie zutrifft.« Simpson trank einen Schluck Scotch und ging vor dem elektrischen Kaminfeuer auf und ab. »Na schön«, sagte er. »Angenommen, Ihre Vermutung ist richtig – warum wollen die Russen Sie töten, und was haben sie als Nächstes vor?« Richter nippte an seinem Kaffee. »Ich weiß es nicht genau, aber ich kann raten. Gehen wir die Vorfälle der Reihe nach durch. Sie schnappen sich den Stationslei- ter in Moskau und foltern ihn zu Tode. Ich kreuze auf und stelle Nachforschungen an, angeblich im Auftrag einer Versicherungsgesellschaft. Entweder hat mich in Moskau jemand erkannt, oder sie haben zumindest vermutet, dass ich kein Versicherungsvertreter bin. Deshalb der Anschlag in Scheremetjewo. Danach wird mein Bild nach London durchgegeben, an die russi-, sche Botschaft, verbunden mit dem Auftrag, mich zu beobachten. Vermutlich hat man mich beschattet, als ich in Heathrow gelandet bin. Vielleicht haben sie so- gar mein Telefon angezapft – ich traue denen durch- aus zu, dass sie jemanden in Tinkerbell sitzen haben.« Tinkerbell ist ein unscheinbares graues Gebäude an der Ebury Bridge Road, gegenüber den Chelsea Bar- racks, in dessen Schaltzentrale Telefongespräche in ganz Großbritannien abgehört werden können. Im Ja- nuar 1980 stand es im Mittelpunkt heftiger Debatten, als von bestens unterrichteter Quelle (es handelte sich um Leute, die dort beschäftigt waren) behauptet wur- de, das illegale Anzapfen von Telefonanschlüssen sei an der Tagesordnung. Die Geräte in Tinkerbell kön- nen gleichzeitig weit über eine Million Telefongesprä- che überwachen und aufzeichnen. Offiziell wird das Gebäude vom Post Office für technische Entwicklun- gen genutzt, was auch stimmt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. »Jedenfalls bin ich mir sicher«, fuhr Richter fort, »dass sie herausgefunden haben, wo ich wohne und arbeite. Danach bin ich bei JARIC aufgekreuzt, wovon kaum ein Versicherungsvertreter jemals etwas gehört haben dürfte, geschweige denn schon mal dort gewe- sen ist. Die Russen wissen selbstverständlich über den Flug des Blackbird Bescheid. Und als sie festgestellt haben, dass ich nicht nur mit Newmans Tod befasst war, sondern mich auch bei der Fotoaufklärung he- rumtreibe, haben sie wahrscheinlich vermutet, ich käme ihnen auf die Schliche.« Richter trank den letz-, ten Schluck Kaffee und stellte die Tasse ab. »Ab jetzt rate ich. Der Mordauftrag muss in den Befehlen der Moskauer Zentrale enthalten gewesen sein, weil sie versucht haben, mich umzulegen, sobald ich von JA- RIC weggefahren bin. Vermutlich wollten sie verhin- dern, dass ich irgendjemandem berichte, was ich dort erfahren habe. Dieser Versuch ist fehlgeschlagen, und die beiden Penner, die sie auf der Fahrt nach Cam- bridge auf mich angesetzt haben, haben sich auch nicht besser angestellt. Ich nehme an, dass sie auf wei- tere Gelegenheiten gewartet haben, aber bei dem Ver- kehr und den Menschenmassen, die in London stän- dig unterwegs sind, ist es nicht so einfach, einen An- schlag zu verüben. Und sie wissen nicht, wie und womit ich nach Hammersmith und wieder zurück ge- lange – ich bin vorsichtshalber nie zur gleichen Zeit aufgebrochen, habe ständig einen anderen Weg ge- wählt und die Verkehrsmittel gewechselt. Außerdem hat das Haus, in dem ich wohne, sechs verschiedene Ein- und Ausgänge, was sie vermutlich ebenfalls ver- wirrt hat.« Simpson unterbrach ihn. »Aber die müssen sich doch darüber im Klaren sein – oder zumindest an- nehmen –, dass Sie inzwischen alles, was Sie wissen, an mich oder den SIS weitergeleitet haben. Warum al- so will man Sie nach wie vor liquidieren?« »Aus dem ältesten Grund der Welt«, antwortete Richter. »Aus Rache. Zwei Kulturattachés – oder wie immer sie sich bezeichnet haben – sind im Sarg aus East Anglia zurückgekommen, und meiner Meinung, nach gehen die wahrscheinlich davon aus, dass ich daran schuld bin.« »Na schön«, sagte Simpson nach kurzem Nachden- ken. »Das klingt plausibel, aber die Frage ist damit noch nicht beantwortet. Warum lag ein Mordauftrag vor? Was ist für sie so wichtig, dass sie bereit sind, gegen alle Regeln zu verstoßen, ohne sich um die Fol- gen zu scheren?« »Ich weiß es nicht genau«, erwiderte Richter. »Aber ich glaube, die haben irgendeine ganz große Sache laufen und dürfen unter keinen Umständen zulassen, dass irgendetwas davon zur Regierung durchdringt.« »Ich halte nichts von diesem Mist – einem geheimen Angriff –, den die CIA verbreitet«, sagte Simpson. »Um was für eine große Sache könnte es sich also handeln?« »Ich weiß es nicht, aber ich glaube, ich kann es he- rausfinden.« »Wie?« »Ich habe vor, ein paar Takte mit Orlow zu reden«, sagte Richter. Simpson starrte ihn nur an. »Das ist natürlich ein Scherz.« »Ich habe noch nie etwas so ernst gemeint. Ich habe es satt, herumzusitzen und nach Belieben auf mich schießen zu lassen. Außerdem habe ich Brian Jacksons Blut an den Händen. Dafür muss jemand büßen, und meiner Meinung nach kommt Orlow dafür am allere- hesten in Frage.« Simpson stand auf. »Herrgott noch mal, Mann,, denken Sie an die Folgen! Wenn Sie sich Orlow schnappen – und ich nehme an, das meinen Sie damit – und den Russen klar wird, dass er verschwunden ist, werden sie ein gewaltiges Geschrei anstimmen. Und bedenken Sie, was erst los ist, wenn er zurück- kehrt. Denken Sie an das Nachspiel.« Richter lehnte sich zurück und blickte zu ihm auf. »Sie haben mich missverstanden, Simpson. Orlow wird nicht zurückkehren. Wenn ich ihn kriege, war’s das.« Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. Karasin, dessen Gesicht im Licht der Schreibtischlam- pe fahl schimmerte, saß einen Moment lang schwei- gend da. »Wieso erwarten Sie, dass ich Ihnen das er- klären kann, Mr. President’«, fragte er. »Weil wir eindeutige Hinweise erhalten haben – ich bedauere, dass ich Ihnen die Quelle nicht nennen kann, Mr. Ambassador –, denen zufolge von Seiten Ih- res Landes ein unmittelbar bevorstehender Angriff auf unsere Nation geplant ist.« Karasin wurde bleich. »Was?«, rief er und sprang auf, als habe er sämtliche protokollarischen Gepflo- genheiten vergessen. »Was? Was meinen Sie damit? Ein Angriff?« »Ich kann Ihnen nichts Näheres mitteilen, Mr. Am- bassador«, erwiderte der Präsident ruhig und bedeu-, tete Karasin, dass er wieder Platz nehmen sollte. »Aber wir verfügen über die entsprechenden Hinweise.« Der Russe schaute den Präsidenten unverwandt an, während er sich langsam auf seinen Sessel sinken ließ. »Mr. President«, sagte er, »von einem derartigen Plan weiß ich nichts, nicht das Geringste. Diese Unterstel- lung ist« – er suchte nach dem richtigen Wort – »ist schlicht ungeheuerlich. Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind, glaube ich, nie besser gewesen. Warum sollten wir es zu diesem Zeitpunkt auf einen Konflikt anlegen?« »In der Tat, Mr. Ambassador, warum?«, sagte der Präsident. »Dennoch liegen uns diesbezügliche Hin- weise vor.« Karasin wirkte wie vom Donner gerührt. Er schüt- telte den Kopf und stand auf. »Ich muss Rat einho- len«, sagte er. »Dringenden Rat. Unterdessen, Mr. Pre- sident, ersuche ich Sie mit allem Nachdruck, nichts zu unternehmen, was die Situation weiter verschärfen könnte.« Der Präsident blickte ihn an. »Wir werden nichts unternehmen, was nicht notwendig ist«, erwiderte er. »Aber wir glauben, dass Ihr Land ganz allein für diese Situation verantwortlich ist.« Karasin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nichts da- von«, wiederholte er. »Nicht das Geringste. Ich danke Ihnen, Mr. President. Ich werde mich so bald wie möglich bei Ihnen melden.« Der Russe schüttelte ihm kurz die Hand und ging forschen Schrittes hinaus. »Nun?«, fragte der Präsident., Walter Hicks, der schweigend im hinteren Teil des Zimmers gesessen und während des Gesprächs aus einem der hohen Fenster geblickt hatte, stand auf und ging langsam auf den Schreibtisch des Präsidenten zu. »Sie kennen ihn besser als ich, Sir«, sagte er. »Wie war Ihr Eindruck?« Der Präsident nahm wieder Platz, diesmal hinter dem Schreibtisch. »Ich kenne Karasin seit drei Jah- ren«, sagte er. »Normalerweise ist er ein mustergülti- ger Diplomat, der jedes Wort genau abwägt. So habe ich ihn noch nie erlebt. Wenn ich es nicht besser wüss- te«, schloss er nachdenklich, »würde ich sagen, er weiß tatsächlich nichts davon.« Orpington, Kent Wladimir Iljitsch Orlow besaß einen Diplomatenpass und war offiziell Dritter Sekretär an der Londoner Botschaft der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, wo er vor allem für kulturellen Austausch und industriel- le Entwicklung zuständig war. Dritte Sekretäre stehen in der Hackordnung im Allgemeinen ziemlich weit unten, aber Orlow wohnte in einem großen, allein ste- henden Haus, hatte einen Leibwächter und einen Chauffeur und wurde regelmäßig bei bedeutenden Anlässen in der Botschaft gesehen, wo ihn jeder, vom Botschafter abwärts, mit offenkundiger Hochachtung behandelte. Aus einem einfachen Grund – Orlow war Oberst des SWR und damit der ranghöchste der zahl-, reichen SWR-Offiziere, die an der Botschaft tätig wa- ren. Außerdem leitete er mindestens drei Spionage- ringe – zumeist aus kleinen Zuträgern bestehend, die in der Industrie beschäftigt waren oder allenfalls am Rande mit dem Militär zu tun hatten –, über die der SIS Bescheid wusste, und vermutlich noch ein paar andere. Er war buchstäblich der mächtigste Russe in Groß- britannien, und der FOE hatte in Hammersmith ein gut vier Zentimeter dickes Dossier über ihn vorliegen. Richter war sich darüber im Klaren, dass es nicht ein- fach werden würde, mit ihm zu reden. Die Akte ent- hielt auch einen Stoß Bilder von dem Haus. Das Grundstück, auf dem es stand, war von dichten He- cken und zur Straße hin von einer Ziegelmauer um- geben. Das Tor hatte zwei Flügel und wurde per Fernbedienung von Orlows Dienstwagen oder vom Haus aus elektrisch geöffnet. Sämtliche Fenster im Erdgeschoss waren vergittert, die Türen an Vorder- und Rückseiten mit Stahlplatten verstärkt. Es lud, wie Richter wusste, nicht unbedingt zu einem Einbruch ein. Etwa hundert Meter vor dem Haus hielt er am Stra- ßenrand und stellte den Motor der Honda ab. Er wuchtete die Maschine auf den Ständer, zog den Zündschlüssel ab, verstaute seinen Helm in der Abla- ge unter dem Sitz, schaltete sein Handy aus und mar- schierte los. Es war ziemlich hell, da der Mond nur ge- legentlich hinter den Wolken verschwand, was ihm mehr oder weniger recht war. Richter rechnete zwar, nicht damit, dass in dem Haus noch jemand wach war, aber dank des Mondlichts konnte er eventuelle Gräben oder Hindernisse umgehen, die Orlow mögli- cherweise absichtlich oder zufällig auf dem Grund- stück angelegt hatte. Er tastete die Mauerkrone ab, stieß aber weder auf Glas noch auf Stacheldraht. Vor allem aber fand er nichts, was auf eine Alarmanlage hindeutete. Er blick- te sorgfältig die Straße auf und ab, zog sich dann hoch und ließ sich auf der anderen Seite ins Gras fallen. Er nahm den Rucksack ab, holte Glasschneider, Taschen- lampe und Klebeband heraus und verstaute sie in den Taschen seiner Lederjacke. Dann zog er den Reißver- schluss auf, damit er leichter an den Smith & Wesson gelangen konnte, streifte die Gummihandschuhe über und zog los. Richter hielt sich am Rand des Grundstücks, im Schatten der Hecke, ließ das Haus nicht aus den Au- gen und achtete auf jede Bewegung, jedes Geräusch. Im Erdgeschoss brannte ein Flurlicht, dessen Schein durch die beiden schmalen, hohen Fenster zu beiden Seiten der Haustür fiel. Im Flur oben brannte ebenfalls Licht, aber die Schlafzimmerfenster waren dunkel. Richter ging dreimal rund um das Haus und über- zeugte sich davon, dass alles ruhig war. Es war ein solider Ziegelbau, so jedenfalls hätte es vermutlich ein Immobilienmakler bezeichnet, und hinter den vergitterten Fenstern im Erdgeschoss hätte sich sogar Richter halbwegs sicher gefühlt, wenn er der Besitzer gewesen wäre. Momentan aber waren sie, bestenfalls ein Ärgernis. Im ersten Stock sah die Sache vielversprechender aus – keine Gitter, soweit er das erkennen konnte, und ein Balkon, unmittelbar über einem Erkerfenster auf der Rückseite. Richter überlegte kurz, wie er am besten einsteigen könnte, und entschied sich schließlich für den Balkon, vorausgesetzt, er gelangte irgendwie auf den Erker. Weinranken oder Efeu waren nicht vorhanden – was Richter auch gewundert hätte –, deshalb suchte er hin- ter der Garage und dem Schuppen auf der Rückseite das Hauses nach einer Leiter oder etwas Ähnlichem. Eine Leiter fand er nicht, aber ein welliges, rund drei- einhalb Meter langes Gerüstbrett, das vermutlich nach irgendwelchen Bauarbeiten kurzerhand weggeworfen worden war. Richter musterte es genau. Es war zwar verzogen, aber allem Anschein nach stabil. Er schlepp- te es zum Haus, legte das eine Ende auf den Erker und rammte das andere in das Blumenbeet neben der Wand. Dann kletterte er hinauf. Die Planke hatte einiger- maßen fest ausgesehen, aber jetzt, als sie belastet wurde, schwankte sie so sehr, dass er froh über die Mauer zu seiner Linken war. Er konnte nur hoffen, dass ihm auf dem Rückweg die Tür offen stand. Oben angekommen, spähte er vorsichtig durch das Fenster und leuchtete kurz mit der Taschenlampe hi- nein. An der einen Wand stand ein Doppelbett, an dessen Fußende ordentlich zusammengefaltete De- cken lagen. Außerdem konnte Richter einen Kleider- schrank, drei Sessel und eine Kommode erkennen –, allem Anschein nach ein Gästezimmer, das derzeit nicht benutzt wurde. Das Fenster war doppelt ver- glast und außerdem verriegelt, aber damit hatte er ge- rechnet. Richter holte das Klebeband heraus, riss ein rund dreißig Zentimeter langes Stück ab, legte es in der Mitte zusammen, maß die halbe Länge ab, sodass er eine Art Griff hatte, und klebte die beiden unteren Streifen auf die Scheibe. Dann nahm er den Glas- schneider und zog damit rund um das Klebeband ei- nen Kreis, der so groß war, dass er mit Hand und Un- terarm hindurchgreifen konnte. Er zog den Glas- schneider ein zweites Mal durch die Rille, dann steck- te er ihn wieder ein. Richter hielt das überstehende Klebeband mit der linken Hand fest und schlug ein- mal mit der rechten an das ausgeschnittene Stück Glas. Ein leises Knirschen, dann kippte es nach innen. Vorsichtig zog er es nach draußen und legte es auf den Erker. Bei der inneren Scheibe ging er genauso vor. An- schließend griff er mit dem rechten Arm hinein und tastete rundum. Keine Drähte, soweit er das feststellen konnte. Behutsam löste er den Riegel und zog das Fenster langsam auf. Keine Alarmanlage, keine blinkenden Lichter. Rich- ter stieg in das Zimmer. Er zog das Fenster hinter sich zu und verriegelte es wieder, damit es der Wind nicht zuknallte. Richter suchte das Zimmer sorgfältig ab, fand aber nicht das Geringste. Er ging zur Tür und lauschte etwa eine Minute, lang. Nirgendwo war ein Laut zu hören. Richter dreh- te den Knauf und zog die Tür auf. Er spähte durch den Spalt, sah den Treppenabsatz, das brennende Flurlicht, die geschlossenen Türen. Alles war toten- still. Richter wusste, dass Orlows Personal aus nur drei Personen bestand – ein Chauffeur und ein Leibwäch- ter, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten, dazu eine Köchin und Haushälterin, die nicht hier wohnte und der zwei Zugehfrauen bei der Hausarbeit halfen. Er wusste das, weil eine der Zugehfrauen in Diensten des SIS stand. Richter ging davon aus, dass die Köchin längst daheim war und in ihrem Bett lag. Aber die beiden Gorillas könnten ihm Schwierigkeiten machen. Er hatte vor, zunächst Orlow in seine Gewalt zu brin- gen, dann konnte er die beiden anderen Männer viel- leicht dazu überreden, die Waffen zu strecken. Und wenn das nicht klappte, konnte er sie mit dem Smith wahrscheinlich auch für immer zum Schweigen brin- gen. Er nahm an, dass Orlow in dem großen Schlafzim- mer auf der Vorderseite des Hauses schlief – der FOE und der SIS hatten genaue Pläne von sämtlichen Häu- sern und Wohnungen, die von russischen Staatsbür- gern angemietet waren. Daher ging Richter am Trep- penabsatz vorbei und den Flur entlang, bis er zu der entsprechenden Tür kam. Er zog den Smith aus dem Schulterholster, drehte langsam den Knauf und drückte die Tür auf. Er sah kein Licht, hörte aber, wie jemand leise vor sich hin schnarchte. Auch wenn es, sich nicht um Orlow handeln sollte, könnte es nichts schaden, wenn er den Schläfer ausschaltete. Richter drückte die Tür vorsichtig ins Schloss, horchte, woher das Schnarchen kam, und ging darauf zu. Er war fast dort, als plötzlich das Licht anging und ihm irgendetwas Hartes in den Rücken gerammt wurde. Dann sprach ihn jemand mit leiser Stimme von hinten an. »Guten Abend, Mr. Willis. Wir haben Sie erwartet.«, Samstag Orpington, Kent Bei der Grundausbildung von Angehörigen der Elite- einheiten, wie zum Beispiel den Royal Marine Com- mandos oder dem Special Air Service, legt man gro- ßen Wert auf Nahkampftechniken und das lautlose Ausschalten eines Gegners mit dem Messer, der blo- ßen Faust oder den Füßen. Denn Schusswaffen sind nicht nur wegen des Lärms verräterisch – anhand der Geschossspuren kann man feststellen, aus welcher Waffe die Kugel abgefeuert wurde. Setzt man hinge- gen ein Messer ein, kann der Kriminaltechniker hin- terher lediglich erklären, dass die Klinge soundso lang und breit war, aber das trifft auf eine Vielzahl von Waffen zu. Neben dem lautlosen Angriff und dem Tö- ten mit bloßer Hand lernen diese Männer auch die Kunst der Selbstverteidigung und des blitzschnellen Gegenangriffs. Richter hatte kurz nach seinem Dienstantritt beim Foreign Operations Executive sechs harte Wochen beim SAS in Hereford verbracht und die »schmutzigen Tricks« der Branche gelernt, wie es die Ausbilder be- zeichnet hatten. Unter anderem hatte er dort gelernt, dass jemand, der einem eine Waffe an den Rücken, drückt, so gut wie tot ist. Dabei kommt es vor allem auf Reaktionsgeschwindigkeit, Schnelligkeit und Überra- schungsmoment an. Die Technik ist einfach. Sie beruht darauf, dass derjenige, der einen von hinten mit einer Schusswaffe in Schach hält, im Nahkampf keinen Vor- teil hat, vorausgesetzt, man bewegt sich schnell genug, ohne dass er es mitbekommt. Ehe er reagieren und ab- drücken kann, hat man bereits zugeschlagen, und der Gegner ist entweder tot oder bewusstlos. Wenn man Rechtshänder ist, wendet man sich nach links und schlägt mit dem linken Unterarm die Waffe beiseite. Selbst wenn der Gegner noch zum Schuss kommt, geht die Kugel weit am Ziel vorbei. Dann dreht man sich weiter und verpasst ihm mit der rech- ten Handkante einen Hieb an den Hals – je heftiger, desto besser. Ganz einfach. Und tödlich, wenn man es richtig macht. Richter war aus zweierlei Gründen überrascht, als plötzlich das Licht anging. Zunächst einmal wunderte er sich, dass ihn der Mann, der hinter ihm stand, mit »Willis« ansprach. Doch dann fiel ihm ein, dass er un- ter diesem Decknamen nach Moskau gereist war – vermutlich war sein Foto in der Akte der Moskauer Zentrale mit diesem Namen versehen. Außerdem war er erstaunt darüber, dass man ihm eine Schusswaffe an den Rücken drückte. Aber er hatte sich noch nicht von der Stelle gerührt, als der Druck nachließ und der Hintermann ihn erneut ansprach. »Nicht doch, Mr. Willis. Lassen Sie die Waffe fallen und verschränken Sie die Hände über dem Kopf.«, Das klang so, als wäre er genauso gründlich ausge- bildet worden wie Richter. Richter wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb, denn inzwischen hatte er die beiden anderen Männer gesehen. Orlow trug einen Pyjama und einen Morgenmantel und saß lächelnd in einem Sessel. Hinter ihm stand ein zweiter Mann, der ein leicht zerknittertes Hemd und eine Hose trug und mit einer Automatik auf Richters Bauch zielte. Allem Anschein nach konnte er damit umgehen. Man sollte einem bewaffneten Gegner niemals seine Waffe überlassen, es sei denn, man hat keine andere Wahl. Richter hätte den Mann, der vor ihm stand, möglicherweise erschießen können, aber dann wäre er von dem Bodyguard hinter ihm auf der Stelle getötet worden. Da er selbst eine kurze Gnadenfrist dem so- fortigen Tod vorzog, warf er den Smith auf den di- cken Florteppichboden und legte die Hände auf den Kopf. Offensichtlich befand er sich im Schlafzimmer eines Mannes. An den hellblauen Wänden hingen silbern gerahmte Jagdmotive; der Teppichboden war dunkel- blau. Richter sah zwei große Einbauschränke, einen Schreibtisch samt Stuhl in der einen Ecke und ein Doppelbett mit zwei Nachtkästen an der einen Wand. Vor Orlow standen drei Lehnstühle, einer unmittelbar vor dem Sessel, die anderen links und rechts daneben. Wie eine improvisierte Anklagebank. Richter wusste ziemlich genau, was sie vorhatten. Orlow nickte, wor- auf Richter einen heftigen Stoß in den Rücken erhielt und auf den Stuhl zugeschubst wurde., »Nehmen Sie Platz, Mr. Willis«, sagte Orlow, der zum ersten Mal das Wort ergriff. Er sprach mit tiefer Stimme und leichtem georgischem Akzent. Richter setzte sich. Während ihn der Mann, der hin- ter Orlow stand, weiter mit der Waffe in Schach hielt, streifte ihm der andere die Gummihandschuhe, die Lederjacke und das Schulterholster ab und durch- suchte dann die Taschen seiner Jeans. Er fand die sechs Reservepatronen und nahm sie ihm ab, ließ ihm aber den Kamm und das Taschentuch. Vermutlich dachte der Russe, dass keines von beiden als Waffe verwendet werden konnte. Richter musste ihm wi- derwillig Recht geben. Orlow nickte erneut, worauf die Bodyguards links und rechts von Richter Platz nahmen, der zum ersten Mal alle beide sah. Sie ähnelten einander. Groß, dun- kelhaarig, gut gebaut – außerdem wirkten beide wie Profis. Richter hatte keine Ahnung, wie er jemals wie- der lebend aus dem Haus gelangen sollte. Die drei Russen schauten ihn einen Moment lang schweigend an, dann ergriff Richter das Wort. »Guten Abend, Wladimir, ich hin vom Gaswerk und wollte den Zäh- ler ablesen.« Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. »Wenn Sie Recht haben, Mr. President«, sagte Walter Hicks, »ist das Schlimmste zu befürchten.«, »Erklären Sie das«, sagte der grauhaarige Mann und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Wenn Botschafter Karasin wirklich nichts von die- sem Angriff weiß – egal, worum es sich dabei handeln mag –, dann müssen wir davon ausgehen, dass es sich um eine Art Freischärleroperation handelt.« Der Präsident runzelte die Stirn. »Meinen Sie damit eine Art Terroranschlag?« Hicks schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Sämtliche Hinweise, die wir von unserem Informanten erhalten haben, aber auch das Material, das wir mittels techni- scher Überwachung bezogen haben, deuten darauf hin, dass irgendwelche offiziellen Stellen daran betei- ligt sein müssen. Eine Terrororganisation verfügt nicht über die nötigen Mittel, um in der Tundra eine Kernwaffe zu zünden.« »Und was meinen Sie dann?« »Ich bin der Meinung, dass dieser Angriff vom SWR, vom GRU oder vielleicht sogar von einem Mi- nister ausgeheckt worden sein könnte. Ich glaube nicht – vorausgesetzt, Karasin ist ehrlich –, dass die russische Regierung dahinter steckt. Außerdem«, füg- te Hicks hinzu, »deutet manches darauf hin, dass er wirklich nichts weiß. Karasin ist einer der erfahrens- ten und bedeutendsten russischen Diplomaten, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Moskau ihn hier in Washington lassen würde, wenn ein Kon- flikt unmittelbar bevorstünde. Man hätte ihn schon vor Wochen unter irgendeinem Vorwand abberufen.« Der Präsident nickte. »Ja, das klingt einleuchtend., Gut, Walter, Sie vertreten den Direktor. Was schlagen Sie vor?« Der Direktor der CIA, ein alter Freund des Präsidenten, hielt sich in Florida auf, wo er sich von einem leichten Herzanfall erholte. Auf ausdrückliche Anweisung des Präsidenten hin hatte man ihn bislang noch nicht mit dieser Sache behelligt. Hicks zuckte die Achseln. »Wir kommen nicht wei- ter, Sir. Unsere Agenten haben kein weiteres Material von unserer Quelle in Russland erhalten, und die Bri- ten konnten uns bislang auch nicht weiterhelfen.« Er hielt inne, als ihm der Gedanke kam, dass der Präsi- dent eine Bestätigung brauchte, wissen wollte, ob die Maßnahmen, die er ergriffen hatte, richtig waren. »Ich würde mir nicht anmaßen, Ihnen einen Rat bezüglich Ihrer politischen Haltung zu geben, Mr. President – das steht mir nicht zu. Aber ich glaube, wir sollten die erhöhte militärische Alarmbereitschaft weiter auf- rechterhalten. Da uns keine genauen Informationen vorliegen, war die Anordnung der Bereitschaftsstufe DEFCON FOUR meiner Meinung nach die klügste und sinnvollste Maßnahme, die Sie ergreifen konnten. Ich glaube, wir sollten es bis zu dem von unserer Moskauer Quelle genannten Vollzugsdatum dabei be- lassen.« »Oder bis der Ernstfall tatsächlich eintritt?«, fragte der Präsident mit einem frostigen Lächeln. »Oder bis der Ernstfall tatsächlich eintritt«, erwider- te Hicks., Orpington, Kent »Lassen Sie die Witze, Mr. Willis«, sagte Orlow. »Wer hat Ihnen gesagt, dass ich herkomme?«, fragte Richter. Orlow lächelte. Er schlang den Morgenmantel enger um den hageren Leib, hob die Hände und tat so, als wäre er überrascht. »Mir gesagt, Mr. Willis? Wie hei- ßen Sie übrigens wirklich?« Richter verriet es ihm – seiner Ansicht nach kam es nicht mehr darauf an, ob es die Russen wussten oder nicht. »Niemand hat uns gesagt, dass Sie herkommen, Mr. Richter«, erklärte Orlow. Dann hielt er inne. »Wir sind uns zwar noch nicht begegnet«, fügte er hinzu, »aber ich weiß eine ganze Menge über Sie.« »Bestimmt«, sagte Richter. Orlow kicherte leise. »O ja. Das war eine reine Schlussfolgerung. Als wir heute Abend mit unserer Bombe den Falschen erwischten, rechneten wir damit, dass Sie sich aus der Defensive locken lassen und et- was unternehmen würden. Es war gewissermaßen bezeichnend für Sie, wenn unsere Informationen über Sie zutreffen. Sie sind ein sehr gefährlicher Mann, Richter. Die Männer, die wir letzte Woche auf Sie an- gesetzt hatten, waren zwei unserer Besten. Wir haben Sie eigens herkommen lassen, um Sie zu liquidieren. Und für das, was Sie ihnen angetan haben, werden Sie eines langsamen Todes sterben. Sehr langsam und sehr schmerzhaft.« »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich auf so was, einlassen, Wladimir«, sagte Richter. »Nicht, wenn un- sere Informationen über Sie richtig sind.« Orlow lächelte erneut. »Nicht ich persönlich«, sagte er und deutete auf den Mann zu seiner Linken. »Einer der Männer, die Sie getötet haben, war Juris Bruder. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, werde ich Sie Juri über- lassen. Juri wird es genießen, aber ich bezweifle, dass es Ihnen gefallen wird.« Richter blickte zu Juri. Der Russe lächelte, aber nicht vergnügt oder zufrieden, sondern voller Vor- freude. Richter gefiel der Anblick ganz und gar nicht. »Woher also wussten Sie, dass ich heute Nacht kom- me? Ich hätte auch morgen oder übermorgen kommen können.« Orlow schüttelte den Kopf. »Nein, Richter. Es muss- te heute Nacht sein. Sie waren wütend wegen der Bombe – wir übrigens auch. Und außerdem hätte es Ihnen Ihr Vorgesetzter vermutlich untersagt, wenn Sie vorher mit ihm gesprochen hätten.« Das war bislang der einzige Lichtblick. Sie wussten nicht, dass Richter mit Simpson gesprochen hatte, hat- ten also keine Ahnung, dass Simpson ebenso viel wusste wie er. Und wenn er nicht lebend aus dem Haus herauskam, wusste Simpson Bescheid, und Simpson war ausgesprochen nachtragend. Für Richter war das allerdings nur ein schwacher Trost. »Das ist ein sehr kostspieliges Haus, Richter«, fuhr Orlow fort, »und es verfügt über eine hochmoderne Alarmanlage. Oh, Sie haben zweifellos alles nach Drähten abgetastet und dergleichen mehr, aber heut-, zutage gibt es weitaus unauffälligere Geräte. Unsere Anlage ist mit Fotozellen ausgestattet, die im Infrarot- bereich arbeiten und Alarm auslösen, sobald irgend- etwas, das größer als eine Katze ist, über Mauer oder Tor klettert. Die Anlage ist mit drei Nachtsichtkame- ras verbunden, die das ganze Grundstück und die nä- here Umgebung des Hauses erfassen. Sobald meine Männer festgestellt hatten, dass jemand eindrang, zo- gen sie sich an. Und dann mussten wir nur noch hier sitzen und auf Sie warten. Wenn wir genau gewusst hätten, dass Sie herkommen, hätten wir die Leiter für Sie aufgestellt. Ich glaube, dieses Brett ist alles andere als sicher.« Richter schnaubte. »Ganz meine Meinung. Warum haben Sie nicht die Haustür aufgemacht und mich he- reingebeten?« Orlow wedelte warnend mit dem Finger. »Nein, nein, das kam nicht in Frage. Wir mussten nur warten, bis Sie durch ein Fenster stiegen. Sämtliche Zimmer im ersten Stock sind mit Fotozellen ausgestattet, die in Reihe geschaltet sind. Wenn man ein Fenster von in- nen öffnet, unterbricht man nur einen Strahl, wodurch der zweite Strahl, der sich unmittelbar vor dem Fens- ter befindet, ausgeschaltet wird. Aber wenn man von außen einsteigt, unterbricht man den zweiten Strahl zuerst und löst den Alarm aus. Unten im Salon befin- det sich die Hauptkonsole der Alarmanlage, in den drei großen Schlafzimmern hier oben sind Relais an- gebracht.« Richter konnte sich gut vorstellen, wem diese, Schlafzimmer gehörten. Orlow deutete auf die Wand über dem Schreibtisch, und dort sah Richter einen kleinen, viereckigen grauen Kasten, an dem ein win- ziges rotes Licht blinkte. »Sehr schlau, Wladimir«, sag- te er. »Was haben Sie sonst noch zu Weihnachten be- kommen?« Zum ersten Mal wirkte der Russe ungehalten. »Ich empfehle Ihnen, von derartigen Bemerkungen Ab- stand zu nehmen, Richter. Juri wird Ihnen in Kürze das Leben sehr schwer machen. Aber wie schwer er es Ihnen machen wird, hängt weitgehend davon ab, wie Sie sich hier benehmen. Regel Nummer eins lautet: Ärgern Sie mich nicht.« Er hielt inne. »Was ich von Ihnen erfahren möchte, Richter, ist, wie viel Sie und Ihr Dienst wissen.« »Über was?«, fragte Richter. Orlows Lächeln verschwand. »Verarschen Sie mich nicht. Sie wissen ganz genau, wovon ich rede.« Er gab Juri ein Zeichen, worauf dieser aufstand und sich vor Richter aufbaute. »Ich frage Sie noch einmal. Wie viel wissen Sie?« »Ich weiß nicht, was Sie –« Richter sah es kommen, aber er konnte nichts dage- gen tun. Juris Faust traf ihn an der linken Gesichts- hälfte. Richter sah einen Moment lang Sterne, dann hatte er Blutgeschmack im Mund. Sein Gesicht fühlte sich taub an – der Schmerz würde später einsetzen. Juri belastete das andere Bein und verpasste ihm ei- nen Schlag an die rechte Seite. Nichts sagen, lautet Regel Nummer eins, wenn man, verhört wird. Das mag banal klingen, aber es emp- fiehlt sich unbedingt. Sobald man demjenigen, der ei- nen vernimmt, etwas erzählt, kann er darauf aufbau- en, und wenn er sein Handwerk versteht, kann er ei- nen derart durcheinander bringen, dass man nicht mehr weiß, was man ihm gesagt hat, wie viel er be- reits weiß und inwiefern er nur rät. Und wenn man erst einmal so weit ist, gibt es nichts mehr zu retten. Orlow kannte die Regeln ebenso gut wie Richter. Der wiederum war sich darüber im Klaren, dass er bestenfalls versuchen konnte, sie so weit wie möglich in die Irre zu führen, und sich zudem ständig gewahr sein musste, dass sie ihn ohnehin umbringen würden. Leider würde das sehr schmerzhaft werden, denn be- vor er ihnen einen Bären aufbinden konnte, musste er sich von Juri »überzeugen« lassen. An Orlows Stelle wäre er jedenfalls sehr argwöhnisch, wenn jemand zu schnell klein beigab. »Noch einmal, Richter. Sagen Sie mir, was Sie wis- sen.« Richter schüttelte den Kopf. Juri lächelte wieder, und Richter wurde klar, dass für ihn der Spaß erst richtig anfing. Richters Kopf flog hin und her, als ihn zwei weitere Schläge trafen. Die Sterne vor seinen Augen wurden heller. Auch wenn es im Kino anders aussieht, der Mensch kann nur eine begrenzte Anzahl schwerer Kopftreffer einstecken, bevor er bewusstlos wird. Juri war groß und kräftig, und Richter spürte, wie ihm allmählich die Sinne schwanden. Er nahm kaum wahr, wie jemand seine Hände, packte und an den Stuhl band. Dann wurde es richtig ernst. Nach dem fünften oder sechsten Schlag zählte er nicht mehr mit und bemühte sich nur noch darum, halbwegs wach zu bleiben. Als Juri auf einen scharfen Befehl von Orlow hin endlich aufhörte, ließ sich Rich- ter vornübersacken und stellte sich tot. Es fiel ihm nicht schwer. Jemand packte ihn an den Haaren und zerrte seinen Kopf zurück. »Er ist nicht mehr bei sich. Soll ich ihn aufwecken?« »Lass ihn ein paar Minuten in Ruhe. Ich bezweifle«, fügte Orlow kichernd hinzu, »dass ihn ein paar Klap- se auf die Wange wieder zur Besinnung bringen. In meinem Badezimmerschrank ist Riechsalz, im unters- ten Fach. Hol es. Ach, und bring ein paar Handtücher mit und leg sie auf den Teppich. Er blutet ziemlich heftig.« Richters Gesicht fühlte sich nach wie vor so taub an, dass er das Blut nicht spüren konnte, das ihm über die Wangen rann, aber er konnte es schmecken. Er fragte sich einen Moment lang, in welchem Zu- stand seine Kleidung sein mochte. Als die Handtücher dort lagen, wo Orlow sie haben wollte, hielt Juri eine Flasche Riechsalz unter Richters Nase. Er schniefte, dann schlug er die Augen auf. Bes- ser gesagt, ein Auge, denn das andere war offenbar verklebt, vermutlich mit getrocknetem Blut. Orlow lä- chelte noch immer. »Und noch mal, Richter. Was wis- sen Sie?« Richter versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein Krächzen hervor. »Wasser. Hol ihm ein Glas Wasser.«, Richter trank ein, zwei Schlucke, dann hustete er. »Wir warten.« Richter versuchte es noch mal. »Kennen Sie den mit dem irischen Stepptänzer? Fiel in die Spüle und –« Juri fing erneut an, diesmal noch härter, falls das überhaupt ging, und Richter spürte, wie er wegdäm- merte. Orlow ging dazwischen. »Nun, Richter?« Richter schüttelte den Kopf. Juri fing wieder an, und diesmal schlug er abwechselnd auf Richters Ge- sicht und dessen Bauch ein. Ein ums andere Mal. Richter verlor zweimal die Besinnung, vielleicht auch dreimal, und jedes Mal wurde er mit dem Salz wieder zu sich gebracht. Sein Kopf tobte, als würde er mit ei- ner riesigen Pumpe aufgeblasen und wieder leer ge- saugt, und sein Bauch schmerzte, als hätte ihn ein Esel getreten. Er spürte, wie seine Widerstandskraft all- mählich schwand. Er wollte nur noch, dass sie aufhörten. Insgeheim verfluchte er Juri und Orlow, vor allem aber verfluch- te er Simpson, weil der ihn überhaupt in diese Sache hineingeritten hatte. Nur sich selbst durfte er nichts vorwerfen, denn er musste wütend bleiben, wenn er nicht die Beherrschung verlieren wollte. Und die durf- te er nicht verlieren, denn letztendlich musste er ihnen etwas erzählen, aber nicht das, was er wusste. Deshalb fluchte Richter ein ums andere Mal lautlos vor sich hin. Juri taten mittlerweile offenbar die Hände weh, denn Richter nahm undeutlich wahr, dass sich die, Schläge anders anfühlten. Nicht mehr wie harte Tref- fer auf Fleisch und Knochen, sondern eher ein bren- nender, schneidender Schmerz. Vorsichtig schlug er das Auge auf und sah, dass Juri ein Handtuch in der Hand hatte. Außerdem hatte er seinen Stuhl umge- dreht, damit er es bequemer hatte, und er hatte einen Eimer Wasser vor sich stehen. Zwei Schläge, einer links, einer rechts, Handtuch eintauchen, auswringen, zwei Schläge, einer links, einer rechts, Handtuch ein- tauchen. Juri sah aus, als könnte er die ganze Nacht so weitermachen. Richter wiederum war klar, dass er das nicht aushalten würde. Er musste der Sache ein Ende machen, und zwar rasch. Und mit einem Mal hörte es auf. Richter riss den Kopf hoch, als ihm der stechend scharfe Salzgeruch in die Nase stieg, und schaute Orlow an. »Das war erst ein Vorgeschmack, Richter. Ab jetzt wird Juri Ihnen die Knochen brechen, bei den Fingern angefangen. Es sei denn natürlich, Ihnen ist nach Reden zumute.« Richter bot seine letzte Kraft auf und nickte. Er durfte nicht zulassen, dass Juri sich seine Hände vor- nahm. Er hatte zwar keine Ahnung, wie er jemals wieder aus diesem Haus herauskommen sollte, aber wenn Juri ihm die Finger brach, war Feierabend. Dann war er so gut wie tot, ohne dass er irgendetwas dagegen unternehmen konnte. Solange seine Hände heil waren, hatte er zumindest eine Chance. »Heißt das, dass Sie reden wollen, Richter?«, fragte Orlow. Richter nickte erneut. »Schön, schön. Ich wusste doch, dass Sie irgend-, wann ein Einsehen haben würden. Wisch ihm das Ge- sicht ab, Juri, und hol ihm noch ein Glas Wasser.« Wenn Richter sich einen barmherzigen Samariter gewünscht hätte, wäre Juri der Letzte gewesen, der dafür in Frage kam. Er wischte ihm zwar mit dem nassen Handtuch das Gesicht ab, aber Richter hatte das Gefühl, als ob er eine Feile dazu benutzte. Eine Feile, mit der er mit aller Kraft aufdrückte. Das einzig Gute daran war, dass Richter hinterher auch das an- dere Auge wieder aufmachen konnte. Das Glas Was- ser half nicht viel. Richter wusste, dass er die Ge- schichte, die er erzählen wollte, so lange wie möglich hinausziehen musste. Auf diese Weise konnte er we- nigstens wieder ein bisschen zu Kräften kommen, be- vor Juri ihn wegschaffte und Schindluder mit ihm trieb. »Nun, Richter«, sagte Orlow. »Wir warten.« Richter hustete und schüttelte den Kopf. »Wo – wo soll ich anfangen?« »Von vorn, Richter, von vorn. Wo sonst?« Situation Room, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. Sobald Walter Hicks das Oval Office verlassen hatte, ging der Präsident zum Schreibtisch und betätigte die Gegensprechanlage. »Ich bin auf dem Weg nach un- ten«, sagte er und ging aus seinem Amtszimmer. Zwei Minuten später trat er in den Situation Room, einen,, kleinen, mit Holz getäfelten Raum, etwa siebenein- halb Meter lang und sechs Meter breit, der sich im Kellergeschoss unter dem Westflügel des Weißen Hauses befindet, unmittelbar unter dem Oval Office. Er ist alles andere als ein bombensicherer Bunker und wird nur im Anfangsstadium einer Krise genutzt. »Wie sieht’s aus, John?«, fragte der Präsident, als er quer durch den Raum ging. John Mitchell, der große, grauhaarige Vizepräsi- dent, blickte von der Washington Post auf. Der Vizepä- sident ist zuständig für das Krisenmanagement, und seit Walter Hicks beim Präsidenten vorgesprochen hatte, leitete er die laufende Lagebeurteilung im Situa- tion Room. »Nichts Neues, Mr. President. Die CIA kann meinetwegen behaupten, was sie will, aber es gibt keinerlei Hinweise auf irgendwelche ungewöhn- lichen militärischen Aktivitäten in der GUS. Wir sit- zen nur hier rum und drehen Däumchen.« Er deutete auf die Mitarbeiter des Weißen Hauses und die hohen Offiziere, die ringsum an ihren Schreibtischen saßen. »Ich habe gerade mit Karasin gesprochen«, sagte der Präsident. »Und?« Mitchell schaute ihn gespannt an. Der Präsident zuckte die Achseln. »Nichts. Er bat um ein Gespräch, weil die Russen über ihre Spionage- satelliten festgestellt haben, dass wir DEFCON FOUR ausgelöst haben, und wollte wissen, was es damit auf sich hat. Er behauptet, er wüsste nichts von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten. Und ich glaube, dass er womöglich die Wahrheit sagt.«, Mitchell schnaubte. »Ich hab’s doch gleich gesagt, Mr. President, und ich sage es noch einmal. Meiner Meinung nach spinnt die CIA, was diesen so genann- ten geheimen Angriff angeht. Ich glaube nicht, dass Amerika irgendeine Gefahr droht. Ich bin davon über- zeugt, dass wir hier nur unsere Zeit verschwenden. Vor allem aber haben wir jetzt den Kreml ohne jeden Grund beunruhigt, was unseren Beziehungen nicht gerade zugute kommen wird. Mr. President, ich kann Ihnen nur dazu raten, diesem Unsinn ein Ende zu ma- chen, die Truppen wieder in normale Bereitschaft zu versetzen und den Russen zu erklären, dass alles nur falscher Alarm war.« Der Präsident nickte. Sein Stellvertreter hielt keine allzu großen Stücke auf die CIA oder die anderen Nachrichtendienste. »Schön und gut, John, aber ich bin nicht Ihrer Meinung. Solange auch nur die ge- ringste Möglichkeit besteht, dass die Vereinigten Staa- ten bedroht sind, werde ich alle Schritte unternehmen, die meines Erachtens geboten sind. Im Moment ist das DEFCON FOUR. Und eine Sitzung des Nationalen Si- cherheitsrates, die in einer halben Stunde hier im Weißen Haus stattfinden wird.« Orpington, Kent Richter erzählte Orlow von Newman, dessen plötzli- cher Tod dem SIS verdächtig vorgekommen sei. Lang und breit schilderte er seinen Aufenthalt in Moskau, und berichtete ihm von den Ungereimtheiten, auf die er bei der Untersuchung der Leiche gestoßen war – von den Verletzungen, die er aufgrund des Unfallbe- richts erwartet, aber nicht gefunden hatte. Orlow unterbrach ihn. »Das reicht nicht, Richter. Ich räume ein, dass aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bein hätte gebrochen sein müssen, aber mit letzter Gewissheit lässt sich das nicht behaupten.« »Ganz recht, Wladimir«, sagte Richter. »Vielleicht hätte ich klarstellen sollen, dass ich inzwischen nur noch nach Hinweisen suchte, wie dieser Mann zu To- de gekommen war. Dass es sich nicht um Newman handelte, wusste ich, sobald ich mir die Leiche ange- sehen hatte.« »Wie das?« Orlows Tonfall war sanft und seidig, einschmeichelnd. »Weil ich auf jede Kleinigkeit achte, Wladimir. Da- ran sind schon manch hochfliegende Pläne gescheitert – weil man eine Kleinigkeit übersehen hat. Ihre Kolle- gen vom SWR haben sich einen armen Hund ausge- sucht, der das Pech hatte, dass er etwa so groß wie Newman war, etwa so schwer und die gleiche Haar- farbe hatte. Und zweifellos haben sie auch nachge- prüft, ob Newman irgendwelche unveränderlichen Kennzeichen hatte. Da ihnen nichts auffiel – keine Narben, keine Tätowierungen und so weiter –, gingen sie davon aus, dass er keine hätte. Wenn sie genau nachgeschaut hätten, hätten sie festgestellt, dass er sich vor Jahren einen eingewachsenen Zehennagel hatte entfernen lassen. Die Leiche, die Ihre Leute der, Botschaft zukommen ließen, hatte alle zehn Zehennä- gel.« »Aha«, sagte Orlow. »Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich hatte mit diesem Plan natürlich nichts zu tun, wurde aber ständig auf dem Laufenden gehalten. Ich werde zusehen, dass man in Moskau die entspre- chenden Schritte unternimmt; und die Verantwortli- chen zur Rechenschaft zieht.« Richter nickte. »Das macht Ihnen sicher Spaß, Wla- dimir.« Der Russe winkte unwirsch ab. »Weiter.« Richter bat um ein weiteres Glas Wasser – ein Hin- haltemanöver, denn eigentlich wollte er gar keines. Dann beendete er das Thema Moskau und berichtete ihm, was der SIS über den Flug des Blackbird über Nordwestrussland wusste. Richter lobte die SR-71A in höchsten Tönen – teils deshalb, weil er Orlow ein biss- chen ärgern, ihn ein bisschen einlullen, ablenken woll- te von den Lügen, die er ihm bald auftischen würde. Teils aber auch, um die Geschichte etwas in die Länge zu ziehen, Zeit zu gewinnen, denn er brauchte unbe- dingt mehr Zeit. »Ja, ja«, sagte Orlow ungeduldig. »Das amerikani- sche Spionageflugzeug kann sehr hoch und sehr schnell fliegen, das wissen wir. Die Amerikaner haben Glück gehabt, dass wir nicht auf eine derartige Verlet- zung unseres Luftraums vorbereitet waren. Die Sache wäre anders ausgegangen, wenn sie auf unsere Ab- fangjäger vom Typ MiG-31 gestoßen wären.« »Zweifellos, Wladimir, zweifellos«, erwiderte Rich-, ter. Orlow warf ihm einen scharfen Blick zu, aber Richter lächelte nicht. Sein Gesicht fühlte sich an, als könnte er nie mehr lächeln. Er berichtete von der Notlandung des Blackbird in Lossiemouth, ging darauf ein, dass man im Verteidi- gungsministerium darauf bestanden hatte, die Filme zu sehen, die das Flugzeug aufgenommen hatte. Bis dahin hatte er Orlow noch nichts Wichtiges verraten, jedenfalls nichts, was er nicht schon wusste oder ver- mutet hatte. Der schwierige Teil stand ihm noch be- vor. »Und?«, sagte Orlow, »Was haben Ihre so genann- ten Experten von den Filmen gehalten?« »Sie standen vor einem Rätsel«, erwiderte Richter, was der Wahrheit entsprach. »Und sie wissen nach wie vor nicht, was sie davon halten sollen.« Was nicht ganz stimmte. »Sie konnten lediglich feststellen, dass auf den Filmen des Blackbird ein kleiner Hügel ver- schwunden war, der auf früheren Satellitenaufnah- men von diesem Gebiet deutlich zu erkennen war.« Richter sah, wie Orlow sich kurz straffte. »Und?« Er versuchte, einen leicht verwunderten Tonfall an- zuschlagen. »Die Amerikaner glauben, dass an diesem Hügel eine neue Atomwaffe getestet wurde. Aber wir sind anderer Ansicht. Unsere Experten meinen, die seismografischen Aufzeichnungen deuteten eher da- rauf hin, dass es sich bei diesem Waffentest nur um ein Täuschungsmanöver handelte. Dass man eine alte Waffe mit durchschnittlicher Sprengkraft einsetzte, um zu vertuschen, was man wirklich vorhatte.«, »Und was war das?« »Wir sind uns noch immer nicht ganz sicher, neh- men aber an, dass es sich gar nicht um einen Hügel handelte. Wir glauben, dass es eine getarnte Stellung war, eine Art geheime militärische Einrichtung, die bereits stillgelegt worden war. Anschließend zündete man einen ausgemusterten Atomsprengkopf, um zu kaschieren, dass der Hügel – beziehungsweise der Stützpunkt – verschwunden war.« Richter sah, dass Orlow sichtlich gelöster wurde, deshalb spann er die Geschichte weiter, die er sich zu- rechtgelegt hatte, seit das Licht angegangen war. Er erklärte ihm, dass man beim SIS der Meinung gewe- sen sei, es habe sich um eine mobile Radarstation ge- handelt, womöglich um eine Frühwarnanlage, mit der man rechtzeitig Interkontinentalraketen oder angrei- fende Flugzeuge erkennen wollte. Er ließ sich lang und breit darüber aus, dass so eine Anlage per Auf- klärungssatellit so gut wie nicht zu erkennen sei, und wie wichtig das für Russland sei. Allerdings sei so ei- ne Radarstation aufgrund der Bestimmungen des SALT-Abkommens womöglich nicht zulässig. Orlow nickte bereits, als er ihm noch kaum die Hälfte der Geschichte erzählt hatte. Richter konnte nur hoffen, dass es aufmunternd gemeint war, ihm bestätigen sollte, dass er Recht hatte, nicht aber, dass er ihn durchschaut hatte. »Mehr wissen wir im Moment noch nicht, aber wir werden es herausfinden. Garantiert«, schloss Richter. »Das glaube ich nicht, Richter«, sagte Orlow. »Sie, persönlich jedenfalls nicht.« Er schwieg einen Moment lang. »Wieso sind Sie sich so sicher, dass es sich bei diesem Hügel um eine getarnte Stellung handelte?« »Sind wir gar nicht, aber wir haben einfach scharf nachgedacht«, erwiderte Richter. »Ihr Land hat nur selten überirdische Atomwaffentests durchgeführt. Und dazu waren immer lange Vorarbeiten nötig. Wir konnten in diesem Gebiet keinerlei Vorbereitungen erkennen. Nein, alles deutete darauf hin, dass da draußen in der Tundra ein Vertuschungsmanöver stattfand. Und um sämtliche Spuren so schnell wie möglich zu beseitigen, hat man eine Atombombe ge- zündet. Das ist die einzig logische Erklärung.« Orlow nickte bedächtig. »Sehr gut, Richter, sehr gut. Ihre Schlussfolgerungen sind exzellent, auch wenn Sie von völlig falschen Voraussetzungen ausge- hen. Aber Sie haben beinahe Recht. Diesen Trost dür- fen Sie mit ins Grab nehmen. Ich will damit sagen, dass es sich nicht um eine Radarstation handelte. Es war etwas weitaus Nützlicheres.« Orlow war vorsich- tig. Er gab nichts preis, auch wenn er wusste, dass Richter in ein paar Minuten niemandem mehr irgend- etwas erzählen konnte. Der Russe blickte über Richter hinweg. »Juri, er gehört dir«, sagte er. Richter drehte sich um. Juri lächelte ihn an. Richter wusste genau, warum er lächelte. Er wandte sich wie- der an Orlow. »Ich habe Ihnen alles erzählt, was Sie wissen wollten. Warum erschießen Sie mich nicht ein- fach, wenn Sie mich schon umbringen wollen?« Orlow schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, Richter«,, sagte er mit einem Tonfall, der alles andere als bedau- ernd klang. »Ich habe Sie Juri versprochen, und er freut sich schon darauf, seit Sie bei JARIC gewesen sind. Und außerdem«, fügte er hinzu, »wollen wir hier doch keine Schießerei veranstalten, nicht wahr? Das schadet dem Ruf dieser Gegend.« Richter versuchte es noch mal. Er beugte sich so weit vor, wie es seine gefesselten Arme zuließen. »Or- low, bitte. Hat er mir nicht schon genug angetan?« Orlows Lächeln wurde höhnischer, verächtlich. »Unser Gespräch ist hiermit beendet. Juri, schaff ihn weg. Sieh zu, dass du unten keine allzu große Schweinerei anrichtest.« Ein Todesurteil, das nach Richters Ansicht aller- hand zu wünschen übrig ließ. Moskau Dimitri Truschenko blickte sich ein letztes Mal in seiner Wohnung um. Er hatte einen leichten Koffer gepackt, der neben der Tür stand und genügend Kleidung und Toilettenartikel für die nächsten zwei, drei Wochen enthielt. Er überprüfte ein letztes Mal seine Aktentasche. Er hatte seinen Laptop mit dem eingebauten Modem, das mobile Telefon samt Er- satzakku und Ladegerät sowie die streng geheimen Unterlagen zu Operation Podstawa dabei. Er wusste, dass man ihn auf der Stelle festnehmen könnte, wenn man diese Papiere bei ihm fand, verließ sich, aber darauf, dass man ihn, einen Minister, nicht be- helligen würde. Er hinterließ auf dem Esstisch eine kurze Nachricht für seinen Dienstboten, in der er ihm mitteilte, dass er etwa eine Woche lang bei Freunden in St. Petersburg weilen wollte und ihm telefonisch Bescheid sagen werde, wann er zurückkäme. Die gleiche Nachricht hatte er auf dem Schreibtisch seines Sekretärs im Mi- nisterium hinterlegt – allerdings hatte er ihm auch ei- ne Telefonnummer angegeben, unter der er in St. Pe- tersburg zu erreichen sei. Ein völlig normaler Vor- gang, denn in den letzten sieben Monaten war er re- gelmäßig dorthin gefahren. Jemand klopfte kurz an der Tür. Truschenko öffnete und reichte seinem Chauffeur den Koffer, nahm dann die Aktentasche, schloss seine Wohnung ab und folgte ihm zum Aufzug. Im frühmorgendlichen Verkehr brauchten sie nur ein paar Minuten bis zum Bahnhof, sodass Truschen- ko noch reichlich Zeit bis zur Abfahrt des Schnellzu- ges nach St. Petersburg hatte. Der Chauffeur holte sei- nen Koffer aus dem Kofferraum der Limousine und begleitete Truschenko in den Bahnhof. Truschenko reichte dem Bahnbeamten seinen Fahrschein – sein Sekretär hatte ihn besorgt –, worauf dieser das oberste Blatt abriss und ihm das Ticket zurückgab. Er nahm seinem Chauffeur den Koffer ab, ging auf den Bahn- steig und stieg in den Zug, ohne noch einmal zurück- zublicken., Orpington, Kent Juri und der andere Schläger banden Richters Arme los, worauf er vornüber zu Boden sackte. Er konnte nur hoffen, dass er alle davon überzeugt hatte, dass er keinerlei Widerstand mehr leisten konnte. Vielleicht, aber nur vielleicht, wurden sie dadurch ein bisschen unvorsichtiger. Sie zerrten ihn hoch, und Juri drehte ihm den Arm auf den Rücken. Der zweite Mann wollte ihm helfen, aber Juri winkte ihn unwirsch weg. »Der gehört mir«, brummte er mit schwerem russischem Akzent. »Ich brauch dich nicht.« Richter glaubte ihm aufs Wort. Orlow ebenfalls. »Tu, was er sagt. Mach ihm nur die Tür auf.« Juri schleifte Richter aus dem Zimmer und zum Treppenabsatz. Richter fragte sich kurz, wie er jemals hinuntergelangen sollte. Er sollte es rasch erfahren. Juri gab ihm kurzerhand einen Schubs. Richter verlor das Gleichgewicht, wollte nach dem Geländer greifen, verpasste es, und stürzte vornüber. Er war gerade noch geistesgegenwärtig genug, den Kopf einzuzie- hen, als er fiel, und versuchte sich abzurollen, so gut es ging. Doch als er am ersten Absatz landete, hatte er das Gefühl, als wäre er in einem Fass die Niagarafälle hinuntergestürzt. Richter bewegte sich vorsichtig, aber anscheinend war nichts gebrochen. Noch nicht. Er hatte sich gerade auf die Knie aufgerappelt, als Juri bei ihm war. Der Russe trat zu und traf Richter im Bauch, worauf er bis, zum Fuß der Treppe kullerte und krachend aufschlug. Richters Unterleib schmerzte fürchterlich – seiner Meinung nach könnte Juri auch als Fußballer beste- hen, falls er es irgendwann einmal satt haben sollte, als Leibwächter zu fungieren. Aber diesmal war Rich- ter schneller. Er war auf den Beinen, ehe Juri bei ihm war, krümmte sich aber vornüber und schlang die Arme um den Leib. Juri packte Richter am Arm und riss ihn hoch. Rich- ter stöhnte leise. Es fiel ihm nicht schwer. Juri verpass- te ihm vorsichtshalber zwei Schläge in den Bauch und gab ihm einen weiteren Stoß. Richter torkelte durch den Flur und bekam einen Türgriff zu fassen. Juri packte ihn, riss ihn herum und rammte ihn mit dem Gesicht voran gegen die Holztäfelung, dann öffnete er die Tür und stieß ihn in das Zimmer. Richter stolperte über irgendetwas, fiel zu Boden und knallte mit dem Hinterkopf gegen ein Tischbein, was umso schlimmer war, weil es keinen Millimeter nachgab. Als das Licht anging, erkannte er, warum. Es war ein Billardtisch, der mit einem fast bis zum Boden reichenden Tuch abgedeckt war. Richter brauchte vor allem eine Waffe, irgendeine Waffe, und mit einem Mal wurde ihm klar, dass er hier möglicherweise fün- dig werden könnte. Richter schaute zu Juri. Er hatte sich umgedreht, um die Tür zu schließen, und streifte gerade sein Schulterholster ab. Richter streckte die rechte Hand aus und tastete unter dem Tuch nach der Ecktasche. Er hoffte inständig, dass die Kugeln dort lagen und, nicht in einem der Schränke aufbewahrt wurden. Wenn sie irgendwo in einer Kiste verstaut waren, war er so gut wie tot. Seine Finger stießen auf das Netzgeflecht der Ta- sche, dann auf etwas Rundes, Hartes, das in der Auf- fangrinne unmittelbar darunter lag. Nur eine Kugel, aber mehr brauchte er nicht. Er schloss die Finger darum und ließ den Arm sinken, als Juri sich zu ihm umdrehte. Juri hatte den Türschlüssel in der Hand. Er lächelte Richter zu und steckte ihn in die Hosentasche. Dann kam er zum Tisch. Etwa anderthalb Meter vor ihm blieb er stehen und blickte auf ihn herab. »Ich werde das auskosten, Engländer. Mein Bruder war ein tüch- tiger Mann, ein guter Kommunist. Du wirst dir wün- schen, dass du nie geboren wärst. Steh auf.« Richter lehnte am Bein des Billardtisches, hatte die rechte Hand hinter den Rücken gelegt und hielt die Kugel fest umklammert. Er schüttelte den Kopf. »Geht nicht«, japste er. »Kann mich nicht bewegen.« Juri schnaubte abfällig und trat einen Schritt näher. Richter hoffte, dass ihn der Russe zunächst hochzer- ren wollte, damit er ihn dann wieder niederschlagen konnte. Viele Schläger genossen so etwas, wie Richter aus Erfahrung wusste. Juri bückte sich und packte mit beiden Händen das Revers von Richters Lederjacke. »Hoch mit dir, du englischer Mistkerl, hab ich ge- sagt.« Juri war stark, und Richter wusste, dass er nur diese eine Chance hatte. Wenn er die versiebte, wür-, de Juri ihm die Arme brechen und ihn anschließend zu Brei schlagen. Juri legte sich ins Zeug. Richter machte sich so schwer wie möglich, spürte aber, wie er langsam hochgezerrt wurde. Er blickte zu dem Russen auf, schätzte die Entfernung ab und senkte die rechte Schulter. Sobald er auf den Füßen stand, handelte er. Sein rechter Arm hing immer noch herunter, aber jetzt riss er mit aller Kraft, die er noch aufbieten konn- te, die Hand hoch und drückte gleichzeitig die Knie durch. Er schlug zwischen Juris Armen hindurch und erwischte ihn mit der schweren Kugel genau unter dem Kinn. Der Kopf des Russen wurde zurückge- schleudert, und Juri ging krachend zu Boden. Moskau Fünfzehn Minuten vor der Abfahrt des Schnellzuges nach St. Petersburg stieg Truschenko aus dem Wagen und ging mit raschen Schritten auf dem Bahnsteig zu- rück. An der Schranke erklärte er, dass er einen drin- genden Anruf erledigen müsste, und wurde zur ande- ren Seite des Bahnhofsgebäudes geschickt. Dreiund- zwanzig Minuten später war er auf einem anderen Bahnhof und saß in einem Zug, der in die entgegen- gesetzte Richtung fuhr., Orpington, Kent Richter wartete nicht ab. Als Juri rücklings zu Boden ging, trat Richter ihm mit aller Kraft in den Unterleib. Dann nahm er sich den Kopf vor. Er dachte nicht mehr. Er war wie ein Tier, das um sein Leben kämpft, und er wollte keinen Fehler machen. Als Richter aufhörte, war Juris Kopf nur noch eine rote Masse. Auch ohne Stethoskop war ihm klar, dass der Russe tot war. Vermutlich war er schon nach dem ersten Schlag mit der Kugel tot gewesen, die Richter immer noch in der rechten Hand hielt. Mit so einem Hieb konnte man jemandem das Genick brechen, wenn man hart genug zuschlug, und Richter hätte kaum härter zuschlagen können. Keuchend schleppte sich Richter zum nächsten Ses- sel und ließ sich hineinsinken. Er musste sich ausru- hen, nur für ein paar Minuten. Richter betrachtete die blutige Kugel in seiner Hand. Es war eine Snooker- Kugel, eine rote. Irgendwie ganz passend, wie er fand, wenn man die politische Einstellung des Mannes be- dachte, der dort am Boden lag. Richter lächelte, mein- te es zumindest – sein Gesicht schmerzte so sehr, dass er kaum noch einen Muskel spürte –, und legte die Kugel in einen Aschenbecher. Dann dachte er nach, nahm die Kugel und wischte sie mit einem Taschentuch aus Juris Hosentasche gründlich ab, bevor er sie wieder in die Tasche des Billardtisches fallen ließ. Er holte den Türschlüssel aus Juris Hosentasche, achtete darauf, dass er ihn nur mit, dem Taschentuch berührte, damit er keine Fingerab- drücke hinterließ, und steckte ihn ins Schloss. Dann zog er die Pistole des Russen, eine halbautomatische österreichische Glock 17, aus dem Schulterholster, ü- berprüfte sie, ohne sich um Fingerabdrücke zu sche- ren – die konnte er später abwischen –, und über- zeugte sich, dass das Magazin voll war. In der kleinen Tasche, die hinten am Schulterriemen hing, fand er zwei Ersatzmagazine, die er ebenfalls an sich nahm, obwohl er nicht davon ausging, dass er sie brauchen würde. In Juris Jackentasche steckte ein Schalldämp- fer, den er umgehend auf den Lauf der Pistole schraubte. Mit der Waffe in der Hand fühlte er sich etwas wohler. Er ließ sich wieder in den Sessel sinken und ruhte sich rund zwanzig Minuten aus, bis er wie- der halbwegs bei Kräften war. Als sein Atem wieder einigermaßen ruhig ging, hielt es ihn nicht länger an Ort und Stelle. Er stand auf und lauschte an der Tür. Draußen war alles ruhig, deshalb drehte er mit Hilfe des Taschentuchs vorsich- tig den Schlüssel um und öffnete die Tür einen Spalt. Im Flur war niemand zu sehen, und nur die eine Lampe war nach wie vor an. Richter zog den Schlüssel ab und verschloss die Tür von außen. Dann wischte er ihn gründlich ab und warf ihn in ein Aquarium mit tropischen Fischen, das an der einen Wand stand. Falls er dennoch irgendwelche Fingerabdrücke hinter- lassen haben sollte, würden sie unter Wasser zwar nicht getilgt, aber auch nicht unbedingt leichter fest- zustellen sein., Er ging zum Fuß der Treppe und horchte, hörte aber von oben keinen Laut. Er hatte nichts anderes erwar- tet. Aber er wäre nicht so alt geworden, wenn er nicht immer mit allem gerechnet und niemandem vertraut hätte. Ihm war klar, dass er einfach aus der Tür gehen und mit der Honda wegfahren könnte. Aber er war hierher gekommen, weil er mit Orlow reden wollte. Und das hatte er immer noch vor. Er hielt sich dicht an der Wand, als er die Treppe hochstieg, um jedes Knarren so weit wie möglich zu vermeiden. Am ersten Absatz hielt er inne, holte tief Luft und lauschte erneut. Immer noch nichts. Er stieg nach oben und ging langsam den Flur entlang, bis er vor der Tür zu Orlows Zimmer stand. Richter legte das Ohr an die Tür und hörte leise Stimmen. Anscheinend waren Orlow und sein Body- guard ins Gespräch vertieft. Richter schob die Pistole in die Tasche, wischte sich mit einem sauberen Ta- schentuch die schweißnassen Hände ab, holte die Glock wieder heraus, atmete tief durch und öffnete die Tür. Orlow saß am Schreibtisch. Der Leibwächter stand rechts hinter ihm. Beide hatten ihm den Rücken zuge- kehrt und studierten ein Blatt Papier, das auf dem Schreibtisch lag. Keiner drehte sich um. Zweifellos erwarteten sie lediglich Juri. Nur ein Narr lässt den Feind zur Besinnung kom- men. Deshalb hob Richter die Glock, zielte sorgfältig und schoss dem Bodyguard in den Rücken. Der Russe kippte schräg vornüber, schlug auf die Schreibtisch-, kante und sank seitwärts zu Boden. Richter legte er- neut an und verpasste ihm zwei Kugeln in den Bauch und eine in den Kopf. Dann wandte er sich Orlow zu, der wie erstarrt da- saß und ihn mit entsetzter Miene anschaute. »Noch- mals hallo, Wladimir«, sagte Richter, dessen Lippen so zerschlagen waren, dass er kaum mehr als ein Lal- len zustande brachte. »Ich bin gar nicht vom Gaswerk. Ich bin Ornithologe und suche neue Arten. Du bist mein kleiner russischer Kanarienvogel, und du wirst jetzt singen.«, Samstag Ickenham, Middlesex »Was zum Teufel ist denn mit dir passiert?« Richter versuchte zu grinsen, brachte aber kaum mehr als ein kurzes Zucken um die Mundwinkel zu- stande. David Bentley, Lieutenant Commander der Royal Navy und derzeit Verbindungsoffizier der Ma- rine bei der Royal Air Force in Uxbridge, musterte ihn mit besorgter Miene. Er und Richter waren gemein- sam auf dem Royal Naval College in Dartmouth ge- wesen und seither miteinander in Kontakt geblieben, auch wenn sie sich nur sporadisch sahen. Sie waren nicht unbedingt enge Freunde, aber mehr als nur gute Bekannte, und Richter wusste, dass er sich auf Bentley verlassen konnte, ohne allzu viele Fragen beantworten zu müssen. Außerdem war ihm gar nichts anderes übrig geblieben, als sich an ihn zu wenden. Simpsons Woh- nung wurde inzwischen höchstwahrscheinlich über- wacht, und sein Apartmentgebäude stand mit Sicher- heit schon seit einiger Zeit unter Beobachtung. Und nach dem, was er mit Orlow angestellt hatte, waren die Russen vermutlich in voller Mannschaftsstärke ausgeschwärmt. Bentleys Offizierswohnung bei der, RAF war die einzige Anlaufstelle, die ihm eingefallen war, als er sich von dem Haus in Orpington wegge- schleppt hatte. »Das kann ich dir nicht sagen«, erwiderte Richter, der kaum ein deutliches Wort hervorbrachte. »Es ist schon für mich gefährlich genug – und ich werde im- merhin dafür bezahlt.« Bentley betrachtete Richters zerschlagenes Gesicht. »Die können dir so viel zahlen, wie sie wollen, Paul. Aber dafür reicht es nicht.« Richter hob vorsichtig die Kaffeetasse und trank ei- nen Schluck. Diese Flüssigkeit brannte höllisch, als sie auf die Risse und Abschürfungen in seinem Mund traf, aber trotzdem genoss er sie. »Okay«, sagte Bentley. »Ich bring dein Motorrad in die Garage, und danach machen wir’s dir ein bisschen bequemer.« Richter nickte dankend und lehnte sich langsam zu- rück, zuckte aber trotzdem zusammen, als ihm ein stechender Schmerz durch den Oberkörper schoss. Die Fahrt durch London und hinaus nach Ickenham war der reinste Alptraum gewesen. Nach den Schlä- gen, die er hatte einstecken müssen, hatte ihm jedes einzelne Glied wehgetan, und er war so schwach und benommen gewesen, dass er nur langsam vorange- kommen war. Zweimal hatte er anhalten und warten müssen, bis er wieder halbwegs klar im Kopf gewesen war. In Clapham hatte er kurz Halt gemacht und Bentley von einer öffentlichen Telefonzelle aus angerufen –, nur für den Fall, dass die Russen sein Handy abhör- ten. Er hatte es über zwanzig Mal klingeln lassen, bis Bentley sich gemeldet hatte. Und auch dann hatte er ihm so gut wie nichts erklärt, sondern ihn lediglich gebeten, auf ihn zu warten und ihn sofort einzulassen. Bentley hatte sich bereit erklärt und aufgelegt, ohne einen Kommentar abzugeben, was typisch für ihn war. Richter hörte, wie die Seitentür geschlossen und der Schlüssel umgedreht wurde. Dann kam Bentley wie- der ins Wohnzimmer. »Kannst du aufstehen?«, fragte er, und Richter nickte. Mit Bentleys Hilfe streifte er vorsichtig den Ruck- sack ab und zog dann die Arme langsam aus der Le- derjacke. Bentley warf einen verdutzten Blick auf den Smith & Wesson, der in Richters Schulterholster steck- te. Die Mauser HSc, die er Juris totem Kollegen abge- nommen hatte, bevor er Orlows Haus verlassen hatte, war im Rucksack verstaut. Die Glock 17, mit der er Orlow und den Bodyguard erledigt hatte, hatte er auseinander genommen und die Einzelteile in diverse Mülltonnen zwischen Orpington und Ickenham ge- worfen. »Ist der geladen?«, fragte Bentley und deutete auf den Smith. Richter nickte, zog den Revolver aus dem Holster und schüttelte die Patronen in die offene Hand. Bentley nahm sie ihm ab und legte sie samt Waffe und Holster auf die Anrichte. Danach nahmen sie sich Richters Pullover vor, doch der ließ sich weitaus schwieriger ausziehen als die Ja-, cke. Irgendwann hatte Bentley genug, ging in die Kü- che und holte eine lange Schere, mit der er kurzer- hand den Rücken aufschnitt. Das Hemd ließ sich ver- gleichsweise leicht abstreifen. »Du siehst völlig fertig aus«, stellte Bentley knapp fest, während er Juris Werk betrachtete. Richters Bauch und Brustkorb waren mit zahllosen Blutergüs- sen übersät, teils leuchtend lila, teils tiefblau. »Ich fra- ge mich bloß, wie du dich mit dem verdammten Mo- torrad überhaupt bis hierher durchgeschlagen hast.« »Mit knapper Not«, sagte Richter und setzte sich wieder. Bentley verschwand ein paar Minuten in der Küche und kehrte dann mit einer weiteren Tasse Kaffee, ei- ner Plastikschüssel mit warmem Wasser und etlichen weichen Baumwolltüchern zurück. Er schaute Richter an und schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Sanitäter«, sagte er, »aber meiner Meinung nach brauchst du ei- nen Arzt. Möglicherweise hast du dir die Rippen gebrochen, das Brustbein angeknackst und was sonst noch alles.« »Nein«, erwiderte Richter. »Ich muss mich nur ir- gendwo ein bisschen ausruhen und eine Weile unter- tauchen, das ist alles.« »Okay. Pass auf«, fuhr Bentley fort, »das kann ein bisschen wehtun. Aber ich wäre dir sehr verbunden, wenn du nicht schreist, weil Kate oben schläft. Und die wollen wir auf keinen Fall aufwecken. Sie kann ziemlich unausstehlich sein, wenn sie nicht ihre vollen acht Stunden Schlaf kriegt.«, »Ich beiße die Zähne zusammen«, sagte Richter, der sich ein Lächeln abrang und zurücksinken ließ, als Bentley behutsam seine Wunden auswusch. Es tat nicht so weh, wie Richter befürchtet hatte, aber das Wasser in der Plastikschüssel war binnen kürzester Zeit dunkelrot. Er sah, wie Bentley ihn mit besorgter Miene musterte, als frisches Blut aus den Wunden quoll. »Ich sag’s nicht noch mal, aber du weißt ja, was ich davon halte«, murmelte er, stand auf und brachte die Schüssel in die Küche. Kurz darauf kehrte er mit einem Erste-Hilfe-Kasten zurück, verteil- te antiseptische Salbe auf Richters Gesicht, legte Mull- bäusche auf die Wunden und verband sie. »Was Brust und Bauch angeht, kann ich nicht viel tun«, sagte er. »Vermutlich musst du eine Zeit lang auf dem Rücken schlafen.« »Danke, David.« »Nicht der Rede wert. Okay, meinst du, du kommst die Treppe hoch?« »Wenn da oben ein Bett für mich bereitsteht«, sagte Richter, »dann schaff ich’s auch.« Richter wachte auf, als heller Sonnenschein durchs Fenster fiel. Irgendjemand hatte die Vorhänge aufge- zogen. Einen Moment lang lag er reglos da und wuss- te nicht, wo er war. Das Zimmer kam ihm ebenso un- bekannt vor wie der Schlafanzug, den er anhatte. Dann fiel ihm alles wieder ein. Er wandte sich um und wollte einen Blick auf die Uhr werfen, die auf dem Nachttisch stand, zuckte aber prompt zusammen, als, ihm ein stechender Schmerz durch den Nacken schoss. Vorsichtig versuchte er es noch mal. Fast elf. Langsam ließ er sich wieder auf das warme Bett zurücksinken. Die Schmerzen in seinem Bauch hatten etwas nach- gelassen, ansonsten aber fühlte er sich nach wie vor am ganzen Körper wund und zerschlagen, und sein Gesicht tat höllisch weh. Er überlegte gerade, ob er versuchen sollte, aus eigener Kraft aufzustehen, weil er dringend auf die Toilette musste, als die Tür auf- ging und David Bentley mit einem voll beladenen Tablett hereinkam. »Frühstück«, sagte er und stellte das Tablett auf einer Kommode ab. Richter versuchte zu lächeln, was beinahe geklappt hätte. »Danke, David. Aber vorher muss ich unbe- dingt aufs Klo.« Mit Bentleys Hilfe setzte er sich auf und kam langsam auf die Beine. Drei Minuten später kam er zurück, setzte sich wieder ins Bett und lehnte sich erleichtert ans Kopfteil. »Kaffee?« Richter nickte, nahm Bentley die Tasse ab und stell- te sie auf den Nachttisch. »Ich wusste nicht genau, wonach dir der Sinn steht, deshalb habe ich dir nur Toast und Marmelade ge- bracht. Wenn du was anderes möchtest, jederzeit.« »Nein, schon gut«, sagte Richter. »Ich habe morgens keinen allzu großen Appetit.« Richter aß den Toast und trank seinen Kaffee. Bent- ley goss ihm eine zweite Tasse ein und reichte sie ihm. »Was hast du vor?«, fragte er. »Wenn du nichts dagegen hast«, sagte Richter,, »möchte ich zunächst mal den Kaffee austrinken und mich danach eine Weile in die Wanne legen. Hinter- her sage ich dir Bescheid, wie’s weitergeht. Immer vorausgesetzt«, fügte er hinzu, »dass mir bis dahin etwas eingefallen ist.« Richter betrachtete sich in dem hohen Spiegel, be- vor er in die Wanne stieg. Der Anblick war alles ande- re als angenehm. Die Schmerzen hatten zwar nachge- lassen, aber die Blutergüsse sahen eher noch schlim- mer aus als letzte Nacht – er war buchstäblich von Kopf bis Fuß grün und blau. Er nahm die Verbände ab und musterte sein Gesicht. Es sah grauenhaft aus, verquollen und voller roter Striemen, die vermutlich von den Schlägen stammten, die Juri ihm mit dem nassen Handtuch verpasst hatte – dazu jede Menge Blutergüsse und blaue Flecken aus der ersten Stufe des Verhörs. Allem Anschein nach waren wenigstens seine Zähne heil geblieben, und er hatte offenbar kei- ne inneren Verletzungen davongetragen. Auf eine Ra- sur musste er in nächster Zeit allerdings verzichten. Richter lag in der Wanne und spürte, wie das heiße Wasser seine Schmerzen allmählich linderte, trank seinen Kaffee und dachte nach. Er musste unbedingt mit Simpson sprechen, unter vier Augen, so bald wie möglich. Simpson hatte ihm letzte Nacht mitgeteilt, dass er den ganzen Tag über in Hammersmith zu er- reichen sei. Richter wollte sich so weit wie möglich bedeckt halten, was wiederum hieß, dass er sich in Hammersmith nicht blicken lassen durfte, denn dort hatte der Feind garantiert Beobachtungsposten aufge-, stellt. Und selbst wenn er unbehelligt in das Gebäude gelangte, lag garantiert ein Scharfschütze auf der Lau- er, wenn er wieder herauskam. Folglich musste er sich irgendwo mit ihm treffen, auf neutralem Boden. Aber er wollte ihn auf keinen Fall anrufen. Womöglich hatte man nicht nur seinen Privatanschluss angezapft, sondern auch die eine oder andere Leitung in Hammersmith verwanzt. Folglich musste sich Richter auf irgendeine andere Weise mit Simpson in Verbindung setzen. Richter zog sich einen blauen Morgenmantel über, den er im Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer fand, und stieg langsam und vorsichtig die Treppe hinunter. Bentley, der in einem Sessel saß und den Daily Telegraph las, blickte auf, als Richter ins Wohn- zimmer kam. »Wo ist Kate?«, fragte Richter. »Die Wochenendkäufe erledigen«, erwiderte Bent- ley knapp. »Normalerweise gehe ich mit, aber da du hier bist …« »Ist es ihr recht?«, fragte Richter. Bentley nickte. »Ja, geht schon klar. Aber da sie weiß, was du beruflich machst, ist sie nicht gerade be- geistert davon, dass du hier bist. Das ist alles.« »Wenn ich irgendwo anders hin könnte, würde ich mich auf der Stelle verziehen, David. Ich möchte dir und Kate auf keinen Fall zur Last fallen.« »Ist schon gut, Paul. Nur die Ruhe. Aber achte um Himmels willen darauf, dass sie die Knarre nicht sieht. Du weißt ja, was sie von Waffen jedweder Art hält.«, »Schon klar. Ich habe sie oben in meinem Rucksack verstaut.« »Gut. Möchtest du noch eine Tasse Kaffee?« »Nichts dagegen«, sagte Richter. »Hast du vielleicht ein Blatt Papier und einen Briefumschlag? Ich muss jemandem eine Nachricht zukommen lassen.« Bentley deutete auf den Schreibtisch mit dem Roll- ladenaufsatz, der in der anderen Ecke stand. »Bedien dich«, sagte er und ging in die Küche. Richter dachte eine Zeit lang nach, ehe er seine Nachricht aufsetzte. Er schrieb sie mit der Hand, da- mit man sie mit den in Hammersmith vorliegenden Schriftproben vergleichen konnte, und versah sie mit der Überschrift »TESTAMENT«, weil er wusste, dass Simpson sofort darauf anspringen würde. »TESTA- MENT« war ein Codewort, das nur gebraucht wurde, wenn der Absender der Nachricht über Erkenntnisse verfügte, die mit an Sicherheit grenzender Wahr- scheinlichkeit darauf hindeuteten, dass es zu einem schweren Konflikt zwischen den Großmächten kom- men könnte, wie man es von Seiten des Verteidi- gungsministeriums vielleicht formulieren würde – kurzum zu einem Krieg. Soweit Richter wusste, war dieser Code beim FOE bislang noch nie benutzt wor- den. Aber in diesem Fall war er seiner Meinung nach gerechtfertigt. Richter las die Nachricht ein paar Mal durch und überzeugte sich davon, dass er sich klar und deutlich ausgedrückt hatte. Dann klebte er den Umschlag zu und adressierte ihn an »Hammersmith Commercial, Packers«. Darüber schrieb er in Blockbuchstaben »Für Mr. Simpson persönlich« und unterstrich das »persön- lich« zweimal. Anschließend bat er Bentley, einen der Kurierdienste anzurufen, die für den Westen von London zuständig waren, und umgehend einen Mo- torradboten anzufordern. Vierzig Minuten später klingelte es an der Tür. Kurz darauf blickte Richter aus dem Fenster und sah, wie sich der in schwarzes Leder gekleidete Fahrer auf seine Suzuki schwang und in Richtung Uxbridge Road davonraste. Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. »Meine Herren«, begann der Präsident, »die Akten, die Sie vorliegen haben, enthalten die neuesten Infor- mationen über diesen angeblichen russischen Angriff. Wir haben dieser Sache den Codenamen ›Kentucky Rose‹ gegeben, und das Material unterliegt strengster Geheimhaltung.« Langsam blickte er sich am Tisch um, an dem die drei anderen Mitglieder des Nationalen Sicherheits- rates – der Vizepräsident, der Außenminister und der Verteidigungsminister – sowie der Chef des verei- nigten Generalstabs als beratendes Mitglied saßen. Das andere beratende Mitglied, der Direktor der Central Intelligence Agency, war wegen Krankheit abwesend., »Ferner sollten Sie wissen«, fuhr der Präsident fort, »dass Botschafter Karasin jegliche Kenntnis von dieser Sache bestreitet. Man könnte natürlich einwenden, dass ihn Moskau dazu angehalten hat, was gewiss möglich wäre. Allerdings kenne ich Karasin seit drei Jahren, und ich glaube nicht, dass er sich an die Linie der Partei hält. Ich glaube, er weiß wirklich nichts. Wenn wir das als gegeben annehmen«, fuhr er fort, »befinden wir uns in einer noch größeren Gefahr als während der Kubakrise. Kennedy wusste wenigstens, womit er es zu tun hatte. Wir wissen es diesmal nicht.« Wieder blickte er in die Runde. »Obwohl wir noch immer keine Bestätigung von unabhängiger Sei- te haben, dass das der CIA vorliegende Material den Tatsachen entspricht, schlage ich vor, dass wir uns mit sofortiger Wirkung auf SIOP beziehen.« Der Single Integrated Operational Plan oder SIOP ist der zentrale und geheimste Bestandteil der ato- maren Einsatz- und Abschreckungsmaßnahmen des Westens. Obwohl der SIOP in der einen oder ande- ren Form bereits seit 1960 existiert, ist er so geheim, dass selbst das Akronym SIOP als vertraulich gilt und der Plan einer eigenen Geheimhaltungsstufe un- terliegt – »Extremely Sensitive Information« oder »ESI« genannt. SIOP entstand aus der anfänglich simplen Abschreckungsstrategie nach dem Motto »Setzt alles ein und haut die Kommies kurz und klein« und entwickelte sich zu einem abgestuften und unendlich variablen Einsatzplan, der unter ge- wissen Umständen einen wochen-, ja monatelangen, atomaren Schlagabtausch der Supermächte ermögli- chen soll. In dem Plan sind bis zu vierzigtausend potenzielle militärische und zivile Ziele in der Gemeinschaft un- abhängiger Staaten ausgewiesen, und er bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten sowohl für schwere als auch für leichtere Gegenschläge. Das amerikanische Kernwaffenarsenal umfasst über zehntausend strate- gische Atomwaffen, deren Sprengkraft sich von etwa fünfzig Kilotonnen – das entspricht der doppelten Stärke der Bomben, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden – bis zu neun Megatonnen be- wegt. Die Zielgenauigkeit der Raketen liegt zwischen knapp zweihundert Metern und etwa anderthalb Ki- lometern. Anhand der im SIOP enthaltenen Angaben zu Sprengkraft, Zielgenauigkeit und Anzahl der ver- fügbaren Raketen sowie über Art und Zahl der ge- eigneten Ziele können die Kommandeure entschei- den, welche der vielen in Frage kommenden Gegen- maßnahmen sie im Falle eines Angriffs ergreifen wollen. »Derzeit«, fuhr der Präsident fort, »herrscht DEF- CON FOUR. Ich schlage vor, dass wir den Verteidi- gungsminister darüber entscheiden lassen, wann wir unsere Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft ver- setzen. Allerdings sollten wir am Zehnten um spätes- tens siebzehn Uhr Eastern Standard Time zu DEF- CON ONE übergehen – der höchsten Alarmbereit- schaft.«, Paris Die Boeing 757 der British Airways landete fünfzehn Minuten zu früh auf dem Flughafen Charles de Gaulle, doch der schwarze Lincoln mit den CD- Nummernschildern wartete bereits, als John West- wood aus dem Flughafengebäude kam. Er kannte den jungen Diplomaten nicht, der ihn abholte, und plau- derte mit ihm nur über Belanglosigkeiten, als sie zur amerikanischen Botschaft fuhren, die an der Avenue Gabriel Nummer zwei lag, unweit der Avenue des Champs-Elysées. Westwood war zwar schon dreimal in Frankreich gewesen, einmal beruflich und zweimal als Tourist, aber noch nie in Paris. Deshalb blickte er gespannt durch die getönten Scheiben auf das Ge- tümmel der Großstadt. Für einen Amerikaner, der zwar dichten Verkehr, aber im Allgemeinen ruhiges und geregeltes Fahren gewöhnt war, waren die französischen Fahrgewohn- heiten erschreckend – beinahe tödlich aggressiv. Die Autos wechselten ohne jede Vorwarnung jäh die Spur, die Fahrer gestikulierten wie wild und hupten einan- der an, und die wenigen Fußgänger, die die Straße überquerten, rannten buchstäblich um ihr Leben. »Geht es hier immer so zu?«, fragte Westwood den Diplomaten. Der junge Mann lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Jetzt ist Nachmittag und außerdem Wo- chenende – es ist ruhig und friedlich. Wenn Sie den Verkehr mal erleben wollen, wenn hier wirklich was, los ist, müssen Sie bis nächsten Freitag bleiben und gegen halb sechs zum Arc de Triomphe gehen.« »Mein Gott«, murmelte Westwood. An der Botschaft angekommen, wurde er durch die Sicherheitspforte an der Rückseite des Gebäudes ge- führt und zu einer Gästesuite gebracht. Er packte ge- rade seinen Koffer aus, als es leise an der Tür klopfte. »Herein«, rief er und wandte sich vom Kleiderschrank ab. Ein kleiner, grauhaariger Mann mit einer randlosen Brille öffnete die Tür und trat ins Zimmer. »Miles Turner«, stellte er sich vor. »Ich bin der Stationschef.« »John Westwood. Freut mich, Sie kennen zu ler- nen«, erwiderte Westwood, der ihm mit langen Schrit- ten entgegenging und ihm die Hand schüttelte. »Ich weiß, warum Sie hier sind, John«, sagte Turner. »Ich habe gestern Nachmittag von Roger Abrahams eine geheime Nachricht erhalten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Reise nicht umsonst gemacht haben. Die Franzosen sind verdammt kratzbürstig, was Spionage angeht. Selbst wenn sie einen Agenten haben sollten, der als Kammerdiener beim Leiter des SWR arbeitet, bezweifle ich, dass sie Ihnen verraten würden, welche Farbe seine Hosen haben.« West- wood schnaubte. »Trotzdem werden wir unser Mög- lichstes tun«, fuhr Turner fort. »Ich habe für Montag- nachmittag ein Treffen mit der DGSE vereinbart.« »Helfen Sie mir auf die Sprünge«, sagte Westwood. »Die DGSE ist die Direction Générale de Sécurité Extérieure«,erklärte Turner. »Bis zur Wahl Mitter-, rands im Jahr 1981 hieß sie ›Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionnage‹ oder ›SDECE‹. Die sind nicht nur ausgesprochen voreingenommen und zugeknöpft gegenüber jedem, der kein Franzose ist, sondern sie haben auch schon manch Aufsehen er- regenden Pfusch gebaut, zum Beispiel, als sie vor ein paar Jahren in neuseeländischen Hoheitsgewässern das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior versenkt ha- ben. In letzter Zeit ist es ziemlich ruhig um die DGSE gewesen, was bedeuten könnte, dass sie irgendetwas vorhaben. Oder vielleicht auch nicht«, fügte er nach kurzer Pause hinzu. Ickenham, Middlesex »Tut mir Leid, dass ich euch zur Last falle, Kate«, sag- te Richter, als Bentleys Frau mit zwei prallvollen Ein- kaufstüten in die Küche kam. Sie stellte die Tüten auf die Arbeitsplatte und packte Lebensmittel aus. »Du fällst uns nicht zur Last, Paul«, erwiderte sie und warf ihm mit ihren dunklen Augen einen funkelnden Blick zu. »Du bist ein Freund, und wir freuen uns, wenn wir dir helfen können. Aber du bist auch gefährlich – na ja, nicht du persönlich, aber die Arbeit, die du machst, und die Leute, mit denen du zu tun hast. Darüber mache ich mir Sorgen.« »Ich weiß«, sagte Richter. »Und deshalb verschwin- de ich auch so bald wie möglich. Vielleicht schon morgen, aber spätestens am Dienstag.«, »Du musst nicht gehen, wenn du noch nicht so weit bist, Paul«, sagte Kate, aber Richter hörte ihr am Ton- fall an, wie sehr sie darüber erleichtert war, dass er sie in absehbarer Zeit wieder verlassen wollte. Nach dem Essen war Kate in der Küche beschäftigt. Richter legte David Bentley dar, was er am nächsten Morgen vorhatte und worum er ihn bitten musste. »Das kommt mir verdammt kompliziert vor«, sagte Bentley, als Richter fertig war. »Es ist verdammt kompliziert«, erwiderte Richter. »Aber ich muss sichergehen, dass der Mann, mit dem ich mich treffen will, vorher sämtliche Schatten abge- schüttelt hat – alle Verfolger abgehängt, meine ich. Denn wenn mich die falschen Leute sehen, das kann ich dir mit Sicherheit sagen, bin ich tot.« »Du führst ein aufregendes Leben, Paul«, sagte Bentley ohne jeden Neid. »Alles in allem aber glaube ich, dass ich mich in Uxbridge lieber den ganzen Tag mit Akten beschäftige, anschließend heimfahre und den Rasen mähe.« »Jedem das Seine«, sagte Richter. »Obwohl ich im Augenblick ganz gern mit dir tauschen würde.« Er hielt inne. »Ich weiß, was Kate davon hält, aber könn- test du mir morgen vielleicht ein, zwei Stunden lang aushelfen? Du gehst dabei keinerlei Gefahr ein, das verspreche ich dir. Du musst mich lediglich bei der Raststätte an der M4 absetzen und nach dem Treffen wieder abholen.« Bentley grinste ihn an. »Von mir aus gern. Ich glau- be, es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn wir dich, morgen zur Untersuchung ins hiesige Krankenhaus bringen. Auf diese Weise erfährt sie nichts davon.« »Danke, David. Ich weiß das sehr zu schätzen.« »Eine Frage. Warum triffst du dich mit jemandem an einer Autobahnraststätte?« »Weil man auf einer Autobahn genau feststellen kann, ob man verfolgt wird. Wenn mein Mann auf die Raststätte abbiegt und eines der Autos, das ihm ge- folgt ist, biegt ebenfalls ab, dann tankt er einfach und fährt weiter. Er trifft sich nur mit mir, wenn er sich absolut sicher ist, dass er nicht verfolgt wird. Ver- stehst du«, fuhr Richter fort, »auf einer Autobahn kann man nicht einfach anhalten oder wenden, ohne dass es auffällt oder einem die Autobahnpolizei Sche- rereien macht.« Bentley wirkte nicht unbedingt überzeugt. »Ja, das sehe ich ein. Aber was passiert, wenn er verfolgt wird und einfach wieder wegfährt?« »Dann war alles umsonst«, antwortete Richter. »Ich muss von vorn anfangen.« Minsk, Belorussland Erleichtert schloss Nikolai Modin die Tür zu seinem prunkvollen Zimmer auf. Er hatte einen anstrengen- den Tag und einen langen Abend hinter sich. Morgens hatte er sich zu einer letzten, aber ergebnislosen Be- sprechung mit Grigori Sokolow getroffen. Sokolow hatte sich mehrmals entschuldigt, aber ihm mitgeteilt,, dass er nach wie vor keinerlei Hinweise auf einen Verräter in den Reihen des SWR gefunden habe. Er persönlich, so hatte er Modin anvertraut, sei der Mei- nung, dass Wiktor Bykow durchaus in Frage käme, aber er habe nicht das geringste Belastungsmaterial entdeckt. Die Nachmittagsmaschine hatte sich um fast eine Stunde verspätet – ohne jeden Grund, soweit Modin ersehen konnte –, und die Fahrt vom Flughafen zur örtlichen SWR-Zentrale war ihm schier endlos vorge- kommen. Bykow, der offenbar die Reisevorbereitun- gen leitete, war allem Anschein nach darüber begeis- tert, dass er Modins Stab zugeteilt worden war. Aus Höflichkeit hatte Modin mit den höheren Offi- zieren des SWR zu Abend gegessen und sich erst um Mitternacht zurückgezogen, nachdem er darauf ver- wiesen hatte, dass ihm am nächsten Tag eine lange Fahrt bevorstünde. Wiktor Bykow hingegen war, wie er etwas säuerlich feststellte, noch immer im Speise- saal. Amerikanische Botschaft, Avenue Gabriel Nr. 2, Paris »Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte John West- wood. »Nicht einmal der GRU könnte so ein Unter- nehmen ohne Einverständnis des Kreml auf die Beine stellen.« »Sie mögen durchaus Recht haben«, erwiderte, Hicks. »Ich will Ihnen ja lediglich mitteilen, was der Präsident meint. Vielleicht ist Karasin auch ein weit- aus besserer Schauspieler, als wir annehmen, und möglicherweise handelt es sich um ein sorgfältig vor- bereitetes Unternehmen, das vom Kreml nicht nur ge- billigt, sondern auch geleitet wird.« »Nichts Neues von RAVEN, nehme ich an?«, mel- dete sich Roger Abrahams aus London. Hicks schnaubte. »Nein«, sagte er. »Rigby zeigt sich nach wie vor so oft wie möglich in der Öffentlichkeit, aber es gab keinen weiteren Kontakt.« »Und was unternehmen wir jetzt?«, fragte West- wood. »Wir machen weiter«, sagte Hicks. »Wir gehen da- von aus, dass diese Gefahr tatsächlich besteht, und tun alles, was wir können, um ihr zu begegnen. Sie halten sich an die Franzosen, während Roger zusieht, ob er von den britischen Nachrichtendiensten irgendetwas erfährt. Wir verstärken die Satellitenaufklärung über Eurasien, aber da wir nicht wissen, wonach wir Aus- schau halten sollen, ist das vermutlich reine Zeitver- schwendung. Ich habe mit dem Präsidenten über die Sache gesprochen, und seine Anordnungen waren ein- deutig. Die Sicherheit des amerikanischen Volkes ist vorrangig, deshalb werden wir spätestens am Zehnten von DEFCON FOUR zu DEFCON ONE übergehen. Der Präsident wird an diesem Abend den Startbefehl für die Bomber und die Tankflugzeuge erteilen. Sie werden zu den vorgegebenen Positionen fliegen und dort in Wartestellung bleiben, bis der Präsident ent-, scheidet, ob sie angreifen und ihre Waffen einsetzen oder zu den Stützpunkten zurückkehren sollen. Die Navy wird spätestens am Morgen des Neunten ihre U-Boote in Position bringen, und am Zehnten wird der Countdown für alle einsatzbereiten strategischen Atomraketen beginnen. Die Raketen werden inner- halb von fünf Minuten startbereit bleiben, bis die Rus- sen ihren Angriff durchführen oder der Präsident da- von überzeugt ist, dass keine Gefahr besteht bezie- hungsweise die Krise vorüber ist. Der Präsident wird vermutlich die ganze Zeit über in Washington sein oder sich mit seiner Familie nach Camp David zu- rückziehen. Er möchte den Medien so wenig Anlass zu Spekulationen wie nur irgend möglich geben. Au- ßerdem meint er, dass es zur Ermutigung des ameri- kanischen Volkes beiträgt, wenn er in Washington bleibt. Aber unabhängig davon, wie seine Entschei- dungen ausfallen werden, hat er bereits angeordnet, dass die obersten militärischen Berater am Nachmit- tag des Zehnten mit der Nightwatch-Maschine starten sollen.« Walter Hicks schwieg einen Moment lang. »Meine Herren«, sagte er schließlich, »der amerikanische Mili- tärapparat geht davon aus, dass es zum Kriegszu- stand kommt, und beim geringsten Anzeichen einer Provokation von Seiten Russlands gedenkt der Präsi- dent sofort anzugreifen.«, Sonntag Minsk, Belorussland Die Zivilbediensteten in der SWR-Zentrale hatten an den Fenstern separate Tische für die zu Gast weilenden hohen Offiziere gedeckt. Als Nikolai Modin kurz nach sechs Uhr morgens etwas steif die Treppe hinunter- stieg, stellte er fest, dass Wiktor Bykow bereits am Frühstückstisch saß, starken schwarzen Kaffee trank und die Lokalzeitung las. Die beiden Männer nickten einander zu, und sobald Modin Platz genommen hatte, eilte einer der Bediensteten herbei, um seine Bestellung entgegenzunehmen. Modin musterte die Teller mit Schwarzbrot, Käse, Salami und Backwerk, die bereits auf dem Tisch standen, und bat nur um einen Kaffee. »Nun, General«, sagte Bykow. »Heute beginnen wir mit der letzten Phase.« Modin nickte und griff zu einem Hörnchen. »Es wird eine lange und beschwerliche Reise werden, Wiktor«, sagte der ältere Mann. »Nilow, mein Adju- tant in Jasenewo, hat einen Zeitplan für mich aufge- stellt. Er stellt«, fügte Modin nachdenklich hinzu, »für fast alles Zeitpläne auf.« Bykow nickte und lächelte. »Das habe ich schon ge- hört«, murmelte er., Modin blickte Bykow an und lächelte ebenfalls. »Ohne den jungen Mann wäre ich ziemlich aufge- schmissen«, sagte er. »Jedenfalls hat er ausgerechnet, dass wir etwa achtzehnhundert Kilometer fahren müssen, bis wir zur französischen Grenze kommen. Folglich haben wir wenig Spielraum, wenn wir recht- zeitig in London sein wollen. Nilows Schätzung zu- folge müssten wir am Dienstagvormittag an der fran- zösischen Grenze und am Mittwochmorgen in Lon- don sein.« »Wann soll der Konvoi aufbrechen?«, fragte Bykow. »Um halb sieben«, erwiderte Modin. »Wir haben zwei Fahrer für jedes Fahrzeug, können also davon ausgehen, dass wir notfalls zwölf Stunden am Tag durchfahren können. Nilow ging bei seinen Schätzun- gen von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünfzig Kilometern pro Stunde aus, was ohne weiteres zu schaffen sein müsste. Viel hängt allerdings von den Grenzabfertigungen ab«, fügte er hinzu. »Aber da wir als Diplomaten reisen, sollten wir bevorzugt behan- delt werden.« Bykow nickte. Beide Männer aßen ein paar Minuten lang schweigend. Dann stellte Modin seine Kaffeetas- se hin, wischte sich mit seiner Serviette den Mund ab und warf einen Blick auf seine Uhr. »Zwanzig nach sechs«, sagte er. »Wir sollten aufbrechen.« Bykow nickte und stand auf. Ein Bediensteter kam auf die beiden Männer zu und reichte Bykow eine große braune Papiertüte. Modin schaute ihn an. »Marschverpflegung und Getränke«, erklärte Bykow., »Wie Sie schon sagten, General, es wird eine lange Fahrt.« Die beiden Männer verließen das Gebäude über die Hintertreppe und stiegen hinab in den Hof. Der Sat- telschlepper stand mit laufendem Motor an der hinte- ren Mauer. Mitten auf dem Hof parkten zwei hell- blaue Mercedes-Limousinen hintereinander, und ein schwarzer Mercedes wartete am Fuß der Treppe. Als Bykow und Modin auftauchten, stieg der Fahrer aus, öffnete die Hintertür und salutierte zackig. Modin salutierte ebenfalls, stieg aber noch nicht ein. Stattdes- sen ging er zu einer kleinen Gruppe von Männern – lauter Speznas-Leute in Zivil –, die neben den Merce- des-Limousinen standen. »Alles klar, Hauptmann?«, fragte Modin, als er neben einem großen, stattlichen Mann stehen blieb. Die Männer nahmen sofort Haltung an, und der Hauptmann salutierte und nickte dann. »Ja, General. Wir sind bereit.« »Sehr gut«, erwiderte Modin. Er ging zu dem Sat- telschlepper, wechselte ein paar Worte mit den Fah- rern und kehrte dann zu dem schwarzen Mercedes zurück. »Gut, Wiktor«, sagte er. »Los geht’s.« Dreißig Sekunden später fuhr eine der blauen Mer- cedes-Limousinen vom Hof, gefolgt von dem Sattel- schlepper und der zweiten Limousine. Bykow nickte ihrem Fahrer zu, worauf sich der schwarze Mercedes dem Konvoi anschloss. Um sieben Uhr fünfzehn lie- ßen die vier Fahrzeuge die letzten Vororte von Minsk hinter sich und fuhren nach Südwesten, in Richtung, Brest, an der polnischen Grenze gelegen, wo sie gegen halb zwölf eintreffen würden. Anton Kirow Oberst Pjotr Saworin öffnete eine weitere Flasche Scotch und goss in jedes der beiden Gläser einen or- dentlichen Schuss ein. »Auf Ihr Wohl, Kapitän«, sagte er und trank einen Schluck. Waleri Bondarew hob pflichtschuldig sein Glas und trank ebenfalls. Er mochte den brennenden braunen Schnaps – von dem Saworin offenbar unbegrenzte Vorräte hatte – nicht besonders. Ein anständiger Wodka wäre ihm lieber gewesen. Aber Saworin hatte das Sagen, und Bondarew war der Ansicht, dass es nichts schaden konnte, wenn er ihm einen Gefallen tat. »Wir sind gut vorangekommen, Waleri«, sagte Sa- worin und stellte sein Glas auf den Beistelltisch. Sie saßen wie üblich in der Kabine des Kapitäns. Eine halbe Stunde zuvor war die Nachricht aus Moskau eingegangen, und der anonyme Absender hatte er- klärt, dass er sehr zufrieden sei, als Saworin, der aus dem Schlaf gerissen worden war, die derzeitige Posi- tion der Anton Kirow durchgegeben hatte. »Keine weiteren Änderungen, Oberst?«, fragte Bondarew. Saworin schüttelte den Kopf. »Nein, keine weiteren Änderungen. Wir halten Kurs auf Gibraltar und soll-, ten bis Dienstagmorgen dort sein. Wir haben reichlich Zeit, glaube ich.« Bondarew nickte. »Ja, wir haben jede Menge Zeit. Und was dann?« »Wir warten«, erwiderte Saworin. »Wir warten in Gibraltar, bis man uns weitere Anweisungen erteilt.« Er trank einen weiteren Schluck Whisky. »Eigentlich sollte ich Ihnen das nicht sagen, Kapitän, aber wir ha- ben gut zusammengearbeitet, und meiner Meinung nach haben Sie ein Recht darauf, es zu erfahren.« Er hielt inne, und Bondarew beugte sich gespannt vor. »Erstens, eine der Kisten mit der Ausrüstung, die wir in Warna an Bord genommen haben, ist für eine klei- ne Firma in Gibraltar bestimmt, die von einem unserer Agenten geleitet wird. Aber wir laufen Gibraltar vor allem deshalb an, weil wir ein kryptografisches Gerät der Amerikaner in Empfang nehmen sollen – einen Verschlüsselungsapparat, den unsere Agenten be- schaffen konnten. Er wird vermutlich von einem klei- nen Boot gebracht werden, während wir am Kai lie- gen. Sobald dieser Apparat an Bord ist, werden wir Gibraltar verlassen.« Saworin lächelte freundlich, und Bondarew nickte. Er hatte so etwas Ähnliches vermutet. Das Schiff war praktisch für irgendeine Spionagegeschichte, die man in Moskau in die Wege geleitet hatte, gekapert wor- den. Wenigstens zeichnete sich jetzt ein Ende ab. So- bald der Verschlüsselungsapparat an Bord war, konn- te die Anton Kirow wieder Kurs in Richtung Osten nehmen und ins Schwarze Meer zurückkehren. Viel-, leicht, überlegte Bondarew, sollte er Saworin vor- schlagen, irgendwo unterwegs Fracht zu laden. Zur Tarnung sozusagen. Er fragte sich zum ersten Mal, ob auf dieser Fahrt vielleicht doch noch etwas für ihn he- raussprang – vielleicht hatte er nicht nur seine Zeit vergeudet. Bondarew stand auf und lächelte. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Oberst. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Ich muss wieder auf die Brücke.« »Natürlich.« Als der Kapitän die Tür hinter sich ge- schlossen hatte, trank Saworin den letzten Schluck Scotch. Er war ziemlich zufrieden mit seiner Geschich- te über den Chiffrierapparat. Er war auf die Idee ge- kommen, als er die ersten James-Bond-Romane noch einmal gelesen hatte. Saworin lächelte vor sich hin, nahm dann die Flasche und verließ die Kabine. Middlesex und Berkshire Nach einem zeitigen Frühstück, das aus Kaffee und Toast bestand, verklebte Richter die scheußlichsten Blessuren in seinem Gesicht mit mehr oder weniger hautfarbenem Pflaster, damit er sich halbwegs in der Öffentlichkeit sehen lassen konnte. Seine Jeans war völlig versaut, und sein Hemd war sofort in die Müll- tonne gewandert, nachdem Bentley es ihm ausgezo- gen hatte. Bentley kramte in seinem Kleiderschrank herum und holte ein weißes Hemd und eine saubere Jeans heraus. Die Jeans war um die Taille ein bisschen zu weit, aber mit dem Gürtel saß sie einigermaßen., Richter zog sich mit Bentleys Hilfe in seinem Schlaf- zimmer an. Sobald er in die Jeans geschlüpft war, öff- nete er den Rucksack und holte das Schulterholster mit dem Smith & Wesson heraus. »Meinst du, du brauchst ihn?«, fragte Bentley, als Richter das Holster zurechtzog. »Hoffentlich nicht«, erwiderte Richter, während er sechs Patronen in die Trommel schob. »Aber ich möchte kein Risiko eingehen.« Bentley half ihm mit der Lederjacke, die das Schul- terholster völlig verdeckte. Dann holte er einen alten Schlapphut und bot ihn Richter an. »Elegant sieht er nicht gerade aus«, sagte Richter, als er sich im Spiegel betrachtete. »Aber er kaschiert die schlimmsten Schrammen.« Bentley grinste ihn an. »Was ist?«, fragte Richter. »Nichts«, erwiderte Bentley. »Erinnert mich bloß ein bisschen an Philip Marlow.« »Noch was, bevor wir aufbrechen«, sagte Richter und schaute Bentley an. »Mir wär’s lieber, wenn du bewaffnet wärst. Nur für alle Fälle.« »Für welche Fälle?«, wollte Bentley wissen. »Du hast gesagt, es geht nur um eine kleine Spritztour, die für mich völlig ungefährlich ist.« »Das sollte sie auch sein«, entgegnete Richter. »Aber mir wäre wohler zumute, wenn du bewaffnet wärst, das ist alles.« Bentley starrte ihn einen Moment lang an. »Okay«, sagte er schließlich. »Gib her.«, Richter wühlte in seinem Rucksack herum und hol- te die Mauser HSc und das Schulterholster heraus. Während Bentley das Holster umschnallte, zeigte Richter ihm kurz, wie er mit der Mauser umgehen musste. Als Marineoffizier war er die 9mm Browning gewohnt, eine schwerere Waffe, die aber von der Be- dienung her ganz ähnlich war. Er war immer noch ein bisschen besorgt darüber, dass er eine Waffe tragen sollte, und Simpson würde vermutlich einen Tob- suchtsanfall kriegen, wenn er etwas davon erfuhr. An Kates Reaktion wollten weder Richter noch Bentley denken. Richter hatte das Rendezvous an der Raststätte auf zwanzig nach zehn angesetzt – nur ein Narr oder ein Amateur verabredet sich zur vollen oder halben Stun- de. Auf einer kurvenreichen Straße fuhren sie mit Bentleys Saab Turbo zunächst bis Reading und bogen dann an der Anschlussstelle elf auf die M4 in Rich- tung Süden ab. Inzwischen war sich Richter völlig si- cher, dass niemand sie verfolgte. Jetzt musste er nur noch feststellen, ob Simpson beschattet wurde. Richter hatte Simpson mitgeteilt, dass er mit dem Jaguar auf der M4 aus London herausfahren, nach Möglichkeit sämtliche Schatten abschütteln und zuse- hen sollte, dass er gegen zehn nach neun bei An- schlussstelle zehn war. Dort sollte er kehrtmachen und wieder in Richtung Hauptstadt fahren. Richter schätzte, dass man bei gemütlicher Fahrt von An- schlussstelle zehn aus etwa fünfundvierzig Minuten bis zur Raststätte Heston brauchte, die kurz hinter, Heathrow lag. Demnach müsste Simpson gegen fünf nach zehn dort eintreffen. Um acht Uhr fünfzehn steuerte Bentley den Saab auf den Zubringer zur M4 – Richter wollte sein ganzes Au- genmerk auf eventuelle Verfolger richten – und fuhr dann mit gemächlichen achtzig Stundenkilometern in Richtung Osten. Auf der Autobahn fahren nur wenige Autos mit achtzig, und wenn, dann fallen sie auf. Der einzige verdächtige Wagen, den Richter ent- deckte, überholte sie kurz vor Anschlussstelle neun, und danach war er überzeugt, dass auch die letzte Überprüfung negativ ausfallen würde. Bei Anschluss- stelle sieben bogen sie von der Autobahn ab. Richter erklärte Bentley, dass er auf der Überführung in Rich- tung Süden, genau über dem Zubringer in Richtung Westen, anhalten und so tun sollte, als schlage er et- was in der Karte nach, während er den Verkehr in Richtung Westen beobachten wollte. Richter warf einen Blick auf seine Uhr. Zehn vor neun. Genau zur rechten Zeit. Um fünf vor neun sah er den dunkelgrünen XJ6 und die dunkle Gestalt am Steuer. Im Moment achtete er aber weniger auf ihn als auf die Autos dahinter. Ein grüner Rover setzte zum Überholen an. Den konnte er ausklammern, aber sie- ben weitere kamen noch in Frage – zwei Ford Orion, ein alter Metro, ein hellblauer Transit (ein von Be- schattern bevorzugter Typ, weil man damit überall halten konnte, ohne allzu viele Fragen beantworten zu müssen), ein Renault Laguna und zwei BMW, ein Dreier und ein Fünfer., Richter wandte sich an Bentley. »Auf geht’s, David. Und wenn wir auf der Autobahn sind, kannst du auch ein bisschen aufdrehen.« »Jederzeit. Ich fahre nicht gern achtzig.« »Das habe ich schon gemerkt.« Sie schlossen rasch auf, und kurz vor Anschlussstel- le neun hatte Richter zunächst den 325er BMW ausge- klammert, weil er den Jaguar überholte, und dann den Orion, der in einer Dampfwolke auf dem Bankett ste- hen blieb. An der Ausfahrt bogen der Transit und der Fünfer-BMW ab und fuhren ebenso wie Richter und Bentley in Richtung Norden, zur A4. Damit waren nur noch der zweite Orion, der Metro und der Renault hinter dem Jaguar. Richter erklärte Bentley, dass er noch einmal anhal- ten und die Karte zurate ziehen sollte. Sie hielten auf der Überführung in Richtung Norden, sodass er den Verkehr in Richtung Osten im Auge hatte, und warte- ten auf den Jaguar. Um zwanzig vor zehn tauchte er wieder auf. Richter wartete, bis er davon überzeugt war, dass ihn keines der drei Autos verfolgte, die vor- hin hinter ihm gefahren waren. Erst dann wandte er sich an Bentley und sagte ihm, er solle den Motor an- lassen. Sie fuhren auf die Autobahn und hielten sich etwa eine Meile hinter dem Jaguar. Richter achtete nach wie vor auf sämtliche Fahrzeuge vor und hinter ihnen, aber als sie sich Anschlussstelle vier näherten, dem Abzweig nach Heathrow, hatte er nur zwei entdeckt, die in Frage kamen – einen VW Passat und einen Re-, nault Safrane, die sich bei Anschlussstelle sechs zwi- schen dem XJ6 und dem Saab eingefädelt hatten. Richters Handy klingelte, als sie Anschlussstelle vier passierten. »Ja?« »Simpson. Sitzen Sie in einem roten Saab?« »Ja.« »Gut.« Die Verbindung wurde unterbrochen. Bentley schaute Richter fragend an. »Das war der Mann, mit dem ich mich treffen will«, sagte Richter. »Er hat uns bemerkt, aber ich glaube, er hat keine anderen Verfol- ger entdeckt.« Kurz vor der Raststätte Heston setzte der Fahrer des Jaguar den linken Blinker, und Richter sah, wie die beiden anderen Autos in Richtung London weiter- fuhren. »Gut, David«, sagte er. »Ich glaube, die Luft ist rein. Bieg ab und park irgendwo, wo wir den Jagu- ar sehen, aber sofort auf die Ausfahrt stoßen können, falls die Gegenseite schlauer sein sollte, als ich dach- te.« Sie fuhren bis zur hinteren Reihe. Richter sah, wie Simpson aus dem Jaguar stieg und zur Cafeteria ging. Er wühlte in seiner Tasche herum, als suche er Klein- geld. Ein gutes Zeichen, mit dem er Richter andeuten wollte, dass er außer dem roten Saab keinerlei Verfol- ger entdeckt hatte. Richter und Bentley blieben im Saab sitzen und ach- teten darauf, ob irgendeines der Autos auftauchte, die sie zuvor gesehen hatten. Als Simpson wieder heraus- kam, hatte Richter immer noch keinen Schatten ent-, deckt. Um zehn Uhr achtzehn wandte er sich an Bent- ley. »Falls es irgendwelchen Ärger geben sollte, beim geringsten Anzeichen, haust du ab und fährst heim. Und wenn ich aus dem Jaguar steige und zur Cafete- ria gehe, fährst du los. Das heißt nämlich, dass ich je- manden entdeckt habe. Okay?« »Okay, Paul. Pass auf dich auf.« »Mach ich«, versicherte ihm Richter. »Ich bin fest entschlossen, meine Pension zu genießen, und sei es auch nur, um meinen Boss zu ärgern.« Bentley lächelte und nickte. Richter öffnete die Tür und stieg aus. Biala Podlaska, Ostpolen Modin war zufrieden. Der Konvoi war auf der Fahrt nach Brest kaum aufgehalten worden, und auch die Abfertigung an der polnischen Grenze hatte nur knapp fünfzehn Minuten in Anspruch genommen. Die Polen hüteten sich wohlweislich, Fahrzeuge mit Diplomatennummernschildern lange warten zu las- sen, und bei Russen waren sie besonders vorsichtig. Bis Warschau waren es noch rund hundertneunzig Kilometer. Damit waren sie sogar schneller vorange- kommen, als Nilow geschätzt hatte. Modin wies den Speznas-Mann auf dem Beifahrersitz an, per Funk durchzugeben, dass sie eine Verpflegungspause mit anschließendem Fahrerwechsel einlegen wollten. Als die Straße in weitem Bogen nördlich um die Stadt Bia-, la Podlaska herumführte, fuhr der vorderste Mercedes auf den Parkplatz eines Cafés und hielt am anderen Ende. Der Sattelschlepper und die beiden anderen Limousinen folgten ihm. »Eine halbe Stunde«, gab der Speznas-Mann über Mikrofon durch. »Denkt an die Befehle. In jedem Fahrzeug bleibt immer ein Mann. Im Café wird nicht gesprochen.« Modin nickte beifällig. Dann stiegen er und Bykow aus der Limousine und gingen auf die Doppeltür des Cafés zu. Berkshire Richter öffnete die hintere Tür des Jaguar und stieg ein. Ein Klicken ertönte, als Simpson per Zentralverriege- lung die Türen verschloss. Er drehte sich zu Richter um. »Ich hätte gern ein paar Erklärungen, Richter. Ich hatte den ganzen Morgen die Polizei am Hals, die von mir erfahren wollte, ob ich etwas über Mr. Orlow und seine beiden Begleiter wüsste, die heute Morgen von der Köchin tot aufgefunden wurden. Der Superinten- dent der Metropolitan Police sagte, er hätte noch nie so ein Blutbad gesehen. Er sagte, Orlow sei von zwölf Ku- geln getroffen worden, so als habe ihn jemand buch- stäblich in Stücke geschossen.« Richter nickte. »Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragte Simpson. »Ich bin gegen eine Tür gelaufen. Warum hat sich die Polizei an Sie gewandt?«, »Weil Orlow Ausländer war und überdies ein Rus- se. Sie sagten, beim Außenministerium habe man ge- meint, der SIS wüsste vielleicht Bescheid, und beim SIS gab ein dämlicher Offizier vom Dienst den Bullen meine Telefonnummer. Den werde ich mir später noch vornehmen.« »Und was haben Sie ihnen gesagt?« »Ich habe gesagt, dass ich mich darum kümmern würde«, erwiderte Simpson. »Und wenn Sie mir nicht ein paar sehr überzeugende Erklärungen geben kön- nen, werde ich die Polizei an Sie verweisen. Ich habe Ihnen letzte Nacht gesagt, dass Sie die Finger von Or- low lassen sollen.« »Haben Sie nicht gesagt, dass Sie nicht auf mich verzichten können?«, fragte Richter. »Ich werde es versuchen müssen, Richter«, knurrte Simpson. »Nun erzählen Sie mir die Geschichte. Und wehe, sie taugt nichts. Ich will eine Erklärung für die- sen verdammten Mist und für TESTAMENT.« »Für Sie mag es vielleicht Mist sein, Simpson, aber für mich geht’s ums Überleben. Also belassen wir’s dabei, okay?« Richter beugte sich vor und berichtete, was Orlow ihm erzählt hatte. Besser gesagt, was er ihm verraten hatte, nachdem Richter ihm beide Kniescheiben zer- schossen und ihn mit Hilfe der 9mm zu weiteren Aus- sagen gezwungen hatte. Als Richter geendet hatte, lehnte er sich zurück. Simpson wirkte aschgrau. »Sind Sie sich dessen sicher? Sind Sie sich dessen absolut si- cher?«, Richter nickte. »Ich bin mir sicher, dass Orlow fest davon überzeugt war. Ich glaube nicht, dass sich je- mand in seiner Lage so etwas hätte ausdenken kön- nen. Zumal sich seine Aussagen bestens in alles einfü- gen, was wir bereits wissen.« Simpson seufzte. »Lieber Gott. Lieber Gott, hilf uns. Was wollen wir unternehmen?« Richter zuckte die Achseln. »Das ist nicht meine Sa- che. Wir müssen natürlich den Franzosen Bescheid sagen, da sie bereits betroffen sind. Wir sollten es der CIA offiziell mitteilen – soweit ich weiß, sind die schon seit einiger Zeit der Meinung, dass die Russen irgendetwas vorhaben. Aber wenn wir ihnen sagen, was wir wissen, kommen sie uns vielleicht ein biss- chen entgegen. Vielleicht können wir die Situation ret- ten, wenn wir auf diplomatischem Wege in Moskau Krach schlagen. Was natürlich nicht viel nützt, wenn man im Kreml genauso wenig davon weiß wie wir. Orlow konnte mir eins nicht verraten, weil er es selber nicht gewusst hat – wann diese letzte Phase anläuft. Aber ich glaube, dass wir nicht mehr viel Zeit haben.« »Wie viel?« »Vier Tage schätzungsweise, vielleicht auch fünf. Mehr nicht.« »Damit bleibt uns kaum genügend Zeit, um auf diplomatischem Wege vorzugehen, oder?« »Nein«, erwiderte Richter. »Aber was bleibt uns anderes übrig?« »Nur eines«, sagte Simpson. »Wie Sie schon andeu- teten. Da wir nun wissen, womit wir es zu tun haben,, werde ich beim FOE alles Erforderliche in die Wege leiten. Zweitens werde ich Vauxhall Cross einweihen, damit man von dort aus der CIA und allen anderen, die davon erfahren müssen, Bescheid sagt. Drittens müssen wir den letzten Sprengkörper aufhalten, und das bedeutet, dass wir Sie nach Frankreich schicken.« »Mich? Warum mich?«, fragte Richter. »Haben Sie vergessen, dass ich auf der Todesliste des SWR ganz oben stehe?« »Nein, Richter, das habe ich nicht vergessen. Aber ich muss Sie damit betrauen. Sie wissen mehr über diese Sache als jeder andere in der Abteilung, da Sie von Anfang an damit zu tun hatten. Der eigentliche Grund aber ist, dass Sie der beste Mann sind, den ich für eine derartige Aufgabe habe. Ich werde Ihnen ei- nen Diplomatenpass besorgen, soweit das etwas nützt, und Ihnen zwei Leibwächter mitgeben. Aber Sie müssen das übernehmen.« Richter schnaubte. »Das passt mir ganz und gar nicht«, sagte er. »Ich habe Sie nicht danach gefragt, ob es Ihnen passt«, blaffte Simpson. »Ich habe Ihnen lediglich ge- sagt, was Sie tun werden. Sehen Sie eine andere Mög- lichkeit?« »Nein«, räumte Richter ein. »Und kümmern Sie sich nicht weiter um Leibwächter. Mit denen falle ich nur auf. Wenn ich einen Diplomatenpass habe, kann ich auch eine Waffe mitnehmen. Außerdem sollte man nicht noch andere in Gefahr bringen.« »Wenn Sie es so wollen«, sagte Simpson., Richter stieg aus dem Jaguar und wartete, bis Simp- son weggefahren war. Dann ging er zum Saab, stieg ein und erklärte Bentley, dass sie losfahren könnten. »Alles in Ordnung?«, fragte er. »Das weiß ich noch nicht«, erwiderte Richter. »Ich muss ein paar Tage weg.« »Wohin?« »Nach Hause, David«, sagte Richter. »Nein. Ich wollte wissen, wohin du musst.« »Das kann ich dir nicht sagen. Aber es liegt zwi- schen hier und Spanien.« »Ich verstehe«, sagte Bentley. Dann schwieg er ei- nen Moment. »Nein, stimmt nicht«, fügte er hinzu. »Warum nach Frankreich?« »Ich muss mir einen Lastwagen anschauen.« »Ist das alles?« »Das ist alles, was ich dir verraten darf«, sagte Rich- ter. »Eigentlich solltest du nicht einmal das wissen – zu deinem eigenen Besten.« Rasdolnoje, Krim Dimitri Truschenko schloss sein E-Mail-Programm, schaltete seinen Laptop aus und lehnte sich zurück. Mit der Nachricht, die er gerade abgeschickt hatte – wie üblich in einer Werbesendung versteckt und über eine Reihe von Servern in drei verschiedenen Ländern weitergeleitet –, teilte er den Kameltreibern mit, dass er an Ort und Stelle war., Sie hatten keine Ahnung, wo er war, und brauchten es auch nicht zu wissen. Während der letzten Phase von Operation Podstawa musste er an einem sicheren Ort sein, außerhalb von Moskau, wo er Zugang zum Internet hatte. Sobald die Anton Kirow Gibraltar er- reicht hatte und die letzte Waffe in London eingetrof- fen war, konnte er die von Anfang an geplante De- monstration in die Wege leiten und danach das Ulti- matum stellen, mit dem, davon war er fest überzeugt, Amerika auf der Stelle matt gesetzt werden würde. Und danach würde selbstverständlich Europa fal- len. Dessen Armeen würden vernichtet oder einfach entwaffnet werden, und den Regierungen bliebe nichts anderes übrig, als auf sämtliche Forderungen von Seiten Moskaus einzugehen. Er, Truschenko, der Mann, der Operation Podstawa eingefädelt hatte, wür- de gefeiert und bejubelt werden, und im Laufe der Zeit könnte ihm sogar die Führung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten zufallen. Natürlich nur, wenn er das wollte, und dessen war er sich noch nicht ganz sicher. Denn es gab noch eine andere Möglichkeit, über die er in den letzten Wochen immer öfter nachgedacht hatte. Falls die Trottel im Kreml die Gelegenheit, die er ihnen bot, nicht beim Schopf ergreifen oder ihn viel- leicht sogar des Verrats bezichtigen sollten, konnte er sich jederzeit nach Rumänien, Bulgarien oder in die Türkei absetzen. Dort würde man ihn niemals finden. Je mehr er darüber nachdachte, desto reizvoller kam ihm diese Möglichkeit vor., Truschenko lächelte, als er in die Küche ging, um sich ein leichtes Abendessen zuzubereiten. Um Geld brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Operation Podstawa war von langer Hand geplant, und schon beim ersten Treffen mit dem schmierigen Hassan Ab- bas war ihm nicht nur das ganze Ausmaß dieses Un- ternehmens klar geworden, sondern auch die Mög- lichkeit zur persönlichen Bereicherung, die sich ihm dadurch bot. Die Mittel, die die Kameltreiber reichlich zur Verfügung stellten, waren wie vorgesehen dazu benutzt worden, die Waffen zu bauen und an die von Abbas vorgegebenen Orte zu transportieren. Aber Truschenko hatte auch von Anfang an eine satte Pro- vision abgezweigt, und auf seinen Bankkonten – drei in der Schweiz und zwei in Österreich, da er seit jeher der Meinung war, dass man sein Vermögen möglichst aufteilen sollte – lag genügend Geld, um ihm ein an- genehmes und sorgloses Leben zu ermöglichen. Er hatte die letzte Phase von Operation Podstawa sorgfältig und lange im Voraus geplant. Die Datscha, die er für zehn Tage gemietet hatte, war groß und ge- räumig. Sie stand an der Westküste der Halbinsel Krim und bot einen faszinierenden Blick über die Karkinitskij Saliw, die südöstlich von Odessa gelegene Karkinit-Bucht. Ein idealer Ort, an dem er abwarten und ausharren konnte, bis die letzte Waffe in Stellung gebracht war. Er hatte damit gerechnet, dass die Amerikaner oder jemand anders früher oder später entdecken würden, dass irgendetwas im Schwange war – tatsächlich hatte, es ziemlich lange gedauert –, da die Vorbereitungen in der Endphase des Unternehmens immer umfangrei- cher geworden waren. Außerdem hatte man mehr Leute einweihen müssen, wodurch auch die Gefahr stieg, dass etwas nach draußen durchsickerte, sei es zufällig oder mit Absicht. Im Nachhinein fragte er sich, ob er nicht auf den Waffentest in der Tundra hät- te verzichten sollen. Andererseits aber war er der Meinung gewesen – und er war es nach wie vor –, dass der letzte Test notwendig war, und sei es auch nur zur Bestätigung, dass die Zündung per Satellit funktionierte. Truschenko trug ein Tablett mit einer von ihm ge- kochten Soljanka – Fleischsuppe mit Tomaten, Gurken, Oliven, Zwiebeln, Kapern, Zitronen und saurer Sahne – und zwei Scheiben Schwarzbrot ins Wohnzimmer. Obwohl er sich sein Essen nur selten selbst zubereite- te, war er ein guter Koch, und seit seiner Ankunft auf der Krim hatte er diesem Hobby oft gefrönt. Er brachte das Tablett zu einem Beistelltisch und goss sich ein Glas Wodka ein. Dann ließ er sich in ei- nen bequemen Sessel sinken und blickte durch das große Fenster über das abschüssige Grundstück der Datscha und den kleinen Bootsanleger hinweg zu den Lichtern von Port-Chorly und Perekop, die sich in der Ferne abzeichneten. Er fragte sich, wie viel die Ameri- kaner wussten, welche Schlussfolgerungen sie daraus gezogen hatten und was sie unternehmen würden. Ir- gendwann würden sie sich vermutlich an den Kreml wenden, und dann ging der Spaß erst richtig los,, wenn sie erfuhren, dass man dort noch weniger wuss- te als sie. Er lächelte in der einsetzenden Dämmerung vor sich hin. Die Spur, die er in Moskau mit Bedacht gelegt hatte, führte direkt nach St. Petersburg, und niemand würde darauf kommen, dass er auf die Krim gefahren war. Von seiner Datscha aus konnte er die letzten Phasen von Operation Podstawa leiten, ohne jede Gefahr. Und er bezweifelte, dass es nach der Demonstration in Gib- raltar noch irgendwelche Schwierigkeiten mit den Amerikanern oder jemand anderem geben würde. Ei- nes allerdings bedauerte er aus persönlichen Gründen – Gennadi fehlte ihm, und ihre wöchentlichen Begeg- nungen. Andererseits aber war es wichtig, dass er ei- nen vertrauenswürdigen Freund in Moskau hatte, der die Verbindung mit dem Schiff aufrechterhielt, und Truschenko hatte zu niemandem so tiefes Vertrauen wie zu Gennadi Arkenko. »Gennadi«, seufzte Truschenko und hob sein Glas. »Du fehlst mir, mein Freund.« Dann besserte sich seine Laune, und er nahm sich vor, eines der Videos aus der Lubjanka anzuschauen, die er mitgenommen hatte. Vielleicht das mit dem Deutschen – obwohl das ziemlich lang war – oder das mit dem Georgier. Ja, dachte Truschenko, den Geor- gier, und spürte, wie ihn die Erregung packte., Wroclaw (Breslau), Polen Am frühen Abend, als sich der Konvoi etwa acht Ki- lometer westlich von Wroclaw befand und in Rich- tung tschechischer Grenze fuhr, wurde er zum ersten Mal länger aufgehalten. Modin hörte den Knall laut und deutlich, obwohl der Mercedes über hundert Me- ter hinter dem Lastwagen war. Sobald er sah, wie der Sattelschlepper ins Schlingern geriet, wusste er, dass ein Reifen geplatzt war. Die Limousine hielt hinter dem Laster, und Bykow und Modin stiegen aus. Es war eine für Schwertrans- porter typische Panne; erst hatte sich die Lauffläche abgelöst, und dann war die Karkasse gebrochen. Nicht weiter schlimm, nur eine unnötige Verzögerung. Der Laster hatte zwei Ersatzreifen dabei, dazu einen schwe- ren Wagenheber und einen Kreuzschlüssel. Aber Mo- din hielt Bykow zurück, als er die Speznas-Männer auf- fordern wollte, den Reifen zu wechseln. »Nein«, sagte er. »Rufen Sie einen Reifendienst an.« »Warum, General?«, fragte Bykow. »Weil das sicherer ist«, erwiderte Modin. »Wir ha- ben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir die deutsche Grenze überquert haben, und sobald wir im Westen sind, möchte ich kein Aufsehen erregen. Wenn so etwas noch mal passieren sollte, können wir uns selbst helfen und müssen niemanden rufen. Hier in Polen sieht die Sache anders aus.« Bykow bestätigte mit einem Nicken, dass er die Entscheidung einleuch- tend fand., Vierzig Minuten später traf der Werkstattwagen ein, aber da zwei Schrauben festsaßen, dauerte es alles in allem beinahe zwei Stunden, bis der neue Reifen mon- tiert war. Es war schon fast halb elf, als der Konvoi weiterfahren konnte. Bevor die entsprechenden Befeh- le erteilt wurden, winkte Modin Bykow zu sich, wor- auf die beiden Offiziere eine Karte zurate zogen. Laut Plan sollte der Konvoi bei Jakuszyce die tschechische Grenze überqueren und dann über Prag und Pilsen nach Waidhaus an der deutschen Grenze fahren. »Wir haben noch eine andere Möglichkeit«, wandte Bykow ein und deutete auf die Karte. »Wir könnten in Richtung Wroclaw umkehren und dann auf der E22 nordwestlich fahren, an Legnica vorbei.« »Und danach?«, wollte Modin wissen. Bykow deutete auf die Karte. »Durch Boleslawiec nach Zgorzelec.« »Und über Görlitz nach Deutschland«, stellte Mo- din fest. »Ja, das hat gewisse Vorteile, weil wir dann auf der E63 und der E6 bis Nürnberg durchfahren könnten, und auf der Autobahn kämen wir sicher schneller voran als auf dem Weg durch Tschechien.« Modin schaute auf seine Uhr, dann wandte er sich wieder der Karte zu und dachte nach. »Nein«, sagte er schließlich. »Ich glaube, wir sollten weiterfahren wie geplant. Diese Strecke wurde ausdrücklich gewählt, damit der Konvoi die deutsche Grenze möglichst weit westlich passiert.« »Einverstanden«, sagte Bykow. »Das ist der sichers- te Weg.«, »Heute ist es zu spät zur Weiterfahrt. Wir kehren nach Wroclaw zurück«, erklärte Modin gähnend, »und machen dort irgendwo Halt. Morgen früh sind wir trotzdem an der tschechischen Grenze.« Middlesex Bentley und Richter brachen kurz nach acht mit dem Saab auf, um bei einem Chinarestaurant etwas zum Abendessen zu besorgen und damit Richter von einer öffentlichen Telefonzelle aus in Hammersmith anru- fen konnte. »Zwanzig vor zehn im Dover Court Ho- tel«, sagte der Offizier vom Dienst lediglich, nachdem sich Richter zu erkennen gegeben hatte, und legte auf., Montag Ickenham, Middlesex und Dover Richter war um sechs Uhr wach, und um kurz nach halb sieben kam er zwar noch immer etwas steif, aber vollständig angezogen in Bentleys Küche. Er hatte nach wie vor scheußliche Schmerzen, aber er konnte sich einigermaßen bewegen und wusste, dass er auch ohne allzu große Schwierigkeiten mit der Honda zu- rechtkommen würde. Um sieben brach er auf. Innerhalb von drei Minuten war er auf der A40 und fuhr nach Osten in Richtung London. Gut eine Stunde später hielt er an der A2 in Bexley an und tankte. Der Verkehr wurde allmählich dichter, aber die meisten Autos fuhren in die City, während Richter in der entgegengesetzten Richtung unterwegs war. Bei Strood stieß er auf die M2, zockel- te aber weiter gemächlich dahin, da er noch viel Zeit hatte. Um halb zehn fuhr er mit der Honda auf den Park- platz des Dover Court Hotel und hielt in der hinters- ten Ecke. Er stellte den Motor ab; nahm den Helm ab und schloss ihn in dem Staufach unter dem Sitz ein. Punkt neun Uhr vierzig ging er in die Lounge, fand einen freien Tisch und bestellte sich ein Kännchen, Kaffee. Richter entdeckte die beiden FOE-Männer, so- bald sie durch die Tür kamen, und winkte ihnen zu. Wenn man sich in aller Öffentlichkeit mit Kollegen vom Geheimdienst trifft – und die Lounge des Dover Court Hotel war um diese Tageszeit ziemlich voll –, darf man nicht so tun, als wollte man nicht gesehen werden, sonst fällt man erst recht auf. Wenn sich je- doch Geschäftsleute begegnen, die einander kennen, erregt das keinerlei Aufsehen. Nicht, dass Richter wie ein Geschäftsmann aussah. Ein-, zweimal schon hatte man seine Jeans und die Lederjacke mit abfälligen Bli- cken gemustert, und sein verpflastertes Gesicht wirkte auch nicht unbedingt Vertrauen erweckend. Die beiden Männer kamen an Richters Tisch und setzten sich. Richter blickte sich einmal um und wandte sich dann an den älteren der beiden FOE-Mitarbeiter – Tony Deacon, der die Abteilung Fernost leitete. Mark Clayton, der andere FOE-Mann, lehnte sich zurück und achtete darauf, dass sie von niemandem beobachtet oder belauscht wurden. »Müssen wir zu dem Einsatz noch irgendetwas besprechen?«, fragte Richter. Deacon schüttelte den Kopf, während er wie ge- bannt Richters Gesicht musterte. »Nein«, erwiderte er. »Sie finden alles im Aktenkoffer, dazu Angaben zu Ih- ren Kontaktpersonen und Anweisungen für den Fall, dass Sie sich absetzen müssen. Ihr Wagen steht hinten auf dem Parkplatz. Ein Granada Scorpio, der Ersatz für den, den Sie das letzte Mal hatten. Ein guter Be- kannter lässt Ihnen ausrichten, dass Sie ihn diesmal heil zurückbringen sollen.«, Er reichte Richter ein Schlüsseltäschchen mit einem Anhänger. »Hier sind die Schlüssel. Ihr Diplomaten- pass, die Tickets für die Fähre und die Versicherungs- unterlagen einschließlich grüner Karte sind ebenfalls im Aktenkoffer. Dazu zwei Kreditkarten und genü- gend Bargeld, damit Sie eine Weile über die Runden kommen. Ferner ein Einführungsschreiben – versie- gelt, und das sollte es auch bleiben, bis Sie es vorlegen – sowie eine Kopie, die nur für Sie bestimmt ist. Ver- nichten Sie sie, sobald Sie sie gelesen haben. Des Wei- teren eine versiegelte Kopie der Einsatzakte, auf den neuesten Stand gebracht, dazu Siegel und Umschläge, damit Sie sie wieder versiegeln können, sobald Sie sie gelesen haben. Im Kofferraum liegt ein Koffer mit Kleidung, hoffentlich die richtige Größe.« »Danke.« »Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragte Dea- con. »Ich wurde überfallen«, sagte Richter, worauf Clay- ton lachte. »Sonst noch was?« »Nein«, sagte Deacon. »Das Ticket für die Rückfahrt mit der Fähre ist undatiert. Sie müssen also nur recht- zeitig dort sein, ansonsten können Sie an Bord gehen, wann Sie wollen. Die Unterkunft, die wir für Sie re- serviert haben, dürfte Ihnen gefallen. Offenbar hat die Buchhaltung doch einen gewissen Sinn für Humor.« Er blickte sich um, als wollte er so schnell wie möglich weg. »Sonst noch was?« »Nein, das ist alles. Eine angenehme Reise.«, »Nur noch eins«, sagte Richter. »Ich bin mit dem Motorrad hergekommen. Kann einer von euch damit nach Hammersmith zurückfahren?« »Ich habe einen Führerschein«, sagte Clayton. »Wo steht es?« »In der hintersten Ecke vom Parkplatz«, antwortete Richter. Er gab Clayton die Schlüssel und musterte dessen Anzug. »Der Helm ist unter dem Sitz einge- schlossen, und in der Satteltasche steckt ein wasser- dichter Overall. Es ist eine alte Maschine, aber ich hänge daran. Sehen Sie zu, dass Sie sie nicht zuschan- den fahren.« »In Ordnung.« Sie standen auf, schüttelten einander die Hand, wie es unter Geschäftsleuten üblich ist, und brachen auf. Der Aktenkoffer, den Deacon mitgebracht hatte, stand unter dem Tisch. Es war ein eleganter Attachékoffer samt Kette und Handschelle. Richter fragte sich, ob er ihn behalten durfte, wenn er den Auftrag hinter sich hatte. Jelenia Góra, Polen Obwohl der Konvoi in aller Frühe losfuhr, geriet er hinter Wroclaw in einen Stau. Kurz vor Jelenia Góra, wo sich die Fernverkehrsstraßen aus Wroclaw, Prag, Görlitz und Boleslawiec kreuzen, sahen sie auch, wa- rum. Zwei Lastwagen waren frontal zusammengesto- ßen, und die Rettungsdienste waren nach wie vor, damit beschäftigt, einen der Fahrer aus dem Führer- haus zu schneiden. Der andere Laster war zwar an den Straßenrand geschleppt worden, aber trotzdem war die Kreuzung teilweise blockiert, und die Polizei lotste den Verkehr auf einer Spur an der Unfallstelle vorbei. Modin überlegte kurz, ob sie Tschechien links lie- gen lassen, über Görlitz fahren und dort nach Deutschland einreisen sollten – so wie Bykow gestern Abend vorgeschlagen hatte –, doch er verwarf den Gedanken erneut. In Anbetracht der Fracht, die sie be- förderten, war die vorgesehene Strecke nach wie vor am sichersten. Deshalb warteten sie, bis sie an der Kreuzung durchgewunken wurden. Dover Richter blickte sich auf dem Parkplatz um und ent- deckte in der hinteren Ecke einen dunkelgrauen Scor- pio. Er überprüfte die Zulassungsnummer, schloss ihn auf und stieg ein. Dann öffnete er den Aktenkoffer und untersuchte den Inhalt. Die Tickets für die Fähre waren auf den Namen Beatty ausgestellt, und Simp- son war so aufmerksam gewesen und hatte einen Dip- lomatenpass unter dem gleichen Namen besorgt, der mit einem halbwegs passablen Foto von Richters Ge- sicht versehen war, bevor Juri sich daran zu schaffen gemacht hatte. Außerdem enthielt er den von Deacon angekündigten Brief an Sir James Auden, Britische, Botschaft, Paris, der mit dem Stempel »Persönlich, Streng Vertraulich« versehen und mit Wachs versie- gelt war. Die für Richter bestimmte Kopie steckte in einem separaten Umschlag, der ebenfalls versiegelt war. Richter unterschrieb die beiden Kreditkarten und steckte sie mitsamt dem Bargeld, 500 Pfund in Euro, in seine Brieftasche. Außerdem fand er einen von der Metropolitan Police ausgestellten und von einem ho- hen Gendarmerie-Offizier unterzeichneten Waffen- schein, mit dem einem Mr. Beatty das Mitführen eines Smith & Wesson erlaubt wurde, sowie eine Zollbe- freiungsurkunde. Die FOE-Akte steckte in zwei ver- siegelten Umschlägen, einem großen und einem etwas kleineren, wie es obligatorisch war, wenn geheime Unterlagen aus einem sicheren Gebäude mitgenom- men wurden. Richter würde sie erst öffnen, wenn er am Ziel seiner Reise war. Er stieg aus dem Ford, blickte sich auf dem Park- platz um und überzeugte sich davon, dass er nicht be- obachtet wurde. Dann öffnete er den Kofferraum und warf den Rucksack hinein. Er holte einen dunkelblau- en Blazer aus dem Koffer mit der Kleidung und tauschte ihn gegen die Lederjacke. Wegen des Schul- terholsters musste er eine Jacke tragen, aber der Blazer passte eher zum Granada als eine Motorradjacke. Richter ließ den Wagen an und fuhr zum Western Dock in Dover, wo er sein Ticket vorzeigte und zu der Schlange anderer Fahrzeuge dirigiert wurde, die eben- falls auf die Fähre nach Calais wollten. Zwanzig Mi-, nuten später war er an Bord des P&O-Schiffes und setzte sich in eine Ecke der Club-Class-Lounge. Richter bestellte sich Kaffee und öffnete den Akten- koffer. Er versicherte sich, dass er nicht beobachtet wurde, und las dann die Kopie des Empfehlungs- schreibens an den britischen Botschafter in Paris. Er las sie zweimal und steckte sie dann in die Jackenta- sche. Unmittelbar vor dem Anlegen würde er aufs Klo gehen, sie in lauter kleine Fetzen zerreißen und hinun- terspülen. Das entsprach zwar nicht unbedingt den Vorschriften zum Vernichten eines geheimen Doku- ments, aber unter diesen Umständen war es ange- bracht. Außerdem warf er einen Blick auf das Fax, mit dem die Buchung seiner Unterkunft bestätigt wurde. Er sah sofort, was Tony Deacon gemeint hatte. Die Buch- haltung hatte Richter für vier Nächte im Camp Davy Crockett untergebracht, einer Ferienwohnanlage beim Pariser Disneyland Europa. Die Notiz, die Simpson an das Fax geheftet hatte, verriet ihm allerdings, dass er diese Entscheidung gebilligt hatte, und dafür gab es einige Gründe. Erstens war Disneyland über ein ausgezeichnetes Nahverkehrssystem – die RER – direkt mit dem Zent- rum von Paris verbunden, wo nur ein Wahnsinniger oder ein Franzose Auto fuhr, sodass Richter mit der Bahn in weniger als einer Stunde zur britischen Bot- schaft gelangen konnte. Zweitens standen auf den Parkplätzen von Disneyland immer allerlei Autos aus sämtlichen Ländern Europas, sodass der Granada, weit weniger auffallen würde als in Paris. Drittens er- regte Richters zerschlagenes Gesicht in einer relativ abgeschiedenen Blockhütte im Wald nicht so viel Auf- sehen wie in einem Nobelhotel. Und außerdem, dach- te Richter, suchten ihn die Russen, die so gut wie über- haupt keinen Sinn für Humor hatten, aller Wahr- scheinlichkeit nach nicht in Disneyland. Alles in allem war es vermutlich eine gute Wahl. Downing Street Nr. 10, London »Inwieweit sind Sie sich dessen gewiss?«, fragte der grauhaarige Mann. Es war das Erste, was er sagte, seit Simpson drei Minuten zuvor seinen Bericht beendet hatte. Sir Michael Geraghty, der derzeitige »C« – Chef des Secret Intelligence Service – warf einen Blick zu Simp- son, der links von ihm saß, vor dem Schreibtisch im Privatbüro des Premierministers. »Es ist als nachrich- tendienstliche Erkenntnis erster Klasse ausgewiesen, Prime Minister«, erwiderte Simpson. Eine weitere Er- klärung war nicht nötig. Sämtliche britischen Pre- mierminister müssen die Begriffe und Verfahrenswei- sen der britischen Nachrichtendienste kennen. Au- ßerdem sitzt der Premierminister dem Overseas and Defence Committee vor, dem für die Geheimdienste zuständigen Kabinettsausschuss. Der grauhaarige Mann nickte. Er schob seinen Stuhl zurück, stand vom Schreibtisch auf und ging zu den, hohen Fenstern, die zum Garten führten. Die Sonne schien auf den gepflegten Rasen und die blühenden Blumenbeete, aber er nahm nichts davon wahr. Simp- son und Geraghty wechselten einen kurzen Blick. Der Premierminister drehte sich um, kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich. Er nahm die Brille ab und rieb sich die Augen, dann setzte er sie wieder auf und wandte sich an Simpson. »Sind Sie sich ganz sicher?«, fragte er wieder. »Ein Irrtum ist ausgeschlos- sen? Es handelt sich um kein Täuschungsmanöver oder etwas dergleichen?« Simpson schüttelte den Kopf und wollte etwas er- widern, aber Geraghty räusperte sich und kam ihm zuvor. »Wir sind fest davon überzeugt, dass die Er- kenntnisse von Simpsons Dienst den Tatsachen ent- sprechen und eine ernste Gefahr für das westliche Bündnis, vor allem aber für Großbritannien besteht, Prime Minister«, sagte er. »Simpson hat uns die So- fortmaßnahmen dargelegt, die er zur Lösung des vor- dringlichen Problems, der für London bestimmten Waffe, veranlasst hat. Aber das heißt nicht –« »Ich weiß das zu schätzen, Sir Michael«, unterbrach ihn der Premierminister. »Ich wollte mir nur absolute Gewissheit verschaffen.« Er griff zu einem silbernen Füllfederhalter, der vor ihm lag, und schraubte die Kappe ab. Dann schrieb er eine kurze Nachricht auf ein Blatt Papier und legte den Füller wieder hin. »Ich wurde nach der letzten JIC-Besprechung davon unter- richtet«, sagte er, »dass die CIA wegen gewisser Vor- gänge in Russland beunruhigt ist. Nun, da Mr. Simp-, sons Dienst festgestellt hat, worin diese Gefahr be- steht, wissen wir wenigstens, womit wir es zu tun ha- ben. Mir ist im Moment nur nicht klar, was wir dage- gen unternehmen können. Natürlich wird diese Ange- legenheit im Kabinett besprochen werden«, fügte er hinzu. »Und wir werden unsere militärischen Mög- lichkeiten sorgfältig abwägen. Welche anderen Maß- nahmen halten Sie neben dem Einsatz in Frankreich für angemessen?« Sir Michael Geraghty schüttelte den Kopf. »Die Nachrichtendienste können kaum mehr tun, Prime Mi- nister. Wir haben keinen direkten Zugang – weder offi- ziell noch inoffiziell – zum SWR oder GRU, und selbst wenn dem so wäre, weiß ich nicht, welche Schritte wir unternehmen könnten, um die Situation zu bereinigen. Meiner Ansicht nach können wir jetzt lediglich politi- sche und militärische Maßnahmen ergreifen. Wir kön- nen den Kreml politisch unter Druck setzen, damit er von diesem Unternehmen Abstand nimmt, bevor es in die Tat umgesetzt werden kann. Und wir können mili- tärische Gegenmaßnahmen für den Fall ergreifen, dass wir auf politischem Wege scheitern.« Der Premierminister nickte. »Nukleare Abschre- ckung?« »Ja, Prime Minister«, sagte Simpson. »Wir bringen zwei von unseren Atom-Unterseebooten vor der rus- sischen Küste in Stellung und teilen dem Kreml mit, dass wir die GUS in radioaktiven Schutt verwandeln, wenn dieser schändliche Plan in die Tat umgesetzt wird.«, »Äh, ganz recht«, sagte Geraghty, der etwas er- schrocken wirkte. »Simpson hat es etwas drastisch formuliert, aber ich glaube, er hat Recht.« Amerikanische Botschaft, Avenue Gabriel Nr. 2, Paris Westwood saß in der Botschaftskantine und war ge- rade mit dem Mittagessen fertig, als Miles Turner he- reinstürmte. »John, wir haben soeben eine dringende Nachricht aus Langley erhalten. Sie ist an Sie gerich- tet«, sagte Turner und reichte ihm den Telexstreifen. Westwood nahm das Papier entgegen und las die Textzeile: »TELEFONISCHE KONFERENZSCHAL- TUNG um 0700 EST.« »Wann findet die Besprechung mit der DGSE statt, Mike?«, fragte Westwood, während er auf seine Uhr schaute und die Zeitverschiebung überschlug. »Um fünfzehn Uhr Ortszeit. Sieben Uhr Eastern Standard Time ist nach mitteleuropäischer Zeit ein Uhr nachmittags – das ist in fünfzehn Minuten. Wenn die Konferenz nicht allzu lange dauert, sollte das kein Problem sein.« »Gut«, sagte Westwood und schluckte das letzte Stück Eiscreme. »Gehen wir runter in den Kommuni- kationsraum.«, Jakuszyce (polnisch-tschechische Grenze) Modin hatte gehofft, dass der Verkehr nachlassen würde, sobald sie die Unfallstelle hinter sich hatten, aber sie kamen nach wie vor nur langsam voran. Die Fahrt von Jelenia Góra bis Jakuszyce dauerte über zwei Stunden, und an der Grenze hatte sich eine gut anderthalb Kilometer lange Schlange gebildet. Als der Konvoi anhielt, stiegen Bykow und Modin aus der Limousine und gingen zum vordersten Mercedes. Der verantwortliche Speznas-Offizier stieg aus dem Wagen und wartete auf seine Befehle. »Gehen Sie zur Kontrollstelle«, wies Modin ihn an. »Zeigen Sie den Grenzposten Ihren Diplomatenpass und weisen Sie sie darauf hin – nein, teilen Sie ihnen mit –, dass dies ein Konvoi aus Diplomatenfahrzeu- gen ist, der nicht aufgehalten werden darf. Erklären Sie ihnen«, fügte er hinzu, »dass ich mir den Namen eines jeden Grenzposten notieren und eine persönli- che Beschwerde wegen grober Pflichtverletzung und mutwilliger Behinderung einer diplomatischen Missi- on einreichen werde, wenn wir nicht innerhalb der nächsten dreißig Minuten über der Grenze sind.« Der Speznas-Offizier nickte und eilte davon. Modin fragte sich, ob man die Drohung ernst nehmen würde. Russland hatte seine einstigen Satellitenstaaten nicht mehr unter der Knute, so wie früher. Fünfzehn Minuten später wurde der gesamte Ver- kehr in Richtung Osten angehalten, und sobald die Straße frei war, wurde der Konvoi über die polnische, Grenze gewunken und passierte nahezu ohne Auf- enthalt den tschechischen Kontrollpunkt. Amerikanische Botschaft, Avenue Gabriel Nr. 2, Paris Es gab ein paar Schwierigkeiten mit der sicheren Sa- tellitenverbindung zwischen Langley und der CIA in London, sodass es nach mitteleuropäischer Zeit be- reits dreizehn Uhr fünfzehn war, als die Konferenz- schaltung endlich stand. »John«, begann Walter Hicks, »grundsätzlich geht es bei dieser Besprechung um neueste Erkenntnisse zu RAVEN und seiner letzten Nachricht. Wir glauben, wir wissen jetzt ein bisschen mehr über ihn. Okay, Cliff, Sie sind dran.« »Gut«, erwiderte Masters. »Zunächst einmal haben wir uns noch einmal genauer mit RAVEN befasst. Wir wissen immer noch nicht, wer er ist, aber wir meinen jetzt zu wissen, was er ist. Wir glauben, dass es sich um einen Russen handelt, der ein schlechtes Gewissen hat.« »Wie bitte?«, warf Abrahams ein. »Wir sind die ganze Sache noch mal von vorn bis hinten durchgegangen, haben Kopien von den Mittei- lungen angefertigt, die heikelsten Stellen entschärft und drei davon unseren Hauspsychologen vorgelegt. Am auffälligsten, das haben sie bestätigt, ist die letzte Nachricht. Bei den ersten Sachen handelt es sich um, erstklassige Informationen, ohne jede Frage, bei denen RAVEN offensichtlich viel Zeit hatte, um sie anzufer- tigen und Rigby zuzuspielen. Bei der Nachricht, die er in Rigbys Auto hinterlassen hat«, fuhr er fort, »sieht die Sache anders aus. Die deutet darauf hin, dass er es eilig hatte. Vielleicht meinte er, dass er beobachtet wird. Möglicherweise hatte er Angst, oder er hatte ge- rade erfahren, was dort vor sich geht. Die letzte Nach- richt hingegen ähnelt eher den ersten Mitteilungen. Es war zwar wieder eine schriftliche Nachricht, kein Film, aber offensichtlich konnte RAVEN sie in aller Ruhe abfassen.« »Und?«, fragte Westwood. »Wenn diese Einschätzung zutrifft, warum ist die Nachricht dann so rätselhaft formuliert? Er hätte doch einfach ›Bombe‹ oder ›Nervengas‹ schreiben können statt ›Komponente‹. Und er hätte uns mitteilen kön- nen, worin diese Gefahr besteht. Er hätte genauer er- klären können, was es mit diesem ›Vollzug‹ auf sich hat. Geht es um einen Einmarsch, um einen Erstschlag oder um irgendeine andere Bedrohung?« »Ich verstehe«, sagte Westwood. »Sie meinen, dass RAVEN uns genau hätte mitteilen können, worum es sich bei diesem Unternehmen handelt, aber irgendet- was – seine Liebe zu Mütterchen Russland oder was auch immer – hat ihn daran gehindert.« »Genau«, sagte Masters. »Die Psychologen glauben, dass wir es mit einem Russen zu tun haben, dem ir- gendetwas, was dort vor sich geht, nicht gefällt, der aber nach wie vor nicht bereit ist, aufs Ganze zu gehen, und sein Vaterland zu verraten. Er beruhigt sein Ge- wissen, indem er uns Material liefert, aber er liefert uns nicht so viel, dass er sich wie ein Verräter vor- kommt. Vermutlich meint er, wenn wir herausfinden, was dort im Gang ist, und es verhindern, hat er uns und der ganzen Menschheit einen Dienst erwiesen oder irgend so was Ähnliches. Wenn wir das Rätsel aber nicht lösen und es zum ›Vollzug‹ kommt – was immer er damit meint –, dann kann er sich zurückleh- nen und sich sagen: ›Tja, ich hab’s versucht, aber sie waren einfach nicht schlau genug.‹« »Okay«, sagte Westwood. »Dann sollten wir lieber zusehen, dass wir schlau genug sind. Das bringt uns mit RAVEN ein bisschen weiter. Was ist mit der Nachricht – beziehungsweise, was besagt sie?« »Sie ist nach wie vor rätselhaft«, erwiderte Masters. »Und es sieht so aus, als hätten wir es mit einem höchst ungewöhnlichen Angriff zu tun – falls das über- haupt der richtige Ausdruck ist. Der Hinweis, dass ›eine Komponente‹ im Westen ›eintrifft‹ deutet nicht auf einen Erstschlag hin, beziehungsweise auf irgend- etwas, bei dem die üblichen Waffensysteme eingesetzt werden – Raketen, Flugzeuge, Schiffe oder was auch immer. Wir halten es eher für wahrscheinlich, dass es um irgendeine Art Transport geht.« »Was denn, per Schiff, per Eisenbahn oder so was Ähnlichem?«, fragte Abrahams. »Genau. Es klingt so, als würde diese Waffe, oder was immer es auch sein mag, zu uns befördert.« Abrahams lachte kurz, dann verstummte er., »Ich bin nach wie vor ganz Ohr«, sagte Westwood. »Was Sie da sagen, klingt plausibel. Vielleicht rührt der zeitliche Abstand zwischen dem Eintreffen der Komponente im Westen, wie RAVEN es formuliert, und dem Vollzug daher, dass die Waffe in Stellung gebracht und scharf gemacht werden muss.« »Ja«, warf Hicks ein, »und um ein Ultimatum zu stellen.« Nach kurzem Schweigen ergriff Westwood wieder das Wort. »Ich pflichte Ihren Schlussfolgerungen bei. Aber ich weiß nicht recht, wie wir weiter vorgehen sollen. Wir haben keine Ahnung – nehme ich jeden- falls an –, um was es sich bei dieser ›Komponente‹ handelt, wie sie aussieht, woher sie kommt und wohin sie gebracht wird. Wonach sollen wir also Ausschau halten? Und wie, zum Teufel, sollen wir sie bis mor- gen finden?« »Da wäre noch was«, knurrte Hicks. »In der Nach- richt von RAVEN ist von einer ›letzten Komponente‹ die Rede, was darauf hindeutet, dass es noch andere gibt, die bereits vor Ort sind. Selbst wenn wir die letz- te Komponente finden, können wir womöglich den Vollzug nicht verhindern, worum immer es sich dabei auch handeln mag.« »Genau«, sagte Cliff Masters. »Wenn wir es mit ei- ner ganzen Reihe von Bomben zu tun haben, die in mehreren amerikanischen Großstädten in Stellung ge- bracht wurden, kommt es nicht mehr darauf an, ob die letzte in Washington oder wer weiß wo eintrifft. Möglicherweise sind hier schon so viele Bomben mit, einer derart hohen Sprengkraft, dass dem Präsidenten gar nichts anderes übrig bleibt, als auf sämtliche For- derungen einzugehen, die man ihm stellt.« »Glauben Sie das etwa?«, fragte Westwood. »Glau- ben Sie wirklich, dass der Präsident einfach klein bei- geben würde?« »Vielleicht bleibt ihm keine andere Wahl«, erwider- te Hicks. »Versetzen Sie sich in seine Lage. Wenn die Russen bekannt geben, dass sie im Zentrum einer je- den Großstadt in den Staaten eine strategische Kern- waffe in Stellung gebracht haben, die sie zünden wer- den, wenn er sich ihren Forderungen nicht fügt, was soll er dann tun?« »Das wäre ein Erstschlag ohne jede Vorwarnung«, fügte Masters hinzu. »Es gibt keine Vorwarnung, weil die Waffen bereits bei uns sind. Wir würden erst et- was davon erfahren, wenn die erste Bombe hoch- geht.« »Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen«, sagte Westwood. »Wenn Sie Recht haben, dann sind unsere ganzen Verteidigungsmaßnahmen hinfällig.« »Nun ja, nicht unbedingt«, erwiderte Hicks. »Ich ha- be zweimal mit dem Präsidenten konferiert, und er ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Wir haben bereits über die militärischen Vorkehrungen gesprochen, die er gebilligt hat. Möglicherweise genügt die Androhung der entsprechenden Gegenmaßnahmen, damit wir die Situation entschärfen können.« »Möglicherweise«, sagte Westwood. »Aber ich würde nicht darauf wetten. Sind wir mit dem russi-, schen Wort weitergekommen – ›Pripischa‹ oder wie es heißt?« »›Pripiska‹«, sagte Hicks. »Nein. Wir befassen uns nach wie vor damit, aber bislang ist hier noch nie- mandem etwas Schlaues eingefallen.« »Und was zum Teufel machen wir nun?«, fragte John Westwood und lehnte sich auf dem Polsterstuhl im Kommunikationsraum der Pariser Botschaft zu- rück. In dem klimatisierten Raum war es angenehm kühl, aber er schwitzte trotzdem. »Okay«, sagte Walter Hicks. »Wir brauchen zu- nächst mal Erkenntnisse – irgendwelches Material. Im Moment haben wir keine Ahnung, womit wir es zu tun haben. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass niemand irgendwas bemerkt hat. Herrgott, wir haben Spionagesatelliten, die praktisch jeden Hinterhof aus- spähen, wir haben die NSA, die jeden Funkspruch, je- des Telefongespräch abfängt, dazu das britische GCHQ, das jedes Mal mithört, wenn jemand irgend- welchen Unsinn verzapft. Irgendwo muss es doch ir- gendjemanden geben, der irgendetwas weiß. John, Sie nehmen sich die Franzosen zur Brust. Pfeifen Sie auf Diplomatie, Protokoll, gallische Empfindlichkeiten und alles andere. Machen Sie Ihnen Druck, wenn es sein muss, aber sehen Sie zu, dass Sie was erfahren. Roger, das Gleiche gilt für Sie in London. Nehmen Sie sich diesen Taylor vor und bringen Sie den SIS auf Vordermann. Auf Sie beide kommt es vor allem an – ich habe bereits mit dem SIS und der DGSE gespro- chen, und der Präsident wird noch heute den briti-, schen Premierminister und den französischen Minis- terpräsidenten anrufen.« Danach herrschte einen Moment lang Schweigen. »Noch Fragen?«, erkundigte sich Hicks. »Nein«, erwiderte Westwood und eine Sekunde später auch Abrahams. »Okay«, knurrte Hicks. »Halten Sie sich ran.« Oberkommando der Flotte (CINCFLEET – Commander-In-Chief Fleet), Northwood, Middlesex Der Flag Officer Submarines (FOSM) ist als Befehls- haber der U-Boot-Flotte der Royal Navy zuständig für die Einsatzleitung der rund fünfundzwanzig briti- schen Unterseeboote und verantwortlich für die War- tung der mit Trident-Raketen bestückten Atom-U-Boote sowie die Ausbildung der Besatzungen. Die Einsatz- leitung der Trident-Boote jedoch obliegt dem Com- mander-In-Chief-Fleet (CINCFLEET), dem Oberkom- mandierenden der Flotte, weshalb der streng geheime Marschbefehl vom Chef des Verteidigungsstabs, dem Chief of the Defence Staff oder CDS, an den CINCFLEET erging und der FOSM eine Kopie zur Kenntnisnahme erhielt. Der Funkkontakt mit Unterseebooten ist schwierig, da das Wasser wie eine Barriere wirkt. Je tiefer das Boot getaucht ist, desto schwerer gestaltet sich der Fernmeldeverkehr. Normalerweise ziehen alle U-Boote, auf Patrouillenfahrt eine kurze Antenne hinter sich her, mit der sie auf üblicher Tauchtiefe Signale auf niedriger Frequenz (»Extremely-Low Frequency« oder »ELF« genannt) empfangen können. Der Nachteil bei ELF ist, dass der Funkverkehr sehr langsam vonstat- ten geht und in einem bestimmten Zeitraum nur we- nige Zeichen gesendet werden können – normaler- weise alle fünfzehn bis dreißig Sekunden lediglich ein Buchstabe. Ein umfassender Einsatzbefehl lässt sich auf diese Weise nicht übermitteln, wohl aber eine kur- ze chiffrierte Funkankündigung. Diese Kurzmeldung besteht für gewöhnlich aus ei- ner wiederholten Abfolge von nur wenigen Zeichen. Anhand des dechiffrierten Textes erfährt der Kapitän, dass ihm die Einsatzleitung eine Nachricht senden will, dazu den Zeitpunkt und die Art und Weise der Übermittlung. Daraufhin verringert das U-Boot recht- zeitig seine Tauchtiefe und zieht entweder eine lange Antenne hinter sich her, die dicht unter der Wasser- oberfläche treibt, oder es fährt eine Antenne am Turm aus, die aus dem Wasser ragt. Ersteres ist sicherer, aber der Empfang dauert länger, während Letzteres zwar eine schnelle Übermittlung ermöglicht, gleichzeitig aber auch riskant ist, da die Antenne per Radar oder sogar mit bloßem Auge entdeckt werden kann, wenn ruhige See herrscht. Unter keinen Umständen jedoch wird der Kapitän den Empfang einer Meldung bestä- tigen – Unterseeboote wahren grundsätzlich absolute Funkstille, um ihre Position nicht preiszugeben. Fünfundvierzig Minuten, nachdem der CINCFLEET, die Mitteilung vom CDS erhalten hatte, wurde von ei- ner ELF-Funkstation am Stadtrand von Rugby in Warwickshire ein Ankündigungssignal abgesetzt. Fünfunddreißig Minuten später wurden über einen Fernmeldesatelliten zwei Marsch- und Einsatzbefehle an die HMS Vanguard und die HMS Victorious über- mittelt, die beiden Trident-Boote, die sich auf Patrouil- lenfahrt befanden. Fünfzehn Minuten nach Empfang der Funksignale waren die beiden Boote, die in weit auseinander liegenden Seeräumen operierten, wieder auf normaler Tauchtiefe und gingen mit hoher Ge- schwindigkeit auf neuen Kurs. Marne-la-Vallée Das bei Marne-la-Vallée gelegene Disneyland Europa kann man kaum verfehlen. Neben den Micky-Maus- Figuren und den Schildern am Straßenrand, die darauf hinweisen, dass man sich dem Magic Kingdom nähert, sieht der Reisende schon von weitem die Türme des Dornröschenschlosses. Camp Davy Crockett liegt süd- lich der A4, auf der anderen Seite von Disneyland. Die Zufahrt erfolgt über einen Privatweg, der unter einem Torbogen mit dem Namen der Anlage hindurch und auf einen Parkplatz vor der Rezeption führt. Am Empfang sprach man gut Englisch, was Richter nur recht war, da er sein Schulfranzösisch längst ver- gessen hatte. Er erhielt die Schlüssel für die Hütte, ei- nen Nummerncode, damit er die Schranke öffnen, konnte, die Unbefugte am Betreten des Camps hinder- te – jedenfalls wenn sie mit dem Auto kamen –, dazu eine Karte und einen drei Tage gültigen Besucherpass für Disneyland. Richter bezweifelte, dass er Letzteren gebrauchen konnte, bedankte sich aber trotzdem, stieg wieder in den Granada und fuhr auf das dicht bewal- dete Areal. Die Hütte war erstaunlich gemütlich, wie Richter feststellte, als er sie gefunden hatte, und gut ausgestat- tet. Er suchte den Supermarkt auf, »Trading Post« ge- nannt, besorgte sich Kaffee, Tee, Milch und Kekse und kehrte dann zur Hütte zurück. Er schloss die Tür ab, zog die Vorhänge zu und packte seinen Koffer aus. Dann ging er seine Pläne noch einmal durch, während er wartete, bis das Wasser kochte. Das Programm, das man in der Planungsabteilung des FOE für ihn zu- sammengestellt hatte, war einfach, aber umfangreich. Am nächsten Morgen um neun Uhr fünfzehn sollte er sich mit dem britischen Botschafter in Paris treffen und unmittelbar danach an einer Besprechung mit dem Stationsleiter des SIS teilnehmen. Unterdessen sollte das Botschaftspersonal für ihn einen Termin mit den französischen Behörden arrangieren, von dem viel abhing. Wenn er dabei Schwierigkeiten bekam, steckte er ernsthaft in der Klemme. Richter öffnete die versiegelten Umschläge, in de- nen die Einsatzakte steckte, und las sie. Es war eine neue Akte, die anhand der diversen Unterlagen des FOE zusammengestellt worden war und Einzelheiten über den Flug des Blackbird, Newmans Tod und alles, weitere enthielt, was mit dieser Sache zusammenhing. An den letzten Eintragungen hatte offenbar Simpson persönlich mitgewirkt, da hier die Informationen auf- gelistet waren, die Richter von Orlow erhalten hatte, dazu die geplanten Maßnahmen, für die sie sich ent- schieden hatten. Richter bemerkte, dass die Akte mit dem Codenamen »Overkill« versehen war. DGSE-Zentrale, Boulevard Mortier, Paris Der Boulevard Mortier verläuft zwischen der Porte de Bagnolet und der Porte des Lilas nahezu parallel zur nordöstlichen Péréphérique – dem inneren Stadtring von Paris. Die Zentrale der Direction Générale de Sécurité Extérieure befindet sich in einer ehemaligen Kaserne unweit der Kreuzung des Boulevard mit der Rue des Tourelles, ganz in der Nähe eines großen städtischen Schwimmbades. Diese Nachbarschaft war auch den anderen französischen Sicherheitsdiensten nicht entgangen, weshalb man der DGSE den etwas abfälligen Spitznamen »Piscine« gegeben hatte. Wegen des immer dichter werdenden Nachmit- tagsverkehrs dauerte die Fahrt von der an der Avenue Gabriel gelegenen Botschaft aus fast eine Stunde, so- dass es bereits neun Minuten nach drei war, als John Westwood und Miles Turner aus dem Lincoln stiegen und das wenig einladende Gebäude betrachteten. »Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte Westwood und runzelte ungläubig die Stirn., »Ja«, erwiderte Turner. »Die DGSE möchte möglichst wenig auffallen.« »Wenn die so weitermachen«, sagte Westwood, »nimmt man sie überhaupt nicht mehr wahr.« Anton Kirow Kapitän Waleri Bondarew klopfte an der Kabine des Zweiten Maats und wartete. Der Zweite Maat war na- türlich irgendwo in Odessa, wo es ihm vermutlich besser ging als auf der Anton Kirow. Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, und Oberst Pjotr Saworin blickte mit fragender Miene heraus. »Sie haben mich darum gebeten, dass ich Ihnen Be- scheid sage, wenn wir hundert Seemeilen vor Gibral- tar sind«, erklärte Bondarew. »Wir haben diese Positi- on soeben erreicht.« »Gut.« Saworin nickte zufrieden. »Gehen Sie mit der Fahrt auf acht Knoten herunter, Kapitän«, sagte er. »Wir wollen nicht zu früh eintreffen.« Bondarew nick- te und wandte sich ab. »Kapitän«, rief Saworin ihm nach. »Ich weiß, dass diese Fahrt nicht allzu angenehm für Sie war. Aber Sie sollten bedenken, dass wir alle auf ausdrückliche An- weisungen aus Moskau hin handeln und Ihre Aufgabe wichtig für das Gelingen dieses Unternehmens ist. Nur Mut, Kapitän, bald werden Sie nach Hause zu- rückkehren, wo Sie Ihr gewohntes Leben wieder auf- nehmen können.«, Bondarew nickte. Na schön, dachte er, das ist für mich wichtiger als diese Moskauer Spionagemätzchen. DGSE-Zentrale, Boulevard Mortier, Paris Westwood rutschte unruhig auf dem Lehnstuhl he- rum und fragte sich einmal mehr, ob sie hier nicht nur ihre Zeit verschwendeten. Der Colonel, mit dem sie verabredet waren, war erst um halb vier eingetroffen, ohne sich dafür zu entschuldigen, dass er sie hatte warten lassen. Wahrscheinlich deshalb, dachte West- wood, weil auch er und Miles sich ein bisschen ver- spätet hatten. Turner hatte den Colonel – auf seinem Namensschild stand »Grenelle«, aber er hatte sich nicht offiziell vorgestellt – mit ganz passablem, wenn auch nicht fließendem Französisch angesprochen. Grenelle hatte so getan, als verstünde er kein Wort, worauf es zu einer weiteren Verzögerung gekommen war, bis man einen zweisprachigen DGSE-Mitarbeiter ausfindig gemacht hatte. Als Westwood endlich auf den Zweck ihres Besuches zu sprechen gekommen war, hatte Grenelle darauf bestanden, dass ihm jeder Satz einzeln übersetzt wurde. Es war eine langwierige und mühsame Prozedur gewesen. »Monsieur Westwood«, sagte der Dolmetscher, »Sie wollen also wissen, ob wir über einen hochrangigen Agenten verfügen, der die Informationen verifizieren kann, die Ihre Central Intelligence Agency erhalten hat?«, »Ja«, erwiderte Westwood. »Beziehungsweise, ob von irgendeiner Quelle Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten in Russland vorliegen, vielleicht auf au- ßergewöhnliche Transporte von Menschen und Mate- rial aus Russland in westliche Länder. Oder irgendet- was anderes, das auf irgendeine Art und Weise merkwürdig wirkt«, fügte er eher lahm hinzu. Grenelle sprach kurz mit dem Dolmetscher, wo- durch er Westwoods Vermutung bestätigte, dass er zumindest ein paar Brocken Englisch verstand. »Der Colonel möchte Ihnen mitteilen, dass er nicht dazu be- fugt ist, Ihnen irgendwelche Auskünfte über französi- sche Agenten zu geben.« Westwood schüttelte verzweifelt den Kopf, blieb aber ruhig und besonnen. »Ich dachte, ich hätte deut- lich gemacht, dass ich nicht um Auskünfte über Agen- ten bitte. Meinetwegen kann die DGSE das Klo des russischen Präsidenten verwanzt und sämtliches Dienstpersonal im Kreml auf der Lohnliste haben, das ist mir egal. Ich will lediglich wissen, ob die DGSE ir- gendwelche einschlägigen Informationen hat.« Der Dolmetscher hielt kurz inne, bevor er wieder ins Französische überging, aber Grenelle unterbrach ihn sofort. »Der Colonel möchte wissen, warum Sie das wissen wollen.« »Weil wir glauben«, sagte Westwood so geduldig, wie er nur konnte, »dass die Russen möglicherweise einen Angriff auf den Westen planen. Und davon wä- re Frankreich genauso betroffen wie jedes andere Land in Westeuropa.«, Der Dolmetscher übersetzte es für den Colonel, der einen Moment lang nachdachte, ehe er das Wort er- griff. Der Dolmetscher wirkte etwas zufriedener, als er sich wieder an die beiden Amerikaner wandte. »Colo- nel Grenelle sagt, die DGSE hat keinerlei Erkenntnisse über einen derartigen Plan der Russen. Außerdem ha- ben wir keine Agenten, die Ihnen helfen könnten. Al- lerdings hat er gehört, dass im Laufe des letzten Jah- res ein paar etwas ungewöhnliche Materialtransporte aus der ehemaligen Sowjetunion nach und durch Frankreich stattfanden.« Westwood warf einen kurzen Blick zu Miles Tur- ner. »Was für Transporte?«, fragte er. Der Dolmetscher schaute ihn lächelnd an. »Das, Monsieur Westwood, können wir nicht sagen. Die DGSE ist nur für Einsätze außerhalb der Grenzen des Hexagons zuständig.« »Hexagon?«, grummelte Westwood. »Was zum Teufel ist das Hexagon?« »Frankreich«, erwiderte Turner. »Das ist der um- gangssprachliche Name für Frankreich.« »Okay«, sagte Westwood. »An wen müssen wir uns also wenden?« Grenelle lächelte verkniffen und sprach zum ersten Mal Englisch. »Die Direction de la Surveillance du Territoire, Monsieur Westwood. Die DST – an die müssen Sie sich wenden.«, CIA-Zentrale, Langley, Virginia Büro des Direktors für Einsatzplanung (Geheimdienste) »Schon vorangekommen?«, fragte Walter Hicks und rieb sich die Augen. Er war den ganzen Tag über in Langley gewesen, und in knapp zwei Stunden hatte er noch eine abendliche Besprechung mit dem Präsidenten. »Nicht allzu weit«, erwiderte Ronald Hughes. »Das wollte ich nicht hören, Ron«, knurrte Hicks. »Ich treffe mich heute Abend mit dem Präsidenten und muss ihm irgendetwas sagen. Zum Beispiel, ob wir in zwei Tagen die Bomber starten lassen und nach Moskau schicken. Mit einem ›Nicht allzu weit‹ kann ich im Moment nichts anfangen.« Hughes druckste ein bisschen herum. Auch er war seit über zwanzig Stunden in der Zentrale. »Nun«, sagte er, »Roger Abrahams ist mit dem SIS in London nicht weitergekommen. Aber er meint, das liegt nicht daran, dass sie uns nichts verraten wollen, sondern dass sie nichts wissen. Er hat nur einen einzigen Hin- weis erhalten, der halbwegs von Bedeutung sein könnte. Demnach untersucht eine Abteilung des SIS einen Vorfall, der etwas mit dieser Sache zu tun haben könnte.« »Was für ein Vorfall?«, fragte Hicks und blickte ihn gespannt an. Hughes zuckte die Achseln. »Ich bin mir nicht si- cher, ob da ein Zusammenhang besteht, aber der Sta-, tionsleiter des SIS in Moskau kam angeblich vor ein paar Tagen bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der SIS hat jemanden hingeschickt, der die Sache untersu- chen sollte, und es geht das Gerücht, dass es sich bei dem Toten, den die Russen der Botschaft übergeben haben, eindeutig nicht um den SIS-Mann handelte. Man vermutet, dass er vom SWR geschnappt und ausgequetscht wurde.« Hicks musterte ihn über den Schreibtisch hinweg. »Das ist zumindest sehr ungewöhnlich. Sind sich die Briten sicher?« Hughes nickte. »Der Leichnam wurde eindeutig iden- tifiziert – eindeutig insofern, dass es nicht ihr Mann war. Irgendein unveränderliches Kennzeichen war nicht vorhanden, glaube ich.« »Okay«, murmelte Hicks, »wir müssen davon aus- gehen, dass die Leute beim SIS ihren eigenen Mann kennen. Wenn die also sagen, der Tote war nicht ihr Mann, dann war er’s auch nicht. Aber ich sehe dabei keinerlei Zusammenhang mit RAVEN.« »Ich auch nicht«, pflichtete Hughes ihm bei, »aber ich habe Abrahams gesagt, er soll am Ball bleiben, falls sich herausstellen sollte, dass es doch eine Ver- bindung gibt.« »Was ist mit Frankreich?«, fragte Hicks. »Sie wissen ja, wie die Franzosen sind«, sagte Hug- hes. »John hatte heute Nachmittag eine Besprechung mit der DGSE – das ist die Auslandsaufklärung der französischen Sicherheitsdienste. Es lief nicht gut. Sie kamen ein paar Minuten zu spät, und John sagte, der, französische Colonel wäre deswegen eingeschnappt gewesen. Die Franzosen haben lediglich eingeräumt, dass es ein paar ungewöhnliche Transporte nach und durch Frankreich gab.« Hicks setzte zu einer Frage an, aber Hughes kam ihm zuvor. »Bei der DGSE wollte man ihm nichts Genaueres mitteilen. Sie haben gesagt, für alle operativen Vorgänge innerhalb Frankreichs sei die DST zuständig, nicht sie.« Hicks schnaubte. »Trotz aller Unterstützung also keine große Hilfe.« Hughes nickte. »Jedenfalls bleibt er weiter dran. Aber ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob er nicht bloß seine Zeit verschwendet. ›Ungewöhnliche Trans- porte‹ könnte auch bedeuten, dass die russische Bot- schaft in Paris neue Waschbecken hat einbauen las- sen.« Pilsen, Tschechien Der Konvoi machte über Nacht bei einem kleinen Ho- tel am Stadtrand von Pilsen Halt. Wie üblich blieb in jedem Fahrzeug ein Speznas-Mann, der zusah, dass er halbwegs zum Schlafen kam. »Kein guter Tag«, stellte Modin fest, als er und By- kow nach dem Abendessen in einer einsamen Ecke im Salon saßen. Bykow schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, als wären wir den ganzen Tag unterwegs gewesen, ohne voranzukommen«, erwiderte er., »Es könnte schlimmer sein«, sagte Modin. »Bis Waidhaus sind es nur noch sechzig Kilometer. Wenn wir einigermaßen vorankommen, sollten wir morgen Vormittag in Deutschland sein.« »Hoffentlich«, entgegnete Bykow. »Die Waffe muss rechtzeitig in London eintreffen.«, Dienstag Amerikanische Botschaft, Avenue Gabriel Nr. 2, Paris John Westwood wachte kurz vor sieben auf, zog sich an und ging zum Frühstück in die Botschaftskantine. Bei Kaffee, Schinken, Eiern und Bratkartoffeln berie- ten er und Miles Turner die Lage. »Wir müssen heute mit der DST sprechen«, sagte Westwood. »Ich weiß nicht, warum sich der Colonel bei der DGSE so stur gestellt hat. Ich hoffe nur, die Leute bei der DST haben mehr Verstand.« »Ich rufe um neun an – vorher ist dort wahrschein- lich niemand außer der Nachtschicht – und vereinbare für heute Morgen einen Termin«, sagte Turner. »Hier hat sich über Nacht nichts Neues getan, aber in den Staaten geht es zu wie in einem Hornissennest. Walter Hicks hat für heute Nachmittag um drei eine weitere Konferenzschaltung angesetzt, um uns hinsichtlich der Vorgänge in den Staaten auf den neuesten Stand zu bringen. Außerdem will er hören, was für Fort- schritte wir gemacht haben.« Westwood schnaubte. »Nun ja, ich wäre froh, wenn ich von irgendwelchen Fortschritten berichten könnte, aber ich halte das für unwahrscheinlich.«, Marne-la-Vallée und Paris Richters Wecker klingelte um sieben, und noch vor acht fuhr er nach Disneyland. Er hatte sich zum ersten Mal seit seinem Besuch bei Orlow wieder rasieren können, sodass er halbwegs anständig aussah. In Dis- neyland war noch alles ruhig – zu so früher Stunde ist der Freizeitpark noch nicht für den Publikumsverkehr geöffnet –, daher parkte er nahe dem Haupteingang, ging hinein und stieg zur RER-Station hinunter. Zwanzig Minuten vor neun war er im Zentrum von Paris und stieg hinauf ins Châtelet-Les Halles, wo ihn strahlender Sonnenschein empfing. Die Station ist nur ein paar Meter vom östlichen Ende der Rue St. Hono- ré entfernt, und Richter ging sie entlang, bis er zur Kreuzung mit der Rue Royale kam, die von der Place de la Concorde bis zur Sainte Marie Madeleine ver- läuft. Hinter der Rue Royale wird die Rue St. Honoré zur Rue du Faubourg St. Honoré, an deren Südseite sich die britische Botschaft befindet. Richter wurde ohne weiteres eingelassen, als er sei- nen Diplomatenpass vorzeigte und darauf hinwies, dass er – als »Mr. Beatty« – eine Verabredung mit dem Botschafter hatte. Man führte ihn in einen behaglich eingerichteten Warteraum, wo er Platz nahm und sei- nen Koffer festhielt, bis um zehn nach neun ein junger Angestellter auftauchte und ihm erklärte, dass der Botschafter ihn sprechen wolle. Richter folgte ihm ei- nen Korridor entlang und in einen großen Raum mit hohen, schmucken Fenstern, von denen aus man in, Richtung Süden, zur Seine blickte. Ein kleiner Mann mit silbernen Haaren und einem eleganten dunkel- grauen Anzug saß an einem großen und offensichtlich alten Rosenholzschreibtisch. Er erhob sich und bot Richter die Hand zum Gruß, als er hereingeführt wur- de, lächelte aber nicht. Nach Richters Ansicht wirkte er nicht gerade so, als wäre er von dem Besuch angetan. »Mr. Beatty?« Seine Hand fühlte sich kühl und etwas schlaff an. Richter nickte und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz, auf den der Botschafter deutete. »Man hat mich davon in Kenntnis gesetzt – angewiesen ist vielleicht der treffendere Ausdruck –, dass ich Ihnen jegliche Unterstützung gewähren soll, um die Sie bit- ten«, begann Sir James Auden, der deutlich, wenn auch etwas gestelzt sprach. »Allerdings hat man mir von Sei- ten des Außen- und Commonwealth-Ministeriums aus bislang unerfindlichen Gründen nicht mitgeteilt, wes- halb. Vielleicht können Sie mich darüber aufklären.« Ehe Richter etwas sagen konnte, fuhr der Botschafter in fast entschuldigendem Tonfall fort. »Ich bin davon überzeugt, dass Ihre Papiere bereits von Mitarbeitern unten überprüft wurden, aber ich würde gern Ihren Ausweis sehen, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Ganz und gar nicht«, sagte Richter und reichte ihm den Diplomatenpass. Der Botschafter schlug ihn auf, inspizierte ihn und warf einen kurzen Blick zu Richter, um sich davon zu überzeugen, dass zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Foto bestand. Dann schloss er den Pass und, händigte ihn Richter wieder aus. »Das scheint soweit in Ordnung zu sein, Mr. Beatty«, sagte er. »Allerdings muss ich feststellen, dass Sie nicht gerade wie ein Dip- lomat aussehen.« Richter fasste das als Kompliment auf. »Aber das hätte mich auch eher gewundert«, fuhr Auden fort. »Ich weiß sehr wohl, dass Sie heute Mor- gen noch einen Termin mit Mr. Herron haben, der gewiss nicht zufällig der ranghöchste Vertreter des Secret Intelligence Service hier bei uns ist – der Stati- onsleiter, wie Sie es vermutlich bezeichnen würden.« Sir James Auden war offenbar kein Dummkopf. »Da- her nehme ich an, dass es bei dieser Angelegenheit um einen verdeckten Einsatz geht.« »Wahrscheinlich müssen wir eher etwas aufde- cken«, erwiderte Richter. Auden zog die Augenbrauen um etwa einen Milli- meter hoch. »Tatsächlich. Vielleicht könnten Sie mir das erklären.« »Ich gebe Ihnen lieber den Brief, den ich dabeihabe. Ich glaube, der wird alles klarstellen.« Richter reichte ihm den versiegelten Umschlag. Auden musterte ihn interessiert, vor allem das Sie- gel. Dann nahm er einen silbernen Brieföffner, schlitz- te den Umschlag auf und entnahm ihm drei Blatt Pa- pier. Er betrachtete zunächst die verschnörkelte Un- terschrift am Ende, dann das Wappen auf der ersten Seite. Anschließend warf er einen kurzen Blick zu Richter und begann zu lesen. Als er mit der ersten Sei- te fertig war, blickte er auf. »Ich nehme doch an, dass es sich hierbei nicht um irgendeinen Scherz handelt?«, »Nein. Das ist kein Scherz – ich wünschte, es wäre so.« Sir James Auden schüttelte den Kopf und las weiter. Schließlich legte er die Blätter hin und starrte Richter an. Er wirkte mit einem Mal älter, und seine Hand zit- terte leicht. »Das ist ja ungeheuerlich. Unglaublich.« »Sie müssen es glauben, Ambassador. Es ist die Wahrheit, und ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen, da- mit es nicht dazu kommt.« Auden blickte auf den Brief, dann zu Richter und schüttelte erneut den Kopf. »Sind Sie sich dessen si- cher?« »Ganz sicher.« »Dieser Brief«, sagte der Botschafter leise, »enthält keine näheren Einzelheiten, nur eine allgemeine Ab- sichtserklärung. Und ich glaube, ich möchte auch nichts Näheres wissen. Darüber werden Sie gewiss mit Herron sprechen. Was genau erwarten Sie von mir?« Richter erklärte es ihm, und fünf Minuten später verließ er das Büro des Botschafters, um sich mit Tony Herron zu treffen, dem Stationsleiter in Paris. Das Al- lerheiligste – der Bereich der Botschaft, der vom Ge- heimdienst genutzt wurde – war nicht allzu groß, und dementsprechend begrenzt war auch die Anzahl der Mitarbeiter. Immerhin galten die Franzosen zumin- dest offiziell als Bündnispartner. Richter war Tony Herron persönlich noch nie begegnet, aber er kannte seinen Namen aus den Berichten des SIS. Herron war über eins achtzig groß, rotblond und, wirkte etwas zerknittert, genau wie Richter. Er bat ihn in sein Büro und kam gleich zur Sache. »Ich habe etli- che streng geheime und dringende Mitteilungen vom SIS aus London erhalten«, begann Herron. »Dem ent- nehme ich, dass bei unseren Nachbarn im Osten etwas im Gange ist. Trotz Glasnost und allem anderen.« »Vollkommen richtig. Soll ich Ihnen die Hinter- gründe gleich darlegen, oder wollen wir abwarten, bis wir mit den Franzosen gesprochen haben?« »Das kann warten. Aber eine Frage. Unter welche Klasse fallen die Informationen, die Sie haben?« »Klasse eins – ohne jeden Zweifel.« Alle Geheimdienste bewerten die Informationen, die sie erhalten, anhand der Quelle, von der sie stam- men, und ihres Gewichts. In Großbritannien gilt eine Erkenntnis der Klasse eins als hundertprozentig zu- treffend, ohne dass ein Irrtum vorliegen könnte; Klas- se zwei ist wahrscheinlich zutreffend, Klasse drei möglicherweise. Mit Klasse vier werden Informatio- nen bewertet, die wahrscheinlich nicht zutreffen; Klasse fünf bedeutet, dass es sich nachweislich um ei- ne Fehlinformation handelt. Richters Informationen stammten größtenteils von Orlow, der sie ihm nur widerwillig gegeben hatte, aber er hatte nicht den ge- ringsten Zweifel, dass sie der Wahrheit entsprachen. »Das hatte ich befürchtet. Ist der –« Herron wurde unterbrochen, als das Telefon klingelte. Er meldete sich und hörte ein, zwei Minuten lang zu, ohne etwas zu sagen. »Danke, Eure Exzellenz«, sagte er, legte den Hörer auf und wandte sich an Richter. »Den Botschaf-, ter haben Sie jedenfalls überzeugt. Das war Seine Ho- heit persönlich – wir haben in fünfzehn Minuten einen Termin bei der DST an der Rue de Saussaies.« Die Direction de la Surveillance du Territoire ist die französische Spionageabwehr, die ebenso wie der bri- tische MI5 und der Special Branch im Inland tätig ist und ähnliche Aufgaben versieht. Sie untersteht dem Innenministerium und kann sich jederzeit der Mittel und Möglichkeiten des Renseignements Généraux be- dienen, der nachrichtendienstlichen Abteilung der französischen Polizei. Die DST war es zum Beispiel, die Ende März 1987 ein Spionagenetz des Warschauer Paktes aushob, das Daten über das HM-60-Triebwerk der von der europäischen Weltraumbehörde geplan- ten Raumfähre Hermes an den Osten weitergegeben hatte. Richter warf einen Blick auf seine Uhr. »Wie lange brauchen wir dorthin?« »Wir sind im Nu dort – es ist gleich um die Ecke, an der Place Beauvau«, erwiderte Herron. Er drückte auf eine Taste an seinem Telefon, teilte dem Offizier vom Dienst mit, wo er zu erreichen sei, schnappte sich sei- ne Jacke und ging zur Tür. Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Herron und Richter wurden in einen kleinen Konfe- renzraum im zweiten Stock geleitet, wo sie von drei, Männern erwartet wurden, die an einem langen Tisch saßen. Der Mann am Kopfende teilte in perfektem Englisch mit, dass er Colonel Pierre Lacomte sei, der ranghöchste Offizier, stellte dann die beiden anderen Franzosen als Mitarbeiter der DST vor und bat die Engländer, Platz zu nehmen. Tony Herron umriss kurz den Grund ihres Besuches, stellte Richter als Kol- legen vom SIS in London vor und erteilte ihm das Wort. »Wir haben ein Problem«, begann Richter. »Und Sie ebenfalls.« Er öffnete seinen Aktenkoffer, holte die Einsatzakte heraus, legte sie vor sich auf den Tisch und schlug sie auf. »Wir haben dieses Unternehmen mit dem Codenamen ›Overkill‹ versehen, weil das durchaus treffend ist. Was ich Ihnen mitteilen werde, wird Ihnen möglicherweise höchst unwahrscheinlich vorkommen, vielleicht sogar unglaublich. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir es mit Fakten zu tun haben.« Richter warf einen Blick zu den anderen Männern im Raum – niemand machte den Eindruck, als würde er gleich einnicken. »Bevor ich die derzeiti- ge Lage erkläre, möchte ich Ihnen ein paar Hinter- grundinformationen geben – einen kurzen histori- schen Abriss, wenn Sie so wollen.« Richter wandte sich an die beiden DST-Männer. »Es geht teilweise um technische Begriffe, also sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie das eine oder andere Wort nicht verstehen. Viel- leicht kann es Colonel Lacomte dann für Sie überset- zen.« Lacomte nickte. »Im Jahr 1958«, begann Richter,, »befasste sich ein gewisser Sam Cohen, der seinerzeit als Analytiker für strategische Kernwaffen bei der Rand Corporation in Kalifornien tätig war, mit den Nebenwirkungen, die durch die Explosion schwerer thermonuklearer Waffen ausgelöst werden. Dabei fiel ihm auf, dass bei der Explosion einer so genannten Wasserstoffbombe eine Vielzahl von Neutronen frei- gesetzt wird. Für gewöhnlich ist eine Wasserstoff- bombe mit einem Uranmantel umgeben, der unter Neutronenbeschuss gerät und so zur Sprengkraft die- ser Waffe beiträgt. Wenn man eine Bombe ohne die- sen Uranmantel herstellen würde, so überlegte Cohen, dann hätten die freigesetzten Neutronen eine erheb- lich größere Reichweite. Da Neutronenstrahlung abso- lut tödlich ist, hätte man eine mörderische Waffe, die aber gleichzeitig eine deutlich geringere Sprengkraft besitzt und damit weitaus weniger Schäden an Ge- bäuden verursacht. Und sie hätte noch einen anderen Vorteil. Der radioaktive Niederschlag entsteht haupt- sächlich durch die bei der Detonation eines nuklearen Sprengkörpers hochgerissenen radioaktiven Teilchen. Bei dieser Waffe aber handelt es sich um einen thermo- nuklearen Sprengkörper, bei dem die Energie durch die Verschmelzung leichter Atomkerne entsteht. Dazu ist nur ein kleiner nuklearer Sprengkörper als Zünder erforderlich. Eine Bombe dieses Typs würde also nur etwa ein Prozent der Strahlung freisetzen, die bei ei- nem auf dem Prinzip der Kernspaltung beruhenden Sprengkörper vergleichbarer Größe entsteht. Entspre- chend geringer wäre auch der Fallout. Zudem klingt, die Neutronenstrahlung rasch ab, sodass das betroffene Gebiet innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne nach der Detonation betreten werden könnte. Das war die Geburtsstunde der Neutronenbombe, auch ›Enhanced Radiation Weapon‹ genannt.« »Die ERW, Mr. Beatty? Das ist doch wohl nichts Neues, oder?« Colonel Lacomte hatte offenbar etwas anderes erwartet als einen Vortrag über die Wir- kungsweise von Kernwaffen. »Nein, Colonel, das ist nichts Neues, aber es ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Jedenfalls wurde die Neut- ronenbombe zu einem Spielball der Politik. Die Regie- rung Kennedy beschloss, auf den Bau dieser Waffe zu verzichten, weil dies die Beziehungen zur Sowjetuni- on belasten könnte. Doch als die Russen sich nicht an das bestehende Moratorium zum Test von Atomwaf- fen hielten, änderten die Amerikaner ihre Meinung. Die erste amerikanische Neutronenbombe wurde 1962 getestet, und in den siebziger Jahren begann man in großem Maßstab mit der Produktion dieser Waffe, als Präsident Carter vorschlug, mit Neutronenwaffen be- stückte Lance-Raketen und Artilleriegranaten in Eu- ropa zu stationieren. Dieser Beschluss führte zu derart heftigen Protesten, dass Carter schließlich einen Rückzieher machte und die Stationierung auf unbe- grenzte Zeit verschob. Reagan, der eher ein Falke war, bewilligte die weitere Produktion von Neutronenwaf- fen, aber unter dem Vorbehalt, dass sie in Amerika ge- lagert werden müssten und nur beim Ausbruch von Feindseligkeiten in Europa eingesetzt werden dürften., Die Russen wiederum, die hauptsächlich hinter den Protesten gegen die Neutronenbombe steckten, hatten insgeheim ihre eigenen ERWs entwickelt. Frankreich hat 1980 die erste eigene Neutronenwaffe getestet und begann 1982 mit der Serienproduktion.« »Ihr Wissen ist nicht auf dem neuesten Stand, Mr. Beatty. Wir haben die Produktion dieser Waffen im Jahr 1986 eingestellt. Das ist kein Geheimnis.« »Einverstanden, Colonel. Aber Frankreich hat die vorhandenen Waffen nicht zerstört, oder? Ebenso we- nig die Amerikaner, die nach wie vor bis zu sieben- hundert Sprengköpfe mit Neutronenbomben besitzen, alles taktische Waffen, keine strategischen. Die neues- ten Erkenntnisse deuten darauf hin, dass zumindest auch China, Israel und Südafrika über Neutronenwaf- fen diverser Größe und Sprengkraft verfügen.« Die DST-Männer schienen ihm weiter zu folgen, aber Tony Herron wirkte etwas verwirrt. Richter lächelte ihm zu. »So weit zur Geschichte. Aber es gibt noch zwei andere Sachen, die Sie wissen sollten. Erstens, seit dem Beginn von Glasnost hat Amerika den Russen Mil- liarden von Dollar für Plutonium aus demontierten Kernwaffen bezahlt. Aus gutem Grund – wenn die USA das Plutonium aufkaufen, müssen es die Russen nicht auf dem Schwarzen Markt anbieten, wo die Ge- fahr besteht, dass es in die Hände von Terroristen ge- langen könnte. Leider liegen nach Aussage von Exper- ten Hinweise darauf vor, dass die Russen in Wirklich- keit Material übergeben haben, das in ihren Atomreak- toren erzeugt wurde, nicht aber waffenfähiges Pluto-, nium. Das wiederum deutet darauf hin, dass die Rus- sen im Gegensatz zu ihren öffentlichen Verlautbarun- gen ihre Kernwaffen nicht demontiert haben. Zweitens ist allgemein bekannt, dass man zum Bau eines nuklea- ren Sprengkörpers das im Uran enthaltene Isotop U 235 benötigt, zum Bau einer thermonuklearen Waffe aber braucht man unbedingt Plutonium. Davon ging man bislang aus. Aber das stimmt nicht.« Richter hielt inne und wandte sich an Colonel Lacomte. »Haben Sie schon mal von rotem Quecksilber gehört?« National Military Command Centre (NMCC), Pentagon, Washington, D.C. Um fünfzehn Uhr fünfzehn Ortszeit hatten sich die Vereinigten Stabschefs samt ihrer Adjutanten in der militärischen Kommandozentrale eingefunden, einer Büroflucht im dritten Stock des Pentagon. Der lauteste Bereich des NMCC ist der Nachrichtenraum mit den ratternden Fernschreibern, über die laufend Telexe mit den neuesten Berichten und Mitteilungen aus aller Welt eingehen. An den Wänden hängen Uhren, die auf sämtliche Zeitzonen rund um den Globus eingestellt sind, sowie Karten, auf denen strategische Ziele sowie die Truppenaufstellungen aller Groß- und Mittelmäch- te dargestellt sind. Weitaus ruhiger geht es dagegen im angrenzenden Emergency Conference Room zu. Der ECR ist in zwei Ebenen unterteilt. Auf der unte- ren steht ein T-förmiger Tisch, an dessen Längsseite, die Offiziere vom Dienst, der so genannte Gefechts- stab, sitzen und Daten zusammentragen und abglei- chen. Am Kopfende sitzen vier für Notfallmaßnah- men zuständige Offiziere vor ihren Konsolen, über die sie mit sämtlichen amerikanischen Streitkräften in al- ler Welt verbunden sind. Die Vereinigten Stabschefs, das militärische Beraterteam des Präsidenten, sitzen auf einem erhöhten Podium links des Tisches, an dem der Gefechtsstab Platz genommen hat. Auf der gege- nüberliegenden Seite befinden sich sechs riesige Bild- schirme, auf denen Karten von allen Gegenden der Welt abgebildet werden, dazu Aufmarschpläne, Ta- bellen, Aufklärungs- und andere Fotos, Einzelheiten über Truppenkonzentrationen und andere Grafiken, die zur Darstellung der militärischen Lage dienen. Das NMCC ist ebenso wie der Situation Room im Weißen Haus, das Luftverteidigungskommando im Cheyenne Mountain sowie die unterirdischen Bunker- anlagen auf der Offutt Air Force Base und bei Raven Rock Teil des umfassenden Kommandosystems der Vereinigten Staaten, das per Telefon, Fax, Fernschrei- ber, Satellit, Funk und Computer miteinander verbun- den ist. Obwohl der Bericht zur Lage im Pentagon vor- getragen wurde, konnten die an den anderen Stütz- punkten zugeschalteten Offiziere jedes Wort mithören. Normalerweise hätte der höchste Offizier des Ge- fechtsstabes, ein General der Army, den Vortrag für die Vereinigten Stabschefs gehalten. Doch die Lage war alles andere als normal. »Meine Herren«, begann der General ohne jede, Vorrede, »wir sind mit einer Gefahrensituation kon- frontiert, hinter der möglicherweise Kräfte stecken, die unzufrieden mit den derzeitigen Verhältnissen in der ehemaligen Sowjetunion sind. Obwohl keinerlei Hinweise auf offenkundige Truppenverlegungen oder Manöver vorliegen, wurden wir auf eine Bedrohung aufmerksam, die sowohl die Vereinigten Staaten als auch Westeuropa betrifft. Die Unterweisung wird in zwei Teilen stattfinden. Zunächst wird Ihnen Mr. Wal- ter Hicks, Direktor für die Einsatzplanung der Ge- heimdienste bei der Central Intelligence Agency und derzeit amtierender Direktor der CIA, die Hinter- gründe und den Umfang dieser Bedrohung darlegen. Wenn er fertig ist und alle Fragen beantwortet hat, die Sie ihm stellen wollen, werde ich Ihnen mitteilen, wie das Weiße Haus auf diese Gefahr reagiert und welche Schritte man dagegen zu unternehmen gedenkt.« Der General warf einen Blick nach links und nickte. Walter Hicks drückte seine Zigarre in dem links neben ihm stehenden Aschenbecher aus, stand auf und ging zum Vortragspult. Amerikanische Botschaft, Grosvenor Square, London Um neun Uhr fünfzig klingelte das Haustelefon auf Roger Abrahams’ Schreibtisch. Er legte die Akte bei- seite, mit der er gerade beschäftigt war, und nahm den Hörer ab. »Abrahams.«, »Hier ist die Zentrale, Sir. Ich habe einen Anruf für Sie. Der Anrufer will seinen Namen nicht nennen, sagt aber, es handle sich um eine dringende persönliche Angelegenheit«, erklärte der Telefonist der Botschaft. »Was für ein Landsmann?«, fragte Abrahams. »Ein Brite, Sir, eindeutig.« »Okay«, sagte Abrahams. »Sehen Sie zu, dass das Band läuft, und stellen Sie ihn durch.« Ein kurzes Klicken, dann herrschte einen Moment lang Stille. »Hallo«, sagte Abrahams. »Guten Morgen, Roger«, meldete sich eine bekannte Stimme, die angespannt klang, nicht so locker und lässig wie sonst. »Ich nehme an, ihr zeichnet den An- ruf auf, deshalb werde ich mich nicht wiederholen.« Der Anrufer stockte kurz, dann sagte er vier Worte. »Anatidae. Zehn Uhr zehn.« Die Verbindung wurde unterbrochen, aber Abra- hams hatte begriffen, was der Anrufer meinte. Er warf einen Blick auf seine Uhr, betätigte dann die Schnell- ruftaste und meldete sich beim Fuhrpark. »Abrahams. Ich brauche sofort einen Wagen.« Le Moulin au Pouchon, St. Médard, bei Manciet, Midi-Pyrénées, Frankreich »Ausgezeichnet«, murmelte Hassan Abbas, während er zum dritten Mal die entschlüsselte E-Mail von Di- mitri Truschenko las. Genau genommen hatte er von dem Russen zwei, Nachrichten erhalten. In der ersten hatte er ihm ledig- lich mitgeteilt, dass er an seinem sicheren Aufent- haltsort eingetroffen sei, ohne ihm zu verraten, wo das war. Abbas war mehr als erleichtert gewesen, als er das gelesen hatte. Er hatte sich Sorgen gemacht, weil der Russe ziemlich lange nichts mehr von sich hatte hören lassen. Jetzt aber wusste er, dass Truschenko lediglich seine Wohnung in Moskau verlassen und sich in seinen Unterschlupf begeben hatte, während die letzte Phase von Operation Podstawa anlief. Abbas vermutete insgeheim sogar, dass Truschenko womög- lich die Gemeinschaft unabhängiger Staaten verlassen und sich nach Griechenland oder in die Türkei abge- setzt hatte. Wo er war, spielte indes keine Rolle, Hauptsache, die russischen Behörden konnten ihn nicht finden. Die zweite Nachricht enthielt nähere Angaben zur Aufstellung der letzten beiden Waffen. Der russische Küstenfrachter lief demnächst planmäßig in Gibraltar ein, und der Konvoi, der den für London bestimmten Sprengkörper transportierte, sollte laut der letzten te- lefonischen Durchsage an diesem Morgen in Deutsch- land eintreffen. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkam, müssten beide Waffen rechtzeitig vor Ort sein. Abbas rieb sich die Hände, öffnete sein Schreibpro- gramm und setzte eine Mitteilung auf, die er an Sa- doun Khamil in Saudi-Arabien senden wollte., Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Der Colonel richtete sich auf. »Was genau ist rotes Quecksilber?« »Rotes Quecksilber war die Substanz, die Sam Co- hen eine Heidenangst einjagte. Es handelt sich um ei- ne Quecksilberverbindung, die einer massiven Strah- lung ausgesetzt wurde, was für gewöhnlich in einem Kernreaktor geschieht, und die immense Hitze und einen gewaltigen Druck erzeugt, wenn sie zur Explo- sion gebracht wird. Genau die Hitze und den Druck, die erforderlich sind, um eine thermonukleare Waffe zu zünden. Man ist also nicht mehr auf waffenfähiges Plutonium angewiesen. Genau genommen braucht man überhaupt kein Plutonium mehr. Außerdem ist rotes Quecksilber billig, jedenfalls im Vergleich mit den Herstellungskosten von Plutonium.« »Und?«, fragte Lacomte. »Und die Russen stellen es seit Jahren her und ver- kaufen es auf dem Schwarzen Markt. Allerdings wur- de der Verkauf vor etwa vier Jahren eingestellt. Einer der größten Abnehmer war der Irak, was an sich schon genügt, um einen um den Schlaf zu bringen.« Lacomte blickte ihn fragend an. »Ich habe Sie zwar verstanden, Mr. Beatty, aber mir ist immer noch nicht klar, inwieweit das uns betrifft. Warum sind Sie hier? Worin genau besteht die Gefahr, in der wir angeblich schweben?« Richter nickte. »Das erkläre ich Ihnen gleich. So viel, zunächst einmal zur Vorgeschichte. Letzte Woche setzte die US Air Force ein stillgelegtes und auf der Beale Air Force Base stationiertes Aufklärungsflug- zeug vom Typ SR-71A Blackbird ein und schickte es auf einen Erkundungsflug über Nordwestrussland. Wir glauben, dass der Blackbird auf gegnerische Jäger stieß und entsprechende Ausweichmanöver fliegen musste. Was genau passiert ist, wissen wir nicht, aber die Maschine wurde auf jeden Fall beschädigt und hatte praktisch keinen Treibstoff mehr in den Tanks, als sie auf einem Flugplatz der Royal Air Force in Schottland landete. Die Amerikaner wollten uns nicht erklären, weshalb sie die Maschine eingesetzt hatten, aber wir konnten schließlich in Erfahrung bringen, dass der Blackbird einen Hügel fotografieren sollte, der nicht mehr vorhanden war.« Tony Herron wirkte nach wie vor verwirrt, wäh- rend ihn die DST-Männer völlig verständnislos an- schauten. »Einen Hügel? Was für einen Hügel, Mr. Beatty?«, fragte einer. »Einfach einen Hügel«, sagte Richter. »Mitten in der Tundra. Lassen Sie es mich erklären. Die Amerikaner standen vor einem Rätsel, weil offenbar durch die Explosion einer ungewöhnlichen Kernwaffe ein Hügel abgetragen worden war. Der Blackbird sollte den zu- rückgebliebenen Krater fotografieren, in erster Linie aber die Rückstandsstrahlung in diesem Gebiet mes- sen. Danach mussten sie sich erst einmal hinsetzen und nachdenken.« Richter goss sich ein Glas Wasser ein und fuhr fort. »Wir wurden auf diese Sache auf-, merksam, nachdem einer unserer Botschaftsangestell- ten in Moskau verschwunden war, ein gewisser Newman. Angeblich war er bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, doch als wir den Leichnam untersuchten, erkannten wir sofort, dass es sich nicht um Newman handelte. Das war an sich schon auffäl- lig, aber da Newman überdies Stationsleiter des SIS in Moskau war, wurde uns klar, dass dort irgendwas im Gange war. Wir vermuteten, dass er vom SWR aufge- griffen und einem tödlichen Verhör unterzogen wur- de. Wir haben daraufhin unsere Akten überprüft und festgestellt, dass Newmans Stellvertreter eine Gruppe westlicher Geschäftsleute als Dolmetscher auf einer Reise in den Nordwesten Russlands begleitet hatte – eine Tour, deren Ziel nur etwa hundert Meilen von der Stelle entfernt war, an der sich der Hügel befun- den hatte. Dann wies uns ein CIA-Informant darauf hin, dass die Auswertung der Strahlungsmessung keinen Sinn ergebe. Der Blackbird war kurz nach der Explosion über das betreffende Gebiet geflogen, aber die Detektoren der Maschine hatten keinerlei auffälli- ge Radioaktivität erfassen können. Zu guter Letzt beschäftigten wir uns mit der kur- zen, aber turbulenten Geschichte der Neutronenbom- be, den Hinweisen, wonach die Russen ihr Kernwaf- fenarsenal offensichtlich nicht abbauten, und der Tat- sache, dass sie seit vier Jahren kein rotes Quecksilber mehr auf dem Schwarzmarkt anboten. All das zu- sammen brachte uns auf eine Idee.«, Gold Room, Pentagon, Washington, D.C. Sobald Walter Hicks und General Rogers ihren Vor- trag beendet hatten, verließen die Vereinigten Stabs- chefs den Emergency Conference Room. Trotz seines Namens dient der ECR nicht für Konferenzen, daher begaben sich die Vereinigten Stabschefs umgehend in den so genannten »Gold Room«, eine Suite, die sich ebenfalls im dritten Stock des Pentagon befindet. Der Verteidigungsminister hatte nicht an der Lage- besprechung zum Fall »Kentucky Rose« teilgenom- men, da er sich im Situation Room des Weißen Hauses mit dem Präsidenten beraten hatte. Aber im Laufe des Vormittags kam auch er in den Gold Room. Nach ei- nem längeren Telefongespräch zwischen dem Vertei- digungsminister und dem Präsidenten beschlossen die Vereinigten Stabschefs, die Alarmbereitschaft der US-Streitkräfte auf DEFCON THREE zu erhöhen. Wegen des Zeitunterschieds zwischen Moskau und der amerikanischen Ostküste – immerhin acht Stun- den – und weil RAVEN den Elften des Monats als Vollzugsdatum genannt hatte, setzten die Vereinigten Stabschefs offiziell einen Zeitpunkt für den Beginn des Countdowns an. Er sollte am Neunten um sechs Uhr Eastern Standard Time eingeleitet werden, da man davon ausging, dass der Angriff am Elften um acht Uhr osteuropäischer Zeit – also um 16 Uhr EST – von- statten gehen würde. Bis dahin waren es noch genau vierunddreißig Stunden. Die Uhr lief., Regent’s Park, London Als die Ampel auf Grün umschaltete, setzte sich der schwarze Mercedes wieder in Bewegung, fuhr mit ho- her Geschwindigkeit die Park Road entlang und hielt mit quietschenden Reifen am westlichen Ende der Ha- nover Gardens. »Warten Sie bitte«, sagte Abrahams zu dem Fahrer und ging mit forschen Schritten durch die Hanover Gardens in Richtung Regent’s Park. Er war ein paar Me- ter vor der zweiten Fußgängerbrücke, als er die schlanke Gestalt neben dem Holme sah. Piers Taylor fütterte kei- ne Enten. Er ging neben dem Boating Lake auf und ab und kam sofort auf Abrahams zu, als dieser von der Fußgängerbrücke trat. »Guten Morgen, Piers«, sagte Roger Abrahams. »Es ist schon fast mittags«, erwiderte Taylor. »Danke, dass Sie gekommen sind. Hatten Sie Schwierigkeiten mit meinem kleinen Code?« Abrahams schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »›Ana- tidae‹ – das ist der lateinische Ordnungsname für eine Familie der Schwimmvögel, die man gemeinhin als Enten bezeichnet. Außerdem habe ich Ihre Stimme erkannt.« Taylor grinste kurz. »Also«, fragte Abrahams, »was gibt’s?« Piers Taylor blickte sich um und überzeugte sich da- von, dass niemand in Hörweite war. »Es geht um diese Angelegenheit, über die wir mit Ihrem Kollegen gespro- chen haben«, erklärte er. »Wir meinen jetzt zu wissen, worum es geht.«, Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Jetzt waren alle Anwesenden ganz Ohr. »Vor etwa vier Jahren«, fuhr Richter fort, »ist in Russland irgendetwas geschehen. Wir wissen nicht, was, aber es führte dazu, dass kein rotes Quecksilber mehr ins Ausland verkauft wurde. Die natürliche Schlussfolgerung, die sich da- raus ergab, lautete, dass die gesamte Produktion für ein neues Projekt verwendet wurde, ein Projekt, dessen Ergebnis sich jetzt abzeichnet. Wir glauben, dass die Russen aus irgendeinem Grund meinten, sie müssten eine große Anzahl Neutronenwaffen mit der Spreng- kraft von strategischen Atombomben herstellen, ohne dafür allerdings waffenfähiges Plutonium zu verwen- den. Vermutlich, weil sie es aus bereits vorhandenen Kernwaffen hätten ausbauen müssen oder weil die Herstellung zu lange gedauert und zu viel Aufsehen erregt hätte. Außerdem brauchten sie das Plutonium für etwas anderes, auf das ich gleich zu sprechen kommen werde. Der verschwundene Hügel beweist eindeutig, dass die Neutronenwaffe funktioniert, aber wir waren uns ziemlich sicher, dass es sich nur um den letzten in einer ganzen Reihe von Tests handelte. Al- lerdings war es die erste überirdische Erprobung, die die Russen durchführten. Die Sprengkraft der Waffe wurde auf mindestens fünf Megatonnen geschätzt. Das heißt, dass es sich um die bei weitem schwerste Neut- ronenbombe handelte, die je gezündet wurde, und so- mit um eine strategische Waffe. Aber damit waren im-, mer noch zwei Fragen offen. Erstens, was nützt es den Russen, wenn sie eine für strategische Einsätze geeig- nete Neutronenbombe entwickelt haben? Sie hätte zwar eine höhere Sprengkraft als sämtliche ERWs in unseren Arsenalen, aber wir konnten nicht erkennen, inwieweit sie dadurch im Falle eines Krieges mit dem Westen einen Vorteil hätten. Selbst wenn die Russen ihre Interkontinentalraketen mit den neuen Sprengköp- fen bestücken und sie auf den Westen abfeuern sollten, würden die Amerikaner zurückschlagen, ehe die Rake- ten den Atlantik überquert haben, und die Russen würden unfassbare Verluste erleiden. Sicher, auch auf dem amerikanischen Kontinent könnten womöglich mehr Menschen ums Leben kommen, als man erwartet hat, aber davon hätten die hundert Millionen verbrann- ten und verstrahlten Russen wenig. Folglich musste es um etwas anderes gehen. Zweitens käme die geringe Strahlung, die bei der Explosion der neuen Waffe frei- gesetzt wird, dem Westen zugute, nicht aber den Rus- sen. Das Gleichgewicht des Schreckens – die Garantie der gegenseitigen Zerstörung – beruht auf der Vorga- be, dass keine Seite einen Atomkrieg gewinnen kann. Bei einem nuklearen Schlagabtausch würden beide Na- tionen in radioaktive Wüsten verwandelt werden, so- dass es keinen Sieger im herkömmlichen Sinne gäbe. Wenn die Russen ihre neue Waffe einsetzen sollten, würde das in Amerika zu schweren Schäden und ge- waltigen Verlusten an Menschenleben führen, aber das Land würde dadurch nicht unbewohnbar. Das ergab einfach keinen Sinn.«, »Folglich ging es um etwas anderes?«, fragte Tony Herron. »O ja«, sagte Richter. »Es ging eindeutig um etwas anderes.« 8. Arrondissement, Paris John Westwoods Handy, das man ihm in der Bot- schaft in London zur Verfügung gestellt hatte, klingel- te, als er und Miles Turner von der Avenue Gabriel nach links in die Avenue de Marigny einbogen. Sie waren um halb zwölf im französischen Innenministe- rium verabredet und hatten beschlossen, zu Fuß zu gehen. »Westwood«, meldete er sich und trat auf die andere Seite des Gehsteigs, weg vom Verkehrslärm. »John, Roger hier, aus London.« »Ja, Roger?« Westwood war klar, dass es um etwas Dringendes gehen musste, sonst hätte Abrahams über eine der sicheren Verbindungen in der Botschaft ange- rufen. Außerdem wusste er, dass er sich vorsichtig ausdrücken musste. Anrufe über ein digitales Handy wurden zwar zerhackt, aber mit modernen Geräten konnte man die Gespräche trotzdem abhören. »Ich habe es in der Botschaft versucht, muss dich aber knapp verpasst haben«, sagte Abrahams. »Ich habe ein paar dienstliche Neuigkeiten für dich. Unsere englischen Freunde meinen eine Lösung für unser Problem gefunden zu haben. Sie schlagen vor, dass du dich mit ihrem Verkaufsleiter in Verbindung setzt, ei-, nem Mr. Beatty. Er ist derzeit in Paris. Du kannst ihn über die dortige Niederlassung der englischen Firma erreichen.« Westwood nickte. »Ausgezeichnet. Vielen Dank, Roger. Ich kümmere mich drum. Bis später.« West- wood unterbrach die Verbindung und steckte das Te- lefon wieder in seine Jackentasche. Turner sah ihn an. »Neuigkeiten?«, fragte er. »Ja«, erwiderte Westwood und blickte sich vorsich- tig um. »Roger sagt, die Briten haben herausgefunden, was die Russen vorhaben. Außerdem haben sie zur- zeit einen Mann hier in Paris, der über die Botschaft erreichbar ist. Ein gewisser Beatty. Kennen Sie ihn?« Turner schüttelte den Kopf. »Nein, aber es könnte ein Deckname sein.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Wir suchen erst die DST auf, aber ich rufe in der Botschaft an und sage Bescheid, dass sie mit den hie- sigen SIS-Männern reden sollen.« Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris »Wir haben sogar die Möglichkeit in Betracht gezo- gen, dass die Russen einen Satelliten in die Umlauf- bahn schießen und gleichzeitig einen Angriff unter- nehmen könnten, der in Amerika schwere Schäden anrichten würde, bevor der Befehl zum Gegenschlag erfolgen kann. Sie alle wissen sicher, dass die Ameri- kaner jeden russischen Satellitenstart überwachen und, die Erkenntnisse dann an die britische Regierung und alle anderen Bündnispartner weiterleiten. Aber auf den Aufklärungsbildern waren keinerlei ungewöhnli- che Aktivitäten zu erkennen. Wir haben lediglich fest- gestellt, dass ein neuer Fernmeldesatellit – jedenfalls bezeichnen ihn die Russen so – in eine geostationäre Umlaufbahn über dem Ostatlantik gebracht wurde. Aber daraus lässt sich keinesfalls eine Bedrohung für den Westen ableiten.« »Worum geht es also? Was haben sie mit der neuen Waffe vor?«, fragte Lacomte. »Dazu komme ich gleich. Bis vor ein paar Tagen waren wir der Meinung, dass eine Auseinanderset- zung unmittelbar bevorsteht.« »Moment mal«, warf Tony Herron ein. »Sie haben gesagt, Sie waren der Meinung, dass eine Auseinan- dersetzung unmittelbar bevorsteht. Heißt das, dass sie nicht mehr unmittelbar bevorsteht, oder haben Sie eindeutige Erkenntnisse, was diesen Angriff angeht?« Richter nickte. »Eindeutige Erkenntnisse ja, aber nicht für einen Angriff – jedenfalls nicht im herkömm- lichen Sinn. Da wir wegen unserem Mann in Moskau noch eine Rechnung mit den Russen offen hatten, be- schlossen wir, den Residenten des SWR in London aus dem Verkehr zu ziehen.« »Orlow? Ihr habt Orlow aus dem Verkehr gezo- gen?«, rief Tony Herron entsetzt. »Ja«, sagte Richter. »Was habt ihr mit ihm gemacht? Ihr könnt ihn doch nicht für immer festhalten.«, Offensichtlich hatte sich die Sache noch nicht bis nach Paris herumgesprochen. »Der Genosse Orlow hat das Verhör nicht überlebt«, sagte Richter. »Viel wichtiger aber ist, dass Orlow alles verraten hat, was er über den Plan wusste.« »Und?« Richter zuckte die Achseln. »Jahrelang ging jeder davon aus, dass es irgendwann in naher Zukunft zu einem Konflikt zwischen den Supermächten kommen würde, der UdSSR und Amerika. Beide Nationen hat- ten ihre Interkontinentalraketen und ihr sonstiges Ar- senal aufeinander gerichtet. Andere NATO-Staaten und natürlich Frankreich rüsteten ihre Streitkräfte dementsprechend auf. Aber warum sollte das heute noch der Fall sein? Aus welchem Grund sollten die Russen Amerika angreifen? Für die Russen wäre es doch weitaus sinnvoller, wenn sie Amerika schlicht neutralisieren, die Vereinigten Staaten aus einem Kon- flikt heraushalten könnten.« »Wir haben niemals angenommen, dass Russland die Vereinigten Staaten angreifen könnte«, warf Tony Herron ein. »Wir haben lediglich für möglich gehal- ten, dass sowjetische Bodentruppen nach Westeuropa vorstoßen könnten.« »Ja«, erwiderte Richter. »Aber was sieht der Bündnis- fall vor, wenn die alliierten Streitkräfte vor der schieren Übermacht der russischen Truppen zurückweichen müssen? Die Verteidigungsstrategie sämtlicher europä- ischer Staaten beruht auf der Prämisse, dass man im Falle eines Angriffs nur ein paar Stunden oder Tage, durchhalten, sich aber darauf verlassen kann, dass die USA ihre schwere Kavallerie schicken und einen he- raushauen. Ohne Kavallerie keine Rettung. Aber für was soll man kämpfen, wenn es keine Rettung gibt?« »Was wollen Sie damit sagen? Dass die Amerikaner neutralisiert werden, damit die Russen Europa über- rennen können?« Colonel Lacomte brachte es auf den Punkt. »Ganz recht«, sagte Richter. »Russland möchte sich weder auf einen Krieg mit Amerika noch mit Europa einlassen. Die Russen wollen Europa kampflos ein- nehmen. Das ist der ganze Sinn und Zweck dieses Vorhabens.« Nach einem Moment des Schweigens ergriff Tony Herron das Wort. »Aber inwieweit verträgt sich das mit Glasnost, der Liberalisierung, dem Auseinander- brechen der UdSSR? Wie sieht’s damit aus?« »Wir glauben nicht, dass die russische Regierung oder der Generalstab irgendetwas mit diesem Plan zu tun hat. Wenn man Orlows Aussage nimmt und eins zum anderen fügt, sieht es ganz so aus, als ob es sich hier um eine selbständige Aktion handelt, die von SWR und GRU ausgeheckt wurde, möglicherweise unter Leitung der Gruppe Nord.« »Der Gruppe Nord?«, hakte Lacomte nach. »Die Gruppe Nord«, erwiderte Richter, »wurde Mit- te der siebziger Jahre von Juri Andropow gegründet, der seinerzeit Chef des KGB war. Sie setzte sich durchweg aus Abteilungsleitern des KGB zusammen, die sich einmal im Monat trafen. Erklärtes Ziel der, Gruppe Nord war es, das westliche Bündnis zu zer- schlagen, die Vereinigten Staaten von Amerika zu iso- lieren und das Land so zu schwächen oder zu treffen, dass es der Sowjetunion keinen Widerstand mehr leis- ten konnte. Beim Unternehmen ›Overkill‹ erkennt man meiner Meinung nach deutlich die Handschrift der Gruppe Nord.« »Einen Moment.« Colonel Lacomte schaute ihn fra- gend an. »Offenbar haben wir das Wichtigste überse- hen. Sie sagten, die Amerikaner sollten neutralisiert werden. Wie das?« »Diese Information wurde bislang nicht bestätigt«, erwiderte Richter. »Hauptsächlich deshalb, weil die Amerikaner entweder nichts davon wissen oder nicht darüber reden wollen. Nach Auskunft des Genossen Orlow jedoch haben die Russen in den letzten vier Jahren nach und nach eine Reihe hochgradig radioak- tiver Waffen in sämtlichen großen Städten der Verei- nigten Staaten in Stellung gebracht.« Tony Herron keuchte laut auf. »Eine durch und durch widerwärtige Aktion«, fuhr Richter fort. »Die Amerikaner geben Milliarden Dollar aus, um den Russen ihr waffenfähiges Plutonium ab- zukaufen, aber die drehen ihnen Abfallprodukte aus ihren Atomreaktoren an und benutzen das Zeug, das die Amerikaner in Sicherheit bringen wollten, zum Bau neuer Waffen. Ich habe vorhin einen Fernmelde- satelliten erwähnt, der auf eine geostationäre Umlauf- bahn über dem Ostatlantik gebracht wurde – erinnern Sie sich noch?«, Lacomte nickte. »Das ist das Zündrelais. Sämtliche Waffen werden per Funkimpuls gezündet, den die Russen jederzeit auslösen können.« »Wie zum Teufel haben sie die Bomben in die Staa- ten geschafft?« »Teils geschmuggelt, teils als Diplomatengepäck deklariert – das muss nicht unbedingt die Aktentasche eines königlichen Boten sein, müssen Sie wissen. Da- runter kann so ziemlich alles fallen, vom einfachen Briefumschlag bis zum Sattelschlepper.« »Ich kann ja durchaus verstehen, weshalb sie es weder bestätigen noch dementieren wollen«, wandte Tony Herron nachdenklich ein. »Aber Sie sagten doch, es handle sich dabei um herkömmliche Kernwaffen. Was hat es dann mit diesen superstarken Neutronen- bomben auf sich? Ich dachte, darum geht es vor allen Dingen.« »So ist es«, erwiderte Richter. »Die in Amerika stati- onierten Waffen sind nur ein Teil vom Ganzen. Europa lässt sich nämlich nicht so ohne weiteres einnehmen, da sowohl die Briten als auch die Franzosen über ihr eigenes nukleares Abschreckungspotenzial verfügen. Das heißt, dass Russland selbst dann, wenn Amerika ausgeschaltet wäre, schwerste Verluste erleiden würde, wenn seine Truppen nach Westeuropa vorstoßen soll- ten. Folglich mussten sich SWR und GRU etwas einfal- len lassen, wie sie dieses britischfranzösische Gegen- schlagpotenzial ausschalten könnten, ohne dass Euro- pa dabei zum nuklearen Ödland wird. Und genau da-, für sind die strategischen Neutronenbomben mit ihrer gewaltigen Sprengkraft bei einer nur kurzfristigen Strahlungsbelastung wie geschaffen. Sie könnten ei- nen derartigen Sprengkörper unter dem Eiffelturm hochgehen lassen und fünf Tage später zwischen den Überresten des Bois de Boulogne spazieren gehen. Ab und zu müssten sie vermutlich über ein paar Leichen hinwegsteigen, aber sie brauchten weder Schutzanzü- ge noch Gasmasken.« Colonel Lacomte schüttelte den Kopf. »Das ist ja unglaublich«, sagte er. »Ganz recht«, erwiderte Richter, »aber trotzdem deutet alles darauf hin.« »Selbst wenn wir annehmen, dass es zutrifft«, fuhr Lacomte fort. »Was können wir dagegen unterneh- men?« »Wir können nur eins tun«, erwiderte Richter, wäh- rend er die Akte »Overkill« zuklappte. »Wir müssen verhindern, dass die letzte Neutronenbombe, die für London bestimmte Waffe, ihr Ziel erreicht. Denn dann ließe sich vielleicht immer noch ein Patt erzwingen, weil auch die Briten nach wie vor mit einem atomaren Gegenschlag drohen könnten. Und Sie sind davon ge- nauso betroffen, weil Orlows Aussagen zufolge auch in Paris und Toulouse, in Nizza und Bordeaux Bom- ben gelegt wurden.«, Dienstag Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Das Klopfen klang in der darauf folgenden Stille un- gewöhnlich laut. Lacomte winkte einem der DST- Männer zu, worauf dieser aufstand und die Tür öffne- te. Er unterhielt sich kurz mit jemandem, der davor stand, kam dann zurück und murmelte Lacomte et- was zu. Der Colonel blickte zu Richter und Herron und wechselte dann ein paar Worte mit dem DST- Offizier, der unverzüglich den Raum verließ. »Wir haben ein paar Gäste«, sagte er, »die Ihre Aussage möglicherweise bestätigen können.« »Wen?«, fragte Herron und warf Richter einen kur- zen Blick zu. »Zwei Herren von der amerikanischen Central Intel- ligence Agency«, erwiderte Lacomte, als die Tür auf- ging und John Westwood und Miles Turner eintraten. Westwood blieb unmittelbar hinter der Schwelle stehen, ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und schaute dann Richter an. »Paul?«, sagte er, als sei er sich seiner Sache nicht ganz sicher. »John Westwood«, sagte Richter. »Lange nicht ge- sehen. Wie zum Teufel kommen Sie hierher?«, Rozvadov, Tschechien Westlich von Rozvadov hielt der Konvoi am Ende ei- ner Fahrzeugschlange, die sich rund anderthalb Kilo- meter bis zur tschechischdeutschen Grenze staute. Die meisten davon waren Lastwagen, wie Modin feststell- te, was vermutlich hieß, dass sie länger aufgehalten wurden, bis die deutschen Zöllner Fracht und Papiere überprüft hatten. »Ich nehme an, diesmal können wir nicht auf unse- ren Status als Diplomaten verweisen und darum bitten, dass wir schneller abgefertigt werden«, sagte Bykow. Modin schüttelte den Kopf. »Nein«, entgegnete er knapp. »Vergessen Sie nicht, Wiktor, dass der Last- wagen angeblich Möbel und Einrichtungsgegenstände für unsere Botschaft in London geladen hat. Wir kön- nen wohl schwerlich darauf verweisen, dass es sich dabei um eiliges Frachtgut handelt. Wir warten, bis wir an der Reihe sind.« Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris »Noch irgendwelche Fragen dazu?«, sagte Richter. »Nein, im Moment nicht. Danke für die kurze Zu- sammenfassung«, sagte Westwood. Er und Turner wa- ren sichtlich blass geworden, als Richter ihnen von den Kernwaffen berichtete, die angeblich in etlichen ameri- kanischen Großstädten versteckt worden waren. Dies-, mal fiel seine Erklärung deutlich kürzer aus, da die Amerikaner zumindest über einiges Hintergrundwis- sen verfügten. »Wären sie überhaupt dazu in der Lage, diese Sprengkörper zu konstruieren – ich meine, die Bom- ben und diese neuen Neutronenwaffen – und den Sa- telliten in eine Erdumlaufbahn zu schießen?«, fragte Miles Turner. »Ja, ohne jede Frage«, erwiderte Richter »Der GRU hat einen nahezu unbegrenzten Etat, und das SWR ist nach wie vor der größte Arbeitgeber des Landes – so wie einst das KGB. Wir wissen, dass sie die Mittel und Möglichkeiten dazu haben. Im Kreml verlässt man sich darauf, dass das SWR meldet, was im Lande vor sich geht, so wie einst das KGB, weil man kaum eine andere Informationsquelle hat. Da dieser Plan auf ho- her Ebene ausgeheckt worden sein muss, dürfte es nicht allzu schwierig gewesen sein, ihn zu verheimli- chen. Wir glauben, dass irgendjemand – vermutlich jemand von der Gruppe Nord – seit vier, fünf Jahren ein Auge auf Europa geworfen hat und dort die Lö- sung für alle Schwierigkeiten seines Landes sah. Die französische Landwirtschaft könnte die halbe Welt ernähren, wenn der politische Wille und die organisa- torischen Voraussetzungen vorhanden wären. Mit der deutschen Industrie ließe sich die Welt auch wirt- schaftlich beherrschen, wenn man sie entsprechend ausbaut. Die Mittel und Möglichkeiten dazu wären vorhanden. Man musste sich lediglich etwas einfallen lassen, wie man sie in die Hand bekommt. Wir glau-, ben, dass der Urheber dieses Plans vorhatte, Westeu- ropa zu annektieren, es einem erweiterten Ostblock einzuverleiben und den alten Traum einer kommunis- tischen Expansion in der ganzen Welt fortzuführen. Vermutlich dachte man, wenn man die europäische Wirtschaftskraft in seinen Besitz bringt, könnte man dafür sorgen, dass der Kommunismus doch funktio- niert, und aller Welt zeigen, dass Lenin, Marx und alle anderen seit jeher Recht hatten. Wir wissen es natür- lich besser. Unter kommunistischer Führung, bezie- hungsweise Misswirtschaft, wären Deutschland und Frankreich in fünf beziehungsweise zwei Jahren rui- niert. Allerdings musste man eine Möglichkeit finden, wie man Europa dazu bringen könnte, sich kampflos zu ergeben. Denn man wollte unter keinen Umstän- den, dass Deutschland und Frankreich durch einen Krieg verwüstet würden. Deshalb entschied man sich für einen doppelten Vorstoß. Erst werden die USA neutralisiert, indem man damit droht, alle größeren Städte mit Waffen zu vernichten, die bereits gelagert sind, sodass sie weder entdeckt, abgefangen oder durch einen Gegenschlag vernichtet werden können. Und wenn die Amerikaner ausgeschaltet sind, droht man Europa mit einer ähnlichen Zerstörung, aber oh- ne dass alles verstrahlt und von radioaktivem Nieder- schlag verwüstet wird.« »Mr. Beatty«, warf Lacomte ein und hob die Hand. »Ich weiß nicht, wie es meinen Kollegen geht, aber ich bin sowohl verwirrt als auch besorgt. Verwirrt, weil nahezu alles, was Sie uns vorgetragen haben, völlig, neu für mich ist, und ich gebe offen zu, dass ich nicht alles verstehe. Außerdem bin ich mir nicht ganz da- rüber im Klaren, ob ich es glauben soll. Aber ich ma- che mir auch zunehmend Sorgen, denn wenn das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht, sollte diese Be- sprechung auf einer weitaus höheren Ebene stattfin- den.« Er warf Richter einen scharfen Blick zu, dann schaute er auf seine Uhr. »Da es bereits kurz vor halb zwei ist, schlage ich vor, dass wir jetzt eine Mittags- pause machen und das Gespräch um fünfzehn Uhr fortsetzen. Ich werde dafür sorgen, dass der Innenmi- nister und seine ranghöchsten Mitarbeiter zu uns sto- ßen. Wäre Ihnen das recht?« »Absolut«, erwiderte Richter. »Dürfte ich noch zwei Bitten vorbringen, über die Sie mit dem Minister vor unserem Treffen heute Nachmittag sprechen sollten?« Lacomte nickte und nahm einen Stift zur Hand. »Ers- tens«, sagte Richter, »möchte ich, dass die Strecke, auf der der Konvoi mit der für London bestimmten Waffe fährt, überwacht wird und man uns laufend mitteilt, wo er sich befindet. Ich nehme an, das dürfte nicht allzu schwierig sein.« »Ganz und gar nicht«, erwiderte Lacomte. »Das kann ich jederzeit anordnen, ohne den Minister damit zu be- helligen. Können Sie uns mitteilen, auf welcher Route er fährt und wie wir die Fahrzeuge erkennen können?« »Die Route kann ich Ihnen heute Nachmittag nen- nen. Aber was die Fahrzeuge angeht, muss ich raten.« Richter schwieg einen Moment lang. »Der zweite Punkt dürfte etwas heikler sein«, sagte er., Lacomte nickte ihm ermutigend zu. »Fahren Sie fort, Mr. Beatty.« »Wir müssen diesen Konvoi aufhalten und das Be- gleitpersonal festsetzen. Ich bitte um die Erlaubnis, den britischen Special Air Service hinzuziehen und zu unserer Unterstützung einsetzen zu dürfen.« Richter hörte, wie Tony Herron kurz durchatmete. Lacomte zuckte sichtlich zusammen. »Ich glaube nicht, dass der Minister damit einver- standen sein wird, nicht ohne zwingenden Grund. Warum möchten Sie den SAS einsetzen?« Richter durfte Lacomte auf keinen Fall erklären, dass der britische SAS die beste Elitetruppe der Welt war – die Franzosen würden niemals zugeben, dass jemand besser war als sie. »Aus dreierlei Gründen«, sagte Richter. »Erstens muss ich den Einsatz zumindest teilweise leiten, da ich der Einzige bin, der genau weiß, worauf wir ach- ten müssen. Möglicherweise ist die Fracht mit Spreng- fallen gesichert, wenn nicht mit noch etwas Schlimme- rem. Ich spreche kein Französisch, aber ich muss wo- möglich Befehle erteilen, die unverzüglich und ohne Gegenfrage ausgeführt werden müssen – die SAS- Männer wüssten sofort, worauf es ankommt, und würden weitaus schneller reagieren als jemand, der nicht von Haus aus Englisch spricht. Zweitens ist der SAS auf solche Einsätze speziali- siert und könnte den Männern, die Sie für diesen Ein- satz abstellen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich möchte nur die übliche Vier-Mann-Patrouille hinzu-, ziehen, einen Offizier und drei Soldaten. Ich gehe da- von aus, dass eine Einsatzgruppe von etwa fünfzehn Mann genügen müsste, um den Konvoi aufzuhalten. Die SAS-Männer würden nur als Berater und zur Un- terstützung des französischen Teams tätig werden. Drittens käme ein Großteil der Londoner Bevölkerung ums Leben, wenn der Konvoi nicht aufgehalten wird und die Waffe ihr Ziel erreicht. Großbritannien ist also in erster Linie betroffen, deshalb meine ich, dass briti- sche Truppen ihren Beitrag dazu leisten sollten, dies zu verhindern.« Lacomte dachte einen Moment lang nach und nick- te dann bedächtig. »Ja, Mr. Beatty, das klingt plausi- bel. Ich werde dem Minister empfehlen, Ihrer Bitte nachzukommen.« 8. Arrondissement, Paris Richter, Tony Herron und John Westwood verließen das Ministerium gemeinsam. Miles Turner hatte sich sofort zur amerikanischen Botschaft begeben, um in Langley anzurufen und Anweisungen einzuholen. Die drei Männer gingen die Straße entlang, bis sie ein ei- nigermaßen preiswert wirkendes Restaurant fanden, in dem ein Tisch frei war. Sie setzten sich und bestell- ten sich etwas zu essen. »Ich kann nur hoffen, dass Sie wissen, worauf wir uns einlassen«, sagte Herron, als der Kellner wieder außer Hörweite war., »Ich auch«, erwiderte Richter und biss in ein Stück Baguette. »Sie beide kennen einander, nehme ich an«, fuhr Herron fort und warf Richter und Westwood einen kurzen Blick zu. »Wir waren vor ein paar Jahren an einer Verfol- gungsjagd quer durch Frankreich beteiligt«, sagte Richter. »Was machen Sie hier, John?« »Man hat mich hergeschickt, damit ich herausfinde, was los ist.« »Und? Haben Sie es erfahren?«, fragte Richter. »Nein«, erwiderte Westwood. »Die CIA in London hat es heute Morgen vom SIS erfahren.« »Was wollt ihr unternehmen?« »Ich habe keine Ahnung, was die Jungs daheim ma- chen – dafür ist jemand anders zuständig«, sagte West- wood. »Ich sollte herausfinden, was vor sich geht, was ich meiner Meinung nach getan habe. Deshalb warte ich jetzt einfach ab, wie es weitergeht. Das heißt, wenn Langley mir keinen anderen Auftrag erteilt.« Richter nickte. Im Restaurant war so viel los, dass sie sich leise miteinander unterhalten konnten, ohne befürchten zu müssen, dass jemand mithören konnte. »Okay«, sagte Richter, »nachdem der Höflichkeit Ge- nüge getan ist, sollten wir uns jetzt wieder der anste- henden Aufgabe zuwenden. Die Zeit drängt. Wir müssen den Lastwagen morgen aufhalten, was wie- derum heißt, dass wir das SAS-Team bis spätestens heute Nacht herholen müssen.« »Angenommen, der Minister genehmigt den Ein-, satz nicht?«, fragte Herron. »Dann geht’s den Franzosen bald sehr schlecht. Wir müssen einfach davon ausgehen, dass er damit ein- verstanden ist. Können Sie ein Auto besorgen und ei- nem Ihrer Freunde in der Botschaft sagen, dass er sich hier mit uns treffen soll, bevor wir ins Ministerium zurückkehren? Wir müssen die Sache so bald wie möglich in die Wege leiten.« Im Geheimdienstjargon ist ein »Freund« ein Mitar- beiter des britischen Secret Intelligence Service, der für gewöhnlich an einer Botschaft stationiert ist. »Ja«, erwiderte Herron. »Ich rufe gleich an.« Er zückte sein Handy, wählte eine Nummer und unter- hielt sich kurz mit jemandem. »Kein Problem«, sagte er dann. »Er ist um Viertel nach zwei da.« Waidhaus, Deutschland Als der Konvoi die Grenze erreichte, winkten ihn die tschechischen Zöllner nach kurzem Blick auf die Pässe durch. Die Deutschen waren gründlicher. »Warum«, fragte der Zollbeamte, »wird ein Möbel- transporter von drei Begleitfahrzeugen quer durch Europa eskortiert?« Er und Modin saßen in einem der Abfertigungsräume der Grenzstation und unterhielten sich auf Englisch, der einzigen Sprache, in der sie sich verständigen konnten. Modin schüttelte den Kopf. »Das ist keine Eskorte«, sagte er. »Der Lastwagen befördert lediglich Möbel, und andere Einrichtungsgegenstände zu unserer Bot- schaft in London. Wir haben in letzter Zeit ähnliche Transporte zu anderen russischen Botschaften in Westeuropa durchgeführt«, fügte er hinzu. Er er- wähnte nicht, dass bei einigen dieser Transporte eine Fracht befördert worden war, die nicht in den Papie- ren aufgeführt war. »Warum lässt die Londoner Botschaft ihre Möbel aus Russland liefern? Gibt es in England keine Möbel- geschäfte?« Modin nickte. »Selbstverständlich«, erwiderte er. »Aber Sie müssen bedenken, wie schlecht es seit Glas- nost um die russische Wirtschaft bestellt ist. Unsere Regierung hat angeordnet, dass alle Möbel und Ein- richtungsgegenstände für die Botschaften in Russland gekauft werden müssen.« Der Deutsche schnaubte. »Wie ich sehe, bezieht sich diese Vorschrift nicht auf die Fahrzeuge, mit denen Sie unterwegs sind.« »Das ist etwas anderes. Wir sind leider gezwungen, für unsere Botschaften Autos zu kaufen, die im Wes- ten hergestellt wurden. Bei russischen Fahrzeugen kommt es bedauerlicherweise immer wieder zu Ver- zögerungen bei der Lieferung von Ersatzteilen, Wir können unseren Botschaften nicht zumuten, dass ihre Dienstfahrzeuge über einen längeren Zeitraum hin- weg nicht zur Verfügung stehen. Das Gleiche gilt für internationale Schwertransporte – wir können es uns nicht leisten, dass liegen gebliebene Fahrzeuge tage- oder wochenlang herumstehen.«, »Und die sechzehn Mann Begleitpersonal?«, hakte der deutsche Beamte nach. »Das hat sich einfach so ergeben«, erwiderte Modin ruhig. »An unserer Londoner Botschaft findet zur Zeit ein größerer Personalwechsel statt.« »Warum sind sie nicht nach London geflogen?« »Aus wirtschaftlichen Gründen«, entgegnete Mo- din. »Da die Fracht ohnehin auf der Straße befördert werden musste und in den Fahrzeugen noch Plätze frei waren, wäre es Unsinn gewesen, Geld für Flugti- ckets auszugeben.« Der Zöllner musterte Modin eine Minute lang, dann stand er auf. »Na schön«, sagte er und gab dem Rus- sen den Diplomatenpass zurück. Ihm blieb kaum et- was anderes übrig, und sowohl er als auch Modin wussten es. »Fahren Sie weiter«, fügte er hinzu. 8. Arrondissement, Paris Als der Wagen anhielt, stiegen die drei Männer hinten ein, und Herron wies den Chauffeur an, ein paar Mi- nuten in der Gegend herumzufahren. Nachdem sie sich in den Verkehr eingefädelt hatten, teilte Herron dem SIS-Mitarbeiter, der neben dem Fahrer saß, mit, worum es ging. Dann wandte er sich an Richter. »Gut, was soll er für Sie erledigen?« »Zunächst einmal«, sagte Richter, »möchte ich le- diglich, dass der SAS in Marsch gesetzt wird. Können Sie von der Botschaft aus eine Nachricht an den FOE, in London absetzen – zu Händen des Direktors, Mit- teilung an den SIS und an Stirling Lines – und um den sofortigen Einsatz eines vierköpfigen SAS-Teams bit- ten? Ich möchte gern, dass Captain Colin Decker die Leitung übernimmt, falls er abkömmlich ist. Nähere Anweisungen werden in Paris erteilt, aber das Team sollte Waffen und Ausrüstung bereithalten, die für ei- nen Einsatz gegen einen bewaffneten Fahrzeugkonvoi geeignet sind. Die Anreise nach Paris soll per Auto er- folgen, mit einem Zivilfahrzeug, vorzugsweise einem ›Q‹-Van.« Die ›Q‹-Vans des SAS sind getarnte Fahrzeuge, für gewöhnlich vom Typ Leyland Sherpa oder Ford Tran- sit, die mit speziellem Fahrwerk, auffrisierten und sehr starken Motoren, übergroßem Tank und weite- rem Zubehör ausgestattet sind. Außerdem verfügen sie über geheime Staufächer für Waffen und Ausrüs- tung, die ein Polizei- oder Zollbeamter auch bei einer mehr als nur flüchtigen Überprüfung nicht so leicht entdeckt. Manche sind als Schulbusse getarnt, andere als Baufahrzeuge, aber es gibt auch noch zahlreiche andere Varianten. »Zwei Fragen«, sagte der SIS-Mann. »Welche Klas- sifizierung und welche Dringlichkeit soll ich auf der Nachricht angeben? Und wo wollen Sie sich mit dem Team treffen?« Richter dachte einen Moment lang nach. »Deklarie- ren Sie die Nachricht als ›geheim‹ und geben Sie Dringlichkeitsstufe eins an. Ach, und als Grund für den Einsatz tragen Sie ›Operation Overkill‹ ein. Tref-, fen sollten wir uns meiner Meinung nach heute Nacht in meiner Unterkunft. Ja«, sagte er und lächelte. »Das wird ihnen gefallen. Treffpunkt ist Camp Davy Cro- ckett beim Disneyland Paris. Teilen Sie mit, dass ich dort ein Quartier für sie reservieren werde. Für vier Mann, auf den Namen, äh, Robbins.« Richter nannte ihm die Nummer der am »Cherokee Trail« gelegenen Hütte. »Teilen Sie mit, dass sich der SAS unmittelbar nach der Ankunft im Lager bei dieser Hütte melden soll. Aber nennen Sie meinen Namen nicht«, fügte Richter hinzu. »Bezeichnen Sie mich nur als Einsatz- leiter.« Westwood schaute Richter lächelnd an. »Sie woh- nen in Disneyland?« Er kicherte und Richter grinste ihn an. »Würden Sie mich dort suchen, wenn Sie der Anführer eines russi- schen Killertrupps wären?« Westwood hörte auf zu lächeln. »Nein«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Vermutlich nicht.« Anton Kirow »Gibraltar, Gibraltar, hier Motorschiff Anton Kirow. Over.« Der Speznas-Funker regelte kurz die Feinein- stellung des Funkgeräts und horchte. »MS Anton Kirow, hier Gibraltar. Sprechen Sie. Over.« Die Stimme aus dem Deckenlautsprecher klang dünn und leicht verzerrt, war aber gut zu verstehen. Pjotr Saworin nickte, worauf sich der Funker wie-, der meldete. »Gibraltar, hier Anton Kirow, Heimatha- fen Odessa, mit gemischter Fracht nach Tanger un- terwegs. Wir hatten einen kleinen Brand im Maschi- nenraum und bitten um Erlaubnis, Gibraltar anlaufen zu dürfen, um die nötigen Reparaturen auszuführen. Over.« Einen Moment lang herrschte Stille, bis der Funker aus Gibraltar antwortete. »Brauchen Sie Hilfe, Anton Kirow? Over.« »Negativ, Gibraltar. Wir müssen eine Treibstoff- pumpe und einige Leitungen ersetzen, brauchen aber keinerlei Hilfe. Over.« »Warten Sie.« Zwei Minuten lang herrschte Funkstille. »Anton Ki- row, hier Gibraltar. Erlaubnis erteilt. Wann sind Sie voraussichtlich in Gibraltar? Over.« Saworin wandte sich an Bondarew. »In etwa drei Stunden, es sei denn, wir sollen mehr Fahrt machen.« Saworin schüttelte den Kopf. »Nein, wir behalten die Geschwindigkeit bei. Teilen Sie mit, dass wir in drei Stunden da sind.« »Gibraltar, hier Anton Kirow. Wir schätzen, dass wir in etwa drei Stunden dort sind. Over.« »Roger. Drehen Sie eine Meile westlich von Gibral- tar bei und warten Sie auf den Hafenschlepper. Man wird Ihnen einen Liegeplatz an der North Mole zu- weisen. Over.« »Danke, Gibraltar. Out.« Der Funker nahm seine Kopfhörer ab und nickte Saworin zu., »Ausgezeichnet«, sagte Saworin. »Wir haben so- eben die letzte Phase des Unternehmens eingeleitet.« Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Der Wagen setzte sie an der Rue de Saussaies ab. Sie gingen noch ein kurzes Stück zu Fuß und trafen um drei im Ministerium ein. Wieder wurden sie in den Konferenzraum geführt, wo Lacomte sie bereits er- wartete. Miles Turner und die beiden DST-Männer waren ebenfalls schon anwesend. Richter, Herron und Westwood waren kaum eine Minute da, als vier wei- tere Männer eintraten. Lacomte begrüßte sie etwas förmlich, stellte sie auf Englisch und Französisch ein- ander vor und wandte sich dann an Richter. »Der Minister ist heute Nachmittag nicht in Paris, aber wir erwarten ihn bis heute Abend zurück. Mon- sieur Giraud« – er deutete auf den älteren Mann, der gerade am Kopfende des Tisches Platz genommen hatte – »ist der Erste Berater des Ministers, das ent- spricht etwa einem Staatssekretär bei Ihnen. Ich habe ihm und seinen Mitarbeitern die Lage erklärt. Er hat die Angelegenheit über eine sichere Telefonleitung mit dem Minister besprochen. Der Minister hat Mon- sieur Giraud sämtliche Entscheidungsvollmachten erteilt.« Lacomte hielt kurz inne. »Der Minister ist sich noch nicht schlüssig, ob er den Einsatz Ihres Special Air Service auf französischem Boden zu-, stimmen soll. Aber er wird diese Entscheidung Mon- sieur Girrad überlassen. Monsieur Giraud wird da- rüber befinden, nach dem er die Vorschläge im Ein- zelnen gehört hat.« »Ich verstehe«, sagte Richter, worauf ihm Tony Herron einen kurzen Blick zuwarf. Richter fragte sich, wie viel Überzeugungsarbeit ihm an diesem Nachmit- tag noch bevorstand. »Monsieur Giraud«, fuhr Lacomte fort, »versteht Englisch, aber da es bei dieser Angelegenheit um viele technische Details geht, bat er mich darum, Ihre Aus- künfte ins Französische zu übersetzen, um jedes Missverständnis zu vermeiden.« Und um uns deutlich zu machen, dachte Richter, dass wir in Frankreich sind und nach Ansicht eines überzeugten Gallier Französisch sprechen sollten. »Bevor wir beginnen«, sagte Lacomte, »würde ich Ihnen gern noch zwei Fragen stellen.« Richter nickte. »Soweit wir wissen, haben Sie einen Großteil der In- formationen zu dieser Angelegenheit auf indirektem Weg bezogen, wenn man das so sagen will, und man- ches davon klingt etwas weit hergeholt. Aus welcher Quelle haben Sie Ihre Informationen über die Spreng- körper auf französischem Boden bezogen, und wie zuverlässig sind diese Auskünfte?« Richter ging jede Wette ein, dass die Frage von Monsieur Girud stammte. »Diese Auskünfte stammen vom Londoner Residenten des SWR persönlich, von Wladimir Orlow«, sagte Richter. »Nach unserem Be- wertungssystem handelt es sich um ein Information, der Klasse eins – das heißt, hundertprozentig zuver- lässig, Irrtum ausgeschlossen.« Lacomte wandte sich an Monsieur Giraud, der kurz nickte. »Sind Sie sich darüber im Klaren, dass die Rus- sen in einigen den von Ihnen genannten Städte keine diplomatische Vertretung haben? In Nizza zum Bei- spiel. Wo sollten sie dort eine Waffe deponieren?« »Bei allem Respekt«, erwiderte Richter, »aber das ist nur ein Detail. Orlow wusste es nicht genau und konn- te uns daher auch nicht mitteilen, wo die einzelnen Sprengkörper deponiert sind. Ich kann mir vorstellen, dass die Russen eine Briefkastenfirma gegründet ha- ben, die irgendwo ein Lagerhaus oder ein Büro gemie- tet hat. Und dort dürfte sich die Waffe befinden.« Lacomte schaltete auf Französisch um und stellte Giraud ein paar rasche Fragen. Giraud antwortete lei- se. Dann wandte sich Lacomte wieder an Richter. »Haben Sie Hinweise von unabhängiger Seite, die bes- tätigen, dass Orlow Ihnen die Wahrheit gesagt hat?« Richter schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er. »Wir haben keine Beweise, die seine Aussage bekräf- tigen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er unter den Umständen, unter denen das Verhör stattfand, ge- logen hat.« Giraud verzog kurz das Gesicht. »Ich kann lediglich darauf hinweisen, dass ein großer Teil von Orlows Aussagen indirekt durch andere Erkenntnisse bestätigt wurden, die wir gewonnen haben. Ich habe bereits den Einsatz des Blackbird erwähnt, dazu die Entführung unseres Moskauer Stationsleiters und dergleichen mehr.«, »Darf ich etwas dazu sagen?«, fragte Westwood. »Natürlich«, erwiderte Lacomte und winkte ihm zu. »Es handelt sich um eine Sache, von der außer Mi- les Turner niemand in diesem Raum etwas weiß«, sagte Westwood. »Die Firma – die CIA – hat einen Hinweis auf die russischen Pläne erhalten, eine Vor- warnung. Einige Zeit, bevor wir den Blackbird einge- setzt haben.« Einen Moment lang herrschte eisiges Schweigen. »Aha?«, sagte Richter leise. »Aber ihr habt es nicht für nötig befunden, uns Bescheid zu sagen, was?« Westwood schüttelte den Kopf. »Das war nicht meine Entscheidung«, entgegnete er. »Das wurde in der Firma so beschlossen.« »Woher stammt dieser Hinweis?«, fragte Lacomte. »Das kann ich Ihnen nicht sagen«, erwiderte West- wood, der gleichzeitig die Hand hob, als Richter zu einem Einwand ansetzte. »Weil wir es schlicht und einfach nicht wissen. Die Kontaktaufnahme erfolgte über unseren Stationschef, dem irgendjemand einen Film in die Jackentasche steckte. Wir erhielten weite- res Material von diesem Informanten, wissen aber immer noch nicht, wer er ist. Allerdings wissen wir aufgrund der Bilder, die auf dem ersten Film waren, dass es sich um eine Quelle aus dem höheren Füh- rungskreis von GRU oder SWR handeln muss.« »Okay«, sagte Richter. »Wir können das im Moment nicht weiter vertiefen. Wie lautete die Warnung, die euch diese Quelle zukommen ließ?« Westwood schüttelte den Kopf. »Das war ja das, Problem«, erwiderte er. »Deswegen sind wir doch rum- gelaufen wie aufgescheuchte Hühner und haben über- all um Hilfe ersucht. Die Warnung enthielt keine nähe- ren Angaben. Sie besagte lediglich, dass ein geheimer Angriff auf den Westen im Gang sei – aber keine ge- nauere Erklärung. Allerdings«, fügte er an Lacomte gewandt hinzu, »bestätigt sie Mr. Beattys Aussage.« Lacomte blickte kurz zu Giraud, dann wandten sich beide an Richter. »Den einzigen handfesten Beweis, den es gibt«, sagte Richter, »kann ich Ihnen im Mo- ment noch nicht vorlegen.« »Den Lastwagen?«, hakte Lacomte nach. »Genau«, antwortete Richter. »Den Lastwagen. Wenn der angehalten wird und lediglich Lenins ge- sammelte Werke oder irgendwelches andere Zeug ge- laden hat, das auf dem Frachtbrief steht, bitte ich un- tertänigst um Vergebung und fresse einen Besen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir eine Stahlkiste mit einer ekelhaften kleinen Kernwaffe finden wer- den, adressiert an das Harrington House, Kensington Palace Gardens Nummer 13, London, W8.« »Was ist das?«, fragte Lacomte. »Das ist der offizielle Amtssitz Seiner Exzellenz, des russischen Botschafters am britischen Königshof.« Danach herrschte einen Moment lang Schweigen, bis Giraud zum ersten Mal auf Englisch das Wort er- griff. »Folglich«, sagte er, »müssen Sie den Lastwagen anhalten?« »Ja«, erwiderte Richter. »Wir müssen den Lastwa- gen anhalten.«, Anton Kirow Saworin stieß die Stahltür auf, die zum Maschinen- raum führte, und ging vor Bondarew hinein. Rasch stieg er über eine Eisenleiter ins darunter liegende Deck hinab und ging mit weit ausholenden Schritten nach Steuerbord. Drei seiner Männer standen neben der Treibstoffpumpe, um die etliche in Öl getränkte Lumpen und Papier aufgetürmt waren. »Ist das wirklich nötig?«, fragte Bondarew, der bei- nahe wehleidig klang. »Ja, Kapitän«, erwiderte Saworin. »Womöglich be- steht man in Gibraltar darauf, uns einen Hilfstrupp an Bord zu schicken. Wenn im Maschinenraum aber kei- nerlei Schaden zu erkennen ist, dürfen wir niemanden an Bord lassen. Das jedoch würde verdächtig wirken.« Saworin wandte sich an seine Männer. »Zehn Mi- nuten, nicht länger«, sagte er. »Dann erstickt ihr die Flammen. Seht zu, dass ihr rund um die Pumpe reich- lich Löschschaum verteilt, und kappt den Einlassstut- zen.« Er nickte dem Mann zu, der ein Gasfeuerzeug in der Hand hatte. Der Mann ließ es aufflackern, schirm- te die Flamme mit der Hand ab und hielt sie ans Pa- pier. »Jetzt«, sagte Saworin, während er einen Mo- ment lang die aufzüngelnden Flammen betrachtete, ehe er sich wieder an Bondarew wandte, »können wir ihnen den Schaden zeigen.«, Ansbach, Deutschland Der Konvoi war kurz hinter Hartmannshof auf die Autobahn gestoßen und in Richtung Südosten an Nürnberg vorbeigefahren. Auf Modins Anweisung hin hielt er südlich von Ansbach auf einem Rasthof, wo sie eine kurze Pause einlegten und die Fahrer wechselten. Wieder zogen er und Bykow die Karte zurate. »Ich glaube, wir nehmen eine kleine Änderung vor, Wiktor«, sagte Modin. »Ursprünglich sollten wir über Stuttgart fahren, weil das der direkte Weg ist. Aber meiner Meinung nach kommen wir schneller voran, wenn wir auf der Autobahn bleiben.« »Ja, einverstanden«, erwiderte Bykow, während er die Strecke mit dem Finger verfolgte. »Also«, fuhr Modin fort. »Wir fahren weiter in Rich- tung Westen, über Heilbronn und Walldorf, dann in Richtung Süden, an Karlsruhe und Baden-Baden vor- bei nach Straßburg. Sagen Sie den Fahrern Bescheid.« Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Giraud unterhielt sich kurz mit einem seiner Mitarbei- ter auf Französisch, hörte sich seine Antwort an und wandte sich dann wieder an Richter. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Mr. Beatty, sieht die Lage folgendermaßen aus. Sie meinen ein-, deutige Hinweise vorliegen zu haben, denen zufolge eine oder mehrere Gruppierungen innerhalb der rus- sischen Sicherheitsdienste einen Versuch unterneh- men wollen, Amerika zu erpressen und Europa ohne jeden Einsatz militärischer Gewalt zu unterwerfen.« Girauds Englisch war ebenso einwandfrei wie seine Beurteilung der Lage. »Ganz recht« sagte Richter. »Aber weder Sie noch die amerikanische CIA kön- nen gesicherte Erkenntnisse vorlegen, die diese zuge- gebenermaßen interessante Theorie stützen, wenn man von einigen Indizien absieht, die möglicherweise darauf hindeuten, dass etwas im Gange ist?« Richter nickte. »Und der einzige handfeste Beweis, der mögli- cherweise beigebracht werden kann, befindet sich auf einem Lastwagen, der demnächst durch Frankreich fahren soll?« »Ja«, sagte Richter. »Ein Lastwagen, der, wenn ich es recht verstanden habe, als Diplomatenfahrzeug deklariert ist und somit besonderen Rechtsschutz genießt und vermutlich von bewaffneten Kurieren begleitet wird, die ebenfalls Diplomatenpässe besitzen. Entspricht diese Zusam- menfassung in etwa den Gegebenheiten?« »Ja«, sagte Richter, »aber –« Giraud setzte gnadenlos nach. »Sie sind sich doch sicherlich darüber im Klaren, dass jegliche Behinde- rung eines solchen Fahrzeugs auf einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Herkunftsland hinausliefe. Und dass es auf internationaler Ebene zu, schwersten – ich wiederhole, zu schwersten – Ver- stimmungen käme, wenn sich Ihre Theorie als Ausge- burt der Fantasie erweisen sollte.« »Ja.« Richter fiel nichts anderes dazu ein. Giraud musterte ihn mit durchdringendem Blick, wandte sich dann an Lacomte und unterhielt sich ei- nen Moment lang mit ihm auf Französisch. Richter warf einen kurzen Blick zu Tony Herron und zuckte die Achseln. Giraud wandte sich wieder an Richter. »Ich nehme an, Ihr Special Air Service ist bereits un- terwegs?« »Äh, ja«, antwortete Richter. »Eigentlich schon.« »Das haben wir erwartet«, sagte Lacomte nickend. »Angesichts des Zeitrahmens, den Sie uns dargelegt haben, müssten sie jetzt in Hereford aufbrechen, wenn sie nicht schon aufgebrochen sind.« »Ich musste der Entscheidung vorgreifen«, erklärte Richter. »Ich musste einfach davon ausgehen, dass wir die Erlaubnis bekommen. Man kann sie natürlich noch aufhalten, vermutlich noch bevor sie in Dover sind.« »Das würde ich nicht tun«, sagte Giraud. »Meiner Meinung nach werden Sie ihre Unterstützung benöti- gen, um diesen Lastwagen aufzuhalten.« Er bedachte die Runde mit einem eisigen Lächeln, winkte seinen Mitarbeitern zu und stand auf. Lacomte wirkte sicht- lich gelöster, als sie den Raum verlassen hatten. »Was hat ihn zum Einlenken bewogen?«, fragte Westwood. »Die möglichen Verstimmungen auf internationaler, Ebene, glaube ich«, sagte Lacomte. »Wenn er die Er- laubnis verweigert hätte, und hinterher hätte sich he- rausgestellt, dass Sie Recht hatten, wäre er beruflich erledigt.« »Jeder andere wäre beruflich vermutlich ebenfalls erledigt«, warf Tony Herron ein. »Ganz recht«, sagte Lacomte. »Aber wenn er zu- lässt, dass der SAS an der Aktion teilnimmt, und ir- gendetwas geht schief, kann er hinterher behaupten, es habe sich um ein typisch britisches Hauruckunter- nehmen gehandelt, von dem er nichts wusste. Er hat mir sogar ausdrücklich die Anweisung erteilt«, fuhr er fort, »dafür zu sorgen, dass die SAS-Männer den Zugriff auf den Konvoi leiten und die französische Seite sich so weit wie möglich zurückhält.« »Natürlich nur, damit er sich leichter herauswinden kann.« Lacomte lächelte. »Natürlich.« »Ein verdammter alter Machiavellist«, erklärte Richter. »Ja, das sagt man ihm nach.« Lacomte rieb sich die Hände und erteilte einem seiner Mitarbeiter ein paar Anweisungen, worauf dieser den Raum verließ. »Zur Sache«, sagte er. »Fangen wir mit dem Konvoi an.« »Gut«, pflichtete ihm Richter bei und schlug wieder den Ordner auf. »Zunächst zur Strecke. Orlow war sich nicht ganz sicher, aber höchstwahrscheinlich ist er von Minsk aus aufgebrochen. Er dürfte durch Polen und vermutlich über Tschechien nach Deutschland gefahren sein und müsste bei Straßburg die französi-, sche Grenze überqueren – wenn er sie nicht schon über- quert hat.« Lacomte warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich glau- be nicht, dass er bereits in Frankreich ist«, sagte er. »Ich habe heute Morgen die Anweisung erteilt, dass sämtliche Landesgrenzen – von der Grenze zu Spa- nien einmal abgesehen – überwacht werden und dass man Fahrzeuge, deren Begleitpersonal sich auf seine diplomatische Immunität beruft, so lange wie möglich aufhalten soll, ohne dass es allzu sehr auf- fällt.« »Danke«, sagte Richter und nickte beifällig. »Bislang haben wir nichts gehört, deshalb können wir davon ausgehen, dass der Konvoi noch in Deutsch- land ist. Welchen Zeitrahmen hat Ihnen Orlow ge- nannt?« Richter zog wieder seine Akte zurate. »Er sagte, die für London bestimmte Waffe sollte übermorgen in Stellung gebracht werden.« »Gut, und die Einreise erfolgt über Straßburg. Ich glaube, die Baustellen bei Straßburg werden den Kon- voi etwas aufhalten. Meiner Meinung nach wird er frühestens morgen Nachmittag in Reims sein.« »Sind denn bei Straßburg Baustellen?«, fragte West- wood. »Ja, in spätestens einer Stunde«, erwiderte Lacomte und erteilte dem zweiten DST-Mann ein paar kurze Anweisungen. Als dieser aufbrach, kehrte sein Kolle- ge mit einem Stapel Landkarten von Nordfrankreich zurück, die er auf dem Konferenztisch ausbreitete., »Und ab Straßburg?«, fragte Lacomte. »Wie geht es von dort aus weiter?« »Orlow war der Meinung, dass der Konvoi so weit wie möglich auf der Autobahn bleibt. Folglich wird er von Straßburg aus vermutlich über Metz oder Châlons- sur-Marne nach Reims fahren. Aller Wahrscheinlich- keit nach wird er dann die A26 nach St. Quentin neh- men und an Cambrai vorbei zum Kanal vorstoßen. Die Überfahrt dürfte von Calais oder Boulogne aus er- folgen, und wahrscheinlich haben sie vor, morgen Nacht überzusetzen.« Lacomte hatte die möglichen Strecken auf der Karte verfolgt. Als Richter verstummte, strich er den mittle- ren Abschnitt glatt und musterte ihn eingehend. »Und wo wollen wir sie aufhalten?«, fragte er. »Ehrlich gesagt«, erwiderte Richter, »bin ich noch nicht so weit gekommen. Ich dachte, wir täuschen vielleicht eine Umleitung von der Autobahn vor und schnappen uns den Laster irgendwo auf einer ruhigen Landstraße. Möglicherweise könnten sich die Männer vom Eingreiftrupp als französische Lastwagenräuber ausgeben.« Lacomte schaute ihn an. »Ich will nicht so tun, als gäbe es bei uns keine Banden, die sich auf Lastwagen- diebstahl spezialisiert haben, aber meiner Meinung nach müsste es sich um eine sehr mutige, um nicht zu sagen dumme Bande handeln, wenn sie einen mit CD- Schildern versehenen Lastwagen überfällt, der von zwei oder drei Personenwagen voller bewaffneter Ku- riere begleitet wird. Nein, ich glaube, wir sollten eine, kleine List anwenden.« Er dachte einen Moment lang nach. »Der Vorschlag mit der Umleitung gefällt mir«, sagte er. »Aber wir sollten umgekehrt vorgehen.« »Umgekehrt?«, fragte Richter. »Wir lassen den Konvoi auf der Autobahn weiter- fahren und leiten stattdessen alle anderen Fahrzeuge um.« »Sehr raffiniert«, sagte Tony Herron. »Das ist großartig«, sagte Richter. »Damit haben wir jede Menge Platz, ohne dass es irgendwelche Zeugen gibt. Können Sie das arrangieren?« »Natürlich«, erwiderte Lacomte. »Wir haben das schon öfter gemacht.« Er nahm ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand und zeichnete eine Skizze. »Zu- nächst«, sagte er, »suchen wir einen Streckenabschnitt aus, an dem es keine Raststätten gibt, und räumen sämtliche Parkplätze in beiden Fahrtrichtungen. Dann warten wir, bis der Konvoi hier vorbeifährt«, sagte er und zeichnete nördlich des Streckenabschnitts, den er skizziert hatte, einen Parkplatz ein. »Dort werden wir eines unserer Fahrzeuge mit einem Funker postieren. Sobald er uns den Standort des Konvois durchgibt, machen wir uns bereit zum Zugriff.« Er deutete auf ein Autobahnkreuz, das er eingezeichnet hatte. »So- bald der Konvoi diesen Knotenpunkt passiert, riegeln wir die Zufahrten ab, stellen auf der Autobahn Ab- sperrungen auf und leiten den nachfolgenden Verkehr auf die Route Nationale um. Der Konvoi dürfte relativ langsam fahren, daher sollte binnen kurzer Zeit kein anderes Fahrzeug vor oder hinter ihm in Richtung, Norden unterwegs sein. Falls irgendwelche Fahrzeuge hinter ihm herzockeln, werden sie von der Gendarme- rie angehalten.« Lacomte fand sichtlich Gefallen an seiner Arbeit. »Sobald wir die Autobahn in Richtung Norden ge- sperrt haben, riegeln wir den entsprechenden Stre- ckenabschnitt in Richtung Süden ab, damit es garan- tiert keine Zeugen gibt. Dazu sperren wir die beiden nördlich von dieser Stelle gelegenen Auffahrten. So- bald der übrige Verkehr umgeleitet ist, halten Ihre SAS-Männer und unsere Einsatzgruppe den Lastwa- gen an.« Leichter gesagt als getan, dachte Richter. Doch es könnte durchaus klappen. Aber er war sich nicht si- cher, ob es so einfach vonstatten gehen würde, wie Lacomte meinte. »Na schön«, sagte Richter. »Meinet- wegen. Aber einen Lastwagen kann man nicht so ein- fach anhalten. Was machen wir, wenn der Fahrer ein- fach weiterfährt – wenn er den ausdrücklichen Befehl dazu hat?« »Wir täuschen einen Unfall vor«, sagte Tony Herron. »Was meinen Sie damit?« »Die Russen dürfen keinen Verdacht schöpfen. Wenn in Richtung Süden keinerlei Verkehr unterwegs ist und sie von niemandem überholt werden, fällt ih- nen das vermutlich auf, und sie rechnen mit irgend- welchen Schwierigkeiten. Deshalb tun wir so, als hätte es einen Unfall gegeben – einen schweren, sodass die Autobahn in Richtung Norden komplett gesperrt werden musste –, und lassen in südlicher Richtung, Rettungswagen auffahren. Jede Menge Blinklichter, ein Riesendurcheinander, und überall Leute, die auf der Fahrbahn herumlaufen.« »Ja«, sagte Lacomte. »Das könnte klappen.« »Der Konvoi muss anhalten, und wenn alle Fahr- zeuge stehen, sollte es nicht allzu schwer sein, den Begleitschutz auszuschalten. Vielleicht könnte man einen Gendarmen vorschicken, der sich erkundigt, ob in einem der Fahrzeuge ein Arzt sitzt, um einen Erste- Hilfe-Kasten bittet oder so was Ähnliches. Irgendet- was, damit sie abgelenkt werden.« »Sehr gut«, sagte Richter und wandte sich an La- comte. »Können Sie das organisieren?«, fragte er. »Ja«, erwiderte Lacomte. »Wir nehmen zwei Sattel- schlepper und stellen sie quer zur Fahrbahn, so als wären sie beim Überholen zusammengestoßen. So et- was kommt in Frankreich häufig vor«, fügte er hinzu. »Mit der genauen Einsatzplanung befassen wir uns, wenn ich mit dem SAS-Offizier gesprochen habe«, sagte Richter. »Aber wir sollten die Stelle festlegen, an der der Zugriff erfolgen soll, damit Sie alles vorberei- ten können.« Lacomte nickte und nahm sich wieder die Karten vor. Der andere DST-Mann kehrte ebenfalls zurück und teilte ihnen mit, dass kurz hinter Straßburg ein schwerer Wasserrohrbruch aufgetreten sei, sodass sämtliche Schwertransporter nur langsam zur Auto- bahn durchgewunken werden könnten. Personenwa- gen, fügte er lächelnd hinzu, könnten die Baustelle re- lativ mühelos passieren., Eine halbe Stunde später hatten sie die richtige Stel- le gefunden. Der Zugriff sollte auf der A26 zwischen Laon und St. Quentin erfolgen, genau zwischen An- schlussstelle 13 bei Chambry, unmittelbar nördlich von Laon gelegen, und Anschlussstelle 12, bei Cour- bes. Falls es zu einem Schusswechsel kommen sollte, ließe sich dort ohne weiteres eine Erklärung dafür finden, da sich südlich der Autobahn, zwischen Vivai- se und Couvron-et-Aumencourt, ein Truppenübungs- platz befand. »Wen wollen Sie für den Zugriff einsetzen?«, fragte Richter. »Die Gigènes«, sagte Lacomte. »Die GIGN – die Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale. Die haben in Maisons-Alfort eine Kaserne, das liegt südöstlich von Paris.« Die GIGN wurde am 3. November 1973 aufgestellt, nach der Besetzung der saudischen Botschaft in Paris im gleichen Jahr. Bei dieser Spezialtruppe legt man seit jeher großen Wert auf die Ausbildung im Präzisi- onsschießen, was sie im Februar 1976 nachdrücklich unter Beweis stellte, als Scharfschützen der GIGN auf einen Schlag fünf Terroristen der Somalischen Befrei- ungsfront töteten, die einen Schulbus mit dreißig Kin- dern im Alter von sechs bis zwölf Jahren in ihre Ge- walt gebracht hatten. Die Präzisionsschützen mussten über zehn Stunden warten, bis sie alle Terroristen gleichzeitig ausschalten konnten. Das einzige Opfer war ein kleines Mädchen, das von einem sechsten Ter- roristen umgebracht wurde, der sich nach der Schie-, ßerei in dem Bus verschanzte. Als die GIGN-Männer anschließend den Bus stürmten, kam auch er ums Le- ben. »Wir dachten«, fuhr Lacomte lächelnd fort, »dass die SAS-Männer vielleicht einmal mit echten Profis zusammenarbeiten möchten.« Es war schon nach sechs, als Richter und Herron aus dem Ministerium kamen und in den bereitstehen- den Wagen stiegen. Westwood winkte ihnen zu und lief in Richtung Avenue Gabriel. Als sie wieder in der britischen Botschaft waren, ging Herron die eingegan- genen Mitteilungen durch und reichte Richter eine Nachricht von Stirling Lines – die Fernmeldekennung des SAS-Hauptquartiers in Hereford. Darin wurde bes- tätigt, dass die angeforderte Einheit an diesem Abend bis spätestens 23 Uhr 59 westeuropäischer Zeit eintref- fen werde. Kein Datum, keine Ortsangabe, kein Na- me. Typisch SAS. Marne-la-Vallée Zehn Minuten vor Mitternacht klopfte es zweimal lei- se an der Hüttentür. Richter packte alle Papiere in den Aktenkoffer und schloss ihn ab, zog den Smith & Wesson aus dem Schulterholster und schob vorsichtig den Vorhang auf. Draußen stand ein weißer Transit mit der Aufschrift »Uxbridge Vehicle Hire« und ei- nem von Hand geschriebenen Schild im Fenster, wo- nach die Insassen Mitglieder des Rotary Clubs (Pin-, ner, West London) waren. Richter verbarg den Smith hinter dem Rücken und öffnete die Tür. Der Mann trug Anzug und Krawatte, sodass Richter zunächst stutzte, aber Colin Dekker erkannte ihn trotz seines ramponierten Gesichts sofort. »Paul Richter«, sagte er. »Hätte ich mir doch den- ken können.« »Komm rein, Colin«, erwiderte Richter. Dekker trat in die Hütte und sah zu, wie Richter den Smith wieder ins Holster schob. »Sieht ja gefähr- lich aus«, sagte er. »Normalerweise trägst du doch keine Knarre.« »Nein, aber du hast Recht«, sagte Richter. »Wo sind deine Männer?« »Da draußen«, erwiderte er und deutete mit dem Daumen nach hinten. »Sorgen dafür, dass wir nicht gestört oder belauscht werden. Also, worum geht’s? Hoffentlich nicht um britische Lämmer und protestie- rende französische Bauern.« »Nicht unbedingt«, sagte Richter. »Wir greifen ei- nen bewaffneten Fahrzeugkonvoi an und stellen eine Kernwaffe sicher, die die Russen nach London schaf- fen wollen.« »Leck mich am Arsch«, sagte Colin Dekker und setzte sich., Mittwoch Marne-la-Vallée Colin Redmond Dekker, Captain der Royal Artillery, dessen dreijährige Dienstzeit als Commander des Troop 3, D Squadron, Special Air Service Regiment Nr. 22 sich dem Ende zuneigte, ließ sich in einen Ses- sel sinken und sah sich einen Film über die Main Street Electric Parade mit deutschem Kommentar an, der auf dem hauseigenen Disneyland-Kanal lief. Richter schaltete den Elektrokochtopf ein und nahm Dekker gegenüber Platz. »Du möchtest auch was trin- ken, nehme ich an. Was ist mit deinen Leuten?« »Ja, danke, die ebenfalls«, sagte Colin Dekker. »Ich lasse für alle Fälle einen Mann draußen stehen, aber ich glaube, hier müssten wir halbwegs sicher sein.« Er öffnete die Tür, trat hinaus und pfiff leise. Lautlos näherte sich jemand aus der Dunkelheit, murmelte Dekker etwas zu und trat ein. Kurz darauf kam ein zweiter Mann. Dann tauchte ein dritter auf, sprach kurz mit Dekker und verschwand wieder in der Dun- kelheit. Colin Dekker kehrte zurück und stellte sich neben die beiden Neuankömmlinge. Er war stämmig und gedrungen, wirkte kleiner, als Richter ihn in Er- innerung hatte, aber möglicherweise lag das nur da-, ran, dass die anderen beiden Männer so groß waren. »Wir sollten einander vielleicht vorstellen. Das ist Trooper Smith, und das ist Trooper Jones. Und wie du dir wahrscheinlich vorstellen kannst, ist der Mann da draußen Trooper Brown.« Richter nickte. Das war beim SAS so üblich. »Männer«, begann Dekker, »dieser Gentleman ist beim Geheimdienst Ihrer Majestät, aber das ist geheim, also erzählt es niemandem.« Die beiden Männer lächel- ten höflich, aber mehr oder weniger teilnahmslos. »Be- vor ihr meint, das wäre bloß wieder irgendein Schreib- tischhengst, der sich wer weiß was einbildet«, fuhr er fort, »sag ich euch lieber gleich, dass er die ganze Grundausbildung in Hereford durchgemacht hat, von der Kampftauglichkeitsprüfung bis zum Fan-Tanz.« Der »Fan-Tanz«, so genannt nach dem Pen-y-Fan, dem höchsten Berg der Brecon Beacons, ist ein vier- undzwanzig Kilometer langer Geländelauf quer über die Beacons. Man fängt am Fuß des Pen-y-Fan an, rennt auf den Gipfel, auf der anderen Seite wieder hinunter, um einen Berg namens Crib herum und die alte Römerstraße entlang bis zum Kontrollpunkt. An- schließend läuft man die ganze Strecke wieder zurück. Ab und zu hatte Richter beim bloßen Gedanken daran noch Alpträume. »Außerdem hat er ein paar Tage auf dem Schieß- stand und im Killing House zugebracht, und vom Er- gebnis her hätte er jederzeit bei uns eintreten kön- nen.« Im Killing House in Hereford findet die Nahkampf-, ausbildung statt. Dort kann man so gut wie alle ge- schlossenen Räume nachbilden, die für einen Einsatz in Frage kommen, von der Vorortwohnung bis zur Kabine eines Passagierflugzeugs, und nahezu realisti- sche Kampfbedingungen simulieren – nur scharf ge- schossen wird nicht. Die beiden Männer musterten Richter etwas aufmerksamer. »Solche Lobpreisungen unterbreche ich zwar nur ungern«, warf Richter ein, »aber wir müssen einiges besprechen. Ach, und bei diesem Einsatz heiße ich Be- atty, okay?« Das Wasser kochte. Richter brühte Kaffee auf und reichte die Tassen in die Runde. Dekker ließ sich wie- der in den Sessel sinken, trank einen Schluck und stellte die Tasse auf den Tisch. Die beiden Trooper sa- ßen nebeneinander auf dem Sofa, schweigend und wachsam. »Wir haben einen langen Tag hinter uns«, sagte Colin Dekker. »Und fast hätten wir’s nicht ge- schafft. Der dringende Marschbefehl von deinen Ge- heimniskrämern ist erst gegen Viertel vor drei bei uns eingegangen, britischer Zeit wohlgemerkt. Zwanzig Minuten später haben wir den Van losgeschickt, was verdammt gut ist. Danach haben wir uns hingesetzt und überlegt, was wir brauchen.« Er trank einen Schluck. »Über zwei Stunden hat es gedauert, bis wir die Ausrüstung beisammen und alles durchgecheckt hatten. Danach mussten wir Pässe beziehen, Geld, Fahrscheine für den Kanaltunnel und alles mögliche andere Zeug, sodass wir erst weit nach fünf mit dem Hubschrauber weggekommen sind.«, »Wohin seid ihr geflogen?«, fragte Richter. »Nach Manston«, sagte Dekker. »Der Van hat dort auf uns gewartet. Von da aus war’s bloß noch ein Kat- zensprung nach Dover, dann rein in den Kanalzug und anschließend die Freuden des französischen Au- tobahnnetzes erkunden, das übrigens gar nicht so schlecht ist.« Er lächelte Richter an. »Ich hoffe doch, du bist beeindruckt.« »Wovon?«, fragte Richter. »Dass weder ich noch Trooper Smith und Trooper Jones gefragt haben, was wir hier eigentlich treiben. Warum wir kurz vor ein Uhr morgens in einer Block- hütte mitten im Wald hocken und uns Disney-Filme angucken, während Trooper Brown draußen einen Van bewacht, der so viel schweres Gerät enthält, dass man damit einen kleinen Krieg anzetteln kann.« »Nur einen kleinen?«, entgegnete Richter. »Es ist nur ein kleiner Van«, versetzte Dekker. »Das ist reine Tarnung«, sagte Richter. »Ich vertraue darauf, dass uns hier keiner sucht.« »Tja, ich würde dich hier jedenfalls nicht suchen«, sagte Dekker nach kurzem Zögern. »Folglich könntest du Recht haben. Wer genau könnte uns denn deiner Meinung nach suchen wollen?« »Im Augenblick nur das SWR und der GRU, aber wenn die ganze Sache morgen schief geht, kommen wahrscheinlich sämtliche Sicherheitsdienste von la belle France hinzu.« Trooper Smith zwinkerte kurz, aber soweit Richter feststellen konnte, war das seine einzige Reaktion. Co-, lin Dekker trank den letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse ab. »Ich glaube«, sagte er, »du solltest uns lieber alles erklären, was wir wissen müssen.« Vierzig Minuten später faltete Richter die Karte zu- sammen und legte sie wieder in den Aktenkoffer. Dekker schaute ihn nachdenklich an, dann wandte er sich an seine Männer. »Trooper Smith darf seinen Kommentar dazu abgeben, bevor er hinausgeht und Trooper Brown ablöst. Was halten Sie davon, John?« Der Mann, der sich Smith nannte, schaute sie an und antwortete dann ruhig und ohne jede Umschwei- fe. »Sieht nicht weiter schwierig aus«, sagte er. »Das Problem ist nur, dass wir nicht wissen, wie stark der Gegner ist, aber damit kommen wir klar.« Vermutlich ja, dachte Richter, als er ihm einen kurzen Blick zu- warf. Dekker nickte ihm zu, worauf er lautlos wieder aus der Hütte verschwand. Kurz darauf kam Trooper Brown herein, der sofort in die Küche ging und den Elektrotopf einschaltete. »Fühlen Sie sich wie zu Hause«, sagte Colin Dekker. »Oh, wie ich sehe, sind Sie schon dabei.« Brown kehrte mit einer Tasse Tee ins Wohnzimmer zurück und setzte sich neben Trooper Jones. Er war drahtig und gedrungen, ähnelte von der Statur her eher Dekker, und wirkte genauso durchtrainiert und tüchtig wie seine Kameraden. Colin Dekker schilderte ihm kurz, worum es ging. Brown nickte nur. »Kein Problem«, sagte er. Richter hüstelte höflich. »Nichts gegen ein gesundes, Selbstvertrauen«, sagte er, »aber Sie sollten bedenken, dass wir es wahrscheinlich mit zwei, drei gepanzerten Limousinen voller Speznas-Truppen zu tun haben, alle mit Schnellfeuerwaffen ausgerüstet. Dazu kommt die Besatzung des Lastwagens, die vermutlich ebenfalls bewaffnet ist. Und vielleicht erwarten uns im Lade- raum des Lasters noch ein paar bewaffnete Posten. Ihr seid zu viert, und ihr müsst außerdem aufpassen, dass ihr nicht auf die GIGN schießt, wenn sie eingreifen.« Brown warf ihm einen kühlen Blick zu. »Kein Prob- lem, wie schon gesagt.« »Na schön«, erwiderte Richter. »Colin?« »Trooper Brown schert sich nicht allzu sehr um ir- gendwelche Unwägbarkeiten, wie du vermutlich be- merkt hast. Aber aufgrund seiner Erfahrung weiß er genau, was er sagt.« »Das bezweifle ich ja gar nicht, aber ich glaube nicht, dass es ein Spaziergang wird.« Richter nahm ein Blatt Papier. »Wir haben morgen früh um halb zehn in Paris eine Besprechung mit den Leuten von der DST und der GIGN. Dort arbeiten wir den genauen Einsatzplan aus, aber ich möchte zunächst einmal eure Meinung dazu hören. Was haltet ihr grundsätzlich davon – dass wir einen Unfall vortäuschen und den Lastwagen samt Ge- leitschutz zum Anhalten zwingen?« »Ja«, erwiderte Dekker. »Das ist nicht schlecht. Des- to geringer das Risiko.« »Dann zur nächsten Frage«, sagte Richter. »Wie wollen wir den Laster und die Begleitfahrzeuge aus- schalten?«, »Jedenfalls zuerst den Laster, denn der ist am wich- tigsten. Wie groß ist er?« »Das erfahren wir morgen früh, aber ich nehme an, es ist ein Sattelschlepper.« »Gut«, sagte Dekker, »das erleichtert die Sache.« Er dachte einen Moment lang nach. »Es geht vor allem darum, nehme ich an, dass die Ladung nicht beschä- digt wird und der Laster so schnell wie möglich fahr- untüchtig gemacht wird.« »Ja«, erwiderte Richter. »Ich glaube zwar nicht, dass die Waffe hochgeht, wenn sie einen Treffer abbe- kommt, aber wenn der Transportbehälter beschädigt wird, könnte radioaktive Strahlung austreten.« Trooper Jones meldete sich zum ersten Mal zu Wort. »Wir könnten die Antriebswelle kappen.« »Wie?«, fragte Richter. »Ganz einfach. Wir nehmen einen schmalen Streifen Plastiksprengstoff, pappen ihn außen rum und lassen ihn hochgehen. Die Welle ist hohl, die bricht wie ein dürrer Ast. Ohne Antriebswelle ist der Laster aufge- schmissen.« »Sehr gut«, sagte Colin Dekker. »Ausgezeichnet. Und Sie bringen die Ladung an, sobald der Laster vor der Unfallstelle zum Stehen kommt?« Trooper Jones nickte. »Okay«, fuhr Dekker fort. »So weit zum Lastwagen. Wie sieht’s mit dem Geleitschutz aus?« »Auch darüber«, sagte Richter, »weiß ich erst mor- gen genauer Bescheid. Die DST überwacht sämtliche Grenzübergänge und beschattet den Konvoi unauffäl-, lig. Aber ich rechne mit mindestens zwei, möglicher- weise auch drei Begleitfahrzeugen, sodass wir es wahrscheinlich mit wenigstens zehn bewaffneten Gegnern zu tun haben.« »Was sollen wir mit denen machen?«, fragte Colin Dekker. »Mit dem Geleitschutz? Ausschalten oder am Leben lassen?« »Mir persönlich ist das egal«, sagte Richter, »aber ich glaube, ihr solltet sie lieber am Leben lassen. Das macht weniger Aufwand und besänftigt die Franzo- sen vielleicht ein bisschen. Außerdem kann ich dann mit dem einen oder anderen ein paar Takte plaudern und erfahre vielleicht irgendwas.« »Okay«, sagte Dekker. »Ich schlage Folgendes vor, vorausgesetzt die GIGN und die DST haben nichts dagegen. Sobald der Plastiksprengstoff von Trooper Jones explodiert, rücken wir gemeinsam vor und set- zen Schockgranaten und CS-Gas ein. Danach greifen wir möglichst ohne Gewaltanwendung zu und si- chern die Ladung. Wie im Lehrbuch.« Dekker warf einen Blick auf seine Uhr. »Halb drei«, sagte er. »Ab ins Bett. Wir treffen uns morgen früh um – äh – sie- ben?« »Sieben soll mir recht sein«, erwiderte Richter, wor- auf die drei Männer abzogen., Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. »Haben Sie die Vereinigten Stabschefs schon verstän- digt?« »Nein, Mr. President.« Walter Hicks schüttelte den Kopf. »Ich wollte es zuerst Ihnen mitteilen.« Der ältere Mann winkte unwirsch ab. »Schießen Sie los.« »Ich wünschte, wir könnten uns das auf unsere Fahnen schreiben, Mr. President, aber dem ist nicht so. Die Briten sind aufgrund der Daten vom Flug des Blackbird, die wir ihnen überlassen haben, durch eini- ge Ungereimtheiten beim Tod eines SIS-Mannes in Moskau und ein paar andere Erkenntnisse dahinter ge- kommen. Dann haben sie einen hohen SWR-Offizier dazu überredet, die letzten Lücken zu füllen.« »Wirklich? Wie haben sie ihn denn dazu überre- det?«, fragte der Präsident. »Das wollen Sie wirklich nicht wissen, Sir«, erwi- derte Hicks. Der Präsident blickte auf und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Vermutlich nicht. Fahren Sie fort.« »Unsere Quelle in Moskau – RAVEN – hatte völlig Recht. Es war und ist ein geheimer Angriff auf uns im Gange. Das Problem dabei ist nur, dass wir so gut wie nichts dagegen tun können. Die Russen haben in etli- chen Großstädten der Vereinigten Staaten Kernwaffen versteckt, die sie über einen Fernmeldesatelliten zün- den wollen.«, »Was haben die getan?«, schrie der Präsident. Hicks antwortete nicht. »Herr im Himmel.« Der Präsident sprang auf und ging zum Fenster, stemmte die Hände in die Hüften und starrte mit blicklosen Augen auf den Rasen hinaus. Er drehte sich um, kehrte zum Schreibtisch zurück und drückte auf eine Taste der Gegensprechanlage. »Holen Sie schleunigst diesen Mistkerl von Karasin her«, befahl er. Eine quäkende Stimme ertönte aus der Anlage. »Ja, ich meine den verfluchten Botschafter. Er soll sofort herkommen.« Das letzte Wort schrie er fast und hämmerte wütend auf die Taste. Mit geballten Fäusten trat er wieder ans Fenster, kehrte dann an seinen Schreibtisch zurück und setzte sich. Seine Wut verflog allmählich, und er war wieder ganz der ruhige, abwägende Mann, wie ihn Hicks bislang kennen gelernt hatte. »In welchen Städten?« fragte er. »Das ist das Problem«, sagte Hicks. »Wir wissen nicht, in welchen Städten, und selbst wenn, würde uns das bei der Suche nach den Bomben nicht wei- terhelfen. Selbst mit Notstromaggregat sind sie nicht größer als ein Kleinwagen. Sie könnten so gut wie überall versteckt sein. Jede x-beliebige Kiste in irgendeinem Lagerhaus könnte eine Waffe enthal- ten.« »Wie haben sie sie hierher gebracht?«, fragte der Präsident. »Teils durch Schmuggel, teils unter Missbrauch des Diplomatengepäcks, soweit die Briten wissen.« Der Präsident nickte, ohne Hicks’ Antwort wirklich, wahrzunehmen. »Also«, murmelte er. »Was können wir tun?« Er hob leicht die Stimme. »Und was wollen die von uns?« Hicks zuckte die Achseln. »Genau das ist der sprin- gende Punkt, Mr. President. Die Russen wollen, dass wir gar nichts tun.« Der grauhaarige Mann blickte jäh auf. »Die haben sich doch nicht umsonst die Mühe gemacht, die Bom- ben ins Land zu schmuggeln und einen Fernmeldesa- telliten in die Umlaufbahn zu bringen«, sagte er. »Da- hinter muss doch eine bestimmte Absicht stecken.« Hicks nickte. »Oh, diese Absicht ist durchaus vor- handen, Mr. President. Aber die Russen wollen wirk- lich, dass wir nichts tun. Sie wollen, dass wir uns zu- rückhalten und zusehen, wenn sie in Westeuropa einmarschieren.« Marne-la-Vallée Punkt sieben klopfte Colin Dekker an Richters Tür, kam herein und setzte sich. Sie nahmen ein einfaches Frühstück zu sich, lediglich Toast und Marmelade, und spülten es mit englischem Tee hinunter – Dekker hatte die Beutel mitgebracht. »Eine Frage«, sagte Dekker, als sie aufstanden und sich zum Aufbruch bereitmachten. »Dürfen wir vor dem Einsatz Handfeuerwaffen tragen?« »Vermutlich nicht«, antwortete Richter. »Aber ich trage den Smith, und in Anbetracht der Lage schlage, ich vor, dass ihr alle eure persönlichen Waffen bei euch haben solltet.« »Das genügt«, erwiderte Dekker und ging hinaus, um seinen Männern Bescheid zu sagen. Zwei von ih- nen sollten hier bleiben, um »auf den Laden aufzu- passen«. Als er mit Trooper Smith im Schlepptau zu- rückkehrte, stiegen die drei Männer in den Granada und fuhren auf der gleichen Strecke wie Richter tags zuvor nach Disneyland, parkten dort den Wagen und nahmen den RER nach Paris. Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Um zehn vor neun waren sie vor der britischen Bot- schaft. Tony Herron und John Westwood tauchten fünf Minuten später auf, worauf sie zu Fuß zum In- nenministerium gingen, wo sie pünktlich eintrafen. Lacomte saß bereits im Konferenzraum und studierte die Karten. Bei ihm war ein großer, gut gebauter Mann mit Bürstenschnitt, den Lacomte als Lieutenant Erulin von der GIGN vorstellte. Dekker und Trooper Smith musterten ihn interessiert. »Glücklicherweise«, sagte Lacomte, »spricht Lieutenant Erulin Englisch, sodass es keine Verständigungsschwierigkeiten geben sollte.« Der Tonfall, mit dem er es sagte, ließ Richter stutzig werden. Er fragte sich, mit welchen anderen Schwie- rigkeiten Lacomte rechnete. Richter stellte Dekker als, Captain Colin vom Special Air Service Regiment 22 vor und Trooper Smith als Trooper Smith. Dann ka- men sie zur Sache. Lacomte fasste kurz zusammen, was sich über Nacht getan hatte. Monsieur Giraud und der Minister hatten ihn demnach am späten Abend zu sich zitiert und sich nach dem neuesten Stand der Dinge erkun- digt. Außerdem würde er unmittelbar vor der Mit- tagspause mit Giraud sprechen. Der französische Prä- sident war mittlerweile informiert worden und hatte sich mit dem amerikanischen Präsidenten und dem britischen Premierminister beraten. »Der Minister hat ausdrücklich bekräftigt, was Monsieur Giraud gesagt hat, Mr. Beatty«, erklärte Lacomte. »Er möchte, dass unsere französischen Einsatzkräfte so wenig wie mög- lich in diese Sache verwickelt werden.« Richter nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Eru- lin hochfuhr. »Colonel, bei allem Respekt«, begann der GIGN-Offizier. »Diese Operation erfordert von unserer Seite aus erheblichen Aufwand. Wir sperren etwa vier, fünf Stunden lang eine belebte Autobahn auf einer Länge von über vierzig Kilometern in beiden Fahrtrichtungen. Wir setzen zwei Sattelschlepper und zahlreiche Rettungsfahrzeuge ein, von den Gendar- men und anderen Helfern gar nicht zu sprechen, die vor Ort sein müssen, damit die Sache glaubwürdig wirkt. Meiner Ansicht nach wäre es unsinnig, so zu tun, als ob es sich um ein offiziell nicht genehmigtes britisches Unternehmen handelt. Die Männer der GIGN sind durchaus in der Lage, diese Angelegenheit, zu erledigen.« Er bedachte Dekker und Smith mit ei- ner abfälligen Handbewegung. Lacomte betrachtete ihn einen Moment lang ruhig. »Ich glaube, Sie könnten Recht haben, Lieutenant«, sagte er. »Ich schlage vor, Sie rufen sofort den Minis- ter und Monsieur Giraud an und teilen ihnen mit, dass sie sich irren.« Erulin starrte ihn einen Moment lang an, dann senkte er den Blick. »Nein?«, hakte La- comte nach. »Gut, dann machen wir es so, wie sie es wünschen.« Erulin verfiel in mürrisches Schweigen. Richter fragte sich, inwieweit sich seine Haltung auf die Zu- sammenarbeit mit der GIGN auswirken würde, auf die sie angewiesen waren, und er wusste, dass Dekker die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen. »Da die Frage der Mannschaftsstärke aufgeworfen wurde«, fuhr Lacomte fort, »sollten wir uns bei dieser Gelegenheit damit befassen, welche Kräfte uns zur Verfügung stehen.« Er wandte sich an Dekker. »Mei- nes Wissens haben Sie drei Mann dabei?« »Ja, Sir«, erwiderte Dekker. »Die übliche Vier-Mann- Patrouille.« Lacomte nickte. »Lieutenant Erulin ist Kommandeur einer Einsatzgruppe der GIGN. Mehr französische Be- teiligung wünscht Monsieur Giraud nicht. Falls jemand von Ihnen mit der Organisation der GIGN nicht ver- traut sein sollte« – womit er offenbar jeden im Raum meinte, der nicht französischer Staatsbürger war –, »das sind zwei Eingreiftrupps zu je fünf Mann plus ei- nem Hund samt Führer. Ich glaube, den Hund werden, wir heute nicht brauchen, da wir sicherlich auch ohne dessen Hilfe einen Lastwagen auf einer leeren Auto- bahn aufspüren können.« Dekker bedachte ihn mit ei- nem höflichen Lächeln. »Damit hätten wir also insge- samt vierzehn Mann, dazu Captain Colin, Lieutenant Erulin und natürlich Mr. Beatty und meine Wenigkeit. Ich nehme an«, sagte er und wandte sich an Richter, »dass Sie, Mr. Herron und Mr. Westwood am eigentli- chen Zugriff nicht teilzunehmen gedenken.« »Bestimmt nicht«, sagte Richter und warf Colin Dekker einen kurzen Blick zu. »Wenn man einen Hund hat, muss man nicht selber bellen.« »Ich halte mich raus«, sagte Westwood. »Mein Boss möchte, dass ich die Sache verfolge und ihm Bericht erstatte. Aber er hat nichts davon gesagt, dass ich mich ins Schussfeld begeben muss.« »Na schön«, fuhr Lacomte fort. »Über die Einsatz- taktik möchte ich derzeit noch nicht sprechen, da wir ohne genaue Kenntnisse über Stärke und Aufstellung der Gegenseite lediglich Mutmaßungen anstellen können. Aber wir sollten uns mit der Strecke und der voraussichtlichen Durchschnittsgeschwindigkeit des Konvois befassen.« Er blickte auf seine Karte. »Von Straßburg nach Metz sind es etwa hundertfünfzig Ki- lometer, von Metz bis Reims um die zweihundert und von Reims nach Laon rund fünfzig. Wenn wir die zehn Kilometer vom Autobahnkreuz Laon bis zum Einsatzort hinzuzählen, kommen wir insgesamt auf etwas über vierhundert Kilometer.« Er blickte in die Runde. »Wie schnell kann ein Lastwagen fahren?«, »In den meisten Fällen viel zu schnell«, sagte Dek- ker. »Wir haben es hier nicht mit dem üblichen Lastwa- genfahrer zu tun, der einen Termin einhalten muss«, sagte Richter. »Der hier hat eine große, schwere und äußerst gefährliche Fracht geladen. Außerdem geht es nicht nur um den Laster, sondern auch um die Perso- nenwagen. Die Insassen müssen irgendwann anhal- ten, etwas essen, tanken, aufs Klo gehen, schlafen und so weiter. Deshalb sollten wir meiner Meinung nach von einer ziemlich geringen Durchschnittsgeschwin- digkeit ausgehen. Außerdem halten sie sich wahr- scheinlich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen, weil sie unter keinen Umständen auffallen wollen.« »In dem Fall wäre das so ziemlich der einzige Last- wagen in Frankreich, der sich daran hält«, murmelte Tony Herron. »Dann sollten wir uns mit konkreten Zahlen aus- einander setzen«, sagte Lacomte. »Mr. Beatty?« »Meiner Schätzung nach fahren sie alles in allem nicht schneller als achtzig Kilometer pro Stunde.« Lacomte rechnete auf einem Blatt Papier kurz nach. »Dann betrüge die gesamte Fahrzeit ab Straßburg rund fünf Stunden.« Er dachte einen Moment lang nach. »Wir sollten uns einen vernünftigen Zeitrahmen setzen. Mit welcher Höchstgeschwindigkeit könnte der Konvoi aller Voraussicht nach unterwegs sein? Hundert Kilometer pro Stunde?« »Sagen wir hundertzehn«, erwiderte Dekker. »Gut. Einhundertzehn Stundenkilometer – dann, wären wir bei etwa dreieinhalb Stunden. Wir können also davon ausgehen, dass der Konvoi etwa dreiein- halb bis fünf Stunden nach der Abfahrt in Straßburg hier eintreffen wird«, sagte er und tippte mit dem Blei- stift auf den eingekreisten Bereich auf seiner Karte. »Jetzt müssen wir lediglich noch erfahren, wann sich der Lastwagen von Straßburg aus auf den Weg macht«, sagte Colin Dekker. Wie aufs Stichwort klopfte es an der Tür, und ein DST-Mann trat mit einem Blatt Papier ein, das er La- comte reichte. Alle warteten gespannt, während der Colonel den Text überflog. »Ausgezeichnet«, sagte er. »Die Gendarmerie in Straßburg hat gemeldet, dass der russische Konvoi heute am frühen Morgen dort einge- troffen ist, aber sämtliche Fahrzeuge durch die Bau- stellen bei Straßburg aufgehalten wurden. Aller Vor- aussicht nach wird der Konvoi seine Fahrt frühestens am späten Vormittag fortsetzen können. Vor allem aber wissen wir jetzt, womit wir es zu tun haben.« Autoroute E42, Straßburg, Frankreich Verglichen mit Waidhaus, war das Überqueren der deutschfranzösischen Grenze eine reine Formalität. Alle vier Fahrzeuge waren angehalten worden, ver- mutlich wegen der Moskauer Nummernschilder und weil sie offensichtlich zusammengehörten, aber die französischen Zöllner und Gendarmen hatten sich le- diglich die Pässe angesehen. Sie hatten nicht einmal, gefragt, was der Lastwagen geladen hatte oder warum zwölf russische Diplomaten gemeinsam quer durch Europa fuhren. Die Einreise war mühelos vonstatten gegangen, aber die Fahrt durch Straßburg war der reinste Alp- traum gewesen. Soweit Modin hatte feststellen kön- nen, war unmittelbar westlich der Grenze ein Haupt- wasserrohr am Rhein gebrochen. Sie waren noch auf der Autobahn gewesen und hatten sich Kehl genähert, als sie in den Stau geraten waren. Und ehe ihnen klar wurde, was los war, hatten sie kaum noch eine Aus- weichmöglichkeit gehabt. Auf der Autobahn konnten sie nicht wenden, und die beiden Abfahrten, die sie hätten nehmen können, nützten ihnen nicht viel. Die eine führte in Richtung Süden, nach Lahr und Offen- burg, die andere nach Rheinau und Rastatt im Nor- den, aber dort gab es weder eine Brücke über den Rhein noch einen Grenzübergang. Daher war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als durch Straßburg zu fahren. In der Stadt herrschte das reinste Chaos. Die Gen- darmerie bemühte sich nach besten Kräften, aber Straßburg war völlig verstopft, und der gesamte Ver- kehr wurde umgeleitet. Nur Anlieger durften in die Innenstadt fahren, aber der ganze Fernverkehr musste auf kleinen Nebenstraßen südlich um Straßburg he- rumfahren, über Plobsheim und Erstein, bevor er wieder auf die N83 stoßen durfte. Von der Auffahrt westlich von Erstein aus war der Verkehr wieder ohne jede Behinderung in beiden Richtungen geflossen., Modin hatte gehofft, dass es rund um Straßburg keine weiteren Schwierigkeiten geben würde, aber kaum hatten sie auf der A35 Illkirch-Graffenstaden passiert, als sie in den nächsten Stau gerieten, weil viele Fahr- zeuge von der Autobahn abbogen, um in die Innen- stadt zu gelangen. »Endlich«, sagte Bykow, als der Wagen wieder be- schleunigte. Der schwarze Mercedes war das letzte Fahrzeug des Konvois, der jetzt in Richtung Norden auf die A4 zuhielt und die Umgehungsstraße um Brumath und Hochfelden nahm, statt auf die kürzere, aber stärker befahrene Strecke nach Saverne abzubie- gen. »Ein Chaos«, pflichtete Modin bei. »Ein einziges Chaos. Wir haben vermutlich zwei, drei Stunden ver- loren. Befehlen Sie dem Konvoi, schneller zu fahren. Sie sollen auf hundertzehn Kilometer pro Stunde ge- hen. Wir müssen heute Abend die Fähre erreichen.« Le Moulin au Pouchon, St. Médard, bei Manciet, Midi-Pyrénées, Frankreich Hassan Abbas las den entschlüsselten Text der E-Mail, die er von Dimitri Truschenko erhalten hatte, und schnaubte zufrieden. Die Anton Kirow, so berichtete Truschenko, war sicher in Gibraltar eingetroffen, wo sie offenbar keinerlei Verdacht erregt hatte, und die Waffe sollte innerhalb von zwei Tagen an Land ge- bracht werden. Die Kiste, in der sich der Sprengkör-, per befand, würde verbrannt, zerschlagen und dann zusammen mit der beschädigten Treibstoffpumpe, den Leitungen und anderen Geräten, die bei dem Brand in Mitleidenschaft gezogen worden waren, weggeschafft werden, vermutlich in einem Container. Anschließend würde die Waffe in ein kleines Lager- haus in Gibraltar transportiert werden, das ein dorti- ger SWR-Agent gemietet hatte. Unterdessen müsste der Konvoi, der die für London bestimmte Waffe be- förderte, die deutschfranzösische Grenze überquert haben, sodass sie planmäßig in London eintreffen soll- te. Abbas dachte genau nach, ehe er die Neuigkeiten an Sadoun Khamil weiterleitete, und die Nachricht, die er aufsetzte, war viel länger als sonst. Er hielt nicht nur die reinen Fakten fest, die Truschenko ihm über- mittelt hatte, sondern fügte auch einen Vorschlag hin- zu, über den er mit Khamil früher schon gesprochen hatte, ohne dass sie zu einer Entscheidung gelangt wären. Nach Abbas’ Ansicht gab es keinen Grund, noch länger zu warten. Der Sprengsatz in Gibraltar könnte jetzt jederzeit gezündet werden, und die für London bestimmte Waffe war zwar für das Gelingen des russischen Vorhabens wichtig, aber in den gehei- men Plänen von al-Qaida spielte sie keine Rolle. Da- her, schloss Abbas, gäbe es keinen Grund, weshalb sie den Zündimpuls nicht auf der Stelle auslösen sollten. Er drückte auf »Senden« und überzeugte sich da- von, dass die Nachricht übermittelt worden war. Dann schaltete er den Computer aus, schloss die, Schlafzimmertür ab und ging die Treppe hinunter, um sich etwas zu essen zuzubereiten. Er wusste, dass es mindestens zwei Stunden dauern würde, bis Khamil antwortete. Französisches Innenministerium, Rue de Saussaies, Paris Dekker zückte einen Stift und nahm ein Blatt Papier zur Hand. »Der französische Zoll hat den Lastwagen und die Begleitfahrzeuge angehalten und die Papiere über- prüft«, sagte Lacomte. »Zwei junge Männer sitzen im Führerhaus des Lastwagens, bei dem es sich, wie wir vermutet haben, um einen Sattelzug handelt. Bei den drei Begleitfahrzeugen handelt es sich um Mercedes, die nach Ansicht der Gendarmerie in Straßburg alle gepanzert sind.« »Wie viele Personen?«, fragte Colin Dekker. »In den beiden Limousinen sitzen jeweils ein Fahrer und drei Beifahrer, lauter junge Männer, alle mit Dip- lomatenpässen.« »Das dürfte die Speznas-Eskorte sein«, sagte Richter. »Was ist mit dem dritten Wagen?« »Der dritte Wagen«, erwiderte Lacomte, »ist ein Mercedes mit langem Radstand, ein Pullman-Wagen mit Fahrer und Beifahrer und zwei weiteren Personen, die hinter einer Trennscheibe im Fond sitzen. Nach Auskunft der Gendarmerie handelt es sich um einen, älteren Herrn um die sechzig und einen etwa fünf- undvierzig bis fünfzig Jahre alten Mann. Auch diese vier haben wie alle anderen Diplomatenpässe bei sich.« »Kennen wir die Autonummer – die Zulassung?«, fragte Richter. Lacomte warf einen Blick auf den Zettel, den er vor sich liegen hatte. »Ja«, erwiderte er, »aber Sie können sie ohnehin leicht erkennen. Die beiden Limousinen sind hellblau, aber der dritte Wagen ist schwarz.« »Was meinst du?«, fragte Colin Dekker. »Die beiden Insassen sind offenbar keine Speznas- Männer«, sagte Richter. »Ich nehme an, dass es sich um hohe SWR- oder GRU-Offiziere handelt, die den Konvoi begleiten und darauf achten, dass der Spreng- satz ordnungsgemäß deponiert wird. Mit den beiden würde ich zu gern ein paar Takte reden.« »Das lässt sich sicher machen«, erwiderte Dekker. Da sie nun wussten, wie stark der Gegner war, wandte sich Lacomte dem Einsatzplan zu. Der Last- wagen sollte, wie von Trooper Jones vorgeschlagen, mit Plastiksprengstoff ausgeschaltet werden. Bei den Mercedes-Limousinen sah die Sache anders aus. Die mussten nicht unbedingt fahruntüchtig gemacht wer- den. Jm Gegenteil, es konnte ihnen nur recht sein, wenn sie beim ersten Anzeichen einer Gefahr das Weite suchten, aber niemand rechnete ernsthaft da- mit. »Ein gepanzerter Wagen«, sagte Colin Dekker nachdenklich, »dient vor allem dazu, die Insassen vor, einem Angriff zu schützen. Aber die meisten Leute sind sich nicht darüber im Klaren, dass er auch die Angreifer schützt.« Er blickte in die Runde und sah, dass ihn alle fragend anschauten. »Das heißt, dass die Speznas-Männer die Fenster runterkurbeln müssen, wenn sie auf uns schießen wollen. Aber dann ist der Wagen nicht mehr sicher. Soweit ich weiß, sind Sie«, sagte er und wandte sich an Erulin, »und Ihre Männer auf zielgenaues Schießen spezialisiert.« »Jawohl.« Erulin nickte. »Jeder unserer Männer muss auf eine Entfernung von zweihundert Metern eine Trefferquote von mindestens dreiundneunzig Prozent erzielen.« »Und wie sieht’s bei, sagen wir mal, zwanzig bis dreißig Metern aus?« Erulin lächelte grimmig. »Ich persönlich würde je- den GIGN-Mann auf der Stelle entlassen, wenn er aus dieser Entfernung nicht ins Schwarze trifft.« »Okay«, sagte Dekker. »Dann schlage ich Folgendes vor. Wir beugen uns dem Wunsch des französischen Innenministers. Das heißt, dass sich mein Team den Konvoi vornimmt. Wir sind nur zu viert, haben es aber mit vier Autos zu tun. Unter normalen Umstän- den ließe sich das vertreten, aber hier handelt es sich nicht um normale Umstände. Ich möchte vermeiden, dass wir ins Kreuzfeuer geraten, beziehungsweise, dass unsere Gegner aussteigen und sich hinter den Autos verschanzen. Außerdem wissen wir nicht, in welcher Reihenfolge die Fahrzeuge anrücken. Ich nehme an, dass eine Mercedes-Limousine vorneweg, fährt, dann kommt der Laster, danach der Pullman und am Schluss die zweite Limousine, aber das muss nicht unbedingt der Fall sein, wenn sie Lunte riechen. Die sind wahrscheinlich per Funk miteinander ver- bunden, und es könnte also sein, dass sie die beiden Limousinen vorschicken, während sich der Pullman zurückfallen lässt. Was Genaues wissen wir nicht. Deshalb schlage ich vor, dass Trooper Jones den Plas- tiksprengstoff an der Antriebswelle des Lasters an- bringt, den Zünder scharf macht und sich zurück- zieht, bis er in sicherem Abstand ist. Wäre durchaus denkbar, dass er das schafft, ohne dass ihn einer sieht, vor allem, wenn die beiden Limousinen vorgefahren sind, aber ich würde mich nicht drauf verlassen. An- schließend sichert er mit seiner Waffe das Führerhaus ab. Das ist Phase eins, wenn Sie so wollen. Phase zwei beginnt, wenn der Plastiksprengstoff die Antriebswel- le kappt. Die Trooper Smith und Brown werfen Gra- naten mit CS-Gas auf die beiden Limousinen und se- hen zu, dass sie unter dem Motorraum der beiden Au- tos landen.« »Was wollen Sie denn damit gegen gepanzerte Fahrzeuge ausrichten?«, fragte Lacomte. »Ganz einfach. Der Unterboden ist zwar gepanzert, aber über die Klimaanlage wird Luft von außen zuge- führt. Es ist heiß, sodass sie die Anlage bestimmt lau- fen lassen. Selbst wenn sie der Fahrer sofort ausschal- tet, müsste eine tüchtige Dosis Gas ins Innere dringen, und das sollte es dann hoffentlich gewesen sein.« Co- lin Dekker blickte in die Runde. »Aber nehmen wir, mal an, dem ist nicht so. Die Granaten kullern zu weit, die Insassen haben Gasmasken dabei und können sie auch rechtzeitig aufsetzen, oder irgendwas anderes geht schief. Wir sind mit Hecklers bewaffnet – Ma- schinenpistolen vom Typ MP5 von Heckler & Koch –, ausgezeichnete Waffen, wenn der Geleitschutz außer- halb der Fahrzeuge ist, aber gegen einen gepanzerten Mercedes nützen sie gar nichts. Mr. Beatty« – er deu- tete auf Richter – »wäre es lieber, wenn die Gegenseite möglichst unbeschadet davonkäme. Mir ebenfalls. Deshalb möchte ich keine panzerbrechende Munition oder schwerere Waffen als die Heckler einsetzen.« »Und was schlagen Sie vor?«, fragte Lacomte. »Eine CS-Granate pro Auto, dann zerschießen wir die Hinter- und Vorderreifen auf der uns zugewand- ten Seite und fordern sie auf, sich sofort zu ergeben. Wenn sie sich nicht ergeben, muss Lieutenant Erulins GIGN-Trupp übernehmen. Wenn irgendein Fenster von einem der Fahrzeuge aufgeht – von dem schwar- zen Mercedes einmal abgesehen –, decken Sie es mit gezieltem Feuer ein, bevor die uns Ärger machen können. Die Heckler ist dafür nicht präzise genug, aber Ihr Trupp« – er wandte sich an Erulin – »sollte damit keinerlei Mühe haben.« »Nicht die geringste«, erwiderte der Franzose. »Und der Laster?«, fragte Richter. »Der sollte am leichtesten zu nehmen sein«, sagte Colin Decker. »Sobald die Ladung hochgeht, feuert Jones zwei Schüsse aus seinem Arwen in das Führer- haus ab.«, »Arwen? Was ist ein Arwen?«, fragte Herron. »Das ist ein ganz hässliches Gerät«, erklärte Richter. »Es sieht aus wie eine kurze, doppelläufige Schrotflin- te, hat aber ein Magazin mit fünf Schuss, wie ein Re- volver. Ursprünglich wurde es für den Einsatz bei Unruhen konzipiert, aber man kann damit allerlei un- terschiedliche Munition verschießen, tödliche wie nicht tödliche. Ich nehme an, der erste Schuss wird die Panzerung knacken, und danach kommt eine CS- Granate. Colin?« »Genau.« Danach herrschte einen Moment lang Schweigen, bis Lacomte wieder das Wort ergriff. »Hat irgendje- mand einen besseren Vorschlag? Nein?« Er wandte sich an Dekker. »Wo wollen Sie die Leute postieren – wo sollen die Gigènes in Stellung gehen?« Dekker schüttelte den Kopf. »Das weiß ich im Mo- ment noch nicht. Lieutenant Erulin wird sicher eben- falls der Meinung sein, dass wir vor Ort entscheiden, wo und wie wir unsere Männer postieren.« Erulin nickte. »Ich glaube, ich werde allmählich zu alt für so was«, sagte Richter. »Ich war so damit beschäftigt, wie wir den Konvoi stoppen können, dass ich etwas ande- res, das genauso wichtig ist, ganz vergessen habe. Wir müssen verhindern, dass sich irgendjemand in dem Konvoi mit Moskau in Verbindung setzt.« Lacomte schaute ihn fragend an. »Meinen Sie, die könnten von einem der Fahrzeuge aus per Funk mit Moskau verbunden sein?«, fragte er., »Nein«, erwiderte Richter. »So starke Funkgeräte haben sie bestimmt nicht dabei, auch wenn sie sich, wie Captain Colin vorhin sagte, untereinander ver- mutlich per Walkie-Talkie verständigen. Aber sie ha- ben möglicherweise etwas dabei, das viel einfacher zu bedienen ist und besser funktioniert. Sie haben ein Handy – wahrscheinlich sogar mehrere.« »Natürlich«, sagte Lacomte nickend. »Auf der Au- tobahn kann man per Mobiltelefon mühelos anrufen. Sie könnten sich sogar im Klartext mit Moskau ver- ständigen, da die Übertragung auf digitalem Weg er- folgt – das wirkt fast wie ein Zerhacker.« Dekker nickte. »Ganz recht«, sagte er. »Das lässt sich aber ohne weiteres regeln.« Lacomte zog fragend die Augenbrauen hoch. »Sie müssen nur die Funkan- tennen stilllegen, die an diesem Autobahnabschnitt stehen. Ohne Antenne kein Anruf. Für Sie in Ihrer Po- sition«, fügte er hinzu, »sollte das doch nicht weiter schwer sein.« Der Franzose nickte bedächtig, dann lächelte er. »Nein, ganz und gar nicht«, sagte er. »Überlassen Sie das mir.« Lacomte wollte gerade zum Hörer greifen, als das Telefon klingelte. Er nahm ab und führte ein kurzes Gespräch. Dann legte er auf und blickte in die Runde. »Die Zeit läuft«, sagte er. »Der Konvoi ist seit elf Uhr fünfzig unterwegs.«, Mittwoch Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Fünfzehn Minuten später saßen Richter, Dekker und Trooper Smith in einem Wagen der britischen Bot- schaft und fuhren von Paris aus in Richtung Westen. Tony Herron und Westwood folgten ihnen in einem zweiten Wagen. Dekker sprach leise in sein Funkge- rät und teilte seinen beiden Männern im Camp Davy Crockett mit, dass die Gruppe unterwegs sei und welche Waffen und Ausrüstungsgegenstände sie be- reithalten sollten. Außerdem trug er ihnen auf, Sandwiches und Getränke zu besorgen. Richter hatte nicht daran gedacht. »Warum nicht?«, sagte Dekker. »Das könnte wieder ein ziemlich langer Tag wer- den.« Im Lager angekommen, stiegen sie aus, worauf Herron die Autos nach Paris zurückschickte. Dekker und Trooper Smith gingen in ihre Hütte, um sich um- zuziehen; Jones und Brown waren bereits fertig und warteten. Sie trugen Tarnkleidung, nicht die bei sons- tigen SAS-Einsätzen üblichen schwarzen Kampfanzü- ge. Herron, Westwood und Richter warteten und sa- hen zu, wie Brown ein letztes Mal die Ausrüstung überprüfte. Dann kamen Dekker und Smith aus der, Hütte und gingen zum Ford. »Gut«, sagte Dekker und stieg ein. »Auf nach Reims.« Jones legte den ersten Gang ein und steuerte den Transit vom Cherokee Trail auf die Straße, die aus dem Lager führte. Er bog nach rechts auf die A4 ab und fuhr mit steten hundert Kilometern pro Stunde in Richtung Osten. Die Fahrt nach Reims, rund neunzig Kilometer, dauerte knapp eine Stunde, und als sie auf die A26 in Richtung Norden bogen, war Richter klar, dass sie noch genügend Zeit hatten. Als sich der Transit der Anschlussstelle Vallée de l’Aisne näherte, bemerkte Richter drei gelbe Kleinbusse von der Autobahnmeiste- rei, die hintereinander am Seitenstreifen standen, wäh- rend mehrere Männer Pylonen und Schilder mit der Aufschrift »Route Barée« ausluden. Die von Lacomte geplante Umleitung wurde vorbereitet. Das Treffen mit der GIGN sollte um zwanzig vor zwei auf einem Parkplatz östlich von Laon stattfinden, im Forêt de Samoussy. Fünf Minuten vorher bog Jones ab und fand eine ruhige Stelle im hinteren Bereich des Parkplatzes. Punkt dreizehn Uhr vierzig hielt ein dunkelblauer Renault Trafic mit der Aufschrift »Gen- darmerie Nationale« neben ihnen. Erulin, der auf dem Beifahrersitz saß, stieg aus und ging zur Hintertür des Transit. »Bereit, Captain?«, fragte er Dekker, worauf dieser nickte. »Gut«, sagte Erulin. »Dann begeben wir uns an den Einsatzort. Ich fahre voraus, Sie folgen mir. Wenn ich rechts ranfahre, halten Sie vor mir, da- mit es so aussieht, als hätte ich Sie wegen eines Ver- kehrsdelikts angehalten.«, Etwa zehn Kilometer weit fuhren sie hinter dem Trafic her, bis sie Anschlussstelle 13 passierten. Als der Fahrer des Trafic den Blinker setzte, überholte ihn der Ford und hielt unmittelbar vor ihm auf dem Sei- tenstreifen an. Colin Dekker sprang heraus und lief zum Trafic zurück, um sich mit Erulin zu beraten. Richter blickte die Autobahn auf und ab. Es war ein kerzengerader Streckenabschnitt, nicht unbedingt der beste Platz für einen Hinterhalt, aber er hoffte, dass sie durch den »Unfall« einen gewissen Vorteil hatten. Nördlich der Autobahn konnten die Männer in De- ckung gehen, und auf dem Mittelstreifen wuchsen Büsche, die ihnen Sichtschutz boten. Dekker kehrte zum Transit zurück und beugte sich hinein. »Gut«, sagte er. »Die beiden Sattelschlepper werden etwa zweihundert Meter weiter vorn stehen.« »Wo sind sie jetzt?«, fragte Richter. »Nur Geduld«, sagte Colin Dekker. »Nach Aus- kunft von Erulin sind sie zu dem Parkplatz unter- wegs, auf dem wir uns getroffen haben. Sie warten dort, bis der Konvoi etwas näher kommt.« Dekker ließ seine Männer aussteigen und stand dann mit ihnen im Schutz des Transit neben der Au- tobahn. Anhand seiner Gesten konnte Richter erken- nen, dass er mit seinen Männern besprach, wo sie in Stellung gehen sollten, damit sie und vermutlich auch die Scharfschützen der Gigènes das beste Schussfeld hatten. Richter blickte zum Trafic, neben dem etwa ein Dutzend Männer in Tarnanzügen standen. Zwei hat- ten 7.62mm-Präzisionsgewehre vom Typ FR-F1, die, mit Mündungsfeuerdämpfer und Laservisier bestückt waren – die Standardwaffe der GIGN. »Nervös, Paul?«, fragte Westwood. »Selbstverständlich bin ich nervös«, erwiderte Rich- ter. »Kommt ja nicht jeden Tag vor, dass ich einen rus- sischen Konvoi überfalle, der eine Atomwaffe geladen hat. Hier steht eine ganze Menge auf dem Spiel.« »Garantiert. Was halten Sie von der Stelle?« »Ideal ist sie nicht. Eine scharfe Kurve unmittelbar vorher wäre mir lieber, aber auf französischen Auto- bahnen gibt es keine scharfen Kurven.« Richter be- trachtete den vorbeirauschenden Verkehr und muster- te dann das Terrain im Norden. »Wenn der Verkehr umgeleitet wird, sollte es hier halbwegs ruhig sein. Kein Haus in Sicht, nirgendwo ein Bauer auf dem Feld. Das sollte hinhauen. Besser gesagt«, fügte er hinzu, »es muss hinhauen.« Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Wa- shington, D.C. Die Nachricht von der Krise hatte sich inzwischen notgedrungen verbreitet. Führende Kongressmitglie- der waren ins Pentagon beziehungsweise ins Weiße Haus gerufen worden, wo man ihnen die Lage ge- schildert hatte. Der Verteidigungsminister pendelte ständig zwischen dem Weißen Haus und dem Gold Room im Pentagon hin und her. Zwar gab es in bei- den Gebäuden ausgezeichnete Fernmeldeeinrichtun-, gen, aber der Präsident bevorzugte das persönliche Gespräch. Man kann nicht feststellen, was jemand denkt, wenn man ihn nicht vor sich hat, sagte er im- mer. »Ich glaube«, erklärte der Präsident zum Abschluss einer Besprechung im Weißen Haus, »es wird Zeit, dass wir die nötigen Vorkehrungen treffen.« Der Verteidigungsminister nickte. »Einverstanden, Mr. President. Sobald ich wieder im Pentagon bin, werde ich JEEP veranlassen.« Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frank- reich Fünf Minuten später traf Lacomte mit einem nicht ge- kennzeichneten hellblauen Trafic ein, der vor dem Transit anhielt. Er stieg aus und ging zu Erulins Tra- fic, kehrte mit dem GIGN-Lieutenant zurück und winkte Dekker, Richter und die beiden anderen Män- ner zu sich. Hinten in Lacomtes Renault-Kleinbus war ein mobiler Kommandostand mit Funk- und anderen Fernmeldegeräten eingerichtet. Zwei Funker, die bei- de Kopfhörer aufhatten, saßen auf Drehstühlen und horchten auf die Durchsagen. Als sich die sechs Män- ner um die Hintertür des Trafic scharten, hob einer der Funker die Hand und wandte sich an Lacomte. »Valmy«, sagte er. »Qu’est-ce que c’est que ça?«, erwiderte Lacomte und nahm eine Karte zur Hand., »Ils sont à Valmy. Près de Sainte Menehould.« »Bien«, sagte Lacomte. Dann sprach er wieder Eng- lisch. »Der Konvoi ist auf der A4. Jedes Mal, wenn er eine Anschlussstelle oder eine Raststätte passiert, er- halten wir einen Lagebericht. Er hat die nördliche Route gewählt, über Metz, wie wir vermutet haben, und ist jetzt zwischen Sainte Menehould und Châlons-sur-Marne in Richtung Westen unterwegs. Wir führen eine wechselweise mobile Observation durch, wie man das bei Ihnen vermutlich bezeichnen würde, Mr. Beatty. Sechs Fahrzeuge, die sich regel- mäßig abwechseln, manchmal vor, manchmal hinter dem Konvoi fahren. Ab und zu tanken die Fahrer, biegen auf eine Raststätte ein, um sich zurückfallen zu lassen, und überholen dann wieder. Falls es Sie inte- ressiert«, fuhr er fort, »der Konvoi fährt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast genau fünf- undachtzig Kilometern pro Stunde.« »Na schön«, sagte Richter. »Wie ist die Aufstellung – wo sind die Begleitfahrzeuge?« Lacomte gab die Frage an einen der Funker weiter, der sofort auf Französisch antwortete. Lacomte über- setzte. »Die Mercedes-Limousinen wechseln ständig die Position, aber im Allgemeinen fährt eine vor dem Lastwagen, die andere etwa hundert Meter dahinter. Der schwarze Mercedes hält sich immer hinten und lässt sich manchmal fast eineinhalb Kilometer zurück- fallen.« Der Funker meldete sich wieder zu Wort. La- comte hielt inne und hörte ihm zu. »Sie haben gerade wieder die Position getauscht. Offenbar fahren beide, Wagen in regelmäßigen Zeitabständen voraus und er- kunden, ob es irgendwelche Schwierigkeiten gibt.« »Wie weit fahren sie voraus?«, fragte Richter. Lacomte wartete, bis der Funker geantwortet hatte. »Etwa einen Kilometer. Warum?« »Bloß eine Idee. Was glauben Sie, wie die reagieren, wenn sie unseren kleinen Unfall sehen?« Lacomte zuckte die Achseln. »Wenn sie sich so ver- halten wie bisher, fahren die beiden Limousinen vor- aus und sehen nach, was da los ist.« »Genau«, erwiderte Richter. »Die beiden Pkws inte- ressieren uns eigentlich nicht weiter – wir wollen den Lastwagen und den schwarzen Mercedes schnappen. Folglich sollten wir sie isolieren.« »Wie?«, fragte Colin Dekker. »Zuerst eine Frage«, sagte Richter an Lacomte ge- wandt. »Sind Sie per Funk mit den Lastwagenfahrern verbunden?« »Natürlich.« »Gut. Dann sollten wir unseren Plan ein bisschen abändern. Wir blockieren die Autobahn nicht mit bei- den Sattelschleppern. Wir blockieren mit einem die Fahrbahn vor dem Lastwagen, und der andere stellt sich hinter dem schwarzen Mercedes quer und ver- sperrt ihm den Fluchtweg. Ich möchte nicht, dass er wendet und irgendwo in Nordfrankreich verschwin- det.« Sie dachten einen Moment lang darüber nach. »Das ist besser«, sagte Dekker. »Die Personenwagen vom Laster zu trennen ist durchaus sinnvoll und erspart, uns möglicherweise ein paar Probleme. Aber trotz- dem müssen wir einen Unfall oder irgendwas anderes inszenieren, um die Limousinen nach vorn zu lo- cken.« »Die Zeit wird knapp«, warf Lacomte ein und blick- te auf seine Uhr. »Wenn wir den Plan ändern wollen, müssen wir uns beeilen. Ich muss die Lastwagenfah- rer und die Rettungsdienste per Funk verständigen, und der Konvoi ist vermutlich nur noch etwa hun- dertzehn Kilometer entfernt. Das ist knapp über eine Stunde.« »Wie wär’s damit?«, sagte Richter. »Unsere Lastwa- genfahrer warten doch am Parkplatz im Forêt de Sa- moussy, bei Laon?« »Wenn sie noch nicht dort sind, werden sie inner- halb der nächsten fünf Minuten dort eintreffen«, er- widerte Lacomte. Der Funker unterbrach ihn erneut. »Sainte Etienne- au-Temple«, sagte er. Lacomte nickte, warf einen Blick auf die Straßenkar- te, die innen an der Hintertür des Trafic angebracht war, und schaute auf seine Uhr. »Sie fahren ein biss- chen schneller. Damit ist der Konvoi jetzt nördlich von Châlons-sur-Marne, noch etwa hundert Kilometer entfernt. Fahren Sie fort«, sagte er an Richter gewandt. »Sie hatten doch vor, mit den beiden Lastwagen die Straße zu blockieren und dann abzuwarten, bis der Konvoi kommt, ja?« Lacomte nickte. »Ändern Sie die Befehle«, sagte Richter. »Sagen Sie dem ersten Last- wagenfahrer, er soll sich in Bewegung setzen, sobald, der russische Lastwagen den Parkplatz passiert, und der zweite soll hinter dem schwarzen Mercedes los- fahren. Wenn sie zum Einsatzort kommen, werden die beiden Limousinen vermutlich vorausfahren. Sobald der erste Lastwagenfahrer das sieht, soll er den russi- schen Sattelschlepper überholen, sich etwa hundert Meter vor ihn setzen, aber hinter den beiden Perso- nenwagen bleiben, dann jäh abbremsen und den Lastwagen quer über beide Fahrspuren und den Sei- tenstreifen stellen. Das sollte nicht weiter schwierig sein, oder?« Lacomte lächelte leicht und schüttelte den Kopf. »Nein. Dieser Fahrer verbringt den Großteil seiner Freizeit auf internationalen Rennstrecken, wo er Truck- Rennen fährt – deshalb haben wir ihn ausgewählt. Und der zweite Lastwagen soll die Straße auf die gleiche Weise blockieren, aber hinter dem schwarzen Merce- des?« »Genau.« »Was passiert, wenn die Begleitwagen nicht voraus- fahren?«, fragte Dekker. »Dann sind wir wieder da, wo wir schon mal wa- ren«, sagte Richter. »Aber schlechter sind wir dadurch auch nicht dran.« Erulin schaltete sich ein. »Meiner Meinung nach sollten die beiden Fahrer so schnell wie möglich aus- steigen, sobald die Lastwagen zum Stehen gekommen sind«, sagte er. »Wir sollten sie darauf hinweisen, dass sie den Mittelstreifen und die andere Seite der Auto- bahn überqueren und sich neben der Fahrbahn flach, ins Gebüsch legen sollen. Ich möchte nicht, dass sie uns ins Schussfeld geraten.« Lacomte nickte. »Einverstanden. Sie tragen orange Jacken, wie Sie verlangt haben, sodass Sie sie leicht erkennen können.« »La Veuve«, meldete der Funker. Lacomte zeichnete die Position auf seiner Karte ein. »Sie sind jetzt nordwestlich von Châlons«, sagte er. »Und womit inszenieren wir unseren Unfall?«, frag- te Decker. »Wie wär’s mit unserem Transit?«, schlug Richter vor. »Wenn die Queen nichts dagegen hat.« »Hoffentlich erfährt sie’s nicht«, sagte Dekker. Richter wandte sich an Lacomte. »Wie wär’s damit? Die Lastwagen verfahren so, wie wir es besprochen ha- ben. Sie stehen mit Ihrem Kleinbus östlich des Einsatz- ortes auf dem Seitenstreifen. Dort ist er weit genug aus dem Weg. Dazu klappen Sie die Motorhaube auf, so als hätte der Wagen eine Panne. Wir stellen den Transit schräg über die rechte Fahrspur, sodass es aussieht, als hätte er einen Unfall gehabt. Lieutenant Erulins Trafic steht mit blinkendem Blaulicht am Seitenstreifen unmit- telbar daneben. Beide Autos haben die Warnblinkanla- ge eingeschaltet und Warndreiecke aufgestellt. Außer- dem leiten wir den Verkehr durch eine Reihe Pylonen auf die andere Spur um.« Richter hielt inne. »Ein ganz normaler, alltäglicher kleiner Unfall auf der Autobahn.« »Das sollte funktionieren«, sagte Lacomte. »Irgend- welche Einwände oder Vorschläge?« »Nur einen«, sagte Tony Herron. »Unter diesen, Umständen brauchen wir weder Rettungswagen noch andere Helfer. Daher schlage ich vor, dass Sie sie ab- ziehen. Je weniger Leute auf unserer Seite beteiligt sind, desto besser, meine ich.« Lacomte nickte, wandte sich an den Funker und er- teilte ihm genaue Anweisungen, während alle ande- ren aus dem Van stiegen. Dekker nickte Erulin zu, worauf beide weggingen und über die Postierung ih- rer Männer sprachen. Ein paar Minuten später kehrte der SAS-Offizier zurück. »Gut«, sagte er. »Ich glaube, wir sind uns einig geworden. Erulin postiert sieben seiner Männer im Abstand von etwa einhundert Me- tern auf dieser Seite der Autobahn und die anderen drei auf der anderen Seite des Mittelstreifens, etwa in Höhe des Transit.« »Hundert Meter Abstand?«, wandte Tony Herron ein. »Ist das nicht ein bisschen viel?« »Ganz meine Meinung«, sagte Dekker. »Und wenn Sie mir zeigen können, wo die Fahrzeuge genau zum Stehen kommen, ziehen wir sie dichter zusammen. Da wir das aber nicht wissen, müssen wir unsere Kräfte aufteilen. Wenn wir sie auf knapp einem Kilometer entlang der Autobahn postieren, besteht die Chance, dass auf jedes Fahrzeug zumindest ein Scharfschütze kommt, der nicht weiter als fünfzig Meter entfernt ist. Außerdem ist vorgesehen, dass die Gigènes aufrücken und sich in eine bessere Position bringen, sobald die Fahrzeuge anhalten.« »Möglicherweise werden sie dabei gesehen«, sagte Richter., »Das Risiko müssen wir eingehen. Erulin hofft, dass die Fahrer des Konvois nach vorn schauen, auf die beiden Vans, und nicht auf das Gebüsch neben der Autobahn achten.« Lacomte stieg aus seinem Kleinbus und kam zu ih- nen. »Sie nähern sich Reims«, sagte er. »Sie haben vor sechs Minuten den Aire de Reims-Champagne passiert.« Washington, D.C. Der streng geheime Joint Emergency Evacuation Plan oder JEEP ist ein Notfallplan zur Evakuierung ausge- wählter Personen, die in Washington leben und arbei- ten. Sobald der Verteidigungsminister wieder im Gold Room war, befahl er, mit den Vorbereitungen für JEEP zu beginnen. Fünfundfünfzig Minuten später standen die letzten der für die Evakuierung vorgesehenen Helikopter von Army und Air Force auf dem Hubschrauberlande- platz des Pentagon und auf der befestigten Terrasse zwischen dem amerikanischen Verteidigungsministe- rium und dem Potomac bereit. Der für JEEP in Frage kommende Personenkreis trägt Ausweiskarten bei sich, die in zwei Klassen unterteilt sind – je nach Be- deutung der betreffenden Person. Bei den Kartenin- habern handelt es sich um ausgewählte Militärs und Zivilbedienstete, die in der Lage sein müssen, die Re- gierungsgeschäfte der Vereinigten Staaten während und nach einem Atomkrieg zu übernehmen. Sie müs-, sen sich ständig in Bereitschaft halten und auch in Friedenszeiten an regelmäßigen Übungen teilnehmen, durch die garantiert werden soll, dass sie jederzeit zu den für sie bestimmten Sammelpunkten gelangen. Die erste Gruppe, vierundvierzig Männer und Frau- en, leitende Mitarbeiter der Regierung, Wissenschaftler und Techniker, die Karten der Kategorie JEEP-1 besa- ßen, waren dreißig Minuten später in der Luft. Einige wurden zum Alternate Emergency Command Centre in Raven Rock gebracht, auch »SITE R« genannt, andere zur Special Facility, einem atombombensicheren Regie- rungsbunker bei Mount Weather in Nordvirginia. Vier Stunden später waren bis auf vier Personen al- le JEEP-Karteninhaber in den ihnen zugewiesenen Schutzräumen. Neunundfünfzig befanden sich in der Special Facility bei Mount Weather, und hundertvier- undneunzig waren in SITE R in Raven Rock eingetrof- fen. Bei den verbliebenen vier Personen handelte es sich um Mitarbeiter der Federal Emergency Manage- ment Agency, der Bundeszivilschutzbehörde, die noch zum National Warning Center in Olney, Mary- land, unterwegs waren. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich »Was ist mit Trooper Jones?«, fragte Richter. »Wo soll der sich mit seinem Plastiksprengstoff und dem Ar- wen auf die Lauer legen?« Colin Dekker zuckte die Achseln. »Wirf ’ne Münze«,, sagte er. »Der verdammte Lastwagen könnte überall auf den nächsten fünfhundert Metern anhalten. Er muss einen kurzen Sprint einlegen.« Richter schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Ich kann dir sagen, wo er anhält.« »Wie das?«, fragte Dekker. »Ganz einfach«, erwiderte Richter. »Nimm einen von Erulins Scharfschützen und sag ihm, er soll einen Reifen des Lastwagens zerschießen, vorzugsweise ei- nen der Zwillingsreifen am Aufleger – wir wollen ja nicht, dass er einen Unfall baut. Wenn der Fahrer was taugt, sollte er den Laster innerhalb von achtzig Me- tern zum Stehen bringen.« Die Hintertür des hellblauen Kleinbusses ging auf, und einer der Funker winkte Lacomte zu. Er ging hin, hörte ihm einen Moment lang zu und kehrte dann zu- rück. »Reims«, sagte er. »Jetzt müssen wir nur noch warten, bis sie von der A4 auf die A26 abbiegen. Da- nach können sie nirgendwo anders hinfahren.« Dekker und Erulin riefen ihre Männer zu sich, gin- gen ein letztes Mal den Einsatzplan durch und befah- len ihnen dann, sich bereitzumachen. Sie legten unter ihren Kampfanzügen kugelsichere Westen an und überprüften ihre Waffen und die Reservemunition. Anschließend stellten sie ihre Funkgeräte auf die von Lacomte vorgegebene Frequenz ein, sodass sie ständig mit dem Kommandowagen in Verbindung standen. Als das erledigt war, setzten sie sich neben dem Seiten- streifen ins Gras und warteten auf den Marschbefehl. Richter und Westwood gingen zu Lacomtes Van., Sie waren kaum dort, als die hintere Tür aufging. »Sie haben La Neuvilette passiert«, sagte der Franzose. »Sie haben den Abzweig genommen und müssten in ungefähr fünfunddreißig Minuten hier sein.« »Gut«, sagte Richter und ging zu Colin Dekker, um ihm Bescheid zu geben. »Wann sollen wir losziehen?« »Lieutenant Erulin kann seine Männer gleich in Stellung gehen lassen, wenn er so weit ist«, erwiderte Richter. »Du übrigens auch. Aber bringt den Transit erst in Position, wenn der Konvoi nur noch etwa zehn Minuten entfernt ist.« »Verstanden«, sagte Dekker und erteilte die ent- sprechenden Befehle. Die nächsten zehn Minuten verstrichen nur langsam, bis Lacomtes Funker bekannt gab, dass der Konvoi die Anschlussstelle Vallée de l’Aisne passiert hatte. Das war der letzte Beobachtungspunkt, bevor er unmittel- bar östlich von Laon unter der D977 hindurchfuhr. Wenige Minuten später würden sie ihn aufhalten. »Die Autobahn sperren«, befahl Lacomte. Richter ging zu Dekker und Erulin, die immer noch neben dem Transit standen, und sagte ihnen Bescheid. La- comte war aus seinem Fahrzeug gestiegen und kam gerade auf Richter zu, als ihm der Funker etwas zu- rief. Er kehrte sofort um und hörte gespannt zu, als er ihm Meldung machte. »Was gibt’s?«, fragte Richter. »Sie sind von der Autobahn abgebogen«, sagte La- comte., Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. Botschafter Karasin kannte den amerikanischen Präsi- denten seit drei Jahren, und er meinte ihn gut zu ken- nen. Außerdem konnte er Körpersprache deuten und hatte ein gutes Einfühlungsvermögen. Deshalb war ihm in diesem Moment, als er auf einem der beque- men Ledersessel im Oval Office saß, klar, dass der Präsident trotz aller Gelassenheit, die er ausstrahlte, außer sich vor Wut war. »Mr. Ambassador«, sagte der Präsident ruhig, »sind Sie sich absolut sicher, dass man in Moskau nichts von dieser Sache weiß?« Der Russe schüttelte den Kopf. »Überhaupt nichts, Mr. President. Nicht das Geringste.« Walter Hicks, der in einem Sessel im hinteren Teil des Raumes saß, nick- te langsam. Er war der Ansicht, dass Karasin mögli- cherweise die Wahrheit sagte. »Ich habe mit dem Prä- sidenten persönlich gesprochen«, fuhr Karasin fort, »und er hat es mir ausdrücklich versichert. Er hat mir ausdrücklich versichert«, wiederholte Karasin, der je- des einzelne Wort betonte, »dass er eine derartige Maßnahme weder genehmigt noch angeordnet hat.« Der Amerikaner musterte ihn einen Moment, ehe er wieder das Wort ergriff. »Nun, Mr. Ambassador, das ist gut zu wissen«, erwiderte er. Karasin wurde sichtlich gelöster. »Leider«, fuhr der Präsident ebenso ruhig fort, »stellt uns das vor ein Problem.« Karasin blickte ihn an, ohne etwas zu sagen. »Als wir das letzte Mal über diese, Sache gesprochen haben«, sagte der Amerikaner, »habe ich Ihnen erklärt, dass wir Hinweise hätten, denen zu- folge Russland einen Angriff auf Amerika plant.« »Ja, Mr. President«, sagte Karasin nickend. »Ich kann mich an die Unterredung erinnern. Ich hoffe doch, Sie können sich ebenfalls daran erinnern, dass ich sagte, ich wüsste nichts von diesem angeblichen Anschlag. Ich kann das nur wiederholen und überdies auf die ausdrückliche Versicherung von Seiten meines Präsidenten verweisen.« »Durchaus, Mr. Ambassador«, erwiderte der Ame- rikaner leise. »Aber wir haben unumstößliche Beweise dafür, dass dieser Angriff nicht nur geplant wurde.« Er hielt kurz inne. »Wir wissen jetzt – oder glauben es zu wissen –, dass dieser Angriff bereits in Gang ge- setzt wurde.« Karasin ballte die Fäuste und wurde bleich. »Ich versichere Ihnen, Mr. President –« »Versicherungen, Stanislaw«, sagte der Präsident, der Karasin bewusst beim Vornamen ansprach, »ge- nügen uns nicht mehr. Solange uns Ihr Präsident nicht unmissverständlich versichert, dass dieser Angriff nicht stattfinden wird, bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie darauf hinzuweisen, dass ich bis spätestens fünfzehn Uhr Eastern Standard Time – das ist um drei- undzwanzig Uhr Moskauer Zeit – ohne weitere Rück- sprache mit Ihnen den Startbefehl für das strategische Bomberkommando erteilen werde.« Karasin schüttelte den Kopf. »Sie sollten außerdem wissen, Mr. Ambas- sador, dass die Vereinigten Staaten in« – er warf einen, Blick auf seine Uhr – »gut acht Stunden zu DEFCON ONE übergehen werden. Ihnen ist doch hoffentlich klar, was das bedeutet.« »Ja, Mr. President. Ich weiß, was das bedeutet. Ich kann nur wiederholen, dass unser Präsident mir ver- sichert hat, er wüsste nichts von diesem Angriff. Wie soll er Sie denn dann davon überzeugen, dass er nicht stattfinden wird? Und wie kann er ihn verhindern?« Der Amerikaner stand auf. »Das, Mr. Ambassador, ist sein Problem, nicht meines. Ich habe Ihnen erklärt, was wir tun werden. Unsere Haltung steht nicht zur Disposition. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.« Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich »Was?«, sagte Richter. »Wo? Heißt das, sie sind run- tergefahren?« »Nein«, antwortete Lacomte. »Sie sind nördlich von Anschlussstelle 14 auf eine Raststätte abgebogen.« Richter beruhigte sich wieder. »Vermutlich nur eine Tank- oder Essenspause«, sagte er. »Hoffentlich«, erwiderte Lacomte. »Aber ich mache mir Gedanken wegen dem Verkehr. Ich habe gerade angeordnet, dass die Autobahn nördlich dieser An- schlussstelle gesperrt werden soll.« Richter dachte einen Moment lang nach. »Wir müs- sen unbedingt dafür sorgen, dass alles normal wirkt«, sagte er. »Sie müssen die Sperrung aufheben, bis sie weiterfahren.«, Lacomte nickte und verschwand im Kleinbus. Rich- ter teilte Dekker mit, dass er und seine Männer noch ein paar Minuten Zeit hätten, und stieg dann in La- comtes Bus, um sich auf dem Laufenden zu halten. Der Fahrer des Wagens, der den Konvoi verfolgt hat- te, gab durch, dass ihm nichts Verdächtiges aufgefal- len sei. Der Sattelschlepper und die Personenwagen seien zum Tanken gefahren, und die Insassen seien auf die Toilette und in den Laden gegangen. Aller- dings sei in jedem Fahrzeug jeweils ein Mann zurück- geblieben. Eine Viertelstunde später fuhren sie wieder weiter und fädelten sich in den Verkehr ein. Lacomte wartete, bis der Fahrer des Beschattungs- wagens über Funk meldete, dass der Konvoi wieder in Richtung Westen unterwegs war. Dann ließ er die Autobahn erneut sperren. »Jetzt heißt es abwarten«, sagte er. Zwölf Minuten später knackte es im Lautsprecher, dann meldete sich jemand auf Französisch, aber da- hinter hörte Richter das Grollen eines schweren Die- selmotors. »Der Sattelschlepper hat gerade den Park- platz in Forêt de Samoussy passiert«, sagte Lacomte. »Unser erster Lastwagen fährt los und setzt sich da- hinter.« Eine Minute später fädelte sich der zweite Truck hinter dem schwarzen Mercedes ein, der knapp einen Kilometer hinter der zweiten hellblauen Limou- sine fuhr. Richter öffnete die Tür des Kleinbusses. »Los«, rief er Colin Dekker zu. Der SAS-Offizier reckte den Daumen und stieg in den Transit, ließ den Motor an, und fuhr mit eingeschalteter Warnblinkanlage lang- sam auf dem Seitenstreifen davon. Erulin stieg in sei- nen Renault Trafic und folgte ihm. »Wird Zeit, dass wir für Ihre Panne sorgen«, sagte Richter zu Lacomte. Sie gingen um das Führerhaus des Kleinbusses herum und klappten die Motorhaube auf. Dann schaltete Richter die Warnblinkanlage ein, holte das Warndreieck aus dem Stauraum und stellte es etwa fünfzig Meter weiter hinten auf. Die von Lacomte angeordneten Absperrungen an den Anschlussstellen 13 und 14 machten sich allmäh- lich bemerkbar, sodass jetzt in beiden Fahrtrichtungen nur noch gelegentlich ein Wagen vorbeikam. Richter blickte die Autobahn entlang. Gut einen Kilometer weiter vorn stellten GIGN-Männer Pylonen auf, um den liegen gebliebenen Transit zu sichern. Nach Rich- ters Ansicht sah das Ganze überzeugend und völlig normal aus, aber auf seine Meinung kam es nicht an. Er stieg wieder in den Van, schloss die hinteren Tü- ren, setzte einen Kopfhörer auf und drückte auf die Sendetaste. »Colin?« »Hier. SAS bestätigen.« Nacheinander meldeten sich die drei Männer. »Lieutenant Erulin?« »Hier.« Der Funker sagte etwas zu Lacomte, und der tippte Richter an die Schulter. »Chambry«, sagte er. »An alle«, sprach Richter ins Mikrofon. »Hier Einsatzleitung. Die Zielfahrzeuge haben Chambry passiert. Wir schätzen, dass sie in vier Minuten hier, sind. Bereithalten.« Erulin wiederholte Richters Durchsage für die GIGN-Männer auf Französisch. Richter stand auf und blickte durch die kleinen Fens- ter in den Hintertüren des Renault die Autobahn ent- lang. Die Fahrbahn war völlig leer, weit und breit kein Auto. Lacomte befahl einem der Funker, auszusteigen und sich am Motor des Kleinbusses zu schaffen zu machen, damit die Panne überzeugender wirkte. Dann sah Richter den Konvoi. Der vorderste Mer- cedes fuhr gerade unter der Brücke hindurch, über die die D967 von Laon nach Crécy-sur-Serre führte, und im nächsten Moment tauchte auch die zweite Limou- sine hinter dem Sattelschlepper auf. Richter drückte wieder auf die Sendetaste. »Einsatzzentrale an alle. Noch zwei Minuten.« Richter wandte sich wieder der Autobahn zu. Die Strecke verlief nahezu kerzengerade, und nirgendwo sah er einen der französischen Lastwagen, wohl aber die beiden blauen Limousinen. »Beide Mercedes sind jetzt vor dem Laster und beschleunigen.« Richter blickte durch das Fenster. Hinter dem russischen Lastwagen tauchte das Führerhaus eines weiteren Sat- telschleppers auf, der offenbar zum Überholen ansetz- te. Richters Ansicht nach war er zu spät losgefahren. »Irgendetwas stimmt nicht«, sagte Bykow. Modin hatte leise vor sich hingedöst. »Was?«, fragte er. »Irgendetwas stimmt nicht«, wiederholte Bykow. »Es herrscht zu wenig Verkehr. Ich habe das Gefühl –«, Er brach ab, schob die Trennscheibe auf und wand- te sich an den Beifahrer. »Schicken Sie die beiden Mercedes vor. Sagen Sie ihnen, sie sollen darauf ach- ten, ob sie irgendetwas Ungewöhnliches sehen.« »Sie sind schon unterwegs«, meldete der Beifahrer. Bykow wandte sich an den Fahrer. »Lassen Sie sich zurückfallen. Bleiben Sie weit hinter dem Lastwagen.« Dann drehte er sich um. Hinter ihnen war nur ein Sat- telschlepper, der etwa fünfhundert Meter Abstand hielt. Weiter vorn scherte gerade ein Sattelschlepper mit französischem Kennzeichen aus und überholte den russischen Lastwagen. In der Gegenrichtung tat sich überhaupt nichts. »Vermutlich ist es nur wieder ein Unfall«, sagte Modin und unterdrückte ein Gähnen. »Wir haben heute schon zwei gesehen.« »Nein. Das ist was anderes«, erwiderte Bykow. Er griff zum mobilen Telefon, das an der Trennscheibe hing. Er warf einen Blick auf das Display, dann zeigte er es Modin. »Außer Betrieb« stand dort in kleinen, grauschwarzen Buchstaben. »Auf französischen Autobahnen hat man per Han- dy ausgezeichnete Verbindung«, sagte Bykow. »Je- mand hat die Antennen ausgeschaltet.« Modin rieb sich nachdenklich am Kinn, setzte sich auf und spähte nach vorn. »Sie könnten Recht haben, Wiktor«, sagte er leise. »Möglicherweise bekommen wir Schwierigkeiten.«, »Eine Minute.« Die beiden Mercedes kamen näher, auf jeder Spur einer. Die zwei Lastwagen waren etwa achthundert Meter dahinter. »Dreißig Sekunden.« Die Mercedes, die fast nebeneinander fuhren, rauschten an dem Renault vorbei. »Zwanzig Sekunden.« Der französische Lastwagen hatte sich vor den rus- sischen Sattelschlepper gesetzt und scherte wieder ein. Der Renault wurde zweimal kurz durchgerüttelt, als die beiden Schwertransporter vorbeidonnerten. Richter wandte sich nach vorn und schaute durch die Windschutzscheibe des Trafic. »Zehn Sekunden.« Er konnte nur schätzen, aber es müsste in etwa hinhau- en. Als er die Sendetaste losließ, leuchteten die Brems- lichter des vorderen Sattelschleppers auf. Dann lief al- les wie in Zeitlupe ab. Der Lastwagen brach nach links aus, und Richter sah Rauch unter den Reifen auf- qualmen. Der Aufleger schlingerte hin und her, kippte fast um und stellte sich quer. Die Zugmaschine wurde immer langsamer und streifte beinahe die Leitplanken am Mittelstreifen. Dann leuchteten die Bremslichter des russischen Lastwagens auf. Der Fahrer hatte spät reagiert, aber immerhin. Der vordere Sattelschlepper kam zum Ste- hen, blockierte beide Fahrspuren und versperrte die Sicht nach vorn. Die Tür des Führerhauses ging auf, und eine kleine Gestalt, die eine orange Jacke trug, sprang heraus, flankte über die mittlere Leitplanke und verschwand auf der anderen Seite der Autobahn. Der Mann hatte eines der eindrucksvollsten Fahr- kunststücke hingelegt, das Richter je gesehen hatte., Der russische Lastwagen wurde allmählich langsa- mer, dann scherte er plötzlich nach rechts aus. Richter sah, wie Staub und Gummi verpufften, als der Reifen von der 7.62mm-Kugel zerrissen wurde. Die Zugma- schine geriet ins Schlingern, aber der Fahrer hatte be- reits so stark abgebremst, dass nichts mehr passieren konnte. Richter warf einen raschen Blick durchs Rückfens- ter. Etwa achthundert Meter weiter hinten stellte sich der andere Sattelschlepper, dessen Fahrer sich viel Zeit ließ, quer über beide Spuren. Dann sah Richter zum ersten Mal die schwarze Limousine, genau zwi- schen dem Laster und dem Renault. Anton Kirow Der Speznas-Mann blieb vor der Kabine des Zweiten Maats stehen und klopfte zweimal. Kurz darauf öffne- te Oberst Saworin die Tür. »Er ist weg. Kapitän Bondarew ist an Land gegan- gen.« »Gut. Sagen Sie dem Techniker, dass ich mich vor dem Frachtraum mit ihm treffe.« »Jawohl.« Der Melder eilte davon. Saworin schloss die Tür seiner Kabine und folgte ihm. Genau der rich- tige Zeitpunkt, um die Waffe vor dem Entladen ein letztes Mal zu überprüfen, denn Saworin wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Bondarew etwas davon erfuhr. Saworin hatte die Geschichte von dem, Chiffriergerät im Laufe seiner Gespräche mit dem Ka- pitän noch mehr ausgeschmückt, und mittlerweile war er davon überzeugt, dass Bondarew sie glaubte. Trotzdem wollte er kein Risiko eingehen. Er wusste nicht genau, wie Bondarew reagieren würde, wenn er erführe, dass die Anton Kirow eine Kernwaffe geladen hatte, die tags darauf gelöscht, scharf gemacht und einsatzbereit in Gibraltar eingelagert werden würde, bevor das Schiff wieder auslief. Manchmal war es für alle Beteiligten besser, wenn nicht jeder alles wusste. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich »Da vorn ist ein Unfall«, meldete sich eine ruhige Stimme aus dem Lautsprecher am Armaturenbrett des schwarzen Mercedes. »Zwei Kleinbusse sind daran beteiligt, aber die Autobahn ist nicht gesperrt.« »Schau nach hinten«, rief der Beifahrer ins Mikrofon. »Uns ist ein Reifen geplatzt«, brüllte der Lastwa- genfahrer. »Und irgendein Idiot von einem Franzosen hat sich mit seinem Laster gerade quer vor uns über die Straße gestellt.« Lautes Stimmengewirr drang aus dem Lautspre- cher. »Ruhig«, schrie Bykow und griff zum Mikrofon. Er warf einen Blick nach hinten und sah, wie der zweite Lastwagen soeben die Fahrbahn blockierte. Modin rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Ich glaube, Wiktor«, sagte er leise, »dass jemand dahinter gekommen ist.«, »Konvoi«, rief Bykow, ohne den älteren Mann zu beachten. »Hier Bykow. Wir müssen mit einem An- griff rechnen. Wartet auf meine Befehle.« Richter blickte nach vorn. Der russische Laster war stehen geblieben, und während er noch hinsah, rollte eine Gestalt unter dem Aufleger hervor, rannte über den Seitenstreifen und verschwand im Gebüsch. Die Limousine rollte rund fünfzig Meter hinter dem Trafic aus. Eine Zeit lang tat sich gar nichts. Dieselwolken stiegen aus den beiden Auspuffrohren hinter dem Führerhaus des russischen Lastwagens, der im Leer- lauf vor sich hin tuckerte. Kein Laut, keine Bewegung. Dann ging der Plastiksprengstoff mit einem lauten Knall hoch, den Richter trotz der Kopfhörer mitbe- kam. »Los!« rief er ins Mikro. »Los! Los! Los!« Unmittelbar neben einem Busch am Rande des Sei- tenstreifens stand eine Gestalt in einem Tarnanzug auf und richtete eine schwere, gedrungene Waffe auf das Führerhaus des Sattelschleppers. Der Schütze wurde zurückgeschleudert, als eine Flammenzunge aus dem kurzen Lauf schoss und das Fenster auf der Beifahrer- seite zerbarst. Kurz darauf feuerte er erneut, und im nächsten Moment waberten weiße CS-Gasschwaden durch das Führerhaus. Plötzlich hörte er weiter vorn Schüsse krachen. Colin Dekker ging hinter der Leitplanke neben der Autobahn in Deckung, als das hintere Fenster des blauen Mercedes einen Spaltbreit aufging. Wer beim, SAS dient, muss sich mit allerlei Waffen auskennen, daher wusste er sofort Bescheid, als er den Lauf des Kalaschnikow-Sturmgewehrs am Fenster sah. Er riss die Heckler hoch, stellte sie auf Halbautomatik, legte den Sicherungshebel um, fasste kurz Ziel und drückte zweimal ab. Die erste Kugel traf die hintere Tür des Mercedes, hinterließ aber nur eine Delle – der Wagen war also tatsächlich gepanzert. Der zweite Schuss lag eine Idee höher und erwischte das teilweise heruntergekurbelte Fenster. Aber dann erwiderte die Kalaschnikow das Feuer, und Dekker warf sich flach zu Boden, als die Kugeln die Leitplanke durchschlugen und um Haa- resbreite an ihm vorbeijaulten. Wo zum Teufel waren Erulins Männer? Im nächsten Moment hörte er, wie es zweimal hin- tereinander kurz und trocken knallte, dann ein drittes Mal, als zwei der Gigènes auf den offenen Fenster- spalt des Mercedes feuerten. Im nächsten Moment er- tönte ein schmerzerfüllter Schrei, und die Kalaschni- kow verschwand. Richter riss den Kopfhörer herunter und blickte nach hinten. Fünfzig Meter weiter setzte der schwarze Mer- cedes zu einem Wendemanöver an. Richter trat die Hintertür auf und zog den Smith, aber auf diese Ent- fernung war er nutzlos. »Aufhalten«, brüllte er einem von Erulins GIGN-Scharfschützen zu, der hinter dem Renault kauerte. »Schieß auf die verdammten Reifen!« Der GIGN-Mann blickte sich verständnislos um. Rich-, ter fluchte. Was zum Teufel hieß »Reifen« auf Franzö- sisch? Lacomte sprang aus dem Van. »Les Pneus!«, rief er. »Tirez sur les pneus!« Der Scharfschütze nickte, legte an und feuerte. Das Echo des Schusses war kaum verhallt, als er ein zweites Mal abdrückte. Der Wagen brach nach rechts aus und schlingerte auf den Seitenstreifen zu, und Richter sah, dass beide Reifen auf der linken Seite zerfetzt waren. Erulin hatte Recht, was die Schießkünste seiner Männer anging. »Erkundigen Sie sich bei Colin«, rief Richter Lacomte zu, bevor er losrannte. Richter ging nicht davon aus, dass die Insassen der Limousine zu Fuß die Flucht ergreifen würden, aber er wollte kein Risiko eingehen. Etwa zehn Meter hinter dem Wagen blieb er stehen. Er konnte die Gesichter der beiden Männer deutlich erkennen, die auf dem Rücksitz saßen, zu ihm und auf den Smith & Wesson schauten, den er auf sie gerichtet hatte. Dann hörte er rasche Schritte und blickte nach links. Zwei Scharfschützen der GIGN kamen auf ihn zugerannt. Richter winkte den ei- nen nach links, den anderen nach rechts. Sie gingen ne- ben ihm in Stellung, kauerten sich hin und richteten ih- re Gewehre auf die Türen des Mercedes. »Es ist aus«, rief Richter auf Russisch. »Öffnen Sie die Türen und steigen Sie aus. Der Mann hinten links zuerst.« »Das war’s«, sagte Modin. »Was denn? Wir geben einfach auf?« »Wiktor«, blaffte er. »Sehen Sie sich um und gebrau-, chen Sie Ihren Verstand. Wir sind hoffnungslos unterle- gen. Wenn wir uns wehren, sind wir tot.« Er nickte By- kow zu. »Steigen Sie aus«, sagte er. »Und noch was, Wik- tor«, fügte er hinzu. »Machen Sie keine Dummheiten.« Modin beugte sich zum Fahrer vor. »Stellen Sie den Motor ab«, sagte er. Richter sah die Bewegung und wandte sich an den Scharfschützen zu seiner Rechten, doch der kam ihm zuvor. Zwei Schüsse krachten, und die beiden Reifen auf der rechten Seite zerplatzten. Der Mercedes saß fest. »Der Nächste trifft den Tank«, schrie Richter. »Raus jetzt.« Die linke Hintertür wurde geöffnet, und der Insasse stieg langsam und mit hoch erhobenen Händen aus. »Gehen Sie auf mich zu«, befahl Richter. Als er etwa fünf Meter vor ihm war, rief Richter: »Stopp. Hinle- gen, mit dem Gesicht nach unten. Arme und Beine auseinander.« Der Russe zögerte. Richter hob den Smith & Wesson und legte auf Wiktor Bykow an. »Sie werden sich hinlegen«, sagte Richter, »tot oder leben- dig. Sie haben die Wahl.« Bykow legte sich hin. Anschließend nahm sich Richter den zweiten Insas- sen und danach den Fahrer und den Beifahrer vor. Während Richter die Gefangenen mit dem Smith & Wesson in Schach hielt, fesselte ihnen einer der Scharfschützen der GIGN die Hände auf dem Rücken. Nicht mit Handschellen oder Ketten, nur mit einer simplen Plastikschnur. Praktisch unzerreißbar, und ohne dass man einen Schlüssel brauchte., Richter schob den Smith ins Schulterholster, ließ die vier Russen auf der Straße liegen und ging zum Re- nault zurück. Lacomte kam ihm auf halbem Weg ent- gegen. »Ist mit der Limousine alles in Ordnung?«, fragte er. »Ja«, sagte Richter. »Irgendwelche Schwierigkeiten mit dem Lastwagen?« »Nein. Die Insassen haben eine ordentliche Portion CS-Gas abbekommen und ließen sich mühelos über- wältigen. Beide haben durch herumfliegende Glas- splitter Schnittwunden an Kopf und Hals erlitten, aber nichts Ernstes. Aber mit den beiden anderen Mercedes haben wir Schwierigkeiten.« »Was ist passiert?« »Sie hielten an, als der Lastwagen die Straße blo- ckierte, aber Erulin dachte, sie könnten womöglich eingreifen. Deshalb ließ er seine Männer die Reifen zerschießen.« Die Scharfschützen der GIGN be- herrschten das anscheinend aus dem Effeff. »Und?« »Die Insassen des einen Fahrzeugs eröffneten das Feuer, worauf die Gigènes ein paar Schüsse auf die Fenster abgaben, die sie zum Schweigen brachten. Wir wissen noch nicht, ob die Männer in dem Wagen tot oder lebendig sind, aber sie schießen jedenfalls nicht mehr. Das zweite Fahrzeug steht einfach da. Die In- sassen haben ihre Waffen griffbereit – wir können sie durch die Fenster erkennen –, ohne sie einzusetzen, wollen sich aber offenbar auch nicht ergeben.« Richter dachte einen Moment lang nach. »Überlas-, sen Sie das mir«, sagte er. »Sagen Sie Colin und Eru- lin, dass sie vorerst noch nichts unternehmen sollen.« Er drehte sich um und ging auf die Limousine zu. »Wohin wollen Sie?«, fragte Lacomte. »Mich mit dem obersten Boss beraten«, sagte Rich- ter. Er ging an den beiden GIGN-Aufpassern vorbei und kniete sich neben den älteren der beiden Männer, die auf dem Asphalt lagen. »Sind Sie der ranghöchste Offizier?«, fragte ihn Richter auf Russisch. Nikolai Modin nickte. »Gut«, sagte Richter. »Ich helfe Ihnen auf.« Richter zog Modin auf die Beine und ging mit ihm zur Limousine. »Wir haben ein Problem«, erklärte er und deutete die Autobahn entlang. »Ihre beiden Begleitfahrzeuge stehen etwa eine halbe Meile weiter vorn. Voller Speznas-Soldaten, die bis an die Zähne bewaffnet und von unseren Männern umstellt sind, die ebenfalls schwer bewaffnet sind. Es gab bereits ei- nen kurzen Schusswechsel, und ich nehme an, dass ein paar Ihrer Männer dringend ärztliche Behandlung brauchen. Also«, fuhr er fort, »wir können es auf die harte Tour machen oder auf die leichte. Wenn sie im Wagen bleiben, feuern wir ein paar panzerbrechende Geschosse auf die Fenster ab und schmeißen eine Handgranate rein. Das gibt eine Riesenschweinerei, und außerdem muss ich hinterher einen ganzen Hau- fen Formulare ausfüllen.« »Und die leichte Tour?«, fragte Modin, der zum ers- ten Mal etwas sagte, auf Englisch. »Wir können es uns leichter machen, wenn Sie ans Funkgerät gehen« – Richter deutete durch das Fenster, der Limousine – »und ihnen sagen, dass sie die Waf- fen im Wagen lassen und aussteigen sollen, einer nach dem anderen.« »Und dann?«, fragte der Russe. »Danach reden wir ein bisschen«, erwiderte Richter. »Ich versichere Ihnen, dass Ihren Männern kein Haar gekrümmt wird, wenn sie sich ergeben.« »Habe ich eine andere Wahl?« »Offen gesagt, nein.« »Können Sie meine Fessel lösen?«, fragte Modin. »Lieber nicht«, antwortete Richter. »Noch nicht je- denfalls. Ich bediene das Funkgerät für Sie. Mein Rus- sisch«, fügte er hinzu, »ist zwar nicht fließend, aber ich bekomme es garantiert mit, wenn Sie was Falsches sagen.«, Mittwoch Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Um siebzehn Uhr war die Lage bereinigt. Zwei der Speznas-Kämpfer waren tot aufgefunden worden, als Dekkers Männer die hinteren Türen des Mercedes ge- öffnet hatten; die beiden anderen Insassen waren schwer verletzt und inzwischen auf dem Weg ins Krankenhaus. Die beiden Lastwagen, die die Fahr- bahn blockiert hatten, waren weg, desgleichen die Zugmaschine des russischen Sattelschleppers. Lacom- te hatte eine neue Zugmaschine angefordert und den Aufleger zu einem Parkplatz bringen lassen, der ein paar Kilometer weiter vorn lag. Die Mercedes waren auf Abschleppwagen verladen und zum gleichen Parkplatz transportiert worden, wo man sie abgestellt hatte, bis neue Reifen geliefert wurden. Die Autobahn war zwischen den Anschlussstellen Chambry und Courbes in beiden Fahrtrichtungen gesperrt, und es würde vermutlich eine Weile dauern, bis sie wieder für den Verkehr freigegeben wurde. Im Moment war- tete man auf den französischen Innenminister, der demnächst per Helikopter eintreffen würde, um die Fracht des russischen Lastwagens zu inspizieren. Die überlebenden Russen hockten bis auf zwei, Ausnahmen mit Plastikschnur gefesselt in Erulins Re- nault-Bus. Die erste Ausnahme war der hohe Offizier, der den Speznas-Männem befohlen hatte, sich kampf- los zu ergeben. Er saß halbwegs bequem an einem der steinernen Picknicktische am Rand der Autobahn und aß eines der Sandwiches, die von Colin Deckers Mit- tagessen übrig waren. Trooper Smith stand etwa drei Meter von ihm entfernt und bewachte ihn mit seiner Heckler. Richter saß hinten im Transit und wandte sich an den zweiten Mann – den jüngeren Russen, der auf dem Rücksitz des schwarzen Mercedes gesessen hatte. »Ich heiße Beatty«, sagte er, »und vertrete die britische Regierung.« Eine etwas anmaßende Aussage, die kei- neswegs den Tatsachen entsprach, aber weit und breit war niemand, der ihm hätte widersprechen können. »Dürfte ich bitte Ihren Namen erfahren?«, fragte Rich- ter höflich. Der Russe starrte ihn an. »Sie haben meinen Pass beschlagnahmt«, sagte er. »Wenn Sie lesen können, werden Sie feststellen, dass es sich um einen Diploma- tenpass handelt und dass Sie gegen das Völkerrecht verstoßen, wenn Sie mich weiter festhalten. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.« Er wandte sich dem Fenster zu. Richter nahm den Pass und warf einen Blick hinein. »Laut diesem Dokument«, begann er, »heißen Sie Pjotr Lavrow und sind Diplomat. Meiner Meinung nach stimmt keines von beidem. Ich glaube nicht, dass Sie Pjotr Lavrow heißen, weil ich gehört habe, wie Ihr, Vorgesetzter Sie mit ›Bykow‹ ansprach. Und ich glau- be nicht, dass Sie Diplomat sind, weil Diplomaten normalerweise nicht den Versuch unternehmen, eine Kernwaffe in ein anderes Land zu schmuggeln … Vielleicht wäre es ganz nützlich, Genosse Bykow«, sagte Richter nach kurzem Schweigen, »wenn ich Ih- nen ein paar Tatsachen darlege. Dieser Einsatz, bei dem wir Ihren Lastwagen aufgehalten und verhindert haben, dass Sie eine Atomwaffe in London deponie- ren konnten, ist ein Gemeinschaftsunternehmen. Wir haben eine Abteilung unseres Special Air Service und einen Trupp der französischen Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale eingesetzt, und das Ganze wurde von der französischen DST geleitet, das ist die Direction de la Surveillance du Territoire.« »Ich weiß, wofür die Abkürzung steht, Mr. Beatty«, erwiderte Bykow. Richter nickte. »Das dachte ich mir schon«, sagte er. »Und warum erzählen Sie mir das?«, sagte Bykow und schaute ihn fragend an. »Ich erzähle Ihnen das, damit Ihnen klar wird, dass die Beteiligten aus zwei verschiedenen Ländern stammen. Da wir nicht die gleiche Sprache sprechen, gibt es gewisse Verständigungsschwierigkeiten. Keine der beteiligten Einheiten hat bislang ihren Bericht ab- gefasst«, fuhr Richter fort. »Aber vermutlich wird er eine Empfehlung enthalten, dass man in Zukunft bei gemeinsamen Einsätzen Dolmetscher hinzuzieht. Da- durch lassen sich bedauerliche Zwischenfälle und Missverständnisse vermeiden.«, »Ich verstehe wirklich nicht, worauf Sie hinauswol- len. Was für bedauerliche Zwischenfälle und Missver- ständnisse?« »Nun ja, das hängt ganz von Ihnen ab«, sagte Rich- ter nach kurzem Schweigen. »Wenn Sie mir zum Bei- spiel ein paar einfache Fragen beantworten – wenn möglich wahrheitsgemäß –, dann dürfen Sie und Ihr Kollege in ein paar Stunden wieder in Ihre Limousine steigen und Ihre Reise fortsetzen. Sie können nach Russland zurückkehren oder irgendwo anders hinfah- ren, je nachdem, wozu Sie Lust und Laune haben. Wir spendieren Ihnen sogar ein paar neue Reifen«, fügte er hinzu. »Und wenn ich mich weigere?«, fragte der Russe. »Tja, das ist der Haken«, erwiderte Richter. »Ich brauche wirklich ein paar Auskünfte, sei es von Ihnen oder von Ihrem Kollegen. Wenn Sie sich weigern, mit mir zu sprechen, kann ich nur hoffen, dass er einsich- tiger ist. Möglicherweise muss ich dafür sorgen, dass Sie, sagen wir mal, bei einem Fluchtversuch erschos- sen werden, damit er Vernunft annimmt. Das ist einer dieser bedauerlichen Zwischenfälle, um die ich mir Sorgen mache.« Bykow funkelte ihn nach wie vor trotzig an, aber sein Gesicht war etwas blasser geworden. »Das würden Sie nicht wagen. Das wäre Mord, kaltblütiger Mord.« »Selbstverständlich«, pflichtete Richter ihm bei. »Aber ich bin mir sicher, dass Sie schon Schlimmeres ange- stellt haben.« Bykow wollte zu einer Erwiderung an- setzen, überlegte es sich dann aber anders. »Frank-, reich«, sagte Richter, »ist ein zivilisiertes Land, in dem sich alle Bürger an Recht und Gesetz halten. Aber Sie dürfen mir glauben, dass Recht und Gesetz auf die- sem Parkplatz vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden. Hier können wir tun, was wir wollen.« Er deutete aus dem Fenster auf Trooper Smith. »Sehen Sie den Mann dort? Er ist beim Special Air Service Re- giment 22. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr dient er bei den britischen Streitkräften und gehört jetzt der vermutlich professionellsten und besten Elitetruppe der Welt an – Ihre Speznas eingeschlossen. Ich kann Ihnen eine interessante Geschichte erzählen. Im De- zember 1974 nahm ein Vier-Mann-Trupp der IRA an der Balcombe Street in Marylebone – das ist ein Bezirk von London – zwei Geiseln. Die Bande war gut be- waffnet – sie hatten sogar Maschinenpistolen – und dachten nicht ans Aufgeben. Die Metropolitan Police – die Londoner Stadtpolizei – ging von einer längeren Belagerung aus, in deren Verlauf möglicherweise bei- de Geiseln ums Leben kommen würden und ein Rie- senchaos entstünde. Aber noch ehe es zu einer größe- ren Aktion kam, ließ ein tüchtiger Polizeiführer ge- genüber der BBC und der überregionalen Tagespresse durchsickern, dass man dem SAS die Einsatzleitung übertragen werde. Wissen Sie, was passiert ist, als sich die Nachricht verbreitete?« »Nein, natürlich nicht«, entgegnete Bykow. »Die Bande hat sich ergeben. Sofort und bedin- gungslos. Und wissen Sie, warum?« Der Russe schüttelte den Kopf., »Weil sie genau wussten, dass ihre Überlebens- chancen gleich null waren, wenn der SAS eingriff. Ein paar Jahre später, im April 1980, besetzten sechs Ter- roristen die iranische Botschaft in London. Als sie an- fingen, ihre Geiseln zu töten, stürmte der SAS unter den Augen von Pressevertretern aus der halben Welt das Gebäude. Als die Sache vorbei war, waren fünf der sechs Terroristen tot, und der sechste hatte nur überlebt, weil er sich als Geisel ausgab und erst hin- terher identifiziert wurde, nachdem der SAS das Ge- bäude geräumt hatte. Ich will Ihnen damit klar ma- chen«, fuhr Richter fort, »dass der SAS keine Gefan- genen macht. Wir setzen ihn nur im äußersten Notfall ein, wenn nichts anderes übrig bleibt, als die Übeltäter über den Haufen zu schießen. Die ganze Ausbildung, die ganze Taktik dieser Truppe ist darauf ausgerich- tet. Sie sind eindeutig ein Übeltäter, wenn man be- denkt, was Sie vorhatten. Im Vergleich mit Ihnen wa- ren die Terroristen aus der iranischen Botschaft nur eine Horde ungezogener Schuljungen.« Richter hielt inne. »Nun, was glauben Sie eingedenk all dessen«, sagte er und deutete wieder auf Trooper Smith, »was er tun würde, wenn ich Sie aus diesem Bus schleife und ihm sage, dass er Sie erschießen soll?« »Ich weiß es nicht.« »Falsch«, entgegnete Richter. »Sie wissen es. Er würde Sie auf der Stelle erschießen, ohne jede Frage. Einen Trost hätten Sie allerdings – es wäre ein schnel- ler Tod. Der SAS schießt, um zu töten, nicht, um den Gegner kampfunfähig zu machen.«, »Damit kämen Sie niemals durch«, stieß Bykow hervor. »Wieder falsch«, sagte Richter. »In meinem Bericht stünde, dass Trooper Smith sofort reagiert hat, um ei- nen Vorgesetzten – das bin ich – vor einem russischen Terroristen – das sind Sie – zu schützen. Trooper Smith und ich wüssten zwar, dass es nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber wenn Sie meinen, dass wir deswegen schlecht schlafen würden, irren Sie sich. In den Berichten unserer französischen Kollegen da drü- ben« – Richter deutete auf eine Gruppe Gigènes, die neben Erulins Renault standen – »stünde das Gleiche, weil sie weder mich noch Trooper Smith verstehen können. Das ist der Haken dabei, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.« Richter beugte sich vor und musterte ihn mit kaltem, hartem Blick. »Hier und jetzt«, sagte er leise, »sind wir das Gesetz. Alles, was ich tue, lässt sich rechtfertigen, da es im Vergleich mit dem, was Sie vorhatten, völlig unbedeutend ist. Bitte glauben Sie mir das, weil ich Ihnen nämlich gleich noch mal dieselbe Frage stellen werde wie vor zehn Minuten. Und wenn ich die gleiche Antwort bekom- me, werden Sie in einer Holzkiste von hier abtrans- portiert. So viel steht fest.« Richter starrte ihn an, und Bykow wich seinem Blick aus. »Gut, Genosse Bykow, fangen wir noch mal von vorn an. Dürfte ich bitte Ih- ren vollen Namen erfahren?« Der Russe schaute Richter wortlos an. Richter griff zu dem Pass und öffnete die beiden Hintertüren des Transit. Er stand bereits mit einem Fuß auf dem Bo-, den, als der Russe antwortete. »Bykow«, sagte er mit einem leisen Seufzen. »Wiktor Grigorewitsch Bykow.« Fünfzehn Minuten später half Richter Bykow, des- sen Hände noch immer gefesselt waren, beim Ausstei- gen aus dem Transit und führte ihn zu dem steinernen Picknicktisch, wo Trooper Smith ihn bewachen würde. Der ältere Russe stand auf, als sie näher kamen. Rich- ter nickte ihm zu. »Nur ein paar Fragen, bitte.« Als sie weggingen, sagte Bykow etwas – es war nur ein einziger Satz, aber Richter fuhr herum und schaute ihn an. »Es ist noch nicht vorüber, Mr. Beatty«, sagte er. Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Lange bevor die nahenden Fahrzeuge zu sehen oder die Sirenen zu hören waren, hielt die Moskauer Ver- kehrspolizei sämtliche Autos an. Die Fahrzeugkolon- ne – zwei der großen, bei russischen Amtsträgern nach wie vor beliebten ZIL-Limousinen, begleitet von vier Polizisten auf BMW-Motorrädern – rauschte über den Teatralnyj Projesd und bog nach rechts auf den Maneschnaja Ploschtschad ab. Sie überquerte den Ploschtschad Rewoljuzii, fuhr an dem mächtigen vier- zehn Stockwerke hohen Hotel Moskwa mit seiner Fas- sade aus rotem Granit und weißem Marmor vorbei und stieß auf den Krasnaja Ploschtschad – den Roten Platz. Auf der rechten Seite des leicht abschüssigen Platzes erstreckt sich die lange, rote Mauer des Kreml., Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ragt das riesige, im Zuckerbäckerstil errichtete Warenhaus GUM auf. Die Kolonne fuhr durch den an der linken Seite der Kremlmauer gelegenen Erlöser-Torturm, den Haupt- eingang für Amts- und Würdenträger, in den Kreml. Der Kreml ist eine Stadt für sich, ein achtundzwanzig Hektar umfassender Komplex hoch über der Moskwa. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Fes- tung, die von einer bis zu neunzehn Meter hohen, nach Norden hin spitz zulaufenden und mit neunzehn Türmen bewehrten Mauer umgeben ist, durch die vier Tore führen. Im nördlichen Teil des Kreml stehen drei Gebäude. Das kleinste, im Osten gelegen, beherbergt das Kreml-Theater. Dahinter steht halb verdeckt die Residenz des Präsidenten der russischen Föderation. Der dritte Gebäudekomplex mit dem so genannten Arsenal, ist zugleich auch der größte; ein lang ge- streckter, rechteckiger Bau an der westlichen Umfas- sungsmauer, von dem man auf den Alexandergarten blickt. Im südlichen Teil befindet sich die Staatliche Rüstkammer, ein berühmtes Museum, in dem aller- hand alte Waffen, mit Juwelen besetzte Ikonen sowie kunstvolle Uhren und kostbarer Schmuck ausgestellt werden. Das nördlich daran angrenzende, nicht zur Besichtigung freigegebene Arsenal besteht aus massi- vem Mauerwerk, durch das kein Zugang zu den obe- ren Geschossen führt. Dorthin gelangt man nur durch ein hohes, schmiedeeisernes Tor zwischen der Resi- denz des Präsidenten und dem Arsenal., Das Arsenal bildet ein vier Stockwerke hohes Rechteck, das einen Innenhof umgibt. Im dritten Stock, etwa auf halber Höhe des östlichen Gebäude- teils, befindet sich der vor neugierigen Blicken ver- borgene Konferenzraum. Er ist fünfzehn Meter lang, acht Meter breit, mit schwerem Mobiliar ausgestattet und in einem überladenen Stil gehalten, der typisch für die meisten russischen Regierungsgebäude ist. In diesem Raum trifft sich jeden Donnerstagmorgen das Politbüro – eine handverlesene Gruppe von Männern, die an der Spitze des Zentralkomitees der Kommunis- tischen Partei stehen und nach wie vor die eigentliche Macht in Russland innehaben – und bespricht an ei- nem mit grünem Filztuch bespannten Tisch die Regie- rungsgeschäfte der Gemeinschaft unabhängiger Staa- ten mit ihren rund dreihundert Millionen Staatsbür- gern. An den Konferenzraum grenzt das Walnuss- zimmer an, ein etwas intimerer Raum mit einem kleineren Tisch und bequemeren Sesseln, der für Be- sprechungen genutzt wird, wenn nicht alle Mitglieder des Politbüros anwesend sind. Die Fahrzeugkolonne hielt am westlichen Ende der Residenz. Die Kradfahrer bildeten mit ihren Maschi- nen einen Kreis um die beiden Autos und warteten. Auf das Zeichen eines Motorradfahrers hin sprangen die Fahrer der Limousinen aus den Wagen und rissen die Hintertüren auf. Drei Männer stiegen aus dem ers- ten ZIL, zwei aus dem zweiten. Alle fünf gingen mit forschen Schritten durch das Tor und verschwanden im Inneren des Arsenals., Fünfzehn Minuten später hielt ein schwarzer Mer- cedes vor dem Gebäude. Ein Mann stieg aus und ging durch das Tor. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Der ältere Russe folgte Richter kommentarlos zum Transit und setzte sich hin. Er wirkte eigenartig gut gelaunt, vor allem, wenn man bedachte, was er an diesem Nachmittag durchgemacht hatte. »Wir sollten uns zunächst einmal vorstellen«, sagte Richter. »Ich heiße Beatty und bin Agent im Dienste der britischen Regierung.« Der Russe verzog den Mund zu einem leichten Lä- cheln. »Sie scheinen viele Namen zu haben, Mr. Beat- ty«, erwiderte er. »Auch wenn Sie zurzeit etwas ange- schlagen wirken, meine ich Sie von einem etwas un- scharfen Foto her zu kennen. Aber als es aufgenom- men wurde, nannten Sie sich Willis.« Richter lächelte seinerseits. »Sie haben ein gutes Gedächtnis«, sagte er. »Aber die Kameras in Schere- metjewo müssen vielleicht ein bisschen schärfer ein- gestellt werden. Ich habe diesen Namen bei meinem letzten Abstecher nach Moskau benutzt. Darf ich fra- gen, mit wem ich es zu tun habe?« »Sie haben meinen Pass gesehen, Mr. Beatty.« »Ich weiß, aber ich frage Sie trotzdem«, sagte Rich- ter. »Wer sind Sie? Ich habe nämlich keine Lust«, füg- te er hinzu, »sämtliche Fotos durchzugehen, die wir, über alle möglichen Offiziere und Agenten von GRU, KGB und SWR vorliegen haben. Außerdem würde sich Ihre Freilassung dadurch erheblich verzögern.« Der Russe warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Na schön, Mr. Beatty. Ich heiße Modin, Nikolai Fedoro- witsch Modin. Ich bin General beim SWR.« »Sind Sie bereit, mir etwas über dieses Unterneh- men zu erzählen?« Modin zögerte. »Eigentlich sollte ich Ihnen gar nichts dazu sagen«, erwiderte er. »Aber da wir hier beisammen sitzen, wissen Sie offenbar bereits so gut wie alles. Außerdem bezweifle ich, dass Sie von By- kow viel erfahren haben.« »Ich weiß größtenteils Bescheid«, erklärte Richter. »Aber es war sehr mühselig, Wiktor Bykow irgendet- was zu entlocken. Außerdem möchte ich noch die eine oder andere Einzelheit klären. Sie werden feststellen, dass wir allein in diesem Fahrzeug sind, und ich ver- sichere Ihnen, dass Ihre Aussagen nicht unbedingt an Dritte weitergegeben werden.« »Das sagen Sie, Mr. Beatty. Das sagen Sie.« Modin klang nicht annähernd überzeugt. »Handelt es sich um eine Operation der Gruppe Nord?«, fragte Richter. Modin schüttelte den Kopf. »Nein. Die Gruppe Nord wurde schon vor Jahren aufgelöst. Operation Podstawa – das Wort ließe sich in etwa mit ›Provoka- teur‹ übersetzen – wurde von Anfang an unter strengster Geheimhaltung von Minister Dimitri Tru- schenko geleitet, der wiederum im Auftrag des Polit-, büros handelte. Die Planung wurde von einer gemein- samen Arbeitsgruppe von SWR und GRU durchge- führt.« »Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?«, fragte Rich- ter. »Eine gemeinsame Operation von SWR und GRU?« »Nein, Mr. Beatty«, antwortete Modin. »Es ist nicht ungewöhnlich – es ist einmalig. Aber in auswegloser Lage, wenn ich das so sagen darf, sucht man sich selt- same Bundesgenossen. Nur der GRU verfügte über die Einrichtungen, die wir benötigten, und wenn das Vorhaben gelingen sollte, mussten wir mit den Kolle- gen zusammenarbeiten. Es war nicht gerade eine an- genehme Erfahrung.« Richter wechselte das Thema. »Warum sind Sie in Frankreich? Ist das für einen Mann in Ihrer Position nicht riskant, selbst wenn Sie einen Diplomatenpass bei sich haben?« Modin nickte. »Es war ein Risiko, ja, aber Minister Truschenko trug mir auf, dass ich die Stationierung der Waffe persönlich beaufsichtigen sollte. Wiktor By- kow begleitete mich, weil er vorgeblich zum Londo- ner GRU-Residenten ernannt worden war. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er diesen Posten jetzt noch antreten wird. Genau genommen war er bei die- sem Projekt von Anfang an der höchste Verbindungs- offizier des GRU.« »Sie sagten ›vorgeblich‹«, erwiderte Richter. »Wa- rum haben Sie diesen Ausdruck benutzt?« Modin lächelte, dann lachte er auf. »Entschuldigen, Sie«, sagte er. »Ich werde es Ihnen erklären. Darf ich Ihnen vorher eine Frage stellen?« Richter nickte. »Fragen dürfen Sie, aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich Ihnen eine Antwort darauf gebe«, erklärte er. »Danke«, sagte Modin. »Haben Sie mit den Ameri- kanern über diese Sache gesprochen?« »Ja«, erwiderte Richter. »Wir haben sogar einen ranghohen Mitarbeiter der CIA als Beobachter dabei.« »Vielleicht wäre es besser, Mr. Beatty, wenn Sie ihn hinzuziehen, bevor ich weiter aushole.« »Warum?«, fragte Richter. »Weil das Zeit spart. Und Sie haben nicht mehr viel Zeit.« Richter dachte einen Moment lang nach. »Okay«, sagte er dann, öffnete die Hintertür des Transit und rief John Westwood, achtete aber darauf, dass er ihn nur beim Vornamen nannte. »General Modin, das ist John von der CIA. John, das ist General Nikolai Mo- din vom SWR«, sagte Richter. »Haben Sie den Briten mitgeteilt«, fragte Modin Westwood, »dass Sie in Moskau einen Informanten ge- wonnen haben – ich glaube, Sie würden ihn als ›Über- läufer‹ bezeichnen? Einen hochrangigen Informanten?« Westwood schaute Richter etwas betreten an, dann nickte er. »Ja«, erwiderte er, »allerdings erst vor kur- zem. Wir wollten die Situation erst klarstellen«, fuhr er fort, »bevor wir unsere Verbündeten einbeziehen. Möglicherweise war das ein Fehler.« Richter nickte. »Wir wussten über diesen ›Überläufer‹ Bescheid«,, sagte Modin. »Ich habe einen Kollegen damit betraut, den Verräter zu entlarven. Er hat viel Zeit und Mühe darauf verwandt, jemanden ausfindig zu machen, der die Amerikaner informiert haben könnte. Leider er- folglos. Allerdings«, fügte Modin hinzu, »waren so- wohl er als auch ich der Meinung, dass Wiktor Bykow am ehesten dafür in Frage käme. Und das ist der ei- gentliche Grund, weshalb mich Bykow auf dieser Fahrt nach London begleitet.« Richter blickte ihn verdutzt an. »Das verstehe ich ja, General«, sagte er. »Aber Sie amüsieren sich allem Anschein nach darüber, dass Bykow verdächtigt wur- de. Was ist daran so komisch?« Modins Grinsen wurde breiter. »Es ist deshalb ko- misch, Mr. Beatty«, erwiderte er, »weil Bykow nicht der Verräter ist.« »Woher wollen Sie das wissen?«, fragte Richter. »Weil ich der Informant war, Mr. Beatty«, erklärte Modin, »nicht Wiktor Bykow.« Walnusszimmer, Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Die Tür ging auf, und ein kleiner, schlanker Mann mit dichten grauen Haaren kam herein. Er blickte sich im Zimmer um und nickte den fünf Männern zu, die am Tisch Platz genommen hatten. Am Kopfende saß der russische Präsident, flankiert von Jewgeni Ryschkow, dem Vizepräsidenten des Obersten Sowjet, und Ana-, toli Sergejewitsch Lomonosow, dem Vorsitzenden des Ministerrats. Auf der anderen Seite des Tisches saßen Juri Baratow, der Leiter des SWR, und Konstantin Ab- ramow, sein Stellvertreter. Der Präsident winkte den Neuankömmling zum anderen Ende des Tisches. »General Sokolow«, erklärte der Präsident mit rauer Stimme, »wir haben ein Problem.« Grigori Sokolow nahm Platz und blickte fragend über den Tisch hinweg, schwieg aber. Er war viel zu erfahren, um irgendetwas zu sagen, ehe er nicht ge- nau wusste, worum es ging. Und aus der Vorladung, die er erhalten hatte, war nichts hervorgegangen. »Wo ist General Modin?«, fragte Baratow leise, aber mit scharfem Tonfall. Damit hatte Sokolow zuallerletzt gerechnet. »Gene- ral Modin?«, murmelte er. »Sie wissen doch, wo er ist, Genosse Baratow. Er ist auf dem Weg nach London.« Sokolow achtete auf Baratows Miene. Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als ihm klar wurde, dass Baratow nicht wusste, wo Modin war. Keiner der Männer am Tisch wusste es, und Sokolow begriff mit einem Mal, dass irgendetwas nicht stimmte. »Warum begibt er sich nach London?«, fragte der Präsident. Sokolow stand auf und verbeugte sich. »Genosse Präsident«, erwiderte er stammelnd, »ich werde Sie so weit wie möglich unterstützen, aber ich glaube, ich bin nicht der richtige Ansprechpartner.« »An wen sollten wir uns denn wenden?«, fragte Ryschkow., »An Minister Dimitri Truschenko«, erwiderte Soko- low. »General Modin und ich haben nur die ausdrück- lichen Anweisungen des Ministers ausgeführt. Gene- ral Modin ging davon aus – und ich ebenfalls –, dass der Minister im Auftrag des Politbüros handelt.« »Und welche Anweisungen hat Ihnen Minister Tru- schenko erteilt?«, fragte der Präsident. Sokolow richtete sich auf und blickte ihn an. »Mi- nister Truschenko hat Operation Podstawa koordi- niert«, antwortete Sokolow leise. »Operation Podstawa zielt darauf ab, die Amerikaner zu neutralisieren, da- mit unsere Streitkräfte kampflos in Westeuropa ein- marschieren können. General Modin«, schloss er, »be- aufsichtigt die letzte Phase des Unternehmens.« Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frank- reich Westwood schüttelte den Kopf. »Sie sind also RA- VEN? Wir hatten eine Liste mit allen in Frage kom- menden Personen zusammengestellt«, sagte er, »aber Sie waren nur darauf, weil wir wussten, dass Sie Zu- gang zu höchsten Stellen haben. Wir haben niemals ernsthaft angenommen, dass Sie der Informant sein könnten.« Modin schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Verräter«, sagte er. »Meiner Meinung nach jedenfalls nicht. Das Material, das ich Ihrem Mann in Moskau anfangs zu- kommen ließ, stammte aus erster Hand – es war keine, Desinformation –, und ich habe es Ihnen nur aus ei- nem Grund zugespielt. Ich musste mich bei der CIA einführen, um sicherzugehen, dass man meine War- nung ernst nimmt, wenn ich Ihnen von diesem Unter- nehmen berichte. Ich musste dafür sorgen, dass Sie die entsprechenden Maßnahmen ergreifen, um es zu verhindern. Operation Podstawa«, fuhr er fort, »hätte nichts bewirkt. Mir kamen schon vor Monaten erste Bedenken, und ich wurde deswegen sogar bei Minis- ter Truschenko vorstellig.« Er schüttelte den Kopf. »Aber es war, als wollte man einen Zug aufhalten – sobald er Fahrt aufgenommen hat, ist das unmöglich. Anfangs kam mir alles so einfach vor, so selbstver- ständlich. Man jagt den Amerikanern Angst ein und schaltet sie aus. Dann nimmt man Europa in Besitz. Damit hätten wir eine Basis, von der aus wir tatsäch- lich die Welt beherrschen könnten. Wir könnten dafür sorgen, dass der Kommunismus funktioniert. Dass der Traum von Lenin und allen anderen Wirklichkeit wird.« Er lächelte. »Ich weiß nicht mehr, wann es war, aber irgendwann wurde mir klar, dass es nicht klap- pen würde – gar nicht klappen konnte. Europa könn- ten wir einnehmen – das wäre nicht weiter schwer. Aber wie sollte es danach weitergehen? Russland ver- fügt bereits über reichlich natürliche Ressourcen, aber wir können nicht einmal unsere eigene Bevölkerung ernähren. Ohne das Getreide, das wir Jahr für Jahr von den Amerikanern kaufen, müsste unser Volk hungern. Wenn wir uns Westeuropa einverleiben, hät- ten wir zwar noch mehr Ressourcen, aber zugleich, würde auch die Bevölkerung zunehmen, und das hie- ße, dass wir noch mehr hungrige Mäuler zu stopfen hätten. Im Grunde genommen würden wir die Lage nur noch verschlimmern. Ich war gegen Glasnost, müssen Sie wissen. Ich glaubte nicht, dass es Russland etwas nützt, wenn man sich dem Westen öffnet. In- zwischen bin ich der Meinung, dass Gorbatschow und Jelzin Recht hatten. Russland kann nicht länger eine Festung bleiben, die sich von der übrigen Welt ab- schottet. Vom Fortschritt. Sonst gerät das Land immer mehr ins Hintertreffen. Es wird höchste Zeit, dass Russland aus der Rumpelkammer herauskommt – wenn Sie meine Ausdrucksweise bitte entschuldigen würden.« »Und deshalb haben Sie sich entschieden, uns zu in- formieren?«, fragte Westwood. Modin nickte. »Ja. Meiner Meinung nach war das die einzige Möglichkeit, eine Auseinandersetzung zu vermeiden, bei der keiner gewinnen konnte. Bei dieser Sache«, fügte Modin hinzu und wandte sich mit ge- senkter Stimme an Richter, »müssen Sie und die Ame- rikaner zusammenarbeiten – eng zusammenarbeiten. Ist Ihnen das klar?« Richter schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht ganz sicher, General«, erwiderte er. »Macht nichts. Hauptsache, Sie denken daran. Sie müssen mit den Amerikanern zusammenarbeiten.« »Wann wollten Sie uns über die Waffen in den Ver- einigten Staaten Bescheid sagen?«, fragte Westwood. »Diese Woche«, antwortete Modin. »Minister Tru-, schenko will ein Ultimatum stellen. Er wartet nur noch auf eine Bestätigung meinerseits, dass die Waffe in London eingetroffen ist.« »Die Waffen in Amerika werden doch über Ihren neuen Fernmeldesatelliten gezündet?«, fragte Richter. »Den geostationären, der über dem Ostatlantik steht?« »Ja«, erwiderte Modin. »Bei dem Waffentest in der Tundra, wegen dem das Spionageflugzeug eingesetzt wurde, wurde gar nicht die Bombe erprobt – wir woll- ten nur den Zündmechanismus testen. Wir hatten die neue Waffe bereits bei etlichen unterirdischen Tests erprobt. Sie wissen doch«, fügte er hinzu, »dass wir eine mehrere Megatonnen starke Neutronenbombe entwickelt haben?« »Ja«, sagte Richter. »Der Genosse Bykow war dies- bezüglich etwas verschlossen, deshalb frage ich Sie. Warum können die Amerikaner den Satelliten nicht einfach zerstören? Ein Spaceshuttle mit einer Laserka- none oder so was Ähnlichem hochschicken und das Ding abfackeln?« »Weil unsere Wissenschaftler schlauer gewesen sind, Mr. Beatty. Die Amerikaner sollten eher Sorge dafür tragen, dass der Satellit unbeschadet im Orbit bleibt. Das Gerät, das sich in dem Satelliten befindet, löst den Zünder nicht aus«, fuhr Modin fort. »Es ver- hindert vielmehr die Zündung – wie eine Art Unter- brecherkontakt. Der Satellit empfängt ein bestimmtes Signal von einer Relaisstation in Russland und strahlt es in die Vereinigten Staaten aus. Jede Waffe ist an ei- ne Satellitenschüssel und einen Funkempfänger ange-, schlossen. Solange das Signal eingeht, ist der Strom- kreis des Zünders unterbrochen. Wenn es ausfällt, schaltet sich der Unterbrecher automatisch aus, der Stromkreis schließt sich, und die Bombe explodiert.« Richter dachte einen Moment lang nach. »Das heißt also, wenn der Satellit zerstört oder schwer beschädigt wird, gehen die Bomben hoch, die Sie in Amerika sta- tioniert haben?« »Genau, Mr. Beatty.« Westwood starrte ihn an. »Herr im Himmel«, sagte er kopfschüttelnd. »Hat der geniale Kopf, der diesen Plan ausgetüftelt hat, auch daran gedacht, was passie- ren könnte, wenn der Satellit einen Stromausfall hat, beziehungsweise von einem Meteoriten oder einem Stück Weltraummüll getroffen wird?« Modin zuckte die Achseln. »Es gibt Sicherheitsvor- kehrungen«, erwiderte er. Richter schwieg eine Zeit lang. »Würden Sie sie wirklich zünden?«, fragte er schließlich. »Würdet ihr Amerika wirklich in Schutt und Asche verwandeln?« Modins Miene trübte sich einen Moment lang. »Darüber hätte nicht ich entscheiden müssen, Mr. Be- atty. Ich habe doch hoffentlich klar gemacht, welche Maßnahmen ich ergriffen habe, um diese Sache zu verhindern. Dieses Unternehmen«, fuhr er fort, »ist eine ungeheuerliche Schandtat. Als sich der Lastwa- gen vor uns quer stellte, war ich regelrecht erleichtert, weil ich wusste, dass uns endlich jemand auf die Schliche gekommen war. Und das hieß, dass die Sache vielleicht verhindert werden könnte.«, »Oh, wir werden sie verhindern«, sagte Richter. »Das verspreche ich Ihnen.« »Sie haben vorhin von Sicherheitsvorkehrungen ge- sprochen, die man bei dem Satelliten getroffen hat«, warf Westwood ein, der immer noch ungehalten klang. »Könnten Sie uns vielleicht erklären, worum es sich dabei handelt?« »Ja. Ich bin zwar kein Techniker, deshalb kann ich es nur in groben Zügen erklären. Erstens handelt es sich um zwei Satelliten, nicht nur um einen, die un- mittelbar nebeneinander im Orbit stehen und das gleiche Signal ausstrahlen, das sie ihrerseits von der Relaisstation empfangen. Die Möglichkeit, dass beide zugleich ausfallen könnten, sei es durch eine techni- sche Störung oder durch äußere Einflüsse, hielten wir für verschwindend gering. Das Satellitensignal muss eine ganze Zeit lang aussetzen – mehr als achtund- vierzig Stunden –, ehe sich der Stromkreis schließt und die Bomben gezündet werden. Diese Verzöge- rung dient dazu, dass wir Notfallmaßnahmen ergrei- fen können, falls beide Satelliten zugleich ausfallen sollten. Darüber hinaus«, fügte er hinzu, »können wir auch von außen eingreifen und die Waffen vorüber- gehend oder endgültig entschärfen. Die Zündmecha- nismen können sowohl über Satellit als auch per Hand vom Boden aus geschaltet werden. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.« Richter dachte einen Moment lang darüber nach, dann wechselte er wieder das Thema. »General Mo- din, wir müssen uns allmählich entscheiden, was wir, mit Ihnen, mit Bykow und den Speznas-Leuten anstel- len. Sie alle, einschließlich der Fahrer, haben Diploma- tenpässe. Folglich könnte es für uns alle unangenehm werden, wenn wir Sie weiter festhalten. Außerdem wollen wir das gar nicht. Wir haben die Waffe, und nur darum ging es bei diesem Einsatz. Von mir aus könnten Sie alle in Ihre Wagen steigen und wegfah- ren. Aber ich muss Rücksicht auf die DST nehmen, und die DST muss sich wiederum den Wünschen des Innenministeriums und der französischen Regierung fügen. Allerdings werde ich bei meinen Kollegen von der DST vorsprechen und ihnen empfehlen, dass man Sie heimlich, still und leise entkommen lässt.« »Besten Dank«, erwiderte Modin. Richter warf einen Blick auf seine Uhr, dann wand- te er sich an Westwood. »Der französische Innenmi- nister müsste eigentlich jeden Moment hier sein«, sag- te er. »John, könnten Sie sich mal erkundigen, wann genau er erwartet wird?« Als Westwood die Tür des Kleinbusses hinter sich geschlossen hatte, wandte sich Richter wieder an Modin. »General, da wäre noch eine andere Kleinigkeit, die ich gern mit Ihnen besprechen möchte.« Richter erklärte ihm, was er wissen wollte, und worum es ihm dabei ging. Der Russe zögerte ei- nen Moment, dann beantwortete er Richters Frage. »Ich glaube, ich weiß, was Sie vorhaben«, fügte Modin hinzu. »Und ich habe keine Einwände.« »Würden Sie mich dabei unterstützen?«, fragte Richter. »Ein Brief würde mir weiterhelfen.« Modin warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. »Ja,, Mr. Beatty«, sagte er dann. »Ich werde einen Brief für Sie schreiben.« Schon vor einiger Zeit hatte der Einsatztrupp sämt- liches Gepäck aus den Fahrzeugen der Russen geholt, durchsucht und neben dem Transit aufgetürmt. Rich- ter sprang hinaus, holte Modins Aktenkoffer und reichte ihn dem General. Modin öffnete ihn und holte ein Blatt Papier mit dem Briefkopf seiner Dienststelle heraus. Er zog einen Füllfederhalter aus seiner Jacken- tasche und schrieb ein paar kurze Sätze. Als er fertig war, las er den Text noch einmal durch, dann reichte er Richter das Blatt. »Das sollte meiner Meinung nach genügen«, sagte er. Richter las den Brief. »Ja«, erwiderte er, »das müsste ganz gut hinhauen.« Richter gab das Blatt zurück. Modin unterschrieb den Brief, steckte ihn in einen Umschlag und klebte ihn zu. Er zog ein kleines, schwarzes Notizbuch zura- te, schrieb eine Adresse auf den Umschlag, fügte ein zweimal unterstrichenes »Persönlich« hinzu und reichte ihn Richter. »Ich mag keine halben Sachen. Viel Glück, Mr. Beatty.« Richter steckte den Umschlag in die Tasche. Als er aufstand, hörte er das Rotorengeräusch eines sich nä- hernden Hubschraubers. »Das ist vermutlich der Mi- nister, General«, sagte er. »Bleiben Sie bitte hier. Ich spreche unterdessen mit meinen Kollegen.«, Walnusszimmer, Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Als Sokolow Operation Podstawa in allen Einzelheiten erklärt hatte, herrschte betroffenes Schweigen. Der rus- sische Präsident strich sich müde über die Stirn und blickte über den Tisch hinweg zu dem SWR-General. »Vielleicht interessiert es Sie, dass die Amerikaner ihre Streitkräfte jeden Moment in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen, und in« – er warf einen Blick auf die Uhr – »knapp vier Stunden werden sie die Alarmstufe DEF- CON ONE auslösen. Außerdem hat man mir mitge- teilt, dass bis spätestens heute Abend um dreiund- zwanzig Uhr Moskauer Zeit das gesamte strategische Bomberkommando der Amerikaner samt Tankflug- zeugen und Begleitjägern in der Luft sein wird.« Er hielt kurz inne. »Die Bomber sind natürlich nur ein Teil der amerikanischen Reaktionen auf dieses Unterneh- men, das Minister Truschenko in die Wege geleitet hat. An die zahllosen Silos mit Interkontinentalraketen und die Atom-U-Boote, die zweifellos bereits in Position sind, mag ich gar nicht denken.« Sokolow, der sich wieder gesetzt hatte, war blass geworden. »Nun, General«, sagte Baratow, »Sie wis- sen offenbar weit mehr über Operation Podstawa als jeder andere in diesem Raum. Was sollen wir Ihrer Meinung nach in dieser Situation unternehmen?« Sokolow schüttelte den Kopf. Wie hatten die Ameri- kaner davon erfahren? Er riss sich zusammen. »Opera- tion Podstawa, Genosse Baratow«, erwiderte er, »wurde, in die Wege geleitet, um die Amerikaner bei einem künftigen Konflikt von vornherein auszuschalten. Ich kann nur vermuten, dass die Warnung noch nicht bei ihnen eingegangen ist, denn laut Planung sollte sich Minister Truschenko mit den Amerikanern in Verbin- dung setzen, sobald die letzte Waffe in London statio- niert ist. Sobald das Ultimatum gestellt ist, davon bin ich überzeugt, werden die Amerikaner ihre Streitkräfte zurückziehen.« Wieder herrschte eine Zeit lang Schweigen. Dann ergriff Baratow erneut das Wort. »Sie mögen vielleicht davon überzeugt sein, General, aber ich bin es nicht. Keiner von uns. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner ihre Streitkräfte zurückziehen werden. Ich – und ich glaube, wir alle – sind der Meinung, dass der ameri- kanische Präsident seine Drohungen wahr machen wird. Er wird nicht nachgeben, auch wenn es Minister Truschenko offenbar erwartet.« »Deshalb, General«, sagte Anatoli Lomonosow, der zum ersten Mal das Wort ergriff, »müssen wir dieses unglückselige Unternehmen verhindern, und zwar so- fort.« Sokolow schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, er- widerte er langsam, »dass wir dazu in der Lage sind.«, Oval Office, Weißes Haus, Pennsylvania Avenue Nr. 1600, Washington, D.C. »Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es ein Fehler ist«, sagte der Vizepräsident, der vor dem Schreibtisch stand. Der Präsident strich sich müde übers Gesicht. »Ihre Meinung ist mir egal, John. Ich bin nicht bereit, ein Risi- ko einzugehen. Der Verteidigungsminister und ich ha- ben den Oberbefehl über die Streitkräfte inne. Wenn ich Sie mit der Nightwatch-Maschine losschicke, verfügen wir im Ernstfall über einen weiteren Oberkommandie- renden. Ich hoffe, es handelt sich nur um eine Vor- sichtsmaßnahme«, fügte er hinzu. John Mitchell schaute ihn unverwandt an. »Und wo wollen Sie sich aufhalten? Und wohin wollen Sie den Verteidigungsminister schicken?« »Ich bleibe hier«, erwiderte der Präsident und hob die Hand, um jeden Einwand zu unterbinden. »Ich bleibe hier, für den Fall, dass Karasin oder der Kreml die Kar- ten auf den Tisch legen.« Er hielt inne und warf einen Blick auf seine Uhr. »Der Verteidigungsminister wird in drei Stunden das Pentagon verlassen und sich zu SITE R begeben. Damit sollten Sie genügend Zeit haben, sich an Bord der Nightwatch-Maschine einzurichten.« John Mitchell schüttelte den Kopf. »Na schön, Mr. President. Wenn Sie es so wollen.« Der Präsident ergriff die Hand, die er ihm zum Gruß bot, und schüttelte sie. »Ich glaube nach wie vor, dass Sie sich irren«, sagte Mit- chell., »Hoffentlich, John. Nichts wünsche ich mir mehr.« Zwanzig Minuten später landete ein Hubschrauber des Marine Corps, der aus dem dreißig Meilen ent- fernten Quantico angeflogen war, auf dem Rasen des Weißen Hauses. Der Pilot gab den Männern, die rund fünfzig Meter weiter weg standen, ein Zeichen, wor- auf sie mit eiligen Schritten zu der Maschine gingen. Als die Kabinenbesatzung meldete, dass alle Passa- giere angeschnallt waren, betätigte der Pilot den Blatt- verstellhebel und zog den Steuerknüppel zurück, wor- auf der große Sikorsky in den Nachmittagshimmel auf- stieg. Sobald der Helikopter genügend an Höhe gewon- nen hatte, steuerte der Pilot in Richtung Süden und flog die etwa zwanzig Meilen entfernte Andrews Air Force Base an, wo die Nightwatch-Maschine bereitstand, eine umgebaute und mit einer Vielzahl von Kommunikati- onseinrichtungen ausgestattete Boeing 747, inoffiziell auch »Doomsday Plane« oder »Kneecap« genannt – das Kürzel leitet sich von der offiziellen Bezeichnung »Nati- onal Emergency Airborne Command Post« ab. Dieses Flugzeug, das bis zu zweiundsiebzig Stun- den in der Luft bleiben kann, ohne aufzutanken, dient im Ernstfall als oberster Kommandostand, von dem aus sämtliche Streitkräfte der Vereinigten Staaten be- fehligt werden können. Der Gefechtsstab, der sich an Bord der Nightwatch-Maschine befindet, kennt die einzelnen Schritte und Maßnahmen und verfügt über Kopien der Codes, mit denen der Präsident im Falle eines atomaren Schlagabtausches den Einsatz der Kernwaffen veranlassen kann., Darüber hinaus kann der Präsident oder der Vize- präsident jederzeit Verbindung mit dem fliegenden Kommandostand des Strategischen Bomberkomman- dos aufnehmen, ursprünglich »Looking Glass« ge- nannt, aber heute mit dem Codenamen »Cover All« versehen. Eine unter dem Befehl eines Generals des Strategischen Bomberkommandos stehende Cover- All-Maschine, von der aus sämtliche Minuteman- Raketen gezündet werden können, ist ständig in der Luft. Außerdem starten in Krisenzeiten sofort mindes- tens zwei weitere Cover-All-Maschinen. Der Vizepräsident warf einen kurzen Blick zum Weißen Haus zurück und fragte sich, ob er den Präsi- denten jemals Wiedersehen würde. Dann wandte er sich der vor ihm liegenden Aufgabe zu. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Zwanzig Minuten später flog der Hubschrauber wie- der ab, nachdem sich der Minister die russischen Ge- fangenen angesehen und einen missmutigen Blick in den Laderaum des Lastwagens geworfen hatte. Rich- ter hatte Lacomte erklärt, dass sie die Russen seiner Meinung nach laufen lassen und so tun sollten, als wäre nichts geschehen. Nach kurzem Überlegen hatte er zugestimmt, und der Minister war ebenfalls einver- standen, nachdem Lacomte ihm die Gründe dargelegt hatte. Monsieur Giraud, der sich stets einen Schritt hinter, dem Minister hielt, hatte einen weiteren Vorschlag vorgebracht. »Wir sollten Fotos vom Lastwagen, von der Waffe und den Russen machen, die sie begleitet haben. Standbilder und Videos, damit hinterher keine Zweifel aufkommen.« Während Lacomte einen Fototrupp der DST organi- sierte, kehrte Richter zum Transit zurück. »Gute Nachrichten«, sagte er zu Modin. »Der Minister ist damit einverstanden, dass wir Sie laufen lassen.« Dann erklärte er ihm, dass man sie fotografieren woll- te. Modin lächelte. Als Richter aufstand und gehen wollte, ergriff Mo- din erneut das Wort. »Mr. Beatty«, sagte er. »Es gibt noch drei andere Sachen, über die wir sprechen soll- ten.« Richter setzte sich wieder. »Ja?«, sagte er. Der Russe wirkte einen Moment lang gedankenver- loren, dann wandte er sich an den Engländer. »Ver- mutlich wird es eine Weile dauern, bis die Fotografen hier eintreffen. Außerdem müssen wir noch auf neue Reifen für unsere Fahrzeuge warten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir in etwa drei, vier Stunden aufbrechen. Könnte das ungefähr hinkommen?« »Ja, wahrscheinlich«, erwiderte Richter. Er wusste nicht recht, worauf der Russe hinauswollte. »Dann könnten wir also bis, sagen wir mal, spätes- tens zwei Uhr morgens in Calais sein?« Richter nickte. »Die Fähre von Calais nach Dover verkehrt die ganze Nacht, folglich müssten wir etwa um fünf, sechs Uhr morgens in London ankommen. In Anbetracht dessen,, was ich Ihnen mitteilen werde, werden Sie unsere Ent- lassung vermutlich hinauszögern wollen, aber Sie können uns natürlich nicht ewig festhalten. Wir wer- den bis spätestens morgen Mittag in unserer Botschaft erwartet. Jedenfalls war das meine Einschätzung, die ich nach London durchgegeben habe, als wir Straß- burg endlich hinter uns hatten.« Dann kam ihm ein Gedanke, und er lächelte leicht. »Ich hätte darauf kommen müssen. Die Baustellen waren ein Verzöge- rungsmanöver – Sie wollten uns aufhalten, bis Sie hier alles vorbereitet hatten.« Er deutete auf die Männer draußen. »Das war nicht meine Idee«, erwiderte Richter. »Aber die DST meinte, es wäre einen Versuch wert.« »Das war es auch, und es ist geglückt.« Modin wurde wieder ernst und beugte sich vor. »Sie müssen sich darüber im Klaren sein«, sagte er, »dass ich ein Patriot bin, kein Verräter. Ich habe Ihnen nur deswe- gen Informationen über diese Angelegenheit geliefert, weil ich das ganze Vorhaben für falsch hielt. Und wie bereits gesagt, ich wollte, dass es fehlschlägt.« Modin schwieg und versuchte offenbar eine Entscheidung zu treffen. Er öffnete seinen Aktenkoffer, riss ein Blatt Papier von einem Notizblock und schrieb etwas auf. Dann reichte er Richter das Blatt. Es enthielt ein einzi- ges russisches Wort – Krutaja. »Was ist das?«, fragte Richter. »Das ist alles, was ich für Sie tun kann, Mr. Beatty«, sagte Modin, »ohne mein Leben noch mehr aufs Spiel zu setzen. Sie müssen selbst herausfinden, warum, dieses Wort wichtig ist.« Er beugte sich wieder vor. »Aber Sie müssen rasch handeln, und Sie müssen mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Denken Sie daran.« Richter schaute ihn an und steckte das Blatt in seine Brieftasche. »Ich nehme an, das Wort hat etwas mit Operation Podstawa zu tun«, sagte er. »Ja«, erwiderte Modin. »Es ist ein wesentlicher Punkt. Aber das ist alles, was ich Ihnen dazu sagen werde. Ich habe Ihnen bislang nichts mitgeteilt, was meiner Meinung nach Russlands Interessen schaden könnte, und dabei wird es auch bleiben.« »General«, sagte Richter leise, »das habe ich auch nicht von Ihnen verlangt.« »Ich weiß, und ich danke Ihnen dafür. Wenn wir in London sind, werde ich mich sofort zur Botschaft be- geben und eine dringende Nachricht an Minister Tru- schenko absetzen, in der ich ihm mitteilen werde, dass die für London bestimmte Waffe beschlagnahmt und der Plan aufgedeckt wurde. Mir bleibt nichts anderes übrig – das ist meine Pflicht, und die werde ich erfül- len.« Richter nickte, worauf Modin ihm einen kurzen Blick zuwarf. »Haben Sie die Mobilfunkantennen in dieser Gegend stillgelegt?«, fragte er. »Ja«, erwiderte Richter. »Ich schlage vor«, sagte Modin, »dass sie die Karten aus sämtlichen Telefonen entfernen, die wir dabeiha- ben, und sie vernichten. Ansonsten kann mich nichts und niemand daran hindern, in Moskau anzurufen und Minister Truschenko zu warnen, sobald wir eng-, lischen Boden betreten. Das sollte trotz gewisser Si- cherheitsbedenken auch mit einem Handy möglich sein. Wenn Sie die Telefone unbrauchbar machen«, fuhr Modin fort, »kann ich darauf verweisen, dass ich eine sichere Verbindung benötige, und die Mitteilung hinauszögern, bis wir in unserer Botschaft in London sind. Bykow wird allerdings vorschlagen, dass wir nach Süden fahren und den Minister von unserer Bot- schaft in Paris aus verständigen.« »Ich kann vermutlich dafür sorgen, dass die DST Ihre Fahrzeuge bis Calais begleitet und darauf achtet, dass Sie Frankreich umgehend verlassen«, sagte Richter. »Das wäre sehr ratsam«, erwiderte Modin. »So weit zum ersten Punkt. Die zweite Sache ist schwieriger, da ich nicht einschätzen kann, wie Minister Truschenko auf meine Nachricht reagiert. Wie ich bereits erklär- te«, fuhr er fort, »habe ich versucht, dieses Unterneh- men zu verhindern, aber es ist mir nicht geglückt. Sie haben unseren Plan zwar aufgedeckt, aber ich weiß nicht, ob das zu diesem Zeitpunkt genügt, um die Sa- che zu verhindern. Meiner Ansicht nach nicht. Ich nehme an, dass Minister Truschenko lediglich etwas früher losschlagen wird als ursprünglich vorgesehen.« Obwohl die Sonne schien, fröstelte Richter mit ei- nem Mal. »Er würde trotzdem weitermachen, obwohl die für London bestimmte Waffe nicht in Stellung ge- bracht wurde und die britische Atomstreitmacht einsatzbereit ist?« »Vermutlich«, erwiderte Modin. »Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Dimitri Truschenko vier, Jahre seines Lebens für Operation Podstawa geopfert hat. Er wird nicht einfach zusehen, wie sein Vorhaben scheitert. Er ist ein von Ehrgeiz getriebener Mann, Mr. Beatty, und ehrgeizige Männer sind gefährlich. Ich glaube, er wird weitermachen, weil er dieses Unter- nehmen geplant hat und weil es nach wie vor gelin- gen könnte. Es könnte nach wie vor gelingen«, fügte er hinzu, »weil Großbritannien und Europa wenig mit- einander gemein haben. Trotz Europäischer Union, trotz Kanaltunnel und aller Beteuerungen von Seiten des Europaparlaments ist Großbritannien immer noch eine Insel. Daher wäre es doch möglich – Minister Tru- schenko jedenfalls könnte es für möglich halten –, dass Großbritannien nicht eingreift, wenn russische Trup- pen in Europa einmarschieren.« Richter dachte einen Moment lang darüber nach. »Sie haben gesagt, es ginge um drei Sachen, General. Was ist der dritte Punkt?« Modin schaute ihn an. »Im Grunde genommen geht es um die gleiche Sache, wenn auch unter einem et- was anderen Vorzeichen«, sagte er. »Sie haben noch nicht die entscheidende Frage gestellt, Mr. Beatty, denn eine Antwort steht noch aus. Sie wissen über die Sprengsätze in Amerika Bescheid. Sie wissen von den in Europa in Stellung gebrachten Neutronenbomben. Aber Sie haben noch nicht gefragt, wie dieses Unter- nehmen in die Wege geleitet werden soll. Wie Minis- ter Truschenko die westeuropäischen Regierungschefs davon überzeugen will, dass sie sich unseren Forde- rungen fügen müssen.«, »Schießen Sie los«, sagte Richter. »In der letzten Phase von Operation Podstawa wird allen westeuropäischen Regierungen eine Stellung- nahme zugehen, in der genau dargelegt wird, was wir wollen. Aber Minister Truschenko rechnete nicht da- mit, dass eine bloße Aufforderung genügen würde. Deshalb hat er vor, zunächst eine Waffe zu Demonst- rationszwecken zu zünden.« Modins Miene verdüs- terte sich. »Ich wollte auch das verhindern oder we- nigstens dafür sorgen, dass diese Demonstration ir- gendwo anders stattfindet. Ich wollte, dass er die Bombe in einer Wüste oder irgendeinem anderen ab- gelegenen Landstrich zündet, damit es keine oder nur wenige Todesopfer gibt, aber er lehnte meine Ein- wände ab, Truschenko wollte sie an einem Ort hoch- gehen lassen, der so weit von den großen Ballungs- zentren entfernt ist, dass sich die Anzahl der Opfer in Grenzen hält, damit die Franzosen oder die Briten nicht mit einem atomaren Gegenschlag reagieren. Dennoch wird es viele Tote geben, denn er möchte zeigen, dass er es ernst meint. Und er will die gewalti- ge Sprengkraft der strategischen Neutronenbombe demonstrieren.« Richter spürte, wie sein Mund trocken wurde. »Wo ist die Bombe?«, fragte er. »Wo soll diese Demonstra- tion vonstatten gehen?« »In Gibraltar«, erwiderte Modin. »Ein russischer Frachter, die Anton Kirow, ist dort bereits mit ›Maschi- nenschaden‹ eingelaufen. Die Besatzung besteht fast ausschließlich aus Speznas-Männern, und im Fracht-, raum des Schiffes befindet sich eine Neutronenbombe mit einer Sprengkraft von etwa sieben Megatonnen. Das sollte genügen, um Felsen und Stadt in Schutt und Asche zu legen und sämtliche Bewohner von Gibraltar sowie einen Großteil der Bevölkerung von La Linea und Algeciras zu töten. Die Speznas haben den Befehl, das Schiff und seine Fracht bis zum letzten Mann zu verteidigen. Die Bombe soll morgen entla- den und in ein Lagerhaus in Gibraltar gebracht wer- den. Aber sie kann auch an Bord des Schiffes gezün- det werden.« Modin strich sich über die Stirn. »Ich weiß es natürlich nicht genau, Mr. Beatty, aber wenn meine Nachricht in Moskau eintrifft, wird Minister Truschenko meiner Meinung nach die Bombe inner- halb kurzer Zeit – seien es ein paar Stunden oder auch nur wenige Minuten – per Satellit zünden.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Jetzt ist es sechs Uhr abends. Meiner Schätzung nach haben Sie allenfalls noch zwölf Stunden Zeit, um zu verhindern, dass Gibraltar in die Luft gejagt wird.«, Mittwoch Walnusszimmer, Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Der russische Präsident wandte sich an Juri Baratow, den Leiter des SWR. »Suchen Sie Truschenko«, knurr- te er. »Auf der Stelle.« Baratow stand wortlos auf, nickte kurz zum Kopfende des Tisches hin und verließ das Zimmer. Der Präsident warf General Sokolow ei- nen feindseligen Blick zu. Sokolow spürte, dass er zit- terte. »General Sokolow«, sagte der Präsident. »Da bis- lang keine gegenteiligen Beweise vorliegen, glauben wir Ihnen zunächst, dass weder Sie noch General Mo- din wussten, dass Operation Podstawa nicht im Auf- trag dieser Regierung in die Wege geleitet wurde. Aber falls solche Beweise auftauchen sollten«, fügte er hin- zu, »zieht das Folgen nach sich, über die Sie sich doch hoffentlich im Klaren sind.« Er bedachte den alten Mann mit einem eisigen Lächeln. »Und nun«, fuhr der Präsident fort, »müssen wir uns darüber einig wer- den, welche Maßnahmen wir ergreifen wollen, um die Situation zu bereinigen. Jewgeni, wozu raten Sie?« Jewgeni Ryschkow, der Vizepräsident des Obersten Sowjet, blickte in die Runde, »Meiner Ansicht nach, haben wir nur zwei Möglichkeiten, Genosse Präsi- dent. Zum einen könnten wir reinen Tisch machen. Über das rote Telefon im Weißen Haus anrufen und erklären, dass die russische Regierung diese Sache weder genehmigt noch irgendetwas damit zu tun hat. Und dass wir dieses Unternehmen abbrechen werden, sobald wir dazu in der Lage sind.« Der Präsident sah nicht so aus, als wäre er über- zeugt. »Nach dem, was mir Botschafter Karasin er- klärt hat«, sagte er, »bin ich mir nicht sicher, ob uns die Amerikaner das abnehmen. Und selbst wenn sie glauben, dass unsere Darstellung der Wahrheit ent- spricht, heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Streitkräfte zurückziehen.« »Und wie lautet der andere Vorschlag?«, fragte Anatoli Lomonosow. »Dass wir die Gunst der Stunde nutzen, wie unser Freunde im Westen so schön sagen«, erwiderte Ryschkow mit einem Achselzucken. »Wir ziehen Ope- ration Podstawa durch.« Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Richter sprang aus dem Transit und ging mit Colin Dekker und Colonel Lacomte zu einer abgelegenen Ecke des Rastplatzes. Er teilte ihnen mit, was Modin ihm berichtet hatte und was sie seiner Meinung nach unternehmen mussten. Dekker meldete sich über La- comtes abhörsicheres Funkgerät in Hereford und, schilderte die Lage. Daraufhin übernahm sofort der verantwortliche Major des Bereitschaftstrupps die Einsatzleitung. Dekker sollte vorerst abwarten, bis er weitere Befehle erhielt, sich aber schon einmal Gedan- ken darüber machen, wie man das russische Schiff en- tern könnte. Richter hielt das im Moment für sinnlos, weil sie nicht wussten, wie viele Besatzungsmitglieder an Bord waren, wie groß das Schiff war und wo es in Gibraltar lag. Zumal Modin ihnen auch nicht weiter- helfen konnte, als Richter zum Kleinbus zurückging und ihn danach fragte. Er nahm an, dass etwa fünf- undzwanzig Mann an Bord sein müssten, wusste aber lediglich, dass es sich ausnahmslos um Speznas-Trup- pen handelte – vom Kapitän und ein, zwei Schiffsoffi- zieren einmal abgesehen. Trotzdem zogen sich Colin Dekker und Trooper Brown an einen Picknicktisch zu- rück und machten sich an die Arbeit. Zehn Minuten später teilte ihnen Trooper Jones mit, dass man in Hereford den drei anderen Vier-Mann- Patrouillen des Bereitschaftstrupps den Marschbefehl erteilt hatte und sie per Hubschrauber nach Northolt fliegen würde, einem nur wenige Meilen nördlich von Heathrow und nordwestlich von London gelegenen Flugplatz der RAF. Von dort aus würden sie mit einer C-130 Hercules, einer Transportmaschine vom Special Forces Flight der Squadron 47 der Royal Air Force, die spätestens um neunzehn Uhr Ortszeit in Northolt starten sollte, nach Frankreich gebracht werden. An- schließend sorgte Lacomte auf Anfrage der RAF da-, für, dass die Hercules Landeerlaubnis in Reims er- hielt, dem nächstgelegenen Flughafen. Lacomte rief den französischen Innenminister auf der sicheren Verbindung zu Hause an, teilte ihm den neuesten Stand der Dinge mit und brachte seine Vor- schläge vor. Nachdem er die Erlaubnis des Ministers eingeholt hatte, wies er seine Zentrale an, alle not- wendigen Vorbereitungen für die Landung der Her- cules in Reims in die Wege zu leiten und die französi- schen Radarstationen und Fluglotsen auf diesen au- ßerplanmäßigen Flug hinzuweisen. Außerdem trug er seinen Mitarbeitern auf, dafür zu sorgen, dass die C- 130 ohne alle Formalitäten noch an diesem Abend von Reims aus in Richtung Spanien weiterfliegen konnte. »Keine Verzögerungen, keine Umstände, kein Abwie- geln«, sagte er. »Wenn irgendjemand Einwände er- hebt – egal, um wen es sich handelt –, verweisen Sie ihn sofort an den Innenminister.« »Was ist mit den spanischen Behörden?«, fragte Richter. »Der Minister wird dafür sorgen, dass man Ihnen keine Scherereien macht. Auch denen dürfte daran ge- legen sein, dass die Einwohner von Algeciras den morgigen Abend unbeschadet überstehen.« Anschließend saß Richter eine halbe Stunde lang in Lacomtes Renault und sprach über eine sichere Leitung mit dem FOE. Zunächst teilte er dem Offizier vom Dienst mit, was sich an diesem Tag ereignet hatte, dann wartete er, bis die Konferenzschaltung mit Simpson und dem Direktor der Abteilung Aufklärung stand., Anschließend sprachen sie über die Bombe in Gibraltar und die Maßnahmen, die man ergreifen musste. »Ich weiß nicht, wann die Hercules dort eintrifft«, sagte Richter. »Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass dort jederzeit eine Landebahn frei ist. Wir brauchen Unterkünfte für zwanzig Mann, einschließlich der Be- satzung der Hercules – HMS Rooke, der Marinestütz- punkt, bietet sich dafür an. Und wir brauchen Fahr- zeuge, mit denen wir die Leute vom Flugplatz zu ihren Unterkünften bringen können. Dort brauchen wir ei- nen Konferenzraum, in dem wir uns zusammensetzen und den Einsatz besprechen können. Womöglich brau- chen wir auch Schlauchboote oder irgendwas anderes, damit wir an das Schiff rankommen. Wenn es am Kai liegt, können wir darauf verzichten. Aber wir müssen das so schnell wie möglich erfahren, deshalb sollten Sie den Hafenmeister von Gibraltar schleunigst aus seiner Stammkneipe holen lassen und sich erkundigen.« »Ist das alles?«, fragte Simpson. »Nein«, sagte Richter. »Ich möchte noch zwei Sa- chen mit Ihnen abklären. Wir sitzen im Moment an einer französischen Autobahn und haben einen russi- schen Laster vor uns stehen, der eine Kernwaffe gela- den hat. Die gleiche Waffe befindet sich nach Aussage von General Modin im Laderaum des russischen Frachters in Gibraltar. Ich möchte, dass jemand rüber- kommt und mir zeigt, wie man das verdammte Ding entschärft, damit ich morgen früh weiß, welchen Draht ich kappen muss.« »Das haben wir längst bedacht«, sagte Simpson., »Seit Sie nach Frankreich aufgebrochen sind, hält sich ein Team aus Aldermaston bereit. Es ist bereits un- terwegs.« »Gut. Wann ist es in etwa hier?« »Heute Abend, gegen halb acht französischer Zeit. Sie kommen mit dem Auto, wegen dem Röntgengerät und der anderen Ausrüstung, die sie mitbringen.« Richter dachte kurz nach. »Außerdem müssen Sie ein weiteres Flugzeug besorgen, das mich nach Gib- raltar bringt«, sagte er. »Die Jungs vom SAS starten um sieben in Northolt, das heißt, dass sie etwa eine halbe Stunde später in Reims sind. Von dort aus flie- gen sie vermutlich sofort in Richtung Süden weiter, sobald der hiesige Trupp an Bord ist. Ich gehe davon aus, dass es mindestens zwei, drei Stunden dauert, bis die Schlauköpfe aus Aldermaston dahinter kommen, wie der Zünder funktioniert, und mir die Sache halb- wegs verständlich erklären können.« »Moment«, sagte Simpson. Richter hörte, wie er sich mit jemandem beriet. »Na schön«, meldete er sich zurück. »Wir schicken einen Tornado der RAF nach Reims, der dort auf Sie wartet. Sie können auf dem Kampfbeobachtersitz mit- fliegen.« »Müssen wir das nicht von diplomatischer Seite ab- klären lassen?«, wandte der Direktor ein. »Eigentlich müssten wir –« »Keine Sorge«, entgegnete Simpson unwirsch. »Das kann Richter von französischer Seite aus sicherlich über die DST regeln – richtig?«, »Das sollte kein Problem sein«, sagte Richter. »La- comte hat diesbezüglich die volle Unterstützung des Innenministers, aus ersichtlichem Grund. Aber wenn ich mit einem Tornado fliegen soll«, fügte er hinzu, »müssen Sie der RAF meine Maße durchgeben – die Fliegerkombination muss einigermaßen eng sitzen.« »Na schön. Sie sagten, es ginge um zweierlei«, sagte Simpson. »Was ist der zweite Punkt?« Richter erklärte es ihm, worauf der Direktor laut- hals Einspruch erhob. »Das können Sie nicht machen«, sagte er. »Warum nicht?«, erwiderte Richter. »Wir schlagen damit sozusagen mehrere Fliegen mit einer Klappe.« »Ich finde das ausgezeichnet«, sagte Simpson. »Ja, es ist hinterhältig und durchtrieben, genau die richtige Vorgehensweise. Überlassen Sie das mir. Nun denn, ist das alles – soweit es diese Waffe angeht?« »Vermutlich nicht«, erwiderte Richter. »Aber mehr fällt mir dazu im Moment nicht ein. Allerdings müs- sen wir noch zwei andere Dinge klären.« Gold Room, Pentagon, Washington, D.C. »Und das ist Ihre einstimmige Empfehlung?«, fragte der Verteidigungsminister. Der Vorsitzende der Ver- einigten Stabschefs schüttelte den Kopf. »Einstimmig nicht, Mr. Secretary, aber es ist der Standpunkt der Mehrheit.« Der Verteidigungsminister nickte bedächtig. »Na, schön«, sagte er schließlich. »Wir gehen jetzt zu DEF- CON ONE über.« Defence Readiness Condition One bedeutet, dass die Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden und das Land sich bereits im Kriegszustand befindet oder im Begriff ist, in den Krieg zu ziehen. Vier Minuten später sprach der Verteidigungsmi- nister über ein sicheres Telefon mit dem Präsidenten. »Die Vereinigten Stabschefs haben sofortige Eskalati- on empfohlen«, sagte er. »Wenn Sie kein Veto dage- gen einlegen, gehen wir unverzüglich zu DEFCON ONE über. Sind Sie einverstanden, Sir?« »Ja. Veranlassen Sie sofort alle erforderlichen Schrit- te.« »Sobald der Hubschrauber hier eintrifft, werde ich mich mit den Vereinigten Stabschefs zu SITE R bege- ben, und das NMCC wird mit sofortiger Wirkung auf Notbemannung heruntergefahren.« »Ich hatte gehofft, dass es nicht dazu kommen würde«, erwiderte der Präsident. Er klang so be- drückt, wie ihn der Verteidigungsminister noch nie erlebt hatte. »Karasin hat sich noch immer nicht gemeldet?« »Nein«, erwiderte der Präsident. »Ich habe mich über die direkte Telex-Leitung mit dem Kreml in Ver- bindung gesetzt, aber man hat mir mitgeteilt, dass der russische Präsident noch in einer Sitzung sei. Ich weiß nicht genau«, fügte er hinzu, »was das zu bedeuten hat.« Der Verteidigungsminister antwortete nicht. »Ich hatte vor, während der Krise hier zu bleiben«,, fuhr der Präsident fort, »aber ich habe meine Meinung geändert. Ich habe einen Helikopter angefordert, der mich nach Camp David bringen soll. Meine Familie ist bereits dort, und den Einsatz kann ich von dort aus ebenso gut leiten wie hier.« Camp David verfügt über eine unterirdische Einsatzzentrale, die im Ernstfall, bei einem nuklearen Schlagabtausch, als Kommandostand dient. Diese Zentrale ist über unterirdisch verlegte, gepanzerte Fernmeldekabel mit SITE R verbunden. »Gut, Mr. President«, sagte der Verteidigungsminis- ter. »Wir haben bereits den Mystic Star und sämtliche sicheren Fernmeldesysteme im ganzen Land aktiviert. Die Vereinigten Stabschefs sind mit der Cover-All- und der Nightwatch-Maschine verbunden, außerdem mit NORAD im Cheyenne Mountain, mit SITE R, dem US-StratCom in Offutt und den anderen Zentralen. Ich lasse Camp David ebenfalls hinzuschalten. Ich sorge dafür, dass Sie mich, den Vizepräsidenten und die Kommandeure der Nuklearstreitkräfte jederzeit erreichen können, sobald Sie dort sind.« Danach herrschte einen Moment lang Stille. »Mr. President?« »Entschuldigung. Ich habe nachgedacht. Meine Mit- arbeiter werden Karasin Bescheid sagen, wo ich mich aufhalte. Dem Kreml ebenfalls. Können wir sonst noch etwas tun?« »Nein, Mr. President«, erwiderte der Verteidi- gungsminister. »Jetzt können wir nur noch abwarten und beten.«, Le Moulin au Pouchon, St. Médard, bei Manciet, Midi-Pyrénées, Frankreich Sadoun Khamil brauchte über sechs Stunden, um eine Antwort auf Abbas’ E-Mail zu entwerfen. Als Abbas den entschlüsselten Text las, nahm er an, dass sich Khamil zunächst längere Zeit mit den Führern von al- Qaida beraten hatte. Khamils Antwort war unmissverständlich – sie wollten mit der letzten Phase des Unternehmens war- ten, bis die für London bestimmte Waffe an Ort und Stelle, die Bombe in Gibraltar explodiert war und Tru- schenko sein Ultimatum gestellt hatte. Erst dann durf- te Abbas das integrierte Waffensystem einsetzen, das die Russen zuvorkommenderweise für sie konstruiert hatten und das die Welt verändern würde. Camp David, Maryland Müde ließ sich der Präsident in einen Armsessel sin- ken und blickte sich in dem unterirdischen Bunker um. Seine Frau und die Kinder waren noch oben in ih- rem Haus in Camp David und sahen sich einen Nachmittagsfilm an. Der Präsident wusste, dass ge- nügend Zeit blieb, um sie in den Bunker herunterzu- holen, falls sich das als notwendig erweisen sollte. Etwa drei Meter von ihm entfernt saß ein Major des Marine Corps mit einem schwarzen Attachékoffer, der mit einer Kette an sein linkes Handgelenk angeschlos-, sen war. Der Koffer, umgangssprachlich »Football« genannt, enthielt alles, was der Präsident benötigte, um einen weltweiten Atomkrieg auszulösen – die ak- tuellen SIOP-Vorgaben, das Entscheidungshandbuch des Präsidenten und vor allem die streng geheimen Gold Codes. Die Gold Codes bestehen aus einer Reihe von will- kürlich verwendeten Buchstaben und Ziffern, die tag- täglich von der National Security Agency ausgegeben werden. Eine Kopie der Codes geht an das Weiße Haus beziehungsweise an den jeweiligen Aufent- haltsort des Präsidenten und wird sofort im Football verstaut. Gleichzeitig erhalten alle mit der Führung eines Atomkrieges betrauten Kommandostände Dup- likate, darunter auch die Cover-All- und die Night- watch-Maschine. Mit den Gold Codes kann der Präsi- dent – oder jemand anders – über die sicheren Fern- meldeverbindungen den Einsatz der Kernwaffen ver- anlassen. Der Major des Marine Corps, einer von drei Offizie- ren, denen der Football anvertraut war, hatte eine ein- fache Aufgabe. Er musste sich ständig in der Nähe des Präsidenten aufhalten, Tag und Nacht, bis der Präsi- dent dienstunfähig oder tot war, worauf er sofort des- sen Nachfolger zur Verfügung stehen musste. »Kopf hoch, Major«, sagte der Präsident und rang sich ein etwas gequältes Lächeln ab. »Möglicherweise kommt es gar nicht dazu.« »Nein, Sir«, erwiderte der Major skeptisch. Ein Colonel der Army wandte sich an den Präsi-, denten. »Der Vizepräsident, Sir«, sagte er. »Auf der Mystic-Star-Konsole.« Der Präsident ging hin und setzte die Kopfhörer auf. Die Stimme des Vizepräsidenten klang wegen des Zerhackers, den er benutzte, dumpf und verzerrt, so- dass der Präsident genau hinhören musste, um ihn zu verstehen. »Wir sind in SITE R angekommen, Mr. President. Irgendwelche Neuigkeiten?« »Noch nicht«, erwiderte der Präsident. »Karasin und der Kreml wissen, wo ich zu erreichen bin.« Er hielt inne. »Ich habe das Gefühl, dass sie diese Sache auf die Spitze treiben.« Danach herrschte einen Moment lang Stille. »Mr. President, meiner Meinung nach haben Sie seit Ihrem Amtsantritt fast immer Recht gehabt, aber diesmal hoffe ich inständig, dass Sie sich irren.« Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich »Wann wollen Sie mit dem Angriff beginnen?«, fragte Simpson. »Das hängt davon ab, was wir dort vorfinden«, er- widerte Richter. »Außerdem wird das der verantwort- liche SAS-Offizier entscheiden. Meiner Schätzung nach in den frühen Morgenstunden.« »Sonst noch was?«, fragte Simpson. »Ja«, sagte Richter und holte das Notizblatt aus sei- ner Brieftasche. »General Modin hat mir ein russisches, Wort aufgeschrieben, das angeblich wichtig ist. Es lautet ›Krutaja‹.« Richter buchstabierte es. »Was soll das heißen?« »Wenn ich das wüsste«, erwiderte Richter, »würde ich Sie nicht fragen. Ich habe keine Ahnung, ob es sich um einen Namen handelt, einen Ort oder um eine be- stimmte Bezeichnung für irgendwas. Modin wollte es nicht näher erklären.« »Können Sie ihm nicht etwas Druck machen?« Richter dachte einen Moment lang nach. »Nein«, sagte er schließlich. »Ich glaube nicht. Er ist uns bei dieser Sache weit mehr entgegengekommen, als wir erwarten durften. Und meiner Meinung nach könnte es ganz nützlich sein, wenn wir künftig ein halbwegs gutes Verhältnis zu einem SWR-General haben.« »Einverstanden«, sagte Simpson. »Was sollen wir wegen diesem Krutaja unternehmen?« »Sehen Sie zu, ob Sie irgendetwas darüber heraus- finden«, erwiderte Richter. »Lassen Sie es über unsere Computer laufen, aber auch über die Datenbänke von SIS und MI5. Probieren Sie es beim GCHQ, bei CIA, FBI, DIA und NSA. Es muss irgendwas zu bedeuten haben.« »Wir dringend ist das?«, fragte der Direktor der Ab- teilung Aufklärung. »Vordringlich. Modin hat ausdrücklich erklärt, dass es bei diesem Unternehmen eine wesentliche Rolle spielt. Und vergessen Sie nicht, dass die Sache noch längst nicht ausgestanden ist, wenn wir die Waffe in Gibraltar entschärft haben. Wir gewinnen dadurch, nur ein bisschen Zeit. Aber Operation Podstawa müs- sen wir trotzdem noch verhindern.« Camp David, Maryland »Mr. President. Es wird Zeit, Sir.« »Ganz recht.« Der Präsident warf einen Blick auf seine Uhr und erhob sich von dem Sessel, auf dem er gesessen und die neuesten nachrichtendienstlichen Erkenntnisse gelesen hatte, die ihm die CIA aus Lang- ley hatte zukommen lassen. Er winkte dem Major des Marine Corps zu und ging zu einer der sicheren Fernmeldekonsolen. Der Verteidigungsminister war bereits zugeschaltet, als der Präsident die Kopfhörer aufsetzte. »Müssen wir über die SIOP-Vorgaben spre- chen?« »Meines Erachtens nicht, Mr. President. Wir reagie- ren ja nicht auf einen Erstschlag. Und nur dazu ist SI- OP gedacht. Die russischen Waffen sind bereits hier, scharf gemacht und in Stellung gebracht. Dagegen können wir nichts mehr unternehmen. Meiner Mei- nung nach gibt es nur eine mögliche Reaktion, falls die Russen keinen Rückzieher machen – einen umfas- senden Vergeltungsschlag. Wir müssen bereit sein, al- les abzufeuern, was wir haben, und dafür sorgen, dass sie es wissen.« »Sie wissen es«, sagte der Präsident. »Ich habe es Karasin schon zweimal erklärt. Was ist also der nächs- te Schritt?«, »Wir müssen die Kommandozentrale des US- StratCom anweisen, die Alarmbereitschaft für die In- terkontinentalraketen zu erhöhen. Alles andere ist be- reits weitgehend erledigt, so weit ich weiß.« »Bei welcher Stufe sind wir derzeit?« »Alert Twenty. Im Lauf der nächsten zwei Stunden sollten wir stufenweise auf Alert Five erhöhen. Meiner Ansicht nach sollten wir jetzt auf Alert Fifteen gehen.« »Einverstanden. Ich gebe die Codes aus.« Auf einen Befehl des Präsidenten hin öffnete der Major den schwarzen Attachékoffer und entnahm die Gold Codes. Der Präsident suchte den Code aus, den er benötigte, und erteilte die Anweisung, dass er um- gehend an die Kommandozentrale des USStratCom durchgegeben werden sollte. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Das Team aus Aldermaston – fünf Wissenschaftler und drei Bombenspezialisten, die in einem Minibus vom Typ Leyland Sherpa und zwei Transit angereist waren, die ihre Ausrüstung enthielten – traf um zwanzig nach sieben ein, nachdem es von der Gen- darmerie zehn Minuten an dem abgesperrten Auto- bahnabschnitt aufgehalten worden war, bis man La- comte erreichte, und der die Durchfahrgenehmigung erteilt hatte. Die drei Fahrzeuge kamen auf der fal- schen Autobahnseite, auf der Fahrbahn in Richtung Norden, von der Anschlussstelle Courbes aus zum, Rastplatz und hielten neben dem russischen Sattel- schlepper. Die Männer stiegen aus dem Minibus und muster- ten das russische Fahrzeug. Als sich Richter zu ihnen begab, löste sich ein leicht gebückt gehender Mann mit grauen Haaren – vermutlich der leitende Wissen- schaftler – aus der Gruppe und kam ihm entgegen. »Sind Sie der Verantwortliche hier?«, fragte er. »Ich nehme an, ich bin mehr oder weniger der briti- sche Vertreter«, erwiderte Richter. Der Wissenschaftler streckte die Hand aus. »De- war«, sagte er, »wie der Scotch. Professor Dewar, aus Aldermaston. Wir wissen, was sich in dem Lastwagen befindet, aber wir wissen nicht, was Sie von uns er- warten. Geben Sie mir einen Tipp.« »Dreierlei«, sagte Richter. »Erstens möchte ich, dass Sie den Sprengkörper sichern, aber nicht unbrauchbar machen. Ich möchte, dass sämtliche Schaltkreise vo- rübergehend unterbrochen werden. Zweitens möchte ich, dass Sie mir erklären, was ich machen muss, da- mit ich eine andere Waffe vom gleichen Typ entschär- fen kann.« »Wo ist sie?«, warf Dewar ein. »In Gibraltar«, sagte Richter. »Ich will Sie nicht mit näheren Einzelheiten langweilen, aber aller Wahr- scheinlichkeit nach geht diese Waffe in etwa zehn Stunden hoch, wenn wir nichts dagegen unterneh- men. Deshalb muss ich verdammt schnell Bescheid wissen. Drittens habe ich die Anweisung, diese Waffe so bald wie möglich nach Großbritannien transportie-, ren zu lassen. Man schickt uns heute Abend eine Zug- maschine und Geleitschutz, aber ich möchte, dass auch Ihr Team den Lastwagen begleitet.« »Gut«, sagte Dewar. »Dann sollten wir sofort an- fangen.« Das SAS-Team hatte die Siegel aufgebrochen und den Anhänger geöffnet, sobald er auf dem Rastplatz stand, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich ei- ne Kernwaffe enthielt und nicht etwa Kaviar und Wodka für das russische Botschaftspersonal. Der Auf- leger war voll beladen gewesen, damit bei einer Kon- trolle niemand Verdacht schöpfte, falls der Lastwagen trotz der CD-Nummernschilder angehalten werden sollte. Nachdem die SAS-Männer sämtliche Kartons und Möbelstücke ausgeladen hatten, stand nur noch eine große Stahlkiste mit einem Vorhängeschloss da- rin. Einer der GIGN-Männer hatte das Vorhängeschloss mit einem Bolzenschneider geknackt, nachdem er vor- sichtshalber nach Drähten oder Schaltern gesucht hat- te, die auf eine Sprengfalle hindeuten könnten, und einen Blick ins Innere geworfen. Danach hatten sie den Anhänger wieder verschlossen. Jetzt rissen sie die Hintertüren weit auf, worauf der Großteil des Teams aus Aldermaston hineinstieg. Richter ließ sie allein und ging zu Lacomte. »Ich brauche einen Hubschrauber«, sagte er. »Wo und wann?«, fragte Lacomte. »Sobald die Schlauköpfe fertig sind, muss ich nach Reims fliegen und den Tornado erwischen. Ich nehme an, dass die hier mindestens zwei Stunden brauchen,, aber ich möchte, dass er schon vorher bereit steht.« Lacomte nickte und erteilte dem Funker neben ihm auf Französisch ein paar kurze Anweisungen. Colin Dekker kam zu ihnen und streckte die Hand aus. »Wir hauen ab«, sagte er. »Es ist zwanzig vor acht. Wir brechen jetzt nach Reims auf. Ich möchte doch die Hercules nicht verpassen«, fügte er hinzu, »und den Spaß, der uns da unten im Süden erwartet.« Lacomte und Richter schüttelten ihm die Hand. »Gute Reise«, sagte Richter. »Ich hoffe, ich komme zur gleichen Zeit wie ihr in Gibraltar an. Aber ich bin auf jeden Fall lange vor dem Angriff da.« Als der Transit den Rastplatz verließ und in Rich- tung Süden fuhr, meldete sich Lacomte per Funk bei den Gendarmen an der Anschlussstelle Chambry und befahl ihnen, den Wagen zum Flughafen von Reims zu geleiten. Lacomte und Richter gingen zu dem An- hänger, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkun- digen. Der Professor leitete die Aktion in bester mili- tärischer Tradition aus sicherem Abstand. »Wie kommen Sie voran?«, fragte Lacomte. Dewar drehte sich um und schaute ihn an. »Schwer zu sagen«, erwiderte er. »Wir haben bislang drei Schutzvorrichtungen entdeckt, und ich vermute, dass noch mindestens eine vierte vorhanden ist. Wenn wir die entschärft haben, können wir uns die Waffe vor- nehmen.« »Die Zeit drängt, Professor. Können Sie mir in etwa sagen, wie lange es dauern wird?« »Nein«, entgegnete er. »Wir arbeiten, so schnell wir, können, und es hilft uns bestimmt nicht weiter, wenn Sie hier rumstehen und dumme Fragen stellen.« Lacomte wollte etwas sagen, aber Richter nahm ihn am Arm und führte ihn weg. »Lassen wir sie lieber al- lein«, sagte er. Einer der Funker kam zu Lacomte und reichte ihm eine Meldung. »Es geht los«, sagte Lacomte. »Die Her- cules ist vor ein paar Minuten in Northolt gestartet und dürfte gegen acht Uhr fünfzehn in Reims sein. Ihr Helikopter ist vom Gigenes-Stützpunkt in Maisons- Alfort abgeflogen und müsste in etwa zwanzig Minu- ten hier landen. Ihr Tornado wird vom RAF- Stützpunkt Honington starten und spätestens um halb neun in Reims landen.« »Gut. Besten Dank«, sagte Richter. »Ich haue ebenfalls ab«, erklärte John Westwood, während er auf Richter zuging. »Ich fahre nach Paris zurück und von dort aus nach London. Wie es danach weitergeht, weiß ich nicht. Ich nehme an, das hängt davon ab, was drunten in Gibraltar passiert. Also viel Glück.« »Danke«, sagte Richter und schüttelte ihm die Hand. »Ich glaube, das kann ich gebrauchen.« Downing Street Nr. 10, London »Die für London bestimmte Waffe wurde in Frank- reich aufgehalten, Prime Minister«, sagte Sir Michael Geraghty, als er in das private Büro des Premierminis-, ters an der Downing Street Nummer 10 trat. »Der Ein- satz war ein voller Erfolg, und auf unserer Seite gab es keinerlei Verluste.« »Ausgezeichnet«, sagte der Premierminister und rieb sich die Hände. »Leider gibt es nicht nur gute Nachrichten«, fuhr Geraghty fort. Simpson hatte ihm kurz zuvor von der Bombe in Gibraltar berichtet. »Die Urheber dieses teuflischen Planes wollen die Sprengkraft der Waffe in Gibraltar demonstrieren, und wir bemühen uns zur- zeit darum, sie zu entschärfen, bevor sie gezündet werden kann.« Der Premierminister setzte sich und winkte Geraghty zu einem Sessel. »Erklären Sie das bitte.« »Dort liegt ein russisches Schiff vor Anker, Prime Minister. Die Anton Kirow«, begann Geraghty. Dann griff er in seinen Aktenkoffer und holte sein Notiz- buch heraus. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich Kurz vor neun hatte das Team aus Aldermaston die Bombe endlich entschärft. Dewar winkte Richter zu sich. »Alles erledigt«, sagte er. »Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, aber wir wollten kein Unheil anrichten.« »Gut«, erwiderte Richter. »Werde ich bei der Waffe in Gibraltar genauso lange brauchen?« Dewar schüttelte entschieden den Kopf. »Eigentlich, nicht. Wir hatten so viel Mühe damit, weil wir nicht wussten, wie die ganzen Schutzvorrichtungen ge- schaltet waren. Sie müssten die Waffe in etwa zehn Minuten entschärfen können. Kommen Sie mit, dann zeige ich es Ihnen.« Sie stiegen in den Anhänger und sahen sich die rus- sische Bombe an. Sie war viel kleiner, als Richter er- wartet hatte, und sah ganz und gar nicht wie eine Bombe aus. Die Stahlkiste, in der sie lagerte, war etwa drei Meter lang, einen Meter zwanzig hoch und an- derthalb Meter breit. Am einen Ende befanden sich zwei Bleibatterien, die mit Drähten mit der eigentli- chen Waffe verbunden waren, einem unscheinbaren Zylinder mit einem Durchmesser von knapp einem Meter, der unter einem Wirrwarr von Kabeln und Drähten mitten in der Kiste lag. »Okay«, sagte Dewar. »Zunächst zu den Batterien. Die dürfen Sie unter keinen Umständen abtrennen, da sie den Strom für die Schutzvorrichtungen liefern. Wenn Sie die Stromzufuhr unterbrechen, schließen sich alle vier Schaltkreise zugleich, und die Sprengladung geht hoch. Dadurch«, fuhr er fort, »wird zwar die Bom- be nicht gezündet, aber Sie sollten lieber nicht in der Nähe sein.« Er deutete auf das Kabelgewirr. »Sie müs- sen die folgenden sieben Drähte in dieser Reihenfolge durchtrennen«, sagte er und gab Richter ein Blatt Pa- pier, auf dem er die Farbe der Drähte und die Reihen- folge notiert hatte, in der sie gekappt werden mussten. »Und dadurch wird die Bombe entschärft?«, fragte Richter., »Natürlich nicht«, sagte Dewar und schüttelte den Kopf. »Das heißt lediglich, dass Sie den ganzen Kram hier« – er deutete auf die Drähte – »beiseite räumen und sich die Waffe ansehen können. Jetzt aufgepasst.« Er bückte sich und löste vier Flügelmuttern. Dann hob er eine große Aluminiumplatte an, in deren Mitte sich ein geschlossener Kasten befand, um den ein Großteil der Kabel gewickelt war. »Der Kasten«, sagte er, »ent- hält rund vier Kilo Plastiksprengstoff. Aber sobald die Drähte gekappt sind, geht keine Gefahr mehr davon aus.« Er legte die Platte vorsichtig auf den Boden. Dann schauten sie wieder beide in die Kiste. »Die Waffe«, fuhr er fort, »war nicht scharf. Das heißt, dass die Stromkreise und alle anderen Kompo- nenten vorhanden, aber noch nicht angeschlossen sind. Ich vermute, dass das erfolgen sollte, wenn die Waffe an ihrem endgültigen Standort angelangt war.« Er deutete auf einen schwarzen Plastikkasten, aus dem acht Kabel führten. »Über diesen Kasten erfolgt der Stromanschluss. Diese Waffe bezieht den Strom entweder über das normale Netz – hundertzehn be- ziehungsweise zweihundertvierzig Volt Wechsel- strom – oder über eine Reihe von Batterien mit zwölf Volt Gleichstrom, so ähnlich wie die beiden in dem Behälter. Wir nehmen an«, fuhr er fort, »dass sie nor- malerweise über das Netz gespeist wird und die Bat- terien nur als Ersatz dienen, da unter anderem auch ein Batterieladegerät angeschlossen ist. Jetzt hören Sie genau zu. Wenn Sie sich die Waffe in Gibraltar vor- nehmen, sehen Sie wahrscheinlich ein Kabel, das ge-, nau hier in den Kasten führt.« Er deutete hin. »Das ist der Stromanschluss. Hierfür gilt das Gleiche wie für die Batterien – rühren Sie es nicht an. Diese Waffe enthält keinen Zeitschalter, daher nehmen wir an, dass sie nur über ein Funksignal oder etwas Ähnliches gezündet werden kann.« »Darauf hat man uns hingewiesen«, bestätigte Rich- ter. »Der Zünder«, sagte Dewar, »befindet sich hier – dieser schwarze Zylinder, an dem vier Kabel ange- bracht sind. Bei der Waffe in Gibraltar werden noch ein oder zwei andere Drähte angeschlossen sein, durch die er mit einem Funkempfänger oder einem anderen Fernmeldegerät verbunden ist, über das er ausgelöst wird.« Richter schaute sich den Zylinder an. Er war etwa dreißig Zentimeter lang, hatte einen Durchmesser von etwa fünfzehn Zentimetern und ragte senkrecht aus dem zylindrischen Bombenmantel. »Diese Kabel dür- fen Sie nicht durchtrennen. Die Waffe lässt sich nur entschärfen, wenn man den Zünder entfernt.« Dewar schaute Richter an. »Haben Sie halbwegs ge- schickte Hände?« »Das will ich doch hoffen«, sagte Richter. »Ich auch, denn wenn Sie dieses Teil verkanten, gibt es einen gewaltigen Knall, und der Großteil von Gib- raltar ist verschwunden. Sie«, fügte er hinzu, »werden der Erste sein, der Bescheid weiß.« Dewar lächelte nicht. »Der Zünder ist mit sechs Inbus-Schrauben be- festigt – beziehungsweise der russischen Version. Sie, sehen aus wie gewöhnliche Inbus-Schrauben, haben auch die Vertiefung für den Sechskantschraubenzie- her, aber in einem entscheidenden Punkt unterschei- den sie sich. Sie haben ein Linksgewinde. Das heißt, dass Sie sie im Uhrzeigersinn aufschrauben müssen.« »Warum tun die so was?«, fragte Richter. »Bloß um uns die Sache schwer zu machen?« Dewar warf einen kurzen Blick zur Rückseite des Anhängers. »Wenn es sich um ein französisches Gerät handeln würde, würde ich Ihnen beipflichten«, sagte er. »Die französischen Techniker achten aus irgend- welchen unerfindlichen Gründen darauf, alles so kompliziert wie möglich zu machen. In diesem Fall aber wollte man meiner Meinung nach nur sicherstel- len, dass die richtigen Schrauben verwendet werden. Wenn eine Atomwaffe gezündet wird, entsteht im In- nern ein unvorstellbarer Druck. Die Zündvorrichtung muss aber noch eine Zeit lang an Ort und Stelle blei- ben. Bei diesen Schrauben handelt es sich um Spezial- anfertigungen, die extremen Belastungen standhal- ten.« Er griff zu einem Werkzeugkasten und holte eine Ratsche heraus, auf die er ein rund fünfzehn Zentime- ter langes Verlängerungsstück steckte. An diesem brachte er einen Sechskantschlüssel an, den er am Kopf einer Schraube ansetzte. »Sie werden feststellen, dass Sie ein bisschen ruckeln müssen«, sagte er. »Die Zug- kraft liegt unserer Schätzung nach bei etwa einhun- dertdreißig Kilo. Wir haben das Ganze vorhin schon einmal ausgebaut, deshalb geht es jetzt einigermaßen, mühelos.« Rasch entfernte er fünf der sechs Schrauben und hielt den Zylinder mit einer Hand fest, während er die letzte löste. Dann legte er beide Hände um den Zy- linder und zog ihn aus dem Bombengehäuse. »Er ist ziemlich schwer«, sagte er. »Aber Sie müssen vor allem darauf achten, dass er die Ummantelung nicht berührt, wenn Sie ihn herausnehmen. Sonst könnte der Zylinder geerdet werden, und das löst möglicherweise den Zündkontakt aus. Ich sage nicht, dass es so sein muss, aber ich würde es nicht darauf ankommen lassen.« »Ich auch nicht, besten Dank. Und danach?« »Sie sind fast fertig. Wenn Sie den Zünder heraus- gezogen haben, legen Sie ihn auf den Boden und kap- pen die vier Kabel, die an ihn angeschlossen sind.« Richter wirkte einen Moment lang verdutzt. »Löst das nicht den Zünder aus?« »Ja, natürlich. Oh – ich verstehe, worauf Sie hinaus- wollen. Der Zünder funktioniert mechanisch, nicht über eine Sprengladung.« Er hob ihn hoch, zeigte ihn Richter und deutete auf die Seitenwand. »Diese vier Bolzen sind jetzt in eine Vertiefung eingelassen«, sagte er. »Wenn der Zünder ausgelöst wird, springen sie gleichzeitig heraus und treffen auf vier Elektrokontak- te im Innern des Bombengehäuses. Dadurch wird der Stromkreis geschlossen, der die Sprengladung auslöst, mit der die Bombe gezündet wird. Es ist ein unge- wöhnliches System«, sagte er nachdenklich, »und auch die Waffe selbst weist ein paar sonderbare Kon- struktionsmerkmale auf.«, »Sie können sie sich später wahrscheinlich noch ge- nauer ansehen«, sagte Richter. »Muss ich sonst noch irgendetwas wissen?« »Sie dürfen mit den Fingern nicht an die Bolzen ge- raten, wenn Sie die Drähte am Zünder kappen«, sagte er. »Ansonsten wäre das alles.« »Was ist mit der Strahlung?«, fragte Richter. »Wenn der Zünder entfernt ist, meine ich?« »Wir haben sie gemessen«, erwiderte Dewar. »Sie ist unbedeutend. Offenbar ist das spaltbare Material im Innern des eigentlichen Bombengehäuses gut ab- geschirmt.« »Okay, mit den Anweisungen müsste ich ganz gut zurechtkommen. Aber geben Sie mir Ihre Handy- nummer und lassen Sie Ihr Handy in den nächsten vierundzwanzig Stunden eingeschaltet. Nur für den Fall, dass ich in Gibraltar noch irgendwelche Schwie- rigkeiten haben sollte.« »Natürlich«, erwiderte Dewar, schrieb eine Tele- fonnummer auf einen Zettel und gab ihn Richter. »Oh, noch eins«, sagte Richter. »Darf ich mir Ihre Schraubenzieher und die Zangen borgen?« Flughafen Reims, Frankreich Die Alouette stieß aus dem dunkler werdenden Him- mel herab und setzte auf einer Betonfläche nördlich der Rollbahn des Flughafens von Reims auf. Der Ein- weiser senkte die Leuchtstäbe und legte sie unterhalb, der Taille über Kreuz – das Zeichen für »Parken« –, worauf der Pilot Rotor und Triebwerk abstellte. Als das Schrappen der Blätter verklang, löste Richter den Sitzgurt und stieg aus. Eine neben dem Einweiser ste- hende Gestalt winkte ihm zu. »Mr. Beatty?« »Ja.« »Squadron Leader Reilly, Squadron 9. Ich glaube, ich bin Ihr Chauffeur.« Sie gingen zu einem kleinen Gebäude neben einem Hangar und traten ein. Im In- nern erwartete sie ein weiterer RAF-Offizier. »Flight Lieutenant Peter Marnane, mein Kampfbeobachter.« »Beatty«, stellte sich Richter vor. Reilly deutete auf die Fliegerkleidung, die über ei- nem Stuhl hing. »Wir haben Ihre Maße erhalten«, sag- te er. »Hoffen wir also, dass die Sachen halbwegs pas- sen. Ein paar Fragen, während Sie sich umziehen.« Richter zog seine Jacke aus. Einen Moment lang herrschte Schweigen, als die RAF-Offiziere das Schul- terholster mit dem Smith & Wesson sahen. Richter nahm es ab und löste seine Krawatte. »Schießen Sie los.« »Sind Sie schon mal in einem Kampfjet geflogen?«, fragte Reilly. »Ja«, sagte Richter. »Ich war bei der Navy und wurde auf einem Sea Harrier ausgebildet. Außerdem habe ich Jet Provosts, Hawks, Jaguars und eine MiG-29 Fulcrum geflogen.« »Herr im Himmel«, sagte Marnane. Richter grinste ihn an. »Das mit der Fulcrum war nur ein Scherz«, sagte er. Während Reilly die Sicher-, heitsvorkehrungen durchging, zog Richter die lange Unterhose und den langärmligen Pullover an und stieg dann in den G-Suit, der für eine gleichmäßige Durchblutung des Gehirns bei scharfen Kurvenmanö- vern mit hoher Geschwindigkeit sorgt. Die Schwimm- weste wirkte auf den ersten Blick ungewöhnlich – sie hatte Ärmel, an denen Riemen angebracht waren, die die Tornado-Besatzungen zu ihrem eigenen Schutz anlegen, wenn sie bei hoher Geschwindigkeit mit dem Schleudersitz aussteigen müssen. Zu guter Letzt setz- te er den Helm auf und zog die Handschuhe an. »Bevor wir zum Tornado gehen«, sagte Reilly, »muss ich Sie daran erinnern, dass es sich um eine Maschine handelt, die normalerweise von zwei Besat- zungsmitgliedern geflogen wird. Ich weiß, dass Sie ausgebildeter Pilot sind, aber nicht auf dem Tornado. Sie müssen jedoch ein paar Handgriffe für mich durchführen. Selbstverständlich werde ich sie mit Ih- nen durchsprechen, aber Peter hat eine Art idiotensi- chere Anleitung für Sie vorbereitet, in der die wich- tigsten Schalter und Instrumente erklärt werden.« »Okay.« »Noch ein Letztes. Ich bin mir darüber im Klaren, dass Sie ein ziemlich hohes Tier sind, sonst säße ich nämlich gemütlich daheim in Lincolnshire, statt in ei- ner stickigen Bude mitten in Frankreich herumzuste- hen. Aber ich muss darauf hinweisen, dass ich der Kommandant der Maschine bin, daher treffe ich alle Entscheidungen bezüglich der Sicherheitsmaßnah- men. Sie müssen allen meinen Befehlen ohne Wider-, wort gehorchen, es sei denn, Sie haben sie nicht ver- standen.« »Einverstanden«, sagte Richter. Reilly lächelte. »Und wenn ich ›aussteigen‹ sage, und Sie sagen ›pardon‹ –« »Ich weiß«, unterbrach ihn Richter. »Dann rede ich mit mir selbst.« Der Panavia Tornado GR-1 stand auf dem Vorfeld. Marnane stieg die an der Backbordseite der Maschine angebrachte Leiter hinauf und beugte sich hinten ins Cockpit. »Er schaltet das Trägheitsnavigationssystem an und lässt das Radar Warmlaufen«, sagte Reilly. Dann ging er um das Flugzeug herum und führte den Außencheck durch. Marnane half Richter beim Einsteigen in den hinte- ren Sitz, was nicht so schwierig war, wie er erwartet hatte. Das Anschnallen am Schleudersitz vom Typ Martin-Baker Mark 10 entsprach nicht ganz den Vor- schriften. Zuerst wurde die persönliche Überlebens- ausrüstung, die eine Art Kissen darstellte, an der Reißleine der Schwimmweste angebracht. Danach brachte er den Negativ-G-Anschluss sowie Schulter- und Hüftgurte an. Anschließend zog er die Riemen an, mit denen Arme und Beine am Schleudersitz fest- geschnallt wurden, falls die Besatzung aussteigen musste. Zu guter Letzt setzte Richter den Helm auf, schloss das entsprechende Kabel an der Bordsprech- anlage an und setzte die Atemmaske auf. Reilly hatte bereits auf dem Vordersitz Platz ge- nommen, und sobald ihm Marnane an die Schulter, tippte und ihm den hochgereckten Daumen zeigte, meldete er sich über Intercom. »Bereit, Mr. Beatty?« »Bereit«, sagte Richter. »Ihr Handy ist abgeschaltet, und Ihre Waffe und die übrige Ausrüstung sind im Gepäckraum verstaut?« »Ja«, erwiderte Richter. »Alles ist im Gepäckraum.« »Okay. Ich schließe die Kabinenhaube.« Richter hörte das leise Heulen des Elektromotors, als sich das Kanzeldach schloss. Reilly sprach kurz mit der Bo- denmannschaft – auf Französisch, wie Richter fest- stellte –, die über Intercom mit der Maschine verbun- den war, und startete erst das Steuerbord- und dann das Backbordtriebwerk. »Jetzt ruckelt es gleich ein bisschen«, meldete sich Reilly über die Bordsprechan- lage. »Ich lasse das BITE-Programm laufen.« »Was ist das?«, fragte Richter. »Ein Computercheck, bei dem nacheinander sämtli- che Instrumente und Anzeigen sowie der Lufteinlauf überprüft werden«, erwiderte er. »Wenn das erledigt ist, teilt uns die Maschine mit, ob sie fliegen will oder nicht.« »Wirklich?«, sagte Richter. »Hoffentlich hat sie gute Laune.« Reilly lachte leise. »Okay«, sagte er ein paar Minu- ten später. »Systemcheck ist abgeschlossen. Wir sind bereit. Entfernen Sie bitte Ihre Nadeln.« Richter zog eine Sicherheitsnadel vom Schleuder- sitz, wie es ihm Peter Marnane gezeigt hatte, und machte ihn dadurch scharf, und eine weitere vom MDC – dem Miniature-Detonating Cord. Das ist eine, Art Zündschnur, die entlang der Kabinenhaube ver- läuft. Wenn die Besatzung mit dem Schleudersitz aus- steigen muss, sprengt sie die Kanzel ab. »Normalerweise gibt der Kampfbeobachter die Start- position in den Navigationscomputer ein«, sagte Reilly, »aber Peter hat das bereits erledigt. Außerdem kommt es sowieso nicht darauf an, da Gibraltar ein bisschen zu groß ist, als dass wir es verfehlen könnten.« Als der Tornado zur Startbahn rollte, betrachtete Richter die beiden Bildschirme vor ihm. Auf dem rechten wurde die Position der Maschine angezeigt, während auf dem linken die geplante Route abgebil- det war. Am Ende der Rollbahn brachte Reilly die Maschine zum Stehen und wartete auf die Starter- laubnis, dann bog er auf die Startbahn und machte sich bereit. Er gab den Triebwerken vollen Schub, während er den Tornado mit den Fußbremsen hielt, zündete dann die Nachbrenner und ließ gleichzeitig die Bremsen los. Rund zehn Sekunden später, als der Fahrtmesser hundertfünfundvierzig Knoten anzeigte, zog Reilly die Schnauze um zehn Grad hoch und ging in den Steigflug. Nach ein paar weiteren Sekunden war der Tornado so schnell, dass Reilly die Nachbrenner ab- stellen konnte, worauf der Geräuschpegel deutlich sank. Auf dreitausend Fuß Höhe ging er in den Hori- zontalflug über, brachte die Maschine auf Südkurs und wies Richter an, das UHF-Funkgerät neben sei- nem rechten Oberschenkel auf drei-eins-sieben Kom- ma sechs Megahertz einzustellen., »Ich bin jetzt zwei, drei Minuten lang nicht über In- tercom erreichbar«, sagte Reilly. »Ich muss mit der Radarstation Mazout sprechen, durchgeben, dass wir nach Gibraltar unterwegs sind, und die Erlaubnis zum Steigen einholen.« Ein paar Minuten später knackte es im Intercom. »Da bin ich wieder«, sagte er. »Wir ge- hen hoch.« Sie stiegen bis auf dreiundzwanzigtausend Fuß, beschleunigten auf fünfhundert Knoten und flo- gen in der anbrechenden Nacht in Richtung Süden. North American Aerospace Defense Command, Chey- enne Mountain, Colorado Mit dem Bau der Luftabwehrzentrale im Cheyenne Mountain begann man im Jahr 1958, nachdem die Russen den ersten Sputnik ins Weltall geschossen hat- ten, aber erst 1966 wurde der Stützpunkt in Betrieb genommen. Die Arbeiter setzten knapp fünfhundert- tausend Kilogramm Sprengstoff ein und trugen fast siebenhunderttausend Tonnen Granit ab, um eine rund zwei Hektar große Anlage zu schaffen. Der Zu- gang liegt etwa zweitausend Meter über dem Meeres- spiegel und führt in einen rund vierhundert Meter langen Tunnel, der sich in etlichen Kurven und Win- dungen durch den Granit zieht und dazu dient, die Druckwelle einer Atombombenexplosion zu absorbie- ren. Etwa auf halber Länge des Tunnels befinden sich zwei mächtige Stahltore, jedes rund einen Meter dick und fünfundzwanzig Tonnen schwer, die im Abstand, von etwa fünfzehn Metern in Betonsäulen eingelassen sind. Hinter diesen Toren liegt der NORAD-Komplex, fünfzehn Stahlgebäude, die durch stählerne Laufgän- ge miteinander verbunden sind und auf mächtigen Stahlfedern ruhen, die jeder Schockwelle standhalten. Der ganze Komplex ist praktisch von der Außenwelt unabhängig. Für elektrischen Strom sorgen sechs Die- selgeneratoren, deren Treibstoffvorrat für dreißig Ta- ge reicht. Außerdem verfügt die Anlage über Trink- wasser, Nahrungsvorräte und Unterkünfte. Normalerweise sind im Cheyenne Mountain rund achthundert Mann Besatzung. Als Brigade-General Wayne Harmon an diesem Nachmittag um zwei zum Dienst angetreten war, hatte er mit einem Blick auf die Personalliste festgestellt, dass sich zurzeit 1243 Men- schen in dem Komplex aufhielten, die teils Bereit- schaft hatten, teils darauf warteten, den Bereitschafts- dienst abzulösen. Harmon hörte das leise Murmeln der Air-Force-Offiziere, die sich miteinander unter- hielten, aber auch die kurzen, knappen Durchsagen, die über Funk- und Satellitenverbindung weitergege- ben wurden. Vom North American Aerospace Defen- se Command (NORAD) waren bereits sämtliche Frühwarn-Radarstationen in aller Welt vom neuesten Stand der Alarmbereitschaft in Kenntnis gesetzt wor- den. Unter anderem Fylingdales in Yorkshire, Eng- land, Diyarbakir in der Türkei, Shemya und Clear in Alaska, Thule in Grönland sowie die dreiunddreißig Stationen des Distance Early Warning System – die so genannte »DEW-Kette« –, die mittlerweile in die Jahre, gekommenen Frühwarnstationen entlang der Nord- grenze von Kanada. General Harmon warf einen letzten Blick auf die Diensthabenden, dann drehte er sich um und ging in sein Büro. Er setzte sich auf einen Ledersessel und lös- te seine Krawatte. Trotz der Klimaanlage war es heiß, und er hatte bereits einen langen Tag hinter sich. Gibraltar Um 23 Uhr 30 Ortszeit zog Reilly den Tornado in eine Linkskurve. Richter konnte nach vorn nichts erken- nen, da ihm der Pilotensitz die Sicht versperrte, aber links sah er die Lichter von Gibraltar, etwas weiter nördlich La Linea, dazwischen die dunkle Fläche des Flugplatzes, dessen Anflugschneisen- und Lande- bahnbefeuerung aus dieser Entfernung noch kaum auszumachen war. Der Tornado war viertausend Fuß über der Bahia de Algeciras – noch etwa zwei Minu- ten bis zur Landung. Fünf Minuten später verklang das letzte leise Heu- len der Triebwerke, als Reilly die Maschine auf dem ihnen zugewiesenen Platz ausrollen ließ und die Fest- stellbremse betätigte. Etwa hundert Meter entfernt sah Richter eine C-130 Hercules stehen – der SAS war also vermutlich schon hier. Auf Reillys Anweisung hin setzte er die Nadeln für Schleudersitz und MDC wie- der ein, löste den Sitzgurt und öffnete den Gepäck- raum, holte seinen Revolver und den Werkzeugkasten, heraus und zwängte sich dann aus der Maschine. Der Einweiser deutete auf einen Sherpa mit der Aufschrift »Air Traffic Control«. Sie gingen hin und stiegen ein., Donnerstag HMS Rooke, Gibraltar »Bevor wir loslegen, sollten wir uns zunächst über die Grundregeln einigen«, sagte Richter, während er über den Tisch der Offiziersmesse hinweg zu Dekker und Major Ross, dem ranghöchsten SAS-Offizier, blickte. »Meine Anweisungen sind diesbezüglich eindeutig. Wir sollen das Schiff in unsere Gewalt bringen und die Waffe entschärfen. Alles andere ist zweitrangig. Wenn wir auf Widerstand stoßen, sollen wir ihn unter Einsatz aller Gewaltmaßnahmen, die wir für notwen- dig halten, überwinden. Das ist die offizielle Sprach- regelung. Im Klartext heißt das, dass wir die Mistkerle erschießen, angefangen von den Wachposten, die sie aufgestellt haben, bis zur Schiffskatze. Habe ich mich klar ausgedrückt?« »Glasklar«, erwiderte Ross nickend. »Gut, Major«, sagte Richter. »Wo liegt die Anton Ki- row?« Das Schiff war an der North Mole vertäut, sodass sie ohne große Mühe herankommen konnten. Wenn es in der Bucht geankert oder an der Deta- ched Mole gelegen hätte – einer langen Kaizunge, die die beiden Betonarme der North und South, Mole beinahe miteinander verband –, hätten sie Boote gebraucht. Ross schlug zwei verschiedene Angriffstaktiken vor. »Meiner Ansicht nach haben wir zwei Möglichkeiten«, sagte er. »Entweder versuchen wir es mit einem Ab- lenkungsmanöver – zum Beispiel einem Brand ir- gendwo auf oder in der Nähe der Mole –, damit wir unbemerkt an Bord kommen können, oder wir unter- nehmen einen Frontalangriff. Einen Frontalangriff, der möglichst leise und unauffällig vonstatten geht – nur damit das klar ist. Colin – was schlägst du vor?« »Ich bin deiner Meinung, was die beiden Möglich- keiten angeht«, sagte Dekker. »Aber ich halte nicht viel von einem Ablenkungsmanöver. Dazu brauchten wir weitere Männer, die womöglich ins Schussfeld ge- raten könnten. Außerdem haben wir die nicht, es sei denn, wir stellen ein paar von unseren Leuten dafür ab, aber dadurch würde die Truppe geschwächt, die uns für den Angriff zur Verfügung steht. Außerdem erregen Ablenkungsmanöver für gewöhnlich nur Aufsehen. Ich möchte nicht, dass die gesamte Besat- zung der Anton Kirow aufwacht, um sich ein Freuden- feuer auf der Mole anzuschauen, denn unter Umstän- den bemerken sie dabei auch uns.« Ross nickte, dann wandte er sich an Richter. »Mr. Beatty?« »Ich schließe mich Colin an. Vergessen Sie nicht, dass die Besatzung nach Aussage von Modin den Be- fehl hat, das Schiff im Falle eines Angriffs zu verteidi- gen. Es handelt sich um erfahrene Speznas-Truppen, zahlenmäßig etwas mehr als doppelt so stark wie wir., Wenn wir ein größeres Ablenkungsmanöver unter- nehmen, besteht meiner Meinung nach die Gefahr, dass zumindest ein paar von ihnen Lunte riechen und mit einem Angriff rechnen. Und das können wir zual- lerletzt gebrauchen.« Er hielt kurz inne. »Allerdings«, fügte er hinzu, »könnte ein kleineres Ablenkungsma- növer ganz nützlich sein.« Ross nickte, worauf Richter ihm erklärte, was er im Sinn hatte. Autoroute A26, bei Couvron-et-Aumencourt, Frankreich »Endlich«, murmelte Modin, als der russische Konvoi, der mittlerweile mit neuen Reifen ausgestattet war, vom Rastplatz gewunken wurde und unter dem Ge- leit der Gendarmerie Nationale nach Calais aufbrach. Der Anhänger des Sattelschleppers blieb vorerst auf dem Parkplatz, bis zum Eintreffen der Zugmaschine und der Begleitfahrzeuge aus Großbritannien. »Wohin wird man ihn bringen?«, fragte Bykow, der einen Blick zurückwarf. Seit der Konvoi angehalten worden war, wirkte er sichtlich bedrückt. Modin ver- mutete, dass er sich Sorgen um seinen weiteren Wer- degang machte. Modin machte sich keine Sorgen. Er war sich darüber im Klaren, dass seine Laufbahn beim SWR beendet war. »Nach Großbritannien, nehme ich an«, erwiderte Modin. »Höchstwahrscheinlich wird man die Waffe untersuchen.« »Ich wünschte«, sagte Bykow, »wir hätten uns mit, Moskau in Verbindung setzen können. Der Minister will bestimmt Bescheid wissen.« »Davon bin ich überzeugt«, entgegnete Modin. Er hoffte allerdings, dass es noch ein paar Stunden dau- erte, bis Minister Truschenko von der Beschlagnah- mung der für London bestimmten Waffe informiert wurde. Denn Modin war sich nicht ganz sicher, wie der Minister reagieren würde, wenn er erfuhr, was passiert war. Gibraltar, Hafengelände Der schwarze Kampfanzug, der Richter vom Special Air Service Regiment 22 zur Verfügung gestellt wor- den war, war nicht gerade maßgeschneidert. Die ku- gelsichere Weste trug etwas auf, war allerdings nicht schwer, und der Smith & Wesson saß bequem im Schulterholster unter seiner linken Achselhöhle. Ne- ben der Heckler MP5SD – einer mit Schalldämpfer be- stückten 9mm MP5 –, die ebenfalls vom SAS stammte, hatte Richter die graue Navigationstasche dabei, die er sich von Peter Marnane geliehen hatte. In ihr hatte er Professor Dewars Drahtzangen und Schraubenzie- her verstaut, die er sorgfältig in Leinenservietten ein- gewickelt hatte, die er sich aus der Offiziersmesse von HMS Rooke geborgt hatte. Der Werkzeugkasten, hatte Ross eingewandt, könnte scheppern, und er wollte unter keinen Umständen irgendetwas in seiner Nähe haben, das scheppern könnte., Außerdem hatte Ross deutlich gemacht, dass er jede Gefahr so weit wie möglich meiden solle, was Richter für eine ausgezeichnete Idee hielt. Er hatte Colin Dek- ker erklärt, wie er beim Entschärfen der Bombe vor- gehen müsse, und ihm eine Kopie von Professor De- wars Notizen gegeben, falls es ihn erwischen sollte. Aber Dekker hatte nicht gerade begeistert gewirkt. Um zwanzig nach eins waren sie bereit. Richter rief bei der Air Traffic Control an und erwischte einen leicht verschlafen klingenden Wachhabenden, der ihm versprach, dass er unverzüglich einen Kleinbus zur Offiziersmesse schicken werde. Zehn Minuten später traf er ein, und um zehn vor zwei waren sie alle im Hafen. Es war eine nahezu mondlose Nacht, und auf der North Mole gab es allerhand Deckungsmöglich- keiten – haufenweise Kisten und Kabel, Drahtrollen und sogar ein paar Pkws und Kleintransporter –, so- dass sie bis auf siebzig Meter an die Anton Kirow he- rankamen, ohne vom Schiff aus entdeckt zu werden. Ross, Dekker und Richter duckten sich hinter eine große Kiste, die so stark nach Fisch roch, dass sie den Gestank trotz der Gasmasken wahrnahmen, und be- trachteten das Zielobjekt durch die Nachtgläser. Vor ihnen ragte der Bug des russischen Frachters auf, eines ziemlich rostigen Schiffes, das trügerisch friedlich wirkte. Richter konnte durch das Nachtglas keinerlei Lebenszeichen an Bord erkennen, aber Colin Dekker hatte bessere Augen. »Zwei Wachposten«, sagte er leise; seine Stimme drang dumpf aus Richters Ohrhörern. »Einer auf der Brücke – ich habe seine Zi-, garette gesehen – und einer am Heck, bei der Gang- way.« »Vorschläge?« fragte Ross. »Die Brücke ist abgeschlossen, die Fenster sind aus Panzerglas – wegen dem Wetter, nicht um Kugeln ab- zuhalten, aber es läuft in etwa aufs Gleiche raus –, deshalb können wir ihn von hier aus nicht ausschal- ten. Meiner Meinung nach haben wir mit einem Lock- vogelmanöver am ehesten eine Chance.« »Einverstanden«, sagte Ross. Er drehte sich um und winkte. Rund eine Minute später torkelten zwei SAS- Männer an ihnen vorbei, die einander die Arme um die Schultern geschlungen hatten, ebenso laut wie falsch sangen und wie zwei betrunkene Seeleute wirk- ten, die fröhlich ihres Weges zogen. Ihre Kampfanzü- ge waren unter zwei dunkelblauen Regenmänteln der Royal Navy verborgen, die Richter in der Garderobe von HMS Rooke organisiert hatte. Schweigend ver- folgten sie, wie sich die beiden Männer dem Schiff nä- herten. Richter sah hinter dem Brückenfenster etwas aufblinken und tippte Dekker an den Arm. »Hab’s ge- sehen«, murmelte Dekker und setzte das Nachtglas wieder an. »Nicht nur wir haben Gläser«, sagte er. »Der Posten auf der Brücke beobachtet unsere beiden Laienschauspieler ganz genau.« Die zwei Männer hatten das Heck der Anton Kirow erreicht, wo sie sich offenbar miteinander stritten. In der Stille ringsum waren ihre Stimmen laut und deut- lich zu hören. Als der zweite Posten in den Schein der, Deckleuchten trat, sah ihn Richter zum ersten Mal. Die beiden Männer am Kai fielen einander in die Ar- me, schwankten hin und her und gingen mit unsiche- ren Schritten die Gangway hinauf. Dekker hatte das Glas nach wie vor auf die Brücke gerichtet, ohne auf das Schauspiel am Heck zu achten. »Der Posten hat die Brücke verlassen«, flüsterte er. »Wenn wir Glück haben, geht er runter, um dem Typ an der Gangway beizustehen.« Etwa auf halber Höhe der Gangway stießen die drei Männer aufeinander, und Richter hörte deutlich, wie der Posten die Eindringlinge zurechtwies. »Falsches Schiff«, sagte er mit starkem Akzent. »Ihr müssen weg.« »Ein elender Ausländer«, sagte einer der Trooper mit breitem Glasgower Dialekt. »Wo is Jock? Der hat doch heute Nacht Dienst.« »Was hast du mit Jock gemacht, du Mistkerl?«, schrie der andere und stürzte sich schwerfällig auf den Russen. Richter sah, wie eine zweite Gestalt über das Deck zur Gangway lief. Als er sich über die Bordwand beugte, war das Lockvogelmanöver geglückt. Richter hörte das dumpfe Husten der gedämpften 9mm-Pis- tolen vom Typ Browning Hi-Power, mit denen die Trooper bewaffnet waren, und sah, wie beide Posten gleichzeitig zu Boden gingen., Camp David, Maryland »Hat sich irgendwas getan?«, fragte der Präsident, als er wieder in den unterirdischen Bunker kam, gefolgt von dem Major der Marines mit dem Football, der sich ein paar Schritte hinter ihm hielt. Der Präsident war ein paar Minuten oben im Haus gewesen und hatte mit seiner Frau die Kinder zu Bett gebracht. Der ranghöchste Offizier im Raum, ein General der Air Force, stand auf, als der Präsident näher kam, und schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Wir sitzen nur herum und warten. Wir sind bei DEFCON ONE, und so gut wie alles, was fliegen und schwere Waffen tragen kann, ist in Richtung Osten unterwegs. Aber die Rus- sen machen keinen Mucks.« »Keinerlei Reaktion?« »Nicht die geringste, Mr. President. Unsere techni- sche Aufklärung – vor allem die Keyhole-Satelliten – lässt keinerlei ungewöhnliche Aktivitäten erkennen, nirgendwo in der GUS. Die Russen müssten doch wis- sen, dass wir in höchster Alarmbereitschaft sind, aber sie reagieren überhaupt nicht.« Der Präsident warf einen Blick auf die Schautafeln und Bildschirme, die an der Längswand des Bunkers angebracht waren, und schüttelte den Kopf. Der Ge- neral hatte Recht. Auf jeder Tafel waren die langen Listen der einsatzbereiten amerikanischen Waffensys- teme aufgeführt – die Zähne des Triad, des dreifachen strategischen Abschreckungspotenzials –, in der Luft, auf See oder abschussbereit in unterirdischen Silos., Alle warteten auf einen Befehl von ihm, auf die ent- sprechenden Gold Codes, um Russland einen Schlag zu versetzen, von dem es sich möglicherweise nie mehr erholen würde. »Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal er- lebe«, murmelte er beinahe unhörbar. »Zumindest hatte ich es gehofft.« Die Tafeln, auf denen feindliche Aktivitäten angegeben wurden, waren völlig leer. In der Gemeinschaft unabhängiger Staaten tat sich nicht das Geringste, das man als Feindseligkeiten bezeich- nen könnte. Der Präsident schüttelte ein weiteres Mal den Kopf, ging zu einem Ledersessel und ließ sich hineinsinken. Der General betrachtete ihn einen Mo- ment lang, dann wandte er sich wieder seiner Konsole zu. Gibraltar, Hafengelände »Los«, rief Ross in sein Helmmikrofon, und die SAS- Männer hinter Richter setzten sich in Bewegung, Ross allen voran, Dekker ein paar Meter hinter ihm. Ob- wohl sie auf keinerlei Widerstand stießen, gingen sie in Kampfformation vor – der eine Trupp blieb mit schussbereiten Waffen stehen und sicherte, während ein anderer vorrückte. Ein Trooper legte sich neben Richter hin und suchte das Schiff mit einem 7.62mm- Scharfschützengewehr vom Typ Accuracy Internatio- nal PM ab, das mit einem Starlight-Restlichtverstärker von Davin Optical bestückt war., Die erste Gruppe war an Bord vorgedrungen und sammelte sich gerade an Deck, als die ganze Sache schief ging. Richter hörte irgendwo in der Nähe des Bugs einen dumpfen Laut, dann das typische metalli- sche Krachen eines Kalaschnikow-AK47-Sturmge- wehrs, das auf Einzelfeuer eingestellt war. Zwei SAS- Männer kippten auf der Stelle um, die anderen warfen sich zu Boden, rollten sich in Deckung, so gut es ging, und hielten Ausschau nach dem Schützen. Der Troo- per neben Richter entdeckte ihn sofort. Ein Schuss aus seinem Gewehr, und die Kalaschnikow verstummte. Aber damit war das Überraschungsmoment dahin, und in sämtlichen Mannschaftsunterkünften am Heck des Frachters gingen die Lichter an. Ross ließ seine Männer an Deck ausschwärmen. Auf Höhe der Mittschiffslinie führte eine Tür in die Mann- schaftsquartiere, aber Richter sah noch eine weitere auf der Steuerbordseite. Er nahm an, dass auf der an- deren Seite ebenfalls eine war, was wiederum hieß, dass die SAS-Männer drei Eingänge sichern mussten. Ursprünglich hatten sie vorgehabt, ungesehen in die Mannschaftsunterkünfte einzudringen, sich eine Ka- bine nach der anderen vorzunehmen und jeden Wi- derstand möglichst lautlos auszuschalten. Aber jetzt hatte der Mann mit der Kalaschnikow das ganze Schiff alarmiert. Ross hatte mit seinen Männern zwei Notfallpläne durchgesprochen – einen für den Fall, dass man sie beim Anmarsch auf das Schiff bemerkte, den zweiten, falls sie entdeckt wurden, nachdem sie an Bord waren., Richter sah, wie die Trooper lautlos rund um die Mannschaftsunterkünfte ausschwärmten und unver- züglich Plan zwei in die Tat umsetzten. Kurze Kom- mandos und Bestätigungen drangen aus seinen Ohr- hörern. Richter hatte die Tür an der Mittschiffslinie von sei- ner Kiste aus gut im Blick. Zwei Trooper standen daneben, und selbst von weitem konnte Richter die klobigen Umrisse des Arwen sehen, das einer von ih- nen bei sich hatte. Der zweite Mann machte sich an der Tür zu schaffen und brachte Plastiksprengstoff und Zünder an den Scharnieren an. Dann zogen sich beide zurück und gingen in Deckung. Sekunden spä- ter hallten drei Explosionen durch die Nacht. Ross hatte vorgehabt, alle Zugänge gleichzeitig aufzu- sprengen, und es klang so, als wäre das gelungen. Durch den Qualm und die Trümmer sah Richter, dass die Tür an der Mittschiffslinie verschwunden war. Dort klaffte jetzt ein schwarzes Loch. Die beiden Trooper bezogen wieder links und rechts davon Stel- lung, und einer warf irgendetwas hindurch. Der dumpfe Knall einer Schockgranate, der von den Stahl- schotten der Unterkünfte widerhallte, klang viel lauter als der Plastiksprengstoff. Weißliche CS-Gasschwaden quollen aus der Türöffnung, und als Richter endlich wieder klare Sicht hatte, waren die beiden Trooper verschwunden. Der SAS-Mann neben ihm suchte das Schiff mit sei- nem Restlichtverstärker ab und hielt Ausschau nach Speznas-Männern, die bereits an Deck gelangt waren., Richter sah eine weitere Kiste, rund fünfundzwanzig Meter von der Gangway entfernt. Er schnappte sich seine Tasche und die Maschinenpistole und rannte los. An Deck herrschte offenbar Ruhe. Richter sah zwei Trooper, die einem dritten Feuerschutz gaben, wäh- rend er sich zu den beiden SAS-Männern vorarbeitete, die von der Kalaschnikow getroffen worden waren – alle SAS-Männer sind ausgebildete Sanitäter. Aus den Mannschaftsunterkünften der Anton Kirow allerdings hallten Schüsse. Richter blickte zur Brücke hinauf, dann nach achtern. Höchste Zeit, dass er sich in Be- wegung setzte. »Hier Beatty«, sagte er in das Mikrofon. »Ich kom- me an Bord.« Als Richter aufstand, sah er einen kur- zen Mündungsblitz auf der Brückennock und warf sich hinter die Kiste. Im nächsten Moment schlug eine Kugel neben ihm durch das dünne Holz, prallte am Betonboden der Mole ab und verschwand jaulend in der Nacht. Einer der SAS-Männer feuerte mit seinem Scharfschützengewehr. Richter reckte vorsichtig den Kopf hinter der Kiste hervor und blickte nach oben. Wieder ein Mündungsblitz, und wieder zwei Schüsse von der Mole. Richter sah, wie eine dunkle Gestalt zu- rücktorkelte und an die Tür der Brückennock sank. »Danke«, murmelte er. Er ließ die Navigationsta- sche liegen, brachte die Heckler in Anschlag, stand auf und rannte los. Neben der Gangway ging er in De- ckung. Keine Schüsse. Er rappelte sich wieder auf, stürmte über die Gangway und drückte sich an die, stählerne Außenwand des Mannschaftsquartiers. Ei- ner der Trooper an Deck hob den Arm, als er ihn be- merkte. »Beatty. Ich geh auf die Brücke.« Eine Stahltreppe führte außen an den Aufbauten nach oben. Richter rannte hin, blickte hinauf, sah aber nirgendwo einen Gegner. Ein SAS-Trooper trat an die Bordwand, um ihm notfalls Feuerschutz zu geben, worauf Richter hi- naufstieg. Das unterste Stück schaffte er ohne Schwie- rigkeiten. Auf dem ersten der beiden aus Stahlgitter bestehenden Absätze hielt er inne, sicherte nach oben und unten ab und stieg dann weiter. Auf halber Höhe sah er über sich eine Bewegung. Er fuhr herum, landete rücklings auf der Treppe und stieß die Füße nach außen, damit er nicht hinunter- rutschte. Wieder bewegte sich oben jemand, worauf er mit der Heckler einen kurzen Feuerstoß abgab, und im gleichen Moment schoss einer der Scharfschützen auf der Mole. Die Gestalt über Richter sackte zu Bo- den und ließ die Kalaschnikow los, die an Richter vorbei aufs Deck fiel. Er raffte sich wieder auf und stieg höher. Der Spez- nas-Soldat lag mit dem Gesicht nach unten am zwei- ten Treppenabsatz, der Rücken seines Seemannspul- lovers war mit Blut getränkt. Allem Anschein nach hatten ihn fünf, sechs Kugeln erwischt, alle in der Brust. Richter tastete kurz seinen Hals ab, fühlte kei- nen Puls mehr und nahm die dritte Treppe in Angriff. Sie endete oben auf der Brückennock, wo eine wei- tere Gestalt lag. Richter meinte, sie hätte sich bewegt,, als er auf die Nock trat. Er warf sich zu Boden, wie er es in Hereford gelernt hatte, und gab gleichzeitig zwei Schuss mit der Heckler & Koch ab. Dann stand er auf, ging zu dem Mann, tastete nach dem Puls und rückte weiter vor. Die Tür zur Brücke war nicht abgeschlos- sen. Richter öffnete sie und huschte hinein. Nirgend- wo brannte ein Licht, aber er wusste in etwa, wohin er sich wenden musste. An der hinteren Wand war eine Schiebetür – geschlossen. Richter überzeugte sich davon, dass die Heckler auf Einzelfeuer eingestellt und das Magazin noch etwa halb voll war, dann schob er die Tür langsam auf, bis das erste Licht aus dem Durchgang fiel. Richter sah ihn zuerst, aber der Russe drückte schneller ab. Die Kugel aus der Kalaschnikow durchschlug die Holztür und traf Richter an der Brust. Er hatte das Gefühl, als hätte ihn ein Bulle getreten, dann torkelte er auf die Brücke zurück und ließ die Maschinenpistole fallen, die irgendwo in der Dunkelheit verschwand. Walnusszimmer, Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Juri Baratow klopfte kurz an der Tür und trat ein. »Wir haben Truschenko noch nicht gefunden«, sagte er, als ihn der russische Präsident fragend anblickte. »Aber wir glauben zu wissen, wo er ist. Als wir in sei- ner Wohnung waren, teilte uns sein Diener mit, dass er in St. Petersburg sei. Sein Sekretär im Ministerium, hat das bestätigt, als wir ihn endlich ausfindig machen konnten. Er will ein paar Tage bei Freunden in St. Pe- tersburg verbringen. Wir haben uns im Ministerium die Adresse beschafft, und ich habe die dortige SWR- Zentrale verständigt. Sie sind schon unterwegs, um ihn aufzugreifen.« Anatoli Lomonosow schnaubte. »Festnehmen kön- nen sie ihn nur, wenn sie ihn finden«, entgegnete er spöttisch. »Ich nehme an, es ist kein Zufall, dass St. Petersburg nur hundertfünfzig Kilometer von der fin- nischen Grenze entfernt ist. Möglicherweise werden Ihre SWR-Männer lediglich feststellen, dass der Vogel bereits ausgeflogen ist.« »Warum?«, fragte der Präsident. »Er weiß doch noch gar nicht, dass Operation Podstawa entdeckt wurde. Oder?« »Was wollen Sie unternehmen, Genosse Präsi- dent?«, fragte Baratow. »Nichts«, erwiderte der Präsident. »Im Moment un- ternehmen wir gar nichts. Ich habe dem amerikani- schen Präsidenten über die direkte Telexverbindung mitgeteilt, dass ich von diesem angeblichen Angriff nichts weiß, was beinahe der Wahrheit entspricht. Wir werden keinerlei militärische Maßnahmen ergreifen, auch wenn die Amerikaner mit dem Säbel rasseln.« »Ist das nicht gefährlich?«, fragte Baratow. »Wenn wir nicht reagieren, sind wir wehrlos.« »Inwiefern wehrlos?«, warf Jewgeni Ryschkow ein. »Wir wissen doch, dass die Amerikaner niemals einen Erstschlag wagen würden. Sollen sie doch ihre Bom-, ber über dem Atlantik und Pazifik kreisen lassen und ihre Atom-U-Boote in Position bringen. Zwei triftige Gründe sprechen gegen eine Reaktion unsererseits. Wenn wir militärische Gegenmaßnahmen einleiten, könnten die Amerikaner das als Vorwand benutzen, um einen Präventivschlag gegen uns zu führen.« »Und der zweite Grund, Genosse Präsident?« »Nach Aussage von General Sokolow wird Opera- tion Podstawa von einem einzigen Mann gelenkt und geleitet – Minister Dimitri Truschenko. Wenn wir ihn nicht ausfindig machen, wird er sie vermutlich in Gang setzen, sobald er den Zeitpunkt für gekommen hält. Folglich müssen wir eine Möglichkeit finden, wie wir das verhindern können, oder wir müssen Opera- tion Podstawa ihren Lauf lassen.« Anton Kirow Richter lag an der Vorderwand der Brücke, hatte die eine Schulter an den Fuß des Kompassgehäuses ge- drückt und versuchte seine Arme zu bewegen. Er rechnete damit, dass der Speznas-Mann jeden Moment durch die Tür kam, um sein Werk zu begutachten. Er hatte keine Ahnung, wo die Heckler lag, aber noch hatte er seinen Smith & Wesson. Richter hatte das Ge- fühl, als ob sein rechter Arm aus Blei wäre. Er konnte ihn kaum heben, musste alle Kraft aufbieten, um an den Griff des Revolvers zu kommen, ihn zu ziehen. Keuchend drückte er die Waffe an die Brust., Die Brückentür wurde aufgestoßen. Mühsam brach- te Richter den Smith in Anschlag. Aber er war zu langsam – viel zu langsam. Der Russe stand im Licht, das hinter ihm aus dem Durchgang fiel, und musterte ihn über den Lauf der Kalaschnikow hinweg. »Do swi- dánija – Auf Wiedersehn«, sagte er, trat neben Richter und rammte ihm das Schnellfeuergewehr gegen die Schulter. Richter versuchte den Smith zu heben, aber die Waffe war viel zu schwer. Er straffte sich, hörte dann einen Schuss, aber von rechts. Der Russe hatte mit ei- nem Mal keinen Kopf mehr. Er torkelte nach links und fiel der Länge nach zu Boden. Eine kleine, schwarz gekleidete Gestalt stürmte von der Brückennock he- rein und kniete sich neben Richter. »Alles okay?« »Ich weiß nicht. Die Brust.« Mehr brachte Richter nicht heraus. Seine Brust tat nicht weh – sie fühlte sich wie betäubt an, und er bekam kaum Luft. Der SAS- Mann tastete vorsichtig unter der Weste herum, die hoffentlich gehalten hatte, was der Hersteller ver- sprach, zog dann die Hand hervor und hielt sie Rich- ter vor die Augen. »Kein Blut«, sagte er. »Gut. Was für eine Waffe?« Richter deutete mit tatt- riger Hand auf den Toten, der neben ihm lag. »Arwen«, erwiderte der SAS-Trooper. »Schrot, je- denfalls so was Ähnliches. Sie sollten mal sehen, was das bei ’nem Brusttreffer anrichtet.« »Nein, danke.« Richter konnte allmählich wieder freier atmen. Außerdem musste er noch etwas erledi- gen. »Helfen Sie mir auf«, sagte er., Der SAS-Mann sicherte die Brücke und den Durch- gang ab, ehe er das Arwen auf den Boden legte. Mit seiner Hilfe zog sich Richter am Kompassgehäuse empor. Er kam sich vor wie durch den Wolf gedreht. Der Trooper hob sein Arwen auf, ging zur anderen Seite der Brücke und kehrte mit Richters Heckler zu- rück. »Geht’s wieder?« »Ja«, sagte Richter. »Sie haben was gut. Lassen Sie mich noch einen Moment verschnaufen.« »Stets zu Diensten. Sie sind Beatty, stimmt’s?« Rich- ter nickte. »Waren Sie im Funkraum?« Richter schüttelte den Kopf. »So weit bin ich noch nicht gekommen.« »Gut. Folgen Sie mir.« Richter trottete hinter ihm den Durchgang entlang. Drei Türen lagen zu beiden Seiten, alle offen. Sie über- prüften jeden Raum, stellten fest, dass alle leer waren. Keiner davon war der Funkraum. Eine Stahltreppe führte nach unten. Der Trooper legte sich hin und spähte nach unten. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass unten nicht mit Widerstand zu rechnen war, stieg er langsam hinab. Im unteren Durchgang stießen sie auf zwei Türen, die sich genau gegenüber- lagen. Auf der einen prangten zwei Blitze – das Zei- chen für Hochspannung –, darunter stand in kyrilli- scher Schrift »Radio Ofis« – Funkraum. Richter deutete darauf. Die beiden Männer gingen links und rechts neben der Tür in Stellung. Dann streckte Richter den Arm aus, drehte vorsichtig den Knauf herum und zog daran. Die Tür ging nicht auf,, aber mit einem Mal ratterte eine Schnellfeuerwaffe los und riss eine Reihe Löcher in das Holz, genau in Brusthöhe. Sie drückten sich an das stählerne Schott. Richter nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, dann sah er, dass die gegenüberliegende Tür aufging. Er war nach wie vor angeschlagen, immer noch lang- sam, aber er riss die Heckler & Koch hoch und stellte sie auf Dauerfeuer. Als die Mündung der Kalaschni- kow auf sie gerichtet wurde, drückte er ab. In knapp einer Sekunde hatte die Maschinenpistole die acht 9mm-Patronen verschossen, die er noch im Magazin hatte. Richter sah die Einschusslöcher in der Tür, dicht nebeneinander, dann fiel die Kalaschnikow zu Boden. Während Richter das Magazin auswarf und ein neues aus seiner Gürteltasche holte, zog der SAS-Mann seine Browning, trat die Tür auf und stürmte hinein. Kurz darauf hörte Richter einen Schuss. »Kein Problem«, sagte der SAS-Mann, als er he- rauskam und wieder auf der anderen Seite der Tür in Stellung ging. »Nicht schlecht geschossen.« Der Trooper hebelte das Magazin des Arwen he- raus und lud zwei Patronen nach, die er aus seiner Gürteltasche zog. »Zurückbleiben«, sagte er. Er trat einen Schritt nach hinten, zielte auf die untere Türan- gel und drückte ab. Richter sah gerade noch, dass die eiserne Angel mehr oder weniger unversehrt blieb und nur das Holz rundum zerfetzt wurde, dann gab der SAS-Mann den nächsten Schuss ab, diesmal auf die obere Türangel. Die Tür kippte langsam nach au-, ßen, in den Durchgang, und im nächsten Moment warf der Trooper eine Schockgranate in den Funk- raum. Drei Sekunden später waren sie drin. Ein Mann, of- fenbar der einzige, der sich hier aufgehalten hatte, lag in der hinteren Ecke, neben ihm eine AK47. Er war am Leben, aber die Schockgranate hatte ihn vorüberge- hend außer Gefecht gesetzt. Der Trooper zog seine Browning, aber Richter hielt ihn zurück. »Ich muss ihn fragen, ob er einen Funkspruch abgesetzt hat«, sagte er. Richter hob die Kalaschnikow auf, jagte in jedes Funkgerät eine Kugel, zog das Magazin ab und hebel- te den Verschluss auf. Das Schiff besaß eine Vielzahl von Kommunikationseinrichtungen, aber nichts wirk- te in irgendeiner Weise ungewöhnlich. Offenbar wa- ren alle Funkgeräte eingeschaltet gewesen, aber auch das war möglicherweise so üblich. Richter konnte nur hoffen, dass der Mann, der in der Ecke lag, ein einfa- ches Besatzungsmitglied war, das im Funkraum Zu- flucht gesucht hatte, nicht aber der Bordfunker. Aller- dings gab ihm die ungemachte Koje zu denken, die in der einen Ecke stand. Der Russe schien allmählich wieder zu sich zu kommen. Richter kniete sich neben ihn. »Hör mir zu«, sagte er auf Russisch. »Kannst du mich verstehen?« Der Russe schüttelte den Kopf, als versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen. »Hast du einen Funk- spruch nach Moskau abgesetzt?« »Was?«, »Hast du einen Funkspruch nach Moskau abge- setzt?«, wiederholte Richter. Der Speznas-Mann schaute zu Richter auf und warf ihm einen trotzigen Blick aus seinen blauen Augen zu. »Ja«, sagte er. »Sobald ihr angegriffen habt. Wie man es mir befohlen hat. Deswegen schlafe ich hier.« Richter stand auf. »Ich muss zum Frachtraum«, sag- te er. »Kümmern Sie sich um ihn.« Als Richter seine Heckler & Koch nahm, den Funk- raum verließ und die Treppe hinaufstieg, hörte er ei- nen weiteren Schuss aus der Browning. »Ross, hier Beatty«, meldete er sich über das Mikrofon. »Ross. Wo sind Sie?« »Ich komme gerade aus dem Funkraum. Sie haben Moskau verständigt. Wir müssen also jeden Moment damit rechnen, dass sie die Bombe zünden.« Er hielt inne, rang immer noch um Atem. »Seid ihr schon zum Frachtraum vorgedrungen?« »Nein. Wir haben die meisten Gegner ausgeschaltet, bis auf eine Gruppe, die sich auf dem ersten Deck der Mannschaftsunterkünfte verschanzt hat. Ich habe meine Männer über und unter ihnen in Stellung ge- bracht, aber wir kriegen sie nicht raus.« »Machen Sie sich um die keine Gedanken«, sagte Richter. »Wenn wir nicht in den vorderen Frachtraum kommen, gehen wir alle drauf.« Er erreichte das Deck. »Ich bin jetzt auf dem Hauptdeck, an Steuerbord. Können Sie zu mir stoßen?« »Schon unterwegs.« Richter sah einen SAS-Mann an der Reling stehen,, neben dem eine Gestalt in Zivilkleidung saß. »Wer ist das?«, fragte er. »Ein Schiffsoffizier. Er war nicht an Bord – wir ha- ben ihn geschnappt, als er den Kai entlanggerannt kam, sobald die Schießerei losging.« »Gut«, sagte Richter. »Nehmen Sie ihn mit.« Der Trooper zerrte den Mann grob auf die Beine und stieß ihn vorwärts. »Ich heiße Beatty«, sagte Richter auf Russisch, »und ich möchte, dass Sie mir helfen.« Der Russe spie Richter vor die Füße. Der Trooper trat ihm in die linke Kniekehle und zerrte ihn wieder hoch. »Hören Sie mir bitte zu«, sagte Richter. »Im Fracht- raum dieses Schiffes befindet sich eine Kernwaffe, die meiner Meinung nach in wenigen Minuten per Funk- signal aus Moskau gezündet wird. Sie und die Spez- nas-Männer sollten das Schiff vermutlich weder ver- lassen noch die Waffe entladen. Sie sollten als Selbst- mordattentäter sterben, ohne etwas davon zu wissen. Können Sie mir dabei helfen, die Waffe zu entschär- fen?« Der Russe starrte ihn unverwandt an. »Na schön«, sagte Richter. »Nehmen Sie ihn mit.« Ross trat aus den Mannschaftsunterkünften. »Wer ist das?«, fragte er. »Ein Schiffsoffizier – vielleicht aber auch ein Spez- nas-Offizier«, erwiderte Richter. »Er wurde von Ihren Männern auf der Mole aufgegriffen. Ich hoffe, dass ich ihn dazu überreden kann, den vorderen Frachtraum zu öffnen.« »Sind Sie sicher, dass die Bombe nicht im hinteren Frachtraum lagert?«, »Ja«, sagte Richter. »Der ist für sperrige Fracht be- stimmt – er ist völlig ungesichert. Die Waffe befindet sich hundertprozentig im vorderen Frachtraum, und der ist mit Sicherheit abgeschlossen.« Drei Decks tiefer stießen sie darauf. Eine Stahltür, auf der in kyrillischer Schrift »Vorderer Frachtraum. Kein Zutritt für Unbefugte« stand. Die Scharniere wa- ren mit Stahlplatten verkleidet, oben und unten war ein Vorhängeschloss angebracht, und in der Mitte be- fand sich ein Kombinationsschloss. »Scheiße«, sagte Richter. Die Vorhängeschlösser sollten kein allzu gro- ßes Problem darstellen, vorausgesetzt, sie fanden ir- gendwo einen Bolzenschneider, aber beim Kombina- tionsschloss sah die Sache anders aus. Richter wandte sich an Ross. »Schicken Sie jemanden los, der einen Bolzenschneider und einen Schweißapparat suchen soll – probieren Sie’s im Maschinenraum. Außerdem brauche ich meine Navigationstasche. Sie liegt hinter der Kiste auf der Mole, direkt gegenüber der Gang- way.« Während Ross die entsprechenden Befehle erteilte, wandte sich Richter wieder dem Russen zu, der ihn mit einem leichten Lächeln beobachtete. Richter öffne- te die Tür hinter ihm – sie führte in einen kleinen Stauraum. »Da rein«, sagte er zu dem Trooper. Der SAS-Mann stieß den Russen in den Raum. Richter folgte ihm, schaltete das Licht ein und schloss die Tür hinter sich. »Wie heißen Sie?«, fragte Richter. »Saworin«, antwortete der Russe., »Nun denn, Genosse Saworin. Wir werden die Tür aufkriegen und in den Frachtraum gelangen«, sagte Richter. »Ich weiß nur nicht, wie lange es dauert. Aber ich weiß, dass wir alle draufgehen werden, wenn wir nicht reinkommen, bevor Ihre Herren und Meister in Moskau auf den Knopf drücken. Alle Mann an Bord dieses Schiffes werden sterben. Dazu der Großteil der Einwohner von Gibraltar sowie von La Linea und Al- geciras in Spanien. Menschen, denen Sie nie begegnet sind, Menschen, die nichts von dieser Sache wissen, Menschen, die im Bett liegen und friedlich schlafen. Unschuldige Menschen.« »Es gibt keine Unschuldigen«, sagte Saworin. We- nigstens redete er. »Ich habe nur eine Frage. Kennen Sie die Kombina- tion von dem Schloss?« Saworin starrte ihn bloß wort- los an. »Ich frage Sie noch mal«, sagte Richter. »Aber wenn Sie es nicht wissen oder mir nicht verraten wol- len, sind Sie uns nur im Weg.« Er stellte die Heckler auf Einzelfeuer ein, entsicherte sie und richtete sie auf den Russen. »Fünf Sekunden, Genosse Saworin. Kennen Sie die Kombination?« Saworin schwieg zehn Sekunden lang. Vermutlich verließ er sich darauf, dass englische Gentlemen nicht auf unbewaffnete Männer schießen. Richter hatte nie behauptet, ein Gentleman zu sein, außerdem war er eher Schotte als Engländer. Deshalb senkte er die Heck- ler und jagte eine Kugel in Saworins rechten Ober- schenkel. Vermutlich zertrümmerte sie den Knochen, denn der Russe fiel auf der Stelle schreiend zu Boden., Kutusowskij Prospekt, Moskau Die Alarmglocke schellte leise, aber beharrlich durch die Wohnung im obersten Stockwerk, aber es dauerte etli- che Minuten, bis Gennadi Arkenko sie hörte. Er hatte am Abend zuvor vielleicht ein bisschen zu viel Wodka getrunken und deshalb tief geschlafen. Als das Klingeln endlich zu ihm durchdrang, wälzte er sich im Bett he- rum, warf einen Blick auf den Wecker und stand benommen auf. Fluchend ging er durch die Wohnstube in das Hinterzimmer. Arkenko setzte sich vor das Kurz- wellenfunkgerät, stellte den Klingelton ab, setzte die Kopfhörer auf und spielte die Nachricht ab, die automa- tisch auf Kassettenrekorder aufgenommen worden war. Drei Minuten später war er wieder im Wohnzim- mer, hatte einen Notizblock in der Hand und drückte auf die Schnellwähltaste mit Dimitri Truschenkos Handy-Nummer. Seine Hände zitterten, aber das lag nicht am Wodka. Anton Kirow »In Gibraltar gibt es ein halbwegs gutes Kranken- haus«, sagte Richter. »In ein paar Wochen kommen Sie wieder raus. Sie werden zwar hinken, aber Sie können gehen.« Er hielt kurz inne. »Wenn ich Ihnen einen Schuss ins Knie jage, können Sie nie wieder lau- fen. Versuchen wir’s noch mal. Kennen Sie die Kom- bination von dem Schloss?«, Saworin hörte auf zu schreien und spie Richter an. »Ich nehme an, das heißt nein, oder?«, sagte Richter. Er brachte die Heckler wieder in Anschlag und richte- te sie auf das linke Knie des Russen. »Das ist Ihre letz- te Chance«, sagte er. »Warten Sie, warten Sie«, rief Saworin. »Ja?« »Ich kenne die Kombination nicht«, log Saworin. »Die Tür war verschlossen, als wir in Warna ausgelau- fen sind.« »Wurde die Bombe dort an Bord genommen?« Der Russe nickte. »Die Kiste sollte hier entladen werden. Morgen.« »Letzte Chance. Kennen Sie die Kombination wirk- lich nicht.« Saworin schüttelte den Kopf. »Dann tut’s mir Leid«, sagte Richter, jagte ihm zwei Kugeln in die Brust, öffnete die Tür und trat hinaus auf den Gang. »Hat’s geklappt?«, fragte Ross. »Nein«, erwiderte Richter. »Er hat gesagt, er weiß es nicht, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glau- ben soll.« Die Schießerei über ihnen hörte mit einem Mal auf. Ross fragte über Funk nach, was da oben los war. »Das war’s«, sagte er. »Die letzten Besatzungsmitglie- der wurden überwältigt.« »Überwältigt heißt so viel wie erschossen, stimmt’s?«, fragte Richter. Ross nickte. »Wir bezeichnen das als Neun-Milli- meter-Handschellen«, sagte er. Drei Minuten später hatte ein SAS-Mann die Haspe, des zweiten Vorhängeschlosses durchtrennt, während ein anderer einen Schneidbrenner den Gang entlang- zog. »Schneiden Sie um das Schloss herum«, sagte Richter. »Wenn wir es rausschlagen, können wir viel- leicht den Riegel aufhebeln.« Rasdolnoje, Krim Das Klingeln des Telefons passte zu Dimitri Tru- schenkos Traum, daher dauerte es eine Zeit lang, bis er es bewusst wahrnahm. Mit einem Mal aber war er hellwach. Nur Gennadi Arkenko kannte seine Handy- Nummer, und der hatte die strikte Anweisung, ihn nur im Notfall anzurufen. Truschenko griff zum Han- dy und drückte auf eine Taste. »Ja?« »Gennadi hier, Dimitri. Ich habe eine Nachricht von der Anton Kirow erhalten. Sie behaupten« – Ar- kenko schluckte – »sie behaupten, sie werden ange- griffen.« »Was?« »Sie werden angegriffen. Sie haben gesagt, das Schiff wird angegriffen. Aber ich dachte, das Schiff ist in Gibraltar«, fügte Arkenko hinzu. »Dann kann das doch nicht stimmen.« Truschenko schwieg einen Moment lang. »Danke, Gennadi«, erwiderte er dann. »Ich kümmere mich darum. Mach dir keine Sorgen. Gute Nacht, mein Freund.« Er klang ruhig und beherrscht, aber seine Gedanken überschlugen sich. Wenn die Anton Kirow, angegriffen wurde, musste irgendwer, irgendwo über Operation Podstawa genau Bescheid wissen. Truschenko unterbrach die Verbindung und wälzte sich aus dem Bett – nur die geballten Fäuste verrieten, wie aufgewühlt und wütend er war. Vier Jahre Pla- nung, Vorbereitung, strengste Geheimhaltung, und jetzt hatte irgendjemand – irgendein westlicher Ge- heimdienst – buchstäblich in letzter Minute entdeckt, was im Gange war. Es musste eine undichte Stelle ge- ben, davon war Truschenko überzeugt. Außer ihm und den Speznas-Truppen wussten nur vier Menschen etwas von der Fracht, die die Anton Kirow geladen hat- te – Gennadi Arkenko und die drei ranghöchsten Of- fiziere, die an Operation Podstawa beteiligt waren. Gennadi hatte bestimmt nichts ausgeplaudert, des- sen war sich Truschenko sicher. Folglich musste es ei- ner der drei Soldaten gewesen sein – entweder die SWR-Generäle Nikolai Modin und Grigori Sokolow oder Generalleutnant Wiktor Bykow vom GRU. Wenn diese Sache vorbei war, schwor sich Truschenko, würde er dafür sorgen, dass alle drei auf dem Tisch in der Lubjanka landeten. Dann lächelte Truschenko, denn trotz des unvorhergesehenen Zwischenfalls war noch nichts verloren. Die Waffen in Amerika waren in Stellung gebracht, desgleichen die überall in Europa gelagerten Neutronenbomben, mit Ausnahme der für London bestimmten Waffe, aber auf die kam es nicht unbedingt an. Das Vorhaben, so beschloss Truschen- ko, musste nur etwas früher in die Tat umgesetzt werden als ursprünglich vorgesehen. Das war alles., Anton Kirow Es war eine warme Nacht, und in dem engen Durch- gang wurde es immer heißer, je länger der Schneid- brenner lief. Der Zugang zum Frachtraum bestand wie alle wasserdichten Schotten aus massivem Stahl, etwa einen halben Zentimeter dick, und entsprechend lang- sam fraß sich die Flamme hindurch. Fast vierzehn Mi- nuten dauerte es, bis das Metall rund um das Schloss aufgeschnitten war. Ein SAS-Mann, der schwere Hand- schuhe trug, da die aufgeschweißten Ränder noch im- mer rot glühten, versuchte das Schloss nach innen zu drücken, aber es rührte sich nicht von der Stelle. »Versuchen Sie’s mit einem Fußtritt«, schlug Rich- ter vor. Der Trooper trat mit aller Kraft zu und traf die Einstellscheibe mit dem Absatz. Dieses Mal bewegte sich das Schloss. Ein zweiter Tritt, dann fiel es nach innen und riss den Riegel aus der Halterung. Sie öff- neten die Tür und gingen hinein. Richter blickte sich in dem weitläufigen, gut drei Decks hohen Raum um. Viel Fracht war hier nicht verstaut, aber dennoch konnte er die Waffe inmitten der anderen Kisten nicht auf Anhieb entdecken. Er fand einen Schalter und tauchte den Frachtraum in gleißendes Licht. Ross war Richter gefolgt. »Wonach sollen wir Aus- schau halten?«, fragte er. »Nach einer Stahlkiste«, sagte Richter. »Sie ist etwa drei Meter lang, einen Meter zwanzig hoch und einen Meter fünfzig breit. Aber vermutlich befindet sie sich in einer Art Holzkiste, die etwas größer sein dürfte.«, Vier Minuten später meldete sich einer der Trooper. Sie bahnten sich einen Weg zwischen den anderen Frachtgütern hindurch und gingen zu der Ecke, aus der er gerufen hatte. »Das ist sie vermutlich«, sagte Richter. Wie voraus- zusehen, war die Holzkiste verschlossen, aber mit Hil- fe des Bolzenschneiders war das Vorhängeschloss im Nu geknackt. Der SAS-Mann schlug den Deckel hoch und klappte die Seitenwand auf, worauf sie alle hi- neinspähten. Die Stahlkiste sah genauso aus wie die, in der sich die für London bestimmte Waffe befunden hatte. Der Trooper durchtrennte mit dem Bolzen- schneider die Haspe des Vorhängeschlosses, worauf Richter vorsichtig den Deckel hochklappte. Ein ande- rer SAS-Mann brachte die Navigationstasche, wäh- rend Richter noch einmal Professor Dewars Anwei- sungen durchlas. »Ich nehme an, es hat keinen Sinn, irgendwo in De- ckung zu gehen«, sagte Ross. »Nein«, erwiderte Richter. »Es sei denn, Sie sind ein verdammt schneller Schwimmer und schaffen es in rund zehn Minuten bis zur anderen Seite der Punta de Europa. Aber selbst dann kann ich Ihnen nicht ver- sprechen, dass Sie nicht gebraten werden. Dieses Ding hier« – er deutete in die Kiste – »kann den Felsen von Gibraltar zu Sand zermahlen.« »Ah«, sagte Ross. Richter zog Dewars Notizen zurate und griff zur Drahtzange. Er streifte die Handschuhe ab, stellte fest, wo die sieben farbigen Drähte verliefen, die mit der, Schutzsprengladung verbunden waren, und in wel- cher Reihenfolge er sie kappen musste. Dann holte er tief Luft. »Auf geht’s«, sagte er. Rasdolnoje, Krim Truschenko lief mit raschen Schritten ins Wohnzim- mer, wo noch die letzten Aschereste im Kamin ver- glühten. Er schaltete das Licht ein, setzte sich an den Tisch und klappte seinen Laptop auf. Er schloss das Telefonkabel am eingebauten Modem an und verband es mit seinem Handy, dann stellte er den Computer an und wartete, bis das Startmenü geladen war. Anton Kirow Richters Hände waren schweißnass. Er wischte sie an einer Serviette ab und griff wieder zur Drahtzange. »Könnten Sie mir noch mal vorlesen, in welcher Rei- henfolge ich die Drähte durchtrennen muss?«, fragte er. »Und das Blatt so halten, dass ich mitlesen kann?« »In Ordnung«, sagte Ross. »Erstens – gelb mit ei- nem grünen Streifen.« Der Draht ließ sich mühelos durchtrennen. »Zweitens – einfarbig blau.« Der letzte Draht war rot, und als Richter ihn gekappt hatte, seufzte Ross erleichtert auf. »Gott sei Dank«, sagte er. »Jetzt nichts wie raus.« »Tut mir Leid«, sagte Richter. »Damit ist die Waffe, noch nicht entschärft. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass ich nicht in Stücke gerissen werde, wenn ich mich daran zu schaffen mache.« »Was?« »Das war erst der Sprengsatz, mit dem die Waffe gesichert ist«, erklärte Richter, während er die Flügel- schrauben löste. Er hob die Aluminiumplatte hoch, legte sie beiseite und hoffte, dass niemand darauf trat. Ross und die beiden SAS-Männer blickten in die Kiste. »Das hier«, sagte Richter und deutete auf den Zylin- der, »ist die Bombe.« Rasdolnoje, Krim »Das wär’s«, murmelte Dimitri Truschenko, während er den Bildschirm betrachtete. Über sein Handy hatte er sich mit dem Laptop in einen fast zweieinhalbtau- send Kilometer entfernten Großrechner eingeloggt. Seine persönliche Kennung und das Passwort waren angenommen worden, sodass er jetzt nur noch die Waffe wählen und die Zündschaltung auslösen muss- te. Anton Kirow Richter verfolgte die am Zünder angebrachten Drähte, knipste vorsichtig alle Halterungen ab, mit denen sie befestigt waren, und achtete darauf, dass er die Dräh-, te selbst nicht beschädigte. Sobald die Drähte gelöst waren, konnte er den Zünder aus der Kiste heben und am Boden abstellen. Vorausgesetzt, er bekam ihn über- haupt heraus. Er nahm das Schraubenzieher-Set zur Hand, baute Ratsche und Verlängerungsstück zu- sammen und montierte den Inbus-Schlüssel, dann setzte er ihn am Kopf der ersten von sechs Schrauben an, mit denen der Zünder befestigt war. Er hielt die Ratsche mit einer Hand fest und zog mit der anderen daran. »Halt!«, rief Ross. »Sie drehen in der falschen Rich- tung.« Richter hielt inne und warf ihm einen Blick zu. »Das sind Linksgewinde.« »Oh. Entschuldigung.« Dewar hatte nicht übertrieben, was den Kraftauf- wand anging, der nötig war, um die Schrauben zu lö- sen. Richter spürte, wie sich seine Brust vor lauter An- strengung verkrampfte. Er hielt inne. »Hier«, sagte er zu einem der SAS-Männer. »Sie sehen aus, als ob Sie stärker wären als ich. Übernehmen Sie das.« »Ich?« »Keine Sorge. Ich sage Ihnen genau, was Sie ma- chen müssen.« Der Trooper nahm die Ratsche, zog einmal kurz daran, und die erste Schraube bewegte sich. »Gut«, sagte Richter. »Alles Weitere übernehme ich. Sie lösen jetzt die Schraube schräg gegenüber.« Scheinbar mühelos lockerte der kräftige, breitschultri- ge Trooper die ersten vier Schrauben, worauf Richter, sie herausdrehte. »Jetzt«, sagte er, »kommt der kitzlige Teil.« »Ja?« »Der Zünder wird jetzt nur noch von zwei Schrau- ben gehalten. Die müssen wir ebenfalls entfernen, den Zünder aber dabei festhalten. Wenn er verrutscht, könnte die Waffe hochgehen.« »Alles klar.« Der Trooper setzte den Inbus-Schlüssel an der fünf- ten Schraube an. Richter legte beide Hände um den Zünder und nickte. Der SAS-Mann ruckelte kurz, und die Schraube gab nach. »Noch nicht abschrauben«, sagte Richter. »Lösen Sie erst die letzte.« Der Trooper wiederholte das Ganze, drehte dann die Schrauben jeweils um ein paar Millimeter heraus, bis sie nur mehr einen Fingerbreit im Gewinde saßen. »Gut«, sagte Richter und fasste den Zünder fester. »Schrauben Sie beide heraus.« Der SAS-Mann beugte sich vornüber und entfernte die letzten Schrauben. Rasdolnoje, Krim Truschenko saß mit angespannter Miene vor dem Computer, als er die Waffe markierte, die er zünden wollte, und den Befehlscode eingab. Da es sich um ein abgesichertes System handelte, verlangte der Haupt- rechner umgehend den zweiten Befehlscode, der not- wendig war, um die Waffe auszulösen. Truschenko blickte auf den Bildschirm und hielt ein, paar Sekunden lang inne. Er dachte an Gibraltar – ein Ort, an dem er noch nie gewesen war – und an die tausende von Menschen, die dort arglos schliefen. Menschen, die er nie kennen gelernt hatte und jetzt auch nie mehr kennen lernen würde. Dann dachte er an Operation Podstawa und an den Triumph, der ihm vergönnt war, wenn der Plan in die Tat umgesetzt wurde. »Wo gehobelt wird«, murmelte er vor sich hin, »da fallen Späne.« Truschenko wandte sich wieder seinem Notizbuch zu und gab den zweiten Befehlscode ein. Dann loggte er sich aus dem Großrechner aus und stellte den Laptop ab. Das System war eingehend er- probt worden, und Truschenko wusste, dass die Waf- fe in knapp neunzig Sekunden explodieren würde. Anton Kirow Der SAS-Mann zog die letzte Schraube ab, worauf Richter kurz am Zünder drehte, um sich davon zu überzeugen, dass er nicht verklemmt war, »Niemand sagt was, keiner rührt sich.« Als Richter den Zünder Millimeter um Millimeter aus dem Gehäuse der Bom- be zog, deutete Ross mit einem Mal schweigend auf die Rückseite. Soeben war ein orangefarbenes Licht angegangen. Richter warf einen Blick auf den Hinweis in kyrillischer Schrift, der darunter angebracht war. »O Scheiße«, sagte er, »Die Zündsequenz wurde aus- gelöst. Irgendjemand hat das Ding aktiviert.«, Der Zünder kam ihm länger und schwerer vor als bei der für London bestimmten Waffe, aber Richter wusste, dass er sich das nur einbildete. Er arbeitete schneller und hatte den Block halb herausgezogen, als das rote Licht aufblinkte. »Was ist das?«, fragte Ross mit heiserer, gepresster Stimme. »Der Zündvorgang«, sagte Richter. Im nächsten Moment blinkte das grüne Licht auf, kaum dass er den Zünder aus der Fassung gezogen hatte. Mit me- tallischem Klicken sprangen die vier Kontaktbolzen heraus – mit solcher Wucht, dass Richter den Zünder fallen ließ. Er landete neben der Bombenkiste, wo er keinen Schaden anrichten konnte. »Wenn jetzt jemand eine frische Hose braucht«, sag- te Richter und ließ sich neben der Bombe zu Boden sinken, »kann er sich meinetwegen eine holen.« Gibraltar, Hafengelände Auf der Mole war der Teufel los. Das Krachen der Schüsse und Schockgranaten war durch das ganze Hafenbecken gehallt, und mittlerweile waren die Mili- tärpolizei, zwei Feuerwehrwagen und eine Ambulanz angerückt. Außerdem drängten sich dort fast alle Be- satzungsmitglieder der anderen Schiffe, die an der North Mole vertäut waren. Drei von Ross’ Männern hatten sich mit ihren Waffen im Anschlag nebenein- ander aufgebaut und hielten die Menge in Schach. Ein, Inspektor der Militärpolizei stand vor einem der Troo- per, herrschte ihn lautstark an und wollte Dienstaus- weise und Waffenscheine sehen, aber niemand hörte auf ihn. Ross und Richter gingen die Gangway hinunter. Colin Decker, der unten auf einem Poller saß, erwarte- te sie. »Lagebericht?«, sagte Ross. »Wir haben Carter verloren«, erwiderte Dekker und stand auf. »Er hat einen Kopfschuss abbekommen, als wir das Schiff geentert haben. Der Russe vorn am Bug hat auch Flemming erwischt, aber seine Weste hat ihm das Leben gerettet – er ist leicht verletzt. Außerdem haben wir noch vier weitere Verwundete, aber nichts Ernstes.« Colin Dekker wandte sich an Richter. »Alles erledigt?« »Ja«, sagte Richter. »Die Sache ist erledigt.«, Donnerstag Gibraltar, Hafengelände Richter saß auf einem Stapel Kisten an der North Mole und rief mit seinem Handy in London an. Simpson hatte auf seinem Feldbett im Büro geschlafen, war aber innerhalb von zwei Minuten am Apparat. Richter war hundemüde und kam sich vor wie gerädert. »Die Waffe in Gibraltar ist entschärft«, meldete er. »Irgendwelche Opfer unsererseits?«, fragte Simpson. »Ja. Ein Toter und ein halbes Dutzend Leichtver- wundete. Die Gegenseite«, fügte er hinzu, »ist nicht so gut davongekommen.« »So Leid es mir tut«, sagte Simpson nach kurzem Schweigen, »aber Sie müssen so schnell wie möglich hierher kommen. Wir haben ein weiteres Problem.« »Worum geht es?«, fragte Richter. »Nicht über eine öffentliche Verbindung«, sagte Simpson. »Ihr RAF-Pilot erwartet Sie am Flugplatz – wir haben ihn vor einer halben Stunde aus dem Bett geholt. Kommen Sie umgehend hierher. In Northolt steht ein Wagen für Sie bereit. Kommen Sie durch die Hintertür, von der sicheren Garage aus.« »Colin«, sagte Richter, während er das Handy in die Tasche steckte. »Ich muss los.«, »Okay«, erwiderte Dekker. »Schau bei der nächsten Eignungsprüfung vorbei und mach den Fan-Tanz mit.« Richter schüttelte ihm die Hand. »Nicht, wenn ich’s vermeiden kann«, sagte er lächelnd. Reilly wartete bereits auf dem Vorfeld, als Richter zehn Minuten später am Flughafen eintraf, und knapp eine Viertelstunde danach waren sie in der Luft. Drei- undfünfzig Minuten später landeten sie in Northolt. Richter, der immer noch den G-Suit trug, stieg in den bereitstehenden Rover, ließ sich in den Sitz sinken und schloss die Augen. Camp David, Maryland Der Präsident saß in dem Ledersessel in der einen Ecke des Bunkers und döste vor sich hin, als die Nachricht einging. »Mr. President.« Der Colonel der Army rüt- telte ihn sanft an der Schulter. »Was ist los?« Der grauhaarige Mann war auf der Stelle wach. »Ein Telex von der CIA in London, Sir, über die si- chere Verbindung.« Der Colonel reichte ihm den Strei- fen. »Die Briten haben gestern in Frankreich eine Kernwaffe abgefangen, die in London in Stellung ge- bracht werden sollte. Und vor einer halben Stunde haben sie an Bord eines russischen Frachters im Hafen von Gibraltar eine weitere Waffe aufgespürt und ent- schärft.«, »Jetzt eben?«, fragte der Präsident, während er die Nachricht rasch überflog. »Aber noch wichtiger ist vielleicht, Sir, dass jemand versucht hat, die Waffe in Gibraltar per Fernsteuerung zu zünden, vermutlich jemand aus dem Kreml. Der Zünder wurde aktiviert, als ihn die Briten ausbauten.« Der Colonel schüttelte den Kopf, als er den fragenden Blick des Präsidenten sah. »Nein, Sir. Keine Opfer – es war ein elektromechanischer Zünder.« Der Präsident stand auf. »Informieren Sie den Vize- präsidenten, die Vereinigten Stabschefs und sämtliche anderen in der Kommandokette. Stellen Sie fest, wo Botschafter Karasin ist, und teilen Sie ihm mit, dass ich ihn sprechen möchte.« Der Präsident hielt inne und lächelte grimmig. »Und danach«, fügte er hinzu, »werde ich ein bisschen mit dem Kreml plaudern. Mal sehen, was man dort dazu zu sagen hat.« Hammersmith, London Simpson saß am Kopfende des kleinen Konferenzti- sches, der in seinem Büro stand, rechts neben ihm der Direktor der Abteilung Aufklärung und links von ihm ein langhaariger Mann mit Brille, der ein CALTECH- T-Shirt trug und Richter irgendwie bekannt vorkam. Nur der Stuhl auf der anderen Seite, genau gegenüber von Simpson, war noch frei. Richter hatte die Flieger- kombination inzwischen abgelegt und sich in seinem Büro umgezogen, wo er stets Ersatzkleidung aufbe-, wahrte. »Kennen Sie James Baker?«, fragte Simpson und deutete auf den Mann mit der Brille. »Ich glaube, ich habe Sie hier schon mal gesehen«, sagte Richter, während er aufstand und ihm die Hand schüttelte. »Schon möglich. Für gewöhnlich bin ich unten im Keller eingesperrt.« »Natürlich«, erwiderte Richter. »Sie sind einer un- serer Computerspezialisten.« Baker grinste ihn an. »Normalerweise werde ich als Computer-Freak bezeichnet.« »Sie haben Ihre Sache in Frankreich und Gibraltar gut gemacht«, sagte Simpson. »Beides wurde hervor- ragend durchgezogen.« »Bedanken Sie sich beim SAS«, entgegnete Richter. »Ich war nur mit dabei.« »Wenn Sie das sagen. Na schön, das ist vorbei. Wenden wir uns künftigen Aufgaben zu. Ich habe Ba- ker hergebeten, weil er uns möglicherweise weiterhel- fen kann. Aber zunächst der Reihenfolge nach. Wir halten uns an Ihren Vorschlag und werden die für London bestimmte Waffe zurückschicken.« Der Direk- tor der Abteilung Aufklärung warf ihm einen unwir- schen Blick zu. »Zweitens, das Wort, das Modin für Sie notiert hat – Krutaja. Wir, beziehungsweise Baker, haben unsere Datenbank danach befragt, aber nichts gefunden, beziehungsweise so gut wie nichts. Wir ha- ben es beim SIS, beim MI5 und beim GCHQ versucht – alles negativ. Einer unserer Hilfswilligen beim CIA in London hat es bei CIA, DIA und NSA probiert –, das gleiche Ergebnis. Soweit wir das feststellen konn- ten, handelt es sich weder um ein Codewort noch um den Klar-, beziehungsweise Decknamen eines uns be- kannten russischen Agenten.« »Sie sagten, Sie hätten so gut wie nichts gefunden«, warf Richter ein. »Was haben Sie denn gefunden?« »Krutaja war nur einmal aufgelistet«, sagte Simp- son. »Im Ortsnamenverzeichnis. Es ist eine kleine An- siedlung in Russland, im Distrikt Komi, an den südli- chen Ausläufern des Timanskij Kryasch gelegen. Es befindet sich praktisch am Ende der Straße, die in eine andere Ansiedlung führt, nach Wojwosch, aber von dort aus nicht mehr weitergebaut wurde.« Er wirkte ausgesprochen selbstgefällig. »Ja?«, sagte Richter. Simpson war offenbar fest entschlossen, die Sache in die Länge zu ziehen. »Wir haben im BID (GSU) nachge- schlagen und nichts gefunden, und wir haben bei JA- RIC in Brampton nachgefragt. Keinerlei Baumaßnah- men, keine militärische Einrichtung. In den letzten ein, zwei Jahren hat sich in Krutaja nicht das Geringste ge- tan, abgesehen davon, dass dort offenbar Telefonleitun- gen verlegt und ein paar Häuser renoviert wurden.« »Simpson, grinsen Sie nicht so breit«, sagte Richter. »Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, und er- zählen Sie mir lieber, was Sie gefunden haben.« »Was liegt Ihrer Meinung nach in der Nähe von Krutaja?« »Ich habe leider meinen Taschenatlas nicht dabei«, entgegnete Richter. »Keine Ahnung.«, »Uchta«, sagte Simpson mit triumphierendem Un- terton. Richter saß einen Moment lang schweigend da. Ir- gendwie kam ihm das bekannt vor, aber er wusste nicht, woher. »Tut mir Leid«, erwiderte er. »Das sagt mir gar nichts. Geben Sie mir einen Tipp.« Anscheinend hatte er Simpson den Spaß verdorben. »Ihr Gedächtnis lässt nach, Richter. Wie wär’s mit Sosnogorsk?« Allmählich dämmerte es ihm. »Da war doch New- mans Stellvertreter, als er den Dolmetscher gespielt hat«, sagte Richter. »Genau. Krutaja liegt rund fünfzig Meilen südlich von Sosnogorsk.« »Ist das alles?«, fragte Richter. »Ja, mehr oder weniger.« Richter starrte ihn an. »Ich hatte eigentlich gehofft, dass etwas mehr dabei herausspringt«, sagte er. »So- weit ich das ersehen kann, haben wir es also mit einer russischen Ansiedlung zu tun. Einer kleinen Stadt, in der es offenbar keinerlei militärische Anlagen gibt. Ich sehe da keinen Zusammenhang, abgesehen davon, dass letzten Monat ein SIS-Mitarbeiter in einer Stadt gewesen ist, die rund fünfzig Meilen entfernt liegt. Aber das kann auch purer Zufall gewesen sein.« Simpson lächelte nach wie vor. »Baker hat diesbe- züglich eine Vermutung.« Baker grinste ebenfalls. Richter hatte das Gefühl, als wäre er der Einzige, der nicht kapierte, worum es ging. »Okay«, sagte er. »Schießen Sie los.«, »Zunächst einmal«, erklärte Baker, »möchte ich ge- nau wissen, was an dieser französischen Autobahn vorgefallen ist – als Sie mit General Modin gesprochen haben. Eine Frage. Hatten Sie das Gefühl, dass es ihm ernst war, als er dieses Wort aufschrieb? Hatten Sie den Eindruck, dass er wirklich Wert darauf legte, oder wollte er Ihnen nur irgendetwas vorsetzen?« »Er legte Wert darauf, eindeutig«, erwiderte Richter. »Hatten Sie den Eindruck, dass er Ihnen helfen wollte, oder wollte er Sie Ihrer Meinung nach nur in die Irre führen, Zeit gewinnen?« Richter dachte einen Moment lang nach. »Ich glau- be, er wollte mir helfen.« »Na schön«, sagte Baker. »Dann wollen wir mal ei- nen Schritt weitergehen. Nehmen wir also an, dass Modin uns etwas Wichtiges mitteilen wollte. Dann muss Krutaja irgendetwas zu bedeuten haben. Da Modin aufgrund seines hohen Rangs beim SWR ver- mutlich wusste, was die Nachrichtendienste der west- lichen Verbündeten auf ihren Computern erfasst hat- ten, konnte er davon ausgehen, dass wir nur auf die- ses eine Krutaja stoßen würden. Eine kleine Ortschaft westlich des Ural.« Richter nickte. »Daraus können wir wiederum schließen, dass es ihm um die Ortschaft ging, nicht um irgendeinen Codenamen, und dass sie irgendwie von Bedeutung sein muss, auch wenn BID und JARIC das Gegenteil behaupten.« »Ich weiß zwar nicht, worauf Sie hinauswollen, aber gehen wir zunächst mal davon aus.« »JARIC teilte uns mit, dass dort lediglich Häuser, renoviert und Telefonleitungen verlegt wurden. Die Leitungen wurden unter der Erde verlegt. Normaler- weise stellen die Russen aber Telefonmasten auf und ziehen Überlandleitungen.« Richter blickte allmählich überhaupt nicht mehr durch. »Vielleicht ist es ein Naturschutzgebiet. Viel- leicht wollen sie die Landschaft nicht mit Telefonmas- ten verschandeln. Vielleicht ist ihnen auch einfach nur das Holz ausgegangen – ich weiß es nicht.« »Schon möglich«, sagte Baker. »Aber es könnte auch andere Gründe geben. Vielleicht handelt es sich um wichtige Telefonleitungen. Leitungen die sie nicht über- irdisch verlegen wollen, damit nicht die ganze Verbin- dung zusammenbricht, falls ein besoffener Bauer mit seinem Traktor einen Mast umfährt.« Richter dachte eine Zeit lang darüber nach. »Die Straße führt nirgendwohin«, sagte er langsam, »von der anderen Siedlung einmal abgesehen. Wenn wir al- so annehmen, dass diese Leitungen aus irgendeinem Grund wichtig sind, müssen sie Krutaja mit irgendei- nem anderen Ort verbinden. Sie können nicht nur ein- fach durch die Ortschaft führen.« »Genau«, sagte Baker. »Folglich?«, hakte er nach. »Wenn wir also davon ausgehen, dass Modin die Sache ehrlich meinte, dann muss in Krutaja irgendet- was Wichtiges sein, und wir müssen herausfinden, worum es sich handelt.« Richter warf einen Blick zu Simpson. »Aber ich werde nicht als russischer Kartof- felbauer verkleidet durch den verdammten Ural zie- hen, falls Sie das im Sinn haben sollten«, sagte er., »Das wird nicht nötig sein«, erwiderte Simpson und nickte Baker zu. »Worum also könnte es sich handeln?«, fragte Ba- ker. »Was könnte für die Russen so wichtig sein, dass sie gepanzerte Telefonleitungen verlegen, um eine ab- gelegene Ortschaft mit der Außenwelt zu verbinden? Okay«, sagte er, als Richter den Mund aufmachte, um etwas zu entgegnen. »Das ist nur eine Vermutung. Ich weiß nicht, ob sie gepanzert sind, aber ich halte es für wahrscheinlich.« Richter schüttelte den Kopf. »Hören Sie mal zu«, sagte er. »Gehen Sie doch einfach davon aus, dass ich ein bisschen begriffsstutzig bin, und erklären Sie mir, worauf Sie hinauswollen. Ich war die ganze Nacht auf und möchte heute irgendwann mal ins Bett.« Baker wirkte enttäuscht. »Ein Computer«, sagte er. »Ein großer Computer.« »Fügen Sie doch eins zum anderen, Richter«, warf Simpson ein. »Modin, der darauf beharrt, dass Sie dem Hinweis nachgehen, den er Ihnen gegeben hat. Das russische Vorhaben. Die unterirdischen Leitun- gen. Eine Ortschaft namens Krutaja, die mitten in der Tundra liegt, weitab von jedem strategischen Ziel. Dazu die Reise von Newmans Stellvertreter nach Sos- nogorsk. Wenn Sie all das zusammenzählen, was kommt dabei heraus?« »Kopfschmerzen«, erwiderte Richter. »Die Lösung lautet«, sagte Baker, »dass in einem der Gebäude in Krutaja höchstwahrscheinlich ein Computer steht, von dem aus der Satellit und damit, auch die Waffen gesteuert werden, die die Russen in Stellung gebracht haben.« Walnusszimmer, Kreml, Krasnaja Ploschtschad, Moskau Der russische Präsident legte den Telefonhörer auf und verzog das Gesicht. »Die Amerikaner kennen in Rechtsfragen den Begriff ›Schutzbehauptung‹. Meiner Meinung nach nähern wir uns allmählich dem Punkt, da uns keiner mehr glaubt, dass wir nichts von Opera- tion Podstawa wissen. Das war Karasin«, fügte er hinzu. »Der amerikanische Präsident hat ihm soeben mitge- teilt, dass die Briten in Frankreich eine Kernwaffe abge- fangen haben. Offensichtlich handelt es sich um die für London bestimmte Bombe, die von General Modin be- gleitet wurde. Vor allem aber haben britische Spezial- einheiten letzte Nacht die im Hafen von Gibraltar lie- gende Anton Kirow geentert und die Waffe entschärft, die sie an Bord hatte.« Er blickte in die Runde. »Das wäre an sich schon schlimm genug«, sagte er. »Aber die Briten berichteten darüber hinaus, dass ein Versuch unternommen wurde, sie zu zünden.« »Von wem?«, fragte Juri Baratow. »Das weiß man nicht«, erwiderte der Präsident. »Aber die Waffe war mit einer Satellitenschüssel ver- bunden, die sich an Bord des Schiffes befand.« »Truschenko«, sagte Ryschkow. Der Präsident nickte. »Genau«, erwiderte er. »Gene-, ral Sokolow hatte uns mitgeteilt, dass die Waffe in Gibraltar zu Demonstrationszwecken dienen sollte. Sie sollte erst gezündet werden, wenn die für London bestimmte Bombe vor Ort gebracht war, vierund- zwanzig Stunden, nachdem das Podstawa-Ultimatum gestellt worden war.« Er hielt kurz inne. »Irgendje- mand muss also Truschenko darüber informiert ha- ben, dass die Sache schief gegangen ist. Diese Person müssen wir ausfindig machen.« Er wandte sich an Ba- ratow. »Nichts Neues aus St. Petersburg?« Der Leiter des SWR schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete er. »Das Haus, in dem Truschenko angeb- lich absteigen wollte, gibt es nicht. Wir haben die Fahndung ausgeweitet, aber bislang ohne Erfolg.« »Das wundert mich«, wandte Konstantin Abramow zögernd ein. »Irgendjemand muss doch wissen, wo er sich aufhält. Und diese Person muss entweder vom Begleitpersonal des Konvois nach London oder von der Besatzung der Anton Kirow verständigt worden sein. Niemand anders wusste Bescheid.« »Das ist offensichtlich«, sagte Baratow. »Und?« Abramow beugte sich vor. »Diesen Mann zu finden, dürfte sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein. Wenn er ein Funkgerät hat, könnte er sich nahezu über- all in diesem Land aufhalten. Aber er muss sich mit Truschenko in Verbindung setzen können, und darauf müssen wir achten. Truschenko besitzt ein Handy. Das weiß ich, weil alle Anträge für ein solches Gerät vom SWR genehmigt werden müssen – selbst Anträge von Ministern. Und sämtliche –«, »Ja, natürlich!« Baratow schrie beinahe. »Darauf hätte ich selbst kommen müssen. Alle Anrufe per Mo- biltelefon werden automatisch aufgezeichnet. Wir können in Erfahrung bringen, mit wem Truschenko gesprochen hat, und anhand der Ortsbereichskennung können wir bis auf zehn, fünfzehn Kilometer genau feststellen, von wo aus er telefoniert hat.« »Was für eine Ortsbereichskennung?«, fragte Rysch- kow. »Der mobile Telefondienst erfolgt über so genannte Ortsbereiche. Von diesen aus werden Telefonate zu einem zentralen Computersystem weitervermittelt. Und dort werden die Nummern sämtlicher Fern- sprechteilnehmer aufgezeichnet, die mit einem Handy anrufen oder per Handy angerufen werden.« »Ich verstehe zwar nicht ganz, worauf Sie hinaus- wollen«, sagte der Präsident, »aber meinen Sie damit, dass Sie Truschenko ausfindig machen können?« Baratow nickte. »Wir können ziemlich schnell fest- stellen, wo sich Truschenko aufhält. Außerdem kön- nen wir herausfinden, wen er angerufen hat, bezie- hungsweise von wem er angerufen wurde, und den oder die Betreffenden vernehmen. Und wenn wir sei- nen ungefähren Aufenthaltsort in Erfahrung gebracht haben«, fügte er hinzu, »können wir über den zustän- digen Ortsbereich veranlassen, dass sein Handy nicht mehr funktioniert. Damit ist er gezwungen, über das öffentliche Fernsprechnetz zu telefonieren, und sobald er das tut, haben wir ihn.« Das Haustelefon klingelte, und der Präsident mel-, dete sich. »Ich komme runter«, sagte er und legte den Hörer wieder auf. Baratow warf ihm einen fragenden Blick zu. »Die Amerikaner möchten über das rote Telefon mit mir sprechen«, sagte der Präsident. »Diesmal, glaube ich, werde ich ihnen mitteilen, was es mit Operation Podstawa auf sich hat. Und außerdem«, fügte er mit einem grimmigen Grinsen hinzu, »kann ich ihnen mit- teilen, dass der Verantwortliche, Minister Truschenko, in Kürze festgenommen werden wird.« Hammersmith, London Richter setzte sich auf. »Beweise?«, fragte er. »Noch nicht«, erwiderte Baker. »Aber vielleicht kann ich schon bald etwas vorweisen.« »Helfen Sie mir auf die Sprünge«, sagte Richter. »Wie kann man mit einem Computer, der in einem Bauernkaff wie Krutaja steht, diese Waffen steuern?« Baker setzte zu einem Vortrag an. »Erstens muss der Computer in einem Ort wie Krutaja stehen, wenn dieses Unternehmen heimlich und ohne die offizielle Billigung durch den Kreml geplant wurde. Wenn er sich in der Lubjanka oder in Jasenewo befände, würde ihn mit Sicherheit jemand bemerken und unbequeme Fragen stellen. Zweitens könnte dieser Computer an- gesichts der Möglichkeiten, mit denen man heutzuta- ge Daten transferieren kann, so gut wie überall stehen – das muss nicht einmal unbedingt in Russland sein.«, Er hielt inne und überzeugte sich davon, dass Richter zuhörte. Der war ganz Ohr. »Nun, dieses System be- steht aus zwei Komponenten, dazu kommt die eigent- liche Waffe. Die wichtigste Komponente ist der Com- puter in Krutaja. Er verfügt über ein umfassendes und kompliziertes Programm, mit dem das ganze System gesteuert wird, von der Funktion der Waffen bis zur Position des geostationären Satelliten. Die zweite wichtige Komponente ist der Satellit, da über ihn das vom Computer erteilte Funksignal an die Waffen aus- gestrahlt wird. Der Satellit und der Computer stehen in ständiger Verbindung. Der Computer überwacht die Waffen vermutlich über eine Art Rückmeldesys- tem, und er sorgt dafür, dass sich der Satellit stets in der gewünschten Position befindet.« Richter hatte eine Frage. »Wie sieht diese Verbin- dung aus? Wo ist der Sender?« Baker zuckte die Achseln. »Die Frage nach dem Wie lässt sich leicht beantworten. Was den Standort an- geht, bin ich mir nicht ganz sicher. Die Verbindung er- folgt über eine so genannte Erdfunkstation. Das ist im Grunde genommen nichts anderes als eine große Sa- tellitenschüssel, die ständig auf den Satelliten ausge- richtet ist. Sie sendet Funksignale an den Satelliten und empfängt ihrerseits Mitteilungen von ihm. Ich weiß nicht, wo sie sich befindet, aber ich tippe auf Petschora.« »Und wenn man die Waffen zünden will?« »Jede Bombe hat ihr eigenes Erkennungszeichen, genau wie der Satellitenempfänger, den man daheim, vor dem Fernseher stehen hat. Wenn man zum Bei- spiel die Waffe in Los Angeles auslösen will, wählt man den entsprechenden Code und gibt ›Zünden‹ ein, oder was auch immer, und ein paar Minuten später verwandelt sich ein großer Teil von Los Angeles in ei- ne Staubwolke. Wenn man alle auslösen will, gibt man sämtliche Codes gleichzeitig ein.« Danach herrschte eine Zeit lang Schweigen. »Und derjenige, der ihn bedient?«, fragte Richter. »Wo ist der? In Krutaja?« »Der könnte auch irgendwo anders sein«, erwiderte Baker. »Deswegen wurden ja die unterirdischen Kabel verlegt. Sie leiten die Signale zu und von der Erdfunk- station weiter. Aber über sie hat man auch von ganz Russland aus – im Grunde genommen sogar von je- dem beliebigen Ort auf der Welt – Zugang zu dem Computer. Die Jungs, die in dem Gebäude in Krutaja sitzen und auf die Bildschirme glotzen, sind vermut- lich in erster Linie Wartungspersonal. Die achten le- diglich darauf, dass der Computer betriebsbereit ist. Sie sichern Daten und Dateien, überprüfen die Rech- nerkapazität, sehen zu, dass die Klimaanlage funktio- niert und die Waschbecken nicht überlaufen und die Stromleitungen unter Wasser setzen und dergleichen mehr. Das eigentliche Bedienungspersonal«, betonte er, »sitzt in Moskau, vermutlich in Jasenewo. Sie sind per Telefon mit dem Computer in Krutaja verbunden und erteilen von dort aus ihre Befehle. Sie müssen sich nicht nach Krutaja begeben – genau genommen müs- sen sie nicht einmal wissen, wo sich der Computer be-, findet. Sie brauchen lediglich eine Telefonnummer, einen Benutzernamen und ein Passwort. Das ist ja das Schöne an diesem System. Man hat jederzeit Zugriff. Außerdem«, fügte er hinzu, »kommen wir auf diese Weise rein.« »Aha?«, sagte Richter. »Modin hat Ihnen doch erklärt, dass die Waffen via Satellit vorübergehend oder für immer entschärft werden können. Wir müssen also lediglich in den Computer in Krutaja eindringen, ihm klar machen, dass wir zugriffsberechtigt sind, und ihm den Befehl erteilen, sämtliche Waffen ein für alle Mal zu ent- schärfen.« Alle schauten ihn an. »Geht das denn so einfach?«, fragte Simpson. »Wenn die russischen Programmierer etwas von ih- rem Handwerk verstehen«, erwiderte Baker, »wird es verdammt schwer werden. Die Telefonnummer, über die der Computer angewählt wird, dürfte noch am einfachsten zu erfahren sein – einer meiner Computer erledigt das zurzeit. Deswegen kann ich auch hier rumsitzen und Ihnen alles erklären. Der Benutzerna- me und das Passwort dürften uns größere Schwierig- keiten bereiten.« »Und wie wollen Sie die rauskriegen?«, fragte Rich- ter. »Na ja, vielleicht hilft uns das System von sich aus. Viele starke Computernetze haben Hilfsprogramme, damit sich der Benutzer damit zurechtfindet. Ich halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass der Compu-, ter in Krutaja über so was verfügt. Wenn nicht, müs- sen wir einfach sämtliche Benutzernamen und Pass- wörter ausprobieren, die uns einfallen. Hacker gehen für gewöhnlich immer so vor. Es gibt ein paar Tricks, die wir ausprobieren können, aber im Gegensatz zu den meisten Hackern haben wir einen großen Vorteil – wir kennen die Namen vieler Personen, die an die- sem Projekt beteiligt sind. Modin, Bykow, Truschenko und so weiter. Beim Umgang mit Computern gibt es eine Regel, auf die man sich stets verlassen kann – wenn man jemanden auffordert, sich ein Passwort auszudenken, nimmt er so gut wie immer einen ihm bekannten Namen, ein Datum oder einen Ort. Wir müssen lediglich herausfinden, welchen Namen, wel- ches Datum oder welchen Ort. Und dazu«, fügte er hinzu, »brauchen wir Sie.« Downing Street Nr. 10, London »Ich habe verstanden, was Sie damit sagen wollen, Mr. Prime Minister«, sagte Michail Wiktorowitsch Scharow, russischer Botschafter am britischen Kö- nigshof, leicht pikiert. »Aber die ganze Geschichte klingt meiner Meinung nach eher wie Science-Fiction. Ich jedenfalls weiß bestimmt nichts von dieser Sache.« Scharow, der von seinem offiziellen Amtssitz, dem Harrington House in Kensington Palace Gardens, hierher zitiert worden war, war nicht gerade bester Laune. Aber ebenso missmutig war auch der Pre-, mierminister, der fünfzig Minuten zuvor ein längeres Gespräch mit Sir Michael Geraghty, dem Chef des Secret Intelligence Service, beendet hatte. »Das ist keineswegs Science-Fiction, Mr. Ambassa- dor«, erwiderte der Premierminister mit kühlem Ton- fall. »Das sind Fakten. Den Beweis dafür fand man in einem russischen Lastwagen, der in Frankreich an- gehalten wurde. Wir können Ihnen den Sprengkörper zeigen. Desgleichen die Fotos der angeblichen russi- schen Diplomaten, die ihn begleiteten.« »Fotos kann man fälschen«, sagte Scharow mit ei- nem leichten Lächeln. »Selbstverständlich«, entgegnete der Premierminis- ter. »Nicht aber eine Atombombe.« Scharow schüttelte den Kopf. »Ein Täuschungsma- növer, Mr. Prime Minister«, sagte er. »Das wurde von